Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Weisheit & Sophisterei’ Category

You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire

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Update zu Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx,
Wein-Lese und
Was zusammengehört:

Charles Godfrey Leland wird von Wikipedia als Abenteurer, Künstler, Dichter, Kritiker, Folklorist, Mythenforscher, Philologe, Archäologe, Journalist, Humorist, Kolumnist, Soldat, Herausgeber, Reformer und Erzieher geführt, alles davon mit guter Begründung. Halten wir als seine wichtigsten Leistungen fest: Gründung der Zeitschrift The Continental Monthly und Weiterführung des Graham’s Magazine als Graham’s Illustrated Magazine samt dessen Terminierung; Entdeckung und Erstbeschreibung einer ausgestorbenen und einer rezenten keltischen Sprache namens Ogham und Shelta unter wissenschaftlicher Anerkennung der durchweg seriösen Forschung, nicht aber der Sprachen selbst; vollständige Übersetzung der Werke Heinrich Heines ins Englische; Veröffentlichung von über fünfzig Büchern, die meisten davon über europäische Zigeuner-Folklore, Wicca-Religion und Neopaganismus, darunter am bekanntesten Aradia, or the Gospel of the Witches, deutsch: Aradia oder das Evangelium der Hexen, 1899.

The Thinker's Garden, ODD TRUTHS. THE ADVENTURES OF CHARLES GODFREY LELAND, 14. Oktober 2016Über dieser Fülle von Kuriosa, auf einem einzigen, im Laufe der Zeit apokryph gewordenen Manne vereinigt, vergisst sich leicht der Zyklus seiner Hans Breitmann’s Ballads ab 1856, die seinen Ruhm zu Lebzeiten begründeten, aber inzwischen von seinen immer noch gültigen Leistungen auf dem Studiengebiet des vor allem italienischen Hexenzaubers überdeckt werden. Im Gegensatz zu Mark Twains bis heute verbreiteten und recht präsenten, allerdings punktuell entstandenen Essay The Awful German Language, deutsch: Die schreckliche deutsche Sprache 1880 wendet Leland in dem mehrere Jahrzehnte lang angewachsenen Zyklus eine eigens erfundene Mischung aus Englisch und Deutsch an, die eben kein Pennsylvaniadeutsch ist, sondern ein durchaus tragfähiges Makkaronisch.

Als anschaulichstes Beispiel für Lelands so durchschaubare Kunstsprache, dass sie für deutsche Leser nicht übersetzt werden muss, diene uns die Breitmann Ballad namens To a Friend Studying German von 1869, nachmals gewidmet an seinen Freund Johann Nicolaus, Nikolaus oder Nicholas Trübner — einen Buchhändler, Verleger, Linguisten und geborenen Heidelberger, daher deutschen Muttersprachler, der auf einem sich weltweit, vor allem nach Nordamerika ausbreitenden Buchmarkt zurechtkommen musste — als sozial interagierendes Individuum nicht zuletzt durch Fremdsprachenerwerb.

——— Charles Godfrey Leland:

To a Friend Studying German

1869 bis 1889, in: The Breitmann Ballads, by Charles G. Leland.
1889, to the memory of the late Nicholas Trübner.
This Work is Dedicated by Charles G. Leland, London, 1871.
A New Editon, Kegan Paul, Trench, Trübner & Co., London 1895:

Si liceret te amare
Ad Suevorum magnum mare
Sponsam te perducerem

—Tristicia Amorosa.
Frau Aventiure,
von J. V. Scheffel.

The Thinker's Garden, ODD TRUTHS. THE ADVENTURES OF CHARLES GODFREY LELAND, 14. Oktober 2016VILL’ST dou learn die Deutsche Sprache?
Denn set it on your card,
Dat all the nouns have shenders,
Und de shenders all are hard.
Dere ish also dings called pronoms,
Vitch id’s shoost ash vell to know;
Boot ach! de verbs or time-words—
Dey’ll work you bitter woe.

Will’st dou learn de Deutsche Sprche?
Den you allatag moost go
To sinfonies, sonatas,
Or an oratorio.
Vhen you dinks you knows ‚pout musik,
More ash any other man,
Be sure de soul of Deutschland
Into your soul ish ran.

Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Dou moost eat apout a peck
A week of stinging sauerkraut,
Und sefen pfoundts of speck.
Mit Gott knows vot in vinegar,
Und deuce knows vot in rum:
Dis ish de only cerdain vay
To make de accents coom.

Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Brepare dein soul to shtand
Soosh sendences ash ne’er vas heardt
In any oder land.
Till dou canst make parentheses
Intwisted-ohne zahl—
Dann wirst du erst Deutschfertig seyn,
For a languashe ideál.

The Thinker's Garden, ODD TRUTHS. THE ADVENTURES OF CHARLES GODFREY LELAND, 14. Oktober 2016Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Du must mitout an fear
Trink afery tay an gallon dry,
Of foamin Sherman bier.
Und de more you trinks, pe certain,
More Deutsch you’ll surely pe;
For Gambrinus ish de Emperor
Of de whole of Germany.

Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Be sholly, brav, und treu,
For dat veller ish kein Deutscher
Who ish not a sholly poy.
Find out vot means Gemütlichkeit,
Und do it mitout fail,
In Sang und Klang dein Lebenlang,
A brick-ganz kreuzfidél.

Willst dou learn de Deutsche Sprache?
If a shendleman dou art,
Denn shtrike right indo Deutschland,
Und get a schveetes heart.
From Schwabenland or Sachsen
Vhere now dis writer pees;
Und de bretty girls all wachsen
Shoost like aepples on de drees.

Boot if dou bee’st a laty,
Denn on de oder hand,
Take a blonde moustachioed lofer
In de vine green Sherman land.
Und if you shoost kit married
(Vood mit vood soon makes a vire),
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind,
Ash fast ash you tesire.

Dresden, January 1870.

Builders: via The Thinker’s Garden: Odd Truths: The Adventures of Charles Godfrey Leland, 14. Oktober 2016.

Tonspur: Mouth & MacNeal: How Do You Do?, aus: How Do You Do?, 1972,
natürlich zweisprachig. In einer nach der anderen:

Written by Wolf

11. Oktober 2019 at 00:01

Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden (wenn wir bei deutscher Mundart bleiben)?

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Update zu Der unverzichtbare Buchstabe e
und The Metrum is the Message:

Es folgt einer der sieben Ur-Artikel für DFWuH, den ich von Anfang 2012 an bringen wollte. Man kommt ja zu nix. Aufgefallen war mir, sagen wir ruhig: schon vor Jahrzehnten, dass Ludwig Tieck im Ernst einmal auf die Idee verfallen war, die grammatischen Kategorien der deutschen Sprache, vor allem die des Kasus, zu charakterisieren. Klasse Idee, muss ich was damit machen. Endlich geht’s.

Librarians United, 2017Was man so deutsche Sprache nennt: Laut der Winkler-Ausgabe der Novellen — in meinem Besitz ist ein von der Herausgeberin Marianne Thalmann gewidmetes Exemplar aus der Erstauflage von 1965, daher noch ohne ISBN — ist Die Gesellschaft auf dem Lande von 1825

[e]ine ausgesprochen märkische Novelle, ehe noch W. Alexis den Märker zum Gegenstand patriotischer Romane macht. Es geht nicht mehr um Kunstfragen, sondern um fundamentale Fragen des preußischen Pflichtgefühls, um Religion, Deutschtum, Landwirtschaft, um die Comédie humaine der adeligen Oberschicht, die von der Führung zurücktritt. Sie gehört zu Tiecks besten Leistungen und ist als sogenannte „Zopfnovelle“ A.W. Schlegels Lieblingsstück gewesen.

Aus eigenem Laienwissen ergänze ich Frau Thalmann: vor Willibald Alexis und noch herausragender vor Theodor Fontane. Eine leichtfüßige, personal bis dialogisch durchgeführte Abhandlung über ostmitteldeutsche Sprachelemente versteht als Antwort auf preußisches Pflichtgefühl wohl eher die in Thalmanns Kommentar vermutete Comédie humaine denn das Deutschtum.

Als Bildmaterial bietet sich wegen der spärlichen Illustration für Ludwig-Tieck-Novellen eine thematisch wertfreie, aber stimmungsvolle Serie aus einer Stadtbibliothek mit Kinderabteilung an: ein bildungsbeflissenes Kinderballett via Librarians Unite von 2017.

Librarians United, 2017

——— Ludwig Tieck:

Die Gesellschaft auf dem Lande

Berlinischer Taschenkalender, 1825:

Librarians United, 2017„Nein“, antwortete jener, „diesmal wird es etwas Großes, Idealisches. Du sollst selbst überrascht werden. Aber unausstehlich ist es doch in eurem Lande, das immerwährende unrichtige Sprechen anhören zu müssen. Diese ewige Verwechslung des Mir und Mich könnte einen Rechtgläubigen zur Verzweiflung bringen. Dabei ist das Ding so charakterlos, so recht eigentlich insipide, daß man es nicht einmal zum Spaß in Komödien oder Erzählungen nachahmen kann, denn es würde bloß albern auftreten. Das ist aber nicht wahr, was du mir sonst wohl von deinen Landsleuten erzählt hast, daß sie ohne allen Unterschied bald Mir bald Mich gebrauchen. Ich glaube, zu bemerken, daß es Sekten gibt. Hier im Hause (Adelheid ausgenommen, die richtig spricht, es wäre auch für eine Geliebte entsetzlich, so wie die übrigen zu prudeln) herrscht offenbar der Akkusativ vor: die alte gnädige Frau braucht ihn beständig; ob ich gleich erforscht und ausgegrübelt habe, daß ein so feiner Geist, wie der ihrige, auch hier gründliche und tiefsinnige Unterschiede macht, für die sich auch wohl von einem denkenden Grammatiker etwas sagen ließe. Sie behandelt die Sache nämlich mehr aus dem Gesichtspunkt der Dialekte. Der Akkusativ, als der ionische oder attische, erscheint ihr vornehmer und edler, daher braucht sie ihn unbedingt gegen ihre Domestiken. ‚Christian, geb er mich das Fleisch – nehm er mich hier den Teller weg – Fanchon, tu sie mich die Mütze auf!‘ – Gegen uns aber, wo sie demütiger und höflicher erscheinen will, braucht sie fast stets den dorischen Dativ und sagt daher ganz richtig: ‚Geben Sie mir das Salzfaß;‘ – nur geht sie freilich in der Konsequenz so weit, daß sie auch sagt: ‚Wenn Sie wohl geruht haben, soll es mir freuen.‘ – Indessen ist jedes System, jede folgerechte Lebensweise schon immer etwas Löbliches, und du hast wenigstens darin unrecht, wenn du von den Rednern deines Landes aussagst, daß sie die Anwendung dieses Kasus dem blinden Glücke, dem Zufalle, oder unbeugsamen Fatum überlassen. Sie denken über den Gegenstand; und warum will man sie zwingen, ihn so, wie der eigensinnige Adelung anzusehn?“

Bei Tische mußte Franz wirklich das bestätigt finden, was sein Freund beobachtet hatte. […]

Librarians United, 2017Er ging wieder an seine Arbeit, tröstete dann seinen Freund, und am folgenden Tage, als der alte Römer auch bei der gnädigen Frau gespeist hatte, begaben sich diese und Adelheid in den großen Saal, wo Gotthold seine beiden Bilder aufgestellt hatte. Das eine war eine schlanke, vorschreitende Figur, mit leicht schwebendem griechischem Gewande, die Schultern frei, jugendlichen Angesichts; die zweite ein bärtiger, sitzender Mann, ganz bekleidet und in breiteren Formen, auch älter, der auf seine ausgestreckten Hände niedersah. Als die Eintretenden sich gesetzt, die Bilder betrachtet hatten, und alle nicht wußten, was sie daraus machen sollten, erhob sich der übermütige Gotthold in einem Anfall seiner tollen Laune und hielt an die Versammlung folgende Rede:

„Verehrteste Zuhörer!

Librarians United, 2017Indem ich seit einigen Tagen von dem Vorsatz bewegt wurde, diesem teuren Hause ein Andenken meines Daseins, einen Dank, wenn auch nur kleinen, für die Gastlichkeit und Freundschaft, die ich hier genossen habe, zurückzulassen, kam in den feierlichen Stunden der Mitternacht die Begeisterung zu meinem Lager, und in kurzem Verkehr mit der Göttlichen wußte ich sogleich, was mir zu tun obliege. Wohl klagt unser Schiller mit Recht, daß die Götter von unsrer Erde entwichen seien, die den Griechen Wald, Berg und Fluß belebten und verherrlichten. Besaß doch damals sogar jede Stadt, jeder Hain, jegliches Haus ein Bild der Gottheit, die dort vorzüglich verehrt wurde, und die auch darum gern verweilte. Soll ich an die Pallas der Athener erinnern, an Trojas, Thebens Heiligtümer, an den Pan Arkadiens? Doch wir, was haben wir, was glauben wir, wenn wir auch einen Apollo oder Hermes schnitzeln? Das hat ja die Bildhauerkunst bei uns schon tausendmal beklagt, daß die Veneres uns so wenig bedeuten, daß wir mit diesen Amoribus nichts anzufangen wissen. So wandte man sich mehr wie einmal zu vaterländischen, deutschtümlichen, volksmäßigen, isländischen Göttergebilden. Aber Freia und Thor, Odin und Wodan, Tyr und Loke, samt Balder wollten uns ebensowenig aus der ratlosen Lage helfen, denn ihnen kam noch weniger der Glaube entgegen, und Kenner selbst meinten: ihre Attribute, ihre Fabeln, ihre ganze Statur und Natur vertrügen sich nicht mit dem guten Geschmack. Schon oft hab ich mich im stillen gefragt: warum hat noch keinen Genius der Blitz der Weissagung durchdrungen, uns den Geschmack selbst bildlich darzustellen? Haben wir doch Mütterlichkeit und Kindesliebe, Gesetzgebung und Freiheit, ja Aufklärung gezeichnet und gestochen, wenn auch nur in Vignetten, oder in Kalendern. Warum haut man nicht den Geist der Zeit in Marmor, oder Liberalität, Humanität, die Fortschreitung des Menschengeschlechts, die sich von selbst auch der schwachen Imagination im Bilde darbietet? Hier, vaterländische Künstler, geht ein neuer Weg, hier ist ein frischer, unberührter Steinbruch, um Originalität zu holen, die Lorbeerkränze fallen von selbst herunter. Nun möchten Sie glauben, diese Figuren, da ich mich so ereifere, sollten etwa den Geschmack, den Zeitgeist, den Zustand der Finanzen, den Amortisationsfond oder den Patriotismus darstellen; aber weit gefehlt, begeisterte Freunde, diese Einleitung ward nur vorangeschickt, um eine Bahn zu öffnen, die uns näher liegt, die uns wichtiger sein muß, und auf welcher wir den Griechen gleichkommen, ja sie wohl noch überflügeln können.

Librarians United, 2017Denn das ist jenen Alten immer vorzurücken, daß sie Bild und Sache verwechselten; über ihre Verehrung der Naturkräfte war ihnen, was wir alle noch täglich bedauern, der Schöpfer selber schon verlorengegangen; aber als sie nun Stein, Holz und Erz sogar für das Wesentliche hielten, da war Hopfen und Malz an ihnen verloren. Deshalb ist zu befürchten, die wir schon mit Begriffen Götzendienst treiben, daß wir bei plastischer Bildung dieser gefühlreichen Begriffe ganz in die Anbetung des kälbernen Apis geraten möchten. Um also unsere Gemüter frei zu lassen, und doch der Kunst und Originalität genugzutun, habe ich als der erste kühne Beschiffer eines unbekannten Ozeans den vielleicht zu kühnen Versuch gemacht, in der Gestalt dieses schlanken jungen Mannes dem schauenden körperlichen Auge den Accusativus hinzustellen, der in diesem Hause und in der ganzen Provinz mit ausgezeichneter Andacht verehrt wird. Sei er also der schützende Genius dieses Schlosses, dem schon die Herzen schlagen, der so oft angerufen, zitiert und angewendet wird, in Gelegenheiten, wo andre Provinzen seinem Bruder, dem Dativ, huldigen. So, wie er hier gezeichnet ist, hat diesen feinen, idealischen, sanften Akkusativ mein Geist geschaut, und ich bin der festen Überzeugung, nur in diesem Vorschreiten, in diesem leichten Gange, in dieser Gestalt und Gebärde kann er in die Wirklichkeit treten. Vielleicht, daß der junge Erbe dieses Hauses ihn in Zukunft in Marmor gestalten läßt, nach dieser Skizze, die aus Andacht und Begeisterung hervorgegangen ist. Des Kontrastes wegen sitzt dort sein Bruder, der gedrückte, bescheidne Dativ, erwartend, statt entgegenzukommen, ruhend, statt im Anlauf, gedrungen, breit, stämmig, statt schlank und heiter. Frage jeder sich der teuern Anwesenden, jeder sinnige Beschauer, ob nicht so diese Gebilde schon seit undenklichen Zeiten in seinem Innern schlummerten. Wohlan denn, der Berg ist durchgehauen, der Weg nach der neuen und neuesten Kunst eröffnet! Mir nach, ihr Jünglinge, ihr Genien, beflügelte Geister, die nur darauf warteten, den Himmel der Kunst von einer neuen Seite bestürmen zu können. Wem von euch wird der Nominativ, der seltsam geheimnisvolle Genitiv erscheinen? Von dem wunderlich verrufenen Vocativus, dem frömmsten der sechs Brüder, ist eine kuriose Sage durch alle Länder im Umlauf, so daß er der unwissenden Menge schon oft zum Gelächter gedient hat. Ebenso war Kassandra verspottet, so wurde des Tiresias Weisheit nur zu oft mißverstanden. Aber in manchem frommen Bilde, das die Augen in Ekstase nach oben dreht, von Carlo Dolce und ähnlichen, habe ich geglaubt, die Annäherung an meinen Vocativus, die Ahndung dieses hohen Ideals zu entdecken, wenn die Gemäldegalerien und ihre Register die Figur auch ganz anders taufen.

Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden? Diese hohen Gestalten bewachen ja nur den Eingang zur menschlichen Erkenntnis. Wer sie schon geheimnisvoll nennt, mit welcher Mystik muß er dann Indikativ und Konjunktiv, das nahestehende Präsens, das hohe Perfektum, das verehrungswürdige Plusquamperfektum begrüßen? Ein Name, vor dem schon der Knabe sich beugt, der zum Bewußtsein erwacht. Soll ich das Futurum, das unbegreifliche Kind von diesem, das Paulo post noch nennen? Und der Infinitiv! Müßte er nicht in vielen Palästen als Schutzgott hingestellt wer den, da der Große schon seit lange, der Vornehme, mit lakonischem Bestreben ihn fast einzig und allein gebraucht? Dann noch der heldenkühne Imperativ, dräuenden Blicks, zornig wie Ares, stark wie Thor, majestätisch wie Zeus. Ist erst dieses geschehen, so wage sich ein künftiger Praxiteles oder Apelles selbst an die beiden Aoristen der Griechen, um das Sublimste zu schaffen und deutlich zu machen, was dem menschlichen Geiste vielleicht möglich ist! Sie sehen aber, Verehrte, daß auch schon, wenn wir bei deutscher Mundart bleiben, der Begeisterung unendlich viel zu tun obliegt. Hier stehn sie, die ersten Anfänge dieses glorreichen Jahrhunderts, der Nachwelt verehrungswürdig, weil sie zuerst den Pfropf lösten, der bis dahin den brausenden Champagner in der Flasche festhielt.“ –

~~~\~~~~~~~/~~~

Librarians United, 2017Adelheid hatte während dieser feierlichen Rede das Lachen verhalten müssen, die Mutter hatte sie aufmerksam angehört, ohne ein Wort zu verstehn, Franz war zu ernsthaft, um den Spaß genießen zu können, und der alte Römer ging empfindlich fort, indem er zur gnädigen Frau sagte: „Der junge Herr ist boshaft, das mit dem Vokativ soll auf mich gehn, weil ich die Augen manchmal gen Himmel aufschlage. Woher soll uns aber Trost und Hoffnung kommen, wenn nicht von dort? Das alles, glauben Sie mir, hat ihm der gottlose Müller eingeblasen; aber es ist weder Wahrheit noch Menschenverstand in der Sache.“

Adelheid unterbrach die Ruhe, indem sie ausrief: „Der Vater kommt!“ Alle liefen an das Fenster, ihn zu begrüßen, dann eilten sie die Treppe hinab, die beiden Fremden blieben zurück, und sahen den alten Herrn vom Pferde absteigen, der niemand anders war, als jener Grüne, gegen welchen sie sich an der großen Brücke nicht eben allzu höflich betragen hatten. „Was ist nun zu tun?“ rief der erschrockne Franz: „ist es doch, als wenn alles Unglück auf mich einstürmte.“ – „Nur zweierlei kann geschehen“, antwortete Gotthold mit Fassung: „entweder wir nehmen sogleich Extrapost und reisen ohne Abschied davon, und dies wäre das Mittel für die Feigheit, die alles aufgibt, wo noch nichts verloren ist: oder ich werfe mich in eine graziöse Unverschämtheit, und tu, als wäre gar nichts Besonderes vorgefallen. Dazu gehört aber, wenn es glücken soll, daß du dein Inkognito fahren lässest, denn wenn wir Edelleute sind, so nimmt das die Hälfte der Beleidigung hinweg.“

Librarians United, 2017Hand in Hand gingen die Freunde hinab. Die Familie hatte sich schon begrüßt, und Gotthold eilte auf den Alten zu, umarmte ihn und rief: „Willkommen! willkommen! Aber warum haben Sie sich denn gar so lange erwarten lassen? Ich bin Gotthold von Eisenflamm, dieser hier Franz von Walthershausen Freunde Ihres Sohnes, und Franz ist weitläufig zwar, aber doch mit Ihnen verwandt. Verzeihen Sie uns jenen Spaß, alter, würdiger Freund, wir kannten Sie recht gut, und wollten nur sehen, ob Sie mit Ihrer Würde und Autorität auch wohl einige Geduld verbänden. Und herrlich haben Sie uns junges Volk ohne allen Zorn über die Achsel angesehn; auch dafür unsern Dank, verehrter Mann.“

Der Alte war wie im Sturm erobert, und konnte nicht zürnen. Bald musterte man alle Familienverzweigungen und Seitenverwandte durch, womit sich der alte Adel so gern, vorzüglich auf dem Lande beschäftigt. Franz gewann durch diese langweiligen Ausfädelungen so viel, daß er nun für eine Art von Vetter gelten konnte.

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Librarians United, 2017Am folgenden Tage war der alte Herr mit den jungen Leuten und seiner Gemahlin im Saale. Gotthold war etwas verlegen, was der grüne Mann zu seinen beiden Bildern sagen würde. „Ei!“ rief er aus, „was ist denn das? Das ist hübsch, bei meiner Seele!“ Die gnädige Frau fing an: „Der Mann, der da sitzt, soll ein gewisser berühmter Dadiv sein.“ – „O Weibsvolk! Weibsvolk!“ rief der Vater: „was das schwatzt, David will sie sagen, und verwechselt sogar den berühmten biblischen Namen; aber dazu fehlt ihm Harfe und Krone. Es ist offenbar der bettelnde, blinde Belisar, wie er am Wege sitzt, und ein Almosen erwartet. Recht schön ist seine Not ausgedrückt, wie er so die blinden Augen auf seine ausgestreckten Hände heruntersenkt, als wenn er sagen wollte: ‚Noch habe ich heute nichts bekommen.‘ Und der Große scheint mir Achilles zu sein, wie er aus seinem Zelte heraustritt.“ Gotthold bejahte mit Schweigen. „Sehn Sie“, fuhr jener fort, „wie ich die Gemälde gleich erkenne, wenn sie nur im richtigen Charakter aufgefaßt sind. Es ist aber viel, daß die beiden Herren in der Kunst so treffliche Sachen leisten können.“

Adelheid und die Mutter entfernten sich wieder, die letztere darüber empfindlich, daß ihr Gemahl die Bilder heute ganz anders gedeutet habe, und daß Gotthold ihm darin recht gegeben, der sie gestern, wenn sie ihn auch nicht verstanden hatte, doch mit andern Namen belegte. Adelheid suchte ihr einzureden, daß die eine Figur wirklich Achilles sei genannt worden; sie glaubte dies endlich, nur Belisar und Dativ schien ihr zu weit auseinanderzuliegen, und sie meinte zuletzt; der biederherzige Römer möchte nicht ganz unrecht haben, daß er in Ansehung des Vokativ sich getroffen gefühlt, und es wären wohl noch mehr boshafte Anspielungen in jener Rede und den Bildern verborgen.

Librarians United, 2017

Bilder: via Librarians Unite, 2017.

Soundtrack: Harald Juhnke: Ick liebe dir, ick liebe dich, 1987:

Ick lieb nich uff den dritten Fall,
ick lieb nich uff den vierten Fall,
ick lieb uff alle Fälle.

Bonus Track: Tom Waits: Russian Dance, aus: The Black Rider, 1993,
verfilmt von Mikhail Segal an der staatlichen Filmhochschule Moskau (der ältesten der Welt) 1996:

Written by Wolf

27. September 2019 at 00:01

Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!

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Update zu So offenbare sich der dichtende Gott:

Frédéric, Tout conte fait, bientôt l'été. Tribute to Eric R., 25. Februar 2008

Was für ein Bestseller Ludwig Uhland — welch Glücksfall für einen Dichter — zu seiner eigenen Lebenszeit war und wie aufrichtig beliebt seine Balladen über das Mittelalter, das um 1800 als „gute alte Zeit“ missverstanden wurde, gewesen sein müssen, lässt sich in Zeiten, wo er nicht einmal mehr Schulstoff ist, nicht mehr richtig nachfühlen. Gegenüber seinen moralischen Auslassungen in Theorie und beispielhafter Anschauung, die grundsätzlich in beneidenswert korrekt gedrechselter Lyrik stattfinden, war seine Prosa von Anfang an weniger bekannt.

Etwa 25-jährig entwarf Uhland einen Aufsatz zur Klärung seiner eigenen schriftstellerischen Arbeit, den er nicht gedruckt sehen sollte, weil er erst 1928 durch Heinz Otto Burgers Dissertation zugänglich wurde. Dort stand der Aufsatz noch irrtümlich mit der Tübinger Sonntagszeitung in Zusammenhang — wahrscheinlich weil er nicht einmal Burger mit Uhlands übrigem Nachlass (in Marbach aufs Deutsche Literaturarchiv und das Schiller-Nationalmuseum verteilt) vorlag.

Wie jeder andere denkende Mensch auch nahm Uhland dichterische Tätigkeit etwa 18-jährig auf; da war er Studiosus der Rechtswissenschaften am Tübinger Stift, bildete aber lieber mit Gustav Schwab, Justinus Kerner, Karl Mayer, Karl Heinrich Gotthilf von Köstlin, Eduard Mörike, Gustav Schwab, Karl August Varnhagen von Ense und Wilhelm Hauff ab 1805 den Schwäbischen Dichterkreis, der sich als ohnehin eher loser Zusammenschluss 1808 wieder auflöste. In dieser kurzen Spanne einer studentischen Sangesrunde eine verbindlich gemeinte Poetik überhaupt zu planen, zeugt von einigem Lebensernst.

Von mitten darin, 1807, datiert sich Uhlands Aufsatz zur Selbstfindung, der bezeichnenderweise eine Poetik wurde, die nicht vornehmlich zur Veröffentlichung gedacht war. In der Auffassung ähnelt er schon, geht aber durch seine duale Unterscheidung von Objektiv und Subjektiv weit hinaus über Justinus Kerners Programmgedicht zur selben Unternehmung der Dichterschule, zu dem er sich allerdings erst 1839, also über drei Jahrzehnte nachträglich durchrang. Zum Vergleich folgen Uhlands Aufsatz und die Verse von Justinus Kerner, nach dem Erstdruck korrigiert — der eine Strophe mehr — die sechste — als an den meisten Stellen überliefert enthält (zum Beispiel in der vermutlich meistbenutzten Wiedergabe in Wikipedia), ja der überhaupt noch in Strophen unterteilt ist.

Nicht ermitteln konnte ich, was und wie viel im Uhland-Text wann von wem zuerst und warum ausgelassen wurde; alle auffindbaren Fassungen online sowie meine WInkler-Gesamtausgabe von 1980 bringen einhellig nur die Auslassungspunkte in eckigen Klammern. — Chronologisch:

Frédéric, Tourbière. En avril, ne te détournes pas des filles, 11. April 2018

——— Ludwig Uhland:

Über objektive und subjektive Dichtung

ca. 1807, Erstdruck in: Heinz Otto Burger: Schwäbische Romantik.
Studie zur Charakteristik des Uhlandkreises, Dissertation Tübingen, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1928:

Die Seele, darein Mutter Natur in der reichsten Fülle die Kräfte des Empfangens und des Wirkens gelegt hat, das ist die Dichterseele. Vermöge der empfangenden Kräfte hat sie die feine Berührbarkeit, die sie das zarteste […] der äußeren und inneren Welt fühlen läßt, und das leise Ohr, das ihr die geheimsten Ahndungen zu vernehmen gibt; durch die wirkenden Kräfte gibt sie dem Dunkeln Klarheit, lernt ihre Bestimmung erkennen und strebt schwungvoll ihrer Vollkommenheit entgegen. Ist das äußere Leben heiter und warm, so werden sich die Blumenknospen entfalten, die Seele wird sich hier befriedigen können, sie findet den Spielraum, ihre üppigen Kräfte zu üben, das äußere und innere Leben zerfließen ineinander, und dies ist das poetische Leben. Denkt auch der Geist (hier) über die Außenwelt nach, so wird sie ihm genügen, will er sie darstellen und sein Wirken in ihr, so kann er sie getreulich abmalen, das Gemälde wird hell und heiterste, objektive Poesie.

Poetisch ist das Leben des Altertums der meisten Völker, darum auch die Poesie des Altertums objektiv. Aber der Frühling der Jugendwelt, wie bald ist er verblüht! Der Dichtergeist kann weder poetisch leben, noch liegt vor ihm ein poetisches Leben, das er dar stellen könnte. Aber seine Kräfte sind zu jeder Zeit rege, und er fühlt ewig den unendlichen Drang, sich zu entfalten. Ist ihm die Erde verwelkt, so schaut er zum Himmel auf, ob dieser noch blühe. Dieser Himmel ist das Unendliche in ihm, das er ahndet, nach dem er sich immer schmerzlicher, immer freudiger sehnt, je weniger ihm die Außenwelt geben kann. Er erforscht sich, er lernt seine erhabene, aber geheime Bestimmung fühlen. Es geht ein Glanz in ihm auf, der zwar das endliche Geistesauge noch blendet, aber sich über die Außenwelt ergießt und sie verklärt. Er vertraut seine Gefühle und Gedanken dem Liede: subjektive Poesie.

Das poetische Leben in Tat und Wort ist objektive Poesie, sobald es einen Darsteller findet. Die objektive Poesie nähert sich der subjektiven, wenn sich ein Gegenstand der Trauer, der Sehnsucht nach einem Entfernten und dergleichen in sie einmischt, denn sobald die Seele in der Gegenwart nimmer Genüge findet, schwingt sie sich in den Äther des Unendlichen. Auch einzelne Seelen, die ihr tätiges Leben und ihre anschaulichen Umgebungen auch in einem sonst poetischen Zeitalter nimmer befriedigen, steigen in ihr Inneres hinab, und ihre Poesie wird subjektiv. Die subjektive Poesie, die das äußere Leben von innen heraus zu verschönen sucht, heißt Poesie des Lebens.

Der Dichter gehe in sich, und er wird folgende Bemerkungen der Analogie des Gesagten gemäß an sich selbst machen können:

Ist sein Leben sehr reich und regsam, so wird er wenig dichten, aber herrlich leben; gewinnt er bei solchen schönen Umgebungen dennoch Zeit und Lust zur Darstellung, so wird sein freudiges Lied nur die Melodie des Lebens nachhallen, er schätzt den Gesang nicht über seine Wirklichkeit, er kann diese nicht einmal mit jenem erreichen, und er hat sich zu hüten, daß nicht das, was er unter den glühendsten Empfindungen hervorgebracht, andere kalt anfasse; aber wird das Leben um ihn her trüb und öde, da blickt er in sich, er nährt sich von eigenem Vorrat; Erinnerung, Hoffnung, Sehnsucht sind seiner Seele stille Trösterinnen.

Frédéric, Comme un parfum de soir d'été, 4. April 2019

——— Justinus Kerner:

Die schwäbische Dichterschule

Morgenblatt für gebildete Stände Nr. 38, Mittwoch, den 13. Februar 1839:

„Wohin soll den Fuß ich lenken, ich, ein fremder Wandersmann,
Daß ich eure Dichterschule, gute Schwaben, finden kann?“

Fremder Wanderer, o gerne will ich solches sagen dir:
Geh‘ durch diese lichte Matten in das dunkle Waldrevier,

Wo die Tanne steht, die hohe, die als Mast einst schifft durch’s Meer;
Wo von Zweig zu Zweig sich schwinget singend lust’ger Vögel Heer;

Wo das Reh mit klaren Augen aus dem dunkeln Dickicht sieht,
Und der Hirsch, der schlanke, setzet über Felsen von Granit.

Trete dann aus Waldesdunkel, wo im goldnen Sonnenstrahl
Grüßen Berge dich voll Reben, Neckars Blau im tiefen Thal;

Wo von Epheu grün umranket, manche Burg von Felsen schaut,
Stiller Dörfer bunte Menge rings sich friedlich angebaut;

Wo ein goldnes Meer von Aehren durch die Ebnen wogt und wallt,
Ueber ihm in blauen Lüften Jubellied der Lerche schallt;

Wo der Winzer, wo der Schnitter singt ein Lied durch Berg und Flur –
Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt Natur.

Frédéric, Camille C. à la campagne, 25. April 2019

Objektivität vs. Subjektivität: Frédéric aus Frankreich (das liegt bei Schwaben ums Eck):

  1. Tout conte fait, bientôt l’été (tribute to Eric R.), 25. Februar 2008;
  2. Tourbière (en avril, ne te détournes pas des filles), 11. April 2018;
  3. Comme un parfum de soir d’été, 4. April 2019;
  4. Camille C. à la campagne, 25. April 2019.

Soundtrack: Agnes Obel: Riverside, aus: Philharmonics, 2010:

Written by Wolf

28. Juni 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Nachtstück 0019: Noch weit beunruhigendere Betrachtungen

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Update zu Unter sotanen Umständen:

——— Arno Schmidt:

Julianische Tage

Berichte aus der Nicht-Unendlichkeit, 1961,
Bargfelder Augabe III/4, Seite 91 f., Schluss,
in: Trommler beim Zaren, 1966:

Es gibt noch weit beunruhigendere Betrachtungen hier ! Setzen wir, daß man vom 5000. Tage an leidlich mit Verstand zu lesen fähig sei; dann hätte man, bei einem green old age von 20 000, demnach rund 15 000 Lesetage zur Verfügung. Nun kommt es natürlich ebenso auf das betreffende Buch, wie auch auf die literarische Aufnahmefähigkeit an. Das Kind schlingt seinen dicklichen MAY=Band in 2 Tagen hinunter (und die schönsten Stellen werden sogar mehrmals genossen); der Mann, tagsüber im Büro, oder hinter Pflug & Schraubstock, druckst, selbst bei bestem Willen, 3 Wochen lang über’m ‚WITIKO‘, den ihm ein sinniger Kollege empfahl. Sagen wir, durchschnittlich alle 5 Tage 1 neues Buch — dann ergibt sich der erschreckende Umstand, daß man im Laufe des Lebens nur 3000 Bücher zu lesen vermag ! Und selbst wenn man nur 3 Tage für eines benötigte, wären’s immer erst arme 5000. Da sollte es doch wahrlich, bei Erwägung der Tatsache, daß es bereits zwischen 10 und 20 Millionen verschiedener Bücher auf unserem Erdrund gibt, sorgfältig auswählen heißen. Ich möchte es noch heilsam=schroffer formulieren :

Sie haben einfach keine Zeit, Kitsch oder auch nur Durchschnittliches zu lesen :

Sie schaffen in Ihrem Leben nicht einmal sämtliche Bände der Hochliteratur !

Jaja, die ‚Julianischen Tage‘ : wieviel Sonnen haben Sie schon aufgehen sehen ? Wieviel Vollmonde unter ? Wieviel Tage trennen uns=heute von GOETHE’s Tod ? Wieviel von Christi Geburt : 1 Milliarde Morgenröten; oder nur 700 000 ?

„Des Menschen Leben währet 70 Jahre“ ? — sagen wir : 25 000 Julianische Tage.

Arno-Schmidt-Stiftung, Recherchereise. Arno Schmidt 1953 auf dem Dümmer

Seelandschaft ohne Pocahontas: Arno-Schmidt-Stiftung: Recherchereise: Arno Schmidt 1953 auf dem Dümmer, via Georges Felten: Pornographie bei Arno Schmidt: Kunst oder Verbrechen? Vor sechzig Jahren geriet Arno Schmidt ins Visier der deutschen Justiz: Sein Roman „Seelandschaft mit Pocahontas“ stand im Verdacht, Pornographie und Gotteslästerung zu verbreiten. Ein Gastbeitrag, Frankfurter Allgemeine Zeitung 28. Juli 2016:

(‚Tag der Deutschn Einheit‘? : unvergleichlich geeignet zum Paddln !)

Zettel’s Traum, Seite 538, 1970.

Und bloß nicht den Namen dieses Nachbardorfes einprägen; jetzt noch nicht; mit 55 muß man das Gedächtnis für’s Notwendigste reservieren.

Kühe in Halbtrauer, 1961.

So wird das freilich nix.

Pass auf, der Schreiner hobelt jetzt und grad an deinem Schrein:
Hannes Wader, Reinhard Mey & Klaus Hoffmann: So trolln wir uns [Lied 21], aus: Liebe, Schnaps, Tod, 1996:

Written by Wolf

22. Februar 2019 at 00:01

So offenbare sich der dichtende Gott

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Update zu In lieblicher Bläue und
Die junge Gräfin (erzählt neben einem Paar nachbarlichen Würsten):

Rollen wir den Zeitstrahl der Einfachheit halber von hinten auf: 1840 veröffentliche Bettine von Arnim ihren Briefroman Die Günderode (mit einfachem r), den sie aus dem Briefwechsel mit der schon 1806 von eigener Hand erdolchten Karoline von Günderrode (mit Doppel-r) zurechtfrisierte. Wichtige Stellen in den Briefen wie im Roman betreffen Friedrich Hölderlin, dessen „Hypochondrie“ spätestens 1805 über ein Stadium des Wahnsinns in „Raserei“ — aus heutiger Sicht: Schizophrenie — übergegangen war.

Giovanni Baglione, Erato, Muse der LyrikUngefähr im Sommer 1804 besuchte sein Studienfreund und tatkräftiger Gönner Isaac von Sinclair den schon als wahnsinnig geltenden Hölderlin in Homburg, wo er selbst ihn als Hofbibliothekar untergebracht hatte und aus eigener Tasche bezahlte. Unter dem Spitznamen „St. Clair“ stand Sinclair in Kontakt mit der Familie Brentano, deren Haustochter Bettine, die nachmalige von Arnim, ebenfalls gern Hölderlin besucht hätte — was der 19-Jährigen wegen einer gewissen Neigung zur Überspanntheit, die ihr heute als liebenswerte Exaltation und ihre eigentliche Persönlichkeit ausgelegt wird, familiär untersagt wurde, auf dass sie sich nicht von dem gefährlich Kranken die Hypochondrie und Schlimmeres zuziehe.

Der fünf Jahre älteren und noch viel überspannteren Freundin, dem „Günderödchen“, hinterbringt sie am 17. eines Monats vermutlich im Sommer oder frühen Herbst 1804, was St. Clair ihr von einem einwöchigen Besuch beim verehrten Hölderlin hinterbringt: seine Ansichten zur Entstehung von Poesie.

Die Entsprechungen zu einer äußeren Wirklichkeit sind wie bei allem, was Bettine von Arnim veröffentlicht, gelinde gesagt unsicher, aber aufschlussreich. Was glaubwürdig erscheint, ist Hölderlins referierte Dichtungstheorie, die auf die gesamte Poesie ausweitet, was Herder ab 1771 zur Entstehung von Volksliedern vermutet: dass „wahre“ Dichtung in der Natur, ja einem göttlichen Element, von selbst vorhanden sei, um sich zu gereifter Zeit durch jemanden, der sich dann – und erst dann und deswegen – Dichter nennen darf, durch natürliche oder eben göttliche Einwirkung zu manifestieren. Volkslieder – bei Hölderlin: die gesamte Poesie – quasi als Dichtung, die auf den Bäumen wächst.

Glaubwürdig daran ist, dass Hölderlin dergleichen Theorien vertrat. Schon problematischer ist, dass er dann laut St. Clairs durch Bettines dritte Hand überkommenen Urlaubsbericht – auf ein hochstehendes und hoch anerkanntes Werk zurückblickend und nicht ohne Hinweis auf einen (drunter macht er’s nicht) „heiligen“ Wahnsinn des Dichters – nur noch einer Art göttlicher Eingebung „sich schmiegen“ will. So abfällig Hölderlin sich über erfundene Rhythmen äußert, wollen wir uns doch daran erinnern, dass der Mann zu lichten Zeiten Versmaße erfand, die zumindest für seine eigene Produktion von Oden verbindlich gemeint waren und sich als poetisch höchst leistungsfähig erwiesen. Einen Widerspruch erkenne ich darin, dass Hölderlin erst derart solides Handwerkszeug bereitstellen kann und dann angeblich selbst das Werkzeug in der Hand Gottes sein will.

Dennoch bleiben dieses „Undenkbare“ wie die „Athletentugend“ – siehe unten – schöne Gedanken und deren Vereinbarkeit schon wieder eine poetische Leistung für sich. – Korrigiert nach der Ausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker, 2006:

——— Bettine von Arnim:

17ten

aus: Die Günderode, Erster Teil, 1840:

Gewiß ist mir doch bei diesem Hölderlin als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluten ihn überströmt haben, und zwar die Sprache, in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überflutend, und diese darin ertränkend; und als die Strömungen verlaufen sich hatten, da waren die Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertötet. – Und St. Clair sagt: ja so ist’s – und er sagt noch: aber ihm zuhören, sei grade, als wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche, denn er brause immer in Hymnen dahin die abbrechen wie wenn der Wind sich dreht, – und dann ergreife ihn wie ein tieferes Wissen, wobei einem die Idee daß er wahnsinnig sei ganz verschwinde, und daß sich anhöre was er über die Verse und über die Sprache sage, wie wenn er nah dran sei das göttliche Geheimnis der Sprache zu erleuchten, und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel, und dann ermatte er in der Verwirrung, und meine es werde ihm nicht gelingen begreiflich sich zu machen; und die Sprache bilde alles Denken, denn sie sei größer wie der Menschengeist, der sei ein Sklave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommne, als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe. Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch, das fühle sich in der Sprache, sie werfe das Netz über den Geist, in dem gefangen, er das Göttliche aussprechen müsse, und so lange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht vom Rhythmus fortgerissen werde, so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit, denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen, an dem kein tieferer Geist Gefallen haben könne, sondern das sei Poesie: daß eben der Geist nur sich rhythmisch ausdrücken könne, daß nur im Rhythmus seine Sprache liege, während das poesielose auch geistlos, mithin unrhythmisch sei – und ob es denn der Mühe lohne mit so sprachgeistarmen Worten Gefühle in Reime zwingen zu wollen, wo nichts mehr übrig bleibe, als das mühselig gesuchte Kunststück zu reimen, das dem Geist die Kehle zuschnüre. Nur der Geist sei Poesie, der das Geheimnis eines ihm eingebornen Rhythmus in sich trage, und nur mit diesem Rhythmus könne er lebendig und sichtbar werden, denn dieser sei seine Seele, aber die Gedichte seien lauter Schemen, keine Geister mit Seelen. –

Es gebe höhere Gesetze für die Poesie, jede Gefühlsregung entwickle sich nach neuen Gesetzen die sich nicht anwenden lassen auf andre, denn alles Wahre sei prophetisch und überströme seine Zeit mit Licht, und der Poesie allein sei anheimgegeben dies Licht zu verbreiten, drum müsse der Geist, und könne nur, durch sie hervorgehen. Geist gehe nur durch Begeistrung hervor. – Nur allein Dem füge sich der Rhythmus, in dem der Geist lebendig werde! – wieder: –

Gustave Moreau, Hesiod und seine Muse„Wer erzogen werde zur Poesie in göttlichem Sinn, der müsse den Geist des Höchsten für gesetzlos anerkennen über sich, und müsse das Gesetz ihm preisgeben; Nicht wie ich will, sondern wie du willt! – und so müsse er sich kein Gesetz bauen, denn die Poesie werde sich nimmer einzwängen lassen, sondern der Versbau werde ewig ein leeres Haus bleiben, in dem nur Poltergeister sich aufhalten. Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue, könne er die Poesie als Gott nicht fassen. – Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt, der Geist müsse sich in dieser bewegen, und nicht ihr in den Weg treten, Gesetz was der Mensch dem Göttlichen anbilden wolle, ertöte die Ideengestalt, und so könne das Göttliche sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bilden. Der Leib sei die Poesie, die Ideengestalt, und dieser, sei er ergriffen vom Tragischen, werde tödlich faktisch, denn das Göttliche ströme den Mord aus Worten, die Ideengestalt, die der Leib sei der Poesie, die morde, – so sei aber ein Tragisches was Leben ausströme in der Ideengestalt, – (Poesie) denn alles sei Tragisch. – Denn das Leben im Wort (im Leib) sei Auferstehung, (lebendig faktisch) die bloß aus dem Gemordeten hervorgehe. – Der Tod sei der Ursprung des Lebendigen. –

Die Poesie gefangen nehmen wollen im Gesetz, das sei nur damit der Geist sich schaukle an zwei Seilen sich haltend, und gebe die Anschauung als ob er fliege. Aber ein Adler der seinen Flug nicht abmesse – obschon die eifersüchtige Sonne ihn niederdrücke – mit geheim arbeitender Seele im höchsten Bewußtsein dem Bewußtsein ausweiche, und so die heilige lebende Möglichkeit des Geistes erhalte, in dem brüte der Geist sich selber aus, und fliege – vom heiligen Rhythmus hingerissen oft, dann getragen dann geschwungen sich auf und ab in heiligem Wahnsinn, dem Göttlichen hingegeben, denn innerlich sei dies Eine nur: die Bewegung zur Sonne, die halte am Rhythmus sich fest. –

Dann sagte er am andern Tag wieder: Es seien zwei Kunstgestalten oder zu berechnende Gesetze, die eine zeige sich auf der gottgleichen Höhe im Anfang eines Kunstwerks, und neige sich gegen das Ende; die andre, wie ein freier Sonnenstrahl, der vom göttlichen Licht ab, sich einen Ruhepunkt auf dem menschlichen Geist gewähre, neige ihr Gleichgewicht vom Ende zum Anfang. Da steige der Geist hinauf aus der Verzweiflung in den heiligen Wahnsinn, insofern Der höchste menschliche Erscheinung sei, wo die Seele alle Sprachäußerung übertreffe, und führe der dichtende Gott sie ins Licht; die sei geblendet dann, und ganz getränkt vom Licht, und es erdürre ihre ursprüngliche üppige Fruchtbarkeit vom starken Sonnenlicht; aber ein so durchgebrannter Boden sei im Auferstehen begriffen, er sei eine Vorbereitung zum Übermenschlichen. Und nur die Poesie verwandle aus einem Leben ins andre, die freie nämlich. – Und es sei Schicksal der schuldlosen Geistesnatur, sich ins Organische zu bilden, im regsam Heroischen, wie im leidenden Verhalten. – Und jedes Kunstwerk sei Ein Rhythmus nur, wo die Zäsur einen Moment des Besinnens gebe, des Widerstemmens im Geist, und dann schnell vom Göttlichen dahingerissen, sich zum End schwinge. So offenbare sich der dichtende Gott. Die Zäsur sei eben jener lebendige Schwebepunkt des Menschengeistes, auf dem der göttliche Strahl ruhe. – Die Begeistrung welche durch Berührung mit dem Strahl entstehe, bewege ihn, bringe ihn ins Schwanken; und das sei die Poesie die aus dem Urlicht schöpfe und hinabströme den ganzen Rhythmus in Übermacht über den Geist der Zeit und Natur, der ihm das Sinnliche – den Gegenstand – entgegentrage, wo dann die Begeistrung bei der Berührung des Himmlischen mächtig erwache im Schwebepunkt, (Menschengeist), und diesen Augenblick müsse der Dichtergeist festhalten und müsse ganz offen, ohne Hinterhalt seines Charakters sich ihm hingeben, – und so begleite diesen Hauptstrahl des göttlichen Dichtens immer noch die eigentümliche Menschennatur des Dichters, bald das tragisch Ermattende, bald das von göttlichem Heroismus angeregte Feuer schonungslos durchzugreifen, wie die ewig noch ungeschriebene Totenwelt, die durch das innere Gesetz des Geistes ihren Umschwung erhalte, bald auch eine träumerisch naive Hingebung an den göttlichen Dichtergeist, oder die liebenswürdige Gefaßtheit im Unglück; – und dies objektiviere die Originalnatur des Dichters mit in das Superlative der heroischen Virtuosität des Göttlichen hinein. –

So könnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem was sich St. Clair in den acht Tagen aus den Reden des Hölderlin aufgeschrieben hat in abgebrochnen Sätzen, denn ich lese dies alles darin, mit dem zusammen was St. Clair noch mündlich hinzufügte. Einmal sagte Hölderlin, Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei, und alles schwinge sich von den Dichterlippen des Gottes, und wo der Menschengeist dem sich füge, das seien die verklärten Schicksale, in denen der Genius sich zeige, und das Dichten sei ein Streiten um die Wahrheit, und bald sei es in plastischem Geist, bald in athletischem, wo das Wort den Körper (Dichtungsform) ergreife, bald auch im hesperischen, das sei der Geist der Beobachtungen und erzeuge die Dichterwonnen, wo unter freudiger Sohle der Dichterklang erschalle, während die Sinne versunken seien in die notwendigen Ideengestaltungen der Geistesgewalt, die in der Zeit sei. – Diese letzte Dichtungsform sei eine hochzeitliche feierliche Vermählungsbegeisterung, und bald tauche sie sich in die Nacht und werde im Dunkel hellsehend, bald auch ströme sie im Tageslicht über alles was dieses beleuchte. – Der gegenüber, als der humanen Zeit, stehe die furchtbare Muse der tragischen Zeit; – und wer dies nicht verstehe meinte er, der könne nimmer zum Verständnis der hohen griechischen Kunstwerke kommen, deren Bau ein göttlich organischer sei, der nicht könne aus des Menschen Verstand hervorgehen, sondern der habe sich Undenkbarem geweiht. – Und so habe den Dichter der Gott gebraucht als Pfeil seinen Rhythmus vom Bogen zu schnellen, und wer dies nicht empfinde und sich dem schmiege, der werde nie, weder Geschick noch Athletentugend haben zum Dichter, und zu schwach sei ein solcher, als daß er sich fassen könne, weder im Stoff, noch in der Weltansicht der früheren, noch in der späteren Vorstellungsart unsrer Tendenzen, und keine poetischen Formen werden sich ihm offenbaren. Dichter die sich in gegebene Formen einstudieren, die können auch nur den einmal gegebenen Geist wiederholen, sie setzen sich wie Vögel auf einen Ast des Sprachbaumes und wiegen sich auf dem, nach dem Urrhythmus der in seiner Wurzel liege, nicht aber fliege ein solcher auf als der Geistesadler von dem lebendigen Geist der Sprache ausgebrütet.

Ich verstehe alles, obschon mir vieles fremd drin ist was die Dichtkunst belangt, wovon ich keine klare oder auch gar keine Vorstellung habe, aber ich hab besser durch diese Anschauungen des Hölderlin den Geist gefaßt, als durch das wie mich St. Clair darüber belehrte. – Dir muß dies alles heilig und wichtig sein. –

Luis Ricardo Falero, Allegorie der Kunst, 1892

Fachliteratur: Hans Ulrich Gumbrecht: Die süße Ruhe im Wahnsinn: über ein spätes Gedicht von Friedrich Hölderlin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. November 2014.

Göttlich organischer Bau: Giovanni Baglione: Erato, Muse der Lyrik, via Lou Margi, 5. Augut 2016;
Gustave Moreau: Hesiod und seine Muse, via Lou Margi, 6. Mai 2016;
Luis Ricardo Falero: Allegorie der Kunst, 1892, via Books and Art, 6. Februar 2018.

Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei: von den fast gleichnamigen Krautrockern Hoelderlin gleich die ganze LP Hölderlins Traum, 1972:

Written by Wolf

23. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Austen Brontë Woolf

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Zur Rezeption des Häubchenfilms

Update zu Pride and Prejudice
und Schwarze Butter:

Gegen die galoppierende Verwechslungsgefahr merken wir uns: Jane Austen ist ungefähr die Muttergeneration der Brontë-Schwestern — vor allem der schreibenden Anne, Charlotte und Emily. Zwei apokryphe, die eigentlich ältesten Brontë-Schwestern Elizabeth und Mary, sind noch als Schulmädchen an Tuberkulose gestorben; vom einzigen Bruder Patrick Branwell existieren auf eine fast theoretische Weise die gesammelten Gedichte, aber die will niemand lesen, bezahlen oder gar übersetzen. Ansonsten soll Patrick recht begabt gemalt — zum Beispiel das bekannte Dreifach-Portrait 1834 seiner überlebenden und schreibenden Schwestern, aus dem er nachträglich seine eigene Person taktvoll ausradiert hat — und vor allem ein paar Yards die Hauptstraße runter in der Dorfkneipe als ländliches Original beim Porter durchaus gebildete Schoten erzählt haben.

In ihrem jugendlichen Zeitvertreib erfanden alle vier Geschwister in wechselnden kreativen Allianzen die Reiche Angria und Gondal, in Erfindungsreichtum und schierem Umfang J.R.R. Tolkiens Mittelerde oder rezenten vielbändigen Fantasy-Großtaten in nichts nachstehend. Wenn das mal komplett erschlossen, in eine stringente Ordnung gebracht und gar verfilmt werden könnte — das wäre eine literarische Sensation. Das Material wurde von vier pubertierenden Pfarrerskindern gesammelt, der Ausarbeitung stand nichts mehr Weg als das Ende der Kindlichkeit, die niederen Sachzwänge des Erwachsenenlebens und der bei der friedhofsnah und gottesfürchtig hausenden Familie allgegenwärtige Tod.

Das Alter von vierzig Jahren hat überhaupt nur Schwester Charlotte erreicht, die außerdem als einzige nicht als Jungfrau ins Grab sank: Ein Kumpel ihres Vaters hat sich ihrer mit 39 erbarmt, aber damit nicht eine schließlich doch noch geoutete Bestseller-Autorin geheiratet, sondern seine örtliche Pfarrerstochter mit einer Gouvernantenausbildung aus dem kontinentalen Belgien, die seit über einem Jahrzehnt als sitzengeblieben galt.

Alle anderen welkten pünktlich kurz vor ihren Dreißigsten wie die kindlich vorausgestorbenen Elizabeth und Mary ab, denn es herrschte ein hässlich feuchtes, der Lunge junger Mädchen (und Patricks) unzuträgliches Hochmoorklima im Pfarrhaus mit Fensterfront auf den Friedhof zu Haworth in West Yorkshire. Vater Brontë überlebte alle, trotz seiner sechs Kinder der letzte Spross seines Stammes.

Mit Jane Austen, ebenfalls ledigerweise nur 42 geworden, verbindet diese glücklose Familie ein angenehm überschaubares Gesamtwerk, das jeweils in einen einzigen, dann aber geradezu waffentauglichen Band passt, sowie dessen vollständige und sogar mehrfache Verfilmung, für die man sich nicht allzusehr genieren muss, wenn man sie ab und zu binge-watcht. Austen- und Brontë-Filme machen Spaß, sogar noch die richtig miesen, und man verschafft sich dabei das nützliche Gefühl, man habe wenigstens versucht, einen ihrer Handlungsverläufe nachzuvollziehen.

Viel mehr Schreiberinnen solcher Filmvorlagen sind nicht bekannt. Man kann allenfalls Elizabeth Gaskell, persönliche Freundin und erste Biographin von Charlotte Brontë, und ein paar obskure Georgianerinnen dazuzählen, vorneweg George Eliot, die bürgerliche Mary Anne Evans mit dem vermännlichten Pseudonym: Mit dem Schreibhandwerk etwas fürs Herrenhaus dazuverdienen war erst als Viktorianerin nichts Ehrenrühriges mehr. An diesem Material kann man nun entweder bemängeln oder liebenswert finden, dass immer wieder nur das verfilmt werden kann, was einmal vorhanden ist. Ich finde es sogar bereichernd, in die Tiefe statt in die Breite zu konsumieren — oder finden Sie mal raus, auf welche Verfilmung von Wuthering Heights hin Kate Bush 1978 zu ihrem überkandidelten Ausdruckstanz gejodelt hat.*

Die Wölfin nennt dieses rundum erfreuliche Genre, das filmisch Historical period drama heißt, etwas herablassend, aber sehr treffend „Häubchenfilme“ und kapriziert sich lieber auf Schwedenkrimis, die gar nicht trostlos genug verlaufen und ausgehen können. Recht hat sie damit, dass Jane Austen auf einer Seitenzahl, in der man getrost eine ausgewachsene Romanhandlung unterbringen könnte, gerade einmal das Setting schafft, und wenn’s endlich losgehen könnte, sind alle schon verheiratet. Tot oder glücklich wären sie erst bei Charles Dickens, aber dazu brauchte es historisch noch die Zwischengeneration der Brontinnen — wie ja die Brontës insgesamt so eine Art Charles Dickens für Mädchen sind, was spätestens dann auffällt, wenn John Irving in Gottes Werk und Teufels Beitrag den Waisenkinderlein im Wechsel David Copperfield und Jane Eyre vorlesen lässt.

In mancher Hinsicht sind solche Häubchenfilme eine Art weiblich gelesenes Pendant zum betont männlichen Genre des Western-Films: Auf den ersten Blick an einem einzigen Szenenbild erkennbar, sind sie so stereotyp und so vielfältig, wie dramaturgischer Sachverstand darein gesetzt wurde, und sie leben wesentlich vom Aufwand an Ausstattung und einer angenommenen Nähe zu historischer Zeit und Ort. Mit dem Unterschied: Nicht jugendfreie Western sind weiterhin Western, meistens der Italo-Ausrichtung, Häubchenfilme sind gewöhnlich recht harmlos für jugendliche Seelen; ihre Porno-Varianten sind weder historical noch period, sondern eben Pornos. Sagen wir, Häubchenfilme sind Western für Mädchen. Für kleine und große. Aller Geschlechter.

Wer genug Häubchenfilme auf Handlungsdichte und Figurenführung durchgeschaut hat, merkt dann schon, welchen Satz nach vorn die Auffassung von Suspense in dieser entscheidenden Generation vollführt hat: Die Austen stickt noch Bildchen auf Sofakissen, die Brontës spulen schon Filme ab. Es kann auch, wenn man an dergleichen glaubt, an der Geographie liegen: Die Austen erzählt über die englische Südküste, wo am Golfstrom die ersten Palmen gedeihen, die Brontës kauzen über die knorrige Gegend an der Grenze zu Schottland herum. Und Dickens, wieder eine Generation später und von der Weltstadt London aus wirksam, konnte dramaturgisch und PR-technisch sowieso alles.

Weiterhin verbindet Jane Austen und die drei literarisch hervorgetretenen Schwestern Brontë, dass sie im derzeitigen deutschen Buchhandel in mehreren qualitativ unterschiedlichen Gesamtausgaben stattfinden. Das reicht von den besten, natürlich wie immer beim Insel-Verlag, der für solche Gestalten ja halboffiziell zuständig ist, bis hin zu Volltextabdrucken in lustigen Eindeutschungsversuchen auf einer Art saugfähigem Küchenpapier — natürlich wie immer bei ganz und gar unnötigen Verlagen, die nur deswegen Verlage sind, weil ein studierter Controller gehört hat, dass man in manchen Weltgegenden für ein Nichts saugfähiges Küchenpapier volldrucken und in Deutschland preisgebunden verkaufen kann. Beider — oder genauer: vierer — Gesamtausgaben sind in schmucken Sammelkästen erhältlich, weil man mit den einbändigen Ausgaben beim Lesen im Bett Gefahr läuft, sich beim Wegdösen das Nasenbein zu brechen.

So eine Schmucksammlung wünsche ich mir endlich aus einer bis drei weiteren Generationen später: von Virginia Woolf, über deren Orlando in der jüngsten Übersetzung von Melanie Walz man ja Wunderdinge hört. Der ist von 1928 im Eigenverlag einer starken Frau erschienen, da wurden die englischen Könige schon fotografiert statt gemalt, die Engländerinnen wurden zu politischen Wahlen zugelassen und die Häubchen fallen nicht mehr als Stigma unterdrückten Heiratsfutters auf; das ist dann vielleicht sogar für die Wölfin zeitgemäß genug. Und verfilmt ist der — wenn schon, dann richtig — mit Tilda Swinton.

Filmtipps: Der eine Häubchenfilm, der wirklich richtig was taugt, ist Sinn und Sinnlichkeit, das ist: Sense and Sensibility nach Jane Austen — und zwar der von 1995, mit Emma Thompson als Hauptrolle und dem völlig berechtigten Oscar fürs adaptierte Drehbuch 1996, Kate Winslet in der anderen Hauptrolle, einem gewohnt doofen, aber gut gelaunten Hugh Grant, dem sowieso immer lohnenden Alan Rickman und ein paar einnehmend grantigen Kurzauftritten von Hugh Laurie in seiner Jungform, als er noch Musiker war und lange nicht ahnte, was als „Dr. House“ mal aus ihm werden könnte.

Nummer 2 bleibt bis auf weiteres die Austen-Verfilmung, die einem seit 2005 immer als erstes einfällt, wenn von Austen-Verfilmungen die Rede ist: Stolz und Vorurteil, das ist: Pride & Prejudice, in dem sich jeder Mensch mit einem Herzen in der Brust endgültig in Keira Knightley verlieben musste, während er noch überlegt hat, was genau die kleinen und großen Mädchen aller Geschlechter seit Jahrhunderten an diesem Miesnickel von Mr. Darcy finden — und wieder mit Drehbuchbeteiligung seitens Emma Thompson (Schlüsselszene mit Keira Knightley barfuß).

Fachliteratur:

Bild: Helena Kelly: Jane Austen, Secret Radical, via Jane Austen Centre, Bath, 5. Juni 2018.

*Auflösung des Filmrätsels: Kate Bush ließ sich von den letzten ungefähr zehn Minuten der Verfilmung von Wuthering Heights von 1970 mit Timothy Dalton zu ihrem gleichnamigen Best- und Longseller hinreißen. Kate Bush im Interview mit Doug Pringle für Profiles in Rock, Dezember 1980, dingfest gemacht in deren eigenen Anmerkungen:

Well that was based around the story Wuthering Heights, which was written by Emily Bronte. And ah, and really what sparked that off was a TV thing I saw as a young child. [Apparently the timothy dalton telefilm of about 1972] I just walked into the room and caught the end of this program. And I am sure one of the reasons it stuck so heavily in my mind was because of the spirit of Cathy, and as a child I was called Cathy. It later changed to Kate. It was just a matter of exaggerating all my bad areas, because she’s a really vile person, she’s just so headstrong and passionate and … crazy, you know? And it was fun to do, and it took — a night and a half?

Diese spezielle Verfilmung handelt „nur“ die ersten 16 Kapitel der Buchvorlage ab, Frau Bushs Inspiration leitet sich also vom Showdown in den Klippen her, der mitnichten das Ende der Romanhandlung darstellt. Was Häubchenfilme angeht, ein eher schroffes Exemplar:

Soundtrack:, weil das oben ewähnte exaltierte Gehampel von Kate Bush — das unbenommen seine eigene Größe hat — erst kürzlich dran war: die dokumentarisch schätzbare — um nicht zu sagen: unschätzbare — „only known surviving recording of Virginia Woolf’s voice“:
Judith Kelly/Anita Gatehouse: Rare Virginia Woolf Singing Video, 6. April 2102:

Und weil’s ganz ohne eben doch nicht geht, nach der dran gewesenen Red Dress Version noch die White Dress Version von Kate Bush: Wuthering Heights, aus: The Kick Inside, 1978 — die sogar als erste Version gilt und auch nicht weniger überdreht daherkommt:

Written by Wolf

26. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Das sanfte Gesetz

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Update zu Zeichenstifter und
Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen:

——— Adalbert Stifter:

Vorrede

Im Herbste 1852, zu: Bunte Steine. Ein Festgeschenk.
Verlag von Gustav Heckenast, Pest. Leipzig, bei Georg Wigand, 1853:

William-Adolphe Bouguereau, L'Art et la Littérature, 1867Weil wir aber schon einmal von dem Großen und Kleinen reden, so will ich meine Ansichten darlegen, die wahrscheinlich von denen vieler anderer Menschen abweichen. Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind. Sie kommen auf einzelnen Stellen vor, und sind die Ergebnisse einseitiger Ursachen. Die Kraft, welche die Milch im Töpfchen der armen Frau empor schwellen und übergehen macht, ist es auch, die die Lava in dem feuerspeienden Berge empor treibt und auf den Flächen der Berge hinab gleiten läßt. Nur augenfälliger sind diese Erscheinungen und reißen den Blick des Unkundigen und Unaufmerksamen mehr an sich, während der Geisteszug des Forschers vorzüglich auf das Ganze und Allgemeine geht und nur in ihm allein Großartigkeit zu erkennen vermag, weil es allein das Welterhaltende ist. Die Einzelheiten gehen vorüber, und ihre Wirkungen sind nach kurzem kaum noch erkennbar. Wir wollen das Gesagte durch ein Beispiel erläutern. Wenn ein Mann durch Jahre hindurch die Magnetnadel, deren eine Spitze immer nach Norden weist, tagtäglich zu festgesetzten Stunden beobachtete und sich die Veränderungen, wie die Nadel bald mehr bald weniger klar nach Norden zeigt, in einem Buche aufschriebe, so würde gewiß ein Unkundiger dieses Beginnen für ein kleines und für Spielerei ansehen; aber wie ehrfurchterregend wird dieses Kleine und wie begeisterungerweckend diese Spielerei, wenn wir nun erfahren, daß diese Beobachtungen wirklich auf dem ganzen Erdboden angestellt werden, und daß aus den daraus zusammengestellten Tafeln ersichtlich wird, daß manche kleine Veränderungen an der Magnetnadel oft auf allen Punkten der Erde gleichzeitig und in gleichem Maße vor sich gehen, daß also ein magnetisches Gewitter über die ganze Erde geht, daß die ganze Erdoberfläche gleichzeitig gleichsam ein magnetisches Schauern empfindet. Wenn wir, so wie wir für das Licht die Augen haben, auch für die Elektrizität und den aus ihr kommenden Magnetismus ein Sinneswerkzeug hätten, welche große Welt, welche Fülle von unermeßlichen Erscheinungen würde uns da aufgetan sein. Wenn wir aber auch dieses leibliche Auge nicht haben, so haben wir dafür das geistige der Wissenschaft, und diese lehrt uns, daß die elektrische und magnetische Kraft auf einem ungeheuren Schauplatze wirke, daß sie auf der ganzen Erde und durch den ganzen Himmel verbreitet sei, daß sie alles umfließe und sanft und unablässig verändernd, bildend und lebenerzeugend sich darstelle. Der Blitz ist nur ein ganz kleines Merkmal dieser Kraft, sie selber aber ist ein Großes in der Natur. Weil aber die Wissenschaft nur Körnchen nach Körnchen erringt, nur Beobachtung nach Beobachtung macht, nur aus Einzelnem das Allgemeine zusammen trägt, und weil endlich die Menge der Erscheinungen und das Feld des Gegebenen unendlich groß ist, Gott also die Freude und die Glückseligkeit des Forschens unversieglich gemacht hat, wir auch in unseren Werkstätten immer nur das Einzelne darstellen können, nie das Allgemeine, denn dies wäre die Schöpfung: so ist auch die Geschichte des in der Natur Großen in einer immerwährenden Umwandlung der Ansichten über dieses Große bestanden. Da die Menschen in der Kindheit waren, ihr geistiges Auge von der Wissenschaft noch nicht berührt war, wurden sie von dem Nahestehenden und Auffälligen ergriffen und zu Furcht und Bewunderung hingerissen; aber als ihr Sinn geöffnet wurde, da der Blick sich auf den Zusammenhang zu richten begann, so sanken die einzelnen Erscheinungen immer tiefer, und es erhob sich das Gesetz immer höher, die Wunderbarkeiten hörten auf, das Wunder nahm zu.

William-Adolphe Bouguereau, Frère et sœur, 1887So wie es in der äußeren Natur ist, so ist es auch in der inneren, in der des menschlichen Geschlechtes. Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesgemäßheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem heiteren, gelassenen Sterben, halte ich für groß: mächtige Bewegungen des Gemütes, furchtbar einherrollenden Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört, und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, sondern für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind, wie Stürme, feuerspeiende Berge, Erdbeben. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird. Es gibt Kräfte, die nach dem Bestehen des Einzelnen zielen. Sie nehmen alles und verwenden es, was zum Bestehen und zum Entwickeln desselben notwendig ist. Sie sichern den Bestand des Einen und dadurch den aller. Wenn aber jemand jedes Ding unbedingt an sich reißt, was sein Wesen braucht, wenn er die Bedingungen des Daseins eines anderen zerstört, so ergrimmt etwas Höheres in uns, wir helfen dem Schwachen und Unterdrückten, wir stellen den Stand wieder her, daß er ein Mensch neben dem andern bestehe und seine menschliche Bahn gehen könne, und wenn wir das getan haben, so fühlen wir uns befriedigt, wir fühlen uns noch viel höher und inniger, als wir uns als Einzelne fühlen, wir fühlen uns als ganze Menschheit. Es gibt daher Kräfte, die nach dem Bestehen der gesamten Menschheit hinwirken, die durch die Einzelkräfte nicht beschränkt werden dürfen, ja im Gegenteile beschränkend auf sie selber einwirken. Es ist das Gesetz dieser Kräfte, das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen ist. Dieses Gesetz liegt überall, wo Menschen neben Menschen wohnen, und es zeigt sich, wenn Menschen gegen Menschen wirken. Es liegt in der Liebe der Ehegatten zu einander, in der Liebe der Eltern zu den Kindern, der Kinder zu den Eltern, in der Liebe der Geschwister, der Freunde zu einander, in der süßen Neigung beider Geschlechter, in der Arbeitsamkeit, wodurch wir erhalten werden, in der Tätigkeit, wodurch man für seinen Kreis, für die Ferne, für die Menschheit wirkt, und endlich in der Ordnung und Gestalt, womit ganze Gesellschaften und Staaten ihr Dasein umgeben und zum Abschlusse bringen. Darum haben alte und neue Dichter vielfach diese Gegenstände benützt, um ihre Dichtungen dem Mitgefühle naher und ferner Geschlechter anheim zu geben. Darum sieht der Menschenforscher, wohin er seinen Fuß setzt, überall nur dieses Gesetz allein, weil es das einzige Allgemeine, das einzige Erhaltende und nie Endende ist. Er sieht es eben so gut in der niedersten Hütte wie in dem höchsten Palaste, er sieht es in der Hingabe eines armen Weibes und in der ruhigen Todesverachtung des Helden für das Vaterland und die Menschheit. Es hat Bewegungen in dem menschlichen Geschlechte gegeben, wodurch den Gemütern eine Richtung nach einem Ziele hin eingeprägt worden ist, wodurch ganze Zeiträume auf die Dauer eine andere Gestalt gewonnen haben. Wenn in diesen Bewegungen das Gesetz der Gerechtigkeit und Sitte erkennbar ist, wenn sie von demselben eingeleitet und fortgeführt worden sind, so fühlen wir uns in der ganzen Menschheit erhoben, wir fühlen uns menschlich verallgemeinert, wir empfinden das Erhabene, wie es sich überall in die Seele senkt, wo durch unmeßbar große Kräfte in der Zeit oder im Raume auf ein gestaltvolles, vernunftgemäßes Ganzes zusammen gewirkt wird. Wenn aber in diesen Bewegungen das Gesetz des Rechtes und der Sitte nicht ersichtlich ist, wenn sie nach einseitigen und selbstsüchtigen Zwecken ringen, dann wendet sich der Menschenforscher, wie gewaltig und furchtbar sie auch sein mögen, mit Ekel von ihnen ab, und betrachtet sie als ein Kleines, als ein des Menschen Unwürdiges. So groß ist die Gewalt dieses Rechts- und Sittengesetzes, daß es überall, wo es immer bekämpft worden ist, doch endlich allezeit siegreich und herrlich aus dem Kampfe hervorgegangen ist. Ja wenn sogar der einzelne oder ganze Geschlechter für Recht und Sitte untergegangen sind, so fühlen wir sie nicht als besiegt, wir fühlen sie als triumphierend, in unser Mitleid mischt sich ein Jauchzen und Entzücken, weil das Ganze höher steht als der Teil, weil das Gute größer ist als der Tod, wir sagen da, wir empfinden das Tragische, und werden mit Schauern in den reineren Äther des Sittengesetzes emporgehoben. Wenn wir die Menschheit in der Geschichte wie einen ruhigen Silberstrom einem großen, ewigen Ziele entgegen gehen sehen, so empfinden wir das Erhabene, das vorzugsweise Epische. Aber wie gewaltig und in großen Zügen auch das Tragische und Epische wirken, wie ausgezeichnete Hebel sie auch in der Kunst sind, so sind es hauptsächlich doch immer die gewöhnlichen, alltäglichen, in Unzahl wiederkehrenden Handlungen der Menschen, in denen dieses Gesetz am sichersten als Schwerpunkt liegt, weil diese Handlungen die dauernden, die gründenden sind, gleichsam die Millionen Wurzelfasern des Baumes des Lebens. So wie in der Natur die allgemeinen Gesetze still und unaufhörlich wirken, und das Auffällige nur eine einzelne Äußerung dieser Gesetze ist, so wirkt das Sittengesetz still und seelenbelebend durch den unendlichen Verkehr der Menschen mit Menschen, und die Wunder des Augenblickes bei vorgefallenen Taten sind nur kleine Merkmale dieser allgemeinen Kraft. So ist dieses Gesetz, so wie das der Natur das welterhaltende ist, das menschenerhaltende.

William-Adolphe Bouguereau, Idylle Enfantine, 1900

Bilder: William-Adolphe Bouguereau: L’Art et la Littérature, 1867, Arnot Art Museum, Elmira, New York State;
Frère et sœur, 1887;
Idylle Enfantine, 1900, Denver Art Museum, Colorado.

Soundtrack: Mozart, Stifters favorisierter Tonsetzer: Sinfonia concertante für Violine und Viola Es-Dur, KV 364, mit Vilde Frang und Nils Mönkemeyer an Solo-Violine und -Bratsche — weil die Nordmanntanne Vilde Frang, dieser grundmädchenhafte boreale Jeanstyp junonischer Statur, zu den paar Star-Geigerinnen zählt, mit denen man sich mal einen Kneipenabend lang abgeben möchte. Falls sie mitzieht.

Written by Wolf

17. August 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Weisheit & Sophisterei