Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Nahrung & Völlerei’ Category

Weinfassreiten an der Küste der Nacht (oder geschah es bei Tage)

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Update zu Ich trinke ein Glas Burgunder!
und Wein-Lese:

Ich hab‘ ihn selbst hinaus zur Kellerthüre –
Auf einem Fasse reiten sehn – –
Es liegt mir bleyschwer in den Füßen.

Sich nach dem Tische wendend.

Mein! Sollte wohl der Wein noch fließen?

Altmayer in Auerbachs Keller, Vers 2329 ff.

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

Dem rezenten Literatur- und Weinverbraucher auf nimmermüder Suche nach seinen Konsumgütern muss nicht automatisch klar sein, was dieser viel und gerne besungene Burgunder genau ist, und ob es überhaupt noch welchen gibt, und wenn ja, welchen davon E. T. A. Hoffmann sich in den Gastwirtschaften seines Vertrauens an (und unter) den Tisch reichen ließ — was nicht einmal zwingend der Einfalt besagten Verbrauchers geschuldet sein muss: Hoffmanns Bamberger Stammkneipe ist ohne Google Maps kaum zu eruieren, und für seine favorisierte Burgundersorte muss man ganz schön in obskuren Insel-Taschenbüchern gründeln. Die Bamberger Altstadt ist seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe; was also gedenkt das dasige Tourismus-Marketing, das schon zugelassen hat, dass jemand oder etwas in eine einwandfreie Kneipe ein Steak- und Fischrestaurant am Rande der Eventgastronomie hineinstellen darf, gegen sotane Missstände zu unternehmen?

Natürlich so wenig wie möglich; den Leuten, die für einen „Fischteller Hoffmanns“ aus verschiedenen Fischfilets, Garnele (im Singular), Ratatouille und Kartoffeln 19 Euro blättern (Stand Ende Juli 2017), taugt’s. Wir müssen also wieder alleine schauen, wo wir bleiben, und finden in der FAZ, was sie offenbar aus einem knapp zehnminütigen Youtübchen von „Kulturkäffchen“ recherchiert hat:

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

——— Tilman Spreckelsen:

Der goldene Kopf.
Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht,
reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts

aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017:

Der Weinhändler Kunz berichtet von Besuchen seines Freundes im Gewölbekeller seines Hauses am Grünen Markt im Zentrum der Stadt. Das prächtige Gebäude steht noch, der Keller, heute wie leergefegt, ist auch noch da, und dort, schreibt Kunz, hätten die Freunde regelmäßig einen bestimmten Burgunder aus dem Anbaugebiet Côte de Nuits getrunken – und zwar so, „dass wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst nahmen und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphierend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte“.

Den ganzen FAZ-Artikel wert ist allerdings das verwendete Bildmaterial, das er sinnigerweise von der Berliner Fotografin Andrea Fischer bezieht und das ich hier dankbar weiterverwende. Schwarzweiß mit durchgehender Tiefenschärfe, das ist sowieso die Feenkönigin unter den Fototechniken.

So dünn der Artikel auch sonst daherkommt — mit wie viel dickeren Brettern könnten wir denn mehr anfangen? Ein ganz und gar erfreulicher und tragfähiger Lerninhalt ist doch die genaue Weinsorte, die Hoffmann in einer wichtigen Lebensphase bevorzugte — und dass es die sogar noch zu kaufen gibt, woran wir Postmodernen ja in den Fällen des Burgunders im allgemeinen und Karl Simrocks Menzenberger Eckenblut im besonderen schnell scheitern. „Das Stöffchen, das einst E.T.A. Hoffmann befeuert hat, aber nicht namentlich überliefert ist“, das ich noch in der Weinlesezeit 2016 in Wein-Lese vorschnell der Verschollenheit überantworten musste, ist damit als Côte de Nuits benannt.

Nicht nachzuweisen war dagegen der Weinhändler Cagiorgi, den seinerseits der Bamberger Weinhändler Kunz eingangs erwähnt, den wir wiederum in dem oben erwähnten obskuren Insel-Taschenbuch vernehmen: Julius Eduard Hitzig: E. T. A. Hoffmanns Leben und Nachlaß, zuerst erschienen 1823. Des Händlers Erinnerung ist darin als Fußnote versteckt. Noch genauer kriegen wir’s in diesem Leben nicht mehr:

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

——— Carl Friedrich Kunz:

Hoffmann bezog, seinem Verlangen gemäß, von dem Weinhändler Cagiorgi, gegen eine von mir ausgestellte Anweisung, auf meine Rechnung 24 Bouteillen Burgunder. Der genannte Nuits ist bekanntlich eine vorzügliche Gattung dieses Weines, den Hoffmann während seines Bamberger Aufenthaltes besonders verehrte und sich mit mir in meinem Keller trefflich schmecken ließ. Was werden aber die profanen Leute und Philister dazu sagen, wenn ich versichere, daß dieser Nuits aus Ehrfurcht vor seiner geheimnißvollen Kraft und seinem gewürzreichen Bouquet nur in seinem Elemente, der Nacht, oder geschah es bei Tage, doch nur in der zauberisch dunkeln Umhüllung des Kellers von uns genossen ward?! Zuweilen pflegte es sogar zu geschehen, daß wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst (einer sogenannten Piece) nahmen, und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphirend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte, in welchem die blecherne Pumpe, als stets bereitwillige Hebe, bis die Gläser geleert waren, nachlässig ruhte. — Daß aber hier nicht auf gemeine Weise gezecht, sondern auf die geistreichste und gemüthlichste Art sich des heitern Lebens gefreut warb, darf ich ebenfalls versichern. — Die allerdings höchst komische Attitude gab Hoffmann Veranlassung zu einer trefflich kolorirten Zeichnung, die ich leider, wie so viele, ungestümen Bitten nachgebend, nicht mehr besitze. — Dies ächt Tenier’sche Genrebild bezeichnete den Moment, wo, als wir eben beide ganz gemüthlich auf dem Fasse gegenüber sitzen, und im Begriffe stehen, unsere Gläser an einander zu klingen, ein mit einem heftigem Donnerschlage verbundener Blitz durch die Kelleröffnungen zuckt, und unsere von Schrecken grimassirten Gesichter hell erleuchtet darstellt. — Das Bild war kein Phantasiestück, sondern einer wirklich erlebten Scene entnommen, Honny soit qui mal y pense!

Mit dem Weinhändler höchstselbst Saufspiele veranstalten. Will man wirklich wissen, unter Einsatz welcher inneren Organe ein Mensch es so weit im Leben bringt? Und ist das wirklich wahr, dass ich gerade den Job der Bamberger Tourist-Information verrichte?

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

Bilder: Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen: Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus: Jürgen Hultenreich (Text) und Angelika Fischer (Fotos): Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann (Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften), Edition A. B. Fischer, Berlin 2016:

  1. „Am 1. September 1808 kam das Ehepaar Ernst Theodor Amadeus und Marianna, genannt Mischa, in Bamberg an – allein, die gemeinsame Tochter Cäcilia war kurz zuvor zweijährig verstorben. Der zweiunddreißigjährige Hoffmann, der Jura studiert hatte und mit dem Zusammenbruch Preußens arbeitslos geworden war, hatte nun eine Stelle als Musikdirektor am Bamberger Theater bekommen. Das Ehepaar wohnte anfangs in einem Haus direkt am Regnitzkanal. Allerdings gab es von Anfang an Ärger mit der Vermieterin, die dem Musiker das Klavierspielen verbieten wollte. Die Hoffmanns zogen ein paar Häuser weiter.“;
  2. „In dem schmalen Wohnhaus in der Bildmitte bewohnte das Ehepaar Hoffmann die beiden obersten Etagen.“;
  3. „Blick auf die Stephanskirche“;
  4. „Im Weinkeller seines Freundes Kunz am Grünen Markt pflegte Hoffmann auf einem Fass zu reiten.“

Soundtrack zum Getränkemissbrauch: die angenehm durchgeschmorte Feenkönigin
Camille: Fontaine de lait, aus: OUÏ, 2017:

Written by Wolf

11. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

Das Beste sind die Kartoffeln

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Update zu Erdäpfelgulasch,
Schwarze Butter
und Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich
— und wegen erhöhter Wichtigkeit noch zu
Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. (Kartoffeln schmälzen):

Aus der Liebe will ich wie aus den Kartoffeln verschiedene Gerichte zubereiten.

Jean Paul: Titan, Zweiter Band, Dreizehnte Jobelperiode, 61. Zykel, 1801.

Das sind im Direktvergleich Jean Paul, 35-jährig im Gleimhaus zu Halberstadt 1798 von Heinrich Pfenninger gemalt, und noch einmal Jean Paul, 47-jährig 1810 von Friedrich Meier gemalt:

Heinrich Pfenninger, Jean Paul, 1798Friedrich Meier, Jean Paul, 1810

Carl Christian Vogel von Vogelstein, Jean Paul, 1822In den zwölf Jahren zwischen beiden Dichterportraits scheint also einiges vorgefallen. Weniger als in den zwölf Jahren darauf, denn das Jean-Paul-Portrait mit Bleistift, weiß gehöht, von Carl Christian Vogel von Vogelstein 1822 weist bei dem 59-Jährigen schon weit weniger zusätzliche Lebensspuren auf.

Die Wunsiedeler Diplom- und Food-Designerin Beate Roth hat eher spät in ihrem Leseleben Jean Paul kennen gelernt (das alte Lied: Warum ist der Mann kein Schulstoff?), sich aber umso spontaner in ihn verliebt. Vielleicht berufsbedingt hat sie alsbald bemerkt, dass es in seinen Büchern gerne was zu essen gibt, und veranstaltet seit 2011 Kochkurse nach seinen rekonstruierten Rezepten.

Wie beides zusammenhängt? — Am deutlichsten dadurch, dass es überhaupt möglich ist, Rezepte von Jean Paul zu rekonstruieren, und dass dabei doch eine ganze Fülle recht unterschiedlicher Ernährungsweisen herauskommt. Nach moderner Gebietsaufteilung wäre Jean Paul Franke — ja Oberfranke –, entstammt also einer kargen Gegend. Wunsiedel kenne ich: Da gibt’s nicht viel außer guter Luft und dem Grab von Rudolf Heß, da war Jean Paul mit seinen zahlreichen Umzügen innerhalb Deutschlands schon fast Jetset. Man mag mir ruhig glauben, dass dergleichen nicht gerade „typisch fränkisch“ ist. Nun kann es sein, dass so einer nach schmerzlich bewusst erlebten Hungerjahren erhöhten Wert auf gutes Essen legt; das ist einer von mehreren möglichen psychologischen Mechanismen.

Und siehe da, das Portrait von 1798 fällt in die Zeit nach seinem literarischen Durchbruch mit dem Hesperus 1795, die auffallende Veränderung also in die Zeit seiner Verfestigung als Erfolgsautor. Ausführlich nachweisen lässt sich auch, dass Jean Paul bei der häufig fälligen Wahl seiner Wohnorte immer auf die Qualität des lokal erhältlichen Biers geschaut hat: Stark und bitter sollte es sein, seine Briefwechsel sind voll davon, und an seinem letzten und ausdauerndsten Wohnort Bayreuth hat er sehr viel mehr Zeit in der Kneipe als zu Hause verbracht, siehe weiter unten. Seinen immer ehrwürdigeren Schwollkopf kann man deshalb auch der Sauferei zuschreiben. Ihn als langsam aufquellenden Schweralkoholiker anzusehen wäre demnach boshaft, aber korrekt. Und eine höchst plausible Erklärung.

Das Rezept für einen Humpen Bier beherrscht jeder, weil die Hauptarbeit schon von der Brauerei geleistet wurde. Den großen Rest, den Beate Roth aus Jean Pauls Ernährungsvorschlägen zusammengeklaubt hat, wurde 2013 zum 250. Geburtstag (nicht dem von Frau Roth) über den Bayerischen Rundfunk bekannt, als alle Medien „was mit Schangpaul machen“ mussten: Hoppelpoppel und Schnepfendreck, Bayerischer Rundfunk, Kultur Franken, 15. März 2013. Ich bringe im Anschluss alles, was bei Frau Roth selbst und im überlebenden Archivmaterial des Bayerischen Rundfunks aufzufinden war — und darunter noch einen Bonus, wie Sie’s von mir gewohnt sind. Persönlich nachgekocht hab ich noch nichts außer dem allerletzten Rezept, also viel Glück. Erfahrungsberichte sind im Kommentarteil natürlich gern gesehen.

Die Reihenfolge der Rezepte ist alphaetisch umgebaut wie ein Kochbuch, nicht chronologisch nach den fiktionalen Werken. Von Illustrationen der Gerichte sehe ich absichtsvoll ab, weil sogar die Food-Designerin Roth auf ihrer eigenen Präsenz nur die Rezepttexte anführt; wer gucken will, kann gerne beim Rundfunk reinblättern: Zum Nachkochen: Rezepte aus Jean Pauls Werken. Am wichtigsten ist aber: Die brauchbarsten Kochbücher sind immer die ohne Bilder.

  1. Als-ob-Essen

    Jean Paul regt sich in der Vorschule der Ästhetik über die Kleriker auf, die in der Fastenzeit allerlei Tricks finden um die fleischlose Zeit zu umgehen. Die reichen Kirchenleute haben einfach alles was im Wasser lebt als Fisch bezeichnet, was mit Biber anfing und zuletzt mit Gansbraten gänzlich ausgeufert ist. Die Mönche mit weniger Geld und mehr Skrupel „konstruierten“ sich ihr von Jean Paul Als-ob-Essen genannt. Das war Fisch der irgendwie so verarbeitet wurde, dass er wie Fleisch aussah. (Fischwürste, Fischpressack, …)

    ——— Vorschule der Ästhetik, nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit, 1804:

    Leute, welche weder Begeisterung noch Kräfte, nicht einmal Sprache besitzen, ringen der letzten ein ausländisches Qualgedicht ab und legen uns diese Form, als sei sie poetisch gefüllt, auf den Tisch; so suchen die armen Kartäuser, denen Fleisch verboten ist, folglich auch Würste, sich damit etwas weiszumachen, daß sie Fische in Schweindärme füllen und dann laut von Würsten reden und speisen.

    Zutaten:

    • 250 g Lachsfilet
    • 150 g Rauchforelle
    • 250 g weißes Fischfilets
    • 150 g Räucherlachs
    • 10 Pfefferkörner
    • 2 Lorbeerblätter
    • Rosmarin, Thymian
    • 1 EL Sojasoße
    • 1 geröstete Zwiebel
    • 1 kleine Knoblauchzehe, zerdrückt
    • 1 Spritzer Balsamico
    • 600 ml Fischfond
    • 4 Blatt Gelatine (oder entsprechend Aspik)
    • 100 g knackig blanchierte Gemüsewürfel
    • 3 g Sepiafarbe

    Zubereitung:

    500 ml Fischfond mit allen Kräutern, Gewürzen, Sojasoße und Balsamico aufkochen und ca. 30 Minuten simmern lassen. Fischfilet und Lachs im restlichen Fond gar dünsten und zusammen mit der Forelle in Würfel schneiden oder reißen.

    Die eingeweichte Gelatine in 3 EL Fond auflösen, dann mit dem restlichen Fond vermischen. Würzig mit Salz und Balsamico abschmecken. Die Hälfte des Fonds mit Sepia schwarz färben. Kurz vor dem Gelieren die Gemüsewürfel und die Fischwürfel untermengen und in Gläschen oder Darm abfüllen. Über Nacht kalt stellen. Mit Sahne-Meerrettich und Feldsalat (Frühling an der Gabel) garnieren.

  2. Bergsuppe

    ———Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf, 1799:

    Nicht ohne Angst, Neid zu entzünden, sah ich, wie ich gern bekenne, unser Suppen-Paar auftragen; der Hospitalprediger reichte eine Kerbelsuppe, ich hingegen als ein ziemlich berühmter Schriftsteller glaubte nicht zu viel zu tun, wenn ich mit einer Bergsuppe erschiene. Sie muß dir erinnerlich sein durch den Kegel von schwarzem Brot, mit Zimt und Zucker beschneiet, wovon sie den Namen führt. Die Weiber waren (vielleicht vom Geschlecht bestochen) nachsichtiger gegen uns, und unsere Suppen entkamen dem Neid; aber was half das mir?

    Zutaten:

    • 200 g Schwarzbrot, altbacken
    • 50 g Butter
    • 3 Eier, getrennt
    • 30 g Zucker
    • 1 Packung Vanillezucker
    • ½ TL Salz
    • 1 TL Thymian, getrocknet
    • 2 Zitronen, Schalenabrieb
    • 50 ml Milch
    • 1 TL Zimt oder Lebkuchengewürz
    • 4 grüne Äpfel
    • 650 ml Wasser
    • 4 cl Zitronensaft
    • 300 ml Holundersirup
    • 25 g Stärke, nach Belieben

    Zubereitung:

    Butter schaumig schlagen, geriebenes Schwarzbrot unterrühren. Eigelb, Zucker, Salz, Thymian, Milch, Zimt und abgeriebene Schale einer Zitrone schaumig schlagen, unter Schwarzbrotmasse mengen. Eiweiß sehr steif schlagen, vorsichtig unter die Masse heben. Teig in kegel- oder kuppelförmige Pralinenformen füllen. Im vorgeheizten Backofen bei 175° Celsius etwa 15 Minuten backen.

    Für die Suppe Äpfel nach Belieben schälen, Kerngehäuse entfernen, grob schneiden. Mit Hollersirup, Wasser und Zitronensaft in einen Kochtopf geben, zum Kochen bringen. Nach etwa fünf Minuten fein pürieren. Stärke mit etwas Wasser verrühren, in die kochende Apfelsuppe rühren.

    Die Kegel in die Suppe setzen und mit Puderzucker bestäuben.

  3. Einträgliche Gemüsgärtchen

    ——— Der Komet, 1822:

    Alte und neue Staaten: Die neuen Staaten, weniger auf einem ethischen Wurzelgeflechte als Ganzes ruhend, verlangen tägliche Nachhülfen und Erinnerungen zum Gedeihen und sind einträgliche Gemüsgärten, die in jedem Jahre neu gepflanzt werden; aber die alten Staaten sind Obstgärten, die, einmal angelegt, von Jahr zu Jahr ohne neue Ansaat reichere Früchte geben und höchstens das Beschneiden bedürfen.

    Zutaten:

    • 1. Erde: 180g Mehl
    • 80 g Kathreiner Kaffee
    • 50 g gemahlene Haselnüsse
    • 25 g brauner Zucker
    • 80 g Zuckerrübensirup
    • 2.Erde: 50 g Mehl

    • 25 g Kathreiner Kaffee
    • 50 g gemahlene Haselnüsse
    • 70 g zerlaufenes Butterschmalz
    • Salz
    • Creme: 35 g Kräuter, fein gehackt (Estragon, Basilikum, …)
    • 150 g Joghurt
    • 100 g Creme fraîche
    • 5 g Instant-Gelatine
    • Salz, Pfeffer, Cayennepfeffer
    • 20 Stück Radieschen, Mini-Möhren, Mini-Rettich, … gewaschen, geputzt und mit Grün

    Zubereitung:

    Für die 1. Erde alle trockenen Zutaten in der Küchenmaschine fein schroten. Esslöffelweise den Sirup zugeben. Alles im Ofen bei 100° ca. 1,5 Std. trocknen und über Nacht am besten auf der Heizung nach trocknen lassen. Danach für die 2. Erde genauso verfahren, ebenfalls im Ofen ca. 1,5 Std. trocknen und danach mit der 1. Erde vermischen. Klumpen zwischen den Fingern zerbröseln.

    Alle Zutaten für die Creme gründlich vermischen. Die Hälfte in kleine Gläschen oder Blumentöpfe füllen.

    Das Gemüse in die restliche Creme tauchen und in die vorbereiteten Blumentöpfe „pflanzen“.

  4. Gebackener Katzendreck

    ——— Der Komet, 1822:

    Es hätte wohl besser ausfallen können, ja zehntausendmal besser, und gern hätt‘ ich (ich darf es sagen) Bayonner Schinken aufgetischt und Straßburger Pasteten samt polnischem Salat, desgleichen gefüllte Zungen von Troyes und Kälber von Rouen und Hähne von Caux und Kapaunen von la Fleche und Rotkehlchen von Metz; mit Freuden, wie gesagt, hätt‘ ich damit bewirtet; aber die Sachen waren nicht zu haben: konnt‘ ich doch kaum in der Stadt Wien gebacknen Katzendreck auftreiben und sächsische Christscheit und abgetriebene Wespennester und boeuf à la mode und pommersche Gans. Indes war doch das Essen (dies beruhigt mich) gesund und leicht.

    Zutaten:

    • 2–3 rote Zwiebeln
    • 1 EL Butter
    • 30 g Zucker oder Honig
    • 50 ml Weißwein oder Wasser
    • 75 g geschälte und gut ausgekühlte Mandeln
    • 100 g Zucker
    • [weitere] 50 ml Wasser oder Weißwein
    • 50 g Mehl
    • 50 g Speisestärke
    • 10 g Backpulver
    • Schmalz
    • Puderzucker
    • Fruchtsoße (Erdbeere, Himbeere)

    Zubereitung:

    Die Zwiebel schälen und in kleine Stücke schneiden. Das Fett zerlassen, den Zucker darin auflösen und die Zwiebelstücke zugeben. Kurz anbraten, den Wein angießen und zugedeckt bei schwacher Hitze ca. 15–20 Minuten ziehen lassen. Auskühlen.

    Mandeln und Zwiebeln auf eine Schnur fädeln.

    Für den Tempurateig Mehl, Stärke und Backpulver in eine Schüssel sieben und mit soviel kaltem Wasser verrühren, dass ein grob flüssiger Backteig entsteht. Die Mandel/Zwiebelschnüre eintauchen und sofort im heißen Fett frittieren.

    Die Soße auf kleine Schälchen verteilen. Den Katzendreck vorsichtig über der Soße von den Schnüren ziehen und mit Puderzucker bestäuben.

  5. Hoppelpoppel

    ——— Flegeljahre, 1805:

    Vult schlug „Flegeljahre“ vor; der Notar sagte offen heraus, wie ihm ein Titel widerstehe, der teils so auffallend sei, teils so wild. „Gut, so mag denn die Duplizität der Arbeit schon auf dem ersten Blatte bezeichnet werden, wie es auch ein neuerer beliebter Autor tut, etwan: Hoppelpoppel oder das Herz.“ Bei diesem Titel mußte es bleiben.

    Zutaten:

    • 375 ml Milch
    • 70 g Zucker
    • 2 Vanilleschoten
    • 2 Eigelb
    • 50 ml Rum
    • 5–6 Blatt Gelatine
    • 600 ml Sahne
    • 20 Mini-Schokobiskuitböden
    • Kakao mit Zimt
    • Pistazien
    • 125 ml Rum zum Tränken
    • 30 g Puderzucker
    • 250 ml frischer Orangensaft
    • [weitere] 3 Blatt Gelatine
    • Schokoladen-Dekoration

    Zubereitung:

    Eigelb und Zucker mit einer Prise Salz schaumig schlagen. Milch mit den Vanilleschoten aufkochen, Vanille auskratzen. Die Milch zur Eigelbmischung geben und über einem heißem Wasserbad abrühren, bis die Creme bindet. Eingeweichte Gelatine in die noch warme Eiermasse einrühren. Abkühlen lassen, dabei manchmal umrühren. Mit dem Rum kräftig abschmecken. Die geschlagene Sahne unterheben.

    Den Rum mit 2 EL Wasser und dem Puderzucker zum Kochen bringen und die Biskuitböden damit tränken. In Gläschen legen.

    Die Creme darauf geben und glatt streichen. Völlig auskühlen lassen.

    Die Gelatine im Orangensaft auflösen und ca. 2-3 mm dick auf die erkaltete Creme füllen. Je nach Geschmack können einige getränkte Löffelbiskuits in der Creme versenkt werden und/oder Orangenfilets auf der Creme verteilt und mit der Saft-Gelatine-Mischung übergossen werden.

    Mit Kakao bestäuben und mit Schoko-Ornamenten dekorieren.

  6. Kerbelsuppe

    ———Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf, 1799:

    Die weiblichen Magenfieber vom Pickenick waren anfangs noch gelinde Schauer. Mit Vergnügen sah ich, wie schon gesagt, daß man Stiefels Kerbelsuppe und meine Bergsuppe ohne Neid aufnahm – Hedasch schlug sich mit seinen Hechtwürsten samt Hopfen von armen Rittern wohlbehalten durch – die dressierte Rinds-Pastete der Spezialin war schon schwerer zu verfechten – aber jetzt trat der farschierte Puter des Sechsers mit seinen Kartoffeln auf. Die Männer nicht, aber die Weiber spreizten und spannten alles, was sie von Puterfittichen und Schwanzrädern am innern Menschen hatten, jetzt auseinander und klappten auf und zu und wetzten und rauschten! – Gar aber nicht des farschierten Hahnes wegen, sondern weil Kartoffeln kamen.

    Zutaten:

    • 400 g Petersilienwurzel, geschält und gewürfelt
    • 3 Schalotten, gewürfelt
    • 1 EL Butter
    • 50 ml Noily Prat
    • 50 ml Sherry medium
    • 100 ml Weißwein
    • 500 ml Brühe
    • 400 ml Sahne
    • 1 TL Zitronensaft
    • 1 Prise Nelken
    • Salz
    • 1 Bund Kerbel
    • 100 ml Brühe

    Zubereitung:

    Die Schalotten in der Butter anschwitzen. Petersilienwurzeln zugeben und mit anschwitzen. Mit Weißwein, Noily Prat und Sherry aufgießen. Etwa 10 Minuten köcheln lassen. Die Brühe zugeben und nochmals aufkochen. Alles fein pürieren und mit der Sahne aufgießen. Mit Zitronensaft, Salz und Nelken abschmecken.

    Den Kerbel mit der Brühe fein pürieren und durch ein Sieb streichen. Zur heißen Suppe geben. Nicht mehr kochen!

    Der Kerbelsud kann mit 1 Blatt Gelatine angerührt und in Strohhalme gefüllt werden. Nach etwa 6 Stunden Kühlung als Infusion reichen.

  7. Sardellensuppe mit Himmelsbrot

    ——— Der Komet, 1822:

    Jetzo ließ er eine köstliche Sardellensuppe auftragen und leerte zwei Teller davon mit solchem Wohlbehagen ab, daß die Professoren und die Schulmänner einstimmig versicherten, sie hätten zum ersten Male eine so feine Suppe geschmeckt, als er sie darüber fragte und ihnen die trocknen Suppenteller weggenommen wurden und andere vorgesetzt.

    Zutaten:

    • 2 Schalotten, gewürfelt
    • 40 g Butter
    • 350 g Kartoffeln, geschält und gewürfelt
    • 150 ml Weißwein
    • 40 ml Noilly Prat
    • 1 Limette, Saft und Schale (Zeste)
    • 4–8 Sardellen
    • 500 ml Gemüsebrühe
    • 300 ml Schlagsahne
    • 100 ml Sauerrahm
    • 30 g Butter
    • 100 g Soßenkuchen

    Zubereitung:

    Die Schalotten in der Butter anschwitzen, Kartoffeln zugeben, kurz mit anbraten. Mit Weißwein und Noily Prat abschrecken und aufkochen. Die Brühe, die Limettenschale und die Sardellen zugeben. 20 min köcheln lassen (Kartoffeln müssen weich sein).

    Kartoffeln mit der Brühe pürieren. Die Sahne zugeben und nochmals aufmixen. Kurz vor dem Servieren den Sauerrahm und die Butter unterrühren. Mit Limettensaft, Salz und Pfeffer (evtl. Muskatnuss) abschmecken.

    Den Soßenkuchen in dünne Scheiben schneiden, fein würfeln und in reichlich Butter rösten. Über die Suppe streuen.

  8. Schnepfendreck

    ——— Dr. Katzenbergers Badereise, 1809:

    Da ich nun meinen Gästen gern Ausgesuchtes vorsetze: so bot ich einigen Leckermäulern darunter Schnepfendreck, wie gewöhnlich mit Butter auf Semmelscheiben geröstet, an, und zwar so wie ihn täglich meine beiden Schnepfen unmittelbar lieferten. Aber ich darf Sie als ehrlicher Mann versichern, meine Gnädige, auch kein einziger bezeigte statt einiger Lust etwas anderes als ordentlichen Abscheu vor dem vorgesetzten Dreck; und weshalb eigentlich? – Bloß deshalb – nun komm‘ ich auf unsern Punkt –, weil das Schnepfengedärm nicht mit auf die Semmelscheiben gestrichen war und die Gourmands nur bloßen Netto- und keinen Bruttodreck vor sich erblickten. Ich bitte aber hier jeden vernünftigen Mann zu urteilen, ob ich meine Sumpfvögel – da sie ganz die Kost erhielten (Regenwürmer, Schnecken und Kräuter), aus der Schnepfen von jeher den Liebhabern wieder eine Kost auf den ersten Wegen zugeführt – ob ich, sag‘ ich, solche etwan abschlachten sollte (wie jener seine Henne, die ihm täglich goldne Eier legte), um gleichsam die Legdärme aufzutischen.

    Zutaten:

    • 2 Auberginen
    • 100 ml Olivenöl
    • je 2 Zweige Rosmarin, Thymian, Estragon fein gehackt
    • 2 Knoblauchzehen, gepresst
    • 1 EL Orangenzesten, fein gehackt
    • 2 EL Tomatenmark
    • 125 g Sauerrahm
    • Balsamico, Cayennepfeffer
    • 1 Blatt Gelatine
    • 10 Scheiben Mehrkorn-Toast

    Zubereitung:

    Aubergine schälen und 0,5 x 0,5 cm groß würfeln. Mit Öl anschwitzen, salzen.

    Kräuter, Knoblauch und Orangenzesten zugeben, durch schwenken und mit Tomatenmark binden. Mit Balsamico abschmecken und abkühlen lassen.

    Sauerrahm mit Essig, Salz, Pfeffer und Gelatine glatt rühren.

    Toast mit Olivenöl bräunen und mit dem Sauerrahm bestreichen.

    Auberginen auf dem Toast platzieren, mit Thymian und Orangenzesten dekorieren

  9. Schweizer Bäckerei

    ——— Palingenesien, 1798:

    Die kategorischen Imperatoren werden mit mir darüber reden und Händel suchen, daß ich in der blauen Glocke ein wahres Fürsten-Pickenick – Dinte und Wein waren nur die erste Foderung – von der Sagosuppe an bis zur Schweizerbäckerei für mich und den Meister aufsetzen ließ, bloß um der Universität zu zeigen, was wir verzehret hätten bei längerem Bleiben. Stuß mußte Petitknaster rauchen und Fidibus fodern und den Span wegwerfen. Ach die passabelsten Menschen – das beweiset mein Zorn-, nicht Liebes-Mahl – gleichen den breitesten reinsten Parisergassen: die dunkelsten häßlichsten Quergäßchen durchschneiden sie oft. Menschen und Bücher müssen in mehr als eine Korrektur gelangen, um die Errata zu verlieren.

    Zutaten:

    • Teig: 300 g Butter • 150 g Puderzucker • Salz • 400 g Mehl • 40 g Kakao • 2 cl Rum
    • Füllung dunkel: 100 ml Sahne • 150 g dunkle Kuvertüre, fein geschnitten • Johannisbeergelee, mit Creme de Cassis verrührt
    • Füllung hell: 75 ml Sahne • 150 g weiße Kuvertüre, fein geschnitten • Marzipan, abgezogene Mandeln in Zuckerguss und Zucker gewälzt

    Zubereitung:

    Für den Teig alle Zutaten außer Kakao und Rum zu einem glatten Teig verkneten. Den Teig halbieren. In ein Hälfte Kakao und Rum einarbeiten. Bei Teile in Folie packen und mindestens 1 Stunde kühl stellen, dünn ausrollen, Kreis ausstechen und in Tarteletteförmchen füllen. Mit Hülsenfrüchten blind backen.

    Für beide Füllungen die Sahne aufkochen und die Kuvertüre unterrühren. Mit dem Pürierstab homogenisieren.

    Die hellen Tartelettes mit einem Klecks Johannisbeergelee füllen. Die dunkle Creme einspritzen. Mit heller Kuvertüre garnieren. In die dunklen Tartelettes etwas Marzipan geben und die helle Creme einspritzen. Die abgezogenen Mandeln mit einem Klecks schwarzer Kuvertüre auf das Gebäck setzen.

  10. Virtuelle Rumfordsche Suppe

    Die überfettete Erbswurstsuppe erfand General Rumford für seine Soldaten. Bei Jean Paul kommt sie als Symbol für Sparsamkeit, ja Knausrigkeit vor. „Virtuell“ wurden die Bestandteile hier aufgespalten und verfeinert.

    ——— Vorschule der Ästhetik, nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit, 1804:

    Die beste Probe und Kontrolle (Widerrechnung) des Witzes ist eben sein Überfluß; ein Einfall, welcher allein geschimmert hätte, erblasset in glänzender Gesellschaft; folglich wird der Vorwurf matter und gesuchter Einfälle gerade den Witz-Verschwender treffen. Wenn ökonomische Schreiber den Leser lange durch nötige Hungerkuren und Fastenzeiten durchgezogen, und sie ihn eben nun, da er fürchtet, in einen Ugolinos-Hungerturm hinabzusteigen, plötzlich vor eine Suppenanstalt bringen: Himmel, wer beschreibt das Entzücken und den Genuß! – Wollte jemand hingegen dieselbe Rumfordsche Suppe an andern Orten mit unter dem Nachtisch und feinen Weinen herumgeben: so fiele der Effekt schwächer aus.

    Zutaten:

    • 200 g Erbsen
    • 50 ml Sahne
    • 50 ml Gemüsefonds
    • 3 Blatt Gelatine
    • 20 ml Martini dry
    • Zitronensaft
    • 50 g geschlagene Sahne
    • 50 g Perlgraupen
    • frische Minze
    • 1 EL Salatdressing
    • schwarze Oliven oder getrocknete Blutwurst zum Dekorieren

    Zubereitung:

    Erbsen blanchieren, circa 30 Gramm für die Dekoration nach dem ersten Aufkochen herausnehmen. Restliche Erbsen mit Sahne und Gemüsebrühe gründlich pürieren. Gelatine auflösen und unterrühren. Alles erkalten lassen. Danach mit dem Martini nochmals aufschlagen. Mit Zitronensaft und Salz abschmecken. Die geschlagene Sahne unterhegen. Masse auf ein Blech circa zwei Zentimeter dick aufstreichen, erkalten lassen.

    Graupen in 150 Milliliter Wasser aufkochen, leise köcheln lassen bis das Wasser eingezogen ist. Abkühlen. Danach mit gehackter Minze, Salz, Pfeffer und Salatdressing anmachen.

    Aus dem Erbsenmousse kleine Kreise ausstechen und auf dem Graupensalat platzieren. Mit Erbsen, Oliven etc. dekorieren.

  11. Wespennester [Jean-Paul-Zitat siehe oben, unter Gebackener Katzendreck]

    Zutaten:

    • 250 g Butterschmalz
    • 20 g zerlassene Butter zum Bestreichen
    • 4 Eier
    • 4 Eigelb
    • 150 g lauwarme Sahne
    • 1 Packung Hefe
    • 500 g Mehl
    • Zibeben (Jumbo-Rosinen)
    • Korinthen (auch Schokoladenstückchen, Zimt, Kakao)

    Zubereitung:

    Das Butterschmalz schaumig schlagen (altdeutsch abtreiben) und Eier und Eidotter einzeln dazurühren.Die Hefe in der lauwarmen Sahne auflösen und nach und nach zugeben. Zuletzt das Mehl zugeben und den Teig gut abschlagen. An einem warmen Ort gehen lassen. Teig auf einer bemehlten Fläche ca. 5 mm dick ausrollen. In 3 cm x 20 cm lange Streifen schneiden. Mit den Rosinen belegen und einrollen. In Backpapierstreifen einschlagen und nochmal gehen lassen.

    Bei mittlerer Hitze ca. 20 Minuten langsam backen.

  12. Zichorien-Mousse

    ——— Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch, 1801:

    „Anlangend das Geld,“ (fuhr ich fort) „dieses Herz des innern Menschen, so bedaur‘ ich seit Jahren die Staaten, die es verfressen und versaufen. Die besten schneiden ihren Festungs-Sassen nur das Kaffeewasser ab; aber warum lassen sie zu, daß der Kaffee seine Repräsentanten ins Unterhaus schickt, Zichorien, Eicheln, Rüben und den Satan? Warum stopft man – dieselben Gründe schreien – der Glückseligkeitslehre nur eine Quelle zu? Warum wird Tee, Wein, Fleisch, Bier, Gebacknes so frei zugelassen? Desgleichen Obst, Gemüse und alles nur Leckerhafte, da gesundes Brot seinen Mann ernährt? – Mit alle diesem könnte ja gehandelt werden nach auswärts und ein hübscher Pfennig Geld ins Inland gespielt – alle Waren würden, wenn mans täte, wie bei den edeln Holländern die französischen Bücher, nur spediert und verlegt, ohne das geringste Konsumo – Ulrichsschlager! würde dann nicht das Staatsgebäude ein großer, blanker Silberschrank und alle Untertanen Preziosa für den Fürsten, die er angreifen könnte in der Not?“

    Zutaten:

    • 1 Ei
    • 1 Orange, Saft und Schale
    • 150 g dunkle Kuvertüre
    • 4 cl Creme de Cacao
    • 400 g geschlagene Sahne
    • 200 ml Milch
    • 30 g Kaffeebohnen
    • 10 g getrocknete Wegwartenwurzel (Apotheke)
    • 3 Eigelb
    • 4 cl Amaretto
    • 3 Blatt Gelatine
    • [weitere] 250 g geschlagene Sahne

    Zubereitung:

    Milch mit Kaffeebohnen und Wegwartenwurzeln aufkochen und 1 Stunde ziehen lassen. Durch ein Sieb streichen und erhitzen. Die Eigelb mit dem Zucker weiß schaumig schlagen. Kaffeemilch und Amaretto langsam einrühren. Im Wasserbad rühren, bis die Masse bindet. Ei, Orangensaft und -schale über dem Wasserbad schaumig schlagen. Mit dem Alkohol abschmecken. Die Kuvertüre verflüssigen und in die Eigelbmasse rühren. Sahne unterheben. In Gläschen füllen und abkühlen lassen. Die Blüten und die eingeweichte Gelatine einrühren und abkühlen lassen. Zuletzt vorsichtig die Sahne unterheben. Auf die Schokomousse füllen und auskühlen lassen. Vor dem Servieren mit frischen oder getrockneten Blüten garnieren.

Auf ihrer eigenen Präsenz bringt Beate Roth noch: Der Geschmack der Heimat. Jean Paul und die Kartoffel. Nicht vollends unpassend vergleicht sie darin Jean Paul — siehe weiter oben die Ausführungen zu seinen Portraits — mit der schwellenden Knolle, allerdings verwenden bezeichnenderweise nur 50 % der angeführten zwei Rezepte Kartoffeln.

  • Hesperus-Erdäpfelkäse

    ——— Hesperus, Erstes Heftlein, 7. Hundposttag, 1795:

    Man setzte sich zum Gastmahl im Gartenhaus. Selten sind Schmäuse so wie dieser durch zwei außerordentliche Vorzüge gewürzt, durch Mangel an Essen und Mangel an Platz. Nichts reizt den Appetit so sehr als die Besorgnis, er finde nicht satt. Es war von Sebastian ausgesonnen, daß für jeden Gast nur das Leibgericht besorgt wurde – für den Pfarrer farcierte Krebse und Erdäpfelkäse – für Flamin Schinken – für den Helden das Gemüse vom guten Heinrich. – Jeder wollte jetzo das Leibgericht des andern, und jeder subhastierte seines. Sogar die Damen, die sonst wie die Fische essen und nicht essen, bissen an. Der zweite berauschende Bestandteil, den sie in ihren Freudenbecher geworfen hatten, war der Tisch samt Gartenstube, wovon jener die Kost, diese die Kostgänger nicht faßte.

    Zutaten:

    • 150 g Kartoffeln gekocht und durchgequetscht
    • 120 g Quark
    • 50 g saure Sahne
    • 30 g weiche Butter
    • Salz, Pfeffer
    • 4 EL fein geschnittene Schnittlauchröllchen
    • Rosa Pfeffer

    Zubereitung:

    Den Quark mit Sauerrahm und Butter verrühren. Danach Kartoffelschnee und Kräuter unterheben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und mit dem rosa Pfeffer garnieren.

  • Farcierte Krebse

    Zutaten:

    • 250 g Krebsfleisch oder ausgelöste Garnelen (am besten TK-Ware)
    • 250 g Lachsfilet
    • 100 g Räucherlachs
    • 50 g Schinkenspeck nach Geschmack
    • 2 Eiweiß
    • Salz
    • 200 g Sahne
    • 50 g Crème fraîche
    • 1 Ei
    • 200 g fertig gekochte Krebse
    • 20 g Pistazien

    Zubereitung:

    Krebsfleisch, Lachsfilet, Räucherlachs und Speck am besten noch leicht gefroren im Mixer fein pürieren und das Eiweiß einarbeiten. Für 10 Minuten ins Gefrierfach stellen. Wenn die Masse nach dem Pürieren noch etwas grob ist, durch ein Sieb streichen.

    Sahne, Crème fraîche und das Ei kräftig unter die Krebsfarce rühren, salzen und pfeffern. Die Flusskrebse und die Pistazien vorsichtig unterkneten. Nochmals 10 Minuten kühlen.

    Eine Terrinenform mit Butter einfetten und die Farce einfüllen. Die geschlossene Form (Kuchenformen mit Alufolie abdecken) in eine mit heißem Wasser gefüllte Reine stellen und im vorgeheizten Ofen bei 150 Grad circa 50 Minuten garen. Gut auskühlen lassen.

  • Man ersieht eher aus dem Sekundärartikel von Frau Roth als aus ihren Rezepten nach dem Primärmaterial, wie grundlegend die Kartoffel für den Schreiber und Esser und Trinker Jean Paul war. Am eindeutigsten äußert er sich über die nahrhafte Hackfrucht noch in dem als „Kartoffel-Gastmahl“ bekannt gewordenen Abschnitt in Architektonik und Bauholz für die Vorrede zur zweiten Auflage des Hesperus 1798:

    Unser literarisches Küchenpersonale weiß uns dasselbe goutée unter dem Scheine sechs verschiedner Schüsseln auf das Tischtuch und in den Mund zu spielen, und belustigt uns zweimal im Jahr mit einer Nachahmung des berühmten Kartoffel-Gastmahls in Paris: anfangs kam blos eine Kartoffelsuppe – dann schon mit anderer Zubereitung wieder Kartoffeln – das dritte Gericht hingegen bestand aus umgearbeiteten Kartoffeln – auch das vierte – als fünftes konnte man nun wieder Kartoffeln servieren, sobald man nur zum sechsten neu brillantierte Kartoffeln bestimmte – und so ging es durch 14 Gerichte hindurch, wobei man noch von Glück zu sagen hatte, daß wenigstens Brod, Konfekt und Likör den Magen aufrichteten und aus Kartoffeln bestanden. – –

    „Umgearbeitet“ — aus so einer Angabe kann nicht einmal eine Food-Designerin ein Kochrezept destillieren, schon gar keine vierzehne. Das beste davon, das Jean Paul auch wirklich verzehrt hat, wird allerdings von der Wirtin seiner letzten Stammschreibstube zu Bayreuth Anna Dorothea Rollwenzel überliefert: Kartoffeln. — Wie Kartoffeln? — Na, Kartoffeln halt. — Kartoffeln mit was? — Kartoffeln mit zur Not einer Gabel. Einfach Kartoffeln. — Frau Rollwenzel über Jean Paul. Rede, gehalten in der Berliner Mittwochs-Gesellschaft zur Feier des Jean Paulschen Geburtstages, Dienstag am 21. März 1826, nach: Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz, 53stes Blatt, 3. April 1826:

    Sehen Sie, es vergeht fast kein Morgen, daß nicht der einzige Mann, dieser Jean Paul, zu mir heraus kommt mit seiner botanischen Kapsel; er grüßt mich, und dann geht er oben in sein Eckzimmer, das ich den Herren zeigen werde, und schreibt, oder draußen ins Freie. Ach und wie einfach ist sein Leben, das ist Alles nach der Regel! Plötzlich, wenn er schreibt, fällt ihm ein, daß er essen muß; dann verlangt er schnell nach seinem Lieblingsgericht. Und was ist das? — Denken Sie sich — Kartoffeln. Dieser einzige Mann ißt Kartoffeln. Wir kochen sie ihm schnell — wir wissen es ja. Ich bringe sie ihm, er sieht, wie ich sie hinstelle, er starrt mit der Feder in der Hand d’rauf hin, sehen Sie, und wenn ich nach ein Paar Stunden wiederkomme, stehen sie noch unberührt neben ihm. Nun will er essen, aber es ist kalt, das kann ich nicht zugeben und ich koche ihm von Neuem. Das weiß er auch wohl, und dem lieben einzigen Herrn thut es leid, daß ich so viel Mühe hätte — Gott, was thut man nicht für ihn! — und deshalb fordert er schon des Morgens früh sein Mittagbrod, daß wir Beide den Tag über Ruhe haben. Aber, du lieber Himmel, dadurch leidet denn auch sein Körper, wenn das nicht seine Zeit und Ordnung hat.

    Die Zutaten sind: Kartoffeln. Serviert wird zweimal täglich, vor allem wenn der hungernde Schreibende auf der Flucht vor Eheproblemen schon früh um sechs (sommers) bis acht (winters) im vier Kilometer von zu Hause entfernten Wirtshaus erscheint. Dazu muss immer dank der rührigen Rollwenzelin oder einer ihrer Stellvertreterinnen reichlich, vorzugsweise Bayreuther Bier auf dem Tisch stehen — und fakultativ ein Strauß Wiesenblumen, damit der Dichter der Vergänglichkeit dem Tod bei der Arbeit zuschauen kann.

    Das letzte überlieferte Portrait von Jean Paul ist denn auch das vom geringsten technischen Aufwand: Bleistift — und zeigt ihn in unentschiedener Pose, schon nicht mehr recht als er selbst kenntlich. Laut der Jean-Paul-Gesellschaft stammt es von Ernst Förster 1826, dem gleichen Jahr wie der obige Redeausschnitt der Rollwenzelin, und da war Jean Paul schon seit letztem Jahr tot.

    Ernst Förster, Jean Paul, 1826

    Soundtrack: Big Bill Broonzy & Washboard Sam: Diggin‘ My Potatoes,
    aus: Big Bill Broonzy and Washboard Sam, 1953:

    Written by Wolf

    7. Juli 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

    Bierchen aus alter Zeit

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    Update zu B:

    ——— Bertolt Brecht:

    Liedchen aus alter Zeit

    (nicht mehr zu singen!)

    1950, in: Kinderlieder, 1956:

    Eins. Zwei. Drei. Vier.
    Vater braucht ein Bier.
    Vier. Drei. Zwei. Eins.
    Mutter braucht keins.

    Bertolt Brecht, Brief an Radeberger Brauerei, 5. April 1956

    BierBildBestand: Bertolt Brecht: BettelBrief an Radeberger, 5. April 1956,
    via Sieben Briefe von Bertolt Brecht aus den fünfziger Jahren, Die Zeit, 29. Januar 1998:

    Berlin, den 5. April 1956

    An den
    VEB Radeberg
    Exportbierbrauerei
    RADEBERG

    Sehr geehrte Herren,

    Ich bin Bayer und gewohnt, zum Essen Bier zu trinken. Nun ist das Bier in der Deutschen Demokratischen Republik im Augenblick wirklich nicht mehr gut ausser Ihrem RADEBERGER PILSNER (EXPORT). Können Sie mir vielleicht ausnahmsweise, eine Zeit lang im Monat zwei Kästen über VLK Getränke, Abteilung Import und Spezialbiere, Berlin N 4, Brunnenstr. 188, liefern.

    Mit bestem Dank

    (Bertolt Brecht)

    Bertolt Brecht und Oskar Maria Graf, 1943, New York

    Bertolt Brecht und Oskar Maria Graf beim Stammtisch in New York 1943,
    via Ein Angriff auf uns alle. Gemeinsam gegen das bayerische Integrationsgesetz: Wer ist Deutschlands prominentester Integrationsverweigerer?, 8. Dezember 2016.

    Soundtrack: Kris Kristofferson: To Beat the Devil, aus: Kristofferson, 1970:

    I ain’t saying I beat the devil,
    But I drank his beer for nothing,
    Then I stole his song.

    Written by Wolf

    16. Juni 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

    Frankfurter Osterspaziergang

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    Update zu Die besten Saufbrüder sind gestorben:

    Lebenslust und Konsumfreude atmet der Faust nicht erst in Auerbachs Keller. Um Trunk und sonstige Annehmlichkeiten geht es schon kurz vor dem Osterspaziergang, der Faust mit seinem vorläufigen, auf längere Sicht unzureichenden Sidekick und Famulus Wagner unmittelbar Wagners Ablösung zuführen wird: Mephisto.

    Für heute bleiben wir im lebenslustigen, konsumfreudigen Teil. Laut Albrecht Schöne in der bis auf weiteres besten Faust-Ausgabe ist

    Bemerkenswert die für das Drama dieser Zeit ganz ungewöhnliche Reihung ihrer abgerissen unvollständigen Gesprächsfetzen […], die der Zuschauer/Leser wahrnimmt, als zögen diese Spaziergänger an ihm vorüber.

    Das erwähnte „Jägerhaus“, in das die Studenten streben, ist das Forsthaus bei Sachsenhausen, heute geführt als Oberschweinstiege:

    Das Restaurant Oberschweinstiege hat eine sehr lange Tradition. Der Name stammt von zwei Forstbezirken des Frankfurter Stadtwalds. Der zwischen Sachsenhausen und Neu-Isenburg gelegene Abschnitt wurde als „Oberwald“, der zwischen Schwanheim und dem heutigen Flughafen als „Unterwald“ bezeichnet. Vom 14. bis in 19. Jahrhundert wurden die Schweine der Frankfurter Bürger in diese Waldstücke getrieben, damit sie sich noch vor dem nahenden Winter an Eicheln satt fressen konnten. Erstmals erwähnt wurde die Oberschweinstiege im Jahr 1592, seit 1779 gab es ein Forsthaus. Nachdem der Förster eine Schankerlaubnis erhalten hatte, wurde die Oberschweinstiege schnell zum beliebten Frankfurter Ausflugsziel.

    Die „Mühle“ ist die Gerbermühle, die es noch gibt:

    Die Geschichte der Gerbermühle ist lang und ereignisreich. Im 14. Jahrhundert wurde auf dem malerischen Flecken Erde am linken Mainufer ein Lehngut erbaut. Damit wurde der Grundstein für eine lange und bewegte Geschichte gelegt, die die Gerbermühle zu einem historisch bedeutsamen Teil Frankfurts gemacht hat. Im 16 Jahrhundert wurde die Getreidemühle errichtet. Im 17. Jahrhundert wurde das Gebäude als Gerberei genutzt. Diese beiden ehemaligen Funktionen des einstigen Lehnguts gaben ihm den Namen Gerbermühle, der bis heute erhalten geblieben ist.

    Seine historische Bedeutung erhielt das Gebäude jedoch erst durch den Frankfurter Bankier Johann Jakob von Willemer, der die Gerbermühle im Jahre 1785 als privaten Sommersitz gepachtet und umgebaut hat. Willemer, der mit Goethe befreundet war, lud diesen erstmals im Jahre 1814 zu einem Besuch ein, bei dem Goethe die Bekanntschaft mit Marianne, der Ziehtochter Willemers, machte.

    Zwischen den beiden entwickelte sich eine innige Beziehung, die Goethe zu weiteren und ausgiebigeren Besuchen der Gerbermühle animierte. Im Jahre 1815 verweilte er fast einen ganzen Monat in der Gerbermühle, wo er auch seinen 66. Geburtstag feierte.

    Sowohl Marianne, als auch die pittoreske Landschaft inspirierten ihn zu seinem Gedicht „Ginkgo biloba“, dass [sic…] er Marianne, die von ihrem Ziehvater Johann Jakob von Willemer inzwischen geehelicht wurde, mit Ginkgo-Blättern verziert, zukommen ließ.

    Drei Lieder aus Goethes Werk „West-östlicher Diwan“ stammen aus Mariannes Feder, die der Dichter stillschweigend in seine Publikation aufnahm.

    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Gerbermühle von der Stadt Frankfurt saniert und als Ausflugslokal genutzt. Der 2. Weltkrieg verschonte leider auch die abgelegene Gastwirtschaft nicht. Bis auf die Grundmauern zerstört, wurde die Gerbermühle erst in den 70er Jahren erneut aufgebaut.

    2001 erwarb Werner Kindermann die baufällige Gerbermühle. Damit war der Weg frei für eine gründliche Sanierung und zahlreiche Um- und Ausbaumaßnahmen, deren Ergebnisse sich mehr als sehen lassen können. Die Gerbermühle ist wieder da und um eine Attraktion reicher. Das kleine aber edle Hotel macht aus der ehemaligen Sommerresidenz wieder einen Ort zum Verweilen.

    Außerdem zeigen sie jedem, der Wert auf dergleichen legt, „alle Spiele unserer Eintracht Frankfurt live in der Turmbar.“

    Der „Wasserhof“ stand unmittelbar neben der Gerbermühle und ist leider nur noch durch Wikipedia genauer belegt:

    Die als Wassermühle gebaute Gerbermühle gehörte zum Wasserhof, ein befestigter Gutshof im sumpfigen, von vielen Wasseradern durchzogenen Gelände zwischen dem Fluss Main im Norden und dem Dorf Oberrad im Süden. Die Ausstattung des Hofes mit einer Mühle deutet darauf hin, dass die zum Gutshof gehörenden Felder genügend Erträge erbrachten, um den Betrieb einer eigenen Getreidemühle zu rechtfertigen. Der Wasserhof war Teil eines Lehnguts, das ursprünglich im Jahr 1311 als „curia […] allodium sita in villa Roden prope Frankenvort“ (Hof beziehungsweise Allod, – freies Eigentum – gelegen im Dorf Rad bei Frankfurt) von Philipp von Falkenstein und Philipp von Münzenberg begründet wurde. Diese belehnten im selben Jahr eine Frankfurter Familie von Ovenbach (Offenbach) mit dem Hof. Die Besitzer dehnten das Erbrecht am Lehen auf weibliche Nachkommen der Lehnsnehmer aus („Frauenlehen“); die Erträge des Wasserhofes sicherten den Lebensunterhalt der unverheirateten Töchter der Lehensträger.

    „Burgdorf“ ist das Dorf Bergen, heute Frankfurts östlichster Stadtteil Bergen-Enkheim.

    Schöne bezieht sich bei seinen lokalen Zuordnungen auf Ernst Beutler: Goethe. Faust und Urfaust, erläutert von Ernst Beutler (zuerst 1939), zweite erneuerte Auflage, Leipzig 1940 u. ö. (Sammlung Dieterich, Band 25).

    Der ganze Teil Vor dem Tor samt Osterspaziergang fehlt noch im heute (schon gar nicht mehr) so genannten Urfaust und im Faust-Fragment; man darf also sagen, der alte Goethe hat in der Endfassung Faust. Eine Tragödie seiner — wie gesagt — lebensfrohen und konsumfreudigen Jugend ein Denkmal gesetzt. Unser Ausschnitt bricht dort ab, wo er selbstverständlich als auswendig bekannt vorausgesetzt werden darf. Danach kommt wieder Erdenschwere.

    Peter von Cornelius, Faust und Wagner unter den Spaziergängern vor dem Tore, 1826

    ——— Goethe:

    Faust I

    Vers 808 bis 903:

    Vor dem Thor.

    Spaziergänger aller Art ziehen hinaus.

    Einige Handwerksbursche.
    Warum denn dort hinaus?

    Andre.
    Wir gehn hinaus auf’s Jägerhaus.

    Die Ersten.
    Wir aber wollen nach der Mühle wandern.

    Ein Handwerksbursch.
    Ich rath’ euch nach dem Wasserhof zu gehn.

    Zweyter.
    Der Weg dahin ist gar nicht schön.

    Die Zweyten.
    Was thust denn du?

    Ein Dritter.
    Ich gehe mit den andern.

    Vierter.
    Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr
    Die schönsten Mädchen und das beste Bier,
    Und Händel von der ersten Sorte.

    Fünfter.
    Du überlustiger Gesell,
    Juckt dich zum drittenmal das Fell?
    Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte.

    Dienstmädchen.
    Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zurück.

    Andre.
    Wir finden ihn gewiß bey jenen Pappeln stehen.

    Erste.
    Das ist für mich kein großes Glück;
    Er wird an deiner Seite gehen,
    Mit dir nur tanzt er auf dem Plan.
    Was gehn mich deine Freuden an!

    Andre.
    Heut ist er sicher nicht allein,
    Der Krauskopf, sagt er, würde bey ihm seyn.

    Schüler.
    Blitz wie die wackern Dirnen schreiten!
    Herr Bruder komm! wir müssen sie begleiten.
    Ein starkes Bier, ein beizender Toback,
    Und eine Magd im Putz das ist nun mein Geschmack.

    Bürgermädchen.
    Da sieh mir nur die schönen Knaben!
    Es ist wahrhaftig eine Schmach,
    Gesellschaft könnten sie die allerbeste haben,
    Und laufen diesen Mägden nach!

    Zweyter Schüler zum ersten.
    Nicht so geschwind! dort hinten kommen zwey,
    Sie sind gar niedlich angezogen,
    ’s ist meine Nachbarin dabey;
    Ich bin dem Mädchen sehr gewogen.
    Sie gehen ihren stillen Schritt
    Und nehmen uns doch auch am Ende mit.

    Erster.
    Herr Bruder nein! Ich bin nicht gern genirt.
    Geschwind! daß wir das Wildpret nicht verlieren.
    Die Hand, die Samstags ihren Besen führt,
    Wird Sontags dich am besten caressiren.

    Bürger.
    Nein, er gefällt mir nicht der neue Burgemeister!
    Nun, da er’s ist, wird er nur täglich dreister.
    Und für die Stadt was thut denn er?
    Wird es nicht alle Tage schlimmer?
    Gehorchen soll man mehr als immer,
    Und zahlen mhr als je vorher.

    Bettler singt.
    Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen,
    So wohlgeputzt und backenroth,
    Belieb’ es euch mich anzuschauen,
    Und seht und mildert meine Noth!
    Laßt hier mich nicht vergebens leyern!
    Nur der ist froh, der geben mag.
    Ein Tag den alle Menschen feyern,
    Er sey für mich ein Aerndetag.

    Spaziergang am Ostersonntag. Holzstich nach dem Gemälde von J. Wichmann. Aus der Gartenlaube 1885. In Goethes Faust mit einer Einleitung von Max von Boehn. Berlin im Askanischen Verlag Carl Albert Kindle, 1924Andrer Bürger.
    Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feyertagen,
    Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrey,
    Wenn hinten, weit, in der Türkey,
    Die Völker auf einander schlagen.
    Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
    Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
    Dann kehrt man Abends froh nach Haus,
    Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.

    Dritter Bürger.
    Herr Nachbar, ja! so laß ich’s auch geschehn,
    Sie mögen sich die Köpfe spalten,
    Mag alles durch einander gehn;
    Doch nur zu Hause bleib’s beym Alten.

    Alte zu den Bürgermädchen.
    Ey! wie geputzt! das schöne junge Blut!
    Wer soll sich nicht in euch vergaffen? –
    Nur nicht so stolz! es ist schon gut!
    Und was ihr wünscht das wüßt’ ich wohl zu schaffen.

    Bürgermädchen.
    Agathe fort! ich nehme mich in Acht
    Mit solchen Hexen öffentlich zu gehen;
    Sie ließ mich zwar, in Sanct Andreas Nacht,
    Den künftgen Liebsten leiblich sehen.

    Die Andre.
    Mir zeigte sie ihn im Krystall,
    Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen;
    Ich seh’ mich um, ich such’ ihn überall,
    Allein mir will er nicht begegnen.

    Soldaten.
         Burgen mit hohen
         Mauern und Zinnen,
         Mädchen mit stolzen
         Höhnenden Sinnen
         Möcht’ ich gewinnen!
         Kühn ist das Mühen,
         Herrlich der Lohn!

         Und die Trompete
         Lassen wir werben,
         Wie zu der Freude,
         So zum Verderben.
         Das ist ein Stürmen!
         Das ist ein Leben!
         Mädchen und Burgen
         Müssen sich geben.
         Kühn ist das Mühen,
         Herrlich der Lohn!

         Und die Soldaten
         Ziehen davon.

    Faust und Wagner.

    Faust.
    Vom Eise befreyt sind Strom und Bäche, […]

    Breaking News: Helene „Mir doch wurscht, von wem das ist“ Hegemann:
    Wie hypermodern Goethes Osterspaziergang ist,
    in: Die Welt, 15. Apil 2017, Lesedauer: 4 Minuten.

    Franz Simm, Vor dem Thor, ca. 1900

    BIlder:

    1. Peter von Cornelius: Faust und Wagner unter den Spaziergängern vor dem Tore, 1826;
    2. Spaziergang am Ostersonntag. Holzstich nach dem Gemälde von J. Wichmann. Aus der Gartenlaube 1885. In: Goethes Faust mit einer Einleitung von Max von Boehn. Berlin im Askanischen Verlag Carl Albert Kindle, 1924;
    3. Franz Simm: Vor dem Thor, ca. 1900,

    alle via Jutta Assel/Georg Jäger: Illustrationen zu Szenen aus Goethes Faust: Vor dem Tor / Osterspaziergang, April 2011.

    Soundtracks: Irving Berlin as sung by Judy Garland and Fred Astaire:
    I Love A Piano, Snookey Ookums, and The Ragtime Violin,
    from: Easter Parade (deutsch: Osterspaziergang), 1948:

    Written by Wolf

    17. April 2017 at 01:21

    Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

    Löblich wird ein tolles Streben, wenn es kurz ist und mit Sinn

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    Update zu Tumultuantenharanguieren (sed iam satis) und Nur die Wurst hat zwei:

    Ob Seine Exzellenz, der Herr Geheimrat Goethe, wohl von seinen Jahrzehnte alten, wenngleich abschreckenden Erinnerungen an das Römische Karneval zehren musste, um 75-jährig eine spontane Auftragsarbeit für den Kölschen anzunehmen?

    Der Auftraggeber war Goethen schon bekannt und im Unterschied zu den flatterhaft spontanen Südländern als besonders verlässlich und sortiert aufgefallen. Vielleicht sollte man sich als Auftragsschreiber nach vorne in solche Kundschaft flüchten, die sich ausdrücklich der Narretei verschrieben hat.

    ——— Heinrich von Wittgenstein:

    Extrablatt

    bekannt gemacht im Auftrage des Karnevals=Comite’s.

    Köln den 9. Februar 1825.

    in: Kölnische Zeitung, 9. Februar 1825:

    Das festordnende Comite hatte es für seine Pflicht gehalten, dem Altvater der deutschen Dichtkunst Nachricht zu geben von dem, was es zu einer veredelten Feier des dießjährigen Karnevals unternommen, und dabei den Wunsch zu äussern, ihn bei dem Feste in unserer Mitte zu sehen. Wie von Göthe die Botschaft aufgenommen, beweist das den Festordnern am 3. Februar zugesandte Gedicht, welches diese durch Gegenwärtiges kund zu machen sich beeilen. In der beigefügten Erwiederung von Seiten eines vaterländischen Dichters wird jeder muntere Kölner sein eignes Gefühl ausgedrückt finden. —

    ——— Goethe:

    Der Kölner Mummenschanz

    Fastnacht 1825.

    Ebenda:

    Extrablatt Kölner Karneval, Goethe, Fastnacht 9. Februar 1825, VorderseiteDa das Alter, wie wir wissen,
    Nicht für Thorheit helfen kann;
    War es ein gefundner Bissen
    Einem heitern alten Mann,

    Daß am Rhein, dem vielbeschwomnen,
    Mummenschaar sich zum Gefecht
    Rüstet, gegen angekomnen
    Feind, zu sichern altes Recht.

    Auch dem Weisen fügt behäglich
    Sich das Irren wohl zur Hand,
    Und so ist es ganz verträglich
    Wenn man sich mit Euch verband.

    Löblich wird ein tolles Streben
    Wenn es kurz ist und mit Sinn;
    Daß noch Heiterkeit im Leben
    Giebt besonnenem Rausch Gewinn.

    Häufet nur an diesem Tage
    Kluger Thorheit Vollgewicht;
    Daß mit uns die Nachwelt sage:
    Jahre sind der Lieb und Pflicht.

    ——— Wilhelm Smets:

    Lied an Göthe,

    als derselbe durch ein Gedicht dem Kölnischen Karnevals=Comité seinen Beifall über die diesjährige Festanordnung zu erkennen gegeben hatte.

    Ebenda:

    Extrablatt Kölner Karneval, Wilhelm Smets, Fastnacht 9. Februar 1825, RückseiteGriesgram, Neidhard, Störefried,
    Düstere Gesellen,
    Euch zum Trotze soll dies Lied
    Meiner Brust entquellen.

    Steht ein Sänger weiß von Haar
    Auf dem alten Thurme,
    Hehr und männlich wunderbar
    In der Zeiten Sturme.

    Und er schlägt die Saiten frisch,
    Singet Welt und Leben,
    D’rob in gaukelndem Gemisch,
    Gnomen sich erheben.

    Pustend fiel zum Thurme ziehn,
    Werfen gift’ge Kuchen,
    Glower-Ritter gegen ihn
    Ihre Lanz‘ versuchen.

    Tiefen Schweigens bittrer Hohn
    Scheuchet sie von hinnen,
    Götterstark des Ruhmes Sohn
    Raget von den Zinnen.

    Und es naht ein neuer Troß:
    Siechthum, ihn zu äffen,
    Und des Todes herb Geschoß
    Soll den Heros treffen.

    Doch, er lächelt ob der Noth,
    Greift zum Zaubertranke,
    Gluth färbt ihm die Wangen roth
    Von Champagner’s Ranke.

    Und er schweigt zu jedem Drang,
    Läßt kein Lied ertönen;
    Das ist Pein wie Höllenzwang:
    Sängers ernst Verhöhnen.

    Da mit einmal: Tra, ra, ra!
    Kommt ein lustig Schreiben,
    Wie sie’s in Colonia
    Pudelnärrisch treiben,

    Wie die Freude ewig jung
    Sie im Geist bewahren,
    Und im raschen Jubelschwung
    Ernst mit Scherz verpaaren.

    Sieh, bedeutsam nun das Haupt
    Hebt der alte Sänger,
    Und die Harfe, reich umlaubt,
    Schweiget nun nicht länger.

    „Alter schützt vor Thorheit nicht,
    Freude freut noch innig;
    Spielt das lustige Gedicht,
    Spielt es kurz und sinnig!“

    Goethe im Karneval, Karikatur Extrablatt Fastnacht 9. Februar 1825

    Bilder: Scans vom Original in Thomas Stollenwerk: Goethe und der Kölner Karneval.

    Soundtrack: Marco Fornaciari in Niccolò Paganini:
    Il carnevale di „Mein Hut, der hat drei Löcher“ Venezia, Opus 10, 1829:

    Written by Wolf

    11. November 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

    Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

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    Update zu Touristengeheimtipp mit Gewinnspiel: Meide das Oktoberfest!:

    Zu Cöllen kam ich spät Abends an,
    Da hörte ich rauschen den Rheinfluß,
    Da fächelte mich schon deutsche Luft,
    Da fühlt‘ ich ihren Einfluß –

    Auf meinen Appetit. Ich aß
    Dort Eierkuchen mit Schinken,
    Und da er sehr gesalzen war
    Mußt ich auch Rheinwein trinken.

    Der Rheinwein glänzt noch immer wie Gold
    Im grünen Römerglase,
    Und trinkst du etwelche Schoppen zu viel,
    So steigt er dir in die Nase.

    Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermährchen, Caput IV, Anfang, 1844.

    Zwischen Bergen im Sonnenschein
    liegt am Fluss das Städtchen.

    Hier oben von meinem Meilenstein seh ich über alle Dächer.

    Kerzengrade steigt der Rauch.

    Durch einen blühenden Hollunderbusch
    unterscheide ich deutlich,
    unter der alten Grünspankuppel,
    die Thurmuhr.

    Ein himmelblaues Zifferblatt mit weissen Zahlen.

    Noch drei kleine Striche,
    und die gesammte Bürgerschaft
    setzt sich pünktlich zu Mittag.

    Zwölf!

    Es ist heute Sonnabend, es giebt also überall Eierkuchen.

    Ich köpfe vergnügt eine Distel
    und wandre weiter.

    Arno Holz: Phantasus, Heft 1, 1898.

    Ich bin eine alte Kommode.
    Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;
    Manchmal mit Fußtritten geschlossen.
    Der wird kichern, der nach meinem Tode
    Mein Geheimfach entdeckt. –
    Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

    Joachim Ringelnatz: Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument, aus: Kuttel-Daddeldu, 1924.

    Thomasîn von Zerclaere, Der Wälsche Gast, 1215--1216, 6th Book, Verse 7443--7474. Seite aus der Heidelberger Handschrift CPG 389, fol. 116r, Mitte 13. JahrhundertHab ich’s nicht immer geahnt, dass jemand außer mir meine fast wöchentlichen Herzensergießungen lesen muss. Der Beweis ereilt uns nach ziemlich genau einem Monat nach meinem Aufruf, das verflossene Oktoberfest zu meiden und statt dessen lieber die Ausstellung Bilderwelten 2016. Buchmalerei zwischen Mittelalter und Neuzeit in der Bayerischen Staatsbibliothek zu München aufzusuchen:

    Sebastian Keller war dort und kann es beweisen. Wie aufgefordert kommentiert er unter den richtigen Eintrag:

    Laut Plakaten (ich nehme mal an, dass die in diesem Zusammenhang als zitierfähige Quelle dienen können) stammt das aus „Der Welsche Gast“.

    Alles was recht ist, stimmt das natürlich und ist kaum woanders her zu erfahren als im Eingangsbereich der Ausstellung im ersten Stock. Erst wenn man soviel weiß, kann man weiterverfolgen, dass ein gewisser Thomasîn von Zerclaere der Verfasser des ersten monumentalen deutschsprachigen „Lehrgedicht des Mittelalters, Der wälsche Gast ([mittelhochdeutsches] Original: Der welhische Gast)“ (Wikipedia) war, und das Gedicht seinerseits im Handschriftencensus des Marburger Repertoriums und als Volltext in der Bibliotheca Augustana ausschöpfen. Zum Beispiel entstand das Monument anno 1215 bis 1216, ist also durchaus eine Jubiläumsfeier wert.

    Vorerst feiern wir Sebastian Keller, der da gewesen ist.

    Hurra!

    Ich freue mich, dass es mir die noble Zurückhaltung meiner Mitbewerber erlaubt hat, diesen Wettbewerb für mich zu entscheiden.

    Verehrte An- oder Abwesende, hohes Haus, ich nehme die Wahl an und möchte mich bei den Mitgliedern der Akademie, meinem Agenten und meiner Mutter bedanken, ohne deren unermüdliche Hilfe … etc. pp.

    Die Versandadresse (mit der Bitte um Gelegenheit mich auf gleiche Weise erkenntlich zu zeigen) ist [hier folgt seine Adresse].

    Da der Lobgesang auf Leobowitz schon andernorts gesungen wurde, auch Zé do Rock schon Erwähnung fand und ein Hinweis auf Richard Adams leicht zu einem Nachruf werden könnte, bleibt als Gegenstand der Minne nur die unverfängliche Perfektion aus Mehl, Milch und Ei gebacken: der gewöhnliche Pfannkuchen, auch als Eierkuchen oder Pfannafleck’l bekannt. Natürlich unter Berücksichtigung von Crepe, Palatschinken, Bliny und Artgenossen.

    Auch wenn ich bei meiner Ausschreibung an eine eigene Internet-Präsenz für eine nicht vollends verwerfliche Geschäftsidee oder einen auf irgend eine Weise guten Zweck in der Richtung von Amnesty International oder Strahlemännchen dachte, sagt mir die Idee, für Pfannkuchen zu werben, doch sehr zu; außerdem wollte ich schon immer mal mein Lieblingszitat „Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!“ sinnvoll als Überschrift verwenden. Dabei gibt seine eigene Internet-Präsenz genug her, das man womöglich sogar mal hier brauchen kann, dass ich sie in die Linkrolle nebenan aufzunehmen nicht anstehe. — Schamlos beworben werden also: Pfannkuchen.

    Leute, esst mehr Pfannkuchen! Gewöhnliche Pfannkuchen, auch als Eierkuchen oder Pfannafleck’l bekannt, Crêpes, Palatschinken, Bliny und Artgenossen! Sie sind die unverfängliche Perfektion aus Mehl, Milch und Ei gebacken! Dazu unbestritten wohlschmeckend, äußerst nahrhaft, leicht und variantenreich herzustellen und bestimmt gesund für irgendwas! A pancake a day keeps McDonald’s away!

    Der Buchpreis ist praktisch unterwegs und wird expediert, sobald mir die Post sagt, ob die Büchersendung 1 oder 1,65 Euro kosten soll. Glückwunsch und danke fürs Mitmachen!

    Bild: Seite aus Der wälsche Gast, Heidelberger Handschrift CPG 389, fol. 116r, Mitte 13. Jahrhundert.

    Soundtrack: I’m a Crêpe (oder so ähnlich …) von Radiohead aus: Pablo Honey, 1993, auf verstimmter Kinderukulele zelebriert von der hinreißenden Amanda Palmer, Red Peters‘ Oddville im Cutler Majestic Theatre in Boston, 7. Juni 2008:

    Zu zurückgenommen? Dann noch das Original, solange es auf YouTube erlaubt ist — aber alle Regler nach rechts, wenn’s geht, damit sich hinterher die Pfannafleckln rentieren.

    Written by Wolf

    16. Oktober 2016 at 01:31

    Veröffentlicht in Hochmittelalter, Nahrung & Völlerei

    Wein-Lese

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    Update zu Einige Reste Wein und
    Ich trinke ein Glas Burgunder!:

    Gut! wenn ich wählen soll, so will ich Rheinwein haben.
    Das Vaterland verleiht die allerbesten Gaben.

    Frosch, Auerbachs Keller, Vers 2264 f.

    Da ist mir dieser Tage ein exquisites Tröpfchen aufgefallen. Und ich sag’s gleich: Es ist nicht erhältlich. Es ist der Rheinwein von Karl Simrock — den er nicht nur fleißig verzehrt, sondern in Eigenanbau und Kelterei hergestellt hat. Der Dichter und Gelehrte war nämlich nebenher Freizeitwinzer und übrigens auch Spargelbauer.

    Heinrich Reifferscheid, Karl Simrocks Studierstube im Haus Parzival, Zeichnung 1905

    Schade drum, das zu verkosten wäre ähnlich interessant wie das Stöffchen, das einst E.T.A. Hoffmann befeuert hat, aber nicht namentlich überliefert ist. Über Simrocks Menzenberger Eckenblut weiß man: Es war wohl eine Fuchs- oder Erdbeerrebe, also von eher geringer Qualität — und aus der Ortsgeschichtsschreibung: „Der Weinanbau in Menzenberg endete Ende der 1950er-Jahre“, und als aktuellste Meldung aus dem Bonner General-Anzeiger vom 29. März 2012: Rebfläche am Weingut Menzenberg soll rekultiviert werden:

    Professor Helmut Arntz rettete es vor 30 Jahren vor dem Untergang und ließ es mit großem Einsatz restaurieren. Nur Wein wird eben nicht mehr am Menzenberg angebaut. Lediglich eine alte Simrock-Rebe wurde entdeckt und seither von der Weinbruderschaft Mittelrhein-Siebengebirge gehegt.

    Ihre Ideen zur Rekultivierung des Weinhanges Menzenberg stellten jetzt Peter Weinmann von der Karl-Simrock-Forschung Bonn und Jan Dirk Schierloh von der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft im „Weingut Menzenberg“ vor. „Ziel ist es, einen 4000 bis 5000 Quadratmeter großen Teilabschnitt zu rekultivieren“, sagte Schierloh.

    Die Fläche ist im Eigentum von Hartmut und Helga Möltgen, den Inhabern des Weingutes Menzenberg, das sie restauriert haben und als Gaststätte betreiben. An einen professionellen Weinanbau haben die Initiatoren freilich nicht gedacht, sondern es geht um den kulturgeschichtlichen Aspekt. Bis zur Säkularisation 1803 hatten hier verschiedene Orden Weingüter. Danach verkaufte der Staat das ihm zugefallene Eigentum. So gelangte auch in die Familie des Bonner Musikverlegers und Beethoven-Freundes Nikolaus Simrock ein Weingut.

    Weinkultur MenzenbergDie Inhaber eines Weingutes, die darauf eine Gaststätte betreiben, haben nicht daran gedacht, Wein anzubauen? Boshaft gesagt ist es dann auch kein Wunder, dass Familie Möltgen, ein ausgestiegenes Lehrerehepaar, bis Ende 2013 die letzten Wirtsleute waren — erneut nach Information des Bonner General-Anzeigers am 11. September 2013: Familie Möltgen verkaufen Anwesen am Menzenberg:

    Der gastronomische Betrieb, den das Ehepaar betrieben hat, ruht bereits zum größten Teil. Ende des Jahres [2013] wird er endgültig eingestellt. In Zukunft wird das historische Anwesen ausschließlich als Mehr-Generationen-Wohnhaus genutzt.

    Der aktuelle Stand über Simrocks Anwesen ist laut Adressverwaltung der Stadtinformation Bad Honnef:

    Nach wechselvollen Jahrzehnten mehrerer Eigentümer, Bewohner und baulichem Niedergang, kaufte Prof. Univ. Dr. Helmut Arntz, Fachkollege Simrocks und Bad Honnefer im Jahr 1980 bei einer Zwangsversteigerung das Anwesen. Es erfolgte der Eintrag in die Denkmalliste und der langwierige Wiederaufbau des abbruchreifen „Haus Parzival“ . Die Treppe, Fenster, Türen und Außenläden, die teilweise im Garten herumlagen, sind original, im Keller ist noch das Loch für die Schläuche zum Füllen und Abziehen der Weinfässer zu sehen. Von Simrocks Einrichtung ist im „Haus Parzival“ jedoch nichts mehr vorhanden.

    Der alte Weinberg existiert nicht mehr, dort stehen heute Fichten und alte Obstbäume. Aber auf dem Grundstück des „Haus Parzival“ fand man eine meterlange Amerikaner-Rebe aus der Epoche Karl Simrocks am Menzenberg, die sich zwischen den Ästen eines Apfelbaumes schlängelte. Prof. Arntz ließ eine Pergola bauen, die dem kostbaren Fund seither Schutz und Entfaltungsmöglichkeit bietet.

    Ansprechpartner zu Haus Parzival ist Herr Klaus Weinmann von der Bonner Karl-Simrock-Forschung, keine Besichtigung möglich, nur der Ausgangspunkt für den Literarischen Simrock-Freiligrath-Weg, der kein Rundwanderweg ist.

    Weinkultur MenzenbergMan braucht also derzeit nicht hin, um zu bleiben; weder gibt es den Wein der Sehnsucht noch eine kulturell bedeutsame Einkehr (kein Zweifel besteht hingegen an der allgemeinen Einkehrkultur dieses Landstrichs, gerade auch entlang des Literarischen Simrock-Freiligrath-Weges). Mir hätte das damals noch geöffnete Wirtshaus schon 2007 auffallen sollen, als ich für Moby-Dick™ dem sehr deutschfreundlichen Amerikaner Eric T. Hansen bei seinem Versuch gefolgt bin, das Land der Deutschen mit der Seele zu suchen. Damals hat mir offenbar genügt, seinen anrührenden Abschnitt aus Planet Germany. Eine Expedition in die Heimat des Hawaii-Toasts von 2006 zu verbreiten. Das mach ich glatt noch einmal, diesmal mit Blick auf den Wein. Wir werden ja alle nicht jünger.

    Planet Germany geht über die typisch deutschen Selbstkasteiungen, wie typisch deutsch der typische Deutsche doch sei, weit hinaus; die Qualität rührt nicht daher, dass überraschenderweise doch Amis klug und Deutsche doof sind, sondern von der Distanz schaffenden, jeoch teilnehmenden Sicht von außen. Man stelle sich vor: Amerikanische Jungs wissen sich ihrer Vorliebe zu deutschen Mädchen nur zu erwehren, indem sie welche heiraten. Erwachsen geworden, schreiben sie Bücher mit einer Aufmerksamkeitsspanne von über 15 Sekunden. Und Hawaiianer wohnen freiwillig im verregneten Deutschland, machen ihren Magister in deutscher Mediävistik und passend dazu eine ausführliche Nibelungenreise (und der New Yorker Seemann Herman Melville liest — ich möchte es berücksichtigt haben — nachweislich die Gespräche mit Goethe von Eckermann) — eine Idee, mit der einem Deutschen zu kommen sich einer erst mal trauen muss.

    Weinkultur MenzenbergDas Wohltuende daran ist: Es verhält doch nicht nur so, dass der blindgeschlagene Deutsche an sich dauernd irgendwelchen kulturlosen Besatzern nacheifert. Gerade Karl Simrock hat versucht, das deutsche Nationalepos des Nibelungeliedes durch selbst zusammengesuchtes Sagenmaterial in einem Amelungenlied zu vervollständigen. Meine Ausgabe davon hat etwa 860 Seiten, mehr als das Nibelungenlied. Es war von Anfang an kein Bestseller, meine 860 Seiten sind in Fraktur und ohne Jahreszahl, an eine ISBN war noch lange nicht zu denken, aber wohl von ungefähr anno 1900 — vor allem, falls es die jedenfalls von Gotthold Klee eingeleitete Ausgabe ist. Das Amelungenlied gibt’s also schon länger nicht mehr als den Wein, und für den Sagenkreis um Dietrich von Bern ist man — kein Scherz — am ehesten auf norwegische Literatur angewiesen — weil nämlich ein aufstrebender Komponist in der Tradition von Richard Wagner namens Adolf Hitler seine geplante Dietrich-Oper wegen anderweitiger Bestrebungen nicht zu Ende brachte und man seither nicht weiß, was man daran verpasst oder sich statt dessen eingehandelt hat.

    Karl Simrock wohnte seit 1832 auf dem Weingut und erwarb es 1834 — 32-jährig — für 2367 Taler. Etwa um diese Zeit nahm er die Arbeit am Amelungenlied auf, das ihn allerdings mehrere Jahrzehnte lang beschäftigte. Gedruckt erschein es 1843 bis 1849. Das Etikett zu seinem eigenen Wein ist auf launige Weise antikisierend vom Winzer selbst gedichtet, allerdings wird nirgends klar, ab wann genau; die erhaltenen Vorlagen deuten schon auf frühestens 1840, als Simrock sehr vertieft in die Dietrichepik gedacht und gelebt haben muss. Es bedient sich in Namensgebung und Anpreisung der Dietrichssage.

    ——— Karl Simrock:

    Menzenberger Eckenblut

    Weinetikett, ca. 1840. Unterteilung in mehrere Bildfelder durch knorrige Weinstücke. In der Mitte Ansicht von Simrocks Weingut, darüber weinumrankt die Lagebezeichnung, darunter die nur zur Hälfte vorgedruckte Jahrgangsbezeichnung 18[..], via Karl-Simrock-Forschung:

    Held Dietrich schlug Herrn Ecken
    Zu Tod, den kühnen Mann.
    Nun lassen wir uns schmecken
    Das Blut, das ihm entrann.

    Die Erde hat’s getrunken
    Die Rebe saugt‘ es ein
    Zuletzt in’s Faß gesunken
    Ward es ein edler Wein.

    Und trinken wir des Weines
    So giebt des Helden Blut
    Dem kühnen Sohn des Rheines
    Erst rechten Heldenmuth.

    Wir fürchten keinen Gegner;
    Auf dieser Erde Stern
    Lebt auch kein Ueberlegner,
    Kein Dietrich mehr von Bern.

    Ein jedenfalls größerer Bestseller als alles von Karl Simrock ist Planet Germany von Eric T. Hansen 2006. Ein Stück von geradenwegs zärtlicher Anteilnahme auf der Suche nach dem Inbegriff deutschen Wesens, die sich dem zumal deutschen Leser rückwirkend wiedermitteilt, schafft Hansen in .

    ——— Eric T. Hansen:

    Die Deutschen machen aus ein paar toten Dichtern dermaßen Kult,
    dass man fast meint, sie würden sie auch lesen

    aus: Planet Germany, unter Mitarbeit von Astrid Ule, Fischer Taschenbuch Verlag 2006:

    Weinkultur MenzenbergAm Ende einer steilen, von Bäumen gesäumten Straße hoch über dem Rhein steht ein zweistöckiges Haus, das im spätklassizistischen Stil auf dem Gewölbe einer uralten Kellerei der Minoritenmönche gebaut wurde. Die Villa heißt Haus Parzival. Hier hat der Germanist, Übersetzer, Dichter und Vollblutromantiker Karl Simrock seine Sommer verbracht.

    Simrock hatte bei Schlegel und Arndt studiert, empfing ab und zu Besuch von den Grimms und Ludwig Uhland und verfasste schwärmerische Gedichte über die Schönheit des Rheins. Bekannt wurde er als Übersetzer zahlreicher Werke des Mittelalters und des germanischen Altertums, von der Edda über die Gedichte Walthers von der Vogelweide bis hin zu Wolframs Parzival. Sein größtes Verdienst war, das Nibelungenlied mit einer schwungvollen und lesbaren Übersetzung populär zu machen, ja es gar zu einer Art deutschem Ersatz-Gründungsmythos zu erheben. Er gehörte zum harten Kern der deutschen Identitätsbastler.

    Sein Haus Parzival liegt ein paar Meter ab von der Straße hinter einem schwarzblauen, verschnörkelten Eisenzaun. Das Haus ist gelb, dieses typisch deutsche Buttergelb. Das sanft ansteigende Gelände ist voller Pflanzen – gepflegte Blumenbeete, Wildgräser, selbst das Unkraut ist malerisch. Dazwischen ein Teich, ein Vogelbad, ein hölzerner Tisch mit Stühlen. Ein Ahorn, eine Esche, eine Trauerweide machen den Garten schattig.

    Ich stand eine Weile da und betrachtete den Garten. Er strömte Ruhe aus, und ich bildete mir ein, dass man von hier aus den Rhein riechen konnte. Alles war leicht. Hier war jeden Tag Sommer.

    Ich stellte mir vor, wie Simrock im Garten spazieren geht. Zwischendurch greift er zum Gartenwerkzeug und kümmert sich um seine neuen Spargelbeete. Er hat ein Buch dabei, einen dieser alten Lederbände, die von außen kaum identifizierbar sind, weil der Umschlag keine bunte Abbildung enthält. Es ist sicher der Iwein. Nach einer Weile setzt er sich hin und liest. Wenn der Tag zur Neige geht, nimmt er ein Glas Wein dazu.

    Weinkultur MenzenbergEs war das perfekte deutsche Leben. Das Leben, das die meisten Deutschen heimlich leben wollen – damals wie heute. Ein großes Haus – weder eine Mietwohnung noch eine protzige Villa, eher ein … Anwesen. Genug Geld, um finanziell unabhängig zu sein, aber nicht so viel, dass man als reich beschimpft wird. Im Haus hat man eine Küche mit offenem Kamin. Keine Mikrowelle, kein Plastik. Alles strahlt Ursprünglichkeit aus: Stahl, Stein, Holz. Im Salon ein altes Klavier, ein echter Perser, ein echtes Hausmädchen. Ein Arbeitszimmer – pardon, eine Privatbibliothek natürlich, mit bequemen Stühlen und einem breiten Schreibtisch, denn „arbeiten“ heißt, man befasst sich mit dem Griechischen und mit Latein. Der ideale Deutsche arbeitet mit den Dingen des Geistes. Nicht des Hirns, sondern des Geistes. Er hat Muße. Dass er kein Snob ist, zeigt, dass er nebenbei ein Handwerk ausübt. Er respektiert die Arbeit mit den Händen und verbringt deshalb viel Zeit im Garten, er kocht selbst in der Küche, wenn Gäste kommen, oder, wie Simrock es tat, er legt einen kleinen, edlen Weingarten an und nennt seinen Wein nach einer Figur aus den alten Schriften, mit denen er sich gerade beschäftigt: Eckenblut, nach dem Riesen in der Dietrichssage. Wenn Freunde vorbeikommen, geht man am Rhein spazieren und diskutiert die Arbeit am griechischen Text und die Entwicklungen in Frankreich oder den anderen wichtigen Regionen der Welt.

    So will jeder Deutsche sein, dachte ich mir, als ich da stand. Was vor mir liegt, ist nichts weniger als die deutsche Seele selbst. Meine Chance war gekommen. Ich musste mich nur ein Stündchen an diesen Tisch in den Garten setzen, dann würde sie sich schon blicken lassen. Wenn ich die jetzigen Bewohner nett fragte, würden sie es sicher erlauben.

    Ich klingelte. Aber es machte keiner auf. Niemand war zu Hause.

    Das Weinetikett gibt’s sogar noch zu kaufen: ca. 19 cm x 26 cm (geringfügige Abweichungen im Papierformat möglich) für 90 Euro zzgl. Versandkosten. Wie gesagt, ohne den Wein.

    Menzenberger Eckenblut

    Bilder: Haus Parzival, Menzenberg 9, das Weingut von Karl Simrock in Weinkultur Menzenberg, Januar 2013:

    1. Heinrich Reifferscheid: Karl Simrocks Studierstube im Haus Parzival, Zeichnung 1905;
    2. Heinrich Reifferscheid: Haus Parzival, Gemälde 1895;
    3. Dankward Heinrich: Der alte Weg zu Haus Parzival führte südlich des Baches (heute privat);
    4. Dankward Heinrich: Karl Simrocks Haus, 2013;
    5. Klaus Rick: Haus Parzival, Eingang — über der Haustür die Initialien des Ehepaars Simrock;
    6. Dankward Heinrich: Weinbergsweg oberhalb Haus Parzival (links unterhalb des Zauns);

    Weinetikett Menzenberger Eckenblut: Carl Schlickum via Karl-Simrock-Forschung Bonn.

    Soundtrack: einer der wenigen genießbaren Momente bei Richard Wagner: Orchesterzwischenspiel vor dem I. Aufzug: Siegfrieds Rheinfahrt, aus: Götterdämmerung, 1876, unter Zubin Mehta in Valencia, 2008:

    Written by Wolf

    23. September 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik