Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Sturm & Drang’ Category

And such a life I wish to live

leave a comment »

Update zu Drum dein Stimmlein lass erschallen:

——— John Milton:

Il Penseroso

1645, Schluss:

And may at last my weary age
Find out the peaceful hermitage,
The hairy gown and mossy cell
Where I may sit and rightly spell
Of every star that heav’n doth show,
And every herb that sips the dew;
Till old experience do attain
To something like prophetic strain.
These pleasures, Melancholy, give,
And I with thee will choose to live.

——— Joseph Giles:

A Parody, upon those Lines of Milton’s,
in the Hermitage at Hagley-Park.

angesichts Hagley Park, aus: Miscellaneous Poems: on various Subjects, and Occasions. Revised and corrected by the late Mr. William Shenstone, 1771:

May I, while health and strength remains,
And blood flows warm within my veins;
Find out some virgin, soft and kind,
Who is to social joy inclin’d;
A nymph who can for me forgo,
The fop, the fribble, and the beau;
From noise and show, content can be,
To live at home with love and me:
Such pleasures Love and Hymen give,
And such a life I wish to live.

Seit 1997 sollte unser aller Karriereziel klar sein: Schmuckeremit.

Seit 1997, weil da bei Matthias Altenburg in Landschaft mit Wölfen die Berufsbeschreibung eines mit neidischem Erstaunen zur Kenntnis gelangten Ziereremiten vorkommt, und weil man Matthias Altenburg ruhig mal einen 160-Seiten-Roman lang zuhören kann.

An English hermitage illustrated in Merlin, a poem, 1735, via Atlas Obscura

Hauptsächlich wird der Schmuck- oder Ziereremit für seine schiere Existenz und Anwesenheit als Druide, Anwärter auf einen Heiligen oder wenigstens malerischer Kauz bezahlt, wie sie in einem romantisch gemeinten Landschaftsgarten oder Park wünschenswert scheint — nach mancherlei Auffassung als gehobener Gartenzwerg an Orten, wo eine leblose Gartenstatue nicht mehr ausreicht. Die Jobbeschreibung enthält: nicht waschen, nicht kämmen, keine Haare und keine Nägel beschneiden; ab und zu was Weises sagen kommt schon nicht mehr ausdrücklich vor, aber ich persönlich würde mich da nicht lumpen lassen. Zum gestellten Arbeitsmaterial zählen gern eine Bibel und eine Katze.

Was so erstrebenswert klingt, relativiert sich durch die übliche Laufzeit der Arbeitsverträge von sieben Jahren mit einmaliger Gehaltsauszahlung zum Ende der Vertragslaufzeit. Im übrigen war kein Wort von einer etwaigen Frauenquote festzustellen, vielmehr das — ebenfalls unausgesprochene — Gebot der Keuschheit. Irgendwas ist ja immer.

Typischerweise wurden Schmuckeremiten von britischen Gutsbesitzern engagiert, die im Laufe des 18. Jahrhunderts vom Barockgarten französischer Bauart auf den genuin englischen Gartenbau umstellten, also mit einer Blüte während des Georgianischen Zeitalters. Erkennbar sind solche ehemaligen Arbeitsplätze im gesamten Europa oft an der erhaltenen Einrichtung einer Eremitage, englisch: Hermitage, die als Stätten der Erholung und Beschaulichkeit, gerne auch der Gastronomie gepflegt werden. Die englische Idiomatik verwendet bis heute den Ornamental Hermit zur Beschreibung malerisch ungepflegter oder exzentrisch lebender Menschen.

Die bisher gängige Coverage über Schmuckeremiten, soweit dieses Phänomen seine Bekanntheit überhaupt in postmoderne Tage retten konnte, steht übersichtlich versammelt bei Edith Sitwell in: Ornamental Hermits of Eccentric Modern England, in: The English Eccentrics, Faber & Faber, London 1933, via Hermitary. Resources and Reflections on Hermits and Solitude; viraltauglicher zusammengefasst von Allison Meier in: Before the Garden Gnome, the Ornamental Hermit: A Real Person Paid to Dress like a Druid, Atlas Obscura, 18. März 2014; dessen erwähnte Auffassung als Gartenzwerg wird unter anderem vertreten durch Patrick Spät in: Schmuckeremiten — die lebendigen Gartenzwerge, Telepolis 15. Mai 2016. Ihren begründeten Widerspruch findet diese allzu modernistische Herabsetzung bei Silvae in: Landschaftsgärten, 26. August 2014:

Allerdings muss man Hans Ost widersprechen, der in Einsiedler und Mönche in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts behauptet: Als Staffage haben sie eine ähnliche Funktion wie etwa der Gartenzwerg.

Das trifft zu wie alles, was der Polyhistor Silvae sagt — in diesem Fall aber wohl nur für die wirklich großen, engagiert angelegten und gepflegten Landschaftsgärten, die dann gleich Et in Arcadia ego nachstellen und ausleben wollen. Persönlich gehe ich davon aus, dass der typische beschaulich exzentrische Landadlige sich mit dem Eremiten eine Personifizierung seines darzustellenden Innenlebens buchen wollte. So überliefert Silvae selbst:

Stellenanzeige Hamilton, via Silvae, Landschaftsgärten, 26. August 2014

Wanted — Ornamental hermit to occupy natural cave dwelling under waterfall for seven years. The successful candidate shall be provide with Bible, water, spectacles, camlet robe, hourglass, and food from the house. No hair-, nail-, or beard-trimming permitted. Sum offered: £ 600.

In der täglichen Praxis konnte sich so ein bärtiger, ungewaschener Angestellter doch recht profan benehmen; a. a. O.:

Diese Anzeige, mit der ein Ziereremit gesucht wird, wurde von dem Honourable Charles Hamilton aufgegeben. Der Bewerber wurde allerdings nach drei Wochen gefeuert, da er sich nachts heimlich in die Dorfkneipe zu schleichen pflegte.

Und das mit den einmal 600, einmal 700 kolportierten £, die er, wir erinnern uns, erst am Ende seiner sieben Arbeitsjahre erwarten durfte. Was immerhin lehrt, welchen Kredit so ein Schmuckeremit im Georgianischen Zeitalter bei Gastwirten genoss. Daher war das bei einer bestimmten Klientel zu dergleichen berufener Mannspersonen ein begehrter Job, der seinen Weg auch in den Zeitungsteil mit den Stellengesuchen fand. 1810:

A young man, who wishes to retire from the world and live as a hermit, in some convenient spot in England, is willing to engage with any nobleman or gentleman who may be desirous of having one. Any letter addressed to S. Laurence (post paid), to be left at Mr. Otton’s No. 6 Coleman Lane, Plymouth, mentioning what gratuity will be given, and all other particulars, will be duly attended.

An English hermitage illustrated in Merlin, a poem, 1735, via Atlas Obscura

Die seriösen, in allen Wortsinnen groß gedachten Landschaftsanlagen verstanden oft schon nicht mehr als Teil des vorgefundenen Geländes, sondern als Arkadien. So spielt das formal höchst durchtrieben gebaute Theaterstück Arcadia von Tom Stoppard 1993 nicht nur mit Zeitebenen über eineinhalb Jahrhunderte, sondern auch mit der Auffassung des Schmuckeremiten:

Lady Croom: My lake is drained to a ditch for no purpose I can understand, unless it be that snipe and curlew have deserted three counties so that they may be shot in our swamp. What you painted as forest is a mean plantation, your greenery is mud, your waterfall is wet mud, and your mount is an opencast mine for the mud that was lacking in the dell. (Pointing through the window) What is that cowshed?
Noakes: The hermitage, my lady?
Lady Croom: It is a cowshed.
Noakes: It is, I assure you, a very habitable cottage, properly founded and drained, two rooms and a closet under a slate roof and a stone chimney —
Lady Croom: And who is to live in it?
Noakes: Why, the hermit.
Lady Croom: Where is he?
Noakes: Madam?
Lady Croom: You surely do not supply an hermitage without a hermit?
Noakes: Indeed, madam —
Lady Croom: Come, come, Mr Noakes. If I am promised a fountain I expect it to come with water. What hermits do you have?
Noakes: I have no hermits, my lady.
Lady Croom: Not one? I am speechless.
Noakes: I am sure a hermit can be found. One could advertise.
Lady Croom: Advertise?
Noakes: In the newspapers.
Lady Croom: But surely a hermit who takes a newspaper is not a hermit in whom one can have complete confidence.

John Bigg, the Dinton Hermit, via Atlas ObscuraDie maßgebliche, meines Wissens einzige — und in keiner deutschen Übersetzung vorliegende — Fachliteratur wird abgedeckt durch Gordon Campbell: The Hermit in the Garden: From Imperial Rome to Ornamental Gnome, Oxford University 2013. In mancherlei Hinsicht kann es kein typischer englisches Buch geben: Es handelt in aller wünschbaren Länge, Breite und vor allem Tiefe von einem skurrilen — Campbell selbst nennt es Pythonesque — Thema, das nicht etwa zu Unterhaltungszwecken frei erfunden, sondern aus der eigenen Geschichte recherchiert wurde; am Ende ist es laut Verlagswerbung

[t]he intriguing tale of the craze for ornamental hermits — the must-have accessory for the grand gardens of Georgian England and beyond

geworden.

Campbell wendet von seinen 256 Seiten 33 an The Hermitage in the Celtic Lands, womit nicht etwa alle keltischen Kulturen, sondern exklusiv Schottland und Irland gemeint sind — und der Rest des für Schmuckeremiten relevanten Europas wird komplett abgehandelt in einem Appendix 2 namens The Hermit and the Hermitage on the Continent, der genau 6 Seiten umfasst; übrigens im Anschluss an den Appendix 1, einer fünfeinhalb Seiten starken tabellarischen Auflistung sämtlicher im Haupttext erwähnten, immerhin gesamteuropäischen Eremitagen.

Da bleiben für Deutschland in diesem Anhang 2 ab Seite 217 lobende Erwähnungen für Bayreuth, Wörlitz, Luisium, Sieglitzer Berg, Kassel-Wilhelmshöhe und Potsdam — und der Magdalenenklause im Münchner Schlosspark Nymphenburg. Die Seiten 217 bis 219, die innerhalb des europäischen Kontinents Deutschland betreffen, in eigener Übersetzung:

Im späten 18. Jahrhundert kam der englische Landschaftsgartenbau auf dem Kontinent in Mode, wo er jeweils auch als jardin anglais oder giardino inglese bekannt wurde. Einige dieser Gärten beschäftigten Schmuckeremiten. Der folgende kurze Überblick setzt ein mit Deutschland, wo die englische Bauweise den Gartenbau als erstes beeinflusste, und wendet sich dann nach den Niederlanden, Skandinavien, Ungarn (einschließlich Transsilvanien), Russland, Spanien und der Schweiz.

Gordon Campbell, The Hermit in the Garden: From Imperial Rome to Ornamental Gnome, 2013, via SilvaeDas kontinentale Land mit den meisten Eremitagen in „englischen“ Gärten ist Deutschland. Bevor sich die englische Bauweise durchsetzte, herrschte eine Mode für Hoferemitagen wie die Eremitage vor den Toren Bayreuths und das etwas spätere Schloss Nymphenburg, die Münchner Sommerresidenz der bayerischen Kurfürsten. Der ursprüngliche Garten bei Schloss Nymphenburg war italienischen Stils, bis der Landschaftsarchitekt Joseph Effner im frühen 18. Jahrhundert mit der Modernisierung begann. Sein hauptsächlicher Beitrag zum Park bei Nymphenburg war der Aufbau dreier Pavillons (der vierte und erlesenste ist die Arbeit eines anderen Architekten, François de Cuvilliés. Einer von Effners Pavillions war die Magdalenenklause (1725–8), eine als Klosterzellenruine konzipierte Eremitage. Das war eine Struktur, die das Einsetzen des englische Landschaftsstils vorwegnahm, der zuerst in Wörlitz im ostdeutschen Sachsen-Anhalt erschien.

Der große Garten bei Wörlitz wurde zwischen 1764 und 1805 als Teil von Schloss Wörlitz angelegt, der Sommerresidenz von Fürst Franz, Prinz von Anhalt-Dessau. Fürst Franz war Regent von Dessau, aber auch Gartengestalter beträchtlichen Ranges. Auf seinen Reisen durch England hatte er sich mit englischen Gärten vertraut gemacht: Kew, The Leasowes, Stowe und Stourhead — und bezog alle in seine Gartengestaltungen ein: Luisium (1774), Sieglitzer Berg (1777) und Wörlitz. Sein Garten bei Wörlitz ist im Geiste von Rousseaus Ermenonville gestaltet, dem er den Einsatz von Pappeln abschaute; und tatsächlich baute er 1782 eine Kopie von Rousseaus Grabmal ein. In einem angelegenen Teil des Geländes wurde eine Eremitage eingerichtet. Fürst Franz‘ restliche Gärten waren weniger durchkonstruiert, aber für den Bau einer Eremitage am Sieglitzer Berg am Ufer der Elbe zog er den deutschen Gartengestalter Johann Friedrich Eyserbeck hinzu; die Gestaltung lehnt sich deutlich an Stourhead an.

Besuch erhielt Wörlitz unter anderem von Carl August von Sachsen-Weimar in Begleitung von Goethe. Nach Weimar heimgekehrt, kopierten beide etliche Merkmale im heute so genannten Ilmpark, der entlang des Flusses angelegt wurde. Unter den von ihnen errichteten Gebäuden findet sich eine Eremitage, die heute Borkenhäuschen heißt, erbaut 1778.

~~~\~~~~~~~/~~~

John Bigg, the Dinton Hermit, via Atlas ObscuraZwei weitere Englische Gärten in Deutschland beherbergen erhaltene Eremitagen: die eine in Kassel und die andere in Potsdam. Schloss und Park in Kassel seit 1798 als Wilhelmshöhe bekannt, wurde Anfang des 18. Jahrhunderts als italienischer Garten mit reichlichem Wasserbrauch und einer Unzahl von Statuen angelegt. Anfang der 1780er Jahre errichtete der Landgraf innerhalb des Parks eine Chinoiserie namens Mou-lang und leitete damit den Übergang vom italienischen Barockstil zum englischen landschaftsgarten ein. Die Bauten von Mou-lang wurden schnell mit einer ägyptischen Pyramide, einem Tempel des Merkur und einer Anzahl Eremitagen vervollständigt, deren jede einem Philosophen gewidmet war; allein die Eremitage des Sokrates besteht noch.

Der Neue Garten in Potsdam war das Werk von Friedrich Wilhelm II., König von Preußen, der kurz nach seiner Thronbesteigung 1786 Johann August Eyserbeck (den Sohn von Johann Friedrich) beauftragte, seine Pläne zu einem Garten nach englischem Modell ins Werk zu setzen. Am nördlichen Ende des Parks verfällt heute eine Eremitage, die ein Reetdach hatte und mit Eichenrinde verkleidet war.

~~~\~~~~~~~/~~~

Die gegenwärtige Grenzziehung zwischen Deutschland und den Niederlanden ist vergleichsweise modern. Während es Dreißigjährigen Krieges wurde die Stadt Kleve, die heute auf der deutschen Seite der holländisch-deutschen Grenze liegt, von der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen regiert. […]

Der inhaltliche Sprung in die holländische Geschichte zeigt, dass ich eigentlich schon zuviel übersetzt hab, soweit es um deutsche Eremitagen gehen sollte. Mehr als die nicht ganz zwei Seiten im allerletzten Textteil des Anhangs ist da nicht.

Insgesamt gestaltet sich die Fachliteratur über Schmuckeremiten spärlich, und auch nach Campbells Monographie erwarte ich schon allein wegen der zu befürchtenden Senkung der Arbeitsmoral potenzieller Arbeit-„Nehmer“ keine Explosion ihrer Popularität. Was vorhanden ist — von John Milton samt seiner Parodie von Joseph Giles über den belletristischen Exkurs bei Matthias Altenburg, aufschlussreicher bei Edith Sitwell, Allison Meier für den Atlas Obscura und Patrick Spät für Telepolis, Tom Stoppards alle Erzählmöglichkeiten des Theaters ausschöpfende Komödie bis hin zu Gordon Campbells überfälliger Monographie — scheint mir, ohne alles vollständig durchstudiert zu haben, interessant genug für uneingeschränkte Empfehlung.

Stand einem Schuckeremiten eigentlich Urlaub zu?

An 18th century hermitage that survives in Manor Gardens Eastbourne, East Essex, photograph by Kevin Gordon

Bilder: Silvae: Landschaftsgärten, 26. August 2014;
Allison Meier: Before the Garden Gnome, the Ornamental Hermit: A Real Person Paid to Dress like a Druid, Atlas Obscura, 18. März 2014:

  1. An English hermitage illustrated in „Merlin: a poem“ (1735) (via British Library);
  2. John Bigg, the Dinton Hermit. Not a garden hermit, but of same era (via Wellcome Library);
  3. John Bigg, the Dinton Hermit (via Wellcome Library);
  4. An English hermitage illustrated in „Merlin: a poem“ (1735) (via British Library);
  5. An 18th century hermitage that survives in Manor Gardens Eastbourne, East Essex (photograph by Kevin Gordon).

Soundtracks: Ornamental Hermit, einmal von William D. Drake, aus: The Rising of the Lights, 2011,
und einmal von David Grubbs, aus: The Plain Where the Palace Stood, 2013:

(Of all the things you did for me
The one most splendid was to christen
A place in me where I can be
A most contented person.)

Bonus Track, weil Musik ja auch Spaß machen soll: Отава Ё: Про Ивана Groove, 2011:

Werbeanzeigen

Written by Wolf

21. Juni 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

Goethes Kindergartenfutter

leave a comment »

Update zu Das Beste sind die Kartoffeln, lieber nicht zum
1. Katzvent: I should be stronger than weeping alone (und mit pragmatischen Messingdrähten zum Skelett zusammengeworfelt):

——— Goethe:

Eins wie’s andre

kein Anhaltspunkt zur Datierung, Erstdruck in der Ausgabe letzter Hand, Band 47, Cotta 1833,
in: Frankfurter Ausgabe, Gedichte Band 2, Seite 859:

Die Welt ist ein Sardellen-Salat;
Er schmeckt uns früh, er schmeckt uns spat:
Zitronen-Scheibchen rings umher,
Dann Fischlein. Würstlein, und was noch mehr
In Essig und Öl zusammenrinnt,
Kapern, so künftige Blumen sind —
Man schluckt sie zusammen wie Ein Gesind.

Cover Renate Hücking, Mit Goethe im Garten. Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit, Callwey 2013Wie schön, mit so einem prächtigen, rohen Findling von siebenzeiligem Gedicht einsteigen zu können. Vor langer Zeit hatte ich mal Urlaub. Das war die Gelegenheit, zwei aus der Goethezeit überlieferte Rezepte auszuprobieren, damit Sie es nicht müssen.

Überliefert sind beide Rezepte von Renate Hücking, auf den Seiten 21 und 22 ihrer Veröffentlichung Mit Goethe im Garten. Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit, Callwey 2013. Die zwei Seiten mit den Rezepten waren zufällig die ersten, die ich aufgeblättert hab, was auf eine größere Fülle schließen ließ, aber es bleibt bei den zweien. Das ist in Ordnung so: Auf diese Weise hat man eine überschaubare Auswahl sehr praktikabler und wahrscheinlich halbwegs gesunder Rezepte mit literarischem Bezug und regional beschaffbaren Ingredienzen.

——— Renate Hücking:

Frau Ajas Eierkuchen

aus: Mit Goethe im Garten: Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit,
Verlag Georg D. W. Callwey GmbH & Co. KR, München 2013, Seite 21:

Zutaten
4 alte Brötchen,
2 Esslöffel Schnittlauch,
1 Zwiebel,
40 g Butter,
7 Eier,
¼ l Milch,
1 Esslöffel Mehl,
100 g Speck,
Salz und Muskat

Die Brötchen würfeln, die Zwiebel schälen und fein hacken, den Schnittlauch fein schneiden. Alles zusammen in der Butter leicht rösten.

Eier, Milch und Mehl verquirlen und anschließend mit Salz und Muskat abschmecken. Die gerösteten Zutaten unterziehen. Den Speck in der Pfanne auslassen, die Teigmasse portionsweise dazu geben und auf beiden Seiten langsam ausbacken.

Kindheitsfutter ist sowieso immer das beste. Als Welpe musste man mir die Krautwickel immer aus dem Kraut auswickeln, was das Rätsel darum noch geheimnisvoller machte, warum man einwandfreie Hackfleischbatzen überhaupt erst in derlei grünliche Putzlumpenfetzen einwickeln musste. Im Franken meiner angeborenen dialektalen Ausrichtung heißt das Hackfleisch ohne Grünzeug drumrum Fleischküchle, mit Weißkraut, Mangold und bei den Honoratioren Spinat drumrum Krautwickel — die korrekte oberostfränkische Aussprache erspare ich uns. Aber nicht einmal im allzeit bratwursthaltigen Franken wäre jemand darauf verfallen, zu Hackfleischprodukten auch noch Bratwürste zu „reichen“. Im bis 1763 französisch besetzten Frankfurt am Main anscheinend schon.

An der Formulierung stört mich allein der unmotivierte Wechsel zwischen Imperativen und imperativ gemeinten Indikativen im Aktiv und Passiv, aber angesichsts der fertigen Laubfrösche ist das schon germanistische Zickerei.

——— Renate Hücking:

Laubfrösche — ein Gericht aus Kindertagen

ebenda, Seite 22:

Zutaten,
12 Mangoldblätter,
2 (altbackene) Brötchen,
1 Zwiebel,
2 Knoblauchzehen,
2 EL Butter,
1 Bund Petersilie,
2 Eier,
2 Zweige Liebstöckel,
300 g Hackfleisch,
Salz,
Pfeffer,
Pimentkörner,
½ l Gemüsebrühe

Die Mangoldblätter werden entstielt, gewaschen und mit kochendem Wasser überbrüht. Danach solten sie in eiskaltem Wasser abgeschreckt werden und gut abtropfen.

Für die Füllung wird die fein gewürfelte Zwiebel mit dem Knoblauch in Butter weich gedünstet — ohne sie zu bräunen. Die Brötchen in Wasser oder Milch einweichen und ausdrücken. Dazu gibt man die Eier, die gehackten Kräuter und das Fleisch. Alles sollte gut gewürzt und gründlich miteinander vermengt werden. Etwa ein Löffel dieser Masse wird auf ein Mangoldblatt gegeben und darin eingewickelt. Jetzt werden die „Laubfrösche“ mit Mehl bestäubt, in der Pfanne kurz angebraten und dabei vorscithgig gewendet. Zum Schluss mit Brühe auffüllen und die Wickel etwa 20 Minuten darin garen lassen.

Eine Variante: Die Blätter mit einer Masse aus 2 Eiern, Semmelmehl und frischen Gartenkräutern füllen, mit Mehl bestäuben und anbraten. Dazu werden Bratwürste gereicht.

Der vegetarische Praxistipp: Statt des schön bunten, aber etwas geradeheraus schmeckenden Mangolds je nach Saison lieber Spinatblätter hernehmen.

Der vegane Praxistipp: Champignons, an Feiertagen auch gern Austernpilze ergeben in gehäckseltem Zustand einen täuschend echten, sogar wohlschmeckenden Ersatz für Hackfleisch. Der örtliche Türke verkauft eine undurchschaubare, aber hochraffinierte Köfte-Gewürzmischung in allen Haushaltsgrößen, mit der kein Mensch mehr die Pflanzen- von den Kuh- und Schweineteilen unterscheiden kann. Pilze häckseln ist etwas aufwändiger als eine Packung Hackfleisch in die Pfanne fallen lassen, also kurz das große Messer nachschleifen und die Muffs auf die Ohren, das beflügelt. Nach meiner Erfahrung ist die Entsprechung für ein Pfund Hackfleisch innerhalb einmal Alert Today, Alive Tomorrow (1999) fertig. Für das ganze Festessen: Der Freischütz. Aber unter Carlos Kleiber, gell?

Marion Nickig, Baum im Herbst, via Helena Pivovar, Dichterfürst -- Gartenfürst, Callwey Blog 7. Oktober 2013

Bilder: Weil ich mich nie an die postmoderne Unsitte gewöhnen konnte, mein eigenes Essen abzulichten, wegen der arbeitsam eingefetteten Finger schon gar nicht während des Kochvorgangs, gibt’s nur das Buchcover und ein Beispiel für die schönen Illustrationen aus dem beschriebenen Buch, die beizubringen in der verregneten ersten Jahreshälfte 2013, wie in den Danksagungen beklagt, gar nicht so einfach war: Marion Nickig, via Helena Pivovar: Dichterfürst — Gartenfürst, Callwey Blog , 7. Oktober 2013.

Soundtrack: Theodor Shitstorm im Garten von Pogel und Marion (nicht Marion Nickel, nehme ich an):
Ratgeberlied aus: Sie werden dich lieben, 2018, mit der einzig richtigen Anweisung für Kochrezepte:

So weit meine Ratschläge, merk sie dir gut:
Es ist wichtig, dass man das exakte Gegenteil tut.

Der Text ist raffiniert genug für die volle Lautstärke und das Video für den Vollbildmodus:

Written by Wolf

19. April 2019 at 00:01

Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten

leave a comment »

500. Beitrag

Update zu Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge:

Zuvor haben wir Karl Philipp Moritz — und zwar in seiner eigenen Stimme, ungefiltert durch etwelche ersonnenen Fabelgestalten — in Das Edelste in der Natur, 1786 — sagen hören:

Eins der größten Uebel, woran das Menschengeschlecht krank liegt, ist die schädliche Absonderung desselben, wodurch es in zwei Theile zerfällt, von welchen man den einen, der sich erstaunliche Vorzüge vor dem andern anmaßt, den gesitteten Theil nennt.

Als Problem sieht das nur ein Teil der Menschheit. Wenn man den Richtigen glaubt, ist das der unwesentliche Teil. Beim Baron Eichendorff war das 1831 schon Satire. Den Hochadligen rettet wie immer seine besondere Volksnähe und lebenslanges Hadern mit sozialer Ungleichheit, obwohl er auf seiner richtigen — der oberen — Seite von Geburt an bequem eingerichtet gewesen wäre:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless     Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

——— Joseph von Eichendorff:

Unstern

1831 bis 1839, Fragment aus dem Nachlass,
rekonstruiert in der Winkler-Ausgabe von Jost Perfahl und Ansgar Hillach, Band 2,
nach: Hubert Pöhlein (Hrsg.): Aurora, 3. Jahrgang, 1933;
Rekonstruktion in Band 4:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via HappilessAls ich aber draußen im Freien war, überlegte ich erst alles: ich stammte aus einer reichsgräfl. Familie, hatte schon einzelne Gedichte drucken lassen p., — es war gar nicht unwahrscheinlich, daß man mich so feiern wollte. Da lehnte ich mich mit großer Befriedigung im Wagen zurück, kreuzte die Arme über der Brust u. sagte zu mir selbst: Ich habe es immer gesagt, nichts als Narrenspossen mit dieser Gleichheit. Das soll naturgemäß sein! Als wäre die Natur nicht grade erst recht aristokratisch, stellt den Ochsen über das Kalb, den Hund über die Katze, die Katze über die Ratze, und unter den Menschen den hohen Geburtsadel des Genies über das andre gemeine Pack. Außerdem, setzte ich mit großer Selbstzufriedenheit hinzu, wird es auch, solange nicht allgemeine Barbarei wiederkehrt, immerfort zwei verschiedene Rassen der Gesellschaft geben, die gebildete u. die ungebildete, die niemals miteinander fraternisieren können, weil sie sich wechselseitig genieren, u. das Genie mit keinem von beiden, denn es heißt eben Genie, weil es sich niemals geniert. sondern nur alle andern, u. also Hier tat es plötzlich einen widerlichen Schrei — es war ein Pfau, der vor mir auf einem Gittertor, mit dem Schweif das Rad schlagend, mir grade die Kehrseite seiner Pracht zeigte. Da bemerkte ich erst, daß er eigentlich hier den Portier vorstellte u. ich unaufhaltsam in einen prächtigen Park hineinfuhr […].

Beim Pastorensohn Wieland war es noch unter Tränen lachende und — aus Gründen — fiktiv verbrämte Allegorie. Wie wichtig diesem Berufsschreiber, der auch als Viertel des „Weimarer Viergestirns“ bei Hofe auf Einkünfte aus seiner Arbeitskraft angewiesen war, das Thema war, macht er an einer nicht anderweitig motivierten Fußnote klar, „die ich mich nicht entschließen kann auszulassen“:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

——— Christoph Martin Wieland:

Der goldne Spiegel oder die Könige von Scheschian.
Eine wahre Geschichte
aus dem Scheschianischen übersetzt.

1772, Fassung letzter Hand, 1794:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via HappilessIhre Hoheit, sagte Nurmahal, werden ihm diesen Einfall vielleicht zu gute halten, wenn Sie bedenken, daß die Nazion einen König haben wollte, und daß es, alles überlegt, doch immer besser ist, dieser König selbst zu seyn, als es einem andern zu überlassen. Er konnte doch immer mit einiger Wahrscheinlichkeit hoffen, daß es ihm an Gelegenheit nicht fehlen würde, sein Ansehen, so eingeschränkt es Anfangs war, zu befestigen und zu erweitern. Zudem war er ein Mann von mehr als gemeiner Fähigkeit, sein eigenes Fürstenthum, eines der beträchtlichsten, und an der Spitze der Partey, die ihn auf den Thron erhob, konnt‘ er sich schmeicheln alles zu vermögen.

„Und dennoch schmeichelte er sich zu viel?“

Wie hätt‘ es anders gehen können? versetzte die Sultanin. Seine Anhänger erwarteten mehr Belohnungen als er geben konnte. Ihre Forderungen hatten keine Grenzen. Er hielt sich für berechtigt Dienste und Unterwürfigkeit von denjenigen zu erwarten, die ihn zum Könige gemacht hatten; und eben darum, weil sie ihn zum Könige gemacht hatten, glaubten sie, daß er ihnen alles schuldig sey. Eine solche Verschiedenheit der Meinungen mußte Folgen haben, die den König und das Volk gleich unglücklich machten. Da er die einmahl übernommene Rolle gut spielen wollte, so mußt‘ er nothwendig mit seinen Raja’s zerfallen, die ihn lieber eine jede andre spielen gesehen hätten als die Rolle eines Königs. Seine ganze Regierung war unruhig, schwankend und voller Verwirrung. Aber unter seinen Nachfolgern ging es noch schlimmer. Jeder neue Vortheil, den die Raja’s über ihre Könige erhielten, erhöhete ihren Übermuth, und vermehrte ihre Forderungen. Unter dem Vorwand, ihre Freyheit (ein Ding, wovon sie niemahls einen bestimmten Begriff gehabt zu haben scheinen,) und die Rechte der Nazion (welche niemahls ins Klare gesetzt worden waren,) gegen willkührliche Anmaßungen sicher zu stellen, wurde das königliche Ansehen nach und nach so eingeschränkt, daß es, wie die Fabel von einer gewissen Nymfe sagt, allgemach zu einem bloßen Schatten abzehrte –

– Hier gähnte der Sultan zum ersten Mahle –

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless– Bis endlich selbst von diesem Schatten nichts als eine leere Stimme übrig blieb, welche gerade noch so viel Kraft hatte, nachzuhallen was ihr zugerufen wurde.

Scheschian befand sich, solange diese Periode dauerte, in einem höchst elenden Zustande. Von mehr als drey hundert kleinern und größern Bezirken, deren jeder seinen eigenen Herrn hatte, sah der größte Theil einem Lande gleich, das kürzlich von Hunger, Krieg, Pest und Wassersnoth verwüstet worden war. Die Natur hatte da nichts von der lachenden Gestalt, nichts von der reitzenden Mannigfaltigkeit und dem einladenden Ansehen von Überfluß und Glückseligkeit, womit sie die Sinnen und das Herz in jedem Land einnimmt, welches von einem weisen Fürsten väterlich regiert wird.

Hier klärte sich die Miene des Sultans einmahl wieder auf. Er dachte an seine Lustschlösser, an seine Zaubergärten, an die schönen Gegenden, die er darin auf allen Seiten vor sich liegen hatte, an die mosaisch eingelegten, und mit doppelten Reihen von Citronenbäumen besetzten Wege, die ihn dahin führten; und genoß etliche Augenblicke lang die Wollust der vollkommensten Zufriedenheit mit sich selbst.

Das war es nicht, was die beiden Omra’s wollten, daß er dabey denken sollte! – Weiter, Nurmahal; sprach der vergnügte Sultan.

Allenthalben wurden die Augen eines Reisenden, der nicht ohne alles Gefühl für den Zustand seiner Nebengeschöpfe war, durch traurige Bilder des Mangels und der unbarmherzigsten Unterdrückung beleidigt.

Die kleinen Tyrannen, denen der König von Scheschian neunzehn von zwanzig Theilen seiner Unterthanen Preis zu geben genöthigt war, hatten in Absicht der Verwahrung ihrer Ländereyen eine Denkungsart, die derjenigen von gewissen Wilden glich, von denen man sagt, daß sie, um der Frucht eines Baumes habhaft zu werden, kein bequemeres Mittel kennen, als den Baum umzufällen. Ihr erster Grundsatz schien zu seyn, den gegenwärtigen Augenblick zum Vortheil ihrer ausschweifenden Lüste auszunützen, ohne sich darum zu bekümmern, was die natürlichen Folgen davon seyn möchten. Diese Herren fanden nicht das geringste weder in ihrem Kopfe noch in ihrem Herzen, das der armen Menschheit bey ihnen das Wort geredet hätte. In ihren Augen hatte das Volk keine Rechte, und der Fürst keine Pflichten. Sie behandelten es als einen Haufen belebter Maschinen, welche, so wie die übrigen Thiere, von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten, und die keinen Anspruch an Ruhe, Gemächlichkeit, und Vergnügen zu machen hätten. So schwer es ist, sich die Möglichkeit einer so unnatürlichen Denkungsart vorzustellen, so ist doch nichts gewisser, als daß sie es dahin gebracht hatten, sich selbst als eine Klasse von höhern Wesen anzusehen, die, gleich den Göttern Epikurs, kein Blut sondern nur gleichsam ein Blut in den Adern rinnen hätten; denen die Natur zu willkührlichem Gebote stehe; denen alles erlaubt sey, und an welche niemand etwas zu fodern habe. Die Knechtschaft der Unglücklichen, die unter ihrem Joche schmachteten, ging so weit, daß sie jeden Fall, wo man ihnen durch eine besondere Ausnahme die allgemeinsten Rechte der Menschheit angedeihen ließ, als eine unverdiente Gnade ansehen mußten. Die Folgen einer so widersinnigen Verfassung stellen sich von selbst dar. Eine allgemeine Muthlosigkeit machte nach und nach alle Triebräder der Vervollkommnung stille stehen; der Genie wurde ihm Keim erstickt, der Fleiß abgeschreckt, und die Stelle der Leidenschaften, durch deren beseelenden Hauch die Natur den Menschen entwickelt, und zum Werkzeug ihrer großen Absichten macht, nahm fressender Gram und betäubende Verzweiflung ein.[Fußnote] Sklaven, welche keine Hoffnung haben, anders als durch irgend einen seltnen Zufall, der unter zehen tausend kaum Einen trifft, sich aus ihrem Elend empor zu winden, arbeiten nur in so fern sie gezwungen werden, und können nicht gezwungen werden irgend etwas gut zu machen. Sie verlieren alles Gefühl der Würdigkeit ihrer Natur, alles Gefühl des Edeln und Schönen, alles Bewußtsein ihrer angebornen Rechte –

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless– Der Sultan gähnte hier zum zweyten Mahle –

– und sinken in ihren Empfindungen und Sitten zu dem Vieh herab, mit welchem sie genöthiget sind den nehmlichen Stall einzunehmen; ja, bey der Unmöglichkeit seines bessern Zustandes, verlieren sie endlich selbst den Begriff eines solchen Zustandes, und halten die Glückseligkeit für ein geheimnißvolles Vorrecht der Götter und ihrer Herren, an welches den mindesten Anspruch zu machen Gottlosigkeit und Hochverrath wäre.

Dieß war die tiefe Stufe von Abwürdigung und Elend, auf welche die armen Bewohner von Scheschian herab gedrückt wurden. Eine allgemeine Verwilderung würde sie in kurzem wieder in den nehmlichen Stand versetzt haben, aus welchem der große Affe, ihrem angeerbten Wahn zu Folge, ihre Stammältern gezogen hatte: in einen Stand, worin sie sich wenigstens mit der Unmöglichkeit noch tiefer zu sinken hätten trösten können; wenn nicht eine unvermuthete Staatsveränderung –

Hier machte der Mirza die schöne Nurmahal bemerken, daß der Sultan unter den letzten Perioden dieser Vorlesung eingeschlafen war.

[Fußnote] Hier, sagt der Sinesische Übersetzer, habe ich eine Anmerkung des Indischen Herausgebers dieses Werkes gefunden, die ich mich nicht entschließen kann auszulassen, ungeachtet meine Leser keinen unmittelbaren Gebrauch davon machen können. Ich wünschte, sind die Worte des Indiers, daß alle unsre Großen und Edeln dieser Periode (von den Worten Eine allgemeine u. s. w. bis zu Verzweiflung ein) die Ehre anthun möchten, sich derselben zu Prüfung der Fakirn, denen sie ihre Söhne anvertrauen wollen, zu bedienen. Sie haben dazu weiter nichts nöthig, als dem Fakir die Periode vorzulegen, und sich eine Erklärung derselben, die Entwicklung der darin enthaltenen Begriffe und Sätze von ihm auszubitten. Allenfalls könnten sie, um ihrer Sache desto gewisser zu seyn, einen Filosofen von unverdächtigen Einsichtenmit zu dieser Prüfung ziehen. Versteht der Fakir die Periode: nun, so sey es denn! Versteht er sie nicht oder räsonniert er darüber wie ein Truthahn: so können Sich Ew. Excellenzen, Gnaden, Hoch- und Wohlgeboren, u.s.w. darauf verlassen, daß er ein vortreffliches Subjekt ist, wenn ihre Absicht dahin geht, daß Ihr Sohn nicht zu gescheidt werden solle.

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless     Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

Bilder: via Happiless, Dezember 2018:

In 1951, Dali teamed up with Magnum photographer Philippe Halsman to create one of the most enchanting, morbid and bizarre photographs of all time. Entitled „In Voluptas Mors,“ or Voluptuous Death.

Soundtrack: Gustaf Gründgens & Hilde Hildebrand: O Gott, wie sind wir vornehm!,
aus: Eduard Künneke: Liselott, 1932:

Written by Wolf

15. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Sturm & Drang

1. Katzvent: In der Dämmrung heil’gen Schatten

leave a comment »

Update zu Kater Murr und der dramatisierte Magnetismus:

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

Besonders freut es mich, mit einem siebenzeiligen Gedicht anzufangen; wie wiederholt bekannt gemacht, sammle ich die. Die Gedichte von Karl Philipp Moritz stehen in keiner seiner zwei Gesamtausgaben, die für den Kauf seitens atmender Menschen und nicht für die Forschung vom Hauptseminar aufwärts vorgesehen sind. Jedenfalls stehen sie dort nur in andeutenden Auswahlen; für den verlegerischen Ehrgeiz der Vollständigkeit wende man sich ans viel zu Kleine Archiv des achtzehnten Jahrhunderts.

So kurz es ist, passt das Gedicht in gleich zwei hiesige Sammlungen; man merkt die Nähe von Weihnachten. Die Nähe zur Anakreontik merkt man dem Gedicht an der Personifizierung einer „Selinde“ an. Meistens heißen anakreontische Frauenfiguren Chloe, Chloris, Daphne, Dorinde, Doris, Melinde, Phyllis oder ähnlich floral, denn „die Namen der Geliebten wie die des Liebhabers stammen, mit wenigen Ausnahmen, teils aus der antiken Idyllendichtung, teils aus der französischen Schäferpoesie“, wie Friedrich Ausfeld: Die deutsche anakreontische Dichtung des 18. Jahrhunderts: Ihre Beziehungen zur französischen und zur antiken Lyrik, Karl J. Trübner, Strassburg 1907, beobachtet. Und meistens sind die Anakreontika Jugendwerke; 1779 war Moritz 23. Sehen wir ihm also nach, wie er die Trauer um eine verstorbene Katze leichtfertig ins Lächerliche zieht, seine Spitze sollte sich ohnehin eher gegen die Tendenz der Empfindsamkeit richten.

——— Karl Philipp Moritz:

Die empfindsame Schöne.

in: Christian Heinrich Schmid, Hrsg.: Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1779,
Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung, Seite 280,
cit. Christof Wingertszahn, Hrsg.: Karl Philipp Moritz: Gedichte,
Kleines Archiv des achtzehnten Jahrhunderts, Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 1999, Seite 10:

Dort, wo in der Dämmrung heil’gen Schatten,
Sich holde Phantasieen gatten,
Sanft traurender Melancholie;
An jenem schauervollen Platze,
Wo einsam unterm silbern Mond
Die feierliche Stille wohnt,
Beweint Selinde — ihre Katze.

Théodore Géricault, Le chat mort, ca. 1820

Bild: Théodore Géricault: Le chat mort, ca. 1820, Musée du Louvre, Paris.

Now you know your cat has nine lives: John Lennon: Crippled Inside, aus: Imagine, 1971:

Written by Wolf

30. November 2018 at 00:01

Moritz Under Ground

leave a comment »

Update zu Morgenschillern oder Warum die Freiheit des Menschen in Deutschland wohnt,
Der Goethe wor fei aa do (It’s a nice-a place)
und Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!:

Es ist nicht ganz klar, wo sich Karl Philipp Moritz am Allerseelentag 1786 aufgehalten hat. Das lässt die meisten von uns ruhig schlafen, und wen nicht, dem genügt die Ortsangabe „Rom“.

Und sie genügt sogar der einen, verbreiteteren Moritz-Gesamtausgabe — der bei Insel von 1981, die seit kurzem bei mir wohnt. Da ist, wie sich das gehört, der vollständige Bericht Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788 abgedruckt und kommentiert. Zu dem Teil, der unten folgt und einiger touristischer Erklärungen bedarf, schweigt sie sich aus.

Fresko San Clemente, RomDas wollen wir natürlich wie immer genauer wissen. In Frage kommen daher noch die andere, entschieden teurere Moritz-Gesamtausgabe, die beim Deutschen Klassiker Verlag 1997, und die bunte, so reich wie modern illustrierte Einzelausgabe bei der Anderen Bibliothek 2013.

Von der bunten muss trotz Erscheinen in der Anderen Bibliothek ausnahmsweise abgeraten werden: Die erschöpft sich in typographischer Selbstverwirklichung, bringt aber keinen Mehrwert. Die Idee, den vorklassischen Text der postmodernen Großstadtphotographie gegenüberzustellen, war richtig gut, bleibt aber so nichtssagend wie das Nachwort und so protzig wie das glitschige Volumenpapier. Nichts, wofür man 40 Euro ausgeben möchte, solange der Volltext gratis online steht. Die Hoffnung, dass sie wenigstens ein paar erhellende Anmerkungen zu den Örtlichkeiten „damals und jetzt“ dazugestellt haben, wird deshalb obsolet, sobald das einzige Exemplar der Stadtbibliothek auf Wochen bis nach einem Veröffentlichungstermin (hier: Allerseelen) ausgeliehen ist.

Von der Gesamtausgabe des Deutschen Klassiker Verlags ist leider nur der erste Band jemals ins Taschenbuch übergegangen, weil der darin enthaltene Anton Reiser noch halbwegs verkäuflich klingt, der zweite Band kostet einzeln 92 Euro. Tipp für Sparfüchse: Der Doppelpack kostet nicht zweimal 92, sondern gerade mal 98 Euro, das ist weniger Aufpreis, als wenn man das Taschenbuch dazukauft. Immerhin ist das eine Anschaffung, für die man sich nicht vor sich selber genieren muss — aber nicht, wenn man vor keinem Vierteljahr die Insel-Ausgabe gekauft hat.

Also weiter: Die Stadtbibliothek führt den zweiten Band nicht einmal als Magazinbestellung. In der Bibliothek des Münchner Instituts für Germanistik kommt Karl Philipp Moritz nicht, schandbar genug, im Alphabet vor, die wirklich freundliche studentische Hilfskraft an der Aufsicht (blond) liest unverhohlen Sebastian Fitzek und unterstützt meinen eigenen Vorshchlag, dass ich dann doch „rüber in die Stabi“ muss. Die Bayerische Staatsbibliothek zu München führt Karl Philipp Moritz. Ich hab auf einer richtigen Uni studiert, mir aber trotzdem mal einen Bibliotheksausweis ausstellen lassen: Besser man hat ihn und braucht ihn nicht, als man braucht ihn und hat ihn nicht. Der Band ist entleihbar, aber „nur in den Allgemeinen Lesesaal“ — was klar geht, weil ich ja nur eine einzige Anmerkung auf einer der 1333 Seiten nachlesen will. Klick: Das Buch wird für mich „voraussichtlich“ in einer Woche an der Ausleihe im Allgemeinen Lesesaal bereitgestellt. Was die Stadtbücherei für innerhalb 30 Minuten verspricht und meistens in zehn schafft, eine Magazinbestellung, dauert in der Stabi eine Woche, und die Leute wundern sich, dass die Gymnasiallehrer nicht lesen und schreiben können.

Egal was ich bei wem ausleihen kann, wird, falls überhaupt, nach Allerseelen aufzutreiben sein, und das nur, weil in einem dieser erschütternd mies erreichbaren Bücher eventuell eine mindere Anmerkung stehen könnte, die ich für einen nichtkommerziellen Weblog brauche, dessen Leser mir persönlich bekannt sind — zu deutsch: Vergiss es. Bis ich — Lieferung in jede Buchhandlung zum nächsten Werktag — 98 Euro zum Verfeuern hab, erscheint an dieser Stelle Bildmaterial zu der Kirche, die der von Moritz bechriebenen am nächsten kommt: der dominikanischen Basilica minor San Clemente al Laterano.

In Rom soll sie stehen, nicht allzuweit vom Tiber-Ufer, und jedenfalls auf dem Stand von 1786 einen lebhaften Spendeneinnahmebetrieb aufweisen, und zwar, das ist der Trick: unterirdisch. Zu googeln, wie dieser Kirchenkeller anlässlich der novemberlichen Totenfeiertage — siehe unten — geschmückt gewesen sein mochte, bleibt aussichtslos; die typischen Suchergebnisse führen zuverlässig in die römischen Katakomben. Eine mindestens teilweise unterirdische „Kirche, die von den Todten, denen sie geweiht ist, ihren Nahmen führt“, kann ich auf der vorliegenden Basis nicht zuverlässig dingfest machen.

Allein die San Clemente besteht aus einem Fundament römischer Gebäudereste des 1. bis 3. Jahrhunderts mit einem Mithräum von etwa anno 240, darüber einer „Unterkirche“, die mich hoffen heißt: Immer noch unterirdisch liegen dort antike Räume als frühchristliche Basilika namens Titulus Clementis um 384, wiederum darüber der sichtbaren „Oberkirche“ ab 1108. Den Bildern aus dem Titulus Clementis nach wäre dort immerhin theoretisch Platz für drei dicke Priester, die an Tischen die reichlich hereinströmenden Spendengelder zählen.

Kirche goes Underground. Halloween, gedacht als Vorabend zu Allerheiligen, ist nichts als das neue Allerseelen.

——— Karl Philipp Moritz:

Rom, den 5. November.

aus: Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788. In Briefen von Karl Philipp Moritz,
Erster Theil, Friedrich Maurer, Berlin 1792:

In den ersten Tagen meiner Ankunft in Rom, zu Ende des vorigen Monaths, war der Himmel heiter, und die Luft ziemlich kalt und schneidend, so daß die Leute selbst im Gehen auf den Straßen sich schon an Kohlentöpfen wärmten, welches um so mehr auffält, je sanfter und milder man das italiänische Klima sich gedacht hat.

Mit dem Feste aller Seelen aber, im Anfange dieses Monathes, trat wieder wieder laues, trübes und regnigtes Wetter ein, und das Traurige und Grauenvolle bei der Feier jenes melancholischen Festes, bekam nun noch ein desto düsterers Ansehen.

Fresko San Clemente, RomDie Kirchen waren inwendig und zum Theil auch auswendig schwarz bekleidete, und mit den Abbildungen von Schädeln und Todtenbeinen ausgeschmückt. Und allenthalben ertönte auf den Straßen das Geschrei der Kläglichbittenden um ein Allmosen zu einer Todtenmesse für die armen Seelen im Reinigungsfeuer, (per le povere anime del purgatorio!)

Am grauenvollsten war der Anblick einer unterirrdischen den Todten geweihten Kirche, am Ufer der Tiber, die ich in der Dämmerung des Abends auf einer meiner ersten Wanderungen in Rom besuchte.

Auf dem Wege dahin begegnete mit zum erstenmal eine Prozession von Kindern, welche in weisse Tracht gehüllt, mit Wachslichtern in den Händen, paarweise einem offnen Sarge folgten, worin man einen ihrer Gespielen zu Grabe trug; ein Anblick der äußerst überraschend und rührend für mich war!

Ich kam nun in die Kirche, die von den Todten, denen sie geweiht ist, ihren Nahmen führt, und wo von einer Todtenbrüderschaft für die Armen, welche auf dem Felde gestorben (per gli poveri morti in campagna) zu Todtenmessen gesammlet ward.

Ich stieg nun einige Stufen hinab, und gleich am Eingange an einem Tische saßen drei schwarzgekleidete Männer, wie Höllenrichter, wovon zwei die Summe des eingenommenen Todtenlösegeldes in große Bücher verzeichneten, und einer mit dem dumpftönenden Ausruf: i poveri morti in campagna! eine große eherne Büchse, in welcher die Allmosen gesammlet wurden, gegen die Ankommenden schüttelte.

Und welch ein Anblick erfolgte nun beim Eintritt in diese unterirrdische Kapelle, deren Wände von oben bis unten mit würklichen Todtenschädeln und Todtenbeinen, die äußerst zierlich übereinandergelegt waren, ausgeschmückt, gleichsam mit dem ganzen verborgenen Schatze der grauenvollen Zerstörung prangten.

Und, was noch dieß alles übertraf, so waren große Nischen in den Wänden, worin die zusammengetrockneten Körper einiger unter freiem Himmel gestorbenen Armen, leibhaftig, und sogar noch mit ihren Lumpen bedeckt, und Stäbe in den knöchernen haltend, aufgestellt, ein fürchterliches Schreckbild waren.

Dazwischen war hin und wieder an den Wänden eine transparente Inschrift in Versen angebracht, wo die Jugend und die Schönheit an ihr Ende, die Pracht an ihre Vergänglichkeit, und der Stolz an seine Thorheit, mit Flammenschrift erinnert wurde, welche zugleich die einzige Erleuchtung dieses dunkeln Behältnisses war.

Zur Rechten stieg man wieder einige Stufen hinaus, und hier war eine Art von theatralischer Dekoration, wie eine waldigte Gegend, wo, nach einer Erzählung im alten Testamente, ein Esel und ein Löwe bei einem menschlichen Leichnam sich zusammen finden; welches also auch Beziehung auf den Endzweck hat, wozu diese ganze fürchterliche Scene veranstaltet wird; um nehmlich durch den sinnlichen Eindruck das Mitleid für die Todten zu erwecken, welches sich in milden Almosen äußert, wovon sich die Lebenden gütlich thun.

Fresko San Clemente, RomWenn irgend etwas in die Idee der Alten eingreift, daß die Seelen der Todten, deren Körper unbegraben liegen bleiben, von dem rauhen Fährmann zurückgewiesen, nicht an das jenseitige Ufer des Styx gelangen können, sondern vergebens dahin ihre Arme ausstrecken; so ist es diese Allmosensammlung und Fürbitte für die Seelen derer, die verlassen von aller menschlichen Hülfe und Beistand, auf den Feldern gestorben sind, und niemanden haben, der für den armen gequälten Schatten ein Todtenopfer darbringt.

Zugleich aber dringt sich einem auch die Vorstellung von dem fürchterlichen Elende auf, welches hier so manchen hülfloß unter freiem Himmel verschmachten läßt, der demohngeachtet selbst durch dieses unbeschreibliche Elend, nach seinem Tode noch wie ein Scheusal ausgestellt, der allesverschlingenden Priesterschaft, die für die Ruhe der Seelen Gebete murmelt, Allmosen und reichen Gewinn verschaft.

Auf einigen Stufen stieg man nun zu der ordentlichen Kirche hinauf, die über dieser Gruft erbaut, und mit unzählichen Wachskerzen erleuchtet, aber ebenfalls mit schwarzem Tuch run umher ausgeschlagen war.

Hier kniete eine Menge von Menschen, die kaum nebeneinander Platz hatten, und in ihrer Mitte stand ein Ordensgeistlicher mit vollem Gesicht und blühenden Wangen, der die Qualen des Fegefeuers mit den lebhaftesten Farben schilderte, und seinen Zuhörern zu erwägen gab, wie viele Lindrung sie dem gequälten Geiste schon für einen einzigen Paul (eine Summe ohngefähr von vier Groschen) wofür sie eine Todtenmesse lesen ließen, verschaffen könnten.

Diese Kirche erweckt wieder die Idee von dem mundus patens der Alten; ein düsteres Fest, wo man sich die Schlünde der Unterwelt, auf eine zeitlang eröfnet, und die Scheidewand zwischen den Lebenden und Todten hinweggerückt dachte, und durch eine kurze Hemmung der Geschäfte und Gewerbe des Lebens den unterirrdischen Mächten gleichsam ein Opfer brachte, und den ihnen schuldigen Tribut bezahlte.

Alles bekömmt auch hier in diesen Tagen ein melancholisches Ansehen. — Ich besuchte auf einer meiner Wanderungen das alte römische Forum, das von prächtigen Ruinen auf allen Seiten eingeschlossen, jetzt ein einsamer Spaziergang ist, wo eine kleine Allee zur stillen Betrachtung, und zum ruhigen Nachdenken den staunenden Fremdling einladet.

Fresko San Clemente, Rom

Bilder: Basilica San Clemente al Laterano: Fresken 6. bis 11. Jahrhundert:
Soundtrack: Emilie Autumn: Arcangelo Corelli: La Folia, aus: Laced/Unlaced, 2007:

Written by Wolf

2. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Sturm & Drang

Rotstrumpf

leave a comment »

Update zum Weihnachtlied Faust 13 und
Hair as red as stockings blue:

Für V.

Marcin, JN, 23. September 2018

——— Friedrich Nicolai via Justus Möser:

Farbensport, myspace, ca. 2008

Eyn Lyd der Meydlein ym Osnabruckischen

Im Ton: Tzum Sterben bin ich usw.

aus: Eyn feyner kleyner Almanach, 1778:

Wack’r Meken ben yck
Roade Strumpe dreg yck
Kan strycken, kan näyhen
Kan’n Haspel goet dreyhen
Kan nock wol wat meer —

Das ist:

——— Clemens Brentano & Achim von Arnim:

Hast du auch was gelernt?

Des Knaben Wunderhorn, Anhang Kinderlieder,
Nr. KL 79 a, 1808:

Wacker Mägdlein bin ich ja,
Rothe Strümpflein hab ich an,
Kann stricken, kann nehen,
Kann Haspel gut drehen,
Kann noch wohl was mehr!

Jenni, Opposites attrct, 19. November 2008

Wacker Mädchen: Marcin, Warschau: JN, 23. September 2018;
Farbensport, Myspace, ca. 2008;
Jenni Holma, Helsinki: Opposites Attract, 19. November 2008.

Soundtrack: Deke Dickerson and the EccoFonics: Redheaded Woman,
WRFG FM 89.3 studios in Atlanta, Georgia, Sagebrush Boogie show, 10. Februar 2000:

Written by Wolf

31. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Sturm & Drang

Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge

leave a comment »

Update zu Zwischenmaschine,
1. Stattvent: Traudl (Mütter, euch sind alle Feuer, alle Sterne aufgestellt)
und Solch ein Gewimmel möcht ich sehn:

Zur Erinnerung: Das ist von 1786. La grande révolution war erst ab 1789, und dabei ist Moritz nicht einmal als besonders revolutionär hervorgetreten. Nur als anständig.

——— Karl Philipp Moritz:

Das Edelste in der Natur

aus: Denkwürdigkeiten aufgezeichnet zur Beförderung des Edlen und Schönen,
Johann Friedrich Unger, Berlin 1786 (Auszug):

Daß ich denke und den Werth meines Daseyns fühle, will ich nicht dem Zufall danken, der mir gerade unter dem Theile des Menschengeschlechts einen Platz anwieß, der sich den gesitteten Theil nennt — ich stelle mich auf die unterste Stufe, worauf mich der Zufall versetzen konnte, und gebe keinen von meinen Ansprüchen auf die Rechte der Menschheit nach. Ich fordre so viel Freiheit und Muße, als nöthig ist, über mich selbst, über meine Bestimmung, und meinen Werth als Mensch, zu denken.

Postcard by V. Tishkin, 1955Eins der größten Uebel, woran das Menschengeschlecht krank liegt, ist die schädliche Absonderung desselben, wodurch es in zwei Theile zerfällt, von welchen man den einen, der sich erstaunliche Vorzüge vor dem andern anmaßt, den gesitteten Theil nennt.

Dieser Theil scheint sich für den Zweck der Schöpfung, und alle übrige Menschen für untergeordnete Wesen zu halten, die deswegen im Schweiß ihres Angesichts die Erde bauen, damit es Rechtsgelehrte, Staatsmänner, Priester, Künstler, Dichter und Geschichtschreiber geben könne, von deren geistigen Beschäftigungen, und verfeinerten Vergnügungen, jene Bebauer des Feldes nicht einmal die Nahmen wissen.

Aber auch selbst in den gesitteten Ständen betrachtet immer ein Theil den andern mehr als bloß brauchbare und nützliche Wesen — so denkt man sich immer einen Theil von Menschen, als ob er bloß um des andern willen da wäre — dieß geht ins Unendliche fort, und warum denn nun zuletzt alle da sind, bleibt unausgemacht. —

Diese falsche Vorstellungsart hat fast in alle menschlichen Dinge eine schiefe Richtung gebracht. — Die herrschende Idee des Nützlichen hat nach und nach das Edle und Schöne verdrängt — man betrachtet selbst die große erhabne Natur nur noch mit kameralistischen Augen, und findet ihren Anblick nur interessant, in so fern man den Ertrag ihrer Produkte überrechnet —

Bei der Einrichtung der Stände und Gewerbe, ist nicht die Frage, in wie fern dieser Stand oder dieß Gewerbe auf die Menschen die es treiben zurückwirkt, den Körper und den Geist schwächt oder gesund erhält, und die Endzwecke der Natur zur Bildung des menschlichen Geistes hintertreiben oder befördern hilft — sondern man scheint immer einen Theil der Menschen als ein bloßes Werkzeug in der Hand eines andern zu betrachten, der wieder in der Hand eines andern ein solches Werkzeug ist, und so fort. —

Andrei Gorski, Missing in Action, 1946

Beiträge zum Sozialistischen Realismus: V. Tishkin, Postkarte 1955,
via Soviet Postcards. Vintage Paper from Russia, 8. August 2017;
Andrej Gorskij: Bez vesti Propavschij, 1946, via Igorusha, 7. Mai 2018;
The Means of Production, via Those With Guts Need No Plan, 2016.

Two Wieners, Those With Guts Need No Plan, 2016

Sozialistischer Realismus in der Musik:
Dmitri Schostakowitsch: Walzer Nr. 2, frühe 1950er Jahre,
die glaubwürdigste aller Versionen von Oliver Nowak an Mandoline, Gitarre und Banjo,
Aufnahme aus der irischen Arbeiterstadt Limerick, 2017:

Written by Wolf

19. Oktober 2018 at 00:01