Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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So offenbare sich der dichtende Gott

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Update zu In lieblicher Bläue und
Die junge Gräfin (erzählt neben einem Paar nachbarlichen Würsten):

Rollen wir den Zeitstrahl der Einfachheit halber von hinten auf: 1840 veröffentliche Bettine von Arnim ihren Briefroman Die Günderode (mit einfachem r), den sie aus dem Briefwechsel mit der schon 1806 von eigener Hand erdolchten Karoline von Günderrode (mit Doppel-r) zurechtfrisierte. Wichtige Stellen in den Briefen wie im Roman betreffen Friedrich Hölderlin, dessen „Hypochondrie“ spätestens 1805 über ein Stadium des Wahnsinns in „Raserei“ — aus heutiger Sicht: Schizophrenie — übergegangen war.

Giovanni Baglione, Erato, Muse der LyrikUngefähr im Sommer 1804 besuchte sein Studienfreund und tatkräftiger Gönner Isaac von Sinclair den schon als wahnsinnig geltenden Hölderlin in Homburg, wo er selbst ihn als Hofbibliothekar untergebracht hatte und aus eigener Tasche bezahlte. Unter dem Spitznamen „St. Clair“ stand Sinclair in Kontakt mit der Familie Brentano, deren Haustochter Bettine, die nachmalige von Arnim, ebenfalls gern Hölderlin besucht hätte — was der 19-Jährigen wegen einer gewissen Neigung zur Überspanntheit, die ihr heute als liebenswerte Exaltation und ihre eigentliche Persönlichkeit ausgelegt wird, familiär untersagt wurde, auf dass sie sich nicht von dem gefährlich Kranken die Hypochondrie und Schlimmeres zuziehe.

Der fünf Jahre älteren und noch viel überspannteren Freundin, dem „Günderödchen“, hinterbringt sie am 17. eines Monats vermutlich im Sommer oder frühen Herbst 1804, was St. Clair ihr von einem einwöchigen Besuch beim verehrten Hölderlin hinterbringt: seine Ansichten zur Entstehung von Poesie.

Die Entsprechungen zu einer äußeren Wirklichkeit sind wie bei allem, was Bettine von Arnim veröffentlicht, gelinde gesagt unsicher, aber aufschlussreich. Was glaubwürdig erscheint, ist Hölderlins referierte Dichtungstheorie, die auf die gesamte Poesie ausweitet, was Herder ab 1771 zur Entstehung von Volksliedern vermutet: dass „wahre“ Dichtung in der Natur, ja einem göttlichen Element, von selbst vorhanden sei, um sich zu gereifter Zeit durch jemanden, der sich dann – und erst dann und deswegen – Dichter nennen darf, durch natürliche oder eben göttliche Einwirkung zu manifestieren. Volkslieder – bei Hölderlin: die gesamte Poesie – quasi als Dichtung, die auf den Bäumen wächst.

Glaubwürdig daran ist, dass Hölderlin dergleichen Theorien vertrat. Schon problematischer ist, dass er dann laut St. Clairs durch Bettines dritte Hand überkommenen Urlaubsbericht – auf ein hochstehendes und hoch anerkanntes Werk zurückblickend und nicht ohne Hinweis auf einen (drunter macht er’s nicht) „heiligen“ Wahnsinn des Dichters – nur noch einer Art göttlicher Eingebung „sich schmiegen“ will. So abfällig Hölderlin sich über erfundene Rhythmen äußert, wollen wir uns doch daran erinnern, dass der Mann zu lichten Zeiten Versmaße erfand, die zumindest für seine eigene Produktion von Oden verbindlich gemeint waren und sich als poetisch höchst leistungsfähig erwiesen. Einen Widerspruch erkenne ich darin, dass Hölderlin erst derart solides Handwerkszeug bereitstellen kann und dann angeblich selbst das Werkzeug in der Hand Gottes sein will.

Dennoch bleiben dieses „Undenkbare“ wie die „Athletentugend“ – siehe unten – schöne Gedanken und deren Vereinbarkeit schon wieder eine poetische Leistung für sich. – Korrigiert nach der Ausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker, 2006:

——— Bettine von Arnim:

17ten

aus: Die Günderode, Erster Teil, 1840:

Gewiß ist mir doch bei diesem Hölderlin als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluten ihn überströmt haben, und zwar die Sprache, in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überflutend, und diese darin ertränkend; und als die Strömungen verlaufen sich hatten, da waren die Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertötet. – Und St. Clair sagt: ja so ist’s – und er sagt noch: aber ihm zuhören, sei grade, als wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche, denn er brause immer in Hymnen dahin die abbrechen wie wenn der Wind sich dreht, – und dann ergreife ihn wie ein tieferes Wissen, wobei einem die Idee daß er wahnsinnig sei ganz verschwinde, und daß sich anhöre was er über die Verse und über die Sprache sage, wie wenn er nah dran sei das göttliche Geheimnis der Sprache zu erleuchten, und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel, und dann ermatte er in der Verwirrung, und meine es werde ihm nicht gelingen begreiflich sich zu machen; und die Sprache bilde alles Denken, denn sie sei größer wie der Menschengeist, der sei ein Sklave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommne, als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe. Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch, das fühle sich in der Sprache, sie werfe das Netz über den Geist, in dem gefangen, er das Göttliche aussprechen müsse, und so lange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht vom Rhythmus fortgerissen werde, so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit, denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen, an dem kein tieferer Geist Gefallen haben könne, sondern das sei Poesie: daß eben der Geist nur sich rhythmisch ausdrücken könne, daß nur im Rhythmus seine Sprache liege, während das poesielose auch geistlos, mithin unrhythmisch sei – und ob es denn der Mühe lohne mit so sprachgeistarmen Worten Gefühle in Reime zwingen zu wollen, wo nichts mehr übrig bleibe, als das mühselig gesuchte Kunststück zu reimen, das dem Geist die Kehle zuschnüre. Nur der Geist sei Poesie, der das Geheimnis eines ihm eingebornen Rhythmus in sich trage, und nur mit diesem Rhythmus könne er lebendig und sichtbar werden, denn dieser sei seine Seele, aber die Gedichte seien lauter Schemen, keine Geister mit Seelen. –

Es gebe höhere Gesetze für die Poesie, jede Gefühlsregung entwickle sich nach neuen Gesetzen die sich nicht anwenden lassen auf andre, denn alles Wahre sei prophetisch und überströme seine Zeit mit Licht, und der Poesie allein sei anheimgegeben dies Licht zu verbreiten, drum müsse der Geist, und könne nur, durch sie hervorgehen. Geist gehe nur durch Begeistrung hervor. – Nur allein Dem füge sich der Rhythmus, in dem der Geist lebendig werde! – wieder: –

Gustave Moreau, Hesiod und seine Muse„Wer erzogen werde zur Poesie in göttlichem Sinn, der müsse den Geist des Höchsten für gesetzlos anerkennen über sich, und müsse das Gesetz ihm preisgeben; Nicht wie ich will, sondern wie du willt! – und so müsse er sich kein Gesetz bauen, denn die Poesie werde sich nimmer einzwängen lassen, sondern der Versbau werde ewig ein leeres Haus bleiben, in dem nur Poltergeister sich aufhalten. Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue, könne er die Poesie als Gott nicht fassen. – Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt, der Geist müsse sich in dieser bewegen, und nicht ihr in den Weg treten, Gesetz was der Mensch dem Göttlichen anbilden wolle, ertöte die Ideengestalt, und so könne das Göttliche sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bilden. Der Leib sei die Poesie, die Ideengestalt, und dieser, sei er ergriffen vom Tragischen, werde tödlich faktisch, denn das Göttliche ströme den Mord aus Worten, die Ideengestalt, die der Leib sei der Poesie, die morde, – so sei aber ein Tragisches was Leben ausströme in der Ideengestalt, – (Poesie) denn alles sei Tragisch. – Denn das Leben im Wort (im Leib) sei Auferstehung, (lebendig faktisch) die bloß aus dem Gemordeten hervorgehe. – Der Tod sei der Ursprung des Lebendigen. –

Die Poesie gefangen nehmen wollen im Gesetz, das sei nur damit der Geist sich schaukle an zwei Seilen sich haltend, und gebe die Anschauung als ob er fliege. Aber ein Adler der seinen Flug nicht abmesse – obschon die eifersüchtige Sonne ihn niederdrücke – mit geheim arbeitender Seele im höchsten Bewußtsein dem Bewußtsein ausweiche, und so die heilige lebende Möglichkeit des Geistes erhalte, in dem brüte der Geist sich selber aus, und fliege – vom heiligen Rhythmus hingerissen oft, dann getragen dann geschwungen sich auf und ab in heiligem Wahnsinn, dem Göttlichen hingegeben, denn innerlich sei dies Eine nur: die Bewegung zur Sonne, die halte am Rhythmus sich fest. –

Dann sagte er am andern Tag wieder: Es seien zwei Kunstgestalten oder zu berechnende Gesetze, die eine zeige sich auf der gottgleichen Höhe im Anfang eines Kunstwerks, und neige sich gegen das Ende; die andre, wie ein freier Sonnenstrahl, der vom göttlichen Licht ab, sich einen Ruhepunkt auf dem menschlichen Geist gewähre, neige ihr Gleichgewicht vom Ende zum Anfang. Da steige der Geist hinauf aus der Verzweiflung in den heiligen Wahnsinn, insofern Der höchste menschliche Erscheinung sei, wo die Seele alle Sprachäußerung übertreffe, und führe der dichtende Gott sie ins Licht; die sei geblendet dann, und ganz getränkt vom Licht, und es erdürre ihre ursprüngliche üppige Fruchtbarkeit vom starken Sonnenlicht; aber ein so durchgebrannter Boden sei im Auferstehen begriffen, er sei eine Vorbereitung zum Übermenschlichen. Und nur die Poesie verwandle aus einem Leben ins andre, die freie nämlich. – Und es sei Schicksal der schuldlosen Geistesnatur, sich ins Organische zu bilden, im regsam Heroischen, wie im leidenden Verhalten. – Und jedes Kunstwerk sei Ein Rhythmus nur, wo die Zäsur einen Moment des Besinnens gebe, des Widerstemmens im Geist, und dann schnell vom Göttlichen dahingerissen, sich zum End schwinge. So offenbare sich der dichtende Gott. Die Zäsur sei eben jener lebendige Schwebepunkt des Menschengeistes, auf dem der göttliche Strahl ruhe. – Die Begeistrung welche durch Berührung mit dem Strahl entstehe, bewege ihn, bringe ihn ins Schwanken; und das sei die Poesie die aus dem Urlicht schöpfe und hinabströme den ganzen Rhythmus in Übermacht über den Geist der Zeit und Natur, der ihm das Sinnliche – den Gegenstand – entgegentrage, wo dann die Begeistrung bei der Berührung des Himmlischen mächtig erwache im Schwebepunkt, (Menschengeist), und diesen Augenblick müsse der Dichtergeist festhalten und müsse ganz offen, ohne Hinterhalt seines Charakters sich ihm hingeben, – und so begleite diesen Hauptstrahl des göttlichen Dichtens immer noch die eigentümliche Menschennatur des Dichters, bald das tragisch Ermattende, bald das von göttlichem Heroismus angeregte Feuer schonungslos durchzugreifen, wie die ewig noch ungeschriebene Totenwelt, die durch das innere Gesetz des Geistes ihren Umschwung erhalte, bald auch eine träumerisch naive Hingebung an den göttlichen Dichtergeist, oder die liebenswürdige Gefaßtheit im Unglück; – und dies objektiviere die Originalnatur des Dichters mit in das Superlative der heroischen Virtuosität des Göttlichen hinein. –

So könnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem was sich St. Clair in den acht Tagen aus den Reden des Hölderlin aufgeschrieben hat in abgebrochnen Sätzen, denn ich lese dies alles darin, mit dem zusammen was St. Clair noch mündlich hinzufügte. Einmal sagte Hölderlin, Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei, und alles schwinge sich von den Dichterlippen des Gottes, und wo der Menschengeist dem sich füge, das seien die verklärten Schicksale, in denen der Genius sich zeige, und das Dichten sei ein Streiten um die Wahrheit, und bald sei es in plastischem Geist, bald in athletischem, wo das Wort den Körper (Dichtungsform) ergreife, bald auch im hesperischen, das sei der Geist der Beobachtungen und erzeuge die Dichterwonnen, wo unter freudiger Sohle der Dichterklang erschalle, während die Sinne versunken seien in die notwendigen Ideengestaltungen der Geistesgewalt, die in der Zeit sei. – Diese letzte Dichtungsform sei eine hochzeitliche feierliche Vermählungsbegeisterung, und bald tauche sie sich in die Nacht und werde im Dunkel hellsehend, bald auch ströme sie im Tageslicht über alles was dieses beleuchte. – Der gegenüber, als der humanen Zeit, stehe die furchtbare Muse der tragischen Zeit; – und wer dies nicht verstehe meinte er, der könne nimmer zum Verständnis der hohen griechischen Kunstwerke kommen, deren Bau ein göttlich organischer sei, der nicht könne aus des Menschen Verstand hervorgehen, sondern der habe sich Undenkbarem geweiht. – Und so habe den Dichter der Gott gebraucht als Pfeil seinen Rhythmus vom Bogen zu schnellen, und wer dies nicht empfinde und sich dem schmiege, der werde nie, weder Geschick noch Athletentugend haben zum Dichter, und zu schwach sei ein solcher, als daß er sich fassen könne, weder im Stoff, noch in der Weltansicht der früheren, noch in der späteren Vorstellungsart unsrer Tendenzen, und keine poetischen Formen werden sich ihm offenbaren. Dichter die sich in gegebene Formen einstudieren, die können auch nur den einmal gegebenen Geist wiederholen, sie setzen sich wie Vögel auf einen Ast des Sprachbaumes und wiegen sich auf dem, nach dem Urrhythmus der in seiner Wurzel liege, nicht aber fliege ein solcher auf als der Geistesadler von dem lebendigen Geist der Sprache ausgebrütet.

Ich verstehe alles, obschon mir vieles fremd drin ist was die Dichtkunst belangt, wovon ich keine klare oder auch gar keine Vorstellung habe, aber ich hab besser durch diese Anschauungen des Hölderlin den Geist gefaßt, als durch das wie mich St. Clair darüber belehrte. – Dir muß dies alles heilig und wichtig sein. –

Luis Ricardo Falero, Allegorie der Kunst, 1892

Fachliteratur: Hans Ulrich Gumbrecht: Die süße Ruhe im Wahnsinn: über ein spätes Gedicht von Friedrich Hölderlin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. November 2014.

Göttlich organischer Bau: Giovanni Baglione: Erato, Muse der Lyrik, via Lou Margi, 5. Augut 2016;
Gustave Moreau: Hesiod und seine Muse, via Lou Margi, 6. Mai 2016;
Luis Ricardo Falero: Allegorie der Kunst, 1892, via Books and Art, 6. Februar 2018.

Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei: von den fast gleichnamigen Krautrockern Hoelderlin gleich die ganze LP Hölderlins Traum, 1972:

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Written by Wolf

23. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

The incredible Gewinnspiel: Das Rätsel des November-Pantheons! (Geschlossen)

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Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist‘ ich nach Deutschland hinüber.

Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen, Caput I, Januar 1844, Anfang.

Es folgt ein Gastartikel vom K. „H.“ vom SSSP, falls den wer kennt.

Er schenkt uns nichts, der K. „H.“ vom SSSP. Dabei sieht alles so leicht aus: Sie kennen die Zitate und schreiben in den Kommentar, von wem und woher das ist. Und wenn ich preiswürdiges Literaturverständnis oder wenigstens einen gewissen guten Willen erkenne – und Ihre Adresse weiß –, haben Sie was gewonnen.

Die Geschenke kommen also von mir — typischerweise Bücher und musikalische Tonträger. Eine vorläufige Auswahl schauen Sie auf dem Katzenbild ganz unten, es können jeden Moment noch welche dazukommen. Das heitere Zitateraten geht als Novemberrätsel bis einschließlich

Samstag, den 1. Dezember 2018, 23.59 Uhr

, danach ist Advent. Die Preisverteilung unterliegt in dieser privatesten aller Veranstaltungen meiner hellgrünen Willkür, von Rechtsweg kann keine Rede sein. Von der Teilnahme ausgeschlossen ist der K. „H.“ vom SSSP (aber auch der kriegt was).

K. „H.“ vom SSSP hat nur Leute genommen, die er schon gelesen hat. Die Rätsel will er auch als Spiegel seiner selbst verstanden wissen. Es ist ein Panoptikum dessen, was er ist: ein Kind der Aufklärung, des Humanismus, des Legalismus, des Libertarismus und der Menschlichkeit.

Es gibt Literatur – und als einziger Tipp: auch Musik – so ziemlich aller abendländischen Epochen. Ich hab das nur abkopiert und garantiere entgegen meiner hiesigen Gewohnheit nicht für Tippfehler. Zehn oder dreißig Zitate hätte ich bei großer Langeweile noch in eine inhaltliche oder chronologische Reihenfolge gebracht, fünfzig schon nicht mehr. In der angefallenen Masse entspricht die Reihenfolge meinem Outlook-Posteingang, also nichts Bestimmtem. Übrigens hab ich mit oder ohne Googeln das allerwenigste gewusst.

Nach der ersten Musik geht’s los. Gelöste Zitate werden laufend eineditiert.

Fröhlichen Restnovember mit viel Ratespaß wünsch ich.

  1. Jeden 27. November verehren sie den Buddha Gautama als Kirchenheiligen,
    denn die Baarlamsgeschichte ist ja weiter nichts,
    als eine Übersetzung der Lailitavistara.
    Aber er meckerte nur angeregt

    Bei Nova denkt Liam nur an Champagner Nova,
    so gestellt, der in Gefahr läuft „gemüht“ zu werden.“
    Bei Nova denkt Liam nur an Champagner Nova,
    so gestellt, der in Gefahr läuft „gemüht“ zu werden.

    [Gelöst: Arno Schmidt.]

  2. Am Tage Allerheiligen traf in Ruppin die Nachricht ein,
    das die Franzosen am Anzuge seien. Was tun ?

    Champagner kalt stellen, Ohrstöpsel suchen, Fahrradständer verstecken,
    und sich die Ataraxie nicht aus der Mark jagen lassen.

    [Gelöst: Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Band 4: Das Spreeland.]

  3. luden sie mich ein, diese Chrysanthemen, trotz all der Trauer in mir,
    diese eine Teestunde lang die flüchtigen Novemberfreuden gierig zu genießen,
    deren innigen geheimnisvollen Glanz sie vor mir aufflammen ließen.

    Madeleines zum Nachmittag sind der Konzentration einfach abträglich,
    da lob ich mir doch den gemütlichen Hopfentee zum Abend hin.

    [Gelöst: Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.]

  4. November 1921
    Unentrinnbare Verpflichtung zur Selbstbeobachtung;
    Werde ich von jemanden beobachtet,
    muß ich mich natürlich auch beobachten, …

    Bei so viel Paranoia, Neudeutsch Instagram ist das Urteil klar,
    wer braucht da noch einen Proceß,
    selbst Amerika verliert seinen Glanz vom Ruf der Freiheit.

    [Gelöst: Franz Kafka: Tagebuch.]

  5. In dull November,
    and their chancel vault,
    The heaven itself, is blinden throughout night.

    Auf dem Papier finden sich viele Namen,
    auch akustisch hört man manchen Namen,
    doch nur ein Name war in Wasser geschrieben.

  6. Ich heftete den Pappdeckel im November an mein Bett an,
    und ehe ich den Nagel noch herauszog,
    war mein vortrefflicher Freund Schernhagen in Hannover,
    und eins meiner Kinder gestorben, und die italienische Reise zu Wasser geworden.

    Hersche über deine Bücher und lasse Sie nicht deine Herren sein,
    sonst sudelst du dich nur im semantischen Schlamm.

  7. Da dachte ich zum ersten Male recht lebhaft an euch Elenden,
    die ihr in einer armseligen Hütte dem Mangel und dem Froste preisgegeben seid,
    die ihr in der kalten Novembernacht ungeduldig den Aufgang der Sonne erwartet,
    und ängstlich die Tage abzählt, in welchen ihr die strengere Kälte fürchtet;
    die ihr mit einem Schrei des Erschreckens den ersten Schnee wahrnehmt,
    indes der Reiche schon in Gedanken die bunten Schlitten sieht
    und das Geklingle der muntern Pferde hört.

    Einen Asteroid findet man nicht im Felde B G1,
    Den Windmühlen nicht abgeneigt,
    über low und vell bis nach London und nach Jena,
    verblieb er doch in Berlin.

  8. Ich mache dann in den Novembertagen
    Von da wohl einen kleinen Flug
    Nach Rom, vielleicht auch nach Venedig
    Aufs Carneval. – Nur ist nicht Gold genug.

    Mit Hanna Grau kam der Wandel,
    raus das dem kleinen engen …,
    Dr. Kittel und der Onkel Tobias waren ihm dann nicht mehr fremd.
    Nun liegt ein Stein über dem Vergänglichen.

  9. Der Wohlfahrt nur,
    die du so fein erdachte Satzungen machst,
    daß bis Novembers Mitte nicht reicht,
    was im Oktober du gesponnen hast.

    Der Fisch velariert in der Guelle,
    sieben Quadrate passen nicht durch die Form.
    Ein Hundert raten zur Verurteilung
    Im Feuer befinden sich Wohnungen,
    deren Bewohnerin historisch oder literarisch sein könnte.

  10. Ich wollt‘ ich verstände den Brief nicht —
    Ach es wäre dann eine unvergeßliche Novemberstunde nie in mein Leben getreten,
    die nachdem so viele andere Stunden bei mir vorübergegangen,
    bei mir stehen bleibt und mich immerfort ansieht.

    Für Besäufnisse mit Punsch gab es noch Doktortitel,
    der olle Künnecke mochte auch Richter,
    besonders die Rowdiezeit.
    14365 ist seine himmlische Anschrift.

  11. Da binde ich mir eine Schürze um
    Und den Eltern gebe ich patzige Antworten
    Zum Dampfablassen,
    und den ganzen Winter igle ich mich ein.
    Auf dem Land ist November ein schöner Monat im Jahr.“

    Im Gegensatz zu Chet Baker sprang er nicht aus dem Fenster,
    aber auch er checkte mit den Füßen voran aus.
    Das weibliche Geschlecht war ihm sein unheilbringender Gegner.
    Herman, James, Walt und William half er über die Alpen.

  12. Wie mancher führt im Mai ein Lasterleben
    Und der November nimmt ihn auf in eines Klosters Hut.
    Dort fliegen Engel ein und aus.
    Als wars ein Tauben oder Hurenhaus.

    An einem fünften Januar war ihm Gnade zuteil,
    vom Roten Tor zum Roten Tor.
    Frank Rjkards gab es für ihn viele,
    nur der wilde Klaus,
    der stopfte lieber Erdbeeren ins Maul einer Mäusefrau.

  13. Es war wirklich ein mieses Spiel gewesen
    und dazu hatte es unaufhörlich geregnet
    So ein mieser Novembernieselregen
    und jetzt riefen sie Aufhören! Schiebung!
    aber sie hatten keinen Schwung mehr
    genau wie die auf dem Rasen, 500 von den 700 hatten
    noch ihren Hangover vom Samstagabend, und nach
    fast zwei Stunden in der Kälte brachten sie
    keine Wut mehr zusammen, nur noch gehässigen
    Ärger und Selbstmitleid.

    Deutsche Autobahnen sind der Gesundheit von Dichtern nicht zuträglich.
    Da bleibt doch besser der Mann im Schnee,
    oder trifft im September in den USA den Mann aus Andernach,
    der ihm ein Gedicht schrieb,
    für den spielenden Jungen.

  14. Der Glaube!
    Sein Kuß hat sich mit Grauen abgewandt von diesem neuen Kalvarienberg.
    Wie könnte sein Arm unseren Kopf offen halten,
    er, der von der Barmherzigkeit eines ungenauen Türschlosses lebt,
    abgeschnitten von den Früchten seines Nächsten ?
    Der äußerste Ekel,
    der, dem sogar der Tod seinen letzten Rausch verweigert,
    zieht sich zurück, verkleidet als Herr.

    Schweigen und Zweifel provozieren durch Wort und Lyrik.
    Da wo er geboren wurde ist in großer Helligkeit die Sonne manchmal dunkel.
    Mit Paul und André war er Teil des Kreises,
    wo Uhren selbst laufen und dem Abort gehuldigt wird.
    Zeit: 55 Paris da sein mit Martin.

  15. Es war Anfang November. Wir hatten elf Grad Kälte und damit auch Glatteis.
    Auf die gefrorene Erde war in der Nacht etwas trockener Schnee gefallen,
    und der trockene scharfe Wind hob ihn auf und fegte ihn durch die langweiligen
    Straßen unseres Städtchens, besonders über den Marktplatz.

    Der Schichtl von der Wiesn wäre sicher nicht sein liebster Stand gewesen.
    Henriade hieß seine Französischlehrerin.
    In den Sternstunden wurde der Wendepunkt zur Poesie.
    Sukkubi und Familiendramen waren ihm nicht fremd.

  16. Er greift in die rückwärtige Tasche und holt einen Armeerevolver heraus.
    Die Novembersonne springt auf den blanken Lauf und er leuchtet auf.
    Gar nicht schreckhaft schein ihr die Waffe.

    Auf einem Eiland war er Geburtshelfer für eine Bücherei,
    doch der Palmen war bald überdrüssig,
    mit Wehmut gedachte er des Gestern.

    [Gelöst: Stefan Zweig.]

  17. Der Einfluss des F. war indessen bald beendigt, als derselbe, ich glaube im November, Paris verließ.

    Mit seinem Geburtsvornamen wäre er weder in den Generalstaaten noch in den USA aufgefallen,
    aber es wurde dann später ein deutscher Name,
    kam zusammen mit der Insomnia.

  18. Zum siebzehnten November
    Heute kommen deine 4
    Um Glück zu wünschen dir
    Zum Tag der dich gebar
    Sechs waren es vorm Jahr.

    Gedichte brachte er in Rüstung,
    vierundvierzig Zungen waren ihm zu eigen,
    Gustav, Robert, Clara, Johannes und viele mehr haben bei ihm geplündert.

  19. Am 1.November 1816, am Allerheiligenfeste morgens um neun Uhr,
    lichteten wir die Anker, während unsere Freunde in der Kirche waren.

    Auf dem Trottoir sitzt einer und kotzt sich die Seele aus dem Magen raus,
    München bei Nacht, wie es leuchtet in den Pfützen mit den Brocken.
    Den Parka brachte er nach Deutschland,
    nur sein Name blieb in Alaska.

    [Gelöst: Adelbert von Chamisso.]

  20. März und November sind die Ausziehzeiten
    für jenen Hausherrn, dem der Mieter kündigt
    beim Weltgericht.
    und leider geht’s nicht ohne Streitigkeiten
    und ohne daß man blutig sich versündigt
    geht’s leider nicht.

    Aus Pech und Holz kommt die Flamme,
    um zu künden vom Finale der Gattung der Homiden.

  21. Sie war so blaß, sie flatterte
    Wie lose Blätter braun
    Als packte sie sich selbst der Wind
    Und im Novembergraun

    Als der große Krieg sich dem Ende neigte erschien das einzige Buch zu Lebzeiten,
    der Rest war eine Stimme aus dem Grab.
    Grade ein paar Tage und drei Monate fehlten zur Vollendung des Jahrhunderts.

  22. Zur Erinnerung an den 9. November 1843
    Es bilden Leid, Geduld und Liebe
    Der schönen Seele Harmonie,
    aus Tränen nähren sich die Triebe
    der Götterblumen Phantasie.

    Rom, Buenos Aires und Washington D.C. haben eine Spur von ihm,
    München und Berlin keine von den 1384 Spuren in 35 Ländern
    Ein Krater, ein Berg, eine Bucht und ein Asteroid tragen seinen Namen.

  23. Jeden 27. November verehren sie den Buddha Gautama als Kirchenheiligen,
    denn die Baarlamsgeschichte ist ja weiter nichts,
    als eine Übersetzung der Lailitavistara.
    Aber er meckerte nur angeregt.

    Die Bildung der Gottlosen lag ihm.
    Beim Herz war ihm das Fleisch zu schwach,
    der 16. Juni war im wichtig.

  24. ER besuchte den 1. November einen von seinen beschädigten Kameraden / der klagte /
    daß ihm die Zeit so trefflich lang würde;
    Er antwortet / das lasse dich nicht wundern /
    dann heute ist Allerheiligen Tag /
    bis nun jeder ein wenig davon hat /
    so muss er sich weit hinaus erstrecken.

    Jahrzehnte drei, das war sein Rahmen,
    mit Namen spielte er.
    Zwischen Knan findet sich Lengfels und Hartenheim,
    Sternfort, Schleifdorf und Hugenheim finden sich vor Meuder.

  25. Noch im November jammerte er darüber,
    „auch nicht den Saum des Kleides einer Muse erblickt zu haben, ja selbst zur Prosa sich untüchtig zu befinden.“

    Zwei auf einen Streich,
    mit dem einen werden noch heute junge Menschen gequält,
    den anderen fand man bis noch vor kurzen in vielen Kinderzimmern,
    früher in so gut wie jeden Haushalt,
    der eine schon fast vergessen,
    steht der andere in Bronze zusammen auf einem Platz
    unmotiviert seit über 150 Jahren rum.

  26. Ohne Anstoß werden die Sonnenfinsternisse, Zensuszahlen, Geschlechtsregister, Triumphe
    vom laufenden Jahre bis auf Anno eins rückwärts geführt;
    es steht geschrieben zu lesen, in welchem Jahr, Monat und Tag König Romulus gen Himmel gefahren ist
    und wie König Servius Tullius zuerst am 25. November 183 (571) und wieder am 25. Mai 187 (567) über die Etrusker triumphiert hat.

    Im ersten Jahr hatte er noch kein Glück bei der Preisverleihung,
    aber im zweiten Jahr klappte es.
    Seine preiswürdige Arbeit, ist noch heute recht brauchbar,
    nach all der Zeit.

  27. Es war der 18. November des Jahres 1905 p. Chr.
    Mikamura hatte alle Damen und Herren der Umgegend eingeladen,
    Vorträgen des Barons von Münchhausen zuzuhören.

    Ein Böttcher war er nicht, auch wenn er den Namen verwendete,
    beim Kater dachte er zumeist nicht an vier Beine,
    eher an den Morgen danach.

  28. Es war an einem Novemberabende. Noch lag kein Schnee, aber der Winter hatte seine Nähe schon längst durch starke Nachtfröste verkündigt,
    und wen nach eingebrochener Dunkelheit nicht die Notwendigkeit hinaus ins Freie trieb, der zog es vor, in der wohlerwärmten Stube zu bleiben.

    Knackis sind gut im Erzählen,
    hier was aufgeschnappt, dort was gehört
    und schon spinnt man sein eigenes Garn,
    wird für Generationen ein stehender Begriff
    und prägt die Vorstellung von so manchem.

  29. Das ganze Jahr mag ich leise treten im Walde und gehe um die trockenen Blätter herum,
    aber im November suche ich sie, und wo sie am dicksten liegen, gehe ich am liebsten.

    Den meisten ist sein Name heute völlig fremd,
    zu seiner Zeit war seine krankhafter Wandertrieb und sein Trunksucht in Perioden geteilt recht weit bekannt.
    Große Klappe hatte er auch immer, nicht immer was man heute noch so sagen würde,
    doch auch der Humor war ihm nicht fremd,
    ein Kind seiner Zeit und davon manchmal auch zuviel.
    Mümmelmann ruhe sanft.

  30. Denn Julizeit oder Weihnachten könnten schon den deutschen Heiden für den keltischen November gegolten haben.

    Bruder und Bruder
    sammelten fleißig,
    Walt klaute einiges.
    Ihr Antlitz war mal eine vierstellige Summe wert.

  31. Haben wir’s eingeteilt. Und zwar:
    Die Schaukel selbst für November,
    Kopf und Beine Dezember,
    Rumpf mit Sattel für Januar.

    Ein Tattoo kann schon mal einen Schulverweis bedeuten.
    Die Kathi zahlte ihm nur ein Bier, später gab es noch 2 Mark dazu,
    zu wenig für ihn.
    12-D-21 lautet heute seine Anschrift.

  32. Ein dritter innerer Komet von kurzer Umlaufszeit ist der im vorigen Jahre (22. November 1843) auf der Pariser Sternwarte von Faye entdeckte. Seine elliptische Bahn kommt der kreisförmigen weit näher als die irgend eines bisher bekannten Kometen. Sie ist eingeschlossen zwischen den Bahnen von Mars und Saturn.

    Im südlichen Amerika bekannter und beliebter als bei uns,
    auch wenn es Kreise gibt die ihn noch schätzen,
    so hat sein Bruder mehr spürbare Spuren in Deutschland hinterlassen.
    Georgs Reise mit James hat ihn selbst Pläne schieden lassen
    Und er wurde ein Hans Dampf in allen seiner Gassen.

    [Gelöst: Alexander von Humboldt: Kosmos, Erster Band, 1845–1858.]

  33. Die Äpfel waren in
    8 Jahre altes blondes Haar gewickelt
    Frierend und verdreckt
    Tauchte die Tochter des Hausmeisters
    Nie auf im November
    Und pißte aus ihren süßen Spalt
    Auf den Kies.

    Goethe wollte mehr Licht,
    er verstand nur dass es dunkler werde,
    als töteten Sie die Flamme
    und er verließ den Tisch im Chelsea Hotel.

  34. Es ist der zwölfte November 1970 am Morgen
    18 Grad Aussentemperatur
    Drei Briefe und eine Karte im Kasten
    Zum erstenmal seit Wochen
    Ist die Sonne wieder da.

    Vor der Antwort auf die Frage nach dem Universum, dem Leben und dem ganzen Rest war Ende,
    keine Fälschung half da mehr.
    Den Willen zu schönen Gedichte hatte
    und zu seiner eigenen Überraschung gelangen ihm manchmal welche.

  35. „So bin ich ja eigentlich stärker als er.“ –
    Der Offizier hütete sich, eine andere Ansicht auszusprechen und so schritt der König am Mittag des 30. Novembers 1700 zum Angriff auf die Russen.

    Er war der erste seiner Art und als er einem anderen erklärte, dass er der letzte seiner Art ist,
    gab es eine ordentliche Tracht Prügel.
    Mit dem einen Großen war er persönlich,
    mit der Großen bevorzugte er den Briefwechsel,
    wobei auch bei Papieren Wechsel häufig waren.
    Bei Leonard gab es dann eine Operette mit 2 Akten.

    [Gelöst: Voltaire: Die Geschichte Karls XII., König von Schweden.]

  36. Seit dem November, da die Villeggiatur aufgehört hat, gehört auch die Römische große Welt dazu,
    in der ich gar, bloß um der Kürze der Formel willen, für den Vescovo di Weimar gelte;
    E. D. können mir also künftig keinen geringern Titel geben,
    als den mir die Hauptstadt der christlichen Welt mit tausend Komplimenten gibt:
    denn ich passiere hier für einen sehr großen Gelehrten.

    Seine Reisen finanzierte er dadurch,
    das er blauen Jungs Bildung und Flötentöne beibrachte.
    Auch anderen Jungspunden zeigte er,
    wo im europäischen Archiv die wahren Hämmer hingen.

    [Gelöst: Johann Gottfried Herder an Herzog Carl August, 29. November 1788.]

  37. Wir bewaffneten uns mit unseren schärfsten Taschenmessern
    und begaben uns eines trüben Novembermorgens zu der Buche bei der Svatá Anna.

    Spiegelgasse war die Endstation,
    ein Schloß der Anfang.
    Das sie Uhrmacherin war,
    ist nicht so bekannt, aber einzelne Gedanken machten Sie bekannt.

  38. Als ich nun eines Abends, Ende November, kurz nach zehn, noch ins Café wollte,
    trat auf mein Klingeln an der Wohnung des Portiers statt des alten gichtbrüchigen Mannes ein Mädchen in den Torweg.

    Als Jude aus Galizien machte seine Liebe zur deutschen Aufklärung
    Ihn zum Deutsch-Nationalen,
    doch den patriotischen Chauvinismus,
    den er in Berlin erlebte war ihm zuwider.
    Heute ist er eher dafür bekannt,
    das er beim Lesen yz mit zz verwechselt hat.

    [Gelöst: Karl Emil Franzos: Das Kind der Sühne, in: Die Juden von Barnow, 1877.]

  39. Nu hätt‘ en andrer sich gegrämt, grad in so schlechter Zeit herkommen zu sein!
    aber i dacht, ’s wird sich schon hinziehen, und richtig, ’s hat sich bis zum November hingezogen!

    Nekrophile Korrespondenz machte ihn zu seiner Zeit bekannt,
    heute ist eher sein Daumen
    und sein Name aus dem Supermarkt bei den kalten süßen Sachen bekannt.

    [Gelöst: Hermann Fürst von Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen, Einundzwanzigster Brief, 1828.]

  40. Zur Erkenntlichkeit wollen wir Ihnen an jedem Sankt Martinstage neun fette Gänse und ein Stückfaß voll Schnaps schicken.

    Sohn eines Schließers,
    den Freuden des Bacchus sehr zugetan.
    Mit W.A. und J.W. legte er sich gleichzeitig an,
    Soeren hat es gefallen.

  41. Was für’n hübscher Monat zur Hochzeit November.
    November, der ist mein Leibmonat, ist so kalt – bitter kalt dann.
    Na! Guten Tag. Guten Tag.

    Schönen Gruß an Arno Schmidt,
    und Gerstäcker hat ihn auch mal übersetzt,
    immer diese Parlamentarier.

  42. Ich weiß nicht, ob die Leute des Palastes heute,
    am Allerheiligentage und morgen, am Allerseelentage, zum Ausfegen kommen werden.

    Fehlen darf er nicht der Meister der Promiskuität,
    ließ ja auch keinen Tag aus,
    wenn man seinen eigenen Worten glauben darf.

    [Gelöst: Casanova: Memoiren Band 2, übs. Heinrich Konrad Müller.]

  43. Der erste Tag Ihrer Suspendierung wird der 17. November
    1969 sein, der letzte Tag Ihrer Suspendierung wird der
    19. November 1969 sein.

    Seine Treue zu den Katzen hielt bis zum Tod.
    Er machte keinen Pakt mit dem Teufel,
    sondern bekam ein Viertel vom Verdienst eines Anderen,
    bis zum Lebensende.

    [Gelöst: Charles Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche, KiWi-Ausgabe 1992, Seite 150.]

  44. Am Nachmittag des 12. Novembers 1855 in der Horseferry Road, Bild aufgenommen von
    A.G.S. Hullcoop von der Abteilung der forensischen Anthropologie.

    Traum des Schriftstellers,
    neue Worte und Begriffe eingeführt,
    der andere gab den Andre Breton der Bewegung,
    beide noch putzfidel.

  45. Im November behauptete Mae Brüssel über Radio Berkeley, daß Jesus Opfer eines CIA-Komplotts gewesen war.

    Man braucht schon Eier für ein 10-Stunden-Theaterstück,
    was auch gespielt wurde.
    Paranoiker waren ihm lieb
    und den Unterschied zwischen Gott und Drogen hat ihm nie
    jemand schlüssig erklären können.

  46. I figure I’m gonna work a couple of months—November and part of December,” said Jones. “Makes it nice to have money around Christmas. We could cook a turkey this year.

    Misogynie konnte man ihm nie vorwerfen,
    zu sehr mochte er die Menschen,
    besonders die, die sonst keines Blickes gewürdigt worden sind.

  47. It was a chill November evening of the old-fashioned type.
    The moon looked pale and wan, as if it shouldn’t be up on a night like this.

    Eine Zahl als Endpunkt und Logikerinsiderwitz,
    Manische Depression war bei ihm nicht nur auf Menschen beschränkt,
    Ein Werk hat es sogar zu einem weltweiten Gedenktag gebracht.

    [Gelöst: Douglas Adams: Dick Gently’s Holistic Detective Agency, 1987, Chapter 4.]

  48. Es war eine trostlose Novembernacht, als ich mein Werk fertig vor mir liegen sah.

    Im Jahr ohne Sommer entstanden,
    im Kreis großer anderer Namen,
    zum Zeitvertreib.

  49. Es war November; doch nicht so genau
    Kennt man den Tag. Der Himmel war schon grau.

    Biologisch kann man ihn
    den Vater der modernen Informatik nennen.
    Eine schwarze Barke holte ihn aus seinem Griechenland zurück.

  50. November und mehr, als ich auf das Ergebnis warte
    Sie sagen mir, dass Vergebung der Schlüssel zu jeder Tür ist.

    Onkel Johannes Truppe auf einer langen seltsamen Reise,
    Hotel auf dem Mars,
    und das nur wegen dem tibetischen Totenbuch.

  51. His cold and wornanless nights, the card and chess games, the all-male beer-drinking sessions, the nightmares he had to find his own way up out of because there was no other hand now to shake him awake, nobody to hold him when the shadows came on the window shade—all caught up with him that November, and maybe he allowed it to.

    Postämter. Postämter, Postämter und Paranoia.

  52. This bag, however, never seemed to disappear. „Well, once we finish this bag we can straighten out…“ Let’s put it this way: it lasted from June to November, and we still left some behind.

    Sein Gesicht kann mehr Geschichten erzählen,
    als viele Bücher,
    er selbst hat sich mal als der beste „schlechte“ seine Zunft bezeichnet.
    Verwechselbar ist er kaum,
    ob von Palmen oder Bücherregalen,
    er fällt gerne mal.

  53. Now we pointed our rattle snout south and headed for Castle Rock, Colorado, as the sun turned red and the rock of the mountains to the west looked like a Brooklyn brewery in November dusks.

    Seine Texte auf Toilettenpapier zu schreiben ist schon eigenwillig,
    Berühmt wurde der Text trotzdem,
    auch wenn nur noch der Titel heute den Jüngeren etwas sagt.

    [Gelöst: Jack Kerouac: On the Road, Part 5, Chapter 3, Seite 564, Penguin Books, 1976.]

  54. I complied at last, finding I could not do better.
    I left Lisbon the 24th day of November, in an English merchantman,
    But who was the master I never inquired.

    Groß oder klein,
    kann man alles ausprobieren,
    will man was aufs Korn nehmen.
    Er hat nur den Doktoren Essen, Ruhe und Fröhlich vertraut.

  55. One thousand, twice four hundred and fourteen Year of our Lord – and the month November, the fifteenth day, if I do remember.

    Ein alter Seemann und Dichter am See,
    auch wenn man die Prämissen nicht selber anerkennt,
    kann man von ihnen aus weiterführen.

  56. Was mich darauf bringt ist, daß im Kirchenbuch zu Touars die Zahl der im Oktober
    Und November geborenen Kinder größer als der zehn andern Monat des Jahres ist,
    die mithin, wenn man rückwärts zählt, alle in den Fasten gemacht, gezeugt und empfangen sind!

    Wille, Wollen, Tun und Du
    Wharton hat bei ihm geklaut
    und ein anderer hat gleich ein Gesetz daraus gemacht.

  57. Im Novembermonat dieses Jahres starb Prinz Rupert, in seinem dreiundsechzigsten Lebensjahr.

    Mit der Rennbahn hat er Gewissheiten bis heute erschüttert,
    ganze Wissenschaften hat er begründet
    und als guter Mensch wurde er beerdigt.

  58. Cold and deary was the night:
    November’s blast had chilled the air.

    Seine Frau wird von Hollywood mehr geliebt als er,
    das Jahr ohne Sommer hat er mit Freunden und Frau verbracht.

  59. Spring in the world of Fairy, being November with us.

    Die Mitte ist gefallen,
    und er hat Zeit seines Lebens versucht das auszudrücken.
    Die erste Gesamtausgabe der Werke von William Blake gehen auf sein Konto.

  60. Dr. Price had preached a sermon on the 4th of November, 1789, being the anniversary of what is called in England the Revolution, which took place 1688.

    Berühmt berüchtigt,
    als versoffen, verlogen und hemmungsloser Ungläubiger tituliert,
    gab er trotzdem einem jungen Land seinen Namen.

  61. It was a beautiful morning at the end of November. During the night it had snowed, but only a little, and the earth was covered with a cool blanket no more than three fingers high.

    Krimitime im Louvre und im Kloster,
    überall Zeichen und Signale.

  62. Keeps making November difficult
    Till I who was almost bold
    Lose my way like a little Child
    And perish of the cold.

    In weiß gekleidet,
    zumeist in ihrem Zimmer,
    wartete sie auf das Aufsteigen des Nebels.

  63. And where, my soul, is thy pleasant hue?
    With the music of all thy voices, dumb
    In life’s November too!

    Auf der Rückseite des Grabsteins eines Polarforschers steht sein Gedicht,
    In einer Ecke wurde er beerdigt.
    Spasmodische Krankheit wurde einem Text auch attestiert.

  64. The skaters and water-bugs finally disappear in the latter part of October, when the severe frosts have come; and then and in November, usually, in a calm day, there is absolutely nothing to ripple the surface.

    Mittendrin im Samstagsverein,
    das Zifferblatt vereinte ihn mit Ralf.

  65. „And Yale is November, crisp and energetic,“ finished Monsignor.

    120 Ablehnungsschreiben hatte er an die Wand geklebt,
    er starb im Glauben gescheitert zu sein,
    heute kennen sogar einige Junge noch Werke von ihm.

  66. Novemberlied

    Dem Schützen, doch dem alten nicht,
    Zu dem die Sonne flieht,
    Der uns ihr fernes Angesicht
    Mit Wolken überzieht;

    Dem Knaben sei dies Lied geweiht,
    Der zwischen Rosen spielt,
    Uns höret und zur rechten Zeit
    Nach schönen Herzen zielt.

    Durch ihn hat uns des Winters Nacht,
    So häßlich sonst und rauh,
    Gar manchen werten Freund gebracht
    Und manche liebe Frau.

    Von nun an soll sein schönes Bild
    Am Sternenhimmel stehn,
    Und er soll ewig, hold und mild,
    Uns auf- und untergehn.

    Das war leicht.

Merlin im Hof. Cats on Books 4, 6. November 2018

Buidl: Merlin proudly presents die Preise: Cats on Books 4/4, 6. November 2018, selber gemacht.

Soundtrack: Guns N’ Roses: November Rain, aus: Use Your Illusion I, 1991:

Written by Wolf

9. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Weisheit & Sophisterei

Austen Brontë Woolf

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Zur Rezeption des Häubchenfilms

Update zu Pride and Prejudice
und Schwarze Butter:

Gegen die galoppierende Verwechslungsgefahr merken wir uns: Jane Austen ist ungefähr die Muttergeneration der Brontë-Schwestern — vor allem der schreibenden Anne, Charlotte und Emily. Zwei apokryphe, die eigentlich ältesten Brontë-Schwestern Elizabeth und Mary, sind noch als Schulmädchen an Tuberkulose gestorben; vom einzigen Bruder Patrick Branwell existieren auf eine fast theoretische Weise die gesammelten Gedichte, aber die will niemand lesen, bezahlen oder gar übersetzen. Ansonsten soll Patrick recht begabt gemalt — zum Beispiel das bekannte Dreifach-Portrait 1834 seiner überlebenden und schreibenden Schwestern, aus dem er nachträglich seine eigene Person taktvoll ausradiert hat — und vor allem ein paar Yards die Hauptstraße runter in der Dorfkneipe als ländliches Original beim Porter durchaus gebildete Schoten erzählt haben.

In ihrem jugendlichen Zeitvertreib erfanden alle vier Geschwister in wechselnden kreativen Allianzen die Reiche Angria und Gondal, in Erfindungsreichtum und schierem Umfang J.R.R. Tolkiens Mittelerde oder rezenten vielbändigen Fantasy-Großtaten in nichts nachstehend. Wenn das mal komplett erschlossen, in eine stringente Ordnung gebracht und gar verfilmt werden könnte — das wäre eine literarische Sensation. Das Material wurde von vier pubertierenden Pfarrerskindern gesammelt, der Ausarbeitung stand nichts mehr Weg als das Ende der Kindlichkeit, die niederen Sachzwänge des Erwachsenenlebens und der bei der friedhofsnah und gottesfürchtig hausenden Familie allgegenwärtige Tod.

Das Alter von vierzig Jahren hat überhaupt nur Schwester Charlotte erreicht, die außerdem als einzige nicht als Jungfrau ins Grab sank: Ein Kumpel ihres Vaters hat sich ihrer mit 39 erbarmt, aber damit nicht eine schließlich doch noch geoutete Bestseller-Autorin geheiratet, sondern seine örtliche Pfarrerstochter mit einer Gouvernantenausbildung aus dem kontinentalen Belgien, die seit über einem Jahrzehnt als sitzengeblieben galt.

Alle anderen welkten pünktlich kurz vor ihren Dreißigsten wie die kindlich vorausgestorbenen Elizabeth und Mary ab, denn es herrschte ein hässlich feuchtes, der Lunge junger Mädchen (und Patricks) unzuträgliches Hochmoorklima im Pfarrhaus mit Fensterfront auf den Friedhof zu Haworth in West Yorkshire. Vater Brontë überlebte alle, trotz seiner sechs Kinder der letzte Spross seines Stammes.

Mit Jane Austen, ebenfalls ledigerweise nur 42 geworden, verbindet diese glücklose Familie ein angenehm überschaubares Gesamtwerk, das jeweils in einen einzigen, dann aber geradezu waffentauglichen Band passt, sowie dessen vollständige und sogar mehrfache Verfilmung, für die man sich nicht allzusehr genieren muss, wenn man sie ab und zu binge-watcht. Austen- und Brontë-Filme machen Spaß, sogar noch die richtig miesen, und man verschafft sich dabei das nützliche Gefühl, man habe wenigstens versucht, einen ihrer Handlungsverläufe nachzuvollziehen.

Viel mehr Schreiberinnen solcher Filmvorlagen sind nicht bekannt. Man kann allenfalls Elizabeth Gaskell, persönliche Freundin und erste Biographin von Charlotte Brontë, und ein paar obskure Georgianerinnen dazuzählen, vorneweg George Eliot, die bürgerliche Mary Anne Evans mit dem vermännlichten Pseudonym: Mit dem Schreibhandwerk etwas fürs Herrenhaus dazuverdienen war erst als Viktorianerin nichts Ehrenrühriges mehr. An diesem Material kann man nun entweder bemängeln oder liebenswert finden, dass immer wieder nur das verfilmt werden kann, was einmal vorhanden ist. Ich finde es sogar bereichernd, in die Tiefe statt in die Breite zu konsumieren — oder finden Sie mal raus, auf welche Verfilmung von Wuthering Heights hin Kate Bush 1978 zu ihrem überkandidelten Ausdruckstanz gejodelt hat.*

Die Wölfin nennt dieses rundum erfreuliche Genre, das filmisch Historical period drama heißt, etwas herablassend, aber sehr treffend „Häubchenfilme“ und kapriziert sich lieber auf Schwedenkrimis, die gar nicht trostlos genug verlaufen und ausgehen können. Recht hat sie damit, dass Jane Austen auf einer Seitenzahl, in der man getrost eine ausgewachsene Romanhandlung unterbringen könnte, gerade einmal das Setting schafft, und wenn’s endlich losgehen könnte, sind alle schon verheiratet. Tot oder glücklich wären sie erst bei Charles Dickens, aber dazu brauchte es historisch noch die Zwischengeneration der Brontinnen — wie ja die Brontës insgesamt so eine Art Charles Dickens für Mädchen sind, was spätestens dann auffällt, wenn John Irving in Gottes Werk und Teufels Beitrag den Waisenkinderlein im Wechsel David Copperfield und Jane Eyre vorlesen lässt.

In mancher Hinsicht sind solche Häubchenfilme eine Art weiblich gelesenes Pendant zum betont männlichen Genre des Western-Films: Auf den ersten Blick an einem einzigen Szenenbild erkennbar, sind sie so stereotyp und so vielfältig, wie dramaturgischer Sachverstand darein gesetzt wurde, und sie leben wesentlich vom Aufwand an Ausstattung und einer angenommenen Nähe zu historischer Zeit und Ort. Mit dem Unterschied: Nicht jugendfreie Western sind weiterhin Western, meistens der Italo-Ausrichtung, Häubchenfilme sind gewöhnlich recht harmlos für jugendliche Seelen; ihre Porno-Varianten sind weder historical noch period, sondern eben Pornos. Sagen wir, Häubchenfilme sind Western für Mädchen. Für kleine und große. Aller Geschlechter.

Wer genug Häubchenfilme auf Handlungsdichte und Figurenführung durchgeschaut hat, merkt dann schon, welchen Satz nach vorn die Auffassung von Suspense in dieser entscheidenden Generation vollführt hat: Die Austen stickt noch Bildchen auf Sofakissen, die Brontës spulen schon Filme ab. Es kann auch, wenn man an dergleichen glaubt, an der Geographie liegen: Die Austen erzählt über die englische Südküste, wo am Golfstrom die ersten Palmen gedeihen, die Brontës kauzen über die knorrige Gegend an der Grenze zu Schottland herum. Und Dickens, wieder eine Generation später und von der Weltstadt London aus wirksam, konnte dramaturgisch und PR-technisch sowieso alles.

Weiterhin verbindet Jane Austen und die drei literarisch hervorgetretenen Schwestern Brontë, dass sie im derzeitigen deutschen Buchhandel in mehreren qualitativ unterschiedlichen Gesamtausgaben stattfinden. Das reicht von den besten, natürlich wie immer beim Insel-Verlag, der für solche Gestalten ja halboffiziell zuständig ist, bis hin zu Volltextabdrucken in lustigen Eindeutschungsversuchen auf einer Art saugfähigem Küchenpapier — natürlich wie immer bei ganz und gar unnötigen Verlagen, die nur deswegen Verlage sind, weil ein studierter Controller gehört hat, dass man in manchen Weltgegenden für ein Nichts saugfähiges Küchenpapier volldrucken und in Deutschland preisgebunden verkaufen kann. Beider — oder genauer: vierer — Gesamtausgaben sind in schmucken Sammelkästen erhältlich, weil man mit den einbändigen Ausgaben beim Lesen im Bett Gefahr läuft, sich beim Wegdösen das Nasenbein zu brechen.

So eine Schmucksammlung wünsche ich mir endlich aus einer bis drei weiteren Generationen später: von Virginia Woolf, über deren Orlando in der jüngsten Übersetzung von Melanie Walz man ja Wunderdinge hört. Der ist von 1928 im Eigenverlag einer starken Frau erschienen, da wurden die englischen Könige schon fotografiert statt gemalt, die Engländerinnen wurden zu politischen Wahlen zugelassen und die Häubchen fallen nicht mehr als Stigma unterdrückten Heiratsfutters auf; das ist dann vielleicht sogar für die Wölfin zeitgemäß genug. Und verfilmt ist der — wenn schon, dann richtig — mit Tilda Swinton.

Filmtipps: Der eine Häubchenfilm, der wirklich richtig was taugt, ist Sinn und Sinnlichkeit, das ist: Sense and Sensibility nach Jane Austen — und zwar der von 1995, mit Emma Thompson als Hauptrolle und dem völlig berechtigten Oscar fürs adaptierte Drehbuch 1996, Kate Winslet in der anderen Hauptrolle, einem gewohnt doofen, aber gut gelaunten Hugh Grant, dem sowieso immer lohnenden Alan Rickman und ein paar einnehmend grantigen Kurzauftritten von Hugh Laurie in seiner Jungform, als er noch Musiker war und lange nicht ahnte, was als „Dr. House“ mal aus ihm werden könnte.

Nummer 2 bleibt bis auf weiteres die Austen-Verfilmung, die einem seit 2005 immer als erstes einfällt, wenn von Austen-Verfilmungen die Rede ist: Stolz und Vorurteil, das ist: Pride & Prejudice, in dem sich jeder Mensch mit einem Herzen in der Brust endgültig in Keira Knightley verlieben musste, während er noch überlegt hat, was genau die kleinen und großen Mädchen aller Geschlechter seit Jahrhunderten an diesem Miesnickel von Mr. Darcy finden — und wieder mit Drehbuchbeteiligung seitens Emma Thompson (Schlüsselszene mit Keira Knightley barfuß).

Fachliteratur:

Bild: Helena Kelly: Jane Austen, Secret Radical, via Jane Austen Centre, Bath, 5. Juni 2018.

*Auflösung des Filmrätsels: Kate Bush ließ sich von den letzten ungefähr zehn Minuten der Verfilmung von Wuthering Heights von 1970 mit Timothy Dalton zu ihrem gleichnamigen Best- und Longseller hinreißen. Kate Bush im Interview mit Doug Pringle für Profiles in Rock, Dezember 1980, dingfest gemacht in deren eigenen Anmerkungen:

Well that was based around the story Wuthering Heights, which was written by Emily Bronte. And ah, and really what sparked that off was a TV thing I saw as a young child. [Apparently the timothy dalton telefilm of about 1972] I just walked into the room and caught the end of this program. And I am sure one of the reasons it stuck so heavily in my mind was because of the spirit of Cathy, and as a child I was called Cathy. It later changed to Kate. It was just a matter of exaggerating all my bad areas, because she’s a really vile person, she’s just so headstrong and passionate and … crazy, you know? And it was fun to do, and it took — a night and a half?

Diese spezielle Verfilmung handelt „nur“ die ersten 16 Kapitel der Buchvorlage ab, Frau Bushs Inspiration leitet sich also vom Showdown in den Klippen her, der mitnichten das Ende der Romanhandlung darstellt. Was Häubchenfilme angeht, ein eher schroffes Exemplar:

Soundtrack:, weil das oben ewähnte exaltierte Gehampel von Kate Bush — das unbenommen seine eigene Größe hat — erst kürzlich dran war: die dokumentarisch schätzbare — um nicht zu sagen: unschätzbare — „only known surviving recording of Virginia Woolf’s voice“:
Judith Kelly/Anita Gatehouse: Rare Virginia Woolf Singing Video, 6. April 2102:

Und weil’s ganz ohne eben doch nicht geht, nach der dran gewesenen Red Dress Version noch die White Dress Version von Kate Bush: Wuthering Heights, aus: The Kick Inside, 1978 — die sogar als erste Version gilt und auch nicht weniger überdreht daherkommt:

Written by Wolf

26. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Das sanfte Gesetz

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Update zu Zeichenstifter und
Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen:

——— Adalbert Stifter:

Vorrede

Im Herbste 1852, zu: Bunte Steine. Ein Festgeschenk.
Verlag von Gustav Heckenast, Pest. Leipzig, bei Georg Wigand, 1853:

William-Adolphe Bouguereau, L'Art et la Littérature, 1867Weil wir aber schon einmal von dem Großen und Kleinen reden, so will ich meine Ansichten darlegen, die wahrscheinlich von denen vieler anderer Menschen abweichen. Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind. Sie kommen auf einzelnen Stellen vor, und sind die Ergebnisse einseitiger Ursachen. Die Kraft, welche die Milch im Töpfchen der armen Frau empor schwellen und übergehen macht, ist es auch, die die Lava in dem feuerspeienden Berge empor treibt und auf den Flächen der Berge hinab gleiten läßt. Nur augenfälliger sind diese Erscheinungen und reißen den Blick des Unkundigen und Unaufmerksamen mehr an sich, während der Geisteszug des Forschers vorzüglich auf das Ganze und Allgemeine geht und nur in ihm allein Großartigkeit zu erkennen vermag, weil es allein das Welterhaltende ist. Die Einzelheiten gehen vorüber, und ihre Wirkungen sind nach kurzem kaum noch erkennbar. Wir wollen das Gesagte durch ein Beispiel erläutern. Wenn ein Mann durch Jahre hindurch die Magnetnadel, deren eine Spitze immer nach Norden weist, tagtäglich zu festgesetzten Stunden beobachtete und sich die Veränderungen, wie die Nadel bald mehr bald weniger klar nach Norden zeigt, in einem Buche aufschriebe, so würde gewiß ein Unkundiger dieses Beginnen für ein kleines und für Spielerei ansehen; aber wie ehrfurchterregend wird dieses Kleine und wie begeisterungerweckend diese Spielerei, wenn wir nun erfahren, daß diese Beobachtungen wirklich auf dem ganzen Erdboden angestellt werden, und daß aus den daraus zusammengestellten Tafeln ersichtlich wird, daß manche kleine Veränderungen an der Magnetnadel oft auf allen Punkten der Erde gleichzeitig und in gleichem Maße vor sich gehen, daß also ein magnetisches Gewitter über die ganze Erde geht, daß die ganze Erdoberfläche gleichzeitig gleichsam ein magnetisches Schauern empfindet. Wenn wir, so wie wir für das Licht die Augen haben, auch für die Elektrizität und den aus ihr kommenden Magnetismus ein Sinneswerkzeug hätten, welche große Welt, welche Fülle von unermeßlichen Erscheinungen würde uns da aufgetan sein. Wenn wir aber auch dieses leibliche Auge nicht haben, so haben wir dafür das geistige der Wissenschaft, und diese lehrt uns, daß die elektrische und magnetische Kraft auf einem ungeheuren Schauplatze wirke, daß sie auf der ganzen Erde und durch den ganzen Himmel verbreitet sei, daß sie alles umfließe und sanft und unablässig verändernd, bildend und lebenerzeugend sich darstelle. Der Blitz ist nur ein ganz kleines Merkmal dieser Kraft, sie selber aber ist ein Großes in der Natur. Weil aber die Wissenschaft nur Körnchen nach Körnchen erringt, nur Beobachtung nach Beobachtung macht, nur aus Einzelnem das Allgemeine zusammen trägt, und weil endlich die Menge der Erscheinungen und das Feld des Gegebenen unendlich groß ist, Gott also die Freude und die Glückseligkeit des Forschens unversieglich gemacht hat, wir auch in unseren Werkstätten immer nur das Einzelne darstellen können, nie das Allgemeine, denn dies wäre die Schöpfung: so ist auch die Geschichte des in der Natur Großen in einer immerwährenden Umwandlung der Ansichten über dieses Große bestanden. Da die Menschen in der Kindheit waren, ihr geistiges Auge von der Wissenschaft noch nicht berührt war, wurden sie von dem Nahestehenden und Auffälligen ergriffen und zu Furcht und Bewunderung hingerissen; aber als ihr Sinn geöffnet wurde, da der Blick sich auf den Zusammenhang zu richten begann, so sanken die einzelnen Erscheinungen immer tiefer, und es erhob sich das Gesetz immer höher, die Wunderbarkeiten hörten auf, das Wunder nahm zu.

William-Adolphe Bouguereau, Frère et sœur, 1887So wie es in der äußeren Natur ist, so ist es auch in der inneren, in der des menschlichen Geschlechtes. Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesgemäßheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem heiteren, gelassenen Sterben, halte ich für groß: mächtige Bewegungen des Gemütes, furchtbar einherrollenden Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört, und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, sondern für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind, wie Stürme, feuerspeiende Berge, Erdbeben. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird. Es gibt Kräfte, die nach dem Bestehen des Einzelnen zielen. Sie nehmen alles und verwenden es, was zum Bestehen und zum Entwickeln desselben notwendig ist. Sie sichern den Bestand des Einen und dadurch den aller. Wenn aber jemand jedes Ding unbedingt an sich reißt, was sein Wesen braucht, wenn er die Bedingungen des Daseins eines anderen zerstört, so ergrimmt etwas Höheres in uns, wir helfen dem Schwachen und Unterdrückten, wir stellen den Stand wieder her, daß er ein Mensch neben dem andern bestehe und seine menschliche Bahn gehen könne, und wenn wir das getan haben, so fühlen wir uns befriedigt, wir fühlen uns noch viel höher und inniger, als wir uns als Einzelne fühlen, wir fühlen uns als ganze Menschheit. Es gibt daher Kräfte, die nach dem Bestehen der gesamten Menschheit hinwirken, die durch die Einzelkräfte nicht beschränkt werden dürfen, ja im Gegenteile beschränkend auf sie selber einwirken. Es ist das Gesetz dieser Kräfte, das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen ist. Dieses Gesetz liegt überall, wo Menschen neben Menschen wohnen, und es zeigt sich, wenn Menschen gegen Menschen wirken. Es liegt in der Liebe der Ehegatten zu einander, in der Liebe der Eltern zu den Kindern, der Kinder zu den Eltern, in der Liebe der Geschwister, der Freunde zu einander, in der süßen Neigung beider Geschlechter, in der Arbeitsamkeit, wodurch wir erhalten werden, in der Tätigkeit, wodurch man für seinen Kreis, für die Ferne, für die Menschheit wirkt, und endlich in der Ordnung und Gestalt, womit ganze Gesellschaften und Staaten ihr Dasein umgeben und zum Abschlusse bringen. Darum haben alte und neue Dichter vielfach diese Gegenstände benützt, um ihre Dichtungen dem Mitgefühle naher und ferner Geschlechter anheim zu geben. Darum sieht der Menschenforscher, wohin er seinen Fuß setzt, überall nur dieses Gesetz allein, weil es das einzige Allgemeine, das einzige Erhaltende und nie Endende ist. Er sieht es eben so gut in der niedersten Hütte wie in dem höchsten Palaste, er sieht es in der Hingabe eines armen Weibes und in der ruhigen Todesverachtung des Helden für das Vaterland und die Menschheit. Es hat Bewegungen in dem menschlichen Geschlechte gegeben, wodurch den Gemütern eine Richtung nach einem Ziele hin eingeprägt worden ist, wodurch ganze Zeiträume auf die Dauer eine andere Gestalt gewonnen haben. Wenn in diesen Bewegungen das Gesetz der Gerechtigkeit und Sitte erkennbar ist, wenn sie von demselben eingeleitet und fortgeführt worden sind, so fühlen wir uns in der ganzen Menschheit erhoben, wir fühlen uns menschlich verallgemeinert, wir empfinden das Erhabene, wie es sich überall in die Seele senkt, wo durch unmeßbar große Kräfte in der Zeit oder im Raume auf ein gestaltvolles, vernunftgemäßes Ganzes zusammen gewirkt wird. Wenn aber in diesen Bewegungen das Gesetz des Rechtes und der Sitte nicht ersichtlich ist, wenn sie nach einseitigen und selbstsüchtigen Zwecken ringen, dann wendet sich der Menschenforscher, wie gewaltig und furchtbar sie auch sein mögen, mit Ekel von ihnen ab, und betrachtet sie als ein Kleines, als ein des Menschen Unwürdiges. So groß ist die Gewalt dieses Rechts- und Sittengesetzes, daß es überall, wo es immer bekämpft worden ist, doch endlich allezeit siegreich und herrlich aus dem Kampfe hervorgegangen ist. Ja wenn sogar der einzelne oder ganze Geschlechter für Recht und Sitte untergegangen sind, so fühlen wir sie nicht als besiegt, wir fühlen sie als triumphierend, in unser Mitleid mischt sich ein Jauchzen und Entzücken, weil das Ganze höher steht als der Teil, weil das Gute größer ist als der Tod, wir sagen da, wir empfinden das Tragische, und werden mit Schauern in den reineren Äther des Sittengesetzes emporgehoben. Wenn wir die Menschheit in der Geschichte wie einen ruhigen Silberstrom einem großen, ewigen Ziele entgegen gehen sehen, so empfinden wir das Erhabene, das vorzugsweise Epische. Aber wie gewaltig und in großen Zügen auch das Tragische und Epische wirken, wie ausgezeichnete Hebel sie auch in der Kunst sind, so sind es hauptsächlich doch immer die gewöhnlichen, alltäglichen, in Unzahl wiederkehrenden Handlungen der Menschen, in denen dieses Gesetz am sichersten als Schwerpunkt liegt, weil diese Handlungen die dauernden, die gründenden sind, gleichsam die Millionen Wurzelfasern des Baumes des Lebens. So wie in der Natur die allgemeinen Gesetze still und unaufhörlich wirken, und das Auffällige nur eine einzelne Äußerung dieser Gesetze ist, so wirkt das Sittengesetz still und seelenbelebend durch den unendlichen Verkehr der Menschen mit Menschen, und die Wunder des Augenblickes bei vorgefallenen Taten sind nur kleine Merkmale dieser allgemeinen Kraft. So ist dieses Gesetz, so wie das der Natur das welterhaltende ist, das menschenerhaltende.

William-Adolphe Bouguereau, Idylle Enfantine, 1900

Bilder: William-Adolphe Bouguereau: L’Art et la Littérature, 1867, Arnot Art Museum, Elmira, New York State;
Frère et sœur, 1887;
Idylle Enfantine, 1900, Denver Art Museum, Colorado.

Soundtrack: Mozart, Stifters favorisierter Tonsetzer: Sinfonia concertante für Violine und Viola Es-Dur, KV 364, mit Vilde Frang und Nils Mönkemeyer an Solo-Violine und -Bratsche — weil die Nordmanntanne Vilde Frang, dieser grundmädchenhafte boreale Jeanstyp junonischer Statur, zu den paar Star-Geigerinnen zählt, mit denen man sich mal einen Kneipenabend lang abgeben möchte. Falls sie mitzieht.

Written by Wolf

17. August 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Weisheit & Sophisterei

Wenn der Wind aus allen vier Ecken bläst

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Update zu Einnorden:

Lucia Znamirowski, Compass Rose, 29. Mai 2015Anfang 1819 lieferte E. T. A. Hoffmann für den Freimüthigen eine etwas willkürlich zusammengewürfelte Sammlung von „Notizen, Anekdoten, Beobachtungen, Lesefrüchten“ (Hartmut Steinicke im Kommentar zu seiner Hoffmann-Ausgabe), die aber wie nicht anders von ihm gewohnt immer noch erfrischende geistige Klimmzüge vorstellen.

Die sehr tragfähige bildliche Vorstellung geistiger Inhalte auf einer Windrose soll laut demselben Kommentar schon bei Georg Christoph Lichtenberg vorkommen, in seinen Vermischten Schriften I von 1800. Es ist mir nicht gelungen, weder mit den Suchbegriffen „Windrose“ noch „Kompass“, und zwar weder online noch in meiner sechsbändigen Lichtenberg-Ausgabe von Zweitausendeins noch meiner kleinen knuffigen Sudelbücher-Auswahl bei Manesse, das nachzuweisen.

Aufruf: Wer mir sagen kann, wo bei Lichtenberg eine ähnliche Vorstellung wie die folgende von Hoffmann vorkommt, gewinnt ein Buch von mir. Ein schönes, versprochen. Die Kommentarfunktion ist offen.

Am zweitschwersten war es, das zeitlich und örtlich verstreut wahrgenommene Bildmaterial an einen Ort zu versammeln. Schon leichter ist es herauszufinden, wer wesen Modell war: Die Photographie ist von 2014, die Zeichnung von 2015. Am drittschwersten war es, sich mal so hinzusetzen.

Eine „französische Vorlage“ egal was für eines Barons hat es nie gegeben, die Bemerkungen sind Hoffmanns eigene und sollen wohl durch Berufung auf einen behaupteten Adligen an Seriosität gewinnen. Außerdem liegt Geist aus meiner Sicht keine ganze Windrichtung von Verstand entfernt, und schon gar nicht entgegengesetzt zu Humor. Scheint was Zeittypisches zu sein.

——— E. T. A. Hoffmann:

Flüchtige Bemerkungen und Gedanken über mancherlei Gegenstände.

(Nach dem Französischen des Barons von L*****).

aus: Der Freimüthige für Deutschland. Zeitblatt der Belehrung und Aufheiterung, Erster Jahrgang, Erster Band, Januar bis Juni, Berlin 1819:

The Colby Files, Tangled, 31. März 2014Für die verschiedenen Richtungen, die Dichter nach dem Uebergewicht dieser, jener ihnen innewohnenden Kraft nehmen, ließe sich eine förmliche Windrose auf Seemannsmanier denken. Die beiden entgegengesetzten Pole, Nord und Süd, bilden Verstand und Phantasie, West und Ost, Humor und Geist. Die Abweichungen liegen nun dazwischen. Z. B. wenn es auf der Schiffrose heißt: Nord West, Nord West Nord, Nord West West , so heißt es hier, Verstand Humor, Verstand Humor Verstand, Verstand Humor Humor etc. — Das Schlimmste für die Seefahrer möchte bei den Dichtern das Beste seyn, wenn nämlich der Wind aus allen vier Ecken bläst. — Uebrigens ist die Windrose nur brauchbar bei Dichtern, die wirklich auf heller blanker See segeln und ihre anmuthigen Lieder ertönen lassen. Wer mag die Richtungen bestimmen, in denen die Frösche im Sumpf quackend hin und her hüpfen.

Verstand, Phantasie, Humor, Geist:
The Colby Files: Tangled, 31. März 2014
versus Lucia Znamirowski: Compass Rose,
29. Mai 2015.

Die Stücke der Windrose für Salonorchester: Mauricio Kagel, 1988 bis 1994,
Osten vom Ansamblul Proculs, 20. März 2011 (Richtung Verstand Geist Verstand):

Anmuthiges Lied aus Verstand Humor Humor: Stuart McGregor: (The west winds blow to) Coshieville,
von Nick Keir von den McCalmans, um 1985:

Written by Wolf

3. August 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Der poetische Act

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——— H. C. Artmann:

Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes

Gründungsmanifest der Wiener Gruppe, April 1953:

Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben.

Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen. Die alogische Geste selbst kann, derart ausgeführt, zu einem Act von ausgezeichneter Schönheit, ja zum Gedicht erhoben werden. Schönheit allerdings ist ein Begriff, welcher sich hier in einem sehr geweiteten Spielraum bewegen darf.

  1. Der poetische Act ist jene Dichtung, die jede Wiedergabe aus zweiter Hand ablehnt, das heißt, jede Vermittlung durch Sprache, Musik oder Schrift.
  2. Der poetische Act ist Dichtung um der reinen Dichtung willen. Er ist reine Dichtung und frei von aller Ambition nach Anerkennung, Lob oder Kritik.
  3. Ein poetischer Act wird vielleicht nur durch Zufall der Öffentlichkeit überliefert werden. Das jedoch ist in hundert Fällen ein einziges Mal. Er darf aus Rücksicht auf seine Schönheit und Lauterkeit erst gar nicht in der Absicht geschehen, publik zu werden, denn er ist ein Act des Herzens und der heidnischen Bescheidenheit.
  4. Der poetische Act wird starkbewußt extemporiert und ist alles andere als eine bloße poetische Situation, die keineswegs des Dichters bedürfte. In eine solche könnte jeder Trottel geraten, ohne es aber jemals gewahr zu werden.
  5. Der poetische Act ist die Pose in ihrer edelsten Form, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut.
  6. Zu den verehrungswürdigsten Meistern des poetischen Actes zählen wir in erster Linie den satanistisch-elegischen C. D. Nero und vor allem unseren Herrn, den philosophisch-menschlichen Don Quijote.
  7. Der poetische Act ist materiell vollkommen wertlos und birgt deshalb von vornherein nie den Bazillus der Prostitution. Seine lautere Vollbringung ist schlechthin edel.
  8. Der vollzogene poetische Act, in unserer Erinnerung aufgezeichnet, ist einer der wenigen Reichtümer, die wir tatsächlich unentreißbar mit uns tragen können.

Young woman in Cafe Hawelka in Vienna, Photograph, Around 1956, Getty Images

Bild: Junge Frau im Café Hawelka in Wien, Photographie um 1956 via Getty Images.

Soundtrack: Anton Karas: The Third Man. Closing Theme, 1949:

Written by Wolf

6. Juli 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Weisheit & Sophisterei

Flucht aus der gebornen Ruine

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Update zu Über den Kirchplatz mit Lancelot: Die namenlosen Religionen zu Coburg
und Wunder im Gehirn. Vier Bier und ein Buch de cerevisiis:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Verschollene Bücher gibt’s fast so viele wie Bücher, die überhaupt nicht geschrieben wurden. Dergleichen zu rekonstruieren, bleibt naturgemäß meistens Spekulation. Wie ich das überblicke, sammeln Englischsprachige viel fleißiger ihre Bücher, die es gar nicht gibt; jedenfalls ist die Wikipedia-Liste mit Lost works ein Vielfaches länger als die mit verschollenen Büchern. Im Idealfall läuft es wie bei Isle of the Cross von Herman Melville, das lange vor 2007 schon einmal von von dem engagierten Laien Stephen Scott Norsworthy in seinen Melvilliana als Umarbeitung zu Norfolk Isle and the Chola Widow, der Sketch Eighth aus The Encantadas verortet wurde: A Note on „Isle of the Cross“. Am 28. April 2018 bleibt Allison McNearney mit Bezug auf die Melville-Biographie von Hershel Parker, immerhin schon von 2012, in ihrer Verwunderung stecken, aber das immerhin dem breiten interessierten Publikum des Daily Beast gegenüber: Whatever Happened to the Book Herman Melville Wrote After ‚Moby-Dick‘? Von der Library of the Dreaming aus den Sandman-Comics — „a collection of every book that has ever been imagined–even if that book was never published or even written“, der mein Alter Ego Lucien vorsteht — fangen wir vorsichtshalber an dieser Stelle nicht an, sonst sind wir bis auf weiteres beschäftigt.

Frank Piontek, Literaturportal BayernDas Bewusstsein für verschollene Werke der Deutschsprachigen, die offenbar nicht vermissen, was sie sowieso nicht haben, beschränkt sich meist auf die gleich zwei Brände der Bibliothek von Alexandria, von denen keiner stattgefunden hat, und das halbherzige Bedauern darüber, dass hin und wieder ein umnachteter Schreiberling — wahrscheinlich aus Gründen — seine Tagebücher verbrennt; nur dass Adolf Hitler von seinem Plan zu einer Oper „Dietrich von Bern“ Wagnerianischen Stils, die wohl nicht flächendeckend herbeigeseht wird und in den unteren Schichten von Luciens Beständen im Dreaming schlummern müsste, dann doch noch abgerückt ist, mag rein vom Hitlerschen Zeitbudget her ein Unglück für die ganze Welt bedeuten.

Umso erfreulicher ist es, von einem still vor sich hin glimmenden Gelehrtenstreit darüber zu hören, dass die zwei ersten Bücher von Jean Paul — Die unsichtbare Loge bei Karl Matzdorff, Berlin 1793 und Hesperus oder 54 Hundposttage, wieder bei Karl Matzdorff, Berlin 1795, erweitert 1798, 3. Auflage 1819 — möglicherweise ein und dasselbe Buch sind.

Nun ist Jean Paul die unsichtbare Loge, ein ursprünglich dreibändig geplantes, heute etwa 500-seitiges Fragment, für das er noch bis zur letzten Auflage zu eigenen Lebzeiten 1825 den dritten Band als Abschluss ankündigte, nicht unversehens aus der Schreibtischplatte gewachsen; die notdürftig angeklebte Dreingabe des Schulmeisterlein Wutz zählt nicht. Vielmehr war der seinerzeit Dreißgjährige mit zwei Satirensammlungen Auswahl aus des Teufels Papieren von 1789 und Grönländische Prozesse von 1793 f. schon ein veröffentlichter Autor (und mit der Briefromanschnulze Abelard und Heloise von 1781 ein unveröffentlichter). Die Zählung der unsichtbaren Loge als Erstling hat sich spätestens seit 1959 verfestigt, will sagen: seit der nächst der historisch-kritischen ab 1927 größten und besten realistisch erreichbaren Gesamtausgabe von Norbert Miller und Walter Höllerer bei Hanser, weil die alles vor der unsichtbaren Loge zwar chronologisch, aber erst in einer zweiten Abteilung „Jugendwerke“ ab dem 7. Band bringt. Man kann das als willkürlich bemängeln oder gleich mir im Gebrauch der Zusammenstellungen recht handlich finden.

Gleich mit derselben Hanser-Ausgabe hat Walter Höllerer in seinem Nachwort zu Band 1, der die unsichtbare Loge und den Hesperus versammelt, den Gelehrtenstreit angezettelt. Zitiert wird Norbert Miller (Hrsg.): Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung. Mumien. in: Jean Paul: Sämtliche Werke. Abteilung I. Erster Band, Seite 7–469. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Lizenzausgabe 2000, Copyright Carl Hanser München Wien 1960, 5., korrigierte Auflage 1989, 1359 Seiten, mit einem Nachwort von Walter Höllerer (Seite 1313–1338), darin der Anfang Abschnitt II, Seite 1319:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Den Roman ‚Die unsichtbare Loge‘ bezeichnet Jean Paul 1825 in seiner „Entschuldigung bei den Lesern der sämtlichen Werke in Beziehung auf die unsichtbare Loge“ als eine „geborne Ruine“. In seiner Vorrede zur zweiten Auflage, 1821, versprach Jean Paul noch eine Beendigung des Fragments: Der Titel „soll etwas aussprechen, was sich auf eine verborgene Gesellschaft bezieht, die aber freilich so lange im Verborgenen bleibt, bis ich den dritten oder Schlußband an den Tag oder in die Welt bringe“. — Aus dieser versprochenen Fortsetzung wird nichts, und das das ist verständlich. Jean Paul brach seinen ersten Roman ab, um ihn, mit ähnlichem Vorwurf, aber mit neuen Aufbauplänen, mit schärferen Umrissen für die höfische Welt und die revolutionären Tendenzen und mit verbesserten stilistischen Mitteln noch einmal zu schreiben: in der Gestalt des ‚Hesperus‘! Ob er sich selber über diesen in der Literaturgeschichte einmaligen Vorgang ganz klar war, bleibt dahingestellt. Jedenfalls bewegten ihn Überlegungen in ähnlicher Richtung, als er in einem Begleitbrief zur ersten Niederschrift der ‚Unsichtbaren Loge‘ an Otto schreibt: „Übrigens ist dieses Pak ein corpus vile, an dem ich das Romanenmachen lernte; ich habe jetzt etwas besseres im Kopfe!“

Das geschieht merklich so beiläufig, dass es ein Versehen sein kann, zumal Höllerer mit Absicht wohl nicht ausgerechnet in einer abschließend gemeinten Gesamtausgabe einen Gelehrtenstreit aufgebracht hätte. Die gar nicht genug zu lobende Jean-Paul-Biographie von Günter de Bruyn Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter ist zuerst 1975 erschienen — zu Halle an der Saale, also DDR-Ware. Zumindest in der Überarbeitung für Fischer ab 1991 stützt sich de Bruyn außer auf die historisch-kritische auch auf die Hanser-Ausgabe, kennt also sehr wahrscheinlich Höllerers Nachwort. Falls nicht, kommt er jedenfalls auf die gleiche Idee, um sie höchst einfühlsam auszubreiten — nachstehend zitiert mit dem Eingriff noch einmal abgesetzter Primärzitate:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

——— Günter de Bruyn:

17. Revolution und Schlafmütze

aus: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Eine Biographie,
Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale, 1975,
Fischer Taschenbuch Verlag, 1991, 7. Auflage Dezember 2011, Seite 117 bis 119:

Auch das Fragmentarische des Romans scheint programmatisch. Sechs Romane wird er in seinem Leben schreiben, drei davon werden unvollendet bleiben. Als vom ersten, kurz vor Jean Pauls Tod, eine zweite Auflage gemacht wird, entschuldigt er sich beim Leser für diese „geborene Ruine“ mit Argumenten, die nur jemandem einfallen können, der ganz auf Realismus und Gegenwart eingeschworen ist und dem die Fabeln seiner Romane wenig bedeuten:

Wenn man nun fragt, warum ein Werk nicht vollendet worden, so ist es noch gut, wenn man nun nicht fragt, warum es angefangen. Welches Leben in der Welt sehen wir denn nicht unterbrochen? Und wenn wir uns beklagen, daß ein unvollendet gebliebener Roman uns gar nicht berichtet, was aus Kunzens zweiter Liebschaft und Elsens Verzweiflung darüber geworden, und wie sich Hans aus den Klauen des Landrichters und Faust aus den Klauen des Mephistopheles gerettet hat — so tröste man sich damit, daß der Mensch rundherum in seiner Gegenwart nichts sieht als Knoten, — und erst hinter seinem Grabe liegen die Auflösungen; — und die Weltgeschichte ist ihm ein unvollendeter Roman.

Nun sind bekanntlich Literatutheorien von Literaten meist nichts als Versuche, das, was man kann, als das auszugeben, was man will, und insofern vom Biographen zwar ernst, aber nicht als Wahrheit zu nehmen, was für die „Unsichtbare Loge“ bedeutet: Sie bleibt nicht unvollendet, weil Leben und Weltgeschichte es bleiben, sondern weil der Autor aus seinem ersten Roman in den zweiten, ähnlichen, flieht. Vielleicht kann er die Unzahl der Fäden, an die er die Lebensgeschichte seines Helden knüpfte, selbst nicht mehr entwirren, vielleicht erkennt er, daß die geplante Weiterführung seine Kräfte übersteigt. Gustav, der Hauptheld, sitzt im Gefängnis; er ist der Mitgliedschaft in der geheimnisvollen Loge angeklagt, von der der Leser nicht viel weiß. Durch die Welt, die Jean Paul kennt (die des kleinformatigen Fürstentums) und ein wenig darüber hinaus (die des Hofes), hat er den Leser geführt; die Erlebnisse, die er hatte (Freundschaft, die mit Tod endet, Liebe, Eifersucht, Unterdrückung, Unrecht, Naturschwärmerei), hat er ihn nacherleben lassen — jetzt merkt der Autor, wie er es besser machen kann. Statt eines schlechten Schlusses gibt er keinen, aber er gibt nicht auf: Er beginnt von vorn, versucht es noch einmal.

Im Februar 1792 schickt er, aus Schwarzenbach, dem Freund Christian Otto in Hof das Manuskript:

Endlich ist nach einem Jahr die konvulsivische Geburtszeit meines Romans vorbei … Wie ein Vieh hab ich dies Woche geschrieben — der Appetit ist längst fort, — je näher man dem Ende kömmt, desto krampfhafter schreibt man.

Kein Wort darüber, daß das Ende keins ist, daß Gustav ewig im Gefängnis schmachten muß. Statt dessen, im gleichen Brief, die Bemerkung, daß er an diesem Buch

das Romanmachen lernte: ich habe jetzt etwas bessers im Kopfe.

Den „Hesperus“ nämlich, der einen Schluß haben wird, wenn auch einen wie in Hast hingeschriebenen.

Aber da hat er schon zum drittenmal ausgeholt, noch weiter, noch größer und großartiger, zum „Titan„, und diesmal gelingt es.

Das Beste an diesem Erkenntnisgewinn ist die beruhigende Einsicht, dass man sich fortan nicht weiter zu genieren braucht, wenn man sich im Gang der Handlung der unsichtbaren Loge verheddert, um erst ganze Stunden lang immer wieder nur den einen Absatz zu lesen, ohne ein Wort zu verstehen, und dann gedemütigt das Buch „zu den anderen“ zu legen: Wenn selbst der eine, der es geschrieben hat, noch nach mehreren hundert Seiten entsetzt vor all der Wirrsal flieht, kann das keine Schande sein.

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Bilder: Stechbahn und Zimmerstraße in Berlin via Frank Piontek: Letzter Anhang. Schluss des Schlusses: Matzdorff oder Der Verleger, Literaturportal Bayern, 22. Dezember 2004;
Buch & Bier via derselbe: Heimstätten. Joditziana IV, Literaturportal Bayern, 26. Juni 2013.

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Soundtrack sei am Ende einer nicht mehr als zweigliedrigen Assoziationskette das Video, das zweimal gedreht werden musste: einmal 1998 von Anton Corbijn, einmal 1999 von James & Alex — das eine Mal nichtssagender als das andere, aber das Lied selbst muss ein Engel versprüht haben; deshalb hier mit dem dritten und inoffiziellen, aber einzigen Video, das etwas taugt: einer Fan-Arbeit, 2009 von Harriet Bennett im Stil von Watership Down:
Mercury Rev: Goddess on a Hiway aus: Deserter’s Songs, 1998:

Written by Wolf

1. Juni 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei