Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘~ Weheklag ~’ Category

Herzschlag

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Update zu Nachtstück 0021: Нет хуже ада,
Die Welt und alles andere
und Ui. (Shut Up’N Play Yer Guitar):

Ралица Чиличева, Ralitsa Chilicheva for Urlaub in den Misanthropen, August 17th, 2010.Die Welt ist groß, das Leben bunt,
mein Herz wiegt hundertfünfzig Pfund,
die Welt ist groß,
das Leben bloß
ein Herzschlag und

mein Herz ist klein, klein wie die Welt,
im Leben ganz auf sich gestellt,
das unbemerkt verstreicht,
bis am Schlag das Herz erliegt,
das fünfundsiebzig Kilo wiegt.
Die Welt ist rund, das Leben leicht.

Das ist der ganze Unterschied.
Ein Mädchen singt ein leises Lied.
Die Welt ist groß, das Leben bunt,
mein Herz wiegt hundertfünfzig Pfund.

Fade out, alternate take:

Die Welt ist groß, das Leben bunt,
mein Herz wiegt hundertfünfzig Pfund.
Das ist der ganze Unterschied.
Ein Mädchen singt ein leises Lied.

Bild: Ралица Чиличева für Urlaub in den Misanthropen, 17. August 2010.

Soundtrack: Muff Potter: 100 Kilo, aus: Bordsteinkantengeschichten, 2000:

Written by Wolf

25. Oktober 2020 at 04:08

Dying is the last thing I’ll do

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Update zu Blues für Maja,
Lex Luther
und Die Ärzte:

Zu Vertonung freigegeben, bitte gegen Namensnennung und, wenn’s geht, Zugang zu einer Aufnahme. Ich stell’s mir ungefähr wie Georgia Bound von Blind Blake vor.

Hellhound on My Trail

The tomb of Madame de Lesdiguierres's cat. From an engraving in Moncrif's Les Chats, via Carl Van Vechten, The Tiger in the House, 1936Y’all the girls who didn’t love me
     you diggin‘ the wrong grave
You girls who never loved me
     you’re digging the wrong grave
          The sight you’re taking from my eyes
          weighs lighter than the love you never gave.

The lights in your city, the gods in your sky,
     the sun on your skin, the plums in your tree
The lights in your cities, the God in your sky,
     the sun on your boobs and the plums in your tree
          were not my choice to hang ‚round and shine
          and just the wind still moans for me.

You can set a hellhound on my trail
     and black cats and bats I’ll be commanding back to you
Send all the hellhounds on my trail
     so your lives and my seven deaths are coming to be true
          ||: You can’t deny me when you kill me
          but dying is the last thing I will do. :||

BIld: The tomb of Madame de Lesdiguierres’s cat.
From an engraving in Moncrif’s Les Chats,
via Carl Van Vechten: The Tiger in the House, 1936.

Bonus Track: die Version von Robert Johnson, 1937:

Written by Wolf

27. September 2020 at 15:10

Die Ärzte

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Update zu Weistu was so schweig:

Was fragst du viel: wo will’s hinaus,
Wo oder wie kann’s enden?
Ich dächte, Freund, du bliebst zu Haus,
Und sprächst mit deinen Wänden.

Goethe: Sprichwörtlich, 1827.

Seit meine Nachkommenschaft
aus Maden und
Würmern besteht, lebe
ich viel gefährlicher;

seit die Ärzte
mir erzählen, ich
werde sterben, glaube
ich denen alles.

Sorgen macht mir
nur, wie viel
jünger als ich
die alle sind.

Живой звук: Евгений Багринцев und Дмитрий Матвеенко für BEK:
Мне младцу малым спалось, Oktober 2019:

Written by Wolf

19. April 2020 at 00:01

Lex Luther

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Update zu Lessing Luther Lemnius:

Wenn morgen das
Gesetz rauskommt, dass
man nur noch
die Leichen fressen
darf, die man
selber erschlagen hat,

türmen die Siegertypen
Berge aus handgewürgten
Schweinen und Kühen
um sich und

ich pflanz mir
endlich meinen Apfelbaum.

Soundtrack: Gerd Baumann für Rosalie Eberle: Wunderlied II, aus: Sommer in Orange, 2011:

Written by Wolf

18. April 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, ~ Weheklag ~

Blues für Maja

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Update zu Ausblick und
Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen (Schöne Menschen, schöne Glieder):

Gewidmet — na, wem wohl. Zur Vertonung freigegeben; und wie immer: Ich bitte Zugang zu einer Aufnahme und Namensnennung als Texter. Die Musik müsste weitgehend selbstschreibend sein, bitte mal: ein Blues halt. Der Reim require auf Maja ist firmenrechtlich geschützt.

Mean Maja Blues

ca. Januar 2020:

Each day she has the morning shift
I’m waiting for Mean Maja.
Each day she has the morning shift
I’m waiting for Mean Maja.
When late she arrives she still can’t see
what full-time jobs require.

When I came home, my wife she asked:
Oh dear, why are thy hands so red?
When I came home, my wife she asked:
Dear love, why are thy hands so red?
I said: I reached a cleaning rag
and thrashed Mean Maja dead.

My wife she said: My loving man,
I see why you can’t stand her.
My wife she said: My loving man,
I see why you can’t stand her.
But if you don’t leave your violent ways,
you need to quit your bad quick temper.

Since now I have a new workmate,
she’s full of hate and scorning.
Since now I have a new workmate
she’s full of hate and scorning.
She always appears just dead on time,
and I kiss her each morning.

Maggie Gyllenhaal als Lee Holloway in Secretary, 2002

Bild: Maggie Gyllenhaal als Lee Holloway in Secretary, 2002, an der Rezeption,
nominiert für den Independent Spirit Award als beste weibliche Hauptrolle und den Golden Globe 2003,
via independent spirit award nominated performances, Februar 2020.

Längst fertiger Blues: Blind Blake: Georgia Bound, 1929.
Eigentlich mag ich sie ja, die gesamtrussische Seele.

Written by Wolf

17. April 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, ~ Weheklag ~

She won’t do any favors when she’s doing her waltz

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Update zu Gib ihr das grüne Schlauchkleid retour:

O, when she’s angry, she is keen and shrewd!
She was a vixen when she went to school;
And though she be but little, she is fierce.

Helena about Hermia, in: A Midsummer Night’s Dream,
Act III, Scene 2, lines 1373–1375: Another part of the wood, 1595–1600.

Unter Ohrwurm eines ideellen Walzers getextet am Sonntag, 5. Januar 2020 und für jeden, der sich das zutraut, zur Vertonung freigegeben. Ein Walzer ist bei dem Versmaß unvermeidlich, ich wünsche mir Nennung als Texter und Zugang zu einer fertigen Aufnahme. Bei Bedarf kann ich noch eine Bridge nachliefern oder was immer sich anbietet; Texten nach Anschlag bin ich gewohnt.

Mehran Djojan, Body Studies, 6. Juni 2016

Her Waltz

Mehran Djojan, Body Studies, 3. Juni 20161.: My true love’s hands are sturdy and tender,
her heart’s not for feeling nor her eyes for to see.
None of my actions can ever offend her,
she cares for her own affairs, not about me.

Chorus:
She’s aware of the boys and the girls whom she kisses,
of her breasts and her loins and her blessings and faults,
and spending her time with me, the time that she misses.
She won’t do any favors when she’s doing her waltz.

2.: My true love’s words are wise when she’s playing,
heating my body, and warming my soul.
She leaves her footprints on me when she’s staying,
and has only love to award that she stole.

3.: My true love’s teeth are pure and shiny,
gilding her smiles however rare they occur.
My true love’s fists are as hard as they’re tiny,
she doesn’t love me, but I’ll marry her.

Mehran Djojan, Mrs. Curiosity, 25. Mai 2016

Bilder: Mehran Djojan: Body Studies, 3. und 6. Juni 2016; Mrs. Curiosity, Berlin, 25. Mai 2016.

Eine Richtung wird man noch vorgeben dürfen, aber Country oder Folk tut’s auch:
Mazzy Star: Be My Angel, aus: She Hangs Brightly, 1990:

Written by Wolf

3. April 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, ~ Weheklag ~

Gib ihr das grüne Schlauchkleid retour

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Update zu Anaximander’s Revenge:

Für mich isch des alles gar nemmer wichdig. Wenn’s dich amol hundert Meter so des Geröllfeld am Watzmann obebröselt hat, no weisch, dass es gewaldigere Dinge im Läbe gibt als wie die Erodik.

Uli Keuler.

Mir war nicht klar, dass ich selber Gedichte mit siebenzeiligen Strophen kann. Es gibt keine Beweise dafür, dass ich das jemals geschrieben hab.

Das grüne Schlauchkleid

Will Hollis Snider, Emily Mae, 11. Januar 2014Sie war dir zu groß. Lass sie los. Lass sie nur.
Sie war 3 D und nicht sie, sondern du warst zu flach.
Sie war dünn wie ein Stück Wäscheschnur
und passte nicht unter dein Schädeldach.
Gib ihr das grüne Schlauchkleid retour:
Die Zeit vergeht rund um die Uhr
und du hängst einem Mädchen nach.

Sie war zu groß, sie war zu lang — kein Aufhebens:
Du kennst vier Dimensionen. Mach
dir jetzt neue des irdischen Strebens.
Als der Leuchtturm von Pharos niederbrach,
war er dir gleich wie die Tore Thebens.
Im Meer schwimmen neunzig Prozent allen Lebens
und du hängst einem Mädchen nach.

Sie war dir zu groß. Sie hatte nie Angst, sie verlör dich.
Sie war zu lang, und zu kurz reichte das, was sie sprach.
Du klingst nicht aus ihr: Was du sagst, stört nicht.
Du küsst ihr Epigramme in den Schlund, pfeifst beim Bumsen Bach
und vertonst Gorgias und Hawking, drum hör mich:
Die Vergangenheit ist birnenförmig
und du hängst einem Mädchen nach.

Will Hollis Snider, Emily Mae, 11. Januar 2014

Bilder: Will Hollis Snider: Emily Mae 1 und 2, 11. Januar 2014.

Soundtrack: Chumbawamba: This Girl, aus: Swingin‘ with Raymond, 1995
(„This girl, she got caught out on the multi-storey car park
Throwing goodbye notes wrapped up in bricks“):

Bonus Track: Chumbawamba: Georgina, aus: Anarchy, 1994. Ohrwurmalarm — und was man da den ganzen Tag drauf singen kann, finden Sie schnell selber raus:

Written by Wolf

12. Juli 2019 at 00:01

Bokeh

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Update zu O süßes Lied:

Ein weibliches Personenmotiv,
das horizontal durch den Mittelgrund schreitet,
vom Ausschnittrand links, winkelschief,
dass sich von selbst die Blende weitet,

stürzt in derselben Hundertfünfundzwanzigstel,
da es Motiv ist, ein Landschaftsbild
in ein Portrait um, solang sich schnell
das Querformat mit seinem Schatten füllt.

Davon kippt die Belichtung der Häuserzeile,
verschwimmen Statisten im Straßencafé,
dann stellt sich der Fokus auf Vordergrund ein,

und der Laternenmast setzt noch eine steile
Linie, das Model vollführt einen Dreh
und hört außerhalb seiner selbst auf, zu sein.

„Als ob es tausend Stäbe gäbe“, meint die Wölfin, „ist da wieder mit jemandem der innere Rilke durchgegangen?“

Rwarrrrr!“, sag ich.

Bild: Purple Grape Zeus;
Soundtrack: Ideal: Berlin, aus: Ideal, 1980:

Written by Wolf

8. Juni 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, ~ Weheklag ~

Anaximander’s Revenge

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Der Liedertext ist zur Vertonung freigegeben. Es sollte eindeutig klingen wie etwas, das Monty Python für einen Männerchor gehalten hätten; nicht ganz so nach Shanty-Chor wie Knights of the Round Table und lange nicht so nach den Pogues wie Drunken Lullabies von Flogging Molly vielleicht, wenn jemand folgen kann. Ein Schuss früher Ringsgwandl schadet sowieso nie. Als einzige Gegenleistung wünsche ich mir eine Aufnahme vom Ergebnis, YouTube-Link genügt: Das will ich hören, wie jemand die zweite Strophe holperfrei singen kann.

Anaximander’s Revenge

(Since The Best Girl Is Yet To Big Bang)

Chorus: There’s no mind without a brain,
you can’t find a love in vain,
there’s no social interaction without you
(and you and you and you and you …).
Sing your dirge without a pyre
like your smoke requires a fire,
and some antecedent intercourse, too.

1. (Then) Don’t have sex with what you can’t,
skip the maid and meet your hand,
and the ups and downs and pros and cons therethrough.
Prôton Kinoun is the first
thing to come, but when rehearsed,
even your mind might come into existence anew.

2. You never get a chance without taking it,
in the world there is no love without making it,
Spontaneous Generation never left the sea.
There’s no teleologic argument that God not faked,
but you lived only when it ached
frae abiogenesis to eschatology.

3. Evolution’s come to stay,
so retribution has its way.
Salt your Primordial Soup, stand for your last meal in a queue,
sigh, defy, and shanghai,
bid your sanity goodbye,
but if you’re lucky, mate, your monster creates you.

Made Explicit, Awesome picture of my grandmother, February 11th, 2006

Making of: Der Text wurde im Februar 2009 als Anaxagoras‘ Revenge von Wilhelm Capelle (Hrsg.): Die Vorsokratiker, Kröner Verlag 1934 ff., in der Auflage von 1968 inspririert. „Inspiriert“ musste dann alles erst seit 2015 werden, darum war es erstens Zeit, die Inspirationsquelle denn doch wirkllich einmal zu lesen, und vor allem für ein Update: Anaximander stimmt inhaltlich viel besser.

Bild: Made Explicit: Awesome picture of my grandmother, 11. Februar 2006.

Written by Wolf

14. Juli 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Weisheit & Sophisterei, ~ Weheklag ~

Urbane Legenden: Der Hugendubel am Marienplatz

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Update zu Und Heinrich Frank hat dichtgemacht:

Sobald ich ein wenig Geld bekomme, kaufe ich Bücher; und wenn noch was übrig bleibt, kaufe ich Essen und Kleidung.

Erasmus, Denker.

Was machte ich mit dem Gelde, wenn ich nicht Bücher kaufte?

Lessing, Schreiber.

Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.

Lichtenberg, Experimentalphysiker.

Es wäre gut Bücher kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte.

Schopenhauer, Kaufmann (Ausbildung abgebrochen), Lehrer.

Lieber Meister Rowohlt, liebe Herren Verleger! Macht unsre Bücher billiger! Macht unsre Bücher billiger! Macht unsre Bücher billiger!

Tucholsky an Ernst Rowohlt, Allrounder.

Es ist ja selten, dass ein Bestseller auch ein gutes Buch ist. Die meisten Bücher in den Bestsellerlisten seien ja nur, wie mein Vater (der Verleger Ernst Rowohlt) zu sagen pflegte, rot glühende Kosakenscheiße.

Harry Rowohlt, Übersetzer.

Wer die Versuchung nicht kennt, ein Buch zu klauen, der verdient auch keine Freiexemplare.

Ernst Rowohlt, Verleger.

Die größte Buchhandlung Deutschlands war von 1979 bis 2016 der Hugendubel am Münchner Marienplatz. Da stand er ein Jahrzehnt ums andere und stahl dem gegenüberliegenden Neuen Rathaus die Schau. Hugendubel war so riesig, dass er extra Leseinseln einrichten musste, wo man mit seinen Bücherstapeln auf dem Weg zur Kasse verschnaufen konnte. Hintereinandergelegt ergaben die Bücher, die es bei Hugendubel gab, eine Strecke dreimal um den Äquator. Wenn man sie alle auf einmal angezündet hätte, so hätte sich die Atmosphäre auf dem Marienplatz um 17 Grad Celsius erwärmt. Das haben aber zuletzt 1933 f. am Königsplatz fünfzigtausend Durchgeknallte getan.

Besonders um den Ladenausgang ranken sich zahlreiche Legenden. An der Kassenreihe im ersten Stock konnte man sich nämlich so leicht vorbeischlängeln, dass mancher sich auf ein Versehen herausredete und damit durchkam. Von dort aus ging es eine Treppe hinunter auf die Straße. Wer mit seinen Bücherstapeln im Arm nochmal ins Erdgeschoß wollte, konnte also leicht schon mal unfreiwillig Bücher gestohlen haben. Deswegen hing über dem Treppenhaus, wo man sich ohnehin mir nichts, dir nichts die Birne einrannte, ein Schild, dass man hier und jetzt sofort zu bezahlen habe.

Hugendubel Marienplatz, München, 8. März 2014. Richard Benson, Der verschimmelte Reiter, Piper 2013Einen reisenden Schreibgehilfen aus dem Fränkischen, nicht vorbereitet aufs Zahlen, weil er nur mal die Leseinseln angucken wollte, packte die Panik beim Anblick all der Kassen und des unwidersprechlichen Schildes über der Treppe. Hinter ihm lauerte schon der Kaufhausdetektiv mit Sonnenbrille und Lasso.

„Zahlen soll ich?“ dachte der Schreibgehilfe beherzt, „wüsste nicht, wofür!“, nahm Anlauf, sprang die weltberühmten dreizehn Stufen bis zum Absatz und kullerte die restlichen fünfe auf den Marienplatz hinaus. Und rannte sich richtig die Birne ein dabei.

Natürlich dachte der Kaufhausdetektiv hinter ihm, dass wer es so eilig hat, alle Manteltaschen voll gestohlener Bücher haben müsste, und alarmierte mit dem Handy seinen Kollegenstab. Unten auf dem Marienplatz wand sich der Schreibgehilfe vor Schädelweh und dachte nicht anders, als der Schäfflertanz vom Rathaus wäre ein Glockenspiel in seinem Kopfe, weil es gerade Mittag schlug. Indessen hoffte er, dass jemand mit seinem Handy die Sanitäter alarmieren mochte. Wie staunte er da, als er nach keinen zwanzig Sekunden links und rechts von Männern mit Sonnenbrillen und Lassos im Gürtel hochgehoben und zurück in den Hugendubel geschleift wurde.

Er ging in den Folterkammern des Hauses verschollen, weil bis heute keine gestohlenen Bücher bei ihm gefunden wurden. Wenn man die Lassos aller Kaufhausdetektive von Hugendubel zusammenbindet, kann man alle reisenden Schreibgehilfen Deutschlands damit fesseln und vom Olympiaturm an die frische Luft hängen, was der Olympiaturm ohne weiteres aushalten würde, aber nur zwei oder drei Schreibgehilfen im Inneren des Knäuels.

Und das ist noch gar nichts, denn keine zehn Minuten zu Fuß vom Marienplatz ist schon der Hugendubel am Stachus, der ebenfalls groß genug für Leseinseln ist. Der am Marienplatz eröffnet erst 2017 wieder als Schatten seiner selbst und teilt sich dann das Gebäude mit der Telekom und einem Hotel für anspruchsvolle Städtereisende, nicht für irgendwelche Schreibgehilfen.

Buidl: Caroline, die niemand außer ihrem Bruder Carotte nennen darf, erwog am 8. März 2014 im Hugendubel am Marienplatz den Erwerb von Richard Benson: Der verschimmelte Reiter: Die blödesten Antworten auf Prüfungsfragen, Piper 2013. Einen Wimpernschlag nach dem Foto entschied sie sich, die 8,99 Euro zu sparen und auf die DVD zu warten, die niemals erscheinen wird. Es ist also alles kein Wunder.

Soundtrack: Tracey Ullman: Kindle Killed the Library Book, 24. Januar 2016:

Written by Wolf

12. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, ~ Weheklag ~

Totensonntag

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Update und Übersetzung zur bairischen Version:

[Vielleicht doch das Beste,was ich je geschrieben hab. Am Totensonntag 2011 stand es in Moby-Dick™ und dem freitag!-Logbuch, 2012 vorsichtig überarbeitet hier, aber weiterhin auf Bairisch.

Genau darüber häufen sich die Beschwerden. Deshalb erscheint es heuer endlich ins Hochdeutsche übersetzt, diesmal nicht zum Gedenken der Heiligen Katharina von Alexandrien, vielmehr zum Gedenktag des heiligen Korbinian, seiner Bestimmung und Berufung nach der erste Bischof von Freising — im Vergleich zu seiner Kollegin Katharina ein mit Patronaten eher unterforderter, dafür grundbayerischer Heiliger. Außerdem hat er einen Bären gezähmt und seitdem immer dabei.

Die Dialektversion konnte ich mir zur Überprüfung der Effekte und des Timings selbst halblaut vorlesen, für diesen Zweck funktioniert Bairisch genügend ähnlich wie mein angeborenes Fränkisch. Für die hochdeutsche Version bin ich auf „Dritte“ angewiesen, wobei ein durchschnittlich sauberes Deutsch vollauf reicht und eine leichte Färbung in egal welchem Dialekt sowieso immer wünschenswert ist.

Erforderlich sind weiterhin ein oder drei Sprecher (Erzähltext und Ich-Figur, Petrus, Jesus); nichts einzuwenden bleibt gegen einen Mädchensprechchor, der im Hintergrund dezent frohlockt. Die Aussage bleibt unverändert: ähnlich der von Lessings Ringparabel, bloß existenzieller.

Wie die bairische gebe auch die folgende Version frei zur Aufführung, bitte mit Quellenangabe. Wer eine Sound-Datei davon zugänglich macht, kriegt ein Buch von mir geschenkt. Ein schönes! — Fade in.]

~~~\~~~~~~~/~~~

Der Eingang sieht aus wie die Stufen zur Glyptothek. Nicht das, was man einladend nennt, oder was man normalerweise träumt. Aber einmal muss da jeder durch. Wenn schon nicht einmal im Leben, dann eben jetzt, wo ich gestorben bin. Jedenfalls vermute ich das.

Wie immer in solchen großklassizistischen Einschüchterungsbauten darf ich nicht durch eine Flügelpforte, die sich vor der Majestät meiner Person beiseite schiebt, sondern muss durch den unspektakulären Windfang hinter den Säulen. An einem marmornen Tisch, an dem man in der Glyptothek Eintritt bezahlen würde, sitzt ein Rauschebart in einer Art Bademantel und tippt zehnfingrig in einen Laptop. Kein Apple, stelle ich fachmännisch fest. Links daneben ein Stapel unausgefüllter Formulare, rechts ein Stapel ausgefüllter.

Joseph Sebastian Klauber & Johann Baptist Klauber, Der Heilige Korbinian segnend über der Stadt Freising, 1740--1750„Grüß Gott.“ Beim Reinkommen grüßt man. Schon rein vorsichtshalber.

„Grüß Sie Gott. Moment, ich mache noch schnell die Seele vor Ihnen fertig.“

Tipp, tipp, tipp. — Klack!

„So! Grüß Gott!“

„Ich soll hier anscheinend vorsprechen oder so.“

„Jaja, das hat schon seine Richtigkeit. Was führt Sie zu uns? Wissen Sie das, können Sie das sagen?“ Petrus nimmt ein Blatt vom unausgefüllten Stapel und einen Zimmermannsbleistift.

„Na, weil ich gestorben bin, nehm ich doch an.“

„Jaja, das ist die Voraussetzung dafür, dass Sie vorgelassen werden. Aber woran Sie gestorben sind, können Sie das auch sagen?“

„Ich glaub, ich hab einen Kalauer zuviel gerissen. Über die Namen von Gottfried Benn und Ben Cartwright.“

„Ach du heiliger Gott. Da können Sie von Glück sagen, dass Sie in so einem Fall überhaupt noch zu mir raufkommen. Normalerweise gehen solche Bestände gleich nahtlos zum Kollegen zwei Stockwerke tiefer, wenn Sie mir folgen können. Ohne lange Fegefeuerzuteilung.“

„Ich weiß es zu schätzen.“

„Das ist schon in Ordnung. Das kann nur daher kommen, dass Sie sowieso dran gewesen wären — wenn Sie noch von der Generation übrig sind, die Ben Cartwright kannte.“

„Ja … Was machen wir dann jetzt mit mir? Komm ich jetzt in den Himmel oder wofür genau hab ich mich die ganzen Jahrzehnte um die Ohren gehauen, Herr Petrus?“

„Da schauen wir jetzt, dann sehen wir’s gleich. Aber Petrus. Einfach Petrus. Ohne Herr oder Sir oder Sahib oder -san, wir legen hier oben keinen großen Wert auf Titel und Dienstgrade.“

„Dann könnten wir zur Not durchaus zusammenkommen …“

„Netter Versuch, Herr Dings. Aber Sie sind doch aus Europa, wenn ich Ihren Dialekt richtig einordne, stimmt’s? Irgendwas Nördliches bestimmt. Österreich, Irland, Lappland oder was da alles liegt.“

„Deutschland“, sag ich. „München, ursprünglich aber Nürnberg, bloß den Zungenschlag nie los geworden.“

„Ach, hören Sie mir bloß auf. Franken oder Frankreich, Wales oder Wallis, Galizien oder Gallizien, und das dritte von den zweien habt ihr schon wieder eingestampft, und euer München in der Oberpfalz ist nach sonstwas für einem Dingenskirchen eingemeindet.“

„Nach Hirschbach. Das kenn ich, da wollten sie mal eine Brauerei eröffnen. Die Geschäftsidee war: Münchner Bier aus der Oberpfalz, dass ich nicht lache. Für den Baugrund wollte der Investor fast noch Geld rauskriegen.“

„Aber Sie! In der Oberpfalz, da haben sie aber oft richtig feines Bier! Bei Etzelwang in der Nähe, da hab ich mal …“

„Ja, schon. Aber bei den zweieinhalb Hektolitern Ausstoß pro Jahr hält sich ja kein Brauer, der davon leben will. Als Logistik haben Sie da die B 14 aus Nürnberg nach Tschechien, die hat wahrscheinlich Brücken unter zwei Meter vierzig, und dann erst wieder die Amberger A 6. Das grenzt bei denen immer an Schwarzbrennerei als Hobby.“

„Manchmal bin ich direkt froh, dass ich nicht mehr so viel rauskomme. Bei euch kommt man schon mit dem Zuschauen nicht mehr nach.“

„Wo Sie Galizien erwähnen. Mein Urgroßvater war, soviel ich weiß, noch aus Czernowitz.“

„Ist das nicht neulich explodiert?“

„Nein, das war Tschernobyl, 1986, glaub ich. Czernowitz müsste schon noch irgendwo herumstehen.“

„Ach Gott ach Gott, was ihr andauernd für ein Durcheinander veranstaltet. Na Hauptsache, ihr selbst kennt euch aus.“

„Och, auch nicht so richtig.“

„Aber Deutschland, wo Sie herkommen, ist gut. Die Deutschen kann man fast ganz ohne bürokratischen Aufwand von der einen auf die andere Autorität umgewöhnen, das haben wir anno 510, 820 und zuletzt 1945 mit euch probiert. Dankbares Publikum, da in Deutschland.“

„Und 1918?“

Petrus denkt nach. „Nein, das war kein echter Autoritätenwechsel. Da haben wir nur andere Titel verteilen lassen. Umgekehrt wie später 1989, verstehen Sie?“

„Ich glaub schon, so ungefähr.“

„Glauben ist auch gut, Glauben kann man gut brauchen im Himmel. München, München, München … Da seid ihr doch gern dieses katholisch und evangelisch und wie das alles bei euch heißt, oder?“ Petrus rudert mit den Händen nach den Wörtern und amüsiert sich ein Loch in die Toga.

„Ausgetreten, aber ich hab die katholische Grundausbildung“, knurre ich durchs Gebiss.

„Recht haben Sie, guter Mann, recht haben Sie! An Ihre Seligkeit glauben können Sie genausogut zuhause.“

„Also, das hätte ich jetzt als letztes geglaubt, dass aus der Kirche austreten bei Ihnen ein Bonus sein könnte.“

„Warum denn nicht? Was der Junior vor zweitausend Jahren in eurem Judäa da unten spaßeshalber für einen Fischerverein gegründet hat, das spielt heute keine so große Rolle mehr.“

„Jesus ist spaßeshalber am Kreuz gestorben?“

„Was dachten denn Sie? Der Mann ist ein Drittel Dreifaltigkeit, der ist allmächtig. Der lebt und stirbt, wann und wie er will.“

„Da haben Sie wieder recht.“

„Aber waren Sie bei einer parakirchlichen Vereinigung? Seien Sie bitteschön gleich ehrlich, in diesem Punkt werden Ihre Angaben leider überprüft. Scientology und Opus Dei wären jetzt schlecht, Freimaurer wären positiv. Ach, die Freimaurer, meine speziellen Freunde. Seit ein paar hundert Jahren werden die allerdings immer weniger.“

„Freimaurer? Um Gottes willen, ich war doch in keinem Geheimbund.“

„Die Freimaurer?“ Petrus ist aufrichtig erstaunt. „Wo sind die denn geheim, die Freimaurer, wenn ich fragen darf? Die missionieren bloß nicht, das rechnen wir hier durchaus an. Und die halten auch Friede auf Erden, das dient unserem Wohlgefallen, wenn Sie meine Redeweise gestatten.“

„O ja, ich kann schon folgen, Petrus.“

„Jaja, ich sehe gerade, Sie sind ein Gelehrter. Das hätten Sie bei den Freimaurern geltend machen können, das ist bei denen richtig erwünscht, sogar so kuriose Studienfächer wie Ihre, die Sie da betrieben haben. Aber wenn Sie nicht hin wollten … Ihre Entscheidung.“

„Kann ich ja nicht wissen.“

„Natürlich können Sie das nicht wissen, deswegen heißt es ja Glauben.“

„Wenn Sie das so sagen, klingt es auf einmal richtig logisch. Doch, ja, Freimaurer, wäre vielleicht was gewesen …“

„Wie haben Sie sich ernährt? Vegan, vegetarisch, zoophag, kannibalisch?“

„Ich bitte Sie, Petrus. Ich war aus Franken.“

„Ja, schon klar. Fragen muss ich eben danach. Da haben Sie sich bestimmt auch regelmäßig unter Drogen gesetzt?“

„Ach was. Ganz selten war ich mal besoffen. Und wenn, dann mit Bier, schlimmstenfalls eine, zwei Flaschen Schnaps.“

„Ach so? Ja, warum denn? Was meinen Sie denn, wofür der Senior das ganze Zeug wachsen lässt? Bier und Schnaps ist schon in Ordnung, und was ist mit all den anderen Gottesgaben? Haben Sie dann wenigstens jeden Tag anständig was weggevögelt?“

„Bitte??“

Tafelbild im Freisinger Dom St. Maria und St. Korbinian, Sanctus Corbinianus urso sarcinas imponit. Der Heilige Korbinian lädt dem Bären seine Lasst auf„Hatten Sie regelmäßig Geschlechtsverkehr?“

„Jetzt lappt’s aber eventuell ein bisschen ins Persönliche …“

„Ja. Und?“

„Eminenz, ich bin verheiratet. War.“

„Ach du lieber Gott …“ Petrus macht mit seinem Zimmermannsbleistift einen energischen Strich über ein ganzes Blatt.

„Ihnen ist schon klar, guter Mann: Für jeden Tag ohne Vögeln muß ich Ihnen … na, was sagen wir in Ihrem Fall … seien wir gnädig … sagen wir: fünfzig Jahre Fegefeuer zusätzlich berechnen.“

Ich schlucke. „Das werden Sie schon passend machen.“

„Lebt Ihre Frau noch, so als Witwe, die sich ab jetzt fröhlich an Ihre ehelichen Pflichten erinnern kann? Ja? Na, die muss leider dann später das gleiche, logisch …“

Petrus schreibt in meiner Akte herum, sucht im beistehenden Aktenreiter unter meinem Buchstaben eine weitere heraus, notiert vorne drauf herum, schaut wieder hoch zu mir und schüttelt betrübt das Haupt:

„Ach, ich kann Ihnen sagen: Das ist alles so eine sinnlose Verschwendung von Seligkeit.“

„Ein keuscher Lebenswandel zählt nichts?“

Langsam wird Petrus unwillig: „Keuscher Lebenswandel, keuscher Lebenswandel, gleich kann ich Ihnen ein paar Jährchen verschaffen von Ihrem keuschen Lebenswandel. Herrgott Sakrament, ich kann’s bald nicht mehr hören von euch christlichen Abendländern, mit eurer Keuschheit und Enthaltsamkeit und Monogamie und gar keine Gamie und Zölibat und Sublimierung und Filzläuse und hunderttausend wichtigere Sachen als das Vögeln! Das seid immer nur ihr, die ihre Frauen im Bett neben sich herumschimmeln lassen und die ganze Woche nicht anfassen! Ja, Kreuzteufel halleluja nochmal, die geschlechtliche Fortpflanzung, die war ein Geschenk! Unser größtes! Dafür haben wir lange an der Windbestäubung herumgeschraubt, bis wir das in der Evolution überhaupt möglich gemacht haben. Machen Sie sich eine Vorstellung, was das allein für eine logistische Konzeptarbeit für unsere Demiurgen war, von der spontanen Zellteilung aus gesehen, bis eure Balz das ganze Jahr lang durchdauert? Haben Sie das schon mal von einem anderen Tier gehört? Ein Privileg ist das! Ja, tut denn das Vögeln weh oder was?!“

„Da hab ich schon von Möglichkeiten gehört …“

„Jajaja, nichts da von wegen in dem Internetdings Bildchen von erlesenem Dekadenzkram anschauen. Ich rede davon, dass ihr endlich mit eurer Frau vögelt. Da hätten Sie Ihrer Frau zeigen können, wie lieb Sie sie haben, oder wie deutlich hätten Sie’s denn gebraucht? Da hätten Sie eine Möglichkeit gehabt, einen Ausdruck Ihrer Persönlichkeit zu finden, Sie Schreibhansel, Sie windiger.“

„‚WEnn ich mit Menschen vnd mit Engel zungen redet / vnd hette der Liebe nicht / So were ich ein donend Ertz oder eine klingende Schelle.‘ So war das gemeint?“

„Sehen Sie? Sie wissen doch alles! Und durchschauen es sogar, das können die wenigsten, die sich hier vor mich hinstellen. Und Sie nutzen es nicht. Sie entschuldigen, wenn ich da so drastisch werde, Sie können da persönlich wahrscheinlich nicht mal was dafür, aber das ist eben so allgemein geworden, die letzten zwei-, dreihundert Jahre.“

„Das tut mir ja dann auch leid, Petrus.“ Ich meine es ehrlich.

„Jaja, das glaub ich Ihnen sogar. Wissen Sie, in ein paar Jahren hab ich ja in diesem Job mein Zweitausendjähriges, das haben Sie als Kathole vielleicht mitgekriegt. Seitdem seh ich täglich tausend da hereinkommen, wo Sie hereingekommen sind, und davon sind neunhundert der festen Meinung, sie hätten im Leben alles richtig gemacht. Und wenn man einen fragt, ja was haben Sie denn so gemacht? Ich sag Ihnen, was sie gemacht haben: Nichts haben sie gemacht.“

„Das kenne ich aus meinem Job auch“, versuche ich zaghaft.

„Ja, genau das sagen alle, wenn man nachfragt. Einen Job hätten sie doch gehabt. Oder noch besser: eine Arbeit. Oder das Beste ist immer: einen Beruf. Wenn ich das immer schon höre. Berufen wird einer immer noch von uns.“

„Da versteh ich Sie gut. Da müssen Sie jetzt aber auch mal unsere Position einnehmen, Petrus. Das Vögeln kann falsch sein, auf einmal kann das Gegenteil genauso falsch sein. Das ist so mit allem, was man macht. Tun oder unterlassen, ruckzuck hat man sich schon wieder Schuld aufgeladen.“

„Ach, das mit der Schuld.“ Petrus winkt ab. „Was glauben Sie, wer wir sind? Ihr Kindermädchen, Ihr Religionslehrer an der Grundschule oder was? Wir sind doch auf Ihrer Seite. Wir erschaffen Sie doch nicht, nur damit Sie hinterher schuldbeladen durch Ihr Leben schleichen, da hätten wir doch selber keine Freude dran. Bei uns zählt gern schon der Versuch.“

„Das ist ja dann auch generös von Ihnen und erleichternd für uns und alles. Aber unter den eigenen Leuten und gerade bei der Arbeit und der eigenen Frau, da zählen doch oft die Resultate aus dem Versuch. Ich kann doch nicht hergehen und vögeln wollen, wenn die Beziehung nicht passt. Und die passt erst vom hundertsten Prozent an aufwärts.“

„Ach so? Und Sie glauben, Ihre Beziehung passt besser, wenn Sie einfach nicht vögeln?“

„Wenn Sie’s so hinstellen …“

„So leicht wär’s gewesen.“

„Aber Sie wissen schon auch: Dazu gehören zwei.“

„Oha! Gell? Oha! Nicht noch über Ihre Frau herziehen, gell? So viel kann ich Ihnen versprechen: Die entkommt uns sowenig wie Sie, Ihre Frau. Die hat nur vorerst noch ein paar Jahre, damit sie ihre evolutionäre Bestimmung einlösen kann.“

„Sollte mich das jetzt beruhigen?“

„Sie? Das müssen erstens Sie selber wissen, und zweitens haben Sie ab sofort andere Sorgen. Was haben Sie gemacht, solange Sie nicht gerade gearbeitet haben? Gern ein gutes Buch gelesen, hab ich recht?“

„Schon … Aber müssen wir gutes Buch dazu sagen?“

„Was für Lieblingsbücher?“

„Och, verschieden. Das übliche. Moby-Dick, Alice im Wunderland, aber wenn, dann mit den richtigen Illus, von Goethe die Werther-Leiden, den Faust, und dann auch gleich den Doktor Faustus vom Mann-Thomas … Vom Waechter das Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein, das hab ich gemocht.“

„O je, genau das mein ich. Diese ganzen hirnlastigen, humanistisch-idealistischen Fetzen, wo mit Sicherheit nirgends gevögelt wird. Und wenn, wo es lächerlich gemacht oder gleich mit Tod und Verderbnis bestraft wird.“

„Was Sie jetzt dauernd mit dem Vögeln haben.“

„Keine Angst, das haben wir hinter uns, ist schon abgehakt.“

„Musik war noch wichtig.“

„Tom Waits, wetten?“

„Ja, der. Leider fehlt mir die Stimme, um den nachzusingen.“

„Na, selber geschrieben haben Sie einige Liedchen, seh ich grade.“

„Jeder wie er kann.“

„Den Tom Waits, den mag ich auch. Hätten Sie sich doch ein Beispiel an dem genommen, der macht’s richtig. Auf den freu ich mich schon, wenn der zu uns kommt.“

„Dem haben Sie auch den Stimmapparat mitgegeben und die geistige Potenz.“

„Jetzt verrate ich Ihnen was, weil’s für Sie schon egal ist: Sie können heute alles im Leben erreichen — Sie dürfen es nur nicht wollen oder gar versuchen.“

„Ich hab gedacht, umgekehrt? Man müsste nur wollen, dann geht alles?“

„Ach — viele von diesen Hollywoodfilmen haben Sie dann bestimmt angeschaut, oder? Sehen Sie, von denen dauert ein einziger neunzig Minuten Minimum. In dieser Zeit hätten Sie besser feste gevögelt. Das kommt davon.“

Holzschnitt eines unbekannten Künstlers, wohl aus einer Chronik, 1489, Maria und das Jesuskind mit dem heiligen Korbinian und dem Burgunderkönig Sigismund, beiden Heiligenpatronen der Diözese Freising. St. Korbinian ist in Begleitung des Korbiniansbären.Durch den anliegenden Saal der Glyptothek haben sich hallende Schritte von Badeschlappen genähert. Seit einigen Augenblicken steht ein vollbärtiger Hippie in der gleichen Tracht wie Petrus neben dem Marmorschreibtisch.

„Grüß dich, mein Sohn“, sagt er beiläufig zu mir, und dann zu Petrus: „Und, alter Wetterfrosch, wie geht’s heute voran? Kannst du mit uns Mittag machen?“

„Ich hab noch gar nicht nachgeschaut, was gibt’s denn heute? Schüttelst du wieder deine fünftausend Fischsemmeln aus dem Ärmel?“

„Sowieso. Ungesäuert sind sie am besten!“ Übermütig lässt der Hippie die Fingerknöchel krachen. Zwei runde, verheilende Wundmale auf den Handrücken.

„Ja, ist recht. Ich verräum nur noch schnell die Seele da.“

„Den da?“ Der Hippie mustert mich milde. „Na, halleluja. Studierter humanistisch-idealistischer Agnostiker und Nichtvögler, stimmt’s? War er bei den Freimaurern?“

„Ach, woher. Gar nichts war der.“

„Aber dem Gesicht und dem Aufzug nach oversexed and underfucked, ja?“

„Ja, genau, aus Franken.“

„Wohnhaft in München“, blöke ich dazwischen.

„München, München, München … Das Kaff in der Oberpfalz, wo sie letzthin die Brauerei eröffnen wollten? Für den Baugrund wollte der Investor …“

„Nein, das andere.“

„Dann ist es doch das mit der Asamkirche neben dem kleinen Buchladen mit lauter freundlichen hübschen Buchhändlerinnen, oder? Das haben sie mir schön eingerichtet, meine Sterblichen, das mag ich eigentlich. Gut, dann sind wir doch mal gnädig, damit wir fertig werden.“

„Liegt am Nachmittag noch was Wichtiges an?“

„Ach ja, wo du’s sagst: Der Senior meint, wir brauchen langsam das Meeting fürs Weihnachtswetter. In dem stehst du obligatorisch drin.“

„Hab ich mir fast schon gedacht. November ist halt immer schwierig mit den ganzen Toten, und dann jedesmal gleich Weihnachten hintennach.“

„Selig sind die Schifahrer, wissen wir ja.“

„Was machen wir jetzt mit dem?“

„Ach, naja … Fegefeuer bis zum nächsten Zeitalter halt, oder was meinst du?“

„Ja, dachte ich mir auch so, um den Dreh. Oder lassen wir ihn zur Sicherheit bis zum übernächsten?“

Der Hippie überlegt. „Kommt drauf an. Zu wem käme er denn? Luzifer oder Beelzebub? Satan fände ich zu streng für den, oder hat er das TTIP mitbeschlossen, volkstümliche Schlager verbreitet oder so?“

„Ach wo, nicht mal das.“

Petrus sucht schon in seinem Laptop herum: „Mephisto hätte grade eine Kapazität frei, weil heute Sokrates aufsteigt. Den Platz von dem könnte er fliegend übernehmen. Damit er nicht kalt wird, haha.“

„Ach du je — der Mephisto, der macht den doch fertig, schon allein rhetorisch. Der Bub war verheiratet, wie ich ihn einschätze?“

„Grade deswegen hab ich ja geplant: bis zum übernächsten. Mit seiner ehelichen Pflicht sieht’s nämlich mau aus.“

„Ach komm, sei nicht so, dann ist er doch gestraft genug. Das hat der doch nicht aus Bosheit gemacht. Und vielleicht hat er Germanistik studiert, vielleicht hat er nie ein Auto besessen, vielleicht hat er einen hässlichen Hintern, vielleicht war er ein Blogger und Brillenträger ist er auch — dann ist doch klar, dass sich da nichts zusammenvögelt. Das muß man alles in Betracht ziehen.“

Petrus seufzt. „Also gut. Aber ich sag dir gleich, ich nehm ihn nicht, wenn er in dreihunderttausend Jahren schon wieder dasteht und frohlocken will. Dann nimmst ihn nämlich du.“

„Kein Problem. Die bei Mephisto waren, die werden hinterher der angenehmste Umgang. Harte Schule, der Alte. Ich hüte mich, mit ihm zu brechen.“

„Ganz der Vater.“

Jesus fragt mich: „Fürs restliche Zeitalter zu Mephisto. Wärst du damit einverstanden, mein Sohn?“

„Kann ich’s ändern?“

„Wahrlich, wahrlich. Na, bei dieser Einstellung wundert mich nichts. Mir sprechen uns dann am Jüngsten Tag. Gehe hin in Frieden.“

Er segnet mich, es scheppert, und dann nehmen mich zwei krokodilsköpfige Legionäre mit rotglühenden Hellebarden in ihre Mitte.

Und wer jetzt glaubt, es wäre ein Happy End, wenn ich jetzt aufwachte und es war alles nur ein Traum, der hat weder eine Ahnung vom Aufwachen noch vom Träumen.

~~~\~~~~~~~/~~~

Diesmal erfordert das einen Soundtrack: Kanon und Gigue in D-Dur (Canon per 3 Violini e Basso) von Johann Pachelbel, zeitlich nicht exakt einzuordnen, nur derart zur Schnulze herunterstrapaziert, dass man nach einer genießbaren Version ganz schön suchen muss. Es gibt eine.

Bilder: Joseph Sebastian Klauber & Johann Baptist Klauber: Der Heilige Korbinian segnend über der Stadt Freising, 1740–1750;
Tafelbild im Freisinger Dom St. Maria und St. Korbinian: Sanctus Corbinianus urso sarcinas imponit (Der Heilige Korbinian lädt dem Bären seine Last auf);
Holzschnitt eines unbekannten Künstlers, wohl aus einer Chronik, 1489: Maria und das Jesuskind mit dem heiligen Korbinian und dem Burgunderkönig Sigismund, beiden Heiligenpatronen der Diözese Freising. St. Korbinian ist in Begleitung des Korbiniansbären.

Das Gezänk der Weisen

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Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten und Naseweise Weihnachten:

But in a last word to the wise of these days let it be said that of all who give gifts these two were the wisest. Of all who give and receive gifts, such as they are wisest. Everywhere they are wisest. They are the magi.

O. Henry: The Gift of the Magi, 1906.

Die schönste von allen bekannten Tausenden Versionen Stille Nacht ist zweifellos eine englische – Silent Night –, nämlich die von die von Tom Waits. Sie ist nie auf einer Original-CD von ihm erschienen, insofern eine Rarität, nur auf SOS United, 1989 – eine Stiftung von Tom Waits für die SOS-Kinderdörfer. Der teilhabende Kinderchor bleibt unbekannt, weil ungenannt.
Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Heuer schenken wir uns nichts. Uns schenkt auch keiner was, und wer hat schon was zu verschenken. Heuer schmeißen wir lieber mal Sachen raus, die uns vom Wesentlichen abhalten. Als erstes sparen wir uns das Merchandising zum Thema Lebensvereinfachung, zumal ich den Thoreau vor Jahren für eine Mark (und nicht etwa einen Euro) auf dem Ramsch erwischt hab, von dem haben noch unsere Enkel was.

Leonardo da Vinci, Studienblatt mit Katzen und Drachen, 1513--1515Gewinner der Weihnacht 2014 ist wie immer Moritz: Ich werde ihm endlich die Ecke freiräumen, die er für seine Janosch-Decke braucht und die bislang von meinem Plattenspieler belegt wird. „Auf modern machen und dann mit LPs hantieren“, mault Moritz, „ist auf deinen Youtube-Kapellen jetzt auch schon Abspielschutz drauf?“

„Katzen sind ja so gemütlich und romantisch“, maule ich zurück.

„Deine passiv-aggressive Argumentationsweise kannst du dir für deine Frau aufheben“, schließt Moritz ab und bestellt noch Brathendl mit Reis an Sahnesauce.

Dass ich anno 1990 der letzte Mensch in Nordbayern war, der von LP auf CD umgestellt hat, zählt heute nicht mehr als Romantik und Loyalität zur wichtigen Musik, sondern als Rückständigkeit in selbstverletzerischem Ausmaß. Dabei hab ich es in all den Jahren nie geschafft, auch nur die Skirl o’Carson von meinen alten Nürnberger Lieblingsiren Carson Sage aufzutreiben: 1991 bei den Fürther Musical Tragedies in einmaliger Auflage von tausend Stück gepresst, nie als CD erschienen, schon auf den ersten paar Konzerten rettungslos vergriffen, während ich für die Uni gelernt hab. Das Leben besteht aus verpassten Gelegenheiten. Doch, meins schon.

In der Nacht vor Heiligabend lagere ich meinen Technics-Turm an einem stillen Waldstück zwischen, an dem es nicht so drauf ankommt. Mir blutete das Herz, wenn nicht so ein schneidendes Sauwetter wäre.

Leonardo da Vinci, Studie zu einer Madonna mit Katze, 1481--1483Am Heiligabend selbst sorge ich für die nötige Weihnachtsstimmung, indem ich ein paar Youtube-Videos mit Weihnachtsliedern bookmarke, damit ich sie nacheinander aufrufen kann. Schon praktisch: Die Spieldauer hält viel länger vor als eine LP, wenn man sie alle drei Minuten anklickt, die Sounddateien knacksen nicht und wiegen keine fünf Tonnen, die man vor und nach jedem Anhören abstauben muss. Wenn es kein DSL gäbe, die Hardcore-Romantiker unter uns müssten es erfinden. Moritzens neuer Schlafplatz mit seiner Janosch-Decke erstrahlt nicht gerade in weihnachtlichem Glanze, aber immerhin abgestaubt; Weihnachten ist ja die wenigste Zeit des Jahres.

Als Moritz die Zeit für die Weihnachtsbescherung geeignet hält, springt er mir mit allen vier Pfoten auf den Bauch und schiebt sich vors Buch. „Hier wird nicht auf urbane Konsumverweigerung gemacht“, schnarrt er, „es ist der Heilige Abend, die Nacht, in der Tiere Musik verstehen.“

„Sie verstehen Musik? Und das ist jedes Jahr?“

„Meister, man könnte glauben, es ist dein erstes Weihnachten.“

„Nein, aber Musikverständnis ist mir bisher noch selten bei anderen Viechern außer mir aufgefallen.“

Moritz, unwillig zu wohlfeilen Sophistereyen, lotst mich ins Bescherungszimmer. Dass er eigenmächtig Türen öffnen kann, hinter die er nicht soll, wusste ich. Auf meinem abgestaubten Janosch-Deckenplatz prangt groß und bunt: die Skirl o’Carson.

Leonardo da Vinci, Studie zu einer Madonna mit Katze, 1481--1483„Moritz, mein Moritz“, sag ich, „das ist der Platz für deine Decke!“

„Die Janosch-Decke? Vergiss die. Hab ich für deine Carson-Platte eingetauscht. Ein Blogkumpel war so freundlich, der hat die seit 1992 nie angehört und ist inzwischen sowieso eher im Alter für Jazz.“

„Du hast … deine Janosch-Decke hergegeben?“

„Für dich, o mein Meister der Dosenöffner.“

„Und dich gar nicht gewundert, wo mein Plattenspieler hin ist?“

„Doch, schon irgendwie. Und was mich deine Renovierungsanfälle interessieren, ist dir bekannt.“

„Stellen wir die Platte halt jetzt schön vor die anderen. Ist ja ein schönes Bild drauf. Das können die wenigsten Youtubes ersetzen.“

„Und ich schlaf jetzt immer bei dir im Bett.“

„Halleluja.“

„Frohe Weihnachten, Meister.“

Es gab dann noch Brathendl mit Reis an Sahnesauce.

~~~\~~~~~~~/~~~

An dem alten Tränendrüsentorpedo (sprechen Sie das mal auf Fränkisch aus …) „Das Geschenk der Weisen“ hat mich dramaturgisch immer gestört, dass Della sich die Haare ohne weiteren Aufwand wieder wachsen lassen kann („Es wird wieder wachsen — du nimmst es nicht tragisch, nicht wahr? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst unheimlich schnell.„), aber Jim seine goldene Uhr nicht.

Für mich bitte nichts Selbstgemachtes und keine Aktien. Am sichersten sind Überweisungen. Unter meiner bekannten Münchner Adresse werden Geschenkgutscheine und Bargeld entgegengenommen. Am besten in großen Scheinen, das spart Porto.

xkcd, Theft of the Magi, December 2008

Bilder: Leonardo da Vinci: Studienblatt mit Katzen und Drachen, 1513–1515;
Studien zu einer Madonna mit Katze, 1481–1483;
Randall Munroe: Theft of the Magi, Dezember 2008.

Written by Wolf

24. Dezember 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, ~ Weheklag ~

Wunderblatt 5: Crassulaceae are Saxifragales, too

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Update for Gateway drug:

Kalanchoe pinnata, I feel guilty for existing. Kalanchoe daigremontiana, I don't.

Written by Wolf

7. November 2014 at 00:01

Wunderblatt 2: Petra, übergeben Sie

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Update zu gestern:

Die Kalanchoe pinnata wurde ersteigert. Sie existiert schon im zauberhaften Hexengärtchen einer freundlichen Petra im oberösterreichischen Steyr — und wird bei mir mit sieben dickblättrigen Schwestern einziehen. Oder sind es doch Brüder? Wir werden es diskutieren.

Österreich ist gut, das kommt mir sehr entgegen. Grenzerfahrung 1: Meine erste Auslandsüberweisung ohne Paypal.

Grenzerfahrung 2: Der neunhundertblättrige Munken-Works-Papierklotz ist innen tatsächlich noch grüner, als jede Pflanze jemals werden kann. Und neunhundertblättriger als jede Kalanchoe.

Munken Works Papierklotz auf dem Schreibtisch

Wie gestern angedeutet, muss die pinnata einen Namen bekommen. Im Gespräch sind Arthur oder Margot. Wer einen anderen vorschlägt, den ich verwende, verdient sich ein Brutblatt einer Kalanchoe seiner Wahl: houghtonii, daigremontiana, delagonensis/tubiflora, Neue Hybride, fedtschenkoi, laetivierens, pinnata oder rosei/serrata.

Written by Wolf

12. August 2014 at 15:12

Zeilenzähler

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Die bislang halbjährlich fortgesetzte Serie Chronik des Verfalls endet an dieser Stelle. Nicht weil der Verfall etwa beendet wäre, sondern weil die konstituierenden Photographien innerhalb einer Privatwohnung entstanden. The Verfall lingers on.

Bild: Norbert Barth: Arno Schmidt mit Kater Hintze über seinen Zettelkästen, ca. 1955
via Kater Paul: Arno Schmidt und seine Katzen, 2. Januar 2011.

Norbert Barth, Arno Schmidt mit Kater Hintze an Zettels Traum, ca. 1955Die Lesezeichen, die
der zweiten Bargfelder
Kassette
noch antiquarisch
als Zeilenzähler beiliegen,
ergeben einen fast
genau so guten
Zahnzwischenräumereiniger wie die
herausgerissenen Laschen aus
dem Deckel der
Flip-Top-Hard-Box-Zigarettenschachteln und die
der ersten und
dritten bestimmt auch,
was ein ganz
hervorragendes Haiku hergegeben
hätte, wenn die
siebzehn Silben nicht
schon nach einem
Wort aufgebraucht wären,
und jetzt verdichten
Sie das mal.

~~~\~~~~~~~/~~~

Ungeheuerlich passendes Lied (hey, wer hat hier Geburtstag und darf sich eins wünschen, ich oder Sie?):
Sœur Sourire: Dominique, 1963:

Und jetz‘ alle (Debbie Reynolds Mix 1966):

Written by Wolf

6. Mai 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, ~ Weheklag ~

Ausblick

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Update zu Ein neues Stiefelpaar for what you really are:

Beim Singen die Augen zumachen ist ganz schlechter Stil, Kunstfreunde. Stranger than Fiction ist seit 2006 trotzdem der Film jedes Jahres. Nicht nur wegen der Gyllenhaal-Schwester. Aber schon auch.

0. Links die Bäume, rechts die Bäume,
und dazwischen Zwischenräume.

Maggie Gyllenhaal obere Hälfte1. Links die Wände, rechts die Wände,
und dazwischen Gegenstände.

2. Links die Berge, rechts die Berge,
und dazwischen Gartenzwerge.

3. Links die Schaufel, rechts der Besen,
zwischen Borsten Lebewesen.

4. Salzbergwerke, Kernkraftwerke,
Schutzanzüge, Fichtensärge.

5. Links die Kleider, rechts die Leiber,
Modehighlights, nackte Weiber.

6. Arbeitsmarkt, Zuckerbrot, Peitsche,
Regenwetter, doofe Deutsche.

7. Bananen, Mangos, Kokosnüsse,
Planung, Konsulat, Beschlüsse.

8. Pass verlängern, Seemannskleidung,
und dazwischen Ehescheidung.

Maggie Gyllenhaal untere Hälfte9. Links die Poller, rechts die Poller,
Hafenkneipe, Kaffeekoller.

10. Kein Putzlumpen, keine Lüftung,
Raucherlunge, Schnapsvergiftung.

11. Oben Captain, unten Deppen,
Karren karren, Säcke schleppen.

12. Links die Segler, rechts die Segler,
Cockpit voller Schieberegler.

13. Links die Masten, rechts die Masten,
die kaum noch aufs Kielschwein passten.

14. Backbord See, steuerbord Hafen,
und dazwischen Inselaffen.

15. Links die Inseln, rechts die Inseln,
vollgestellt mit Palmenpinseln.

16. Links die Boote, rechts die Boote,
Svalbård—Bornholm—Lanzarote.

17. Links die Yachtern, rechts die Frachtern,
Horizont von vorn bis achtern.

18. Kalfatern, spleißen, reffen, steuern,
Lee über die Reling reihern.

19. Links das Wasser, rechts die Sandbank —
Anlegemanöver, Landgang.

Gar nicht mal so uncharmante Neufassung von Wreckless Eric 1978:
The Proclaimers, aus: Life With You, 2007.
Dokumentation Maggie Gyllenhaal: Ultradamno: Maggie Maggie MagHead und Maggie Legs, 13. Juli 2008
(kommen eigentlich nebeneinander besser, aber hey).

Written by Wolf

30. Dezember 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, ~ Weheklag ~

Kinderliebe updated

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Weil einem aber auch kein Mensch was sagt. Gut, dass ich wenigstens mit Suchbegriffen wie „fick mich brüderchen“ gefunden werde. So tun die Freunde des Inzestes mal was Sinnvolles: Mir wäre nicht mal nach fast einem Jahr aufgefallen, dass im Beitrag zu 200 Jahren Grimms Märchen Schlachtens immer noch zwei HTML-Fehler stecken. Die Geschichte mag ich eigentlich noch. Hoffentlich sind sie jetzt alle Fehler raus. Oder fällt dir noch einer auf, Schwesterchen?

Schaufenster Antiquariat Hauser, München, Schellingstraße 17

Fausts Geschwister: Antiquariat Hauser, München, Schellingstraße 17.
Ärzte: Geschwisterliebe live in der Alabama-Halle München, 12. Oktober 1987 (im Video ab 3:41).

Written by Wolf

19. November 2013 at 13:24

Veröffentlicht in ~ Weheklag ~

Jawohl!

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Jawohl, ich bin ein Schreiber!
Der Wirt gibt mir ein Freibier aus,
mich fährt ein fetter Bus nach Haus,
ich krieg die besten Weiber!

Jawohl, ich bin ein Dichter!,
lieb Moni, Maus und Melanie,
auf ihre Lippen küss ich sie
und nicht in die Gesichter!

Jawohl, ich bin ein Dichterfürst!
Ich geh den Mädels unverschämt
ins Höschen und ans Unterhemd,
dass, Leser, du ganz neidisch wirst!

Jawohl, ich bin ein Texter!
Der konzipiert ganz unerhört,
wuppt Excel, Photoshop und Word
und mit der Dinten kleckst er!

Jawohl, ich bin ein Rockpoet!
Verlegern bin ich schwierig.
Wo’s sein muss, kalkulier ich
scharf und zock, wo geht.

Ja, ich bin schon ein Himmelhund!,
komm jeden Tag zum Schusse
und unterm Tisch kniet meine Muse
und nuckelt mir den Pimmel wund.

Jawohl, ich bin ein Schreiber!
Der Wirt gibt mir ein Freibier aus,
mich fährt ein fetter Bus nach Haus,
ich krieg die besten Weiber!

Emillie Ferris, People should smile more, 12. Januar 2009

Moni, Maus und Melanie: Emillie Ferris: People Should Smile More, 12. Januar 2009.

Written by Wolf

11. November 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, ~ Weheklag ~

Nachtstück 0002

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Update zum Nachtstück 0001:

Maximilián Pirner, Die Nachtwandlerinm, 1878Neulich im Bus 62:

I drink ja nie koan Schnaps net.

Einem tautologischen Pleonasmus hat es noch nie an keiner Redundanz gefehlt.

Stück Nacht: Maxilimilián Pirner:
Die Nachtwandlerin, 1878.

Written by Wolf

26. Oktober 2013 at 12:31

Gewinnspiel: Alles muss raus (Erinnern Sie sich freundschaftlichst Ihres wahren Freundes)!

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Wir waren gewarnt: München kämpft sich ab heute durchs Oktoberfest, die Zeit der Rausschmisse.

Sollte je ein ungnädiger Dämon glauben, mich zum Oktoberfest reiten zu müssen, werde ich hoffentlich schon am Eingang zurückgewiesen (daher „Wiesn“).

Bei mir wird deshalb nur ein mittelgroßer Bücherstapel rausgeschmissen. Den können Sie haben, denn wer irgendwo rausgeschmissen wird, muss ja irgendwo anders hin, so befiehlt es die Physik. Und dann fangen wir so an: Kann man schöner rausgeschmissen werden als vom Rat Krespel? — :

Und gleich fuhr er fort, sehr leise singend, und in höflich gebeugter Stellung meine Hand ergreifend: „In der Tat, mein höchst verehrungswürdiger Herr Studiosus, in der Tat, gegen alle Lebensart, gegen alle guten Sitten würde es anstoßen, wenn ich laut und lebhaft den Wunsch äußerte, daß Ihnen hier auf der Stelle gleich der höllische Satan mit glühenden Krallenfäusten sanft das Genick abstieße, und Sie auf die Weise gewissermaßen kurz expedierte; aber davon abgesehen müssen Sie eingestehen, Liebwertester! daß es bedeutend dunkelt, und da heute keine Laterne brennt, könnten Sie, würfe ich Sie auch gerade nicht die Treppe herab, doch Schaden leiden an Ihren lieben Gebeinen. Gehen Sie fein zu Hause; und erinnern Sie sich freundschaftlichst Ihres wahren Freundes, wenn Sie ihn etwa nie mehr – verstehen Sie wohl? – nie mehr zu Hause antreffen sollten?“

Das können Sie auch. Sagen Sie mir unten im Kommentar: Wie schmeißen Sie Leute raus? Oder wahlweise umgekehrt: Mit welchen zarten Formeln der Verbundenheit wollten Sie schon immer mal rausgeschmissen werden?

Das können Sie bis Sonntag, den 6. Oktober 2013 um Mitternacht überlegen; so lange wird sich auch das Unwesen auf der Theresienwiese hinziehen, bevor es seinerseits dorthin zurückgeschickt wird, wo es hingehört: in verschiedene anständige Kneipen für ebensolche Leute.

Danach verlose ich an alle (!) Teilnehmer ein oder mehrere Bücher. Das Angebot schauen Sie auf dem Bilde, Sie dürfen gern schon Wünsche äußern. Ich erkläre Ihnen dann auch gern die Bücher, dazu bin ich ja da. Wenn Sie ein herausragend freundlicher Mensch sind, kaufe ich möglicherweise sogar eigens etwas für Sie an.

Die Verlosung erfolgt unter Ausschluss der Öffentlichkeit sowie jeglicher Vernunft durch ein pausbäckiges Waisenmädchen mit blonden Zöpfen. Der Rechtsweg ist daher ausgeschlossen, denn wer sich bei einem derart holdherzigen Geschöpfchen über kleinliche Ziehungsmodalitäten echauffieren wollte, dem soll hier auf der Stelle gleich der höllische Satan mit glühenden Krallenfäusten sanft das Genick abstoßen. Die versteht das doch noch gar nicht.

Und jetzt Sie.

Bücherstapel. Alles muss raus

Written by Wolf

21. September 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, ~ Weheklag ~

Auf einen Satz der Wölfin

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Franziska Schenkel, Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn, Kunstverlag Georg Michel, NürnbergLiebling, wenn ich dich nicht hätt,
wär doppelt so viel Platz im Bett,
denn dein ganzes Körperfett
mach ich durch die Länge wett.

~~~\~~~~~~~/~~~

„Wenn du eine geschallert brauchst, kannst du gern in Prosa mit mir reden.“

„Die jungen Frauen haben das Flirten verlernt.“

„Die alten Deppen auch.“

~~~\~~~~~~~/~~~

Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn:
M: Carl Reinecke; T: Österreich, vor 1900;
Kunstpostkarte Franziska Schenkel: Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn, Kunstverlag Georg Michel, Nürnberg.

Written by Wolf

19. September 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, ~ Weheklag ~

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Written by Wolf

14. September 2013 at 00:01

Es ist

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Es ist der Schnaps,
es sind die Mädchen,
es sind die Bücher, ist das Meer,
die dich begreifen machen, einer hab’s
viel besser als du selbst begriffen.
Es ist der Wind auf Segelschiffen,
es ist ein Münchner Tabaklädchen,
das Gras. Der Ginster (ja! Warum denn nicht der?).

Es ist der Alk,
es sind die Frauen,
oft sind es Kerle, dann wieder ein Kind,
die dir das Herz in Muschelkalk
bergen, verschließen, dann öffnen und heben.
Es sind meistens die ärmsten Gewächse im Leben,
die dich lehren, die Schönheit zu schauen,
und was wir für Schurken und Heilige sind.

Es ist alles nicht wahr:
Es sind nie Gegenstände.
Es bist nur du selber und manchmal dein Schatz,
der dich versteht. Und dann kommt einmal ein Jahr,
in dem wird ein Mensch so still hundertdreißig,
dass keiner es merkt — doch der, soviel weiß ich,
solchen Krauskopfkram einwandfrei logisch fände.
Alles Gute, Ringelnatz.

Familienfoto Joachim Ringelnatz 1897

Bild: ringelnatz.net: Unbekanntes Ringelnatz-Foto entdeckt, 1897/5. Oktober 2012 (?):

Historikerglück: Dieses (vermutlich) bislang unbekannte Jugendfoto von Joachim Ringelnatz (bürgerlich: Hans Bötticher) habe ich in der Fotothek des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig entdeckt! Es zeigt Ringelnatz (2. v. r.) im Sommer 1897 im Kreise seiner Familie im “Bötticher’schen Garten”. Er befand sich in der Poniatowskistr. 12, heute Gottschedstraße.

Die Sensation ist irgendwie ausgeblieben.

Written by Wolf

7. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Weisheit & Sophisterei, ~ Weheklag ~

Du aber bist beim Amtsgericht

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Newsflash: Wegen Inkrafttreten des neuen Leistungsschutzgesetzes am 1. August 2013, bekannter Praktiken des Lappan Verlags und der Preisentwicklung fürs Zitieren steht der Beitrag über Heinz Erhardt ab sofort nur noch für mich selbst aufrufbar auf Privat.

Ich selbst habe für die Zitatvorlage bezahlt, eine Weitergabe findet nicht statt. Einen Link zu legalen Zitatquellen werde ich aus gleichen Gründen ebenfalls nicht setzen.

Obwohl ich nicht verstehe, warum Lappan ein Presseverlag sein soll, was allerdings mein persönliches Problem ist, werde ich ebensowenig empfehlen, nach Texten von Heinz Erhardt, für die der Lappan Verlag offenbar die Kosten wieder reinbringen muss, über digitale Suchmaschinen zu suchen, und warne vielmehr davor, derart brandgefährliche Materialien auswendig zu lernen.

Written by Wolf

6. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, ~ Weheklag ~

New-found methods and compounds strange

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Soviel hab ich in der Werbung gelernt: Als erstes steigt man hinter den tiefen Sinn sehr alter Schreiberweisheiten wie „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, und was das mit einem angeblich noch viel älteren Gewerbe zu tun hat. Daran ist nichts Ehrenrühriges, in seinen Ursprüngen ist der Hurenstand ein mit allerhöchstem Respekt behafteter. Muss man halt mögen.

Als Praktikant, später Freelancer, kann man an eine Werbeagentur geraten, in der erwartet wird, seinen Tagessatz möglichst brutto und lange vor Feierabend in eine Nasevoll Koks umzusetzen. Man kann auch Glück haben und als stärkste Kreativdroge das Firmenfreibier der regionalen Brauerei nutzen, die als Werbeklient so mitläuft. Zu den Nutten kommt auch nicht jeden Tag der mit Geschmeide und Liebesschwüren beladene Richard Gere, sondern ein mittelständischer, hoffentlich gewaschener Bierbauch. Glamouröser wird’s nicht. Der Vorteil liegt auf der Hand: keine bekoksten Kollegen.

Ich so: „Ha, gestern hab ich aus einem Shakespeare-Sonett einen Blues gemacht.“

Er so: „Naja … Is ja auch leichter als andersrum, gell.“

——— William Shakespeare: Sonnet LXXVI, Druck 1609,
kommagenau cit. n. The Norton Shakespeare: Based on the Oxford Edition, 1997 ff.:

Why is my verse so barren of new pride,
So far from variation or quick change?
Why, with the time, do I not glance aside
To new-found methods and to compounds strange?
Why write I still all one, ever the same,
And keep invention in a noted weed,
That every word doth almost tell my name,
Showing their birth and where they did proceed?
O know, sweet love, I always write of you,
And you and love are still my argument;
So all my best is dressing old words new,
Spending again what is already spent;
     For as the sun is daily new and old,
     So is my love, still telling what is told.

~~~\~~~~~~~/~~~

Copywriter’s Sonnet #76 Blues, ca. 1995, zur Vertonung freigegeben:

Why is my verse so barren of new pride,
So far from variation or quick change?
Tell me why’s my song so barren of new pride,
So far from variation and quick change?
     Why with the time do I not glance aside
     To new-found methods and to compounds strange?

Why write I still all one, ever the same,
And keep invention in a noted weed,
Yeah honey why do I still write all one, ever the same,
And keep invention in a noted weed,
     That every word duz almost tell my name,
     Showing their birth, and where they did proceed?

O, know, sweet love, I always write of you,
And you and love are still my argument;
Ooh, know, sweet love, I always write of you,
And you and love are still my argument;
     So all my best is dressing old word new,
     Spending again what is already spent:

Fade Out:

     For as the sun is daily new and old,
     So is love still telling what is told.

45SURF Hero's Journey, Swimsuit Bikini Model Goddess Reading Great Books, 24. September 2012

Bild: 45SURF Hero’s Journey: Swimsuit Bikini Model Goddess Reading Great Books!, 24. September 2012.

Written by Wolf

1. August 2013 at 00:01

Frühlingsgewinnspiel: Wer aber alles gekrönt wird

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Der 250. Geburtstag von Jean Paul wurde im Hause Wolf gefeiert, indem wir die DVD Die Ritter der Kokosnuß geguckt haben.

Stephan Klenner-Otto, Jean Paul, Bleistiftzeicznung 2010 via Staatsbibliothek BambergVornehmlich klingt das nicht nach einer Ehrung für einen Autor der von Weimar ausgehenden deutschen Klassik, der weder ein Klassiker noch ein Romantiker und schon gar kein Aufklärer ist — wohl aber für einen Provinzfranken, der aus Skurrilitäten und Abschweifungen, meistens aus Mixturen von beidem, geradezu besteht. Am 21. März, genau 250 Jahre nach der Geburt vdes schreibbesessenen Richters-Fritz, der sich nach seinem ersten Buch, das umwälzend viele Leute lesen wollten, den Neigungen der Zeit und seiner selbst folgend Jean Paul nannte, lief in einem Haushalt, der ihn als unverzichtbare Heiligenfigur hochhält, ein Spielfilm, der sich aus Skurrilitäten und Abschweifungen, meistens aus Mixturen von beidem aus noch älter vorvergangenen Zeiten, zusammensetzt.

Jean Paul, soviel lässt sich nachweisen, kannte diesen Film nicht, noch weniger war er an ihm beteiligt; er hätte ihn jedoch für die richtige Auseinandersetzung mit der zu seiner Zeit aufkommenden Mittelalterromantik gehalten. Wer das unangemessen findet, feiert im Oktober wahrscheinlich auch 200 Jahre Georg Büchner, indem er pflichtschuldig irgendwo „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ hinschreibt. Ja, passt schon, das wäre angemessen, gähn.

Mich hat gefreut, ja mitgerissen, was sich einige wenige, aber freundliche und blitzkluge Weheklag-Leser ausgedacht haben, um es Jean Paul zum Geburtstag zu schenken — was meine Frage fürs hiesige Frühlingsgewinnspiel war. So interaktiv darf der Diskurs über anerkannt verstaubte, bei näherem Besehen dann doch so reichhaltige wie bereichernde Literatur ruhig sein, und ein Weblog erst recht. — In zeitlicher Reihenfolge unterbreiteten ihre Ideen:

——— Chris:

Der Jean Paul kriegt von mir endlich wieder einen vernünftigen Nachnamen, den ein jeder dichter Großer brauchen tut. Seiner frankophilen Bewunderung gegenüber eines gewissen Schonschaks genüge tragend möge dieser lauten: “Du Pont”! Zusammen ergibt dies die reiz- und klangvolle Namenskomposition: “Jean Paul Du Pont” (sprich: Schonnpoldüpo). Bitte, gern geschehen. Bon anniversaire.

——— Elke:

Mein Geschenk. Und noch eins: 30 Zentimeter.

——— Hannah:

  1. Ich hab nicht mal Zeit, mir eine Zeitzone zu suchen, in der noch gestern wäre.
  2. Ich bin ja keine Literaturwissenschaftlerin. Kenne deshalb von Jean Paul bisher nur den Namen. Der wikipedia-Eintrag verrät mir, er soll bisweilen ein fast kindliches Gemüt gehabt und sich sehr für Astrononie interessiert haben – da schwebte mir zuerst ein Schlummerlicht mit bunter Sternenhimmelprojektion vor (die Dinger gibt es in mannigfaltigen Ausführungen im Babyfachhandel Ihres Vertrauens).
  3. Ich bin ja keine Literaturwissenschaftlerin. Und da Jean Paul irgendwie immer untergeht zwischen den anderen KLASSIKERN, die man gelesen haben MUSS, zumindest bei mir, würde ich ihm etwas schenken, dass ihn bekannter macht, cooler macht, mich seine Existenz nie mehr vergessen lässt, auch wenn er schon lange tot ist. Was wäre dafür besser geeignet, als EIN DINOSAURIER?! Und mal ehrlich, Jeanpaulosaurus klingt einfach hammergeil.

    Und wenn ich mal zu viel Geld über hab, setz ich das tatsächlich um. Und hab auch schon ein Geburtstagsgeschenk für meine Literaturwissenschaftlerfreunde mit bisweilen kindlichem Gemüt parat.

  4. Jetzt hab ich schon wieder viel bessere Laune als ich bei Punkt 1 noch hatte. Jeanpaulosaurus. Der Hammer.

Haben sie sich nicht alle in ganz liebenswerter Weise Gedanken gemacht? Handeln sie nicht im Geiste der Aufklärung, Klassik und Romantik auf einmal, zu denen allen Jean Paul gehört und doch zu keiner? Schweifen sie nicht jeder nach seiner eigenen Art wieder davon ab und lappen unverschämt genug ins Skurrile, dass man unbedingt wissen muss, was daraus noch werden kann? Hätten sie nicht alle Jean Paul eine fetzige Freude gemacht? Und ist das nicht der Esprit, mit dem wir alle dereinst unseren 250. Geburtstag begehen wollen?

Und ob. Darum liegt der ausgesetzte Bücherstapel in nicht sehr gleichmäßige, aber meiner selbstgerechten Willkür schmeichelnde Drittel aufgeteilt und aufs Versandfertigste verpackt, verschnürt, verklebt — und verdammt schwer — neben mir und wird morgen von einem jeanpaulesk ärmlichen Stubengelehrten aus der fränkischen Provinz zur Post geschleppt, damit ihr möglichst noch Ostern (2013) was davon habt. Und wenn nicht, mach ich’s halt selber.

Was denn dann ich dem Manne schenke? Och … ganz vergessen vor lauter Spannung, was wohl von den anderen kommt. Nehmen wir den Bücherstapel, außerdem zählt ganz 2013 als Jean-Paul-Jahr, da fällt mir bestimmt noch einiges ein, wenn ich am wenigsten drüber nachdenke. Jean Paul musste in seiner Rollwenzelei mit solchen Sachen auch immer warten, bis die Wirtin mit dem Biernachschub mal wieder nach ihm schaute.

Danke, Leute, ihr wart klasse — ach was: Ihr seid es.

Bild: Stephan Klenner-Otto: Jean Paul, Buntstiftzeichnung 2010.

Written by Wolf

25. März 2013 at 17:53

Veröffentlicht in ~ Weheklag ~

Barfußläufte

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(Shakespeare im Freibad)

(Update zu Totensonntag:)

 

Ob man dazu Mariä Lichtmess, Darstellung des Herrn, Purificatio Mariae, Imbolg, Samhain oder Groundhog Day sagt, läuft aufs gleiche hinaus: Der letzte Tag der liturgischen Weihnachtszeit ist der erste offizielle Frühlingsbote. Mit so einfachen Mitteln wie einem Blick aus dem Fenster kann ab sofort Christ und Heid‘ feststellen, dass die Tage sichtbar länger als die Nächte geworden sind. Nun muss sich alles, alles wenden.

Zum Beispiel die zwei Mädchen, die zehn Schritt vor mir den Gehsteig nutzen. Zusammen sind sie ungefähr so alt wie ich alleine, dafür zwanzigmal schöner. Sie halten Händchen und begehen den Frühling. Unter ihren leichten Übergangsparkas weisen kniekurze Hängekleidchen unübersehbar auf ihr Schuhwerk:

Beide Mädchen tragen Flip-Flops. Anfang Februar.

Flip. Flop. Flip. Flop. Flip. Flop. Flip. Flop, macht es, jeweils zweistimmig, einen Achtelschlag versetzt. Es ist ein Ritual, die machen das bestimmt jedes Jahr, vielleicht für Mariä Lichtmess, Imbolg, Samhain oder Groundhog Day. Vorne zeigt die Fußgängerampel Rot: Flip. Flop. Flip. Flop. Flip.

Ich schließe auf: Beide haben sich die Zehennägel frisch lackiert, abwechselnd zweifarbig, mädchenrosa und ein frisches Frühlingsblau, die linke große Zehe rosa, die rechte blau, danach absteigend. Dahinter ziehen sich vier Paar dunkelgrüne Flip-Flop-Riemchen wie Rallyestreifen über die vier winterblassen Jungmädchenfüße. Wenn sie nebeneinanderstehen, ergibt das eine Farbenreihe, die auf dem Pflastergrau, von dem die Schneematschreste endlich weichen sollen, tatsächlich nach sprießenden Blümchen auf einer Frühlingswiese aussieht. Sie zeigen ihre aufgemöbelten Zehen stolz der Welt vor. Es hat etwas Siegessicheres.

~~~\~~~~~~~/~~~

Meine erste Freundin, fällt mir davon ein, hatte winzige, rundliche Füßchen. Damit bohrte sie beim Spielen im Sandkasten herum, bis sie wie paniert aussahen.

Drei Jahrzehnte später tat ich auf dem Grundschulklassentreffen so, als ob ich sie nicht erkannte. Nach Mitternacht fand sie heraus, wer ich war, und konnte mir fast ausreden, dass meine Eltern mit mir nur aus der Stadt gezogen waren, weil sie mich dauernd mit dem Bagger verdroschen hatte. Sie raubte mir einen Kuss. Er schmeckte nach dem Tod, der in der Bittermandel lauert. Ich hatte noch ihre panierten Kinderfüßchen vor Augen, auf denen sie Plastikwerkzeug für den Bau ihrer monumentalen Sandburgen um sich herum sortierte. Diese Nacht trug sie mörderspitze Peeptoes. Manche verstehen es nie. Sie bestellte noch Bittermandellikör.

Meine zweite Freundin musste von ihren Eltern beständig ermahnt werden, hier nicht dauernd barfuß rumzurennen, weil sie sich’s sonst auf der Blase holt. Allein in den fünf Minuten, die ich im Korridor auf sie wartete, ließ sie zweimal ihr genervtes „Nänänänänä“ vernehmen, mit dem sie alle Anweisungen ihrer Eltern zu kontern pflegte.

Zwei Sommer später traf ich sie mit zwei Punks, einem Schäferhund und mehreren Flaschen Bier vor der Lorenzkirche lümmelnd und schloss, dass sie Barfußgehen immer noch als Ausdruck der Rebellion begriff. Damals gab es gegenüber der Lorenzkirche noch den großen Schuhladen.

Die Haare, Kleider und Zehenschildchen meiner dritten Freundin waren nicht einfach schwarz. Die Haare, Kleider und Zehenschildchen meiner dritten Freundin waren vor Menschenaltern in einen Zustand des Lichts eingetreten, der sich beim Hinschauen wie ein Loch in der Nacht anfühlte und beim Drandenken im Hinterkopf dröhnte. Dafür ersparte der Schneewittchenschimmer ihrer Haut nachts das Leselicht.

Von ihr erfuhr ich, dass meine zweite Freundin gar nicht so unordentlich gewesen war, weil schwarzer Nagellack praktisch sofort nach dem Trocknen anfängt abzublättern, und dass dieser Effekt häufig sogar erwünscht ist. So viel verstand ich zur Not. Das runenartige Gekrakel, das sie sich mit einem eigens für diesen Zweck angeschafften Skalpell aus dem Ärztebedarf in beide Unterarme, Schenkel, Waden und Fußrücken ritzte, überforderte mich.

Meine vierte Freundin zog sich immer weiße Socken mit dünnen roten Ringeln in die Sandalen. Im Freibad kam sie immer im Bikini, aber noch in Socken und Sandalen aus der Umkleidekabine, um unseren Platz auf der Wiese zu suchen. Wegen der Fußpilzgefahr, wie sie vorgab.

Auf der ausgebreiteten Decke streifte sie ihre Socken mit verschämten Blicken, doch einer besonderen Feierlichkeit ab, schlang ohne Versäumnis, doch mit geübtem Schwung ihre entblößten Fersen als Sitzgelegenheit unter ihren spitzigen Hintern und kramte nach einem Buch, aus dem sie mir kniend vorlas. Einmal war es der ganze Shakespeare in einem Band.

Gegen ihren peinlich berührten Widerstand fand ich heraus, dass ihre zweiten Zehen genauso lang waren wie ihre großen Zehen. Ich fand, das sah irgendwie erwachsen aus, sie fand es hässlich — eine abscheuliche Entstellung ihres jugendlichen Körpers, gegen die sie mit aller Kosmetik und plastischen Chirurgie ein Leben lang machtlos bleiben musste. Sie war noch nicht in ihre Füße hineingewachsen.

Danach bekam ich eine Brille und achtete in der Folge sehr viel mehr auf Mädchen. Allerdings bekam ich nur noch Freundinnen, die ebenfalls Brille trugen. Das hat den Vorteil, dass zwei Brillen stark beim Küssen stören. Wenn man über vier Brillengläser voller Nasentapser nicht lachen kann, hält die Beziehung keine zehn Minuten. So kam ich immer mit jungen Damen zusammen, denen das Lachen locker in Mundwinkeln und Wangen saß. Und das, lassen Sie sich gesagt sein, ist ein Aspekt, der einem Kerl, der sehenden Auges der Philosophischen Fakultät zustrebt, das Leben noch sehr erleichtern wird.

Meine fünfte Freundin machte sich genau daraus geradezu einen Sport. Ich bockte sie auf einen Sandsteinsockel unterhalb der Nürnberger Burg und ließ sie stundenlang meine Brille blindküssen. Leider endete ihr Körpergefühl unterhalb des Kruzifixums an ihrer Halskette. Bis heute glaube ich fest, dass sie die Worte „barfuß“ und „Zehen“ nicht aussprechen konnte; ein verbreiteter Sprachfehler. Es hielt nicht lange.

Meine sechste Freundin war eine reine Brieffreundschaft. Sie besaß ein Buch über das Zehenlesen und schickte mir deshalb immerzu filmeweise Portraitaufnahmen von ihren Füßen in allen Perspektiven und Lebenslagen, die charaktervollsten auf 13×18, drei gar nicht mal so schlecht ausgeleuchtete auf 30×45.

Zehenleserei, lernte ich von ihr, ist so seriös und so hanebüchen wie Handlesen oder Astrologie auch, funktioniert mit einem Minimum an Menschenkenntnis einwandfrei anhand von Bildern und ist unschlagbar, wenn man mal auf einer Hochzeitsfeier mit lauter Fremden von horoskopgläubigen, aber wenigstens barfüßigen Frauen umringt sein will (das war ein Tipp, Jungs!).

Als wir zum ersten Mal telefonierten, um uns auf halbem Reiseweg in einem verschwiegenen Provinzgasthof zu verabreden, war sie über meinen fränkischen Zungenschlag mindestens so entsetzt wie ich über ihren sächsischen. Noch am Telefon suchten wir um die Wette nach einem Vorwand, voreinander zu fliehen, und nahmen einen verhuschten Abschied.

Ich fand es sinnig, den Stapel mit ihren knubbelzehigen Selbstportraits in einem Schuhkarton zu horten. Er wurde voll und wog ungefähr fünf einbändige Shakespeares. Vor meinem nächsten Umzug setzte ich ihn in der Stadtbücherei aus. Zweifellos benutzt ihn heute halb Nürnberg als Lesezeichen.

Ab meiner siebten Freundin war nicht länger zu verhindern, dass es ernsthaft ans Sexuelle ging. Außer über einen karottenroten Wuschelschopf verfügte sie über große, fröhliche Flitschflatschfüße mit den ausdrucksvollsten Zehen der Welt. Damit konnte sie so vergnügte und so verdrossene Mienen schneiden wie mit den Augenbrauen. Ausdauernd und taktfest konnte sie damit zur Musik schnipsen und Bücher umblättern; Dünndruckpapier! Auf meine Frage, ob sie damit auch Flieger falten und Zigaretten drehen konnte, musste sie ungelogen erst nachdenken.

Nie kapiert hab ich, woher sie stammte. Sie legte offenkundig auch keinen Wert darauf, es muss aber westlich der Sonne und östlich vom Mond gewesen sein, irgendwo nördlich von Oslo jedenfalls, aus dem Skandinavischen, in der Gegend von Thule. Sie stellte es als eine Art Elfenreich dar. Deshalb hatte sie sich etliche deutsche Lieblingswörter zugelegt, verwendete etwa die Wörter „barfuß“ und „meine Zehen“ auffallend gerne, wobei sie mit den Lippen den Verlauf der Vokale besonders sorgfältig formte. Meist hob sie dazu andeutungsweise einen Fuß, um an der realen Entsprechung vorzuweisen, wovon sie sprach.

„Ich kann dir doch nicht gleichzeitig in die Augen und auf die Füße schauen“, bedauerte ich.

Language, Süßi!“

„Auf deine Zeeeeehen.“

„Na bitte, du kannst es ja. Auf mich musst du besser aufpassen, ich bin für die ganze Welt baaaaarfuuuuuß.“ Mit betont offenem a, auf das sie ein entgegengesetzt dunkles u folgen ließ. Dann kumpelte sie mich auf die Schulter und lachte sich kaputt.

In der Kneipe nahm sie gern die Bank unter den Fenstern in Anspruch, wo sie ihre Beine zikadenartig um sich herum verteilte. Das war Teil ihrer Körpersprache. Die Bedienungen unseres Vertrauens wussten davon und duldeten es nachsichtig, die besten unter ihnen sogar ein bisschen neidisch.

Eines Abends versuchte sie dort, weil sie eben günstig saß, nacheinander mit beiden Füßen, den Satz A girl without freckles is like a night without stars in ihre A4-Chinakladde zu schreiben. Daran scheiterte sie nur, weil ihre Füllfeder nach einigem ruppigen Gehüpfe auf dem Wege hierher kleckste. Seitdem erzählte sie überall herum, sie sei linkshändig, aber rechtsfüßig.

Allein deswegen missriet ihr die beidfüßige Tätigkeit des Zigarettendrehens. Weil sie sich das nicht bieten ließ, fing sie unter dem Tisch an, sich umständlich aus den allzu engen, ihren Beinradius einschränkenden Jeans zu winden. Überraschend wirkte sie in burschikosen Boxershorts und einem Träger-Top, das ihr rothaartypisches Augengrün wiederholte, viel selbstverständlicher angezogen als zuvor. So gelang ihr immerhin mit entspannter Grandezza, mit den Zehen die fertige Zigarette zu rauchen.

Den Satz mit den girls ohne freckles schrieb sie dann in englisch-humanistischer Kalligraphie mit der Hand. Mit der linken, den rechten Fuß mit der Zigarette versonnen an die Tischkante gestützt.

„Mein Liebchen?“

„Mein Wolf.“

„Kannst du denn auch mit den an deiner Unterseite so sinnreich und gelenkig angebrachten Rosenzehen aus deinem Bierglas trinken?“

„Nicht doch, mein großer kluger Wolf. Wir wollen der guten Gottesgabe nicht vergeuden und über Tische, Bänke und Chinakladden vergießen, sondern nächste Woche, so Gott will, wieder zur Stelle willkommen sein und bei der flinken Margit des neuen Bieres bestellen, um eines frischen Rausches zu genießen.“

„Genießen statt vergießen.“

„Wie du das immer so schön sagen kannst!“

„Und doch, mein Liebchen, beliebst du zu schummeln.“

„Wobei denn nur, mein Wolf?“

„Zikaden sind weder mehrhändig noch multitasking.“

„Mein großer, kluger, belesener, eloquenter, aufmerksamer und gutaussehender Wolf!“

„Scherze nicht, mein Liebchen. Rothaarig sind sie schon gleich gar nicht.“

„Aber baaaaarfuuuuuß …“, behielt sie Recht. Stillvergnügt kalligraphierte sie vor sich hin, indem sie zuzeiten an der Zigarette zwischen ihren Zehen zog. Mit dem rechten kleinen Finger abzuaschen hatte sie schnell raus. Die ganze Kneipe einschließlich der Bedienung schaute ihr fast überhaupt nicht zu und verliebte sich heillos in sie.

Erst als ich meine Beobachtung, dass sie alle Zehen spreizen konnte außer den Nummern zwei und drei links, eher beiläufig, ganz sicher aber absichtslos äußerte, sah ich etwas in ihr einrasten. Umgehend befahl sie mir auszutrinken und schob mich am Hintern bis zu sich nach Hause ins Schlafzimmer. Hinter uns hörte ich in unserem Gleichschritt den ganzen Weg bis auf den Schlafzimmerteppich ihre großzügig offenen Birkenstocklatschen mit viel Platz für zwei Fünfersätze Zehen erwartungsvoll an ihre Sohlen flatschen. Die Jeans trug ich ihr um den Hals geknotet vorneweg.

Sie war mir zwei Lebensjahre voraus, darum geriet meine Entjungferung zur gründlichsten Entjungferung in der Geschichte der Entjungferungen.

Nach einer aufreibenden 18-Stunden-Übung, die sämtliche bekannten Indoor-Disziplinen sowie einige bis dahin unbekannte einschloss, klingelte es. Vor der Wohnungstür stand ein junger, zerknittert dreinschauender Mann aufgebaut, der sich zurechtgelegt hatte:

„Ey, Alder. Das geht nicht. Echt nicht.“

Da hörte ich hinter mir die Freundin lustig zwitschern: „Hi, Herr Nachbar!“, worauf der etwas wie „Also leiser bitte“ nuschelte und eilig im Treppenhaus verschwand.

Als ich mich umdrehte, trug das Liebchen nichts als ein Handtuch um die Brüste geschlungen, das noch über der Taille endete. Sie feixte breit über ihre postkoital kirschroten Wangen und schnitt jubelnde Grimassen mit den Zehen:

„Das war leicht!“ und zerrte mich mit zwei Fingern im Hosengummi zurück ins Bett, weitertrainieren.

Von ihr bleibt mir die Erinnerung, wie sie mir nach dem Schlussmachen gegenüberstand und aufpasste, dass ihr die Grünaugen nicht überliefen. Sie knöpfte mir die Jacke zu, ruckelte mir die Mütze zurecht und musste nicht, wie die meisten Frauen, auf Zehenspitzen ein Stück an mir hochkrabbeln, sondern konnte mich aus ebenbürtiger Körperhöhe ein letztes Mal auf den Mund schmatzen. Sie trug, wie ich wusste, selbst gestrickte Wollsocken in Schnürschuhen mit Profil.

Meine achte Freundin riss sich einmal auf einer Bergtour unangekündigt die Wanderschuhe von den Füßen, stopfte die Socken hinein, rannte barfuß vor mir her die Kuhweide hinab und ließ sich an den unten plätschernden Gebirgsbach fallen, um sich die müde gequetschten Zehen zu kühlen. Hinterher hatten sie die Farbe zarter Rosenblätter.

Barbeinig in reißendem Gebirgswasser umherwatend erzählte ich zu ihr hinauf, dass ein Mädchen auch in Wanderstiefeln barfuß sein kann, nämlich als nicht akut körperlicher, sondern als grundsätzlich geistiger Zustand, in ähnlicher Weise, wie eine Frau über 18 ein Mädchen sein kann, und dass beides nichts Verwerfliches, vielmehr etwas Erstrebenswertes ist, und sie verstand es. Und vor allem verstand sie es als Kompliment. Zu Hause getattete sie mir, ihr die Zehennägel in einem Mitternachtsblau zu lackieren, wie nur große, freigeistige Mädchen es tragen dürfen.

Wir schaufelten uns zwei weitere Urlaubswochen frei, um einander täglich dreimal beizuschlafen. Den Körperkontakt, den sie mit Lippen, Händen, Brüsten, Scham und Zehenballen auf mir herstellte, verwendete sie als leistungsfähigen Weg der Kommunikation, auf dem ich lernte, wie wesentlich der weibliche Höhepunkt durch ein untergeschobenes Kopfkissen und kreisende Hüftbewegung an Frequenz und Lautstärke zunimmt.

Ihre Augenfarbe wechselte mit ihrer Tageslaune zwischen Grau und Blau und bildete damit zuverlässig die Farbe des Himmels über München ab. Die Strümpfe, die ich ihr schenkte, konnte sie nicht tragen, weil ihre Zehen daraus betrübt wie gefangene Bachforellen hervorguckten — worauf man angesichts der korrekten Bezeichnung Fishnets hätte kommen können. „Das mein ich mit barfuß in Wanderstiefeln“, erklärte ich; schon atemlos beschied sie mir ihr Verständnis durch eine Einheit Beckenbodengymnastik.

Im Gegensatz zu mir besaß sie eine Bohrmaschine, die sie Ladybosch nannte. Sie konnte besser zeichnen als ich. Sie lehnte Brillen ab. Sie konnte sich nie entscheiden, ob im Wort „barfuß“ das r als eigener Laut mitgesprochen oder nur als Länge im a erscheinen soll, jedoch reichte ihr phonetisches Problembewusstsein aus, um es mir gegenüber zu thematisieren. Ich heiratete sie.

~~~\~~~~~~~/~~~

Flip. Flop. Flip. Flop, machen die zwei Mädchen wieder, mit bunt in die Welt blinzelnden Zehen, Hand in Hand, versonnen, stolz und siegessicher: Die Ampel hat auf Grün geschaltet. Logisch, ist ja jetzt Frühling.

„Schaun’S es Eahna oo, de zwoa junga Ganserl“, plaudert mich von der Seite eine Frau im rentnerbeigen Anorak an, mit rechtschaffenem Kopfschütteln, kriegt aber den richtig missbilligenden Münchner Grantelton nicht hin: „De holn si’s doch auf der Blosn, de zwoa.“

Schade, dass ich schon abbiegen muss, weil ich ein Meeting mit meiner achten Freundin am Küchentisch hab, sonst wäre ich möglicherweise schlagfertiger als: „Ja mei, gell, Lichtmess halt.“

Soundtrack: Ray Collins‘ Hot-Club: Barefoot, aus: Teenage Dance Party/Tohuwabohu, 2006 [sic!],
bekannt über Til Schweiger, 2005.

Written by Wolf

2. Februar 2013 at 00:01

Weihnachtsgewinnspiel: Faust 13

with 9 comments

——— Des Knaben Wunderhorn: Weihnachtlied.
Hg. Achim von Arnim und Clemens Brentano, Band 3, 1808:

O du mein Mopper, wo willt du hinaus,
Ich kann dir nicht erzählen
Meine güldene Klaus:
Laß klinken, laß klanken,
Laß all herunter schwanken;
Ich weiß nicht, soll ich hüten
Ochs oder Schaf,
Oder soll ich essen
Einen Käs und ein Brod.

Bei Ochsen und bei Schafen
Kann man nicht schlafen,
Da thut es sich eröffnen
Das himmlische Thor,
Da kugeln die Engel
Ganz haufenweis hervor.

Wer mir ein faustisches Gedicht oder ein faustisches Bild in den Kommentar schreibt oder verlinkt — natürlich selbst gemacht —, kriegt Des Knaben Wunderhorn von mir.

Es gibt die tolle Artemis-Winkler-Ausgabe aus Dünndruckpapier von 1957, einwandfrei erhalten und sieht schön antiquarisch aus. Ex libris mit Tinte: Axel Rühle — vielleicht hat es mal dem Menschen gehört, der 2010 ohne Netz überleben wollte und es sogar ein halbes Jahr lang geschafft hat.

Bettie Page als SataninDas Winkler-Wunderhorn ist ein richtig schönes Stück, von dem ich leider nur eins habe. Faustisch ist ein Beitrag, wenn Doctor Faust, wie wir ihn kennen und so mittellieb haben, darin vorkommt, oder wenn er dessen Geist atmet — zwei Seelen, ach, in jemandes zu Benennenden Brust, der, die oder das Unbehauste, man kennt das ja.

Bitte bis 19. Dezember 2012, dann kommt das Wunderhorn noch rechtzeitig zum Heiligabend mit der Post. Die eingehenden Beiträge werden ihrerseits einen der ersten Weblog-Einträge 2013 bilden.

Viel Spaß beim Dichten und Denken; das geht übrigens einwandfrei während des Plätzchenbackens.

Bilder: Carter Brown: Angel!, 1962. Cover art by Robert McGinnis via Vintage Illu, 26. Januar 2010;
Satan 57. Devilish Entertainment for Men. Fiction, Photography, Articles, Ribaldry — How to Throw a Wild Party, April-Heft featuring Bettie Page via Retro-Space, 16. September 2012.

Written by Wolf

4. Dezember 2012 at 17:29

Veröffentlicht in Klassik, ~ Weheklag ~

Totensonntag

with 5 comments

[Das mag ich wirklich. Letzten Totensonntag stand es in Moby-Dick™ und dem freitag!-Logbuch.

Heuer erscheint es überarbeitet zum Gedenktag der Heiligen Katharina von Alexandrien, der Schutzpatronin der Schulen, philosophischen Fakultäten, Näherinnen, Schneiderinnen, Mädchen, Jungfrauen, Nonnen, Heiratswilligen, Ehefrauen, Ritter, Ammen, Philosophen, Theologen, Gelehrten, Lehrer, Studenten, Redner, Advokaten, Bibliothekare, Wagner, Müller, Bäcker, Töpfer, Gerber, Spinner, Tuchhändler, Seiler, Schiffer, Buchdrucker, Sekretäre, Anwälte, Notare, Waffenschmiede, Schuhmacher, Frisöre, Scherenschleifer und aller Berufe, die mit Rädern zu tun haben, Krankenhäuser, Hochschulen und Bibliotheken sowie mehrerer Städte.

Einmal hab ich’s laut gelesen, es funktioniert für einen oder drei Sprecher (Erzähltext und Ich-Figur, Petrus, Jesus); nichts einzuwenden ist gegen einen Mädchensprechchor, der im Hintergrund dezent frohlockt. Alle sollten geläufig Bildungsbairisch können — also ungefähr wie Martina Schwarzmann oder Bruno Jonas. Die Aussage ist ähnlich der von Lessings Ringparabel, bloß existenzieller.

Ich gebe es frei zur Aufführung, bitte mit Quellenangabe. Wer eine Sound-Datei davon zugänglich macht, kriegt ein Buch von mir geschenkt.]

~~~\~~~~~~~/~~~

Der Eingang sieht aus wie die Stufen zur Glyptothek. Nicht das, was man einladend nennt, oder was man normalerweise träumt. Aber einmal muss da jeder durch. Wenn schon nicht einmal im Leben, dann eben jetzt, wo ich gestorben bin. Jedenfalls vermute ich das.

Wie immer in solchen großklassizistischen Einschüchterungsbauten darf ich nicht durch eine Flügelpforte, die sich vor meiner Majestät beiseite schiebt, sondern muss durch den unspektakulären Windfang hinter den Säulen. An einem marmornen Tisch, an dem man in der Glyptothek Eintritt bezahlen würde, sitzt ein Rauschebart in einer Art Bademantel und tippt zehnfingrig in einen Laptop. Kein Apple, stelle ich fachmännisch fest. Links daneben ein Stapel unausgefüllter Formulare, rechts ein Stapel ausgefüllter.

Jan van Eck, Marienaltar, Dresdner Triptychon, rechter Flügel, Hl. Katharina von Alexandrien, um 1437„Grüß Gott.“ Beim Reinkommen grüßt man. Schon rein vorsichtshalber.

„Griaß Eahna. Moment, i mach schnell no die Seele vor Eahna fertig.“

Tipp, tipp, tipp. — Klack!

„So! Grüß Gott!“

„Ich soll hier anscheinend vorsprechen oder so.“

„Jaja, des hat scho sei Richtigkeit. Was führt Sie zu uns, wissens des, könnens des sagn?“ Petrus nimmt ein Blatt vom unausgefüllten Stapel und einen Zimmermannsbleistift.

„Na, weil i gstorbm bin, nehm i an.“

„Jaja, des is die Voraussetzung, dass Sie vorglassen wern. Aber an was Sie gstorben san, könnens des aa sagn?“

„I glaub, i hab einen Kalauer zuviel grissen. Über die Namen von Gottfried Benn und Ben Cartwright.“

„Au weh zwick. Da könnens von Glück sagen, dass Sie bei sowas überhaupt no rauf zu mir kommen. Normalerweis gengen solche Bestände glei nahtlos zum Kollegen owewartse, wenns ma folgen können. Ohne lange Fegefeuerzuteilung.“

„Ich weiß es zu schätzen.“

„Des is scho recht. Des kann bloß daher kommen, dass Sie sowieso dran gwesn wärn — wann Sie no von der Generation übrig san, de wos no den Ben Cartwright kennt.“

„Ja … Was mach ma dann jetza mit mir? Komm i da etz in Himmel nei oder für was hab i mi da die ganzen Jahrzehnte abkaschpert, Herr Petrus?“

„Da schaung ma jetztn, dann sehng mas glei. Aber Petrus. Einfach Petrus. Ohne Herr oder Sir oder Sahib oder -san, wir hams herobm net so mit die Titel und Dienstgrade. Aber Sie san doch aus Europa, wenn ich Ihren Dialekt richtig einordn, nent? Irgendwas Nördlichs bestimmt. Österreich, Irland, Lappland oder was da alles liegt.“

„Deutschland“, sag ich. „München, ursprünglich aber Nürnberg, bloß den Zungenschlag nie losworn.“

„Aaach, gengans ma zuawe. Franken oder Frankreich, Wales oder Wallis, Galizien oder Gallizien, und des dritte vo de zwoa habts scho wieder eigstampft, und des München in der Oberpfalz is nach Dings eingmeindet.“

„Nach Hirschbach. Kenn i scho, da wolltns amal a Brauerei ham. Münchner Bier aus der Oberpfalz, dass i net lach. Für den Baugrund hättns fast no was rauskriegt.“

„Aber Sie! In der Oberpfalz, da hams fei aber oft a richtig grüawigs Bier! Bei Etzelwang in der Näh, da hab i moi …“

„Scho. Aber bei die zweiahalb Hektoliter Ausstoß pro Jahr hält si ja nix. Des grenzt bei dene immer an Schwarzbrennerei als Hobby.“

„Manchmoi bin i direkt froh, dass i nimmer so vui rumkumm. Ma kummt echt nimmer mim Zuaschaun nache bei eich.“

„Wos Galizien sagn. Mei Urgroßvater war glaub i noch aus Czernowitz.“

„Is des net neilich explodiert?“

„Naa, des war Tschernobyl, war des. Czernowitz müsst scho no wo rumsteh.“

„Omeiomei, ein Gfrett, was ihr habts. Na Hauptsach, ihr kennt eich aus.“

„Ach, fei aa net wirklich.“

„Aber Deutschland is gut. De Deitschn kamma fast ganz unbürokratisch von der oana auf die andre Autorität umgwöhnen, des ham mir anno 510, 820 und 1945 zuletzt mit eich probiert. Dankbars Publikum, da in Deutschland.“

„Und 1918?“

Petrus denkt nach. „Naa, des war koa so rechter Autoritätenwechsl. Bloß andere Titel. Umgekehrt wie 1989, verstengens?“

„Glaub scho, so ungefähr.“

„Glaubm is auch gut. München, München, München … Da seids ihr doch gern so katholisch und evangelisch und wie des alles bei euch heißt, gell?“ Petrus rudert mit den Händen nach den Wörtern und amüsiert sich ein Loch in die Toga.

„Ausgetreten, noch die katholische Grundausbildung“, knurre ich durchs Gebiss.

„Recht hams, guader Moo, recht hams! Ihr Zeigl glaubm könnens auch daheim.“

„Des hätt i jetz als letztes glaubt, dass aus der Kirch austretn bei Ihnen a Bonus sei könnt.“

„Ach, gehns. Was da der Junior vor zweitausend Jahr in eierm Judäa drunt amal gaudihalber für an Fischerverein aufgmacht hat, des spielt heut nimmer so die Rolln.“

„Jesus is gaudihalber am Kreuz gstorbm?“

„Wos glaum denn Sie? Der Moo is a Drittl Dreifaltigkeit, der is allmächtig. Der lebt und der stirbt wann und wiarer mog.“

„Ham Sie wieder recht.“

„Aber warns bei einer parakirchlichen Vereinigung? Sans bittschön gleich ehrlich, Ihre Angaben wern leider nomal prüft. Scientology und Opus Dei waar jetzat schlecht, Freimaurer waar jetzat positiv. Seit a paar hundert Jahr wern die allerdings immer weniger.“

„Freimaurer? Um Gotts willn, i war doch bei keim Geheimbund drin.“

„Die Freimaurer?“ Petrus ist aufrichtig erstaunt. „Wo san de geheim, die Freimaurer? Die missioniern bloß nix, des rechnt bei uns scho was. Da haltens auch an Frieden auf Erdn, da ham mir unsern Wohlgefalln, wenns mei Redeweise gstattn.“

„I kann scho folgn, Petrus.“

„Jaja, i siehgs scho, Sie san a Gstudierter. De Freimaurer, de wolln solche, des is bei dene richtig gwünscht, sogar Eahnerne kuriosn Studienfächer, was Sie gmacht ham. Aber wenns net hinwolln ham … Ihr Entscheidung.“

„Kann ja ich net wissn.“

„Freilich könnens es net wissn, deswegn heißts Glauben. Was hamsn so gessn? Vegan, vegetarisch, zoophag, kannibalisch?“

„Ich bitt Sie, Petrus. Ich war aus Franken.“

„Ja, scho klar. Fragen muss i halt danach. Da warns bestimmt auch alle Tag gscheit unter Drogen?“

„Ach, woher. Ganz selten mal besoffen. Und wenn, dann a Bier, schlimmstenfalls einzwei Flaschn Schnaps.“

„A so? Ja warum denn? Was meinens denn, für was der Chef des ganze Zeigl wachsn lasst? A Bier, scho recht, aber die ganzn andern guadn Sachan? Hams dann wenigstns jeden Tog gscheit was weggvögelt?“

„Bitte??“

Correggio, Heilige Katharina von Alexandrien, 1508-1510„Hatten Sie täglich Geschlechtsverkehr?“

„Eminenz, ich bin verheiratet. War.“

„Å, å, å, å …“ Petrus macht mit seinem Zimmermannsbleistift einen energischen Strich.

„Ihnen is schon klar, guader Moo: Für jeden Tag ohne Vögln muaß i Eahna … na, was sagn ma … samma gnädig … sagn ma: fuchzg Jahr Fegefeuer auffehaun.“

Ich schlucke. „Des wern Sie scho richtig machn.“

„Lebt Ihr Frau noch, so als Witwe, die sich ab jetzat fröhlich an Ihre ehelichn Pflichtn erinnert? Ja? Na, die muss leider dann später des gleiche, logisch …“

Petrus schreibt in meiner Akte herum, sucht im beistehenden Aktenreiter unter meinem Buchstaben eine weitere heraus, notiert vorne drauf herum, schaut wieder hoch zu mir und sagt betrübt:

„Ach, i sags Ihnen: Des is alles so eine sinnlose Verschwendung von Seligkeit.“

„A keuscher Lebenswandel zählt nix?“

Langsam wird Petrus unwillig: „Keuscher Lebmswandl, keuscher Lebmswandl. Herrschaftzeitn, i kanns bald nimmer hörn vo eich christliche Abendländer, mit eicherer Keuschheit und Enthaltsamkeit und Monogamie und gar koa Gamie und Zölibat und Sublimierung und Fuizleis und hunderttausnd wichtigere Sachan ois wiares Vegln! Des seids immer bloß ihr, wo eier Frau im Bett neber eich rumschimmln lassts und glangts net oo. Ja Greizdeife halleluja nomoi nei, die gschlechtliche Fortpflanzung, des wor a Gschenk! Unser gressts! Da hamma lang an die Windbestäubung dro hiigschraubt, bis ma des in der Evolution überhaupts möglich gmacht ham, dass eier Balz des ganze Johr lang durchdauert! Hat des irgend a anders Viech? A Privileg is des! Ja duad denn des Vegln weh oder wos?!“

„Da hab i scho von Möglichkeitn ghört …“

„Jajaja, net in dem Internetzeigl Buidl vo dem Dekadenzschmarrn ooschaun. I red davoo, dass ihr endlich mit eirer Frau veglts. Da hättns Ihrer Frau zoagn kenna, wia gern dasses ham, oder wia deitlich hättnses denn no braucht? A Möglichkeit hättns da ghabt, dass Eahnern Ausdruck findn, Sie Schreibhansl, Sie windiger.“

„‚WEnn ich mit Menschen vnd mit Engel zungen redet / vnd hette der Liebe nicht / So were ich ein donend Ertz oder eine klingende Schelle.‘ A so war des gmeint?“

„Sehngs? Sie wissns doch alles! Und durchschauns sogar. Und nutzns net. Entschuidigns scho, wenn i da so drastisch werd, da könna Sie persönlich wahrscheinlich gar net so viel dafür, aber des is halt so allgemein worn die letztn zwoa-dreihundert Johr.“

„Des tut ma jetz scho leid, Petrus.“ Ich meine es ehrlich.

„Jaja, glaub i Eahna sogar. Wissns, in a paar Jahr hab ja ich in dem Job da herin mei Zweitausendjährigs, des ham vielleicht Sie mitkriegt, so als Kathol. Da siehg i jedn Dog dausnd da reikomma, wo Sie reikomma san, und moana, sie ham oisamt richtig gmacht. Und wann ma fragt, ja was hams denn so gmacht? I sogs Eahna, was gmacht ham: Nix hams gmacht.“

„Des kenn i aus meim Job aa“, versuche ich zaghaft.

„Ja, genau des sagns alle, wann ma nachfragt. An Job hättns doch ghabt. Oder no besser: a Arbeit. Oder des Beste is immer: an Beruf. Des wann i oiwei scho hör. Berufm dan oiwei no mir.“

„Da müssns etz aa unser Position verstehn, Petrus. Des Vögln kann falsch sei, des Gegenteil kann genauso falsch sei. Des is so mit allem, was ma macht. Machen oder unterlassen, ruckzuck is scho wieder Schuld aufgladn.“

„Ach, des mit der Schuld.“ Petrus winkt ab. „Was glaum Sie, wer mir san? Eahna Kindermadl oder wos, Ihr Religionslehrer vo der Grundschul. Mir san doch auf Eahnerner Seitn. Mir erschaffm Eahna ja net, bloß dass Sie nachat schuldbeladn umanandalaffa, do hättn doch mir sejber koa Freid damit. Bei uns zählt leicht amal der Versuch.“

„Des is ja dann aa erleichternd und alles. Aber unter die eignen Leut und grad bei der Arbat und der eignen Frau, da zähln halt oft die Resultate. I kann ja net hergehn und vögln wolln, wenn die Beziehung net passt. Und die passt erst vom hundertsten Prozent an aufwärts.“

„Und Sie glaum, Eahna Beziehung werd besser, wenns einfach net vegln?“

„Wenns es a so hiistelln…“

„So leicht waars gwesn.“

„Aber wissns scho: Da ghörn fei zwaa dazu.“

„Oha! Gä? Oha! Net no über Eahna Frau herziang, gä? So vui konn i Eahna versprecha: De kimmt uns scho aa net aus, Eahna Frau. De hat iatz aba no a paar Johr, dass ihr evolutionäre Bestimmung eilöst.“

„Soll mi des etz beruhign?“

„Eahna? Sie ham ab sofort andre Sorgn. Was hams gmacht, solangs net grad garbat ham? Gern a Gsetzl glesn, hab i recht?“

„Scho.“

„Als Lieblingsbiacher?“

„Och, des übliche. Moby-Dick, Alice im Wunderland, aber bloß mit die richtign Illus, vom Goethe die Werther-Leidn, en Faust, und dann aa glei en Doktor Faustus vom Mann-Thomas … Vom Waechter des Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein, des hab i gern meeng.“

„Au wä, genau des moan i. De ganzn Hirntratzer, wo mit Sicherheit nirgends gveglt werd. Oder wos bestraft werd.“

„Was Sie jetz dauernd ham mit dem Vegln.“

„Koa Angst, des hamma hinter uns, is scho abghakt.“

„Musik war noch wichtig.“

„Den Tom Waits, wettn?“

„Ja, den. Fehlt mir leider die Stimm, dass i den selber sing.“

„Na, selber gschriem hams einige Liadl, siehg i grad.“

„Was ma kann.“

„Den Tom Waits, den mog i aa. Hättns Eahna a Beispui an dem gnumma, der machts richtig. Do gfrei i mi scho, wann der zu uns kimmt.“

„Dem hams aa die Stimm mitgebm und des Hirnkastl.“

„Da verrat i Eahna was, weils für Sie scho wurscht is: Sie können heut alles im Lebm erreichen — Sie dürfens bloß net wollen oder gar versuchen.“

„I hab dacht, andersrum? Ma müsst bloß wolln, dann geht alles?“

„Ach — viel so Hollywoodfilme hams gwiss gern angschaut, gell? Sehngs, da dauert a oanziger neinzg Minutn Minimum. In der ganzn Zeit hättns besser feste gveglt. Des hams jetzt.“

Michelangelo Caravggio, Heilige Katharina von Alexandrien, 1595-1596Durch den anliegenden Saal der Glyptothek haben sich hallende Schritte von Badeschlappen genähert. Jetzt steht ein vollbärtiger Hippie in der gleichen Tracht wie Petrus neben dem Marmorschreibtisch.

„Grüß dich, mein Sohn“, sagt er beiläufig zu mir, und dann zu Petrus: „Und, oider Wetterfrosch, wia kummstn heint rum? Kannst mit Mittag machen?“

„I hab no gar net gschaut, was gibtsn heit? Schüttlst du wieder deine fünftausnd Fischsemmln ausn Ärml?“

„Eh klar. Ungesäuert sans am bestn!“ Übermütig lässt der Hippie die Fingerknöchel krachen. Zwei runde, verheilende Wundmale auf den Handrücken.

„Ja, is recht. I verraam no gschwind die Seele do.“

„Der da?“ Der Hippie mustert mich milde. „Au weh zwick. Wara bei die Freimaurer?“

„A woher. Nixn.“

„Aber dem Gsicht und dem Aufzug nach oversexed and underfucked, stimmts?“

„Jaja, aus Frankn.“

„Wohnhaft in München“, blöke ich dazwischen.

„München, München, München … Des da in der Oberpfalz, wos die Brauerei ham wolltn? Da hättns für den Baugrund …“

„Naa, des andere.“

„Dann is des doch des mit der Asamkirch neber dem kloana Buachladn mit die lauter freindlichn hübschn Buachhändlerinnen, oder? Des hams schee eigricht, meine Sterblichn, des mog i eigntlich. Naja, da samma gnädig, dass ma fertig wern.“

„Is Nammittog no was Wichtigs?“

„Ach ja, wost sagst: Der Senior moant, wir braucha langsam des Meeting fürs Weihnachtswetter. Da stehst du obligatorisch drin.“

„Hab i ma fast scho denkt. November is halt immer schwierig, und dann jedsmal glei des Weihnachtn hintnach.“

„Selig sind die Schifahrer, woaßt eh.“

„Was mach ma jetz mit dem?“

„Ach mei … Fegefeuer bis zum nächstn Zeitalter halt, wos moanst?“

„Ja, hab i aa denkt, um den Dreh. Oder lass man glei bis zum übernächstn?“

Der Hippie überlegt. „Zu wem kaam er denn? Satan oder Luzifer?“

Petrus checkt in seinem Laptop: „Der Mephisto hätt grod wos frei, weil heit der Sokrates aufsteigt. Dem sein Plootz kannt er übernehma. Dass er net koit werd, haha.“

„Ui jegerl — der Mephisto, der macht doch den fertig, scho alloa rhetorisch. Der Bua war verheirat, oder?“

„Grad deswegn hab ich ja gmoant: zum übernächstn. Mit seiner ehelichn Pflicht schauts nämli recht mau aus.“

„A geh weider, da is er gstraft gnua. Des hat der aa net aus Bosheit gmacht. Und vielleicht hat er Germanistik studiert, vielleicht hat er nia koa Auto net besessn, vielleicht hat er an greislichn Orsch, vielleicht wor er a Blogger und a Brillnträger is er aa — do veglt si freilich nix. Des muaß ma ois sehng.“

Petrus seufzt. „Oiso recht. Aber i nehm eahm net, wann er in dreihunderttausnd Johr scho wieder dosteht und frohlocken wui. Dann nimmstn nämlich du.“

„Des passt scho. De wo beim Mephisto warn, des wern hinterdrei der angenehmste Umgang.“ Und zu mir: „Wärst du damit einverstanden, mein Sohn?“

„Kann i was ändern?“

„Wahrlich, wahrlich. Na, mit der Einstellung wundert mi nix. Mir sprecha uns dann am Jüngstn Tog. Gehe hin in Frieden.“

Er segnet mich, es scheppert, und dann nehmen mich zwei krokodilsköpfige Legionäre mit rotglühenden Hellebarden in ihre Mitte.

Und Sie, wenn Sie jetzt glauben, es wäre ein Happy End, wenn ich jetzt aufwachte und es war alles nur ein Traum, dann haben Sie weder eine Ahnung vom Aufwachen noch vom Träumen.

Buidln: Jan van Eyck: Marienaltar, Dresdner Triptychon, rechter Flügel:
Hl. Katharina von Alexandrien, um 1437 (Rückseite: Jungfrau der Verkündigung);
Correggio: Hl. Katharina von Alexandrien, 1508–1510, Hudson River School;
Michelangelo Caravaggio: Hl. Katharina von Alexandrien, 1595–1596, Thyssen-Bornemisza Museum Madrid.

Written by Wolf

25. November 2012 at 00:01

Nachtstück 0001

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Die Ausrede, dass doch Wochenende ist, zieht nicht als Weigerungsgrund. Dass doch Wochenende ist, zieht als Grund. Du hast kein Wochenende, um arbeiten zu können, du arbeitest, um irgendwann Wochenende zu haben.

Die Arbeitswoche war lang genug: Die Serapionsbrüder wolltest du zuerst mit 12 am Stück lesen; wie lange das her ist, kann um diese Uhrzeit kein Mensch im Kopf. Reicht das als Arbeitswoche?

Licht an, noch so eine Arbeitswoche hältst du nicht durch. Noch so eine, dann bist du Mitte siebzig, da kannst du dir eine eigene Krankenschwester zum Vorlesen einstellen. Wenn du kannst. Hörbücher sind nämlich gern gekürzt. Oder schlimmer: Hörspiele.

Nachtstück: E.T.A. Hoffmann: Grand Trio in E, 1809.

Written by Wolf

24. November 2012 at 05:43

Die besten Saufbrüder sind gestorben

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Cover Das Wirtshaus an der LahnAus dem im Überfluss bekannten Strophenmaterial habe ich aus dem Reiselied eine Version zurechtgebogen, die geographisch Sinn ergibt. Für den Vortrag vor einem Publikum mit eher peripherem ethnologischem und archäologischem Interesse, mit dem man sich weder zur Lach- noch Schnarchnummer macht, ich denke da klassischerweise an Lagerfeuer, empfehlen sich die Strophen 1 bis 5, anschließend erst wieder 21 bis 24; neun Strophen reichen vollauf. Lasst im Zweifelsfall lieber noch 21 und 24 weg und stiftet die Leute im Refrain zum Mitgrölen an, dann beschwert sich niemand. Das gibt einen aufmüpfigen, schön antiquierten Text auf eine unentrinnbar schmissige Melodie, mit dem man bei den Mädels punkten kann. Bei den richtigen jedenfalls. Das war ein Tipp, Jungs.

Hier ist die Gelegenheit, die Abhandlung von Theo und Sunhilt Mang einzufügen, Herausgeber des Liederquell, seit 2007 das Volksliederbuch für Leute, die wissen wollen, was sie da singen:

Unter dem Titel Handwerksburschen-Erfahrung steht dieses Lied 1894 im Deutschen Liederhort von Erk-Böhme. 1855 steht es schon in der Liedersammlung von Oskar Schade Volkslieder aus Thüringen, sowie im 2. Teil der Fränkische Volkslieder mit ihren Singweisen des Freiherrn Wilhelm von Ditfurth, Leipzig. Textdichter und Komponist sind unbekannt. Erk/Böhme geben als Herkunftsort das brandenburgische Wilsnack an (1844). Unter dem Titel Der patriotische Handwerksbursch wird auch (Barmen 1844) von Erk/Böhme eine melodisch und rhythmisch verwandte Melodie mit ähnlichen zwei Anfangsstrophen überliefert. Doch dieses Lied zeigt dann die Hinwendung zur politischen Situation in der Napoleonischen Zeit vor 1813. Bei Röhrich/Brednich findet sich eine neuere Textversion, die auch die südlichen Städte Mannheim und Freiburg berücksichtigt und in der das „Glas Champagner Wein“ mit „ein gut Glas Bier“ ausgetauscht wird. Dieses Liedgenre wurde von der Jugend und den Liedermachern der 60-er und 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts besonders geliebt, verarbeitet und in den Medien wieder populär gemacht, z.B. durch die Gruppe Liederjan, 1978.

T und M: Anfang 19. Jahrhundert
L: Erk/Böhme N 1610, Ditfurth II 233, Gottschalk I 65, Röhrich 259

In den Text habe ich nach Möglichkeit gastronomische Einrichtungen verlinkt, die ich aus eigener Anschauung empfehlen kann; mein Vater war Eisenbahner, da bin ich in meiner Jugend allerhand in Deutschland rumgekommen. Wo das nicht möglich war, führt der Link zu Gasthäusern, die auch online einiges Vertrauen erwecken. Persönlich möchte ich das Hamburger Fischerhaus und den Freiburger Löwen hervorheben. Das krieg ich nicht bezahlt, obwohl ich’s nehmen würde. Der Bremer Ratskeller und Auerbachs Keller zu Leipzig werden uns an dieser Stelle noch literarisch beschäftigen. Allein die Städte, die mit den Zeitläuften ins befreundete Ausland gerückt sind, bleiben vorerst ohne Empfehlung — und das keineswegs, weil das gefälligst ein deutscher Weblog bleiben soll, sondern weil sich das von München aus schwierig surft. Ich höre jedoch auf Vorschläge.

Zur Aufführungspraxis: Die Melodie kennt ihr im Zweifelsfall von Slime, die sich 1992 auf der Viva la Muerte (nur auf der LP, nicht der CD!) redlich um zeitgemäße Saufromantik bemühen, aber ein paar Textstellen verwenden, wie ich sie planvoll vermeide: Mit „Unser Orden ist verdorben“ ruinieren sie die Aktualität wieder, die sie mit der Instrumentierung hineingebracht haben — aber zum Eingewöhnen ist die Version gar nicht schlecht. Zum Übernehmen hört deshalb lieber Peter Rohland zu: auf Landstreicherballaden, 1996. Schnell, unkompliziert und ästhetisch unaufgeregt entnehmt ihr sie dem etwas struppigen, aber höchst brauchbaren instrumentalen Video von Mr. Gammler. Bei den Akkorden kommt ihr zurecht mit C/a//C/F//C/G//C — also dem, was sich von selbst ergibt. Nicht so zaghaft.

Die jeweils dritten Verse jeder Strophe kann man wiederholen, muss aber nicht. In den meisten Fällen finde ich es sogar wirkungsvoller, wenn der Melodiebogen nach dem dritten Vers offen bleibt; da kommt es sehr zupass, dass die sich sich sowieso auf nichts reimen müssen. Ins Schloss schnappen sollte erst der Refrain. Das bedeutet nicht weniger als dass die Strophen mit wahlweise sechs, sieben (selten!) oder acht Zeilen funktionieren. Probiert mal aus, wie ihr euch am logischsten singt. Deshalb heißen solche Dinger „Volkslied“. Und eins und zwei:

 

Reiselied

1.: Lustig, lustig, ihr lieben Brüder,
nun leget all eure Arbeit nieder
und trinkt ein Glas Champagnerwein.

Refrain: Denn unser Handwerk, das ist verdorben,
die besten Saufbrüder sind gestorben,
||: es lebet keiner mehr als ich und du. :||

2.: Auf die Gesundheit aller Brüder,
die da noch reisen auf und nieder,
die sollen unsre Freunde sein.

3.: Und sollte wirklich noch einer leben,
so soll der Meister ihm den Abschied geben,
denn er macht ihm das Leben sauer.

4.: Weg mit dem Meister, mit all den Pfaffen,
ja Kaiser, König soll sich raffen:
Weg, wer da kommandieren will.

5.: Als wir durch deutsche Lande zogen,
haben wir so manchen Wirt betrogen,
doch seine Tochter war uns gut genug.

6.: In Lübeck hab ich es angefangen,
nach Hamburg stand dann mein Verlangen,
das schöne Bremen hab ich längst gesehn.

7.: Wie auch Celle, Hannover, Minden,
dann wolln wir auf dem Rhein verschwinden
wohl nach dem alten heil’gen Köln.

8.: Wir wollen auch noch Bonn besuchen,
in Bingen gibt’s zum Wein auch Kuchen,
bei Mainz, da fließt der Main in‘ Rhein.

9.: Frankfurt am Maine hab ich gesehen
der Herbergstochter mußte ich gestehen:
Der letzte Heller will versoffen sein.

10.: In Mannheim wolln wir unser Glück probieren,
nach Karlsruh soll uns der Weg dann führen,
so kommen wir ins Elsaß rein:
In Straßburg gibt es guten Wein.

11.: In Freiburg geht’s nicht lang logieren,
wir wollen in die Schweiz marschieren,
nach Basel, Zürich und bis Bern.

12.: Nach Thüringen möcht ich hinein,
in Jena, Erfurt, Weimar sein
und auf der Wartburg kehren ein.

13.: In Königsbrück hat mir’s gefallen
die vielen Töpfer hier vor allem,
die Scheiben drehn sie, drehn und drehn.

14.: Was warn die Töpfer für Gesellen,
hörten sie nachts die Hunde bellen
so fraßen sie die einfach auf.

15.: Wie auch in Leipzig, Dresden, Sachsen,
wo all die schönen Mädchen wachsen
wohl in dem schönen Rosenthal.

16.: Dann wollen wir uns aufs Schifflein setzen
und unser junges Herz ergetzen,
wir fahrn die Elbe hinab zur See.

17.: Nun Schifflein, Schifflein, du musst dich wenden
und dich hin nach Riga lenken
wohl zu der russischen Seehandelsstadt.

18.: Und auch in Polen ist nichts zu holen,
als ein Paar Stiefel ohne Sohlen,
ja nicht einmal ein Heller Geld.
[alt.: von dort kommt man nicht ungeschoren,
in Danzig fängt die See schon an.]

19.: Nun wollen wir es noch einmal wagen
und wollen fahren nach Kopenhagen
dort zu der dänischen Residenz.

20.: In Bergen regnet es große Tropfen,
getrunken wird hier aus Malz und Hopfen,
korngelb gebrautes nordisch Bier.

21.: Und wer dies alles hat gesehen
der kann getrost nach Hause gehen,
und nehmen sich ein Mägdelein.

22.: Ich hatte manchen blanken Gulden,
heut hab ich jede Menge Schulden,
doch einen Humpen für der Seele Ruh.

23.: Schlagt ein die Fässer, lasst es laufen,
wir wollen heut noch einen saufen,
ja solches Himmelreich ist nah.

24.: Darauf wollen wir lustig saufen,
schöne Mädchen wollen wir uns kaufen,
ja das soll unser Handwerk sein.

Bild: LPCD Hamburg.

Kätzische Beiträge zur Konstitution einer Angewandten Poesie

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——— E.T.A. Hoffmann: Lebensansichten des Katers Murr: Vorwort des Herausgebers, 1819:

Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger, als gegenwärtigem, da es, wird nicht erklärt, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefügt hat, als ein zusammengewürfeltes Durcheinander erscheinen dürfte.

——— Ebenda: Vorwort. Unterdrücktes des Autors:

Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe ich der Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum großen Kater bildet, meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich liebe, schätze, ehre, bewundere und ein wenig anbete.

Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt und scharfe Krallen.

Kater Murr. Handzeichnung von König Ferdinand von Portugal, 1859„Murr“, sagt Moritz.

„Was ist dir, o beste aller Katzen?“ frage ich.

„Langweilig ist mir, o bester aller Dosenöffner.“

„Als ob das was Neues wäre, o …“

„Ist gut, sprich ruhig bequem. Im Gegensatz zu dir jedenfalls, stimmt’s?“

„Wenn ich über irgendwas nicht klagen kann, dann ja wohl über Langeweile.“

„Hab schon gesehen. Du hast schon wieder einen neuen Weblog eröffnet.“

„Was heißt ’schon wieder‘. Das ist mein erster eigener.“

„Also dein Dings mit den Fischen und den Schiffen hat mir besser gefallen.“

Moby-Dick™? Das ist ein Gemeinschaftsprojekt. Und von dem musst du gar nicht in der Vergangenheit reden.“

„Und Wale sind keine Fische, wolltest du sagen.“

„Ich vergaß.“

„Aber du brauchst unbedingt was Eigenes, ja?“

„Ei freilich. Dabei müsstest du als Miez das gerade gut verstehen. Du hast es doch mit Revieren.“

„Und Bibliotheken. Und gelahrten Späßen.“

„Siehst du?“

„Kommt drauf an, was du damit vor hast.“

„Steht doch groß und breit auf der Pforte.“

„Da kannst du viel draufschreiben. Und dann wird’s doch wieder ein nach nix und wieder nix geordnetes Nachschlagewerk mit Ausreden für Bildchen von leicht geschürzten Mädchen.“

„Klingt doch gar nicht so schlecht.“

„Meister, Meister, Meister ….“

„Die Beschwerden über mein Verhalten häufen sich.“

„Dann erklär Er sich.“

„Ach, was wird‘ denn schon werden, wenn’s an Goethes Geburtstag losgeht, und zwei Beispiele stehen auch schon drin. Da, schau, unter dir.“

„Erwartest du, dass jemand im Internet etwas liest, das älter als einen Tag ist? Alter, wo lebst du denn? Im Web 2.0?“

„Genau das erwarte ich. Aufmerksamkeitsspanne ist das nächste große Ding.“

„O ja. Und holpernde Sonette von obskuren Viktorianerinnen, die 1840 die Restauflage ihres ersten Gedichtbändchens selbst vom Verleger aufkaufen mussten, die seitdem in einer ostdeutschen Universitätsbibliothek darauf warten, dass …“

„Wenn dir sowas auffällt, lass es mich bitte, bitte um Gottes willen sofort wissen!“

„Versprochen, Meister.“

„In dem Regal, in das du deine Mäuse zu scheuchen pflegst, müsste schon einiges davon rumgilben.“

„Die armen Mäuse.“

„Richtig. Und selber gedenke ich auch einiges in diesem Geiste beizutragen.“

„Au weh. Wünschst du darauf eine Antwort?“

„Geschenkt. Woran ich mich halten werde, steht oben.“

„Weheklagen und zur Hölle fahren?!“

„Nein. Angewandte Poesie.“

„Da bin ich mal neugierig, worauf du die anwenden willst.“

„Gelle?“

„Sag schon.“

„Schau, Katze. Jeder Mensch trägt ab einem gewissen Alter einen ganzen Dachboden voller Gerümpel in seinem Hirn spazieren.“

„Von einer so trüben Funzel erhellt, dass man gerade mal so erkennt, was für ein Durcheinander herrscht und dass man mit Sicherheit nichts finden wird, was man sucht.“

„Spotte nur. Wenn du mal so alt bist wie ich, wirst du das verstehen.“

„Ich versteh schon. Du kannst dein ganzes zusammengelesenes Kreuzworträtselwissen nicht wegschmeißen, darum willst du es für irgendwas verwenden.“

„Höre ich da eine gewisse leise Geringschätzung heraus?“

„Kommt aber schon hin, hm?“

„Doch, schon.“

„Ihr Senkrechtgeher seid so durchschaubar. Wie lange kennen wir uns jetzt?“

„Länger als du dich erinnern kannst, nicht so lange wie ich den Kater Murr kenne.“

„Der kommt auch vor??“

„Versprochen, Katze, versprochen.“

„Vielleicht wird dein Weblog doch noch zu was gut.“

„Angewandte Poesie!“

„Weck mich, wenn ich was beitragen kann“, sagt Moritz, knetet sich mit den Vorderproten mein Kopfkissen zurecht, rollt sich umständlich ein und pooft innerhalb fünf Atemzügen weg.

Über seine Loyalität und vor allem seine Arbeitsmoral kann man diskutieren, aber er ist das flauschigste Mädchen der Welt.

Moritz am Fenster

Bilder: König Ferdinand von Portugal: Kater Murr, Handzeichnung 1859;
Moritz von hinten, 5. Januar 2012.

Written by Wolf

30. August 2012 at 13:42

Veröffentlicht in Das Tier & wir, ~ Weheklag ~