Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Novecento’ Category

Krabbelröschen

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Update zu Dein pöschelochter roter mund
Spitz wie Wetzlarer Karotte
und Die Litaneien des Körpers:

Die Liebe war jung.

Und sie war eine Fernbeziehung. Als erstes ist mir beim Herumstrolchen in der neuen, fremden Stadt der Karton mit vergilbten Taschenbüchern aufgefallen: auf dem Fensterbrett eines Antiquitätenladens in der Ludwigstraße, unweit des Geburtshauses von Sissi, mit dem Schild: „Jedes Buch 1 DM“.

Als zweites ist mir in dem Karton Dein Leib ist mein Gedicht mit dem nicht unraffinierten Cover aufgefallen, als drittes in dem Buch das lockere Layout der fünf Seiten O Rösi du Nuß von Kurt Marti. Allein dafür hätte man die 1 DM bezahlt.

Als viertes — dann schon zu Hause mit meinem ersten in der neuen, fremden Stadt erstandenen Buch — ist mir aufgefallen, dass Kurt Marti für einen Schweizer Geistlichen des Jahrgangs 1921 eine ganz schön offenherzige Sexualität pflegt, und das so halböffentlich in obskuren Erotik-Anthologien; als fünftes: und zwar sehr wahrscheinlich mit der namentlich, nur leider nicht bildlich bekannten Johanna „Hanni“ Marti-Morgenthaler, die er 1950 geheiratet hatte und die auch 1970 noch, als er 49 war, als unmittelbares Vorbild für seine lyrische „Rösi“ gelten darf. Hochwürden Martis „Zyklus zärtlicher Albernheiten“ über das Zusammensein mit seiner bewunderten Gespielin erzählt in — sinnigerweise — wechselnden Rhythmen von unverbrauchter Liebe, ja richtiggehend frischer Verliebtheit, und sehr explizit, aber ohne pornographisch zu werden, von fröhlichem Sex. In seinem beneidenswerten Übermut hat es das Zeug zu einem Lieblingsgedicht, für das man sich — keine Selbstverständlichkeit bei erotischen Themen — nicht schämen muss. Hanni starb 2007.

Als sechstes: Kurt Marti ist 2017 gestorben, als ich 49 war. Die Liebe, wie man aus Martis Spätwerk weiß, war jung.

Als siebtes, was ich nicht gerne sage, hab ich über Dein Leib ist mein Gedicht den ehemals gleichfalls Schweizer, nämlich Züricher Haffmans Verlag bei einem Konzeptklau erwischt — aber 7a) nicht sicher und 7b) wenn doch, dann 7c) bei einem lässlichen und 7d) bei einem von sich selbst, denn wer wäre ich 7d) denn, dem verdienstreichen Haffmans Verlag, Gott hab ihn selig, Sachen zu unterstellen. Sachen wie:

Dein Leib ist mein Gedicht wurde 1970 von Heinz Ludwig Arnold herausgegeben. Als Motto für seine Deutsche erotische Lyrik aus fünf Jahrhunderten benutzt er eine Stelle von Günter Grass: den Schlussvers von März aus: Ausgefragt, Luchterhand 1967:

Ich hab genug. Komm. Zieh dich aus.

Komm. Zieh dich aus. heißt wiederum das Handbuch der lyrischen Hocherotik deutscher Zunge, mehrere Zeitenwenden später, nämlich 1991 bei Haffmans herausgegeben von — Überraschung — Heinz Ludwig Arnold. 1986 war vom selben Verlag schon Die klassische Sau. Das Handbuch der literarischen Hocherotik mit gleicher Thematik und in ähnlicher Aufmachung veranstaltet worden, nur eben mit säuischen Stellen in Prosa und herausgegeben von Hermann Kinder — die etliche Nachfolgerinnen hat, die direkten herausgegeben von „Eva Zutzel“ und „Adam Zausel“, die indirekten gerne ganz unabhängig von der Muttersau in anderen Verlagen. Aktuell von 2016 ist Die literarische Sau. Ein Aufkärungsbuch der Hocherotik beim Nachfolgeverlag Haffmans & Tolkemitt, herausgegeben von „Viktor & Viktoria“, und überhaupt hat sich das Konzept seit 1986 als recht tragfähig erwiesen. Meine persönlich empfohlenes Derivat ist das bibliophil gehaltene Liederlich! Die lüsterne Lyrik der Deutschen, bei Eichborn Berlin 2008 herausgegeben von Steffen Jacobs.

Garden of Venus, O., 30. Mai 2014

Inzwischen sind die klassische Sau und ihre Ferkel in die Erbmassen gealterter Bibliothekenbesitzer übergegangen und müssen von den Kindern, die unter ihrer Inspiration entstanden sind, an die Antiquariate des deutschen Sprachraums verscherbelt werden. Dort tauchen derzeit überraschend viele Exemplare auf. Nachdem die Bibliothekenbesitzer nie mit der erfreulichen Vollständigkeit ihrer klassischen Sau, neuen klassischen Sau und allerneuesten klassischen Sau plus Komm. Zieh dich aus hausieren gegangen sind, sie vielmehr in der zweiten Regalreihe verborgen haben, erhellt erst jetzt, was das für ein Verkaufserfolg für den alten Haffmans Verlag gewesen sein muss.

Ich war 1986 ff. nicht so verklemmt und hab mir von einer sehr lieben Freundin dankbar das Original zum Geschenk machen lassen, das von ihr ganz bestimmt nicht anzüglich gemeint war. Das Staunen darüber, dass ein Original ein übergeordnetes Original mit einem so schönen Namen wie Dein Leib ist mein Gedicht haben kann, hat sich selbst erst für heute aufgehoben, wo man aus dem Alter schon wieder raus ist.

Als achtes ist mir aufgefallen, dass sich auf „Krabbelröschen“ etwas Sinnvolles reimt. — Ab hier bis runter zu den Soundtracks: NSFW.

A Wolfe's Love, The screaming orgasm is the ultimate reassurance, Wolfe Sole Productions, 11. November 2015

——— Kurt Marti:

O Rösi du Nuß

Zyklus zärtlicher Albernheiten

Erstveröffentlichung: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Dein Leib ist mein Gedicht. Deutsche erotische Lyrik aus fünf Jahrhunderten, Ullstein 1970, Seite 161–163:

1
rösi
du
nuß
du
fee
du
feenuß
seit
je

2
o
rösi
du
eros
ion
meiner
ruh
du

3
rösi
wie
bohrst du
uns doch
in den zahn
dieser zeit
manch zeitloses
loch

4
blühst
im zehrosenteich
palamür
rösi
als schönste
zehrose
mir

5
rösi
du rilke-fan
rilkest doch viel zu schön
um immerzu brav
und allein
niemandes schlaf
unter so viel lidern
zu sein

6
mir wässert
o rösi
der mund
nach deinen
rund
hundert
rosigen
pfund

7
rösi
o spass
du wendig
und schnappenden munds
bis dass
wir vierhändig
spielen
mit uns

8
o rösi
wie rund
dein körper
mir aalt
damit
mein mund
ihn zärtlich
bemalt

9
AUU
ich bin
doch kein
schnitzel
rösi
zügle
die zähne
ein bitzel

10
welch ein gebimmel
o rösi
wenn du
dich selbst
lustig
als himmel
über mich
wölbst

11
küsse
die küssen begegnend
in deinem gesicht sich verloren
o rösi
wie schlägst du
die schenkel mir segnend
und weich um die ohren

12
im
ekstasen
fieber
wie süss
die rösigen
nasen
stüber
des knies

13
überstrahlst
die gewohnte
prosa
der triebe
o rösi
du monte
rosa
der liebe

14
hätte
nur jeder
ein krabbelröschen
wie dich
mit lustigem
zappelmöschen
bei sich —
ich glaube die leute
wären besser als heute

15
wer
o rösi
beschriebe
die wohllust
des wolllauts
der liebe?

16
ganz
von dir
durchdut
rösi
ruht
sich
gut

17
ach
wie weisst du
zärtlich durchtrieben
mit binnenmuskeln
den muskel der liebe
für und für
zu lieben
in dir

18
mit deinem
körper fühlen
zu können
rösi
ach wunderbare
das wäre
erst die wahre
liebe zu nennen

19
o rösi
wie hat mir
liebe sublim
ihr sehr schönes bein
gestellt —
die härchen an ihm
sind fein
die feinsten
der welt

20
komm
wir zwei
wir gründen
eine partei
deren parole
programmt:
WERDET MITEINANDER
ZÄRTLICH
WIE SAMT

21
stolzer
als ein monarch
wache ich
rösi
über dein
sanftes
geschnarch

22
leuchtender noch
trat der vollmond
herfür
rösi
ach träumte ich doch
deine träume
mit dir

23
so traut da
umbeint
wenn atem
und schlaf
uns hautnah
vereint

24
morgenstund
hat
blond
im mund

25
o rösi
wie zappelst
du bäuchlings
und streckst
mir den po
damit
ich dich so

26
ein tag
mit liebesakt
begonnen
ist
rösi
schon so gut
wie ganz gewonnen

Let Me Do This to You

Bilder:

  1. Garden of Venus: O., 30. Mai 2014;
  2. A Wolfe’s Love: The screaming orgasm is the ultimate reassurance,
    Wolfe Sole Productions, 11. November 2015;
  3. Let Me Do This to You;
  4. Luci Marti: Algazara, 26. Mai 2015.

Lucy Marti, Algazara, 26. Mai 2015

Soundtrack: The Kinks: Strangers, aus: Lola Versus Powerman and the Moneygoround, Part One, 1970,
mit Bildern aus Wes Anderson: The Royal Tenenbaums, 2001:

Strangers on this road we are on:
We are not two, we are one.

Bonus Track: dasselbe nochmal als anrührend verliebtes, häusliches Live-Cover
von Christina Bowers und Henry Toland, 6. Dezember 2015. Man beachte den Hund:

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Written by Wolf

28. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Am selben Tag, da ich erfuhr, man habe mich entmündigt

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Update zu den beiden Mädchen auf dem Felde:

Erstens feiern wir am 7. August 2017 den 134. Geburtstag von Joachim Ringelnatz. Das ist am Montag, der sich zum Feiern etwas ungünstig ausnimmt, daher schon heute.

Zweitens sammle ich, wie wiederholt ausgerufen, Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemandem in der Richtung was Schönes auffällt: Die Kommentarfunktion ist offen.

Die Idee kam mir drittens dermaleinst angesichts von Das Mädchen mit dem Muttermal, Ringelnatz 1928. Das ist für Ringelnatzische Verhältnisse schon verstörend streng komponiert — am Reimschema erkennbar in Lutherstophe — und herzanrührend schön. Außerdem das einzige Gedicht, das ich mal auf einer besoffenen Geburtstagsfeier (weder Ringelnatz‘ noch meiner eigenen) auswendig hersagen konnte, ohne mich zu blamieren oder Dritte zu langweilen, ich sollte ihm also dankbar sein.

Viertens war es Zeit, das Gedicht angemessen zu illustrieren. Bis 2013 hat es gedauert, dass die seinerzeit noch studierende Hamburger Illustratorin Katarina Kühl mit der Arbeitskraft eines ganzen Semesters eine Broschüre mit zwei Gedichten von Joachim Ringelnatz: Ein Liebesbrief & Das Mädchen mit dem Muttermal durchgestaltete. Das betreffende Mädchen hab ich mir sogar immer in diesem schwarzhaarlackierten Garçonne-Stil vorgestellt.

——— Joachim Ringelnatz:

Das Mädchen mit dem Muttermal

Chanson

aus: Allerdings, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1928:

Woher sie kam, wohin sie ging,
Das hab‘ ich nie erfahren.
Sie war ein namenloses Ding
Von etwa achtzehn Jahren.
Sie küßte selten ungestüm.
Dann duftete es wie Parfüm
Aus ihren keuschen Haaren.

Wir spielten nur, wir scherzten nur;
Wir haben nie gesündigt.
Sie leistete mir jeden Schwur
Und floh dann ungekündigt,
Entfloh mit meiner goldnen Uhr
Am selben Tag, da ich erfuhr,
Man habe mich entmündigt.

Verschwunden war mein Siegelring
Beim Spielen oder Scherzen.
Sie war ein zarter Schmetterling.
Ich werde nie verschmerzen,
Wie vieles Goldene sie stahl,
Das Mädchen mit dem Muttermal
Zwei Handbreit unterm Herzen.

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Den Liebesbrief von Katarina Kühl 2013 kriegen wir fünftens später, wie das sechstens so ist mit Liebesbriefen.

Siebtens endlich: Alles Gute, Ringel.

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Bilder: Katarina Kühl: Ein Liebesbrief & Das Mädchen mit dem Muttermal, 25. September 2013.

Eine sehr würdevolle Vertonung, die Ringelnatz einschließlich seiner hinterkünftig verhuschten Pointe verstanden hat (nur leider nicht die sehr wohl sangbare Lutherstrophe), stammt ebenfalls 2013 von Notenix, nachdem seit 1928 der Untertitel notorisch vernachlässigt wurde: Chanson:

Chanson bonus: Carla Bruni: Quelqu’un m’a dit, aus: Quelqu’un m’a dit, 2002:

Mais qui est-ce qui m’a dit que toujours tu m’aimais?
Je ne me souviens plus, c’était tard dans la nuit.
J’entends encore la voix, mais je ne vois plus les traits:
„Il vous aime, c’est secret. Lui dites pas que je vous l’ai dit.“

Written by Wolf

4. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Nachtstück 0009: Dieselben Finger

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Update zu Japanischer Frühling (Hammer):

Nach keiner Idee von Kathrin Bach von Anakoluth:

——— 谷川俊太郎:

ポルノ・バッハ

1996:

ついさっきまでバッハを弾いていた指と
これはほんとに同じ指かい
ぼくのこいつはのびたりちぢんだり
ピアノとは似ても似つかぬ
こっけいな道具と言うしかなくて
こんなありきたりなものと
あの偉大なバッハがきみの柔い指先で
どんなふうにむすびつくのか
ぼくにはさっぱり解せないんだ
でもきみのものもぼくのものも
いまはむき出しの心臓のいろ
そのあたたかくなめらかな感触に
死ぬようにきりもなく甘えてゆくと
いつか血の透けて見える暗闇で
ぼくもひょっこりバッハに会えるのかな

——— Shuntaro Tanikawa:

Porno-Bach

nach Bach in Arts — Hommage a Bach, 1996:

Sind das wirklich dieselben Finger
die bis vor kurzem noch Bach vorspielten?
Dies mein Ding wird mal größer mal kleiner
gleicht dem Klavier nicht im geringsten
komisches Werkzeug muss man wohl sagen
Wie sich ein solches Allerweltsding
unter Deinen weichen Fingerbeeren
mit dem erhabenen Bach verträgt
ist mir völlig schleierhaft
Aber jetzt liegen Deines und Meines
offen entblößt in Herzens Farbe
Wenn ich mich der zart-warmen Berührung
sterbend endlos ganz überlasse
steh ich im Dunkel durchschimmernden Blutes
vielleicht auch plötzlich Bach gegenüber

David Ramirer, Collage 107, 2004

Bild:David Ramirer: Collage #107, 2004;
Wohltemperiertes Clavier, Buch 1: HJ Lim, 22. September 2014:

Written by Wolf

1. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse

Verreißi zerreißi

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer
und Hipsteros:

Ringelnatz war mein erster Herzensdichter als Welpe. Alles, was man von dem hörte, war so eingängig und genial vielsagend, dass man darauf kommen musste: Wow, von dem will ich alles wissen. Die Gesamtausgabe war die erste, die ich mir vom Taschengeld absparte und zu Weihnachten und Geburtstagen zusammenwünschte; sieben Bände plus einer mit Briefen, jeder zwischen 55 und 75 D-Mark (28,12 und 38,35 Euro) war doch irgendwie Geld für einen 14-Jährigen. Heute gibt es nicht einmal mehr den Originalverlag Henssel, die Ausgabe ist seit dessen Konkurs bei Diogenes und schon seit Jahren auf dem Ramsch angekommen.

Fast das ganze Jahr 1932 tingelte Ringelnatz samt einer siebenköpfigen Schauspielertruppe mit seinem siebten, aber einzigen erhaltenen und noch posthum inszenierten Theaterstück Die Flasche. Eine Seemannsballade durch Deutschland. Das Tourneematerial, bestehend aus Tagebuch und Briefen an seine Frau, erschien ebenfalls schon 1932 als Mit der „Flasche“ auf Reisen im Sammelband Die Flasche und mit ihr auf Reisen.

Das Hotel Riesen-Fürstenhof an den Koblenzer Rheinanlagen wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt. Joachim Ringelnatz, den ein mittelgnädiges Schicksal schon 1934 ins Grab senkte, hat noch darin übernachtet. Und sich gelegentlich aufgeführt wie … nun ja: wie ein Hotelgast.

Hotel Riesen-Fürstenhof Koblenz, Postkarte ca. 1924, mit Dampferanlegestelle

——— Joachim Ringelnatz:

Koblenz und Abstecher

aus: Die Flasche und mit ihr auf Reisen, Rowohlt, Berlin 1932:

Riesenfürsten entdeckte ich nicht in meinem Hotel, aber einmal saß, nach Aussage des Besitzers, Reichskanzler Brüning dort in meiner Nähe.

Eine Dame, die sich auf ihrer Visitenkarte „wissenschaftliche Astrologin und Schauspielerin“ nannte, schickte mir einen Band ihrer ersten lyrischen Gedichte. Ich überflog diese ernste Poesie und muß gestehen, daß ich dann den Band in der Mitte einriß und ihn unter den Schminktisch warf. Sitty zog ihn wieder hervor. Er fand, daß die Gedichte sehr unterhaltend wären, zumal, wenn man das eingerissene Heft wie ein Vexierbuch handhabte und die eine halbe Seite des einen Gedichtes über die entsprechende Hälfte des nächsten deckte. So gelesen ergab sich in diesem „Blühen und Verwelken“ betitelten Buch z. B. folgendes Poem:

Mein Junge

Ich döste in leeren Straßen
Und du begegnetest mir.
Fasziniert über alle Maßen,
Lockte ich dich wie ein Tier.
Du bist ein Junge wie andre auch
Mit blonden Locken und trotziger Stirne;
Nur hast du schon ein klein wenig Bauch
Und – es ist möglich – eine weiche Birne.
Blüten bring ich dir von rotem Mohn.
Rot wie Mohn soll deine Neigung brennen.
Alles Gefühl wird Dein Atem mir nennen.
Du: – von plötzlicher Glut beglückt:
Ein japanischer Dolch auf deinen Leib gezückt,
Mach ich mit diri Harakiri.
O verführi, verführi, verführi!

Herausfinden lässt sich: Die Dame, Astrologin und Schauspielerin hieß Ingrid Svanström; ihr Lyrikband Blühen und Verwelken war bei Bachmair in München-Pasing 1931 erschienen und umfasste 30 Seiten, mithin sollte er sich mühelos zerreißen lassen. Wiedergegeben und geradezu exklusiv für die Nachwelt gerettet hat Ringelnatz den Anfang des Gedichts Mein Junge auf Seite 7 und — oben ab Vers 9 — den Schluss des Gedichtes Spiel auf Seite 9. Herausgeber Walter Pape meint dazu in der großen Ringelnatz-Gesamtausgabe, Band 5: Vermischte Schriften, 1983, in seinen Anmerkungen:

Es ist unklar, ob die Verse von Ingrid Svanström ernst gemeint oder parodistisch sind.

Mit Verlaub, das ist nicht unklar. Beim schallend lächerlichen letzten Vers mag ein Interpret noch unterstellen, dass mit der Dichterin da eine poetische oder sonstige Leidenschaft durchgegangen sei, aber so offensichtliche Fehlbildungen wie „mit diri Harakiri“ unterlaufen niemandem, der gut genug Deutsch kann, dass etwas ihn zum Verfertigen von Gedichten nötigt, die immerhin saubere Reime und Rhythmus aufweisen, aus Versehen. Wir reden hier nicht über den Schlesischen Schwan Friederike Kempner, deren Gesamtwerk schon bedeutend mehrdeutiger schillert. Und inhaltlich wollen wir nicht unterschätzen, was für eine gesellschaftliche und kulturelle Neuheit das war, dass eine Frau sich bekennend begehrlich und offensiv verführerisch an eine Mannsperson wendet.

Mich hätte interessiert, worauf sich „Blüten bring ich dir von rotem Mohn“ auf der Seite 9 reimt, wenn man sie nicht gerade als Vexierbild nutzt. Und einen anvertrauten Gedichtband durch Zerreißen verreißen, das gehört sich schon mal überhaupt nicht.

Hotel Riesen-Fürstenhof Koblenz, 1920, Hotels am Rheinufer, Bilderbuch Koblenz, Straßenansicht

Bilder: Kunstanstalt Kornsand & Co., Frankfurt am Main: Ansichtskarte/Postkarte ungelaufen, sehr guter Zustand, bei akpool 7,20 Euro:

Hotel Riesen-Fürstenhof, Koblenz a. Rhein. H. Kämpfer-Hansen. — Telephon 57, 58, 162. Telegramm-Adresse: Riesen-Koblenz. Große Garage. Neue Marmorhalle. Tägl. Konzert. Große Rheinterrassen.

Bilderbuch Koblenz: Hotel Riesen-Fürstenhof, 1920, Hotels am Rheinufer:

von rechts: Hotel Riesen-Fürstenhof, Hotel Traube, Hotel Koblenzer Hof mit dem charakteristischen Dreieckgiebel. Die Türme am Ende der Häuserreihe gehören zum ehemaligen Amtssitz der preußischen Bezirksregierung.

Soundtrack: Nicki Minaj: Anaconda, aus: The Pinkprint, 2014 in der grundrenovierten, revolutionär neu-alt interpretierten Version der warm empfohlenen Scott Bradlee’s Postmodern Jukebox,
aus: Selfies on Kodachrome, 2014; Gesang: die bezaubernde Robyn Adele Anderson:

I’m high as hell, I only took a half a pill,
I’m on some dumb shit, by the way, what he say?
He can tell I ain’t missing no meals,
Come through and fuck him in my automobile.

Written by Wolf

28. Juli 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Bierchen aus alter Zeit

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Update zu B:

——— Bertolt Brecht:

Liedchen aus alter Zeit

(nicht mehr zu singen!)

1950, in: Kinderlieder, 1956:

Eins. Zwei. Drei. Vier.
Vater braucht ein Bier.
Vier. Drei. Zwei. Eins.
Mutter braucht keins.

Bertolt Brecht, Brief an Radeberger Brauerei, 5. April 1956

BierBildBestand: Bertolt Brecht: BettelBrief an Radeberger, 5. April 1956,
via Sieben Briefe von Bertolt Brecht aus den fünfziger Jahren, Die Zeit, 29. Januar 1998:

Berlin, den 5. April 1956

An den
VEB Radeberg
Exportbierbrauerei
RADEBERG

Sehr geehrte Herren,

Ich bin Bayer und gewohnt, zum Essen Bier zu trinken. Nun ist das Bier in der Deutschen Demokratischen Republik im Augenblick wirklich nicht mehr gut ausser Ihrem RADEBERGER PILSNER (EXPORT). Können Sie mir vielleicht ausnahmsweise, eine Zeit lang im Monat zwei Kästen über VLK Getränke, Abteilung Import und Spezialbiere, Berlin N 4, Brunnenstr. 188, liefern.

Mit bestem Dank

(Bertolt Brecht)

Bertolt Brecht und Oskar Maria Graf, 1943, New York

Bertolt Brecht und Oskar Maria Graf beim Stammtisch in New York 1943,
via Ein Angriff auf uns alle. Gemeinsam gegen das bayerische Integrationsgesetz: Wer ist Deutschlands prominentester Integrationsverweigerer?, 8. Dezember 2016.

Soundtrack: Kris Kristofferson: To Beat the Devil, aus: Kristofferson, 1970:

I ain’t saying I beat the devil,
But I drank his beer for nothing,
Then I stole his song.

Written by Wolf

16. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

Dunkeldeutschland

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Update zu Polizistenschatten im Laternenschein,
Von den beiden Mädchen auf dem Felde
und Der Arzt von Münster in Salzkotten:

Wikimedia Commons

Mein Vater, ohne schlecht über ihn zu reden, hat kein Abitur. Mein Vater ist stolz darauf, wie er es nennt, mit „bloß Volksschul'“ ausgekommen zu sein und noch nie im Leben „so ein Kombuderdings“ angefasst zu haben. Wenn jemand englisch redet oder gar singt oder sonst auf eine Weise insinuiert, mein Vater könnte eine andere Sprache als sein abgelegtes Leipziger Sächsisch und in der Folge nicht ganz lückenlos angenommenes Landnürnberger Fränkisch verstehen, wird er ernstlich unwillig. Ganz schlimm sind Fremdwörer, weil man alles „aa-r-af Deidsch soong“ kann.

Mit dieser Einstellung konnte man tatsächlich einst ein Arbeits- und ein Pensionistenleben bestreiten, es war eine schöne Zeit. Mein Vater hat es in der mittleren Beamtenlaufbahn meines Wissens bis zu A 9 gebracht, dabei war er noch einer im Publikumsverkehr: erst Fahrtdienstleitung, danach telephonische Zugauskunft. Andere haben das durch bloßes Ausharren mit regelmäßiger Anwesenheit in einer unkündbaren Beamtenposition geschafft, aber das will weder er noch die anderen hören. Damit konnte man eine Familie — Frau, mehrere Kinder, Automobil, Eigenheim — ernähren und musste dabei keinen Tag „seine Frau auf den Strich schicken“ (Vater über doppelverdienende Ehepaare). Mein Vater hatte nie ein Automobil oder ein Eigenheim, er müsste also heute über ein angenehmes „Pölsterchen“ (abermals Vater) verfügen.

Nur kein Neid, liebe Kinder, ich bin selber nicht besser: War mein Vater noch ein Weißer Jahrgang, der weder von der Wehrmacht zu einem Weltkrieg noch von der Bundeswehr zum Schlammrobben herangezogen wurde, bin ich 15 Monate meiner Wehrpflicht als Urlaubssachbearbeiter bei den Kötztinger Fernmeldern nachgekommen, nur um die sonst fälligen 18 Monate Zivildienst zu vermeiden. Wenn heute meine Frau gegen Geld arbeiten muss, hat das weder mit dem Strich noch mit ihrer Selbstverwirklichung zu tun, sondern mit bitterer Not, weil ich weder mit Volksschule noch Abitur noch einem Studium Frau, Kinder, Automobile und Eigenheime erschwingen kann.

akpool.de

Was ich von der Lebensart meines Vaters behalten habe, waren bis zum unwiderruflichen Ende meiner Ausbildung die Freifahrscheine fürs Schienennetz der Deutschen Bahn. Damit konnte ich zwischen meinem Abitur und der bitteren Not, gegen Geld zu arbeiten, eine Zeitlang reisen wie Joachim Ringelnatz:

Aussteigen plötzlich, besonders noch spät,
Das kann ich jedem empfehlen.

Ein paarmal hab ich das gemacht. Ich erinnere mich an Bahnhöfe wie aus einer Kurzgeschichte von Heinrich Böll, Kneipenwirte, die eigens wegen des unerwarteten Gastes von hinter den sieben Bergen bis in die frühen Morgenstunden den Laden geöffnet hielten und ihr Geschäft des Jahres machten, plötzlich aufblühende Omas, die ihr Fremdenzimmer mit Frühstück eigentlich „neulich“ vor zehn Jahren aufgegeben hatten, und dass es in Norddeutschland mehr Spaß macht als im Süden. In Stade könnte ich zum Beispiel ein einwandfreies hausgemachtes Labskaus empfehlen, wenn ich noch wüsste, wo mich die Bedienung damit gemästet hat.

Reichenbach im Vogtland war, wie von Ringelnatz ausdrücklich geraten, nicht dabei: Das war zuerst DDR, für die man gesonderte Freifahrscheine Monate vor Fahrtantritt beantragen musste, und später immer noch ein Minenfeld, auf dem rudelweise väterlicherseitige Verwandtschaft hauste, da wollte ich trotz Ringelnatznähe schon gleich dreimal nicht hin. Normalerweise ging ich als unfertig studierter Linguist nach Schönheit der Stationsnamen, was leicht schiefgehen konnte. Nach einer durchfluchten Herbstnacht in Grüner Hirsch hab ich mir’s abgewöhnt.

Dr. Margarete Meggle-Freund

Bahnhof Reichenbach (Vogtl) ob Bf liegt als Trennungsbahnhof zu zwei inzwischen stillgelegten Nebenbahnen linear an der Bahnstrecke Leipzig–Hof, ein Knotenpunkt ist es nicht. Von 1895 bis 1974 bestand zusätzlich ein Bahnhof Reichenbach (Vogtl) unt Bf an der Bahnstrecke Reichenbach–Göltzschtalbrücke, die allerdings eine Nebenbahn ist, an keinen Fernverkehr angebunden und für derlei Abenteuer in der Fremde ungeeignet. Setzen wir also voraus, dass Ringelnatz 1925 oder nicht lange zuvor nicht an diesem idyllischen Unteren, sondern am Oberen Bahnhof ausgestiegen ist.

Auch kann auf Ringelnatz Reichenbach im Vogtland nicht allzu exotisch gewirkt haben, jedenfalls lag es auch 1925 schon in seinem heimatlichen Sachsen. Da zählte der Mann 42 Jahre und blickte auf eine sehr viel bewegtere Biographie im Krieg, zur See, als Hausdichter und als Tabakladenbesitzer zurück denn ich Studentenbürschchen, das ich zu meinen Reisezeiten war. Wo er eingekehrt ist, überliefert Ringelnatz nicht, außerdem weiß ich aus Erfahrung, dass dergleichen spontane Nachtausflüge nie sehr detailliert im Gedächtnis haften, und bezweifle, dass in der fraglichen Gaststätte, sollte sie noch existieren, Ringelnatzens gedacht wird. Eindeutig festnageln lässt sich sein nächtliches Stammlokal für Honoratioren wohl nie mehr.

Halbwegs in Bahnhofsnähe und Richtung Stadtzentrum, wohin sich ein ortsfremder, absichtsvoll planloser Stadttourist begeben würde, bestehen heute laut dem Örtlichen Branchenbuch: das Hotel Adler Vogtland in der Bahnhofstraße 101, das Killarny-Pub in der Bahnhofstraße 108 A und das Restaurant mit Pension und Biergarten Kyffhäuser in der Albertistraße 30, alle in 08468 Reichenbach/Vogtland.

Das Gedicht ist keiner von Ringelnatz‘ Smash-Hits und erscheint nicht viel in Anthologien, enthält aber als ersten und letzten Satz gleich zwei meiner Lieblingsstellen: Das Lied, das sich selber singt, ist eine angenehm surreale Vorstellung, die man gar nicht bildlich hinkriegt, und der weitgereiste Anklang an seine Seemannszeit um des lieben Reimes willen, wie es einem an solchen Nicht-Zielen idealerweise unterlaufen sollte, so schön angesäuselt.

Heinsdorfergrund im Vogtland

——— Joachim Ringelnatz:

Reisebrief eines Artisten

Abstecher: Reichenbach im Vogtlande

Version der Erstveröffentlichung in: Simplicissimus, Jahrgang 30, Heft 33, 16. November 1925, Seite 474,
gesammelt in: Reisebriefe eines Artisten, 1927, Seite 122 f.:

Scan SimplicissimusEs sang sich ein Lied in der Nacht.
Da wurden zwei Bürger in Reichenbach
Im Vogtlande wach.

Was wollte ich sonst in dieser Stadt
Als nur meine Fahrt unterbrechen;
Frug: ob sich hier ein Wirtshaus hat,
Wo Leute um die Zeit noch zechen.

Am Himmel standen Zeichen.
Warum – so hatte ich mir gedacht –
Soll Reichenbach in dieser Nacht
Nicht Guatemala gleichen?

Was geht mich Guatemala an,
Wenn ich daselbst nicht bin. –
Stieg aus. Bereute das. Doch ach:
Da flog mein Zug schon weiter hin.
Und ich stand nachts in Reichenbach.

Vielleicht erlebe ich Rübezahl,
Den Ollen!?
Doch sicher bin ich heute einmal
Für jedermann verschollen.

Aussteigen plötzlich, besonders noch spät,
Das kann ich jedem empfehlen.
Er braucht ja, wie sein Leben vergeht,
Gerade nicht Reichenbach wählen. –

Es klang ein Gesang wie Männerverein
Und brachte Dachrinnen zum Schmelzen
Und roch so nach Wein. Da trat ich hinein
Und kam mir dort vor wie Lord Nelson.

Im Seichtlärm eines Stammlokals
Der Honoratioren
Im Stile anno dazumals
Beneugiert und verloren – – –

Gott segne die Azoren!

Mapio.net

Bilder: Ansichten von Reichenbach im Vogtland:

  1. Verlag Automat AG, Dresden: Blick über Reichenbach im Vogtland und die Firma Georg Schleber AG im Vordergrund, historische Ansichtskarte, postalisch gelaufen am 19. Juli 1899;
  2. Ottmar Zieher Kunstanstalt, München: Ansichtskarte / Postkarte Reichenbach im Vogtland: Postamt, Albert Denkmal, Stadtpark, Moltke Denkmal, Bahnhof, ungelaufen, Ecken bestoßen, sonst guter Zustand, 6,00 Euro bei akpool;
  3. Dr. Margarete Meggle-Freund: Abb. 4: Bahnhof Reichenbach: eine Stadt im Umbau, aus: Vorstellung der Dissertation: Zwischen Altbau und Platte. Erfahrungsgeschichte(n) vom Wohnen. Alltagskonstruktion in der Spätzeit der DDR am Beispiel der Sächsischen Kleinstadt Reichenbach im Vogtland. Gastvortrag in der Wohn-Vorlesung von Prof. Dr. Christel Köhle-Hezinger in der FSU Jena am 14. Juli 2005;
  4. Die Rollbocklokomotive am Reichenbacher Annenplatz, aus: Die Geschichte der Rollbockbahn Reichenbach–Oberheinsdorf, nach 1897;
  5. Reinhard Klenke: Bahnhof Reichenbach (Vogtland) — gut 20 Minuten Zeit bis zum Zug gen Plauen, aus: Bahnhofstraße Reichenbach im Vogtland, ca. 2009;
  6. MBC (Moderator): Ein Jahr später, am 20.Juli 2002, ist der südliche Bahnhofsteil endgültig verwaist und wird bald darauf weichen.

+ Scan aus dem Simplicissimus, Jahrgang 30, Heft 33, 16. November 1925, Seite 474 mit der Erstveröffentlichung.

Eisenbahnforum Vogtland

Soundtrack: Joy Unlimited: Go Easy Go Bahn, 1973, DB-Werbung:

Die Single hat mein Vater noch in der Sammlung. Meine Mutter hat mir mal eine gelangt, weil ich fünfjährig einen Klecks Blaubeerjoghurt auf dem Cover hinterlassen hab, der sich noch nachweisen lassen sollte.

Darum als Bonus Track noch eins mit dem Zeug zum Lieblingslied: Elizabeth Cotten: Freight Train. Das Video ist nicht etwa spiegelverkehrt, sondern Frau Cotten spielt ungelogen linkshändig auf einer für Rechtshänder bespannten Gitarre; hier in einer Filmaufnahme von 1985, etwa 92-jährig. Ihren Freight Train will sie ungefähr zwölfjährig geschrieben haben, also gegen 1905. Auf Schallplatte debütierte sie 1957, ungefähr 65-jährig. Ihre autodidaktisch erfundene und zur Perfektion getriebene Zupftechnik hat sie 1987 mit ins Grab genommen.

Ich selbst bin nie weit auf Güterzügen gereist, hab aber beim Zugfahren von jeher Ohrwurm von Freight Train.

Written by Wolf

9. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

O süßes Lied

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Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt.

(Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt, in: Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm, 1931.

——— Rainer Maria Rilke:

Liebes-Lied

aus: Neue Gedichte, 1907:

Russian Academy of Painting, Repin & Surikov. PortraitsWie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

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Und welche Geigerin: Repin & Surikov
via Russian Academy of Painting.

O süße Lieder: Soundtracks mit aufsteigendem Spaßfaktor:

  1. Vertonung: Schönherz & Fleer, Rezitation: Rudolph Moshammer (sic) in: Rilke Projekt I: Bis an alle Sterne, März 2001;
  2. weil die gültige Vertonung von Einojuhani Rautavaara: Die Liebenden. Liederzyklus für hohe Stimme und Streichorchester, 1958–1959, aus Liebes-Lied, Der Schauende, Die Liebende und Der Tod der Geliebten nicht realistisch aufzutreiben ist: Heinrich Ignaz Franz von Bibern: Passacaglia: Der Schutzengel, aus: Rosenkranz-Sonaten, 1676, von Elicia Silverstein auf Barockvioline;
  3. weil der Lieblingsdialog des musikalisch fühlenden Menschen zwischen Geige und Klavier, die Mozart-Violinsonaten, die eigentlich Doppelsonaten sind, in der Aufführung dem goldigsten aller Geschwisterpärchen Gil und Orli Shaham, nicht mehr realistisch aufzutreiben ist, jedenfalls nicht ohne die DVD, die man wie oben vom Herrn Verleger vorgeschlagen wunderbar seinen Freunden schenken kann: Mean Mary: Sea Red, Sea Blue, 2014;
  4. und jetzt alle: Anna Roberts-Gevalt, friends & family auf Full Moon Jam, daheim in Eggleston, Virginia: The Ballad of Sally Ann, September 2010:

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Written by Wolf

5. Mai 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento