Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Sturm & Drang’ Category

Verdächtige Grübler, die Seligkeiten der Dummheit und daß die Leute besser lesen lernten

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
und Wie werde ich Schriftsteller? (Von den Exkrementen hirnloser Köpfe):

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Wieland zählt zu den paar Schreibern, von denen gleich zwei Gesamtausgaben unkündbar bei mir wohnen: die von 1853 ff., die auch Arno Schmidt benutzt hat, und die Hamburger von 1984, seit Jahren die 14 Bände plus Johann Gottfried Gruber: C. M. Wielands Leben für etwas um die 20 Euro — bei mir waren es 15 Euro versandkostenfrei —, die man lesen kann. In beiden fehlt der Aufsatz darüber, Wie man lies’t, weil das Korpus aus dem Teutschen Merkur selbst die Ausgabe von 36 in 18 Bänden von 1853 gesprengt hätte. Ich gebe den Aufsatz ungekürzt leserlich wieder und noch zwei themenverwandte Preziosen dazu:

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

——— Christoph Martin Wieland:

An Johann Jakob Bodmer in Zürich

Tübingen, den 1. April 1752:

Meine Landsleute sind von der Art, daß meine bisherigen Schriften mich, anstatt zu empfehlen, um allen Credit bringen. Einen Poeten hält man da für einen Zeitverderber und unnützen Menschen, und einen Philosophen für einen Schwätzer und verdächtigen Grübler; beyde Wissenschaften aber für brodlose Künste, mit denen sich kein kluger Mensch viel einläßt. […]

Ich finde daß ein Mensch, der wie ich denkt, nur in wenigen Fällen brauchbar ist. Man muß ein Thor oder ein Bösewicht seyn, um nach dem Geschmack der Welt zu seyn.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Der Schlüssel zur Abderitengeschichte

aus: Die Abderiten. Eine sehr wahrscheinliche Geschichte von Herrn Hofrath Wieland.
Zweiter Teil, der das vierte und fünfte Buch und den Schlüssel enthält,
in: Der Teutsche Merkur 1774 bis 1780 (Buchfassung Geschichte der Abderiten, 1781):

Es war (so lautet sein Bericht) – es war ein schöner Herbstabend im Jahr 177*; ich befand mich allein in dem obern Stockwerk meiner Wohnung und sah (warum sollt ich mich schämen zu bekennen wenn mir etwas menschliches begegnet?) vor langer Weile zum Fenster hinaus; denn schon seit vielen Wochen hatte mich mein Genius gänzlich verlassen. Ich konnte weder denken noch lesen. Alles Feuer meines Geistes schien erloschen, alle meine Laune, gleich einem flüchtigen Salze, verduftet. Ich war oder fühlte mich wenigstens dumm, aber ach! ohne an den Seligkeiten der Dummheit Teil zu haben, ohne einen einzigen Gran von dieser stolzen Zufriedenheit mit sich selbst, dieser unerschütterlichen Überzeugung, welche gewisse Leute versichert, daß alles, was sie denken, sagen, träumen und im Schlaf reden, wahr, witzig, weise, und in Marmor gegraben zu werden würdig sei – einer Überzeugung, die den echten Sohn der großen Göttin, wie ein Muttermal, kennbar und zum glücklichsten aller Menschen macht. Kurz, ich fühlte meinen Zustand, und er lag schwer auf mir; ich schüttelte mich vergebens; und es war (wie gesagt) so weit mit mir gekommen, daß ich durch ein ziemlich unbequemes kleines Fenster in die Welt hinaus guckte, ohne zu wissen was ich sah, oder etwas zu sehen, das des Wissens oder Sehens wert gewesen wäre.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Wie man lies’t

Eine Anekdote

in: Der Teutsche Merkur, 1781:

Es würde wenig helfen, dem Publicum eine Confidenz von meinen eignen Erfahrungen, wie man gelesen wird, zu machen; viele davon wurden hinlänglich seyn, den entschlossensten und harthäutigsten Autor auf ewig abzuschrecken — „Und haben euch gleichwohl nicht abgeschreckt,“ grinzt mir ein Satiro maligno zu. — Ich bekenne gerne, daß ich ihm lieber nichts antworten, als die Schuld auf das Schickfal schieben will. Aber dieser Tage las ich in einem Französischen Buche eine Anekdote diesen Artikel betreffend, womit ich — wie sich alles Gute gerne mittheilt — meine Leser, zu eignem beliebigen Nachdenken, regaliren will. Facta sind immer lehrreicher als Declamationen. Der Autor — sein Name thut nichts zur Sache, aber er ist, in meinem Sinne, noch einer von den besten, die sich jetzt zu Paris von der Bücherfabrik nähren — spricht von dem mannichfaltigen Ungemach, dem die Schriftsteller ausgesetzt sind, bis der Tod ihrem Leiden ein Ende macht, und die Zeit entweder ihre Werke in den Abgrund der Vergessenheit gestürzt, oder, zu spät für den armen Autor! mit Preis und Unsterblichkeit krönt. Das Unglück, obenhin, unverständig, ohne Geschmack, ohne Gefühl, mit Vorurtheilen, oder gar mit Schalksaugen und bösem Willen gelesen zu werden — oder, wie die meisten Leser, die nur zum Zeitvertreib in ein Buch gucken — oder zur Unzeit, wenn der Leser übel geschlafen, übel verdaut, oder unglücklich gespielt, oder sonst Mangel an Lebensgeistern hat — oder gelesen zu werden, wenn gerade dieses Buch, diese Art von Lecture unter allen möglichen sich am wenigsten für ihn schickt, und seine Sinnesart, Stimmung, Laune, mit des Autors seiner den vollkommensten Contrast macht — das Unglück, so gelesen zu werden, ist, nach der Meinung des besagten Autors, keines von den geringsten, welchen ein Schriftsteller (zumal in Zeiten, wie die unsrige, wo Lesen und Bücherschreiben einen Hauptartikel des Nationalluxus ausmacht) sich und die armen ausgesetzten Kinder seines Geistes täglich und unvermeidlich bloß gestellt fehen muß. Unter hundert Lesern kann man sicher rechnen von achtzig so gelesen zu werden; und man hat noch von Glück zu sagen, wenn unter den zwanzig übrigen etwan Einer ganz in der Verfassung ist, welche schlechterdings dazu gehört, um dem Werke das man lies’t (und wenn’s auch nur ein Madrigal ware) sein völliges Recht anzuthun. Was Wunder also, wenn den besten Werken in ihrer Art, und in einer sehr guten Art, oft so übel mitgespielt wird? Was Wunder, wenn die Leute in einem Buche finden, was gar nicht drin ist; oder Ärgerniß an Dingen nehmen, die, gleich einem gesunden Getränke in einem verdorbnen Gefäße, bloß dadurch ärgerlich werden, weil sie in dem schiefen Kopf oder der verdorbnen Einbildung des Lesers dazu gemacht werden? Was Wunder, wenn der Geist eines Werkes den meisten so lange, und fast immer unsichtbar bleibt? Was Wunder, wenn dem Verfasser oft Absichten, Grundsätze und Gesinnungen angedichtet werden, die er nicht hat, die er, vermöge seines Charakters, seiner ganzen Art zu existiren, gar nicht einmal haben kann? Die Art, wie die meisten lesen, ist der Schlüssel zu allen diesen Ereignissen, die in der literarischen Welt so gewöhnlich sind. Wer darauf Acht zu geben Lust oder innern Beruf hat, erlebt die erstaunlichsten Dinge in dieser Art. Die ungerechtesten Urtheile, die widersinnigsten Präventionen, die oft für eine lange Zeit zur gemeinen Sage werden, und zuletzt, ohne weitere Untersuchung, für eine abgeurthelte Sache passiren, wiewohl kein Mensch jemals daran gedacht hatte, die Sache gründlich und unparteiisch zu untersuchen — haben oft keine andre Quelle als diese. Der Autor und sein Buch werden, mit Urtheil und Recht, aber nach eben so seinen Grundsätzen, nach einer eben so tumultuarischen und albernen Art von Inquisition, kurz mit eben der Iniquität oder Sancta Simplicitas verdammt, wie ehemals — die Hexen verbrannt wurden. Hier ist das Exempelchen, womit wir diese kleine vorläufige und vergebliche Betrachtung krönen wollen.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016Rousseau’s neue Heloise war vor kurzem ans Licht getreten. In einer großen Gesellschaft behauptete jemand, Jean-Jacques hätte in diesem Buche den Selbstmord gepredigt. Man holte das Buch herbei; man las den Brief von St. Preux, wo die Rede davon ist. Alle Anwesenden schrien überlaut, man sollte ein solches Buch durch den Henker verbrennen lassen; und den Autor — es fehlte wenig, daß sie nicht auch den mit ins Feuer geworfen hatten. Indessen, da J. J. Rousseau gleichwohl für einen großen Mann passirt, so fanden sich einige, denen es billig dünken wollte, ehe man zur Execution schritte, die Sache näher zu untersuchen. Sie lasen den vorhergehenden Brief, und dann den folgenden: und da fand sich, daß gerade dieser Brief ganz entscheidende Gründe gegen den Selbstmord gab, und daß J. J. Rousseau über diesen Punkt ganz gesunde Begriffe hatte. Aber die Sage des Gegentheils hatte nun einmal überhand genommen; die Gansköpfe hielten fest, und fuhren fort mit ihrer eignen Dummdreistigkeit zu versichern, Jean-Jacques predige auf der und der Seite seines Buchs den Selbstmord, wiewohl er auf der und der Seite just das Gegentheil that.

„Was ist nun mit solchen Leuten anzufangen?“ Nichts.

Was soll ein Schriftsteller, der das Unglück hat in einen solchen Fall zu kommen, zu Rettung seiner Unschuld und Ehre sagen?“ Nichts.

Was håtte ihn davor bewahren können?“ Nichts.

„Sollte denn kein Mittel seyn?“ O ja, ich besinne mich — er håtte selbst ein Ganskopf seyn — oder auch gar nichts schreiben — oder, was das sicherste gewesen wäre, beim ersten Hineingucken in die Welt den Kopf gleich wieder zurüxkziehen und hingehen sollen, woher er gekommen war —

„Das sind Extrema —“ So denk ich auch.

Ja, freilich ist der Menschen kurzes Leben
Mit Noth beschwert, wie Avicenna spricht.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Mit den Autoren ist kein Mitleiden zu haben — und den Lesern ist nicht zu helfen. Aber gleichwohl wäre zu wünschen, daß die Leute besser lesen lernten.

Bilder: Magdalena „Nishe“ Lutek für Book of Dreams: I’m away with my imagination, 25. April 2016.

Soundtrack: Colter Wall: Ballad of a Law Abiding Sophisticate, aus: Imaginary Appalachia, 2015:

Written by Wolf

29. Januar 2021 at 00:01

Nachtstück 0027: Uns lieben Brüdern Wohlgefallen und ein recht gutes Jahr!

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Upate zu Naseweise Weihnachten und
Nachtstück 0025: Die Thurmuhr brummte Zwölf:

Anfang Januar bis Ende Februar 1777 redigierte Matthias Claudius das amtliche Organ der Landkommission Hessen-Darmstädtische privilegierte Landzeitung, das er, wie aus den ursprünglich darin erschienenen Görgeliana erkennbar, ähnlich führte wie zuvor 1770 bis 1775 seine vierte, feuilletonartig letzte Seite im Wandsbecker Boten. In alle Sammlungen des Boten und die Werkausgaben von Matthias Claudius wurde immer nur die folgende Auswahl aufgenommen.

„Görgel“ ist verbreitet mundartlich für „Georg“ oder „Jürgen“.
Das Bildmaterial ist unabhängig von Matthias Claudius.

Gedeihliches neues Jahr für alle!

——— Matthias Claudius:

Görgeliana

in: ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Dritter Theil, Wandsbeck, beym Verfasser, 1777, korrigiert nach der mit „1774“ bezeichneten Erstausgabe:

Vorbericht.

Diese Görgeliana schreiben sich von Görgeln her, und Görgel ist eigentlich ein alter lahmer Invalide, der sich in seinen alten Tagen noch auf die Feder applicirte, und würklich der Verfasser einer gewissen Druckschrift ward, die als disjecti membra poëtae ins Publikum herausgieng. Ich war mit ihm bekannt worden, und wie’s unter den Gelehrten ist, daß sie einander aushelfen, so half ich ihm, wenn er keine Zeit, oder Reissen im Bein hatte, nach meiner Wenigkeit auch aus, wie zum Theil folget, nicht ohne seine Erlaubnis.

Weiter wüßte ich nichts vorzuberichten, etwa noch daß die Tanne ein Wald von Tannen ist, etliche Stunden groß, darin sich’s im Jahr 1776 und 1777 recht gut spatziren ließ.

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No. 1. Des alten lahmen Invaliden, Görgel, sein Neujahrswunsch.

Christoph Weiss, deutscher Comödie- und Raritäten-Zetteltrager, Kupferstich 1771, Goethezeitportal 2013Sie haben mich dazu beschieden,
     So bring‘ ichs denn auch dar:
Im Namen aller Invaliden
     Wünsch ich ein fröhlich Jahr

Zuerst dem lieben Bauernstande;
     Ich bin von Bauern her,
Und weiß, wie nöthig auf dem Lande
     Ein fröhlich Neujahr wär.

Gehn viele da gebückt, und welken
     In Elend und in Müh,
Und andre zerren dran und melken,
     Wie an dem lieben Vieh.

Und ist doch nicht zu defendiren,
     Und gar ein böser Brauch;
Die Bauern gehn ja nicht auf Vieren,
     Es sind doch Menschen auch;

Und sind zum Theil recht gute Seelen.
     Wenn nun ein solches Blut
Zu Gott seufzt, daß sie ihn so quälen;
     Das ist fürwahr nicht gut.

Ein fröhlich, fröhlich Jahr den Fürsten,
     Die nach Gerechtigkeit,
Nach Menschlichkeit und Wohlthun dürsten;
     Der Fürsten Ehrenkleid!

Sie sind in diesem Ehrenkleide
     Wie Gottes Engel schön!
Und haben selbst die meiste Freude;
     Sonst muß ichs nicht verstehn.

Ein fröhlich Jahr und Wohlbehagen
     Dem Fürsten unserm Herrn!
Der auch in unsern alten Tagen
     Nicht lässet, der noch gern

An alte Invaliden denket
     Auf seinem Fürstenthron,
Und uns des Lebens Pflege schenket!
     Dank ihm und Gotteslohn!

Und seinen Unterthanen allen,
     Wir sind ja Brüder gar,
Uns lieben Brüdern Wohlgefallen
     Und ein recht gutes Jahr!

„Und allen edeln Menschen Friede
     „Und Freud‘ auf ihrer Bahn!
„Ich segne sie in meinem Liede,
     „So viel ich segnen kann;

„Und fühl in diesem Augenblicke
     „Den lahmen Schenkel nicht,
„Und steh‘ und schwinge meine Krücke,
     „Und glühe im Gesicht.“

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No. 4. Billet doux, von Görgel an seinen Herrn, den 10. Jan.

Es schneit noch immer, mein lieber Herr, als obs gar nicht wieder aufhören wolle.

Joseph Bergler, Neujahrswünsche für 1807, Goethezeitportal 2013Was doch für eine Menge Schnee in der Welt ist! hier so viel Schnee! und in der Pfalz so viel! und in Amerika! und in der Tanne! – ich pflege denn so meinen Gang nach der Tanne zu haben, weiß er wohl. Der grosse Wald ist von Natur mein Lustrevier, und die Tanne liegt mir so bequem, grade am Thor, und führt eine schöne lange Lindenallee dahin; denn sind auch immer so viele arme Leute darin, alt und jung, die Holz sammlen, und auf dem Kopf zu Hause tragen; und das seh ich so mit an, und gehe meinen Gang hin. Seit der viele Schnee gefallen ist, fehlt mir aber meine Gesellschaft; die armen Leute können nicht zu, und ich kann denken, daß sie sowohl hier, als überall wo so viel Schnee liegt, bey der Kälte übel daran sind. Mein Herr hat Gottlob einen warmen Rock und eine warme Stube, da merkt er’s nicht so; aber wenn [man nichts in und um den Leib hat und] denn kein Holz im Ofen ist, da friert’s einen gewaltig.

Am Nordpol, hinter Frankfurt, soll Sommer und Winter hoch Schnee liegen, sagen die Gelehrten, und in den Hundstagen treiben da Eisschollen in der See, die so groß sind als die ganze Herrschaft Epstein, und thauen ewig nicht auf! und doch hat der liebe Gott allerley Thiere da, und weiße Bären, die auf den Eisschollen herum gehen und guter Dinge sind, und große Wallfische spielen in dem kalten Wasser und sind frölich. Ja, und auf der andern Seite unter der Linie, über Heidelberg hinaus, brennt die Sonne das ganze Jahr hindurch, daß man sich die Fußsohlen am Boden sengt. Und hier bei uns ists bald Sommer und bald Winter. Nicht wahr, mein lieber Herr, das ist doch recht wunderbar! und der Mensch muß es sich heiß oder kalt um die Ohren wehen lassen, und kann nichts davon noch dazu thun, er sei Fürst oder Knecht, Bauer oder Edelmann. Wenn ich das so bedenke, so fällt’s mir immer ein, daß wir Menschen doch eigentlich nicht viel können, und daß wir nicht stolz und störrisch, sondern lieber hübsch bescheiden und demüthig sein sollten. Sieht auch besser aus, und man kommt weiter damit.

Nun Gott befohlen, eliber Herr, und wenn er n Stück Holz übrig hat, geb‘ ers hin, und denk‘ er, daß die armen Leute keine weiße Bären noch Wallfische sind.

Sein Diener Görgel

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No. 15. Schreiben von Görgel an seinen Herrn, d. d. 1777.

Ich komme morgen nicht zu Hause. „Warum nicht Görgel?“ Darum nicht, mein lieber Herr! ich komme nicht und kann nicht kommen.

Johann Adam Klein, Zum neuen Jahr 1820, Milano 1819, Goethezeitportal 2013’s wird ihm bekannt seyn, daß unser lieber Erbprinz sich morgen vermählt, und daß alle Leute im Lande, Vornehme und Geringe, so was machen und thun wollen, so ’n Carmina, oder Illumination, oder Musick, Tanz und dergleichen, ein jeder nach seiner Art, und wie ihm der Schnabel gewachsen ist, alles aber, damit der Erbprinz sehen soll, wie lieb sie ihn und seine Braut haben. Und da wollen wir alten Invaliden auch was thun, sieht er, mein lieber Herr! und da wollen unser etliche zusammen kommen in unsern Sonntagsröcken und mit weissen Vorermeln, und denn will ich vor ihnen hintreten und eine Rede halten.

Er kann leicht denken, was das für eine Rede werden, und daß es nicht gehauen und nicht gestochen seyn wird. Aber ’n jeder macht’s, so gut er kann, und kurz, ich werde ohngefähr so sagen: „Cam’raden, wir haben alle graue Haare und sollen bald sterben; hofieren und schmeicheln steht uns nicht an. Aller Welt Lust und Herrlichkeit ist eitel und vergänglich, und am Ende besteht nichts, als wenn man Gott fürchtet und recht thut! Cam’raden, auch die besten Fürsten sind Menschen, und darum muß man bey aller Gelegenheit für sie beten. Glückzu denn heute unserm geliebten Erbprinzen und seiner Braut! wenn sie der Pfarrer einseegnet und sie einander die Hände geben, so seegne sie Gott ein, und die Sonne scheine milde und freundlich vom Himmel herab! – Und wenn er einst, wir erlebens nicht, wir liegen dann alle schon im Grabe, aber wenn er einst die Regierung seines Landes übernimmt, so erfülle Gott unsre Hoffnung, und gebe, daß er ein guter Regent werde, damit er im Himmel zu uns komme.“

Wenn ich das sage, „daß er ein guter Regent werde etc.“, dann sollen alle Cam’raden die Hüte und Kappen abthun, und denn wollen wir ’n „Vater Unser“ beten, und hernach uns hinsetzen, und unsers gnädigen Herrn Landesfürsten, des Erbprinzen, der Erbprinzessin und aller F. Herrschaften, und des Herrn Präsidenten seine Gesundheit trinken, in 66iger wenn uns der Wirthsmann nicht betriegt. Addies lieber Herr, schreib er mir doch ’nmal, er hat mir so lange nicht geschrieben, und schenk‘ er mir einen krummen Kamm in meine Haare.

Sein Diener etc.
Görgel

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No. 19. Beschluß-Nachricht von Görgel an seinen Herrn,
d. d. Gr. den 27sten Februar 1777.

Das Himmelszeichen ist auch hier zu sehen gewesen; ’s gieng grade über unser Invalidenhaus! und hat ausgesehn wie eine Ruthe! Es wird aber doch mit Gottes Hülfe nichts Böses bedeuten. Denn es war so schön weiß und helle, und man konnte die lieben Sternlein durchsehen.

Ende der GÖRGELIANA

Bilder: Christoph Weiss, deutscher Comödie- und Raritäten-Zetteltrager, Kupferstich 1771;
Joseph Bergler: Neujahrswünsche für 1807, 26 auf 21,5 cm;
Johann Adam Klein: Zum neuen Jahr 1820, Milano 1819, Platte 9,3 auf 7,5 cm;
via Jutta Assel/Georg Jäger: Neujahrswünsche auf Grafiken von Künstlern der Goethezeit, Neujahr 2013.

Soundtrack als zweiter Versuch für einen neuen Anfang:
Anti Cornettos: Korsakov Syndrom, aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Written by Wolf

1. Januar 2021 at 00:01

Umgestülpte Teufel (und Kryptonit für Circe)

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Update zu Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen und
Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten:

Eine Möglichkeit ist, es so aufzuteilen: Poe hat noch Fans, Wieland nicht.

Supergirl via Sir Person 56, September 17th, 2017

——— Edgar Allan Poe:

Marginalia 229

aus: Marginalia, in: Southern Literary Messenger, Juni 1849, Übs. Hans Wollschläger:

„He that is born to be a man,“ says Wieland in his „Peregrinus Proteus,“ „neither should nor can be anything nobler, greater, or better than a man.“ The fact is, that in efforts to soar above our nature, we invariably fall below it. Your reformist demigods are merely devils turned inside out.

„Wer zum Menschen geboren wurde“, sagt Wieland in seiner „Geheimen Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus“, „soll und kann nichts edleres, größeres und besseres seyn als ein Mensch.“ Und in der Tat: jedwedes Bestreben, sich zum Uebermenschlichen empor zu schwingen, führt unwandelbar zum Absturz ins Untermenschliche. Unsre reformistischen Halb-Götter sind denn auch nichts Andres als umgestülpte Teufel.

Technically speaking, wie der rezente Amerikaner sagen würde, stimmt das. Originaltext:

——— Christoph Martin Wieland:

Peregrins geheime Geschichte in Gesprächen im Elysium

aus: Peregrinus Proteus, 1787:

Wer zum Menschen geboren wurde, soll und kann nichts Edleres, Größeres und Besseres seyn als ein Mensch – und wohl ihm, wenn er weder mehr noch weniger seyn will!

Das sagt im Dialog mit Rollenverteilung die Figur Lucian. Viel glauben, was „Wieland sagt“, dürfen wir der titelgebenden Figur Peregrin, also weiter im Text. „Moly“ ist ein aus der Odyssee bekanntes Zauberkraut, welches Ulysses zu Entkräftung der Zauberkräfte der Circe von Hermes empfing — mithin eine Art frühes Kryptonit für Zauberinnen:

Peregrin.

Supergirl Being Super, via Superman Wiki, December 2016Aber, lieber Lucian, gerade um nicht weniger zu werden als ein Mensch, muß er sich bestreben mehr zu seyn. Unläugbar ist etwas Dämonisches in unsrer Natur; wir schweben zwischen Himmel und Erde in der Mitte, von der Vaterseite, so zu sagen, den höhern Naturen, von unsrer Mutter Erde Seite den Thieren des Feldes verwandt. Arbeitet sich der Geist nicht immer empor, so wird der thierische Theil sich bald im Schlamme der Erde verfangen, und der Mensch, der nicht ein Gott zu werden strebt, wird sich am Ende in ein Thier verwandelt finden.

Lucian.

Es wäre denn, daß ihn die wohlthätige Natur, wie Mercur den Ulysses beim Homer, mit einem Moly beschenkt hätte, durch dessen Tugend er allen solchen Bezauberungen Trotz bieten kann.

Peregrin.

Und wie nennest du diesen wundervollen Talisman? Denn so viel ich mich aus meinem Homer besinne, ist Moly nur der Nahme, den ihm die Götter gaben.

Lucian.

Verstand nenne ich ihn, lieber Peregrin, gemeinen, aber gesunden Menschenverstand.

Peregrin (indem er ihm scharf in die Augen sieht).

Und dieses Moly hätte dich in deinem Leben immer vor der Zauberruthe der schönen Circe verwahrt?

Lucian.

Vor ihren Verwandlungen allerdings: es setzte mich ungefähr in das nehmliche Verhältniß mit ihr, worein Ulysses durch die Kraft seines Moly mit der Sonnentochter kam. Denn seinem Moly allein, so wie ich dem meinigen, hatte er es zu danken, daß er jenes Aristippische εχω ουκ εχομαι sagen konnte, worauf in solchen Dingen alles ankommt, wie du weißt.

Was uns lehrt: 1.) 1849 war Wieland schon — oder soll man sagen: noch? — ins Englische übersetzt und in Richmond/Virginia erreichbar. 2.) Um seine Fans über Jahrhunderte zu behalten, genügt es, gar nicht groß über die Einleitungen seiner Sekundärliteratur hinaus zu lesen. Vor allem über die der fremdsprachigen, wenngleich schon übersetzten.

Als so fauler Leser wie jeder andere auch finde ich das sehr beruhigend, empfehle aber trotzdem noch sehr viel weiter über diesen Ausschnitt der Einleitung hinaus zu lesen: Wieland sollte Fans haben.

Supergirl via Sir Person 56, September 17th, 2017

Mensch und Übermenschin: Cover Supergirl: Being Super, Dezember 2016;
Sir Person (will post spoilers), 19. September 2017:

Just some panels from New 52 Supergirl and Supergirl: Being Super cause Kara is great.

Soundtrack: Lisa Hannigan: I Don’t Know, aus: Sea Sew, 2008,
live in Dick Mac’s Pub zu Dingle im irischen County Kerry, 17. Juni 2008:

I don’t know what you smoke
Or what countries you’ve been to
If you speak any other languages other than your own
I’d like to meet you

Written by Wolf

2. Oktober 2020 at 00:01

In heiliger Nacht, in Zaubernacht

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Update zu Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!,
Wem recht die Brust sich dehnte vom sanften Lau des März (oh yeah!)
und Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht:

Die Träger des Namens Johannes, kurz: Hans, gern mit verschiedenen Diminutiva suffigiert, teilen sich in der Volksetymologie des mittelbairischen Sprachraums auf in Hanswurst und Hansdampf. Hanswurste heißen nach dem Apostel Johannes Evangelist und feiern am 27. Dezember Namenstag, Hansdampfe heißen nach Johannes dem Täufer und feiern am Johannistag, dem 24. Juni.

Der Feiertag des Hansdampf steht insofern höher als andere Namenstage, als er mit der Sommersonnenwende zusammenfällt. Das bedeutet: Die Tage werden kürzer, die Nächte zum Ausgleich länger, der Sommeranfang ist deshalb eigentlich ein Winteranfang, mit dem gleichen Argument ist, wie schon einmal dargestellt, Sommeranfang kurz vor Weihnachten.

Dieses Doppelgesicht der Feierlichkeiten zum „Mittsommer“, der eigentlich dessen Anfang ist, zeigt sich auch literaturhistorisch: Fasste Wieland seine Übersetzung von Shakespeare-Dramen — die erste deutsche — noch größtenteils in Prosa, machte er bei deren erstem Ein St. Johannis Nachts-Traum 1762, heute in späterer Übersetzung bekannter als Sommernachtstraum eine Ausnahme; sein Weimaraner Freund, Kollege und Nachbar Herder fasste ungefähr 1772 seine Ode zur Sanct-Johannes-Nacht in ein übliches Odenversmaß des Sturm und Drang: letztendlich in gar keins.

Johannisnacht ist vor dem Johannistag, also die Nacht vom 23. auf 24. Juni.

——— Johann Gottfried Herder:

Sanct-Johannes-Nacht

zwischen 1760 und 1803, vermutlich 1772:

Vivien Leigh, A Midsummer Night's Dream, Titania, 1937Schönste Sommernacht!
Ich schwimm‘ in Rosen und blühenden Bohnen
Und duftenden Hecken und Nachtviolen,
In tausend Düften – o Natur,
Wo kenn‘ ich Deine Kinder alle,
Die Bräute alle,
Die jetzt sich schmücken und lieben und paaren
Und feiern Brautnacht! – Schöne Nacht!
Wie die Schöpfung flammet und wallt!
Als ob der allanflammende Sonnenvater
Mit welcher Jugendinbrunst jetzt
Die Erd‘ umarmt‘! – Und der Himmel brennt:
Dort Abendroth, hier Morgenroth –
Wie kühler, dämmernder Thautag! – Und –
Und hundert Wesen schwirren empor
In Luft und Wasser und See und Sand,
Summen empor! Lieben! – Unendlich, ach,
Unerschöpflich bist Du schön,
Mutter Natur!
Und hundertartige Deiner Kinder
In Leben und Lieben und Sein und Freuden!
Wer kann sie zählen! wer kann sie fühlen! –
Und Du,
In hundert Arten und Sein und Wesen
Und Lieb‘ und Freuden Dich
Allfühlend, o Natur,
Wie nenn‘ ich Dich?

Vivien Leigh, A Midsummer Night's Dream, Titania, 1937Wer bin ich unter den Millionen,
Die jetzt genießen – und wer
Unter den unendlichen Millionen,
Die ich genießen nicht seh‘,
In Blum‘, in Blüth‘, im wehenden Duft
Der Nachtviole!
Wie Tausende sind vielleicht,
Die die Blüthe knospen! die Ros‘ erröthend
Spinnen und färben und dufther schwimmen,
Schwimmen um mich – kühlen mich,
Und ich seh‘ sie nicht!
Da fliegt der leuchtende Funke Gottes,
Der Sommerwurm!
Kleiner Wurm, leuchtender Funke, komm,
Glänze mir!
Wer warst Du, daß die schaffende Hand
Dich also angeglüht?
Mit Sonnenglanz, mit Sonnengluth!
Wer bist Du?
Etwa der Seligen einer? Ein
Verbanneter Unsterblicher,
Aus Raupenstand und Grabegespinnst
Den Wurm zu erlösen.
Und trägst noch Siegel der Unsterblichkeit
Und glühst noch lang‘ im Tode noch fort –
Ziehst Blitzesfunken und duftest Feu’r,
Nicht Strömen erlöschbar, die Gold,
Die Felsen zernagen – Wunderwurm,
Und kriechst im Staub!
Fleuch! ich kenne Dich nicht! Wunderwurm!
Lebe Dein Sommerleben im Flug,
Im Staube! wie’s Der will,
Der Dich gemacht.
Kenn‘ ich mich?
Eben so klein, fliegend und wallend
Und sonnentsprungen – kenn‘ ich mich?
Wer war’s, der Funken dem Staube gab,
Daß er ihm vom Auge leucht‘,
Erflamme vom Herzen,
Oft so matt! und wie lang‘?
Und lodert er fort dann? – Fleuchst,
Funke, Du fort?
Aus Raupenstand, aus Grabesnacht,
Wenn Dein Wurmkörper hier hin ist, noch
Ein Würmchen zum Engel zu lösen? – – –
All‘ meine Sinne sind
Verschlossen! – Um meine Sinn‘
Ist Sommernacht!
Bin nicht zu denken hier! – zu sein! zu hoffen!
Leben und mich zu freun!
Leben – allein?
Nicht ist der leuchtende Wurm,
Wird nicht allein sein!

Vivien Leigh, A Midsummer Night's Dream, Titania, 1937Und allein mich freun?
Niemand zu sagen, wie schön
Im Sommerliebesbrande,
Mutter Natur, Du seist!
Mutter Natur!
Niemand zu haben, der mit
Schwirren die Schöpfung höre, mit
Höre die leisen Räder gehn
Und sehn
Den leuchtenden Engel fliegen
Und denken Unsterblichkeit!
Vereint sie denken, vereint,
Schöne Mutter Natur,
Fühlen an Deiner Brust, uns drücken
An warmes Herz!
Freundschaft, holdester Funke
Der holden Natur!
In heiliger Nacht, in Zaubernacht,
Mutter Natur, bet‘ ich Dich an!
Sei ich’s werth des edelsten Funken,
All Deiner Flammennatur!
Komme, mein leuchtender Engel,
Den Wurm zu beleben!
Zauberlaube, Wo seh‘ ich Dich?
Und um mich gegossen
Mein sanftes Weib!
Zauberlaube,
Wo seh‘ ich Dich?
Rosen und Mondstrahl um Dich schwimmend
Und liebender Wachtelschlag,
Zauberlaub‘, und der Knabe hängt
An Mutterarm! An Mutterbrust
Ihr gleich das sanftere Mädchen!
Und der wilde, trotzige Knabe lernt
Staunen der Sommernacht! hören Gott,
Hören schwirren und liebegirren
Die Schöpfung!
Sanfter bebet alsdann die Mutterbrust,
Sanfter schmieget der Säugling, trinkt
Wollust Gottes, und ich – und ich –
Zauberlaube, wie bin ich allein!

Ihr gleich das sanftere Mädchen: Vivien „Vom Winde verweht“ Leigh als Titania—Queen of the Fairies in A Midsummer Night’s Dream, Bühnenfoto vom Londoner Old Vic Theatre 1937, unter Sir Tyrone Guthrie, ohne Verfilmung:

  1. via Rob Baker: „Consummate Actress, Hampered by Beauty“ –
    Glorious Photos of Vivien Leigh
    , 26. Dezember 2016;
  2. mit Robert Helpmann als Oberon, via Wrath Herself;
  3. im Hofstaat, via Coffin Boffin, 5. Mai 2020.

Soundtrack: Felix Mendelssohn Bartholdy: Schauspielmusik Ein Sommernachtstraum opus 61, die Tyrone Guthrie 1937 am Old Vic benutzte, wegen der angesprochenen Doppelgesichtigkeit im vierhändigen Klavierauszug mit Sivan Silver und Gil Garburg, Konzerthaus Berlin am 12. Januar 2018:

Written by Wolf

26. Juni 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

Fruchtstück 0001: Das Angenehme mit dem Schönen zu verbinden

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Upate zu Wir rechnen jahr auff jahre / in dessen wirdt die bahre vns für die thüre bracht,
Wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen und
Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten:

——— Christoph Martin Wieland:

Zufällige Gedanken über das Verhältniß des Angenehmen und Schönen zum Nützlichen

Schluss, aus: Teutscher Merkur I, 1775, in: Von der Freiheit der Literatur, Insel 1997:

Und dann giebt es noch eine Gattung unverbesserlicher Leute, die von jeher erklärte Verächter des Schönen gewesen sind; nicht weil ihnen der Kopf schief sitzt, sondern weil sie nichts nützlich nennen als was ihren Seckel füllt. Nun ist das Handwerk eines Sykofanten, Quacksalbers, Amuletenkrämers, Dukatenbeschneiders, Kupplers, Tartüffen, u. s. w. so einträglich es auch sein mag, gewiß nicht schön: es ist also natürlich, daß diese Herren allerseits bey jeder Gelegenheit eine tiefe Verachtung gegen das Schöne das ihnen nichts einträgt zu Tage legen. Ueberdieß, wie manchem Görgen ist seine Dummheit nützlich? Wie mancher verlöhre sein ganzes Ansehen, wenn die Leute, unter denen er’s gewonnen oder erschlichen hat, Geschmack genug hätten, Ächtes vom Unächten, und Schönes vom Schlechten zu unterscheiden? Solche Leute haben freylich eine wichtige Personalursache, Feinde vom Wiz und Geschmack zu seyn. Sie sind in dem Falle jenes Ehrenmannes, der seine häßliche Tochter an einen Blinden verheyrathet hatte, und nicht zugeben wollte, daß seinem Tochtermanne der Staar gestochen würde. Aber wir andern, die nur dabey zu gewinnen haben, wenn wir klüger werden, was für Abderiten müßten wir seyn, wenn wir uns von diesen interessierten Herren bereden lassen wollten blind zu werden oder blind zu bleiben, damit — ihrer Töchter Häßlichkeit nicht offenbar werde?

Ray Donley, Omnia Vanitas, 2012 Ray Donley, Medea, 2012

Der Tochter Hässlichkeit: Ray Donley: Omnia Vanitas; Medea, 2012,
via Frank T. Zumbach: Ray Donley (Continued), 27. Februar 2012.

Der Hässlichkeit Tochter: Bridge City Sinners: Through and Through, aus: Here’s to the Devil, 2019.
Man beachte Libby Lux‘ Dobro-Ukulele:

Written by Wolf

7. Februar 2020 at 00:01

Nachtstück 0025: Die Thurmuhr brummte Zwölf

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Update zu Ausblick und
Ist das wieder ein Silvester!:

Carl Christian Kehrer: Anna Louisa Karsch, 1791, Gleimhaus HalberstadtDie Muse will, daß ich mit einer Dichterin beschließen soll, die sich oft, und manchmal am unrechten Ort den Namen Sappho giebt. Ich würde diesen Frauenzimmereinfall nicht zur männlichen Wahrheit machen: wenn nicht die Bestimmtheit, mit der sie auf sich zeigt, es verriethe; einige ihrer Verehrer haben vielleicht ihre Bescheidenheit in diesen süßen Traum gewieget.

Wenn man die Gedichte der Mad. Karschin auch nur als Gemählde der Einbildungskraft betrachtet: so haben sie wegen ihrer vielen originalen Züge mehr Verdienst um die Erweckung Deutscher Genies, als viele Oden nach regelmäßigem Schnitt; ich will ihr auch so gar mehr einräumen, als ihr die Literaturbriefe gestatten; dem ohngeachtet aber kann ich doch fragen: ist sie Sappho?

Johann Gottfried Herder: Sappho und Karschin, aus: Ueber die neuere deutsche Litteratur: Zwote Sammlung von Fragmenten.
Beilage zu den Briefen, die neueste Litteratur betreffend, 1767.

Nowazembla ist die nordwestrussische Nowaja Semlja über der Oblast Archangelsk im Nördlichen Eismeer; die Fußnote zu Kocyt und Acheron geht:

Kocytos, der Fluß des Wehklagens, mit dem Acheron Flüsse der Unterwelt.

Flüsse des Wehklagens. Wir sehen uns am anderen Ufer.

——— Anna Louisa Karsch, „A. L. Karschin, geb. Dürbach“:

Das Abentheuer einer Winternacht.

vor 1792, in: Karl Heinrich Jördens, Hrsg.: Denkwürdigkeiten, Charakterzüge und Anekdoten aus dem Leben der vorzüglichsten deutschen Dichter und Prosaisten, Erster Band, bei Paul Gotthelf Kummer, Leipzig 1812:

Anna Louisa Karsch, Das Abentheuer einer Winternacht

Anna Louisa Karsch, Das Abentheuer einer Winternacht

Anna Louisa Karsch, Das Abentheuer einer Winternacht

Bild: Carl Christian Kehrer: Anna Louisa Karsch, 1791, Gleimhaus Halberstadt.

Soundtrack: The McCalmans: New Year’s Eve Song, aus: Honest Poverty, 1993,
Text zum Mitschmettern auf Ein neues Stiefelpaar for what you really are:

Written by Wolf

31. Dezember 2019 at 00:01

And such a life I wish to live

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Update zu Drum dein Stimmlein lass erschallen:

——— John Milton:

Il Penseroso

1645, Schluss:

And may at last my weary age
Find out the peaceful hermitage,
The hairy gown and mossy cell
Where I may sit and rightly spell
Of every star that heav’n doth show,
And every herb that sips the dew;
Till old experience do attain
To something like prophetic strain.
These pleasures, Melancholy, give,
And I with thee will choose to live.

——— Joseph Giles:

A Parody, upon those Lines of Milton’s,
in the Hermitage at Hagley-Park.

angesichts Hagley Park, aus: Miscellaneous Poems: on various Subjects, and Occasions. Revised and corrected by the late Mr. William Shenstone, 1771:

May I, while health and strength remains,
And blood flows warm within my veins;
Find out some virgin, soft and kind,
Who is to social joy inclin’d;
A nymph who can for me forgo,
The fop, the fribble, and the beau;
From noise and show, content can be,
To live at home with love and me:
Such pleasures Love and Hymen give,
And such a life I wish to live.

Seit 1997 sollte unser aller Karriereziel klar sein: Schmuckeremit.

Seit 1997, weil da bei Matthias Altenburg in Landschaft mit Wölfen die Berufsbeschreibung eines mit neidischem Erstaunen zur Kenntnis gelangten Ziereremiten vorkommt, und weil man Matthias Altenburg ruhig mal einen 160-Seiten-Roman lang zuhören kann.

An English hermitage illustrated in Merlin, a poem, 1735, via Atlas Obscura

Hauptsächlich wird der Schmuck- oder Ziereremit für seine schiere Existenz und Anwesenheit als Druide, Anwärter auf einen Heiligen oder wenigstens malerischer Kauz bezahlt, wie sie in einem romantisch gemeinten Landschaftsgarten oder Park wünschenswert scheint — nach mancherlei Auffassung als gehobener Gartenzwerg an Orten, wo eine leblose Gartenstatue nicht mehr ausreicht. Die Jobbeschreibung enthält: nicht waschen, nicht kämmen, keine Haare und keine Nägel beschneiden; ab und zu was Weises sagen kommt schon nicht mehr ausdrücklich vor, aber ich persönlich würde mich da nicht lumpen lassen. Zum gestellten Arbeitsmaterial zählen gern eine Bibel und eine Katze.

Was so erstrebenswert klingt, relativiert sich durch die übliche Laufzeit der Arbeitsverträge von sieben Jahren mit einmaliger Gehaltsauszahlung zum Ende der Vertragslaufzeit. Im übrigen war kein Wort von einer etwaigen Frauenquote festzustellen, vielmehr das — ebenfalls unausgesprochene — Gebot der Keuschheit. Irgendwas ist ja immer.

Typischerweise wurden Schmuckeremiten von britischen Gutsbesitzern engagiert, die im Laufe des 18. Jahrhunderts vom Barockgarten französischer Bauart auf den genuin englischen Gartenbau umstellten, also mit einer Blüte während des Georgianischen Zeitalters. Erkennbar sind solche ehemaligen Arbeitsplätze im gesamten Europa oft an der erhaltenen Einrichtung einer Eremitage, englisch: Hermitage, die als Stätten der Erholung und Beschaulichkeit, gerne auch der Gastronomie gepflegt werden. Die englische Idiomatik verwendet bis heute den Ornamental Hermit zur Beschreibung malerisch ungepflegter oder exzentrisch lebender Menschen.

Die bisher gängige Coverage über Schmuckeremiten, soweit dieses Phänomen seine Bekanntheit überhaupt in postmoderne Tage retten konnte, steht übersichtlich versammelt bei Edith Sitwell in: Ornamental Hermits of Eccentric Modern England, in: The English Eccentrics, Faber & Faber, London 1933, via Hermitary. Resources and Reflections on Hermits and Solitude; viraltauglicher zusammengefasst von Allison Meier in: Before the Garden Gnome, the Ornamental Hermit: A Real Person Paid to Dress like a Druid, Atlas Obscura, 18. März 2014; dessen erwähnte Auffassung als Gartenzwerg wird unter anderem vertreten durch Patrick Spät in: Schmuckeremiten — die lebendigen Gartenzwerge, Telepolis 15. Mai 2016. Ihren begründeten Widerspruch findet diese allzu modernistische Herabsetzung bei Silvae in: Landschaftsgärten, 26. August 2014:

Allerdings muss man Hans Ost widersprechen, der in Einsiedler und Mönche in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts behauptet: Als Staffage haben sie eine ähnliche Funktion wie etwa der Gartenzwerg.

Das trifft zu wie alles, was der Polyhistor Silvae sagt — in diesem Fall aber wohl nur für die wirklich großen, engagiert angelegten und gepflegten Landschaftsgärten, die dann gleich Et in Arcadia ego nachstellen und ausleben wollen. Persönlich gehe ich davon aus, dass der typische beschaulich exzentrische Landadlige sich mit dem Eremiten eine Personifizierung seines darzustellenden Innenlebens buchen wollte. So überliefert Silvae selbst:

Stellenanzeige Hamilton, via Silvae, Landschaftsgärten, 26. August 2014

Wanted — Ornamental hermit to occupy natural cave dwelling under waterfall for seven years. The successful candidate shall be provide with Bible, water, spectacles, camlet robe, hourglass, and food from the house. No hair-, nail-, or beard-trimming permitted. Sum offered: £ 600.

In der täglichen Praxis konnte sich so ein bärtiger, ungewaschener Angestellter doch recht profan benehmen; a. a. O.:

Diese Anzeige, mit der ein Ziereremit gesucht wird, wurde von dem Honourable Charles Hamilton aufgegeben. Der Bewerber wurde allerdings nach drei Wochen gefeuert, da er sich nachts heimlich in die Dorfkneipe zu schleichen pflegte.

Und das mit den einmal 600, einmal 700 kolportierten £, die er, wir erinnern uns, erst am Ende seiner sieben Arbeitsjahre erwarten durfte. Was immerhin lehrt, welchen Kredit so ein Schmuckeremit im Georgianischen Zeitalter bei Gastwirten genoss. Daher war das bei einer bestimmten Klientel zu dergleichen berufener Mannspersonen ein begehrter Job, der seinen Weg auch in den Zeitungsteil mit den Stellengesuchen fand. 1810:

A young man, who wishes to retire from the world and live as a hermit, in some convenient spot in England, is willing to engage with any nobleman or gentleman who may be desirous of having one. Any letter addressed to S. Laurence (post paid), to be left at Mr. Otton’s No. 6 Coleman Lane, Plymouth, mentioning what gratuity will be given, and all other particulars, will be duly attended.

An English hermitage illustrated in Merlin, a poem, 1735, via Atlas Obscura

Die seriösen, in allen Wortsinnen groß gedachten Landschaftsanlagen verstanden oft schon nicht mehr als Teil des vorgefundenen Geländes, sondern als Arkadien. So spielt das formal höchst durchtrieben gebaute Theaterstück Arcadia von Tom Stoppard 1993 nicht nur mit Zeitebenen über eineinhalb Jahrhunderte, sondern auch mit der Auffassung des Schmuckeremiten:

Lady Croom: My lake is drained to a ditch for no purpose I can understand, unless it be that snipe and curlew have deserted three counties so that they may be shot in our swamp. What you painted as forest is a mean plantation, your greenery is mud, your waterfall is wet mud, and your mount is an opencast mine for the mud that was lacking in the dell. (Pointing through the window) What is that cowshed?
Noakes: The hermitage, my lady?
Lady Croom: It is a cowshed.
Noakes: It is, I assure you, a very habitable cottage, properly founded and drained, two rooms and a closet under a slate roof and a stone chimney —
Lady Croom: And who is to live in it?
Noakes: Why, the hermit.
Lady Croom: Where is he?
Noakes: Madam?
Lady Croom: You surely do not supply an hermitage without a hermit?
Noakes: Indeed, madam —
Lady Croom: Come, come, Mr Noakes. If I am promised a fountain I expect it to come with water. What hermits do you have?
Noakes: I have no hermits, my lady.
Lady Croom: Not one? I am speechless.
Noakes: I am sure a hermit can be found. One could advertise.
Lady Croom: Advertise?
Noakes: In the newspapers.
Lady Croom: But surely a hermit who takes a newspaper is not a hermit in whom one can have complete confidence.

John Bigg, the Dinton Hermit, via Atlas ObscuraDie maßgebliche, meines Wissens einzige — und in keiner deutschen Übersetzung vorliegende — Fachliteratur wird abgedeckt durch Gordon Campbell: The Hermit in the Garden: From Imperial Rome to Ornamental Gnome, Oxford University 2013. In mancherlei Hinsicht kann es kein typischer englisches Buch geben: Es handelt in aller wünschbaren Länge, Breite und vor allem Tiefe von einem skurrilen — Campbell selbst nennt es Pythonesque — Thema, das nicht etwa zu Unterhaltungszwecken frei erfunden, sondern aus der eigenen Geschichte recherchiert wurde; am Ende ist es laut Verlagswerbung

[t]he intriguing tale of the craze for ornamental hermits — the must-have accessory for the grand gardens of Georgian England and beyond

geworden.

Campbell wendet von seinen 256 Seiten 33 an The Hermitage in the Celtic Lands, womit nicht etwa alle keltischen Kulturen, sondern exklusiv Schottland und Irland gemeint sind — und der Rest des für Schmuckeremiten relevanten Europas wird komplett abgehandelt in einem Appendix 2 namens The Hermit and the Hermitage on the Continent, der genau 6 Seiten umfasst; übrigens im Anschluss an den Appendix 1, einer fünfeinhalb Seiten starken tabellarischen Auflistung sämtlicher im Haupttext erwähnten, immerhin gesamteuropäischen Eremitagen.

Da bleiben für Deutschland in diesem Anhang 2 ab Seite 217 lobende Erwähnungen für Bayreuth, Wörlitz, Luisium, Sieglitzer Berg, Kassel-Wilhelmshöhe und Potsdam — und der Magdalenenklause im Münchner Schlosspark Nymphenburg. Die Seiten 217 bis 219, die innerhalb des europäischen Kontinents Deutschland betreffen, in eigener Übersetzung:

Im späten 18. Jahrhundert kam der englische Landschaftsgartenbau auf dem Kontinent in Mode, wo er jeweils auch als jardin anglais oder giardino inglese bekannt wurde. Einige dieser Gärten beschäftigten Schmuckeremiten. Der folgende kurze Überblick setzt ein mit Deutschland, wo die englische Bauweise den Gartenbau als erstes beeinflusste, und wendet sich dann nach den Niederlanden, Skandinavien, Ungarn (einschließlich Transsilvanien), Russland, Spanien und der Schweiz.

Gordon Campbell, The Hermit in the Garden: From Imperial Rome to Ornamental Gnome, 2013, via SilvaeDas kontinentale Land mit den meisten Eremitagen in „englischen“ Gärten ist Deutschland. Bevor sich die englische Bauweise durchsetzte, herrschte eine Mode für Hoferemitagen wie die Eremitage vor den Toren Bayreuths und das etwas spätere Schloss Nymphenburg, die Münchner Sommerresidenz der bayerischen Kurfürsten. Der ursprüngliche Garten bei Schloss Nymphenburg war italienischen Stils, bis der Landschaftsarchitekt Joseph Effner im frühen 18. Jahrhundert mit der Modernisierung begann. Sein hauptsächlicher Beitrag zum Park bei Nymphenburg war der Aufbau dreier Pavillons (der vierte und erlesenste ist die Arbeit eines anderen Architekten, François de Cuvilliés. Einer von Effners Pavillions war die Magdalenenklause (1725–8), eine als Klosterzellenruine konzipierte Eremitage. Das war eine Struktur, die das Einsetzen des englische Landschaftsstils vorwegnahm, der zuerst in Wörlitz im ostdeutschen Sachsen-Anhalt erschien.

Der große Garten bei Wörlitz wurde zwischen 1764 und 1805 als Teil von Schloss Wörlitz angelegt, der Sommerresidenz von Fürst Franz, Prinz von Anhalt-Dessau. Fürst Franz war Regent von Dessau, aber auch Gartengestalter beträchtlichen Ranges. Auf seinen Reisen durch England hatte er sich mit englischen Gärten vertraut gemacht: Kew, The Leasowes, Stowe und Stourhead — und bezog alle in seine Gartengestaltungen ein: Luisium (1774), Sieglitzer Berg (1777) und Wörlitz. Sein Garten bei Wörlitz ist im Geiste von Rousseaus Ermenonville gestaltet, dem er den Einsatz von Pappeln abschaute; und tatsächlich baute er 1782 eine Kopie von Rousseaus Grabmal ein. In einem angelegenen Teil des Geländes wurde eine Eremitage eingerichtet. Fürst Franz‘ restliche Gärten waren weniger durchkonstruiert, aber für den Bau einer Eremitage am Sieglitzer Berg am Ufer der Elbe zog er den deutschen Gartengestalter Johann Friedrich Eyserbeck hinzu; die Gestaltung lehnt sich deutlich an Stourhead an.

Besuch erhielt Wörlitz unter anderem von Carl August von Sachsen-Weimar in Begleitung von Goethe. Nach Weimar heimgekehrt, kopierten beide etliche Merkmale im heute so genannten Ilmpark, der entlang des Flusses angelegt wurde. Unter den von ihnen errichteten Gebäuden findet sich eine Eremitage, die heute Borkenhäuschen heißt, erbaut 1778.

~~~\~~~~~~~/~~~

John Bigg, the Dinton Hermit, via Atlas ObscuraZwei weitere Englische Gärten in Deutschland beherbergen erhaltene Eremitagen: die eine in Kassel und die andere in Potsdam. Schloss und Park in Kassel seit 1798 als Wilhelmshöhe bekannt, wurde Anfang des 18. Jahrhunderts als italienischer Garten mit reichlichem Wasserbrauch und einer Unzahl von Statuen angelegt. Anfang der 1780er Jahre errichtete der Landgraf innerhalb des Parks eine Chinoiserie namens Mou-lang und leitete damit den Übergang vom italienischen Barockstil zum englischen landschaftsgarten ein. Die Bauten von Mou-lang wurden schnell mit einer ägyptischen Pyramide, einem Tempel des Merkur und einer Anzahl Eremitagen vervollständigt, deren jede einem Philosophen gewidmet war; allein die Eremitage des Sokrates besteht noch.

Der Neue Garten in Potsdam war das Werk von Friedrich Wilhelm II., König von Preußen, der kurz nach seiner Thronbesteigung 1786 Johann August Eyserbeck (den Sohn von Johann Friedrich) beauftragte, seine Pläne zu einem Garten nach englischem Modell ins Werk zu setzen. Am nördlichen Ende des Parks verfällt heute eine Eremitage, die ein Reetdach hatte und mit Eichenrinde verkleidet war.

~~~\~~~~~~~/~~~

Die gegenwärtige Grenzziehung zwischen Deutschland und den Niederlanden ist vergleichsweise modern. Während es Dreißigjährigen Krieges wurde die Stadt Kleve, die heute auf der deutschen Seite der holländisch-deutschen Grenze liegt, von der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen regiert. […]

Der inhaltliche Sprung in die holländische Geschichte zeigt, dass ich eigentlich schon zuviel übersetzt hab, soweit es um deutsche Eremitagen gehen sollte. Mehr als die nicht ganz zwei Seiten im allerletzten Textteil des Anhangs ist da nicht.

Insgesamt gestaltet sich die Fachliteratur über Schmuckeremiten spärlich, und auch nach Campbells Monographie erwarte ich schon allein wegen der zu befürchtenden Senkung der Arbeitsmoral potenzieller Arbeit-„Nehmer“ keine Explosion ihrer Popularität. Was vorhanden ist — von John Milton samt seiner Parodie von Joseph Giles über den belletristischen Exkurs bei Matthias Altenburg, aufschlussreicher bei Edith Sitwell, Allison Meier für den Atlas Obscura und Patrick Spät für Telepolis, Tom Stoppards alle Erzählmöglichkeiten des Theaters ausschöpfende Komödie bis hin zu Gordon Campbells überfälliger Monographie — scheint mir, ohne alles vollständig durchstudiert zu haben, interessant genug für uneingeschränkte Empfehlung.

Stand einem Schuckeremiten eigentlich Urlaub zu?

An 18th century hermitage that survives in Manor Gardens Eastbourne, East Essex, photograph by Kevin Gordon

Bilder: Silvae: Landschaftsgärten, 26. August 2014;
Allison Meier: Before the Garden Gnome, the Ornamental Hermit: A Real Person Paid to Dress like a Druid, Atlas Obscura, 18. März 2014:

  1. An English hermitage illustrated in „Merlin: a poem“ (1735) (via British Library);
  2. John Bigg, the Dinton Hermit. Not a garden hermit, but of same era (via Wellcome Library);
  3. John Bigg, the Dinton Hermit (via Wellcome Library);
  4. An English hermitage illustrated in „Merlin: a poem“ (1735) (via British Library);
  5. An 18th century hermitage that survives in Manor Gardens Eastbourne, East Essex (photograph by Kevin Gordon).

Soundtracks: Ornamental Hermit, einmal von William D. Drake, aus: The Rising of the Lights, 2011,
und einmal von David Grubbs, aus: The Plain Where the Palace Stood, 2013:

(Of all the things you did for me
The one most splendid was to christen
A place in me where I can be
A most contented person.)

Bonus Track, weil Musik ja auch Spaß machen soll: Отава Ё: Про Ивана Groove, 2011:

Written by Wolf

21. Juni 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

Goethes Kindergartenfutter

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Update zu Das Beste sind die Kartoffeln, lieber nicht zum
1. Katzvent: I should be stronger than weeping alone (und mit pragmatischen Messingdrähten zum Skelett zusammengeworfelt):

——— Goethe:

Eins wie’s andre

kein Anhaltspunkt zur Datierung, Erstdruck in der Ausgabe letzter Hand, Band 47, Cotta 1833,
in: Frankfurter Ausgabe, Gedichte Band 2, Seite 859:

Die Welt ist ein Sardellen-Salat;
Er schmeckt uns früh, er schmeckt uns spat:
Zitronen-Scheibchen rings umher,
Dann Fischlein. Würstlein, und was noch mehr
In Essig und Öl zusammenrinnt,
Kapern, so künftige Blumen sind —
Man schluckt sie zusammen wie Ein Gesind.

Cover Renate Hücking, Mit Goethe im Garten. Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit, Callwey 2013Wie schön, mit so einem prächtigen, rohen Findling von siebenzeiligem Gedicht einsteigen zu können. Vor langer Zeit hatte ich mal Urlaub. Das war die Gelegenheit, zwei aus der Goethezeit überlieferte Rezepte auszuprobieren, damit Sie es nicht müssen.

Überliefert sind beide Rezepte von Renate Hücking, auf den Seiten 21 und 22 ihrer Veröffentlichung Mit Goethe im Garten. Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit, Callwey 2013. Die zwei Seiten mit den Rezepten waren zufällig die ersten, die ich aufgeblättert hab, was auf eine größere Fülle schließen ließ, aber es bleibt bei den zweien. Das ist in Ordnung so: Auf diese Weise hat man eine überschaubare Auswahl sehr praktikabler und wahrscheinlich halbwegs gesunder Rezepte mit literarischem Bezug und regional beschaffbaren Ingredienzen.

——— Renate Hücking:

Frau Ajas Eierkuchen

aus: Mit Goethe im Garten: Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit,
Verlag Georg D. W. Callwey GmbH & Co. KR, München 2013, Seite 21:

Zutaten
4 alte Brötchen,
2 Esslöffel Schnittlauch,
1 Zwiebel,
40 g Butter,
7 Eier,
¼ l Milch,
1 Esslöffel Mehl,
100 g Speck,
Salz und Muskat

Die Brötchen würfeln, die Zwiebel schälen und fein hacken, den Schnittlauch fein schneiden. Alles zusammen in der Butter leicht rösten.

Eier, Milch und Mehl verquirlen und anschließend mit Salz und Muskat abschmecken. Die gerösteten Zutaten unterziehen. Den Speck in der Pfanne auslassen, die Teigmasse portionsweise dazu geben und auf beiden Seiten langsam ausbacken.

Kindheitsfutter ist sowieso immer das beste. Als Welpe musste man mir die Krautwickel immer aus dem Kraut auswickeln, was das Rätsel darum noch geheimnisvoller machte, warum man einwandfreie Hackfleischbatzen überhaupt erst in derlei grünliche Putzlumpenfetzen einwickeln musste. Im Franken meiner angeborenen dialektalen Ausrichtung heißt das Hackfleisch ohne Grünzeug drumrum Fleischküchle, mit Weißkraut, Mangold und bei den Honoratioren Spinat drumrum Krautwickel — die korrekte oberostfränkische Aussprache erspare ich uns. Aber nicht einmal im allzeit bratwursthaltigen Franken wäre jemand darauf verfallen, zu Hackfleischprodukten auch noch Bratwürste zu „reichen“. Im bis 1763 französisch besetzten Frankfurt am Main anscheinend schon.

An der Formulierung stört mich allein der unmotivierte Wechsel zwischen Imperativen und imperativ gemeinten Indikativen im Aktiv und Passiv, aber angesichsts der fertigen Laubfrösche ist das schon germanistische Zickerei.

——— Renate Hücking:

Laubfrösche — ein Gericht aus Kindertagen

ebenda, Seite 22:

Zutaten,
12 Mangoldblätter,
2 (altbackene) Brötchen,
1 Zwiebel,
2 Knoblauchzehen,
2 EL Butter,
1 Bund Petersilie,
2 Eier,
2 Zweige Liebstöckel,
300 g Hackfleisch,
Salz,
Pfeffer,
Pimentkörner,
½ l Gemüsebrühe

Die Mangoldblätter werden entstielt, gewaschen und mit kochendem Wasser überbrüht. Danach solten sie in eiskaltem Wasser abgeschreckt werden und gut abtropfen.

Für die Füllung wird die fein gewürfelte Zwiebel mit dem Knoblauch in Butter weich gedünstet — ohne sie zu bräunen. Die Brötchen in Wasser oder Milch einweichen und ausdrücken. Dazu gibt man die Eier, die gehackten Kräuter und das Fleisch. Alles sollte gut gewürzt und gründlich miteinander vermengt werden. Etwa ein Löffel dieser Masse wird auf ein Mangoldblatt gegeben und darin eingewickelt. Jetzt werden die „Laubfrösche“ mit Mehl bestäubt, in der Pfanne kurz angebraten und dabei vorscithgig gewendet. Zum Schluss mit Brühe auffüllen und die Wickel etwa 20 Minuten darin garen lassen.

Eine Variante: Die Blätter mit einer Masse aus 2 Eiern, Semmelmehl und frischen Gartenkräutern füllen, mit Mehl bestäuben und anbraten. Dazu werden Bratwürste gereicht.

Der vegetarische Praxistipp: Statt des schön bunten, aber etwas geradeheraus schmeckenden Mangolds je nach Saison lieber Spinatblätter hernehmen.

Der vegane Praxistipp: Champignons, an Feiertagen auch gern Austernpilze ergeben in gehäckseltem Zustand einen täuschend echten, sogar wohlschmeckenden Ersatz für Hackfleisch. Der örtliche Türke verkauft eine undurchschaubare, aber hochraffinierte Köfte-Gewürzmischung in allen Haushaltsgrößen, mit der kein Mensch mehr die Pflanzen- von den Kuh- und Schweineteilen unterscheiden kann. Pilze häckseln ist etwas aufwändiger als eine Packung Hackfleisch in die Pfanne fallen lassen, also kurz das große Messer nachschleifen und die Muffs auf die Ohren, das beflügelt. Nach meiner Erfahrung ist die Entsprechung für ein Pfund Hackfleisch innerhalb einmal Alert Today, Alive Tomorrow (1999) fertig. Für das ganze Festessen: Der Freischütz. Aber unter Carlos Kleiber, gell?

Marion Nickig, Baum im Herbst, via Helena Pivovar, Dichterfürst -- Gartenfürst, Callwey Blog 7. Oktober 2013

Bilder: Weil ich mich nie an die postmoderne Unsitte gewöhnen konnte, mein eigenes Essen abzulichten, wegen der arbeitsam eingefetteten Finger schon gar nicht während des Kochvorgangs, gibt’s nur das Buchcover und ein Beispiel für die schönen Illustrationen aus dem beschriebenen Buch, die beizubringen in der verregneten ersten Jahreshälfte 2013, wie in den Danksagungen beklagt, gar nicht so einfach war: Marion Nickig, via Helena Pivovar: Dichterfürst — Gartenfürst, Callwey Blog , 7. Oktober 2013.

Soundtrack: Theodor Shitstorm im Garten von Pogel und Marion (nicht Marion Nickel, nehme ich an):
Ratgeberlied aus: Sie werden dich lieben, 2018, mit der einzig richtigen Anweisung für Kochrezepte:

So weit meine Ratschläge, merk sie dir gut:
Es ist wichtig, dass man das exakte Gegenteil tut.

Der Text ist raffiniert genug für die volle Lautstärke und das Video für den Vollbildmodus:

Written by Wolf

19. April 2019 at 00:01

Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten

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500. Beitrag

Update zu Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge:

Zuvor haben wir Karl Philipp Moritz — und zwar in seiner eigenen Stimme, ungefiltert durch etwelche ersonnenen Fabelgestalten — in Das Edelste in der Natur, 1786 — sagen hören:

Eins der größten Uebel, woran das Menschengeschlecht krank liegt, ist die schädliche Absonderung desselben, wodurch es in zwei Theile zerfällt, von welchen man den einen, der sich erstaunliche Vorzüge vor dem andern anmaßt, den gesitteten Theil nennt.

Als Problem sieht das nur ein Teil der Menschheit. Wenn man den Richtigen glaubt, ist das der unwesentliche Teil. Beim Baron Eichendorff war das 1831 schon Satire. Den Hochadligen rettet wie immer seine besondere Volksnähe und lebenslanges Hadern mit sozialer Ungleichheit, obwohl er auf seiner richtigen — der oberen — Seite von Geburt an bequem eingerichtet gewesen wäre:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless     Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

——— Joseph von Eichendorff:

Unstern

1831 bis 1839, Fragment aus dem Nachlass,
rekonstruiert in der Winkler-Ausgabe von Jost Perfahl und Ansgar Hillach, Band 2,
nach: Hubert Pöhlein (Hrsg.): Aurora, 3. Jahrgang, 1933;
Rekonstruktion in Band 4:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via HappilessAls ich aber draußen im Freien war, überlegte ich erst alles: ich stammte aus einer reichsgräfl. Familie, hatte schon einzelne Gedichte drucken lassen p., — es war gar nicht unwahrscheinlich, daß man mich so feiern wollte. Da lehnte ich mich mit großer Befriedigung im Wagen zurück, kreuzte die Arme über der Brust u. sagte zu mir selbst: Ich habe es immer gesagt, nichts als Narrenspossen mit dieser Gleichheit. Das soll naturgemäß sein! Als wäre die Natur nicht grade erst recht aristokratisch, stellt den Ochsen über das Kalb, den Hund über die Katze, die Katze über die Ratze, und unter den Menschen den hohen Geburtsadel des Genies über das andre gemeine Pack. Außerdem, setzte ich mit großer Selbstzufriedenheit hinzu, wird es auch, solange nicht allgemeine Barbarei wiederkehrt, immerfort zwei verschiedene Rassen der Gesellschaft geben, die gebildete u. die ungebildete, die niemals miteinander fraternisieren können, weil sie sich wechselseitig genieren, u. das Genie mit keinem von beiden, denn es heißt eben Genie, weil es sich niemals geniert. sondern nur alle andern, u. also Hier tat es plötzlich einen widerlichen Schrei — es war ein Pfau, der vor mir auf einem Gittertor, mit dem Schweif das Rad schlagend, mir grade die Kehrseite seiner Pracht zeigte. Da bemerkte ich erst, daß er eigentlich hier den Portier vorstellte u. ich unaufhaltsam in einen prächtigen Park hineinfuhr […].

Beim Pastorensohn Wieland war es noch unter Tränen lachende und — aus Gründen — fiktiv verbrämte Allegorie. Wie wichtig diesem Berufsschreiber, der auch als Viertel des „Weimarer Viergestirns“ bei Hofe auf Einkünfte aus seiner Arbeitskraft angewiesen war, das Thema war, macht er an einer nicht anderweitig motivierten Fußnote klar, „die ich mich nicht entschließen kann auszulassen“:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

——— Christoph Martin Wieland:

Der goldne Spiegel oder die Könige von Scheschian.
Eine wahre Geschichte
aus dem Scheschianischen übersetzt.

1772, Fassung letzter Hand, 1794:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via HappilessIhre Hoheit, sagte Nurmahal, werden ihm diesen Einfall vielleicht zu gute halten, wenn Sie bedenken, daß die Nazion einen König haben wollte, und daß es, alles überlegt, doch immer besser ist, dieser König selbst zu seyn, als es einem andern zu überlassen. Er konnte doch immer mit einiger Wahrscheinlichkeit hoffen, daß es ihm an Gelegenheit nicht fehlen würde, sein Ansehen, so eingeschränkt es Anfangs war, zu befestigen und zu erweitern. Zudem war er ein Mann von mehr als gemeiner Fähigkeit, sein eigenes Fürstenthum, eines der beträchtlichsten, und an der Spitze der Partey, die ihn auf den Thron erhob, konnt‘ er sich schmeicheln alles zu vermögen.

„Und dennoch schmeichelte er sich zu viel?“

Wie hätt‘ es anders gehen können? versetzte die Sultanin. Seine Anhänger erwarteten mehr Belohnungen als er geben konnte. Ihre Forderungen hatten keine Grenzen. Er hielt sich für berechtigt Dienste und Unterwürfigkeit von denjenigen zu erwarten, die ihn zum Könige gemacht hatten; und eben darum, weil sie ihn zum Könige gemacht hatten, glaubten sie, daß er ihnen alles schuldig sey. Eine solche Verschiedenheit der Meinungen mußte Folgen haben, die den König und das Volk gleich unglücklich machten. Da er die einmahl übernommene Rolle gut spielen wollte, so mußt‘ er nothwendig mit seinen Raja’s zerfallen, die ihn lieber eine jede andre spielen gesehen hätten als die Rolle eines Königs. Seine ganze Regierung war unruhig, schwankend und voller Verwirrung. Aber unter seinen Nachfolgern ging es noch schlimmer. Jeder neue Vortheil, den die Raja’s über ihre Könige erhielten, erhöhete ihren Übermuth, und vermehrte ihre Forderungen. Unter dem Vorwand, ihre Freyheit (ein Ding, wovon sie niemahls einen bestimmten Begriff gehabt zu haben scheinen,) und die Rechte der Nazion (welche niemahls ins Klare gesetzt worden waren,) gegen willkührliche Anmaßungen sicher zu stellen, wurde das königliche Ansehen nach und nach so eingeschränkt, daß es, wie die Fabel von einer gewissen Nymfe sagt, allgemach zu einem bloßen Schatten abzehrte –

– Hier gähnte der Sultan zum ersten Mahle –

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless– Bis endlich selbst von diesem Schatten nichts als eine leere Stimme übrig blieb, welche gerade noch so viel Kraft hatte, nachzuhallen was ihr zugerufen wurde.

Scheschian befand sich, solange diese Periode dauerte, in einem höchst elenden Zustande. Von mehr als drey hundert kleinern und größern Bezirken, deren jeder seinen eigenen Herrn hatte, sah der größte Theil einem Lande gleich, das kürzlich von Hunger, Krieg, Pest und Wassersnoth verwüstet worden war. Die Natur hatte da nichts von der lachenden Gestalt, nichts von der reitzenden Mannigfaltigkeit und dem einladenden Ansehen von Überfluß und Glückseligkeit, womit sie die Sinnen und das Herz in jedem Land einnimmt, welches von einem weisen Fürsten väterlich regiert wird.

Hier klärte sich die Miene des Sultans einmahl wieder auf. Er dachte an seine Lustschlösser, an seine Zaubergärten, an die schönen Gegenden, die er darin auf allen Seiten vor sich liegen hatte, an die mosaisch eingelegten, und mit doppelten Reihen von Citronenbäumen besetzten Wege, die ihn dahin führten; und genoß etliche Augenblicke lang die Wollust der vollkommensten Zufriedenheit mit sich selbst.

Das war es nicht, was die beiden Omra’s wollten, daß er dabey denken sollte! – Weiter, Nurmahal; sprach der vergnügte Sultan.

Allenthalben wurden die Augen eines Reisenden, der nicht ohne alles Gefühl für den Zustand seiner Nebengeschöpfe war, durch traurige Bilder des Mangels und der unbarmherzigsten Unterdrückung beleidigt.

Die kleinen Tyrannen, denen der König von Scheschian neunzehn von zwanzig Theilen seiner Unterthanen Preis zu geben genöthigt war, hatten in Absicht der Verwahrung ihrer Ländereyen eine Denkungsart, die derjenigen von gewissen Wilden glich, von denen man sagt, daß sie, um der Frucht eines Baumes habhaft zu werden, kein bequemeres Mittel kennen, als den Baum umzufällen. Ihr erster Grundsatz schien zu seyn, den gegenwärtigen Augenblick zum Vortheil ihrer ausschweifenden Lüste auszunützen, ohne sich darum zu bekümmern, was die natürlichen Folgen davon seyn möchten. Diese Herren fanden nicht das geringste weder in ihrem Kopfe noch in ihrem Herzen, das der armen Menschheit bey ihnen das Wort geredet hätte. In ihren Augen hatte das Volk keine Rechte, und der Fürst keine Pflichten. Sie behandelten es als einen Haufen belebter Maschinen, welche, so wie die übrigen Thiere, von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten, und die keinen Anspruch an Ruhe, Gemächlichkeit, und Vergnügen zu machen hätten. So schwer es ist, sich die Möglichkeit einer so unnatürlichen Denkungsart vorzustellen, so ist doch nichts gewisser, als daß sie es dahin gebracht hatten, sich selbst als eine Klasse von höhern Wesen anzusehen, die, gleich den Göttern Epikurs, kein Blut sondern nur gleichsam ein Blut in den Adern rinnen hätten; denen die Natur zu willkührlichem Gebote stehe; denen alles erlaubt sey, und an welche niemand etwas zu fodern habe. Die Knechtschaft der Unglücklichen, die unter ihrem Joche schmachteten, ging so weit, daß sie jeden Fall, wo man ihnen durch eine besondere Ausnahme die allgemeinsten Rechte der Menschheit angedeihen ließ, als eine unverdiente Gnade ansehen mußten. Die Folgen einer so widersinnigen Verfassung stellen sich von selbst dar. Eine allgemeine Muthlosigkeit machte nach und nach alle Triebräder der Vervollkommnung stille stehen; der Genie wurde ihm Keim erstickt, der Fleiß abgeschreckt, und die Stelle der Leidenschaften, durch deren beseelenden Hauch die Natur den Menschen entwickelt, und zum Werkzeug ihrer großen Absichten macht, nahm fressender Gram und betäubende Verzweiflung ein.[Fußnote] Sklaven, welche keine Hoffnung haben, anders als durch irgend einen seltnen Zufall, der unter zehen tausend kaum Einen trifft, sich aus ihrem Elend empor zu winden, arbeiten nur in so fern sie gezwungen werden, und können nicht gezwungen werden irgend etwas gut zu machen. Sie verlieren alles Gefühl der Würdigkeit ihrer Natur, alles Gefühl des Edeln und Schönen, alles Bewußtsein ihrer angebornen Rechte –

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless– Der Sultan gähnte hier zum zweyten Mahle –

– und sinken in ihren Empfindungen und Sitten zu dem Vieh herab, mit welchem sie genöthiget sind den nehmlichen Stall einzunehmen; ja, bey der Unmöglichkeit seines bessern Zustandes, verlieren sie endlich selbst den Begriff eines solchen Zustandes, und halten die Glückseligkeit für ein geheimnißvolles Vorrecht der Götter und ihrer Herren, an welches den mindesten Anspruch zu machen Gottlosigkeit und Hochverrath wäre.

Dieß war die tiefe Stufe von Abwürdigung und Elend, auf welche die armen Bewohner von Scheschian herab gedrückt wurden. Eine allgemeine Verwilderung würde sie in kurzem wieder in den nehmlichen Stand versetzt haben, aus welchem der große Affe, ihrem angeerbten Wahn zu Folge, ihre Stammältern gezogen hatte: in einen Stand, worin sie sich wenigstens mit der Unmöglichkeit noch tiefer zu sinken hätten trösten können; wenn nicht eine unvermuthete Staatsveränderung –

Hier machte der Mirza die schöne Nurmahal bemerken, daß der Sultan unter den letzten Perioden dieser Vorlesung eingeschlafen war.

[Fußnote] Hier, sagt der Sinesische Übersetzer, habe ich eine Anmerkung des Indischen Herausgebers dieses Werkes gefunden, die ich mich nicht entschließen kann auszulassen, ungeachtet meine Leser keinen unmittelbaren Gebrauch davon machen können. Ich wünschte, sind die Worte des Indiers, daß alle unsre Großen und Edeln dieser Periode (von den Worten Eine allgemeine u. s. w. bis zu Verzweiflung ein) die Ehre anthun möchten, sich derselben zu Prüfung der Fakirn, denen sie ihre Söhne anvertrauen wollen, zu bedienen. Sie haben dazu weiter nichts nöthig, als dem Fakir die Periode vorzulegen, und sich eine Erklärung derselben, die Entwicklung der darin enthaltenen Begriffe und Sätze von ihm auszubitten. Allenfalls könnten sie, um ihrer Sache desto gewisser zu seyn, einen Filosofen von unverdächtigen Einsichtenmit zu dieser Prüfung ziehen. Versteht der Fakir die Periode: nun, so sey es denn! Versteht er sie nicht oder räsonniert er darüber wie ein Truthahn: so können Sich Ew. Excellenzen, Gnaden, Hoch- und Wohlgeboren, u.s.w. darauf verlassen, daß er ein vortreffliches Subjekt ist, wenn ihre Absicht dahin geht, daß Ihr Sohn nicht zu gescheidt werden solle.

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless     Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

Bilder: via Happiless, Dezember 2018:

In 1951, Dali teamed up with Magnum photographer Philippe Halsman to create one of the most enchanting, morbid and bizarre photographs of all time. Entitled „In Voluptas Mors,“ or Voluptuous Death.

Soundtrack: Gustaf Gründgens & Hilde Hildebrand: O Gott, wie sind wir vornehm!,
aus: Eduard Künneke: Liselott, 1932:

Written by Wolf

15. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Sturm & Drang

1. Katzvent: In der Dämmrung heil’gen Schatten

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Update zu Kater Murr und der dramatisierte Magnetismus:

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

Besonders freut es mich, mit einem siebenzeiligen Gedicht anzufangen; wie wiederholt bekannt gemacht, sammle ich die. Die Gedichte von Karl Philipp Moritz stehen in keiner seiner zwei Gesamtausgaben, die für den Kauf seitens atmender Menschen und nicht für die Forschung vom Hauptseminar aufwärts vorgesehen sind. Jedenfalls stehen sie dort nur in andeutenden Auswahlen; für den verlegerischen Ehrgeiz der Vollständigkeit wende man sich ans viel zu Kleine Archiv des achtzehnten Jahrhunderts.

So kurz es ist, passt das Gedicht in gleich zwei hiesige Sammlungen; man merkt die Nähe von Weihnachten. Die Nähe zur Anakreontik merkt man dem Gedicht an der Personifizierung einer „Selinde“ an. Meistens heißen anakreontische Frauenfiguren Chloe, Chloris, Daphne, Dorinde, Doris, Melinde, Phyllis oder ähnlich floral, denn „die Namen der Geliebten wie die des Liebhabers stammen, mit wenigen Ausnahmen, teils aus der antiken Idyllendichtung, teils aus der französischen Schäferpoesie“, wie Friedrich Ausfeld: Die deutsche anakreontische Dichtung des 18. Jahrhunderts: Ihre Beziehungen zur französischen und zur antiken Lyrik, Karl J. Trübner, Strassburg 1907, beobachtet. Und meistens sind die Anakreontika Jugendwerke; 1779 war Moritz 23. Sehen wir ihm also nach, wie er die Trauer um eine verstorbene Katze leichtfertig ins Lächerliche zieht, seine Spitze sollte sich ohnehin eher gegen die Tendenz der Empfindsamkeit richten.

——— Karl Philipp Moritz:

Die empfindsame Schöne.

in: Christian Heinrich Schmid, Hrsg.: Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1779,
Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung, Seite 280,
cit. Christof Wingertszahn, Hrsg.: Karl Philipp Moritz: Gedichte,
Kleines Archiv des achtzehnten Jahrhunderts, Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 1999, Seite 10:

Dort, wo in der Dämmrung heil’gen Schatten,
Sich holde Phantasieen gatten,
Sanft traurender Melancholie;
An jenem schauervollen Platze,
Wo einsam unterm silbern Mond
Die feierliche Stille wohnt,
Beweint Selinde — ihre Katze.

Théodore Géricault, Le chat mort, ca. 1820

Bild: Théodore Géricault: Le chat mort, ca. 1820, Musée du Louvre, Paris.

Now you know your cat has nine lives: John Lennon: Crippled Inside, aus: Imagine, 1971:

Written by Wolf

30. November 2018 at 00:01

Moritz Under Ground

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Update zu Morgenschillern oder Warum die Freiheit des Menschen in Deutschsland wohnt,
Der Goethe wor fei aa do (It’s a nice-a place)
und Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!:

HODIE MIHI CRAS TIBI
ELEMOSINA PER LA LAMPADA PERPETUA DEL CIMITERO

Santa Maria dell’Orazione e Morte, Rom.

Santa Maria dell'Orazione e Morte

Es ist nicht ganz klar, wo sich Karl Philipp Moritz am Allerseelentag 1786 aufgehalten hat. Das lässt die meisten von uns ruhig schlafen, und wen nicht, dem genügt die Ortsangabe „Rom“.

Und sie genügt sogar der einen, verbreiteteren Moritz-Gesamtausgabe — der bei Insel von 1981, die seit kurzem bei mir wohnt. Da ist, wie sich das gehört, der vollständige Bericht Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788 abgedruckt und kommentiert. Zu dem Teil, der unten folgt und einiger touristischer Erklärungen bedarf, schweigt sie sich aus.

Santa Maria dell'Orazione e MorteDas wollen wir natürlich wie immer genauer wissen. In Frage kommen daher noch die andere, entschieden teurere Moritz-Gesamtausgabe, die beim Deutschen Klassiker Verlag 1997, und die bunte, so reich wie modern illustrierte Einzelausgabe bei der Anderen Bibliothek 2013.

Von der bunten muss trotz Erscheinen in der Anderen Bibliothek ausnahmsweise abgeraten werden: Die erschöpft sich in typographischer Selbstverwirklichung, bringt aber keinen Mehrwert. Die Idee, den vorklassischen Text der postmodernen Großstadtphotographie gegenüberzustellen, war richtig gut, bleibt aber so nichtssagend wie das Nachwort und so protzig wie das glitschige Volumenpapier. Nichts, wofür man 40 Euro ausgeben möchte, solange der Volltext gratis online steht. Die Hoffnung, dass sie wenigstens ein paar erhellende Anmerkungen zu den Örtlichkeiten „damals und jetzt“ dazugestellt haben, wird deshalb obsolet, sobald das einzige Exemplar der Stadtbibliothek auf Wochen bis nach einem Veröffentlichungstermin (hier: Allerseelen) ausgeliehen ist.

Von der Gesamtausgabe des Deutschen Klassiker Verlags ist leider nur der erste Band jemals ins Taschenbuch übergegangen, weil der darin enthaltene Anton Reiser noch halbwegs verkäuflich klingt, der zweite Band kostet einzeln 92 Euro. Tipp für Sparfüchse: Der Doppelpack kostet nicht zweimal 92, sondern gerade mal 98 Euro, das ist weniger Aufpreis, als wenn man das Taschenbuch dazukauft. Immerhin ist das eine Anschaffung, für die man sich nicht vor sich selber genieren muss — aber nicht, wenn man vor keinem Vierteljahr die Insel-Ausgabe gekauft hat.

Also weiter: Die Stadtbibliothek führt den zweiten Band nicht einmal als Magazinbestellung. In der Bibliothek des Münchner Instituts für Germanistik kommt Karl Philipp Moritz nicht, schandbar genug, im Alphabet vor, die wirklich freundliche studentische Hilfskraft an der Aufsicht (blond) liest unverhohlen Sebastian Fitzek und unterstützt meinen eigenen Vorschlag, dass ich dann doch „rüber in die Stabi“ muss. Die Bayerische Staatsbibliothek zu München führt Karl Philipp Moritz. Ich hab auf einer richtigen Uni studiert, mir aber trotzdem mal einen Bibliotheksausweis ausstellen lassen: Besser man hat ihn und braucht ihn nicht, als man braucht ihn und hat ihn nicht. Der Band ist entleihbar, aber „nur in den Allgemeinen Lesesaal“ — was klar geht, weil ich ja nur eine einzige Anmerkung auf einer der 1333 Seiten nachlesen will. Klick: Das Buch wird für mich „voraussichtlich“ in einer Woche an der Ausleihe im Allgemeinen Lesesaal bereitgestellt. Was die Stadtbücherei für innerhalb 30 Minuten verspricht und meistens in zehn schafft, eine Magazinbestellung, dauert in der Stabi eine Woche, und die Leute wundern sich, dass die Gymnasiallehrer nicht lesen und schreiben können.

Egal was ich bei wem ausleihen kann, wird, falls überhaupt, nach Allerseelen aufzutreiben sein, und das nur, weil in einem dieser erschütternd mies erreichbaren Bücher eventuell eine mindere Anmerkung stehen könnte, die ich für einen nichtkommerziellen Weblog brauche, dessen Leser mir persönlich bekannt sind — zu deutsch: Vergiss es. Bis ich — Lieferung in jede Buchhandlung zum nächsten Werktag — 98 Euro zum Verfeuern hatte, erschien an dieser Stelle Bildmaterial zu der Kirche, die der von Moritz bechriebenen am nächsten kommt: der dominikanischen Basilica minor San Clemente al Laterano.

Santa Maria dell'Orazione e MorteIn Rom soll sie stehen, nicht allzuweit vom Tiber-Ufer, und jedenfalls auf dem Stand von 1786 einen lebhaften Spendeneinnahmebetrieb aufweisen, und zwar, das ist der Trick: unterirdisch. Zu googeln, wie dieser Kirchenkeller anlässlich der novemberlichen Totenfeiertage — siehe unten — geschmückt gewesen sein mochte, bleibt aussichtslos; die typischen Suchergebnisse führen zuverlässig in die römischen Katakomben. Eine mindestens teilweise unterirdische „Kirche, die von den Todten, denen sie geweiht ist, ihren Nahmen führt“, kann ich auf der vorliegenden Basis nicht zuverlässig dingfest machen.

Allein die San Clemente besteht aus einem Fundament römischer Gebäudereste des 1. bis 3. Jahrhunderts mit einem Mithräum von etwa anno 240, darüber einer „Unterkirche“, die mich hoffen heißt: Immer noch unterirdisch liegen dort antike Räume als frühchristliche Basilika namens Titulus Clementis um 384, wiederum darüber der sichtbaren „Oberkirche“ ab 1108. Den Bildern aus dem Titulus Clementis nach wäre dort immerhin theoretisch Platz für drei dicke Priester, die an Tischen die reichlich hereinströmenden Spendengelder zählen.

Edit 24. Dezember 2019: Inzwischen lag mir die „richtige“ große Moritz-Augabe vor, die in zwei Bänden bei der Bibliothek Deutscher Klassiker, was meine dreibändige bei Insel bis auf weiteres nur um diesen einzigen Stellenkommentar schlechter macht: Laut BDK meint Moritz die Kirche Santa Maria dell’Orazione e Morte im römischen Viertel Regola an der Via Giulia, schräg gegenüber dem Palazzo Farnese und unmittelbar neben dem Palazzetto di Odoardo, wer’s kennt.

Unterirdisch liegt dort seit 1886 nur noch ein Hypogäum, das zu Moritzens Besuchszeit noch eine vollwertige unterirdische Begräbniskammer war. Ausgesprochen krass makaber ist der öffentlich den Blicken Minderjähriger preisgebene Kronleuchter aus Menschenknochen, aber immerhin haben sie eine Kapelle für meine persönliche Lieblingsheilige Katharina. — Wikipedia:

Sowohl die Lampenhalter im Vorraum als auch der Kandelaber in der Kapelle bestehen aus Gebeinen. Über dem Weihwasserbecken rechts am Eingang zur Kapelle zeigt ein Marmorrelief ein halbes Skelett. In einer Vitrine im Vorraum sind Schädel mit den Namen der Verstorbenen aufbewahrt. Auch auf dem Altar liegen Schädel und Skelettteile. Das große Kreuz an der Wand gegenüber dem Eingang besteht ebenfalls aus Schädeln. Zwei Almosen–Boxen fordern die Besucher auf, für Messen bzw. das Ewige Licht des Friedhofes zu spenden.

Der Spendengedanke ist also im Untergrund der betreibenden Erzbrüderschaft der Anbetung und des Todes geblieben, es greift alles glaubwürdig genug ineinander, um unser Bildmaterial von der San Clemente auf die Santa Maria dell’Orazione e Morte umzustellen. /Edit.

Kirche goes Underground. Halloween, gedacht als Vorabend zu Allerheiligen, ist nichts als das neue Allerseelen.

——— Karl Philipp Moritz:

Rom, den 5. November.

aus: Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788. In Briefen von Karl Philipp Moritz,
Erster Theil, Friedrich Maurer, Berlin 1792:

In den ersten Tagen meiner Ankunft in Rom, zu Ende des vorigen Monaths, war der Himmel heiter, und die Luft ziemlich kalt und schneidend, so daß die Leute selbst im Gehen auf den Straßen sich schon an Kohlentöpfen wärmten, welches um so mehr auffält, je sanfter und milder man das italiänische Klima sich gedacht hat.

Mit dem Feste aller Seelen aber, im Anfange dieses Monathes, trat wieder wieder laues, trübes und regnigtes Wetter ein, und das Traurige und Grauenvolle bei der Feier jenes melancholischen Festes, bekam nun noch ein desto düsterers Ansehen.

Santa Maria dell'Orazione e MorteDie Kirchen waren inwendig und zum Theil auch auswendig schwarz bekleidete, und mit den Abbildungen von Schädeln und Todtenbeinen ausgeschmückt. Und allenthalben ertönte auf den Straßen das Geschrei der Kläglichbittenden um ein Allmosen zu einer Todtenmesse für die armen Seelen im Reinigungsfeuer, (per le povere anime del purgatorio!)

Am grauenvollsten war der Anblick einer unterirrdischen den Todten geweihten Kirche, am Ufer der Tiber, die ich in der Dämmerung des Abends auf einer meiner ersten Wanderungen in Rom besuchte.

Auf dem Wege dahin begegnete mit zum erstenmal eine Prozession von Kindern, welche in weisse Tracht gehüllt, mit Wachslichtern in den Händen, paarweise einem offnen Sarge folgten, worin man einen ihrer Gespielen zu Grabe trug; ein Anblick der äußerst überraschend und rührend für mich war!

Ich kam nun in die Kirche, die von den Todten, denen sie geweiht ist, ihren Nahmen führt, und wo von einer Todtenbrüderschaft für die Armen, welche auf dem Felde gestorben (per gli poveri morti in campagna) zu Todtenmessen gesammlet ward.

Ich stieg nun einige Stufen hinab, und gleich am Eingange an einem Tische saßen drei schwarzgekleidete Männer, wie Höllenrichter, wovon zwei die Summe des eingenommenen Todtenlösegeldes in große Bücher verzeichneten, und einer mit dem dumpftönenden Ausruf: i poveri morti in campagna! eine große eherne Büchse, in welcher die Allmosen gesammlet wurden, gegen die Ankommenden schüttelte.

Und welch ein Anblick erfolgte nun beim Eintritt in diese unterirrdische Kapelle, deren Wände von oben bis unten mit würklichen Todtenschädeln und Todtenbeinen, die äußerst zierlich übereinandergelegt waren, ausgeschmückt, gleichsam mit dem ganzen verborgenen Schatze der grauenvollen Zerstörung prangten.

Und, was noch dieß alles übertraf, so waren große Nischen in den Wänden, worin die zusammengetrockneten Körper einiger unter freiem Himmel gestorbenen Armen, leibhaftig, und sogar noch mit ihren Lumpen bedeckt, und Stäbe in den knöchernen haltend, aufgestellt, ein fürchterliches Schreckbild waren.

Dazwischen war hin und wieder an den Wänden eine transparente Inschrift in Versen angebracht, wo die Jugend und die Schönheit an ihr Ende, die Pracht an ihre Vergänglichkeit, und der Stolz an seine Thorheit, mit Flammenschrift erinnert wurde, welche zugleich die einzige Erleuchtung dieses dunkeln Behältnisses war.

Zur Rechten stieg man wieder einige Stufen hinaus, und hier war eine Art von theatralischer Dekoration, wie eine waldigte Gegend, wo, nach einer Erzählung im alten Testamente, ein Esel und ein Löwe bei einem menschlichen Leichnam sich zusammen finden; welches also auch Beziehung auf den Endzweck hat, wozu diese ganze fürchterliche Scene veranstaltet wird; um nehmlich durch den sinnlichen Eindruck das Mitleid für die Todten zu erwecken, welches sich in milden Almosen äußert, wovon sich die Lebenden gütlich thun.

Santa Maria dell'Orazione e MorteWenn irgend etwas in die Idee der Alten eingreift, daß die Seelen der Todten, deren Körper unbegraben liegen bleiben, von dem rauhen Fährmann zurückgewiesen, nicht an das jenseitige Ufer des Styx gelangen können, sondern vergebens dahin ihre Arme ausstrecken; so ist es diese Allmosensammlung und Fürbitte für die Seelen derer, die verlassen von aller menschlichen Hülfe und Beistand, auf den Feldern gestorben sind, und niemanden haben, der für den armen gequälten Schatten ein Todtenopfer darbringt.

Zugleich aber dringt sich einem auch die Vorstellung von dem fürchterlichen Elende auf, welches hier so manchen hülfloß unter freiem Himmel verschmachten läßt, der demohngeachtet selbst durch dieses unbeschreibliche Elend, nach seinem Tode noch wie ein Scheusal ausgestellt, der allesverschlingenden Priesterschaft, die für die Ruhe der Seelen Gebete murmelt, Allmosen und reichen Gewinn verschaft.

Auf einigen Stufen stieg man nun zu der ordentlichen Kirche hinauf, die über dieser Gruft erbaut, und mit unzählichen Wachskerzen erleuchtet, aber ebenfalls mit schwarzem Tuch run umher ausgeschlagen war.

Hier kniete eine Menge von Menschen, die kaum nebeneinander Platz hatten, und in ihrer Mitte stand ein Ordensgeistlicher mit vollem Gesicht und blühenden Wangen, der die Qualen des Fegefeuers mit den lebhaftesten Farben schilderte, und seinen Zuhörern zu erwägen gab, wie viele Lindrung sie dem gequälten Geiste schon für einen einzigen Paul (eine Summe ohngefähr von vier Groschen) wofür sie eine Todtenmesse lesen ließen, verschaffen könnten.

Diese Kirche erweckt wieder die Idee von dem mundus patens der Alten; ein düsteres Fest, wo man sich die Schlünde der Unterwelt, auf eine zeitlang eröfnet, und die Scheidewand zwischen den Lebenden und Todten hinweggerückt dachte, und durch eine kurze Hemmung der Geschäfte und Gewerbe des Lebens den unterirrdischen Mächten gleichsam ein Opfer brachte, und den ihnen schuldigen Tribut bezahlte.

Alles bekömmt auch hier in diesen Tagen ein melancholisches Ansehen. — Ich besuchte auf einer meiner Wanderungen das alte römische Forum, das von prächtigen Ruinen auf allen Seiten eingeschlossen, jetzt ein einsamer Spaziergang ist, wo eine kleine Allee zur stillen Betrachtung, und zum ruhigen Nachdenken den staunenden Fremdling einladet.

Santa Maria dell'Orazione e Morte

Bilder: Santa Maria dell’Orazione e Morte, gemeinfreies Material 2009 bis 2018.
Soundtrack: Emilie Autumn: Arcangelo Corelli: La Folia, aus: Laced/Unlaced, 2007:

Written by Wolf

2. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Sturm & Drang

Rotstrumpf

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Update zum Weihnachtlied Faust 13 und
Hair as red as stockings blue:

Für V.

Marcin, JN, 23. September 2018

——— Friedrich Nicolai via Justus Möser:

Farbensport, myspace, ca. 2008

Eyn Lyd der Meydlein ym Osnabruckischen

Im Ton: Tzum Sterben bin ich usw.

aus: Eyn feyner kleyner Almanach, 1778:

Wack’r Meken ben yck
Roade Strumpe dreg yck
Kan strycken, kan näyhen
Kan’n Haspel goet dreyhen
Kan nock wol wat meer —

Das ist:

——— Clemens Brentano & Achim von Arnim:

Hast du auch was gelernt?

Des Knaben Wunderhorn, Anhang Kinderlieder,
Nr. KL 79 a, 1808:

Wacker Mägdlein bin ich ja,
Rothe Strümpflein hab ich an,
Kann stricken, kann nehen,
Kann Haspel gut drehen,
Kann noch wohl was mehr!

Jenni, Opposites attrct, 19. November 2008

Wacker Mädchen: Marcin, Warschau: JN, 23. September 2018;
Farbensport, Myspace, ca. 2008;
Jenni Holma, Helsinki: Opposites Attract, 19. November 2008.

Soundtrack: Deke Dickerson and the EccoFonics: Redheaded Woman,
WRFG FM 89.3 studios in Atlanta, Georgia, Sagebrush Boogie show, 10. Februar 2000:

Written by Wolf

31. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Sturm & Drang

Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge

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Update zu Zwischenmaschine,
1. Stattvent: Traudl (Mütter, euch sind alle Feuer, alle Sterne aufgestellt)
und Solch ein Gewimmel möcht ich sehn:

Zur Erinnerung: Das ist von 1786. La grande révolution war erst ab 1789, und dabei ist Moritz nicht einmal als besonders revolutionär hervorgetreten. Nur als anständig.

——— Karl Philipp Moritz:

Das Edelste in der Natur

aus: Denkwürdigkeiten aufgezeichnet zur Beförderung des Edlen und Schönen,
Johann Friedrich Unger, Berlin 1786 (Auszug):

Daß ich denke und den Werth meines Daseyns fühle, will ich nicht dem Zufall danken, der mir gerade unter dem Theile des Menschengeschlechts einen Platz anwieß, der sich den gesitteten Theil nennt — ich stelle mich auf die unterste Stufe, worauf mich der Zufall versetzen konnte, und gebe keinen von meinen Ansprüchen auf die Rechte der Menschheit nach. Ich fordre so viel Freiheit und Muße, als nöthig ist, über mich selbst, über meine Bestimmung, und meinen Werth als Mensch, zu denken.

Postcard by V. Tishkin, 1955Eins der größten Uebel, woran das Menschengeschlecht krank liegt, ist die schädliche Absonderung desselben, wodurch es in zwei Theile zerfällt, von welchen man den einen, der sich erstaunliche Vorzüge vor dem andern anmaßt, den gesitteten Theil nennt.

Dieser Theil scheint sich für den Zweck der Schöpfung, und alle übrige Menschen für untergeordnete Wesen zu halten, die deswegen im Schweiß ihres Angesichts die Erde bauen, damit es Rechtsgelehrte, Staatsmänner, Priester, Künstler, Dichter und Geschichtschreiber geben könne, von deren geistigen Beschäftigungen, und verfeinerten Vergnügungen, jene Bebauer des Feldes nicht einmal die Nahmen wissen.

Aber auch selbst in den gesitteten Ständen betrachtet immer ein Theil den andern mehr als bloß brauchbare und nützliche Wesen — so denkt man sich immer einen Theil von Menschen, als ob er bloß um des andern willen da wäre — dieß geht ins Unendliche fort, und warum denn nun zuletzt alle da sind, bleibt unausgemacht. —

Diese falsche Vorstellungsart hat fast in alle menschlichen Dinge eine schiefe Richtung gebracht. — Die herrschende Idee des Nützlichen hat nach und nach das Edle und Schöne verdrängt — man betrachtet selbst die große erhabne Natur nur noch mit kameralistischen Augen, und findet ihren Anblick nur interessant, in so fern man den Ertrag ihrer Produkte überrechnet —

Bei der Einrichtung der Stände und Gewerbe, ist nicht die Frage, in wie fern dieser Stand oder dieß Gewerbe auf die Menschen die es treiben zurückwirkt, den Körper und den Geist schwächt oder gesund erhält, und die Endzwecke der Natur zur Bildung des menschlichen Geistes hintertreiben oder befördern hilft — sondern man scheint immer einen Theil der Menschen als ein bloßes Werkzeug in der Hand eines andern zu betrachten, der wieder in der Hand eines andern ein solches Werkzeug ist, und so fort. —

Andrei Gorski, Missing in Action, 1946

Beiträge zum Sozialistischen Realismus: V. Tishkin, Postkarte 1955,
via Soviet Postcards. Vintage Paper from Russia, 8. August 2017;
Andrej Gorskij: Bez vesti Propavschij, 1946, via Igorusha, 7. Mai 2018;
The Means of Production, via Those With Guts Need No Plan, 2016.

Two Wieners, Those With Guts Need No Plan, 2016

Sozialistischer Realismus in der Musik:
Dmitri Schostakowitsch: Walzer Nr. 2, frühe 1950er Jahre,
die glaubwürdigste aller Versionen von Oliver Nowak an Mandoline, Gitarre und Banjo,
Aufnahme aus der irischen Arbeiterstadt Limerick, 2017:

Written by Wolf

19. Oktober 2018 at 00:01

The Art of Asking vs. was man bei manchen jungen Leuten ein insinuantes Wesen nennt

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Update zu Wähle dir ein Lied:

I think when we really see each other, we want to help each other.

Amanda Palmer, a. a. O.

Mit seinem populären Kreuzworträtsel-Halbwissen verortet man den Anfang der Psychologie allzugern bei Sigmund Freud. Am Anton Reiser bleibt der Untertitel Ein psychologischer Roman über seine vier Bände hinweg nicht das einzige Frappante.

Karl Friedrich Klischnig für Karl Philipp Moritz via Münchner Digitalisierungszentrum, Digitale BobliothekWie aktuell des Knaben Reisers Seelennöte geblieben sind, zeigt das erste Fachbuch darüber, das erst im November 2014 eine Musikerin vorlegen musste: Amanda Palmer: The Art of Asking: How I Learned to Stop Worrying and Let People Help, Grand Central Publishing, New York City; deutsch: The Art of Asking: Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und lernte, mir helfen zu lassen, Eichborn, Frankurt, September 2015.

Selbst darin bieten sich die Problemlösungen auf autobiographischen Umwegen, es soll aber trotz — oder wegen — all seiner Subjektivität in hohem Grade hilfreich sein. Anekdotischer Beweis: Seit Neil Gaiman mit Amanda Palmer verheiratet ist, haut er ein erfolgreiches Großprojekt nach dem anderen raus und wird oft im selben Satz mit dem Wort „Nobelpreis“ erwähnt. Da sollte es uns, die wir für ihre Bücher Geld löhnen sollen, allemal für unseren bescheidenen Alltag reichen.

Moritz‘ Problemschilderung ist gemeinfrei.

Der in Anton Reisers Pflegefamilie verwendete „Benjamin Schmolke“ schreibt sich gelegentlich auch Benjamin Schmolck und ist der pietistische Pfarrer mit zahlreichen geistlichen Liedern und Erbauungsschriften wie Der Lustige Sabbath/ Jn der Stille Zu Zion Mit Heiligen Liedern gefeyert/ Nebst einem Anhange Täglicher Morgen- und Abend- Kirch- Beicht- Buß- und Abendmahls-Andachten, Liebig, Reimann, Jauer, Schweidnitz 1712, oder Das Saiten-Spiel des Hertzens, Am Tage des Herrn, Oder Sonn- und Fest-tägliche Cantaten : Nebst einigen andern Liedern, Breßlau/Liegnitz 1720. Bei Moritz sind vermutlich Benjamin Schmolckens Gott-geheiligte Morgen- und Abend-Andachten in Bitte, Gebet, Fürbitte, und Dancksagung, nebst etlichen Liedern auf Begehren guter Freunde also ausgefertiget, durch Friederich Roth-Scholzen, Siles., Nürnberg und Altdorff, bey Johann Daniel Taubers, seel. Erben, 1720 u. ö. gemeint.

——— Karl Philipp Moritz:

Anton Reiser.

Ein psychologischer Roman.

Zweiter Theil. Friedrich Maurer, Berlin 1786,
cit. via Bibliotheca Augustana nach:

Karl Phillip Moritz, Anton Reiser, Ein psychologischer Roman (Karl Philipp Moritz, Die Schriften in 30 Bänden, hg. v. Petra Nettelbeck-Uwe Nettelbeck, Nördlingen 1987) nach der digitalen Ausgabe der Akademie der Wissenschaften in Göttingen (DWB-Thesaurus), die leider im Netz nicht mehr verfügbar ist.

Amanda Palmer via Connie Dee, Amanda Fucking Palmer, Pinterest, 2014Seine Eltern reißten nun auch weg, und er zog mit seinen wenigen Habseeligkeiten bei dem Hauboisten F… ein, dessen Frau insbesondre sich schon von seiner Kindheit an, seiner mit angenommen hatte. — Es herrschte bei diesen Leuten, die keine Kinder hatten, die größte Ordnung in der Einrichtung ihrer Lebensart, welche vielleicht nur irgendwo statt finden kann. Da war nichts, keine Bürste und keine Scheere, was nicht seit Jahren seinen bestimmten angewiesenen Platz gehabt hätte. Da war kein Morgen, der anbrach, wo nicht um acht Uhr Kaffee getrunken, und um neun Uhr der Morgenseegen gelesen worden wäre, welches allemal knieend geschahe, indes die Frau F… aus dem Benjamin Schmolke vorlaß, wobei denn Reiser auch mit knieen mußte. Des Abends nach neun Uhr wurde auf eben die Art indem jeder vor seinem Stuhle kniete, auch der Abendseegen aus dem Schmolke gelesen, und dann zu Bette gegangen. Dies war die unverbrüchliche Ordnung welche von diesen Leuten schon seit beinahe zwanzig Jahren, wo sie auch beständig auf derselben Stube gewohnt hatten, war beobachtet worden. Und sie waren gewiß dabei sehr glücklich, aber sie durften auch schlechterdings durch nichts darin gestört werden, wenn nicht zugleich ihre innre Zufriedenheit, die gröstentheils auf diese unverbrüchliche Ordnung gebaut war, mit darunter leiden sollte. Dieß hatten sie nicht recht erwogen, da sie sich entschlossen, ihre Stubengesellschaft mit jemanden zu vermehren, der sich unmöglich auf einmal in ihre seit zwanzig Jahren etablirte Ordnung, die ihnen schon zur andern Natur geworden war, gänzlich fügen konnte.

Es konnte also nicht fehlen, daß es ihnen bald zu gereuen anfieng, daß sie sich selbst eine Last aufgebürdet hatten, die ihnen schwerer wurde, als sie glaubten. Weil sie nur eine Stube und eine Kammer hatten, so mußte Reiser in der Wohnstube schlafen, welches ihnen nun alle Morgen, so oft sie herein traten, einen unvermutheten Anblick von Unordnung machte, dessen sie nicht gewohnt waren, und der sie wirklich in ihrer Zufriedenheit störte. — Anton merkte dieß bald, und der Gedanke, lästig zu seyn, war ihm so ängstigend und peinlich, daß er sich oft kaum zu husten getrauete, wenn er an den Blicken seiner Wohlthäter sahe, daß er ihnen im Grunde zur Last war. — Denn er mußte doch seine wenigen Sachen nun irgendwo hinlegen, und wo er sie hinlegte, da störten sie gewissermaßen die Ordnung, weil jeder Fleck hier nun schon einmal bestimmt war. — Und doch war es ihm nun unmöglich, sich aus dieser peinlichen Lage wieder herauszuwickeln. — Dieß alles zusammengenommen versetzte ihn oft Stundenlang in eine unbeschreibliche Wehmuth, die er sich damals selber nicht zu erklären wußte, und sie anfänglich bloß der Ungewohnheit seines neuen Aufenthaltes zuschrieb.

Amanda Palmer via Connie Dee, Amanda Fucking Palmer, Pinterest, 2014Allein es war nichts als der demüthigende Gedanke des Lästigseyns, der ihn so danieder druckte. Hatte er gleich bei seinen Eltern, und bei dem Hutmacher L… auch nicht viel Freude gehabt, so hatte er doch ein gewisses Recht da zu seyn. Bei jenen, weil es seine Eltern waren, und bei diesem, weil er arbeitete. — Hier aber war der Stuhl worauf er saß eine Wohlthat. — Möchten dieß doch alle diejenigen erwägen, welche irgend jemanden Wohlthaten erzeigen wollen, und sich vorher recht prüfen, ob sie sich auch so dabei nehmen werden, daß ihre gutgemeinte Entschließung dem Bedürftigen nie zur Quaal gereiche.

Das Jahr, welches Reiser in dieser Lage zubrachte, war, obgleich jeder ihn glücklich prieß, in einzelnen Stunden und Augenblicken, eines der qualvollsten seines Lebens.

Reiser hätte sich vielleicht seinen Zustand angenehmer machen können, hätte er des nur gehabt, was man bei manchen jungen Leuten ein insinuantes Wesen nennt. Allein zu einem solchen insinuanten Wesen gehört ein gewisses Selbstzutrauen, das ihm von Kindheit auf war benommen worden; um sich gefällig zu machen, muß man vorher den Gedanken haben, daß man auch gefallen könne. — Reisers Selbstzutrauen mußte erst durch zuvorkommende Güte geweckt werden, ehe er es wagte, sich beliebt zu machen. — Und wo er nur einen Schein von Unzufriedenheit andrer mit ihm bemerkte, da war er sehr geneigt, an der Möglichkeit zu verzweifeln, jemals ein Gegenstand ihrer Liebe oder ihrer Achtung zu werden. Darum gehörte gewiß ein großer Grad von Anstrengung bei ihm dazu, sich selber Personen als einen Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit vorzustellen, von denen er noch nicht wußte, wie sie seine Zudringlichkeit aufnehmen würden.

Dass ich mich darüber so komparativ ausbreite, könnte dem aufmerksamen Leser sagen, dass ich selber ein Problem damit hab, und damit hätte der aufmerksame Leser recht: Auch mir ist Geben seliger denn Nehmen. Lieber mit Hurra Arm und Haxen brechen als einmal mit ausgewichenem Blick verhuscht „danke“ murmeln müssen; nur „bitte“ ist schlimmer. Meine künftige Pflegekraft, die noch innerhalb dieser Generation ihre Ausbildung abschließen müsste, beneide ich nicht. Wenn ich mal regelmäßiger auf Hilfe angewiesen bin als „Kann ich mal das Salz haben — bitte?“, Gnade allen Beteiligten Gott.

Amanda Palmer reading live on stage The Art of Asking, Facebook, 8. April 2015

Bilder: Karl Friedrich Klischnig für Karl Philipp Moritz
via Münchner Digitalisierungszentrum, Digitale Bibliothek;
Amanda Palmer von hinten: via Connie Dee: Amanda Fucking Palmer, 2014;
Amanda Palmer von vorn: via From the inside cover of The Art of Asking
und reading live on stage The Art of Asking, 8. April 2015.

Soundtrack: Amanda Palmer: Ich bau dir ein Schloss,
live beim Wiener Standard Player, 5. November 2016,
ohne die anerkannte Schnulze von Heintje 1967 als minderwertig zu denunzieren:

Written by Wolf

28. September 2018 at 00:01

Ich sing euch von dem Mörder, der sich selbst hat entleibt

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Update zu Wenn man etwas Bildung hat (Die Moritat vom jungen Friedrich Kolbe):

Eine entsetzliche Mordgeschichte von dem jungen Werther, wie sich derselbe den 21. December durch einen Pistolenschuß eigenmächtig ums Leben gebracht. Allen jungen Leuten zur Warnung in ein Lied gebracht, auch den Alten fast nutzlich zu lesen. Im Thon Hört zu ihr lieben Christen etc. 1776.Anno 1774 und danach setzte die Parodienbildung um Goethes Über-Best- und Longseller Die Leiden des jungen Werthers — erst ab der überarbeiteten Fassung 1787 ohne Genitiv-s — praktisch sofot ein und riss bis heute noch nicht wieder ab. Johann Heinrich Gottfried von Bretschneider wird heute als Bibliothekar und Kunstsammler aus dem Thüringischen geführt, von seinem Regiment allerdings schon als bücheraffiner Offizier, zur Zeit seines hauptsächlichen Wirkens im Range eines Gubernialrats, und etwas inoffizieller als Satiriker. Das heißt unter vielem anderen, er neigte zum Verfertigen von Bänkelsang.

Mit seiner Wertheriade von 1775 kommt Bretschneider in der wichtigen Anthologie von Bänkellieder Musenklänge aus Deutschlands Leierkasten, Verlag von Hernhard Schlicke, Leipzig 1867, an breitenwirksamer Stelle vor — geadelt durch einen ganzen Satz Illsutrationen von Ludwig Richter.

Erstveröffentlichung war schon 1776 als Einzelheft, was bedeutet: mit Aussicht auf größere Verbreitung, allerdings anonym und ohne Angabe des Verlagsorts. Dafür lässt sie prominentere Veröffentlichung in den Musenklängen die Strophe mit „Er sah, beklebt mit Rotze“ weg. Die Melodie ist ein seinerzeit bekanntes Kirchenlied und kann den einfachen Noten im .pdf der Urfassung entnommen werden, der vollständige Text — hier mit Richters Illustrationen — lautet:

——— Heinrich Gottfried von Bretschneider:

Eine entsetzliche Mordgeschichte
von dem jungen Werther,

wie sich derselbe den 21. December durch einen Pistolenschuß eigenmächtig ums Leben gebracht.
Allen jungen Leuten zur Warnung in ein Lied gebracht,
auch den Alten fast nutzlich zu lesen

Im Thon: Hört zu ihr lieben Christen etc.

1776:

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Hört zu, ihr Junggesellen
Und ihr Jungfräulein zart,
Damit ihr nicht zur Höllen
Aus lauter Liebe fahrt.

Die Liebe, traute Kinder!
Bringt hier auf dieser Welt
Den Heil’gen wie den Sünder
Um Leben, Gut und Geld.

Ich sing‘ euch von dem Mörder,
Der sich selbst hat entleibt,
Er hieß: der junge Werther,
Wie Doctor Göthe schreibt.

So witzig, so verständig,
So zärtlich als wie er,
Im Lieben so beständig
War noch kein Sekretair.

Ein Pfeil vom Liebesgotte
Fuhr ihm durch’s Herz geschwind.
Ein Mädchen, sie hieß Lotte,
War eines Amtmanns Kind.

Die stand als Vice-Mutter
Geschwistern treulich vor,
Die schmierte Brod mit Butter
Dem Fritz und Theodor,

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Dem Liesgen und dem Kätgen —
So traf sie Werther an
Und liebte gleich das Mädchen
Als wär’s ihm angethan.

Wie in der Kinder Mitte
Sie da mit munterm Scherz
Die Butterahmen schnitte —
Da raubt‘ sie ihm das Herz.

Er sah, beklebt mit Rotze
Ein feines Brüderlein
Und küßt‘ dem Rotz zum Trotze
An ihm, die Schwester sein.

Fuhr aus, mit ihr zu tanzen
Wohl eine ganze Nacht,
Schnitt Menuets der Franzen
Und walzte, daß es kracht‘.

Sein Freund kam angestochen
Blies ihm ins Ohr hinein:
Das Mädchen ist versprochen
Und wird den Albert freyn.

Da wollt‘ er fast vergehen,
Spart‘ weder Wunsch noch Fluch,
Wie alles schön zu sehen
In Doctor Göthes Buch.

Kühn ging er, zu verspotten
Geschick und seinen Herrn,
Fast täglich nun zu Lotten,
Und Lotte sah ihn gern.

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Er bracht den lieben Kindern
Lebkuchen, Marcipan,
Doch alles konnt’s nicht hindern,
Der Albert wurd ihr Mann.

Des Werthers Angstgewinsel
Ob diesem schlimmen Streich
Mahlt Doctor Göthes Pinsel
Und keiner thut’s ihm gleich.

Doch wollt er noch nicht wanken
Und stets bei Lotten seyn,
Dem Albert macht’s Gedanken,
Ihm träumte von Geweyhn.

Herr Albert schaute bitter
Auf die Frau Albertin —
Da bat sie ihren Ritter:
„Schlag mich dir aus dem Sinn.

Geh fort, zieh in die Fremde,
Es giebt der Mädchen mehr –“
Er schwur beim letzten Hemde,
Daß sie die einz’ge wär.

Als Albert einst verreiste
Sprach Lotte: „bleib von mir!“
Doch Werther flog ganz dreiste
In Alberts Haus zu ihr.

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Da schickte sie nach Frauen
Und leider keine kam, —
Nun hört mit Furcht und Grauen,
Welch Ende alles nahm.

Der Werther las der Lotte
Aus einem Buche lang,
Was einst ein alter Schotte
Vor tausend Jahren sang.

Es war gar herzbeweglich,
Er fiel auf seine Knie
Und Lottens Auge kläglich
Belohnt ihm seine Müh.

Sie strich mit ihrer Nase
Vorbey an Werthers Mund,
Sprang auf als wie ein Hase
Und heulte wie ein Hund.

Lief in die nahe Kammer,
Verriegelte die Thür
Und rief mit großem Jammer:
„Ach, Werther, geh von mir!“

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Der Arme mußte weichen,
Alberten, dem’s verdroß,
Konnt’s Lotte nicht verschweigen,
Da war der Teufel los!

Kein Werther konnt‘ sie schützen,
Der suchte Trost und Muth
Auf hoher Felsen Spitzen
Und kam um seinen Hut.

Zuletzt ließ er Pistolen
Im Fall es nöthig wär
Vom Schwager Albert holen,
Und Lotte gab sie her.

Weil’s Albert so wollt‘ haben,
Nahm sie sie von der Wand
Und gab sie selbst dem Knaben
Mit Zittern in die Hand.

Nun konnt er sich mit Ehre
Nicht aus dem Handel ziehn,
Ach Lotte! die Gewehre
Warum gabst du sie hin ?

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Alberten recht zum Possen
Und Lotten zum Verdruß,
Fand man ihn früh erschossen,
Im Haupte stack der Schuß.

Es lag, und das war’s beste,
Auf seinem Tisch ein Buch,
Gelb war des Todten Weste
Und blau sein Rock, von Tuch.

Als man ihn hingetragen
Zur Ruh‘ bis jenen Tag,
Begleit’n ihn kein Kragen
Und auch kein Ueberschlag.

Man grub ihn nicht in Tempel,
Man brennte ihm kein Licht,
Mensch, nimm dir ein Exempel
An dieser Mordgeschicht!

Bänkelsänger, nach einer Radierung von J. W. Meil, 1765

Bilder: Ludwig Richter, 1848, nach Fritz Breucker: Ludwig Richter und Goethe, G. Teubner, Leipzig 1926,
via Goethezeitportal, Mai 2015.

Soundtrack: The Dead South: In Hell I’ll Be In Good Company, aus: Good Company, 2014:

Dead Love couldn’t go no further
Proud of and disgusted by her
Push shove, a little bruised and battered
Oh Lord I ain’t coming home with you.

Written by Wolf

6. Januar 2018 at 00:48

Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)

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Update zu Gateway Drug:

Manche Probleme kommen nie aus der Mode. Zum Beispiel das des geplagten Vaters, der nach generationenlanger Kinderaufzucht wenigstens noch eine Altersversorgung aus der Frucht seiner Lenden gewinnen will.

Karl Philipp Moritz, Militätmusikersohn, abgebrochene Hutmacherlehre, scheint sich damit auszukennen. Stammt von ihm doch immerhin der erste ernstzunehmende psychologische Roman der Geschichte, und der hat bis heute seine Fans.

Über der neuen Cecilia ist Moritz, geboren im selben Jahr wie Mozart (aufgepasst: 2016 vor 260 Jahren), zwei Jahre nach demselben leider verstorben — zu früh, dass sich heute nur bestimmen ließe, ob die Cecilia eine Novelle oder ein Roman Anton Reiserschen Ausmaßes werden sollte. Vorgelegt sind die Briefform wie im Werther und eine Pädagogik und Bildungsauffassung wie im Émile.

Mit diesem Brief führt sich die Figur des besorgten Vaters ein. Die heilige Cäcilia aus der Überschrift ist die Patronin der Musik, Vater Braschi schreibt an einen aufstrebenden Maler — der wohl, wie man solche Bildungsromane kennt, im Lauf der Handlung spätestens mit 30 noch groß rauskommen sollte. Da große Kunst immer allgemeingültig ist, dürfen wir die väterlichen Sorgen getrost auf bürgerliche und moderne Metiers ausweiten. Der Brief steht weit am Anfang der Cecilia. Den geistreichen Formulierungen nach zu schließen, lag Moritz etwas an dem Thema.

Frederick Goodall, A Dream of Paradise, 1889

——— Karl Philipp Moritz:

Marchese Mario der Vater an seinen Sohn.

aus: Die neue Cecilia. Letzte Blätter, von Karl Philipp Moritz. C’est aini, qu’en partant, je vous fais mes adieux. Zweite Probe neu veränderter deutscher Druckschrift. Berlin, 1794. Bey Johann Friedrich Unger:

Du bist nun in Rom, und mußt eine Carriere machen, mein lieber Sohn! Es fehlt dir nicht an Stand und Vermögen; du hast in den ersten Häusern Zutritt; du bist auf dem schnurgeraden Wege, dein Glück in der Welt zu machen, wenn du es nicht selber verscherzest.

John William Waterhouse, Dolce Far Niente, 1879Als Monsignore muß ich dich wieder sehen; ich bitte dich, verdirb diese Hoffnung deinem alten Vater nicht! Aber ich weiß schon, wie du deine edle Zeit verschleudern wirst; du wirst mit den Malern herumlaufen, und alte bestäubte Bilder begucken; du wirst verstümmelte Bildsäulen abzeichnen, und dein schönes Papier bekritzeln. Ich weiß, wie manchen Tag du hier mit deinem Carlo Maratti, dem jungen Schwärmer, verträumt hast.

Du mußt die Conversationen nicht versäumen; du mußt dir keine Gelegenheit entschlüpfen lassen, wo du dein Glück bauen kannst. Du mußt notwendig eine Carriere machen, mein lieber Sohn, es wäre Schade, wenn du es nicht tätest! Denn alles vereinigt sich, um dir die Bahn zu ebnen. Nur bitte ich dich, laß den Schwindelgeist fahren, und verschwende nicht mehr so viele Zeit mit der abgeschmackten Kunst! Du läufst nur Hirngespinsten nach; einträgliche Stellen und bare Einkünfte, sind doch das letzte Ziel, wonach wir streben.

Dein Glück ist es nur, daß du von dem Wahnwitze der Liebe noch unangesteckt bist. Du mußt dich in die Zeit schicken; du mußt dich bücken, wo es nötig ist, und stolzieren, wo du darfst. Prälaten Brot ist süßes Brot; und der violette Strumpf sitzt kühl im Sommer, und hält im Winter warm. Wenn du erst so weit bist, wie du sein willst, so kannst du dir Leute halten, die über das Schöne der Kunst ganze Tage mit dir schwatzen, und alle deine Phantasien kannst du ja dann nach Wunsch befriedigen. Was hilft dir denn bei leerem Beutel ein Kopf mit Ideen vollgepfropft? Trachte doch am ersten nach dem, wofür man alles andre haben kann, so wird dir das übrige alles zufallen.

Bewahre meinen väterlichen Rat in deinem Herzen, mein lieber Sohn; schreite nicht auf unrechten Wegen aus; versäume die Conversationen nicht; laufe den Malern und den Weibern nicht nach; strebe nach dem violetten Strumpfe; den roten aber laß das höchste Ziel deiner Wünsche sein, wenn du nicht weiter streben kannst; und erinnere dich, so oft du zum Künstler und Gelehrten herabsinken willst, daß du aus dem Hause und aus der Familie der Braschi stammst! Ich bin

Dein
wohlmeinender Vater
A. Mario.

Im übrigen sollten wir alle sehr viel sorgfältiger zwischen Müßiggang, Faulheit und Trägheit und diese in acedia und inertia zu unterscheiden lernen. Daran liegt mir was.

John William Godward, Dolce Far Niente, 1904

Bestäubte Bilder: Frederick Goodall: A Dream of Paradise, 1889;
John William Waterhouse: Dolce Far Niente, 1879;
John William Godward: Dolce Far Niente, 1904.
Ersten Grades themenverwandter Soundtrack: Die Ärzte: Junge, aus: Jazz ist anders, 2007.

Written by Wolf

8. Januar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

Rede du darein!

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Ich verlinke zwei Online-Petitionen. Bitte unterschreibt, verbreitet und tut wenigstens so, als ob nicht in eurem Namen ein Angriffskrieg stattfindet.

——— Matthias Claudius:

Kriegslied

aus: Asmus omnia sua secum portans, Vierter Teil, 1783:

’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammleten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Goya, Die Schrecken des Krieges, Tafel 71, Contra el bien general

Bild: Goya: Contra el bien general. Das ist spanisch und bedeutet: Gegen das Gemeinwohl. Tafel 71 aus: Desastres de la guerra (Die Schrecken des Krieges), 1810–1815.

Written by Wolf

1. Dezember 2015 at 17:52

Spitz wie Wetzlarer Karotte

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Update zu Deine so oft entweihte Frühlingsfeier:

Hinter die meisten Anspielungen kommt, wer sich freiwillig auf Weblogs wie diesem herumtreibt, ungegoogelt. Allein einen Pfarrer Jochen Hiebel konnte ich nicht nachweisen, und die Wetzlarer Karotte scheint mir eine entfernte Verwandte des Kunitzburger Eierkuchens. Wenn sie groß ist, wird sie bestimmt mal sprichwörtlich, falls die alten Jungs der Neuen Frankfurter Schule auf dem Gebiet der Sprichwörtlichkeit noch nicht genug geleistet haben sollten. Unser Goethe gehört, ich mag es vereinzelt schon zwischen den Zähnen gemurmelt haben, heute noch in jeden Haushalt.

Vicente Romero Redondo, 2015

——— Eckhard Henscheid:

Charlottens Brief

1981, aus: Eckhard Henscheid & F. W. Bernstein (Hg.): Unser Goethe, Diogenes 1982,
verwendet in: An krummen Wegen. Gedichte und Anverwandtes, Zürich 1994:

Werter Werther,
Denkst Du noch des Camembert, der
Unsre Liebe sanktionierte,
Während ich Dich deflorierte —
Wart einmal: beziehungsweise
Du mich. Ach, du Scheiße,
Beinahe hätt ich’s vergessen
(so geht’s halt den Topmätressen)
Dir zu sagen, wie ich Dich
Liebe ganz herztausiglich!
Du, mein kleiner Gardeoberst,
Du mein Scheißer! Warte, ob erst
Albert aus dem Hause fort —
Nein, er hockt auf dem Abort —
Trotzdem wag ich diesen Brief!
Ja, der Camembert hat tief
Mir damals das Herz durchbohrt.
Glaub’s mir, Werther, jedes Wort
Dieses Klopstock, den wir lasen,
Und du tät’st so artig blasen,
Ging mir an die Eier mein —
Stop! Die Eier sind ja Dein
Ein und Alles — hen kai pan,
Wie Du’s ausdrückst, werter Mann.
Kurz, wie man’s auch dreht und wendet —
Albert scheint am Klo verendet —
Ich bin Din und Du bist min!
Ach, ich möcht‘ nach Westberlin!
Sightseeing mit Dir, das wär’s,
Unter des Berliner Bärs
Tatzenpratzen Dich zu knutschen,
Schnell in‘ Grunewald zu rutschen —
Ach, wie wird mir Wetzlar öde,
„Lar“ fürwahr — und dann die blöde
Hühnerfickerei des Pfarrers
Hiebel Jochen, dieses Schmarrers,
Der mich ständig hacken will,
Und ich halt auch schon brav still,
Bis Du wiederkömmst, mein Sauschwanz,
Bleib ich ewig treu und Dein ganz;
Spitz wie Wetzlarer Karotte
Wartet Dein — mmmh Bussi!
                                  Lotte.

Hannah Holmes via The Art of Animation, July 5th, 2014

Briefleserinnen: Vicente Romero Redondo, 2015;
Hannah Holmes via The Art of Animation, 5. Juli 2014.

Written by Wolf

4. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Sturm & Drang

Sophokles‘ Bruder ab orbe Britannis

with one comment

Update zu Der Drang zum Sturm:

Wieland war der erste. Durch seine Übersetzungen ab 1762 setzte sich Shakepeare in Deutschland in großem Stil durch. Eine ältere Generation von Aufklärern und eine jüngere von Stürmern und Drängern erkannten in der Dramatik Shakespeares, die sich in ganz und gar verstörender Weise nichts um die aristotelischen Poetikregeln scherte, das reine Naturgenie, somit einen längst fälligen Erneuerer des Theaters und in der Folge der gesamten Kunst. Selbst ein Goethe konnte sich 22-jährig noch neidlos vor dem älteren, größeren Geist verneigen: Seine Rede Zum Schäkespears Tag von 1771, wenngleich erst posthum 1854 in gedruckter Form, tat ein übriges. Da war Goethe noch nicht der arrivierte Geheimrat und nachmalige Klassiker, sondern „nur“ Bestsellerautor (Werther, Götz, Egmont) des Sturm und Drang. So viel Bewunderung bis hin zur Demut hat er vor sonst keinem Künstlerkollegen, ob tot oder lebendig, gezeigt.

Cover Dave Morrah, Me and the Liberal Arts, 1960sJohann Gottfried Herders Aufsatz Shakespear innerhalb Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter liegt in drei Fassungen vor. Die erste davon trägt noch klar die Form eines Sendschreibens an Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, in direkter Antwort auf den 14. bis 18. Brief über Merkwürdigkeiten der Litteratur (1766–1770, im Druck gesammelt 1773), worin Herder seine eigenen Ideen über Shakespeare ordnete und verdichtete. Eine zweite, erweiterte Fassung entstand 1772; diese beiden sind handschriftlich erhalten. Die dritte von 1773 unterschied sich von der zweiten grundlegend genug, um sie im Erstdruck der Deutschen Art und Kunst derselben gegenüber zu stellen. Diese Redaktion von 1773 besorgte der Verleger R. Steig, die derzeit aus dem Handel verschwindende Reclam-Ausgabe von Hans Dietrich Irmscher benutzt diese kritische Bearbeitung.

Um uns weiter Shakespeare (und auf Schleichwegen so abgelegenen Erkenntnissen wie Herman Melvilles Verhältnis zu Nathaniel Hawthorne) zu nähern, gebe ich sie um einige Lobeshymnen, Besprechungen von Einzeldramen und Redundanzen erleichtert, aber in der originalen Orthographie wieder:

——— Johann Gottfried Herder:

Shakespear

in: Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter, Fassung von 1773, gekürzt (Volltext):

Wenn bei einem Manne mir jenes ungeheure Bild einfällt: „hoch auf einem Felsengipfel sitzend! zu seinen Füssen Sturm, Ungewitter und Brausen des Meers; aber sein Haupt in den Stralen des Himmels!“ so ists bei Shakespear! — Nur freilich auch mit dem Zusatz, wie unten am tiefsten Fusse seines Felsenthrones Haufen murmeln, die ihn — erklären, retten, verdammen, entschuldigen, anbeten, verläumden, übersetzen und lästern! — und die Er alle nicht höret! […]

Es ist von Griechenland aus, daß man die Wörter Drama, Tragödie, Komödie geerbet; und so wie die Letternkultur des Menschlichen Geschlechts auf einem schmalen Striche des Erdbodens den Weg nur durch die Tradition genommen, so ist in dem Schoosse und mit der Sprache dieser, natürlich auch ein gewißer Regelnvorrath überall mitgekommen, der von der Lehre unzertrennlich schien. Da die Bildung eines Kindes doch unmöglich durch Vernunft geschehen kann und geschieht; sondern durch Ansehen, Eindruck, Göttlichkeit des Beispiels und der Gewohnheit: so sind ganze Nationen in Allem, was sie lernen, noch weit mehr Kinder. Der Kern würde ohne Schlaube nicht wachsen, und sie werden auch nie den Kern ohne Schlaube bekommen, selbst wenn sie von dieser ganz keinen Gebrauch machen könnten. Es ist der Fall mit dem Griechischen und Nordischen Drama.

Cover Frank Kane, Green Light for Death, 1956In Griechenland entstand das Drama, wie es in Norden nicht entstehen konnte. In Griechenland wars, was es in Norden nicht seyn kann. In Norden ists also nicht und darf nicht seyn, was es in Griechenland gewesen. Also Sophokles Drama und Shakespears Drama sind zwei Dinge, die in gewißem Betracht kaum den Namen gemein haben. Ich glaube diese Sätze aus Griechenland selbst beweisen zu können, und eben dadurch die Natur des Nordischen Drama, und des größten Dramatisten in Norden, Shakespears sehr zu entziffern. Man wird Genese Einer Sache durch die Andre, aber zugleich Verwandlung sehen, daß sie gar nicht mehr Dieselbe bleibt.

Die Griechische Tragödie entstand gleichsam aus Einem Auftritt, aus dem Impromptus des Dithyramben, des mimischen Tanzes, des Chors. Dieser bekam Zuwachs, Umschmelzung: Aeschylus brachte statt Einer handelnden Person zween auf die Bühne, erfand den Begriff der Hauptperson, und verminderte das Chormässige. Sophokles fügte die dritte Person hinzu, erfand Bühne – aus solchem Ursprunge, aber spät, hob sich das Griechische Trauerspiel zu seiner Grösse empor, ward Meisterstück des Menschlichen Geistes, Gipfel der Dichtkunst, den Aristoteles so hoch ehret, und wir freilich nicht tief gnug in Sophokles und Euripides bewundern können.

Man siehet aber zugleich, daß aus diesem Ursprunge gewiße Dinge erklärlich werden, die man sonst, als todte Regeln angestaunet, erschrecklich verkennen müssen. Jene Simplicität der Griechischen Fabel, jene Nüchternheit Griechischer Sitten, jenes fort ausgehaltne Kothurnmässige des Ausdrucks, Musik, Bühne, Einheit des Orts und der Zeit – das Alles lag ohne Kunst und Zauberei so natürlich und wesentlich im Ursprunge Griechischer Tragödie, daß diese ohne Veredlung zu alle Jenem nicht möglich war. Alles das war Schlaube, in der die Frucht wuchs. […]

Wie sich Alles in der Welt ändert: so muste sich auch die Natur ändern, die eigentlich das Griechische Drama schuf. Weltverfaßung, Sitten, Stand der Republiken, Tradition der Heldenzeit, Glaube, selbst Musik, Ausdruck, Maas der Illusion wandelte: und natürlich schwand auch Stoff zu Fabeln, Gelegenheit zu der Bearbeitung, Anlaß zu dem Zwecke. Man konnte zwar das Uralte, oder gar von andern Nationen ein Fremdes herbeiholen, und nach der gegebnen Manier bekleiden: das that Alles aber nicht die Würkung: folglich war in Allem auch nicht die Seele: folglich wars auch nicht (was sollen wir mit Worten spielen?) das Ding mehr. Puppe, Nachbild, Affe, Statüe, in der nur noch der andächtigste Kopf den Dämon finden konnte, der die Statüe belebte. […]

Cover Chip Harrison, No Score, 1970. Art by Elaine DuilloUnd welches war der Zweck? Aristoteles hats gesagt, und man hat gnug darüber gestritten – nichts mehr und minder, als eine gewisse Erschütterung des Herzens, die Erregung der Seele in gewissem Maaß und von gewissen Seiten, kurz! eine Gattung Illusion, die wahrhaftig! noch kein Französisches Stück zuwege gebracht hat, oder zuwege bringen wird. Und folglich (es heisse so herrlich und nützlich, wie es wolle) Griechisches Drama ists nicht! Trauerspiel des Sophokles ists nicht. Als Puppe ihm noch so gleich; der Puppe fehlt Geist, Leben, Natur, Wahrheit – mithin alle Elemente der Rührung – mithin Zweck und Erreichung des Zwecks – ists also dasselbe Ding mehr? […]

Laßet uns also ein Volk setzen, das aus Umständen, die wir nicht untersuchen mögen, Lust hätte, sich statt nachzuäffen und mit der Wallnußschaale davon zu laufen, selbst lieber sein Drama zu erfinden: so ists, dünkt mich, wieder erste Frage: wenn? wo? unter welchen Umständen? woraus solls das thun? und es braucht keines Beweises, daß die Erfindung nichts als Resultat dieser Fragen seyn wird und seyn kann. Holt es sein Drama nicht aus Chor, aus Dithyramb her: so kanns auch nichts Chormässiges, Dithyrambisches haben. Läge ihm keine solche Simplicität von Faktis der Geschichte, Tradition, Häuslichen, und Staats- und Religionsbeziehungen vor – natürlich kanns nichts von Alle dem haben. – Es wird sich, wo möglich, sein Drama nach seiner Geschichte, nach Zeitgeist, Sitten, Meinungen, Sprache, Nationalvorurtheilen, Traditionen, und Liebhabereien, wenn auch aus Fastnachts- und Marionettenspiel (eben, wie die edlen Griechen aus dem Chor) erfinden – und das Erfundne wird Drama seyn, wenn es bei diesem Volk Dramatischen Zweck erreicht. Man sieht, wir sind bei den

toto divisis ab orbe Britannis

und ihrem grossen Shakespear.

Daß da, und zu der und vor der Zeit kein Griechenland war, wird kein pullulus Aristotelis läugnen, und hier und da also Griechisches Drama zu fodern, daß es natürlich (wir reden von keiner Nachäffung) entstehe, ist ärger, als daß ein Schaaf Löwen gebären solle. […]

Shakespear fand vor und um sich nichts weniger als Simplicität von Vaterlandssitten, Thaten, Neigungen und Geschichtstraditionen, die das Griechische Drama bildete, und da also nach dem Ersten metaphysischen Weisheitssatze aus Nichts Nichts wird, so wäre, Philosophen überlaßen, nicht blos kein Griechisches, sondern wenns ausserdem Nichts giebt, auch gar kein Drama in der Welt mehr geworden, und hätte werden können. Da aber Genie bekanntermaassen mehr ist, als Philosophie, und Schöpfer ein ander Ding, als Zergliederer: so wars ein Sterblicher mit Götterkraft begabt, eben aus dem entgegen gesetztesten Stoff, und in der verschiedensten Bearbeitung dieselbe Würkung hervor zu rufen, Furcht und Mitleid! und beide in einem Grade, wie jener Erste Stoff und Bearbeitung es kaum vormals hervorzubringen vermocht! – Glücklicher Göttersohn über sein Unternehmen! Eben das Neue, Erste, ganz Verschiedne zeigt die Urkraft seines Berufs.

Cover Carter Brown, The Myopic Mermaid, 1961Shakespear fand keinen Chor vor sich; aber wohl Staats- und Marionettenspiele – wohl! er bildete also aus diesen Staats- und Marionettenspielen, dem so schlechten Leim! das herrliche Geschöpf, das da vor uns steht und lebt! Er fand keinen so einfachen Volks- und Vaterlandscharakter, sondern ein Vielfaches von Ständen, Lebensarten, Gesinnungen, Völkern und Spracharten – der Gram um das Vorige wäre vergebens gewesen; er dichtete also Stände und Menschen, Völker und Spracharten, König und Narren, Narren und König zu dem herrlichen Ganzen! Er fand keinen so einfachen Geist der Geschichte, der Fabel, der Handlung: er nahm Geschichte, wie er sie fand, und setzte mit Schöpfergeist das verschiedenartigste Zeug zu einem Wunderganzen zusammen, was wir, wenn nicht Handlung im Griechischen Verstande, so Aktion im Sinne der mittlern, oder in der Sprache der neuern Zeiten Begebenheit (événement) grosses Eräugniß nennen wollen – o Aristoteles, wenn du erschienest, wie würdest du den neuen Sophokles Homerisiren! […]

Sophokles blieb der Natur treu, da er Eine Handlung Eines Orts und Einer Zeit bearbeitete: Shakespear konnt ihr allein treu bleiben, wenn er seine Weltbegebenheit und Menschenschicksal durch alle die Örter und Zeiten wälzte, wo sie – nun, wo sie geschehen: und Gnade Gott dem kurzweiligen Franzosen, der in Shakespears fünften Aufzug käme, um da die Rührung in der Quintessenz herunter zu schlucken. Bei manchen Französischen Stücken mag dies wohl angehen, weil da Alles nur fürs Theater versificirt und in Scenen Schaugetragen wird; aber hier geht er eben ganz leer aus. Da ist Weltbegebenheit schon vorbei: er sieht nur die letzte, schlechteste Folge, Menschen, wie Fliegen fallen: er geht hin und höhnt: Shakespear ist ihm Ärgerniß und sein Drama die dummeste Thorheit. […]

Trauriger und wichtiger wird der Gedanke, daß auch dieser grosse Schöpfer von Geschichte und Weltseele immer mehr veralte! daß da Worte und Sitten und Gattungen der Zeitalter, wie ein Herbst von Blättern welken und absinken, wir schon jetzt aus diesen grossen Trümmern der Ritternatur so weit heraus sind, daß selbst Garrik, der Wiedererwecker und Schutzengel auf seinem Grabe, so viel ändern, auslaßen, verstümmeln muß, und bald vielleicht, da sich alles so sehr verwischt und anders wohin neiget, auch sein Drama der lebendigen Vorstellung ganz unfähig werden, und eine Trümmer von Kolossus, von Pyramide seyn wird, die Jeder anstaunet und keiner begreift. Glücklich, daß ich noch im Ablaufe der Zeit lebte, wo ich ihn begreifen konnte, und wo du, mein Freund, der du dich bei diesem Lesen erkennest und fühlst, und den ich vor seinem heiligen Bilde mehr als Einmal umarmet, wo du noch den süssen und deiner würdigen Traum haben kannst, sein Denkmal aus unsern Ritterzeiten in unsrer Sprache, unserm so weit abgearteten Vaterlande herzustellen. Ich beneide dir den Traum, und dein edles Deutsches Würken laß nicht nach, bis der Kranz dort oben hange. Und solltest du als denn auch später sehen, wie unter deinem Gebäude der Boden wankt, und der Pöbel umher still steht und gafft, oder höhnt, und die daurende Pyramide nicht alten Ägyptischen Geist wieder aufzuwecken vermag – dein Werk wird bleiben, und ein treuer Nachkomme dein Grab suchen, und mit andächtiger Hand dir schreiben, was das Leben fast aller Würdigen der Welt gewesen:

Voluit! quiescit!

Durchhalterotschöpfe: Dave Morrah: Me and the Liberal Arts, 1960s;
Frank Kane: Green Light for Death, 1956;
Chip Harrison: No Score, 1970, art by Elaine Duillo;
Carter Brown: The Myopic Mermaid, 1961,
alle via McClaverty.

Später Shakespeare: Cole Porter: Brush Up Your Shakespeare, aus: Kiss Me Kate, 1948, Film 1953.

Written by Wolf

25. Februar 2015 at 14:01

Diese seltsame Katzenandacht (Dieses scharf riechende Thier)

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Vorspann: ——— Goethe an Johann Gottfried Herder. Rom, 13. Januar 1787:

In meiner Stube hab ich schon die schönste Jupiter Büste, eine kolossale Juno über allen Ausdruck groß und herrlich, eine andre kleiner und geringer, das Haupt des Apoll von Belvedere und in Tischbeins Studio steht auch manches dessen Werth mir aufgeht. Nun rücke ich zu den Gemmen, und alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle.

——— Goethe: Rom, den 25. December 1786,
in: Italienische Reise, Von Ferrara bis Rom:

Letizia Mancino, Die Katze in Goethes Bett. Goethes schwierigste Liebesbeziehung in Rom, AIG I. Hilbinger Verlagsgesellschaft, 2009Ich fange nun schon an die besten Sachen zum zweitenmal zu sehen, wo denn das erste Staunen sich in ein Mitleben und reineres Gefühl des Werthes der Sache auflös’t. Um den höchsten Begriff dessen was die Menschen geleistet haben, in sich aufzunehmen, muß die Seele erst zur vollkommenen Freiheit gelangen.

Der Marmor ist ein seltsames Material, deßwegen ist Apoll von Belvedere im Urbilde so gränzenlos erfreulich, denn der höchste Hauch des lebendigen, jünglingsfreien, ewig jungen Wesens verschwindet gleich im besten Gyps-Abguß.

Gegen uns über im Palast Rondanini steht eine Medusenmaske, wo, in einer hohen und schönen Gesichtsform, über Lebensgröße, das ängstliche Starren des Todes unsäglich trefflich ausgedrückt ist. Ich besitze schon einen guten Abguß, aber der Zauber des Marmors ist nicht übrig geblieben. Das edle Halbdurchsichtige des gelblichen, der Fleischfarbe sich nähernden Steins ist verschwunden. Der Gyps sieht immer dagegen kreidenhaft und todt.

Und doch, was für eine Freude bringt es, zu einem Gypsgießer hineinzutreten, wo man die herrlichen Glieder der Statuen einzeln aus der Form hervorgehen sieht, und dadurch ganz neue Ansichten der Gestalten gewinnt. Alsdann erblickt man neben einander, was sich in Rom zerstreut befindet, welches zur Vergleichung unschätzbar dienlich ist. Ich habe mich nicht enthalten können, den kolossalen Kopf eines Jupiters anzuschaffen. Er steht meinem Bette gegenüber, wohl beleuchtet, damit ich sogleich meine Morgenandacht an ihn richten kann, und der uns, bei aller seiner Großheit und Würde, das lustigste Geschichtchen veranlaßt hat.

Unserer alten Wirtin schleicht gewöhnlich, wenn sie das Bett zu machen hereinkommt, ihre vertraute Katze nach. Ich saß im großen Saale und hörte die Frau drinne ihr Geschäft treiben. Auf einmal, sehr eilig und heftig gegen ihre Gewohnheit, öffnet sie die Thüre, und ruft mich eilig zu kommen, und ein Wunder zu sehen. Auf meine Frage: was es sey, erwiederte sie, die Katze bete Gott Vater an. Sie habe diesem Thiere wohl längst angemerkt, daß es Verstand habe wie ein Christ, dieses aber sey doch ein großes Wunder. Ich eilte mit eigenen Augen zu sehen, und es war wirklich wunderbar genug. Die Büste steht auf einem hohen Fuße, und der Körper ist weit unter der Brust abgeschnitten, so daß also der Kopf in die Höhe ragt. Nun war die Katze auf den Tisch gesprungen, hatte ihre Pfoten dem Gott auf die Brust gelegt, und reichte mit ihrer Schnauze, indem sie die Glieder möglichst ausdehnte, gerade bis an den heiligen Bart, den sie mit der größten Zierlichkeit beleckte und sich weder durch die Interjection der Wirthin, noch durch meine Dazwischenkunft im mindesten stören ließ. Der guten Frau ließ ich ihre Verwundrung, erklärte mir aber diese seltsame Katzenandacht dadurch, daß dieses scharf riechende Thier wohl das Fett möchte gespürt haben, das sich aus der Form in die Vertiefungen des Bartes gesenkt und dort verhalten hatte.

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in seiner römischen Wohnung, Federzeichnung 1787, rechts außen die Juno Ludovisi

Cover nach Tischbein: Letizia Mancino: Die Katze in Goethes Bett:
Goethes schwierigste Liebesbeziehung in Rom
, AIG I. Hilbinger Verlagsgesellschaft, 2009;
Das verfluchte zweite Küßen: Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in seiner römischen Wohnung, Federzeichnung 1787. Rechts außen die Juno Ludovisi.

Written by Wolf

14. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Sturm & Drang

Hunderttausende erlebten Goethe, Schiller und Herrndorf! Schon beim Saisonauftakt waren alle tot. Dass Schiller nicht Wolfgang hieß, verblüffte alle.

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Update zu Mein Lied ertönt der unbekannten Menge und
So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus:

Das aktuelle Ranking der drei beliebtesten deutschen Theaterstücke des Deutschen Bühnenvereins:

Die Realität ist für diejenigen, die ihre Träume nicht aushalten, Faust am Residenztheater München, Juni 2014In der Theatersaison 2012/2013 gab es in Deutschland 43 Inszenierungen von Goethe: Faust. Insgesamt erlebten sie 380 Aufführungen; das ist etwas mehr als eine pro Tag.

Im gleichen Zeitraum im gleichen Erhebungsgebiet gab es 29 Inszenierungen von Wolfgang Herrndorf: Tschick. Insgesamt erlebten sie 764 Aufführungen; das sind etwas mehr als zwei pro Tag. Sie erreichten knapp 99.000 Zuschauer — nach verkauften Theaterkarten, nicht nach „Klicks“ auf halblegale Handy-Mitschnitte auf YouTube.

Im gleichen Zeitraum im gleichen Erhebungsgebiet gab es 24 Inszenierungen von Schiller: Kabale und Liebe. Sie erreichten 122.000 Zuschauer.

Tschick hat damit erstmals in der Theatergeschichte mit einem Aufführungsrekord Goethe und Schiller überholt.

Herrndorf wird wegen seines überschaubaren und jedem Casting-Event die Bude einrennenden Personals — zwei renitente Berliner Jungs — mit Vorliebe an eher familiär geführten Studiobühnen gespielt, Kabale und Liebe wird ungebrochen als Anschauungsmaterial für Schulstoff gebraucht, Faust hatte erst im Juni 2014 seinen eigenen Monat im Münchner Residenztheater.

Dreisatzaufgabe: a) Wie viele Zuschauer erreichte Faust in der bundesdeutschen Theatersaison 2012/2013 in seinen 1,04 täglichen Aufführungen? b) Wie oft musste Kabale und Liebe für seine 334-einviertel täglichen Zuschauer aufgeführt werden?

Fachfrage: a) Wie viele Leute laufen in diesem Moment in Deutschland herum, die den Faust auswendig können? b) Wie viele können wenigstens eine Sprechrolle aus dem ersten Teil?

Transferaufgabe: Ist es zum Erzielen eines Theatererfolgs sinnvoller, a) Wolfgang zu heißen oder b) zu sterben?

Diese Fragen dürfen Sie als rhetorisch betrachten oder beantworten. Genugsame Brillanz bei letzterem belohne ich mit Buchgeschenken. Mach ich einfach.

Die Realität ist für diejenigen, die ihre Träume nicht aushalten:
Residenztheater München, Juni 2014.

Written by Wolf

12. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

Wanderwochen 01: Goethe guckt in die Ferne

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Update zum Gesang der Geister über den Wassern:

Zu den großen Fernsehmomenten der 1990er Jahre gehörte das Talkshow-Interview mit einem jungen Mann mit Glatze, Bomberjacke und Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln, der für den Stolz eintrat, ein Deutscher zu sein. Auf die Nachfrage, wie er denn auf etwas stolz sein könne, das er nicht geleistet hat, zum Beispiel seine Staatsangehörigkeit, gab er zur Antwort: wegen Goethe und Schiller. Die erneute Nachfrage, was denn da sein Lieblingsbuch von Goethe sei, ergab den großen Fernsehmoment: sein verblüfftes Gesicht.

Goethe, Waldlandschaft mit Wasserfall, 17. Juni 1775Obwohl ich keinen Wert darauf lege, junge Männer in der beschriebenen Staffage persönlich zu treffen, ja überhaupt zu erfahren, ob solche jemals außerhalb journalistischer Medien auftreten, kann hier nicht der Ort sein, über sie zu urteilen. Man liest ja allgemein viel zu wenig von und immer nur über Goethe.

Übrigens hätte Goethe gern Fernsehen geguckt. Von seinem Kumpel, dem Weimarer Herzog, mit zahlreichen Ämtern betraut, die wir nicht alle als reine Sinekuren einstufen können, als Freimaurer einer vita activa das Wort redend und als erklärter Augenmensch, wäre der Geheimrat oft heilfroh gewesen, wenn er zum Fernsehen käme: „Aber Du weißt, wie ich im Anschaun lebe“, schrieb er an seinen anderen Kumpel Johann Heinrich Merck (Weimar, 5. August 1778).

Visuelle Eindrücke musste Goethe sich deshalb holen, wo sie zu haben waren: wo Gott — mit dem er ein Leben lang leicht fremdelte — sie in seine Natur gestellt hat. Zur Erstbesteigung des Blocksbergs, vulgo Brocken, muss man immer schon dazubetonen, dass vor Goethe schon jemand oben war, und zwar auch im Winter; das galt also schon Goethes Generation nicht mehr als geradezu unmöglich, nur als unnötig schweres Unterfangen. Seine drei Reisen in die Schweiz hätten später Wandertouren geheißen, seine Ansichtskarten und Urlaubsfotos musste er noch selber zeichnen und tat es ausführlich, mit erkennbar trainierter Begabung und einem liebevollen Blick für Landschaften. Seine Graffiti in Wanderhütten genießen Weltruf, seine Naturgedichte füllen dicke Bände; da ist schon egal, dass sein Heideröslein von Herder abgeschrieben war. Seinen Doktor Faust bringt er anfangs durch einen Osterspaziergang zu gesünderem Menschenverstand.

——— Goethe an Johann Christian Kestner, Frankfurt, 25. Dezember 1772,
nach der Weimarer Ausgabe, Abteilung IV Band 2, Seite 48 f.:

Der Türner hat sich wieder zu mir gekehrt, der Nordwind bringt mir seine Melodie, als blies er vor meinem Fenster. Gestern lieber Kestner war ich mit einigen guten Jungens auf dem Lande, unsre Lustbarkeit war sehr laut, und Geschrey und Gelächter von Anfang zu Ende. Das taugt sonst nichts für die kommende Stunde, doch was können die heiligen Götter nicht wenden wenns Ihnen beliebt, sie gaben mir einen frohen Abend, ich hatte keinen Wein getruncken, mein Aug war ganz unbefangen über die Natur. Ein schöner Abend, als wir zurückgingen es ward Nacht. Nun muss ich dir sagen das ist immer eine Sympathie für meine seele wenn die Sonne lang hinunter ist und die Nacht von Morgen herauf nach Nord und Süd umsich gegriffen hat, und nur noch ein dämmernder Kreis von abend heraufleuchtet. Seht Kestner wo das Land flach ist ists das herrlichste Schauspiel, ich habe jünger und wärmer Stunden lang so ihr zugesehn hinabdämmern auf meinen Wandrungen. Auf der Brücke hielt ich still. Die düstre Stadt zu beyden Seiten, der Still leuchtende Horizont, der Widerschein im Fluß machte einen köstlichen Eindruck in meine Seele, den ich mit beyden Armen umfasste.

——— Goethe an Auguste Gräfin zu Stolberg, Frankfurt, 13. Februar 1775,
nach der Weimarer Ausgabe, Abteilung IV Band 2, Seite 233 f.:

Wenn Sie sich, meine liebe, einen Goethe vorstellen können, der im galonirten Rock, sonst von Kopf zu Fuse auch in leidlich konsistenter Galanterie, umleuchtet von vom unbedeutenden Prachtglanze der Wandleuchter und Kronenleuchter, mitten unter allerley Leuten, von ein Paar schönen Augen am Spieltische gehalten wird, der in abwechselnder Zerstreuung aus der Gesellschafft, ins Conzert, und von da auf den Ball getrieben wird, und mit allem Interesse des Leichtsinns, einer niedlichen Blondine den Hof macht; so haben Sie den gegenwärtigen Fassnachts Goethe, der Ihnen neulich einige dumpfe tiefe Gefühle vorstolperte, der nicht an Sie schreiben mag, der Sie auch manchmal vergißt, weil er sich in Ihrer Gegenwart ganz unausstehlich fühlt.

Aber nun giebts noch einen, den im grauen Biber-Frack mit dem braunseidnen Halstuch und Stiefeln, der in der streichenden Februarluft schon den Frühling ahndet, dem nun bald seine liebe weite Welt wieder geöffnet wird, der immer in sich lebend, strebend und arbeitend, bald die unschuldigen Gefühle der Jugend in kleinen Gedichten, das kräfftige Gewürze Lebens in mancherley Dramas, die Gestalten seiner Freunde und seiner Gegenden und seines geliebten Hausraths mit Kreide auf grauem Papier, nach seiner Maase auszudrücken sucht, weder rechts noch links fragt: was von dem gehalten werde was er machte? weil er nach keinem Ideale springen, sondern seine Gefühle sich zu Fähigkeiten, kämpfend und spielend, entwickeln lassen will.

Wäre das Fernsehprogramm um 1775 aus naheliegenden Gründen nicht noch indiskutabler gewesen als heute, wären wir nicht reicher, sondern ärmer. So muss das der stolze deutsche junge Mann im Fernsehen gemeint haben.

Goethe, Kapelle, 18. Juni 1775

Texte zeichentreu aus: Goethe wandert. Ausgewählt, herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Jochen Klauß, Hain Verlag, Rudolstadt und Jena 1988. Leider nur 64 Seiten im Briefumschlagformat DIN-Lang C6, daher mehr als Geschenkbuch geeignet.

Bilder: Goethe: Tuschzeichnung Waldlandschaft mit Wasserfall, 17. Juni 1775.
Auf der Rückseite bezeichnet: „17 Juni 75 Rigi“. (Koetschau / Morris, Tafel 3; Corpus I, Nr. 112; Maisak, Nr. 27);
Auf der Rückseite, nicht von Goethes Hand, bezeichnet: „Goethe den 18. Jun. 1775“. Kapelle, an einem bewaldeten Berghang gelegen, rechts seitlich ein Bauernhaus. Wahrscheinlich bezieht sich auf dieses Blatt die Bemerkung im Tagebuch: „18. Sontags früh gezeichnet die Capelle vom Ochsen aus“. (Koetschau / Morris, Tafel 4).
Beide via Jutta Assel und Georg Jäger: Goethes Schweizerreise 1775. Alpenwanderung in Wort und Bild, Januar 2011

Written by Wolf

24. Juli 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

Barfußwochen 07: Wenn man Schuh anhat

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Update zu Barfußläufte:

Deiner Phrasen leeres Was | Treibet mich davon,
Abgeschliffen hab ich das | An den Sohlen schon.

Divan, Buch des Sängers: Derb und tüchtig, 1819 ff.

Sag’ mir das nicht, du hast’s in alten Tagen
Längst an den Sohlen abgetragen;
Doch jetzt, dein Hin- und Wiedergehn
Ist nur um mir nicht Wort zu stehn.

Faust II, Vers 6177 f., 1832.

Nick Endegor, Das Geheimnis, Louvre, Mai 2013Das ist jetzt ein Fundstück, auf das ich mir nicht wenig einbilde. Wirklich zugänglich ist es erst geworden, seit der Deutsche Klassiker Verlag in breitenwirksamer Auswahl bei Insel in Taschenbücher übergeht, darunter Teile der Frankfurter Goethe-Ausgabe. Und selbst darin steht die unten folgende Skizze im Band 5 mit den klassischen Dramen ganz hinten, kurz vor dem Kommentar — übrigens von Dieter Borchmeyer — unter „Kleinere dramatische Fragmente“, als erste von vieren, von denen keine die Stärke einer ganzen Druckseite erreicht. Vorher stand sie nur in der Frankfurter und natürlich in der Weimarer Ausgabe, in der alles von Goethe steht, die aber nicht gleich jemand daheim stehen hat.

Für Goethes Begriffe ist das eine ungewöhnlich volksnahe, aus dem Leben gegriffene Szene, die er zur eventuellen weiteren Verwendung 1774 zusammen mit weiteren Gedanken und Notizen auf einem Konzeptpapier in Quartformat festgehalten hat. Dasselbe wanderte mit Goethes Nachlass ins Archiv und wurde erst 1897 mit dem Abdruck im Lesartenverzeichnis zu Band 38 der Weimarer Ausgabe publik — Rubrik „Späne“.

Auf diesem Quartbogen fehlt die Überschrift „Magd Frau Bäurin“, allerdings existiert ein älteres Notizblatt — mit der Überschrift (ohne die Kommata), die allerdings auch nur als Szenenanweisung gedacht sein kann, mit kleinen Abweichungen und ohne die ersten zwei Sätze. Nach den Grundsätzen der Frankfurter Ausgabe gehören die Überschrift und diese zwei Sätze zur Fassung letzter Hand.

Nick Endegor, Psyche, Louvre, Mai 2013Der apokryphe Quartbogen ist laut Borchmeyers Kommentar datiert mit „(1)4. 10. 1774“, die Niederschrift muss deshalb diesem Datum vorausgehen, ein ausgesprochener Glücksfall fürs Eingrenzen der Entstehungszeit. Ein weiterer Hinweis führt uns auf einem nicht unspannenden Weg zu Goethes Mutter und vorweimarischen Biographie:

Goethe erzählt im 18. Buch von Dichtung und Wahrheit […]:

Zu meiner Mutter machte sich ein eigenes Verhältnis; sie wußte in ihrer tüchtigen graden Art sich gleich ins Mittelalter zurückzusetzen um als Aja bei irgend einer Lombardischen oder byzantinischen Prinzessin angestellt zu sein. Nicht anders als Frau Aja ward sie genannt und sie gefiel sich in dem Scherze.

Nun steht diese Äußerung zwar im Umkreis des Besuchs der beiden StolbergBrüder vor der Schweizer Reise. Die Zeit, von der erzählt wird, ist demnach der Mai 1775; aber es besteht keine Notwendigkeit, die erstmalige Bezeichnung von Goethes Mutter als „Frau Aja“ auf dieses Datum zu fixieren, wie es in der Weimarer Ausgabe geschieht, die deshalb trotz des oben angegebenen Datums die Entstehungszeit des Fragments wesentlich später ansetzt. tatsächlich wurde die Mutter bereits am 20. 7. 1774 im Ausgabenbuch des Vaters [d. h. sogar von ihrem eigenen Mann] „Frau Aja“ genannt. Dies paßt genau zur Datumsangabe auf dem Quartbogen. Da es sich bei der Szene aber bereits um eine Übertragung von einer älteren Vorlage handelt, muß der Entstehungszeitpunkt noch um einiges nach vorn verlegt werden, wahrscheinlich auf den späten August 1774 [d. h. um Goethes 25. Geburtstag], wo Goethe — soeben von der Lahn-Rhein-Reise nach Frankfurt heimgekehrt — angesichts seiner Fußmärsche mit Lavater und Basedow die Feststellung Dorthes [aus dem Fragment] wohl am eigenen Leib verspürt hat: „Es ist kurios, daß man sich die Füß aufgeht, wenn man schuh anhat und nit wenn man barfüßig geht.“ Geht man von der hier vorgeschlagenen Datierung aus, gehört das Fragment also zu den vorweimarischen Dichtungen.

Es ist eine stark für den sonst so unnahbar olympischen Dichter einnehmende Vorstellung, wie er barfuß durch die Schweiz tapst. Der mütterliche Spitzname „Frau Aja“ bezeichnet, aus dem Spanischen oder Italienischen übernommen, eine Erzieherin oder Hofmeisterin. Geläufig war er der Familie Goethe am wahrscheinlichsten aus dem Volksbuch Die vier Haimonskinder, in dem ebenfalls die gütige, vermittelnde Mutter so heißt.

Der sachte sozialkritische Akzent, den man in dem Fragment wahrnehmen mag, ist auch eher für den Stürmer und Dränger, nicht den klassischen Weimaraner Goethe typisch, als er sich noch gern über den Kommerzialismus in seiner Vaterstadt mokierte. Ich gebe es nach der Frankfurter Ausgabe, die ihrerseits nach der Weimarer Ausgabe zitiert, so vollständig wieder, wie ein Fragment sein kann.

——— Goethe: Magd, Frau, Bäurin, kurz vor 4. oder 14. Oktober 1774,
cit. Frankfurter Ausgabe, Band 5, 1988:

Frau Aya Herr Jes Maidel ihr lauft bei dem Wetter in bloßen Füßen werdt ihr nicht krank

Bäurin Ja meine andern sind zer[rissen] beim Schuhflicker ich hab nur ein Paar

Dorthe Es ist kurios daß daß man sich die Füß aufgeht wenn man Schuh anhat und nit wenn man barfüßig geht.

Frau A ihr nach auf die Füße sehend: Wenn ihr die zerreißt so laß ich euch ein Paar neue machen

Baur Vergel[ts Gott] das wird ihnen Gott vergelten

Dorthe Und wenn mer barfüßig geht so geht mer sie nit auf.

Bäurin Ihr lauft eure Sohlen ab, Wir laufen uns Sohlen an. — Ja so was hat eben unser Herr Gott für die armen Leut erfunden

Nick Endegor, Nymphe, von einem Skorpion gestochen, Louvre, Mai 2013

Marmorbilder: Nick Endegor im Louvre, Paris: Mramor Luwra, Mai 2013.

Written by Wolf

11. Juli 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

Durchgezittert, durchempfunden

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Update zu Der Drang zum Sturm:

Lenz hat schon vor seinem Ableben vor 222 Jahren nicht mehr so richtig eingeschlagen, die Jubiläumsfeierlichkeiten zu Shakespeare sind abgeebbt — wahrscheinlich weil er uns ohnehin seit über vier Jahrhunderten „die Stücke schreibt“ (Heiner Müller). Wie sehr muss da erst ein Rollengedicht von Lenz über und sogar mit Shakespeare einschlagen.

Gar nicht, aber egal. Die hamleteske Illustration ist eine Show für sich, und das Gedicht seit Lenzens erster Gesamtausgabe von Ludwig Tieck (jawohl: dem Tieck) 1828 erst wieder 1987 von Sigrid Damm erschlossen.

Der erwähnte David Garrick war zu seiner Zeit eine Art Laurence Olivier, Orson Welles und Kenneth Branagh auf einmal: Wer Shakespeare nicht mit dem gesehen hatte, hat ihn überhaupt nicht gesehen. Die offizielle Begeisterung für ihn geht auf eine Schilderung von Georg Christoph Lichtenberg vom Juni 1776 zurück (die wir vielleicht an dieser Stelle noch drannehmen), von der Lenz unmittelbar angeregt sein könnte — aber im Sturm und Drang war sowieso jeder bildende und darstellende Künstler von Garrick pflichtgemäß begeistert, und von Shakespeare erst recht.

Unklar bleibt die Interpretation, über die sich selbst Sigrid Damm ausschweigt: Ist das eine aufrichtig gemeinte Huldigung oder eine wohlwollende Parodie? — Es folgt eine in originaler Schreibung belassene, typographisch lesbar gemachte Fassung nach Tieck.

——— Jakob Michael Reinhold Lenz:

Shakespeares Geist
ein Monologe
,

um 1776, Erstdruck in Ludwig Tieck (Hg.): Gesammelte Schriften von J. M. R. Lenz, G. Reimer, Berlin 1828,
danach in Karl Weinhold: Gedichte von J. M. R. Lenz. Mit Benutzung des Nachlasses Wendelins von Maltzahn, Berlin 1891,
Handschrift verschollen:

Der Schauplatz das Theater zu London. Die Coulissen mit einer Reyhe Bogen bemahlt, aus der eine unzähliche Menge Köpfe hervorguckt. Im Grunde die spielenden Personen der Gespensterscene in Hamlet. Garrick spielt. Shakespear tritt herein.

Wie? welche Menge? welche Stille?
Als wärens Geister. Welche Grille
Bezaubert diese tausend Köpfe?
                              Ich?
Mein Hamlet? Mein Stück!
Welch ein unerwartetes Glück!
Hamlet vor mir!
               Gott! – Schafft dein Schicksal
Menschen nach? Realisirt
Was ich in unvergeßlichen Stunden
Durchgezittert, durchempfunden
In meiner Seele aufgeführt?
O welch Herablassen! deinem Affen
Würdigst du Vater! nachzuerschaffen. –

Meine Shakespears! Ihr schenkt mich mir wiederum,
Liebes, liebes Publikum.
Guckt nur! bis ihr seht was ich sah
Als die Offenbarung mir geschah.
Bis Euer Puls so fliegt, euer Leeben erhitzt
So das Augenlied schwingt, bis euer Auge blitzt
Voll unaussprechlicher Verlangen
Die sich Luft machen auf den Wangen.
O ihr alle Shakespears an diesem Abend, alle
Meine Kinder! meine Wiederhalle!
Bleibt nur den Abend so – darnach laß ich euch loß,
Darnach werdt ihr wieder gewaltig und groß,
Seht hinaus über mich, könnt wieder mich schreyen
Könnt mir ins Angesicht speyen
Critik, Galle, Zorn,
Könnt, mich zu höhnen
Mich krönen
Mit Dorn,
Könnt ihr armen Ehrgeitzigen
Meinethalben mich kreutzigen:
Hatte mein Gott, dessen Erdenkloß
Ich nur bin doch kein beßer Looß,
Hat euch doch ewig seelig gemacht
Da ich euch nur um zwey Stunden gebracht.

Bleibt die zwey Stunden nur so – liebe Ichs
Liebe Shakespears! – Gott! wie beseeligt mich’s
Dis Dein Gefühl, Urquell aller Gaben!
Menschen mich mitgetheilt zu haben.

Diese zwey Stunden nur – genug! –
Nun zu Gott zurück mein Flug!

               Verschwindt.

Hamlet, E Morizat, 1947

Hamlet vor mir: E Morizat, 1947.

Where Have All the Flowers Gone?: Pete Seeger, 1955, deutsch von Max Colpet 1965.

Written by Wolf

6. Juni 2014 at 00:01

O komm ein Engel und rette mich!

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Update zu Als ich in Saarbrücken:

Zum unrunden, aber unbedenklich begehbaren 222. Todestag des glücklosen Lenz (nach russisch-julianischer Zeitrechnung jedenfalls, westlich-gregorianisch wäre erst der 4. Juni) empfehle ich warm, noch einmal das Gedicht Wo bist du itzt und dessen sorgsame Einrichtung vom Januar durchzulesen: Nicht nur ist das eins der allerschönsten Gedichte zwischen Aufklärung und Romantik (wir rechnen es mitsamt dem Dichter unter Sturm und Drang), dort hab ich auch das beeindruckendste Wissenswerte über Lenz versammelt, damit es für Schulreferate genauso taugt wie zum absichtslosen Ergötzen.

Nach Anlass und Inhalt wäre es passender gewesen, im Januar das nachstehende Gedicht zu verbreiten, weil es teilweise von Engeln handelt, und dafür Wo bist du itzt itzt, weil es teilweise vom Mai handelt, nach der Stimmung passt es aber durchaus so, wie es jetzt geworden ist. Der Lenz, er ruhe sanft und nicht vollends vergessen.

Die Demuth schrieb Lenz in seiner Straßburger Zeit, das Thema der Demut beschäftigte ihn schon in Moralische Bekehrung eines Poeten — und sinnigerweise in seiner Gastpredigt in der Sesenheimer Pfarrkirche, deren Turm er hauptsächlich umschlich, um sich von großer Hoffart getrieben an die Pfarrerstochter Friederike Brion, Goethes Ex, zu pirschen. Das Manuskript ging auf einem Straßburgbesuch im Juni 1774 an Johann Kaspar Lavater und ist seitdem nicht weiter nachweisbar.

Die bisherigen Versionen im Internet schreiben vermutlich eine von der anderen allzu gerne „Ich kroch empor wie das geschmeide Ephen“ ab; ich verbessere nach der Gesamtausgabe von Sigrid Damm auf „Epheu“, was „Efeu“ heißt. Das gibt Sinn.

Serge Marshennikov

——— Jakob Michael Reinhold Lenz:

Die Demuth

1774, Erstdruck in: Johann Konrad Pfenningers Christliches Magazin,
IV. Band, 1. Stück, Zürich und Winterthur 1779:

Ich wuchs empor, wie Weidenbäume
Von manchem Nord geschlenkt
Ihr niedrig Haupt in lichte Wolken heben,
Wenn nun der Frühling lacht.

Serge MarshennikovIch kroch empor wie das geschmeide Epheu
Durch Schutt und Mauern Wege findt,
An dürren Stäben hält und höher
Als Sie, zum Schutt an ihren Füßen
Hinunter sieht.

Ich flog empor, wie die Rakete
Verschlossen und vermacht, die Bande
Zerreißt und schnell, sobald der Funken
Sie angerührt, gen Himmel steigt.

Ich kletterte wie junge Gemsen,
Die nun zuerst die Federkraft
In Sehn’n und Muskeln fühlen, wenn sie
Die steile Höh‘ erblicken, empor.

Hier häng ich itzt aus Dunst und Wolken
Nach dir furchtbare Tiefe, nieder —
Giebts Engel hier? O komm ein Engel
Und rette mich!

O wenn ich diesen Felsengang stürzte,
Wo wär, ihr Engel Gottes! mein Ende?
Wo wär ein Ende meiner Thränen
Um dich, um dich verlorne Demuth?

Dich der Christen und nur der Christen
Einziger, allerhöchster Seegen
Heiliger Balsam! der die Wunden
Des schwingeversengenden Stolzes heilt.

Serge MarshennikovEinzige Lindrung edler Gemüther,
Wenn in der trostlosen, heißen, öden,
Heißen, öden, verzehrenden Wüste
Eitler Ehre sie sich verirrt.

Wann sie schmachteten und nicht fanden
Wo sie den Durst der Hölle stillten
Der ihr Gebein verzehrte.

Wann sie, verzweifelnd um Schatten, wählten
Wege nach Morgen, nach Mittag, nach Abend
Und nicht fanden, nicht fanden, nicht fanden
Wo ein Schatten sie kühlete.

Wenn sie auf unmitleidigen Sand hin-
ab sich stürzten und strekten und weinten.
Ach die Thränen rolleten auf und nieder
So heiß war der Sand.

Komm der Christen Erretter und Vater,
Komm du Gott in verachteter Bildung!
Komm und zeige der Demuth geheime
Pfade mir an.

Führe mich weit und nieder hinunter
In ihre dunkeln Schattenthale
Voll lebendiger springender Brunnen,
Wo die Einsamkeit oder die Freude
Also lispelt:

Komm‘ gerösteter Laurentius
Unglükseeliger Sterblicher!
Ruh‘ von deinem Streben nach Unglük,
Ruhe hier aus.

Oder wenn von glüklicherm Streben
Du zu ruhen, Beruf in dir fühlest,
Wenn deine Flügel sinken,
Wenn deine Federkraft sich zurüksehnt,
Du die Gebeine nur fühlst, der Geister
All entledigt — Gerippe —
Ruhe hier aus!

Horch! hier singen die Nachtigallen,
Auch Geschöpfe, wie du, und beßer,
Denn ein Gott hat sie singen gelehrt
Und sie dachten doch nie daran, ob sie
Beßer sängen als andre.

Hier, hier Sterblicher! sieh hier rauschen
Quellen in lieblichen Melodien,
Jede den ihr bezeichneten Weg hin
Ohne Gefahr.

Serge MarshennikovSieh hier blühen die Blumen wie Mädgen
In ihrer ersten Jugend-Unschuld,
Unverdorbene Lilien-Mädgen;
Ja sie blühen und lächeln und buhlen
Ungesehen und unbewundert
Mit den Winden der lauen Luft!

Lerne von ihnen, für wen blühn sie?
Für den Gott, der sie blühen machte
All in ihrer unnachahmlichen
Blumen Naivetät.

Sieh den Weg an! irrte hier jemals
Ein animalischer Fuß?
Blüh’n doch, blühen dem guten Schöpfer
Der sie gemacht.

Hier, hier Sterblicher! hier wo Jesus,
Als er ein Knabe war,
Hier wo Jesus, dein Jesus geschlummert
Bis ins dreißigste Jahr.

Hier wo Er aus dem Getümmel der tollen
Plumpen Bewundrer sich hergestohlen,
Hier seinen reinen Athem dem Vater,
Seufzend über die Thorheit und Mühe
Menschlicher Grillen, zurükgeschikt hat;

Hier, hier Sterblicher! hier wo Jesus
Von seinen Gottesthaten geruht,
Hier, hier ruhe von den Spielen
Deiner dir anvertrauten Kindskraft.

Serge Marshennikov

Zu Lenzens Ehre zeige ich einige Gemälde von unverdorbenen Lilien-Mädgen aus seiner kurisch-russischen Gegend, die ihm, wenn man die wenigen überlieferten Bilder von Friederike Brion kennt, gewiss zugesagt hätten, von Serge Marshennikov.

Written by Wolf

24. Mai 2014 at 00:01

Und beflügelt jedes Herz

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——— Max von Schenkendorf:

Ostern

1814:

Ostern, Ostern, Frühlingswehen!
Ostern, Ostern, Auferstehen
Aus der tiefen Grabesnacht!
Blumen sollen fröhlich blühen,
Herzen sollen heimlich glühen,
Denn der Heiland ist erwacht.

Trotz euch, höllische Gewalten!
Hättet ihn wohl gern behalten,
Der euch in den Abgrund zwang.
Konntet ihr das Leben binden?
Aus des Todes düstern Gründen
Dringt hinan sein ew’ger Gang.

Der im Grabe lag gebunden,
Hat den Satan überwunden –
Und der lange Kerker bricht.
Frühling spielet auf der Erden,
Frühling soll’s im Herzen werden,
Herrschen soll das ew’ge Licht.

Alle Schranken sind entriegelt,
Alle Hoffnung ist versiegelt,
Und beflügelt jedes Herz;
Und es klagt bei keiner Leiche
Nimmermehr der kalte, bleiche
Gottverlaßne Heidenschmerz.

Alle Gräber sind nun heilig,
Grabesträume schwinden eilig,
Seit im Grabe Jesus lag.
Jahre, Monde, Tage, Stunden,
Zeit und Raum, wie schnell verschwunden!
Und es scheint ein ew’ger Tag.

Lesende, St. Emmeramsmühle, 20. März 2014

Zeit und Raum, wie schnell verschwunden: St. Emmeramsmühle, 20. März 214.

Written by Wolf

20. April 2014 at 17:06

Der den Wasserkothurn zu beseelen weiß

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Schlittschuhlaufen war im 18. Jahrhundert eine beliebte Fortbewegungsart, begünstigt durch das kleine Interglazial. Goethe berichtet immer wieder davon, mit Klopstock hat er die Sprachgrenze zwischen Schlittschuh und Schrittschuh diskutiert, in Der Mann von funfzig Jahren tanzen Jugendliche auf dem Eis, das Eis-Lebens-Lied vom WInter 1775/1776 preist die Eleganz der Fortbewegung.

In den ersten Regierungsjahren des Herzogs Carl August von Weimar war der Schlittschuhlauf auf dem Teich im Weimarer Baumgarten, später in den Schwanseewiesen ein beliebtes höfisches Vergnügen, betrieben vom Herzog höchstselbst, seiner Gemahlin, Charlotte von Stein, Goethes Stammschauspielerin Corona Schröter und zahlreichen Höflingen, die Pagen wurden dazu angehalten, es zu lernen. Höfische Feste wurden unter großer Illumination auf dem Eise abgehalten.

——— Goethe: Dichtung und Wahrheit, Dritter Teil, 12. Buch:

[…] besonders aber tat sich bei eintretendem Winter eine neue Welt vor uns auf, indem ich mich zum Schlittschuhfahren, welches ich nie versucht hatte, rasch entschloß und es in kurzer Zeit durch Übung, Nachdenken und Beharrlichkeit so weit brachte, als nötig ist, um eine frohe und belebte Eisbahn mitzugenießen, ohne sich gerade auszeichnen zu wollen.

Diese neue frohe Tätigkeit waren wir denn auch Klopstocken schuldig, seinem Enthusiasmus für diese glückliche Bewegung, den Privatnachrichten bestätigten, wenn seine Oden davon ein unverwerfliches Zeugnis ablegen. Ich erinnere mich ganz genau, daß an einem heiteren Frostmorgen ich, aus dem Bette springend, mir jene Stellen zurief:

Schon von dem Gefühle der Gesundheit froh,
     Hab ich, weit hinab, weiß an dem Gestade gemacht
          Den bedeckenden Kristall.

Wie erhellt des Winters werdender Tag
     Sanft den See! Glänzenden Reif, Sternen gleich,
          Streute die Nacht über ihn aus!

Mein zaudernder und schwankender Entschluß war sogleich bestimmt, und ich flog sträcklings dem Orte zu, wo ein so alter Anfänger mit einiger Schicklichkeit seine ersten Übungen anstellen konnte. Und fürwahr, diese Kraftäußerung verdiente wohl von Klopstock empfohlen zu werden, die uns mit der frischesten Kindheit in Berührung setzt, den Jüngling seiner Gelenkheit ganz zu genießen aufruft und ein stockendes Alter abzuwehren geeignet ist. Auch hingen wir dieser Lust unmäßig nach. Einen herrlichen Sonnentag so auf dem Eise zu verbringen genügte uns nicht; wir setzten unsere Bewegung bis spät in die Nacht fort. Denn wie andere Anstrengungen den Leib ermüden, so verleiht ihm diese eine immer neue Schwungkraft. Der über den nächtlichen, weiten, zu Eisfeldern überfrorenen Wiesen aus den Wolken hervortretende Vollmond, die unserm Lauf entgegensäuselnde Nachtluft, des bei abnehmendem Wasser sich senkenden Eises ernsthafter Donner, unserer eigenen Bewegungen sonderbarer Nachhall vergegenwärtigten uns Ossianische Szenen ganz vollkommen. Bald dieser, bald jener Freund ließ in deklamatorischem Halbgesange eine Klopstockische Ode ertönen, und wenn wir uns im Dämmerlichte zusammenfanden, erscholl das ungeheuchelte Lob des Stifters unserer Freuden:

Und sollte der unsterblich nicht sein,
     Der Gesundheit uns und Freuden erfand,
          Die das Roß mutig im Lauf niemals gab,
               Welche der Ball selber nicht hat?

Solchen Dank verdient sich ein Mann, der irgendein irdisches Tun durch geistige Anregung zu veredeln und würdig zu verbreiten weiß!

Wilhelm von Kaulbach, Der junge Goethe auf dem Eise, 1867, Universität Düsseldorf

Klopstock, persönlich mit Goethe bekannt, war begeistert vom Eislauf. Als Belege gelten seine „Eislaufgedichte“, mindestens Der Eislauf, Braga, Die Kunst Tialfs, Der Kamin, Winterfreuden — siehe dort. Der Eislauf von 1764 ist zu allererst ein Gedicht über Dichtung, ein Gedicht über Klopstocks „Poetik der Bewegung“ (Gerhart von Graevenitz: Locke, Schlange, Schrift. Poetologische Ornamente der Lyrik (Zesen, Klopstock, Goethe, Handke). Anscheinend vor allem über Schlangenlinien.

——— Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Eislauf in: Oden, Drittes Buch, Hamburg 1764:

Vergraben ist in ewige Nacht
Der Erfinder großer Name zu oft!
Was ihr Geist grübelnd entdeckt, nutzen wir;
Aber belohnt Ehre sie auch?

Wer nannte dir den kühneren Mann,
Der zuerst am Maste Segel erhob?
Ach verging selber der Ruhm dessen nicht,
Welcher dem Fuß Flügel erfand!

Und sollte der unsterblich nicht seyn,
Der Gesundheit uns und Freuden erfand,
Die das Roß muthig im Lauf niemals gab,
Welche der Reihn selber nicht hat?

Unsterblich ist mein Name dereinst!
Ich erfinde noch dem schlüpfenden Stahl
Seinen Tanz! Leichteres Schwungs fliegt er hin,
Kreiset umher, schöner zu sehn.

Du kennest jeden reizenden Ton
Der Musik, drum gieb dem Tanz Melodie!
Mond, und Wald höre den Schall ihres Horns,
Wenn sie des Flugs Eile gebeut,

O Jüngling, der den Wasserkothurn
Zu beseelen weiß, und flüchtiger tanzt,
Laß der Stadt ihren Kamin! Kom mit mir,
Wo des Krystalls Ebne dir winkt!

Sein Licht hat er in Düfte gehüllt,
Wie erhellt des Winters werdender Tag
Sanft den See! Glänzenden Reif, Sternen gleich,
Streute die Nacht über ihn aus!

Wie schweigt um uns das weiße Gefild!
Wie ertönt vom jungen Froste die Bahn!
Fern verräth deines Kothurns Schall dich mir,
Wenn du dem Blick, Flüchtling, enteilst.

Wir haben doch zum Schmause genung
Von des Halmes Frucht? und Freuden des Weins?
Winterluft reizt die Begier nach dem Mahl;
Flügel am Fuß reizen sie mehr!

Zur Linken wende du dich, ich will
Zu der Rechten hin halbkreisend mich drehn;
Nim den Schwung, wie du mich ihn nehmen siehst:
Also! nun fleug schnell mir vorbey!

So gehen wir den schlängelnden Gang
An dem langen Ufer schwebend hinab.
Künstle nicht! Stellung, wie die, lieb‘ ich nicht,
Zeichnet dir auch Preisler nicht nach.

Was horchst du nach der Insel hinauf?
Unerfahrne Läufer tönen dort her!
Huf und Last gingen noch nicht übers Eis,
Netze noch nicht unter ihm fort.

Sonst späht dein Ohr ja alles; vernim,
Wie der Todeston wehklagt auf der Flut!
O wie tönts anders! wie hallts, wenn der Frost
Meilen hinab spaltet den See!

Zurück! laß nicht die schimmernde Bahn
Dich verführen, weg vom Ufer zu gehn!
Denn wo dort Tiefen sie deckt, strömts vielleicht,
Sprudeln vielleicht Quellen empor.

Den ungehörten Wogen entströmt,
Dem geheimen Quell entrieselt der Tod!
Glittst du auch leicht, wie dieß Laub, ach dorthin;
Sänkest du doch, Jüngling, und stürbst!

Bild: Wilhelm von Kaulbach: Der junge Goethe auf dem Eise, 1867, Universität Düsseldorf
via Silvae, 16. Januar 2012.

Written by Wolf

7. Februar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

Als ich in Saarbrücken

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Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Viel mehr ist von ihm nicht ins kollektive Bewusstsein vorgedrungen.

Am 23. Jänner 1751 wurde er in einem Kuhdorf ganz oben im Kurländischen geboren (der gleichaltrige Herder, den er in Weimar treffen sollte, stammte immerhin noch aus der unweiten Metropole Riga), da wo es von Livland regiert wurde und heute Lettland heißt, falls sich jemand mit den baltischen Verschiebungen seit dem Deutschen Orden und den Polnischen Teilungen auskennt — ansonsten hat Lenz ein Leben lang alles darangesetzt, Goethe zu sein — in einem Ausmaß, dass er vom echten Geheimrat Goethe, der allein von Alters wegen überall schon der Erste war, in Stadt und Herzogtum Weimar Hausverbot erhielt.

Friederike Brion in Elsässer Tracht um 1770Bei Goethes weiland Studentenliebchen Friederike Brion zu Sesenheim wurde, nach Ablauf zweier Jahre seinerseits im Studentenalter, auch Lenz vorstellig, um Goethes damalige Stelle einzunehmen. Leider war das Fräulein Friederike, nachdem es den Größten und Besten von allen geliebt, für alle anderen verdorben, und blieb zeitlebens Fräulein.

Lenz gehört dem Sturm und Drang an, heute rechnet man ihn wegen seiner Kompromisslosigkeit sogar als Vorläufer des Jungen Deutschland, darin dem gerade zwei Jahre älteren Goethe in seinem jugendlichen Aggregatzustand nicht unähnlich, den er als Fürstenliebling, führender Beamter für so ziemlich alles und eigens geadelter Baron allerdings alsbald hinter sich ließ. In Gestus und Absichten gleicht er viel eher Georg Büchner, den er offensichtlich mehr beschäftigte. Seine erste Gesamtausgabe — genau wie die aktuelle von Sigrid Damm 1985 in drei Bänden — wurde dann 1828 vom „König der Romantik“ Ludwig Tieck eingerichtet.

Lenzens Alliance mit seiner verflossenen Friederike nahm Goethe noch mit nachsichtigem Kopfschütteln hin und begrüßte ihn zu Weimar als einflussreichen Schauspieldichter, ja den „zweiten Zauberer“ (Heinrich Christian Boie) neben sich selbst und Freund, der bei Hofe einzuführen war — als er sich allerdings an Goethes derzeitige Liebe Charlotte von Stein pirschte, gar einige Wochen allein zu zweit mit ihr auf ihrem Landgut Kochberg verbrachte und Goethe vermutlich — der Briefwechsel ist auf geheimrätlichen Befehl vernichtet — in nicht hinnehmbarer Weise beleidigte, wurde das angeführte Stadt- und Landesverbot fällig.

Man möchte das gern als liebenswerte Schelmenstreiche, schlimmstenfalls eine etwas aus dem Ruder gelaufene Schwärmerei werten. Das greift aber zu kurz. Nach dem zu schließen, was Sigrid Damm im Nachwort zu ihrer Gesamtausgabe beschreibt, reicht da nicht einmal eine schwere Depression; aus heutiger Sicht wird Lenzens Benehmen übereinstimmend als Schizophrenie gedeutet. Ein recht freudenvolles Leben kann er nicht geführt haben, dafür ein kürzeres (1751–1792). Nach seiner Weimarer Zeit verlieren sich seine Spuren in den revolutionären Aufklärer- und Freimaurerzirkeln von Petersburg, zuletzt Moskau. 1781 dort angekommen, zählt er 30 Jahre, in Deutschland wird in einem Frankfurter Tollhaus vermutet, sein literarischer Erfolg hat ein Ende. Nach kurzer Obdachlosigkeit starb er nachts in einer Gasse, weil die verfolgten Freimaurer selbst in Gefahr lebten und sein eigenes Irresein andere gefährdete, „von wenigen betrauert, von keinem vermisst“ (Jenaische Allgemeine Literaturzeitung). Sein Grab ist unbekannt.

August Sauer, Hg., Stürmer und Dränger, 1883, Seite 217, Digitalisat der Forschungsstelle J.M.R. Lenz an der Universität MannheimSeinen möglicherweise lichtesten Moment hatte er trotzdem, als er Goethe wieder einmal besonders ähnlich sein wollte: Während seines Aufenthalt in Reichweite der Sesenheimer Pfarrersfamilie Brion mit nachmals allzu durchsichtigen Absichten verreiste die Pfarrersfrau Brion mit ihren beiden Töchtern ab 3. Juni 1772 kurz nach Saarbrücken. Nach ihrer Heimkunft schenkte Lenz das Gedicht Friederiken, die es mit der Überschrift „Als ich in Saarbrücken“ versah und — Ehre genug — zusammen mit der ihr hinterlassenen Sesenheimer Lyrik Goethes verwahrte — mit dem Heideröslein, Willkommen und Abschied und Verwandtem.

Aufgrund dieses Fundorts und stilistischer Gemeinsamkeiten wurde das Gedicht einschließlich Friederikes Überschrift zuerst ganz selbstverständlich dem jungen Goethe zugeschrieben, jedenfalls mehrmals so gedruckt. Das muss einer erst einmal schaffen, so versehentlich.

Ich zitiere es nach der Gesamtausgabe von Sigrid Damm bei Insel, somit nach einer Kollation mit der Kruseschen Abschrift des Sesenheimer Liederbuchs, weil all die ausgelassenen Satzzeichen, die in allen anderen Fassungen ergänzt sind, den Ton in anrührender Weise gleichsam verwehen lassen. Es ist eins von denen, die man gar nicht singen muss, damit sie eine Melodie ergeben.

Es ist wunderschön.

——— Jakob Michael Reinhold Lenz:

Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen

Sommer 1772, Militärfestung Fort Louis bei Sessenheim, gewidmet Friederike Brion,
Erstdruck in Blätter für literarische Unterhaltung, 5. Januar 1837, Handschrift vernichtet:

Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen,
Wo singst du itzt?
Wo lacht die Flur? wo triumphiert das Städtchen
Das dich besitzt?

Seit du entfernt, will keine Sonne scheinen
Und es vereint
Der Himmel sich, dir zärtlich nachzuweinen
Mit deinem Freund

All unsre Lust ist fort mit dir gezogen
Still überall
Ist Stadt und Feld — Dir nach ist sie geflogen
Die Nachtigall

O komm zurück! Schon rufen Hirt und Herden
Dich bang herbei.
Komm bald zurück! sonst wird es Winter werden
Im Monat Mai.

Paul Theodor Falck, Friederike Brion von Sesenheim 1752--1813. Eine chronologisch bearbeitete Biographie nach neuem Material aus dem Lenz-Nachlasse. Berlin, Kamlah'sche Buchhandlung, 1884 via erlesenes -- Antiqu@riat und Buchhandlung, Österreich

Bilder: Friederike Brion in Elsässer Tracht um 1770;
August Sauer (Hg.): Stürmer und Dränger, 1883, Seite 217, Digitalisat der Forschungsstelle J.M.R. Lenz an der Universität Mannheim;
Paul Theodor Falck: Friederike Brion von Sesenheim (1752–1813). Eine chronologisch bearbeitete Biographie nach neuem Material aus dem Lenz-Nachlasse. Berlin, Kamlah’sche Buchhandlung, 1884 via „erlesenes“ — Antiqu@riat und Buchhandlung, Österreich: 85 Euro + Versand.

Written by Wolf

23. Januar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

Naseweise Weihnachten

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Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten und Wumbaba:

——— Matthias Claudius: Die Mutter bey der Wiege,
Der Wandsbecker Bothe, Erster und Zweiter Theil 1771:

Schlaf, süßer Knabe, süß und mild!
Du deines Vaters Ebenbild!
Das bist du; zwar dein Vater spricht,
Du habest seine Nase nicht.

Nur eben itzo war er hier
Und sah dir ins Gesicht,
Und sprach: Viel hat er zwar von mir,
Doch meine Nase nicht.

Mich dünkt es selbst, sie ist zu klein,
Doch muß es seine Nase seyn;
Denn wenn’s nicht seine Nase wär,
Wo hätt’st du denn die Nase her?

Schlaf, Knabe, was dein Vater spricht,
Spricht er wohl nur im Scherz;
Hab‘ immer seine Nase nicht,
Und habe nur sein Herz!

Tom Waits: Silent Night, from SOS United, 1989;
darin: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Der Kinderchor bleibt unbekannt-weil-ungenannt, aber das war 1989 eine Stiftung von Tom Waits für die SOS-Kinderdörfer. War nie auf einer Original-CD.

Written by Wolf

24. Dezember 2013 at 00:01

Gewäsch über den Faust

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——— Christian Dietrich Grabbe (11. Dezember 1801 bis 12. September 1836):

Was ist das für ein Gewäsch über den Faust! Alles erbärmlich. Gebt mir jedes Jahr 3000 Thaler und ich will Euch einen Faust schreiben, daß Ihr die Pestilenz kriegt.

Mir zu Weihnachten Gegenstände schenken, die jemand „basteln“ musste, das darf nicht jeder. Wer meine begrenzte Aufmerksamkeit mit Tieren aus Pfeifenreinigern, Schneemännern aus Watte, Hamsterlaufröhren aus leeren Klopapierrollen oder mit Kalendern belastet, war schon immer gewarnt. Eigentlich darf das nur die Hannah, weil sie immerhin die Phrixuscoyotin ist, und … und dann muss ich schon langsam überlegen. — Noch 103 Tage bis Weihnachten.

Kalenderblatt September 2013

Nutzanwendung: Das Christian-Dietrich-Grabbe-Portal enthält die Werke und Briefe samt Kommentar in der Textfassung der Historisch-kritischen Gesamtausgabe (Hg. Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, bearb. Alfred Bergmann) sowie sämtliche überlieferten Handschriften im Faksimile.

Written by Wolf

12. September 2013 at 00:01

Deine so oft entweihte Frühlingsfeier

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Was haben wir gelacht. Glück hat eine Schulklasse, deren Deutschlehrer den Werther durchnimmt: In dem Alter, in dem die Lehrpläne sich endlich an Goethe herantrauen, ist im Privatleben des Durchschnittsschülers nichts so virulent wie Liebeskummer. Dazu ist gerade der Werther ein zeitloser Schmachtfetzen, den auch Leute verstehen und lieb haben können, die sonst gar keine Literatur verstehen und schon gar nicht lieb haben. Pubertierende Schüler zum Beispiel.

The Sorrows of Youg Werther, Modern Library ClassicsAllerdings war der Werther von seinem historischen Anfang — der Leipziger Michaelismesse 1774 — an eine Steilvorlage für Persiflagen (ich werde sicher noch berichten). Gerade das echte große Gefühl äußert sich gern in einem Pathos, das dem Spott des nicht Betroffenen Tür und Tor öffnet; das war nie anders und ist deshalb Teil der Zeitlosigkeit.

Besonders der schwerverliebte Werther, der sich seinen Roman lang zu keinen größeren Aktivitäten aufrafft als dem getreulichen Beachten gesellschaftlicher Konventionen bei gleichzeitiger Rebellion gegen dieselben in schwülstigen Briefen an seinen fernen Kumpel Wilhelm, sieht im Selbstmord die immer noch erträglichere Lösung: Er überlebt seinen Roman nicht; bezeichnenderweise hat er als einzige Figur nicht einmal einen Vornamen.

Man mag das der Figur oder dem ganzen Buch vorwerfen. Überlebt hat das Buch, und das bei strotzender Vitalität, am Ende ist sogar genau das sein Vorzug: Der Plot ist dürr, der Endzustand tritt praktisch schon bei abgeschlossener Exposition ein und wird nur noch so lang und breit wie theoretisch begründet. Die äußere Handlung besteht aus ein paar Genrebildern, die zuverlässig in weinerliche Ausbrüche münden, die Philosphie dahinter ist für Werther regelmäßig eine Ausrede dafür, nur ja nichts zu unternehmen — ob er sich darüber klar ist oder nicht.

Als der Werther zum ersten Mal ein europaweiter Bestseller wurde, war das noch Anlass zur Nachahmung. Nur einigen Zynikern war es Anlass zu weiterem Zynismus; Goethe hat solche Nixblicker sein langes verbleibendes Leben lang verachtet. Auch das ist bis heute so geblieben. Selbst wenn man aber Goethe so ernst nimmt, wie er den Werther tatsächlich gemeint hat, ist es womöglich gar nicht schlechteste Umgang mit dem eigenen Liebeskummer, sich über ihn lustig zu machen.

Man konnte den Werther immer lesen wie man wollte — auch wenn er zeitweise verboten war, weil er junge Menschen höchst konkret in den physischen Selbstmord trieb, kann er Lebenshilfe sein. Das muss ein — nicht sehr dickes — Buch erst mal fertig bekommen.

Die Stelle, die am offensichtlichsten zu Gelächter und Parodie reizt, ist die mit dem „Klopstock“. Und an derselben kann man nicht umhin zu respektieren, dass sie genau das bewirkt, worüber sich der allzu naheliegende Spott verbreitet — und damit Recht behält: Einer sagt „Klopstock“, und der gebildete Werther-Leser — und zwar der o.a. pubertierende Schüler einbezogen — sieht sofort das ganze Bild erstehen.

Worauf wollten wir hinaus? — Ach ja: Was haben wir gelacht.

——— Goethe: Die Leiden des jungen Werthers [nur echt mit dem Genitiv-s],
Brief vom 16. Juni 1771 (Schluss), zeichengenau nach dem Paralleldruck der Frankfurter Ausgabe:

Fassung 1774:

Wir traten an’s Fenster, es donnerte abseitwärts und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquikkendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihrem Ellenbogen gestüzt und ihr Blik durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge thränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte — Klopstock! Ich versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Loosung über mich ausgoß. Ich ertrugs nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollesten Thränen. Und sah nach ihrem Auge wieder — Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blikke gesehn, und möcht ich nun deinen so oft entweihten Nahmen nie wieder nennen hören!

Fassung 1787:

Wir traten an’s Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestützt; ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge thränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte — Klopstock! — Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode die ihr in Gedanken lag und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrug’s nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Thränen. Und sah nach ihrem Auge wieder — Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehen, und möchte ich nun deinen so oft entweihten Nahmen nie wieder nennen hören.

Ist es nicht herzzerreißend? Und falls nicht, ist es nicht schenkelklatschend? Der Durchtriebene ist: Wahrscheinlich ist es beides. Die nach Erscheinen sofort einsetzenden Parodien sind an leicht zugänglichen Stellen dokumentiert — die jüngste, die mir aufgefallen ist, stammt von Mirja Schmitt. Sie pubertiert nicht mehr, vielmehr studiert sie Germanistik — was manche für etwas recht Ähnliches halten.

Daher ist sie gebildet genug, außer dem Klopstockgewitter auch den küssenden Kanari aus dem Brief vom 12. September 1772 zu verwenden, was ihrer Bearbeitung die rechte Tiefe verleiht. Außerdem fügt sie dem Klopstock-Thema eine neue schlüpfrige, dabei so augenfällige Bedeutung ein. Mir fehlt das hymnisch hochrauschende „Und sah nach ihrem Auge wieder“, dafür ist ihr das schöne „abseitwärts“ aufgefallen, das man von mir aus gern viel selbstverständlicher benutzen dürfte.

So viel traue ich mich zu behaupten: Niemand parodiert etwas, das ihm wurscht ist. So lässt der Werther auch „das Schmitti“ nicht in Ruhe:

——— Mirja „Schmitti“ Schmitt: Klopstock, 4. Juli 2012:

Sie war einige Tage verreist, Alberten abzuholen. Aber heute trat er in ihre Stube und Lotte kam ihm entgegen. Voller Glückseligkeit bedeckte er ihre Hand, die ein wenig nach Lavendel roch, mit tausend Küssen. Doch dann traf er sich Aug‘ in Aug‘ mit einem gelben Ungetüm wieder. „Args“, schrie er, wie von tausend Dämonen gepeinigt. Etwas hatte ihn unsanft auf die Nas‘ gepickt. „Er mag sie, lieber Werther“, merkte Lotte an. „Ein neuer Freund“, führte sie aus, „meinen Kleinen zugedacht. Er tut gar zu lieb. Sehen Sie ihn! Wenn ich ihm Brot gebe, flattert er mit den Flügeln und pickt so artig. Er küsst mich auch, sehen Sie!“

Münchner Volkstheater, Die Leiden des jungen Werther ab 26. Januar 2013Werther sah mit pochendem Herzen auf das Geschöpf, das ihn mit Grimm in seinem kleinen Herzchen ansah. Aber wie wurde ihm, als sich der Kanarienvogel so lieblich an die Lippen dieses Engels presste. Als er Lotten so sah, kam es über ihn.

Werther beschloss zu handeln. Ihn zog es mit aller Macht. Er griff sich das kleine Geschöpf und warf es voller Elan in die Luft. Sollte es doch flattern. Er presste seine dürstenden Lippen auf die von Lotte. „Werther“, seufzte Lotte. „Lotte“, seufzte Werther. Er trank von ihren Lippen und sie von den seinen. Atemlos riss er an ihrem Korsett. Sie löste sich von ihm und setzte sich auf das Klavier, an dem beide schon so oft gesessen hatten. „Kommen Sie, ich warte doch schon so lange“, gurrte Lotte und löste ihr Haar, das lang wie ein Fluss aus Gold herunterfiel und ihre nackten Schultern bedeckte. Als Werther der Bitte nachkam, sah er voller Schrecken und Begierde, wie sie ihre Schenkel öffnete. Keine Unterwäsche? Lotte, was tat sie ihm an. Doch er wehrte sich nicht, als sie ihn von seinen Beinkleidern befreite und ihn an sich zog.

Auf einmal donnerte es abseitwärts und Werther fand sich erwachend in seiner einsamen Kammer wieder, während der herrliche Regen auf das halb geöffnete Dachfenster prasselte und das Land und ihn benetzte. Der herrliche Geruch des Regens drang durch die Luke. „Nur ein Traum“, seufzte er gepeinigt. Mit tränenvollem Auge legte er sich die Hand an das Gemächte, hielt es wie ein krankes Kind und sagte: „Klopstock.“

So, jetzt bin ich aber neugierig. Von welcher Ode reden wir eigentlich die ganze Zeit? Soweit ich mich erinnere, kam das in meinem eigenen Deutschunterricht nicht vor. — Als Beleg dienen wie für so viele vernachlässigte Details die Anmerkungen von Waltraud Wiethölter in der Frankfurter Goethe-Ausgabe. Es ist:

——— Friedrich Gottlieb Klopstock: Die Frühlingsfeier, 1759:

Nicht in den Ozean der Welten alle
Will ich mich stürzen! schweben nicht,
Wo die ersten Erschafnen, die Jubelchöre der Söhne des Lichts,
Anbeten, tief anbeten! und in Entzückung vergehn!

Nur um den Tropfen am Eimer,
Um die Erde nur, will ich schweben, und anbeten!
Halleluja! Halleluja! Der Tropfen am Eimer
Rann aus der Hand des Allmächtigen auch!

Da der Hand des Allmächtigen
Die grösseren Erden entquollen!
Die Ströme des Lichts rauschten, und Siebengestirne wurden,
Da entrannest du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!

Da ein Strom des Lichts rauscht‘, und unsre Sonne wurde!
Ein Wogensturz sich stürzte wie vom Felsen
Der Wolk‘ herab und den Orion gürtete,
Da entrannest du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!

Wer sind die tausendmal tausend, wer die Myriaden alle,
Welche den Tropfen bewohnen, und bewohnten? und wer bin ich?
Halleluja dem Schaffenden! mehr wie die Erden, die quollen!
Mehr, wie die Siebengestirne, die aus Strahlen zusammenströmten!

Werther und Lotte, KlopstockAber du Frühlingswürmchen,
Das grünlichgolden neben mir spielt,
Du lebst; und bist vielleicht
Ach nicht unsterblich!

Ich bin heraus gegangen anzubeten,
Und ich weine? Vergieb, vergieb
Auch diese Thräne dem Endlichen,
O du, der seyn wird!

Du wirst die Zweifel alle mir enthüllen,
O du, der mich durch das dunkle Thal
Des Todes führen wird! Ich lerne dann,
Ob eine Seele das goldene Würmchen hatte.

Bist du nur gebildeter Staub,
Sohn des Mays, so werde denn
Wieder verfliegender Staub,
Oder was sonst der Ewige will!

Ergeuss von neuem du, mein Auge,
Freudenthränen!
Du, meine Harfe,
Preise den Herrn!

Umwunden wieder, mit Palmen
Ist meine Harf‘ umwunden! ich singe dem Herrn!
Hier steh ich. Rund um mich
Ist Alles Allmacht! und Wunder Alles!

Mit tiefer Ehrfurcht schau ich die Schöpfung an,
Denn Du!
Namenloser, Du!
Schufest sie!

Lüfte, die um mich wehn, und sanfte Kühlung
Auf mein glühendes Angesicht hauchen,
Euch, wunderbare Lüfte,
Sandte der Herr! der Unendliche!

Aber jetzt werden sie still, kaum athmen sie.
Die Morgensonne wird schwül!
Wolken strömen herauf!
Sichtbar ist, der komt, der Ewige!

Nun schweben sie, rauschen sie, wirbeln die Winde
Wie beugt sich der Wald! wie hebt sich der Strom!
Sichtbar, wie du es Sterblichen seyn kanst,
Ja, das bist du, sichtbar, Unendlicher!

Der Wald neigt sich, der Strom fliehet, und ich
Falle nicht auf mein Angesicht?
Herr! Herr! Gott! barmherzig und gnädig!
Du Naher! erbarme dich meiner!

Zürnest du, Herr,
Weil Nacht dein Gewand ist?
Diese Nacht ist Segen der Erde
Vater, du zürnest nicht!

Sie komt, Erfrischung auszuschütten,
Über den stärkenden Halm!
Über die herzerfreuende Traube!
Vater, du zürnest nicht!

Alles ist still vor dir, du Naher!
Rings umher ist alles still!
Auch das Würmchen mit Golde bedeckt, merkt auf!
Ist es vielleicht nicht seelenlos? ist es unsterblich?

Ach, vermöcht‘ ich dich, Herr, wie ich dürste, zu preisen!
Immer herlicher offenbarest du dich!
Immer dunkler wird die Nacht um dich,
Und voller von Segen!

Seht ihr den Zeugen des Nahen den zückenden Strahl?
Hört ihr Jehova’s Donner?
Hört ihr ihn? hört ihr ihn,
Den erschütternden Donner des Herrn?

Herr! Herr! Gott!
Barmherzig, und gnädig!
Angebetet, gepriesen
Sey dein herlicher Name!

Und die Gewitterwinde? sie tragen den Donner!
Wie sie rauschen! wie sie mit lauter Woge den Wald durchströmen!
Und nun schweigen sie. Langsam wandelt
Die schwarze Wolke.

Seht ihr den neuen Zeugen des Nahen, den fliegenden Strahl?
Höret ihr hoch in der Wolke den Donner des Herrn?
Er ruft: Jehova! Jehova!
Und der geschmetterte Wald dampft!

Aber nicht unsre Hütte!
Unser Vater gebot
Seinem Verderber,
Vor unsrer Hütte vorüberzugehn!

Ach, schon rauscht, schon rauscht
Himmel, und Erde vom gnädigen Regen!
Nun ist, wie dürstete sie! die Erd‘ erquickt,
Und der Himmel der Segensfüll‘ entlastet!

Siehe, nun komt Jehova nicht mehr im Wetter,
In stillem, sanftem Säuseln
Komt Jehova,
Und unter ihm neigt sich der Bogen des Friedens!

Um Himmels willen. Kennt keiner mehr, versteht keiner mehr, parodiert nicht einmal einer mehr, wie sehr es darum bettelt. War aber gut, um dem Werther erst in den Freitod und dann in die Unsterblichkeit zu befördern. So hat alles einen tiefen Sinn, sogar Liebeskummer.

Wilhelm Amberg, Vorlesung aus Goethes Werther, 1870

Bilder: Cover The Sorrows of Young Werther by Modern Library Classics
via Lexicon Devil: Juvenescence, 5. Februar 2012;
Münchner Volkstheater ab 26. Januar 2013;
Giselchen strickt: Werthers Echte, 28. Januar 2013;
Wilhelm Amberg: Vorlesung aus Goethes Werther, 1870.

Written by Wolf

22. Februar 2013 at 00:01

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Wumbaba

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Das Café Beethoven zu München ist ein auf einnehmende Weise unauffälliger Ort der Kultur. Ausgewiesen als Münchens ältestes Konzertcafé, wird es in Veranstaltungskalendern nicht geführt, und doch spielen dort jeden lieben Abend wechselnde Ensembles live Jazz und Klassik; bei meinem letzten Mal gaben drei Musikstudenten Klaviertrios. Es wird nie in werden, schon weil es sich auf dem Türschild für „Kaffeesiederei mit Bier- und Weinausschank, Speisenabgaben, Zuckerbäckerei und Beherbergung“ mit großem österreichischem Bahnhof Wiener Prägung empfiehlt, kennen muss man’s halt.

Und an Gedenktagen deutscher Dichter unterhalten sich an den Nebentischen ansprechende junge Frauen über deren Werke. Das kann ich allerdings nicht versprechen.

Café Beethoven, Matthias Claudius, Abendlied, ab 1771

——— Matthias Claudius (15. August 1740 bis 21. Januar 1815): Abendlied,
Vossischer Musenalmanach 1778:

Seht ihr den Mond dort stehen? —
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

„Öh: ‚Weil wir sie anders nicht verstehn‘?“

„Nö: ‚Weil unsre Augen sie nicht sehn‘.“

„Ahh.“

Fachliteratur: Axel Hacke (Hg.): Der weiße Neger Wumbaba I–III. Alle Handbücher des Verhörens,
Verlag Antje Kunstmann 2004 bis 2009, gesammelt bei Piper, München 2011.
Bild: Tinte und Kaffee.

Written by Wolf

26. Januar 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

Willkomm und dervoo

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——— Johann Wolfgang Goethe:

Willkommen und Abschied

Fassung 1771. Sesenheimer Lied an Friederike Brion,
aus: Johann Georg Jacobi (Hg.):
Iris. Vierteljahresschrift für Frauenzimmer, Zweyter Band, 1775:

Mir schlug das Herz; geschwind zu Pferde,
Und fort, wild, wie ein Held zur Schlacht!
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hieng die Nacht
Schon stund im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgethürmter Riese, da,
Wo Finsterniß aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von seinem Wolkenhügel,
Schien kläglich aus dem Duft hervor;
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer –
Doch tausendfacher war mein Muth:;
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Gluth.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und ieder Athemzug für dich.
Ein rosenfarbes Frühlings Wetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter!
Ich hoft’ es, ich verdient’ es nicht.

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küßen, welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du giengst, ich stund, und sah zur Erden,
Und sah dir nach mit naßem Blick;
Und doch, welch Glück! geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

——— Helmut Haberkamm:

In der Frieh auf un dervoo

nooch Goethe.
Aischgründer Fränkisch aus: Frankn lichd nedd am Meer, 1992:

Mei Herz hadd bumberd, wi der Blitz
Binni aufs Mobbed un fodd mid Karacho.
In di Wälder woor nu di Nachd gleeng
Obber es hadd scho dämmerd drundn im Grund;
In Neebl woor is Dransfermooderhaisla gstanna
Un in Nachbern sei Miesdbraader derneem;
Katzn sin gloffn, di Zeidung hemms ausdroong
Un an Himml hemm hunnerd Sternle gleichd.

Der Mond hadd gschaud wia rahmier Schepfer
Hinder di Wolgn, di zoong sinn wi di Heiballn;
A gscheider daamischer Wind is der ganga
Daß pfiffn un kaald hadd under meim Helm;
Di Nachd hadd dausnd Strasserpfosdn brachd
Grusli glänzd hemms, daß mi kuscherd hadd;
Im meim Kopf woor nu a gscheida Hitzn
mei Herz hadd bumberd un brennd wi laaferds Waggs.

Iech hobb di widder vor mer steh sehng
Wia Achhernla hobbermi gfreid un zerlusdierd;
Ganzergoor binni an deiner Seidn gweesn
Jeeder Schnaufer, jeeder Zugger woor ganz fier diech;
Wia Reesla, wia Heesla, so linni, so greemi
Grood so woor heid nachd dei ganz Gsichd;
Zammgleeng woormer, warm un zabblerd
Koffd hemmer, driggd un gschnaufd un drungn.

Un nacherd in der Frieh Addee gsochd un ganga
Di Leid sin grood fodd auf di Doochschichd zum Bus;
Schee gschmeggd hadd dei Kuß, waach wi der Glee;
Gschaud hammer, grinsd un vo weid wech nu gwungn;
Is Mobbed hobbi foddgschoom un na oogschmissn
In Helm drieber geechern Wind un geecher di Nässn.
Es is scho schee, wemmer mid an Maadla geh dudd
Bloß is Mobbed hadd sei Muggn, wenns a Nachd lang stehd.

Marina Refur, The Blind Cyclist in Need of Direction, 21. August 2011

Mobbed mid Muggn: Marina „Red Redhead“ Refur: The Blind Cyclist in Need of Direction, 21. August 2011.

Written by Wolf

1. Januar 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Sturm & Drang

Und Heinrich Frank hat dichtgemacht

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10. November 1759: Schiller wird in Marbach am Neckar geboren. 10. November 1867: Faust I und Faust II von Goethe erscheinen in Leipzig als erste zwei Bände der Reclams Universal-Bibliothek.

Schöner 108. Geburtstag. Was hatte Reclam gegen Schiller? Schönen 145. bzw. 253. an beide!

Reclams Universal-Bibliothek, Schaukasten Buchhandlung Heinrich Frank München, Schellingstraße 3

Bild: Schaukasten der Buchhandlung Heinrich Frank, Schellingstraße 3 in München, gleich wo’s von der Ludwig ins Univiertel geht. Heinrich Frank ist pleite, das Fenster müsste dieser Tage abgebaut werden.

Written by Wolf

10. November 2012 at 14:56

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Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose

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Nahtloses Update unserer halbjährlich fortgesetzten Chronik des Verfalls in Moby-Dick™:

——— Mephistopheles, Erster Theil:

Das ist noch lange nicht vorüber,
Ich kenn‘ es wohl, so klingt das ganze Buch;
Ich habe manche Zeit damit verloren,
Denn ein vollkommner Widerspruch
Bleibt gleich geheimnißvoll für Kluge wie für Thoren.
Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.
Es war die Art zu allen Zeiten,
Durch Drey und Eins, und Eins und Drey
Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.
So schwätzt und lehrt man ungestört;
Wer will sich mit den Narrn befassen?
Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
Es müsse sich dabey doch auch was denken lassen.

Self mit Rabenfeder, 3. November 2012

——— Goethe: Seefahrt, frühe Fassung G. den 11ten Sept. 1776:

Tag lang Nacht lang stand mein Schiff befrachtet,
Günstger Winde harrend saß mit treuen Freunden
Mir Geduld und guten Mut erzechend
Ich im Hafen.

Und sie wurden mit dir ungeduldig
Gerne gönnen wir die schnellste Reise
Gern die hohe Fahrt dir. Güterfülle
Wartet drüben in den Welten deiner
Wird rückkehrendem in unsern Armen
Lieb und Preis dir.

Und am frühen Morgen wards Getümmel
Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose
Alles wimmelt alles lebet webet
Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen.

Und die Segel blühen in dem Hauche
Und die Sonne lockt mit Feuerliebe
Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken
Jauchzen an dem Ufer alle Freunde
Hoffnungslieder nach im Freudetaumel
Reisefreuden wähnend wie des Einschiffmorgens
Wie der ersten hohen Sternennächte.

Aber Gottgesandte Wechselwinde treiben
Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab
Und er scheint sich ihnen hinzugeben
Strebet leise sie zu überlisten,
Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege.

Aber aus der dumpfen grauen Ferne
Kündet leise wandelnd sich der Sturm an
Drückt die Vögel nieder auf’s Gewässer
Drückt der Menschen schwellend Herze nieder.
Und er kommt. – Vor seinem starren Wüten
Streckt der Schiffer weis die Segel nieder,
Mit dem angsterfüllten Balle spielen
Wind und Wellen.

Und an jenem Ufer drüben stehen
Freund und lieben beben, auf dem Festen:
Ach warum ist er nicht hiergeblieben
Ach der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke
Soll der Gute so zu Grunde gehen?
Ach er sollte! Ach er könnte! Götter!

Doch er stehet männlich an dem Steuer
Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen
Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen.
Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe,
Und vertrauet scheiternd oder landend
Seinen Göttern.

Interpretationen: in der Hamburger Ausgabe von Erich Trunz;
Studienarbeit von Claudia Roeder 2004;
in der Frankfurter Ausgabe: Karl Eibl: Gedichte Band 1.

Bild: Rabenfeder, 3. November 2012.

Written by Wolf

6. November 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

Wähle dir ein Lied

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——— Nikolaj Karamzin: Briefe eines russischen Reisenden; Berlin, 6. Juli 1789:

„Führe mich zu Moritz„, sagte ich heute morgen zu meinem Lohnbedienten.

„Wer ist das, Moritz?“

„Wer das ist? Philipp Moritz, der Schriftsteller, der Philosoph, der Pädagog, der Psycholog.“

„Warten Sie, warten Sie! Sie sagen zuviel auf einmal; man muß ihn im Adreßkalender unter irgendeinem Titel suchen; er ist also (indem er ein Buch aus der Tasche zog), er ist also ein Philosoph, wie Sie sagen? Wir wollen sehen …“

Die Einfalt dieses guten Menschen, der mit wichtiger Miene die Blätter seines allumfassenden Kalenders umschlug und durchaus die Rubrik: Philosoph finden wollte, machte mich lachen.

„Suche ihn lieber unter den Professoren“, sagte ich, da der Titel: Liebhaber der Weisheit in Berlin nicht so bekannt ist.

„Karl Philipp Moritz wohnt in …“.

„Führe mich zu ihm.“

Rotbäckchen

——— Karl Philipp Moritz (15. September 1756–26. Juni 1793): Beiträge zur Philosophie des Lebens aus dem Tagebuch eines Freimäurers. Herrschaft über die Gedanken, 1780. Insel 1981: Werke Band 3, Seite 15:

Wenn man sich ein Lieblingslied, eine Melodie erwählt, die beständig eine Seite unsrer Empfindung trifft, so kann man oft dadurch die bösen aufsteigenden Gedanken verjagen. Es wachen mit diesem Liede oft alle unsre guten Vorsätze wieder auf, unsre beßre Natur behält die Oberhand, und wir tragen über die Lockung zum Bösen den Sieg davon. Drum wähle dir ein Lied, eine sanfte herzeindringende Melodie, und wenn deine bösen Stunden kommen, so fasse nur noch so viel Mut, das zu singen, oder zu spielen, und die Wolken die sich um deine Seele gesammlet hatten werden sich zerteilen, und die Sonne wird wieder in ihrer Klarheit hervorbrechen.

Können Sie rothaarige Mädchen in Ruhe lassen, die mitten im Starbucks den Anton Reiser (Reclam) lesen? Wenn sie auch sonst lieb aussehen, ist Abzeichnen nachhaltiger denn Anquatschen.

„Sagst du mir deinen Namen noch?“

„Schreib doch einfach Rotbäckchen.“

Melodie, die beständig eine Seite unsrer Empfindung trifft: Young Rebel Set: If I Was, 2009.
Directed by Andy Douglass, Camera by Nick Donnelly & Andrew Stebulitis @ Moving picture productions. Additional camera by John Laws.

Written by Wolf

15. September 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Schall & Getöse, Sturm & Drang