Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Nahrung & Völlerei’ Category

Sommergewinnspiel: Meine Frau, die Kinder, die Katze und ich (und die Soleier!)

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Update zu Der Weise aus dem Mörchenland und
Aber nun sangen die Gäste „Stille Nacht, Heilige Nacht“:

Berlin (das bei Polen mein ich) kann durchaus Kultur aufweisen. Glaubt man oft gar nicht. Peter Frankenfeld war da her und ließ seine Katze frei mausen, und in den Kneipen zur Zeit von Heinrich Zille standen Hungertürme.

——— Peter Frankenfeld:

Meine Katze

praktisch nicht nachweisbar:

Hier ist mein Geständnis in einem Satze:
Ich habe zu Haus eine kleine Katze!
Sie schnurrt und schmeichelt zu allen Zeiten
und wartet ergeben auf Zärtlichkeiten.

Nur geht sie leider auf eig’ne Faust
zu Nachbarsleuten und stiehlt und maust.
Die Wurst, das Fleisch — und darin ist sie eigen —
schleppt sie ins Haus, um stolz es zu zeigen.

Ob Brötchen, Gemüse, Sardinen, Salat,
ob Hering, Zitronen, Geflügel, Spinat,
ob Soleier, Fische, ob Käse, ob Speck,
das maust sie den Nachbarn vom Küchentisch weg.

Ich bete, daß nie ein Bestohl’ner aus Wut
dem Kätzchen etwas zuleide tut.
Denn davon leben wir königlich:
meine Frau, die Kinder, die Katze — und ich.

Heinrich Zille, Hungerturm, 1911, via Margit Kunzke, Soleier. Ein Klassiker vom Kneipentresen, in Kochbuch für Max und Moritz, 15. April 2015

Soleier! Die gibt’s ja auch noch:

Suchbild: Wo ist der Hungerturm mit den Soleiern?:
Heinrich Zille: Hungerturm, 1911, via Margit Kunzke: Soleier: Ein Klassiker vom Kneipentresen,
in: Kochbuch für Max und Moritz, 15. April 2015.

Und dann noch das Gewinnspiel: Wer auf dem Bild die Soleier findet, gewinnt ein einwandfreies Buch von eime zugezogenen Berliner: Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band, Erstausgabe, Suhrkamp 1981! Das ist ein ausnehmend einnehmender Knuffel von knapp 1400 Seiten, den ich seit 1985 fleißig nutze, der aber neuerdings um über 140 Seiten erweitert ist, weswegen ich einen neuen brauche. Doch, wirklich, brauch ich unbedingt. Der alte sieht benutzt aus, aber nach Patina, nicht wie ein überjähriges Solei oder so.

Aus der finanziellen Situation meiner dahingegangenen 17-jährigen Existenz heraus kann ich leider nur einen einzigen Gewinn austeilen — und weil diese überschaubare Menge aus einem einzigen wunderschönen Exemplar besteht, sollte es in gute Hände gelangen. Solange der Vorrat reicht, sollten Sie also das Zille-Bild aufmerksam betrachten und etwas antworten, das mich geneigt macht, meine Jugenderinnerung dranzugeben. Brillanz, Freundlichkeit und zwingende Begründungen sind Vorteile. An wen das feine Stück dann geht oder ob es gar bei mir bleibt, unterliegt meiner selbstherrlichen Willkür.

Lösungsversuche bitte in den Kommentarteil unten. Das Angebot gilt, sagen wir, zwei Wochen: bis 3. August 2018 um Mitternacht, ist das okay? Das mach ich rein gaudihalber, Rechtsweg schließen wir aus.

Soundtrack: Natürlich Middle of the Road: Soley Soley, aus: Acceleration, 1972, was denn sonst?

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Written by Wolf

20. Juli 2018 at 00:01

Vor der Götter Nase

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Update zu Zeilenzähler:

Jules Laforgue fiel mehrmals durchs Abitur, endete als Vorleser der deutschen Kaiserin und starb vier Tage nach seinem 27. Geburtstag an Schwindsucht. Das Sonett über eine Zigarette schrieb er vermutlich in seiner verqualmten möblierten Künstlerbude in der rue Monsieur-le-Prince im Pariser Sechsten, im Alter von 20 Jahren, in dem man noch vor jedem Sonett ankündigen muss, dass jetzt ein Sonett kommt.

——— Jules Laforgue:

La cigarette

(Sonnet)

1880, en: Le Sanglot de la terre, posthume 1901,
I. Poésies, Mercure de France, 1922.

Oui, ce monde est bien plat : quant à l’autre, sornettes.
Moi, je vais résigné, sans espoir à mon sort,
Et pour tuer le temps, en attendant la mort,
Je fume au nez des dieux de fines cigarettes.

Allez, vivants, luttez, pauvres futurs squelettes.
Moi, le méandre bleu qui vers le ciel se tord
Me plonge en une extase infinie et m’endort
Comme aux parfums mourants de mille cassolettes.

Et j’entre au paradis, fleuri de rêves clairs
Où l’on voit se mêler en valses fantastiques
Des éléphants en rut à des chœurs de moustiques.

Et puis, quand je m’éveille en songeant à mes vers,
Je contemple, le cœur plein d’une douce joie,
Mon cher pouce rôti comme une cuisse d’oie.

——— Jules Laforgue:

Die Zigarette

(Sonett)

1880, Übersetzung: Karl Krolow:

Fad ists auf dieser Welt; dazu verrückt, ich wette!
Und ohne Hoffnung trag ichs, mein Geschick.
Zum Zeitvertreib drum, und den Tod im Blick,
Rauch vor der Götter Nase ich die Zigarette.

Auf, Lebende, und müht euch, arme, künftige Skelette!
Als blauen Dunst ich mich gen Himmel schick,
Versenk mich in Ekstase. Und ich nick
Ein wie im leisen Duft der tausend Räucherfette.

Und komm ins Paradies, im Traum aus Licht,
In dem sich unter Walzerklängen paaren
Die Elefanten geil mit Mückenscharen.

Wach ich dann auf und denk an mein Gedicht,
Seh ich den Daumen – Herz im Freudenbann! –,
Den ich versengt, als Gänsekeule an.

Vincent van Gogh, Schädel mit brennender Zigarette, 1886

Fachliteratur:

… was mich auf einem verschlungenen Gedankenpfad daran erinnert, dass wir wieder mal um die Wette und mit Ansage wildfremde Menschen portraitieren könnten. Sagt – mag jemand mitmachen?

Gegenwärtiges Skelett: Vincent van Gogh: Schädel mit brennender Zigarette,
Antwerpen, Winter 1885/1886, Öl auf Leinwand, 32 cm x 24,5 cm, Van Gogh Museum, Amsterdam;
Walzerklänge: Mélanie Pain: La cigarette, en: My Name, 2009:

Written by Wolf

1. Juli 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Realismus

Wunder im Gehirn. Vier Bier und ein Buch de cerevisiis

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Update zu Das Beste sind die Kartoffeln und
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

Das Elend mit der Hanserschen Jean-Paul-Gesamtausgabe von Norbert Miller mit den Kommentaren von Walter Höllerer ist ja, dass die Herren die Nahrungsmittel nicht erklären. Nun war es am 21. März auch schon wieder fünf Jahre her, dass Jean Paul 250 Jahre alt wurde. Der Mann ist also jetzt 255 und kann gewiss einige Hilfe gebrauchen, auch beim Feiern. Selber werd ich bald zarte 50 und vertrag schon nix mehr.

——— Jean Paul:

Die unsichtbare Loge.
Eine Lebensbeschreibung.
Mumien

Karl Matzdorffs Buchhandlung, Berlin 1793,
aus: Zweiter Sektor oder Ausschnitt: Ahnen-Preiskurant des Ahnen-Grossierers – der Beschäler und Adelbrief:

Darauf fußte der Urgroßvater, der ihm sein Adeldiplom abzufluchen und abzubetteln suchte, um es für sein eignes auszugeben: „Denn wer Teufel weiß es,“ sagte er, „dir hilft es nichts, und ich heft‘ es an meines.“ Ja der Ahnen-Kompilator, der Urgroßvater, wollte christlich handeln und bot dem Roß- und Ahnentäuscher für den Brief einen unnatürlich schönen Beschäler an, einen solchen Großsultan und Ehevogt eines benachbarten Roß-Harems, wie man noch wenige gesehen. Aber der Stammhalter drehte langsam den Kopf hin und her und sagte kalt „ich mag nicht“ und trank Zerbster Flaschenbier. Da er ein paar Gläser von Quedlinburger Gose bloß versucht hatte, fing er schon an, über das Ansinnen zu fluchen und zu wettern; was schon etwas versprach. Da er etwas Königslutterischen Duckstein, denk‘ ich, daraufgesetzt hatte (denn Falkenberg hatte einen ganzen Meibomium de cerevisiis, nämlich seine Biere, auf dem Lager): so ging er gar mit einigen Gründen seines Abschlagens hervor, und die Hoffnung wuchs sehr.

Als er endlich den Breslauer Scheps im Glase oder in seinem Kopfe so schön milchen fand: so befahl er, das Luder von einem elenden Beschäler in den Hof zu führen – – und da er ihn etwa zwei- oder dreimal mochte haben springen sehen: so gab er dem Urgroßvater die Hand und zugleich die 128 Ahnen darin.

Auf so engem Raum so viel zu trinken. Man merkt, dass Jean Paul fränkische Kneipen gewohnt war, und sein bevorzugtes „bitteres, braunes [Bayreuther] Bier“ (brieflich) ist noch nicht einmal dabei (historisch möglich wäre Becher-Bräu). Für die tiefreichende Tradition des Brauereigewerbes spricht, dass so zufällig wie beiläufig erwähnte Biersorten in einer fiktiven Biographie aus dem 18. Jahrhundert noch anno 2018 florieren.

  1. Zerbster Flaschenbier:

    ——— Alt-Zerbst: Das Zerbster Bier:

    Den Hunger stillt die Brägenwurst;
    Das Bitterbier, es löscht den Durst.

    In den Zerbster Bitterbierstuben, welche meist Fleischerei und Gastwirtschaft miteinander vereinten, konnte man einem nur schwer wiederstehen:

    die nach Zwiebeln riechende köstliche und ziemlich fette Zerbster Brägenwurst!

    Das Zerbster Bitterbier war wohl der bekannteste Exportschlager seit dem Mittelalter den Zerbst zu bieten hatte.

    Bereits 1375 hatten sich schon die Brauer zu einer Innung zusammen geschlossen.

    Der letzte bekannte Brauort des beliebten Bieres war die Ratsbrauerei (später Friedrichs) auf der Schleibank.

    Zerbster Scherzfrage

    Nenne ein ehemaliges Zerbster Erzeugnis, in dem jeder in dem Wort enthaltene Buchstabe zweimal vertreten ist???

    „Bitterbier“

    Prosit aus Zerbst

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  2. Quedlinburger Gose:

    ——— Gose: Geschichte der Gose:

    Unbestätigten Überlieferungen zufolge soll der römisch-deutsche König und spätere Kaiser Otto III. bereits um das Jahr 1000 ein Liebhaber der Gose gewesen sein, die er bei Besuchen seiner Schwester Adelheid im Stift Quedlinburg trank.

    ~~~\~~~~~~~/~~~

  3. Königslutterisches Duckstein:

    Duckstein Bier Beschreibung 1723Duckstein Bier ist mir persönlich bekannt, weil das die Donaldisten gern auf ihren Zusammenkünften — Kongresse, Zwischenzeremonien, Mairennen und, wenn’s geht, den Stammtischen — verwenden. Natürlich wegen des Namens, aber der Stoff ist auch sonst uneingeschränkt zu empfehlen. Er schmeckt, sagen wir, diamanten. Glauben Sie mir, die Jungs — es sind eher wenige Mädels — verstehen zu leben. Auf der Bierseite erfahren wir von den Brauern und Mälzern selbst:

    ——— Duckstein Bier: Markenwelt. Tradition:

    Die Geschichte von Duckstein beginnt in der Domstadt Königslutter am Elm. Das hier gebraute Bier wurde zunächst „Luttersches Bier“ genannt, aber nach und nach setzte sich der Name „Duckstein“ durch, der sich von „Tuffstein“ ableitet, der mächtigen Kalksinterschicht, auf der die Stadt erbaut ist.

    Urkundliche Erwähnung fand Duckstein erstmalig in einem Gildebrief aus dem Jahre 1640. Innerhalb kürzester Zeit schaffte es die Bierspezialität in die besten Kreise: 1713 galt es als das Lieblingsbier des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. und fand im berühmten Tabakkollegium zahlreiche Liebhaber.

    Bald darauf erfreute sich das rotblonde Bier auch überregional immer größerer Beliebtheit. Kein Wunder! Denn früher wie heute wird ein Duckstein nur mit erlesenen Zutaten gebraut und besitzt einen unvergleichbaren Geschmack.

    ——— Duckstein (Bier): Geschichte des Duckstein-Biers:

    Duckstein-Bier wurde seit dem 17. Jahrhundert in Königslutter am Elm von bis zu 73 berechtigten Brauhäusern in der Stadt als obergäriges Weizenbier gebraut. Das Bier war von gelblicher Farbe, schmeckte süßlich und soll gegen vielerlei Krankheiten gut gewesen sein. Zutaten waren Weizen, etwas Hopfen und das Wasser des Baches Lutter, der mitten durch Königslutter fließt. Das harte Wasser der naheliegenden Lutter-Quelle am Elm eignete sich zum Brauen dieses Bieres besonders wegen seines hohen Mineralstoffgehaltes (Calcium- und Hydrogencarbonat). Der Bach entspringt dem größtenteils aus Kalkgestein aufgebauten Höhenzug Elm und schied im Bachbett in jüngeren geologischen Zeiten Kalktuff (Travertin) ab. Das gesteinsähnliche Material wird auch als „Duckstein“ bezeichnet und gab der Biermarke den Namen. […]

    Das heute unter der Marke Duckstein angebotene Bier wird nicht mehr in Königslutter gebraut.

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  4. Breslauer Scheps:

    ———- Kölner Bierhistoriker e. V.:
    … auf den Spuren (fast) vergessener Bierrezepturen und Brautraditionen …:

    Breslauer Scheps

    Einleitung

    Das Breslauer (weiße) „Scheps“ oder vielfach auch „Schöps“ geschrieben, war vermutlich ein nicht-saurer Weizenbock. Der Name bedeutet vermutlich „kastriertes Hausschaf“, also Hammel, vom slawischen Lehnwort „skopez“ stammend. Es wurde auch „toller Wrangel“ oder lateinisch „Cerevisia Uratislaviensis“ genannt. Von Julius Ludwig Gumbinnen (1846) wird es zu den böhmischen und obersächsischen Bieren gezählt.

    Gedichte

    Scheps steiget ins Gesicht,
    braucht keine Leiter nicht;
    Er sitzet in der Stirn,
    wirkt Wunder im Gehirn.

    Sie brauchen keinen welschen Wein,
    nichts von Bacharach am Rhein,
    Ihren Hals zu netzen,
    auch nichts vom Kretenser Saft,
    Schöps kann schon mit seiner Kraft
    sie genug ergötzen.
    Hier zu Bressel in der Stadt
    dieser Trunk den Ursprung hat.
    Von drei guten Sachen:
    Hopfensamen, Weizengetreid,
    wohl Wasser abgebräut,
    solch Getränke machen.

    Rezepte

    >>> Die Seite wird aktuell überarbeitet <<<

    Literatur

    Annemüller, Gerolf; Manger, Hans J.; Lietz, Peter: Die Berliner Weiße. Ein Stück Berliner Geschichte. 1. Aufl. Berlin: VLB Berlin, 2008

    Gumbinnen, Julius Ludwig: Handbuch der praktischen Bierbrauerei. 2. Band, Stuhr’sche Buchhandlung Berlin, 1846, unveränderter Nachdruck

    ——— Die Breslauer Bier-Legende: Über die Schöps-Biere:

    Was ist über den „Breslauer Schöps“ im Wesentlichen zu sagen?

    Eindeutig belegt sind zwei obergärige Varianten.

    Das ist einmal der „Schwarze Schöps“, welcher den sogenannte „Ur-Schöps“ darstellt, also die Variante die zuerst gebraut wurde und die auch für die Namensgebung verantwortlich ist.

    In allen Beschreibungen und Überlieferungen wird deutlich, daß es sich hierbei um ein dunkles, starkes, sowie nahrhaftes und sehr süffiges Weizenbier handelte, das aufgrund seiner Eigenschaften sehr beliebt war und wegen dieser Tatsachen von den damaligen Ärzten auch gerne als unterstützende Maßnahme beim Heilungsprozess mitverordnet wurde. Schon aus den verschiedenen Beschreibungen ist zu erkennen, daß es wohl vom Stammwürzegehalt höher, dehalb alkoholhaltiger und somit auch restzuckerhaltiger (deswegen süßer) und somit auch süffiger war, als andere Biere. Und süffigere Biere hatten schon immer den Vorteil, daß sie von der Mehrheit des Publikums bevozugt wurden. Deshalb wohl auch der große Erfolg des „Schwarzen Schöps“ über Jahrhunderte hinweg. All dieses und natürlich die Braukunst der Breslauer Brauer haben letztlich zur Erfolgsgeschichte des „Schöps“ beigetragen.

    Später, im 18. Jahrhundert, kam dann auch der „Weiße Schöps“ (ein helles Hefeweizen mit ähnlichen Eigenschaften wie der „Schwarze Schöps“) auf, der alsbald aber dem „Schwarzen Schöps“ den Rang ablief. Das lag wohl an der damaligen Zeit und dem sich damals geänderten Geschmack des Publikums, welches, wie anderswo auch, halt immer mehr zum „Weissbier“ tendierte. Und auch diese helle Schöps-Variante war überaus erfolgreich und wurde von den Breslauer Kretschmern (Hausbrauern) bis ins 19. Jahrhundert hinein gebraut und geschänkt, während sich die normalen Brauereien schon früher vom Schöps lossagten und immer mehr untergäriges Braunbier nach „Münchner Art“ herstellten.

    Und auch dieses wurde noch lange Zeit „Schöps“ genannt, woraus zu schließen ist, daß der Name „Schöps“ irgendwann schlechthin als Synonym für gute Schlesische Biere, insbesondere für solche aus Breslau benutzt wurde.

    Bevor der „Schöps“ aufkam dominierte das „Schweidnitzer Bier“ in Breslau und in Schlesien, wurde aber dann vom „Breslauer Schöps“ verdrängt. Manchmal wird auch vom „Schweidnitzer Schöps“ gesprochen, was aber so nicht richtig ist. In diesem Fall steht „Schöps“ lediglich für „gut und beliebt“. Die Schweidnitzer wollten trotzdem noch einmal an die Hoch-Zeit ihrer Biere anknüpfen und nannten ihr Gebräu zeitweise wohl auch „Schöps“. Weil es aber nie die Qualität und Beliebtheit des „Breslauer Schöps“ erlangte, wurde es von der Bevölkerung spottenderweise nur „Stähr“ (Widder) genannt. […]

    ~~~\~~~~~~~/~~~

Fatal Women, 7. Oktober 2017Soweit war ich, als ich bemerkte, wie viel mehr Spaß es macht, über Bier zu reden, als nach Bildern davon zu suchen: Bier als — siehe oben — traditionsreiche Einrichtung entspringt sozialen und kommunikativen Bedürfnissen. Daher begreift es als seinen Job, von echten Leuten getrunken, nicht abgebildet zu werden. In den Geschichten der echten Leute fortzuleben, scheint ihm in Ordnung. Jean Paul kannte mehr als die vier gerade abgehandelten Biersorten, hat von allen gern erzählt und mehr als einmal seinen Wohnort nach seinen liebsten ausgesucht. Nicht auszudenken, was er von den heute üblichen zu Tode ausgeleuchteten Bildern von Bier gehalten hätte. Ebenso beiläufig wie das Bier erwähnt er das Fachbuch dazu:

Falkenbergs Meibomium de cerevisiis ist Johann Heinrich Meibom (1590 bis 1655): laut Kommentar der Gesamtausgabe von Walter Höllerer: Librum de vino et cerevisiis, posthum erschienen; anderweitig nachweisbar — in Pierer’s Universal-Lexikon und Johann Traugott Leberecht Danz: Versuch einer allgemeinen Geschichte der menschlichen Nahrungsmittel, Band 1 — als: De Cerevisiis poibusque et inebriaminibus extra vinum aliis, Helmstedt 1668.

Ein 125 Jahre altes Buch über Wein und Bier, das noch gilt. Ein lateinisches. Nein, da muss man sich heute auch nicht verschroben dabei vorkommen, einen 255. Geburtstag zu feiern. Falls gerade kein Becher-Bräu zur Hand ist, wäre wohl extrabitteres Pils passend oder alles aus Franken. Damit kann man nichts falsch machen.

Bilder: Das Zerbster Bier; Duckstein Bier; Fatal Women, 7. Oktober 2017.

Soundtrack, weil mir bei der bloßen Erwähnung der Stadt Zerbst unweigerlich Insterburg & Co. einfallen, und von denen ihr unsterbliches Meisterwerk Ich liebte ein Mädchen, aus: Laßt uns unsern Apfelbaum und andere brandneue Ladenhüter, 1970, als Single erst 1974 ein Hit, das ich mal zur Klampfe auswendig hersingen konnte:

Ich liebte ein Mädchen in Meißen,
die tat mir die Hose zerreißen,
ich liebte ein Mädchen im schönen Zerbst,
da hielt die Hose bis zum Herbst.

Wie schön, nach so vielen Jahren mal wieder das Lied aufzusuchen, um zu erfahren, dass es einen Extended Remix von 1995 gibt. In dem Zerbst gar nicht mehr vorkommt. Irgendwas ist ja immer:

Written by Wolf

23. März 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

Gute Vorsätze 1650–2018

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Update zu Cit. Schmidt, A., Faust IV, 1960
und Historische Post vom Verleger:

——— Friedrich von Logau:

Das neue Jahr.

1650, aus: Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte andres Tausend.
Desz andren Tausend andres Hundert:

Son verschwommenen Lyriker-Typ, Will lieber nicht kritisiert werden, dafür aber Radioaufträge. Großmeister Schmidt, in Bargfeld residierend, ca. 1972Abermals ein neues Jahr! immer noch die alte Noth! —
O das Alte kümmt von uns, und das Neue kümmt von Gott.
Gottes Güt ist immer neu; immer alt ist unsre Schuld;
Neue Reu verleih‘ uns Herr und beweis‘ uns alte Huld!

——— Arno Schmidt:

Aus dem Leben eines Fauns

1953, Bargfelder Studienausgabe Band 1, Seite 335:

Müssen gute Vorsätze gehalten werden, oder ist es ausreichend, daß man sie faßt ? !

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Bild: So’n verschwommenen Lyriker-Typ: Will lieber nicht kritisiert werden, dafür aber Radioaufträge: Großmeister Schmidt, in Bargfeld residierend, ca. 1972,
via Tilman Spreckelsen: Der erste Leser. Martin Walser und Arno Schmidt,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. März 2017.

Alte Schuld und neue Reu: Anti Cornettos: Korsakov Syndrom, aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Written by Wolf

1. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Nahrung & Völlerei

Romantische Bieronie (Dei Ironiezeigl konnst sejwa saffa)

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Update zu Isarathen ist die nördlichste Stadt Italiens und
Große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen gleichen:

Zur Eröffnung des Oktoberfestes 2017 kann man sich nur mehr ironisch im nicht-aristotelischen Sinne äußern. Der letzte Teil ab „und ein mitleidig ledernes Lächeln“ erscheint nur im Manuskript und einigen Drucken in Heines Werkausgaben, von Heine autorisierter Text ist er nicht.

——— Heinrich Heine:

Reise von München nach Genua

Kapitel III, aus: Reisebilder. Dritter Teil, 1830:

Daß man aber die ganze Stadt ein neues Athen nennt, ist, unter uns gesagt, etwas ridikül, und es kostet mich viele Mühe, wenn ich sie in solcher Qualität vertreten soll. Dieses empfand ich aufs tiefste in dem Zweigespräch mit dem Berliner Philister, der, obgleich er schon eine Weile mit mir gesprochen hatte, unhöflich genug war, alles attische Salz im neuen Athen zu vermissen.

„Des“, rief er ziemlich laut, „gibt es nur in Berlin. Da nur ist Witz und Ironie. Hier gibt es gutes Weißbier, aber wahrhaftig keine Ironie.“

„Ironie haben wir nicht“, rief Nannerl, die schlanke Kellnerin, die in diesem Augenblick vorbeisprang, „aber jedes andre Bier können Sie doch haben.“

Marie-Geneviève Bouliar, Selbstportrait als Aspasia, 1794Daß Nannerl die Ironie für eine Sorte Bier gehalten, vielleicht für das beste Stettiner, war mir sehr leid, und damit sie sich in der Folge wenigstens keine solche Blöße mehr gebe, begann ich folgendermaßen zu dozieren: „Schönes Nannerl, die Ironie is ka Bier, sondern eine Erfindung der Berliner, der klügsten Leute von der Welt, die sich sehr ärgerten, daß sie zu spät auf die Welt gekommen sind, um das Pulver erfinden zu können, und die deshalb eine Erfindung zu machen suchten, die ebenso wichtig und eben denjenigen, die das Pulver nicht erfunden haben, sehr nützlich ist. Ehemals, liebes Kind, wenn jemand eine Dummheit beging, was war da zu tun? Das Geschehene konnte nicht ungeschehen gemacht werden, und die Leute sagten: ‚Der Kerl war ein Rindvieh.‘ Das war unangenehm. In Berlin, wo man am klügsten ist und die meisten Dummheiten begeht, fühlte man am tiefsten diese Unannehmlichkeit. Das Ministerium suchte dagegen ernsthafte Maßregeln zu ergreifen: bloß die größeren Dummheiten durften noch gedruckt werden, die kleineren erlaubte man nur in Gesprächen, solche Erlaubnis erstreckte sich nur auf Professoren und hohe Staatsbeamte, geringere Leute durften ihre Dummheiten bloß im verborgenen laut werden lassen; – aber alle diese Vorkehrungen halfen nichts, die unterdrückten Dummheiten traten bei außerordentlichen Anlässen desto gewaltiger hervor, sie wurden sogar heimlich von oben herab protegiert, sie stiegen öffentlich von unten hinauf, die Not war groß, bis endlich ein rückwirkendes Mittel erfunden ward, wodurch man jede Dummheit gleichsam ungeschehen machen und sogar in Weisheit umgestalten kann. Dieses Mittel ist ganz einfach und besteht darin, daß man erklärt, man habe jene Dummheit bloß aus Ironie begangen oder gesprochen. So, liebes Kind, avanciert alles in dieser Welt, die Dummheit wird Ironie, verfehlte Speichelleckerei wird Satire, natürliche Plumpheit wird kunstreiche Persiflage, wirklicher Wahnsinn wird Humor, Unwissenheit wird brillanter Witz, und du wirst am Ende noch die Aspasia des neuen Athens.“

Ich hätte noch mehr gesagt, aber das schöne Nannerl, das ich unterdessen am Schürzenzipfel festhielt, riß sich gewaltsam los, als man von allen Seiten „A Bier! A Bier!“ gar zu stürmisch forderte. Der Berliner aber sah aus wie die Ironie selbst, als er bemerkte, mit welchem Enthusiasmus die hohen schäumenden Gläser in Empfang genommen wurden; und indem er auf eine Gruppe Biertrinker hindeutete, die sich den Hopfennektar von Herzen schmecken ließen und über dessen Vortrefflichkeit disputierten, sprach er lächelnd: „Das wollen Athenienser sind?“ und ein mitleidig ledernes Lächeln zog sich um die hölzernen Lippen des Mannes, als er auf eine Gruppe Biertrinker hinzeigte, die sich das holde Getränk von Herzen schmecken ließen, und über die Vorzüglichkeit des diesjährigen Bockes disputierten. „Das wollen Athenienser sind? — — —“

Zeit und Ort der Handlung sind die Bockbierzeit 1830, das ist etwa ein Vierteljahr vor dem 20. Oktoberfest, und wie man erst im darauffolgen Kapitel IV und über das Literaturportal Bayern erfährt, weitab vom Oktoberfestgelände der Ludwigsvorstädter Theresienwiese, in Bogenhausen:

das längst verschwundene Schlößchen des Grafen von Törring-Jettenbach am Hochufer der Isar gegenüber dem St. Georgs-Kirchlein von Johann Michael Fischer; die Neuberghauserstraße erinnert seit 1897 daran. In diesem Edelsitz wohnte kurzfristig der bayerische Finanzminister Johann Wilhelm von Hompesch bis zu seinem Tod 1809. Mit dem „Montgelasgarten“ des nahe gelegenen Edelsitzes Stepperg des Freiherrn von Montgelas hat Neuberghausen allerdings nichts zu tun. In dem einstigen Schlösschen wurde stattdessen Anfang 1828 eine Ausflugsgaststätte eröffnet, die bald gut florierte. Hier saß Heinrich Heine als einer der ersten Gäste und hatte noch den freien Blick auf die Alpenkette, und eben hier wurde ihm ein besonders schönes Denkmal gesetzt, das alle Widrigkeiten der Zeit überdauert hat.

Und eben nicht der unsäglich nichtssagende Gusseisenkäfig von 1962 im Dichtergarten, mit dem die Stadt München wehrlose, weil verstorbene Schreibarbeiter verunglimpfen zu müssen glaubt und der — typisch für München — ein abgelegener Teil des Finanzgartens ist. Übrigens, Kapitel IV, a. a. O.:

Das Bier ist an besagtem Orte wirklich sehr gut, selbst im Prytaneum, vulgo Bockkeller, ist es nicht besser, es schmeckt ganz vortrefflich, besonders auf jener Treppenterrasse, wo man die Tiroler Alpen vor Augen hat. Ich saß dort oft vorigen Winter und betrachtete die schneebedeckten Berge, die, glänzend in der Sonnenbeleuchtung, aus eitel Silber gegossen zu sein schienen.

Und unsereins soll auf einem „Volksfest“ 2017 für rund 0,8 Liter Bier knapp elf Euro zahlen und bloß nicht glauben, die Bedienung gäbe sich übertrieben lange mit dem Kramen nach Wechselgeld ab, wenn sie erst einen Zwanziger in der Hand hat. Das ist nicht-aristotelische Ironie.

Neuberghausen, Lithorgraphie 1830 via Literaturportal Bayern

Buidln: Marie-Geneviève Bouliar: Selbstportrait als Aspasia, 1794,
Öl auf Leinwand, 123 cm auf 127 cm, Musée des beaux-arts d’Arras;
„Neuberghausen“, Lithographie mit Tondruck, ca. 1830. „Im Hintergrund das ehem. Törring- und nachher Hompesch-Schlößchen, spätere Gasthaus Neuberghausen. Dasselbe bildete Mitte des vorigen Jahrhunderts Winter wie Sommer einen Vereinigungspunkt der vornehmen Welt zu den Kaffee-Nachmittagsstunden; große Tanzunterhaltungen zeichneten sich durch einen sehr heiteren Ton aus.“ Abb. 233 in: Alt-Münchner Bilderbuch. Ansichten aus dem alten München aus der Monacensia-Sammlung Zettler. München 1918. Legende ebd., S. 26,
via Dr. Dirk Heißerer: Ironie haben wir nicht. München, Bogenhausen: Neuberghauserstraße,
Literaturportal Bayern.

Soundtrack: LaBrassBanda featuring Stephan Remmler: Keine Sterne in Athen,
aus: Kiah Royal, unplugged im Kuhstall, Höllthal bei Seeon 2014:

Written by Wolf

15. September 2017 at 00:01

Weinfassreiten an der Küste der Nacht (oder geschah es bei Tage)

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Update zu Ich trinke ein Glas Burgunder!
und Wein-Lese:

Ich hab‘ ihn selbst hinaus zur Kellerthüre –
Auf einem Fasse reiten sehn – –
Es liegt mir bleyschwer in den Füßen.

Sich nach dem Tische wendend.

Mein! Sollte wohl der Wein noch fließen?

Altmayer in Auerbachs Keller, Vers 2329 ff.

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

Dem rezenten Literatur- und Weinverbraucher auf nimmermüder Suche nach seinen Konsumgütern muss nicht automatisch klar sein, was dieser viel und gerne besungene Burgunder genau ist, und ob es überhaupt noch welchen gibt, und wenn ja, welchen davon E. T. A. Hoffmann sich in den Gastwirtschaften seines Vertrauens an (und unter) den Tisch reichen ließ — was nicht einmal zwingend der Einfalt besagten Verbrauchers geschuldet sein muss: Hoffmanns Bamberger Stammkneipe ist ohne Google Maps kaum zu eruieren, und für seine favorisierte Burgundersorte muss man ganz schön in obskuren Insel-Taschenbüchern gründeln. Die Bamberger Altstadt ist seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe; was also gedenkt das dasige Tourismus-Marketing, das schon zugelassen hat, dass jemand oder etwas in eine einwandfreie Kneipe ein Steak- und Fischrestaurant am Rande der Eventgastronomie hineinstellen darf, gegen sotane Missstände zu unternehmen?

Natürlich so wenig wie möglich; den Leuten, die für einen „Fischteller Hoffmanns“ aus verschiedenen Fischfilets, Garnele (im Singular), Ratatouille und Kartoffeln 19 Euro blättern (Stand Ende Juli 2017), taugt’s. Wir müssen also wieder alleine schauen, wo wir bleiben, und finden in der FAZ, was sie offenbar aus einem knapp zehnminütigen Youtübchen von „Kulturkäffchen“ recherchiert hat:

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

——— Tilman Spreckelsen:

Der goldene Kopf.
Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht,
reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts

aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017:

Der Weinhändler Kunz berichtet von Besuchen seines Freundes im Gewölbekeller seines Hauses am Grünen Markt im Zentrum der Stadt. Das prächtige Gebäude steht noch, der Keller, heute wie leergefegt, ist auch noch da, und dort, schreibt Kunz, hätten die Freunde regelmäßig einen bestimmten Burgunder aus dem Anbaugebiet Côte de Nuits getrunken – und zwar so, „dass wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst nahmen und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphierend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte“.

Den ganzen FAZ-Artikel wert ist allerdings das verwendete Bildmaterial, das er sinnigerweise von der Berliner Fotografin Andrea Fischer bezieht und das ich hier dankbar weiterverwende. Schwarzweiß mit durchgehender Tiefenschärfe, das ist sowieso die Feenkönigin unter den Fototechniken.

So dünn der Artikel auch sonst daherkommt — mit wie viel dickeren Brettern könnten wir denn mehr anfangen? Ein ganz und gar erfreulicher und tragfähiger Lerninhalt ist doch die genaue Weinsorte, die Hoffmann in einer wichtigen Lebensphase bevorzugte — und dass es die sogar noch zu kaufen gibt, woran wir Postmodernen ja in den Fällen des Burgunders im allgemeinen und Karl Simrocks Menzenberger Eckenblut im besonderen schnell scheitern. „Das Stöffchen, das einst E.T.A. Hoffmann befeuert hat, aber nicht namentlich überliefert ist“, das ich noch in der Weinlesezeit 2016 in Wein-Lese vorschnell der Verschollenheit überantworten musste, ist damit als Côte de Nuits benannt.

Nicht nachzuweisen war dagegen der Weinhändler Cagiorgi, den seinerseits der Bamberger Weinhändler Kunz eingangs erwähnt, den wir wiederum in dem oben erwähnten obskuren Insel-Taschenbuch vernehmen: Julius Eduard Hitzig: E. T. A. Hoffmanns Leben und Nachlaß, zuerst erschienen 1823. Des Händlers Erinnerung ist darin als Fußnote versteckt. Noch genauer kriegen wir’s in diesem Leben nicht mehr:

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

——— Carl Friedrich Kunz:

Hoffmann bezog, seinem Verlangen gemäß, von dem Weinhändler Cagiorgi, gegen eine von mir ausgestellte Anweisung, auf meine Rechnung 24 Bouteillen Burgunder. Der genannte Nuits ist bekanntlich eine vorzügliche Gattung dieses Weines, den Hoffmann während seines Bamberger Aufenthaltes besonders verehrte und sich mit mir in meinem Keller trefflich schmecken ließ. Was werden aber die profanen Leute und Philister dazu sagen, wenn ich versichere, daß dieser Nuits aus Ehrfurcht vor seiner geheimnißvollen Kraft und seinem gewürzreichen Bouquet nur in seinem Elemente, der Nacht, oder geschah es bei Tage, doch nur in der zauberisch dunkeln Umhüllung des Kellers von uns genossen ward?! Zuweilen pflegte es sogar zu geschehen, daß wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst (einer sogenannten Piece) nahmen, und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphirend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte, in welchem die blecherne Pumpe, als stets bereitwillige Hebe, bis die Gläser geleert waren, nachlässig ruhte. — Daß aber hier nicht auf gemeine Weise gezecht, sondern auf die geistreichste und gemüthlichste Art sich des heitern Lebens gefreut warb, darf ich ebenfalls versichern. — Die allerdings höchst komische Attitude gab Hoffmann Veranlassung zu einer trefflich kolorirten Zeichnung, die ich leider, wie so viele, ungestümen Bitten nachgebend, nicht mehr besitze. — Dies ächt Tenier’sche Genrebild bezeichnete den Moment, wo, als wir eben beide ganz gemüthlich auf dem Fasse gegenüber sitzen, und im Begriffe stehen, unsere Gläser an einander zu klingen, ein mit einem heftigem Donnerschlage verbundener Blitz durch die Kelleröffnungen zuckt, und unsere von Schrecken grimassirten Gesichter hell erleuchtet darstellt. — Das Bild war kein Phantasiestück, sondern einer wirklich erlebten Scene entnommen, Honny soit qui mal y pense!

Mit dem Weinhändler höchstselbst Saufspiele veranstalten. Will man wirklich wissen, unter Einsatz welcher inneren Organe ein Mensch es so weit im Leben bringt? Und ist das wirklich wahr, dass ich gerade den Job der Bamberger Tourist-Information verrichte?

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

Bilder: Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen: Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus: Jürgen Hultenreich (Text) und Angelika Fischer (Fotos): Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann (Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften), Edition A. B. Fischer, Berlin 2016:

  1. „Am 1. September 1808 kam das Ehepaar Ernst Theodor Amadeus und Marianna, genannt Mischa, in Bamberg an – allein, die gemeinsame Tochter Cäcilia war kurz zuvor zweijährig verstorben. Der zweiunddreißigjährige Hoffmann, der Jura studiert hatte und mit dem Zusammenbruch Preußens arbeitslos geworden war, hatte nun eine Stelle als Musikdirektor am Bamberger Theater bekommen. Das Ehepaar wohnte anfangs in einem Haus direkt am Regnitzkanal. Allerdings gab es von Anfang an Ärger mit der Vermieterin, die dem Musiker das Klavierspielen verbieten wollte. Die Hoffmanns zogen ein paar Häuser weiter.“;
  2. „In dem schmalen Wohnhaus in der Bildmitte bewohnte das Ehepaar Hoffmann die beiden obersten Etagen.“;
  3. „Blick auf die Stephanskirche“;
  4. „Im Weinkeller seines Freundes Kunz am Grünen Markt pflegte Hoffmann auf einem Fass zu reiten.“

Soundtrack zum Getränkemissbrauch: die angenehm durchgeschmorte Feenkönigin
Camille: Fontaine de lait, aus: OUÏ, 2017:

Written by Wolf

11. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

Das Beste sind die Kartoffeln

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Update zu Erdäpfelgulasch,
Schwarze Butter
und Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich
— und wegen erhöhter Wichtigkeit noch zu
Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. (Kartoffeln schmälzen):

Aus der Liebe will ich wie aus den Kartoffeln verschiedene Gerichte zubereiten.

Jean Paul: Titan, Zweiter Band, Dreizehnte Jobelperiode, 61. Zykel, 1801.

Das sind im Direktvergleich Jean Paul, 35-jährig im Gleimhaus zu Halberstadt 1798 von Heinrich Pfenninger gemalt, und noch einmal Jean Paul, 47-jährig 1810 von Friedrich Meier gemalt:

Heinrich Pfenninger, Jean Paul, 1798Friedrich Meier, Jean Paul, 1810

Carl Christian Vogel von Vogelstein, Jean Paul, 1822In den zwölf Jahren zwischen beiden Dichterportraits scheint also einiges vorgefallen. Weniger als in den zwölf Jahren darauf, denn das Jean-Paul-Portrait mit Bleistift, weiß gehöht, von Carl Christian Vogel von Vogelstein 1822 weist bei dem 59-Jährigen schon weit weniger zusätzliche Lebensspuren auf.

Die Wunsiedeler Diplom- und Food-Designerin Beate Roth hat eher spät in ihrem Leseleben Jean Paul kennen gelernt (das alte Lied: Warum ist der Mann kein Schulstoff?), sich aber umso spontaner in ihn verliebt. Vielleicht berufsbedingt hat sie alsbald bemerkt, dass es in seinen Büchern gerne was zu essen gibt, und veranstaltet seit 2011 Kochkurse nach seinen rekonstruierten Rezepten.

Wie beides zusammenhängt? — Am deutlichsten dadurch, dass es überhaupt möglich ist, Rezepte von Jean Paul zu rekonstruieren, und dass dabei doch eine ganze Fülle recht unterschiedlicher Ernährungsweisen herauskommt. Nach moderner Gebietsaufteilung wäre Jean Paul Franke — ja Oberfranke –, entstammt also einer kargen Gegend. Wunsiedel kenne ich: Da gibt’s nicht viel außer guter Luft und dem Grab von Rudolf Heß, da war Jean Paul mit seinen zahlreichen Umzügen innerhalb Deutschlands schon fast Jetset. Man mag mir ruhig glauben, dass dergleichen nicht gerade „typisch fränkisch“ ist. Nun kann es sein, dass so einer nach schmerzlich bewusst erlebten Hungerjahren erhöhten Wert auf gutes Essen legt; das ist einer von mehreren möglichen psychologischen Mechanismen.

Und siehe da, das Portrait von 1798 fällt in die Zeit nach seinem literarischen Durchbruch mit dem Hesperus 1795, die auffallende Veränderung also in die Zeit seiner Verfestigung als Erfolgsautor. Ausführlich nachweisen lässt sich auch, dass Jean Paul bei der häufig fälligen Wahl seiner Wohnorte immer auf die Qualität des lokal erhältlichen Biers geschaut hat: Stark und bitter sollte es sein, seine Briefwechsel sind voll davon, und an seinem letzten und ausdauerndsten Wohnort Bayreuth hat er sehr viel mehr Zeit in der Kneipe als zu Hause verbracht, siehe weiter unten. Seinen immer ehrwürdigeren Schwollkopf kann man deshalb auch der Sauferei zuschreiben. Ihn als langsam aufquellenden Schweralkoholiker anzusehen wäre demnach boshaft, aber korrekt. Und eine höchst plausible Erklärung.

Das Rezept für einen Humpen Bier beherrscht jeder, weil die Hauptarbeit schon von der Brauerei geleistet wurde. Den großen Rest, den Beate Roth aus Jean Pauls Ernährungsvorschlägen zusammengeklaubt hat, wurde 2013 zum 250. Geburtstag (nicht dem von Frau Roth) über den Bayerischen Rundfunk bekannt, als alle Medien „was mit Schangpaul machen“ mussten: Hoppelpoppel und Schnepfendreck, Bayerischer Rundfunk, Kultur Franken, 15. März 2013. Ich bringe im Anschluss alles, was bei Frau Roth selbst und im überlebenden Archivmaterial des Bayerischen Rundfunks aufzufinden war — und darunter noch einen Bonus, wie Sie’s von mir gewohnt sind. Persönlich nachgekocht hab ich noch nichts außer dem allerletzten Rezept, also viel Glück. Erfahrungsberichte sind im Kommentarteil natürlich gern gesehen.

Die Reihenfolge der Rezepte ist alphaetisch umgebaut wie ein Kochbuch, nicht chronologisch nach den fiktionalen Werken. Von Illustrationen der Gerichte sehe ich absichtsvoll ab, weil sogar die Food-Designerin Roth auf ihrer eigenen Präsenz nur die Rezepttexte anführt; wer gucken will, kann gerne beim Rundfunk reinblättern: Zum Nachkochen: Rezepte aus Jean Pauls Werken. Am wichtigsten ist aber: Die brauchbarsten Kochbücher sind immer die ohne Bilder.

  1. Als-ob-Essen

    Jean Paul regt sich in der Vorschule der Ästhetik über die Kleriker auf, die in der Fastenzeit allerlei Tricks finden um die fleischlose Zeit zu umgehen. Die reichen Kirchenleute haben einfach alles was im Wasser lebt als Fisch bezeichnet, was mit Biber anfing und zuletzt mit Gansbraten gänzlich ausgeufert ist. Die Mönche mit weniger Geld und mehr Skrupel „konstruierten“ sich ihr von Jean Paul Als-ob-Essen genannt. Das war Fisch der irgendwie so verarbeitet wurde, dass er wie Fleisch aussah. (Fischwürste, Fischpressack, …)

    ——— Vorschule der Ästhetik, nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit, 1804:

    Leute, welche weder Begeisterung noch Kräfte, nicht einmal Sprache besitzen, ringen der letzten ein ausländisches Qualgedicht ab und legen uns diese Form, als sei sie poetisch gefüllt, auf den Tisch; so suchen die armen Kartäuser, denen Fleisch verboten ist, folglich auch Würste, sich damit etwas weiszumachen, daß sie Fische in Schweindärme füllen und dann laut von Würsten reden und speisen.

    Zutaten:

    • 250 g Lachsfilet
    • 150 g Rauchforelle
    • 250 g weißes Fischfilets
    • 150 g Räucherlachs
    • 10 Pfefferkörner
    • 2 Lorbeerblätter
    • Rosmarin, Thymian
    • 1 EL Sojasoße
    • 1 geröstete Zwiebel
    • 1 kleine Knoblauchzehe, zerdrückt
    • 1 Spritzer Balsamico
    • 600 ml Fischfond
    • 4 Blatt Gelatine (oder entsprechend Aspik)
    • 100 g knackig blanchierte Gemüsewürfel
    • 3 g Sepiafarbe

    Zubereitung:

    500 ml Fischfond mit allen Kräutern, Gewürzen, Sojasoße und Balsamico aufkochen und ca. 30 Minuten simmern lassen. Fischfilet und Lachs im restlichen Fond gar dünsten und zusammen mit der Forelle in Würfel schneiden oder reißen.

    Die eingeweichte Gelatine in 3 EL Fond auflösen, dann mit dem restlichen Fond vermischen. Würzig mit Salz und Balsamico abschmecken. Die Hälfte des Fonds mit Sepia schwarz färben. Kurz vor dem Gelieren die Gemüsewürfel und die Fischwürfel untermengen und in Gläschen oder Darm abfüllen. Über Nacht kalt stellen. Mit Sahne-Meerrettich und Feldsalat (Frühling an der Gabel) garnieren.

  2. Bergsuppe

    ———Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf, 1799:

    Nicht ohne Angst, Neid zu entzünden, sah ich, wie ich gern bekenne, unser Suppen-Paar auftragen; der Hospitalprediger reichte eine Kerbelsuppe, ich hingegen als ein ziemlich berühmter Schriftsteller glaubte nicht zu viel zu tun, wenn ich mit einer Bergsuppe erschiene. Sie muß dir erinnerlich sein durch den Kegel von schwarzem Brot, mit Zimt und Zucker beschneiet, wovon sie den Namen führt. Die Weiber waren (vielleicht vom Geschlecht bestochen) nachsichtiger gegen uns, und unsere Suppen entkamen dem Neid; aber was half das mir?

    Zutaten:

    • 200 g Schwarzbrot, altbacken
    • 50 g Butter
    • 3 Eier, getrennt
    • 30 g Zucker
    • 1 Packung Vanillezucker
    • ½ TL Salz
    • 1 TL Thymian, getrocknet
    • 2 Zitronen, Schalenabrieb
    • 50 ml Milch
    • 1 TL Zimt oder Lebkuchengewürz
    • 4 grüne Äpfel
    • 650 ml Wasser
    • 4 cl Zitronensaft
    • 300 ml Holundersirup
    • 25 g Stärke, nach Belieben

    Zubereitung:

    Butter schaumig schlagen, geriebenes Schwarzbrot unterrühren. Eigelb, Zucker, Salz, Thymian, Milch, Zimt und abgeriebene Schale einer Zitrone schaumig schlagen, unter Schwarzbrotmasse mengen. Eiweiß sehr steif schlagen, vorsichtig unter die Masse heben. Teig in kegel- oder kuppelförmige Pralinenformen füllen. Im vorgeheizten Backofen bei 175° Celsius etwa 15 Minuten backen.

    Für die Suppe Äpfel nach Belieben schälen, Kerngehäuse entfernen, grob schneiden. Mit Hollersirup, Wasser und Zitronensaft in einen Kochtopf geben, zum Kochen bringen. Nach etwa fünf Minuten fein pürieren. Stärke mit etwas Wasser verrühren, in die kochende Apfelsuppe rühren.

    Die Kegel in die Suppe setzen und mit Puderzucker bestäuben.

  3. Einträgliche Gemüsgärtchen

    ——— Der Komet, 1822:

    Alte und neue Staaten: Die neuen Staaten, weniger auf einem ethischen Wurzelgeflechte als Ganzes ruhend, verlangen tägliche Nachhülfen und Erinnerungen zum Gedeihen und sind einträgliche Gemüsgärten, die in jedem Jahre neu gepflanzt werden; aber die alten Staaten sind Obstgärten, die, einmal angelegt, von Jahr zu Jahr ohne neue Ansaat reichere Früchte geben und höchstens das Beschneiden bedürfen.

    Zutaten:

    • 1. Erde: 180g Mehl
    • 80 g Kathreiner Kaffee
    • 50 g gemahlene Haselnüsse
    • 25 g brauner Zucker
    • 80 g Zuckerrübensirup
    • 2.Erde: 50 g Mehl

    • 25 g Kathreiner Kaffee
    • 50 g gemahlene Haselnüsse
    • 70 g zerlaufenes Butterschmalz
    • Salz
    • Creme: 35 g Kräuter, fein gehackt (Estragon, Basilikum, …)
    • 150 g Joghurt
    • 100 g Creme fraîche
    • 5 g Instant-Gelatine
    • Salz, Pfeffer, Cayennepfeffer
    • 20 Stück Radieschen, Mini-Möhren, Mini-Rettich, … gewaschen, geputzt und mit Grün

    Zubereitung:

    Für die 1. Erde alle trockenen Zutaten in der Küchenmaschine fein schroten. Esslöffelweise den Sirup zugeben. Alles im Ofen bei 100° ca. 1,5 Std. trocknen und über Nacht am besten auf der Heizung nach trocknen lassen. Danach für die 2. Erde genauso verfahren, ebenfalls im Ofen ca. 1,5 Std. trocknen und danach mit der 1. Erde vermischen. Klumpen zwischen den Fingern zerbröseln.

    Alle Zutaten für die Creme gründlich vermischen. Die Hälfte in kleine Gläschen oder Blumentöpfe füllen.

    Das Gemüse in die restliche Creme tauchen und in die vorbereiteten Blumentöpfe „pflanzen“.

  4. Gebackener Katzendreck

    ——— Der Komet, 1822:

    Es hätte wohl besser ausfallen können, ja zehntausendmal besser, und gern hätt‘ ich (ich darf es sagen) Bayonner Schinken aufgetischt und Straßburger Pasteten samt polnischem Salat, desgleichen gefüllte Zungen von Troyes und Kälber von Rouen und Hähne von Caux und Kapaunen von la Fleche und Rotkehlchen von Metz; mit Freuden, wie gesagt, hätt‘ ich damit bewirtet; aber die Sachen waren nicht zu haben: konnt‘ ich doch kaum in der Stadt Wien gebacknen Katzendreck auftreiben und sächsische Christscheit und abgetriebene Wespennester und boeuf à la mode und pommersche Gans. Indes war doch das Essen (dies beruhigt mich) gesund und leicht.

    Zutaten:

    • 2–3 rote Zwiebeln
    • 1 EL Butter
    • 30 g Zucker oder Honig
    • 50 ml Weißwein oder Wasser
    • 75 g geschälte und gut ausgekühlte Mandeln
    • 100 g Zucker
    • [weitere] 50 ml Wasser oder Weißwein
    • 50 g Mehl
    • 50 g Speisestärke
    • 10 g Backpulver
    • Schmalz
    • Puderzucker
    • Fruchtsoße (Erdbeere, Himbeere)

    Zubereitung:

    Die Zwiebel schälen und in kleine Stücke schneiden. Das Fett zerlassen, den Zucker darin auflösen und die Zwiebelstücke zugeben. Kurz anbraten, den Wein angießen und zugedeckt bei schwacher Hitze ca. 15–20 Minuten ziehen lassen. Auskühlen.

    Mandeln und Zwiebeln auf eine Schnur fädeln.

    Für den Tempurateig Mehl, Stärke und Backpulver in eine Schüssel sieben und mit soviel kaltem Wasser verrühren, dass ein grob flüssiger Backteig entsteht. Die Mandel/Zwiebelschnüre eintauchen und sofort im heißen Fett frittieren.

    Die Soße auf kleine Schälchen verteilen. Den Katzendreck vorsichtig über der Soße von den Schnüren ziehen und mit Puderzucker bestäuben.

  5. Hoppelpoppel

    ——— Flegeljahre, 1805:

    Vult schlug „Flegeljahre“ vor; der Notar sagte offen heraus, wie ihm ein Titel widerstehe, der teils so auffallend sei, teils so wild. „Gut, so mag denn die Duplizität der Arbeit schon auf dem ersten Blatte bezeichnet werden, wie es auch ein neuerer beliebter Autor tut, etwan: Hoppelpoppel oder das Herz.“ Bei diesem Titel mußte es bleiben.

    Zutaten:

    • 375 ml Milch
    • 70 g Zucker
    • 2 Vanilleschoten
    • 2 Eigelb
    • 50 ml Rum
    • 5–6 Blatt Gelatine
    • 600 ml Sahne
    • 20 Mini-Schokobiskuitböden
    • Kakao mit Zimt
    • Pistazien
    • 125 ml Rum zum Tränken
    • 30 g Puderzucker
    • 250 ml frischer Orangensaft
    • [weitere] 3 Blatt Gelatine
    • Schokoladen-Dekoration

    Zubereitung:

    Eigelb und Zucker mit einer Prise Salz schaumig schlagen. Milch mit den Vanilleschoten aufkochen, Vanille auskratzen. Die Milch zur Eigelbmischung geben und über einem heißem Wasserbad abrühren, bis die Creme bindet. Eingeweichte Gelatine in die noch warme Eiermasse einrühren. Abkühlen lassen, dabei manchmal umrühren. Mit dem Rum kräftig abschmecken. Die geschlagene Sahne unterheben.

    Den Rum mit 2 EL Wasser und dem Puderzucker zum Kochen bringen und die Biskuitböden damit tränken. In Gläschen legen.

    Die Creme darauf geben und glatt streichen. Völlig auskühlen lassen.

    Die Gelatine im Orangensaft auflösen und ca. 2-3 mm dick auf die erkaltete Creme füllen. Je nach Geschmack können einige getränkte Löffelbiskuits in der Creme versenkt werden und/oder Orangenfilets auf der Creme verteilt und mit der Saft-Gelatine-Mischung übergossen werden.

    Mit Kakao bestäuben und mit Schoko-Ornamenten dekorieren.

  6. Kerbelsuppe

    ———Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf, 1799:

    Die weiblichen Magenfieber vom Pickenick waren anfangs noch gelinde Schauer. Mit Vergnügen sah ich, wie schon gesagt, daß man Stiefels Kerbelsuppe und meine Bergsuppe ohne Neid aufnahm – Hedasch schlug sich mit seinen Hechtwürsten samt Hopfen von armen Rittern wohlbehalten durch – die dressierte Rinds-Pastete der Spezialin war schon schwerer zu verfechten – aber jetzt trat der farschierte Puter des Sechsers mit seinen Kartoffeln auf. Die Männer nicht, aber die Weiber spreizten und spannten alles, was sie von Puterfittichen und Schwanzrädern am innern Menschen hatten, jetzt auseinander und klappten auf und zu und wetzten und rauschten! – Gar aber nicht des farschierten Hahnes wegen, sondern weil Kartoffeln kamen.

    Zutaten:

    • 400 g Petersilienwurzel, geschält und gewürfelt
    • 3 Schalotten, gewürfelt
    • 1 EL Butter
    • 50 ml Noily Prat
    • 50 ml Sherry medium
    • 100 ml Weißwein
    • 500 ml Brühe
    • 400 ml Sahne
    • 1 TL Zitronensaft
    • 1 Prise Nelken
    • Salz
    • 1 Bund Kerbel
    • 100 ml Brühe

    Zubereitung:

    Die Schalotten in der Butter anschwitzen. Petersilienwurzeln zugeben und mit anschwitzen. Mit Weißwein, Noily Prat und Sherry aufgießen. Etwa 10 Minuten köcheln lassen. Die Brühe zugeben und nochmals aufkochen. Alles fein pürieren und mit der Sahne aufgießen. Mit Zitronensaft, Salz und Nelken abschmecken.

    Den Kerbel mit der Brühe fein pürieren und durch ein Sieb streichen. Zur heißen Suppe geben. Nicht mehr kochen!

    Der Kerbelsud kann mit 1 Blatt Gelatine angerührt und in Strohhalme gefüllt werden. Nach etwa 6 Stunden Kühlung als Infusion reichen.

  7. Sardellensuppe mit Himmelsbrot

    ——— Der Komet, 1822:

    Jetzo ließ er eine köstliche Sardellensuppe auftragen und leerte zwei Teller davon mit solchem Wohlbehagen ab, daß die Professoren und die Schulmänner einstimmig versicherten, sie hätten zum ersten Male eine so feine Suppe geschmeckt, als er sie darüber fragte und ihnen die trocknen Suppenteller weggenommen wurden und andere vorgesetzt.

    Zutaten:

    • 2 Schalotten, gewürfelt
    • 40 g Butter
    • 350 g Kartoffeln, geschält und gewürfelt
    • 150 ml Weißwein
    • 40 ml Noilly Prat
    • 1 Limette, Saft und Schale (Zeste)
    • 4–8 Sardellen
    • 500 ml Gemüsebrühe
    • 300 ml Schlagsahne
    • 100 ml Sauerrahm
    • 30 g Butter
    • 100 g Soßenkuchen

    Zubereitung:

    Die Schalotten in der Butter anschwitzen, Kartoffeln zugeben, kurz mit anbraten. Mit Weißwein und Noily Prat abschrecken und aufkochen. Die Brühe, die Limettenschale und die Sardellen zugeben. 20 min köcheln lassen (Kartoffeln müssen weich sein).

    Kartoffeln mit der Brühe pürieren. Die Sahne zugeben und nochmals aufmixen. Kurz vor dem Servieren den Sauerrahm und die Butter unterrühren. Mit Limettensaft, Salz und Pfeffer (evtl. Muskatnuss) abschmecken.

    Den Soßenkuchen in dünne Scheiben schneiden, fein würfeln und in reichlich Butter rösten. Über die Suppe streuen.

  8. Schnepfendreck

    ——— Dr. Katzenbergers Badereise, 1809:

    Da ich nun meinen Gästen gern Ausgesuchtes vorsetze: so bot ich einigen Leckermäulern darunter Schnepfendreck, wie gewöhnlich mit Butter auf Semmelscheiben geröstet, an, und zwar so wie ihn täglich meine beiden Schnepfen unmittelbar lieferten. Aber ich darf Sie als ehrlicher Mann versichern, meine Gnädige, auch kein einziger bezeigte statt einiger Lust etwas anderes als ordentlichen Abscheu vor dem vorgesetzten Dreck; und weshalb eigentlich? – Bloß deshalb – nun komm‘ ich auf unsern Punkt –, weil das Schnepfengedärm nicht mit auf die Semmelscheiben gestrichen war und die Gourmands nur bloßen Netto- und keinen Bruttodreck vor sich erblickten. Ich bitte aber hier jeden vernünftigen Mann zu urteilen, ob ich meine Sumpfvögel – da sie ganz die Kost erhielten (Regenwürmer, Schnecken und Kräuter), aus der Schnepfen von jeher den Liebhabern wieder eine Kost auf den ersten Wegen zugeführt – ob ich, sag‘ ich, solche etwan abschlachten sollte (wie jener seine Henne, die ihm täglich goldne Eier legte), um gleichsam die Legdärme aufzutischen.

    Zutaten:

    • 2 Auberginen
    • 100 ml Olivenöl
    • je 2 Zweige Rosmarin, Thymian, Estragon fein gehackt
    • 2 Knoblauchzehen, gepresst
    • 1 EL Orangenzesten, fein gehackt
    • 2 EL Tomatenmark
    • 125 g Sauerrahm
    • Balsamico, Cayennepfeffer
    • 1 Blatt Gelatine
    • 10 Scheiben Mehrkorn-Toast

    Zubereitung:

    Aubergine schälen und 0,5 x 0,5 cm groß würfeln. Mit Öl anschwitzen, salzen.

    Kräuter, Knoblauch und Orangenzesten zugeben, durch schwenken und mit Tomatenmark binden. Mit Balsamico abschmecken und abkühlen lassen.

    Sauerrahm mit Essig, Salz, Pfeffer und Gelatine glatt rühren.

    Toast mit Olivenöl bräunen und mit dem Sauerrahm bestreichen.

    Auberginen auf dem Toast platzieren, mit Thymian und Orangenzesten dekorieren

  9. Schweizer Bäckerei

    ——— Palingenesien, 1798:

    Die kategorischen Imperatoren werden mit mir darüber reden und Händel suchen, daß ich in der blauen Glocke ein wahres Fürsten-Pickenick – Dinte und Wein waren nur die erste Foderung – von der Sagosuppe an bis zur Schweizerbäckerei für mich und den Meister aufsetzen ließ, bloß um der Universität zu zeigen, was wir verzehret hätten bei längerem Bleiben. Stuß mußte Petitknaster rauchen und Fidibus fodern und den Span wegwerfen. Ach die passabelsten Menschen – das beweiset mein Zorn-, nicht Liebes-Mahl – gleichen den breitesten reinsten Parisergassen: die dunkelsten häßlichsten Quergäßchen durchschneiden sie oft. Menschen und Bücher müssen in mehr als eine Korrektur gelangen, um die Errata zu verlieren.

    Zutaten:

    • Teig: 300 g Butter • 150 g Puderzucker • Salz • 400 g Mehl • 40 g Kakao • 2 cl Rum
    • Füllung dunkel: 100 ml Sahne • 150 g dunkle Kuvertüre, fein geschnitten • Johannisbeergelee, mit Creme de Cassis verrührt
    • Füllung hell: 75 ml Sahne • 150 g weiße Kuvertüre, fein geschnitten • Marzipan, abgezogene Mandeln in Zuckerguss und Zucker gewälzt

    Zubereitung:

    Für den Teig alle Zutaten außer Kakao und Rum zu einem glatten Teig verkneten. Den Teig halbieren. In ein Hälfte Kakao und Rum einarbeiten. Bei Teile in Folie packen und mindestens 1 Stunde kühl stellen, dünn ausrollen, Kreis ausstechen und in Tarteletteförmchen füllen. Mit Hülsenfrüchten blind backen.

    Für beide Füllungen die Sahne aufkochen und die Kuvertüre unterrühren. Mit dem Pürierstab homogenisieren.

    Die hellen Tartelettes mit einem Klecks Johannisbeergelee füllen. Die dunkle Creme einspritzen. Mit heller Kuvertüre garnieren. In die dunklen Tartelettes etwas Marzipan geben und die helle Creme einspritzen. Die abgezogenen Mandeln mit einem Klecks schwarzer Kuvertüre auf das Gebäck setzen.

  10. Virtuelle Rumfordsche Suppe

    Die überfettete Erbswurstsuppe erfand General Rumford für seine Soldaten. Bei Jean Paul kommt sie als Symbol für Sparsamkeit, ja Knausrigkeit vor. „Virtuell“ wurden die Bestandteile hier aufgespalten und verfeinert.

    ——— Vorschule der Ästhetik, nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit, 1804:

    Die beste Probe und Kontrolle (Widerrechnung) des Witzes ist eben sein Überfluß; ein Einfall, welcher allein geschimmert hätte, erblasset in glänzender Gesellschaft; folglich wird der Vorwurf matter und gesuchter Einfälle gerade den Witz-Verschwender treffen. Wenn ökonomische Schreiber den Leser lange durch nötige Hungerkuren und Fastenzeiten durchgezogen, und sie ihn eben nun, da er fürchtet, in einen Ugolinos-Hungerturm hinabzusteigen, plötzlich vor eine Suppenanstalt bringen: Himmel, wer beschreibt das Entzücken und den Genuß! – Wollte jemand hingegen dieselbe Rumfordsche Suppe an andern Orten mit unter dem Nachtisch und feinen Weinen herumgeben: so fiele der Effekt schwächer aus.

    Zutaten:

    • 200 g Erbsen
    • 50 ml Sahne
    • 50 ml Gemüsefonds
    • 3 Blatt Gelatine
    • 20 ml Martini dry
    • Zitronensaft
    • 50 g geschlagene Sahne
    • 50 g Perlgraupen
    • frische Minze
    • 1 EL Salatdressing
    • schwarze Oliven oder getrocknete Blutwurst zum Dekorieren

    Zubereitung:

    Erbsen blanchieren, circa 30 Gramm für die Dekoration nach dem ersten Aufkochen herausnehmen. Restliche Erbsen mit Sahne und Gemüsebrühe gründlich pürieren. Gelatine auflösen und unterrühren. Alles erkalten lassen. Danach mit dem Martini nochmals aufschlagen. Mit Zitronensaft und Salz abschmecken. Die geschlagene Sahne unterhegen. Masse auf ein Blech circa zwei Zentimeter dick aufstreichen, erkalten lassen.

    Graupen in 150 Milliliter Wasser aufkochen, leise köcheln lassen bis das Wasser eingezogen ist. Abkühlen. Danach mit gehackter Minze, Salz, Pfeffer und Salatdressing anmachen.

    Aus dem Erbsenmousse kleine Kreise ausstechen und auf dem Graupensalat platzieren. Mit Erbsen, Oliven etc. dekorieren.

  11. Wespennester [Jean-Paul-Zitat siehe oben, unter Gebackener Katzendreck]

    Zutaten:

    • 250 g Butterschmalz
    • 20 g zerlassene Butter zum Bestreichen
    • 4 Eier
    • 4 Eigelb
    • 150 g lauwarme Sahne
    • 1 Packung Hefe
    • 500 g Mehl
    • Zibeben (Jumbo-Rosinen)
    • Korinthen (auch Schokoladenstückchen, Zimt, Kakao)

    Zubereitung:

    Das Butterschmalz schaumig schlagen (altdeutsch abtreiben) und Eier und Eidotter einzeln dazurühren.Die Hefe in der lauwarmen Sahne auflösen und nach und nach zugeben. Zuletzt das Mehl zugeben und den Teig gut abschlagen. An einem warmen Ort gehen lassen. Teig auf einer bemehlten Fläche ca. 5 mm dick ausrollen. In 3 cm x 20 cm lange Streifen schneiden. Mit den Rosinen belegen und einrollen. In Backpapierstreifen einschlagen und nochmal gehen lassen.

    Bei mittlerer Hitze ca. 20 Minuten langsam backen.

  12. Zichorien-Mousse

    ——— Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch, 1801:

    „Anlangend das Geld,“ (fuhr ich fort) „dieses Herz des innern Menschen, so bedaur‘ ich seit Jahren die Staaten, die es verfressen und versaufen. Die besten schneiden ihren Festungs-Sassen nur das Kaffeewasser ab; aber warum lassen sie zu, daß der Kaffee seine Repräsentanten ins Unterhaus schickt, Zichorien, Eicheln, Rüben und den Satan? Warum stopft man – dieselben Gründe schreien – der Glückseligkeitslehre nur eine Quelle zu? Warum wird Tee, Wein, Fleisch, Bier, Gebacknes so frei zugelassen? Desgleichen Obst, Gemüse und alles nur Leckerhafte, da gesundes Brot seinen Mann ernährt? – Mit alle diesem könnte ja gehandelt werden nach auswärts und ein hübscher Pfennig Geld ins Inland gespielt – alle Waren würden, wenn mans täte, wie bei den edeln Holländern die französischen Bücher, nur spediert und verlegt, ohne das geringste Konsumo – Ulrichsschlager! würde dann nicht das Staatsgebäude ein großer, blanker Silberschrank und alle Untertanen Preziosa für den Fürsten, die er angreifen könnte in der Not?“

    Zutaten:

    • 1 Ei
    • 1 Orange, Saft und Schale
    • 150 g dunkle Kuvertüre
    • 4 cl Creme de Cacao
    • 400 g geschlagene Sahne
    • 200 ml Milch
    • 30 g Kaffeebohnen
    • 10 g getrocknete Wegwartenwurzel (Apotheke)
    • 3 Eigelb
    • 4 cl Amaretto
    • 3 Blatt Gelatine
    • [weitere] 250 g geschlagene Sahne

    Zubereitung:

    Milch mit Kaffeebohnen und Wegwartenwurzeln aufkochen und 1 Stunde ziehen lassen. Durch ein Sieb streichen und erhitzen. Die Eigelb mit dem Zucker weiß schaumig schlagen. Kaffeemilch und Amaretto langsam einrühren. Im Wasserbad rühren, bis die Masse bindet. Ei, Orangensaft und -schale über dem Wasserbad schaumig schlagen. Mit dem Alkohol abschmecken. Die Kuvertüre verflüssigen und in die Eigelbmasse rühren. Sahne unterheben. In Gläschen füllen und abkühlen lassen. Die Blüten und die eingeweichte Gelatine einrühren und abkühlen lassen. Zuletzt vorsichtig die Sahne unterheben. Auf die Schokomousse füllen und auskühlen lassen. Vor dem Servieren mit frischen oder getrockneten Blüten garnieren.

Auf ihrer eigenen Präsenz bringt Beate Roth noch: Der Geschmack der Heimat. Jean Paul und die Kartoffel. Nicht vollends unpassend vergleicht sie darin Jean Paul — siehe weiter oben die Ausführungen zu seinen Portraits — mit der schwellenden Knolle, allerdings verwenden bezeichnenderweise nur 50 % der angeführten zwei Rezepte Kartoffeln.

  • Hesperus-Erdäpfelkäse

    ——— Hesperus, Erstes Heftlein, 7. Hundposttag, 1795:

    Man setzte sich zum Gastmahl im Gartenhaus. Selten sind Schmäuse so wie dieser durch zwei außerordentliche Vorzüge gewürzt, durch Mangel an Essen und Mangel an Platz. Nichts reizt den Appetit so sehr als die Besorgnis, er finde nicht satt. Es war von Sebastian ausgesonnen, daß für jeden Gast nur das Leibgericht besorgt wurde – für den Pfarrer farcierte Krebse und Erdäpfelkäse – für Flamin Schinken – für den Helden das Gemüse vom guten Heinrich. – Jeder wollte jetzo das Leibgericht des andern, und jeder subhastierte seines. Sogar die Damen, die sonst wie die Fische essen und nicht essen, bissen an. Der zweite berauschende Bestandteil, den sie in ihren Freudenbecher geworfen hatten, war der Tisch samt Gartenstube, wovon jener die Kost, diese die Kostgänger nicht faßte.

    Zutaten:

    • 150 g Kartoffeln gekocht und durchgequetscht
    • 120 g Quark
    • 50 g saure Sahne
    • 30 g weiche Butter
    • Salz, Pfeffer
    • 4 EL fein geschnittene Schnittlauchröllchen
    • Rosa Pfeffer

    Zubereitung:

    Den Quark mit Sauerrahm und Butter verrühren. Danach Kartoffelschnee und Kräuter unterheben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und mit dem rosa Pfeffer garnieren.

  • Farcierte Krebse

    Zutaten:

    • 250 g Krebsfleisch oder ausgelöste Garnelen (am besten TK-Ware)
    • 250 g Lachsfilet
    • 100 g Räucherlachs
    • 50 g Schinkenspeck nach Geschmack
    • 2 Eiweiß
    • Salz
    • 200 g Sahne
    • 50 g Crème fraîche
    • 1 Ei
    • 200 g fertig gekochte Krebse
    • 20 g Pistazien

    Zubereitung:

    Krebsfleisch, Lachsfilet, Räucherlachs und Speck am besten noch leicht gefroren im Mixer fein pürieren und das Eiweiß einarbeiten. Für 10 Minuten ins Gefrierfach stellen. Wenn die Masse nach dem Pürieren noch etwas grob ist, durch ein Sieb streichen.

    Sahne, Crème fraîche und das Ei kräftig unter die Krebsfarce rühren, salzen und pfeffern. Die Flusskrebse und die Pistazien vorsichtig unterkneten. Nochmals 10 Minuten kühlen.

    Eine Terrinenform mit Butter einfetten und die Farce einfüllen. Die geschlossene Form (Kuchenformen mit Alufolie abdecken) in eine mit heißem Wasser gefüllte Reine stellen und im vorgeheizten Ofen bei 150 Grad circa 50 Minuten garen. Gut auskühlen lassen.

  • Man ersieht eher aus dem Sekundärartikel von Frau Roth als aus ihren Rezepten nach dem Primärmaterial, wie grundlegend die Kartoffel für den Schreiber und Esser und Trinker Jean Paul war. Am eindeutigsten äußert er sich über die nahrhafte Hackfrucht noch in dem als „Kartoffel-Gastmahl“ bekannt gewordenen Abschnitt in Architektonik und Bauholz für die Vorrede zur zweiten Auflage des Hesperus 1798:

    Unser literarisches Küchenpersonale weiß uns dasselbe goutée unter dem Scheine sechs verschiedner Schüsseln auf das Tischtuch und in den Mund zu spielen, und belustigt uns zweimal im Jahr mit einer Nachahmung des berühmten Kartoffel-Gastmahls in Paris: anfangs kam blos eine Kartoffelsuppe – dann schon mit anderer Zubereitung wieder Kartoffeln – das dritte Gericht hingegen bestand aus umgearbeiteten Kartoffeln – auch das vierte – als fünftes konnte man nun wieder Kartoffeln servieren, sobald man nur zum sechsten neu brillantierte Kartoffeln bestimmte – und so ging es durch 14 Gerichte hindurch, wobei man noch von Glück zu sagen hatte, daß wenigstens Brod, Konfekt und Likör den Magen aufrichteten und aus Kartoffeln bestanden. – –

    „Umgearbeitet“ — aus so einer Angabe kann nicht einmal eine Food-Designerin ein Kochrezept destillieren, schon gar keine vierzehne. Das beste davon, das Jean Paul auch wirklich verzehrt hat, wird allerdings von der Wirtin seiner letzten Stammschreibstube zu Bayreuth Anna Dorothea Rollwenzel überliefert: Kartoffeln. — Wie Kartoffeln? — Na, Kartoffeln halt. — Kartoffeln mit was? — Kartoffeln mit zur Not einer Gabel. Einfach Kartoffeln. — Frau Rollwenzel über Jean Paul. Rede, gehalten in der Berliner Mittwochs-Gesellschaft zur Feier des Jean Paulschen Geburtstages, Dienstag am 21. März 1826, nach: Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz, 53stes Blatt, 3. April 1826:

    Sehen Sie, es vergeht fast kein Morgen, daß nicht der einzige Mann, dieser Jean Paul, zu mir heraus kommt mit seiner botanischen Kapsel; er grüßt mich, und dann geht er oben in sein Eckzimmer, das ich den Herren zeigen werde, und schreibt, oder draußen ins Freie. Ach und wie einfach ist sein Leben, das ist Alles nach der Regel! Plötzlich, wenn er schreibt, fällt ihm ein, daß er essen muß; dann verlangt er schnell nach seinem Lieblingsgericht. Und was ist das? — Denken Sie sich — Kartoffeln. Dieser einzige Mann ißt Kartoffeln. Wir kochen sie ihm schnell — wir wissen es ja. Ich bringe sie ihm, er sieht, wie ich sie hinstelle, er starrt mit der Feder in der Hand d’rauf hin, sehen Sie, und wenn ich nach ein Paar Stunden wiederkomme, stehen sie noch unberührt neben ihm. Nun will er essen, aber es ist kalt, das kann ich nicht zugeben und ich koche ihm von Neuem. Das weiß er auch wohl, und dem lieben einzigen Herrn thut es leid, daß ich so viel Mühe hätte — Gott, was thut man nicht für ihn! — und deshalb fordert er schon des Morgens früh sein Mittagbrod, daß wir Beide den Tag über Ruhe haben. Aber, du lieber Himmel, dadurch leidet denn auch sein Körper, wenn das nicht seine Zeit und Ordnung hat.

    Die Zutaten sind: Kartoffeln. Serviert wird zweimal täglich, vor allem wenn der hungernde Schreibende auf der Flucht vor Eheproblemen schon früh um sechs (sommers) bis acht (winters) im vier Kilometer von zu Hause entfernten Wirtshaus erscheint. Dazu muss immer dank der rührigen Rollwenzelin oder einer ihrer Stellvertreterinnen reichlich, vorzugsweise Bayreuther Bier auf dem Tisch stehen — und fakultativ ein Strauß Wiesenblumen, damit der Dichter der Vergänglichkeit dem Tod bei der Arbeit zuschauen kann.

    Das letzte überlieferte Portrait von Jean Paul ist denn auch das vom geringsten technischen Aufwand: Bleistift — und zeigt ihn in unentschiedener Pose, schon nicht mehr recht als er selbst kenntlich. Laut der Jean-Paul-Gesellschaft stammt es von Ernst Förster 1826, dem gleichen Jahr wie der obige Redeausschnitt der Rollwenzelin, und da war Jean Paul schon seit letztem Jahr tot.

    Ernst Förster, Jean Paul, 1826

    Soundtrack: Big Bill Broonzy & Washboard Sam: Diggin‘ My Potatoes,
    aus: Big Bill Broonzy and Washboard Sam, 1953:

    Written by Wolf

    7. Juli 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei