Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Mai 2015

Morgenschillern oder Warum die Freiheit des Menschen in Deutschland wohnt

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Bislang war Schiller in diesen heil’gen Hallen unterrepräsentiert. Dabei hat der Mann heute viel mehr Fans als Goethe, allein wegen seiner Krimis in Dialogform, die fleißig in Schulen durchgenommen werden: Die Räuber und Kabale und Liebe behandeln so zeitlose Probleme, dass sie auch der Jugend des dritten Jahrtausends etwas sagen, und sind mit ihren frühen Ansätzen des Suspense lange nicht so weinerlich wie der Goethesche Werther. Im Schillerjahr 2005 konnte mir eine damalige Schülerin von 15 Jahren mit aller Sicherheit den Finger darauf legen, Schiller sei sympathisch, Goethe unsympathisch.

Dabei ist es mit seinen Gesamtausgaben so eine Sache. Von Goethe gibt es mehr oder weniger vollständige und mehr oder weniger sorgfältig kuratierte Auswahlen in allen Größen, Farben und Formen für alle Bedürfnisse, von Schiller eine einzige relevante Gesamtausgabe — die weder ein eigenes Bibliothekszimmer sowie einen Kredit erfordert, noch ein paar lieblose Volltextfetzen versammelt, die online günstiger und fehlerfreier gestanden wären — die fünfbändige bei Hanser von Jörg Robert, Peter-André Alt, Albert Meier, Wolfgang Riedel und Irmgard Müller, als Taschenbücher bei dtv. Die benutze ich seit Jahren.

Und muss erst kürzlich erleben, dass sie alles andere als vollständig ist. Irgendwas fehlt immer, seien es Briefe, Jugendgedichte, rekonstruierte Notizzettel oder Zweitfassungen, und in anständigen Ausgaben wird das angekündigt und begründet, das ist völlig in der Ordnung. Bei Hanser werden gerade die paar kürzeren historischen Aufsätze, die Spaß machen … nun, man will nicht sagen, „unterschlagen“, weil das bestimmt editorisch zu rechtfertigen ist — aber eben weggelassen. Und sie fehlen schmerzlich, sobald man von ihrer Existenz weiß.

Persönlich waren mir Die Räuber nie mehr als wenig nahrhaftes und leicht versalzenes Popcorn für die Schulplatzmiete, und Kabale und Liebe war erst durch Paula Kalenberg als Luise erträglich, die historischen Aufsätze dagegen schreien dringend nach einiger Verbreitung: Wenn Schiller sich schon mal freiwillig ausführlich übers Mittelalter äußert, wie kann denn da nicht alle Welt gebannt zuhören wollen? Ich empfehle für solche Sachen in rohem Text das Friedrich-Schiller-Archiv — für eine gewisse Möblierung des Textes hoffe ich auf baldigen Zugriff auf die historisch-kritische Ausgabe, die hoffentlich im Lesesaal meiner großen Stadtbibliotheksfiliale auf dergleichen Ehrgeiz wartet — und natürlich auf meinen eigenen Einsatz des interessierten Laien.

Schiller handelt davon, warum anders als im alten Rom und Griechenland und erst recht im etwas herablassend betrachteten Asien nur in Europa und dort vor allem im pathetisch hochgelobten Deutschland die Voraussetzungen für nicht weniger denn die umfassende Freiheit „des Menschen“ gedeihen konnten (soll ich’s kurz spoilern? — Durch die Aufklärung natürlich). Über seine Erkenntnisse und seine Wege zu ihr kann man diskutieren, aber vielleicht wollte er ja genau das, und wer weiß, wie in 223 Jahren auf unsere von Anfang an gescheiterte Globalität geblickt wird.

Zur Einordnung: 1792 war Deutschland ein feudal und sehr heterogen regierter Agrarstaat, in dem eins der minder bedeutenden Herzogtümer die Weimarer Klassik ausbildete, in Frankreich tobte die Große Revolution. In diesem Moment verwendet Schiller in Über Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter erstmals den Ausdruck „Völkerwanderung“ als feste Epochenbezeichnung, woraufhin er sich schnell verbreitete. Der Aufsatz scheint also einst recht einflussreich gewesen. Ich gebe ihn hier mit Schillers gesperrten Hervorhebungen kursiv sowie als Online-Premiere zugleich mit den beiden Fußnoten wieder.

Das überlieferte Bildmaterial über die und naturgemäß vor allem aus der Völkerwanderung ist weder ergiebig noch spektakulär. Um uns, was an dieser Stelle ebenfalls notwendig scheint, Goethes verdienstreichem Sidekick Schiller zu nähern, der zumindest vor einem mageren Jahrzehnt noch bei literaturwissenschaftlich gleichgültigen 15-jährigen Mädchen Anklang gefunden hat, garnieren wir mit populärwissenschaftlichen Vintage-Bildern aus dem Goethezeitportal.

——— Friedrich Schiller:

Über Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter

1792:

Dieser Aufsatz war ein Theil der einleitenden Abhandlung, die dem ersten Bande der ersten Abteilung der von dem Verfasser herausgegebenen historischen Memoires vorgedruckt wurde.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Das neue System gesellschaftlicher Verfassung, welches, im Norden von Europa und Asien erzeugt, mit dem neuen Völkergeschlechte auf den Trümmern des abendländischen Kaiserthums eingeführt wurde, hatte nun beinahe sieben Jahrhunderte lang Zeit gehabt, sich auf diesem neuen und größern Schauplatz und in neuen Verbindungen zu versuchen, sich in allen seinen Arten und Abarten zu entwickeln und alle seine verschiedenen Gestalten und Abwechslungen zu durchlaufen. Die Nachkommen der Vandalen, Sueven, Alanen, Gothen, Heruler, Longobarden, Franken, Burgundier u. a. m. waren endlich eingewohnt auf dem Boden, den ihre Vorfahren mit dem Schwert in der Hand betreten hatten, als der Geist der Wanderung und des Raubes, der sie in dieses neue Vaterland geführt, beim Ablauf des eilften Jahrhunderts in einer andern Gestalt und durch andre Anlässe wieder bei ihnen aufgeweckt wurde. Europa gab jetzt dem südwestlichen Asien die Völkerschwärme und Verheerungen heim, die es siebenhundert Jahre vorher von dem Norden dieses Welttheils empfangen und erlitten hatte, aber mit sehr ungleichem Glücke; denn so viel Ströme Bluts es den Barbaren gekostet hatte, ewige Königreiche in Europa zu gründen, so viel kostete es jetzt ihren christlichen Nachkommen, einige Städte und Burgen in Syrien zu erobern, die sie zwei Jahrhunderte darauf auf immer verlieren sollten.

Die Thorheit und Raserei, welche den Entwurf der Kreuzzüge erzeugten, und die Gewalttätigkeiten, welche die Ausführung desselben begleitet haben, können ein Auge, das die Gegenwart begrenzt, nicht wohl einladen, sich dabei zu verweilen. Betrachten wir aber diese Begebenheit im Zusammenhang mit den Jahrhunderten, die ihr vorhergingen, und mit denen, die darauf folgten, so erscheint sie uns in ihrer Entstehung zu natürlich, um unsere Verwunderung zu erregen, und zu wohlthätig in ihren Folgen, um unser Mißfallen nicht in ein ganz andres Gefühl aufzulösen. Sieht man auf ihre Ursachen, so ist diese Expedition der Christen nach dem heiligen Lande ein so ungekünsteltes, ja ein so nothwendiges Erzeugniß ihres Jahrhunderts, daß ein ganz Ununterrichteter, dem man die historischen Prämissen dieser Begebenheit ausführlich vor Augen gelegt hätte, von selbst darauf verfallen müßte. Sieht man auf ihre Wirkungen, so erkennt man in ihr den ersten merklichen Schritt, wodurch der Aberglaube selbst die Uebel anfing zu verbessern, die er dem menschlichen Geschlecht Jahrhunderte lang zugefügt hatte, und es ist vielleicht kein historisches Problem, das die Zeit reiner aufgelöst hätte, als dieses, keines, worüber sich der Genius, der den Faden der Weltgeschichte spinnt, befriedigender gegen die Vernunft des Menschen gerechtfertigt hätte.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Aus der unnatürlichen und entnervenden Ruhe, in welche das alte Rom alle Völker, denen es sich zur Herrscherin aufdrang, versenkte, aus der weichlichen Sklaverei, worin es die thätigsten Kräfte einer zahlreichen Menschenwelt erstickte, sehen wir das menschliche Geschlecht durch die gesetzlose stürmische Freiheit des Mittelalters wandern, um endlich in der glücklichen Mitte zwischen beiden Aeußersten auszuruhen und Freiheit mit Ordnung, Ruhe mit Thätigkeit, Mannigfaltigkeit mit Uebereinstimmung wohlthätig zu verbinden.

Die Frage kann wohl schwerlich sein, ob der Glücksstand, dessen wir uns erfreuen, dessen Annäherung wir wenigstens mit Sicherheit erkennen, gegen den blühendsten Zustand, worin sich das Menschengeschlecht sonst jemals befunden, für einen Gewinn zu achten sei, und ob wir uns gegen die schönsten Zeiten Roms und Griechenlands auch wirklich verbessert haben. Griechenland und Rom konnten höchstens vortreffliche Römer, vortreffliche Griechen erzeugen – die Nation, auch in ihrer schönsten Epoche, erhob sich nie zu vortrefflichen Menschen. Eine barbarische Wüste war dem Athenienser die übrige Welt außer Griechenland, und man weiß, daß er dieses bei seiner Glückseligkeit sehr mit in Anschlag brachte. Die Römer waren durch ihren eigenen Arm bestraft, da sie auf dem ganzen großen Schauplatz ihrer Herrschaft nichts mehr übrig gelassen hatten als römische Bürger und römische Sklaven. Keiner von unsern Staaten hat ein römisches Bürgerrecht auszutheilen; dafür aber besitzen wir ein Gut, das, wenn er Römer bleiben wollte, kein Römer kennen durfte – und wir besitzen es von einer Hand, die Keinem raubte, was sie Einem gab, und was sie einmal gab, nie zurücknimmt: wir haben Menschenfreiheit; ein Gut, das – wie sehr verschieden von dem Bürgerrecht des Römers! – an Werthe zunimmt, je größer die Anzahl Derer wird, die es mit uns theilen, das, von keiner wandelbaren Form der Verfassung, von keiner Staatserschütterung abhängig, auf dem festen Grunde der Vernunft und Billigkeit ruhet.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Der Gewinn ist also offenbar, und die Frage ist bloß diese: war kein näherer Weg zu diesem Ziele? konnte sich diese heilsame Veränderung nicht weniger gewaltsam aus dem römischen Staat entwickeln, und mußte das Menschengeschlecht nothwendig die traurige Zeitstrecke vom vierten bis zum sechzehnten Jahrhundert durchlaufen?

Die Vernunft kann in einer anarchischen Welt nicht aushalten. Stets nach Uebereinstimmung strebend, läuft sie lieber Gefahr, die Ordnung unglücklich zu verteidigen, als mit Gleichgültigkeit zu entbehren.

War die Völkerwanderung und das Mittelalter, das darauf folgte, eine nothwendige Bedingung unserer bessern Zeiten?

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Asien kann uns einige Aufschlüsse darüber geben. Warum blühten hinter dem Heerzuge Alexanders keine griechische Freistaaten auf? Warum sehen wir Sina, zu einer traurigen Dauer verdammt, in ewiger Kindheit altern? Weil Alexander mit Menschlichkeit erobert hatte, weil die kleine Schaar seiner Griechen unter den Millionen des großen Königs verschwand, weil sich die Horden der Mantschu in dem ungeheuren Sina unmerkbar verloren. Nur die Menschen hatten sie unterjocht; die Gesetze und die Sitten, die Religion und der Staat waren Sieger geblieben. Für despotisch beherrschte Staaten ist keine Rettung als in dem Untergang. Schonende Eroberer führen ihnen nur Pflanzvölker zu, nähren den siechen Körper und können nichts, als eine Krankheit verewigen. Sollte das verpestete Land nicht den gesunden Sieger vergiften, sollte sich der Deutsche in Gallien nicht zum Römer verschlimmern, wie der Grieche zu Babylon in einen Perser ausartete, so mußte die Form zerbrochen werden, die seinem Nachahmungsgeist gefährlich werden konnte, und er mußte auf dem neuen Schauplatz, den er jetzt betrat, in jedem Betracht der stärkere Theil bleiben.

Die scythische Wüste öffnet sich und gießt ein rauhes Geschlecht über den Occident aus. Mit Blut ist seine Bahn bezeichnet. Städte sinken hinter ihm in Asche, mit gleicher Wuth zertritt er die Werke der Menschenhand und die Früchte des Ackers; Pest und Hunger holen nach, was Schwert und Feuer vergaßen; aber Leben geht nur unter, damit besseres Leben an seiner Stelle keime. Wir wollen ihm die Leichen nicht nachzählen, die es aufhäufte, die Städte nicht, die es in die Asche legte. Schöner werden sie hervorgehen unter den Händen der Freiheit, und ein besserer Stamm von Menschen wird sie bewohnen. Alle Künste der Schönheit und der Pracht, der Ueppigkeit und Verfeinerung gehen unter; kostbare Denkmäler, für die Ewigkeit gegründet, sinken in den Staub, und eine tolle Willkür darf in dem feinen Räderwerk einer geistreichen Ordnung wühlen; aber auch in diesem wilden Tumult ist die Hand der Ordnung geschäftig, und was den kommenden Geschlechtern von den Schätzen der Vorzeit beschieden ist, wird unbemerkt vor dem zerstörenden Grimm des jetzigen geflüchtet. Eine wüste Finsterniß breitet sich jetzt über dieser weiten Brandstätte aus, und der elende ermattete Ueberrest ihrer Bewohner hat für einen neuen Sieger gleich wenig Widerstand und Verführung.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Raum ist jetzt gemacht auf der Bühne – und ein neues Völkergeschlecht besetzt ihn, schon seit Jahrhunderten, still und ihm selbst unbewußt, in den nordischen Wäldern zu einer erfrischenden Colonie des erschöpften Westen erzogen. Roh und wild sind seine Gesetze, seine Sitten; aber sie ehren in ihrer rohen Weise die menschliche Natur, die der Alleinherrscher in seinen verfeinerten Sklaven nicht ehret. Unverrückt, als wär‘ er noch auf salischer Erde, und unversucht von den Gaben, die der unterjochte Römer ihm anbietet, bleibt der Franke den Gesetzen getreu, die ihn zum Sieger machten; zu stolz und zu weise, aus den Händen der Unglücklichen Werkzeuge des Glücks anzunehmen. Auf dem Aschenhaufen römischer Pracht breitet er seine nomadischen Gezelte aus, bäumt den eisernen Speer, sein höchstes Gut, auf dem eroberten Boden, pflanzt ihn vor den Richterstühlen aus, und selbst das Christentum, will es anders den Wilden fesseln, muß das schreckliche Schwert umgürten.

Und nun entfernen sich alle fremden Hände von dem Sohne der Natur. Zerbrochen werden die Brücken zwischen Byzanz und Massilien, zwischen Alexandria und Rom, der schüchterne Kaufmann eilt heim, und das ländergattende Schiff liegt entmastet am Strande. Eine Wüste von Gewässern und Bergen, eine Nacht wilder Sitten wälzt sich vor den Eingang Europens hin, der ganze Welttheil wird geschlossen.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Ein langwieriger, schwerer und merkwürdiger Kampf beginnt jetzt: der rohe germanische Geist ringt mit den Reizungen eines neuen Himmels, mit neuen Leidenschaften, mit des Beispiels stiller Gewalt, mit dem Nachlaß des umgestürzten Roms, der in dem neuen Vaterland noch in tausend Netzen ihm nachstellt; und wehe dem Nachfolger eines Clodio, der auf der Herrscherbühne des Trajanus sich Trajanus dünkt! Tausend Klingen sind gezückt, ihm die scythische Wildniß ins Gedächtniß zu rufen. Hart stößt die Herrschsucht mit der Freiheit zusammen, der Trotz mit der Festigkeit, die List strebt, die Kühnheit zu umstricken, das schreckliche Recht der Stärke kommt zurück, und Jahrhunderte lang sieht man den rauchenden Stahl nicht erkalten. Eine traurige Nacht, die alle Köpfe verfinstert, hängt über Europa herab, und nur wenige Lichtfunken fliegen auf, das nachgelaßne Dunkel desto schrecklicher zu zeigen. Die ewige Ordnung scheint von dem Steuer der Welt geflohen oder, indem sie ein entlegenes Ziel verfolgt, das gegenwärtige Geschlecht aufgegeben zu haben. Aber, eine gleiche Mutter allen ihren Kindern, rettet sie einstweilen die erliegende Ohnmacht an den Fuß der Altäre, und gegen eine Noth, die sie ihm nicht erlassen kann, stärkt sie das Herz mit dem Glauben der Ergebung. Die Sitten vertraut sie dem Schutz eines verwilderten Christentums und vergönnt dem mittlern Geschlechte, sich an diese wankende Krücke zu lehnen, die sie dem stärkern Enkel zerbrechen wird. Aber in diesem langen Kriege erwarmen zugleich die Staaten und ihre Bürger; kräftig wehrt sich der deutsche Geist gegen den herzumstrickenden Despotismus, der den zu früh ermattenden Römer erdrückte; der Quell der Freiheit springt in lebendigem Strom, und unüberwunden und wohlbehalten langt das spätere Geschlecht bei dem schönen Jahrhundert an, wo sich endlich, herbeigeführt durch die vereinigte Arbeit des Glücks und des Menschen, das Licht des Gedankens mit der Kraft des Entschlusses, die Einsicht mit dem Heldenmuth gatten soll. Da Rom noch Scipionen und Fabier zeugte, fehlten ihm die Weisen, die ihrer Tugend das Ziel gezeigt hätten; als seine Weisen blühten, hatte der Despotismus sein Opfer gewürgt, und die Wohlthat ihrer Erscheinung war an dem entnervten Jahrhundert verloren. Auch die griechische Tugend erreichte die hellen Zeiten des Perikles und Alexanders nicht mehr, und als Harun seine Araber denken lehrte, war die Gluth ihres Busens erkaltet. Ein beßrer Genius war es, der über das neue Europa wachte. Die lange Waffenübung des Mittelalters hatte dem sechzehnten Jahrhundert ein gesundes, starkes Geschlecht zugeführt und der Vernunft, die jetzt ihr Panier entfaltet, kraftvolle Streiter erzogen.

Auf welchem andern Strich der Erde hat der Kopf die Herzen in Gluth gesetzt und die Wahrheit1) den Arm der Tapfern bewaffnet? Wo sonst, als hier, erlebte man die Wundererscheinung, daß Vernunftschlüsse des ruhigen Forschers das Feldgeschrei wurden in mördrischen Schlachten, daß die Stimme der Selbstliebe gegen den stärkeren Zwang der Ueberzeugung schwieg, daß der Mensch endlich das Theuerste an das Edelste setzte? Die erhabenste Anstrengung griechischer und römischer Tugend hat sich nie über bürgerliche Pflichten geschwungen, nie oder nur in einem einzigen Weisen, dessen Name schon der größte Vorwurf seinem Zeitalters ist; das höchste Opfer, das die Nation in ihrer Heldenzeit brachte, wurde dem Vaterland gebracht. Beim Ablauf des Mittelalters allein erblickt man in Europa einen Enthusiasmus, der einem höhern Vernunftidol auch das Vaterland opfert. Und warum nur hier, und hier auch nur einmal diese Erscheinung? Weil in Europa allein, und hier nur am Ausgang des Mittelalters, die Energie des Willens mit dem Licht des Verstandes zusammentraf, hier allein ein noch männliches Geschlecht in die Arme der Weisheit geliefert wurde.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Durch das ganze Gebiet der Geschichte sehen wir die Entwicklung der Staaten mit der Entwicklung der Köpfe einen sehr ungleichen Schritt beobachten. Staaten sind jährige Pflanzen, die in einem kurzen Sommer verblühn und von der Fülle des Saftes rasch in die Fäulniß hinübereilen; Aufklärung ist eine langsame Pflanze, die zu ihrer Zeitigung einen glücklichen Himmel, viele Pflege und eine lange Reihe von Frühlingen braucht. Und woher dieser Unterschied? Weil die Staaten der Leidenschaft anvertraut sind, die in jeder Menschenbrust ihren Zunder findet, die Aufklärung aber dem Verstande, der nur durch fremde Nachhilfe sich entwickelt, und dem Glück der Entdeckungen, welche Zeit und Zufälle nur langsam zusammentragen. Wie oft wird die eine Pflanze blühen und welken, ehe die andre einmal heranreift? Wie schwer ist es also, daß die Staaten die Erleuchtung abwarten, daß die späte Vernunft die frühe Freiheit noch findet? Einmal nur in der ganzen Weltgeschichte hat sich die Vorsehung dieses Problem aufgegeben, und wir haben gesehen, wie sie es löste. Durch den langen Krieg der mittlern Jahrhunderte hielt sie das politische Leben in Europa frisch, bis der Stoff endlich zusammengetragen war, das moralische zur Entwicklung zu bringen.2)

Nur Europa hat Staaten, die zugleich erleuchtet, gesittet und ununterworfen sind; sonst überall wohnt die Wildheit bei der Freiheit und die Knechtschaft bei der Cultur. Aber auch Europa allein hat sich durch ein kriegerisches Jahrtausend gerungen, und nur die Verwüstung im fünften und sechsten Jahrhundert konnte dieses kriegerische Jahrtausend herbeiführen. Es ist nicht das Blut ihrer Ahnherren, nicht der Charakter ihres Stammes, der unsre Väter vor dem Joch der Unterdrückung bewahrte, denn ihre gleich frei gebornen Brüder, die Turkomanen und Mantschu, haben ihre Nacken unter den Despotismus gebeugt. Es ist nicht der europäische Boden und Himmel, der ihnen dieses Schicksal ersparte, denn auf eben diesem Boden und unter eben diesem Himmel haben Gallier und Britten, Hetrurier und Lusitanier das Joch der Römer geduldet. Das Schwert der Vandalen und Hunnen, das ohne Schonung durch den Occident mähte, und das kraftvolle Völkergeschlecht, das den gereinigten Schauplatz besetzte und aus einem tausendjährigen Kriege unüberwunden kam – diese sind die Schöpfer unsers jetzigen Glücks; und so finden wir den Geist der Ordnung in den zwei schrecklichsten Erscheinungen wieder, welche die Geschichte aufweiset.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Ich glaube dieser langen Ausschweifung wegen keiner Entschädigung zu bedürfen. Die großen Epochen in der Geschichte verknüpfen sich zu genau mit einander, als daß die eine ohne die andre erklärt werden könnte; und die Begebenheit der Kreuzzüge ist nur der Anfang zur Auflösung eines Räthsels, das dem Philosophen der Geschichte in der Völkerwanderung aufgegeben worden.

Im dreizehnten Jahrhundert ist es, wo der Genius der Welt, der schaffend in der Finsterniß gesponnen, die Decke hinwegzieht, um einen Theil seinem Werks zu zeigen. Die trübe Nebelhülle, welche tausend Jahre den Horizont von Europa umzogen, scheidet sich in diesem Zeitpunkt, und heller Himmel sieht hervor. Das vereinigte Elend der geistlichen Einförmigkeit und der politischen Zwietracht, der Hierarchie und der Lehenverfassung, vollzählig und erschöpft beim Ablauf des eilften Jahrhunderts, muß sich in seiner ungeheuersten Geburt, in dem Taumel der heiligen Kriege, selbst ein Ende bereiten.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Ein fanatischer Eifer sprengt den verschloßnen Westen wieder auf, und der erwachsene Sohn tritt aus dem väterlichen Hause. Erstaunt sieht er in neuen Völkern sich an, freut sich am thracischen Bosporus seiner Freiheit und seines Muths, erröthet in Byzanz über seinen rohen Geschmack, seine Unwissenheit, seine Wildheit und erschrickt in Asien über seine Armuth. Was er sich dort nahm und heimbrachte, bezeugen Europens Annalen; die Geschichte des Orients, wenn wir eine hätten, würde uns sagen, was er dafür gab und zurückließ. Aber scheint es nicht, als hätte der fränkische Heldengeist in das hinsterbende Byzanz noch ein flüchtiges Leben gehaucht? Unerwartet rafft es mit seinen Komnenern sich auf, und durch den kurzen Besuch der Deutschen gestärkt, geht es von jetzt an einen edleren Schritt zum Tode.

Hinter dem Kreuzfahrer schlägt der Kaufmann seine Brücke, und das wieder gefundene Band zwischen dem Abend und Morgen, durch einen kriegrischen Schwindel flüchtig geknüpft, befestigt und verewigt der überlegende Handel. Das levantische Schiff begrüßt seine wohlbekannten Gewässer wieder, und seine reiche Ladung ruft das lüsterne Europa zum Fleiße. Bald wird es das ungewisse Geleit des Arkturs entbehren und, eine feste Regel in sich selbst, zuversichtlich auf nie besuchte Meere sich wagen.

Asiens Begierden folgen dem Europäer in seine Heimath – aber hier kennen ihn seine Wälder nicht mehr, und andre Fahnen wehen auf seinen Burgen. In seinem Vaterlande verarmt, um an den Ufern des Euphrats zu glänzen, gibt er endlich das angebetete Idol seiner Unabhängigkeit und seine feindselige Herrengewalt auf und vergönnt seinen Sklaven, die Rechte der Natur mit Gold einzulösen. Freiwillig bietet er den Arm jetzt der Fessel dar, die ihn schmückt, aber den Niegebändigten bändigt. Die Majestät der Könige richtet sich auf, indem die Sklaven des Ackers zu Menschen gedeihen; aus dem Meer der Verwüstung hebt sich, dem Elend abgewonnen, ein neues fruchtbares Land, Bürgergemeinheit.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Er allein, der die Seele der Unternehmung gewesen war und die ganze Christenheit für seine Größe hatte arbeiten lassen, der römische Hierarche, sieht seine Hoffnungen hintergangen. Nach einem Wolkenbild im Orient haschend, gab er im Occident eine wirkliche Krone verloren. Seine Stärke war die Ohnmacht der Könige; die Anarchie und der Bürgerkrieg die unerschöpfliche Rüstkammer, woraus er seine Donner holte. Auch noch jetzt schleudert er sie aus – jetzt aber tritt ihm die befestigte Macht der Könige entgegen. Kein Bannfluch, kein himmelsperrendes Interdikt, keine Lossprechung von geheiligten Pflichten löst die heilsamen Bande wieder auf, die den Unterthan an seinen rechtmäßigen Beherrscher knüpfen. Umsonst, daß sein ohnmächtiger Grimm gegen die Zeit streitet, die ihm seinen Thron erbaute und ihn jetzt davon herunterzieht! Aus dem Aberglauben war dieses Schreckbild des Mittelalters erzeugt, und groß gezogen von der Zwietracht. So schwach seine Wurzeln waren, so schnell und schrecklich durfte es aufwachsen im eilften Jahrhundert – seines Gleichen hatte kein Weltalter noch gesehen. Wer sah es dem Feinde der heiligsten Freiheit an, daß er der Freiheit zu Hilfe geschickt wurde? Als der Streit zwischen den Königen und den Edeln sich erhitzte, warf er sich zwischen die ungleichen Kämpfer und hielt die gefährliche Entscheidung auf, bis in dem dritten Stande ein beßrer Kämpfer heranwuchs, das Geschöpf des Augenblicks abzulösen. Ernährt von der Verwirrung, zehrte er jetzt ab in der Ordnung; die Geburt der Nacht, schwindet er weg in dem Lichte. Verschwand aber der Dictator auch, der dem unterliegenden Rom gegen den Pompejus zu Hilfe eilte? Oder Pisistratus, der die Faktionen Athens auseinander brachte? Rom und Athen gehen aus dem Bürgerkriege zur Knechtschaft über – das neue Europa zur Freiheit. Warum war Europa glücklicher? Weil hier durch ein vorübergehendes Phantom bewirkt wurde, was dort durch eine bleibende Macht geschah – weil hier allein sich ein Arm fand, der kräftig genug war, Unterdrückung zu hindern, aber zu hinfällig, sie selbst auszuüben.

Wie anders säet der Mensch, und wie anders läßt das Schicksal ihn ernten! Asien an den Schemel seines Throns zu ketten, liefert der heilige Vater dem Schwert der Saracenen eine Million seiner Heldensöhne aus, aber mit ihnen hat er seinem Stuhl in Europa die kräftigsten Stützen entzogen. Von neuen Anmaßungen und neu zu erringenden Kronen träumt der Adel, und ein gehorsameres Herz bringt er zu den Füßen seiner Beherrscher zurück. Vergebung der Sünden und die Freuden des Paradieses sucht der fromme Pilger am heiligen Grab, und ihm allein wird mehr geleistet, als ihm verheißen ward. Seine Menschheit findet er in Asien wieder, und den Samen der Freiheit bringt er seinen europäischen Brüdern aus diesem Welttheile mit – eine unendlich wichtigere Erwerbung als die Schlüssel Jerusalems oder die Nägel vom Kreuz des Erlösers.

[Fußnoten:]

1) Oder was man dafür hielt. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß es hier nicht auf den Werth der Materie ankommt, die gewonnen wurde, sondern auf die unternommene Mühe der Arbeit, auf den Fleiß und nicht auf das Erzeugniß. Was es auch sein mochte, wofür man kämpfte – es war immer ein Kampf für die Vernunft, denn durch die Vernunft allein hatte man das Recht dazu erfahren, und für dieses Recht wurde eigentlich ja nur gestritten.

2) Freiheit und Cultur, so unzertrennlich beide in ihrer höchsten Fülle mit einander vereinigt sind und nur durch diese Vereinigung zu ihrer höchsten Fülle gelangen, so schwer sind sie in ihrem Werden zu verbinden. Ruhe ist die Bedingung der Cultur, aber nichts ist der Freiheit gefährlicher als Ruhe. Alle verfeinerten Nationen des Alterthums haben die Blüthe ihrer Kultur mit ihrer Freiheit erkauft, weil sie ihre Ruhe von der Unterdrückung erhielten. und eben darum gereichte ihre Cultur ihnen zum Verderben, weil sie aus dem Verderblichen entstanden war. Sollte dem neuen Menschengeschlecht dieses Opfer erspart werden, d.i. sollten Freiheit und Cultur bei ihm sich vereinigen, so mußte es seine Ruhe auf einem ganz andern Weg als dem Despotismus empfangen. Kein andrer Weg war aber möglich als die Gesetze, und diese kann der noch freie Mensch nur sich selber geben. Dazu aber wird er sich nur aus Einsicht und Erfahrung entweder ihres Nutzens oder der schlimmen Folgen ihres Gegenteils entschließen. Jenes setzte schon voraus, was erst geschehen und erhalten werden soll, er kann also nur durch die schlimmen Folgen der Gesetzlosigkeit dazu gezwungen werden. Gesetzlosigkeit aber ist nur von sehr kurzer Dauer und führt mit raschem Uebergange zur willkürlichen Gewalt. Ehe die Vernunft die Gesetze gefunden hätte, würde die Anarchie sich längst in Despotismus geendigt haben. Sollte die Vernunft also Zeit finden, die Gesetze sich zu geben, so mußte die Gesetzlosigkeit verlängert werden, welches in dem Mittelalter geschehen ist.

Bilder: Alte Postkarten, gemeinfrei;
Gero von Wilpert: Schiller-Chronik. Sein Leben und Schaffen, Akademie-Verlag, Berlin 1959,
via Jutta Assel/Georg Jäger: Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Mai 2015.

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Written by Wolf

29. Mai 2015 at 00:01

Moritz war ein Mädchen

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Update zu Der vortreffliche Kater Murr
und Carpe Mörchen:

Nicht erfaßt der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen;
Dem glänzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt‘ verzagen.
Bald kann dir die Stunde schlagen,
Die entreißt dich aller Not;
Zu vollbringen magst du wagen,
Was die ew’ge Macht gebot.

Kater Murr, 1821.

Wir trauern um Moritz (* Juli 1997 in Königstein; † 17. Mai 2015 in Haar bei München).

Wir wissen nicht viel über ihn, er alles über uns. Äußerlich war er eine „kluge, wohlunterrichtete, philosophische, dichterische“ (Hoffmann, a.a.O.) Katze, und selbst da haben wir ihn 1997 vom Sterilisieren zurückbekommen, als wir ihn zum Kastrieren gegeben haben. In Wirklichkeit war er am wahrscheinlichsten ein Engel, der jetzt zu einem anderen Einsatz zurückberufen wurde. Auf alle Fälle waren die Jahre mit ihm ein Geschenk.

Natürlich ist ein Leben ohne Katzen „möglich, aber sinnlos“ (Loriot über Möpse). Dass alles Leben sinnlos ist, liegt auf der Hand, bis jetzt ist aber nicht raus, ob eins ohne Moritz möglich ist. Er hat uns viel hinterlassen, nur das nicht. Immerhin müssen wir uns nicht vorwerfen, wir hätten zu wenig für ihn getan, es war nämlich alles — und eben am Ende doch nicht genug. Wenn artgerechte Haltung bedeutet, dass ein Tier freiwillig bleibt und zurückkommt, sind wir Moritz gerecht geworden. Man kann zuversichtlich annehmen, dass er uns gemocht hat.

Am schlimmsten war es, ihm nicht mehr gerecht zu werden, egal was wir noch tun konnten; drei Krankheiten gleichzeitig hat er noch geschafft, nur nicht mehr die bösartige Sau von Tumor, die sich feige hinter den dreien versteckt hielt. Moritz hat alles verdient, aber das bestimmt nicht. Niemand auf der Welt, und am wenigsten der. Nicht der, nicht Moritz, der beste Miez von allen, daran glaub ich.

Er war so gern auf der Welt. So sichtbar, spürbar lebensfreudig und selbstverständlich da: So geht ein Da-Sein. Es gab immer etwas zu tun, zu beaufsichtigen, ein Schälchen Milch zu schlecken, ein Schläfchen zu schlafen. Er hat doch niemandem etwas getan (außer einigen Mäusen und ganz wenigen heimischen Singvögeln). Er war stark, was man erst mit der Zeit spitz bekam, vielleicht das lebenstüchtigste und stärkste Wesen, das ich kennen gelernt hab. Und doch: Es reicht nie.

——— E.T.A. Hoffmann: Lithographierte Traueranzeige an seine Freunde, 1821:

In der Nacht vom [17. bis zum 18. Mai] d.J. entschlief, um zu einem beßern Dasein zu erwachen, [unser] theurer geliebter Zögling [die Katze Moritz] im [siebzehnten] Jahre [ihres] hoffnungsvollen Lebens. Wer den verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend und des Rechts, mißt [unseren] Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen. München d. 17. Mai 2015

E.T.A. Hoffmann, Todesanzeige Kater Murr. In der Nacht vom 29. bis zum 30. November d.J. entschlief, um zu einem beßern Dasein zu erwachen, mein theurer geliebter Zögling der Kater Murr im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Lebens. Wer den verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend und des Rechts, mißt meinen Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen. Berlin d. 1. Decbr. 1821 – Hoffmann, 1. Dezember 1821

Er spukt noch. Wir passen auf, ihm nirgends auf den Zapfenschwanz zu treten. Wenn man lange genug nicht hingeschaut hat, fehlt in seinen weiterhin frisch gefüllten Futternäpfen sein Tagesquantum, in den Wassernäpfen schnapsglasgenau mehr, als in der gleichen Zeitspanne verdunsten könnte. Über Nacht bleibt das Fenster zur Straße offen, damit seine zarte Seele, die bestimmt durch keine Glasscheibe kann, zu seinen Mauszeiten raus und rein kommt. Wenn man am wenigsten dran denkt, das Geräusch, wie er vom Fensterbrett auf den Boden ploppt; Pfotentapser; wie sein Halsglöckchen mit dem Adressanhänger beim Kontrollgang an die Näpfe klingelt; Krallenkratzen am Bett — und hops. Und dann seine Schnurrstimme wie aus dem Inneren des eigenen Kopfes:

„Na? Kommt ihr zurecht?“

„Moritz? Bist du das?“

„Nein, hier spricht die Telefonseelsorge, du Wunderkind. Klar bin ich’s. Wie geht’s euch ohne mich?“

„Willst du gar nicht wissen.“

„Ich weiß es trotzdem.“

„Du hast es immer gewusst.“

„Ihr seid leicht durchschaubar. Und jetzt müsst ihr tapfer sein, mein Großer.“

„Aufrecht gehen können wir ja.“

„Ja, das beruhigt mich. Und ihr müsst jetzt existieren.“

„Sonst nichts?“

„Das wird euch schwer genug fallen. Aber mehr ist da nicht. Und es ist schon das Wichtigste.“

„Existieren als Tätigkeit?“

„Genau. Oder was hab ich euch die letzten siebzehndreiviertel Jahre beigebracht und vorgelebt?“

„Wie man die Schnurrhaare immer fein sauber und genau in der Mitte zusammenhält.“

„So gefällst du mir. Und hört auf zu flennen, alle zwei. Es ist ja nicht mitanzusehen. So kann ich euch nicht allein lassen.“

„Mörchen, mein Mörchen. Du fehlst.“

„Tu ich doch gar nicht. Ich bin da, solang ihr mich braucht und lasst. Oder hab ich mich tot angefühlt in dem Karton, in dem ihr mich begraben habt?“

„Von wegen. Dein Fell hat geglänzt. Wie immer, wenn du geschlafen hast.“

„Eine Runde poofen muss ich jetzt auch. Der Krebs schlaucht, sag ich euch.“

„Du hattest den schönsten Pelz der Welt, hab ich dir das mal gesagt?“

„Jeden Tag seit 1997. So viele Komplimente wie mir machst du mal besser deiner Frau, ihr braucht euch jetzt.“

„Als ob wir’s nicht wüssten …“

„Ihr wisst alles Wichtige. Jetzt lebt.“

„Machen wir. Sonst hätten wir nichts von dir gelernt. Nasenstüber, Moritz.“

„Nasenstüber, Wölfchen. Gute Nacht, ihr zwei.“

„Gute Nacht, Moritz.“

Moritz

Soundtrack, weil Besitz, Abspielung und Kenntnis von Johnny Cash: I Corinthians 15:55 aus American VI: Ain’t No Grave, 2010 praktisch untersagt sind:
Flogging Molly: If I Ever Leave This World Alive, aus: Drunken Lullabies, 2002. Alle Regler nach rechts, Gläser in die Höhe und jetzt alle!

Bilder: Die Wölfin, 2007; 6. Mai 2015;
E.T.A. Hoffmann via Kater Paul, 18. Januar 2011.

Moritz, 6. Mai 2015

Written by Wolf

22. Mai 2015 at 00:01

Mephista

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Update zu Hunderttausende erlebten Goethe, Schiller und Herrndorf! Schon beim Saisonauftakt waren alle tot. Dass Schiller nicht Wolfgang hieß, verblüffte alle:

Jetzt könnte man die Gelegenheit nutzen, um über kulturlose Amis zu lästern, die ihren Flickr-Photostream mit Bildern von ihrer eigenen Frau in Unterwäsche vollstellen. Man kann sie auch nutzen, um sich zu freuen, dass die Menschen in St. Louis/Missouri einen leicht auszulösenden Impuls in sich fühlen, Faust zu verfilmen. Von einem Deutschen hab ich dergleichen jedenfalls noch nie als spontanen Wunsch gehört.

——— Russ Rosener, 10. Mai 2015:

I always wanted to film a version of #Faust with #Mephistopheles as a #beautiful #sultry #woman. This #night in the #city her #steamy #body could convince me to sell my #soul.

Russ Rosener, 10. Mai 2015, nitten13, Flickr

——— Ich:

Believe it or not, in Munich Residenztheater 2014, there was a version of Faust with Mephistopheles as a beautiful sultry woman. Not a film, though, but featuring te incredible and haunting Bibiana Beglau, and it was enough for a whole Bavarian city busy with beergardening to be a real social event. As much as I hear, it was polarizing

——— Russ Rosener:

Wolf G. Wolf that’s wonderful! Thank you so much for sharing those links. It looks like it was a fantastic production.

Dampfende Kanalausgänge sind mir übrigens zuerst in Angel Heart von 1987 aufgefallen, der in Brooklyn spielt. 2015 ist diese Erscheinung bis München vorgedrungen, und in St. Louis sind die Leute von jeher so viel Kummer gewohnt, dass man seine Frau sogar anweisen kann, sich spätnachts im leichten Ausgehfähnchen mit Wolford-Fishnets auf die Hauptstraße über einen dampfenden Gulli zu stellen. Erklären Sie mal einer Münchnerin (außer der braunschweigstämmigen Bibiana Beglau vielleicht), es sei doch alles für die Kunst.

Bibiana Beglau als Mephisto

Bilder: Russ Rosener, 10. Mai 2015;
Bayerischer Rundfunk: Bibiana Beglau, die große Panik-Verwalterin, 2. Oktober 2014;
Matthias Horn für Barbara Reitter-Welter: Das Duo infernale auf Sinnsuche: Bibiana Beglau (Mephisto) und Werner Wölbern (Faust): Martin Kusej scheitert in München an Goethes Faust, Mai 2014.

Matthias Horn für Barbara Reitter-Welter, Das Duo infernale auf Sinnsuche: Bibiana Beglau und Werner Wölbern. Martin Kusej scheitert in München an Goethes Faust, Osnabrücker Zeitung, Mai 2014

Written by Wolf

15. Mai 2015 at 00:01

Des Wallens willen wallen

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Update zu Vorbild und Nachbild: Nebelschleiern sich enthüllen:

Arthur Rackham, The Rhine-Maidens teasing Alberich, Die Rheintöchter necken Alberich, 1910Die Gesamtausgabe 2001–2005 von Hermann Hesse umfasst etwa vierzehntausend Seiten in zwanzig Bänden und einem Registerband. Eine davon ist richtig gut.

Hermann Hesse:

Ein Wallfahrer-Lied von Vögeln gesungen

Nachlass, aus der Zeit als Wandervogel:

Die Woge wogt, es wallt die Quelle,
Es wallt die Qualle in der Welle,
Wir aber wallen durch die Welt,
Weil nur das Wallen uns gefällt.
Wir tuns nicht, weil wir wallen sollen,
Wir tun es, weil wir wallen wollen.
Wer nur der Tugend willen wallt,
Kennt nicht des Wallens Allgewalt.
Sie wallt und waltet über allen,
Die nur des Wallens willen wallen.

Das gehört vorgetragen, wie man Wagner singen würde.

Soundtrack: Flosshilde, Woglinde und Wellgunde: Weia! Waga! Woge, du Welle! (Wogalaweia!)
aus: Richard Wagner: Rheingold, 1854/1869/Bayerische Staatsoper München 2012.

Gewalle & Geschwalle: Arthur Rackham: The Rhine-Maidens teasing Alberich
aus: The Rhinegold & the Valkyrie, 1910.

Written by Wolf

8. Mai 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Das Geld hat einen bessern Klang

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Update zu Der kluge Narr flüchtet vor der Inflation in die Sachwerte,
Des eigenen Herzens süße Melodie
und vor allem Frohnleichnamsfahnen wehen:

Der Seifensieder von Hagedorn wird von Gottfried Keller in Die drei gerechten Kamm(m)acher 1855 derart beiläufig zitiert, dass er offenbar bekannt sein muss. Die einzige ernstzunehmend kommentierte Ausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker (seit 2006 gut erreichbar als Taschenbuch) merkt dazu an, das sei „ein im Biedermeier beliebtes Gedicht […], dessen Titelfigur sich als das Gegenteil seines Handwerkerkollegen Jobst [aus Die drei gerechten Kammmacher] erweist“.

Biedermeier? Hagedorn zählt zum Rokoko, ein Jahrhundert vorher. Und schon versteht man, warum das Biedermeier als wertkonservativ gilt: Ein Gedicht, das Spaß macht, macht ihn auch nach Jahrhunderten. — Wir erfreuen uns am Tag der Arbeit an:

——— Friedrich von Hagedorn:

Johann der Seifensieder

aus: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen,
Mit Königl. Poln. und Churfürstl. Sächsis. allergnädigster Freyheit,
Hamburg, verlegts Conrad König 1738:

Erste österreichische Seifensieder-Gewerks-Gesellschaft Apollo, Apollo Kerzen und Seifen, 1899Johannes war ein Seifensieder;
Der wuste viele schöne Lieder,
Und sang, mit unbesorgtem Sinn,
Vom Morgen bis zum Abend hin.
Sein Tagwerk konnt‘ ihm Nahrung bringen;
Und wann er aß, so mußt er singen;
Und wann er sang, so war s mit Lust,
Aus vollem Hals‘ und freier Brust.
Beim Morgenbrodt, beim Abendessen
Blieb Ton und Triller unvergessen;
Der schallte recht ; und seine Kraft
Durchdrang die halbe Nachbarschaft.
Man horcht; man fragt: Wer singt schon wieder?
Wer ists? Der muntre Seifensieder.

Im Lesen war er anfangs schwach;
Er las nichts als den Almanach,
Doch lernt‘ er auch nach Jahren beten,
Die Ordnung nicht zu übertreten,
Und schlief, dem Nachbar gleich zu seyn,
Oft singend, öftrer lesend ein.
Er schien fast glücklicher zu preisen
Als die berufnen sieben Weisen,
Als manches Haupt gelehrter Welt,
Das sich schon für den achten hält.

Es wohnte diesem in der Nähe
Ein Sprößling eigennützger Ehe,
Der, stolz und steif und bürgerlich,
Im Schmausen keinem Fürsten wich:
Ein Garkoch richtender Verwandten,
Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten,
Der stets zu halben Nächten fraß
Und seinen Wechsel oft vergaß.

Kaum hatte mit den Morgenstunden
Sein erster Schlaf sich eingefunden,
So ließ ihm den Genuß der Ruh
Der nahe Sänger nimmer zu.
Zum Henker! lärmst du dort schon wieder,
Vermaledeiter Seifensieder?
Ach wäre doch zu meinem Heil,
Der Schlaf hier wie die Austern, feil!

Den Sänger, den er früh vernommen,
Läßt er an einem Morgen kommen,
Und spricht: Mein lustiger Johann!
Wie geht es Euch? Wie fangt ihrs an?
Es rühmt ein jeder Eure Waare;
Sagt, wieviel bringt sie euch im Jahre?

Im Jahre, Herr? Mir fällt nicht bey,
Wie groß im Jahr mein Vortheil sey.
So rechn‘ ich nicht! Ein Tag beschehret,
Was der, so auf ihn kömmt, verzehret.
Dieß folgt im Jahr (ich weiß die Zahl)
Drey hundert fünf und sechzig mal.

Ganz recht; doch könnt ihr mirs nicht sagen,
Was pflegt ein Tag wol einzutragen?

Mein Herr, Ihr forschet allzusehr:
Der eine wenig, mancher mehr;
So wie’s dann fällt, mich zwingt zur Klage
Nichts, als die vielen Feiertage;
Und wer sie alle roth gefärbt
Der hatte wol, wie ihr, geerbt,
Dem war die Arbeit sehr zuwider;
Das war gewiß kein Seifensieder.

Dieß schien den Reichen zu erfreun.
Hans, spricht er, du sollst glücklich seyn.
Itzt bist du nur ein schlechter Prahler.
Da hast du bare funfzig Thaler.
Nur unterlasse den Gesang.
Das Geld hat einen bessern Klang.

Anda Wolf-Robl, 100 Jahre Nivea-Pflege. Der Kult in der Dose, Cosmopolitan 10. Juni 2011Er dankt und schleicht mit scheuem Blicke,
Mit mehr als diebscher Furcht zurücke.
Er herzt den Beutel, den er hält,
Und zählt, und wägt und schwenkt das Geld,
Das Geld, den Ursprung seiner Freude
Und seiner Augen neue Weide.

Es wird mit stummer Lust beschaut
Und einem Kasten anvertraut,
Den Band‘ und starke Schlösser hüten,
Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten,
Den auch der karge Thor bey Nacht
Aus banger Vorsicht selbst bewacht.
Sobald sich nur der Haushund reget,
Sobald der Kater sich beweget,
Durchsucht er alles, bis er glaubt,
Daß ihn kein frecher Dieb beraubt,
Bis oft gestossen, oft geschmissen,
Sich endlich beide packen müssen:
Sein Mops, der keine Kunst vergaß
Und wedelnd bey dem Kessel saß:
Sein Hinz, der Liebling junger Katzen,
So glatt von Fell, so weich von Tatzen.

Er lernt zuletzt, je mehr er spart,
Wie oft sich Sorg‘ und Reichtum paart,
Und manches Zärtlings dunkle Freuden
Ihn ewig von der Freiheit scheiden,
Die nur in reine Selen strahlt,
Und deren Glück kein Gold bezahlt.

Dem Nachbar, den er stets gewecket,
Bis er das Geld ihm zugestecket,
Dem stellet er aus Lust zur Ruh
Den vollen Beutel wieder zu,
Und spricht: Herr, lehrt mich bessre Sachen,
Als, statt des Singens, Geld bewachen.
Nehmt immer euren Beutel hin
Und laßt mir meinen frohen Sinn.
Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden,
Ich tausche nicht mit euren Freuden.
Der Himmel hat mich recht geliebt,
Der mir die Stimme wieder giebt.
Was ich gewesen, werd‘ ich wieder:
Johann, der muntre Seifensieder.

Friedrich von Hagedorn: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen, 1738

Alte Seifen: Erste österreichische Seifensieder-Gewerks-Gesellschaft „Apollo“:
Apollo Kerzen und Seifen, 1899;
Anda Wolf-Robl (48, Chefin vom Dienst): 100 Jahre Nivea-Pflege. Der Kult in der Dose!,
Cosmopolitan, 10. Juni 2011;
Frontispiz (hier Schlussvignette): Friedrich von Hagedorn:
Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen, 1738.

Written by Wolf

1. Mai 2015 at 02:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Handel & Wandel