Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Sturm & Drang’ Category

Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)

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Update zu Gateway Drug:

Manche Probleme kommen nie aus der Mode. Zum Beispiel das des geplagten Vaters, der nach generationenlanger Kinderaufzucht wenigstens noch eine Altersversorgung aus der Frucht seiner Lenden gewinnen will.

Karl Philipp Moritz, Militätmusikersohn, abgebrochene Hutmacherlehre, scheint sich damit auszukennen. Stammt von ihm doch immerhin der erste ernstzunehmende psychologische Roman der Geschichte, und der hat bis heute seine Fans.

Über der neuen Cecilia ist Moritz, geboren im selben Jahr wie Mozart (aufgepasst: 2016 vor 260 Jahren), zwei Jahre nach demselben leider verstorben — zu früh, dass sich heute nur bestimmen ließe, ob die Cecilia eine Novelle oder ein Roman Anton Reiserschen Ausmaßes werden sollte. Vorgelegt sind die Briefform wie im Werther und eine Pädagogik und Bildungsauffassung wie im Émile.

Mit diesem Brief führt sich die Figur des besorgten Vaters ein. Die heilige Cäcilia aus der Überschrift ist die Patronin der Musik, Vater Braschi schreibt an einen aufstrebenden Maler — der wohl, wie man solche Bildungsromane kennt, im Lauf der Handlung spätestens mit 30 noch groß rauskommen sollte. Da große Kunst immer allgemeingültig ist, dürfen wir die väterlichen Sorgen getrost auf bürgerliche und moderne Metiers ausweiten. Der Brief steht weit am Anfang der Cecilia. Den geistreichen Formulierungen nach zu schließen, lag Moritz etwas an dem Thema.

Frederick Goodall, A Dream of Paradise, 1889

——— Karl Philipp Moritz:

Marchese Mario der Vater an seinen Sohn.

aus: Die neue Cecilia. Letzte Blätter, von Karl Philipp Moritz. C’est aini, qu’en partant, je vous fais mes adieux. Zweite Probe neu veränderter deutscher Druckschrift. Berlin, 1794. Bey Johann Friedrich Unger:

Du bist nun in Rom, und mußt eine Carriere machen, mein lieber Sohn! Es fehlt dir nicht an Stand und Vermögen; du hast in den ersten Häusern Zutritt; du bist auf dem schnurgeraden Wege, dein Glück in der Welt zu machen, wenn du es nicht selber verscherzest.

John William Waterhouse, Dolce Far Niente, 1879Als Monsignore muß ich dich wieder sehen; ich bitte dich, verdirb diese Hoffnung deinem alten Vater nicht! Aber ich weiß schon, wie du deine edle Zeit verschleudern wirst; du wirst mit den Malern herumlaufen, und alte bestäubte Bilder begucken; du wirst verstümmelte Bildsäulen abzeichnen, und dein schönes Papier bekritzeln. Ich weiß, wie manchen Tag du hier mit deinem Carlo Maratti, dem jungen Schwärmer, verträumt hast.

Du mußt die Conversationen nicht versäumen; du mußt dir keine Gelegenheit entschlüpfen lassen, wo du dein Glück bauen kannst. Du mußt notwendig eine Carriere machen, mein lieber Sohn, es wäre Schade, wenn du es nicht tätest! Denn alles vereinigt sich, um dir die Bahn zu ebnen. Nur bitte ich dich, laß den Schwindelgeist fahren, und verschwende nicht mehr so viele Zeit mit der abgeschmackten Kunst! Du läufst nur Hirngespinsten nach; einträgliche Stellen und bare Einkünfte, sind doch das letzte Ziel, wonach wir streben.

Dein Glück ist es nur, daß du von dem Wahnwitze der Liebe noch unangesteckt bist. Du mußt dich in die Zeit schicken; du mußt dich bücken, wo es nötig ist, und stolzieren, wo du darfst. Prälaten Brot ist süßes Brot; und der violette Strumpf sitzt kühl im Sommer, und hält im Winter warm. Wenn du erst so weit bist, wie du sein willst, so kannst du dir Leute halten, die über das Schöne der Kunst ganze Tage mit dir schwatzen, und alle deine Phantasien kannst du ja dann nach Wunsch befriedigen. Was hilft dir denn bei leerem Beutel ein Kopf mit Ideen vollgepfropft? Trachte doch am ersten nach dem, wofür man alles andre haben kann, so wird dir das übrige alles zufallen.

Bewahre meinen väterlichen Rat in deinem Herzen, mein lieber Sohn; schreite nicht auf unrechten Wegen aus; versäume die Conversationen nicht; laufe den Malern und den Weibern nicht nach; strebe nach dem violetten Strumpfe; den roten aber laß das höchste Ziel deiner Wünsche sein, wenn du nicht weiter streben kannst; und erinnere dich, so oft du zum Künstler und Gelehrten herabsinken willst, daß du aus dem Hause und aus der Familie der Braschi stammst! Ich bin

Dein
wohlmeinender Vater
A. Mario.

Im übrigen sollten wir alle sehr viel sorgfältiger zwischen Müßiggang, Faulheit und Trägheit und diese in acedia und inertia zu unterscheiden lernen. Daran liegt mir was.

John William Godward, Dolce Far Niente, 1904

Bestäubte Bilder: Frederick Goodall: A Dream of Paradise, 1889;
John William Waterhouse: Dolce Far Niente, 1879;
John William Godward: Dolce Far Niente, 1904.
Ersten Grades themenverwandter Soundtrack: Die Ärzte: Junge, aus: Jazz ist anders, 2007.

Written by Wolf

8. Januar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

Rede du darein!

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Ich verlinke zwei Online-Petitionen. Bitte unterschreibt, verbreitet und tut wenigstens so, als ob nicht in eurem Namen ein Angriffskrieg stattfindet.

——— Matthias Claudius:

Kriegslied

aus: Asmus omnia sua secum portans, Vierter Teil, 1783:

’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammleten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Goya, Die Schrecken des Krieges, Tafel 71, Contra el bien general

Bild: Goya: Contra el bien general. Das ist spanisch und bedeutet: Gegen das Gemeinwohl. Tafel 71 aus: Desastres de la guerra (Die Schrecken des Krieges), 1810–1815.

Written by Wolf

1. Dezember 2015 at 17:52

Spitz wie Wetzlarer Karotte

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Update zu Deine so oft entweihte Frühlingsfeier:

Hinter die meisten Anspielungen kommt, wer sich freiwillig auf Weblogs wie diesem herumtreibt, ungegoogelt. Allein einen Pfarrer Jochen Hiebel konnte ich nicht nachweisen, und die Wetzlarer Karotte scheint mir eine entfernte Verwandte des Kunitzburger Eierkuchens. Wenn sie groß ist, wird sie bestimmt mal sprichwörtlich, falls die alten Jungs der Neuen Frankfurter Schule auf dem Gebiet der Sprichwörtlichkeit noch nicht genug geleistet haben sollten. Unser Goethe gehört, ich mag es vereinzelt schon zwischen den Zähnen gemurmelt haben, heute noch in jeden Haushalt.

Vicente Romero Redondo, 2015

——— Eckhard Henscheid:

Charlottens Brief

1981, aus: Eckhard Henscheid & F. W. Bernstein (Hg.): Unser Goethe, Diogenes 1982,
verwendet in: An krummen Wegen. Gedichte und Anverwandtes, Zürich 1994:

Werter Werther,
Denkst Du noch des Camembert, der
Unsre Liebe sanktionierte,
Während ich Dich deflorierte —
Wart einmal: beziehungsweise
Du mich. Ach, du Scheiße,
Beinahe hätt ich’s vergessen
(so geht’s halt den Topmätressen)
Dir zu sagen, wie ich Dich
Liebe ganz herztausiglich!
Du, mein kleiner Gardeoberst,
Du mein Scheißer! Warte, ob erst
Albert aus dem Hause fort —
Nein, er hockt auf dem Abort —
Trotzdem wag ich diesen Brief!
Ja, der Camembert hat tief
Mir damals das Herz durchbohrt.
Glaub’s mir, Werther, jedes Wort
Dieses Klopstock, den wir lasen,
Und du tät’st so artig blasen,
Ging mir an die Eier mein —
Stop! Die Eier sind ja Dein
Ein und Alles — hen kai pan,
Wie Du’s ausdrückst, werter Mann.
Kurz, wie man’s auch dreht und wendet —
Albert scheint am Klo verendet —
Ich bin Din und Du bist min!
Ach, ich möcht‘ nach Westberlin!
Sightseeing mit Dir, das wär’s,
Unter des Berliner Bärs
Tatzenpratzen Dich zu knutschen,
Schnell in‘ Grunewald zu rutschen —
Ach, wie wird mir Wetzlar öde,
„Lar“ fürwahr — und dann die blöde
Hühnerfickerei des Pfarrers
Hiebel Jochen, dieses Schmarrers,
Der mich ständig hacken will,
Und ich halt auch schon brav still,
Bis Du wiederkömmst, mein Sauschwanz,
Bleib ich ewig treu und Dein ganz;
Spitz wie Wetzlarer Karotte
Wartet Dein — mmmh Bussi!
                                  Lotte.

Hannah Holmes via The Art of Animation, July 5th, 2014

Briefleserinnen: Vicente Romero Redondo, 2015;
Hannah Holmes via The Art of Animation, 5. Juli 2014.

Written by Wolf

4. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Sturm & Drang

Sophokles‘ Bruder ab orbe Britannis

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Update zu Der Drang zum Sturm:

Wieland war der erste. Durch seine Übersetzungen ab 1762 setzte sich Shakepeare in Deutschland in großem Stil durch. Eine ältere Generation von Aufklärern und eine jüngere von Stürmern und Drängern erkannten in der Dramatik Shakespeares, die sich in ganz und gar verstörender Weise nichts um die aristotelischen Poetikregeln scherte, das reine Naturgenie, somit einen längst fälligen Erneuerer des Theaters und in der Folge der gesamten Kunst. Selbst ein Goethe konnte sich 22-jährig noch neidlos vor dem älteren, größeren Geist verneigen: Seine Rede Zum Schäkespears Tag von 1771, wenngleich erst posthum 1854 in gedruckter Form, tat ein übriges. Da war Goethe noch nicht der arrivierte Geheimrat und nachmalige Klassiker, sondern „nur“ Bestsellerautor (Werther, Götz, Egmont) des Sturm und Drang. So viel Bewunderung bis hin zur Demut hat er vor sonst keinem Künstlerkollegen, ob tot oder lebendig, gezeigt.

Cover Dave Morrah, Me and the Liberal Arts, 1960sJohann Gottfried Herders Aufsatz Shakespear innerhalb Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter liegt in drei Fassungen vor. Die erste davon trägt noch klar die Form eines Sendschreibens an Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, in direkter Antwort auf den 14. bis 18. Brief über Merkwürdigkeiten der Litteratur (1766–1770, im Druck gesammelt 1773), worin Herder seine eigenen Ideen über Shakespeare ordnete und verdichtete. Eine zweite, erweiterte Fassung entstand 1772; diese beiden sind handschriftlich erhalten. Die dritte von 1773 unterschied sich von der zweiten grundlegend genug, um sie im Erstdruck der Deutschen Art und Kunst derselben gegenüber zu stellen. Diese Redaktion von 1773 besorgte der Verleger R. Steig, die derzeit aus dem Handel verschwindende Reclam-Ausgabe von Hans Dietrich Irmscher benutzt diese kritische Bearbeitung.

Um uns weiter Shakespeare (und auf Schleichwegen so abgelegenen Erkenntnissen wie Herman Melvilles Verhältnis zu Nathaniel Hawthorne) zu nähern, gebe ich sie um einige Lobeshymnen, Besprechungen von Einzeldramen und Redundanzen erleichtert, aber in der originalen Orthographie wieder:

——— Johann Gottfried Herder:

Shakespear

in: Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter, Fassung von 1773, gekürzt (Volltext):

Wenn bei einem Manne mir jenes ungeheure Bild einfällt: „hoch auf einem Felsengipfel sitzend! zu seinen Füssen Sturm, Ungewitter und Brausen des Meers; aber sein Haupt in den Stralen des Himmels!“ so ists bei Shakespear! — Nur freilich auch mit dem Zusatz, wie unten am tiefsten Fusse seines Felsenthrones Haufen murmeln, die ihn — erklären, retten, verdammen, entschuldigen, anbeten, verläumden, übersetzen und lästern! — und die Er alle nicht höret! […]

Es ist von Griechenland aus, daß man die Wörter Drama, Tragödie, Komödie geerbet; und so wie die Letternkultur des Menschlichen Geschlechts auf einem schmalen Striche des Erdbodens den Weg nur durch die Tradition genommen, so ist in dem Schoosse und mit der Sprache dieser, natürlich auch ein gewißer Regelnvorrath überall mitgekommen, der von der Lehre unzertrennlich schien. Da die Bildung eines Kindes doch unmöglich durch Vernunft geschehen kann und geschieht; sondern durch Ansehen, Eindruck, Göttlichkeit des Beispiels und der Gewohnheit: so sind ganze Nationen in Allem, was sie lernen, noch weit mehr Kinder. Der Kern würde ohne Schlaube nicht wachsen, und sie werden auch nie den Kern ohne Schlaube bekommen, selbst wenn sie von dieser ganz keinen Gebrauch machen könnten. Es ist der Fall mit dem Griechischen und Nordischen Drama.

Cover Frank Kane, Green Light for Death, 1956In Griechenland entstand das Drama, wie es in Norden nicht entstehen konnte. In Griechenland wars, was es in Norden nicht seyn kann. In Norden ists also nicht und darf nicht seyn, was es in Griechenland gewesen. Also Sophokles Drama und Shakespears Drama sind zwei Dinge, die in gewißem Betracht kaum den Namen gemein haben. Ich glaube diese Sätze aus Griechenland selbst beweisen zu können, und eben dadurch die Natur des Nordischen Drama, und des größten Dramatisten in Norden, Shakespears sehr zu entziffern. Man wird Genese Einer Sache durch die Andre, aber zugleich Verwandlung sehen, daß sie gar nicht mehr Dieselbe bleibt.

Die Griechische Tragödie entstand gleichsam aus Einem Auftritt, aus dem Impromptus des Dithyramben, des mimischen Tanzes, des Chors. Dieser bekam Zuwachs, Umschmelzung: Aeschylus brachte statt Einer handelnden Person zween auf die Bühne, erfand den Begriff der Hauptperson, und verminderte das Chormässige. Sophokles fügte die dritte Person hinzu, erfand Bühne – aus solchem Ursprunge, aber spät, hob sich das Griechische Trauerspiel zu seiner Grösse empor, ward Meisterstück des Menschlichen Geistes, Gipfel der Dichtkunst, den Aristoteles so hoch ehret, und wir freilich nicht tief gnug in Sophokles und Euripides bewundern können.

Man siehet aber zugleich, daß aus diesem Ursprunge gewiße Dinge erklärlich werden, die man sonst, als todte Regeln angestaunet, erschrecklich verkennen müssen. Jene Simplicität der Griechischen Fabel, jene Nüchternheit Griechischer Sitten, jenes fort ausgehaltne Kothurnmässige des Ausdrucks, Musik, Bühne, Einheit des Orts und der Zeit – das Alles lag ohne Kunst und Zauberei so natürlich und wesentlich im Ursprunge Griechischer Tragödie, daß diese ohne Veredlung zu alle Jenem nicht möglich war. Alles das war Schlaube, in der die Frucht wuchs. […]

Wie sich Alles in der Welt ändert: so muste sich auch die Natur ändern, die eigentlich das Griechische Drama schuf. Weltverfaßung, Sitten, Stand der Republiken, Tradition der Heldenzeit, Glaube, selbst Musik, Ausdruck, Maas der Illusion wandelte: und natürlich schwand auch Stoff zu Fabeln, Gelegenheit zu der Bearbeitung, Anlaß zu dem Zwecke. Man konnte zwar das Uralte, oder gar von andern Nationen ein Fremdes herbeiholen, und nach der gegebnen Manier bekleiden: das that Alles aber nicht die Würkung: folglich war in Allem auch nicht die Seele: folglich wars auch nicht (was sollen wir mit Worten spielen?) das Ding mehr. Puppe, Nachbild, Affe, Statüe, in der nur noch der andächtigste Kopf den Dämon finden konnte, der die Statüe belebte. […]

Cover Chip Harrison, No Score, 1970. Art by Elaine DuilloUnd welches war der Zweck? Aristoteles hats gesagt, und man hat gnug darüber gestritten – nichts mehr und minder, als eine gewisse Erschütterung des Herzens, die Erregung der Seele in gewissem Maaß und von gewissen Seiten, kurz! eine Gattung Illusion, die wahrhaftig! noch kein Französisches Stück zuwege gebracht hat, oder zuwege bringen wird. Und folglich (es heisse so herrlich und nützlich, wie es wolle) Griechisches Drama ists nicht! Trauerspiel des Sophokles ists nicht. Als Puppe ihm noch so gleich; der Puppe fehlt Geist, Leben, Natur, Wahrheit – mithin alle Elemente der Rührung – mithin Zweck und Erreichung des Zwecks – ists also dasselbe Ding mehr? […]

Laßet uns also ein Volk setzen, das aus Umständen, die wir nicht untersuchen mögen, Lust hätte, sich statt nachzuäffen und mit der Wallnußschaale davon zu laufen, selbst lieber sein Drama zu erfinden: so ists, dünkt mich, wieder erste Frage: wenn? wo? unter welchen Umständen? woraus solls das thun? und es braucht keines Beweises, daß die Erfindung nichts als Resultat dieser Fragen seyn wird und seyn kann. Holt es sein Drama nicht aus Chor, aus Dithyramb her: so kanns auch nichts Chormässiges, Dithyrambisches haben. Läge ihm keine solche Simplicität von Faktis der Geschichte, Tradition, Häuslichen, und Staats- und Religionsbeziehungen vor – natürlich kanns nichts von Alle dem haben. – Es wird sich, wo möglich, sein Drama nach seiner Geschichte, nach Zeitgeist, Sitten, Meinungen, Sprache, Nationalvorurtheilen, Traditionen, und Liebhabereien, wenn auch aus Fastnachts- und Marionettenspiel (eben, wie die edlen Griechen aus dem Chor) erfinden – und das Erfundne wird Drama seyn, wenn es bei diesem Volk Dramatischen Zweck erreicht. Man sieht, wir sind bei den

toto divisis ab orbe Britannis

und ihrem grossen Shakespear.

Daß da, und zu der und vor der Zeit kein Griechenland war, wird kein pullulus Aristotelis läugnen, und hier und da also Griechisches Drama zu fodern, daß es natürlich (wir reden von keiner Nachäffung) entstehe, ist ärger, als daß ein Schaaf Löwen gebären solle. […]

Shakespear fand vor und um sich nichts weniger als Simplicität von Vaterlandssitten, Thaten, Neigungen und Geschichtstraditionen, die das Griechische Drama bildete, und da also nach dem Ersten metaphysischen Weisheitssatze aus Nichts Nichts wird, so wäre, Philosophen überlaßen, nicht blos kein Griechisches, sondern wenns ausserdem Nichts giebt, auch gar kein Drama in der Welt mehr geworden, und hätte werden können. Da aber Genie bekanntermaassen mehr ist, als Philosophie, und Schöpfer ein ander Ding, als Zergliederer: so wars ein Sterblicher mit Götterkraft begabt, eben aus dem entgegen gesetztesten Stoff, und in der verschiedensten Bearbeitung dieselbe Würkung hervor zu rufen, Furcht und Mitleid! und beide in einem Grade, wie jener Erste Stoff und Bearbeitung es kaum vormals hervorzubringen vermocht! – Glücklicher Göttersohn über sein Unternehmen! Eben das Neue, Erste, ganz Verschiedne zeigt die Urkraft seines Berufs.

Cover Carter Brown, The Myopic Mermaid, 1961Shakespear fand keinen Chor vor sich; aber wohl Staats- und Marionettenspiele – wohl! er bildete also aus diesen Staats- und Marionettenspielen, dem so schlechten Leim! das herrliche Geschöpf, das da vor uns steht und lebt! Er fand keinen so einfachen Volks- und Vaterlandscharakter, sondern ein Vielfaches von Ständen, Lebensarten, Gesinnungen, Völkern und Spracharten – der Gram um das Vorige wäre vergebens gewesen; er dichtete also Stände und Menschen, Völker und Spracharten, König und Narren, Narren und König zu dem herrlichen Ganzen! Er fand keinen so einfachen Geist der Geschichte, der Fabel, der Handlung: er nahm Geschichte, wie er sie fand, und setzte mit Schöpfergeist das verschiedenartigste Zeug zu einem Wunderganzen zusammen, was wir, wenn nicht Handlung im Griechischen Verstande, so Aktion im Sinne der mittlern, oder in der Sprache der neuern Zeiten Begebenheit (événement) grosses Eräugniß nennen wollen – o Aristoteles, wenn du erschienest, wie würdest du den neuen Sophokles Homerisiren! […]

Sophokles blieb der Natur treu, da er Eine Handlung Eines Orts und Einer Zeit bearbeitete: Shakespear konnt ihr allein treu bleiben, wenn er seine Weltbegebenheit und Menschenschicksal durch alle die Örter und Zeiten wälzte, wo sie – nun, wo sie geschehen: und Gnade Gott dem kurzweiligen Franzosen, der in Shakespears fünften Aufzug käme, um da die Rührung in der Quintessenz herunter zu schlucken. Bei manchen Französischen Stücken mag dies wohl angehen, weil da Alles nur fürs Theater versificirt und in Scenen Schaugetragen wird; aber hier geht er eben ganz leer aus. Da ist Weltbegebenheit schon vorbei: er sieht nur die letzte, schlechteste Folge, Menschen, wie Fliegen fallen: er geht hin und höhnt: Shakespear ist ihm Ärgerniß und sein Drama die dummeste Thorheit. […]

Trauriger und wichtiger wird der Gedanke, daß auch dieser grosse Schöpfer von Geschichte und Weltseele immer mehr veralte! daß da Worte und Sitten und Gattungen der Zeitalter, wie ein Herbst von Blättern welken und absinken, wir schon jetzt aus diesen grossen Trümmern der Ritternatur so weit heraus sind, daß selbst Garrik, der Wiedererwecker und Schutzengel auf seinem Grabe, so viel ändern, auslaßen, verstümmeln muß, und bald vielleicht, da sich alles so sehr verwischt und anders wohin neiget, auch sein Drama der lebendigen Vorstellung ganz unfähig werden, und eine Trümmer von Kolossus, von Pyramide seyn wird, die Jeder anstaunet und keiner begreift. Glücklich, daß ich noch im Ablaufe der Zeit lebte, wo ich ihn begreifen konnte, und wo du, mein Freund, der du dich bei diesem Lesen erkennest und fühlst, und den ich vor seinem heiligen Bilde mehr als Einmal umarmet, wo du noch den süssen und deiner würdigen Traum haben kannst, sein Denkmal aus unsern Ritterzeiten in unsrer Sprache, unserm so weit abgearteten Vaterlande herzustellen. Ich beneide dir den Traum, und dein edles Deutsches Würken laß nicht nach, bis der Kranz dort oben hange. Und solltest du als denn auch später sehen, wie unter deinem Gebäude der Boden wankt, und der Pöbel umher still steht und gafft, oder höhnt, und die daurende Pyramide nicht alten Ägyptischen Geist wieder aufzuwecken vermag – dein Werk wird bleiben, und ein treuer Nachkomme dein Grab suchen, und mit andächtiger Hand dir schreiben, was das Leben fast aller Würdigen der Welt gewesen:

Voluit! quiescit!

Durchhalterotschöpfe: Dave Morrah: Me and the Liberal Arts, 1960s;
Frank Kane: Green Light for Death, 1956;
Chip Harrison: No Score, 1970, art by Elaine Duillo;
Carter Brown: The Myopic Mermaid, 1961,
alle via McClaverty.

Später Shakespeare: Cole Porter: Brush Up Your Shakespeare, aus: Kiss Me Kate, 1948, Film 1953.

Written by Wolf

25. Februar 2015 at 14:01

Diese seltsame Katzenandacht (Dieses scharf riechende Thier)

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Vorspann: ——— Goethe an Johann Gottfried Herder. Rom, 13. Januar 1787:

In meiner Stube hab ich schon die schönste Jupiter Büste, eine kolossale Juno über allen Ausdruck groß und herrlich, eine andre kleiner und geringer, das Haupt des Apoll von Belvedere und in Tischbeins Studio steht auch manches dessen Werth mir aufgeht. Nun rücke ich zu den Gemmen, und alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle.

——— Goethe: Rom, den 25. December 1786,
in: Italienische Reise, Von Ferrara bis Rom:

Letizia Mancino, Die Katze in Goethes Bett. Goethes schwierigste Liebesbeziehung in Rom, AIG I. Hilbinger Verlagsgesellschaft, 2009Ich fange nun schon an die besten Sachen zum zweitenmal zu sehen, wo denn das erste Staunen sich in ein Mitleben und reineres Gefühl des Werthes der Sache auflös’t. Um den höchsten Begriff dessen was die Menschen geleistet haben, in sich aufzunehmen, muß die Seele erst zur vollkommenen Freiheit gelangen.

Der Marmor ist ein seltsames Material, deßwegen ist Apoll von Belvedere im Urbilde so gränzenlos erfreulich, denn der höchste Hauch des lebendigen, jünglingsfreien, ewig jungen Wesens verschwindet gleich im besten Gyps-Abguß.

Gegen uns über im Palast Rondanini steht eine Medusenmaske, wo, in einer hohen und schönen Gesichtsform, über Lebensgröße, das ängstliche Starren des Todes unsäglich trefflich ausgedrückt ist. Ich besitze schon einen guten Abguß, aber der Zauber des Marmors ist nicht übrig geblieben. Das edle Halbdurchsichtige des gelblichen, der Fleischfarbe sich nähernden Steins ist verschwunden. Der Gyps sieht immer dagegen kreidenhaft und todt.

Und doch, was für eine Freude bringt es, zu einem Gypsgießer hineinzutreten, wo man die herrlichen Glieder der Statuen einzeln aus der Form hervorgehen sieht, und dadurch ganz neue Ansichten der Gestalten gewinnt. Alsdann erblickt man neben einander, was sich in Rom zerstreut befindet, welches zur Vergleichung unschätzbar dienlich ist. Ich habe mich nicht enthalten können, den kolossalen Kopf eines Jupiters anzuschaffen. Er steht meinem Bette gegenüber, wohl beleuchtet, damit ich sogleich meine Morgenandacht an ihn richten kann, und der uns, bei aller seiner Großheit und Würde, das lustigste Geschichtchen veranlaßt hat.

Unserer alten Wirtin schleicht gewöhnlich, wenn sie das Bett zu machen hereinkommt, ihre vertraute Katze nach. Ich saß im großen Saale und hörte die Frau drinne ihr Geschäft treiben. Auf einmal, sehr eilig und heftig gegen ihre Gewohnheit, öffnet sie die Thüre, und ruft mich eilig zu kommen, und ein Wunder zu sehen. Auf meine Frage: was es sey, erwiederte sie, die Katze bete Gott Vater an. Sie habe diesem Thiere wohl längst angemerkt, daß es Verstand habe wie ein Christ, dieses aber sey doch ein großes Wunder. Ich eilte mit eigenen Augen zu sehen, und es war wirklich wunderbar genug. Die Büste steht auf einem hohen Fuße, und der Körper ist weit unter der Brust abgeschnitten, so daß also der Kopf in die Höhe ragt. Nun war die Katze auf den Tisch gesprungen, hatte ihre Pfoten dem Gott auf die Brust gelegt, und reichte mit ihrer Schnauze, indem sie die Glieder möglichst ausdehnte, gerade bis an den heiligen Bart, den sie mit der größten Zierlichkeit beleckte und sich weder durch die Interjection der Wirthin, noch durch meine Dazwischenkunft im mindesten stören ließ. Der guten Frau ließ ich ihre Verwundrung, erklärte mir aber diese seltsame Katzenandacht dadurch, daß dieses scharf riechende Thier wohl das Fett möchte gespürt haben, das sich aus der Form in die Vertiefungen des Bartes gesenkt und dort verhalten hatte.

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in seiner römischen Wohnung, Federzeichnung 1787, rechts außen die Juno Ludovisi

Cover nach Tischbein: Letizia Mancino: Die Katze in Goethes Bett:
Goethes schwierigste Liebesbeziehung in Rom
, AIG I. Hilbinger Verlagsgesellschaft, 2009;
Das verfluchte zweite Küßen: Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in seiner römischen Wohnung, Federzeichnung 1787. Rechts außen die Juno Ludovisi.

Written by Wolf

14. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Sturm & Drang

Hunderttausende erlebten Goethe, Schiller und Herrndorf! Schon beim Saisonauftakt waren alle tot. Dass Schiller nicht Wolfgang hieß, verblüffte alle.

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Update zu Mein Lied ertönt der unbekannten Menge und
So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus:

Das aktuelle Ranking der drei beliebtesten deutschen Theaterstücke des Deutschen Bühnenvereins:

Die Realität ist für diejenigen, die ihre Träume nicht aushalten, Faust am Residenztheater München, Juni 2014In der Theatersaison 2012/2013 gab es in Deutschland 43 Inszenierungen von Goethe: Faust. Insgesamt erlebten sie 380 Aufführungen; das ist etwas mehr als eine pro Tag.

Im gleichen Zeitraum im gleichen Erhebungsgebiet gab es 29 Inszenierungen von Wolfgang Herrndorf: Tschick. Insgesamt erlebten sie 764 Aufführungen; das sind etwas mehr als zwei pro Tag. Sie erreichten knapp 99.000 Zuschauer — nach verkauften Theaterkarten, nicht nach „Klicks“ auf halblegale Handy-Mitschnitte auf YouTube.

Im gleichen Zeitraum im gleichen Erhebungsgebiet gab es 24 Inszenierungen von Schiller: Kabale und Liebe. Sie erreichten 122.000 Zuschauer.

Tschick hat damit erstmals in der Theatergeschichte mit einem Aufführungsrekord Goethe und Schiller überholt.

Herrndorf wird wegen seines überschaubaren und jedem Casting-Event die Bude einrennenden Personals — zwei renitente Berliner Jungs — mit Vorliebe an eher familiär geführten Studiobühnen gespielt, Kabale und Liebe wird ungebrochen als Anschauungsmaterial für Schulstoff gebraucht, Faust hatte erst im Juni 2014 seinen eigenen Monat im Münchner Residenztheater.

Dreisatzaufgabe: a) Wie viele Zuschauer erreichte Faust in der bundesdeutschen Theatersaison 2012/2013 in seinen 1,04 täglichen Aufführungen? b) Wie oft musste Kabale und Liebe für seine 334-einviertel täglichen Zuschauer aufgeführt werden?

Fachfrage: a) Wie viele Leute laufen in diesem Moment in Deutschland herum, die den Faust auswendig können? b) Wie viele können wenigstens eine Sprechrolle aus dem ersten Teil?

Transferaufgabe: Ist es zum Erzielen eines Theatererfolgs sinnvoller, a) Wolfgang zu heißen oder b) zu sterben?

Diese Fragen dürfen Sie als rhetorisch betrachten oder beantworten. Genugsame Brillanz bei letzterem belohne ich mit Buchgeschenken. Mach ich einfach.

Die Realität ist für diejenigen, die ihre Träume nicht aushalten:
Residenztheater München, Juni 2014.

Written by Wolf

12. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

Wanderwochen 01: Goethe guckt in die Ferne

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Update zum Gesang der Geister über den Wassern:

Zu den großen Fernsehmomenten der 1990er Jahre gehörte das Talkshow-Interview mit einem jungen Mann mit Glatze, Bomberjacke und Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln, der für den Stolz eintrat, ein Deutscher zu sein. Auf die Nachfrage, wie er denn auf etwas stolz sein könne, das er nicht geleistet hat, zum Beispiel seine Staatsangehörigkeit, gab er zur Antwort: wegen Goethe und Schiller. Die erneute Nachfrage, was denn da sein Lieblingsbuch von Goethe sei, ergab den großen Fernsehmoment: sein verblüfftes Gesicht.

Goethe, Waldlandschaft mit Wasserfall, 17. Juni 1775Obwohl ich keinen Wert darauf lege, junge Männer in der beschriebenen Staffage persönlich zu treffen, ja überhaupt zu erfahren, ob solche jemals außerhalb journalistischer Medien auftreten, kann hier nicht der Ort sein, über sie zu urteilen. Man liest ja allgemein viel zu wenig von und immer nur über Goethe.

Übrigens hätte Goethe gern Fernsehen geguckt. Von seinem Kumpel, dem Weimarer Herzog, mit zahlreichen Ämtern betraut, die wir nicht alle als reine Sinekuren einstufen können, als Freimaurer einer vita activa das Wort redend und als erklärter Augenmensch, wäre der Geheimrat oft heilfroh gewesen, wenn er zum Fernsehen käme: „Aber Du weißt, wie ich im Anschaun lebe“, schrieb er an seinen anderen Kumpel Johann Heinrich Merck (Weimar, 5. August 1778).

Visuelle Eindrücke musste Goethe sich deshalb holen, wo sie zu haben waren: wo Gott — mit dem er ein Leben lang leicht fremdelte — sie in seine Natur gestellt hat. Zur Erstbesteigung des Blocksbergs, vulgo Brocken, muss man immer schon dazubetonen, dass vor Goethe schon jemand oben war, und zwar auch im Winter; das galt also schon Goethes Generation nicht mehr als geradezu unmöglich, nur als unnötig schweres Unterfangen. Seine drei Reisen in die Schweiz hätten später Wandertouren geheißen, seine Ansichtskarten und Urlaubsfotos musste er noch selber zeichnen und tat es ausführlich, mit erkennbar trainierter Begabung und einem liebevollen Blick für Landschaften. Seine Graffiti in Wanderhütten genießen Weltruf, seine Naturgedichte füllen dicke Bände; da ist schon egal, dass sein Heideröslein von Herder abgeschrieben war. Seinen Doktor Faust bringt er anfangs durch einen Osterspaziergang zu gesünderem Menschenverstand.

——— Goethe an Johann Christian Kestner, Frankfurt, 25. Dezember 1772,
nach der Weimarer Ausgabe, Abteilung IV Band 2, Seite 48 f.:

Der Türner hat sich wieder zu mir gekehrt, der Nordwind bringt mir seine Melodie, als blies er vor meinem Fenster. Gestern lieber Kestner war ich mit einigen guten Jungens auf dem Lande, unsre Lustbarkeit war sehr laut, und Geschrey und Gelächter von Anfang zu Ende. Das taugt sonst nichts für die kommende Stunde, doch was können die heiligen Götter nicht wenden wenns Ihnen beliebt, sie gaben mir einen frohen Abend, ich hatte keinen Wein getruncken, mein Aug war ganz unbefangen über die Natur. Ein schöner Abend, als wir zurückgingen es ward Nacht. Nun muss ich dir sagen das ist immer eine Sympathie für meine seele wenn die Sonne lang hinunter ist und die Nacht von Morgen herauf nach Nord und Süd umsich gegriffen hat, und nur noch ein dämmernder Kreis von abend heraufleuchtet. Seht Kestner wo das Land flach ist ists das herrlichste Schauspiel, ich habe jünger und wärmer Stunden lang so ihr zugesehn hinabdämmern auf meinen Wandrungen. Auf der Brücke hielt ich still. Die düstre Stadt zu beyden Seiten, der Still leuchtende Horizont, der Widerschein im Fluß machte einen köstlichen Eindruck in meine Seele, den ich mit beyden Armen umfasste.

——— Goethe an Auguste Gräfin zu Stolberg, Frankfurt, 13. Februar 1775,
nach der Weimarer Ausgabe, Abteilung IV Band 2, Seite 233 f.:

Wenn Sie sich, meine liebe, einen Goethe vorstellen können, der im galonirten Rock, sonst von Kopf zu Fuse auch in leidlich konsistenter Galanterie, umleuchtet von vom unbedeutenden Prachtglanze der Wandleuchter und Kronenleuchter, mitten unter allerley Leuten, von ein Paar schönen Augen am Spieltische gehalten wird, der in abwechselnder Zerstreuung aus der Gesellschafft, ins Conzert, und von da auf den Ball getrieben wird, und mit allem Interesse des Leichtsinns, einer niedlichen Blondine den Hof macht; so haben Sie den gegenwärtigen Fassnachts Goethe, der Ihnen neulich einige dumpfe tiefe Gefühle vorstolperte, der nicht an Sie schreiben mag, der Sie auch manchmal vergißt, weil er sich in Ihrer Gegenwart ganz unausstehlich fühlt.

Aber nun giebts noch einen, den im grauen Biber-Frack mit dem braunseidnen Halstuch und Stiefeln, der in der streichenden Februarluft schon den Frühling ahndet, dem nun bald seine liebe weite Welt wieder geöffnet wird, der immer in sich lebend, strebend und arbeitend, bald die unschuldigen Gefühle der Jugend in kleinen Gedichten, das kräfftige Gewürze Lebens in mancherley Dramas, die Gestalten seiner Freunde und seiner Gegenden und seines geliebten Hausraths mit Kreide auf grauem Papier, nach seiner Maase auszudrücken sucht, weder rechts noch links fragt: was von dem gehalten werde was er machte? weil er nach keinem Ideale springen, sondern seine Gefühle sich zu Fähigkeiten, kämpfend und spielend, entwickeln lassen will.

Wäre das Fernsehprogramm um 1775 aus naheliegenden Gründen nicht noch indiskutabler gewesen als heute, wären wir nicht reicher, sondern ärmer. So muss das der stolze deutsche junge Mann im Fernsehen gemeint haben.

Goethe, Kapelle, 18. Juni 1775

Texte zeichentreu aus: Goethe wandert. Ausgewählt, herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Jochen Klauß, Hain Verlag, Rudolstadt und Jena 1988. Leider nur 64 Seiten im Briefumschlagformat DIN-Lang C6, daher mehr als Geschenkbuch geeignet.

Bilder: Goethe: Tuschzeichnung Waldlandschaft mit Wasserfall, 17. Juni 1775.
Auf der Rückseite bezeichnet: „17 Juni 75 Rigi“. (Koetschau / Morris, Tafel 3; Corpus I, Nr. 112; Maisak, Nr. 27);
Auf der Rückseite, nicht von Goethes Hand, bezeichnet: „Goethe den 18. Jun. 1775“. Kapelle, an einem bewaldeten Berghang gelegen, rechts seitlich ein Bauernhaus. Wahrscheinlich bezieht sich auf dieses Blatt die Bemerkung im Tagebuch: „18. Sontags früh gezeichnet die Capelle vom Ochsen aus“. (Koetschau / Morris, Tafel 4).
Beide via Jutta Assel und Georg Jäger: Goethes Schweizerreise 1775. Alpenwanderung in Wort und Bild, Januar 2011

Written by Wolf

24. Juli 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang