Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Die Sonne zeugt das Licht und hat doch selber Flecken (wie viel uns fehlt, wie nichts man weiß!)

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Update zu In einem anderen hochgewölbten, engen gotischen Zimmer:

Das wichtigste Vorbild für Faustens Sinn stiftenden und Handlung setzenden Eingangsmonolog haben wir uns soeben klar gemacht: die Knittelverse in Gottscheds Poetik für Knittelverse — grundlegender könnte Faust sich nicht auf eine Reise „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“ (der Direktor im Vorspiel auf dem Theater, Vers 242) begeben; es liegt also nahe, dass durch den Zauberdoktor aus dem kindlich erlebten Puppenspiel der Autor Goethe selbst zu uns spricht — literaturwissenschaftlicher gesagt: die personale Erzählerrolle zu den Lesern.

Das mindestens zweitwichtigste Vorbild — wir sprechen immer noch von diesem speziellen einen Dramenmonolog — stammt von einem Schweizer naturwissenschaftlichen Universalgelehrten: Die Falschheit menschlicher Tugenden von Albrecht von Haller war bis nach der Aufklärung verbreitet genug, dass wir seine Kenntnis bei Goethe vorauszusetzen können — und Goethe damit rechnen durfte oder musste, dass Zitate daraus erkannt wurden.

Textnah bis wörtlich übernimmt der Faust-Monolog das „Er kennet von der Welt / was aussen sich bewegt [/] Und nicht die inn’re Kraft / die heimlich alles regt“ als „was die Welt im Innersten zusammenhält“, und „[s]chwingt ein erhobner Geist sich aus der Menschheit Schranken“, zieht Faust daraus die Selbsterkenntnis: „Zwar bin ich gescheidter als alle die Laffen“ pp.

„Warum die Sternen sich in eignen Gleisen halten ; [/] Wie bunte Farben sich aus lichten Strahlen spalten ; [/] Welch nimmer stiller Trieb der Welten Wirbel dreht ; [/] Welch Druk das grosse Meer zu gleichen Stunden bläht“ verweist schon anhand der Verbindung irdischer Mechanik mit Himmelsmechanik, der Brechung des weißen Lichtstrahls in ein Farbenspektrum und des universalen Gesetzes Gravitation auf Isaac Newton — den von Haller in einer seiner Anmerkungen (siehe unten) namentlich nennt und den Goethe nicht mochte, ja den er spätestens 1810 mit seiner Farbenlehre widerlegt haben wollte. Eigentlich qualifiziert sich der an so prominenter Stelle zitierte von Haller damit als Newtonist und Goethes Gegenspieler. Der Schweizer Berggelehrte mit seinem polyhistorischen Anspruch und einigen diskutierwürdigen Reimen, vor allem in seinem Monumentalwerk Die Alpen, wurde nach der Aufklärung folgerichtig eher zum Gegenstand der Lächerlichkeit. Nicht anders als späterhin Goethes Farbenlehre.

Dennoch erkennt Goethe mit seinen mehr oder weniger direkten Anklängen an Die Falschheit menschlicher Tugenden Newton weit genug an, um die Rolle eines die Neuzeit betretenden Naturwissenschaftlers auf den Doktor Faust zu übertragen: Faust ist damit kein spätmittelalterlicher Taschenspieler mehr, auf gotteslästerliche Weise hybrid bleibt er vorerst schon rein aus handlungsführenden Gründen.

Offensichtlich war einst eine Zeit, in der man auf schweizerdeutschem Gebiet ein ß schrieb. Zitiert wird die stilistisch gänderte und um einige Strophen erweiterte Fassung von 1732 – verlegt in Bern mit zahlreichen ß –, die seltener belegt ist als die Urfassung von 1730, dort noch mit dem Vorspruch in Prosa:

Der Ursprung dieses Gedichtes ist demjenigen gleich / der das fünfte veranlasst hat. Es ist auch eben in einer Krankheit gemacht worden / die mich eine Zeit lang von andern Arbeiten abhielt. Der Grund-Riß ist deutlicher / aber die Verse schwächer.

Vorsicht mit der Zählung: „Das fünfte“ ist in anderen Fassungen erst Nummer VI, Nummer VI ist wiederum auch die unten vollständig zitierte Nummer VII in der großen Ausgabe von 1882. – Für diejenigen unter uns, die wegen der Interpretation für den Deutschunterricht hier sind: Alle Fassungen stehen mitnichten im Knittelvers, sondern durchgehend im Alexandriner:

Tugendbrunnen Nürnberg aha

——— Albrecht von Haller:

VII. Falschheit menschlicher Tugenden.

An den Herrn Prof. Stähelin.

aus: Versuch Schweizerischer Gedichten,
bey Niclaus Emanuel Haller, Bern 1730, Fassung 1732:

Geschminkte Tugenden / ihr täuschet mich nicht mehr;
Scheint nur dem Pöbel schön / und sucht bey Thoren Ehr /
Bedekt schon euer Nichts die Larve der Gebärden /
Ich will ein Menschen-Feind / ein Swift / ein Hobbes werden /
Und biß ins Heiligthum / wo diese Gözen stehn /
Die Wahn und Tand bewacht / mit frechen Schritten gehn.

Ihr füllt / o Sterbliche! den Himmel fast mit Helden /
Doch laßt die Wahrheit nur von ihren Thaten melden /
Vor ihrem reinen Licht erblaßt der falsche Schein /
Und wo ein Held gewest wird izt ein Sclave seyn.

Wann Völker einen Mann sich einst zum Abgott wählen /
Da wird kein Laster sein / und keine Tugend fehlen /
Die Nachwelt bildet ihn der Gottheit Muster nach /
Und gräbet in Porphyr / was er im Scherze sprach.
Umsonst wird wider ihn sein eigen Leben sprechen /
Die Fehler werden schön / und Tugend strahlt aus Schwächen.
Was war ein Socrates? ein weiser Wollüstling;
Sein Sinn war wundergroß / die Tugend sehr gering.
Aus seinem Munde floß die reinste Sitten-Lehre /
Allein sein Herze gab den Lippen kein Gehöre.
Sein lüsternes Gemüht stund aller Wollust bloß /
Er lehnt das weiche Haupt auf schöner Knaben Schooß /
Tanzt wann sein Phädon tanzt / lehrt keusch zu sein und brennet /
Und diesen hat ein Gott den Weisesten genennet.

Zwar viele haben auch den frechen Leib gezähmt /
Und mancher hat sich gar ein Mensch zu seyn geschämt :
Ein frommer Simeon wurd alt auf einer Säulen /1
Sah‘ auf die Welt herab / und that noch mehr als Eulen.
Manch Caloyer verscherzt der Menschheit Eigenthum /2
Verbannt sein klügstes Glied / und wird aus Andacht stumm.
Assisens Engel löscht im Schnee die wilde Hize /3
Sein heisser Eifer tilgt biß in der Geilheit Size /
Des Ubels Werkzeug aus; und was an jedem Blat /
Für Thaten Surius mit roht bezeichnet hat.4

Allein was hilft es doch sich aus der Welt verbannen /
Umsonst o Stähelin wird man sich zum Tyrannen /
Wann Laster / die man haßt / vor grössern Lastern fliehn /
Und wo man Lolch getilgt / izt bittre Ratten blühn /
Wir meinen offt uns frey / wann wir nur Meister ändern /
Wir fluchen auf den Geiz / unn werden zu Verschwendern:
Der Mensch entflieht sich nicht / umsonst erhebt er sich /
Des Körpers schwere Last zieht stäts ihn unter sich.
So wann der rege Trieb in halb-bestrahlten Sternen /
Von ihrem Mittel-Punct sie zwingt sich zu entfernen /
Drükt sie ein innrer Zug vom Borte von dem Kreiß /
Mit ewiger Gewalt in ihr bestimmtes Gleiß.

Geht Menschen / schnizt nur selbst an euren Gözen-Bildern /
Laßt Gunst und Vorurtheil sie nach belieben schildern /
Erzehlt was sie gethan / und was sie nicht gethan /
Und was nur Ruhm verdient / das rechnet ihnen an /
Das Laster kennet sich auch in der Tugend Farben /
Wo Wunden zugeheilt / erkennt man doch die Narben.

Wo ist er? zeiget ihn / der Held / der Menschheit Pracht /
Den die Natur nicht kennt / und euer Hirn gemacht.
Erzehlt / wie soll er seyn? vollkommen / frey von Mängeln /
An Tugend gleicht er GOTT / und an Verstand den Engeln :
Sein Wunsch ist andrer Glük / und Wohlthun seine Raach /
Sich dämpffen / seine Lust / und beten seine Spraach:
Der Gottheit Siegel strahlt in ihm mit Wunder-Zeichen /
Ihm muß die Sonne stehn und ihm die Teuffel weichen :
Er sieht die ganze Welt / als eine Pilger-Bahn /
Den Tod als eine Thür zu neuem Leben an :
Die Wahrheit die ihn füllt / besiegelt er mit Blute /
Trozt seine Peiniger /besteigt mit frohem Muhte
Ein glühendes Gerüst / und glaubet sich verjüngt /
Wann nur sein laues Blut der Kirchen Aker düngt.

Sind diß die Heiligen von unbeflecktem Leben /
Die GOtt den Sterblichen zum Muster hat gegeben?
Viel Menschheit hänget noch den Kirchen-Engeln an /
Die Glauben zwar verdekt / Vernunft nicht dulden kan.
Traut nicht dem schlauen Blik / den Demuhts-vollen Minen /
Den Dienern aller Welt soll doch die Erde dienen.
War nicht ein Priester stäts des Eigensinnes Bild
Der Götter-Sprüche redt / und wenn er fleht / befiehlt?
Trennt nicht die Kirche sich von wegen dem Calender /
Des Abends Heiliger verbannt die Morgenländer /
Läßt Märtrer in den Streit auf andre Märtrer gehn /
Und Infuln in dem Feld vor Feindes Insuln stehn /5
Den Bann vom Nidergang zerblizt der Bann aus Norden.6
Die Kirche / Gottes Siz / ist offt ein Kampf-Plaz worden /
Wo Boßheit und Gewalt / Vernunfft und GOtt vertrieb /
Und mit der schwächern Blut des Zweyspalts Urtheil schrieb.
Grausamer Wüterich / verfluchter Kezer-Eifer !
Dich zeugte nicht die Höll‘ aus Cerbers gelbem Geifer /
Nein / Heil’ge zeugten dich / du stammst in Priester-Blut /
Sie lehren nichts als Lieb‘ und zeigen nichts als Wuht.
Eh‘ noch ein Pabst geherrscht / und sich ein Mensch vergöttert /
Hat schon der Priestern Zorn der Kezern Haupt zerschmettert;7
Wer hat Tholosens Schutt in seinem Blut ersäufft?
Und blutige Gebürg von Leichen aufgehäufft?
Den Bliz hat Dominic auf Albens Fürst erbeten;8
Und selbst mit Montforts Fuß der Kezern Haupt ertreten.

Doch vielleicht tadle ich und bin aus Vorsaz hart /
Und die Vollkommenheit ist nicht der Menschen Art :
Genug wann Fehler sich mit größrer Tugend deken /
Die Sonne zeugt das Licht / und hat doch selber Fleken.

Allein wie wann auch das / was ihren Ruhm erhöht /
Der Helden schöner Theil aus Wahn und Tand besteht ?
Wann der Verehrern Lob sich selbst auf Schwachheit gründet /
Und wo der Held soll seyn / man noch den Menschen findet ?
Stüzt ihren Tempel schon der Beyfall aller Welt /
Die Wahrheit stürzt den Bau / den eitler Wahn erhält.

Wie gut und böses sich durch enge Schranken trennen /
Was wahre Tugend ist / wird nie der Pöbel kennen.
Kaum Weise sehn die March / die beide Reiche schließt /
Weil ihre Gränze schwimmt / und in einander fließt.
Wie an dem bunden Tafft / auf dem sich Licht und Schatten /
So offt er sich bewegt / in andre Farben gatten /
Das Aug‘ sich widerspricht / sich selber niemal traut
Und bald das rohte blau / bald roth was blau war / schaut.
So irrt das Urtheil offt ; wo findet sich der Weise /
Der nie die Tugend haß‘ und nie das Laster preise ?
Der Sachen lange Reyh / der Umstand / Zwek und Grund
Bestimmt der Thaten wehrt / und macht ihr Wesen kund.
Der grösten Siegen Glanz macht ein Affect zu nichten;
Der Zeiten Unbestand verändert uns’re Pflichten /
Was heut noch rühmlich war / dient morgens uns zur Schmaach /
Ein Thor sagt lächerlich / was ein Held weislich sprach.
Diß weiß der Pöbel nicht / er wird es nimmer lernen /
Die Schaale hält ihn auf / er kommt nicht biß zum Kernen.
Er kennet von der Welt / was aussen sich bewegt /
Und nicht die inn’re Kraft / die heimlich alles regt.
Sein Urtheil baut auf Wahn / es ändert jede Stunde /
Er sieht durch andrer Aug‘ / und redt aus fremden Munde.
Wie ein gefärbtes Glas / dadurch die Heitre strahlt /
Des Auges Urtheil täuscht / und sich in allem mahlt /
So thut das Vorurtheil / es zeigt uns alle Sachen /
Nicht wie sie sind / nur so wie sie es will machen /
Legt den Begriffen selbst sein eigen wesen bey /
Heißt Gleißnen Frömmigkeit / und Andacht Heucheley.
Ja selbst des Vaters Wahn kan nicht mit ihm versterben /
Er läßt mit seinem Gut sein Vorurtheil den Erben /
Verehrung / Haß und Gunst flößt mit der Milch sich ein /
Des Ahnen Aberwiz wird auch des Enkels seyn.
So richt / so glaubt die Welt / so theilt man Schmaach und Ehre
Und dann o Stähelin gieb‘ ihrem Wahn gehöre !
Durch den erstaunten Ost geht Xaviers Wunder-Lauf /
Stürzt Japans Gözen um / und richtet seine auf;
Biß daß dem Amida noch Opfer zu erhalten /
Die frechen Bonzier des Heil’gen Haupt zerspalten :
Er stirbt / sein Glauben lebt / und unterbaut den Staat /
Der ihn aus Gnade nährt mit Aufruhr und Verraht.
Zulezt erwacht der Fürst / und lässt zu nassen Flammen /9
Die Feinde seines Reichs des Pabsts Schul verdammen;
Die meisten tauschen GOtt um Leben / Gold und Ruh /
Ein Mann von tausenden schließt seine Augen zu /
Stürzt sich in die Gefahr / geht muhtig in den Ketten /
Steift den gesezten Sinn / und stirbt zulezt im beten.
Sein Name wird noch blühn / wann längsten schon verweht
Die leichte Asche sich in Wirbel-Winden dreht.
Europa schmükt sein Bild auf schimmernden Altären /
Und mehrt mit ihm die Zahl von GOttes sel’gen Heeren.
Wann aber ein Huron im tiefen Schnee verirrt /
Bei Errie’s langem See zum Raub der Feinden wird /10
Wann dort sein Holz-Stoß glimmt / und schon von seinem Leben /
Des Weibes tödlich Wort den Ausspruch hat gegeben /
Wie stellt sich der Barbar? wie grüßt er seinen tod?
Er singt / wann man ihn quält / und lacht / wann man ihm droht :
Die aufgewölkte Stirn rümpft weder Angst noch Schmerzen /
Die Flamme / die ihn sängt / dient ihme nur zum Scherzen.
Wer stirbt hier würdiger? ein gleicher Helden-Muht /
Bestrahlet beyder Tod und wall’t in beider Blut;
Doch Tempel und Altar bezahlt des Märtrers Wunden /
Und Quebecs nakter Held / stirbt von dem Tod der Hunden :
So viel liegt es daran / daß wer zum Tode geht /
Geweyhte Worte spricht / wovon er nichts versteht.
Doch nein / der Outchipoue thut mehr als der bekehrte /11
Die Ursach von dem Tod‘ spricht selbst von seinem Wehrte.
Den Märtrer trifft der Lohn von seiner Ubelthat /
Wer seines Land’s Gesäz mit frechen Füssen trat /
Des Staates Ruh gestört / den Gottesdienst entweyhet /
Dem Kayser hat geflucht / der Aufruhr Saat gestreuet /
Stirbt weil er sterben soll / und ist dann der ein Held /
Der am verdienten Strick noch redt im Galgen-Feld?
Der aber der am Pfal der wilden Onontagen12
Den unerschroknen Geist bläs’t aus in tausend Plagen /
Stirbt weil sein Feind ihn töd’t / und nicht weil ers verschuldt /
Und in der Unschuld nur verehr‘ ich die Gedult.

Wann flüchtig vor dem Schwert ein Schwarm erscheuchter Christen /
In Thebens dürrem Sand in hole Felsen nisten ;
Ein Mönch die Welt verläßt / auf eignen Solen steht /
Von wilden Wurzeln lebt / in Haar und Sake geht :
Wann ein Bußfertiger / zerknirscht in hil’gn wehen /
Die Sünden / die er that / und die er wird begehen /
Mit scharfen Geisseln straft / mit Blut die Strik mahlt /
Und vor dem ganzen Volk mit seinen Streichen prahlt :
Da ruft man wunder aus / die Nachwelt wird noch sagen /
Was Lust sie sich versagt / was Schmerzen sie vertragen.
Alleine wann im Ost der reinliche Brachmann /
Mit Koht die Speisen würzt / und Wochen fasten kan;
Wann Ströme seines Bluts aus breiten Wunden fliessen /
Die seine Reu gemacht / und oft der Tod muß büssen /
Die Sünden / die Rom schenkt ; wann nakt und unbewegt /
Er Jahre lang die Hiz der hohen Sonne trägt /
Und den gestrupften Arm läßt ausgestreckt erstarren /
Wie heißen wir den Mann? Aufs beste einen Narren.

Wann in Iberien ein ewiges Gelübd /
Mit Ketten von Demant ein armes Kind umgiebt /
Wann die geweyhte Braut ihr Schwanen-Lied gesungen /
Und die gerühmte Zell die Beute hat verschlungen /
Wie jauchzet nicht das Volk / und ruft was rufen kan13
Das Weib hört auf zu seyn / der Engel fängt schon an.
Ja stoßt / es ist es wehrt / in thönende Trompeten /
Verbergt der Tempeln Wand mit Persischen Tapeten /
Euch ist ein Glük geschehn / dergleichen nie geschah /
Die Welt verjüngt sich schon / die güldne Zeit ist nah.
Gesezt / daß ohn Gefühl in ihr die Jugend blühet /
Und nur der Andacht Brand in ihren Adern glühet;
Daß kein verstohlner Blik in die verlaßne Welt
Mit sehnender Begierd zu spät zurüke fällt :
Daß immer die Vernunfft der Sinnen Feuer kühlet /
Und nur ihr eigner Arm die reine Brust befühlet :
Gesezt was niemals war / daß Tugend wird aus Zwang :
Was jauchzt das eitle Volk ? wen rühmt sein Lobgesang ?
Vielleicht / daß List und Geiz des Schöpfers Zwek verdrungen /
Was er zum Lieben schuf / zum Wittwen-Stand gezwungen /
Den vielleicht edlen Stamm / den Er ihr zugedacht /
Noch in der Blüht‘ erstekt / und Helden umgebracht ;
Daß ein verführtes Kind in dem erwählten Orden /
Sich selbst zum Uberlast / und andern unnüz worden.
O ihr / die die Natur auf beß’re Wege weist /
Was heißt der Himmel dann / wann er nicht lieben heißt ?
Ist ein Gesäz gerecht / das die Natur verdammet ?
Und ist der Brand nicht rein / wann sie uns angeflammet?
Was soll der Brüsten Schnee / der Gliedern holde Pracht ?
Ist alles nicht vor uns / und wir vor sie gemacht ?
Den Reiz / der Weise zwingt / dem nichts kan widerstreben /
Der Schönheit ewig Recht wer hat es ihr gegeben ?
Des Himmels erst Gebott hat keusche Brunst geweyht /
Und seines Zornes Pfand war die Unfruchtbarkeit:
Sind dann die Tugenden den Tugenden entgegen ?
Der alten Kirche Fluch wird bey der neuen Segen.

Fort / die Trompete schallt / der Feind bedekt das Feld /
Der Sieg ist / wo ich geh‘ / folgt Brüder! ruft ein Held.
Nicht forchtsam / wann vom Bliz zerschmetternder Metallen
Die blut’ge Erde bebt / und ganze Glieder fallen /
Er steht / wann wider ihn das ernste Schiksal ficht /
Fällt schon der Leib durchbohrt / so fällt der Held doch nicht.
Er acht ein tödlich Bley / als wie ein Freuden-Schiessen /
Und sieht mit gleichem Aug sein Blut und fremdes fliessen ;
Der Tod lähmt schon sein Herz / eh‘ daß sein Muht erliegt /
Er stirbet allzu gern / wann er im sterben siegt.
O Held / dein Muht ist groß / es soll was du gewesen /
Auf ewigem Porphyr die lezte Nachwelt lesen.
Alleine / wann im Harz / nun lang genug gequält /
Ein aufgebrachtes Schwein zulezt den Tod erwählt ;
Die diken Borsten sträubt / die starken Waffen wezet
Und wütend übern Schwarm entbauchter Hunden sezet ;
Oft endlich noch am Spieß / der ihm durchs Herze brach /
Den kühnen Feind erlegt / und Stirbt mit kaltr Raach :
Ist diß kein Helden-Muht ? wer baut dem Hauer Säulen ?
Die Jäger werden ihn mit ihren Hunden theilen.

Wer ist der weise Mann / der dort so einsam denkt?
Und den verscheuten Blik zur Erde forchtsam senkt?
Ein längst verschlissen Tuch umhüllt die rauhen Lenden
Ein Stük gebettelt Brod und Wasser aus den Händen /
Ist alles was er wünscht / und Armut sein Gewinn /
Er ist nicht vor die Welt / die Welt ist nichts vor ihn.
Nie hat ein glänzend Erzt ihm einen Blik entzogen /
Nie hat den gleichen Sinn ein Unfall überwogen /
Ihm wischt kein schönes Bild die Runzeln vom Gesicht /
An seinen Thaten beißt der Zahn der Mißgunst nicht.
Sein Sinn versenkt in GOtt / kan sonsten nichts betrachten /
Er kennt sein eigen Nichts was soll er andrer achten?
Der Tugend ernste Pflicht ist ihm ein Zeitvertreib /
Der Himmel hat den Sinn / die Erde nur den Leib.
O Heiliger / dein Ruhm geht billich an die Sterne /
Und zum Diogenes fehlt dir noch die Laterne! –
Ach kennte doch die Welt das Herze wie den Mund /
Wie wenig gleichen oft die Thaten ihrem Grund ?
Du beugst den Halß umsonst / die Ehre die du meidest /
Die Ehr‘ ist doch der GOtt vor den du alles leidest.14
Wie Surena den Sieg suchst du den Ruhm im fliehn /
Ein stärker Laster heißt dich schwächern dich entziehn /
Und wer sich vorgesezt ein halb-Gott einst zu werden /
Der baut ins künftige / und hat nichts mehr auf Erden;
Ihm zieht der eitle Ruhm der Tugend Larve an /
Was heischt der Himmel uns / das nicht ein Heuchler kan ?

Versenkt im tiefen Traum nachforschender Gedanken /
Schwingt ein erhobner Geist sich aus der Menschheit Schranken.
Seht den verwirrten Blik der stäts abwesend ist /
Und vielleicht izt den Raum von andern Welten mißt;
Sein stäts gespannter Sinn verzehrt der Jahren Blühte /
Schlaf / Ruh und Wollust fliehn sein himmlisches Gemühte.15
Wie durch unendlicher verborgner Zahlen Reyh
Ein krumm-geflochtner Zug gerad zu messen sey ;
Warum die Sternen sich in eignen Gleisen halten ;
Wie bunte Farben sich aus lichten Strahlen spalten ;
Welch nimmer stiller Trieb der Welten Wirbel dreht ;
Welch Druk das grosse Meer zu gleichen Stunden bläht ;
Diß alles weiß er schon ; die Nacht ist ihme Klarheit /
Er ist ein ewigs Quell von unerkannter Wahrheit.
Doch ach / es lischt in ihm des Lebens kurzer Tacht /
Den Müh und scharfer wiz zu heftig angefacht ;
Er stirbt von wissen satt / und einst wird in den Sternen /
Ein Kenner der Natur des weisen Nahmen lernen.
Erscheine grosser Geist / wann in dem tiefen Nichts
Der Welt Begriff dir bleibt / und die Begier des Lichts /
Und lasse von dem Wiz / den hundert Völker ehren /
Mein lehr-begierig Ohr die lezten Proben hören.
Wie unterscheidest du die Wahrheit von dem Traum?
Wie trennt im Wesen sich das feste von dem Raum?
Der Cörpern rauher Talg / wer schrankt ihn in Gestalten /
Die stäts verändert sind / und doch sich stäts erhalten?
Der Zug / der alles senkt / der Trieb / der alles dähnt /
Den Reiz in dem Magnet / wo nach der Stahl sich sehnt /
Des Lichtes schnelle Reis / die Erbschafft der Bewegung /
Der Theilen ewig Band / die Ursach neuer Regung /
Diß lehre grosser Geist / die schwache Sterblichkeit /
Worin dir niemand gleicht und alles dich bereut.
Doch suche nur im Riß von künstlichen Figuren /
Beym Licht der Ziffern-Kunst / der Wahrheit dunkle Spuren ;
Ins innre der Natur dringt kein erschafner Geist /
Zu glüklich / wenn sie noch die äußre Schaale weis’t ;
Du hast nach reiffer Müh / und nach durchschwizten Jahren /
Erst selbst wie viel uns fehlt / wie nichts man weiß / erfahren.

Die Welt die Cäsarn dient / ist meiner nicht mehr wehrt /
Ruft Cato / Roms sein Geist / und stürzt sich in sein Schwert.
Nie hat den festen Sinn das Ansehn großer Bürgern
Der Glanz von theurem Erzt / der Dolch erkaufter Würgern /
Von seines Landes Wohl / vom bessern Theil getrannt:
In ihme lebte Rom / er war das Vaterland.
Sein Sinn war ohn Begier / sein Herze sonder Schreken /
Sein Leben ohne Schuld / sein Nachruhm ohne Fleken /
In ihm verneute sich der alten Helden Muht /
Der alles vor sein Land / nichts vor sich selber thut ;
Ihn daurte nie die Wahl / wann Recht und Glüke kriegten /
Den Sieger schüzt GOtt / und Cato die Besiegten.
Doch vielleicht fällt auch hier die Tugend-Larve hin /
Und seine Großmuht ist ein stolzer Eigensinn.
Der nie in fremdem Joch den steiffen Naken schmieget /
Dem Schiksal selber trozt / und eher bricht als bieget.
Ein Sinn / dem nichts gefällt / den keine Sanftmuht kühlt /
Der sich selbst alles ist / und niemahls hat gefühlt.

Wie ? hat dann aus dem Sinn der Menschen ganz verdrungen /
Die scheue Tugend sich den Sternen zugeschwungen?
Verläßt des Himmels Aug das sterbliche Geschlecht?
Von so viel tausenden ist dann nicht einer ächt?
Nein / nein / der Himmel kan / was er erschuf / nicht hassen /
Er wird der Güte Werk dem Zorn nicht überlassen /
So vieler Weisen Wunsch / der Zwek so vieler Müh /
Die Tugend wohnt in uns / und niemand kennet sie;
Des Himmels schönstes Kind / die immer gleiche Tugend /
Blüht in der holden Pracht der angenehmsten Jugend /
Kein saurer Blick umwölkt der Augen heiter Licht /
Und wer die Tugend haßt / der kennt die Tugend nicht.
Laßt keinen Aristipp auf ihre Strengheit lästern /
Die Tugend und Natur sind allzuächte Schwestern ;
Nie fodert die Natur was uns die Tugend wehrt /
Die Tugend weigert nie / was die Natur begehrt.
Sie heischt von uns kein Blut zur Prob erwählter Lehre /
Sie tauscht das Leben nicht um leichten Rausch der Ehre /
Sie löscht den holden Brand von keuscher Brunst nicht aus /
Und sie vergräbt sich nicht in ihres Landes Grauß.
Sie will nicht / daß man sich aus eitlem Wahn zerseze /
Sie hinterhält uns nicht der Schöpfung reiche Schäze /
Sie heischt von Sterblichen nicht die Allwissenheit /
Was sie von uns verlangt / ist unsre Seligkeit.
Sie ist kein Wahl-Gesäz / das uns ein Weiser lehret /
Sie ist des Himmels Stimm / die nur das Herze höret;
Ihr innerlich Gefühl beurtheilt jede That /
Warnt / billigt / mahnet / wehrt / und ist des Himmels Raht.
Wer ihrem Winke folgt / wird niemals unrecht wählen /
Er wird der Tugend nie / noch ihm das Glüke fehlen;
Nie stört sein Gleichgewicht der Sinne gäher Sturm /
Nie untergräbt sein Herz bereuter Lastern Wurm;
Er wird kein künfftig Glük um würklich Elend kauffen /
Und nie durch kurze Lust in langes Unglük lauffen;
Er sieht Gold / Ehr und Lust / wie schöne Früchten an /
Da weiser Brauch erfrischt / zu viel verlezen kan.
Nie störet seine Lust die Forcht von späten Jahren /
Er sucht kein fernes Gut / und laßt kein jetzigs fahren;
Die Welt ist ihm zu Dienst / er aber nicht der Welt /
Er laßt den Thoren Müh und wählt was ihm gefällt;
Der Menschen lezte Forcht wird niemal ihn entfärben /
Er hätte gern gelebt / und wird nicht ungern sterben.

[1732 gekürzt:]

Von dir / selbst-ständigs Gut / unendlichs Gnaden-Meer /
Kommt dieser innre Zug / wie alles gute / her!
Das Herz folgt unbewusst der Würkung deiner Liebe /
Es meinet frei zu sein und folget deinem Triebe;
Unfruchtbar von Natur / bringt es auf den Altar
Die Frucht / die von dir selbst in uns gepflanzet war.
Was von dir stammt ist ächt und wird vor dir bestehen
Wann falsche Tugend wird / wie Blei im Test / vergehen
Und dort für manche That / die itzt auf äußern Schein
Die Welt mit Opfern zahlt / der Lohn wird Strafe sein!

Fußnoten:

1 Simeon Stylites / dessen wunderlichen vieljährigen Aufenthalt auf einer Säule der Aberglaube als etwas großes angesehen hat. Die Absicht des Mannes mag gut gewesen sein / aber sie streitet sowohl wider das Exempel der Apostel als wider ihr Gebot.

2 Griechische Priester / die oft aus einem Gelübde das Reden verschwören.

3 Franciscus von Assisio / der Bilder aus Schnee ballte und umarmte.

4 Einer von den Beschreibern der fabelhaften Leben römischer Heiligen.

5 Adversas aquilas et pila minantia pilis.

6 Pabst Victor hatte mit den asiatischen Kirchen einen Streit wegen des Oster-Fests. Wegen seines ärgerlichen Verbannens aber ließ Irenäus von Lion einen scharfen Brief an den römischen Bischof abgehen / worin er ihm mehrere Mäßigung anbefahl. Es geht übrigens die ganze Absicht dieses jugendlichen Eifers bloß auf die hitzigen Heiligen der verfolgenden Kirche und zielt auf die protestantische Geistlichkeit um so weniger / je gewisser es ist / daß sie ihr Ansehen und ihre Vorzüge bei der Glaubens-Verbesserung nicht nur willig / sondern aus eigenem Trieb und ohne der Laien Zumuthen nur allzu freigiebig von sich gegeben hat.

7 Hier mangeln etliche Zeilen / worin die allzu große Heftigkeit Justinians und anderer orientalischen Kaiser wider die Heiden / Arianer und andre Irrgläubige getadelt wird / und die eben nicht poetisch sind.

8 Die Geschichte der unterdrückten Albigenser und des unrechtmäßig seiner Lande entsetzten Raimunds von Toulouse wird jedermann bekannt sein.

9 Die gröste Pein / die man den Christen anthat / war eine überaus heiße Quelle / in welche man die Märtyrer so oft hinunter ließ / bis sie starben oder den Glauben verleugneten. Man muß im übrigen diese unwissenden Märtyrer einer nur halb dem Christenthume ähnlichen Lehre nicht mit den Blutzeugen Christi verwechseln.

10 Ein See / an dem die Irocker wohnen / der Huronen Erbfeinde.

11 Das tapferste der Nord-Amerikanischen Völker (La Hontan). Man giebt dem Gefangenen ein Weib von irgend einem Erschlagenen. Will sie ihn behalten / so ist öfters sein Leben gerettet / und er wird sogar unter das sieghafte Volk aufgenommen. Verurtheilt sie ihn zum Tode / so ists um ihn geschehen / und sie ist die erste / an seinen zerfleischten Glidern sich zu sättigen.

12 Eines der fünf Völker der Mohocks oder Iroquois. Ich rede nur von den Märtyrern einer mächtigen Kirche / die allerdings öfters mit einem unerschrockenen Muth die angenommene Lehre mit ihrem Tode versiegelt haben. Die gleichen Märtyrer aber / und zwar hauptsächlich in einem bekannten Orden / haben gegen die Protestanten solche unverantwortliche Maßregeln gerathen / gebraucht und gelehrt / daß es unmöglich ist / zu glauben / der Gott der Liebe brauche Menschen von solchen Grundsätzen zu Zeugen der Wahrheit. Das erste / was er befiehlt / ist Liebe. Das erste / was diese Leute lehren / ist Haß / Strafe / Mord / Inquisition / Bartholomäustage / Dragoner / Clements / Castelle und Ravaillake.

13 Worte des heiligen Hieronymi.

14 Feld-Herr der Parthen / wie sie das römische Heer unter dem unglücklichen Crassus schlugen.

15 Newton hat keine Weibsperson berührt.

Tugendbrunnen Nürnberg Tourismus

Bilder: Der Tugendbrunnen zu Nürnberg, der touristisch besser denn künstlerisch belegt ist
(in der Schweiz war, was nichts heißen muss, überhaupt kein Monument der Tugend aufzutreiben):

  • Nürnberg aha!: Tugendkult am Lorenzplatz:

    Volksfern gekleidete Gestalten in theatralischen Posen, 1584–1589 von Benedikt Wurzelbauer für den modernen Menschen von heute geschaffen. Die Tugendgestalten wollen in allegorischer Weise Politiker und deren Hintermänner darstellen, die gerecht und weise auf dem Gipfel der Darstellung (also ganz oben und von oben herab) zum besseren Nachforschen eigener Erinnerung sich eine Augenbinde umtun und sich die Ohrenöffnungen eisern verschließen. So wissen sie nichts von Schwarzgeldkoffern, illegalen Waffengeschäften, erinnern sich aber an Versprechen, die sie gegeben haben. Und die sind heilig und verdienen einen sechsfachen Posaunenstoß durch aufgeblasene Bengel. Wichtig: neben der Gerechtigkeit noch ein Kranich, Symbol der Wachsamkeit. Der hört und sieht alles.

    Die maßgebenden Tugenden Glaube mit Kreuz und Kelch, Liebe mit zwei Kindern, Hoffnung mit dem Anker, Tapferkeit mit Löwe, Mäßigung mit Krug und Geduld mit einem Lamm (!). Lammfromm, aufopferungsvoll und gebärfreudig usw. – alles Eigenschaften, die sich als männliche Attribute wenig eignen. Deshalb ist kein Mann im Figurenreigen zu sehen. Die unschuldigen Muttersöhnchen unter der Gerechtigkeit zählen noch nicht. Ungerecht!

    Tugendbrunnen
    Realisierung: Benedikt Wurzelbauer, 1584–89
    Auftraggeber: Rat von Nürnberg
    zuletzt gesehen am Lorenzplatz
    im Winter undurchsichtig umbrettert. Da schläft die Tugend.

    Tugendsam in Nürnberg ist
    wenns Wasser aus den Brüsten gisst.

  • Nürnberg Tourismus: Tugendbrunnen.

Tugendbrunnen Nürnberg Tourismus

Soundtrack von der Falschheit menschlicher Tugenden:
Theodor Shitstorm: Rock’n’Roll, aus: Sie werden dich lieben, 2018:

Written by Wolf

9. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Weisheit & Sophisterei

In einem anderen hochgewölbten, engen gotischen Zimmer

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Update zu The Metrum is the Message,
Doktor Faust thu dich bekehren
und Mit dem Faust im Ranzen:

Habe nun, ach! – :

Kilian Brustfleck (tritt auf)
Hab ich endlich mit allem Fleiß
Manchem moralisch politischem Schweiß
Meinen Mündel Hanswurst erzogen
Und ihn ziemlich zurechtgebogen.
Zwar seine tölpisch schlüfliche Art
So wenig als seinen kohlschwarzen Bart
Seine Lust in den Weg zu scheißen
Hab nicht können aus der Wurzel reißen.
Was ich nun nicht all kunnt bemeistern
Das wüßt ich weise zu überkleistern
Hab ihn gelehrt nach Pflichtgrundsätzen
Ein paar Stunden hintereinander schwätzen
Indes er sich am Arsche reibt
Und Wurstel immer Wurstel bleibt.

Goethe: Hanswursts Hochzeit oder der Lauf der Welt – Ein mikrokosmisches Drama, 1775.

Von sich selber klauen heißt nicht Plagiat, sondern Stil. Von Gottsched klauen ist — nun ja, so ähnlich. Bei diesem Vergleich kann einem auffallen, dass die oben zitierte Hanswursts Hochzeit stellte Goethe übrigens im gleichen Jahr fertig wie die Frühe Fassung von Faust — deren Bezeichnung als Urfaust aus überlieferungsgeschichtlichen Gründen überholt ist.

Rembrandt, Faust, StudierzimmerUnd es soll uns niemand erzählen, Goethe habe nun, ach! das Gratulationsgdicht an einen „zum Magister-Ampt“ Promovierten von Gottsched nicht gekannt, das im Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen 1730 steht. Darin konnte Goethe „von allen Dichtungsarten eine historische Kenntnis, sowie vom Rhythmus und den verschiedenen Bewegungen desselben; das poetische Genie ward vorausgesetzt!“ — so in: Dichtung und Wahrheit, Siebentes Buch — erlangen, unter anderem über den Knittelvers.

„Knittel“ — vom frühneuhochdeutschen knittel, was „Reim“ heißt, gern verunglimpft als „Knüttel“, was „Knüppel“ heißt — kannte und benutzte Goethe aus seiner Leipziger Studentenzeit 1763 bis 1768. Erst ab 1773 konnte er die strengere Form mit acht oder neun Silben von Hans Sachs her kennen, der bekannte Eingangsmonolog von Faust, der schon in der Frühen Fassung vorkommt — weswegen er gar nicht so zwingend zu Goethes frühesten Faust-Entwürfen zählt.

Gottscheds Poetiken waren für die angebrochene Zeit der Aufklärung die ersten allgemein verbindlichen, die nach dem überholt barocken Buch von der Deutschen Poeterey von Martin Opitz 1624 folgten, bei poetisch Beflissenen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts dürfen sie darum als bekannt vorausgesetzt werden. Wie Gottsched den Knittelvers am praktischen Exempel vor- und ausführt, nimmt den Faust-Monolog in Teilen recht deutlich vorweg, ist — sobald einer die wendige Füllungsfreiheit des Knittelverses nicht als unbegabtes Herumgeholze, sondern als naturwüchsig begreifen mag — gar kein so „schlecht Carmen“ und hat sogar ein paar charmante anzügliche Stellen.

——— Johann Christoph Gottsched:

Auf Hn. M. Stuͤbners Magister-Promotion.
Als Juncker Stuͤbnern wohlgemuth
Frau Pallas ziern und schmuͤcken thut,
Mit Lorber-Zweigen huͤbsch und fein,
Sang dieß ein treuer Bruder sein.
in fremdem Nahmen.

Des II Theils VII Capitel: Von Sinn- und Schertzgedichten
aus: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen; Darinnen erstlich die allgemeinen Regeln der Poesie, hernach alle besondere Gattungen der Gedichte, abgehandelt und mit Exempeln erläutert werden: Uberall aber gezeiget wird Daß das innere Wesen der Poesie in einer Nachahmung der Natur bestehe, Bernhard Christoph Breitkopf, Leipzig 1730, Seite 503 bis 507:

Georg Friedrich Kersting, Faust, StudierzimmerFRewndlicher liber Bruder mein
Dem die neun Musen alle gmein
Apollo und Pallas insgesampt
Erhebn thun zum Magister-Ampt
Zum Lehrer gmachet han allhie
Der Waisheit oder Philosofi
Weil sie von wegen deiner Gabn
Der Eer dich werthgeschetzet habn
Seitdem du wol, daß gibt dir Praiß
Studirt mit unverdroßnem Flaiß
Als wellichs heit zu Tage nun
Schier wenige mit Eyffer tuhn
Hier wuͤnscht dir zu deim newen Standt
Auf Unversteten wolbekandt
Dein alter guter Bruder vil Gluͤck
Vnnd erhebt das himmlisch Gschick
Daß dich jzunder traun aufs best
Zum Meistr der Weißhait kroͤnen lest.
So wirst du ein Philosofus
Bist gleich sonst ein Theologus
Wilst dermahleinst in Zuͤchtn vnnd Ehrn
Ein Gmein den Weg der Sehlgkeit leren
Tust auch die weltlich Weisen-Zunfft
Nicht spoͤttlich verachten mit Unvernunfft
Sagst nit sie mach nur Kaͤtzerey
Atheisten vnnd Deysterey
Vnnd glaubst vilmehr on allen Scheu
Daß sie der rechte Vorhoff sey
On den man heitigs Tages nie
Kan eingan zur Teology
Lachst all verkehrte Stuͤmper aus
Die sich ins liebe Gotes Hauß
Tringen mit unsaͤchlicher Gwalt
Suchen da nur ihrn Auffenthalt
Jhr Weip und Kind wolln sie erneern
Nit abr die Ruchlosen bekern
Wolln da andre Gots Weißhait leren
Moͤchtn selbst erst Menschen Weißhait hoͤren
Gleich wie auch andre Stuͤmper sunst
Strebn nur nach Advocaten-Kunst
Durchblaͤttern den Justinian
Lernen den Acten-Schlaͤndrian
Vnnd verstehn nit die geringste Spur
Vom ewgen Gsaͤtz in der Natur
Wollen große Juristen seyn
Bleibn alzeit am Verstand sehr klain
Jmgleichen in der Medicin
Siht man fast vile sich bemuͤhn
Nichts nit mit groͤßerm Eiffer treiben
Als die Kunst ein Recept z’verschreiben
Verstehn nit die Anatomy
Patology Phisiology
Semiotic Pharmacevtic
Higiene vnnd Botanic
Machen doch ein gewaltig Gschrey
Als obs Galenus selber sey
Koͤn’n nichts als schwitzen purgiren
Zur Aderlaßn vnnd Leut vexiren
Von solichen Stimpern allzumal
Welcher da ist ein große Zahl
Hastu Herr Bruder z’jeder Frist
Abscheu bezeigt on argelist
Jch b’sinn mich deiner Jugend zart
Wie fain die angewendet ward
Jn Bayreuth der weidlichen Stadt
Die uns zusamm’n erzogen hat
Da waren im Gimnasio
Wir beyd vnnd andre vilmals fro
Wenn wir beisammen spat vnnd fruh
Lateinisch Griechsch noch mehr dazu
Was man noch sonst guts lernen kan
Begirig mochten hoͤren an
Die Saat hast da schon ausgestrewt
Die izt so schoͤn nach Wunsch gedeyt
Hast da schon mit Verstand gehoͤrt
Was Leibnitz vnnd was Wolff uns glert
Zwen deutsche Philosofen b’kant
Jn Franckreich Welsch- vnnd Engeland
Mit wellichen sich kein ander Mann
Jn der Weltweißhait gleichen kan
Dieweil sie nemlich fix vnnd schoͤn
Die Mathematic tief verstehn
Wellichs man auch dem Cartesius
Und Stagiriten nachruͤmen muß
Daher denn folgen tuht der Satz
Dem jdermann muß geben Platz
Daß Philosofen insgemein
Die nicht auch Geometern sein
Gegn sie nur muͤßen schencken ein
Als du nun gar nach Leipzigck kamst
Sah man daß du noch baß zunahmst
Weil du den Anfang, dort gemacht
Hier zur Vollkommenhait gebracht
Die tieffe Lehr der Welt-Weißhait
Mit noch vil groͤßrer Schicklichkeit
Wie man sie loͤbelichst docirt
Nach Wolffs Manir scharpff ausstudirt
Hast nicht nur halbicht zugehoͤrt
Wie man dieselb vortraͤgt vnnd lehrt
Bist selbst daheimb noch weiter gangen
Hast zu lesen vil angefangen
Nit wie die Faulentzer getan
Die daran ihn’n begnuͤgen lan
Daß sie den cursum mit gemacht
Die dictata ins rein gebracht
Jn den Cuffer sie gschloßen ein
Als soltn sie da gefangen seyn
Moͤchten auch hernach zu ihrem Hohn
Jn seim schoͤnen Collegio
Daß er haͤtt abgeschrieben fro
Als ers zum drittenmahl gehoͤrt
Wies ein beruͤhmter Mann geleert
Zur Stund wolt man sein Buch gern sehn
Darauf es denn fuͤrwahr geschehn
Als ers wollt aus dem Cuffer holen
Daß ihm sein Weishait war gestohlen
Kein Dib hett ihm den Putz gemacht
Hett er sie ins Gehirn gebracht
Vor so verkehrter Weiß vnnd Art
Hat dich Minerva stets bewahrt
Herr Bruder dich mit Vorbedacht
Zum wurdigen Magister gmacht
Nit nur dem Nahmen nach zum Schein
Die sonst wohl nit ein Wildpret seyn
Doch darf ichs traun nur keck verschweigen
Du thust es uns bald selber zaigen
Wenn du auf dem Catheder frisch
Wirst stehn so steiff als im Harnisch
Dem offt die schaͤrffsten Opponenten
Mit hundert spitz’gen Argumenten
Wenn sie gleich all auf dich loßrennten
Mit nichten doch durchboren koͤnten
Da wird man sehn was du verstehst
Wie gruͤndlich du im Schliessen gehst
Vnnd vor des Wiedersachers stuͤrmen
Die arme Wahrheit kanst beschirmen
Den Zaͤnckern bald das Maul kanst stopffen
Daß ihn’n das Herz im Leib thut klopffen
Vnnd sollichs wird kein Wunder seyn
Du sprichst behend vnnd schoͤn Latein
Vnnd ergerst nit den Prißzian
Wie mancher vor der Zeit gethan
Wirst auch nicht furchtsam stecken bleiben
Die Dißputation zu schreiben
Wie andre die zwar Weißhaits voll
Wenn mans von ihnen fordern soll
Nit wissen weder aus noch ein
Obs Maͤdgen oder Buͤbgen seyn
Fragen viel nach allem dißputiren
Wenn sie nur ein groß M kan ziren
Carl Gustav Carus, Faust, StudierzimmerNun werther Bruder nimm vorlieb
Daß ich dir ein schlecht Carmen schrieb
Seyend noch von der alten Werlet
Die ihr Gesaͤnglein nicht beperlet
Rubint verguld’t versilbert schoͤn
Thu dich nit nach der Kunst erhoͤh’n
Hab auch kein Zoten angebracht
Von Fickgen der so lieben Magt
Die der Magister insgemein
Jhr Buhlschafft vnnd Gespons muß seyn
Wellichs wenn mancher es nicht wuͤst
Er ganz vnnd gar verstummen muͤst
Vnnd braͤcht auf den Magister-Schmauß
Nicht einen kalen Reim heraus
Sag dir auch nichts von deinem Krantz
Auch nichts von dem Magister-Tantz
Vielminder vom zu Bette gehn
Darbey offt garstig Fratzen stehn
Daß werden andre je und nun
An meiner statt schier weidlich tuhn
Vor mein Person hielt ichs vor baß
Zu wuͤuschen Gluͤck ohn unterlaß
Auf redlich Deutsch vnnd alt Manier
Daß dir Herr Bruder fuͤr und fuͤr
Aus deiner schoͤnen M’gister Zier
Viel Seegen Heil vnnd Trost erwachß
Vnnd mach den Schluß wie sonst Hans Sachß.

Bilder: Rembrandt van Rijn: Faust, ca. 1652;
Georg Friedrich Kersting: Faust im Studierzimmer, 1829;
Carl Gustav Carus: Faust in sinem Studierzimmer, 1852.

Soundtrack: Frank Watkinson an Mazzy Star: Fade Into You, aus: So Tonight That I Might See, 1993
(im Vergleich zum Original):

Written by Wolf

12. März 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Weisheit & Sophisterei

Fruchtstück 0003: Du und dein Gedächtnis 50+

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Update zu Unter sotanen Umständen und
Nachtstück 0019: Noch weit beunruhigendere Betrachtungen:

——— Arno Schmidt:

Heiliger Antropoff : tat mir der Rücken weh! (»Mitternacht ist vorüber : das Kreuz beginnt sich zu neigen.« hatten Humboldts Gauchos immer gesagt : demnach wärs also bestimmt 12. – Tembladores fielen mir ein, mit allen Geschichten und Widerlegungen, und die ganze voyage équinoxiale prozessionierte heran, so daß ich entrüstet an was anderes dachte : ein gußeisernes Gedächtnis ist eine Strafe ! !)

Brand’s Haide, 1951.

Vorm Bücherregal. Ich griff eins heraus, dessen Farbe mir leidlich ins Gesicht fiel; dunkelgrüner Lederrücken mit hellgrünem Schildchen : ‹J. A. E. Schmidt, Handwörterbuch der Französischen Sprache. 1855›. Ich schlug aufs geratewohl auf, Seite 33 : ‹Auget = Leitrinne, in welcher die Zündwurst liegt› – ich kniff mich in den Oberschenkel, um mich meiner Existenz zu vergewissern : Zündwurst ? ? ! ! (und dieses ‹auget› würde ich nun nie mehr in meinem Leben vergessen; ein gußeisernes Gedächtnis ist eine Strafe !). –

Sommermeteor, in: Trommler beim Zaren, 1966.

Und bloß nicht den Namen dieses Nachbardorfes einprägen; jetzt noch nicht; mit 55 muß man das Gedächtnis für’s Notwendigste reservieren.

Kühe in Halbtrauer, 1961.

Amrie Dashkova, Librarian, Moscow, March 4th, 2020

Bild: Marie Dashkova: Librarian, Moskau, 4. März 2020.

I hope we remember all the words („What’s the the next chorus to this song now? This is the one now I don’t know.“): Ella Fitzgerald (46-jährig): Mack the Knife, aus: Ella in Berlin: Mack the Knife,
live in der Deutschlandhalle, Berlin, 13. Februar 1960:

Written by Wolf

5. März 2021 at 00:01

Dieses fußkranke und wegmüde Denken, dieser Esprit von Nullhaftigkeit und Nihilism, dieses Charisma von Langweile

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Update zu Dreidreiviertel Arbeitstage oder Die CDs wechseln muss man schon,
Hipsteros und
Umgestülpte Teufel (und Kryptonit für Circe):

Der DDR-Lyriker rezensiert den Zigarettenerben, der seinerseits Wieland rezensiert. Alle Glieder der Kette leiden unter Überlänge, machen aber ungeahnten Spaß.

Das Aristipp-Buch von Reemtsma liegt seit 2000 als Taschenbuch bei dtv vor.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014

——— Peter Hacks:

Mehrerlei Langweile

Zu Jan Philipp Reemtsma:
»Das Buch vom Ich — Christoph Martin Wielands ›Aristipp und einige seiner Zeitgenossen‹«,
Haffmans 1993

in: TOPOS. Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie, herausgegeben von Hans Heinz Holz und Domenico Losurdo,
Heft 3: Epochenwandel, Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger, Bonn 1994:

Seinerzeit lebte in Griechenland ein langweiliger Philosoph, Aristipp. Diesen Aristipp machte der Dichter Wieland zum Helden eines langweiligen Romans; über den Roman hat jetzt der Philologe Jan Philipp Reemtsma eine langweilige Monographie geschrieben. Das ist die Lage, mit der ich befaßt bin. Ich kann mir unterhaltsamere Lagen vorstellen.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Besagter Aristipp war ein Hedoniker, ein »Genüßler« oder »Genußdenker«. Er ging davon aus, daß, wenn schon sonst nichts, jedenfalls die körperliche Lust ein Gut ist, unstrittig und mit höchster Gewißheit. Das Dumme an dem Ansatz ist, daß das nicht stimmt. Körperliche Lust hat viel Angenehmes — aber keinesfalls immer, nur unter Bedingungen. Wer hat nicht schon den Besitz eines schönhäutigen Geschlechtspartners mit Verdruß durchlitten, oder wem ist nicht schon die bestzubereitete Speise vorm Magen stehen geblieben, wenn ein allgemeineres, durchaus unkörperliches Mißvergnügen dem Vergnügen entgegenwirkte? Ich sage es ganz einfach. Eine Henkersmahlzeit kann das höchste Gut nicht sein.

Zugunsten des Aristipp läßt sich sagen, daß er die Lust für eine seiende Sache nimmt, für mehr als das bloße Schwinden oder Fehlen von Unlust. Aber offenkundig gehört er als Genußdenker neben die Bedürfnislosigkeitsprediger und die spätere Schule der Zweifelköpfe: zu den Rette-sich-wer-kann-Ratgebern, die in Verfallszeiten, in denen groß nicht mehr zu denken geht, noch ihre Rezepte, wie allenfalls sich durch die Welt helfen, anboten. Was ihr Wissen anlangt, ermüden sie ein wenig, aber am Ende hat auch keiner etwas gegen sie. Wenn sie nichtig sind, so sind sie doch auf eine erfrischende Weise nichtig. Natürlich sind uns die Überlebensphilosophen lieber als die Pfaffen, welche sonst aus dem Verfall ihren Zulauf haben.

Ich bin nicht breit, weil Wielands Aristipp mit dem echten oder für echt überlieferten Aristipp kaum mehr gemein hat als die Anekdote mit dem Rebhuhn zu fünfzig Drachmen. Er ist ein bißchen neugierig, ein bißchen gleichgültig, ein bißchen witzig, ein bißchen verliebt. Er verhält sich der Welt gegenüber vorsichtig und leidet ungern. Für die Lust interessiert er sich überhaupt nicht. Mehr als dem Aristipp ähnelt er dem Epikur und am genauesten dem Wieland.

Von dem Wielandschen Aristipp, dieser kurzweiligen und kurzatmigen Kunstfigur, erwartet Jan Philipp Reemtsma gewaltige Dinge und will sie an ihm finden und billigt sie ihm zu.

Wieland ist der erste Dramatiker, von dem ich in meinem Leben ein Stück bearbeitet habe. Es war die »Pandora« und trug bei mir den Untertitel »Von Arkadien nach Utopia«, ich war damals zwanzig. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich meinen Wieland einmal gegen übermäßiges Lob würde in Schutz nehmen müssen. Der Aristipp-Roman ist rundum erfreulich. Aber so gut, wie Reemtsma sagt, ist er nicht.

Ich möchte Ihnen die Fabel erzählen und überlege mir zu dem Zweck, was von dem Buch, falls einer vorhätte, es auf die Bühne zu bringen, auf die Bühne zu bringen ginge. Ich beginne damit, daß ich mir von dem Maler Hackert drei Prospekte malen lasse, einen von Weimar, einen von Osmannstedt, einen von Paris. — Weiter komme ich nicht. Handelnde Personen treten in dem Buch nicht auf.

Das ist wenig für immerhin elfhundert Seiten. (Ich zähle nach meiner Ausgabe, Reemtsma ist reicher als ich; er hat die Werkausgabe von 1794, ich bloß die von 1839).

Reemtsma ist entfernt davon, mir zu widersprechen. »Der Roman hat keine ›Story‹«, bekennt er, und der Held, bekennt er, hat »einen langweiligen Charakter«. Dann sagt er noch, daß der Held, aus Gattungsgründen, keinen »Charakter« brauche.

Was tut Aristipp das lange Buch über? Er verbringt seine Jugend auf einer Spazier- und Bildungsreise; hiernach läßt er sich in seinem Vaterland nieder und gründet einen Hausstand und ein Kulturhaus. Im Alter wird er sich in den Dienst eines Tyrannen begeben, was Wieland aber ungeschrieben läßt. Wir werden drauf zurückzukommen haben.

Drei Bestandteile im »Aristipp« ergötzen und verursachen Lesefreude.

Auf sie alle habe ich einzugehen vor. Es sind: Eine Nacherzählung, Parodie und Beschimpfung von Platons »Staat«, etliches Hörensagen aus der Welthauptstadt Syrakus, welche Paris meint, und die Marotten der Hetäre Lais, von der sich Aristipp an der Nase herumführen läßt, dergestalt, daß er sich zu einer noch längeren Verlobungszeit mit ihr versteht als das alte Brautpaar im »Leberecht Hühnchen«, bis er sich endlich besinnt und dann was Unbescholtenes heiratet.

Anders als der Held nämlich ist die Heldin ein Charakter, oder wenn sie kein Charakter ist, so hat sie doch eine Neurose. Reemtsma irrt, wenn er Lais »als Figur dem Aristipp ebenbürtig« und in dem Roman die »Gleichberechtigung der Geschlechter« verwirklicht findet; er ist eben auch nur ein Mann. Lais allein ist es, die die Hosen anhat. Ich zögere nur deshalb, den Roman einen Lais-Roman zu nennen, weil sie sich mitten im Buch, keiner weiß wie, aus der Handlung schleicht. Eben war sie noch da, plötzlich ist sie weg.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Lais ist eine Kokotte aus Kälte. Auch sie durchreist die griechische Welt, wobei sie ihren Bordellhaushalt immer mit sich führt. Als Männerhasserin lebt sie von Männern. Sie stirbt daran, daß sie vierzig wird; denn mit diesem Alter hört Frigidität auf, eine Frau automatisch unwiderstehlich zu machen.

Die Frage, ob Lais außer in der Mitteilung des Diogenes Laertius, Aristipp »pflegte auch Umgang mit der Buhlerin Lais«, auch in Wielands Leben einen Vorausgang habe, wird von Reemtsma als »literarischer Positivismus« abgetan. Anschließend wird sie mit einem Exkurs über Wielands sämtliche Weiberbekanntschaften behandelt und — nicht beantwortet; ich spreche davon, weil es Reemtsmas Weise bezeichnet, gleichzeitig viel und nichts zu sagen. Dabei ist es eine vernünftige und keine schwere Frage.

Wieland hatte zwei hauptsächliche Beziehungen: eine lebenslange Obsession zu der geistreichen, souveränen und nicht unfrivolen Gesellschaftsdame Sophie La Roche, der berühmten Schriftstellerin, und einen bürgerlichen Entschluß bei reiferen Jahren zu der hausbackenen Anna Dorothea Hillenbrand, die er ehelichte, der er Kinder machte und mit der er zufrieden war. Sein alter ego Aristipp hat dieselben zwei Beziehungen unter den Namen Lais und Kleone. Keiner bestreitet, daß die Kleone die Hillenbrand meint; so wird schon die Lais von der La Roche sich herleiten. Wie identisch muß denn ein künstlerisches Abbild mit seinem Urbild noch sein, damit ein Literaturwissenschaftler sich bequemt zuzugeben, daß es von ihm stamme?

Die Frau La Roche arbeitete, Lais arbeitet nicht. Sie rupft Männer und erzieht junge Huren. Sie beweist die Unvermeidlichkeit einer solchen Lebensführung mit einem soziologischen Kalkül. Der Zwang der Männerwelt, sagt sie, erlaubt einer Frau keine Wahl, außer der zwischen Ehesklaverei und Prostitution. Reemtsma findet diese Art, das Frauenrecht zu vertreten, »emanzipiert«. Mich meines Orts erinnert sie ganz merkwürdig an Meinungen von Wielands Hauptfeind Friedrich Schlegel.

Reemtsma nennt Lais die »Repräsentantin der Unabhängigkeit«. Goethe nennt Lais einen »problematischen Charakter«. Arno Schmidt nennt sie »ne Edelnutte«. — Drei Anmerkungen noch.

Erstens. Indem Lais ein Individualtyp Wielands ist, ist sie — die fast gesellschaftsfähige Kurtisane — gleichermaßen ein Zeittyp des Direktoriums und des Konsulats, in welchen Systemen Frauen auf unangefochtenere Weise lasterhaft waren als in der Regentschaft und im Rokoko. Emma Hamilton verglich sich gerne mit Lais, und wir liegen nicht falsch, wenn wir Lais mit Emma Hamilton vergleichen. Man mußte jetzt keine Herzogin mehr sein, um sich ungestraft wie eine Hure benehmen zu dürfen. Man durfte jetzt eine Hure sein und sich ungestraft wie eine Herzogin benehmen.

Zweitens. Wahrscheinlich ist die Arbeitsscheu der Lais gar nicht hauptsächlich als Beitrag zur Frauenfrage gemeint. Wielands Aristipp ist Wieland, aber der Unterschied ist auch hier, Wieland war ein Schwerarbeiter, Aristipp lebt immer nur vom Erben. »Aristipps Hedonik«, läßt Wieland eine seiner Sprachröhren, den Diogenes, sagen, »sollte die Lebensweisheit aller Begüterten sein«; wer mittellos sei, möge bei den Hundsphilosophen unterkommen. Ans Arbeiten jedenfalls ist für keinen gedacht, nicht für den Reichen und für den Armen nicht, und was Hegel an »Aristipps Schmarotzerphilosophie« stört, scheint Wieland nicht zu stören. Im Grunde redet er von der Klemme des bürgerlichen Autors, der von entfremdeter Arbeit nicht leben mag und von unentfremdeter nicht leben kann. So idyllisiert er für die gehobenen Stände das Liebhaberwesen, für die unvermögenden Schichten die Gammelei und für die Weiber eben den Strich. Aber die gemeinschaftliche arkadische Faulenzerei des sauberen Pärchens kommt mir — bei allem Verständnis — doch auch wieder ein bißchen kavaliersmäßig vor.

Drittens. Lais ist impotent und eine Maulhetäre. Aber nicht nur sie, auch Aristipps Gattin und der glückliche Aristipp selbst treiben die geschlechtliche Zurückhaltung bis zu einem Grade, der noch Gellerts »Schwedische Gräfin« mit Neid erfüllen kann. Es ist aber nicht, wie bei Gellert, tugendhaft gemeint, sondern tändelnd. Diese Liebesregel eines asexualen Erotismus ist nicht eben die Emanzipation des Fleisches; ich schlage aber nicht vor, sie ihrer Bescheidenheit wegen zu belächeln. In einer Zeit, wo wir Deutschen so verklemmt waren, daß kaum einer unserer Dichter mit einer anderen Frau sinnliche Einverständnisse unterhielt als mit seiner Schwester, gab es keine vorgeschrittenere. Wenn sie nicht sexual war, so war sie doch immer erotisch.

Ich habe mich in Einzelpunkten verloren. Ich kehre zum Roman zurück und zu dem Umstand, daß in ihm wenig geschieht.

Das Inhaltsverzeichnis der Reemtsmaschen Schrift verzeichnet eitel Inhaltlosigkeit. Ihre sechs Kapitel sind überschrieben: 1. Politeia, 2. Politik, 3. Philosophie, 4. Lais, 5. Ästhetik, 6. Symposion. Handelt man so über ein Kunstwerk? Reemtsma berichtet nicht, was in dem Buch sich ereignet, er berichtet, worüber in dem Buch geredet wird. Es liegt nicht an ihm, es liegt am Buch. Außer dem, was die Leute reden, geschieht in ihm nichts.

Reemtsma unterrichtet uns, daß Wieland gerüstet war, eine Geschichte der Sokratischen Schule zu verfassen. Arno Schmidt nimmt die Behauptung auf seine Kappe, der »Aristipp« sei der »einzige historische Roman« der deutschen Literatur. Zutrifft, daß Wieland in den griechischen Altertümern gut Bescheid weiß. Nicht zutrifft, daß ihm hierdurch Gattungserhebliches gelungen wäre.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Seine historischen Personen und Gegebenheiten sind weder genaue Nachahmungen derjenigen, die einstmals lebten oder sich begaben, noch sind sie genaue Anspielungen auf die Dinge der Jetzt-, will sagen der Entstehungszeit. »Aristipp« handelt in einem wunderlich verschwommenen Zwischenreich aus gewesener und seiender Wirklichkeit. Er ist weder ein Geschichts-, noch ein Schlüsselroman.

Was historische Literatur ist, lernt man bei Shakespeare. Er folgt seinen Gewährsleuten, dem Plutarch oder dem Holinshed, scheinbar Wort für Wort, so als ob er sie kaum bearbeitet habe; hierbei erreicht er, daß das entstandene Drama die elisabethanischen Läufte vollständig und mit äußerster Ähnlichkeit wiedergibt. Die Geschichte, wenn Kunst sie als Metapher einsetzt, ist das wie das: richtig als sie selbst und wahr, was die Gegenwart betrifft. Shakespeare ist Fleisch und ist Fisch. Dahn und Feuchtwanger, um Arno Schmidt zu entgegnen, sind beides. Wieland ist das eine nicht und nicht das andere.

Reemtsma verteidigt Wielands Stil. »Wieland schreibt lange Sätze«, teilt er mit, »aber keine langatmigen«. Kein Einspruch; der Stil ist an nichts schuld. Sobald es Wirklichkeit zu halten bekommt, ist Wielands Deutsch sehr gut. Ton und Stimmung des »Aristipp« sind von einer erlesenen Reinheit und Leichtigkeit des Geschmacks. Goethe lobt an ihm »das Zarte, Zierliche, Faßliche, das Natürlichelegante«. (Manchmal formuliert Goethe wie Thomas Mann, wenn er Goethe nachmacht.)

Auf diese langweilige Weise ist das Buch kein schlechter Zeitvertreib.

Wieland wird gelegentlich die eine oder andere Behauptung vortragen, der Sie nicht beifallen, aber nie eine, die Ihnen unangenehm ist. Man fühlt sich in seinem Dunstkreis immer wohl. Er ist vielleicht der sympathischste Autor aller Zeiten. Es ist unmöglich, ihn nicht gern zu haben. Leider ist es möglich, von ihm nicht gefesselt zu sein.

Ein Kunstwerk von der großen Gattung muß totalitär sein. Von ihm wird verlangt, daß es Totalität habe; es soll das Gesamt fassen, im Ernst groß sein. Der »Aristipp« läßt alle Philosophen der Welt philosophieren und alle Staatsvorkommnisse der Welt vorkommen — und wir greifen, wenn wir Gutes von ihm reden, zu Wörtern wie »überaus angenehm« und »klug« und »wohlgeraten«, Das sind nicht die Wörter, welche die Sprache für Höchstes bereitstellt. Da ist ein Unterschied zwischen einem Endlos-Feuilleton und einem Roman. Die Erscheinungshöhe, auf die der Stoff Anspruch erhebt, wird nicht durch Handlung beglaubigt.

Wielands »Aristipp«, will ich sagen, ist lang, nicht groß. Kommen wir auf Reemtsma.

Jan Philipp Reemtsma ist ein Philologe und verfügt folglich nicht über die Gabe, schlecht und gut in der Kunst auseinanderzuhalten, Es spricht für ihn, daß er sich dieses Unvermögens bewußt ist. Er hat auf Abhilfe gesonnen und beschlossen, sich allen Geschmacksurteilen von Arno Schmidt anzuschließen.

Damit hat er nun so viel Glück, wie er hat.

Arno Schmidts Urteile sind zur Hälfte begnadet, zur andern Hälfte toll und albern. Das Genie dieses großen Künstlers und unerschrockenen Autodidakten ist zu unerzogen, um zuverlässig beholfen zu sein. Zum Albernen an Arno Schmidts Wertungen gehört alles, was er über Goethe, und nicht wenig von dem, was er über Wieland sagt.

Ich erinnere an seinen Ausspruch über den »Aristipp« als unseren »einzigen historischen Roman«, im selben Atem versichert er noch, der »Aristipp« sei »der einzige ›Briefroman‹, den wir Deutschen besitzen, und mit Ehren vorzeigen können«. Auch das ist falsch. Er ist weder der einzige, noch der beste.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Und schließlich kann Schmidt sich gar nicht lassen über des »Aristipps« kunstvollen Aufbau. Er schwärmt vom »Fachwerk des großen Buches«, vom »Stahlskelett der Trägerkonstruktion«; er feiert Wieland als ungewürdigten »Berechner der äußeren Form«. Er gibt ihm hohe Titel, leider fehlt ihm dann der Platz, diese Titel zu begründen.

Reemtsma sagt das von der geschliffenen und kalkulierten Form auch. Er hätte den Platz, begründet es aber auch nicht.

Die Behauptung vom »einzigen Briefroman« begründet Schmidt. Reemtsma, wie ich sagte, schließt sich an. Schmidt kennt das »primitivste Kennzeichen eines Brief›wechsels‹«: »es müssen mindestens zwei gleichberechtigte Landschaften und zeitlich parallele Erlebnisreihen vorliegen!« Mir war nicht gegenwärtig, daß ein Roman aus Landschaften und Erlebnissen (»Gehirnvorgängen«) konstituiert ist; ich hätte vorgezogen, von Zweifaltigkeit zu reden, und hätte zu der die Mitwirkung der Post nicht gebraucht. Aber Schmidt beharrt auf seiner Bestimmung. Es gehe beim Briefroman, wiederholt er, um »zwei mächtige Landschafts- und Erlebnisgruppen«. Ich sage jetzt, worum es beim Briefroman geht.

Der Briefroman, das macht seine Gattungsschönheit, gibt den Romanpersonen Gelegenheit, ihre subjektive und meist irrige Sicht auf die Handlung vorzutragen. Höhepunkt ist gewöhnlich ein Auftritt, an welchem drei Leute — Spieler, Gegenspieler und Beobachter — das Vorgefallene auf unvereinbare Weise wahrgenommen haben und so zu Papier bringen. Es funktioniert wie im »Rashomon« — mit dem Unterschied, daß im Briefroman, nicht anders als im Drama, der Romanleser immer Bescheid weiß und immer klüger ist als der Briefleser.

So beschaffen sind Laclos’ »Gefährliche Liebschaften«. So beschaffen, wenn man es einheimisch will, ist das von Reemtsma so schnäppisch abgefertigte »Fräulein von Sternheim« unserer Bekannten La Roche. So nicht beschaffen ist der »Aristipp«.

Obgleich in Briefform verfaßt, bleibt der »Aristipp« unmißkennbar die Arbeit eines einzigen Gesamterzählers. Die Schreiber unterrichten einander wahrheitsgemäß und vertrauenswürdig über die Ereignisse, sind auch stets ziemlich einer Meinung. Ihr Äußerstes ist, daß sie gelegentlich eine Frage von bei den Seiten betrachten, so wie jeder leidlich aufgeweckte Mensch das täte, im Grunde sind sie austauschbar. Einmal ist in meiner Ausgabe eine Briefüberschrift verwechselt; ein Brief an Aristipp ist als Brief von Aristipp bezeichnet. Es schadet überhaupt nichts. Alle diese Briefe sind von Wieland an Wieland geschrieben. Es ist eine Korrespondenz Wielands mit sich selbst. Unter 142 Briefen ist nicht einer, der einen anderen bestreitet, so sehr geht alles aus einem Ton.

Es bedarf vielleicht einer gewissen schwer zugänglichen Leseerfahrung, bemerkt Reemtsma, »um die Polyphonie eines Romans wie des ›Aristipp‹ würdigen zu können«.

Anders als die ästhetischen sind Reemtsmas politische und philosophische Urteile ganz sein Eigentum. Um Wielands Schönheiten loben zu können, genügte, daß er ihn mißverstand. Um Wielands Politik und Philosophie loben zu können, muß Reemtsma Wieland ändern.

Aristipp nimmt an den öffentlichen Geschäften nicht teil. Zwar verfolgt er scharf hinblickend ihren Verlauf, aber er erweist ihnen nicht die Ehre, sein Herz an sie zu hängen; er begegnet dem Treiben der Parteien mit zergliedernder Wurstigkeit. Reemtsma nennt ihn richtig einen »politischen Unpolitischen«, ihm gefällt diese Haltung sehr, so auffallend sehr, daß man glauben könnte, Wieland sei unser Zeitgenosse und seine Haltungen gingen uns an.

Welche Gesellschaftszustände hatte Wieland im letzten Jahrdutzend von Frankreich vorgeführt bekommen? Den Absolutismus Ludwigs XVI. Den Sieg einer konterabsolutistischen Fronde, der zur Revolution führte. Die konstitutionelle Monarchie. Die demokratische Diktatur. Die liberale Oligarchie des Directoire. Die Tyrannis Bonapartes.

Zwei dieser Zustände hatten sich als nicht haltbar erwiesen: die Kleinbürgerherrschaft der Jakobiner und die Bourgeoisherrschaft der Direktorenrepublik. Alle anderen waren Mischzustände, bürgerlich-feudale Klassenkompromisse, nicht durchaus unähnlich dem, der in Deutschland auch bestand.

Der deutsche Absolutismus war vergleichsweise aufgeklärt. Es war mindestens so wichtig, das Erreichte nicht zu verschlechtern, wie es zu verbessern. Die französische Revolution ist dem deutschen. Absolutismus gegenüber nicht das Ganz-Andere. Keine unabweisbare Wer-wen-Frage erforderte ein Wer-wen-Denken.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ich versuche zu sagen, Politische Indolenz im Jahr 1800 ist eine andere Sache als politische Indolenz im Jahr 2000.

Wieland macht sich den Spaß, für Aristipps Vaterstadt Kyrene eine Verfassung auszudenken. Sie ist schlicht. Es gibt ein Oberhaus für den Adel und eine Volkskammer für die Bürger. Die Doppelherrschaft ist institutionalisiert; jemand muß sorgen, daß die Klassen das Gleichgewicht halten, hierfür ist ein Verfassungsausschuß vorgesehen. Die ersten zwei Vorsteher oder Konsuln tragen putzig-sinnige Namen. Es sind die Herren Demokles und Aristagoras.

Es ist auf Grundlage dieses Kuhhandels, daß Wieland tolerant war. Die richtige Klassenlage vorausgesetzt, sind ihm die Staatsformen gleichgültig, so wie sie Goethe, Hegel und meinem Freund Ascher gleichgültig sind. Einen rein bürgerlichen Staat würde er mit Mißtrauen betrachtet haben; (dem Bürgertum die Alleinmacht zu wünschen, war ja von den deutschen Dichtern allein Lessing instinktlos genug). Mit Groll betrachtet haben würde er eine Feudalmonarchie oder eine Adelsrepublik. Glücklicherweise waren diese Spielarten des Standestaats in Mitteleuropa obsolet.

Zwischen Bürgertum und Adel, das ist seit der Gotik, ist der Kompromiß die natürliche Weise des Zusammenlebens. Wieland zeigte in der Politik keinen Eifer, weil es nichts zu ereifern gab. Alles ging, wenn es nur ging. Für Varianten läßt man sich nicht hängen.

Aus der Tatsache, daß Wieland alles duldet, was geht, macht Reemtsma: Wieland duldet alles.

Nicht zum ersten Mal trage ich vor, daß Wieland hinsichtlich dessen, was ging, eine bestimmte Vorliebe hatte. Die Diktatur, meinte er, ist von allen Weisen des öffentlichen Pfuschs die am wenigsten pfuscherische. Seit 1798 war Wieland für Napoleon. Im »Aristipp« ist Wieland für Napoleon.

Da gibt es also die riesige Großstadt, die wir Griechen im Westen liegen haben, Syrakus; das Land, das sie beherrscht, ist Sizilien, Dort macht seit langem der Tyrann Dionysios seine Sache, und er macht seine Sache gut. Er rüstet endlich eine Flotte gegen den Dauerfeind Karthago, welches Sizilien seit hundert Jahren mit Überfällen von See behelligt.

Napoleons Landungsvorbereitungen gegen England in Boulogne fielen auf die Jahre 1801 bis 1803. Der »Aristipp« ist kein Schlüsselroman, aber selbst Reemtsma räumt ein, daß vom Ersten Konsul die Rede ist.

Die Frage, warum Wieland sich unter den antiken Philosophen ausgerechnet den Aristipp als Zweit-Ich aussuchte, der ihm so wenig ähnelt, und nicht beispielsweise den Demokrit, Leukipp, Epikur oder Lukrez, läßt eine überraschende Antwort zu: Weil Aristipp sein letztes Lebensdrittel am Hof des Dionys verbrachte. Aristipp war der Fürstenknecht, der, wie Diogenes ihn genannt haben soll, »königliche Hund«.

Ich kann und muß nicht nacherzählen, mit wie gespanntem Anteil der Roman ausgerechnet die »Syrakusischen und Sicilisehen Staatsverhältnisse« schildert, mit welchem Wohlwollen er ausgerechnet die Taten des »in Krieg und Frieden großen Fürsten«, des »sogenannten Tyrannen« Dionysios hersagt und mit welcher Ausführlichkeit der mögliche Nutzen ausgerechnet von Usurpatoren erwogen wird.

Platon gibt im »Staat« eine Rangordnung der Regierungsformen. Die allerbeste ist ihm ein ständisches Königtum. Am schlechten Ende der Liste steht als zweitschlechteste Regierungsform die Demokratie, als allerschlechteste die aus dieser notwendig hervorgehende Tyrannis. Wieland schmatzt vor Genuß, wenn er das berichtet. Ich schiebe ihm nichts unter, wenn ich meine, daß ihm genau diese Rangordnung sehr recht ist, wenn man sie auf die Füße stellt.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ein paar Seiten lang kriegt Reemtsma ordentlich Angst, Wieland könne in eine »Diktatur des Generals Bonaparte« eine »– wie immer irrende — Hoffnung« gesetzt haben. Aber es kommt dann so schlimm nicht. Die Gefahr geht vorüber, und zwar dadurch, daß neben den zweihundert Stellen für den Korsen auch zwei zu seinem Nachteil sich finden lassen.

Wieland ist kein Schleimer; er sagt über die Leute, denen er anhangt, nicht nur Gutes. Die vernünftigste Tyrannei bleibt eine Tyrannei. Es könne, sagt er beispielsweise, dem Tyrannen wohl zustoßen, daß er den Tyrannen etwas derber mit uns spielte, »als es unserer persönlichen Freyheit zuträglich seyn möchte«. Die Diktatur, sagt er, möge von ihm aus die ganze Welt überziehen, er selbst aber wolle dann lieber woanders wohnen.

Es ist Reemtsma ein bißchen peinlich, daß diese enorme Tyrannenschelte in einem Brief steht, der nicht vom Helden Aristipp unterzeichnet ist, sondern von dem Sophisten Hippias. Es muß ihm nicht peinlich sein. Alle Briefe sind von Wieland.

»Ich stehe nicht dafür«, faßt Wieland Hippias zusammen, »daß nicht auch einem Dionysius so etwas — tyrannisches — begegnen könnte«.

Und Reemtsma …

»Mit dieser Korrektur an Aristipps ›Es kommt auf die Verfassungen zum wenigsten an‹ kommt Wieland zum Endpunkt seiner politischen Schriftstellerei«, jubelt Reemtsma ganz erleichtert.

Wahrhaftig. Reemtsma ist fähig und legt aus und macht aus der einfachen Tatsache, daß Wieland weiß, was eine Tyrannei ist, folgende Unterstellung:

Wieland in seiner nachahmenswerten Indolens läßt alle Staatseinrichtungen gelten — ausgenommen die tyrannischen. Er hat sich, als herrsche in Christoph Martin Wielands Kopf keine minder grauenvolle Öde als in dem jener völkerbelehrenden Heideggerschülerin aus Princeton.

»Jede Regierung«, das schreibt nun Aristipp wirklich persönlich, ist »nur eine schwache Stellvertreterin der Vernunft, die in jedem Menschen regieren sollte«. Man könne, schreibt er, »nicht ernstlich genug daran arbeiten, die Menschen vernünftig und billig zu machen. Aber, wie die Machthaber hiervon überzeugen? Dies«, schreibt er, »ist noch immer das große unaufgelöste Problem. Wie kann man ihnen zumuten, daß sie mit Ernst und Eifer daran arbeiten sollen, sich selbst überflüssig zu machen?«

Diese Sätze aus dem ersten Viertel eines Romans, den Wieland mehr als zehn Jahre vor seinem Tod verfaßte, sind, stellt Reemtsma fest, »der Schlußpunkt, den Wieland am Ende einer fast ein halbes Jahrhundert währenden Tätigkeit als politischer Schriftsteller setzt.«

Ich fühle mich noch nicht richtig totgeschlagen, weder von dem Endpunkt, noch von dem Schlußpunkt.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Welchem Staatsmann, der seinen Verstand beisammen hat, wäre nicht an politischer Reife und sittlicher Bildung seiner Untertanen gelegen? Kein Mensch herrscht gern mehr, als er muß; ein unpoliziertes Staatsvolk ist ein großer Schrecken, und die Schuld an den sich nicht selber regierenden Völkern gibt, das weiß man doch, Wieland nie den Regierungen und allemal den Völkern. Aber Reemtsma redet mahnend und salbungsvoll, wie wenn die paar hingeworfenen Dialogrepliken Wielands politisches Testament wären und eine Antinomie von mindestens Kantischer Unerschütterlichkeit.

»Man bedenke«, so legt er es uns auf die Seele; »ob in diesem klassischen Einwand anarchistischer Provenienz gegen staatssozialistische Modelle nicht das Schicksal der Revolutionen des 20. Jahrhunderts in a nutshell« liege, nämlich, »der kurzfristige Erfolg ebendieser staatssozialistischen Modelle«.

Ich glaube nicht, daß Reemtsma den Lenin an dessen paar Haaren in den Kontext hereinzerrt, weil er bezweifelt, daß dem die nahe Zukunft gehört. Ich glaube, es verhält sich umgekehrt. Er tut es, denke ich, weil er es nicht bezweifelt.

Daß jedenfalls, weil »Machthaber« immer wieder einmal nicht selbstlos sind, der Sozialismus mit Notwendigkeit zu Grund gehen muß, war, wenn wir Reemtsma folgen, für Wieland abzusehen. (Streng genommen redet ja Wieland an dem fraglichen Ort noch nicht einmal über Napoleon. Er redet über die von ihm selbst entworfene kyrenische Mittelwegsverfassung und, erweiternd, über »alle bürgerlichen Gesellschaften«.)

Wielands Hellsichtigkeit ging bekanntlich so weit, daß er den Antritt Napoleons vorhersagte. Den Abtritt Napoleons hat er, soweit ich sehe, nicht vorhergesagt. Ist nicht ein Trost, daß er wenigstens über das Scheitern Ceausescus Bescheid wußte?

»Das«, erklärt Reemtsma, »ist keine unzulässige Aktualisierung«.

Das von der Politik. Was von der Philosophie?

Philosophen, sagte ich oben, kommen im Umfeld des Sokrates recht eigentlich nicht vor. Das ist es, wofür Reemtsma sich dem Sokrates verwandt weiß. Er hat selbst einen kleinen Popper im Knauf seines Spazierstocks.

Die Sokratiker sind lauter Dr. Hilfreichs, Streetworker, die sich um Natur und Gesellschaft, Logik und Erkenntnis erklärtermaßen nicht scheren und zufrieden sind, wenn sie sich und ihre Anhänger durch harte Zeiten so leidlich durchsteuern. Wieland läßt sie sein, was sie sind, gute Männer. Für den Alltagsgebrauch reicht der gesunde Verstand ja wirklich. Reemtsma, der sie alle ganz ernst nimmt, folgert aus Wielands Nachsicht, daß die Duldung und Neigung des Dichters einer Philosophie ebensowohl wie der anderen gehöre. Wie wenn überhaupt von Philosophie die Rede ginge.

Einem Philosophen indes gehört des Dichters Duldung und Neigung nicht, dem Platon. Platon ist Wieland/Aristipp ein Greuel. Die Abschweifung über Platons »Staat« zählt in ihrer vergifteten Sanftmut unter die großen Streitschriften unserer Literatur. Sie anerkennt, daß Platon, ungeachtet seines uneinladenden Denkstils und spitzfindigen Wesens, keineswegs dumm fragt, und daß er, wiewohl er immer tief tut, auf eine Weise doch immer auch tief ist. Nur gelegentlich läßt Wieland/Aristipp sich gehen und gibt zu verstehen, daß Platons Antworten natürlich insgesamt Quatsch sind.

Ich benutze für den Roman-Aristipp das gleichsetzende Wieland/Aristipp, auch Reemtsma verfährt so. Wir dürfen das. Es ist wirklich kein Spalt zwischen den Ansichten des Autors und denen seines Helden.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ich wollte aber, Reemtsma hätte sich aufgerafft, den Aristipp aus dem »Buch vom Ich« den Reemtsma/ Aristipp zu heißen. Vieles wäre klarer, wenn diese Unterscheidung gemacht wäre. Reemtsma läßt unseren liebenswürdigen Afrikaner Dinge denken, auf die er von Wielands wegen nie gekommen wäre.

Reemtsma/Aristipp nämlich wirft dem Platon nicht vor, daß seine Philosophie Quatsch ist, sondern daß sie Philosophie ist.

Reemtsma/Aristipp nämlich liebt an den Jungs des Sokrates, den Überlebensphilosophen von der idyllischen, elegischen und satirischen Sorte, eben das, was ihren Mangel ausmacht, daß sie nicht philosophieren können. Es gibt, verkündet er, gar keine Wissenschaft Philosophie. Es gibt nur Einzelwissenschaften. Eigentümlich philosophische Fragen, verkündet er, werden von keinem Gegenstand aufgeworfen, nur von den Philosophieprofessoren, die sich damit ihre Kolleggelder verdienen.

Ich wiederhole: nicht Wieland/Artstipp verkündet das alles. Ausschließlich Wielands Interpret schiebt es ihm in die Sandalen.

»Der Roman ›Aristipp‹ ist der Versuch zu zeigen, daß es keine Probleme gibt, die die besondere Eigenschaft haben, ›philosophisch‹ zu sein« (Reemtsma).

Aus Platons Phantasie vom »Philosophenkönig« wird — unter Reemtsmas, nicht Wielands Hand — der »herrscherliche Anspruch« der Philosophie. Reemtsma ist nicht nur ein Leugner alles Wissenkönnens. Er ist sogar ein Tadler alles Wissenwollens. Philosophie, sagt er, ist »im Grunde« Religion: ein »unnatürliches Trachten nach Gewißheit«.

Ich kann leben, ohne hierauf zu entgegnen. Es ist möglich, daß von den Denkschwierigkeiten der Philosophie nicht eine einzige besser als annäherungsweise gelöst ist, und es ist wahrscheinlich, daß die Behauptung, man habe die Lösung, oft schadet. Aber der größte Schaden auf dem Weg zur Menschwerdung ist Wissensverzicht.

Irgendwer sollte einmal einen Blick auf die Ergebnisse der Einzelwissenschaften werfen, etwa die vom Kosmos, vom Bewußtsein und von der Gesellschaft. Sind die weniger religiös? Oder weniger idiotisch? Ich versichere Ihnen: nur eine schier bedingungslose Hingabe. an die Philosophie kann uns vor dem Schwachsinn der Einzelwissenschaften retten.

Nun hat aber Reemtsma dem Text eine weitere verborgene Wahrheit entrissen. Mit dem Platon, offenbart er uns, meint Reemtsma/Aristipp den Kant. Am Kantschen System zeigt sich jener unerträgliche »Herrschaftsgestus der Philosophie«, den Aristipp von Kyrene, Christoph Martin Wieland und Jan Philipp Reemtsma so Arm in Arm in Arm bekämpfen.

Wir sehen ein, daß der Name Kant im alten Griechenland und also im »Aristipp« nicht auftauchen kann. Wir müssen Reemtsmas Wer-ist-wer-Behauptung, wenn sie zwar ein Fall von »literarischem Positivismus« ist, nach dem Prüfmaß prüfen, das wir haben, nach ihrer Beifallswürdigkeit, Annehmbarkeit und Gabe einzuleuchten.

Ich habe mich wohl schon verplappert. Sie leuchtet mir nicht ein.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Der Absolutismus ist die zeitweilige Synthese von Lehnswesen und Bürgertum. Kant ist die zeitweilige Synthese von Idealismus und Materialismus. So vollendete Kant den Überbau des aufgeklärten Absolutismus.

Darum und dann noch darum, weil er ein sehr gewissenhafter und genaudenkender Philosoph war, also eine große Leistung in dem Fach erbracht hat, von dem Reemtsma sagt, es gebe es nicht, ist die deutsche Philosophie durch Kant hindurchgegangen, so wie sie durch Adam Smith und die französische Revolution hindurchgegangen ist.

Wieland stand politisch eher links von Kant und philosophisch — als, sagen wir es ruhig mit Goethe, Mann Shaftesburys — eher hinter Kant. Es ist richtig, daß ihm Kants Denkart nicht besonders lag und daß er sich irgendwann sogar mit Herder gegen ihn zusammenrottete. Es ist ferner richtig, daß er den Platon verabscheute. Hieraus folgt nicht, daß sein Platon den Kant darstellt, jedenfalls nicht nach der Logik. Wenn Kant denn schon ein Idealist sein soll, aber sein Ding an sich hat mit einer Platonischen Idee so gut wie nichts zu tun.

Ein anderer Philosoph, den Wieland verabscheute, war Fichte. Die Übereinstimmungen zwischen Platons »Staat« und Fichtes »Reden an die deutsche Nation« liegen am Tag. Freilich sind Fichtes »Reden« erst von 1808, und Wieland hält sich, wie Reemtsma bemerkt, bei Platons politischen Dummheiten nicht sehr lang auf, weil sie die Jahre um 1800 noch kaum betrafen. Dieselben Dummheiten bei Meyern sind von 1787 bis 1791. Wieland, kann sich Reemtsma das nicht vorstellen, wußte, was zu seiner Zeit gedacht wurde.

Aber Reemtsma hat sich in den Kant verbissen. Er besteht darauf, daß der ganze »Aristipp« gegen Kant gehn muß. Warum? Weil sich Kant des Erzverbrechens schuldig gemacht hat anzunehmen, daß er im Recht sei.

Im Roman steht: Wieland/Aristipp hält eine Philosophie für nicht wahr, alle übrigen läßt er so hingehn.

Im »Buch vom Ich« steht: Reemtsma/Aristipp bekämpft den Wahrheitsanspruch der Philosophie als solcher und billigt das Nichtphilosophieren und will das Philosophieren aus der Welt.

»Philosophie als Lebensleistung, nicht als Denkleistung!« Diese Reemtsmasche Antithese ist schon schlagender ausgedrückt worden. »Das Ziel ist nichts, der Weg ist alles.«

So wie Wieland, wenn wir Reemtsma zu glauben vorhätten, schon ahnungsvoll den Sozialismus widerlegt hat, genau so hat er vorlaufend den Eduard Bernstein bestätigt. Ich bin gar nicht versessen darauf, dauernd mit dummen Scherzen zu dienen. Aber Reemtsma behandelt den Immanuel Kant wie einen Professor aus Kaliningrad.

Ich habe zu zeigen, daß Wielands Platon der Kant im Geringsten nicht ist.

Hören wir, was Wieland gegen Platon sagt. — Im Betreff der Kunst mißfällt ihm, daß dieser alle Gattungsrichtigkeit verfehlt. Ein Dialog habe seine Kunstregeln auch; der »Staat« hingegen sei ein unordentlicher Mischmasch von Unzusammengehörigem und »von einem auffallenden Mißverhältnis der Theile zum Ganzen« und »Überladung mit Nebensachen« nicht frei zu sprechen. Platon wolle Philosoph, Dichter und Redner zugleich sein; dieser »dreifache Charakter« verführe ihn, mit Analogien, Allegorien, Milesischen Märchen und all den »ammenhaften« Beimengungen zu arbeiten, die nun einmal ein — Gesamtkunstwerk so sprenkeln. Das Wort Gesamtkunstwerk fällt nicht. Es fällt uns nur ein. Das Unendliche mag Wieland als Ziel der Schönheit nicht nehmen. Wie kann, fragt er, schöngestalt sein, was unendlich ist?

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Im Betreff der Erkenntnis wirft er Platon vor, er habe seiner Bauchrednerpuppe, dem Sokrates, eine »subtile, schwärmerische, die Grenzen des Menschenverstandes überfliegende Philosophie« untergeschoben. »Unser Mystagoge«, so Wieland, erblicke die »neuentdeckte übersinnliche Sonne«, diejenige, die die rein geistigen Dinge erleuchtet. Sein heiliger Mann, der Universalmonarch, müsse sich »zum mystischen Anschauen des Unwesens aller Wesen erheben«.

Im Betreff der Politik endlich erzählt er, wie, dem Platon nach, die Klassen verschiedenwertig geboren seien, von »ungleichartigem Metall« nämlich, oder wie vielmehr die Behauptung aufgestellt und vermöge von Propaganda durchgesetzt werden müsse, sie seien es. Diese Theorie der Klassen als Geburtsstunde referiert Wieland mit Sorgfalt: Die Ungleichheit der Legierung ist nicht wahr, und demzutrotz denknotwendig. Die Zucht der jungen Brut erfolgt nach Art der Tierzucht; die Weiber wachsen männisch auf; Hauptsubordinierungshilfen sind Musik und Turnen. Der Dialog vom »Staat« läuft auf eine Begriffsbestimmung der Gerechtigkeit hinaus. Gerechtigkeit ist die ewige Dauer der ständischen Privilegien; das Mittel, das sie befestigt, ist die spartanisch-archaische Zwangserziehung.

Alle letzten Fragen aber werden nicht von der Philosophie entschieden, sondern von »den Priestern des Tempels zu Delphi«. Dieser Tempel untersteht Sparta, und kein Schelm, wer hier an Rom denkt.

Wer also soll mit dieser Wielandschen Beschreibung beschrieben sein?

Kant? Das ist, erstens, in jeder Faser das Gegenteil von Kant. Das ist zweitens das genaue Programm des »Athenäum«. — (Es geschah in demselben Jahr 1800, in dem Wieland den Platon auf so erledigende Weise drosch, daß Friedrich Schlegel Friedrich Schleiermacher beschwatzte, den Deutschen eine Übersetzung dieses Denkers vorzulegen).

Das »Athenäum«, die Zeitung der Schlegels, war seit 1798 erschienen und hatte sich bis 1800 geschleppt. Eine erklärte Absicht des »Athenäums« war die Auslöschung Wielands. Auch Wieland wollte der Romantik nicht nur wohl.

Sein Roman, gedruckt 1800 bis 1802, ist vom alleraktuellsten Bedürfnis.

Noch aktueller kann ein Roman auf seine Gegenwart nicht erwidern. Der »Aristipp« ist — auf seine salonmäßige, ja geckenhafte Weise unerbittlich ein Roman fürs Konsulat und gegen das »Athenäum«. Ich kann sehr wohl kurz sein, wenn Reemtsma mich ließe.

Daß diesem aufregenden Buch der Schlußteil fehlt, ist bedauerlich. Warum er fehlt, wollen die Gelehrten nicht begründen. Manche sagen, Wieland sei das verlorene Osmannstedt abgegangen, so als habe er in Weimar und in Tiefurt nicht ganz Ansehnliches zustande gebracht; auch habe ihn sonstiger Kummer betroffen. Ferner habe ihn der matte Widerhall der erschienenen Bände entmutigt. Warum übrigens war der Widerhall eines der besten Bücher eines Bestsellerautors matt?

Ich teile Reemtsmas Vermutung, daß ausgerechnet der Band, der mangelt, die Hauptsache enthalten hätte. Nicht einig sind wir darüber, was die Hauptsache sei. Ich weise einfach auf Gegenstände hin, die mit Sicherheit in ihm hätten müssen gestanden haben.

Aristipp wäre auf sein letztes Lebensdrittel in syrakusische, also französische Dienste getreten. Auch Platon wäre zum Dionys hingeeilt und aber abgeblitzt (hierin merkwürdig ähnlich dem Friedrich Schlegel und wie es dem mit dem Ersten Konsul erging).

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Aristipps Tochter Arete wäre herangereift und ihm als Kopf der kyrenischen Philosophen gefolgt. In der vorliegenden Romanfassung fällt Aretes Name — zum einzigen Mal, glaub ich — im vorletzten Satz. Aber diese Philosophin war so sehr keine Lais und so sehr eine arbeitende Person, daß das ihr nachfolgende Schulhaupt, ihr Sohn Aristipp, der Metrodidakt hieß, der Mutterlehrling.

Neben Dionysios II hätte eine andere Figuration Bonapartes sich abgezeichnet, Alexander von Makedonien. Von diesem Ausländer wird schon im unvollendeten Roman vorhergesagt, daß er die griechische Einheit ins Werk setzen und der Stadt Athen die Hoffnung eröffnen werde, einem Großreich einverleibt zu werden und durch diese Verumständung die Kulturhauptstadt zu bleiben. Die Vorhersage macht Wieland gut ein Jahr vor Hegel, sieben Jahre vor Ascher. Zusammen mit Alexander wäre der erste richtige Philosoph im Buch aufgetaucht, Aristoteles; der Erfinder des Anspruchs auf ein umfassendes philosophisches System.

Wahrscheinlich war sich Wieland nicht darüber klar, daß Hegel eben im Jahr 1801 in Jena anreiste, um eben diese Stelle einzunehmen, und daß sein Roman-Aristoteles nicht umhin würde gekonnt haben, den Hegel zu bedeuten. Aber diese drei Zutaten, Leben mit Bonaparte, eine mündige Frau und ein umfassender realistischer Denker hätten die Probe aufs antiromantische Exempel aushalten müssen, beim Dichter ebensowohl wie bei seinen Lesern. — Nichts, schließlich, verschreckt eine Zeit an einem Kunstwerk so wie Zeitnähe.

Wieland hatte sich schon mit den herausgekommenen, eher idyllischen und verspielten Bänden nichts als Ärger eingehandelt. Es gibt ein Alter, in dem auch stolze Menschen die Lust verlieren, sich hassen zu lassen.

Reemtsma läßt mich nicht kurz sein. Sie haben sich sicher schon gefragt, weshalb seine »Aristipp«-Auslegung den Titel »Das Buch vom Ich« trägt. Ich sage es Ihnen; denn Sie würden nicht drauf kommen.

Wieland, sagt Reemtsma, ist ein »radikaler Nominalist«, welcher weiß, daß es an der Welt nichts zu erkennen gibt als die Oberfläche. Er gehört (ebenso wie übrigens Shakespeare) in die seit jeher Recht habende Elite derer, die nichts für wahr und nichts für wirklich halten: in die »moderne Traditionslinie« der Anpassler ohne festen Standpunkt.

Wer aber kein Objekt hat, der hat, das soll aus dem folgen, ein Subjekt.

Der »Aristipp« ist das »Buch vom Ich«, weil er das Buch von der Weltlosigkeit ist.

Stimmen Sie mir bei, wenn ich die Art Überlegungen uninteressant finde?

Boten, die Unheil bringen, werden geköpft, und Berichterstatter, die Langweiliges melden, gelten für langweilig. Ich habe für beides volles Verständnis. Ich hätte über Jan Philipp Reemtsma und sein »Buch vom Ich« lieber nicht geschrieben.

Reemtsma hätte ohne weiteres seine Ruhe vor mir haben können. Aber aus einem bestimmten Grund, den wir an dieser Stelle noch nicht angeben können, mag er sich mit dem verdeckten Kampf gegen Wieland und das Menschengeschlecht nicht begnügen. Er steigert sich zu einer gleichsam paradoxen Langweile, einer Langweile, welche wütend und offensiv und nunmehr in der Tat unleidlich ist. Er erfrecht sich gegen Goethe.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Beispielsweise spricht er von »dem traurig niedrigen Verhalten Goethes bei der Inszenierung des ›Zerbrochenen Kruges‹«. Kein Wort hiervon stimmt, und nichts hieran gehört zum »Artstipp« oder in dessen Zusammenhang. Warum schreibt Reemtsma es hin? Ist es ihm nur zugestoßen, und er bereut es schon? Ist es Sensationsmacherei? Verlangt ihn nach Strafe? Wir werden sehen. Von vorn.

Goethe hat Wieland bei den Weimarischen Freimaurern die Totenrede gehalten. Sie gibt dem Verstorbenen seine Würdigung und seinen Ruhm. Es ist nicht möglich, sich über einen kleineren Zeitgenossen, den man hinter sich gelassen hat, gerechter und freundschaftlicher zu äußern, als Goethe über Wieland hat.

Die Weimarischen Freimaurer hatten die Wahl. Sie hätten auch einen anderen Redner nehmen können, irgendeinen Angestellten des Herzogs von Otranto oder des Herzogs von Rovigo, der ihnen gern würde bestätigt haben, der größte Dichter der Deutschen sei von ihnen gegangen. Von Goethe war nichts zu erhalten als die in aller Behutsamkeit endgültige und nie mehr umstößliche Einschätzung des zur Rede Stehenden. Besonnene Männer, die sie waren, hatten sie Goethe gewählt, — Goethe, sagt Reemtsma unerwarteter Weise, hat Wieland ermordet. Schauplatz des Verbrechens ist Wielands Sarg. Goethes Rede, sagt Reemtsma, ist »der Versuch eines Mordes übers Grab hinaus«.

Man kann das ja sagen. Man kann das nicht sagen, ohne Goethes Rede zu fälschen.

Goethe über Wieland, hoch ehrend: Er »hat sein Zeitalter sich zugebildet«. Reemtsma liest den Satz um in: Wieland war »ein Kind seiner Zeit«. Aus einem Urheber seiner Epoche macht Reemtsma (nicht Goethe) einen an seine Epoche Gefesselten. Kann man eine Aussage gegenteiliger lesen?

Goethe über Wieland, hoch ehrend: »Der geistreiche Mann spielte gern mit seinen Meinungen, aber niemals mit seinen Gesinnungen«. Reemtsma übersetzt: »Er mag geschrieben haben, was er will, doch war er im Grunde doch ein anständiger Kerl«. Wieland war, soll Goethe gesagt haben, vielmeinend, aber stets wohlmeinend.

Es verhält sich nur so, daß das Wort Gesinnung das Wort Meinung in ganz anderer Weise überschreitet, als Reemtsma ahnt. »Meinung«, aber das weiß er nicht, ist unter Gesitteten ein sehr abschätziges Wort; es ist das, wozu man in der von Reemtsma bewohnten Gesellschaft die Freiheit hat. »Gesinnung« bedeutet hiergegen so etwas wie geprüfte Grundsätze und Ansprüche an die Welt, an denen man festhält. »Gesinnung«, aber Reemtsma weiß es nicht, ist unter Gesitteten ein sehr hochkarätiges Wort. Ich zitiere.

Hegel (Geschichtsphilosophie): »Von Robespierre wurde das Prinzip der Tugend als das höchste aufgestellt, und man kann sagen, es sei diesem Menschen mit der Tugend ernst gewesen. Die Tugend ist hier ein einfaches Prinzip und unterscheidet nur solche, die in der Gesinnung sind, und solche, die es nicht sind. Die Gesinnung aber kann nur von der Gesinnung erkannt und beurteilt werden. Es herrscht somit der Verdacht«. Und: »Diese subjektive Tugend, die bloß von der Gesinnung aus regiert, bringt die fürchterlichste Tyrannei mit sich«.

Aber Goethe sagt, sagt Reemtsma, daß Wieland ein gutmütiger Opa war.

In Wahrheit redet Goethe von seiner und Wielands Parteilichkeit. Wieland war »für« die Revolution, Goethe »gegen« sie, und es gab in der Sache zwischen ihnen nie einen Streitpunkt. Die Gesinnung stimmte.

Es gab (ungefähr zu der Zeit, als Wieland am »Aristipp« schrieb) zwischen Goethe und Wieland Konflikte, solche, wie sie sich zwischen Künstlern von unterschiedlichem Rang ergeben. Der weniger Gute, auch wenn er so hochherzig fühlt wie Wieland, wird gelegentlich zänkisch. Wielands junge Männer konnten nicht immer den Schnabel halten. Der Goethe-Neider Herder und die Goethe-Schmeißfliege Kotzebue wurden von Wieland nicht immer streng genug zurückgewiesen, übrigens auch umgekehrt die Wieland-Heißer Schlegel von Goethe nicht. Es gab zu keiner Zeit einen Konflikt über das Weltwesen. Es gab ihn schon überhaupt nicht im Jahr 1813, als der eine Ritter der Ehrenlegion dem anderen Ritter der Ehrenlegion die Logenrede hielt.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Goethe sprach über Wieland so angemessen, wie die Klassik über die Aufklärung, deren größergewachsenes Kind sie ist, äußersten und freundwilligsten Falls sprechen kann. Heines Nachruf auf Nicolai klingt viel schnöder, ist aber genau so liebevoll. Unsere Klassiker sind keine Vatermörder. Sie stehen im Widerspruch zur Aufklärung insofern, als der Höhepunkt einer Sache im Widerspruch zu deren gewöhnlicher Seinsweise einmal stehen muß. Sie machen den Sprung, der sie von der Aufklärung trennt, deutlich und nehmen sie im übrigen gegen die gemeinsame Krätze, die Romantik, in Schutz.

Aber Reemtsma schmollt und läßt sich nicht mildstimmen.

Er nennt Goethes Achtungsbezeugung »eine erfolgreiche Strategie«, Wieland »aus dem literarischen Kanon auszuschließen« — jenem Kanon, der zu Reemtsmas aufrichtiger Verwunderung »um die Zentralfigur Goethes komponiert war«.

Wie alle Gleichmacher stellt Reemtsma sich duldsam, wie wenn es die anderen wären, die händelsüchtig sind. Er behauptet, Goethe habe angefangen. Er wälzt nun den von Goethe »vor Wielands Gruft gewälzten« Stein weg. Und aus der Gruft kommt: ein Schönerer als Goethe.

Der von Goethe uns aufgezwungene Kanon der deutschen Literatur nämlich, wenn wir Reemtsma folgen, hat unlängst endlich seine »Akzeptanz verloren«. Er hat zu gelten aufgehört, und zwar vermöge eines »Paradigmenwechsels«.

Goethe ist uns »ferne gerückt«, und »um das Maß seines Fernerwerdens« sind uns »interessanterweise Lessing, Wieland, Moritz, Hippel, Heinse nähergekommen«. Zum Verständnis erfreut uns Reemtsma mit einer Anekdote.

Einer namens Otto Conradi, erzählt er, habe die Meinung vertreten, man könne Germanist sein, ohne den »Faust« zu kennen; Marcel Reich-Ranicki habe sich hierüber sehr erregt. Auch er selbst, Reemtsma, beteuert er, ziehe solche vor, die den »Faust« gelesen haben. Andererseits wieder, gibt er zu bedenken, habe jener Conradi das Nichtlesen des »Faust« ja nicht gebilligt; er habe nur unverkrampft geschildert, was ist: den staugehabten Paradigmenwechsel eben. Das Reden von einer goethelosen Germanistik nennt Reemtsma »unverkrampft«.

(»Unverkrampft«! — nicht »unverfroren«).

Das Wort Paradigmen heißt was wie Leitwerte oder Rangmuster. Es gab eine Zeit, wo wir für dieselbe Sache ganz verständlich »Maßstäbe« oder »Maßgaben« sagten. Das Wort ist durch und durch Katheder, durch und durch Szene: eins jener pseudoakademischen Insiderwörter, die nicht zufällig an solchen Stellen gehäuft auftreten, deren Inhalt klar auszusprechen peinlich wäre. Nicht Goethe soll Vorbild sein, sondern Hippel? Wie klänge denn das?

Natürlich ändern sich die Musterhaftigkeiten in den Künsten, sind sie erst einmal festgestellt, nicht mehr. Ein Kunstwerk, das gut ist, bleibt gut.

Was mit den wechselnden Gesellschaftsformationen wechselt, ist höchstens noch, wie gut es begriffen wird.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ich frage mich, was unsere Autoren des 18. Jahrhunderts dem Reemtsma bloß zuleid getan haben. Ich habe doch wirklich nichts gegen Hippel. Er steht bei mir in einer Reihe mit Lawrence Sterne und Jean Paul unter den Dichtern, die ich nicht lesen kann. Was soll er nun sein? Ein gewechseltes Paradigma? Ein neues Muster? Mehr als Goethe?

Ich bitte alle Leser ausdrücklich: Lassen Sie sich durch derlei Narrheiten nicht verstören. Fahren Sie fort, Wieland hochzuhalten, behalten Sie Ehrfurcht, Wieland ist ein Klassiker zweiter Ordnung, aber ja doch ein Klassiker. Die Lusche, als die Reemtsma ihn hinstellt, ist er nicht. Er hat nicht verdient, nach Reemtsmas Bilde gelobt zu sein.

Wenn Sie einmal ein Bedürfnis nach spastischen Witzen haben, lesen Sie ruhig auch Hippel.

Reemtsma bedient sich auf diesen entsetzlichen Seiten 173 und 174 einer absichtsvollen Undeutlichkeit, die etwas Advokatisches hat. Er will, das meint man zu verstehen, Wieland nicht unter Goethe gestellt, aber doch auch nicht ausdrücklich über Goethe. Wohin will er ihn? Er will ihn, so verrückt ist er, statt Goethe. Ich stelle meine oben angekündigte Frage jetzt. Was hat der Mann?

Ist es nur die unbewußte Hinneigung des Philisters zum Nichtgroßen? Ist es nur die Wissenschaft der Dilettantik und Mediokrologie, in Richtung derer die Philologie die Ästhetik instinktiv immer hinrückt? Ich meine, es ist viel weniger unbewußt und keine Sache von Instinkten. Es ist nicht Psychologie, sondern Politik, und ist angeordnet.

Balzac sagt von der Restaurationszeit: »Es gab damals nur zwei Parteien, die Royalisten und die Liberalen, die Romantiker und die Klassiker, der gleiche Haß in zwei Formen.«

Es gibt auch heute »nur zwei Parteien«, die des Imperialismus und die des Sozialismus (und der Satz würde auch an dem Tag nicht aufhören, wahr zu sein, an welchem China, Kuba, Vietnam und Nordkorea ins Meer gesprengt oder der Weltbank unterstellt wären). Es gibt den »gleichen Haß« in einer zweiten Form, als der Haß zwischen der Partei gegen und der für Goethe.

Noch immer ist es die Klassik, die für den Fortschritt steht. Man kann das als eine reine Verabredung begreifen; man muß das aus keiner tieferen Ursache herleiten als das heraldische Bild, das auf einer Standarte gemalt ist. Man kann es geistesgeschichtlich begreifen. Wer Goethe sagt, muß Hegel sagen, und wer Hegel sagt, sagt Marx. Wahrscheinlich ist die Wahl des Feldzeichens beides, zugleich beliebig und eine Frage des Inhalts; wir reden ja vom Schlachtfeld Poesie.

Wie anders als feindlich soll sich der Imperialismus, bankrott und übellaunig, wie er dasteht, gegen den Goetheschen Willen verhalten, die Welt in ihrer Ganzheit zu erkennen und im Kunstwerk zu packen? Der Begriff des Gelingens ist ein antiimperialistischer Begriff. »Bin einer der letzten, vielleicht der letzte, der überhaupt weiß, was ein Werk ist«, schrieb Thomas Mann in sein Tagebuch, während er sich zu seiner zweiten Emigration entschloß, der aus Amerika, wo diese Reemtsmaschen Gedanken alle ausgedacht werden.

Des Politischen Philologen Reemtsma kleine Besonderheit ist darin zu finden, daß es bei ihm nicht, wie sonst, die Romantik ist, die gegen Goethe ins Feld muß, sondern, für Vernunftfreunde, die Aufklärung. Die Aufklärung, dies des Politischen Philologen kopernikanische Entdeckung, war gar nicht so vernünftig, wie Verleumder ihr nachreden. Wieland wird so ausnahmsweise nicht totgetadelt, sondern totgerühmt, das halte ich für keine Verbesserung. Ich denke nicht, daß Reemtsma besser als Beuys ist.

Das »Buch vom Ich« ist flüssig geschrieben. Der Autor besitzt Kenntnisse. Er hat Wieland mit Sorgfalt gelesen und hat über das, was er uns anmutet, nachgedacht. Er ist, wo Redlichkeit seine Zwecke nicht stört, redlich. Ich will mich nicht mit Lob aufhalten. Ich rede von Dingen, die mir mißfallen, ich rede von Langweile.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Die Langweiligkeit des Aristipp von Kyrene ist nahezu kindhaft; in jenen Tagen war noch die Verdorbenheit unschuldig.

Die Langweiligkeit Wielands ist ein noble ennui. Die Langweiligkeit Reemtsmas ist ein hanebüchener Ennui.

Hanebüchen ist der pyrrhonisch-menschewistische Denkplunder. Hanebüchen ist das Ausspielen ausgerechnet Wielands gegen alles Zusammenhängende, Behauptende, Realistische, die Schöpfung eines Paradigmas oder anleitenden Gespensts mit Namen Christoph Martin Wittgenstein.

Die Aufmerksamkeit, die ich ihm widme, beweist, daß das »Buch vom Ich« mich geärgert hat. Aber es allein hätte noch nicht vermocht, mich von meiner Arbeit abzuziehen.

Ein Mensch kann einen Menschen nur langweilen, wenn er die Macht hat, ihn zu langweilen. Die Macht hat Reemtsma bei Haffmans nicht. Es ist gleichgültig, wie langweilig die Bücher sind, die Reemtsma schreibt, weil keiner sie liest, der nicht dafür bezahlt wird. Ich vermute, die zwei einzigen Personen, die den Anti-»Aristipp« aus freiem Willen kennen, sind Reemtsma und ich. Sehr viel bedrohlicher breit macht er sich in der Zeitschrift »konkret«, jener Zeitschrift, die einmal für die Deutschen wichtig war.

Bis zu einem Grade ist sie es noch. Aber seit einigen Jahren finde ich ihre Seiten überzogen mit diesem fußkranken und wegmüden Denken, diesem Esprit von Nullhaftigkeit und Nihilism, diesem Charisma von Langweile — ganz ähnlich wie das Haus Usher mit seinem »zarten Mauerschwamm«, der ihm »als feines verworrenes Gespinst« über die Dachrinne hängt. »Irgendwie«, vermerkt Poe, schien hier »ein krasser Widerspruch zwischen der immer noch lückenlosen Oberfläche und der bröckligen Beschaffenheit des Einzelsteines« vorzuliegen; »außer dieser einen Andeutung auf weitgehenden Verfall jedoch wies der Bau kaum Male beginnender Zerstörung auf«.

Ich will ausdrücken: Jan Philipp Reemtsmas Zotten hängen Hermann L. Gremliza über die Dachrinne.

Ich ersuche die Verantwortlichen von »konkret«, sich zu erinnern, wie bald für das Haus Usher der Augenblick, »als die mächtigen Mauern zerbarsten«, auf den Pilzbefall folgte. »Da scholl ein langer verworrener Donnerruf, wie die Stimme von tausend Wassern, und der unergründliche dunkle Teich zu meinen Füßen schloß sich schweigend und finster über den Trümmern der Zeitschrift ›konkret‹«, ich rufe mich zur Ordnung: »den Trümmern des Hauses Usher«.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014

Bilder: Nikolai Endegor: Live Marble, 2014,
die komplette Serie mit mythologischen Erklärungen auf LensCulture und LiveJournal.
Die Motive III und XX fehlen, dafür haben VIII, XI, XIV, XVIII und XXII je eine zusätzliche Version.

Soundtrack: John Cale: Lazy Day, 2020:

Written by Wolf

26. Februar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Verdächtige Grübler, die Seligkeiten der Dummheit und daß die Leute besser lesen lernten

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
und Wie werde ich Schriftsteller? (Von den Exkrementen hirnloser Köpfe):

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Wieland zählt zu den paar Schreibern, von denen gleich zwei Gesamtausgaben unkündbar bei mir wohnen: die von 1853 ff., die auch Arno Schmidt benutzt hat, und die Hamburger von 1984, seit Jahren die 14 Bände plus Johann Gottfried Gruber: C. M. Wielands Leben für etwas um die 20 Euro — bei mir waren es 15 Euro versandkostenfrei —, die man lesen kann. In beiden fehlt der Aufsatz darüber, Wie man lies’t, weil das Korpus aus dem Teutschen Merkur selbst die Ausgabe von 36 in 18 Bänden von 1853 gesprengt hätte. Ich gebe den Aufsatz ungekürzt leserlich wieder und noch zwei themenverwandte Preziosen dazu:

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

——— Christoph Martin Wieland:

An Johann Jakob Bodmer in Zürich

Tübingen, den 1. April 1752:

Meine Landsleute sind von der Art, daß meine bisherigen Schriften mich, anstatt zu empfehlen, um allen Credit bringen. Einen Poeten hält man da für einen Zeitverderber und unnützen Menschen, und einen Philosophen für einen Schwätzer und verdächtigen Grübler; beyde Wissenschaften aber für brodlose Künste, mit denen sich kein kluger Mensch viel einläßt. […]

Ich finde daß ein Mensch, der wie ich denkt, nur in wenigen Fällen brauchbar ist. Man muß ein Thor oder ein Bösewicht seyn, um nach dem Geschmack der Welt zu seyn.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Der Schlüssel zur Abderitengeschichte

aus: Die Abderiten. Eine sehr wahrscheinliche Geschichte von Herrn Hofrath Wieland.
Zweiter Teil, der das vierte und fünfte Buch und den Schlüssel enthält,
in: Der Teutsche Merkur 1774 bis 1780 (Buchfassung Geschichte der Abderiten, 1781):

Es war (so lautet sein Bericht) – es war ein schöner Herbstabend im Jahr 177*; ich befand mich allein in dem obern Stockwerk meiner Wohnung und sah (warum sollt ich mich schämen zu bekennen wenn mir etwas menschliches begegnet?) vor langer Weile zum Fenster hinaus; denn schon seit vielen Wochen hatte mich mein Genius gänzlich verlassen. Ich konnte weder denken noch lesen. Alles Feuer meines Geistes schien erloschen, alle meine Laune, gleich einem flüchtigen Salze, verduftet. Ich war oder fühlte mich wenigstens dumm, aber ach! ohne an den Seligkeiten der Dummheit Teil zu haben, ohne einen einzigen Gran von dieser stolzen Zufriedenheit mit sich selbst, dieser unerschütterlichen Überzeugung, welche gewisse Leute versichert, daß alles, was sie denken, sagen, träumen und im Schlaf reden, wahr, witzig, weise, und in Marmor gegraben zu werden würdig sei – einer Überzeugung, die den echten Sohn der großen Göttin, wie ein Muttermal, kennbar und zum glücklichsten aller Menschen macht. Kurz, ich fühlte meinen Zustand, und er lag schwer auf mir; ich schüttelte mich vergebens; und es war (wie gesagt) so weit mit mir gekommen, daß ich durch ein ziemlich unbequemes kleines Fenster in die Welt hinaus guckte, ohne zu wissen was ich sah, oder etwas zu sehen, das des Wissens oder Sehens wert gewesen wäre.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Wie man lies’t

Eine Anekdote

in: Der Teutsche Merkur, 1781:

Es würde wenig helfen, dem Publicum eine Confidenz von meinen eignen Erfahrungen, wie man gelesen wird, zu machen; viele davon wurden hinlänglich seyn, den entschlossensten und harthäutigsten Autor auf ewig abzuschrecken — „Und haben euch gleichwohl nicht abgeschreckt,“ grinzt mir ein Satiro maligno zu. — Ich bekenne gerne, daß ich ihm lieber nichts antworten, als die Schuld auf das Schickfal schieben will. Aber dieser Tage las ich in einem Französischen Buche eine Anekdote diesen Artikel betreffend, womit ich — wie sich alles Gute gerne mittheilt — meine Leser, zu eignem beliebigen Nachdenken, regaliren will. Facta sind immer lehrreicher als Declamationen. Der Autor — sein Name thut nichts zur Sache, aber er ist, in meinem Sinne, noch einer von den besten, die sich jetzt zu Paris von der Bücherfabrik nähren — spricht von dem mannichfaltigen Ungemach, dem die Schriftsteller ausgesetzt sind, bis der Tod ihrem Leiden ein Ende macht, und die Zeit entweder ihre Werke in den Abgrund der Vergessenheit gestürzt, oder, zu spät für den armen Autor! mit Preis und Unsterblichkeit krönt. Das Unglück, obenhin, unverständig, ohne Geschmack, ohne Gefühl, mit Vorurtheilen, oder gar mit Schalksaugen und bösem Willen gelesen zu werden — oder, wie die meisten Leser, die nur zum Zeitvertreib in ein Buch gucken — oder zur Unzeit, wenn der Leser übel geschlafen, übel verdaut, oder unglücklich gespielt, oder sonst Mangel an Lebensgeistern hat — oder gelesen zu werden, wenn gerade dieses Buch, diese Art von Lecture unter allen möglichen sich am wenigsten für ihn schickt, und seine Sinnesart, Stimmung, Laune, mit des Autors seiner den vollkommensten Contrast macht — das Unglück, so gelesen zu werden, ist, nach der Meinung des besagten Autors, keines von den geringsten, welchen ein Schriftsteller (zumal in Zeiten, wie die unsrige, wo Lesen und Bücherschreiben einen Hauptartikel des Nationalluxus ausmacht) sich und die armen ausgesetzten Kinder seines Geistes täglich und unvermeidlich bloß gestellt fehen muß. Unter hundert Lesern kann man sicher rechnen von achtzig so gelesen zu werden; und man hat noch von Glück zu sagen, wenn unter den zwanzig übrigen etwan Einer ganz in der Verfassung ist, welche schlechterdings dazu gehört, um dem Werke das man lies’t (und wenn’s auch nur ein Madrigal ware) sein völliges Recht anzuthun. Was Wunder also, wenn den besten Werken in ihrer Art, und in einer sehr guten Art, oft so übel mitgespielt wird? Was Wunder, wenn die Leute in einem Buche finden, was gar nicht drin ist; oder Ärgerniß an Dingen nehmen, die, gleich einem gesunden Getränke in einem verdorbnen Gefäße, bloß dadurch ärgerlich werden, weil sie in dem schiefen Kopf oder der verdorbnen Einbildung des Lesers dazu gemacht werden? Was Wunder, wenn der Geist eines Werkes den meisten so lange, und fast immer unsichtbar bleibt? Was Wunder, wenn dem Verfasser oft Absichten, Grundsätze und Gesinnungen angedichtet werden, die er nicht hat, die er, vermöge seines Charakters, seiner ganzen Art zu existiren, gar nicht einmal haben kann? Die Art, wie die meisten lesen, ist der Schlüssel zu allen diesen Ereignissen, die in der literarischen Welt so gewöhnlich sind. Wer darauf Acht zu geben Lust oder innern Beruf hat, erlebt die erstaunlichsten Dinge in dieser Art. Die ungerechtesten Urtheile, die widersinnigsten Präventionen, die oft für eine lange Zeit zur gemeinen Sage werden, und zuletzt, ohne weitere Untersuchung, für eine abgeurthelte Sache passiren, wiewohl kein Mensch jemals daran gedacht hatte, die Sache gründlich und unparteiisch zu untersuchen — haben oft keine andre Quelle als diese. Der Autor und sein Buch werden, mit Urtheil und Recht, aber nach eben so seinen Grundsätzen, nach einer eben so tumultuarischen und albernen Art von Inquisition, kurz mit eben der Iniquität oder Sancta Simplicitas verdammt, wie ehemals — die Hexen verbrannt wurden. Hier ist das Exempelchen, womit wir diese kleine vorläufige und vergebliche Betrachtung krönen wollen.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016Rousseau’s neue Heloise war vor kurzem ans Licht getreten. In einer großen Gesellschaft behauptete jemand, Jean-Jacques hätte in diesem Buche den Selbstmord gepredigt. Man holte das Buch herbei; man las den Brief von St. Preux, wo die Rede davon ist. Alle Anwesenden schrien überlaut, man sollte ein solches Buch durch den Henker verbrennen lassen; und den Autor — es fehlte wenig, daß sie nicht auch den mit ins Feuer geworfen hatten. Indessen, da J. J. Rousseau gleichwohl für einen großen Mann passirt, so fanden sich einige, denen es billig dünken wollte, ehe man zur Execution schritte, die Sache näher zu untersuchen. Sie lasen den vorhergehenden Brief, und dann den folgenden: und da fand sich, daß gerade dieser Brief ganz entscheidende Gründe gegen den Selbstmord gab, und daß J. J. Rousseau über diesen Punkt ganz gesunde Begriffe hatte. Aber die Sage des Gegentheils hatte nun einmal überhand genommen; die Gansköpfe hielten fest, und fuhren fort mit ihrer eignen Dummdreistigkeit zu versichern, Jean-Jacques predige auf der und der Seite seines Buchs den Selbstmord, wiewohl er auf der und der Seite just das Gegentheil that.

„Was ist nun mit solchen Leuten anzufangen?“ Nichts.

Was soll ein Schriftsteller, der das Unglück hat in einen solchen Fall zu kommen, zu Rettung seiner Unschuld und Ehre sagen?“ Nichts.

Was håtte ihn davor bewahren können?“ Nichts.

„Sollte denn kein Mittel seyn?“ O ja, ich besinne mich — er håtte selbst ein Ganskopf seyn — oder auch gar nichts schreiben — oder, was das sicherste gewesen wäre, beim ersten Hineingucken in die Welt den Kopf gleich wieder zurüxkziehen und hingehen sollen, woher er gekommen war —

„Das sind Extrema —“ So denk ich auch.

Ja, freilich ist der Menschen kurzes Leben
Mit Noth beschwert, wie Avicenna spricht.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Mit den Autoren ist kein Mitleiden zu haben — und den Lesern ist nicht zu helfen. Aber gleichwohl wäre zu wünschen, daß die Leute besser lesen lernten.

Bilder: Magdalena „Nishe“ Lutek für Book of Dreams: I’m away with my imagination, 25. April 2016.

Soundtrack: Colter Wall: Ballad of a Law Abiding Sophisticate, aus: Imaginary Appalachia, 2015:

Written by Wolf

29. Januar 2021 at 00:01

Weh, gingst mir verloren, bliebst mein eigen nicht

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Update zu Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen:
Regensburg bis Grein

und Der Arzt von Münster in Salzkotten:

Die alte Frage: Wie ist eigentlich der idealtypische Roman der deutschen Romantik gebaut? Herder meint 1796 im 99. Brief zur Beförderung der Humanität, zitiert nach Monika Schmitz-Emans in der Revue internationale de philosophie 2009:

Keine Gattung der Poesie ist von weiterem Umfange, als der Roman; unter allen ist er auch der verschiedensten Bearbeitung fähig: denn er enthält oder kann enthalten nicht etwa nur Geschichte und Geographie, Philosophie und die Theorie fast aller Künste, sondern auch die Poesie aller Gattungen und Arten – in Prose. Was irgend den menschlichen Verstand und das Herz intereßiret, Leidenschaft und Charakter, Gestalt und Gegenstand, Kunst und Weisheit, was möglich und denkbar ist, ja das Unmögliche kann und darf in einen Roman gebracht werden […].

Herder, in seinem eigenen Wirken noch kein Angehöriger der Romantik, vielmehr ein Viertel des „Weimarer Viergestirns“ der Hochklassik, äußert sich da zur Zeit der einsetzeden Romantik recht optimistisch darüber, was die Form des Romans leisten könnte oder sollte. In der schöpferischen Praxis stellt es sich so dar:

Handlungsort ist eins der nicht im Detail nachvollziehbaren Duodez-Fürstentümer im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (bis 1806) um das Wartburgfest (1817) herum, Handlungszeit ist vor unvordenklichen Zeiten in einem zumindest nicht widerlegbaren Hoch- bis Spätmittelalter um Albrecht Dürer (1471 bis 1528). Am Anfang von Theil 1, Buch 1, Capitel 1 erscheint bei Sonnenaufgang ein Reiter auf einem Hügel, reitet in das idyllische Dorf aus Fachwerkhäusern im Tale und besucht seinen alten Freund aus Studienzeiten, die etwa zwei Jahre zurückliegen. Der Freund hat inzwischen eine ungefähr siebenjährige Tochter und einen so viel jüngeren lebenslustigen Knaben, dass die große Schwester schon an ihm herummutteln muss. Seine Frau war einst seine Jugendliebe und bewirtet den eingetroffenen Reiter mit Brot und Wein; der Gang der Handlung steht am frühen Vormittag.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020Die Studienkameraden geraten ohne Umschweife in eine Diskussion über die rechte Art zu leben: sesshaft auf einem eigenen Gut mit Weib und Kindern oder obdachlos mit einem Säckchen Dukaten ausgerüstet. In einem Nebensatz erfährt man, dass der einsame Reiter die ganze Zeit seines freien Umherchweifens ein Gefolge von der Stärke zwischen einem Knappen und vier „Berittenen“ mit sich herumschleppt, die sich offenbar von den Resten des Brotkantens ernähren und draußen auf ihren Gäulen schlafen. Abschließend nennt der sesshafte Freund die Grundsatzdiskussion einen Streit, wovon man ansonsten nichts bemerkt hätte, und umarmt den gutsituierten Vagabunden zum Abschied. Im weiteren Verlauf fährt er wahlweise auf dem Rhein oder der Donau ein paar landschaftlich reizvolle Duodez-Fürstentümer weiter, verirrt sich im Wald und verliebt sich an einem Schloss auf einer Waldlichtung in eine Vierzehnjährige, die zufällig aus dem Fenster schaut. Offensichtlich kann jeder, der zufällig vorbeigeritten kommt, in dem Schloss nach Belieben ein- und ausgehen. Der Reiter wird bewirtet, fragt nach der Tochter des Hauses, die kommt und züchtig die Augen niederschlägt, woraufhin auch sie als unsterblich in den Reiter verliebt gilt. Inzwischen ist es Abend, und der Reiter muss in die böse Stadt, an deren Stadtmauer er die Wächter wecken muss. Zielstrebig reitet er zu einem Palast, in dem unfehlbar ein Fest stattfindet, mischt sich unbehelligt unter die Gäste und säuft mit. Die Tochter aus dem Waldschloss ist schon da, erkennt ihn, redet aber nur mit den städtisch verkommenen niederen Adligen. Inzwischen dämmert der Morgen und noch hat niemand geschlafen.

Geschlafen wird vermutlich erst innerhalb der beiläufig fallengelassenen Adverbiale „nach mehreren Tagen“, die ungefähr nach dem schöpferischen Wochenpensum eines durchschnittlichen Originalgenies der deutschen Romantik auftritt, und in denen weitere Schlösser betreten, Feste gefeiert, Flüsse beschifft und Grundsatzdiskussionen geführt wurden. Danach gehen die Schilderungen wieder dermaßen ins Detail, dass keine Zeit für Nachtschlaf und Ernährung bleibt, nur für beziehungsreiche Landschaftsschilderungen, die an die große Liebe gemahnen — die Tochter aus dem Schloss, falls sich jemand erinnert. Unterwegs gewinnt der Reiter beim Frühstück unter einem Baum (Eiche oder Linde; es gibt wieder frühmorgens Wein) oder einer ausgesucht einsamen Waldhütte einen neuen Busenfreund, der seine Ansichten teilt, aber ihm etwas Neues darüber erzählen kann, worauf er selber hätte kommen können, wenn er Albertus Magnus oder Johann Gottlieb Fichte gelesen hätte, am besten beide. Wenn alles zu durcheinander geht und das Originalgenie nach seiner vereinbarten Anzahl Druckbogen zu einem Schluss gelangen will, ist der neue Busenfreund sein seit der Kindheit verschollener Bruder. Nachdem sie sich noch einmal in einer felsigen Gegend verlaufen haben, kommen sie wieder bei dem Studienkumpel vom Anfang an, die Schlosstochter kommt mit ihrem Vater, dem Großgrundbesitzer der Gegend, vorbei und heiratet den Reiter, die Tochter des Studienkumpels wird dem Busenbruder versprochen.

Wenn ein Lied zwischengeschaltet werden nuss, das dem Gedanken des Gesamtkunstwerks dient, hüpft ein Zehnjähriger nicht erklärbarer Herkunft herum, der vor allem nachts engelgleich singen und virtuos die Laute schlagen kann. Wenn gerade kein Lied anliegt, erschrickt er vor einem Schatten, der zu einem Räuber gehören könnte, und schwimmt panisch durchs Schilf davon. Auf einem Fest in einem Stadtpalais wird er unversehens als Page angetroffen und kann weiter durch die sprechenden Landschaften herumgezerrt werden. Am Schluss stellt sich heraus, dass er ein Mädchen ist.

Die knorrigen Sonderlinge in altdeutscher Tracht (schwarz, ohne Halstuch, lange Haare, ab 1819 wegen Demagogentums verboten) sind die Guten.

Das ist die Handlung beim Großteil von Eichendorff; Brentano war im Lauf seiner Schreiberkarriere sowieso immer offensichtlicher verrückt und ist in seinem erklärt „verwilderten Roman“ Godwi 1801 auf mehreren Ebenen darüber hinausgegangen; E.T.A. Hoffmann hat alles unternommen, um psychedelisch wirksam zu sein, und musste sich deswegen ständig etwas Neues einfallen lassen; Bestsellerlieferant Fouqué schlägt am ehesten diese Richtung ein.

Arno-Schmidt-Der-Alles-Weiß versäumt selten, Fouqué das Eptitheton „der Sänger der unsterblichen ‚Undine‚“ — die ist auch wirklich gut — hinterherzuschießen; noch deutlicher wird das beschriebene roman-romantische Vorgehen in seinem Alethes. Sein eigenes dort eingeflochtenes Gedicht Sollt‘ ich doch Dich missen fand Fouqué offenbar so gelungen, dass er es im selben Roman erst anzitieren, dann im Ersten Theil, Erstes Buch, Sechstes Kapitel vollständig wiedergeben wollte — und im unten angeführten Textbeispiel gleich noch einmal. Wie er in seinem Vorwort verrät, liegt zwischen diesen beiden Romanabschnitten eine neunjährige Schaffenspause, nach der er im letzten der vier Bücher „einen andern Geist“ eingeführt hatte — siehe den Volltext.

Das Bildmaterial beschreibt die Haidnischen Alterthümer, in denen die Einzelausgabe noch am ehesten erreichbar bleibt.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020

——— Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué:

Die wunderbaren Begebenheiten des Grafen ALETHES von LINDENSTEIN

bei Gerhard Fleischer dem Jüngern, Leipzig 1817,
Zweiter Theil, Zweites Buch, Achtes Kapitel
ungekürzt cit. nach dem „Haidnischen Alterthum“, Oktober 1980, Seite 330 bis 333:

Auf Lindenstein angekommen, hub Alethes in der feierlichen Herbstesabendstille wieder einmal in dem alten Büchlein zu blättern an, das ihm mit seinen einfachen Sprüchen nun schon so manchesmal Trost und Freude in die Seele geredet hatte. Er schlug folgende Worte auf:

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020„Wenn Gott Nein spricht zu irgend einem Wunsche, der Dir sehr lieb ist, so glaube nur, daß er noch tausendmal lieber Ja gesagt hätte, dafern es Dir irgend hätte taugen wollen. Und es kann auch wohl gar seyn, das er Dir Dein Geschenk nur blos aufhebt, um es Dir ein andermal zu geben, wenn es Dir noch viel, viel mehr Freude macht. Aber fußen mußt Du Dich darauf nicht etwa im Voraus; sonst thust Du eine Sünde, und es wird auch dann ganz gewiß nichts draus.“

Sehr hell und getröstet ging er zur Ruhe, und begann mit dem nächsten Morgen ein recht wirksames, frisches Leben. Schon früher pflegte er den Angelegenheiten seiner Unterthanen und seinen eignen mit ehrbarer Thätigkeit vorzustehn, aber es war ihm dabei zu Muth, wie etwa einem vertriebnen Heldenfürsten, der in Verkleidung und Unerkanntheit Schafe hütet. Die Träume künftiger großer Thaten und Tage redeten und weheten dazwischen, und mühsam verhaltne Seufzer der Ungeduld und Sehnsucht schwellten ihm den stolzen Busen. Jetzt fand er sich schon besser darin. Er hielt sich so ruhig im Innern, als es irgend anging, und wenn gar nichts mehr helfen wollte, half doch wohl jenes alte einfältige Buch. Dann mußte er oft lachen in Erinnerung des ehemaligen Hochmuthes, womit er vordem einen solchen unscheinbaren Helfer über die Seite geworfen haben würde.

Er hatte auf diese Weise schon einige Wochen verlebt, und die Stürme begannen wilder und schneidender durch die fast laublose Waldung zu heulen; da saß er eines Abends, von einem thätigen, mühevollen Tage anmuthig erschöpft, an der Flamme des hellen Kamines. Mit stiller, unbesiegbarer Gewalt stieg Emiliens Bild in seiner Seele auf. – „Wäre nun sie Deine Hausfrau geworden, dachte er, und säße in frommer Lieblichkeit an Deiner Seiten, und kredenzte Dir den Wein, oder rührte die Zither und sänge anmuthig dazu, so anmuthig wie letzthin im Gemäuer der Abtei –“

Die getrennten Strophen ihres Liedes umtönten ihn. Unwillkürlich nahm er seine längst schon ungebrauchte Laute von der Wand, stimmte, und phantasirte dann nach Emiliens Klängen umher. Da fügte sich ihm nach und nach auf eine seltsame Weise das Ganze wieder zusammen. Er wußte nun bestimmt, es war das Lied, das Erwin einst bei nächtlicher Weile dem argen Using vorsang in Paris, und das bisher in Alethes geschlafen zu haben schien, um jetzt in tiefer Wehmuth zu erwachen. Auch jedes Wortes, das damals von den Zweien gesprochen ward, erinnerte er sich wieder, und voll verwundender Süßigkeit ging es aus Allem hervor: seit dem ersten Erblicken auf dem Weiher hatte ihn Emiliens ganze Seele geliebt in holder Reinheit und schmerzlicher Entsagung. Mit fast überströmenden Thränen sang er zu der Laute:

„Sollt‘ ich doch Dich missen,
Ach, warum Dich schau’n?
Ach, warum zerrissen
Mir mein Dämm’rungsgrau’n?
Leis‘ und träumend lebt‘ ich
In der Still‘ Umfang,
Manchmal nur erbebt‘ ich,
Wenn Dein Name klang.

Doch auf Wassers Spiegel,
Tief in stiller Nacht,
Brach der Ferne Riegel
Vor geheimer Macht.
Wiegend schwamm auf Wogen
Mir Dein Bild heran,
Abwärts bald gezogen,
Königlicher Schwan!

Weh, gingst mir verloren,
Bliebst mein eigen nicht,
Hast Dir Gluth erkoren
Für das stille Licht!
Und mein Sinn, zerrissen,
Kann sich selbst nicht trau’n.
Sollt‘ ich doch Dich missen,
Ach, warum Dich schau’n!“

Die Thüre ging rasch auf, und herein trat, beinahe othemlos, der bei Emilien gebliebne Diener, ein gesiegeltes Blatt in der Hand. Fast eben so othemlos riß es der Graf zu sich, und las folgende Worte:

„Der Freiherr von Thurn weint nach seinem Organtin. Vergeblich ist mein Bemühen gewesen, all diese Zeit über, ihm seinen Traum auszureden. Wenn er sich auch für Augenblicke zur Ruhe gab, wachte ihm doch das heiße, schmerzliche Sehnen immer zerreißender wieder auf. Jetzt grade weint er so recht herzinnig. Mir ist, als könne ihm sein edles, krankes Herz darüber brechen. Eilt denn, Graf Alethes, eilt! Es kann und soll ja nun einmal nicht anders seyn.“

„Emilie.“

Und eilig rief Alethes nach seinem Rosse, und ungesäumt sprengte er in die sturmestosende Nacht hinaus.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020

Bliebst mein eigen nicht: Regine aus Fürth: Haidnische Alterthümer, unbenutzt, 30 €, Versand ausschließlich gegen Kostenübernahme. Die Bücher wurden lediglich zum Fotografieren heraus genommen,
Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020.

Soundtrack: Paul Hörbiger/Heinz Rühmann/Hans Holt: Wozu ist die Straße da?,
aus: Lumpacivagabundus, 1936:

Written by Wolf

15. Januar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

: »– : king !« –

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Update zu Cit. Schmidt, A.: Faust IV, 1960 und
Helmstedt-Marienborn (Mitternacht) — Arizona (noon).:

„Nennt mich Ismael.“ / „Ilsebill salzte nach.“ / „Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.“ — : Ich werde nicht enden, darüber zu trauern, dass Arno Schmidt ZETTEL’S TRAUM nicht mit einer catchy phrase, nein: mit einem zitierbaren Satz angefangen hat.

Sogar er selber hat das zuvor schon besser gemacht: „Nichts Niemand Nirgends Nie ! : Nichts Niemand Nirgends Nie ! : (die Dreschmaschine rüttelte schtändig dazwischen, wir konnten sagen & denken was wir wollten. Also lieber bloß zukukken.)“ Und in seinem erklärten magnum opus verschenkt er dann sehenden Auges und ach so wissenden Geistes die Chance, sein Monument im populär-kollektiven Gedächtnis zu errichten. Bei dem Anspruch, den er damit stellt, nämlich keinen geringeren — eher einen noch höheren — als sein altes Forschungsobjekt James Joyce mit Finnegans Wake, hätte es eine Entsprechung zu

A way a lone a last a loved a long the riverrun, past Eve and Adam’s, from swerve of shore to bend of bay, brings us by a commodius vicus of recirculation back to Howth Castle and Environs.

sein müssen: ein Satz, der nicht gleich so eingängig zum volkstümlichen Zitieren taugt, aber am Ende des Buches mittendrin aufhört und am Anfang weitergeht. Das wäre Futter für Interpretation, eine passende Hommage und ein motivierender Anlass für ein erstes Grinsen gewesen. Auf mich hört er ja nicht, der Prophet aus der Heide. So, wie es ist, konnte Dieter E. Zimmer nur anmerken:

»Groß« ist das Buch auf jeden Fall. Es könnte schon sein, daß in Zettel’s Traum das literarische Meisterwerk des Jahrhunderts steckt; es könnte sein, daß es sich um eine Art Streichholzeiffelturm in Originalgröße handelt, von einem Hobby-Berserker um den Preis seines Lebens erstellt. Vielleicht ist es auch beides.

Wo das steht? Laut Silvae, der in ähnlich enzyklopädischer Gelehrtheit „alles“ weiß wie Bonaventura, war es in der Zeit, kurz nach Erscheinen von Zettel’s Traum 1970. Hinterbracht wird es an exponierterer Stelle vom selben Bonaventura, der seit langem ganz zurecht nebenan in der Linkrolle steht, und der auch die Fliegenden Goethe-Blätter und den Prometheusfelsen betreibt. Nicht zuletzt hat er einst Zettel’s Traum lesen. Ein lektürebegleitendes Blog angefangen und leider nach wenigen Wochen liegen gelassen.

Was aus diesen Wochen Ende 2010 übrig bleibt und voraussichtlich nicht mehr viel anderes tun als im Mondlicht schimmern, folgt unten quasi als Sicherungskopie, weil es wichtig und sichernswert ist. Auch wenndie Forschung seitdem nicht stillstand: Fast auf den Tag zehn Jahre nach Bonaventuras Enträtselung der ersten Seite ist seit 26. Oktober 2020 das von Bernd Rauschenbach und Susanne Fischer herausgegeben Arno Schmidts Zettel’s Traum. Ein Lesebuch verlagsfrisch für 25 Euro erhältlich.

Das Motto

10. November 2010:

Das Motto zu ZT stammt bekanntlich aus dem Midsummer Night’s Dream von William Shakespeare. Es findet sich am Ende der ersten Szene des vierten Aufzugs und ist dem erwachenden Weber Bottom – bzw. bei Schlegel: Zettel – zugeschrieben. Schmidt bricht den Monolog vor dem Ende ab; ich setze das Zitat einmal ganz hierher und in der Fassung der Erstausgabe der Schlegelschen Übersetzung von 1797, da deren Orthographie der Schmidts nahe steht:

Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt. Ich hatte ’nen Traum – ’s geht über Menschenwitz zu sagen, was es für ein Traum war. Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen läßt, diesen Traum auszulegen. Mir war, als wär’ ich – kein Menschenkind kann sagen, was. Mir war, als wär’ ich, und mir war, als hätt’ ich – aber der Mensch ist nur ein lumpiger Hanswurst, wenn er sich unterfängt, zu sagen, was mir war, als hätt’ ich’s. Des Menschen Auge hat’s nicht gehört, des Menschen Ohr hat’s nicht gesehen; des Menschen Hand kann’s nicht schmecken, seine Zunge kann’s nicht begreifen, und sein Herz nicht wiedersagen, was mein Traum war. – Ich will den Peter Squenz dazu kriegen, mir von diesem Traum eine Ballade zu schreiben; sie soll Zettel’s Traum heißen, weil sie so seltsam angezettelt ist, und ich will sie gegen das Ende des Stücks vor dem Herzoge singen. Vielleicht, um sie noch anmuthiger zu machen, werde ich sie nach dem Tode singen.

Es ließe sich natürlich trefflich spekulieren, weswegen er die ausdrückliche Erwähnung des Titels Zettel’s Traum fortgelassen hat; noch trefflicher darüber, warum er das Singen der Ballade nach dem Tode weggelassen hat. Aber dazu ist es sicherlich noch zu früh.

Johann Heinrich Füssli, Titania liebkost den eselköpfigen BottomWichtiger ist, dass das Motto den Leser einstimmen soll: Im Midsummer Night’s Dream ist Bottom/Zettel ein ziemlich von sich selbst eingenommener Mensch, der Opfer einer Intrige der Geisterwelt wird. Ihm wird ein Eselskopf angezaubert (das äußerst rare Gesicht, das er gehabt hat) und die Elfenkönigin Titania wird verliebt in ihn gemacht, was seinem Selbstbild durchaus entgegenkommt. Nach seiner Rückverwandlung hält er das Geschehen für eben jenen Traum, den er für unausdeutbar hält und den er aufschreiben lassen will.

Bezeichnend scheint mir, dass sich bereits das Motto als vieldeutig erweist: Einerseits ist der Traum des Webers Zettel kein wirklicher Traum, sondern die fehlgedeutete Erinnerung an den Zusammenstoß mit der Geisterwelt (und Geister werden auch in ZT auftreten), andererseits weiß der Zuschauer von Shakespeares Stück, dass dem vorgeblichen Traum eine Realität zugrunde liegt, die aber selbst wieder durch den Titel und den gesamten Charakter des Stückes als Traum gekennzeichnet ist. Zettel’s Traum ist also ein Traum in einem Traum, der aber als Bericht von einem zauberhaften Erlebnis in einem Traum erscheint. Zudem ist es der Bericht von jemandem, der nicht nur selbstgefällig und -verliebt ist, sondern sich vor kurzem noch als ein ausgemachter Esel erwiesen hat. Was also soll der Leser ASs von Zettel’s Traum erwarten?

Die erste Seite (1)

16. November 2010:

Es war, wenn ich mich recht erinnere, Jörg Drews, der die erste Seite von ZT (ZT 11, TS 4) eine »mittelschwere Seite« genannt hat. Wir erkennen außerdem aus dem TS, dass AS diese Seite neu geschrieben hat, nachdem zumindest ein bedeutender Teil des Buches bereits geschrieben war, da die erste Seite mit jener Schreibmachine geschrieben worden ist, die erst ab Seite 575 des TS’ zum Einsatz gekommen ist. (Natürlich ebnet die gesetzte Ausgabe diese Differenz ein.)

Nun ist ZT ohnehin kein einfaches Buch, und es ergibt sich die Frage, was einen Schriftsteller dazu veranlasst, ein solches Buch dann auch noch mit einer mittelschweren Seite beginnen zu lassen, die dem naiven Leser, der nicht wie auch immer auf das Buch vorbereitet wurde, doch einen nicht unerheblichen Widerstand entgegensetzt.

Dazu ist zuerst einmal festzustellen, dass AS überhaupt eine Neigung dazu hatte, seine Bücher eher kryptisch beginnen zu lassen:

Auf die Sterne soll man nicht mit Fingern zeigen; in den Schnee nicht schreiben; beim Donner die Erde berühren: also spitzte ich eine Hand nach oben, splitterte mit umsponnenem Finger das ‹K› in den Silberschorf neben mir, (Gewitter fand grade keins statt, sonst hätt ich schon was gefunden!) (In der Aktentasche knistert das Butterbrotpapier).

Der kahle Mongolenschädel des Mondes schob sich mir näher. (Diskussionen haben lediglich diesen Wert: daß einem gute Gedanken hinterher einfallen).

»Aus dem Leben eines Fauns«

Oder:

In unserem Wassertropfen: Ein metallisch blauer Kegel kam mir entgegen; im Visierei 2 stumpfe Augenkerne.

Dann ein strohgelber: unter der trüben Plasmahaut schied man breite Zellen, Fangarme hingen; oben hatte es einen Wimpernkopf abgeschnürt, Romanoffskyfarbton; und zog naß tickend an mir vorbei. Volkswagen rädertierten. Nah hinten auf dem Platz trieb auch die Schirmqualle. (Genug nu!).

So hantierten wir im Stickstoff mit anaëroben Gebärden (eben machte Einer aus Armen ein schönes langes Beteuerungszeichen), wir, am Grunde unseres Luftteiches, und die Bäume schwankten wasserpflanzen. Mein linker Schuh betrachtete mich kühl aus seinen Lochreihen.

»Das steinerne Herz«

Beide Beispiele – gleichgültig, ob man auch sie mittelschwer findet oder nicht – machen deutlich, dass AS seinen Lesern zumutet, beim Lesen seiner Texte anfangs eine gewisse Orientierungslosigkeit ertragen zu müssen. Das ist sicherlich der Ausdruck eines elitären Kunstverständnisses, das AS mehrfach zum Ausdruck gebracht hat:

Kunst dem Volke?!: den Slogan lasse man Nazis und Kommunisten: umgekehrt ists: das Volk (Jeder!) hat sich gefälligst zur Kunst hin zu bemühen! – [BA I/1, 137]

Man kann nun in diesem Sinne die erste Seite mit dem »Distel=Drittel, field of horror« (ZT 12) des Schauerfelds identifizieren, als eine »gegen Camper !« (ebd.), also unbefugte Benutzer, gerichtete Maßnahme des Autors, der zu verhindern sucht, dass die falschen Leser den Zaun übersteigen, den er zu Anfang des Buches errichtet hat.

Tun wir es dennoch und schauen wir uns im Folgenden das Gestrüpp der ersten Seite etwas genauer an.

Die erste Seite (2)

16. November 2010:

Der hier versuchte Einzelstellenkommentar zur ersten Seite erhebt – genau wie der Rest der Texte hier – keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder Verbindlichkeit. Zum Wesen der Lektüre von ZT (wie auch der meisten anderen Bücher) gehört es, dass sie wesentlich vom Wissen und den Assoziationen des Leser geprägt ist. Dieser Versuch darf und soll also gerne in den Kommentaren ergänzt werden.

ZT beginnt in der mittleren Kolumne mit zwei Reihen von Xen, die den Stacheldrahtzaun zu Anfang des Schauerfelds darstellen. In der Mitte wird der Zaun auseinandergehalten, um – wie wir kurz darauf erschließen können – Wilma (W) das Durchschlüpfen zu ermöglichen.

AS hält seiner Frau den Stacheldraht auseinander.

Das erste Wort des Buches spricht Paul (P):

: »– : king !« –

Dazu findet sich am rechten Rand eine Assoziation Daniel Pagenstechers (DP):

(? : NOAH POKE ? (oder fu=))

Das Fragezeichen signalisiert, dass sich DP fragt, ob das »King!« Ps ein Zitat aus James Fenimore Coopers Roman »The Monikins« sei, in dem Kapitän Noah Poke seinem Erstaunen des öfteren mit diesem Ausruf Ausdruck verleiht, oder ob es sich um ein verkürztes »fucking!« handelt. Bei »The Monikins« handelt es sich um eine der anregenden Quellen für Edgar Allan Poes »Arthur Gordon Pym«. Darüber hinaus ist vielleicht erwähnenswert, dass king im Chinesischen Buch bedeutet; ASs chinesische Motive kommen allerdings erst in »Die Schule der Atheisten« so recht zum Tragen.

Am linken Rand steht dem gegenüber:

: ›Anna Muh=Muh !‹ –

Hierbei handelt es sich um eine eingedeutschte Schreibung eines der Wörter aus der Sprache von Tsalal, das sich gleich darunter auch in der Schreibung des Originals wiederfindet: »: ›Ana Moo=moo !‹« Tsalal ist die Insel, die in Poes »Arthur Gordon Pym« in der Nähe des Südpols entdeckt wird. Zugleich ist »Muh=Muh« natürlich auch eine onomatopoetische Wiedergabe des »Gestiers von JungStieren«, wie es gleich darauf in der mittleren Kolumne heißt.

Nach diesem Auftakt beginnt der erzählende Text:

Nebel schelmenzünftig.

ist ein Spiel mit dem Titel von Thomas Murners »Der schelmen zunfft«, dessen lateinische Übersetzung »Nebulo nebulonum«, also »Der Schelm der Schelme« lautet. Dies ist also nicht nur eine wortspielerische Beschreibung der Wetterlage, sondern auch eine Wiederaufnahme der bereits im Motto enthaltenen Warnung, alles folgende nicht zu ernst zu nehmen.

1 erster Dianenschlag; (LerchenPrikkel).

Dazu gibt der Pierer (Pierer’s Universal-Lexikon, 4. Auflage, 1857–1865):

Diana, […] 2) (Seew.), Tagwache von 4 Uhr bis 8 Uhr Morgens. Daher Dianaschuß, der Morgenschuß vom Admiralschiff; Dianaschlagen, Trommeln u. Pfeifen, welches die Schiffsmannschaft zur Morgenwache ruft. (Bd. 5, S. 108)

Statt der Trommeln muss auf dem Schauerfeld eine Lerche den Beginn der ersten Wache ankündigen.

Gestier von JungStieren. Und Dizzyköpfigstes schüttelt den Morgen aus. /

Beschreibung des Jungviehs, das sich auf der oder den Weiden rechts und links des Schauerfelds aufhält. Was AS mit «dizzyköpfig», also soviel wie »schwindelköpfig« meint, ist mir unklar. Vielleicht schütteln sich die Kälber selbst den Kopf schwindelig? Der Schrägstrich zeigt in ZT in der Regel an, dass nun eine andere Person spricht, oder auch, dass DP seine Rolle als Erzähler mit der als Protagonist bzw. vice versa vertauscht.

Am rechten Rand dazu der biografische Gedankensplitter DPs:

(Als Kind hab’Ich ›Euter‹ essn müssn : Meine Mutter usw. – (tz, Wahnsinn; &=Brrr…)

Es folgt die erste wörtliche Rede DPs:

: »Sie diesen Galathau, Wilma. Und wie Herr Teat’on mit Auroren dahlt :

Ob sich der Tippfehler »Sie« statt »Sieh« fruchtbar machen lässt, ist mir unklar. Das Wort »Galathau« ist ein Portmanteau-Wort aus »Tau« und »Galathea«. Tau wird offensichtlich zu dieser frühen Stunde einen der wesentlichen Eindrücke beim Betreten des Schauerfelds bilden; er wird außerdem wenige Zeilen später gebraucht, um eine »(sündije) Vision« DPs auszulösen.

Das Wort »Galathea« dagegen kann zur ersten Falltüre für den interpretatorischen Zugriff werden. In der Variante Galateia – eingedeutscht: die Milchweiße (was im Zusammenhang mit Poes »Arthur Gordon Pym« relevant ist, dessen Eingeborene auf Tsalal ja die weiße Farbe fürchten); in ASs Schreibung auch: die Milchgöttin – bezeichnet das Wort zuerst einmal eine Nymphe der griechischen Mythologie. Sie ist die Geliebte des Polyphem, also eines einäugigen Riesen. Der Hirte Akis, der sich in sie verliebt hatte, wurde von Polyphem aus Eifersucht getötet, und Galateia verwandelte den Blutstrom des Erschlagenen in einen Fluss. Dies kann als Vorverweis auf die am Fuß der Seite erfolgende Messung der Strömungsgeschwindigkeit des kleinen Bachs am Anfang des Schauerfelds gelesen werden. Auch das Motiv des Totschlags wird im ersten Buch von ZT noch einmal ausdrücklich aufgenommen werden.

Galatea ist aber auch der (nachantike) Name der Statue, die Pygmalion sich erschuf und der auf seine Bitten hin von den Göttern Leben gegeben wird. Hier kommt ein Motiv ins Spiel, das später in ZT noch ausführlich dargestellt wird: Franziska Jacobis (F) Verliebtheit in DP entspringt ganz wesentlich einem früheren Aufenthalt bei DP, der sie tief beeinflusst haben muss. Würde DP also dieser Verliebtheit Fs nachgeben, so hätte auch er sich seine Geliebte in gewissem Sinne selbst geschaffen.»Pygmalion und Galatea« ist auch der geläufige Titel eines Gemäldes von Bronzino. Es zeigt nicht nur den die lebendige Galatea anbetenden Pygmalion, sondern in der Bildmitte auch ein Stieropfer, was wiederum gut zum »Gestier von JungStieren« passt.

»Galatea« ist auch der Titel einer Schäferdichtung von Cervantes, die – witzigerweise – auf eine »Diana« Jorge de Montemayors zurückgeht. Der Roman ist unvollendet geblieben und spult im Großen und Ganzen das übliche Schema einer unglücklichen Liebe zu einer unerreichbaren Frau ab. Auch dies ist ein guter Resonanzraum für das Verhältnis bzw. Unverhältnis zischen DP und F.

Nicht zuletzt ist Galathea eine der größten Gruppen der Springkrebse, also eines Lebewesen mit einem harten Äußeren und einem weichen Kern, was als erste Charakterisierung DPs nicht schlecht passen dürfte. Ich bin sicher, dass sich weitere Assoziationen und Deutungen zu »Galathea« problemlos finden lassen.

Tithon – dem bei AS übrigens das h fehlt, das seine Galathea zuviel hat – und Aurora sind ein mythologisches Liebespaar: Die Göttin der Morgenröte Eos (Aurora) verliebt sich in den jungen Tithon, den sie entführt, um ihm dann von Zeus das Geschenk des ewigen Lebens zu erbitten. Leider vergisst sie aber, ihm auch ewige Jugend zu verschaffen, so dass er altert, während sie ewig jung bleibt. Thiton endet schließlich in der Metamorphose zu einer Zikade; ebenfalls ein Tier mit Exoskelett, wie auch der oben schon genannte Springkrebs. Auch hier wird das Liebesverhältnis zwischen DP und F angespielt: DP fürchtet sich natürlich davor, wie Thiton einer jugendlichen Geliebten auf Dauer nicht genügen zu können.

Zum Wort »dahlen« gibt Adelung folgende Auskunft:

Dahlen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, aber nur in der vertraulichen Sprechart der Obersachsen üblich ist, tändeln, kindische Dinge vornehmen, sich albern bezeigen

Viel von dem, was im Verlauf des Buches zwischen DP und F vorgehen wird, hat den klaren Charakter des Spielens und ist wesentlich die Fortsetzung des Verhältnisses zwischen den beiden, als F noch ein Kind war.

: jetzt ist die Zeit, voll itzt zu seyn !«. /

Wurde als Übersetzung des Satzes »Yet’s the time for being now, now, now.« aus Joyces »Finnegans Wake« (FW 250) gedeutet. Das mag so sein; es scheint mir aber auch zu genügen, es als eine schmidtsche Variante des »Carpe diem« zu lesen.

Wird fortgesetzt.

Die erste Seite (3)

23. November 2010:

Weiter im Text:

Aber Sie, noch vom vor=4 benomm’m, shudderDe mit den (echtn!) Bakk’n) : »Dän – Ich bin doch wirklich a woman, for whom the outside world exists. Aber verwichne Nacht …«; (brach ab; und musterDe Mich, / Den Ihr gefälligst den Draht aus’nander Haltndän : – ? – /

Es wird noch einmal explizit die Uhrzeit bestätigt, die die Formulierung „1 erster Dianenschlag“ angedeutet hatte. Zum niedersächsischen Wort „schuddern“ gibt Adelung folgendes:

Anm. Schüttern, Nieders. schuddern, Engl. to shudder, ist dem Ursprunge nach eine unmittelbare Nachahmung des Lautes, der Form nach aber ein Intensivum und Iterativum von schutten, schütten, welches ehedem dafür gebraucht wurde. Sih scutita thiu Erda, die Erde erschütterte, Ottfr. Thaz wazar er yrscutita, er erschütterte das Wasser, eben derselbe. Zittern und schaudern sind nahe damit verwandt, nur daß schüttern in Ansehung beyder ein Intensivum ist;

Bei der Phrase „a woman, for whom the outside world exists“ besteht natürlich der Verdacht, dass es sich um ein Zitat handelt; wer kann es identifizieren? [Vgl. unten den Kommentar 1.] [D. i.: Kommentar von Friedhelm Rathjen, Zettel’s Traum lesen, 23. November 2010: „Die Phrase „a woman, for whom the outside world exists“ ist in der Tat ein (leicht abgewandeltes) Zitat, nämlich von Theophile Gautier, der freilich der französischen und nicht der englischen Literatur zuzurechnen ist – daß Schmidt ihn dennoch englisch ‚benutzt‘, liegt daran, daß er das Zitat im „Oxford Dictionary of Quotations“ fand, einem Nachschlagewerk, das er ab den frühen 1960er Jahren so ausgiebig benutzt, daß man von diesem Zeitpunkt nicht automatisch davon ausgehen kann, Schmidt kenne die entlegenen Texte, aus denen er zitiert. Die Quelle hat Schmidt in diesem Fall vermerkt, allerdings nicht im Text, sondern auf einem der Zettel, die er für die erste Textseite von ZT benutzt hat: „FW / ‚I am a man, for whom the outside world exists‘ / Th. Gautier (Quot.)“.“] Weswegen Wilma hier abbricht, bleibt unklar; offenbar hatte sie in der Nacht eine Erscheinung, die über einen normalen Traum hinausgeht. Anschließend finden wir hier die Grundlage für die bereits vorgenommene Interpretation der beiden Reihen von Xen zu Anfang der Seite. Die Zeichenfolge „: – ? –“ bezeichnet in der Regel einen fragenden Blick oder eine fragende Geste, kann aber auch eine ausformulierte Frage ersetzen, die sich aus der Antwort selbst ergibt. Am rechten Rand findet sich eine weitere Assoziation DPs:

(: we’cher Hals! We’che Stimme!
(Der eine voll, die andre rauh : kein
Zug mehr wie früher, aber noch gans
dasselbe Gesicht …)

Dies ist der erste Hinweis darauf, dass sich die Eheleute Jacobi und DP schon länger kennen. Die Verschreibung „gans“ zeigt zudem an, dass DP von Ws Intellekt nicht die höchste Meinung hegt.

: »Singularly wild place – «; (hatte P indessn gemurmlt. Er ragte, obm wie untn, aus seiner WanderHose; Er, lang=dünn & haarich) /

Die Beschreibung Ps lässt sich als erster Hinweis darauf lesen, dass die Figurenkonstellation in ZT mehrfach überdeterminiert ist. So können die Figuren unter anderem den Instanzen der Schmidt-Freudschen Persönlichkeitstheorie zugeordnet werden: W repräsentiert das Über-Ich, P das Ich, F das Es und schließlich DP die von Schmidt hinzugefabelte 4. Instanz. P wird zudem gleich bei seinem ersten Auftreten als personifizierter Penis vorgestellt.

In der linken Kolumne findet sich auf Höhe dieses Textes:

: MUUHH! – (immer näher ad Zaun
: immer (B)Rahma=bullijer

Die erste Zeile ist einfach die Fortsetzung des schon erläuterten „Gestiers von JungStieren“ in derselben Spalte; die zweite eine Reaktion auf den rechten Rand:

(Goloka=Goloka; The World of
Cows; (+ Galaxy). (: ›La vaca,
la cabra y la oveja nos dan su leche‹;
sagde gleich Eins auf; (aus’m
DERNEHL=LAUDAN …

Goloka, die Welt der Kühe, ist im Hinduismus der ewige Wohnort Krishnas:

Mit seinem aus Sein, Intelligenz und Wonne (saccid-ânanda) bestehenden Leibe genießt Krishna an höchster Stätte in der »Welt der Kühe« (Goloka) mit Râdhâ ewige Wonnen als Widerschein des geistigen Liebesverhältnisses zwischen Seele und Gott. [RGG, 3. Aufl., Bd. 3, 347]

Auch hier wird also wieder ein Liebesverhältnis angespielt, diesmal mit ausdrücklicher Betonung der Spannung zwischen Körper und Geist. „Galaxy“ ist die Milchstraße (altgr. γαλαξίας), eine Verstärkung der Motive Milch und weiß einige Zeilen weiter oben im Text. „La vaca, la cabra y la oveja nos dan su leche“ ist Spanisch und bedeutet: „Die Kuh, die Ziege und das Schaf geben uns ihre Milch“ (vgl. auch unten Kommentar 5); der „DERNEHL=LAUDAN“ ist das Spanisch-Lehrbuch, nach dem AS in der Schulzeit Spanisch gelernt hat. Auch dies ist ein Hinweis darauf, dass die Bekanntschaft der drei Erwachsenen bereits aus ihrer Schulzeit herrührt.

Das „(B)Rahma“ des linken Randes ist also zuerst einmal mit der hinduistischen Welt der Kühe vom rechten Rand assoziiert; Brahma ist eine der drei hinduistischen Hauptgottheiten. Die Einklammerung des Buchstabens B lässt zudem das Wort „Rahma“ hervortreten; zusammen mit dem Wort „bullijer“ wurde hier von einem Deuter die Zote „Hast Du Rama auf der Stulle / kannst du vögeln wie ein Bulle“ assoziiert. Dazu mag sich jeder Leser stellen, wie er will.

Wird fortgesetzt.

Die erste Seite (4)

23. November 2010:

Weiter im Text:

: »HasDu überhaupt zugehört ? Was Ich gesagt hab’ ?« / (Vollkomm’ Wilma. Aber a) : »hatt’Ich eine (sündije) Vision zu bekämpfn …«/ (: »? ! –«) / (Galant) : »So im Stiel von ›Achab + Zedecias durch 2‹ : Dich; in einem Zuber voll Thau! – «; (dann hattn Wir Se, endlich, cnorpulend, hindurch. Und b) : »Hab’Ich den D=Zug, von Eschede, rumpln hör’n.

Achab und Zedekias (in der Schreibung Sedechias) sind in Sixtus Bircks Drama „Susanna“ (1532) die beiden, die die fromme und keusche Susanna im Bade beobachten. Die Fabel des Dramas geht auf das biblische Buch Daniel (13, 1 ff.) zurück; es handelt sich dabei um einen der Fälle, an dem sich Daniel als weiser und gerechter Richter beweist. Natürlich möchte auch DP als ein solch weiser und gerechter Richter, und sei es auch nur in Sachen Literatur, angesehen werden. Mit Material aus dem Buch Daniel spielt AS noch öfter; auch ist vermutet worden, dass die Seitenzahl des TS von ZT durch Daniel 12, 12 determiniert ist:

Wohl dem der durchhält und dreizehnhundertfünfunddreißig Tage erreicht!

Wir werden sehen.

DP hat die Vision von Achab und Zedekias nur „durch 2“, da er sie alleine hat; es mag aber auch sein, dass er W als nur halb so attraktiv imaginiert wie die biblische Susanna. Der „Zuber voll Thau“ ist natürlich assoziativ ausgelöst von dem zuvor bereits kommentierten Wort „Galathau“. Wichtig für den weiteren Verlauf des Romans ist aber, dass hier erstmals das Motiv des Voyeurs angespielt wird. Es werden wenige Zeilen später auch entsprechende Gerätschaften folgen.

Das Wort „cnorpulend“ ist wohl zusammengezogen aus korpulent, Knorpel und pulen: Man hat sich W, wie auch der bereits erwähnte ‚volle Hals‘ andeutete, als eher vollschlanke Frau vorzustellen; die Bandscheiben in ihrem Rücken werden beim Durchklettern des Stacheldrahtzauns beansprucht und offenbar führt alles dies dazu, dass sie von den beiden Herren eher sanft durch den Zaun hindurch gezogen (gepult) werden muss, als dass sie die Passage wirklich selbst bewältigt.

Eschede ist eine Kleinstadt in der Lüneburger Heide und den meisten heute wohl bekannt durch das ICE-Unglück im Juni 1998. Die Bahnstrecke durch Eschede führt von Celle nach Uelzen und ist Teil der Bahnstrecke zwischen Hannover und Hamburg. Sollte DP tatsächlich in der Lage sein, einen D-Zug auf dieser Strecke „rumpln“ zu hören, so liegt das fiktive Ödingen, in dem ZT hauptsächlich spielt, wahrscheinlich ein gutes Stück westlich von ASs Wohnort Bargfeld. Es mag auch sein, dass es in den 60er Jahren von Eschede aus noch eine direkte Verbindung zur Strecke zwischen Celle und Hankesbüttel gegeben hat (hier mögen bitte Ortskundige einspringen); diese Bahnstrecke verläuft südlich von Eldingen und liegt deutlich näher an Bargfeld, was die konkrete Lage von Ödingen wieder an Bargfeld annähern könnte.

Am rechten Rand findet sich auf Höhe des Satzes „dann hattn Wir Se, endlich, cnorpulend, hindurch“

(? – : b/cnuffDe’s nich? Bescheidnt-
lich; von hintn ? … / (›Die Gopis
(= KuhHirtinnen) waren rasend vor
Liebe zu Krischna/an : als er seine Flöte
spielde, kamen sie=Alle, mit ihm
zutanzn …‹). /

Die hier verwendeten Zeichengruppen „b/cn“ und „na/an“ sind, auch im Weiteren so verwendete, Notlösungen, um die Ramifikationen (Verästelungen) des Textes – hier Ramifikation 1 und Ramifikation 2– wiederzugeben. AS hatte diese typographische Spielerei bereits früher verwendet, ab ZT wird es aber zu einem wesentlichen Mittel seiner Schriftsprache. Während die dadurch erzeugten Wortvarianten an dieser Stelle nur einen spielerischen Charakter zu haben scheinen, werden sie im weiteren Text zum optischen Darstellungsmittel für die Unterwanderung der Wörter durch die von AS sogenannten Etyms. Was Etyms sind und wozu sie dienen, muss später an gegebener Stelle erörtert werden. Es sei hier nur nebenbei erwähnt, dass das Wort „Ramifikation“ selbst einen vortrefflichen Anlass für eine Etym-Analyse bietet.

Wer es ist, der DP bufft und knufft lässt sich nur vermuten, aber wahrscheinlich handelt es sich um F, die DP von seiner zu intensiven Beschäftigung mit ihrer Mutter ablenken möchte. Die Konkurrenz von Mutter und Tochter um die Sympathie und Aufmerksamkeit DPs wird eine bestimmende Konstante der Figurenkonstellation in ZT sein.

Woher das Zitat mit den Gopis genau stammt, wurde meines Wissens bislang nicht identifiziert. Es passt aber gut in nahezu jede beliebige Darstellung der Existenz Krishna im zuvor bereits erwähnten Reich Goloka. Natürlich ist sowohl das Spiel der Flöte als auch der Tanz der Gopis mit Krishna schon im Ursprung und nicht erst bei AS stark sexuell konnotiert.

Die Ramifikation Krischna/an ist wohl die schlichteste Art der Verweltlichung des Mythos, die möglich ist. Ob dabei auch eine Parallelität zwischen Krishna und Christus bzw. zwischen Hinduismus und Christentum (Krischan ist ja nur die norddeutsche Verschleifung den Namens Christian) mitgedacht werden soll, bleibt offen.

– (?) – : Nu ›Eintrübunc‹.«; (Vorkeime v Wolckn; Windwebm.) : »Was willsDú nehm’ Fränzel ? : ’s DopplGlas ? Oder die YASHIKA ?«. / (Sie griff stumm. Und der LederRiem’m teilde. (›Das ließ Ihr schön zu den dunkelblauen Augen‹. (Und dem Pleas’see=Rock; waid genoug für Zweie.))) /

Auf eine nicht ausformulierte Frage Fs hin, wendet sich DP nun ihr zu. Nach der Erklärung der meteorologischen Lage, werden nun die Werkzeuge des oben bereits ins Spiel gebrachten Voyeurs verteilt: Fernglas und Kamera. Zur Übereinstimmung meines Nachnamens mit dem in ZT häufig gebrachten Kosenamen Fs sei hier nur angemerkt, dass meine Schmidt-Lektüre erst mehrere Jahre nach dessen Tod begonnen hat. F greift sich wortlos eines der beiden Geräte und hängt es sich so um, dass der Lederriemen zwischen ihren Brüsten durchläuft; da sie im Gegensatz zu ihrer Mutter aber eher kleine Brüste hat, „teild“ der Lederriemen weich. Rechts findet sich dazu das Zitat:

: ›did diuide her daintie paps‹; SPENSER …

Also etwa: ‚Teilte ihre zierlichen Nippel‘; es handelt sich um ein Zitat aus Edmund Spensers „The Faerie Queene“ (1590–1596). ASs archaisch anmutende Schreibung „diuide“ scheint dem ursprünglichen Text Spensers zu entsprechen. „The Faerie Queene“ wird in ZT relativ häufig zitiert, was den phantastischen Tendenzen des Buchs gut entspricht. Bereits über die Assoziation mit dem Traum des Webers Bottom hatte Schmidt ZT als ein (auch) phantastisches Buch gekennzeichnet, und, wie bereits angedeutet, Geister und andere phantastische Erscheinungen spielen in ihm keine unwesentliche Rolle. Für die Liebhaber von Verschwörungstheorien sei hier angemerkt, dass Spenser ursprünglich geplant hatte, „The Faerie Queene“ in zwölf Büchern zu je zwölf Gesängen zu schreiben; aus dem Namen Daniel und der doppelten 12 ergibt sich dann unschwer die Notwendigkeit, dass ZT im TS 1335 Seiten haben musste. In die gleiche Kategorie gehört auch das von Zeit zu Zeit kolportierte Faktum, AS habe die 120.000 Zettel zu ZT (vgl. BA Suppl. 2, S. 33) in 12 Zettelkästen organisiert; auch hieraus ergeben sich sicherlich weitreichende Folgen.

Ob es sich bei „›Das ließ Ihr schön zu den dunkelblauen Augen‹“ tatsächlich um ein Zitat handelt, ist mir unklar. Jedenfalls haben unzählige literarische Heldinnen und Geliebte dunkelblaue Augen. [Siehe auch unten Kommentar 4.] [Kommentar von MF, Zettel’s Traum lesen, 26. November 2010: „Wie ich der Poe-Biografie von Zumbach (München: Winkler, 1986. S. 247) entnehme, hatte Poes Virginia „veilchenblaue Augen“.“] Beim „Pleas’see=Rock“ handelt es sich um eine weitere wichtige Technik von ASs Schriftsprache, dem systematischen Verschreiben von Wörtern, so dass eine zweite Bedeutung im klanglich identischen oder ähnlichen Material aufscheint. Hier ist das Beispiel relativ unverfänglich: F trägt einen Plissee-Rock, der außerdem nett aunzuschauen ist bzw. ihr gut steht. Die gleich darauf folgende Verschreibung „waid“ könnte den Waidmann anspielen (assoziativ ausgelöst durch das Doppelglas), es könnte aber auch die Waid-Pflanze assoziiert sein, einer wichtigen Farbstoff-Lieferantin des Mittelalters für blaue Farbe. Die Verschreibung „genoug“ hat sich mir bislang nicht erschlossen. [Vgl. dazu unten den Kommentar 2.] [Kommentar von MF, Zettel’s Traum lesen, 24. November 2010: „zu genoug: Bis Nougat war ich auch gekommen, fand aber keinen richtigen assoziativen Haken im Umfeld. Doch der Hinweis auf die Süßigkeit ist gut, denn damit läßt es sich an das „daintie“ aus der rechten Spalte anhängen, das nämlich auch lecker heißen kann.

zu Lama=Lama: Die Assoziation mag schon hinkommen, denn die JungStiere stehen sicherlich auch als Symbole der Fruchtbarkeit und Potenz da. Wichtiger aber ist, glaube wenigstens ich, dass AS später (ZT 35, TS 31) Lama via der Lautweiche Lahem als Fleisch übersetzen wird. (Ich war gestern nur zu faul, es noch herauszusuchen.) Gemeint ist also eher, dass es sich bei den Kälbern, die jetzt noch munter auf der Weide herumspringen, eigentlich schon um totes Fleisch handelt. Das „werdt’ ihr früh“ wäre dann durch ein (leckeres?) genoug zu ergänzen. Das gehört daher eher in die Reihe der Todesmotive, von denen die Impotenzklage allerdings auch eines ist. Es ist also nicht so weit auseinander.“]

Ungefähr auf der Höhe des letzten Zitates steht in der linken Spalte:

? – : »Lama=Lama!« – (: werdt’ ihr
früh. (Sie schüttltn auch die Ohren
so=oft …))

„Lama=Lama!“ ist ein Ausruf der Eingeborenen auf Tsalal. Es sind einige Versuche gemacht worden, diese Sprache, von der Edgar Allan Poe nur wenige Wörter und einen einzigen Satz mitteilt, zu übersetzen. Keiner dieser Versuche ist letztlich überzeugend. Wir werden noch sehen, was AS dazu entwickelt. Das Satzfragment „werdt’ ihr früh“ bleibt vorerst unverständlich. [Vgl. auch unten den Kommentar 2.]

Wird fortgesetzt.

Die erste Seite (5)

3. Dezember 2010:

Weiter im Text:

(? –) : »Ganz=winzij’n Moment nur … (: dreh langsam, 1 Mal, den Kopf in die Wunder einer anderen AtmoSfäre … (?) – : nu, ne Sonne von GoldPapier, mit roth’n Bakkn et=caetera ?)) – : verfolg ma das WasserlinsnBlättchin, Franziska=ja ? – (?) – : Ganz=recht; (Ch kuck aufdii Uhr). –«; (und knien; am WegeGrabm, zu Anfang des Schauerfeld’s) : »Ch wollt die StrömungsGeschwindichkeit ma wissn : Wir habm Zeit, individuell zu sein, gelt Fränzi?« « (Und erneut zu W, /

Der erste Satz scheint an W gerichtet zu sein, wie der Schluss der zitierten Passage und der rechte Rand klar machen:

(da W Uns, anschein’d n Ausputzer
gebm wollte. (: heut regier’Ich :
morgn fahrt Ihr wieder

Diese Marginalie enthält eine wichtige zeitlich Rahmenbedingung des Geschehens, die auch gleich darauf noch einmal betont werden wird: Der Tag, den ZT beschreibt, ist in vielerlei Hinsicht ein letzter Tag, ein Tag, der in sich abgeschlossen ist und etwas besonderes darstellt. Zum heute so nicht mehr gebräuchlichen Wort „Ausputzer“ schreibt Adelung:

Der Ausputzer, des -s, plur. ut nom. sing. der etwas ausputzet. Figürlich, im gemeinen Leben, ein scharfer Verweis. Einem einen derben Ausputzer geben.

Im obigen Zitat aus der Mittelkolumne ist wohl wichtig, dass DP W gegenüber für ein und denselben Sachverhalt zwei sehr unterschiedliche Formulierungen gebraucht: Die „die Wunder einer anderen AtmoSfäre“ können auch als „ne Sonne von GoldPapier, mit roth’n Bakkn et=caetera“ beschrieben werden. Hier kündigt sich DPs Methode der Interpretation an, die später im Text als „Etym=Methode“, „Etymkunde“, „Etym=Analyse“ oder auch explizit als „Etym=Theorie“ bezeichnet werden wird. Für diese Lesart von Texten wird es – besonders auch bei denen Edgar Allan Poes – charakteristisch sein, dass eine gravitätischen Formulierung mit eine ihre Erhabenheit entlarvende Deutung gegenübergestellt wird. Ich selbst habe mir in meiner Einführung zu Schmidts erzählerischem Werk erlaubt, diese Methode als „Etymmystik“ zu bezeichnen, da zumindest DP mit dieser Methode darauf abzuheben scheint, die oberflächliche Lektüre von Texten durch eine wahrere, unmittelbarere Lektüre zu ergänzen. Ich werde hier in im weiteren dei Abkürzung EM für diese Art des Textzugriffs verwenden, wobei sich jeder nach Belieben denken mag, ob dies für Etym-Methode oder Etymmystik stehen soll.

Der zweite Teil des obigen Zitats leitet eine Messung der Strömungsgeschwindigkeit des kleinen Bächleins im „WegeGrabm, zu Anfang des Schauerfeld’s“ ein. Dies im weiteren Roman wohl keine Rolle mehr spielende Detail könnte in zweierlei Hinsicht gedeutet werden: Zum einen ist für DP die ihn umgebende Welt nicht nur Anlass zur äußerlichen Betrachtung, sondern er objektiviert sie auch – die Welt wird nicht nur betrachtet, sondern auch vermessen; auch hier liegen, wie bereits oben thematisiert, zwei Zugriffe auf die Welt nebeneinander vor. Zum anderen kann das Knien „am WegeGrabm“ auch als eine religiöse Geste gedeutet werden. Hinweis darauf könnte das kurze Poe-Zitat am linken Rand sein:

(›watered by a beautiful stream,
which bears the name of ISIS, the
divinity of the Nile & the Ceres of
the egyptians‹. (REC.WALSH))

Das Bächlein wird also assoziiert mit der Isis, der Göttin des Nils und der Ceres der Ägypter, was zum einen eine erneute Aufnahme des Themas Fruchtbarkeit ist, für das auch schon die die linke Kolumne bisher beherrschenden Jungstiere stehen können, zum anderen aber eben für das Knien „am WegeGrabm“ ein religiöses Assoziationsfeld liefert. Vor wem oder was hier dann tatsächlich das Knie gebeugt würde, lässt sich wohl noch nicht erkennen.

F stimmt der Aussage DP, man „Zeit, individuell zu sein“ schweigend zu, wie der rechte Rand verrät:

(Sie nickde, schweignd …

Weiter in der mittleren Kolumne:

(Und erneut zu W, / (Die, irgndwie=gereizt, Paul just ein’n ›Altn Dämian‹ hieß : ! –) / : »Lieb=sein Wilmi. Villeicht sind Wa, an Unserm 1 Tag Fee’rij’n, ooch noch grawitätisch! –

Meine Lektüre des Hesseschen „Demian“ liegt zulange zurück – und ich möchte sie auch nicht auffrischen –, um noch beurteilen zu können, ob es sich bei „Dämian“ um ein spezifisches Schimpfwort handelt; der Dämlack dürfte bei der Schöpfung des Wortes Pate gestanden haben.

Auch hier wird, wie oben bereits gesagt, betont, dass es sich bei dem Tag, den ZT beschreibt, um einen besonderen Tag handelt. Das Wort gravitätisch wird natürlich mit „w“ geschrieben, weil es dann gravitätischer erscheint.

: Iss’oweit Friendsel?« – ; / – ; – / : »Jetz ! –« (versetzDe der GlocknRock nebm Mir : – (präziser die Bluse von schlankstim Ausschnitt, satinisch ainzuschau’n. Der RotMund voller SchneideZähne (aber unlächlnd). /

Diese zweite Beschreibung Fs wird rechts ergänzt durch die Marginalie:

((ein ›leidliches Lärvchin‹ ? (m=m ! :
reicht nich ganz ! …

[Die beiden „m“ in „m=m“ tragen im Buch einen Accent grave.]

Hier wird die spielerische Beschreibung der Kleidung Fs fortgesetzt: Die Bluse ist aus Satin und von „schlankstim Ausschnitt“ – durch das „i“ wird das Wort schlanker als in der Duden-Orthografie –, aber es ist wohl auch so, dass F an der Bluse einen Knopf zu viel offen gelassen hat, denn sie hat die satanische Absicht, DP in sich verliebt zu machen, und also kann er die Bluse auch ein wenig zu sehr hinainschauen.

Die Formulierung vom „leidlichen Lärvchen“ lässt sich zum Beispiel in Ludwig Ferdinand Hubers Lustspiel „Juliane“ wiederfinden, ohne dass ich behaupten möchte, dass dieser Text für ZT irgendeine Relevanz hat.

Ungefähr an dieser Stelle schließt der Text der erste Seite des TSs. Am Fuß der Seite findet sich eine Skizze des realen Schauerfeldes, jenes Bargfelder Grundstücks, das AS im April 1965 für 1.000 DM von Wilhelm Michels gekauft hat. Die Skizze ist mit Schrittmarken versehen, auf die im weiteren Text von ZT dann Bezug genommen wird. AS hat für viele Schauplätze seiner Texte solche Skizzen angelegt; in der ersten Buchausgabe der „Gelehrtenrepublik“ z. B. wurde seine Skizze der IRAS, der schwimmenden, stählernen Insel, auf der der zweite Teil des Romans spielt, auf den Vorsatz gedruckt.

Trenner

Es hat hier einigen Aufwand gebraucht, um der ersten Seite wenigstens einigermaßen Herr zu werden – wobei, das sei hier gern noch einmal betont, keinerlei Anspruch erhoben wird, diese erste Seite tatsächlich ausgeschöpft zu haben. Es hat sich gezeigt, dass zumindest einzelne Passagen von ZT an den Leser einigen Anspruch stellen, wenn er auch nur grundlegend erfassen will, was sich im Text abspielt. Von Lesen im klassischen Sinne kann in solchen Fällen kaum mehr die Rede sein, vielmehr ist der Leser gezwungen, vieles im Text unverstanden auf sich beruhen zu lassen – nicht die schlechteste Strategie im Umgang mit ZT – oder sich den Text zu erarbeiten bzw. – das dürfte der Absicht ASs mehr entsprechen – ihn zu enträtseln.

Arno Schmidt über seinen Zettelkästen mit Kater HintzeDass AS Spaß am Verrätseln und an seiner eigenen Schlauheit gehabt hat, ist für seine treuen Leser eine Konstante des Werks. ZT geht dabei in einigen Passagen weiter als die zuvor entstandenen Texte. Gerade bei der ersten Seite wurde hier schon die Möglichkeit angedacht, dass sie eine Abwehrgeste darstellt gegenüber unbefugten Lesern, also solchen, von denen der Autor glaubt, dass sie seinem eigenen Anspruch an eine gelungene Textrezeption nicht genügen können.

[…] ich habe Ihnen da entgegen zu halten, daß es ja leider im Verhältnis zu anderen Künsten, der Musik oder der Malerei zum Beispiel, der allgemein verbreitete Irrtum beim Leser ist, weil er lesen kann, könnte er auch jedes Buch lesen, sehen Sie, in der Musik wird das niemandem einfallen, wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege, wird er gern zugeben, daß er nichts, auch gar nichts davon versteht, aber bei einem Buch die Buchstaben sind jedem geläufig, auch einzelne Worte, und so meint jeder, daß er ohne weiteres lesen und vielleicht gar auch schreiben könne, das ist aber ein Irrtum, denn auch in diesem Falle hat sich eben der Fachmann so weit von dem rohen Laien entfernt, daß, das gebe ich Ihnen gerne zu, eine Annäherung da schwer möglich ist, […] [BA Supl. 2, S. 10]

Diese Äußerung stammt aus einem Rundfunk-Interview, das Martin Walser bereits im Jahr 1952 mit AS geführt hat. Die hier zum Ausdruck kommende elitäre Haltung des Autors seinen potentiellen Lesern gegenüber liegt wohl ganz wesentlich auch ZT zugrunde, und das, obwohl es ironischer Weise gerade dieses Buch war, das AS so bekannt gemacht hat wie keine seiner Veröffentlichungen zuvor.

Natürlich wird meine weitere Lektüre nicht durchgehend in dieser Ausführlichkeit annotiert werden können und müssen, wie dies hier für die erste Seite geschehen ist. Es wird sich zeigen, welches Gleichgewicht zwischen Lesen und Enträtseln sich einstellen bzw. wie weit das Lesen und Enträtseln überhaupt gelingen wird.

Stimmt.

Bilder: via Textquelle;
Norbert Barth: Arno Schmidt mit Kater Hintze über Zettelkästen, ca. 1955,
via Kater Paul: Arno Schmidt und seine Katzen, 2. Januar 2011.

Wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege:
The Dubliners: Barney’s Mozart, aus: Hometown!, 1972:

Written by Wolf

25. Dezember 2020 at 00:01

Vom Zwerg am Römerberg

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Update zu Vorbild und Nachbild: Nebelschleiern sich enthüllen,
Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10
und vor allem Du hast genug geflennt:

Bei – voller Titel: Die Wahrheit über Arnold Hau. Herausgegeben von Robert J. Gernhardt. F. W. Bernstein und F. K. Waechter bei Bärmeier & Nikel 1966 – bei Arnold Hau also weiß man nie, ob ein Beitrag von Gernhardt, Bernstein oder Waechter stammt. Wie der Dreierpack Die Drei – zusammen mit Besternte Ernte 1976 und Die Blusen des Böhmen 1977 – bei Zweitausendeins 1981 es ausdrückt:

1966 das erste Mal erschienen, alsbald verramscht und 1974 bei Zweitausendeins wiederauferstanden, hat das Buch mittlerweile eine Auflage von weit über sechzigtausend Exemplaren erreicht. Völlig zu Recht, denn wo gibt es das noch einmal: drei Autoren, die derart zusammenarbeiten, daß es ihnen heute schwerfällt, ihre Arbeiten von damals auseinanderzuhalten? Sind ja auch gar nicht ihre Arbeiten, ist alles von Arnold Hau, das ist die Wahrheit, jawohl.

Jawohl. Und sechzigtausend Exemplare sind ein Bestseller und ein siebenzeiliges Gedicht — mit dem nicht ganz unraffinierten Reimschema ABABCBC plus Binnenreim im Vorletzten — ist ein hypertrophierter Limerick.

Dankenswerter Weise wurde Arnold Hau nach 1966 nie wieder nennenswert erweitert oder verbessert oder sonstwie unkenntlich gemacht; sogar die 17. Auflage von 2005 bleibt noch seitengleich mit den drei Erstauflagen, indem sie dreimal von vorne zu zählen anfängt. Egal wo man egal welche Ausgabe in egal welcher Auflage erwischt, soll man sich auf sie stürzen und nie wieder hergeben. Jawohl.

——— Robert Gernhardt, F. W. Bernstein oder F. K. Waechter:

Der unerzogene Zwerg

aus: Die Wahrheit über Arnold Hau, Bärmeier & Nikel, 1966, Seite 147:

Einst tuschelte am Römerberg,
es war im Monat März,
ein feister untersetzter Zwerg
ins Ohr mir einen Scherz.
Der war so säuisch, war so fies,
daß ich den Zwerg am Römerberg
entrüstet stehen ließ.

Hei, wie sich an dieser Stelle anböte, einen nicht weniger säuischen denn fiesen Scherz weiterzutragen, und welch ein Jammer, dass ich dergleichen gar nicht kenne. Unweit vom besungenen Frankfurter Römerberg residiert jedoch seit 2008 das Caricatura Museum für Komische Kunst. Man wird also heutzutage zu Frankfurt ausreichend Gelegenheit finden, sich allerlei Scherze von feisten untersetzten Zwergen oder sonstwem eintuscheln zu lassen.

Rachael Robinson Elmer, Restoring the Lost Sense, featuring a dwarf, St. Nicholas Magazine, Abecedarian, October 4th, 2014

Bild: Rachael Robinson Elmer: Restoring the Lost Sense, aus: St. Nicholas Magazine, undatiert,
via Abecedarian, 4. Oktober 2014.

Soundtrack zur Heimatkunde: Ludwig van Beethoven: 5. Satz: Allegretto: Hirtengesang. Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm, aus: Pastorale, Symphonie 6, F-Dur, opus 68, 1807 f. Videomaterial vom Frankfurter Römerberg sichtlich von 2020:

Written by Wolf

6. November 2020 at 00:01

Umgestülpte Teufel (und Kryptonit für Circe)

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Update zu Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen und
Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten:

Eine Möglichkeit ist, es so aufzuteilen: Poe hat noch Fans, Wieland nicht.

Supergirl via Sir Person 56, September 17th, 2017

——— Edgar Allan Poe:

Marginalia 229

aus: Marginalia, in: Southern Literary Messenger, Juni 1849, Übs. Hans Wollschläger:

„He that is born to be a man,“ says Wieland in his „Peregrinus Proteus,“ „neither should nor can be anything nobler, greater, or better than a man.“ The fact is, that in efforts to soar above our nature, we invariably fall below it. Your reformist demigods are merely devils turned inside out.

„Wer zum Menschen geboren wurde“, sagt Wieland in seiner „Geheimen Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus“, „soll und kann nichts edleres, größeres und besseres seyn als ein Mensch.“ Und in der Tat: jedwedes Bestreben, sich zum Uebermenschlichen empor zu schwingen, führt unwandelbar zum Absturz ins Untermenschliche. Unsre reformistischen Halb-Götter sind denn auch nichts Andres als umgestülpte Teufel.

Technically speaking, wie der rezente Amerikaner sagen würde, stimmt das. Originaltext:

——— Christoph Martin Wieland:

Peregrins geheime Geschichte in Gesprächen im Elysium

aus: Peregrinus Proteus, 1787:

Wer zum Menschen geboren wurde, soll und kann nichts Edleres, Größeres und Besseres seyn als ein Mensch – und wohl ihm, wenn er weder mehr noch weniger seyn will!

Das sagt im Dialog mit Rollenverteilung die Figur Lucian. Viel glauben, was „Wieland sagt“, dürfen wir der titelgebenden Figur Peregrin, also weiter im Text. „Moly“ ist ein aus der Odyssee bekanntes Zauberkraut, welches Ulysses zu Entkräftung der Zauberkräfte der Circe von Hermes empfing — mithin eine Art frühes Kryptonit für Zauberinnen:

Peregrin.

Supergirl Being Super, via Superman Wiki, December 2016Aber, lieber Lucian, gerade um nicht weniger zu werden als ein Mensch, muß er sich bestreben mehr zu seyn. Unläugbar ist etwas Dämonisches in unsrer Natur; wir schweben zwischen Himmel und Erde in der Mitte, von der Vaterseite, so zu sagen, den höhern Naturen, von unsrer Mutter Erde Seite den Thieren des Feldes verwandt. Arbeitet sich der Geist nicht immer empor, so wird der thierische Theil sich bald im Schlamme der Erde verfangen, und der Mensch, der nicht ein Gott zu werden strebt, wird sich am Ende in ein Thier verwandelt finden.

Lucian.

Es wäre denn, daß ihn die wohlthätige Natur, wie Mercur den Ulysses beim Homer, mit einem Moly beschenkt hätte, durch dessen Tugend er allen solchen Bezauberungen Trotz bieten kann.

Peregrin.

Und wie nennest du diesen wundervollen Talisman? Denn so viel ich mich aus meinem Homer besinne, ist Moly nur der Nahme, den ihm die Götter gaben.

Lucian.

Verstand nenne ich ihn, lieber Peregrin, gemeinen, aber gesunden Menschenverstand.

Peregrin (indem er ihm scharf in die Augen sieht).

Und dieses Moly hätte dich in deinem Leben immer vor der Zauberruthe der schönen Circe verwahrt?

Lucian.

Vor ihren Verwandlungen allerdings: es setzte mich ungefähr in das nehmliche Verhältniß mit ihr, worein Ulysses durch die Kraft seines Moly mit der Sonnentochter kam. Denn seinem Moly allein, so wie ich dem meinigen, hatte er es zu danken, daß er jenes Aristippische εχω ουκ εχομαι sagen konnte, worauf in solchen Dingen alles ankommt, wie du weißt.

Was uns lehrt: 1.) 1849 war Wieland schon — oder soll man sagen: noch? — ins Englische übersetzt und in Richmond/Virginia erreichbar. 2.) Um seine Fans über Jahrhunderte zu behalten, genügt es, gar nicht groß über die Einleitungen seiner Sekundärliteratur hinaus zu lesen. Vor allem über die der fremdsprachigen, wenngleich schon übersetzten.

Als so fauler Leser wie jeder andere auch finde ich das sehr beruhigend, empfehle aber trotzdem noch sehr viel weiter über diesen Ausschnitt der Einleitung hinaus zu lesen: Wieland sollte Fans haben.

Supergirl via Sir Person 56, September 17th, 2017

Mensch und Übermenschin: Cover Supergirl: Being Super, Dezember 2016;
Sir Person (will post spoilers), 19. September 2017:

Just some panels from New 52 Supergirl and Supergirl: Being Super cause Kara is great.

Soundtrack: Lisa Hannigan: I Don’t Know, aus: Sea Sew, 2008,
live in Dick Mac’s Pub zu Dingle im irischen County Kerry, 17. Juni 2008:

I don’t know what you smoke
Or what countries you’ve been to
If you speak any other languages other than your own
I’d like to meet you

Written by Wolf

2. Oktober 2020 at 00:01

Ermüdung und Verwirrung des Geistes, Eigendünkel, Unwissenheit und Hochmut (methinks, a million fools in choir are raving and will never tire)

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Update zu Zwischennetzsurferey und
Wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen:

Harry Clarke, Methinks, a million fools in choir Are raving and will never tire, 1925, Faust by Goethe, 1820, 1835, 1925, 2013Von jeher musste man sich mit Mephistopheles höchstselbst doch sehr wundern, was die Meerkatze und Meerkater in der Hexenküche für ein Gebaren an den Tag legen, wenn unerwartet vorgesetzter Besuch auftaucht. Genauer besehen müssen die Lakaien den Baron, wie er genannt werden will, noch weniger erkennen als die Hausherrin, die Hexe, die ihn auch schon länger nicht mehr getroffen hat. Derweil kochen sie weiter „breite Bettelsuppen“, lassen den Brey überlaufen, und die Hexe

mit seltsamen Geberden, zieht einen Kreis und stellt wunderbare Sachen hinein; indessen fangen die Gläser an zu klingen, die Kessel zu tönen, und machen Musik. Zuletzt bringt sie ein großes Buch, stellt die Meerkatzen in den Kreis, die ihr zum Pult dienen und die Fackel halten müssen. Sie winkt Fausten, zu ihr zu treten.

Faust spricht auf der Illustration von Harry Clarke, auch gleich in englischer Übersetzung von John Anster, 1820 ff.:

Was sagt sie uns für Unsinn vor?
Es wird mir gleich der Kopf zerbrechen.
Mich dünkt, ich hör‘ ein ganzes Chor
Von hundert tausend Narren sprechen.

This nonsense, so like meaning, splits
My skull. I soon would lose my wits:
Methinks, a million fools in choir
Are raving and will never tire.

Das ist Faustens Antwort auf die Erweiterung — „Die Hexe fährt fort“ — des Hexen-Einmal-Eins:

Die hohe Kraft
Der Wissenschaft,
Der ganzen Welt verborgen!
Und wer nicht denkt,
Dem wird sie geschenkt,
Er hat sie ohne Sorgen.

mithin eine Paraphrase über das unter Schülern gar so beliebte „Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber.“ Da scheint es, Faust drängt schon sehr vom Gelehrten- in den Gretchenteil; im Zauberspiegel hat er sich schon in Gretchens Bild versenkt, bevor die Hausherrin überhaupt zugegen war. Als sie Fausten seinen Verjüngungstrank endlich „mit vielen Ceremonien“ verabreicht hat, kann er sich schon gar nicht mehr losreißen: „Das Frauenbild war gar zu schön!“

Der Schlüssel für das Benehmen der äffischen, um nicht zu sagen: affigen Hausdienerschaft mag ich aus alter Neigung am liebsten in dem großen Buch erkennen, das von der Hexe — „mit großer Emphase fängt an aus dem Buche zu declamiren“ — angeschleppt und von Goethe recht beiläufig in zwei Regieanweisungen erwähnt wird: Während des besagten, denkbar irrwitzigen Hexen-Einmal-Eins dienen die Meerkatzen als Pult, werden also wortwörtlich von einem Buch geknechtet. Wenn Sie mich fragen: Süchtig sind die.

——— Illustriertes Hausbuch für christliche Familien:

1913, cit. nach Ralf Schneider: Die Suchtfibel: Wie Abhängigkeit entsteht und wie man sich daraus befreit. Informationen für Betroffene, Angehörige und Interessierte, Schneider Verlag, Hohengehren seit 1988, Seite 7:

Die Lesesucht, die im Lesen weder Maß noch Ziel kennt, ist eine traurige Krankheit unserer Zeit und zieht bei vielen Menschen, namentlich bei der Jugend, die schlimmsten Folgen nach sich.

Harry Clarke, Drest thus, I seem a different creature, 1925, Faust by Goethe, 1820, 1835, 1925, 20131. Die Lesesucht wirkt betörend auf die Gesundheit des Leibes und der Seele. Wer sich mit blinder Hast dem Lesen überantwortet, verzichtet häufig auf die nötige körperliche Bewegung in frischer Luft. Die Sucht zum Lesen steigert sich, und man will sich nur höchst ungern von dem Gegenstand der liebgewordenen Lesung trennen. Man gönnt sich deshalb kaum Zeit, seine Mahlzeiten zu halten, und verzichtet selbst auf manche Stunden der nächtlichen Ruhe. Dass dies die körperliche Gesundheit schädigen muss, leuchtet ein. Allein weit gefährlicher ist die fieberhafte Aufregung, die das hastige Lesen und Verschlingen von Büchern hervorbringt. Der Geist wird zu sehr angestrengt, die Nerven werden überreizt; dadurch wird aber die Verdauung gestört, der Blutumlauf gehemmt, und der Mensch büßt langsam seine leibliche und geistige Gesundheit.

2. Die Lesesucht verhindert auch die wahre Geistesbildung. Wie allzu vieles und gieriges Essen den Magen, so beschwert das viele Lesen den Geist, verwirrt den Kopf, verwildert das Herz und die Phantasie, fördert die Oberflächlichkeit und macht den Menschen untauglich zu ersprießlicher Tätigkeit. Wollte jemand glauben, er könne durch vieles und eiliges Lesen etwas lernen und seinen Geist bilden, so betrügt er sich; es ist eine unnütze, müßige, ja schädliche Arbeit. Das Verschlingen von Büchern erzeugt nur denkfaule Köpfe, halb gebildete, die zwar wähnen, sie verstehen alles, und über alles vorschnell urteilen, aber sich dabei nur lächerlich machen und ihre Geistesblöße darlegen. Es ist auch nicht anders möglich. Bei dem hastigen Lesen hat man nicht die Geduld, bei einem nützlichen Gedanken länger zu verweilen, über das Gelesene nachzudenken, es richtig aufzufassen und dem Gedächtnis einzuprägen. Die Blätter des Buches werden fast nur überflogen. Was bleibt da anderes zurück als eine dunkle Erinnerung, Ermüdung und Verwirrung des Geistes, Eigendünkel, Unwissenheit und Hochmut?

Bilder: Harry Clarke: Creatures Reading, über Vers 2573 bis 2576 in der Hexenküche,
Übersetzung John Anster, Blackwood’s Magazine 1820,
für Johann Wolfgang Goethe: Faust: A Dramatic Mystery. From the German by John Anster, 1835,
als Faust by Goethe, Nachdruck der Ausgabe bei George G. Harrap & Co., Ltd., London 1925,
Calla Editions, Mineola, New York 2013, via Leo Boudreau, 14. Dezember 2014.
Drest thus, I seem a different creature: Das Frauenbild war gar zu schön.

Soundtrack: Cat Clyde: Toaster, aus: Good Bones, 2020:

Well it’s the end of September and the sun is still shining bright
And there’s no whisky in the freezer, so I guess I’ll punch another bowl again
I’m smoking dirty cigarettes cause I can’t afford the ones I like
It keeps my attention now I can’t remember what I was just thinking

Written by Wolf

18. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire

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Update zu Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx,
Wein-Lese und
Was zusammengehört:

Charles Godfrey Leland wird von Wikipedia als Abenteurer, Künstler, Dichter, Kritiker, Folklorist, Mythenforscher, Philologe, Archäologe, Journalist, Humorist, Kolumnist, Soldat, Herausgeber, Reformer und Erzieher geführt, alles davon mit guter Begründung. Halten wir als seine wichtigsten Leistungen fest: Gründung der Zeitschrift The Continental Monthly und Weiterführung des Graham’s Magazine als Graham’s Illustrated Magazine samt dessen Terminierung; Entdeckung und Erstbeschreibung einer ausgestorbenen und einer rezenten keltischen Sprache namens Ogham und Shelta unter wissenschaftlicher Anerkennung der durchweg seriösen Forschung, nicht aber der Sprachen selbst; vollständige Übersetzung der Werke Heinrich Heines ins Englische; Veröffentlichung von über fünfzig Büchern, die meisten davon über europäische Zigeuner-Folklore, Wicca-Religion und Neopaganismus, darunter am bekanntesten Aradia, or the Gospel of the Witches, deutsch: Aradia oder das Evangelium der Hexen, 1899.

The Thinker's Garden, ODD TRUTHS. THE ADVENTURES OF CHARLES GODFREY LELAND, 14. Oktober 2016Über dieser Fülle von Kuriosa, auf einem einzigen, im Laufe der Zeit apokryph gewordenen Manne vereinigt, vergisst sich leicht der Zyklus seiner Hans Breitmann’s Ballads ab 1856, die seinen Ruhm zu Lebzeiten begründeten, aber inzwischen von seinen immer noch gültigen Leistungen auf dem Studiengebiet des vor allem italienischen Hexenzaubers überdeckt werden. Im Gegensatz zu Mark Twains bis heute verbreiteten und recht präsenten, allerdings punktuell entstandenen Essay The Awful German Language, deutsch: Die schreckliche deutsche Sprache 1880 wendet Leland in dem mehrere Jahrzehnte lang angewachsenen Zyklus eine eigens erfundene Mischung aus Englisch und Deutsch an, die eben kein Pennsylvaniadeutsch ist, sondern ein durchaus tragfähiges Makkaronisch.

Als anschaulichstes Beispiel für Lelands so durchschaubare Kunstsprache, dass sie für deutsche Leser nicht übersetzt werden muss, diene uns die Breitmann Ballad namens To a Friend Studying German von 1869, nachmals gewidmet an seinen Freund Johann Nicolaus, Nikolaus oder Nicholas Trübner — einen Buchhändler, Verleger, Linguisten und geborenen Heidelberger, daher deutschen Muttersprachler, der auf einem sich weltweit, vor allem nach Nordamerika ausbreitenden Buchmarkt zurechtkommen musste — als sozial interagierendes Individuum nicht zuletzt durch Fremdsprachenerwerb.

——— Charles Godfrey Leland:

To a Friend Studying German

1869 bis 1889, in: The Breitmann Ballads, by Charles G. Leland.
1889, to the memory of the late Nicholas Trübner.
This Work is Dedicated by Charles G. Leland, London, 1871.
A New Editon, Kegan Paul, Trench, Trübner & Co., London 1895:

Si liceret te amare
Ad Suevorum magnum mare
Sponsam te perducerem

—Tristicia Amorosa.
Frau Aventiure,
von J. V. Scheffel.

The Thinker's Garden, ODD TRUTHS. THE ADVENTURES OF CHARLES GODFREY LELAND, 14. Oktober 2016VILL’ST dou learn die Deutsche Sprache?
Denn set it on your card,
Dat all the nouns have shenders,
Und de shenders all are hard.
Dere ish also dings called pronoms,
Vitch id’s shoost ash vell to know;
Boot ach! de verbs or time-words—
Dey’ll work you bitter woe.

Will’st dou learn de Deutsche Sprche?
Den you allatag moost go
To sinfonies, sonatas,
Or an oratorio.
Vhen you dinks you knows ‚pout musik,
More ash any other man,
Be sure de soul of Deutschland
Into your soul ish ran.

Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Dou moost eat apout a peck
A week of stinging sauerkraut,
Und sefen pfoundts of speck.
Mit Gott knows vot in vinegar,
Und deuce knows vot in rum:
Dis ish de only cerdain vay
To make de accents coom.

Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Brepare dein soul to shtand
Soosh sendences ash ne’er vas heardt
In any oder land.
Till dou canst make parentheses
Intwisted-ohne zahl—
Dann wirst du erst Deutschfertig seyn,
For a languashe ideál.

The Thinker's Garden, ODD TRUTHS. THE ADVENTURES OF CHARLES GODFREY LELAND, 14. Oktober 2016Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Du must mitout an fear
Trink afery tay an gallon dry,
Of foamin Sherman bier.
Und de more you trinks, pe certain,
More Deutsch you’ll surely pe;
For Gambrinus ish de Emperor
Of de whole of Germany.

Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Be sholly, brav, und treu,
For dat veller ish kein Deutscher
Who ish not a sholly poy.
Find out vot means Gemütlichkeit,
Und do it mitout fail,
In Sang und Klang dein Lebenlang,
A brick-ganz kreuzfidél.

Willst dou learn de Deutsche Sprache?
If a shendleman dou art,
Denn shtrike right indo Deutschland,
Und get a schveetes heart.
From Schwabenland or Sachsen
Vhere now dis writer pees;
Und de bretty girls all wachsen
Shoost like aepples on de drees.

Boot if dou bee’st a laty,
Denn on de oder hand,
Take a blonde moustachioed lofer
In de vine green Sherman land.
Und if you shoost kit married
(Vood mit vood soon makes a vire),
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind,
Ash fast ash you tesire.

Dresden, January 1870.

Builders: via The Thinker’s Garden: Odd Truths: The Adventures of Charles Godfrey Leland, 14. Oktober 2016.

Tonspur: Mouth & MacNeal: How Do You Do?, aus: How Do You Do?, 1972,
natürlich zweisprachig. In einer nach der anderen:

Written by Wolf

11. Oktober 2019 at 00:01

Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden (wenn wir bei deutscher Mundart bleiben)?

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Update zu Der unverzichtbare Buchstabe e
und The Metrum is the Message:

Es folgt einer der sieben Ur-Artikel für DFWuH, den ich von Anfang 2012 an bringen wollte. Man kommt ja zu nix. Aufgefallen war mir, sagen wir ruhig: schon vor Jahrzehnten, dass Ludwig Tieck im Ernst einmal auf die Idee verfallen war, die grammatischen Kategorien der deutschen Sprache, vor allem die des Kasus, zu charakterisieren. Klasse Idee, muss ich was damit machen. Endlich geht’s.

Librarians United, 2017Was man so deutsche Sprache nennt: Laut der Winkler-Ausgabe der Novellen — in meinem Besitz ist ein von der Herausgeberin Marianne Thalmann gewidmetes Exemplar aus der Erstauflage von 1965, daher noch ohne ISBN — ist Die Gesellschaft auf dem Lande von 1825

[e]ine ausgesprochen märkische Novelle, ehe noch W. Alexis den Märker zum Gegenstand patriotischer Romane macht. Es geht nicht mehr um Kunstfragen, sondern um fundamentale Fragen des preußischen Pflichtgefühls, um Religion, Deutschtum, Landwirtschaft, um die Comédie humaine der adeligen Oberschicht, die von der Führung zurücktritt. Sie gehört zu Tiecks besten Leistungen und ist als sogenannte „Zopfnovelle“ A.W. Schlegels Lieblingsstück gewesen.

Aus eigenem Laienwissen ergänze ich Frau Thalmann: vor Willibald Alexis und noch herausragender vor Theodor Fontane. Eine leichtfüßige, personal bis dialogisch durchgeführte Abhandlung über ostmitteldeutsche Sprachelemente versteht als Antwort auf preußisches Pflichtgefühl wohl eher die in Thalmanns Kommentar vermutete Comédie humaine denn das Deutschtum.

Als Bildmaterial bietet sich wegen der spärlichen Illustration für Ludwig-Tieck-Novellen eine thematisch wertfreie, aber stimmungsvolle Serie aus einer Stadtbibliothek mit Kinderabteilung an: ein bildungsbeflissenes Kinderballett via Librarians Unite von 2017.

Librarians United, 2017

——— Ludwig Tieck:

Die Gesellschaft auf dem Lande

Berlinischer Taschenkalender, 1825:

Librarians United, 2017„Nein“, antwortete jener, „diesmal wird es etwas Großes, Idealisches. Du sollst selbst überrascht werden. Aber unausstehlich ist es doch in eurem Lande, das immerwährende unrichtige Sprechen anhören zu müssen. Diese ewige Verwechslung des Mir und Mich könnte einen Rechtgläubigen zur Verzweiflung bringen. Dabei ist das Ding so charakterlos, so recht eigentlich insipide, daß man es nicht einmal zum Spaß in Komödien oder Erzählungen nachahmen kann, denn es würde bloß albern auftreten. Das ist aber nicht wahr, was du mir sonst wohl von deinen Landsleuten erzählt hast, daß sie ohne allen Unterschied bald Mir bald Mich gebrauchen. Ich glaube, zu bemerken, daß es Sekten gibt. Hier im Hause (Adelheid ausgenommen, die richtig spricht, es wäre auch für eine Geliebte entsetzlich, so wie die übrigen zu prudeln) herrscht offenbar der Akkusativ vor: die alte gnädige Frau braucht ihn beständig; ob ich gleich erforscht und ausgegrübelt habe, daß ein so feiner Geist, wie der ihrige, auch hier gründliche und tiefsinnige Unterschiede macht, für die sich auch wohl von einem denkenden Grammatiker etwas sagen ließe. Sie behandelt die Sache nämlich mehr aus dem Gesichtspunkt der Dialekte. Der Akkusativ, als der ionische oder attische, erscheint ihr vornehmer und edler, daher braucht sie ihn unbedingt gegen ihre Domestiken. ‚Christian, geb er mich das Fleisch – nehm er mich hier den Teller weg – Fanchon, tu sie mich die Mütze auf!‘ – Gegen uns aber, wo sie demütiger und höflicher erscheinen will, braucht sie fast stets den dorischen Dativ und sagt daher ganz richtig: ‚Geben Sie mir das Salzfaß;‘ – nur geht sie freilich in der Konsequenz so weit, daß sie auch sagt: ‚Wenn Sie wohl geruht haben, soll es mir freuen.‘ – Indessen ist jedes System, jede folgerechte Lebensweise schon immer etwas Löbliches, und du hast wenigstens darin unrecht, wenn du von den Rednern deines Landes aussagst, daß sie die Anwendung dieses Kasus dem blinden Glücke, dem Zufalle, oder unbeugsamen Fatum überlassen. Sie denken über den Gegenstand; und warum will man sie zwingen, ihn so, wie der eigensinnige Adelung anzusehn?“

Bei Tische mußte Franz wirklich das bestätigt finden, was sein Freund beobachtet hatte. […]

Librarians United, 2017Er ging wieder an seine Arbeit, tröstete dann seinen Freund, und am folgenden Tage, als der alte Römer auch bei der gnädigen Frau gespeist hatte, begaben sich diese und Adelheid in den großen Saal, wo Gotthold seine beiden Bilder aufgestellt hatte. Das eine war eine schlanke, vorschreitende Figur, mit leicht schwebendem griechischem Gewande, die Schultern frei, jugendlichen Angesichts; die zweite ein bärtiger, sitzender Mann, ganz bekleidet und in breiteren Formen, auch älter, der auf seine ausgestreckten Hände niedersah. Als die Eintretenden sich gesetzt, die Bilder betrachtet hatten, und alle nicht wußten, was sie daraus machen sollten, erhob sich der übermütige Gotthold in einem Anfall seiner tollen Laune und hielt an die Versammlung folgende Rede:

„Verehrteste Zuhörer!

Librarians United, 2017Indem ich seit einigen Tagen von dem Vorsatz bewegt wurde, diesem teuren Hause ein Andenken meines Daseins, einen Dank, wenn auch nur kleinen, für die Gastlichkeit und Freundschaft, die ich hier genossen habe, zurückzulassen, kam in den feierlichen Stunden der Mitternacht die Begeisterung zu meinem Lager, und in kurzem Verkehr mit der Göttlichen wußte ich sogleich, was mir zu tun obliege. Wohl klagt unser Schiller mit Recht, daß die Götter von unsrer Erde entwichen seien, die den Griechen Wald, Berg und Fluß belebten und verherrlichten. Besaß doch damals sogar jede Stadt, jeder Hain, jegliches Haus ein Bild der Gottheit, die dort vorzüglich verehrt wurde, und die auch darum gern verweilte. Soll ich an die Pallas der Athener erinnern, an Trojas, Thebens Heiligtümer, an den Pan Arkadiens? Doch wir, was haben wir, was glauben wir, wenn wir auch einen Apollo oder Hermes schnitzeln? Das hat ja die Bildhauerkunst bei uns schon tausendmal beklagt, daß die Veneres uns so wenig bedeuten, daß wir mit diesen Amoribus nichts anzufangen wissen. So wandte man sich mehr wie einmal zu vaterländischen, deutschtümlichen, volksmäßigen, isländischen Göttergebilden. Aber Freia und Thor, Odin und Wodan, Tyr und Loke, samt Balder wollten uns ebensowenig aus der ratlosen Lage helfen, denn ihnen kam noch weniger der Glaube entgegen, und Kenner selbst meinten: ihre Attribute, ihre Fabeln, ihre ganze Statur und Natur vertrügen sich nicht mit dem guten Geschmack. Schon oft hab ich mich im stillen gefragt: warum hat noch keinen Genius der Blitz der Weissagung durchdrungen, uns den Geschmack selbst bildlich darzustellen? Haben wir doch Mütterlichkeit und Kindesliebe, Gesetzgebung und Freiheit, ja Aufklärung gezeichnet und gestochen, wenn auch nur in Vignetten, oder in Kalendern. Warum haut man nicht den Geist der Zeit in Marmor, oder Liberalität, Humanität, die Fortschreitung des Menschengeschlechts, die sich von selbst auch der schwachen Imagination im Bilde darbietet? Hier, vaterländische Künstler, geht ein neuer Weg, hier ist ein frischer, unberührter Steinbruch, um Originalität zu holen, die Lorbeerkränze fallen von selbst herunter. Nun möchten Sie glauben, diese Figuren, da ich mich so ereifere, sollten etwa den Geschmack, den Zeitgeist, den Zustand der Finanzen, den Amortisationsfond oder den Patriotismus darstellen; aber weit gefehlt, begeisterte Freunde, diese Einleitung ward nur vorangeschickt, um eine Bahn zu öffnen, die uns näher liegt, die uns wichtiger sein muß, und auf welcher wir den Griechen gleichkommen, ja sie wohl noch überflügeln können.

Librarians United, 2017Denn das ist jenen Alten immer vorzurücken, daß sie Bild und Sache verwechselten; über ihre Verehrung der Naturkräfte war ihnen, was wir alle noch täglich bedauern, der Schöpfer selber schon verlorengegangen; aber als sie nun Stein, Holz und Erz sogar für das Wesentliche hielten, da war Hopfen und Malz an ihnen verloren. Deshalb ist zu befürchten, die wir schon mit Begriffen Götzendienst treiben, daß wir bei plastischer Bildung dieser gefühlreichen Begriffe ganz in die Anbetung des kälbernen Apis geraten möchten. Um also unsere Gemüter frei zu lassen, und doch der Kunst und Originalität genugzutun, habe ich als der erste kühne Beschiffer eines unbekannten Ozeans den vielleicht zu kühnen Versuch gemacht, in der Gestalt dieses schlanken jungen Mannes dem schauenden körperlichen Auge den Accusativus hinzustellen, der in diesem Hause und in der ganzen Provinz mit ausgezeichneter Andacht verehrt wird. Sei er also der schützende Genius dieses Schlosses, dem schon die Herzen schlagen, der so oft angerufen, zitiert und angewendet wird, in Gelegenheiten, wo andre Provinzen seinem Bruder, dem Dativ, huldigen. So, wie er hier gezeichnet ist, hat diesen feinen, idealischen, sanften Akkusativ mein Geist geschaut, und ich bin der festen Überzeugung, nur in diesem Vorschreiten, in diesem leichten Gange, in dieser Gestalt und Gebärde kann er in die Wirklichkeit treten. Vielleicht, daß der junge Erbe dieses Hauses ihn in Zukunft in Marmor gestalten läßt, nach dieser Skizze, die aus Andacht und Begeisterung hervorgegangen ist. Des Kontrastes wegen sitzt dort sein Bruder, der gedrückte, bescheidne Dativ, erwartend, statt entgegenzukommen, ruhend, statt im Anlauf, gedrungen, breit, stämmig, statt schlank und heiter. Frage jeder sich der teuern Anwesenden, jeder sinnige Beschauer, ob nicht so diese Gebilde schon seit undenklichen Zeiten in seinem Innern schlummerten. Wohlan denn, der Berg ist durchgehauen, der Weg nach der neuen und neuesten Kunst eröffnet! Mir nach, ihr Jünglinge, ihr Genien, beflügelte Geister, die nur darauf warteten, den Himmel der Kunst von einer neuen Seite bestürmen zu können. Wem von euch wird der Nominativ, der seltsam geheimnisvolle Genitiv erscheinen? Von dem wunderlich verrufenen Vocativus, dem frömmsten der sechs Brüder, ist eine kuriose Sage durch alle Länder im Umlauf, so daß er der unwissenden Menge schon oft zum Gelächter gedient hat. Ebenso war Kassandra verspottet, so wurde des Tiresias Weisheit nur zu oft mißverstanden. Aber in manchem frommen Bilde, das die Augen in Ekstase nach oben dreht, von Carlo Dolce und ähnlichen, habe ich geglaubt, die Annäherung an meinen Vocativus, die Ahndung dieses hohen Ideals zu entdecken, wenn die Gemäldegalerien und ihre Register die Figur auch ganz anders taufen.

Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden? Diese hohen Gestalten bewachen ja nur den Eingang zur menschlichen Erkenntnis. Wer sie schon geheimnisvoll nennt, mit welcher Mystik muß er dann Indikativ und Konjunktiv, das nahestehende Präsens, das hohe Perfektum, das verehrungswürdige Plusquamperfektum begrüßen? Ein Name, vor dem schon der Knabe sich beugt, der zum Bewußtsein erwacht. Soll ich das Futurum, das unbegreifliche Kind von diesem, das Paulo post noch nennen? Und der Infinitiv! Müßte er nicht in vielen Palästen als Schutzgott hingestellt wer den, da der Große schon seit lange, der Vornehme, mit lakonischem Bestreben ihn fast einzig und allein gebraucht? Dann noch der heldenkühne Imperativ, dräuenden Blicks, zornig wie Ares, stark wie Thor, majestätisch wie Zeus. Ist erst dieses geschehen, so wage sich ein künftiger Praxiteles oder Apelles selbst an die beiden Aoristen der Griechen, um das Sublimste zu schaffen und deutlich zu machen, was dem menschlichen Geiste vielleicht möglich ist! Sie sehen aber, Verehrte, daß auch schon, wenn wir bei deutscher Mundart bleiben, der Begeisterung unendlich viel zu tun obliegt. Hier stehn sie, die ersten Anfänge dieses glorreichen Jahrhunderts, der Nachwelt verehrungswürdig, weil sie zuerst den Pfropf lösten, der bis dahin den brausenden Champagner in der Flasche festhielt.“ –

~~~\~~~~~~~/~~~

Librarians United, 2017Adelheid hatte während dieser feierlichen Rede das Lachen verhalten müssen, die Mutter hatte sie aufmerksam angehört, ohne ein Wort zu verstehn, Franz war zu ernsthaft, um den Spaß genießen zu können, und der alte Römer ging empfindlich fort, indem er zur gnädigen Frau sagte: „Der junge Herr ist boshaft, das mit dem Vokativ soll auf mich gehn, weil ich die Augen manchmal gen Himmel aufschlage. Woher soll uns aber Trost und Hoffnung kommen, wenn nicht von dort? Das alles, glauben Sie mir, hat ihm der gottlose Müller eingeblasen; aber es ist weder Wahrheit noch Menschenverstand in der Sache.“

Adelheid unterbrach die Ruhe, indem sie ausrief: „Der Vater kommt!“ Alle liefen an das Fenster, ihn zu begrüßen, dann eilten sie die Treppe hinab, die beiden Fremden blieben zurück, und sahen den alten Herrn vom Pferde absteigen, der niemand anders war, als jener Grüne, gegen welchen sie sich an der großen Brücke nicht eben allzu höflich betragen hatten. „Was ist nun zu tun?“ rief der erschrockne Franz: „ist es doch, als wenn alles Unglück auf mich einstürmte.“ – „Nur zweierlei kann geschehen“, antwortete Gotthold mit Fassung: „entweder wir nehmen sogleich Extrapost und reisen ohne Abschied davon, und dies wäre das Mittel für die Feigheit, die alles aufgibt, wo noch nichts verloren ist: oder ich werfe mich in eine graziöse Unverschämtheit, und tu, als wäre gar nichts Besonderes vorgefallen. Dazu gehört aber, wenn es glücken soll, daß du dein Inkognito fahren lässest, denn wenn wir Edelleute sind, so nimmt das die Hälfte der Beleidigung hinweg.“

Librarians United, 2017Hand in Hand gingen die Freunde hinab. Die Familie hatte sich schon begrüßt, und Gotthold eilte auf den Alten zu, umarmte ihn und rief: „Willkommen! willkommen! Aber warum haben Sie sich denn gar so lange erwarten lassen? Ich bin Gotthold von Eisenflamm, dieser hier Franz von Walthershausen Freunde Ihres Sohnes, und Franz ist weitläufig zwar, aber doch mit Ihnen verwandt. Verzeihen Sie uns jenen Spaß, alter, würdiger Freund, wir kannten Sie recht gut, und wollten nur sehen, ob Sie mit Ihrer Würde und Autorität auch wohl einige Geduld verbänden. Und herrlich haben Sie uns junges Volk ohne allen Zorn über die Achsel angesehn; auch dafür unsern Dank, verehrter Mann.“

Der Alte war wie im Sturm erobert, und konnte nicht zürnen. Bald musterte man alle Familienverzweigungen und Seitenverwandte durch, womit sich der alte Adel so gern, vorzüglich auf dem Lande beschäftigt. Franz gewann durch diese langweiligen Ausfädelungen so viel, daß er nun für eine Art von Vetter gelten konnte.

~~~\~~~~~~~/~~~

Librarians United, 2017Am folgenden Tage war der alte Herr mit den jungen Leuten und seiner Gemahlin im Saale. Gotthold war etwas verlegen, was der grüne Mann zu seinen beiden Bildern sagen würde. „Ei!“ rief er aus, „was ist denn das? Das ist hübsch, bei meiner Seele!“ Die gnädige Frau fing an: „Der Mann, der da sitzt, soll ein gewisser berühmter Dadiv sein.“ – „O Weibsvolk! Weibsvolk!“ rief der Vater: „was das schwatzt, David will sie sagen, und verwechselt sogar den berühmten biblischen Namen; aber dazu fehlt ihm Harfe und Krone. Es ist offenbar der bettelnde, blinde Belisar, wie er am Wege sitzt, und ein Almosen erwartet. Recht schön ist seine Not ausgedrückt, wie er so die blinden Augen auf seine ausgestreckten Hände heruntersenkt, als wenn er sagen wollte: ‚Noch habe ich heute nichts bekommen.‘ Und der Große scheint mir Achilles zu sein, wie er aus seinem Zelte heraustritt.“ Gotthold bejahte mit Schweigen. „Sehn Sie“, fuhr jener fort, „wie ich die Gemälde gleich erkenne, wenn sie nur im richtigen Charakter aufgefaßt sind. Es ist aber viel, daß die beiden Herren in der Kunst so treffliche Sachen leisten können.“

Adelheid und die Mutter entfernten sich wieder, die letztere darüber empfindlich, daß ihr Gemahl die Bilder heute ganz anders gedeutet habe, und daß Gotthold ihm darin recht gegeben, der sie gestern, wenn sie ihn auch nicht verstanden hatte, doch mit andern Namen belegte. Adelheid suchte ihr einzureden, daß die eine Figur wirklich Achilles sei genannt worden; sie glaubte dies endlich, nur Belisar und Dativ schien ihr zu weit auseinanderzuliegen, und sie meinte zuletzt; der biederherzige Römer möchte nicht ganz unrecht haben, daß er in Ansehung des Vokativ sich getroffen gefühlt, und es wären wohl noch mehr boshafte Anspielungen in jener Rede und den Bildern verborgen.

Librarians United, 2017

Bilder: via Librarians Unite, 2017.

Soundtrack: Harald Juhnke: Ick liebe dir, ick liebe dich, 1987:

Ick lieb nich uff den dritten Fall,
ick lieb nich uff den vierten Fall,
ick lieb uff alle Fälle.

Bonus Track: Tom Waits: Russian Dance, aus: The Black Rider, 1993,
verfilmt von Mikhail Segal an der staatlichen Filmhochschule Moskau (der ältesten der Welt) 1996:

Written by Wolf

27. September 2019 at 00:01

Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!

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Update zu So offenbare sich der dichtende Gott:

Frédéric, Tout conte fait, bientôt l'été. Tribute to Eric R., 25. Februar 2008

Was für ein Bestseller Ludwig Uhland — welch Glücksfall für einen Dichter — zu seiner eigenen Lebenszeit war und wie aufrichtig beliebt seine Balladen über das Mittelalter, das um 1800 als „gute alte Zeit“ missverstanden wurde, gewesen sein müssen, lässt sich in Zeiten, wo er nicht einmal mehr Schulstoff ist, nicht mehr richtig nachfühlen. Gegenüber seinen moralischen Auslassungen in Theorie und beispielhafter Anschauung, die grundsätzlich in beneidenswert korrekt gedrechselter Lyrik stattfinden, war seine Prosa von Anfang an weniger bekannt.

Etwa 25-jährig entwarf Uhland einen Aufsatz zur Klärung seiner eigenen schriftstellerischen Arbeit, den er nicht gedruckt sehen sollte, weil er erst 1928 durch Heinz Otto Burgers Dissertation zugänglich wurde. Dort stand der Aufsatz noch irrtümlich mit der Tübinger Sonntagszeitung in Zusammenhang — wahrscheinlich weil er nicht einmal Burger mit Uhlands übrigem Nachlass (in Marbach aufs Deutsche Literaturarchiv und das Schiller-Nationalmuseum verteilt) vorlag.

Wie jeder andere denkende Mensch auch nahm Uhland dichterische Tätigkeit etwa 18-jährig auf; da war er Studiosus der Rechtswissenschaften am Tübinger Stift, bildete aber lieber mit Gustav Schwab, Justinus Kerner, Karl Mayer, Karl Heinrich Gotthilf von Köstlin, Eduard Mörike, Gustav Schwab, Karl August Varnhagen von Ense und Wilhelm Hauff ab 1805 den Schwäbischen Dichterkreis, der sich als ohnehin eher loser Zusammenschluss 1808 wieder auflöste. In dieser kurzen Spanne einer studentischen Sangesrunde eine verbindlich gemeinte Poetik überhaupt zu planen, zeugt von einigem Lebensernst.

Von mitten darin, 1807, datiert sich Uhlands Aufsatz zur Selbstfindung, der bezeichnenderweise eine Poetik wurde, die nicht vornehmlich zur Veröffentlichung gedacht war. In der Auffassung ähnelt er schon, geht aber durch seine duale Unterscheidung von Objektiv und Subjektiv weit hinaus über Justinus Kerners Programmgedicht zur selben Unternehmung der Dichterschule, zu dem er sich allerdings erst 1839, also über drei Jahrzehnte nachträglich durchrang. Zum Vergleich folgen Uhlands Aufsatz und die Verse von Justinus Kerner, nach dem Erstdruck korrigiert — der eine Strophe mehr — die sechste — als an den meisten Stellen überliefert enthält (zum Beispiel in der vermutlich meistbenutzten Wiedergabe in Wikipedia), ja der überhaupt noch in Strophen unterteilt ist.

Nicht ermitteln konnte ich, was und wie viel im Uhland-Text wann von wem zuerst und warum ausgelassen wurde; alle auffindbaren Fassungen online sowie meine WInkler-Gesamtausgabe von 1980 bringen einhellig nur die Auslassungspunkte in eckigen Klammern. — Chronologisch:

Frédéric, Tourbière. En avril, ne te détournes pas des filles, 11. April 2018

——— Ludwig Uhland:

Über objektive und subjektive Dichtung

ca. 1807, Erstdruck in: Heinz Otto Burger: Schwäbische Romantik.
Studie zur Charakteristik des Uhlandkreises, Dissertation Tübingen, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1928:

Die Seele, darein Mutter Natur in der reichsten Fülle die Kräfte des Empfangens und des Wirkens gelegt hat, das ist die Dichterseele. Vermöge der empfangenden Kräfte hat sie die feine Berührbarkeit, die sie das zarteste […] der äußeren und inneren Welt fühlen läßt, und das leise Ohr, das ihr die geheimsten Ahndungen zu vernehmen gibt; durch die wirkenden Kräfte gibt sie dem Dunkeln Klarheit, lernt ihre Bestimmung erkennen und strebt schwungvoll ihrer Vollkommenheit entgegen. Ist das äußere Leben heiter und warm, so werden sich die Blumenknospen entfalten, die Seele wird sich hier befriedigen können, sie findet den Spielraum, ihre üppigen Kräfte zu üben, das äußere und innere Leben zerfließen ineinander, und dies ist das poetische Leben. Denkt auch der Geist (hier) über die Außenwelt nach, so wird sie ihm genügen, will er sie darstellen und sein Wirken in ihr, so kann er sie getreulich abmalen, das Gemälde wird hell und heiterste, objektive Poesie.

Poetisch ist das Leben des Altertums der meisten Völker, darum auch die Poesie des Altertums objektiv. Aber der Frühling der Jugendwelt, wie bald ist er verblüht! Der Dichtergeist kann weder poetisch leben, noch liegt vor ihm ein poetisches Leben, das er dar stellen könnte. Aber seine Kräfte sind zu jeder Zeit rege, und er fühlt ewig den unendlichen Drang, sich zu entfalten. Ist ihm die Erde verwelkt, so schaut er zum Himmel auf, ob dieser noch blühe. Dieser Himmel ist das Unendliche in ihm, das er ahndet, nach dem er sich immer schmerzlicher, immer freudiger sehnt, je weniger ihm die Außenwelt geben kann. Er erforscht sich, er lernt seine erhabene, aber geheime Bestimmung fühlen. Es geht ein Glanz in ihm auf, der zwar das endliche Geistesauge noch blendet, aber sich über die Außenwelt ergießt und sie verklärt. Er vertraut seine Gefühle und Gedanken dem Liede: subjektive Poesie.

Das poetische Leben in Tat und Wort ist objektive Poesie, sobald es einen Darsteller findet. Die objektive Poesie nähert sich der subjektiven, wenn sich ein Gegenstand der Trauer, der Sehnsucht nach einem Entfernten und dergleichen in sie einmischt, denn sobald die Seele in der Gegenwart nimmer Genüge findet, schwingt sie sich in den Äther des Unendlichen. Auch einzelne Seelen, die ihr tätiges Leben und ihre anschaulichen Umgebungen auch in einem sonst poetischen Zeitalter nimmer befriedigen, steigen in ihr Inneres hinab, und ihre Poesie wird subjektiv. Die subjektive Poesie, die das äußere Leben von innen heraus zu verschönen sucht, heißt Poesie des Lebens.

Der Dichter gehe in sich, und er wird folgende Bemerkungen der Analogie des Gesagten gemäß an sich selbst machen können:

Ist sein Leben sehr reich und regsam, so wird er wenig dichten, aber herrlich leben; gewinnt er bei solchen schönen Umgebungen dennoch Zeit und Lust zur Darstellung, so wird sein freudiges Lied nur die Melodie des Lebens nachhallen, er schätzt den Gesang nicht über seine Wirklichkeit, er kann diese nicht einmal mit jenem erreichen, und er hat sich zu hüten, daß nicht das, was er unter den glühendsten Empfindungen hervorgebracht, andere kalt anfasse; aber wird das Leben um ihn her trüb und öde, da blickt er in sich, er nährt sich von eigenem Vorrat; Erinnerung, Hoffnung, Sehnsucht sind seiner Seele stille Trösterinnen.

Frédéric, Comme un parfum de soir d'été, 4. April 2019

——— Justinus Kerner:

Die schwäbische Dichterschule

Morgenblatt für gebildete Stände Nr. 38, Mittwoch, den 13. Februar 1839:

„Wohin soll den Fuß ich lenken, ich, ein fremder Wandersmann,
Daß ich eure Dichterschule, gute Schwaben, finden kann?“

Fremder Wanderer, o gerne will ich solches sagen dir:
Geh‘ durch diese lichte Matten in das dunkle Waldrevier,

Wo die Tanne steht, die hohe, die als Mast einst schifft durch’s Meer;
Wo von Zweig zu Zweig sich schwinget singend lust’ger Vögel Heer;

Wo das Reh mit klaren Augen aus dem dunkeln Dickicht sieht,
Und der Hirsch, der schlanke, setzet über Felsen von Granit.

Trete dann aus Waldesdunkel, wo im goldnen Sonnenstrahl
Grüßen Berge dich voll Reben, Neckars Blau im tiefen Thal;

Wo von Epheu grün umranket, manche Burg von Felsen schaut,
Stiller Dörfer bunte Menge rings sich friedlich angebaut;

Wo ein goldnes Meer von Aehren durch die Ebnen wogt und wallt,
Ueber ihm in blauen Lüften Jubellied der Lerche schallt;

Wo der Winzer, wo der Schnitter singt ein Lied durch Berg und Flur –
Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt Natur.

Frédéric, Camille C. à la campagne, 25. April 2019

Objektivität vs. Subjektivität: Frédéric aus Frankreich (das liegt bei Schwaben ums Eck):

  1. Tout conte fait, bientôt l’été (tribute to Eric R.), 25. Februar 2008;
  2. Tourbière (en avril, ne te détournes pas des filles), 11. April 2018;
  3. Comme un parfum de soir d’été, 4. April 2019;
  4. Camille C. à la campagne, 25. April 2019.

Soundtrack: Agnes Obel: Riverside, aus: Philharmonics, 2010:

Written by Wolf

28. Juni 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Nachtstück 0019: Noch weit beunruhigendere Betrachtungen

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Update zu Unter sotanen Umständen:

——— Arno Schmidt:

Julianische Tage

Berichte aus der Nicht-Unendlichkeit, 1961,
Bargfelder Augabe III/4, Seite 91 f., Schluss,
in: Trommler beim Zaren, 1966:

Es gibt noch weit beunruhigendere Betrachtungen hier ! Setzen wir, daß man vom 5000. Tage an leidlich mit Verstand zu lesen fähig sei; dann hätte man, bei einem green old age von 20 000, demnach rund 15 000 Lesetage zur Verfügung. Nun kommt es natürlich ebenso auf das betreffende Buch, wie auch auf die literarische Aufnahmefähigkeit an. Das Kind schlingt seinen dicklichen MAY=Band in 2 Tagen hinunter (und die schönsten Stellen werden sogar mehrmals genossen); der Mann, tagsüber im Büro, oder hinter Pflug & Schraubstock, druckst, selbst bei bestem Willen, 3 Wochen lang über’m ‚WITIKO‘, den ihm ein sinniger Kollege empfahl. Sagen wir, durchschnittlich alle 5 Tage 1 neues Buch — dann ergibt sich der erschreckende Umstand, daß man im Laufe des Lebens nur 3000 Bücher zu lesen vermag ! Und selbst wenn man nur 3 Tage für eines benötigte, wären’s immer erst arme 5000. Da sollte es doch wahrlich, bei Erwägung der Tatsache, daß es bereits zwischen 10 und 20 Millionen verschiedener Bücher auf unserem Erdrund gibt, sorgfältig auswählen heißen. Ich möchte es noch heilsam=schroffer formulieren :

Sie haben einfach keine Zeit, Kitsch oder auch nur Durchschnittliches zu lesen :

Sie schaffen in Ihrem Leben nicht einmal sämtliche Bände der Hochliteratur !

Jaja, die ‚Julianischen Tage‘ : wieviel Sonnen haben Sie schon aufgehen sehen ? Wieviel Vollmonde unter ? Wieviel Tage trennen uns=heute von GOETHE’s Tod ? Wieviel von Christi Geburt : 1 Milliarde Morgenröten; oder nur 700 000 ?

„Des Menschen Leben währet 70 Jahre“ ? — sagen wir : 25 000 Julianische Tage.

Arno-Schmidt-Stiftung, Recherchereise. Arno Schmidt 1953 auf dem Dümmer

Seelandschaft ohne Pocahontas: Arno-Schmidt-Stiftung: Recherchereise: Arno Schmidt 1953 auf dem Dümmer, via Georges Felten: Pornographie bei Arno Schmidt: Kunst oder Verbrechen? Vor sechzig Jahren geriet Arno Schmidt ins Visier der deutschen Justiz: Sein Roman „Seelandschaft mit Pocahontas“ stand im Verdacht, Pornographie und Gotteslästerung zu verbreiten. Ein Gastbeitrag, Frankfurter Allgemeine Zeitung 28. Juli 2016:

(‚Tag der Deutschn Einheit‘? : unvergleichlich geeignet zum Paddln !)

Zettel’s Traum, Seite 538, 1970.

Und bloß nicht den Namen dieses Nachbardorfes einprägen; jetzt noch nicht; mit 55 muß man das Gedächtnis für’s Notwendigste reservieren.

Kühe in Halbtrauer, 1961.

So wird das freilich nix.

Pass auf, der Schreiner hobelt jetzt und grad an deinem Schrein:
Hannes Wader, Reinhard Mey & Klaus Hoffmann: So trolln wir uns [Lied 21], aus: Liebe, Schnaps, Tod, 1996:

Written by Wolf

22. Februar 2019 at 00:01

So offenbare sich der dichtende Gott

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Update zu In lieblicher Bläue und
Die junge Gräfin (erzählt neben einem Paar nachbarlichen Würsten):

Rollen wir den Zeitstrahl der Einfachheit halber von hinten auf: 1840 veröffentliche Bettine von Arnim ihren Briefroman Die Günderode (mit einfachem r), den sie aus dem Briefwechsel mit der schon 1806 von eigener Hand erdolchten Karoline von Günderrode (mit Doppel-r) zurechtfrisierte. Wichtige Stellen in den Briefen wie im Roman betreffen Friedrich Hölderlin, dessen „Hypochondrie“ spätestens 1805 über ein Stadium des Wahnsinns in „Raserei“ — aus heutiger Sicht: Schizophrenie — übergegangen war.

Giovanni Baglione, Erato, Muse der LyrikUngefähr im Sommer 1804 besuchte sein Studienfreund und tatkräftiger Gönner Isaac von Sinclair den schon als wahnsinnig geltenden Hölderlin in Homburg, wo er selbst ihn als Hofbibliothekar untergebracht hatte und aus eigener Tasche bezahlte. Unter dem Spitznamen „St. Clair“ stand Sinclair in Kontakt mit der Familie Brentano, deren Haustochter Bettine, die nachmalige von Arnim, ebenfalls gern Hölderlin besucht hätte — was der 19-Jährigen wegen einer gewissen Neigung zur Überspanntheit, die ihr heute als liebenswerte Exaltation und ihre eigentliche Persönlichkeit ausgelegt wird, familiär untersagt wurde, auf dass sie sich nicht von dem gefährlich Kranken die Hypochondrie und Schlimmeres zuziehe.

Der fünf Jahre älteren und noch viel überspannteren Freundin, dem „Günderödchen“, hinterbringt sie am 17. eines Monats vermutlich im Sommer oder frühen Herbst 1804, was St. Clair ihr von einem einwöchigen Besuch beim verehrten Hölderlin hinterbringt: seine Ansichten zur Entstehung von Poesie.

Die Entsprechungen zu einer äußeren Wirklichkeit sind wie bei allem, was Bettine von Arnim veröffentlicht, gelinde gesagt unsicher, aber aufschlussreich. Was glaubwürdig erscheint, ist Hölderlins referierte Dichtungstheorie, die auf die gesamte Poesie ausweitet, was Herder ab 1771 zur Entstehung von Volksliedern vermutet: dass „wahre“ Dichtung in der Natur, ja einem göttlichen Element, von selbst vorhanden sei, um sich zu gereifter Zeit durch jemanden, der sich dann – und erst dann und deswegen – Dichter nennen darf, durch natürliche oder eben göttliche Einwirkung zu manifestieren. Volkslieder – bei Hölderlin: die gesamte Poesie – quasi als Dichtung, die auf den Bäumen wächst.

Glaubwürdig daran ist, dass Hölderlin dergleichen Theorien vertrat. Schon problematischer ist, dass er dann laut St. Clairs durch Bettines dritte Hand überkommenen Urlaubsbericht – auf ein hochstehendes und hoch anerkanntes Werk zurückblickend und nicht ohne Hinweis auf einen (drunter macht er’s nicht) „heiligen“ Wahnsinn des Dichters – nur noch einer Art göttlicher Eingebung „sich schmiegen“ will. So abfällig Hölderlin sich über erfundene Rhythmen äußert, wollen wir uns doch daran erinnern, dass der Mann zu lichten Zeiten Versmaße erfand, die zumindest für seine eigene Produktion von Oden verbindlich gemeint waren und sich als poetisch höchst leistungsfähig erwiesen. Einen Widerspruch erkenne ich darin, dass Hölderlin erst derart solides Handwerkszeug bereitstellen kann und dann angeblich selbst das Werkzeug in der Hand Gottes sein will.

Dennoch bleiben dieses „Undenkbare“ wie die „Athletentugend“ – siehe unten – schöne Gedanken und deren Vereinbarkeit schon wieder eine poetische Leistung für sich. – Korrigiert nach der Ausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker, 2006:

——— Bettine von Arnim:

17ten

aus: Die Günderode, Erster Teil, 1840:

Gewiß ist mir doch bei diesem Hölderlin als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluten ihn überströmt haben, und zwar die Sprache, in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überflutend, und diese darin ertränkend; und als die Strömungen verlaufen sich hatten, da waren die Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertötet. – Und St. Clair sagt: ja so ist’s – und er sagt noch: aber ihm zuhören, sei grade, als wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche, denn er brause immer in Hymnen dahin die abbrechen wie wenn der Wind sich dreht, – und dann ergreife ihn wie ein tieferes Wissen, wobei einem die Idee daß er wahnsinnig sei ganz verschwinde, und daß sich anhöre was er über die Verse und über die Sprache sage, wie wenn er nah dran sei das göttliche Geheimnis der Sprache zu erleuchten, und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel, und dann ermatte er in der Verwirrung, und meine es werde ihm nicht gelingen begreiflich sich zu machen; und die Sprache bilde alles Denken, denn sie sei größer wie der Menschengeist, der sei ein Sklave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommne, als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe. Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch, das fühle sich in der Sprache, sie werfe das Netz über den Geist, in dem gefangen, er das Göttliche aussprechen müsse, und so lange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht vom Rhythmus fortgerissen werde, so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit, denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen, an dem kein tieferer Geist Gefallen haben könne, sondern das sei Poesie: daß eben der Geist nur sich rhythmisch ausdrücken könne, daß nur im Rhythmus seine Sprache liege, während das poesielose auch geistlos, mithin unrhythmisch sei – und ob es denn der Mühe lohne mit so sprachgeistarmen Worten Gefühle in Reime zwingen zu wollen, wo nichts mehr übrig bleibe, als das mühselig gesuchte Kunststück zu reimen, das dem Geist die Kehle zuschnüre. Nur der Geist sei Poesie, der das Geheimnis eines ihm eingebornen Rhythmus in sich trage, und nur mit diesem Rhythmus könne er lebendig und sichtbar werden, denn dieser sei seine Seele, aber die Gedichte seien lauter Schemen, keine Geister mit Seelen. –

Es gebe höhere Gesetze für die Poesie, jede Gefühlsregung entwickle sich nach neuen Gesetzen die sich nicht anwenden lassen auf andre, denn alles Wahre sei prophetisch und überströme seine Zeit mit Licht, und der Poesie allein sei anheimgegeben dies Licht zu verbreiten, drum müsse der Geist, und könne nur, durch sie hervorgehen. Geist gehe nur durch Begeistrung hervor. – Nur allein Dem füge sich der Rhythmus, in dem der Geist lebendig werde! – wieder: –

Gustave Moreau, Hesiod und seine Muse„Wer erzogen werde zur Poesie in göttlichem Sinn, der müsse den Geist des Höchsten für gesetzlos anerkennen über sich, und müsse das Gesetz ihm preisgeben; Nicht wie ich will, sondern wie du willt! – und so müsse er sich kein Gesetz bauen, denn die Poesie werde sich nimmer einzwängen lassen, sondern der Versbau werde ewig ein leeres Haus bleiben, in dem nur Poltergeister sich aufhalten. Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue, könne er die Poesie als Gott nicht fassen. – Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt, der Geist müsse sich in dieser bewegen, und nicht ihr in den Weg treten, Gesetz was der Mensch dem Göttlichen anbilden wolle, ertöte die Ideengestalt, und so könne das Göttliche sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bilden. Der Leib sei die Poesie, die Ideengestalt, und dieser, sei er ergriffen vom Tragischen, werde tödlich faktisch, denn das Göttliche ströme den Mord aus Worten, die Ideengestalt, die der Leib sei der Poesie, die morde, – so sei aber ein Tragisches was Leben ausströme in der Ideengestalt, – (Poesie) denn alles sei Tragisch. – Denn das Leben im Wort (im Leib) sei Auferstehung, (lebendig faktisch) die bloß aus dem Gemordeten hervorgehe. – Der Tod sei der Ursprung des Lebendigen. –

Die Poesie gefangen nehmen wollen im Gesetz, das sei nur damit der Geist sich schaukle an zwei Seilen sich haltend, und gebe die Anschauung als ob er fliege. Aber ein Adler der seinen Flug nicht abmesse – obschon die eifersüchtige Sonne ihn niederdrücke – mit geheim arbeitender Seele im höchsten Bewußtsein dem Bewußtsein ausweiche, und so die heilige lebende Möglichkeit des Geistes erhalte, in dem brüte der Geist sich selber aus, und fliege – vom heiligen Rhythmus hingerissen oft, dann getragen dann geschwungen sich auf und ab in heiligem Wahnsinn, dem Göttlichen hingegeben, denn innerlich sei dies Eine nur: die Bewegung zur Sonne, die halte am Rhythmus sich fest. –

Dann sagte er am andern Tag wieder: Es seien zwei Kunstgestalten oder zu berechnende Gesetze, die eine zeige sich auf der gottgleichen Höhe im Anfang eines Kunstwerks, und neige sich gegen das Ende; die andre, wie ein freier Sonnenstrahl, der vom göttlichen Licht ab, sich einen Ruhepunkt auf dem menschlichen Geist gewähre, neige ihr Gleichgewicht vom Ende zum Anfang. Da steige der Geist hinauf aus der Verzweiflung in den heiligen Wahnsinn, insofern Der höchste menschliche Erscheinung sei, wo die Seele alle Sprachäußerung übertreffe, und führe der dichtende Gott sie ins Licht; die sei geblendet dann, und ganz getränkt vom Licht, und es erdürre ihre ursprüngliche üppige Fruchtbarkeit vom starken Sonnenlicht; aber ein so durchgebrannter Boden sei im Auferstehen begriffen, er sei eine Vorbereitung zum Übermenschlichen. Und nur die Poesie verwandle aus einem Leben ins andre, die freie nämlich. – Und es sei Schicksal der schuldlosen Geistesnatur, sich ins Organische zu bilden, im regsam Heroischen, wie im leidenden Verhalten. – Und jedes Kunstwerk sei Ein Rhythmus nur, wo die Zäsur einen Moment des Besinnens gebe, des Widerstemmens im Geist, und dann schnell vom Göttlichen dahingerissen, sich zum End schwinge. So offenbare sich der dichtende Gott. Die Zäsur sei eben jener lebendige Schwebepunkt des Menschengeistes, auf dem der göttliche Strahl ruhe. – Die Begeistrung welche durch Berührung mit dem Strahl entstehe, bewege ihn, bringe ihn ins Schwanken; und das sei die Poesie die aus dem Urlicht schöpfe und hinabströme den ganzen Rhythmus in Übermacht über den Geist der Zeit und Natur, der ihm das Sinnliche – den Gegenstand – entgegentrage, wo dann die Begeistrung bei der Berührung des Himmlischen mächtig erwache im Schwebepunkt, (Menschengeist), und diesen Augenblick müsse der Dichtergeist festhalten und müsse ganz offen, ohne Hinterhalt seines Charakters sich ihm hingeben, – und so begleite diesen Hauptstrahl des göttlichen Dichtens immer noch die eigentümliche Menschennatur des Dichters, bald das tragisch Ermattende, bald das von göttlichem Heroismus angeregte Feuer schonungslos durchzugreifen, wie die ewig noch ungeschriebene Totenwelt, die durch das innere Gesetz des Geistes ihren Umschwung erhalte, bald auch eine träumerisch naive Hingebung an den göttlichen Dichtergeist, oder die liebenswürdige Gefaßtheit im Unglück; – und dies objektiviere die Originalnatur des Dichters mit in das Superlative der heroischen Virtuosität des Göttlichen hinein. –

So könnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem was sich St. Clair in den acht Tagen aus den Reden des Hölderlin aufgeschrieben hat in abgebrochnen Sätzen, denn ich lese dies alles darin, mit dem zusammen was St. Clair noch mündlich hinzufügte. Einmal sagte Hölderlin, Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei, und alles schwinge sich von den Dichterlippen des Gottes, und wo der Menschengeist dem sich füge, das seien die verklärten Schicksale, in denen der Genius sich zeige, und das Dichten sei ein Streiten um die Wahrheit, und bald sei es in plastischem Geist, bald in athletischem, wo das Wort den Körper (Dichtungsform) ergreife, bald auch im hesperischen, das sei der Geist der Beobachtungen und erzeuge die Dichterwonnen, wo unter freudiger Sohle der Dichterklang erschalle, während die Sinne versunken seien in die notwendigen Ideengestaltungen der Geistesgewalt, die in der Zeit sei. – Diese letzte Dichtungsform sei eine hochzeitliche feierliche Vermählungsbegeisterung, und bald tauche sie sich in die Nacht und werde im Dunkel hellsehend, bald auch ströme sie im Tageslicht über alles was dieses beleuchte. – Der gegenüber, als der humanen Zeit, stehe die furchtbare Muse der tragischen Zeit; – und wer dies nicht verstehe meinte er, der könne nimmer zum Verständnis der hohen griechischen Kunstwerke kommen, deren Bau ein göttlich organischer sei, der nicht könne aus des Menschen Verstand hervorgehen, sondern der habe sich Undenkbarem geweiht. – Und so habe den Dichter der Gott gebraucht als Pfeil seinen Rhythmus vom Bogen zu schnellen, und wer dies nicht empfinde und sich dem schmiege, der werde nie, weder Geschick noch Athletentugend haben zum Dichter, und zu schwach sei ein solcher, als daß er sich fassen könne, weder im Stoff, noch in der Weltansicht der früheren, noch in der späteren Vorstellungsart unsrer Tendenzen, und keine poetischen Formen werden sich ihm offenbaren. Dichter die sich in gegebene Formen einstudieren, die können auch nur den einmal gegebenen Geist wiederholen, sie setzen sich wie Vögel auf einen Ast des Sprachbaumes und wiegen sich auf dem, nach dem Urrhythmus der in seiner Wurzel liege, nicht aber fliege ein solcher auf als der Geistesadler von dem lebendigen Geist der Sprache ausgebrütet.

Ich verstehe alles, obschon mir vieles fremd drin ist was die Dichtkunst belangt, wovon ich keine klare oder auch gar keine Vorstellung habe, aber ich hab besser durch diese Anschauungen des Hölderlin den Geist gefaßt, als durch das wie mich St. Clair darüber belehrte. – Dir muß dies alles heilig und wichtig sein. –

Luis Ricardo Falero, Allegorie der Kunst, 1892

Fachliteratur: Hans Ulrich Gumbrecht: Die süße Ruhe im Wahnsinn: über ein spätes Gedicht von Friedrich Hölderlin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. November 2014.

Göttlich organischer Bau: Giovanni Baglione: Erato, Muse der Lyrik, via Lou Margi, 5. Augut 2016;
Gustave Moreau: Hesiod und seine Muse, via Lou Margi, 6. Mai 2016;
Luis Ricardo Falero: Allegorie der Kunst, 1892, via Books and Art, 6. Februar 2018.

Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei: von den fast gleichnamigen Krautrockern Hoelderlin gleich die ganze LP Hölderlins Traum, 1972:

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23. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Austen Brontë Woolf

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Zur Rezeption des Häubchenfilms

Update zu Pride and Prejudice
und Schwarze Butter:

Gegen die galoppierende Verwechslungsgefahr merken wir uns: Jane Austen ist ungefähr die Muttergeneration der Brontë-Schwestern — vor allem der schreibenden Anne, Charlotte und Emily. Zwei apokryphe, die eigentlich ältesten Brontë-Schwestern Elizabeth und Mary, sind noch als Schulmädchen an Tuberkulose gestorben; vom einzigen Bruder Patrick Branwell existieren auf eine fast theoretische Weise die gesammelten Gedichte, aber die will niemand lesen, bezahlen oder gar übersetzen. Ansonsten soll Patrick recht begabt gemalt — zum Beispiel das bekannte Dreifach-Portrait 1834 seiner überlebenden und schreibenden Schwestern, aus dem er nachträglich seine eigene Person taktvoll ausradiert hat — und vor allem ein paar Yards die Hauptstraße runter in der Dorfkneipe als ländliches Original beim Porter durchaus gebildete Schoten erzählt haben.

In ihrem jugendlichen Zeitvertreib erfanden alle vier Geschwister in wechselnden kreativen Allianzen die Reiche Angria und Gondal, in Erfindungsreichtum und schierem Umfang J.R.R. Tolkiens Mittelerde oder rezenten vielbändigen Fantasy-Großtaten in nichts nachstehend. Wenn das mal komplett erschlossen, in eine stringente Ordnung gebracht und gar verfilmt werden könnte — das wäre eine literarische Sensation. Das Material wurde von vier pubertierenden Pfarrerskindern gesammelt, der Ausarbeitung stand nichts mehr Weg als das Ende der Kindlichkeit, die niederen Sachzwänge des Erwachsenenlebens und der bei der friedhofsnah und gottesfürchtig hausenden Familie allgegenwärtige Tod.

Das Alter von vierzig Jahren hat überhaupt nur Schwester Charlotte erreicht, die außerdem als einzige nicht als Jungfrau ins Grab sank: Ein Kumpel ihres Vaters hat sich ihrer mit 39 erbarmt, aber damit nicht eine schließlich doch noch geoutete Bestseller-Autorin geheiratet, sondern seine örtliche Pfarrerstochter mit einer Gouvernantenausbildung aus dem kontinentalen Belgien, die seit über einem Jahrzehnt als sitzengeblieben galt.

Alle anderen welkten pünktlich kurz vor ihren Dreißigsten wie die kindlich vorausgestorbenen Elizabeth und Mary ab, denn es herrschte ein hässlich feuchtes, der Lunge junger Mädchen (und Patricks) unzuträgliches Hochmoorklima im Pfarrhaus mit Fensterfront auf den Friedhof zu Haworth in West Yorkshire. Vater Brontë überlebte alle, trotz seiner sechs Kinder der letzte Spross seines Stammes.

Mit Jane Austen, ebenfalls ledigerweise nur 42 geworden, verbindet diese glücklose Familie ein angenehm überschaubares Gesamtwerk, das jeweils in einen einzigen, dann aber geradezu waffentauglichen Band passt, sowie dessen vollständige und sogar mehrfache Verfilmung, für die man sich nicht allzusehr genieren muss, wenn man sie ab und zu binge-watcht. Austen- und Brontë-Filme machen Spaß, sogar noch die richtig miesen, und man verschafft sich dabei das nützliche Gefühl, man habe wenigstens versucht, einen ihrer Handlungsverläufe nachzuvollziehen.

Viel mehr Schreiberinnen solcher Filmvorlagen sind nicht bekannt. Man kann allenfalls Elizabeth Gaskell, persönliche Freundin und erste Biographin von Charlotte Brontë, und ein paar obskure Georgianerinnen dazuzählen, die gern auch schon ins Viktoriansich lappen, vorneweg George Eliot, die bürgerliche Mary Anne Evans mit dem vermännlichten Pseudonym: Mit dem Schreibhandwerk etwas fürs Herrenhaus dazuverdienen war erst als Vollviktorianerin nichts Ehrenrühriges mehr, wo von weitem schon der literarische Realismus winkt. An diesem Material kann man nun entweder bemängeln oder liebenswert finden, dass immer wieder nur das verfilmt werden kann, was einmal vorhanden ist. Ich finde es sogar bereichernd, in die Tiefe statt in die Breite zu konsumieren — oder finden Sie mal raus, auf welche Verfilmung von Wuthering Heights hin Kate Bush 1978 zu ihrem überkandidelten Ausdruckstanz gejodelt hat.*

Die Wölfin nennt dieses rundum erfreuliche Genre, das filmisch Historical period drama heißt, etwas herablassend, aber sehr treffend „Häubchenfilme“ und kapriziert sich lieber auf Schwedenkrimis, die gar nicht trostlos genug verlaufen und ausgehen können. Recht hat sie damit, dass Jane Austen auf einer Seitenzahl, in der man getrost eine ausgewachsene Romanhandlung unterbringen könnte, gerade einmal das Setting schafft, und wenn’s endlich losgehen könnte, sind alle schon verheiratet. Tot oder glücklich wären sie erst bei Charles Dickens, aber dazu brauchte es historisch noch die Zwischengeneration der Brontinnen — wie ja die Brontës insgesamt so eine Art Charles Dickens für Mädchen sind, was spätestens dann auffällt, wenn John Irving in Gottes Werk und Teufels Beitrag den Waisenkinderlein im Wechsel David Copperfield und Jane Eyre vorlesen lässt.

In mancher Hinsicht sind solche Häubchenfilme eine Art weiblich gelesenes Pendant zum betont männlichen Genre des Western-Films: Auf den ersten Blick an einem einzigen Szenenbild erkennbar, sind sie so stereotyp und so vielfältig, wie dramaturgischer Sachverstand darein gesetzt wurde, und sie leben wesentlich vom Aufwand an Ausstattung und einer angenommenen Nähe zu historischer Zeit und Ort. Mit dem Unterschied: Nicht jugendfreie Western sind weiterhin Western, meistens der Italo-Ausrichtung, Häubchenfilme sind gewöhnlich recht harmlos für jugendliche Seelen; ihre Porno-Varianten sind weder historical noch period, sondern eben Pornos. Sagen wir, Häubchenfilme sind Western für Mädchen. Für kleine und große. Aller Geschlechter.

Wer genug Häubchenfilme auf Handlungsdichte und Figurenführung durchgeschaut hat, merkt dann schon, welchen Satz nach vorn die Auffassung von Suspense in dieser entscheidenden Generation vollführt hat: Die Austen stickt noch Bildchen auf Sofakissen, die Brontës spulen schon Filme ab. Es kann auch, wenn man an dergleichen glaubt, an der Geographie liegen: Die Austen erzählt über die englische Südküste, wo am Golfstrom die ersten Palmen gedeihen, die Brontës kauzen über die knorrige Gegend an der Grenze zu Schottland herum. Und Dickens, wieder eine Generation später und von der Weltstadt London aus wirksam, konnte dramaturgisch und PR-technisch sowieso alles.

Weiterhin verbindet Jane Austen und die drei literarisch hervorgetretenen Schwestern Brontë, dass sie im derzeitigen deutschen Buchhandel in mehreren qualitativ unterschiedlichen Gesamtausgaben stattfinden. Das reicht von den besten, natürlich wie immer beim Insel-Verlag, der für solche Gestalten ja halboffiziell zuständig ist, bis hin zu Volltextabdrucken in lustigen Eindeutschungsversuchen auf einer Art saugfähigem Küchenpapier — natürlich wie immer bei ganz und gar unnötigen Verlagen, die nur deswegen Verlage sind, weil ein studierter Controller gehört hat, dass man in manchen Weltgegenden für ein Nichts saugfähiges Küchenpapier volldrucken und in Deutschland preisgebunden verkaufen kann. Beider — oder genauer: vierer — Gesamtausgaben sind in schmucken Sammelkästen erhältlich, weil man mit den einbändigen Ausgaben beim Lesen im Bett Gefahr läuft, sich beim Wegdösen das Nasenbein zu brechen.

So eine Schmucksammlung wünsche ich mir endlich aus einer bis drei weiteren Generationen später: von Virginia Woolf, über deren Orlando in der jüngsten Übersetzung von Melanie Walz man ja Wunderdinge hört. Der ist von 1928 im Eigenverlag einer starken Frau erschienen, da wurden die englischen Könige schon fotografiert statt gemalt, die Engländerinnen wurden zu politischen Wahlen zugelassen und die Häubchen fallen nicht mehr als Stigma unterdrückten Heiratsfutters auf; das ist dann vielleicht sogar für die Wölfin zeitgemäß genug. Und verfilmt ist der — wenn schon, dann richtig — mit Tilda Swinton.

Filmtipps: Der eine Häubchenfilm, der wirklich richtig was taugt, ist Sinn und Sinnlichkeit, das ist: Sense and Sensibility nach Jane Austen — und zwar der von 1995, mit Emma Thompson als Hauptrolle und dem völlig berechtigten Oscar fürs adaptierte Drehbuch 1996, Kate Winslet in der anderen Hauptrolle, einem gewohnt doofen, aber gut gelaunten Hugh Grant, dem sowieso immer lohnenden Alan Rickman und ein paar einnehmend grantigen Kurzauftritten von Hugh Laurie in seiner Jungform, als er noch Musiker war und lange nicht ahnte, was als „Dr. House“ mal aus ihm werden könnte.

Nummer 2 bleibt bis auf weiteres die Austen-Verfilmung, die einem seit 2005 immer als erstes einfällt, wenn von Austen-Verfilmungen die Rede ist: Stolz und Vorurteil, das ist: Pride & Prejudice, in dem sich jeder Mensch mit einem Herzen in der Brust endgültig in Keira Knightley verlieben musste, während er noch überlegt hat, was genau die kleinen und großen Mädchen aller Geschlechter seit Jahrhunderten an diesem Miesnickel von Mr. Darcy finden — und wieder mit Drehbuchbeteiligung seitens Emma Thompson (Schlüsselszene mit Keira Knightley barfuß).

Fachliteratur:

Bild: Helena Kelly: Jane Austen, Secret Radical, via Jane Austen Centre, Bath, 5. Juni 2018.

*Auflösung des Filmrätsels: Kate Bush ließ sich von den letzten ungefähr zehn Minuten der Verfilmung von Wuthering Heights von 1970 mit Timothy Dalton zu ihrem gleichnamigen Best- und Longseller hinreißen. Kate Bush im Interview mit Doug Pringle für Profiles in Rock, Dezember 1980, dingfest gemacht in deren eigenen Anmerkungen:

Well that was based around the story Wuthering Heights, which was written by Emily Bronte. And ah, and really what sparked that off was a TV thing I saw as a young child. [Apparently the timothy dalton telefilm of about 1972] I just walked into the room and caught the end of this program. And I am sure one of the reasons it stuck so heavily in my mind was because of the spirit of Cathy, and as a child I was called Cathy. It later changed to Kate. It was just a matter of exaggerating all my bad areas, because she’s a really vile person, she’s just so headstrong and passionate and … crazy, you know? And it was fun to do, and it took — a night and a half?

Diese spezielle Verfilmung handelt „nur“ die ersten 16 Kapitel der Buchvorlage ab, Frau Bushs Inspiration leitet sich also vom Showdown in den Klippen her, der mitnichten das Ende der Romanhandlung darstellt. Was Häubchenfilme angeht, ein eher schroffes Exemplar:

Soundtrack:, weil das oben ewähnte exaltierte Gehampel von Kate Bush — das unbenommen seine eigene Größe hat — erst kürzlich dran war: die dokumentarisch schätzbare — um nicht zu sagen: unschätzbare — „only known surviving recording of Virginia Woolf’s voice“:
Judith Kelly/Anita Gatehouse: Rare Virginia Woolf Singing Video, 6. April 2102:

Und weil’s ganz ohne eben doch nicht geht, nach der dran gewesenen Red Dress Version noch die White Dress Version von Kate Bush: Wuthering Heights, aus: The Kick Inside, 1978 — die sogar als erste Version gilt und auch nicht weniger überdreht daherkommt:

Written by Wolf

26. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Das sanfte Gesetz

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Update zu Zeichenstifter und
Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen:

——— Adalbert Stifter:

Vorrede

Im Herbste 1852, zu: Bunte Steine. Ein Festgeschenk.
Verlag von Gustav Heckenast, Pest. Leipzig, bei Georg Wigand, 1853:

William-Adolphe Bouguereau, L'Art et la Littérature, 1867Weil wir aber schon einmal von dem Großen und Kleinen reden, so will ich meine Ansichten darlegen, die wahrscheinlich von denen vieler anderer Menschen abweichen. Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind. Sie kommen auf einzelnen Stellen vor, und sind die Ergebnisse einseitiger Ursachen. Die Kraft, welche die Milch im Töpfchen der armen Frau empor schwellen und übergehen macht, ist es auch, die die Lava in dem feuerspeienden Berge empor treibt und auf den Flächen der Berge hinab gleiten läßt. Nur augenfälliger sind diese Erscheinungen und reißen den Blick des Unkundigen und Unaufmerksamen mehr an sich, während der Geisteszug des Forschers vorzüglich auf das Ganze und Allgemeine geht und nur in ihm allein Großartigkeit zu erkennen vermag, weil es allein das Welterhaltende ist. Die Einzelheiten gehen vorüber, und ihre Wirkungen sind nach kurzem kaum noch erkennbar. Wir wollen das Gesagte durch ein Beispiel erläutern. Wenn ein Mann durch Jahre hindurch die Magnetnadel, deren eine Spitze immer nach Norden weist, tagtäglich zu festgesetzten Stunden beobachtete und sich die Veränderungen, wie die Nadel bald mehr bald weniger klar nach Norden zeigt, in einem Buche aufschriebe, so würde gewiß ein Unkundiger dieses Beginnen für ein kleines und für Spielerei ansehen; aber wie ehrfurchterregend wird dieses Kleine und wie begeisterungerweckend diese Spielerei, wenn wir nun erfahren, daß diese Beobachtungen wirklich auf dem ganzen Erdboden angestellt werden, und daß aus den daraus zusammengestellten Tafeln ersichtlich wird, daß manche kleine Veränderungen an der Magnetnadel oft auf allen Punkten der Erde gleichzeitig und in gleichem Maße vor sich gehen, daß also ein magnetisches Gewitter über die ganze Erde geht, daß die ganze Erdoberfläche gleichzeitig gleichsam ein magnetisches Schauern empfindet. Wenn wir, so wie wir für das Licht die Augen haben, auch für die Elektrizität und den aus ihr kommenden Magnetismus ein Sinneswerkzeug hätten, welche große Welt, welche Fülle von unermeßlichen Erscheinungen würde uns da aufgetan sein. Wenn wir aber auch dieses leibliche Auge nicht haben, so haben wir dafür das geistige der Wissenschaft, und diese lehrt uns, daß die elektrische und magnetische Kraft auf einem ungeheuren Schauplatze wirke, daß sie auf der ganzen Erde und durch den ganzen Himmel verbreitet sei, daß sie alles umfließe und sanft und unablässig verändernd, bildend und lebenerzeugend sich darstelle. Der Blitz ist nur ein ganz kleines Merkmal dieser Kraft, sie selber aber ist ein Großes in der Natur. Weil aber die Wissenschaft nur Körnchen nach Körnchen erringt, nur Beobachtung nach Beobachtung macht, nur aus Einzelnem das Allgemeine zusammen trägt, und weil endlich die Menge der Erscheinungen und das Feld des Gegebenen unendlich groß ist, Gott also die Freude und die Glückseligkeit des Forschens unversieglich gemacht hat, wir auch in unseren Werkstätten immer nur das Einzelne darstellen können, nie das Allgemeine, denn dies wäre die Schöpfung: so ist auch die Geschichte des in der Natur Großen in einer immerwährenden Umwandlung der Ansichten über dieses Große bestanden. Da die Menschen in der Kindheit waren, ihr geistiges Auge von der Wissenschaft noch nicht berührt war, wurden sie von dem Nahestehenden und Auffälligen ergriffen und zu Furcht und Bewunderung hingerissen; aber als ihr Sinn geöffnet wurde, da der Blick sich auf den Zusammenhang zu richten begann, so sanken die einzelnen Erscheinungen immer tiefer, und es erhob sich das Gesetz immer höher, die Wunderbarkeiten hörten auf, das Wunder nahm zu.

William-Adolphe Bouguereau, Frère et sœur, 1887So wie es in der äußeren Natur ist, so ist es auch in der inneren, in der des menschlichen Geschlechtes. Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesgemäßheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem heiteren, gelassenen Sterben, halte ich für groß: mächtige Bewegungen des Gemütes, furchtbar einherrollenden Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört, und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, sondern für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind, wie Stürme, feuerspeiende Berge, Erdbeben. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird. Es gibt Kräfte, die nach dem Bestehen des Einzelnen zielen. Sie nehmen alles und verwenden es, was zum Bestehen und zum Entwickeln desselben notwendig ist. Sie sichern den Bestand des Einen und dadurch den aller. Wenn aber jemand jedes Ding unbedingt an sich reißt, was sein Wesen braucht, wenn er die Bedingungen des Daseins eines anderen zerstört, so ergrimmt etwas Höheres in uns, wir helfen dem Schwachen und Unterdrückten, wir stellen den Stand wieder her, daß er ein Mensch neben dem andern bestehe und seine menschliche Bahn gehen könne, und wenn wir das getan haben, so fühlen wir uns befriedigt, wir fühlen uns noch viel höher und inniger, als wir uns als Einzelne fühlen, wir fühlen uns als ganze Menschheit. Es gibt daher Kräfte, die nach dem Bestehen der gesamten Menschheit hinwirken, die durch die Einzelkräfte nicht beschränkt werden dürfen, ja im Gegenteile beschränkend auf sie selber einwirken. Es ist das Gesetz dieser Kräfte, das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen ist. Dieses Gesetz liegt überall, wo Menschen neben Menschen wohnen, und es zeigt sich, wenn Menschen gegen Menschen wirken. Es liegt in der Liebe der Ehegatten zu einander, in der Liebe der Eltern zu den Kindern, der Kinder zu den Eltern, in der Liebe der Geschwister, der Freunde zu einander, in der süßen Neigung beider Geschlechter, in der Arbeitsamkeit, wodurch wir erhalten werden, in der Tätigkeit, wodurch man für seinen Kreis, für die Ferne, für die Menschheit wirkt, und endlich in der Ordnung und Gestalt, womit ganze Gesellschaften und Staaten ihr Dasein umgeben und zum Abschlusse bringen. Darum haben alte und neue Dichter vielfach diese Gegenstände benützt, um ihre Dichtungen dem Mitgefühle naher und ferner Geschlechter anheim zu geben. Darum sieht der Menschenforscher, wohin er seinen Fuß setzt, überall nur dieses Gesetz allein, weil es das einzige Allgemeine, das einzige Erhaltende und nie Endende ist. Er sieht es eben so gut in der niedersten Hütte wie in dem höchsten Palaste, er sieht es in der Hingabe eines armen Weibes und in der ruhigen Todesverachtung des Helden für das Vaterland und die Menschheit. Es hat Bewegungen in dem menschlichen Geschlechte gegeben, wodurch den Gemütern eine Richtung nach einem Ziele hin eingeprägt worden ist, wodurch ganze Zeiträume auf die Dauer eine andere Gestalt gewonnen haben. Wenn in diesen Bewegungen das Gesetz der Gerechtigkeit und Sitte erkennbar ist, wenn sie von demselben eingeleitet und fortgeführt worden sind, so fühlen wir uns in der ganzen Menschheit erhoben, wir fühlen uns menschlich verallgemeinert, wir empfinden das Erhabene, wie es sich überall in die Seele senkt, wo durch unmeßbar große Kräfte in der Zeit oder im Raume auf ein gestaltvolles, vernunftgemäßes Ganzes zusammen gewirkt wird. Wenn aber in diesen Bewegungen das Gesetz des Rechtes und der Sitte nicht ersichtlich ist, wenn sie nach einseitigen und selbstsüchtigen Zwecken ringen, dann wendet sich der Menschenforscher, wie gewaltig und furchtbar sie auch sein mögen, mit Ekel von ihnen ab, und betrachtet sie als ein Kleines, als ein des Menschen Unwürdiges. So groß ist die Gewalt dieses Rechts- und Sittengesetzes, daß es überall, wo es immer bekämpft worden ist, doch endlich allezeit siegreich und herrlich aus dem Kampfe hervorgegangen ist. Ja wenn sogar der einzelne oder ganze Geschlechter für Recht und Sitte untergegangen sind, so fühlen wir sie nicht als besiegt, wir fühlen sie als triumphierend, in unser Mitleid mischt sich ein Jauchzen und Entzücken, weil das Ganze höher steht als der Teil, weil das Gute größer ist als der Tod, wir sagen da, wir empfinden das Tragische, und werden mit Schauern in den reineren Äther des Sittengesetzes emporgehoben. Wenn wir die Menschheit in der Geschichte wie einen ruhigen Silberstrom einem großen, ewigen Ziele entgegen gehen sehen, so empfinden wir das Erhabene, das vorzugsweise Epische. Aber wie gewaltig und in großen Zügen auch das Tragische und Epische wirken, wie ausgezeichnete Hebel sie auch in der Kunst sind, so sind es hauptsächlich doch immer die gewöhnlichen, alltäglichen, in Unzahl wiederkehrenden Handlungen der Menschen, in denen dieses Gesetz am sichersten als Schwerpunkt liegt, weil diese Handlungen die dauernden, die gründenden sind, gleichsam die Millionen Wurzelfasern des Baumes des Lebens. So wie in der Natur die allgemeinen Gesetze still und unaufhörlich wirken, und das Auffällige nur eine einzelne Äußerung dieser Gesetze ist, so wirkt das Sittengesetz still und seelenbelebend durch den unendlichen Verkehr der Menschen mit Menschen, und die Wunder des Augenblickes bei vorgefallenen Taten sind nur kleine Merkmale dieser allgemeinen Kraft. So ist dieses Gesetz, so wie das der Natur das welterhaltende ist, das menschenerhaltende.

William-Adolphe Bouguereau, Idylle Enfantine, 1900

Bilder: William-Adolphe Bouguereau: L’Art et la Littérature, 1867, Arnot Art Museum, Elmira, New York State;
Frère et sœur, 1887;
Idylle Enfantine, 1900, Denver Art Museum, Colorado.

Soundtrack: Mozart, Stifters favorisierter Tonsetzer: Sinfonia concertante für Violine und Viola Es-Dur, KV 364, mit Vilde Frang und Nils Mönkemeyer an Solo-Violine und -Bratsche — weil die Nordmanntanne Vilde Frang, dieser grundmädchenhafte boreale Jeanstyp junonischer Statur, zu den paar Star-Geigerinnen zählt, mit denen man sich mal einen Kneipenabend lang abgeben möchte. Falls sie mitzieht.

Written by Wolf

17. August 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Weisheit & Sophisterei

Wenn der Wind aus allen vier Ecken bläst

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Update zu Einnorden:

Lucia Znamirowski, Compass Rose, 29. Mai 2015Anfang 1819 lieferte E. T. A. Hoffmann für den Freimüthigen eine etwas willkürlich zusammengewürfelte Sammlung von „Notizen, Anekdoten, Beobachtungen, Lesefrüchten“ (Hartmut Steinicke im Kommentar zu seiner Hoffmann-Ausgabe), die aber wie nicht anders von ihm gewohnt immer noch erfrischende geistige Klimmzüge vorstellen.

Die sehr tragfähige bildliche Vorstellung geistiger Inhalte auf einer Windrose soll laut demselben Kommentar schon bei Georg Christoph Lichtenberg vorkommen, in seinen Vermischten Schriften I von 1800. Es ist mir nicht gelungen, weder mit den Suchbegriffen „Windrose“ noch „Kompass“, und zwar weder online noch in meiner sechsbändigen Lichtenberg-Ausgabe von Zweitausendeins noch meiner kleinen knuffigen Sudelbücher-Auswahl bei Manesse, das nachzuweisen.

Aufruf: Wer mir sagen kann, wo bei Lichtenberg eine ähnliche Vorstellung wie die folgende von Hoffmann vorkommt, gewinnt ein Buch von mir. Ein schönes, versprochen. Die Kommentarfunktion ist offen.

Am zweitschwersten war es, das zeitlich und örtlich verstreut wahrgenommene Bildmaterial an einen Ort zu versammeln. Schon leichter ist es herauszufinden, wer wesen Modell war: Die Photographie ist von 2014, die Zeichnung von 2015. Am drittschwersten war es, sich mal so hinzusetzen.

Eine „französische Vorlage“ egal was für eines Barons hat es nie gegeben, die Bemerkungen sind Hoffmanns eigene und sollen wohl durch Berufung auf einen behaupteten Adligen an Seriosität gewinnen. Außerdem liegt Geist aus meiner Sicht keine ganze Windrichtung von Verstand entfernt, und schon gar nicht entgegengesetzt zu Humor. Scheint was Zeittypisches zu sein.

——— E. T. A. Hoffmann:

Flüchtige Bemerkungen und Gedanken über mancherlei Gegenstände.

(Nach dem Französischen des Barons von L*****).

aus: Der Freimüthige für Deutschland. Zeitblatt der Belehrung und Aufheiterung, Erster Jahrgang, Erster Band, Januar bis Juni, Berlin 1819:

The Colby Files, Tangled, 31. März 2014Für die verschiedenen Richtungen, die Dichter nach dem Uebergewicht dieser, jener ihnen innewohnenden Kraft nehmen, ließe sich eine förmliche Windrose auf Seemannsmanier denken. Die beiden entgegengesetzten Pole, Nord und Süd, bilden Verstand und Phantasie, West und Ost, Humor und Geist. Die Abweichungen liegen nun dazwischen. Z. B. wenn es auf der Schiffrose heißt: Nord West, Nord West Nord, Nord West West , so heißt es hier, Verstand Humor, Verstand Humor Verstand, Verstand Humor Humor etc. — Das Schlimmste für die Seefahrer möchte bei den Dichtern das Beste seyn, wenn nämlich der Wind aus allen vier Ecken bläst. — Uebrigens ist die Windrose nur brauchbar bei Dichtern, die wirklich auf heller blanker See segeln und ihre anmuthigen Lieder ertönen lassen. Wer mag die Richtungen bestimmen, in denen die Frösche im Sumpf quackend hin und her hüpfen.

Verstand, Phantasie, Humor, Geist:
The Colby Files: Tangled, 31. März 2014
versus Lucia Znamirowski: Compass Rose,
29. Mai 2015.

Die Stücke der Windrose für Salonorchester: Mauricio Kagel, 1988 bis 1994,
Osten vom Ansamblul Proculs, 20. März 2011 (Richtung Verstand Geist Verstand):

Anmuthiges Lied aus Verstand Humor Humor: Stuart McGregor: (The west winds blow to) Coshieville,
von Nick Keir von den McCalmans, um 1985:

Written by Wolf

3. August 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Der poetische Act

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——— H. C. Artmann:

Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes

Gründungsmanifest der Wiener Gruppe, April 1953:

Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben.

Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen. Die alogische Geste selbst kann, derart ausgeführt, zu einem Act von ausgezeichneter Schönheit, ja zum Gedicht erhoben werden. Schönheit allerdings ist ein Begriff, welcher sich hier in einem sehr geweiteten Spielraum bewegen darf.

  1. Der poetische Act ist jene Dichtung, die jede Wiedergabe aus zweiter Hand ablehnt, das heißt, jede Vermittlung durch Sprache, Musik oder Schrift.
  2. Der poetische Act ist Dichtung um der reinen Dichtung willen. Er ist reine Dichtung und frei von aller Ambition nach Anerkennung, Lob oder Kritik.
  3. Ein poetischer Act wird vielleicht nur durch Zufall der Öffentlichkeit überliefert werden. Das jedoch ist in hundert Fällen ein einziges Mal. Er darf aus Rücksicht auf seine Schönheit und Lauterkeit erst gar nicht in der Absicht geschehen, publik zu werden, denn er ist ein Act des Herzens und der heidnischen Bescheidenheit.
  4. Der poetische Act wird starkbewußt extemporiert und ist alles andere als eine bloße poetische Situation, die keineswegs des Dichters bedürfte. In eine solche könnte jeder Trottel geraten, ohne es aber jemals gewahr zu werden.
  5. Der poetische Act ist die Pose in ihrer edelsten Form, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut.
  6. Zu den verehrungswürdigsten Meistern des poetischen Actes zählen wir in erster Linie den satanistisch-elegischen C. D. Nero und vor allem unseren Herrn, den philosophisch-menschlichen Don Quijote.
  7. Der poetische Act ist materiell vollkommen wertlos und birgt deshalb von vornherein nie den Bazillus der Prostitution. Seine lautere Vollbringung ist schlechthin edel.
  8. Der vollzogene poetische Act, in unserer Erinnerung aufgezeichnet, ist einer der wenigen Reichtümer, die wir tatsächlich unentreißbar mit uns tragen können.

Young woman in Cafe Hawelka in Vienna, Photograph, Around 1956, Getty Images

Bild: Junge Frau im Café Hawelka in Wien, Photographie um 1956 via Getty Images.

Soundtrack: Anton Karas: The Third Man. Closing Theme, 1949:

Written by Wolf

6. Juli 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Weisheit & Sophisterei

Flucht aus der gebornen Ruine

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Update zu Über den Kirchplatz mit Lancelot: Die namenlosen Religionen zu Coburg
und Wunder im Gehirn. Vier Bier und ein Buch de cerevisiis:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Verschollene Bücher gibt’s fast so viele wie Bücher, die überhaupt nicht geschrieben wurden. Dergleichen zu rekonstruieren, bleibt naturgemäß meistens Spekulation. Wie ich das überblicke, sammeln Englischsprachige viel fleißiger ihre Bücher, die es gar nicht gibt; jedenfalls ist die Wikipedia-Liste mit Lost works ein Vielfaches länger als die mit verschollenen Büchern. Im Idealfall läuft es wie bei Isle of the Cross von Herman Melville, das lange vor 2007 schon einmal von von dem engagierten Laien Stephen Scott Norsworthy in seinen Melvilliana als Umarbeitung zu Norfolk Isle and the Chola Widow, der Sketch Eighth aus The Encantadas verortet wurde: A Note on „Isle of the Cross“. Am 28. April 2018 bleibt Allison McNearney mit Bezug auf die Melville-Biographie von Hershel Parker, immerhin schon von 2012, in ihrer Verwunderung stecken, aber das immerhin dem breiten interessierten Publikum des Daily Beast gegenüber: Whatever Happened to the Book Herman Melville Wrote After ‚Moby-Dick‘? Von der Library of the Dreaming aus den Sandman-Comics — „a collection of every book that has ever been imagined–even if that book was never published or even written“, der mein Alter Ego Lucien vorsteht — fangen wir vorsichtshalber an dieser Stelle nicht an, sonst sind wir bis auf weiteres beschäftigt.

Frank Piontek, Literaturportal BayernDas Bewusstsein für verschollene Werke der Deutschsprachigen, die offenbar nicht vermissen, was sie sowieso nicht haben, beschränkt sich meist auf die gleich zwei Brände der Bibliothek von Alexandria, von denen keiner stattgefunden hat, und das halbherzige Bedauern darüber, dass hin und wieder ein umnachteter Schreiberling — wahrscheinlich aus Gründen — seine Tagebücher verbrennt; nur dass Adolf Hitler von seinem Plan zu einer Oper „Dietrich von Bern“ Wagnerianischen Stils, die wohl nicht flächendeckend herbeigeseht wird und in den unteren Schichten von Luciens Beständen im Dreaming schlummern müsste, dann doch noch abgerückt ist, mag rein vom Hitlerschen Zeitbudget her ein Unglück für die ganze Welt bedeuten.

Umso erfreulicher ist es, von einem still vor sich hin glimmenden Gelehrtenstreit darüber zu hören, dass die zwei ersten Bücher von Jean Paul — Die unsichtbare Loge bei Karl Matzdorff, Berlin 1793 und Hesperus oder 54 Hundposttage, wieder bei Karl Matzdorff, Berlin 1795, erweitert 1798, 3. Auflage 1819 — möglicherweise ein und dasselbe Buch sind.

Nun ist Jean Paul die unsichtbare Loge, ein ursprünglich dreibändig geplantes, heute etwa 500-seitiges Fragment, für das er noch bis zur letzten Auflage zu eigenen Lebzeiten 1825 den dritten Band als Abschluss ankündigte, nicht unversehens aus der Schreibtischplatte gewachsen; die notdürftig angeklebte Dreingabe des Schulmeisterlein Wutz zählt nicht. Vielmehr war der seinerzeit Dreißgjährige mit zwei Satirensammlungen Auswahl aus des Teufels Papieren von 1789 und Grönländische Prozesse von 1793 f. schon ein veröffentlichter Autor (und mit der Briefromanschnulze Abelard und Heloise von 1781 ein unveröffentlichter). Die Zählung der unsichtbaren Loge als Erstling hat sich spätestens seit 1959 verfestigt, will sagen: seit der nächst der historisch-kritischen ab 1927 größten und besten realistisch erreichbaren Gesamtausgabe von Norbert Miller und Walter Höllerer bei Hanser, weil die alles vor der unsichtbaren Loge zwar chronologisch, aber erst in einer zweiten Abteilung „Jugendwerke“ ab dem 7. Band bringt. Man kann das als willkürlich bemängeln oder gleich mir im Gebrauch der Zusammenstellungen recht handlich finden.

Gleich mit derselben Hanser-Ausgabe hat Walter Höllerer in seinem Nachwort zu Band 1, der die unsichtbare Loge und den Hesperus versammelt, den Gelehrtenstreit angezettelt. Zitiert wird Norbert Miller (Hrsg.): Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung. Mumien. in: Jean Paul: Sämtliche Werke. Abteilung I. Erster Band, Seite 7–469. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Lizenzausgabe 2000, Copyright Carl Hanser München Wien 1960, 5., korrigierte Auflage 1989, 1359 Seiten, mit einem Nachwort von Walter Höllerer (Seite 1313–1338), darin der Anfang Abschnitt II, Seite 1319:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Den Roman ‚Die unsichtbare Loge‘ bezeichnet Jean Paul 1825 in seiner „Entschuldigung bei den Lesern der sämtlichen Werke in Beziehung auf die unsichtbare Loge“ als eine „geborne Ruine“. In seiner Vorrede zur zweiten Auflage, 1821, versprach Jean Paul noch eine Beendigung des Fragments: Der Titel „soll etwas aussprechen, was sich auf eine verborgene Gesellschaft bezieht, die aber freilich so lange im Verborgenen bleibt, bis ich den dritten oder Schlußband an den Tag oder in die Welt bringe“. — Aus dieser versprochenen Fortsetzung wird nichts, und das das ist verständlich. Jean Paul brach seinen ersten Roman ab, um ihn, mit ähnlichem Vorwurf, aber mit neuen Aufbauplänen, mit schärferen Umrissen für die höfische Welt und die revolutionären Tendenzen und mit verbesserten stilistischen Mitteln noch einmal zu schreiben: in der Gestalt des ‚Hesperus‘! Ob er sich selber über diesen in der Literaturgeschichte einmaligen Vorgang ganz klar war, bleibt dahingestellt. Jedenfalls bewegten ihn Überlegungen in ähnlicher Richtung, als er in einem Begleitbrief zur ersten Niederschrift der ‚Unsichtbaren Loge‘ an Otto schreibt: „Übrigens ist dieses Pak ein corpus vile, an dem ich das Romanenmachen lernte; ich habe jetzt etwas besseres im Kopfe!“

Das geschieht merklich so beiläufig, dass es ein Versehen sein kann, zumal Höllerer mit Absicht wohl nicht ausgerechnet in einer abschließend gemeinten Gesamtausgabe einen Gelehrtenstreit aufgebracht hätte. Die gar nicht genug zu lobende Jean-Paul-Biographie von Günter de Bruyn Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter ist zuerst 1975 erschienen — zu Halle an der Saale, also DDR-Ware. Zumindest in der Überarbeitung für Fischer ab 1991 stützt sich de Bruyn außer auf die historisch-kritische auch auf die Hanser-Ausgabe, kennt also sehr wahrscheinlich Höllerers Nachwort. Falls nicht, kommt er jedenfalls auf die gleiche Idee, um sie höchst einfühlsam auszubreiten — nachstehend zitiert mit dem Eingriff noch einmal abgesetzter Primärzitate:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

——— Günter de Bruyn:

17. Revolution und Schlafmütze

aus: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Eine Biographie,
Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale, 1975,
Fischer Taschenbuch Verlag, 1991, 7. Auflage Dezember 2011, Seite 117 bis 119:

Auch das Fragmentarische des Romans scheint programmatisch. Sechs Romane wird er in seinem Leben schreiben, drei davon werden unvollendet bleiben. Als vom ersten, kurz vor Jean Pauls Tod, eine zweite Auflage gemacht wird, entschuldigt er sich beim Leser für diese „geborene Ruine“ mit Argumenten, die nur jemandem einfallen können, der ganz auf Realismus und Gegenwart eingeschworen ist und dem die Fabeln seiner Romane wenig bedeuten:

Wenn man nun fragt, warum ein Werk nicht vollendet worden, so ist es noch gut, wenn man nun nicht fragt, warum es angefangen. Welches Leben in der Welt sehen wir denn nicht unterbrochen? Und wenn wir uns beklagen, daß ein unvollendet gebliebener Roman uns gar nicht berichtet, was aus Kunzens zweiter Liebschaft und Elsens Verzweiflung darüber geworden, und wie sich Hans aus den Klauen des Landrichters und Faust aus den Klauen des Mephistopheles gerettet hat — so tröste man sich damit, daß der Mensch rundherum in seiner Gegenwart nichts sieht als Knoten, — und erst hinter seinem Grabe liegen die Auflösungen; — und die Weltgeschichte ist ihm ein unvollendeter Roman.

Nun sind bekanntlich Literatutheorien von Literaten meist nichts als Versuche, das, was man kann, als das auszugeben, was man will, und insofern vom Biographen zwar ernst, aber nicht als Wahrheit zu nehmen, was für die „Unsichtbare Loge“ bedeutet: Sie bleibt nicht unvollendet, weil Leben und Weltgeschichte es bleiben, sondern weil der Autor aus seinem ersten Roman in den zweiten, ähnlichen, flieht. Vielleicht kann er die Unzahl der Fäden, an die er die Lebensgeschichte seines Helden knüpfte, selbst nicht mehr entwirren, vielleicht erkennt er, daß die geplante Weiterführung seine Kräfte übersteigt. Gustav, der Hauptheld, sitzt im Gefängnis; er ist der Mitgliedschaft in der geheimnisvollen Loge angeklagt, von der der Leser nicht viel weiß. Durch die Welt, die Jean Paul kennt (die des kleinformatigen Fürstentums) und ein wenig darüber hinaus (die des Hofes), hat er den Leser geführt; die Erlebnisse, die er hatte (Freundschaft, die mit Tod endet, Liebe, Eifersucht, Unterdrückung, Unrecht, Naturschwärmerei), hat er ihn nacherleben lassen — jetzt merkt der Autor, wie er es besser machen kann. Statt eines schlechten Schlusses gibt er keinen, aber er gibt nicht auf: Er beginnt von vorn, versucht es noch einmal.

Im Februar 1792 schickt er, aus Schwarzenbach, dem Freund Christian Otto in Hof das Manuskript:

Endlich ist nach einem Jahr die konvulsivische Geburtszeit meines Romans vorbei … Wie ein Vieh hab ich dies Woche geschrieben — der Appetit ist längst fort, — je näher man dem Ende kömmt, desto krampfhafter schreibt man.

Kein Wort darüber, daß das Ende keins ist, daß Gustav ewig im Gefängnis schmachten muß. Statt dessen, im gleichen Brief, die Bemerkung, daß er an diesem Buch

das Romanmachen lernte: ich habe jetzt etwas bessers im Kopfe.

Den „Hesperus“ nämlich, der einen Schluß haben wird, wenn auch einen wie in Hast hingeschriebenen.

Aber da hat er schon zum drittenmal ausgeholt, noch weiter, noch größer und großartiger, zum „Titan„, und diesmal gelingt es.

Das Beste an diesem Erkenntnisgewinn ist die beruhigende Einsicht, dass man sich fortan nicht weiter zu genieren braucht, wenn man sich im Gang der Handlung der unsichtbaren Loge verheddert, um erst ganze Stunden lang immer wieder nur den einen Absatz zu lesen, ohne ein Wort zu verstehen, und dann gedemütigt das Buch „zu den anderen“ zu legen: Wenn selbst der eine, der es geschrieben hat, noch nach mehreren hundert Seiten entsetzt vor all der Wirrsal flieht, kann das keine Schande sein.

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Bilder: Stechbahn und Zimmerstraße in Berlin via Frank Piontek: Letzter Anhang. Schluss des Schlusses: Matzdorff oder Der Verleger, Literaturportal Bayern, 22. Dezember 2004;
Buch & Bier via derselbe: Heimstätten. Joditziana IV, Literaturportal Bayern, 26. Juni 2013.

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Soundtrack sei am Ende einer nicht mehr als zweigliedrigen Assoziationskette das Video, das zweimal gedreht werden musste: einmal 1998 von Anton Corbijn, einmal 1999 von James & Alex — das eine Mal nichtssagender als das andere, aber das Lied selbst muss ein Engel versprüht haben; deshalb hier mit dem dritten und inoffiziellen, aber einzigen Video, das etwas taugt: einer Fan-Arbeit, 2009 von Harriet Bennett im Stil von Watership Down:
Mercury Rev: Goddess on a Hiway aus: Deserter’s Songs, 1998:

Written by Wolf

1. Juni 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Pflanzenähnlichkeit der Weiber: Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel

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Update zu Ach! wie ists erhebend sich zu freuen
und Busenalmanach:

Im kollektiven Bewusstsein lebt Novalis als Erfinder der Blauen Blume fort und als Jurist, der nichts mit Zahlen und Figuren anfangen konnte, also mit seinem von Franz Gareis verewigten 27-jährigen Jünglingsgesicht eher harmlos.

Stutzig hätte man längst werden müssen, noch bevor er leichtfertig als Erfinder der Romantik ausgerufen wurde. Das, was Romantik vor dem zielführenden Ambiente aus Teelichtern auf dem Badewannenrand, höhenlastiger Geigenmusik und „was Leckeres kochen“ heißen sollte, hat nicht Novalis definiert, sondern Fichte, Hegel, Kant und Schelling. Novalis wollte — ich vereinfache stark — den Idealismus handlicher und konkreter haben:

Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts, als eine qualitative Potenzierung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzenreihe sind. Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es – Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche – dies wird durch diese Verknüpfung logarithmisiert – es bekommt einen geläufigen Ausdruck. Romantische Philosophie. Lingua romana. Wechselerhöhung und Erniedrigung.

Fragmente und Studien 1797/1798.

Romantik also nicht als philosophische Richtung, sondern als erstrebenswerte „Operation“ der Universalpoesie, Grenzüberschreitung und Bewusstseinserweiterung. Nun sind rote Rosen keine blauen Blumen, ebensowenig wie die erwähnten Teelichter, Klassik-Playlists und Tiefkühlpizzen, und der Frühromantiker Novalis hätte mithin nichts daran erfunden, sondern allenfalls frühzeitig missbraucht. In den so unverständlich wie möglich gehaltenen Hymnen an die Nacht gab er vollends den Tod als das eigentlich „romantisierende Prinzip des Lebens“ aus — handlich und konkret: den Tod seiner ersten Verlobten, siehe unten. Und dann das:

——— Novalis:

Allgemeines Brouillon

Materialien zur Enzyklopädistik, 1798/99:

NaturLehre. Je lebhafter das zu Fressende widersteht, desto lebhafter wird die Flamme des Genußmoments seyn. Anwendung aufs Oxigène. /Nothzucht ist der stärkste Genuß./ Das Weib ist unser Oxigène –./

Elihu Vedder, Soul in Bondage, via Lou Margi, 30. März 2017Religionsgeschichte. Vorstellung der Gottheit, als eines Verzehrenden und befruchtenden Wesens. Guyon. Nonnen. Bey Mönchen hat Onanie und Paederastie daraus entstehen müssen.

Physik. Das Leben der Pflanzen ist gegen das Leben der Thiere gehalten – ein unaufhörliches Empfangen und Gebären – und lezteres gegen dieses – ein unaufhörliches Essen und Befruchten.

Wie das Weib das höchste sichtbare Nahrungsmittel ist, das den Übergang vom Körper zur Seele macht – So sind auch die Geschlechtstheile die höchsten, äußern Organe, die den Übergang von sichtbaren und unsichtbaren Organen machen.

Der Blick – (die Rede) – die Händeberührungder Kußdie Busenberührungder Grif an die Geschlechtstheile – der Act der Umarmung – dis sind die Staffeln der Leiter – auf der die Seele heruntersteigt – dieser entgegengesezt ist eine Leiter – auf der der Körper heraufsteigt – bis zur Umarmung. WitterungBeschnüffelungAct. Vorbereitung der Seele und des Körpers zur Erwachung des Geschlechtstriebes.

Seele und Körper berühren sich im Act. – chemisch – oder galvanisch – oder electrisch – oder feurig – Die Seele ißt den Körper (und verdaut ihn?) instantant – der Körper empfängt die Seele – (und gebiert sie?) instantant.

MenschenLehre. Ein Mensch kann alles dadurch adeln (seiner würdig machen), daß er es will.

MenschenLehre. Ewige Jungfrau ist nichts, als ewiges, weibliches Kind. Was entspricht der Jungfrau bey uns Männern. Ein Mädchen, die nicht mehr wahrhaftes Kind ist, ist nicht mehr Jungfrau. (Nicht alle Kinder sind Kinder).

Weiter chronologisch nach Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs in 3 Bänden, alles aus dem 2. Band mit dem philosophisch-theoretischen Werk, hg. Hans-Joachim Mähl und Richard Samuel:

Im Manne ist Vernunft, im Weibe Gefühl /beydes positiv/ das Tonangebende. Die Moralität des Weibes ist im Gefühl — wie die des Mannes, in der Vernunft gegründet.

Über die verschiedene Art der Unterhaltungen beyder Geschlechter.

/Der Mann darf das Sinnliche in vernünftiger Form, die Frau das Vernünftige in sinnlicher Form begehren./

Das Beywesen des Mannes ist das Hauptwesen der Frau.

Fichte-Studien, 6. Handschriftengruppe, 1796.

Träume der Zukunft — ist ein tausendjähriges Reich möglich — werden einst alle Laster exuliren? Wenn die Erziehung zur Vernunft vollendet seyn wird.

Fichte-Studien, 6. Handschriftengruppe, 1796.

Lilith in Rope, DomWithLens, Cosmic Tie, 20. Januar 2016Jede gebildete Frau und jede sorgfältige Mutter sollte das Bild der Königin, in ihrem oder ihrer Töchter Wohnzimmer haben. Welche schöne kräftige Erinnerung an das Urbild, das jede zu erreichen sich vorgesetzt hätte. Ähnlichkeit mit der Königin würde der Karakterzug der Neupreußischen Frauen, ihr Nationalzug. Ein liebenswürdiges Wesen unter tausendfachen Gestalten. Mit jeder Trauung ließe sich leicht eine bedeutungsvolle Huldigungszeremonie der Königin einführen; und so sollte man mit dem König und der Königin das gewöhnliche Leben veredeln, wie sonst die Alten es mit ihren Göttern thaten. Dort entstand ächte Religiosität durch diese unaufhörliche Mischung der Götterwelt in das Leben. So könnte hier durch diese beständige Verwebung des königlichen Paars in das häusliche und öffentliche Leben, ächter Patriotism entstehen.

Glauben und Liebe, 1798.

Es ist mit dem Volke, wie mit den Weibern. Es hat für alles Leidenschaft, was seine Aufmercksamkeit an sich zieht. Es sucht in diesem Gegenstande alles, denn es fühlt durch denselben sein unendliches Wesen in dunckler Ahndung. Je schwächer der Mensch, desto mächtiger, ahndungsvoller und Behaglicher dünckt ihm ein leidenschaftlicher Zustand. Es ist ihm genug, daß er geweckt und gerührt wird – was ihn weckt und rührt ist ihm einerley – er ist noch nicht gebildet genug um irgend eine Wahl zu treffen und die erregenden Gegenstände zu ordnen und zu unterscheiden, oder gar manchen seine Aufmercksamkeit und Theilnahme zu versagen.

Vorarbeiten, 1798.

Sollte nicht für die Superioritaet der Frauen der Umstand sprechen, daß die Extreme ihrer Bildung viel frappanter sind, als die Unsrigen. Der verworfenste Kerl ist vom trefflichsten Mann nicht so verschieden, als das elende Weibsstück von einer edlen Frau. Nicht auch der, daß man sehr viel Gutes über die Männer, aber noch nichts Gutes über die Weiber gesagt findet.

Haben sie nicht die Aehnlichkeit mit dem Unendlichen, daß sie sich nicht quadriren, sondern nur durch Annäherung finden lassen? Und mit dem Höchsten, daß sie uns absolut nah sind, und doch immer gesucht — daß sie absolut verständlich sind und doch nicht verstanden, daß sie absolut unentbehrlich und doch meistens entbehrt werden, und mit höhern Wesen, daß sie so kindlich, so gewöhnlich, so müßig und so spielend erscheinen?

Auch ihre größere Hülflosigkeit erhebt sie über uns, so wie ihre größere Selbstbehülflichkeit — ihr größeres Sklaven- und ihr größeres Despotentalent — und so sind sie durchaus über uns und unter uns und dabey doch zusammenhängender und unteilbarer, als wir.

Würden wir sie auch lieben, wenn dies nicht so wäre. Mit den Frauen ist die Liebe, und mit der Liebe die Frauen entstanden — und darum versteht man keins ohne das Andre. Wer die Frauen ohne Liebe, und die Liebe ohne Frauen finden will, dem gehts, wie den Philosophen, die den Trieb ohne das Object, und das Object ohne den Trieb betrachteten — und nicht beyde im Begriff der Action zugleich sahen.

Vorarbeiten: Teplitzer Fragmente, 1798.

Die Holzkohle und Der Diamant sind Ein Stoff — und doch wie verschieden — Sollte es nicht mit Mann und Weib derselbe Fall seyn. Wir sind Thonerde — und die Frauen sind Weltaugen und Sapphyre die ebenfalls aus Thonerde bestehn.

Vorarbeiten: Teplitzer Fragmente, 1798.

Pflanzenaehnlichkeit der Weiber. Dichtungen auf diese Idee. (Blumen sind Gefäße)

Chemische, Organische und Physiologische Natur der Schönheit eines Körpers.

Fantasien, wie mein Mährchen, über die wunderlichsten Gegenstände.

(Menschenlehre.) Die Frauen haben eigentlich einen entschiednen Sinn für das Äußre: es sind geborne Oryktognosten.

Über die Sphäre der Frauen: die Kinderstube – die Küche – der Garten – der Keller – das Speisegewölbe – die Schlafkammer – die Wohnstube – das Gastzimmer – der Boden oder die Rumpelkammer.

Fragmente und Studien 1799/1800.

Es gibt nur Einen Tempel in der Welt und das ist der menschliche Körper. Nichts ist heiliger, als diese hohe Gestalt. Das Bücken vor Menschen ist eine Huldigung dieser Offenbarung im Fleisch.

(Göttliche Verehrung des Lingam, des Busens — der Stauen.) Man berührt den Himmel, wenn man einen Menschenleib betastet.

Über die Tötung krüppelhafter, alter und kranker Menschen.

Fragmente und Studien 1799/1800.

Der Schleier ist für die Jungfrau, was der Geist für den Leib ist, ihr unentbehrliches Organ dessen Falten die Buchstaben ihrer süßen Verkündigung sind; das unendliche Faltenspiel ist eine Chiffern-Musik, denn die Sprache ist der Jungfrau zu hölzern und zu frech, nur zum Gesang öffnen sich ihre Lippen. Mir ist er nichts als der feierliche Ruf zu einer neuen Urversammlung, der gewaltige Flügelschlag eines vorüberziehenden englischen Herolds. Es sind die ersten Wehen, setze sich jeder in Bereitschaft zur Geburt!

Die Christenheit oder Europa, 1799.

Daraufhin hab ich tatsächlich kurz überlegt, meine dreibändige Novalis-Ausgabe zurückzugeben, aber neuerdings soll man ja Nazis, Frauenunterdrücker und verwandtes Gelichter mit offensiver Freundlichkeit und Verständnis schlagen.

Nicht alles vom Obigen hat Novalis zur Veröffentlichung freigegeben oder auch nur vorgesehen. Der Trick ist jedoch: Er hat es gedacht; unter Zwang wird es ihm niemand diktiert haben, und zumindest Die Christenheit oder Europa wird als das Standardwerk angeführt, wenn es zu beweisen gilt, dass man sich aus dem Novalis nicht nur „die Schwindsucht herauslesen“ kann (Heine), sondern dass der Mann — „Bergstudent“ — auf der Höhe des theoretischen Wissens seiner Zeit stand.

Christiane Wilhelmine Sophie von Kühn, Kleinert nach dem Verlobungsring von NovalisDa war Novalis um die 26. Mit 23 hatte er sich mit einer 13-Jährigen verlobt:

Ich habe zu Söphchen Religion — nicht Liebe. Absolute Liebe, vom Herzen unabhängige, auf Glauben gegründete, ist Religion.

Erzählen Sie das mal einer Heranwachsenden — als Tipp: in Abwesenheit der Erziehungsberechtigten — und warten Sie ab, ob hinterher die Heranwachsende geschädigt ist oder Ihre Geschlechtstheile. Die hier betroffene Sophie von Kühn wusste sich der drohenden Ehe, gerade vorgestern 15 geworden, nur durch ihren eigenen Tod an Tuberkulose zu entziehen.

Solche Stellen habe ich nicht gesucht, und wenn mir daran läge, würde ich nicht ausgerechnet bei Novalis damit anfangen — umso schlimmer, dass ich welche gefunden habe und erleben muss, wie der gefühlsselige junge Mann in seinen privaten Aufzeichnungen der Vergewaltigung und dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger das Wort redet, Frauen bis zum Reich der Pflanzen und – darauf muss einer erst mal kommen –: der Nahrungsmittel, Mineralien und chemischen Elemente entmenschlicht, sein ganzes gequirltes Frauenbild philosophisch untermauert und dann vorsichtshalber vom öffentlichen Herumtrompeten ausnimmt.

Und nein: Das ist nicht „zeitlich bedingt“, „historisch verankert“ oder auch nur damit zu rechtfertigen, dass ja auch Genies wie Poe ihnen blutsverwandte Kinder geheiratet haben — das ist einfach nur die Erwägung: Wie weit hatte der Kerl eigentlich noch den Arsch offen?

Mir steht nicht zu, Novalis zu zerlegen, ich bringe einfach nur keine Freundlichkeit und Verständnis für so einen Galimathias auf. Als Versuch einer Ehrenrettung deshalb noch eins — ohne zu verschweigen: Es ist das späteste in der Reihe — aus den Fragmenten und Studien 1799/1800 — und richtig eins zum Auswendigmerken und Anbringen in geeigneten Momenten:

Mit Recht können manche Weiber sagen, daß sie ihren Gatten in die Arme sinken — Wohl denen, die ihren Geliebten in die Arme steigen.

Weißenfels an der Saale, Zu Gast bei Novalis. Jahrestagung Exil-P.E.N., Exil-Schriftsteller treffen sich in Weißenfels, 26. Oktober 2017

Bilder:

  1. Elihu Vedder: Soul in Bondage, via Lou Margi, 30. März 2017;
  2. Lilith in Rope: Cosmic Tie, 20. Januar 2016:

    This was incredible to be a part of. Three models, One rigger, One Photographer, and Two assistants. As Gorgone said there was just the right amount of rope, people, strength, and talent to make this all happen. I couldn’t think of a better way to end an epic weekend of rope and friends!!!

    Models are Sarifka Morgan, myself, and Ebibex. Rigging by Gorgone. Photo by DomWithLens.

  3. Christiane Wilhelmine Sophie von Kühn (* 17. März 1782, † 19. März 1797) von Kleinert, nach dem Verlobungsring von Novalis;
  4. Weißenfels an der Saale: Zu Gast bei Novalis: Jahrestagung Exil-P.E.N.: Exil-Schriftsteller treffen sich in Weißenfels, 26. Oktober 2017:

    Mit Novalis steht einer der berühmtesten Söhne der Stadt im Mittelpunkt der Jahrestagung von Exil-P.E.N. Der frühromantische Dichter lebte bis zu seinem Tod in der Saalestadt.

  5. Adam Rhoades: Anticipation, 12. August 2009.

Adam Rhoades, Anticipation, 12. August 2009

Soundtrack: Miss Derringer: Better Run Away From Me, aus: Lullabies, 2008:

Written by Wolf

11. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Die Lust des Mittelstands

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Update zu Siehst du,
Frames in Zitaten (in Frames) und
Die Brahmsianer können ja derweil aufs Klo:

Da ist uns der Alfred Kerr letzten ersten Weihnachtsfeiertag 150 geworden und keiner hat’s gemerkt. Jedenfalls nicht viele, die wenigstens theoretisch noch Freude an seiner Brillanz haben könnten.

dpa, picture alliance, Der Theaterkritiker Alfred Kerr in einer undatierten Karikatur, Deutschlandfunk Kultur, 29. Dezember 2017

Der 17 Jahre jüngere Thomas Mann hatte nicht immer seine Freude an Alfred Kerr, das alte Lied zwischen Literaten und Literaturkritikern — und zwischen Thomas Mann und ihm übergeordneten Vaterfiguren. Beiderlei Verhältnisse wird man zweifellos in der monumentalen Thomas-Mann-Biographie von Peter de Mendelssohn aufgedröselt finden, über die man Wunderdinge hört.

Lovis Corinth, Alfred Kerr, 1907Leider konnte ich das selbst noch nicht näher nachlesen. Wir reden über drei keineswegs schmächtige Bände, die dabei immer noch Fragment geblieben sind: Bis zu de Mendelssohns Tod 1982 sind nur zwei Bände erschienen. Sein Vorteil war, Thomas Mann persönlich zu kennen — so intim wie kaum sonst jemand, weil er für den S. Fischer Verlag seine Tagebücher herausgab. Mit Thomas Mann gut auskommen und ihn zu größeren Projekten überreden, das war nicht jedem vergönnt. Da muss man nur seine Kinder fragen, deren er sechse hatte, von denen im Laufe der Schicksale mindestens drei an den Selbstmord und „ungeklärte Umstände“ verloren gingen. Rein quantitativ ein tragisch bewegtes Familienleben für eine ungeouteten Schwulen. Natürlich muss das nichts heißen.

Hellhörig wird man über den auffindbaren Auszügen aus obgenannter Biographie angesichts der Beschreibung eines Gedichts von Alfred Kerr. Sie besteht aus einem denkbar kurzen Absatz, in dem alles steht, was man über ein Gedicht wissen will. Jedenfalls hat das Nachgoogeln auch nicht mehr ergeben als dieses Nebenthema aus einer Biographie von 1975. Wenn sie überall so dicht gewoben ist: Respekt, da hätte Thomas Mann vielleicht doch noch an seinem eigenen Spottgedicht ein bisschen Freude haben können.

——— Peter de Mendelssohn:

Der Zauberer — Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann

Erster Teil: 1875 bis 1918, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1975:

Es gibt ein Spottgedicht von Alfred Kerr auf Thomas Mann, betitelt Thomas Bodenbruch. Es hat sich nicht ermitteln lassen, wann es entstand und wo Kerr es erstmals veröffentlichte; wir kennen es nur aus dem Gedichtband Caprichos, den er 1926 herausgab. Es ist jedoch mit seiner Anspielung auf Buddenbrooks [erschienen 1901] zweifellos viel früheren Datums und stammt möglicherweise aus dieser Zeit, in der Kerrs Animosität gegen Thomas Mann, anläßlich der Berliner Fiorenza-Aufführung [Erstdruck 1906, Uraufführung 1907], ihren Höhepunkt erreichte. Thomas Mann hat, soweit ersichtlich, dieses Spottgedicht nirgends erwähnt, aber er hat es gewiß gekannt; es ist ihm spätestens bei der Veröffentlichung in Kerrs Gedichtband zur Kenntnis gelangt.

Besser hätte ich’s nicht sagen können. Im Gegenteil. — Die zuverlässigste Version des Gedichts:

——— Alfred Kerr:

Thomas Bodenbruch

aus: Caprichos. Strophen des Nebenstroms,
I. M. Spaeth Verlag, Berlin 1926, Seite 168 bis 170:

I.

Als Knabe war ich schon verknöchert;
Ob knapper Gaben knurr-ergrimmt.
Hab dann die Littratur gelöchert
Mit Bürger- und Patrizierzimt.
Sprach immer stolz mit Breite
Von meiner Väter Pleite.

II.

Ich dichte nicht — ich drockse.
Ich träume nicht — ich ochse.
Ich lasse Worte kriechen,
Die nach der Lampe riechen,
Ich ledernes Kommis’chen.

Ich kenne keine Blitze,
Kein Feuer, das erhitzt.
Ich schreibe mit dem Sitze,
Auf dem man sitzt.

Im Grund bin ich nicht bös —
Nur skrophulös.

III.

Voll hemmender Bedenklichkeit
Und zaudernder Entfaltung,
Staffier‘ ich meine Kränklichkeit
Als „Haltung“.

IV.

Meist hock‘ ich, ein gereiztes Lamm.
Musiklos, aber arbeitsam.

Mein Zustand zeugt geheime Tücke
(Man ist nicht eben ein Genie) —
Romane werden …. Schlüsselstücke:
„Das geht auf Den!“, „Das geht auf Die!“
Ich male zur Genüge
(Ach, mühsam, teigig, tonig)
Die körperlichsten Züge —
Mich selbst verschon‘ ich …

V.

Und bin doch ein ganz armer Hase,
Im Busenwinkel bang und trist:
Mich giftet meine Kolbennase,
Die mißgeschaffen ist.
Der Schlüssel, der die Schlüsselwerke
In ihrem letzten Grund erschließt,
Ist meine eigne Rüsselstärke,
Die mich verdrießt.

Bald meint‘ ich unsren Arzt „damit“,
Igittigitt!
Bald war es meine Tante,
Nöch, von der Wasserkante.

Ich habe manchmal still geplärrt
Und starrte stier auf meinen Stecher —

Dann mal‘ ich andre dick verzerrt:
So Holitscher als schiechen Schächer
(Zahnstockiges Jammerbild) — —
Und wüte, wenn ein heitrer Rächer
Mit gleichen Mitteln es vergilt …
(Wie scheußlich, wenn mein dünnes Gift
Mich selber trifft!)

VI.

Ein Trost: ich schlage den Rekord
Im Gründlichen, Langstieligen,
Ich bleibe nach wie vor ein Hort
Gebildeter Familien.
Sie äußern keinen Widerspruch
Und schätzen Thomas Bodenbruch.
Ich bin doch voll und ganz
Die Lust des Mittelstands.

Judith Kerr, Ein Foto von Alfred Kerr hängt 1961 im Münchner Theatermuseum, Der Tagesspiegel, 7. Mai 2014

Bilder: dpa/picture alliance: Der Theaterkritiker Alfred Kerr (1867–1946) in einer undatierten Karikatur,
via Christian Blees: Die zwei Gesichter des Alfred Kerr: „Ich sage, was zu sagen ist“,
Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 29. Dezember 2017;
Lovis Corinth: Alfred Kerr, 1907,
via Jeremy Adler: The culture pope, The Times Literary Supplemet, 26. Juli 2017;
Judith Kerr/dpa via Peter von Becker: Sein erster Weltkrieg:
Ein Foto von Alfred Kerr hängt 1961 im Münchner Theatermuseum, Der Tagesspiegel, 7. Mai 2014.

Soundtrack: Mischa „Arno Billing“ Spoliansky (Musik)/Kurt Schwabach (Text),
Orchester Marek Weber: Das lila Lied, 1921:

Was will man nur?
Ist das Kultur,
dass jeder Mensch verpönt ist,
der klug und gut,
jedoch mit Blut
von eigner Art durchströmt ist,
dass grade die
Kategorie
vor dem Gesetz verbannt ist,
die im Gefühl
bei Lust und Spiel
und in der Art verwandt ist?

Written by Wolf

12. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Weisheit & Sophisterei

Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10

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Update zu So herzerwärmend dreist:

——— Robert Gernhardt:

Zehn Thesen zum komischen Gedicht

Originalbeitrag für Robert Gernhardt und Klaus Cäsar Zehrer (Hrsg.):
Hell und Schnell. 555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten,
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, März 2004,
vorab als Zur Heiterkeit bereit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Februar 2004:

  1. Es gibt ernste und komische Gedichte.

    Erika Easy Tcogoeva, Princess Plain, 20. November 2015Bertolt Brecht unterschied zwei Linien, welchen das deutsche Gedicht der Neuzeit folge, die pontifikale und die profane. Goethe sei der letzte Dichter gewesen, welcher noch beide Stränge in seinem Werk vereinigt habe; schon Hölderlin nehme die „völlig pontifikale“, bereits Heine ganz die profane Linie ein. Der Dichter Brecht deutet an, daß ihm die Zusammenführung beider Linien erneut gelinge; zumindest ist nicht zu bestreiten, daß er den hohen Ton ebenso beherrscht wie den kessen. Beileibe nicht alle Gedichte der profanen Linie sind komisch, doch liegt auf der Hand, daß kein — mit Absicht — komisches Gedicht der pontifikalen Linie zugerechnet werden kann.

  2. Das komische Gedicht zielt auf das Lachen ab.

    Weit älter als der von Brecht bemerkte Unterschied ist die Scheidung der Gedichte in solche, die von den Leiden und Freuden des einsamen Ich handeln, und solche, die es auf ein zuhörendes Du, wenn nicht sogar mitmachendes Wir abgesehen haben. Da es sich am besten in Gesellschaft lacht, ist unschwer zu erraten, welchem Strang das komische Gedicht angehört.

  3. Das komische Gedicht erschöpft sich nicht im Lachen.

    Anders als der Witz, der schnurstracks auf eine Pointe zumarschiert, deren Wirkung sich in einmaligem Gelächter entlädt, ist beim komischen Gedicht bereits der Weg das Ziel. Dieser Weg läßt sich auch dann nochmals mit Genuß zurücklegen, wenn der Leser oder Zuhörer weiß, worauf das Ganze hinausläuft. Um so aufmerksamer wird er sich den Schönheiten am Wegesrande zuwenden können.

  4. Das komische Gedicht braucht die Regel.

    Erika Easy Tcogoeva, Princess Plain, 8. August 2017Komik lebt von vorgegebenen Ordnungssystemen, ganz gleich, ob die außer Kraft gesetzt oder lachhaft penibel befolgt werden. Daher kann das komische Gedicht nur profitieren, wenn es von allen Regeln der Kunst tradierter Suggestionstechniken wie Reim und Metrum durchtränkt ist und wenn sein Dichter von allen bereits erprobten Drehs zur Herstellung komischer Wirkung weiß. Was er ererbt von seinen poetischen Vätern hat, sollte der Verfasser komischer Gedichte aus zweierlei Gründen erwerben. Um es zu besitzen und um es bei Bedarf getrost zu belachen.

  5. Das komische Gedicht bedarf der Inspiration.

    Ohne Überraschung keine Komik, weshalb ein allein nach tradierten Regeln verfertigtes komisches Gedicht einen Widerspruch in sich selbst darstellt. Gerade der Verfasser komischer Gedichte ist stets dazu angehalten, jene Frage ernst zu nehmen, dank deren Ernst Lubitsch seinen Filmen den Lubitsch touch verlieh: „Wie kann man es anders machen?“ Anders machen oder anders sehen: Manchmal genügt ein schlichter Blickwechsel, um Walten, Wähnen, Wesen und Worte in ein anderes, komisches Licht zu tauchen.

  6. Es gibt komische Gedichte, aber keine komischen Dichter.

    Alles Dichten, sofern es Reimen meint, ist schon deshalb nicht frei von Komik, da es mit Sprache spielt und den Sinn wie Wortlaut eines Gedichts einem herzlich sinnlosen — richtiger: sinnfreien — Selektionsprinzip unterwirft, dem, Worte mit gleichklingenden Bestandteilen zusammenzustellen. Dieser — zur Kenntlichkeit entstellten — Unsinnigkeit verdanken sich Kinderverse, Klosprüche und Kommerslieder ebenso wie die Klassiker der komischen Dichtung. Die freilich sind zugleich zutiefst den Klassikern hochernster Dichtung verpflichtet, da deren hoher Ton, ob gereimt oder ungereimt, erst jene Fallhöhe ermöglicht, die großes Wollen, große Werte und große Worte so richtig auf den Bauch fallen läßt. Auch gibt es keinen herausragenden Verfasser komischer Gedichte, der sich ein Leben lang ins Gatter des komischen Gedichts hätte einsperren lassen: Heine, Busch, Morgenstern sowie die weiteren üblichen Verdächtigen haben auch Gedichte ernster Art und Machart geschrieben.

  7. Das komische Gedicht ist zeitverfallen.

    Erika Easy Tcogoeva, Princess Plain, 20. November 2015Komische Gedichte wurden zu allen Zeiten verfertigt, ohne daß wir Heutigen sie durch die Bank belachen könnten. Wenn Lachanlässe in Vergessenheit geraten, wenn zeitbedingte religiöse, gesellschaftliche und politische Grenzziehungen und Tabus nicht mehr als bedrückend und verpflichtend empfunden werden, dann kann deren punktuelle Aufhebung kein befreites Gelächter zur Folge haben. Auch ist nicht zu übersehen, daß das komische Gedicht im Laufe der letzten Jahrhunderte deutlich heller und schneller geworden ist — darin der komischen Prosa vergleichbar, deren bräsiger „Schwank“ im Laufe der Jahrhunderte zum raschen „Witz“ mutierte.

  8. Das komische Gedicht ist haltbar.

    Zumindest gilt dies für deutschsprachige komische Gedichte seit der Aufklärung, und das ist kein Zufall. Die meisten Verfasser komischer Gedichte waren und sind ernsthaft darum bemüht, lachend die Wahrheit zu sagen: „Es gibt zwei Sorten Ratten, / die hungrigen und satten“, „Enthaltsamkeit ist das Vergnügen / an Dingen, welche wir nicht kriegen“, „Weil, so schließt er messerscharf, / nicht sein kann, was nicht sein darf“, „Es gibt nichts Gutes / außer: Man tut es“. Seit Gellert und Lessing haben deutschsprachige Dichter nicht aufgehört, aus der Tatsache der gebrechlichen Einrichtung der Welt kein Drama zu machen, sondern handfeste komische Gedichte, und die Leserschaft hat es den Verfassern dadurch gedankt, daß sie deren profane Pointen weit häufiger im Munde führt und von Generation zu Generation weiterträgt als die pontifikalen Worte der Dichter-Priester. Wir zitieren Heinrich Heine und nicht Ernst Moritz Arndt, Wilhelm Busch und nicht Emanuel Geibel, Christian Morgenstern und nicht Stefan George, Erich Kästner und nicht Theodor Däubler.

  9. Das komische Gedicht ist der Königsweg zum Lachen.

    Obwohl der Mensch gerne lacht, fällt es ihm, auf sich gestellt, schwer, zum Lachen zu finden. Also muß er zum Lachen gebracht werden, und dabei haben sich kurze Mitteilungsformen als besonders effektive Transportmittel erwiesen: Fabel, Anekdote, Witz. Sie alle aber übertrifft das Gedicht. Rascher und umstandsloser als jeder Witz vermag es der Zweizeiler, einen nach Auflösung drängenden befremdlichen Sachverhalt aufzubauen, ja aufzustauen: „Die schärfsten Kritiker der Elche“ — Wieso Kritiker? Weshalb Elche? — „waren früher selber welche“ — Ach so! Deshalb!

    Das Lachen sei „ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in Nichts“, lehrt Kant. Nichts nichtiger, ergo: erfreulicher, als daß der Dichter die befremdlichen Elche „um des Reimes willen“ evoziert und abserviert hat. „In der Kürze liegt die Würze“, weiß der Volksmund, und „Jedem Tierchen sein Plaisierchen“: Nicht alle Vierbeiner kommen so rasch zum Punkt wie obengenannte Elche. Doch auch wenn ein Kleinräuber aus der Familie der Marder sich ein wenig Ruhe gönnt und sich Zeit nimmt — „Ein Wiesel / saß auf einem Kiesel / inmitten Bachgeriesel“ —, muß der Lachlustige nicht lange auf die Erklärung des Warum warten: „Das raffinier- / te Tier / tat’s um des“ siehe oben, und der düpier-te Mensch ist mal wieder auf die schnelle zum Lachen gebracht worden.

  10. Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik

    Erika Easy Tcogoeva, Princess Plain, 8. August 2017Das komische Gedicht markiert einen deutschen Sonderweg zur Hochkomik. Die Deutschen gelten im In- und Ausland als humorlos, was gerne damit begründet wird, daß ihnen ein großer Lustspieldichter vom Schlage eines Shakespeare ebenso fehle wie ein großer komischer Roman vom Range des „Don Quichotte“. Nun könnte ein Zweifler die Frage stellen, ob es denn so ausgemacht sei, daß die naturgemäß durch Helligkeit und Schnelligkeit wirkende Komik in langen und breiten Zusammenhängen besonders gut aufgehoben ist. Nicht eher in Kurzformen?

    Ein Kundiger aber könnte darauf verweisen, daß sich eine seit Lessings Tagen nicht abgerissene Kette komischer Gedichte durch die deutschsprachige Hochliteratur zieht, welche in dieser Dichte und Qualität in keiner anderen kontinentaleuropäischen Nationalliteratur zu finden ist.

    Jeder Generation des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts erwuchs hierzulande ein Dichter, dessen komische Kraft ihn dazu drängte, die sich ständig erneuernden Anlässe zum Belachen und Verlachen aus neuen Blickwinkeln zu erfassen und mit neuen Redeweisen festzuhalten. Heine, Busch, Morgenstern, Ringelnatz, Tucholsky, Brecht, Jandl — jeder aus diesem Siebengestirn ist ein Stern erster Ordnung und zugleich ein Original. Bei jedem ergäbe eine Spektralanalyse seiner Aura ganz unterschiedliche U- und E-Wellen-Anteile, und doch bilden alle zusammen eine Plejade, deren Helligkeit — verstärkt durch eine Vielzahl von weiteren Komik-Sternen unterschiedlicher Größe — bei Licht betrachtet zweierlei bewirken müßte: den düsteren Vorwurf fehlender deutscher epischer oder dramatischer Hochkomik zu überstrahlen und das finstere Bild vom humorlosen, ja zum Humor unfähigen Deutschen in den Herzen aller rechtlich Denkenden für alle Zeiten aufzuhellen.

    Bilder: Erika „Easy“ Tcogoeva: Princess Plain, 20. November 2015 und 8. August 2017.

    Written by Wolf

    4. November 2017 at 00:01

    Anaximander’s Revenge

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    Der Liedertext ist zur Vertonung freigegeben. Es sollte eindeutig klingen wie etwas, das Monty Python für einen Männerchor gehalten hätten; nicht ganz so nach Shanty-Chor wie Knights of the Round Table und lange nicht so nach den Pogues wie Drunken Lullabies von Flogging Molly vielleicht, wenn jemand folgen kann. Ein Schuss früher Ringsgwandl schadet sowieso nie. Als einzige Gegenleistung wünsche ich mir eine Aufnahme vom Ergebnis, YouTube-Link genügt: Das will ich hören, wie jemand die zweite Strophe holperfrei singen kann.

    Anaximander’s Revenge

    (Since The Best Girl Is Yet To Big Bang)

    Chorus: There’s no mind without a brain,
    you can’t find a love in vain,
    there’s no social interaction without you
    (and you and you and you and you …).
    Sing your dirge without a pyre
    like your smoke requires a fire,
    and some antecedent intercourse, too.

    1. (Then) Don’t have sex with what you can’t,
    skip the maid and meet your hand,
    and the ups and downs and pros and cons therethrough.
    Prôton Kinoun is the first
    thing to come, but when rehearsed,
    even your mind might come into existence anew.

    2. You never get a chance without taking it,
    in the world there is no love without making it,
    Spontaneous Generation never left the sea.
    There’s no teleologic argument that God not faked,
    but you lived only when it ached
    frae abiogenesis to eschatology.

    3. Evolution’s come to stay,
    so retribution has its way.
    Salt your Primordial Soup, stand for your last meal in a queue,
    sigh, defy, and shanghai,
    bid your sanity goodbye,
    but if you’re lucky, mate, your monster creates you.

    Made Explicit, Awesome picture of my grandmother, February 11th, 2006

    Making of: Der Text wurde im Februar 2009 als Anaxagoras‘ Revenge von Wilhelm Capelle (Hrsg.): Die Vorsokratiker, Kröner Verlag 1934 ff., in der Auflage von 1968 inspririert. „Inspiriert“ musste dann alles erst seit 2015 werden, darum war es erstens Zeit, die Inspirationsquelle denn doch wirkllich einmal zu lesen, und vor allem für ein Update: Anaximander stimmt inhaltlich viel besser.

    Bild: Made Explicit: Awesome picture of my grandmother, 11. Februar 2006.

    Written by Wolf

    14. Juli 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Weisheit & Sophisterei, ~ Weheklag ~

    Hier wäre also schon wieder der Ansatz zu einer neuen Sammlung, der Anfang einer „unendlichen“ Reihe

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    Update zu Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt,
    Impotence proved I’m superman
    und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

    Am tiefsten im kollektiven Bewusstsein verwurzelt ist Goethe im Zusammenhang mit Schiller — und umgekehrt — und jeder für sich mit den verständlicheren seiner Gedichte. Es ist kein Einzelwerk bekannt, das beiden zu gleichen Teilen zugeschrieben werden müsste, aber natürlich hat dieses vierbeinige Monument einer Männerfreundschaft wiederholt Gemeinschaftsprojekte — sie hätten gesagt: „ins Werk gesetzt“ (und danach „ans Licht gegeben“).

    Die erste solche Zusammenarbeit findet sich in praktischerweise von Schiller selbst herausgegebenen Musen-Almanach für das Jahr 1797, der „Xenien-Almanach“ heißt, weil darin die 676 Xenien von je 1 Distichon Länge stehen, deren genaue Urheberschaft sie im Nachhinein glaubhaft selbst nicht mehr auseinanderhalten konnten. Die zweite solche Zusammenarbeit steht ein Jahr später im so genannten Balladen-Almanach und interessiert uns hier.

    Vor allem für gequälte Schüler und Sonstige, die sich nicht freiwillig mit der Lyrik der deutschen Klassik auseinandersetzen, ist es ein befreiendes Wissen, dass die Xenien und die berühmtesten Balladen, mit denen Abergenerationen aus einer fragwürdig verstandenen Pädagogik heraus gezwiebelt wurden, wenig mehr als die Bieridee — oder genauer: eine absichtlich zusammengetragene Sammlung von Bierideen — zweier Kumpels sind. Wer will, hört beiden Gattungen noch das lausbübische Vergnügen an, mit dem sie geschrieben wurden. Das kommt aber, liebe Kinder, nicht in die Schulaufgabe, weil ihr in der Schule weder mit der Weimarer noch mit der Frankfurter Goethe-Ausgabe arbeitet, sondern frühestens wieder in die germanistische Proseminararbeit und muss mit Zweifeln, grano salis und davon ungebrochenem Respekt ausgesprochen und vor allem anhand Quellen begründet werden.

    Eine der nützlichsten Quellen folgt unten. Danach bringe ich möglichst vollständig alle Gedichte von Goethe und Schiller, die mit einigem guten Willen als Balladen durchgehen, chronologisch geordnet; Kriterium war, dass eine Handlung erzählt wird. Das meiste Material von beiden entstand geballt für den besagten Balladen-Almanach 1798, ich bringe aber um des Überblicks willen auch beider Balladen, die unabhängig voneinander entstanden, auch als Goethe und Schiller sich noch nicht kannten (vor 1794) und als Schiller schon gestorben war (nach 1805). Die Quelle, einer wesentlichsten Briefe von Schiller, konstitutiert den bis heute üblichen Begriff des Balladenjahrs, spricht von Freude an der gemeinsamen dichterischen Arbeit und kündigt sogar nach dem Xenien- und dem Balladen- ein Liederjahr an, aus dem leider nichts geworden ist: Die Glocke zum Beispiel ist a) von Schiller, b) von 1799 und c) wie der Name sagt, keine Ballade.

    Es schien unnötig, hier alle Volltexte zu wiederholen. Goethe- und Schiller-Balladen sind für mancher Leute Geschmack schon viel zu gut erreichbar, weshalb sie nur verlinkt sind; mit geeigneten Einzelgedichten haben wir uns hier schon beschäftigt und werden darin bei Gelegenheit fortfahren, weil uns niemand scheucht und wir rein dem Gaudium verhaftet sind. — Das Bildmaterial nähert sich mit der Münchner Glyptothek der klassizistischen Tonart vieler der erwähnten Balladen an.

    ——— Schiller an Goethe:

    Jena den 22. September 1797.

    Ihr Brief nebst seinem Anhang hat uns wieder große Freude gemacht. Das Lied ist voll heiterer Laune und Natur. Mir däucht, daß diese Gattung dem Poeten schon dadurch sehr günstig sein müsse, daß sie ihn aller belästigenden Beiwerke, dergleichen die Einleitungen, Uebergänge, Beschreibungen etc. sind, überhebt und ihm erlaubt, immer nur das Geistreiche und Bedeutende an seinem Gegenstand mit leichter Hand oben wegzuschöpfen.

    Hier wäre also schon wieder der Ansatz zu einer neuen Sammlung, der Anfang einer „unendlichen“ Reihe: denn dieses Gedicht hat, wie jede gute Poesie, ein ganzes Geschlecht in sich, durch die Stimmung die es gibt und durch die Form die es aufstellt.

    Ich wäre sehr begierig gewesen, den Eindruck, den Ihr Hermann auf meine Stuttgarter Freunde gemacht, zu beobachten. An einer gewissen Innigkeit des Empfangens hat es sicher nicht gefehlt, aber so wenige Menschen können das Nackende der menschlichen Natur ohne Störung genießen. Indessen zweifle ich gar nicht, daß Ihr Hermann schlechterdings über alle diese Subjectivitäten triumphiren wird, und dieses durch die schönste Eigenschaft bei einem poetischen Werk, nämlich durch sein Ganzes, durch die reine Klarheit seiner Form und durch den völlig erschöpften Kreis menschlicher Gefühle.

    Mein letzter Brief hat Ihnen schon gemeldet, daß ich die Glocke liegen lassen mußte. Ich gestehe daß mir dieses, da es einmal so sein mußte, nicht so ganz unlieb ist. Denn indem ich diesen Gegenstand noch ein Jahr mit mir herumtrage und warm halte, muß das Gedicht, welches wirklich keine kleine Aufgabe ist, erst seine wahre Reife erhalten. Auch ist dieses einmal das Balladenjahr, und das nächste hat schon ziemlich den Anschein das Liederjahr zu werden, zu welcher Classe auch die Glocke gehört.

    Indessen habe ich die letzten acht Tage doch für den Almanach nicht verloren. Der Zufall führte mir noch ein recht artiges Thema zu einer Ballade zu, die auch größtentheils fertig ist und den Almanach, wie ich glaube, nicht unwürdig beschließt. Sie besteht aus 24 achtzeiligen Strophen, und ist überschrieben: Der Gang nach dem Eisenhammer, woraus Sie sehen daß ich auch das Feuerelement mir vindicirt habe, nachdem ich Wasser und Luft bereist habe. Der nächste Posttag liefert es Ihnen, nebst dem ganzen Almanach, gedruckt.

    Ich wünsche nun sehr, daß die Kraniche in der Gestalt, worin Sie sie jetzt lesen, Ihnen Genüge thun mögen. Gewonnen haben sie ganz unstreitig durch die Idee, die Sie mir zu der Exposition gegeben. Auch denke ich hatte die neue Strophe, die ich den Furien noch gewidmet, zur genauen Bezeichnung derselben anfänglich noch gefehlt.

    Kants kleinen Tractat habe ich auch gelesen, und obgleich der Inhalt nichts eigentlich neues liefert, mich über seine trefflichen Einfälle gefreut. Es ist in diesem alten Herrn noch etwas so wahrhaft jugendliches, das man beinah ästhetisch nennen möchte, wenn einen nicht die greuliche Form, die man einen philosophischen Canzleistil nennen möchte, in Verlegenheit setzte. Mit Schlossern kann es sich zwar so verhalten, wie Sie meinen, indessen hat seine Stellung gegen die kritischen Philosophen so etwas bedenkliches, daß der Charakter kaum aus dem Spiele bleiben kann. Auch kann man, däucht mir, bei allen Streitigkeiten, wo der Supernaturalism von denkenden Köpfen gegen die Vernunft vertheidigt wird, in die Ehrlichkeit ein Mistrauen setzen: die Erfahrung ist gar zu alt und es läßt sich überdem auch gar wohl begreifen.

    Wir genießen jetzt hier sehr schöne Herbsttage; bei Ihnen mag wohl noch ein Rest von Sommer zu spüren sein. In meinem Garten werden schon große Anstalten gemacht, ihn für die künftigen Jahre recht zu verbessern. Uebrigens hatten wir keine schlechte Obstärnte, wobei Karl uns nicht wenig Spaß machte.

    Wir zweifeln, bei dem zweifelhaften Ansehen des Kriegs und Friedens, noch immer an der nahen Ausführung Ihrer italienischen Reise, und geben zuweilen der Hoffnung Raum, daß wir Sie früher als wir erwarten durften, wieder bei uns sehen könnten.

    Leben Sie recht wohl und Meyern sagen Sie die freundschaftlichsten Grüße von uns. Herzlich wünschen wir Ihnen Glück zu Ihrer Wiedervereinigung. Meine Frau grüßt Sie aufs beste.

    Sch.

    Ab hier bitte ich auch um die Aufmerksamkeit meiner Leser — das sind Sie. Korrekturen in der zeitlichen Einordnung und Gruppierung, zusätzliche Einträge und verbesserte Links kann ich ständig vornehmen, dann hat die folgende Liste das Zeug zum Masterpost für Goethe- und Schiller-Balladen.

    1. Goethe: Pygmalion, eine Romanze, 1767;
    2. Goethe. Heidenröslein, vor 1783;
    3. Goethe: Der König in Thule, um 1774;
    4. Goethe: Der untreue Knabe, um 1774;
    5. Goethe: Das Veilchen, 1775;
    6. Goethe: Vor Gericht, um 1775;
    7. Goethe: Klaggesang von der edlen Frauen des Asan Aga, aus dem Morlackischen, Nachdichtung aus dem Serbischen um 1775;
    8. Goethe: Der Fischer, um 1778;
    9. Goethe: Erlkönig, 1782;
    10. Schiller: Die Rache der Musen, eine Anekdote vom Helikon, 1782;
    11. Schiller: Wunderseltsame Historia des berühmten Feldzuges als welchen Hugo Sanherib, König von Assyrien, ins Land Juda unternehmen wollte aber unverrichteter Dinge wieder einstellen mußte. Aus einer alten Chronika gezogen und in schnakische Reimlein bracht von Simon Krebsauge, Baccalaur, 1782;
    12. Goethe: Mignon, um 1783;
    13. Goethe: Der Sänger, vermutlich 1783;
    14. Goethe: Die Spinnerin, 1795;
    15. Schiller: Das verschleierte Bild zu Sais, 1795;
    16. Goethe: Der Edelknabe und die Müllerin, 26. August 1797;
    17. Goethe: Der Junggesell und der Mühlbach, 4. September 1797;
    18. Goethe: Der Müllerin Reue, 7. September 1797;
    19. Goethe: Der Müllerin Verrath, Juni 1798;
    20. Musenalmanach für das Jahr 1798, herausgegeben von Schiller, Tübingen, in der J. G. Cottaischen Buchhandlung, 1797 („Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.“):

      1. Goethe: Der neue Pausias und sein Blumenmädchen (Seite 1);
      2. Schiller: Der Ring des Polykrates. Ballade (Seite 24);
      3. Goethe: Der Zauberlehrling. Romanze (Seite 32);
      4. Schiller: Der Handschuh. Erzählung (Seite 41);
      5. Goethe: Der Schatzgräber (Seite 46);
      6. Goethe: Die Braut von Corinth. Romanze (Seite 88);
      7. Schiller: Ritter Toggenburg. Ballade (Seite 105);
      8. Schiller: Elegie an Emma (Seite 115);
      9. Schiller: Der Taucher. Ballade (Seite 119);
      10. Schiller: Reiterlied aus dem Wallenstein (Seite 137);
      11. Goethe: Legende (Seite 144);
      12. Schiller: Die Urne und das Skelet (Seite 147);
      13. Schiller: Das Regiment (Seite 156);
      14. Goethe: An Mignon (Seite 179);
      15. Goethe: Der Gott und die Bajadere. Ind. Legende (Seite 188);
      16. Schiller: Die Worte des Glaubens (Seite 221);
      17. Goethe: Erinnerung (Seite 223);
      18. Schiller: Nadoweßische Todtenklage (Seite 237);
      19. Schiller: Der Obelisk u. s. w. (Seite 240);
      20. Goethe: Abschied (Seite 241);
      21. Schiller: Die Peterskirche (Seite 255);
      22. Schiller: Licht und Wärme (Seite 258);
      23. Schiller: Breite und Tiefe (Seite 263);
      24. Schiller: Die Kraniche des Ibycus. Ballade (Seite 267);
      25. Goethe: Der neue Amor (Seite 287);
      26. Schiller: Das Geheimniß (Seite 299);
      27. Schiller: Der Gang nach dem Eisenhammer. Ballade (Seite 306);
    21. Goethe: Das Blümlein Wunderschön. Lied des gefangnen Grafen, 16. Juni 1798;
    22. Schiller: Der Kampf mit dem Drachen, zweite Augusthälfte 1798;
    23. Schiller: Die Bürgschaft, Ende August 1798;
    24. Goethe: Die erste Walpurgisnacht, Mai 1799: als Ballade bezeichnet, als Vorlage für eine weltliche Kantate geplant, daher nur mit rudimentärer Handlung, vertont von Felix Mendelssohn Bartholdy, 1833;
    25. Goethe: Die erste Walpurgisnacht, 30. Juli 1799;
    26. Schiller: Hero und Leander, Juni 1801;
    27. Schiller: Kassandra, erste Jahreshälfte 1802;
    28. Goethe: Hochzeitlied, 1802;
    29. Goethe: Ritter Curts Brautfahrt, 1803;
    30. Goethe: Wandrer und Pächterin, 1803;
    31. Schiller:Der Graf von Habsburg, Frühjahr 1803;
    32. Schiller: Das Siegesfest, 1803;
    33. Goethe: Der Rattenfänger, Taschenbuch auf das Jahr 1804;
    34. Schiller: Der Alpenjäger, Mitte 1804;
    35. Goethe: Wirkung in die Ferne, 1808;
    36. Goethe: Johanna Sebus, 1809;
    37. Goethe: Das Tagebuch, 30. April 1810;
    38. Goethe: Der getreue Eckart, 17. April 1813;
    39. Goethe: Der Todtentanz, 21. April 1813;
    40. Goethe: Die wandelnde Glocke, 22. Mai 1813;
    41. Goethe: Ballade, 1813/1817;
    42. Goethe: Paria. Des Paria Gebet. Legende. Dank des Paria, 1821/1823.

    Goethe und Schiller, Liebigs Fleisch-Extract, ca. 1900, via Goethezeitportal

    Bild: Maggi-Sammeldoppelportrait: Berühmte Dichter. Deutschland: Liebig Company’s Fleisch-Extract,
    ca. 1900, via Dieter Borchmeyer: DuMont Schnellkurs Goethe. Goethes Allianz mit Schiller (1794-1805).

    Soundtrack: Lou Doillon featuring Cat Power: It’s You, aus: Soliloquy, 2019:

    Written by Wolf

    26. Mai 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

    Gerede AGAM

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    Update zu Kätzische Beiträge zur Konstitution einer Angewandten Poesie
    und Der vortreffliche Kater Murr (Gekatzbuckel!):

    Alles haben die Griechen erfunden, von der fünffachen Schale bis zur Philosphie, nur die sieben freien Künste nicht. Die bleiben bei Aristoteles so sehr Vorstufe zu sich selbst wie die fünffache Schale zum Cocktail. Was gehört nochmal in so eine Schale, und was genau waren die freien Künste 1 bis 7? Ich will nachschlagen. Leider ruht der vortreffliche Kater Murr so nachdrücklich auf meinem Bauch, dass es wie die Tätigkeit aus einer gedachten achten freien Kunst aussieht. Dann trifft mich die Erinnerung wie ein pilum aus dem alten Rom:

    GeReDe A G A M.“

    „Was soll das sein, Gerede agam, o sinnreichster aller Meister?“ fragt der vortreffliche Kater Murr.

    „Ein Merksatz, o beste aller Miezekatzen.“

    „Ein Satz, den man sich extra merken muss?“

    „Ein Satz, der dir hilft, dir die septem artes liberales zu merken.“

    „Oh, Meister, du weißt, wie’s zwischen uns steht. Wir können doch mitsammen reden. Also nur immer frisch heraus mit der freien teutschen Rede.“

    Die sieben freien Künste.“

    „Wie er das nur schafft, der Satz?“

    „Er sagt dir die Disziplinen auf, die ein junger Mann für sein studium generale lernen muss.“

    C.R. Tucker: Girl feeding a kitten, June 1908„Oder eine junge Frau.“

    „Nein, eben keine Frau. Das studium generale ist älter als das Bewusstsein für Gender-Fragen. Noch nicht mal ein bürgerlicher Mann. Nur adlige.“

    „Also auch Katzen?“

    „Nein, nur wehrfähige. Also keine Kater.“

    „Murr.“

    „Das kann dich als Frau oder Katze durchaus in Vorteile setzen. Kein Studium, kein Kriegsdienst.“

    „Und wenn der tolle Achilles, der studieren will, deinen Satz kennt, was soll dann sein?“

    „Dann, o Katze, äußert sich der Satz zu sotanem Behuf in einem bis zum Makkaronischen verfremdeten Latein. Eingedeutscht bedeutet er: Ich werde ein Gerede vollführen, vulgo: Ich rede gleich Quatsch. Das müsste doch gerade dir sehr zupasse kommen. Das wirkt lustig. Und darum merkst du dir das leichter.“

    „Wie und auf welche Weise sollte ich das genau tun, o Meister?“

    „Das erste Wort besteht aus drei Buchstaben. Es bezeichnet das im studium generale grundlegende Trivium aus Grammetik, Rhetorik und Dialektik. Das zweite Wort besteht aus vier Buchstaben. Daher bezeichnet es das aufbauende Quadrivium aus Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik.“

    „Und das wird leichter, wenn ich mir außer den sieben freien Künsten, die aus drei plus vier Studienfächern bestehen, zusätzlich auch noch einen bescheuerten Satz merken muss, der aus zwei sinnlosen Wörtern besteht?“

    „Das ist sehr verbreitet. Man nennt es Eselsbrücke.“

    „Kein Wunder.“

    „Wie würdest du dir denn die sieben freien Künste merken, o klügste aller Miezekatzen?“

    „Hypothetisch angenommen, den sieben freien Künsten wohnte ein nicht weit genug entlegenes Interesse inne, dass ich sie mir merken wollte, so würde ich sie mir vermutlich einfach merken.“

    „Ach Murr. So leicht wär’s gewesen, gelle?“

    „Bist du auf diese achte freilaufende Kunst, mit der du dir die ersten sieben merkst, alleine verfallen?“

    „Das würdest du mir zutrauen?“

    „Wenn du mich so fragst …“

    „Na?“

    „… vielleicht doch nicht.“

    „Du bist ein gnadenvoller Menschenkenner, o Murr.“

    „Ach, Menschen. Ihr seid recht durchschaubar.“

    „Und das ganz ohne Merksätze!“

    „Kann sich doch kein Katzenschwanz merken.“

    „Mein alter Germanistikdozent schon.“

    „Der ist da draufgekommen?“

    „Ein gescheiter Mann war das.“

    „Anscheinend nicht gescheit genug.“

    „Immerhin promoviert, gar habilitiert. Ob er allerdings alleine auf den Satz verfallen ist, weiß ich auch nicht.“

    „Was sagt das Internet dazu?“

    „Das ist es ja: Bis jetzt gar nichts.“

    „Dafür hat das Internet ja dich.“

    „Und wenn es genug von Merksätzen hat, dann hat es immer noch dich.“

    „Das hast du wieder schön gesagt, Meister.“

    „Ach Murr.“

    „Murr.“

    Bildungsbilder: Andrea di Bonaiuto: Triumph des hl. Thomas von Aquin (Detail mit den weiblichen Allegorien der sieben freien Künste mit ihren Attributen), Fresko in der Cappellone degli Spagnoli, zwischen 1365 und 1368, Santa Maria Novella, Florenz;
    C.R. Tucker: Girl feeding a kitten, Juni 1908, via Nemo65;
    Septem Artes Liberales (The Seven Liberal Arts), female personifications with their respective attributes; from left to right: Grammar, Dialectics, Rhetoric, Music, Arthmetic, Geometry and Astronomy. Etching, British Museum, London.

    Soundtrack: Kaiser Cartel: Favorite Song, aus: March Forth, 2008, für Liberal Arts, 2012.

    Written by Wolf

    21. April 2017 at 00:01

    Hipsteros

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    Update zu Dreidreiviertel Arbeitstage oder Die CDs wechseln muss man schon,
    Was tat der Eitele, ein Emo zu scheinen? und
    Wie werde ich Schriftsteller? (Von den Exkrementen hirnloser Köpfe):

    Yo, Alder, ich hab schon Wieland gelesen, bevor es Mainstream wurde.

    Am Mittwoch, dem 20. Januar 1813 starb Wieland gegen Mitternacht. Sein Leichnam wurde im Garten seines Anwesens in Oßmannstedt – eines alten Rittergutes an der Ilm, wo er von 1797 bis 1803 gelebt hatte – an der Seite seiner Frau bestattet.

    Wieland-Museum mit Wieland-Archiv: Über Wieland.

    Wieland-Gesamtausgabe 1853--1858, kann gegen Terminvereinbarung besichtigt werden, aber nicht von jedem, wo kommen wir denn da hin.

    Vorher schrieb er Aristipp und einige seiner Zeitgenossen, der ab 1800 ans Licht trat und damit schon zu seinen Alterswerken zählt. Beschäftigt hat ihn der Philosoph und seine Geschichte schon länger: In der zweiten grundlegenden Umarbeitung seines jugendlicheren Werks Geschichte des Agathon — die Erstfassung is von 1766, als Wieland 33 war — schreibt er 1794 im Vorwort Ueber das Historische im Agathon:

    Erik Schlicksbier, Bentje, Kiel 2014Diejenigen, welchen es vielleicht scheinen möchte, daß der Verfasser den Philosophen Aristipp zu sehr verschönert, dem Plato hingegen nicht hinlängliche Gerechtigkeit erwiesen habe, werden die Gründe, warum jener nicht häßlicher und dieser nicht vollkommner geschildert worden, dereinst in einer ausführlichen Geschichte der Sokratischen Schule (wenn wir anders Muße gewinnen werden, ein Werk von diesem Umfang auszuführen) entwickelt finden. Hier mag es genug seyn, wenn wir versichern, daß beides nicht ohne sattsame Ursachen geschehen ist. Aristipp, bei aller seiner Aehnlichkeit mit dem Sophisten Hippias, unterschied sich unstreitig durch eine bessere Sinnesart und einen ziemlichen Theil von Sokratischem Geiste. Ein Mann wie Aristipp wird der Welt immer mehr Gutes als Böses thun; und wiewohl seine Grundsätze, ohne das Laster eigentlich zu begünstigen, von einer Seite der Tugend nicht sehr beförderlich sind: so erfordert doch die Billigkeit zu gestehen, daß sie auf der andern, als ein sehr wirksames Gegengift gegen die Ausschweifungen der Einbildungskraft und des Herzens, gute Dienste thun, und dadurch jenen Nachtheil reichlich wieder vergüten können. Aber wir besorgen sehr, daß Plato, anstatt einige Genugthuung an den Verfasser des Agathons fordern zu können, bei genauester Untersuchung ungleich mehr zu verlieren, als zu gewinnen haben dürfte.

    Kurz darauf gewann er in seinem Oßmannstedt dankenswerter Weise doch noch die Muße zu seinem Werk vom größten Umfang. Der Tonfall hat aus inhaltlichen Gründen schon anno 1800 antikisiert und lässt heute noch viel mehr an jeder Ecke das lächerlichste Pathos der Machart „O du, die du“ befürchten, ist aber moderner, als manch einer heutzutage sein will. Die vollständige Lesung vom dazu berufensten aller Vorleser Jan Philipp Reemtsma dauert lasche 29 Stunden und 47 Minuten auf 24 CDs und wird keine einzige davon langweilig.

    ——— Christoph Martin Wieland:

    4. An Demokles von Cyrene.

    aus: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen, G. J. Göschen’sche Verlagshandlung, Leipzig 1800–1802:

    Es mag seyn, daß meine Maxime mich öfters eines lebhaftern Genusses beraubt: aber dafür gewährt sie mir auch den Vortheil, mich selten in meiner Erwartung getäuscht zu finden. Auch begegnet mir öfters, daß ich anstatt mit der Menge zu bewundern, mich (mit deiner Erlaubniß) nicht wenig verwundere, wie die Leute so gutmüthig seyn mögen, über Dinge in Entzückung zu gerathen, die, bei kaltem Blute aufs gelindeste beurtheilt, nur lächerlich sind, und bei strengerer Prüfung leicht in einem noch ungünstigern Licht erscheinen könnten.

    Erik Schlicksbier, Bentje, Kiel 2014[…] Käme, dacht‘ ich, ein Perser oder Skythe, der noch nichts von diesem Institut gehört hätte, von ungefähr dazu, wenn im Angesicht einer unzählbaren Menge Volks, in einem Ehrfurcht gebietenden Kreise der edelsten und angesehensten Männer der Nation, nach einem dem Könige der Götter dargebrachten feierlichen Opfer, die Sieger öffentlich erklärt und gekrönt werden, und sähe das stolze Selbstbewußtseyn, womit sie, von ihren wonnetrunkenen Verwandten, Freunden und Mitbürgern umdrängt, und vom allgemeinen Jubel der Zuschauer bewillkommt, sich den Kampfrichtern nahen, um die Krone zu empfangen: müßt‘ er nicht glauben, diese Menschen könnten nichts Geringeres gethan haben, als ganz Griechenland durch einen Marathonischen oder Salaminischen Sieg vom Untergang gerettet, oder wenigstens jeder um seine eigene Vaterstadt sich durch irgend eine außerordentliche That unendlich verdient gemacht zu haben? Aber wie erstaunt und betroffen würde dann ein solcher dastehn, wenn er hörte daß es weiter nichts ist, als daß der eine dieser gekrönten Helden am besten laufen kann, ein anderer die schnellsten Rennpferde und den geschicktesten Kutscher hat, ein dritter der größte Meister im Faustkampf oder in der edeln Kunst seinen Gegner zu Boden zu ringen ist? Wahrlich dieser Perser oder Skythe, wiewohl die Griechen seiner Nation die Ehre erweisen sie nur für Halbmenschen anzusehen, würde sich schwerlich enthalten können, das widersinnische Schauspiel für die Wirkung irgend einer zürnenden Gottheit zu halten, und zu glauben, die ganze Nation müßte entweder von einem allgemeinen Wahnsinn befallen, oder, trotz ihrer übrigen Vorzüge, zu einer ewigen Kindheit der Vernunft verdammt seyn. Daß ein schnellfüßiger Jüngling, ein gewandter Wagenlenker, ein nerviger Kerl der den Kampfhandschuh am kräftigsten zu gebrauchen wußte, oder um den stärksten Gegner zu überwältigen, keiner andern Waffe als seiner eigenen eisernen Faust bedurfte, in den Zeiten, da der Thebanische Hercules diese feierlichen Spiele gestiftet haben soll, ein wichtiger Mann für seine kleine Vaterstadt war, ist natürlich, und aus dem rohen Zustand einer von ihrer ursprünglichen Wildheit noch langsam sich losarbeitenden Horde leicht zu erklären. Aber daß ein so gebildetes Volk, wie die Griechen dermalen sind, bei so gänzlich veränderter Lage der Sachen, noch immer ein so großes Aufheben von Geschicklichkeiten macht, die entweder ganz unbrauchbar, oder doch verhältnißmäßig von sehr geringem Nutzen geworden sind; daß der Mensch, der zu Olympia öffentlich dargethan hat, daß er den stiermäßigsten Nacken, die stärksten Brustknochen und die derbeste Faust seiner Zeit besitze, oder mit jedem Hasen in die Wette laufen könne, für die höchste Zierde seiner Vaterstadt gehalten, im Triumph eingehohlt, über alle seine Mitbürger hinaufgesetzt, und als ein Wohlthäter seines Volks öffentlich unterhalten, geehrt und nur nicht gar vergöttert wird, wiewohl die Stärke seiner Muskeln und Knochen, oder die Behendigkeit seiner Füße vielleicht das Einzige ist, was ihn von dem rohesten und verdienstlosesten seiner Mitbürger unterscheidet, – das ist doch wirklich so ungereimt, daß man es kaum seinen eigenen Augen zu glauben wagt.

    15. Volkssport-Olympiade in Koblenz an Rhein und Mosel vom 6. bis 10. Juni 2017

    Bilder: Erik Schlicksbier: Bentje beim Sport, Kiel 2014;
    15. Volkssport-Olympiade in Koblenz an Rhein und Mosel vom 6. bis 10. Juni 2017.
    Das erste ist von mir und bei mir. Besichtigung gegen Terminvereinbarung, aber nicht für jeden, wo kommen wir denn da hin.
    Soundtrack: Spillsbury: Die Wahrheit, aus: Raus!, 2003.
    Das hat auch ein offzielles Guckvideo, das man weder embedden kann noch darf:

    Written by Wolf

    20. Januar 2017 at 00:01

    Touristengeheimtipp mit Gewinnspiel (geschlossen): Meide das Oktoberfest!

    with 3 comments

    Update zu Große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen gleichen,
    Nur die Wurst hat zwei und
    Isarathen ist die nördlichste Stadt Italiens:

    Bayerische Staatsbibliothek, Plakat Bilderwelten 2016, DetailAch Gott, schon wieder Oktoberfest. Nachdem meiner bescheidenen, weil sehr eingeschränkten Wahrnehmung nach da wirklich jeder in München ist, muss ich mal eine Lanze brechen: München hat auch schöne Ecken.

    Die grundsätzlich wunderschönen Ausstellungen der Bayerischen Staatsbibliothek, die sehr viel mehr wert wären als den freien Eintritt, sind ab sofort als App erreichbar. Weil ich ein altmodischer Mensch bin, der davon abrät, mehrere Jahrhunderte alte Bücher im Gegenwert eines Münchner Vororts auf der Größe eines womöglich noch gesprungenen Telefons anzuschauen, empfehle ich vielmehr allen meist nicht weniger altmodischen Menschen, persönlich zur Ausstellung Bilderwelten 2016. Buchmalerei zwischen Mittelalter und Neuzeit zu kommen.

    Die Ausstellung hat drei Teile, die nicht räumlich, sondern zeitlich getrennt liegen: Vom 13. April bis 15. Juli war die Eröffnungsausstellung Luxusbücher, seit 25. Juli noch bis 6. November herrscht Ewiges und Irdisches. Mitteleuropäische Buchmalerei 1400–1540, und Aufbruch zu neuen Ufern kommt ab 14. November 2016 bis 24. Februar 2017. Sie können also dreimal hin, bis jetzt noch zweimal, was gar nicht so schlecht ist. Die Stabi liegt angenehm zentral, wird im Sommer gekühlt und im Winter geheizt, zur Ausstellung — in den Schatzkammern — geht’s einmal die Treppe rauf und zweimal rechts, und wenn Sie wieder rauskommen, entfaltet sich schon am Ausgang der Kneipenreichtum der Schellingstraße. Wer da noch zögern wollte.

    Öffnungszeiten: Montag–Freitag 10:00–17:00 Uhr, Donnerstag 10:00–20:00 Uhr sowie am 1. Sonntag im Monat 13:00–17:00 Uhr. Der Eintritt ist frei. Kostenlose öffentliche Führungen jeweils donnerstags um 16:30 Uhr sowie jeden 1. Sonntag im Monat um 14:00 Uhr.

    Wer schryben kan
    der sol schryben
    wer mâlen kan
    der sol belîben
    och damit
    Ain ieglicher sol
    begen daz er kome wol.

    Von den gemalten
    bilden sint
    die geburen
    und die kint
    gevreuwet oft.
    Wer nit enkan
    versten
    waz ein bider man
    an der geschrift
    versten sol
    dem sy
    mit den bilden wol.

    Der pfaffe sehe
    die schrift an
    so sol
    der ungelernte man
    die bilde sehen
    sit im nicht
    die schrift
    zerkennen geschickt.

    Der Paffe soll
    die Schriften lesen
    jedoch
    das ungelehrte Wesen
    schau bei Bildern
    sehr gut hin
    und erkenne
    so den Sinn.

    Diese drei Verslein und wenigen Bilder hab ich von meinem Besuch der Luxusbücher mitgebracht. Ich verschweige absichtsvoll deren Quelle, die man nicht online findet, sondern nur auf den Plakaten im 1. Stock der Bayerischen Staatsbibliothek, auf dem Zugang zu den Ausstellungen in den Schatzkammern. Wer mir in den Kommentar schreiben kann, wo das her ist, muss dort gewesen sein und wird von mir belohnt: Der, sie oder es kriegt von mir ein schönes, eigens angekauftes Buch geschenkt, wird hier im Weblog sehr lobend erwähnt und darf schamlos für etwas werben, das ihm am Herzen liegt. Mein Angebot gilt bis zum Ausstellungsende am 24. Februar 2017.

    Bayerische Staatsbibliothek, Plakat Bilderwelten 2016, Detail

    Bilder: 1.: Detail aus dem Plakat für die besprochene Ausstellung;
    2: Detail aus dem Detail aus dem Plakat für die besprochene Ausstellung, weil mir jemand mit ganz ähnlich abgemagerten Gummizehen einst recht nahe stand;
    3.: Berthold Furtmeyr: Baum des Todes und des Lebens aus dem Salzburger Missale, vulgo Furtmeyr-Bibel, vor 1481, via Bayerische Staatszeitung vom 16. April 2016, erklärt siehe Eule der Minerva und in der besprochenen Ausstellung aufgeblättert.

    Berthold Furtmayr, Baum des Todes und des Lebens, Salzburger Missale, vor 1481

    Soundtrack: F.S.K.: Diesel Oktoberfest aus: The Sound of Music, 1993;
    in: Franz Dobler: Wo Ist Zu Hause Mama, Trikont, München 1995:

    Written by Wolf

    16. September 2016 at 00:34

    Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!

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    Und gibt es keine Tugenden mehr unter ihnen, keine Gerechtigkeit, keine Wohltätigkeit, keine Bescheidenheit im Glücke, keine Größe und Standhaftigkeit im Unglück?

    Heinrich von Kleist: Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden, ca. 1799.

    Update zu Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein:

    Was man Kleist gar nicht zugetraut hätte:

    1. dass er nach einem so kompetenzstrotzenden Aufsatz noch erweiterten Selbstmord begehen könnte;
    2. dass er mit erstem Namen Bernd heißt.

    Es lohnt sich, den Aufsatz zur Gänze zu lesen: Er gibt in nicht gerade postmodern reißerischer, aber erfreulicher Dichte einige zitierbare Sentenzen und eigenständige Gedanken her, die einen bei der Stange halten können. Es wäre also wirklich schade darum, wenn er ein Brief an Kleists Kriegs- und Wanderkameraden Rühle von Lilienstern unter Ausschluss der Öffentlichkeit geblieben wäre; vom Schreiber der essayistischen Husarenstücke der Allmählichen Verfertigung und des Marionettentheaters hätte man nichts Nachlässigeres erwartet.

    Das Bildmaterial ist von jener Selbstliebe gezeichnet, mit der alle Menschenliebe beginnt, denn „wahrlich, mein Freund, es ist ohne Menschenliebe gewiß kein Glück möglich“. Bildnachweise am Schluss, die meisten bitte erst ab einem Alter von 18 Jahren verfolgen.

    ——— Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist:

    Aufsatz,
    den sichern Weg des Glücks zu finden,
    und ungestört,
    auch unter den größten Drangsalen
    des Lebens, ihn zu genießen!

    An Rühle.

    Entstanden um 1799, Erstdruck in: Theophil Zolling, Hg.: Sämtliche Werke, Stuttgart 1885:

    Wir sehen die Großen dieser Erde im Besitze der Güter dieser Welt. Sie leben in Herrlichkeit und Überfluß, die Schätze der Kunst und der Natur scheinen sich um sie und für sie zu versammeln, und darum nennt man sie Günstlinge des Glücks. Aber der Unmut trübt ihre Blicke, der Schmerz bleicht ihre Wangen, der Kummer spricht aus allen ihren Zügen.

    Dagegen sehen wir einen armen Tagelöhner, der im Schweiße seines Angesichts sein Brot erwirbt; Mangel und Armut umgeben ihn, sein ganzes Leben scheint ein ewiges Sorgen und Schaffen und Darben. Aber die Zufriedenheit blickt aus seinen Augen, die Freude lächelt auf seinem Antlitz, Frohsinn und Vergessenheit umschweben die ganze Gestalt.

    Distant Passion, Quédate hoy conmigo, vive conmigo un día y una..., Juni 2016Was die Menschen also Glück und Unglück nennen, das sehn Sie wohl, mein Freund, ist es nicht immer; denn bei allen Begünstigungen des äußern Glückes haben wir Tränen in den Augen des erstern, und bei allen Vernachlässigungen desselben, ein Lächeln auf dem Antlitz des andern gesehen.

    Wenn also die Regel des Glückes sich nur so unsicher auf äußere Dinge gründet, wo wird es sich denn sicher und unwandelbar gründen? Ich glaube da, mein Freund, wo es auch nur einzig genossen und entbehrt wird, im Innern.

    Irgendwo in der Schöpfung muß es sich gründen, der Inbegriff aller Dinge muß die Ursachen und die Bestandteile des Glückes enthalten, mein Freund, denn die Gottheit wird die Sehnsucht nach Glück nicht täuschen, die sie selbst unauslöschlich in unsrer Seele erweckt hat, wird die Hoffnung nicht betrügen, durch welche sie unverkennbar auf ein für uns mögliches Glück hindeutet. Denn glücklich zu sein, das ist ja der erste aller unsrer Wünsche, der laut und lebendig aus jeder Ader und jeder Nerve unsers Wesens spricht, der uns durch den ganzen Lauf unsers Lebens begleitet, der schon dunkel in dem ersten kindischen Gedanken unsrer Seele lag und den wir endlich als Greise mit in die Gruft nehmen werden. Und wo, mein Freund, kann dieser Wunsch erfüllt werden, wo kann das Glück besser sich gründen, als da, wo auch die Werkzeuge seines Genusses, unsre Sinne liegen, wohin die ganze Schöpfung sich bezieht, wo die Welt mit ihren unermeßlichen Reizungen im kleinen sich wiederholt?

    Da ist es ja auch allein nur unser Eigentum, es hangt von keinen äußeren Verhältnissen ab, kein Tyrann kann es uns rauben, kein Bösewicht kann es stören, wir tragen es mit in alle Weltteile umher.

    Wenn das Glück nur allein von äußeren Umständen, wenn es also vom Zufall abhinge, mein Freund, und wenn Sie mir auch davon tausend Beispiele aufführten; was mit der Güte und Weisheit Gottes streitet, kann nicht wahr sein. Der Gottheit liegen die Menschen alle gleich nahe am Herzen, nur der bei weiten kleinste Teil ist indes der vom Schicksal begünstigte, für den größten wären also die Genüsse des Glücks auf immer verloren. Nein, mein Freund, so ungerecht kann Gott nicht sein, es muß ein Glück geben, das sich von den äußeren Umständen trennen läßt, alle Menschen haben ja gleiche Ansprüche darauf, für alle muß es also in gleichem Grade möglich sein.

    Lassen Sie uns also das Glück nicht an äußere Umstände knüpfen, wo es immer nur wandelbar sein würde, wie die Stütze, auf welcher es ruht; lassen Sie es uns lieber als Belohnung und Ermunterung an die Tugend knüpfen, dann erscheint es in schönerer Gestalt und auf sicherem Boden. Diese Vorstellung scheint Ihnen in einzelnen Fällen und unter gewissen Umständen wahr, mein Freund, sie ist es in allen, und es freut mich in voraus, daß ich Sie davon überzeugen werde.

    Wenn ich Ihnen so das Glück als Belohnung der Tugend aufstelle, so erscheint zunächst freilich das erste als Zweck und das andere nur als Mittel. Dabei fühle ich, daß in diesem Sinne die Tugend auch nicht in ihrem höchsten und erhabensten Beruf erscheint, ohne darum angeben zu können, wie dieses Verhältnis zu ändern sei. Es ist möglich daß es das Eigentum einiger wenigen schönern Seelen ist, die Tugend allein um der Tugend selbst willen zu lieben, und zu üben. Aber mein Herz sagt mir, daß die Erwartung und Hoffnung auf ein menschliches Glück, und die Aussicht auf tugendhafte, wenn freilich nicht mehr ganz so reine Freuden, dennoch nicht strafbar und verbrecherisch sei. Wenn ein Eigennutz dabei zum Grunde liegt, so ist es der edelste der sich denken läßt, denn es ist der Eigennutz der Tugend selbst.

    Und dann, mein Freund, dienen und unterstützen sich doch diese beiden Gottheiten so wechselseitig, das Glück als Aufmunterung zur Tugend, die Tugend als Weg zum Glück, daß es dem Menschen wohl erlaubt sein kann, sie nebeneinander und ineinander zu denken. Es ist kein beßrer Sporn zur Tugend möglich, als die Aussicht auf ein nahes Glück, und kein schönerer und edlerer Weg zum Glücke denkbar, als der Weg der Tugend.

    Aber, mein Freund, er ist nicht allein der schönste und edelste, – wir vergessen ja, was wir erweisen wollten, daß er der einzige ist. Scheuen Sie sich also um so weniger die Tugend dafür zu halten, was sie ist, für die Führerin der Menschen auf dem Wege zum Glück. Ja mein Freund, die Tugend macht nur allein glücklich. Das was die Toren Glück nennen, ist kein Glück, es betäubt ihnen nur die Sehnsucht nach wahrem Glücke, es lehrt sie eigentlich nur ihres Unglücks vergessen. Folgen Sie dem Reichen und Geehrten nur in sein Kämmerlein, wenn er Orden und Band an sein Bette hängt und sich einmal als Mensch erblickt. Folgen Sie ihm nur in die Einsamkeit; das ist der Prüfstein des Glückes. Da werden Sie Tränen über bleiche Wangen rollen sehen, da werden Sie Seufzer sich aus der bewegten Brust emporheben hören. Nein, nein, mein Freund, die Tugend, und einzig allein nur die Tugend ist die Mutter des Glücks, und der Beste ist der Glücklichste.

    Sie hören mich so viel und so lebhaft von der Tugend sprechen, und doch weiß ich, daß Sie mit diesem Worte nur einen dunkeln Sinn verknüpfen; Lieber, es geht mir wie Ihnen, wenn ich gleich so viel davon rede. Es erscheint mir nur wie ein Hohes, Erhabenes, Unnennbares, für das ich vergebens ein Wort suche, um es durch die Sprache, vergebens eine Gestalt, um es durch ein Bild auszudrücken. Und dennoch strebe ich ihm mit der innigsten Innigkeit entgegen, als stünde es klar und deutlich vor meiner Seele. Alles was ich davon weiß, ist, daß es die unvollkommnen Vorstellungen, deren ich jetzt nur fähig bin, gewiß auch enthalten wird; aber ich ahnde noch mehr, noch etwas Höheres, noch etwas Erhabeneres, und das ist recht eigentlich, was ich nicht ausdrücken und formen kann.

    Mich tröstet indes die Rückerinnerung dessen, um wieviel noch dunkler, noch verworrener, als jetzt, in früheren Zeiten der Begriff der Tugend in meiner Seele lag, und wie nach und nach, seitdem ich denke, und an meiner Bildung arbeite, auch das Bild der Tugend für mich an Gestalt und Bildung gewonnen hat; daher hoffe und glaube ich, daß so wie es sich in meiner Seele nach und nach mehr aufklärt, auch dieses Bild sich in immer deutlicheren Umrissen mir darstellen, und je mehr es an Wahrheit gewinnt, meine Kräfte stärken und meinen Willen begeistern wird.

    Lady A. Dracula, Lilianne Sanguis, 31. Mai 2016Wenn ich Ihnen mit einigen Zügen die undeutliche Vorstellung bezeichnen soll, die mich als Ideal der Tugend im Bilde eines Weisen umschwebt, so würde ich nur die Eigenschaften, die ich hin und wieder bei einzelnen Menschen zerstreut finde und deren Anblick mich besonders rührt, z.B. Edelmut, Menschenliebe, Standhaftigkeit, Bescheidenheit, Genügsamkeit etc. zusammentragen können; aber, Lieber, ein Gemälde würde das immer nicht werden, ein Rätsel würde es Ihnen, wie mir, bleiben, dem immer das bedeutungsvolle Wort der Auflösung fehlt. Aber, es sei mit diesen wenigen Zügen genug, ich getraue mich, schon jetzt zu behaupten, daß wenn wir, bei der möglichst vollkommnen Ausbildung aller unser geistigen Kräfte, auch diese benannten Eigenschaften einst fest in unser Innerstes gründen, ich sage, wenn wir bei der Bildung unsers Urteils, bei der Erhöhung unseres Scharfsinns durch Erfahrungen und Studien aller Art, mit der Zeit die Grundsätze des Edelmuts, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe, der Standhaftigkeit, der Bescheidenheit, der Duldung, der Mäßigkeit, der Genügsamkeit usw. unerschütterlich und unauslöschlich in unsern Herzen verflochten, unter diesen Umständen behaupte ich, daß wir nie unglücklich sein werden.

    Ich nenne nämlich Glück nur die vollen und überschwenglichen Genüsse, die – um es mit einem Zuge Ihnen darzustellen – in dem erfreulichen Anschaun der moralischen Schönheit unseres eigenen Wesens liegen. Diese Genüsse, die Zufriedenheit unsrer selbst, das Bewußtsein guter Handlungen, das Gefühl unsrer durch alle Augenblicke unsers Lebens vielleicht gegen tausend Anfechtungen und Verführungen standhaft behaupteten Würde, sind fähig, unter allen äußern Umständen des Lebens, selbst unter den scheinbar traurigsten, ein sicheres tiefgefühltes und unzerstörbares Glück zu gründen.

    Ich weiß es, Sie halten diese Art zu denken für ein künstliches aber wohl glückliches Hülfsmittel, sich die trüben Wolken des Schicksals hinweg zu philosophieren, und mitten unter Sturm und Donner sich Sonnenschein zu erträumen. Das ist nun freilich doppelt übel, daß Sie so schlecht von dieser himmlischen Kraft der Seele denken, einmal, weil Sie unendlich viel dadurch entbehren, und zweitens, weil es schwer, ja unmöglich ist, Sie besser davon denken zu machen. Aber ich wünsche zu Ihrem Glücke und hoffe, daß die Zeit und Ihr Herz Ihnen die Empfindung dessen, ganz so wahr und innig schenken möge, wie sie mich in dem Augenblick jener Äußerung belebte.

    Die höchste nützlichste Wirkung, die Sie dieser Denkungsart, oder vielmehr (denn das ist sie eigentlich) Empfindungsweise, zuschreiben, ist, daß sie vielleicht dazu diene, den Menschen unter der Last niederdrückender Schicksale vor der Verzweiflung zu sichern; und Sie glauben, daß wenn auch wirklich Vernunft und Herz einen Menschen dahin bringen könnte, daß er selbst unter äußerlich unvorteilhaften Umständen sich glücklich fühlte, er doch immer in äußerlich vorteilhaften Verhältnissen glücklicher sein müßte.

    Dagegen, mein Freund, kann ich nichts anführen, weil es ein vergeblicher mißverstandner Streit sein würde. Das Glück, wovon ich sprach, hangt von keinen äußeren Umständen ab, es begleitet den, der es besitzt, mit gleicher Stärke in alle Verhältnisse seines Lebens, und die Gelegenheit, es in Genüssen zu entwickeln, findet sich in Kerkern so gut, wie auf Thronen.

    Ja, mein Freund, selbst in Ketten und Banden, in die Nacht des finstersten Kerkers gewiesen, – glauben und fühlen Sie nicht, daß es auch da überschwenglich entzückende Gefühle für den tugendhaften Weisen gibt? Ach es liegt in der Tugend eine geheime göttliche Kraft, die den Menschen über sein Schicksal erhebt, in ihren Tränen reifen höhere Freuden, in ihrem Kummer selbst liegt ein neues Glück. Sie ist der Sonne gleich, die nie so göttlich schön den Horizont mit Flammenröte malt, als wenn die Nächte des Ungewitters sie umlagern.

    Ach, mein Freund, ich suche und spähe umher nach Worten und Bildern, um Sie von dieser herrlichen beglückenden Wahrheit zu überzeugen. Lassen Sie uns bei dem Bilde des unschuldig Gefesselten verweilen, – oder besser noch, blicken Sie einmal zweitausend Jahre in die Vergangenheit zurück, auf jenen besten und edelsten der Menschen, der den Tod am Kreuze für die Menschheit starb, auf Christus. Er schlummerte unter seinen Mördern, er reichte seine Hände freiwillig zum Binden dar, die teuern Hände, deren Geschäft nur Wohl tun war, er fühlte sich ja doch frei, mehr als die Unmenschen, die ihn fesselten, seine Seele war so voll des Trostes, daß er dessen noch seinen Freunden mitteilen konnte, er vergab sterbend seinen Feinden, er lächelte liebreich seine Henker an, er sah dem furchtbar schrecklichen Tode ruhig und freudig entgegen, – ach die Unschuld wandelt ja heiter über sinkende Welten. In seiner Brust muß ein ganzer Himmel von Empfindungen gewohnet haben, denn „Unrecht leiden schmeichelt große Seelen“.

    Enemy of Furys, Orange Power, 19. Juli 2015

    Ich bin nun erschöpft, mein Freund, und was ich auch sagen könnte, würde matt und kraftlos neben diesem Bilde stehen. Daher will ich nun, mein lieber Freund, glauben Sie überzeugt zu haben, daß die Tugend den Tugendhaften selbst im Unglück glücklich macht; und wenn ich über diesen Gegenstand noch etwas sagen soll, so wollen wir einmal jenes äußere Glück mit der Fackel der Wahrheit beleuchten, für dessen Reibungen Sie einen so lebhaften Sinn zu haben scheinen.

    Nach dem Bilde des wahren innern Glückes zu urteilen, dessen Anblick uns soeben so lebhaft entzückt hat: verdient nun wohl Reichtum, Güter, Würden, und alle die zerbrechlichen Geschenke des Zufalls, den Namen Glück? So arm an Nüancen ist doch unsre deutsche Sprache nicht, vielmehr finde ich leicht ein paar Wörter, die das, was diese Güter bewirken, sehr passend und richtig ausdrücken, Vergnügen und Wohlbehagen. Um diese sehr angenehmen Genüsse sind Fortunens Günstlinge freilich reicher als ihre Stiefkinder, obgleich ihre vorzüglichsten Bestandteile in der Neuheit und Abwechselung liegen, und daher der Arme und Verlaßne auch nicht ganz davon ausgeschlossen ist.

    Ja ich bin sogar geneigt zu glauben, daß in dieser Rücksicht für ihn ein Vorteil über den Reichen und Geehrten möglich ist, indem dieser bei der zu häufigen Abwechselung leicht den Sinn zu genießen abstumpft oder wohl gar mit der Abwechselung endlich ans Ende kommt und dann auf Leeren und Lücken stößt, indes der andere mit mäßigen Genüssen haushält, selten, aber desto inniger den Reiz der Neuheit schmeckt, und mit seinen Abwechselungen nie ans Ende kommt, weil selbst in ihnen eine gewisse Einförmigkeit liegt.

    Aber es sei, die Großen dieser Erde mögen den Vorzug vor die Geringen haben, zu schwelgen und zu prassen, alle Güter der Welt mögen sich ihren nach Vergnügen lechzenden Sinnen darbieten, und sie mögen ihrer vorzugsweise genießen; nur, mein Freund, das Vorrecht glücklich zu sein, wollen wir ihnen nicht einräumen, mit Gold sollen sie den Kummer, wenn sie ihn verdienen, nicht aufwiegen können. Da waltet ein großes unerbittliches Gesetz über die ganze Menschheit, dem der Fürst wie der Bettler unterworfen ist. Der Tugend folgt die Belohnung, dem Laster die Strafe. Kein Gold besticht ein empörtes Gewissen, und wenn der lasterhafte Fürst auch alle Blicke und Mienen und Reden besticht, wenn er auch alle Künste des Leichtsinns herbeiruft, wie Medea alle Wohlgerüche Arabiens, um den häßlichen Mordgeruch von ihren Händen zu vertreiben – und wenn er auch Mahoms Paradies um sich versammelte, um sich zu zerstreun oder zu betäuben – umsonst! Ihn quält und ängstigt sein Gewissen, wie den Geringsten seiner Untertanen.

    Gegen dieses größte der Übel wollen wir uns schützen, mein Freund, dadurch schützen wir uns zugleich vor allen übrigen, und wenn wir bei der Sinnlichkeit unsrer Jugend uns nicht entbrechen können, neben den Genüssen des ersten und höchsten innern Glücks, uns auch die Genüsse des äußern zu wünschen, so lassen Sie uns wenigstens so bescheiden und begnügsam in diesen Wünschen sein, wie es Schülern für die Weisheit ansteht.

    Und nun, mein Freund, will ich Ihnen eine Lehre geben, von deren Wahrheit mein Geist zwar überzeugt ist, obgleich mein Herz ihr unaufhörlich widerspricht. Diese Lehre ist, von den Wegen die zwischen dem höchsten äußern Glück und Unglück liegen, grade nur auf der Mittelstraße zu wandern, und unsre Wünsche nie auf die schwindlichen Höhen zu richten. Sosehr ich jetzt noch die Mittelstraßen aller Art hasse, weil ein natürlich heftiger Trieb im Innern mich verführt, so ahnde ich dennoch, daß Zeit und Erfahrung mich einst davon überzeugen werden, daß sie dennoch die besten seien. Eine besonders wichtige Ursache uns nur ein mäßiges äußeres Glück zu wünschen, ist, daß dieses sich wirklich am häufigsten in der Welt findet, und wir daher am wenigsten fürchten dürfen getäuscht zu werden.

    Wie wenig beglückend der Standpunkt auf großen außerordentlichen Höhen ist, habe ich recht innig auf dem Brocken empfunden. Lächeln Sie nicht, mein Freund, es waltet ein gleiches Gesetz über die moralische wie über die physische Welt. Die Temperatur auf der Höhe des Thrones ist so rauh, so empfindlich und der Natur des Menschen so wenig angemessen, wie der Gipfel des Blocksbergs, und die Aussicht von dem einen so wenig beglückend wie von dem andern, weil der Standpunkt auf beidem zu hoch, und das Schöne und Reizende um beides zu tief liegt.

    Mit weit mehrerem Vergnügen gedenke ich dagegen der Aussicht auf der mittleren und mäßigen Höhe des Regensteins, wo kein trüber Schleier die Landschaft verdeckte, und der schöne Teppich im ganzen, wie das unendlich Mannigfaltige desselben im einzelnen klar vor meinen Augen lag. Die Luft war mäßig, nicht warm und nicht kalt, grade so wie sie nötig ist, um frei und leicht zu atmen. Ich werde Ihnen doch die bildliche Vorstellung Homers aufschreiben, die er sich von Glück und Unglück machte, ob ich Ihnen gleich schon einmal davon erzählt habe.

    Im Vorhofe des Olymp, erzählt er, stünden zwei große Behältnisse, das eine mit Genuß, das andere mit Entbehrung gefüllt. Wem die Götter, so spricht Homer, aus beiden Fässern mit gleichem Maße messen, der ist der Glücklichste; wem sie ungleich messen, der ist unglücklich, doch am unglücklichsten der, dem sie nur allein aus einem Fasse zumessen.

    Also entbehren und genießen, das wäre die Regel des äußeren Glücks, und der Weg, gleich weit entfernt von Reichtum und Armut, von Überfluß und Mangel, von Schimmer und Dunkelheit, die beglückende Mittelstraße, die wir wandern wollen.

    Jetzt freilich wanken wir noch auf regellosen Bahnen umher, aber, mein Freund, das ist uns als Jünglinge zu verzeihen. Die innere Gärung ineinander wirkender Kräfte, die uns in diesem Alter erfüllt, läßt keine Ruhe im Denken und Handeln zu. Wir kennen die Beschwörungsformel noch nicht, die Zeit allein führt sie mit sich, um die wunderbar ungleichartigen Gestalten, die in unserm Innern wühlen und durcheinandertreiben, zu besänftigen und zu beruhigen. Und alle Jünglinge, die wir um und neben uns sehen, teilen ja mit uns dieses Schicksal. Alle ihre Schritte und Bewegungen scheinen nur die Wirkung eines unfühlbaren aber gewaltigen Stoßes zu sein, der sie unwiderstehlich mit sich fortreißt. Sie erscheinen mir wie Kometen, die in regellosen Kreisen das Weltall durchschweifen, bis sie endlich eine Bahn und ein Gesetz der Bewegung finden.

    Bis dahin, mein Freund, wollen wir uns also aufs Warten und Hoffen legen, und nur wenigstens uns das zu erhalten streben, was schon jetzt in unsrer Seele Gutes und Schönes liegt. Besonders und aus mehr als dieser Rücksicht wird es gut für uns, und besonders für Sie sein, wenn wir die Hoffnung zu unsrer Göttin wählen, weil es scheint als ob uns der Genuß flieht.

    Petites Luxures, Interchapitre, 18. April 2016Denn eine von beiden Göttinnen, Lieber, lächelt dem Menschen doch immer zu, dem Frohen der Genuß, dem Traurigen die Hoffnung. Auch scheint es, als ob die Summe der glücklichen und der unglücklichen Zufälle im ganzen für jeden Menschen gleich bleibe; wer denkt bei dieser Betrachtung nicht an jenen Tyrann von Syrakus, Polykrates, den das Glück bei allen seinen Bewegungen begleitete, den nie ein Wunsch, nie eine Hoffnung betrog, dem der Zufall sogar den Ring wiedergab, den er, um dem Unglück ein freiwilliges Opfer zu bringen, ins Meer geworfen hatte. So hatte die Schale seines Glücks sich tief gesenkt; aber das Schicksal setzte es dafür auch mit einem Schlage wieder ins Gleichgewicht und ließ ihn am Galgen sterben. – Oft verpraßt indes ein Jüngling in ein paar Jugendjahren den Glücksvorrat seines ganzen Lebens, und darbt dann im Alter; und da Ihre Jugendjahre, mehr noch als die meinigen, so freudenleer verflossen sind, ob Sie gleich eine tiefgefühlte Sehnsucht nach Freude in sich tragen, so nähren und stärken Sie die Hoffnung auf schönere Zeiten, denn ich getraue mich, mit einiger, ja mit großer Gewißheit Ihnen eine frohe und freudenreiche Zukunft vorher zu kündigen. Denken Sie nur, mein Freund, an unsre schönen und herrlichen Pläne, an unsre Reisen. Wie vielen Genuß bieten sie uns dar, selbst den reichsten in den scheinbar ungünstigsten Zufällen, wenigstens doch nach ihnen, durch die Erinnerung. Oder blicken Sie über die Vollendung unsrer Reisen hin, und sehen Sie sich an, den an Kenntnissen bereicherten, an Herz und Geist durch Erfahrung und Tätigkeit gebildeten Mann. Denn Bildung muß der Zweck unsrer Reise sein und wir müssen ihn erreichen, oder der Entwurf ist so unsinnig wie die Ausführung ungeschickt.

    Dann, mein Freund, wird die Erde unser Vaterland, und alle Menschen unsre Landsleute sein. Wir werden uns stellen und wenden können wohin wir wollen, und immer glücklich sein. Ja wir werden unser Glück zum Teil in der Gründung des Glücks anderer finden, und andere bilden, wie wir bisher selbst gebildet worden sind.

    Wie viele Freuden gewährt nicht schon allein die wahre und richtige Wertschätzung der Dinge. Wie oft gründet sich das Unglück eines Menschen bloß darin, daß er den Dingen unmögliche Wirkungen zuschrieb, oder aus Verhältnissen falsche Resultate zog, und sich darinnen in seinen Erwartungen betrog. Wir werden uns seltner irren, mein Freund, wir durchschauen dann die Geheimnisse der physischen wie der moralischen Welt, bis dahin, versteht sich, wo der ewige Schleier über sie waltet, und was wir bei dem Scharfblick unsres Geistes von der Natur erwarten, das leistet sie gewiß. Ja es ist im richtigen Sinne sogar möglich, das Schicksal selbst zu leiten, und wenn uns dann auch das große allgewaltige Rad einmal mit sich fortreißt, so verlieren wir doch nie das Gefühl unsrer selbst, nie das Bewußtsein unseres Wertes.

    Selbst auf diesem Wege kann der Weise, wie jener Dichter sagt, Honig aus jeder Blume saugen. Er kennt den großen Kreislauf der Dinge, und freut sich daher der Vernichtung wie dem Segen, weil er weiß, daß in ihr wieder der Keim zu neuen und schöneren Bildungen liegt.

    Istvan Banyai, Engineers Are Aware of My Issues, Juli 2016Und nun, mein Freund, noch ein paar Worte über ein Übel, welches ich mit Mißvergnügen als Keim in Ihrer Seele zu entdecken glaube. Ohne, wie es scheint, gegründete, vielleicht Ihnen selbst unerklärbare Ursachen, ohne besonders üble Erfahrungen, ja vielleicht selbst ohne die Bekanntschaft eines einzigen durchaus bösen Menschen, scheint es, als ob Sie die Menschen hassen und scheuen.

    Lieber, in Ihrem Alter ist das besonders übel, weil es die Verknüpfung mit Menschen und die Unterstützung derselben noch so sehr nötig macht. Ich glaube nicht, mein Freund, daß diese Empfindung als Grundzug in Ihrer Seele liegt, weil sie die Hoffnung zu Ihrer vollkommnen Ausbildung, zu welcher Ihre übrigen Anlagen doch berechtigen, zerstören und Ihren Charakter unfehlbar entstellen würde. Daher glaube ich eher und lieber, worauf auch besonders Ihre Äußerungen hinzudeuten scheinen, daß es eine von jenen fremdartigen Empfindungen ist, die eigentlich keiner menschlichen Seele und besonders der Ihrigen nicht, eigentümlich sein sollte, und die Sie, von irgendeinem Geiste der Sonderbarkeit und des Widerspruchs getrieben, und von einem an Ihnen unverkennbaren Trieb der Auszeichnung verführt, nur durch Kunst und Bemühung in Ihrer Seele verpflanzt haben.

    Verpflanzungen, mein Freund, sind schon im allgemeinen Sinne nicht gut, weil sie immer die Schönheit des Einzelnen und die Ordnung des Ganzen stören. Südfrüchte in Nordländern zu verpflanzen, – das mag noch hingehen, der unfruchtbare Himmelsstrich mag die unglücklichen Bewohner und ihren Eingriff in die Ordnung der Dinge rechtfertigen; aber die kraft- und saftlosen verkrüppelten Erzeugnisse des Nordens in den üppigsten südlichen Himmelstrich zu verpflanzen, – Lieber, es dringt sich nur gleich die Frage auf, wozu? Also der mögliche Nutzen kann es nur rechtfertigen.

    Was ich aber auch denke und sinne, mein Freund, nicht ein einziger Nutzen tritt vor meine Seele, wohl aber Heere von Übeln.

    Ich weiß es und Sie haben es mir ja oft mitgeteilt, Sie fühlen in sich einen lebhaften Tätigkeitstrieb, Sie wünschen einst viel und im großen zu wirken. Das ist schön, mein Freund, und Ihres Geistes würdig, auch Ihr Wirkungskreis wird sich finden, und die relativen Begriffe von groß und klein wird die Zeit feststellen.

    Aber ich stoße hier gleich auf einen gewaltigen Widerspruch, den ich nicht anders zu Ihrer Ehre auflösen kann, als wenn ich die Empfindung des Menschenhasses geradezu aus Ihrer Seele wegstreiche. Denn wenn Sie wirken und schaffen wollen, wenn Sie Ihre Existenz für die Existenz andrer aufopfern und so Ihr Dasein gleichsam vertausendfachen wollen, Lieber, wenn Sie nur für andre sammeln, wenn Sie Kräfte, Zeit und Leben, nur für andre aufopfern wollen, – wem können Sie wohl dieses kostbare Opfer bringen, als dem, was Ihrem Herzen am teuersten ist, und am nächsten liegt?

    Ja, mein Freund, Tätigkeit verlangt ein Opfer, ein Opfer verlangt Liebe, und so muß sich die Tätigkeit auf wahre innige Menschenliebe gründen, sie müßte denn eigennützig sein, und nur für sich selbst schaffen wollen.

    Ich möchte hier schließen, mein Freund, denn das, was ich Ihnen zur Bekämpfung des Menschenhasses, wenn Sie wirklich so unglücklich wären ihn in Ihrer Brust zu verschließen, sagen könnte, wird mir durch die Vorstellung dieser häßlichen abscheulichen Empfindung, so widrig, daß es mein ganzes Wesen empört. Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!

    Porn 4 Ladies, Emily Age 20, reading and masturbating, 30. Mai 2014Und gibt es denn nichts Liebenswürdiges unter den Menschen mehr? Und gibt es keine Tugenden mehr unter ihnen, keine Gerechtigkeit, keine Wohltätigkeit, keine Bescheidenheit im Glücke, keine Größe und Standhaftigkeit im Unglück? Gibt es denn keine redlichen Väter, keine zärtlichen Mütter, keine frommen Töchter mehr? Rührt Sie denn der Anblick eines frommen Dulders, eines geheimen Wohltäters nicht? Nicht der Anblick einer schönen leidenden Unschuld? Nicht der Anblick einer triumphierenden Unschuld? Ach und wenn sich auch im ganzen Umkreis der Erde nur ein einziger Tugendhafter fände, dieser einzige wiegt ja eine ganze Hölle von Bösewichtern auf, um dieses einzigen willen – kann man ja die ganze Menschheit nicht hassen. Nein, lieber Freund, es stellt sich in unsrer gemeinen Lebensweise nur die Außenseite der Dinge dar, nur starke und heftige Wirkungen fesseln unsern Blick, die mäßigen entschlüpfen ihm in dem Tumult der Dinge. Wie mancher Vater darbt und sorgt für den Wohlstand seiner Kinder, wie manche Tochter betet und arbeitet für die armen und kranken Eltern, wie manches Opfer erzeugt und vollendet sich im Stillen, wie manche wohltätige Hand waltet im Dunkeln. Aber das Gute und Edle gibt nur sanfte Eindrücke, und doch liebt der Mensch die heftigen, er gefällt sich in der Bewunderung und Entzückung, und das Große und Ungeheure ist es eben, worin die Menschen nicht stark sind. Und wenn es doch nur gerade das Große und Ungeheure ist, nach dessen Eindrücken Sie sich am meisten sehnen, nun, mein Freund, auch für diese Genüsse läßt sich sorgen, auch dazu findet sich Stoff in dem Umkreis der Dinge. Ich rate Ihnen daher nochmals die Geschichte an, nicht als Studium, sondern als Lektüre. Vielleicht ist die große Überschwemmung von Romanen, die, nach Ihrer eignen Mitteilung, auch Ihre Phantasie einst unter Wasser gesetzt hat (verzeihn Sie mir diesen unedlen Ausdruck), aber vielleicht ist diese zu häufige Lektüre an der Empfindung des Menschenhasses schuld, die so ungleichartig und fremd neben Ihren andern Empfindungen steht. Ein gutes leichtsinniges Herz hebt sich so gern in diese erdichteten Welten empor, der Anblick so vollkommner Ideale entzückt es, und fliegt dann einmal ein Blick über das Buch hinweg, so verschwindet die Zauberin, die magere Wirklichkeit umgibt es, und statt seiner Ideale grinset ihn ein Alltagsgesicht an. Wir beschäftigen uns dann mit Plänen zur Realisierung dieser Träumereien, und oft um so inniger, je weniger wir durch Handel und Wandel selbst dazu beitragen, wir finden dann die Menschen zu ungeschickt für unsern Sinn, und so erzeugt sich die erste Empfindung der Gleichgültigkeit und Verachtung gegen sie.

    Aber wie ganz anders ist es mit der Geschichte, mein Freund! Sie ist die getreue Darstellung dessen, was sich zu allen Zeiten unter den Menschen zugetragen hat. Da hat keiner etwas hinzugesetzt, keiner etwas weggelassen, es finden sich keine phantastische Ideale, keine Dichtung, nichts als wahre trockne Geschichte. Und dennoch, mein Freund, finden sich darin schöne herrliche Charaktergemälde großer erhabner Menschen, Menschen wie Sokrates und Christus, deren ganzer Lebenslauf Tugend war, Taten, wie des Leonidas, des Regulus, und alle die unzähligen griechischen und römischen, die alles, was die Phantasie möglicherweise nur erdichten kann, erreichen und übertreffen. Und da, mein Freund, können wir wahrhaft sehn, auf welche Höhe der Mensch sich stellen, wie nah er an die Gottheit treten kann! Das darf und soll Sie mit Bewunderung und Entzückung füllen, aber, mein Freund, es soll Sie aber auch mit Liebe für das Geschlecht erfüllen, dessen Stolz sie waren, mit Liebe zu der großen Gattung, zu der sie gehören, und deren Wert sie durch ihre Erscheinung so unendlich erhöht und veredelt haben.

    Vielleicht sehn Sie sich um in diesem Augenblick unter den Völkern der Erde, und suchen und vermissen einen Sokrates, Christus, Leonidas, Regulus etc. Irren Sie sich nicht, mein Freund! Alle diese Männer waren große, seltne Menschen, aber daß wir das wissen, daß sie so berühmt geworden sind, haben sie dem Zufall zu danken, der ihre Verhältnisse so glücklich stellte, daß die Schönheit ihres Wesens wie eine Sonne daraus hervorstieg.

    Ohne den Melitus und ohne den Herodes würde Sokrates und Christus uns vielleicht unbekannt geblieben, und doch nicht minder groß und erhaben gewesen sein. Wenn sich Ihnen also in diesem Zeitpunkt kein so bewundrungswürdiges Wesen ankündigt, – – mein Freund, ich wünsche nur, daß Sie nicht etwa denken mögen, die Menschen seien von ihrer Höhe herabgesunken, vielmehr es scheint ein Gesetz über die Menschheit zu walten, daß sie sich im allgemeinen zu allen Zeiten gleichbleibt, wie oft auch immer die Völker mit Gestalt und Form wechseln mögen.

    Aus allen diesen Gründen, mein teurer Freund, verscheuchen Sie, wenn er wirklich in Ihrem Busen wohnt, den häßlich unglückseligen und, wie ich Sie überzeugt habe, selbst ungegründeten Haß der Menschen. Liebe und Wohlwollen müssen nur den Platz darin einnehmen. Ach es ist ja so öde und traurig zu hassen und zu fürchten, und es ist so süß und so freudig zu lieben und zu trauen. Ja, wahrlich, mein Freund, es ist ohne Menschenliebe gewiß kein Glück möglich, und ein so liebloses Wesen wie ein Menschenfeind ist auch keines wahren Glückes wert.

    Und dann noch eines, Lieber, ist denn auch ohne Menschenliebe jene Bildung möglich, der wir mit allen unsern Kräften entgegenstreben? Alle Tugenden beziehn sich ja auf die Menschen, und sie sind nur Tugenden insofern sie ihnen nützlich sind. Großmut, Bescheidenheit, Wohltätigkeit, bei allen diesen Tugenden fragt es sich, gegen wen? und für wen? und wozu? Und immer dringt sich die Antwort auf, für die Menschen, und zu ihrem Nutzen.

    Besonders dienlich wird unsre entworfne Reise sein, um Ihnen die Menschen gewiß von einer recht liebenswürdigen Seite zu zeigen. Tausend wohltätige Einflüsse erwarte und hoffe ich von ihr, aber besonders nur für Sie den ebenbenannten. Die Art unsrer Reise verschafft uns ein glückliches Verhältnis mit den Menschen. Sie erfüllen nur nicht gern, was man laut von ihnen verlangt, aber leisten desto lieber was man schweigend von sie hofft.

    Schon auf unsrer kleinen Harzwanderung haben wir häufig diese frohe Erfahrung gemacht. Wie oft, wenn wir ermüdet und erschöpft von der Reise in ein Haus traten, und den Nächsten um einen Trunk Wasser baten, wie oft reichten die ehrlichen Leute uns Bier oder Milch und weigerten sich Bezahlung anzunehmen. Oder sie ließen freiwillig Arbeit und Geschäft im Stiche, um uns Verirrte oft auf entfernte rechte Wege zu führen. Solche stillen Wünsche werden oft empfunden, und ohne Geräusch und Anspruch erfüllt, und mit Händedrücken bezahlt, weil die geselligen Tugenden gerade diejenigen sind, deren jeder in Zeit der Not bedarf. Aber freilich, große Opfer darf und soll man auch nicht verlangen.

    Poilue Sorry to Disappoint You, Me, Reading Eragon, 2013

    Bilder:

    1. Distant Passion: Quédate hoy conmigo, vive conmigo un día y una…, Juni 2016;
    2. Lady A. Dracula: Lilianne Sanguis, 31. Mai 2016;
    3. Enemy of Furys: Orange Power, 19. Juli 2015;
    4. Petites Luxures: Interchapitre, 18. April 2016;
    5. Istvan Banyai: Engineers Are Aware of My Issues, Juli 2016;
    6. Porn 4 Ladies: Emily Age 20, reading and masturbating, 30. Mai 2014,
    7. Poilue Sorry to Disappoint You: Me, Reading Eragon, 2013;
    8. Bibliophile Exhibitionism: When your book gets the best of you, 1. Januar 2016.

    Soundtrack, weil wir oben kurz — und nicht im Sinne des Tatbestands — von erweitertem Selbstmord gesprochen haben und wo Kleist, seine Suizidgefährtin Henriette Vogel nie weit ist: „This song’s for Henriette!“: Lake Street Dive: Henriette, aus: Lake Street Dive, 2011, live im Pickathon Pumphouse in Portland, Oregon, 2012. Bridget Kearney am Kontrabass:

    Wieder was gelernt vom Bernd.

    Hand in Pants via Bibliophile Exhibitionism, When your book gets the best of you, 1. Januar 2016

    Written by Wolf

    1. September 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

    Adorno für Blogger

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    4 Jahre Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

    She sends me blue valentines
    All the way from Philadelphia
    To mark the anniversary
    Of someone that I used to be
    And it feels just like there’s
    A warrant out for my arrest
    Got me checkin‘ in my rearview mirror
    And I’m always on the run
    That’s why I changed my name
    And I didn’t think you’d ever find me here.

    Tom Waits: Blue Valentines, aus: Blue Valentine, 1978.

    Vier Jahre — nicht schlecht für gerundet 0 Leser. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich nochmal daran, dass es bei mir sogar einen materiellen Gewinn bedeuten kann, sich in blaue Strümpfe zu gewanden und so zu dokumentieren; mit Zeichnen und Malerei, das ist das Durchtriebene an solchen Analogtechniken, muss man nicht einmal sich oder andere gewanden: Einfach losskizziert, eingereicht und Buch gewonnen. Ich illustriere nochmal mit denkbar hoch gegriffenen Gestaltungsbeispielen (Kate Moss geht immer, und Lesende sind ein nimmer erschöpftes Thema) und erinnere außerdem daran, dass sogar Sparkassenkulis blau schreiben.

    Als Meta-Text, passend wie nie, etwas Modernes wie selten: Adorno über Essays in seinen Noten zur Literatur. Es reicht, „Essay“ durch „Weblog“ zu ersetzen, ohne einen Strich an der Aussage zu verfälschen.

    ——— Theodor Wiesengrund Adorno:

    Der Essay als Form

    geschrieben 1954 bis 1958, in: Noten zur Literatur, Band 1, Suhrkamp 1958:

    Kate Moss, The Quite Delightful ProjectIn Deutschland reizt der Essay zur Abwehr, weil er an die Freiheit des Geistes mahnt, die, seit dem Mißlingen einer seit Leibnizischen Tagen nur lauen Aufklärung, bis heute, auch unter den Bedingungen formaler Freiheit, nicht recht sich entfaltete, sondern stets bereit war, die Unterordnung unter irgendwelche Instanzen als ihr eigentliches Anliegen zu verkünden. Der Essay aber läßt sich sein Ressort nicht vorschreiben. Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlerisch etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider, der ohne Skrupel sich entflammt an dem, was andere schon getan haben. Er reflektiert das Geliebte und Gehaßte, anstatt den Geist nach dem Modell unbegrenzter Arbeitsmoral als Schöpfung aus dem Nichts vorzustellen. Glück und Spiel sind ihm wesentlich. Er fängt nicht mit Adam und Eva an sondern mit dem, worüber er reden will; er sagt, was ihm daran aufgeht, bricht ab, wo er selber am Ende sich fühlt und nicht dort, wo kein Rest mehr bliebe: so rangiert er unter den Allotria. Weder sind seine Begriffe von einem Ersten her konstruiert noch runden sie sich zu einem Letzten. Seine Interpretationen sind nicht philologisch erhärtet und besonnen, sondern prinzipiell Überinterpretationen, nach dem automatisierten Verdikt jenes wachsamen Verstandes, der sich als Büttel an die Dummheit gegen den Geist verdingt. Die Anstrengung des Subjekts, zu durchdringen, was als Objektivität hinter der Fassade sich versteckt, wird als müßig gebrandmarkt: aus Angst vor Negativität überhaupt. Alles sei viel einfacher. Dem, der deutet, anstatt hinzunehmen und einzuordnen, wird der gelbe Fleck dessen angeheftet, der kraftlos, mit fehlgeleiteter Intelligenz spintisiere und hineinlege, wo es nichts auszulegen gibt. Tatsachenmensch oder Luftmensch, das ist die Alternative. Hat man aber einmal sich terrorisieren lassen vom Verbot, mehr zu meinen als an Ort und Stelle gemeint war, so willfahrt man bereits der falschen Intention, wie sie Menschen und Dinge von sich selber hegen. Verstehen ist dann nichts als das Herausschalen dessen, was der Autor jeweils habe sagen wollen, oder allenfalls der einzelmenschlichen psychologischen Regungen, die das Phänomen indiziert. Aber wie kaum sich ausmachen läßt, was einer sich da und dort gedacht, was er gefühlt hat, so wäre durch derlei Einsichten nichts Wesentliches zu gewinnen. Die Regungen der Autoren erlöschen in dem objektiven Gehalt, den sie ergreifen. Die objektive Fülle von Bedeutungen jedoch, die in jedem geistigen Phänomen verkapselt sind, verlangt vom Empfangenden, um sich zu enthüllen, eben jene Spontaneität subjektiver Phantasie, die im Namen objektiver Disziplin geahndet wird. Nichts läßt sich herausinterpretieren, was nicht zugleich hineininterpretiert wäre. Kriterien dafür sind die Vereinbarkeit der Interpretation mit dem Text und mit sich selber, und ihre Kraft, die Elemente des Gegenstandes mitsammen zum Sprechen zu bringen. Durch diese ähnelt der Essay einer ästhetischen Selbständigkeit, die leicht als der Kunst bloß entlehnt angeklagt wird, von der er gleichwohl durch sein Medium, die Begriffe, sich unterscheidet und durch seinen Anspruch auf Wahrheit bar des ästhetischen Scheins. Das hat Lukács verkannt, als er in dem Brief an Leo Popper, der die Seele und die Formen einleitet, den Essay eine Kunstform nannte. Nicht überlegen aber ist dem die positivistische Maxime, was über Kunst geschrieben würde, dürfe selbst in nichts künstlerische Darstellung, also Autonomie der Form beanspruchen. Die positivistische Gesamttendenz, die jeden möglichen Gegenstand als einen von Forschung starr dem Subjekt entgegensetzt, bleibt wie in allen anderen Momenten so auch in diesem bei der bloßen Trennung von Form und Inhalt stehen: wie denn überhaupt von Ästhetischem unästhetisch, bar aller Ähnlichkeit mit der Sache kaum sich reden ließe, ohne daß man der Banausie verfiele und a priori von jener Sache abglitte. Der Inhalt, einmal nach dem Urbild des Protokollsatzes fixiert, soll nach positivistischem Brauch gegen seine Darstellung indifferent, diese konventionell, nicht von der Sache gefordert sein, und jede Regung des Ausdrucks in der Darstellung gefährdet für den Instinkt des wissenschaftlichen Purismus eine Objektivität, die nach Abzug des Subjekts herausspränge, und damit die Gediegenheit der Sache, die um so besser sich bewähre, je weniger sie sich auf die Unterstützung durch die Form verläßt, obwohl doch diese ihre Norm selber genau daran hat, die Sache rein und ohne Zutat zu geben. In der Allergie gegen die Formen als bloße Akzidenzien nähert sich der szientifische Geist dem stur dogmatischen. Das unverantwortlich geschluderte Wort wähnt, die Verantwortlichkeit in der Sache zu belegen, und die Reflexion über Geistiges wird zum Privileg des Geistlosen.

    Jennifer by Randall Hobbet, The Education of a Young Lady, April 19th, 2014

    Bilder: Kate Moss via The Quite Delightful Project;
    Jennifer by Randall Hobbet: The Education of a Young Lady, 19. April 2014:

    Marquis de Sade: epigraph Dialogues aimed at the education of young ladies from Philosphy in the Boudoir, 1795.

    Written by Wolf

    28. August 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Novecento, Weisheit & Sophisterei

    Da ist alle Herrlichkeit der Erde und des Himmels, die Leiden und die Lust der Liebe (O Ihr Kurzsichtigen, die Ihr das Meer in Bechern erschöpfen wollt, Ihr glaubt die Kunst zu ergründen und ergründet nur Eure Engherzigkeit): Die Bilder in Franz Sternbalds Wanderungen

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    Update zu Nackt fällt sie ihm an seinen Mund:

    Jemand muss es tun: Es folgen alle eingehender behandelten Gemälde aus Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen, 1798. Zeichengenau korrigiert wurde nach der Studienausgabe von Alfed Anger bei Reclam. Das ist die Fassung, in der die meisten Gemälde vorkommen – mehr gegenüber der teuren, allerdings schöneren Ausgabe mit frühen Romanen und Erzählungen bei Winkler.

    Meine Lieblingsstelle ist die mit dem Straßburger Münster. Weil ich in der Bildauswahl thematisch eingeschränkt war und nicht beliebig etwas herumzeigen, sondern gezielt suchen musste, gibt es ausnahmsweise auch gut proportionierte Männer statt lauter inhaltlich diskutierwürdiger, leicht geschürzter Frauen zu sehen. Und das wirklich sehr schöne Straßburger Münster.

    ——— Ludwig Tieck:

    Franz Sternbalds Wanderungen, eine altdeutsche Geschichte

    Johann Friedrich Unger, Berlin 1798:

    Albrecht Dürer: Die vier Apostel, 1526, Alte Pinakothek, München.
    Erster Teil, Erstes Buch, Erstes Kapitel:

    Albrecht Dürer, Die vier Apostel, 1526„Wie alles noch so still und feierlich ist“, sagte Franz, „und bald werden sich diese guten Stunden in Saus und Braus, in Getümmel und tausend Abwechselungen verlieren. Unser Meister schläft wohl noch und arbeitet an seinen Träumen, seine Gemälde stehen aber auf der Staffelei und warten schon auf ihn. Es tut mir doch leid, daß ich ihm den Petrus nicht habe können ausmalen helfen.“

    „Gefällt er dir?“ fragte Sebastian.

    „Über die Maßen“, rief Franz aus, „es sollte mir fast bedünken, als könnte der gute Apostel, der es so ehrlich meinte, der mit seinem Degen so rasch bei der Hand war und nachher doch aus Lebensfurcht das Verleugnen nicht lassen konnte und sich von einem Hahn mußte eine Buß- und Gedächtnispredigt halten lassen, als wenn ein solcher beherzter und furchtsamer, starrer und gutmütiger Apostel nicht anders habe aussehen können, als ihn Meister Dürer so vor uns hingestellt hat. Wenn er dich zu dem Bilde läßt, lieber Sebastian, so wende ja allen deinen Fleiß darauf und denke nicht, daß es für ein schlechtes Gemälde gut genug sei. Willst du mir das versprechen?“

    Er nahm, ohne eine Antwort zu erwarten, seines Freundes Hand und drückte sie stark, Sebastian sagte: „Deinen Johannes will ich recht aufheben und ihn behalten, wenn man mir auch viel Geld dafür böte.“

    Albrecht Dürer: Tanzendes Bauernpaar, 1514, Graphische Sammlung Albertina, Wien.
    Erstes Teil, Erstes Buch, Sechstes Kapitel:

    Albrecht Dürer, Tanzendes Bauernpaar, 1514Es war am folgenden Tage, an welchem das Erntefest gefeiert werden sollte. Franz hatte nun keinen Widerwillen mehr gegen das frohe, aufgeregte Menschengetümmel, er suchte die Freude auf, und war darum auch bei dem Feste zugegen. Er erinnerte sich einiger guten Kupferstiche von Albrecht Dürer, auf denen tanzende Bauern dargestellt waren und die ihm sonst überaus gefallen hatten; er suchte nun beim Klange der Flöten diese possierliche Gestalten wieder und fand sie auch wirklich; er hatte hier Gelegenheit zu bemerken, welche Natur Albrecht auch in diese Zeichnungen zu legen gewußt hatte.

    Der Tag des Festes war ein schöner, warmer Tag, an dem alle Stürme und unangenehme Winde von freundlichen Engeln zurückgehalten wurden. Die Töne der Flöten und Hörner gingen wie eine liebliche Schar ruhig und ungestört durch die sanfte Luft hin. Die Freude auf der Wiese war allgemein, hier sah man tanzende Paare, dort scherzte und neckte sich ein junger Bauer mit seiner Liebsten, dort schwatzten die Alten und erinnerten sich ihrer Jugend. Die Gebüsche standen still und waren frisch grün und überaus anmutig, in der Ferne lagen krause Hügel mit Obstbäumen bekränzt. „Wie“, sagte Franz zu sich, „sucht ihr Schüler und Meister immer nach Gemälden und wißt niemals recht, wo ihr sie suchen müßt? Warum fällt es keinem ein, sich mit seiner Staffelei unter einen solchen unbefangenen Haufen niederzusetzen und uns auf einmal diese Natur ganz, wie sie ist, darzustellen. Keine abgerissene Fragmente aus der alten Historie und Göttergeschichte, die so oft weder Schmerz noch Freude in uns erregen, keine kalte Figuren aus der Legende, die uns oft gar nicht ansprechen, weil der Maler die heiligen Männer nicht selber vor sich sah und er ohne Begeisterung arbeitete. Diese Gestalten wörtlich so und ohne Abänderung niedergeschrieben, damit wir lernen, welche Schöne, welche Erquickung in der einfachen Natürlichkeit verborgen liegt. Warum schweift ihr immer in der weiten Ferne und in einer staubbedeckten, unkenntlichen Vorzeit herum, uns zu ergötzen? Ist die Erde, wie sie jetzt ist, keiner Darstellung mehr wert; und könnt ihr die Vorwelt malen, wenn ihr gleich noch so sehr wollt? Und wenn ihr größeren Geister nun auch hohe Ehrfurcht in unser Herz hineinbannt; wenn eure Stücke uns mit ernster, feierlicher Stimme anreden; warum sollen nicht auch einmal die Strahlen einer weltlichen Freude aus einem Gemälde herausbrechen? Warum soll ich in einer freien, herzlichen Stunde nicht auch einmal Bäuerlein und ihre Spiele und Ergötzungen lieben? Dort werden wir beim Anblick der Bilder älter und klüger, hier kindischer und fröhlicher.“

    Albrecht Dürer: Der heilige Hieronymus im Gehäus, 1514, 24,5 cm x 18,7 cm, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem, Kupferstichkabinett.
    Erster Teil, Erstes Buch, Achtes Kapitel:

    Albrecht Dürer, Der heilige Hieronymus im Gehäus, 1514Ich habe neulich einen neuen Kupferstich von unserm Albert gesehn, den er seit meiner Abwesenheit gemacht hat. Du wirst ihn kennen, es ist der lesende Einsiedler. Wie ich da wieder unter euch war! denn ich kannte die Stube, den Tisch und die runden Scheiben gleich wieder, die Dürer auf diesem Bilde von seiner eigenen Wohnung abgeschrieben hat. Wie oft habe ich die runden Scheiben betrachtet, die der Sonnenschein an der Täfelung oder an der Decke zeichnete; der Eremit sitzt an Dürers Tisch. Es ist schön, daß unser Meister in seiner frommen Vorliebe für das, was ihn so nahe umgibt, der Nachwelt ein Konterfei von seinem Zimmer gegeben hat, wo doch alles so bedeutend ist und jeder Zug Andacht und Einsamkeit ausdrückt.

    Ich gehe auf meinem Wege oft in die kleinen Kapellen hinein und verweile mich dabei, die Gemälde und Zeichnungen zu betrachten. Ob es meine Unerfahrenheit oder meine Vorliebe für das Alter macht, ich sehe selten ein ganz schlechtes Bild; ehe ich die Fehler entdecke, sehe ich immer die Vorzüge an jedem. Ich habe gemeiniglich bei jungen Künstlern die entgegengesetzte Gemütsart gefunden, und sie wissen sich immer recht viel mit ihrem Tadel. Ich habe oft eine fromme Ehrfurcht vor unsern treuherzigen Vorfahren, die zuweilen recht schöne und erhabene Gedanken mit so wenigen Umständen ausgedrückt haben.

    Lukas van Leyden: Heilige Familie, ca. 1508.
    Erster Teil, Zweites Buch, Erstes Kapitel:

    Lukas van Leyden, Heilige Familie mit dem Apfel, ca. 1508Am Morgen erkundigte sich Franz nach der Wohnung des berühmten Lukas von Leyden. Man bezeichnete ihm die Straße und das Haus, und er ging mit hochschlagendem Herzen hin. Er ward in ein ansehnliches Haus geführt, und eine Magd sagte ihm, daß der Herr sich schon in seiner Malerstube befinde und arbeite. Franz bat, daß man ihn hineinführen möchte. Die Tür öffnete sich, und Franz sah einen kleinen, freundlichen, ziemlich jungen Mann vor einem Gemälde sitzen, an dem er fleißig arbeitete, um ihn her standen und hingen vielerlei Schildereien, einige Farbenkasten, Zeichnungen und Anatomien, aber alles in der besten Ordnung. Der Maler stand auf und ging Franzen entgegen, der Schüler war jetzt mit seinen Augen dem Gesicht des berühmten Meisters gegenüber und vermochte in der ersten Verwirrung kein Wort hervorzubringen. Endlich faßte er sich und nannte seinen Namen und den Namen seines Lehrers. Lukas hieß ihn von Herzen willkommen, und beide setzten sich nun in der Werkstatt nieder, und Franz erzählte ganz kurz seine Reise und sprach von einigen merkwürdigen Gemälden, die er unterwegs angetroffen hatte. Er beschaute während dem Sprechen aufmerksam das Bild, an welchem Lukas eben arbeitete; es war eine heilige Familie, er traf darinnen vieles von einigen Dürerschen Arbeiten an, denselben Fleiß, dieselbe Genauigkeit im Ausmalen, nur schien ihm an Lukas Bildern Dürers strenge Zeichnung zu fehlen, ihm dünkte, als wären die Umrisse weniger dreist und sicher gezogen, dagegen hatte Lukas etwas Liebliches und Anmutiges in den Wendungen seiner Gestalten, ja auch in seiner Färbung, das dem Dürer mangelte. Dem Geiste nach, glaubte er, müßten sich diese beiden großen Künstler sehr nahe verwandt sein, er sah hier dieselbe Simplizität in der Zusammensetzung, dieselbe Verschmähung unnützer Nebenwerke, die rührende und echt deutsche Behandlung der Gesichter und Leidenschaften, dasselbe Streben nach Wahrheit.

    Albrecht Dürer: Der heilige Eustachius, ca. 1501, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem, Kupferstichkabinett.
    Erster Teil, Zweites Buch, Erstes Kapitel:

    Albrecht Dürer, Der heilige Eustachius, ca. 1501„Ihr seid jung“, sagte Lukas, „und Euer Wesen ist mir ungemein lieb, es gibt wenige solcher Menschen, die meisten betrachten die Kunst nur als ein Spielwerk und uns als große Kinder, die albern genug bleiben, um sich mit derlei Possen zu beschäftigen. – Aber laßt uns auf etwas anderes kommen, ich bin jetzt überdies müde, zu malen. Ich habe einen Kupferstich von Eurem Albert erhalten, der mir bisher noch unbekannt war. Es ist der heilige Hubertus, der auf der Jagd einem Hirsche mit einem Kruzifixe zwischen dem Geweih begegnet und sich bei diesem Anblicke bekehrt und seine Lebensweise ändert. Seht hieher, es ist für mich ein merkwürdiges Blatt, nicht bloß der schönen Ausführung, sondern vorzüglich der Gedanken halber, die für mich darin liegen. Die Gegend ist Wald, und Dürer hat einen hohen Standpunkt angenommen, weshalb ihn nur ein Unverständiger tadeln könnte, denn wenn auch ein dichter Wald, wo wir nur wenige große Bäume wahrnähmen, etwas natürlicher beim ersten Anblicke in die Augen fallen dürfte, so könnte das doch nimmermehr das Gefühl der völligen Einsamkeit so ausdrücken und darstellen wie es hier geschieht, wo das Auge weit und breit alles übersieht, einzelne Hügel und lichte Waldgegenden [gestrichen: und oben in der Ferne die sonderbare Burg, mit ihrer auffallenden Bauart. Es ist, als wenn die tote Natur hier das ganze menschliche Leben überschaute]. Ich glaube auch, daß manche Leute, die mehr guten Willen, vernünftig zu sein, als Verstand haben, den gewählten Gegenstand selbst als etwas Albernes tadeln dürften, ein Rittersmann, der vor einer unvernünftigen Bestie kniet. Aber das ist es gerade, wenn ich meine aufrichtige Meinung sagen soll, was mir so sehr daran gefällt und zu großem Vergnügen gereicht. Es ist etwas so Unschuldiges, Frommes und Liebliches darin, wie der Jagdmann hier kniet und das Hirschlein mit seiner kindischen Physiognomie so unbefangen dreinsieht, im Kontrast mit der heiligen Ehrfurcht des Mannes; dies erweckt ganz eigene Gedanken von Gottes Barmherzigkeit, von dem grausamen Vergnügen der Jagd und dergleichen mehr. Nun beobachtet einmal die Art, wie der Ritter niederkniet; es ist die wahrste, frömmste und rührendste, mancher hätte hier wohl seine Zierlichkeit gezeigt, wie er Beine und Arme verschiedentlich zu stellen wüßte, so daß er durch Annehmlichkeit der Figur sich gleichsam vor jedem entschuldigt hätte, daß er ein so närrisches Bild zu seinem Gegenstande gemacht. Denn manche zierliche Maler sind mir so vorgekommen, daß sie nicht sowohl verschiedentliche Bilder malen als vielmehr nur die Gegenstände brauchen, um immer wieder ihre Verschränkungen und Niedlichkeiten zu zeigen; diese putzen sich mit der edlen Malerkunst, statt daß sie ihr freies Spiel und eine eigne Bahn gönnen sollten. So ist es nicht mit diesem Hubertus beschaffen. Seine zusammengelegten Beine, auf denen er so ganz natürlich hinkniet, seine gleichförmig aufgehobenen Hände sind das Wahrste, was man sehen kann; aber sie haben nicht die spielende Anmut, die manche der heutigen Welt über alles schätzen.“

    Lukas sprach noch mancherlei; dann besuchten ihn einige Freunde aus der Stadt, mit denen er und Franz sich zu Tische setzten. Man lachte und erzählte viel; von der Malerei ward nur wenig gesprochen.

    Lukas van Leyden: Eulenspiegel, 1520.
    Erster Teil Zweites Buch, Zweites Kapitel:

    Lucas van Leyden, Ulenspiegel, 1520Lukas dankte ihm und sprang wieder durch die Stube, voller Freude, den großen Maler Dürer bei sich zu haben. Dann zeigte er ihm einige seiner neuesten Bilder, und Albert lobte sie sehr verständig. Dieser hatte einige neue Kupferstiche bei sich, die er dem Niederländer schenkte, und Lukas suchte zur Vergeltung auch ein Blatt hervor, das er dem Albrecht in die Hände gab. „Seht“, sagte er, „dies Blatt, es wird von einigen für meinen besten Kupferstich erklärt, es ist das Konterfei des Tillen Eulenspiegel, wie ich mir diesen seltsamen Mann in den Gedanken vorgestellt habe [gestrichen: , es hat sich schon auch selten gemacht, es ist nämlich die Familie des Till Eulenspiegel, er als Knabe, die Eltern mit ihm, reitend und gehend: ich habe das Werk mit besonderem Fleiße und Genauigkeit zu arbeiten gesucht]. Es wollen einige jetzt, die sich mit der Gelehrsamkeit befassen, sein Buch verachtenund es als den Sitten und der Zucht zuwider verdammen, es möchte vielleicht einiges besser darin mangeln können, aber ich muß gestehn, daß es mich im ganzen immer sehr ergötzt hat. Die Schalkheit des Knechtes Eulenspiegel ist so eigen, viele seiner Streiche geben zu so manchen kuriosen Gedanken Veranlassung, daß ich mich ordentlich dazu angetrieben fühlte, sein seltsames Konterfei in Kupfer zu bringen.“

    „Ihr habt es auch wacker ausgerichtet“, sagte Albert Dürer [gestrichen: lachend], „und ich danke Euch höchlich für Euer Geschenk. Ihr habt den berühmten Schalksknecht da erschaffen, wie er gewißlich ausgesehn haben muß, die schielenden Augen und die verdrehte Nase drücken sein seltsames Gemüt vortrefflich aus, in diesen Lippen habt Ihr seinen Witz, der oft beißend genug war, herrlich angedeutet, und es ist mir sehr erwünscht, daß Ihr das häßliche Gesicht doch nicht so verzerrt habt, daß es uns zuwider ist, sondern mit vieler Kunst habt ihr es so auszurichten gewußt, daß man es gerne beschaut und den possigen Kerl ordentlich liebgewinnt.“

    „Es ist eine Art von Dankbarkeit“, sagte Meister Lukas, „daß ich ihn so mühsam in Kupfer gebracht habe, da ich über seine Schwänke oft so herzlich habe lachen müssen. Wie schon gesagt, es verstehen wenig Menschen die Kunst, sich an Tills Narrenstreichen so zu freuen als ich, weil sie es sogar mit dem Lachen ernsthaft nehmen; andern gefällt sein Buch wohl, aber es kommt ihnen als etwas Unedles vor, dies Bekenntnis abzulegen; andern fehlt es wieder an Übung, das Possierliche zu verstehen und zu fassen, weil man sich vielleicht ebenso daran gewöhnen muß, wie man viele Gemälde sieht, ehe man über eins ein richtiges Urteil faßt.“

    „Ihr mögt sehr recht haben, Meister“, antwortete Dürer, „die meisten Leute sind wahrlich mit dem Ernsthaften und Lächerlichen gleich fremd. Sie glauben immer, das Verständnis von beiden müsse ihnen von selbst ohne ihr weiteres Zutun kommen; und doch ist das bei den allerwenigsten der Fall. Sie überlassen sich daher mit Roheit dem Augenblicke und ihrem damaligen Gefühl, und so tadeln und loben sie alles unbesehn. Ja, sie gehn mit der Malerkunst ebenso um, sie kosten davon, wie man wohl ein Gemüse oder eine Suppe zu kosten pflegt, ob die Magd zu viel oder zu wenig Salz daran getan habe, und dann sprechen sie das Urteil, ohne um die Einsicht und die Kenntnisse, die dazu gehören, besorgt zu sein. Ich muß immer noch lachen, sooft ich daran denke, daß es mir doch auch einmal so ging. Ohne etwas davon zu verstehn und ohne die Anlagen von der Natur zu haben, fiel ich einmal darauf, ein Poet zu sein. Ich dachte in meinem einfältigen Sinne, Verse müsse ja wohl jedermann machen können, und ich wunderte mich über mich selber, daß ich nicht schon weit früher auf die Dichtkunst verfallen sei. Ich machte also ein zierlich großes Kupferblatt und stach mühsam rundherum meine Verse mit zierlichen Buchstaben ein: es sollte ein moralisches Gedicht vorstellen, und ich unterstund mich, der ganzen Welt darin gute Lehren zu geben. Wie nun aber alles fertig war, siehe da, so war es erbärmlich geraten. Was ich da für Leiden von dem gelehrten Pirkheimer habe ausstehn müssen, der mir lange nicht meine Verwegenheit vergeben konnte! Er sagte immer zu mir: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Albert, wenn du den Pinsel in der Hand hast, so kömmst du mir als ein verständiger Mann vor, aber mit der Feder gebärdest du dich als ein Tor. – So sollte man auch zu manchen sagen, die sich auf Künste legen, die ihnen nicht besser anstehen als dem Esel das Lautenschlagen.“

    Raffael: Venus zeigt dem Amor das Volk, 1517–1518, Detail der Decke in der Villa Farnesina, Rom
    und Der Rat der Götter im Olymp, 1517–1518, Mittelstück der Decke in der Villa Farnesina.
    Zweiter Teil, Erstes Buch, Erstes Kapitel:

    Raffael, Venus zeigt dem Amor das Volk, 1517--1518, Villa FarnesinaNachdem Franz eine Weile geschwiegen hatte, fuhr er fort: „Oh, mein Florestan, was ich mir wünsche, in meinem eigentümlichen Handwerke das auszudrücken, was mir jetzt Geist und Herz bewegt, diese Fülle der Anmut, diese ruhige, scherzende Heiterkeit, die mich umgibt. Malen möchte ich es, wie in dem Luftraume sich edle Geister bewegen und durch den Frühling schreiten, so daß aus dem Bilde ein ewiger Frühling mit unverwelklichen Blüten prangte, der jedem Auge auch nach meinem Tode neu aufginge und den freundlichen Willkommen entgegenbrächte. Meinst du nicht, daß es dem großen Künstler möglich sei, in einem Historiengemälde oder auch auf andere Weise einem fremden Herzen das deutlich hinzugeben, was wir jetzt empfinden?“

    „Ich glaube es wohl“, antwortete Florestan, „und vielleicht gelingt es manchem, ohne daß er es sich gerade vorsetzt. Geh nach Rom, mein Freund, und dieser ewige Frühling, nach dem du dich sehnst, blüht dort im Gartensaale [gestrichen: meines Beschützers und Freundes,] des reichen Agostins Ghigi. Der göttliche Raffael hat ihn dort hingezaubert, und man nennt diese Bilder gewöhnlich die Geschichte des Amor und der Psyche. Diese Luftgestalten schweben dort, vom blauen Äther umgeben und bedeutungsvoll von großen frischen Blumenkränzen statt der der Rahmen eingeschränkt und abgesondert. – Wenn du diese Bildungen mit dem Auge durchwanderst, so wird es dir vielleicht so sein, wie mir immer bei ihrer Betrachtung gewesen ist. Die Geschichte selbst ist so lieblich und zart, ein Bild der ewigen Jugend, von dem Jünglingsgeiste, dem prophetischen Sanzius, in seiner schönen Entzückung hingemalt, die Verkündigung der Liebe und der Blumenschönheit, des erhabenen Reizes, Alles ist, um mich so auszudrücken, eine poetische Offenbarung über die Natur der Lieblichkeit, und sie ist dem Menschenherzen vertraulich nahegerückt. Wie wenn der Frühling in seiner höchsten Blüte steht, so schließt die Geschichte in diesen Bildern mit der hohen Pracht der Götterversammlung, wo im schönsten Leben alle einzelnen Gestalten vereinigt sind und die Seligkeit des Olympus den sterblichen Augen enthüllen. Gedulde dich, mein Franz, bis du in Rom bist.“

    Raffael, der Rat der Götter im Olymp, 1517--1518, Villa Farnesina

    [Geändert aus: Da ist alle Herrlichkeit der Erde und des Himmels, die Leiden und die Lust der Liebe, und scherzend und wandelnd durch die Ätherbläue Amor und seine Geliebte, trauernd und froh, alle Götter im hohen Rat, und aller Ernst in milder Lieblichkeit und alle Lieblichkeit groß und göttlich, ja die ewige Jugend, der nie verblühende Frühling, das paradiesische Entzücken ist von dem Jünglingsgeiste, dem prophetischen Raffael, in seiner schönsten Begeisterung hingezaubert, die Verkündigung der Liebe und der Blumenschönheit, daß alle Herzen der Liebe und der Sehnsucht dienen sollen: das Göttlichste, der Zauber, der den Himmel umflicht, und die Erde mit ewiger Jugend umgürtet, ist dem Menschenherzen vertraulich nahe gerückt, und den sterblichen Augen enthüllen sich die Seligkeiten des Olympus. Und dann im Nebenzimmer der verkörperte Traum süßester Wollust, Galatea im Meere, auf ihrem Muschelwagen fahrend! O mein Franz, gedulde dich, bis du in Rom bist, dann tu Augen und Herz auf, und du darfst nachher sterben.“]

    „Ach, Raffael!“ sagte Franz Sternbald, „wie viel hab ich nun schon von dir reden hören; wenn ich dich nur noch im Leben anträfe!“

    Raffael: Die Verklärung Christi, 1520.
    Zweiter Teil, Erstes Buch, Zweites Kapitel:

    Raffael, Die Verklärung Christi, 1520„So ist denn dieser Raffael gestorben!“ fing Franz von neuem an, indem sie wieder friedlich über das Feld gingen. „Wie alt ist er denn geworden?“

    „Gerade neununddreißig Jahre“, sagte der Mönch. „Am Karfreitage, an diesem heiligen Tage ist er geboren, und an diesem merkwürdigen Geburtstage ist er auch wieder von der Erde hinweggegangen. Er war und blieb sein lebelang ein Jüngling, und aus allen seinen Werken spricht ein milder, kindlicher Geist. Sein letztes großes Gemälde war die Transfiguration, Christi Verklärung, worin er sich seine eigne Apotheose gemalt hat. Oben die Herrlichkeit des Erlösers, allgemeine Liebe in seinen Blicken, unter ihm der Glaube der Apostel, umgeben von dem übrigen Menschenleben, mit allem Elende, das darin einheimisch ist, Unglückliche, die dem Erlöser zur Heilung gebracht werden, und Zweifel, Hoffnung und Zutrauen in den Umstehenden [gestrichen: denn vielleicht ist dieses Werk das Höchste und Vollkommenste, das seine Hand nur hervorbringen konnte. Oben schwebt der Erlöser in himmlischer Glorie, neben ihm Elias und Moses, vom Boden erhoben, er in verklärter Gestalt, vom Glanz sind seine Lieblinge geblendet zu Boden gesunken, und unten am Berge sieht man die Apostel, in ihnen den Glauben und die Kraft, welche die Erde noch verwandeln und erleuchten sollen, aber noch ist um sie das Menschenleben dunkel, und sie können der entsetzlichen Not nicht abhelfen, die in Gestalt eines besessenen Knaben, der ihnen zur Heilung herbeigeführt wird, wild und gräßlich vor sie tritt. In diesem Bilde ist auf die wundersamste Weise alles vereinigt, was heilig, menschlich und furchtbar ist, die Wonne der Seligen mit dem Jammer der Welt, und Schatten und Licht, Körper und Geist, Glaube, Hoffnung und Verzweiflung bildet auf tiefsinnige, rührende und erhabene Weise die schönste und vollendetste Dichtung.]. Raffaels Sarg stand in der Malerstube, und sein letztes vollendetes Gemälde daneben, seine eigne Verklärung. Der Finger ruhte nun auf immer, der diese Bilder in Leben und Bewegung gezaubert hat; die bunte freundliche Welt, die aus ihm hervorgegangen war, stand nun neben der blassen Leiche. Ganz Rom war in Bewegung, und keiner von denen, die es sahen, konnte sich der Tränen enthalten.“

    Isaak Brunn: Straßburger Münster, 1615, Kupferstich aus Goethes Besitz, Nationale Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar.
    Zweiter Teil, Erstes Buch, Zweites Kapitel:

    Isaak Brunn, Straßburger Münster, 1615, Kupferstich B des Straßburger Münsters Fassadenriss aus Goethes Besitz, Nationale Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in WeimarSie waren einen Berg hinangestiegen und standen nun ermüdet still. Indem sie sich an der Aussicht ergötzten, rief Franz aus: „Mich dünkt, ich sehe noch ganz in der Ferne den Münster!“

    Sie sahen alle hin, und ein jeglicher glaubte, ihn zu entdecken. „Der Münster“, sagte Bolz, „ist noch ein Werk, das den Deutschen Ehre macht!“

    „Das aber doch gar nicht zu Euren Begriffen vom Idealischen und Erhabenen paßt“, antwortete Franz.

    „Was gehen mich meine Begriffe an?“ sagte der Bildhauer; „ich knie in Gedanken vor dem Geiste nieder, der diesen allmächtigen Bau entwarf und ausführte. Wahrlich! es war ein ungemeiner Geist, der es wagte, diesen Baum mit Ästen, Zweigen und Blättern so hinzustellen, immer höher den Wolken mit seinen Felsmassen entgegenzugehn und ein Werk hinzuzaubern, das gleichsam ein Bild der Unendlichkeit ist.“

    Sternbald sagte: „Ich ärgere mich jetzt nicht mehr, wenn ich von diesem Riesengebäude verächtlich sprechen höre, wie es mir ehemals wohl begegnete, da ich es nur aus Zeichnungen kannte. Führt jeden Tadler, jeden, der von griechischer und römischer Baukunst spricht, nach Straßburg. Da steht er in voller Herrlichkeit, ist fertig, ist da und bedarf keiner Verteidigung in Worten und auf dem Papiere; er verschmäht das Zeichnen mit Linien und Bögen und all dem Wirrwarr von Geschmack und edler Einfachheit. Das Erhabene dieser Größe kann keine andre Erhabenheit darstellen; die Vollendung der Symmetrie, die kühnste allegorische Dichtung des menschlichen Geistes, diese Ausdehnung nach allen Seiten und über sich in den Himmel hinein; das Endlose und doch in sich selbst Geordnete; die Notwendigkeit des Gegenüberstehenden, welches die andre Hälfte erläutert und fertigmacht, so daß eins immer um des andern willen und alles, um die gotische Größe und Herrlichkeit auszudrücken, da ist. Es ist kein Baum, kein Wald; nein, diese allmächtigen, unendlich wiederholten Steinmassen drücken etwas Erhabeneres, ungleich Idealischeres aus. Es ist der Geist des Menschen selbst, seine Mannigfaltigkeit zur sichtbaren Einheit verbunden, sein kühnes Riesenstreben nach dem Himmel, seine kolossale Dauer und Unbegreiflichkeit; den Geist Erwins selbst seh ich in einer furchtbar sinnlichen Anschauung vor mir stehen. Es ist zum Entsetzen, daß der Mensch aus den Felsen und Abgründen sich einzeln die Steine hervorholt und nicht rastet und ruht, bis er diesen ungeheuren Springbrunnen von lauter Felsenmassen hingestellt hat, der sich ewig, ewig ergießt und wie mit der Stimme des Donners Anbetung vor Erwin, vor uns selbst in unsre sterblichen Gebeine hineinpredigt. Und nun klimmt unbemerkt und unkenntlich ein Wesen, gleich dem Baumeister, oben wie ein Wurm an den Zinnen umher und immer höher und höher, bis ihn der letzte Schwindel wieder zur flachen, sichern Erde hinunternötigt – wer da noch demonstrieren und Erwin und das barbarische Zeitalter bedauern kann – o wahrhaftig, der begeht, ein armer Sünder, die Verleugnung Petri an der Herrlichkeit des göttlichen Ebenbildes.“

    Hier gab der Bildhauer dem Maler die Hand und sage: „So hör ich Euch gern.“

    Francesco Traini: Die Freuden der Welt
    und Die Parabel von den drei Lebenden und den drei Toten,
    Details aus Der Triumph des Todes, Campo Santo, Pisa, ca. 1345.
    Zweiter Teil, Erstes Buch, Sechstes Kapitel:

    Francesco Traini, attributed do Buonamico Buffalmacco, Il trionfo della morte, Campo Santo, Pisa, ca. 1345

    „Am meisten ist mir das, was ich so oft von der Malerei wünsche, bei allegorischen Gemälden einleuchtend“, sagte Rudolf.

    „Gut, daß du mich daran erinnerst!“ rief Franz aus, „hier ist recht der Ort, wo der Maler seine große Imagination, seinen Sinn für die Magie der Kunst offenbaren kann: hier kann er gleichsam über die Grenzen seiner Kunst hinausschreiten und mit dem Dichter wetteifern. Die Begebenheit, die Figuren sind ihm nur Nebensache, und doch machen sie das Bild, es ist Ruhe und Lebendigkeit, Fülle und Leere, und die Kühnheit der Gedanken, der Zusammensetzung findet erst hier ihren rechten Platz. Ich habe es ungern gehört, daß man diesen Gedichten so oft den Mangel an Zierlichkeit vorrückt, daß man hier tätige Bewegung und schnellen Reiz einer Handlung fordert, wenn sie statt eines einzelnen Menschen die Menschheit ausdrücken, statt eines Vorfalls eine erhabene Ruhe. Gerade diese anscheinende Kälte, die Unbiegsamkeit im Stoffe ist das, was mir so oft einen wehmütigen Schauder bei der Betrachtung erregte: daß hier allgemeine Begriffe in sinnlichen Gestalten mit so ernster Bedeutung aufgestellt sind, Kind und Greis in ihren Empfindungen vereinigt, daß das Ganze unzusammenhängend erscheint, wie das menschliche Leben, und doch eins um des andern notwendig ist, wie man auch im Leben nichts aus seiner Verkettung reißen darf, alles dies ist mir immer ungemein erhaben erschienen.“

    Andrea di Cione di Arcangelo, called Orcagna, Il trionfo della morte, Pisa, Camposanto, ca. 1345

    „Ich erinnere mich“, antwortete Rudolf, „eines alten Bildes in Pisa, das schon über hundert Jahr alt wurde und das dir auch vielleicht gefallen wird; wenn ich nicht irre, ist es von Andrea Orgagna gemalt. Dieser Künstler hat den Dante mit besondrer Vorliebe studiert und in seiner Kunst auch etwas Ähnliches dichten wollen. Auf seinem großen Bilde ist in der Tat das ganze menschliche Leben auf eine recht wehmütige Art abgebildet. Ein Feld prangt mit schönen Blumen von frischen und glänzenden Farben, geschmückte Herren und Damen gehen umher und ergötzen sich an der Pracht. Tanzende Mädchen ziehen mit ihrer muntern Bewegung den Blick auf sich, in den Bäumen, die von Orangen glühn, erblickt man Liebesgötter, die schalkhaft mit ihren Geschossen herunterzielen, über den Mädchen schweben andre Amorinen, die nach den geschmückten Spaziergängern zur Vergeltung zielen. Spielleute blasen auf Instrumenten zum Tanz, eine bedeckte Tafel steht in der Ferne. – Gegenüber sieht man steile Felsen, auf denen Einsiedler Buße tun und in andächtiger Stellung beten, einige lesen, einer melkt eine Ziege. Hier ist die Dürftigkeit des armutseligen Lebens dem üppigen glückseligen recht herzhaft gegenübergestellt. – Unten sieht man drei Könige, die mit ihren Genahlinnen auf die Jagd reiten, denen ein heiliger Mann eröffnete Gräber zeigt, in denen man von Königen verweste Leichname sieht. – Durch die Luft fliegt der Tod, mit schwarzem Gewand, die Sense in der Hand, unter ihm Leichen aus allen Ständen, auf die er hindeutet. – Dieses Bild mit seinen treuherzigen Reimen, die vielen Personen aus dem Munde gehn, hat immer in mir das Bild des großen menschlichen Lebens hervorgebracht, in welchem keiner vom andern weiß und sich alle blind und taub durcheinanderbewegen.“

    Correggio: Leda mit dem Schwan, um 1532.
    Zweiter Teil, Zweites Buch, Drittes Kapitel:

    Correggio, Leda mit dem Schwan, um 1532So ist mein Gemüt aufs heftigste von zwei neuen großen Meistern bewegt, vom venetianischen Tizian und von dem allerlieblichsten Antonio Allegri von Correggio. Ich habe, möcht‘ ich sagen, alle übrige Kunst vergessen, indem diese edlen Künstler mein Gemüt erfüllen, doch hat der letztere auch beinahe den erstern verdrängt. Ich weiß mir in meinen Gedanken nichts Holdseligers vorzustellen, als er uns vor die Augen bringt, die Welt hat keine so liebliche, so vollreizende Gestalten, als er zu malen versteht. Es ist, als hätte der Gott der Liebe selber in seiner Behausung gearbeitet und ihm die Hand geführt. Wenigstens sollte sich nach ihm keiner unterfangen, Liebe und Wollust darzustellen, denn keinem andern Geiste hat sich so das Glorreiche der Sinnenwelt offenbart.

    Es ist etwas Köstliches, Unbezahlbares, Göttliches, daß ein Maler, was er in der Natur nur Reizendes findet, was seine Imagination nur veredeln und vollenden kann, uns nicht in Gleichnissen, in Tönen, in Erinnerungen oder Nachahmungen aufbewahrt, sondern es auf die kräftigste und fertigste Weise selber hinstellt und gibt. Darum ist auch in dieser Hinsicht die Malerei die erste und vollendeteste Kunst, das Geheimnis der Farben ist anbetungswürdig. Der Reiche, der Correggios Gemälde, seine Leda, seine badenden schönsten Nymphen besitzt, hat sie wirklich, sie blühen in seinem Palast in ewiger Jugend, der allerhöchste Reiz ist bei ihm einheimisch, wonach andre mit glühender Phantasie suchen, was Stumpfere mit ihren Sinnen sich nicht vorstellen können, lebt und webt bei ihm wirklich, ist seine Göttin, seine Geliebte, sie lächelt ihn an, sie ist gern in seiner Gegenwart.

    Wie ist es möglich, wenn man diese Bilder gesehen hat, daß man noch vom Kolorit geringschätzend sprechen kann? Wer würde nicht von der Allmacht der Schönheit besiegt werden, wenn sie sich ihm nackt und unverhüllt, ganz in Liebe hingegeben, zu zeigen wagte? – Das Studium dieser himmlischen Jugendgeister hat die große Zauberei erfunden, dies und noch mehr unsern Augen möglich zu machen.

    Was die Gesänge des liebenden Petrarka wie aus der Ferne herüberwehen, Schattenbilder im Wasser, die mit den Wogen wieder wegfließen, was Ariosts feuriger Genius nur lüstern und in der Ferne zeigen kann, wonach wir sehen und es doch nicht entdecken können, im Walde fernab die ungewissesten Spuren, die dunkeln Gebüsche verhüllen es, sosehr wir darnach irren und suchen; alles das steht in der allerholdseligsten Gegenwart dicht vor uns. Es ist mehr, als wenn Venus uns mit ihrem Knaben selber besuchte, der Genuß an diesen Bildern ist die hohe Schule der Liebe, die Einweihung in die höchsten Mysterien, wer diese Gemälde nicht verehrt, versteht und sich an ihnen ergötzt, der kann auch nicht lieben, der muß nur gleich sein Leben an irgendeine unnütze, mühselige Beschäftigung wegwerfen, denn ihm ist es verborgen, was er damit anfangen kann.

    Eine Zeichnung mag noch so edel sein, die Farbe bringt erst die Lebenswärme, und ist mehr und inniger, als der körperliche Umfang der Bildsäule.

    Auch in seinen geistlichen Kompositionen spiegelt sich eine liebende Seele, der Gürtel der Venus ist auch hier verborgen, und man weiß immer nicht, welche seiner Figuren ihn heimlich trägt. Auge und Herz bleiben gern verweilend zurückgezogen; der Mensch fühlt sich bei ihm in der Heimat der glücklichsten Poesie, er denkt: ja, das war es, was ich suchte, was ich wollte und es immer zu finden verzweifelte. Vulkans künstliches Netz zieht sich unzerreißbar um uns her, und schließt uns eng und enger an Venus, die vollendete Schönheit an.

    Es herrscht in seinen Bildern nicht halbe Lüsternheit, die sich verstohlen und ungern zu erkennen gibt, die der Maler erraten läßt, der sich gleich darauf gern wieder zurückzöge, um viel zu verantworten zu haben, sich aber auch wirklich zu verantworten; es ist auch nicht gemeine Sinnlichkeit, die sich gegen den edlern Geist empört, um sich nur bloßzustellen, um in frecher Schande zu triumphieren, sondern die reinste und hellste Menschheit, die sich nicht schämt, weil sie sich nicht zu schämen braucht, die in sich selbst durchaus glückselig ist. Es ist, so möcht ich sagen, der Frühling, die Blüte der Menschheit: alles im vollen, schwelgenden Genuß, alle Schönheit emporgehoben in vollster Herrlichkeit, alle Kräfte spielend und sich übend im neuen Leben, im frischen Dasein. Herbst ist weitab, Winter ist vergessen, und unter den Blumen, unter den Düften und grünglänzenden Blättern wie ein Märchen, von Kindern erfunden.

    Es ist, als wenn ich mit der weichen, ermattenden und doch erfrischenden Luft Italiens eine andere Seele einzöge, als wenn mein inneres Gemüt auch einen ewigen Frühling hervortriebe, wie er von außen um mich glänzt und schwillt und sich treibend blüht. Der Himmel hier ist fast immer heiter, alle Wolken ziehen nach Norden, so auch die Sorgen, die Unzufriedenheit. Oh, liebster Bruder, Du solltest hiersein, die Harfenstimmen der Geister, die Blumenhände der unsichtbaren Engel würden auch Dich berühren und heilen.

    Michelangelo: Das Jüngste Gericht, 1536–1541, Detail: Der richtende Christus,
    und Gottvater, Detail aus Die Erschaffung des Menschen, zwischen 1508 und 1512,
    Sixtinische Kapelle, Rom.
    Zweiter Teil, Zweites Buch, Fünftes Kapitel:

    Michelangelo, Das jüngste Gericht, Il giudizio universaleEs ward so eingerichtet, daß sich die Gesellschaft zweimal in der Woche versammelte, und jedesmal wurde über die Kunst disputiert, wobei sich Castellani besonders mit seinen Reden hervortat. Sie waren an einem Nachmittage wieder versammelt, auch Camillo war zugegen, der abseits in einer Ecke stand und kaum hinzuhören schien.

    „Ihr weicht“, sagte Sternbald zu seinem Freunde Castellani, „darin von den meisten Eurer Zeitgenossen ab, daß Ihr Buonarottis Jüngstes Gericht nicht für den für den Triumphder Kunst haltet.“

    „Die Nachwelt“, sagte Castellani, „wird gewiß meiner Meinung sein, wenn erst mehr Menschen die Frage untersuchen werden: Was soll Kunst sein? was kann sie sein? Ich bin gar nicht in Abrede, und es wäre töricht von mir, dergleichen zu leugnen, daß Michael Angelo ein ausgezeichneter Geist ist, nur ist es wohl Übereilung des Zeitlaters, ihn und Raffael über alle übrigen Sterblichen hinüberzuheben und zu sagen: seht, sie haben die Kunst erfüllt!

    [Geändert aus: „Wenn man“, sprach Castellani, „erst mehr die Frage untersuchen wird: Was soll Kunst sein? was kann sie sein? so werden wir auf diesem Wege weiterkommen. Ich bin gar nicht in Abrede, und es wäre töricht von mir, dergleichen zu leugnen, daß Michael Angelo ein ausgezeichneter Geist ist, nur ist es wohl Übereilung des Zeitalters, ihn und Raffael über alle übrigen Sterblichen hinüberzuheben, und zu sagen: seht, sie haben die Kunst erfüllt!]

    Michelangelo, Der richtende ChristusJegliche Kunst hat ihr eigentümliches Gebiet, ihre Grenzen, über die sie nicht hinausschreiten darf, ohne sich zu versündigen. So die Poesie, Musik, Skulptur und Malerei. Keiner muß in das Gebiet des andern streifen, jeder Künstler muß seine Heimat kennen. Dann muß jeglicher die Frage genau untersuchen: was er mit seinen Mitteln für vernünftige Menschen zu leisten imstande ist. Er wird seine Historie wählen, er wird den Gegenstand überdenken, um sich keine Unwahrscheinlichkeiten zuschulden kommen zu lassen, um nicht durch Einwürfe des kalten, richtenden Verstandes seinen Zauber der Komposition wieder zu zerstören. Den Gegenstand gut zu wählen ist aber nicht genug, auch den Augenblick seiner Handlung muß er fleißig überdenken, damit er den größten, interessantesten heraushebe, und nicht am Ende male, was sich nicht darstellen läßt. Dazu muß er die Menschen kennen, er muß sein Gemüt und fremde Gesinnungen beobachtet haben, um den Eindruck hervorzubringen, dann wird er mit gereinigtem Geschmacke das Bizarre vermeiden, er wird nur täuschen und hinreißen, rühren, aber nicht erstaunen wollen. Nach meinem wohlüberdachten Urteil hat noch keiner unsrer Maler alle diese Forderungen erfüllt, und wie könnte es irgendeiner, da sich noch keiner der erstgenannten Studien beflissen hat? Diese müssen erst in einem hohen Grade ausgebildet sein, ehe die Künstler nur diese Forderungen anerkennen werden.

    Michelangelo, Die Erschaffung Adams

    Um namentlich von Buonarotti zu sprechen, so glaube ich, daß er durch sein Beispiel die Kunst um viele wichtige Schritte wieder zurückgebracht hat, statt ihr weiterzuhelfen, denn er hat gegen alle Erfordernisse eines guten Kunstwerks gesündigt. Was will die richtige Zeichnung seiner einzelnen Figuren, seine Gelehrsamkeit im Bau des menschlichen Körpers, wenn seine Gemälde selbst so gar nichts sind? Sein Jüngstes Gericht ist eine ungeheure Wand voller Figuren in mannigfaltigen Stellungen, aber ohne alle Verbindung, ohne Wirkung. Der Zweck seiner Darstellung ist ohne Schönheit, eine Handlung, die keine ist, die sich nicht anschauen, nicht darstellen läßt, die sich selbst nicht in der Erzählung vortragen läßt: es sind tausend Begebenheiten, die sich durchaus nicht zu einer einzigen verbinden lassen. Schwebende Gestalten, ruhende Selige und Verdammte, Engel und die Madonna. Das Auge findet keinen Ruhepunkt, es frägt: was soll ich hier sehn? Mythologie der Alten mit christlicher Idee vermischt, Verzerrung der Verzweiflung. Der Augenblick im Gemälde selbst ist unentschieden, die Engel oben mit Zubereitungen beschäftigt, ein allgemeiner Moment des Entsetzens, und unten schon die Verdammung vieler entschieden. Was soll ich aber genießen und fühlen, wenn die Ausführung auch gar keinen Tadel verdiente?“

    „Nichts!“ rief Camillo aus, indem er mit dem höchsten Unwillen hervortrat. „Glaubt Ihr, daß der große, der übergroße Buonarotti daran gedacht hat, Euch zu entzücken, als er sein mächtiges Werk entwarf? O Ihr Kurzsichtigen, die Ihr das Meer in Bechern erschöpfen wollt, die Ihr dem Strome der Herrlichkeit seine Ufer macht, welcher unselige Geist ist über Euch gekommen, daß Ihr also verwegen sein dürft? Ihr glaubt die Kunst zu ergründen und ergründet nur eure Engherzigkeit, nach dieser soll sich der Geist Gottes richten, der jene erhabene Ebenbilder des Schöpfers beseelt. Ihr lästert die Kunst, wenn Ihr sie erhebt, sie ist nur ein Spiel Eurer nichtigen Eitelkeit. Wie der Allmächtige den Sünder duldet, so erlaubt auch Angelos Größe, seine unsterblichen Werke, seine Riesengestalten dulden es, daß Ihr so von ihnen sprechen dürft, und beides ist wunderbar.“

    Er verließ im Zorne den Saal, und alle erhuben ein lautes Lachen. „Was er nicht versteht“, sagte Sternbalds Nachbar, „hält er für Unsinn.“ Sternbald aber war von den Worten und den Gebärden des Greises tief ergriffen, dieser enthusiastische Unwille hatte ihn mit angefaßt, er verließ schnell die Gesellschaft, ohne sich zu entschuldigen, ohne Abschied zu nehmen.

    Das war viel Mittelverständliches über Bilder. Zum endgültigen Beweis, dass schon die gezeichneten Skizzen Spaß machen sollten (okay, fürs Video hatten sie Animationstechnik), gibt es als Belohnungslied („Jegliche Kunst hat ihr eigentümliches Gebiet, ihre Grenzen, über die sie nicht hinausschreiten darf, ohne sich zu versündigen. So die Poesie, Musik, Skulptur und Malerei. Keiner muß in das Gebiet des andern streifen, jeder Künstler muß seine Heimat kennen.“): Barry Louis Polisar: All I Want Is You, aus My Brother Thinks He’s a Banana and Other Provocative Songs for Children, 1977, aber bekannt aus dem nicht warm genug zu empfehlenden Juno, 2007:

    Written by Wolf

    29. Juli 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

    Hair as red as stockings blue

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    Update zu Invisible Girls:

    ——— Lord George Gordon (later: Noel), 6th Baron Byron:

    The Blues : A Literary Eclogue

    „a mere buffoonery, never meant for publication“, written 1820,
    published anonymously in: The Liberal 3, 1822:

    „Nimium ne crede colori.“ — Virgil.

    O trust not, ye beautiful creatures, to hue,
    Though your hair were as red as your stockings are blue.

    Die vermutlich einzige deutsche Übersetzung hiervon wurde von Adolf Seubert für die Winkler-Ausgabe 1978 angefertigt:

    ——— Lord Byron:

    Blaustrümpfe. Eine literarische Ekloge

    „Nimium ne crede colori.“ — Virgil.

    O traue doch der Farbe nicht,
    Du schön Gebild der Frau,
    Und wär dein Haar so rot und licht
    Wie deine Strümpfe blau.

    Was haben wir also? Eine Ekloge, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht war, in der Übersetzung für eine vergriffene Gesamtausgabe, die zwei Verse einführt, die nicht vorhanden sind, begleitet von einem Lied, dessen Existenz von seinem Schreiber abgestritten wird. Zusätzlich interessant erscheint in unserem Zusammenhang, dass Susan „Sue“ Storm Richards, die als Invisible Woman firmiert, in einer blauen Ganzkörperstrumpfhose dargestellt wird, wie unlängst dargestellt.

    Lacehearts, 13. August 2013

    Hier bleibt uns nun genug geeigneter Platz für einen Werkstattbericht:

    Macht sich jemand einen Begriff, was das für ein Aufwand ist, ein Bild von einer Rothaarigen mit blauen Strümpfen aufzutreiben? Eins, das was taugt? — Surftipp für böse Jungs (und wer sonst noch auf ansehnliche junge Frauen steht): Sachen findet man da! Sachen! — Surftipp für brave Mädchen (und wer sonst noch auf keine lieblosen Sonderfetischbildchen steht): Lasst es lieber.

    Pantyhose Faves, 5. September 2015Rote Haare und blaue Strümpfe, hair as red as stockings blue, das scheint eine Kombination, auf die nicht viele Gestalter erotischen Bildmaterials verfallen, und wenn, dann für eine allzu spitze Zielgruppe, die froh ist, wenn sie überhaupt was geboten kriegt. An barfüßigen Lesenden, wie ich sie nromalerweise an dieser Stelle verwende, herrscht kein Mangel: Auf eine kurze Suche „barefoot reading“ oder ähnlich branden sie einem den Bildschirm ein, eine von der Natur begünstigter, hübscher zurechtgemacht, professioneller ausgeleuchtet und trickreicher gemalt als die andere. Dass gerade wörtlich genommene Blaustrümpfe so selten sind, hätte ich nicht erwartet: In der Nähe zur typischen Lesenden halte ich das für ein Genre wie die naughty librarian auch — also eine sophisticated Spielart der Schönheit, keinen abseitigen Fetisch, hat die Blue Stockings Society doch kurz nach 1750 als höchst ehrbare Versammlung noch viel ehrbarerer Frauen — gelegentlich sogar Männer — angefangen.

    Meine favorisierte, dabei recht glaubwürdige Etymologie der Bezeichnung „Blaustrumpf“ für ganz leicht ruppige, ganz leicht kerlige und ganz leicht einschüchternd kluge Frauen leitet sich von Benjamin Stillingfleet her, dem ersten der Blaustrümpfe, der sich keine formellen schwarzen Strümpfe leisten konnte, aber als unverzichtbares Mitglied besager Versammlungen auftrat. Was soll denn daran so obszön sein, dass man es nur als pflichtschuldig zusammengeschluderten Porno bebildern mag? — Es ergeht der Aufruf:

    Frauen, tragt mit Stolz blaue Strümpfe, Strumpfhosen oder Socken; Männer, folgt ihnen darin (ja, wieso nicht auch in den Strumpfhosen?); gestaltet Bildaussagen mit farblichen, vor allem farbigen Inhalten; erwägt kritisch und wohlwollend, ob blau lackierte Zehennägel schon eine Blaustrümpfin definieren; Zeichner, Maler und Fotografen, richtet euer respektvolles Auge auf sie und dokumentiert sie dabei!

    Und lasst mich unbedingt eure Ergebnisse sehen; Lord Byrons vollständige Ekloge und in deren Gefolge das Bluestocking Archive rufen uns nach Verwertung und Verbreitung — und dann ja wohl auch nach erneuter Illustration. Rotschöpfe bevorzugt: Rote Haare sind eine Vorliebe für Gentlemen. Frühling lässt sein blaues Band pp. und die Kommentarfunktion ist offen!

    Die Bilder, die ich halbwegs guten Gewissens hier verwenden konnte, stammen von Lacehearts, 13. August 2013, und Pantyhose Faves, 5. September 2015.

    Angenehm leicht und lohnend war es dagegen, als Soundtrack einen Lord Byron Blues zu finden. Nach der zermürbenden Bildersuche überraschend genug, gibt es tatsächlich einen genau dieses Namens, er klingt etwas gleich, und er ist eine große Rarität mit Jimmy Page, John McLaughlin, Bobby Graham et al.: von deren damaligen Gelegenheitsprojekt Le London All Star, um Frankreich zu beweisen, dass Briten stereo spielen können: British Percussion, 1965. Jimmy Page hat später die Existenz des ganzen Albums geleugnet: „No such record was made“. So geht eine Rarität, und sie soll in ihrer Gesamtheit richtig gut sein. Einzig schade: No such CD was made.

    Written by Wolf

    15. Juli 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

    Widewidewitt und drei macht neune

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    Drei Maß Bier sind sechs
    widewidewitt, und drei macht neune.
    Vier, fünf Runden Schnaps,
    widewidewitt, führen zum Kollaps.

    Refrain: Hey, Fräulein Wirtshaus
    mit schwarzen Straps und Wonderbra,
    hey Fräulein Wirtshaus,
    ich glaub, ich hab kein Geld.

    Bridge: Ich hab kein Haus,
    ein Affen und kein Bock
    und spei vom dritten Stock
    die ganze Nacht zum Fenster raus,
    ich hab ’ne Maus
    im Lederminirock,
    die Wodka recht gern mag,
    die schaut als wie ein Nilpferd aus. Rep. ad lib.

    Text: Volksgut, nachgewiesen in Süddeutschland und Wien, spätes 20. Jahrhundert; Musik:

    Pippi Langstrumpf, 1968, Musik: Konrad Elfers & Jan Johansson nach einem schwedischen Fischertanz aus dem 12. Jahrhundert, Text (Här kommer Pippi Långstrump): Astrid Lindgren, deutsche Übersetzung Wolfgang Franke & Helmut Harun, im schwedischen Original gesungen von Inger Nilsson, deutsch gesungen von Rosy Teen mit Orchester Erich Frantzen.

    Die Hexe mit großer Emphase fängt an aus dem Buche zu declamiren.
    Du mußt verstehn!
    Aus Eins mach‘ Zehn,
    Und Zwey laß gehn,
    Und Drey mach‘ gleich,
    So bist du reich.
    Verlier‘ die Vier!
    Aus Fünf und Sechs,
    So sagt die Hex‘,
    Mach‘ Sieben und Acht,
    So ist’s vollbracht:
    Und Neun ist Eins,
    Und Zehn ist keins.
    Das ist das Hexen-Einmal-Eins!

    Faust I, Hexenküche, Vers 2539 ff.

    Wemmer mol ned weiderwass,
    nimmt mer en Pythagoras.

    Volksgut aus Franken, spätes 20. Jahrhundert, Mathe, 9. Klasse.

    Die autobiografischen Tatsachen sind: 1.) Pippi Langstrumpf war meine erste Liebe. Entweder als Ursache oder Auswirkung davon waren es eine nicht enden wollende Jugend lang unfehlbar immer rothaarige Mädchen, die sich in einem geradezu spirituellen Sinne gerne zu mir gesetzt haben. Geheiratet hab ich viel später eine Brünette mit Rotstich, weil es einander bei diesem schicksalsschweren Schritt noch in mehrerlei Hinsicht zu ergänzen galt als mit Sommersprossen und Springerstiefeln. Zum Beispiel kann sie rechnen und ich nicht.

    2.) Die Zeit hab ich lange gelesen. Nachhaltig beeindruckt hat mich 1992 die Serie von Thomas „Zweistein“ von Randow Zweisteins neue Zahlenrevue über die Zahlen von 1 bis ungefähr 14. Das kannte ich nicht, weil ich früher eher Sendung mit der Maus als Sesamstraße war. So paranoid bin ich aber dann doch, um hinter dem Pippi Langstrumpf-Lied, dem mächtigsten, gemeinsten und ansteckendsten aller Ohrwürmer (probieren Sie’s ruhig jederzeit bei jedem aus!), der sehr wahrscheinlich nach Wohlklang und Rhythmus getextet wurde, eine Zahlenmystik zu vermuten, die möglicherweise selbst den Verfassern geheim geblieben ist.

    Als Füllmaterial brauchte ich geschlagene 13 Videos von Variationen über Pippi Langstrumpf-Musik. Das ist ein Haufen Holz und annähernd die ganze Coverage über die alte Fernsehserie, jedenfalls deren musikalische Teile — und bedeutet, dass im Laufe der Zeit einige davon gelöscht, auf „Privat“ gestellt werden oder sonstwie verrotten können. Wenn Ihnen in dieser Hinsicht etwas auffällt, lassen Sie es mich wissen, dann muss ich die Videos mit Bildern austauschen. Hoffentlich bab ich bis dahin schon 13 Aktstudien von meiner Frau eingescannt (Bleistift, schwarze Tinte und Rötel), und hoffentlich sind Sie bis dahin schon volljährig.

    ——— Thomas von Randow:

    Zweisteins neue Zahlenrevue

    in: Die Zeit 31 bis 44, 1992.

    Eins, zwei, viele

    in: Die Zeit 31/92, 24. Juli 1992:

    Berühmte Leute sollten sich zweimal überlegen, was sie öffentlich kundzutun gedenken. Hätte sich Aristoteles daran gehalten, wäre der Menschheit manche Fehlinformation erspart geblieben, zum Beispiel die Sache mit den Fliegen: Gut siebzig Generationen haben ihr ganzes Leben in dem Irrtum verbracht, die gemeine Stubenfliege habe vier Beine. Dies hatte der antike Universalgelehrte behauptet – und noch Mitte des vorigen Jahrhunderts stand es so in den Schulbüchern. Heute hat sich der blinde Glaube an Autoritäten gelegt – wir zählen nach.

    Als ich meiner fünfjährigen Enkelin erzählte, ein großer Philosoph mit Namen Platon habe befunden, daß die Eins keine Zahl sei, fiel ihr Kommentar reichlich kurz aus: „Behämmert.“ Dabei hatte der griechische Denker seine These solide untermauert: „Wie das Jetzt in der Zeit und der Punkt im Raum, so läßt sich auch die Eins unter den Zahlen nicht weiter zerlegen. Also faßt sie auch keine Vielheit in sich zusammen, worin jedoch das Wesen der Zahl besteht. Ergo ist die Eins keine Zahl.“

    Mathematiker, diese gnadenlosen Skeptiker, hatten Platons Verdikt von jeher nicht ernst genommen; doch geisterte es bis in die Neuzeit durch viele gelehrte Köpfe. Die Eins lasse sich nicht wie die anderen Zahlen „hälften“, meinte um 1530 der deutsche Rechenmeister Jakob Köbel und folgerte: „Darauss verstehstu das eins kein zal ist, sonder es ist ein gebererin (Gebärerin), anfang vnd fundament aller zalen.“

    Kinder im Vorschulalter lieben das Zählen. Daß ein Bub „Tiefgarage“ oder „Kinderspielplatz“ auszusprechen vermag, hält er nicht für erwähnenswert; aber daß er bis dreißig zählen kann, darauf ist er mächtig stolz.

    Dazu hat er freilich allen Grund. Denn unsere Altvordern konnten nicht einmal bis drei zählen. Dies belegen erdrückende Indizien. Beispiel: Das französische très bedeutet „sehr“, daneben aber auch „viel“, „übermäßig“ oder „sehr viel“. Seinen Ursprung hat es im lateinischen tres = „drei“. Die Gallier, denen die römische Besatzung das Wort mitbrachte, kannten aber nur eins, zwei und viel; entsprechend übernahmen sie die fremde Vokabel.

    Ob Hottentotten im südlichen Afrika oder Aborigines in Australien – wo Missionare, Touristen, Bücher und Radio ihre Sprachen noch nicht überfremdet haben, kennen Naturvölker nur eins, zwei und viel. Gleichwohl mangelt es ihnen nicht am Zahlensinn. Darüber staunten die europäischen Siedler, als sie in Amerika mit Indianern in Kontakt kamen. Auch deren Wortschatz enthielt nur die beiden ersten Zahlwörter, dennoch fiel es einem Häuptling sofort auf, wenn ihm aus seiner riesigen Meute umherspringender Hunde ein einziger fehlte. Das Abzählen ohne Zahlen scheint übrigens unsere Zivilisation nicht völlig verschüttet zu haben: Mancher Lehrer „spürt“ es deutlich, wenn, etwa beim Sammeln am Ende eines Schulausflugs, seine Klasse nicht vollzählig angetreten ist.

    Sprachen entwickeln sich am Bedarf. So wie wir keine Verwendung für die zwanzig Wörter haben, mit denen der Eskimo die verschiedenen Sorten Schnee benennt, gab es für den Angehörigen eines in Abgeschiedenheit lebenden Volkes keine Notwendigkeit, zu artikulieren, wie viele Bäume seine Hütte umgaben oder wieviel Kinder er sein eigen zählte. Das sichere Gefühl für die Größe einer Menge von Dingen genügte ihm vollauf. Wir aber, die wir Handel treiben und ohne Statistik die Welt nicht mehr verstehen, können auf die Zahlen nicht verzichten. Nachdem unsere Ahnen gelernt hatten, sie zu benennen, enthüllten die Nummern allerlei Merkwürdigkeiten, nicht nur mathematische. Zahlen haben zu mystischen Spekulationen Anlaß gegeben, zu Rätseln, Betrug und Gottesbeweisen. Grund genug, sich – an dieser Stelle – für eine Weile mit Zahlen zu beschäftigen.

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    Die preußische Zwei

    in: Die Zeit 32/92, 31. Juli 1992:

    Die Zwei ist Zweifel, Zwist, ist Zwietracht, Zwiespalt, Zwitter / Die Zwei ist Zwillingsfrucht am Zweige, süß und bitter“, reimte Friedrich Rückert; er hätte noch ein Dutzend weiterer Zweiwörter finden können. Denn keine andere der „natürlichen“ Zahlen 1, 2, 3, 4, 5… ist dem Menschen so vertraut wie die Zwei. Sie begegnet ihm in der Paarigkeit des Körpers – zwei Augen, Ohren, Gliedmaßen, Nieren, Nasenlöcher … – und in den Dualitäten: Mann und Frau, Tag und Nacht, Gut und Böse, Leben und Tod.

    „Eure Rede sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist von Übel“, heißt es in der Bergpredigt, aber die Welt ist zu kompliziert, als daß wir uns daran halten könnten. Gleichwohl wären wir außerstande, folgerichtig zu denken, befolgten wir nicht die strengen Regeln der Logik; die aber ist zweiwertig, denn sie postuliert: Eine Aussage ist entweder wahr oder falsch – ein Drittes gibt es nicht. Welch ein Paradoxon: Ohne diese unvernünftige Vereinfachung der Realität gäbe es keine Vernunft – und schon gar keine Wissenschaft.

    Die Wissenschaft hat die Zwei zur fundamentalen Lebenszahl erhoben, seit sie uns lehrt, daß das Element allen Lebens (von Mensch und Salat gleichermaßen), die Doppelhelix des Erbmoleküls, zwiefach verdröselt ist.

    Gottfried Wilhelm Leibniz bemerkte vor 300 Jahren, daß wir mit nur zwei Ziffern auskommen, um jede Zahl eindeutig zu benennen. Gewußt haben es schon die Eingeborenen der australischen Halbinsel Kap York; sie begnügten sich mit zwei Zahlwörtern, urapun für eins und okosà für zwei. Drei nannten sie okosàurapun, vier okosà-okosà, fünf okosà-okosàurapun und so fort.

    Im Gegensatz zu den Uraustraliern kannte das „binäre“ System des großen Philosophen die Null. Sie macht es möglich, außer den Zahlzeichen selbst auch noch deren Position zu berücksichtigen wie bei unserer Zehnerschreibweise (weshalb wir zum Beispiel zwischen 16 und 106 unterscheiden können). Leibnizens Zählweise 0, 1, 10, 11, 100, 101 110 … ist inzwischen höchst aktuell; denn nur damit kann der Computer rechnen. Leibniz hatte zwar selbst eine Rechenmaschine erfunden, aber dafür brauchte er seine binären Zahlen nicht. Ihm dienten sie als Beweis für die Einzigkeit Gottes: Weil sich jede Zahl mit Null und Eins schreiben lasse, sei völlig klar, daß „der Eine aus dem Nichts alles erschafft“. Diese Erkenntnis fand der deutsche Gelehrte so umwerfend, daß er sie dem Kaiser von China mitteilte, in der Hoffnung, daß es den Herrscher und seine Untertanen zum Christentum bekehre.

    In der Mathematik nimmt die Zwei eine Sonderstellung ein, weil sie die einzige gerade Primzahl ist. Prim heißt eine natürliche Zahl, wenn sie sich ohne Rest nur durch eins und durch sich selbst teilen läßt. Davon gibt es, wie Euklid vor mehr als zweitausend Jahren bewiesen hat, unendlich viele. Bei großen Zahlen freilich ist langwierig zu ermitteln, ob sie prim ist oder nicht. Eine Ausnahme bilden Zahlen, die im binären System nur mit Einsen geschrieben werden; Beispiel 127 = (binär) 1111111. Für diesen Typ gibt es ein Verfahren, das die Entscheidung, prim oder nicht prim, erheblich abkürzt. Darum sind die Primzahlgiganten, die von Zeit zu Zeit als mathematische Sensation in der Zeitung stehen, allesamt solche „Mersennezahlen“ (Fachjargon). Den Weltrekord hält gegenwärtig eine vom Supercomputer im englischen Harwell errechnete Zahl, die binär mit mehr als einer Dreiviertelmillion Einsen geschrieben wird. In unserer gewohnten Schreibweise hat diese Primzahl 227 832 Stellen. Erstaunlich: Trotz ihrer großen Bedeutung für das Leben spielt die Zwei in der Zahlenmystik kaum eine Rolle, es sei denn, man rechnete Kaiser Wilhelms Spruch dazu: „Die Zwei ist preußisch, denn sie macht alles gerade.“

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    Dreifaltig

    in: Die Zeit 33/92, 7. August 1992:

    Leib-Seele-Geist, Geburt-Dasein-Tod, Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, drei Grazien, dreigesichtige Selene, dreimal schwarzer Kater. In allen Kulturen, in Religionen, Märchen und Legenden spielt die Drei eine bedeutungsschwangere Rolle, zumeist eine positive. Denn „aller guten Dinge sind drei“.

    Bemerkenswert ist das schon. Unsere Vertrautheit mit der Zwei empfinden wir – wahrlich hautnah – als Paarigkeit unserer Körperteile. Die Drei hingegen begegnet uns allenfalls im eher abstrakten Sinne, in der Dreifaltigkeit, in Verstand, Gemüt und Wille und dem aufgeklärten Menschen im dreidimensionalen Raum.

    Pythagoras von Samos (um 560-480), der alte Numerologe, hatte die natürlichen Zahlen in männliche, nämlich die ungeraden, und weibliche, die geraden, eingeteilt. Chauvinistisch, wie nun einmal die Griechen waren, erklärte er die ungeraden Zahlen für gut und die geraden für schlecht. Da war selbstverständlich die Drei das Gute par excellence; denn sie war, da Eins nicht als Zahl galt, die erste ungerade – Urmutter aller Güte.

    Wir sollten gnädig über die Spinnereien des antiken Nummernfreaks hinwegsehen. Sie brachten ihn immerhin auf den Gedanken, die Zahlenverhältnisse zu untersuchen, die musikalische Tonfolgen und Klänge kennzeichnen. Pythagoras ersann eine Theorie, die noch in der modernen Physik der Akustik gilt, und erkannte im Dreiklang das Fundament der Harmonie. Im Zweiertakt kommt, nichts Gutes verheißend, die Marschkolonne des Militärs daher. Froh gestimmt hingegen tanzt das Landvolk zum Hum-ta-ta der Dorfkapelle, dreitaktig auch setzen beim Menuett am Fürstenhof die feinen Damen ihre zierlichen Füße.

    Mathematisch betrachtet ist die Drei eine Primzahl mit der Eigenschaft, daß sich eine natürliche Zahl dann und nur dann durch sie teilen läßt, wenn dies auch auf ihre Quersumme zutrifft. Darum sehen wir schon auf den ersten Blick: 453 201 ist durch 3 teilbar (4+5+3+2+1=15=3×5).

    Pythagoras war zudem von der Drei angetan, weil er, wie alle gelehrten Griechen seiner Zeit, Dreiecke liebte, insbesondere die rechtwinkligen. Wer kennt nicht seinen Lehrsatz mit der Figur, die, hätte sie Beine, eine Bauersfrau mit Kiepe darstellte: „Die Summe der beiden Kathetenquadrate ist gleich dem Hypotenusenquadrat“. Zur Erinnerung: Katheten sind die beiden Dreieckseiten, die den rechten Winkel einschließen, die Hypotenuse ist die dritte. Hat eine Kathete die Länge a, die andere die Länge b, und bezeichnet c die Länge der Hypotenuse, so ist axa+bxb=cxc, anders ausgedrückt: a hoch 2+b hoch 2=c hoch 2. Pythagoras hatte seinen Spaß daran, natürliche Zahlen zu finden, die der Gleichung a hoch 2+b hoch 2=c hoch 2 genügen. 3, 4 und 5 tun dies, weil 3 hoch 2+4hoch 2=9+16=25 ist; auch 5, 12, 13 und 7, 24, 25 sind „pythagoreische Zahlentripel“. Erst zwei Jahrhunderte später fand Diophantos von Alexandria ein Rezept für die Herstellung solcher Tripel: Man nehme eine Zahl m, dazu eine kleinere n und rechne m hoch 2-n hoch 2 aus; das ist (etwa in Zentimetern) die Länge der einen Kathete. Die andere mache 2×n×m lang. Dann ist – Simsalabim! – die Hypotenuse m hoch 2+n hoch 2 Maßeinheiten lang.

    Tripel aus natürlichen Zahlen, die sich als Seitenlängen zu rechtwinkligen Dreiecken zusammenfügen, sahen die Pythagoreer als glückverheißend an. Das hat sich offenbar lange erhalten, was der Rätselvers „Pythagoräische Ehe“ in dem Feldpost-Büchlein „Zum Kopfzerbrechen“ (Preis: 30 Pfennig) aus dem Kriegsjahr 1915 belegt:

    „Sechsunddreißig Jahre alt / Bin ich, und recht Wohlgestalt. / Ich mal ich und du mal du, / Treu vereint als Mann und Frau / Bringen, das weiß ich genau / Fünfundvierzig Jahre zu. / Sage mir, wie alt bist du?“

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    Vierfältig

    in: Die Zeit 34/92, 14. August 1992:

    Pythagoras pries sie: „Erzeugerin der Erzeugerin des Alls“, die Vier, und ließ damit eine verblüffend modern anmutende Auffassung erkennen. Denn für ihn war eine Zahl N gleichbedeutend mit der Menge aller Zahlen 1, 2, 3, …, N. Ergo „enthielt“ die Vier die Zahlen 1, 2, 3 und 4. Deren Summe ist 1+2+3+4=10, und deshalb „erzeugte“ die Vier die Zehn. In dieser wiederum sah Pythagoras die „Erzeugerin des Alls“, weil Zehn aus pythagoreischer Sicht die Zahlen 1 bis 10 enthält, die „Bausteine aller Zahlen“.

    Unsereiner hat ein eher gemütliches Verhältnis zur Vier. Wir ziehen uns in unsere vier Wände zurück, trinken ein Viertele und strecken alle viere von uns. Glück hat, wer ein vierblättriges Kleeblatt findet. Vier sind der Jahreszeiten, der Mondphasen und der Evangelisten. Weil früher die Städte in vier Bezirke eingeteilt waren, den vier Himmelsrichtungen entsprechend, wohnen wir noch heute in „Stadtvierteln“. Ungemütlich allerdings wirkt auf uns die Quarte, das Intervall, mit dem uns das Martinshorn der Polizei aufschreckt.

    Für Mathematiker ist die Vier in den letzten Jahrzehnten immens wichtig geworden. Mit vier Farben kommt jemand aus, der eine beliebige Landkarte malen möchte, auf der Länder, die eine gemeinsame Grenzlinie haben, verschiedenfarbig sein sollen. Geographen wußten das aus Erfahrung, doch ob dies mathematisch beweisbar wäre, fragte erst um 1850 der englische Mathe-Student Francis Guthrie und stellte damit seine Zunft vor ein quälendes Problem. 1965 endlich, 115 Jahre später, entdeckte Heinrich Heesch aus Hannover einen Weg, der zum Beweis führen mußte. Begehen konnte ihn freilich niemand, weil dazu eine übermenschliche Rechenarbeit zu leisten gewesen wäre. So verstrichen noch elf weitere Jahre, bis Kenneth Appel und Wolfgang Haken an der Universität von Illinois ihren Computer programmierten, damit er den steinigen Pfad bis ans Ende ging – und den Beweis erbrachte: Vier Farben nur braucht ein Kartograph.

    Zu wahrhaft universeller Bedeutung verhalf der Vier vor zehn Jahren Simon Donaldson, ein 24jähriger Student in Oxford, mit einem unglaublichen Forschungsergebnis.

    Seit eineinhalb Jahrhunderten tummeln sich Mathematiker in Räumen, die nicht nur drei, sondern beliebig viele Dimensionen haben. Albert Einstein zum Beispiel gab dem Universum eine vierte Dimension, die Zeit, und betrieb damit seine Relativitätstheorie. Seither rechnen Physiker bevorzugt mit vier Dimensionen.

    Physiker deuten die Welt hauptsächlich als mathematische Gleichungen, die mit der – manchem wohl noch erinnerlichen – Differentialrechnung gelöst werden. Darum verlegen die Gelehrten ihre Probleme in Räume, in denen sich Funktionen differenzieren lassen, und eben dies funktioniert in solchen, wo geometrische Verhältnisse herrschen, die schon Euklid um 300 v. Chr. studiert hat. Zum Glück, so glaubten die Forscher, sind diese „euklidischen Räume“ so gestaltet, daß darin nur eine einzige Art von Differentialrechnung möglich ist.

    Simon Donaldson aber fand im Jahr 1982 heraus, daß dies zwar für euklidische Räume mit zwei, drei, sowie mit fünf und mehr Dimensionen zutrifft, nicht aber für den vierdimensionalen Raum. In ihm wies er eine Struktur nach, die einer völlig anderen Differentialrechnung bedarf.

    „Warum allein im vierdimensionalen Raum“, fragen sich die Mathematiker. „Ausgerechnet im vierdimensionalen“, maulen die Physiker, die nun unsicher sind, ob ihre Formeln überhaupt noch stimmen.

    Inzwischen hat sich ergeben, daß der vierdimensionale euklidische Raum sogar unendlich viele, grundverschiedene Differentialrechnungen zuläßt.

    Was für eine tolle Zahl, diese Vier!

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    Hurra, ein Zwillingspaar

    in: Die Zeit 35/92, 21. August 1992:

    Der Krähe ist die Fünf zu hoch. Das belegte der Zahlenhistoriker Tobias Dantzig mit der Erfahrung eines britischen Edelmanns. Auf dessen Grundstück stand ein Turm, in dem sich eine Krähe eingenistet hatte. Dies gefiel dem Gentleman nicht, weshalb er das Tier fangen wollte. Doch jedesmal, wenn er unten seinen Turm betrat, flog der Vogel oben heraus, setzte sich auf einen Baum und kam erst zurück, nachdem der Brite das Gemäuer wieder verlassen hatte. Also beschloß er, die Krähe zu überlisten. Deshalb begab er sich zusammen mit einem Freund in den Turm. Das Tier flog auf seinen Baum. Nach einer Weile verließ allein der Freund den Turm. Doch die Krähe ließ sich nicht beirren; sie blieb geduldig sitzen, bis auch der Besitzer heraustrat. Mit drei und vier Personen war der Vogel ebenfalls nicht zu täuschen. Die Krähe wartete stets, bis alle wieder draußen waren. Erst als fünf Männer den Turm besuchten, aber nur vier wieder erschienen, verzählte sich das Tier und flog heim – das war sein Pech.

    Beim Menschen ruft die Fünf eher positive Empfindungen hervor. Als heilige Zahl wurde sie in so verschiedenen Regionen wie China, Indien und Griechenland verehrt. Die Bibel ist voller Fünfen: Da geht’s um fünf Ochsen, Widder und Lämmer, um fünf Silberlinge, Könige und goldene Mäuse, um fünf törichte und fünf kluge Jungfrauen…

    Für die Pythagoreer war Fünf die Zahl der Ehe. Denn 5 = 2 + 3 ist die erste Summe aus einer weiblichen – geraden – und einer männlichen – ungeraden – Zahl (Eins zählte nicht als Zahl). Sinnbild der Fünf war das Pentagramm, der fünfzackige Stern, der sich in einem Zug zeichnen läßt. Seine fünf Strecken schneiden einander so, daß die dabei entstehenden Teilstrecken ein „stetiges“ Längenverhältnis zueinander haben: Der größere Abschnitt verhält sich zur ganzen Strecke, wie der kleinere zum größeren Abschnitt. Das ist der „Goldene Schnitt“, der Pythagoras in Verzückung versetzte.

    Als Drudenfuß diente das Pentagramm im Mittelalter der Abwehr von Hexen (Druden). Mephisto mußte der Ratte befehlen, eine Spitze dieses Sterns abzunagen, damit er die Bewegungsfreiheit des Teufels nicht weiter einengte.

    Wir Heutigen genießen den Fünfuhrtee, bewundern bei den mit fünf Ringen symbolisierten Olympischen Spielen den Fünfkampf, sind ungern das fünfte Rad am Wagen, fürchten die Fünfte Kolonne und lassen, obwohl wir alle fünf Sinne beisammen haben, manchmal fünf gerade sein.

    Piaton entdeckte, daß es nur fünf Körper geben kann, die von regelmäßigen, gleich großen Vielecken begrenzt sind und an deren Ecken dieselbe Anzahl von Kanten zusammenstößt, wie zum Beispiel beim Würfel oder bei der Dreieckspyramide. Kosmisch nannte er sie – wir haben sie ihm zu Ehren „platonische Körper“ getauft.

    Fünf ist Primzahl, und da zwischen ihr und der nächst niedrigen Primzahl, der Drei, nur eine (selbstverständlich gerade) Zahl liegt, bilden 3 und 5 ein Primzahlzwillingspaar. Andere sind 5 und 7, 11 und 13, 17 und 19; der Rekord liegt zur Zeit bei 224 376 047 und 224 376 049. Seit über zweitausend Jahren wissen wir, daß es unendlich viele Primzahlen gibt; ob aber auch die Anzahl der Primzahlzwillinge unendlich ist, weiß bis heute niemand. Trotzdem ist es möglich, eine präzise Aussage über alle Primzahlzwillinge zu machen. (Zur Erklärung: Kehrwert einer Zahl p ist der Bruch 1/p.) Der Mathematiker Viggo Brun bewies nun vor 72 Jahren: Würde jemand die Kehrwerte sämtlicher Primzahlzwillinge zusammenzählen – das begänne mit 1/3 + 1/5 + 1/7 + 1/11 und hörte vielleicht nie auf – so ergäbe sich die Summe 1,90216054 … Das kommt selbst Mathematikern ziemlich komisch vor, weshalb der völlig korrekte Beweis auch als „Brunscher Witz“ in die mathematische Literatur eingegangen ist.

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    Sechsisch

    in: Die Zeit 36/92, 28. August 1992:

    Nichts in dieser Welt ist vollkommen – heißt es. In Wahrheit aber gibt es Vollkommenes, zum Beispiel die Sechs. Sie nämlich ist eine vollkommene Zahl. Denn ihre echten Teiler sind 1, 2 und 3, und deren Summe, 1 + 2 + 3 = 6, ist wiederum die Zahl selbst. Sechs ist die erste dieser besonderen Zahlen; die nächste ist 28 – notabene: die Mondumlaufszeit in Tagen – weil 1 + 2 + 4 + 7 + 14 = 28 ist. Unterhalb von 10 000 gibt es noch zwei weitere: 496 und 8128.

    Euklid hat im Buch IX seines grandiosen Werkes „Die Elemente“ bewiesen: Ist q eine Primzahl und ist auch 2q – 1 prim, dann ergibt n = 2q – 1 x (2q – 1) eine vollkommene Zahl. Bei der Sechs ist q die Primzahl 2 und 2 2 – 1 = 4 – 1 = 3 ist ebenfalls Primzahl, ergo muß n = 2 2-1×3 = 2 x 3 = 6 vollkommen sein. Der Schweizer Mathematiker Leonhard Euler hat vor gut 200 Jahren folgende Umkehrung des Euklidischen Satzes gefunden: Jede gerade vollkommene Zahl ist von der oben beschriebenen Art, 2q-1 x (2q – 1).

    Wie aber steht es um ungerade vollkommene Zahlen? Trotz jahrhundertelangen, eifrigen Bemühens ist bislang nicht eine einzige gefunden worden. Vielleicht gibt es gar keine, was uns nach pythagoreischem Zahlenmythos lehren würde, daß Vollkommenheit ein ausschließlich weibliches Privileg ist. Machos, die dies mit einem Gegenbeispiel entkräften wollen, seien gewarnt: Sollte es eine ungerade vollkommene Zahl geben, dann hätte sie mindestens 150 Stellen.

    Vollkommenheit ist rar in dieser Welt. Bis heute sind erst 32 vollkommene Zahlen bekannt. Den Rekord hält ein 455 663stelliges Monstrum: 2756838 x (275639-1); ausgeschrieben würde es dreizehn Seiten der ZEIT füllen.

    Die Sechs galt im Altertum als die herrlichste aller vollkommenen Zahlen, weil ihre Teiler 1, 2, 3 zugleich den Beginn der Zahlenreihe bilden. Augustinus meinte, deshalb hätte der liebe Gott für seine Welterschaffung sechs Arbeitstage eingeplant, was dann allerlei „Sechsisches“ zur Folge hatte: Moses riet, den Acker sechs Jahre zu bestellen und ihn dann ein Jahr brach liegen zu lassen, der fromme Jude ißt sechs Tage lang ungesäuertes Brot, Goliath war sechs Ellen hoch, und Jesus wurde am sechsten Tag der Woche in der sechsten Stunde ans Kreuz geschlagen.

    Richtig unheimlich wird’s, wo die Sechs gleich dreifach auftritt, in 666, der Zahl des Tieres aus der Apokalypse des Johannes. In unendlichen Debatten stritten sich Theologen darüber, was es mit dieser Tripelsechs auf sich hat, bis schließlich die katholische Kirche beschied, 666 sei die Zahl des Antichristen. Peter Bungus, ein Priester mit numerologischen Ambitionen, tüftelte so lange an dem Namen seines Zeitgenossen Martin Luther herum, bis er ihn mit 666 gleichsetzen und somit den Reformator als Antichristen identifizieren konnte. Doch Luther, der gelegentlich auch dem Zahlenhobby frönte, replizierte mit der „Entdeckung“, Johannes habe mit der apokalyptischen Zahl eine Prophezeiung über die Dauer des Papsttums geliefert, und daraus gehe dessen unmittelbar bevorstehendes Ende deutlich hervor.

    Prominent ist die Sechs in der Natur, in Schnee- und Bergkristallen, Pflanzenzellen, Bienenwaben, Lilienkelchen und Fliegenbeinen. Sechs Seiten hat die beim Entwurf und Bau unserer Behausungen favorisierte Form, der Quader. Als Spielwürfel ist seine begehrteste Seite die mit der Augenzahl sechs.

    Um einen Zylinder lassen sich sechs weitere, der gleichen Größe, bündig herumstellen. Sind die Zylinder hohl und aus biegsamem Material gefertigt, so entsteht, wenn dieses Bündel rundum zusammengequetscht wird, ein Sechskant. Dessen Profil, das regelmäßige Sechseck, regte Pythagoras zu Meditationen an. Schließlich deutete er die Figur – Grüne, aufgepaßt! – als Symbol der Natürlichkeit.

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    Sieben Sachen

    in: Die Zeit 37/92, 4. September 1992:

    Sonne, Mond und die fünf mühelos sichtbaren Wandelsterne tanzen beim streng geordneten Lauf der Gestirne aus der Reihe, strolchen umher, was die Griechen veranlaßte, sie Herumtreiber (planetes) zu nennen, wiewohl sie ihnen göttliche Macht zubilligten. Alle Völker der Antike betrachteten diese sieben Himmelskörper voller Ehrfurcht und hielten ihre Konstellationen für schicksalsbestimmend. Darum wohl gilt die Sieben in den Kulturen der Erde bis heute als außergewöhnliche Zahl. Leicht hätte sich der klassische Katalog der Weltwunder erweitern, leichter noch das Todsündenregister verlängern lassen, doch als sie sieben beisammenhatten, gaben sich unsere Altvordern vorerst einmal zufrieden. Die Listen der Weisen, die in gehobenen hellenistischen Kreisen kursierten, stimmten – wer hätte bei Intellektuellen etwas anderes erwartet? – keineswegs überein, doch jede verzeichnete selbstverständlich sieben Namen.

    Noah wurde sieben Tage vor der Flutkatastrophe gewarnt und aufgefordert, sieben Paare jeder Tierart in die Arche aufzunehmen. Alle sieben Tage ließ er eine Taube zu Erkundungsflügen aufsteigen, und im siebten Monat dieser Artenschutzaktion landete das Schiff auf dem Berg Ararat. Jakob diente Laban sieben Jahre, um dessen Tochter Lea zu bekommen und noch einmal sieben Jahre für ihre Schwester Rahel. War das der Grund dafür, daß Handwerker früher sieben Lehrjahre zu absolvieren hatten?

    Siebenarmig ist die Menora, der Leuchter im jüdischen Tempel. Rom wurde auf sieben Hügeln erbaut, und in den sieben freien Künsten – Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik – hatte sich zu üben, wer im Mittelalter als kultivierter Mensch geachtet werden wollte. Isaac Newton fand heraus: Sieben reine Farben – Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo und Violett – vermischen sich im Sonnenspektrum zum weißen Licht. Sieben ist Glückszahl: Das segenbringende Hufeisen hat sieben Nagellöcher. Das siebte Kind einer Familie ist mit Begabungen reich gesegnet, schon gar, wenn auch ein Elternteil siebtes Kind war – sagt man. Wer im Glück schwelgt, fühlt sich im siebten Himmel, und wer auf Reisen geht, packt seine sieben Sachen.

    Die böse Sieben, ja, die gibt es auch, aber sie verblaßt neben all dem Guten, das diese Zahl verheißt. Auch in der Volksheilkunde. Weil wir sieben Organe haben – Herz, Lunge, Milz, Leber, Magen und zwei Nieren – sowie sieben Körperteile – Kopf, Brust, Leib und vier Glieder –, soll eine Arznei aus sieben Kräutern bestehen. Siebenmal mit dem Trauring der Mutter über das Augenlid des Kindes gestrichen, bringt das Gerstenkorn zum Verschwinden. Sieben Köpfe fetter Fledermäuse mußte Edward III. von England schlucken, um seine Bresthaftigkeit zu lindern. Murrend befolgte der aussätzige Syrer Naeman die Therapie, die ihm der Prophet Elias verordnet hatte: „Wasche dich im Jordan siebenmal, dann wirst du rein.“ Sie half.

    Sieben Zwerge und sieben Schwaben begegnen uns im Märchen. Sieben Sterne malen den großen und den kleinen Bären an den Himmel, siebentönig ist die westliche Musik.

    Mathematisch ist die Sieben eher unauffällig. Sie ist ein Primzahlzwilling, also eine Primzahl, die sich von einer anderen – in diesem Fall von fünf – um zwei unterscheidet. Dies gibt mir Gelegenheit, eine ärgerliche Zahlenverwechslung in der vorletzten Ausgabe zu korrigieren: Das größte, bisher bekanntgewordene Primzahlzwillingspaar ist 256 200 945×2 hoch 3426 ± 1.

    Der Kehrwert von Sieben, 1/7, ist ein endloser Dezimalbruch, 0,142857142857142857 … mit der Periode 142 857. Wird diese Zahl mit 3 malgenommen, springt die 1 an ihr Ende: 3×142 857=428 571; bei 5×142 857=714 285 hupft die 7 an den Anfang. Mit 2, 4 und 6 multipliziert, bleiben die Ziffern erhalten, aber 7×142 857 = 999 999.

    Kurios ist sie schon, die verflixte Sieben.

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    Achtheiten

    in: Die Zeit 38/92, 11. September 1992:

    Wie viele Finger hat der Mensch? Linguistisch betrachtet nur acht, weil der Daumen nicht Finger heißt. So haben es unsere Urahnen gesehen. Indiz: In den indogermanischen Sprachen war das Wort für „neun“ auffallend eng mit dem für „neu“ verwandt: Neun und neu lauten in Latein novem und novus, im Gotischen nium und niujis, auf indisch nava und navas und in Tocharisch, das vor 2000 Jahren in Teilen Ost-Turkestans gesprochen wurde, nu und nu. Dies weist darauf hin, daß die Acht als eine Grenze empfunden wurde, hinter der man neu beginnt, mit dem Zählen nämlich, so wie im dekadischen System nach jedem Zehner. Schon in vorchristlichen Zeiten aber muß den Menschen klargeworden sein, daß es bequemer ist, den Daumen zum Finger und damit die Zehn zur Zählbasis zu machen.

    Wiedererweckt wurde das Achtersystem zu Anfang unseres High-Tech-Zeitalters. Denn „Oktalzahlen“ – wir lesen sie : 0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 10, 11, … 17, 20, … – eigneten sich vorzüglich für den Informationsaustausch zwischen Menschen und den noch recht unbeholfenen Computerkolossen der fünfziger Jahre. Inzwischen kapiert so ein Rechner auch unsere Dezimalzahlen.

    Acht ist eine Kubikzahl, 8 = 2 x 2 x 2 = 2 hoch3; für die alten Mystiker war sie die erste (eins war für sie keine Zahl). Ergo ernannten sie die Acht zur Zahl des Raumes. Ihn gliederte, Jahrhunderte später, René Descartes mit dem von ihm erfundenen Koordinatensystem in acht Teilräume, die „Oktanten“.

    Zahl der Rettung ist die Acht in der jüdischchristlichen Überlieferung. Nur acht Menschen – aus Noahs engstem Familienkreis – überlebten die Sintflut; am achten Lebenstag sollte ein jüdischer Knabe beschnitten werden, weshalb die meisten alten Taufbecken achteckig sind; acht Tage alt muß das Lamm sein, ehe es geopfert wird, schreibt Moses und fährt fort: „so ist’s angenehm“ – wohl nicht fürs Lamm; acht Seligpreisungen spricht Christus.

    Mit der Oktave, dem achten Ton, verdoppelt sich die Frequenz des Grundtons. Mühelos erkennen und produzieren Menschen aller Musikkulturen dieses Intervall.

    Gelehrte streiten sich darüber, warum wir acht Tage sagen, wenn wir sieben meinen; wer am Montag verspricht, in acht Tagen wiederzukommen, will nicht erst am nächsten Dienstag erscheinen. Vielleicht versteckt das Unterbewußtsein in diesem sprachlichen Lapsus den Wunsch nach einer Zugabe; Franzosen gewähren sie mit quinze jours für vierzehn Tage.

    Lange haben die Gewerkschaften für den Achtstundentag gekämpft. Warum gerade acht Stunden, warum nicht sieben oder neun? Ordnung muß sein: Acht Stunden teilen den Tag in drei exakt gleiche Teile, einen zum Vergnügen, einen zum Schlafen, einen zum Arbeiten. Darum.

    Im chinesischen Buch der Weisheit, I Ging, sind alle denkbaren Schicksalsverläufe in einer Chiffre aus achtmal acht Zeichen codiert. Im Buddhismus beschreiben acht Verhaltensvorschriften den „Achtfachen Weg“; wer ihn beschreitet, braucht nicht mehr wiedergeboren zu werden; er darf für immer ins Nirwana eintreten. Achtblättrig ist die Lotosblume, das Sinnbild des Nirwana. Sie wird auch in der indischen Kosmogonie und in der ägyptischen Mythologie als Attribut von Gottheiten verehrt.

    Archimedes, ein Freund gigantischer Zahlen, gab der Acht eine Bedeutung beim Festsetzen großer Zählschwellen, die etwa unseren Millionen oder Milliarden entsprechen. Der Grieche schlug „Achtheiten“ vor. Sie waren ziemlich groß: Die erste Achtheit, arithmôn, erstreckte sich von 1 bis 10 hoch 8 (100 Millionen), die zweite bis 10 16 ‚ und weiter so bis zur 10 hoch 8 ten Achtheit, der „ersten Periode“ – eine 1 mit 800 Millionen Nullen –, dann weiter zur 10 hoch 8 ten Periode…

    Daher mag das merkwürdige griechische Sprichwort stammen: „Alle Dinge sind acht.“

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    Alle neune

    in: Die Zeit 39/92, 18. September 1992:

    Wie beschaulich könnte es auf der Buchmesse zugehen, würden alle Autoren die Neunerregel beherzigen, die der Dichter und Kritiker Quintus Horatius Flaccus vor gut 2000 Jahren für jedes literarische Werk aufgestellt hat: nonumque prematur in annum, „und bis ins neunte Jahr werde es zurückgehalten“, womit Horaz – so kürzeln wir den Namen des gelehrten Poeten gerne – seinen Dichterkollegen empfahl, alles Geschriebene neun Jahre lang zu redigieren und zu prüfen, ob es überhaupt zur Veröffentlichung tauge. Befolgten unsere Schriftsteller diesen weisen Rat – wir müßten uns nächsten Monat in Frankfurt nicht durch 300 000 Titel wühlen.

    Das allein schon würde die Neun zu einer überaus sympathischen Zahl machen. Beliebt ist sie von jeher bei Leuten, die ihren Mitmenschen mit verblüffenden Rechenleistungen imponieren möchten. Viele dieser Kunststücke basieren auf der „Neunerprobe“, einem nützlichen Testverfahren, dessen sich Kontoristen und Kaufleute vor der Erfindung des Taschenrechners bedienten, um die Ergebnisse ihrer langen Rechnungen nachzuprüfen.

    Hier, aus einer alten englischen Jugendzeitschrift, die Anleitung zu einem dieser unzähligen Rechenkunststücke: „Fordere beim nächsten Klassenfest ein Kind auf, zwei beliebig lange Zahlen auf die Wandtafel zu schreiben. Danach läßt Du Dir die Augen verbinden und bittest das Kind, beide Zahlen malzunehmen. Sodann soll es aus dem Ergebnis irgendeine Ziffer, die aber nicht die Null sein darf, herausstreichen und dir die verbliebenen Ziffern in beliebiger Reihenfolge vorlesen. Zum Erstaunen Deines Publikums wirst du nun die herausgestrichene Ziffer nennen.“

    Der Trick: Während das Kind seine erste Zahl an die Tafel schreibt (zum Beispiel 43071), zählt der Zauberkünstler die Ziffern zusammen (4 + 3 + 0 + 7 + 1 = 15), teilt diese Quersumme durch 9 (15 : 9 = 1, Rest 6) und merkt sich den Rest (6), zünftig „Neunerrest“ genannt. Ebenso verfährt er mit der zweiten Zahl (Beispiel: 8617). Deren Neunerrest (4) multipliziert er dann mit dem ersten (4 x 6 = 24) und ermittelt den Neunerrest dieses Produktes (24 : 9 = 2, Rest 6).

    Nur auf diese Zahl (6) kommt es an. Wenn nun das Kind eine Ziffer aus dem Ergebnis (etwa 4) gestrichen hat und die verbliebenen (3, 7, 1, 1, 2, 8, 0, 7) in beliebiger Reihenfolge nennt, zählt sie der Künstler zusammen (29) und zieht den Neunerrest dieser Summe (2) von dem zuvor errechneten Rest (6) ab. Diese Differenz (4) ist die gestrichene Ziffer – es sei denn, beim Abziehen käme eine negative Zahl heraus; in diesem Fall müßte ihr eine 9 zugezählt werden, damit sich die gesuchte Ziffer ergibt.

    Die Neun stürzte Zahlenmystiker des klassischen Altertums in ein Dilemma. Einerseits galt sie, weil ungerade, als männliche Zahl; andererseits aber war sie nicht Primzahl wie ihre männlichen Vorgänger 3, 5, und 7. Das ließ Pythagoras an der Manneskraft der Neun zweifeln (obwohl sie doch dreimal drei, mithin eine Potenz ist). Schließlich einigten sich die pythagoreischen Chauvis darauf, die Neun als „weibisch“ zu diffamieren.

    Weiblichkeit assoziierten auch die Römer mit der Neun, lateinisch nona; das aber lag an den Gesetzen ihres Reiches. Die nämlich erlaubten den nonariae erst von der neunten Stunde an (15 Uhr nach unserer Stundenzählung), auf den Straßen Roms ihre Liebesdienste feilzubieten; daher ihr Name.

    Neun Musen, die Göttinnen der Künste, gebar Mnemosyne dem Zeus. Neun Stunden währt die Novene, das Bittgebet der Mönche.

    Wir haben zur Neun ein eher profanes Verhältnis. Wer neunmalklug genannt wird, hat wenig Anlaß, darauf stolz zu sein. Doch der Kegelbruder, der mit einer Kugel alle neune schafft, ist der Größte.

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    Zehn Finger

    in: Die Zeit 40/92, 25. September 1992:

    Der Mensch ist das Maß aller Dinge“, befand der griechische Philosoph Protagoras, was ihm keineswegs nur Zustimmung einbrachte. Plato kritisierte seinen prominenten Kollegen: Wenn schon ein Maß, dann käme dafür nur eine Gottheit in Betracht. Bei den Zahlen aber trifft der umstrittene Spruch ins Schwarze. Denn daß die Zehn in nahezu allen Sprachen der Erde zur Zählschwelle gekürt wurde, von der aus sich die Zahlwörter wiederholen, hat nur einen Grund: Der Mensch hat zehn Finger, und mit den Fingern fängt das Zählen an. Unsere Wörter „elf“ und „zwölf“ sprechen übrigens nicht gegen diese These. Sie sind die lautverschobenen, gotischen Wendungen ain-lif und zwa-lif, was „eins über“ und „zwei über“ (der Zehn) bedeutete.

    Weil wir aber noch Füße mit zehn Zehen haben, waren einige Völker, die Mayas zum Beispiel und die Ureinwohner Mexikos, auf die Idee gekommen, die Schwelle auf zwanzig heraufzusetzen. In Europa haben die Kelten, Dänen und Gallier zwar wie wir zehnschwellig gezählt, doch sprachlich ihre Zahlen noch einmal zu je zwanzig gebündelt. Das französische quatrevingt, „vier Zwanziger“, für achtzig erinnert daran.

    Mit der genialen Erfindung der Null – sie wird babylonischen Gelehrten zugeschrieben – erhielt die Zählschwelle Zehn eine mathematische Bedeutung. Erst jetzt, im zweiten Jahrhundert, konnte eine Zahl eindeutig durch die Position ihrer Ziffern bestimmt werden. Wie hätte man ohne Null zwischen 32 und 3020 unterscheiden sollen? Jetzt aber war klar: 32 ist 3xl0 hoch 1 + 2 x l0 hoch 0 und 3020 ist 3 x 10 hoch 3 + 0 ×10 hoch 2 +2 x 10 hoch 1 +0 x 10 hoch 0. Statt der Zehner hätten es auch Potenzen einer anderen Zahl getan, aber unsere Vorfahren hatten sich nun einmal an die Zählschwelle Zehn gewöhnt, also blieb es dabei.

    Heute vor eine solche Wahl gestellt, würden wir mit der Suche nach der günstigsten Zahlenbasis eine Expertenkommission beauftragen. Sie hätte es schwer. Denn die Praktiker unter ihren Mitgliedern würden sich, wie schon vor 220 Jahren der große Naturforscher Graf Buffon, für die Zwölf stark machen, einmal, weil sie vier Teiler hat (zehn hat nur zwei), zum anderen, weil sie das Rechnen mit Tageszeiten, Monaten, Winkeln, Längen- und Breitengraden erleichtert. Mathematiker hingegen sähen lieber eine Primzahl als Fundament. Das brächte arithmetische Vereinfachungen, zum Beispiel beim Bruchrechnen. Für die Zehn jedenfalls hätte sich niemand entschieden; sie ist weder Fisch noch Fleisch. Wir aber müssen mit ihr leben.

    Den Pythagoreern war offenbar die physiologische Erklärung für die Bedeutung der Zehn zu profan. Sie suchten nach Höherem und fanden es in ihrer Mystik: Zehn ist 1+2+3+4, das hieß für sie: Eins, der Ursprung aller Zahlen, plus Zwei, das Symbol der Lebenszeugung, plus Drei, die Glückszahl, plus Vier, die Zahl der Erde; Grund genug, der Zehn einen Heiligenschein zu verpassen. Aristoteles teilte die Wirklichkeit in zehn Kategorien ein, Augustinus sah in der Zehn die Fülle der Weisheit.

    Zehn Gebote mußten es unbedingt in der Bibel sein, weshalb Moses, dem wohl nur neun eingefallen waren, das Verbot der Begehrlichkeit in zwei Gebote aufteilte, um auf zehn zu kommen. Abraham zahlte dem König Melchisedek von Salem zehn Prozent seiner Habe. Daher der alte jüdische Brauch, den „Zehnten“ abzugeben, den die christlichen Kirchen und weltliche Potentaten allzugern übernahmen.

    „Besser ein Augenzeuge als zehn Ohrenzeugen“, empfiehlt der Volksmund, und die Erfahrung lehrt uns: „Freunde in der Not gehen zehn auf ein Lot.“ Der Vater schimpft: „Ich habe es dir schon zehnmal erklärt“, und wer wo nicht sein möchte, behauptet störrisch: „Da bringen mich keine zehn Pferde hin.“ Warum ausgerechnet zehn?

    „Ein Narr kann mehr Fragen stellen, als zehn Weise beantworten können.“

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    Sündige Elf

    in: Die Zeit 41/92, 2. Oktober 1992:

    So zwischen der Zahl der Vollendung, der Zehn, und der Götterzahl Zwölf eingezwängt, ist die Elf gesichtslos geblieben. Selbst Pythagoras und seinen Jüngern, die alle Vorläufer der Elf zu bedeutungsschwangeren Symbolen erhoben hatten, fiel zur Elf nichts ein. Sie ist halt zehn plus eins, mehr nicht.

    Für die Palästinenser jedoch ist die Elf eine Unglückszahl, die schlimmste überhaupt. Warum? Genau weiß es wohl niemand. Möglicherweise hängt dies mit der in südlichen Ländern gefürchteten Malaria zusammen, die häufig am elften Tag zum Tod führt. Alexander der Große starb 32jährig am elften Tag nach Ausbruch der Krankheit, ebenso Lord Byron.

    Nichts Gutes verband auch der Astrologe Seni mit der Elf, jedenfalls bei Schiller, der ihn in „Die Piccolomini“ sagen läßt: „Elf ist die Sünde, Elfe überschreitet die Zehn Gebote“.

    Elf ist ein modernes Wort; noch zu Goethes Zeiten nannten sie die meisten Leute „Eilf“, so selbst der Meister, der in seinen ungedruckten Epigrammen frivol anmerkte: „Unklug schob er den kleinsten der zehn Finger ins Ringchen, nur der größte gehört würdig, der eilfte, hinein.“ Jeder wußte, was gemeint war. Jeder wußte auch Goethes Vers zu deuten:,,… als im schmucken Hain und Haus festlich Eilfer überfloß“. Denn was wir in unserer Lust am Übertreiben als „Jahrhundertwein“ bejubelt hätten, wurde zu jener Zeit schlicht „Elfer“ getauft, ein im Jahr 1811 reichlich gekelterter, vorzüglicher Rebensaft aus Rheinhessen.

    Heute assoziieren wir mit der Elf eine Fußballmannschaft, und jedes Kind kennt den Elfmeter schon, ehe es bis elf zählen kann. Ungeduldig warten die Narren auf den Elften Elften, an dem der Elferrat um elf Uhr elf den Beginn des Karnevals verkündet.

    Elf ist Primzahl und als kleiner Bruder der Dreizehn ein Primzahlzwilling. Ob eine natürliche Zahl ohne Rest durch elf teilbar ist, läßt sich mit Hilfe der „Querdifferenz“ mühelos ermitteln. Wie so oft läßt sie sich leichter am Beispiel als mit ihrer umständlichen Definition erklären. Hier ein Exempel: Ist 73 529 681 durch 11 teilbar? Zähle die Ziffern an den ungeraden Stellen der Zahl – also an der ersten, dritten, fünften … Stelle – zusammen: 7 + 5 + 9 + 8 = 29; verfahre ebenso mit den Ziffern an den geraden Stellen, 3 + 2 + 6 + 1 = 12, und berechne den Unterschied zwischen diesen beiden Summen, 29 – 12 = 17. Das ist die Querdifferenz der Zahl. Sie müßte durch 11 teilbar sein; denn dann und nur dann träfe dies auch für 73 529 681 zu – was offensichtlich nicht der Fall ist. Wie aber steht’s mit 73 529 676? Ihre Querdifferenz ist 28 – 17 = 11 – alles klar.

    Die Querdifferenz spielt die tragende Rolle bei der Elferprobe, einem hilfreichen Instrument, dessen sich Kopfrechner bedienen, um zu ermitteln, ob das Ergebnis ihrer Rechnung stimmt.

    Zahlen, die wie die Elf nur Einsen als Ziffern haben – von manchen Autoren „Repunits“ (repeated units) genannt –, erfreuen sich bei Nummernfreaks großer Beliebtheit. Ehe ihnen der Computer den Spaß verdarb, galt es in ihrer Zunft als große Errungenschaft, unter diesen Exemplaren Primzahlen zu entdecken. Zu suchen braucht man allerdings nur unter denen, deren Stellenzahl prim ist, wie bei der Elf. Die nächste ist 1 111 111 111 111 111 111, ihr folgt ein 23stelliges Monstrum und ihm – Computerfreunde aufgepaßt! – vielleicht das 47stellige.

    Glaube niemand, all dies habe keine praktische Bedeutung. Jedenfalls denkt anders darüber ein Steuerprüfer, der soeben erfahren hat, daß der Computerladen, dessen Bücher er prüft, im vorigen Monat Rechner des gleichen Typs für insgesamt 1 Million 111 tausend 111 Mark verkauft hat. Der Beamte möchte aber wissen, wie viele Geräte zu welchem – einheitlichen – Stückpreis abgesetzt wurden. Just das kann ihm der Händler nicht sagen. Wer kann’s?

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    Zahl der Zeit

    in: Die Zeit 42/92, 9. Oktober 1992:

    Zwölf ist die Zahl der Wiederkehr, und regelmäßige Wiederkehr bildet sich in unserer Vorstellung als Zyklus ab, als ein Kreis. Darum nannten Mystiker des Altertums die Zwölf auch „Zahl der Geschlossenheit“ und „runde“ Zahl. All dies rührt daher, daß der Mond die Erde zwölfmal umrundet, bis sich der Kreis der Jahreszeiten vollendet, was die Chinesen schon vor Jahrtausenden veranlaßte, sich einen Kalender mit zwölf Monaten auszudenken.

    Fast alle Völker der Erde haben dies früher oder später getan. So wurde die Zwölf zur „Zahl der Zeit“ und damit auch der Tageszyklus zwölfgeteilt, aber nur seine helle Hälfte; die Nacht verschlief man ja. Als sich der Mensch vom Rhythmus der Natur emanzipierte und die Nacht gelegentlich zum Tage machte, mußte er die Einteilung verdoppeln. Auf die naheliegende Idee, deshalb 24 Stunden einzurichten, kam er freilich erst spät. Amerikaner haben damit noch heute erhebliche Schwierigkeiten und behelfen sich deshalb mit a.m. und p.m.

    Für die Zeitmessung kam uns die Geometrie zur Hilfe, die erlaubt, einen Kreis ohne großen mathematischen Aufwand in Vielfache von sechs Segmenten einzuteilen, in zwölf Stunden ebenso wie in sechzig Minuten und Sekunden.

    Die daraus entstandene Uhr war anfangs nur der Sternenhimmel, an dem die Sonne als Kalender agierte. Was lag da näher, als die Ekliptik, den Jahreszyklus der Sonne, in zwölf Bezirke zu gliedern? Sterne waren gleichbedeutend mit Zeit, und Zeit ist Schicksal, dies veranlaßt seither manch einen zu dem simplen Schluß: Also bestimmen die Sterne unser Schicksal. Selbst den Globus haben wir zwölfgeteilt, was auch im Kleinen etliche Zwölfermaße mit sich brachte, Fuß, Zoll, Meile… und bis heute viel Verwirrung stiftet.

    Zwölfjährig wird zumeist das Mädchen – biologisch – zur Frau und deshalb in manchen Nationen am zwölften Geburtstag heiratsfähig. Wohl wegen der Gleichberechtigung hatten die Juden auch zwölfjährige Knaben zu Erwachsenen gekürt. Darum durfte Jesus als Zwölfjähriger den Tempel besuchen, wo er die Priester in Verlegenheit brachte.

    Den Lenden der zwölf Söhne Jakobs entsprangen die zwölf Stämme Israels; Josua ließ zwölf Steine mitten im Jordan aufrichten zum Gedenken daran, daß sein Volk den Fluß heil überquert hatte. Zwölf bronzene Ochsen trugen das Taufbecken des Salomo, zwölf Jünger erwählte Christus. Allerlei Seltsames geschieht in den Zwölf Nächten, der Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag.

    Die Väter unserer Jurisprudenz, die Römer, kodifizierten ihr Recht auf zwölf bronzenen Tafeln. Daher die zwölf Geschworenen und die Zwölfergremien für öffentliche Angelegenheiten. Im alten Preußen unterrichteten „Zwölfender“ an den Schulen. Das waren keine Hirsche, sondern Männer, die zwölf Jahre lang in der Armee gedient hatten – der Alte Fritz hielt das für eine ausreichende Qualifikation.

    Unsere Sprache hat zwölf zum Dutzend gebündelt und uns gestattet, das Wort im ungefähren Sinne zu verwenden; ein Dutzend Leute müssen nicht exakt zwölf Personen sein, und manchmal meint es nur „viel“, wie bei der billigen Dutzendware.

    Graf Buffon hatte sich sein Leben lang für die Zwölf als Basis unseres Zahlensystems stark gemacht, weil 12 vergleichsweise viele Teiler hat, 1, 2, 3, 4 und 6. Ihre Summe ist größer als die Zwölf selbst, was für keine kleinere Zahl zutrifft. Der platonische Körper mit den meisten Flächen ist das Pentagondodekaeder, dessen Oberfläche sich aus zwölf regelmäßigen Fünfecken zusammensetzt. Ansonsten ist die Zwölf mathematisch unauffällig. Aber „zwischen zwölf und Mittag kann noch viel geschehen“.

    ~~~\~~~~~~~/~~~

    Jetzt schlägt’s dreizehn

    in: Die Zeit 43/92, 16. Oktober 1992:

    Er wurde 1813 geboren und starb am 13. Februar im 13. Jahr der Reichseinheit. Einschließlich seiner Jugendwerke schrieb er 13 Tondichtungen. Sein Name hat 13 Buchstaben, und 13 ist 1+8+1+3, die Quersumme seines Geburtsjahres. Das Schlüsselerlebnis seines Lebens fand am 13. Oktober statt, als er eine Vorstellung von Webers Freischütz besuchte. Am 13. April 1844 hatte er eines seiner bedeutendsten Werke vollendet. Doch als die Oper am 13. März 1861 in Paris gespielt wurde, fiel sie mit großem Spektakel durch. Erst am 13. Mai 1895 wagte die Pariser Oper wieder eine, diesmal begeistert aufgenommene, Inszenierung. Die bayerische Kultstätte für seine Werke wurde am 13. August eröffnet; zum letztenmal betrat sie der Meister an einem 13. September. Seine Verbannung währte 13 Jahre. Wer war’s?

    Für Wagnerianer mag die Dreizehn eine Gralszahl sein – gewöhnliche Sterbliche fürchten, daß sie Unglück bringt. Deshalb graust es den Leuten vor dem Dreizehnten eines Monats, insbesondere, wenn er auf den an sich schon unheilschwangeren Freitag fällt. Der nächste Freitag, der Dreizehnte steht vor der Tür, und das ausgerechnet im November, dem trüben Unfallmonat. Da wird so mancher keinen Fuß vor die Tür setzen mögen, und das keineswegs nur hierzulande. Weltweit wird die Dreizehn gemieden, wo immer dies möglich ist. Warum?

    Warum darf im Hotel das Zimmer mit der Nummer 13 allenfalls Besenkammer sein und haben große Hotelpaläste keine dreizehnte Etage? Warum fehlt im Flugzeug die dreizehnte Sitzreihe? An einem Freitag, den Dreizehnten läuft kein Schiff aus dem Hafen – woher stammt der Aberglaube? Niemand scheint die Antwort zu kennen.

    Eine Vermutung: Die Dämonie der Dreizehn hängt mit dem Letzten Abendmahl zusammen. Zu dreizehn saßen sie bei Tisch, anschließend wurde Jesus Christus verraten. Andere meinen, das Stigma der Dreizehn sei weitaus älteren Ursprungs. Immerhin hatte sie als Zahl der Unterwelt schon bei den Babyloniern einen schlechten Ruf. Das Alte Testament erwähnt die Dreizehn auffallend selten, hingegen gibt ihr der Talmud eine durchaus positive Bedeutung; er weissagt, das Land Israel werde dereinst dreizehngeteilt, und der dreizehnte Teil solle dem Messias gehören. Der „Thirteener“, eine alte irische Silbermünze, war dreizehn Pence wert; so viel bekam der Henker für seine Arbeit.

    Einige Gelehrte erklären sich die Furcht vor der bösen Zahl damit, daß nach der sympathischen Zwölf mit ihren vielen Teilern die unbequeme, teilerlose Primzahl Dreizehn das Rechnen erschwert; just dies hätte jedoch für die Nachfolgerin der teilerfreundlichen Sechs ebenso gelten müssen, aber Sieben ist Glückszahl.

    Daß dreizehn ein „Bäckerdutzend“ ausmachen, hat mit dem Fluch der Zahl wahrscheinlich nichts zu tun. Der Begriff entstand in London, wo einst harte Strafen demjenigen drohten, der einen untergewichtigen Laib Brot verkaufte. Da dies versehentlich vorkommen konnte, gaben die Bäcker jedem Kunden, der ein Dutzend Brote kaufte, vorsichtshalber ein dreizehntes zu.

    Die Dreizehn machte die Königstochter Dornröschen zur Langschläferin. An der Feier ihrer Geburt sollten die Weisen Frauen teilnehmen. Ihrer waren dreizehn, aber es gab nur ein Dutzend goldener Teller im Schloß. Also lud der König nur zwölf der Damen ein. Das nahm die dreizehnte übel und verfluchte das schöne Kind. Die Folgen sind bekannt.

    Zum Schluß eine gute Nachricht: Gottlob muß sich niemand vor der Dreizehn fürchten; denn sie ist gleich der guten Zwölf. Beweis:

    3+4=7

    und

    12×3+12×4-13×7=12×3+12×4-13×7

    sind unbestreitbar richtige Gleichungen. Also muß auch deren Summe,

    12×3+12×4-13×7+3+4=12×3+12×4-13×7+7 stimmen; sie ist

    13×3+13×4-13×7=12×3+12×4-12×7, das heißt, 13×(3+4-7)=12×(3+4-7). Folglich ist 13=12. Quod erat demonstrandum – oder?

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    Zahlen ohne Ende

    in: Die Zeit 44/92, 23. Oktober 1992:</p

    Die Zahl ist das Wesen aller Dinge“, lehrte der in den vergangenen 13 Wochen hier so häufig zitierte, zahlenkundige Pythagoras von Samos. Sogar auf die Frage, was Freundschaft sei, hatte er eine numerologische Antwort parat: „Ein Freund ist dein anderes Ich, so wie es sich mit 220 und 284 verhält.“

    Das Geheimnis dieses Zahlenpaars: Die Summe aller „echten“ Teiler der einen Zahl – dazu gehört 1, nicht aber die Zahl selbst – gleicht der jeweils anderen. 220 hat die Teilersumme 1+2+4+5+10+11+20+22+44+55+110 = 284; und für 284 ist sie 1+2+4+71+142 = 220. Über 1800 Jahre lang war nur dieses eine „befreundete“ Paar bekannt. Erst 1636 gelang es dem (Amateur-) Mathematiker Pierre de Fermat, ein zweites zu entdecken: 17 296 und 18 416. Bis heute haben Mathematiker etwa 1200 solcher Zahlenfreundschaften ermittelt, darunter die der Giganten 111 448 537 712 und 118 853 793 424.

    Zahlen sind im Altertum gerne mit der Schrift verquickt und zu geheimnisvollen Deutungen kombiniert worden. Das ergab sich geradezu zwangsläufig, weil in vielen frühen Kulturen Buchstaben als Zahlensymbole benutzt wurden – Griechen verwendeten zum Beispiel Alpha für 1, Beta für 2, Gamma für 3… Zur hohen Kunst entwickelte sich die Gematria, eine Verstümmelung des griechischen geometria (Zahlenkunde), die im ersten Jahrhundert von Juden, Griechen und Christen ernsthaft betrieben wurde. Bei dieser Kunst ging es darum, die Zahlenwerte von Wörtern zu finden und am Resultat magische Eigenschaften abzulesen. Im Griechischen entsprach zum Beispiel „Amen“ der Zahl 1+40+8+50=99. Deshalb steht in griechischen Bibeltexten für Amen häufig das Kürzel 99. Gleichermaßen rechnete sich das Wort „Abraxas“ – es bezeichnet ein Amulett mit einer eingravierten mythischen Figur – zu der Zahl 365; so viele Tage hat das Jahr. Wörter, denen dieselbe Zahl zugeordnet wurde, galten als gleichwertig; in unserer Sprache wäre demnach „klug“ = 11+12+21+7=51 ebenso viel wert wie „dumm“ = 4+21+13+13=51.

    Nachdenkliche Leute haben von jeher über Zahlen sinniert. Wilhelm Busch, gewiß weder Mystiker noch Mathematiker, befand: „Zahlen sind Naturkräfte, belauscht in ihren Gewohnheiten.“

    So ähnlich mag Leonardo da Pisa empfunden haben, der sich Fibonacci nannte und mit seinem 1202 erschienenen Rechenbuch „Liber Abaci“ die arabischen Zahlen in Europa eingeführt hat. In diesem Werk legt er dar, wie er bei Betrachtungen der Vermehrung von Kaninchen auf diese bemerkenswerte Zahlenfolge gestoßen ist: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144 … Ihre Eigenschaft: Von den ersten beiden Zahlen abgesehen, ist jede folgende die Summe der beiden vorhergehenden, 2=1+1, 3=1+2, 5=2+3, 8=5+3 … Bemerkenswert ist sie bis heute geblieben, weil Fibonaccis Zahlen allenthalben in der Natur anzutreffen sind, auffallend häufig zum Beispiel bei der Anzahl der Blütenblätter vieler Blumen. Vor allem in der Phyllotaxie, der Anordnung von Blättern an einem Zweig, spielen die Zahlen aus der Fibonaccifolge eine tragende Rolle: Blätter sprießen spiralförmig aus dem Zweig. Wer sie zählt, muß deshalb den Zweig ein paarmal umrunden. Die Anzahl dieser Umrundungen geteilt durch die der Blätter ergibt das phyllotaxische Maß, einen Bruch, dessen Zähler und Nenner bei fast allen Pflanzen Fibonaccizahlen sind; mehr noch: Stets sind es solche, die in der Fibonaccifolge durch genau eine Zahl voneinander getrennt sind. Die Phyllotaxie des Birnbaums ist 3/8 – zwischen 3 und 8 liegt 5; bei der Weide kommt 543 heraus – zwischen 5 und 13 liegt 8. Phyllotaxien von 13/34, 21/55 und noch höheren Werten werden an kurzstämmigen Pflanzen gemessen.

    Viel mehr noch wäre über die Zahlen des Leonardo da Pisa zu berichten; sie mischen sich in viele Gebiete ein, in die Geometrie, die Physik und sogar in die Kunst, etwa bei der Berechnung des Goldenen Schnitts.

    Die Zahlentheorie, jahrtausendelang als L’art pour l’art betrieben, hat in unserer computervernetzten Welt unverhofft aktuelle Bedeutung erlangt, weil sich einige ihrer Ergebnisse in der Kryptologie anwenden lassen, der Kunst, Daten so zu verschlüsseln, daß sie nicht von Unbefugten mißbraucht werden können. Im nüchternen Computerzeitalter aber genießt selbst die Zahlenmystik viel Zuspruch. Als die ersten Heimcomputer auf den Markt kamen, erhielt der Käufer als Bonus ein Programm, das ihm nach Eingabe seines Geburtsdatums den individuellen „Biorhythmus“ berechnete. Viele richten seither ihre Terminplanungen nach diesem Kalender der günstigen und ungünstigen Tage ein; wenige jedoch kennen dessen wunderliche Herkunft.

    Die Grundidee kam Wilhelm Fliess, einem Berliner Arzt, der glaubte, alle Krankheiten eines Patienten an dessen Nase diagnostizieren und heilen zu können. Sigmund Freud war davon tief beeindruckt; tiefer noch von der Theorie des Doktor Fliess, nach der alles Wesentliche im Leben eines Menschen oder eines Volkes an einer Zahl erkennbar sei, die sich mit der simplen Formel 23x+28y berechnen läßt. Für x und y brauchten nur passende positive oder negative ganze Zahlen eingesetzt zu werden.

    Beispiele: Das Jahr hat 365 Tage, weil 365= 23×11+28×4 ist; 13 ist Unglückszahl, denn 13 ist 23×3+28x(-2); die Französische Revolution begann im Jahr 23×23+28×45=1789; Fliess starb 1928=23×12+28×59 im Alter von 23xl4+28x(-9)=70 Jahren; im Kern der menschlichen Zelle befinden sich 46= 23×2+28×0 Chromosomen; die Zahl des Tieres aus der Bibel ist 23×18+28×9=666.

    Tatsächlich ist jedes schicksalhafte oder sonstwie wichtige Datum mit der Fliess-Formel darstellbar. Das allerdings überrascht nicht; denn für jede beliebige Zahl z lassen sich passende Werte x und y finden, die der Gleichung z=23x+28y genügen. Fliess, dem diese Möglichkeit nicht in den Sinn gekommen war, bastelte aus seinen Lieblingszahlen 23 und 28 für jeden, der es wissen wollte, einen individuellen Kalender, dem die Tage zu entnehmen waren, an denen er besonders erfolgreich sein würde. Das Verfahren war einfach: Vom Geburtsdatum des Benutzers ausgehend, trug Fliess auf einer Zeitskala Perioden von 23 und 28 Tagen ein. Später fügten seine Adepten noch eine 33tägige „Periode der Intelligenz“ hinzu. Damit war der „Biorhythmus“ von heute komplett.

    „Zahlen sind ein Quell der Wahrheit“, hat der amerikanische Mathematiker Norbert Wiener gesagt, „mehr aber noch haben sie den Menschen verführt, teils in die Irre, teils in Gefilde erhabener Schönheit.“

    Inger Nilsson, Astrid Lindgren, 1969, ARD-Morgenmagazin

    Bild: ARD-Mittagsmagazin: Dinge, die Sie über Pippi noch nicht wussten:

    Eigentlich gibt es Pippi Langstrumpf schon seit 1941. Damals erfand Astrid Lindgren Geschichten für ihre Tochter, die mit einer Lungenentzündung das Bett hüten musste. Veröffentlicht wurde das Buch aber erst 1945. (Hier im Bild mit Pippi-Schauspielerin Inger Nilsson 1969)

    Written by Wolf

    3. Juni 2016 at 00:01

    Bei den Gebildeten ein gewisses Aufsehen (starke Beachtung in der Gelehrtenwelt)

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    Update zu O komm ein Engel und rette mich!:

    Nicht gelesen zu werden betrachtet Andreas Rosenfelder als „die furchtbarste Rezeptionsgeschichte der Welt, nämlich eine, in der nichts passiert.“ Man möchte meinen, Sergei Iwanowitsch habe gebloggt.

    ——— Lev Nikolajevitsch Tolstoi:

    Anna Karenina

    Erstdruck: Russkij vestnik, Petersburg 1875–1877. Erste Buchausgabe: Moskau 1878.
    Achter Teil, 1., Übersetzung von Hermann Röhl:

    Olga Demidova, Reading With a Dog, self projectFast zwei Monate waren vergangen. Schon war die Mitte dieses heißen Sommers herangekommen, und erst jetzt schickte sich Sergei Iwanowitsch an, Moskau zu verlassen.

    In Sergei Iwanowitschs Lebensgang hatten sich während dieser Zeit wichtige Ereignisse zugetragen. Schon vor einem Jahre hatte er sein Buch, die Frucht sechsjähriger Arbeit, zum Abschluß gebracht; es führte den Titel: Versuch einer Übersicht der Grundgedanken und Formen des Staatswesens in Europa und in Rußland. Einige Abschnitte dieses Buches und die Einleitung waren schon vorher in Zeitschriften gedruckt worden, und andere Teile hatte Sergei Iwanowitsch Männern seines Bekanntenkreises vorgelesen, so daß die in diesem Werke enthaltenen Ideen dem Lesepublikum nicht mehr etwas völlig Neues sein konnten; aber dennoch hatte Sergei Iwanowitsch erwartet, daß das Erscheinen seines Buches bei den Gebildeten ein gewisses Aufsehen erregen und wenn auch nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch auf jeden Fall starke Beachtung in der Gelehrtenwelt hervorrufen werde.

    Das Buch war, nachdem es mit größter Sorgfalt die letzte Feile erhalten hatte, im vorigen Jahre erschienen und an die Buchhändler versandt worden.

    Sergei Iwanowitsch fragte zwar niemanden nach seinem Buch, beantwortete Fragen seiner Freunde nach dessen Absatz nur ungern und mit erheuchelter Gleichgültigkeit und erkundigte sich nicht einmal bei den Buchhändlern danach, ob es viel gekauft werde; aber dennoch wartete er mit scharfem Blick und gespannter Aufmerksamkeit auf den ersten Eindruck, den sein Buch in der gebildeten Gesellschaft und in der Presse hervorbringen werde.

    Aber es verging eine Woche, eine zweite, eine dritte, und es war keinerlei Eindruck in der Gesellschaft wahrzunehmen. Mit ihm befreundete Fachmänner und Gelehrte fingen manchmal an, offenbar aus Höflichkeit, von dem Buch zu reden; seine sonstigen Bekannten dagegen, die sich mit Büchern gelehrten Inhalts nicht beschäftigten, sprachen überhaupt nicht davon; und in der Gesellschaft, die besonders in jener Zeit mit ganz anderen Dingen zu tun hatte, zeigte sich äußerste Gleichgültigkeit. Auch in der Presse war einen ganzen Monat lang von dem Buche nicht mit einer Silbe die Rede gewesen.

    Sergei Iwanowitsch berechnete genau die Zeit, die nach seiner Ansicht zur Abfassung einer Besprechung erforderlich war; aber es verging nach dem ersten noch ein zweiter Monat, und immer noch dauerte das Stillschweigen fort.

    Nur in der „Nordischen Biene“ waren in einem humoristischen Aufsatz über den Sänger Drabanti, der seine Stimme verloren hatte, gelegentlich ein paar geringschätzige Bemerkungen über Kosnüschews Buch gebracht worden, die darauf hindeuteten, daß alle schon längst über dieses Buch den Stab gebrochen hätten und es allgemeinem Gelächter verfallen sei.

    Anna Speshilova, Her Room, 2015Endlich im dritten Monat erschien in einer wissenschaftlichen Zeitschrift eine Besprechung. Sergei Iwanowitsch kannte auch den betreffenden Rezensenten; er hatte ihn einmal bei Golubzow getroffen.

    Der Rezensent war ein sehr junger, kränklicher Literat, recht gewandt mit der Feder, aber nur sehr mangelhaft gebildet und im persönlichen Verkehr linkisch.

    Obwohl Sergei Iwanowitsch ihn außerordentlich gering einschätzte, machte er sich doch voller Achtung vor der Besprechung daran, sie zu lesen. Sie war geradezu entsetzlich.

    Offenbar hatte der junge Literat das ganze Buch in einer Weise aufgefaßt, in der es nicht aufgefaßt werden konnte und durfte. Aber er hatte die daraus angeführten Teile so geschickt zusammengestellt, daß es allen, die es nicht gelesen hatten (und augenscheinlich hatte es so gut wie niemand gelesen), völlig klar sein mußte, daß dieses ganze Buch nichts anderes war als eine Sammlung hochtönender leerer Worte, und noch dazu mißbräuchlich verwendeter (worauf die beigesetzten Fragezeichen hinwiesen) und daß dem Verfasser alles tiefere Wissen völlig abging. Und alles das war so scharfsinnig ausgeführt, daß sogar Sergei Iwanowitsch selbst auf einen solchen Scharfsinn stolz gewesen wäre; aber gerade das war ja eben an dieser Kritik das Entsetzliche.

    Obgleich Sergei Iwanowitsch sich eigentlich vorgenommen hatte, die Richtigkeit der Beschuldigungen des Rezensenten mit aller Gewissenhaftigkeit zu prüfen, so hielt er sich doch in Wirklichkeit keinen Augenblick bei den Mängeln und Irrtümern auf, über die jener gespottet hatte, sondern ging unwillkürlich sofort dazu über, sich seine Begegnung und sein Gespräch mit dem Verfasser dieser Besprechung bis in die kleinsten Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen.

    ‚Habe ich ihn vielleicht durch irgend etwas beleidigt?‘ fragte er sich.

    Und als er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung dem jungen Menschen eine Redewendung verbessert hatte, durch die dieser einen argen Mangel an Kenntnissen verraten hatte, da konnte Sergei Iwanowitsch nicht daran zweifeln, daß er damit die Erklärung für die gehässige Haltung des Aufsatzes gefunden habe.

    Nach dieser Beurteilung wurde nirgends mehr, weder in der Presse noch gesprächsweise, über das Buch auch nur ein Wort geäußert, und Sergei Iwanowitsch konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß dieses Werk, an dem er sechs Jahre lang mit soviel Liebe und Fleiß gearbeitet hatte, spurlos vorübergegangen war.

    Pokraska: Olga Demidova: Reading With a Dog, self project;
    Anna Speshilova: Her Room, 2015.
    Zvukovaya dorozhka: Vladimir Vysotsky: Don’t Write Poems and Novels to Me, 1963.

    Written by Wolf

    1. Mai 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Realismus, Weisheit & Sophisterei

    Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg

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    Update zu Ein arger Gast in Trutz und Poch:

    Die Zeichen mehren sich, dass ich doch spinne: Jetzt bin ich dabei hängengeblieben, den Doktor Faustus zu lesen — zum dritten Mal, und diesmal die Große kommentierte Frankfurter Ausgabe, mit dem Extra-Kommentarband, der noch dicker als das Buch ist, und freu mich praktisch schon aufs vierte Mal.

    Soeben macht Adrian Leverkühn mit seinem Kumpel Rüdiger Schildknapp einen Ausflug nach Pfeiffering, was ihm gar nicht besonders ähnlich sieht, aber nötig ist, um seinen späteren Wohn- und Wirkungsort kennen zu lernen. Pfeiffering soll bei Waldshut liegen und wurde von Thomas Mann laut der genannten Ausgabe Polling nachempfunden, das bei Weilheim liegt und der späte Wohn- und Wirkungsort von Manns Mutter Julia da Silva-Bruhns sein soll, die nach anderen Quellen allerdings ohne ein Wort über Weilheim oder gar Polling in Weßling verstarb.

    Ein Frankfurter Kommentar, der die Münchner Ramberg-, Fürsten- und Amalienstraße wohlfeil Schwabing zuschlägt statt der Maxvorstadt, darf notfalls auch das Landkreis-Weilheim-Schongauer Polling mit dem Landkreis-Starnberger Weßling verwechseln; das stört die Aussage des Romans wenig. Der ist nämlich von Thomas Mann und nicht von seiner Mutter und offenbar genauer gearbeitet: Jedenfalls hat man ihm (dem Roman oder Thomas Mann, eben nicht dessen Mutter oder dem Kommentar) in Polling und nicht anderswo 2007 einen Dr.-Faustus-Weg eingerichtet.

    Fünf Kilometer, keine nennenswerten Steigungen, ausreichend Halt für Tritt und Griff, auch für Winterausflüge und Beinevertreten nach der Einkehr geeignet, keine Spezialausrüstung erforderlich, geeignet für leichtes Schuhwerk; sommers sogar für überhaupt kein Schuhwerk. Jedenfalls ist die Stallmagd Waltpurgis auf dem Pfeifferinger Hof der Schweigestills „mit Waberbusen und emsig mistigen Barfüßen“ unterwegs.

    Der Absatz, in dem Frau Hofwirtin Schweigestill erstmals von ihren vorangegangenen Logiergästen erzählt, bringt leider nur in Abwesenheit eine mondsüchtige Baronin ins Spiel, könnte aber nicht schöner ein fortschreitendes Irresein darstellen. Außerdem scheint die Dame von Anfang an dermaßen in Ordnung, dass sie allein wert ist, das ganze Ding drei-, viermal im Leben zu lesen.

    ——— Thomas Mann:

    Doktor Faustus

    Kapitel XXIII, Bermann-Fischer, Stockholm 1947:

    Animation by Bill Domonkos, photo by Costica Acsinte, 2015Auch die Treppe hinauf, in den Oberstock, führte sie ihre Gäste, um ihnen ein paar von den zahlreichen Schlafzimmern zu zeigen, die sich dort an dem geweißten, moderig riechenden Korridor aneinander reihten. Sie waren mit Bettstellen und Kästen im Geschmack des bunten Spindes im Saal ausgestattet, und nur in einigen war aufgebettet: turmhoch nach Bauerngeschmack, mit plustrigen Federdeckbetten. „Wieviele Schlafzimmer!“ sagten die beiden. Ja, die stünden meistens fast alle leer, erwiderte die Wirtin. Vorübergehend nur sei eines oder das andere bewohnt gewesen. Zwei Jahre lang, noch bis vorigen Herbst, habe eine Baronin von Handschuchsheim hier gelebt und sei durch das Haus gewandelt, eine Dame, deren Gedanken, wie Frau Schweigestill sich ausdrückte, nicht recht mit denen der übrigen Welt hätten übereinstimmen wollen, und die vor dieser Unstimmigkeit hier Schutz gesucht habe. Sie selbst sei recht gut mit ihr ausgekommen, habe sich gern mit ihr unterhalten, und manchmal sei es ihr gelungen, sie über ihre abweichenden Ideen selbst zum Lachen zu bringen. Aber leider seien diese doch eben weder zu beseitigen noch im Wachstum aufzuhalten gewesen, so daß man die liebe Baronin schließlich in sachgemäße Pflege habe geben müssen.

    Einkehrmöglichkeiten in Polling bei Weilheim:

    In größtmöglicher Übereinstimmung mit den Gedanken der übrigen Welt empfehle ich vorsichtshalber die Alte Klosterwirtschaft. Adrian Leverkühn, sofern dieser hyperintelligente Asperger-Kandidat in Wirtshäuser gegangen wäre, hätte nicht anders gehandelt.

    Animierter Flammenkopf: Bill Domonkos nach einem Foto von Costica Acsinte, 2015;
    sie sei durch das Haus gewandelt: Kristin Hersh featuring Michael Stipe: Your Ghost,
    aus: Hips and Makers, 10. Januar 1994. Lieblingslied.

    Written by Wolf

    15. Januar 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Novecento, Weisheit & Sophisterei

    Weihnachten Fibels

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    Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten, Naseweise Weihnachten und Das Gezänk der Weisen:

    Vögel auf der Stange, Münchner Bilderbogen 1878, Detail via Goethezeitportal

    Die schönste von allen bekannten Tausenden Versionen Stille Nacht ist zweifellos eine englische – Silent Night –, nämlich die von die von Tom Waits. Sie ist nie auf einer Original-CD von ihm erschienen, insofern eine Rarität, nur auf SOS United, 1989 – eine Stiftung von Tom Waits für die SOS-Kinderdörfer. Der teilhabende Kinderchor bleibt unbekannt, weil ungenannt.
    Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

    Wir warten aufs Christkind, wenn wir in sotane Stimmung geraten sind, und lesen uns dabei Geschichten vor – sofern wir Wert auf unsere gegenseitige Gesellschaft legen und der Fernseher sowie alle sonstigen Gegenstände des medialen Empfangs unerwünscht, wenn nicht untüchtig sind.

    Typischerweise wählen wir dazu die Weihnachtsgeschichte aus dem zweiten Kapitel des Lukas-Evangeliums, „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging“, die wir zum 4. Advent vergleichend betrachtet haben, und können froh sein, wenn wir noch die Luther-Übersetzung vor der 1912er Überarbeitung zur Hand haben. Die Geschichte, anders als das Stille Nacht, krankt daran, dass sie ohne eine Patina aus schönen Kindheitserinnerungen nicht mehr genießbar wäre, weil sie weder einen Konflikt, unterscheidbare Plotpoints noch einen überhaupt eindeutig wahrnehmbaren Schluss enthält; undramaturgisch gesagt, plätschert sie dahin und hört irgendwann auf.

    Damit will ich nichts gegen die Weihnachtsgeschichte aus dem zweiten Kapitel des Lukas-Evangeliums vorgebracht haben, weil a) der Wortlaut mit einer Patina aus schönen Kindheitserinnerungen bis heute etwa in der Weise genießbar ist wie ein altbekanntes Lied und b) mir nicht zusteht, an der Bibel herumzumosern.

    Zum Vorlesen schlage ich heuer Jean Paul, aus seinem unterschätzten, auch bei den Experten vernachlässigten Leben Fibels, eins seiner dünneren Bücher, für das er dennoch von 1806 bis 1811 brauchte. Ein stillvergnügtes, bei allem Wortwitz und Allotria gänzlich unironisches Idyll ist es von vorn bis hinten, und zwei Kapitel sind darin, die miteinander eine Weihnachtsgeschichte bilden: die schöne Kindheitserinnerung des Knaben Gotthelf Fibel, der nachmals die Fibel erfinden sollte, mit seinen Eltern Siegwart und Engeltrut.

    Als Ausschnitt entbehrt sie eines Konflikts, unterscheidbarer Plotpoints und eines eindeutig wahrnehmbaren Schlusses; undramaturgisch gesagt, plätschert sie dahin und hört irgendwann auf und fällt dadurch in keinem Punkt gegen das zweite Kapitel des Lukas-Evangeliums ab. Als Idyll ist es von einer ähnlichen Struppigkeit wie die Stille Nacht von Tom Waits, die wie dessen Gesamtwerk aus dem Boden eines steten Weltschmerzes die buntblütigsten, rankenreichsten Gewächse in himmelweite Höhen schickt, steckt voller gelahrter Anspielungen, die man sämtlich mit der Hanser-Ausgabe enträtseln kann, aber zum aufs Christkind wartenden Vorlesen gar nicht sämtlich enträtselt wissen will, und eignet sich auch für die zartesten und minderjährigsten Gemüter. Bei richtiger, ungeleierter und ungehaspelter Vortragsweise veranschlagen wir als Vorlesedauer 30 bis 45 Minuten.

    ——— Jean Paul:

    Leben Fibels

    Johann Leonhard Schrag, Nürnberg 1812,
    cit. Norbert Miller (Hg.): Jean Paul: Sämtliche Werke, Abteilung I, Sechster Band, Hanser 1963, 4., korrigierte Auflage 1987, Seite 384 ff.:

    4. Leibchen-Muster

    Weihnachten

    Gotthelf sollte einmal die schönsten Weihnachten der Erde erleben. Es war so:

    Twisted Soul. Reika Sebastian, In a Box, November 15th, 2014Engeltrut kam in gesegnete Umstände, Siegwart dadurch fast in verfluchte; sie war voll Gelüste und Verabscheuungen, und die 600 Krankheiten, die nach Hippokrates die Gebärmutter erzeugt, färbten mit ihren 600 Schatten sein Leben etwas grau. Zu allererst hatte sie einen noch größern Abscheu vor dem Manne als sonst vor Wein und Sauerkraut – weil beide häufig mit fremden Füßen gestampft werden. Dann war ihr jeder Vogel horribel, den er besaß, seine Turteltauben ihre Basilisken; das Dorf war ihr eine schmutzige Untersetzschale für Vogelhäuser und eine überall offne Pandorasbüchse – sogar Gott selber sank bei ihr zuletzt – bloß Gotthelf nicht. Sie weinte einmal drei Tage lange und war, da sie keine Ursache dazu wußte, nicht zu trösten, bis glücklicherweise ihr Helf, da er auf einer Gartenmauer ritt, sich durch einen Sturz einige Glieder verstauchte; dies gab ihr wieder Leben.

    Freilich hätte sie eine schwangere Nabobin oder Fürstin sein sollen: welche ganz andere Wünsche hätte sie tun können als bloß solche, einen Lerchen-Hals zu braten, eine Henne zu kochen bloß zum Essen von Eiern ohne Eiweiß und Schale und sich wie Dorfbier durch Kreide zu entsäuern! Hätte sie nicht als Fürstin verlangen können, z. B. daß man ihr eine Zaunkönigs- und Elefanten-Mark-Suppe auftrage – oder daß sie die zarten Hirschkolben auf der Geburtsstelle selber, auf dem Hirschkopfe gereift, d. h. gebraten bekäme? – Hätte sie nicht ein Kanapee aus Barthaaren für ihre Kammerfrauen begehren können, ein Stadt-Tor als Rahmen für ihr Groß-Bild, Streuzucker statt der Streublumen für ihre Einzugs-Straße und noch stärkere Gaben, z. B. Windeln aus bloßen Palliums, Wickelbänder aus zerschnittenen Schäferkleidern, eine Toiletten-Schachtel aus Paris mit 6 Pferden zugerollt, für das Wickelkind einen Christbaum aus zerspaltenen Hoheitspfählen gezimmert und geästet und ein Christgeschenk aus Thron-Insignien? Könnte man solche Phantasien zu erschöpfen glauben: so ließen sich noch mehrere Foderungen einer gedachten Landes-Mutter gedenken, z. B. daß sie schlechte Dekorations- und Deckenmaler lieber selber auf einer Kochenille-Mühle zu Farbenkörnern und Farbentropfen vermählen möchte – daß sie vornehme Gefangene mit (Zucker-) Wasser und (Zucker-) Brot traktierte – daß sie ein Kollegium ins andere gösse, das der Kammer in das der Justiz etc. etc., etwa wie Wasser in Schmelz-Kupfer oder wie Öl in Wasser oder wie Wasser in brennendes Öl.

    Bei mehreren Völkern legen sich daher die Väter ins Kindbette, um sich von den bisherigen Mutter- oder Vaterbeschwerungen der Schwangerschaft zu erholen. Der alte Vogler heilte sich seine Töpferkolik – eine passende Metapher, da er der Töpfer des Fötus war – bloß durch sein gewöhnliches Verreisen – ließ aber der Geplagten ihren Liebling als maître de plaisirs zurück.

    Trapped. Reika Sebastian, In a Box, November 15th, 2014Welche Weihnachten wurden im Häuschen gefeiert! Kaum war er aus dem Dorfe hinaus: so fing die mütterliche oder Oppositions-Erziehung an. Zuerst durfte Helf alle Vögel selber füttern; daher er der Heidelerche so viele Mehlwürmer vorwarf, daß sie am dritten Festtage verreckte. Darauf durfte er ihre Küchen-Soubrette sein und half für das Fest-Gebäcke viele Mandeln schneiden, die er verschluckte. Wie froh-murmelnde Frühlings-Wasser floß den ganzen heiligen Abend heiteres Geschwätz des Sohnes und der Mutter durch Stube und Stubenkammer. Sie brachte ihm Scharrfuß und Handkuß der vornehmen Herrschaften in Dresden bei; und er scharrte und küßte unaufhörlich an der Mutter. Sie stand neben ihm ihre alten Kopfschmerzen aus, aber ohne sie zu bemerken.

    Der Kleine war eine personifizierte triumphierende Kirche im kleinen, ein tanzender Sitz der Seligen, bloß weil er den ganzen Tag nicht das geringste zu fürchten hatte, nichts was ihn prügelte. Den wenigen mütterlichen Schlägen lief gewöhnlich eine lange Vorerinnerung und Kriegsbefestigung voraus und er ihnen unterdessen davon; hingegen der Vogler hatte die Gewohnheit, daß er als lange Windstille dastand und als Blau-Himmel; und daß daraus die Vaterfaust unversehens wie ein Wetterstrahl auf die Achselknochen fuhr.

    An diesem heiligen Abende war Helf ein verklärter Junge, Engeltrut eine verklärte überirdische Schwangere! Welches Fortgenießen! Mittags wurde gar nicht gegessen vor Back-Lust. Schon um drei Uhr war – der Geschichte zufolge – alles Scheuern abgetan, und die Fest-Kuchen dampften ausgebacken durchs Haus. Helf konnte sich vor seinen eignen Leuchter hinsetzen und fünf neue willkürliche Alphabete erfinden, womit er vieles zur Probe aufsetzte, was niemand lesen konnte, auch er nicht ohne Einsehen ins Alphabet. Abends soupierte er selig, denn es schmeckte der Mutter; dieser aber schmeckte es, weil es ihm schmeckte. Eucharistische oder sakramentalische Streitigkeiten mit ihrem Manne fielen weg; denn sie brauchte weder das Mahl anzupreisen, wär‘ es versalzen und verkohlt gewesen, noch es herabzusetzen, wenn nichts daran gefehlt hätte.

    Kinder lieben, wie Pariser, langes Aufbleiben; die Mutter erlaubte eines, und in diesen stillen Goldstunden schrieb er fast in allen seinen Alphabeten etwas Unbedeutendes – die Mutter genoß ihren sitzenden Vorschlummer aus, obwohl ein Gift des Nachtschlafs – aus der Pfarrei funkelte das goldne Feuerwerk des Christbaums herüber (der Bauerstand bescherte sich erst am Morgen) – jeder Stern schien licht und nah, und der hohe Himmel war an das Fenster herabgerückt – Gotthelf kratzte mit der Feder sehr leise, um die Mutter nicht zu wecken – endlich legte er, matt von gelehrten Arbeiten, selber den Kopf auf den Tisch. Dann erwachte und erweckte die Mutter – erinnerte an Christkindchen und Schlafengehen – und befahl ihm, in dieser heiligen Nacht mit ihr niederzuknien und Gott um alles zu bitten, besonders daß er einmal kein Vogler werde, sondern ein Rektor magnifikus wie ihr Großvater und sein Herr Pate. Er tats gern. Ebenso ersuchte Lavater Gott, ihm das Pensum zu korrigieren, und Lichtenberg desfalls, ihm seine gelehrten Fragen auf Zettelchen zu beantworten. Recht hat hierüber jeder Beter; vor dem Unendlichen ist eine Bitte um eine Welt und die um ein Stückchen Brot in nichts verschieden als in der Eitelkeit der Beter, und er zählt entweder Sonnen und Haare, oder beide nicht.

    Worthless Tears. Reika Sebastian, In a Box, November 15th, 2014Nach dem Gebete ließ sie ihn in ihres Mannes Bette steigen, bloß um es am Morgen wieder zu betten; eine Freude, um die sie der alte selber bettende Siegwart täglich brachte, der ungern Weibern mehr verdankte als seine Geburt und Kinder. „Wie wird unser Vater jetzt liegen, Helfchen?“ (sagte sie) „Und schließ ihn mit in dein Abendgebet ein“; worauf sie den Sohn einsegnete und seine Hände selber für die ganze Nacht faltete, gegen jedes Gespenst. – Engeltrut wünschte nie Siegwarts Gegenwart sehnlicher als in seiner Abwesenheit; so wenig tut der Liebe die Ferne auch in der Ehe Abbruch, und so sehr muß der Mann wie ein Brennspiegel erst in die Brennpunkts-Ferne von dem Gegenstande, den er schmelzen will, geschoben sein.

    Am Morgen verschwand Helfen das übrige Christgeschenk vor zwei Stücken desselben, vor einem weiß-roten Büchelchen von Marzipan und einem lackierten Näh-Buch der Mutter; aus diesen an sich leeren Büchern – was sind aber die meisten Bücher anders als höhere Bücherfutterale – schöpfte er mehr geistige Nahrung als ich aus so vielen vollen.

    Landweiber versäumen an ersten Feiertagen lieber die Kirche als die Küche; gleichwohl blieb er nicht bei seiner Mutter daheim, sondern verrichtete seinen vormittägigen Gottesdienst. Sie maß dies sehr seinem Geschmack an längern Predigten zu; der Studiosus Pelz aber fügt bei, er habe sich in der Kirche immer so gesetzt, daß, wenn der sogenannte Heiligenmeister mit dem Klingelbeutel-Stabe (dem waagrechten Opferstock, der Heller-Wünschelrute, dem Queue mit Billard-Beutel) ankam, er dem Manne, weil der Stab nicht so lang war als die ganze Kirchenbank, solchen abnehmen und damit bei sich und andern das einsäckeln konnte, was gegeben wurde. Diese kirchliche Untereinnehmers-Stelle, so wie die Predigt-Disposition und die Predigt-Teile, welche er der Mutter unter dem Essen überlieferte, rissen ihn in die Kirche hinein.

    Aber auch nachmittags, ob man ihn gleich da nur gratis erbaute, kam er gern mit dem schwarzen Müffchen an den Händen neben seiner Mutter wieder und schauete beim Eintritte sehr familiär im ganzen Tempel herum, um zu zeigen, daß er früher dagewesen. Wenn er schon sonst aus dem umgekehrt gehaltenen Gesangbuche stark ins große Singen hineinsang: wieviel mehr jetzt, da er das Buch richtig hielt und notdürftig las! Noch auffallender war die Schnelligkeit, womit er, sobald nur oben am Chore auf die schwarze Tafel die weiße Seiten-Zahl des Sing-Lieds aufgesteckt war, der Mutter das Gesangbuch aufschlagen konnte mit dem verlangten Liede.

    Wenn er dann nach Hause kam, und die goldne Stunde der Dörfer anfing, die nach der Abendkirche, so hatt‘ er die schönste im Dorfe, den Pfarrer selber nicht ausgenommen. Die Herings-Papiere sind dazu da, sie uns zu malen.

    *       *       *

    5. Herings-Papiere

    Die Studien

    Helf las. Vor den Augen des Voglers hätte er keinen Viertels-Abend über Büchern von Makulatur sitzen dürfen; jetzt konnt‘ er alles lesen, was er poetisches, juristisches, chemisches Gedrucktes aus dem Gewürzladen, seiner Lese-Bibliothek, vorbekam, und konnte unter dem Lesen an andere Sachen denken und in die köstlichsten Nebenträume fallen und zu jeder Seite Kuchen oder Äpfel abbeißen, gleichsam die sauber gestochnen Vignetten und Kupfer und Notenblätter seiner Makulatur. Nicht für jeden Gelehrten ist unbeachtet ihres kleinern Laden-Preises Makulatur eine Lektüre; aus Mangel an Titelblättern, und weil sie, wie das Epos, bald mitten, bald hinten anfängt, kann der Mann nichts daraus zitieren und saugt sich elend voll Kenntnisse, ohne instand zu sein, nur einen Tropfen wieder aus sich zu drücken mit beigefügtem Zitat; und doch bekommt er nur einen Namen durch Namen.

    Missed Sounds. Reika Sebastian, In a Box, November 15th, 2014Hingegen floß die Makulatur so schön auf Fibels Leben ein wie eine zweite allgemeine deutsche Bibliothek und vertrat deren Stelle. Jene bildete ihn – da er vom Würzhändler Düten aus allen Fächern bekam – zu jenem Vielwisser, als welchen er sich im Abc-Buch überall durch Tierkunde, Erziehungs- und Sittenlehre, Poesie und Prose zeigt. Ebenso mögen aus Nicolais Bibliothek die jetzigen Viel- und Zuviel-Wisser hervorgegangen sein, bloß weil sie die Rezensionen aus allen und fremden Fächern nicht umsonst gekauft, sondern auch gelesen haben wollen.

    Seit diesen Weihnachten aber kam Gotthelf ins Lesen hinein und war von niemandem mehr zu halten. Es gibt glückliche Menschen – z. B. ihn selber –, welchen ein Buch mehr ein Mensch ist als ein Mensch ein Buch, und welche in der Wahrheit den Irrtum des Franzosen Mr. Martin nachtun, der in seinem Verzeichnis der Bibliothek des Mr. de Bose das Wort gedruckt als einen Schriftsteller unter dem Titel Mr. Gedruckt an- und fortführt. Ich kenne wenige Literatoren, für welche nicht gedachter Herr Gedruckt der Kreisoberste und Kreisdirektor aller Erden- und Himmelskreise wäre und der einzige Mann, mit dem zu reden ist, und der neue Adam der Welt – und das Heckmännchen aller Männer und Zeiten und das absolute Ich; ich kenne, sag‘ ich, wenige.

    Was der angehende Gelehrte Fibel vom obigen Verfasser Gedruckt auftreiben konnte, damit verstärkte er seine Büchersammlung unter dem Dache, mit einem Korrekturbogen – mit alten Kalendern – mit einem seltenen Fingerkalender – mit einem Stück Bücherverzeichnis – mit einem halben Bogen eines Registers – mit allem. Die ersten Lettern, womit die Pfarrers-Tochter als Namen-Setzerin auf Wäsche druckte, nahm er als wahre Inkunabeln erstaunend in die Hand; und er sah lange einem durchs Dorf gehenden Drucker durstend nach, der in einer – Kattunmanufaktur arbeitete. Die Anekdote ist bekannt, daß er schon jünger, da er sich eine gelehrte Feder wünschte, weil er so oft gelesen, daß aus einer gelehrten Feder so manches Buch geflossen, in einigem Mißverständnis aus dem Schwanze eines Stars, den Siegwart für einen gelehrten und gelernten Vogel erklärt hatte, mehrere Federn ausgezogen! Darauf habe – fährt die Anekdote fort – der Vogler, als er den Wildschaden am Steiße des Stars vorgefunden, dem Sohne zum simpeln Auszug der gelehrten Niete noch eine Prämie bewilligt, die er, wie bekannt, still mit der Hand austeilte an das Gliedmaß, das er eben traf. Die Mutter legte Sauerkraut auf die Beule.

    Light a Box. Reika Sebastian, In a Box, November 15th, 2014Am meisten zog ihn ein alter Markgrafen-Hof- und Staatskalender an, und er las ihn vierzigmal, wie andere den Kant viermal und Bardili fünfmal. Das regierende Haus war zwar abgerissen; aber es waren noch immer hohe Chargen, Inspektionen und Deputationen genug darin, um ihn außer sich zu setzen; am meisten erstaunte und genoß er, daß sein Dorf und der Pfarrer mit hineingedruckt waren, samt den gemeinsten umliegenden Nestern mit Namen. Und Himmel, wie bewunderte er dabei das herrlich ineinandergefügte Uhrwerk des Staats, wo für das Kleinste und Größte zusammengreifende Dienerschaft bestellt dastand, die Bonnetische tierische Stufenleiter im geistigen Sinn. Er fühlte dunkel, daß es nichts Gerechteres, Weiseres, besser Verwaltetes gebe als einen Staat. Auch Verfasser dieses erinnert sich noch mit Sehnsucht aus seinen Knabenjahren dieses süßen Gefühls.

    Es ist dies eine der unerkannten Kindheitsfreuden, daß man in dem Adreßkalender – diesem geistigen Hypothekenbuch der Staatsverwaltung – die festlich und ehrwürdig einherziehende Jubelkette des Staats, die Sattel- und Geschirr-Kammer von Bärten, Perücken, Uniformen und Degen für das ansieht, was sie so schön scheint. Was geht denn dieser Jugendfreude ab, an Gehalt, außer Dauer? – Und erquickt ihre Erinnerung nicht so oft den kalten Staatsbeamten, der später den Staat für eine Schützen-Gilde zum Abschuß eines Gewinst-Adlers oder eines Rebhühner-Volks ansieht, oder für ein Nest von Prozessions-Raupen auf der Staats-Eiche? – Ja wer unbefangen genug bleibt, entdeckt sogar reifer in Staatsgliedern noch manche Bewegungen, welche gleichsam seine alte Ansicht vorspiegeln; und er vergleicht es mit jenem Tabaks-Liebhaber1, welcher, vom Schlagflusse getroffen, sich jede Viertelstunde regelmäßig bewegte, als nehm‘ er Tabak, und sich darauf ordentlich die Nase abrieb wie jeder.

    1 Reils Fieberlehre B. IV.

    Bilder: Weihnachten. Münchener Bilderbogen. Nro. 697. Herausgegeben und verlegt von Braun & Schneider in München. Rechts unten Monogramm von Andreas Müller – „stilisierte Mehlkotze [Kreis mit kreuzweise am Rand gesetzten Zapfen], in deren Binnenfläche ein A steht“ (Hans Ries: Illustration und Illustratoren des Kinder- und Jugendbuchs im deutschsprachigen Raum 1871–1914. Osnabrück: H. Th. Wenner 1992, Artikel „Müller, Andreas“, Seite 732) – mit Jahreszahl 1878. Links unten: Ed. Schempp sc[ulpsit]. Holzstich, schablonenkoloriert (Detail).

    Der „Münchener Bilderbogen“ Nr. 697, 30. Buch 1877/78, wurde für den Holzstich ausweislich des Monogramms von Andreas Müller (1831–1901, genannt „Komponier-Müller“) gezeichnet, der insgesamt 22 Nummern von 1848 bis 1879 gestaltete. Als Stecher signiert Ed. Schempp. Vgl. Ulrike Eichler: Münchener Bilderbogen (Oberbayerisches Archiv. Bd. 99. München, Verlag des Historischen Vereins von Oberbayern 1974), Seite 107;
    Reika Sebastian: In a Box, 15. November 2014:

    • Twisted Soul;
    • Trapped;
    • Worthless Tears;
    • Missed Sounds;
    • Light a Box.

    Written by Wolf

    24. Dezember 2015 at 00:01

    Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

    Sophokles‘ Bruder ab orbe Britannis

    with one comment

    Update zu Der Drang zum Sturm:

    Wieland war der erste. Durch seine Übersetzungen ab 1762 setzte sich Shakepeare in Deutschland in großem Stil durch. Eine ältere Generation von Aufklärern und eine jüngere von Stürmern und Drängern erkannten in der Dramatik Shakespeares, die sich in ganz und gar verstörender Weise nichts um die aristotelischen Poetikregeln scherte, das reine Naturgenie, somit einen längst fälligen Erneuerer des Theaters und in der Folge der gesamten Kunst. Selbst ein Goethe konnte sich 22-jährig noch neidlos vor dem älteren, größeren Geist verneigen: Seine Rede Zum Schäkespears Tag von 1771, wenngleich erst posthum 1854 in gedruckter Form, tat ein übriges. Da war Goethe noch nicht der arrivierte Geheimrat und nachmalige Klassiker, sondern „nur“ Bestsellerautor (Werther, Götz, Egmont) des Sturm und Drang. So viel Bewunderung bis hin zur Demut hat er vor sonst keinem Künstlerkollegen, ob tot oder lebendig, gezeigt.

    Cover Dave Morrah, Me and the Liberal Arts, 1960sJohann Gottfried Herders Aufsatz Shakespear innerhalb Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter liegt in drei Fassungen vor. Die erste davon trägt noch klar die Form eines Sendschreibens an Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, in direkter Antwort auf den 14. bis 18. Brief über Merkwürdigkeiten der Litteratur (1766–1770, im Druck gesammelt 1773), worin Herder seine eigenen Ideen über Shakespeare ordnete und verdichtete. Eine zweite, erweiterte Fassung entstand 1772; diese beiden sind handschriftlich erhalten. Die dritte von 1773 unterschied sich von der zweiten grundlegend genug, um sie im Erstdruck der Deutschen Art und Kunst derselben gegenüber zu stellen. Diese Redaktion von 1773 besorgte der Verleger R. Steig, die derzeit aus dem Handel verschwindende Reclam-Ausgabe von Hans Dietrich Irmscher benutzt diese kritische Bearbeitung.

    Um uns weiter Shakespeare (und auf Schleichwegen so abgelegenen Erkenntnissen wie Herman Melvilles Verhältnis zu Nathaniel Hawthorne) zu nähern, gebe ich sie um einige Lobeshymnen, Besprechungen von Einzeldramen und Redundanzen erleichtert, aber in der originalen Orthographie wieder:

    ——— Johann Gottfried Herder:

    Shakespear

    in: Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter, Fassung von 1773, gekürzt (Volltext):

    Wenn bei einem Manne mir jenes ungeheure Bild einfällt: „hoch auf einem Felsengipfel sitzend! zu seinen Füssen Sturm, Ungewitter und Brausen des Meers; aber sein Haupt in den Stralen des Himmels!“ so ists bei Shakespear! — Nur freilich auch mit dem Zusatz, wie unten am tiefsten Fusse seines Felsenthrones Haufen murmeln, die ihn — erklären, retten, verdammen, entschuldigen, anbeten, verläumden, übersetzen und lästern! — und die Er alle nicht höret! […]

    Es ist von Griechenland aus, daß man die Wörter Drama, Tragödie, Komödie geerbet; und so wie die Letternkultur des Menschlichen Geschlechts auf einem schmalen Striche des Erdbodens den Weg nur durch die Tradition genommen, so ist in dem Schoosse und mit der Sprache dieser, natürlich auch ein gewißer Regelnvorrath überall mitgekommen, der von der Lehre unzertrennlich schien. Da die Bildung eines Kindes doch unmöglich durch Vernunft geschehen kann und geschieht; sondern durch Ansehen, Eindruck, Göttlichkeit des Beispiels und der Gewohnheit: so sind ganze Nationen in Allem, was sie lernen, noch weit mehr Kinder. Der Kern würde ohne Schlaube nicht wachsen, und sie werden auch nie den Kern ohne Schlaube bekommen, selbst wenn sie von dieser ganz keinen Gebrauch machen könnten. Es ist der Fall mit dem Griechischen und Nordischen Drama.

    Cover Frank Kane, Green Light for Death, 1956In Griechenland entstand das Drama, wie es in Norden nicht entstehen konnte. In Griechenland wars, was es in Norden nicht seyn kann. In Norden ists also nicht und darf nicht seyn, was es in Griechenland gewesen. Also Sophokles Drama und Shakespears Drama sind zwei Dinge, die in gewißem Betracht kaum den Namen gemein haben. Ich glaube diese Sätze aus Griechenland selbst beweisen zu können, und eben dadurch die Natur des Nordischen Drama, und des größten Dramatisten in Norden, Shakespears sehr zu entziffern. Man wird Genese Einer Sache durch die Andre, aber zugleich Verwandlung sehen, daß sie gar nicht mehr Dieselbe bleibt.

    Die Griechische Tragödie entstand gleichsam aus Einem Auftritt, aus dem Impromptus des Dithyramben, des mimischen Tanzes, des Chors. Dieser bekam Zuwachs, Umschmelzung: Aeschylus brachte statt Einer handelnden Person zween auf die Bühne, erfand den Begriff der Hauptperson, und verminderte das Chormässige. Sophokles fügte die dritte Person hinzu, erfand Bühne – aus solchem Ursprunge, aber spät, hob sich das Griechische Trauerspiel zu seiner Grösse empor, ward Meisterstück des Menschlichen Geistes, Gipfel der Dichtkunst, den Aristoteles so hoch ehret, und wir freilich nicht tief gnug in Sophokles und Euripides bewundern können.

    Man siehet aber zugleich, daß aus diesem Ursprunge gewiße Dinge erklärlich werden, die man sonst, als todte Regeln angestaunet, erschrecklich verkennen müssen. Jene Simplicität der Griechischen Fabel, jene Nüchternheit Griechischer Sitten, jenes fort ausgehaltne Kothurnmässige des Ausdrucks, Musik, Bühne, Einheit des Orts und der Zeit – das Alles lag ohne Kunst und Zauberei so natürlich und wesentlich im Ursprunge Griechischer Tragödie, daß diese ohne Veredlung zu alle Jenem nicht möglich war. Alles das war Schlaube, in der die Frucht wuchs. […]

    Wie sich Alles in der Welt ändert: so muste sich auch die Natur ändern, die eigentlich das Griechische Drama schuf. Weltverfaßung, Sitten, Stand der Republiken, Tradition der Heldenzeit, Glaube, selbst Musik, Ausdruck, Maas der Illusion wandelte: und natürlich schwand auch Stoff zu Fabeln, Gelegenheit zu der Bearbeitung, Anlaß zu dem Zwecke. Man konnte zwar das Uralte, oder gar von andern Nationen ein Fremdes herbeiholen, und nach der gegebnen Manier bekleiden: das that Alles aber nicht die Würkung: folglich war in Allem auch nicht die Seele: folglich wars auch nicht (was sollen wir mit Worten spielen?) das Ding mehr. Puppe, Nachbild, Affe, Statüe, in der nur noch der andächtigste Kopf den Dämon finden konnte, der die Statüe belebte. […]

    Cover Chip Harrison, No Score, 1970. Art by Elaine DuilloUnd welches war der Zweck? Aristoteles hats gesagt, und man hat gnug darüber gestritten – nichts mehr und minder, als eine gewisse Erschütterung des Herzens, die Erregung der Seele in gewissem Maaß und von gewissen Seiten, kurz! eine Gattung Illusion, die wahrhaftig! noch kein Französisches Stück zuwege gebracht hat, oder zuwege bringen wird. Und folglich (es heisse so herrlich und nützlich, wie es wolle) Griechisches Drama ists nicht! Trauerspiel des Sophokles ists nicht. Als Puppe ihm noch so gleich; der Puppe fehlt Geist, Leben, Natur, Wahrheit – mithin alle Elemente der Rührung – mithin Zweck und Erreichung des Zwecks – ists also dasselbe Ding mehr? […]

    Laßet uns also ein Volk setzen, das aus Umständen, die wir nicht untersuchen mögen, Lust hätte, sich statt nachzuäffen und mit der Wallnußschaale davon zu laufen, selbst lieber sein Drama zu erfinden: so ists, dünkt mich, wieder erste Frage: wenn? wo? unter welchen Umständen? woraus solls das thun? und es braucht keines Beweises, daß die Erfindung nichts als Resultat dieser Fragen seyn wird und seyn kann. Holt es sein Drama nicht aus Chor, aus Dithyramb her: so kanns auch nichts Chormässiges, Dithyrambisches haben. Läge ihm keine solche Simplicität von Faktis der Geschichte, Tradition, Häuslichen, und Staats- und Religionsbeziehungen vor – natürlich kanns nichts von Alle dem haben. – Es wird sich, wo möglich, sein Drama nach seiner Geschichte, nach Zeitgeist, Sitten, Meinungen, Sprache, Nationalvorurtheilen, Traditionen, und Liebhabereien, wenn auch aus Fastnachts- und Marionettenspiel (eben, wie die edlen Griechen aus dem Chor) erfinden – und das Erfundne wird Drama seyn, wenn es bei diesem Volk Dramatischen Zweck erreicht. Man sieht, wir sind bei den

    toto divisis ab orbe Britannis

    und ihrem grossen Shakespear.

    Daß da, und zu der und vor der Zeit kein Griechenland war, wird kein pullulus Aristotelis läugnen, und hier und da also Griechisches Drama zu fodern, daß es natürlich (wir reden von keiner Nachäffung) entstehe, ist ärger, als daß ein Schaaf Löwen gebären solle. […]

    Shakespear fand vor und um sich nichts weniger als Simplicität von Vaterlandssitten, Thaten, Neigungen und Geschichtstraditionen, die das Griechische Drama bildete, und da also nach dem Ersten metaphysischen Weisheitssatze aus Nichts Nichts wird, so wäre, Philosophen überlaßen, nicht blos kein Griechisches, sondern wenns ausserdem Nichts giebt, auch gar kein Drama in der Welt mehr geworden, und hätte werden können. Da aber Genie bekanntermaassen mehr ist, als Philosophie, und Schöpfer ein ander Ding, als Zergliederer: so wars ein Sterblicher mit Götterkraft begabt, eben aus dem entgegen gesetztesten Stoff, und in der verschiedensten Bearbeitung dieselbe Würkung hervor zu rufen, Furcht und Mitleid! und beide in einem Grade, wie jener Erste Stoff und Bearbeitung es kaum vormals hervorzubringen vermocht! – Glücklicher Göttersohn über sein Unternehmen! Eben das Neue, Erste, ganz Verschiedne zeigt die Urkraft seines Berufs.

    Cover Carter Brown, The Myopic Mermaid, 1961Shakespear fand keinen Chor vor sich; aber wohl Staats- und Marionettenspiele – wohl! er bildete also aus diesen Staats- und Marionettenspielen, dem so schlechten Leim! das herrliche Geschöpf, das da vor uns steht und lebt! Er fand keinen so einfachen Volks- und Vaterlandscharakter, sondern ein Vielfaches von Ständen, Lebensarten, Gesinnungen, Völkern und Spracharten – der Gram um das Vorige wäre vergebens gewesen; er dichtete also Stände und Menschen, Völker und Spracharten, König und Narren, Narren und König zu dem herrlichen Ganzen! Er fand keinen so einfachen Geist der Geschichte, der Fabel, der Handlung: er nahm Geschichte, wie er sie fand, und setzte mit Schöpfergeist das verschiedenartigste Zeug zu einem Wunderganzen zusammen, was wir, wenn nicht Handlung im Griechischen Verstande, so Aktion im Sinne der mittlern, oder in der Sprache der neuern Zeiten Begebenheit (événement) grosses Eräugniß nennen wollen – o Aristoteles, wenn du erschienest, wie würdest du den neuen Sophokles Homerisiren! […]

    Sophokles blieb der Natur treu, da er Eine Handlung Eines Orts und Einer Zeit bearbeitete: Shakespear konnt ihr allein treu bleiben, wenn er seine Weltbegebenheit und Menschenschicksal durch alle die Örter und Zeiten wälzte, wo sie – nun, wo sie geschehen: und Gnade Gott dem kurzweiligen Franzosen, der in Shakespears fünften Aufzug käme, um da die Rührung in der Quintessenz herunter zu schlucken. Bei manchen Französischen Stücken mag dies wohl angehen, weil da Alles nur fürs Theater versificirt und in Scenen Schaugetragen wird; aber hier geht er eben ganz leer aus. Da ist Weltbegebenheit schon vorbei: er sieht nur die letzte, schlechteste Folge, Menschen, wie Fliegen fallen: er geht hin und höhnt: Shakespear ist ihm Ärgerniß und sein Drama die dummeste Thorheit. […]

    Trauriger und wichtiger wird der Gedanke, daß auch dieser grosse Schöpfer von Geschichte und Weltseele immer mehr veralte! daß da Worte und Sitten und Gattungen der Zeitalter, wie ein Herbst von Blättern welken und absinken, wir schon jetzt aus diesen grossen Trümmern der Ritternatur so weit heraus sind, daß selbst Garrik, der Wiedererwecker und Schutzengel auf seinem Grabe, so viel ändern, auslaßen, verstümmeln muß, und bald vielleicht, da sich alles so sehr verwischt und anders wohin neiget, auch sein Drama der lebendigen Vorstellung ganz unfähig werden, und eine Trümmer von Kolossus, von Pyramide seyn wird, die Jeder anstaunet und keiner begreift. Glücklich, daß ich noch im Ablaufe der Zeit lebte, wo ich ihn begreifen konnte, und wo du, mein Freund, der du dich bei diesem Lesen erkennest und fühlst, und den ich vor seinem heiligen Bilde mehr als Einmal umarmet, wo du noch den süssen und deiner würdigen Traum haben kannst, sein Denkmal aus unsern Ritterzeiten in unsrer Sprache, unserm so weit abgearteten Vaterlande herzustellen. Ich beneide dir den Traum, und dein edles Deutsches Würken laß nicht nach, bis der Kranz dort oben hange. Und solltest du als denn auch später sehen, wie unter deinem Gebäude der Boden wankt, und der Pöbel umher still steht und gafft, oder höhnt, und die daurende Pyramide nicht alten Ägyptischen Geist wieder aufzuwecken vermag – dein Werk wird bleiben, und ein treuer Nachkomme dein Grab suchen, und mit andächtiger Hand dir schreiben, was das Leben fast aller Würdigen der Welt gewesen:

    Voluit! quiescit!

    Durchhalterotschöpfe: Dave Morrah: Me and the Liberal Arts, 1960s;
    Frank Kane: Green Light for Death, 1956;
    Chip Harrison: No Score, 1970, art by Elaine Duillo;
    Carter Brown: The Myopic Mermaid, 1961,
    alle via McClaverty.

    Später Shakespeare: Cole Porter: Brush Up Your Shakespeare, aus: Kiss Me Kate, 1948, Film 1953.

    Written by Wolf

    25. Februar 2015 at 14:01

    Cit. Schmidt, A.: Faust IV, 1960

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    Update zu Hastig die ärmlichen Verse:

    ——— Arno Schmidt:

    Der Platz, an dem ich schreibe

    Oktober 1960, Motto:

    Mefista, (in männlicher Tracht; Faust präsentierend): ..:
    der Herr ist Autor.

    Sorbin, (jung, 15=jährig, in anmutig gebrochenem Deutsch):
    Was iest ein ‚Au=torr‘?

    Mefista, (rasch gefaßt): Ein Autor?: ist Derjenige, dem ‚ein Stock im Petticoat‘ beim Anblick dessen einfällt, wozu ein Leser zeitlebens ‚Schirm‘ sagt.

    (Arno Schmidt, FAUST, IV. Teil, Szene 16)

    Marguerite Gisele, Zettels Traum, 25. Mai 2011

    In weiblicher Tracht: Marguerite Gisele: Zettels Traum, 25. Mai 2011 mit Zettel’s Traum, 1970, in Berlin.

    PS: Marguerite Gisele ist Fotografin und Buchhändlerin in München und Berlin.

    PPS: Ein Exemplar von Zettel’s Traum vor der Satzversion bei Suhrkamp zählt zu den ganz wenigen irdischen Besitztümern, die eine Person respektabler machen.

    PPPS: Wenn die Schöpfung eine Krone hätte, so wären es rothaarige Buchhändlerinnen.

    Written by Wolf

    6. Januar 2015 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

    Der Drang zum Sturm

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    Update zu The Little Lower Layer,
    And then dreams he of cutting foreign throats,
    Die einen sagen so, die andern so und
    Sapir, Whorf, Bernstein, Jean Paul, Scoresby, Hakluyt, Poe, Linné und Gott (und Uma Thurman)
    aus Moby-Dick™ und aktualisierte Wiederveröffentlichung:

    Das Jahr von William Shakespeares 450. Geburtstag wurde von keiner Seite zum Shakespeare-Jahr gewidmet — was daran liegen mag, dass nur der 26. April als Tag seiner Taufe feststeht. Ist man in Deutschland von Bach-, Goethe- und Mozartjahren gewöhnlich schon im vorausgehenden Advent genervt, wird der runde „Schäkespears Tag“ (Goethe) kaum in England wahrgenommen. Der Fairness halber: Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft tut zu ihrem eigenen 150. Geburtstag, was sie kann, und sie kann es in München, wo sie in den ehemaligen Räumen des Lyrik-Kabinetts ohnehin die Shakespeare-Forschungsbibliothek führen.

    Gut so, das verschafft uns Gelegenheit, ihn auf unsere eigene Weise zu feiern: Setzen wir ihn in Beziehung zu unseren eigenen weltlichen Haus- und Regionalheiligen, damit kann ohnehin schon kein Mensch jemals fertig werden. — Das Phänomen Shakespeare existiert für Deutschland seit der Aufklärung.

    Brooke Denton, Ophelia, 31. Juli 2011Shakespeare höchstselbst (Lebenszeit von 1564 bis 1616, was in in die deutsche Renaissance fällt; der Barock winkt schon) ist schon fast kein toter Schriftsteller mehr, der einst auf Erden wandelte, einem Gewerbe nachging und nach seinen Fähigkeiten Spuren hinterließ, sondern eine Art Naturgewalt. Die Diskussion darüber, welche von seinen Zuschreibungen tatsächlich auf ihn selbst gehen, hält an. Gestorben ist er 1616, seine große Zeit hatte er allerdings erst ab etwa 1762. Da ging nämlich die wichtige Zeit in der Literatur los: In Deutschland Aufklärung, Sturm und Drang, Klassik, Romantik; in England und Amerika die Entsprechungen dazu, jeweils einige Jahre vorweggenommen. Alles davor war Barock, Renaissance und noch Antikeres, und da oblagen die Geistesgrößen dem christlichen Glauben, der seine kulturelle Berechtigung hat, und die Kunstschaffenden dem Ehrgeiz der gottgefälligen Erbauung, jedenfalls weder einer Wissenschaft noch einem Qualitätsbegriff im heutigen Verständnis. — So grob dürfen wir vereinfachen, solange wir uns bewusst bleiben, dass wir grob vereinfachen.

    Deutschland, der seit seinen Wurzeln der Spätantike nie so ganz eins und einig gewordene Flächenstaat, ist ja nicht in seinen wenigen Metropolen, sondern in der Provinz am stärksten und ganz bei sich. Christoph Martin Wieland, den wir zur Aufklärung rechnen, übersetzte ab 1762 tief im Schwäbischen als erster Shakespeare ins Deutsche. Um das Gesamtwerk zu übertragen, ist er zu früh gestorben, aber er hat die meisten Dramen geschafft, noch nicht die Gedichte und Sonette, und zwar etliche Jahrzehnte vor Schlegel, Tieck und Kollegen, von deren allgemeingültig gewordener Gesamtübersetzung man gerade erst im jungen Jahrtausend zaghaft abrückt. Die Kuriosität dazu: Das erste Shakespeare-Stück auf Deutsch wurde 1761 im Komödienhaus zu Biberach aufgeführt: Wielands Übertragung von Shakespeares sinnigerweise letztem, zugleich maritimsten Stück Der Sturm.

    Der Wieland-Shakespeare existiert heute in ein paar besserwisserischen Studienratsausgaben. Natürlich hatte ich nach deren Neuausgabe als erster so eine, und ich finde ihn stellenweise sogar schöner als den Schlegel/Tieck aus dem kollektiven Gedächtnis. Wielands Leistung war, Shakespeare erfolgreich in Deutschland zu verbreiten. Für Erscheinungen ab Goethes Werther-Roman 1774 wird der moderne Begriff des Bestsellers gebraucht, in die gleiche Zeit fällt die deutsche Entdeckung Shakespeares. Den machte Wieland zum Allgemeingut.

    (Man mag sich das spaßeshalber auf heutige Verhältnisse übertragen vorstellen: Ein vor einem geschlagenen Vierteljahrtausend verstorbener Wanderschauspieler wird Bestsellerautor. Schlagen Sie heute mal einem Verlag vor, er soll jetzt Wieland hypen. Der stellt Ihren ganzen Provider auf Spam.)

    1780 erreichte das immerhin eine ungestüme, in künstlerischem Aufbruch begriffene Jugend, die Bewegung des Sturm und Drang — denn ja: Sturm und Drang war keine organisch entstandene Fortführung vorausgegangener und langsam abgelebter Epochen, sondern eine absichtsvoll herbeigeführte Bewegung mit Theorie, Organisation und Agenda: Goethe vor seiner Italienreise, den untauglichen Militär Schiller, Lenz, Gerstenberg, Herder (ebenfalls vor seiner Italienreise). Halten wir als Stoffsammlung zu Shakespeare im deutschen Sturm und Drang fest (chronologisch, hier nur zufällig zugleich alphabetisch nach Verfassern):

    Brooke Denton, Ophelia, 31. Juli 2011und verweilen wir vorerst bei Shakespear von Herder 1773: Das ist der II. Aufsatz in der Sammlung von Johann Gottfried Herder/Johann Wolfgang Goethe/Paolo Frisi/Justus Möser: Von Deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter, einer der maßgeblichen Programmschriften für den Sturm und Drang, in der dritten Fassung und im Gegensatz zum Volltext bei Zeno in ursprünglich belassener Orthographie bei Reclam greifbar, original Hamburg: Bode, Mai 1773. Herder hebt an:

    Wenn bei einem Manne mir jenes ungeheure Bild einfällt: „hoch auf einem Felsengipfel sitzend! zu seinen Füssen Sturm, Ungewitter und Brausen des Meers; aber sein Haupt in den Stralen des Himmels!“ so ists bei Shakespear! — Nur freilich auch mit dem Zusatz, wie unten am tiefsten Fusse seines Felsenthrones Haufen murmeln, die ihn — erklären, retten, verdammen, entschuldigen, anbeten, verläumden, übersetzen und lästern! — und die Er alle nicht höret!

    Große Worte; darunter machen es die Stürmer und Dränger nicht — und schon ganz nebenbei mit dem ersten Seitenhieb auf Shakespeare-Übersetzungen, dafür mit — Druckfehler? — Pronomen-Kapitale für das Genie wie sonst nur für GOtt. Und welches „ungeheure Bild“ vom thronenden Shakespeare eigentlich? — Aufschluss gibt L.M. Price: Herder and Gerstenberg or Akenside, in: Modern Language Notes 65, 1950, Seite 175–178: Das entnimmt Herder einem Lehrgedicht von Mark Akenside: The Pleasures of the Imagination, 1744:

    Hence when lightning fires
    The arch of heav’n, and thunders rock the ground ;
    When furious whirlwinds rend the howling air,
    And ocean, groaning from his lowest bed,
    Heaves his tempestuous billows to the sky ;
    Amid the mighty uproar, while below
    The nations tremble, Shakspear looks abroad
    From some high cliff, superior, and enjoys
    The elemental war.

    Das wiederum weiß Hans Dietrich Irmscher in der Reclam-Ausgabe der Deutschen Art und Kunst 1968, ausgebaut 1988 — ein grandioses Heft übrigens, gerade wegen der originalen Rechtschreibung. Damit ich hier nicht rein alles zusammenguttenberge, gebe ich oben die Stelle von Akenside nach einem Scan des Originals von 1744 korrigiert wieder, weil die digitalen Volltexte alle die selben paar Tippfehler übernommen haben.

    Was steht sonst noch drin? Shakespeare als Originalgenie, das rechtmäßig dem deutschen Sturm und Drang angehören sollte, was sonst. Was ein Originalgenie ist und in welchem ganz und gar erstaunlichen Sinne Herder das Wort „deutsch“ verwendet, kriegen wir noch.

    Bilder: Brooke Denton: inszenierte die fröhlichste Ophelia der Welt am 31. Juli 2011;
    Shakespeares Schwestern: Shakespears Sister: Hello (Turn Your Radio On) von Siobhan Fahey, Marcella Detroit und Manu Guiot, aus: Hormonally Yours, November 1992. Als Nerd-Wissen steht auf der Wandtafel bei Minute 3:00: „The Womans Work Is Never Done„. Das Beste ist immer noch, wie die linke Schwester schon mal das Gitarrensolo der rechten nutzt, um uns — weswegen wir das HQ-Video im Vollbild wiedergeben sollten — den Bildschirm zu putzen.

    Brooke Denton, Ophelia, 31. Juli 2011

    Written by Wolf

    26. April 2014 at 00:01

    Veröffentlicht in Renaissance, Weisheit & Sophisterei

    Weil er ihn für einen völligen Toren hielt

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    Unter den Anweisungen in als hilfreich dargestellten Medien herrscht ein uferloser Zynismus, der Unterschied zwischen analogen und digitalten Medien liegt nur noch in der Altersgruppe, die demoralisiert werden soll. Harmlosere Beispiele sind noch: „Keep calm and stay happy“ oder „One of the simplest ways to stay happy is letting go of the things that make you sad“, was sich von der unausgesprochenen über die offen nahegelegte Verpflichtung zu Glück weiter über ganze carnegieske Industrien bis hin zu Kunstformen, die vorgeben, wenigstens bei der Herstellung Spaß zu machen, steigert.

    Wann ist das eigentlich so offensichtlich geworden? Ich hab Angst.

    ——— Herodot von Halikarnassos: Kroisos und Solon, Historien Buch I,30-33, ab ca. 430 v. C.,
    Übs. nach Johann Christian Felix Bähr, 1855–1861:

    Cover W. Béran Wolfe, How to be Happy Though Human, 1931Eben deswegen nun und auch wohl, um sich umzusehen, war Solon außer Landes gereist und nach Ägypten zu Amasis gekommen und dann auch nach Sardeis zu Kroisos. Hier wurde er nach seiner Ankunft gastlich von Kroisos in der königlichen Burg aufgenommen und dann, am dritten oder vierten Tag, führten Diener des Kroisos auf dessen Geheiß hin Solon in den Schatzkammern herum und zeigten im alles, was Großes und Herrliches da war. Nachdem Solon dies alles , so wie es ihm gelegen war, betrachtet und beschaut hatte, fragte ihn Kroisos Folgendes: „Gastfreund aus Athen! Vielfach hat man uns schon von dir erzählt, sowohl von deiner Weisheit als auch von deiner Wanderung, wie du aus Wissbegier viele Länder, um dich umzusehen, besucht hast: daher kam mir jetzt das Verlangen, dich zu fragen, ob du schon einen Menschen gesehen hast, der unter allen der glücklichste war.“ Kroisos fragte danach, weil er eben sich für den glücklichsten unter allen Menschen ansah. Weil Solon aber keineswegs schmeicheln, sondern sich an die Wahrheit halten wollte, antwortete er ihm: „O König! Den Tellos von Athen.“ Kroisos verwunderte sich sehr über diese Antwort und fragte in seinem Eifer: „Wieso glaubst du, dass Tellos der glücklichste sei?“ Der aber antwortete: „Einerseits lebte Tellos, als der Staat blühte, und hatte brave und tüchtige Söhne; er erlebte es auch, wie diesen allen Kinder geboren wurden und auch am Leben blieben; andererseits wurde ihm, während er, soweit es bei uns angeht, in glücklichen Lebensverhältnissen lebte, das glänzendste Lebensende zu Teil. Denn als die Athenern mit ihren Nachbarn bei Eleusis in Kampf geraten waren, eilte er herbei, schlug die Feinde in die Flucht und erlitt dabei den rühmlichsten Tod: die Athener bestatteten ihn auf öffentliche Kosten da, wo er gefallen war und erwiesen ihm große Ehre.“

    Solon hatte durch diese Erzählung von Tellos, dessen großes Glück er pries, Kroisos noch begieriger gemacht; und so fragte er Solon, wen er denn auf dem zweiten Rang nach jenem sehe. Er dachte nämlich, er würde doch wenigstens den zweiten Preis davontragen. Aber Solon nannte Kleobis und Biton. Diese waren nämlich von Geburt Argiver, hatten hinreichend zu leben und dazu eine solche Körperkraft, dass sie beide in gleicher Weise in den Kampfspielen den Sieg davongetragen hatten. Es wird aber von ihnen auch noch Folgendes erzählt: Bei einem Fest, das die Argiver der Hera feierten, musste ihre Mutter unbedingt auf einem Wagen zum Heiligtum gebracht werden. Als nun die Rinder nicht zur rechten Zeit vom Feld eintrafen, spannten sich die Jünglinge von der Zeit gedrängt selbst an die Deichsel und zogen den Wagen, auf dem ihre Mutter fuhr. So brachten sie ihre Mutter eine Strecke von fünfundvierzig Stadien im Wagen zum Heiligtum. Nachdem sie dieses vollbracht hatten und von der Festversammlung erblickt worden waren, wurde ihnen das beste Lebensende zu Teil, und es zeigte an ihnen die Gottheit, dass es für den Menschen besser sei, tot zu sein als zu leben. Die umstehenden Argiver priesen nämlich die Stärke der Jünglinge, die Argiverinnen aber ihre Mutter, weil sie solche Kinder hatte. Da trat die Mutter voll Freude über die Tat und über diese Ruhmesworte vor das Götterbild und flehte, die Göttin möge ihren Kindern Kleobis und Biton, die ihr so große Ehre erwiesen hatten, das gewähren, was für den Menschen zu erlangen am besten sei. Als man nach diesem Gebet das Opfer dargebracht und Festschmaus gehalten hatte, schliefen die Jünglinge im Tempel ein und standen nicht mehr auf, sondern verblieben in diesem Ende ihres Lebens. Die Argiver aber ließen ihnen Bildsäulen fertigen und weihten sie nach Delphi, weil sie so treffliche Männer geworden waren.

    Diesen nun erkannte Solon den zweiten Preis des irdischen Glücks zu; Kroisos aber wurde aufgebracht und sprach: „Gastfreund aus Athen, gilt dir denn unser Glück für gar nichts, so dass du uns nicht einmal gewöhnlichen Bürgern gleich achtest? Da erwiderte Solon: „O Kroisos! Mich der ich wohl weiß, wie die Gottheit durchaus von Neid und Unruhe erfüllt ist, fragst du über menschliche Dinge. In der langen Zeit eines Lebens gibt es vieles zu sehen, was man nicht will, vieles aber auch zu ertragen; ich setze nämlich die Grenze des Lebens auf siebzig Jahre; diese siebzig Jahre machen fünfundzwanzigtausend und zweihundert Tage, wenn kein Schaltmonat eingerechnet wird. Insofern nun aber ein Jahr um einen Monat länger sein soll als das andere, damit die Jahreszeiten zur gehörigen Zeit eintreffen, kommen zu den siebzig Jahren noch fünfunddreißig Schaltmonate hinzu, und aus diesen Monaten ergeben sich tausend und fünfzig Tage. Von all diesen Tagen, die auf die siebzig Jahre gehen, sechsundzwanzigtausend zweihundertundfünfzig, bringt kein Tag ein dem anderen völlig gleiches Ereignis; so also, o Kroisos, ist der Mensch ganz ein Spiel des Zufalls. Allerdings scheinst du mir im Besitz großen Reichtums zu sein und ein König über viele Menschen. Das aber, wonach du mich fragst, kann ich dir nicht angeben, bevor ich erfahren habe, dass dein Leben glücklich geendet hat. Denn fürwahr ist derjenige, der in großem Reichtum steht, darum nicht glücklicher als derjenige, der nur sein tägliches Brot zu essen hat, wenn ihm nicht ein Glück zu Teil wird, im Besitz all dieser Güter sein Leben wohl zu enden. Viele Menschen, die sehr reich sind, sind darum nicht glücklich; viele aber, die nur mäßig zu leben haben, sind glücklich. Derjenige nun, der sehr reich, aber unglücklich ist, hat vor dem Glücklichen nur zwei Dinge voraus, dieser aber vor dem Reichen und Unglücklichen gar vieles. Jener ist nämlich eher im Stande, seine Gelüste zu befriedigen und ein großes Unglück, das ihn trifft, zu ertragen; der andere aber hat das vor ihm voraus, dass er zwar nicht wie jener auf gleiche Weise ein Unglück ertragen und seine Gelüste befriedigen kann, aber durch sein Wohlbefinden davor bewahrt ist: er hat gesunde Glieder, ist ohne Krankheit und kennt kein Leid; er hat schöne Kinder und selbst eine schöne Gestalt. Wenn er nun überdies noch sein Leben wohl endet, so ist er eben derjenige, den du suchst, und verdient den Namen eines Glücklichen. Bevor er aber gestorben ist, soll man sein Urteil zurückhalten und ihn nicht glücklich nennen, sondern nur von ihm sagen, es gehe ihm gut. Nun ist es zwar für einen Menschen nicht möglich, dies alles zusammen zu erlangen, gerade wie es ja auch kein Land gibt, das sich selbst in allem genügt, sondern das eine hat und des anderen bedarf; dasjenige Land aber, das das meiste besitzt, gilt für das beste: ebenso kann auch des Menschen Leib sich allein nicht genügen, denn das eine hat er und des anderen bedarf er. Wer nun aber dauernd das meiste besitzt und dann guten Mutes sein Leben endet, der verdient, o König, nach meinem Ermessen zu Recht den Namen des Glücklichen. Denn bei jedem Ding muss man auf das Ende sehen, welchen Ausgang es nimmt: schon manchem hat die Gottheit das Glück nur gezeigt, um ihn dann von Grund auf zu vernichten.“

    Diese Rede des Solon gefiel Kroisos gar nicht; er nahm daher auf Solon weiter keine Rücksicht und entließ ihn, weil er ihn für einen völligen Toren hielt, der die Güter der Gegenwart nicht beachte, sondern ihn auffordere, auf das Ende eines jeden Dinges zu sehen.

    Soundtrack: Nana Mouskouri: Glück ist wie ein Schmetterling, 1977 nach Dolly Parton, 1974.
    Das Fanvideo ist für eine Laienparodie ungewöhnlich aufwändig organsisiert, dabei schlicht durchgehalten. Wir beobachten darin nicht Frau Mouskouri, aber der Sound ist das Original. Das Beste ist die penetrante Beiläufigkeit des Schildes „Tür schließt automatisch“.

    Bild: Cover W. Béran Wolfe: How to be Happy Though Human, 1931 via The Literary Gift Company.

    Written by Wolf

    7. März 2014 at 00:01

    Versäumt die Zeit nicht, die gemessen ist

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    Update zu Du hast mir mein Gerät verstellt und verschoben:

    In der Schule musste ich die Iphigenie gleich zweimal durchnehmen. Beide Male die auf Tauris von Goethe, nicht die in Aulis von Schiller, und erst seit gestern weiß ich, dass es noch viel mehr Möglichkeiten gegeben hätte.

    Gelesen hab ich sie genau keinmal. Und trotzdem das erste Mal in der zehnten Klasse eine Schulaufgabe darüber geschrieben, das zweite Mal im Leistungskurs Deutsch, drittes Halbjahr Kollegstufe, gar eine Klausur. Meine Einzelnoten sind mir heute nicht mehr geläufig, aber offenbar hat’s zweimal halbwegs gepasst. Alles andere wüsste ich noch.

    Reutlinger, Paris via La DuchesseDas war in meinen jeweiligen Klassen ziemlich gängig, genau genommen hat damals wahrscheinlich außer ein, zwei Strebsäcken gar kein alter Rattenschwanz den alten Käs gelesen, man war genug damit beschäftigt, die Augen offen zu halten, sobald jemand das Wort „Iphigenie“ laut gesagt hat. Und was les ich heute?

    Genau, die Iphigenie von Goethe, wenn ich schon so blöd frag. Aber eigentlich nur den Kommentar dazu. Das hat mir auch keiner an der Schulpforte gesungen, was aus mir mal für ein notorischer Nachwortleser wird. Immerhin sind wir heute in der gesegneten Lage, uns die Frankfurter Goethe-Ausgabe als Taschenbuch leisten zu können, jedenfalls die besten Bände: um die 20 Euro verlagsneu, auf dem Ramsch mit dem kleidsamen Stempel „Preisreduziertes Mängelexemplar“ für die Hälfte.

    Im Band Goethe. Klassische Dramen sind der Egmont, Torquato Tasso, ein paar hochklassische Highlights wie Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilen, Erwin und Elmire, Hanswursts Hochzeit (doch, ja, und ob das von Goethe ist!) und eben die Iphigenie in gleich zwei Fassungen: Prosa und der berüchtigte Blankvers, mit dem man’s in der Schule zu tun kriegt. Hat mich beim Münchner Bookowski einen Zehner gekostet und macht ganz ungeahnt Spaß. Da steht nämlich drin, wo sich Goethe überall bedient hat, wie er nicht weitergekommen ist, weil er seine Hanswurstiaden dazwischenschieben musste, weil sie in Weimar am Fürstenhof von Anfang an keinen Wert auf das Schnarchzeug gelegt haben, und dann die ganzen Verrisse.

    Mir entfällt sogar der Name meines Deutschlehrers in der Zehnten, es war irgend so ein Sammelbegriff, Huber, Weber, in der Richtung. In Deutsch-LK war’s der Herr Ruppert. Und ich weiß, was der jetzt sagen würde:

    „Jetzt kommt er wieder daher.“

    Nicht bös sein, Herr Ruppert, Sie waren doch eh einer von den Guten. Der Kommentar zur Frankfurter ist 1988 ja grad erst mal erschienen, und die Klausur war locker zwei, drei Jahre vorher. Dass mir nach diesem Geständnis das Abitur aberkannt werden kann, glaub ich eher nicht, die Klausur hat ja gepasst. Falls das doch noch ein Problem darstellen sollte, kann ich jederzeit nochmal nachschreiben.

    Bild: Reutlinger, Paris via La Duchesse.

    Written by Wolf

    1. Februar 2014 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

    Nachtstück 0002

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    Update zum Nachtstück 0001:

    Maximilián Pirner, Die Nachtwandlerinm, 1878Neulich im Bus 62:

    I drink ja nie koan Schnaps net.

    Einem tautologischen Pleonasmus hat es noch nie an keiner Redundanz nicht gefehlt.

    Stück Nacht: Maxilimilián Pirner:
    Die Nachtwandlerin, 1878.

    Written by Wolf

    26. Oktober 2013 at 12:31

    The Metrum is the Message

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    ——— Albert Uderzo: Astérix XXIX: La Rose et le Glaive,
    übs. Gudrun Penndorf: Asterix und Maestria, 1991, Seite 15:

    [Obelix:] Hmmm! Welch wunderbarer Duft, der abends mich betört,
    wenn ein Wildschwein gar mich lockt, an deinen heißen Herd!

    [Asterix:] Machst du jetzt schon Alexandriner? Die Schule scheint dir zu bekommen!

    The medium is the message ist gar keine so neuzeitliche Erkenntnis; neu ist nur die pointierte Formulierung, die sie populär machen konnte.

    Cristina Suarez, 7. September 2012„Schon die Griechen“ — an dieser Stelle begrüße ich meine übrig gebliebene durchhaltestarke Leserschaft — verwendeten in ihrer antiken attischen Tragödie typischerweise Jambische Trimeter. Dafür hatten sie Gründe. Nicht etwa, postmoderne Schulkinder einzuschläfern, sondern die Form des Dramas mit seinem Inhalt, zugleich den Inhalt des Dramas mit seiner Form in Harmonie zu setzen. Tragödie bedeutet seit der Poetik von Aristoteles: Personal gehobenen Standes bis hinauf zu Göttern, um ihnen in der Handlung die größte Fallhöhe, die meisten materiellen, seelischen und sozialen Verluste zu ermöglichen; Einheit von Zeit, Ort und Handlung (welche also an einem einzigen festen Schauplatz innerhalb der Erzählzeit — der Dauer des Schauspiels — hintereinander weg geschieht); schuldloses Schuldigwerden anhand eines Dilemmas; ein unglückliches Ende — und dadurch Katharsis der handelnden Personen sowie zugleich des Anteil nehmenden Publikums. Das bedeutet die Vorstufe zum allgemeineren prodesse et delectare (das ist: Nutzen und Unterhaltung auf einmal — was auch für die Komödie gilt, die sich durch einen glücklichen Ausgang schon hinreichend von der Tragödie unterschiede, und für die Epik, die nicht der dreifachen Einheit gehorchen muss) beim späteren Horaz.

    Vor allem diese Einheit aus Erzählzeit und erzählter Zeit in einem eng definieren Raum sollte durch das gleichförmige Versmaß unterstützt werden: Inhalt ist Form, Form ist Inhalt — the medium is the message. Was wir Heutigen in Theaterstücken, viel eher noch an Spielfilmen tadeln würden: das gewollt Abgehobene, das sich nicht um Kurzweil schert, sondern sich der Kunstform zuliebe einen langen Atem gestattet, die große, dennoch beschränkte Anzahl möglicher Handlungsverläufe — all das wurde seither variiert, gebrochen oder absichtsvoll und ausnahmsweise ignoriert, aber nie abgeschafft. Im Gegenteil wird sich überall, wo moderne Geschichten erzählt werden, darauf bezogen: So unterscheiden sich Hollywood-Drehbücher von Sophokles-Dramen in der Ausstattung und in der Dialogführung, nicht etwa in der Dramaturgie.

    Genau genommen sind die meisten Spielfilme eine Variation über entweder die Ilias oder die Odyssee. Diese beiden stehen in Distichen, die aus einem Hexameter plus einem Pentameter bestehen, die sich im Altgriechischen besonders beredt den Wörtern anschmiegen, und weil es Epen sind, die man in einem langen Redefluss flüssig — idealerweise auswendig — rezitieren soll. In Dramen ist das nicht notwendig, weil Theaterfiguren a) ihre Reden vor dem Auftritt eingeübt und b) zusätzlich anders als sprechend zu agieren haben.

    (Im Faust kommt gerade ein einziger Hexameter vor: „Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum“ (Faust I, Vers 2048) — und der ist ein Zitat, und selbst das in parodistischer Absicht; Mephisto spricht es. Das unmittelbar folgende

    Folg nur dem alten Spruch und meiner Muhme der Schlange,
    Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit Bange!

    wurde im 19. Jahrhundert vermutlich gleich hexametrisch weitergelesen, was sich nicht anhand etwelcher Tonaufnahmen nachweisen lässt, funktioniert aber als unreiner Alexandriner.)

    Halten wir fest: Der Jambische Trimeter schien in seinem Tonfall und seiner Anpassungsfähigkeit an die altgriechische Sprache besonders geeignet, Inhalte der attischen Tragödie zu transportieren. Das Moderne daran war einst, die Figurenrede quantitierend in einem quasi musikalischen Rhythmus zu gestalten; es ist deshalb schon zulässig, von einem Takt zu sprechen. (Vorhergehende und anderwärtige Versmaße binden den Text nur, indem sie ihn akzentuieren oder die Zahl der Silben festlegen, die Zahl der Senkungen zwischen von der einen zur nächsten Hebung bleibt dabei freier.)

    Pandorra Von Lillian, Fact about me #1, 21. August 2011In Übersetzungen, das Problem wird nimmer alt, kann gegenüber dem Original nur einiger Verlust entstehen. Jambische Trimeter in deutscher Dichtung sind selten, weil sich das Metrum schlecht an die Sprache fügt. Rettung verheißt wie so oft Goethe: Im Faust, schon im Untertitel Der Tragödie zweiter Teil, verwendet er eine solche Vielfalt aus dem lyrischen Formenarsenal (nachgewiesen sind 40), dass, „wenn die Poesie ganz von der Welt verlorenginge, […] man sie aus diesem Stück wiederherstellen [könnte]“ (Goethe selbst über seinen fremden Kollegen Calderón: El principe constante) — was nicht allein von den wechselnden Versmaßen rührt, aber ein weit bunteres, durchaus für moderne Bedürfnisse kurzweiligeres Changieren erzeugt als mehrere Akte lang durchgehaltener — zum Beispiel — Jambischer Trimeter.

    Den er a.a.O. in seinem deutschpsrachigen Original sehr wohl unterbringt:

    Bewundert viel und viel gescholten, Helena,
    Vom Strande komm ich, wo wir einst gelandet sind,
    Noch immer trunken von des Gewoges regsamem Geschaukel.

    Wie umgehend ins Auge — oder treffender: ins Ohr, man mag sich das getrost einmal laut vorsprechen — springt, ist das ein sechshebiger Jambus, in dem bei Bedarf eine Länge zu zwei Kürzen — die dann ein Spondeus heißen — aufgelöst werden kann. So geschehen auf den Silben in „Gewoges regsamem“. Man kann das goutieren, muss aber nicht; persönlich finde ich, dass es am richtigen Ort schön würdevoll einherschreitet. Bei Goethe kann man immerhin sicher sein, dass er die Wirkung seiner Metren fachkundig durchdacht hat.

    Marcela Xavier, djfhsdlfhldsjf, 1. August 2012Von Sophokles bis Goethe führt ein langer Weg, auf dem Goethe durch spätere Geburt den Vorteil hatte, auf ihn zurückzublicken. Im Faust erscheinen deshalb auch so ziemlich alle seitherigen Versformen. Typisch fürs allfällige Fastnachtsspiel mit Blütezeit nach 1500 war der Knittelvers: vier Hebungen, egal ob Jambus oder Trochäus, Daktylus oder Anapäst, weil ohnehin die Zahl der Senkungen dem Dichter freisteht. So entstehen Verse mit 6 bis 15 Silben, was Knittelverse in der Herstellung stark vereinfacht und in logischer wie zeitlicher Folge in Misskredit bringt. Knittelvers ist so volkstümlich, wie ein Volk nur tümlich sein kann, und für den Goethischen Faust gerade deswegen so passend, weil er seine ersten Fassungen aus einem Puppenspiel für Jahrmärkte bezieht, das seinerseits nach dem dem gleichnamigen Volksbuch von Johann Spies von 1587 entstand — übrigens eine der Ecken in Wikipedia, die man wirklich atemlos gespannt lesen kann.

    Gleich anfangs knittelt Faust sein „Habe nun, ach!“, was ihn formal charakterisierend in die Zeit aus Paracelsus, Nostradamus und Volksbüchern rückt, der er entstammt — und kurz darauf beim Anblick des Zeichens des Makrokosmus in seinem Buch:

    Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick
    Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!
    Ich fühle junges heil’ges Lebensglück
    neuiglühend mir durch Nerv‘ und Adern rinnen.
    War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,
    Die mir das inn’re Toben stillen,
    Das arme Herz mit Freude füllen,
    Und mit geheimnisvollem Trieb
    Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen?

    Und so fort, die Szene Nacht im „hochgewölbten, engen, gotischen Zimmer“ kennen Sie bestimmt noch von der Schulplatzmiete. Fausts altdeutsch knittelnde Begeisterung hält dann gerade so lange vor, bis er zum Zeichen des Erdgeistes vorblättert.

    Noch viel deutlicher in seinem etwas dilettantisch rumpelnden poetischen Flickwerk kommt der Knittelvers bei Carl Arnold Kortum daher:

    Mit dem Handel giebts nur Kleinigkeiten,
    Denn es ist kein Geld unter den Leuten,
    Und die Ratsherrnschaft wirft auch nicht viel ab;
    Drum sind meine Einkünfte so knapp.

    Inhaltlich aktuell bis zeitlos, formal im abendländischen Kulturkreis wohl nicht so bald auszurotten. Kulturelle Verfeinerung verlangt nach elaborierteren, enger definierten Formen: Vor allem die Trauerspiele der französischen Renaissance und des deutschen Barock verwendeten typischerweise Alexandriner. Ursprünglich bedeutet das: 12 oder 13 Silben mit Zäsur nach der 6. Silbe, unbedingt mit Endreim. Seit Martin Opitz bedeutet es weiter verengt: sechshebiger Jambus mit Zäsur nach der dritten Hebung. Besonders sinnhaltig wird diese Form mit der deutlich unterteilenden Zäsur in den barocken dialektisch aufgebauten Memento-mori-Gedichten; Gryphius

    DU sihst / wohin du sihst nur eitelkeit auf erden.
    Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein:
    Wo itzund städte stehn / wird eine wiesen sein
    Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden.

    ist bekannt (die Schrägstriche in dieser Originalversion bedeuten Kommata — keine metrischen Zäsuren).

    LaPetiteTwinkle, Tick-Tock, 12. März 2009Keine Dramenhistorie ohne Historiendrama: Was Shakespeare eingeführt, verbreitet und weitertradiert hat, ist praktisch überhaupt nicht zu ermessen. Eine Hilfe dabei war ihm zweifellos der Blankvers — jambisch, fünfhebig, unbedingt ungereimt — wie der Name sagt: vom englischen blank, was den reinen, also reimlosen Vers bezeichnet. Er kommt ohne feste Zäsur aus, kann im Drama auf mehrere Sprecher verteilt werden, gewinnt so einen sehr geschmeidigen Rhythmus und kommt dadurch der ungebundenen Rede ziemlich nah. Das verleiht den handelnden Figuren Lebensnähe.

    Wie die meisten Großleistungen Shakespeares ist der Blankvers keine Erfindung von ihm, allenfalls eine Vervollkommnung des heroic verse, der am prominentesten bei Geoffrey Chaucer vorkommt, bei demselben hinwiederum nicht in Dramen — und sei es „nur“ in der Verbreitung des Elisabethanischen Dramas zusammen mit Christopher „Kid“ Marlowe und Thomas Kyd.

    Mit seinen Gedichten wird Shakespeare noch unter die Metaphysical Poets gerechnet, was in der deutschen Literatur ungefähr der Entwicklungsstufe des Barock entspricht. Allerdings sind die englischen den deutschen Lieraturepochen immer um einige Jahre voraus; in Deutschland setzt sich der Blankvers deshalb mit aufkommender Shakespeare-Rezeption durch — also flächendeckend ab der Übersetzung von Wieland. Dann begegnet er weiterhin bei Wieland, Klopstock, endgültig an Stelle des Alexandriners gesetzt von Lessing — als Paradebeispiel im gesamten Nathan der Weise — und Goethe in der gesamten Iphigenie auf Tauris.

    Zum Merken und Wiedererkennen deren Anfang: „Heraus in eure Schatten, rege Wipfel“. Jambus, fünf Hebungen, die Zäsur dort, wo sie in der Syntax gebraucht wird, es stimmt also alles; und keine Sorge: Es wird sich die folgenden vier Stunden lang (mit Theaterpause) auf nichts reimen.

    In weiten Teilen gereimt ist hingegen — zurück zum Ausgang — der Faust. Nun mag man meinem alten Geschichtslehrer darin folgen zu behaupten, im Faust, da seien Reime drin, „dass eine Sau graust“, und dafür stichhaltige Stellenbeispiele anführen — es bleibt dabei, dass wir mit beiden Teilen der Tragödie vor einem überwältigenden Formenpanorama stehen, dass die Sau zumindest die Geschichte der klassischen Versformen lernen kann. Und dabei haben wir noch gar nicht von den eloquenten Monologen von Mephisto geredet, die er in durchtrieben wendigen Madrigalversen abliefert.

    Jamie McKerral, Bookworm, 25. Januar 2010Sogar Prosa kommt im Faust vor, wenngleich nicht öfter als in Trüber Tag. Feld; so avantgardistisch wollte Goethe gar nicht werden, dass er seine Figuren ungebunden reden ließe.

    Vielmehr ist der Prosateil noch aus Goethes Frühfassung übrig (für die man von der Bezeichnung „Urfaust“ abgekommen ist), die aus seiner Sturm-und-Drang-Zeit stammt; da war ein bestimmter Prosastil voller Ellipsen und Interjektionen, die dem Sprecher keine Zeit zu lyrischer Ausformulierung lassen, als Ausdruck ungebändigter Emotion immerhin zulässig. Am 5. Mai 1798, schon tief in seiner klassischen Phase, schrieb Goethe an Schiller, er fände inzwischen „ihre Natürlichkeit und Stärke, in Verhältnis gegen das andere, ganz unerträglich“ und „suche sie deswegen gegenwärtig in Reime zu bringen, da denn die Idee wie durch einen Flor durchscheint, die unmittelbare Wirkung des ungeheuren Stoffes aber gedämpft wird.“

    Dramen in durchgehender Prosa kommen als Normalfall erst im 19. Jahrhundert vor — etwa ab Georg Büchner, augenfälligstes Beispiel: Woyzeck. Diese größtmögliche Nähe zur Alltagsrede außerhalb einer Theaterbühne definierte nachmals das moderne Schauspiel und wurde bis jetzt nicht wieder aufgegeben, oder kennen Sie ein Original-Drehbuch mit lyrisch gebundenen Dialogen — also nicht gerade eins zu einer Shakespeare-Verfilmung?

    Von dieser „Tragödie“ erstem und zweitem Theil bleibt außer dem unglücklichen Ende streng formal gerechnet nicht mehr viel übrig, und selbst da dauert der Expertenstreit fort, ob am Ende des zweiten Teils jetzt Faust oder Mephisto oder gar keiner gewonnen hat (wozu wir noch fortschreiten werden). Einheit von Zeit, Ort und Handlung? Von wegen, das glatte Gegenteil! Die Kriterien der klassischen Traödie sind hier durchaus bekannt, nur eben nicht eingehalten, sondern in alle Richtungen gesprengt. Ein Pandämonium in der Welt, im Himmel und der Hölle und einigen Zwischenreichen, durch alle Zeiten seit Anbeginn voller Nebenhandlungen — und in vierzig verschiedenen Vers- und Strophenformen, deren jede eine message transportiert. Es hat einen Goethe sechzig Jahre seines Lebens in Anspruch genommen, das auszusinnen.

    Marshall McLuhans Erkenntnis, das Medium sei die Message, stammt von 1964 und hat eine gewisse Patina angesetzt. Die aristotelische Gleichsetzung von Form und Inhalt wurde noch nie ernstlich angefochten.

    Fachliteratur: Goethe: Faust, Frankfurter Ausgabe, hg. Albrecht Schöne, 2. Band: Kommentare. Inzwischen als zweibändiges Taschenbuch für 22 Euro. Seit 1994 state of the art, seither immer weiter verbessert, Lebenswerk, Monument, dabei überraschend genießbares Lesefutter und die (nicht allein von mir) empfohlene Ausgabe;
    Metzler Literatur Lexikon, 2. Auflage 1990, antiquarisch für den Gegenwert von einem Seidel Bier. Es gibt inzwischen mehrere Neuauflagen, die sich zu diesem Gegenstand wie erwartet nicht wesentlich anders äußern.

    Southiphong Anaïs, La Parisienne, 6. August 2011

    Versfüße: Cristina Suarez, 7. September 2012;
    Pandorra Von Lillian: Fact about me #1, 21. August 2011;
    Marcela Xavier: djfhsdlfhldsjf, 1. August 2012;
    LaPetiteTwinkle: Tick-Tock 12. März 2009;
    Jamie McKerral: Bookworm, 25. Januar 2010;
    Southiphong Anaïs: La Parisienne, 6. August 2011.

    Written by Wolf

    27. September 2013 at 00:01

    Es ist

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    Es ist der Schnaps,
    es sind die Mädchen,
    es sind die Bücher, ist das Meer,
    die dich begreifen machen, einer hab’s
    viel besser als du selbst begriffen.
    Es ist der Wind auf Segelschiffen,
    es ist ein Münchner Tabaklädchen,
    das Gras. Der Ginster (ja! Warum denn nicht der?).

    Es ist der Alk,
    es sind die Frauen,
    oft sind es Kerle, dann wieder ein Kind,
    die dir das Herz in Muschelkalk
    bergen, verschließen, dann öffnen und heben.
    Es sind meistens die ärmsten Gewächse im Leben,
    die dich lehren, die Schönheit zu schauen,
    und was wir für Schurken und Heilige sind.

    Es ist alles nicht wahr:
    Es sind nie Gegenstände.
    Es bist nur du selber und manchmal dein Schatz,
    der dich versteht. Und dann kommt einmal ein Jahr,
    in dem wird ein Mensch so still hundertdreißig,
    dass keiner es merkt — doch der, soviel weiß ich,
    solchen Krauskopfkram einwandfrei logisch fände.
    Alles Gute, Ringelnatz.

    Familienfoto Joachim Ringelnatz 1897

    Bild: ringelnatz.net: Unbekanntes Ringelnatz-Foto entdeckt, 1897/5. Oktober 2012 (?):

    Historikerglück: Dieses (vermutlich) bislang unbekannte Jugendfoto von Joachim Ringelnatz (bürgerlich: Hans Bötticher) habe ich in der Fotothek des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig entdeckt! Es zeigt Ringelnatz (2. v. r.) im Sommer 1897 im Kreise seiner Familie im “Bötticher’schen Garten”. Er befand sich in der Poniatowskistr. 12, heute Gottschedstraße.

    Die Sensation ist irgendwie ausgeblieben.

    Written by Wolf

    7. August 2013 at 00:01

    Veröffentlicht in Weisheit & Sophisterei, ~ Weheklag ~

    New-found methods and compounds strange

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    Soviel hab ich in der Werbung gelernt: Als erstes steigt man hinter den tiefen Sinn sehr alter Schreiberweisheiten wie „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, und was das mit einem angeblich noch viel älteren Gewerbe zu tun hat. Daran ist nichts Ehrenrühriges, in seinen Ursprüngen ist der Hurenstand ein mit allerhöchstem Respekt behafteter. Muss man halt mögen.

    Als Praktikant, später Freelancer, kann man an eine Werbeagentur geraten, in der erwartet wird, seinen Tagessatz möglichst brutto und lange vor Feierabend in eine Nasevoll Koks umzusetzen. Man kann auch Glück haben und als stärkste Kreativdroge das Firmenfreibier der regionalen Brauerei nutzen, die als Werbeklient so mitläuft. Zu den Nutten kommt auch nicht jeden Tag der mit Geschmeide und Liebesschwüren beladene Richard Gere, sondern ein mittelständischer, hoffentlich gewaschener Bierbauch. Glamouröser wird’s nicht. Der Vorteil liegt auf der Hand: keine bekoksten Kollegen.

    Ich so: „Ha, gestern hab ich aus einem Shakespeare-Sonett einen Blues gemacht.“

    Er so: „Naja … Is ja auch leichter als andersrum, gell.“

    ——— William Shakespeare: Sonnet LXXVI, Druck 1609,
    kommagenau cit. n. The Norton Shakespeare: Based on the Oxford Edition, 1997 ff.:

    Why is my verse so barren of new pride,
    So far from variation or quick change?
    Why, with the time, do I not glance aside
    To new-found methods and to compounds strange?
    Why write I still all one, ever the same,
    And keep invention in a noted weed,
    That every word doth almost tell my name,
    Showing their birth and where they did proceed?
    O know, sweet love, I always write of you,
    And you and love are still my argument;
    So all my best is dressing old words new,
    Spending again what is already spent;
         For as the sun is daily new and old,
         So is my love, still telling what is told.

    ~~~\~~~~~~~/~~~

    Copywriter’s Sonnet #76 Blues, ca. 1995, zur Vertonung freigegeben:

    Why is my verse so barren of new pride,
    So far from variation or quick change?
    Tell me why’s my song so barren of new pride,
    So far from variation and quick change?
         Why with the time do I not glance aside
         To new-found methods and to compounds strange?

    Why write I still all one, ever the same,
    And keep invention in a noted weed,
    Yeah honey why do I still write all one, ever the same,
    And keep invention in a noted weed,
         That every word duz almost tell my name,
         Showing their birth, and where they did proceed?

    O, know, sweet love, I always write of you,
    And you and love are still my argument;
    Ooh, know, sweet love, I always write of you,
    And you and love are still my argument;
         So all my best is dressing old word new,
         Spending again what is already spent:

    Fade Out:

         For as the sun is daily new and old,
         So is love still telling what is told.

    45SURF Hero's Journey, Swimsuit Bikini Model Goddess Reading Great Books, 24. September 2012

    Bild: 45SURF Hero’s Journey: Swimsuit Bikini Model Goddess Reading Great Books!, 24. September 2012.

    Written by Wolf

    1. August 2013 at 00:01

    In lieblicher Bläue

    with 4 comments

    Warum 2013 kein großes Hölderlin-Jahr gefeiert wurde? Weil der Kulturbetrieb einschließlich seiner Nutzer mit den Jubiläen ausgelastet war, die auf -13 enden, und sich deshalb noch bis 2018 zum 175. Geburtstag gedulden wollte, um das angemessen durchzuziehen. Habe ich damals gehofft.

    Hölderlin wird in dieser Welt wohl kein Publikumsrenner mehr: viel zu langweilig, weil an die enggschnürtesten literarischen Formen gebunden (Elegien, Hymnen, Oden), setzt viel zuviel voraus (Mythologie! Teleologie! Erinnerungsstrukturen! — Wer will noch?), halsbrecherische Syntax auch an Stellen, an denen das Metrum verständlichere Satzbauten zuließe, um schierer Verfremdung willen, bis zur Weltfremdheit hochgespannte Themen, und bietet für die Anstrengungen, ihn zu verstehen, keinerlei alltagstaugliche Einsichten und schon gar keine Handlung. Der Mann ist durch.

    In lieblicher Bläue fällt aus den Kategorien der lyrischen wie der prosaischen Formen heraus. Geschrieben wohl 1808, wurde es ein einziges Mal als Teil Phaëton zu Hölderlins Lebzeiten gedruckt — einem Roman aus der Gymnasiastenzeit von Hölderlins Freund Friedrich Wilhelm Waiblinger — erst 1823.

    Laut der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe schreibt Waiblinger am 11. August 1822, also 18-jährig, in sein Tagebuch: „Hölderlings Geschichte benütz‘ ich am Ende.“ Stil und Vorstellungen deuten darauf, dass Waiblinger Hölderlins Aufzeichnungen benutzt hat — mit dessen Wissen und Einverständnis, also nicht plagiiert. Unklar bleibt dabei allerdings, ob er Hölderlin unverändert wiedergibt oder Eigenes einfließen lässt.

    Es ist ein bestürzend befremdliches Stück, das gerade in seiner Prosaform aus dem Roman sein skurriles Funkeln entfaltet. Meistens wird es, wohl wegen seines „hohen“ Stils, als Gedicht wiedergegeben; ich zitiere hier nach der Frankfurter Ausgabe: Dort steht es im ersten Band mit den sämtlichen Gedichten — und zwar nicht zeitlich eingeordnet, sondern als Anhang. Ich finde das einzig passend.

    Vor allem auch: Falls das Stück wirklich von 1808 stammt, war Hölderlin da seit zwei Jahren offiziell „umnachtet“, womit es das Ausgefeilteste wäre, was der „verstummte“ Hölderlin noch niedergeschrieben hat. Als eine derart schwarze Perle wird es mir nirgends angeboten — aber ich finde nichts Anderslautendes.

    Die Rechtschreibung ist dadurch behutsam nach den Maßgaben des Herausgebers Jochen Schmidt und des Deutschen Klassiker Verlags modernisiert; die originale Rechtschreibung zeigen die Faksimiles der Bremer Arbeitsstelle historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe.

    ——— Friedrich Wilhelm Waiblinger: Phaëton. Zweiter Theil,
    Stuttgart: Verlag von Friedrich Franckh 1823, Seite 153 bis 156:
    Friedrich Hölderlin: In lieblicher Bläue, 1808.
    Fakismile beim Archiv der Arbeitsstelle historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe Bremen:

    In lieblicher Bläue blühet mit dem metallenen Dache der Kirchturm. Den umschwebet Geschrei der Schwalben, den umgibt die rührendste Bläue. Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech, im Winde aber oben stille krähet die Fahne. Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht, jene Treppen, ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit herauskommt dann des Menschen. Die Fenster, daraus die Glocken tönen, sind wie Tore an Schönheit. Nämlich, weil noch der Natur nach sind die Tore, haben diese die Ähnlichkeit von Bäumen des Walds. Reinheit aber ist auch Schönheit. Innen aus Verschiedenem entsteht ein ernster Geist. So sehr einfältig aber die Bilder, so sehr heilig sind die, daß man wirklich oft fürchtet, die zu beschreiben. Die Himmlischen aber, die immer gut sind, alles zumal, wie Reiche, haben diese, Tugend und Freude. Der Mensch darf das nachahmen. Darf, wenn lauter Mühe das Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: so will ich auch sein? Ja. So lange die Freundlichkeit noch am Herzen, die Reine, dauert, misset nicht unglücklich der Mensch sich mit der Gottheit. Ist unbekannt Gott? Ist er offenbar wie die Himmel? dieses glaub‘ ich eher. Des Menschen Maß ist’s. Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde. Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen könnte, als der Mensch, der heißet ein Bild der Gottheit.

    ———————

    Kevin Carlyle, Blue Dress, Spingfield, Missouri, 28. März 2007Gibt es auf Erden ein Maß? Es gibt keines. Nämlich es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schöpfers. Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne. Es findet das Aug‘ oft im Leben Wesen, die viel schöner noch zu nennen wären als die Blumen. O! ich weiß das wohl! Denn zu bluten an Gestalt und Herz, und ganz nicht mehr zu sein, gefällt das Gott? Die Seele aber, wie ich glaube, muß rein bleiben, sonst reicht an das Mächtige auf Fittigen der Adler mit lobendem Gesange und der Stimme so vieler Vögel. Es ist die Wesenheit, die Gestalt ist’s. Du schönes Bächlein, du scheinest rührend, indem du rollest so klar, wie das Auge der Gottheit, durch die Milchstraße. Ich kenne dich wohl, aber Tränen quillen aus dem Auge. Ein heiteres Leben seh‘ ich in den Gestalten mich umblühen der Schöpfung, weil ich es nicht unbillig vergleiche den einsamen Tauben auf dem Kirchhof. Das Lachen aber scheint mich zu grämen der Menschen, nämlich ich hab‘ ein Herz. Möcht‘ ich ein Komet sein? Ich glaube. Denn sie haben die Schnelligkeit der Vögel; sie blühen an Feuer, und sind wie Kinder an Reinheit. Größeres zu wünschen, kann nicht des Menschen Natur sich vermessen. Der Tugend Heiterkeit verdient auch gelobt zu werden vom ernsten Geiste, der zwischen den drei Säulen wehet des Gartens. Eine schöne Jungfrau muß das Haupt umkränzen mit Myrtenblumen, weil sie einfach ist ihrem Wesen nach und ihrem Gefühl. Myrten aber gibt es in Griechenland.

    ———————

    Wenn einer in den Spiegel siehet, ein Mann, und siehet darin sein Bild, wie abgemalt; es gleicht dem Manne. Augen hat des Menschen Bild, hingegen Licht der Mond. Der König Oedipus hat ein Auge zuviel vielleicht. Diese Leiden dieses Mannes, sie scheinen unbeschreiblich, unaussprechlich, unausdrücklich. Wenn das Schauspiel ein solches darstellt, kommt’s daher. Wie ist mir’s aber, gedenk‘ ich deiner jetzt? Wie Bäche reißt das Ende von Etwas mich dahin, welches sich wie Asien ausdehnet. Natürlich dieses Leiden, das hat Oedipus. Natürlich ist’s darum. Hat auch Herkules gelitten? Wohl. Die Dioskuren in ihrer Freundschaft haben die nicht Leiden auch getragen? Nämlich wie Herkules mit Gott zu streiten, das ist Leiden. Und die Unsterblichkeit im Neide dieses Lebens, diese zu teilen, ist ein Leiden auch. Doch das ist auch ein Leiden, wenn mit Sommerflecken ist bedeckt ein Mensch, mit manchen Flecken ganz überdeckt zu sein! Das tut die schöne Sonne: nämlich die ziehet alles auf. Die Jünglinge führt die Bahn sie mit Reizen ihrer Strahlen wie mit Rosen.
    Die Leiden scheinen so, die Oedipus getragen, als wie ein armer Mann klagt, daß ihm etwas fehle. Sohn Laios, armer Fremdling in Griechenland! Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.

    Hölderlin, F.W. Waiblinger, Phaëton 1823, Seite 153

    Hölderlin, F.W. Waiblinger, Phaëton 1823, Seite 154 bis 155

    Hölderlin, F.W. Waiblinger, Phaëton 1823, Seite 156

    In lieblicher Bläue: Kevin Carlyle: Blue Dress, Springfield/Missouri, 28. März 2007.

    Written by Wolf

    7. Juni 2013 at 00:01

    Der Widersacher. Ästhetischer Gaukler vs. unnahbarer Eispalast: Braucht die Welt noch Dichterfürsten im Krähwinkel? Alles ist erlaubt und willkommen. Keine 30 Prozent der Quellen.

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    Ein müßiger, elitärer Gelehrtensport ist es, einen beliebigen Schreiber mit einem anderen zu vergleichen; von irgendwas müssen die ganzen anfallenden literaturwissenschaftlichen Proseminararbeiten ja handeln. Richtig sinnvoll, wenn nicht gar ansatzweise interessant wird es bei Jean Paul im Vergleich zu Goethe. Das ist ein Spannungsverhältnis auf persönlicher wie literarischer Ebene — entfernt der Bewusstseinsunterschied zwischen Wagnerianern und Brahmsianern oder jünger: zwischen HipHop und Techno, Vampiren und Werwölfen, München-Schwabing und Berlin-Mitte, Scrubs und Dr. House. Der Unterschied ist: Goethe hatte Verehrer und Verehrerinnen, Jean Paul hatte Fans und Freundinnen.

    Einst war es höchster Wunsch und hehrstes Ziel aller deutschen Kunstschaffenden, an den Hof des jungen kunstsinnigen Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach vorgelassen zu werden und fortan sponsern zu lassen, um seinen möglichst früh eintretenden Lebensabend lang in einer Art sorgenbefreiter Gelehrtenrepublik dem zu obliegen, was sie am besten und liebsten taten. Ein durchaus erstrebenswerter Lebensentwurf. Ab dem Ende der Aufklärung bildete sich sich erst ein Künstlerkreis um Herder und Wieland, ab dem Sturm und Drang um deren charismatische jugendlichere Ablösung Goethe und Schiller die genuine Weimarer Klassik. Zweimal in seinem Leben begehrte auch Jean Paul Einlass: zum ersten Vorfühlen 1796, als er in Gestalt seines Hesperus ausreichende Erfolge auf dem richtigen Schaffensgebiet vorweisen konnte, ernsthafter geplant ab Oktober 1798, als er für zwei Jahre nach Weimar übersiedelte, um den Titan zu schreiben.

    Es ging nicht gut. Wie Jean Paul es anstellte und warum es schief laufen musste, wurde während der gerade abebbenden Feierlichkeiten um Jean Pauls 250. Geburtstag immer wieder in Schillers griffiger, süffiger Formulierung zusammengefasst, der Mann wirke wie „aus dem Mond gefallen“ — also nicht geradezu feindselig oder schädlich für den eingeschworenen Weimarer Musenhof, nur eben fremdartig wie eine Birne unter Äpfeln, in einer vollständig anderen Einheit gerechnet, immer wieder der Weltfremdheit bezichtigt: inkommensurabel.

    Genauer erklärt wurde das nie — nirgends, wo es mir aufgefallen wäre. Offenbar ist es auch ein weithin vernachlässigter Gegenstand in der Forschung um Jean Pauls Werden und Streben. Wirklich in die Tiefe ging erst so kürzlich, dass es als Teil der besagten Feierlichkeiten gelten muss, Jean Pauls als Enzyklopäde naher Geistesverwandter Ulrich Holbein.

    Schiller an Goethe, Jena den 28. Juni 1796,
    zitiert nach der revidierten Neuausgabe von Emil Staiger, Schluss:

    Chinesischer Turm in München, WikivoyageVon Hesperus habe ich Ihnen noch nichts geschrieben. Ich habe ihn ziemlich gefunden, wie ich ihn erwartete; fremd, wie einer der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht. Doch sprach ich ihn nur einmal und kann also noch wenig von ihm sagen.

    Sch.

    „Sprach ich“ den „Hesperus“: Schiller gebraucht hier den Romantitel, zu der Zeit in Weimar das größte Ding seit dem 1787er Werther-Fieber, als Synonym für Jean Paul selbst. Außer seinem Bonmot mit dem Monde wird noch gerne Goethe angeführt:

    Göthe an Schiller: Epigramm für den Musen-Almanach für das Jahr 1797:

    Hier ein kleiner Beitrag; ich habe nichts dagegen, wenn Sie ihn brauchen können, daß mein Name darunter stehe. Eigentlich hat eine arrogante Äußerung des Herrn Richter mich in diese Disposition gesetzt.

    Der Chinese in Rom.

    Einen Chinesen sah ich in Rom, die gesammten Gebäude,
         Alter und neuerer Zeit, schienen ihm lästig und schwer.
    Ach! so seufzt’ er, die Armen! ich hoffe, sie sollen begreifen
         Wie erst Säulchen von Holz tragen des Daches Gezelt,
    Daß an Latten und Pappen, und Schnitzwerk und bunter Vergoldung
         Sich des gebildeten Aug’s feinerer Sinn nur erfreut.
    Siehe, da glaubt’ ich, im Bilde, so manchen Schwärmer zu schauen,
         Der sein luftig Gespinnst mit der soliden Natur
    Ewigem Teppich vergleicht, den ächten, reinen Gesunden
         Krank nennt, daß ja nur er heiße, der Kranke, gesund.

    Formal nicht gerade Goethes renommierfähigstes Bravourstück, dabei ist die „arrogante Äußerung des Herrn Richter“ nicht einmal überliefert (worin ich mich allerdings berichtigen ließe: Die Kommentarfunktion ist geöffnet). Mehr fällt einem Normalleser kaum auf.

    Als gelegentlich außernormaler Leser stößt man unter Umständen in der 2002er Manesse-Ausgabe Der Komet auf das Nachwort vom soeben verstorbenen Ralph-Rainer Wuthenow (seine gedankliche Raffinesse war erhellend), um zu lernen, dass Goethe über seinem Alterswerk doch noch seinen inneren Frieden mit Jean Paul geschlossen hat:

    Ralph-Rainer Wuthenow, 16. September 2005, Toms Grinbergs, LU Preses centrsIn den „Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des Westöstlichen Divans“ erklärt Goethe, eine Bemerkung des Orientalisten J. von Hammer aufgreifend, der in Jean Pauls Schriften die Freiheit der Einbildungskraft und die Larve von Laune und Witz entdeckte, unter dem Stichwort „Vergleichung“, daß kein deutscher Schriftsteller sich der orientalischen Poesie so sehr angenähert habe wie Jean Paul. Das macht Goethe, der noch lange Zeit Mühe hatte, dem sonderbaren Erzähler gerecht zu werden, offenkundig nachdenklich. Er räumt ein, daß die Werke dieses Schriftstellers von verständigem, unterrichtetem, ja durchaus frommem Sinne zeugen; der begabte Geist blickt iin gleichsam orientalischer Weise in die Welt, stellt höchst seltsame Bezüge her und „verknüpft das Unverträgliche, jedoch dergestalt, daß ein geheimer ethischer Faden sich mitschlinge, wodurch das Ganze zu einer gewissen Einheit geleitet wird“. Goethe muß sich offenbar ein wenig Mühe geben, die Anregung v. Hammers aufzunehmen und weiterzuspinnen. Dann aber wird er genauer, indem er auf die historische Differenz hinweist, die weit mehr ist als nur ein zeitlicher Abstand, dergestalt nämlich, daß, wenn die orientalischen Dichter „in einer frischen, einfachen Region gewirkt, dieser Freund hingegen in einer ausgebildeten, überbildeten, verbildeten, vertrakten Welt leben und wirken, und eben daher sich anschicken muß die seltsamsten Elemente zu beherrschen“.

    Allerdings sind, wie Goethe wohl sieht, die materiellen und sozialen Verhältnisse derartig verschieden, daß eine Fülle scheinbar absurder Einzelheiten der gegenwärtigen „überbildeten Welt“ zum Material der spielerischen Verknüpfung werden kann, so daß nun ein dem Orientalen ähnlicher Geist durchaus berechtigt sein mag, „dieselbe Verfahrungs-Art auf einer völlig verschiedenen Unterlage walten zu lassen“.

    Noch mehr ist Goethe bereit, dem Widersacher zuzubilligen: Um in einer so späten Epoche geistreich zu sein, ist er veranlaßt, „auf einen, durch Kunst, Wissenschaft, Technik, Politik, Kriegs- und Friedensverkehr und Verderb so unendlich verclausulierten, zersplitterten Zustand“ auf vielfache Weise anzuspielen. Somit meint Goethe, die an Jean Paul bemerkte Orientalität hinreichend bestätigt und seine antiklassizistische Darstellungsweise gerechtfertigt zu haben. Da er überdies als Prosaautor freier und verwegener vorgehen kann, meint Goethe weiter, als der durch Reim, Rhythmus, Parallelismus und andere eng gebundene Poet, so kann er es sich auch leisten, das Geschmacklose nicht auszugrenzen, das Unschickliche vom Schicklichen nicht ständig säuberlich zu sondern. Dann weiß sich der Leser mit dem Gebotenen rasch anzufreunden — „alles ist erlaubt und willkommen“. Indem nun Jean Paul alles mit allem scheinbar willkürlich verknüpft, regellos abschweift, Einschübe wie Arabesken sich gestattet, Extrablätter einlegt, die Erzählung mutwillig unterbricht, Thema und Tonart überraschend wechselt, zeigt sich eine sozusagen orientalische Besonderheit, und Goethe nimmt Gelegenheit, frühere scharfe polemische Äußerungen glaubhaft zu korrigieren.

    So glaubhaft nahe jedenfalls, wie Goethe wahrscheinlich jemals einer Entschuldigung gekommen ist. Ein paar von einem Orientalisten angeregte höchst seltsame Bezüge, die das Unschickliche vom Schicklichen nicht ständig säuberlich sondern müssen, und schon bemerkt man an dem weiland Chinesen vom Mond immerhin Orientalität. Hauptsache, er hat sich aus Weimar ferngehalten.

    Nehmen wir einfach hin, dass die zweie sich nicht mochten. Dergleichen unterläuft in der Welt; ich zum Beispiel finde Dr. House ganz gut, werde zuweilen in Schwabing gesichtet, dafür mag ich weder HipHop noch Techno und habe deshalb weder Verehrer noch Fans. Man lernt damit zu leben. Warum sollten die Träger der Weimarer Klassik da auf einer so völlig verschiedenen Unterlage walten?

    Und dann fällt im Februar 2013 dieser Klappentext zum o.a. Ulrich Holbein aus dem Mond (gekürzt):

    Goethe und Jean Paul hätten kongeniale Brüder sein können, doch Goethe las Jean Paul nur mit Hirnkrämpfen und Ekel, fand ihn fremdartig, exotisch, pathologisch, nannte ihn „das personifizierte Alpdrücken der Zeit“, „Philister“ und in einem Spottgedicht „Chinesen in Rom“. Jean Paul sah es ähnlich und fand Goethe im Umgang trocken, gefühllos, verkrustet, bezeichnete ihn als „ästhetischen Gaukler von Weimar“ und unnahbaren „Eispalast“. Ulrich Holbein bietet hier ein unterhaltsames Doppelporträt: China vs. Rom, Weltgeist Jean Paul vs. Dichterfürst Goethe, Dschungel der Romantik vs. Marmorsarg Klassizismus, Naturgefühl vs. Gipsfigur. Bisherige Darstellungen der Relation Jean Paul & Goethe erschöpften sich lustlos in akademischer Aufbereitung und verwendeten bloß 30 Prozent der Quellen. Neue Forschungsresultate zu ewigen Fragen: Wer unterbietet wen? Kann dieses Zeitalter Jean Paul gerecht werden? Braucht die Welt noch Dichterfürsten?

    Fachliteratur:

    Wurde schon erwähnt, dass ich bald Geburtstag habe? Ich meine: an noch passenderer Stelle?

    Jean-Paul-Schaufenster in Deutschlands ältester Buchhandlung Korn & Berg, Hauptmarkt Nürnberg, März 2013

    Bilder: Chinesischer Turm in München nach dem Vorbild der Chinese Pagoda in Kew Gardens nach dem Vorbild der Glazed Pagoda in Peking;
    Ralph-Rainer Wuthenow, 24. Februar 1928 bis 3. April 2013: Toms Grinbergs, LU Preses centrs, Starptautsika konference 16. September 2005;
    Jean-Paul-Schaufenster in Deutschlands ältester noch bestehender Buchhandlung Korn & Berg, Hauptmarkt 9 in Nürnberg, März 2013. Seit 1531 ein guter, freundlicher, komptetenter Laden. Wenn es Sie mal nach Nürnberg verschlägt: Da kann man echt hin.

    Written by Wolf

    13. April 2013 at 00:01

    And Rilke says to this guy

    with 11 comments

    Update zu Schlachtens:

    ——— Franz Xaver Kappus: Sonett,
    cit. nach Meurer, s.u.:

    Durch mein Leben zittert ohne Klage
    Ohne Seufzer ein tiefdunkles Weh.
    Meiner Träume reiner Blütenschnee
    Ist die Weihe meiner stillsten Tage.

    Öfter aber kreuzt die große Frage
    Meinen Pfad. Ich werde klein und geh
    Kalt vorüber wie an einem See
    Dessen Flut ich nicht zu messen wage.

    Und dann sinkt ein Leid auf mich, so trübe
    Wie das Grau glanzarmer Sommernächte,
    die ein Stern durchflimmert — dann und wann

    Meine Hände tasten dann nach Liebe,
    weil ich gerne Laute beten möchte,
    die mein heißer Mund nicht finden kann.

    Die Titanic war schon immer die eine Zeitung, der ich jedes Wort glaube. Gelohnt hat sich mein Kinderglaube im März 2005, als Christian Meurer einen der gerade mal zwei Zeitungsartikel veröffentlichte, die ich als meine bedeutenden Einflüsse einstufe.

    Wie alles wahnsinnig Tolle war die Titanic „früher auch schon besser“, jedenfalls könnten sie sich manche Furz- und Pimmelwitzchen und vielerlei gewollt wirkende Häme sparen. Dafür findet sich in den meisten Ausgaben bis heute ein redaktionsintern so genannter „Boehlich“: ein besonders tief recherchierter Beitrag, der dann meistens das ganze Heft wert ist — benannt nach Walter Boehlich, der bis kurz vor seinem allerletzten Federstrich 2006 seinen Blödelheftchenkollegen Monat für Monat vormachte, wie’s geht. Die fulminantesten Stücke — finde ich — liefert seither Christian Meurer, dem allein für seine Themenfindungen jeder Journalistenpreis gehört.

    Sein Artikel über den jungen Dichter, an den Rainer Maria Rilke seine gleichnamigen Briefe schrieb, ist ein Parforceritt durch Literatur und Militärwesen des jungen 20. Jahrhhunderts in Deutschland und Österreich-Ungarn, und Hollywood, ein Weihnachtsgassenhauer und ein Happen Zeitgeschichte kommen auch vor. Für einen Weblog-Artikel braucht das einen vergleichsweise langen Atem, langatmig ist es nicht, versprochen.

    Der Text ist abgetippt, nicht eingescannt; ich bitte deshalb wie immer meine aufmerksamen Leser, mich auf Tippfehler aufmerksam zu machen, das prodest jedem et delectat alle.

    ——— Christian Meurer:

    Gesetz der Tiefe, Sauerkohl.
    Aus dem Leben von Franz Xaver Kappus, dem Mann, der Rilkes „junger Dichter“ war

    in: Titanic, März 2005, Seite 54 bis 62:

    Cover Titanic März 2005Dresdens „gläserne Manufaktur“, monströser Schneewittchensarg für die VW-Totgeburt Phaeton, sah ihre Transparenz unlängst zur Transzendenz erweitert: Im Schlepptau von weiland Lothar-Günther Buchheims bärbeißigem „Boots“-Kaleu Jürgen Prochnow enterte Nina Hoger samt zwei lyrischen Leichtmatrosen: „Sonnenallee“-Jüngling Robert Stadlober und dem drallen Jodel-Wunder „Zabine“ die Planken des dort seit der Hochwasserkatastrophe installierten Podiums, um zur Kaperfahrt durch Rilkes „Weltinnenraum“ aufzubrechen: „Zwischen Tag und Traum“, so der vor futuristischer Fertigungskulisse angepeilte Navigationskurs. Dieweil die Phaeton-Nachtschicht auf allen Etagen die Schweißfunken stieben ließ, setzten multimedial auf Stoffbahnen projizierte Rilkezitate an Hitler-, Bush- und Mao-Portraits dem „Rilke-Projekt“ die kontrasthellen Positionslaternen.

    Die Szene ertrank in Seichtigkeit bzw. Hintergrundgeplätscher des Komponisten-Duos Schönherz/Fleer. das den deutschen CD-Markt schon seit Jahren mit Promi-Breitseiten Rilke bestreicht. Insgesamt 25 Tourneestationen von Kiel bis München lief das trunkne Lyrik-Schiff an, regelmäßig ging Rilkes Silberfracht dabei in Ovationen unter; in denen verrauschte, daß bei den vier von VW gesponserten Schlingerfahrten auch ein blinder Passagier der Literaturgeschichte an Bord war: Franz Xaver Kappus, Adressat von Rilkes „Briefen an einen jungen Dichter“. Im miederartigen Knüllgewand erwies ihm Nina Hoger die Reverenz und rezitierte aus dem Schreiben vom 12. August 1904: Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas unbekanntes, unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.

    Cover Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, Insel-Bücherei Nr. 406Habent sua fata libelli: Während der kleine Insel-Pappband in Deutschland zumeist hinterm Glasschliff knarzender Bücherschranktüren verdämmert, hält sich seine Auflage im angelsächsischen Sprachraum konstant in Millionenhöhe. Lange vor der Dresdener Kitsch-Havarie hatte diese Popularität Odysseen in eigenartigste Zusammenhänge gezeitigt: So verschlägt es in der TV-Horror/Fantasy-Serie „The Beauty and the Beast“ die Staatsanwältin Catherine Chandler („Terminator“-Lady Linda Hamilton) in die Katakomben von New York, wo sie der monströse Löwenmensch und Rilkefreund Vincent (Ron Perlman) fortan beschützt und angelegentlich aus dem achten Brief an den jungen Dichter vom 12.8.1904 zitiert: Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will. Als Teilzeit-Nonne Lenoris zieht auch Whoopi Goldberg in „Sister Act II“ praktische Nutzanwendung aus den „Letters to a Young Poet“: Sie schenkt ein entsprechendes Paperback einer jungen Gospelsängerin, die mit sich hadert, ob sie professionell ins Show-Metier einsteigen soll oder das der Mama zuliebe bleiben läßt, wofür Rilke im ersten Brief diesen Rat hatte: Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt, prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem fragen Sie sich in der tiefsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben?

    Notorischster Rilke-Fan und „Junger-Dichter“-Enthusiast bleibt allerdings Dustin Hoffman. Schon bei der Verleihung der „Goldenen Kamera“ 2003 hatte er vor versammelter Mannschaft von Loriot bis Bild-Klatschtante Christiane Hoffmann zwei Zettel aus der Tasche gekramt, um aus dem dritten Brief vom 23. April 1903 vorzutragen: Kunstwerke sind von einer unendlichen Einsamkeit und mit nichts so wenig erreichbar als wie mit Kritik. Nur Liebe kann sie erfassen und halten und kann gerecht sein gegen sie. Hoffman vorab zu Journalisin Nina Rehfeld über die „letters“: „It’s my bible. Someone gave it to me when I started acting. I read it over and over again.“

    All diese Allotria hätte sich der k.u.k. Militärzögling Franz Xaver Kappus im Herbst 1902 schwerlich träumen lassen, als er auf Parkbänken der Militäranstalt in Wiener Neustadt zu Gedichten Rilkes mißmutig sein Pausenbrot zerkaute. Als ihm der aufsichtführende Geistliche dabei einmal die Lektüre abknöpfte, staunte der nicht schlecht: 15 Jahre zuvor hatte er den jungen René Rilke in der Militär-Unterrealschule St. Pölten ebenfalls unter seinem Traktament gehabt. Die Schicksalsparallele ermutigte Kappus, Rilke einen Brief zu schreiben, in dem er sich so rückhaltlos offenbarte, wie nie zuvor und niemals nachher einem zweiten Menschen. Selbstgefertigte Verse legte er zur Begutachtung bei.

    Im Februar 1903 erreichte den Kadetten dann ein dicker Umschlag aus Paris. In einer ausführlichen Replik riet Rilke zu apodiktischer Unbedingtheit: Jeder äußere Einfluß, jede Einflußnahme durch andere sei streng zu meiden, statt dessen vollständige Konzentration auf die Frage geboten, ob Schreiben eine unveräußerliche Existenznotwendigkeit sei. Der verdatterte Kappus antwortete postwendend, und so entspann sich über zwei Jahre ein kleiner Briefwechsel, in dem der unstet aus Rom, Worpswede, Viareggio und Borgeby/Schweden auf seinen angehenden Adepten einschwadronierende Rilke diesen in seraphischen Appellen beschwor, sich zu seiner Lebensproblematik eine neue Perspektive zuzulegen: Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Hinter diesen Fragen eröffne sich ein Weltgetriebe, das sich jeden Daseinszusammenhang unterordne, um so unaufhörlich sein innewohnendes Grundprinzip zu verdeutlichen: In einem Schöpfergedanken leben tausend vergessene Liebesnächte auf und erfüllen ihn mit Hoheit und Höhe. Und die in den Nächten zusammenkommen und verflochten sind in wiegender Wollust, tun eine ernste Arbeit und sammeln Süßigkeiten an. Tiefe und Kraft für das Leid irgendeines kommenden Dichters, der aufstehen wird, um unsägliche Wonnen zu sagen. Und rufen die Zukunft herbei, und wenn Sie auch irren und sich blindlings umfassen, die Zukunft kommt doch, ein neuer Mensch erhebt sich, und aus dem Grunde des Zufalls, der hier vollzogen scheint, erwacht das Gesetz, mit dem ein widerstandsfähiger, kräftiger Samen sich durchdrängt zu der Eizelle, die ihm offen entgegensieht. Lassen Sie sich nicht beirren durch Oberflächen, in der Tiefe wird alles Gesetz. Speziell als junger Dichter habe man sich diesem Totalzusammenhang schutzlos auszuliefern, für seine Anrufungen die Einsamkeit in sich groß werden zu lassen und die eigene Biographie zum schlackenlosen Ornament gelebten Kunstwillens zu präparieren.

    Vier Jahre später, um Neujahr 1909, erreichte den inzwischen auf einem Bergfort irgendwo in der kakanischen Levante diensttuenden Kappus ein letzter Brief. Rilkes Valet: Mit der Abgeschiedenheit seines Schützlings sei er sehr zufrieden, so sei er, Kappus, nicht in einen jener halbartistischen Berufe hineingeraten, die die Kunst praktisch leugnen, wie etwa der ganze Journalismus es tut und fast alle Kritik und dreiviertel dessen, was Literatur heißt. Er freue sich, daß Kappus die Gefahr, da hineinzugeraen, überstanden habe und irgendwo in einer rauhen Realität einsam und mutig sei.

    Die 1929, drei Jahre nach Rilkes Tod, von Kappus veröffentlichten Briefe avancierten in ihrer wunderlichen Klitterung von Andacht, Gedankenflucht und typisch rilkeschen Einsamkeitsräuschen alsbald zum probaten Seelentonikum für Heranwachsende in der späten Weimarer Republik; als eiserne Ration galten sie später auch unter inneren Emigranten in Nazijahren und Nachkriegszeit. Für den Herausgeber ein beachtlicher Erfolg; der bohrenden Frage, die schließlich C-Autorin und Nichtdichterin Rebecca Casati via „SZ“ zu stellen sich angelegen sein ließ, hat sich die Öffentlichkeit trotzdem bislang verweigert: „Was eigentlich wurde aus Franz Xaver Kappus, der sich den Rat vor 100 Jahren sehr zu Herzen genommen hat? Wer liest heute seine Bücher? Hat er überhaupt welche geschrieben?“

    Ein umfängliches Werk hat Kappus zwar hinterlassen; durch das Rilkescher Geist aber nur sehr lau weht. Schon im Vorwort zu den „Briefen“ deutet Kappus an, daß ihn das Leben auf Gebiete abtrieb, vor denen des Dichters warme zarte und rührende Sorge mich eben hatte bewahren wollen. So erhielt sich von seinem lyrischen Schaffen nur ein einziges „Sonett“ (siehe Kasten), das Rilke ihm eigenhändig abgeschrieben zurückschickte. Ansonsten trug Kappus am schweren Rucksack Rilkescher Ambitionsanregungen nicht sonderlich lange: Schon 1903, im Jahr des Briefwechsels, veröffentlichte er unter dem Titel „Im mohrengrauen Rock“ einen Sammelband „Militär-Humoresken“. (Das an Rilke abgegangene Belegexemplar verschlampte die italienische Post.)

    Vom Prinzip Kraut und Rüben, das hier, zwischen Jardin des Plantes und Kasernenhof, erstmals aufschien, ließ sich Kappus auch fortan leiten, wie ein „Im Spiegel“ überschriebenes Selbstportrait belegt, das die „Berliner Morgenpost“ im Erscheinungsjahr der „Briefe“ 1929 samt Autor vorstellte. Der Korrespondenz mit dem Großdichter tat der dort keinerlei Erwähnung, statt dessen erfuhr man, daß die Hauptursache seiner Drangsale auf der Milität-Akademie in Wiener Neustadt eine Chordame des Stadttheaters gewesen. Die Abschlußprüfung in den Fächern Geodäsie und Festungskrieg habe er dieser Passion wegen zwar versiebt, sich dafür aber nachhaltig der Poesie verpflichtet (Ihr verdankte der „Mürzzuschlager Bote“ mein tiefempfundenes Gedicht „An Maltschi“, das mit den Worten begann: „Oh du, die du…“). Auch seinem späteren Regiment wollte der nach Wien kommandierte Leutnant nicht zur Zierde gereicht haben: Regelmä0ig patzte die Wache unter seinem Kommando beim Aufmarsch an der Burg, zum Tee der Regimentskommandeuse fehlte er unentschuldigt. Dazu hatte ich zwei Hunde, eine Schreibmaschine, drei Verhältnisse und Schulden. Solcherart belastet, stand ich vor der Wahl, entweder die Kriegsschule zu versuchen oder zu heiraten, ich entschied mich für das zweite. Leider brannte mir meine Braut mit ihrem vorletzten Liebhaber durch und hinterließ mir nichts als einen Topf und die Partitur von „Lohengrin“. Ein Fiasko, das Kappus immerhin mit einer nützlichen Neurasthenie zurückließ, wertvollste Mitgift im militärischen Friedensleben: Meine gesteigerten „Patellarreflexe“, mein „Lidflattern“ und meine Reizbarkeit machten jahrelang die Regimentsärzte beider Reichshälften erbleichen.

    Von Intermezzi wie dem auf der Bergfestung bei Erhalt des letzten Briefs von Rilke abgesehen, lag der wg. Lidflatterns dispensierte Leutnant dem Donau-Doppeladler also nutzlos auf der Tasche. Seine Freizeit gehörte weiter literarischer Betätigung, teils weil mein Genius mich dazu drängte, teils um meine Vorgesetzten zu ärgern. So entstanden Gedichte, die niemand drucken wollte, und Militärhumoresken, die wie warme Semmeln abgingen. Kapitelweise in Angriff nahm er dazu den Polizeihund-Roman „Der Weg ins Tal“, den das k.-u.-k. Kriminal-Organ „Der Gendarm“ in Fortsetzungen druckte. Von Bergfestung und Bellestristik erlöste ihn ab 1909 ein Druckposten: Kriegsminister Auffenberg, der Freund der schönen Künste, protegierte ihn als Oberleutnant ins „literarische Bureau“ in der Wiener Stiftskaserne. Dort dichtete er Verse auf patriotische Ansichtskarten; verfaßte den Erlaß über die „Konservierung des Mündungsdeckels Muster 1909/10“ und kutschierte im übrigen seine Mizzis in Automobilen aus dem Fuhrpark seiner Dienststelle herum. Als es Auffenberg 1912 aus dem Ministerfauteuil hob, war es mit der Praterherrlichkeit vorbei: Kappus mußte den Regimentsärzten abermals sein verschlissenes Nervenkostüm präsentieren, um den alt-österreichischen Garnisons-Tran schwänzen zu können. Wasserdichte Atteste in der Tasche, tummelte er sich in der Zeit bis zum Weltkrieg dann in den Metropolen der Mittelmächte: Die folgenden Jahre wohnte ich teils im Café Dobner in Wien, teils im Berliner Café des Westens, nährte mich von Sketches, die ich für das Varieté schrieb, und fiel mit einer Komödie und einer neuen Heiratschance durch. Sein Auskommen dankte der Militär-Bohemien Kalender- und Postkartenverlagen, die er termingerecht mit patriotischen Stanzen versorgte, die der 1916 erschienene Gedichtband „Blut und Eisen“ dann versammelte.

    Plakat Der rote Reiter, 1935Im Oktober 1914 rückte Hauptmann Kappus, ein Bataillon hinter sich, vor das estnische Iwangorod, von wo ihn ein Lungenschuß in die Etappe zum k.u.k. Kriegspressequartier beförderte. Dort war er dabei, wie Weltgeschichte in amtlichen Kommuniqués abdestilliert wurde, und war es selbst, der die Feldherren in klirrenden Versen verherrlichte. Daß es zwei Erzherzöge gab, die beide Josef hießen, erleichterte mir die Aufgabe wesentlich. Im Pressequartier lernte ich auch eine Reihe bedeutender Männer kennen: Sven Hedin, Oskar Kokoschka, Franz Molnar, Ludwig Ganghofer und dergleichen. Dafür mußte ich die Bekanntschaft der Generale Böhm-Ermolli, Stöger-Steiner, Pflanzer-Baltin und anderer Doppelfeldherrn mit in Kauf nehmen. — Ich rächte mich, indem ich auf Vortragsreisen des Witzblattes „Die Muskete“ ihren Ruhm über Berge und Täler trug und noch an sie glauben machte, als alles schon verloren war. Um dieselbe Zeit schrieb ich, um meinen Ärger abzureagieren, den Roman „Die lebende Vierzehn“, in dem die ganze Welt unterging. Schauplatz für Österreich-Ungarns Zusammenbruch war für Kappus Belgrad. Persönliche Kriegsbeute: ein Fliegerpfeil, sechs Liter Sliwowitz und zwei Liebesbriefe in kyrillischer Schrift. Mit all dem entkam er nach Wien, wo er die satirische Wochenzeitung „Der Esel“ gründete, von deren Defizit mehrere Offiziere lebten. Die Gerichtsvollzieher umging er via Budapest, wo Bela Khuns Räte-Regiment ihm aber außer Sauerkohl und Hafergrütze nichts zu bieten hatte. Bis zur 23er Inflation überwinterte der gebürtige Rumäniendeutsche in seiner Heimat, dann siedelte er endgültig nach Berlin über. Zu seinen „Blut und Eisen“-Versen und den 1911 und 1914 unter den Titeln „Ha, welche Lust!“ und „Durch’s Monokel“ erschienenen Militärschwänken kam bald eine stattliche Reihe selbstproduzierter Schmöker auf Bücherbord: Sukzessive mutierte der einstige Weltuntergangsromancier und zeitweilige Witzblatt-Redakteur zum Routinier für Unterhaltungsreißer, größtenteils in Illustrierten und Zeitungen vorabgedruckter Romane wie „Der rote Reiter“, „Der Mann mit den zwei Seelen“, „Der Milliardencaesar“. „Das vertauschte Gesicht“, „Ball im Netz“, „Jacht ‚Estrella‘ verschollen!“, „Martina und der Tänzer“, „Eine Nacht vor vielen Jahren“, „Menschen vom Abseits“, „Die Tochter des Fliegers“, „Brautfahrt um Lena“, „Wettlauf ums Leben“, „Sie sind Viotta!“ oder „Die Verzauberung des Lothar Bruck“. Hinzu kamen Krimis wie „Was ist mit Quidam?“ und „Eine Jacht ist gesunken“ sowie das Südseeabenteuer „Flammende Schatten“: Saisonware für die Pressetrusts Scherl und Ullstein. Der „Rote Reiter“ kam im Februar 1935 sogar als „Tobis-Klangfilm“ heraus.

    Im übrigen hielt den Fließbandromancier Kappus sein Unterhaltungsgewerbe aus der Nazi-Zeit jedoch so weit heraus, daß ihm die liberale Friedrich-Naumann-Stiftung bis heute ein ehrendes Andenken bewahrt. Wie dort gelagerte Archivalien belegen, trafen sich am 16. Juni 1945 in Berlin auf Geheiß der Sowjetischen Militäradministration beim Schwiegersohn des ehemaligen Weimarer Reichsjustizministers Schiffer ein paar Herren, um die „Liberaldemokratische Partei Deutschlands“ (später DDR-Blockpartei) aus der Taufe zu heben: u.a. der frühere Reichsinnenminister Külz, der alte Reichswehrminister Noske (SPD) — und Franz Xaver Kappus, der sich unverzüglich in den Vorstand wählen ließ. Aber schon ein Vierteljahr später vermerkt das Sitzungsprotokoll des Dichters Ausscheiden aus dem Leitungsgremium „wegen seines Wechsels in die Redaktion der Ullstein-Zeitung“. Kappus schrieb noch einen Roman mit dem Titel „Flucht in die Liebe“, für ein endgültig auskömmliches Dasein aber sorgte eine Vorkriegs-Stippvisite in noch einem Genre: In Zusammenarbeit mit dem Komponisten Oskar Schima hatte er einst auch ein paar Schlagertexte fabriziert, wobei der einzige echte Evergreen Kappus‘ zustande gekommen war: „Mamatschi„. Die Tantiemen der millionenfach abgesetzten Schnulze vom kleinen Jungen und seinen heiß ersehnten Pferdchen versüßten Kappus zusammen mit den Einnahmen aus den „Briefen“ nicht nur den Lebensabend, sie sorgen auch für eine letzte alljährliche Ehrung: Kappus starb zwar 83jährig im Oktober 1966, seine langlebige Witwe blieb den führenden Männern der Berufsgenossenschaft der deutschen Schlagertexter in der Gema, des Deutschen Textdichterverbands, so eng verbunden, daß sie der Zunft die „Mamatschi“-Einnahmen vermachte; die gerade ausreichen, ein alljährliches Sommerfest auszurichten. Als kleine Huldigung ist dabei seit gut zwanzig Jahren Brauch, daß die Schlager-People zum Schluß den „Witwe-Kappus-Song“ anstimmen, ein auf die Melodie von „Mamatschi“ umgedichtetes Danklied. Der Refrain: „Wir danken der Witwe Kappus/ frohen Herzens, tief bewegt/ wir danken ihr für das Pferdchen/ das uns gold’ne Äpfel legt!“ stammt noch von Hans Bradtke, Autor von Klassikern wie „Pack die Badehose ein“, „Pigalle“ oder „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“.

    Ein nicht unbeträchtlicher Teil der verfeierten Tantiemen dürfte sich seit 1993 Steven Speilberg verdanken, der „Mamatschi“ in den Soundtrack von „Schindlers Liste“ aufnahm und am Drehort Prag sogar einen Eilkurier zum Berliner Vinylisten- und Schellack-Dorado „Platten-Pedro“ in Bewegung setzte, um die Originalpressung der Erstversion mit der Sängerin Mimi Thoma zu beschaffen. Im Film wird die Platte von einem SS-Mann aufgelegt, um sie über sämtliche Lautsprecher durchs Krakauer KZ schallen zu lassen. Mütter und Kinder des Lagers werden auf einem Platz zusammengetrieben, um mit Lastwagen angeblich „verlegt“ zu werden. Zunächst marschieren die Kinder heran, die fröhlich „Mamatschi“ mitsingen und auf die Ladeflächen klettern. Die Mütter hält man im letzten Moment zurück. Als die Lastwagen anfahren, scheppert zur einsetzenden Massenpanik weiterhin „Mamatschi“ aus den Lautsprechern, auch als die Kamera eines der Kinder verfolgt, das verzweifelt ein Versteck sucht: Unter Krematoriumsöfen, Dachsparren und Barackendielen ist schon besetzt, so daß der Junge endlich in eine randvoll mit Fäkalien gefüllte Latrine springt. Wie hatte Kappus doch am 4. Februar 1910 seinem Regimentskameraden, dem Buchgraphiker Rudolf Heßhaimer, ins Stammbuch geschrieben: Dem Leben nachspüren, seine tiefen Zusammenhänge nicht deuten wollen, sondern sie gestalten, so gut er’s vermag: das ist Ziel und Schicksal des Künstlers.

    Bilder: Heftcover via Titanic;
    Buchcover via Bookstation;
    Donauschwaben Banat Biographies: William Totok: From Expressionism to Entertainment, 14. November 2006;
    Film: Heintje – Ein Herz geht auf Reisen, 1969.

    Written by Wolf

    1. April 2013 at 00:01

    Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein

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    ——— Heinrich von Kleist: Ueber die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden, ca. 1806
    (und so nahe dran, wie ein klassischer Aufsatz dem Rock ’n‘ Roll kommen kann!):

    Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen neben einander fort, und die Gemüthsacten für Eins und das Andere congruiren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes Rad an seiner Axe.

    Etwas ganz Anderes ist es, wenn der Geist schon, vor aller Rede, mit dem Gedanken fertig ist.

    Neu in den Höllenfahrten der Linkrolle: Kleist Digital. Briefe und Chronik, vorerst Beta-Version und Work in Progress. Bis zur Fertigstellung gilt weiterhin das Kleist-Archiv Sembdner samt der Baustelle seiner selbst. Mit dem Phöbus hat Vergleichbares aber auch schon funktioniert, es ist also alles nur typisch Kleist.

    BIld: Evelin Grunemann: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden, 1998,
    sinnigerweise scharfgephotoshoppt.

    Written by Wolf

    11. Januar 2013 at 07:34

    Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

    Durchaus studiert

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    Am zwölften Weihnachtstag, der letzten der zwölf Rau- Inner-, Unter- oder Glöcklnächte, soll uns die Zeit sein, die Gewinner des Weihnachtsgewinnspiels zu würdigen.

    Notorische Siegertypen und Weihnachtsverächter mögen der zynischen Meinung aufsitzen, in einem Weblog mit kaum jemals mehr als 20 Aufrufen pro Tag sei ein Gewinnspiel „verlorene Liebesmüh“ (Shakespeare, London-based comedy actor and playwright with a cashflow problem); sie mögen sich dahin korrigieren lassen, dass somit satte 10 % dieser Leser von Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt dem Aufruf zur Teilnachme gefolgt sind. Wiederum 100 % von diesen haben gewonnen. Auf eine Response-Rate von 10 % soll ein notorischer Siegertyp erst mal kommen.

    Teilgenommen haben Christina Katharina Barbara Bockmühl und die Hochhaushex; erstere mit einem weihnachtlichen Beitrag, welcher dem Zeitpunkt gerecht wurde; letztere mit einem faustischen Beitrag, welcher dem Briefing gerecht wurde. Gewonnen haben alle: Frau Bockmühl ein antiquarisches Exemplar Ahabs Frau im Hardcover, die Hexe wie ausgelobt ein noch viel antiquarischeres Exemplar Des Knaben Wunderhorn von Artemis & Winkler, und sie haben sich recht zufrieden darüber geäußert.

    Das hätten Sie auf Ihrem steinigen Weg zum notorischen Siegertypen („Win or die trying.“ — Adam Smith, unbestätigt) auch haben können. Es folgen die besonders behutsam lektorierten Siegerbeiträge in der Reihenfolge ihrer Einsendung:

    ——— Christina Katharina Barbara Bockmühl: Drei dunkle Gestalten:

    Der Engel an der Pforte steht
    Verschreckt und ganz verzagt
    Ein Flügelschlag des Herzens weht
    Er wartet – dass es tagt.

    Robin Ator, TV Girls, 31. August 2010Ein Stern, der leuchtet hell und klar
    Dem folgen drei dunkle Gestalten
    Sie tragen einen schweren Sack
    Und können ihn kaum halten.

    Der Erste ist ganz dünn und zerbrechlich
    Ja – er ist unsre Zuversicht.
    Und denken wir, er ist bestechlich
    So wirft er Falten im Gesicht.

    Der Zweite in uns Hoffnung sät.
    Auf die pass immer gut auf!
    Wer sie verloren, für den ist’s zu spät
    Geht auch das Leben seinen Lauf.

    Der Dritte – der trägt der Narben viele
    Am ganzen Körper sind sie zu sehn
    Er ist die Liebe – der so geschunden
    Wir oft den Rücken zudrehn.

    So trifft der erste Sonnenstrahl
    Der Engel hat’s gesehn
    Die Menschen auf dem Erdenball
    Der Sack geht auf – so ist’s geschehn.

    Die Zuversicht – die bläst der Wind
    Die Hoffnung – ja die trägt der Wind
    Die Liebe – die beschützt den Wind
    Wir erwarten es – das Wunderkind.

    ~~~\~~~~~~~/~~~

    ——— Hochhaushex: Törin. Vor dem Tore:

    Herz und Gesicht zum, Quatsch, zur Faust geballt,
    streif still ich durch den Winterwald.
    Das Herz hellt auf, das Antlitz auch,
    auf Lippen Reif, im Kopfe Rauch
    und Nebel auf die Haut gemalt
    von faustischer Naturgewalt.

    Zwei Seelen wohnen mir ich weiß nicht wo –
    lern in der Waldluft doch erst fühl’n und denken –,
    Arschkälte zwickt in Knie und Bauch und Po
    und will mich zur Erleuchtung aufwärts lenken:

    Ach ja, sie wohnen, ach! in meiner Brust:
    die eine Leid, die andre Lust,
    die eine Freud, die andre Frust,
    die eine hat gewollt, die andre mehr gemusst,
    und oft hat eine von der andern nichts gewusst.

    Im Schnee ward mir der Fuß zu Eis.
    Er bräucht‘ Gedanken, wild und heiß.

    Nun, nicht grad an den tumben Knaben,
    der wie der Faust aufs Auge kracht
    und unterwegs mich schamlos angegraben.
    Arm und Geleit? – das wär gelacht,

    mit klammernden Organen nicht der Seele nur
    wollt‘ der die Welt nicht, wollt‘ nur mich zur Nacht,
    zur Kammer wollt‘ der gradwegs, na, da bleib ich stur,
    Das hätt‘ der Typ sich so gedacht!

    Nasty April Aprelnutaya, Anechka, 8. Juli 2011Sei eine da Fräulein oder schön,
    ohne solchen kann jede nach Hause gehn.

    „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“–
    fragt‘ ich – teufelgeritten – zu ihm hin.
    Da sprang er wie vor Luzifer davon.
    Na, geht doch! Aus den Augen, aus dem Sinn.

    — Gedanken hüpfen um mich durchs Geäst
    und schlagen Purzelbäume.
    Ob einer davon sich wohl fangen lässt,
    der taugt für Mädchenträume?

    Da kannst du studieren, was du willst,
    durchaus mit heißem Bemühen,
    doch bringt von dem ganzen klugen Mist
    kaum was kalte Füße zum Glühen.

    Da steh ich nun in Eis und Schnee
    und bin so töricht wie eh und je.
    Bin eine Leinwand, weiß und leer,
    kein Bild voll Wärme um mich her …

    Doch! Eine wüsst‘ ich und könnt‘ sie nennen,
    die würd‘ schier vom Herzen abwärts brennen.
    Doch dazu pflegte Einsamsein
    man praktikabel gern zu zwein.

    Und wenn einer ahnt, wie ich fühle mit Fleiß,
    und, ach! meine Seele(n) versteht,
    so schweig er fein still, dass es sonst keiner weiß,
    und sei Flamme, die um mich weht.

    Zum Augenblicke werd‘ ich sagen:
    Verweile doch, du bist so schön!
    – Und ‚vor wir noch mehr Unfug weheklagen:
    Faustisch genug? Wir werden sehn.

    Dankeschön fürs Mitmachen an alle hundert Prozent!

    Weder Fräulein, weder schön, nur ungeleitet: Robin Ator: TV Girls 31. August 2010;
    Nasty April Aprelnutaya: Anechka, 8. Juli 2011;
    Carolin „Pippi Pumuckl“ Gutt: Eww, Sausage! (Bock auf Wurst), 3. Mai 2012.

    Carolin Pippi Pumuckl Gutt, Eww, Sausage. Bock auf Wurst, 3. Mai 2012

    Written by Wolf

    5. Januar 2013 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

    Dreidreiviertel Arbeitstage oder Die CDs wechseln muss man schon

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    Hörbuch Christoph Martin Wieland, Aristipp und einige seiner Zeitgenossen, Vollständige Lesung von Herausgeber Jan Philipp Reemtsma auf 24 CDs mit Begleitbuch, Hoffmann und Campe 2007, Exemplar der Stadtbibliothek München

    Normalerweise ist es ein Graus, wenn angesichts neuer Klassikerausgaben, am schlimmsten im Vorfeld und Gefolge von Gedenktagen, betont wird, wie hochaktuell ein Klassiker doch noch sei und was er uns Heutigen noch zu sagen habe: Anpreisungen und Komplimente, in denen „noch“ vorkommt, sind Warnungen und Herabsetzungen.

    Als Insel-Taschenbuch führt der Aristipp eher ein Backlist-Dasein um der Vollständigkeit willen, bei der Bibliothek Deutscher Klassiker können ihn sich sowieso nur gutsituierte Universitätsbibliotheken leisten, also niemand. Wurde das schon mal in Leder verkauft?

    Als Hörbuch, das Hoffmann und Campe als Audiobook ausgeweist, ist es der Idealfall von einem Hörbuch (außer, dass es als „Audiobook“ ausgewiesen wird): Der Herausgeber hat es auch gleich eingesprochen, obwohl er kein ausgebildeter Sprecher ist — sondern Jan Philipp Reemtsma, der aus Hamburg kommt, wo die Leute von Geburt an so reden, wie man es sich für Hörbücher wünscht. Falls daran Zweifel aufkommen, hat er in dem ungewöhnlich informativen, kenntnisreichen und schmuck aufgemachten Beibuch seitenlang erklärt, warum manche Wörter so und nicht anders, als er es tut, ausgesprochen werden müssen; denn für Schreibweise und Betonung altgriechischer Transkriptionen sind zwischen anno 1800 bis 2007 kaum Selbstverständlichkeiten übrig geblieben.

    Zusätzlich ist der Herausgeber auch der Kommentator: Der Artikel über den Aristipp, den Reemtsma 1996 für Interpretationen. Romane des 17. und 18. Jahrhunderts bei Reclam geschrieben hat, ist für dasselbe Beibuch überarbeitet und wiederveröffentlicht. Und sehr hilfreich.

    Endlich bekommt man einfach mal das, was draufsteht: ein Buch vollständig vorgelesen und erklärt — und eben keine Hörspielbearbeitung, die nie den Ruch einer Pumuckl-Episode verlieren wird, und keine gekürzte, bestenfalls sogar autorisierte Lesung; autorisiert von wem auch? Von Wieland vielleicht? Entweder ist dieses Hörbuch ein Monument seines Mediums oder eine unerschöpfliche Einschlafhilfe.

    Natürlich ist sowas vergriffen. Anfang November hab ich in Amazon.de nachgeschaut, da kostete die Box, die es 2007 im Buchhandel original für 99,95 Euro gab, gebraucht 538 — in Worten: fünfhundertachtunddreißig — Euro und ein paar zerquetschte Cents. Genau 1 Exemplar, das eine Woche später verschwunden war. Das wird also von geschäftsfähigen Menschen für ein halbes Monatsgehalt gekauft.

    Bei mir ist zur Zeit das Exemplar der Münchner Stadtbibliothek für ein paar Wochen eingezogen. Muss man Medien der Stadtbibliothek eigentlich um jeden Preis ersetzen, wenn sie, mal ganz hypothetisch dahingedacht, mirum in modum verloren gehen? Die Wölfin meint ungestützt: Wär ja noch schöner.

    Wieland ist mit seinem Aristipp nicht mehr fertig geworden, da fehlt das fünfte Buch. Das kommt, weil er nach eigenem Bekunden fünfzig Jahre gebraucht hatte, um ihn überhaupt anzufangen. Bei so einer Verzögerung kann einer schon mal über den ersten vier Büchern sterben. In denen geht es darum, dass Philosophie eine eigentlich wertlose Disziplin ist, die von allen anderen Disziplinen mühelos ersetzt wird.

    Das wiederum kommt daher, dass Wieland weder der schwärmerischen Romantik angehört, die gleich Novalis Zahlen und Figuren verunglimpft, noch im eigentlichen Sinne der Klassik. Sondern der Aufklärung — als Philosophie noch kein eingeführtes Studienfach war. Philosophie war ab der griechischen Antike eine Denkweise innerhalb der Naturwissenschaften und ab dem Mittelalter ein Weg zum Beweis der Existenz Gottes. Ab den weltzugewandten Ansichten des Idealismus war sie unnötig.

    Die Wölfin meint: „Ist doch gut? Wie topaktuell geht’s denn noch?“

    Ich meine: „Richtig. Genau das hab ich gemeint.“

    „Und auf welcher von den 24 CDs kommt das jetzt genau vor?“

    „Und das … meine ich auch.“

    „Hey, wir reden hier von geschlagenen dreißig Stunden Wortschwall, ohne Musik, ohne Bilder und ohne Pinkelpause.“

    „Naja, die CDs wechseln muss man schon …“

    „Dreißig Stunden, mein Bester! Das sind dreidreiviertel Arbeitstage! Weißt du, was man in dieser Zeit alles erledigen kann?“

    „Und das hat Wieland gemeint.“

    Bild: Hörbuch Christoph Martin Wieland: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen. Vollständige Lesung von Herausgeber Jan Philipp Reemtsma auf 24 CDs mit Begleitbuch, Hoffmann und Campe 2007, Exemplar der Stadtbibliothek München, Zustand November 2012.

    Written by Wolf

    19. November 2012 at 06:54

    Veröffentlicht in Aufklärung, Weisheit & Sophisterei

    Der Mensch ist ein einfaches Wesen. Und wie reich, mannigfaltig und unergründlich er auch sein mag, so ist doch der Kreis seiner Zustände bald durchlaufen.

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    ——— Friedrich Hebbel: Brief an Elise Lensing, München, 13. September 1837:

    Eckermann erscheint mir keineswegs als ein irgend bedeutender Mensch, denn in diesem Fall hätten ihm in seinem Alter viele bedeutende Dinge, die ihm von Goethe überliefert wurden, unmöglich neu sein können.

    Armer Eckermann. Gerade 220 geworden und noch nicht mal das Goethezeitportal hat’s gemerkt. Typisch eigentlich, man hätte von Eckermann nichts anderes erwartet. Alles Gute, Herr Doktor — danke für Bescheidenheit und vermittelnde Lebensleistung.

    Am 3. Dezember 1854 starb Eckermann krank und vereinsamt in Weimar. Er hinterließ eine Wohnung voll von halbzahmen einheimischen Tieren, denn er hatte sich seit je, so weit möglich, mit der Pflege und Beobachtung besonders von Vögeln beschäftigt. Auf diesem Gebiet hatte er sich großes Wissen erworben (bestätigten ihn besuchende Fachleute), allerdings nichts publiziert.

    Es wird später. Christina Dichterliebchen muss sich noch die Füße malen.

    ——— Johann Peter Eckermann: Einleitung, 1836:

    So wohnte ich denn bey meinem Freunde und zeichnete nach Rambergischen Originalen. Ich machte Fortschritte, denn die Blätter die er mir gab wurden immer bedeutender. Die ganze Anatomie des menschlichen Körpers zeichnete ich durch, und ward nicht müde die schwierigen Hände und Füße immer zu wiederholen. Es vergingen einige glückliche Monate.

    Written by Wolf

    5. Oktober 2012 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

    Mein Lied ertönt der unbekannten Menge

    with 14 comments

    Was mich verwundert, ist die Verwunderung der Journalisten — darüber, was einen jungen Menschen dazu treiben mag, den Faust auswendig zu lernen. Der Tragödie ersten Theil wohlgemerkt, dafür alle Rollen. Gut, es war nicht im Feuilleton, sondern im München-Teil, da ging es ihnen wohl eher um den Event als um die Leistung, die jeder Schauspielschüler draufhaben muss.

    Was mich freut, ist die Freude des jungen Menschen. An seinen zwei Kästen Bier.

    ——— Katrin Kuntz: Wie der Faust aufs Auge. Goethe-Lesung in der U-Bahn München, in: Süddeutsche Zeitung, 14. September 2012:

    Leonhard Schülen by Stefan Rumpf für Katrin Kuntz, Wie der Faust aufs Auge. Goethe-Lesung in der U-Bahn München, Süddeutsche Zeitung 14. September 2012Am Samstag um 10.34 Uhr wird ein junger Mann in die Münchner U-Bahn steigen und dort Goethes Faust rezitieren — ohne Buch. Sein Lohn: zwei Kästen Bier. Im SZ-Gespräch erzählt Leonhard Schülen, wie er 4164 Verse auswendig gelernt hat, warum er gerne altklug ist und wie sich Goethe im Alltag einsetzen lässt.

    Er will Physik studieren und später noch Philosophie. Der Abiturient Leonhard Schülen, 20, aus Obersendling hat den ersten Teil von Goethes „Faust“ auswendig gelernt: 4164 Verse, in einem Reclamheftchen sind das 135 Seiten. An diesem Samstag steigt er in Thalkirchen um 10.34 Uhr in die Linie U 3 in Richtung Olympia-Einkaufszentrum, um das Werk vorzutragen.

    SZ: Sie hören nicht die folgenden Gesänge, die Seelen, denen ich die ersten sang…

    Leonhard Schülen: … zerstoben ist das freundliche Gedränge, verklungen ach, der erste Wiederklang. Mein Lied ertönt der unbekannten Menge, ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang, und was sich sonst an meinem Lied erfreuet, wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

    Respekt. Stichprobe bestanden.

    Danke. Das war die dritte Strophe der vier Stanzen aus „Zueignung“. Nicht unbedingt die schwierigste Stelle.

    Wie lange hat es gedauert, den ganzen „Faust“ auswendig zu lernen?

    Sehr lange. Ich habe vor einem halben Jahr angefangen. Die letzten zwei Monate waren sehr intensiv. Vor einer Woche habe ich mit dem Wiederholen begonnen. Das mache ich so zehn bis zwölf Stunden am Tag.

    Oh. Und so haben Sie sich alles gemerkt?

    Naja, da alles in Reimform geschrieben ist, fällt es gar nicht so schwer. Ich lese eine Szene mehrmals durch, dann lese ich nur die Seite und dann lerne ich eben Zeile für Zeile auswendig. Es hilft übrigens sehr, wenn man beim Auswendiglernen spazieren geht. Ich war bis Juni drei Monate auf dem Jakobsweg unterwegs, da hatte ich genug Zeit.

    Wie kommt man überhaupt auf die Idee, den „Faust“ auswendig zu lernen?

    Er ist mein Lieblingswerk, ich habe ihn bestimmt sieben oder acht Mal gelesen. Und dann bin ich eine Wette eingegangen…

    Die da lautet?

    Ich habe ja manchmal eine leicht altkluge Art, das gehört wohl zu meinem Charakter. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, lasse ich ziemlich oft Faust-Zitate fallen. Ein Spezl war irgendwann ein bisschen genervt davon und hat mich herausgefordert. Er meinte, ich könne ohnehin nur mit Fragmenten um mich werfen und werde es nicht schaffen, das ganze Werk auswendig zu lernen.

    An diesem Samstag wollen Sie das Gegenteil beweisen. Was passiert, wenn Sie scheitern?

    Wir werden bestimmt vier Stunden im ganzen U-Bahn-Netz unterwegs sein. Mein Freund ist dabei und kontrolliert mich anhand der Reclamausgabe — das wird eine Herausforderung. Aber ich werde die Wette natürlich nicht verlieren. Immerhin geht es um zwei Kästen Bier.

    Welche Zitate waren das, mit denen Sie die Wette provoziert haben?

    Viele! Das Schöne ist ja, dass der „Faust“ unerschöpflich ist. Es gibt Zitate für alle Lebenslagen. Der Klassiker ist natürlich: „Nun steh ich da ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor“. Das habe ich zum Beispiel nach dem Abitur gesagt. „Ich bin der Geist, der stets verneint“, sage ich, wenn ich mit Freunden diskutiere und nicht ihrer Meinung bin. Oder meine Antwort auf ein erstauntes „Ach, echt?“: „Allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewusst.“

    Stört es Sie eigentlich, wenn Sie jemand altklug nennt?

    Überhaupt nicht. Stimmt ja durchaus.

    Was mögen Sie am „Faust“?

    Seine unglaubliche Sprachgewalt. Viele sagen, Deutsch sei eine hässliche, harte Sprache. Das stimmt nicht. Goethes Sprache ist wunderschön. „Selig“ zum Beispiel! Sprechen Sie sich das mal vor! Und: Der „Faust“ enthält alle Themen, die im Leben wichtig sind. Wonach sollen wir streben? Woran sollen wir glauben? Was ist Liebe? Was ist das Böse? Warum leiden wir gerne?

    Glauben Sie, dass man leiden muss, um etwas zu erreichen?

    Ich habe beim Auswendiglernen sehr gelitten! Aber es ist doch immer so: Je härter man sich etwas erkämpft, desto intensiver freut man sich über den Erfolg.

    Wahrscheinlich gibt es auch dafür ein „Faust“-Zitat?

    Oh ja. „Freud muss Leid und Leid muss Freude haben.“

    „Zwar weiß ich viel, doch möcht ich alles wissen“: Offenbar geht bei den Lokaljournalisten das Gedächtnis dafür verloren, was in Wetten, dass…? einst gewettet wurde. Es muss noch unter Frank Elstner gewesen sein, da konnte ein damals junger Mensch den Faust auswendig, was er bewies, indem er vorgegebene Verse mit dem Folgevers parierte. Er konnte beide Theile.

    Ob er gewonnen hat, weiß ich auch nicht mehr, aber wenn, dann bestimmt keine Getränkeeinheiten. Sein unabsichtlicher Nachfolger Leonhard Schülen hat sich am 15. September bis gegen 14.00 Uhr offenbar wacker geschlagen, jedenfalls weiß man nichts Gegenteiliges. Die Biersorte steht leider auch nicht im Bericht von Tobias Dorfer: Goethe im Untergrund. Mitten in München, Stadtviertel-Teil, in: Süddeutsche Zeitung, 17. September 2012, Seite R7:

    LS in Wochenanzeiger München, Leonhard Schülen rezitiert Goethes Werk in der U-Bahn, 10. September 2012Der letzte Wagen der U 3 ist ungewöhnlich voll an diesem Samstagvormittag. Viele junge Menschen sitzen in der Bahn, sie lesen in gelben Reclam-Heftchen, trinken Ginger Ale und lauschen einem jungen Mann: Leonhard Schülen, 20 Jahre alt, hat Goethes Faust auswendig gelernt, den ersten Teil zumindest, aber selbst das sind schon 4164 Verse. Sieben oder acht Mal hat der Abiturient den Klassiker gelesen, das macht das Auswendiglernen schon leichter. Zeile für Zeile, Seite für Seite: Es war Schwerarbeit.

    Nun trägt er das Gelernte in einem öffentlichen Event vor. Das SZ-Interview, in dem Leonhard Schülen sein Vorhaben ankündigte, hat sich im Internet rasant verbreitet. Innerhalb weniger Stunden wurde der Artikel 600 Mal über Twitter und Facebook geteilt. Ein Besucher hat sich den Text sogar mit Klebeband am Jackett befestigt. Am Olympiazentrum steigt ein älterer Herr in die U 3 ein. „Faust?“, fragt er. Allgemeines Nicken. „Den hab ich gesucht“, sagt er zufrieden, holt sein Smartphone aus der Tasche und will weitere Besucher rekrutieren.

    Am Olympia-Einkaufszentrum steigen Schülen und etwa 50 Zuhörer aus. Doch es geht weiter im Text, weiter zum anderen Bahnsteig. Dann in die U 1 bis zur Fraunhoferstraße, von dort in die U 2 bis zur Messestadt. Wer an diesem Vormittag das ganze Drama hören möchte, braucht Sitzfleisch und Durchhaltevermögen. Es ist stickig und heiß im Wagen, aber das stört hier keinen.

    Leonhard Schülen trägt den Faust aber nicht nur vor. Er rezitiert. Manchmal singt er sogar. „Christ ist erstanden„, hallt es dann klar durch die U-Bahn oder „Geh aus mein Herz und suche Freud„. Seine Freunde schauen kritisch in ihre Reclam-Heftchen, ältere Beobachter schenken ihm bewundernde Blicke. Ein paar Mal rezitiert das Publikum eingängige Stellen aus dem Text gemeinsam, dann wird der Goethe-Tross zum Chor. Schöner kann U-Bahn-Fahren fast nicht mehr sein.

    Das Heldenhafte an Leonhards Leistung war ja eigentlich der Event-Charakter seiner Rezitation, mit der er offensichtlich Schüler mit Reclam-Heften in ihrer Freizeit in den öffentlichen Raum hineinmotiviert hat. Seinerzeit bei Wetten, dass…? wurde doch eher rezeptiv auf dem Sofa gesessen.

    Nächstes Jahr den zweiten Theil, wie wär’s? Und zwar eine Woche später, am ersten Wiesn-Wochende. Dann gewinnt das gleich ein ganz anderes Gewicht, was es hinterher für ein Bier gegeben hat.

    Michaela Kakuk, Vier Stunden Faust in der U-Bahn, Merkur 16. September 2012

    Bilder: Stefan Rumpf für Süddeutsche Zeitung, 14. September 2012;
    LS für Wochenanzeiger München, schon vor der Süddeutschen am 10. September 2012;
    Michaela Kakuk: Vier Stunden „Faust“ in der U-Bahn, in: Merkur, 16. September 2012.

    Written by Wolf

    27. September 2012 at 06:28

    Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

    Gateway Drug

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    ——— David McElory of Philosophy News: Facebook, May 10th, 2012:

    Parents, remember that thinking for themselves is a gateway drug to get your kids hooked on hardcore thinking such as philosophy. Make sure they never even doubt what they’re told and they’ll live happier lives, saved from the burden of thinking or deciding what’s right and wrong. If you don’t talk to them about thinking to stop it now, who will?

    David McElroy, Teenager Philosophy

    Image: David McElroy, May 10th, 2012.

    Written by Wolf

    9. September 2012 at 00:01

    Der Mensch ist gut: Sein Geist strebt nach der Wahrheit!

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    Zur Einstimmung in einen jungen Weblog muten wir uns die 106 Minuten Faust — eine deutsche Volkssage von 1926 zu.

    Für diese Zeit war das eine außerordentliche Filmdauer. Als Vergleich sind uns Heutigen amerikanische Komödien von Charlie Chaplin oder Buster Keaton geläufig, die meisten in Sketchlänge.

    Friedrich Wilhelm Murnau unterschrieb schon auf seiner ersten Amerikareise einen Arbeitsvertrag mit dem Filmproduzenten William Fox. Bevor Murnau endgültig nach Kalifornien auswanderte, drehte er als letzten Film in Deutschland den Faust.

    Murnaus Vermächtnis in und für Deutschland ist angefüllt mit einer Ausstattung und technischen Finessen, die in ganz erstaunlicher Weise state of the art gewesen sein müssen. Die Kulissen erreichen nur aus dramaturgischen Gründen nicht die Opulenz wie die in Fritz Langs Nibelungen (1924) oder Metropolis (1927), weil sie (ähnlich wie in seinem eigenen Nosferatu) durch eine ungefähre mittelalterliche Glaubwürdigkeit wirken müssen — dafür arbeitete Murnau mit Doppelbelichtungen. Bis vor wenigen Jahren, seit praktisch alle Großproduktionen wie eine Art animierte Excel-Tortengraphik gebaut werden („cgi-ed“), war das die Methode der Wahl, um Geisterwelten darzustellen.

    Murnaus größtes Kapital für den Film war vermutlich Emil Jannings als Mephistopheles. Jannings muss zu seiner Zeit in Deutschland das gewesen sein, was heute Brad Pitt für alle und Rudolph Valentino für Amerika war. Damals durften Filmstars der Oberklasse dick und hässlich sein, und Drehbücher für Blockbuster durften in Untergang und Verderbnis enden — heute ein Privileg für Charakterchargen und Independent-Produktionen mit no budget.

    Wie der volle Filmtitel sagt, orientiert sich Murnau weit mehr am originalen Volksbuch Historia von Doktor Johann Fausten – dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler von 1587 als an den durchgesetzten Bearbeitungen von Christopher „Kid“ Marlowe und — viel später — Goethe.

    Wer diesen Film heute noch kennt, kann nicht weit unter 40 sein. Und dann kennt er ihn vermutlich aus der ZDF-Matinee, die einst von Gymnasiasten nach der Sendung mit der Maus geguckt wurde; in der Heavy Rotation der Fernsehwiederholungen findet er sich nicht, im Kino allenfalls in den wenigen Filmmuseen und Specials von Programmhäusern, Saal 7, der vorher der Kartoffelkeller war, gerne mit Live-Piano. Fritz Murnau und Emil Jannings bekommen die Specials, der Hauptdarsteller Gösta Ekman mit seiner beeindruckenden Wandlungsfähigkeit vom rauschebärtigen Gelehrten zum jugendlichen Liebhaber (nicht umgekehrt) ist weitgehend vergessen. Auf Chaplin- und Maus-Fans wirkt sich dieser Teil des frühen Filmschaffens enorm bildend aus.

    Ich dachte jahrelang, „Wunderbar sind alle Dinge des Himmels und der Erde! Doch der Wunder Grösstes ist die Freiheit des Menschen: Zu wählen zwischen Gut und Böse!“ in Minute 2:51 sei aus dem Faust von Goethe.

    Amerikanisches Filmplakat F.W. Murnau, Faust -- eine deutsche Volkssage via Cinemalane

    Amerikanisches Filmplakat via Zoë Walker: The Big Parade, 19. Januar 2010.

    Die besten Saufbrüder sind gestorben

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    Cover Das Wirtshaus an der LahnAus dem im Überfluss bekannten Strophenmaterial habe ich aus dem Reiselied eine Version zurechtgebogen, die geographisch Sinn ergibt. Für den Vortrag vor einem Publikum mit eher peripherem ethnologischem und archäologischem Interesse, mit dem man sich weder zur Lach- noch Schnarchnummer macht, ich denke da klassischerweise an Lagerfeuer, empfehlen sich die Strophen 1 bis 5, anschließend erst wieder 21 bis 24; neun Strophen reichen vollauf. Lasst im Zweifelsfall lieber noch 21 und 24 weg und stiftet die Leute im Refrain zum Mitgrölen an, dann beschwert sich niemand. Das gibt einen aufmüpfigen, schön antiquierten Text auf eine unentrinnbar schmissige Melodie, mit dem man bei den Mädels punkten kann. Bei den richtigen jedenfalls. Das war ein Tipp, Jungs.

    Hier ist die Gelegenheit, die Abhandlung von Theo und Sunhilt Mang einzufügen, Herausgeber des Liederquell, seit 2007 das Volksliederbuch für Leute, die wissen wollen, was sie da singen:

    Unter dem Titel Handwerksburschen-Erfahrung steht dieses Lied 1894 im Deutschen Liederhort von Erk-Böhme. 1855 steht es schon in der Liedersammlung von Oskar Schade Volkslieder aus Thüringen, sowie im 2. Teil der Fränkische Volkslieder mit ihren Singweisen des Freiherrn Wilhelm von Ditfurth, Leipzig. Textdichter und Komponist sind unbekannt. Erk/Böhme geben als Herkunftsort das brandenburgische Wilsnack an (1844). Unter dem Titel Der patriotische Handwerksbursch wird auch (Barmen 1844) von Erk/Böhme eine melodisch und rhythmisch verwandte Melodie mit ähnlichen zwei Anfangsstrophen überliefert. Doch dieses Lied zeigt dann die Hinwendung zur politischen Situation in der Napoleonischen Zeit vor 1813. Bei Röhrich/Brednich findet sich eine neuere Textversion, die auch die südlichen Städte Mannheim und Freiburg berücksichtigt und in der das „Glas Champagner Wein“ mit „ein gut Glas Bier“ ausgetauscht wird. Dieses Liedgenre wurde von der Jugend und den Liedermachern der 60-er und 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts besonders geliebt, verarbeitet und in den Medien wieder populär gemacht, z.B. durch die Gruppe Liederjan, 1978.

    T und M: Anfang 19. Jahrhundert
    L: Erk/Böhme N 1610, Ditfurth II 233, Gottschalk I 65, Röhrich 259

    In den Text habe ich nach Möglichkeit gastronomische Einrichtungen verlinkt, die ich aus eigener Anschauung empfehlen kann; mein Vater war Eisenbahner, da bin ich in meiner Jugend allerhand in Deutschland rumgekommen. Wo das nicht möglich war, führt der Link zu Gasthäusern, die auch online einiges Vertrauen erwecken. Persönlich möchte ich das Hamburger Fischerhaus und den Freiburger Löwen hervorheben. Das krieg ich nicht bezahlt, obwohl ich’s nehmen würde. Der Bremer Ratskeller und Auerbachs Keller zu Leipzig werden uns an dieser Stelle noch literarisch beschäftigen. Allein die Städte, die mit den Zeitläuften ins befreundete Ausland gerückt sind, bleiben vorerst ohne Empfehlung — und das keineswegs, weil das gefälligst ein deutscher Weblog bleiben soll, sondern weil sich das von München aus schwierig surft. Ich höre jedoch auf Vorschläge.

    Zur Aufführungspraxis: Die Melodie kennt ihr im Zweifelsfall von Slime, die sich 1992 auf der Viva la Muerte (nur auf der LP, nicht der CD!) redlich um zeitgemäße Saufromantik bemühen, aber ein paar Textstellen verwenden, wie ich sie planvoll vermeide: Mit „Unser Orden ist verdorben“ ruinieren sie die Aktualität wieder, die sie mit der Instrumentierung hineingebracht haben — aber zum Eingewöhnen ist die Version gar nicht schlecht. Zum Übernehmen hört deshalb lieber Peter Rohland zu: auf Landstreicherballaden, 1996. Schnell, unkompliziert und ästhetisch unaufgeregt entnehmt ihr sie dem etwas struppigen, aber höchst brauchbaren instrumentalen Video von Mr. Gammler. Bei den Akkorden kommt ihr zurecht mit C/a//C/F//C/G//C — also dem, was sich von selbst ergibt. Nicht so zaghaft.

    Die jeweils dritten Verse jeder Strophe kann man wiederholen, muss aber nicht. In den meisten Fällen finde ich es sogar wirkungsvoller, wenn der Melodiebogen nach dem dritten Vers offen bleibt; da kommt es sehr zupass, dass die sich sich sowieso auf nichts reimen müssen. Ins Schloss schnappen sollte erst der Refrain. Das bedeutet nicht weniger als dass die Strophen mit wahlweise sechs, sieben (selten!) oder acht Zeilen funktionieren. Probiert mal aus, wie ihr euch am logischsten singt. Deshalb heißen solche Dinger „Volkslied“. Und eins und zwei:

     

    Reiselied

    1.: Lustig, lustig, ihr lieben Brüder,
    nun leget all eure Arbeit nieder
    und trinkt ein Glas Champagnerwein.

    Refrain: Denn unser Handwerk, das ist verdorben,
    die besten Saufbrüder sind gestorben,
    ||: es lebet keiner mehr als ich und du. :||

    2.: Auf die Gesundheit aller Brüder,
    die da noch reisen auf und nieder,
    die sollen unsre Freunde sein.

    3.: Und sollte wirklich noch einer leben,
    so soll der Meister ihm den Abschied geben,
    denn er macht ihm das Leben sauer.

    4.: Weg mit dem Meister, mit all den Pfaffen,
    ja Kaiser, König soll sich raffen:
    Weg, wer da kommandieren will.

    5.: Als wir durch deutsche Lande zogen,
    haben wir so manchen Wirt betrogen,
    doch seine Tochter war uns gut genug.

    6.: In Lübeck hab ich es angefangen,
    nach Hamburg stand dann mein Verlangen,
    das schöne Bremen hab ich längst gesehn.

    7.: Wie auch Celle, Hannover, Minden,
    dann wolln wir auf dem Rhein verschwinden
    wohl nach dem alten heil’gen Köln.

    8.: Wir wollen auch noch Bonn besuchen,
    in Bingen gibt’s zum Wein auch Kuchen,
    bei Mainz, da fließt der Main in‘ Rhein.

    9.: Frankfurt am Maine hab ich gesehen
    der Herbergstochter mußte ich gestehen:
    Der letzte Heller will versoffen sein.

    10.: In Mannheim wolln wir unser Glück probieren,
    nach Karlsruh soll uns der Weg dann führen,
    so kommen wir ins Elsaß rein:
    In Straßburg gibt es guten Wein.

    11.: In Freiburg geht’s nicht lang logieren,
    wir wollen in die Schweiz marschieren,
    nach Basel, Zürich und bis Bern.

    12.: Nach Thüringen möcht ich hinein,
    in Jena, Erfurt, Weimar sein
    und auf der Wartburg kehren ein.

    13.: In Königsbrück hat mir’s gefallen
    die vielen Töpfer hier vor allem,
    die Scheiben drehn sie, drehn und drehn.

    14.: Was warn die Töpfer für Gesellen,
    hörten sie nachts die Hunde bellen
    so fraßen sie die einfach auf.

    15.: Wie auch in Leipzig, Dresden, Sachsen,
    wo all die schönen Mädchen wachsen
    wohl in dem schönen Rosenthal.

    16.: Dann wollen wir uns aufs Schifflein setzen
    und unser junges Herz ergetzen,
    wir fahrn die Elbe hinab zur See.

    17.: Nun Schifflein, Schifflein, du musst dich wenden
    und dich hin nach Riga lenken
    wohl zu der russischen Seehandelsstadt.

    18.: Und auch in Polen ist nichts zu holen,
    als ein Paar Stiefel ohne Sohlen,
    ja nicht einmal ein Heller Geld.
    [alt.: von dort kommt man nicht ungeschoren,
    in Danzig fängt die See schon an.]

    19.: Nun wollen wir es noch einmal wagen
    und wollen fahren nach Kopenhagen
    dort zu der dänischen Residenz.

    20.: In Bergen regnet es große Tropfen,
    getrunken wird hier aus Malz und Hopfen,
    korngelb gebrautes nordisch Bier.

    21.: Und wer dies alles hat gesehen
    der kann getrost nach Hause gehen,
    und nehmen sich ein Mägdelein.

    22.: Ich hatte manchen blanken Gulden,
    heut hab ich jede Menge Schulden,
    doch einen Humpen für der Seele Ruh.

    23.: Schlagt ein die Fässer, lasst es laufen,
    wir wollen heut noch einen saufen,
    ja solches Himmelreich ist nah.

    24.: Darauf wollen wir lustig saufen,
    schöne Mädchen wollen wir uns kaufen,
    ja das soll unser Handwerk sein.

    Bild: LPCD Hamburg.