Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland

with 2 comments

Upate zu Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier
und Something greater than me:

Paul Lauenstein, Stillleben mit Kakteen, 1934

Die Hochhaushex schreibt mir:

Total begeistert bin ich von deiner (immer noch?) momentanen Lieblinxsammlung:

cacti / cactuses / cactus in visual art.

Karl Hofer, Mädchen mit Kaktus, ca. 1922Eigentlich bin ich kein exzessiver Kaktusfreak – obwohl ich diverse Stachelgewächse hie und da bei mir rumstehen hab, einige sogar im Treppenflur, bevor sie bald wieder auf den Balkon umziehen dürfen. Ein paar sind geschenkt, einige haben mich wohl leidend irgendwo im Sonderangebot angefleht, sie von dort wegzuschaffen und zu adoptieren. Die Opuntien oder volksmundlichen Elefantenohren mögen mich nicht sonderlich und haben sich schon des öfteren faul und schrumpelig, evtl. auch beleidigt verabschiedet. Aber gerade aus „deiner“ Sammlung strahlt auch etwas, was ich schon immer bei diesen Naturerscheinungen, zumal den altehrwürdigen, gedacht habe, etwas … hmjah, Philosophisches. Ein Hauch von Ewigkeit in diesen spartanisch lebenden, oft fast hässlichen Gewächsen, die, auch bei mir, urplötzlich so wunderschöne Blüten zaubern. Manche haben Gesichter, dochdoch, haben Arme, Hände, allerdings kaum Füße. Und was von denen, also den Füßen jetzt, zu sehen ist, das möchte mit den Jahren manchmal ein knorriger Baum werden, sag ich doch, was beinah Ewiges.

Die Töpfe, in die man sie außerhalb ihrer natürlichen Umgebung pfropft, zerfallen schneller als die Pflanze, und die wiederum dankt dir, wenn der Topf selber schön und angemessen ist, gern auch exotisch. Malen würd ich sowas, glaub ich, nie, schon gar nicht als Stillleben. Andere tun’s ja augenscheinlich schon, mit Ambition und in Vielfalt. Die haben schon was, die Stachelviecher, scheren sich um keine Anweisungen und Erwartungen, wie mein Weihnachtskaktus, der schickt sich auch grad wieder an, nach Weihnachten auch zu Ostern zu blühen.

Etwas skurrile Nebenwirkung: Bei meiner vorübergehenden Lieblings-Crimelady D. L. Sayers spielt in den Flitterwochen von Lord Peter Wimsey ein ehrwürdig imposanter Kaktus eine tragische Rolle – er wird als Mordwerkzeug missbraucht. Was wohl dazu beiträgt, dass in dem Romanwerk, das überall von John-Donne-Zitaten des Lieblings des Lords strotzt, für die Kaktushymne der T. S. Eliot (aus „Die hohlen Männer„) herhalten muss:

Gustaf Carlström, Blühender Kaktus, 1929

——— T. S. Eliot:

Die hohlen Männer

The Hollow Men, 1925. Deutsche Übersetzung: Hans Magnus Enzensberger.
Metatext von Ulrich Bergmann: Denn dein ist das Leben! für Fixpoetry, 2. Oktober 2012:

Mistah Kurtz — he dead.
A penny for the Old Guy

I

Georg Scholz, Kakteen und Semaphore, 1923Wir sind die hohlen Männer
Die Ausgestopften
Aufeinandergestützt
Stroh im Schädel. Ach,
Unsere dürren Stimmen,
Leis und sinnlos
Wispern sie miteinander
Wie Wind im trockenen Gras
Oder Rattenfüße über Scherben
In unserm trockenen Keller

Gestalt formlos, Schatten farblos,
Gelähmte Kraft, reglose Geste;

Die hinüber sind, sehenden Auges,
Ins andere Reich des Todes,
Wenn sie an uns denken, denken sie nicht
An gewalttätige verlorene Seelen,
sondern an hohle Männer,
An Ausgestopfte.

II

Augen, deren Blick ich fürchte,
Die nicht erscheinen
Im Traumreich des Todes:
Dort sind die Augen
Sonnenlicht auf Säulentrümmern
Dort, ein Baum der sich wiegt
Und Stimmen sind
Im Gesang des Winds
Ferner und feierlicher
Als verblassender Stern
So fern will auch ich sein
Im Traumreich des Todes
Ich will auch so
Vorsätzliche Masken wählen
Rattenfell, Krähenhaut, Vogelscheuche
Auf einem Feld,
Die tun, was der Wind will,
So fern —

Nicht die endgültige Begegnung
Im Reich des Zwielichts

III

Dies ist das tote Land
Dies ist das Kaktusland
Hier sind aufgerichtet
Die steinernen Bilder, zu denen
Betet die Hand eines Toten, darüber
Funkelt ein verblassender Stern.

Ob es so ist
In dem anderen Todesreich
Ob Lippen wachen, mit sich allein,
Zur Stunde da wir beben
Vor Zärtlichkeit,
Lippen die küssen möchten
Und beten zu zerbrochenem Stein.

IV

Die Augen sind nicht hier
Hier sind keine Augen mehr
In diesem Tal da Sterne sterben
In diesem Hohlweg
Dem Stück Kinnbacken zu unseren verlorenen Reichen

Auf diesem letzten Sammelplatz
Tasten wir nach dem andern
Sprachlos geschart
Am Ufer des reißenden Stroms
Blind, es erschienen denn
Die Augen wieder
Wie der lebendige Stern
Die vielblättrige Rose
Des zwielichtigen Totenreiches,
Niemandes Hoffnung,
Hoffnung der leeren Männer.

V

Sergius Pauser, Dame in Weiß. Fräulein Sokal, 1927Wir tanzen um den Stachelbaum
Stachelbaum Stachelbaum
Wir tanzen um den Stachelbaum
Um fünf Uhr früh am Morgen.

Zwischen Idee
Und Wirklichkeit
Zwischen Regung
Und Tat
Fällt der Schatten

Denn Dein ist das Reich

Zwischen Empfängnis
Und Geburt
Zwischen Gefühl
Und Erwiderung
Fällt der Schatten

Das Leben ist lang

Zwischen Verlangen
Und Zuckung
Zwischen Vermögen
Und Leibhaftigkeit
Zwischen Wesen
Und Abstieg

Fällt der Schatten

Denn Dein ist das Reich

Denn Dein ist
Das Leben ist
Denn Dein ist das
Auf diese Art geht die Welt zugrund
Auf diese Art geht die Welt zugrund
Auf diese Art geht die Welt zugrund
Nicht mit einem Knall: mit Gewimmer.

Unbekannter Künstler, Prickly Pear, Opuntia spec., Öl auf Leinwand, 63 cm x 76 cm

Der Hochhaushex favorisiertes „Romanwerk, das überall von John-Donne-Zitaten des Lieblings des Lords strotzt“, mit dem handlungstragenden Kaktus ist der elfte und letzte Lord-Peter-Wimsey-Roman der Lady Dorothy L. Sayers: Busman’s Honeymoon, erschienen im Verlag Victor Gollancz Ltd., London 1937; deutsch zuerst als Lord Peters abenteuerliche Hochzeitsfahrt, Tübingen 1954; Neuübersetzung von Otto Bayer als Hochzeit kommt vor dem Fall, Rowohlt Reinbek 1982, erhältlich als Wunderlich Taschenbuch, Rowohlt, Reinbek 2000.

Adolf Gross, Österreich, 1873--1937, Akt mit KaktusWo die freundliche, pflanzenbegabte Hexe irrt: Elefantenohren sind keine Opuntien, sondern Kalanchoe beharensis, ein Dickblattgewächs. Opuntien sind Kakteengewächse, dafür heißen Elefantenohren auch Haemanthus albiflos, ein Amaryllisgewächs, und das Riesenblättrige Pfeilblatt Alocasia macrorrhizos, ein Aronstabgewächs. Eine lässliche Verwechslung: Soll sich einer auskennen.

Eigentlich hätte ich ja die Pommeskuität als Lieblingssammlung vorgestellt, wenn Tatjana Traurig ihre Sammeltätigkeit nicht Ende Mai 2015 eingestellt hätte.

Kaktusbilder:

  1. Paul Lauenstein: Stillleben mit Kakteen, 1934;
  2. Karl Hofer: Mädchen mit Kaktus, ca. 1922;
  3. Gustaf Carlström: Blühender Kaktus, 1929;
  4. Georg Scholz: Kakteen und Semaphore, 1923,
  5. Sergius Pauser: Dame in Weiß (Fräulein Sokal), 1927;
  6. unbekannter Künstler: Prickly Pear (Opuntia spec.), Öl auf Leinwand, 63 cm x 76 cm;
  7. Adolf Gross (Österreich, 1873–1937): Akt mit Kaktus,

alle via cacti / cactuses / cactus in visual art.

To watch the cactus bloom: The Handsome Family: Far from Any Road,
aus: Singing Bones, 2003 (und ab 2014 für True Detective):

From the dusty mesa, her looming shadow grows
Hidden in the branches of the poison creosote
She twines her spines up slowly towards the boiling sun
And when I touched her skin, my fingers ran with blood.

In the hushing dusk, under a swollen silver moon
I came walking with the wind to watch the cactus bloom
A strange hunger haunted me; the looming shadows danced
I fell down to the thorny brush and felt a trembling hand.

When the last light warms the rocks and the rattlesnakes unfold
Mountain cats will come to drag away your bones
And rise with me forever across the silent sand
And the stars will be your eyes and the wind will be my hands.

Als allzu offensichticher Bonus Track ist Comedian Harmonists: Mein kleiner grüner Kaktus, 15. November 1934, zwar etwas wohlfeil und hat womöglich zurecht jahrzehntelang in der Obskurität geruht, hat aber seit 22. September 1975 neue Fans, seit es Otto Waalkes für seine dritte Fernseh-Show ausgegraben hat:

Bonus Bonus Track: Dasselbe nochmal in aller gebotenen Dekadenz
für Joseph Vilsmaier: Comedian Harmonists, 1997:

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Written by Wolf

12. Mai 2017 um 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter

2 Antworten

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  1. Ach herrje, wie wahr, wie wahr – soll sich einer auskennen. Erst recht als bekennender Nicht-Freak in Kaktusangelegenheiten. ;o) Das Putzige ist: Ich meinte tatsächlich Opuntien, und die hab zumindest ich schon seit Kindertagen immer Elefantenohren genannt… weil sie… nuja, groß waren und mir halt irgendwie _so_ aussahen. Und das sind auch die, deren Füße manchmal auf dem Weg zur Ewigkeit ein knorriger Baum werden möchten.

    Aber das kömmt davon, wenn man unschuldig, unredigiert und unrecherchiert in fröhlicher Sorg- wie Arglosigkeit dem Freunde was hintippselt, wofür man am End womöglich auf nichts als die Nachsicht der unverhofften Öffentlichkeit hoffen und spekuliern kann. ;o)

    Recherche-Lob&Dank umso mehr an das cool und beständig Literatüre witternde Wölfle für Aufmerksamkeit und die ersnüffelte Langfassung der eliotschen Kaktushymne, auch im Namen von Sir Peter Wimsey und Mrs. Dorothy L. Sayers. :o)

    Wir tanzen um den Stachelbaum Stachelbaum Stachelbaum… um fünf Uhr früh am Morgen…

    hochhaushex

    14. Mai 2017 at 21:33

    • Der Dank ist ganz meinerseits, dass du auf meine Erheiterung über so ausführlich durchgehaltene Kuriosität — die einem bei Tumblr immer wieder übern Weg läuft — unversehens solches Zeug aus allen möglichen Tiefen holst. Von selber wär ich im leben nicht auf das Gedicht gestoßen, das gerade haufenweise Likes einfährt; 3 in WordPress plus nochmal 2 in Facebook sind bei mir haufenweise .ò) Das sind ungefähr zur Hälfte deine.

      Noch dazuredigiert ist jetzt der Metatext von einem gewissen Ulrich Bergmann. Den hätte ich in einer idealen Welt besser dreingeflochten, aber „auf diese Art geht die Welt zugrund“…

      Wolf

      15. Mai 2017 at 00:06


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