Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Juni 2013

Weekly Wanderer 0007

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In einer größer angelegten Abhandlung teilweise parodistischer Bearbeitungen kommt man nicht lange um die Neue Frankfurter Schule herum — vor allem, wenn sie sich aus der Hauptquelle eines Buches von Henscheid und Bernstein speist. Wozu sollte man auch.

Die Herausgeber, die es ja aus erster Hand wissen müssten, merken dazu an: „Der Text steht im Zusammenhang eines parodistisch albernden Wetbewerbs.“ Aus dem vermutlich beliebigen Zusammenwürfeln zweier abgenudelter Bekanntheiten, bei dem wir sogar stattgefundenen alkoholischen Abusus unterstellen dürfen, entsteht denn doch ein ganz und gar überraschend schöner Effekt.

——— Robert Gernhardt und Peter Knorr: Und überhaupt
aus: Da geht’s lang, 1979:

Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sahs mit vielen Freuden.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Nichelle Javiertime, 14. Dezember 2009

Röslein rot und blau: Nichelle Javiertime, 14. Dezember 2009, Selbstportrait in Kanada bei -30 °C.

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Written by Wolf

29. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Music kennt nichts als lauter Güte

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Der Tonsetzer (14. März 1681 bis 25. Juni 1767) zur Musiktheorie:

——— Georg Philipp Telemann: Cantata,
aus: Die MUSIC, als der edelste Zeitvertreib, bey abermaliger Eröffnung desselben. Den 12. Jan. 1723:

Tönet, schallet, klingt, ihr Saiten!
Füllet dieses Freuden=Haus
Mit den besten Liedern aus,
Welche zum Vergnügen leiten!
Tönet, schallet, klingt, ihr Saiten!

Recht so,
Du wehrte Musen=Schar!
Bezeige dich von Herzen froh,
Daß abermals ein neues Jahr
Erschienen,
Bey dem dir Glück und Wolseyn grünen,
Und deine Symphonien
Noch manchen Gönner an sich ziehen.
Drum ruf‘ ich noch einmal bey so beglückten Zeiten:
Tönet, schallet, klingt,ihr Saiten!

Den schön’sten Zeitvertreib in unserm ganzen Leben
weiß doch Music allein zu geben.
Denn alles, was wir sonst nur von der Wollust wissen:
Es sey ein guter Wein, ein leckerhafter Bissen,
Die Schlittenfahrt,
Das Spiel, die Jagd, und was noch mehr von solcher Ahrt;
Sind im Beschluß,
Nach vorgebrauchtem Ueberfluß,
Wo nicht mir Schaden, Schmerz, Verdruß,
Doch wenigstens mit Ungemach gepar’t.

Denis Dunaj, Cello Girl, 30. Juli 2012Allein Music kennt nichts als lauter Güte:
Der Anfang ist bequem,
Das Mittel angenem,
Das Ende wirkt ein ruhiges Gemüte.

Allen Kummer, alles Leid
Kann die Harmonie begraben.
Wie das Meer bey sanfter Stille
Seine Flut, als wiegend, reg’t:
Also wird des Menschen Wille
Durch der Töne Kraft beweg’t,
Daß ihn, frey vom Sorgen=Streit,
Sanfte Ruh‘ und Stille laben.

Da Capo.

Die Lust, der man sich ausser ihr geweyht,
Ist voller Unbeständigkeit.
Sie lässet uns, bevor wir sie verlassen.
Ein Schwelger wird nicht lange prassen,
So schreibet ihn der Arzt zu seinen Kunden an;
Ein Spieler leg’t die Würfel nieder,
Wenn ihm das Glück zugethan;
Ein Jäger, welcher Tag und Nacht
im Walde zugebracht,
Kömmt öfters ohne Wildprett wieder;
Ein Schlittenfahrer hör’t die Schellen nicht mehr klingen,
So bald der feuchte West
Den Schnee zerschmelzen läss’t;
Und also auch in andern Dingen.
Dieß hat Music nicht zu besorgen.
Die klinget heut und klinget morgen,
UJnd bietet sich durchs ganze Jahr,
Ohn‘ allen Nachtheil und Gefahr,
Uns zum Ergetzen dar.

Freude des Himmels, Ergetzen der Erden,
Edelste Klinge=Kunst, süsseste Lust!
Laß uns in deinem begeisterten Wesen
Jener Vollkommenheit Inbegriff lesen,
Wo wir durch Singen belustiget werden,
Welches hier unten noch niemand bewust.

Da Capo.

In ihrer Herrlichkeit
Ist dieses auch zu zählen:
Wenn unser Bau des Leibes Risse kriegt,
Und wenn des Alters Hand den steifen Rücken bieg’t,
Wo aller Lüste Scherz sich von ihm selbst verbeut:
So kann man die Music doch noch zum Labsal wählen.
Die machet uns kein nagendes Gewissen,
Weil sie die Unschuld selbst erlaubt und billig heiss’t;
Es stärkt ihr rührend Werk den halb erstorb’nen Geist,
Und bettet unser Haupt auf sanfte Ruhe=Küssen.

Hagel, Schlossen, Wind und Wetter
Hemmen nicht des Klanges Lauf.
Ist der Winter auf den Gassen?
Wo sich Saiten hören lassen,
Blüht der Anmut Frühling auf.

Da Capo.

Wolan, ihr Musen, fahret fort
Mit Hand und Wort,
Bey dieser neuen Zeit, auf neue zu vergnügen!
Die Schickung wird den Fortgang glücklich fügen,
Und euer Schallen
Nicht eben jedermann mißfallen.

Erquicket noch ferner die Herzen und Sinnen,
Und jag’t durch lieblichen Gesang,
Vermischet mit der Saiten Klang,
Die quälenden Sorgen mit Freuden von hinnen!
Erquicket noch ferner die Herzen und Sinnen!

Der Himmel nem‘ indeß durchs ganze Jahr
Hier diese kleine Welt, das liebste Hamburg, wahr!
Gesegnet müssen seyn die Väter dieser Stadt,
Durch die das Recht im Schwange gehet,
Durch deren Schutz der Bürger Pflicht bestehet,
Daß jedermann sein Brodt in Ruh zu essen hat!
Gesegnet müssen seyn, die für die Selen wachen;
Gesegnet, die ums allgemeine Heyl
Sich Müh‘ und Sorge machen;
Gesegnet Handel, Kunst, Gewerbe, Thun und Lassen;
Und alles kurz zu fassen:
Es neme Groß und Klein hier an dem Segen Theil!
So wird, wenn überall die Wünsche wol gelingen,
Auch unsere Music gedoppelt besser klingen.

Mit Freuden fängt das Jahr sich an;
Mit Lust erwarten wir das Ende.
Mischt ein Lamento sich mit ein:
So lasst Music das Sinnbild seyn.
Wie die bald frisch, bald traurig klingen kann:
So bieten Lust und Last im Leben sich die Hände.
Mit Freuden fängt das Jahr sich an;
Mit Lust erwarten wie das Ende.

Die Musikerin (leibt, lebt und liebt noch) zur Kniegeigenpraxis:

——— Hille Perl: Concertare. Die Lust am Spiel,
aus: Booklet zu Telemann Concertos for Viola da Gamba, Winkelsett, 12. August 2006:

Georg Philipp Telemann, der große und prägende Musiker, dessen Werk vermutlich sowohl in Quantität als auch Qualität unübertroffen ist, hat der Nachwelt das musikalische material hinterlassen, welches diese CD enthält. Für einen Menschen des 21. Jahrhunderts ist es kaum nachzuvollziehen, wie ein Arbeitstag des Großmeisters sich gestaltet haben muss. Er hinterließ uns 1400 Kirchenkantaten, etwa 50 Opern, mehrere hundert Orchesterwerke, daneben Instrumentalmusik für die verschiedensten Besetzungen, Solowerke mit oder ohne Begleitung,. Kaum ein anderer Musiker der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat das musikalische Leben seiner Zeit durch so viele Experimente, Stile und Techniken bereichert. Dadurch, dass er viele seiner Instrumentalwerke persönlich zur Drucklegung stach, erreichte er eine weit reichende Publikation seiner Werke, die eine ungeheure Popularität Telemannscher Musik nach sich zog.

Denis Dunaj, Cello Girl, 30. Juli 2012Sein Sprachwitz befähigte ihn darüber hinaus, sich als Dichter zu betätigen, zahlreiche Sonette, einige Libretti und zwei Autobiographien, daneben viele Briefe sind uns bis heute erhalten. Später im Leben beschäftigte er sich mit Gärtnerei, unter anderem tauschte er Blumenzwiebeln und Pflanzen, auch mit seinen Musikerfreunden Georg Friedrich Händel und Pisendel.

Die Entwicklung des instrumentalen Konzertes von einer simplen Interaktion zwischen zwei oder drei Instrumenten in einer mehr oder weniger traditionellen Sonate, bis hin zu einem Werk, in dem ein Soloinstrument von einem Apparat von Streichern oder einem erweitwerten Orchester begleitet wird, ist in Telemanns Werk ebenso wie auf dieser CD dokumentiert. […]

Vermutlich würden auch Musikwissenschaftler zustimmen, wenn wir behaupten, dass die Orchestersuite in D-Dur für Viola da Gamba und Streicher die Bezeichnung „Konzert“ in jedem Sinne zu tragen berechtigt ist: es gibt ein solistisches Instrument, welches mit dem Orchester interagiert und von ihm begleitet wird. Es gibt eine Ouvertüre im Anfang, bei der übriens die Gambe im Unisono mit den ersten Geigen geführt wird, bis die solistischen Einlagen beginnen, gefolgt von einem binären Charakterstück und fünf normalen Suitensätzen, bei der die Gambe und das Orchester über dem Continuo oft alternierend eingesetzt werden. […]

Meine hauptsächliche musikalische Partnerin in diesem Projekt, sowohl als Solistin als auch als Leiterin und Konzermeisterin des Orchesters, ist Petra Müllejans: Ihre geniale und variable Weise der Klangerzeugung, die Vielfalt an Artikulationen und Farben, die mit ihrem Bogen hervorzaubert, sind für diese Musik und für meine Herangehensweise an diese Musik die perfekte Ergänzung und Inspiration. Diese Art der Kommunikation, die weit über das, was wir mit Worten vermitteln können, hinausgeht, macht diese CD auch zu einem Dokument der schwesterlichen Verständigung zwischen Petra und mir. Vermutlich sind uns einige der langsamen Sätze langsamer geraten, als es historisch korrekt oder vertretbar wäre — aber wir fühlten uns oft in der Musik so wohl, dass wir den Moment strecken und verlängern wollten, so lange es eben geht: Dies ist eine der Freiheiten, die uns die Musik ermöglicht, eine andere ist wohl die, durch die Töne zu fliegen, frei und wild wie die Vögel, ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen und ohne die Gefahr, jemals am Baum zu landen.

Vermutlich ist es vermessen, unseren Lebensstil auch nur im Geringsten mit der menschlichen Existenz im 18. Jahrhundert zu vergleichen; trotzdem möchte ich uns daran erinnern, wie ungeheuer produktiv und kommunikativ ein Charakter wie Telemann zu seiner Zeit war, obwohl ihm die technologischen Forschritte unserer Zeit gerade auf diesen Gebieten verwehrt waren.

Den großen Respekt, den ich diesem Meister zolle, möchte ich hiermit zum Ausdruck bringen; sein Leben, sein Leiden, seine fantastische Musik und auch der große Spaß, den er sicherlich hatte, sollen nicht vergessen werden. All das ist ein Teil unserer kulturellen Identität, die wir weiterleben, um uns daran zu erinnern, wohin wir in der Zukunft wollen. Ohne große Musik in unserem Leben haben wir vermutlich keine Zukunft.

Suite in D-Dur für Gambe, Streicher und Basso continuo:
1. Ouverture; 2. La Trompette; 3. Sarabande; 4. Rondeau; 5. Bourée; 6. Courante & Double; 7. Gigue.

Hille Perl: Viola da gamba
Freiburger Barockorchester:
1. Violine: Petra Müllejans, Kathrin Tröger, Gerd-Uwe Klein
2. Violine: Brian Dean, Annelies van der Vegt, Karin Dean
Bratsche: Christa Kittel, Sabine Dziewior
Cello: Ute Persilge
Violon: Matthias Müller
Laute: Lee Santana
Cembalo: Torsten Johann

Aufgenommen im Paulussaal Freiburg im Breisgau, 17. März 2006.

Text- und Videobilder: Denis Dunaj: Cello Girl, 30. Juli 2012.

Written by Wolf

25. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Schall & Getöse

Weekly Wanderer 0006

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Wo wir gerade von H:C. Artmann sprachen: Zu dessen Wiener Gruppe zählt auch Friedrich Achleitner. Herrschaften, das ist lapidar.

——— Friedrich Achleitner: Ruh und
aus: Prosa, Konstellationen, Montagen, Dialektgedichte, Studien, 1970:

ruh
und
ruh
und
ruh
und
ruh
und ruh und ruh und ruh und
ruh
und
ruh
und
ruh
und
ruh

Christina Dichterliebchen macht Pause in der Fränkischen Schweiz, ca. 2011

Ruhebild: Christina Dichterliebchen macht Pause, Eisengallustinte in Moleskine, ca. 2011.

Written by Wolf

22. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0005

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Was H:C. Artmann Med ana schwoazzn dintn 1958 für den Stadtwiener Dialekt angefangen hat, kann für die darauf folgende Mundartdichtung überhaupt nicht überschätzt werden: Es war, kurz zusammengefasst, ihre Rettung vor Altersheim, Siechtum und Scheintod.

Möglicherweise hat damals die neuartige Sichtweise auf den eigenen Dialekt bis auf norddeutsche Sprachgebiete fortgewirkt. Im oberdeutschen Sprachraum — in Deutschland sind das grob gerechnet Bairisch, Fränkisch und Schwäbisch — sind bestimmt zwei Generationen mit der legendären Anthologie Sagsd wasd magst aufgewachsen, und damit hatten sie Glück.

Franz Ringseis schafft mit seiner Bearbeitung in — vor 1975 wahrscheinlich noch weit weniger korrumpierter — Münchner Stadtmundart keine reine Übersetzung; er bleibt fast lapidarer als das Oiriginal und setzt mit dem letzten Wort unversehens noch eins drauf — mit der hinterkünftigen Wucht einer Watschn, die als besonders bayerisch gelten muss. A so ghert si des.

——— Franz Ringseis: Üba olle Gipfen
in: Friedl Brehm, hg.: Sagsd wasd magst. Mundartdichtung heute in Bayern und Österreich, 1975:

Üba olle Gipfen
iss staad.
In olle Wipfen
waht
nur a Lüftal, so weich —
Koa Vogal rührt si im Woid,
Wart nur, boid
bist aar a Leich.

Tavis Leaf Gover, Stuck in Limbo, 11. Mai 2011

Bald bist auch du eine Leiche: Tavis Leaf Gover: Stuck in Limbo, 11. Mai 2011.

Written by Wolf

15. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Erdäpfelgulasch

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Küchenbloggen funktioniert angeblich immer wieder. Ohne mein Essen für eine gedachte Öffentlichkeit ablichten zu müssen, darf ich verraten: Das Rezept von H.C. Artmann gehört zum Besten, was man kochen (und sogar essen) kann. Wer sich an den ganzen volksliterarischen Zen-Bestrebungen außenherum stößt, findet immer noch neun andere Versionen bei Chefkoch. Jede anders. Artmanns Breitenseer Version macht aber bestimmt den meisten Spaß — vor allem, wenn man so ungezwungenen Zugang zu einem Garten mit Rosenrondell hat, um sie penibel zu befolgen.

Alles Gute zum Geburtstag, Meister.

——— H[ans). C[arl]. Artmann (12. Juni 1921 bis 4. Dezember 2000):

Erdäpfelgulasch

in: Grammatik der Rosen; Band 3:
Kleinere Texte aus den Jahren 1972 bis 1974, Seite 125 bis 129:

Gulasium bramborum aut bramborové gulaš: 2 libra bramboris cortate in aleas, 2 cepæ magnæ cortate in rotas, lardus porculi cortate in aleas maggiformas, papricium hungaricum (media, suaviter, media fortiter) sal, aqua calida.

(Vojtěch Delavigne SJ.)

Albert Anker, Die kleine Kartoffelschälerin, 1886Der erdapfel, erdtoffel, kartoffel, erd- oder grundbirne (soianum tuberosum), eine in die fünfte klasse, erste ordnung (pentandria monogynia), nach dem system des liebenswerten Linné gehörige pflanze, wird wegen ihrer mensch wie tier gleich angenehmen knollen überall in Europa, wo ein tätiger agronom zu finden ist, in großer menge angebaut und als sicherstes mittel gegen hungersnot hochgeachtet. Sie stammt eigentlich aus den niederungen Perus und wurde von daher zuerst im august 1565 durch einen sklavenhändler, nämlich Potaterley Hawkins, nach England gebracht, aber in Europa, das sich damals noch größtenteils an kapaunen und krametsvögeln sättigte, bald wieder vergessen. Im jahre 1585 brachte sie ein kaperkapitän aus Tavistock in Devonshire von neuem nach England; doch auch jetzt blieb sie noch lange zeit eine floristische sehenswürdigkeit in den lustgärten der großen. Beschrieben wurde sie zum ersten mal von dem trefflichen Gaspard Bauhin. Gegen ende des 16. jahrhunderts machte ein gewitzter italiener in Holland den ersten versuch mit ihrem anbau. Noch zu anfang des 17. jahrhunderts wurde sie als seltener leckerbissen an der königlichen tafel zu Paris verspeist. Erst als ein domnonischer edelmann aus Hayes bei Bodley sie 1623 aus Virginien nach Irland gebracht hatte, fand sie allmählich, doch immer nur langsam, eine weitere verbreitung. Ein gewisser Antonio Segnoretti führte sie zuerst 1710 im württembergischen ein; herr von Milkau 1717, bei seiner rückkehr aus dem Brabant, in Sachsen; Jonas Altströmer 1726 in Schweden, der jesuit und alchimist Vojtěch Delavigne 1740 in Österreich und Böhmen, und zur gleichen zeit etwa Graham, der erfinder des nach ihm benannten brotes, in Schottland ein. Seit 1750 wurde sie in ganz Mitteleuropa in gärten, und seit 1780 im freien felde immer allgemeiner angebaut. Man darf mit recht behaupten, daß der erdapfel die zeit der kapaune und krametsvögel abgelöst hat, eine wahrhafte demokratisierung unserer ernährung, die wir im grunde kurioserweise einem sklavenhändler zu verdanken haben.

Soweit die geschichte des erdapfels von seinen bescheidenen anfängen bis zu seinem völligen triumph auf den feldern des europäischen kontinents. Wie aber verhält sich der veritable kochkünstler angesichts dieser heute leider zur kümmerlichen beilage degradierten frucht? Ich stelle diesee frage rein rhetorisch und gehe sogleich in medias res: er bereitet das einzige original spezial-erdäpfelgulasch nach art des genialen Albertus Delavignus zu, diese kaum über Wien hinaus bekannte ambrosia des armen mannes. Es haben sich freilich durch zwischenkunft übelster modernster verschiedene afterrezepte breitgemacht, manche davon betiteln sich kartoffelgulasch oder prunken mit noch unsachgemäßeren bezeichnungen, was wunder, daß es sich dabei durchaus um schale schleimsoßen, fastensüppchen und schreckliche strafmähler handelt, aberrationen mit unverständigen essigzugaben, gewürzgürklein, knackwurstscheibchen, paradeiserscherzchen et cetera sonder grazie.

Im vergangenen herbst erst, sah ich in einer antwerpener privatversammlung einen völlig unbekannten Gauguin, ein gemälde aus der letzten schaffensperiode des meisters: To e patato tulasi. Es stellt eine robuste hübsche polynesierin dar, die, vor einer art zigeunerfeuer auf den fersen hockend, mit einem holzkochlöffel den inhalt eines allem anschein nach aus Frankreich eingeführten gußeisentopfes umrührt. Im tagebuch des malers konnte ich folgendes nachlesen (ich übersetze zum besseren verständnis ins deutsche): Nanitanaaupo kocht mir jetzt seit einigen tagen die mahlzeiten. Nanitanaaupo, die ich kurz Nani nenne, ist eine junge frau, die zu mir beim ersten anblick zutrauen gefaßt hat — und ich zu ihr. Ich fühle bei ihrer kost förmlich wie sich meine verlorengeglaubten lebensgeister zu regen beginnen. Zweimal in der woche bereitet sie mir potato tulasi zu, das inzwischen mein leibgericht geworden ist. Eine art scharfer soße aus zwiebeln, zu scheiben geschnittenen bataten, rotem pfeffer, pfeilwurzmehl und meerwasser. Ein wahres aphrodisiacum!

Ich muß gestehen, mir war beim lesen dieser zusammensetzung eines tahitianischen erdäpfelgulsches nicht sehr wohl zu mute, trotz meiner großen wertschätzung für Gauguin, trotz aller freundlichen gefühle für ein sonniges naturkind der südsee und dessen außerordentliche qualitäten in puncto küche und lager.

Ich möchte bei dieser gelegenheit am rande erwähnen, daß ich mich vor einigen tagen mit einem ungarischen freund über die orthodoxe zubereitung von erdäpfelgulasch unterhielt, über papriás krumpli, wie er es bezeichnete (was für mich schon eine nicht geringe zumutung war). Und obschon er im prinzip mit mir übereinstimmte, so hatte er dennoch die eher abwegige ansicht, etwas gemahlenen kümmel oder und pfeffer als unerläßlich zu finden, ja, er mißbilligte sogar das bestäuben der gewürfelten erdäpfel mit mehl! Das gulasch müßte, so sagte er, klar und durchsichtig wie consommé sein! Nein, nein, und abermals nein! Vielleicht fand sein vernacularer geschmack das reizvoll, allein mit feiner cuisine hat das nichts mehr zu tun.

Völlig abzulehnen sind allerdings ungewürfelte, wenn auch kleinste erdäpfel, wie Señor Sartén, der koch Alphon XIII. in seinem ansonst hochinteressanten memoirenwerk Cuarenta años despues beschreibt. Dieser nicht unbegabte mann berichtet doch tatsächlich über die von ihm ersonnenen patatas revolucionarias o golaches, ich zitiere: Peladas bastante cantidad de patatas lo más pequeñas posible, se lavan y escurren bien, se guisan como las demás en un frito de cebolla, ajo y tomate (sic!). Knoblauch und paradeiser und ungewürfelte erdäpfel! Kein wunder, daß bei dieser revolutionären küche die spanische monarchie zugrunde gehen mußte.

Ich könnte gewiß noch dutzende solcher appetitschmälernder rezepte anführen, doch was solls? Das einzig original spezial-erdäpfelgulasch besteht indessen aus drei grundelementen, zwei gewürzen und reinem wasser. Ich berechne die nötigen mengen für zwei mittlere esser:

1 kg speckige erdäpfel
30 dkg zwiebeln
10 dkg würfelig geschnittenen bauchfilz
1 gehäuften eßlöffel paprika (edelsüß und scharf zu gleichen teilen gemischt)
1 gehäuften teelöffel salz
heißes wasser

Man stelle nun zu beginn keinerlei yogaübungen an, allerdings sei man tadellos rasiert, der schnurrbart sei dem anlaß entsprechend gepflegt, man gehe noch einige minuten in den garten, betrachte das rosenrondell, erbaue sich kurz an den narzissen und schwertlilien, mache eine besinnliche runde um den teich, entwerfe tief durchatmend ein kleines gedicht. Darauf begebe man sich heiter lächelnd in die tadellos aufgeräumte küche, binde eine saubere weiße schürze vor, reinige nochmals fingernägel und hände, trockne diese mit einem vorgewärmten frottétuch, zünde die gasflamme an (kein elektroherd!), setze eine gußeiserne casserolle auf das feuer, lasse in dieser den würfelig geschnittenen bauchfilz aus. Inzwischen hat man die zwiebeln feinnudelig geschnitten, füge sie bei und lasse sie im heißen fett schön goldbraun rösten. Ist man so weit, stelle man die casserolle vom feuer und bringe die mit glattem mehl leicht gestaubten erdäpfelwürfel (ca. einen zoll im quadrat) dazu, rühre alles einige male um, stelle die casserolle wieder auf das feuer und warte, nach gelegentlichem umrühren, bis die erdäpfel gut blanchiert sind. Sodann nehme man die casserolle abermals vom feuer und überstreue alles mit dem paprika, rühre wieder um und gieße schließlich heißes, aber nicht kochendes wasser gerade soviel auf, daß die erdäpfel leicht bedeckt sind. Nun salze man nach geschmack und lasse das ganze zugedeckt bei kleiner flamme köcheln. Sind die erdäpfel gar, ist das gulasch praktisch fertig und kann serviert werden (suppenteller!). Wohlhabenderen leuten ist es erlaubt, dem erdäpfelgulasch noch einen schuß madeirawein beizufügen, für damen empfiehlt sich ein eßlöffel süßsaurer rahm (süßrahm mit einem spritzer limonensaft), der bei tische mit einer gabel in der gereichten portion verrührt wird. Dazu ißt man, wenn vorrätig, einige schnitten frisches kümmelbrot.

BIld: Albert Anker: Die kleine Kartoffelschälerin, 1886.

Written by Wolf

12. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

Weekly Wanderer 0004

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Über Anneliese Braun ist nicht viel überliefert. Ihre Bearbeitung von Ein Gleiches ist keine Parodie, benutzt nicht einmal Versatzstücke. Nur ansatzweise die biographische Überlieferung in der Überschrift. Und die Stimmung, und führt sie fort. Sie ist schön.

——— Anneliese Braun: Goethe auf dem Kickelhahn bei Ilmenau, 1931:

In wäldertiefes leises Eigentum
lenkt sehnsuchtsvoll der Schritt. Das laute Herz
erklingt in Sanftheit. Rings
das Bergland liegt abendlich erschlossen,
mit Baum und Moos und Quell getaucht in Frieden
und wie von später Sonne groß beschenkt.
es ist das Eine: wenn bedrängungsvoll
des Tages Stimmen und der Nächte Stummheit
sich überstürzend fragen nach dem Sinn,
und der Dämon Zeit,
stehend im Nichts,
unerbittlich sie aufsaugt,
weiß ich: ich bin ein Mensch.
Aber das Andere, Ruhevolle, ist Gott.

Liv Lovely, Spring Reading, 3. April 2013

Mit Baum und Moos und Quell getaucht in Frieden: Liv Lovely: Spring Reading, 3. April 2013.

Written by Wolf

8. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

In lieblicher Bläue

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Warum 2013 kein großes Hölderlin-Jahr gefeiert wird? Weil der Kulturbetrieb einschließlich seiner Nutzer mit den Jubiläen ausgelastet ist, die auf -13 enden, und sich deshalb noch bis 2018 zum 175. Geburtstag gedulden will, um das angemessen durchzuziehen. Hoffe ich.

Hölderlin wird in dieser Welt wohl kein Publikumsrenner mehr: viel zu langweilig, weil an die engsten literarischen Formen gebunden (Elegien, Hymnen, Oden), setzt viel zuviel voraus (Mythologie! Teleologie! Erinnerungsstrukturen! Wer will noch?), halsbrecherische Syntax, auch wenn das Metrum verständlichere Satzbauten zuließe, um schierer Verfremdung willen, bis zur Weltfremdheit hochgespannte Themen, und bietet für die Anstrengungen, ihn zu verstehen, keinerlei alltagstaugliche Einsichten und schon gar keine Handlung. Der Mann ist durch.

In lieblicher Bläue fällt aus den Kategorien der lyrischen wie der prosaischen Formen heraus. Geschrieben wohl 1808, wurde es ein einziges Mal als Teil Phaëton zu Hölderlins Lebzeiten gedruckt — einem Roman aus der Gymnasiastenzeit von Hölderlins Freund Friedrich Wilhelm Waiblinger — erst 1823.

Laut der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe schreibt Waiblinger am 11. August 1822, also 18-jährig, in sein Tagebuch: „Hölderlings Geschichte benütz‘ ich am Ende.“ Stil und Vorstellungen deuten darauf, dass Waiblinger Hölderlins Aufzeichnungen benutzt hat — mit dessen Wissen und Einverständnis, also nicht plagiiert. Unklar bleibt dabei allerdings, ob er Hölderlin unverändert wiedergibt oder Eigenes einfließen lässt.

Es ist ein bestürzend befremdliches Stück, das gerade in seiner Prosaform aus dem Roman sein skurriles Funkeln entfaltet. Meistens wird es, wohl wegen seines „hohen“ Stils, als Gedicht wiedergegeben; ich zitiere hier nach der Frankfurter Ausgabe: Dort steht es im ersten Band mit den sämtlichen Gedichten — und zwar nicht zeitlich eingeordnet, sondern als Anhang. Ich finde das einzig passend.

Vor allem auch: Falls das Stück wirklich von 1808 stammt, war Hölderlin da seit zwei Jahren offiziell „umnachtet“, womit es das Ausgefeilteste wäre, was der „verstummte“ Hölderlin noch niedergeschrieben hat. Als eine derart schwarze Perle wird es mir nirgends angeboten — aber ich finde nichts Anderslautendes.

Die Rechtschreibung ist dadurch behutsam nach den Maßgaben des Herausgebers Jochen Schmidt und des Deutschen Klassiker Verlags modernisiert; die originale Rechtschreibung zeigen die Faksimiles der Bremer Arbeitsstelle historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe.

——— Friedrich Wilhelm Waiblinger: Phaëton. Zweiter Theil,
Stuttgart: Verlag von Friedrich Franckh 1823, Seite 153 bis 156:
Friedrich Hölderlin: In lieblicher Bläue, 1808.
Fakismile beim Archiv der Arbeitsstelle historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe Bremen:

In lieblicher Bläue blühet mit dem metallenen Dache der Kirchturm. Den umschwebet Geschrei der Schwalben, den umgibt die rührendste Bläue. Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech, im Winde aber oben stille krähet die Fahne. Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht, jene Treppen, ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit herauskommt dann des Menschen. Die Fenster, daraus die Glocken tönen, sind wie Tore an Schönheit. Nämlich, weil noch der Natur nach sind die Tore, haben diese die Ähnlichkeit von Bäumen des Walds. Reinheit aber ist auch Schönheit. Innen aus Verschiedenem entsteht ein ernster Geist. So sehr einfältig aber die Bilder, so sehr heilig sind die, daß man wirklich oft fürchtet, die zu beschreiben. Die Himmlischen aber, die immer gut sind, alles zumal, wie Reiche, haben diese, Tugend und Freude. Der Mensch darf das nachahmen. Darf, wenn lauter Mühe das Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: so will ich auch sein? Ja. So lange die Freundlichkeit noch am Herzen, die Reine, dauert, misset nicht unglücklich der Mensch sich mit der Gottheit. Ist unbekannt Gott? Ist er offenbar wie die Himmel? dieses glaub‘ ich eher. Des Menschen Maß ist’s. Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde. Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen könnte, als der Mensch, der heißet ein Bild der Gottheit.

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Kevin Carlyle, Blue Dress, Spingfield, Missouri, 28. März 2007Gibt es auf Erden ein Maß? Es gibt keines. Nämlich es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schöpfers. Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne. Es findet das Aug‘ oft im Leben Wesen, die viel schöner noch zu nennen wären als die Blumen. O! ich weiß das wohl! Denn zu bluten an Gestalt und Herz, und ganz nicht mehr zu sein, gefällt das Gott? Die Seele aber, wie ich glaube, muß rein bleiben, sonst reicht an das Mächtige auf Fittigen der Adler mit lobendem Gesange und der Stimme so vieler Vögel. Es ist die Wesenheit, die Gestalt ist’s. Du schönes Bächlein, du scheinest rührend, indem du rollest so klar, wie das Auge der Gottheit, durch die Milchstraße. Ich kenne dich wohl, aber Tränen quillen aus dem Auge. Ein heiteres Leben seh‘ ich in den Gestalten mich umblühen der Schöpfung, weil ich es nicht unbillig vergleiche den einsamen Tauben auf dem Kirchhof. Das Lachen aber scheint mich zu grämen der Menschen, nämlich ich hab‘ ein Herz. Möcht‘ ich ein Komet sein? Ich glaube. Denn sie haben die Schnelligkeit der Vögel; sie blühen an Feuer, und sind wie Kinder an Reinheit. Größeres zu wünschen, kann nicht des Menschen Natur sich vermessen. Der Tugend Heiterkeit verdient auch gelobt zu werden vom ernsten Geiste, der zwischen den drei Säulen wehet des Gartens. Eine schöne Jungfrau muß das Haupt umkränzen mit Myrtenblumen, weil sie einfach ist ihrem Wesen nach und ihrem Gefühl. Myrten aber gibt es in Griechenland.

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Wenn einer in den Spiegel siehet, ein Mann, und siehet darin sein Bild, wie abgemalt; es gleicht dem Manne. Augen hat des Menschen Bild, hingegen Licht der Mond. Der König Oedipus hat ein Auge zuviel vielleicht. Diese Leiden dieses Mannes, sie scheinen unbeschreiblich, unaussprechlich, unausdrücklich. Wenn das Schauspiel ein solches darstellt, kommt’s daher. Wie ist mir’s aber, gedenk‘ ich deiner jetzt? Wie Bäche reißt das Ende von Etwas mich dahin, welches sich wie Asien ausdehnet. Natürlich dieses Leiden, das hat Oedipus. Natürlich ist’s darum. Hat auch Herkules gelitten? Wohl. Die Dioskuren in ihrer Freundschaft haben die nicht Leiden auch getragen? Nämlich wie Herkules mit Gott zu streiten, das ist Leiden. Und die Unsterblichkeit im Neide dieses Lebens, diese zu teilen, ist ein Leiden auch. Doch das ist auch ein Leiden, wenn mit Sommerflecken ist bedeckt ein Mensch, mit manchen Flecken ganz überdeckt zu sein! Das tut die schöne Sonne: nämlich die ziehet alles auf. Die Jünglinge führt die Bahn sie mit Reizen ihrer Strahlen wie mit Rosen.
Die Leiden scheinen so, die Oedipus getragen, als wie ein armer Mann klagt, daß ihm etwas fehle. Sohn Laios, armer Fremdling in Griechenland! Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.

Hölderlin, F.W. Waiblinger, Phaëton 1823, Seite 153

Hölderlin, F.W. Waiblinger, Phaëton 1823, Seite 154 bis 155

Hölderlin, F.W. Waiblinger, Phaëton 1823, Seite 156

In lieblicher Bläue: Kevin Carlyle: Blue Dress, Springfield/Missouri, 28. März 2007.

Written by Wolf

7. Juni 2013 at 00:01