Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Oktober 2016

Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt

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Update zu Vampire Lilith: Obenauf mit 34:

Lasse dich es nit wundern / lieber Machates / ich bin deines Wirths Tochter / und dieweil ich deine Zukunfft vernommen / bin ich in Ansehung deiner Vortrefflichkeit und Tugenden / vorlängst in Liebe gegen dir entzündet und bewegt worden / wiewohl es meinem weiblichen Geschlecht nicht wohl geziemen wollen / dich unterthänig zu ersuchen / daß du dich meiner Beywohnung nicht entziehen wollest / denn ich im wiedrigen Fall und dessen Verbleibung / nicht wegen deiner Unfreundlichkeit und bäurischen Grobheit füglich werde beklagen können / zu dem Ende aber unserer beyder Liebe desto füglicher zu genießen / habe ich diese bequeme Stunde zu unserem Beyschlaff ersehen in dem niemand mehr wachend / unnd beyde Eltern sich zu Bette allbereit verfüget haben.

Die vor sechs Monaten verstorbene Tochter der Wirtsleute zum Gastfreund in: Phlegon aus Tralles nach Johannes Praetorius: Anthropodemus plutonicus, das ist Eine neue Weltbeschreibung von allerlei wunderbaren Menschen, Magdeburg 1666, Kapitel VII: Von gestorbenen Leuten oder Larvis, nach Albert Leitzmann (Hg.): Die Quellen von Schillers und Goethes Balladen, Bonn 1911, Seite 34 f., nach Karl Eibl (Hg.): Goethe: Gedichte 1756–1799, Frankfurter Ausgabe, Seite 1234.

Ein Heidenjüngling mit seiner christlichen Braut, die als Gespenst zu ihm kommt und die er, eine kalte Leiche ohne Herz, zum warmen Leben priapisiert — das sind Heldenballaden!

Herder, 5. August 1798.

Tim Burton, Corpse Bride, 2005

Wer mich, wie es in der Geschichte des 20. Jahrhunderts durchaus vorkam, kennen und verstehen lernen will, darf sich gerne zuerst vergegenwärtigen, dass ich siebenzeilige Strophen mag; das macht mich zu einem großen Teil aus. Was sich im ersten Moment befremdlich anhört, verhält sich wie mit dem bevorzugten Frauentyp: Dralle große Mädchen mit blonden Gretchenzöpfen sind sehr oft ganz wunderbare Menschen, und die jambische, kreuzgereimte Volksliedstrophe in vier Zeilen blickt auf die schätzbarsten Verdienste zurück. Echte Rothaarige und siebenzeilige Strophen aber sind für Gentlemen: separating the men from the boys.

Tim Burton, Corpse Bride, 2005

Seit ich von Goethes & Schillers Balladenjahr 1797 weiß, machen ihre scheinbar tiefernsten Balladen viel mehr Spaß. Die angeblichen Weimarer Giganten haben auch nur gespielt wie die Lausbuben — weil sie es in ihrer hochprivilegierten Stellung konnten — und endlich hat man was von diesen teuer gemieteten Dichtungshöflingen. Die aufkeimende Dichterfreundschaft äußerte sich zuerst und nächst dem persönlichen Briefwechsel am deutlichsten in dem kreativen Ping-Pong, den sie im Jahr darauf in Schillers Musenalmanach veröffentlichen konnten. Praktisch für alle Beteiligten und die davon wissen (müssen).

Die Braut von Korinth war nie Schulstoff, wahrscheinlich weil sie von Anfang an mittleren Skandal erregte, wegen der Unzucht mit Leichen und laxen Umgangs mit dem Christentum, auch wenn beim besten Willen niemals jemand die technische Qualität bestreiten konnte. — August Böttiger am 18. Oktober 1798:

Über nichts sind die Meinungen geteilter als über Goethes „Braut von Korinth“. Während die eine Partei sie die ekelhafteste aller Bordellszenen nennt und die Entweihung des Christentums hoch aufnimmt, nennen andere sie das vollendetste aller kleinen Kunstwerke Goethes.

Wie immer stimmt beides, je nachdem, nach welcher Seite hin man übertreiben will. 1998 — genau zwei Jahrhunderte später — merkt sogar die Autorität Karl Eibl in der maßgeblichen Frankfurter Ausgabe zu den Balladen und Romanzen an (a.a.O. Seite 1220):

Für die Rezeption sollte man immer bedenken, daß solche ‚Balladen‘, ihrer Tradition entsprechend, laut vorgetragen werden wollen und daß es dieser Tradition entspricht, wenn der Vortrag etwas ironisch die reißerische Art der Bänkelsänger imitiert.

und zum Einzelgedicht (Seite 1235):

Die Anknüpfung bei einem durchaus trivialen Stoff rechtfertigt Goethes Bezeichnung „Gespensterromanze“, reiht das Gedicht ein in das zeitgenössische Gespenster-Balladen-Wesen und gibt ihm eine leicht parodistische Note. […] Die hinzutretenden Motive der Brautschaft, der Konfrontation von Heidentum und naturwidrigem Christentum und des gemeinsamen Endes im Feuer jedoch geben geben ihm eine ernsthafte, esoterische Seite.

Wir haben hier also nicht weniger als Goethes Vorgriff auf die Schwarze Romantik, die er nach ihrem „offiziellen“ Ausbruch missbilligen sollte, wenn nicht gar seinen Ausweis einer gothic Seele. Eine solche hätte er empört von sich gewiesen oder wenigstens fürnehm übergangen, ein vollwertiger Beitrag zur heutigen Form von Halloween ist es aber allemal. Ein Schatz.

Die ach so priapische Gespensterballade ist das, wofür Goethe hätte gut sein können, wenn man ihn öfter gelassen hätte; besonderer Dank dafür geht deshalb auch an Schiller. Außerdem stelle ich mir die Braut automatisch als rothaarig vor, und das Ding hat geschlagene 28 (in Worten: achtundzwanzig!) siebenzeilige Strophen.

Carl Mayer nach Alexander Simon, Die Braut von Korinth, um 1880

——— Goethe:

Die Braut von Corinth.

Romanze.

Balladenjahr 1797, in: Schiller, Hg.: Musenalmanach für das Jahr 1798, Seite 88 bis 99:

     Nach Corinthus von Athen gezogen
Kam ein Jüngling, dort noch unbekannt,
Einen Bürger hofft er sich gewogen,
Beyde Väter waren gastverwandt,
Hatten frühe schon
Töchterchen und Sohn
Braut und Bräutigam, in Ernst, genannt.

     Aber wird er auch willkommen scheinen,
Wenn er theuer nicht die Gunst erkauft?
Er ist noch ein Heide mit den Seinen,
Und sie sind schon Christen und getauft.
Keimt ein Glaube neu,
Wird oft Lieb und Treu
Wie ein böses Unkraut ausgerauft.

     Und schon lag das ganze Haus im stillen,
Vater, Töchter, nur die Mutter wacht,
Sie empfängt den Gast mit bestem Willen,
Gleich ins Prunkgemach wird er gebracht
Wein und Essen prangt
Eh er es verlangt,
So versorgend wünscht sie gute Nacht.

     Aber bey dem wohlbestellten Essen
Wird die Lust der Speise nicht erregt,
Müdigkeit lässt Speis‘ und Trank vergessen,
Dass er angekleidet sich aufs Bette legt,
Und er schlummert fast,
Als ein seltner Gast
Sich zur offnen Thür hereinbewegt.

     Denn er sieht, bey seiner Lampe Schimmer
Tritt mit weissem Schleyer und Gewand,
Sittsam still ein Mädchen in das Zimmer
Um die Stirn ein schwarz und goldnes Band.
Wie sie ihn erblickt,
Hebt sie, die erschrickt,
Mit Erstaunen eine weisse Hand.

     Bin ich, rief sie aus, so fremd im Hause
Dass ich von dem Gaste nicht vernahm?
Ach! so hält man mich in meiner Klause!
Und nun überfällt mich hier die Schaam.
Ruhe nur so fort,
Auf dem Lager dort
Und ich gehe schnell so wie ich kam.

     Bleibe schönes Mädchen! ruft der Knabe,
Rafft von seinem Lager sich geschwind,
Hier ist Ceres, hier ist Bacchus Gabe
Und du bringst den Amor liebes Kind.
Bist vor Schrecken blass,
Liebe komm und lass
Lass uns sehn, wie froh die Götter sind.

     Ferne bleib, o Jüngling! bleibe stehen,
Ich gehöre nicht den Freuden an
Schon der letzte Schritt ist, ach! geschehen,
Durch der guten Mutter kranken Wahn,
Die genesend schwur:
Jugend und Natur
Sey dem Himmel künftig unterthan.

     Und der alten Götter bunt Gewimmel
Hat sogleich das stille Haus geleert,
Unsichtbar wird einer nur im Himmel,
Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt;
Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber Menschenopfer unerhört.

     Und er fragt und wäget alle Worte,
Deren keines seinem Geist entgeht,
Ist es möglich? dass am stillen Orte
Die geliebte Braut hier vor mir steht!
Sey die meine nur!
Unsrer Väter Schwur
Hat vom Himmel Segen uns erfleht.

     Mich erhältst du nicht, du gute Seele,
Meiner zweyten Schwester gönnt man dich,
Wenn ich mich in stiller Klause quäle,
Ach! in ihren Armen denk an mich,
Die an dich nur denkt,
Die sich liebend kränkt,
In die Erde bald verbirgt sie sich.

     Nein! bey dieser Flamme seys geschworen,
Gütig zeigt die Hymen uns voraus,
Bist der Freude nicht und mir verlohren,
Kommst mit mir in meines Vaters Haus.
Liebchen bleibe hier,
Feyre gleich mit mir
Unerwartet unsern Hochzeitschmaus.

     Und schon wechseln sie der Treue Zeichen,
Golden reicht sie ihm die Kette dar,
Und er will ihr eine Schale reichen,
Silbern, künstlich wie nicht eine war.
Die ist nicht für mich,
Doch ich bitte dich
Eine Locke gieb von deinem Haar.

     Eben schlug die dumpfe Geisterstunde
Und nun schien es ihr erst wohl zu seyn.
Gierig schlürfte sie mit blassem Munde
Nun den dunkel blutgefärbten Wein,
Doch vom Weizenbrot
Das er freundlich bot,
Nahm sie nicht den kleinsten Bissen ein.

     Und dem Jüngling reichte sie die Schale,
Der wie sie nun hastig lüstern trank,
Liebe fordert er beym stillen Mahle,
Ach! sein armes Herz war Liebekrank,
Doch sie widersteht,
Wie er immer fleht,
Bis er weinend auf das Bette sank.

     Und sie kommt und wirft sich zu ihm nieder:
Ach! wie ungern seh ich dich gequält!
Aber ach! berührst du meine Glieder,
Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt.
Wie der Schnee so weiss,
Aber kalt wie Eis
Ist das Liebchen, das du dir erwählt.

     Heftig fasst er sie mit starken Armen,
Von der Liebe Jugendkraft durchmannt:
Hoffe doch bey mir noch zu erwarmen
Wärst du selbst mir aus dem Grab gesandt!
Wechselhauch und Kuss!
Liebesüberfluss!
Brennst du nicht und fühlest mich entbrannt?

     Liebe schliesset fester sie zusammen,
Thränen mischen sich in ihre Lust,
Gierig saugt sie seines Mundes Flammen
Eins ist nur im andern sich bewusst;
Seine Liebeswuth
Wärmt ihr starres Blut,
Doch es schlägt kein Herz in ihrer Brust.

     Unterdessen schleichet auf dem Gange
Häuslich spät die Mutter noch vorbey,
Horchet an der Thür und horchet lange,
Welch ein sonderbarer Ton es sey?
Klag und Wonne Laut,
Bräutigams und Braut,
Und des Liebestammelns Raserey.

     Unbeweglich bleibt sie an der Thüre
Weil sie erst sich überzeugen muss,
Und sie hört die höchsten Liebesschwure
Lieb und Schmeichelworte mit Verdruss –
Still der Hahn erwacht
Aber Morgennacht
Bist du wieder da? – Und Kuss auf Kuss.

     Länger hält die Mutter nicht das Zürnen
Oeffnet das bekannte Schloss geschwind –
Giebt es hier im Hause solche Dirnen
Die dem Fremden gleich zu Willen sind? –
So zur Thür hinein!
Bey der Lampe Schein
Sieht sie, Gott! sie sieht ihr eigen Kind.

     Und der Jüngling will im ersten Schrecken
Mit des Mädchens eignem Schleierflor,
Mit dem Teppich die Geliebte decken,
Doch sie windet gleich sich selbst hervor;
Wie mit Geists Gewalt
Hebet die Gestalt,
Lang und langsam sich im Bett’ empor.

     Mutter! Mutter! spricht sie hohle Worte,
So missgönnt ihr mir die schöne Nacht!
Ihr vertreibt mich von dem warmen Orte,
Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht?
Ists euch nicht genug;
Dass ins Leichentuch
Dass ihr früh mich in das Grab gebracht?

     Aber aus der schwerbedeckten Enge
Treibet mich ein eigenes Gericht,
Eurer Priester summende Gesänge,
Und ihr Segen haben kein Gewicht;
Salz und Wasser kühlt
Nicht wo Jugend fühlt,
Ach, die Erde kühlt die Liebe nicht.

     Dieser Jüngling war mir erst versprochen,
Als noch Venus heitrer Tempel stand.
Mutter habt ihr doch das Wort gebrochen
Weil ein fremd, ein falsch Gelübd euch band!
Doch kein Gott erhört,
Wenn die Mutter schwört
Zu versagen ihrer Tochter Hand.

     Aus dem Grabe werd ich ausgetrieben,
Noch zu suchen das vermisste Gut,
Noch den schon verlohrnen Mann zu lieben,
Und zu saugen seines Herzens Blut.
Ists um den geschehn,
Muss nach andern gehn
Und das junge Volk erliegt der Wuth.

     Schöner Jüngling, kannst nicht länger leben,
Du versiechest nun an diesem Ort,
Meine Kette hab‘ ich dir gegeben,
Deine Locke nehm ich mit mir fort.
Sieh sie an genau,
Morgen bist du grau,
Und nur braun erscheinst du wieder dort.

     Höre Mutter nun die letzte Bitte
Einen Scheiterhaufen schichte du,
Oefne meine bange kleine Hütte,
Bring in Flammen Liebende zur Ruh.
Wenn der Funke sprüht,
Wenn die Asche glüht,
Eilen wir den alten Göttern zu.

Le Quichotte, La Fiancée de Corinthe, AUTOUR DE QUELQUES CARICATURES DE CHAM PAS TRÈS CHAMARRÉES

Bilder: Stahlstich von Carl Mayer nach einer Zeichnung von Alexander Simon: Die Braut von Korinth, in: A. Schott (Hg.): Panorama der deutschen Klassiker, 2. Band, Verlag von Karl Göpel, Stuttgart o. J., um 1880, nach Seite 50, Berlin, Sammlung Archiv für Kunst und Geschichte via Wehrgang-Bücher;
Le Quichotte: Autour de quelques caricatures de cham pas très chamarrées, 21 décembre 2014:

Cette peinture fait référence à La Fiancée de Corinthe (Die Braut von Korinth), poème de Goethe de 1797. Nous sommes ici — eh, oui ! qui l’eut cru — au second siècle sur un argument de Phlégon, affranchi de l’empereur Hadrien, auteur du recueil Les Merveilles (mais plus connu pour ses Olympiades). Goethe aurait repris la trame de « l’histoire de vampire » contée par Phlégon : au milieu des affrontements entre paganisme et christianisme, et sur un fond érotique, le poème raconte l’histoire d’une jeune morte qui revient voir son fiancé. On peut trouver dans Le Roman de la Momie, et surtout dans La Morte Amoureuse de Théophile Gautier, l’exploitation d’un même fond très romantique;

Tim Burton: Corpse Bride (deutsch: Hochzeit mit einer Leiche), 2005.

Tim Burton, Corpse Bride, 2005

Soundtrack: ebenda.

Written by Wolf

28. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Wie werde ich Schriftsteller? (Von den Exkrementen hirnloser Köpfe)

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?):

Zur Frankfurter Buchmesse wird ja wieder turnusmäßig lamentiert, wer das alles lesen soll. Wir bringen deshalb im Text zahlreiche gute Gründe, alles, bloß kein kein Schriftsteller zu werden, und im Bild ein paar gute Gründe, doch Schriftsteller zu werden.

Audrey Hepburn ReadsDer Abratende ist glaubwürdig, denn kein Vater würde seinem Sohn im Ernst empfehlen, den Sockel seiner Existenz auf das geschriebene Wort zu setzen (auf das gesprochene sonderbarerweise schon). Der Abratende macht sich wiederum unglaubwürdig, indem er selbst Schriftsteller ist.

Mehr noch: Christoph Martin Wieland war Bestsellerautor; noch mehr: ein Viertel des „Weimarer Viergestirns„, also in einer seit Jahrhunderten als selbstverständlich hingenommenen Reihe mit Herder, Goethe und Schiller. Dass er einer der ganz wenigen deutschen Klassiker werden sollte, war noch nicht so zu benennen, aber schon zu seiner langen Wirkungszeit nicht anders zu erwarten.

Desto erstaunlicher ist es zu lesen, wie sich dieser Halbgott von Ausnahmekünstler offenbar mit den gleichen Problemen wie ich kleinstes aller Lichter herumgeschlagen hat: Er balgt sich mit der Konkurrenz, die er selbstmörderisch unterbieten muss, um Textaufträge, übersetzt im selbstruinierten Akkord um sein Leben, leistet sich aller fünf Jahre eine neue Klamotte, beneidet den gerne verachteten Kotzebue um seinen Verdienst und stellt aus Kostengründen seine oft im Alleingang bestückte, verlegte und vertriebene Zeitschrift ein — er allerdings nach 30 Jahren in einem Verbreitungsgebiet zwischen Riga und Triest.

Ähnliches hat mein Vater mir gesagt, und Väter werden in gleicher Tonart fortfahren, Söhne von ruinösen Erwerbszweigen abzuhalten und zu einträglichen zu ermutigen. Leider bin ich selbst der Vater von nichts und niemandem, aber befragt, würde ich empfehlen, lieber Bestatter zu lernen: Gestorben wird immer.

Marilyn Monroe Reads.

——— Christoph Martin Wieland:

An Ludwig F. A. Wieland in Bern

Brief an seinen Sohn Ludwig Wieland, Tiefurt, angefangen den 9. August 1802,
cit. die vollständigste Version außerhalb großer Gesamtausgaben: Wieland-Lesebuch, Insel Verlag 1983:

Debbie Harry Reads MadWeißt Du auch was Schriftstellerei, als Nahrungszweig getrieben, an sich selbst, und besonders heut zu Tag in Deutschland ist? Es ist das elendeste, ungewisseste und verächtlichste Handwerk, das ein Mensch treiben kann – der sicherste Weg im Hospital zu sterben. Das Bettlerhandwerk nährt seinen Mann besser und ist kaum schmählicher. Hast du dich geprüft? Kannst du in einem Dachstübchen des Winters frieren, des Sommers dorren? Kannst du von Salz und Brot und Kartoffeln leben, so oft du dich nicht etwa bei andern, die ein besseres ordinaire haben, zu Gaste bittest? Jene magere Kost und alle 5 Jahre ein neuer Caputrock von Görlitzer Tuch, ist alles, wozu ich dir bei der Schriftstellerei, wie du es nennst, Hoffnung machen kann, wofern du nicht etwa, als Corrector in Druckereien oder durch irgend einen andern modum acquirendi dieser Art, Mittel findest, dein Einkommen zu verbessern. — Und mit was für Zweigen deines neuen Gewerbes denkst du dich zu nähren? Mit Übersetzenwaren sonst ein paar Taler per Bogen zu verdienen; aber diese Innung ist so fürchterlich übersetzt, daß die Arbeit das Salz und den Lausewenzel nicht mehr abwirft, den diese Ehrenmänner, um den Hunger dadurch abzutöten, rauchen müssen. Auf jede neue Brochure, die in Frankreich und England herauskommt, warten 10 Übersetzer mit weitoffnen Mäulern; der Buchhändler, dessen Profit bei dergleichen Sachen gewöhnlich auch sehr gering ist, gibt das Buch dem wohlfeilsten Arbeiter, und dieser muß sich zu Schanden abschächern, wenn er täglich soviel als ein Holzhacker verdienen will. Ich weiß, was du mir sagen wirst — Romane, Schauspiele, Zeitschriften, Taschenbücher — und die Beispiele von Goethe, Schiller, Richter, Kotzebue, La Fontaine. In der Tat machen diese fünf eine Ausnahme; aber was sind 5 gegen mehr als 6000 Buchmacher, die es jetzt gibt? […] Der Buchhandel liegt in einem so tiefen Verfall und wird mit jeder Messe so viel schlechter, daß selbst angesehene Buchhändler erschrecken, wenn ihnen ein Manuskript, das nicht einen schon berühmten Namen zum Garant hat, angeboten wird. Die Buchläden sind mit Romanen und Theeaterstücken aller Art dermaßen überschwemmt, daß ihnen jeder Taler zu viel ist, den sie für ein Schauspiel, das nicht von Kotzebue oder Schiller, oder einen Roman, der nicht von Richter, La Fontaine oder Huber kommt, geben sollen. […] Mit Journalen ist vollends gar nichts mehr zu verdienen; es stechen zwar alle Jahre etliche Dutzend neue, wie Pilze aus sumpfichtem Boden, aus den schwammichten Wasserköpfen unsrer literarischen Jugend hervor; aber es sind Sterblinge, die meistens das zweite Quartal nicht überleben. Die alten Journale sind bisher immer noch die dauerhaftesten gewesen; aber auch diese nehmen mit jedem Jahrgange ab, und der ‚Teutsche Merkur‚, der sich dreißig Jahre erhalten hat, wird, allem Anscheine nach, mit diesem Jahre seine corvée beschließen. […]

Lauren Bacall ReadsIch gestehe gern, daß alles, was ich von der Misere der Schriftstellerei, als modus acquirendi betrachtet, gesagt habe, einige Modifikation erleiden möchten wenn die Rede von einem jungen Manne wäre, der sich aus Drang eines inneren Berufs, mit dem Bewußtsein großer und ungemeiner Geisteskräfte und Talente, folglich mit einer vorgefühlten Gewißheit, Sensation in unsrer geschmacklosen, erschlafften und am liebsten von den Exkrementen hirnloser Köpfe sich nährenden Lesewelt zu machen, zur Schriftstellerei entschließen wollte. Ich weiß nicht, ob du dieser junge Mann bist, wiewohl ich einige Ursache habe, sehr daran zu zweifeln. […] Du glaubst Talent für die echte Komödie zu haben! Es mag sein, daß du Anlage dazu hast; aber damit reichst du nicht aus: es gehört noch ein großer Fond von Welt und Menschenkenntnis, aus Erfahrung und Umgang mit allen Arten von Menschen und allen Ständen und Klassen geschöpft, dazu, den du dir unmöglich schon erworben haben kannst; es gehören Studien dazu, die du nicht gemacht hast, und eine Fertigkeit und Gewandtheit des Stils, wovon ich noch keine Probe von dir gesehen habe. Doch, auf alles das läßt sich am Ende eine Antwort geben, die allem Streit ein Ende macht. Schreibe eine Komödie, die in Deutschland wirklich Sensation macht, die zu Berlin, Wien, Frankfurt, etc. zehnmal hintereinander gegeben wird, die jeder Theaterdirektor haben will, — und ich verstumme. […]

Ich habe dir nun, mein lieber Louis, über […] die Schriftstellerei, als angeblich einzigen dir übrigbleibenden Nahrungszweig […] meine Gedanken mit der Offenheit eröffnet, die einem Vater gegenüber seinen Sohn Pflicht ist. […] Seit dem Tode deiner guten Mutter haben sich die Umstände sehr verändert. Ich kann und werde nicht länger zu Oßmannstedt leben, sondern werde, sobald als möglich wieder in die Stadt ziehen. Den größten Teil der Sommerszeit habe ich in Tiefurt bei der Herzogin zugebracht, und gehe, nach einem Aufenthalt von wenigen Tagen im Schoß meier Familie, morgen wieder dahin zurück. Ich bin im Begriff das mir äußerst lästig gewordene Oßmannstedtische Gut zu verkaufen, um mich von den Schulden, in die es mich gesteckt hat, frei zu machen, und den Rest meiner Tage ohne Sorge und Kummer zu verleben. Ich behalte bloß Haus und Garten in Oßmannstedt, weil deiner Mutter Grab darin ist und ich selbst neben ihr begraben sein will. […]

Wonder Woman Reads.

Gute Gründe, Schreiber zu werden: Audrey Hepburn, Marilyn Monroe, Debbie Harry, Lauren Bacall und Wonder Woman lesen — via Awesome People Reading.

Soundtrack: Ein Schreiber, der nicht schreibt: der 37-jährige Jerry Lewis in: Who’s Minding the Store? (deutsch: Der Ladenhüter), 1963. Seine beiläufig entgleisende Mimik ist bis heute einzigartig.
Musik: Joseph J. Lilley:

Written by Wolf

21. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Handel & Wandel

Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

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Update zu Touristengeheimtipp mit Gewinnspiel: Meide das Oktoberfest!:

Zu Cöllen kam ich spät Abends an,
Da hörte ich rauschen den Rheinfluß,
Da fächelte mich schon deutsche Luft,
Da fühlt‘ ich ihren Einfluß –

Auf meinen Appetit. Ich aß
Dort Eierkuchen mit Schinken,
Und da er sehr gesalzen war
Mußt ich auch Rheinwein trinken.

Der Rheinwein glänzt noch immer wie Gold
Im grünen Römerglase,
Und trinkst du etwelche Schoppen zu viel,
So steigt er dir in die Nase.

Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermährchen, Caput IV, Anfang, 1844.

Zwischen Bergen im Sonnenschein
liegt am Fluss das Städtchen.

Hier oben von meinem Meilenstein seh ich über alle Dächer.

Kerzengrade steigt der Rauch.

Durch einen blühenden Hollunderbusch
unterscheide ich deutlich,
unter der alten Grünspankuppel,
die Thurmuhr.

Ein himmelblaues Zifferblatt mit weissen Zahlen.

Noch drei kleine Striche,
und die gesammte Bürgerschaft
setzt sich pünktlich zu Mittag.

Zwölf!

Es ist heute Sonnabend, es giebt also überall Eierkuchen.

Ich köpfe vergnügt eine Distel
und wandre weiter.

Arno Holz: Phantasus, Heft 1, 1898.

Ich bin eine alte Kommode.
Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;
Manchmal mit Fußtritten geschlossen.
Der wird kichern, der nach meinem Tode
Mein Geheimfach entdeckt. –
Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

Joachim Ringelnatz: Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument, aus: Kuttel-Daddeldu, 1924.

Thomasîn von Zerclaere, Der Wälsche Gast, 1215--1216, 6th Book, Verse 7443--7474. Seite aus der Heidelberger Handschrift CPG 389, fol. 116r, Mitte 13. JahrhundertHab ich’s nicht immer geahnt, dass jemand außer mir meine fast wöchentlichen Herzensergießungen lesen muss. Der Beweis ereilt uns nach ziemlich genau einem Monat nach meinem Aufruf, das verflossene Oktoberfest zu meiden und statt dessen lieber die Ausstellung Bilderwelten 2016. Buchmalerei zwischen Mittelalter und Neuzeit in der Bayerischen Staatsbibliothek zu München aufzusuchen:

Sebastian Keller war dort und kann es beweisen. Wie aufgefordert kommentiert er unter den richtigen Eintrag:

Laut Plakaten (ich nehme mal an, dass die in diesem Zusammenhang als zitierfähige Quelle dienen können) stammt das aus „Der Welsche Gast“.

Alles was recht ist, stimmt das natürlich und ist kaum woanders her zu erfahren als im Eingangsbereich der Ausstellung im ersten Stock. Erst wenn man soviel weiß, kann man weiterverfolgen, dass ein gewisser Thomasîn von Zerclaere der Verfasser des ersten monumentalen deutschsprachigen „Lehrgedicht des Mittelalters, Der wälsche Gast ([mittelhochdeutsches] Original: Der welhische Gast)“ (Wikipedia) war, und das Gedicht seinerseits im Handschriftencensus des Marburger Repertoriums und als Volltext in der Bibliotheca Augustana ausschöpfen. Zum Beispiel entstand das Monument anno 1215 bis 1216, ist also durchaus eine Jubiläumsfeier wert.

Vorerst feiern wir Sebastian Keller, der da gewesen ist.

Hurra!

Ich freue mich, dass es mir die noble Zurückhaltung meiner Mitbewerber erlaubt hat, diesen Wettbewerb für mich zu entscheiden.

Verehrte An- oder Abwesende, hohes Haus, ich nehme die Wahl an und möchte mich bei den Mitgliedern der Akademie, meinem Agenten und meiner Mutter bedanken, ohne deren unermüdliche Hilfe … etc. pp.

Die Versandadresse (mit der Bitte um Gelegenheit mich auf gleiche Weise erkenntlich zu zeigen) ist [hier folgt seine Adresse].

Da der Lobgesang auf Leobowitz schon andernorts gesungen wurde, auch Zé do Rock schon Erwähnung fand und ein Hinweis auf Richard Adams leicht zu einem Nachruf werden könnte, bleibt als Gegenstand der Minne nur die unverfängliche Perfektion aus Mehl, Milch und Ei gebacken: der gewöhnliche Pfannkuchen, auch als Eierkuchen oder Pfannafleck’l bekannt. Natürlich unter Berücksichtigung von Crepe, Palatschinken, Bliny und Artgenossen.

Auch wenn ich bei meiner Ausschreibung an eine eigene Internet-Präsenz für eine nicht vollends verwerfliche Geschäftsidee oder einen auf irgend eine Weise guten Zweck in der Richtung von Amnesty International oder Strahlemännchen dachte, sagt mir die Idee, für Pfannkuchen zu werben, doch sehr zu; außerdem wollte ich schon immer mal mein Lieblingszitat „Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!“ sinnvoll als Überschrift verwenden. Dabei gibt seine eigene Internet-Präsenz genug her, das man womöglich sogar mal hier brauchen kann, dass ich sie in die Linkrolle nebenan aufzunehmen nicht anstehe. — Schamlos beworben werden also: Pfannkuchen.

Leute, esst mehr Pfannkuchen! Gewöhnliche Pfannkuchen, auch als Eierkuchen oder Pfannafleck’l bekannt, Crêpes, Palatschinken, Bliny und Artgenossen! Sie sind die unverfängliche Perfektion aus Mehl, Milch und Ei gebacken! Dazu unbestritten wohlschmeckend, äußerst nahrhaft, leicht und variantenreich herzustellen und bestimmt gesund für irgendwas! A pancake a day keeps McDonald’s away!

Der Buchpreis ist praktisch unterwegs und wird expediert, sobald mir die Post sagt, ob die Büchersendung 1 oder 1,65 Euro kosten soll. Glückwunsch und danke fürs Mitmachen!

Bild: Seite aus Der wälsche Gast, Heidelberger Handschrift CPG 389, fol. 116r, Mitte 13. Jahrhundert.

Soundtrack: I’m a Crêpe (oder so ähnlich …) von Radiohead aus: Pablo Honey, 1993, auf verstimmter Kinderukulele zelebriert von der hinreißenden Amanda Palmer, Red Peters‘ Oddville im Cutler Majestic Theatre in Boston, 7. Juni 2008:

Zu zurückgenommen? Dann noch das Original, solange es auf YouTube erlaubt ist — aber alle Regler nach rechts, wenn’s geht, damit sich hinterher die Pfannafleckln rentieren.

Written by Wolf

16. Oktober 2016 at 01:31

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Nahrung & Völlerei

Im bürgerlichen Sinne ungesellige, freundlose Subjekte

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Update zu Bei Ludwig Tieck geheult vor so viel Schönheit,
Unter sotanen Umständen
und Nach einer guten Mahlzeit:

Wie immer sagt es niemand so treffend wie Arno Schmidt. Niemand rezitiert es so glaubwürdig wie Mechthild Großmann (es ergeht ernstliche Triggerwarnung für Arachnophobiker):

Wenn man mehrere große Spinnen zusammen in ein Glas setzt — so geht eine unausrottbar alte Volksweisheit — beginnen sie sogleich miteinander zu kämpfen, ja, fressen sich sogar gegenseitig auf, bis am Ende nur noch die eine, wildeste, zurückgeblieben ist. Es sind also ausgesprochen bissig=ungesellige Tiere, Liebhaber mürrischer Einsamkeit; dabei aber die unbestreitbaren Künstler märchenhafter Gewebe, so abstoßend ihre Sitten — vielmehr Unsitten — zunächst auch scheinen mögen. Ich wage das Diktum, daß alle Dichter — und zwar genau proportional ihrer Bedeutung nach wachsend — im bürgerlichen Sinne ungesellige, freundlose Subjekte waren !

Das ist aus der Arte-Doku Arno Schmidt – „Mein Herz gehört dem Kopf“ zu Schmidts 100. Geburtstag 2014. Das auch:

——— Arno Schmidt im Interview, aus Oliver Schwehm:

Arno Schmidt – „Mein Herz gehört dem Kopf“

ca. 1960, Dokumentation auf Arte, 15. Januar 2014, 22.40 Uhr:

Ein guter Schriftsteller darf weder haben Freund noch Vaterland noch Religion. Das klingt dem Leser aufs Äußerste schockierend und es besagt doch letzten Endes weiter nichts, als dass ich bei einem Freund irgendwann doch einmal im Leben in die Versuchung kommen könnte, die Wahrheit zu beugen, beziehungsweise dass es über dem Vaterland immer noch einen Begriff gibt, zumindest die Menschheit, oder dass es mir, wenn ich mich auf eine Religion einschwöre, unmöglich ist, andere, andersglaubende Völker und Zeiten zu verstehen. Mit anderen Worten, diese scheinbar schockierende Formulierung ist doch wohl der Ausdruck, dass der Schriftsteller objektiv sein muss, eine Art Spiegel der Welt.

Mit Verlaub, das Schockierendste an dieser Aussage ist doch wohl die Art, wie Herr Schmidt sie vorträgt. Würde ein Journalist eigentlich heute noch so ein Interview zulassen, in dem dem Seine Geheiligte Prominenz daherredet wie ein Radiosprecher, der sein Zeug auswendig gelernt hat, bevor er die Frage kennt?

Charles-Amable Lenoir, NarcisseNa gut, wenn es Arno Schmidt wäre, vielleicht schon. Die Arte-Dokumentation steht online, nur leider nicht für Deutschland verfügbar (für China, Iran, Nordkorea und Österreich schon…), und ist käuflich, der Interviewer (es ist nicht Jan Philipp Reemtsma, das wäre zu einfach und außerdem zu früh) samt Datum und Anlass des Unterfangens (Schmidt sieht noch jung aus, vor dem Fenster schaukeln schon die mutmaßlichen Bargfelder Zwetschgenzweige ab 1958, auf dem Tisch prangt als Gesprächsvorlage KAFF auch Mare Crisium — daher tippe ich ziemlich genau auf 1960) sind deswegen seit der ersten und bislang einzigen Ausstrahlung am 15. Januar 2014 nicht ohne weiteres festzunageln.

Gegen diese Diktion eines Kriegsberichterstatters aus dem ersten Weltkrieg (Schmidt ist Jahrgang 1914) lässt sich wohl wenig ausrichten; wer mag sich schon mit einem Radiosprecher anlegen. Da kann man ja erst hinterher nach einer gewissen Erholungspause draufkommen, dass Schmidt von falschen Voraussetzungen ausgeht. Was soll bitte „ein guter Schriftsteller“ sein? Schon Ernst Wiechert oder erst von Thomas Mann aufwärts (Nobelpreisträger mochte Schmidt sowieso nicht)? Und wenn er so gut ist, warum soll er sich mit nichts anderem abgeben als dem Spiegeln der Welt, was immer das ist?

Gut, Schmidt mochte halt außer Nobelpreisträgern auch keine Freunde, Vaterländer und Religionen. Bei seiner Schaffensweise kam er gut ohne dergleichen aus, und ohne Not die Wahrheit beugen (darf ich das verwenden?!) will auch keiner. „Ein guter Schriftsteller“ wäre demnach so ziemlich allein er selbst. Es ist legitim, das in einem Interview zu verbreiten, und es ist gut, heute über die geistigen Mittel zu verfügen, das so schnell zu durchschauen.

Irgendwie mag ich diesen herrlich arroganten Miesnickel ja. Man möchte ihm nach möglichst durchsoffener und -diskutierter Nacht in der sternestillen Bargfelder Heide endlich die vorletzte Flasche Bier aufhebeln und sagen: „Ach komm. Sind doch alles bloß Bücher.“

Und genau dafür würde er einem wahrscheinlich endgültig eine schallern.

Dabei konnte er so schön aus seinem eigenen Werke lesen. Zum Beispiel eine seiner unnachahmlichen Poe-Übersetzungen (übrigens apokryph, weil sie nicht in der Poe-Gesamtausgabe steht; dort steht die von Hans Wollschläger):

Straßen, wo im finstern Leeren
Kranke Engel nur verkehren
Und ein Eidyllion, die Nacht
Hoch auf schwarzem Throne wacht,
Führten jüngst mich in dies Land her
Von Ultima Thules Strand her
Und seinem Dämmersaum,
wild wie Hexentraum
     Jenseits von Zeit, jenseits von Raum.

Bodenlos Tal gewinnt und Spalt
Geflute Höhlen, Titanenwald
Von Formen, nimmer zu begreifen
Vor lauter Thau und Tränenträufen
Berge torkeln immer vor den Küsten,
Lose Meere dort
Meere branden, Ungeheuer,
Auf zu Himmeln wie aus Feuer
Laachen ohne Boot und Lot
Tote Wasser, öd und tot
Stille Wasser, still zuwider
Lilien räkeln schneeweiße Glieder.

By a route obscure and lonely,
Haunted by ill angels only,
Where an Eidolon, named night,
On a black throne reigns upright,
I have reached these lands but newly
From an ultimate dim Thule—
From a wild clime that lieth, sublime,
     Out of space—out of time.

Bottomless vales and boundless floods,
And chasms, and caves, and Titan woods,
With forms that no man can discover
For the tears that drip all over;
Mountains toppling evermore
Into seas without a shore;
Seas that restlessly aspire,
Surging, unto skies of fire;
Lakes that endlessly outspread
Their lone waters—lone and dead,—
Their still waters—still and chilly
With the snows of the lolling lily.

Lilien räkeln schneeweiße Glieder: Charles-Amable Lenoir 1860–1926: A Nymph In The Forest,
unbekannten Datums, sinnigerweise als Narcisse via Aesthetic Time, 18. November 2014.

Written by Wolf

14. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

And all I got’s a pocketful of flowers on my grave

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Update zu The Raven und der Rabe,
was übrig blieb von grünem leben und
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

EJN jglichs hat seine zeit / Vnd alles fürnemen vnter dem Himel hat seine stund. Geborn werden / Sterben / Pflantzen / Ausrotten das gepflantzt ist / Würgen / Heilen / Brechen / Bawen Weinen / Lachen / Klagen / Tantzen Stein zestrewen / Stein samlen / Hertzen / Fernen von hertzen Suchen / Verlieren / Behalten /Wegwerffen / Zureissen / Zuneen / Schweigen / Reden / Lieben / Hassen / Streit / Fried / hat seine zeit. MAN erbeit wie man wil / So kan man nicht mehr ausrichten / Wenn das stündlin nicht da ist / so richt man nichts aus / man thu wie man wil / Wens nicht sein sol / so wird nichts draus.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993, VerlagswerbungDu bist ein Schatten am Tage,
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Wo ich mein Zelt aufschlage,
Da wohnst du bei mir dicht;
Du bist mein Schatten am Tage,
Und in der Nacht mein Licht.

Wo ich auch nach dir frage,
Find‘ ich von dir Bericht,
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Du bist ein Schatten am Tage,
Doch in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Annemarie „Barfuß“ Srb, * 20. April 1962, † 8. Oktober 1993,
am Samstag, 14. oder 21. August 1993, im Erlanger Schlossgarten.

Annemarie hat mir viel gezeigt. Das fängt mit ihrer unsäglich verkrakelten Handschrift an und hört mit der Demo-Kassette von Fiddler’s Green 1991 noch lange nicht auf.

Fiddler’s Green leben noch und sind aus Erlangen, wo Annemarie in der mittlerweile erloschenen Buchhandlung Theodor Krische Wissenschaftliche Buchhändlerin war und ich studiert hab. Nebenbei hat sich Annemarie als Photomodell für die Kurse an der Erlanger Volkshochschule verdingt. Ein Model war mal Fan von mir, eigentlich kann ich beruhigt sterben. In dem Tag, an dem wir uns 30 Stunden Zeit füreinander nahmen, wollten wir alles unterbringen, was wir wollten. Ich wollte ihr das Buch überreichen, das ich ihr geschrieben hatte, sie als Lesende portraitieren und hinterher feste einen heben. Etwas wesentlich anderes wollte sie auch nicht.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993Zur Lesenden hab ich ihr nicht das Buch von mir, sondern meine einbändige englische Poe-Ausgabe in die Hand gedrückt. Erst war sie nach vielen Jahren wieder hin und weg, wie gut The Raven überhaupt ist, dann fiel uns ein, dass unlängst Fiddler’s Green auf ihrer ersten CD — 1993 einem noch recht frischen Medium — das letzte Gedicht von Poe, die Annabel Lee vertont hatten. Mit verhunztem Text, damit er auf die Melodie passt, aber wer auf seinem ersten Auftritt am Heiligabend von null auf hundert den Nürnberger Kunstverein dermaßen rocken kann, hat sogar Poe gegenüber ein paar Freiheiten gut.

Die Demo-Kassette der Fiddlers war uns in exklusiver Weise frühzeitig bekannt geworden, weil die damalige Musikszene der Metropolregion Nürnberg praktisch geschlossen in Erlangen studierte und bei Annemarie Stammkundschaft war (wie ich ja behaupte, dass J.B.O. ihr „Nilschwein„, verwendet seit 1996 auf Explizite Lyrik, nach dem Holzspielzeug-Viech auf Annemariens Dienstschreibtisch benannt haben). Eine vorläufige Unplugged-Version von ihrer Annabel Lee war da schon drauf. Und: Ja: Es war mir aufgefallen, dass „Annabel Lee“ ohne metrischen oder inhaltlichen Verlust durch „Annemarie“ substituierbar ist.

Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, eine autorisierte Version freizugeben, hat Poe von seinem letzten großen Gedicht Annabel Lee Manuskripte in verschiedenen Versionen in Umlauf gebracht, was die Veröffentlichungsgeschichte nicht gerade vereinfacht. So wichtig war ihm sein ahnungsvolles letztes Gedicht. Ich bringe eine der Versionen, die das Komma in „For the moon never beams without bringing me dreams“, das ich für ein Unding halte, weglässt und mit „In her tomb by the side of the sea“ statt „In her tomb by the sounding sea“ endet, weil Hans Wollschläger in seiner einzig wahren Übersetzung das erstere verwendet. Als Internet-Premiere folgt der zuverlässige Text, nach der Gesamtausgabe korrigiert — wie im Fall von The Raven sinnvollerweise verkleinert, damit der Direktvergleich in die Weblog-Spalte passt.

Nach unseren 30 Sonnenstunden hatte Annemarie keine zwei Monate mehr zu leben.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

——— Edgar Allan Poe:

Annabel Lee

in: New York Daily Tribune, 9. Oktober 1849:

It was many and many a year ago,
     In a kingdom by the sea,
That a maiden there lived whom you may know
     By the name of Annabel Lee;
And this maiden she lived with no other thought
     Than to love and be loved by me.

I was a child and she was a child,
     In this kingdom by the sea,
But we loved with a love that was more than love—
     I and my Annabel Lee—
With a love that the wingèd seraphs of Heaven
     Coveted her and me.

And this was the reason that, long ago,
     In this kingdom by the sea,
A wind blew out of a cloud, chilling
     My beautiful Annabel Lee;
So that her highborn kinsmen came
     And bore her away from me,
To shut her up in a sepulchre
     In this kingdom by the sea.

The angels, not half so happy in Heaven,
     Went envying her and me—
Yes!—that was the reason (as all men know,
     In this kingdom by the sea)
That the wind came out of the cloud by night,
     Chilling and killing my Annabel Lee.

But our love it was stronger by far than the love
     Of those who were older than we—
     Of many far wiser than we—
And neither the angels in Heaven above
     Nor the demons down under the sea
Can ever dissever my soul from the soul
     Of the beautiful Annabel Lee;

For the moon never beams without bringing me dreams
     Of the beautiful Annabel Lee;
And the stars never rise, but I feel the bright eyes
     Of the beautiful Annabel Lee;
And so, all the night-tide, I lie down by the side
     Of my darling—my darling—my life and my bride,
     In her sepulchre there by the sea—
     In her tomb by the side of the sea.

——— Edgar Allan Poe:

Annabel Lee

deutsch von Hans Wollschläger in: Werke IV, Walter Verlag 1973:

Es war vor so manchem und manchem Jahr
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
daß ein Mädchen dort lebte, wunderbar,
     mit Namen Annabel Lee: –
und dies Mädchen, es lebte dem einzigen Sinn,
     mich zu lieben, wie ich liebte sie.

Sie war ein Kind und ich war ein Kind
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
doch uns einte, was mehr noch als Liebe war, –
     mich und lieb Annabel Lee –
und so blickten am Ende die Seraphim selber
     begehrlich auf mich und sie.

Und dies war der Grund, daß vor langer Zeit
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
ein Windschauer gellte aus Wolken bei Nacht
     und traf meine Annabel Lee;
so daß die erlauchte Verwandtschaft kam
     und trug hinweg mir sie,
zu schließen sie tief in ein Grabgemach
     in dem Seereich, nicht weit von hie.

Die Engel, nicht halb so glücklich im Himmel,
     warn neidisch auf mich und sie: –
Ja! das war der Grund (wie ein jeder weiß
     in dem Seereich, nicht weit von hie),
daß bei Nacht aus den Wolken der Windschauer gellend
     entseelt‘ meine Annabel Lee.

Unsre Liebe aber war stärker noch
     als die Liebe der Älteren, die
     viel weiser immer denn ich und sie, –
und nimmer solln Engel im Himmel hoch
     noch Dämonen darunten hie
abtrennen können mein Seel‘ von der Seel‘
     meiner lieblichen Annabel Lee.

Denn der Mond mir nicht blinkt, ohn‘ dass Träume er bringt
     von der lieblichen Annabel Lee;
in den Sternen gewahr ich die Augen klar
     meiner lieblichen Annabel Lee;
und so lieg alle Nachtzeit ich wachend zur Seit‘
meiner Lieb‘, der ich lebte, die einst ich gefreit,
     in dem Grabe, nicht weit von hie –
     in der Gruft, nicht weit von hie.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Vertonung mit angeglichenem Text: Fiddler’s Green auf: Fiddler’s Green, 1992:

Bonus Track: Hubert von Goisern und die Original Alpinkatzen: Weit, weit weg, aus: Aufgeigen stått niederschiassen, 1992, damals noch featuring die unschlagbare Alpine Sabine und Reinhard Stranzinger mit einem der Gitarrensoli des 20. Jahrhunderts, die überleben werden, live in der Kaltenberg-Arena 1994:

Übrigens waren wir gar nicht bei den Fiddlers am Heiligabend im Kunstverein. Annemarie hat mir viel gezeigt, für noch mehr war keine Zeit; seitdem unterteile ich die Zeitrechnung in vor und nach dem 8. Oktober 1993. Bei Hubert von Goisern in Kaltenberg war sie schon tot.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Written by Wolf

7. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Trotzki, Fauser und die Goetheforschung

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Update zu B und Was zusammengehört:

——— Jörg Fauser:

Trotzki, Goethe und das Glück

aus: Klaus Wagenbach und Michael Krüger, hg.: Tintenfisch. Jahrbuch für Literatur 8, Wagenbach-Verlag, Berlin 1975, gesammelt in: Trotzki, Goethe und das Glück. Gedichte 1974–1979, Rogner & Bernhard, München 1979, Abschnitt II. Geschichte von der riesigen Finnin:

Jörg Fauser Trotzki, Goethe und das Glück, Rogner & Bernhard 1979, Original-Cover via Antiquariat Ketz, MünsterKaum war ich von der Spritze runter,
tappte ich in die nächste Falle:
die Revolution.

Die Revolution hieß Louise,
hatte unglaublich schmale Hüften,
blitzende Augen, flatterndes schwarzes
Haar, kam aus Paris
und war Trotzkistin.

Wir wohnten zusammen in einem
der besetzten Häuser, hielten uns
glänzend in Schuß, hielten es sogar
für Liebe, und ich palaverte,
wenn Palaver gefragt war,
schwenkte Fahnen, wenn Fahnen
gefragt waren, und frühstückte
entgegen allen Lehren
des Großen Vorsitzenden
mit einer Flasche Wermut
und einem netten dekadenten Gefühl
im Bett.

Das ist Glück, dachte ich.

Das ist Glück, sagte ich zu Louise.
Warum lassen wir die Revolution nicht sausen,
das sinnlose Palaver und die Fahnen
und die endlosen Auseinandersetzungen
um die Maschinenfabrik in Shanghai,
suchen uns irgendeinen stillen Winkel
wo ich in Ruhe mein Bier trinken und
zwischendurch mal’n Gedicht schreiben kann,
et du reste l’amour?

Und Trotzki? schrie Louise,
und die Genossen im Knast?
Dein bourgeoises Glück, pah! Bier
und Gedichte, während die Revolution
organisiert wird.

Fausers Nächte. Kampflustig. Jörg Fauser in Berlin, 1983Von da ab ging alles schief. Als ich
im Suff mal mit einer anderen ankam,
ging Louise mit einem Messer
auf mich los. Dann mischte sie
bei einer Frauenbewegung mit und ich
mußte nehmen, was kam:
meistens nur Bier und manchmal irgendeine
neurotische Studentin, und später selbst das
nicht mehr, und dann
schmissen sie mich raus,
und ich zog woanders hin.

Das alles ist etliche Jahre her, aber neulich
traf ich ein Mädchen, das noch in den Kreisen
verkehrt, und fragte sie nach Louise.

Louise, sagte das Mädchen —
die ist wieder in Paris.
Sitzt sie im Zentralkomitee? fragte ich.
I wo, sagte das Mädchen, die hat irgendson
Goetheforscher geheiratet.

An dem Abend trank ich alles durcheinander,
trank wie lebensmüde, aber als ich gestern
an dem Haus vorbeikam — es sieht
inzwischen ziemlich verkommen aus,
absolut deja vu —
dachte ich, naja,
vielleicht hast du doch Glück gehabt.

O-Ton Jörg Fauser in: LEBENdIGITAL, i. e. Jochen Rausch und Detlev Cremer: Trotzki, Goethe und das Glück, aus: Fausertracks, 2005; Video: Kai Dollbaum, 2008:

Bilder: Antiquariat Ketz, Münster, via ZVAB;
Der Tagesspiegel: Kampflustig. Jörg Fauser in Berlin, 1983,
in: Fausers Nächte. Zum 25. Todestag von Jörg Fauser, 17. Juli 2012.

Written by Wolf

3. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento