Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10

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Update zu So herzerwärmend dreist:

——— Robert Gernhardt:

Zehn Thesen zum komischen Gedicht

Originalbeitrag für Robert Gernhardt und Klaus Cäsar Zehrer (Hrsg.):
Hell und Schnell. 555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten,
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, März 2004,
vorab als Zur Heiterkeit bereit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Februar 2004:

  1. Es gibt ernste und komische Gedichte.

    Erika Easy Tcogoeva, Princess Plain, 20. November 2015Bertolt Brecht unterschied zwei Linien, welchen das deutsche Gedicht der Neuzeit folge, die pontifikale und die profane. Goethe sei der letzte Dichter gewesen, welcher noch beide Stränge in seinem Werk vereinigt habe; schon Hölderlin nehme die „völlig pontifikale“, bereits Heine ganz die profane Linie ein. Der Dichter Brecht deutet an, daß ihm die Zusammenführung beider Linien erneut gelinge; zumindest ist nicht zu bestreiten, daß er den hohen Ton ebenso beherrscht wie den kessen. Beileibe nicht alle Gedichte der profanen Linie sind komisch, doch liegt auf der Hand, daß kein — mit Absicht — komisches Gedicht der pontifikalen Linie zugerechnet werden kann.

  2. Das komische Gedicht zielt auf das Lachen ab.

    Weit älter als der von Brecht bemerkte Unterschied ist die Scheidung der Gedichte in solche, die von den Leiden und Freuden des einsamen Ich handeln, und solche, die es auf ein zuhörendes Du, wenn nicht sogar mitmachendes Wir abgesehen haben. Da es sich am besten in Gesellschaft lacht, ist unschwer zu erraten, welchem Strang das komische Gedicht angehört.

  3. Das komische Gedicht erschöpft sich nicht im Lachen.

    Anders als der Witz, der schnurstracks auf eine Pointe zumarschiert, deren Wirkung sich in einmaligem Gelächter entlädt, ist beim komischen Gedicht bereits der Weg das Ziel. Dieser Weg läßt sich auch dann nochmals mit Genuß zurücklegen, wenn der Leser oder Zuhörer weiß, worauf das Ganze hinausläuft. Um so aufmerksamer wird er sich den Schönheiten am Wegesrande zuwenden können.

  4. Das komische Gedicht braucht die Regel.

    Erika Easy Tcogoeva, Princess Plain, 8. August 2017Komik lebt von vorgegebenen Ordnungssystemen, ganz gleich, ob die außer Kraft gesetzt oder lachhaft penibel befolgt werden. Daher kann das komische Gedicht nur profitieren, wenn es von allen Regeln der Kunst tradierter Suggestionstechniken wie Reim und Metrum durchtränkt ist und wenn sein Dichter von allen bereits erprobten Drehs zur Herstellung komischer Wirkung weiß. Was er ererbt von seinen poetischen Vätern hat, sollte der Verfasser komischer Gedichte aus zweierlei Gründen erwerben. Um es zu besitzen und um es bei Bedarf getrost zu belachen.

  5. Das komische Gedicht bedarf der Inspiration.

    Ohne Überraschung keine Komik, weshalb ein allein nach tradierten Regeln verfertigtes komisches Gedicht einen Widerspruch in sich selbst darstellt. Gerade der Verfasser komischer Gedichte ist stets dazu angehalten, jene Frage ernst zu nehmen, dank deren Ernst Lubitsch seinen Filmen den Lubitsch touch verlieh: „Wie kann man es anders machen?“ Anders machen oder anders sehen: Manchmal genügt ein schlichter Blickwechsel, um Walten, Wähnen, Wesen und Worte in ein anderes, komisches Licht zu tauchen.

  6. Es gibt komische Gedichte, aber keine komischen Dichter.

    Alles Dichten, sofern es Reimen meint, ist schon deshalb nicht frei von Komik, da es mit Sprache spielt und den Sinn wie Wortlaut eines Gedichts einem herzlich sinnlosen — richtiger: sinnfreien — Selektionsprinzip unterwirft, dem, Worte mit gleichklingenden Bestandteilen zusammenzustellen. Dieser — zur Kenntlichkeit entstellten — Unsinnigkeit verdanken sich Kinderverse, Klosprüche und Kommerslieder ebenso wie die Klassiker der komischen Dichtung. Die freilich sind zugleich zutiefst den Klassikern hochernster Dichtung verpflichtet, da deren hoher Ton, ob gereimt oder ungereimt, erst jene Fallhöhe ermöglicht, die großes Wollen, große Werte und große Worte so richtig auf den Bauch fallen läßt. Auch gibt es keinen herausragenden Verfasser komischer Gedichte, der sich ein Leben lang ins Gatter des komischen Gedichts hätte einsperren lassen: Heine, Busch, Morgenstern sowie die weiteren üblichen Verdächtigen haben auch Gedichte ernster Art und Machart geschrieben.

  7. Das komische Gedicht ist zeitverfallen.

    Erika Easy Tcogoeva, Princess Plain, 20. November 2015Komische Gedichte wurden zu allen Zeiten verfertigt, ohne daß wir Heutigen sie durch die Bank belachen könnten. Wenn Lachanlässe in Vergessenheit geraten, wenn zeitbedingte religiöse, gesellschaftliche und politische Grenzziehungen und Tabus nicht mehr als bedrückend und verpflichtend empfunden werden, dann kann deren punktuelle Aufhebung kein befreites Gelächter zur Folge haben. Auch ist nicht zu übersehen, daß das komische Gedicht im Laufe der letzten Jahrhunderte deutlich heller und schneller geworden ist — darin der komischen Prosa vergleichbar, deren bräsiger „Schwank“ im Laufe der Jahrhunderte zum raschen „Witz“ mutierte.

  8. Das komische Gedicht ist haltbar.

    Zumindest gilt dies für deutschsprachige komische Gedichte seit der Aufklärung, und das ist kein Zufall. Die meisten Verfasser komischer Gedichte waren und sind ernsthaft darum bemüht, lachend die Wahrheit zu sagen: „Es gibt zwei Sorten Ratten, / die hungrigen und satten“, „Enthaltsamkeit ist das Vergnügen / an Dingen, welche wir nicht kriegen“, „Weil, so schließt er messerscharf, / nicht sein kann, was nicht sein darf“, „Es gibt nichts Gutes / außer: Man tut es“. Seit Gellert und Lessing haben deutschsprachige Dichter nicht aufgehört, aus der Tatsache der gebrechlichen Einrichtung der Welt kein Drama zu machen, sondern handfeste komische Gedichte, und die Leserschaft hat es den Verfassern dadurch gedankt, daß sie deren profane Pointen weit häufiger im Munde führt und von Generation zu Generation weiterträgt als die pontifikalen Worte der Dichter-Priester. Wir zitieren Heinrich Heine und nicht Ernst Moritz Arndt, Wilhelm Busch und nicht Emanuel Geibel, Christian Morgenstern und nicht Stefan George, Erich Kästner und nicht Theodor Däubler.

  9. Das komische Gedicht ist der Königsweg zum Lachen.

    Obwohl der Mensch gerne lacht, fällt es ihm, auf sich gestellt, schwer, zum Lachen zu finden. Also muß er zum Lachen gebracht werden, und dabei haben sich kurze Mitteilungsformen als besonders effektive Transportmittel erwiesen: Fabel, Anekdote, Witz. Sie alle aber übertrifft das Gedicht. Rascher und umstandsloser als jeder Witz vermag es der Zweizeiler, einen nach Auflösung drängenden befremdlichen Sachverhalt aufzubauen, ja aufzustauen: „Die schärfsten Kritiker der Elche“ — Wieso Kritiker? Weshalb Elche? — „waren früher selber welche“ — Ach so! Deshalb!

    Das Lachen sei „ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in Nichts“, lehrt Kant. Nichts nichtiger, ergo: erfreulicher, als daß der Dichter die befremdlichen Elche „um des Reimes willen“ evoziert und abserviert hat. „In der Kürze liegt die Würze“, weiß der Volksmund, und „Jedem Tierchen sein Plaisierchen“: Nicht alle Vierbeiner kommen so rasch zum Punkt wie obengenannte Elche. Doch auch wenn ein Kleinräuber aus der Familie der Marder sich ein wenig Ruhe gönnt und sich Zeit nimmt — „Ein Wiesel / saß auf einem Kiesel / inmitten Bachgeriesel“ —, muß der Lachlustige nicht lange auf die Erklärung des Warum warten: „Das raffinier- / te Tier / tat’s um des“ siehe oben, und der düpier-te Mensch ist mal wieder auf die schnelle zum Lachen gebracht worden.

  10. Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik

    Erika Easy Tcogoeva, Princess Plain, 8. August 2017Das komische Gedicht markiert einen deutschen Sonderweg zur Hochkomik. Die Deutschen gelten im In- und Ausland als humorlos, was gerne damit begründet wird, daß ihnen ein großer Lustspieldichter vom Schlage eines Shakespeare ebenso fehle wie ein großer komischer Roman vom Range des „Don Quichotte“. Nun könnte ein Zweifler die Frage stellen, ob es denn so ausgemacht sei, daß die naturgemäß durch Helligkeit und Schnelligkeit wirkende Komik in langen und breiten Zusammenhängen besonders gut aufgehoben ist. Nicht eher in Kurzformen?

    Ein Kundiger aber könnte darauf verweisen, daß sich eine seit Lessings Tagen nicht abgerissene Kette komischer Gedichte durch die deutschsprachige Hochliteratur zieht, welche in dieser Dichte und Qualität in keiner anderen kontinentaleuropäischen Nationalliteratur zu finden ist.

    Jeder Generation des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts erwuchs hierzulande ein Dichter, dessen komische Kraft ihn dazu drängte, die sich ständig erneuernden Anlässe zum Belachen und Verlachen aus neuen Blickwinkeln zu erfassen und mit neuen Redeweisen festzuhalten. Heine, Busch, Morgenstern, Ringelnatz, Tucholsky, Brecht, Jandl — jeder aus diesem Siebengestirn ist ein Stern erster Ordnung und zugleich ein Original. Bei jedem ergäbe eine Spektralanalyse seiner Aura ganz unterschiedliche U- und E-Wellen-Anteile, und doch bilden alle zusammen eine Plejade, deren Helligkeit — verstärkt durch eine Vielzahl von weiteren Komik-Sternen unterschiedlicher Größe — bei Licht betrachtet zweierlei bewirken müßte: den düsteren Vorwurf fehlender deutscher epischer oder dramatischer Hochkomik zu überstrahlen und das finstere Bild vom humorlosen, ja zum Humor unfähigen Deutschen in den Herzen aller rechtlich Denkenden für alle Zeiten aufzuhellen.

    Bilder: Erika „Easy“ Tcogoeva: Princess Plain, 20. November 2015 und 8. August 2017.

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    Written by Wolf

    4. November 2017 at 00:01

    Nachtstück 0010: Dieses Zucken im Zwerchfell

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    ——— Juli Zeh:

    Griffe und Schritte

    in: Adler und Engel, 2001:

    Auf der Autobahn dreht sie das Radio an und wippt den Kopf im Takt. Im Dunkeln sehe ich, dass sie lächelt.

    Das Leben ist merkwürdig, flüstert sie, es besteht eigentlich nur aus Griffen und Schritten. Ein paar wenige davon und schon ist alles anders.

    Ich spüre es wieder, dieses Zucken im Zwerchfell.

    Juli Zeh, Griffe und Schritte, Adler und Engel, 2001

    Soundtrack: The Byrds: Wasn’t Born to Follow, aus: The Notorious Byrd Brothers, 1968:

    Written by Wolf

    1. September 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Land & See, Postironismus

    Münchner Sommerhaiku

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    Update zu Japanischer Frühling (Hammer):

    Im Teer festgedrückt
    ein Löwenbräu-Kronkorken:
    nix Route 66.

    Megan Lynn W., Waiting in the Rubble, San Diego, April 16th, 2014

    Bild: Megan Lynn W.: Waiting in the Rubble, San Diego, April 16th, 2014 (mit detailreicher Ansicht):

    I did this photo as a sort of homage to all the people that work really hard with no reward — waiting for something good to happen. Interns, people looking for jobs, or people generally just down on their luck. A lot of the time we have to be in really bad situations for a really long time in order for something good to happen. I know I’ve had firsthand experience with this, and a few people close to me have as well.

    I did the formatting similarly to that of Rachel Baran’s partly because I love her work, but mostly because I wanted the „road closed“ and not wanted sings to be of less importance. It’s not really about why or what is blocking the way, but how you handle it. *breaks into song* ITSSS THE CLIIIMB

    There’s my schpeel.

    Soundtrack: Miley Cyrus: The Climb, aus: Hannah Montana: The Movie Soundtrack, 2009:

    Written by Wolf

    21. Juli 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Postironismus

    Die Litaneien des Körpers

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    Zeit für uns.

    Faces of Bliss, 2016

    ——— Anna Real:

    Das tristere Tier

    Erstveröffentlichung in: Steffen Jacobs (Hg.): Liederlich! Die lüsterne Lyrik der Deutschen,
    Eichborn Berlin, 2008:

    Die Erde stellt sich ein bißchen schräger.
    Die Sonne scheint auf mein Bett.
    Die ganze Nacht war es waagrecht, integer.
    Wir haben’s versaut. Wir waren nicht nett.
    Was haben wir ihm in die Kissen gestöhnt,
    vereint uns, entzweit und gleich wieder versöhnt,
    gesuhlt uns, geaalt und herumtrompetet,
    was weich ist, immer noch weicher geknetet,
    die Litaneien des Körpers rauf und runter gesungen,
    was hart bleiben soll ohne Stahlbad gestählt.
    Die siebenbürgische Arbeitsteilung:
    gebissen hab ich
    und du hast
    gepfählt.

    Das Bett wär‘ am liebsten schamrot lackiert.
    Für das Tier mit zwei Rücken sei es nicht konstruiert.
    Dabei kommt’s aus Schweden, heißt wie eine Schäre,
    hat den Elchtest bestanden und die ungefähre
    Tragkraft von plusminus von dir und mir.
    Die Laken verzwirbelt, anstatt glatt gebügelt,
    und auch die Kissen getalt und gehügelt,
    eine Winzigkeit übers Parkett verschoben,
    durch unser kleines, gepflegtes Toben.
    Tief drinnen noch warm und feucht in den Falten,
    hängt’s jetzt halt ein bisserl durch.
    Muss erkalten.
    Wie wir.

    Für V. mit den schamrot lackierten Low-Highlights.

    Faces of Bliss, 2016

    Bilder: Faces of Bliss, 2016;
    Soundtrack: immer wieder Placebo: Every You Every Me aus: Without You I’m Nothing, 1999:

    Written by Wolf

    26. Dezember 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Postironismus

    2. Katzvent: „Ich mag euch nicht“, wird die Katze denken

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    Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
    sondern das von Katzen.

    „Auf die Idee der sprechenden Katze war Liam Gillick nach monatelangen Vorbereitungen in seiner eigenen Küche gekommen, wo er von der Katze seines Sohnes umschlichen und bei der Arbeit gestört wurde“, berichtet Kater Paul. Gut, auf die Idee kann man draufkommen, so als Katze.

    Leider überliefern weder ihr Mitarbeiter Herr Gillick noch „die Küchenkatze“ selbst den Namen der Künstlerin. Ihre eigentliche Kunst bestand wohl hauptsächlich darin, mit dem mit Zeitungspapier gestopften Maul zu sprechen. Entfernen, was sie unter normalen Umständen als erstes getan hätte, konnte sie ihre Maulsperre nicht, weil sie leider schon ausgestopft war.

    Eine süße Miezekatze, die sprechen kann, oben auf dem Küchenschrank mit einem süßen roten Halsband, und dann noch als Installation von einem süßen Engländer, der als erster nicht-deutscher Muttersprachler den Deutschen Pavillon eröffnen darf! Und dann lassen sie die Leute ratlos in ihren aseptischen Spanplattenreihen herumtapsen und machen nichts aus ihrer selbst gebauten Steilvorlage des Cat Contents.

    Das war nicht auf britische Weise schwarzhumorig. Das war morbid. Bei Ikea ist’s lustiger. Schade, da wäre mehr drin gewesen.

    Liam Gillick’s How Are You Going To Behave. A Kitchen Cat Speaks for the German Pavillion, Giardini, Venice Biennale, 2009, via Your Studio, Modern Treasures from the Venice Biennale, June 9th, 2009

    ——— Liam Gillick:

    Wie würden Sie sich verhalten? Eine Küchenkatze spricht

    How are you going to behave? A kitchen cat speaks,
    Installation im Deutschen Pavillon der Biennale di Venezia 53, Internazionale d’Art, Venedig, 2009,
    Übersetzung via Deutscher Pavillon, 10. Oktober 2009 bis 10. Januar 2010:

    Es wird eine sprechende Katze geben. Alle Menschen des Ortes werden sehr stolz auf ihre sprechende Katze sein.

    Die Menschen werden täglich kommen um zu hören, was sie zu sagen hat.

    Sie wird sehr zynisch sein, aber nicht bösartig.

    Sie wird alles sehen und alles verstehen.

    Nach einer Weile werden die Leute nur am Wochenende kommen oder auf dem Heimweg von der Arbeit oder der Schule vorbeischauen.

    In ruhigen Zeiten werden sie kommen und der Katze aus der Zeitung vorlesen oder im Internet surfen und gute Geschichten über das Weltgeschehen, die von Interesse sein könnten, auftreiben.

    Eines Morgens wird es regnen.

    Die Dinge in der Welt werden sehr ruhig gewesen sein und die Katze wird nichts zu sagen haben. Man könnte sogar denken, sie sei leicht depressiv.

    Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen werden kommen, um die Katze auf ihrem Weg zur Schule zu besuchen. Diese Art von Dingen wird die Katze nervös machen.

    Sie wird raffiniert sein, aber ihre Gefühle durch Bewegungen ihres Schwanzes verraten. Die Katze wird ein gewisses Maß an ordnung verlangen. Sie wird das als „natürliche Ordnung“ bezeichnen – etwas, das davon ausgeht, dass man den Menschen vertrauen kann, dass sie das Richtige tun.

    Und die Katze auf dem Weg zur Schule zu besuchen wird nicht immer das Richtige sein, denn es wird bedeuten, dass die Kinder zu spät kommen werden.

    Wie wir jedoch herausfinden werden, wird die Katze leicht depressiv sein, da sie unter Langeweile leidet und auch unter ihrer Rolle als einzig sprechender Katze auf der ganzen Welt.

    Die Katze wird wissen wollen, was los ist.

    Nur durch das Füttern mit Information wird sie weise, interessant oder sogar witzig sein. Aber an diesem Tage wird sie keine neuen Geschichten parat haben.

    Sie wird hoffen, dass die Kinder Google News oder sogar Le Monde Diplomatique lesen und ihr überraschend agiles Gehirn füttern.

    Aber die Kinder werden nur im Gang herumstehen. Sie werden ein wenig Angst vor der sprechenden Katze haben.

    Irgendetwas an ihr wird sie nervös machen.

    Irgendetwas tief in ihrer Psyche wird wissen, dass da etwas Böses in dem Gebäude ist.

    Aber sie werden es mögen, wenn die Katze hustet.

    Sie werden es süß finden, wenn die Katze lacht.

    Aber wenn sie weint, werden sie tagelang Albträume haben – schlimme Albträume, die sie nicht werden kontrollieren können und die zu den schlimmsten Zeitpunkten auftreten.

    Albträume, die sie aufwecken werden und sie an Maschinen in der Wüste denken lassen, die schreckliche Dinge tun.

    Daher werden die Kinder nur im Gang herumstehen.

    Unbeweglich.

    Und die Katze wird oben auf den Küchenschränken sitzen bleiben.

    Die Katze wird nicht sprechen.

    Die Kinder werden nicht sprechen.

    Die Katze wird in der Küche sein und die Kinder werden in der Küche sein.

    Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, wird die Katze husten und ihren Kopf bewegen.

    Sie wird sprechen, aber anders als andere Katzen wird sie nicht mehr lächeln.

    „Na, was macht ihr da?“

    Wird die Katze sagen.

    Sie wird ein paar Tage lang nicht gesprochen haben, und wann immer das passiert, wird sie ihren Akzent und ihre Klarheit verloren haben, und sie wird beginnen, mit einem Katzenakzent zu sprechen.

    Die Kinder werden so etwas hören wie

    „Naaa, waaas maaacht eeeer daaar?“

    Sie werden näher herankommen. In der Hoffnung, klarer zu verstehen.

    „Was hat sie gesagt?“ Wird das Mädchen zu dem Jungen sagen.

    „Etwas von Wasser und Gefahr“, wird der Junge sagen.

    „Ich glaube nicht.“ Wird das Mädchen sagen.

    Die Katze wird versuchen zu lächeln, aber sie wird das Gesicht nur zu einer hässlichen Grimasse verziehen.

    „Ich mag sie nicht“, wird der Junge sagen.

    „Ich mag sie nicht“, wird das Mädchen sagen.

    „Ich mag euch nicht“, wird die Katze denken.

    „Bitte kommt und erzählt mir was“, wird die Katze sagen.

    Der Junge und das Mädchen werden noch näher kommen.

    Sie werden neugierig sein, wie sich das Fell der Katze anfühlt und herausfinden wollen, ob sie gerne gestreichelt wird. Wenn sie einmal anfängt zu sprechen, werden die Leute sie eher respektieren als lieben.

    Aber sie werden auch aufhören, die Katze anzufassen.

    Es wird einen Zeitpunkt gegeben haben, als die Leute sie anfassten, liebten und mit ihr spielten.

    Aber jetzt wollen alle ihre Meinung hören zur Geschichte totalitärer Architektur oder zur Kreditrestriktion im Zusammenhang gescheiterter Modelle von Globalisierung.

    An diesem Morgen, nach all dem Regen und der leichten Depression wird die Katze spüren, wie ihr Katzensein zurückkehrt.

    Sie wird jemanden haben wollen, der ihr vorliest, aber mehr noch, sie wird wollen, dass diese beiden Kinder mit ihr spielen.

    Der Junge wird dem Mädchen seine Hand reichen.

    Sie wird seine Hand in ihre nehmen.

    Sie werden ganz langsam auf die Katze zulaufen.

    „Guten Morgen, sprechende Katze“, wird das Mädchen sagen, denn es ist sehr mutig in komplizerten sozialen Situationen.

    „Morgen“, wird die Katze sagen und sich bemühen, ihre Stimme zurückzugewinnen und so deutlich wie ein Mensch zu sprechen.

    „Wenn es euch nicht zu viel ausmacht“, wird die Katze sagen, „könntet ihr mich über das Weltgeschehen auf dem Laufenden halten. Ich würde mich freuen, wenn ihr ein paar News Aggregatoren für mich im Internet durchseht.“

    Die Kinder werden verwirrt aussehen. Sie werden nicht wissen, was ein News Aggregator ist.

    Diese Katze wird mit der Zeit ein wenig prätentiös geworden sein.

    „Wir hatten gehofft, du würdest uns was erzählen“, wird der Junge sagen.

    „Wir haben heute schulfrei“, wird das Mädchen lügen.

    Der Junge wird nervös schauen.

    Die Katze wird klug sein und die Schulzeiten kennen.

    Die Katze wird wissen, dass die Schule in fünf Minuten anfängt und die Kinder auf jeden Fall zu spät kommen werden.

    Aber ausgerechnet heute wird es ihr nichts ausmachen.

    Es wird sie nicht kümmern, dass die Kinder ihren Unterricht oder ihre große Pause verpassen.

    Es wird sie nicht kümmern, dass sie das Mittagessen oder die freie Zeit in der Bücherei verpassen.

    Alles, was ihr wichtig ist, ist, dass jemand hier ist an einem dunklen Tag in einem dunklen Gebäude.

    Sie wird schniefen.

    Der Atem der Kinder wird nahe sein.

    Sie wird gelernt haben, dass die Menschen wissen, dass Katzen ihren Atem stehlen.

    Die Katze wird gelernt haben, dass das Blödsinn ist.

    Es sind Gebäude wie dieses, die den Menschen den Atem stehlen.

    Wie auch immer. Was ist schon dabei, sich für eine Weile den Atmen eines Kindes auszuleihen?

    Alles, was Katzen wissen, ist, dass er süß riecht und voller Intelligenz ist, Güte und Spaß.

    Sie wird einen tiefen verstohlenen Zug aus dem Atem der Kinder nehmen und während sie taumeln und in Ohnmacht fallen, davonschweben und träumen, wird sie beginnen, ihnen eine wahre Geschichte über die Weisheit einer Küchenkatze zu erzählen…

    Liam Gillick's Wie würden Sie sich verhalten. Eine Küchenkatze spricht. How are you going to behave. A kitchen cat speaks, 2009. Installation view in the German Pavilion at La Biennale di Venezia 53, Internazionale d'Art, Venice, 2009. Photo courtesy the artist, via Walker Art Center, 9 Artists. Bartholomew Ryan on Liam Gillick, Walker Art Center, 24. Juni 2014

    Fachliteratur: Liam Gillick: Der Katalog bei Sternberg Press, einsehbar bei les presses du réel, 2009;
    Simon Bond: Was tun mit toten Katzen?, Rowohlt, 1982.

    Bilder: Liam Gillick’s ‚How Are You Going To Behave? A Kitchen Cat Speaks‘ for the German Pavillion, Giardini, Venice Biennale, 2009, via Your Studio: Modern Treasures from the Venice Biennale, 9. Juni 2009;
    Liam Gillick’s Wie würden Sie sich verhalten? Eine Küchenkatze spricht (How are you going to behave? A kitchen cat speaks) 2009. Installation view in the German Pavilion at La Biennale di Venezia 53, Internazionale d’Art, Venice, 2009. Photo courtesy the artist, via Walker Art Center: 9 Artists: Bartholomew Ryan on Liam Gillick, 24. Juni 2014.

    Als Bonus Track eins von den kinderfreundlichen Liedern, die bei Neunziger-Retrospektiven dauernd übergangen werden, aber das musikvisuelle Schaffen der Neunziger recht gut zusammenfassen: Ugly Kid Joe: Cat’s in the Cradle aus: America’s Least Wanted, 1992:

    Written by Wolf

    9. Dezember 2016 at 00:01

    Wunderblatt 8: Something greater than me

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    Update for Wunderblatt 7: Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier — und Emily und Emily
    and Schmerz, Tod und Graus gar spaßig zu erfassen:

    ——— John Urso:

    Comment

    March 2016, on Tom Waits: Take One Last Look,
    live on the second last Late Show With David Letterman, May 14th, 2015:

    If there is some esoteric poet girl out there who needs an imperfect friend… let me know. I have never found the person who gets the religious experience that Tom and similar artists bring. Today in the woods… I found a mason jar, with the lid off. Inside it was plants, worms, and other stuff that is over my head. A whole world was living in that half ass terrarium provided by a something greater than me… I cant get it out of my head.

    Send me adrift, Caliginous Hearts, December 3rd, 2012, Flickr

    Image: of esoteric poet girl with half ass terrarium:
    Sophia „Send me adrift.“: Caliginous Hearts, Connecticut, December 3rd, 2012: „7:00 am, top of the hill at the park, humid and foggy, cold. I’m proud of this. I really am.“

    Written by Wolf

    12. Juli 2016 at 01:45

    She looked so sweet from her two bare feet to the sheen of her nut brown hair

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    Update zu Weder Schuh und weder Strümpf (und einen Striffel um den Hals):

    ——— Sina Opalka, 23. November 2006:

    detail

    nichts von alledem gehört dir.
    das wollt ich dir nur sagen.
    aber heut kannst du mich haben.
    das wollten sie dir verschweigen.

    Sina Opalka 2006

    Text & Bild: Sina Opalka, 2006;
    Die Überschrift ist einer wie immer unentwirrbaren Assoziationskette, wie sie Sina gleichsieht, dem Irikum Star Of The County Down entnommen; meine empfohlene Version ist die von den Orthodox Celts, 1997;
    Soundtrack: Sigur Rós: Glósóli, aus: Takk, 2005:

    Written by Wolf

    13. März 2015 at 00:01

    Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Postironismus