Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for November 2021

Der kluge, wohlunterrichtete philosophische, dichterische Kater Murr

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Update zu Kätzische Beiträge zur Konstitution einer Angewandten Poesie,
Der vortreffliche Kater Murr (Gekatzbuckel!),
Murrst,
Moritz war ein Mädchen,
Dass ich ihm doch das Leben schenken möchte (OK) und
4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung:

E.T.A. Hoffmann, Lebens-Ansichten des Katers Murr, 1819, TitelbildDer historische Kater Murr, der ab Mitte 1818 mit seinem Leibdiener E. T. A. Hoffmann in Berlin wohnte, hat in der Nacht vom 29. auf den 30. November 2021 seinen 200. Todestag.

Dass der vortreffliche und dabei noch mehr versprechende Jüngling Murr keine vier Jahre alt wurde, ist der Unsitte vergangener Jahrhunderte geschuldet, dass Haustiere weder geimpft noch entwurmt wurden, ja Tierärzte sich überhaupt nur für solche Haustiere zuständig empfanden, unter denen man landwirtschaftliche Nutztiere versteht, seit ein ich-bezogenes Bürgertum in seinen Haustieren individuell begabte Mit-Bürger erkennt und ihnen Persönlichkeit und Seele zuspricht. Darin war der spätromantische Berliner Bürger Hoffmann Vorreiter. Sollte jemand noch frühere prominente Beispiele für Katzenhaltung finden, die nicht vornehmlich der Steuerung von Mäusepopulationen dient, hätte Hoffmann immerhin noch die Katzenliteratur begründet.

Die Katze als Nutztier bleibt weiterhin eins der dünnsten Bücher in der Bibliothek des Lebens, nie aber wird zu ermessen sein, was uns an den nicht stattgefundenen Lebensjahren des Katers Murr verloren ging — und wenn’s nur der geplante dritte Teil seiner Lebensansichten ist.

Am ausführlichsten hat der Mitkater Paul 2011 Murrs Lebenszeugnisse in sechs Kapiteln gesammelt. Der rezente Kater Murr, gebürtig Mitte 2015, der mit uns als seinen Leibdienern geimpft und entwurmt (und kastriert) in München wohnt, ist — Stand März 2021 — wohlauf (und kastriert), hat den historischen mithin bereits um Jahre überlebt und arbeitet mit Sicherheit an irgendwelchen, bis auf weiteres obskuren Werken. Dennoch ergeht für die Folgen 5 und 6 Triggerwarnung für Katzenfreunde:

E.T.A. 1: Wie Hoffmann auf den Kater Murr kam

E.T.A Hoffmann, nach einem Selbstbildnis 1823 gestochen von Ludwig Buchhorn

Als (gefühlter) amtierender Nachfolger des legendären Kater Murr von E.T.A. Hoffmann ist es mir ein großes Anliegen, nach monatelangen Recherchen hier einmal ausführlich und in sechs täglichen Folgen allen Katzenfreunden von der Freundschaft zwischen Hoffmann und dem wirklichen Kater Murr zu erzählen.

Während seines dritten Aufenthaltes in Berlin von 1814 bis zu seinem Tod im Juni 1822 mehrte sich Hoffmanns Ruhm von Jahr zu Jahr. Der 1776 in Königsberg geborene Schriftsteller und Maler, Komponist und Kammergerichtsrat schwamm auf einer immer größer werdenden Welle des Erfolges. »Alle Kindermädchen lesen Hoffmann«, hat der reisende Kunstgelehrte Per Daniel Atterbom aus Schweden Ende August 1817 in seinem Reisetagebuch notiert. Hoffmann hat seine Popularität in einer seiner letzten Erzählungen, Des Vetters Eckfenster, nicht ohne Ironie selbst thematisiert. Darin beschreibt der bereits todkranke Dichter eine junge Marktfrau – ein Blumenmädchen auf dem Gendarmenmarkt – das, »sowie sie der Handel nicht beschäftigt«, eine seiner Erzählungen liest. Aber nicht nur die Kindermädchen und Marktfrauen lesen Hoffmann – er ist einsamer Mittelpunkt und begehrter Gast in den literarischen Salons und eleganten Zirkeln, nimmt geschmeichelt zahllose Einladungen an, sitzt jedoch viel lieber in der Weinstube Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt und gießt ständig Wein nach, auch gern allein. Nach dem Besuch der kunstsinnigen Gesellschaften beginnt er gegen Mitternacht seine nächtlichen Weintouren, um erst am frühen Morgen heimzukehren. Hoffmanns exzessiver und alkoholumdunsteter Lebenswandel schockiert die Gesellschaft, macht den erfolgreichen Autor aber andererseits zu einer Berliner Sehenswürdigkeit für durchreisende Fremde, für Künstler und Gelehrte. In seinem Ersten Brief aus Berlin schrieb Heinrich Heine am 26. Januar 1822 über das Café Royal Unter den Linden: »Aber dort am Tisch das kleine bewegliche Männchen mit den ewig vibrierenden Gesichtsmuskeln, mit den possierlichen und doch unheimlichen Gesten? Das ist der Kammergerichtsrat Hoffmann, der den Kater Murr geschrieben…« Vier Jahre vorher, im Sommer 1818, war mein verehrter Vorfahr, der echte Kater Murr, in Hoffmanns Leben getreten. Wir kennen die genauen Umstände nicht, aber in seinem bedeutendsten Roman, eben den Lebensansichten des Katers Murr, hat Hoffmann eine hinreißende Katzen-Findegeschichte geschrieben, die er vermutlich in ähnlicher Form mit dem Kater Murr selbst erlebt hat.

E.T.A. Hoffmann mit seinem Freund Ludwig Devrient in der Weinstube Lutter & Wegner, Aquarell von Carl Themann, etwa 1832

»Mitten auf der großen Brücke vor unserer Stadt blieb ich stehen und schaute noch einmal zurück nach dem Park, der vom magischen Schimmern des Mondes umflossen dastand, wie ein Zaubergarten, in dem das lustige Spiel flinker Elfen begonnen. Da fiel mir ein feines Piepen in die Ohren, ein Quäken, das beinahe dem eines neugebornen Kindes glich. Ich vermutete eine Untat, bückte mich tief über das Geländer und entdeckte im hellen Mondschein ein Kätzchen, das sich mühsam an den Pfosten angeklammert, um dem Tod zu entgehen. Wahrscheinlich hatte man eine Katzenbrut ersäufen wollen, und das Tierchen war wieder hinaufgekrochen. Nun, dacht’ ich, ist’s auch kein Kind, so ist es doch ein armes Tier, das dich um Rettung anquäkt und das du retten mußt… Ich kletterte über das Geländer, griff, nicht ohne Gefahr, herab, faßte das wimmernde Kätzchen, zog es hinaus und steckte es in die Tasche. Nach Hause gekommen, zog ich mich schnell aus und warf mich, ermüdet und erschöpft wie ich war, aufs Bett. Kaum war ich aber eingeschlafen, als mich ein klägliches Piepen und Winseln weckte, das aus meinem Kleiderschrank herzukommen schien. – Ich hatte das Kätzchen vergessen und es in der Rocktasche gelassen. Ich befreite das Tier aus dem Gefängnis, wofür es mich dermaßen kratzte, daß mir alle fünf Finger bluteten. Schon war ich im Begriff, den Kater durchs Fenster zu werfen, ich besann mich aber und … zog mit aller Mühe und Sorgfalt den Kater groß. Es ist das gescheuteste, artigste, ja witzigste Tier der Art, das man sehen kann… ein Kater, der wirklich in seiner Art ein Wunder an Schönheit zu nennen [ist]. Die grauen und schwarzen Streifen des Rückens liefen zusammen auf dem Scheitel zwischen den Ohren und bildeten auf der Stirne die zierlichste Hieroglyphenschrift. Ebenso gestreift und von ganz ungewöhnlicher Länge und Stärke war der stattliche Schweif. Dabei glänzte des Katers buntes Kleid und schimmerte, von der Sonne beleuchtet, so daß man zwischen dem Schwarz und Grau noch schmale goldgelbe Streifen wahrnahm.«

Es wäre denkbar, daß Hoffmann den kleinen Kater Murr nach einer langen Nacht bei Lutter & Wegner in weinseliger Laune aufgelesen hat, nicht auf einer großen Brücke vor der Stadt, sondern eher in der Charlottenstraße am Gendarmenmarkt, durch die ihn sein Heimweg von der Weinstube so oft geführt hat. Wie dem auch gewesen sein mag: die oben beschriebene Begegnung mit dem Kater Murr führte zu einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem Menschen und einem Kater und zu mehr…

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E.T.A. 2: Was die Zeitgenossen Hoffmanns über uns Katzen dachten

Um die Beziehung Hoffmanns zum Kater Murr auf dem Hintergrund seiner Zeit richtig würdigen zu können, muß man sich einmal anschauen, was seine Zeitgenossen über uns Katzen dachten. 1786, als E.T.A. Hoffmann zehn Jahre alt war, erschien Band 75 der Oekonomisch-technologischen Encyklopädie von Georg Krünitz. In diesem Monumentalwerk der damaligen Gelehrsamkeit heißt es über die Katze: »Obgleich diese Thiere, besonders solange sie jung sind, viel artiges und schmeichelhaftes an sich haben, so bemerkt man doch an ihnen eine gewisse heimliche Tücke, die falscheste Gemüthsart, und ein sehr verkehrtes Naturell, welches ihnen angeboren ist, welches im Alter noch ärger wird.« Noch fünfzig Jahre später berichten die Lexika der Zeit nicht sehr viel Vorteilhaftes über die Katze. In seinem Universal-Lexikon von 1835 bemerkte Heinrich August Pierer: »Auch verdient die natürliche Antipathie mancher Menschen gegen die Katze Bemerkungen, so daß diese Personen in der Nähe derselben, auch wenn sie von ihnen nicht bemerkt werden, Übelkeiten und Ohnmachten bekommen. Der von ihnen bewirkte Schaden besteht in der Verunreinigung des Hauses durch ihren Harn, im Forttragen glühender Kohlen in ihrem Pelze, wohl auch im Würgen der Kinder und anderer Personen.« Nur drei Jahre später veröffentlichte der deutsche Naturforscher und Philosoph Lorenz Oken seine Allgemeine Naturgeschichte für alle Stände, in der er tief in die Mottenkiste mittelalterlicher Vorurteile und Verleumdungen greift: »So nothwendig die Katzen sind, so gefährlich werden sie doch bisweilen. Man hat Beyspiele, dass sie Säuglinge, auf die sie sich gelegt, erstickt haben, auch die Augen ausgekratzt, ja sogar getödtet … Sie werden auch manchmal toll und verursachen die Wuth durch ihre Biß. Zum Zeitvertreib muß man daher keine Katze halten, am allerwenigsten mehrere, weil sie durch ihren Harn das Haus verstänkern und durch das Wetzen der Krallen die Stühle zerreißen.« Vielen Zeitgenossen galt die Katze noch als das von der mittelalterlichen Kirche verteufelte Hexentier.

aus: Brehms Thierleben, Erster Band, 2. Auflage 1876

Hoffmann war sich der Ablehnung der Katze durch die meisten seiner Zeitgenossen bewußt – er wies in seinem Roman deutlich darauf hin: »Ich rettete einen Kater, ein Tier, vor dem sich viele entsetzen, das allgemein als perfid, keiner sanften, wohlwollenden Gesinnung, keiner offenherzigen Freundschaft fähig ausgeschrien wird, das niemals ganz und gar die feindliche Stellung gegen den Menschen aufgibt, ja, einen Kater rettete ich aus purer uneigennütziger Menschenliebe.« Aber das Urteil seiner Mitmenschen war ihm egal. Die Zuneigung zu seinem Kater Murr wog stärker als die allgemeinen Vorurteile um ihn herum.

aus: Hermann Masius, Naturstudien, 3.Auflage 1857

Erst lange nach Hoffmanns Tod setzte die Rehabilitation der Katze, ihre Befreiung aus mittelalterlichen Vorstellungswelten ein. 1840 veröffentlichte der Pfarrer und Professor Peter Scheitlin seinen zweibändigen Versuch einer vollständigen Thierseelenkunde. »Stundenlang schrieb er unaufhörlich, oft mit der Hauskatze auf einer Schulter«, heißt es in einer Schilderung seines Sohnes. Daß Scheitlin mit seinem Werk die wissenschaftliche und populäre Rehabilitation der Hauskatze einleiten würde, wußte er bei der Abfassung mit Sicherheit nicht. Er starb acht Jahre nach der Veröffentlichung. »Die Katze ist ein Thier hoher Natur«, beginnt sein 23seitiger Text über die Katze. »Schon ihr Körperbau deutet auf Vortrefflichkeit. Alles an ihr ist harmonisch gebaut, kein Theil an ihr ist zu groß oder zu klein. Kein Thierkopf ist schöner geformt.« Scheitlin beschreibt weiter mit großer Genauigkeit das Aussehen, die Sinne und das Verhalten der Katze, räumt mit allerlei zeitgenössischen Vorurteilen auf und erweist sich in seinem Text einerseits als intimer Kenner der Katzenseele, andererseits als theoretischer Vorreiter der heutigen Tierrechtsbewegung. So gründlich und einfühlsam, genau und vorurteilslos hat kein wissenschaftlicher Autor vor ihm die Katze beschrieben. 1852 erschienen die Naturstudien von Hermann Masius, die ebenfalls ein positives Bild der Katze propagierten. Sie erreichten breite Kreise der Bevölkerung. Masius stellte seinem Text über die Katze dieses programmatische Motto voran: »Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt ihr Charakterbild in der Geschichte.« Diese historische Unentschiedenheit in der Beurteilung der Katze will Masius beenden, denn »die Katze ist ein Raubthier vollkommenster Art, freilich in winziger Verkleinerung«. Um seine positive Einstellung der Katze zu unterstreichen, beschreibt er sie in geradezu poetischen Bildern. So zeichnet er das Bild eines schwarzen Katers, der »daliegt wie ein Stück Nacht, aus der nur die grünen Augensterne hervorblitzen«. Und das Schnurren der Katze wirkt auf ihn wie »die süße Gewohnheit des Daseins«. Zum Schluß seines Textes erinnert Masius daran, daß bedeutende Geister der Vergangenheit der Katze zugetan waren, wobei er ausdrücklich E.T.A. Hoffmann erwähnt. Nach Scheitlin und Masius schaltete sich schließlich auch Alfred Brehm in die Bemühungen ein, die Katze von ihrem vorurteilsbelasteten Image zu befreien. In seinem Thierleben von 1864 ergreift er eindeutig für die Katze Partei: »Je höher ein Volk steht, je bestimmer es sich seßhaft gemacht hat, um so verbreiteter ist die Katze. Wo man sie in ihrem wahren Werthe erkannt hat, verbreitet man sie mehr und mehr. So hat sie nach und nach Heimrecht fast auf der ganzen Erde sich erworben, und erscheint überall als ein lebendes Zeugnis des menschlichen Fortschrittes, der Seßhaftigkeit, der beginnenden Gesittung.« An anderer Stelle des Thierlebens räumt auch Brehm mit zeitgenössischen Vorurteilen gegen die Katze auf: »Das geistige Wesen der Katze wird gewöhnlich gänzlich verkannt. Man betrachtet sie als ein treuloses, falsches, hinterlistiges Thier, und glaubt, ihr niemals trauen zu dürfen. Viele Leute haben einen unüberwindlichen Abscheu gegen sie und gebärden sich bei ihrem Anblicke wie nervenschwache Weiber oder ungezogene Kinder.« Brehm zitiert anschließend einige abfällige, häufig vorgetragene Bemerkungen aus der zeitgenössischen wissenschaftlichen Literatur, um abschließend zu folgender Bewertung zu kommen: »Eine derartige Charakterzeichnung enthält wohl ein Körnlein Wahrheit, jedoch weit mehr Unrichtiges, und darf eher eine Verlästerung als eine Beschreibung der Katze genannt werden.«

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E.T.A. 3: Wie der Kater Murr Hoffmann zu seinem Roman inspirierte

Der so altruistisch gerettete Kater bedankte sich, indem er Hoffmann zu einem Werk der Weltliteratur inspirierte: Ziemlich genau ein Jahr nach der Aufnahme des Katers in seine Wohnung begann Hoffmann mit der Niederschrift des ersten Teils der Lebensansichten des Katers Murr. Sein Freund und späterer Biograph Julius Eduard Hitzig hat in seinem 1823 erschienenen Erinnerungsbuch E.T.A. Hoffmanns Leben und Nachlaß darauf hingewiesen, welche Rolle der wirkliche Kater Murr – der tatsächlich auch so hieß – dabei gespielt hat. »Zu der äußern Form dieses Buches war Hoffmann durch einen ausgezeichneten schönen Kater veranlaßt worden, den er aufgezogen hatte und der ihm wirklich mehr als gewöhnlichen Tierverstand zu haben schien; wenigstens war er unerschöpflich in Erzählungen von den Klugheiten, welche von diesem Liebling, der in der Regel in dem Schubkasten des Schreibtisches seines Herrn, den er sich mit den Pfoten selbst aufzog, und auf dessen Papieren ruhte, ausgegangen sein sollten.« Hoffmann hat auch die Titelzeichnung für die Lebensansichten des Katers Murr geschaffen. In einem sehr langen und inhaltsreichen Brief an seinen Bamberger Freund Friedrich Speyer vom 1. Mai 1820, den er gemeinsam mit dem fertigen Buch absendet, äußert er sich – nicht ohne Selbstlob – darüber und über die Bedeutung seines wirklichen Katers für das Buch: »Von meinem literarischen Treiben nehmen Sie doch wohl dann und wann Notiz! – Ich empfehle Ihnen den höchst weisen und tiefsinnigen Kater Murr, der in diesem Augenblick neben mir auf einem kleinen Polsterstuhl liegt und sich den außerordentlichsten Gedanken und Fantasien zu überlassen scheint, denn er schnurrt erklecklich! – Ein wirklicher Kater von großer Schönheit (er ist auf dem Umschlage seines Buches frappant getroffen) und noch größerem Verstande, den ich auferzogen, gab mir nämlich Anlaß zu dem skurrilen Scherz, der das eigentlich sehr ernste Buch durchflicht.«

Umschlag von E.T.A. Hoffman zu den Lebensansichten des Katers Murr

Bei den Anfang 1820 erschienenen Lebensansichten des Katers Murr handelt es sich um den ersten, großen Roman der Literatur, in dem das Weltgeschehen aus der Sicht eines Katers beschrieben und kommentiert wird. Es waren vor allem zwei Eigenschaften seines Katers, die Hoffmann auf die Idee brachten, als literarische Premiere einen denkenden und sprechenden Kater aus der Welt der Fabeln und Märchen in die der »ernsten« Literatur zu überführen. Zwei Eigenschaften, die allerdings zum Repertoire jeder Katze gehören: Faulheit und Neugierde. Die Faulheit seines Katers – man kann, freundlich ausgedrückt, auch von einem ausgeprägten Ruhebedürfnis sprechen – erinnerte Hoffmann an die schöpferischen Phasen seines eigenen Schaffens, und deshalb dichtete er diese Eigenschaften auch seinem fiktiven Kater an: »Der Kater Murr träumt nicht allein sehr lebendig, sondern er gerät auch, wie deutlich zu bemerken, häufig in das träumerische Hinbrüten, in das somnambule Delirieren, kurz, in jenen seltsamen Zustand zwischen Schlafen und Wachen, der poetischen Gemütern für die Zeit des eigentlichen Empfanges genialer Gedanken gilt. In diesem Zustande stöhnt und ächzt er seit kurzer Zeit ganz ungemein, so, daß ich glauben muß, daß er entweder in Liebe ist oder an einer Tragödie arbeitet.«

In seinen Lebensansichten des Katers Murr kombiniert Hoffmann geschickt die andere Eigenschaft seines Katers, dessen spielerische Neugierde, mit der wissenschaftlich motivierten Entdeckungslust des Romankaters: »Nichts zog mich in des Meisters Zimmer mehr an, als der mit Büchern, Schriften und allerlei seltsamen Instrumenten bepackte Schreibtisch. Ich kann sagen, daß dieser Tisch ein Zauberkreis war, in den ich mich gebannt fühlte, und doch empfand ich eine gewisse heilige Scheu, die mich abhielt, meinem Triebe ganz mich hinzugeben. Endlich eines Tages, als eben der Meister abwesend war, überwand ich meine Furcht und sprang herauf auf den Tisch. Welche Wollust, als ich nun mitten unter den Schriften und Büchern saß und darin wühlte. Nicht Mutwille, nein, nur Begier, wissenschaftlicher Heißhunger war es, daß ich mit den Pfoten ein Manuskript erfaßte und so lange hin und her zauste, bis es in kleine Stücke zerrissen vor mir lag.« Diese Schlüsselszene mit destruktivem Ausgang markiert den Beginn einer katzenuntypischen Bildungsreise. Der Romankater lernt erst lesen, dann schreiben. Schließlich wird auch aus ihm ein Schriftsteller, er verfaßt die vergleichende Schrift Gedanke und Ahnung oder Kater und Hund, eine philosophische Abhandlung über die gravierenden Unterschiede beider Arten. Hoffmann hat wohl geahnt, daß die Lebensansichten des Katers Murr sein wichtigstes literarisches Werk werden würden. Wie zur Warnung an die ihm nicht immer wohlgesonnenen Kritiker legt er in einer Vorrede des Autors dem Kater Murr diese selbstbewußten Worte in den Mund: »Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buches einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt, und scharfe Krallen. Murr, Homme de lettres très renommé.«

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E.T.A. 4: Wie Hoffmann und der Kater Murr miteinander verbunden waren

E.T.A. Hoffmann, undatiertes Selbstbildnis

Nach Erscheinen des ersten Teils der Lebensansichten stürzte sich E.T.A. Hoffmann wieder in die Arbeit. Im Herbst 1820 berichtete er Johann Daniel Symanski, dem Herausgeber einer Theaterzeitschrift, daß er dabei wäre, die Papiere des Katers Murr zu überarbeiten, um den zweiten und dritten Teil seiner Lebensansichten herausgeben zu können. »Der Gute schreibt zwar eine passable leserliche Pfote, indessen kann er von gewissen Gewohnheiten nicht ablassen, die auf manche Stelle in seinen Manuskripten ein schwer zu durchdringendes Dunkel werfen. …Doch – ich bemerke, daß ich, ohne es zu wollen, Ihnen verrate, wie sich der vortreffliche Kater Murr eben bei mir befindet. – Es ist dem so; eben sitzt er am Ofen mit dicht zugekniffenen Augen und schnurrt. Gott weiß, über welchem neuen Werk er brütet. – Ich bitte, Verehrtester! sagen Sie von Murrs gegenwärtigem Aufenthalt nichts weiter. Literatoren, Ästhetiker und wohl auch Naturhistoriker könnten auf die Bekanntschaft des lieben Viehs begierig werden und würden es nur in seinen tiefsinnigen Meditationen stören.« Es gehört zum Stilinventar Hoffmanns, daß in viele seiner Erzählungen Orte, Erlebnisse und Einsichten des eigenen Lebens einfließen. In den Lebensansichten des Katers Murr ist es nicht anders. So lebt der Romankater im zweiten Stock eines Stadthauses (wie Hoffmann und der wirkliche Murr), und nach einem Stadtspaziergang findet der Romankater bei der Heimkehr das Haus seines Herrn von einem Brand bedroht. In dieser Szene spielt Hoffmann auf den Brand des Königlichen Schauspielhauses am 15. Dezember 1817 an, dem auch sein Wohnhaus in der Taubenstraße 31 Ecke Charlottenstraße fast zum Opfer gefallen wäre. Die völlige Zerstörung des Schauspielhauses durch den Brand, den er aus dem Zimmer seiner Wohnung beobachtete, hatte für Hoffmann schwerwiegende Folgen. Seine Oper Undine, die bis dahin eine für diese Zeit sensationelle Anzahl von 17 Aufführungen erlebt hatte, wurde Zeit seines Lebens nie mehr aufgeführt. Die Titelrolle der Oper sang übrigens die zum Zeitpunkt der Uraufführung gerade 18-jährige Johanna Eunike, die vom Berliner Publikum wie keine andere Sängerin verehrt und gefeiert wurde. Hoffmann erlag nicht nur ihrem Gesang, er verliebte sich auch in die junge Frau. In einem Sonett vom 2. März 1820, Kater Murr an Johanna, die Sängerin, äußert er die Bitte: »Verschleuß dein Ohr nicht bangem Sehnsuchtswüten, / Denn Kater Murr klagt auch romant’sche Schmerzen.« Hoffmann unterschreibt das Sonett mit »Murr, étudiant en belles lettres et chanteur très renommé« – der Liebhaber schlüpft in die Rolle des Katers, oder umgekehrt; ein Verwechslungsspiel, das Hoffmann besonders zu lieben schien.

Aber auch Zeitgenossen Hoffmanns gehen mit Sinn für Ironie auf Hoffmanns Inszenierung einer phantastischen Doppelexistenz von Dichter und Kater ein. Ludwig Robert, der Bruder von Rahel Varnhagen, schreibt ihm nach der Lektüre der Lebensansichten Ende Januar 1820: »Was den Kater Murr betrifft, so muß ich zu meiner Schande gestehen, daß ich die Bekanntschaft dieses vortrefflichen Mannes bis jetzt noch nicht gemacht habe. Ich werde mich aber in den nächsten Tagen ihm vorstellen lassen. Zwar habe ich es verschworen, neue interessante Leute kennen zu lernen; aber ein genialer Kater macht eine Ausnahme von den gewöhnlichen berühmten Menschen.«

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E.T.A. 5: Wie der Kater Murr erkrankte und starb

Ausschnitt aus: Der deutsche Turm, unbekannter Künstler um 1785

Im zweiten Stock dieses Hauses am Gens’darmenmarkt, in der Charlottenstraße 56, lebten Hoffmann und sein Kater Murr von Mitte 1818 bis zur Nacht des 29. November 1821. Das Haus war um 1782 errichtet worden und wurde 1874 wieder abgerissen. Hoffmann selbst hat in seinem letzten großen Prosawerk Des Vetters Eckfenster eine sehr anschauliche Schilderung der Wohnung gegeben: »Es ist nötig zu sagen, daß mein Vetter ziemlich hoch in niedrigen Zimmern wohnt. Das ist nun Schriftsteller- und Dichtersitte. Was tut die niedrige Stubendecke? Die Phantasie fliegt empor und baut sich ein hohes, lustiges Gewölbe bis in den blauen glänzenden Himmel … Dabei liegt aber meines Vetters Logis in dem schönsten Teile der Hauptstadt, nämlich auf dem großen Markte, der von Prachtbauten umschlossen ist, und in dessen Mitte das kolossal und genial erdachte Theatergebäude prangt. Es ist ein Eckhaus, das mein Vetter bewohnt, und aus dem Fenster eines kleinen Kabinetts übersieht er mit einem Blick das ganze Panorama des grandiosen Platzes.«

Der Deutsche Turm, unbekannter Künstler um 1785

Am deutlichsten wird die Intensität der Beziehung von Hoffmann zu seinem Kater Murr in dem Moment, wo sich ihre Wege für immer trennen. Im November 1821 erkrankt der Kater Murr im Alter von nur dreieinhalb Jahren schwer. Er hat diese Krankheit nicht überlebt, obwohl Hoffmann die Hilfe mehrerer Ärzte in Anspruch nimmt – eine für diese Zeit sehr ungewöhnliche Maßnahme. Dem Braunschweiger Dramatiker und Theaterdirektor Ernst August Friedrich Klingemann verdanken wir eine anschauliche und gleichermaßen erstaunte Schilderung der Beziehung Hoffmanns zu seinem Kater kurz vor dessen Tod. In seinem dreibändigen Werk Kunst und Natur. Blätter aus meinem Reisetagebuche berichtet Klingemann von seiner ersten persönlichen Begegnung mit Hoffmann in dessen Berliner Wohnung. Der berühmte Schauspieler Ludwig Devrient, einer der engsten Freunde des Dichters, hatte es übernommen, die beiden miteinander bekannt zu machen. Dieser Besuch fand an einem nicht näher bezeichneten Vormittag im November 1821 statt. Die beiden trafen Hoffmann in seinem Arbeitszimmer mit Blick auf den Gendarmenmarkt. »Als ich mich übrigens nach einer Weile wieder zu jenem selbst [Hoffmann] kehrte, fand ich ihn im angelegentlichsten Gespräch mit Devrient und, wie es schien, über einen Gegenstand begriffen, der ihm sehr teuer sein, ja recht am Herzen liegen mußte, denn Hoffmanns ganze Miene hatte sich verändert und das kurz vorher noch scharf blitzende Auge schaute grau und trübe in sich hinein und schien besorgt, wie über ein bevorstehendes, bitteres Schicksal. Es betraf, wie ich gleich darauf bemerkte, einen sehr schwer Kranken, an dessen Herstellung die herzugerufenen Ärzte zweifelten, indes sie ihm, wie Hoffmann bemerkte, noch zum letzten Versuche Pulver und Einreibungen verordnet hätten. Nach einer eingetretenen tiefen Pause fragte ich mit berücksichtigender Teilnahme: ob der in Gefahr schwebende Patient zur Familie oder nähern Freundschaft gehöre. Worauf Hoffmann, ein Seitenzimmer öffnend, gerührt nach einem Lager hindeutete, auf welchem ein ansehnlicher – – Kater zu schlummern schien. – Von Staunen ergriffen stand ich da, und der grelle Kontrast zwischen der eingetretenen tragischen Stimmung und ihrem unerwarteten veranlassenden Gegenstande ließen mich zu keiner Überzeugung kommen, indes der Zweifel in mir aufstieg, ob nicht Hoffmanns durchtriebener Satyr es noch beim Abschiede mit mir auf eine Mystifikation abgesehen habe. – Beim Heimgange beteuerte mir indes Devrient, daß die Sache auf Hoffmanns Seite sehr ernst genommen werde, indem das leidende Tier, zu welchem er gleichsam in einem magnetischen Rapport stehe, niemand anders als der der Lesewelt bekannte und zum poetischen Charakter erhobene – Kater Murr sei! – Bald nach meinem Besuche und noch am Ende desselben Monats starb jenes seltsam an Hoffmann attachierte Tier.«

Genauer gesagt starb der Kater Murr in der Nacht vom 29. auf den 30. November. In dem schon erwähnten Buch des Freundes Julius Eduard Hitzig ist überliefert, wie Hoffmann die letzten Stunden seines Katers erlebt hat. Hitzig traf Hoffmann am Abend des 30. November zufällig vor dem Café Stehely an der Charlottenstraße Ecke Jägerstraße. Auf Hoffmanns Bitte besuchten sie das Caféhaus. Dort berichtete Hoffmann dem Freund folgendes: »In der Nacht… winselte der Murr gar zu erbärmlich, meine Frau schlief fest; ich stand sachte von ihrer Seite auf, schlich in die Kammer, wo er lag, hob die Decke auf, die über ihn gebreitet war, und nun sah er mich an, mit ordentlich menschlichen Blicken, wie bittend, daß ich ihm doch das Leben schenken möchte, und hörte für einen Augenblick auf zu jammern, als ob er Trost in meinen Mienen läse. Da konnte ich es nun nicht länger ertragen, ließ das Tuch wieder über ihn hinfallen, und kroch ins Bett zurück. Gegen Morgen starb er, und nun ist mir das Haus so leer und auch meiner Frau. Ich wollte heute früh gleich zu Fiocati, und ihr einen sprechenden Papagei kaufen; aber sie will keinen Ersatz, und ich auch nicht. Nicht wahr, Freund, Sie halten auch nichts von Surrogaten für geliebte Gegenstände?«

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E.T.A. 6: Wie Hoffmann auf den Tod des Kater Murr reagierte

Hoffmann war nach dem Tod seines Katers außer sich vor Trauer und erteilte einen ungewöhnlichen Auftrag, der in der gesamten Berliner Gesellschaft für Gesprächsstoff sorgte. Nur einen Tag nach dem Tod des Katers Murr ließ der Dichter seinen besten Freunden eine lithographierte Traueranzeige zustellen: »In der Nacht vom 29. bis zum 30. November d.J. entschlief, um zu einem beßern Dasein zu erwachen, mein theurer geliebter Zögling der Kater Murr im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Lebens. Wer den verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend und des Rechts, mißt meinen Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen. Berlin d. 1. Decbr. 1821 – Hoffmann«

Faksimile von E.T.A. Hoffmanns Traueranzeige für seinen Kater Murr

Zu dieser Zeit vollendete E.T.A. Hoffmann gerade den zweiten Band der Lebensansichten des Katers Murr. Darin setzte er in einer Nachschrift des Herausgebers dem wirklichen Kater Murr ein weiteres literarisches Denkmal: »Am Schluß des zweiten Bandes ist der Herausgeber genötigt, dem geneigten Leser eine sehr betrübliche Nachricht mitzuteilen. – Den klugen, wohlunterrichteten philosophischen, dichterischen Kater Murr hat der bittre Tod dahingerafft mitten in seiner schönen Laufbahn. Er schied in der Nacht vom neunundzwanzigsten bis zum dreißigsten November nach kurzen, aber schweren Leiden mit der Ruhe und der Fassung eines Weisen dahin … Armer Murr! … ich habe dich lieb gehabt und lieber als manchen – Nun! – schlafe wohl! – Friede deiner Asche! –« Diese Nachbemerkung hat manchen Zeitgenossen zum Kopfschütteln veranlaßt. Sogar in einer kurzen Bemerkung des engen Freundes Julius Eduard Hitzig blitzt das zeitgenössische Erstaunen über das Verhältnis von Hoffmann zu seinem Kater auf: »Der erste Vorbote der Leiden, die ihm bevorstanden, war – man lache nicht! – der Tod seines Katers.« Tatsächlich verschlechterte sich der Gesundheitszustand Hoffmanns nach dem Tod des Katers Murr drastisch. Er folgte ihm kaum sechs Monate später.

Hoffmann war ein sehr verschlossener Mensch und hat in seinem Leben nur wenige enge Freunde gehabt. Der Hoffmann-Biograf Klaus Günzel hat darauf hingewiesen und zum ungewöhnlichen Verhältnis des Schriftstellers zu seinem Kater folgendes festgestellt: »Nur an ganz wenigen Stellen seines Œuvres hat dieser spröde, jeglicher Sentimentalität abholde Mensch sein Herz weit geöffnet. Was er aber beim Tode des Kater Murr empfand, das hat er in einer solchen seltenen Partie gegen Schluß des Romans, und zwar ganz ohne Ironie, ausgesprochen: ›Denn ich habe dich lieb gehabt und lieber als manchen …‹« Wenn man seinen Biographen Glauben schenken darf, ist diese Bemerkung Hoffmanns eher ein Understatement und gesellschaftlichen Konventionen geschuldet. Er hat wohl selten einem Menschen so nachgetrauert, wie seinem Kater Murr.

E.T.A. Hoffmanns Grab auf dem auf dem Friedhof III der Gemeinde der Jerusalem- und Neuen Kirche vor dem Halleschen Tor in Berlin

Bilder: Titelkupfer 1819, via Volkmar Rummel: Werkillustrationen, E.T.A.-Hoffmann-Portal;
alle anderen via Kater Paul, a. a. O., 13. bis 18. Januar 2011.

Soundtrack: E.T.A. Hoffmann: Miserere b-Moll für Soli, Chor und Orchester, 1809, unter Roland Bader 1978:

Bonus Track: Katzenjammer: Ain’t No Thang, aus: Le Pop, 2008, live auf der Nidelva in Trondheim:

Written by Wolf

26. November 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Schlossers fliegendes Schaf

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Update zu Der sehr junge Goethe und sein Vorhangstoff
und Ein ganz anderer Kerl als der Fuchs oder Wolf (so, gerade so bist du):

Goethes Schwager Johann Georg Schlosser machte sich durch seine Heirat unglücklich und Goethes Schwester Cornelia gleich mit.

Maya Schulz, Das Schlosser-Haus in Emmendingen, Badische Zeitung 25. März 2021

Schuld war, wie immer, niemand, allenfalls die Verhältnisse. Formuliert hat sie Rousseau, überwiegend 1762 im Émile, und dort im 5. Buch Sophie oder die Frau:

[Die Erfahrung] zeigt zugleich, wie töricht es ist, über den Vorrang oder die Gleichberechtigung der Geschlechter zu streiten. Als ob nicht jedes von beiden, wenn es nach seiner Sonderveranlagung die naturbedingten Ziele anstrebt, vollkommener wäre, als wenn es dem anderen ähnlicher zu sein trachtete!

Das war anno 1776 noch durchaus neu, die Bekannt- und Beliebtheit von Rousseaus Philosophie von der Aufklärung bis in die Romantik hinein überhaupt nicht überschätzbar: Da war endlich die Geschlechtergleichheit immerhin unter gebildeten Ständen theoretisch begründet und nicht länger abzustreiten. Es könnte so schön sein; die historischen Defizite in der Praxis sind bekannt und bis in die Postmoderne nicht vollends ausgeräumt.

Auch dieses Gegenteil lässt aus dem gleichen Buch noch auf derselben Seite herauslesen, denn Rousseau

gesteht [der Frau] die indirekte Macht über den Mann zu. Die Natur habe das schwache Geschlecht mit Eigenschaften ausgestattet, „um sich das starke untertan zu machen“. Denn sie besitzt ihre Reize, denen der Mann nicht zu widerstehen im Stande ist. Die Frau ist befähigt, ihm Widerstand zu leisten, den er wiederum zu brechen bemüht ist. Auf diese Weise fühlt er sich als starker, kühner Sieger über die zurückhaltende, ängstliche Frau. Da sie den Mann mit Ihren Reizen stets beherrschen könnte, hat die Natur sie darüber hinaus mit Schamgefühl ausgestattet, ihn dagegen neben der Leidenschaft mit Vernunft, wodurch sich beide gegenseitig und auch selbst kontrollieren, sowie einander ergänzen.

Mit diesen Rousseau-Stellen erklärt es Astrid Jung in Das Frauenbild nach Jean-Jacques Rousseau 2004:

Die Frauen herrschen nicht, weil die Männer es wollen, sondern weil es die Natur so will. […] Derselbe Herkules, der den fünfzig Töchtern des Thespios Gewalt anzutun glaubte, musste bei Omphale spinnen; […] Diese Herrschaft gehört den Frauen und kann ihnen nicht genommen werden, selbst wenn sie Missbrauch damit treiben. Hätten sie sie jemals verlieren können, so hätten sie sie längst verloren.

Nun stand der ach so starke Mann Johann Georg Schlosser seinem Selbstverständnis nach einem Herkules entschieden näher als einem märchenspinnenden Jammerlappen. Als nicht-adeliger Bürgerlicher der oberste Beamte der Markgrafschaft Baden-Hachberg und Herrscher über zwanzigtausend Seelen, hat er mit „seiner“ Cornelia nicht die Schwester eines Bestsellerautoren und angehenden Dichterfürsten geheiratet, sondern die Tochter eines reichen privatisierenden Kaufmanns. Umso anrührender, wie er seinen ehelichen Liebeskummer in eine im bedrückendsten Sinne naive Parabel bettet, um sie in einer literarischen Zeitschrift öffentlich zum Druck zu befördern.

——— Johann Georg Schlosser:

Eine Ehestandsscene.

Parabel in Heinrich Christian Boie, Hrsg.: Deutsches Museum. Zehntes Stück, Oktober 1776, Seite 889 f.:

Friedrich Pecht, Stahlstich Cornelia Friederica Christiana Schlosser, née Goethe, ca. 1773Ich hatte ein Schaf, das lag in meinem Schoos, trank von meinem Becher, aß mein Brod, und wandelte mit mir auf der Weide. Es kannte keinen Trank als meinen, keine Speise als meine; gieng nicht schneller als ich, und war glücklich bey mir.

Da kam ein Mann und lehrte es fliegen. Es trank Aetherluft, speiste Morgenthau und flatterte um die Sonne.

Ich size seitdem allein und weine. Es schwebt über mir, sieht mich weinen, bedaurt mich, kann aber nicht mehr gehn meinen Gang, nicht mehr essen meine Speise, und ekelt vor meinem Trank.

Warum hat der Mann nicht gewartet, bis wir zusammenfliegen konnten?

Da oben schwebt’s, und sieht Engel lieben, und keinen Engel, der’s liebt; sieht herab, einen Menschen, der’s liebt, und ekelt vor seiner Liebe.

Ach ewige Gerechtigkeit! Warum nahm der Mann dem Schafe das, womit es mich zahlen sollte, und gab ihm, was mir nicht nüzt, und mich nicht zahlt? Was hilft’s, daß es ihm zahlt? Es war ihm nichts schuldig.

Schlosserhaus Emmendingen, 2007

Bilder:

  1. Maya Schulz: Auf den Spuren von Goethes Schwester durch Emmendingen,
    Badische Zeitung 25. März 2021;
  2. Friedrich Pecht: Stahlstich Cornelia Friederica Christiana Schlosser, née Goethe, ca. 1773;
  3. Flominator: Schlosserhaus. Als Grempp’scher Hof seit 1588 im Besitz der Herrschaft. Wohnsitz für die Oberbeamten der Markgrafschaft Hachbarg. Hier lebte und starb Cornelia Goethe (1774-87, Gattin des Oberamtmanns Johann Georg Schlosser, der 1774-87 in Emmendingen wirkte). Nach Verkauf Nutzung als Brauereigaststätte. Erstes Haus in Emmendingen mit elektrischer Beleuchtung, 9. September 2007.

Soundtrack: Kate Bush: And Dream of Sheep, aus: Hounds of Love, 1985, offizielles Live-Video 2014:

Written by Wolf

19. November 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Sturm & Drang

Mann bald war, bald Weib der wechselgestaltige Sithon

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Update zu Der goldene Ginster der Sonne auf dem Strand und dem Meer,
Ich will mich wie mein Schwanz erheben,
Um meiner Mannheit Tiefgang auszuloten
und The tale of the powerful penis:

„Babba, i will a Geschlechtsumwandlung!“

A Fotzn kannst ham.“

Präapokalyptisches Volksgut, ca. 2018.

Der altgriechische Hermaphroditos war zuerst der Sohn — ausdrücklich nicht die Tochter — von Aphrodite und Hermes; daher der Name. Zur Hälfte einer Tochter wurde der Sohn durch die Quellnymphe Salmakis.

Noch beim spätrömischen Ovid ist die Zweigeschlechtlichkeit eines Einzelwesens kurios genug für die mythologische Überlieferung seit Theophrastos von Eresos her — übrigens einem Forstwissenschaftler, der nicht zweckmäßige, aber dennoch regelmäßige Naturphänomene, z. B. Brustwarzen bei männlichen Lebewesen, einer Causa efficiens zuschrieb, von der Insel, jawohl: Lesbos. Uns postmodernen Apokalyptikern müssen zwei Geschlechter, die sich auf einen Träger vereinigen, geradezu lächerlich erscheinen; allein Facebook lässt seit 2014 sechzig Geschlechter zu, darunter auch Hermaphroditen.

Auf eine Auflistung der weiterhin fluiden nicht-binären oder genderqueeren Unterscheidungen oder gar auf eine Bewertung der anhaltenden Diskussion werde ich mich, solange sie Politikum bleibt, nicht einlassen. Nur soviel: Selbstverständlich sind alle Geschlechter zu respektieren und zu unterstützen. Und dass Hermaphroditos‘ mythologischer Vorgänger Agdistis noch mit seinen abgetrennten Geschlechtsteilen raumgreifend fruchtbar war, der spätere, durch Ovid bekanntere und ein modernes Konzept stiftende Hermaphroditos sein Schicksal als Fluch betrachtete, den er mit elterlichem Einverständnis und bis heute fortdauernder Wirkung weitergibt.

Muss aber nichts heißen.

——— Publius Ovidius Naso:

Salmacis und Hermaphroditus (3. Tochter)

aus: Metamorphosen 4, 271–388, Übersetzung Reinhard Suchier:

Hermaphroditos, Historic Erotic Art from Around the WorldSchluss war nun, und es hatten gehorcht auf das Wunder die Ohren.
Glauben versagt ein Teil, ein Teil meint, wirkliche Götter
Hätten zu allem die Macht; doch nicht ist Bakchos darunter.
Jetzt an Alkithoe ist, wie die Schwestern geschwiegen, die Reihe,
Und sie beginnt, mit dem Schiff durcheilend den stehenden Aufzug:
„Nicht die verbreitete Mär von der Liebe des Hirten am Ida,
Daphnis, ersah ich mir aus, den die eifersüchtige Nymphe
Hart ließ werden zu Stein. So heiß drängt Schmerz die Verliebten.
Auch nicht red‘ ich, wie einst der natürlichen Ordnung entgegen.
Mann bald war, bald Weib der wechselgestaltige Sithon.
Die auch, Stahl anjetzt, sonst Iupiters treuer Gefährte,
Kelmis, und euch, Kureten, erzeugt vom reichlichen Regen,
Krokos und Smilax auch, in niedliche Blumen verwandelt,
Lass‘ ich weg, und den Sinn soll fesseln ergötzliche Neuheit.
Warum Salmakis kam in Verruf, weshalb sie verweichlicht
Mit arg wirkendem Quell und erschlafft umflossene Glieder,
Höret es. Wenig bekannt ist der Grund, allkundig der Zauber.
Von Mercurius einst erzeugt mit der Göttin Kytheras
Ward von Naiaden ein Knab‘ in des Ida Grotten erzogen.
Also war sein Gesicht, dass leicht so Vater wie Mutter
Wieder erkannte der Blick; auch ward er nach beiden geheißen.
Wie er erreicht dreimal fünf Jahre, da zog von der Heimat
Bergen der Knabe hinaus und, getrennt von dem nährenden Ida,
War es ihm Lust zu schweifen umher durch fremde Gefilde,
Fremde Gewässer zu sehn; die Mühen verringerte Neugier.
Auch zu dem lykischen Land und den Karern, Lykiens Nachbarn,
Kommt er des Wegs. Hier lockt ihn mit glänzendem Wasser ein Weiher
Klar bis zum untersten Grund. Dort war kein sumpfiges Röhricht,
Dort kein mageres Schilf, noch Binsen mit stachliger Spitze.
Hell durchscheint die Flut. Doch außen umsäumet den Weiher
Frisch aufkeimendes Gras und grün stets bleibender Rasen.
Following Aphrodite, Male Aphrodite. AphroditosDie ihn bewohnt, die Nymph‘ ist zur Jagd untüchtig, und niemals
Zieht den Bogen sie straff, noch mag sie eifern im Wettlauf,
Von den Naiaden allein ganz fremd der behenden Diana.
Oft wohl sprachen zu ihr — so meldet die Sage — die Schwestern:
,Salmakis, nimm den Spieß, den zierlich gefertigten Köcher,
Und mit der stärkenden Jagd vertausche behagliche Muße!‘
Doch nicht nimmt sie den Spieß, noch den zierlich gefertigten Köcher,
Mag mit der stärkenden Jagd nicht tauschen behagliche Muße,
Sondern bespült in dem Wasser des Quells die reizenden Glieder,
Streicht die Haare sich glatt mit dem Kamm von kytorischem Buchsbaum
Oder befragt, was schön ihr stehe, die spiegelnden Wellen;
Mit durchsichtigem Kleid auch öfter umgeben den Körper
Wählt bald schwellendes Laub, bald schwellendes Gras sie zum Lager;
Oft pflückt Blumen sie ab. Auch damals pflückte sie Blumen,
Als sie den Knaben erblickt und den kaum Erblickten begehret.
Noch nicht nahte sie ihm, obgleich sie sich eilte zu nahen,
Bis sie geordnet den Putz und musternd besehen den Anzug,
Freundlich die Miene gemacht und verdient liebreizend zu scheinen.
‚Jüngling‘, redet sie nun, ,als einer der Götter zu gelten
Würdig zumeist! Wofern du ein Gott, wohl bist du Cupido;
Doch wenn sterblicher Art, dann selig die beiden Erzeuger,
Glücklich der Bruder von dir, fürwahr zu beneiden die Schwester,
Falls dein eine du nennst, und die einst dich säugte, die Amme!
Doch glückselig und reich vor allen und über die Maßen,
Die als Braut dir gehört, die würdig du findest der Fackel.
Hast du diese bereits, sei mein Umfangen verstohlen;
Hast du sie nicht, sei ich’s, und lass uns einen das Brautbett!‘
Hiermit schwieg die Naiad‘. Es errötet die Wange des Jünglings,
Welchem die Liebe noch fremd. Doch schön auch stand das Erröten.
So ist der Apfel zu sehn, der hängt am sonnigen Baume,
Oder das Elfenbein, das gefärbt ist, oder mit Weiße
Röte vereinend der Mond, wenn fruchtlos helfendes Erz tönt.
Als ihn um Schwesterkuss zum wenigsten ständig die Nymphe
Bittet und schon ausstreckt nach dem helfenen Nacken die Arme,
Ruft er: ‚Hinweg! Sonst flieh‘ ich und meide den Ort und dich selber.‘
Salmakis bangte darob und sprach: ‚Frei mögest du, Fremdling,
Hier dich ergehn!‘ Und sie wendet zum Schein weggehend die Schritte.
Doch stets blickt sie zurück, und versteckt im Wald der Gebüsche
Lugt sie geduckt mit gebogenem Knie. Doch jener, wie Knaben
Pflegen, und unbelauscht sich wähnend im einsamen Grase,
Geht lustwandelnd umher, und hinein in die plätschernden Wellen
Taucht er die Sohlen zuerst, dann bis an die Knöchel die Füße.
Bald auch legt er, gelockt von der Milde des schmeichelnden Wassers,
Nieder das weiche Gewand von dem zartgebildeten Körper.
Da kommt Salmakis ganz von Sinnen und brennt von Begierde
Nach der enthüllten Gestalt, und es glühen die Augen der Nymphe
Ähnlicher Art, wie wenn vollglänzend mit lauterer Scheibe
Prallt die Sonne zurück vom entgegen gehaltenen Spiegel.
Kaum erträgt sie Verzug, kann kaum ihr Entzücken verschieben,
Wünscht ihn schon zu umarmen; von Sinnen kann kaum sie sich halten.
Jener beklatscht sich den Leib mit offenen Händen und springet
Rasch in die Wellen hinein, und rudernd mit wechselnden Armen
Scheinet er durch in der Flut, wie wenn schneeige Lilien einer
Oder ein elfenes Bild zudeckt mit hellem Kristallglas.
Bartholomäus Spranger, Hermaphroditos und Salmacis, 1580--1582,Sieg! er ist mein!‘ So ruft die Naiad‘, und jegliche Hülle
Schleudert sie fort und wirft sich mitten hinein in die Wellen,
Hält den Streitenden fest und raubt im Ringen ihm Küsse,
Schiebt ihm unter die Händ‘ und berührt den wehrenden Busen,
Und bald schmiegt sie sich hier, bald schmiegt sie sich dort an den Jüngling.
Endlich hält sie, wie sehr er sich sträubt und sucht zu entkommen,
Ihn wie die Schlange umstrickt, die der Königsvogel davonträgt
Und hoch rafft in die Luft — im Schweben umwickelt ihm jene
Füße und Kopf und umschlingt mit dem Schwanz die gebreiteten Flügel —
Oder wie Efeu pflegt sich zu ranken an ragenden Stämmen,
Oder wie unter der Flut der Polyp den ergriffenen Gegner
Hält mit den Fängen gepackt, die er streckt nach jeglicher Seite.
Stand hält Atlas‘ Spross und weigert der Nymphe die Freuden,
Die sie ersehnt. Sie drängt und spricht, wie sie dicht an den Jüngling
Sich mit dem Leibe gefügt: ‚Wie sehr, Grausamer, du wehrest,
Doch entkommst du mir nicht. So möge, verhängt es, ihr Götter,
Jenen von mir kein Tag, kein Tag mich trennen von jenem!‘
Götter alsbald willfuhren dem Wunsch. Die Körper der beiden
Werden vermengt und zu einer Gestalt miteinander verbunden.
Wie oft einer gewahrt, der Zweige vereint mit der Rinde,
Dass sie verwachsen in eins und dann aufschießen gemeinsam:
Also, wie sich verschränkt die Glieder in enger Verschlingung,
Sind’s nicht zwei und doch ein Doppelgeschöpf, das zu heißen
Knabe so wenig wie Weib; sie scheinen so keines wie beides.
Wie er sich sieht von der Flut, worein als Mann er gestiegen,
Zum Halbmann gemacht und schlaff die Glieder geworden,
Bittet, die Hände gestreckt, mit schon unmännlicher Stimme
Hermaphroditus und spricht: ‚Erweist, o Vater und Mutter,
Euerem Sohne die Gunst, der führt von euch beiden den Namen:
Wer in den Quell hier kommt als Mann, der steige als Zwitter
Wieder heraus und erschlaffe sogleich, wie er taucht in das Wasser.‘
Gütig erfüllend den Wunsch des doppelgestaltigen Sohnes
Geben die Eltern dem Quell das Geschlecht verwirrenden Zauber.“

Variation über Paul Richer, Tres In Una, 1913, via Hellenic Poetry, Hermaphrodites, Poems, and Songs I, 23. Februar 2017

Bilder:

  1. „This piece of non-gender conforming historic art comes to us from 3rd century CE […]“,
    via Historic Erotic Art from Around the World, 24. Januar 2016:
    „This statue is on display at the Louvre in Paris.“;
  2. Following Aphrodite: Male Aphrodite: Aphroditos, 3. Januar 2021;
  3. Bartholomäus Spranger: Hermaphroditos und Salmacis, 1580 bis 1582;
  4. Kontrafaktur über Paul Richer: Tres In Una, 1913,
    via Hellenic Poetry: Hermaphrodites, Poems (and Songs) I, 23. Februar 2017.

Soundtrack: Frank Black And The Catholics: Hermaphroditos, aus: Dog in the Sand, 2001:

I am a dog
I am a sculpture
You hate my features
And you name me for a god […]
Forget your yin
And go fuck your yang
It seems that you rang
And it seems I won’t be answering […]
And I’m still around
But who wants to listen
To my voice in your prison

Written by Wolf

12. November 2021 at 00:01

Nachtstück 0029: Hat es hier auf Erden nicht genug Lärm und Wirrnis gegeben?

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Update zu Und waiß nit, wann,
Stiefpilzin,
Ein Kreuzchen oder Stein,
Break in college sick bay,
Du Uhu du und
Etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales:

Hank Nagler, Licht im Treppenhaus 2021, Balan Street Suicide Pictures, 16. August 2021Das scheint ein Original von Frank T. Zumbach zu sein, jedenfalls war es nirgends anderwärts nachzuweisen. Zuzeiten überliefert er auch wärmende Gedanken — und löscht sie wieder. Wie gut, dass wir da sind, um dem Vergessen in den Arm zu fallen.

——— Frank T. Zumbach:

Kommentar zu Hank Nagler:

Licht im Treppenhaus 2021

in: Balan Street Suicide Pictures, 16. August 2021:

Eine uralte irische Sicht lautet:

Wer fürchtet sich vor dem Tode? Ich denke, nur Narren. Denn es ist ja nicht so, daß er nur einem widerführe, sondern allen. Die Reise, auf die sich mein Freund begibt, kann ich ebenso unternehmen. Wenn ich auch sonst nichts weiß, so weiß ich doch, daß ich dorthin gehe, wohin er gegangen ist. Oh, daß ihr zurückschreckt vor jener kleinen Tür, durch die so viele freundliche und liebenswerte Seelen vor euch geschritten sind! Wollt ihr da zurückstehen? Ist es in eurem Falle schwerer und unzumutbarer als für irgend jemand sonst? Gewiß nicht. Zu viel Stille, glaubt ihr? Hat es hier auf Erden nicht genug Lärm und Wirrnis gegeben? Wenn es an der Zeit ist, geht nur guten Mutes. Wohin so viel an Größe und Sanftmut hinüberwechselte, könnt ihr freudig nachfolgen.

Freundliche und liebenswerte Seelen: First Aid Kit: Ghost Town, aus: The Big Black and the Blue, 2010:

If you’ve got visions of the past,
let them follow you down
and they’ll come back to you someday.
And I found myself attached
to this railroad track,
but I’ll come back to you someday.

Written by Wolf

5. November 2021 at 00:01