Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Nahrung & Völlerei’ Category

Goethes Kindergartenfutter

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Update zu Das Beste sind die Kartoffeln, lieber nicht zum
1. Katzvent: I should be stronger than weeping alone (und mit pragmatischen Messingdrähten zum Skelett zusammengeworfelt):

——— Goethe:

Eins wie’s andre

kein Anhaltspunkt zur Datierung, Erstdruck in der Ausgabe letzter Hand, Band 47, Cotta 1833,
in: Frankfurter Ausgabe, Gedichte Band 2, Seite 859:

Die Welt ist ein Sardellen-Salat;
Er schmeckt uns früh, er schmeckt uns spat:
Zitronen-Scheibchen rings umher,
Dann Fischlein. Würstlein, und was noch mehr
In Essig und Öl zusammenrinnt,
Kapern, so künftige Blumen sind —
Man schluckt sie zusammen wie Ein Gesind.

Cover Renate Hücking, Mit Goethe im Garten. Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit, Callwey 2013Wie schön, mit so einem prächtigen, rohen Findling von siebenzeiligem Gedicht einsteigen zu können. Vor langer Zeit hatte ich mal Urlaub. Das war die Gelegenheit, zwei aus der Goethezeit überlieferte Rezepte auszuprobieren, damit Sie es nicht müssen.

Überliefert sind beide Rezepte von Renate Hücking, auf den Seiten 21 und 22 ihrer Veröffentlichung Mit Goethe im Garten. Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit, Callwey 2013. Die zwei Seiten mit den Rezepten waren zufällig die ersten, die ich aufgeblättert hab, was auf eine größere Fülle schließen ließ, aber es bleibt bei den zweien. Das ist in Ordnung so: Auf diese Weise hat man eine überschaubare Auswahl sehr praktikabler und wahrscheinlich halbwegs gesunder Rezepte mit literarischem Bezug und regional beschaffbaren Ingredienzen.

——— Renate Hücking:

Frau Ajas Eierkuchen

aus: Mit Goethe im Garten: Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit,
Verlag Georg D. W. Callwey GmbH & Co. KR, München 2013, Seite 21:

Zutaten
4 alte Brötchen,
2 Esslöffel Schnittlauch,
1 Zwiebel,
40 g Butter,
7 Eier,
¼ l Milch,
1 Esslöffel Mehl,
100 g Speck,
Salz und Muskat

Die Brötchen würfeln, die Zwiebel schälen und fein hacken, den Schnittlauch fein schneiden. Alles zusammen in der Butter leicht rösten.

Eier, Milch und Mehl verquirlen und anschließend mit Salz und Muskat abschmecken. Die gerösteten Zutaten unterziehen. Den Speck in der Pfanne auslassen, die Teigmasse portionsweise dazu geben und auf beiden Seiten langsam ausbacken.

Kindheitsfutter ist sowieso immer das beste. Als Welpe musste man mir die Krautwickel immer aus dem Kraut auswickeln, was das Rätsel darum noch geheimnisvoller machte, warum man einwandfreie Hackfleischbatzen überhaupt erst in derlei grünliche Putzlumpenfetzen einwickeln musste. Im Franken meiner angeborenen dialektalen Ausrichtung heißt das Hackfleisch ohne Grünzeug drumrum Fleischküchle, mit Weißkraut, Mangold und bei den Honoratioren Spinat drumrum Krautwickel — die korrekte oberostfränkische Aussprache erspare ich uns. Aber nicht einmal im allzeit bratwursthaltigen Franken wäre jemand darauf verfallen, zu Hackfleischprodukten auch noch Bratwürste zu „reichen“. Im bis 1763 französisch besetzten Frankfurt am Main anscheinend schon.

An der Formulierung stört mich allein der unmotivierte Wechsel zwischen Imperativen und imperativ gemeinten Indikativen im Aktiv und Passiv, aber angesichsts der fertigen Laubfrösche ist das schon germanistische Zickerei.

——— Renate Hücking:

Laubfrösche — ein Gericht aus Kindertagen

ebenda, Seite 22:

Zutaten,
12 Mangoldblätter,
2 (altbackene) Brötchen,
1 Zwiebel,
2 Knoblauchzehen,
2 EL Butter,
1 Bund Petersilie,
2 Eier,
2 Zweige Liebstöckel,
300 g Hackfleisch,
Salz,
Pfeffer,
Pimentkörner,
½ l Gemüsebrühe

Die Mangoldblätter werden entstielt, gewaschen und mit kochendem Wasser überbrüht. Danach solten sie in eiskaltem Wasser abgeschreckt werden und gut abtropfen.

Für die Füllung wird die fein gewürfelte Zwiebel mit dem Knoblauch in Butter weich gedünstet — ohne sie zu bräunen. Die Brötchen in Wasser oder Milch einweichen und ausdrücken. Dazu gibt man die Eier, die gehackten Kräuter und das Fleisch. Alles sollte gut gewürzt und gründlich miteinander vermengt werden. Etwa ein Löffel dieser Masse wird auf ein Mangoldblatt gegeben und darin eingewickelt. Jetzt werden die „Laubfrösche“ mit Mehl bestäubt, in der Pfanne kurz angebraten und dabei vorscithgig gewendet. Zum Schluss mit Brühe auffüllen und die Wickel etwa 20 Minuten darin garen lassen.

Eine Variante: Die Blätter mit einer Masse aus 2 Eiern, Semmelmehl und frischen Gartenkräutern füllen, mit Mehl bestäuben und anbraten. Dazu werden Bratwürste gereicht.

Der vegetarische Praxistipp: Statt des schön bunten, aber etwas geradeheraus schmeckenden Mangolds je nach Saison lieber Spinatblätter hernehmen.

Der vegane Praxistipp: Champignons, an Feiertagen auch gern Austernpilze ergeben in gehäckseltem Zustand einen täuschend echten, sogar wohlschmeckenden Ersatz für Hackfleisch. Der örtliche Türke verkauft eine undurchschaubare, aber hochraffinierte Köfte-Gewürzmischung in allen Haushaltsgrößen, mit der kein Mensch mehr die Pflanzen- von den Kuh- und Schweineteilen unterscheiden kann. Pilze häckseln ist etwas aufwändiger als eine Packung Hackfleisch in die Pfanne fallen lassen, also kurz das große Messer nachschleifen und die Muffs auf die Ohren, das beflügelt. Nach meiner Erfahrung ist die Entsprechung für ein Pfund Hackfleisch innerhalb einmal Alert Today, Alive Tomorrow (1999) fertig. Für das ganze Festessen: Der Freischütz. Aber unter Carlos Kleiber, gell?

Marion Nickig, Baum im Herbst, via Helena Pivovar, Dichterfürst -- Gartenfürst, Callwey Blog 7. Oktober 2013

Bilder: Weil ich mich nie an die postmoderne Unsitte gewöhnen konnte, mein eigenes Essen abzulichten, wegen der arbeitsam eingefetteten Finger schon gar nicht während des Kochvorgangs, gibt’s nur das Buchcover und ein Beispiel für die schönen Illustrationen aus dem beschriebenen Buch, die beizubringen in der verregneten ersten Jahreshälfte 2013, wie in den Danksagungen beklagt, gar nicht so einfach war: Marion Nickig, via Helena Pivovar: Dichterfürst — Gartenfürst, Callwey Blog , 7. Oktober 2013.

Soundtrack: Theodor Shitstorm im Garten von Pogel und Marion (nicht Marion Nickel, nehme ich an):
Ratgeberlied aus: Sie werden dich lieben, 2018, mit der einzig richtigen Anweisung für Kochrezepte:

So weit meine Ratschläge, merk sie dir gut:
Es ist wichtig, dass man das exakte Gegenteil tut.

Der Text ist raffiniert genug für die volle Lautstärke und das Video für den Vollbildmodus:

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Written by Wolf

19. April 2019 at 00:01

Weil er bei den Mahlzeiten so entsetzlich isset

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Update zu Der Widersacher. Ästhetischer Gaukler vs. unnahbarer Eispalast: Braucht die Welt noch Dichterfürsten im Krähwinkel? Alles ist erlaubt und willkommen. Keine 30 Prozent der Quellen,
vor allem aber Das Beste sind die Kartoffeln und entfernt
Wunder im Gehirn. Vier Bier und ein Buch de cerevisiis:

Das Leben des Quintus Fixlein, aus funfzehn Zettelkästen gezogen, nebst einem Mustheil und einigen Jus de tablette, von Jean Paul, Verfasser der Mumien und Hundsposttage von 1794 bis 1795 ist ein Jean-Paul-typisch wildes Stückwerk, dafür dankenswert genau aufgeteilt: Das übliche Gestrüpp — „Blumenstrauß“ wäre für diesen Gebrauch auch nicht viel wohlwollender — aus Vorworten und Vor- und Nachworten zu Vor- und Nachworten hat diesmal besonders phantasievolle Überschriften — und so viele verschiedene.

Zu vermuten steht, dass Jean Paul (* 21. März 1763) zwischen seinem — wieder typisch: gleich zweiten — Erstling, der zwar nicht sein erstes Buch, dafür ein Bestseller war, Hesperus und dem Siebenkäs einiges angesammelte Material wegverwenden wollte, um das es dem immer noch aufstrebenden Schreibhandwerker sonst schade gewesen wäre.

Um einen Eindruck zu vermitteln, fächere ich die Bestandteile des Quintus Fixlein nachstehend auf, vollständig wiedergegeben ist darunter mein Lieblingsteil Des Amts-Vogts Josuah Freudel Klaglibell — wie ja überhaupt unser Vorteil bei diesem einnehmenden Konvolut darin besteht, dass es wesentlich unter Jean Pauls üblichen achthundert Seiten bleibt.

Lilli Hill via The Art of Obesity

——— Jean Paul:

Leben des Quintus Fixlein,
aus funfzehn Zettelkästen gezogen,
nebst einem Mußteil
und einigen Jus de tablette

[Billett an meine Freunde, anstatt der Vorrede;
Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein;
Die Mondfinsternis]

[I. Mußteil für Mädchen:
1. Der Tod eines Engels;
2. Der Mond]

[II. Des Quintus Fixlein Leben bis auf unsere Zeiten.
(Die ersten 14 Kapitel heißen „Zettelkasten“, das letzte Kapitel heißt „Letztes Kapitel“.)]

III. Einige Jus de tablette für Mannspersonen

[1. Über die natürliche Magie der EInbildungskraft]

2. Des Amts-Vogts Josuah Freudel Klaglibell
gegen seinen verfluchten Dämon

Dieses zierliche Klaglibell, worin ein zerstreueter Gelehrter ohne sein Wissen seine Zerstreuung schildert, kam durch die Güte des Herrn Pfarrers Fixlein in meine Hände, der in der Kirchenagende seiner Sakristei gefunden hatte. Ich glaube, ich kann das Libell ohne Diebstahl zu meinen Aufsätzen und Effekten schlagen, da Freudel hinten eine Arbeit von mir in seine einfügt; denn ich mache, da commixtio und confusio ein modus adquirendi ist, aus rechtlichen Gründen aufs Ganze Anspruch. Wenigstens gehören, da er das Papier dazu aus der Sakristei erhob, meinem Gevatter als Herrn des Prinzipale die darauf gesetzten Gedanken des Vogts als accessorium. Der Konzipient hatte sich aus Versehen am Bußtage in die Hukelumer Kirche sperren lassen; – um nun die Langweile sich so lange vom Leibe zu halten, bis ihn beim Gebetläuten jemand hinausließ, verschrieb er die Zeit bis dahin in diesen Klagen:

*

Lilli Hill via The Art of ObesityGewisser ist wohl nichts, als daß manchen Menschen ein tückischer Dämon verfolgt und ihm lange Sperrhaken ins Getriebe seines Lebens steckt, wenn es gerade am besten umläuft und eben ausschlagen will. Jeder muß Menschen kennen, die lauter Unglück im Spielen – Kriegen – Heiraten – in allem haben, so wie andere wieder lauter Glück. Bei mir wird gar Glück und Unglück mutschierungsweise neben und auf einander verpackt in eine Tonne, anstatt daß es Jupiter in zwei verfüllte. Ist vollends das Vergnügen, die Ehrenbezeugung, die rührende Empfindung, die ich habe, groß, sehr groß: so verlass‘ ich mich darauf, daß es nun der Dämon gewahr werden und mir alles hinterdrein gesegnen werde. So versalzet er mir gern schöne Lustfahrten durch einen häuslichen Hader; und ein Ehrenbogen ist für mich ein Regenbogen, der drei elende Tage ankündigt. So hat er mir heute in diese Kirche nachgesetzt, weil er voraussah, die blühende Predigt werde mir einiges Vergnügen reichen; und nun seh‘ ich mich seit der Vesperpredigt in das Gotteshaus inhaftiert, und das Schicksal weiß, wenn ich hinausgelassen werde. Denn ich kann weder Tür noch Fenster ausbrechen, und das größte Unglück ist, daß gerade heute Bußtag ist, wo keine Magd auf den Gottesacker geht; unter allen meinen dummen Schreibern hat ohnehin keiner so viel Verstand, daß er mich in der Sakristei aufsuchte. Diese Kirche ist mir überhaupt aufsätzig; ich habe darin schon ein Unglück gehabt, und es war heute nichts als der Widerschein eines alten, daß ich unter der Hand der ganzen Gemeinde abgefangen wurde, indem ich still und vergnügt in meinem Kirchenstuhle saß und meine ungedruckte Anweisung zu einem gerichtlich-blühenden Stil in Gedanken prüfte. Denn ich bin leider in viele Sättel gerecht, eben weil mich der Dämon immer aus jedem hebt.

Ich habe mich sonst mit Versen abgegeben – welches jetzt wenigstens meinem Stile zuschlägt – und nachher umgesattelt: denn ich wollte ein Pfarrer werden, und kein Amtsvogt. Die Geschichte ist im Grunde unterhaltend, obwohl auf meine Kosten. Ich wollte nämlich als Student in meinem Geburts-Dorfe (eben hier in der Kirche) mit einer Gastpredigt ausstehen und hatte deshalb eine große Perücke mit einem hohen Toupet-Gemäuer meiner Mutter zuliebe aufgesetzt. Gleich im Exordio stieß ich auf ein Abenteuer, indem ich die Nutzanwendung, die sich auch wie jenes mit: „teuerste etc. Zuhörer“ anhebt, unglücklich mit dem Eingange verwechselte; aber ich hielt – leicht und mit zweckmäßigen Veränderungen – den Zuhörern den Schwanz so in meiner Hand hin wie ein Endchen Kopf. Tausend andere hätten von der Kanzel gemußt; ich hingegen kam wohlbehalten vor dem Kanzelliede an und sagte: „Nun wollen wir ein andächtiges Lied miteinander singen“ und das war mein Unglück. Denn da ich mich – wie es auf den meisten Kanzeln Sitte ist – so mit dem Kopfe aufs Pult hinlegte und niederkrempte, daß ich nichts mehr sehen konnte als den Kanzel-Frack – so wie von mir auch nichts zu sehen war als mein Knauf, die Perücke mit dem Wall –: so mußt‘ ich (wollt‘ ich nicht dumm sein und ins Kanzeltuch hineinsingen) aus Mangel an Gesichtsempfindungen während dem Singen denken. – Ich suchte also auf dem Pulte den Eingang, womit ich schließen wollte, zur Nutzanwendung umzufärben – ich wurde von einer Subdivision auf die andere verschlagen – ich hatte mich wie ein Nachtwandler unter meine Gedanken verstiegen, als ich plötzlich mit Erstarren vermerkte, daß schon längst nichts mehr sänge und daß ich nachdächte, während die sämtliche Kirche auflauerte. Je länger ich erstaunte in meiner Perücke, desto mehr Zeit verlief, und ich überlegte, ob es noch schicklich sei, so spät das Toupet-Fallgatter aufzuheben und darunter den Kirchleuten wieder zu erscheinen. Jetzt war – denn der Kanzel-Uhrsand lief in einem fort – noch mehr Zeit verstrichen; die außerordentliche Windstille der Gemeinde lag ganz schwül auf meiner Brust, und ich konnte, so lächerlich mir zuletzt der ganze, Ohr und Fuß spitzende Kirchenhaufe vorkam und so sicher ich hinter meinem Haar-Stechhelm lag, doch leicht einsehen, daß ich weder ewig niedergestülpet bleiben noch mit Ehren in die Höhe kommen könnte. Ich hielts also für das Anständigste, mich zu hären und mit dem Kopfe langsam aus der Perücke wie aus einem Ei auszukriechen und mich heimlich mit bloßem Haupte in die an die Kanzeltreppe stoßende Sakristei hinunterzumachen. Ich tats und ließ die ausgekernte ausgeblasene Perücke droben vikarieren. Ich verhalt‘ es nicht: indes ich in der Sakristei mit dem unbefiederten Kopfe auf- und abging: so passete jetzt (denn mein brachliegender Adjunktus und Geschäftsträger schauete in einem fort schweigend auf die Seelen herunter als Anfang eines Seelenhirten), so passete, gesteh‘ ich, jetzt Groß und Klein, Mann und Weib darauf, daß der Kopf-Socken anfinge sich aufzurichten und ihnen vorzulesen und jeden so zu erbauen, wie ja homiletische Kollegien uns alle, hoff‘ ich, abrichten. Ich brauche den Lesern nicht zu sagen, daß die erledigte Perücke nicht aufstand, beraubt aller Inlage und ihres Einsatzes. Zum Glück stellte sich der Kantor auf die Fußzehen und sah in die Kanzel herein – er stieg sans façon herab und hinauf und zog meine Kapuze beim Schwanze in die Höhe und zeigte der Parochie, daß wenig oder nichts drinnen wäre, was erbauen könnte, kein Seelensorger – „die Fülle ist schon aus der Pastete heraus“, bemerkt‘ er öffentlich bei diesem Kopf-Hiatus und steckte meinen Vikarius zu sich. – Und seitdem hab‘ ich diese Kanzel nicht mehr gesehen, geschweige betreten …

Wahrlich ich schreib‘ ihr jetzt gerade gegenüber, und ich sah heute hinauf; ich wollt‘ aber, ich könnte hinaus, und ich muß schon lange geschrieben haben. Beiläufig! gerade diese Historie, die ich ausschweifungsweise beigebracht, dient mehr als eine, das Dasein eines Dämons, der den mit den besten Projekten schwangern Menschen in Ratten-Form unter die Füße schießet, zu beglaubigen – aber Muttermale sind die Nachwehen davon.

Ich schwamm wohl niemals mehr im Wonnemeer als einmal, da der hiesige regierende Bürgermeister zur Erde bestattet wurde – dennoch wußte mir mein Dämon Unrat in meine Leichensuppe zu schmeißen. Ich würde abkommen von dem Leichenbegängnis, wenn ich weitläuftig berichten wollte, wie wenig dieser Hausteufel darnach fragt, wenn er mich um eine Hinrichtung – um eine Krönung – um eine Sonnenfinsternis zu bringen vermag. Da diese Dinge leider keine Palingenesie, kein Ancora und keinen Refrain verstatten: so hab‘ ich dieses Trio von Dingen, das sonst wohl wenig Ähnlichkeit miteinander hat, niemals beschauen können – es war vorbei, eh‘ ich daran dachte, daß es komme.

Ich sollte Leichenmarschall beim Begräbnis sein und fing es auch an: der Bürgermeister, dem der Tod die Sanduhr in die Augen geschüttet hatte, war ein Mann, der verdiente, einen guten Leichenmarschall zu haben, einen gestabten Leichen-Turnier-Vogt; denn er war in der ganzen Gegend selber bei allen Leichen von Stand der allgemeine Undertaker, der Großkreuz des memento mori-Ordens gewesen, der maitre de plaisirs des Totentanzes. Er hätte – so gut fand er sich in die Charge – Leichen – Obermarschall in London bei der Beerdigung der magna charta sein können, wäre sie kein bloßer Spaß gewesen; und falls man den alten Publizisten Reichsherkommen in den Residenzstädten einmal im Ernste begrübe, so könnte der Bürgermeister den Sarg unterstützen, läg‘ er nicht selber darin.

Lilli Hill via The Art of ObesityIch muß noch vorher erzählen, daß ich abends vor der Bestattung, weil ich mit dem Bürgermeister einerlei Natur hatte, mir an ihm ein Beispiel nahm und meine Frühlingskur, nämlich 1½ Löffel echte Rhabarber gebrauchte. Ich wollte, ich hätte etwas von jenen Gelehrten an mir, die aus Zerstreuung eines über das andere vergessen: eine kleine Zerstreuung, worin ich über die Leiche die Kur vergessen hätte, würde mir den andern Tag zupasse gekommen sein. Ich sollte fast mich schämen, etwas so viele lesen zu lassen, was ich ohnehin so viele sehen ließ. Im Grunde wars wohl unvermeidlich und wahres splanchnologisches Fatum: denn ich trank im Trauerhause viel nach – mußte langsam neben der schleichenden Bahre waten und noch dazu einem lüftenden Wind entgegen, der den ehrwürdigsten Männern den Leichenmantel zu einem Fettschwanz aufflocht (den faltigen Bettzopf und Troddel steckt‘ er ihnen dann wie ein Stichblatt an die rechte Seite), und ich führte noch dazu die satanische Frühlingspurganz im Magen bei mir. – – Inzwischen mußte einer, der mir nachsah, wenn er nicht horndumm war, sogleich bemerken, daß ich lange genug meine physiologischen Verhältnisse zum Besten meiner Pflicht verbiß und verwand und hinter dem schwarzen fliegenden Sommer und Flor-Labarum des Huts und mit dem eingewindelten hohen Marschalls-Taktstock das sämtliche Leichenkondukt gut genug kommandierte und begleitete, obwohl ich im Wasser der Tränen und der Laxanz als ein gebrochener Stab erschien. – Denn mir tat es wehe, so viel (am Bürgermeister) verloren und so viel eingenommen zu haben. – – Meinetwegen! Unser Land kommt doch darhinter: kurz der mitsingende Wind mochte uns kaum bis an zehn Schritte vor die Kirchtüre geschoben haben, als ich wirklich und ohne freien Willen, gleich dem Kaiser Vespasian – und auch am nämlichen Orte –, meinen verbitterten Zepter fallen ließ ….

Viele lachten wohl.

In andern Fällen weiß ich mir gegen Arzneien zu helfen. Da ich z.B. einmal dem vorigen Obristforstmeister, mit dem ichs nicht verderben durfte, auf seinem Jagdhause am Martinitag zu essen brieflich versprochen hatte: so traf sichs zum Glück, daß ich an dem nämlichen Tage beim hiesigen Pfarrer zu speisen mündlich zugesagt hatte. Nun war ich vor Nachteil verwahret, da es am Martinitag nicht bloß in der Pfarre drunter und drüber ging, sondern auch in meinem Magen; bloß weil ich mich mit einem hübschen Brechmittel ausbürstete. – Denn als mir um zwölf Uhr der Pfarrer sagen ließ, „es würde alles kalt“: so wußt‘ ich recht gut, wie viel Uhr es geschlagen hatte, und nahm in der Stadt, in die ich in einer Viertelstunde lief, auf der Post ein Kurierpferd und kam beim Forstmeister gerade angesprengt, als die Suppe noch heißer rauchte wie mein Gaul.

Ich weiß gewiß, ich wollte dem Leser noch einen recht frappanten Kasus auftischen; aber er will mir jetzt durchaus nicht beifallen. – Andern Leuten muß es noch öfter so gehen: denn ich habe eine ganze ausgewählte Bibliothek durch Diebstahl gewonnen und eine verloren, weil die einen, die mir jene liehen, und die andern, die mir diese abborgten, vergessen hatten, mit wem sie zu tun gehabt – und dann kamen mir die Leute auch aus dem Kopfe.

Jetzt fället mir alles bei: es war so. Fatalien waren mir, da ich noch Advokat war, in jedem Prozesse Mißpickel und Rattenpulver, und meine Appellationen wollten (wie alle lang lebende Gewächse) nie schon in zehn Tagen zeitigen; dennoch erwiderte ich einen gut ausgedachten Streich des bösen Dämons mit einem bessern. Überhaupt sollten die Kollegien so gut Fatalien zu fürchten haben wie die Advokaten: ist nicht oft das Beste, was die Parteien verlieren können, Zeit? Und warum soll diese der schuldige und der unschuldige Teil zugleich verlieren? – Was helfen alle Läuferschuhe der Advokaten (und die Hetzpeitschen der Prozeßordnung dazu), wenn die höhern Kollegien, an die alle Akten indossieret werden, in Hemmschuhen und Hemmketten einherwaten? – Kurz die Advokaten und die höhern Instanzen (denn uns niedrigen zügelt man schon, und ich darf kaum mehr sprechen, so verlangen die Leute die Apostel) siechen an demselben Marasmus der Dilation, an derselben Frakturschrift der Schreiber, an derselben Geld- und Gesichterschneiderei … Ich schweife hier vielleicht ab; aber ich bekenne, ich fass‘ es niemals, wie ich im Schreiben von einem aufs andre komme, da ichs doch im Denken nicht tue.

Lilli Hill via The Art of ObesityAber wie gesagt, es war an meinem Hochzeittag; – er war schon ganz vorbei bis auf eine Viertelstunde. – Die finstere Hochzeitnacht war hereingebrochen – ich hatte meine Repetieruhr und mein Zopfband schon unter den Spiegel gehangen und das vor letzte Licht ausgetan und beim letzten drei Viertel auf zwölf Uhr gelesen und so feurig als wenige an meine liebe Braut, als Tür- und Wandnachbarin meiner Seele, gedacht, als ich im sogenannten Ehekalender, der neuerer Zeiten das Kirchenbuch und den Geburtsschein um dreiviertel Jahr antizipieret, nachschauete, um das heutige Datum zu unterlinieren: nun kam ich im Kalender, worin zugleich meine juristischen Fatalien und Termine stehen, zum Glücke mit darhinter, daß ich innerhalb zwei Tagen appellieren müßte, und daß der letzte Viertelhammer der zwölften Stunde den achten gar erschlüge. Ich raffte mich zusammen, beschnitt Papier (in Baiern wär’s unnötig) und legte stehendes Fußes die Appellation ein, die einzulegen war, und petschierte sie zusammen. „Ich habe nur“ – meldete ich ausgefroren der Braut „vom Judex a quo zum Judex ad quem appelliert; und du kannst dir denken, ob man es appellatischerseits werde erwartet haben.“ –

Da der Teufel eine eigne Liebhaberei für Zwiespalt hat: so sucht er mir gerade, wenn ich durch einen Ehrenbogen gehe, den Grimm meiner Freunde zuzuwenden. Ich erinnere mich, daß ich oft vermischten Gesellschaften mit der größten Deutlichkeit Lavaters Tierstücke aus seinem physiognomischen Schwabenspiegel repetierte und ihnen die Anwendung der Vieh- und Insektenköpfe auf die menschlichen so leicht machte, als ohne Kupferstiche möglich ist, ich erinnere mich, sag‘ ich, daß ich mich, wenn ich mich dann nach einiger Beistimmung umschauete, in einem Zirkel oder Trapezium von fatalen verdrüßlichen Gesichtern mit gekräuselten Nasen, faltigen Lippen, gestirnten überschriebnen Stirnen stehen sah – und wer mir aus der Gesellschaft die nächsten Wochen darauf ein Bein unterstellen konnte, der tats. Wenn ich nicht zuweilen in Gesellschaft einschliefe, so könnten alle nichts aufbringen, womit ich ihnen zu nahe träte: alles, was ich darin wage, ist, daß ich vor ihnen im Kopfe einige juristische Opuscula ausarbeite, anstatt daß Zimmermann ihnen im Kopfe gar seine philosophischen vorlieset. Newton sah den Finger einer Dame für einen Zwerghirschchen-Fuß an, den man zum Pfeifenstopfer nimmt; ich aber habe nichts auf mir, als daß ich einmal, da ich meine Pfeife ausklopfte, aus Höflichkeit einigemal rief: herein! weil ich dachte, man klopfe draußen an.

So werf‘ ichs mehr einem bösen Dämon als mir selber vor, daß ich in einem Jahre meinen Gevatter und meinen Beichtvater zugleich geärgert. Ich war sehr krank und ließ auf drei Sonntage eine Kirchenvorbitte für meine Genesung bestellen. Am dritten Sonntag saß ich während der Vorbitte selber mit unter den Leuten und schauete – während der Pfarrer oben an meiner Rekonvaleszenz arbeitete – unten aus meinem Gitterstuhl mit einem närrischen Gesichte genesen heraus. Ich wußt‘ aber am besten, warum ich mich als Rekonvaleszent öffentlich vorstelle: die Gemeinde sollte sehen, wie ihre Vorbitte angeschlagen, und zweitens sollte sie ermuntert werden zu Vorbitten gegen das Rezidiv.

Was meinen Gevatter, den Marschkommissar, anlangt, so ritt ich zu ihm bei der ersten Niederkunft meiner Frau und wollt‘ ihn, da er mein alter Universitäts-Jonathan und Orest ist und in der Nähe wohnt, zu Gevatter bitten, als er gerade reisefertig im Stalle auf den Durchmarsch der Ungarn paßte. Da sein erstes Wort war, ich möchte auf dem Pferde mit ihm reden und mitreiten: so verritt ich einen halben Tag, und erst vier Meilen vom Täufling macht‘ ich ihn bei einem Setzteiche zu meinem Gevatter in Beisein der Kompagnie. Den andern Tag erreichten ich und er mit zwei solchen Jagdpferden, wie wir reiten, leicht den Taufstein beizeiten.

Ich kann nicht erzählen, wie ich meinen Gevatter grimmig und zwieträchtig gemacht, wenn man mich nicht vorher über die Tücke meines Dämons abhört, der mir, solang‘ ich Geburtstage in meinem Leben antraf, noch keinen einzigen zu begehen erlaubte. Kurz vor, kurz nach den Geburtstagen veranstalt‘ ich viel und schaffe Vorreiter und Voressen an; ist aber einer von den Geburtstagen da, so merk‘ ich nichts von ihm, und ich kann ihn also nicht durchfeiern. Endlich dacht‘ ich, es würde zu etwas führen und gescheut sein, wenn ich satteln ließe und schon vier Wochen vorher meinen Gevatter auf Barnabas-Tag – da fiel meine Geburt – samt den sieben lieben Kleinen invitierte, mit mir vorlieb zu nehmen. Ich saß auf und überraschte und überredete den Marschkommissär, ohne ihm jedoch etwas vom Geburtsfeste zu entdecken: ich setzte nicht eher einen Fuß in den Steigbügel, als bis er – weil er kaum aus den Reisekleidern wegen der Durchmärsche kam, die halb-frankieret waren und nicht viel anderes Geld gaben als Fersengeld – doch in meinem Beisein ein viersitziges Fuhrwerk auf Barnabas bestanden hatte. Nun hatt‘ ich alles abgetan und brauchte nicht weiter daran zu denken: ich wußte, der Kommissär vergesse nichts. – Unter dieser Zeit ließ ich das schöne Bau-Wetter nicht wieder verstreichen, sondern machte mich einmal im Ernste über die Hauptreparatur und Reproduktion meines brüchigen Hauses her. Als nun am Barnabastermin bei früher Tageszeit der alte Marschkommissar samt seiner jungen Frau und sieben lebendigen, meinetwegen in Putz gesetzten, vergnügten Kindern wirklich unten vor meinem Hause gleich ihrem Fähr- und Fuhrmann, der schon vom Bocke war, freudig auszusteigen gesonnen waren: wars eine platte Unmöglichkeit, weil um das Haus mehrere Schutt-Kettengebirge umhersaßen und weil besonders die Beine und Pfahlwerke des Gerüstes die ganze Anfurt verschränkten. – Ich selber spazierte oben auf letzterem mit einem abgekürzten strangulierten gummierten Schlafrock herum, reine Luft zu schöpfen, und guckte staunend auf den großen Kutschkasten herunter, ungemein neugierig, was wohl aus dem Kasten springe. Aber der Fuhrmann schwang sich wieder über das Rad hinauf und fuhr die Familie vor einen wohlfeilen Gasthof, an dem ich erst, weil er meinem Gerüste gegenüber stand, beim Aussteigen und Hineinziehen meinen guten Gevatter und seine geputzte Familie leicht wie Dokumente rekognoszierte. Ich ließ sie erst drüben allein essen, weil ich nicht gern schmarutziere, und dann kam ich schleunig nach. Ich trat mit dem Scherze vor ihr Tischtuch, ich könne sie heute nicht in meinen vier Pfählen, sondern in meinen zwanzig Pfählen – aufs Gerüste wird angespielet – empfangen; „aber bei uns zu Hause“, setzt‘ ich hinzu, „kann sich kaum der Mauermeister mit dem Borstpinsel umkehren.“ – Ich bekenne mit Dank – so sehr mich jetzt mein Gevatter anfeindet –, dieser letzte Nachmittag, den ich bei ihm versaß, war einer meiner heitersten. Ich nötigte ihn, die Nacht dazubleiben; und ich hielt mich beim Kommissar von Vormitternacht bis ein wenig gegen den Morgen auf, weil er, ob er gleich so schläfrig war wie seine von der Apoplexie des Schlafes um ihn hingestreckten Kinder, doch aus Zerstreuung nicht merken mußte, welche Zeit es sei: denn der Mann hat einen außerordentlich zerstreueten Kopf, und seine Gehirnkammern sind bis an die Decke mit Marschreglements vollgeschlichtet … Ich hätte an so einem vergnügten Tage noch gar wissen sollen, daß es der meiner Geburt ist.

Lilli Hill via The Art of ObesityÜberhaupt aber war ich nie für ordentliche Freß-Gelage und erschien ungern darauf. Ich war ein einziges Mal bei einer Ratsmahlzeit, die ich als Amtsvogt mitessen mußte nach der Ratswahl: denn ich habe ja schon erzählt, daß der Vorfahrer des neuen Bürgermeisters begraben worden, als ich Leichenmarschall war. Ich würde mich von allem ausgeschlossen haben, wäre nicht in einem Marktflecken wie unserem, der Stadtgerechtigkeit begehrt, Bürgermeister und Rat viel: in Rom vertauschte der Diktator den Pflug gegen das Staatsruder; – hier bei uns hält man beide leicht in einer Hand, und wir besitzen Ratsherren, denen es einerlei ist, ob sie votieren oder gerben, mähen oder strafen, an- oder unterschreiben und also die Kreide oder die Feder führen.

Bloß der närrische Ratsherr und Lohgerber Ranz bringt dem Kollegio Nachteil, weil er bei den Mahlzeiten solcher Parlamentswahlen so entsetzlich isset. Es zirkuliert über die ganze Ratsmahlzeit, zu der ich mich ex officio mit setzen mußte, und besonders über diesen Lohgerber eine hübsche Satire, die ein Unbekannter im Manuskript herumschickt und die ich hier unkastriert einrücken kann:

„Zuerst muß die Phantasie des Lesers die konsularische Tischgenossenschaft nehmen und ihr alle menschliche Glieder abschneiden, abbeißen und wegstreifen, nur Schlund und Magen ausgenommen, die wir bei der Sache keine Minute entraten können. Hierauf müssen wir, ich und der Leser, die Mägen samt ihren angeschraubten Stechhebern von Schlünden um den Tisch, auf dem die Ratsmahlzeit raucht, die der jüngste zum Ratsherrn erwählte Magen kochen lassen, titularisch auf den Stühlen herumlegen und dann zuschauen und aufschreiben, wie diese einsaugende Gefäße sich einbeißen – wie sie eintunken – wie sie austrinken – wie sie schneiden – wie sie stechen – und was sie forttragen im Magen, Darmkanal und auf dem Teller. – Aber der Gerber-Meister Ranz wirft einen langen Schatten über die ganze Tafel und übermannt und überfrisset jeden, sich ausgenommen. Eh‘ ich protokolliere: so will ich vorher sechs Bierhähne wie Quellen gegen diesen Streckteich richten und den Weiher voll lassen und die Hechte unter – Bier setzen. Nun schwimmt! –

Was uns äußerst frappieret und äußerst interessieret, ist bloß der Ratsherr und Lohgerber Ranz, der gleich der Natur voll Wunder ist und sie nun anfängt zu tun … Er bringt, als Widerspiel eines Wasserscheuen, nichts Festes in seinen Leib, aber nicht weil sein Leib selber fest ist, und genießet, als Widerspiel eines Katholiken, dieses Abendmahl unter einerlei Gestalt, nämlich unter der flüssigen, aber nicht weil er glaubt, die feste stecke schon mit darin – er schöpfet mit dem Pumpenstiefel seiner Hand alles Feuchte auf und ziehet mit den Punschlöffeln seines Wasserrades alle Suppenschüsseln in seine Schlund-Gosse und ins Magenbassin ab, nicht weil er ein Abführungsmittel damit abführen will, womit er erst morgen das heutige abzuführen gedenkt – er wischet mit seinem Brotschwamm alle Brühen weg und hält seinen Gabel-Saugstachel über jede Senf- und Meerrettich-Lache, nicht um seine Magenhaut mit dieser Gerberslohe erst gar zu machen – er setzt sich wie Schimmel auf Brot und schlägt darauf mit seinem Gebisse Wurzel, nicht weil er ein Franzos oder sein Pferd ist und Brot liebt – er macht seinen inkommensurablen Magen zum zweiten Einmachglas eines jeden Eingemachten, zur Grummetpanse eines jeden Gemüses, zum Treibscherben eines jeden Salats, nicht weil er einen Bissen Fleisch dazu absägt – er mauert das Zorngefäß und den Schmelztiegel seines Magens mit Breien aus, aber nicht weil dieser Sprünge hat und die Velutierung braucht – –

Sondern er vollführt diese schöpferische Scheidung der Wasser vom Festen, er befestiget diese Kluft zwischen seinem Teller und seinem Magen, bloß um in beiden eine gleiche Masse aufzuschütten und wegzubringen, bloß um auf dem Zimmerplatz des Tellers mit dem Eßhandwerkszeug ein Fruchtmagazin und Speisegewölbe aus Fleisch-Quadern aufzuführen für sich und seine Kinder … Beim Himmel! er sollte noch sitzen und mauern hinter seinem Viktualien-Verhau aus Beinen, Gräten und Rinden, er sollte noch schweben wie ein dürres Jahr über der Tafel und jede nasse Stelle austrocknen: so wären wir imstande, mit ihm nach Hause zu gehen, wo sich das Messer dieses Schwertfisches gerade umgekehrt nur ans Fleischige ansetzt, sobald das aus den verlaufnen Wassern abgesetzte Viktualien-Flözgebirge nur anlangt. Der Meister – und der Gesell – und die Gerberin und die Gerbersbuben – und der Dachshund bohren sich jetzt in den gebrachten Berg bis an die Fersen hinein, und wir können sie nagen hören. Fresset zu! – Hat sich euer armer Ranz, dieses ätzende fressende Mittel, nicht genug gequält, um nicht wie Knochenfraß alles anzugreifen? Hat er nicht mit allen peristaltischen Bewegungen seines Schlundes den Magen-Luftballon bloß mit Windsbräuten aufgefüllet und gehoben und mit einer Wasserhose die Blase? – Aber sollt‘ ich einmal eines außerordentlichen Typus vonnöten haben, um damit ein außerordentliches Chaos zu erläutern und anzuleuchten, das Chaos und den Zank eines Nonnenklosters oder einer Theatertruppe oder eines heiligen deutschen römischen Reichs – so bring‘ ich bloß deinen aufgesteiften gespannten Magenglobus mit seinen Brühen und Luftarten getragen als Typus, Ranz!“ …

– Ei, ganz herrlich – lieblich – und recht erwünscht und verdammt! – Ich will mir aber den Schreib-Arm absägen lassen, wenn ich hier noch einen Buchstaben schreibe. Wahrlich der Kirchner ist dagewesen, und ich hab‘ ihn über den entsetzlichen Vielfraß verpasset …

Concep. z. Amtsvogt Freudel.

[3. Es gibt weder eine eigennützige Liebe noch eine Selbstliebe, sondern nur eigennützige Handlungen]

[4. Des Rektors Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg]

[5. Postskript]

Lilli Hill via The Art of Obesity

Bilder: Lilli Hill via The Art of Obesity.

Klagelied: Soggy Bottom Boys: I Am a Man of Constant Sorrow, Dick Burnett 1913,
in: O Brother, Where Art Thou?, 2000.

Written by Wolf

22. März 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

Zwetschgenzeit (zu spät)

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Update zu Willkomm und dervoo:

Es ist nötig geworden, der Zwetschgenzeit vom Oktober 2013 ein knallhart inhaltliches Update zu verpassen. Inzwischen ist mir nämlich eine weitere Übersetzung des ganz und gar nicht einzigen Gedichts von William Carlos Williams aufgefallen, die zwingend in die Reihe gehört: noch eine oberostfränkische — das sind jene weithin als bäuerlich schwerfällig wahrgenommenen, dabei höchst leistungsfähigen Mundarten, die man als „Fränkisch“ zusammenfasst — von Fitzgerald Kusz, glatte elf Jahre vor Helmut Haberkamm.

Vor dem Vorwurf des Plagiats rettet ihn, dass es bei ihm statt Zwetschgen Käsekuchen gibt, der ebenfalls frisch aus einem Kühlschrank am besten groovt. — Hans Magnus Enzensberger ist übrigens aus Kaufbeuren gebürtiger bayerischer Schwabe.

——— William Carlos Williams:

This Is Just To Say

1962:

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold

 

               

——— Hans Magnus Enzensberger:

Nur damit du Bescheid weißt

1991:

Ich habe die Pflaumen
gegessen
die im Eisschrank
waren

du wolltest
sie sicher
fürs Frühstück
aufheben

Verzeih mir
sie waren herrlich
so süß
und so kalt

 

——— Fitzgerald Kusz:

blouß daßders waßd

(nach william carlos williams)

aus: kehrichdhaffn, in: wennsdn sixd dann saxdersn.
der gesammelten gedichte erster teil,
verlag klaus g. renner, München 1981:

iich hou däi zwedschgä
gessn
wou im kiehlschrank
woän

däi wousd
aufghuum hasd
fiä dei fräihschdick

sei mä ned bäis
däi woän su goud
su säiß
und so kolld

               

——— Helmut Haberkamm:

Bloß daßders waßd

aus: Frankn lichd nedd am Meer,
ars vivendi verlag, Cadolzburg,
September 1992:

Iech hobb fei
denn Keeskuung
oogessn aufm Blech
drauß in der Speis

denn wusd
fiern Sunndooch
baggn un aufkoom
kadd hasd

Seimer nedd bees obber
der woor so saumäßi
guud nu warm so äsi
so safdi so waach

Wiliiam Carlos Williams, Please Read.

Bild: Married to Theresa via The Bibliophile Files, 8. Oktober 2013.

Soundtrack, um die oberdeutschen Dialekte zu vervollständigen: Blasorchester Ambros Seelos, Max Griesser, Ossi Eckmüller, Walter Fitz, Willy Harlander: Das Lied vom Zwetschgendatschi, aus: Leut‘ sauft’s aus. Alte und neue Münchener Sauf- und Fress-Lieder, 1970:

Written by Wolf

5. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

Sommergewinnspiel: Meine Frau, die Kinder, die Katze und ich (und die Soleier!)

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Update zu Der Weise aus dem Mörchenland und
Aber nun sangen die Gäste „Stille Nacht, Heilige Nacht“:

Berlin (das bei Polen mein ich) kann durchaus Kultur aufweisen. Glaubt man oft gar nicht. Peter Frankenfeld war da her und ließ seine Katze frei mausen, und in den Kneipen zur Zeit von Heinrich Zille standen Hungertürme.

——— Peter Frankenfeld:

Meine Katze

praktisch nicht nachweisbar:

Hier ist mein Geständnis in einem Satze:
Ich habe zu Haus eine kleine Katze!
Sie schnurrt und schmeichelt zu allen Zeiten
und wartet ergeben auf Zärtlichkeiten.

Nur geht sie leider auf eig’ne Faust
zu Nachbarsleuten und stiehlt und maust.
Die Wurst, das Fleisch — und darin ist sie eigen —
schleppt sie ins Haus, um stolz es zu zeigen.

Ob Brötchen, Gemüse, Sardinen, Salat,
ob Hering, Zitronen, Geflügel, Spinat,
ob Soleier, Fische, ob Käse, ob Speck,
das maust sie den Nachbarn vom Küchentisch weg.

Ich bete, daß nie ein Bestohl’ner aus Wut
dem Kätzchen etwas zuleide tut.
Denn davon leben wir königlich:
meine Frau, die Kinder, die Katze — und ich.

Heinrich Zille, Hungerturm, 1911, via Margit Kunzke, Soleier. Ein Klassiker vom Kneipentresen, in Kochbuch für Max und Moritz, 15. April 2015

Soleier! Die gibt’s ja auch noch:

Suchbild: Wo ist der Hungerturm mit den Soleiern?:
Heinrich Zille: Hungerturm, 1911, via Margit Kunzke: Soleier: Ein Klassiker vom Kneipentresen,
in: Kochbuch für Max und Moritz, 15. April 2015.

Und dann noch das Gewinnspiel: Wer auf dem Bild die Soleier findet, gewinnt ein einwandfreies Buch von eime zugezogenen Berliner: Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band, Erstausgabe, Suhrkamp 1981! Das ist ein ausnehmend einnehmender Knuffel von knapp 1400 Seiten, den ich seit 1985 fleißig nutze, der aber neuerdings um über 140 Seiten erweitert ist, weswegen ich einen neuen brauche. Doch, wirklich, brauch ich unbedingt. Der alte sieht benutzt aus, aber nach Patina, nicht wie ein überjähriges Solei oder so.

Aus der finanziellen Situation meiner dahingegangenen 17-jährigen Existenz heraus kann ich leider nur einen einzigen Gewinn austeilen — und weil diese überschaubare Menge aus einem einzigen wunderschönen Exemplar besteht, sollte es in gute Hände gelangen. Solange der Vorrat reicht, sollten Sie also das Zille-Bild aufmerksam betrachten und etwas antworten, das mich geneigt macht, meine Jugenderinnerung dranzugeben. Brillanz, Freundlichkeit und zwingende Begründungen sind Vorteile. An wen das feine Stück dann geht oder ob es gar bei mir bleibt, unterliegt meiner selbstherrlichen Willkür.

Lösungsversuche bitte in den Kommentarteil unten. Das Angebot gilt, sagen wir, zwei Wochen: bis 3. August 2018 um Mitternacht, ist das okay? Das mach ich rein gaudihalber, Rechtsweg schließen wir aus.

Soundtrack: Natürlich Middle of the Road: Soley Soley, aus: Acceleration, 1972, was denn sonst?

Written by Wolf

20. Juli 2018 at 00:01

Vor der Götter Nase

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Update zu Zeilenzähler:

Jules Laforgue fiel mehrmals durchs Abitur, endete als Vorleser der deutschen Kaiserin und starb vier Tage nach seinem 27. Geburtstag an Schwindsucht. Das Sonett über eine Zigarette schrieb er vermutlich in seiner verqualmten möblierten Künstlerbude in der rue Monsieur-le-Prince im Pariser Sechsten, im Alter von 20 Jahren, in dem man noch vor jedem Sonett ankündigen muss, dass jetzt ein Sonett kommt.

——— Jules Laforgue:

La cigarette

(Sonnet)

1880, en: Le Sanglot de la terre, posthume 1901,
I. Poésies, Mercure de France, 1922.

Oui, ce monde est bien plat : quant à l’autre, sornettes.
Moi, je vais résigné, sans espoir à mon sort,
Et pour tuer le temps, en attendant la mort,
Je fume au nez des dieux de fines cigarettes.

Allez, vivants, luttez, pauvres futurs squelettes.
Moi, le méandre bleu qui vers le ciel se tord
Me plonge en une extase infinie et m’endort
Comme aux parfums mourants de mille cassolettes.

Et j’entre au paradis, fleuri de rêves clairs
Où l’on voit se mêler en valses fantastiques
Des éléphants en rut à des chœurs de moustiques.

Et puis, quand je m’éveille en songeant à mes vers,
Je contemple, le cœur plein d’une douce joie,
Mon cher pouce rôti comme une cuisse d’oie.

——— Jules Laforgue:

Die Zigarette

(Sonett)

1880, Übersetzung: Karl Krolow:

Fad ists auf dieser Welt; dazu verrückt, ich wette!
Und ohne Hoffnung trag ichs, mein Geschick.
Zum Zeitvertreib drum, und den Tod im Blick,
Rauch vor der Götter Nase ich die Zigarette.

Auf, Lebende, und müht euch, arme, künftige Skelette!
Als blauen Dunst ich mich gen Himmel schick,
Versenk mich in Ekstase. Und ich nick
Ein wie im leisen Duft der tausend Räucherfette.

Und komm ins Paradies, im Traum aus Licht,
In dem sich unter Walzerklängen paaren
Die Elefanten geil mit Mückenscharen.

Wach ich dann auf und denk an mein Gedicht,
Seh ich den Daumen – Herz im Freudenbann! –,
Den ich versengt, als Gänsekeule an.

Vincent van Gogh, Schädel mit brennender Zigarette, 1886

Fachliteratur:

… was mich auf einem verschlungenen Gedankenpfad daran erinnert, dass wir wieder mal um die Wette und mit Ansage wildfremde Menschen portraitieren könnten. Sagt – mag jemand mitmachen?

Gegenwärtiges Skelett: Vincent van Gogh: Schädel mit brennender Zigarette,
Antwerpen, Winter 1885/1886, Öl auf Leinwand, 32 cm x 24,5 cm, Van Gogh Museum, Amsterdam;
Walzerklänge: Mélanie Pain: La cigarette, en: My Name, 2009:

Written by Wolf

1. Juli 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Realismus

Wunder im Gehirn. Vier Bier und ein Buch de cerevisiis

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Update zu Das Beste sind die Kartoffeln und
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

Das Elend mit der Hanserschen Jean-Paul-Gesamtausgabe von Norbert Miller mit den Kommentaren von Walter Höllerer ist ja, dass die Herren die Nahrungsmittel nicht erklären. Nun war es am 21. März auch schon wieder fünf Jahre her, dass Jean Paul 250 Jahre alt wurde. Der Mann ist also jetzt 255 und kann gewiss einige Hilfe gebrauchen, auch beim Feiern. Selber werd ich bald zarte 50 und vertrag schon nix mehr.

——— Jean Paul:

Die unsichtbare Loge.
Eine Lebensbeschreibung.
Mumien

Karl Matzdorffs Buchhandlung, Berlin 1793,
aus: Zweiter Sektor oder Ausschnitt: Ahnen-Preiskurant des Ahnen-Grossierers – der Beschäler und Adelbrief:

Darauf fußte der Urgroßvater, der ihm sein Adeldiplom abzufluchen und abzubetteln suchte, um es für sein eignes auszugeben: „Denn wer Teufel weiß es,“ sagte er, „dir hilft es nichts, und ich heft‘ es an meines.“ Ja der Ahnen-Kompilator, der Urgroßvater, wollte christlich handeln und bot dem Roß- und Ahnentäuscher für den Brief einen unnatürlich schönen Beschäler an, einen solchen Großsultan und Ehevogt eines benachbarten Roß-Harems, wie man noch wenige gesehen. Aber der Stammhalter drehte langsam den Kopf hin und her und sagte kalt „ich mag nicht“ und trank Zerbster Flaschenbier. Da er ein paar Gläser von Quedlinburger Gose bloß versucht hatte, fing er schon an, über das Ansinnen zu fluchen und zu wettern; was schon etwas versprach. Da er etwas Königslutterischen Duckstein, denk‘ ich, daraufgesetzt hatte (denn Falkenberg hatte einen ganzen Meibomium de cerevisiis, nämlich seine Biere, auf dem Lager): so ging er gar mit einigen Gründen seines Abschlagens hervor, und die Hoffnung wuchs sehr.

Als er endlich den Breslauer Scheps im Glase oder in seinem Kopfe so schön milchen fand: so befahl er, das Luder von einem elenden Beschäler in den Hof zu führen – – und da er ihn etwa zwei- oder dreimal mochte haben springen sehen: so gab er dem Urgroßvater die Hand und zugleich die 128 Ahnen darin.

Auf so engem Raum so viel zu trinken. Man merkt, dass Jean Paul fränkische Kneipen gewohnt war, und sein bevorzugtes „bitteres, braunes [Bayreuther] Bier“ (brieflich) ist noch nicht einmal dabei (historisch möglich wäre Becher-Bräu). Für die tiefreichende Tradition des Brauereigewerbes spricht, dass so zufällig wie beiläufig erwähnte Biersorten in einer fiktiven Biographie aus dem 18. Jahrhundert noch anno 2018 florieren.

  1. Zerbster Flaschenbier:

    ——— Alt-Zerbst: Das Zerbster Bier:

    Den Hunger stillt die Brägenwurst;
    Das Bitterbier, es löscht den Durst.

    In den Zerbster Bitterbierstuben, welche meist Fleischerei und Gastwirtschaft miteinander vereinten, konnte man einem nur schwer wiederstehen:

    die nach Zwiebeln riechende köstliche und ziemlich fette Zerbster Brägenwurst!

    Das Zerbster Bitterbier war wohl der bekannteste Exportschlager seit dem Mittelalter den Zerbst zu bieten hatte.

    Bereits 1375 hatten sich schon die Brauer zu einer Innung zusammen geschlossen.

    Der letzte bekannte Brauort des beliebten Bieres war die Ratsbrauerei (später Friedrichs) auf der Schleibank.

    Zerbster Scherzfrage

    Nenne ein ehemaliges Zerbster Erzeugnis, in dem jeder in dem Wort enthaltene Buchstabe zweimal vertreten ist???

    „Bitterbier“

    Prosit aus Zerbst

    ~~~\~~~~~~~/~~~

  2. Quedlinburger Gose:

    ——— Gose: Geschichte der Gose:

    Unbestätigten Überlieferungen zufolge soll der römisch-deutsche König und spätere Kaiser Otto III. bereits um das Jahr 1000 ein Liebhaber der Gose gewesen sein, die er bei Besuchen seiner Schwester Adelheid im Stift Quedlinburg trank.

    ~~~\~~~~~~~/~~~

  3. Königslutterisches Duckstein:

    Duckstein Bier Beschreibung 1723Duckstein Bier ist mir persönlich bekannt, weil das die Donaldisten gern auf ihren Zusammenkünften — Kongresse, Zwischenzeremonien, Mairennen und, wenn’s geht, den Stammtischen — verwenden. Natürlich wegen des Namens, aber der Stoff ist auch sonst uneingeschränkt zu empfehlen. Er schmeckt, sagen wir, diamanten. Glauben Sie mir, die Jungs — es sind eher wenige Mädels — verstehen zu leben. Auf der Bierseite erfahren wir von den Brauern und Mälzern selbst:

    ——— Duckstein Bier: Markenwelt. Tradition:

    Die Geschichte von Duckstein beginnt in der Domstadt Königslutter am Elm. Das hier gebraute Bier wurde zunächst „Luttersches Bier“ genannt, aber nach und nach setzte sich der Name „Duckstein“ durch, der sich von „Tuffstein“ ableitet, der mächtigen Kalksinterschicht, auf der die Stadt erbaut ist.

    Urkundliche Erwähnung fand Duckstein erstmalig in einem Gildebrief aus dem Jahre 1640. Innerhalb kürzester Zeit schaffte es die Bierspezialität in die besten Kreise: 1713 galt es als das Lieblingsbier des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. und fand im berühmten Tabakkollegium zahlreiche Liebhaber.

    Bald darauf erfreute sich das rotblonde Bier auch überregional immer größerer Beliebtheit. Kein Wunder! Denn früher wie heute wird ein Duckstein nur mit erlesenen Zutaten gebraut und besitzt einen unvergleichbaren Geschmack.

    ——— Duckstein (Bier): Geschichte des Duckstein-Biers:

    Duckstein-Bier wurde seit dem 17. Jahrhundert in Königslutter am Elm von bis zu 73 berechtigten Brauhäusern in der Stadt als obergäriges Weizenbier gebraut. Das Bier war von gelblicher Farbe, schmeckte süßlich und soll gegen vielerlei Krankheiten gut gewesen sein. Zutaten waren Weizen, etwas Hopfen und das Wasser des Baches Lutter, der mitten durch Königslutter fließt. Das harte Wasser der naheliegenden Lutter-Quelle am Elm eignete sich zum Brauen dieses Bieres besonders wegen seines hohen Mineralstoffgehaltes (Calcium- und Hydrogencarbonat). Der Bach entspringt dem größtenteils aus Kalkgestein aufgebauten Höhenzug Elm und schied im Bachbett in jüngeren geologischen Zeiten Kalktuff (Travertin) ab. Das gesteinsähnliche Material wird auch als „Duckstein“ bezeichnet und gab der Biermarke den Namen. […]

    Das heute unter der Marke Duckstein angebotene Bier wird nicht mehr in Königslutter gebraut.

    ~~~\~~~~~~~/~~~

  4. Breslauer Scheps:

    ———- Kölner Bierhistoriker e. V.:
    … auf den Spuren (fast) vergessener Bierrezepturen und Brautraditionen …:

    Breslauer Scheps

    Einleitung

    Das Breslauer (weiße) „Scheps“ oder vielfach auch „Schöps“ geschrieben, war vermutlich ein nicht-saurer Weizenbock. Der Name bedeutet vermutlich „kastriertes Hausschaf“, also Hammel, vom slawischen Lehnwort „skopez“ stammend. Es wurde auch „toller Wrangel“ oder lateinisch „Cerevisia Uratislaviensis“ genannt. Von Julius Ludwig Gumbinnen (1846) wird es zu den böhmischen und obersächsischen Bieren gezählt.

    Gedichte

    Scheps steiget ins Gesicht,
    braucht keine Leiter nicht;
    Er sitzet in der Stirn,
    wirkt Wunder im Gehirn.

    Sie brauchen keinen welschen Wein,
    nichts von Bacharach am Rhein,
    Ihren Hals zu netzen,
    auch nichts vom Kretenser Saft,
    Schöps kann schon mit seiner Kraft
    sie genug ergötzen.
    Hier zu Bressel in der Stadt
    dieser Trunk den Ursprung hat.
    Von drei guten Sachen:
    Hopfensamen, Weizengetreid,
    wohl Wasser abgebräut,
    solch Getränke machen.

    Rezepte

    >>> Die Seite wird aktuell überarbeitet <<<

    Literatur

    Annemüller, Gerolf; Manger, Hans J.; Lietz, Peter: Die Berliner Weiße. Ein Stück Berliner Geschichte. 1. Aufl. Berlin: VLB Berlin, 2008

    Gumbinnen, Julius Ludwig: Handbuch der praktischen Bierbrauerei. 2. Band, Stuhr’sche Buchhandlung Berlin, 1846, unveränderter Nachdruck

    ——— Die Breslauer Bier-Legende: Über die Schöps-Biere:

    Was ist über den „Breslauer Schöps“ im Wesentlichen zu sagen?

    Eindeutig belegt sind zwei obergärige Varianten.

    Das ist einmal der „Schwarze Schöps“, welcher den sogenannte „Ur-Schöps“ darstellt, also die Variante die zuerst gebraut wurde und die auch für die Namensgebung verantwortlich ist.

    In allen Beschreibungen und Überlieferungen wird deutlich, daß es sich hierbei um ein dunkles, starkes, sowie nahrhaftes und sehr süffiges Weizenbier handelte, das aufgrund seiner Eigenschaften sehr beliebt war und wegen dieser Tatsachen von den damaligen Ärzten auch gerne als unterstützende Maßnahme beim Heilungsprozess mitverordnet wurde. Schon aus den verschiedenen Beschreibungen ist zu erkennen, daß es wohl vom Stammwürzegehalt höher, dehalb alkoholhaltiger und somit auch restzuckerhaltiger (deswegen süßer) und somit auch süffiger war, als andere Biere. Und süffigere Biere hatten schon immer den Vorteil, daß sie von der Mehrheit des Publikums bevozugt wurden. Deshalb wohl auch der große Erfolg des „Schwarzen Schöps“ über Jahrhunderte hinweg. All dieses und natürlich die Braukunst der Breslauer Brauer haben letztlich zur Erfolgsgeschichte des „Schöps“ beigetragen.

    Später, im 18. Jahrhundert, kam dann auch der „Weiße Schöps“ (ein helles Hefeweizen mit ähnlichen Eigenschaften wie der „Schwarze Schöps“) auf, der alsbald aber dem „Schwarzen Schöps“ den Rang ablief. Das lag wohl an der damaligen Zeit und dem sich damals geänderten Geschmack des Publikums, welches, wie anderswo auch, halt immer mehr zum „Weissbier“ tendierte. Und auch diese helle Schöps-Variante war überaus erfolgreich und wurde von den Breslauer Kretschmern (Hausbrauern) bis ins 19. Jahrhundert hinein gebraut und geschänkt, während sich die normalen Brauereien schon früher vom Schöps lossagten und immer mehr untergäriges Braunbier nach „Münchner Art“ herstellten.

    Und auch dieses wurde noch lange Zeit „Schöps“ genannt, woraus zu schließen ist, daß der Name „Schöps“ irgendwann schlechthin als Synonym für gute Schlesische Biere, insbesondere für solche aus Breslau benutzt wurde.

    Bevor der „Schöps“ aufkam dominierte das „Schweidnitzer Bier“ in Breslau und in Schlesien, wurde aber dann vom „Breslauer Schöps“ verdrängt. Manchmal wird auch vom „Schweidnitzer Schöps“ gesprochen, was aber so nicht richtig ist. In diesem Fall steht „Schöps“ lediglich für „gut und beliebt“. Die Schweidnitzer wollten trotzdem noch einmal an die Hoch-Zeit ihrer Biere anknüpfen und nannten ihr Gebräu zeitweise wohl auch „Schöps“. Weil es aber nie die Qualität und Beliebtheit des „Breslauer Schöps“ erlangte, wurde es von der Bevölkerung spottenderweise nur „Stähr“ (Widder) genannt. […]

    ~~~\~~~~~~~/~~~

Fatal Women, 7. Oktober 2017Soweit war ich, als ich bemerkte, wie viel mehr Spaß es macht, über Bier zu reden, als nach Bildern davon zu suchen: Bier als — siehe oben — traditionsreiche Einrichtung entspringt sozialen und kommunikativen Bedürfnissen. Daher begreift es als seinen Job, von echten Leuten getrunken, nicht abgebildet zu werden. In den Geschichten der echten Leute fortzuleben, scheint ihm in Ordnung. Jean Paul kannte mehr als die vier gerade abgehandelten Biersorten, hat von allen gern erzählt und mehr als einmal seinen Wohnort nach seinen liebsten ausgesucht. Nicht auszudenken, was er von den heute üblichen zu Tode ausgeleuchteten Bildern von Bier gehalten hätte. Ebenso beiläufig wie das Bier erwähnt er das Fachbuch dazu:

Falkenbergs Meibomium de cerevisiis ist Johann Heinrich Meibom (1590 bis 1655): laut Kommentar der Gesamtausgabe von Walter Höllerer: Librum de vino et cerevisiis, posthum erschienen; anderweitig nachweisbar — in Pierer’s Universal-Lexikon und Johann Traugott Leberecht Danz: Versuch einer allgemeinen Geschichte der menschlichen Nahrungsmittel, Band 1 — als: De Cerevisiis poibusque et inebriaminibus extra vinum aliis, Helmstedt 1668.

Ein 125 Jahre altes Buch über Wein und Bier, das noch gilt. Ein lateinisches. Nein, da muss man sich heute auch nicht verschroben dabei vorkommen, einen 255. Geburtstag zu feiern. Falls gerade kein Becher-Bräu zur Hand ist, wäre wohl extrabitteres Pils passend oder alles aus Franken. Damit kann man nichts falsch machen.

Bilder: Das Zerbster Bier; Duckstein Bier; Fatal Women, 7. Oktober 2017.

Soundtrack, weil mir bei der bloßen Erwähnung der Stadt Zerbst unweigerlich Insterburg & Co. einfallen, und von denen ihr unsterbliches Meisterwerk Ich liebte ein Mädchen, aus: Laßt uns unsern Apfelbaum und andere brandneue Ladenhüter, 1970, als Single erst 1974 ein Hit, das ich mal zur Klampfe auswendig hersingen konnte:

Ich liebte ein Mädchen in Meißen,
die tat mir die Hose zerreißen,
ich liebte ein Mädchen im schönen Zerbst,
da hielt die Hose bis zum Herbst.

Wie schön, nach so vielen Jahren mal wieder das Lied aufzusuchen, um zu erfahren, dass es einen Extended Remix von 1995 gibt. In dem Zerbst gar nicht mehr vorkommt. Irgendwas ist ja immer:

Written by Wolf

23. März 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

Gute Vorsätze 1650–2018

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Update zu Cit. Schmidt, A., Faust IV, 1960
und Historische Post vom Verleger:

——— Friedrich von Logau:

Das neue Jahr.

1650, aus: Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte andres Tausend.
Desz andren Tausend andres Hundert:

Son verschwommenen Lyriker-Typ, Will lieber nicht kritisiert werden, dafür aber Radioaufträge. Großmeister Schmidt, in Bargfeld residierend, ca. 1972Abermals ein neues Jahr! immer noch die alte Noth! —
O das Alte kümmt von uns, und das Neue kümmt von Gott.
Gottes Güt ist immer neu; immer alt ist unsre Schuld;
Neue Reu verleih‘ uns Herr und beweis‘ uns alte Huld!

——— Arno Schmidt:

Aus dem Leben eines Fauns

1953, Bargfelder Studienausgabe Band 1, Seite 335:

Müssen gute Vorsätze gehalten werden, oder ist es ausreichend, daß man sie faßt ? !

~~~\~~~~~~~/~~~

Bild: So’n verschwommenen Lyriker-Typ: Will lieber nicht kritisiert werden, dafür aber Radioaufträge: Großmeister Schmidt, in Bargfeld residierend, ca. 1972,
via Tilman Spreckelsen: Der erste Leser. Martin Walser und Arno Schmidt,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. März 2017.

Alte Schuld und neue Reu: Anti Cornettos: Korsakov Syndrom, aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Written by Wolf

1. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Nahrung & Völlerei