Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Weisheit & Sophisterei’ Category

Gerede AGAM

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Update zu Kätzische Beiträge zur Konstitution einer Angewandten Poesie
und Der vortreffliche Kater Murr (Gekatzbuckel!):

Alles haben die Griechen erfunden, von der fünffachen Schale bis zur Philosphie, nur die sieben freien Künste nicht. Die bleiben bei Aristoteles so sehr Vorstufe zu sich selbst wie die fünffache Schale zum Cocktail. Was gehört nochmal in so eine Schale, und was genau waren die freien Künste 1 bis 7? Ich will nachschlagen. Leider ruht der vortreffliche Kater Murr so nachdrücklich auf meinem Bauch, dass es wie die Tätigkeit aus einer gedachten achten freien Kunst aussieht. Dann trifft mich die Erinnerung wie ein pilum aus dem alten Rom:

GeReDe A G A M.“

„Was soll das sein, Gerede agam, o sinnreichster aller Meister?“ fragt der vortreffliche Kater Murr.

„Ein Merksatz, o beste aller Miezekatzen.“

„Ein Satz, den man sich extra merken muss?“

„Ein Satz, der dir hilft, dir die septem artes liberales zu merken.“

„Oh, Meister, du weißt, wie’s zwischen uns steht. Wir können doch mitsammen reden. Also nur immer frisch heraus mit der freien teutschen Rede.“

Die sieben freien Künste.“

„Wie er das nur schafft, der Satz?“

„Er sagt dir die Disziplinen auf, die ein junger Mann für sein studium generale lernen muss.“

C.R. Tucker: Girl feeding a kitten, June 1908„Oder eine junge Frau.“

„Nein, eben keine Frau. Das studium generale ist älter als das Bewusstsein für Gender-Fragen. Noch nicht mal ein bürgerlicher Mann. Nur adlige.“

„Also auch Katzen?“

„Nein, nur wehrfähige. Also keine Kater.“

„Murr.“

„Das kann dich als Frau oder Katze durchaus in Vorteile setzen. Kein Studium, kein Kriegsdienst.“

„Und wenn der tolle Achilles, der studieren will, deinen Satz kennt, was soll dann sein?“

„Dann, o Katze, äußert sich der Satz zu sotanem Behuf in einem bis zum Makkaronischen verfremdeten Latein. Eingedeutscht bedeutet er: Ich werde ein Gerede vollführen, vulgo: Ich rede gleich Quatsch. Das müsste doch gerade dir sehr zupasse kommen. Das wirkt lustig. Und darum merkst du dir das leichter.“

„Wie und auf welche Weise sollte ich das genau tun, o Meister?“

„Das erste Wort besteht aus drei Buchstaben. Es bezeichnet das im studium generale grundlegende Trivium aus Grammetik, Rhetorik und Dialektik. Das zweite Wort besteht aus vier Buchstaben. Daher bezeichnet es das aufbauende Quadrivium aus Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik.“

„Und das wird leichter, wenn ich mir außer den sieben freien Künsten, die aus drei plus vier Studienfächern bestehen, zusätzlich auch noch einen bescheuerten Satz merken muss, der aus zwei sinnlosen Wörtern besteht?“

„Das ist sehr verbreitet. Man nennt es Eselsbrücke.“

„Kein Wunder.“

„Wie würdest du dir denn die sieben freien Künste merken, o klügste aller Miezekatzen?“

„Hypothetisch angenommen, den sieben freien Künsten wohnte ein nicht weit genug entlegenes Interesse inne, dass ich sie mir merken wollte, so würde ich sie mir vermutlich einfach merken.“

„Ach Murr. So leicht wär’s gewesen, gelle?“

„Bist du auf diese achte freilaufende Kunst, mit der du dir die ersten sieben merkst, alleine verfallen?“

„Das würdest du mir zutrauen?“

„Wenn du mich so fragst …“

„Na?“

„… vielleicht doch nicht.“

„Du bist ein gnadenvoller Menschenkenner, o Murr.“

„Ach, Menschen. Ihr seid recht durchschaubar.“

„Und das ganz ohne Merksätze!“

„Kann sich doch kein Katzenschwanz merken.“

„Mein alter Germanistikdozent schon.“

„Der ist da draufgekommen?“

„Ein gescheiter Mann war das.“

„Anscheinend nicht gescheit genug.“

„Immerhin promoviert, gar habilitiert. Ob er allerdings alleine auf den Satz verfallen ist, weiß ich auch nicht.“

„Was sagt das Internet dazu?“

„Das ist es ja: Bis jetzt gar nichts.“

„Dafür hat das Internet ja dich.“

„Und wenn es genug von Merksätzen hat, dann hat es immer noch dich.“

„Das hast du wieder schön gesagt, Meister.“

„Ach Murr.“

„Murr.“

Bildungsbilder: Andrea di Bonaiuto: Triumph des hl. Thomas von Aquin (Detail mit den weiblichen Allegorien der sieben freien Künste mit ihren Attributen), Fresko in der Cappellone degli Spagnoli, zwischen 1365 und 1368, Santa Maria Novella, Florenz;
C.R. Tucker: Girl feeding a kitten, Juni 1908, via Nemo65;
Septem Artes Liberales (The Seven Liberal Arts), female personifications with their respective attributes; from left to right: Grammar, Dialectics, Rhetoric, Music, Arthmetic, Geometry and Astronomy. Etching, British Museum, London.

Soundtrack: Kaiser Cartel: Favorite Song, aus: March Forth, 2008, für Liberal Arts, 2012.

Written by Wolf

21. April 2017 at 00:01

Hipsteros

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Update zu Dreidreiviertel Arbeitstage oder Die CDs wechseln muss man schon,
Was tat der Eitele, ein Emo zu scheinen? und
Wie werde ich Schriftsteller? (Von den Exkrementen hirnloser Köpfe):

Yo, Alder, ich hab schon Wieland gelesen, bevor es Mainstream wurde.

Am Mittwoch, dem 20. Januar 1813 starb Wieland gegen Mitternacht. Sein Leichnam wurde im Garten seines Anwesens in Oßmannstedt – eines alten Rittergutes an der Ilm, wo er von 1797 bis 1803 gelebt hatte – an der Seite seiner Frau bestattet.

Wieland-Museum mit Wieland-Archiv: Über Wieland.

Wieland-Gesamtausgabe 1853--1858, kann gegen Terminvereinbarung besichtigt werden, aber nicht von jedem, wo kommen wir denn da hin.

Vorher schrieb er Aristipp und einige seiner Zeitgenossen, der ab 1800 ans Licht trat und damit schon zu seinen Alterswerken zählt. Beschäftigt hat ihn der Philosoph und seine Geschichte schon länger: In der zweiten grundlegenden Umarbeitung seines jugendlicheren Werks Geschichte des Agathon — die Erstfassung is von 1766, als Wieland 33 war — schreibt er 1794 im Vorwort Ueber das Historische im Agathon:

Erik Schlicksbier, Bentje, Kiel 2014Diejenigen, welchen es vielleicht scheinen möchte, daß der Verfasser den Philosophen Aristipp zu sehr verschönert, dem Plato hingegen nicht hinlängliche Gerechtigkeit erwiesen habe, werden die Gründe, warum jener nicht häßlicher und dieser nicht vollkommner geschildert worden, dereinst in einer ausführlichen Geschichte der Sokratischen Schule (wenn wir anders Muße gewinnen werden, ein Werk von diesem Umfang auszuführen) entwickelt finden. Hier mag es genug seyn, wenn wir versichern, daß beides nicht ohne sattsame Ursachen geschehen ist. Aristipp, bei aller seiner Aehnlichkeit mit dem Sophisten Hippias, unterschied sich unstreitig durch eine bessere Sinnesart und einen ziemlichen Theil von Sokratischem Geiste. Ein Mann wie Aristipp wird der Welt immer mehr Gutes als Böses thun; und wiewohl seine Grundsätze, ohne das Laster eigentlich zu begünstigen, von einer Seite der Tugend nicht sehr beförderlich sind: so erfordert doch die Billigkeit zu gestehen, daß sie auf der andern, als ein sehr wirksames Gegengift gegen die Ausschweifungen der Einbildungskraft und des Herzens, gute Dienste thun, und dadurch jenen Nachtheil reichlich wieder vergüten können. Aber wir besorgen sehr, daß Plato, anstatt einige Genugthuung an den Verfasser des Agathons fordern zu können, bei genauester Untersuchung ungleich mehr zu verlieren, als zu gewinnen haben dürfte.

Kurz darauf gewann er in seinem Oßmannstedt dankenswerter Weise doch noch die Muße zu seinem Werk vom größten Umfang. Der Tonfall hat aus inhaltlichen Gründen schon anno 1800 antikisiert und lässt heute noch viel mehr an jeder Ecke das lächerlichste Pathos der Machart „O du, die du“ befürchten, ist aber moderner, als manch einer heutzutage sein will. Die vollständige Lesung vom dazu berufensten aller Vorleser Jan Philipp Reemtsma dauert lasche 29 Stunden und 47 Minuten auf 24 CDs und wird keine einzige davon langweilig.

——— Christoph Martin Wieland:

4. An Demokles von Cyrene.

aus: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen, G. J. Göschen’sche Verlagshandlung, Leipzig 1800–1802:

Es mag seyn, daß meine Maxime mich öfters eines lebhaftern Genusses beraubt: aber dafür gewährt sie mir auch den Vortheil, mich selten in meiner Erwartung getäuscht zu finden. Auch begegnet mir öfters, daß ich anstatt mit der Menge zu bewundern, mich (mit deiner Erlaubniß) nicht wenig verwundere, wie die Leute so gutmüthig seyn mögen, über Dinge in Entzückung zu gerathen, die, bei kaltem Blute aufs gelindeste beurtheilt, nur lächerlich sind, und bei strengerer Prüfung leicht in einem noch ungünstigern Licht erscheinen könnten.

Erik Schlicksbier, Bentje, Kiel 2014[…] Käme, dacht‘ ich, ein Perser oder Skythe, der noch nichts von diesem Institut gehört hätte, von ungefähr dazu, wenn im Angesicht einer unzählbaren Menge Volks, in einem Ehrfurcht gebietenden Kreise der edelsten und angesehensten Männer der Nation, nach einem dem Könige der Götter dargebrachten feierlichen Opfer, die Sieger öffentlich erklärt und gekrönt werden, und sähe das stolze Selbstbewußtseyn, womit sie, von ihren wonnetrunkenen Verwandten, Freunden und Mitbürgern umdrängt, und vom allgemeinen Jubel der Zuschauer bewillkommt, sich den Kampfrichtern nahen, um die Krone zu empfangen: müßt‘ er nicht glauben, diese Menschen könnten nichts Geringeres gethan haben, als ganz Griechenland durch einen Marathonischen oder Salaminischen Sieg vom Untergang gerettet, oder wenigstens jeder um seine eigene Vaterstadt sich durch irgend eine außerordentliche That unendlich verdient gemacht zu haben? Aber wie erstaunt und betroffen würde dann ein solcher dastehn, wenn er hörte daß es weiter nichts ist, als daß der eine dieser gekrönten Helden am besten laufen kann, ein anderer die schnellsten Rennpferde und den geschicktesten Kutscher hat, ein dritter der größte Meister im Faustkampf oder in der edeln Kunst seinen Gegner zu Boden zu ringen ist? Wahrlich dieser Perser oder Skythe, wiewohl die Griechen seiner Nation die Ehre erweisen sie nur für Halbmenschen anzusehen, würde sich schwerlich enthalten können, das widersinnische Schauspiel für die Wirkung irgend einer zürnenden Gottheit zu halten, und zu glauben, die ganze Nation müßte entweder von einem allgemeinen Wahnsinn befallen, oder, trotz ihrer übrigen Vorzüge, zu einer ewigen Kindheit der Vernunft verdammt seyn. Daß ein schnellfüßiger Jüngling, ein gewandter Wagenlenker, ein nerviger Kerl der den Kampfhandschuh am kräftigsten zu gebrauchen wußte, oder um den stärksten Gegner zu überwältigen, keiner andern Waffe als seiner eigenen eisernen Faust bedurfte, in den Zeiten, da der Thebanische Hercules diese feierlichen Spiele gestiftet haben soll, ein wichtiger Mann für seine kleine Vaterstadt war, ist natürlich, und aus dem rohen Zustand einer von ihrer ursprünglichen Wildheit noch langsam sich losarbeitenden Horde leicht zu erklären. Aber daß ein so gebildetes Volk, wie die Griechen dermalen sind, bei so gänzlich veränderter Lage der Sachen, noch immer ein so großes Aufheben von Geschicklichkeiten macht, die entweder ganz unbrauchbar, oder doch verhältnißmäßig von sehr geringem Nutzen geworden sind; daß der Mensch, der zu Olympia öffentlich dargethan hat, daß er den stiermäßigsten Nacken, die stärksten Brustknochen und die derbeste Faust seiner Zeit besitze, oder mit jedem Hasen in die Wette laufen könne, für die höchste Zierde seiner Vaterstadt gehalten, im Triumph eingehohlt, über alle seine Mitbürger hinaufgesetzt, und als ein Wohlthäter seines Volks öffentlich unterhalten, geehrt und nur nicht gar vergöttert wird, wiewohl die Stärke seiner Muskeln und Knochen, oder die Behendigkeit seiner Füße vielleicht das Einzige ist, was ihn von dem rohesten und verdienstlosesten seiner Mitbürger unterscheidet, – das ist doch wirklich so ungereimt, daß man es kaum seinen eigenen Augen zu glauben wagt.

15. Volkssport-Olympiade in Koblenz an Rhein und Mosel vom 6. bis 10. Juni 2017

Bilder: Erik Schlicksbier: Bentje beim Sport, Kiel 2014;
15. Volkssport-Olympiade in Koblenz an Rhein und Mosel vom 6. bis 10. Juni 2017.
Das erste ist von mir und bei mir. Besichtigung gegen Terminvereinbarung, aber nicht für jeden, wo kommen wir denn da hin.
Soundtrack: Spillsbury: Die Wahrheit, aus: Raus!, 2003:

Written by Wolf

20. Januar 2017 at 00:01

Touristengeheimtipp mit Gewinnspiel (geschlossen): Meide das Oktoberfest!

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Update zu Große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen gleichen,
Nur die Wurst hat zwei und
Isarathen ist die nördlichste Stadt Italiens:

Bayerische Staatsbibliothek, Plakat Bilderwelten 2016, DetailAch Gott, schon wieder Oktoberfest. Nachdem meiner bescheidenen, weil sehr eingeschränkten Wahrnehmung nach da wirklich jeder in München ist, muss ich mal eine Lanze brechen: München hat auch schöne Ecken.

Die grundsätzlich wunderschönen Ausstellungen der Bayerischen Staatsbibliothek, die sehr viel mehr wert wären als den freien Eintritt, sind ab sofort als App erreichbar. Weil ich ein altmodischer Mensch bin, der davon abrät, mehrere Jahrhunderte alte Bücher im Gegenwert eines Münchner Vororts auf der Größe eines womöglich noch gesprungenen Telefons anzuschauen, empfehle ich vielmehr allen meist nicht weniger altmodischen Menschen, persönlich zur Ausstellung Bilderwelten 2016. Buchmalerei zwischen Mittelalter und Neuzeit zu kommen.

Die Ausstellung hat drei Teile, die nicht räumlich, sondern zeitlich getrennt liegen: Vom 13. April bis 15. Juli war die Eröffnungsausstellung Luxusbücher, seit 25. Juli noch bis 6. November herrscht Ewiges und Irdisches. Mitteleuropäische Buchmalerei 1400–1540, und Aufbruch zu neuen Ufern kommt ab 14. November 2016 bis 24. Februar 2017. Sie können also dreimal hin, bis jetzt noch zweimal, was gar nicht so schlecht ist. Die Stabi liegt angenehm zentral, wird im Sommer gekühlt und im Winter geheizt, zur Ausstellung — in den Schatzkammern — geht’s einmal die Treppe rauf und zweimal rechts, und wenn Sie wieder rauskommen, entfaltet sich schon am Ausgang der Kneipenreichtum der Schellingstraße. Wer da noch zögern wollte.

Öffnungszeiten: Montag–Freitag 10:00–17:00 Uhr, Donnerstag 10:00–20:00 Uhr sowie am 1. Sonntag im Monat 13:00–17:00 Uhr. Der Eintritt ist frei. Kostenlose öffentliche Führungen jeweils donnerstags um 16:30 Uhr sowie jeden 1. Sonntag im Monat um 14:00 Uhr.

Wer schryben kan
der sol schryben
wer mâlen kan
der sol belîben
och damit
Ain ieglicher sol
begen daz er kome wol.

Von den gemalten
bilden sint
die geburen
und die kint
gevreuwet oft.
Wer nit enkan
versten
waz ein bider man
an der geschrift
versten sol
dem sy
mit den bilden wol.

Der pfaffe sehe
die schrift an
so sol
der ungelernte man
die bilde sehen
sit im nicht
die schrift
zerkennen geschickt.

Der Paffe soll
die Schriften lesen
jedoch
das ungelehrte Wesen
schau bei Bildern
sehr gut hin
und erkenne
so den Sinn.

Diese drei Verslein und wenigen Bilder hab ich von meinem Besuch der Luxusbücher mitgebracht. Ich verschweige absichtsvoll deren Quelle, die man nicht online findet, sondern nur auf den Plakaten im 1. Stock der Bayerischen Staatsbibliothek, auf dem Zugang zu den Ausstellungen in den Schatzkammern. Wer mir in den Kommentar schreiben kann, wo das her ist, muss dort gewesen sein und wird von mir belohnt: Der, sie oder es kriegt von mir ein schönes, eigens angekauftes Buch geschenkt, wird hier im Weblog sehr lobend erwähnt und darf schamlos für etwas werben, das ihm am Herzen liegt. Mein Angebot gilt bis zum Ausstellungsende am 24. Februar 2017.

Bayerische Staatsbibliothek, Plakat Bilderwelten 2016, Detail

Bilder: 1.: Detail aus dem Plakat für die besprochene Ausstellung;
2: Detail aus dem Detail aus dem Plakat für die besprochene Ausstellung, weil mir jemand mit ganz ähnlich abgemagerten Gummizehen einst recht nahe stand;
3.: Berthold Furtmeyr: Baum des Todes und des Lebens aus dem Salzburger Missale, vulgo Furtmeyr-Bibel, vor 1481, via Bayerische Staatszeitung vom 16. April 2016, erklärt siehe Eule der Minerva und in der besprochenen Ausstellung aufgeblättert.

Berthold Furtmayr, Baum des Todes und des Lebens, Salzburger Missale, vor 1481

Soundtrack: F.S.K.: Diesel Oktoberfest aus: The Sound of Music, 1993;
in: Franz Dobler: Wo Ist Zu Hause Mama, Trikont, München 1995:

Written by Wolf

16. September 2016 at 00:34

Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!

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Und gibt es keine Tugenden mehr unter ihnen, keine Gerechtigkeit, keine Wohltätigkeit, keine Bescheidenheit im Glücke, keine Größe und Standhaftigkeit im Unglück?

Heinrich von Kleist: Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden, ca. 1799.

Update zu Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein:

Was man Kleist gar nicht zugetraut hätte:

  1. dass er nach einem so kompetenzstrotzenden Aufsatz noch erweiterten Selbstmord begehen könnte;
  2. dass er mit erstem Namen Bernd heißt.

Es lohnt sich, den Aufsatz zur Gänze zu lesen: Er gibt in nicht gerade postmodern reißerischer, aber erfreulicher Dichte einige zitierbare Sentenzen und eigenständige Gedanken her, die einen bei der Stange halten können. Es wäre also wirklich schade darum, wenn er ein Brief an Kleists Kriegs- und Wanderkameraden Rühle von Lilienstern unter Ausschluss der Öffentlichkeit geblieben wäre; vom Schreiber der essayistischen Husarenstücke der Allmählichen Verfertigung und des Marionettentheaters hätte man nichts Nachlässigeres erwartet.

Das Bildmaterial ist von jener Selbstliebe gezeichnet, mit der alle Menschenliebe beginnt, denn „wahrlich, mein Freund, es ist ohne Menschenliebe gewiß kein Glück möglich“. Bildnachweise am Schluss, die meisten bitte erst ab einem Alter von 18 Jahren verfolgen.

——— Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist:

Aufsatz,
den sichern Weg des Glücks zu finden,
und ungestört,
auch unter den größten Drangsalen
des Lebens, ihn zu genießen!

An Rühle.

Entstanden um 1799, Erstdruck in: Theophil Zolling, Hg.: Sämtliche Werke, Stuttgart 1885:

Wir sehen die Großen dieser Erde im Besitze der Güter dieser Welt. Sie leben in Herrlichkeit und Überfluß, die Schätze der Kunst und der Natur scheinen sich um sie und für sie zu versammeln, und darum nennt man sie Günstlinge des Glücks. Aber der Unmut trübt ihre Blicke, der Schmerz bleicht ihre Wangen, der Kummer spricht aus allen ihren Zügen.

Dagegen sehen wir einen armen Tagelöhner, der im Schweiße seines Angesichts sein Brot erwirbt; Mangel und Armut umgeben ihn, sein ganzes Leben scheint ein ewiges Sorgen und Schaffen und Darben. Aber die Zufriedenheit blickt aus seinen Augen, die Freude lächelt auf seinem Antlitz, Frohsinn und Vergessenheit umschweben die ganze Gestalt.

Distant Passion, Quédate hoy conmigo, vive conmigo un día y una..., Juni 2016Was die Menschen also Glück und Unglück nennen, das sehn Sie wohl, mein Freund, ist es nicht immer; denn bei allen Begünstigungen des äußern Glückes haben wir Tränen in den Augen des erstern, und bei allen Vernachlässigungen desselben, ein Lächeln auf dem Antlitz des andern gesehen.

Wenn also die Regel des Glückes sich nur so unsicher auf äußere Dinge gründet, wo wird es sich denn sicher und unwandelbar gründen? Ich glaube da, mein Freund, wo es auch nur einzig genossen und entbehrt wird, im Innern.

Irgendwo in der Schöpfung muß es sich gründen, der Inbegriff aller Dinge muß die Ursachen und die Bestandteile des Glückes enthalten, mein Freund, denn die Gottheit wird die Sehnsucht nach Glück nicht täuschen, die sie selbst unauslöschlich in unsrer Seele erweckt hat, wird die Hoffnung nicht betrügen, durch welche sie unverkennbar auf ein für uns mögliches Glück hindeutet. Denn glücklich zu sein, das ist ja der erste aller unsrer Wünsche, der laut und lebendig aus jeder Ader und jeder Nerve unsers Wesens spricht, der uns durch den ganzen Lauf unsers Lebens begleitet, der schon dunkel in dem ersten kindischen Gedanken unsrer Seele lag und den wir endlich als Greise mit in die Gruft nehmen werden. Und wo, mein Freund, kann dieser Wunsch erfüllt werden, wo kann das Glück besser sich gründen, als da, wo auch die Werkzeuge seines Genusses, unsre Sinne liegen, wohin die ganze Schöpfung sich bezieht, wo die Welt mit ihren unermeßlichen Reizungen im kleinen sich wiederholt?

Da ist es ja auch allein nur unser Eigentum, es hangt von keinen äußeren Verhältnissen ab, kein Tyrann kann es uns rauben, kein Bösewicht kann es stören, wir tragen es mit in alle Weltteile umher.

Wenn das Glück nur allein von äußeren Umständen, wenn es also vom Zufall abhinge, mein Freund, und wenn Sie mir auch davon tausend Beispiele aufführten; was mit der Güte und Weisheit Gottes streitet, kann nicht wahr sein. Der Gottheit liegen die Menschen alle gleich nahe am Herzen, nur der bei weiten kleinste Teil ist indes der vom Schicksal begünstigte, für den größten wären also die Genüsse des Glücks auf immer verloren. Nein, mein Freund, so ungerecht kann Gott nicht sein, es muß ein Glück geben, das sich von den äußeren Umständen trennen läßt, alle Menschen haben ja gleiche Ansprüche darauf, für alle muß es also in gleichem Grade möglich sein.

Lassen Sie uns also das Glück nicht an äußere Umstände knüpfen, wo es immer nur wandelbar sein würde, wie die Stütze, auf welcher es ruht; lassen Sie es uns lieber als Belohnung und Ermunterung an die Tugend knüpfen, dann erscheint es in schönerer Gestalt und auf sicherem Boden. Diese Vorstellung scheint Ihnen in einzelnen Fällen und unter gewissen Umständen wahr, mein Freund, sie ist es in allen, und es freut mich in voraus, daß ich Sie davon überzeugen werde.

Wenn ich Ihnen so das Glück als Belohnung der Tugend aufstelle, so erscheint zunächst freilich das erste als Zweck und das andere nur als Mittel. Dabei fühle ich, daß in diesem Sinne die Tugend auch nicht in ihrem höchsten und erhabensten Beruf erscheint, ohne darum angeben zu können, wie dieses Verhältnis zu ändern sei. Es ist möglich daß es das Eigentum einiger wenigen schönern Seelen ist, die Tugend allein um der Tugend selbst willen zu lieben, und zu üben. Aber mein Herz sagt mir, daß die Erwartung und Hoffnung auf ein menschliches Glück, und die Aussicht auf tugendhafte, wenn freilich nicht mehr ganz so reine Freuden, dennoch nicht strafbar und verbrecherisch sei. Wenn ein Eigennutz dabei zum Grunde liegt, so ist es der edelste der sich denken läßt, denn es ist der Eigennutz der Tugend selbst.

Und dann, mein Freund, dienen und unterstützen sich doch diese beiden Gottheiten so wechselseitig, das Glück als Aufmunterung zur Tugend, die Tugend als Weg zum Glück, daß es dem Menschen wohl erlaubt sein kann, sie nebeneinander und ineinander zu denken. Es ist kein beßrer Sporn zur Tugend möglich, als die Aussicht auf ein nahes Glück, und kein schönerer und edlerer Weg zum Glücke denkbar, als der Weg der Tugend.

Aber, mein Freund, er ist nicht allein der schönste und edelste, – wir vergessen ja, was wir erweisen wollten, daß er der einzige ist. Scheuen Sie sich also um so weniger die Tugend dafür zu halten, was sie ist, für die Führerin der Menschen auf dem Wege zum Glück. Ja mein Freund, die Tugend macht nur allein glücklich. Das was die Toren Glück nennen, ist kein Glück, es betäubt ihnen nur die Sehnsucht nach wahrem Glücke, es lehrt sie eigentlich nur ihres Unglücks vergessen. Folgen Sie dem Reichen und Geehrten nur in sein Kämmerlein, wenn er Orden und Band an sein Bette hängt und sich einmal als Mensch erblickt. Folgen Sie ihm nur in die Einsamkeit; das ist der Prüfstein des Glückes. Da werden Sie Tränen über bleiche Wangen rollen sehen, da werden Sie Seufzer sich aus der bewegten Brust emporheben hören. Nein, nein, mein Freund, die Tugend, und einzig allein nur die Tugend ist die Mutter des Glücks, und der Beste ist der Glücklichste.

Sie hören mich so viel und so lebhaft von der Tugend sprechen, und doch weiß ich, daß Sie mit diesem Worte nur einen dunkeln Sinn verknüpfen; Lieber, es geht mir wie Ihnen, wenn ich gleich so viel davon rede. Es erscheint mir nur wie ein Hohes, Erhabenes, Unnennbares, für das ich vergebens ein Wort suche, um es durch die Sprache, vergebens eine Gestalt, um es durch ein Bild auszudrücken. Und dennoch strebe ich ihm mit der innigsten Innigkeit entgegen, als stünde es klar und deutlich vor meiner Seele. Alles was ich davon weiß, ist, daß es die unvollkommnen Vorstellungen, deren ich jetzt nur fähig bin, gewiß auch enthalten wird; aber ich ahnde noch mehr, noch etwas Höheres, noch etwas Erhabeneres, und das ist recht eigentlich, was ich nicht ausdrücken und formen kann.

Mich tröstet indes die Rückerinnerung dessen, um wieviel noch dunkler, noch verworrener, als jetzt, in früheren Zeiten der Begriff der Tugend in meiner Seele lag, und wie nach und nach, seitdem ich denke, und an meiner Bildung arbeite, auch das Bild der Tugend für mich an Gestalt und Bildung gewonnen hat; daher hoffe und glaube ich, daß so wie es sich in meiner Seele nach und nach mehr aufklärt, auch dieses Bild sich in immer deutlicheren Umrissen mir darstellen, und je mehr es an Wahrheit gewinnt, meine Kräfte stärken und meinen Willen begeistern wird.

Lady A. Dracula, Lilianne Sanguis, 31. Mai 2016Wenn ich Ihnen mit einigen Zügen die undeutliche Vorstellung bezeichnen soll, die mich als Ideal der Tugend im Bilde eines Weisen umschwebt, so würde ich nur die Eigenschaften, die ich hin und wieder bei einzelnen Menschen zerstreut finde und deren Anblick mich besonders rührt, z.B. Edelmut, Menschenliebe, Standhaftigkeit, Bescheidenheit, Genügsamkeit etc. zusammentragen können; aber, Lieber, ein Gemälde würde das immer nicht werden, ein Rätsel würde es Ihnen, wie mir, bleiben, dem immer das bedeutungsvolle Wort der Auflösung fehlt. Aber, es sei mit diesen wenigen Zügen genug, ich getraue mich, schon jetzt zu behaupten, daß wenn wir, bei der möglichst vollkommnen Ausbildung aller unser geistigen Kräfte, auch diese benannten Eigenschaften einst fest in unser Innerstes gründen, ich sage, wenn wir bei der Bildung unsers Urteils, bei der Erhöhung unseres Scharfsinns durch Erfahrungen und Studien aller Art, mit der Zeit die Grundsätze des Edelmuts, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe, der Standhaftigkeit, der Bescheidenheit, der Duldung, der Mäßigkeit, der Genügsamkeit usw. unerschütterlich und unauslöschlich in unsern Herzen verflochten, unter diesen Umständen behaupte ich, daß wir nie unglücklich sein werden.

Ich nenne nämlich Glück nur die vollen und überschwenglichen Genüsse, die – um es mit einem Zuge Ihnen darzustellen – in dem erfreulichen Anschaun der moralischen Schönheit unseres eigenen Wesens liegen. Diese Genüsse, die Zufriedenheit unsrer selbst, das Bewußtsein guter Handlungen, das Gefühl unsrer durch alle Augenblicke unsers Lebens vielleicht gegen tausend Anfechtungen und Verführungen standhaft behaupteten Würde, sind fähig, unter allen äußern Umständen des Lebens, selbst unter den scheinbar traurigsten, ein sicheres tiefgefühltes und unzerstörbares Glück zu gründen.

Ich weiß es, Sie halten diese Art zu denken für ein künstliches aber wohl glückliches Hülfsmittel, sich die trüben Wolken des Schicksals hinweg zu philosophieren, und mitten unter Sturm und Donner sich Sonnenschein zu erträumen. Das ist nun freilich doppelt übel, daß Sie so schlecht von dieser himmlischen Kraft der Seele denken, einmal, weil Sie unendlich viel dadurch entbehren, und zweitens, weil es schwer, ja unmöglich ist, Sie besser davon denken zu machen. Aber ich wünsche zu Ihrem Glücke und hoffe, daß die Zeit und Ihr Herz Ihnen die Empfindung dessen, ganz so wahr und innig schenken möge, wie sie mich in dem Augenblick jener Äußerung belebte.

Die höchste nützlichste Wirkung, die Sie dieser Denkungsart, oder vielmehr (denn das ist sie eigentlich) Empfindungsweise, zuschreiben, ist, daß sie vielleicht dazu diene, den Menschen unter der Last niederdrückender Schicksale vor der Verzweiflung zu sichern; und Sie glauben, daß wenn auch wirklich Vernunft und Herz einen Menschen dahin bringen könnte, daß er selbst unter äußerlich unvorteilhaften Umständen sich glücklich fühlte, er doch immer in äußerlich vorteilhaften Verhältnissen glücklicher sein müßte.

Dagegen, mein Freund, kann ich nichts anführen, weil es ein vergeblicher mißverstandner Streit sein würde. Das Glück, wovon ich sprach, hangt von keinen äußeren Umständen ab, es begleitet den, der es besitzt, mit gleicher Stärke in alle Verhältnisse seines Lebens, und die Gelegenheit, es in Genüssen zu entwickeln, findet sich in Kerkern so gut, wie auf Thronen.

Ja, mein Freund, selbst in Ketten und Banden, in die Nacht des finstersten Kerkers gewiesen, – glauben und fühlen Sie nicht, daß es auch da überschwenglich entzückende Gefühle für den tugendhaften Weisen gibt? Ach es liegt in der Tugend eine geheime göttliche Kraft, die den Menschen über sein Schicksal erhebt, in ihren Tränen reifen höhere Freuden, in ihrem Kummer selbst liegt ein neues Glück. Sie ist der Sonne gleich, die nie so göttlich schön den Horizont mit Flammenröte malt, als wenn die Nächte des Ungewitters sie umlagern.

Ach, mein Freund, ich suche und spähe umher nach Worten und Bildern, um Sie von dieser herrlichen beglückenden Wahrheit zu überzeugen. Lassen Sie uns bei dem Bilde des unschuldig Gefesselten verweilen, – oder besser noch, blicken Sie einmal zweitausend Jahre in die Vergangenheit zurück, auf jenen besten und edelsten der Menschen, der den Tod am Kreuze für die Menschheit starb, auf Christus. Er schlummerte unter seinen Mördern, er reichte seine Hände freiwillig zum Binden dar, die teuern Hände, deren Geschäft nur Wohl tun war, er fühlte sich ja doch frei, mehr als die Unmenschen, die ihn fesselten, seine Seele war so voll des Trostes, daß er dessen noch seinen Freunden mitteilen konnte, er vergab sterbend seinen Feinden, er lächelte liebreich seine Henker an, er sah dem furchtbar schrecklichen Tode ruhig und freudig entgegen, – ach die Unschuld wandelt ja heiter über sinkende Welten. In seiner Brust muß ein ganzer Himmel von Empfindungen gewohnet haben, denn „Unrecht leiden schmeichelt große Seelen“.

Enemy of Furys, Orange Power, 19. Juli 2015

Ich bin nun erschöpft, mein Freund, und was ich auch sagen könnte, würde matt und kraftlos neben diesem Bilde stehen. Daher will ich nun, mein lieber Freund, glauben Sie überzeugt zu haben, daß die Tugend den Tugendhaften selbst im Unglück glücklich macht; und wenn ich über diesen Gegenstand noch etwas sagen soll, so wollen wir einmal jenes äußere Glück mit der Fackel der Wahrheit beleuchten, für dessen Reibungen Sie einen so lebhaften Sinn zu haben scheinen.

Nach dem Bilde des wahren innern Glückes zu urteilen, dessen Anblick uns soeben so lebhaft entzückt hat: verdient nun wohl Reichtum, Güter, Würden, und alle die zerbrechlichen Geschenke des Zufalls, den Namen Glück? So arm an Nüancen ist doch unsre deutsche Sprache nicht, vielmehr finde ich leicht ein paar Wörter, die das, was diese Güter bewirken, sehr passend und richtig ausdrücken, Vergnügen und Wohlbehagen. Um diese sehr angenehmen Genüsse sind Fortunens Günstlinge freilich reicher als ihre Stiefkinder, obgleich ihre vorzüglichsten Bestandteile in der Neuheit und Abwechselung liegen, und daher der Arme und Verlaßne auch nicht ganz davon ausgeschlossen ist.

Ja ich bin sogar geneigt zu glauben, daß in dieser Rücksicht für ihn ein Vorteil über den Reichen und Geehrten möglich ist, indem dieser bei der zu häufigen Abwechselung leicht den Sinn zu genießen abstumpft oder wohl gar mit der Abwechselung endlich ans Ende kommt und dann auf Leeren und Lücken stößt, indes der andere mit mäßigen Genüssen haushält, selten, aber desto inniger den Reiz der Neuheit schmeckt, und mit seinen Abwechselungen nie ans Ende kommt, weil selbst in ihnen eine gewisse Einförmigkeit liegt.

Aber es sei, die Großen dieser Erde mögen den Vorzug vor die Geringen haben, zu schwelgen und zu prassen, alle Güter der Welt mögen sich ihren nach Vergnügen lechzenden Sinnen darbieten, und sie mögen ihrer vorzugsweise genießen; nur, mein Freund, das Vorrecht glücklich zu sein, wollen wir ihnen nicht einräumen, mit Gold sollen sie den Kummer, wenn sie ihn verdienen, nicht aufwiegen können. Da waltet ein großes unerbittliches Gesetz über die ganze Menschheit, dem der Fürst wie der Bettler unterworfen ist. Der Tugend folgt die Belohnung, dem Laster die Strafe. Kein Gold besticht ein empörtes Gewissen, und wenn der lasterhafte Fürst auch alle Blicke und Mienen und Reden besticht, wenn er auch alle Künste des Leichtsinns herbeiruft, wie Medea alle Wohlgerüche Arabiens, um den häßlichen Mordgeruch von ihren Händen zu vertreiben – und wenn er auch Mahoms Paradies um sich versammelte, um sich zu zerstreun oder zu betäuben – umsonst! Ihn quält und ängstigt sein Gewissen, wie den Geringsten seiner Untertanen.

Gegen dieses größte der Übel wollen wir uns schützen, mein Freund, dadurch schützen wir uns zugleich vor allen übrigen, und wenn wir bei der Sinnlichkeit unsrer Jugend uns nicht entbrechen können, neben den Genüssen des ersten und höchsten innern Glücks, uns auch die Genüsse des äußern zu wünschen, so lassen Sie uns wenigstens so bescheiden und begnügsam in diesen Wünschen sein, wie es Schülern für die Weisheit ansteht.

Und nun, mein Freund, will ich Ihnen eine Lehre geben, von deren Wahrheit mein Geist zwar überzeugt ist, obgleich mein Herz ihr unaufhörlich widerspricht. Diese Lehre ist, von den Wegen die zwischen dem höchsten äußern Glück und Unglück liegen, grade nur auf der Mittelstraße zu wandern, und unsre Wünsche nie auf die schwindlichen Höhen zu richten. Sosehr ich jetzt noch die Mittelstraßen aller Art hasse, weil ein natürlich heftiger Trieb im Innern mich verführt, so ahnde ich dennoch, daß Zeit und Erfahrung mich einst davon überzeugen werden, daß sie dennoch die besten seien. Eine besonders wichtige Ursache uns nur ein mäßiges äußeres Glück zu wünschen, ist, daß dieses sich wirklich am häufigsten in der Welt findet, und wir daher am wenigsten fürchten dürfen getäuscht zu werden.

Wie wenig beglückend der Standpunkt auf großen außerordentlichen Höhen ist, habe ich recht innig auf dem Brocken empfunden. Lächeln Sie nicht, mein Freund, es waltet ein gleiches Gesetz über die moralische wie über die physische Welt. Die Temperatur auf der Höhe des Thrones ist so rauh, so empfindlich und der Natur des Menschen so wenig angemessen, wie der Gipfel des Blocksbergs, und die Aussicht von dem einen so wenig beglückend wie von dem andern, weil der Standpunkt auf beidem zu hoch, und das Schöne und Reizende um beides zu tief liegt.

Mit weit mehrerem Vergnügen gedenke ich dagegen der Aussicht auf der mittleren und mäßigen Höhe des Regensteins, wo kein trüber Schleier die Landschaft verdeckte, und der schöne Teppich im ganzen, wie das unendlich Mannigfaltige desselben im einzelnen klar vor meinen Augen lag. Die Luft war mäßig, nicht warm und nicht kalt, grade so wie sie nötig ist, um frei und leicht zu atmen. Ich werde Ihnen doch die bildliche Vorstellung Homers aufschreiben, die er sich von Glück und Unglück machte, ob ich Ihnen gleich schon einmal davon erzählt habe.

Im Vorhofe des Olymp, erzählt er, stünden zwei große Behältnisse, das eine mit Genuß, das andere mit Entbehrung gefüllt. Wem die Götter, so spricht Homer, aus beiden Fässern mit gleichem Maße messen, der ist der Glücklichste; wem sie ungleich messen, der ist unglücklich, doch am unglücklichsten der, dem sie nur allein aus einem Fasse zumessen.

Also entbehren und genießen, das wäre die Regel des äußeren Glücks, und der Weg, gleich weit entfernt von Reichtum und Armut, von Überfluß und Mangel, von Schimmer und Dunkelheit, die beglückende Mittelstraße, die wir wandern wollen.

Jetzt freilich wanken wir noch auf regellosen Bahnen umher, aber, mein Freund, das ist uns als Jünglinge zu verzeihen. Die innere Gärung ineinander wirkender Kräfte, die uns in diesem Alter erfüllt, läßt keine Ruhe im Denken und Handeln zu. Wir kennen die Beschwörungsformel noch nicht, die Zeit allein führt sie mit sich, um die wunderbar ungleichartigen Gestalten, die in unserm Innern wühlen und durcheinandertreiben, zu besänftigen und zu beruhigen. Und alle Jünglinge, die wir um und neben uns sehen, teilen ja mit uns dieses Schicksal. Alle ihre Schritte und Bewegungen scheinen nur die Wirkung eines unfühlbaren aber gewaltigen Stoßes zu sein, der sie unwiderstehlich mit sich fortreißt. Sie erscheinen mir wie Kometen, die in regellosen Kreisen das Weltall durchschweifen, bis sie endlich eine Bahn und ein Gesetz der Bewegung finden.

Bis dahin, mein Freund, wollen wir uns also aufs Warten und Hoffen legen, und nur wenigstens uns das zu erhalten streben, was schon jetzt in unsrer Seele Gutes und Schönes liegt. Besonders und aus mehr als dieser Rücksicht wird es gut für uns, und besonders für Sie sein, wenn wir die Hoffnung zu unsrer Göttin wählen, weil es scheint als ob uns der Genuß flieht.

Petites Luxures, Interchapitre, 18. April 2016Denn eine von beiden Göttinnen, Lieber, lächelt dem Menschen doch immer zu, dem Frohen der Genuß, dem Traurigen die Hoffnung. Auch scheint es, als ob die Summe der glücklichen und der unglücklichen Zufälle im ganzen für jeden Menschen gleich bleibe; wer denkt bei dieser Betrachtung nicht an jenen Tyrann von Syrakus, Polykrates, den das Glück bei allen seinen Bewegungen begleitete, den nie ein Wunsch, nie eine Hoffnung betrog, dem der Zufall sogar den Ring wiedergab, den er, um dem Unglück ein freiwilliges Opfer zu bringen, ins Meer geworfen hatte. So hatte die Schale seines Glücks sich tief gesenkt; aber das Schicksal setzte es dafür auch mit einem Schlage wieder ins Gleichgewicht und ließ ihn am Galgen sterben. – Oft verpraßt indes ein Jüngling in ein paar Jugendjahren den Glücksvorrat seines ganzen Lebens, und darbt dann im Alter; und da Ihre Jugendjahre, mehr noch als die meinigen, so freudenleer verflossen sind, ob Sie gleich eine tiefgefühlte Sehnsucht nach Freude in sich tragen, so nähren und stärken Sie die Hoffnung auf schönere Zeiten, denn ich getraue mich, mit einiger, ja mit großer Gewißheit Ihnen eine frohe und freudenreiche Zukunft vorher zu kündigen. Denken Sie nur, mein Freund, an unsre schönen und herrlichen Pläne, an unsre Reisen. Wie vielen Genuß bieten sie uns dar, selbst den reichsten in den scheinbar ungünstigsten Zufällen, wenigstens doch nach ihnen, durch die Erinnerung. Oder blicken Sie über die Vollendung unsrer Reisen hin, und sehen Sie sich an, den an Kenntnissen bereicherten, an Herz und Geist durch Erfahrung und Tätigkeit gebildeten Mann. Denn Bildung muß der Zweck unsrer Reise sein und wir müssen ihn erreichen, oder der Entwurf ist so unsinnig wie die Ausführung ungeschickt.

Dann, mein Freund, wird die Erde unser Vaterland, und alle Menschen unsre Landsleute sein. Wir werden uns stellen und wenden können wohin wir wollen, und immer glücklich sein. Ja wir werden unser Glück zum Teil in der Gründung des Glücks anderer finden, und andere bilden, wie wir bisher selbst gebildet worden sind.

Wie viele Freuden gewährt nicht schon allein die wahre und richtige Wertschätzung der Dinge. Wie oft gründet sich das Unglück eines Menschen bloß darin, daß er den Dingen unmögliche Wirkungen zuschrieb, oder aus Verhältnissen falsche Resultate zog, und sich darinnen in seinen Erwartungen betrog. Wir werden uns seltner irren, mein Freund, wir durchschauen dann die Geheimnisse der physischen wie der moralischen Welt, bis dahin, versteht sich, wo der ewige Schleier über sie waltet, und was wir bei dem Scharfblick unsres Geistes von der Natur erwarten, das leistet sie gewiß. Ja es ist im richtigen Sinne sogar möglich, das Schicksal selbst zu leiten, und wenn uns dann auch das große allgewaltige Rad einmal mit sich fortreißt, so verlieren wir doch nie das Gefühl unsrer selbst, nie das Bewußtsein unseres Wertes.

Selbst auf diesem Wege kann der Weise, wie jener Dichter sagt, Honig aus jeder Blume saugen. Er kennt den großen Kreislauf der Dinge, und freut sich daher der Vernichtung wie dem Segen, weil er weiß, daß in ihr wieder der Keim zu neuen und schöneren Bildungen liegt.

Istvan Banyai, Engineers Are Aware of My Issues, Juli 2016Und nun, mein Freund, noch ein paar Worte über ein Übel, welches ich mit Mißvergnügen als Keim in Ihrer Seele zu entdecken glaube. Ohne, wie es scheint, gegründete, vielleicht Ihnen selbst unerklärbare Ursachen, ohne besonders üble Erfahrungen, ja vielleicht selbst ohne die Bekanntschaft eines einzigen durchaus bösen Menschen, scheint es, als ob Sie die Menschen hassen und scheuen.

Lieber, in Ihrem Alter ist das besonders übel, weil es die Verknüpfung mit Menschen und die Unterstützung derselben noch so sehr nötig macht. Ich glaube nicht, mein Freund, daß diese Empfindung als Grundzug in Ihrer Seele liegt, weil sie die Hoffnung zu Ihrer vollkommnen Ausbildung, zu welcher Ihre übrigen Anlagen doch berechtigen, zerstören und Ihren Charakter unfehlbar entstellen würde. Daher glaube ich eher und lieber, worauf auch besonders Ihre Äußerungen hinzudeuten scheinen, daß es eine von jenen fremdartigen Empfindungen ist, die eigentlich keiner menschlichen Seele und besonders der Ihrigen nicht, eigentümlich sein sollte, und die Sie, von irgendeinem Geiste der Sonderbarkeit und des Widerspruchs getrieben, und von einem an Ihnen unverkennbaren Trieb der Auszeichnung verführt, nur durch Kunst und Bemühung in Ihrer Seele verpflanzt haben.

Verpflanzungen, mein Freund, sind schon im allgemeinen Sinne nicht gut, weil sie immer die Schönheit des Einzelnen und die Ordnung des Ganzen stören. Südfrüchte in Nordländern zu verpflanzen, – das mag noch hingehen, der unfruchtbare Himmelsstrich mag die unglücklichen Bewohner und ihren Eingriff in die Ordnung der Dinge rechtfertigen; aber die kraft- und saftlosen verkrüppelten Erzeugnisse des Nordens in den üppigsten südlichen Himmelstrich zu verpflanzen, – Lieber, es dringt sich nur gleich die Frage auf, wozu? Also der mögliche Nutzen kann es nur rechtfertigen.

Was ich aber auch denke und sinne, mein Freund, nicht ein einziger Nutzen tritt vor meine Seele, wohl aber Heere von Übeln.

Ich weiß es und Sie haben es mir ja oft mitgeteilt, Sie fühlen in sich einen lebhaften Tätigkeitstrieb, Sie wünschen einst viel und im großen zu wirken. Das ist schön, mein Freund, und Ihres Geistes würdig, auch Ihr Wirkungskreis wird sich finden, und die relativen Begriffe von groß und klein wird die Zeit feststellen.

Aber ich stoße hier gleich auf einen gewaltigen Widerspruch, den ich nicht anders zu Ihrer Ehre auflösen kann, als wenn ich die Empfindung des Menschenhasses geradezu aus Ihrer Seele wegstreiche. Denn wenn Sie wirken und schaffen wollen, wenn Sie Ihre Existenz für die Existenz andrer aufopfern und so Ihr Dasein gleichsam vertausendfachen wollen, Lieber, wenn Sie nur für andre sammeln, wenn Sie Kräfte, Zeit und Leben, nur für andre aufopfern wollen, – wem können Sie wohl dieses kostbare Opfer bringen, als dem, was Ihrem Herzen am teuersten ist, und am nächsten liegt?

Ja, mein Freund, Tätigkeit verlangt ein Opfer, ein Opfer verlangt Liebe, und so muß sich die Tätigkeit auf wahre innige Menschenliebe gründen, sie müßte denn eigennützig sein, und nur für sich selbst schaffen wollen.

Ich möchte hier schließen, mein Freund, denn das, was ich Ihnen zur Bekämpfung des Menschenhasses, wenn Sie wirklich so unglücklich wären ihn in Ihrer Brust zu verschließen, sagen könnte, wird mir durch die Vorstellung dieser häßlichen abscheulichen Empfindung, so widrig, daß es mein ganzes Wesen empört. Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!

Porn 4 Ladies, Emily Age 20, reading and masturbating, 30. Mai 2014Und gibt es denn nichts Liebenswürdiges unter den Menschen mehr? Und gibt es keine Tugenden mehr unter ihnen, keine Gerechtigkeit, keine Wohltätigkeit, keine Bescheidenheit im Glücke, keine Größe und Standhaftigkeit im Unglück? Gibt es denn keine redlichen Väter, keine zärtlichen Mütter, keine frommen Töchter mehr? Rührt Sie denn der Anblick eines frommen Dulders, eines geheimen Wohltäters nicht? Nicht der Anblick einer schönen leidenden Unschuld? Nicht der Anblick einer triumphierenden Unschuld? Ach und wenn sich auch im ganzen Umkreis der Erde nur ein einziger Tugendhafter fände, dieser einzige wiegt ja eine ganze Hölle von Bösewichtern auf, um dieses einzigen willen – kann man ja die ganze Menschheit nicht hassen. Nein, lieber Freund, es stellt sich in unsrer gemeinen Lebensweise nur die Außenseite der Dinge dar, nur starke und heftige Wirkungen fesseln unsern Blick, die mäßigen entschlüpfen ihm in dem Tumult der Dinge. Wie mancher Vater darbt und sorgt für den Wohlstand seiner Kinder, wie manche Tochter betet und arbeitet für die armen und kranken Eltern, wie manches Opfer erzeugt und vollendet sich im Stillen, wie manche wohltätige Hand waltet im Dunkeln. Aber das Gute und Edle gibt nur sanfte Eindrücke, und doch liebt der Mensch die heftigen, er gefällt sich in der Bewunderung und Entzückung, und das Große und Ungeheure ist es eben, worin die Menschen nicht stark sind. Und wenn es doch nur gerade das Große und Ungeheure ist, nach dessen Eindrücken Sie sich am meisten sehnen, nun, mein Freund, auch für diese Genüsse läßt sich sorgen, auch dazu findet sich Stoff in dem Umkreis der Dinge. Ich rate Ihnen daher nochmals die Geschichte an, nicht als Studium, sondern als Lektüre. Vielleicht ist die große Überschwemmung von Romanen, die, nach Ihrer eignen Mitteilung, auch Ihre Phantasie einst unter Wasser gesetzt hat (verzeihn Sie mir diesen unedlen Ausdruck), aber vielleicht ist diese zu häufige Lektüre an der Empfindung des Menschenhasses schuld, die so ungleichartig und fremd neben Ihren andern Empfindungen steht. Ein gutes leichtsinniges Herz hebt sich so gern in diese erdichteten Welten empor, der Anblick so vollkommner Ideale entzückt es, und fliegt dann einmal ein Blick über das Buch hinweg, so verschwindet die Zauberin, die magere Wirklichkeit umgibt es, und statt seiner Ideale grinset ihn ein Alltagsgesicht an. Wir beschäftigen uns dann mit Plänen zur Realisierung dieser Träumereien, und oft um so inniger, je weniger wir durch Handel und Wandel selbst dazu beitragen, wir finden dann die Menschen zu ungeschickt für unsern Sinn, und so erzeugt sich die erste Empfindung der Gleichgültigkeit und Verachtung gegen sie.

Aber wie ganz anders ist es mit der Geschichte, mein Freund! Sie ist die getreue Darstellung dessen, was sich zu allen Zeiten unter den Menschen zugetragen hat. Da hat keiner etwas hinzugesetzt, keiner etwas weggelassen, es finden sich keine phantastische Ideale, keine Dichtung, nichts als wahre trockne Geschichte. Und dennoch, mein Freund, finden sich darin schöne herrliche Charaktergemälde großer erhabner Menschen, Menschen wie Sokrates und Christus, deren ganzer Lebenslauf Tugend war, Taten, wie des Leonidas, des Regulus, und alle die unzähligen griechischen und römischen, die alles, was die Phantasie möglicherweise nur erdichten kann, erreichen und übertreffen. Und da, mein Freund, können wir wahrhaft sehn, auf welche Höhe der Mensch sich stellen, wie nah er an die Gottheit treten kann! Das darf und soll Sie mit Bewunderung und Entzückung füllen, aber, mein Freund, es soll Sie aber auch mit Liebe für das Geschlecht erfüllen, dessen Stolz sie waren, mit Liebe zu der großen Gattung, zu der sie gehören, und deren Wert sie durch ihre Erscheinung so unendlich erhöht und veredelt haben.

Vielleicht sehn Sie sich um in diesem Augenblick unter den Völkern der Erde, und suchen und vermissen einen Sokrates, Christus, Leonidas, Regulus etc. Irren Sie sich nicht, mein Freund! Alle diese Männer waren große, seltne Menschen, aber daß wir das wissen, daß sie so berühmt geworden sind, haben sie dem Zufall zu danken, der ihre Verhältnisse so glücklich stellte, daß die Schönheit ihres Wesens wie eine Sonne daraus hervorstieg.

Ohne den Melitus und ohne den Herodes würde Sokrates und Christus uns vielleicht unbekannt geblieben, und doch nicht minder groß und erhaben gewesen sein. Wenn sich Ihnen also in diesem Zeitpunkt kein so bewundrungswürdiges Wesen ankündigt, – – mein Freund, ich wünsche nur, daß Sie nicht etwa denken mögen, die Menschen seien von ihrer Höhe herabgesunken, vielmehr es scheint ein Gesetz über die Menschheit zu walten, daß sie sich im allgemeinen zu allen Zeiten gleichbleibt, wie oft auch immer die Völker mit Gestalt und Form wechseln mögen.

Aus allen diesen Gründen, mein teurer Freund, verscheuchen Sie, wenn er wirklich in Ihrem Busen wohnt, den häßlich unglückseligen und, wie ich Sie überzeugt habe, selbst ungegründeten Haß der Menschen. Liebe und Wohlwollen müssen nur den Platz darin einnehmen. Ach es ist ja so öde und traurig zu hassen und zu fürchten, und es ist so süß und so freudig zu lieben und zu trauen. Ja, wahrlich, mein Freund, es ist ohne Menschenliebe gewiß kein Glück möglich, und ein so liebloses Wesen wie ein Menschenfeind ist auch keines wahren Glückes wert.

Und dann noch eines, Lieber, ist denn auch ohne Menschenliebe jene Bildung möglich, der wir mit allen unsern Kräften entgegenstreben? Alle Tugenden beziehn sich ja auf die Menschen, und sie sind nur Tugenden insofern sie ihnen nützlich sind. Großmut, Bescheidenheit, Wohltätigkeit, bei allen diesen Tugenden fragt es sich, gegen wen? und für wen? und wozu? Und immer dringt sich die Antwort auf, für die Menschen, und zu ihrem Nutzen.

Besonders dienlich wird unsre entworfne Reise sein, um Ihnen die Menschen gewiß von einer recht liebenswürdigen Seite zu zeigen. Tausend wohltätige Einflüsse erwarte und hoffe ich von ihr, aber besonders nur für Sie den ebenbenannten. Die Art unsrer Reise verschafft uns ein glückliches Verhältnis mit den Menschen. Sie erfüllen nur nicht gern, was man laut von ihnen verlangt, aber leisten desto lieber was man schweigend von sie hofft.

Schon auf unsrer kleinen Harzwanderung haben wir häufig diese frohe Erfahrung gemacht. Wie oft, wenn wir ermüdet und erschöpft von der Reise in ein Haus traten, und den Nächsten um einen Trunk Wasser baten, wie oft reichten die ehrlichen Leute uns Bier oder Milch und weigerten sich Bezahlung anzunehmen. Oder sie ließen freiwillig Arbeit und Geschäft im Stiche, um uns Verirrte oft auf entfernte rechte Wege zu führen. Solche stillen Wünsche werden oft empfunden, und ohne Geräusch und Anspruch erfüllt, und mit Händedrücken bezahlt, weil die geselligen Tugenden gerade diejenigen sind, deren jeder in Zeit der Not bedarf. Aber freilich, große Opfer darf und soll man auch nicht verlangen.

Poilue Sorry to Disappoint You, Me, Reading Eragon, 2013

Bilder:

  1. Distant Passion: Quédate hoy conmigo, vive conmigo un día y una…, Juni 2016;
  2. Lady A. Dracula: Lilianne Sanguis, 31. Mai 2016;
  3. Enemy of Furys: Orange Power, 19. Juli 2015;
  4. Petites Luxures: Interchapitre, 18. April 2016;
  5. Istvan Banyai: Engineers Are Aware of My Issues, Juli 2016;
  6. Porn 4 Ladies: Emily Age 20, reading and masturbating, 30. Mai 2014,
  7. Poilue Sorry to Disappoint You: Me, Reading Eragon, 2013;
  8. Bibliophile Exhibitionism: When your book gets the best of you, 1. Januar 2016.

Soundtrack, weil wir oben kurz — und nicht im Sinne des Tatbestands — von erweitertem Selbstmord gesprochen haben und wo Kleist, seine Suizidgefährtin Henriette Vogel nie weit ist: „This song’s for Henriette!“: Lake Street Dive: Henriette, aus: Lake Street Dive, 2011, live im Pickathon Pumphouse in Portland, Oregon, 2012. Bridget Kearney am Kontrabass:

Wieder was gelernt vom Bernd.

Hand in Pants via Bibliophile Exhibitionism, When your book gets the best of you, 1. Januar 2016

Written by Wolf

1. September 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Adorno für Blogger

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4 Jahre Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

She sends me blue valentines
All the way from Philadelphia
To mark the anniversary
Of someone that I used to be
And it feels just like there’s
A warrant out for my arrest
Got me checkin‘ in my rearview mirror
And I’m always on the run
That’s why I changed my name
And I didn’t think you’d ever find me here.

Tom Waits: Blue Valentines, aus: Blue Valentine, 1978.

Vier Jahre — nicht schlecht für gerundet 0 Leser. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich nochmal daran, dass es bei mir sogar einen materiellen Gewinn bedeuten kann, sich in blaue Strümpfe zu gewanden und so zu dokumentieren; mit Zeichnen und Malerei, das ist das Durchtriebene an solchen Analogtechniken, muss man nicht einmal sich oder andere gewanden: Einfach losskizziert, eingereicht und Buch gewonnen. Ich illustriere nochmal mit denkbar hoch gegriffenen Gestaltungsbeispielen (Kate Moss geht immer, und Lesende sind ein nimmer erschöpftes Thema) und erinnere außerdem daran, dass sogar Sparkassenkulis blau schreiben.

Als Meta-Text, passend wie nie, etwas Modernes wie selten: Adorno über Essays in seinen Noten zur Literatur. Es reicht, „Essay“ durch „Weblog“ zu ersetzen, ohne einen Strich an der Aussage zu verfälschen.

——— Theodor Wiesengrund Adorno:

Der Essay als Form

geschrieben 1954 bis 1958, in: Noten zur Literatur, Band 1, Suhrkamp 1958:

Kate Moss, The Quite Delightful ProjectIn Deutschland reizt der Essay zur Abwehr, weil er an die Freiheit des Geistes mahnt, die, seit dem Mißlingen einer seit Leibnizischen Tagen nur lauen Aufklärung, bis heute, auch unter den Bedingungen formaler Freiheit, nicht recht sich entfaltete, sondern stets bereit war, die Unterordnung unter irgendwelche Instanzen als ihr eigentliches Anliegen zu verkünden. Der Essay aber läßt sich sein Ressort nicht vorschreiben. Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlerisch etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider, der ohne Skrupel sich entflammt an dem, was andere schon getan haben. Er reflektiert das Geliebte und Gehaßte, anstatt den Geist nach dem Modell unbegrenzter Arbeitsmoral als Schöpfung aus dem Nichts vorzustellen. Glück und Spiel sind ihm wesentlich. Er fängt nicht mit Adam und Eva an sondern mit dem, worüber er reden will; er sagt, was ihm daran aufgeht, bricht ab, wo er selber am Ende sich fühlt und nicht dort, wo kein Rest mehr bliebe: so rangiert er unter den Allotria. Weder sind seine Begriffe von einem Ersten her konstruiert noch runden sie sich zu einem Letzten. Seine Interpretationen sind nicht philologisch erhärtet und besonnen, sondern prinzipiell Überinterpretationen, nach dem automatisierten Verdikt jenes wachsamen Verstandes, der sich als Büttel an die Dummheit gegen den Geist verdingt. Die Anstrengung des Subjekts, zu durchdringen, was als Objektivität hinter der Fassade sich versteckt, wird als müßig gebrandmarkt: aus Angst vor Negativität überhaupt. Alles sei viel einfacher. Dem, der deutet, anstatt hinzunehmen und einzuordnen, wird der gelbe Fleck dessen angeheftet, der kraftlos, mit fehlgeleiteter Intelligenz spintisiere und hineinlege, wo es nichts auszulegen gibt. Tatsachenmensch oder Luftmensch, das ist die Alternative. Hat man aber einmal sich terrorisieren lassen vom Verbot, mehr zu meinen als an Ort und Stelle gemeint war, so willfahrt man bereits der falschen Intention, wie sie Menschen und Dinge von sich selber hegen. Verstehen ist dann nichts als das Herausschalen dessen, was der Autor jeweils habe sagen wollen, oder allenfalls der einzelmenschlichen psychologischen Regungen, die das Phänomen indiziert. Aber wie kaum sich ausmachen läßt, was einer sich da und dort gedacht, was er gefühlt hat, so wäre durch derlei Einsichten nichts Wesentliches zu gewinnen. Die Regungen der Autoren erlöschen in dem objektiven Gehalt, den sie ergreifen. Die objektive Fülle von Bedeutungen jedoch, die in jedem geistigen Phänomen verkapselt sind, verlangt vom Empfangenden, um sich zu enthüllen, eben jene Spontaneität subjektiver Phantasie, die im Namen objektiver Disziplin geahndet wird. Nichts läßt sich herausinterpretieren, was nicht zugleich hineininterpretiert wäre. Kriterien dafür sind die Vereinbarkeit der Interpretation mit dem Text und mit sich selber, und ihre Kraft, die Elemente des Gegenstandes mitsammen zum Sprechen zu bringen. Durch diese ähnelt der Essay einer ästhetischen Selbständigkeit, die leicht als der Kunst bloß entlehnt angeklagt wird, von der er gleichwohl durch sein Medium, die Begriffe, sich unterscheidet und durch seinen Anspruch auf Wahrheit bar des ästhetischen Scheins. Das hat Lukács verkannt, als er in dem Brief an Leo Popper, der die Seele und die Formen einleitet, den Essay eine Kunstform nannte. Nicht überlegen aber ist dem die positivistische Maxime, was über Kunst geschrieben würde, dürfe selbst in nichts künstlerische Darstellung, also Autonomie der Form beanspruchen. Die positivistische Gesamttendenz, die jeden möglichen Gegenstand als einen von Forschung starr dem Subjekt entgegensetzt, bleibt wie in allen anderen Momenten so auch in diesem bei der bloßen Trennung von Form und Inhalt stehen: wie denn überhaupt von Ästhetischem unästhetisch, bar aller Ähnlichkeit mit der Sache kaum sich reden ließe, ohne daß man der Banausie verfiele und a priori von jener Sache abglitte. Der Inhalt, einmal nach dem Urbild des Protokollsatzes fixiert, soll nach positivistischem Brauch gegen seine Darstellung indifferent, diese konventionell, nicht von der Sache gefordert sein, und jede Regung des Ausdrucks in der Darstellung gefährdet für den Instinkt des wissenschaftlichen Purismus eine Objektivität, die nach Abzug des Subjekts herausspränge, und damit die Gediegenheit der Sache, die um so besser sich bewähre, je weniger sie sich auf die Unterstützung durch die Form verläßt, obwohl doch diese ihre Norm selber genau daran hat, die Sache rein und ohne Zutat zu geben. In der Allergie gegen die Formen als bloße Akzidenzien nähert sich der szientifische Geist dem stur dogmatischen. Das unverantwortlich geschluderte Wort wähnt, die Verantwortlichkeit in der Sache zu belegen, und die Reflexion über Geistiges wird zum Privileg des Geistlosen.

Jennifer by Randall Hobbet, The Education of a Young Lady, April 19th, 2014

Bilder: Kate Moss via The Quite Delightful Project;
Jennifer by Randall Hobbet: The Education of a Young Lady, 19. April 2014:

Marquis de Sade: epigraph Dialogues aimed at the education of young ladies from Philosphy in the Boudoir, 1795.

Written by Wolf

28. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Weisheit & Sophisterei

Da ist alle Herrlichkeit der Erde und des Himmels, die Leiden und die Lust der Liebe (O Ihr Kurzsichtigen, die Ihr das Meer in Bechern erschöpfen wollt, Ihr glaubt die Kunst zu ergründen und ergründet nur Eure Engherzigkeit): Die Bilder in Franz Sternbalds Wanderungen

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Update zu Nackt fällt sie ihm an seinen Mund:

Jemand muss es tun: Es folgen alle eingehender behandelten Gemälde aus Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen, 1798. Zeichengenau korrigiert wurde nach der Studienausgabe von Alfed Anger bei Reclam. Das ist die Fassung, in der die meisten Gemälde vorkommen – mehr gegenüber der teuren, allerdings schöneren Ausgabe mit frühen Romanen und Erzählungen bei Winkler.

Meine Lieblingsstelle ist die mit dem Straßburger Münster. Weil ich in der Bildauswahl thematisch eingeschränkt war und nicht beliebig etwas herumzeigen, sondern gezielt suchen musste, gibt es ausnahmsweise auch gut proportionierte Männer statt lauter inhaltlich diskutierwürdiger, leicht geschürzter Frauen zu sehen. Und das wirklich sehr schöne Straßburger Münster.

——— Ludwig Tieck:

Franz Sternbalds Wanderungen, eine altdeutsche Geschichte

Johann Friedrich Unger, Berlin 1798:

Albrecht Dürer: Die vier Apostel, 1526, Alte Pinakothek, München.
Erster Teil, Erstes Buch, Erstes Kapitel:

Albrecht Dürer, Die vier Apostel, 1526„Wie alles noch so still und feierlich ist“, sagte Franz, „und bald werden sich diese guten Stunden in Saus und Braus, in Getümmel und tausend Abwechselungen verlieren. Unser Meister schläft wohl noch und arbeitet an seinen Träumen, seine Gemälde stehen aber auf der Staffelei und warten schon auf ihn. Es tut mir doch leid, daß ich ihm den Petrus nicht habe können ausmalen helfen.“

„Gefällt er dir?“ fragte Sebastian.

„Über die Maßen“, rief Franz aus, „es sollte mir fast bedünken, als könnte der gute Apostel, der es so ehrlich meinte, der mit seinem Degen so rasch bei der Hand war und nachher doch aus Lebensfurcht das Verleugnen nicht lassen konnte und sich von einem Hahn mußte eine Buß- und Gedächtnispredigt halten lassen, als wenn ein solcher beherzter und furchtsamer, starrer und gutmütiger Apostel nicht anders habe aussehen können, als ihn Meister Dürer so vor uns hingestellt hat. Wenn er dich zu dem Bilde läßt, lieber Sebastian, so wende ja allen deinen Fleiß darauf und denke nicht, daß es für ein schlechtes Gemälde gut genug sei. Willst du mir das versprechen?“

Er nahm, ohne eine Antwort zu erwarten, seines Freundes Hand und drückte sie stark, Sebastian sagte: „Deinen Johannes will ich recht aufheben und ihn behalten, wenn man mir auch viel Geld dafür böte.“

Albrecht Dürer: Tanzendes Bauernpaar, 1514, Graphische Sammlung Albertina, Wien.
Erstes Teil, Erstes Buch, Sechstes Kapitel:

Albrecht Dürer, Tanzendes Bauernpaar, 1514Es war am folgenden Tage, an welchem das Erntefest gefeiert werden sollte. Franz hatte nun keinen Widerwillen mehr gegen das frohe, aufgeregte Menschengetümmel, er suchte die Freude auf, und war darum auch bei dem Feste zugegen. Er erinnerte sich einiger guten Kupferstiche von Albrecht Dürer, auf denen tanzende Bauern dargestellt waren und die ihm sonst überaus gefallen hatten; er suchte nun beim Klange der Flöten diese possierliche Gestalten wieder und fand sie auch wirklich; er hatte hier Gelegenheit zu bemerken, welche Natur Albrecht auch in diese Zeichnungen zu legen gewußt hatte.

Der Tag des Festes war ein schöner, warmer Tag, an dem alle Stürme und unangenehme Winde von freundlichen Engeln zurückgehalten wurden. Die Töne der Flöten und Hörner gingen wie eine liebliche Schar ruhig und ungestört durch die sanfte Luft hin. Die Freude auf der Wiese war allgemein, hier sah man tanzende Paare, dort scherzte und neckte sich ein junger Bauer mit seiner Liebsten, dort schwatzten die Alten und erinnerten sich ihrer Jugend. Die Gebüsche standen still und waren frisch grün und überaus anmutig, in der Ferne lagen krause Hügel mit Obstbäumen bekränzt. „Wie“, sagte Franz zu sich, „sucht ihr Schüler und Meister immer nach Gemälden und wißt niemals recht, wo ihr sie suchen müßt? Warum fällt es keinem ein, sich mit seiner Staffelei unter einen solchen unbefangenen Haufen niederzusetzen und uns auf einmal diese Natur ganz, wie sie ist, darzustellen. Keine abgerissene Fragmente aus der alten Historie und Göttergeschichte, die so oft weder Schmerz noch Freude in uns erregen, keine kalte Figuren aus der Legende, die uns oft gar nicht ansprechen, weil der Maler die heiligen Männer nicht selber vor sich sah und er ohne Begeisterung arbeitete. Diese Gestalten wörtlich so und ohne Abänderung niedergeschrieben, damit wir lernen, welche Schöne, welche Erquickung in der einfachen Natürlichkeit verborgen liegt. Warum schweift ihr immer in der weiten Ferne und in einer staubbedeckten, unkenntlichen Vorzeit herum, uns zu ergötzen? Ist die Erde, wie sie jetzt ist, keiner Darstellung mehr wert; und könnt ihr die Vorwelt malen, wenn ihr gleich noch so sehr wollt? Und wenn ihr größeren Geister nun auch hohe Ehrfurcht in unser Herz hineinbannt; wenn eure Stücke uns mit ernster, feierlicher Stimme anreden; warum sollen nicht auch einmal die Strahlen einer weltlichen Freude aus einem Gemälde herausbrechen? Warum soll ich in einer freien, herzlichen Stunde nicht auch einmal Bäuerlein und ihre Spiele und Ergötzungen lieben? Dort werden wir beim Anblick der Bilder älter und klüger, hier kindischer und fröhlicher.“

Albrecht Dürer: Der heilige Hieronymus im Gehäus, 1514, 24,5 cm x 18,7 cm, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem, Kupferstichkabinett.
Erster Teil, Erstes Buch, Achtes Kapitel:

Albrecht Dürer, Der heilige Hieronymus im Gehäus, 1514Ich habe neulich einen neuen Kupferstich von unserm Albert gesehn, den er seit meiner Abwesenheit gemacht hat. Du wirst ihn kennen, es ist der lesende Einsiedler. Wie ich da wieder unter euch war! denn ich kannte die Stube, den Tisch und die runden Scheiben gleich wieder, die Dürer auf diesem Bilde von seiner eigenen Wohnung abgeschrieben hat. Wie oft habe ich die runden Scheiben betrachtet, die der Sonnenschein an der Täfelung oder an der Decke zeichnete; der Eremit sitzt an Dürers Tisch. Es ist schön, daß unser Meister in seiner frommen Vorliebe für das, was ihn so nahe umgibt, der Nachwelt ein Konterfei von seinem Zimmer gegeben hat, wo doch alles so bedeutend ist und jeder Zug Andacht und Einsamkeit ausdrückt.

Ich gehe auf meinem Wege oft in die kleinen Kapellen hinein und verweile mich dabei, die Gemälde und Zeichnungen zu betrachten. Ob es meine Unerfahrenheit oder meine Vorliebe für das Alter macht, ich sehe selten ein ganz schlechtes Bild; ehe ich die Fehler entdecke, sehe ich immer die Vorzüge an jedem. Ich habe gemeiniglich bei jungen Künstlern die entgegengesetzte Gemütsart gefunden, und sie wissen sich immer recht viel mit ihrem Tadel. Ich habe oft eine fromme Ehrfurcht vor unsern treuherzigen Vorfahren, die zuweilen recht schöne und erhabene Gedanken mit so wenigen Umständen ausgedrückt haben.

Lukas van Leyden: Heilige Familie, ca. 1508.
Erster Teil, Zweites Buch, Erstes Kapitel:

Lukas van Leyden, Heilige Familie mit dem Apfel, ca. 1508Am Morgen erkundigte sich Franz nach der Wohnung des berühmten Lukas von Leyden. Man bezeichnete ihm die Straße und das Haus, und er ging mit hochschlagendem Herzen hin. Er ward in ein ansehnliches Haus geführt, und eine Magd sagte ihm, daß der Herr sich schon in seiner Malerstube befinde und arbeite. Franz bat, daß man ihn hineinführen möchte. Die Tür öffnete sich, und Franz sah einen kleinen, freundlichen, ziemlich jungen Mann vor einem Gemälde sitzen, an dem er fleißig arbeitete, um ihn her standen und hingen vielerlei Schildereien, einige Farbenkasten, Zeichnungen und Anatomien, aber alles in der besten Ordnung. Der Maler stand auf und ging Franzen entgegen, der Schüler war jetzt mit seinen Augen dem Gesicht des berühmten Meisters gegenüber und vermochte in der ersten Verwirrung kein Wort hervorzubringen. Endlich faßte er sich und nannte seinen Namen und den Namen seines Lehrers. Lukas hieß ihn von Herzen willkommen, und beide setzten sich nun in der Werkstatt nieder, und Franz erzählte ganz kurz seine Reise und sprach von einigen merkwürdigen Gemälden, die er unterwegs angetroffen hatte. Er beschaute während dem Sprechen aufmerksam das Bild, an welchem Lukas eben arbeitete; es war eine heilige Familie, er traf darinnen vieles von einigen Dürerschen Arbeiten an, denselben Fleiß, dieselbe Genauigkeit im Ausmalen, nur schien ihm an Lukas Bildern Dürers strenge Zeichnung zu fehlen, ihm dünkte, als wären die Umrisse weniger dreist und sicher gezogen, dagegen hatte Lukas etwas Liebliches und Anmutiges in den Wendungen seiner Gestalten, ja auch in seiner Färbung, das dem Dürer mangelte. Dem Geiste nach, glaubte er, müßten sich diese beiden großen Künstler sehr nahe verwandt sein, er sah hier dieselbe Simplizität in der Zusammensetzung, dieselbe Verschmähung unnützer Nebenwerke, die rührende und echt deutsche Behandlung der Gesichter und Leidenschaften, dasselbe Streben nach Wahrheit.

Albrecht Dürer: Der heilige Eustachius, ca. 1501, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem, Kupferstichkabinett.
Erster Teil, Zweites Buch, Erstes Kapitel:

Albrecht Dürer, Der heilige Eustachius, ca. 1501„Ihr seid jung“, sagte Lukas, „und Euer Wesen ist mir ungemein lieb, es gibt wenige solcher Menschen, die meisten betrachten die Kunst nur als ein Spielwerk und uns als große Kinder, die albern genug bleiben, um sich mit derlei Possen zu beschäftigen. – Aber laßt uns auf etwas anderes kommen, ich bin jetzt überdies müde, zu malen. Ich habe einen Kupferstich von Eurem Albert erhalten, der mir bisher noch unbekannt war. Es ist der heilige Hubertus, der auf der Jagd einem Hirsche mit einem Kruzifixe zwischen dem Geweih begegnet und sich bei diesem Anblicke bekehrt und seine Lebensweise ändert. Seht hieher, es ist für mich ein merkwürdiges Blatt, nicht bloß der schönen Ausführung, sondern vorzüglich der Gedanken halber, die für mich darin liegen. Die Gegend ist Wald, und Dürer hat einen hohen Standpunkt angenommen, weshalb ihn nur ein Unverständiger tadeln könnte, denn wenn auch ein dichter Wald, wo wir nur wenige große Bäume wahrnähmen, etwas natürlicher beim ersten Anblicke in die Augen fallen dürfte, so könnte das doch nimmermehr das Gefühl der völligen Einsamkeit so ausdrücken und darstellen wie es hier geschieht, wo das Auge weit und breit alles übersieht, einzelne Hügel und lichte Waldgegenden [gestrichen: und oben in der Ferne die sonderbare Burg, mit ihrer auffallenden Bauart. Es ist, als wenn die tote Natur hier das ganze menschliche Leben überschaute]. Ich glaube auch, daß manche Leute, die mehr guten Willen, vernünftig zu sein, als Verstand haben, den gewählten Gegenstand selbst als etwas Albernes tadeln dürften, ein Rittersmann, der vor einer unvernünftigen Bestie kniet. Aber das ist es gerade, wenn ich meine aufrichtige Meinung sagen soll, was mir so sehr daran gefällt und zu großem Vergnügen gereicht. Es ist etwas so Unschuldiges, Frommes und Liebliches darin, wie der Jagdmann hier kniet und das Hirschlein mit seiner kindischen Physiognomie so unbefangen dreinsieht, im Kontrast mit der heiligen Ehrfurcht des Mannes; dies erweckt ganz eigene Gedanken von Gottes Barmherzigkeit, von dem grausamen Vergnügen der Jagd und dergleichen mehr. Nun beobachtet einmal die Art, wie der Ritter niederkniet; es ist die wahrste, frömmste und rührendste, mancher hätte hier wohl seine Zierlichkeit gezeigt, wie er Beine und Arme verschiedentlich zu stellen wüßte, so daß er durch Annehmlichkeit der Figur sich gleichsam vor jedem entschuldigt hätte, daß er ein so närrisches Bild zu seinem Gegenstande gemacht. Denn manche zierliche Maler sind mir so vorgekommen, daß sie nicht sowohl verschiedentliche Bilder malen als vielmehr nur die Gegenstände brauchen, um immer wieder ihre Verschränkungen und Niedlichkeiten zu zeigen; diese putzen sich mit der edlen Malerkunst, statt daß sie ihr freies Spiel und eine eigne Bahn gönnen sollten. So ist es nicht mit diesem Hubertus beschaffen. Seine zusammengelegten Beine, auf denen er so ganz natürlich hinkniet, seine gleichförmig aufgehobenen Hände sind das Wahrste, was man sehen kann; aber sie haben nicht die spielende Anmut, die manche der heutigen Welt über alles schätzen.“

Lukas sprach noch mancherlei; dann besuchten ihn einige Freunde aus der Stadt, mit denen er und Franz sich zu Tische setzten. Man lachte und erzählte viel; von der Malerei ward nur wenig gesprochen.

Lukas van Leyden: Eulenspiegel, 1520.
Erster Teil Zweites Buch, Zweites Kapitel:

Lucas van Leyden, Ulenspiegel, 1520Lukas dankte ihm und sprang wieder durch die Stube, voller Freude, den großen Maler Dürer bei sich zu haben. Dann zeigte er ihm einige seiner neuesten Bilder, und Albert lobte sie sehr verständig. Dieser hatte einige neue Kupferstiche bei sich, die er dem Niederländer schenkte, und Lukas suchte zur Vergeltung auch ein Blatt hervor, das er dem Albrecht in die Hände gab. „Seht“, sagte er, „dies Blatt, es wird von einigen für meinen besten Kupferstich erklärt, es ist das Konterfei des Tillen Eulenspiegel, wie ich mir diesen seltsamen Mann in den Gedanken vorgestellt habe [gestrichen: , es hat sich schon auch selten gemacht, es ist nämlich die Familie des Till Eulenspiegel, er als Knabe, die Eltern mit ihm, reitend und gehend: ich habe das Werk mit besonderem Fleiße und Genauigkeit zu arbeiten gesucht]. Es wollen einige jetzt, die sich mit der Gelehrsamkeit befassen, sein Buch verachtenund es als den Sitten und der Zucht zuwider verdammen, es möchte vielleicht einiges besser darin mangeln können, aber ich muß gestehn, daß es mich im ganzen immer sehr ergötzt hat. Die Schalkheit des Knechtes Eulenspiegel ist so eigen, viele seiner Streiche geben zu so manchen kuriosen Gedanken Veranlassung, daß ich mich ordentlich dazu angetrieben fühlte, sein seltsames Konterfei in Kupfer zu bringen.“

„Ihr habt es auch wacker ausgerichtet“, sagte Albert Dürer [gestrichen: lachend], „und ich danke Euch höchlich für Euer Geschenk. Ihr habt den berühmten Schalksknecht da erschaffen, wie er gewißlich ausgesehn haben muß, die schielenden Augen und die verdrehte Nase drücken sein seltsames Gemüt vortrefflich aus, in diesen Lippen habt Ihr seinen Witz, der oft beißend genug war, herrlich angedeutet, und es ist mir sehr erwünscht, daß Ihr das häßliche Gesicht doch nicht so verzerrt habt, daß es uns zuwider ist, sondern mit vieler Kunst habt ihr es so auszurichten gewußt, daß man es gerne beschaut und den possigen Kerl ordentlich liebgewinnt.“

„Es ist eine Art von Dankbarkeit“, sagte Meister Lukas, „daß ich ihn so mühsam in Kupfer gebracht habe, da ich über seine Schwänke oft so herzlich habe lachen müssen. Wie schon gesagt, es verstehen wenig Menschen die Kunst, sich an Tills Narrenstreichen so zu freuen als ich, weil sie es sogar mit dem Lachen ernsthaft nehmen; andern gefällt sein Buch wohl, aber es kommt ihnen als etwas Unedles vor, dies Bekenntnis abzulegen; andern fehlt es wieder an Übung, das Possierliche zu verstehen und zu fassen, weil man sich vielleicht ebenso daran gewöhnen muß, wie man viele Gemälde sieht, ehe man über eins ein richtiges Urteil faßt.“

„Ihr mögt sehr recht haben, Meister“, antwortete Dürer, „die meisten Leute sind wahrlich mit dem Ernsthaften und Lächerlichen gleich fremd. Sie glauben immer, das Verständnis von beiden müsse ihnen von selbst ohne ihr weiteres Zutun kommen; und doch ist das bei den allerwenigsten der Fall. Sie überlassen sich daher mit Roheit dem Augenblicke und ihrem damaligen Gefühl, und so tadeln und loben sie alles unbesehn. Ja, sie gehn mit der Malerkunst ebenso um, sie kosten davon, wie man wohl ein Gemüse oder eine Suppe zu kosten pflegt, ob die Magd zu viel oder zu wenig Salz daran getan habe, und dann sprechen sie das Urteil, ohne um die Einsicht und die Kenntnisse, die dazu gehören, besorgt zu sein. Ich muß immer noch lachen, sooft ich daran denke, daß es mir doch auch einmal so ging. Ohne etwas davon zu verstehn und ohne die Anlagen von der Natur zu haben, fiel ich einmal darauf, ein Poet zu sein. Ich dachte in meinem einfältigen Sinne, Verse müsse ja wohl jedermann machen können, und ich wunderte mich über mich selber, daß ich nicht schon weit früher auf die Dichtkunst verfallen sei. Ich machte also ein zierlich großes Kupferblatt und stach mühsam rundherum meine Verse mit zierlichen Buchstaben ein: es sollte ein moralisches Gedicht vorstellen, und ich unterstund mich, der ganzen Welt darin gute Lehren zu geben. Wie nun aber alles fertig war, siehe da, so war es erbärmlich geraten. Was ich da für Leiden von dem gelehrten Pirkheimer habe ausstehn müssen, der mir lange nicht meine Verwegenheit vergeben konnte! Er sagte immer zu mir: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Albert, wenn du den Pinsel in der Hand hast, so kömmst du mir als ein verständiger Mann vor, aber mit der Feder gebärdest du dich als ein Tor. – So sollte man auch zu manchen sagen, die sich auf Künste legen, die ihnen nicht besser anstehen als dem Esel das Lautenschlagen.“

Raffael: Venus zeigt dem Amor das Volk, 1517–1518, Detail der Decke in der Villa Farnesina, Rom
und Der Rat der Götter im Olymp, 1517–1518, Mittelstück der Decke in der Villa Farnesina.
Zweiter Teil, Erstes Buch, Erstes Kapitel:

Raffael, Venus zeigt dem Amor das Volk, 1517--1518, Villa FarnesinaNachdem Franz eine Weile geschwiegen hatte, fuhr er fort: „Oh, mein Florestan, was ich mir wünsche, in meinem eigentümlichen Handwerke das auszudrücken, was mir jetzt Geist und Herz bewegt, diese Fülle der Anmut, diese ruhige, scherzende Heiterkeit, die mich umgibt. Malen möchte ich es, wie in dem Luftraume sich edle Geister bewegen und durch den Frühling schreiten, so daß aus dem Bilde ein ewiger Frühling mit unverwelklichen Blüten prangte, der jedem Auge auch nach meinem Tode neu aufginge und den freundlichen Willkommen entgegenbrächte. Meinst du nicht, daß es dem großen Künstler möglich sei, in einem Historiengemälde oder auch auf andere Weise einem fremden Herzen das deutlich hinzugeben, was wir jetzt empfinden?“

„Ich glaube es wohl“, antwortete Florestan, „und vielleicht gelingt es manchem, ohne daß er es sich gerade vorsetzt. Geh nach Rom, mein Freund, und dieser ewige Frühling, nach dem du dich sehnst, blüht dort im Gartensaale [gestrichen: meines Beschützers und Freundes,] des reichen Agostins Ghigi. Der göttliche Raffael hat ihn dort hingezaubert, und man nennt diese Bilder gewöhnlich die Geschichte des Amor und der Psyche. Diese Luftgestalten schweben dort, vom blauen Äther umgeben und bedeutungsvoll von großen frischen Blumenkränzen statt der der Rahmen eingeschränkt und abgesondert. – Wenn du diese Bildungen mit dem Auge durchwanderst, so wird es dir vielleicht so sein, wie mir immer bei ihrer Betrachtung gewesen ist. Die Geschichte selbst ist so lieblich und zart, ein Bild der ewigen Jugend, von dem Jünglingsgeiste, dem prophetischen Sanzius, in seiner schönen Entzückung hingemalt, die Verkündigung der Liebe und der Blumenschönheit, des erhabenen Reizes, Alles ist, um mich so auszudrücken, eine poetische Offenbarung über die Natur der Lieblichkeit, und sie ist dem Menschenherzen vertraulich nahegerückt. Wie wenn der Frühling in seiner höchsten Blüte steht, so schließt die Geschichte in diesen Bildern mit der hohen Pracht der Götterversammlung, wo im schönsten Leben alle einzelnen Gestalten vereinigt sind und die Seligkeit des Olympus den sterblichen Augen enthüllen. Gedulde dich, mein Franz, bis du in Rom bist.“

Raffael, der Rat der Götter im Olymp, 1517--1518, Villa Farnesina

[Geändert aus: Da ist alle Herrlichkeit der Erde und des Himmels, die Leiden und die Lust der Liebe, und scherzend und wandelnd durch die Ätherbläue Amor und seine Geliebte, trauernd und froh, alle Götter im hohen Rat, und aller Ernst in milder Lieblichkeit und alle Lieblichkeit groß und göttlich, ja die ewige Jugend, der nie verblühende Frühling, das paradiesische Entzücken ist von dem Jünglingsgeiste, dem prophetischen Raffael, in seiner schönsten Begeisterung hingezaubert, die Verkündigung der Liebe und der Blumenschönheit, daß alle Herzen der Liebe und der Sehnsucht dienen sollen: das Göttlichste, der Zauber, der den Himmel umflicht, und die Erde mit ewiger Jugend umgürtet, ist dem Menschenherzen vertraulich nahe gerückt, und den sterblichen Augen enthüllen sich die Seligkeiten des Olympus. Und dann im Nebenzimmer der verkörperte Traum süßester Wollust, Galatea im Meere, auf ihrem Muschelwagen fahrend! O mein Franz, gedulde dich, bis du in Rom bist, dann tu Augen und Herz auf, und du darfst nachher sterben.“]

„Ach, Raffael!“ sagte Franz Sternbald, „wie viel hab ich nun schon von dir reden hören; wenn ich dich nur noch im Leben anträfe!“

Raffael: Die Verklärung Christi, 1520.
Zweiter Teil, Erstes Buch, Zweites Kapitel:

Raffael, Die Verklärung Christi, 1520„So ist denn dieser Raffael gestorben!“ fing Franz von neuem an, indem sie wieder friedlich über das Feld gingen. „Wie alt ist er denn geworden?“

„Gerade neununddreißig Jahre“, sagte der Mönch. „Am Karfreitage, an diesem heiligen Tage ist er geboren, und an diesem merkwürdigen Geburtstage ist er auch wieder von der Erde hinweggegangen. Er war und blieb sein lebelang ein Jüngling, und aus allen seinen Werken spricht ein milder, kindlicher Geist. Sein letztes großes Gemälde war die Transfiguration, Christi Verklärung, worin er sich seine eigne Apotheose gemalt hat. Oben die Herrlichkeit des Erlösers, allgemeine Liebe in seinen Blicken, unter ihm der Glaube der Apostel, umgeben von dem übrigen Menschenleben, mit allem Elende, das darin einheimisch ist, Unglückliche, die dem Erlöser zur Heilung gebracht werden, und Zweifel, Hoffnung und Zutrauen in den Umstehenden [gestrichen: denn vielleicht ist dieses Werk das Höchste und Vollkommenste, das seine Hand nur hervorbringen konnte. Oben schwebt der Erlöser in himmlischer Glorie, neben ihm Elias und Moses, vom Boden erhoben, er in verklärter Gestalt, vom Glanz sind seine Lieblinge geblendet zu Boden gesunken, und unten am Berge sieht man die Apostel, in ihnen den Glauben und die Kraft, welche die Erde noch verwandeln und erleuchten sollen, aber noch ist um sie das Menschenleben dunkel, und sie können der entsetzlichen Not nicht abhelfen, die in Gestalt eines besessenen Knaben, der ihnen zur Heilung herbeigeführt wird, wild und gräßlich vor sie tritt. In diesem Bilde ist auf die wundersamste Weise alles vereinigt, was heilig, menschlich und furchtbar ist, die Wonne der Seligen mit dem Jammer der Welt, und Schatten und Licht, Körper und Geist, Glaube, Hoffnung und Verzweiflung bildet auf tiefsinnige, rührende und erhabene Weise die schönste und vollendetste Dichtung.]. Raffaels Sarg stand in der Malerstube, und sein letztes vollendetes Gemälde daneben, seine eigne Verklärung. Der Finger ruhte nun auf immer, der diese Bilder in Leben und Bewegung gezaubert hat; die bunte freundliche Welt, die aus ihm hervorgegangen war, stand nun neben der blassen Leiche. Ganz Rom war in Bewegung, und keiner von denen, die es sahen, konnte sich der Tränen enthalten.“

Isaak Brunn: Straßburger Münster, 1615, Kupferstich aus Goethes Besitz, Nationale Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar.
Zweiter Teil, Erstes Buch, Zweites Kapitel:

Isaak Brunn, Straßburger Münster, 1615, Kupferstich B des Straßburger Münsters Fassadenriss aus Goethes Besitz, Nationale Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in WeimarSie waren einen Berg hinangestiegen und standen nun ermüdet still. Indem sie sich an der Aussicht ergötzten, rief Franz aus: „Mich dünkt, ich sehe noch ganz in der Ferne den Münster!“

Sie sahen alle hin, und ein jeglicher glaubte, ihn zu entdecken. „Der Münster“, sagte Bolz, „ist noch ein Werk, das den Deutschen Ehre macht!“

„Das aber doch gar nicht zu Euren Begriffen vom Idealischen und Erhabenen paßt“, antwortete Franz.

„Was gehen mich meine Begriffe an?“ sagte der Bildhauer; „ich knie in Gedanken vor dem Geiste nieder, der diesen allmächtigen Bau entwarf und ausführte. Wahrlich! es war ein ungemeiner Geist, der es wagte, diesen Baum mit Ästen, Zweigen und Blättern so hinzustellen, immer höher den Wolken mit seinen Felsmassen entgegenzugehn und ein Werk hinzuzaubern, das gleichsam ein Bild der Unendlichkeit ist.“

Sternbald sagte: „Ich ärgere mich jetzt nicht mehr, wenn ich von diesem Riesengebäude verächtlich sprechen höre, wie es mir ehemals wohl begegnete, da ich es nur aus Zeichnungen kannte. Führt jeden Tadler, jeden, der von griechischer und römischer Baukunst spricht, nach Straßburg. Da steht er in voller Herrlichkeit, ist fertig, ist da und bedarf keiner Verteidigung in Worten und auf dem Papiere; er verschmäht das Zeichnen mit Linien und Bögen und all dem Wirrwarr von Geschmack und edler Einfachheit. Das Erhabene dieser Größe kann keine andre Erhabenheit darstellen; die Vollendung der Symmetrie, die kühnste allegorische Dichtung des menschlichen Geistes, diese Ausdehnung nach allen Seiten und über sich in den Himmel hinein; das Endlose und doch in sich selbst Geordnete; die Notwendigkeit des Gegenüberstehenden, welches die andre Hälfte erläutert und fertigmacht, so daß eins immer um des andern willen und alles, um die gotische Größe und Herrlichkeit auszudrücken, da ist. Es ist kein Baum, kein Wald; nein, diese allmächtigen, unendlich wiederholten Steinmassen drücken etwas Erhabeneres, ungleich Idealischeres aus. Es ist der Geist des Menschen selbst, seine Mannigfaltigkeit zur sichtbaren Einheit verbunden, sein kühnes Riesenstreben nach dem Himmel, seine kolossale Dauer und Unbegreiflichkeit; den Geist Erwins selbst seh ich in einer furchtbar sinnlichen Anschauung vor mir stehen. Es ist zum Entsetzen, daß der Mensch aus den Felsen und Abgründen sich einzeln die Steine hervorholt und nicht rastet und ruht, bis er diesen ungeheuren Springbrunnen von lauter Felsenmassen hingestellt hat, der sich ewig, ewig ergießt und wie mit der Stimme des Donners Anbetung vor Erwin, vor uns selbst in unsre sterblichen Gebeine hineinpredigt. Und nun klimmt unbemerkt und unkenntlich ein Wesen, gleich dem Baumeister, oben wie ein Wurm an den Zinnen umher und immer höher und höher, bis ihn der letzte Schwindel wieder zur flachen, sichern Erde hinunternötigt – wer da noch demonstrieren und Erwin und das barbarische Zeitalter bedauern kann – o wahrhaftig, der begeht, ein armer Sünder, die Verleugnung Petri an der Herrlichkeit des göttlichen Ebenbildes.“

Hier gab der Bildhauer dem Maler die Hand und sage: „So hör ich Euch gern.“

Francesco Traini: Die Freuden der Welt
und Die Parabel von den drei Lebenden und den drei Toten,
Details aus Der Triumph des Todes, Campo Santo, Pisa, ca. 1345.
Zweiter Teil, Erstes Buch, Sechstes Kapitel:

Francesco Traini, attributed do Buonamico Buffalmacco, Il trionfo della morte, Campo Santo, Pisa, ca. 1345

„Am meisten ist mir das, was ich so oft von der Malerei wünsche, bei allegorischen Gemälden einleuchtend“, sagte Rudolf.

„Gut, daß du mich daran erinnerst!“ rief Franz aus, „hier ist recht der Ort, wo der Maler seine große Imagination, seinen Sinn für die Magie der Kunst offenbaren kann: hier kann er gleichsam über die Grenzen seiner Kunst hinausschreiten und mit dem Dichter wetteifern. Die Begebenheit, die Figuren sind ihm nur Nebensache, und doch machen sie das Bild, es ist Ruhe und Lebendigkeit, Fülle und Leere, und die Kühnheit der Gedanken, der Zusammensetzung findet erst hier ihren rechten Platz. Ich habe es ungern gehört, daß man diesen Gedichten so oft den Mangel an Zierlichkeit vorrückt, daß man hier tätige Bewegung und schnellen Reiz einer Handlung fordert, wenn sie statt eines einzelnen Menschen die Menschheit ausdrücken, statt eines Vorfalls eine erhabene Ruhe. Gerade diese anscheinende Kälte, die Unbiegsamkeit im Stoffe ist das, was mir so oft einen wehmütigen Schauder bei der Betrachtung erregte: daß hier allgemeine Begriffe in sinnlichen Gestalten mit so ernster Bedeutung aufgestellt sind, Kind und Greis in ihren Empfindungen vereinigt, daß das Ganze unzusammenhängend erscheint, wie das menschliche Leben, und doch eins um des andern notwendig ist, wie man auch im Leben nichts aus seiner Verkettung reißen darf, alles dies ist mir immer ungemein erhaben erschienen.“

Andrea di Cione di Arcangelo, called Orcagna, Il trionfo della morte, Pisa, Camposanto, ca. 1345

„Ich erinnere mich“, antwortete Rudolf, „eines alten Bildes in Pisa, das schon über hundert Jahr alt wurde und das dir auch vielleicht gefallen wird; wenn ich nicht irre, ist es von Andrea Orgagna gemalt. Dieser Künstler hat den Dante mit besondrer Vorliebe studiert und in seiner Kunst auch etwas Ähnliches dichten wollen. Auf seinem großen Bilde ist in der Tat das ganze menschliche Leben auf eine recht wehmütige Art abgebildet. Ein Feld prangt mit schönen Blumen von frischen und glänzenden Farben, geschmückte Herren und Damen gehen umher und ergötzen sich an der Pracht. Tanzende Mädchen ziehen mit ihrer muntern Bewegung den Blick auf sich, in den Bäumen, die von Orangen glühn, erblickt man Liebesgötter, die schalkhaft mit ihren Geschossen herunterzielen, über den Mädchen schweben andre Amorinen, die nach den geschmückten Spaziergängern zur Vergeltung zielen. Spielleute blasen auf Instrumenten zum Tanz, eine bedeckte Tafel steht in der Ferne. – Gegenüber sieht man steile Felsen, auf denen Einsiedler Buße tun und in andächtiger Stellung beten, einige lesen, einer melkt eine Ziege. Hier ist die Dürftigkeit des armutseligen Lebens dem üppigen glückseligen recht herzhaft gegenübergestellt. – Unten sieht man drei Könige, die mit ihren Genahlinnen auf die Jagd reiten, denen ein heiliger Mann eröffnete Gräber zeigt, in denen man von Königen verweste Leichname sieht. – Durch die Luft fliegt der Tod, mit schwarzem Gewand, die Sense in der Hand, unter ihm Leichen aus allen Ständen, auf die er hindeutet. – Dieses Bild mit seinen treuherzigen Reimen, die vielen Personen aus dem Munde gehn, hat immer in mir das Bild des großen menschlichen Lebens hervorgebracht, in welchem keiner vom andern weiß und sich alle blind und taub durcheinanderbewegen.“

Correggio: Leda mit dem Schwan, um 1532.
Zweiter Teil, Zweites Buch, Drittes Kapitel:

Correggio, Leda mit dem Schwan, um 1532So ist mein Gemüt aufs heftigste von zwei neuen großen Meistern bewegt, vom venetianischen Tizian und von dem allerlieblichsten Antonio Allegri von Correggio. Ich habe, möcht‘ ich sagen, alle übrige Kunst vergessen, indem diese edlen Künstler mein Gemüt erfüllen, doch hat der letztere auch beinahe den erstern verdrängt. Ich weiß mir in meinen Gedanken nichts Holdseligers vorzustellen, als er uns vor die Augen bringt, die Welt hat keine so liebliche, so vollreizende Gestalten, als er zu malen versteht. Es ist, als hätte der Gott der Liebe selber in seiner Behausung gearbeitet und ihm die Hand geführt. Wenigstens sollte sich nach ihm keiner unterfangen, Liebe und Wollust darzustellen, denn keinem andern Geiste hat sich so das Glorreiche der Sinnenwelt offenbart.

Es ist etwas Köstliches, Unbezahlbares, Göttliches, daß ein Maler, was er in der Natur nur Reizendes findet, was seine Imagination nur veredeln und vollenden kann, uns nicht in Gleichnissen, in Tönen, in Erinnerungen oder Nachahmungen aufbewahrt, sondern es auf die kräftigste und fertigste Weise selber hinstellt und gibt. Darum ist auch in dieser Hinsicht die Malerei die erste und vollendeteste Kunst, das Geheimnis der Farben ist anbetungswürdig. Der Reiche, der Correggios Gemälde, seine Leda, seine badenden schönsten Nymphen besitzt, hat sie wirklich, sie blühen in seinem Palast in ewiger Jugend, der allerhöchste Reiz ist bei ihm einheimisch, wonach andre mit glühender Phantasie suchen, was Stumpfere mit ihren Sinnen sich nicht vorstellen können, lebt und webt bei ihm wirklich, ist seine Göttin, seine Geliebte, sie lächelt ihn an, sie ist gern in seiner Gegenwart.

Wie ist es möglich, wenn man diese Bilder gesehen hat, daß man noch vom Kolorit geringschätzend sprechen kann? Wer würde nicht von der Allmacht der Schönheit besiegt werden, wenn sie sich ihm nackt und unverhüllt, ganz in Liebe hingegeben, zu zeigen wagte? – Das Studium dieser himmlischen Jugendgeister hat die große Zauberei erfunden, dies und noch mehr unsern Augen möglich zu machen.

Was die Gesänge des liebenden Petrarka wie aus der Ferne herüberwehen, Schattenbilder im Wasser, die mit den Wogen wieder wegfließen, was Ariosts feuriger Genius nur lüstern und in der Ferne zeigen kann, wonach wir sehen und es doch nicht entdecken können, im Walde fernab die ungewissesten Spuren, die dunkeln Gebüsche verhüllen es, sosehr wir darnach irren und suchen; alles das steht in der allerholdseligsten Gegenwart dicht vor uns. Es ist mehr, als wenn Venus uns mit ihrem Knaben selber besuchte, der Genuß an diesen Bildern ist die hohe Schule der Liebe, die Einweihung in die höchsten Mysterien, wer diese Gemälde nicht verehrt, versteht und sich an ihnen ergötzt, der kann auch nicht lieben, der muß nur gleich sein Leben an irgendeine unnütze, mühselige Beschäftigung wegwerfen, denn ihm ist es verborgen, was er damit anfangen kann.

Eine Zeichnung mag noch so edel sein, die Farbe bringt erst die Lebenswärme, und ist mehr und inniger, als der körperliche Umfang der Bildsäule.

Auch in seinen geistlichen Kompositionen spiegelt sich eine liebende Seele, der Gürtel der Venus ist auch hier verborgen, und man weiß immer nicht, welche seiner Figuren ihn heimlich trägt. Auge und Herz bleiben gern verweilend zurückgezogen; der Mensch fühlt sich bei ihm in der Heimat der glücklichsten Poesie, er denkt: ja, das war es, was ich suchte, was ich wollte und es immer zu finden verzweifelte. Vulkans künstliches Netz zieht sich unzerreißbar um uns her, und schließt uns eng und enger an Venus, die vollendete Schönheit an.

Es herrscht in seinen Bildern nicht halbe Lüsternheit, die sich verstohlen und ungern zu erkennen gibt, die der Maler erraten läßt, der sich gleich darauf gern wieder zurückzöge, um viel zu verantworten zu haben, sich aber auch wirklich zu verantworten; es ist auch nicht gemeine Sinnlichkeit, die sich gegen den edlern Geist empört, um sich nur bloßzustellen, um in frecher Schande zu triumphieren, sondern die reinste und hellste Menschheit, die sich nicht schämt, weil sie sich nicht zu schämen braucht, die in sich selbst durchaus glückselig ist. Es ist, so möcht ich sagen, der Frühling, die Blüte der Menschheit: alles im vollen, schwelgenden Genuß, alle Schönheit emporgehoben in vollster Herrlichkeit, alle Kräfte spielend und sich übend im neuen Leben, im frischen Dasein. Herbst ist weitab, Winter ist vergessen, und unter den Blumen, unter den Düften und grünglänzenden Blättern wie ein Märchen, von Kindern erfunden.

Es ist, als wenn ich mit der weichen, ermattenden und doch erfrischenden Luft Italiens eine andere Seele einzöge, als wenn mein inneres Gemüt auch einen ewigen Frühling hervortriebe, wie er von außen um mich glänzt und schwillt und sich treibend blüht. Der Himmel hier ist fast immer heiter, alle Wolken ziehen nach Norden, so auch die Sorgen, die Unzufriedenheit. Oh, liebster Bruder, Du solltest hiersein, die Harfenstimmen der Geister, die Blumenhände der unsichtbaren Engel würden auch Dich berühren und heilen.

Michelangelo: Das Jüngste Gericht, 1536–1541, Detail: Der richtende Christus,
und Gottvater, Detail aus Die Erschaffung des Menschen, zwischen 1508 und 1512,
Sixtinische Kapelle, Rom.
Zweiter Teil, Zweites Buch, Fünftes Kapitel:

Michelangelo, Das jüngste Gericht, Il giudizio universaleEs ward so eingerichtet, daß sich die Gesellschaft zweimal in der Woche versammelte, und jedesmal wurde über die Kunst disputiert, wobei sich Castellani besonders mit seinen Reden hervortat. Sie waren an einem Nachmittage wieder versammelt, auch Camillo war zugegen, der abseits in einer Ecke stand und kaum hinzuhören schien.

„Ihr weicht“, sagte Sternbald zu seinem Freunde Castellani, „darin von den meisten Eurer Zeitgenossen ab, daß Ihr Buonarottis Jüngstes Gericht nicht für den für den Triumphder Kunst haltet.“

„Die Nachwelt“, sagte Castellani, „wird gewiß meiner Meinung sein, wenn erst mehr Menschen die Frage untersuchen werden: Was soll Kunst sein? was kann sie sein? Ich bin gar nicht in Abrede, und es wäre töricht von mir, dergleichen zu leugnen, daß Michael Angelo ein ausgezeichneter Geist ist, nur ist es wohl Übereilung des Zeitlaters, ihn und Raffael über alle übrigen Sterblichen hinüberzuheben und zu sagen: seht, sie haben die Kunst erfüllt!

[Geändert aus: „Wenn man“, sprach Castellani, „erst mehr die Frage untersuchen wird: Was soll Kunst sein? was kann sie sein? so werden wir auf diesem Wege weiterkommen. Ich bin gar nicht in Abrede, und es wäre töricht von mir, dergleichen zu leugnen, daß Michael Angelo ein ausgezeichneter Geist ist, nur ist es wohl Übereilung des Zeitalters, ihn und Raffael über alle übrigen Sterblichen hinüberzuheben, und zu sagen: seht, sie haben die Kunst erfüllt!]

Michelangelo, Der richtende ChristusJegliche Kunst hat ihr eigentümliches Gebiet, ihre Grenzen, über die sie nicht hinausschreiten darf, ohne sich zu versündigen. So die Poesie, Musik, Skulptur und Malerei. Keiner muß in das Gebiet des andern streifen, jeder Künstler muß seine Heimat kennen. Dann muß jeglicher die Frage genau untersuchen: was er mit seinen Mitteln für vernünftige Menschen zu leisten imstande ist. Er wird seine Historie wählen, er wird den Gegenstand überdenken, um sich keine Unwahrscheinlichkeiten zuschulden kommen zu lassen, um nicht durch Einwürfe des kalten, richtenden Verstandes seinen Zauber der Komposition wieder zu zerstören. Den Gegenstand gut zu wählen ist aber nicht genug, auch den Augenblick seiner Handlung muß er fleißig überdenken, damit er den größten, interessantesten heraushebe, und nicht am Ende male, was sich nicht darstellen läßt. Dazu muß er die Menschen kennen, er muß sein Gemüt und fremde Gesinnungen beobachtet haben, um den Eindruck hervorzubringen, dann wird er mit gereinigtem Geschmacke das Bizarre vermeiden, er wird nur täuschen und hinreißen, rühren, aber nicht erstaunen wollen. Nach meinem wohlüberdachten Urteil hat noch keiner unsrer Maler alle diese Forderungen erfüllt, und wie könnte es irgendeiner, da sich noch keiner der erstgenannten Studien beflissen hat? Diese müssen erst in einem hohen Grade ausgebildet sein, ehe die Künstler nur diese Forderungen anerkennen werden.

Michelangelo, Die Erschaffung Adams

Um namentlich von Buonarotti zu sprechen, so glaube ich, daß er durch sein Beispiel die Kunst um viele wichtige Schritte wieder zurückgebracht hat, statt ihr weiterzuhelfen, denn er hat gegen alle Erfordernisse eines guten Kunstwerks gesündigt. Was will die richtige Zeichnung seiner einzelnen Figuren, seine Gelehrsamkeit im Bau des menschlichen Körpers, wenn seine Gemälde selbst so gar nichts sind? Sein Jüngstes Gericht ist eine ungeheure Wand voller Figuren in mannigfaltigen Stellungen, aber ohne alle Verbindung, ohne Wirkung. Der Zweck seiner Darstellung ist ohne Schönheit, eine Handlung, die keine ist, die sich nicht anschauen, nicht darstellen läßt, die sich selbst nicht in der Erzählung vortragen läßt: es sind tausend Begebenheiten, die sich durchaus nicht zu einer einzigen verbinden lassen. Schwebende Gestalten, ruhende Selige und Verdammte, Engel und die Madonna. Das Auge findet keinen Ruhepunkt, es frägt: was soll ich hier sehn? Mythologie der Alten mit christlicher Idee vermischt, Verzerrung der Verzweiflung. Der Augenblick im Gemälde selbst ist unentschieden, die Engel oben mit Zubereitungen beschäftigt, ein allgemeiner Moment des Entsetzens, und unten schon die Verdammung vieler entschieden. Was soll ich aber genießen und fühlen, wenn die Ausführung auch gar keinen Tadel verdiente?“

„Nichts!“ rief Camillo aus, indem er mit dem höchsten Unwillen hervortrat. „Glaubt Ihr, daß der große, der übergroße Buonarotti daran gedacht hat, Euch zu entzücken, als er sein mächtiges Werk entwarf? O Ihr Kurzsichtigen, die Ihr das Meer in Bechern erschöpfen wollt, die Ihr dem Strome der Herrlichkeit seine Ufer macht, welcher unselige Geist ist über Euch gekommen, daß Ihr also verwegen sein dürft? Ihr glaubt die Kunst zu ergründen und ergründet nur eure Engherzigkeit, nach dieser soll sich der Geist Gottes richten, der jene erhabene Ebenbilder des Schöpfers beseelt. Ihr lästert die Kunst, wenn Ihr sie erhebt, sie ist nur ein Spiel Eurer nichtigen Eitelkeit. Wie der Allmächtige den Sünder duldet, so erlaubt auch Angelos Größe, seine unsterblichen Werke, seine Riesengestalten dulden es, daß Ihr so von ihnen sprechen dürft, und beides ist wunderbar.“

Er verließ im Zorne den Saal, und alle erhuben ein lautes Lachen. „Was er nicht versteht“, sagte Sternbalds Nachbar, „hält er für Unsinn.“ Sternbald aber war von den Worten und den Gebärden des Greises tief ergriffen, dieser enthusiastische Unwille hatte ihn mit angefaßt, er verließ schnell die Gesellschaft, ohne sich zu entschuldigen, ohne Abschied zu nehmen.

Das war viel Mittelverständliches über Bilder. Zum endgültigen Beweis, dass schon die gezeichneten Skizzen Spaß machen sollten (okay, fürs Video hatten sie Animationstechnik), gibt es als Belohnungslied („Jegliche Kunst hat ihr eigentümliches Gebiet, ihre Grenzen, über die sie nicht hinausschreiten darf, ohne sich zu versündigen. So die Poesie, Musik, Skulptur und Malerei. Keiner muß in das Gebiet des andern streifen, jeder Künstler muß seine Heimat kennen.“): Barry Louis Polisar: All I Want Is You, aus My Brother Thinks He’s a Banana and Other Provocative Songs for Children, 1977, aber bekannt aus dem nicht warm genug zu empfehlenden Juno, 2007:

Written by Wolf

29. Juli 2016 at 00:01

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Hair as red as stockings blue

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Update zu Invisible Girls:

——— Lord George Gordon (later: Noel), 6th Baron Byron:

The Blues : A Literary Eclogue

„a mere buffoonery, never meant for publication“, written 1820,
published anonymously in: The Liberal 3, 1822:

„Nimium ne crede colori.“ — Virgil.

O trust not, ye beautiful creatures, to hue,
Though your hair were as red as your stockings are blue.

Die vermutlich einzige deutsche Übersetzung hiervon wurde von Adolf Seubert für die Winkler-Ausgabe 1978 angefertigt:

——— Lord Byron:

Blaustrümpfe. Eine literarische Ekloge

„Nimium ne crede colori.“ — Virgil.

O traue doch der Farbe nicht,
Du schön Gebild der Frau,
Und wär dein Haar so rot und licht
Wie deine Strümpfe blau.

Was haben wir also? Eine Ekloge, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht war, in der Übersetzung für eine vergriffene Gesamtausgabe, die zwei Verse einführt, die nicht vorhanden sind, begleitet von einem Lied, dessen Existenz von seinem Schreiber abgestritten wird. Zusätzlich interessant erscheint in unserem Zusammenhang, dass Susan „Sue“ Storm Richards, die als Invisible Woman firmiert, in einer blauen Ganzkörperstrumpfhose dargestellt wird, wie unlängst dargestellt.

Lacehearts, 13. August 2013

Hier bleibt uns nun genug geeigneter Platz für einen Werkstattbericht:

Macht sich jemand einen Begriff, was das für ein Aufwand ist, ein Bild von einer Rothaarigen mit blauen Strümpfen aufzutreiben? Eins, das was taugt? — Surftipp für böse Jungs (und wer sonst noch auf ansehnliche junge Frauen steht): Sachen findet man da! Sachen! — Surftipp für brave Mädchen (und wer sonst noch auf keine lieblosen Sonderfetischbildchen steht): Lasst es lieber.

Pantyhose Faves, 5. September 2015Rote Haare und blaue Strümpfe, hair as red as stockings blue, das scheint eine Kombination, auf die nicht viele Gestalter erotischen Bildmaterials verfallen, und wenn, dann für eine allzu spitze Zielgruppe, die froh ist, wenn sie überhaupt was geboten kriegt. An barfüßigen Lesenden, wie ich sie nromalerweise an dieser Stelle verwende, herrscht kein Mangel: Auf eine kurze Suche „barefoot reading“ oder ähnlich branden sie einem den Bildschirm ein, eine von der Natur begünstigter, hübscher zurechtgemacht, professioneller ausgeleuchtet und trickreicher gemalt als die andere. Dass gerade wörtlich genommene Blaustrümpfe so selten sind, hätte ich nicht erwartet: In der Nähe zur typischen Lesenden halte ich das für ein Genre wie die naughty librarian auch — also eine sophisticated Spielart der Schönheit, keinen abseitigen Fetisch, hat die Blue Stockings Society doch kurz nach 1750 als höchst ehrbare Versammlung noch viel ehrbarerer Frauen — gelegentlich sogar Männer — angefangen.

Meine favorisierte, dabei recht glaubwürdige Etymologie der Bezeichnung „Blaustrumpf“ für ganz leicht ruppige, ganz leicht kerlige und ganz leicht einschüchternd kluge Frauen leitet sich von Benjamin Stillingfleet her, dem ersten der Blaustrümpfe, der sich keine formellen schwarzen Strümpfe leisten konnte, aber als unverzichtbares Mitglied besager Versammlungen auftrat. Was soll denn daran so obszön sein, dass man es nur als pflichtschuldig zusammengeschluderten Porno bebildern mag? — Es ergeht der Aufruf:

Frauen, tragt mit Stolz blaue Strümpfe, Strumpfhosen oder Socken; Männer, folgt ihnen darin (ja, wieso nicht auch in den Strumpfhosen?); gestaltet Bildaussagen mit farblichen, vor allem farbigen Inhalten; erwägt kritisch und wohlwollend, ob blau lackierte Zehennägel schon eine Blaustrümpfin definieren; Zeichner, Maler und Fotografen, richtet euer respektvolles Auge auf sie und dokumentiert sie dabei!

Und lasst mich unbedingt eure Ergebnisse sehen; Lord Byrons vollständige Ekloge und in deren Gefolge das Bluestocking Archive rufen uns nach Verwertung und Verbreitung — und dann ja wohl auch nach erneuter Illustration. Rotschöpfe bevorzugt: Rote Haare sind eine Vorliebe für Gentlemen. Frühling lässt sein blaues Band pp. und die Kommentarfunktion ist offen!

Die Bilder, die ich halbwegs guten Gewissens hier verwenden konnte, stammen von Lacehearts, 13. August 2013, und Pantyhose Faves, 5. September 2015.

Angenehm leicht und lohnend war es dagegen, als Soundtrack einen Lord Byron Blues zu finden. Nach der zermürbenden Bildersuche überraschend genug, gibt es tatsächlich einen genau dieses Namens, er klingt etwas gleich, und er ist eine große Rarität mit Jimmy Page, John McLaughlin, Bobby Graham et al.: von deren damaligen Gelegenheitsprojekt Le London All Star, um Frankreich zu beweisen, dass Briten stereo spielen können: British Percussion, 1965. Jimmy Page hat später die Existenz des ganzen Albums geleugnet: „No such record was made“. So geht eine Rarität, und sie soll in ihrer Gesamtheit richtig gut sein. Einzig schade: No such CD was made.

Written by Wolf

15. Juli 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei