Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Februar 2014

Ein kleines Helles für Elke

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Update (kein Überschreiben mehr möglich) zum Valentinsgewinnspiel:

Die Entscheidung fiel ausnahmsweise leicht: Die Hochhaushex Elke gewinnt alles — für ihr Lyrikfestival von Kommentar:

Ich finds ja eine überaus anrührende Idee, den Weg übern Hinterhof zu einem Lyrik-Kabinett (hach, dass es sowas gibt!) mit Gedichtfetzen auf Schilderbildern zu pflastern. Man könnt’ das einen hübschen kleinen Trampelpfad zwischen Poesie und RealPoesie nennen – wie zielführend wohin Gedichte immer sein mögen.

Uiii … aber aus der Fülle sich sein Lieblings-Versfitzelchen herauspicken, das ist schwer.

Der Haus- und Hof-Heine samt seiner alten Weise vom Jehuda Ben Halevy aus den Hebräischen Gesängen, mit dem

„Bei den Wassern Babels saßen
Wir und weinten, unsre Harfen
Lehnten an den Trauerweiden“ –
Kennst du noch das alte Lied?

ist eh schon Lieblings-Sowieso. Erst recht für mich altes Synäst(h)ierchen: das singt und malt und schmeckt sich seine Heine-Liedln.

Die Priamel-Ode der großen Sappho von Lesbos wiederum

Ein heer von reitern
so sagen die einen
fußvolk andere
schiffe noch andere
ist auf der schwarzen erde
das köstlichste
ich aber sage
das was man lieb hat

Marc-Charles-Gabriel Gleyre, Le coucher de Sappho, 1867, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausannebrilliert in ihrer ganzen Schlichtheit mit einem so recht zielführenden valentinischen Schlussvers. Vor allem, wenn man sich dazumalt, in welcher Schönheit selbige zu Bette ging. Und glauben will, dass die um 600 v. Chr. keine Propaganda in ihrem poetischen Sinn hatte. Oder doch?

Mögen kann man auch den Ausriss “fiel auf eine Rose vieler Regen”, drum hab ich dem nachgekramt. Dem münchenverhafteten Lyriker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Wei%C3%9F_%28Dichter%29&quot; target="_blank" title="Wikipedia"Konrad Weiß, dem nie der entscheidende Durchbruch gelang und der dennoch wahrscheinlich zu Unrecht vergessen ist, kann ich (auch wenn man seine politischen Haltungen ja nicht teilen muss) durchaus was abgewinnen. Sein Gedicht

Die eine Rose

Während wir uns schlugen auf den Wegen,
Wort um Worte rührten,
was die Worte wollten, tiefer spürten,
während wir dem Sinn entgegen
uns durch wache Wildnis trugen,
um ein schlafend Bild umsonst doch Worte
wacher schickend nur sein Schlafen schürten,
und von Ort zu Orte
horchten und die Zungen in uns schlugen,

fiel auf eine Rose vieler Regen.

aus dem der Versfetzen stammt, hat auch irgendwie was Wildes und einschlägig Zielführendes in sich, wie ich finde. Und hier merkt man auch wieder, was das Schöne an Gedichten ist: dass der ganz eigene Lesende sich sein ganz Eigenes hineindeuten kann, wenn er mag. Denn wer würde vermuten, dass, wie von Weiß-Kennern verlautbart, der Titel dieses in seinem letzten 1939 veröffentlichten Lyrik-Band Das Sinnreich der Erde enthaltenen Verswerks ursprünglich “Sinnbild der Geschichte” lauten und somit wohl weit Monumentaleres als valentinische Leidenschaften beinhalten sollte.

Das “Vieles bleibt ohnehin in der Schwebe” ist zur Abwechslung mal von einem noch Lebenden – der sogar dieses Sprüchlein irgendwie lebt: vom Mache-sich-jeder-seinen-eigenen-Reim-auf-den-Enzensberger. Vielschreiber, Ex-Nürnberger und Wahl-München-Schwabinger, der in Erlangen studiert hat. Und zwar aus dem Titel-Gedicht seines Leichter als Luft – Moralische Gedichte, erschienen bei Suhrkamp 1999. Besonders mag ich in dem ja die letzte Zeile (und die vorletzte) in der vierten Strophe – denn wer wöllte wohl bestreiten, dass ausnahmslos alle Walzerklänge (und Heiligenscheine) leichter als Luft sind.

Ein Fitzelchen muss ich noch, obwohl das hier schon wieder zum Co-Referat ausufert: das erste auf dem vierten Schilderbild, wieder so’n synästhetisches. In dem fehlt ein kleines aber wichtiges Wörtlein. Es muss nämlich heißen:

Ich färbte dir den Himmel brombeer
Mit meinem Herzblut.

und ist von Else Lasker-Schüler, aus einem ihrer leidenschaftlichen Abschied-Liebesgedichte, an Gottfried Benn, glaub ich. Der Kafka hat sie nicht gemocht, die Lasker-Schüler, aber schließlich hat sie in meinem dienstlichen Nachbarhaus, dem Hotel “Sachsenhof” in Schöneberg, gewohnt und eigentlich wollt ich die sogar bloggen, weil sie vor ein paar Tagen einen so halbrunden Geburtstag hatte – man will doch seine künstlerischen Nebenmieter ein bissl hätscheln.

Nu is aber Schluss. — Was ich noch sagen wollt: Das Tom Waitssche Luftballon-Mashup-Duett ist wirklich voll süüüß. Ich tanz den ganzen long way home.

Das ist eine ausgewachsene wundervolle Wundertüte mit Büchern wert. Keine Angst, es sind nicht noch mehr Gedichte dabei, dafür das Nibelungenlied (okay, das ist in gebundener Rede — aber episch), der Simplicissimus und das Heptameron. Das Paket geht raus, sobald ich einen passenden Karton aufgetrieben hab und zur Post komm.

Bild: Marc-Charles-Gabriel Gleyre: Le Coucher de Sappho, 1867, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne.

Und als postvalentinischen Bonus-Track für uns alle gibt’s noch das Wunderlied auf die Ohren: das putzigste aller Liebeslieder, ohne albern zu werden. Das ist aus Sommer in Orange von Marcus „Rosi“ H. Rosenmüller 2011, geschrieben von Gerd Baumann, dessen Stammfilmmusiker, der vielleicht doch ein ganz und gar unterschätzter Liedermacher für alle Gelegenheiten ist.

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Written by Wolf

24. Februar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento

Unser lieber Vatter

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Update zu Doppeltgänger:

„Knan“ heißt „Vater“; zitiert wird nach dem Digitalisat im Deutschen Textarchiv der 1. Nürnberger Ausgabe bei Felsecker 1669, geändert — und kenntlich gemacht — um Hans Heinrich Borcherdt (Hg.) im Deutschen Verlagshaus Bong & Co, 1921. Das Bild ist von der 31-teiligen Hörbuchfassung bei Pidax Film Media Ltd. Das Cover war schon anno 1979 auf dem Hörbuch, lange bevor Ältere als Fünfjährige etwas mit Hörbüchern anfangen sollten, und war 2013 bei der Zusammenpressung auf eine einzige CD mit .p3-Dateien offenbar immer gut genug.

——— Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch / Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und maenniglich nutzlich zu lesen. An Tag geben Von German Schleifheim von Sulsfort. Monpelgart / Gedruckt bey Johann Fillion / Jm Jahr MDCLXIX. Das VIII. Capitel:

Simplex gibt seinen Verstand an den Tag
Durch seine törichte Antwort und Frag.

Einsiedel: Wie heissestu?

Simpl. Ich heisse Bub.

Einsid. Ich sihe wol/ daß du kein Mägdlein bist/ wie hat dir aber dein Vatter und Mutter geruffen?

Simpl. Jch habe keinen Vatter oder Mutter gehabt:

Einsid. Wer hat dir dann das Hemd geben?

Simpl. Ey mein Meuder.

Einsid. Wie heisset dich dann dein Meuder?

Simpl. Sie hat mich Bub geheissen/ auch Schelm/ [langöhrichter Esel/ ungehobelter Rültz/] ungeschickter Dölpel/ und Galgenvogel.

Einsid. Wer ist dann deiner Mutter Mann gewest?

Simpl. Niemand.

Einsid. Bey wem hat dann dein Meuder deß Nachts geschlaffen?

Simpl. Bey meinem Knan:

Einsid. Wie hat dich dann dein Knan geheissen?

Simpl. Er hat mich auch Bub genennet:

Einsid. Wie hiesse aber dein Knan?

Simpl. Er heist Knan:

Einsid. Wie hat ihm aber dein Meuder geruffen?

Simpl. Knan/ und auch Meister:

Einsid. Hat sie ihn niemals anders genennet?

Simpl. Ja/ sie hat:

Einsid. Wie dann?

Simpl. Rülp/ grober Bengel/ volle Sau/ [alter Scheisser/] und noch wol anders, wann sie haderte:

Einsid. Du bist wol ein unwissender Tropff/ daß du weder deiner Eltern noch deinen eignen Nahmen nicht weist!

Simpl. Eya, weist dus doch auch nicht:

Einsid. Kanstu auch beten?

Simpl. Nain/ unser Ann und mein Meuder haben als das Bett gemacht:

Einsid. Jch frage nicht hiernach/ sondern ob du das Vatter unser kanst?

Simpl. Ja ich:

Einsid. Nun, so sprichs dann:

Simpl. Unser lieber Vatter/ der du bist Himel/ hailiget werde nam/ zrkommes d Reich/ dein Will schee Himmel ad Erden/ gib uns Schuld/ als wir unsern Schuldigern geba/ führ uns nicht in kein döß Versucha/ sondern erlöß uns von dem Reich/ und die Krafft, und die Herrlichkeit/ in Ewigkeit/ Ama.

Einsid. Bistu nie in die Kirchen gangen?

Simpl. Ja ich kann wacker steigen/ und hab als ein gantzen Busem voll Kirschen gebrochen:

Einsid. Jch sage nicht von Kirschen/ sondern von der Kirchen:

Simpl. Haha/ Kriechen/ gelt, es seynd so kleine Pfläumlein? gelt du?

Einsid. Ach daß GOtt walte/ weistu nichts von unserm HERR Gott?

Simpl. Ja/ er ist daheim an unsrer Stubenthür gestanden auf dem Helgen/ mein Meuder hat ihn von der Kürbe mitgebracht/ und hin gekleibt:

Einsid. Ach gütiger GOtt/ nun erkenne ich erst/ was vor eine grosse Gnad und Wohlthat es ist/ wem du deine Erkantnus mittheilest/ und wie gar nichts ein Mensch seye/ dem du solche nicht gibst: Ach HERR verleyhe mir deinen heiligen Nahmen also zu ehren/ daß ich würdig werde/ umb diese hohe Gnad so eyferig zu dancken/ als freygebig du gewest/ mir solche zu verleyhen: Höre du Simpl. (dann anderst kan ich dich nicht nennen) wann du das Vatter unser betest/ so mustu also sprechen: Vatter unser/ der du bist im Himmel/ geheiliget werde dein Nahm/ zukomme uns dein Reich/ dein Wille geschehe auff Erden wie im Himmel/ unser täglich Brod gib uns heut/ und:

Simpl. Gelt du/ auch Käß darzu?

Einsid. Ach liebes Kind/ schweige und lerne/ solches ist dir viel nötiger als Käß/ du bist wol ungeschickt/ wie dein Meuder gesagt hat/ solchen Buben wie du bist/ stehet nicht an/ einem alten Mann in die Red zu fallen/ sondern zu schweigen/ zuzuhören und zu lernen/ wüste ich nur/ wo deine Eltern wohneten/ so wolte ich dich gerne wieder hin bringen/ und sie zugleich lehren/ wie sie Kinder erziehen solten;

Simpl. Jch weiß nicht, wo ich hin soll/ Unser Hauß ist verbrennet/ und mein Meuder hinweg geloffen/ und wieder kommen mit dem Ursele/ und mein Knan auch/ und unser Magd ist kranck gewest/ und ist im Stall gelegen[/ die hat mich fortlaufen heißen, was gist do, was host].

Einsid. Wer hat dann das Hauß verbrennt?

Simpl. Ha/ es sind so eiserne Männer kommen/ die seynd so auff Dingern gesessen/ groß wie Ochsen/ haben aber keine Hörner/ dieselbe Männer haben Schaffe und Kübe und Säu gestochen/ [Ofen und Fenster eingeschlagen] und da bin ich auch weg geloffen/ und da ist darnach das Haus verbrennt gewest:

Einsid. Wo war dann dein Knan?

Simpl. Ha/ die eiserne Männer haben ihn angebunden/ da hat ihm unser alte Geiß die Füß geleckt/ da hat mein Knan lachen müssen/ und hat denselben eisernen Männern viel Weißpfenning geben/ grosse und kleine/ auch hübsche gelbe/ und sonst schöne klitzerechte Dinger/ und hübsche Schnür voll weisse Kügelein.

Einsid. Wan ist diß geschehen?

Simpl. Ey wie ich der Schaf habe hüten sollen/ sie haben mir auch mein Sackpfeifff wollen nemmen.

Einsid. Wann hastu der Schaf sollen hüten?

Simpl. Ey hörstus nicht/ da die eiserne Männer kommen sind/ und darnach hat unser [strobelkopfigte] Ann gesagt/ ich soll auch weg lauffen/ sonst würden mich die Krieger mit nehmen/ sie hat aber die eiserne Männer gemeynet/ und da sein ich weg geloffen/ und sein hieher kommen:

Einsid. Wo hinauß wilst du aber jetzt?

Simpl. Jch weiß weger nit/ ich will bey dir hier bleiben:

Einsid. Dich hier zu behalten/ ist weder mein noch dein Gelegenheit/ esse/ alsdann will ich dich wieder zu Leuten führen:

Simpl. Ey so sag mir dann auch/ was Leut vor Dinger seyn?

Einsid. Leut seynd Menschen wie ich und du/ dein Knan/ dein Meuder und euer Ann seynd Menschen/ und wann deren viel beyeinander seynd/ so werden sie Leut genennt:

Simpl. Haha;

Einsid. Nun gehe und esse.

Diß war unser Discurs, unter welchem mich der Einsidel offt mit den allertieffsten Seufftzen anschauete/ nicht weiß ich/ ob es darum geschahe/ weil er ein so groß Mitleiden mit meiner [überaus großen] Einfalt und dummen Unwissenheit hatte/ oder auß der Ursach/ die ich erst über etliche Jahr hernach erfuhr.

Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch - Die komplette 31-teilige Hörbuchfassung des Abenteuerromans von Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen. Pidax Hörspiel-Klassiker, 1979 und 2013

Written by Wolf

23. Februar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

Lieblingsbiber

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Update zu Den Bach runter:

Mein Lieblingssatz der Woche steht in meiner Lieblingsabteilung: die größte Deutschlands für Klassik im fünften Stock beim Beck am Rathauseck, und darin in meiner Lieblingsunterabteilung, allein schon wegen des Namens: Alte Musik Neuheiten, und darin auf den Violin Sonatas von Franz Biber:

Mit unglaublicher Musizier- und Fabulierlust bringt Andrew Manze uns seinen Biber nahe.

Hach. Wenn es diese Neuheit von 1994 jetzt auch noch auf die Spiegel-Sammlung Die besten guten Klassik-CDs schafft, brauch ich nicht mal mehr den Postillon, sondern allenfalls noch eine Sammlung „Die besten Scheiß-CDs“. Und das halten die Leute für ernste Musik.

Heinrich Ignaz Biber, Violinsonaten Nr.1-8, 1681

Biberbild mit Kranich: Heinrich Ignaz Biber (1644-1704): Violinsonaten Nr.1-8 (1681), Doppel-CD.

Written by Wolf

20. Februar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Handel & Wandel

So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus

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Update zu Der kluge Narr flüchtet vor der Inflation in die Sachwerte
und Mein Lied ertönt der unbekannten Menge:

Besonders aber laßt genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
So daß die Menge staunend gaffen kann,
Da habt ihr in der Breite gleich gewonnen,
Ihr seyd ein vielgeliebter Mann.
Die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

Deutschland besteht seit jeher in der Hauptsache nicht aus seinen paar Metropolen, sondern aus der ganzen Provinz dazwischen. Goethe wusste das, und die Provinz weiß das. Deshalb macht kein hochrenommiertes Nationaltheater das am größten angelegte, dabei sinnvollste und bewegendste Faust-Projekt der letzten und voraussichtlich der nächsten Dekaden, sondern die Rudolf-Steiner-Schule Ismaning: das FAUST-Festival Ismaning 2014.

Beteiligt sind sechs Schulklassen, nicht alle aus Ismaning, die Spielorte für Aufführungen und angeschlossene Expertenvorträge sind je nach Bedürfnis verteilt — es ist also nicht ganz einfach, sich zwischen dem 22. und 28. Februar in Ismaning zurechtzufinden. Betrachten wir es als Teil des Konzepts: Faust verlangt denkende Zuschauer — und versuchen es nicht besser zu formulieren als die Veranstalter selbst:

Sechs 12. Klassen von sechs Waldorfschulen aus ganz Deutschland spielen jeweils einen der Parts des Monumentalwerks (FAUST I und die fünf Akte des FAUST II) und führen ihn in dem großen Festsaal der Rudolf-Steiner-Schule Ismaning an direkt aufeinander folgenden Tagen zwei Mal auf. Einmal abends für die Öffentlichkeit und einmal vormittags ebenfalls für die Öffentlichkeit, aber auch für Schulklassen.

Begleitend gibt es Einführungen in die einzelnen Akte von FAUST II sowie drei große Themenvorträge über Wissenschaft, Kunst und Ökonomie in Goethes FAUST.

Die Aufführung des ganzen FAUST im Rahmen eines Gesamtkonzepts von sechs verschiedenen Inszenierungen lässt der Kreativität der beteiligten Klassen künstlerischen und interpretatorischen Spielraum – eine außergewöhnlich innovative Art der Umsetzung.

Jedenfalls nehmen sie das Projekt in seiner Größe und Bedeutung angemessen ernst. Wie der Weblog lehrt, läuft der Vorverkauf gut. Die ganze Unternehmung ist so groß wie der Faust selbst, da können Sie jeden Zwölftklässler fragen, die Anreise naturgemäß ein Unterfangen für sich. Nach Ismaning fährt die Münchner S-Bahn, ab dort gibt es Bus-Shuttle

Die Wölfin, begeistert wie immer von allem, was mich interessiert, meint. „Zwölfte Klassen?! Ist das nicht eine Liga unter dir?“

Nein, ich werde schon nicht eine Woche lang täglich nach Ismaning rauspendeln, um wechselnden Steiner-Gymnasiasten beim Chargieren zuzuschauen — aber ich find’s toll, dass in manchen Schulen doch noch was Gescheites gelernt wird.

Faust-Formation FAUST-Festival Ismaning 2014

Foto: Veranstalter.

Written by Wolf

19. Februar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Welcher ein lieben Buhlen hat

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Update zu Flög, Auf einen Satz der Wölfin und The Metrum is the Message:

Ein Volkslied ist keins, wenn es nicht in mindestens zwei Versionen überliefert ist. Dem Deutschen Volksliedarchiv zu Freiburg im Breisgau seien Dank für die letzten 100 Jahre und die besten Wünsche fürs nächste Jahrhundert: Wir werden euch noch brauchen.

Einhundert Jahre Deutsches Volksliedarchiv 1914--2014

Ich verbreite hier ein so seltenes Volkslied, dass dafür nicht einmal eine gültige Melodie vorliegt. Die geschmeidige ideale Volksliedstrophe lässt aber viel Platz für eigene Vertonungen — daher Volkslied:

——— Frankfurter Lieder-Büchlein: Maß in allen Dingen, 1582:

Winter, du mußt Urlaub han,
Das hab ich wohl vernommen;
Was mir der Winter hat Leids gethan,
Das klag ich diesem Sommer.

Diesem Sommer nicht allein
Die gelen Blümlein springen;
Welcher ein lieben Buhlen hat,
Mag wohl mit Freuden singen.

Welcher ein lieben Buhlen hat,
Halt ihn in rechter Maßen!
Und wenn es an ein Scheiden geht,
Muß er ihn fahren lassen.

Zu wenig und zu viel ist ungesund,
Hab ich oft hören sagen;
Der Brunn hat einen falschen Grund,
Darein mans Wasser muß tragen.

Des Brunnen des entrink ich nit,
Er hat mich oft betrogen;
Was mir mein Feinslieb hat zugeseit,
Ist ganz und gar erlogen.

Der uns das Liedlein neu gesang,
Von neuem hat gesungen,
Das haben gethan zween Landsknecht gut,
Ein alter und ein junger.

Bethany Rand by Masha Sardari, Weeping for the Summer, 14. Dezember 2013

Winterurlaubsvolkslied: Des Brunnen des entrink ich nit (ganz und gar erlogen):
Bethany Rand by Masha Sardari: Weeping for the Summer, 14. Dezember 2013.

Written by Wolf

15. Februar 2014 at 14:05

Veröffentlicht in Barock, Land & See

Valentinsgewinnspiel: Ich bin nichts Offizielles (geschlossen)

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Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Als Organ für zeitlose Belange sollte DFWuH der Weltbumstag egal sein. Als Habe-nun-Ach für angewandte Poesie aber nicht: Verschenkt man doch am Valentinstag gemeinhin die abgeschnittenen Leichen von Blumen, sehr viel zielführender — hin auf eine gemeinsame Lotterstätte nämlich — Gedichte.

Sinnvoller war das Lyrik-Kabinett noch nie: Man verzeichnet dort etwa sieben Besucher am Tag, hat also seine Ruhe. Wenn man schon mal reinkommt, sollte man das überragende Arbeitsethos und die Kompetenz der anwesenden Stiftungsmitarbeiter fleißig nutzen und nicht bloß lustlos durchblättern, was so rumliegt. Sie sind dort großzügig mit dem Kaffee und vor allem: Man lernt wirklich jedes Mal was. Bei den abstrusen Öffnungszeiten passiert es einem schlimmstenfalls, dass man um 18 Uhr entweder hinausgebeten wird oder in eine Dichterlesung hineingerät, also kein Schaden.

Dokumentiert gehörten schon längst mal die Schilder im Durchgang zum Hinterhof der Amalienstraße 83a, in dem man zum Lyrik-Kabinett gelangt. Und weil wir alle zum Valentinstag ein Gedicht verschenken wollen, aber niemand anderem als unserem eigenen Lotterpartner, verschenke ich ganze Bücher. Das geht so:

Sie suchen sich aus den Schilderbildern unten Ihren Lieblingsgedichtfetzen aus, schreiben in den Kommentar, woher und von wem das ist, und haben schon gewonnen. Bitte bis Sonntag, den 23. Februar 2014 um 23.59 Uhr, das sollte reichen.

Es sind genug Bücher für den zu erwartenden Ansturm da. Gedichte stehen in den wenigsten, das wäre nach dieser Themenstellung zu anzüglich. Leider müssen Sie die laienhaft ausgeleuchteten und bearbeiteten Fotos lesen, weil ich davon ausgehe, dass die Leser von DFWuH auch dann lesen können, wenn sie nicht jedes Bildchen abgetippt kriegen. Viel besseres Licht herrscht in den Hauseingängen der Amalienstraße auch im Original nicht.

Es sind ganz hinreißende Fitzelchen darunter. Das erste: „Ich bin nichts Offizielles. Ich bin ein kleines Helles“ hat mich selber interessiert: Es ist das Bierlied mit Benn von Dirk von Petersdorff aus: Nimm den langen Weg nach Haus, noch ganz frisch: von 2010. Das ist also schon weg. Nur wenn Sie Ihre Liebsten mit „Es gibt Dinge, die Worte schrecken vor ihnen zurück“ zu sexuellen Handlungen zu animieren suchen, kann ich Ihnen wirklich nicht mehr helfen.

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Soundtrack für den langen Heimweg: Tom Waits: Long Way Home aus: Orphans. Disc 2: Bawlers, 2006,
hier als seltenes Mashup-Duett mit Norah Jones, das so nie aufgenommen wurde, aber „with a little computer magic“ den Valentinstag zum Tanzen bringt. Voll süüüß.

Written by Wolf

14. Februar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Der den Wasserkothurn zu beseelen weiß

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Schlittschuhlaufen war im 18. Jahrhundert eine beliebte Fortbewegungsart, begünstigt durch das kleine Interglazial. Goethe berichtet immer wieder davon, mit Klopstock hat er die Sprachgrenze zwischen Schlittschuh und Schrittschuh diskutiert, in Der Mann von funfzig Jahren tanzen Jugendliche auf dem Eis, das Eis-Lebens-Lied vom WInter 1775/1776 preist die Eleganz der Fortbewegung.

In den ersten Regierungsjahren des Herzogs Carl August von Weimar war der Schlittschuhlauf auf dem Teich im Weimarer Baumgarten, später in den Schwanseewiesen ein beliebtes höfisches Vergnügen, betrieben vom Herzog höchstselbst, seiner Gemahlin, Charlotte von Stein, Goethes Stammschauspielerin Corona Schröter und zahlreichen Höflingen, die Pagen wurden dazu angehalten, es zu lernen. Höfische Feste wurden unter großer Illumination auf dem Eise abgehalten.

——— Goethe: Dichtung und Wahrheit, Dritter Teil, 12. Buch:

[…] besonders aber tat sich bei eintretendem Winter eine neue Welt vor uns auf, indem ich mich zum Schlittschuhfahren, welches ich nie versucht hatte, rasch entschloß und es in kurzer Zeit durch Übung, Nachdenken und Beharrlichkeit so weit brachte, als nötig ist, um eine frohe und belebte Eisbahn mitzugenießen, ohne sich gerade auszeichnen zu wollen.

Diese neue frohe Tätigkeit waren wir denn auch Klopstocken schuldig, seinem Enthusiasmus für diese glückliche Bewegung, den Privatnachrichten bestätigten, wenn seine Oden davon ein unverwerfliches Zeugnis ablegen. Ich erinnere mich ganz genau, daß an einem heiteren Frostmorgen ich, aus dem Bette springend, mir jene Stellen zurief:

Schon von dem Gefühle der Gesundheit froh,
     Hab ich, weit hinab, weiß an dem Gestade gemacht
          Den bedeckenden Kristall.

Wie erhellt des Winters werdender Tag
     Sanft den See! Glänzenden Reif, Sternen gleich,
          Streute die Nacht über ihn aus!

Mein zaudernder und schwankender Entschluß war sogleich bestimmt, und ich flog sträcklings dem Orte zu, wo ein so alter Anfänger mit einiger Schicklichkeit seine ersten Übungen anstellen konnte. Und fürwahr, diese Kraftäußerung verdiente wohl von Klopstock empfohlen zu werden, die uns mit der frischesten Kindheit in Berührung setzt, den Jüngling seiner Gelenkheit ganz zu genießen aufruft und ein stockendes Alter abzuwehren geeignet ist. Auch hingen wir dieser Lust unmäßig nach. Einen herrlichen Sonnentag so auf dem Eise zu verbringen genügte uns nicht; wir setzten unsere Bewegung bis spät in die Nacht fort. Denn wie andere Anstrengungen den Leib ermüden, so verleiht ihm diese eine immer neue Schwungkraft. Der über den nächtlichen, weiten, zu Eisfeldern überfrorenen Wiesen aus den Wolken hervortretende Vollmond, die unserm Lauf entgegensäuselnde Nachtluft, des bei abnehmendem Wasser sich senkenden Eises ernsthafter Donner, unserer eigenen Bewegungen sonderbarer Nachhall vergegenwärtigten uns Ossianische Szenen ganz vollkommen. Bald dieser, bald jener Freund ließ in deklamatorischem Halbgesange eine Klopstockische Ode ertönen, und wenn wir uns im Dämmerlichte zusammenfanden, erscholl das ungeheuchelte Lob des Stifters unserer Freuden:

Und sollte der unsterblich nicht sein,
     Der Gesundheit uns und Freuden erfand,
          Die das Roß mutig im Lauf niemals gab,
               Welche der Ball selber nicht hat?

Solchen Dank verdient sich ein Mann, der irgendein irdisches Tun durch geistige Anregung zu veredeln und würdig zu verbreiten weiß!

Wilhelm von Kaulbach, Der junge Goethe auf dem Eise, 1867, Universität Düsseldorf

Klopstock, persönlich mit Goethe bekannt, war begeistert vom Eislauf. Als Belege gelten seine „Eislaufgedichte“, mindestens Der Eislauf, Braga, Die Kunst Tialfs, Der Kamin, Winterfreuden — siehe dort. Der Eislauf von 1764 ist zu allererst ein Gedicht über Dichtung, ein Gedicht über Klopstocks „Poetik der Bewegung“ (Gerhart von Graevenitz: Locke, Schlange, Schrift. Poetologische Ornamente der Lyrik (Zesen, Klopstock, Goethe, Handke). Anscheinend vor allem über Schlangenlinien.

——— Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Eislauf in: Oden, Drittes Buch, Hamburg 1764:

Vergraben ist in ewige Nacht
Der Erfinder großer Name zu oft!
Was ihr Geist grübelnd entdeckt, nutzen wir;
Aber belohnt Ehre sie auch?

Wer nannte dir den kühneren Mann,
Der zuerst am Maste Segel erhob?
Ach verging selber der Ruhm dessen nicht,
Welcher dem Fuß Flügel erfand!

Und sollte der unsterblich nicht seyn,
Der Gesundheit uns und Freuden erfand,
Die das Roß muthig im Lauf niemals gab,
Welche der Reihn selber nicht hat?

Unsterblich ist mein Name dereinst!
Ich erfinde noch dem schlüpfenden Stahl
Seinen Tanz! Leichteres Schwungs fliegt er hin,
Kreiset umher, schöner zu sehn.

Du kennest jeden reizenden Ton
Der Musik, drum gieb dem Tanz Melodie!
Mond, und Wald höre den Schall ihres Horns,
Wenn sie des Flugs Eile gebeut,

O Jüngling, der den Wasserkothurn
Zu beseelen weiß, und flüchtiger tanzt,
Laß der Stadt ihren Kamin! Kom mit mir,
Wo des Krystalls Ebne dir winkt!

Sein Licht hat er in Düfte gehüllt,
Wie erhellt des Winters werdender Tag
Sanft den See! Glänzenden Reif, Sternen gleich,
Streute die Nacht über ihn aus!

Wie schweigt um uns das weiße Gefild!
Wie ertönt vom jungen Froste die Bahn!
Fern verräth deines Kothurns Schall dich mir,
Wenn du dem Blick, Flüchtling, enteilst.

Wir haben doch zum Schmause genung
Von des Halmes Frucht? und Freuden des Weins?
Winterluft reizt die Begier nach dem Mahl;
Flügel am Fuß reizen sie mehr!

Zur Linken wende du dich, ich will
Zu der Rechten hin halbkreisend mich drehn;
Nim den Schwung, wie du mich ihn nehmen siehst:
Also! nun fleug schnell mir vorbey!

So gehen wir den schlängelnden Gang
An dem langen Ufer schwebend hinab.
Künstle nicht! Stellung, wie die, lieb‘ ich nicht,
Zeichnet dir auch Preisler nicht nach.

Was horchst du nach der Insel hinauf?
Unerfahrne Läufer tönen dort her!
Huf und Last gingen noch nicht übers Eis,
Netze noch nicht unter ihm fort.

Sonst späht dein Ohr ja alles; vernim,
Wie der Todeston wehklagt auf der Flut!
O wie tönts anders! wie hallts, wenn der Frost
Meilen hinab spaltet den See!

Zurück! laß nicht die schimmernde Bahn
Dich verführen, weg vom Ufer zu gehn!
Denn wo dort Tiefen sie deckt, strömts vielleicht,
Sprudeln vielleicht Quellen empor.

Den ungehörten Wogen entströmt,
Dem geheimen Quell entrieselt der Tod!
Glittst du auch leicht, wie dieß Laub, ach dorthin;
Sänkest du doch, Jüngling, und stürbst!

Bild: Wilhelm von Kaulbach: Der junge Goethe auf dem Eise, 1867, Universität Düsseldorf
via Silvae, 16. Januar 2012.

Written by Wolf

7. Februar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang