Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Nahrung & Völlerei’ Category

Bierchen aus alter Zeit

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Update zu B:

——— Bertolt Brecht:

Liedchen aus alter Zeit

(nicht mehr zu singen!)

1950, in: Kinderlieder, 1956:

Eins. Zwei. Drei. Vier.
Vater braucht ein Bier.
Vier. Drei. Zwei. Eins.
Mutter braucht keins.

Bertolt Brecht, Brief an Radeberger Brauerei, 5. April 1956

BierBildBestand: Bertolt Brecht: BettelBrief an Radeberger, 5. April 1956,
via Sieben Briefe von Bertolt Brecht aus den fünfziger Jahren, Die Zeit, 29. Januar 1998:

Berlin, den 5. April 1956

An den
VEB Radeberg
Exportbierbrauerei
RADEBERG

Sehr geehrte Herren,

Ich bin Bayer und gewohnt, zum Essen Bier zu trinken. Nun ist das Bier in der Deutschen Demokratischen Republik im Augenblick wirklich nicht mehr gut ausser Ihrem RADEBERGER PILSNER (EXPORT). Können Sie mir vielleicht ausnahmsweise, eine Zeit lang im Monat zwei Kästen über VLK Getränke, Abteilung Import und Spezialbiere, Berlin N 4, Brunnenstr. 188, liefern.

Mit bestem Dank

(Bertolt Brecht)

Bertolt Brecht und Oskar Maria Graf, 1943, New York

Bertolt Brecht und Oskar Maria Graf beim Stammtisch in New York 1943,
via Ein Angriff auf uns alle. Gemeinsam gegen das bayerische Integrationsgesetz: Wer ist Deutschlands prominentester Integrationsverweigerer?, 8. Dezember 2016.

Soundtrack: Kris Kristofferson: To Beat the Devil, aus: Kristofferson, 1970:

I ain’t saying I beat the devil,
But I drank his beer for nothing,
Then I stole his song.

Written by Wolf

16. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

Frankfurter Osterspaziergang

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Update zu Die besten Saufbrüder sind gestorben:

Lebenslust und Konsumfreude atmet der Faust nicht erst in Auerbachs Keller. Um Trunk und sonstige Annehmlichkeiten geht es schon kurz vor dem Osterspaziergang, der Faust mit seinem vorläufigen, auf längere Sicht unzureichenden Sidekick und Famulus Wagner unmittelbar Wagners Ablösung zuführen wird: Mephisto.

Für heute bleiben wir im lebenslustigen, konsumfreudigen Teil. Laut Albrecht Schöne in der bis auf weiteres besten Faust-Ausgabe ist

Bemerkenswert die für das Drama dieser Zeit ganz ungewöhnliche Reihung ihrer abgerissen unvollständigen Gesprächsfetzen […], die der Zuschauer/Leser wahrnimmt, als zögen diese Spaziergänger an ihm vorüber.

Das erwähnte „Jägerhaus“, in das die Studenten streben, ist das Forsthaus bei Sachsenhausen, heute geführt als Oberschweinstiege:

Das Restaurant Oberschweinstiege hat eine sehr lange Tradition. Der Name stammt von zwei Forstbezirken des Frankfurter Stadtwalds. Der zwischen Sachsenhausen und Neu-Isenburg gelegene Abschnitt wurde als „Oberwald“, der zwischen Schwanheim und dem heutigen Flughafen als „Unterwald“ bezeichnet. Vom 14. bis in 19. Jahrhundert wurden die Schweine der Frankfurter Bürger in diese Waldstücke getrieben, damit sie sich noch vor dem nahenden Winter an Eicheln satt fressen konnten. Erstmals erwähnt wurde die Oberschweinstiege im Jahr 1592, seit 1779 gab es ein Forsthaus. Nachdem der Förster eine Schankerlaubnis erhalten hatte, wurde die Oberschweinstiege schnell zum beliebten Frankfurter Ausflugsziel.

Die „Mühle“ ist die Gerbermühle, die es noch gibt:

Die Geschichte der Gerbermühle ist lang und ereignisreich. Im 14. Jahrhundert wurde auf dem malerischen Flecken Erde am linken Mainufer ein Lehngut erbaut. Damit wurde der Grundstein für eine lange und bewegte Geschichte gelegt, die die Gerbermühle zu einem historisch bedeutsamen Teil Frankfurts gemacht hat. Im 16 Jahrhundert wurde die Getreidemühle errichtet. Im 17. Jahrhundert wurde das Gebäude als Gerberei genutzt. Diese beiden ehemaligen Funktionen des einstigen Lehnguts gaben ihm den Namen Gerbermühle, der bis heute erhalten geblieben ist.

Seine historische Bedeutung erhielt das Gebäude jedoch erst durch den Frankfurter Bankier Johann Jakob von Willemer, der die Gerbermühle im Jahre 1785 als privaten Sommersitz gepachtet und umgebaut hat. Willemer, der mit Goethe befreundet war, lud diesen erstmals im Jahre 1814 zu einem Besuch ein, bei dem Goethe die Bekanntschaft mit Marianne, der Ziehtochter Willemers, machte.

Zwischen den beiden entwickelte sich eine innige Beziehung, die Goethe zu weiteren und ausgiebigeren Besuchen der Gerbermühle animierte. Im Jahre 1815 verweilte er fast einen ganzen Monat in der Gerbermühle, wo er auch seinen 66. Geburtstag feierte.

Sowohl Marianne, als auch die pittoreske Landschaft inspirierten ihn zu seinem Gedicht „Ginkgo biloba“, dass [sic…] er Marianne, die von ihrem Ziehvater Johann Jakob von Willemer inzwischen geehelicht wurde, mit Ginkgo-Blättern verziert, zukommen ließ.

Drei Lieder aus Goethes Werk „West-östlicher Diwan“ stammen aus Mariannes Feder, die der Dichter stillschweigend in seine Publikation aufnahm.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Gerbermühle von der Stadt Frankfurt saniert und als Ausflugslokal genutzt. Der 2. Weltkrieg verschonte leider auch die abgelegene Gastwirtschaft nicht. Bis auf die Grundmauern zerstört, wurde die Gerbermühle erst in den 70er Jahren erneut aufgebaut.

2001 erwarb Werner Kindermann die baufällige Gerbermühle. Damit war der Weg frei für eine gründliche Sanierung und zahlreiche Um- und Ausbaumaßnahmen, deren Ergebnisse sich mehr als sehen lassen können. Die Gerbermühle ist wieder da und um eine Attraktion reicher. Das kleine aber edle Hotel macht aus der ehemaligen Sommerresidenz wieder einen Ort zum Verweilen.

Außerdem zeigen sie jedem, der Wert auf dergleichen legt, „alle Spiele unserer Eintracht Frankfurt live in der Turmbar.“

Der „Wasserhof“ stand unmittelbar neben der Gerbermühle und ist leider nur noch durch Wikipedia genauer belegt:

Die als Wassermühle gebaute Gerbermühle gehörte zum Wasserhof, ein befestigter Gutshof im sumpfigen, von vielen Wasseradern durchzogenen Gelände zwischen dem Fluss Main im Norden und dem Dorf Oberrad im Süden. Die Ausstattung des Hofes mit einer Mühle deutet darauf hin, dass die zum Gutshof gehörenden Felder genügend Erträge erbrachten, um den Betrieb einer eigenen Getreidemühle zu rechtfertigen. Der Wasserhof war Teil eines Lehnguts, das ursprünglich im Jahr 1311 als „curia […] allodium sita in villa Roden prope Frankenvort“ (Hof beziehungsweise Allod, – freies Eigentum – gelegen im Dorf Rad bei Frankfurt) von Philipp von Falkenstein und Philipp von Münzenberg begründet wurde. Diese belehnten im selben Jahr eine Frankfurter Familie von Ovenbach (Offenbach) mit dem Hof. Die Besitzer dehnten das Erbrecht am Lehen auf weibliche Nachkommen der Lehnsnehmer aus („Frauenlehen“); die Erträge des Wasserhofes sicherten den Lebensunterhalt der unverheirateten Töchter der Lehensträger.

„Burgdorf“ ist das Dorf Bergen, heute Frankfurts östlichster Stadtteil Bergen-Enkheim.

Schöne bezieht sich bei seinen lokalen Zuordnungen auf Ernst Beutler: Goethe. Faust und Urfaust, erläutert von Ernst Beutler (zuerst 1939), zweite erneuerte Auflage, Leipzig 1940 u. ö. (Sammlung Dieterich, Band 25).

Der ganze Teil Vor dem Tor samt Osterspaziergang fehlt noch im heute (schon gar nicht mehr) so genannten Urfaust und im Faust-Fragment; man darf also sagen, der alte Goethe hat in der Endfassung Faust. Eine Tragödie seiner — wie gesagt — lebensfrohen und konsumfreudigen Jugend ein Denkmal gesetzt. Unser Ausschnitt bricht dort ab, wo er selbstverständlich als auswendig bekannt vorausgesetzt werden darf. Danach kommt wieder Erdenschwere.

Peter von Cornelius, Faust und Wagner unter den Spaziergängern vor dem Tore, 1826

——— Goethe:

Faust I

Vers 808 bis 903:

Vor dem Thor.

Spaziergänger aller Art ziehen hinaus.

Einige Handwerksbursche.
Warum denn dort hinaus?

Andre.
Wir gehn hinaus auf’s Jägerhaus.

Die Ersten.
Wir aber wollen nach der Mühle wandern.

Ein Handwerksbursch.
Ich rath’ euch nach dem Wasserhof zu gehn.

Zweyter.
Der Weg dahin ist gar nicht schön.

Die Zweyten.
Was thust denn du?

Ein Dritter.
Ich gehe mit den andern.

Vierter.
Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr
Die schönsten Mädchen und das beste Bier,
Und Händel von der ersten Sorte.

Fünfter.
Du überlustiger Gesell,
Juckt dich zum drittenmal das Fell?
Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte.

Dienstmädchen.
Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zurück.

Andre.
Wir finden ihn gewiß bey jenen Pappeln stehen.

Erste.
Das ist für mich kein großes Glück;
Er wird an deiner Seite gehen,
Mit dir nur tanzt er auf dem Plan.
Was gehn mich deine Freuden an!

Andre.
Heut ist er sicher nicht allein,
Der Krauskopf, sagt er, würde bey ihm seyn.

Schüler.
Blitz wie die wackern Dirnen schreiten!
Herr Bruder komm! wir müssen sie begleiten.
Ein starkes Bier, ein beizender Toback,
Und eine Magd im Putz das ist nun mein Geschmack.

Bürgermädchen.
Da sieh mir nur die schönen Knaben!
Es ist wahrhaftig eine Schmach,
Gesellschaft könnten sie die allerbeste haben,
Und laufen diesen Mägden nach!

Zweyter Schüler zum ersten.
Nicht so geschwind! dort hinten kommen zwey,
Sie sind gar niedlich angezogen,
’s ist meine Nachbarin dabey;
Ich bin dem Mädchen sehr gewogen.
Sie gehen ihren stillen Schritt
Und nehmen uns doch auch am Ende mit.

Erster.
Herr Bruder nein! Ich bin nicht gern genirt.
Geschwind! daß wir das Wildpret nicht verlieren.
Die Hand, die Samstags ihren Besen führt,
Wird Sontags dich am besten caressiren.

Bürger.
Nein, er gefällt mir nicht der neue Burgemeister!
Nun, da er’s ist, wird er nur täglich dreister.
Und für die Stadt was thut denn er?
Wird es nicht alle Tage schlimmer?
Gehorchen soll man mehr als immer,
Und zahlen mhr als je vorher.

Bettler singt.
Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen,
So wohlgeputzt und backenroth,
Belieb’ es euch mich anzuschauen,
Und seht und mildert meine Noth!
Laßt hier mich nicht vergebens leyern!
Nur der ist froh, der geben mag.
Ein Tag den alle Menschen feyern,
Er sey für mich ein Aerndetag.

Spaziergang am Ostersonntag. Holzstich nach dem Gemälde von J. Wichmann. Aus der Gartenlaube 1885. In Goethes Faust mit einer Einleitung von Max von Boehn. Berlin im Askanischen Verlag Carl Albert Kindle, 1924Andrer Bürger.
Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feyertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrey,
Wenn hinten, weit, in der Türkey,
Die Völker auf einander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man Abends froh nach Haus,
Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.

Dritter Bürger.
Herr Nachbar, ja! so laß ich’s auch geschehn,
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durch einander gehn;
Doch nur zu Hause bleib’s beym Alten.

Alte zu den Bürgermädchen.
Ey! wie geputzt! das schöne junge Blut!
Wer soll sich nicht in euch vergaffen? –
Nur nicht so stolz! es ist schon gut!
Und was ihr wünscht das wüßt’ ich wohl zu schaffen.

Bürgermädchen.
Agathe fort! ich nehme mich in Acht
Mit solchen Hexen öffentlich zu gehen;
Sie ließ mich zwar, in Sanct Andreas Nacht,
Den künftgen Liebsten leiblich sehen.

Die Andre.
Mir zeigte sie ihn im Krystall,
Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen;
Ich seh’ mich um, ich such’ ihn überall,
Allein mir will er nicht begegnen.

Soldaten.
     Burgen mit hohen
     Mauern und Zinnen,
     Mädchen mit stolzen
     Höhnenden Sinnen
     Möcht’ ich gewinnen!
     Kühn ist das Mühen,
     Herrlich der Lohn!

     Und die Trompete
     Lassen wir werben,
     Wie zu der Freude,
     So zum Verderben.
     Das ist ein Stürmen!
     Das ist ein Leben!
     Mädchen und Burgen
     Müssen sich geben.
     Kühn ist das Mühen,
     Herrlich der Lohn!

     Und die Soldaten
     Ziehen davon.

Faust und Wagner.

Faust.
Vom Eise befreyt sind Strom und Bäche, […]

Breaking News: Helene „Mir doch wurscht, von wem das ist“ Hegemann:
Wie hypermodern Goethes Osterspaziergang ist,
in: Die Welt, 15. Apil 2017, Lesedauer: 4 Minuten.

Franz Simm, Vor dem Thor, ca. 1900

BIlder:

  1. Peter von Cornelius: Faust und Wagner unter den Spaziergängern vor dem Tore, 1826;
  2. Spaziergang am Ostersonntag. Holzstich nach dem Gemälde von J. Wichmann. Aus der Gartenlaube 1885. In: Goethes Faust mit einer Einleitung von Max von Boehn. Berlin im Askanischen Verlag Carl Albert Kindle, 1924;
  3. Franz Simm: Vor dem Thor, ca. 1900,

alle via Jutta Assel/Georg Jäger: Illustrationen zu Szenen aus Goethes Faust: Vor dem Tor / Osterspaziergang, April 2011.

Soundtracks: Irving Berlin as sung by Judy Garland and Fred Astaire:
I Love A Piano, Snookey Ookums, and The Ragtime Violin,
from: Easter Parade (deutsch: Osterspaziergang), 1948:

Written by Wolf

17. April 2017 at 01:21

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

Löblich wird ein tolles Streben, wenn es kurz ist und mit Sinn

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Update zu Tumultuantenharanguieren (sed iam satis) und Nur die Wurst hat zwei:

Ob Seine Exzellenz, der Herr Geheimrat Goethe, wohl von seinen Jahrzehnte alten, wenngleich abschreckenden Erinnerungen an das Römische Karneval zehren musste, um 75-jährig eine spontane Auftragsarbeit für den Kölschen anzunehmen?

Der Auftraggeber war Goethen schon bekannt und im Unterschied zu den flatterhaft spontanen Südländern als besonders verlässlich und sortiert aufgefallen. Vielleicht sollte man sich als Auftragsschreiber nach vorne in solche Kundschaft flüchten, die sich ausdrücklich der Narretei verschrieben hat.

——— Heinrich von Wittgenstein:

Extrablatt

bekannt gemacht im Auftrage des Karnevals=Comite’s.

Köln den 9. Februar 1825.

in: Kölnische Zeitung, 9. Februar 1825:

Das festordnende Comite hatte es für seine Pflicht gehalten, dem Altvater der deutschen Dichtkunst Nachricht zu geben von dem, was es zu einer veredelten Feier des dießjährigen Karnevals unternommen, und dabei den Wunsch zu äussern, ihn bei dem Feste in unserer Mitte zu sehen. Wie von Göthe die Botschaft aufgenommen, beweist das den Festordnern am 3. Februar zugesandte Gedicht, welches diese durch Gegenwärtiges kund zu machen sich beeilen. In der beigefügten Erwiederung von Seiten eines vaterländischen Dichters wird jeder muntere Kölner sein eignes Gefühl ausgedrückt finden. —

——— Goethe:

Der Kölner Mummenschanz

Fastnacht 1825.

Ebenda:

Extrablatt Kölner Karneval, Goethe, Fastnacht 9. Februar 1825, VorderseiteDa das Alter, wie wir wissen,
Nicht für Thorheit helfen kann;
War es ein gefundner Bissen
Einem heitern alten Mann,

Daß am Rhein, dem vielbeschwomnen,
Mummenschaar sich zum Gefecht
Rüstet, gegen angekomnen
Feind, zu sichern altes Recht.

Auch dem Weisen fügt behäglich
Sich das Irren wohl zur Hand,
Und so ist es ganz verträglich
Wenn man sich mit Euch verband.

Löblich wird ein tolles Streben
Wenn es kurz ist und mit Sinn;
Daß noch Heiterkeit im Leben
Giebt besonnenem Rausch Gewinn.

Häufet nur an diesem Tage
Kluger Thorheit Vollgewicht;
Daß mit uns die Nachwelt sage:
Jahre sind der Lieb und Pflicht.

——— Wilhelm Smets:

Lied an Göthe,

als derselbe durch ein Gedicht dem Kölnischen Karnevals=Comité seinen Beifall über die diesjährige Festanordnung zu erkennen gegeben hatte.

Ebenda:

Extrablatt Kölner Karneval, Wilhelm Smets, Fastnacht 9. Februar 1825, RückseiteGriesgram, Neidhard, Störefried,
Düstere Gesellen,
Euch zum Trotze soll dies Lied
Meiner Brust entquellen.

Steht ein Sänger weiß von Haar
Auf dem alten Thurme,
Hehr und männlich wunderbar
In der Zeiten Sturme.

Und er schlägt die Saiten frisch,
Singet Welt und Leben,
D’rob in gaukelndem Gemisch,
Gnomen sich erheben.

Pustend fiel zum Thurme ziehn,
Werfen gift’ge Kuchen,
Glower-Ritter gegen ihn
Ihre Lanz‘ versuchen.

Tiefen Schweigens bittrer Hohn
Scheuchet sie von hinnen,
Götterstark des Ruhmes Sohn
Raget von den Zinnen.

Und es naht ein neuer Troß:
Siechthum, ihn zu äffen,
Und des Todes herb Geschoß
Soll den Heros treffen.

Doch, er lächelt ob der Noth,
Greift zum Zaubertranke,
Gluth färbt ihm die Wangen roth
Von Champagner’s Ranke.

Und er schweigt zu jedem Drang,
Läßt kein Lied ertönen;
Das ist Pein wie Höllenzwang:
Sängers ernst Verhöhnen.

Da mit einmal: Tra, ra, ra!
Kommt ein lustig Schreiben,
Wie sie’s in Colonia
Pudelnärrisch treiben,

Wie die Freude ewig jung
Sie im Geist bewahren,
Und im raschen Jubelschwung
Ernst mit Scherz verpaaren.

Sieh, bedeutsam nun das Haupt
Hebt der alte Sänger,
Und die Harfe, reich umlaubt,
Schweiget nun nicht länger.

„Alter schützt vor Thorheit nicht,
Freude freut noch innig;
Spielt das lustige Gedicht,
Spielt es kurz und sinnig!“

Goethe im Karneval, Karikatur Extrablatt Fastnacht 9. Februar 1825

Bilder: Scans vom Original in Thomas Stollenwerk: Goethe und der Kölner Karneval.

Soundtrack: Marco Fornaciari in Niccolò Paganini:
Il carnevale di „Mein Hut, der hat drei Löcher“ Venezia, Opus 10, 1829:

Written by Wolf

11. November 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

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Update zu Touristengeheimtipp mit Gewinnspiel: Meide das Oktoberfest!:

Zu Cöllen kam ich spät Abends an,
Da hörte ich rauschen den Rheinfluß,
Da fächelte mich schon deutsche Luft,
Da fühlt‘ ich ihren Einfluß –

Auf meinen Appetit. Ich aß
Dort Eierkuchen mit Schinken,
Und da er sehr gesalzen war
Mußt ich auch Rheinwein trinken.

Der Rheinwein glänzt noch immer wie Gold
Im grünen Römerglase,
Und trinkst du etwelche Schoppen zu viel,
So steigt er dir in die Nase.

Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermährchen, Caput IV, Anfang, 1844.

Zwischen Bergen im Sonnenschein
liegt am Fluss das Städtchen.

Hier oben von meinem Meilenstein seh ich über alle Dächer.

Kerzengrade steigt der Rauch.

Durch einen blühenden Hollunderbusch
unterscheide ich deutlich,
unter der alten Grünspankuppel,
die Thurmuhr.

Ein himmelblaues Zifferblatt mit weissen Zahlen.

Noch drei kleine Striche,
und die gesammte Bürgerschaft
setzt sich pünktlich zu Mittag.

Zwölf!

Es ist heute Sonnabend, es giebt also überall Eierkuchen.

Ich köpfe vergnügt eine Distel
und wandre weiter.

Arno Holz: Phantasus, Heft 1, 1898.

Ich bin eine alte Kommode.
Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;
Manchmal mit Fußtritten geschlossen.
Der wird kichern, der nach meinem Tode
Mein Geheimfach entdeckt. –
Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

Joachim Ringelnatz: Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument, aus: Kuttel-Daddeldu, 1924.

Thomasîn von Zerclaere, Der Wälsche Gast, 1215--1216, 6th Book, Verse 7443--7474. Seite aus der Heidelberger Handschrift CPG 389, fol. 116r, Mitte 13. JahrhundertHab ich’s nicht immer geahnt, dass jemand außer mir meine fast wöchentlichen Herzensergießungen lesen muss. Der Beweis ereilt uns nach ziemlich genau einem Monat nach meinem Aufruf, das verflossene Oktoberfest zu meiden und statt dessen lieber die Ausstellung Bilderwelten 2016. Buchmalerei zwischen Mittelalter und Neuzeit in der Bayerischen Staatsbibliothek zu München aufzusuchen:

Sebastian Keller war dort und kann es beweisen. Wie aufgefordert kommentiert er unter den richtigen Eintrag:

Laut Plakaten (ich nehme mal an, dass die in diesem Zusammenhang als zitierfähige Quelle dienen können) stammt das aus „Der Welsche Gast“.

Alles was recht ist, stimmt das natürlich und ist kaum woanders her zu erfahren als im Eingangsbereich der Ausstellung im ersten Stock. Erst wenn man soviel weiß, kann man weiterverfolgen, dass ein gewisser Thomasîn von Zerclaere der Verfasser des ersten monumentalen deutschsprachigen „Lehrgedicht des Mittelalters, Der wälsche Gast ([mittelhochdeutsches] Original: Der welhische Gast)“ (Wikipedia) war, und das Gedicht seinerseits im Handschriftencensus des Marburger Repertoriums und als Volltext in der Bibliotheca Augustana ausschöpfen. Zum Beispiel entstand das Monument anno 1215 bis 1216, ist also durchaus eine Jubiläumsfeier wert.

Vorerst feiern wir Sebastian Keller, der da gewesen ist.

Hurra!

Ich freue mich, dass es mir die noble Zurückhaltung meiner Mitbewerber erlaubt hat, diesen Wettbewerb für mich zu entscheiden.

Verehrte An- oder Abwesende, hohes Haus, ich nehme die Wahl an und möchte mich bei den Mitgliedern der Akademie, meinem Agenten und meiner Mutter bedanken, ohne deren unermüdliche Hilfe … etc. pp.

Die Versandadresse (mit der Bitte um Gelegenheit mich auf gleiche Weise erkenntlich zu zeigen) ist [hier folgt seine Adresse].

Da der Lobgesang auf Leobowitz schon andernorts gesungen wurde, auch Zé do Rock schon Erwähnung fand und ein Hinweis auf Richard Adams leicht zu einem Nachruf werden könnte, bleibt als Gegenstand der Minne nur die unverfängliche Perfektion aus Mehl, Milch und Ei gebacken: der gewöhnliche Pfannkuchen, auch als Eierkuchen oder Pfannafleck’l bekannt. Natürlich unter Berücksichtigung von Crepe, Palatschinken, Bliny und Artgenossen.

Auch wenn ich bei meiner Ausschreibung an eine eigene Internet-Präsenz für eine nicht vollends verwerfliche Geschäftsidee oder einen auf irgend eine Weise guten Zweck in der Richtung von Amnesty International oder Strahlemännchen dachte, sagt mir die Idee, für Pfannkuchen zu werben, doch sehr zu; außerdem wollte ich schon immer mal mein Lieblingszitat „Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!“ sinnvoll als Überschrift verwenden. Dabei gibt seine eigene Internet-Präsenz genug her, das man womöglich sogar mal hier brauchen kann, dass ich sie in die Linkrolle nebenan aufzunehmen nicht anstehe. — Schamlos beworben werden also: Pfannkuchen.

Leute, esst mehr Pfannkuchen! Gewöhnliche Pfannkuchen, auch als Eierkuchen oder Pfannafleck’l bekannt, Crêpes, Palatschinken, Bliny und Artgenossen! Sie sind die unverfängliche Perfektion aus Mehl, Milch und Ei gebacken! Dazu unbestritten wohlschmeckend, äußerst nahrhaft, leicht und variantenreich herzustellen und bestimmt gesund für irgendwas! A pancake a day keeps McDonald’s away!

Der Buchpreis ist praktisch unterwegs und wird expediert, sobald mir die Post sagt, ob die Büchersendung 1 oder 1,65 Euro kosten soll. Glückwunsch und danke fürs Mitmachen!

Bild: Seite aus Der wälsche Gast, Heidelberger Handschrift CPG 389, fol. 116r, Mitte 13. Jahrhundert.

Soundtrack: I’m a Crêpe (oder so ähnlich …) von Radiohead aus: Pablo Honey, 1993, auf verstimmter Kinderukulele zelebriert von der hinreißenden Amanda Palmer, Red Peters‘ Oddville im Cutler Majestic Theatre in Boston, 7. Juni 2008:

Zu zurückgenommen? Dann noch das Original, solange es auf YouTube erlaubt ist — aber alle Regler nach rechts, wenn’s geht, damit sich hinterher die Pfannafleckln rentieren.

Written by Wolf

16. Oktober 2016 at 01:31

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Nahrung & Völlerei

Wein-Lese

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Update zu Einige Reste Wein und
Ich trinke ein Glas Burgunder!:

Gut! wenn ich wählen soll, so will ich Rheinwein haben.
Das Vaterland verleiht die allerbesten Gaben.

Frosch, Auerbachs Keller, Vers 2264 f.

Da ist mir dieser Tage ein exquisites Tröpfchen aufgefallen. Und ich sag’s gleich: Es ist nicht erhältlich. Es ist der Rheinwein von Karl Simrock — den er nicht nur fleißig verzehrt, sondern in Eigenanbau und Kelterei hergestellt hat. Der Dichter und Gelehrte war nämlich nebenher Freizeitwinzer und übrigens auch Spargelbauer.

Heinrich Reifferscheid, Karl Simrocks Studierstube im Haus Parzival, Zeichnung 1905

Schade drum, das zu verkosten wäre ähnlich interessant wie das Stöffchen, das einst E.T.A. Hoffmann befeuert hat, aber nicht namentlich überliefert ist. Über Simrocks Menzenberger Eckenblut weiß man: Es war wohl eine Fuchs- oder Erdbeerrebe, also von eher geringer Qualität — und aus der Ortsgeschichtsschreibung: „Der Weinanbau in Menzenberg endete Ende der 1950er-Jahre“, und als aktuellste Meldung aus dem Bonner General-Anzeiger vom 29. März 2012: Rebfläche am Weingut Menzenberg soll rekultiviert werden:

Professor Helmut Arntz rettete es vor 30 Jahren vor dem Untergang und ließ es mit großem Einsatz restaurieren. Nur Wein wird eben nicht mehr am Menzenberg angebaut. Lediglich eine alte Simrock-Rebe wurde entdeckt und seither von der Weinbruderschaft Mittelrhein-Siebengebirge gehegt.

Ihre Ideen zur Rekultivierung des Weinhanges Menzenberg stellten jetzt Peter Weinmann von der Karl-Simrock-Forschung Bonn und Jan Dirk Schierloh von der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft im „Weingut Menzenberg“ vor. „Ziel ist es, einen 4000 bis 5000 Quadratmeter großen Teilabschnitt zu rekultivieren“, sagte Schierloh.

Die Fläche ist im Eigentum von Hartmut und Helga Möltgen, den Inhabern des Weingutes Menzenberg, das sie restauriert haben und als Gaststätte betreiben. An einen professionellen Weinanbau haben die Initiatoren freilich nicht gedacht, sondern es geht um den kulturgeschichtlichen Aspekt. Bis zur Säkularisation 1803 hatten hier verschiedene Orden Weingüter. Danach verkaufte der Staat das ihm zugefallene Eigentum. So gelangte auch in die Familie des Bonner Musikverlegers und Beethoven-Freundes Nikolaus Simrock ein Weingut.

Weinkultur MenzenbergDie Inhaber eines Weingutes, die darauf eine Gaststätte betreiben, haben nicht daran gedacht, Wein anzubauen? Boshaft gesagt ist es dann auch kein Wunder, dass Familie Möltgen, ein ausgestiegenes Lehrerehepaar, bis Ende 2013 die letzten Wirtsleute waren — erneut nach Information des Bonner General-Anzeigers am 11. September 2013: Familie Möltgen verkaufen Anwesen am Menzenberg:

Der gastronomische Betrieb, den das Ehepaar betrieben hat, ruht bereits zum größten Teil. Ende des Jahres [2013] wird er endgültig eingestellt. In Zukunft wird das historische Anwesen ausschließlich als Mehr-Generationen-Wohnhaus genutzt.

Der aktuelle Stand über Simrocks Anwesen ist laut Adressverwaltung der Stadtinformation Bad Honnef:

Nach wechselvollen Jahrzehnten mehrerer Eigentümer, Bewohner und baulichem Niedergang, kaufte Prof. Univ. Dr. Helmut Arntz, Fachkollege Simrocks und Bad Honnefer im Jahr 1980 bei einer Zwangsversteigerung das Anwesen. Es erfolgte der Eintrag in die Denkmalliste und der langwierige Wiederaufbau des abbruchreifen „Haus Parzival“ . Die Treppe, Fenster, Türen und Außenläden, die teilweise im Garten herumlagen, sind original, im Keller ist noch das Loch für die Schläuche zum Füllen und Abziehen der Weinfässer zu sehen. Von Simrocks Einrichtung ist im „Haus Parzival“ jedoch nichts mehr vorhanden.

Der alte Weinberg existiert nicht mehr, dort stehen heute Fichten und alte Obstbäume. Aber auf dem Grundstück des „Haus Parzival“ fand man eine meterlange Amerikaner-Rebe aus der Epoche Karl Simrocks am Menzenberg, die sich zwischen den Ästen eines Apfelbaumes schlängelte. Prof. Arntz ließ eine Pergola bauen, die dem kostbaren Fund seither Schutz und Entfaltungsmöglichkeit bietet.

Ansprechpartner zu Haus Parzival ist Herr Klaus Weinmann von der Bonner Karl-Simrock-Forschung, keine Besichtigung möglich, nur der Ausgangspunkt für den Literarischen Simrock-Freiligrath-Weg, der kein Rundwanderweg ist.

Weinkultur MenzenbergMan braucht also derzeit nicht hin, um zu bleiben; weder gibt es den Wein der Sehnsucht noch eine kulturell bedeutsame Einkehr (kein Zweifel besteht hingegen an der allgemeinen Einkehrkultur dieses Landstrichs, gerade auch entlang des Literarischen Simrock-Freiligrath-Weges). Mir hätte das damals noch geöffnete Wirtshaus schon 2007 auffallen sollen, als ich für Moby-Dick™ dem sehr deutschfreundlichen Amerikaner Eric T. Hansen bei seinem Versuch gefolgt bin, das Land der Deutschen mit der Seele zu suchen. Damals hat mir offenbar genügt, seinen anrührenden Abschnitt aus Planet Germany. Eine Expedition in die Heimat des Hawaii-Toasts von 2006 zu verbreiten. Das mach ich glatt noch einmal, diesmal mit Blick auf den Wein. Wir werden ja alle nicht jünger.

Planet Germany geht über die typisch deutschen Selbstkasteiungen, wie typisch deutsch der typische Deutsche doch sei, weit hinaus; die Qualität rührt nicht daher, dass überraschenderweise doch Amis klug und Deutsche doof sind, sondern von der Distanz schaffenden, jeoch teilnehmenden Sicht von außen. Man stelle sich vor: Amerikanische Jungs wissen sich ihrer Vorliebe zu deutschen Mädchen nur zu erwehren, indem sie welche heiraten. Erwachsen geworden, schreiben sie Bücher mit einer Aufmerksamkeitsspanne von über 15 Sekunden. Und Hawaiianer wohnen freiwillig im verregneten Deutschland, machen ihren Magister in deutscher Mediävistik und passend dazu eine ausführliche Nibelungenreise (und der New Yorker Seemann Herman Melville liest — ich möchte es berücksichtigt haben — nachweislich die Gespräche mit Goethe von Eckermann) — eine Idee, mit der einem Deutschen zu kommen sich einer erst mal trauen muss.

Weinkultur MenzenbergDas Wohltuende daran ist: Es verhält doch nicht nur so, dass der blindgeschlagene Deutsche an sich dauernd irgendwelchen kulturlosen Besatzern nacheifert. Gerade Karl Simrock hat versucht, das deutsche Nationalepos des Nibelungeliedes durch selbst zusammengesuchtes Sagenmaterial in einem Amelungenlied zu vervollständigen. Meine Ausgabe davon hat etwa 860 Seiten, mehr als das Nibelungenlied. Es war von Anfang an kein Bestseller, meine 860 Seiten sind in Fraktur und ohne Jahreszahl, an eine ISBN war noch lange nicht zu denken, aber wohl von ungefähr anno 1900 — vor allem, falls es die jedenfalls von Gotthold Klee eingeleitete Ausgabe ist. Das Amelungenlied gibt’s also schon länger nicht mehr als den Wein, und für den Sagenkreis um Dietrich von Bern ist man — kein Scherz — am ehesten auf norwegische Literatur angewiesen — weil nämlich ein aufstrebender Komponist in der Tradition von Richard Wagner namens Adolf Hitler seine geplante Dietrich-Oper wegen anderweitiger Bestrebungen nicht zu Ende brachte und man seither nicht weiß, was man daran verpasst oder sich statt dessen eingehandelt hat.

Karl Simrock wohnte seit 1832 auf dem Weingut und erwarb es 1834 — 32-jährig — für 2367 Taler. Etwa um diese Zeit nahm er die Arbeit am Amelungenlied auf, das ihn allerdings mehrere Jahrzehnte lang beschäftigte. Gedruckt erschein es 1843 bis 1849. Das Etikett zu seinem eigenen Wein ist auf launige Weise antikisierend vom Winzer selbst gedichtet, allerdings wird nirgends klar, ab wann genau; die erhaltenen Vorlagen deuten schon auf frühestens 1840, als Simrock sehr vertieft in die Dietrichepik gedacht und gelebt haben muss. Es bedient sich in Namensgebung und Anpreisung der Dietrichssage.

——— Karl Simrock:

Menzenberger Eckenblut

Weinetikett, ca. 1840. Unterteilung in mehrere Bildfelder durch knorrige Weinstücke. In der Mitte Ansicht von Simrocks Weingut, darüber weinumrankt die Lagebezeichnung, darunter die nur zur Hälfte vorgedruckte Jahrgangsbezeichnung 18[..], via Karl-Simrock-Forschung:

Held Dietrich schlug Herrn Ecken
Zu Tod, den kühnen Mann.
Nun lassen wir uns schmecken
Das Blut, das ihm entrann.

Die Erde hat’s getrunken
Die Rebe saugt‘ es ein
Zuletzt in’s Faß gesunken
Ward es ein edler Wein.

Und trinken wir des Weines
So giebt des Helden Blut
Dem kühnen Sohn des Rheines
Erst rechten Heldenmuth.

Wir fürchten keinen Gegner;
Auf dieser Erde Stern
Lebt auch kein Ueberlegner,
Kein Dietrich mehr von Bern.

Ein jedenfalls größerer Bestseller als alles von Karl Simrock ist Planet Germany von Eric T. Hansen 2006. Ein Stück von geradenwegs zärtlicher Anteilnahme auf der Suche nach dem Inbegriff deutschen Wesens, die sich dem zumal deutschen Leser rückwirkend wiedermitteilt, schafft Hansen in .

——— Eric T. Hansen:

Die Deutschen machen aus ein paar toten Dichtern dermaßen Kult,
dass man fast meint, sie würden sie auch lesen

aus: Planet Germany, unter Mitarbeit von Astrid Ule, Fischer Taschenbuch Verlag 2006:

Weinkultur MenzenbergAm Ende einer steilen, von Bäumen gesäumten Straße hoch über dem Rhein steht ein zweistöckiges Haus, das im spätklassizistischen Stil auf dem Gewölbe einer uralten Kellerei der Minoritenmönche gebaut wurde. Die Villa heißt Haus Parzival. Hier hat der Germanist, Übersetzer, Dichter und Vollblutromantiker Karl Simrock seine Sommer verbracht.

Simrock hatte bei Schlegel und Arndt studiert, empfing ab und zu Besuch von den Grimms und Ludwig Uhland und verfasste schwärmerische Gedichte über die Schönheit des Rheins. Bekannt wurde er als Übersetzer zahlreicher Werke des Mittelalters und des germanischen Altertums, von der Edda über die Gedichte Walthers von der Vogelweide bis hin zu Wolframs Parzival. Sein größtes Verdienst war, das Nibelungenlied mit einer schwungvollen und lesbaren Übersetzung populär zu machen, ja es gar zu einer Art deutschem Ersatz-Gründungsmythos zu erheben. Er gehörte zum harten Kern der deutschen Identitätsbastler.

Sein Haus Parzival liegt ein paar Meter ab von der Straße hinter einem schwarzblauen, verschnörkelten Eisenzaun. Das Haus ist gelb, dieses typisch deutsche Buttergelb. Das sanft ansteigende Gelände ist voller Pflanzen – gepflegte Blumenbeete, Wildgräser, selbst das Unkraut ist malerisch. Dazwischen ein Teich, ein Vogelbad, ein hölzerner Tisch mit Stühlen. Ein Ahorn, eine Esche, eine Trauerweide machen den Garten schattig.

Ich stand eine Weile da und betrachtete den Garten. Er strömte Ruhe aus, und ich bildete mir ein, dass man von hier aus den Rhein riechen konnte. Alles war leicht. Hier war jeden Tag Sommer.

Ich stellte mir vor, wie Simrock im Garten spazieren geht. Zwischendurch greift er zum Gartenwerkzeug und kümmert sich um seine neuen Spargelbeete. Er hat ein Buch dabei, einen dieser alten Lederbände, die von außen kaum identifizierbar sind, weil der Umschlag keine bunte Abbildung enthält. Es ist sicher der Iwein. Nach einer Weile setzt er sich hin und liest. Wenn der Tag zur Neige geht, nimmt er ein Glas Wein dazu.

Weinkultur MenzenbergEs war das perfekte deutsche Leben. Das Leben, das die meisten Deutschen heimlich leben wollen – damals wie heute. Ein großes Haus – weder eine Mietwohnung noch eine protzige Villa, eher ein … Anwesen. Genug Geld, um finanziell unabhängig zu sein, aber nicht so viel, dass man als reich beschimpft wird. Im Haus hat man eine Küche mit offenem Kamin. Keine Mikrowelle, kein Plastik. Alles strahlt Ursprünglichkeit aus: Stahl, Stein, Holz. Im Salon ein altes Klavier, ein echter Perser, ein echtes Hausmädchen. Ein Arbeitszimmer – pardon, eine Privatbibliothek natürlich, mit bequemen Stühlen und einem breiten Schreibtisch, denn „arbeiten“ heißt, man befasst sich mit dem Griechischen und mit Latein. Der ideale Deutsche arbeitet mit den Dingen des Geistes. Nicht des Hirns, sondern des Geistes. Er hat Muße. Dass er kein Snob ist, zeigt, dass er nebenbei ein Handwerk ausübt. Er respektiert die Arbeit mit den Händen und verbringt deshalb viel Zeit im Garten, er kocht selbst in der Küche, wenn Gäste kommen, oder, wie Simrock es tat, er legt einen kleinen, edlen Weingarten an und nennt seinen Wein nach einer Figur aus den alten Schriften, mit denen er sich gerade beschäftigt: Eckenblut, nach dem Riesen in der Dietrichssage. Wenn Freunde vorbeikommen, geht man am Rhein spazieren und diskutiert die Arbeit am griechischen Text und die Entwicklungen in Frankreich oder den anderen wichtigen Regionen der Welt.

So will jeder Deutsche sein, dachte ich mir, als ich da stand. Was vor mir liegt, ist nichts weniger als die deutsche Seele selbst. Meine Chance war gekommen. Ich musste mich nur ein Stündchen an diesen Tisch in den Garten setzen, dann würde sie sich schon blicken lassen. Wenn ich die jetzigen Bewohner nett fragte, würden sie es sicher erlauben.

Ich klingelte. Aber es machte keiner auf. Niemand war zu Hause.

Das Weinetikett gibt’s sogar noch zu kaufen: ca. 19 cm x 26 cm (geringfügige Abweichungen im Papierformat möglich) für 90 Euro zzgl. Versandkosten. Wie gesagt, ohne den Wein.

Menzenberger Eckenblut

Bilder: Haus Parzival, Menzenberg 9, das Weingut von Karl Simrock in Weinkultur Menzenberg, Januar 2013:

  1. Heinrich Reifferscheid: Karl Simrocks Studierstube im Haus Parzival, Zeichnung 1905;
  2. Heinrich Reifferscheid: Haus Parzival, Gemälde 1895;
  3. Dankward Heinrich: Der alte Weg zu Haus Parzival führte südlich des Baches (heute privat);
  4. Dankward Heinrich: Karl Simrocks Haus, 2013;
  5. Klaus Rick: Haus Parzival, Eingang — über der Haustür die Initialien des Ehepaars Simrock;
  6. Dankward Heinrich: Weinbergsweg oberhalb Haus Parzival (links unterhalb des Zauns);

Weinetikett Menzenberger Eckenblut: Carl Schlickum via Karl-Simrock-Forschung Bonn.

Soundtrack: einer der wenigen genießbaren Momente bei Richard Wagner: Orchesterzwischenspiel vor dem I. Aufzug: Siegfrieds Rheinfahrt, aus: Götterdämmerung, 1876, unter Zubin Mehta in Valencia, 2008:

Written by Wolf

23. September 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

Nach einer guten Mahlzeit

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Update zu Lessing aktuell,
Bei Ludwig Tieck geheult vor so viel Schönheit,
Hastig die ärmlichen Verse,
Cit. Schmidt, A.: Faust IV, 1960,
Unter sotanen Umständen und
(Vorsicht, lang:) Helmstedt-Marienborn (Mitternacht) — Arizona (noon).:

Periplus, Fahrtenbuch. Gedanken und Beiträge zur Welt der Literatur, November--Dezember 2015

——— Arno Schmidt:

Aus dem Leben eines Fauns

Niederschrift Dezember 1952 bis Januar 1953,
Rowohlt Verlag, Hamburg 1953, cit. Bargfelder Ausgabe I/1, Seite 318:

Also Schluß ! ! : ent-güll-tich Schluß ! Ich ging in meine Stube, O., und legte mich etwas hin. (Nach einer guten Mahlzeit kann man in meinen Jahren nicht mehr denken. Arbeiten allenfalls noch. — Das Verläßlichste sind Naturschönheiten. Dann Bücher; dann Braten mit Sauerkraut. Alles andre wechselt und gaukelt.)

Periplus, Fahrtenbuch. Gedanken und Beiträge zur Welt der Literatur, November--Dezember 2015

Fachliteratur und Bilder:

Soundtrack: Gus Backus: Sauerkraut-Polka, aus: Unsere tollen Tanten, 1961. Ungelogen Udo Jürgens an der Trompete, Bill Ramsey am Bass, auf Gitarre und Klarinette verteilt Georges Dimou und Henning Heers, Trude „Ich will keine Schokolade“ Herr als Edeltraut.

Written by Wolf

5. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt

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Update zu Die besten Saufbrüder sind gestorben,
Wer weis, wie lang ich hier noch bin
und Ich trinke ein Glas Burgunder!:

Staub soll er fressen, und mit Lust.

Mephisto, Prolog im Himmel, Vers 334.

Ich muß dich nun vor allen Dingen
In lustige Gesellschaft bringen,
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt.
Dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest.
Mit wenig Witz und viel Behagen
Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz,
Wie junge Katzen mit dem Schwanz.
Wenn sie nicht über Kopfweh klagen,
So lang‘ der Wirth nur weiter borgt,
Sind sie vergnügt und unbesorgt.

Mephisto, Auerbachs Keller in Leipzig. Zeche lustiger Gesellen, Vers 2158 ff.

Fällt das wieder nur mir auf – oder ist das normal, dass in der Literatur an allen Ecken und Enden von Gaststätten aller Niveaus die Rede ist, aber kaum eins davon existiert? Mit Müh und Not konnte ich die folgenden dingfest machen, die allesamt einen Besuch wert sind.

Ich bin– ebenso wie die Kommentarfunktion – weit für Hinweise geöffnet und gern bereit für einen zweiten Teil. Wenn also jemandem noch das eine oder andere auffiele? Aber nicht dass mir jetzt einer mit dem Milliways kommt.

Die Bilder lehren, wenn schon sonst nichts, dass es aus Lipnitz an der Sasau, das sich heute selbst ein böhmisches Dorf namens Lipnice nad Sázavou ist, recht anständige Street-View-Aufnahmen gibt, aber weder aus Bamberg, Leipzig noch – halten Sie sich fest – Wien. Das Bilderformat lehrt, was ich für ein altmodischer Sack bin, der heute noch einen überbreiten Schwertransporter von Notebook benutzt. – Alphabetisch nach Wirtshausnamen:

  1. Albrecht-Dürer-Stube, Nürnberg, Albrecht-Dürer-Straße 6.

    Es freut mich, alphabetisch und heimatlich mit einer mir persönlich bekannten Kneipe und einer meiner liebsten Künstlerlegenden einsetzen zu dürfen:

    Wohl gegen 1497, als Albrecht Dürer sich als Maler selbstständig machen konnte, saß er in trauter Runde in eben jener Albrecht-Dürer-Stube, die wohl noch nicht nach ihm benannt war, aber unweit – keine fünf Minuten den Burgberg runter – seines Wohnhauses lag. Wie es mit frischen Start-uppern so geht, zogen ihn die Kollegen in dem Sinne auf, ob er denn überhaupt anständig malen könne. Und dann muss man sich diese künstlerische Chuzpe vorstellen, wie Dürer bei der Saaltochter ein Stück Kreide bestellte, wie sie in sehr alten Wirtshäusern zuverlässig – zum Ankreiden – vorhanden war. Unter den gespannten Augen der Mitzecher setzte Dürer mit der Kreide einen Punkt mitten auf die Tischplatte. Nahm kurz Augenmaß und malte einen perfekten Kreis außen herum. Und gab an: „Messt nur nach.“ Dann musste die Saaltochter auch noch einen Zirkel herbeischaffen, man maß nach – und der Kreis stimmte. Das hat mir immer mehr imponiert als seine drei Meisterstiche. Da hatten sie wohl in der Stube noch keine Tischdecken.

    Albrecht-Dürer-Stube, Nürnberg, Google Street View

  2. Auerbachs Keller, Leipzig, Mädler Passage, Grimmaische Straße 2–4:
    Historisches Restaurant im Herzen der Leipziger Altstadt.

    Dem Doktor Faust hat’s ja dort nicht so gefallen, wie man aus der Schule weiß.

    Leipzig, Auerbachs Keller, Google Maps

  3. Café Hawelka, Wien, Dorotheergasse 6.

    Die Mutter aller Wiener Kaffeehäuser kommt zweifellos auch in literarischen und musikalischen Texten vor, an denen man ausdrücklich davon wissen muss, um es zu bemerken. Die Öffnungszeiten, die auf der heutigen Website angegeben sind, waren entweder dereinst sehr viel großzügiger – oder werden bis heute nicht besonders penibel eingehalten. Bis Mitternacht, nur donnerstags bis sonntags bis 1 Uhr früh, das sind ländliche Verhältnisse, die noch lange kein Nachtcafé ausmachen, schon gar nicht in der Wiener Innenstadt. Im Gegenteil will hier schon so ziemlich jeder bis in die mittelspäten Morgenstunden durchgemacht haben, der im Entfernstesten mit einem Kulturbetrieb zu tun hat, weil es dort weder eine inakzeptable Schande ist, sich bei ordentlichem Benehmen in die Besinnungslosigkeit zu saufen, noch eine ganze Öffnungszeit lang an einem einzigen Kaffee zu nuckeln. Die Website selbst führt als Honoratioren an: Klaus Maria Brandauer, Elias Canetti, André Heller, Alfred Hrdlicka, Friedensreich Hundertwasser, Udo Jürgens, Hans Moser, Helmut Qualtinger, Peter Ustinov, Andy Warhol, die gesamte Wiener Gruppe einschließlich meines alten Lieblings H. C. Artmann – „u.v.m.“.

    Café Hawelka, Wien, Google Maps

  4. Hoffmanns, Bamberg, Schillerplatz 7:
    steak & fisch.

    Das für Bamberg sehr gehobene Haus hieß zu E.T.A. Hoffmanns Zeiten noch Zur Rose, ist aber im Unterschied zum Bamberger Hotel Wilde Rose und dem Wilde-Rose-Keller mit Bestimmtheit des zugereisten Kapellmeisters, musikalischen Leiters, Dramaturgen, Kartenabreißers, Kulissenmalers und Musiklehrers Laden, weil er am 1. Mai 1809 anlässlich seines Einzugs im heutigen E.T.A.-Hoffmann-Haus am Schillerplatz 26 im Tagebuch vermerkt: „Auch ein Poetenstübchen dabei„, was auf die anderen Häuser nicht zutrifft.

    Wer also mal in Bamberg auf Hoffmanns Spuren wandeln will: unbedingt dorthin. Das betone ich vor allem für mich selber mit solchem Nachdruck; aus persönlicher Neigung würde ich nämlich viel lieber mal wieder ins Schlenkerla, Rauchbier gurgeln.

    Hoffmanns Bamberg, Google Maps

  5. Hotel Elephant, Weimar, Markt 19:
    a Luxury Collection Hotel, Schiller & Goethe auf der Spur; mit Gourmetrestaurant Anna Amalia.

    Gegründet 1696, war das Elephant spätestens 1711 ein eher gehobenes Haus, das von Melissantes in seinem prominenten Reiseführer Das jetzt florirende Thüringen in seinen durchlauchtigsten und ruhmwürdigsten Häuptern / vorgestellt von Johann Gottfried Gregorii empfohlen wurde. Als Poststation erhielt der Laden ab 1741 eine wichtige internationale Funktion, und kurz darauf war er als Stammaufenthalt der Weimarer Klassikrecken stadtbekannt, weil angeblich die Wache am Stadttor alle auf das Elephant verwies, die nach Goethe, Herder oder Wieland fragten. Es scheint demnach, als fürstlich protegierter Literat im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach ließ sich gut leben.

    Bei Thomas Mann ist das Elephant Schauplatz der Rahmenhandlung von Lotte in Weimar von 1939, die 1816 angesetzt ist – 44 Jahre nach Goethes Liebschaft mit Charlotte „Lotte“ Kestner, geb. Buff, die Gegenstand in Die Leiden des jungen Werthers (nur echt mit dem Genitiv-s) war.

    Thomas Mann hat erst 1955 auf eigenen Wunsch im Elephant übernachtet, als er anlässlich der Verleihung des Schiller-Preises in Weimar zu tun hatte. Dabei war das Hotel 1945 bis 1955 als Gaufunkstelle im Hotel zur Außenstelle Weimar des Berliner Rundfunks (später: Landessender Weimar), Militärquartier und Internat umgewidmet, nur das Restaurant während der Schließung 1945 bis 1955 Elephantenkeller in gastronomischem Betrieb. Das Hotel wurde erst wieder ein Hotel, als Thomas Mann, der es in einem weltweit beachteten Roman zu neuem Ruhm geführt hatte, es bestelltermaßen selbst als Hotel nutzen wollte; jedenfalls ist er der erste Gästebucheintrag nach der Neueröffnung. Für seinen Roman hat er also eine fiktionale Version von dem realen Ort aufgebaut.

    Hotel Elephant, Weimar, Google Maps

  6. Lutter & Wegner, Berlin, Charlottenstraße 56, Stammhaus am Gendarmenmarkt.

    E.T.A. Hoffmann-GesellschaftE.T.A. Hoffmanns eigentliche Stammkneipe, lange nach seiner Bamberger Zeit, die auch noch als solche hochgehalten wird. Haben ja sonst nicht viel an Kultur, da in ihrem märkischen Ballungszentrum.

    Als Literat lief Hoffmann erst in seiner Berliner Zeit zu Hochform auf. So kommt es, dass sein poetisches Werk ab dem Erstling Fantasiestücke in Callots Manier 1814 bis zu Des Vetters Eckfenster 1822 – also zeitlich dicht gedrängt – mit dem Lutter & Wegner durchsetzt ist.

    In seiner Spätzeit war der umtriebige, skurrile, charismatische Bestsellerautor Hoffmann eine Attraktion des Restaurants, die unbegrenzt Freibier genoss. Das entsprach nicht nur in Augen des Wirts Hoffmanns Wesen so sehr, dass der Deutsch-Franzose Jacques Offenbach die Rahmenhandlung seiner Oper Les Contes d’Hoffmann (Hoffmanns Erzählungen, 1881) nirgend anders denn in einer Art Lutter & Wegner mit Bamberger Lokalkolorit ansiedeln musste.

    Die Biergärten und Cafés aus Der goldne Topf in Dresden, das Hoffmann als Einwohner kannte, sind in ähnlicher Weise von Hoffmann idealisierte Handlungsorte und zählen nicht als aufsuchbare Gastronomien.

    Lutter & Wegner, Berlin, Google Street View

  7. Schlappeseppel, Aschaffenburg, Schloßgasse 28:
    Brauereigaststätte seit 1631.

    Die Stammkneipe von Greser & Lenz, wegen der sie eigens nach Aschaffenburg umgezogen sein wollen. Wer die gastronomische Landschaft Hessens und des nördlichen Unterfrankens kennt, kann das nachvollziehen.

    Schlappeseppel, Aschaffenburg, Google Maps

  8. U České koruny , Lipnice nad Sázavou, č.p. 55:
    ubytování Vysočina.

    Zur böhmischen Krone in Lipnitz an der Sasau ist definitiv mein Liebling unter den Fundstücken auf meiner literarischen Kneipensuche. Stundenlang könnte ich sie auswendig lernen und zitieren, jedenfalls die deutsche Version:

    Familiepension mit Gaststätte liegt gerade unter Lipnice Burg in malerischem Bezirk von Böhmisch-mährische Bergländer.

    Lipnice ü./S. ist untrennbar verbunden mit dem Namen des Schriftstellers Jaroslav Hašek, Autors des weltberühmten Werks „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk„.

    Eben in diesem Gasthaus „Zur Tschechischen Krone“ hat Hašek wesentliche Passage des Werkes während seines Aufenthalts in Lipnice geschrieben. Die Pension ist dank der Rekonstruktion von Hašeks Nachkommen zur Rekreations-Aufenthalten ausgenützt, mit der Erkenntnis dieses Platzes verbundenen und zur angenehmer Verbringung der Freizeit genützt. Weiter ist auch zu verschiedenen Feiern, Hochzeiten, Seminaren und Firmenverhandlungen ausgenützt.

    Der Laden ist keinesfalls zu verwechseln mit dem Prager U kalicha, in dem sich der brave Soldat Schwejk so gern aufhielt, dass er sich für „nach dem Krieg um sechs im Kelch“ als erstes dort verabredet hat – vielmehr steht der – ebenfalls – real existierende Laden in Jaroslav Hašeks letztem, provinziellerem Wohnsitz, in dem er sein opus magnum nicht abgeschlossen hat.

    Was kein Wunder ist, weil seine Hauptbeschäftigung dort das Kartenspiel war; den Schwejk hat er nebenbei einem aufmerksamen Schreiber diktiert, der wohl nicht so viel vom Karteln hielt. Nach mitteleuropäischen Maßstäben muss Hašek als alkoholkrank gelten, das eigentliche Wunder dieser Kneipe ist also, dass 1920 bis 1923 überhaupt ein ziemliches dickes, wenngleich unvollendetes Buch darin entstand. Was in der Böhmischen Krone gezockt wurde und ob Hašek gewonnen hat, werde ich bestimmt vor Ort nachfragen, wenn ich mal vorbeikomme:

    Weiter können sie bestellen und verschmausen an Alt – böhmischen Speisen wie Entenbraten, Rauchfleisch Knie, gebackener Rippenstück. In Sommermonaten werden wir für Sie auf Bestellung einen Ferkel an der Terrasse braten oder das Fleisch grillen.

    Für Firmenfeiern bereiten wir Raut oder mittelalterlichen Festmahl an der Burg Lipnice vor.

    • Braten oder Grillen an der Terrasse
    • Hochzeitsfestmähler
    • Familienfeiern
    • Firmen Parties
    • Rauts an der Burg Lipnice oder im Restaurant

    Wir besorgen die Musik zum Sitzen und auch zum Tanzen.

    Kapazität des Restaurants: 55 Personen
    Sommerterrasse: 40 Personen
    Gotischer Keller: 20 Personen

    Verschmausen. Und Musik zum Sitzen. Ist das nicht hinreißend schnulli? – Ich empfehle zumindest eine virtuelle Ortbegehung.

     Hostinec a penzion U České koruny, Lipnice nad Sázavou, Gasthaus und Pension zur tschechschen Krone, Lipnitz an der Sasau, Google Street View

  9. Zum Jägerheim, Renzenhof, Altdorfer Straße 1, Ecke Hartmann-Schedel-Straße.

    Die Stammkneipe meiner Kindheit: Dahin haben, solange ich mich nicht wehren konnte, meine Eltern mich immer verschleppt, um Schäuferle für drei Personen („Für mich auch eins!“) zu verdrücken. Was weder meinen Eltern noch mir und mit größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit nicht einmal den Wirtsleuten bewusst war: dass vor 1493 im Nachbarhaus Hartmann Schedel vermutlich große Teile der Schedelschen Weltchronik geschrieben hat. Das Nachbarhaus ist ein seit 1362 nachgewiesener Herrensitz, und obwohl der asphaltierte Feldweg zwischen dem Gasthof und dem Herrenhaus Hartmann-Schedel-Straße heißt, ist letzteres im heutigen kollektiven Gedächtnis als „der spinnerte Renzenhofer Turm mit der Sonnenuhr“ verankert und privat bewohnt.

    Leider haben sich die Wirtsleute Mais anno 1995 aus schlecht verhohlener Trägheit erdreistet, meiner Mutter keinen Tisch für sechs Personen für ihren 50. Geburtstag zu reservieren, obwohl wir ihnen seit Jahren am Rande der Legalität als Endverteiler das Mineralwasser vom Bundesbahn-Sozialwerk für den Gastbetrieb verkauft haben. Seitdem gehen meine Eltern da nicht mehr hin, und ich komm auch nicht grade jeden Tag dran vorbei. Dabei ist die Familie Mais immerhin bis heute entweder so traditionell oder schon wieder so avantgardistisch eingestellt, um auf eine eigene Internetpräsenz zu verzichten.

    Es gibt also schon wieder eine Kneipe, in der ich vorsprechen muss. Da sieht man wieder, wovon Kultur abhängt.

    Satellitenbild Zum Jägerheim, Renzenhof, Röthenbach an der Pegnitz, Google Maps

Bilder: Google Street View; Google Maps;
BamBerger BonusBild bei Berlin: E.T.A.-Hoffmann-Gesellschaft im E.T.A.-Hoffmann-Haus:

Die Haustür haben bereits Hoffmann und seine Frau geöffnet; damals noch zweigeteilt, konnten nicht nur Kleine und Schlanke den rechten Flügel bequem benützen. Rechts eine Steintafel von 1930 mit der Inschrift: „E.T.A. HOFFMANN WOHNUNG UND MUSEUM“ vom Verkehrs- und Verschönerungsverein Bamberg, der damals die Öffnung gewährleistete. Das Fenster links zeigt das Selbstbildnis Hoffmanns anstelle einer Unterschrift, dazu die Öffnungszeiten. Es bietet in einer Art Peep-Show-Effekt Einblick auf einen fiktiven Arbeitsplatz und macht neugierig auf den Raum dahinter, das Spiegelkabinett. Unser Bild wurde anlässlich einer Inszenierung des Bamberger E.T.A. Hoffmann-Theaters aufgenommen – Sie brauchen natürlich nicht die Schuhe auszuziehen, um hineinzukommen, auch der „Dolch im Gewande“ ist nicht nötig.

Soundtrack: Laia Costa klavizimbelt virtuos in der Berliner Indie-Kneipe Franz Liszt:
den 1. Mephisto-Walzer, in: Victoria, 2015, was denn sonst?

Written by Wolf

26. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei