Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Mai 2018

Rotkäppchen und der Penishase

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Update zu Schwatzen nach der Welt Gebrauch
und Schlachtens:

Jetzt ist bei weitem nicht mehr das, was es in seiner Form von 2012 mal war. Zuallererst war es bis Januar 2016 jetzt.de, gewann 2002 und 2006 je einen Grimme Online Award und trieb zahlreiche junge bis mitteljunge Menschen unter lauter lustigen Nutzernamen zu künstlerischer Hochform und in zwischenmenschliches Unheil. Lange Geschichte.

Bekannte Geschichte, im Aarne-Thompson-Index als eigener Typ ATU 333; der Volltext wird als bekannt vorausgesetzt:

——— Schokobohne & Prinzessin Lilli:

Rotkäppchen

aus: jetzt.de, 13. Mai 2012:

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Nachspann Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

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Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Nachspann 2 Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Soundtrack: Amanda Seyfried: Little Red Riding Hood, für: Red Riding Hood – Unter dem Wolfsmond, 2011:

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Written by Wolf

25. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Pfingsten, das liebliche Fest

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Update zu Nicht so übel scheint die Sonne:

——— N. N.:

Pfingstwonne

1905:

Verlag: M S. i B, Verlags-Nr. 60, Schweiz 1905, Ephemera-Sammlung MTP via Michael Studt, 5. Oktober 2017Prinz Lenz ist eingezogen,
Fandst Du nicht seine Spur?
In duft’gen Blumenwogen
Naht er der Erdenflur,
Gott selbst gab ihm die höchste Macht,
Sein ist die Welt in Maienpracht
Trat er herein nach Wintersnacht,
Was führt er mit hernieder?
Ohn‘ Gaben kam er nicht,
Nein, Pfingsten bracht‘ er wieder,
Nun singet Jubellieder,
Euch grüsst das Pfingstfest licht.

Bild & Text: Verlag: M S. i B, Verlags-Nr. 60, Schweiz 1905, Ephemera-Sammlung MTP
via Michael Studt, 5. Oktober 2017.

Soundtrack: Reinhard Mey: Es gibt keine Maikäfer mehr, aus: Wie vor Jahr und Tag, 1974, live 1973:

Written by Wolf

20. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Realismus

Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind

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Update zu Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen):

Das letzte Wunderblatt ist ja auch schon gleich ein Jahr her (Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland), das letzte, für das die Kategorie überhaupt eingerichtet wurde (Wunderblatt 6: Die Reimer und die Dichter), vom November 2014; so weit kann gar kein Mensch im Kopf zurückrechnen.

Das hat den kühlen Grund, dass mir das einst zugerüstete Wunderblatt samt dem zugesellten Brutblatt mit einer Zielstrebigkeit eingegangen ist, die an Trotz grenzt, und wenn mir schon das madegassische Wüstenunkraut unter den Fingern verreckt, trau ich mich nicht mehr.

Kalanchoen, 28. April 2018

——— Hendrik Hölzemann:

Nichts bereuen

2002. Film-Drehbuch nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin Quabeck,
Regie: derselbe, Traumsequenz gesprochen von Sebastian Rüger:

Jaja, wir haben’s alle nicht leicht. Den ganzen Tag bist du nur von Abschaum umgeben. Es ist jeden Tag die gleiche Leier: Keiner ist es gewesen, keiner hat es gewollt, und wer ist schuld? Die Eltern, die anderen, der eisige Westwind. Und du bist also am Arsch, ja? Ich sag dir was, Junge: Die ganze Welt besteht nur noch aus Umfallern.

Kalanchoen, 28. April 2018Mythologisch heißt der Westwind Zephyr und steht für frühlingshaft feuchtes, den Saaten zuträgliches Wetter. Das Zitat aus NIchts bereuen wäre demnach mehr der Coolness denn der Mythologie verpflichtet, weil eher der Nordwind Boreas der Eisige von den Brüdern ist — was für so eine surreale Alptraumsequenz in Ordnung geht. In der orientalischen Poesie tritt der Westwind, im Falle des Divan nicht unerheblich, als Liebesbote auf.

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich herumgesprochen, dass Goethe weite Teile seines West-östlichen Divan, der ohnehin nie zu seinen Bestsellern zählte, von Marianne von Willemer übernommen hat. Mit dieser schönen Müllerin des Jahrgangs 1784 — das sind 35 Jahre jünger als Herr Geheimrat — verband ihn eine Brieffreundschaft, die nach einem gemeinsam verbrachten Sommer ihre erotische Komponente nicht mehr ganz abschütteln konnte. Der Briefwechsel umfasst auch eine Art Poesie-Ping-Pong, dessen Dialogspiele dem Dichterfürsten vor allem für das Buch Suleika im Divan mit eher vorsichtigen Retuschen recht zupass kamen.

1815 waren noch nicht die Kalanchoen pinnata und daigremontiana die Goethepflanzen, vielmehr verglich Goethe seine Person noch mit dem Ginkgo biloba, siehe sein Gedicht Gingo biloba — am 15. September 1815 eben an Marianne von Willemer gerichtet, von der er nach der Sommerfrische noch kaum getrennt war:

Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?

Die lyrischen Spielzüge fielen sehr dicht in diesem September 1815: Mariannes Gedicht an den Ostwind, schon von 23. September, war nicht die erste direkte Antwort darauf, und am 25. d. M. schrieb sie schon ihr Gedicht an den Westwind in erster Fassung.

Das direkte Vorbild dafür war der Vierzeiler Vierzeiler von Hafis, an dessen erste deutsche Übersetzung (Joseph von Hammer, 1813) sie heranzuführen Goethe den Sommer lang sicher ausreichend Zeit gefunden hatte:

Ostwind sag‘, ich bitte dich, ihm ganz heimlich die Kunde
Hundertfache Zung‘ spreche den Herzensbrand aus,
Sprich es nicht traurig, um ihn nicht auch zur Trauer zu stimmen,
Sage zwar das Wort, aber du sag’s mit Bedacht.

Kalanchoen, 28. April 2018Und das ist jetzt interessant, wie ein altarabischer Vierzeiler unter Mariannens Händen zu fünf Schenkenstrophen heranwächst, ohne dass man auf Anhieb zu sagen wüsste, wo genau der Zuwachs an Beduetung liegt — was gar nicht gegen Frau von Willemer spricht, allenfalls für Hafis — abgesehen allein davon, dass sie Hafis‘ Original, das den Ostwind anspricht, an den Westwind umgewidmet hat, wahrscheinlich weil bei ihr der Ostwind ja erst vorgestern dran war.

So historisch jung die Begriffe des Urheber- und Autorenrechts sind, hätte Goethe bei der zielgerichteten Unverfrorenheit, mit der er eine verheiratete Frau unter den Augen ihres Ehemannes und des Neben-Hausfreundes als liebende Suleika gegenüber seiner eigenen Rolle als schmachtender Liebhaber verhaftete, wenigstens als Mitautorin benennen müssen — nicht als Frage eines wie auch immer aufgefassten Anstands, sondern der Pflicht, weil es nicht mehr um eine „Volksliedbearbeitung“ geht wie beim Heideröslein, das er dankbar seinem Freund Herder abgenommen hatte.

Umso mehr, als man nicht damit allein steht, wenn man Goethes Endfassung gelungen finden will: Der treue Eckermann meint 1824 in Beyträge zur Poesie, mit besonderer Hinweisung auf Goethe, Seite 278 f.:

Ist der Geist eines Gedichts frisch wie die anwehende Morgenluft, so ist es auch der Klang der Sprache:

Einer sitzt auch wohl gestängelt
Auf den Ästen der Zypresse,
Wo der laue Wind ihn gängelt
Bis zu Thaues luft’ger Nässe.

Solche Musterstellen geben uns eine Idee, wie der Character des Geistes bis auf Wort und Klang ausgeprägt werden müsse. Aber so etwas muß sich wie von selbst machen, die Leichtigkeit und Natur der Verse muß nicht darunter leiden, das Streben nach solcher Vollkommenheit muß nicht in Künsteley ausarten; vielmehr muß auch hier die Kusnt so erscheinen, daß sie kaum als Kunst bemerkt werde.

Auch bey Goethen finden wir solche Stellen nur selten, er scheint nie danach gestrebt zu haben.

In folgendem schönen Gedicht finden wir den milden Character durch und durch in Bewegung und Worten: […]

Kalanchoen, 28. April 2018Woraufhin Eckermann „Ach! um deine feuchten Schwingen“ Suleika anführt — also das Gedicht der Willemer mit den zarten Retuschen für den Divan: Eckermann, der Goethes Leben und Werk so unmittelbar und tiefgehend kannte wie sonst niemand, hielt diesen milden Character für eine genuine Goethe-Schöpfung. Der Meister selbst kannte die Beyträge zur Poesie von 1824 schon 1823 im Manuskript. Seine Entschuldigung an Frau Willemer lautete — unter der schon wieder genügend unverfrorenen Überschrift Auf ein in Liebe und Dichtung wetteiferndes Paar am 18. Oktober 1823:

Myrt‘ und Lorbeer hatten sich verbunden;
Mögen sie vielleicht getrennt erscheinen,
Wollen sie, gedenkend sel’ger Stunden,
Hoffnungsvoll sich abermals vereinen.

Sein Unrechtsbewusstsein scheint ein zu vernachlässigendes. Brieflich setzt er am 9. Mai 1824 sogar noch einen drauf:

Als ich des guten Eckermanns Büchlein aufschlug, fiel mir S. 279 zuerst in die Augen; wie oft hab ich nicht das Lied singen hören, wie oft dessen Lob vernommen und in der Stille mir lächelnd angeeignet, was denn auch wohl im schönsten Sinne mein eigen genannt werden durfte.

Lassen wir also mit unserem heutigen Wissen die Leistung für das schöne Stück, vor denen der West-östliche Divan, mit Verlaub, nicht gerade überquillt, bei Marianne von Willemer. Was Goethe hinzugefügt hat, ist in der Summe ein verschwindendes Maß: Als tiefsten Eingriff geht es um die Überschrift „Suleika“ — die gleiche wie für die meisten Rollengedichte innerhalb des Suleika Nameh auch.

——— Marianne von Willemer:

Westwind

26. September 1815:

Ach, um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide,
Denn du kannst ihm Kunde bringen,
Was ich in der Trennung leide.

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bei deinem Hauch in Thränen.

Doch dein mildes, sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt ich vergehen,
Hofft ich nicht zu sehn ihn wieder.

Gehe denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen,
Doch vermeid, ihn zu betrüben
Und verschweig ihm meine Schmerzen.

Sag ihm nur, doch sags bescheiden,
Seine Liebe sei mein Leben,
Freudiges Gefühl von beiden
Wird mir seine Nähe geben.

——— Goethe:

Suleika

aus: West-östlicher Divan, ab 1819, Seite 166:

Ach! um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide:
Denn du kannst ihm Kunde bringen
Was ich in der Trennung leide.

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bey deinem Hauch in Thränen.

Doch dein mildes sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt‘ ich vergehen,
Hofft‘ ich nicht zu sehn ihn wieder.

Eile denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen;
Doch vermeid‘ ihn zu betrüben
Und verbirg ihm meine Schmerzen.

Sag‘ ihm, aber sag’s bescheiden:
Seine Liebe sey mein Leben,
Freudiges Gefühl von beyden
Wird mir seine Nähe geben.

Das Bildmaterial dokumentiert meinen zweiten Versuch der Kalanchoenzucht auf dem Stand vom 28. April 2018, bevor mir die Dinger wie 2014 wieder in sich zusammensacken.

Kalanchoen, 28. April 2018

Lied an den Westwind: Claudio Monteverdi: Zefiro torna, 1632,
in der lustigsten Einspielung von F# Portraits, 2013:

Written by Wolf

18. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

Pflanzenähnlichkeit der Weiber: Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel

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Update zu Ach! wie ists erhebend sich zu freuen
und Busenalmanach:

Im kollektiven Bewusstsein lebt Novalis als Erfinder der Blauen Blume fort und als Jurist, der nichts mit Zahlen und Figuren anfangen konnte, also mit seinem von Franz Gareis verewigten 27-jährigen Jünglingsgesicht eher harmlos.

Stutzig hätte man längst werden müssen, noch bevor er leichtfertig als Erfinder der Romantik ausgerufen wurde. Das, was Romantik vor dem zielführenden Ambiente aus Teelichtern auf dem Badewannenrand, höhenlastiger Geigenmusik und „was Leckeres kochen“ heißen sollte, hat nicht Novalis definiert, sondern Fichte, Hegel, Kant und Schelling. Novalis wollte — ich vereinfache stark — den Idealismus handlicher und konkreter haben:

Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts, als eine qualitative Potenzierung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzenreihe sind. Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es – Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche – dies wird durch diese Verknüpfung logarithmisiert – es bekommt einen geläufigen Ausdruck. Romantische Philosophie. Lingua romana. Wechselerhöhung und Erniedrigung.

Fragmente und Studien 1797/1798.

Romantik also nicht als philosophische Richtung, sondern als erstrebenswerte „Operation“ der Universalpoesie, Grenzüberschreitung und Bewusstseinserweiterung. Nun sind rote Rosen keine blauen Blumen, ebensowenig wie die erwähnten Teelichter, Klassik-Playlists und Tiefkühlpizzen, und der Frühromantiker Novalis hätte mithin nichts daran erfunden, sondern allenfalls frühzeitig missbraucht. In den so unverständlich wie möglich gehaltenen Hymnen an die Nacht gab er vollends den Tod als das eigentlich „romantisierende Prinzip des Lebens“ aus — handlich und konkret: den Tod seiner ersten Verlobten, siehe unten. Und dann das:

——— Novalis:

Allgemeines Brouillon

Materialien zur Enzyklopädistik, 1798/99:

NaturLehre. Je lebhafter das zu Fressende widersteht, desto lebhafter wird die Flamme des Genußmoments seyn. Anwendung aufs Oxigène. /Nothzucht ist der stärkste Genuß./ Das Weib ist unser Oxigène –./

Elihu Vedder, Soul in Bondage, via Lou Margi, 30. März 2017Religionsgeschichte. Vorstellung der Gottheit, als eines Verzehrenden und befruchtenden Wesens. Guyon. Nonnen. Bey Mönchen hat Onanie und Paederastie daraus entstehen müssen.

Physik. Das Leben der Pflanzen ist gegen das Leben der Thiere gehalten – ein unaufhörliches Empfangen und Gebären – und lezteres gegen dieses – ein unaufhörliches Essen und Befruchten.

Wie das Weib das höchste sichtbare Nahrungsmittel ist, das den Übergang vom Körper zur Seele macht – So sind auch die Geschlechtstheile die höchsten, äußern Organe, die den Übergang von sichtbaren und unsichtbaren Organen machen.

Der Blick – (die Rede) – die Händeberührungder Kußdie Busenberührungder Grif an die Geschlechtstheile – der Act der Umarmung – dis sind die Staffeln der Leiter – auf der die Seele heruntersteigt – dieser entgegengesezt ist eine Leiter – auf der der Körper heraufsteigt – bis zur Umarmung. WitterungBeschnüffelungAct. Vorbereitung der Seele und des Körpers zur Erwachung des Geschlechtstriebes.

Seele und Körper berühren sich im Act. – chemisch – oder galvanisch – oder electrisch – oder feurig – Die Seele ißt den Körper (und verdaut ihn?) instantant – der Körper empfängt die Seele – (und gebiert sie?) instantant.

MenschenLehre. Ein Mensch kann alles dadurch adeln (seiner würdig machen), daß er es will.

MenschenLehre. Ewige Jungfrau ist nichts, als ewiges, weibliches Kind. Was entspricht der Jungfrau bey uns Männern. Ein Mädchen, die nicht mehr wahrhaftes Kind ist, ist nicht mehr Jungfrau. (Nicht alle Kinder sind Kinder).

Weiter chronologisch nach Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs in 3 Bänden, alles aus dem 2. Band mit dem philosophisch-theoretischen Werk, hg. Hans-Joachim Mähl und Richard Samuel:

Im Manne ist Vernunft, im Weibe Gefühl /beydes positiv/ das Tonangebende. Die Moralität des Weibes ist im Gefühl — wie die des Mannes, in der Vernunft gegründet.

Über die verschiedene Art der Unterhaltungen beyder Geschlechter.

/Der Mann darf das Sinnliche in vernünftiger Form, die Frau das Vernünftige in sinnlicher Form begehren./

Das Beywesen des Mannes ist das Hauptwesen der Frau.

Fichte-Studien, 6. Handschriftengruppe, 1796.

Träume der Zukunft — ist ein tausendjähriges Reich möglich — werden einst alle Laster exuliren? Wenn die Erziehung zur Vernunft vollendet seyn wird.

Fichte-Studien, 6. Handschriftengruppe, 1796.

Lilith in Rope, DomWithLens, Cosmic Tie, 20. Januar 2016Jede gebildete Frau und jede sorgfältige Mutter sollte das Bild der Königin, in ihrem oder ihrer Töchter Wohnzimmer haben. Welche schöne kräftige Erinnerung an das Urbild, das jede zu erreichen sich vorgesetzt hätte. Ähnlichkeit mit der Königin würde der Karakterzug der Neupreußischen Frauen, ihr Nationalzug. Ein liebenswürdiges Wesen unter tausendfachen Gestalten. Mit jeder Trauung ließe sich leicht eine bedeutungsvolle Huldigungszeremonie der Königin einführen; und so sollte man mit dem König und der Königin das gewöhnliche Leben veredeln, wie sonst die Alten es mit ihren Göttern thaten. Dort entstand ächte Religiosität durch diese unaufhörliche Mischung der Götterwelt in das Leben. So könnte hier durch diese beständige Verwebung des königlichen Paars in das häusliche und öffentliche Leben, ächter Patriotism entstehen.

Glauben und Liebe, 1798.

Es ist mit dem Volke, wie mit den Weibern. Es hat für alles Leidenschaft, was seine Aufmercksamkeit an sich zieht. Es sucht in diesem Gegenstande alles, denn es fühlt durch denselben sein unendliches Wesen in dunckler Ahndung. Je schwächer der Mensch, desto mächtiger, ahndungsvoller und Behaglicher dünckt ihm ein leidenschaftlicher Zustand. Es ist ihm genug, daß er geweckt und gerührt wird – was ihn weckt und rührt ist ihm einerley – er ist noch nicht gebildet genug um irgend eine Wahl zu treffen und die erregenden Gegenstände zu ordnen und zu unterscheiden, oder gar manchen seine Aufmercksamkeit und Theilnahme zu versagen.

Vorarbeiten, 1798.

Sollte nicht für die Superioritaet der Frauen der Umstand sprechen, daß die Extreme ihrer Bildung viel frappanter sind, als die Unsrigen. Der verworfenste Kerl ist vom trefflichsten Mann nicht so verschieden, als das elende Weibsstück von einer edlen Frau. Nicht auch der, daß man sehr viel Gutes über die Männer, aber noch nichts Gutes über die Weiber gesagt findet.

Haben sie nicht die Aehnlichkeit mit dem Unendlichen, daß sie sich nicht quadriren, sondern nur durch Annäherung finden lassen? Und mit dem Höchsten, daß sie uns absolut nah sind, und doch immer gesucht — daß sie absolut verständlich sind und doch nicht verstanden, daß sie absolut unentbehrlich und doch meistens entbehrt werden, und mit höhern Wesen, daß sie so kindlich, so gewöhnlich, so müßig und so spielend erscheinen?

Auch ihre größere Hülflosigkeit erhebt sie über uns, so wie ihre größere Selbstbehülflichkeit — ihr größeres Sklaven- und ihr größeres Despotentalent — und so sind sie durchaus über uns und unter uns und dabey doch zusammenhängender und unteilbarer, als wir.

Würden wir sie auch lieben, wenn dies nicht so wäre. Mit den Frauen ist die Liebe, und mit der Liebe die Frauen entstanden — und darum versteht man keins ohne das Andre. Wer die Frauen ohne Liebe, und die Liebe ohne Frauen finden will, dem gehts, wie den Philosophen, die den Trieb ohne das Object, und das Object ohne den Trieb betrachteten — und nicht beyde im Begriff der Action zugleich sahen.

Vorarbeiten: Teplitzer Fragmente, 1798.

Die Holzkohle und Der Diamant sind Ein Stoff — und doch wie verschieden — Sollte es nicht mit Mann und Weib derselbe Fall seyn. Wir sind Thonerde — und die Frauen sind Weltaugen und Sapphyre die ebenfalls aus Thonerde bestehn.

Vorarbeiten: Teplitzer Fragmente, 1798.

Pflanzenaehnlichkeit der Weiber. Dichtungen auf diese Idee. (Blumen sind Gefäße)

Chemische, Organische und Physiologische Natur der Schönheit eines Körpers.

Fantasien, wie mein Mährchen, über die wunderlichsten Gegenstände.

(Menschenlehre.) Die Frauen haben eigentlich einen entschiednen Sinn für das Äußre: es sind geborne Oryktognosten.

Über die Sphäre der Frauen: die Kinderstube – die Küche – der Garten – der Keller – das Speisegewölbe – die Schlafkammer – die Wohnstube – das Gastzimmer – der Boden oder die Rumpelkammer.

Fragmente und Studien 1799/1800.

Es gibt nur Einen Tempel in der Welt und das ist der menschliche Körper. Nichts ist heiliger, als diese hohe Gestalt. Das Bücken vor Menschen ist eine Huldigung dieser Offenbarung im Fleisch.

(Göttliche Verehrung des Lingam, des Busens — der Stauen.) Man berührt den Himmel, wenn man einen Menschenleib betastet.

Über die Tötung krüppelhafter, alter und kranker Menschen.

Fragmente und Studien 1799/1800.

Der Schleier ist für die Jungfrau, was der Geist für den Leib ist, ihr unentbehrliches Organ dessen Falten die Buchstaben ihrer süßen Verkündigung sind; das unendliche Faltenspiel ist eine Chiffern-Musik, denn die Sprache ist der Jungfrau zu hölzern und zu frech, nur zum Gesang öffnen sich ihre Lippen. Mir ist er nichts als der feierliche Ruf zu einer neuen Urversammlung, der gewaltige Flügelschlag eines vorüberziehenden englischen Herolds. Es sind die ersten Wehen, setze sich jeder in Bereitschaft zur Geburt!

Die Christenheit oder Europa, 1799.

Daraufhin hab ich tatsächlich kurz überlegt, meine dreibändige Novalis-Ausgabe zurückzugeben, aber neuerdings soll man ja Nazis, Frauenunterdrücker und verwandtes Gelichter mit offensiver Freundlichkeit und Verständnis schlagen.

Nicht alles vom Obigen hat Novalis zur Veröffentlichung freigegeben oder auch nur vorgesehen. Der Trick ist jedoch: Er hat es gedacht; unter Zwang wird es ihm niemand diktiert haben, und zumindest Die Christenheit oder Europa wird als das Standardwerk angeführt, wenn es zu beweisen gilt, dass man sich aus dem Novalis nicht nur „die Schwindsucht herauslesen“ kann (Heine), sondern dass der Mann — „Bergstudent“ — auf der Höhe des theoretischen Wissens seiner Zeit stand.

Christiane Wilhelmine Sophie von Kühn, Kleinert nach dem Verlobungsring von NovalisDa war Novalis um die 26. Mit 23 hatte er sich mit einer 13-Jährigen verlobt:

Ich habe zu Söphchen Religion — nicht Liebe. Absolute Liebe, vom Herzen unabhängige, auf Glauben gegründete, ist Religion.

Erzählen Sie das mal einer Heranwachsenden — als Tipp: in Abwesenheit der Erziehungsberechtigten — und warten Sie ab, ob hinterher die Heranwachsende geschädigt ist oder Ihre Geschlechtstheile. Die hier betroffene Sophie von Kühn wusste sich der drohenden Ehe, gerade vorgestern 15 geworden, nur durch ihren eigenen Tod an Tuberkulose zu entziehen.

Solche Stellen habe ich nicht gesucht, und wenn mir daran läge, würde ich nicht ausgerechnet bei Novalis damit anfangen — umso schlimmer, dass ich welche gefunden habe und erleben muss, wie der gefühlsselige junge Mann in seinen privaten Aufzeichnungen der Vergewaltigung und dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger das Wort redet, Frauen bis zum Reich der Pflanzen und – darauf muss einer erst mal kommen –: der Nahrungsmittel, Mineralien und chemischen Elemente entmenschlicht, sein ganzes gequirltes Frauenbild philosophisch untermauert und dann vorsichtshalber vom öffentlichen Herumtrompeten ausnimmt.

Und nein: Das ist nicht „zeitlich bedingt“, „historisch verankert“ oder auch nur damit zu rechtfertigen, dass ja auch Genies wie Poe ihnen blutsverwandte Kinder geheiratet haben — das ist einfach nur die Erwägung: Wie weit hatte der Kerl eigentlich noch den Arsch offen?

Mir steht nicht zu, Novalis zu zerlegen, ich bringe einfach nur keine Freundlichkeit und Verständnis für so einen Galimathias auf. Als Versuch einer Ehrenrettung deshalb noch eins — ohne zu verschweigen: Es ist das späteste in der Reihe — aus den Fragmenten und Studien 1799/1800 — und richtig eins zum Auswendigmerken und Anbringen in geeigneten Momenten:

Mit Recht können manche Weiber sagen, daß sie ihren Gatten in die Arme sinken — Wohl denen, die ihren Geliebten in die Arme steigen.

Weißenfels an der Saale, Zu Gast bei Novalis. Jahrestagung Exil-P.E.N., Exil-Schriftsteller treffen sich in Weißenfels, 26. Oktober 2017

Bilder:

  1. Elihu Vedder: Soul in Bondage, via Lou Margi, 30. März 2017;
  2. Lilith in Rope: Cosmic Tie, 20. Januar 2016:

    This was incredible to be a part of. Three models, One rigger, One Photographer, and Two assistants. As Gorgone said there was just the right amount of rope, people, strength, and talent to make this all happen. I couldn’t think of a better way to end an epic weekend of rope and friends!!!

    Models are Sarifka Morgan, myself, and Ebibex. Rigging by Gorgone. Photo by DomWithLens.

  3. Christiane Wilhelmine Sophie von Kühn (* 17. März 1782, † 19. März 1797) von Kleinert, nach dem Verlobungsring von Novalis;
  4. Weißenfels an der Saale: Zu Gast bei Novalis: Jahrestagung Exil-P.E.N.: Exil-Schriftsteller treffen sich in Weißenfels, 26. Oktober 2017:

    Mit Novalis steht einer der berühmtesten Söhne der Stadt im Mittelpunkt der Jahrestagung von Exil-P.E.N. Der frühromantische Dichter lebte bis zu seinem Tod in der Saalestadt.

  5. Adam Rhoades: Anticipation, 12. August 2009.

Adam Rhoades, Anticipation, 12. August 2009

Soundtrack: Miss Derringer: Better Run Away From Me, aus: Lullabies, 2008:

Bonus Track: Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren, aus: Brandung, 1977:

Written by Wolf

11. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn

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Update zu Trotzki, Fauser und die Goetheforschung:

Wenn mal Schinkenspeck nicht da ist
Den ein Kunde haben muß
Dann sagt sie nicht voller Freude:
Ham wa nich! — und damit Schluß
Sondern preist ihm an die Wurst
Und ein Fläschchen für den Durst
Fehlt mal Wurst, gibt es Speck
Und kein Mensch geht wütend weg

Wolf Biermann, a. a. O., 1962.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016

Mit Wolf Biermann bin ich nie richtig warm geworden. Dabei sollte ich ihn mögen: Wir sind nicht weit entfernte Namensvettern, wir haben auf die eine oder andere Art Wurzeln in Mitteldeutschland (wobei mein Vater freiwillig von Leipzig rübergemacht ist), wir haben schon mal im Nebenjob John Donne übersetzt, ich hege weder gegen seine Denk- noch Sing- noch Ausdrucksweise einen Einwand, und solche, die schon mal ein paar nach antiken Patschouliresten müffelnde LPs von ihm ausrangiert haben, sind bass erstaunt, dass ich nicht sein Gesamtwerk horte. Es hat einfach nicht gefunkt.

Einmal hätte es sogar fast gezündet. Wie ein Blick ins Archiv lehrt, schrieb man das Tschernobyl-Jahr 1986, als Wolf Biermann fürs Nürnberger Bardentreffen gebucht war, auf ein Konzert im Burggraben, der eine wunderschöne Spielstätte abgibt.

Für Biermann wollte ich mal lieber beizeiten erscheinen und traf den Künstler etwa eine halbe Stunde vor dem nachmittäglichen Konzertbeginn abseits der Bühne hinter einem hohen Bauzaun, wie sie damals wohl in Mode waren, auf der Wiese umherschlendernder- und rauchenderweise persönlich an.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Nun war mein frisch volljährig gewordenes Ich unter Bekannten ein berüchtigter Witzbildchenmaler, der immer Schreibzeug einstecken hatte, und unter Berühmten ein berüchtigter Autogrammsammler, der alles unternahm, um das Rückporto für die Autogrammpost zu umgehen. Daher schien es mir natürlich, das Schreibzeug durch die Maschen des Bauzauns zu zwängen und zu sagen:

„Herr Biermann?“

Herr Biermann blies Zigarettenrauch durch die Nase und schaute auf in meine Richtung. Gar nicht mal so unfreundlich.

„Krieg ich bitte ein Autogramm?“

Herr Biermann blies Zigarettenrauch durch die Nase, überlegte kurz und blaffte:

„Nein!“

Laut, mit Körpereinsatz und katerhaft gesträubtem Schnurrbart. Damit verschwand er mit halbgerauchter Zigarette entschlossenen Geschwindschrittes unter das Bühnengestänge und ward nicht mehr gesehen. Jedenfalls nicht von mir, denn den Nachmittag verbrachte ich dann doch nicht auf dem Burggrabenkonzert mit Wolf Biermann, sondern im Altstadthof mit ungespundetem Bier, und dieser harsche Patron sollte sich fortan seine selbergestrickten Klampfenliedchen gefälligst selber anhorchen.

Das war nie wieder gutzumachen — von meiner Seite aus, mein ich. Sollte ich entgegen meiner Erinnerung tatsächlich das „Bitte“ aus meinem unverschämten Ansinnen weggelassen haben, kann Herr Biermann zweifellos gut mit seinem Benehmen leben, aber er hätte gern sofort damit anfangen können und nicht … Ach, ist ja wurscht seit über dreißig Jahren.

Biermann-Platten hab ich aus diesem traumatischen Vorfall heraus nicht mal angeschafft, als die CDs für zweifünfundneunzig auf dem Ramsch lagen, und dieser Tage hat es mich mehr als die 1,50 Euro gekostet, als sein Buch Wie man Verse macht und Lieder. Eine Poetik in acht Gängen in der Fußgängerbremse vorm Oxfam stand. Am Anfang kommt der Faust vor, da kann ich’s ja nicht einfach stehen lassen. Für den Preis.

Übrigens sind die Konzerte auf dem Bardentreffen bis heute gratis, die Liter-Bügelflasche „Bier von hier“ aus dem Altstadthof — damals noch eine einzige Sorte — kostete vier Mark. Da können sie mit seinen Büchern umsonst den Gehsteig pflastern, was dem Herrn Gebrauchslied-Proletarier ja nur recht sein müsste, der Biermann schuldet mir ungefähr drei- bis fünfmal 2,0451 Euro. Ohne Pfand, das hab ich schon selber wieder eingetrieben.

Spätestens seit letzter Woche, in der ich seine Poetik quergelesen hab, weiß ich, was ich vierzig Jahre nur ahnte: Ich verpasse was.

——— Wolf Biermann:

Politisch Lied, privates Lied

Erste Vorlesung, 11. November im Wintersemester 1993/94 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,
aus: Wie man Verse macht und Lieder. Eine Poetik in acht Gängen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997, Auszüge aus Seite 8 bis 33:

[…] Die Heine-Professur in Düsseldorf soll mich nicht professorale Erstarrung locken. Profssor Klaus hat mit mir in meiner Jugend auf der Humboldt-Universität zu Berlin das mathematische Schlittschuhlaufen trainiert. Wolfgang Heise hat mir den doppelt marxistischen Rittberger beigebracht. Ja, ich kann sogar die hegelsche Pirouette drehn. Aber ich bin kein gelehrter Esel geworden und will bei Ihnen nicht aufs Düsseldorfer Glatteis zum Tanzen.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Das heißt noch lange nicht, daß ich Ihnen nichts mitgebracht hätte. Ich komme hier bei Ihnen vorbeigelaufen wie früher auf den Straßen der Kleiderhändler mit ein paar abgewetztenLumpen auf der Stange. Viel Neues werde ich Ihnen also nicht liefern können. Aber ein paar abgetragene Hosen könnte die geistige Blöße des einen oder anderen intellektuell abgerissenen Zuhörers doch bedecken.

„Politisch Lied, privates Lied“, steht bei Ihnen auf dem Zettel. Nicht „politisches“, sondern kurz politisch Lied — daran erkennen Sie schon das versteckte Zitat. Also fangen wir mit dem FAUST an. Sie kennen die Szene, sie spielt in Auerbachs Keller des Frankfurter Weimarianers Klein Paris, in der Stadt Leipzig. Da stimmt ein schmerbäuchiges Altsemester ein Lied an, als wärs ein Stück von mir. Sein Song klingt wie ein heutiges Spottlied über den Zerfall des kommunistischen Weltreichs: „Das liebe heil’ge röm’sche Reich,/Wie hält’s nur noch zusammen?“ Dann unterbricht ein andrer akademischer saufkumpan die Singerei mit dem geflügelten Wort: „Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied / Ein leidig Lied! …“ Nun treten auch schon Faust und Mephistoles auf. Der Teufel, bevor er seine große Zaubernummer mit den verschiedenen Weinsorten abzieht, gibt der lustigen Gesellschaft ein kleines böses Lied zum besten, ein Pasquill über einen König und dessen Floh, auch ein garstiges, ein sehr politisches Lied:

Es war einmal ein König,
Der hatt‘ einen großen Floh,
Den liebt‘ er gar nicht wenig,
Als wie seinen eig’nen Sohn.
Da rief er seinen Schneider,
Der Schneider kam heran:
Da, miß dem Junker Kleider
Und miß ihm Hosen an!

In Sammet und in Seide
War er nun angetan,
Hatte Bänder auf dem Kleide,
Hatt‘ auch ein Kreuz daran,
Und war sogleich Minister,
Und hatt‘ einen großen Stern.
Da wurden seine Geschwister
Bei Hof‘ auch große Herrn.

Und Herrn und Fraun bei Hofe,
Die waren sehr geplagt,
Die Königin und die Zofe
Gestochen und genagt,
Und durften sie nicht knicken,
Und weg sie jucken nicht.
Wir knicken und ersticken
Doch gleich, wenn einer sticht.

Bravo! Bravo! Das war schön! brüllen begeistert die angesoffenen Spätsemester. So soll es jedem Floh ergehn! … Spitzt die Finger und packt sie fein! … Es lebe die Freiheit! Es lebe der Wein! — Ja, denke ich, solche Freiheitskämpfer von der Flasche kannte Heinrich Heine auch. Er schrieb den Vers:

Der Knecht singt gern ein Freiheitslied
Des Abends in der Schenke
Das stärket die Verdauungskraft
Und würzet die Getränke.

Und damit sind wir mittendrin in meinem Thema. Politisch Lied, privates Lied. Welcher Knecht singt für welche Knechte, und welche Freiheit meint er? Und was ist eigentlich politisch, was ist privat an Liedern. Ist ein Lied politisch zu nennen, wenn es von politischen Dingen handelt? Oder wäre politisch an einem Lied, daß es politische Wirkungen ausübt? Und dann noch die Haltung, die Richtung, die Tendenz: War etwa das Horst-Weseel-Lied der Nazis auch ein politisches Lied? Bedeutet also das Beiwort politisch eigentlich fortschrittlich oder sogar revolutionär? Und wenn ja, wer entscheidet, welches Fortschreiten Fortschritt wäre?

Wer bestimmt, was in der Geschichte Revolution genannt wird und was Konterrevolution? War Lenin ein Revolutionär? War Stalin ein Konterrevolutionär? Was könnte politisch sein an einem Schlagerlied wie diesem: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn …“ Ist mit dem Wunder, das da beschworen wird, Hitlerdeutschlands Endsieg mit der Wunderwaffe V2 gemeint oder eine Befreiung vom deutschen Faschismus, die, was Wunder! — das deutsche Volk selbst nicht zustande brachte. Oder meint die Schnulze nur das Wunder einer berauschenden Liebesnacht in nicht gerade berauschenden Zeiten?

Ich werde Ihnen später ein absolut privates Chanson aus Frankreich zeigen, das zum wichtigsten und berühmtesten Lied der Commune de Paris 1871 wurde: „Le temps des cerises.“

Die hochnotpeiniche Anfrage, ob denn meine Lieder politisch genug sind oder ob sie schon allzu privat wurden, kenne ich sei dreißig Jahren. Was da als besorgte Frage daherkommt, ist im Grunde ein Vorwurf; er wird mir gelegentlich von wohlmeinenden Freunden gemacht und von revolutionären Schöngeistern. Von beamteten Weltverbesserern und von verhinderten Inquisitoren wird er mir immer wieder unter die Nase gerieben. Ob nun aus Sorge oder aus Mißgunst und Häme — immer steckt dahinter die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Revolution? Genosse, kämpfst du noch tapfer im vordersten Schützengraben, oder hast du dich ins Private verpißt?

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Hiermit sind wir schon auf Seite 11. Im folgenden hangelt Biermann, der ebensoviele garstige wie politische Lieder kennt, auch in seiner Prosa nicht ohne stilistische Brillanz von einer etymologischen Herleitung der Wörter „privat und „politisch“ samt Bekenntnissen, was er in seiner Eigenschaft als Liedermacher, das ist: berufsmäßiger Verfertiger von Liedern, mit beiden immer anstellen und erreichen wollte, über sein Verhältnis zu Stephan Hermlin samt persönlich wie gesellschaftlich — ja, privat wie politisch — bedeutsamer Anekdoten, in denen zahlreiche DDR-Größen und literarische Anspielungen vorkommen, zu seinen prägenden Erlebnissen mit Hanns Eisler. Das „Faustische“ in dieser Vorlesug kehrt wieder auf Seite 32 — im Bericht über eine öffentliche Veranstaltung mit „junger Lyrik“, die Stephan Hermlin in seiner Eigenschaft als Leiter der Sektion Dichtung und Sprachpflege bei der Akademie der Künste am Robert-Koch-Platz „gegen Ende des Jahres 1962“ begründete, organisierte und moderierte:

Wohl keiner von uns merkte damals, daß wir mit Volker Brauns Freude-durch-Kraft-Gedichte bei Goethe gelandet waren, diesmal am Ende des „Faust“. Mancher hier könnte die berühmten Verse auswendig hersagen: „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin … / solch ein Gewimmel möcht ich sehn …“ Die Lemuren, diese Halbteufel, schaufeln des verteufelten Doktor Fausts Grab. Der Sterbende bildet sich ein, es seien Meliorisationsarbeiten. Der blinde Greis glaubt, es seien so was wie Moorsoldaten mit ihren Spaten oder Männer vom Reichsarbeitsdienst mit ihren Handbaggern, die da Entwässerungsgräben schaufeln für die nationale, pardon, will sagen für die sozialistische Buterproduktion. Bei Goethe betrügt Faust am Ende raffiniert den Teufel mit einem Konjunktiv:

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,
auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön! …

Wir aber genossen diesen Augenblick in der Akademie ohne vorsichtigen Konjunktiv, wir waren jung und arglos. Als Hermlin uns damals mit noblem Pathos Volker Brauns nationale Butter aufs sozialistische Brot schmierte, da klingelte bei mir kein Warnglöckchen. Dieses liebliche Geläut ging mir so angenehm durchs Gemüt wie Heinrich Heines Frühlingslied. Das Tor zur Dichterkarriere war uns nun weit aufgestoßen. Freiheit, Demokratie, Tauwetter.

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß‘ ich jetzt den höchsten Augenblick.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Und wie Faust im Abendlicht der Sterbeszene die Situation mißdeutet, genau so mißverstanden wir die Situation. Für uns war diese Akademielesung eine Sternstunde vor dem Morgenrot. Stephan Hermlin zog jeden einzelnen von uns, jedes neu entdeckte Sternchen am deutschen demokratischen Lyrikhimmel hoch wie eine gelbrote Buttersonne im Emblem der FDJ.

So sonnten wir uns im Licht des Mondes. Zum Glück ist Hermlin kein Zupfgeigenhansel: Der würdige Mann spielt nicht Gitarre, und so durfte ich zum Schluß einige meiner Lieder selbst vortragen. Dabei sang ich vier bänkelhafte Kinderlieder. Wir loben die guten Sozialisten, erstens den Hausarzt, zweitens die Verkäuferin, dann den Verkehrspolizisten und zu gutzer Letzt den Funktionär, der gut funktioniert. Gutmütig-harmloser Spott zwischen den Zeilen, ich war wirklich ein braves Kind der Republik.

Im folgenden arbeitet Biermann noch ausführlich durch Lyrikzitate belegt diese Veranstaltung auf. Das eigene Fazit aus seiner ersten Vorlesung — wir sind inzwischen auf Seite 37 — geht:

Ich suchte immer noch Verständigung, ich liebäugelte immer wieder mit der Chance, den Drachen mit der sanften Gewalt der Vernunft zu überzeugen, ohne daß er die List der Aufklärung merkt und ohne daß er mich packt. Aber mit jedem neuen Lied, mit jedem neuen Gedicht verbaute ich mir die Fluchtwege in den falschen Frieden. Ich schrieb immer etwas mutiger, als ich war, und dichtete dabei immer etwas tiefer, als ich wußte — das sind eben die Gratisgeschenke der Musen.

Ein so braves Kind der Bundesrepublik war Biermann also auch 1993 noch, um im Faust ganz nebenbei die sozialistische Tendenz nachzuweisen: an exponierter Stelle der Wunsch — ja, der letzte Wunsch — der Hauptfigur: „auf freiem Grund mit freiem Volke stehn“, das muss einem erst mal auffallen.

Sehr geehrter Herr Biermann, wenn Sie das hier lesen, können wir uns gerne noch spät einigen: Mögen die Musen ihre Gratisgeschenke verteilen, wie ihnen beliebt, Gratisfreibier gibt’s nicht. Warten wir also nicht auf bessre Zeiten und Sie geben diesmal das Bier aus, dafür will ich kein Autogramm, wie wär’s?

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016

Bilder: Barbara Klemm: Wolf-Biermann-Konzert in Köln, 13. November 1976,
via Barbara Klemm: Mama, die können mir doch nichts wollen?,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. November 2016:

Nach Jahren des Auftrittsverbots in seiner Heimat, der DDR, stand Wolf Biermann am 13. November 1976 in Köln auf der Bühne. Und durfte nicht mehr zurück. Die Geschichte einer historischen Nacht – und eines historischen Bildes

Das mit der Zunge: Barbara Klemm bei gleicher Gelegenheit via dpa für Till Stoppenhagen: Wolf Biermann wid 80. Wortgewalting und umstritten, Hamburger Morgenpost, 15. November 2016:

Noch ist Wolf Biermann auf seinem legendären Köln-Konzert 1976 gut gelaunt – drei Tage später wird er aus der DDR ausgebürgert.“

Soundtrack: Wolf Biermann: Vier Kinderlieder (Wir loben die guten Sozialisten),
aus: VEB — Volkseigener Biermann (Kennt keiner: uralte Lieder vom jungen Wolf), 1988:

Written by Wolf

4. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Wenn er vom Blocksberg kehrt

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Update zu Bocksgestöhn und freche Lieder:

Ja, singe, singe nur, und lob‘ und rühme sie!
Ich will zu meiner Zeit schon lachen.
Sie hat mich angeführt, dir wird sie’s auch so machen.
Zum Liebsten sey ein Kobold ihr bescheert!
Der mag mit ihr auf einem Kreuzweg schäkern;
Ein alter Bock, wenn er vom Blocksberg kehrt,
Mag im Galopp noch gute Nacht ihr meckern!
Ein braver Kerl von echtem Fleisch und Blut
Ist für die Dirne viel zu gut.
Ich will von keinem Gruße wissen,
Als ihr die Fenster eingeschmissen!

Auerbachs Keller in Leipzig: Siebel, Vers 2108 bis 2118.

Jamiri, Anja, Marabo, 1993

Jamiri, Anja, Marabo, 1993

Zeche lustiger Gesellen: Jamiri: Anja, doppelseitige Version in: Marabo, 1993. Spätere Versionen ließen das erste Bild weg und verwendeten „Schlampe“.

Singe, singe nur, und lob‘ und rühme sie: Aerosmith: Cryin‘, aus: Get a Grip, April 1993:

Das ist, wie die Lagerfeuermusikanten unter uns schon vor 25 Jahren bemerkt haben, ein Dreiertakt. Und wo wir schon dabei sind, als Bonus Track noch den anderen Walzer aus der einzigen Platte der 1990er, die für gleich zwei Walzer als Sommerhits gut war, das Video zusätzlich zur selben Alicia Silverstone sogar noch mit Liv Tyler: Crazy:

Written by Wolf

1. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento