Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Novecento’ Category

Sommergewinnspiel: Meine Frau, die Kinder, die Katze und ich (und die Soleier!)

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Update zu Der Weise aus dem Mörchenland und
Aber nun sangen die Gäste „Stille Nacht, Heilige Nacht“:

Berlin (das bei Polen mein ich) kann durchaus Kultur aufweisen. Glaubt man oft gar nicht. Peter Frankenfeld war da her und ließ seine Katze frei mausen, und in den Kneipen zur Zeit von Heinrich Zille standen Hungertürme.

——— Peter Frankenfeld:

Meine Katze

praktisch nicht nachweisbar:

Hier ist mein Geständnis in einem Satze:
Ich habe zu Haus eine kleine Katze!
Sie schnurrt und schmeichelt zu allen Zeiten
und wartet ergeben auf Zärtlichkeiten.

Nur geht sie leider auf eig’ne Faust
zu Nachbarsleuten und stiehlt und maust.
Die Wurst, das Fleisch — und darin ist sie eigen —
schleppt sie ins Haus, um stolz es zu zeigen.

Ob Brötchen, Gemüse, Sardinen, Salat,
ob Hering, Zitronen, Geflügel, Spinat,
ob Soleier, Fische, ob Käse, ob Speck,
das maust sie den Nachbarn vom Küchentisch weg.

Ich bete, daß nie ein Bestohl’ner aus Wut
dem Kätzchen etwas zuleide tut.
Denn davon leben wir königlich:
meine Frau, die Kinder, die Katze — und ich.

Heinrich Zille, Hungerturm, 1911, via Margit Kunzke, Soleier. Ein Klassiker vom Kneipentresen, in Kochbuch für Max und Moritz, 15. April 2015

Soleier! Die gibt’s ja auch noch:

Suchbild: Wo ist der Hungerturm mit den Soleiern?:
Heinrich Zille: Hungerturm, 1911, via Margit Kunzke: Soleier: Ein Klassiker vom Kneipentresen,
in: Kochbuch für Max und Moritz, 15. April 2015.

Und dann noch das Gewinnspiel: Wer auf dem Bild die Soleier findet, gewinnt ein einwandfreies Buch von eime zugezogenen Berliner: Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band, Erstausgabe, Suhrkamp 1981! Das ist ein ausnehmend einnehmender Knuffel von knapp 1400 Seiten, den ich seit 1985 fleißig nutze, der aber neuerdings um über 140 Seiten erweitert ist, weswegen ich einen neuen brauche. Doch, wirklich, brauch ich unbedingt. Der alte sieht benutzt aus, aber nach Patina, nicht wie ein überjähriges Solei oder so.

Aus der finanziellen Situation meiner dahingegangenen 17-jährigen Existenz heraus kann ich leider nur einen einzigen Gewinn austeilen — und weil diese überschaubare Menge aus einem einzigen wunderschönen Exemplar besteht, sollte es in gute Hände gelangen. Solange der Vorrat reicht, sollten Sie also das Zille-Bild aufmerksam betrachten und etwas antworten, das mich geneigt macht, meine Jugenderinnerung dranzugeben. Brillanz, Freundlichkeit und zwingende Begründungen sind Vorteile. An wen das feine Stück dann geht oder ob es gar bei mir bleibt, unterliegt meiner selbstherrlichen Willkür.

Lösungsversuche bitte in den Kommentarteil unten. Das Angebot gilt, sagen wir, zwei Wochen: bis 3. August 2018 um Mitternacht, ist das okay? Das mach ich rein gaudihalber, Rechtsweg schließen wir aus.

Soundtrack: Natürlich Middle of the Road: Soley Soley, aus: Acceleration, 1972, was denn sonst?

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Written by Wolf

20. Juli 2018 at 00:01

Der poetische Act

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——— H. C. Artmann:

Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes

Gründungsmanifest der Wiener Gruppe, April 1953:

Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben.

Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen. Die alogische Geste selbst kann, derart ausgeführt, zu einem Act von ausgezeichneter Schönheit, ja zum Gedicht erhoben werden. Schönheit allerdings ist ein Begriff, welcher sich hier in einem sehr geweiteten Spielraum bewegen darf.

  1. Der poetische Act ist jene Dichtung, die jede Wiedergabe aus zweiter Hand ablehnt, das heißt, jede Vermittlung durch Sprache, Musik oder Schrift.
  2. Der poetische Act ist Dichtung um der reinen Dichtung willen. Er ist reine Dichtung und frei von aller Ambition nach Anerkennung, Lob oder Kritik.
  3. Ein poetischer Act wird vielleicht nur durch Zufall der Öffentlichkeit überliefert werden. Das jedoch ist in hundert Fällen ein einziges Mal. Er darf aus Rücksicht auf seine Schönheit und Lauterkeit erst gar nicht in der Absicht geschehen, publik zu werden, denn er ist ein Act des Herzens und der heidnischen Bescheidenheit.
  4. Der poetische Act wird starkbewußt extemporiert und ist alles andere als eine bloße poetische Situation, die keineswegs des Dichters bedürfte. In eine solche könnte jeder Trottel geraten, ohne es aber jemals gewahr zu werden.
  5. Der poetische Act ist die Pose in ihrer edelsten Form, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut.
  6. Zu den verehrungswürdigsten Meistern des poetischen Actes zählen wir in erster Linie den satanistisch-elegischen C. D. Nero und vor allem unseren Herrn, den philosophisch-menschlichen Don Quijote.
  7. Der poetische Act ist materiell vollkommen wertlos und birgt deshalb von vornherein nie den Bazillus der Prostitution. Seine lautere Vollbringung ist schlechthin edel.
  8. Der vollzogene poetische Act, in unserer Erinnerung aufgezeichnet, ist einer der wenigen Reichtümer, die wir tatsächlich unentreißbar mit uns tragen können.

Young woman in Cafe Hawelka in Vienna, Photograph, Around 1956, Getty Images

Bild: Junge Frau im Café Hawelka in Wien, Photographie um 1956 via Getty Images.

Soundtrack: Anton Karas: The Third Man. Closing Theme, 1949:

Written by Wolf

6. Juli 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Weisheit & Sophisterei

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn

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Update zu Trotzki, Fauser und die Goetheforschung:

Wenn mal Schinkenspeck nicht da ist
Den ein Kunde haben muß
Dann sagt sie nicht voller Freude:
Ham wa nich! — und damit Schluß
Sondern preist ihm an die Wurst
Und ein Fläschchen für den Durst
Fehlt mal Wurst, gibt es Speck
Und kein Mensch geht wütend weg

Wolf Biermann, a. a. O., 1962.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016

Mit Wolf Biermann bin ich nie richtig warm geworden. Dabei sollte ich ihn mögen: Wir sind nicht weit entfernte Namensvettern, wir haben auf die eine oder andere Art Wurzeln in Mitteldeutschland (wobei mein Vater freiwillig von Leipzig rübergemacht ist), wir haben schon mal im Nebenjob John Donne übersetzt, ich hege weder gegen seine Denk- noch Sing- noch Ausdrucksweise einen Einwand, und solche, die schon mal ein paar nach antiken Patschouliresten müffelnde LPs von ihm ausrangiert haben, sind bass erstaunt, dass ich nicht sein Gesamtwerk horte. Es hat einfach nicht gefunkt.

Einmal hätte es sogar fast gezündet. Wie ein Blick ins Archiv lehrt, schrieb man das Tschernobyl-Jahr 1986, als Wolf Biermann fürs Nürnberger Bardentreffen gebucht war, auf ein Konzert im Burggraben, der eine wunderschöne Spielstätte abgibt.

Für Biermann wollte ich mal lieber beizeiten erscheinen und traf den Künstler etwa eine halbe Stunde vor dem nachmittäglichen Konzertbeginn abseits der Bühne hinter einem hohen Bauzaun, wie sie damals wohl in Mode waren, auf der Wiese umherschlendernder- und rauchenderweise persönlich an.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Nun war mein frisch volljährig gewordenes Ich unter Bekannten ein berüchtigter Witzbildchenmaler, der immer Schreibzeug einstecken hatte, und unter Berühmten ein berüchtigter Autogrammsammler, der alles unternahm, um das Rückporto für die Autogrammpost zu umgehen. Daher schien es mir natürlich, das Schreibzeug durch die Maschen des Bauzauns zu zwängen und zu sagen:

„Herr Biermann?“

Herr Biermann blies Zigarettenrauch durch die Nase und schaute auf in meine Richtung. Gar nicht mal so unfreundlich.

„Krieg ich bitte ein Autogramm?“

Herr Biermann blies Zigarettenrauch durch die Nase, überlegte kurz und blaffte:

„Nein!“

Laut, mit Körpereinsatz und katerhaft gesträubtem Schnurrbart. Damit verschwand er mit halbgerauchter Zigarette entschlossenen Geschwindschrittes unter das Bühnengestänge und ward nicht mehr gesehen. Jedenfalls nicht von mir, denn den Nachmittag verbrachte ich dann doch nicht auf dem Burggrabenkonzert mit Wolf Biermann, sondern im Altstadthof mit ungespundetem Bier, und dieser harsche Patron sollte sich fortan seine selbergestrickten Klampfenliedchen gefälligst selber anhorchen.

Das war nie wieder gutzumachen — von meiner Seite aus, mein ich. Sollte ich entgegen meiner Erinnerung tatsächlich das „Bitte“ aus meinem unverschämten Ansinnen weggelassen haben, kann Herr Biermann zweifellos gut mit seinem Benehmen leben, aber er hätte gern sofort damit anfangen können und nicht … Ach, ist ja wurscht seit über dreißig Jahren.

Biermann-Platten hab ich aus diesem traumatischen Vorfall heraus nicht mal angeschafft, als die CDs für zweifünfundneunzig auf dem Ramsch lagen, und dieser Tage hat es mich mehr als die 1,50 Euro gekostet, als sein Buch Wie man Verse macht und Lieder. Eine Poetik in acht Gängen in der Fußgängerbremse vorm Oxfam stand. Am Anfang kommt der Faust vor, da kann ich’s ja nicht einfach stehen lassen. Für den Preis.

Übrigens sind die Konzerte auf dem Bardentreffen bis heute gratis, die Liter-Bügelflasche „Bier von hier“ aus dem Altstadthof — damals noch eine einzige Sorte — kostete vier Mark. Da können sie mit seinen Büchern umsonst den Gehsteig pflastern, was dem Herrn Gebrauchslied-Proletarier ja nur recht sein müsste, der Biermann schuldet mir ungefähr drei- bis fünfmal 2,0451 Euro. Ohne Pfand, das hab ich schon selber wieder eingetrieben.

Spätestens seit letzter Woche, in der ich seine Poetik quergelesen hab, weiß ich, was ich vierzig Jahre nur ahnte: Ich verpasse was.

——— Wolf Biermann:

Politisch Lied, privates Lied

Erste Vorlesung, 11. November im Wintersemester 1993/94 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,
aus: Wie man Verse macht und Lieder. Eine Poetik in acht Gängen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997, Auszüge aus Seite 8 bis 33:

[…] Die Heine-Professur in Düsseldorf soll mich nicht professorale Erstarrung locken. Profssor Klaus hat mit mir in meiner Jugend auf der Humboldt-Universität zu Berlin das mathematische Schlittschuhlaufen trainiert. Wolfgang Heise hat mir den doppelt marxistischen Rittberger beigebracht. Ja, ich kann sogar die hegelsche Pirouette drehn. Aber ich bin kein gelehrter Esel geworden und will bei Ihnen nicht aufs Düsseldorfer Glatteis zum Tanzen.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Das heißt noch lange nicht, daß ich Ihnen nichts mitgebracht hätte. Ich komme hier bei Ihnen vorbeigelaufen wie früher auf den Straßen der Kleiderhändler mit ein paar abgewetztenLumpen auf der Stange. Viel Neues werde ich Ihnen also nicht liefern können. Aber ein paar abgetragene Hosen könnte die geistige Blöße des einen oder anderen intellektuell abgerissenen Zuhörers doch bedecken.

„Politisch Lied, privates Lied“, steht bei Ihnen auf dem Zettel. Nicht „politisches“, sondern kurz politisch Lied — daran erkennen Sie schon das versteckte Zitat. Also fangen wir mit dem FAUST an. Sie kennen die Szene, sie spielt in Auerbachs Keller des Frankfurter Weimarianers Klein Paris, in der Stadt Leipzig. Da stimmt ein schmerbäuchiges Altsemester ein Lied an, als wärs ein Stück von mir. Sein Song klingt wie ein heutiges Spottlied über den Zerfall des kommunistischen Weltreichs: „Das liebe heil’ge röm’sche Reich,/Wie hält’s nur noch zusammen?“ Dann unterbricht ein andrer akademischer saufkumpan die Singerei mit dem geflügelten Wort: „Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied / Ein leidig Lied! …“ Nun treten auch schon Faust und Mephistoles auf. Der Teufel, bevor er seine große Zaubernummer mit den verschiedenen Weinsorten abzieht, gibt der lustigen Gesellschaft ein kleines böses Lied zum besten, ein Pasquill über einen König und dessen Floh, auch ein garstiges, ein sehr politisches Lied:

Es war einmal ein König,
Der hatt‘ einen großen Floh,
Den liebt‘ er gar nicht wenig,
Als wie seinen eig’nen Sohn.
Da rief er seinen Schneider,
Der Schneider kam heran:
Da, miß dem Junker Kleider
Und miß ihm Hosen an!

In Sammet und in Seide
War er nun angetan,
Hatte Bänder auf dem Kleide,
Hatt‘ auch ein Kreuz daran,
Und war sogleich Minister,
Und hatt‘ einen großen Stern.
Da wurden seine Geschwister
Bei Hof‘ auch große Herrn.

Und Herrn und Fraun bei Hofe,
Die waren sehr geplagt,
Die Königin und die Zofe
Gestochen und genagt,
Und durften sie nicht knicken,
Und weg sie jucken nicht.
Wir knicken und ersticken
Doch gleich, wenn einer sticht.

Bravo! Bravo! Das war schön! brüllen begeistert die angesoffenen Spätsemester. So soll es jedem Floh ergehn! … Spitzt die Finger und packt sie fein! … Es lebe die Freiheit! Es lebe der Wein! — Ja, denke ich, solche Freiheitskämpfer von der Flasche kannte Heinrich Heine auch. Er schrieb den Vers:

Der Knecht singt gern ein Freiheitslied
Des Abends in der Schenke
Das stärket die Verdauungskraft
Und würzet die Getränke.

Und damit sind wir mittendrin in meinem Thema. Politisch Lied, privates Lied. Welcher Knecht singt für welche Knechte, und welche Freiheit meint er? Und was ist eigentlich politisch, was ist privat an Liedern. Ist ein Lied politisch zu nennen, wenn es von politischen Dingen handelt? Oder wäre politisch an einem Lied, daß es politische Wirkungen ausübt? Und dann noch die Haltung, die Richtung, die Tendenz: War etwa das Horst-Weseel-Lied der Nazis auch ein politisches Lied? Bedeutet also das Beiwort politisch eigentlich fortschrittlich oder sogar revolutionär? Und wenn ja, wer entscheidet, welches Fortschreiten Fortschritt wäre?

Wer bestimmt, was in der Geschichte Revolution genannt wird und was Konterrevolution? War Lenin ein Revolutionär? War Stalin ein Konterrevolutionär? Was könnte politisch sein an einem Schlagerlied wie diesem: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn …“ Ist mit dem Wunder, das da beschworen wird, Hitlerdeutschlands Endsieg mit der Wunderwaffe V2 gemeint oder eine Befreiung vom deutschen Faschismus, die, was Wunder! — das deutsche Volk selbst nicht zustande brachte. Oder meint die Schnulze nur das Wunder einer berauschenden Liebesnacht in nicht gerade berauschenden Zeiten?

Ich werde Ihnen später ein absolut privates Chanson aus Frankreich zeigen, das zum wichtigsten und berühmtesten Lied der Commune de Paris 1871 wurde: „Le temps des cerises.“

Die hochnotpeiniche Anfrage, ob denn meine Lieder politisch genug sind oder ob sie schon allzu privat wurden, kenne ich sei dreißig Jahren. Was da als besorgte Frage daherkommt, ist im Grunde ein Vorwurf; er wird mir gelegentlich von wohlmeinenden Freunden gemacht und von revolutionären Schöngeistern. Von beamteten Weltverbesserern und von verhinderten Inquisitoren wird er mir immer wieder unter die Nase gerieben. Ob nun aus Sorge oder aus Mißgunst und Häme — immer steckt dahinter die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Revolution? Genosse, kämpfst du noch tapfer im vordersten Schützengraben, oder hast du dich ins Private verpißt?

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Hiermit sind wir schon auf Seite 11. Im folgenden hangelt Biermann, der ebensoviele garstige wie politische Lieder kennt, auch in seiner Prosa nicht ohne stilistische Brillanz von einer etymologischen Herleitung der Wörter „privat und „politisch“ samt Bekenntnissen, was er in seiner Eigenschaft als Liedermacher, das ist: berufsmäßiger Verfertiger von Liedern, mit beiden immer anstellen und erreichen wollte, über sein Verhältnis zu Stephan Hermlin samt persönlich wie gesellschaftlich — ja, privat wie politisch — bedeutsamer Anekdoten, in denen zahlreiche DDR-Größen und literarische Anspielungen vorkommen, zu seinen prägenden Erlebnissen mit Hanns Eisler. Das „Faustische“ in dieser Vorlesug kehrt wieder auf Seite 32 — im Bericht über eine öffentliche Veranstaltung mit „junger Lyrik“, die Stephan Hermlin in seiner Eigenschaft als Leiter der Sektion Dichtung und Sprachpflege bei der Akademie der Künste am Robert-Koch-Platz „gegen Ende des Jahres 1962“ begründete, organisierte und moderierte:

Wohl keiner von uns merkte damals, daß wir mit Volker Brauns Freude-durch-Kraft-Gedichte bei Goethe gelandet waren, diesmal am Ende des „Faust“. Mancher hier könnte die berühmten Verse auswendig hersagen: „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin … / solch ein Gewimmel möcht ich sehn …“ Die Lemuren, diese Halbteufel, schaufeln des verteufelten Doktor Fausts Grab. Der Sterbende bildet sich ein, es seien Meliorisationsarbeiten. Der blinde Greis glaubt, es seien so was wie Moorsoldaten mit ihren Spaten oder Männer vom Reichsarbeitsdienst mit ihren Handbaggern, die da Entwässerungsgräben schaufeln für die nationale, pardon, will sagen für die sozialistische Buterproduktion. Bei Goethe betrügt Faust am Ende raffiniert den Teufel mit einem Konjunktiv:

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,
auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön! …

Wir aber genossen diesen Augenblick in der Akademie ohne vorsichtigen Konjunktiv, wir waren jung und arglos. Als Hermlin uns damals mit noblem Pathos Volker Brauns nationale Butter aufs sozialistische Brot schmierte, da klingelte bei mir kein Warnglöckchen. Dieses liebliche Geläut ging mir so angenehm durchs Gemüt wie Heinrich Heines Frühlingslied. Das Tor zur Dichterkarriere war uns nun weit aufgestoßen. Freiheit, Demokratie, Tauwetter.

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß‘ ich jetzt den höchsten Augenblick.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Und wie Faust im Abendlicht der Sterbeszene die Situation mißdeutet, genau so mißverstanden wir die Situation. Für uns war diese Akademielesung eine Sternstunde vor dem Morgenrot. Stephan Hermlin zog jeden einzelnen von uns, jedes neu entdeckte Sternchen am deutschen demokratischen Lyrikhimmel hoch wie eine gelbrote Buttersonne im Emblem der FDJ.

So sonnten wir uns im Licht des Mondes. Zum Glück ist Hermlin kein Zupfgeigenhansel: Der würdige Mann spielt nicht Gitarre, und so durfte ich zum Schluß einige meiner Lieder selbst vortragen. Dabei sang ich vier bänkelhafte Kinderlieder. Wir loben die guten Sozialisten, erstens den Hausarzt, zweitens die Verkäuferin, dann den Verkehrspolizisten und zu gutzer Letzt den Funktionär, der gut funktioniert. Gutmütig-harmloser Spott zwischen den Zeilen, ich war wirklich ein braves Kind der Republik.

Im folgenden arbeitet Biermann noch ausführlich durch Lyrikzitate belegt diese Veranstaltung auf. Das eigene Fazit aus seiner ersten Vorlesung — wir sind inzwischen auf Seite 37 — geht:

Ich suchte immer noch Verständigung, ich liebäugelte immer wieder mit der Chance, den Drachen mit der sanften Gewalt der Vernunft zu überzeugen, ohne daß er die List der Aufklärung merkt und ohne daß er mich packt. Aber mit jedem neuen Lied, mit jedem neuen Gedicht verbaute ich mir die Fluchtwege in den falschen Frieden. Ich schrieb immer etwas mutiger, als ich war, und dichtete dabei immer etwas tiefer, als ich wußte — das sind eben die Gratisgeschenke der Musen.

Ein so braves Kind der Bundesrepublik war Biermann also auch 1993 noch, um im Faust ganz nebenbei die sozialistische Tendenz nachzuweisen: an exponierter Stelle der Wunsch — ja, der letzte Wunsch — der Hauptfigur: „auf freiem Grund mit freiem Volke stehn“, das muss einem erst mal auffallen.

Sehr geehrter Herr Biermann, wenn Sie das hier lesen, können wir uns gerne noch spät einigen: Mögen die Musen ihre Gratisgeschenke verteilen, wie ihnen beliebt, Gratisfreibier gibt’s nicht. Warten wir also nicht auf bessre Zeiten und Sie geben diesmal das Bier aus, dafür will ich kein Autogramm, wie wär’s?

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016

Bilder: Barbara Klemm: Wolf-Biermann-Konzert in Köln, 13. November 1976,
via Barbara Klemm: Mama, die können mir doch nichts wollen?,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. November 2016:

Nach Jahren des Auftrittsverbots in seiner Heimat, der DDR, stand Wolf Biermann am 13. November 1976 in Köln auf der Bühne. Und durfte nicht mehr zurück. Die Geschichte einer historischen Nacht – und eines historischen Bildes

Das mit der Zunge: Barbara Klemm bei gleicher Gelegenheit via dpa für Till Stoppenhagen: Wolf Biermann wid 80. Wortgewalting und umstritten, Hamburger Morgenpost, 15. November 2016:

Noch ist Wolf Biermann auf seinem legendären Köln-Konzert 1976 gut gelaunt – drei Tage später wird er aus der DDR ausgebürgert.“

Soundtrack: Wolf Biermann: Vier Kinderlieder (Wir loben die guten Sozialisten),
aus: VEB — Volkseigener Biermann (Kennt keiner: uralte Lieder vom jungen Wolf), 1988:

Written by Wolf

4. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Wenn er vom Blocksberg kehrt

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Update zu Bocksgestöhn und freche Lieder:

Ja, singe, singe nur, und lob‘ und rühme sie!
Ich will zu meiner Zeit schon lachen.
Sie hat mich angeführt, dir wird sie’s auch so machen.
Zum Liebsten sey ein Kobold ihr bescheert!
Der mag mit ihr auf einem Kreuzweg schäkern;
Ein alter Bock, wenn er vom Blocksberg kehrt,
Mag im Galopp noch gute Nacht ihr meckern!
Ein braver Kerl von echtem Fleisch und Blut
Ist für die Dirne viel zu gut.
Ich will von keinem Gruße wissen,
Als ihr die Fenster eingeschmissen!

Auerbachs Keller in Leipzig: Siebel, Vers 2108 bis 2118.

Jamiri, Anja, Marabo, 1993

Jamiri, Anja, Marabo, 1993

Zeche lustiger Gesellen: Jamiri: Anja, doppelseitige Version in: Marabo, 1993. Spätere Versionen ließen das erste Bild weg und verwendeten „Schlampe“.

Singe, singe nur, und lob‘ und rühme sie: Aerosmith: Cryin‘, aus: Get a Grip, April 1993:

Das ist, wie die Lagerfeuermusikanten unter uns schon vor 25 Jahren bemerkt haben, ein Dreiertakt. Und wo wir schon dabei sind, als Bonus Track noch den anderen Walzer aus der einzigen Platte der 1990er, die für gleich zwei Walzer als Sommerhits gut war, das Video zusätzlich zur selben Alicia Silverstone sogar noch mit Liv Tyler: Crazy:

Written by Wolf

1. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Wie man sich eine Schrift besieht

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Update zu Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!:

——— Goethe:

Über den Granit

Januar 1784, aus dem Nachlass gedruckt 1878 in:
Goethes Werke. Nach den vorzüglichsten Quellen revidierte Ausgabe,
Hempel, Berlin, o. J. (1868–1879), Band 33–36: Zur Naturwissenschaft:

So einsam, sage ich zu mir selber, indem ich diesen ganz nackten Gipfel hinabsehe, und kaum in der Ferne am Fuße ein geringwachsendes Moos erblicke, so einsam, sage ich, wird es dem Menschen zu Mute, der nur den ältesten, ersten, tiefsten Gefühlen der Menschheit seine Seele eröffnen will. Ja, er kann zu sich sagen: Hier auf dem ältesten ewigen Altare, der unmittelbar auf die Tiefe der Schöpfung gebaut ist, bring ich dem Wesen aller Wesen ein Opfer. Ich fühle die ersten, festesten Anfänge unsers Daseins, ich überschaue die Welt, ihre schrofferen und gelinderen Täler und ihre fernen fruchtbaren Weiden, meine Seele wird über sich selbst und über alles erhaben und sehnt sich nach dem nähern Himmel. Aber bald ruft die brennende Sonne Durst und Hunger, seine menschlichen Bedürfnisse, zurück. Er sieht sich nach jenen Tälern um, über die sich sein Geist schon hinausschwang, er beneidet die Bewohner jener fruchtbareren quellreichen Ebnen, die auf dem Schutte und Trümmern von Irrtümern und Meinungen ihre glücklichen Wohnungen aufgeschlagen haben, den Staub ihrer Voreltern aufkratzen und das geringe Bedürfnis ihrer Tage in einem engen Kreise ruhig befriedigen. Vorbereitet durch diese Gedanken, dringt die Seele in die vergangene Jahrhunderte hinauf, sie vergegenwärtigt sich alle Erfahrungen sorgfältiger Beobachter, alle Vermutungen Feuriger Geister. Diese Klippe, sage ich zu mir selber, stand schroffer, zackiger, höher in die Wolken, da dieser Gipfel noch als eine meerumfloßne Insel in den alten Wassern dastand, um sie sauste der Geist, der über den Wogen brütete, und in ihrem weiten Schoße die höheren Berge aus den Trümmern des Urgebirges und aus ihren Trümmern und den Resten der eigenen Bewohner die späteren und ferneren Berge sich bildeten. Schon fängt das Moos zuerst sich zu erzeugen an, schon bewegen sich seltner die schaligen Bewohner des Meeres, es senkt sich das Wasser, die höheren Berge werden grün, es fängt alles an, von Leben zu wimmeln. – –

Green Sarah, Nothing in Nature Blooms All Year, 23. Oktober 2016Moose sind einnehmende Wesen. Sie ernähren sich von praktisch überhaupt nichts — außer ein paar spektakulären Ausbüchsern wie die fleischfressenden Arten namens Colura zoophaga, die maximal Wimperntierchen schafft, und Pleurozia purpurea, die nicht verdaut —, machen nichts kaputt — nein, nicht einmal Ihr Gartenpflaster, und wenn doch, war’s eine Flechte, weil Rhizoide sich nicht wie Wurzeln in Stein festfressen —, haben nichts und niemanden zum Fressfeind außer der Zeit, und dass sie tot sind, merkt man erst an der Änderung ihres Aggregatzustands.

Manche von ihnen leben ihre Sexualität erst dann aus, wenn sie gestorben sind: Einige der bescheidensten Ackermoose setzen ihre Sporen frei, indem sie verwesen. Wer jetzt spontan ins Überlegen kommt, soll sich nicht zu früh freuen: Alle 16000 bekannten Moosarten unterliegen einem Generationswechsel, der nichts einfacher macht. Bei uns selbst wohnten einst zwei genügsame Laubmoose von feuchter Luft und Liebe, weil sie die Menschen verbinden können:

Die Rolle der sexuellen Vermehrung zur Erhöhung der genetischen Vielfalt ist bei den Moosen erheblich eingeschränkt. Rund die Hälfte der Moose ist monözisch und überwiegend selbstbefruchtend (keine Selbstinkompatibilität). Zudem kommen viele diözische Arten nur in rein weiblichen oder rein männlichen Populationen vor und können sich nicht sexuell vermehren.

Verstorben sind sie dann vermutlich nicht an Liebesentzug, sondern am Mangel frischer Waldluft, weil ich dachte, schön grün sind sie ja selber. Na gut, die meisten in Deutschland (eine botanisch interessante, sehr eigenständige Moosfauna hat Amerika entwickelt). Dennoch erscheint einem so eine entspannte Bedürfnislosigkeit, mit der man seit 450 Millionen Jahren i Ruhe gelassen wird, mit fortschreitendem Lebenslauf immer erstrebenswerter.

Green Sarah, Nothing in Nature Blooms All Year, 23. Oktober 2016Ohne genau hinzuschauen, kann einer darauf verfallen, Moos gäbe es eigentlich gar nicht. Die bekannten Isländisch und Eichenmoos sind Flechten (Cetraria islandica und Evernia prunastri):

Wenn, trifft es, Moos und Flechten
Scharf miteinander fechten,
Stets wird die Flechte siegen,
Das Möslein unterliegen.

Karl Friedrich Schimper, 1857, siehe unten.

Spanisches Moos ist sogar eine blühende Ananas — jedenfalls eine Bromeliacea —, das Zeug in den Pflasterritzen sind Kreuzblütler (Sagina) und das an Bäumen und alten Fensterrahmen Grünalgen. Ohne einen Trick, mit dem man einfache und doppelte Chromosomensätze nachzählen kann, ist man bei der Bestimmung aufgeschmissen. Im Felde eine Lupe, zu Hause ein Miskroskop und die wichtigsten Reagenzien aus der Apotheke helfen aber schon weiter.

Zu Ehren dieser stillen Gewächse rette ich (nicht zum ersten Mal) aus dem Netz zwei Gedichte: eins von Karl Friedrich Schimper und eins von Siegfried von Vegesack.

Das Gedicht von Schimper umfasst vermutlich 143 Strophen, wurde nie vollständig gedruckt und existiert nur in teilweisen Abschriften. Prof. Dr. Karl Mägdefrau stellt es am 1. Mai 1968 kurz in seiner Festschrift zu Schimpers 100. Todestag vor. Besonders Vers 30 atmet für 1857 eine eigentümliche Aktualität:

——— Karl Friedrich Schimper:

Mooslob

ungedruckte Auszüge, aus: Auszug, Stücke aus dem noch ungedruckten Mooslob, oder die schönsten Geschichten der Moose, alte und neue, in Versen für eine junge Dame zu einer eleganten Moossammlung von Dr. Karl Friedrich Schimper. Festgabe für Bonn. Mainz, September 1857:

[Vers 30:]

Was hält uns im Geleise?
Was rettet uns vom Eise?
Vor drohender Versteppung
Und Länderstaubverschleppung?
Was wärmt und bringt den Regen?
Was fesselt seinen Segen?
Was spart und nähret Flüsse?
Was sichert uns Genüsse?
Die Kleinsten und der Große,
der Golfstrom und die Moose!

[Vers 125:]

Empfindlich für das Feuchte
Wie für des Ortes Leuchte,
Was Wurz- und Stengel leisten
Gleich siehst Du bei den meisten,
Was Die geheim auch mischen,
Sie können nicht erfrischen,
Die kargen Wasserfasser — :
Moos welkt im Glase Wasser!
Die Blätter sind die Leiter
und außen geht es weiter!

Green Sarah, Nothing in Nature Blooms All Year, 23. Oktober 2016Das Gedicht von Vegesack wird auf Fach- und Besinnungsseiten öfter zitiert, leider grundsätzlich mit den üblichen kleineren Fehlerchen gespickt: Versaufteilung, Großschreibung, Zeichensetzung, Sie kennen dergleichen.

Der Wechsel des Metrums erscheint darin lebhaft genug, dass er als absichtsvoll um der poetischen Wirkung willen durchgehen darf, nicht als Stümperei. Wenn Vegesack nur noch die ständigen bedeutungsvoll raunenden „…“ weglassen wollte, hieße so ein Gewoge in den besten Mephistopheles-Monologen Madrigalvers.

Nachstehend bringe ich eine maßgeblich gemeinte Version, penibel abgetippt und korrigiert. Das Original liegt in der Bibliothek des Botanischen Instituts der Universität München — von mir aus mit Bus 62 und Tram 17 eine halbe Stunde entfernt, mit dem Herzen eine halbe Ewigkeit.

Wenn Ihnen noch übrige Fehler auffallen, müssen Sie Ihren begründeten Verbesserungsvorschlag nicht für sich behalten. Sie sind ja kein Moos.

——— Siegfried von Vegesack:

Moos

in: Simplicissimus, 21. Juni 1936:

Hast du schon jemals Moos gesehen?
Nicht bloß so im Vorübergehen,
so nebenbei von oben her
so ungefähr —
nein, dicht vor Augen, hingekniet,
wie man sich eine Schrift besieht?
O Wunderschrift! O Zauberzeichen!
Da wächst ein Urwald ohnegleichen
Und wuchert wild und wunderbar
im Tannendunkel Jahr für Jahr,
mit krausen Fransen, spitzen Hütchen,
mit silbernen Trompetentütchen,
mit wirren Zweigen, krummen Stöckchen,
mit Sammethärchen, Blütenglöckchen,
und wächst so klein und ungesehen —
ein Hümpel Moos.
Und riesengroß
die Bäume stehen…

Doch manchmal kommt es wohl auch vor,
daß sich ein Reh hierher verlor,
sich unter diese Zweige bückt,
ins Moos die spitzen Füße drückt,
und daß ein Has‘, vom Fuchs gehetzt,
dies Moos mit seinem Blute netzt.
Und schnaufend kriecht vielleicht hier auch
ein sammetweicher Igelbauch,
indes der Ameis‘ Karawanen
sich unentwegt durchs Dickicht bahnen.
Ein Wiesel pfeift — ein Sprung und Stoß —
und kalt und groß
gleitet die Schlange durch das Moos.

Wer weiß, was alles hier geschieht,
was nur das Moos im Dunklen sieht:
Gier, Liebesbrunst und Meuchelmord —
kein Wort
verrät das Moos.
Und riesengroß
die Bäume stehen…

Hast du schon jemals Moos gesehen?

Ansichtskarte Siegfried von Vegesacks Doppelheimat Blumbergshof, lettisch Lohbergi, und in Weißenstein, Niederbayern auf Kohouti kriz, via Seniorentreff

Fachliteratur:

  1. Keiren: Moss Art mit Helen Nodding’s Moss Graffiti Recipe,
  2. Volkmar Wirth, Ruprecht Düll: Farbatlas Flechten und Moose, Verlag Eugen Ulmer, 2000.

Bilder: Green Sarah: Nothing in Nature Blooms All Year, 23. Oktober 2016;
Ansichtskarte von Siegfried von Vegesacks Doppelheimat: auf dem Blumbergshof, heute lettisch Lohbergi, und in Weißenstein/Niederbayern auf Kohouti kriz via Seniorentreff.

Soundtrack: Gunter Gabriel: Ohne Moos nichts los, aus: Damen wollen Kerle, 1978:

Written by Wolf

20. April 2018 at 00:01

Die Lust des Mittelstands

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Update zu Siehst du,
Frames in Zitaten (in Frames) und
Die Brahmsianer können ja derweil aufs Klo:

Da ist uns der Alfred Kerr letzten ersten Weihnachtsfeiertag 150 geworden und keiner hat’s gemerkt. Jedenfalls nicht viele, die wenigstens theoretisch noch Freude an seiner Brillanz haben könnten.

dpa, picture alliance, Der Theaterkritiker Alfred Kerr in einer undatierten Karikatur, Deutschlandfunk Kultur, 29. Dezember 2017

Der 17 Jahre jüngere Thomas Mann hatte nicht immer seine Freude an Alfred Kerr, das alte Lied zwischen Literaten und Literaturkritikern — und zwischen Thomas Mann und ihm übergeordneten Vaterfiguren. Beiderlei Verhältnisse wird man zweifellos in der monumentalen Thomas-Mann-Biographie von Peter de Mendelssohn aufgedröselt finden, über die man Wunderdinge hört.

Lovis Corinth, Alfred Kerr, 1907Leider konnte ich das selbst noch nicht näher nachlesen. Wir reden über drei keineswegs schmächtige Bände, die dabei immer noch Fragment geblieben sind: Bis zu de Mendelssohns Tod 1982 sind nur zwei Bände erschienen. Sein Vorteil war, Thomas Mann persönlich zu kennen — so intim wie kaum sonst jemand, weil er für den S. Fischer Verlag seine Tagebücher herausgab. Mit Thomas Mann gut auskommen und ihn zu größeren Projekten überreden, das war nicht jedem vergönnt. Da muss man nur seine Kinder fragen, deren er sechse hatte, von denen im Laufe der Schicksale mindestens drei an den Selbstmord und „ungeklärte Umstände“ verloren gingen. Rein quantitativ ein tragisch bewegtes Familienleben für eine ungeouteten Schwulen. Natürlich muss das nichts heißen.

Hellhörig wird man über den auffindbaren Auszügen aus obgenannter Biographie angesichts der Beschreibung eines Gedichts von Alfred Kerr. Sie besteht aus einem denkbar kurzen Absatz, in dem alles steht, was man über ein Gedicht wissen will. Jedenfalls hat das Nachgoogeln auch nicht mehr ergeben als dieses Nebenthema aus einer Biographie von 1975. Wenn sie überall so dicht gewoben ist: Respekt, da hätte Thomas Mann vielleicht doch noch an seinem eigenen Spottgedicht ein bisschen Freude haben können.

——— Peter de Mendelssohn:

Der Zauberer — Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann

Erster Teil: 1875 bis 1918, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1975:

Es gibt ein Spottgedicht von Alfred Kerr auf Thomas Mann, betitelt Thomas Bodenbruch. Es hat sich nicht ermitteln lassen, wann es entstand und wo Kerr es erstmals veröffentlichte; wir kennen es nur aus dem Gedichtband Caprichos, den er 1926 herausgab. Es ist jedoch mit seiner Anspielung auf Buddenbrooks [erschienen 1901] zweifellos viel früheren Datums und stammt möglicherweise aus dieser Zeit, in der Kerrs Animosität gegen Thomas Mann, anläßlich der Berliner Fiorenza-Aufführung [Erstdruck 1906, Uraufführung 1907], ihren Höhepunkt erreichte. Thomas Mann hat, soweit ersichtlich, dieses Spottgedicht nirgends erwähnt, aber er hat es gewiß gekannt; es ist ihm spätestens bei der Veröffentlichung in Kerrs Gedichtband zur Kenntnis gelangt.

Besser hätte ich’s nicht sagen können. Im Gegenteil. — Die zuverlässigste Version des Gedichts:

——— Alfred Kerr:

Thomas Bodenbruch

aus: Caprichos. Strophen des Nebenstroms,
I. M. Spaeth Verlag, Berlin 1926, Seite 168 bis 170:

I.

Als Knabe war ich schon verknöchert;
Ob knapper Gaben knurr-ergrimmt.
Hab dann die Littratur gelöchert
Mit Bürger- und Patrizierzimt.
Sprach immer stolz mit Breite
Von meiner Väter Pleite.

II.

Ich dichte nicht — ich drockse.
Ich träume nicht — ich ochse.
Ich lasse Worte kriechen,
Die nach der Lampe riechen,
Ich ledernes Kommis’chen.

Ich kenne keine Blitze,
Kein Feuer, das erhitzt.
Ich schreibe mit dem Sitze,
Auf dem man sitzt.

Im Grund bin ich nicht bös —
Nur skrophulös.

III.

Voll hemmender Bedenklichkeit
Und zaudernder Entfaltung,
Staffier‘ ich meine Kränklichkeit
Als „Haltung“.

IV.

Meist hock‘ ich, ein gereiztes Lamm.
Musiklos, aber arbeitsam.

Mein Zustand zeugt geheime Tücke
(Man ist nicht eben ein Genie) —
Romane werden …. Schlüsselstücke:
„Das geht auf Den!“, „Das geht auf Die!“
Ich male zur Genüge
(Ach, mühsam, teigig, tonig)
Die körperlichsten Züge —
Mich selbst verschon‘ ich …

V.

Und bin doch ein ganz armer Hase,
Im Busenwinkel bang und trist:
Mich giftet meine Kolbennase,
Die mißgeschaffen ist.
Der Schlüssel, der die Schlüsselwerke
In ihrem letzten Grund erschließt,
Ist meine eigne Rüsselstärke,
Die mich verdrießt.

Bald meint‘ ich unsren Arzt „damit“,
Igittigitt!
Bald war es meine Tante,
Nöch, von der Wasserkante.

Ich habe manchmal still geplärrt
Und starrte stier auf meinen Stecher —

Dann mal‘ ich andre dick verzerrt:
So Holitscher als schiechen Schächer
(Zahnstockiges Jammerbild) — —
Und wüte, wenn ein heitrer Rächer
Mit gleichen Mitteln es vergilt …
(Wie scheußlich, wenn mein dünnes Gift
Mich selber trifft!)

VI.

Ein Trost: ich schlage den Rekord
Im Gründlichen, Langstieligen,
Ich bleibe nach wie vor ein Hort
Gebildeter Familien.
Sie äußern keinen Widerspruch
Und schätzen Thomas Bodenbruch.
Ich bin doch voll und ganz
Die Lust des Mittelstands.

Judith Kerr, Ein Foto von Alfred Kerr hängt 1961 im Münchner Theatermuseum, Der Tagesspiegel, 7. Mai 2014

Bilder: dpa/picture alliance: Der Theaterkritiker Alfred Kerr (1867–1946) in einer undatierten Karikatur,
via Christian Blees: Die zwei Gesichter des Alfred Kerr: „Ich sage, was zu sagen ist“,
Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 29. Dezember 2017;
Lovis Corinth: Alfred Kerr, 1907,
via Jeremy Adler: The culture pope, The Times Literary Supplemet, 26. Juli 2017;
Judith Kerr/dpa via Peter von Becker: Sein erster Weltkrieg:
Ein Foto von Alfred Kerr hängt 1961 im Münchner Theatermuseum, Der Tagesspiegel, 7. Mai 2014.

Soundtrack: Mischa „Arno Billing“ Spoliansky (Musik)/Kurt Schwabach (Text),
Orchester Marek Weber: Das lila Lied, 1921:

Was will man nur?
Ist das Kultur,
dass jeder Mensch verpönt ist,
der klug und gut,
jedoch mit Blut
von eigner Art durchströmt ist,
dass grade die
Kategorie
vor dem Gesetz verbannt ist,
die im Gefühl
bei Lust und Spiel
und in der Art verwandt ist?

Written by Wolf

12. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Weisheit & Sophisterei

5. Stattvent: Schnell – in dulci jubilo (denn es raucht sich schlecht entleibt)

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Wer an dieser Stelle ernstzunehmende Adventsinhalte wünscht, sei innerhalb des Weblogs freundlich auf die Sammlung über Weihnachtsengel (Dezember 2013), die Einschläferungsgedichte von Friedrich Rückert (Dezember 2014), das künstlerische Schaffen über Katzen (Dezember 2015) sowie das künstlerische Schaffen von Katzen (Dezember 2016) verwiesen.

Etwas Herzerwärmendes gehört bei allem Kulturpessimismus in diese eiseskalte Jahreszeit — jedenfalls ist gute Laune auch nicht kontraproduktiver als schlechte.

Heute noch erklingt auf Reinhard Meys Original-LP Ankomme Freitag den 13. von 1969 leider entschieden zu überarrangiert; zu seiner höchsten Form und vollen Aussage gelangt erst die gültige Version für Konzertgitarre und Barhocker auf seiner ersten Live-Doppel-LP Reinhard Mey live von 1971 — vielleicht die beste Live-Doppelte überhaupt, jedenfalls die beste aus meinem Besitz, die den Kauf weiterer, allesamt minderer Tonträger des Genres anregte. Die LP existiert heute auch in allen digitalen Formen und als YouTube-Playlist, nur schade, dass am 12. Dezember 1970 niemand mitgefilmt hat. Nach Heute noch fühlt man sich immer wie frisch geduscht und als ob die Welt vielleicht doch nicht ganz verrottet wäre.

——— Reinhard Mey:

Heute noch

aus: Ankomme Freitag den 13., 1969,
in: Reinhard Mey live, 1971, aufgenommen am 12. Dezember 1970 in Berlin:

Oft, wenn ich ans Fenster gehe,
Nachseh‘, ob noch alles steht,
Den Schuster drüben schustern sehe,
Hör‘ ich, wie die Welt sich dreht.
Dann füllt sich mein Kopf mit Wasser,
Wie aus einem Quell so frisch,
Drinnen schwimmt ein großer nasser
Trunk’ner lila Fisch.
Und der guckt aus meinen Augen,
Fängt an, weil er nichts vermißt,
Sich vor Freude vollzusaugen,
Weil die Welt noch nicht zertöppert ist.

Wie an südlichen Gestaden
Steh‘ ich über Moabit.
Kann im Strom der Menschen baden,
Der an mir vorüberzieht.
Noch habe ich Kopf und Kragen,
Beide sind noch unverletzt.
Kann noch meine Mütze tragen,
Ausgebeult und abgewetzt.
Drunter kann ich überlegen,
Und mir bleibt noch eine Frist
Zum Spazierengeh’n im Regen,
Der bislang nur Wasser ist.

Draußen riecht es gut nach Erde,
Nach Benzin, Asphalt und Staub.
Drinnen duftet es vom Herde,
Nach Rosmarin und Lorbeerlaub.
Noch ragt meine Nase frei und
Unbewehrt in der Natur.
Keine Gasmaske vor meinem Mund
Stört mich bei der Rasur.
Kann noch trinken: „Hoch die Tassen“,
Schnell geschluckt, denn darauf kommt’s an.
Ich kann mich nicht drauf verlassen,
Daß ich’s morgen auch noch kann.

Kann noch schwarzen Tabak rauchen,
Daß kein Krümel übrigbleibt,
Den könnt‘ ich doch nicht mehr brauchen,
Denn es raucht sich schlecht entleibt.
Laßt uns heut‘ Weihnachten feiern,
Schnell – in dulci jubilo –
Mit Neujahrspunsch und Ostereiern,
Mit Honig für den Bär im Zoo.
Mein Testament ist geschrieben,
Und mir bleibt noch etwas Zeit,
Vielleicht ein Tag nur, dich zu lieben,
Vielleicht ist morgen schon Ewigkeit.

Leucht‘ uns dann der Götterfunke, Funke aus Plutonium!

In diesem Sinne sehen wir uns 2018.

Mey vor GoIn, Reinhard Mey. Liedermacher, offiziell

Bild: Reinhard Mey: Mey vor GoIn, Fotos: der 60er Jahre, 2016.

Written by Wolf

29. Dezember 2017 at 00:01