Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for April 2015

Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt

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Selten bin ich in der DVD-Abteilung meiner zuständigen Stadtbibliothek so erschrocken: Man kann die Wanderungen durch die Mark Brandenburg tatsächlich verfilmen, wie 1986 als internationale Fernsehserie — Deutschland, ein anderes Deutschland, Österreich — im ZDF bewiesen, und ich hab’s seinerzeit nicht gemerkt. Wenn ich schon nie dazukomme, die über fünftausend Seiten meiner siebenbändigen Ausgabe Fontane bei Aufbau durchzulesen (die sieben Bände sind nur die Wanderungen mit einigem Apokryphenbeiwerk, nicht der Gesamtfontane), schaff ich hoffentlich wenigstens die fünf Stunden Itzenplitz/Pillau, um nachzuschauen, ob die beste Stelle mit dem kuriosen Jesus — von dem es sogar zwei Versionen gibt — vorkommt.

I do remember an apothecary
And here about he dwells;… green earthen pots
Where thinly scatter’d to make up a show.

Shakespeare

Cit. Fontane, a.a.O.; eigentlich:

I do remember an apothecary,—
And hereabouts he dwells,—which late I noted
In tatter’d weeds, with overwhelming brows,
Culling of simples; meagre were his looks,
Sharp misery had worn him to the bones:
And in his needy shop a tortoise hung,
An alligator stuff’d, and other skins
Of ill-shaped fishes; and about his shelves
A beggarly account of empty boxes,
Green earthen pots, bladders and musty seeds,
Remnants of packthread and old cakes of roses,
Were thinly scatter’d, to make up a show.

Shakespeare: Romeo and Juliet, Act V, Scene 1: Mantua. A street.

——— Theodor Fontane:

Werder
Die Insel und ihre Bevölkerung. Stadt und Kirche. „Christus als Apotheker“

in: Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
Dritter Teil: Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg, 1873:

Unbekannter Künstler, Christus als Apotheker, Werder an der Havel, Heilig-Geist-KircheHier befindet sich unter andern auch ein ehemaliges Altar-Gemälde, das in Werder den überraschenden, aber sehr bezeichnenden Namen führt: „Christus als Apotheker“. Es ist so abnorm, so einzig in seiner Art, daß eine kurze Beschreibung desselben hier am Schlusse unseres Kapitels gestattet sein möge. Christus, in rotem Gewande, wenn wir nicht irren, steht an einem Dispensier-Tisch, eine Apotheker-Wage in der Hand. Vor ihm, wohlgeordnet, stehen acht Büchsen, die auf ihren Schildern folgende Inschriften tragen: Gnade, Hilfe, Liebe, Geduld, Friede, Beständigkeit, Hoffnung, Glauben. Die Büchse mit dem Glauben ist die weitaus größte; in jeder einzelnen steckt ein Löffel. In Front der Büchsen, als die eigentliche Hauptsache, liegt ein geöffneter Sack mit Kreuz-Wurtz. Aus ihm hat Christus soeben eine Handvoll genommen, um die Wage, in deren einer Schale die Schuld liegt, wieder in Balance zu bringen. Ein zu Häupten des Heilands angebrachtes Spruchband aber führt die Worte: „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin kommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Frommen. (Matthäi 9. Vers 12.)“

Die Werderaner, wohl auf Schönemann gestützt, haben dies Bild bis in die katholische Zeit zurückdatieren wollen. Sehr mit Unrecht. Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt. In diesen Spielereien erging man sich, unter dem nachwirkenden Einfluß der zweiten schlesischen Dichterschule, der Lohensteins und Hofmannswaldaus, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, wo es Mode wurde, einen Gedanken, ein Bild in unerbittlich-konsequenter Durchführung zu Tode zu hetzen. Könnte übrigens inhaltlich darüber noch ein Zweifel sein, so würde die malerische Technik auch diesen beseitigen.

Unbekannter Künstler: Christus als Apotheker, Werder an der Havel, Heilig-Geist-Kirche, Öl auf Leinwand, 35,76 cm x 39,16 cm via Artothek. Deswegen hat die so ziemlich einzige erreichbare Wiedergabe im Internet ein hässliches Wasserzeichen. Sollte jemand in der Heilig-Geist-Kirche im Potsdam-Mittelmärkischen Werder vorbeikommen, mag er bitte ein ernstzunehmendes Foto davon machen und hier vermelden, am liebsten: zugänglich machen; dafür würde ich glatt Geld zahlen. Aber bitte nicht so viel.





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Written by Wolf

24. April 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Realismus

B

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Update zu 23!!!:

Kein Wort stimmt doch mit dem überein, was tatsächlich passiert.

R. D. B.

Brigitte Friedrich, Rolf Dieter Brinkmann und die Beine seiner Frau Maleen, ca. 1969Gute Sachen fangen ja oft gern mit B an: Bier, Bücher, man kann das gern an langweiligen Wochenenden fortführen.

Der 23. April ist Tag des Bieres und Tag des Buches. Letzteres ist der 23. April, weil er der Geburtstag von Shakespeare 1564 ist und gleichzeitig der Todestag von Cervantes 1616.

Zur 40. Wiederkehr erfahren wir auch, dass es der Todestag von Rolf Dieter Brinkmann 1975 ist, eines der unterschätztesten deutschen Schreiber. Soviel zu Sachen mit B.

Bild: Brigitte Friedrich: Rolf Dieter Brinkmann und die Beine seiner künftigen Witwe Maleen, ca. 1969.

Written by Wolf

23. April 2015 at 15:29

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

Wer mal in Die Zeyt gewesen, deßen Ruhm ist ja erlesen.

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Zum ersten Mal passiert es uns, dass einer unserer Gastautoren in DFWuH, die traditionell den Hauptteil stellen und ohne die wir eine Art Deutschunterricht ohne Lesebuch wären, persönlich unter uns weilt. In unsere Facebook-Gruppe ist der Weltliterat und -reisende Zé do Rock gestoßen, der mit der unverwechselbaren Standard-Biographie:

Zé doRock, Ich bin ShriftstellaZé do Rock is vor verdammt langer zeit in Brasilien geboren, hat nix studiert aber 36.135 tage gelebt, 36.136 liter alkohol gesoffen, 1.940 stunden flöte und 1.648 stunden fussball gespielt, 200.000 km in 1457 autos, flugzeugen, schiffen, zygen, oxenkarren und traktoren getrampt, 137 länder und 16 gefängnisse besucht, sich 8 mal ferlibt, 5 bycha geschrieben, zwei filme gedreht, a kunstsprach erfunden, merere vereinfachet deutshvarianten kreirt un er lebe noh heut, meistens zwischen Sturgad un Minga.

Im Groben stimmt das seit Jahren, der Mann macht ständig was anderes, schmeißt aber nie den Gesamtlebensentwurf über den Haufen, sowas merkt man einfach. Unter den 5 bychan sind Fom Winde ferfeelt und Ufo in der Küche am bekanntesten, ich empfehle trotzdem Deutsch gutt — sonst Geld zuruck, weil ich da eine Danksagung drin hab. Die Filme waren gar im Kino, ob’s die als DVD gibt, wird herauszufinden sein. Hoffentlich, die sind nämlich lustig und sollten erreichbar bleiben, vor allem Schroeder liegt in Brasilien. Im Moment schöpft Zé aus seiner reichhaltigen Live-Erfahrung mit Poetry Slams und einer Form von dokumentarischem Kabarett und macht Stand-up-Comedy: Terra Gaga — der Pizza-Studie immer ein Schritt foraus!. Ist bestimmt auch lustig.

Seine Schreibweise, das sollten wir bei einem Deutschunterricht mit rein digitalen Lesebüchern hervorheben, stimmt auch. Das ist nämlich Ultradoitsh, Wunschdeutsch, Siegfriedisch und Kauderdeutsch, jedenfalls meistens eins von denen, und die hat Zé allesamt selbst erfunden. Systemimmanent kann er also gar nicht falsch schreiben. Vor allem Wunschdeutsch finde ich recht praktikabel, verständlich und höchst ausdrucksfähig.

Die Älteren unter uns entsinnen sich des Jahres 1999, das als Goethejahr gewidmet war. Das geschah anlässlich Goethes 250. Geburtstag, kommt also 2024 zum 275. wieder; danach ist erst wieder 2032 zum 200. Todestag Goethejahr, falls bis dahin sein Wiki-Artikel als „relevant“ behalten wird. Zé schrieb dazu in der Zeit den vermutlich volksnächsten aller Beiträge. Er enthält gesundes Volksempfinden, viel Wunschdeutsch, Proben verschiedener Ausprägungen von Ultradoitsh und die beste bekannte Version des Zauberlehrling von Johann Wolfgang Amadeus van Ghöhthe:

——— Zé do Rock:

Götä find ich gut

in: Die Zeit, 26. August 1999:

Ja, jetz Zeit ruf an. Fragt: du mag schreiben über Göthe? Nein, ich nich mag. Kenn dise mensch gar nix. Ich brasilianer, andre baustelle. Hat er schon über mich schriben? Nein. Na also. Aber bauch ler. Und wer mal in Die Zeyt gewesen, deßen Ruhm ist ja erlesen. Also doch schreiben. Triiiimmm. An telefon Kerstin. Ich gleich fragen: was weiss du über dise Ghöthe? Ghoethe beamter. Und dichter. Jetz tot. Was, schon tot? Das fang aber gut an! Is Göhthe das opfer? Nein, Kerstin sag. Wir opfer, er täter. Mann vor verdammt lange zeit geleebt, und trotzdem alle erinnern dis typ, muss gewesen zimlich penetrant.

Also a) beamter und b) dichter. Oder verkeert rum. Komplett name Johann Wolfgang Amadeus van Ghöhthe. Aber idee nich schlecht: fragen freunde, vileicht si eine idee. Zuerst telefonir Stefan aber Stefan hat ni gelesen Göhthe — Goehthe schreiben eigene namen 4 art und 4 weisen, wir jetz check wivile möglich. Aber Stefan, du schule Ghoehte? Nein, er nix Ghöteschule. Er realschule. Trotzdem glüklich.

Lea, andre frau, rat: les Werther. Dise typ entleibung komplett weil frau geb korb. Von mir aus. Aber nich originell. Sogar Bloethe hat was darüber schriben.

Lea weiter — lange treffen — erzälen. Affaire mit Schilla. Naja, wenigstens nich homossexuell. Und, bis akt gekomm? Wissen Si, manchmal in versicherungsfall so was mach eine menge aus… also hir kolidir aussagen. Manche mein felsenfest Ghoete kein fleischbeziungen mit Schilla unterhilt, wärend andre gräuseln hönisch, Göhte alle gekannt, wi Clinton. Von jüngste bis allerälteste, also von 2 bis 20.

Ja, gemeinsam alle befragte: ich bitt sagen was witzig und spritzig über Ghöhte, da verstumm de mitteilsamkeit.

Zurükdenken! Da war doch was. Genau. Damals. Ich taxi faren, americanerin steigen ein. Golfplatz please. Aber madame, golfplätze München vile! Goalthplatz! si jetz sag. Kenn nich Goalthplatz. Deutsch nix TH, vor allem nach reform. Einzige ausname eigenname Goehte. Andre worte mit TH jetz mit F schreiben. Si sag u-banhof Gouth-platz. Kenn nich, madam. Was, poet soll dise Gouth sein? Vileicht ire oder schotte, aber deutsche nich. Am ende frau aussteigen. Ich höflich. Si böse.

Ja und witz, so dis artikel obendreinige humoristische note. Hotelwird zeig americaner gast zimmer. Und sag stolz: „Auf disem bett hat schon Ghoehte geschlafen!“ — „Makt nix, Si browken noor de bedwesh wexeln und dee sak is erledigt!“

Auf dem spigel is der gesuchte öffentlich befotot. Kawwer, ganz vorn. Hoch tir, ich doch sagen. Ja also, kawwer von Spigel, danach gibs nur noch Nobel-Preis. Wir erfaren in Spigel alles möglich: von enkeln Bounty geklaut! Also mit todesurteilen, OK, aber von kinder schoko-crisps gestolen? Dise mann bestie!

Ah, und ich merk mit vergnügen Spigel rechtschreibreform eingereit. Pfui, gell, Spigel, und damals noch große gesten… keine kolaborazion! Aber wenn dann chefchen komm nach hause, mut von hund mach kurze pause.

Offen bleibt noch frage ob Ghöthä sitzend oder steend gepinkelt hat. Das kann man aber bestimmt in manche bulevarzeitungen erfaren. Ausserdem wir ham sowiso nich mer vil zeit. Di leute wollen von mir immer sprachliche analyse. Wi schauts mit Goethä aus im lichte der rechtschreibreform und des ultradoitshen projektes? Ja, im lichte der rechtschreibreform schauts schlecht aus. Weil leute jetz Hetzerei statt Hetzerey schreiben sollen, Tor statt Thor. Das ist thöricht! Ich lasse mir das nich gefallen! Ich will zurük zum stand von 1995, als es noch Hetzerey und Thor hiß, damit wir noch unsern Ghoethä lesen könn!

Also ich promote momentan mein zweites projekt, wunschdeutsch, das basis-demokratisches deutsch, das ich nach der abstimmung von 8000 zuschauern kreirt hab. Wunschdeutsch erspart eim das erlernen von tausenden informazionen, aber es is noch von der alten wi der neuen rechtschreibung kaum zu unterscheiden. Leider is diser schnitt für di medien zu durchschnittlich. Für di entertainment-branche braucht man natürlich den Mercedes unter den reformprojekten: ultradoitsh, mein ganz persönliches projekt. Hir di komplett version, geplant für das jar 2012: Herr Ultradoitsh! Di büne gehört Inen!

Der Zaubalerling

Hat der alte hexenmaista
Sich doch ainmal wekbegeben!
Und nun sollen saine gaista
Auch nach mainem willen leben!
Saine wort und werke
merkt ich und den brauch,
und mit gaistessterke
Tu ich wunda auch.
Walle, walle
Manche streke,
Das zum zweke
Wassa flisze
Und mit raichem, follen swalle
Zu dem bade sich ergisze!

Man könnte auch ultradoitsh-U, das unseriöse ultradoitsh, gebrauchen, aber dann reimt sich nix mer:

Un nu komm, du ole besen,
nem de slette lumpenhüllen!
Du hat sho lang knett sain,
nu erfüll mai will!
Auf zwai baine ste,
oben sai a kopp,
ail nu un ge
mit de wassatopf!

Eine andre möglichkeit wär deuglish, das 2249, zu Göhthäs 500. gebürsttag gesprochen wird. Man sit, zu dem zeitpunkt wirkte di sprache entschiden globalisirter:

Alle worte un sey werken
hat i mi sofort gley merken,
bissi magic bissi dre,
werd milagro sho geshee.
Ole besen, nur nich penne
Bring mi wasser, mach shon henne
An de arbeit, komm agite!
Shaffe shaffe, sons gebs tritte!
A, de wort mit de dis ding
kann sein wider shui bai ling
Wi kann i de zoy offswitchen
Dat es bek ge zu de kitchen?
’s hoer nit auf, is ganz shoen spidy,
O du besen, komm verzi di!
Einmal nur kurz activado
Sho lauf du wi desperado!
Will nit hören, nit pariren,
nur de wasser transportiren,
also gut, dann mit gewalt,
shaust du aus bald zimly alt!
Super trefft hai li shao dong
Kann i atmen chi kao hong
Mierda hombre! Es macht weiter
Auf und ab, det wird no heiter!

ach leute, das dauert hir zu lang! Wir machen ein zipp-up, ir versteet den ganzen scheiss sowiso nich. Zipp-up is ein släng unter uns fernsehleuten, richtig heisst es content compactization. Dise hir is eine computercompactisirte version. Also statt 5 strofen a 14 zeilen, 1 strofe a 4 zeilen. Software made in Sri Lanka.

chef gen spaziren
jung nich pariren
jung shaisse baun
chef komm un haun

Conclusio: Es gibt 32 möglichkeiten, den namen Goehthä zu schreiben, abgesehn von der EU-variante wi im wort „friseur“ (Geuthä zum beispil), so wärens 48. Ghoehthähs warer name war Götä, mit weichem G wi in jurnalist. Seine eltern waren albaner.

Sententia: Der verurteilte bereute seine taten nicht. Ganz im gegenteil, er sang weiter „I want my sisters, to put them blisters…“. Auf dem felde der architektur hat er absolut nix beigetragen. 3 jare zuchthaus one frischfleisch! Nur mit jungem gemüse!

So, das waren di leiden des jungen Götle.

Zé do Rock, Champagnerstreik gegen Rauchahetze

Buidln und Fuim: Zé do Rock, ungefer 2010.

Written by Wolf

17. April 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel

Murrst

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Update zu Jug und Der vortreffliche Kater Murr (Gekatzbuckel!):

Die erste Filiale der Metzgerei Vinzenzmurr (zusammengeschrieben) heißt Schwabing-West und liegt in der Münchner Maxvorstadt, Schellingstraße 21, erreichbar mit U3/U6 und Bus 100 (Museumslinie) Haltestelle Universität. Sie wurde um 1887 eröffnet und ist heute noch Montag mit Freitag 8 bis 19 Uhr, Samstag 8 bis 16 Uhr geöffnet. Es gibt Fleisch und Wurst vom Hofgut Schwaige (umstritten), Feinkost, Salatbar, Mittagstisch mit Verzehrmöglichkeit, Imbiss, Käsesortiment und einen Lieferservice. Bekannt überragend sind wie in allen Filialen die Leberkässemmeln. Unbedingt süßen Weißwurstsenf dazunehmen.

Es erzählt: der Kater Murr. Ponto ist Pudel, kann mit Katzen und gewinnt sogar die Diskussion. Die Wurstmaid ist unbekannt.

——— E.T.A. Hoffmann:

Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern

2 Bände. Dümmler, Berlin 1820–1822. 1. Band, 2. Abschnitt, 1819:

Historisches Firmenschild Metzgerei Vinzenzmurr, Schellingstraße 21, Filiale München Schwabing-WestGanz erschöpft, ganz entkräftet, gelangte ich endlich zu einem einsamen Plätzchen, wo ich mich ein wenig niederlassen konnte. Da fing aber der wütendste Hunger an, mich zu peinigen, und ich gedachte nun erst mit tiefem Schmerz des guten Meisters Abraham, von dem mich ein hartes Schicksal getrennt. – Aber wie ihn wiederfinden! – Ich blickte wehmütig umher, und als ich keine Möglichkeit sah, den Weg zur Rückkehr zu erforschen, traten mir die blanken Tränen in die Augen.

Doch neue Hoffnung ging mir auf, als ich an der Ecke der Straße ein junges freundliches Mädchen wahrnahm, die vor einem kleinen Tische saß, auf dem die appetitlichsten Bröte und Würste lagen. Ich näherte mich langsam, sie lächelte mich an, und um mich ihr gleich als einen Jüngling von guter Erziehung, von galanten Sitten darzustellen, machte ich einen höheren, schöneren Katzenbuckel als jemals. Ihr Lächeln wurde lautes Lachen. „Endlich eine schöne Seele, ein teilnehmendes Herz gefunden! – O Himmel, wie tut das wohl der wunden Brust!“ So dachte ich und langte mir eine von den Würsten herab, aber in demselben Nu schrie auch das Mädchen laut auf, und hätte mich der Schlag, den sie mit einem derben Stück Holz nach mir führte, getroffen, in der Tat, weder die Wurst, die ich mir im Vertrauen auf die Loyalität, auf die menschenfreundliche Tugend des Mädchens herabgelangt, noch irgendeine andere hätte ich jemals mehr genossen. Meine letzte Kraft setzte ich daran, der Unholdin, die mich verfolgte, zu entrinnen. Das gelang mir, und ich erreichte endlich einen Platz, wo ich die Wurst in Ruhe verzehren konnte.

[…]

Historisches Firmenschild Metzgerei Vinzenzmurr, Schellingstraße 21, Filiale München Schwabing-WestWir gingen langsam nebeneinander her, so daß es uns nicht schwer fiel, wandelnd vernünftige Gespräche zu führen.

„Ich seh‘ es wohl ein,“ (so begann ich die Unterredung) „daß du, geliebter Ponto, es viel besser verstehst, in der Welt fortzukommen, als ich. Nimmermehr würd‘ es mir gelungen sein, das Herz jener Barbarin zu rühren, welches dir so ungemein leicht wurde. Doch verzeih! – In deinem ganzen Benehmen gegen die Wurstverkäuferin lag doch etwas, wogegen mein innerer mir angeborner Sinn sich auflehnt. Eine gewisse unterwürfige Schmeichelei, ein Verleugnen des Selbstgefühls, der edleren Natur – nein! guter Pudel, nicht entschließen könnte ich mich, so freundlich zu tun, so mich außer Atem zu setzen mit angreifenden Manoeuvres, so recht demütig zu betteln, wie du es tatest. Bei dem stärksten Hunger, oder wenn mich ein Appetit nach etwas Besonderem anwandelt, begnüge ich mich, hinter dem Meister auf den Stuhl zu springen und meine Wünsche durch ein sanftes Knurren anzudeuten. Und selbst dies ist mehr Erinnerung an die übernommene Pflicht, für meine Bedürfnisse zu sorgen, als Bitte um eine Wohltat.“

Ponto lachte laut auf, als ich dies gesprochen, und begann denn: „O Murr, mein guter Kater, du magst ein tüchtiger Literatus sein und dich wacker auf Dinge verstehen, von denen ich gar keine Ahnung habe, aber von dem eigentlichen Leben weißt du gar nichts und würdest verderben, da dir alle Weltklugheit gänzlich abgeht. – Fürs erste würdest du vielleicht anders geurteilt haben, ehe du die Wurst genossen, denn hungrige Leute sind viel artiger und fügsamer als satte, dann aber bist du rücksichts meiner sogenannten Unterwürfigkeit in großem Irrtum. Du weißt ja, daß das Tanzen und Springen mir großes Vergnügen macht, so daß ich es oft auf meine eigene Hand unternehme. Treibe ich nun, eigentlich nur zu meiner Motion, meine Künste vor den Menschen, so macht es mir ungemeinen Spaß, daß die Toren glauben, ich täte es aus besonderen Wohlgefallen an ihrer Person und nur, ihnen Lust und Freude zu erregen. Ja, sie glauben das, sollte auch eine andere Absicht ganz klar sein. Du hast, Geliebter, das lebendige Beispiel davon soeben erfahren. Mußte das Mädchen nicht gleich einsehen, daß es mir nur um eine Wurst zu tun war, und doch geriet sie in volle Freude, daß ich ihr, der Unbekannten, meine Künste vormachte, als einer Person, die dergleichen zu schätzen vermögend, und eben in dieser Freude tat sie das, was ich bezweckte. Der Lebenskluge muß es verstehen, allem, was er bloß seinetwegen tut, den Anschein zu geben, als täte er es um anderer willen, die sich dann hoch verpflichtet glauben und willig sind zu allem, was man bezweckte. Mancher erscheint gefällig, dienstfertig, bescheiden, nur den Wünschen anderer lebend und hat nichts im Auge als sein liebes Ich, dem die andern dienstbar sind, ohne es zu wissen. Das, was du also unterwürfige Schmeichelei zu nennen beliebst, ist nichts als weltkluges Benehmen, das in der Erkenntnis und der foppenden Benutzung der Torheit anderer seine eigentlichste Basis findet.“

Buidln: Historisches Firmenschild an der ersten Filiale der Metzgerei Vinzenzmurr, Schellingstraße 21, Maxvorstadt München, 14. März 2015.

Deshalb: Wurst selber machen: Claus-Peter Guschmann, 20. November 2012,
mit eigenen Wurstrezepten des Wurstepeter
unter Verwendung von Bach: 5. Aria Lebens Sonne, Licht der Sinnen,
aus Schmücke dich, o liebe Seele, BWV 180, am 20. Sonntag nach Trinitatis 1724.

Written by Wolf

10. April 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

Show me a guy that doesn’t want to come down off the cross

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Update zu Freundliche Begegnungen: Zur Abwechslung mal Ernest Hemingway beschimpfen
und Der alte Mann und der Miez:

Zum Karfreitag graben wir eine unterschätzte und unterbelegte Short Story von Hemingway aus. Außerdem verzichten wir auf die lange Zeit einzige zugelassene Übersetzung von Annemarie „Horseshit“ Horschitz-Horst; so viel Leiden muss wiederum nicht sein. Vielleicht ist die Geschichte derart dialoglastig geraten, dass Hemingway sie lieber gleich fürs Theater geformt hat; vielleicht wollte er die Dramenform schon im Konzept, und die Story wurde eher irrtümlich unter die Stories eingereiht. So wie sie ist, haut sie mit ihren zurückgenommenen, ja beiläufigen Mitteln für eins der größten Themen der Welt — mit Verlaub gesagt — in die Fresse.

——— Ernest Hemingway:

Today Is Friday

from: Men Without Women, Charles Scribner’s Sons, New York City 1927:

Three Roman soldiers are in a drinking-place at eleven o’clock at night. There are barrels around the wall. Behind the wooden counter is a Hebrew wine-seller. The three Roman soldiers are a little cock-eyed.

Hieronymus Bosch, Kreuzigung der Julia von Korsika, 1497--15051st Roman Soldier—You tried the red?

2d Soldier—No, I ain’t tried it.

1st Soldier—You better try it.

2d Soldier—All right, George, we’ll have a round of the red.

Hebrew Wine-seller—Here you are, gentlemen. You’ll like that. [He sets down an earthenware pitcher that he has filled from one of the casks.] That’s a nice little wine.

1st Soldier—Have a drink of it yourself. [He turns to the third Roman soldier who is leaning on a barrel.] What’s the matter with you?

3d Roman Soldier—I got a gut-ache.

2d Soldier—You’ve been drinking water.

1st Soldier—Try some of the red.

3d Soldier—I can’t drink the damn stuff. It makes my gut sour.

1st Soldier—You been out here too long.

3d Soldier—Hell, don’t I know it?

1st Soldier—Say, George, can’t you give this gentleman something to fix up his stomach?

Hebrew Wine-seller—I got it right here.

[The third Roman soldier tastes the cup that the wine-seller has mixed for him.]

3d Soldier—Hey, what you put in that, camel chips?

Wine-seller—You drink that right down, Lootenant. That’ll fix you up right.

3d Soldier—Well, I couldn’t feel any worse.

1st Soldier—Take a chance on it. George fixed me up fine the other day.

Wine-seller—You were in bad shape, Lootenant. I know what fixes up a bad stomach.

[The third Roman soldier drinks the cup down.]

Gabriel von Max, Kreuzigung der Julia von Korsika, 18663d Roman Soldier—Jesus Christ. [He makes a face.]

2d Soldier—That false alarm!

1st Soldier—Oh, I don’t know. He was pretty good in there today.

2d Soldier—Why didn’t he come down off the cross?

1st Soldier—He didn’t want to come down off the cross. That’s not his play.

2d Soldier—Show me a guy that doesn’t want to come down off the cross.

1st Soldier—Aw, hell, you don’t know anything about it. Ask George there. Did he want to come down off the cross, George?

Wine-seller—I’ll tell you, gentlemen, I wasn’t out there. It’s a thing I haven’t taken any interest in.

2d Soldier—Listen, I seen a lot of them—here and plenty of other places. Any time you show me one that doesn’t want to get down off the cross when the time comes—when the time comes, I mean—I’ll climb right up with him.

1st Soldier—I thought he was pretty good in there today.

3d Soldier—He was all right.

2d Roman Soldier—You guys don’t know what I’m talking about. I’m not saying whether he was good or not. What I mean is, when the time comes. When they first start nailing him, there isn’t none of them wouldn’t stop it if they could.

1st Soldier—Didn’t you follow it, George?

Wine-seller—No, I didn’t take any interest in it, Lootenant.

1st Soldier—I was surprised how he acted.

3d Soldier—The part I don’t like is the nailing them on. You know, that must get to you pretty bad.

2d Soldier—It isn’t that that’s so bad, as when they first lift ’em up. [He makes a lifting gesture with his two palms together.] When the weight starts to pull on ’em. That’s when it gets ’em.

3d Roman Soldier—It takes some of them pretty bad.

1st Soldier—Ain’t I seen ’em? I seen plenty of them. I tell you, he was pretty good in there today.

[The second Roman soldier smiles at the Hebrew wine-seller.]

2d Soldier—You’re a regular Christer, big boy.

1st Soldier—Sure, go on and kid him. But listen while I tell you something. He was pretty good in there today.

2d Soldier—What about some more wine?

[The wine-seller looks up expectantly. The third Roman soldier is sitting with his head down. He does not look well.]

3d Soldier—I don’t want any more.

2d Soldier—Just for two, George.

[The wine-seller puts out a pitcher of wine, a size smaller than the last one. He leans forward on the wooden counter.]

Evocation of Flesh, 10. Oktober 20141st Roman Soldier—You see his girl?

2d Soldier—Wasn’t I standing right by her?

1st Soldier—She’s a nice-looker.

2d Soldier—I knew her before he did. [He winks at the wine-seller.]

1st Soldier—I used to see her around the town.

2d Soldier—She used to have a lot of stuff. He never brought her no good luck.

1st Soldier—Oh, he ain’t lucky. But he looked pretty good to me in there today.

2d Soldier—What become of his gang?

1st Soldier—Oh, they faded out. Just the women stuck by him.

2d Roman Soldier—They were a pretty yellow crowd. When they seen him go up there they didn’t want any of it.

1st Soldier—The women stuck all right.

2d Soldier—Sure, they stuck all right.

1st Roman Soldier—You see me slip the old spear into him?

2d Roman Soldier—You’ll get into trouble doing that some day.

1st Soldier—It was the least I could do for him. I’ll tell you he looked pretty good to me in there today.

Hebrew Wine-seller—Gentlemen, you know I got to close.

1st Roman Soldier—We’ll have one more round.

2d Roman Soldier—What’s the use? This stuff don’t get you anywhere. Come on, let’s go.

1st Soldier—Just another round.

3d Roman Soldier—[Getting up from the barrel.] No, come on. Let’s go. I feel like hell tonight.

1st Soldier—Just one more.

2d Soldier—No, come on. We’re going to go. Good-night, George. Put it on the bill.

Wine-seller—Good-night, gentlemen. [He looks a little worried.] You couldn’t let me have a little something on account, Lootenant?

2d Roman Soldier—What the hell, George! Wednesday’s payday.

Wine-seller—It’s all right, Lootenant. Good-night, gentlemen.

[The three Roman soldiers go out the door into the street. Outside in the street.]

2d Roman Soldier—George is a kike just like all the rest of them.

1st Roman Soldier—Oh, George is a nice fella.

2d Soldier—Everybody’s a nice fella to you tonight.

3d Roman Soldier—Come on, let’s go up to the barracks. I feel like hell tonight.

2d Soldier—You been out here too long.

3d Roman Soldier—No, it ain’t just that. I feel like hell.

2d Soldier—You been out here too long. That’s all.

CURTAIN

Kreuzigungen: Julia von Korsika nach Hieronymus Bosch 1497–1505; Gabriel Cornelius Ritter von Max, 1866; Evocation of Flesh, 10. Oktober 2014;
Soundtrack: Bach: Christ lag in Todes Banden, BWV 4 (Frühwerk), Ostersonntag, evtl. Mühlhausen 1707–1713, beste Einspielung unter John Eliot Gardiner.

Written by Wolf

3. April 2015 at 00:01

Julia und ihr rechter Fuß

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Update zu Barfußläufte und Dein pöschelochter roter Mund:

Welcome, gentlemen! ladies that have their toes
Unplagued with corns will have a bout with you.

Capulet in Shakespeare: Romeo and Juliet, Act I, Scene 5: A hall in Capulet’s house, 1597.

Juliet —
when we made love,
we used to cry.

Dire Straits: Romeo and Juliet, aus: Making Movies, 1980.

Die Geschichte in einem Satz: 1974 bekam die Stadtsparkasse München von der Sparkasse Fondazione Cassa Di Risparmio Di Verona Vicenza Belluno E Ancona aus Münchens italienischer Partnerstadt Verona zum 150. Jahrestag ihres Bestehens eine Kopie der überlebensgroßen (2,65 Meter) Statue Giulietta geschenkt, die dort im Innenhof, der seit Sommer 2014 drei Euro Eintritt kostet, unter einem Balkon im Innenhof der Casa di Giulietta steht, den nach fadenscheinigster Quellenlage Shakespeare für Romeo and Juliet verewigt haben soll, der aber nicht einmal ein Balkon, sondern ein 1922 umfunktionierter und in dramaturgisch halbwegs glaubwürdiger Höhe angebrachter Sarkophag ist.

Bjs, St. Mary's Place, Munich. Statue of Juliet in front of the Old Townhall, Oktober 2004Das Original in Verona stammt von Nereo Costantini 1972 und war damit zur Zeit seiner Stiftung durch den Veroneser Lions Club noch nicht gerade historisch. Für zeitgenössische Kunst am Bau zeigte die Statue dennoch sofort ungewöhnlich viel Herzenspotenzial: Giulietta blickt wegen ihres bekannten Schicksals traurig, in trotzigem Kontrast dazu hat sie die linke Faust zu einer kraftvollen Geste erhoben. Immerhin hielten Sparkassenleute eine Replik davon zwei Jahre nach ihrer Aufstellung als Geschenk an befreundete Kollegen im Ausland für geeignet. Seitdem steht „die Münchner Julia“ frei zugänglich am Durchgang unter dem Alten Rathaus gleich neben dem Marienplatz und ist eins der volkstümlichsten Denkmäler Münchens geworden.

Zu allen Jahreszeiten wird Julia gern mit frischen Blumen und Gestecken geschmückt; offenbar sehen verliebte Menschen in ihr eine Patronin ihres Leidens. In jeder Stadtführung, die dort Station macht — und das sind viele — lernen Touristen vom Fremdenführer, dass es Glück bringt, Julias Brüste zu berühren. Besonders auffallend haben sich deshalb im Laufe der Zeit zwei blankgewienerte Stellen an ihrem Körper herausgebildet, an denen die Touristen beim Posieren mit ihr besonders gern herumfingern: ihre gut erreichbare rechte Brust und ihre beim Rasten auf dem Sockel noch besser erreichbare rechte große Zehe.

Ich persönlich mag die Münchner Julia. Sooft ich sie nicht zu lebhaft touristisch umlagert finde, bin ich einer von denen, die sie in etwas abergläubischer Absicht an die Zehe fassen. Das ist nicht so aufwändig und anzüglich wie den Sockel zu erklimmen, um ihre Brust zu betatschen. Außerdem mag ich Mädchenzehen, und die der Julia sehen denen meiner Frau derart ähnlich, als ob Nereo Costantini sie 1972, als meine Frau in Julias Alter war, nach deren Modell geschaffen hätte.

Buchstäblich zu Julias Füßen entspann sich deshalb im Winter 2014 folgender Dialog:

Julia-Statue in München, 1974, Portrait

„Wolf!“

„Mein halbes Leben?“

„Du knipst Füße!“

„Gar nicht wahr. Ich knipse einen einzelnen Fuß.“

„Ja — weil man an der Statue bloß den einen sieht!“

„Steck einer in der Kunst. Überhaupt knipse ich gar nicht, ich dokumentiere.“

„Weißt du, wer Füße fotografiert?“

„Im Moment seh ich bloß mich …“

„Fußfetischisten fotografieren Füße! Schwitzende alte Säcke mit einer infantilen Sexualität!“

„Sie schwitzen?“

„Sie ächzen und sabbern sogar!“

„So anstrengend hab ich’s jetzt gar nicht gefunden. Ich muss ihn ja nicht aus Bronze nachmeißeln.“

„Jedenfalls machen sie heimlich Fotos von wehr- und ahnungslosen Frauen, tragen feige Beute nach Hause und ergötzen sich an Geschlechtsmerkmalen, die gar keine sind!“

„Wölfin, mein pochend Herz, flackernde Funzel meiner trüben Tage, gefügiges Gefäß meiner tätigen Liebe, weißt du, warum ich den ehernen Fuß unserer ebensolchen Statue dokumentiere?“

„Hab ich doch grade gesagt!“

„Hast du nicht. Ich dokumentiere das Detail der Münchner Julia, weil er deinem — jawohl, deinem — Fuß verblüffend ähnlich sieht.“

„Ach was.“

„Ja, guck doch.“

„Solche Gnubbelzehen soll ich haben?“

„Sag das nicht. Das ist nur weder ägyptische noch griechische noch römische Zehenform — eben nicht nach einem künstlerischen Ideal der Renaissance gebildet. Den Fuß unserer wegen ihres zeitigen Liebestodes so betrübt dreinschauenden Münchner Julia halte ich demnach wie ihre gesamte Gestalt für den Abguss einer lebendig barfuß einhergehenden Veronseserin. Die sogar dein Jahrgang sein müsste.“

„Und die Füße hat wie ich.“

„Warum nicht? Die in München, deren Fetischqualität du mir vorwirfst, ist ja selber eine Kopie. Von der in Verona.“

„Ich hab Zehen wie ein Model für Kunst am Bau, wenn nicht gar wie eine seit der Renaissance tote dreizehnjährige Italienerin. Toll, du Charmeur.“

„Und wenn du, leichtfüßiges Licht meines Lebens, die du noch jahrzehntelang lebendig barfuß einhergehen sollst, deine Füße nebeneinander zusammenstellst, bilden sie ein nahezu makelloses Rund.“

„Zehen wie ein Model für Kunst am Bau, wenn nicht gar wie eine seit der Renaissance tote dreizehnjährige Italienerin mit halbkreisförmigen Füßen. Überleg dir langsam, was du sagst.“

„Was du nur hast. Das heißt doch nur, dass sie von der großen zur kleinen Zehe gleichmäßig absteigend kleiner werden. Wie sich das gehört.“

„Und der Rest?“

„Der Rest zehenaufwärts von der Julia? Ach, lang nicht so hübsch wie du.“

„Red dich nur raus.“

„Muss ich gar nicht. Ich mag meine Mädels lieber lebendig und nicht so suizidal, meine rosenzehige, -fingrige und -wangige Gespielin. Die Julia da ist schon ungefähr dein Typ. Die Frisur stimmt halt nicht. Und das Kleid.“

„Soll ich jetzt auch noch den ganzen Tag bodenlange Nachthemden tragen?“

„Quark, außer, du willst. Findest du den julianischen Fuß, den uns Signor Costantini überliefert hat, denn echt so grausig?“

„Gnubbelzehen hast du gesagt!“

„Ich?“

Julia-Statue in München, 1974, Fuß

Komplimente sind Glückssache. Daheim wird’s spannend. Wenn wir durch die Haustür sind, vernascht sie mich entweder gleich im Korridor oder das ganze Jahr nicht mehr, je nachdem, was zuerst kommt. Es wird ein langer Sommer. Hätten die dussligen Veroneser ihre Julia nicht zu Weihnachten verschenken können?

Julia-Statue in München, 1974

Bilder: Das Nachtbild ist von Bjs: Statue of Juliet in front of the Old Townhall, Oktober 2004;
die anderen sind selber gemacht, Winter 2014, in aller Frühe in den seltenen Minuten zwischen nicht mehr finster und noch nicht bevölkert.

(Eigentlich hab ich das alles nur wegen der Dobro-Läufe von Mark Knopfler geschrieben.)

Written by Wolf

1. April 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Renaissance