Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for März 2022

Grabberland (Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr)

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Update zu The rhythm of our rowing
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire
und And to watch it dwindle gave him Kugelkopfschwindel:

Wenn man vom Enkel- bis ins Großvateralter nie von den zwei AliceBüchern von Lewis Carroll losgekommen ist, fällt auf, mit wie vielen deutschen Sachen diese englischsten aller Bravourfeuerwerke verwoben sind.

Um nicht auf die zahllosen gelehrten, bei tieferer Betrachtung schon gar nicht mehr kindgerechten – wohl aber jugendfreien – Sprachkapriolen einzugehen, sei mit aller dringenden Wärme auf The Annotated Alice. Alice’s Adventures in Wonderland and Through the Looking-Glass von Martin Gardner verwiesen, die seit 1960 in ihren häufigen Auflagen immer nur besser, ausführlicher und penibler geworden ist. Speziell den Jabberwocky aus Through the Looking-Glass, and What Alice Found There hat Carroll seit einer einstrophigen Urfassung in einem der Dodgson’schen Familienmagazine Mischmasch mit sich herumgetragen, um ihn 1871 erweitert, illustriert und zurechtgeputzt an prominenter, kommerziell bedeutsamer Stelle zu verwenden.

Was aus dem Mischmasch als Setzling gedieh, interpretiert Alice 1871 textimmanent:

„Somehow it seems to fill my head with ideas——only I don’t exactly know what they are! However, somebody killed something: that’s clear, at any rate——“

Etwas zu töten wird ohnehin in viel zu weiten Teilen der Welt als typisch deutscher Vorgang angesehen; in diesem Fall zurecht, weil das Motiv des heldenhaften Drachentötens stark mit der erzdeutschen Siegfried-Sage konnotiert ist. Was wunder also, dass man sich in der Welt ab 1933 auf grundlegenden Nonsens und speziell den Jabberwocky zu besinnen anfing, als es zur kollektiven Seelenhygiene und politischen Aufarbeitung notwendig wurde, den deutschen Nationalsozialismus zu parodieren. Was nicht einmal die reichhaltigen Jabberwocky Variations bringen, war einst Gegenstand in der Lewis Carroll Group, als es statt Facebook-Gruppen noch quicklebendige Yahoo-Gruppen gab: Grabberwocky. Zu rekonstruieren war etwa zwei Jahrzehnte nach Löschung der Diskussionsgruppe:

According to Jabberland it was originally published as „Grabberwochy“. Set to music by Max Saunders and Max Kester and used as a prologue to Adolf in Blunderland by James Dyrenforth and Max Kester, produced by the BBC Oct 6, 1939 and Feb 12, 1940. Both scripts spelled Grabberwochy. Not included in the published play. The spelling was changed when Barsley used it in „Grabberwocky and Other Flights of Fancy“ pub. John Murray, 1939. The four versions are essentually the same with some punctuation differences, the title spelling and the last word of the first stanza: julestreich (probably for Jules Streicher—nazi editor of Der Sturmer) first BBC script had it as pilestreich, perhaps for British General Sir Frederick Alfred Pile, but this was crossed out and changed to judestreich. Then in the book form it was anglicized to jewstreich. One other thing: ‚my rhenish boy‘ (original) changed to ‚my schemish boy‘ in BBC version.

I did not do the research on this but I remember tons of email back and forth and this endnote had the most revisions in the book due to the many versions.
Hope any of this helps.
Dayna

I’ve found it in my research about „Adolf in Blunderland“, about which I once asked some info (always welcome!)

Das ist eine ausführlichere und dankenswertere Forschung, als sie für die Parodie einer Parodie jemals zu erwarten wäre. – Volltext:

——— Michael Barsley:

Grabberwocky

from: Time and Tide July 1939:

Cover Grabberwocky‘Twas Danzig, and the Swastikoves
     Did Heil and Hittle in the Reich
All Nazi were the Lindengroves
     And the Neurat Jewstreich.

Beware the Grabberwock, my Son
     The Plans that spawn, the Plots that hatch,
Beware the JewJew Bird, and shun
     The führious Bundesnatch.

He took his Aryan Horde in Hand
     Long Time the Gestapo He taught
Then rested He by the Baltic Sea
     And stood awhile in Thought.

And as a Polish Oath they swore
     The Grabberwock, with Lies aflame
Came Goering down the Corridor
     and Goebbled as it came.

Ein, Zwei! Ein, Zwei! One in the Eye
     For Polska Folk. Alas, alack!
He left them dread and as their Head
     He came Meinkampfing back.

And hast thou ta‘en thy Liebensraum?
     Come to my Arms, my schemish Boy
Oh grabjous Day, Sieg Heil, be Gay
     He strengthened through his Joy.

‘Twas Danzig, and the Swastikoves
     Did Heil and Hittle in the Reich
All Nazi were the Lindengroves
     And the Neurat Jewstreich.

And hast thou slain the Jabberwock? Nicht ganz. Nicht nachweisen konnte ich eine Vertonung von Max Saunders, der ein „British academic and writer specialising in modern literature“ des späten Geburtsjahrgangs 1957 ist, und Max Kester nur dort, wo sich auch die Illustration findet: bei Alice in the Internet vom 29. Mai 2016. Nach den vier Versionen mit und ohne Anklänge an meinen ungeliebten Landsmann Julius Streicher (leider wohnhaft in der Pirckheimerstraße beim Stadtpark ums Eck), und ob der „Lebensraum“ dort wirklich als „Liebensraum“ erscheint, würde ich gerne mal Grabberwocky and Other Flights of Fancy selbst durchblättern. Und auch sonst.

Vorerst versammle ich ohne Anspruch oder Aussicht auf Vollständigkeit einige deutsche Übersetzungen von Jabberwocky. Das dient dem Vergleich, ich bin nämlich mit dem Thema noch lange nicht durch.

Die erste deutsche Übersetzung war schon ein Sprachenscherz auf mindestens drei Ebenen: von einem Engländer. der sich als Deutscher ausgab:

Der Jammerwoch

übs. Robert Scott als Hermann von Schwindel
aus: The Jabberwock Traced to Its True Source,
MacMillan’s Magazine, Februar 1872:

Es brillig war. Die schlichte Toven
     Wirrten und wimmelten in Waben;
Und aller-mümsige Burggoven
     Die mohmen Räth‘ ausgraben.

„Bewahre doch vor Jammerwoch!
     Die Zähne knirschen, Krallen kratzen!
Bewahr‘ vor Jubjub-Vogel, vor
     Frumiösen Banderschntzchen!“

Er griff sein vorpals Schwertchen zu,
     Er suchte lang das manchsan‘ Ding;
Dann, stehend unterm Tumtum Baum,
     Er an-zu-denken-fing.

Als stand er tief in Andacht auf,
     Des Jammerwochen’s Augen-feuer
Durch tulgen Wald mit Wiffek kam
     Ein burbelnd Ungeheuer!

Eins, Zwei! Eins, Zwei! Und durch und durch
     Sein vorpals Schwert zerschnifer-schnück,
Da blieb es todt! Er, Kopf in Hand,
     Geläumfig zog zurück.

„Und schlugst Du ja den Jammerwoch?
     Umarme mich, mien Böhm’sches Kind!
O Freuden-Tag! O Halloo-Schlag!“
     Er schortelt froh-gesinnt.

Es brillig war. Die schlichte Toven
     Wirrten und wimmelten in Waben;
Und aller-mümsige Burggoven
     Die mohmen Räth‘ ausgraben.

Die schönste Version finde ich bis auf weiteres die vom „Enzensbergerbruder„: „Verdaustig“ für „brillig“ eröffnet in seiner künstlerischen Freiheit recht überraschend, und der Satz „Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr“ hat ja wohl das Zeug zum Volksgut. Vor allem, wenn man mal Katzenwelpen aufgezogen hat.

Der Zipferlake

übs. Christian Enzensberger, Insel 1963:

Verdaustig war’s, und glaße Wieben
     rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
     und die gabben Schweisel frieben.

„Hab acht vorm Zipferlak, mein Kind!
     Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr.
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
     dem mampfen Schnatterrind.“

Er zückt‘ sein scharfgebifftes Schwert,
     den Feind zu futzen ohne Saum,
und lehnt‘ sich an den Dudelbaum
     und stand da lang in sich gekehrt.

In sich gekeimt, so stand er hier,
     da kam verschnoff der Zipferlak
mit Flammenlefze angewackt
     und gurgt‘ in seiner Gier.

Mit Eins! und Zwei! und bis auf’s Bein!
     Die biffe Klinge ritscheropf!
Trennt‘ er vom Hals den toten Kopf,
     und wichernd sprengt‘ er heim.

„Vom Zipferlak hast uns befreit?
     Komm an mein Herz, aromer Sohn!
Oh, blumer Tag! Oh, schlusse Fron!“
     So kröpfte er vor Freud‘.

Verdaustig war’s, und glaße Wieben
     rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
     und die gabben Schweisel frieben.

Die DDR hat aus den meisten fremdsprachigen Klassikern ihre eigenen, ideologisch nach ihren Bedürfnissen aufbereitete Ausgaben gemacht, meistens ganz und gar unverächtliche und wissenschaftlich zuverlässigere als bei den westdeutschen Brüdern und Schwestern. 1967 durfte man da noch in aller Unschuld mit dem Schwert „schwuchteln“. Als Übersetzungsarbeit erfreulich genau zugeschmiedet:

Brabbelback

übs. Lieselotte & Martin Remané, Reclam Berlin 1967 (nicht 1976):

Es sunnte Gold, und Molch und Lurch
     krawallten ‚rum im grünen Kreis,
den Flattrings ging es durch und durch,
     sie quiepsten wie die Quiekedeis.

„Nimm dich in acht vorm Brabbelback,
     mein Sohn! Er beißt, wenn er dich packt.
Reiß aus, reiß aus vorm Sabbelschnack,
     vorm Jubjub, der dich zwickt und zwackt!“

Er aber schwuchtelt mit dem Schwert,
     trabaust dem Unhold hinterdrein.
Doch beim Tumtumbaum macht er kehrt
     und grübelt: Wo, wo mag er sein?

Und während er so duselnd stand,
     kam feuerfauchend Brabbelback
quer durch den Dusterwald gerannt,
     der Brabbelback, der Sabbelschnack!

Komm ‚ran, komm ‚ran! Und schwipp und schwapp
     haut er das Schwert ihm ins Genick,
der Unhold fiel, sein Kopf war ab,
     der Held kam mit dem Kopf zurück.

„Ermurkst hast du den Brabbelback!
     Umarmen wird man dich zu Haus!
Callu, callei! Mit Sabbelschnack“
     und seinem Tratschen ist es aus!

Es sunnte Gold, und Molch und Lurch
     krawallten ‚rum im grünen Kreis,
den Flattrings ging es durch und durch,
     sie quiepsten wie die Quiekedeis.

Schön auch zu sehen, dass ein Kinderbuchverlag für seine Klassiker eine eigene Übersetzung angefertigt hat:

Der Schlabberwork

übs. Barbara Teutsch, Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 1989:

SWar schummricht, und die Wolper kreisen
     gar bohrlich morgelnd Wurzelmoos;
Die Parmazieben mümfen Quengelweisen,
     Und Gründelschnuffen scheuchen bloß.

„Hüt Dich vorm Schlabberwork, mein Kind,
     Es reißt sein Zahn, es kratzt sein Klau!
Hüt Dich vorm Vogel Jüberjüp und flieh geschwind
     Vorm Banderschnatz so schraurigschlau.“

Sein Balmungschwert nahm er zur Hand,
     Folgt mählich Weil dem Unhold kühn,
Bis unterm Bongbaum süße Rast er fand,
     Und träumend war sein Sinn.

Wie er in hehrem Traum so stand und sann,
     Der Schlabberwork mit Aug wie Feuersglut
Naht brimseln aus dem tulgen Tann
     Und schnorgelt seine Wut!

Eins, Zwei! Eins, Zwei! Durch Horn und Bein
     Der Balmung scharf in Hieb und Stich gradaus
Trifft tief ins Schlabberherz hinein! –
     Das Haupt am Knauf er trirumtrabt nach Haus.

„Ist hin der Schlabberwork? Sag’s hurtig an –
     Komm an die Vaterbrust, mein trutzger Sohn!
Oh, gloriglicher Tag! Halli! Hallan!“
     Die Freudenzähr ihm ronn.

SWar schummricht, und die Wolper kreisen
     gar bohrlich morgelnd Wurzelmoos;
Die Parmazieben mümpfen Quengelweisen,
     Und Gründelschnuffen scheuchen bloß.

Die meisten heutigen Leser, die sich für Alice in ihrer Eigenschaft als linguistische Spielerei, weniger als Kinderbuch interessieren, werden sich an die Reclam-Ausgabe wenden:

Legende vom Schebberroch

übs. Günther Flemming, Reclam 1999:

’s war britzlich, und der schlinke Totz
     Zerschirrt‘ und drilberte ’s Geweech;
Ganz jimmrig war’s dem Borgoglotz,
     Und die traute Schratte schreech.

Hüt Dich, mein Sohn, vorm Schebberroch,
     Des Maules Biß, der Klauen Krall!
Nah weder öm Sabbsabb-Vogel
     noch Wutschnaufgem Geißelprall!‘

Er nahm’s vorpale Schwert zur Hand:
     Nach dem kattmanen Feind er spürt‘ –
Als unterm Tamtam-Baum er stand
     Und Selbstgespräche führt‘,

In zwidrer Stimmung, da kam bald
     Der Schebberroch mit Flammenblick
Laut jiffelnd durch den tulgen Wald:
     Senkt burbelnd das Genick!

Eins, zwo! Eins, zwo! Und so! Und so!
     Die Klinge führt er schnacke-schnick!
Schlug ab den Kopf, ergriff den Schopf,
     Und galumphiert‘ zurück.

Erschlugst den Schebberroch?
     Dann ach: Strahlischer Knab‘ an meine Brust!
Fantabler Tag! Ich juch! Ich jauch!‘
     Gluckst der in seiner Lust.

’s war britzlich, und der schlinke Totz
     Zerschirrt‘ und drilberte ös Geweech;
Ganz jimmrig war’s dem Borgoglotz,
     Und die traute Schratte schreech.

Aus dieser Ausgabe folgen beispielhaft die Anm. d. Übs. Günther Flemming aus dem Anhang, um klarzumachen, dass ein Nonsens-Gedicht nicht aus weiterem beliebigen Nonsens zusammengestoppelt werden darf, und dass dafür sehr wohl künstlerische Kriterien bestehen:

Julia Margaret Cameron, Photographic study Pomona. Alice Liddell as a young woman, 1872Schebberroch: aus schebbern (mit stimmhaftem sch) =
sabbeln, tratschen, übel nachreden, und aus roch von riechen ‚Rache, ruchbar, Rauch, Rochen‘.
Britzlich: von britzeln, aus brutzeln und brenzlich, nach i hin abgefärbt.
Schlink: aus schlank und flink.
Zerschirren: von scharren, nach i hin abgefärbt.
Drilbern: von Drillbohrer, nach i hin abgefärbt.
Geweech: von Weg und aufgeweicht.
Jimmrig: von jämmerlich und wimmern, nach i hin abgefärbt.
Borgoglotz: von Burg und glotzen, nach o hin abgefärbt.
Trau: von traurig.
Schratte: von Ratte.
Schreech: von niederdeutsch schrieen (‚schreien‘).
Sabbsabb: von sabbeln.
Wutschnuffig: schnaubend vor Wut, nach u hin abgefärbt.
Vorpal: so auch im Original, möglicherweise ein Portmanteau-Wort aus
vorago
und palabra.
Kattman: von Katze (niederdeutsch Katt) und der Insel Man.
Jiffeln: lautmalerische Annäherung an whiffling.
Schnack und schnick: lautmalerische Annäherung an das englische snicker-snack.
Strahlisch: Variante zu strahlend (wie beamish zu beaming).
Fantabel: aus fantastisch und fabelhaft.
Jachen: Parallelbildung zu juchen, von jach = jäh, auch jappen ‚vor Überraschung nach Luft schnappen‘.
Glicksen: aus gnickern und glucksen

Bilder: Michael Barsley: Grabberwocky and Other Flights of Fancy, illustrated by Osbert Lancaster, John Murray, 1939, third printing 1941;
Julia Margaret Cameron: Photographic study „Pomona“ (Alice Liddell as a young woman), 1872,
via Lewis Carroll and Alice Lidell, 14. Novemeber 2010.

Soundtrack: Marianne Faithfull: Jabberwoc, aus: Come My Way, 1965:

Bonus Track: Donovan: Jabberwocky, aus: HMS Donovan, 1971:

Written by Wolf

25. März 2022 at 00:01

Einst, wenn dieser Lenz entschwand

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Update zu Siehst du und
Die Lust des Mittelstands:

Thomas Mann ist für alles mögliche bekannt – nur nicht dafür – was auch mir nach Jahrzehnten eifriger Rezeption seit August 2021 neu war –, dass er gar nicht Goethe sein wollte, oder für seine Lyrik.

Kein Schaden, er hat seine bekannten Qualitäten, außerdem rettet ihn von seinen Anfängen an eine gewisse Selbstironie. Um diese Ansicht samt der Ironie zu untermauern, hat er praktischerweise eins seiner frühen Gedichte in der Erzählung Gefallen 1894 gleich selbst interpretiert und qualitativ eingeordnet.

——— Thomas Mann:

Gefallen

in: Die Gesellschaft, Jahrgang 10, Leipzig, Oktober 1894:

Władysław T. Benda, They say she is young, a golden girl, created as if from spring sunlight, Hearst's, 1921, via AbecedarianEinmal, an einem schönen, weichen Abend, als er einsam durch die Straßen wanderte, machte er wieder einmal ein Gedicht, das ihn sehr rührte. Es lautete etwa so:

Wenn rings der Abendschein verglomm,
Der Tag sich still verlor,
Dann falte deine Hände fromm
Und schau zu Gott empor.

Ist’s nicht, als ruh‘ auf unserm Glück
Sein Auge wehmutsvoll,
Als sagte uns sein stiller Blick,
Daß es einst sterben soll?

Daß einst, wenn dieser Lenz entschwand,
Ein öder Winter wird,
Daß an des Lebens harter Hand
Eins von dem andern irrt? —

Nein, lehn dein Haupt, dein süßes Haupt
So angstvoll nicht an meins,
Noch lacht der Frühling unentlaubt
Voll lichten Sonnenscheins!

Nein, weine nicht! Fern schläft das Leid, —
O komm, o komm an mein Herz!
Noch blickt mit jubelnder Dankbarkeit
Die Liebe himmelwärts!

Aber dies Gedicht rühre ihn nicht etwa, weil er sich wirklich und ernsthaft die Eventualität eines Endes vor Augen gestellt hätte. Das wäre ja ein ganz wahnsinniger Gedanke gewesen. Recht von Herzen kamen ihm eigentlich nur die letzten Verse, wo die wehmütige Monotonie des Klangfalls in der freudigen Erregung des gegenwärtigen Glücks von raschen, freien Rhythmen durchbrochen ward. Das übrige war nur so eine musikalische Stimmung, von der er sich vage die Tränen in die Augen streicheln ließ.

Damit nicht genug, hat das namenlose Gedicht innerhalb der Handlung einen so festen Platz, dass es am Schluss sinnhaltig ins Schloss schnappen kann:

Dann saß er an seinem Tisch, still und schwach.

Draußen herrschte in lichter Majestät der liebliche Sommertag.

Und er starrte auf ihr Bild, wie sie noch immer dastand, wie früher, so süß und rein …

Über ihm unter rollenden Klavierpassagen klagte ein Cello so seltsam, und wie die tiefen, weichen Töne sich quellend und hebend um seine Seele legten, stiegen wie ein altes, stilles, längstvergessenes Leid ein paar lose, sanft-wehmütige Rhythmen in ihm auf …

… Daß einst, wenn dieser Lenz entschwand,
Ein öder Winter wird,
Daß an des Lebens harter Hand
Eins von dem andern irrt …

Und das ist noch der versöhnlichste Schluß, den ich machen kann, daß der dumme Bengel da weinen konnte.

Svobodnyi Smekh, 1906, via Abecedarian

Bilder:

  1. Władysław T. Benda:

    They say she is young, a golden girl, created as if from spring sunlight.

    aus: Hearst’s, 1921, via Abecedarian: Restoring the Lost Sense, 22. September 2021;

  2. Svobodnyi Smekh, 1906, via Abecedarian: Restoring the Lost Sense, 18. November 2018.

Unter rollenden Klavierpassagen klagte ein Cello so seltsam:
Ludwig van Beethoven: Cellosonate Nr. 2 g-Moll op. 5,2, 1796,
Mstislav Rostropovich & Sviatoslav Richter am Edinburgh Festival, 30. August 1964:

Written by Wolf

18. März 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Expressionismus, Land & See

Du bist dämlich, Mensch, bist du dämlich

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Update zu Schwatzen nach der Welt Gebrauch,
Des eigenen Herzens süße Melodie,
Kotzmaterial (Ein Hoch auf deine Bildung du vollidiot)
uns Du aber bist beim Amtsgericht:

Darauf kann man kommen, wenn man zu viel dem „Aufgestanden ist er, welcher lange schlief“ hinterherforscht: gleiches Entstehungsjahr, gleiche Marokkokrise, gleiche Existenzangst. In einen Krieg konnte der jungische Georg Heym da noch nicht verwickelt werden, weil er schon 1912 beim Versuch, seinem Kumpel das Leben zu retten, 25-jährig beim Schlittschuhlaufen verstarb. Seine einbändige Werkausgabe hat 1340 Seiten, von denen 7 auf eine Aufarbeitung davon entfallen, dass er 1911 als Aktenwälzer beim Amtsgericht noch nicht zu seiner Lebensstellung gefunden hatte, gelinde gesagt (von mir) und brillant ausgedrückt (von ihm).

Der parodistische bis zynische Inhalt erschließt sich – ungewöhnlich beim symbolträchtig herumdunkelnden Georg Heym – leicht. Die Form ist ein Zyklus von Sonetten mit abschließenden Vierzeilern als Exitus, das Versmaß geht vom Blankvers aus, um ihn frei zu handhaben und gegebenfalls sogar zu verlassen. Eine erste tiefergehende Interpretation versucht erst Gerhard Rademacher in: Von Eichendorff bis Bienek. Schlesien als offene literarische „Provinz“. Studie zur Lyrik schlesischer Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts im transregionalen Kontext, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1993, im Kapitel X. Oderkahn, Eisenkahn, Fließband, Abschnitt Nur Arbeiter statt Menschen. Wie die Überschriften nur halbherzig zu verschleiern suchen, hebt Rademacher auf marxistisch motivierte Weise – venceremos, Genosse! – die dargestellten Missstände über das individuelle Einzelschicksal des lyrischen Ich hinaus.

Das Amtsgericht Berlin-Lichterfelde in der Ringstraße 9, Ecke Söhtstraße 7–7a, in dem Heym von den Verhältnissen festgehalten werktäglich einsaß, wurde 1902 bis 1906 als Gericht und Gefängnis der damals unabhängigen Villenkolonie Lichterfelde erbaut. Seit 1973 ist es eine Zweigstelle des Amtsgerichts Schöneberg und immer noch zuständig für Grundbuchangelegenheiten.

Heym äußert sich nicht nur für Kaisers Zeiten, in denen Defätismus und Lästerung von Obrigkeiten leicht als gravierende Straftaten ausgelegt werden konnten, gefährlich invektiv, dazu noch kunstvoll, also mit Plan und Vorsatz, sondern auch für eine Gesellschaft mit weitgehender Redefreiheit: Solange ich Zivilfeigling auf Lebensunterhalt unter Umständen angewiesen bin, unter denen ich nichts anderes als Arbeit zu vergeben habe, wollte ich im ausgehenden Kapitalismus dergleichen nicht als meine Verantwortlichkeit entdeckt wissen.

Der Schmerz ist also echt.

——— Georg Heym:

Das Grundbuchamt

EIn Blütenkranz deutscher Lülülürik
Herrn Dr. Hiller zur Erbauung an stillen Sonntagen

Amtsgericht Berlin-Lichterfelde, Mai 1911,
in: Dichtungen und Schriften, Gesamtausgabe, Band 1: Lyrik,
Verlag Heinrich Ellermann, Hamburg 1964, Seite 265 bis 275,
erreichbar in: Das Werk, Zweitausendeins 2005, Seite 864 bis 870:

I Introitus

Hinaus, ins Amt! Und wie ein Delinquent
Schleichst du schon leise in das Haus hinein
Verblödet, ganz verdummt, ein armes Schwein,
Das nach dem Trog im Grundbuchamte rennt.

Ein großer Nagel stochert dir im Hirn.
Auf deiner Schulter reitet ein Dämon,
Ein alter Aktenbock, ein Höllensohn,
Der treibt den Nagel tief in deine Stirn.

Bis daß dir dein Schädel wie ein Backofen scheint,
In den jemand fortwährend glühende Steine reinschmeißt,
Ohne aufzuhören. Dein ganzer Kopf brummt.

Du bist damlich, Mensch, bist du dämlich. Du bist blind,
Du rennst einen alten Gerichtsvollzieher an,
Und schließlich fällst du in die Tür des Grundbuchamtes.

Sebastian Panwitz, Amtsgericht Lichterfelde, 2014

II Das Grundbuchamt

1

Des Grundbuchamtes winterliche Trauer,
Wenn in dem Märzwind wilde Vögel schrein,
Und durch die Fenster schaut der Tag herein.
Einäugig lehnt er an der Mauer.

Und seine Hand, die durch die Scheiben bricht,
Die nicht zerbrechen, wandert durch den Saal,
Wo viele Schläfer ruhn mir Häuptern kahl,
Staub auf der Glatze, Staub auf dem Gesicht.

O düstrer Aktenstaub im Amts-Gericht,
Des dicker Rauch die alte Decke schwärzt,
Und der erstickt das graue Morgenlicht.

Polheim, der Richter, der einBündel herzt
Uralter Akten. Halob im Schlaf der Dicht-
Er. Kollege Stahl, er verzt.

~~~~~~~~~~/~~~

2

Der Alte kommt mit seinem Pracht-Popo,
Wie immer schmierig-freundlich. „Guten Morgen,
Können Sie nicht den Kollegen Heym borgen?
Er soll protokollieren. Übrigens, à propos,

Er fabriziert Gedichte. Ja. Ein Buch
Kommt jetzt heraus. Ha, ha. Berühmte Leute
Haben wir in unserer Justiz heute.
Er schreibt auch Novellen. Ein zweiter Wildenbruch.“

Er geht, wie immer schleimig-jovial,
Und winkt noch einmal freundlich mit der Hand:
„Adieu, Herr Polheim. Adieu, Herr Stahl.“

Und Polheim stottert aus dem Sau-Gesichte:
„Zu ko … komisch. War mir nicht bekannt,
Herr Ko … Kolleje. Sie machen auch Jedichte?“

Sebastian Panwitz, Amtsgericht Lichterfelde, 2014

III Die Leichenkammer

1

Seht hier die Leichen all der Referendare,
Die Polheims Stumpfsinn langsam umgebracht.
Nun schlummern sie in schwarzer Gräber Nacht,
Wie Mumien dürr und trocken auf der Bahre,

Auf hohen Grundbuchakten unter Tage
Mit großen Aktenballen überhäuft.
Des Todes Schweigen. Eine Ratte läuft
Raschelnd davon im Staub der Sarkophage.

Ihr Kopf ward dürr, ihr Hals ein magrer Schrumpf,
Der einst an einem Wust Papier erstickt.
Nur ihre Brillen glänzen manchmal noch,

Die einstmals Polheims stolzes Haupt erblickt.
Nun wahren sie sein Bild im Gräber-Loch,
‚Ward‘ es auch trübe schon und mählich stumpf.

~~~~~~~~~~/~~~

2

Doch nachts, wenn Uhu krächzt, und Mäuse pfeifen,
Und wenn der Mond durch ihre Knochen scheint,
Dann hebt sich auf das stille Volk vereint,
Durch Treppen und durch Gänge fortzuschweifen,

Mit weißem Talglicht in zerfranster Hand,
Mit großen Federn hinterm morschen Ohre,
Wenn dumpf der Mitternächte dunkle Hore
Vom Turme langsam hallt ins stumme Land.

Dann sitzen sie im Grundbuchamt in Scharen
Am langen Tisch. Sie schmieren Protokolle.
Und riesig häuft es sich von Formularen.

Kataster, Reinertrag, mit Windesschnelle.
Abteilung III. Grundsteuermutterrolle,
Und fröhlich wächst Parzelle auf Parzelle.

Sebastian Panwitz, Amtsgericht Lichterfelde, 2014

IV Die Paragraphen

1

Mit tausend Ellen Leinewand umwunden,
Die alten Greise, mit den Haaren dünn
Und große Totenbänder um das Kinn,,
Den Kranz von Siegeln um die Stirn gebunden,

Kriechen sie abends aus dem Aktenspind,
Riesige Mehlwürmer, eine schreckliche Horde
Ringel sie sich über alle Borde
Und schweben in dem goldnen Licht geschwind.

Sieheben ihre Knochen leicht im Takt,
Und tanzen einen Cancan durch den Saal,
Daß ihre magre Wirbelsäule knackt.

Dann sitzen sie am Tisch und halten Mahl.
Die Akten fressen sie, die Polheim kackt
An jedem Morgen hoch in das Regal.

~~~~~~~~~~/~~~

2

Doch manchmal, mittags, wenn die Flure stille,
Und eine Fliege an die Scheiben summt,
Der Kastellan mit seiner großen Brille
Aktenbeladen durch die Türe kommt,

Und Waschfraun mit den großen Scheuerlapppen
Die Fliesen draußen schwemmen, hörst du kaum
Ein zartes Flüstern in dem leeren Raum
Durch fernes Echo von Pantoffelklappen.

Dann sitzen sie in ihren staubigen Winkeln,
Ein feuchter Tropfen fällt dir ins Genick,
Wenn sie ihr Wässerchen herunterpinkeln,

Wie Silber dünn, ein feiner Sonnenstrahl.
Du drehst dich um, und fängst noch einen Blick
Durch Spinneweben aus dem Leben schmal.

~~~~~~~~~~/~~~

3
Variation

In gelbe Spitzenschuhe, rot mit Bändern,
Versteckt den Knochenfuß, auf allen Treppen
Den königlichen Fall der weißen Schleppen
In tulpenüberstickten Festgewändern

Ziehen sie auf in knarrenden Brokaten,
Wie Könige voraus. An ihren Glanz
Hängt hinten sich ein ungeheurer Schwanz,
Ameisen gleich, der Chor der Bürokraten.

Alle Amtsrichter mit ausgebeultem Arsch,
Dazwischen friedlich Hämorrhoiden hängen,
Flattern einher zu frohem Hochzeitsmarsch.

Im Überswchwang der braunen Lockenhaare
Assessoren, leichtfüßig, auf allen Gängen,
Ganz hinten krumm die grauen Aktuare.

~~~~~~~~~~/~~~

4

Sebastian Panwitz, Amtsgericht Lichterfelde, 2014Du nur mußt abseits sitzen in der Klause.
Du stahlest Akten, greulich und perfid.
Nun zittert blaß die Träne dir am Lid.
Unteilhaftig bist du dem vergnügten Hause.

Du vergrubest im Schranke eine Expedition,
Du hofftest, sie würde vergessen werden.
Aber Gott sieht alles auf dieser Erden.
Und er sah die Akte vom Himmelsthron.

Und er holte sie vor mit einer langen Stange.
Er brachte das Verbrechen an den Tag.
Unheil waltete. Schweigen lastete lange.

Du standest schnell vor dem Areopag
Des finsteren Alten. Und er schalt dich lange,,
Daß dir sein Zorn in allen Gliedern lag.

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V Die Strafe

Ich werd euch beide noch am Galgen sehen,
Rudolphi, dich,k und Polheim, dich, du Schurke,
An eines Galgenarms bemooster Gurke,
Im wilden Sturm der Wetternacht zu wehen.

Wenn grell der Blitz erscheint und Donner hallen,
Von schrecklich fahlem Lichte überschweißt,
An euren ausgedörrten Schwänen reißt
Ein Flatterdämon mit den Eisenkrallen.

Dann schreit: „Hu, hu“ und brüllet: „Herr Kollege,
Man reißt den Schwanz mir aus. Genuch, genuch.“
Indes auf einem schwarzen Wolkenstege

Satanas schwankt auf seinem Pferdefuß,
Von eures Schwanzes saurem Schweißgeruch
Ohnmächtigkeit fast, und garstig voll Verdruß.

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VI

Der liebe Gott in goldner Badehose,
Kühn im Zylinder, der schon grau gefleckt,
Er schwingt in feister Hand die Tugendrose,
Die zart er Polheim in das Knopfloch steckt.

„Habt Dank, mein Polhreim, daß ihr treu wie immer,
Im Dienst des Staates euch herumgehetzt,
Daß Ihr der Hosen herbstlich fahlen Schimmer
Mit Fleiß und Anstand endlich durchgewetzt.“

Polheim, er wedelt froh mit seinem Schwanze,
Und grüßt des Lieben Gottes Majestät.
Der sanft umstrahlt von himmlisch-süßem Glanze

Die Stiege langsam schon heruntergeht,
Er fährt davon, wie eine weiße Wanze,
Im Omnibus, der um die Ecke dreht.

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VII Exitus

Wie Wandrer wissen, die in ferne Meere
Vom Hafen führt ein schnelles Schiff hinaus,
So weine ich verstohlen eine Zähre
An deiner Türe noch, geliebtes Haus.

Zum letzten Mal in diesem Erdenleben
In deinen Hallen ward ich heut gesehn.
Und meiner Seele schmerzliches Erbeben,
Mein Amtsgericht, ich muß es dir gestehn.

Zum letzten Mal sah ich die Richter sitzen
Wie schwarze Hennen in dem Staub und Qualm
Und ihre kleinen Schädel blähn und schwitzen
Wie leere Seifenblassen auf dem Halm.

Sie kratzten sich den Rauch mit dürrer Kralle
Der schwarz und zottig wie ein Maulwurf schien.
Ihr dicker Hals war von verdorbner Galle
Wie eine ‚farbige‘ Leiche gelb und grün.

Aus ihrem Munde kam ein fahles Stinken
Das manchmal rülpsend aus dem Bauche gor.
Halbtot in einen Winkel hinzusinken,
Floh ich hinaus zum leeren Korridor.

Da sah ich den Justizanwärter Kummer
der onanierend in dem Keller stand,
Und an dem Schwanze eine Solo-Nummer
Mühselig klopfte ab mit magrer Hand.

Sebastian Panwitz, Amtsgericht Lichterfelde, 2014

Bilder: Sebastian Panwitz:

  1. Historistisch, 15. April 2014;
  2. 10th Week of the stairs (5/7), 15. April 2014;
  3. Tod!, 29. April 2014: „Dieses Fenster im Erdgeschoß stammt aber sicher nicht aus der Erbauungszeit 1902-1906, sondern dürfte ein Produkt der Nachkriegszeit sein.“;
  4. Something special: Kreuzrippengewölbe, 1. Februar 2010;
  5. Na dann!, 16. Mai 2014: „Una ex hisce morieris – ‚In einer dieser Stunden wirst du sterben‘ – war schon früher in der lateinischen Form auf Grabsteinen und im Barock auch auf Uhren zu finden. Die deutsche Fassung ist vor allem aus dem Gedicht ‚Una ex hisce morieris‚ von Detlev von Liliencron bekannt. Obige Uhr findet sich allerdings nicht in Friedhofsnähe, sondern im Amtsgericht Berlin-Lichterfelde!“

Soundtrack: Cliff Martinez: Kafka Suite, aus: Kafka, 1991:

Written by Wolf

11. März 2022 at 00:01

Und der Tag will sich erweiten, denn die Sonne stehet still

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Update zu Meteorologischer Frühlingsbeginn,
Frühlingsreigen Buranum,
Des Maies Wonneschlingen,
Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn),
Lache, liebez frowelîn,
Rotstrumpf,
Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!
und Blumenstück 004: Und wohl im armen Herzen auch:

Internetpremiere zum meteorologischen Frühlingsanfang: ein seltenes Frühlingsgedicht von Arnim. Die sieben Zeilen marschieren als eine Art erweiterter Limerick ABABCCX mit wiederholendem X, also der Waise als variiertem Refrain. Aus meiner bibliophilen Sicht ist das ein kostbarer Fund. Das kulturpessimistische Gemoser kommt deshalb, um nicht gleich die Frühlingsstimmung aus dem Dichterstubenfensterchen zu scheuchen, bevor sie aufgekommen ist, ausnahmsweise erst nach dem Primärtext.

Frédéric, 2021

——— Achim von Arnim:

Die schönen Ringelraupen

ca. 1806 oder 1814 bis 1831:

Winterwolken schmelzen nieder,
Aus den Augen, aus dem Sinn,
Lässig strecken alle Glieder
Sich auf grünen Rasen hin,
Zögernd sehn sich um die Zeiten,
Und der Tag will sich erweiten,
Denn die Sonne stehet still.

Süße Frühlingslangeweile
Füllt mit Wollust, füllt mit Scherz;
Langsam, langsam, keine Eile,
Sey doch folgsam liebes Herz!
Langsam wird, was gut auf Erden,
Langsam ziehn die Lämmerheerden,
Und sie stehen alle still.

Nehmt mich auf in eure Weiden
Schäflein bin auch ich wie ihr,
Euer Gras, das will ich meiden
Doch die Blumen schenket mir;
Seht die Blumen auf mich schauen,
Soll sie brechen schönen Frauen,
Und sie halten alle still.

Frauen nehmt mir ab die Blüthen
Bin ein Baum, an Blüthen reich,
Wenn als Früchte sie geriethen,
Bräche mir wohl jeder Zweig;
Kommt ihr schlanken Ringelraupen,
Wollet ihr mich nicht entlauben?
Seht ich halte ja so still.

Frédéric, 2021

Das Gedicht bleibt bei der bestehenden Forschungslage vor allem für interessierte Laien zeitlich schwer einzuordnen, daher mein weit veranschlagter Rahmen vom entweder biographisch plausiblen zirka 1806 oder zwischen 1814, als Arnim nicht aus Gründen der Romantik, sondern der Sparsamkeit das weder ihm noch seiner Frau entsprechende Landleben aufnahm, wenngleich immer noch auf dem Familienschloss, bis zu seinem Tod 1831. Das passt immerhin thematisch; die vorhandenen Werkausgaben, von denen man sich erforschte und begründete Wahrheit erhoffen dürfte, sind schwer zugänglich.

Von Achim von Arnim wird von Verlagen immer nur die Prosa verbreitet, die dann meistens ein Briefwechsel ist, seine Lyrik existiert auf dem Buchmarkt, der dann auch noch der antiquarische ist, hauptsächlich in Mir ist zu licht zum Schlafen. Gedichte, Prosa, Stücke, Briefe. Dabei müssen Tausende von Seiten mit Gedichten existieren, darunter gern auch formlos über sich selbst hinauswuchernde Reimereien. Arnim hat seine eigenen Gedichte nie gesichtet, verbessert oder zu Sammlungen geordnet. Die letzte eingehende Ordnung seines Nachlasses bemängelte deren Umfang bei schwerer Lesbarkeit – und das war noch seitens Rahel Varnhagen († 1833).

Das hat Gerhard Wolf – heute noch danke an den guten Mann! – in der Reihe Märkischer Dichtergarten herausgegeben, 1983 noch in der und für die DDR (Buchmarktsuche: Hardcover 1983; Taschenbuch 1984).

Selbst Gerhard Wolf konnte auf nicht mehr zurückgreifen als auf dier frühestmögliche Materialsicherung:

Arnims Lyrik ist bisher noch nicht entsprechend wissenschaftlich ediert, so daß wir uns vor allem, bei notwendig beschränkter Auswahl, an die Sammlungen gehalten haben, die als Band 22 von „Ludwig Achim von Arnims sämtlichen Werken“, bearbeitet von Varnhagen von Ense, und an den als Band 23 bezeichneten zweiten Teil, nach den Handschriften des Goethe-Schiller-Archivs Weimar, herausgegeben von Herbert R. Liedke uhnd Alfred Anger, erschienen; wir geben die Gedichte, soweit wir sie dort fanden, in der alten Schreibweise dieser Ausgaben.

– und selbst bei diesem zaghaften Wiederanfang musste er um der Vielfalt der Anthologie willen noch 60 Seiten auf Des Knaben Wunderhorn verwenden, an dessen kommentarloser Verbreitung weder 1983 noch 2022 ein Mangel herrscht. Der oben zitierte Nachweis stand in einem Nachwort von 1983 über den „23.“ Band von 1976 innerhalb einer 1856 (!) von Wilhelm Grimm (ja, dem Wilhelm Grimm, † 1859) abgeschlossenen 22-bändigen Werkausgabe, bisher ist meines Wissens nichts weiter passiert. O Freies Deutsches Hochstift, o Hanser!

Frédéric, 2021

Und sie halten alle still: Frédéric:

  1. L’ubac et l’adret II (la fin d’un jour d’hiver), 19. Februar 2021;
  2. La leçon de piano, 6. März 2021;
  3. La fée Clochette en RTT, 5. Mai 2021;
  4. La paysagiste (elle aimait bien Van Gogh et lire du Saint Exupéry), 19. Juni 2021.

Frédéric, 2021

Kommt ihr schlanken Ringelraupen: The Cure: The Caterpillar, aus: The Top, 1984,
im Londoner Syon Park House Estate:

Written by Wolf

4. März 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik, ~~~7-Zeiler~~~