Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Handel & Wandel’ Category

And to watch it dwindle gave him Kugelkopfschwindel

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Update zu Der Fluch des Albatros und
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire:

Damit Hans Wollschläger vor einer Übersetzung zurückschreckt, musste wohl einiges kommen: Der Mann hat eine der wenigen legendär gewordenen Großübersetzungen des 20. Jahrhunderts — dem Ulysses von James Joyce für Suhrkamp 1975 — geliefert, und dann erscheint in derselben Reihe der Gesammelten Gedichte samt Anna Livia Plurabelle 1981 in der Nachbemerkung durch die Joyce-Koryphäen „K. R., F. S.“, was wir sinnvoll als Klaus Reichert und Fritz Senn auflösen dürfen:

Der vorliegende Band bringt fast sämtliche Gedichte von James Joyce, also sowohl die von ihm selbst publizierten wie die zu Lebzeiten nichtpublizierten. Ganz wenige, unerhebliche Stücke sind weggelassen. Bedauerlich ist höchstens das Fehlen eines Gedichts – ‚A Portrait of the Artist as an Ancient Mariner‘ (1932). Dieses fast unverständliche Gedicht hat zum Thema einige Tücken der Ulysses-Publikation wie etwa die Piratendrucke; es hat als formales Gerüst Coleridges ‚Rime of the Ancient Mariner‚. Bis ins kleinste entwirren ließ das Gedicht sich nicht, und die formale Strukturierung wäre für deutsche Leser ohnehin nicht erkennbar. Der Arbeitsaufwand hätte in gar keinem Verhältnis gestanden zu einem irgendwie akzeptablen Resultat.

Den Scan eines Schreibmaschinendurchschlags mit — die Älteren entsinnen sich — Kohlepapier liefert uns heute im Gegensatz zu 1981 die National Library of Ireland, die James Joyce Collection der University at Buffalo merkt zusätzlich an:

Joyce gave this manuscript to Sylvia Beach (see Buffalo MS X.C.244; Joyce to Beach; 30 October 1932; JJSB, p. 185). There is carbon copy of this typescript, without corrections, and two further, different typescript copies in the Zurich James Joyce Foundation as part of the Jahnke Bequest.

There is a note with the manuscript in Sylvia Beach’s hand in blue ink that reads: „referring to the Albatross Press | edition of Ulysses“. The manuscript was folded twice horizontally and once vertically.

Indem wir weit von allen Situationen entfernt sind, in denen wir uns mit Hans Wollschläger messen können, die Suhrkamp-Ausgabe aber zweisprachig ist, tun wir das Unsrige zur Vollständigkeit und machen immerhin Joyces Original zugänglich, das nach den herausgeberischen Drohungen überraschend viel unbefangenen Spaß macht. Korrigiert nach der besagten carbon copy:

——— James Joyce:

A Portrait of the Artist an an Ancient Mariner

Oktober 1932:

James Joyce, A Portrait of the Artist an an Ancient Mariner, 1932, via James Joyce Gazette, 19. April 2020

1) I met with an ancient scribelleer
    As I scoured the pirates‘ sea
    His sailes were alullt at nought coma null
    Not raise the wind could be.

2) The bann of Bull, the sign of Sam
    Burned crimson of his brow.
    And I rocked at the rig of his bricabrac brig
    With K.O. 11 on his prow.

3) Shakesfears & Coy danced poor old joy
    And some of their steps were corkers
    As they shook the last shekels like phantom freckels
    His pearls that had poisom porkers.

4) The gnome Norbert read rich bills of fare
    The ghosts of his deep debauches
    But there was no bibber to slip that scribber
    The price of a box of matches

5) For all cried, Schuft ! He has lost the Luft
    That made his U boat go
    And what a weird leer wore that scribeleer
    As his wan eye winked with woe.

6) He dreamed of the goldest sands uprolled
    By the silviest Beach of Beaches
    And to watch it dwindle gave him Kugelkopfschwindel
    Till his eyeboules bust their stitches.

7) His hold shipped seas with a drunkard’s ease
    And its deadweight grew and grew
    While the witless wag still waved his flag
    Jemmyrend’s white and partir’s blue.

8) His tongue stuck out with a dragon’s drouth
    For a sluice of schweppes and brandy
    And but for the glows on his roseate nose
    You’d have staked your goat he was Gandhi.

9) For the Yanks and Japs had made off with his traps
    So that stripped to the stern he clung
    While increase of a cross, an Albatross
    Abaft his nape was hung.

Die Nachbemerkung von Reichert und Senn fährt an der angegebenen Stelle fort:

Das gleiche gilt leider auch für das Pamphlet ‚From a Banned Writer to a Banned Singer‘: die zahllosen notwendigen Annotationen zu einer völlig ephemeren Geschichte und deren Verarbeitung in den Text hätten kaum die Doppelanstrengung des Übersetzens und des Lesens gerechtfertigt.

Wir müssen also später nochmal dran.

Ottocaro Weiss, James Joyce, Zürich 1915

Bilder: James Joyces Typed carbon copy, via James Joyce Gazette, 19. April 2020;
Ottocaro Weiss: James Joyce in Zürich, 1915,
via Frank Delaney: Seeing Joyce, Public Domain Review, 12. Juni 2012.

Soundtrack: Fran O’Rourke & John Feeley: The Long Farewell,
auf Joyces frisch restaurierter Gitarre, Joyce’s Tower in Sandycove, Dublin, Juni 2013:

Bonus Tracks: BBC Radio 4: James Joyce’s Playlist, Juni 2012:

Written by Wolf

21. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Expressionismus, Handel & Wandel

Hesses alter Novalis

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Update zu Des Wallens willen wallen:

Einzelausgabe Hermann Hesse, Der Novalis, 1940Sagen wir’s mal so: Hermann Hesse war ein sehr ordentlicher, dem Expressionismus nahestehender Maler. Leider hat er alle schriftstellerische Schaffenskraft daran verschwendet, Thomas Mann sein zu wollen, der seinerseits alle Schaffens- und Lebenskraft daran verschwendet hat, Goethe sein zu wollen. 17 Jahre nach Thomas Mann hat Hesse dann doch noch seinen Literatur-Nobelpreis eingefahren, und wir wissen, was von Literatur-Nobelpreisträgern zu halten ist.

Nun mag an dieser Stelle schon öfter die eine oder andere Missbilligung an Inhalt und Form bei Hesse und Weltanschauung bei Novalis oder umgekehrt durchgeschimmert sein. Solche Kleinlichkeiten schimmern mit Recht sehr gedeckt, in Wirklichkeit sind ja beide Herren literaturhistorisch recht schätzbar, und besser hab ich’s selber nie geschafft. Ausnahmsweise werden wir also mit gut überwindlichen Schmerzen von einer Wiedergabe des primärliterarischen Volltextes absehen; er ist leicht in dem Band Hermann Hesse: Sämtliche Werke in 20 Bänden und einem Registerband: Band 6: Die Erzählungen 1. 1900–1906 im Suhrkamp-Verlag einsehbar. In dem Link steht er auf Seite 18 bis 36; einfach downloaden und hinscrollen oder noch einfacher: mit Strg+F nach „Bücherliebhabers“ suchen.

In meiner eigenen Ausgabe, dem erst 2009 in dieser Backsteinform gesammelten Suhrkamp Quarto mit den Erzählungen und Märchen, nimmt Der Novalis 20 von den 1840 Druckseiten ein. Und man muss zugeben, dass es eine der Geschichten von Hesse ist, die ungefiltert Spaß machen: kein Populärbuddhismus, kein esoterisches Geraune, keine uneingelösten Vorausweisungen, sondern eben: eine Geschichte im Sinne von Handlung mit Geschichte im Sinne von Historie, und dann über unser aller Lieblingsnischenthema: ein altes Buch. Unsere Hauptaussage ist: Das beschriebene Buch hat es wirklich gegeben:

——— Hermann Hesse:

Der Novalis. Aus den Papieren eines Bücherliebhabers

um 1900, in: März – Halbmonatsschrift für deutsche Kultur, München, März 1907.
Buchform: Ein altes Buch. Aus den Papieren eines Altmodischen, in: Sieben Schwaben. Ein neues Dichterbuch. Eingeleitet von Theodor Heuss.
Separatausgabe: als 6. Veröffentlichung der Oltener Bücherfreunde in 1221 numerierten Exemplaren, 1940:

Unter den verschiedenen Ausgaben des Novalis, die ich allmählich zusammengebracht habe, ist auch eine „vierte, vermehrte“ vom Jahre 1837, ein Stuttgarter Nachdruck auf Löschpapier in zwei Bänden.

Novalis, Werke, 1837, Antiquariat Ehbrecht

Unaufgelöst lässt Hesse, wonach die Ausgabe im — soviel ist herauszufinden — Stuttgarter Hausmann Verlag nachgedruckt sein soll. Laut einem Angebot des Antiquariats Ehbrecht umfassen die zwei betitelten Original-Halbledereinbände 339 und 315 Seiten mit Goldprägung. Es deutet also alles auf einen Nachdruck der ersten umfassenden Werkausgabe durch Novalis‘ persönliche Freunde Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel, begonnen 1802 kurz nach Novalis‘ frühem Tod, und fortgeführt eben 1837, was die beschriebene, zweibändig „vermehrte“ Ausgabe ergeben hätte. Ein dritter Band erschien erst 1846 in Berlin durch Tieck und Eduard von Bülow, liegt also nach Hesses handlungsstiftendem „Stuttgarter Nachdruck“. Seine neue Information, die in keiner der üblichen Beschreibungen erwähnt wird, ist das „Löschpapier“, also wahrscheinlich eher minderwertiges, auf den schnellen optischen Eindruck von Fülle im Buchhandel berechnetes Volumenpapier: ein herstellerischer Trick, der mit der marktwirtschaftlichen Orientierung des Buchhandels nie gealtert ist, und auf den 1837 längst verstorbenen Novalis als Erfolgsautor hinweist.

Weil wir damit nicht über Ramschreste des Modernen Antiquariats, sondern bibliophile Wertanlagen reden, lohnt sich das Kennenlernen von Hesses Jugendwerk anhand des Nachworts von Volker Michels im besagten Suhrkamp Quarto. Meinen sehr gelegentlichen Stichproben nach ist nicht einmal in der Gesamtausgabe mehr über den Novalis zu erfahren:

Einzelausgabe Hermann Hesse, Der Novalis, 1983Erzählungen wie Der Novalis und Eine Rarität wenden sich literarischen Themen zu. Der Novalis, die Geschichte eines Büchersammlers, ist wohl um die Jahrhundertwende in Basel entstanden und enthält gleichfalls autobiographische Elemente. Im Nachwort zu einer Einzelausgabe schrieb Hesse im Frühling 1940: „Ich habe mich [im ersten Kapitel] dieser Erzählung als einen Bibliophilen bezeichnet, der ich damals und noch lange nachher wirklich war, und habe mir damals … meine alten Tage als die eines einsamen Hagestolzes vorgestellt, dessen einzige Liebe und einziger Umgang die Bücher sind. Dies nun hat das Leben anders gefügt, und von den seltenen alten Büchern, von denen in der Einleitung meiner Erzählung die Rede ist, etwa von den Italienern der Renaissance in Aldus-Drucken, ist heute nichts mehr in meinem Besitz; ja, ich muß sogar bekennen, daß der zweibändige Novalis, den ich in Tübingen erwarb und von dem meine Erzählung handelt, längst nicht mehr mir gehört … mein Leben sieht nun ziemlich anders aus, als ich mir es damals phantasierend ausmalte. Wenn ich aber auch heute mich nicht mehr als einen eigentlichen Bibliophilen und in seine Bücher verliebten Sammler nennen darf, so kann ich doch meine jugendliche Bücherliebhaberei nicht belächeln, sie gehört unter den Leidenschaften, die ich im Leben kennen lernte, nicht nur zu den harmlosen und hübschen, sondern auch zu den fruchtbaren.“ In sechs Kapiteln wird der Weg, den diese Novalis-Ausgabe von 1837 bis zur Jahrhundertwende genommen hat, anhand der Lebensgeschichte ihrer sechs Besitzer geschildert, wobei jener Käufer der Ausgabe, der sich „seit kurzem teils durch Rezensionen, teils durch kleinere Zeitschriftenartikel am literarischen Leben beteiligt“, an den Verfasser erinnert. Denn zur Zeit der Niederschrift begann mit ersten Buchbesprechungen für die Basler „Allgemeine Zeitung“ Hesses lebenslange Rezensententätigkeit. Seine früheste, einem einzelnen Dichter gewidmete Würdigung vom 21.1.1900 galt tatsächlich Novalis und der ersten Gesamtausgabe dieses Dichters, die 1898 (herausgegeben von Carl Meißner) bei Eugen Diederichs in Leipzig erschienen war. Doch was das Autobiographische in dieser wie in den meisten von Hesses Erzählungen betrifft, ist zu bedenken, was der Dichter im September 1948 an seinen Sohn Heiner schrieb: „Übrigens wäre es natürlich unvorsichtig, das Ich des Erzählers mit meiner Person gleichzusetzen. Auch [Peter] Camenzind erzählt ja seine Geschichte selbst und [Josef] Knecht seine Lebensläufe, und an jedem bin ich beteiligt, aber keiner ist Ich“. Der Novalis ist einer der Texte, die Hesse in keinen seiner Erzählbände aufgenommen hat. Erst 1952 wurde diese Geschichte gemeinsam mit Eine Stunde hinter Mitternacht und Hermann Lauscher von ihm unter der Rubrik „Frühe Prosa“ in die geschlossene Ausgabe seiner Gesammelten Dichtungen und deren erweiterte Nachauflage Gesammelte Schriften (1957) einbezogen.

Nach Hesses zitiertem Nachwort 1940 hat seine Geschichte ein potenzielles siebtes Kapitel erhalten: Theoretisch, nein, viel besser: Praktisch muss es heute möglich sein, Hermann Hesses Exemplar antiquarisch zu erwerben. Die Frage ist, ob es zu erkennen wäre. Das achte Kapitel handelt dann davon, wie lange das siebte schon zurückliegt pp.

Fassen wir zusammen: Nach einer als milde Jugendsünde empfundenen Phase der Bibliophilie und dem feuilletonistischen Debut mit seinem Lieblingsdichter kann man immer noch seiner Bücher — freiwillig oder nicht — verlustig gehen, die eigene literarische Aufarbeitung davon halbherzig verwerfen und den Nobelpreis einfahren. Das muss das zeitlos Moderne an Hermann Hesse sein.

Bilder: Der Novalis. Aus den Papieren eines Altmodischen, Veröffentlichung der Vereinigung Oltner Bücherfreunde, 6., via avelibro Dinkelscherben, 13. Oktober 2019;
Hermann Hesse: Der Novalis, signiert und numeriert, Nr 140 von 250 signiert von Ernst Engel Presse Walter Stähle Handpressendruck, 1983, via Buchparadies Lonsee, 17. Juli 2019;
Antiquariat Ehbrecht, Ilsede.

Das 19. im 20. Jahrhundert: Schroeder spielt Beethoven: Klaviersonate 8 in c-Moll, opus 13,
„Grande Sonate Pathétique“, 2. Satz: Adagio cantabile As-Dur, 1798,
aus: A Boy Named Charlie Brown, 1969:

Written by Wolf

16. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Der Sommer ohne Freischütz

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Update zu Grabesdunstwitterlich,
Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren (was niemand hören wollte),
The admirable symmetry of her person
und I wish you were dead, my dear:

I had a dream, which was not all a dream.
The bright sun was extinguish’d, and the stars
Did wander darkling in the eternal space,
Rayless, and pathless, and the icy earth
Swung blind and blackening in the moonless air;
Morn came and went—and came, and brought no day.

Lord Byron: Darkness, 1816.

Auf diese Weise kommt man doch endlich noch zu einem Book on Demand — weil mir nur zwei Plattformpublikationen aus der ganzen Publikationsplattform auffallen, die Sinn ergeben.

Gespensterbuch Titelseite 1810Nun will ich aus dem Internet keinen bestimmten Matthias Wagner fischen müssen, um ihn zu verlinken. Einer aber dieses Namens hat nicht weniger geschafft als eine schmerzlich klaffende Lücke im Buchhandel zu schließen, für die eigentlich der Insel-Verlag zuständig gewesen wäre. Dafür kann man ihn gar nicht genug loben und preisen, ihm danken und seine zwei Books on Demand abkaufen — die werden, wie der Name sagt, erst auf Anfrage gedruckt und tauchen deshalb nie antiquarisch oder — was im Falle gleichbleibender 22,90 bzw. 18,90 Euro wenig schreckt — verbilligt auf. Bei ebenjenen Books on Demand hat Matthias Wagner sich herbeigelassen, das Gespensterbuch und das Wunderbuch von Apel und Laun, eine insgesamt siebenbändige Reihe zwischen 1810 (sic!) und 1818, erstmals vollständig in zwei benutzbaren Bänden herauszugeben. Bei Insel gibt es eine tröstliche Auswahl und bei de Gruyter ein unverständlich teures Faksimile, aber es musste erst ein Herr Wagner kommen, alles selber machen, auf ein von zitierfähiger Seite anerkanntes Lektorat verzichten und in postmoderner Eigenausbeutung auf eigene Kosten self-publishen. Das mit dem Lektorat schmerzt mich berufsbedingt persönlich, aber wir reden über das Einrichten eines nicht vollends veschütteten Textkorpus, das es historisch einzuordnen galt.

Matthias Wagners selbstverlegerische Arbeit wirkt hierin vertrauenswürdig, weil er ein eigenes Nachwort stiftet, das ich ungekürzt und um die nötigen Verlinkungen erweitert übernehmen kann: Besser kann ich’s auch nicht sagen, und man erfährt nebenher alles, was man aus dem Jahr ohne Sommer 1816 für literaturhistorische Belange behalten sollte. An dieser Stelle mal wieder special thanks an Hank Nagler für den einschlägigen einschlagenden Hinweis.

Die ansonsten immer an erste Stelle gerückte literarische Bedeutung des Gespensterbuchs erwähnt Wagner gar nicht erst: Die einleitende Geschichte Der Freischütz war 1821 die Vorlage für die gleichnamige Oper von Weber. Der ausgewiesene Autor weist sie im Untertitel als „Eine Volkssage“ aus. Die interessantere Frage ist daher: Woher bezog wiederum Apel seinen ach so originären Urstoff zur deutschesten aller Opern?

Die von Wagner erwähnte französische Auswahlübersetzung ist Fantasmagoriana 1812 von Apel, Laun, Heinrich Clauren und dem Volksmärchen-Musäus (übrigens mit seiner schon behandelten Stummen Liebe) 1816, auf Französisch herausgegeben von Jean-Baptiste Benoît Eyriès, danach ebenfalls ungedruckt bis 2017 und erst dann in den deutschen Originalen als „Geisterbarbiere, Totenbräute und mordende Porträts“ beim Berliner Ripperger und Kremers Verlag.

Die interessantere Frage ist daher: Die englische — seinerzeit anonyme — Auswahlübersetzung Tales of the Dead 1813 konnte den schauerromantisierenden Helden der Villa Dioadati im sommerlosen Jahr 1816 schon vorliegen. Insinuiert wird an mehreren Stellen, sie hätten die Inspiration zu ihrem folgenreichen Schreibwettbewerb aus den frranzösischen Fantasmagoriana gezogen, wobei nahe liegt, dass in einer Villa bei Cologny am Genfersee im französischsprachigen Kanton Genf ein französisches Buch vorrätig herumliegt. Beherrschten aber wirklich alle Beteiligten — Engländer allesamt — gut genug die Fremdsprache, um sich unter dem ausgiebigen Einfluss von Laudanum, der in den Berichten darüber nie verschwiegen wird, zu solchen auch intellektuellen Höchstleistungen beflügeln zu lassen? Forschungsauftrag an mich selbst und alle anderen, die sich an dergleichen aufspulen: Ich würde gern mal das Exemplar der Fantasmagoriana oder der Tales of the Dead sehen, in dem diese Kommune auf Zeit geblättert haben muss.

In keiner der beiden zeitgenössischen Auswahlen kommt eine Übersetzung der Freischütz-Volkssage vor; am frankophonen Genfersee mussten die Engländer ohne Vorlage zum nachträglichen Soundtrack der deutschen Romantik auskommen. Die interessantere Frage ist daher, auf welchen Wegen — als prominentes Beispiel aus dem jüngeren Musikschaffen — Tom Waits und William S. Burroughs 1990 auf ihre „musical fable“ The Black Rider: The Casting of the Magic Bullets geraten und sie im hanseatisch weltoffenen, aber grunddeutschen Thalia-Theater zu Hamburg uraufführen konnten.

——— Matthias Wagner:

Nachwort.

2017, zu: Johann August Apel & Friedrich Laun: Gespensterbuch, J. G. Göschen, Leipzig 1811–1815.
Vollständige Ausgabe, Books on Demand 2017, Seite 569 f.:

Das Gespensterbuch der beiden Literaten Johann August Apel und Friedrich Laun, ursprünglich in fünf Einzelbänden zwischen den Jahren 1811 und 1815 erschienen, war die bekannteste Sammlung deutscher Schauergeschichten der Romantik.

Ihr damaliger Bekanntheitsgrad war so groß. daß sich bald Teilübersetzungen ins Englische und Französische fanden.

Die französische Übersetzung mit dem Titel: Fantasmagoriana, ou Recueil d’histoires d’apparitions de spectres, revenans, fantômes, etc., traduit de l’allemand par un amateur, Paris 1812 von Jean-Baptiste Benoît Eyriès, erlangte im Sommer 1816 Berühmtheit, als Lord Byron, sein Leibarzt John William Polidori, Mary Wollstonecraft Shelley und ihr Mann Percy Bysshe Shelley [Anmerkung: Die Gesellschaft umfasste auch die Initiatorin der Reise, <a href=“https://de.wikipedia.org/wiki/Claire_Clairmont&#8220; target=“_blank“ title=Wikipedia“Claire Clairmont.] nach ihrer Lektüre den Entschluß faßten, eigene Schauergeschichten zu erfinden. Polidori verfaßte The Vampyre, eine kurze Novelle, welche lange Zeit Lord Byron zugeschrieben wurde. The Vampyre ist die erste literarische Verarbeitung der Sagengestalt des Vampirs in Prosaform und verändert diese so, daß daraus der diabolische Adlige mit unstillbarem Blutdurst wurde. Die Arbeiten Byrons und Percy Shelleys blieben nur Fragmente, doch Mary Shelley earbeitete ihren größten Erfolg und einen der bekanntesten Schauerromane der Weltliteratur: Frankenstein, or The Modern Prometheus, der im Jahre 1818 in erster Auflage erschien.

Das Gespensterbuch erhielt in den Jahren zwischen 1815 und 1817 einen mehrbändigen Nachfolger unter dem Titel Wunderbuch. Die Geschichten knüpfen an diejenigen des Gespensterbuches an, sind teilweise aber unter die religiös-legendenhafte Literatur zu rechnen.

Johann August Apel verstarb unvorhergesehen im Jahre 1816. Der letzte Band des Wunderbuchs erschien 1817, unter Mitherausgabe von Friedrich de la Motte Fouqué, die Reihe wurde danach nicht mehr weitergeführt.

Eine englische Teilübersetzung des Gespensterbuchs erschien unter dem Titel: Tales of the Dead, London 1813 unter der Herausgabe Sarah Elizabeth Uttersons.

Cover Apel, Die Bilder der Ahnen, HörspielSowohl die französische als auch die englische Übersetzung enthielten eine Erzählung Johann August Apels, welche eigentlich nicht im Gespensterbuch enthalten war, durch diese Übersetzungen aber immer wieder damit in Verbidung gebracht und fälschlicherweise dazugerechnet wird: Die Bilder der Ahnen. Diese Geschichte erschien in einem Sammelband mit Kurzgeschichten J. A. Apels aus dem Jahre 1810 mit dem Titel: Cicaden, ein Jahr vor Veröffentlichung des ersten Bandes des Gespensterbuchs. Da dieses schöne Stück aber immer wieder mit dem großen Werk Apels und Launs in Verbindung gebracht wird, hielt ich es für angemessen, es als einen Anhang zum Gespensterbuch beizufügen.

Des Weiteren wird in der Geschichte Die schwarze Kammer, von Hauptprotagonisten einer Erzählung aus dem Journal Der Freimüthige gedacht, nämlich: Die graue Stube von Heinrich Clauren. Es handelt sich dabei praktisch um eine Zwillingsgeschichte zur Schwarzen Kammer des Gespensterbuchs und soll der Vollständigkeit halber hier auch mitaufgenommen werden.

Nun liegt mit dieser Edition zum ersten Mal seit 200 Jahren wieder eine schonend überarbeitete Komplettausgabe des Gespensterbuchs vor, und ich hoffe, daß sich heute wieder so wie damals viele Leser finden, die sich von seinem Inhalt verzaubern lassen.

Der Herausgeber.

Gespensterbuch Titelkupfer

Bilder: Gespensterbuch: Titelseite, via Staatsbibliothek zu Berlin;
Johann August Apel: Die Bilder der Ahnen, Cover zum Hörbuch, via Thomas Rippert,
Schnorr von Carolsfeld: Titelkupfer 1810, via LeastCommonAncestor, 2010.

Soundtrack: Carl Maria von Weber: Wir winden dir den Jungfernkranz, aus: Der Freischütz, 1821,
unter Carlos Kleiber, 1972 in der Dresdner Lukaskirche („Nutzung des Ortes für national und international bekannte Musikaufnahmen“). Die ist bis heute von keiner Referenzaufnahme abgelöst worden:

Bonus Track: Tom Waits/Willam S. Burroughs: Crossroads, aus: The Black Rider, Albumversion 1993:

Written by Wolf

7. August 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Fruchtstück 0001: Das Angenehme mit dem Schönen zu verbinden

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Upate zu Wir rechnen jahr auff jahre / in dessen wirdt die bahre vns für die thüre bracht,
Wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen und
Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten:

——— Christoph Martin Wieland:

Zufällige Gedanken über das Verhältniß des Angenehmen und Schönen zum Nützlichen

Schluss, aus: Teutscher Merkur I, 1775, in: Von der Freiheit der Literatur, Insel 1997:

Und dann giebt es noch eine Gattung unverbesserlicher Leute, die von jeher erklärte Verächter des Schönen gewesen sind; nicht weil ihnen der Kopf schief sitzt, sondern weil sie nichts nützlich nennen als was ihren Seckel füllt. Nun ist das Handwerk eines Sykofanten, Quacksalbers, Amuletenkrämers, Dukatenbeschneiders, Kupplers, Tartüffen, u. s. w. so einträglich es auch sein mag, gewiß nicht schön: es ist also natürlich, daß diese Herren allerseits bey jeder Gelegenheit eine tiefe Verachtung gegen das Schöne das ihnen nichts einträgt zu Tage legen. Ueberdieß, wie manchem Görgen ist seine Dummheit nützlich? Wie mancher verlöhre sein ganzes Ansehen, wenn die Leute, unter denen er’s gewonnen oder erschlichen hat, Geschmack genug hätten, Ächtes vom Unächten, und Schönes vom Schlechten zu unterscheiden? Solche Leute haben freylich eine wichtige Personalursache, Feinde vom Wiz und Geschmack zu seyn. Sie sind in dem Falle jenes Ehrenmannes, der seine häßliche Tochter an einen Blinden verheyrathet hatte, und nicht zugeben wollte, daß seinem Tochtermanne der Staar gestochen würde. Aber wir andern, die nur dabey zu gewinnen haben, wenn wir klüger werden, was für Abderiten müßten wir seyn, wenn wir uns von diesen interessierten Herren bereden lassen wollten blind zu werden oder blind zu bleiben, damit — ihrer Töchter Häßlichkeit nicht offenbar werde?

Ray Donley, Omnia Vanitas, 2012 Ray Donley, Medea, 2012

Der Tochter Hässlichkeit: Ray Donley: Omnia Vanitas; Medea, 2012,
via Frank T. Zumbach: Ray Donley (Continued), 27. Februar 2012.

Der Hässlichkeit Tochter: Bridge City Sinners: Through and Through, aus: Here’s to the Devil, 2019.
Man beachte Libby Lux‘ Dobro-Ukulele:

Written by Wolf

7. Februar 2020 at 00:01

Gefühl kann man zu Markt nicht bringen, doch Manuskripte jederzeit

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Update zu Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht)
und Indessen Pasternak:

Dichter.
Ihr fühlet nicht wie schlecht ein solches Handwerk sey!
Wie wenig das den ächten Künstler zieme!
Der saubern Herren Pfuscherey
Ist, merk‘ ich, schon bey euch Maxime. […]

Wer läßt den Sturm zu Leidenschaften wüthen?
Das Abendroth im ernsten Sinne glühn?
Wer schüttet alle schönen Frühlingsblüten
Auf der Geliebten Pfade hin?
Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter
Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?
Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?
Des Menschen Kraft im Dichter offenbart.

Goethe: Vorspiel auf dem Theater, Vers 104 bis 107; 150 bis 157.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Die Russen haben lange gebraucht, bis sie in ihre Literatur eine gewisse Leichtigkeit tragen konnten — eigentlich erst Puschkin in einem Jahrhundert, als deutsche Dichter mit ihrer ersten Décadence der Romantik beschäftigt waren. Alles davor war erdenschwere Religiosität und Panegyrik, und dann blühte praktisch alles zahlreich, üppig und wie über Nacht, quasi Barock, Klassik, Romantik und dämmernde Moderne auf einmal. Als Puschkin für seinen Eugen Onegin einen Vorspann zum 1. Kapitel suchte, fand er Anregung im deutschen Faust, genauer im Vorspiel auf dem Theater. Was die russische Seele halt so unter Leichtigkeit versteht.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Unten folgt — meines Wissens als Internet-Premiere — die Übersetzung von Theodor Commichau 1916 nach der vergriffenen Insel-Ausgabe, die ihrerseits die DDR-Ausgabe bei Aufbau wiedergibt. Dieselbe Übersetzung verwendet auch die wohl seltenste und dabei, wie sich begründen lässt, wichtigste deutsche Puschkin-Ausgabe: die vierbändige Auswahl aus dem Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1950. Wladimir Neustadt, der als Herausgeber zeichnet, dessen voller Name aber ausschließlich im Klappentext der weit späteren Insel-Ausgabe preisgegeben wird, formuliert es in seinen Anmerkungen zum ersten Band Gedichte mit Klassenbewusstsein:

Das „Gespräch“ wurde erstmalig als Vorwort zur Einzelausgabe des „Eugen Onegin“ 1825 gedruckt.

Puschkin war einer der ersten Adligen in der russischen Literatur, der sein Leben auf die Einnahmen aus seinen literarischen Werken gründete, obwohl die Adelskreise damals mit großer Verachtung auf die Schriftsteller von Beruf hinabblicken. Dieses Gedicht ist zum Verständnis dee Haltung Puschlkins zur Poesie von großer Bedeutung. Puschkin betont die Freiheit und Unabhängigkeit seines Schaffens vom Geschmack des Mobs der Großen Welt.

Der Hinweis auf den Faust erscheint noch nicht in Moskau 1950, aber dann bei Aufbau, Ost-Berlin 1973, und mit nicht weniger real existierendem Sozialbewusstsein, das von Insel im westdeutschen Frankfurt übernommen wurde:

Als Vorspann zur Ausgabe des 1. Kapitels „Eugen Onegin“ gedacht. Puschkin, dem es auf die Unabhängigkeit der dichteischen Inspiration von jeglichem Mäzenatentum und der absolutistischen Staatsdoktrin ankam, verschloß nicht die Augen vor den unausweichlichen Auswirkungen einer voranschreitenden Kapitalisierung des Büchermarktes. Um die ihrem Inhalt nach gegen alle romantisierenden Illusionen gerichteten Schlußzeilen des Dialogs zu unterstreichen, verzichtete er bewußt auf die Versform. Eine Anregung zu seinem „Gespräch“ erhielt Puschkin durch Goethes „Vorspiel auf dem Theater“ zum ersten Teil des „Faust“.

Знамя народное пусть от победы к победе ведёт. Wo Puschkin in seinem Gedicht auf die Versform verzichtet, und auf welche Grundlage ihm das als bewusstes Tun unterstellt werden kann, wird der anmerkende Herausgeber Harald Raab hoffentlich selber verstehen. Dieser „Vorspann“ erscheint weder in allen russischen noch gar den deutschen Ausgaben vom Onegin, aber umso zuverlässiger, weil exemplarisch für Puschkins Kunstauffassung, in den Gedichtsammlungen.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Puschkins Inspiration datiert vom 26. September 1824. Die erste deutsche Übersetzung stammt von Dr. Robert Lippert in: Alexander Puschkin’s Dichtungen, zweiter Band, Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig 1840, Seite 1 bis 13. Mit Goethes Vorspiel auf dem Theater verbindet Puschkin der Konflikt zwischen Idealismus des künstlerischen Schaffens und kommerzieller Verwertbarkeit, den weder Goethe, Puschkin noch der nachfolgende russische Kommunismus lösen konnte. Der Kapitalismus übrigens auch nicht.

Das Bildmaterial (für das ich im Dienste des Layouts lieber drei Hochformate gefunden hätte, aber mach was) zeigt die Inhaber unabhängiger Buchhandlungen in Sankt Petersburg via Elisabeta Zelenina für die örtliche Novaja Gazeta vom 31. August 2015.

Besonderer Dank für ihre Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Auswahl-Ausgabe aus dem Verlag für fremdsprachige Literatur ergeht an die Hochhaushex!

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

——— Alexander Sergejewitsch Puschkin:

Gespräch zwischen Buchhändler und Dichter

Razgovor knigoprodavca a poetom, 26. September 1824,
teilweise verwendet in der Vorrede zu Eugen Onegin,
übs. Theodor Commichau 1916,
nach: Gesammelte Werke 1: Gedichte, Insel Verlag Frankfurt am Main 1973, Seite 197 bis 203:

Buchhändler
Euch bringt das Dichten wahrlich Segen:
Ein bißchen Müh so nebenher,
Und schon hat Fama allerwegen
Hinausposaunt die frohe Mär:
Ein groß Poem sei Euch gelungen,
Entsprossen aus Genie und Fleiß;
Ich bin gespannt auf Äußerungen,
Wohlan denn, stellt mir Euren Preis.
Ich tausche Eure Musenfrüchte
Geschwind in blanke Münze ein
Und kaufe jedes Blatt Gedichte
Für einen guten Kassenschein.
Ihr seufzt, mein Lieber? Darf man fragen
               Weshalb?

Dichter
Mir träumt‘ von fernen Tagen:
Ich dachte jener schönen Zeit,
Da ich, von Schaffenslust getrieben,
Ein freier Sänger, gottgeweiht,
Aus Neigung, nicht um Sold geschrieben.
Ich sah im Geist mein Bergasyl,
Das Obdach einsam süßer Stunden,

Wo einst so gern sich eingefunden
Die Muse zum Gedankenspiel.
Nur Harmonie war dort mein Ziel;
Dort, mir gesandt von Zaubermächten,
Umschwebte lockend Bild um Bild,
Von himmlisch reinem Glanz erfüllt,
Mich in begeistrungsvollen Nächten.
Und alles rief Entzücken wach:
Der Mond, die Flur im Duft der Ähren,
Das Sturmgeheul ums morsche Dach,
Der greisen Pflegerin Wundermären.
Ein Dämon lenkte mich empor
Aus meiner Muße, meinen Spielen,
War um mich stets und sang dem Ohr
Süßheimlich Melodien vor –
Und sehnsuchtschweres, warmes Fühlen
Durchwogte meine volle Brust.
Ihr tiefstes Wunder ward erschlossen:
In schwungvoll klaren Rhythmen flossen
Die Worte mir – wie unbewußt
In schönem Gleichmaß hingegossen.
Wetteifernd stritt mit meinem Sang
Der Frühlingssturm, des Waldes Rauschen,
Der Meerflut nächtlich dunkler Drang,
Des frischen Bächleins muntres Plauschen.
Damals, im Schoß der Einsamkeit
Still schaffend, war ich nicht bereit,
Mein Kleinod an den Plebs zu wagen
Und was der Muse Kuß geweiht
Für schnödes Geld zu Markt zu tragen.
Ich wahrte treu mein höchstes Gut,
Gleichwie des Jünglings Herz in Glut
All seine Liebe, sein Entzücken
Verborgen hält in stolzer Hut
Vor unrein pöbelhaften Blicken.

Buchhändler
Je nun, der Ruhm ersetzte Euch
Das stille Glück im Idealen;
Ihr seid bekannt, an Ehren reich,
Derweil sich hier in Staubregalen
Zu Haufen Vers und Prosa staut
Und ganz umsonst nach Lesern schaut,
Davon die meisten schlecht bezahlen.

Dichter
O glücklich, wer im Herzensschrein,
Verschlossen hielt der Musen Gabe,
Wunschlos, jemals bedankt zu sein
Von seiner Mitwelt, seinem Grabe;
O glücklich, wer in edler Scham,
Von keinem Ruhmesdorn umschlungen
Und sicher vor den Lästerzungen
Als Namenloser Abschied nahm!
Trug, blinder noch als Hoffnungsträume,
Was ist denn Ruhm? Des Lesers Gunst?
Der Albernheit Entzückungsschäume?
Des läst’gen Laffen blauer Dunst?

Buchhändler
Byron wie auch Shukowski fanden
Gleich bittre Worte schon; trotzdem
Hat alle Welt ihr Glanzpoem
Gewürdigt und für Geld erstanden.
Ja, Euer Los ist Neides wert:
Bald züchtigt, bald bekränzt der Dichter,
Zerschmetternd trifft sein Flammenschwert
Mit ew’gem Fluch die Bösewichter;
Dem Helden singt er schönsten Lohn,
Und auf Cytherens goldnem Thron
Erhöht er seiner Liebsten Füße.
Lobpreisen langweilt Euch zwar schon,
Allein der Weiber Herz braucht Süße.
Kurz, schreibt für sie; ihr Ohr entzückt
Anakreons galantes Kosen:
Der Kranz von Helikon beglückt
Die Jugend weniger als Rosen.

Dichter
O frühen Irrwahns tiefe Schmach,
Verblendung junger Eigenliebe!
Einst lief auch ich im Weltgetriebe
Den Spuren hübscher Weiber nach.
Mit Lächeln hat auf meine Lieder
Die holde Wimper Dank getaut,
Von weichen Lippen klingt er wider,
Bestrickend, mein Verführerlaut.
O still davon! Solch Opfer bringen
Kann ich nicht mehr, ihr Sklave nur;
Mag doch das Schoßkind der Natur,
Der geile Jüngling sie besingen.
Was sind sie heut mir? Still dahin,
Vertieft in Andacht, fließt mein Leben;
Der ernsten Leier Weisen schweben
Hoch über eitlem Flattersinn.
Unkeusch ist ihr Gefühl, ihr Denken,
Und nimmermehr verstehn sie mich:
Begeistrung, wie sie Götter schenken,
Ist ihnen fremd und lächerlich.
O wenn mitunter zum Entsetzen
Solch Lied im Ohr mir widertönt,
Erkenn‘ ich schaudernd, welchen Götzen
Einst meine Lüsternheit gefrönt!
Ich Narr, wonach hab‘ ich gerungen?
Für wen den stolzen Geist entehrt?
Für welch Idol mich sinnbetört
Zu Jubelhymnen aufgeschwungen?

Buchhändler
Wie prächtig grollt so ein Poet!
Respekt vor Euren tiefren Gründen,
Doch – sollte gar kein Herz sich finden,
Das ausnahmsweise Euch versteht?
Kein Wesen, wert des Dichterdranges,
Das Euren Liebesdurst erquickt
Und mit den Blüten Eures Sanges
Die eignen vollen Reize schmückt?
Da schweigt Ihr nun.

Dichter
               O schont den Schlummer,
Dem mein Poetenherz sich weiht;
Erinnrung weckt nur neues Leid.
Was fragt die Welt nach meinem Kummer?
Ich bin ihr fremd. Birgt meine Brust
Ein teures Bildnis, treu beschlossen?
Hab‘ ich um Liebe je gewußt?
Je Tränen still für mich vergossen,
Wenn sehnsuchtskrank die Seele war?
Wo ist sie, deren Blick noch eben
Mir zugelächelt himmlisch klar?
Zwei kurze Nächte – war’s mein Leben?…
.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .
Was soll’s? Mein Seufzer rührt ja nicht,
Und was mein Weh in Worten spricht,
Gleich irrem Stammeln eines Toren.
Ein Herz zwar lebt, das mich vernimmt,
Doch ach, nur bebend, schmerzverloren.
So war’s vom Schicksal vorbestimmt.
Wem weih ich nun die edlen Triebe?
Nur eine gab’s, vor ihr allein
Erschloß in heil’ger, lautrer Liebe
Des Sängers Brust sich keusch und rein.
Sie hätte mir, mich aufzuraffen,
Die frische Jugend neu geschenkt,
Die Phantasie zum frohen Schaffen
In freie, lichte Bahn gelenkt!
Sie hätte, sie allein, mir sinnig
Gedeutet mein verworren Lied
Und mir im Herzen hell und innig
Als heilger Liebesstern geglüht.
Doch ach, umsonst war Wunsch und Bangen!
Kein Flehen, keine Schwüre drangen
Zu ihres Busens stolzer Wehr:
Sie lieh dem irdischen Verlangen,
Gleich einer Gottheit, kein Gehör …

Buchhändler
Und so, von Amor schnöd betrogen,
Enttäuscht durch unbelohnte Müh,
Habt Ihr Euch leider viel zu früh
Der Pflege Eurer Kunst entzogen.
Und nun, entrückt der lauten Welt
Und deren Sucht nach Modeneuheit,
Was habt Ihr nun erkoren?

Dichter
                    Freiheit.

Buchhändler
Sehr schön. Doch laßt Euch, wenn’s gefällt,
Von meinem klügren Rate leiten:
In unsern rücksichtslosen zeiten
Gibt’s keine Freiheit ohne Geld.
Und Ruhm, was ist’s? Ein bunter Flicken,
Auf Dichters Bettelrock genäht.
Gold, Gold, nur Gold kann uns beglücken,
Drum jagt nach Gold von früh bis spät!
Nein, kommt mir nicht mit andren Dingen,
Euch Herrn Poeten kenn ich gut:
Ihr prahlt mit Eures Werks Gelingen,
Solang im Rausch der Schaffensglut
Gedanken kühn dem Hirn entspringen;
Doch kaum zerrinnt die tolle Flut,
Lähmt Überdruß Euch gleich die Schwingen.
Drum kurz und bündig zum Bescheid:
Gefühl kann man zu Markt nicht bringen,
Doch Manuskripte jederzeit.
Was zaudert Ihr? Die Leser harren,
Mich überläuft das Publikum,
Reimschmiede, Journalisten scharren
Vor meiner Ladentür herum;
Der braucht, wovon sein Herz was hätte,
Und der ist auf Kritik bedacht:
Mit Eurer Leier wird, ich wette,
Noch wunderschön Profit gemacht.

Dichter
Sie haben vollkommen recht. Hier mein
Manuskript. Schließen wir gleich ab.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Sankt Petersburger Buchhändler/-innen: via Елизавета Зеленина: Книжники. Владельцы шести независимых книжных заведений Петербурга назвали книги, коорые точнее прочих отражают сегодняшнюю реальность, Новая Газета, 31 августа 2015:

  1. Дарья Чилякова (Darja Tschiljakova) von Подписные издания;
  2. Михаил Богданов (Michail Bogdanov) vom Comicladen 28-й;
  3. Анна Изакар (Anna Izakar) von Порядок слов;
  4. Михаил Маляров (Michail Maljarov) von Фаренгейт 451;
  5. Ольга Кузьмина (Olga Kuzmina) von Книги и кофе;
  6. Мария Левченко (Marija Levtschenko) von Свои книги.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Russische art pour l’art: Белое Злато: Девушки поют в Кафе Русские песни, ca. 2017:

Written by Wolf

8. November 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Wohl dem, der weiß, was recht und wahr, und dies auch übet immerdar

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Update zu Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland und
Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten:

Buchcover Eliot, George, Silas Marner. Der Weber von Raveloe, ars vivendi 2018Keine Ahnung, wie man zu zweit einen Roman übersetzt. Elke Link und Sabine Roth haben 1997 für den Cadolzburger ars vivendi Verlag den Silas Marner von George Eliot versucht und tatsächlich zu einem Druckunterlagenschluss etwas zur Veröffentlichung Geeignetes geliefert – das gut genug geraten ist, um es 2018 wiederzuveröffentlichen.

Eine richtig schöne Neuausgabe ist es geworden. Schon rein als Buchobjekt, selbst wenn man es gar nicht erst aufschlägt, geschweige um es zu lesen. Dunkelgrünes grobes Leinen, an dem man die Fäden zählen kann, mit einem stilisierten Webstuhl tief dreingeprägt – beides als gestalterische Referenz an den Beruf des Leinenwebers der Hauptfigur, vielleicht auch an die englische Prachtausgabe von 1907; mal den Buchausstatter fragen –, eher voluminöses Papier, aber streichelfest und nicht die saugfähigen Wischlappen chinesischer Lizenzfreibeuter-„Verlage“ – Lesebändchen. Und damit Alexander Pechmann, der einem zum Thema Moby-Dick an jedem Eck unterläuft, ein Nachwort stiftet, muss wohl auch einiges kommen.

Das Duo der Übersetzerinnen von 1997 hat, wie sich das gehört, 2018 erneut die Köpfe zusammengesteckt und tatsächlich noch was gefunden. Das macht keinen großen Unterschied, aber einen feinen. Es folgt deshalb die betreffende Stelle im Roman und danach das Eigentliche: die Nachbemerkung der Übersetzerinnen. Damit die dergleichen für ein Buch auf drei Druckseiten stiften dürfen, muss nämlich erst recht einiges kommen.

——— George Eliot:

Silas Marner: The Weaver of Raveloe

1861, Part One, Chapter VI:

Mr. Macey, tailor and parish-clerk, the latter of which functions rheumatism had of late obliged him to share with a small-featured young man who sat opposite him, held his white head on one side, and twirled his thumbs with an air of complacency, slightly seasoned with criticism. He smiled pityingly, in answer to the landlord’s appeal, and said–

„Aye, aye; I know, I know; but I let other folks talk. I’ve laid by now, and gev up to the young uns. Ask them as have been to school at Tarley: they’ve learnt pernouncing; that’s come up since my day.“

„If you’re pointing at me, Mr. Macey,“ said the deputy clerk, with an air of anxious propriety, „I’m nowise a man to speak out of my place. As the psalm says–

„I know what’s right, nor only so,
But also practise what I know.““

„Well, then, I wish you’d keep hold o‘ the tune, when it’s set for you; if you’re for practising, I wish you’d practise that,“ said a large jocose-looking man, an excellent wheelwright in his week-day capacity, but on Sundays leader of the choir. He winked, as he spoke, at two of the company, who were known officially as the „bassoon“ and the „key-bugle“, in the confidence that he was expressing the sense of the musical profession in Raveloe.

Mr. Tookey, the deputy-clerk, who shared the unpopularity common to deputies, turned very red, but replied, with careful moderation– „Mr. Winthrop, if you’ll bring me any proof as I’m in the wrong, I’m not the man to say I won’t alter. But there’s people set up their own ears for a standard, and expect the whole choir to follow ‚em. There may be two opinions, I hope.“

„Aye, aye,“ said Mr. Macey, who felt very well satisfied with this attack on youthful presumption; „you’re right there, Tookey: there’s allays two ‚pinions; there’s the ‚pinion a man has of himsen, and there’s the ‚pinion other folks have on him. There’d be two ‚pinions about a cracked bell, if the bell could hear itself.“

——— George Eliot:

Silas Marner. Der Weber von Raveloe

1861, Übs. Elke Link und Sabine Roth,
Teil 1, Kapitel 6, ars vivendi 2018, Seite 61 f.:

Mr Macey, seines Zeichens Schneider und Küster – letzteres Amt musste er aufgrund seines Rheumatismus seit kurzem mit einem schmalgesichtigen jungen Mann teilen, der ihm gegenüber saß –, lete seeinen weißen Kopf auf die Seite und drehte die Daumen, mit einer Selbstzufriedenheit, die freilich nicht einer Pikiertheit entbehrte. Er quittierte den Appell des Wirtes mit einem mitleidigen Lächeln und sagte dann:

Wohl, wohl; ich weiß, ich weiß; aber das Reden überlass ich lieber den andern. Ich halt mich jetzt eher zurück; die Jungen könn das viel besser. Die wo in Tarley auf der Schuel waren, die haben’s gelernt, Reden zu schwingen; zu meinen Zeiten hat’s das noch nicht so gegeben.“

„Wenn Ihr mich damit meint, Mr Macey“, sagte der Hilfsküster, ängstlich auf Korrektheit bedacht, „ich bin keineswegs ein Mann, der spricht, wenn es nicht rechtens ist. Wie wir es in dem Psalm singen:

‚Wohl dem, der weiß, was recht und wahr,
Und dies auch übet immerdar.'“

„Nun, dann wünschte ich, Ihr würdet den Ton halten, so wie ich ihn Euch angeb; wenn Ihr schon so fürs Üben seid, dann wünschte ich, Ihr würdet das üben“, sagte ein großer, schalkhaft dreinblickender Mann, unter der Woche ein vortrefflicher Wagner, sonntags jedoch Leiter des Kirchenchores. Im Sprechen zwinkerte er zweien der Anwesenden zu, die von Amts wegen als „das Fagott“ und „das Klappenhorn“ bekannt waren, im Vertrauen darauf, den Konsensus des Musikerstandes von Raveloe zum Ausdruck zu bringen.

Mr Tookey, der Hilfsküster, der so unbeliebt war, wie das bei Stellvertretern stets der Fall ist, wurde puterrot, erwiderte jedoch mit bewusster Mäßigung: „Mr Winthrop, wenn Ihr mir irgendeinen Beweis erbringt, dass ich im Unrecht bin, so will ich gewiss der Letzte sein, der sich weigert, sich anzupassen. Aber es gibt eben Leute, die ihr eignes Ohr zum Maßstab nehmen und dann erwarten, dass sich der ganze Chor nach ihnen richtet. Man wird ja wohl noch verschiedener Meinung sein dürfen.“

„Wohl, wohl“, sagte Mr Macey, den dieser Angriff auf die Überheblichkeit der Jugend mit großer Befriedigung erfüllte, „da habt Ihr völlig recht, Tookey: Verschiedne Meinungen hat’s immer; nämlich die Meinung, die ein Mann von sich selber hat, und die Meinung, die wo die andern von ihm haben. Sogar über ’ne Glocke mit ’nem Sprung drin tät’s noch verschiedne Meinungen geben, wenn die Glocke sich selber hören könnt.“

Besonders eindrucksvoll an der Verbesserung von 2018 ist das ausführlich ins Metrum geschriebene „übet“, das nicht mehr als „üb“ mit oder ohne Apostroph oder gar ersatzlos verschluckt wird und damit seinen Doppelsinn als Üben von musikalischen Fertigkeiten annehmen kann. Das geht so:

——— Elke Link und Sabine Roth:

Nachbemerkung der Übersetzerinnen

in: George Eliot: Silas Marner. Der Weber von Raveloe, ars vivendi, Cadolzburg 2018, Seite 227 bis 229:

Hugh Thomson, George Eliot, Silas Marner, Part I, Chapter 6, The company at the Rainbow, 1907Als wir im letzten Jahrtausend mit der Übersetzung von Silas Marner begannen, gab es das Internet noch nicht so, wie wir es heute kennen. Wir gingen in die Bayerische Staatsbibliothek. Und dann ganz schnell wieder hinaus – denn die Übersetzungen, die wir vorfanden, drohten die Suche nach unserem eigenen Ton und die Übertragung des Silas-Marner-Sounds sofort zu überlagern.

Stattdessen besuchten wir Antiquariate und die Münchner Auer Dult, um alte Wörterbücher aufzukaufen. Wir lasen in den Wörterbüchern, lasen Texte aus der Zeit. Wir tauchten in die Soziologie des ländlichen Englands ein, nicht zuletzt, um die Frage der Anreden – Er, Du, Ihr, Sie – differenziert zu entscheiden. Und um den einzelnen Personen und Gruppen zugeordneten Soziolekt und Dialekt zu spiegeln (denn in Silas Marner sprechen alle, auch die Angehörigen der Oberschicht, dialektal gefärbt), mussten wir eine Kunstsprache schaffen, die eher lautmalerisch und über den Rhythmus funktioniert als über regionale Marker. Die teils eigenwillige Zeichensetzung des Originals haben wir dabei bewusst übernommen.

Biografisches über die Autorin war uns nicht wichtig – die Frau, die als Mann schrieb, die Frau , die sieben Namen hatte, die Frau, die lang in wilder Ehe lebte und danach einen zwanzig Jahre jüngeren Mann heiratete, der sich auf der Hochzeitsreise in den Canal Grande stürzte – das alles spielte keine Rolle. Für uns zählte letztlich nur der Text, den wir zu übertragen hatten. Wir übersetzten den Text abwechselnd und lasen gegen, überarbeiteten die eigene Version, dan die der anderen, dann die Überarbeitung der Überarbeitung, waren in konstantem Austausch, bis wir den Eindruck hatten, der Text brummt wie ein Bienenvolk im Bienenhaus.

Für die Neuauflage sahen wir den Text noch einmal durch und stießen auf erstaunlich wenig, was wir nach all den Jahren ändern wollten. Eine „echte“ Verbesserung hat unsere Nachlese allerdings gebracht, und sie illustriert Chancen und Grenzen der heutigen Technik so perfekt, dass wir sie kurz kommentieren möchten. Uns war unser „Psalm“ (s. S. 61) in der Wirtshausszene plötzlich zu unpsalmenhaft erschienen – kein Wunder, denn das Original klingt ebenfalls mehr biedermännisch als biblisch: „I know what’s right, nor only so, / But also practise what I know.“ Dank Google hatten wir nun ruckzuck herausgebracht, dass es in England tatsächlich „Psalmenlieder“ gab – gereimte (und deutlich gestreckte) Nachdichtungen aus dem späten 17. Jahrhundert, die damals regelmäßig in Gebrauch waren –, und dass der von Mr Tookey zitierte Vers aus dem 106. Psalm diese Nachdichtung leicht abwandelt. Und sogar eine deutsche Entsprechung, von Ambrosius Lobwasser aus dem Jahr 1573, fand sich im Netz, die aber just an dieser Stelle so klobig ausfällt, dass kein noch so betulicher Hilfsküster sie im Munde führen würde (und in der noch dazu das Wort „üben“ fehlt, das im weiteren Verlauf wichtig wird).

Womit uns nichts übrig blieb, als selbst noch einmal neu zu dichten und den Vers so abzufassen, dass er einerseits sprechbar ist, andererseits aber auch, zumindest theoretisch, in einem Vespergottesdienst vom Chor gesungen werden könnte. Und so wurde aus unserem ursprünglichen

„Ich weiß, was sich geziemt, doch drüber ’naus
Üb ich, was ich als recht erkannt, auch aus“

nicht, wie bei Lobwasser,

„Wohl dem, der die gebott Gotts hält,
Und sein thun darnach recht anstellt“

und auch nicht, wie 1861 bei unserem Vorgänger Julius Frese,

„Ich weiß, was recht ist, und noch mehr:
Ich tu’s und üb es auch nachher“,

sondern:

„Wohl dem, der weiß, was recht und wahr,
Und dies auch übet immerdar“,

sodass der historische Zusammenhang jetzt rekonstruierbar wird, ohne dass darunter die situative Glaubwürdigkeit leidet. Ein kleines nachträgliches Tröpfchen Honig aus dem Bienenhaus von einst …

Editorische Notiz

Die Originalausgabe erschien 1861 unter dem Titel Silas Marner: The Weaver of Raveloe. George Eliot hat diese Fassung später für zwei spätere Neuausgaben durchgesehen und leicht bearbeitet. […]

Elke Link und Sabine Roth

Hugh Thomson: Silas trifft Eppie, Allegorie vor Teil I, Kapitel 1, 1907, Seite 1

Bilder: Buchcover bei ars vivendi, 2018;
Hugh Thomson: Silas Marner, Teil 1, Kapitel 6: The company at the ‚Rainbow.‘,
MacMillan and Co., London 1907, Seite 74;
Hugh Thomson: Silas trifft Eppie, Allegorie vor Teil I, Kapitel 1, ebenda, 1907, Seite 1.

Soundtrack: Der erwähnte Psalm 106, vertont von Heinrich Schütz:
Confitemini Domino, quoniam ipse bonus,
aus: Cantiones sacrae quatuor vocum, SWV 53-93: XXXIX, SWV 91, 1625,
Cappella Augustana & Matteo Messori, 2013:

Bonus Track: Robert Burns: Tae the Weavers Gin Ye Gang, 1788,
as rendered by The McCalmans, aus: Peace & Plenty, 1986,
mit Bildbeispielen leinenweberischer Projekte von Andy Leisk,
Chief Cook, Bottle Washer, Handweaver, und Curmudgeon, 2011:

Written by Wolf

4. Oktober 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Der arme Stephan mit dem gebackenen Kopf

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Update zu Schlachtens und
Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her:

Schmerzlich vermisst wird eine brauchbare Gesamtausgabe von Wilhelm Hauff. Brauchbar bedeutet: mit dem gesamten Werk — wobei sie nicht einmal historisch-kritisch ausfallen muss, aber als ernstzunehmende Lese-, besser noch Studienausgabe kompetent durchkommentiert. Eben das, was die Bibliothek Deutscher Klassiker und der Winkler-Verlag machen.

Und da nähern wir uns dem Problem: Bei der ersteren fehlt Wilhelm Hauff ganz, bei Winkler hat Sybille von Steinsdorff die bis heute maßgeblichen drei Bände herausgegeben; das war 1970.

Beweisstück A:
Wilhelm Hauff, Winkler-Ausgabe in 3 Bänden

Das Problem wird vollends zum Problem, wenn wir anschauen, was Frau von Steinsdorff da genau herausgegeben hat: vermutlich das Beste, was dem Angedenken Wilhelm Hauffs je widerfahren ist. Der erste der drei Bände bringt alles von Wilhelm Hauff, was einem Roman ähnlich sieht: den großen — und ersten deutschen — historischen Roman Lichtenstein und die längeren Satiren; der dritte Band versammelt die Phantasien im Bremer Ratskeller, die bis auf ganz wenige Highlights nie sehr verbreiteten Gedichte und allerlei Nebenwerke namens Kleine Schriften.

Das Problem liegt im zweiten Band mit den erstaunlich zahlreichen Novellen und — wir haben sie schon vermisst — den Märchen — und innerhalb derselben speziell im Märchen-Almanach auf das Jahr 1827 für Söhne und Töchter gebildeter Stände. Dessen Rahmenerzählung Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven umrahmt nämlich nicht nur eigene Märchen von Hauff, sondern zusätzlich:

  1. Gustav Adolf Schöll: Der arme Stephan;
  2. James Morier: Der gebackene Kopf, aus: Adventures of Hajji Baba;
  3. Wilhelm Grimm: Das Fest der Unterirdischen;
  4. Wilhelm Grimm: Schneeweißchen und Rosenrot.

Von Hauffs drei Märchenalmanachen ist dieser mittlere der einzige, für den Hauff vier Beiträge — immerhin 50 Prozent — zugekauft hat. Das ist in Ordnung, denn er firmierte als Herausgeber und durfte das. Nun bemerkt selbst die objektive Wikipedia so treffend wie leise missbilligend: „Diese Beiträge finden sich deshalb nicht in den Gesamtausgaben von Hauffs Werken und in den darauf basierenden Nachdrucken des Almanachs.“

Und damit hat sie schlagend recht. Mit antiquarischen, meist undatierten, aber noch in Fraktur gesetzten Gesamtausgaben von Hauff kann man die Straße pflastern (und wird es demnächst wahrscheinlich auch tun), richtig schwer und kostspielig erreichbar sind allein die drei Bände von Frau von Steinsdorff — selbst noch als Lizenzausgabe beim Deutschen Bücherbund — die aufgeführten vier Märchen bringt bis hinauf zur bis auf weiteres maßgeblichen keine Ausgabe.

Das ist ein Verlust. Man kann argumentieren, dass es nicht Aufgabe einer Hauff-Edition sein kann, Märchen von sonstwem zu veröffentlichen, die Almanache bleiben ohne sie so unvollständig, dass es sehr unliebsam auffällt — vor allem, weil an den Fehlstellen in der Rahmenhandlung regelmäßig steht, was an dieser Stelle kommen sollte — aber nicht kommen kann, weil Schöll, Morier und Grimm nun einmal weder Hauff heißen noch sind.

Schmerzhaft ist das besonders in den Fällen von Schölls armem Stephan und Moriers gebackenem Kopf, die nicht etwa verzichtbare Variationen über irgendwelche anderweitig schon ausreichend ausgewalzte Kindermärchenstoffe sind, sondern ausgesprochen geschickt gebaute Novellen entfernt märchenhaften Inhalts — hochstehende Erfindungen, Musterbeispiele der Erzählkunst, ein Heidenspaß. Hauff hat auch als Herausgeber gut gearbeitet und ganz und gar keinen Schrott akquiriert.

Wieso ich das weiß? — Weil ich zu dem Problem die Lösung in Händen halte. Die Lösung heißt: Wilhelm Hauff: Die Karawane. Märchen. Vollständige Ausgabe, 1. Auflage 2002 im Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, auf der Grundlage von: Wilhelm Hauff’s Märchen. Vollständige Ausgabe, Insel-Verlag Leipzig 1911, mit 6 Illustrationen von Max Reach und einem Nachwort von Tilman Spreckelsen und unter Unterstützung von Oliver Freiherr von Beaulieu Marconnay, ISBN 3746613582 — ein unspekatuläres Taschenbuch von stattlichen 520 Seiten, verlagsneu für schmale 10 Euro, allerdings seit 2002 schon wieder vergriffen, dafür antiquarisch umso günstiger aufzutreiben (eine Abfrage am 30. Mai 2019 ergab: 9 Cent + 3 Euro Porto).

Beweisstück B:
Wilhelm Hauff, Die Karawane, Aufbau 2002, Doppelseite mit Inhaltsverzeichnis

Eine quasi noch vollständigere Gesamtausgabe von Wilhelm Hauff, als es je gab, erhält man deshalb, wenn man die von Steinsdorffs dreibändige Winkler-Ausgabe oder deren Bücherbund-Lizenz hat — was schwer ist — und deren Lücken durch Die Karawane bei Aufbau schließt — was leicht ist. Dann hat man die meisten Hauff-Märchen doppelt, was ich allerdings für einen weit geringeren Schaden halte als Schöll, Morier und Grimm zu vermissen.

Außerdem kann man vor allem das geniale kalte Herz gar nicht oft genug lesen. Das stammt von 1827 und ist 1828 in einem der Almanache erschienen, die eigentlich in den meisten Ausgaben mit Hauffs Märchen von selbst vollständig erscheinen. Übermäßig viele sind es nämlich von Natur aus nicht. Zur Erinnerung ist Wilhelm Hauff mit zarten 24 Jahren an Typhus verstorben. Ein so umfangreiches, so haltbares, so objektiv handwerklich gelungenes und so nachhaltig im Volksgut verankertes Gesamtwerk muss einer in dem Alter erst mal zustandebringen.

Beweisstück C:
Wilhelm Hauff, Winkler-Ausgabe und Die Karawane

Bilder: eigener Besitz, Mai 2019.

Soundtrack: Leo Leandros: Mustafa, 1960.
Wegen der herbeigezerrten Begegnung mit dem Orient natürlich:

Written by Wolf

26. Juli 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

And such a life I wish to live

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Update zu Drum dein Stimmlein lass erschallen:

——— John Milton:

Il Penseroso

1645, Schluss:

And may at last my weary age
Find out the peaceful hermitage,
The hairy gown and mossy cell
Where I may sit and rightly spell
Of every star that heav’n doth show,
And every herb that sips the dew;
Till old experience do attain
To something like prophetic strain.
These pleasures, Melancholy, give,
And I with thee will choose to live.

——— Joseph Giles:

A Parody, upon those Lines of Milton’s,
in the Hermitage at Hagley-Park.

angesichts Hagley Park, aus: Miscellaneous Poems: on various Subjects, and Occasions. Revised and corrected by the late Mr. William Shenstone, 1771:

May I, while health and strength remains,
And blood flows warm within my veins;
Find out some virgin, soft and kind,
Who is to social joy inclin’d;
A nymph who can for me forgo,
The fop, the fribble, and the beau;
From noise and show, content can be,
To live at home with love and me:
Such pleasures Love and Hymen give,
And such a life I wish to live.

Seit 1997 sollte unser aller Karriereziel klar sein: Schmuckeremit.

Seit 1997, weil da bei Matthias Altenburg in Landschaft mit Wölfen die Berufsbeschreibung eines mit neidischem Erstaunen zur Kenntnis gelangten Ziereremiten vorkommt, und weil man Matthias Altenburg ruhig mal einen 160-Seiten-Roman lang zuhören kann.

An English hermitage illustrated in Merlin, a poem, 1735, via Atlas Obscura

Hauptsächlich wird der Schmuck- oder Ziereremit für seine schiere Existenz und Anwesenheit als Druide, Anwärter auf einen Heiligen oder wenigstens malerischer Kauz bezahlt, wie sie in einem romantisch gemeinten Landschaftsgarten oder Park wünschenswert scheint — nach mancherlei Auffassung als gehobener Gartenzwerg an Orten, wo eine leblose Gartenstatue nicht mehr ausreicht. Die Jobbeschreibung enthält: nicht waschen, nicht kämmen, keine Haare und keine Nägel beschneiden; ab und zu was Weises sagen kommt schon nicht mehr ausdrücklich vor, aber ich persönlich würde mich da nicht lumpen lassen. Zum gestellten Arbeitsmaterial zählen gern eine Bibel und eine Katze.

Was so erstrebenswert klingt, relativiert sich durch die übliche Laufzeit der Arbeitsverträge von sieben Jahren mit einmaliger Gehaltsauszahlung zum Ende der Vertragslaufzeit. Im übrigen war kein Wort von einer etwaigen Frauenquote festzustellen, vielmehr das — ebenfalls unausgesprochene — Gebot der Keuschheit. Irgendwas ist ja immer.

Typischerweise wurden Schmuckeremiten von britischen Gutsbesitzern engagiert, die im Laufe des 18. Jahrhunderts vom Barockgarten französischer Bauart auf den genuin englischen Gartenbau umstellten, also mit einer Blüte während des Georgianischen Zeitalters. Erkennbar sind solche ehemaligen Arbeitsplätze im gesamten Europa oft an der erhaltenen Einrichtung einer Eremitage, englisch: Hermitage, die als Stätten der Erholung und Beschaulichkeit, gerne auch der Gastronomie gepflegt werden. Die englische Idiomatik verwendet bis heute den Ornamental Hermit zur Beschreibung malerisch ungepflegter oder exzentrisch lebender Menschen.

Die bisher gängige Coverage über Schmuckeremiten, soweit dieses Phänomen seine Bekanntheit überhaupt in postmoderne Tage retten konnte, steht übersichtlich versammelt bei Edith Sitwell in: Ornamental Hermits of Eccentric Modern England, in: The English Eccentrics, Faber & Faber, London 1933, via Hermitary. Resources and Reflections on Hermits and Solitude; viraltauglicher zusammengefasst von Allison Meier in: Before the Garden Gnome, the Ornamental Hermit: A Real Person Paid to Dress like a Druid, Atlas Obscura, 18. März 2014; dessen erwähnte Auffassung als Gartenzwerg wird unter anderem vertreten durch Patrick Spät in: Schmuckeremiten — die lebendigen Gartenzwerge, Telepolis 15. Mai 2016. Ihren begründeten Widerspruch findet diese allzu modernistische Herabsetzung bei Silvae in: Landschaftsgärten, 26. August 2014:

Allerdings muss man Hans Ost widersprechen, der in Einsiedler und Mönche in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts behauptet: Als Staffage haben sie eine ähnliche Funktion wie etwa der Gartenzwerg.

Das trifft zu wie alles, was der Polyhistor Silvae sagt — in diesem Fall aber wohl nur für die wirklich großen, engagiert angelegten und gepflegten Landschaftsgärten, die dann gleich Et in Arcadia ego nachstellen und ausleben wollen. Persönlich gehe ich davon aus, dass der typische beschaulich exzentrische Landadlige sich mit dem Eremiten eine Personifizierung seines darzustellenden Innenlebens buchen wollte. So überliefert Silvae selbst:

Stellenanzeige Hamilton, via Silvae, Landschaftsgärten, 26. August 2014

Wanted — Ornamental hermit to occupy natural cave dwelling under waterfall for seven years. The successful candidate shall be provide with Bible, water, spectacles, camlet robe, hourglass, and food from the house. No hair-, nail-, or beard-trimming permitted. Sum offered: £ 600.

In der täglichen Praxis konnte sich so ein bärtiger, ungewaschener Angestellter doch recht profan benehmen; a. a. O.:

Diese Anzeige, mit der ein Ziereremit gesucht wird, wurde von dem Honourable Charles Hamilton aufgegeben. Der Bewerber wurde allerdings nach drei Wochen gefeuert, da er sich nachts heimlich in die Dorfkneipe zu schleichen pflegte.

Und das mit den einmal 600, einmal 700 kolportierten £, die er, wir erinnern uns, erst am Ende seiner sieben Arbeitsjahre erwarten durfte. Was immerhin lehrt, welchen Kredit so ein Schmuckeremit im Georgianischen Zeitalter bei Gastwirten genoss. Daher war das bei einer bestimmten Klientel zu dergleichen berufener Mannspersonen ein begehrter Job, der seinen Weg auch in den Zeitungsteil mit den Stellengesuchen fand. 1810:

A young man, who wishes to retire from the world and live as a hermit, in some convenient spot in England, is willing to engage with any nobleman or gentleman who may be desirous of having one. Any letter addressed to S. Laurence (post paid), to be left at Mr. Otton’s No. 6 Coleman Lane, Plymouth, mentioning what gratuity will be given, and all other particulars, will be duly attended.

An English hermitage illustrated in Merlin, a poem, 1735, via Atlas Obscura

Die seriösen, in allen Wortsinnen groß gedachten Landschaftsanlagen verstanden oft schon nicht mehr als Teil des vorgefundenen Geländes, sondern als Arkadien. So spielt das formal höchst durchtrieben gebaute Theaterstück Arcadia von Tom Stoppard 1993 nicht nur mit Zeitebenen über eineinhalb Jahrhunderte, sondern auch mit der Auffassung des Schmuckeremiten:

Lady Croom: My lake is drained to a ditch for no purpose I can understand, unless it be that snipe and curlew have deserted three counties so that they may be shot in our swamp. What you painted as forest is a mean plantation, your greenery is mud, your waterfall is wet mud, and your mount is an opencast mine for the mud that was lacking in the dell. (Pointing through the window) What is that cowshed?
Noakes: The hermitage, my lady?
Lady Croom: It is a cowshed.
Noakes: It is, I assure you, a very habitable cottage, properly founded and drained, two rooms and a closet under a slate roof and a stone chimney —
Lady Croom: And who is to live in it?
Noakes: Why, the hermit.
Lady Croom: Where is he?
Noakes: Madam?
Lady Croom: You surely do not supply an hermitage without a hermit?
Noakes: Indeed, madam —
Lady Croom: Come, come, Mr Noakes. If I am promised a fountain I expect it to come with water. What hermits do you have?
Noakes: I have no hermits, my lady.
Lady Croom: Not one? I am speechless.
Noakes: I am sure a hermit can be found. One could advertise.
Lady Croom: Advertise?
Noakes: In the newspapers.
Lady Croom: But surely a hermit who takes a newspaper is not a hermit in whom one can have complete confidence.

John Bigg, the Dinton Hermit, via Atlas ObscuraDie maßgebliche, meines Wissens einzige — und in keiner deutschen Übersetzung vorliegende — Fachliteratur wird abgedeckt durch Gordon Campbell: The Hermit in the Garden: From Imperial Rome to Ornamental Gnome, Oxford University 2013. In mancherlei Hinsicht kann es kein typischer englisches Buch geben: Es handelt in aller wünschbaren Länge, Breite und vor allem Tiefe von einem skurrilen — Campbell selbst nennt es Pythonesque — Thema, das nicht etwa zu Unterhaltungszwecken frei erfunden, sondern aus der eigenen Geschichte recherchiert wurde; am Ende ist es laut Verlagswerbung

[t]he intriguing tale of the craze for ornamental hermits — the must-have accessory for the grand gardens of Georgian England and beyond

geworden.

Campbell wendet von seinen 256 Seiten 33 an The Hermitage in the Celtic Lands, womit nicht etwa alle keltischen Kulturen, sondern exklusiv Schottland und Irland gemeint sind — und der Rest des für Schmuckeremiten relevanten Europas wird komplett abgehandelt in einem Appendix 2 namens The Hermit and the Hermitage on the Continent, der genau 6 Seiten umfasst; übrigens im Anschluss an den Appendix 1, einer fünfeinhalb Seiten starken tabellarischen Auflistung sämtlicher im Haupttext erwähnten, immerhin gesamteuropäischen Eremitagen.

Da bleiben für Deutschland in diesem Anhang 2 ab Seite 217 lobende Erwähnungen für Bayreuth, Wörlitz, Luisium, Sieglitzer Berg, Kassel-Wilhelmshöhe und Potsdam — und der Magdalenenklause im Münchner Schlosspark Nymphenburg. Die Seiten 217 bis 219, die innerhalb des europäischen Kontinents Deutschland betreffen, in eigener Übersetzung:

Im späten 18. Jahrhundert kam der englische Landschaftsgartenbau auf dem Kontinent in Mode, wo er jeweils auch als jardin anglais oder giardino inglese bekannt wurde. Einige dieser Gärten beschäftigten Schmuckeremiten. Der folgende kurze Überblick setzt ein mit Deutschland, wo die englische Bauweise den Gartenbau als erstes beeinflusste, und wendet sich dann nach den Niederlanden, Skandinavien, Ungarn (einschließlich Transsilvanien), Russland, Spanien und der Schweiz.

Gordon Campbell, The Hermit in the Garden: From Imperial Rome to Ornamental Gnome, 2013, via SilvaeDas kontinentale Land mit den meisten Eremitagen in „englischen“ Gärten ist Deutschland. Bevor sich die englische Bauweise durchsetzte, herrschte eine Mode für Hoferemitagen wie die Eremitage vor den Toren Bayreuths und das etwas spätere Schloss Nymphenburg, die Münchner Sommerresidenz der bayerischen Kurfürsten. Der ursprüngliche Garten bei Schloss Nymphenburg war italienischen Stils, bis der Landschaftsarchitekt Joseph Effner im frühen 18. Jahrhundert mit der Modernisierung begann. Sein hauptsächlicher Beitrag zum Park bei Nymphenburg war der Aufbau dreier Pavillons (der vierte und erlesenste ist die Arbeit eines anderen Architekten, François de Cuvilliés. Einer von Effners Pavillions war die Magdalenenklause (1725–8), eine als Klosterzellenruine konzipierte Eremitage. Das war eine Struktur, die das Einsetzen des englische Landschaftsstils vorwegnahm, der zuerst in Wörlitz im ostdeutschen Sachsen-Anhalt erschien.

Der große Garten bei Wörlitz wurde zwischen 1764 und 1805 als Teil von Schloss Wörlitz angelegt, der Sommerresidenz von Fürst Franz, Prinz von Anhalt-Dessau. Fürst Franz war Regent von Dessau, aber auch Gartengestalter beträchtlichen Ranges. Auf seinen Reisen durch England hatte er sich mit englischen Gärten vertraut gemacht: Kew, The Leasowes, Stowe und Stourhead — und bezog alle in seine Gartengestaltungen ein: Luisium (1774), Sieglitzer Berg (1777) und Wörlitz. Sein Garten bei Wörlitz ist im Geiste von Rousseaus Ermenonville gestaltet, dem er den Einsatz von Pappeln abschaute; und tatsächlich baute er 1782 eine Kopie von Rousseaus Grabmal ein. In einem angelegenen Teil des Geländes wurde eine Eremitage eingerichtet. Fürst Franz‘ restliche Gärten waren weniger durchkonstruiert, aber für den Bau einer Eremitage am Sieglitzer Berg am Ufer der Elbe zog er den deutschen Gartengestalter Johann Friedrich Eyserbeck hinzu; die Gestaltung lehnt sich deutlich an Stourhead an.

Besuch erhielt Wörlitz unter anderem von Carl August von Sachsen-Weimar in Begleitung von Goethe. Nach Weimar heimgekehrt, kopierten beide etliche Merkmale im heute so genannten Ilmpark, der entlang des Flusses angelegt wurde. Unter den von ihnen errichteten Gebäuden findet sich eine Eremitage, die heute Borkenhäuschen heißt, erbaut 1778.

~~~\~~~~~~~/~~~

John Bigg, the Dinton Hermit, via Atlas ObscuraZwei weitere Englische Gärten in Deutschland beherbergen erhaltene Eremitagen: die eine in Kassel und die andere in Potsdam. Schloss und Park in Kassel seit 1798 als Wilhelmshöhe bekannt, wurde Anfang des 18. Jahrhunderts als italienischer Garten mit reichlichem Wasserbrauch und einer Unzahl von Statuen angelegt. Anfang der 1780er Jahre errichtete der Landgraf innerhalb des Parks eine Chinoiserie namens Mou-lang und leitete damit den Übergang vom italienischen Barockstil zum englischen landschaftsgarten ein. Die Bauten von Mou-lang wurden schnell mit einer ägyptischen Pyramide, einem Tempel des Merkur und einer Anzahl Eremitagen vervollständigt, deren jede einem Philosophen gewidmet war; allein die Eremitage des Sokrates besteht noch.

Der Neue Garten in Potsdam war das Werk von Friedrich Wilhelm II., König von Preußen, der kurz nach seiner Thronbesteigung 1786 Johann August Eyserbeck (den Sohn von Johann Friedrich) beauftragte, seine Pläne zu einem Garten nach englischem Modell ins Werk zu setzen. Am nördlichen Ende des Parks verfällt heute eine Eremitage, die ein Reetdach hatte und mit Eichenrinde verkleidet war.

~~~\~~~~~~~/~~~

Die gegenwärtige Grenzziehung zwischen Deutschland und den Niederlanden ist vergleichsweise modern. Während es Dreißigjährigen Krieges wurde die Stadt Kleve, die heute auf der deutschen Seite der holländisch-deutschen Grenze liegt, von der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen regiert. […]

Der inhaltliche Sprung in die holländische Geschichte zeigt, dass ich eigentlich schon zuviel übersetzt hab, soweit es um deutsche Eremitagen gehen sollte. Mehr als die nicht ganz zwei Seiten im allerletzten Textteil des Anhangs ist da nicht.

Insgesamt gestaltet sich die Fachliteratur über Schmuckeremiten spärlich, und auch nach Campbells Monographie erwarte ich schon allein wegen der zu befürchtenden Senkung der Arbeitsmoral potenzieller Arbeit-„Nehmer“ keine Explosion ihrer Popularität. Was vorhanden ist — von John Milton samt seiner Parodie von Joseph Giles über den belletristischen Exkurs bei Matthias Altenburg, aufschlussreicher bei Edith Sitwell, Allison Meier für den Atlas Obscura und Patrick Spät für Telepolis, Tom Stoppards alle Erzählmöglichkeiten des Theaters ausschöpfende Komödie bis hin zu Gordon Campbells überfälliger Monographie — scheint mir, ohne alles vollständig durchstudiert zu haben, interessant genug für uneingeschränkte Empfehlung.

Stand einem Schuckeremiten eigentlich Urlaub zu?

An 18th century hermitage that survives in Manor Gardens Eastbourne, East Essex, photograph by Kevin Gordon

Bilder: Silvae: Landschaftsgärten, 26. August 2014;
Allison Meier: Before the Garden Gnome, the Ornamental Hermit: A Real Person Paid to Dress like a Druid, Atlas Obscura, 18. März 2014:

  1. An English hermitage illustrated in „Merlin: a poem“ (1735) (via British Library);
  2. John Bigg, the Dinton Hermit. Not a garden hermit, but of same era (via Wellcome Library);
  3. John Bigg, the Dinton Hermit (via Wellcome Library);
  4. An English hermitage illustrated in „Merlin: a poem“ (1735) (via British Library);
  5. An 18th century hermitage that survives in Manor Gardens Eastbourne, East Essex (photograph by Kevin Gordon).

Soundtracks: Ornamental Hermit, einmal von William D. Drake, aus: The Rising of the Lights, 2011,
und einmal von David Grubbs, aus: The Plain Where the Palace Stood, 2013:

(Of all the things you did for me
The one most splendid was to christen
A place in me where I can be
A most contented person.)

Bonus Track, weil Musik ja auch Spaß machen soll: Отава Ё: Про Ивана Groove, 2011:

Written by Wolf

21. Juni 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge

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Update zu Zwischenmaschine,
1. Stattvent: Traudl (Mütter, euch sind alle Feuer, alle Sterne aufgestellt)
und Solch ein Gewimmel möcht ich sehn:

Zur Erinnerung: Das ist von 1786. La grande révolution war erst ab 1789, und dabei ist Moritz nicht einmal als besonders revolutionär hervorgetreten. Nur als anständig.

——— Karl Philipp Moritz:

Das Edelste in der Natur

aus: Denkwürdigkeiten aufgezeichnet zur Beförderung des Edlen und Schönen,
Johann Friedrich Unger, Berlin 1786 (Auszug):

Daß ich denke und den Werth meines Daseyns fühle, will ich nicht dem Zufall danken, der mir gerade unter dem Theile des Menschengeschlechts einen Platz anwieß, der sich den gesitteten Theil nennt — ich stelle mich auf die unterste Stufe, worauf mich der Zufall versetzen konnte, und gebe keinen von meinen Ansprüchen auf die Rechte der Menschheit nach. Ich fordre so viel Freiheit und Muße, als nöthig ist, über mich selbst, über meine Bestimmung, und meinen Werth als Mensch, zu denken.

Postcard by V. Tishkin, 1955Eins der größten Uebel, woran das Menschengeschlecht krank liegt, ist die schädliche Absonderung desselben, wodurch es in zwei Theile zerfällt, von welchen man den einen, der sich erstaunliche Vorzüge vor dem andern anmaßt, den gesitteten Theil nennt.

Dieser Theil scheint sich für den Zweck der Schöpfung, und alle übrige Menschen für untergeordnete Wesen zu halten, die deswegen im Schweiß ihres Angesichts die Erde bauen, damit es Rechtsgelehrte, Staatsmänner, Priester, Künstler, Dichter und Geschichtschreiber geben könne, von deren geistigen Beschäftigungen, und verfeinerten Vergnügungen, jene Bebauer des Feldes nicht einmal die Nahmen wissen.

Aber auch selbst in den gesitteten Ständen betrachtet immer ein Theil den andern mehr als bloß brauchbare und nützliche Wesen — so denkt man sich immer einen Theil von Menschen, als ob er bloß um des andern willen da wäre — dieß geht ins Unendliche fort, und warum denn nun zuletzt alle da sind, bleibt unausgemacht. —

Diese falsche Vorstellungsart hat fast in alle menschlichen Dinge eine schiefe Richtung gebracht. — Die herrschende Idee des Nützlichen hat nach und nach das Edle und Schöne verdrängt — man betrachtet selbst die große erhabne Natur nur noch mit kameralistischen Augen, und findet ihren Anblick nur interessant, in so fern man den Ertrag ihrer Produkte überrechnet —

Bei der Einrichtung der Stände und Gewerbe, ist nicht die Frage, in wie fern dieser Stand oder dieß Gewerbe auf die Menschen die es treiben zurückwirkt, den Körper und den Geist schwächt oder gesund erhält, und die Endzwecke der Natur zur Bildung des menschlichen Geistes hintertreiben oder befördern hilft — sondern man scheint immer einen Theil der Menschen als ein bloßes Werkzeug in der Hand eines andern zu betrachten, der wieder in der Hand eines andern ein solches Werkzeug ist, und so fort. —

Andrei Gorski, Missing in Action, 1946

Beiträge zum Sozialistischen Realismus: V. Tishkin, Postkarte 1955,
via Soviet Postcards. Vintage Paper from Russia, 8. August 2017;
Andrej Gorskij: Bez vesti Propavschij, 1946, via Igorusha, 7. Mai 2018;
The Means of Production, via Those With Guts Need No Plan, 2016.

Two Wieners, Those With Guts Need No Plan, 2016

Sozialistischer Realismus in der Musik:
Dmitri Schostakowitsch: Walzer Nr. 2, frühe 1950er Jahre,
die glaubwürdigste aller Versionen von Oliver Nowak an Mandoline, Gitarre und Banjo,
Aufnahme aus der irischen Arbeiterstadt Limerick, 2017:

Written by Wolf

19. Oktober 2018 at 00:01

Das ehrbare Antiquariat

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Update zu Ludwig Tieck is coming home
und Unboxing Ludwig Tieck:

Redlichkeit gedeiht in jedem Stande.

Schiller: Wilhelm Tell, II/2, Stauffacher.

Mail an Antiquariat Dr. Wolfgang Rieger (Versandantiquariat, kein Ladengeschäft), in der Nacht auf Sonntag:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie bieten die dreibändige Ausgabe von Karl Philipp Moritz an. Ich habe noch Fragen zu Ausstattung und Zustand:

  • Sind alle drei Schutzumschläge vorhanden? Meines Wissens sind sie bei dieser Ausgabe weiß?
  • Ist der Schuber vorhanden?
  • Sind die Bände mit Lesebändchen ausgestattet?

Mit freundlichen Grüßen,
Wolfgang Gräbel

Mail von Antiquariat Dr. Wolfgang Rieger, am heiligen Sonntagmittag:

Antiquariat Dr. Wolfgang Rieger, Moritz, Karl Philipp, Werke. Hrsg. von Horst Günther. Erster Band, Autobiographische und poetische Schriften. Zweiter Band, Reisen. Schriften zur Kunst und Mythologie. Dritter Band, Erfahrung, Sprache, Denken. Zweite Auflage, Antiquariat.deGuten Tag, Herr Gräbel,

besten Dank für Ihre Anfrage.

Alle drei Schutzumschläge sind vorhanden. Wenn Sie auf antiquariat.de suchen, können Sie auch ein Bild sehen, das bei booklooker aus mir unerfindlichen Gründen verschwunden ist.

Ein Schuber und Lesebändchen sind nicht vorhanden.

Wenn Sie an gediegenen Ausgaben interessiert sind, würde ich abraten, ich halte diese Ausgabe für eine billige MA-Variante.

Beste Grüße,
wolfgang rieger

Für die Telefonwischerchen unter uns: MA heißt in diesem Fall Modernes Antiquariat. Die richtige Fundstelle ist wohl:

Moritz, Karl Philipp: Werke. Hrsg. von Horst Günther, Frankfurt/M.:, Insel, 1993. Orig.-Leinenbände mit Schutzumschlag, „626, (1); 949; 831 S.“, sehr gutes Exemplar *** PREISREDUZIERT.

Daraus folgend: Mail an Antiquariat Dr. Wolfgang Rieger, am unheiligen Montagfrüh:

Guten Tag, Herr Dr. Rieger,

recht schönen Dank für die akkurate Auskunft und Ihre damit einhergehende Offenheit, was die Qualität der Ausgabe betrifft. Das ist nicht selbstverständlich. Das Bild dazu habe ich auf antiquariat.de gefunden.

Umso mehr tut es mir leid, dass es dann doch etwas gediegener als MA sein sollte, und ich mich für das nächstteurere Angebot entscheiden werde. Ich werde Sie aber empfehlen, wo immer ich nur kann :)

Mit freundlichen Grüßen,
Wolfgang Gräbel

Hier kann ich: Kaufet beim Doktor Rieger in Freiburg im Breisgau! Der rät auch mal vom Geldrausschmeißen ab, wenn er glaubt, dass es nichts für euch ist. So eine Ehrbarkeit muss man erst mal finden. — : Antiquariat.de; Booklooker.

Doktor Riegers dreibändiger Moritz fürs Moderne Antiquariat muss übrigens textgleich mit den „offiziellen“ Auflagen sein und deshalb perfectly peachy keen für jeden, der zuverlässige Texte wünscht und nicht gleich wie ich eine — denkbar zickige und eher aussichtslose — Wertanlage. Mit meiner Zickerei hab ich ihn dem Schnellsten übrig gelassen.

Wenn mich nächste Woche wer sucht: vermutlich hinter dem Insel-Original mit Schuber von Bianka „Wilz“ Willaredt, Pfarramts-Sekretärin aus 79350 Sexau, die eine Chance verdient.

Bild: Antiquariat Dr. Wolfgang Rieger auf Antiquariat.de, ca. 18. Juni 2018.

Soundtrack: Reina del Cid: Library Girl, 2010, live am 6. August 2017:

I’ve gotten at least a dozen requests for a remake of this old song, „Library Girl,“ so here it is in all its acoustic glory! I can’t believe it’s been ten years since I filmed that DIY „music video“ for this song in my university’s library (and got kicked out in the process). If you want a laugh and to revisit it, here’s the link.

For this version, I had Toni join me with some lead guitar and eyeglasses. :)

Ach Gott, sie sind doch herzerfrischend; kann ja nicht jedes Mädchenduett First Aid Kit sein.

Written by Wolf

1. August 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Postironismus

Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)

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Update zu Leise retardierende, ungläubig fragende Zurücknahme der Meldung
und Nun könnte ich nach Hause gehen: Hoffmanns Bamberger Wirklichkeit
und verschollene Klaviersonaten
:

——— Goethe:

Lesebuch

aus: Uschk Nameh — Buch der Liebe, West-östlicher Divan, 1819 ff.:

Seite aus Beethovens Handexemplar von Goethes West-östlichem Divan mit eigenhändigen AnstreichungenWunderlichstes Buch der Bücher
Ist das Buch der Liebe;
Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen:
Wenig Blätter Freuden,
Ganze Hefte Leiden,
Einen Abschnitt macht die Trennung.
Wiedersehn! ein klein Capitel
Fragmentarisch. Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos, ohne Maß.
O! Nisami! – doch am Ende
Hast den rechten Weg gefunden;
Unauflösliches wer löst es?
Liebende sich wieder findend.

Gustav Seibt, der bei der Süddeutschen Zeitung für den angestaubten Goethekram zuständig ist und dessen Schaffen als Historiker, Literaturkritiker, Essayist und Journalist quasi ein einziges Habe-nun-Ach darstellt, hatte unlängst, am 10. März, Geburtstag, wie man in Facebook, dem sozialen Medium für angestaubte Sozialmediävisten, bemerken konnte, sofern man dort mit ihm „befreundet“ ist.

Als Geschenk erhielt er — wünschen wir ihm, nicht als einziges — eine „Seite aus Beethovens Handexemplar von Goethes West-östlichem Divan mit eigenhändigen Anstreichungen“ und bemerkte dazu am folgenden 11. d. M.:

Interessant, dass Beethoven als Wiener nicht die kostbare Antiqua-Ausgabe verwendet, auf die Goethe so viel Mühe verwandte, sondern den billigen Frakturnachdruck des Hauses Armbruster. Urheberrecht! Die Antiqua-Erstausgabe war noch um 1910 lieferbar – nicht ausverkauft. Wie damals Hofmannsthal bekannt machte, was zum raschen Ausverkauf führte. So viel zu Popularität des späten Goethe.

Das extemporiert der Mann einfach so, als Dankeschön für ein digitales Geburtstagsgeschenk. Wer das kann, ist meiner Bewunderung auf ewig sicher (und darf sich soviel Schokolade davon kaufen, wie er kriegen kann). — Schauen wir für unseren Laiengebrauch einmal die Fakten nach.

Die „kostbare Antiqua-Ausgabe„, auf der Goethes herausgeberische Hand offenbar höchstselbst ruhte, stammt von 1819, dem Jahr, das überall als Ersterscheinung seines Divans angegeben wird, in seinem Stammverlag J. G. Cotta in Stuttgart; der „Frakturnachdruck des Hauses Armbruster“ schon 1820 in Beethovens Wien.

Beethoven wird sich also, seinem „Handexemplar“ nach zu schließen, ab 1820 mehr oder weniger eingehend mit dem Divan beschäftigt haben. Die heute wohl wertsteigernde „eigenhändige Anstreichung“ besteht aus nonverbalen Satzzeichen und liest sich wie ein einziges modernes „WTF„. Genau hingelesen, kann man wohl jeden gut verstehen, der sich von solchem Gewölk nur die Billigausgabe leisten will, und dem sich nicht ohne weiteres erschließen mag, wieso ausgerechnet sich wiederfindende Liebende unauflösliche Dinge lösen können sollten.

Was Beethovens Biographie anbelangt, ist 1820 zuallererst das Jahr, in dem er die Missa solemnis über seinen drei letzten Klaviersonaten opera 109, 110 und 111 verschleppte. Im weiteren Verlauf hat er sich offenbar lieber nicht auf Goethes, sondern Schillers Seite geschlagen, den er 1824 in seiner neunten und letzten Symphonie geradezu als posthumen Mitarbeiter heranzog.

Die Schauspielmusik zu Egmont war schon opus 84 von 1809, das einzige persönliche Treffen 1812, Meeresstille und glückliche Fahrt, opus 112 von 1815 und diverse Goethe-Lieder, die seinerzeit zum guten Ton der meisten Komponisten gehörten, größtenteils noch vorher: Maigesang opus 52,4; Marmotte opus 52,7; Erlkönig WoO 131; Sehnsucht (Mignons Lied, vier Vertonungen) WoO 134 als opus 83,2; Kennst du das Land opus 75,1; Neue Liebe, neues Leben (zwei Fassungen) opus 75,2; Aus Goethes Faust (Flohlied) opus 75,3; Wonne der Wehmut (zwei Fassungen) opus 83,1; Mit einem gemalten Band opus 83,3; Freudvoll und leidvoll opus 84,4; Bundeslied opus 122 und als einziges erst von 1825.

Eustache Le Sueur, Allégorie de la poésie, ca. 1640--1642Als Hugo von Hofmannsthals „Bekanntmachungen“ kommen mindestens zwei Aufsätze in Frage:

  • Über den ‚West-östlichen Diwan‘, in: Neue Freie Presse, Nr. 17721, Wien, Donnerstag, 25. Dezember 1913, Seite 126–127, und
  • Goethes ‚West-östlicher Divan‘, in: Das Inselschiff. Eine Zeitschrift für die Freunde des Insel-Verlages. Zweiter Jahrgang. Sechstes Heft, Insel-Verlag Leipzig, August 1921, Seite 275 bis 280.

Das war alles gegoogelt. Was einem einer wie Gustav Seibt darüber hinaus in Fakten- und Transferwissen entwickeln könnte, ist überhaupt nicht zu ermessen. Wie Goethe in seinem Uschk Nameh beschreibt, was ja in all dem Gewölk schon wieder schön klingt:

Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos, ohne Maß.

Bilder: Elias Torra via Facebook, 10. März 2018;
Eustache Le Sueur: Allégorie de la poésie, ca. 1640–1642, via Books and Art:

The painting was found to have hung at the celebrated Hôtel Lambert in the 18th century, and was likely commissioned directly from Le Sueur by the Lambert family to decorate their residence.

Soundtrack: Dietrich Fischer-Dieskau & Jörg Demus: Beethoven: Aus Goethes Faust, opus 75, 1810:

Bonus Track (WTF??!!!): 2Cellos: Whole Lotta Love vs. Beethoven 5th Symphony, 2016:

Written by Wolf

6. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Nachtstück 0013: It merely takes brains to outsmart these dumb critters!

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Update zu Doktor Faustus goes Science Fiction
und Weihnachtsgabe:

Für Dipl.-Ing. FH Markus H. (50):

Disney

Selbst die nicht einfach kongeniale, sondern schlichtweg geniale Übersetzerin und Wegbereiterin moderner alltagssprachlicher Ausdrucksweisen Frau Doktor Erika Fuchs schöpfte nicht allein aus ihrem eigenen Inneren, sondern war auf Ideenzufuhr von außen angewiesen. Ihren Ehemann Dipl.-Ing. Günter Fuchs, der sie bei technischen Übersetzungspassagen beraten und mit mancher klassisch-literaischen Anspielung versorgen konnte, betrachtete sie als eine Art hiesige Entsprechung zum Entenhausener Daniel Düsentrieb.

Ihr bekanntester Satz „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“, der ihr meistens als Standardbeispiel für stilprägende Urheberschaft zugeschrieben wird, ist eine Ableitung von Heirich Seidel, die offenbar prächtig auf den angetrauten Ingenieur passte, und den sie über die Arbeitsjahre hinweg öfter verwenden konnte. Immer wird der Satz von Daniel Düsentrieb zur Selbstbeschreibung gesprochen, niemals schreibt Fuchs, wie gerne nachlässig kolportiert wird, „Inschinör“.

——— Heinrich Seidel:

Ingenieurlied

1871, aus: Glockenspiel. Gesammelte Gedichte, A. G. Liebeskind, Leipzig [Erstauflage] 1889,
in: Akademischer Verein Hütte e.V. (Hrsg.): Kommers-Buch für Studierende Deutscher Technischer Hochschulen, Verlag von Eisoldt & Rohkrämer, 11. Auflage, Berlin 1904,
III. Abteilung: Technische Lieder, Lied 318. (295.), Notenheft Nr. 57:

Disney

Singw.: Krambambuli das ist der Titel etc.

Dem Ingenieur ist nichts zu schwere –
Er lacht und spricht: „Wenn dieses nicht, so geht doch das!“
Er überbrückt die Flüsse und die Meere,
Die Berge unverfroren zu durchbohren ist ihm Spass.
Er thürmt die Bogen in die Luft,
Er wühlt als Maulwurf in der Gruft,
Kein Hinderniss ist ihm zu gross –
Er geht drauf los!

Den Riesen macht er sich zum Knechte,
Dess‘ wilder Muth, durch Feuersgluth aus Wasserfluth befreit,
Zum Segen wird dem menschlichen Geschlechte –
Und ruhlos schafft mit Riesenkraft am Werk der neuen Zeit.
Er fängt den Blitz und schickt ihn fort
Mit schnellem Wort von Ort zu Ort,
Von Pol zu Pol im Augenblick
Am Eisenstrick!

Der IngeniörWas heut sich regt mit hunderttausend Rädern,
In Lüften schwebt, in Grüften gräbt und stampft und dampft und glüht,
Was sich bewegt mit Riemen und mit Federn,
Und Lasten hebt, ohn‘ Rasten webt und locht und pocht und sprüht,
Was durch die Länder donnernd saust
Und durch die fernen Meere braust,
Das Alles schafft und noch viel mehr
Der Ingenieur!

Die Ingenieure sollen leben!
In ihnen kreist der wahre Geist der allerneusten Zeit!
Dem Fortschritt ist ihr Herz ergeben,
Dem Frieden ist hienieden ihre Kraft und Zeit geweiht!
Der Arbeit Segen fort und fort,
Ihn breitet aus von Ort zu Ort,
Von Land zu Land, von Meer zu Meer –
Der Ingenieur!

Disney

Bilder: It merely takes brains to outsmart these dumb critters!: 1954;
Dem Ingeniör ist nichts zu schwör: 1954; 1955/1958; 1964 Disney/Egmont Ehapa,
mit besonderem Dank an die Dr.-Erika-Fuchs-Stiftung im Erika-Fuchs-Haus, Museum für Comic und Sprachkunst, Schwarzenbach an der Saale, und D.O.N.A.L.D.; LinkedIn.

Disney

Soundtrack: Eddie Vedder: Guaranteed, aus: Into the Wild, 2007
(„I knew all the rules but the rules did not know me“):

Written by Wolf

9. März 2018 at 00:01

Nachtstück 0012: Wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen

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Update zu Damals gab es keine:

——— Adalbert Stifter:

Der Nachsommer

Kapitel Das Fest, 1857:

Rembrandt van Rijn, Die Nachtache, 1642, Rijksmuseum AmsterdamWie wird es sein, wenn wir mit der Schnelligkeit des Blitzes Nachrichten über die ganze Erde werden verbreiten können, wenn wir selber mit großer Geschwindigkeit und in kurzer Zeit an die verschiedensten Stellen der Erde werden gelangen, und wenn wir mit gleicher Schnelligkeit große Lasten werden befördern können? Werden die Güter der Erde da nicht durch die Möglichkeit des leichten Austauschens gemeinsam werden, daß allen alles zugänglich ist? Jetzt kann sich eine kleine Landstadt und ihre Umgebung mit dem, was sie hat, was sie ist, und was sie weiß, absperren, bald wird es aber nicht mehr so sein, sie wird in den allgemeinen Verkehr gerissen werden. Dann wird, um der Allberührung genügen zu können, das, was der Geringste wissen und können muß, um vieles größer sein als jetzt. Die Staaten, die durch Entwicklung des Verstandes und durch Bildung sich dieses Wissen zuerst erwerben, werden an Reichtum, an Macht und Glanz vorausschreiten und die andern sogar in Frage stellen können. Welche Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem ganzen Wesen erlangen? Diese Wirkung ist bei weitem die wichtigste. Der Kampf in dieser Richtung wird sich fortkämpfen, er ist entstanden, weil neue menschliche Verhältnisse eintraten, das Brausen, von welchem ich sprach, wird noch stärker werden, wie lange es dauern wird, welche Übel entstehen werden, vermag ich nicht zu sagen; aber es wird eine Abklärung folgen, die Übermacht des Stoffes wird vor dem Geiste, der endlich doch siegen wird, eine bloße Macht werden, die er gebraucht, und weil er einen neuen menschlichen Gewinn gemacht hat, wird eine Zeit der Größe kommen, die in der Geschichte noch nicht dagewesen ist. Ich glaube, daß so Stufen nach Stufen in Jahrtausenden erstiegen werden. Wie weit das geht, wie es werden, wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen. Nur das scheint mir sicher, andere Zeiten und andere Fassungen des Lebens werden kommen, wie sehr auch das, was dem Geiste und Körper des Menschen als letzter Grund inne wohnt, beharren mag.

Anmerkung: Adalbert Stifter (gestorben am 28. Januar 1868) ist 23 Jahre älter als Jules Verne (geboren am 8. Februar 1828) — der meines Wissens nie das Internet „vorweggenommen“ hat. Aber sonst nächst Gott und Leonardo da Vinci so ziemlich alles.

Nachträglich angenehme Ruhe zum 150. Todestag, et mes félicitations au 190e anniversaire, maîtres.

Welche Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem ganzen Wesen erlangen?: Rembrandt van Rijn: Die Nachtwache, 1642, Öl auf Leinwand, 363 cm × 437 cm, Rijksmuseum Amsterdam,
via The Adventures of Accordion Guy in the Twenty-First Century:
Nothing to see here…or is there?, 31. März 2015.

Soundtrack: Ajde Jano: The Story, 2017. Unterstützet auch Oliver Nowak an Mandoline, Gitarren, Saz und Moviemaker nebst King John, die miteinander Jack’s Compass bilden. Aufgenommen und filmed on location of Limerick, County Limerick, 2017. Die Moral stimmt immer:

Written by Wolf

9. Februar 2018 at 00:01

Lichtmess-Gewinnspiel: Es kommt ja auch so viel zurück (verlängert bis 18. Februar 2018)

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Update zu Valentinsgewinnspiel: Ich bin nichts Offizielles (geschlossen),
zugleich Ein kleines Helles für Elke:

Weihnachten spendet ja schon jeder was. Wie ich nicht müde zu betonen werde, ist aber der liebenswerteste Feiertag des Jahres eben nicht Weihnachten, sondern Mariä Lichtmess, das Ende der liturgischen Weihnachtszeit: weil da noch richtig Frühling ist, aber langsam messbar welcher werden will, weil es der Tag der Brigid ist, der Personifikation der Dichtkunst und Beschützerin der Poeten, und weil man sich da nix schenken muss, außer man möchte gern.

Na, dann feiern wir doch Mariä Lichtmess. Das geht so: Sie spenden Summen Geldes, ich belohne Sie mit Büchern und CDs dafür. Wer an eine der folgenden Organisationen, einfach so, außerhalb der gängigen Weihnachtsfeiertage, in seiner Wohltätigkeit etwas spendet, kriegt was richtig Schönes von mir. Verlinkt sind praktischerweise die Spendenmöglichkeiten:

Das sind in aufsteigender Reihenfolge der von mir subjektiv empfundenen Wichtigkeit Organisationen, die mir am Herzen liegen: Das Goethezeitportal ist sehr verdienstreich und präsent für mein Online-Schaffen, aber nicht verzweifelt bedürftig; das Lyrik-Kabinett ist ähnlich verdienstreich für Lyriker, die noch am Leben sind, außerdem bewohnen sie eine liebenswert kuschlige Hiterhofbutze im Münchner Universitätsviertel, in der sie den lyrisch Interessierten glaubwürdig freundlich empfangen und wahlweise mit Kaffee versorgen oder in Ruhe studieren lassen — lang sollen sie leben, diese Helden der postkapitalistischen Gutherzigkeit; ja, und die Seniorenhilfe Lichtblick wendet sich mit möglichst unbürokratischen, aber pickelhart geldwerten Mitteln gegen Altersarmut. Menschen wie Sie und ich, die ihre Freizeit — und womöglich noch ihre Arbeitszeit — an die Literatur egal welcher Epoche wenden, werden sich noch schmerzlich für Begriffe wie „Versorgungslücke“ und „Grundsicherung“ interessieren müssen, glauben Sie’s ruhig.

Das halte ich für ein sehr viel dringlicheres politisches Thema als irgendwelches Flüchtlings-Hickhack. An jemanden zu spenden, der demnächst auf meiner Seite stehen könnte, grenzt an praktizierte Altersvorsorge, um nicht zu sagen: Eigennutz. Es ist also schlau, sein Geld auszugeben, solange noch eins da ist.

Das sind Vorschläge. Niemand muss sich genieren, diese Läden unterstützt zu haben, und sie sind allesamt gemeinnützig, das heißt: Was immer Sie spenden, können Sie von der Steuer absetzen. Zulässig sind noch sehr viele andere Adressen, die ich ebenfalls anerkennen werde, sagen wir: Amnesty International, Strahlemännchen, Animals‘ Angels, Attac, Ihr örtliches Tierheim, die Freiwillige Feuerwehr, das Rote Kreuz, solche Sachen.

Nachdem Sie gespendet haben, sollten Sie mich nämlich wissen lassen, an wen und wie viel. Dann entscheide ich, was ich Ihnen dafür schenke. Ich würde ja gern sagen, hey, ich verdopple einfach den Betrag, aber dann wedeln wieder alle mit den Hundertern, und die Seniorenhilfe Lichtblick wartet auf meine Aufstockung, bis sie mich unterstützen muss.

Spenden Sie, soviel Sie wollen, soviel Sie können; sehen Sie’s nicht als Opfer, sehen Sie’s so, dass Sie andere an Ihren Privilegien teilhaben lassen. Was immer Sie mir erzählen, werde ich nicht nachprüfen, da hätte ich schön was zu tun. Vielmehr gedenke ich Ihnen zu glauben, denn selbstverständlich habe ich die ehrlichsten und großzügigsten Leser der Welt. Wer meint, mich wegen eines alten Buches anlügen zu müssen, darf das entweder mit seinem eigenen Gewissen ausmachen, oder er hat alte Bücher sehr lieb, was dann schon wieder eine Qualifikation für sich wäre. Egal ob wir „Spendenanreiz“ oder „Belohnung“ oder etwas ganz anderes dazu sagen wollen, zu vergeben habe ich:

  • Gotthold Ephraim Lessing: Werke, Band 2 von 3: Kritische und philosophische Schriften. Nach den Ausgaben letzter Hand unter Hinzuziehung der Erstdrucke, die Winkler-Ausgabe 1969, Auflage von 1974, Dünndruck mit intaktem Lesebändchen, Schutzumschlag und Pappschuber, enthält unter anderem vollständig den Laokoon, die Hamburgische Dramaturgie, Briefe, die neueste Literatur betreffend und Die Erziehung des Menschengeschlechts. Der Schutzumschlag ist am Rücken etwas angefranst, was sehr vintage aussieht;
  • Gotthold Ephraim Lessing: Werke, Band 3 von 3: Vermischte Schriften. Ebenfalls die Winkler-Ausgabe 1972, Auflage von 1995, Dünndruck mit intaktem Lesebändchen, Schutzumschlag und Pappschuber, enthält Schriften zur Theologie, Philosophie und Literatur und antiquarische Schriften, Nachwort und Anmerkungen. Auffallend frisches Exemplar, schon mit dem neueren Verlagslogo, fast schon ein Stück fürs Moderne Antiquariat;
  • Ludwig Tieck: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 1 von 4: Frühe Erzählungen und Romane, die Winkler-Ausgabe, Auflage von 1963, Dünndruck mit intaktem Lesebänchen, Schutzumschlag und Pappschuber, enthält vollständig den William Lovell, Franz Sternbalds Wanderungen plus etliche Raritäten, Nachwort und Anmerkungen von Marianne Thalmann. Das ist mein liebstes von allem Ausgesetzten, das hab ich selber erst kürzlich angeschafft;
  • Ludwig Tieck: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 3 von 4: Novellen, die Winkler-Ausgabe 1965, Auflage von 1985, Dünndruck mit intaktem Lesebändchen, leider ohne Schutzumschlag und Pappschuber, enthält Tiecks umfassendste Novellensammlung in 1 abgeschlossenen Band außerhalb der Frankfurter Ausgabe, darunter etliche Preziosen der Romantik, Nachwort und Anmerkungen. Das Buch ist quasi nackt, aber in schönem dunkelgrünem Leinen und ansonsten recht frisch;
  • Ludwig Tieck: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 4 von 4: Romane, die Winkler-Ausgabe, Auflage von 1966, Dünndruck mit intaktem Lesebändchen und Schutzumschlag, leider ohne Pappschuber, enthält Der Aufruhr in den Cevennen, Der junge Tischlermeister und Vittoria Accorombona, Nachwort und Anmerkungen. Der Schutzumschlag hat ein paar kleine Flecken und ist am Rücken angefranst und oben und unten vorsichtig mit Tesafilm repariert. Wie alle anderen ein einwandfrei benutzbares, bombig fest gebundenes Exemplar;
  • Robert Schumann: das vollständige Solo-Klavierwerk, eingespielt von Jörg Demus, Aufnahme von 1989, 13 CDs, Jewel-Cases im Pappschuber.

Das sind alles wunderschöne Sachen, mit denen man ein Leben lang Freude haben kann, die ich leider teils aus Platzgründen, teils wegen unzuträglicher Doppelungen loswerden muss, für die man aber sowieso keine Reichtümer erlösen kann. Deshalb macht es wesentlich mehr Spaß, das Zeug in gute Hände abzugeben. Wahrscheinlich kann — und will — ich nicht streng nach der Spendenhöhe bestimmen, was das materiell Wertvollste davon ist und wer warum was kriegt. Im Hintergrund sind sogar noch mehr Schätze vorrätig, die eigens abzulichten und zu beschreiben ich einfach zu faul bin, die aber abzugeben ich nicht anstehen werde. Das ist hier die privateste Veranstaltung, die sich denken lässt, und die rein unserer Gaudi dient. Etwelche Ansprüche können nirgendwoher abgeleitet werden, die Preisverteilung unterliegt meinem persönlichen Gutdünken.

Deshalb darf ich auch bestimmen: Wer sich hinreißen lässt, Geld an eine politische Partei egal welcher Ausrichtung zu spenden, kann gern das Doppelte an mich überweisen, weil er offenbar zuviel davon hat, für Spenden an die „AfD“ oder Schlimmeres: das Zehnfache, oder ach was, so viel kann kein Mensch zahlen. Redliche, freundliche Menschen schreiben mir dagegen formlos in den Kommentar, was sie an wen springen lassen und was sie gern dafür hätten. Wenn mich jemand durch besondere Freigiebigkeit oder Originalität in Spendenverhalten und/oder seinen Berichten darüber für sich einzunehmen versteht, könnte ich ihm sogar extra was Schönes oder ungemein Passendes ankaufen. Ich bin doch so ein schlichtes Gemüt und ganz leicht zu beeindrucken.

Versprechen kann ich nichts, ich will ja nur ein paar Bücher unter gute Menschen verteilen. „Ich bin nichts Offizielles, ich bin ein kleines Helles“, wie der Dichter sagt — aber die Redlichen und Freundlichen spenden natürlich auch ohne Gegenleistung, wie es ihnen auch jetzt passieren kann, stimmt’s? Das Porto für die Bücher- oder Warensendung geht auf mich. Ich selber hab einen Zwanziger an den Lichtblick gespendet, was Sie mir glauben können oder nicht, und darf mir deshalb was feines Neues kaufen.

Dergleichen muss man durchziehen, bevor der erste euphorische Entschluss kalt wird: Mein privates, unverbindliches Angebot steht eine weitere Woche lang: bis 18. Februar 2018, 23.59 Uhr.
Inzwischen happy Imbolc!

Lessing Tieck Schumann

Bild: Serviervorschlag, selber gemacht, 29. Januar 2018.

Soundtrack: Hauptsache, was Keltisches: The Pogues: I’m a Man You Don’t Meet Every Day, aus: Rum, Sodomy & the Lash 1985. Die stets malerisch missgelaunte Cait O’Riordan war eine der wenigen einzigen Frauen einer Band, die nicht die Vocals anführte, sondern ihrer Arbeit am Bass nachging. Ihren großen Moment hatte sie auf der zweiten und letzten Platte, die sie mit den Pogues machte — als sie eben doch das Vocal-Solo übernahm, um mit etwas verstörender Selbstverständlichkeit zu singen, was sie für ein ganzer Kerl und großer Herr sei. Kurz nach Fertigstellung des Albums heiratete sie dessen Produzenten Elvis Costello und ward von den Pogues nicht mehr gesehen:

Written by Wolf

2. Februar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Geburtstagsgewinnspiel (geschlossen): Warum ich?

with 10 comments

Nein, nicht mein Geburtstag. Der von Goethe, der merkt sich leichter: Am kommenden Montag, den 28. August, werden Exzellenz 268.

Der zuständige Buchhandel feiert derart krumme Sachen nicht; wir schon. Nachdem ich ja nie müde werde, den 150.-Todestag-Wälzer Unser Goethe. Ein Lesebuch der nationalheiligen Gaudifachkräfte Eckhard Henscheid und F. W. Bernstein bei Diogenes 1982 zu empfehlen, aber sich noch nie jemand für mich merklich diesen Gegenstand ins Haus geholt hat, verlose ich den jetzt. Und zwar gleich dreimal.

3mal Unser Goethe

Wer eine dieser drei in Jahrzehnten nicht versiegenden (hey: 1158 Seiten!) Quellen der Lebensfreude haben will, schreibt mir bitte in den Kommentar, warum ich ihm — oder natürlich ihr — so eine schenken soll. Wir reden hier von top erhaltenen Hardcovers, ungelesen, ohne Anstreichungen, Eselsohren oder dergleichen, mit sauberen Schutzumschlägen, noch nicht mal auf dem Schnitt als „Preisreduziertes Mängelexemplar“ (gibt’s den Spruch eigentlich als T-Shirt …?) gestempelt und allemal als Geschenk für die ganze Familie geeignet, für das man nicht mit diesem typischen säuerlich-mitleidigen Lächeln angeschaut wird. Die Originalausgabe bei Diogenes ist die Originalausgabe, die zwei Lizenzausgaben bei Zweitausendeins haben Lesebändchen. Kurz: Ich muss einen Sprung haben, das auf Zuruf zu verschenken.

Bei dem zu erwartenden Ansturm verteile ich zusätzlich weheklag-affine Sachen, die ich gerne in gebildeten Haushalten wissen will — zum Beispiel eine einwandfrei erhaltene dreibändige Auswahlausgabe Lessing bei dtv, sogar noch im Schuber, das Beethoven-Violinkonzert mit Anne-Sophie Mutter unter Vater Karajan 1980 und eine sehr alte Live-Aufnahme vom Gounod-Faust mit dem original belassenen Radiorauschen und Tonbandleiern, wie wär’s? — und bei dem reichlich vorhandenen Dotationsmaterial muss ich das Losverfahren nicht komplizierter machen. Die Kommentarfunktion da unten steht freundlichen Menschen wie immer weit offen.

Übrigens bin ich ein denkbar schlichtes Gemüt und leicht zu beeinflussen durch gute Laune, gereimte Gedichte (vor allem welche mit siebenzeiligen Strophen), hübsche Mädchen (vor allem rothaarige und große blonde), eine gewisse Brillanz im Ausdruck und bestimmt noch einigen Sachen, die mir bloß nicht ständig einfallen.

Wer will — und warum? Sagen Sie’s mir ab sofort bis nächste Woche, 1. September 2017, 23.59 Uhr, so lange muss reichen für die Feierlichkeiten. Bei überhand nehmenden Ansprüchen entscheidet über die Gewinne ein ergreifend barfüßiges Halbwaisenmädchen, dem einfach niemand widersprechen kann. Am besten meine Frau.

Eine Versandadresse werde ich brauchen, das Porto für eine Büchersendung geht auf mich. Dies ist meine persönliche Privatveranstaltung, die allein meiner selbstherrlichen Willkür unterliegt; von einem Rechtsweg kann darob keine Rede sein.

3mal Unser Goethe

Fachliteratur:

Moritz von Schwind, Die Geburt Goethes, 1844

Buidln:

Soundtrack: Angemessenerweise die bezaubernde Hilary Hahn, wie sie dem noch nicht abgedankten, dafür entgegen aller Feuerschutzbestimmungen mitten im Fluchtweg herumthronenden Papst Ratzinger zum 80. Geburtstag Mozarts drittes Violinkonzert G-Dur, KV 216 von 1775 aufgeigt, was nach einer einfachen Rechnung am 16. April 2007 (und einer noch einfacheren Google-Anfrage nach in der Aula Paolo VI im Vatikan) vorgefallen sein muss. — „Wenn es ein Wunder in Mozarts Schaffen gibt, so ist es die Entstehung dieses Konzertes.“ (Alfred Einstein, 1945):

Written by Wolf

25. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Your open hand but shows our loss

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Update zu Zwetschgenzeit (Du bist gemeint):

Unterschied zwischen einem Terroristen und einem Controller? — Der Terrorist hat Sympathisanten.

Rwxrwxrwx, Hugh Lane Gallery, Parnell Square, Dublin, 8. Juni 2015, Wikimedia Commons

Ein zeitloses Thema. — Die Dublin City Gallery The Hugh Lane zum Beispiel, 1908 eine der weltweit ersten öffentlichen Galerien für moderne Kunst, scheint allen verfügbaren Bildern nach ein kleines, auf einnehmende Weise familiär geführtes Haus, das seinen bemessenen Raum sorgfältig nutzen muss. Mit dem Geld ist es so eine Sache:

Der Eintritt in die Galerie und die Ausstellungen ist kostenlos, es werden jedoch Spenden von mindestens 2 Euro erbeten.

Das schreiben sie 2017 auf ihrem digitalen Auftritt. Dieses Hin oder Her ist mindestens seit 1912 unklar.

——— William Butler Yeats:

To a Wealthy Man who promised a second Subscription to the Dublin Municipal Gallery if it were proved the People wanted Pictures.

December 1912 as The Gift in: The Irish Times, January 11th, 1913,
collected in: Responsbilities, 1914:

You gave but will not give again
Until enough of Paudeen’s pence
By Biddy’s halfpennies have lain
To be ’some sort of evidence,‘
Before you’ll put your guineas down,
That things it were a pride to give
Are what the blind and ignorant town
Imagines best to make it thrive.
What cared Duke Ercole, that bid
His mummers to the market place,
What th‘ onion-sellers thought or did
So that his Plautus set the pace
For the Italian comedies?
And Guidobaldo, when he made
That grammar school of courtesies
Where wit and beauty learned their trade
Upon Urbino’s windy hill,
Had sent no runners to and fro
That he might learn the shepherds‘ will.
And when they drove out Cosimo,
Indifferent how the rancour ran,
He gave the hours they had set free
To Michelozzo’s latest plan
For the San Marco Library,
Whence turbulent Italy should draw
Delight in Art whose end is peace,
In logic and in natural law
By sucking at the dugs of Greece.

Your open hand but shows our loss,
For he knew better how to live.
Let Paudeens play at pitch and toss,
Look up in the sun’s eye and give
What the exultant heart calls good
That some new day may breed the best
Because you gave, not what they would
But the right twigs for an eagle’s nest!

——— William Butler Yeats:

An einen wohlhabenden Mann, der Dublins Städtischer Galerie eine zweite Spende versprach, sofern bewiesen würde, daß die Leute Bilder wollten

deutsch von Norbert Hummelt in: William Butler Yeats: Die Gedichte, Luchterhand Literaturverlag, München 2005: Verantwortungen, Seite 121 f.:

Du spendetest, doch legst nicht nach,
Eh Paddy nicht das Seine gab
Und bis Biddys Kleinzuwendung
Dir den „Beweis geliefert“ hat,
Bevor du mehr Guineen butterst,
Daß deine ehrenwerte Gabe
Just das ist, was die dumpfe Stadt
Am allermeisten nötig hat.
Was schert‘ es Herzog Ercole,
Als er sich Pantomimen lud,
Ob auf dem Markt ein Zwiebelhändler
Nun seinen Plautus wirklich gut
Und vorbildlich für die Komödie fand?
Auch Guidobaldo, als er einst
Die hohe Schule des Benimms,
Wo Geist und Schönheit gleich geschult,
Im windigen Urbino schuf,
Da schickt‘ er keine Boten aus,
Um Schäfermeinung zu erfragen.
Und als man Cosimo vertrieb,
Da war sein Groll ihm nicht im Weg,
Er widmete die freie Zeit
Ganz Michelozzos neustem Plan
Für die San Marco-Bücherei,
Auf daß Italiens Ungestüm
Zum Frieden fände in der Kunst,
Die Logik und Naturgesetz
Ganz frisch aus Hellas‘ Zitzen saugt.

So wie du gibst, hat’s wenig Wert,
Doch jener wußte, wie man lebt.
Laß Paddy sich beim Sport vergnügen,
Schau hoch zur Sonne, und dann gib,
Was dein Herz als recht empfindet,
Auf daß die Zukunft einst die Besten brütet,
Denn du gabst nicht, was sie wollten,
Sondern die Zweige für ein Adlernest.

Hugh Lane Gallery, Francis Bacon's studio, Michael Parsons, Life's Work. Adelle Hughes, head of the art department, Whyte’s, Dublin, The Irish Times, 20. August 2016

Leider nicht nachweisen (und deshalb nicht verlinken) konnte ich eine bestimmte „grammar school of courtesies“ in Urbino, die um 1500 von Guidobaldo da Montefeltro gegründet sein sollte. Gefunden habe ich im Kommentar zu Yeats‘ Early Essays allgemeiner:

Duke Frederigo [sic] da Montefeltro (1422–82) ruled the Renaissance city-state of Urbino from 1444 onward. A famous patron of the arts, he turned Urbino into a leading center of art and humanism and accumulated a famous library. He was succeeded by his physically feebler son Guidobaldo (1472–1508), who continued his patronage and was praised by Castiglione in The Book of the Courtier [1528]. Yeats invoked Guidobaldo in „To a Wealthy Man“ (P, 106–7).

Der deutsche Übersetzer Norbert Hummelt scheint A. Norman Jeffares: A Commentary on the Collected Poems of W. B. Yeats von 1968 benutzt zu haben, um auf seine zwangsläufig ebenfalls allgemein gehaltene Lösung „die hohe Schule des Benimms“ zu verfallen:

That grammar school : he [i. e. Guidobaldo da Montefeltro] was highly praised in The Courtier. Talents, learning, grave deportment and fluency of speech were required of his courtiers, and the culture and refined manners of his court were renowned. Yeats sees it as a place where youth ‚for certain brief years imposed upon drowsy learning the discipline of its joy‘ (A 545).

Das letztere Yeats-Zitat könnte noch in ein Kapitel für sich ausufern; erstaunt war ich vor allem über den laxen Gebrauch des Oxford-Kommas in einem literaturwissenschaftlichen Standardwerk 1968. Aber wer erfragt schon meine Schäfermeinung.

Dublin City Gallery, The Hugh Lane, Self Portrait by Frank O'Meara with Lucia Fabbro and Jessica O'Donnell, Conservation of Self Portrait by Frank O'Meara. As part of our theme Artist as Witness. Migrations for 2017, 19. Dezember 2016

Bilder:

  1. Rwxrwxrwx: Hugh Lane Gallery, Parnell Square, Dublin, 8. Juni 2015;
  2. Hugh Lane Gallery: Francis Bacon’s studio in Dublin City Gallery, The Hugh Lane: „A national treasure and an excellent example of public sector collaboration with an artist’s estate“, via Michael Parsons: Life’s Work: Adelle Hughes, head of the art department, Whyte’s, Dublin, The Irish Times, 20. August 2016;
  3. Dublin City Gallery, The Hugh Lane: Self Portrait by Frank O’Meara with Lucia Fabbro and Jessica O’Donnell, 19. Dezember 2016, in: Conservation of Self Portrait by Frank O’Meara. As part of our theme ‚Artist as Witness: Migrations‘ for 2017.

Soundtracks: Toby Darling: To A Wealthy Man, Februar 2017, in YouTube mit Gitarrengriffen;
Flogging Molly: Selfish Man, aus: Alive Behind the Green Door, 1997,
als Ando Reann, aka Dreanna: Life and Times of Scrooge McDuck Tribute, 2008
mit Dagobert-Duck-Material von Don Rosa:

Written by Wolf

18. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Impressionismus

DIY: Doing a Grillparzer

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——— John Irving:

In the City Where Marcus Aurelius Died

from: The World According to Garp, E. P. Dutton, Boston 1978:

In Vienna Jenny and Garp went on a spree of Grillparzer jokes. They began to uncover little signs of the dead Grillparzer all over the city. There was a Grillparzergasse, there was a Kaffeehaus des Grillparzers; and one day in a pastry shop they were amazed to find a sort of layer cake named after him: Grillparzertorte! It was much too sweet. Thus, when Garp cooked for his mother, he asked her if she wanted her egg soft-boiled or Grillparzered. And one day, at the Sch?nbrunn Zoo, they observed a particularly gangling antelope, its flanks spindly and beshitted; the antelope stood sadly in its narrow and foul winter quarters. Garp identified it: der Gnu des Grillparzers.

Of her own writing, Jenny one day remarked to Garp that she was guilty of „doing a Grillparzer.“ She explained that this meant she had introduced a scene or a character „like an alarm going off.“ The scene she had in mind was the scene in the movie house in Boston when the soldier had approached her. „At the movie,“ wrote Jenny Fields, „a soldier consumed with lust approached me.“

„That’s awful, Mom,“ Garp admitted. The phrase „consumed with lust“ was what Jenny meant by „doing a Grillparzer.“

„But that’s what it was,“ Jenny said. „It was lust, all right.“

„It’s better to say he was thick with lust,“ Garp suggested.

„Yuck,“ Jenny said. Another Grillparzer. It was the lust she didn’t care for, in general. They discussed lust, as best they could. Garp confessed his lust for Cushie Percy and rendered a suitably tame version of the consummation scene. Jenny did not like it. „And Helen?“ Jenny asked. „Do you feel that for Helen?“

Garp admitted he did.

„How terrible,“ Jenny said. She did not understand the feeling and did not see how Garp could ever associate it with pleasure, much less with affection.

„‚All that is body is as coursing waters,'“ Garp said lamely, quoting Marcus Aurelius; his mother just shook her head.

Ich mag nicht, wenn Bücher in einen Klarsichtumschlag aus Erdöl gewandet sind. Das sieht aus wie eingeschweißtes Gemüse und fühlt sich auch so an. Wie alle anderen Leute auch, miste ich seit mehreren Jahren meine Bücher aus: Tendenziell werden meine Regale leerer, nicht voller, und meine voraussichtlichen Erben feuern mich an dabei. Wer heute noch Bücher anschafft, die man weder auf einem Gerät mit Internetzugang speichern noch in einer Bibliothek zurückgeben kann, braucht einen von ganz wenigen Gründen: 1. Wärmedämmung, 2. ordentlich erschlossene Texte, 3. Haptik.

Betrachten wir Grund 3. Der Buchkörper geht meistens klar, es gibt Menschen, die finden das Anfassen von Papier geradezu erotisch. Mit dem Anfassen von Buchumschlägen, die man ja beim Gebrauch eines Buches durchgehend berührt, ist es so eine Sache: Wie erotisch ist die Berührung von Glanzpapier? Der verlagsweise unterschiedlichen Pappdeckel von Taschenbüchern? Vom Leinen der Buchdeckel der Hardcovers? Der Plastikfolie jener Verlage, die das Glanzpapier vermeiden? Erotik rechnet kaum nach unterscheidbaren Gruppen, viel eher nach Individuen.

Selbst die wissenschaftlich einwandfreien, kompromisslos hochwertig ausgestatteten und deshalb märchenhaft teuren Referenzausgaben des Deutschen Klassiker Verlags lassen sich nicht nehmen, ihre Leinenbindungen — nicht die Lederbindungen — zwischen Schutzumschlag und Schuber noch einmal durch Plastik zu schützen. Ist das nicht schaurig?

Ja, das ist es, und ich will nicht einmal entscheiden, ob es schauriger ist, beim Lesen mit den Fingerkuppen auf dem rohen Leinen ohne weiteren Schutz herumzuraspeln — siehe: Die Andere Bibliothek, mareverlag, die Prachtausgaben von Manesse pp. — oder auf einer Erdölhaut herumzujuckeln — siehe: im Premium-Segment die Hochglanzperiode in den 1980er Jahren bei Artemis & Winkler u.v.a., im Ökonomiesegmet alles aus jeder Stadtbücherei — wobei letztere wenigstens eine Ausrede hat.

Ausnahmsweise wusste ich mir zu helfen und freue mich inzwischen schon fast darüber, wenn ich an Büchern was zu tunen bekomme. Zum Beispiel bei meinem Grillparzer: Irgendwann 2016 für sieben Euro aus dem Münchner Oxfam aufgelesen — für alle drei Bände Dünndruck, leider eine Buchclub-Lizenz, dafür eine österreichische, was im Falle Grillparzer besonders passend erscheint, und schlimmer: in rosa Leinen gebunden und nochmal in einen Schutzumschlag aus jener schauderhaften Plastikfolie gewickelt. — Vorher:

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Die Hilfe heißt: ein eigener Schutzumschlag aus dem Papier der eigenen Wahl. Meine Wahl waren alte Werbeanzeigen aus Zeitschriften der 1990er Jahre, die ich in meiner Zeit als Werbetexter zu Zwecken teils der Erheiterung, teils der Dokumentation gehortet habe. Hab ich’s doch vor zwanzig Jahren schon gewusst, dass die irgendwann zu etwas gut sein müssen: spätestens heute, wo sie als found paper durchgehen. Sollte jemand 1995 nicht so umsichtig gewesen sein wie ich, empfehle ich die Saison-Prospekte der Konen Bekleidungshaus KG, die zweimal jährlich führenden süddeutschen Zeitungen beiliegen: Die machen mehrere Seiten Großformat auf sehr streichelfreundlichem, seidigem Papier mit Motiven sehr ansehnlicher Fotomodelle in eindeutigen, warmen Farben. Besser als mancher Buchumschlag.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Der haptisch empfindsame Bücherfreund entkleidet also entweder das Buch seines hässlichen, quietschenden, knitternden Klarsichtumschlags, oder falls es von vornherein keinen solchen hat, stellt er selbst einen Dummy für einen Buchumschlag her. Dazu reicht jedes Blatt Papier, auf dessen Beschaffenheit es nicht so ankommt, Hauptsache es ist etwas breiter als die gesamte Flügelspannweite des einzukleidenden Buches, also beide Buchdeckel plus Buchrücken plus weitere fünf bis zehn Zentimeter für die zwei Klappen vorn und hinten, und wenige Zentimeter höher. Meistens reicht Kopierpapier DIN A4, weil Bücher überraschend klein sind, wenn man sie mal in die Werkstatt nimmt, und wenn nicht, Zeitungspapier.

Der Trick ist nämlich, nicht einen Umschlag für das Buch herzustellen, sondern eigentlich für dessen Buchumschlag. Das klingt zuerst seltsam, bewahrt aber das Buch vor Schäden durch Leim oder Tesafilm. Ich nehme Tesafilm, der kleckert nicht so und tut’s vollauf. Um den Buchumschlag ist es nicht ganz so schade, denn genau den wollen wir ja verbessern.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Den Umschlag-Dummy, entkleidet oder selbst zurechtgeschnitten, auf der Arbeitsfläche über dem neuen Umschlag mittig ausbreiten. Dabei aufpassen, welche Seite nach außen und nach oben kommt, es geht um Schönheit. An den Stellen, wo die Gelenke zwischen Buchdeckel und Buchrücken hinkommen, mit der Schere bis zum Umschlagrand einschneiden. Die schmalen Lappen über dem Buchrücken über dem Dummy einschlagen und locker mit Tesafilm fixieren, an diesen Stellen muss es nicht bombenfest halten. Letzter Check: Stimmt das Motiv, das künftig um das Buch herum sichtbar wird? Wenn nicht, alles nochmal von vorn.

Den Umschlag-Dummy mit dem Umschlag versehen, das geht so ähnlich wie früher das schuljährliche Einbinden der lehrmittelfreien Bücher. Zwischendurch immer wieder den Umschlag am Buch anpassen und versuchen, ob es sich noch gewaltfrei öffnet und schließt: Man neigt immer dazu, das Papier stramm zu ziehen, dann sitzt der Umschlag zu knapp.

Möglichst nur am Umschlag selbst kleben, nicht am Buch, das ist handwerklich sauberer. Und möglichst nur in einer Lage arbeiten, ab der zweiten bilden sich Wülste aus überschüssigem Papier und Tesafilm. Vor allem wenn Sie mehrere Bände verschönern, die zusammen in einen Schuber passen sollen, zählt jeder Millimeter Breite. Leider weiß ich gut, wovon ich rede.

Außerdem empfehle ich dringend, die Buchrücken wenigstens rudimentär zu beschriften, sonst suchen Sie sich ab der zweiten, dritten Eigenkreation in Ihrem eigenen, organisch gewachsenen Bücherregal blöd. Dünner schwarzer Edding in unauffälliger Kalligraphie, gegen das gröbste Verwischen noch ein Streifchen Tesafilm drüber, dann klappt das auch mit der hauseigenen Bibliographie.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Soviel muss klar sein: Das muss man wollen. Ein Buch, an dem Sie sich optisch so wesentlich vergriffen haben, nimmt Ihnen fortan weder der Oxfam noch der Music and Books noch die Ramschtante von der Stadtbücherei noch ab, auf dem Amazon.de-Marketplace ist nicht einmal mehr der Zustand „Akzeptabel“ (lies: „Scheiße“) für 1 Cent zu vermitteln, in der „Zu verschenken!!!“-Kiste finden Sie am nächsten Tag eine leere Bierflasche daneben (Materialwert: immerhin 8 Cent), und Ihre voraussichtlichen Erben husten Ihnen was. Das found paper muss allein Ihnen — oder jemand zu Beschenkendem — gefallen, sonst lassen Sie’s lieber. Wirklich. Wenn Sie Gegenstände wertsteigern wollen, kaufen Sie Immobilien, alles andere verfällt beim Zuschauen, und vor allem Bücher, die einmal die Druckerei verlassen haben, sind Privatvergnügen.

Was jetzt ich mit meinem tollen dreibändigen Dünndruck-Grillparzer im 90er-Werbegewande will? — Nix, siehe oben den Abschnitt von John Irving. Aber sieht er nicht schnulli aus? — Nachher:

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

BuchBinderBilder: Extreme Grillparzering. 19. März 2017;
Soundtrack zum Tag der Arbeit: Hanns Eisler, Opus 28, 1930; Text: Erich Weinert, 1927:
Der heimliche Aufmarsch, gesungen von Ernst Busch mit Ernst-Busch-Chor,
o. J., jedenfalls nach Eisslers Neuvertonung 1938. In Musik, Text und Aufführung das Paradebeispiel für ein Arbeiterkampflied; die Wölfin nennt es Männerschimpflied:

Written by Wolf

1. Mai 2017 at 06:00

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Realismus

Me no worry

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Friedrich Schiff, Maskee. A Shanghai Sketchbook, ca. 1940, Cover

——— Friedrich Schiff:

Miss Shanghai

aus: Maskee. A Shanghai Sketchbook, Shanghai, Privatdruck um 1940:

Me no worry — me no care!
Me go marry millionaire!
If he die — me no cry!
Me go marry other guy!!

„Maskee“ heißt „never mind“.

Friedrich Schiff, Maskee. A Shanghai Sketchbook, ca. 1940, Miss Shanghai

Looks via Bauman Rare Books, New York; Rare Oriental Books, Aptos, California.

Bonus Track: Zhou Xuan, Ruan Lingyu: Ye Shang Hai, aus: Nightlife in Shanghai, ca. 1938:

Written by Wolf

8. März 2017 at 01:44

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento

Wie werde ich Schriftsteller? (Von den Exkrementen hirnloser Köpfe)

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?):

Zur Frankfurter Buchmesse wird ja wieder turnusmäßig lamentiert, wer das alles lesen soll. Wir bringen deshalb im Text zahlreiche gute Gründe, alles, bloß kein kein Schriftsteller zu werden, und im Bild ein paar gute Gründe, doch Schriftsteller zu werden.

Audrey Hepburn ReadsDer Abratende ist glaubwürdig, denn kein Vater würde seinem Sohn im Ernst empfehlen, den Sockel seiner Existenz auf das geschriebene Wort zu setzen (auf das gesprochene sonderbarerweise schon). Der Abratende macht sich wiederum unglaubwürdig, indem er selbst Schriftsteller ist.

Mehr noch: Christoph Martin Wieland war Bestsellerautor; noch mehr: ein Viertel des „Weimarer Viergestirns„, also in einer seit Jahrhunderten als selbstverständlich hingenommenen Reihe mit Herder, Goethe und Schiller. Dass er einer der ganz wenigen deutschen Klassiker werden sollte, war noch nicht so zu benennen, aber schon zu seiner langen Wirkungszeit nicht anders zu erwarten.

Desto erstaunlicher ist es zu lesen, wie sich dieser Halbgott von Ausnahmekünstler offenbar mit den gleichen Problemen wie ich kleinstes aller Lichter herumgeschlagen hat: Er balgt sich mit der Konkurrenz, die er selbstmörderisch unterbieten muss, um Textaufträge, übersetzt im selbstruinierten Akkord um sein Leben, leistet sich aller fünf Jahre eine neue Klamotte, beneidet den gerne verachteten Kotzebue um seinen Verdienst und stellt aus Kostengründen seine oft im Alleingang bestückte, verlegte und vertriebene Zeitschrift ein — er allerdings nach 30 Jahren in einem Verbreitungsgebiet zwischen Riga und Triest.

Ähnliches hat mein Vater mir gesagt, und Väter werden in gleicher Tonart fortfahren, Söhne von ruinösen Erwerbszweigen abzuhalten und zu einträglichen zu ermutigen. Leider bin ich selbst der Vater von nichts und niemandem, aber befragt, würde ich empfehlen, lieber Bestatter zu lernen: Gestorben wird immer.

Marilyn Monroe Reads.

——— Christoph Martin Wieland:

An Ludwig F. A. Wieland in Bern

Brief an seinen Sohn Ludwig Wieland, Tiefurt, angefangen den 9. August 1802,
cit. die vollständigste Version außerhalb großer Gesamtausgaben: Wieland-Lesebuch, Insel Verlag 1983:

Debbie Harry Reads MadWeißt Du auch was Schriftstellerei, als Nahrungszweig getrieben, an sich selbst, und besonders heut zu Tag in Deutschland ist? Es ist das elendeste, ungewisseste und verächtlichste Handwerk, das ein Mensch treiben kann – der sicherste Weg im Hospital zu sterben. Das Bettlerhandwerk nährt seinen Mann besser und ist kaum schmählicher. Hast du dich geprüft? Kannst du in einem Dachstübchen des Winters frieren, des Sommers dorren? Kannst du von Salz und Brot und Kartoffeln leben, so oft du dich nicht etwa bei andern, die ein besseres ordinaire haben, zu Gaste bittest? Jene magere Kost und alle 5 Jahre ein neuer Caputrock von Görlitzer Tuch, ist alles, wozu ich dir bei der Schriftstellerei, wie du es nennst, Hoffnung machen kann, wofern du nicht etwa, als Corrector in Druckereien oder durch irgend einen andern modum acquirendi dieser Art, Mittel findest, dein Einkommen zu verbessern. — Und mit was für Zweigen deines neuen Gewerbes denkst du dich zu nähren? Mit Übersetzenwaren sonst ein paar Taler per Bogen zu verdienen; aber diese Innung ist so fürchterlich übersetzt, daß die Arbeit das Salz und den Lausewenzel nicht mehr abwirft, den diese Ehrenmänner, um den Hunger dadurch abzutöten, rauchen müssen. Auf jede neue Brochure, die in Frankreich und England herauskommt, warten 10 Übersetzer mit weitoffnen Mäulern; der Buchhändler, dessen Profit bei dergleichen Sachen gewöhnlich auch sehr gering ist, gibt das Buch dem wohlfeilsten Arbeiter, und dieser muß sich zu Schanden abschächern, wenn er täglich soviel als ein Holzhacker verdienen will. Ich weiß, was du mir sagen wirst — Romane, Schauspiele, Zeitschriften, Taschenbücher — und die Beispiele von Goethe, Schiller, Richter, Kotzebue, La Fontaine. In der Tat machen diese fünf eine Ausnahme; aber was sind 5 gegen mehr als 6000 Buchmacher, die es jetzt gibt? […] Der Buchhandel liegt in einem so tiefen Verfall und wird mit jeder Messe so viel schlechter, daß selbst angesehene Buchhändler erschrecken, wenn ihnen ein Manuskript, das nicht einen schon berühmten Namen zum Garant hat, angeboten wird. Die Buchläden sind mit Romanen und Theeaterstücken aller Art dermaßen überschwemmt, daß ihnen jeder Taler zu viel ist, den sie für ein Schauspiel, das nicht von Kotzebue oder Schiller, oder einen Roman, der nicht von Richter, La Fontaine oder Huber kommt, geben sollen. […] Mit Journalen ist vollends gar nichts mehr zu verdienen; es stechen zwar alle Jahre etliche Dutzend neue, wie Pilze aus sumpfichtem Boden, aus den schwammichten Wasserköpfen unsrer literarischen Jugend hervor; aber es sind Sterblinge, die meistens das zweite Quartal nicht überleben. Die alten Journale sind bisher immer noch die dauerhaftesten gewesen; aber auch diese nehmen mit jedem Jahrgange ab, und der ‚Teutsche Merkur‚, der sich dreißig Jahre erhalten hat, wird, allem Anscheine nach, mit diesem Jahre seine corvée beschließen. […]

Lauren Bacall ReadsIch gestehe gern, daß alles, was ich von der Misere der Schriftstellerei, als modus acquirendi betrachtet, gesagt habe, einige Modifikation erleiden möchten wenn die Rede von einem jungen Manne wäre, der sich aus Drang eines inneren Berufs, mit dem Bewußtsein großer und ungemeiner Geisteskräfte und Talente, folglich mit einer vorgefühlten Gewißheit, Sensation in unsrer geschmacklosen, erschlafften und am liebsten von den Exkrementen hirnloser Köpfe sich nährenden Lesewelt zu machen, zur Schriftstellerei entschließen wollte. Ich weiß nicht, ob du dieser junge Mann bist, wiewohl ich einige Ursache habe, sehr daran zu zweifeln. […] Du glaubst Talent für die echte Komödie zu haben! Es mag sein, daß du Anlage dazu hast; aber damit reichst du nicht aus: es gehört noch ein großer Fond von Welt und Menschenkenntnis, aus Erfahrung und Umgang mit allen Arten von Menschen und allen Ständen und Klassen geschöpft, dazu, den du dir unmöglich schon erworben haben kannst; es gehören Studien dazu, die du nicht gemacht hast, und eine Fertigkeit und Gewandtheit des Stils, wovon ich noch keine Probe von dir gesehen habe. Doch, auf alles das läßt sich am Ende eine Antwort geben, die allem Streit ein Ende macht. Schreibe eine Komödie, die in Deutschland wirklich Sensation macht, die zu Berlin, Wien, Frankfurt, etc. zehnmal hintereinander gegeben wird, die jeder Theaterdirektor haben will, — und ich verstumme. […]

Ich habe dir nun, mein lieber Louis, über […] die Schriftstellerei, als angeblich einzigen dir übrigbleibenden Nahrungszweig […] meine Gedanken mit der Offenheit eröffnet, die einem Vater gegenüber seinen Sohn Pflicht ist. […] Seit dem Tode deiner guten Mutter haben sich die Umstände sehr verändert. Ich kann und werde nicht länger zu Oßmannstedt leben, sondern werde, sobald als möglich wieder in die Stadt ziehen. Den größten Teil der Sommerszeit habe ich in Tiefurt bei der Herzogin zugebracht, und gehe, nach einem Aufenthalt von wenigen Tagen im Schoß meier Familie, morgen wieder dahin zurück. Ich bin im Begriff das mir äußerst lästig gewordene Oßmannstedtische Gut zu verkaufen, um mich von den Schulden, in die es mich gesteckt hat, frei zu machen, und den Rest meiner Tage ohne Sorge und Kummer zu verleben. Ich behalte bloß Haus und Garten in Oßmannstedt, weil deiner Mutter Grab darin ist und ich selbst neben ihr begraben sein will. […]

Wonder Woman Reads.

Gute Gründe, Schreiber zu werden: Audrey Hepburn, Marilyn Monroe, Debbie Harry, Lauren Bacall und Wonder Woman lesen — via Awesome People Reading.

Soundtrack: Ein Schreiber, der nicht schreibt: der 37-jährige Jerry Lewis in: Who’s Minding the Store? (deutsch: Der Ladenhüter), 1963. Seine beiläufig entgleisende Mimik ist bis heute einzigartig.
Musik: Joseph J. Lilley:

Written by Wolf

21. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Handel & Wandel

Urbane Legenden: Der Hugendubel am Marienplatz

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Update zu Und Heinrich Frank hat dichtgemacht:

Sobald ich ein wenig Geld bekomme, kaufe ich Bücher; und wenn noch was übrig bleibt, kaufe ich Essen und Kleidung.

Erasmus, Denker.

Was machte ich mit dem Gelde, wenn ich nicht Bücher kaufte?

Lessing, Schreiber.

Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.

Lichtenberg, Experimentalphysiker.

Es wäre gut Bücher kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte.

Schopenhauer, Kaufmann (Ausbildung abgebrochen), Lehrer.

Lieber Meister Rowohlt, liebe Herren Verleger! Macht unsre Bücher billiger! Macht unsre Bücher billiger! Macht unsre Bücher billiger!

Tucholsky an Ernst Rowohlt, Allrounder.

Es ist ja selten, dass ein Bestseller auch ein gutes Buch ist. Die meisten Bücher in den Bestsellerlisten seien ja nur, wie mein Vater (der Verleger Ernst Rowohlt) zu sagen pflegte, rot glühende Kosakenscheiße.

Harry Rowohlt, Übersetzer.

Wer die Versuchung nicht kennt, ein Buch zu klauen, der verdient auch keine Freiexemplare.

Ernst Rowohlt, Verleger.

Die größte Buchhandlung Deutschlands war von 1979 bis 2016 der Hugendubel am Münchner Marienplatz. Da stand er ein Jahrzehnt ums andere und stahl dem gegenüberliegenden Neuen Rathaus die Schau. Hugendubel war so riesig, dass er extra Leseinseln einrichten musste, wo man mit seinen Bücherstapeln auf dem Weg zur Kasse verschnaufen konnte. Hintereinandergelegt ergaben die Bücher, die es bei Hugendubel gab, eine Strecke dreimal um den Äquator. Wenn man sie alle auf einmal angezündet hätte, so hätte sich die Atmosphäre auf dem Marienplatz um 17 Grad Celsius erwärmt. Das haben aber zuletzt 1933 f. am Königsplatz fünfzigtausend Durchgeknallte getan.

Besonders um den Ladenausgang ranken sich zahlreiche Legenden. An der Kassenreihe im ersten Stock konnte man sich nämlich so leicht vorbeischlängeln, dass mancher sich auf ein Versehen herausredete und damit durchkam. Von dort aus ging es eine Treppe hinunter auf die Straße. Wer mit seinen Bücherstapeln im Arm nochmal ins Erdgeschoß wollte, konnte also leicht schon mal unfreiwillig Bücher gestohlen haben. Deswegen hing über dem Treppenhaus, wo man sich ohnehin mir nichts, dir nichts die Birne einrannte, ein Schild, dass man hier und jetzt sofort zu bezahlen habe.

Hugendubel Marienplatz, München, 8. März 2014. Richard Benson, Der verschimmelte Reiter, Piper 2013Einen reisenden Schreibgehilfen aus dem Fränkischen, nicht vorbereitet aufs Zahlen, weil er nur mal die Leseinseln angucken wollte, packte die Panik beim Anblick all der Kassen und des unwidersprechlichen Schildes über der Treppe. Hinter ihm lauerte schon der Kaufhausdetektiv mit Sonnenbrille und Lasso.

„Zahlen soll ich?“ dachte der Schreibgehilfe beherzt, „wüsste nicht, wofür!“, nahm Anlauf, sprang die weltberühmten dreizehn Stufen bis zum Absatz und kullerte die restlichen fünfe auf den Marienplatz hinaus. Und rannte sich richtig die Birne ein dabei.

Natürlich dachte der Kaufhausdetektiv hinter ihm, dass wer es so eilig hat, alle Manteltaschen voll gestohlener Bücher haben müsste, und alarmierte mit dem Handy seinen Kollegenstab. Unten auf dem Marienplatz wand sich der Schreibgehilfe vor Schädelweh und dachte nicht anders, als der Schäfflertanz vom Rathaus wäre ein Glockenspiel in seinem Kopfe, weil es gerade Mittag schlug. Indessen hoffte er, dass jemand mit seinem Handy die Sanitäter alarmieren mochte. Wie staunte er da, als er nach keinen zwanzig Sekunden links und rechts von Männern mit Sonnenbrillen und Lassos im Gürtel hochgehoben und zurück in den Hugendubel geschleift wurde.

Er ging in den Folterkammern des Hauses verschollen, weil bis heute keine gestohlenen Bücher bei ihm gefunden wurden. Wenn man die Lassos aller Kaufhausdetektive von Hugendubel zusammenbindet, kann man alle reisenden Schreibgehilfen Deutschlands damit fesseln und vom Olympiaturm an die frische Luft hängen, was der Olympiaturm ohne weiteres aushalten würde, aber nur zwei oder drei Schreibgehilfen im Inneren des Knäuels.

Und das ist noch gar nichts, denn keine zehn Minuten zu Fuß vom Marienplatz ist schon der Hugendubel am Stachus, der ebenfalls groß genug für Leseinseln ist. Der am Marienplatz eröffnet erst 2017 wieder als Schatten seiner selbst und teilt sich dann das Gebäude mit der Telekom und einem Hotel für anspruchsvolle Städtereisende, nicht für irgendwelche Schreibgehilfen.

Buidl: Caroline, die niemand außer ihrem Bruder Carotte nennen darf, erwog am 8. März 2014 im Hugendubel am Marienplatz den Erwerb von Richard Benson: Der verschimmelte Reiter: Die blödesten Antworten auf Prüfungsfragen, Piper 2013. Einen Wimpernschlag nach dem Foto entschied sie sich, die 8,99 Euro zu sparen und auf die DVD zu warten, die niemals erscheinen wird. Es ist also alles kein Wunder.

Soundtrack: Tracey Ullman: Kindle Killed the Library Book, 24. Januar 2016:

Written by Wolf

12. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, ~ Weheklag ~

Was heißt das für ein Leben führen, sich und die Jungens ennuyiren?

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In München, auch wenn sie das in Berlin immer nie glauben mögen, wohnen ungefähr 1,4 Millionen Leute. Die allermeisten von denen stehen höchstens einmal im Leben in der Zeitung, und da sind sie gestorben.

Florian Peljak, Seit gut vier Jahren gibt es die WG, seitdem verwildert auch der Garten, Süddeutsche Zeitung, 15.--16. Juli 2016Manche schaffen es zweimal, ganz unauffällig. Leonhard Schülen hat es das zweite Mal allein durch die Tätigkeit des Wohnens geschafft:

——— Carolina Heberling:

Eine gute Beziehungsbasis.
So lebt es sich in einer Groß-WG

in: Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag 15./16. Juli 2016:

Es gibt eigentlich kein Thema, bei dem die Basis-Bewohner einer Meinung sind. Sie necken einander. Machen sich lustig darüber, wie einer der Mitbewohner immer die Klotür offen lässt. Erzählen, wie sie sich mal alle kollektiv die Haare abrasiert haben. Packen die Anekdote aus, wie Leo für zwei Kästen Bier den ganzen Faust auswendig lernte und in der U-Bahn vortrug.

Zwei Kästen Bier? Da war doch was. Und es war 2012, es war innerhalb dieser unheil’gen Hallen, und es hat sogar 14 Kommentare: Mein Lied ertönt der unbekannten Menge, 27. September 2012 innerhalb des Weblogs.

Seinen seltenen Fundstellen im Internet nach zu schließen ist der Leo eher so der technische Typ, und meinem wohlwollenden Stalking nach zu schließen (das sich ab sofort legen wird, versprochen) ein recht einnehmender Bursch. Schon die 14 Kommentare zu Zeiten, als in literarisch orientierten Weblogs noch aktiv diskutiert wurde, äußerten sich recht angetan von ihm, siehe a.a.O., und die paar überlebenden Archivartikel in Zeitungen, die sich nicht genug über jungische Physiker wundern können, die den Faust kennen, lassen eher ein „Weiter so!“ durchblicken als ein „So ein Schmarrn“.

Ein paar Amazon-Rezensionen über mehrere Physikbücher und eine Espressomaschine, die Coverage über den Faust-Event, nichts aus dem Polizeibericht und keine Pegidageschichten. Mehr darf man von einem Persönlichkeits-Googeln über junge Menschen gar nicht erwarten. Und seine WG scheint in Thalkirchen zu hausen, einer angenehm unhippen Gegend in Tierparknähe. Sollte ich den Buben mal im Südstadt treffen, zahl ich ihm den ihm moralisch ja wohl mindestens noch zustehenden dritten Kasten, da kenn ich nix.

Beide Bilder sind von Florian Peljak für den zitierten Artikel von Carolina Heberling: Eine gute Beziehungsbasis. So lebt es sich in einer Groß-WG in der Süddeutschen Zeitung, Samstag/Sonntag 15./16. Juli 2016, und heißen Seit gut vier Jahren gibt es die WG, seitdem verwildert auch der Garten. und Dienstag ist Putztag, und zum Abschluss schaut die ganze Runde dann „Game of Thrones“. Das erstere ist das schönste, und auf dem letzteren wird der Leo mit nachgewachsenen Haaren und zwei aus dem Hirn geschlafenen Kästen Bier (Physiker vertragen erfahrungsgemäß einiges) schon mit drauf sein, gell. Prost, Herr Schwager.

Florian Peljak, Dienstag ist Putztag, und zum Abschluss schaut die ganze Runde dann Game of Thrones, Süddeutsche Zeitung, 15.--16. Juli 2016

Und weil — gerade auch thematisch — noch Platz ist, gibt’s eins meiner mittelalten Lieblingslieder, das ich seinerzeit zum ersten Mal im Südstadt gehört hab. Natürlich wurde daraufhin der Abend noch lang, auch wenn am nächsten Tag dringend die CD her musste.

Written by Wolf

18. Juli 2016 at 03:22

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Unboxing Ludwig Tieck

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Update zu Ludwig Tieck is coming home:

Es ist ein bekanntes Sprichwort: daß auch Bücher, größere wie kleinere, ihre Schicksale haben. So waren es nur unvermuthete Hindernisse, Störungen und Zufälle, welche veranlaßten, daß gegenwärtige Novelle nicht schon vor vielen Jahren den Lesern mitgetheilt wurde.

Tieck, Der junge Tischlermeister, 1836, Anfang.

Bestellscreen

Aus der einzigen realistisch erreichbaren Gesamtausgabe von Ludwig Tieck hab ich mir über das offenbar ganz unverächtliche Lübecker Antiquariat Bruddenbooks (sic) in der ebendasigen Fleischhauerstraße 32 den dritten Band von vieren und letzten, den ich bestellen werde, bestellt.

Mit ihren vier Bänden ist die Gesamtausgabe weit entfernt von Vollständigkeit, aber das ist seit 1966 der Bestand, den die Herausgeberin Marianne Thalmann wohl 1963 mit dem Winkler Verlag vereinbart hat — und außerdem richtig schöne Bücher fürs Leben auf Persia Bibeldruckpapier, was man schon daran erkennt, dass die Erstauflagen um 1966, denen nie sehr viele folgten, in dem halben Jahrhundert seither kaum vergilbt sind. Außerdem sollte man sich mit dem Wissen, dass Frau Thalmann offenbar mit Arno Schmidt in dem Ausmaß befreundet war, dass er ihr sein Radio-Nachtprogramm über Ludwig Tieck gewidmet hat, nicht mit ihr anlegen. Mit Schmidt befreundet zu sein, das haben wenige geschafft, das muss eine wahre Auszeichnung sein. Dann noch für einen der wenigen wahrhaft heiligen deutschen Verlage einen der wenigen echten Deutschromantiker gültig herausgeben zu dürfen, das bekräftigt jede erdenkliche Auszeichnung zwischen der Anerkennung durch einen verkniesten alten Zausel aus der Heide und dem Nobelpreis.

Briefkasten

Eigentlich ist der Band mit den Romanen, der soeben heim zu mir gekehrt ist, der vierte der Ausgabe; der erste ist der mit den Frühen Romanen und Erzählungen, vor allem mit William Lovell und Franz Sternbalds Wanderungen, der eigentliche dritte ist der mit den Novellen, vor allem mit dem Anspieltipp Des Lebens Überfluß und leider auch den meisten Auslassungen. Mein vierter Band, den ich nicht bestellen werde, bringt Märchen aus dem Phantasus und Dramen, die ich von der Bibliothek Deutscher Klassiker zu beziehen gedenke, und das seit 1985, was aber ein anderes Märchen ist, das ich ein andermal erzählen werde. Frau Thalmanns vierter Band, falls noch jemand mitzählen kann, umfasst:

Genau diese Ausgabe war um 1980 im Bestand der Stadtbücherei meiner Kindheit, die an dieser Stelle schon ausführlich Gegenstand der Erörterung war, und hat mir mit ihrem streicheldünnen Papier, das auf so handlichem Format 856 Seiten mit drei ausgewachsenen Romane plus Nachwort und Anmerkungen unterbrachte, heillos imponiert. Beim genaueren Nachschauen imponiert mir soeben: Die haben das tatsächlich immer noch, dou brichst ja zam (ortsübliches Fränkisch). Sooch amol, Roland, schreibt ihr nie was ab? Von Eigentumsdelikten an meiner alten Stadtbücherei hab ich seit jeher abgesehen, das wäre ja wie seine eigene Oma hauen, aber mich würde schon interessieren, wie das Exemplar inzwischen nach weiteren dreieinhalb Jahrzehnten aussieht.

Weiterer Anspieltipp aus Ludwig Tiecks Spätwerk:

Vittoria Accorombona

Zweiter Teil, Fünftes Buch, Viertes Kapitel, 1840:

Tischplatte KatzeBeide umarmten sich in Freude und Rührung weinend. „So hat die Zeit“, sagte der Herzog, „doch endlich die glänzende Woge heraufgewälzt, die mein Glück, meine Seligkeit trägt. Nicht wahr, das Leben ist doch ein großes Geschenk, ein himmlisches Wonnegeheimnis jenes ewigen, unnennbaren Geistes? Ja, er liebt seine Geschöpfe, und wir wollen es dankbar erkennen.“

„Wenn uns nur nicht immer“, sagte Vittoria, „in diesen großen Momenten ein sonderbarer Schwindel ergriffe. Es ist kein Zagen, kein Zweifeln, keine Ungewißheit unsrer selbst, auch keine Furcht vor Gegenwart und Zukunft – nein, mein Geliebter, nur, als wenn dem Dichter im Moment der höchsten Begeisterung, wenn er alle seine glühenden Strophen in die Saiten rauschen möchte – plötzlich die goldne Lyra in der Hand zerbräche und seine silberne Stimme durch Heiserkeit stumm gemacht würde – so fehlt uns Sterblichen der Ausdruck für das höchste Glück, die Freude ist mit dem Schmerze zu geschwisterlich verwandt; für Unglück und Leid sind tausend Fühlungen in uns.“

„Gedankenreiche, melancholische Braut“, sagte der Herzog lächelnd, „so möchten wir uns dem Krebse vergleichen, der ungeschickte Glieder zum Rückwärtskriechen, aber keine zum Vorschreiten hat.“

Er umarmte sie herzlich mit einem glühenden Kuß und führte sie hinab, um mit ihr den Wagen zu besteigen.

Das mit dem himmlischen Wonnegeheimnis ist mir schon vor 30 Jahren aufgefallen, und schau an: Der heutige Wiki-Artikel bringt genau das als eins von zwei Zitaten aus dem ganzen großen weiten Familien-, Zeit- und Entwicklungsroman.

Regal gesamt

Die Bilder sind am Tag der Bestellung (1) und am Tag der Lieferung (2–4) selber gemacht, die schenk ich Ihnen, wenn Sie’s brauchen können, und wenn Sie dazusagen, wo Sie’s herhaben.

PianoKeys. Favorite Desktop BackgroundFür Bild 3 hab ich eine verschwommene Version gewählt, auch wenn wenige Sekunden vor- und nachher noch zwei schärfere entstanden sind. Auf denen war aber nicht der vortreffliche Kater Murr (cit. E.T.A. Hoffmann, 1819 ff.) drauf, dieser Tage in seiner Rolle als Lord of Winterfell. Steck einer in der Katze.

Und es interessiert Sie ja doch: Auf Bild 1 erkennen Sie hinter der Amazon.de-Seite für das Buch meinen liebsten Desktop-Hintergrund seit Jahren (5). Die freundliche junge Dame gehört schon so lange dermaßen zu meinem täglichen Erleben, dass mir entfallen ist, wo ich sie aufgegabelt hab, wie das oft auch mit dreidimensionalen Freunden geht; vermutlich irgendwo auf Flickr. Sie guckt schön aufmüpfig, stimmt’s? Aufmunternd genug, um zu motivieren, und doch nicht so fad, um einzuschüchtern. Außerdem mag ich den Gedanken, das Genre der auf Klavieren thronenden Barfüßigen entdeckt zu haben. Von meinem Desktop-Müll bereinigt in voller Schönheit sitzt sie rechter Hand.

Soundtrack ist ein etwas mitreißenderes Unboxing als meins; jedenfalls sieht Lea vom Liberiarium drei bis fünf Klassen besser aus als ich.

Und damit’s noch besser rockt: Young Rebel Set: If I Was, 2009. Directed by Andy Douglass, Camera by Nick Donnelly & Andrew Stebulitis @ Moving picture productions. Additional camera by John Laws. Das war auch schon mal, verspricht aber:

And if I was a writer I would write the book on you.
I’d tell them all the stories of the things we used to do —
Oh if I was a writer I would write the book on you.

Und aller vier Jahre mal sein Lieblingslied zu hören, finde ich nicht übertrieben. Wenn mich jemand sucht: Ich bin endlich mal Der junge Tischlermeister lesen.

Written by Wolf

13. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Geburtstagsgewinnspiel: Was ist das? Ich glaub, es hackt! Das ist doch kein Teufelspakt!

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Heute hab ich Geburtstag, und Sie kriegen was geschenkt.

Erst wollte ich mir der Einfachheit halber selber — und Ihnen schon auch so nebenher mit — oder doch, eigentlich schon hauptsächlich Ihnen — eins von Otto schenken. Der war mir bis spät in die Kindheit, die in manchem Sinne bis heute anhält, der liebste.

Opa erzählt vom Krieg: Die Otto Show kam immer genau einmal im Jahr. Was hat man sich monatelang auf diese eine knappe Dreiviertelstunde hingefreut. Und zu dieser Zeit konnte man noch nicht einmal mit einem Videogerät mitschneiden, darum wehe, wenn einer dreingequasselt hat. Das einmalige Anschauen musste sitzen, und tatsächlich konnte wirklich jeder ab dem nächsten Tag die Sendung größtenteils auswendig.

Otto war verschrien als „Blödel-Barde“; das war ein halb gönnerhaftes, mildes Schimpfwort einer gutbürgerlichen Mittelschicht, die damals noch stolz darauf war, eine gewisse Menge an „guten Büchern“ zu besitzen und ein Goethe- von einem Schillerzitat unterscheiden zu können. Dergleichen galt als Bildung und Bildung als geistiger Wert. Otto zählte bestenfalls zur „leichten Muse“ und wurde eher verschämt geguckt.

Da war noch nicht so weit bekannt, dass hinter den Texten dieses schamlos herumkalauernden Quecksilbers die versammelte Neue Frankfurter Schule stand — und wer es wusste, hängte es ebenfalls nicht an die große Glocke, weil man die Neufrankfurter lieber der fröhlichen, aber ernsthaft politisch gemeinten Anarchie in der pardon zuschlug, aus der nachmals immerhin die Titanic erwuchs.

Otto war im Gegensatz zum Humor der pardon in einer Art kindlicher Totalverweigerung geradezu offensiv unpolitisch. Außerdem wurde er von den Neufrankfurtern um Robert Gernhardt als eine Art zweibeiniges Medium gebucht: wie die Bücher, Zeitschriften, Schallplatten, Filme, die sie sonst machten, dem sie auf den spillerigen Leib schrieben, was sonst nirgends unterzubringen — und vor allem von den verkopften, der Unsportlichkeit verdächtigen Herren in Jeans und Sakko nicht in dieser Weise darzustellen war.

Robert Gernhardt, wohl der führende Kopf der Neuen Frankfurter Schule, war noch kein Alibi-Star der letzten hochliterarisch interessierten Randgruppe, der Toskana-Fraktion, die ungefähr ab 1980, als Hedonismus gesellschaftlich geduldet wurde, gut für Lyrik mit einer entspannten Selbstironie erreichbar war. Das war der Boden, auf dem man Otto langsam ungestraft gut finden durfte. War man bis dahin gehalten, dem enormen Bekanntheitsgrad des verdruckst belächelten Kindskopfs mit einer Faszination wie einem nicht sehr gefährlichen Monster gegenüber zu begegnen, konnte man sich endlich mit seinen Kindern auf die Otto Show freuen. 1983 kam schon die letzte in diesem technisch erweiterten Stand-up-Format auf Kleinbühnen, 1985 wechselte das Medium Otto ins Kino. — Was — der Gernhardt, dieser legitime Nachfolger von Heinrich Heine und Wilhelm Busch, schreibt für den Blödel-Otto? Dann hat er vielleicht doch noch eine Ebene, die man bisher nur nicht wahrgenommen hat.

Nein, hat er nicht. Wenn die Zeilen etwas taugen, muss man nicht ständig zwischen ihnen lesen. Otto ist wertfreies Herumgealber um seiner selbst willen. Und das ist gut so.

Bei der vierten Otto Show 1976 war Otto 28. Ich werde 48 und darf schon so viel Spaghettieis essen, Internet gucken und Bücher verschenken, wie ich will, und langsam wird von mir gesellschaftlich eine gewisse Verschrobenheit erwartet. Darum dürfen Sie auch eins haben.

Zum Gewinnspiel: In dem Fäustchen-Video ist eine einzige vernuschelte Stelle, die ich nicht einmal mit Kopfhörern verstehe (Sennheiser) — ungefähr bei 3:10 Minuten. Zum konzentrierten Abhören ist es nützlich, in den Faust-Monolog bei 3:05 Minuten einzusetzen. Wer mir für den abgelauschten Otto-Text unten autorisert oder wenigstens plausibel sagen kann, wie der eine Vers zwischen „Donnerwetter, war die feurig, deshalb ist mein Gang so eirig“ und „muss mich schnell verjüngen lassen“ heißt, kriegt ein Buch von mir geschenkt. Ein schönes, versprochen. Und eine lobende Erwähnung mit einem Link, auf dem er, sie oder es schamlos bewerben darf, was er, sie oder es will.

Das Angebot gilt entweder bis Sonntag, den 5. Juni 2016 um 23.59 Uhr oder bis ich nicht mehr mag (was erst lange nach dem gesetzten Datum geschehen wird). Die Kommentarfunktion ist offen, jeglicher Rechtsweg in dieser Privatveranstaltung ausgeschlossen.

——— Otto:

Ottos Fäustchen

Text: Eilert/Gernhardt/Knorr/Waalkes
aus: Die Otto Show IV, WDR, 6. September 1976:

Faust: Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Völlerei,
doch leider auch Theologie studiert mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
und hab doch heute noch viel vor.

15 Uhr: Pakt mit dem Teufel schließen,
Seele verkaufen,
anschließende Verjüngung.
15 Uhr 20: Gretchen verführen,
15 Uhr 30: gemütliches Beisammensein in Auerbachs Keller.
Ja, schaff ich’s denn? Was sagt die Uhr?
Fast vier! Wo ist der Teufel nur?
Mephisto! Mephisto! (Ab.)

Mephistopheles: Aus allertiefstem Höllenschlund
stieg ich empor, nicht ohne Grund,
denn wenn der Faust hier unterschreibt,
dann kann er sehen, wo er bleibt.
Dann ist sein Seelenheil verloren,
dann wird er in der Hölle schmoren.

Ja — wo steckt der Schnarchsack eigentlich?
Ist er im Bad und reinigt sich?
Ich schau mal nach. (Er hinterlässt den Vertrag auf dem Stehpult. Ab.)

Gretchen: Huhu! Huhu! Ich bin’s, Gretilein!
Na, das fängt ja sauber an:
Der ist überhaupt nicht da, der Mann.
Lädt mich hier ein zum Rendezvous —
jetzt bin ich hier, was mach ich nu?
ist er überhaupt schon wach?
Ich schau mal nach im Schlafgemach.
Tirili, tirili. (Ab.)

Faust: Mephisto! Verdammt noch mal, wo steckt das Schwein?
Kann der Kerl denn nicht pünktlich sein? (Er erblickt den Vertrag auf dem Stehpult.)
Oh, ich seh, er war schon da,
da liegt ja das Formular.
Nun, da setz ich munter
meinen Friedrich Wilhelm drunter.
Ach, das wird ja immer schlimmer:
Der Kuli ist im Nebenzimmer. (Ab.)

Mephistopheles: Hat er noch nicht unterschrieben?
Wo ist denn der Faust geblieben?
Da etwa? (Ab.)

Gretchen: Faust? Ja, wo bleibst du nur?
Wart, ich helf dir auf die Spur. (Sie hängt ein Schild an die Tür: „Hier findet’s statt!“ Ab.)

Faust: (erblickt das Schild) „Hier findet’s statt!“? Wieso denn hier?
Wer steckt denn hinter dieser Tür?
Da fällt mir doch ein Mädchen ein —
das wird doch wohl nicht Gretchen sein?
Yabba dabba doo! (Ab.)

Staubsaugervertreter: (führt seinen Staubsauger vor) Er gehört in jede Hand:
Brummipol, der Saug-Gigant!
Staubsympathisch, schmutzimmun! (Man vernimmt Gekicher hinter der Tür.)
Oh, die Hausfrau hat zu tun.
Also, auch Sie können diesen Staubsauger Elektro erwerben, zu günstigen Teilzahlungsbedingungen, Sie brauchen nur hier diesen Vertrag zu unterschreiben … (Er erblickt den Vertrag auf dem Stehpult.) Da liegt ja schon ein Vertag … (Er liest.) … mit dem Teufel. Das bringt mich auf eine Idee. (Er vertauscht den Vertrag auf dem Stehpult mit dem seinigen.)
Listig, listig, trallala lala. (Ab.)

Faust: (wankt umher) Donnerwetter, war die feurig,
deshalb ist mein Gang so eirig.
Darf nicht mit den Punkten prassen, [?]
muss mich schnell verjüngen lassen. (Er unterschreibt den Vertag, der auf dem Stehpult liegt.)
Also weg mit diesem Barte …
Mephistopheles, ich warte! (Er liest genauer, was er unterschrieben hat.)
Was ist das? Ich glaub, es hackt!
Das ist doch kein Teufelspakt,
dies Papier auf meinem Tisch.
Wehe, wenn ich dich erwisch! (Ab.)

Gretchen: So, der wäre flachgelegt,
und nun wird der Raum gefegt.
Oh, kein Besen! Welch ein Jammer!
Vielleicht in der Besenkammer. (Ab.)

Staubsaugervertreter: Oh! Der Vertrag ist unterschrieben!
(zum Staubsauger) Na, Brummi, dann heißt es hiergeblieben.
Der Hausherr strahlt, die Hausfrau lacht,
der Brummi saugi-saugi macht. (Er nimmt den Vertag an sich. Ab.)

Gretchen: (fegt fröhlich pfeifend mit dem Besen die Stube, erblickt den neuen Staubsauger) Oh! In die Ecke, Besen, Besen! (Sie wirft den Besen von sich und greift nach dem Staubsauger.)
Mehr Zeit für den Abwasch: Brummipol, der Saug-Gigant mit den drei Schaltstufen. (Sie führt den Staubsauger vor.) Stufe 1! (Sie schaltet den Staubsauger um.) Stufe 2! (Sie schaltet den Staubsauger um.) Stufe 3! (Ab. Hinter der Tür explodiert der Staubsauger. Gretchen schreit.)

Mephistopheles: (spricht zerfetzt den Epilog) Das Gretchen tot, die andern Leichen —
das dürfte wohl fürs erste reichen. (Vorhang.)

Bonus Track: Nochmal Otto Waalkes: Honey Pie, Die Otto Show II, WDR, 6. Juli 1974. Im Stand-up-Format auf der Kleinbühne, für Otto eine ganz ungewohnt zurückgenommene, stillvergnügte Aufführung. Von dem, was der Mann da allerdings zweimal mit seiner gesamten linken Körperseite macht, dass man nicht einmal mit den Augen mitkommt, träumen nicht nur die Lagerfeuerklampfisten von der Neuen Frankfurter Schule:

Happy birthday to me, 1997 — wie heute vor drei Jahren anhand Goethens schon mal durchgenommen.

Otto Waalkes als Gretchen in Ottos Fäustchen, Otto Show IV, 1976

Written by Wolf

6. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)

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Update zu Gateway Drug:

Manche Probleme kommen nie aus der Mode. Zum Beispiel das des geplagten Vaters, der nach generationenlanger Kinderaufzucht wenigstens noch eine Altersversorgung aus der Frucht seiner Lenden gewinnen will.

Karl Philipp Moritz, Militätmusikersohn, abgebrochene Hutmacherlehre, scheint sich damit auszukennen. Stammt von ihm doch immerhin der erste ernstzunehmende psychologische Roman der Geschichte, und der hat bis heute seine Fans.

Über der neuen Cecilia ist Moritz, geboren im selben Jahr wie Mozart (aufgepasst: 2016 vor 260 Jahren), zwei Jahre nach demselben leider verstorben — zu früh, dass sich heute nur bestimmen ließe, ob die Cecilia eine Novelle oder ein Roman Anton Reiserschen Ausmaßes werden sollte. Vorgelegt sind die Briefform wie im Werther und eine Pädagogik und Bildungsauffassung wie im Émile.

Mit diesem Brief führt sich die Figur des besorgten Vaters ein. Die heilige Cäcilia aus der Überschrift ist die Patronin der Musik, Vater Braschi schreibt an einen aufstrebenden Maler — der wohl, wie man solche Bildungsromane kennt, im Lauf der Handlung spätestens mit 30 noch groß rauskommen sollte. Da große Kunst immer allgemeingültig ist, dürfen wir die väterlichen Sorgen getrost auf bürgerliche und moderne Metiers ausweiten. Der Brief steht weit am Anfang der Cecilia. Den geistreichen Formulierungen nach zu schließen, lag Moritz etwas an dem Thema.

Frederick Goodall, A Dream of Paradise, 1889

——— Karl Philipp Moritz:

Marchese Mario der Vater an seinen Sohn.

aus: Die neue Cecilia. Letzte Blätter, von Karl Philipp Moritz. C’est aini, qu’en partant, je vous fais mes adieux. Zweite Probe neu veränderter deutscher Druckschrift. Berlin, 1794. Bey Johann Friedrich Unger:

Du bist nun in Rom, und mußt eine Carriere machen, mein lieber Sohn! Es fehlt dir nicht an Stand und Vermögen; du hast in den ersten Häusern Zutritt; du bist auf dem schnurgeraden Wege, dein Glück in der Welt zu machen, wenn du es nicht selber verscherzest.

John William Waterhouse, Dolce Far Niente, 1879Als Monsignore muß ich dich wieder sehen; ich bitte dich, verdirb diese Hoffnung deinem alten Vater nicht! Aber ich weiß schon, wie du deine edle Zeit verschleudern wirst; du wirst mit den Malern herumlaufen, und alte bestäubte Bilder begucken; du wirst verstümmelte Bildsäulen abzeichnen, und dein schönes Papier bekritzeln. Ich weiß, wie manchen Tag du hier mit deinem Carlo Maratti, dem jungen Schwärmer, verträumt hast.

Du mußt die Conversationen nicht versäumen; du mußt dir keine Gelegenheit entschlüpfen lassen, wo du dein Glück bauen kannst. Du mußt notwendig eine Carriere machen, mein lieber Sohn, es wäre Schade, wenn du es nicht tätest! Denn alles vereinigt sich, um dir die Bahn zu ebnen. Nur bitte ich dich, laß den Schwindelgeist fahren, und verschwende nicht mehr so viele Zeit mit der abgeschmackten Kunst! Du läufst nur Hirngespinsten nach; einträgliche Stellen und bare Einkünfte, sind doch das letzte Ziel, wonach wir streben.

Dein Glück ist es nur, daß du von dem Wahnwitze der Liebe noch unangesteckt bist. Du mußt dich in die Zeit schicken; du mußt dich bücken, wo es nötig ist, und stolzieren, wo du darfst. Prälaten Brot ist süßes Brot; und der violette Strumpf sitzt kühl im Sommer, und hält im Winter warm. Wenn du erst so weit bist, wie du sein willst, so kannst du dir Leute halten, die über das Schöne der Kunst ganze Tage mit dir schwatzen, und alle deine Phantasien kannst du ja dann nach Wunsch befriedigen. Was hilft dir denn bei leerem Beutel ein Kopf mit Ideen vollgepfropft? Trachte doch am ersten nach dem, wofür man alles andre haben kann, so wird dir das übrige alles zufallen.

Bewahre meinen väterlichen Rat in deinem Herzen, mein lieber Sohn; schreite nicht auf unrechten Wegen aus; versäume die Conversationen nicht; laufe den Malern und den Weibern nicht nach; strebe nach dem violetten Strumpfe; den roten aber laß das höchste Ziel deiner Wünsche sein, wenn du nicht weiter streben kannst; und erinnere dich, so oft du zum Künstler und Gelehrten herabsinken willst, daß du aus dem Hause und aus der Familie der Braschi stammst! Ich bin

Dein
wohlmeinender Vater
A. Mario.

Im übrigen sollten wir alle sehr viel sorgfältiger zwischen Müßiggang, Faulheit und Trägheit und diese in acedia und inertia zu unterscheiden lernen. Daran liegt mir was.

John William Godward, Dolce Far Niente, 1904

Bestäubte Bilder: Frederick Goodall: A Dream of Paradise, 1889;
John William Waterhouse: Dolce Far Niente, 1879;
John William Godward: Dolce Far Niente, 1904.
Ersten Grades themenverwandter Soundtrack: Die Ärzte: Junge, aus: Jazz ist anders, 2007.

Written by Wolf

8. Januar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

Homerische Dark Fantasy

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Update zu Grillen mit Homer:

The problem with quotes on the Internet is that it is hard to verify their authenticity.

Abraham Lincoln, 1864.

„Der Wolf“, sagt die Wölfin, „der Wolf. Kauft wieder ganze Verkaufsportale auf.“

„Gar nicht wahr“, sag ich.

„Die Buchabteilung mit den toten Dichtern jedenfalls.“

„Schon wieder falsch. So viele Bücher gibt’s von Homer gar nicht.“

„Wieso können sich dann so viele Leute seit dreitausend Jahren mit dem beschäftigen?“

„Weil er wahrscheinlich nicht mal die zwei geschrieben hat.“

„Erst die Ilias, dann die Odyssee, hab ich gelernt. Merkt sich leicht. Von wem sollen die sonst sein?“

„Von einem griechischen Schreibknecht in assyrischen Diensten in Karatepe, Kikilien. Deswegen wohl eher ein Stummer als ein Blinder. Oder sogar mehrere stumme Schreiber.“

„Sagt wer?“

„Sagt Raoul Schrott.“

„Daher …“

„Keine Namenwitze bitte. Das ist nicht weniger denn die Lösung der Homerischen Frage.“

„Ja dann. Und wenn das ein ganzes Schreibkollektiv war, war dann nicht Zeit für mehr Bücher? Oder waren die zwei so lang, dass …“

„Die zwei füllen nicht mal einen geschlossenen Zeitraum aus. Für den Zwischenraum musste Jahrtausende später Goethe einspringen. Dafür gibt’s einen größeren Satz von Homerischen Hymnen.“

„Und? Sind die auch so gut?“

„Ha! Der volle Silvesterknaller, wenn man Amazon glaubt …“

„Zeig.“

Homerische Hymnen.

Übertragung, Einführung und Erläuterungen von Karl Arno Pfeiff.
Herausgegeben von Gerd von der Gönna und Erika Simon, Stauffenburg Verlag, Tübingen 2002

Cover Homerische Hymnen, Stauffenburg Verlag, 2002Homerische Hymnen Taschenbuch – 2002
von Gerd von der Gönna (Herausgeber), & 2 mehr
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Taschenbuch: 206 Seiten
Verlag: Stauffenburg (2002)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3860571877
ISBN-13: 978-3860571873
Größe und/oder Gewicht: 15,2 x 1,4 x 22,7 cm
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Cover Diablo. Vermächtnis des Blutes, 2005Der für seine Beiträge zum Drachenlanze-Universum bekannte Richard A. Knaak liefert mit Das Vermächtnis des Blutes einen Roman zum Computer-Rollenspiel-Bestseller Diablo von Blizzard Entertainment. Das Spiel begeisterte aufgrund seines stimmungsvollen Dark-Fantasy-Hintergrundes voller Mystik, Monster und Gefahren. Auf diese Elemente greift Knaak gekonnt zurück und entwirft einen fantastischen Plot, der sich — unabhängig von der Handlung des Spiels — in die Welt Diablos mit ihren bizarren Bewohnern und Mächten einfügt.

Als der Söldner Norrec Vizharan mit seinen Freunden das Grab des legendären Dämonenmeisters Bartuc plündert, gelangt er in den Besitz der Rüstung des „Kriegsherrn des Blutes“. Doch wird er sie nicht mehr los — schlimmer noch: Sie übernimmt die Kontrolle über ihn. Derart manipuliert begeht er gegen seinen Willen schreckliche Verbrechen und strebt einem geheimnisvollen Ziel zu. Verfolgt wird er dabei aus unterschiedlichsten Gründen von einer Reihe grotesker Gestalten: einer Nekromantin, einem größenwahnsinnigen Feldherrn, einer Hexe, einem Dämon, einem verrückten Magier und zwei Wiedergängern. Auf dem verschlungenen Pfad zum Showdown wird viel gezaubert und beschworen, und es tauchen allerlei Ungeheuer, Dämonen und wahre Teufel auf. Nur Diablo selbst tritt (noch) nicht in Erscheinung. Oder etwa doch?

Der Roman bietet interessante und spannende Einblicke in die Welt des Rollenspiels. Doch es mangelt ihm ein wenig an plastischen und schlüssigen Figuren und an einem eindringlichen Erzählstil. Viele Beschreibungen bleiben etwas platt und oberflächlich, sodass man die Grafiken aus dem Spiel kennen muss, um auf seine Kosten zu kommen. Das ist schade, denn die Welt von Diablo gibt einen vorzüglichen Hintergrund für Dark-Fantasy-Romane ab, der das Zeug hätte, jedermann zu begeistern. So aber werden wohl eher nur die Fans des Rollenspiels ihre Freude an diesem Buch haben — und sich auf den zweiten Roman zu Diablo freuen, der September 2003 erscheinen soll. — Simon Weinert — Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Klappentext

Seit dem Anbeginn aller Zeiten führen die geflügelten Streiter der Himmel und die Dämonenhorden der Brennenden Höllen einen erbitterten Kampf um das Schicksal der Schöpfung. Dieser infernale Konflikt hat sich nun auf die Ebene der Sterblichen verlagert und weder Mensch noch Dämon noch Engel werden sich dieser Schlacht entziehen können …

Norrec Vizharan ist zu einem lebenden Albtraum geworden. Auf der Suche nach einem Schatz entdeckt der Söldner ein magisches Artefakt, das seine kühnsten Träumen übersteigt: die uralte Rüstung von Bartuc, dem legendären Kriegsherrn des Blutes. Doch die mysteriöse Panzerung ist mit einem Fluch belegt birgt unheilvolle Kräfte. Auf der Flucht vor Dämonen, die das finstere Artefakt für ihre eigenen niederträchtigen Zwecke einsetzen wollen, muss Norrec Herr über einen kaum zu bändigenden Durst nach Blut werden und die Wahrheit über den schrecklichen Fluch in Erfahrung bringen, wenn er nicht für immer der Finsternis verfallen will … — Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Richard A. Knaak hat über 40 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten verfasst. Seine Werke wurden weltweit in viele Sprachen übersetzt. — Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch.

„Richard A. Knaak war ein stummer Grieche, der vor dreitausend Jahren in Karatepe für die Assyrer als Schreiber gearbeitet hat …?“ wundert sich die Wölfin.

„Mit 40 Romanen, nicht lausigen zwei Gedichten!“

„Dann nimmst du vielleicht mal die Aufforderung von Amazon wahr und lässt die Produktinformationen aktualisieren, du hämischer Kindskopf?“

„Für mich ist der Verkauf dieses Produkts vollständig akzeptabel. An der Nekromantin, dem größenwahnsinnigen Feldherrn, der Hexe, dem verrückten Magier, zwei Wiedergängern, allerlei Ungeheuern, Dämonen und wahren Teufeln herrscht doch eh kein homerischer Zweifel. Ich aktualisier lieber den Wiki-Artikel über Herrn Knaak, das geht einfacher.“

„Und weil du Weihnachten so viel Altpapier verschenkt hast, musst du wohl dringend deine Homerischen Hymnen nachkaufen.“

„Phh. Schau mal in den Briefkasten.“

„Wolf, Wolf, Wolf …“

— Viel Glück im neuen Jahr; wir werden es alle brauchen.

Written by Wolf

30. Dezember 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Griechische Antike, Handel & Wandel

Was hilft euch Schönheit, junges Blut?

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Update zu München am Meer IX: Schaafswolle to Moby Dick:

Hosenmode, aus der Zeitschrift Das Magazin, 1931, Münchner Stadtmuseum 2015Das ganz und gar unverächtliche, gelegentlich sogar angenehm undergroundige Münchner Stadtmuseum macht mal wieder eine temporäre Ausstellung: Vom 25. September 2015 bis 29. Mai 2016 gibt’s Gretchen mag’s mondän – Damenmode der 1930er Jahre. Fangen wir an mit der ungekürzten Eigenbeschreibung, weil die nach Ausstellungsende gewiss keine Ewigkeit mehr stehen bleiben wird. Der 29. Mai 2016 ist übrigens ein Sonntag, lassen Sie sich also ruhig Zeit, auf den letzten Drücker macht’s immer den meisten Spaß. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen, unermäßigter Eintritt fürs ganze Haus 7 Euro:

Die Damenmode der Dreißigerjahre war international gesehen eine Bekleidungslinie, in der Glamour und Mondänität mit Sportlichkeit und Lässigkeit einhergingen.

Auch das Klischee vom blonden strammen Uniform-Mädel oder der biederen Soldaten-Mutter kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frauen im Dritten Reich sehr wohl an Schminke, Mode und Zigaretten interessiert waren. Die moderne Frau, an der die Jahre der Neuen Sachlichkeit nicht spurlos vorüber gegangen waren, ließ sich nicht dem Ideal der deutsch-tümelnden Propagandisten unterwerfen, sondern legte auf modische Eleganz und internationalen Flair großen Wert. Selbst Hitler schätzte elegante Frauen, wie durch seine Verehrung für Magda Goebbels, der Repräsentantin des neuen weiblichen Deutschland, deutlich wurde.

Eleganz und französische Modevorbilder wurden selbst nach Kriegsbeginn meist als weibliche Schwäche geduldet, schließlich präsentierte sich das NS-Regime nach außen hin gerne als weltläufig. Außerdem spielte die Modebranche in Deutschland eine bedeutende wirtschaftliche Rolle. Daher wurde in Deutschland, besonders in Berlin, weiterhin internationale Mode aus Paris oder Wien übernommen und an die Frau gebracht, die es nachmittags damenhaft und abends hoch elegant liebte.

Das Phänomen war eine tiefe Kluft in der Mode zwischen Theorie und Praxis, denn die Parolen der Partei forderten zwar eine Rückkehr zum Brauchtum, andererseits wurde im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs Weltoffenheit und Konsum gefördert. Dieser Gegensatz brachte die deutsche Modebranche sowie die Konsumentinnen in eine oftmals schizophrene Lage. In der Ausstellung wird u.a. am Beispiel der 1931 gegründeten Deutschen Meisterschule für Mode München dieser Bruch thematisiert.

Katalog Dr. Isabella Belting, Gretchen mag's mondän, Hirmer Verlag München 2015Für diese Ausstellung wurde der 1930er-Modebestand des Münchner Stadtmuseums gesichtet, erforscht und restauriert, so dass viele der Textilien nun das erste Mal gezeigt werden können. Der abwechslungsreiche Rundgang führt den Besucher durch verschiedene Themenbereiche und macht die modische Vielfalt der Dreißigerjahre anhand von Tages- und Abendmode, Brautkleider, Morgentoiletten, Negligés, Sportbekleidung und Tracht deutlich.

Ca. 150 Damenkleider und Kostüme werden auf handgefertigten Büsten präsentiert, ebenso zahlreiche Accessoires wie Pelze, Schuhe, Taschen, Hüte, Schals, Tücher, Handschuhe, Schmuck und Schmink-Utensilien.

Grafische Abbildungen, Modejournale, Modefotografie und Plakate unterstreichen die Fülle an Kleidungstilen und runden die bunte Schau ab.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog beim Hirmer Verlag mit zahlreichen farbigen Abbildungen.

In Kooperation mit der Deutschen Meisterschule für Mode wird die Thematik der Ausstellung in eine moderne Sichtweise gerückt und präsentiert.

Elegante Tagesmode, Modell von Maggy Rouff, aus der französischen Zeitschrift Vogue, 1939, Münchner Stadtmuseum 2015Klischees von blonden strammen Uniform-Mädels und biederen Soldaten-Müttern, weibliche Schwächen, Rückkehr zum Brauchtum, Schizophrenie gar. Dabei tragen die Damen auf den Beispielbildern zur Ausstellung nicht einmal gretchentypische Zöpfe, schon gar keine blonden. Da wird wohl durch die Namensgebung unterstellt, dass alle deutschen Mädels — jeden Alters — Gretchen heißen. Mehr Bezug zwischen Gretchen mag’s mondän und der ersten und stärksten Assoziation mit allem, was Gretchen heißt — nämlich mit der Faust-Figur — außer einem gewissen Deutschtum besteht auf den ersten Blick nicht.

Auf den zweiten schon.

Belauschen wir dazu Gretchen, die Faust-Figur, bei ihrem mondänen Moment. Es ist ihr einziger. Und sie ist dabei allein in ihrem Kämmerlein.

——— Abend. Ein kleines reinliches Zimmer.

Margarete mit einer Lampe.

[…]

Sie eröffnet den Schrein, ihre Kleider einzuräumen, und erblickt das Schmuckkästchen.

Wie kommt das schöne Kästchen hier herein?
Ich schloß doch ganz gewiß den Schrein.
Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne seyn?
Vielleicht bracht’s jemand als ein Pfand,
Und meine Mutter lieh darauf.
Da hängt ein Schlüsselchen am Band,
Ich denke wohl, ich mach‘ es auf!
Was ist das? Gott im Himmel! schau,
So was hab‘ ich mein‘ Tage nicht gesehn!
Ein Schmuck! Mit dem könnt‘ eine Edelfrau
Am höchsten Feiertage gehn.
Wie sollte mir die Kette stehn?
Wem mag die Herrlichkeit gehören?

Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.

Wenn nur die Ohrring‘ meine wären!
Man sieht doch gleich ganz anders drein.
Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
Das ist wohl alles schön und gut,
Allein man läßt’s auch alles seyn;
Man lobt euch halb mit Erbarmen.
Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch alles. Ach wir Armen!

Abendkleid, aus der Zeitschrift Wiener Mode, 1935, Münchner Stadtmuseum 2015Mondäner wird’s nicht für das Gretchen: Ihr erstes Geschmeide erreicht sie im heiratsfähigen Alter, unverhofft und so zweifelhafter Provenienz, dass sie ein schlechtes Gewissen dabei haben muss. Nebenbei stellt sich ihre Mutter, die ohnehin etwas sinistre Frau Schwerdtlein, als Pfandleiherin heraus, was für Christenmenschen höllisch verboten ist und nur den Juden ansteht, denen dafür das ehrbare Handwerk verwehrt bleibt, und wenn sie den ungerufenen Schmuck, der sonstwem gehören mag, tragen will, macht sie sich allein aufgrund ihres bürgerlichen Standes strafbar — siehe auch: städtische Kleiderordnungen, Ständeordnung zur Unterscheidung adliger Damen von Bürgerlichen und derselben wiederum von Huren. Wie man es auch dreht und wendet, kann Gretchen keinen Schmuck gebrauchen.

Und doch wächst sie schon beim Anblick des Geschmeides und dem völlig neuartigen Gedanken, dergleichen könnte ihr gehören, ein ganzes Stück: Genau auf das Wort Edelfrau lässt der allmächtige Puppenspieler Goethe sie aus ihren üblichen naiven Knittelversen ausbrechen und ihr allererstes Enjambement verwenden. Gut, die Brillanz der mephistophelischen Madrigalverse wird sie nie erreichen — aber überhaupt nicht einsehen, warum sie darein ihren Ehrgeiz wenden sollte. Außerdem hat das brave Bürgermädchen den eloquenten Gelehrten Faust und Mephisto bisher nie so genau zugehört.

Im Metrum nähern sich, wie oft im Faust, die Figuren an, Gretchen überschreitet damit sogar die Standesgrenze vom Bürgermädchen zu etwas Höherem: der Edelfrau.

Meine Gelehrtheiten entnehme ich der Frankfurter Goethe-Ausgabe, also den Anmerkungen von Albrecht Schöne; das sind die reichhaltigsten. Dagegen Erich Trunz in der Hamburger Ausgabe hält dieselbe Stelle für selbsterklärend, verbreitet sich dafür ausführlicher über Gretchens unmittelbar vorausgehendes Lied Es war ein König in Thule: Das ist eine Ballade, die aus einem idealisierten Mittelalter handelt, daher uralthergebracht wirken soll und sich für eine Bassstimme eignet, aber von Goethe eigens für den Faust verfertigt wurde, um sie ausgerechnet einem — noch — unschuldigen jungen Mädchen in den Mund zu legen.

Unpassend erscheint das wegen Thema und Tonfall der Ballade, passend erscheint es wegen der paradoxen Situation: Niemals ist ein Mädchen privater für sich allein als in seinem eigenen Zimmer beim Auskleiden zur Nacht — vor allem, wenn es zuvor am selben Tag von einem schmucken Herrn angesprochen wurde, den sie abgewiesen hat und dem sie jetzt gedanklich nachhängt. Und der feine Herr war in der Zwischenzeit in Gesellschaft des Teufels persönlich in ihrer Stube, um fragwürdige Geschenke zu hinterlassen.

Ein klarer Vertrauensbruch, bevor überhaupt irgend ein Grund zum Vertrauen entstehen konnte. Wenn Gretchen das wüsste statt nur halbbewusst ahnte, sie würde Faust noch ganz anders anzicken als mit „Kann ungeleitet nach Hause gehn“, und damit hätte sie recht.

Paul Mila, 3. Abend. Gretchen betrachtet den von Mephistopheles zurückgelassenen Schmuck, 1834, GoethezeitportalSo aber wabert die Atmosphäre für das als feinfühlig einzuschätzende Gretchen noch von den zwei Eindringlingen, die jetzt schon wissen, wie ihr Bett aussieht: „Mephistopheles herumspürend: Nicht jedes Mädchen hält so rein. Ab.“ Und da kommt ihr das „alte“ Lied in den Sinn, das so gar nichts mit ihr zu tun hat, eigentlich ein Fremdkörper in dem Repertoire, das sie singen kann, über das sie sich gar nicht jeden Tag bewusst ist, dass es in ihr wohnt.

Es sind also schlimme Zeiten, schlimmere brechen an: Überwacht wird sie schon — und durch solche nur halb willkommene Nachstellung auf den besten Weg geschubst, sich unschuldig schuldig zu machen. Die Definition einer Tragödie. „Trank nie einen Tropfen mehr“ — „und erblickt das Schmuckkästchen.“ — „Ach wir Armen!“ Gute Nacht, Gretchen.

Das Münchner Stadtmuseum behandelt das nicht — weil es einen anderen Anspruch stellt: Es lässt alle „Gretchen“ Gretchen sein, indem es eben nicht die Adligen und die Huren, sondern die bürgerlichen Frauen zeigt — bei dem Versuch, in schlimmen Zeiten Anmut und Würde zu bewahren.

Eine lehrreiche Dimension des Ausstellungsthemas, mit der die Aussteller selbst gar nicht gerechnet haben (genau kann ich das nicht wissen, lasse mich aber durch deren Widerspruch belehren; für mich sind das von der Haustür weg keine 15 Minuten mit dem 62er).

Wir merken uns jetzt, wenn wir die Ausstellung besuchen: Auch ein deutsches Mädel ist dann eine Edelfrau, wenn man es so behandelt.

Gretchenbilder: Hosenmode, aus der Zeitschrift „Das Magazin“, 1931;
Dr. Isabella Belting (Kuratorin): Gretchen mag’s mondän, Ausstellungskatalog Hirmer Verlag München 2015,
Elegante Tagesmode (Modell von Maggy Rouff), aus der französischen Zeitschrift „Vogue“, 1939;
Abendkleid, aus der Zeitschrift „Wiener Mode“, 1935,
alle via Münchner Stadtmuseum 2015;
Paul Mila: 3. Abend. Gretchen betrachtet den von Mephistopheles zurückgelassenen Schmuck, 1834,
via Goethezeitportal.

Written by Wolf

6. November 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Wie Franz Melchior von Bremen sich einmal einer Bastonade gewärtigte

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Update zu Grabesdunstwitterlich:

Eine Lanze gilt’s zu brechen für die Volksmärchen von Musäus.

Stumme LiebeSeine Sammlung Volksmärchen der Deutschen ist drei Jahrzehnte älter als die bekanntere der Brüder Grimm (ab 1812) und ein gut Teil „deutscher“ als die von Ludwig Bechstein (ab 1845), der vor welschen Stoffen nicht zurückschreckte. Thematisch stehen die Märchen den Deutschen Sagen nahe, ebenfalls von den Brüdern Grimm (ab 1816), verbreiten sich aber ungleich ausführlicher. In der Stärke sind alle fünf Teile, erschienen zwischen 1782 und 1786, den Grimmschen Kinder- und Hausmärchen vergleichbar, umfassen aber statt Grimms 200 autorisierten Märchen deren nur 14 — nicht als möglichst authentisch eingefangener Volksmund nach der Auffassung von Jacob Grimm, sondern literarische Bearbeitungen nach der Auffassung von Wilhelm Grimm. Musäus hegt weder falsche Scheu vor dem langen Atem noch vor waghalsigen Handlungsbrüchen, die außerhalb eines jahrhundertelang organisch veränderten Stoffs nicht zu vertreten wären.

Heute muss niemand mehr glauben, dass der Zeitraum zwischen Antike und Neuzeit ein geschlagenes Jahrtausend andauern und dabei mit dem Sammelbegriff „Mittelalter“ ein für allemal zutreffend beschrieben werden könne. Musäus deckt mit seinen vierzehn Märchenstoffen die ganzen heterogenen, je nach Definiton acht bis zwölf Jahrhunderte ab und alle europäischen Gegenden, die währenddessen jemals deutsch waren, dazu. Dabei schafft er das Kunststück, jedes Märchen in einem unterschiedlich archaisierenden Tonfall zu verfassen. Der Mann hat einen enormen Wortschatz, der ohne historisches Studium diachronisch und diatopisch nicht so punktgenau einzusetzen wäre. Das halte ich für beispiellos.

Das längste und bekannteste der Musäus-Märchen, bei denen allzeit unklar bleibt, ob wir es bei ihnen wie ausgewiesen mit Volksmärchen oder nach den tiefgreifenden Bearbeitungen doch schon mit Kunstmärchen zu tun haben, sind die Legenden vom Rübezahl aus Böhmen im zweiten Teil, die allerdings naturgemäß in sich unterteilt sind. Ein unbekannteres, dabei eins der längsten voll allerhand dramaturgischer Kapriolen, ist Stumme Liebe aus dem hanseatischen Bremen — bis Antwerpen samt westfälischem Zwischenreich — im vierten Teil.

Gang der Handlung: Um 1530 bringt der Bremer Kaufmannssohn Franz Melchior das schier unüberschaubare Erbe seines Vaters mehr aus Gutmütigkeit gegenüber falschen Freunden denn aus Verschwendungssucht durch und muss aus Armut eine Kammer in einer ärmlichen Gegend beziehen. Gegenüber wohnt eine Näherin mit ihrer sehr hübschen Tochter Meta. Die jungen Leute verlieben sich von aller Welt unbemerkt ineinander und können nur auf dem sonntäglichen Kirchgang heimlich Blicke tauschen (die „stumme Liebe“ als Romeo-und-Julia-Thema). Eine Werbung um die Hand der Tochter wäre aussichtslos für den verarmten Franz, weil die Mutter sich eine wirtschaftliche Verbesserung durch eine gute Heiratspartie ihrer Tochter erhofft und niemals einwilligen würde. Deshalb verabschiedet sich Franz von Meta durch eine versteckte Botschaft, die er dem Pastor von der Kanzel zu verlesen aufgibt, und reist nach Antwerpen, um alte Schulden von Geschäftspartnern seines Vaters einzutreiben. Damit hat er keinen Erfolg, sitzt vielmehr selbst kurzzeitig im Antwerpener Schuldturm ein, wird aus Gründen der Steuerersparnis entlassen (Sozialkritik) und tritt den Heimweg an. In einem Spukschloss, in dem er unterwegs übernachten darf, erweist er dem Poltergeist zufällig den richtigen Dienst, der ihn von seinem Fluch — und das zugehörige Dorf von ihm — befreit. Zum Dank verrät ihm der Geist noch, dass er sich am kommenden Herbstanfang auf der Bremer Weserbrücke einfinden müsse, um jemanden zu treffen, der ihm sein Glück bereiten kann. Franz folgt dem Rat, hält den Termin ein und treibt sich den ganzen bezeichneten Tag lang auf der Brücke herum. Niemand erscheint, sodass sich Franz nur mit einem der Bettler unterhalten kann, die auf der Brücke für gewöhnlich ihrem Gewerbe nachgehen. — Ich vermeide hier Spoiler, darf aber verraten: Das Ende ist ein so gutes wie durchaus überraschendes.

Stumme LiebeWahr und gut und schön und meines Wissens die einzige, die etwas Grundlegenderes bringt als eine kindgerechte Version vom Rübezahl, ist die Winkler-Ausgabe, die immer wieder jemand beim großen bösen Steuerhinterziehungsriesen halb verschenkt. Nach ihr wird der folgende Schwank aus Stumme Liebe zitiert. Die wenigsten orthographischen Auffälligkeiten darin sind Schreibfehler, weil Musäus eine besonders eigenwillige Schreibweise pflegt. Das Nachwort erklärt dazu:

Eine der Hauptschwierigkeiten, der man sich bei der Herausgabe von Werken aus früherer Zeit (etwa bis Mitte des 19. Jh.) gegenübersieht, ist die Frage: Was ist Spracheigenheit, und was ist Druckfehler? Gerade hier ist man mit dem Verbessern sehr schnell bei der Hand; aber mancher „offensichtliche“ Druckfehler ist bei näherem Hinschauen gar nicht so offensichtlich. Hierfür aus dem vorliegenden Band nur zwei Beispiele. Auf Seite 255/18 [in den Legenden vom Rübezahl] heißt es: die Schicksale des Abenteuers … Man hat hier in das naheliegende Abenteurers verbessert, indes gibt es die Nebenform Abenteuer = Mißgestalt, und in der Tat handelt es sich um eine solche. Kann man im vorliegenden Fall keiner der beiden Formen den Vorzug geben, so liegt der Sachverhalt bei folgendem „Druckfehler“ schon etwas klarer. Seite 262/38 [immer noch Rübezahl] ist die Rede von Beuteln, in denen das Geld wohl druhe. Hier hat man in das naheliegende ruhe verbessert; dennoch ist an dieser Stelle das originale druhen, welches so viel wie gedeihen, zunehmen, Profit bringen bedeutet, vorzuziehen. Im Grimmschen Wörterbuch ist die zitierte Stelle überdies als Beleg angeführt. Die vorliegende Ausgabe hat daher nur in wirklich eindeutigen Fällen stillschweigend verbessert, d. h. wo etwa in dem Wörtchen den anstelle des n ein u gesetzt wurde.

Und das ist schon der halbe Spaß.

Stumme Liebe

——- Johann Karl August Musäus:

Stumme Liebe

aus: Volksmärchen der Deutschen, Vierter Teil, 1786, Auszug:

Tief in dem öden Westfalen ritt er an einem schwülen Tage bis in die sinkende Nacht, ohne eine Herberge zu erreichen. Es türmten sich gegen Abend Gewitterwolken auf, und ein heftiger Platzregen durchnäßte ihn bis auf die Haut. Das fiel dem Zärtling, der von Jugend an aller ersinnlichen Bequemlichkeiten gewohnt war, sehr beschwerlich, und er befand sich in großer Verlegenheit, wie er die Nacht in diesem Zustande hinbringen sollte. Zum Trost erblickte er, nachdem das Ungewitter vorüber gezogen war, ein Licht in der Ferne, und bald darauf langte er vor einer dürftigen Bauerhütte an, die ihm wenig Trost gewährte. Das Haus glich mehr einem Viehstalle als einer Menschenwohnung, und der unfreundliche Wirt versagte ihm Wasser und Feuer, wie einem Geächteten, denn er war eben im Begriff, neben seine Stiere sich auf die Streue zu wälzen, und zu träge, um des Fremdlings willen das Feuer auf dem Herde wieder anzufachen. Franz intonierte aus Unmut ein klägliches Miserere, und verwünschte die westfälischen Steppen mit emphatischen Flüchen. Der Bauer ließ sich das wenig anfechten, blies mit großer Gelassenheit das Licht aus, ohne von dem Fremdling weiter Notiz zu nehmen, denn er war der Gesetze des Gastrechts ganz unkundig. Weil aber der Wandersmann vor der Tür nicht aufhörte, ihm mit seinen Lamenten Überlast zu machen, die ihn nicht einschlafen ließen, suchte er mit guter Art seiner los zu werden, bequemte sich zum Reden und sprach: „Landsmann, so Ihr Euch wollt gütlich tun und Euer wohl pflegen, so findet Ihr hier nicht was Ihr suchet. Aber reitet dort, linker Hand, durch den Busch, dahinter liegt die Burg des ehrenfesten Ritters Eberhard Bronkhorst, der herbergt jeden Landfahrer, wie ein Hospitalier die Pilger vom Heilgen Grabe. Nur hat er einen Tollwurm im Kopf, der ihn bisweilen zwickt und plagt, daß er keinen Wandersmann ungerauft von sich läßt. So Euch’s nicht irret, ob er Euch das Wams bläuet, wird’s Euch bei ihm baß behagen.“

Für eine Suppe und einen Schoppen Wein die Ribben einer Bastonade preiszugeben, ist freilich nicht jedermanns Ding, obwohl die Schmarotzer und Tellerlecker sich rupfen und zausen lassen, und alle Kalamitäten der Übermütler willig dulden, wenn ihnen der Gaumen dafür gekitzelt wird. Franz bedachte sich eine Weile, und war unschlüssig, was er tun sollte, endlich entschloß er sich dennoch, das Abenteuer zu bestehen. „Was liegt daran“, sprach er, „ob mir hier auf einer elenden Streu der Rücken geradebrecht wird, oder vom Ritter Bronkhorst? Die Friktion vertreibt wohl gar das Fieber, das im Anzuge ist, und mich wacker schütteln wird, wofern ich die nassen Kleider nicht trocknen kann.“ Er gab dem Gaul die Sporen, und langte bald vor der Pforte eines Schlosses von altgotischer Bauart an, klopfte ziemlich deutlich an das eiserne Tor, und ein ebenso vernehmliches „Wer da?“ hallete ihm von innen entgegen. Dem frostigen Passagier kam das lästige Passagezeremoniell der Torwächterinquisition so ungelegen als unsern Reisenden, die mit Recht über Wächter- und Mautamtsdespotismus, bei Toren und Schlagbäumen, seufzen und fluchen. Gleichwohl mußte er sich dem Herkommen unterwerfen und duldsam abwarten, ob der Menschenfreund im Schlosse bei Laune sei, einen Gast zu prügeln, oder geruhen würde ihm ein Nachtlager unter freiem Himmel anzuweisen.

Der Eigentümer der alten Burg hatte von Jugend an, als ein rüstiger Kriegsmann im Heere des Kaisers, unter dem wackern Georg von Fronsberg gedienet, und ein Fähnlein Fußvolk gegen die Venediger angeführet, sich nachher in Ruhe gesetzt, und lebte auf seinen Gütern, wo er die Sünden der ehemaligen Feldzüge abzubüßen, viel gute Werke verrichtete, die Hungrigen speiste, die Durstigen tränkte, die Pilger herbergte, und die Beherbergten wieder aus dem Hause prügelte. Denn er war ein roher wüster Kriegsmann, der des martialischen Tons sich nicht wieder entwöhnen konnte, ob er gleich seit vielen Jahren in stillem Frieden lebte. Der neue Ankömmling, der bereitwillig war, gegen gute Bewirtung sich der Sitte des Hauses zu unterwerfen, verzog nicht lange, so rasselten von innen die Riegel und Schlösser am Tor, die keuchenden Türflügel taten sich auf, als wenn sie durch den Jammerton, den sie hören ließen, den eintretenden Fremdling warneten, oder beseufzeten. Dem bangen Reisigen überlief’s mit einem kalten Schauer nach dem andern den Rücken herab, als er durch das Tor einritt, demungeachtet wurde er wohl empfangen: einige Bediente eilten herbei, ihm aus dem Sattel zu helfen, erzeigten sich geschäftig das Gepäck abzuschnallen, den Rappen in den Stall zu ziehen, und den Reuter zu ihrem Herrn in ein wohlerleuchtetes Zimmer einzuführen.

Das kriegerische Ansehn des athletischen Mannes, der seinem Gaste entgegenkam, und ihm so nachdrücklich die Hand schüttelte, daß er hätte laut aufschreien mögen, auch ihn mit stentorischer Stimme willkommen hieß, als wenn der Fremdling taub gewesen wär, übrigens ein Mann in seinen besten Jahren schien, voll Feuer und Tatkraft, setzte den scheuen Wanderer in Furcht und Schrecken, also, daß er seine Zagheit nicht verbergen konnte, und am ganzen Leibe erbebte. „Was ist Euch, junger Gesell“, frug der Ritter, mit einer Donnerstimme, „daß Ihr zittert wie ein Espenlaub, und erbleichet als woll Euch eben der Tod schütteln?“ Franz ermannete sich, und weil er bedachte, daß seine Schultern nun einmal die Zeche bezahlen müßten, ging seine Poltronnerie in eine Art Dreustigkeit über. „Herr“, antwortete er traulich, „Ihr seht, daß mich der Platzregen durchweicht hat, als sei ich durch die Weser geschwommen. Schaffet, daß ich meine Kleider mit trocknen wechseln kann, und lasset zum Imbiß ein wohlgewürztes Biermus auftragen, das den Fieberschauer vertreibe, der an meinen Nerven zuckt: so wird mir wohl ums Herz sein.“ „Wohl!“ gegenredete der Ritter, „heischt was Euch not tut. Ihr seid hier zu Hause.“

Stumme LiebeFranz ließ sich bedienen wie ein Bassa, und weil er nichts anders als Podoggen zu erwarten hatte, so wollte er sie verdienen, foppte und neckte die Diener, die um ihn geschäftig waren, auf mancherlei Weise, es kommt, dacht er bei sich, doch alles auf eine Rechnung. „Das Wams“, sprach er, „ist für einen Schmerbauch, bringt mir eins, das genauer auf den Leib paßt; dieser Pantoffel brennt wie Feuer auf dem Hühnerauge, schlagt ihn über den Leisten; diese Krause ist steif wie ein Brett und würgt mich wie ein Strick, schafft eine herbei, die mir sanfter tue, und durch keinen Stärkenbrei gezogen sei.“

Der Hausherr ließ über diese bremische Freimütigkeit so wenig einen Unwillen spüren, daß er vielmehr seine Diener antrieb, hurtig auszurichten, was ihnen befohlen war, und sie Pinsel schalt, die keinen Fremden zu bedienen wüßten. Als der Tisch bereitet war, setzten sich Wirt und Gast, und ließen sich beide das Biermus wohl behagen. Bald darauf trug jener: „Begehret Ihr auch etwas zur Nachkost?“ Dieser erwiderte: „Laßt auftragen was Ihr habt, daß ich sehe, ob Eure Küche wohl bestellt sei.“ Alsbald erschien der Koch und besetzte den Tisch mit einer herrlichen Mahlzeit, die kein Graf würde verschmähet haben. Franz langte fleißig zu, und wartete nicht bis er genötiget wurde. Als er sich gesättiget hatte, sprach er: „Eure Küche, seh ich, ist nicht übel bestellt, wenn’s um den Keller auch so stehet, so muß ich Eure Wirtschaft fast rühmen.“ Der Ritter winkte dem Kellner, dieser füllte flugs den Willkommen mit dem gewöhnlichen Tischwein und kredenzte ihn seinem Herrn, der ihn auf die Gesundheit des Gastes rein ausleerte. Drauf tat Franz dem Junker ehrlichen Bescheid, welcher sprach: „Lieber, was saget Ihr zu diesem Weine?“ „Ich sage, daß er schlecht sei“, antwortete Franz, „wenn’s vom besten ist, den Ihr auf dem Lager habt, und daß er gut sei, wenn’s Eure geringste Nummer ist.“ „Ihr seid ein Schmecker“, entgegnete der Ritter: „Kellner, zapf uns aus dem Mutterfasse!“ Der Schenke brachte einen Schoppen zum Kostetrunk, und als ihn Franz versucht hatte, sprach er: „Das ist echter Firnewein, dabei wollen wir bleiben.“

Der Ritter befahl einen großen Henkelkrug zu bringen, und trank sich mit seinem Gaste heiter und froh, fing an von seinen Kriegszügen zu reden, wie er gegen die Venediger zu Felde gelegen, die feindliche Wagenburg durchbrochen und die welschen Scharen wie die Schafe abgewürgt habe. Bei dieser Erzählung geriet er in einen solchen kriegerischen Enthusiasmus, daß er Flaschen und Gläser niedersäbelte, das Trenchiermesser wie eine Lanze schwang, und seinem Tischgenossen dabei so nahe auf den Leib rückte, daß diesem für Nase und Ohren bange war.

Es wurde spät in die Nacht, gleichwohl kam dem Ritter kein Schlaf in die Augen, er schien recht in seinem Elemente zu sein, wenn er auf den Kriegszug gegen die Venediger zu reden kam. Die Lebhaftigkeit der Erzählung mehrte sich mit jedem Becher, den er ausleerte, und Franz fürchtete, daß dieses der Prolog zu der Haupt- und Staatsaktion sein möchte, bei welcher er die interessanteste Rolle spielen sollte. Um zu erfahren, ob er innerhalb oder außerhalb des Schlosses pernoctieren werde, begehrte er einen vollen Becher zum Schlaftrunk. Nun meinte er, werde man ihm den Wein erst einnötigen, und wenn er nicht Bescheid tät, ihn unter dem Scheine eines Weinzwistes, nach der Sitte des Hauses, mit dem gewöhnlichen Viatikum fortschicken. Gegen seine Erwartung, wurde ihm ohne Widerrede gewillfahrt, der Ritter riß augenblicklich den Faden seiner Erzählung ab, und sprach: „Zeit hat Ehre, morgen mehr davon!“ „Verzeihet, Herr Ritter“, antwortete Franz, „morgen wenn die Sonne aufgehet, bin ich über Berg und Tal, ich ziehe einen fernen Weg nach Brabant und kann hier nicht weilen. Darum beurlaubt mich heut, daß mein Abschied morgen Eure Ruhe nicht störe.“ „Tut, was Euch gefällt“, beschloß der Ritter; „aber scheiden sollt Ihr nicht von hinnen, bis ich aus den Federn bin, daß ich Euch noch mit einem Bissen Brot und einem Schluck Danziger zum Imbiß labe, dann bis an die Türe geleite, und nach Gewohnheit des Hauses verabschiede.“

Franz bedurfte zu diesen Worten keiner Auslegung. So gern er dem Hauspatron die letzte Höflichkeit der Geleitschaft bis in die Haustür entlassen hätte, so wenig schien dieser geneigt, von dem eingeführten Ritual abzuweichen. Er befahl den Dienern den Fremden auszukleiden, und ins Gastbette zu legen, wo sich Franz wohl sein ließ, und auf elastischen Schwanenfedern einer köstlichen Ruhe genoß, daß er sich, ehe ihn der Schlaf übermannte, selbst gestund, eine so herrliche Bewirtung sei, um eine mäßige Bastonade, nicht zu teuer erkauft. Bald umflatterten seine Phantasie angenehme Träume. Er fand die reizende Meta in einem Rosengehege, wo sie mit ihrer Mutter lustwandelte und Blumen pflückte. Flugs verbarg er sich hinter eine dichtbelaubte Hecke, um von der strengen Domina nicht bemerkt zu werden; wiederum versetzte ihn die Einbildungskraft in das enge Gäßgen, wo er durch den Spiegel die schneeweiße Hand des lieben Mädchens, mit ihren Blumen beschäftiget, sah; bald saß er neben ihr im Grase, wollte ihr seine heiße Liebe erklären, und der blöde Schäfer fand keine Worte dazu. Er würde bis an den hellen Mittag geträumet haben, wenn ihn nicht die sonore Stimme des Ritters und das Geklirr seiner Sporen aufgeweckt hätte, der bei Anbruch des Tages schon in Küch und Keller Revision hielt, ein gutes Frühstück zuzurichten befahl, und jeden Diener auf den ihm zugeteilten Posten stellte, um bei Handen zu sein, wenn der Gast erwachen würde, ihn anzukleiden und zu bedienen.

Es kostete dem glücklichen Träumer viel Überwindung, sich von dem sichern gastfreundlichen Bette zu scheiden, er wälzte sich hin und her; doch die grelle Stimme des gestrengen Junkers engte ihm das Herz ein, und einmal mußte er in den sauren Apfel beißen. Also erhob er sich von den Federn, und sogleich waren ein Dutzend Hände geschäftig ihn anzukleiden. Der Ritter führte ihn ins Speisegemach zu einer kleinen wohl zugeschickten Tafel; aber da es jetzt zum Abdrücken kam, fühlte der Reisende wenig Eßlust. Der Hauswirt ermunterte ihn: „Warum langt Ihr nicht zu? Genießt etwas für den bösen Nebel.“ „Herr Ritter“, antwortete Franz, „mein Magen ist noch zu voll von Eurem Abendmahl; aber meine Taschen sind leer, die mag ich wohl füllen für den künftigen Hunger.“ Er räumte nun wacker auf, und bepackte sich mit dem Niedlichsten und Besten, was transportabel war, daß alle Taschen strotzten. Wie er sahe, daß sein Gaul wohl gestrichelt und aufgezäumt vorgeführet wurde, trank er ein Gläslein Danziger zum Valet, in der Meinung, das werde die Losung sein, daß ihn der Wirt beim Kragen fassen und sein Hausrecht werde fühlen lassen.

Stumme LiebeAber zu seiner Verwunderung schüttelte er ihm, wie beim Empfang, traulich die Hand, wünschte ihm Glück auf die Reise, und die Riegeltür wurde aufgetan. Er säumte nun nicht den Rappen anzustechen, und zak zak war er zum Tor hinaus, ohne daß ihm ein Haar gekrümmt wurde.

Jetzt fiel ihm ein schwerer Stein vom Herzen, da er sich in völliger Freiheit befand, und sahe, daß er so mit heiler Haut davongekommen war, er konnte nicht begreifen, warum ihm der Wirt die Rechnung kreditiert hatte, die seinem Bedünken nach hoch an die Kreide lief, und umfaßte nun den gastfreien Mann mit warmer Liebe, dessen faust- und kolbengerechten Arm er gefürchtet hatte; trug aber noch groß Verlangen, Grund oder Ungrund des ausgestreueten Gerüchtes an der Quelle selbst zu erforschen. Darum wendete er flugs den Gaul und trabte zurück. Der Ritter stund noch im Tor, und glossierte mit seinen Dienern, zu Beförderung der Pferdekunde, die sein Lieblingsstudium war, über Abkunft, Gestalt und Bau des Rappen und seines harten Trabes, wähnte, der Fremdling vermisse etwas von seinem Reisegepäck, und sahe die Diener wegen ihrer vermeinten Unachtsamkeit scheel an. „Was gebricht Euch, junger Gesell“, rief er dem Kommenden entgegen, „daß Ihr umkehret, da Ihr wolltet förderziehen?“ „Ach, noch ein Wort, ehrenfester Ritter!“ antwortete der Reisige. „Ein böses Gerücht, das Euch Glimpf und Namen bricht, sagt, daß Ihr jedes Fremdlings wohl pfleget, der bei Euch einspricht, um ihn, wenn er wieder davon scheidet, Eure starken Fäuste fühlen zu lassen. Dieser Sage hab ich vertrauet, und nichts gesparet, die Zeche Euch abzuverdienen: ich gedachte bei mir, der Junker wird mir nichts schenken, so will ich ihm auch nichts schenken. Nun laßt Ihr mich in Frieden ziehen, sonder Strauß und Gefährde, das nimmt mich wunder. Lieber, sagt mir darum, ist einiger Grund oder Schein an der Sache; oder soll ich das faule Geschwätz Lügen strafen?“ Der Ritter entgegnete: „Das Gerücht hat Euch keinesweges mit Lügen berichtet; es treibt sich keine Rede im Volk um, es liegt ein Körnlein Wahrheit darinnen. Vernehmt den eigentlichen Bericht, wie die Sache stehet. Ich beherberge jeden Fremdling, der unter mein Dach eingehet, und teile meinen Mundbissen mit ihm, um Gottes Willen. Nun bin ich ein schlichter deutscher Mann, von alter Zucht und Sitte, rede wie mir’s ums Herz ist, und verlange, daß auch mein Gast herzig und zuversichtlich sei, mit mir genüße was ich habe, und frei sage was er bedarf. Aber da gibt’s einen Schlag Leute, die mir mit allerlei Faxen Verdruß tun, foppen und äffen mich mit Kniebeugen und Bücklingen, stellen all ihre Worte auf Schrauben, machen viel Redens ohne Sinn und Salz; vermeinen mit glatten Worten mir zu hofieren, gebärden sich bei der Mahlzeit, wie die Weiber beim Kindtaufschmause. Sag ich: ›Langt zu!‹ so erwischen sie aus Reverenz ein Knöchlein von der Schüssel, das ich meinem Hunde nicht böt; sprech ich: ›Tut Bescheid!‹ so netzen sie kaum die Lippen aus dem vollen Becher, als wenn sie Gottes Gabe verschmäheten; lassen sich zu jedem Dinge lang nötigen, tät schier not, auch zum Stuhlgang. Wenn mir’s nun das leidige Gesindel zu bunt und kraus macht, und ich nimmer weiß, wie ich mit meinem Gaste dran bin: so werd ich endlich wild und brauche mein Hausrecht, fasse den Tropf beim Fell, balge ihn weidlich und werf ihn zur Tür hinaus. Das ist bei mir so Sitt und Brauch, und so halt ich’s mit jedem Gaste, der mir Überlast macht. – Aber ein Mann von Eurem Schlag ist mir stets willkommen: Ihr sagtet rund und deutsch heraus, was Euch zu Sinne war, wie’s der Bremer Art ist. Sprecht getrost bei mir ein, wenn Euch der Weg wieder vorbeiträgt. Damit Gott befohlen.“

Franz trabte nun, mit heiterm frohen Mute, nach Antwerpen zu, und wünschte allenthalben eine so gute Aufnahme zu finden, als bei dem Ritter, Eberhard Bronkhorst genannt.

Fachliteratur: Claudia Hillebrandt und Elisabeth Kampmann (Hg.): Seelenräume und Sympathieebenen statt skeptischer Erzählartistik. Ludwig Richter und Josef Hegenbarth illustrieren Musäus’ ‚Stumme Liebe‘, in: Sympathie und Literatur. Zur Relevanz des Sympathiekonzepts für die Literaturwissenschaft, Erich Schmidt Verlag, Berlin 2014, Seite 168–202.

Stumme Liebe

Bilder: die gängigen, anonymen Illustrationen um 1860, leider nirgends in besserer Qualität als im Gutenberg-Text. Das letzte ist der Holzstich Reiter in dem öden Westphalen ritt bis in die sinkende Nacht ohne eine Herberge zu erreichen, über wen sonst denn das Antiquariat Murr, sympathischerweise ohne eigene Website, wo sonst denn in Bamberg.

Written by Wolf

25. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Handel & Wandel

Isarathen ist die nördlichste Stadt Italiens

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Update zu Große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen gleichen
und Ein ewig Weißwurschten:

Zum Bieranstich des 182. Oktoberfests zu München folgt eine Internet-Premiere: der Aufsatz Gemälde von München von Friedrich Hebbel, 1839.

Während seiner Münchner Zeit war der junge Studiosus Hebbel nicht mehr denn ein armer Schlucker. Nachdem er sich von dort zu Fuß zurück in die Heimat Hamburg durchgeschlagen hatte – übrigens sehr zügig vom 11. bis 31. März –, musste er gegen seine Überzeugung und auf Angebot von Karl Gutzkow für den Telegraph für Deutschland den Textauftrag über die von Hamburg aus gesehen exotische Stadt München annehmen.

Als willkommene Stoffsammlung griff Hebbel auf seine eigenen Münchner Briefe im Cottaischen Morgenblatt für gebildete Stände, Stuttgart 1836 bis 1838 zurück, siehe seine historisch-kritische Ausgabe, Band IX, Seite 359 bis 399. Darum waren laut Tagebuch – hier zitiert nach dem Kommentar in der Gesamtausgabe bei Hanser – am 12. April 1839 schon mehrere Seiten

niedergeschrieben, ohne die inneren Vorbehalte gegen eine bestellte Arbeit aufgegeben zu haben: „Dergleichen Geschwätz widert mich an“ (Tgb. 1551). Im Rückblick auf das Jahr 1839 kam Hebbel nochmals auf sein „Gemälde von München“ zu sprechen, das […] den Beifall des Autors, „den es nicht hat, entbehren kann, da es den des Publikums erhielt“ (Tgb. 1965).

Die Arbeit unter Protest ist Hebbel offenbar recht gut gelungen. Dieselbe Anmerkung fährt fort:

Unbeschadet dieser selbstkritischen Äußerung darf der überlegene Gestus, mit dem das „Gemälde“ entworfen wurde, nicht geringgeschätzt werden. Eindrucksvoll versteht es der erst sechsundzwanzigjährige Hebbel, die geistige Eigenart einer Stadt zu ergründen und mit leichter Hand darzustellen. Vom Totaleindruck führt er den Leser zum charakteristischen Detail; er bestätigt Gewußtes durch Beobachtung und gewinnt dem Einzelvorgang, indem er ihn einordnet, eine eigene Bedeutung hinzu. Die Mitteilungsfreude eines Fremdenführers verbindet Hebbel mit der Menschenkenntnis des Dramatikers, der aus Gewohnheiten den Charakter erschließt. Das „Gemälde von München […] beweist eine urbane Gelassenheit in der Auswertung vreschiedenartigster Eindrücke. Nirgends tritt der Autor unbillig hervor; witzig, keck und voll Verständnis spiegelt er seine Umwelt wieder.

Recht hat diese kommentierende Einschätzung der bis heute einzigen größeren – und halbwegs ohne Verrenkungen erhältlichen – Hebbel-Ausgabe, die wir anhand ihres leicht behäbigen Wortschatzes noch 1965 einordnen dürfen, insofern, als Hebbel trotz schlechter Erfahrungen in der Fremde und der ungeliebten Auftragsarbeit allerhand Esprit in seine Tourismusliteratur legt. Es unterlaufen sogar ein paar echt luzide, eigenständige Beobachtungen: Das Gemälde macht Spaß.

Dennoch werden Sie diese Textmenge, die selbst für eine Literaturzeitschrift des 19. Jahrhunderts, die auf keine „Aufmerksamkeitsspannen“ Rücksicht nehmen musste, in drei Lieferungen aufgeteilt wurde, voraussichtlich nicht online von vorne bis hinten lesen. Es sollte eben eine vollständige, weiterverwendbare Version davon digital zur Verfügung stehen. Deshalb als Anspieltipp: Abschnitt IV, „Der deutsche Bürger und Mann […]“.

Interessant ist, woran sich Hebbels Interesse entzündet und woran nicht: Ja, die Alte Pinakothek hat neun Säle und 23 Kabinette – was einem nicht einmal jeder heutige Fremdenführer sagen könnte – und ja, auch 1839 war nicht jeder Tragöde eine Zierde seines Theaters; letztendlich lauschen wir den kommerziell orientierten Ausführungen eines 26-jährigen Studenten, der sich über das Bier zu drei Kreuzern freut, – ohne ein Wort darüber zu erfahren, dass sich das Oktoberfest seit 1810 zur Mutter aller Volksfeste auswächst.

Auch wer in München nur sein kleines Leben führen will, kommt nicht an den zahlreich gesäten literarischen Auslassungen vorbei, die auch nur entfernt zur Stadtwerbung taugen und seit König Ludwig I. den Münchner Stadttourismus befeuern sollen. Instrumentalisiert wurden schon Goethe, Heinrich Heine, Thomas Mann, Mark Twain, Thomas Wolfe und so ziemlich jeder, der auf der Durchreise jemals eine Maß im Biergarten in seinem posthum ausgeschlachteten Tagebuch oder privat adressierten Brief vermerkt hat – nur Friedrich Hebbel kommt nie vor. Offensichtlich mangelt es seinem Gemälde an knapp zitierbaren Sentenzen und beigeschmackloser Lobhudelei. Das ist ihm anzurechnen.

Für meinen Begriff könnte er sich allein sein gourmethaftes Herumgeonkel sparen, wie „die Münchnerin“ so drauf ist, das steht niemandem. Aber für meinen Begriff könnte der Magistrat auch das Oktoberfest ausfallen lassen, das würde ungemein der Gemütlichkeit dienen. Ein Prosit derselben.

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——— Friedrich Hebbel:

Gemälde von München

in: Telegraph für Deutschland, Hamburg, Mai, Juni und Juli 1839,
cit. Gerhard Fricke, Werner Keller und Karl Pörnbacher (Hgg.): Friedrich Hebbel: Werke, Carl Hanser Verlag, München 1965. 2.Auflage 2007.
Dritter Band (von 5): Gedichte, Erzählungen, theoretische Schriften, Seite 777 bis 795:

I

– Sie wünschen von mir ein Gemälde des Münchner Lebens und Treibens. Es ist leicht, Ihrem Wunsche zu entsprechen, wenn ich mir erlauben darf, dasjenige, was vereinzelt und abgetrennt für sich dasteht, in partiellen, locker oder gar nicht miteinander verbundenen Bildern darzustellen. Es würde mir jedoch schwer fallen, an jeder der vielfachen, sich dem Beobachter entgegendrängenden Erscheinungen den organischen Punkt, aus dem sie hervorwächst, oder den Faden, der sie alle verknüpft, mit Bestimmtheit und Sicherheit nachzuweisen. Ich kann dem Gemälde eine Feinheit nicht geben, welche dem Gegenstande selbst mangelt; es fehlt München an einer Grundformel, auf die man die meisten großen Städte Deutschlands zurückzuführen vermag, und grade hierin liegt seine Eigentümlichkeit. Die wunderlichsten und verschiedenartigsten Elemente, solche, die sich gegenseitig auszuschließen, sich unmöglich zu machen scheinen, mischen sich oder durchkreuzen sich vielmehr in dieser Stadt. Der strenge Katholizismus, der nicht allein unser bombenschleuderndes Jahrhundert, der die Zeit selbst in ihrem innersten Prinzip verneint, und der vor dem ersten Gedanken, wie vor dem Selbstmord, zurückschaudert, blickt uns aus allen Ecken an; er blickt uns an, nicht als hohläugiges, sich aus dem Grabe hervorstehlendes Gespenst, sondern wohlbeleibt und zählebig, mit der eisernen Gesundheit eines Großvaters, der seine roten Enkel nicht bloß zu wiegen sondern auch noch zu bestatten Miene macht. Dennoch hat neben diesem Katholizismus sich ein ödes Protestantentum, der Tod in umgekehrter, häßlichster Gestalt zu entfalten gewußt, ein Protestantentum, das die Musik geächtet, das Phantasie und Empfindung zum Hungertode verdammt und die Religion zum saft- und kraftlosen Pumpernikel, den die nüchternste, aller Begeisterung unfähige rationelle Theologie für den Hausbedarf bäckt, herabgesetzt hat. Wie aber jener Katholizismus einen verlornen Sohn zählt, der trotz seiner Rechtgläubigkeit den heiligen Vater für ein überflüssiges Übel hält, so hat auch dies Protestantentum in seiner gläsernen Durchsichtigkeit den dunkelfarbigsten Pietismus aus seinem Schoß geboren; es gibt geistliche Zusammenkünfte für junge Damen, wo sie Erbauung und in der Regel auch einen Mann finden, Traktätchen werden verbreitet und verschlungen, Richtwege zum Himmel aufgespürt und mit Begierde und Stolz eingeschlagen. Ähnliche Gegensätze treffen wir, um einstweilen, wie es sich für die Einleitung schickt, die politischen Beziehungen unberührt liegenzulassen, in der Kunst, die zwischen antiker Gemessenheit und romantischer Ineinanderwirrung aller stofflichen und formellen Grenzen hin und her schwankt. Freilich läßt sich fragen: Wo treffen wir sie nicht, diese Gegensätze? Sie sind tief bedingt in unsrer Zeit, die krank und nachtwandelnd, Dinge tut, die sie nicht tun will, Höhen erklimmt, von denen sie beim Erwachen herabstürzen muß; die aus Vergangenheit und Zukunft ihre Fieberphantasieen spinnt und vielleicht eben in ihren wildesten Abirrungen die meiste Aufmerksamkeit verdient. Doch ist es entschieden, daß sie nirgends so grell hervortreten, wie in München, und dies ist der Grund, weshalb fast keinem Urteil, das jemals über diese, das Urteil herausfordernde und neckende Stadt ausgesprochen wurde, die relative Wahrheit bestritten werden kann.

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II

Es fehlt München unendlich viel, was andere Städte reizend und interessant macht; dennoch wird sich ein jeder, der dort längere Zeit lebte, seines Aufenthalts in München mit Vergnügen erinnern und gern einmal dahin zurückkehren. Dies kommt zum Teil von der örtlichen Lage, die, obgleich an sich kahl und matt, nach allen Seiten hin die anziehendsten Ausflüge gestattet. Wie schnell kann man in Wien, in dem göttlichen Salzburg sein! Die Tyroler Alpen winken verführerisch und drängend herüber; auf dem Wege zu ihnen trifft man die schönsten Landseen; Italien selbst ist nah. Es ist aber dem Menschen mehr um den Schlüssel zum Paradiese, als um das Paradies selbst zu tun, und, einer der weiß, du kannst die herrliche Reise morgen erleben, wenn du nicht bis übermorgen warten willst, hat in dieser bloßen Möglichkeit einen sehr reellen Genuß. Auch ist die Umgebung von München nicht ganz so schlecht, als man sie sich gewöhnlich denkt. Es gibt an der Isar hinauf manche liebliche Partie; Neuberghausen, die Menterschweig und vor allem das waldbekränzte Großhesselohe sind sehr angenehme Punkte. Die Isar ist übermütig-lebendig, und zieht sich, wie eine strotzende Ader, durch die langweilig-ernsthafte Ebene hin; wilde Bergmassen verbauen in der Ferne den Horizont: man sieht doch manches, wenn man es auch nicht hat. Vorzüglich fesselt an München, daß die Stadt noch nicht fertig ist, daß sie sich täglich verändert, gleich demjenigen, der in ihr wohnt. Den chamäleonartigen Menschen drückt die eherne Dieselbigkeit der Natur; wir würden uns in der Welt zehn Mal besser gefallen, wenn Gott von Zeit zu Zeit die jetzt schon sechstausendjährige Dekorationen, die ihren Schöpfer zu überdauern drohen, verändern mögte. München scheint mit sich selbst im Krieg zu liegen; man weiß nicht, wird die neue Stadt die alte verzehren, oder diese jene, und hiedurch nehmen Häuser und Straßen, die anderwärts bei der Ewigkeit verassekuriert zu sein scheinen, die Farbe des auf Kampf und Anstrengung verwiesenen jungen Lebens an. Die hellen, frischen Vorstädte umschließen mit weiten Armen, in die Hamburg und Altona zur Not noch mit hineingingen, die eigentliche Stadt, und der Fremde, der bisher die stolzesten Gebäude, Paläste und palastartigen Häuser erblickte, sieht sich seltsam überrascht, wenn er endlich in das alte München hineintritt und sich überzeugt, daß der Weg schöner war, als das Ziel. Doch, sobald er in diesen langen, hier übermäßig breiten, dort sich ungewöhnlich zuspitzenden Gassen wandelt, steigen andere Gedanken und Empfindungen in ihm auf; er sieht, daß er es nicht mehr mit einer freien Schöpfung des Geistes, sondern mit einer Zwangsgeburt des Zufalls und der blinden Nötigung zu tun hat; er fragt die Straße, warum sie sich grade an dieser Stelle krümmt, die Häuser, warum sie an jener so dicht zusammenrücken; er lächelt wohl gar über die moderne Kurzsichtigkeit, die einen Buckel dadurch zu verdecken sucht, daß sie ihn mit Flittern behängt. Durch alle alte Städte wandeln die Schatten verblichener Jahrhunderte, und in den Mittagsstunden, beim neuesten glänzendsten Sonnenschein erkennt man sie am deutlichsten.

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III

Ich komme auf die in neuerer Zeit teils schon entstandenen, teils erst entstehenden öffentlichen Gebäude. In München wird mehr gebaut, wie in irgendeiner andern deutschen Stadt, und die dabei beteiligte Bairische Kammer mag dies betrachten, wie sie will, ich, von meinem Gesichtspunkte aus, kann mich nur freuen, daß es geschieht. Das architektonische Genie hat in mir oft das tiefste Mitleid erregt; es kann das größte sein und muß, weil ihm die Mittel zur Verkörperung seiner Ideen nur von außen her kommen können, spurlos und ruhmlos aus der Welt gehen und kann sogar, weil es sich dem Unverstand und der Blödsichtigkeit verdingen muß, gezwungen werden, wider seinen eignen heiligen Geist zu freveln und, im VolIgefühl des Schönen und Echten, das Gemeine und Nichtige ins Leben zu rufen. In München hat es Gelegenheit sich zu entfalten. Ein kunstliebender König ist von der rühmlichen Leidenschaft erfüllt, sein Andenken in dem Lande, das er beherrschte, in der Stadt, die er bewohnte, durch würdige Denkmäler möglichst lange lebensfrisch zu erhalten. Er baut Klöster, Blinden-Institute, Kirchen, Paläste, Bibliotheken, genug alles und jedes, was einem Palladio leicht macht, zu zeigen, daß er da ist. Man kann freilich die Frage aufwerfen, ob nicht eben, weil so viel geschieht, das wahrhaft Große ausgeschlossen wird; man kann bemerken, daß die Begeisterung nicht zu addieren vermag, daß der Mensch nicht, um einen Berg zu bewundern, im Geist hundert zerstreut umherliegende Hügel zusammenzählt. Doch muß man nicht vergessen, daß die Zeiten, wo ein Kölner oder Straßburger Riesenbau angefangen werden konnte, vorbei sind. Durch die Jahrhunderte läuft jetzt nicht mehr, wie ehemals, ein eiserner Faden; wir sind heute für dies entzündet und morgen für das; wir treten mit Füßen, was unsere Väter heilig hielten, wir dürfen uns von unsern Söhnen und Enkeln keines Bessern versehen und tun wohl, wenn wir uns mit allem, was wir vornehmen, beeilen. Wir bauen in liebenswürdiger Naivetät deshalb geistig und materiell gern so, daß die Nachwelt ohne große Gewissensbisse wieder niederreißen darf, was wir aufrichteten; wir ersparen ihr sogar zuweilen diese Mühe, indem wir die Sachen so einrichten, daß sie höflich und zuvorkommend zur rechten Stunde in sich selbst zusammenbrechen. Ich will dies keineswegs speziell auf München bezogen haben, und es trifft München nur soweit, als es die ganze Welt trifft, aber es ist unleugbar.

Die Glyptothek, Klenzes erste und nach meinem Gefühl, trotz der oft und mit Recht gerügten Mängel, beste Arbeit, ist längst fertig; so viele Urteile sie aber auch bereits über sich hervorgerufen hat, so ist doch noch immer ein neues selbständiges möglich. Der Tadel, der sie treffen mag, fließt aus der Rücksicht auf den Zweck des Gebäudes und trifft daher eigentlich den Punkt, wo die Architektur als Kunst, die zugleich herrschen und dienen soll, sterblich ist. Es mag immerhin sein, daß die in ihr aufgestellten Antiken in minder reicher Umgebung bedeutsamer hervortreten, daß sie den Beschauer, der sich jetzt auch in den sie umschließenden prächtigen Räumen mit Lust und Freude ergeht, alsdann gewaltiger anziehen und ausschließlicher an sich fesseln würden. Doch trifft der letzte Eindruck der Glyptothek durchaus mit dem letzten Eindruck dieser großen Kunstwelt zusammen; neben dem tiefsten Ernst wird spielende Heiterkeit und frischer Lebensmut im Menschenherzen erregt, die unerschöpfliche Fülle der Welt, die sich hinter einer anscheinend versplitterten Mannigfaltigkeit verbirgt, drängt sich uns entgegen; der letzte Eindruck ist es aber allein, der in Rechnung kommen kann. Die Pinakothek ist großenteils, jedoch im Innern noch nicht völlig ausgebaut. Sie liegt außerhalb der Stadt, wie die Glyptothek, und dieser schwesterlich nah. Wenn die Glyptothek eine edel-nachlässige Hoheit charakterisiert; wenn sie einer Königin gleicht, welche die Krone eben auf den Nachttisch legte, aber nur, weil sie weiß, daß sie der Krone nicht bedarf, um zu der ihr gebührenden Ehrerbietung zu gelangen, so prangt die stolze Pinakothek in wohl bewußter, sich in sich selbst zusammennehmender Würde; der bairische Löwe bewacht den Eingang zu ihr und ein Riese (ein wirklicher, der sich als solcher früher auf Jahrmärkten hat sehen lassen) ist Portier. Die innere Einrichtung ist vortrefflich. Die Pinakothek ist nicht ausschließlich Gemäldesammlung im engern Sinne; sie ist zugleich zur Aufbewahrung von Original-Handzeichnungen, Kupferstichen, hetrurischen Vasen Und Porzellän-Malereien bestimmt. Die letztgedachten, teilweise ebenfalls reichen Sammlungen sind jedoch bis jetzt noch nicht darin aufgestellt. Das Vestibule wird von vier jonischen Marmorsäulen getragen; beim Eintritt bemerkt man zur Linken zwei breite Marmortreppen, die, in der zweiten Hälfte sich in eine verlierend, zu dem herrlich verzierten Vorsaal, dem Saal der Stifter, führen, welcher die lebensgroßen Bildnisse der um die Kunst verdienten bairischen Regenten enthält. Der vorteilhaften Wirkung wegen ist die Kuppelbeleuchtung gewählt, und das Licht ist mit Ausnahme des achten Saals, wo es störend durch die breiten Seitenfenster fällt, durchgehends gut. In neun Sälen und dreiundzwanzig Kabinetten sind nur die besten der früher in der Münchner und der Schleißheimer Galerie aufbewahrten Gemälde, sinnreich und instruktiv nach Schulen geordnet, aufgestellt. Der Glyptothek vis-à-vis erhebt sich die für den Gottesdienst der in München anwesenden jungen Griechen bestimmte Basilika. Sie ist ihrer Vollendung im Innern, wie im Äußern noch ziemlich fern und gewährt, gedrückt und am Boden klebend, wie eine Schnecke, keinen freundlichen Anblick. Die Form ist nicht national, und noch weniger schön; ob und inwieweit sie christlich ist, will ich nicht untersuchen. Imposant ist die Ludwigsstraße, in der sich Prachtgebäude an Prachtgebäude reiht, fast zu imposant für München, weil sie Erwartungen erregt, denen nicht entsprochen wird und nicht entsprochen werden kann. Der Magistrat der Stadt hatte eine gute Idee, die er leider, weil die Realisierung zu viel gekostet hätte, unausgeführt ließ. Die Ludwigsstraße verläuft sich nämlich nach oben in zwei unverhältnismäßig schmale Gassen, die sie, wie ein Paar Fühlhörner auszustrecken scheint. Diese beiden Gassen verbindet etwa 80 bis 100 Schritte höher hinauf die schnurgrade Perusagasse, so daß sich der Ludwigsstraße ein plumper Häuserzirkel entgegenstemmt, der ihr im eigentlichsten Verstande die Krone raubt, indem er die neue Residenz und die einfach-würdige Theatinerkirche, die sonst prächtig und stolz hervortreten würden, versteckt, ja verdrängt. Nun war es im Werk, die erwähnten Häuser abzubrechen; doch, wie ich schon bemerkte, die Sache zerschlug sich am Kostenpunkt. In der Ludwigsstraße zieht vor allem die Ludwigskirche die Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist nicht erhaben, sie atmet keine Majestät, aber sie ist anmutig und lieblich; man glaubt, wenn die Morgensonne ihr heitres buntes Dach, aus dem zwei Türme hervorsprossen, hell bescheint, die Blüte des Steins zu erblicken. In ihrem Innern führt Cornelius, den ich später zu besprechen gedenke, seine großgedachten Kompositionen aus. Der Ludwigskirche gegenüber erhebt sich, fast kastellartig, das neue Universitätsgebäude, welches, nicht an und für sich, aber seiner Lage wegen, zu den mannigfaltigsten Betrachtungen Anlaß gibt. Das jetzige Universitätsgebäude liegt im Mittelpunkt der Stadt und macht es Professoren, wie Studenten, möglich, fast in jedem Quartier derselben zu wohnen; bei dem neuen ist das Gegenteil der Fall. Auch drängt sich die Frage auf, wozu denn das jetzt überflüssig werdende alte Gebäude, das ehemalige Jesuiter-Kollegium, verwandt werden wird. An die Universität schließt sich still und prunklos das Blinden-Institut und eine andere fromme Anstalt. Diesen gegenüber liegt die neue Bibliothek, ein sehr schönes Gebäude, nicht grämlich-gravitätisch, wie ein in sich selbst vermodernder Foliant, sondern keck und kräftig ins Leben hineinragend, ein Bild der Wissenschaft, wie sie sein sollte. An der Residenz wird noch immer fortgebaut. Der sich längs dem Hofgarten hinziehende Flügel, oben von Statuen von Schwanthaler, welche die acht Kreise des Königsreichs Baiern vorstellen, geschmückt, ist von einer bewundernswürdigen Zierlichkeit. Er enthält den Thronsaal, in welchem die Bildnisse großer deutscher Kaiser prangen werden. In Verbindung mit der Residenz steht die Allerheiligenkapelle, welche in ihrer dämmernden Helle das Herz zauberhaft ergreift. In byzantinischem Stil (auf Goldgrund) sind hier die Hauptmomente der jüdischen und der ersten christlichen Kirche von Heß mit seinem steifen, aber markigen Pinsel dargestellt; die Fehler des Malers kommen merkwürdigerweise diesen seinen Arbeiten zugute; der byzantinische Stil verlangt eine gewisse Eckigkeit, ein, wenn nicht totgeborenes, so doch einschlafendes Leben. Das mit enkaustischen Malereien verzierte, am Residenzplatz, der Residenz vis-à-vis belegene neue Postgebäude scheint mir den Effekt zu sehr in Kontrasten zu suchen; daß das in griechischem Stil gebaute Theater mit seinen Marmorsäulen ähnliche Verzierungen erhalten soll, will mir nicht gefallen, es ist nicht unmöglich, daß der Residenzplatz durch die Veränderung gewinnt, indem das weiße Theater allerdings gegen den grünlichen Palast und das rote Rathaus bisher zu stark abstach, aber es ist gewiß, daß das Theater dadurch verliert. Der in der Vorstadt auferstehende gotische Dom ist zu groß für die Vorstadt und zu klein an und für sich. Die gotische Bauart fordert das massenhaft Überwältigende, und dieses fehlt.

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IV

Der deutsche Bürger und Mann – beides ist identisch, denn der Deutsche muß Bürger sein, bevor er sich als Mann zu fühlen wagt – ist sich allenthalben so ziemlich gleich. Er trägt im Süden, wie im Norden, Schlafrock und Nachtmütze, und nur die Façon ist verschieden; er ist so lange ein Hase, bis ihm von Obrigkeits wegen der Befehl erteilt wird, in der Gestalt eines Löwen zu erscheinen, er ist Kosmopolit, aber nur sonntagsnachmittags von 5 bis 10 Uhr; er ist ein Pulverturm, der mitten im Wasser steht und der nur dann zu fürchten ist, wenn Gewitter aufziehen. Dennoch muß man ihn respektieren, denn er respektiert sich selbst; er geht mit sich um, wie mit einem geladenen Gewehr, und zittert vor dem Kannibalen, den böse Verhältnisse aus ihm machen könnten. Und das ist eben der Fluch, der eigentümlichste, des Philistertums: erzeugt es einmal einen frischen, lebenskräftigen Sohn, so muß dieser es sich als höchste Aufgabe setzen, seinen Vater zu ermorden.

Weshalb sollte ich mich daran machen, den Münchner speziell zu schildern, d.h. grau in grau zu malen. Er ist ein Deutscher und die Nähe des Italieners dient nur dazu, zu zeigen, daß er von fremden Sitten und Gebräuchen nichts annimmt, mögen diese ihm auch noch so dicht auf den Leib rücken. Doch hat der Münchner, der Tradition nach, einst einen höhern Aufflug gewagt, freilich nur, um vor dem Fliegen auf ewig Abscheu zu bekommen. Es war damals, als man in Griechenland ein neues Königreich etablierte. Da ergriff der Drang, sich zu hellenisieren, die ganze Stadt; Miltiades und Themistokles wurden populär in den Kaffeehäusern; man kam von Mittelsendling auf Marathon zu sprechen und reiste über Großhesselohe nach Thermopylä; es war eine schöne Zeit. Jetzt weiß man nur zu gut, daß in Griechenland nichts golden ist, als der Sonnenschein; man kennt jeden Riß in der Mauer von Athen, und, den König ausgenommen, verläßt alles, was Baier heißt, ein Land, das an seiner Auferstehung zugrunde geht.

Der Münchner Bürger arbeitet weniger und genießt mehr, wie irgendein anderer. Überhaupt ist es der Gedanke an den Genuß, der ganz München elektrisiert. Und der höchste Genuß, ein gutes Glas Bier, wie leicht und wie billig ist er zu haben! Wer drei Kreuzer in der Tasche trägt, kann eintreten, in welches Kaffeehaus oder in welchen Garten er will; er wird aufs prompteste bedient und bekommt, als immer schmeckende Zugabe, ein freundliches Gesicht obendrein. Mag über alles dies hochmütig witzeln, wem es behagt; es liegt etwas Wohltuendes darin, daß Menschen der verschiedensten Klassen, die anderwärts schneidend-scharf voneinander abgesperrt sind, hier ein und dasselbe Bedürfnis haben und es in einem und demselben Lokal befriedigen. Es ist für den Geringen eine Art Satisfaktion, wenn er zuweilen mit dem in der Gesellschaft höher Gestellten in irgendeine, wenn auch noch so gleichgültige Berührung tritt, und diese Satisfaktion ist ihm zu gönnen, da er, weit entfernt, zudringlich und prätentiös zu sein, sich grade in der Nähe des über ihm Stehenden am meisten zu bescheiden weiß.

Eine andre Frage ist es, ob das übermäßige Biertrinken an sich selbst nicht ein Übel ist, und ob die bairische Nation, wenn sie nicht seit drei Jahrhunderten Bier getrunken hätte, sich nicht glänzender und selbständiger entwickelt haben würde. Man muß die riesenhaft ungeheuren Fässer in den Bierhäusern und Sommerkellern gesehen haben, um sich einen Begriff davon zu machen, wieviel Bier allein in München ausgetrunken wird; die bis zum Niederbrechen beladenen Wagen der Brauer durchziehen unablässig die Straßen, um den Schenkwirten die nötigen Quanta zu bringen, und die Dienstmägde erblickt man fast nicht, außer mit dem Bierkrug am Arm. Der Bierkrug aber ist der Feind des Genies; er rundet die Bäuche, treibt die Gesichter bis zum Zerspringen auseinander, und rötet die Nase; dagegen erstickt er den Geist und löscht sogar das Auge aus. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß die ganz unleugbare Armut Baierns an Männern, die Kunst und Wissenschaft bedeutend förderten, und manche frostige Erscheinung mit dem Biertrinken in innigem Verhältnis steht.

So viel ist gewiß, bis jetzt gehört das Bier zum Münchner Bürger, wie seine Seele. Daran knüpft sich denn vieles andre, was dem Fremden auffällt: der schlendernde Gang, der sich bei jedem Schritt nach dem Ziele umsieht, die Scheu vor weiten Spaziergängen, das Großväterlich-Behagliche des ganzen Körpers, der nur fürs Sitzen, fürs Ausruhen vom Nichtstun, geschaffen zu sein scheint. Das Gespräch dieser Leute, sowie es nur vom Bier erweckt wird, betrifft auch einzig und allein das Bier; maulfaul und verdrießlich-ernsthaft sitzen sie sich gegenüber und unterhalten sich, wie Liebende, mit Blicken; endlich schlägt der eine den zinnernen Deckel des Krugs zurück, nippt, schüttelt mit einer vielsagenden Miene den Kopf, nippt noch einmal und seufzt: Alles wird schlechter; der Gevatter legt die Pfeife aus der Hand, räuspert sich, trinkt ebenfalls und sagt: Ja, Ja! Dann schauen sie sich um, ob nicht irgendwo die Kellnerin sich blicken läßt; hat diese das Unglück, an ihnen vorüberzukommen, so wird sie aufgehalten, man disputiert mit ihr darüber, ob das Faß auch wirklich frisch angezapft worden sei, was die Kellnerin natürlich mit Festigkeit behauptet; man leert inzwischen das Glas und bestellt ein zweites, denn so groß wird die Indignation nicht, daß man, wenn man einmal sitzt, wieder aufsteht und ein anderes Wirtshaus besucht.

Weit anziehender ist es, die Münchnerinnen zu schildern. Das Weib ist ein zarter, bildsamer Stoff in der Hand der Natur, es ist, mehr als der Mann, den klimatischen Einflüssen unterworfen, es setzt der formenden Gewalt keinen unfruchtbaren Widerstand entgegen, und befindet sich am wohlsten, je öfter es sich häutet. Im Weibe liegt eine unendliche Perfektibilität, die, bisher gehemmt und zurückgehalten, durch soziale Verhältnisse, vielleicht bei kräftiger, freier und unabhängiger Entwickelung der Menschheit ganz neue Richtungen geben wird. Die Münchnerin ist das grade Gegenstück ihres Mannes; man begreift nicht, wie sie ihn heiraten konnte, und sie würde es auch gewiß nicht getan haben, wenn ihr eine andre Wahl geblieben wäre. In ihr pulsiert schon der Süden, nur wenig noch mit Eis und Schnee versetzt; italienische und deutsche Elemente kämpfen in ihrem Herzen um die alleinige Herrschaft; da ist zugleich hastig aufblitzende Glut und rührende Treue; der rote Kometenstrahl ungebändigter Leidenschaft schießt auf, aber die deutsche Träne stürzt schamhaft nach und erstickt ihn. Seht das Münchner Mädchen, wenn es im goldnen oder silbernen Riegelhäubchen, anmutig-stolz, sich selbst gefallend und über dies Gefühl leise errötend, auf den Markt oder zum Tanze geht; seht es besonders, wenn es, das duftige, in Korduan gebundene Gebetbuch in der Hand, in die dunkle Frauenkirche eintritt, wenn es vor irgendeinem aus seiner Nische marmorkalt und marmorstumm herabschauenden Heiligen niederknieet und ihm unter brünstigen Gebeten ein Geheimnis anvertrauet, das ihr die Wangen glühen macht; seht es und fragt euch, ob ihr eine lieblichere Erscheinung kennt. Das Münchner Mädchen ist sinnlich, ja; aber denkt dabei nur nicht an die häßliche, tagscheue, norddeutsche Sinnlichkeit, die etwas anders sein will, als sie ist, und die nichts mehr verabscheut, als sich selbst. Jene Sinnlichkeit ist besserer Art, sie wurzelt in dem süßen Mysterium der Liebe, sie weiß, daß sie da sein darf, und wagt, da zu sein; dazu kommt der dunkle, mit Sternen geschmückte Hintergrund des Katholizismus, es ist reizend an einem Mädchen, wenn sie katholisch ist und dennoch der gottesverlorene Ketzer von ihren Lippen speist.

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V

Nach diesen allgemeinen Umrissen gehe ich zur Betrachtung des einzelnen über. Als erster Gegenstand bietet sich mir das Theater dar. Es ist bei dem jetzigen Zustande der deutschen Schauspielkunst überhaupt keine Schande für dasselbe, daß wenig daran zu rühmen ist. Man hat den Verfall des deutschen Theaters mit einer Ängstlichkeit beklagt, als ob von unserm letzten Gut (und nur der Bettler hat ein letztes Gut) die Rede wäre; man hat den Gründen dieses Verfalls mit dem gewissenhaftesten Eifer nachgespürt und sie in den verschiedenartigsten Dingen zu finden geglaubt. „Wir sind nicht frei, wie könnten wir ein Schauspiel haben!“ sagt der eine und zeigt einige Neigung, im Interesse der dramatischen Kunst eine Revolution zu beginnen. „Wir sind ja nicht einmal eine Nation – unterbricht ihn ein anderer – wir existieren überall nicht; wir bieten dem Dichter kein Ziel dar, wohin soll er seine Pfeile richten?“ „Tut alles nichts – behauptet der dritte – aber wir haben keine Hauptstadt und darin liegts!“ Alle drei führen etwas Richtiges an, nur beweisen sie nicht das Rechte. Soll das Theater für ein Volk Bedeutung haben, so muß es dies Volk selbst, die Darstellung seiner innersten Lebenselemente und seines durch diese für alle Zeiten bedingten und voraus bestimmten Geschicks sich zur Aufgabe machen. Dazu gehört, daß dies Volk sich als Volk kenne und fühle, daß es in einer seine gesamten Zustände und Richtungen umfassenden und konzentrierenden Hauptstadt Gestalt und Physiognomie annehme, und daß es zu allem, was die Welt bewegt, in einem würdigen und durchaus freien Verhältnis stehe. Stellt ein Theater sich diese Aufgabe nicht, oder kann und darf es sich dieselbe nicht stellen, so verliert es seine Bedeutung für die Nation und sinkt zum Zeitvertreib einzelner herab; für den Zeitvertreib gibt es aber nur polizeiliche, keine ästhetische Vorschriften. Die Anwendung des bisher Gesagten auf Deutschland ergibt sich von selbst; es kommt jedoch noch etwas anderes in Betracht. Der Deutsche wurzelt in seinem Gemüt; was er spricht und tut, kommt aus dieser Quelle; das Gemütsleben eignet sich nicht für die dramatisch-theatralische Darstellung. Das deutsche Drama hätte also selbst in dem Fall, daß alle übrigen Bedingungen günstig wären, einen Stoff der es vernichtet, sowie es ihn berührt; wie könnte es gedeihen? Daher kommt es wohl hauptsächlich, daß das Theater den Deutschen zu keiner Zeit echtes Bedürfnis wurde; ihnen mußte jämmerlich zumute werden, sobald sie sich einmal im Bilde erblickten, zumal, da ihre Vergangenheit zu ihrer Gegenwart paßt, wie das scharfgeschliffene Richtbeil zu dem schuIdgebeugten Nacken des Sünders.

Das Münchner Theater exzelliert noch immer mit einer Berühmtheit, die sich nun schon ein halbes Jahrhundert konservierte, mit Eßlair. Eßlair ist zwar längst pensioniert und laboriert an der Wassersucht; doch feiert sein Genius in dem siechen Körper von Zeit zu Zeit eine halbe Auferstehung, und das, was er noch jetzt leistet, läßt auch denjenigen, der ihn in den Jahren seiner Kraft und seiner Mannheit nicht gesehen hat, auf die Größe und Eigentümlichkeit seiner frühern Leistungen schließen. Ich sah ihn im Lear, im Nathan und im Wallenstein, der Ifflandischen Stücke, an die man nur ungern Geist und künstlerisches Vermögen verschwendet sieht, gar nicht zu gedenken. Sein Lear ist Stück- und Flickwerk und schwerlich jemals etwas Besseres gewesen; Einzelheiten, zuweilen aus den Tiefen herausgeholt, aber ohne den zusammenhaltenden organischen Faden, der freilich in dieser Tragödie des Bewußtsein-durchblitzten Wahnsinns schwer zu erfassen, noch schwerer zu verfolgen ist. Sein Nathan ist, wie das Lessingsche Stück: groß, aber kalt; er ist, was er sein soll, aber man kann es ihm nicht danken. Meisterhaft ist sein Wallenstein; diesen nachtwandelnden Helden, der immer fällt, wenn er beim Namen gerufen wird, und der nicht siegen durfte, wenn er nicht unsre Achtung verlieren sollte, gibt er ganz den meistens nur leise angedeuteten Intentionen des Dichters gemäß, in ergreifender Wahrheit. Doch – Eßlair lebt nicht mehr, er steht nur noch zuweilen von den Toten auf. Als erste Liebhaberin fungiert fortwährend Madame Dahn. Es ist eine Künstlerin, der man das Prädikat brav nicht verweigern kann; sie läßt es an Ernst und Studium nicht fehlen und hat sogar geniale Anflüge, mit denen sie zu wuchern weiß. Am befriedigendsten ist sie in intriganten und vornehmen Rollen; in allem übrigen kommt sie dem Vortrefflichen so nah, daß man sich – von ganzem Herzen nach dem Vortrefflichen zu sehnen anfängt. Herr Dahn verschwendet an seine Darstellungen zu viel Gemüt; die Träne hat nur dann den Wert der Perle, wenn sie sich rar macht, wie die Perle. Sein Max Piccolomini ist ein einziger, endloser Seufzer; keine Faser vom Helden und Mann. Sein Edgar im Lear ist eine Fontäne, der es nie an Wasser gebricht. Herr Dahn ist noch nicht zu alt, um diesen seinen Fehler ablegen zu können; er sollte seinen Fehler, der aus einer weichen innigen Individualität hervorgeht, durch Takt und Maß zur Tugend erheben, dann würde er in manchen Rollen, und vornehmlich in denen, die er jetzt mitunter unausstehlich macht, Ausgezeichnetes leisten. Ein sehr beachtungswerter Künstler ist Herr Jost; allenthalben an seinem Platze, nirgends störend, nie sich hervordrängend, und doch nicht selten die Lebensader einer Darstellung, in einigem, z.B. in Ludwig XI. vortrefflich. Die Oper hat ihre Hauptstützen an Herrn Pellegrini und Dem. von Hasselt. Herr Pellegrini ist vielleicht der einzige Italiener, der in Deutschland fett wurde. Er stellte sich im letzten Winter, als ob er sterben wollte, und ganz München geriet in Angst; aber der Schalk kehrte drei Schritt vom Kirchhof wieder um und tat der guten Stadt den Gefallen, fortzuleben. Seine Stimme konservierte sich, wie er selbst, was man von dem ersten Tenor, Herrn Bayer, nicht sagen kann. Dem. von Hasselt tut das Ihrige; ich vermogte ihr nie Geschmack abzugewinnen. Mad. Mink steht ihr zur Seite; es ist schwer zu sagen, ob zur rechten oder zur linken. Dies wäre das Personal, die Intendantur ist die alte. Es gereicht ihr in meinen Augen zur Ehre, daß sie von dem Neuen nur das, was allgemeineren Anklang findet, nicht aber jeden Versuch, der hie oder da schwindsüchtig über die Bretter schleicht, zur Aufführung bringt, daß sie dagegen manches Alte, was schon für immer aus der Erinnerung des Publikums zu verschwinden droht, zurückruft. Man sollte es allenthalben so machen, dann stände es, wo nicht gut, so doch besser. Das Theater am Isartor, das sich unter dem Direktor Carl der größten Teilnahme erfreute und für München ein wirkliches Bedürfnis war, ist längst eingegangen. An seiner Statt hat sich in der Vorstadt Au, unter der Direktion eines Herrn Schweizer, ein anderes etabliert, das nur in den Sommermonaten spielt und durch Lokalpossen zu belustigen sucht. Eine kleine, zusammengedrückte Bude, von der das Sonnenlicht ausgeschlossen ist, damit es die Talgkerzen nicht beschäme. Hier zieht man die Röcke aus, Nudeln und Äpfel werden verspeist, Nüsse geknackt, das Rauchen wird aus Rücksicht – nicht auf die Damen, sondern – auf die Polizei und die Brandversicherungsanstalt, verbeten; zuweilen fällt wohl auch zur Abwechselung ein Zank, wo nicht gar eine gelinde Schlägerei vor. Ade, Musentempel!

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VI

Ein äußerst wichtiges Institut für München ist die Akademie der bildenden Künste. Über diese ist jedoch von allen Seiten längst so außerordentlich viel geschrieben worden, daß es unverantwortlich wäre, wenn auch ich mich ausführlich darüber verbreiten wollte. Ich will mir nur ein paar Bemerkungen über das Institut und dessen Idee erlauben, und daran eine Darstellung des praktischen Zustandes, soweit ich Gelegenheit hatte, ihn kennenzulernen, knüpfen.

Die Frage, ob Kunstakademieen der Kunst mehr schaden oder nützen, ist oft aufgeworfen, und nie beantwortet worden. Nicht leugnen läßt sich, daß eine Masse von Erfahrungen, die in der Werkstatt des einsamen Künstlers verlorengehen, auf der Akademie Allgemeingut werden, daß dem aufkeimenden Talent die so schwierige Aneignung des Technischen dort bedeutend erleichtert wird, und daß solche Institute eine Einwirkung der öffentlichen Stimme sowohl, wie einzelner hochgestellter Personen auf die Kunst, welche in den künstlerischen Individuen, wenn diese für sich dastehen, oft eigensinnig die wunderlichsten Wege einschlägt, vermitteln. Es läßt sich aber auch nicht in Abrede stellen, daß jede Kunstakademie, sowie sie längere Zeit besteht, etwas Zunft- und Handwerkmäßiges annimmt, daß der Künstler, der echte Sohn Gottes, der nur aus seines Vaters Hand Speise und Trank annehmen soll, sich in ihrer trüben Atmosphäre als einen Arbeiter im gemeinen Sinne des Worts betrachten lernt, kurz, daß die Kunst an den Opfern, die man ihr in ihrem eignen Tempel bringt, erstickt. Dann ruft die Akademie eine Unzahl von Halb-Talenten, die, während sie vom Eigentlichen nicht die entfernteste Ahnung haben, sich doch technische Geschicklichkeit erwerben, ins Leben; sie nimmt jeden Schüler auf, der die nötigen Geldmittel hat, während der Meister die seinigen zuvor sorgfältig prüft und denjenigen, der nicht die Hoffnung späterer tüchtiger Leistungen in ihm erweckt, zurückweist. Diese Halb-Talente sind teilweise zur elendesten Existenz, zum ewigen Wollen und Nicht-Können, verdammt, der Gefahr des Verhungerns, der sie ausgesetzt sind, nicht einmal zu gedenken; andernteils sind sie es, die, weil sie den Launen und falschen Richtungen des Publikums schmeicheln, weil sie aus begreiflichen Ursachen das Verwerfliche und Unstatthafte, wenn es gesucht wird, besser und leichter, wie das echte Talent, das nur traurend den Gott um die Silberlinge verleugnet, zu liefern verstehen, den wahren Künstler um seine Wirkung, sowie um die durch den Ertrag seiner Bestrebungen bedingte anständige Stellung, bringen. Auch frägt es sich, ob es wirklich ein Vorteil ist, wenn man dem jungen Genie, das noch schlaftrunken in der Welt, wo es künftig herrschen soll, umhertappt, alles, was es braucht, in die Hand steckt, ob es nicht besser wäre, es selbst suchen zu lassen. Der Weg, auf dem wir ein Ziel erreichen, ist oft bedeutender, als das Ziel.

So viel ist ausgemacht, darf eine Kunst-Akademie überhaupt existieren, so darf sie vor allem in München existieren. Dieser Reichtum an großen Vorbildern in allen Gattungen der Kunst, wie ihn die Pinakothek darbietet, wird in jeder deutschen Stadt, wenn wir Dresden ausnehmen, vergebens gesucht. Dazu kommt die schon im Eingang dieses Abrisses berührte Lage der Stadt. Streifereien im Hochgebirge und in Tyrol, Ausflüge nach Salzburg und Wien, größere Reisen nach Rom und Neapel: welcher Ort böte etwas Gleiches dar? Und doch: wie notwendig und unentbehrlich ist die Gelegenheit zu steten Veränderungen des Aufenthalts eben dem Künstler! Er zehrt von der Welt, die ihn umgibt, das Herrlichste, was er hervorbringt, ist das Produkt seiner Atmosphäre, welche die schaffende Kraft in seinem Innern erregt und befruchtet, das gierige Auge weidet aber das Paradies selbst in kurzer Zeit ab, wenn kein Wechsel eintritt.

Cornelius steht als Direktor an der Spitze der Akademie. Seine Wirkung auf die jungen Maler ist groß und zu groß. Es kann wohl niemanden einfallen, an der hohen Genialität, an der in der Kunstgeschichte Epoche machenden Bedeutung dieses außerordentlichen Mannes zu zweifeln; wer auch nur die Umrisse zum Faust gesehen hat, wird fühlen, daß er keine gewöhnliche Erscheinung vor sich sieht, womit das Jahrhundert wenigstens zehnmal in die Wochen kommt, er wird erkennen, daß er vor einem Wunderschacht steht, aus dem ihm der verborgene Reichtum einer himmlischen Natur klar und rein entgegenglänzt. Cornelius ist indes, und hiemit spreche ich seine Vorzüge, wie seine Mängel aus, ein zu individueller Künstler, um in der Art und dem Maße, wie etwa Raffael und Tizian, zum Vorbild dienen zu können. Cornelius hat sich selbst, sein angebornes Schöpfungsvermögen und seine Eigentümlichkeit an den ihm gestellten Aufgaben entwickelt und auf diese Weise in unserer bankerotten Zeit die ganze Fülle und Majestät der Kunst in sich zur Anschauung gebracht, doch kann man wohl nicht behaupten, daß er die Kunst weiter gefördert, daß sie durch ihn Progressionen gemacht habe. Dies ist auffallend, aber es erklärt sich durch das ganz eigene Verhältnis, worin bei ihm Stoff und Form zueinander stehen. Bei fast durchgängig romantischem Inhalt seiner Darstellungen (die wenigen mythologischen Gemälde in der Glyptothek zählen nicht), geht er auf die allerstrengste, auf eine ihm oft unterm Pinsel gefrierende Plastik aus, die dem Inhalt nicht kongruent ist, und verwirrt dadurch jene holde Klarheit, zu der der Nerv seines Talents ihn dennoch unaufhaltsam drängt. Hieraus entspringt ein unausgleichbarer Widerstreit, das Romantische und das Antike kämpfen zusammen, und der Sieg bleibt unentschieden, weil der Künstler mit gewaltsamer Hand die beiden feindlichen Elemente auf dem letzten Punkte in- und durcheinander flicht, zuweilen, obgleich sehr selten, wie der Henker Körper und Rad. Wahrscheinlich hat Cornelius, wenn er nicht unbewußt auf diesen Weg geriet, es sich beim Ausgang seines Bildungsprozesses als Ziel gesetzt, die Versöhnung des Unversöhnbaren zu versuchen und zwischen zwei getrennten Welten eine Brücke zu erbauen; die Brücke brach ein, und leider glaubte er, an den Trümmern sei etwas zu retten.

Peter von Cornelius, Das jüngste Gericht, Fresko 1836--1839, Ludwigskirche MünchenCornelius führt jetzt in der Ludwigskirche sein Jüngstes Gericht etc. aus. Bewundern muß man seinen Genius, der mit den Evangelien und der Genesis an den Füßen sich in den freiesten Äther hinaufzuschwingen, der sogar mit St. Peters Schlüssel das Allerheiligste der Kunst aufzuschließen vermag. Gott, als Weltenschöpfer, in dem Augenblick dargestellt, wo das geheimnisvolle Wort: „Es werde!“ trunken über seine Lippen fliegt, um die dunkeln Quellen der Natur aufzureißen, ist vielleicht das Größte, das Herrlichste, was in dieser Sphäre jemals geschaffen ward. Er schwebt erhaben bewegt über der Weltkugel und hat die Hand erhoben, als ob er dem Chaos die Millionen Gestalten vorbildete, in denen es die brausenden, glühenden Keime entlassen soll, sein Mantel wallt, und aus allen Räumen quellen jauchzende Massen von Engeln hervor, in denen man die ersten, noch von dem neuen Leben berauschten, und kaum selbständig erwachten Wesen, die in Jubel und Dank zerrinnen, zu erkennen glaubt.

Wie sind sie denn, die jungen Künstler, die aus einem solchen Born des Lebens Erquickung und Stärke trinken könnten, und die ihn entweder dummklug und knabentrotzig ignorieren, oder sich mit Haut und Haar hineinstürzen? Man teilt sie am bequemsten nach ihren Röcken ein, denn die fallen besser in die Augen, wie ihre Talente. Da finden sich nun diverse Raffaele, ausgezeichnet durch das bekannte schwarze Barett, unzählbare Dürer, kennbar am langen Judenbart und am Knotenstock, und viele alte Meister mehr, die als Gespenster durch die Straßen wandeln, und sich untereinander sehr verachten. Die schöne Zeit, wo man Hand in Hand ging, phantastisch-muntere Feste einrichtete und eine streng abgeschlossene stolze Genossenschaft bildete, ist längst vorüber. Man geht jetzt am liebsten allein, man mischt sich in die Kreise der Philister, um einen Käufer für ein mittelmäßiges Bild, oder doch einen Mann, der borgt, aufzuspüren, man stürmt die Treppe, die unter den Arkaden zum Lokal des Künstlervereins führt, hinauf, um zu untersuchen, ob nicht der intimste Freund sich durch eine matte, mißratene Komposition lächerlich gemacht hat. Für München ist der Aufenthalt all der Maler in der Stadt nicht segensreicher, als die Niederlassung der Heuschreckenwolke in Ägypten; sie lassen allerdings viel aufgehen, sie lassen nicht allein so viel aufgehen, als sie haben, sondern weit mehr, aber das ist eben das Unglück. Das Völkchen ist keinesweges schlimm geartet, die Herren bezahlen ihre Schulden herzlich gern, wenn sie nur können, sie machen sich, wenn die Last gar zu schwer wird, aber auch kein Gewissen daraus, sie durch die Flucht zu erleichtern, und die letztere gelingt trotz des stehenden Heeres von Gensdarmen, die jeden Sperling, der ein Weizenkorn pickt, zu spießen drohen, immer außerordentlich leicht.

Diese letztere Schilderung rührt ihren Elementen nach von einem Künstler her, der seit Jahren in München lebte und sich auch eines besseren Zustandes erinnerte, sie ist also gewiß zuverlässig. Daß sie nur auf die Massen paßt, nur auf die zahlreichen Stiefsöhne der Kunst, denen die Mutter nichts schenkt, als ein testimonium paupertatis, bedarf hoffentlich nicht erst der Bemerkung.

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Bilder: Fräulein S. aus M., die außer Docs (im Bild) auch ein Dirndl mit Riegelhaube besitzt, am Freisitz vom Starbucks am Odeonsplatz, 22. Februar 2011; siehe die Serie im Direktvergleich:

„Darf ich deinen Namen verwenden?“

„Lass mal stecken. Es reicht, dass ich für dich nochmal schnell zu rauchen angefangen hab. Das muss man nicht auch noch googeln können.“

Peter von Cornelius: Das jüngste Gericht, Fresko 1836–1839, Ludwigskirche Maxvorstadt München.

Written by Wolf

18. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Realismus

Der sehr junge Goethe und sein Vorhangstoff

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Update zum 265.:

„Hast du des gwisst: dass der Goethe a direkter Nachfahre vom Lucas Cranach is?“

„Lucas Cranach dem Ältern oder dem Jüngern?“

„Depp.“

Nachbartisch am Schinderstadl, Thalkirchen, August 2015.

Goethes Geburts- und Taufeintrag, Frankfurt am Main 1749Heute wird Goethe 266 Jahre alt, was nicht seine geringste Leistung ist — eine rein quantitative, aber doch die doppelte, wie wenn er erst 133 würde. Auch wenn wir alle sie dereinst erfüllen werden, war Goethe schneller.

Bettine von Arnim, zu dieser Zeit noch unter ihrem Geburtsnamen Brentano, besuchte 1806 die „Frau Aja„, Goethes Mutter, um sie über ihren Sohn auszufragen. Die einen nennen es Verehrung, andere ein Interview, wieder andere Recherche für Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, noch andere Stalking. Jedenfalls erwuchs daraus eine Frauenfreundschaft, die früher anfing und später endete als Bettinens Freundschaft mit dem Meister selbst.

1810 war Bettine schon an Goethe als seine glühende Verehrerin, man hätte später gesagt: als sein Fan, herangetreten — wobei das 25-jährige „Kind“ als Schwester des literarisch hervorgetretenen Clemens Brentano keine vollends Dahergelaufene war. Im entstandenen Briefwechsel hatte er ihr im Oktober 1810 von dem Entschluss berichtet, seine Autobiographie zu schreiben, und sie um Hilfe gebeten — der Traum eines jeden Fans. Daraufhin berichtete sie ihm, was sie 1806 von seiner eigenen Mutter und über seine eigene früheste Jugend von Goethes Mutter erfahren hatte. Obwohl Goethe bis zuletzt gut mit seiner Mutter auskam, starb die Dame 1808, als er ernsthaft mit seiner Autobiographie anfing. Wahrscheinlich verwendete er deshalb Bettines Auskünfte für Dichtung und Wahrheit und Aristeia der Mutter.

Johann Ludwig Ernst Morgenstern, Cornelia Schlosser, geb. Goethe, ca. 1770Die Biedermannsche Ausgabe der Goethe-Gespräche, einst ein sagenumwobenes Objekt kennerhafter Begehrlichkeiten, wird heute für ein Nichts verramscht, sogar in stark erweiterter Form, und nicht sehr fleißig gekauft, weil dtv die sechs umfänglichen Bände als etwas unspektakuläre Taschenbücher im hässlichsten Rot, das sie gefunden haben, ausgestattet hat. Bettines Briefwechsel müsste sich dafür, dass es über zwei Jahrhunderte alt ist, sehr viel besser verkaufen, weil es von der einnehmendsten aller feministischen Ikonen stammt und Einblick ins Privatleben gleich zweier Klassiker verspricht. Bettine hat aber die Briefe in beide Richtungen so stark literarisch bearbeitet, dass sie als Fiktion gelten müssen. Die zwei folgenden Briefe stehen dort nicht, vielmehr sind es die allerersten aus der Biedermannschen Sammlung, mithin authentisch.

Es mag an ein Sakrileg grenzen, aber ich habe Enwände gegen die Biedermann-Text. Dass Bettine oder wenigstens Bettina zu Zeiten des Geschehens und der Niederschrift noch Brentano hieß, aber durchgehend als von Arnim geführt wird, mag einer Verwechslung entgegenwirken, typographisch aber wird an keiner Stelle klar, ob drei Punkte so als Satzzeichen in den Vorlagen stehen oder als Auslassungspunkte fungieren. Vor allem finde ich mindestens einen eindeutigen Druckfehler schon auf der zweiten Seite; falls die zwei, drei anderen Stellen, an denen ich auf diesen zwei Seiten ernstlich zweifle, keine Satzfehler sind, hätten sie einen Kommentar vertragen. Und der Kommentar ist in seinen eigenen — vierten — Band ausgelagert, ein fünfter enthält Nachträge, die man getrost in die Chronologie einarbeiten könnte, und das meiste Primärmaterial, das thematisch zusammengehört, ist in einen Band 3.1 und 3.2 zerrissen. Nichts gegen work in progress, nur leider heißt mich der seit Jahren geltende Niedrigpreis dieses wahrhaft unersetzlichen, nie wieder so zusammenstellbaren Standardwerks fürchten, dass es das wohl bis auf weiteres war mit der den verbesserten Auflagen.

Immerhin finden sich im Kommentar aufschlussreiche fun facts, wie dass der Stoff zu den im ersten Brief erwähnten blau gewürfelten Vorhängen nachweisbar geblieben ist: im Inventar des Vermögens von Goethes 1730 verstorbenem Großvater väterlicherseits, Friedrich Georg Göthe.

Übrigens würde sich die chronologische Anordnung dieses zugegeben enormen Korpus als Darstellung in einem Weblog anbieten, der am 28. August 1749 anfängt und erst lange nach den 22. März 1832 versiegt. Eine monumentale Aufgabe. Ich fang schon mal an.

Alles Gute zum 266., Herr Geheimrat!

——— Bettina von Arnim an Goethe, 4. November 1810:

Johann Conrad Seekatz, Die Familie Goethe im Schäferkostüm, 1762Und somit begreifst Du mich, wenn ich Dir erzähle, daß das Wochenbett Deiner Mutter blau gewürfelte Vorhänge hatte, worin sie Dich zur Welt brachte? Sie war damals 18 Jahre alt und ein Jahr verheiratet. Drei Tage bedachtest Du Dich, eh Du ans Weltlicht kamst, und machtest der Mutter schwere Stunden; aus Zorn, daß Dich die Not aus dem eingebornen Wohnort trieb, und durch die Mißhandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen. Sie legten Dich in einen sogenannten Fleischarden mit Wein und bäheten dir die Herzgrube, ganz an Deinem Leben verzweiflend. Deine Großmutter stand hinter dem Bett; als Du zuerst die Augen aufschlugst, rief sie hervor: Räthin! er lebt! „Da erwachte mein mütterliches Herz und lebte seitdem in fortwährender Begeistrung bis zu dieser Stunde“, sagte sie mir in ihrem fünfundsiebzigsten Jahr. Dein Großvater, der der Stadt ein herrlicher Bürger und damals Syndikus war, wendete stets Zufall und Unfall zum Wohl der Stadt an, und so wurde auch Deine schwere Geburt die Veranlassung, daß die Staddt einen Accoucheur für die Armen einsetzte. „Schon in der Wiege war er den Menschen eine Wohltat“, sagte die Mutter. Sie legte Dich an ihre Brust; allein Du warst nicht zum Saugen zu bringen. Da wurde Dir die Amme gegeben: „An dieser hat er mit rechtem Appetit und Behagen getrunken; da es sich nun fand“, sagte sie, „daß ich keine Milch hatte, so merkten wir bald, daß er gescheuter gewesen war wie wir alle, da er nicht an mir trinken wollte.“

——— Bettina von Arnim an Goethe, 12. November 1810:

Andreas Praefcke, Denkmal von Goethes Mutter im Frankfurter Palmengarten, 2005Von seiner Kindheit. Wie er schon mit neun Wochen ängstliche Träume gehabt, wie er allerlei sonderbare Gesichter geschnitten und, wenn er aufgewacht, in ein sehr betrübtes Weinen verfallen, oft auch sehr heftig geschrieen hat, so daß ihm der Atem entging und die Eltern für sein Leben besorgt waren; sie schafften eine Schelle an: wenn sie merkten, daß er im Schlaf unruhig ward, schellten und rasselten sie heftig durcheinander, damit er bei dem Aufwachen gleich den Traum vergessen möge. Als ihn einst die Tante auf dem Arm hatte, fiel er pötzlich auf ihr Gesicht mit dem seinigen, und geriet dadurch so außer sich, daß ihm der Vater stets Luft einblasen mußte, damit er nur nicht ersticke…

Er war so schön, daß ihn seine Wärterin nicht wohl durch eine volkreiche Straße tragen konnte, weil alle Menschen sich herandrängten, ihn zu sehen; auch begehrten Frauen, die gesegnetes Leibes waren, ihn zu sehen; jedoch ist in seiner Vaterstadt keine Spur von Ähnlichkeit mit ihm zu bemerken. […]

Er spielte nicht gern mit kleinen Kindern, sie mußten denn sehr schön sein. In einer Gesellschaft fing er plötzlich an zu weinen; da man ihn nach der Ursache fragte, schrie er: das schwarze Kind kann ich nicht leiden, das soll hinaus; er hörte auch nicht auf, bis er nach Hause kam, wo ihn die Mutter befragte über die Unart: er konnte sich nicht trösten über des Kindes Häßlichkeit. Damals war er drei Jahr alt …

Zu der kleinen Schwester Cornelie hatte er, da sie noch in der Wiege lag, schon die zärtlichste Zuneigung; er steckte heimlich Brot in die Tasche, und stopfte es dem Kind in den Mund, wenn es schrie. Wollte man es wieder nehmen, so ward er gewaltig zornig, kletterte an den Leuten hinauf und raufte ihnen die Haare aus; er war überhaupt viel mehr zum Zürnen wie zum Weinen zu bringen. — Die Küche im Haus ging auf die Straße; an einem Sonntag-Morgen, da alles in der Kirche war, geriet der kleine Wolfgang hinein, erwischte ein Geschirr und warf’s zum Fenster hinaus; das Rappeln freute ihn gar sehr, die Nachbarn hatten auch ihre Freude dran: nun warf er in großer Eil alles, was er langen konnte, hinaus; wie er bald fertig war, kam die Mutter dazu, und lachte mit.

Im Umgang mit „Hätschelhans“ zwischen 1749 bis 1752 erkenne ich großen familiären Rückhalt. Aus dem Buben konnte noch was werden.

Die Quellenlage zu Bildern aus Goethes Kindheit ist leider sehr dünn. Hier sind verwendet:
Johann Wolfgang Goethes Geburts- und Taufeintrag im Frankfurter evangelischen Taufbuch von 1749 von einem nicht bezeichneten Priester, Historisches Museum Frankfurt am Main, gemeinfrei;
Johann Ludwig Ernst Morgenstern: Cornelia Schlosser, geborene Goethe, ca. 1770, Rötel und schwarze Kreide über Bleistift, gemeinfrei;
Johann Conrad Seekatz: Die Familie Goethe im Schäferkostüm, 1762;
Andreas Praefcke: Denkmal für Catharina Elisabeth Goethe im Frankfurter Palmengarten, 1. Januar 2005, GNU Free Documentation License.

Written by Wolf

28. August 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Damals gab es keine

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Update zu Das gotische Mahl-Stüblein:

Offiziell bin ich zugereister Frankenbeutel immer noch in der Communitas Monacensis e. V.; jedenfalls wurde ich nach immer noch keiner Mitgliederversammlung, ordentlich oder außerordentlich, rausgeschmissen. Voraussichtlich werde ich austreten müssen, wenn ich endlich die aufgelaufenen Jahresbeiträge nachbegleichen soll – es heißt nicht „Jahrzehntbeitrag“ –, aber bis jetzt lassen sie mich, weil ich meine klandestine Mitgliedschaft nie missbrauche, um mir freien Eintritt zu den üblichen Mittelaltermärkten zu ergaunern.

Sooft ich auf unseren Reenactments dabei war, hab ich nur die besten Erinnerungen davongetragen. „Erlebte Geschichte von 1158 bis 1330, die Spaß macht. Mit uns kann man das hochmittelalterliche München noch einmal in seiner gesamten Pracht erleben“, steht in der Eigendarstellung des Vereins. Die Hauptsache waren mir aber immer die freundlichen, ganz und gar grundguten Menschen, die es in einen Mittelalterverein treibt, der seine authentische Darstellungsweise dermaßen hochhält, dass er vor lauter A nicht mal mehr zum Münchner Stadtfest, dem Hochfest des Hochmittelalters in der eigentlichen Communitas Monacensis, eingeladen wird und es nicht bedauert: Solche sind Dickbrettbohrer. Einer hat sich mal dafür entschuldigt, dass er die Holznadel, mit der er seine Gewandung genäht hat, leider nur mit einem industriell gefertigten Messer schnitzen konnte.

Die Wölfin hat sich immer geweigert beizutreten, weil sie selbstständig schafft und praktisch keine Wochenenden hat – und weil sie das Mittelalter missbilligt – jawohl, alle elfhundert Jahre –, seit sie gehört hat, dass es damals keine Tampons gab.

Wie ja überhaupt die meisten Sätze, mit denen der verarmte Schreiber, den ich aus Gründen darzustellen beliebe (ungefähr so einen wie Paul Bettany als Geoffrey Chaucer in A Knight’s Tale von 2001, bloß nicht so laut), Marktbesuchern das Mittelalter und vor allem die eigenen Vereinsaktivitäten erklären muss, anfangen mit: „Damals gab es kein/-e/-n“ – Zutreffendes einsetzen, das eigentlich beliebig ist: Geglaubt wird einem Gewandeten an dieser Stelle alles.

Meine Lieblingsfragen waren von Anfang an: „Ist das Essen echt?“ und „Brennt das Feuer wirklich?“ Gerade wegen der touristischen Leichtgläubigkeit wird der verantwortungsvolle Gewandete mit seinem Bildungsauftrag in einem gemeinnützigen Verein davon Abstand nehmen, Irrtum und Unwissenheit unter den Besuchern aus Zores noch zu befördern. Darum sagt man nicht: Nö, rohen Stangensellerie kann man doch nicht essen und was wie Apfelschorle aussieht, ist natürlich eine Simulation auf Bierbasis, rülps, oder: Nein, damals gab es noch kein richtiges Feuer, das musste man immer ganz, ganz umständlich holographisch erzeugen, sondern: Ja, aus gemahlenem Getreide kann man richtiges Brot machen und es hinterher essen, und das Feuer brennt in echt, nicht mit dem Finger hineinstochern, und in meine Tintenfässer bitte auch nicht, schönen Tag noch.

Die wenigsten Gegenstände, die es zwischen Frühmittelalter und Spätmoderne nicht gab, waren jemals ein Verlust.

Kurt Tucholsky, Living History, 13. Juli 2015

——— Peter Panter, i. e. Kurt Tucholsky:

Schnipsel

in: Die Weltbühne Nr. 25, 21. Juni 1932, Seite 937:

Die Leute blicken immer so verächtlich auf vergangene Zeiten, weil die dies und jenes „noch“ nicht besaßen, was wir heute besitzen. Aber dabei setzen sie stillschweigend voraus, dass die neuere Epoche alles das habe, was man früher gehabt hat, plus dem Neuen. Das ist ein Denkfehler.

Es ist nicht nur vieles hinzugekommen. Es ist auch vieles verloren gegangen, im guten und im bösen. Die von damals hatten vieles noch nicht. Aber wir haben vieles nicht mehr.

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Blumenmädchen: Living History, 13. Juli 2015;
Moderne Mädchen: Mariano Vargas: Soltanto Madonne, 2012.

Written by Wolf

14. August 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Hochmittelalter

Das ihrer wartende Reich der Unschönheit. Nicht auf Hofburgen und in Zaubergärten

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Update zu Wer fühlt den Krampf der Freuden und der Schmerzen nicht:

Date a girl who reads. Marry the girl you met barefoot in the library.

Volksgut.

Ist Gottfried Keller eigentlich noch Schulstoff? Wenigstens in der Schweiz, wo er nach anderer Faustregel eines Größeren als er selbst und wir alle am wenigsten gelten müsste? Was ihm wiederum wenig ausmachen müsste, weil er einer jener Propheten der und des Kleinen war, einer, dem man mit Größe gar nicht kommen muss, weil ihn die nicht beschreibt?

Sara Riches, Lost in Words, 14. Januar 2014, Tinte und Wasser auf BuchseitenIst Gottfried Keller eigentlich noch Schulstoff? Wenigstens Der grüne Heinrich, dieser Wilhelm Meister und Zauberberg der Schweiz in einem? Bei dem man nie weiß, ob man die erste oder zweite Fassung vor sich hat, ja nicht einmal, welche man sich gerade wünschen soll? Bei dem es auch nicht so drauf ankommt, weil kein Mensch ohne literaturwissenschaftliche Ausbildung ihn je verstanden hat? Bei dem es so drauf ankommt wie bei keinem anderen Backsteinroman, weil die zweite Fassung keine Überarbeitung der ersten mit ein paar Verbesserungen hie und da ist, sondern von Grund auf ein zweites Mal aus dem kargen, dem fruchtbaren Schweizer Boden gestampft?

Ist Gottfried Keller eigentlich noch Schulstoff? Woher erfahren dann die Kinder heute noch, wie das erste der großen deutschen Bücher, die Manessische Liederhandschrift, aus Zürich stammt und warum sie ist, was und wie sie ist, wenn nicht aus dem Hadlaub? Woher die kleinen Mädchen, dass ein alter Sack im 58. Jahr sie wohlwollend beschreiben kann, ohne dass es zur schmierigen Anwanze gerät, schlimmstenfalls zur wehmütigen Nostalgie?

Ist Gottfried Keller eigentlich noch Schulstoff? Hoffentlich wenigstens Die Leute von Seldwyla und die Züricher Novellen.

Beide folgenden Ausschnitte stammen aus den Züricher Novellen 1876 f.: der erste aus der Rahmenhandlung, die ihrerseits eine eigene Novelle bildet, der zweite aus der ersten Novelle Hadlaub. Alle Absätze des ersten Ausschnittes bilden im Original ohne den letzten einen einzigen Absatz. Hier wurde dieser große Absatz entzerrt, um Platz für die Bilder und die internettypische Aufmerksamkeitsspanne zu schaffen. In den zweiten Ausschnitt wurde nicht eingegriffen.

——— Gottfried Keller:

Züricher Novellen

1. Band, 1877, Rahmenhandlung:

Michael Fitzpatrick, Arte contemporaneaDer Herr Pate nahm ihn aber unter den Arm und sprach „Kommt, Meister Jakobus! Ich will Euch den Überbleibsel dieses heiteren Tags widmen, da wir beide wohl nicht mehr viel zur Arbeit taugen werden! Wir wollen einen Gang auf die Manegg machen und bis dahin des lieblichen Waldes genießen.“

Sie spazierten also über die weite Allmende und über den Sihlfluß, stiegen durch schönes junges Buchengehölz die jenseitigen Höhen empor und gelangten auf einen ebenen Absatz, von zwei mächtigen, breitästigen Buchen beschattet, wo aber schon ein neues Abenteuer auf den jungen Verehrer der Sapientia heranstürmte. Die Terrasse war bevölkert und belebt von einer Schar junger Schulmädchen, welche zur Begehung des jährlichen sogenannten Lustigmachens aus der engen Stadt ins Freie geführt worden waren und hier unter der Obhut einiger Herren Vorsteher und Lehrerinnen ihren unschuldigen Ringeltänzen und Fangspielen oblagen.

Sie waren alle weiß oder rosenrot gekleidet; einige trugen zur Erhöhung der Lust bunte Trachten als Bäuerinnen oder Hirtinnen, wie zu solchem Behufe die geeigneten Gewänder da und dort in den Familien aufbewahrt und im Stande gehalten wurden. Das alles verursachte eine heitere und glänzende Erscheinung in der grünschattigen Umgebung, und gern hielt der Herr Pate einen Augenblick an, um sich an dem lieblichen Anblick zu erfrischen. Er begrüßte die ihm bekannten Vorsteher und scherzte mit den verkleideten kleinen Schönheiten, sie nach Stand und Herkommen befragend, ob sie hier in Dienst zu treten oder weiterzureisen gedächten usw.

Sogleich kam aber die ganze Mädchenschar herbeigelaufen und umringte den alten Herrn samt seinem jungen Schützling, welcher jetzt in noch größere Bedrängnis geriet, als er heute je erlebt.

Wo er hinsah, erblickte er in dichter Nähe nichts als blühende und lachende Gesichter, die an der Grenze der Kindheit noch alle frisch und lieblich waren und das ihrer wartende Reich der Unschönheit noch nicht gesehen hatten.

Alfred Kraus, Steampunk Girl, März 2015Hier das schönäugige Gesichtchen mit den etwas starken, familienmäßigen Vorderzähnchen ahnte nicht, daß es in weniger als zehn Jahren ein sogenannter Totenkopf sein würde; dort das regelmäßige ruhige Engelsantlitz schien unmöglich Raum zu bieten für die Züge anererbter Habsucht und Heuchelei, welche in kurzer Zeit es durchfurchen und verwüsten sollten; wer glaubte von jenem rosigen Stumpfnäschen, daß es zu einem Thron und Sitz unerträglicher Neugierde und Spähsucht bestimmt war und die beiden Sternäugelein links und rechts in falsche Irrlichter verwandeln würde? Wer hätte von dem küßlichen Breitmäulchen da denken können, daß seine jetzo so anmutigen Lippen dereinst, von ewiger Bewegung kleiner Leidenschaften und Müßigkeiten ausgedehnt und formlos geworden, sich bald gegen das rechte, bald gegen das linke Ohr hin verziehen, bald die untere die obere, bald die obere die untere bedecken, dann plötzlich wieder beide vereint sich verlängern und als Entenschnabel schnattern würden? Ei, und dort das angehende Spitznäschen, das die erhabene Beatrix für einen kommenden Dante zu verkünden scheint und sich zu einem Geierschnabel auswachsen wird, der einem ehelichen Dulder täglich die Leber aufhacket, unversehrt von seinem schweigenden Hasse! Und wiederum diese in gleichmütiger Unschuld und zarter Heiterkeit lachende junge Rose, die vor der Zeit entblättert sein wird von tausend Sorgen und ungeahnten Erfahrungen, gebleicht von Kummer und zu schwach auch nur für den Widerstand der Verachtung!

Nichts von alledem war hier zu ahnen; wie eine lebendige Rosenhecke umdrängte das Mädchenvolk den hochragenden Herren Paten und den etwas kürzeren Herren Jakobus, welchen die losen Kinder so oft auf dem Schulwege als ernsthaften, pedantischen Großschüler trafen, schwere Bücher unter dem Arm.

Marie Bashkirtseff, At a Book, ca. 1882Neugierig betrachteten sie ihn jetzt nach Herzenslust und so recht in der Nähe und erforschten unverzagt sein tiefsinniges Gesicht, seine verlegene Haltung, seine etwas langen Hände und Füße und kicherten dabei fortwährend, so daß es ihm unangenehm zu Mute wurde. Während der Alte fortfuhr, mit ihnen zu scherzen, und das eine oder andere Köpfchen streichelte, drängten sie sich immer näher und schoben dabei diese oder jene im Hintertreffen Stehende mutwillig in den Vordergrund.

Plötzlich stieß auf diese Weise ein langes, stärkeres Mädchen, das allgemein der Holzbock genannt wurde, eine zarte Gestalt so gewaltsam hervor und gegen den Herrn Jacques, daß sie errötend und aufschreiend die Hände wider seine Brust stemmen mußte, um nicht an dieselbe hinzufallen, während er überrascht und erschrocken die Ärmste gleicherweise von sich stieß wie ein unvorhergesehenes großes Übel.

Und doch war es seine von ihm selbst erwählte und festgesetzte erste Liebe, seine Jugendflamme, welche, ohne zu brennen, still auf allen seinen Pfaden leuchtete, ein schmales Jungfräulein mit sieben oder acht langgedrehten, auf den Rücken fallenden blonden Locken, angetan mit einem blendendweißen Kleide und himmelblauen Schuhen mit kreuzweise um die Knöchel gewundenen Bändern.

Ein Beispiel aus dem so beschworenen Reich der Unschönheit ist die Frau des Herrn Rüdiger Manesse und sein denkbar souveräner Umgang mit ihr. Nicht alles, lehrt er uns, ist ideal, aber gut kann es noch werden. Am zuversichtlichsten dann, wenn einer, wie der Manesse, sich am Projekt einer Liederhandschriftensammlung für die Ewigkeit geistig aufspulen kann. Wie gesagt: zum Beispiel.

——— Gottfried Keller:

Hadlaub

1876:

Wilson Cutler, Collier's Magazine August 1948Bei allem ehelichen Frieden war die gestrenge Frau doch über viele Umstände des äußerlichen Lebens anderer Meinung als ihr Eheherr, und sie führte einen steten geheimen Krieg mit ihm, der wegen der guten Lebensart niemals Geräusch machte. Sie war ohne Zweifel ein Urtypus jener Zürcherinnen, die einer um das Jahr 1784 im Schweizerischen Museo also geschildert hat „Noch gegen End vorgehenden Saeculi war unser Frauenzimmer vom Schrot und Korn früherer Jahrhunderte. Sie konnten unsere Älterväter bereden, Eingezogenheit und haushälterisches Wesen überwäge bei demselben (dem Frauenzimmer) manche andere, glänzendere Eigenschaft; diese Einbildung war allgemein und beherrschte unsere Frauen so stark, daß sie sich auf kein anderes als die Hausgeschäfte legten, die sie mit der genauesten Aufsicht besorgten und ihr scharfes Regiment und Sparsamkeit bisweilen wirklich so weit ausdehnten, daß man es dem Eheherrn und den Kindern an den dünnen Lenden und schmalen Backen wohl ansehen mochte. Eine solche Frau war in ihrem Haus immer die erste aus dem Bett und die letzte darin; keine Kleinigkeit entging ihrem wachsamen Aug; aller Orten trat sie den Mägden auf die Eisen; in Kleidern, Speis und Trank wurden Mann und Kinder geschmeidig gehalten.“

Unattributed as unknownVon solcher Gesinnung war die Frau, die in Rede steht, und sie erstreckte dieselbe auf alle häuslichen und gesellschaftlichen Angelegenheiten, während der Mann, sonst klug, edel und gerecht, gerade in allen jenen Dingen auf eine ihr widerstrebende Weise sich liberal bezeigte. Er war leutselig, gastfrei und glänzend und wußte den heimlichen Krieg ärgerlicherweise bald durch listige Überraschung, bald durch freundliche Ruhe mit wenigen Worten und Blicken stets so zu führen, daß er fast immer mit einer Niederlage der leise fechtenden Frau endigte, oft ehe sie nur das Gefecht in Gang gebracht. Hatte aber das Schicksal des Tages oder der Stunde sich entschieden, so nahm alles den besten Verlauf, da die Besiegte für diesen Fall trefflich erzogen und unterrichtet war. So kam es, daß nirgends so stattlich und anmutig gelebt wurde wie auf dem Manesseschen Hof, wenn der Herr zu Hause war und Gäste lud.

Photosensualis, Melissa in the Library, 25. Juli 2014Auch in der vorliegenden Sache stellte sie sich sofort der Meinung ihres Gemahls entgegen, welche Fides ihr vertraut hatte, und sie rief „Das fehlte uns, daß wir dergleichen Mummenschanz in unserm Hause aufführen! Wir leben hier an der Stadt bei Handel und Wandel und nicht auf Hofburgen und in Zaubergärten. Alte Mären lesen wir in den Büchern, aber wir spielen sie nicht selbst wieder ab; denn wir Bürgerinnen müssen für Kraut und Gemüse sorgen und an Haber und Hirse denken für das Gesinde!“

[…]

Noch andere Herren, Pfaffen und Frauen, die für die Jagd zu bequem waren, wollten sich später auf Manegg einfinden, wo die Manessin inzwischen ihre verzauberte Mahlzeit richtete, die sich ihr, wie gewohnt, unter den Händen aus einem Käse- und Wurstimbiß in eine Hoftafel umgewandelt hatte; gewiß zum letzten Male! nahm sie sich mit unzerstörlichem Vertrauen auf die Zukunft vor, den tröstlichen Leitstern alles Menschentumes.

Welche Schwäche! würde jetzt manche Frau ausrufen; aber wie liebenswürdig war dagegen jene stets für ihren Geiz kämpfende und unterliegende Wirtin, die wegen der Salz- und Pfefferfrage nicht den Hausfrieden brach und es nicht biegen oder brechen ließ, sondern dachte, morgen ist auch wieder ein Tag, und die mildere Zeit, die seldenbäre, wird auch mir noch aufgehen! Und wie schad ist es, daß wir ihren vollen Namen nicht mehr wissen, der von seltenem Wohllaute hätte sein müssen.

Svyatoslav Balan, 25. Dezember 2013

Bilder: Frontal:

  1. Sara Riches: Lost in Words, 14. Januar 2014, Tintenlavur auf Buchseiten;
  2. Michael Fitzpatrick: Arte contemporanea;
  3. Alfred Kraus: Steampunk Girl, März 2015;
  4. Marie Bashkirtseff: At a Book, ca. 1882, Öl auf Leinwand;
  5. Wilson Cutler, Collier’s Magazine August 1948;
  6. unattributed as unknown;
  7. Photosensualis: Melissa in the Library, 25. Juli 2014;
  8. Svyatoslav Balan, 25. Dezember 2013.

Written by Wolf

5. Juni 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Hochmittelalter

Pscht!

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Eins der verbreitetsten erotischen Genres ist die naughty librarian der amerikanischen Kultur, wo in den Stadtbüchereien arbeitsame Ruhe zu herrschen hat und die Angestellten vor allem durch ihr häufiges Shh! auffallen. Man hat schon befremdlichere Vorlieben nachzuvollziehen versucht. Und wenn die Kundschaft sich so an Büchern bereichert, wie wir’s auf dem Bilde schaun, verstehen wir die Bibliothekarin nicht nur als begehrtes Objekt, sondern auch als tätiges Subjekt.

——— Eva Heller:

Beim nächsten Mann wird alles anders

Fischer Verlag, Die Frau in der Gesellschaft, 1987, Seite 67 f.:

Birgit sei Angestellte in der Stadtbücherei. Ansonsten sitze sie zu Hause und warte darauf, daß der Mann ihrer Träume an ein Fenster ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock klopft. Aber Birgit sei trotzdem sehr nett. […]

Ich war überrascht von Birgit. Man sah ihr überhaupt nicht an, daß sie in der Stadtbücherei arbeitete. […]

Birgit ist in der Stadtbücherei zuständig für die Kontrolle der Ausleihe. Dauernd müsse sie Überstunden machen, klagte sie, die Leute würden zu viele Bücher ausleihen. Jeder würde zehn Bücher mitnehmen, aber sie könnte schwören, daß die Leute höchstens eins lesen, obwohl sie den Abgabetermin noch um drei Wochen überziehen. Man müßte ein System einführen, meinte Birgit, mit dessen Hilfe die sogenannten Leser von den Bibliotheksangestellten geprüft werden könnten, ob sie die ausgeliehenen Bücher nicht nur gelesen, sondern auch verstanden hätten. Nur wenn dies der Fall sei, dürfte der Leser wieder Bücher mitnehmen, und zwar nur so viele, wie er nachweisbar wirklich gelesen hätte.

Porsche Brosseau, Books, 12. Juni 2011

Overload: Porsche Brosseau: Books, Cherry Hill Mall in Cherry Hill, New Jersey, 12. Juni 2011.
Gerade in Arbeit: Khalil Gibran: The Prophet, 1923.

Written by Wolf

1. Juni 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento

Das Geld hat einen bessern Klang

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Update zu Der kluge Narr flüchtet vor der Inflation in die Sachwerte,
Des eigenen Herzens süße Melodie
und vor allem Frohnleichnamsfahnen wehen:

Der Seifensieder von Hagedorn wird von Gottfried Keller in Die drei gerechten Kamm(m)acher 1855 derart beiläufig zitiert, dass er offenbar bekannt sein muss. Die einzige ernstzunehmend kommentierte Ausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker (seit 2006 gut erreichbar als Taschenbuch) merkt dazu an, das sei „ein im Biedermeier beliebtes Gedicht […], dessen Titelfigur sich als das Gegenteil seines Handwerkerkollegen Jobst [aus Die drei gerechten Kammmacher] erweist“.

Biedermeier? Hagedorn zählt zum Rokoko, ein Jahrhundert vorher. Und schon versteht man, warum das Biedermeier als wertkonservativ gilt: Ein Gedicht, das Spaß macht, macht ihn auch nach Jahrhunderten. — Wir erfreuen uns am Tag der Arbeit an:

——— Friedrich von Hagedorn:

Johann der Seifensieder

aus: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen,
Mit Königl. Poln. und Churfürstl. Sächsis. allergnädigster Freyheit,
Hamburg, verlegts Conrad König 1738:

Erste österreichische Seifensieder-Gewerks-Gesellschaft Apollo, Apollo Kerzen und Seifen, 1899Johannes war ein Seifensieder;
Der wuste viele schöne Lieder,
Und sang, mit unbesorgtem Sinn,
Vom Morgen bis zum Abend hin.
Sein Tagwerk konnt‘ ihm Nahrung bringen;
Und wann er aß, so mußt er singen;
Und wann er sang, so war s mit Lust,
Aus vollem Hals‘ und freier Brust.
Beim Morgenbrodt, beim Abendessen
Blieb Ton und Triller unvergessen;
Der schallte recht ; und seine Kraft
Durchdrang die halbe Nachbarschaft.
Man horcht; man fragt: Wer singt schon wieder?
Wer ists? Der muntre Seifensieder.

Im Lesen war er anfangs schwach;
Er las nichts als den Almanach,
Doch lernt‘ er auch nach Jahren beten,
Die Ordnung nicht zu übertreten,
Und schlief, dem Nachbar gleich zu seyn,
Oft singend, öftrer lesend ein.
Er schien fast glücklicher zu preisen
Als die berufnen sieben Weisen,
Als manches Haupt gelehrter Welt,
Das sich schon für den achten hält.

Es wohnte diesem in der Nähe
Ein Sprößling eigennützger Ehe,
Der, stolz und steif und bürgerlich,
Im Schmausen keinem Fürsten wich:
Ein Garkoch richtender Verwandten,
Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten,
Der stets zu halben Nächten fraß
Und seinen Wechsel oft vergaß.

Kaum hatte mit den Morgenstunden
Sein erster Schlaf sich eingefunden,
So ließ ihm den Genuß der Ruh
Der nahe Sänger nimmer zu.
Zum Henker! lärmst du dort schon wieder,
Vermaledeiter Seifensieder?
Ach wäre doch zu meinem Heil,
Der Schlaf hier wie die Austern, feil!

Den Sänger, den er früh vernommen,
Läßt er an einem Morgen kommen,
Und spricht: Mein lustiger Johann!
Wie geht es Euch? Wie fangt ihrs an?
Es rühmt ein jeder Eure Waare;
Sagt, wieviel bringt sie euch im Jahre?

Im Jahre, Herr? Mir fällt nicht bey,
Wie groß im Jahr mein Vortheil sey.
So rechn‘ ich nicht! Ein Tag beschehret,
Was der, so auf ihn kömmt, verzehret.
Dieß folgt im Jahr (ich weiß die Zahl)
Drey hundert fünf und sechzig mal.

Ganz recht; doch könnt ihr mirs nicht sagen,
Was pflegt ein Tag wol einzutragen?

Mein Herr, Ihr forschet allzusehr:
Der eine wenig, mancher mehr;
So wie’s dann fällt, mich zwingt zur Klage
Nichts, als die vielen Feiertage;
Und wer sie alle roth gefärbt
Der hatte wol, wie ihr, geerbt,
Dem war die Arbeit sehr zuwider;
Das war gewiß kein Seifensieder.

Dieß schien den Reichen zu erfreun.
Hans, spricht er, du sollst glücklich seyn.
Itzt bist du nur ein schlechter Prahler.
Da hast du bare funfzig Thaler.
Nur unterlasse den Gesang.
Das Geld hat einen bessern Klang.

Anda Wolf-Robl, 100 Jahre Nivea-Pflege. Der Kult in der Dose, Cosmopolitan 10. Juni 2011Er dankt und schleicht mit scheuem Blicke,
Mit mehr als diebscher Furcht zurücke.
Er herzt den Beutel, den er hält,
Und zählt, und wägt und schwenkt das Geld,
Das Geld, den Ursprung seiner Freude
Und seiner Augen neue Weide.

Es wird mit stummer Lust beschaut
Und einem Kasten anvertraut,
Den Band‘ und starke Schlösser hüten,
Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten,
Den auch der karge Thor bey Nacht
Aus banger Vorsicht selbst bewacht.
Sobald sich nur der Haushund reget,
Sobald der Kater sich beweget,
Durchsucht er alles, bis er glaubt,
Daß ihn kein frecher Dieb beraubt,
Bis oft gestossen, oft geschmissen,
Sich endlich beide packen müssen:
Sein Mops, der keine Kunst vergaß
Und wedelnd bey dem Kessel saß:
Sein Hinz, der Liebling junger Katzen,
So glatt von Fell, so weich von Tatzen.

Er lernt zuletzt, je mehr er spart,
Wie oft sich Sorg‘ und Reichtum paart,
Und manches Zärtlings dunkle Freuden
Ihn ewig von der Freiheit scheiden,
Die nur in reine Selen strahlt,
Und deren Glück kein Gold bezahlt.

Dem Nachbar, den er stets gewecket,
Bis er das Geld ihm zugestecket,
Dem stellet er aus Lust zur Ruh
Den vollen Beutel wieder zu,
Und spricht: Herr, lehrt mich bessre Sachen,
Als, statt des Singens, Geld bewachen.
Nehmt immer euren Beutel hin
Und laßt mir meinen frohen Sinn.
Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden,
Ich tausche nicht mit euren Freuden.
Der Himmel hat mich recht geliebt,
Der mir die Stimme wieder giebt.
Was ich gewesen, werd‘ ich wieder:
Johann, der muntre Seifensieder.

Friedrich von Hagedorn: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen, 1738

Alte Seifen: Erste österreichische Seifensieder-Gewerks-Gesellschaft „Apollo“:
Apollo Kerzen und Seifen, 1899;
Anda Wolf-Robl (48, Chefin vom Dienst): 100 Jahre Nivea-Pflege. Der Kult in der Dose!,
Cosmopolitan, 10. Juni 2011;
Frontispiz (hier Schlussvignette): Friedrich von Hagedorn:
Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen, 1738.

Written by Wolf

1. Mai 2015 at 02:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Handel & Wandel

Wer mal in Die Zeyt gewesen, deßen Ruhm ist ja erlesen.

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Zum ersten Mal passiert es uns, dass einer unserer Gastautoren in DFWuH, die traditionell den Hauptteil stellen und ohne die wir eine Art Deutschunterricht ohne Lesebuch wären, persönlich unter uns weilt. In unsere Facebook-Gruppe ist der Weltliterat und -reisende Zé do Rock gestoßen, der mit der unverwechselbaren Standard-Biographie:

Zé doRock, Ich bin ShriftstellaZé do Rock is vor verdammt langer zeit in Brasilien geboren, hat nix studiert aber 36.135 tage gelebt, 36.136 liter alkohol gesoffen, 1.940 stunden flöte und 1.648 stunden fussball gespielt, 200.000 km in 1457 autos, flugzeugen, schiffen, zygen, oxenkarren und traktoren getrampt, 137 länder und 16 gefängnisse besucht, sich 8 mal ferlibt, 5 bycha geschrieben, zwei filme gedreht, a kunstsprach erfunden, merere vereinfachet deutshvarianten kreirt un er lebe noh heut, meistens zwischen Sturgad un Minga.

Im Groben stimmt das seit Jahren, der Mann macht ständig was anderes, schmeißt aber nie den Gesamtlebensentwurf über den Haufen, sowas merkt man einfach. Unter den 5 bychan sind Fom Winde ferfeelt und Ufo in der Küche am bekanntesten, ich empfehle trotzdem Deutsch gutt — sonst Geld zuruck, weil ich da eine Danksagung drin hab. Die Filme waren gar im Kino, ob’s die als DVD gibt, wird herauszufinden sein. Hoffentlich, die sind nämlich lustig und sollten erreichbar bleiben, vor allem Schroeder liegt in Brasilien. Im Moment schöpft Zé aus seiner reichhaltigen Live-Erfahrung mit Poetry Slams und einer Form von dokumentarischem Kabarett und macht Stand-up-Comedy: Terra Gaga — der Pizza-Studie immer ein Schritt foraus!. Ist bestimmt auch lustig.

Seine Schreibweise, das sollten wir bei einem Deutschunterricht mit rein digitalen Lesebüchern hervorheben, stimmt auch. Das ist nämlich Ultradoitsh, Wunschdeutsch, Siegfriedisch und Kauderdeutsch, jedenfalls meistens eins von denen, und die hat Zé allesamt selbst erfunden. Systemimmanent kann er also gar nicht falsch schreiben. Vor allem Wunschdeutsch finde ich recht praktikabel, verständlich und höchst ausdrucksfähig.

Die Älteren unter uns entsinnen sich des Jahres 1999, das als Goethejahr gewidmet war. Das geschah anlässlich Goethes 250. Geburtstag, kommt also 2024 zum 275. wieder; danach ist erst wieder 2032 zum 200. Todestag Goethejahr, falls bis dahin sein Wiki-Artikel als „relevant“ behalten wird. Zé schrieb dazu in der Zeit den vermutlich volksnächsten aller Beiträge. Er enthält gesundes Volksempfinden, viel Wunschdeutsch, Proben verschiedener Ausprägungen von Ultradoitsh und die beste bekannte Version des Zauberlehrling von Johann Wolfgang Amadeus van Ghöhthe:

——— Zé do Rock:

Götä find ich gut

in: Die Zeit, 26. August 1999:

Ja, jetz Zeit ruf an. Fragt: du mag schreiben über Göthe? Nein, ich nich mag. Kenn dise mensch gar nix. Ich brasilianer, andre baustelle. Hat er schon über mich schriben? Nein. Na also. Aber bauch ler. Und wer mal in Die Zeyt gewesen, deßen Ruhm ist ja erlesen. Also doch schreiben. Triiiimmm. An telefon Kerstin. Ich gleich fragen: was weiss du über dise Ghöthe? Ghoethe beamter. Und dichter. Jetz tot. Was, schon tot? Das fang aber gut an! Is Göhthe das opfer? Nein, Kerstin sag. Wir opfer, er täter. Mann vor verdammt lange zeit geleebt, und trotzdem alle erinnern dis typ, muss gewesen zimlich penetrant.

Also a) beamter und b) dichter. Oder verkeert rum. Komplett name Johann Wolfgang Amadeus van Ghöhthe. Aber idee nich schlecht: fragen freunde, vileicht si eine idee. Zuerst telefonir Stefan aber Stefan hat ni gelesen Göhthe — Goehthe schreiben eigene namen 4 art und 4 weisen, wir jetz check wivile möglich. Aber Stefan, du schule Ghoehte? Nein, er nix Ghöteschule. Er realschule. Trotzdem glüklich.

Lea, andre frau, rat: les Werther. Dise typ entleibung komplett weil frau geb korb. Von mir aus. Aber nich originell. Sogar Bloethe hat was darüber schriben.

Lea weiter — lange treffen — erzälen. Affaire mit Schilla. Naja, wenigstens nich homossexuell. Und, bis akt gekomm? Wissen Si, manchmal in versicherungsfall so was mach eine menge aus… also hir kolidir aussagen. Manche mein felsenfest Ghoete kein fleischbeziungen mit Schilla unterhilt, wärend andre gräuseln hönisch, Göhte alle gekannt, wi Clinton. Von jüngste bis allerälteste, also von 2 bis 20.

Ja, gemeinsam alle befragte: ich bitt sagen was witzig und spritzig über Ghöhte, da verstumm de mitteilsamkeit.

Zurükdenken! Da war doch was. Genau. Damals. Ich taxi faren, americanerin steigen ein. Golfplatz please. Aber madame, golfplätze München vile! Goalthplatz! si jetz sag. Kenn nich Goalthplatz. Deutsch nix TH, vor allem nach reform. Einzige ausname eigenname Goehte. Andre worte mit TH jetz mit F schreiben. Si sag u-banhof Gouth-platz. Kenn nich, madam. Was, poet soll dise Gouth sein? Vileicht ire oder schotte, aber deutsche nich. Am ende frau aussteigen. Ich höflich. Si böse.

Ja und witz, so dis artikel obendreinige humoristische note. Hotelwird zeig americaner gast zimmer. Und sag stolz: „Auf disem bett hat schon Ghoehte geschlafen!“ — „Makt nix, Si browken noor de bedwesh wexeln und dee sak is erledigt!“

Auf dem spigel is der gesuchte öffentlich befotot. Kawwer, ganz vorn. Hoch tir, ich doch sagen. Ja also, kawwer von Spigel, danach gibs nur noch Nobel-Preis. Wir erfaren in Spigel alles möglich: von enkeln Bounty geklaut! Also mit todesurteilen, OK, aber von kinder schoko-crisps gestolen? Dise mann bestie!

Ah, und ich merk mit vergnügen Spigel rechtschreibreform eingereit. Pfui, gell, Spigel, und damals noch große gesten… keine kolaborazion! Aber wenn dann chefchen komm nach hause, mut von hund mach kurze pause.

Offen bleibt noch frage ob Ghöthä sitzend oder steend gepinkelt hat. Das kann man aber bestimmt in manche bulevarzeitungen erfaren. Ausserdem wir ham sowiso nich mer vil zeit. Di leute wollen von mir immer sprachliche analyse. Wi schauts mit Goethä aus im lichte der rechtschreibreform und des ultradoitshen projektes? Ja, im lichte der rechtschreibreform schauts schlecht aus. Weil leute jetz Hetzerei statt Hetzerey schreiben sollen, Tor statt Thor. Das ist thöricht! Ich lasse mir das nich gefallen! Ich will zurük zum stand von 1995, als es noch Hetzerey und Thor hiß, damit wir noch unsern Ghoethä lesen könn!

Also ich promote momentan mein zweites projekt, wunschdeutsch, das basis-demokratisches deutsch, das ich nach der abstimmung von 8000 zuschauern kreirt hab. Wunschdeutsch erspart eim das erlernen von tausenden informazionen, aber es is noch von der alten wi der neuen rechtschreibung kaum zu unterscheiden. Leider is diser schnitt für di medien zu durchschnittlich. Für di entertainment-branche braucht man natürlich den Mercedes unter den reformprojekten: ultradoitsh, mein ganz persönliches projekt. Hir di komplett version, geplant für das jar 2012: Herr Ultradoitsh! Di büne gehört Inen!

Der Zaubalerling

Hat der alte hexenmaista
Sich doch ainmal wekbegeben!
Und nun sollen saine gaista
Auch nach mainem willen leben!
Saine wort und werke
merkt ich und den brauch,
und mit gaistessterke
Tu ich wunda auch.
Walle, walle
Manche streke,
Das zum zweke
Wassa flisze
Und mit raichem, follen swalle
Zu dem bade sich ergisze!

Man könnte auch ultradoitsh-U, das unseriöse ultradoitsh, gebrauchen, aber dann reimt sich nix mer:

Un nu komm, du ole besen,
nem de slette lumpenhüllen!
Du hat sho lang knett sain,
nu erfüll mai will!
Auf zwai baine ste,
oben sai a kopp,
ail nu un ge
mit de wassatopf!

Eine andre möglichkeit wär deuglish, das 2249, zu Göhthäs 500. gebürsttag gesprochen wird. Man sit, zu dem zeitpunkt wirkte di sprache entschiden globalisirter:

Alle worte un sey werken
hat i mi sofort gley merken,
bissi magic bissi dre,
werd milagro sho geshee.
Ole besen, nur nich penne
Bring mi wasser, mach shon henne
An de arbeit, komm agite!
Shaffe shaffe, sons gebs tritte!
A, de wort mit de dis ding
kann sein wider shui bai ling
Wi kann i de zoy offswitchen
Dat es bek ge zu de kitchen?
’s hoer nit auf, is ganz shoen spidy,
O du besen, komm verzi di!
Einmal nur kurz activado
Sho lauf du wi desperado!
Will nit hören, nit pariren,
nur de wasser transportiren,
also gut, dann mit gewalt,
shaust du aus bald zimly alt!
Super trefft hai li shao dong
Kann i atmen chi kao hong
Mierda hombre! Es macht weiter
Auf und ab, det wird no heiter!

ach leute, das dauert hir zu lang! Wir machen ein zipp-up, ir versteet den ganzen scheiss sowiso nich. Zipp-up is ein släng unter uns fernsehleuten, richtig heisst es content compactization. Dise hir is eine computercompactisirte version. Also statt 5 strofen a 14 zeilen, 1 strofe a 4 zeilen. Software made in Sri Lanka.

chef gen spaziren
jung nich pariren
jung shaisse baun
chef komm un haun

Conclusio: Es gibt 32 möglichkeiten, den namen Goehthä zu schreiben, abgesehn von der EU-variante wi im wort „friseur“ (Geuthä zum beispil), so wärens 48. Ghoehthähs warer name war Götä, mit weichem G wi in jurnalist. Seine eltern waren albaner.

Sententia: Der verurteilte bereute seine taten nicht. Ganz im gegenteil, er sang weiter „I want my sisters, to put them blisters…“. Auf dem felde der architektur hat er absolut nix beigetragen. 3 jare zuchthaus one frischfleisch! Nur mit jungem gemüse!

So, das waren di leiden des jungen Götle.

Zé do Rock, Champagnerstreik gegen Rauchahetze

Buidln und Fuim: Zé do Rock, ungefer 2010.

Written by Wolf

17. April 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel

Unter sotanen Umständen

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Update zu allen anderen mit ihm:

Arno Schmidt ist 101. „’n Hunnerd’stn kann jeder feiern“, hätte er gesagt (eine Unterstellung, für die er mich schon wieder mit einem Blick & einem ausgespuckten Satz so runtergekanzelt hätte, dass ich bis zum Zweihunnerd’stn nix mehr brauch).

Überleben wird er mit der nicht beliebtesten, aber der wahrsten Arbeitsauffassung des Wortmetzen:

——— Arno Schmidt:

Piporakemes!‘

in: konkret, Nummer 10, Oktober 1962, cit Zürcher Kassette, Band 8: Kühe in Halbtrauer, Seite 265, Schluss:

Arno Schmidt, BargfeldAllgemein habe er dann noch krititsiert, wie das — seiner Ansicht nach wichtigste — Problem überhaupt nicht berührt worden sei : „’s Honno-rar natürlich ! Das’ss ooch so was, was die Verleger nie lern’n : wenn se 3 Tausnd Mark für ’ne Übersetzunk blechn, kriegn se ’ne 3-Tausnd-Mark-Übersetzunk; wenn se 6 Tausnd schmeißn, eene für 6 Tausnd : dann kann ich neemlich de doppelte Zeit dran wendn !“. Auf das vorsichtige Bedenken seines — verständlicherweise ungenannt bleiben wollenden — Bekannten : daß die meisten ‚Künstler‘ unter sotanen Umständen dann eben wohl doch nur für die 3 herstellen, und für die übrigen 3 schlicht faulenzen würden : ob die Gefahr nicht nahe läge ?, habe er kaltblütig erwidert : die läge freilich verdammt nahe.

Bild. Arno Schmidt, vermutlich in Bargfeld, Arno-Schmidt-Stiftung via Kultourist.

Written by Wolf

18. Januar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento

Lyrik zur Lage

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——— Erich Fried: Widerspiegelung, in: Lebensschatten, 1981:

Wenn die Gedichte
einfacher werden
so zeigt das
nicht immer an
dass das Leben
einfach geworden ist.

——— Theodor W. Adorno: Theorie der Halbbildung, 1979:

Wer noch weiß, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gutbezahlte Stellung als Texter finden.

——— Yael Naim: New Soul, 2008:

La la lá lalala,
la la lá lalala,
la la lá, la la lá,
la la la.

Israeli-French singer Yael Naim captured the world’s attention in 2008 when this winsome, enchanting single was picked up by Apple for the ad campaign for MacBook Air.

Written by Wolf

29. Oktober 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento

Ein ewig Weißwurschten

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Update zu Endlich handfeste Verse:

——— Nikolaus Dominik (8. Juni 1951, Amberg bis 10. September 2012, München):

München

aus: Es schneit ins Herz. Letzte Lyrismen,
edition DAS GEDICHT, September 2013, Leitner Verlag Weßling, 99 Seiten, 12,50 Euro:

Deckengemälde Klosterkirche Schäftlarnach –
ein ewig Weißwurschten
oktoberfestet dahin

Welten weißblauen

es brodelt & jodelt & odelt
in Hofbräuhausen

Ein-Heimischen wird Widerstand

Deckengemälde: Klosterkirche Schäftlarn,
renoviert bis 2012.

Written by Wolf

2. Oktober 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Postironismus

Hunderttausende erlebten Goethe, Schiller und Herrndorf! Schon beim Saisonauftakt waren alle tot. Dass Schiller nicht Wolfgang hieß, verblüffte alle.

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Update zu Mein Lied ertönt der unbekannten Menge und
So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus:

Das aktuelle Ranking der drei beliebtesten deutschen Theaterstücke des Deutschen Bühnenvereins:

Die Realität ist für diejenigen, die ihre Träume nicht aushalten, Faust am Residenztheater München, Juni 2014In der Theatersaison 2012/2013 gab es in Deutschland 43 Inszenierungen von Goethe: Faust. Insgesamt erlebten sie 380 Aufführungen; das ist etwas mehr als eine pro Tag.

Im gleichen Zeitraum im gleichen Erhebungsgebiet gab es 29 Inszenierungen von Wolfgang Herrndorf: Tschick. Insgesamt erlebten sie 764 Aufführungen; das sind etwas mehr als zwei pro Tag. Sie erreichten knapp 99.000 Zuschauer — nach verkauften Theaterkarten, nicht nach „Klicks“ auf halblegale Handy-Mitschnitte auf YouTube.

Im gleichen Zeitraum im gleichen Erhebungsgebiet gab es 24 Inszenierungen von Schiller: Kabale und Liebe. Sie erreichten 122.000 Zuschauer.

Tschick hat damit erstmals in der Theatergeschichte mit einem Aufführungsrekord Goethe und Schiller überholt.

Herrndorf wird wegen seines überschaubaren und jedem Casting-Event die Bude einrennenden Personals — zwei renitente Berliner Jungs — mit Vorliebe an eher familiär geführten Studiobühnen gespielt, Kabale und Liebe wird ungebrochen als Anschauungsmaterial für Schulstoff gebraucht, Faust hatte erst im Juni 2014 seinen eigenen Monat im Münchner Residenztheater.

Dreisatzaufgabe: a) Wie viele Zuschauer erreichte Faust in der bundesdeutschen Theatersaison 2012/2013 in seinen 1,04 täglichen Aufführungen? b) Wie oft musste Kabale und Liebe für seine 334-einviertel täglichen Zuschauer aufgeführt werden?

Fachfrage: a) Wie viele Leute laufen in diesem Moment in Deutschland herum, die den Faust auswendig können? b) Wie viele können wenigstens eine Sprechrolle aus dem ersten Teil?

Transferaufgabe: Ist es zum Erzielen eines Theatererfolgs sinnvoller, a) Wolfgang zu heißen oder b) zu sterben?

Diese Fragen dürfen Sie als rhetorisch betrachten oder beantworten. Genugsame Brillanz bei letzterem belohne ich mit Buchgeschenken. Mach ich einfach.

Die Realität ist für diejenigen, die ihre Träume nicht aushalten:
Residenztheater München, Juni 2014.

Written by Wolf

12. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

Wünschest du dich, Buch, zu guten Lesern nun hinzubegeben

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Wie lange man auch gegen die Windmühlen des aktuellen und antiquarischen Verlagswesens kämpft — es gibt nicht die ideale deusche Ausgabe von Don Quixote, irgendwas ist immer.

Don Quixote

Ideal wäre: die Übersetzung von Ludwig Tieck, weil Ludwig Tieck immerhin Ludwig Tieck ist und jeder Leser ohne akut akademischen Auftrag damit überfordert wäre, alle erreichbaren Übersetzungen durchzuvergleichen; mit den Illustrationen von Gustave Doré, und zwar bitteschön allen; und natürlich in vollständigem Text, weil jeder kürzend eingreifenden Hand zu misstrauen ist, solange Verlage marktorientierte Untrenehmen sind, die Tagespreise von Papierbögen gegen verkaufbare Buchauflagen abwiegen müssen; und gerne in einem Band, weil das ständige Bücherwechseln innerhalb desselben Romans keiner Vorstellung von Schmökern entspricht.

Eigentlich nicht unverschämt viel verlangt, wie ich fnde. Keine Frage, alle mir bekannten Ausgaben sind wunderschön, jede hat einen Vorzug vor den anderen, alle wurden von den tollsten, besten, renommiertesten Häusern verlegt, die sich etwas dabei überlegt haben, ob die Welt wirklich noch eine braucht.

Besonders hervorheben möchte ich unter ihnen die neueste: die bei Hanser in neuer Übersetzung von Susanne Lange. Die hat als einzige, wenn nicht gar erste überhaupt ausführliche Anmerkungen von der fachkundigen Übersetzerin, von denen man tatsächlich so viel schlauer wird, dass man einen anderen Blick auf den durchschaubaren bis altbekannten Gang der Handlung gewinnt. Die Rezensionen waren hymnisch: Der Don Quixote fürs dritte Jahrtausend sei das — woran kein Grund zu zweifeln besteht: Hanser hat sich offenbar in den Kopf gesetzt, die gesamte Weltliteratur neu zu übersetzen und einzurichten, da war der Moby-Dick von 2001 von Matthias Jendis auf der Grundlage von Friedhelm Rathjen, erstmals mit dem Bindestrich in der Überschrift, nur der Anfang.

Leider haben sie den ersten Illustrator vernachlässigt, der sich in den Kopf gesetzt hatte, die gesamte Weltliteratur mit angemessenen Bildern auszustatten: Gustave Doré — und nicht nur den, vielmehr von Illustrationen ganz abgesehen. Auch im Taschenbuch ist das gute Stück noch zweibändig, wenngleich ein fast verlustfrei ebensoschönes Paar handlicher Dünndrucke — was insofern Sinn ergibt, als die beiden Teile um die zehn Jahre zwischen 1605 und dann erst 1615 auseinanderliegen.

Weit weniger Sinn ergeben die drei Bände bei Insel von 1975 — der im übrigen für seine nimmermüde Vorhaltung auch obskurer Teile der Weltliteratur nicht um Papierpreise und ein paar hundert Einzelverkäufe herumknickern, sondern vielmehr öffentlich unterstützt werden sollte (von Fernseh-Zwangsgebühren in diesem Zusammenhang reden wir ein andermal). Die Übersetzung ist von Ludwig Braunfels, die sogar originalgetreuer als Tieck sein soll, die Bilder von Doré — aber nur in Auswahl. Der erste und zweite Band hören leider nach einfach irgendeinem Kapitel auf, der zehn Jahre jüngere zweite Teil fängt mitten im zweiten Band an, wo eben gerade Platz war.

Etwa 2011 habe ich mich hinreißen lassen, bei Insel persönlich nachzufragen, was diese Aufteilung soll: ob sie vielleicht einen inhaltlichen zweck verfolgt, der sich erst beim vollständigen Lesen erschließt, oder ein historisches Vorbild nachvollzieht. Bei Insel sind sie freundlich und publikumsnah genug, um tatsächlich Antwort zu geben: Nein, hieß es, einen tiefen Sinn habe das nicht, die Ausgabe sei ja nun auch schon so alt, dass niemand mehr im Verlag weilt, der das einst mitverantwortet hat — aber vermutlich hatte es „herstellerische Gründe“. Die erste Vermutung stimmt also: Sie haben den Roman dort unterteilt, wo gerade Platz war. Übrigens sind es keine sehr dicken Bände, und im Falle der Romane und Erzählungen von Voltaire (inzwischen schon wieder vergriffen) hat es derselbe Verlag ganz gut geschafft, nach vielen Jahren zwei Bände einem zu fassen.

Eine Ausgabe nahe am beschriebenen Original wurde einst in der DDR hergestellt, bei Rütten & Loening 1966: Tieck, Doré, beide vollständig — und dann, hol’s der Kuckuck, in zwei Bänden. Immerhin mit der richtigen Bruchstelle an Teil 1 und 2, außerdem ungefähr in DIN-A4-Größe auf richtig schwerem Papier, was der Wiedergabe der Illustrationen dient wie keine andere Version vorher oder nachher und zu einem einzigen Band zusammengepackt vielleicht doch ein etwas dickschädeliger Selbstzweck geworden wäre — einfach feudal. Als DDR-Produkt längst heillos vergriffen und abgewickelt, aber bei genügend tiefer Sucheinschränkung schon auf Amazon.de immer wieder greifbar.

Artemis und Winkler, ansonsten ein traditioneller Klassikverlag mit haufenweise für Büchermarkt und -freund ganz und gar unentbehrlichen Ausgaben der Wahl, kommt leider nicht in Frage: Ludwig Braunfels, meistens bilderlos, nur in manchen Auflagen mit einer Auswahl aus den Grandville-Illustrationen, die neueren Auflagen außerdem nur noch in seiner minderen Blauen Reihe. Wahrscheinlich aus „herstellerischen Gründen“.

Don Quixote, Titelblatt 1605Rettung verheißt auf den ersten Blick Diogenes. Dessen Tieck-Übersetzung, illustriert von Doré, ist seit Jahr und Tag still und unauffällig lieferbar, wechselt aller paar Jahre das Umschlagbild, auch wenn ich gar nicht erst nachfrage, was der einzelne Picasso außen mit den ganzen Dorés innen zu tun hat, und das Schönste: einbändig — ein hübsch moppeliges, handliches Dünndruck-Taschenbuch, das man liebhaben muss. Und dann die Ernüchterung: Die angekündigten Illus sind eine reichlich locker verstreute Auswahl.

Die ideale Don Quixote-Ausgabe ist, als ob man es nicht geahnt hätte, vergriffen: Bei Emil Vollmer in Wiesbaden gab es mal Tieck samt Doré in einem Band — und zwar diesmal alle Bilder, gezählte und auf dem Titel angepriesene 363 an der Zahl — annähernd A4 groß, dabei nicht ganz so ehrfurchteinflößend wie das doppelte DDR-Monument, theoretisch immer noch eine tödliche Waffe bei Schadnagerbefall. In den Online-Antiquariaten recht präsent, zum Beispiel im ZVAB ab etwa vier, fünf Euro plus Porto zu einem recht annehmbaren Kilopreis. Die hab ich jetzt und gedenke mit ihr alt zu werden.

Don QuixoteUnd doch ist es weiterhin Don Quixote, bei dem ja nichts ist, was es scheint: Zwischen dem Prolog und dem ersten Kapitel hat Cervantes nämlich einen Reigen aus elf einführenden formal verspielten Gedichten, meist Sonetten, aufgestellt. In den Twin Towers aus der DDR und bei Diogenes sind sie vorhanden, bei Hanser und Insel können Sie es mit Leichtigkeit schnell herausfinden, bei Emil Vollmer fehlen sie. Die ideale Don Quixote-Ausabe ist nicht nur vergriffen, sie ist nicht einmal ideal.

Da sie aus diesen langen und breiten Gründen dennoch die Ausgabe bleibt, die ich empfehle, müssen die Gedichte rein. Ich führe sie im Folgenden nach der Diogenes-Ausgabe an. Verfahren Sie damit nach Belieben: Der Emil-Vollmer-Band ufert prozentual nicht wesentlich aus, wenn Sie alles in ein textverarbeitendes Programm kopieren, die Bilder zurechtstutzen oder löschen, ausdrucken und nach dem Prolog hineinlegen. Als moderner Mensch werden Sie diesen Eintrag eher neben dem Buch auf Ihrem Bildtelefon bereithalten. Oder Sie drucken einfach das .pdf, das ich eigens gebaut habe (63 kB, 12 Seiten), um dem idealen Don Quixote möglichst nahe zu kommen, und legen es in die annähernd ideale Ausgabe von Emil Vollmer. Nach dem Prolog bitte. Ein etwas unorthodoxes Verfahren, aber sinnvoll und nicht halb so scherzhaft gemeint, wie es zuerst klingen mag.

Ein weiter Weg ist es auch verlegerisch nicht mehr dorthin: Als Vorschlag eines interessierten Verbrauchers könnte Hanser seine zwei Bände zusammenfassen und mit dem mittlerweile gemeinfreien Doré aufhübschen. Da kann diese grandiose, dazu kompetent durchkommentierte Neuübersetzung niemanden stören, nur weil sie nicht vom jahrhundertealten Tieck stammt. Der Taschenbuchverleger dtv kann nachziehen: Es gibt weit dickere Taschenbuchrücken, die so viele Seiten einwandfrei zusammenhalten, herstellerische Gründe ziehen also nicht. — Und Diogenes mit ihrem Tieck sollten noch Platz für die restlichen Dorés finden, auch können sie gern noch an der Druckauflösung schrauben.

Und bitte die Gedichte zwischen Prolog und erstem Kapitel nicht vergessen:

An das Buch des Don Quixote von la Mancha.

Urganda die Unbekannte

Georges Rochegrosse, Plakat für Jules Massenet, Don QuichotteWünschest du dich, Buch, zu gu-
Lesern nun hinzubege-
Wird kein Schwätzer dir ausle-
Deine Absicht als Untu-
Um so mehr du aber su-
Wirst, nur zu entgehn den To-
Werden sie dich nicht verscho-
Treffen sie den Kopf des Na-
Niemals, werden sie doch ra-
Zeigen, daß sie kluggezo-

Weil nun die Erfahrung leh-
Wer den starken Baum wird su-
Find’t im Schatten sichre Ru-
In Bejar will Glück dir ge-
Königsstamm zu deinem Se-
Der als Frucht Fürsten erzo-
Blühend jetzt mit dem Herzo-
Dem Alexanders Gemü-
Fleh den Schutz, stets war dem Küh-
Auch das gute Glück gewo-

Von dem edel kühn Mancha-
Kündest du die Abenteu-
Dem die Bücher ungeheu-
Hirn und Haupt verkehret ha-
Tapfre Ritter, Waffen, Da-
Haben ihn so aufgefo-
Daß wie Orlando furio-
Er in edler Liebeswei-
Sich erstritt durch Schwertesstrei-
Dulcinea von Tobo-

Unbescheidne Hierogly-
Laß nicht in das Schild dir prä-
Ist Figur schon alles, zäh-
Wenig Augen auch im Spie-
Hast du Demut dir erkie-
Wird kein Spötter dir zuru-
Daß Don Alvaro de Lu-
Daß Hannibal von Kartha-
Daß der König Franz in Spa-
Klagten das Rad der Fortu-

Da der Himmel nicht gege-
Daß du so gelehrt erschie-
Wie der Neger Juan Lati-
Drum laß die latein’schen Re-
Prahl auch nicht mit feinem We-
Spiele nicht den Philoso-
Das Gesicht wird krumm gezo-
Fragen, wer Verstand zum Le-
Bester, kommst du so mit De-
Her zum Tanze und mit Spo-?

Einfach deine Straße ge-
Sorge nicht um andrer Sa-
Wer viel schwatzt, dem geht der Bra-
Gerne stille aus dem We-
Denn mitunter trifft auf Schlä-
Wer sich spaßhaft denkt zu zei-
Den Ruhm suche zu errei-
Daß nichts Böses von dir sa-
Niemand kann, denn ew’gen Ta-
Hat, wer nur druckt Narrentei-

Nur dem Unsinn macht es Freu-
Da die Fenster doch nur glä-
Steine in die Hand zu neh-
Und sie in das Haus zu schleu-
Doch Verstand wird es bezeu-
Wenn die Werke so geschrie-
Daß Bescheidenheit sie zie-
Denn wer vollgedruckt die Bo-
Zu erfreuen junge To-
Steht als Narr nur selbst am Zie-

~~~\~~~~~~~/~~~

Amadis von Gallia an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteDu, der du nachgeahmt mein jammernd Leben,
Dem ich mich einst, abwesend und gekränket,
Aus frohem Stand in Buße tief versenket,
Dort auf der Armut Felsen hingegeben;

Du, den die Augen bei dem bangen Streben
Mit reichlichem, doch salz’gem Naß getränket,
Dem Erd‘ auf Erde magre Kost geschenket,
Dich Silbers, Kupfers, Zinns zu überheben:

Leb im Vertraun, es werd auf ew’ge Zeiten,
Solang zum mind’sten in der vierten Sphäre
Der blond‘ Apollo mag die Rosse treiben,

Dein Name seinen Heldenruhm verbreiten,
Dein Vaterland genießen höchster Ehre,
Dein weiser Tatenschreiber einzig bleiben.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Don Belianis von Graecia an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteGesagt, getan, gequetscht, zermalmt, zerrissen
Ward mehr von mir als Rittern aller Zeiten;
Ich gab, gezählt zu Tapfern wie Gescheiten,
Rach‘ tausend, Tod zehntausend Beschwernissen;

Auf Taten ew’gen Ruhmes so beflissen
Wie auf der Liebe süße Artigkeiten,
War Zwerg für mich jedweder Ries‘ im Streiten,
In Punkten des Duells war groß mein Wissen;

Zu Füßen mußte sich Fortuna schmiegen,
Den Schopf des kahlen Glücks faßt‘ im Getümmel
Die Klugheit, die von echtem Korn und Schrote;

Doch wie auch stets mein Glück hoch mußte fliegen
Über den Mond und strahlen durch die Himmel,
Neid ich die Taten dir, großer Quixote.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Die Dame Oriana an Dulcinea von Toboso.

Sonett

Don QuixoteHätt, schöne Dulcinea, sich’s gemacht
Und mochte sich’s zu meinem Frieden schicken,
Mich in Tobos‘ statt London zu erblicken,
Es ward Mirflor zum Opfer dir gebracht!

Hätt ich mit deinem Sinn und deiner Tracht
Doch meinen Geist und Körper dürfen schmücken,
Hätt ich gesehn, den du mochtest beglücken,
Den Ritter groß, in ungeheurer Schlacht!

Hätt ich gekonnt den Amadis vermeiden,
So keusch verharren, wie es dir gelungen,
Mit deinem sitt’gern Edlen Don Quixote!

Ich wär beneidet, brauchte nicht zu neiden,
Von Freude ward ich, nicht von Schmerz durchdrungen,
Dann labte mich Genuß vom besten Schrote.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Gandalin, Stallmeister des Amadis von Gallia,
an Sancho Pansa, Stallmeister des Don Quixote.

Sonett

Don QuixoteGegrüßt sei, großer Mann, dem Heil und Glücke,
Als sie ihn in Stallmeisterdienste stellten,
Mit Sanftmut und Verstand so alles hellten,
Daß er sie überstand ohn‘ Schimpf und Tücke.

Die Sichel, Hacke und der Pflug sind Stücke
Nicht Ritterschaft zuwider, jetzt darf gelten
Schlichtheit des Knappen: Darum muß ich schelten
Den Stolzen, der zum Mond sucht eine Brücke;

Daß ich nicht Esel, Namen von dir habe!
Auch auf den Schnappsack ist mein Neid gerichtet,
Worin sich deine kluge Vorsicht zeiget.

Nochmals gegrüßt, o Sancho, wackrer Knabe,
Von dem der spanische Ovid gedichtet,
Der sich mit einer Kopfnuß vor dir neiget.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Der Dichter, der scherzende, an Sancho Pansa und Rozinante.

Don QuixoteSancho Pansa ich Stallmei-
Des Manchaners Don Quixo-
Immer bin ich fortgeflo-
Mich als klugen Mann zu zei-
Hasenpanier zu ergrei-
Ist die beste Staatsmaxi-
Feldherrn rühmt das Retiri-
Das ist Celestinens Leh-
Dieses Buchs, das himmlisch wä-
Wenn es Ird’sches mehr verschwie-

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

An Rozinante

Don QuixoteRozinant‘ bin ich, der ho-
Enkelsohn des Babie-
Für die Sünden, die gesche-
Dient ich einem Don Quixo-
Elend schien ich und verschro-
Doch mein Pferdesinn war kla-
Nie entging mir Stroh und Ha-
Das lernt ich von Lazari-
Der ein’n Halm wußt einzuschie-
Daß ihm Wein lief in den Schna-

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Der rasende Orlando an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteBist auch nicht Pair, darf dir kein Gleicher nahn,
Du konntest Pair sein unter tausend Pairen,
Doch dir gleich keiner, so viel immer wären,
Den nie besiegt, stets Siegerheld sie sahn!

Orland‘ bin ich, Quixote, im Liebeswahn
Trieb mich Angelika zu fernen Meeren,
Opfernd dem Ruhm auf seinen Weihaltären
Die Tatkraft, die nicht tilgt Vergessens Zahn.

Dir gleich nicht kann ich sein, den Vorzug bieten
Muß jeder deinem Ruhm, den Heldentaten,
Wenn sich auch dir der Sinn wie mir verrückte;

Doch mir gleich bist du, wenn du wilde Scythen
Und stolze Mohren zähmst, daß uns verraten
Man nennt und beid‘ in Liebe Unbeglückte.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Der Ritter des Phoebus an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteMein Schwert darf sich dem Euren nicht vergleichen,
Ihr, span’scher Phoebus, Blume aller Feinen,
Mein Arm ermißt sich nicht der Kraft des deinen,
Dem Morgenstrahl, dem Mond und Stern‘ erbleichen.

Ich wies ab Kaisertum, samt Königreichen,
Dem roten Orient mocht ich dies verneinen,
Zu sehn das hocherhabne Antlitz scheinen
Der Claridian‘, Auroras Liebeszeichen;

Sie mein, mir heller vor dem Morgenrote,
Entfernt, verschmäht bebten die Ungetüme
Der Hölle mir, so wollt mein Mut erheischen;

Doch Ihr, Quixote, verklärt ruhmreicher Gote,
Macht, daß um Dulcinee die Welt Euch rühme,
Durch Euch hat sie den Ruhm der Klugen, Keuschen.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Der Soldan an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteObwohl, Herr Quixote, Albertät nichtsnutzig
Euch Haupt und Hirn gar lästerlich verschoben,
Seid jedenfalls des Vorwurfs Ihr enthoben,
Als wärt Ihr Mann der Werke schlecht und schmutzig;

Sein Zeuge Eure Tathandlungen trutzig,
Der Unbill Steurung wolltet Ihr erproben,
Da prügelt Euch mit Knitteln und mit Kloben
Das Lumpenpack, das schlecht gesinnt und prutzig:

Und wenn Eur‘ vielsüß liebe Dulcinea
Euch auch erwiesen hat gleichsam Schimpfierung,
Gleichgültig Euer Huld’gen von sich schiebend,

So sei Tröstjammer Euch in diesem Weh da,
Daß Sancho nicht verstand Kupplerhantierung,
Er dumm war, herbe sie, Ihr nicht ernst liebend.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Gespräch zwischen Babieca und Rozinante.

Sonett

Don QuixoteB.: Wie seid Ihr, Rozinante, schmal gemessen!
R.: Man frißt ja nichts und muß sich immer plagen.
B.: Wie steht’s mit Hafer und des Strohes Lagen?
R.: Nicht einen Bissen läßt mein Herr mich essen.
B.: Ei, Freund, Ihr seid unartig und vermessen,
Mit Eselszunge nach dem Herrn zu schlagen.
R.: Er bleibt ein Esel, war’s seit jungen Tagen;
Er ist verliebt, nun könnt Ihr’s selbst ermessen.
B.: Ist Lieben Torheit? R.: Doch gewiß nicht weise.
B.: Ihr seid ein Philosoph. R.: Das kommt vom Fasten.
B.: Beklagt Euch denn bei unsres Ritters Knappen.
R.: Was hilft’s mir, daß ich meine Not beweise,
Wenn Herr und Diener unter gleichen Lasten
In die Rapuse gehn mit ihrem Rappen?

Don Quixote

Übrigens fehlen auch ideale Ausgaben von den Märchen der Grimms, von Wilhelm Hauff, zu schweigen von dessen sämtlichen Werken, von Ludwig Tieck und Moby-Dick.

Die meisten Bilder stammen aus dem gemeinfreien Fundus der Wikimedia Commons;
besondere Empfehlung ergeht für den vollständigen Scan der spanischen Erstausgeben von 1605 und 1615 bei der Biblioteca Virtual Miguel de Cervantes.

Written by Wolf

27. Juni 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Renaissance, ~~~Olymp~~~

Bei Ludwig Tieck geheult vor so viel Schönheit

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——— Arno Schmidt: aus Die Umsiedler, Kapitel VII
in: die umsiedler. 2 prosastudien, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1953
= studio frankfurt 6, hrsg. von Alfred Andersch,
cit. Zürcher Kassette, Band 2, Seite 40:

Arno Schmidt, Na, Sie hätten mal in Weimar leben sollen. Über Wieland - Goethe - Herder. Mit einem Essay von Jan Philipp Reemtsma, Reclam 2013, 6,80 Euro, CoverNach einer Minute war sie schon mit Beiden im Gespräch, Weber hießen sie, der Mann kam auch bald aus dem klobigen Wind; bei Aufzählung ihrer Möbel war das Hauptstück „der handgeschmiedete Kleiderständer“: „Ich bin Schmiedemeister.“ sagte er vertrauensvoll, „n schönes Haus wars: zweistöckig. Und Landwirtschaft dabei. Fümfundvirzich sind ma rausgemacht, wie da Russe kam, nach Thüringen. Und in Hannover ha-ich dann in da Maschinenfabrick gearbeit. Aber wir hatten bloß eene Stube und Kammer, und s Dämchen is doch nu groß.“ Wir nickten: im Bilde! „Wir wollen uns verbessern“. „Verbessern tut man sich nie.“ entschied ich kopfschüttelnd aus dem umzugsreichen Erfahrungsschatz eines langen und übel angewandten Lebens – ein Blick auf Katrin: „Vor Allem, wenn der Anfang so unheimlich gut ist.“ Sie suchte in ihrer Handtasche vor Befriedigung. (Dann ging ich, wie gesagt, nach einem Klo, und klomm über Zementbänder und schwarze Eisensehnen wieder hoch). Die Regin schuchzte untröstlich und schlug ihr Silberhaar über die Scheiben; die Dämmerung im Abteil wurde tiefer, und wir buchstabierten schon abwesend an den Reklamen; Wind fluchte abgebrochen; man rangierte uns hin, her. „Ja, s sind gute Leute.“ (waren mal allein), aber: „hat schon mal Einer von ihnen bei Ludwig Tieck geheult vor so viel Schönheit? Oder sich von Hoffmann adoptieren lassen?“ Ich mußte erst erklären, was ich wollte; die Akkuwagen der Bahnpost drüben summten aus einem Lufttrichter in den anderen; ein Zug englischer Halbkettenfahrzeuge harrte stumpf wie wir; mit Soldaten und Flüchtlingen können sie Alles machen!

Im Bilde: Arno Schmidt: »Na, Sie hätten mal in Weimar leben sollen!«: Über Wieland — Goethe — Herder.
Mit einem Essay von Jan Philipp Reemtsma, Reclam 2013, 6,80 Euro.

Written by Wolf

2. April 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Ein kleines Helles für Elke

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Update (kein Überschreiben mehr möglich) zum Valentinsgewinnspiel:

Die Entscheidung fiel ausnahmsweise leicht: Die Hochhaushex Elke gewinnt alles — für ihr Lyrikfestival von Kommentar:

Ich finds ja eine überaus anrührende Idee, den Weg übern Hinterhof zu einem Lyrik-Kabinett (hach, dass es sowas gibt!) mit Gedichtfetzen auf Schilderbildern zu pflastern. Man könnt’ das einen hübschen kleinen Trampelpfad zwischen Poesie und RealPoesie nennen – wie zielführend wohin Gedichte immer sein mögen.

Uiii … aber aus der Fülle sich sein Lieblings-Versfitzelchen herauspicken, das ist schwer.

Der Haus- und Hof-Heine samt seiner alten Weise vom Jehuda Ben Halevy aus den Hebräischen Gesängen, mit dem

„Bei den Wassern Babels saßen
Wir und weinten, unsre Harfen
Lehnten an den Trauerweiden“ –
Kennst du noch das alte Lied?

ist eh schon Lieblings-Sowieso. Erst recht für mich altes Synäst(h)ierchen: das singt und malt und schmeckt sich seine Heine-Liedln.

Die Priamel-Ode der großen Sappho von Lesbos wiederum

Ein heer von reitern
so sagen die einen
fußvolk andere
schiffe noch andere
ist auf der schwarzen erde
das köstlichste
ich aber sage
das was man lieb hat

Marc-Charles-Gabriel Gleyre, Le coucher de Sappho, 1867, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausannebrilliert in ihrer ganzen Schlichtheit mit einem so recht zielführenden valentinischen Schlussvers. Vor allem, wenn man sich dazumalt, in welcher Schönheit selbige zu Bette ging. Und glauben will, dass die um 600 v. Chr. keine Propaganda in ihrem poetischen Sinn hatte. Oder doch?

Mögen kann man auch den Ausriss “fiel auf eine Rose vieler Regen”, drum hab ich dem nachgekramt. Dem münchenverhafteten Lyriker Konrad Weiß, dem nie der entscheidende Durchbruch gelang und der dennoch wahrscheinlich zu Unrecht vergessen ist, kann ich (auch wenn man seine politischen Haltungen ja nicht teilen muss) durchaus was abgewinnen. Sein Gedicht

Die eine Rose

Während wir uns schlugen auf den Wegen,
Wort um Worte rührten,
was die Worte wollten, tiefer spürten,
während wir dem Sinn entgegen
uns durch wache Wildnis trugen,
um ein schlafend Bild umsonst doch Worte
wacher schickend nur sein Schlafen schürten,
und von Ort zu Orte
horchten und die Zungen in uns schlugen,

fiel auf eine Rose vieler Regen.

aus dem der Versfetzen stammt, hat auch irgendwie was Wildes und einschlägig Zielführendes in sich, wie ich finde. Und hier merkt man auch wieder, was das Schöne an Gedichten ist: dass der ganz eigene Lesende sich sein ganz Eigenes hineindeuten kann, wenn er mag. Denn wer würde vermuten, dass, wie von Weiß-Kennern verlautbart, der Titel dieses in seinem letzten 1939 veröffentlichten Lyrik-Band Das Sinnreich der Erde enthaltenen Verswerks ursprünglich “Sinnbild der Geschichte” lauten und somit wohl weit Monumentaleres als valentinische Leidenschaften beinhalten sollte.

Das “Vieles bleibt ohnehin in der Schwebe” ist zur Abwechslung mal von einem noch Lebenden – der sogar dieses Sprüchlein irgendwie lebt: vom Mache-sich-jeder-seinen-eigenen-Reim-auf-den-Enzensberger. Vielschreiber, Ex-Nürnberger und Wahl-München-Schwabinger, der in Erlangen studiert hat. Und zwar aus dem Titel-Gedicht seines Leichter als Luft – Moralische Gedichte, erschienen bei Suhrkamp 1999. Besonders mag ich in dem ja die letzte Zeile (und die vorletzte) in der vierten Strophe – denn wer wöllte wohl bestreiten, dass ausnahmslos alle Walzerklänge (und Heiligenscheine) leichter als Luft sind.

Ein Fitzelchen muss ich noch, obwohl das hier schon wieder zum Co-Referat ausufert: das erste auf dem vierten Schilderbild, wieder so’n synästhetisches. In dem fehlt ein kleines aber wichtiges Wörtlein. Es muss nämlich heißen:

Ich färbte dir den Himmel brombeer
Mit meinem Herzblut.

und ist von Else Lasker-Schüler, aus einem ihrer leidenschaftlichen Abschied-Liebesgedichte, an Gottfried Benn, glaub ich. Der Kafka hat sie nicht gemocht, die Lasker-Schüler, aber schließlich hat sie in meinem dienstlichen Nachbarhaus, dem Hotel “Sachsenhof” in Schöneberg, gewohnt und eigentlich wollt ich die sogar bloggen, weil sie vor ein paar Tagen einen so halbrunden Geburtstag hatte – man will doch seine künstlerischen Nebenmieter ein bissl hätscheln.

Nu is aber Schluss. — Was ich noch sagen wollt: Das Tom Waitssche Luftballon-Mashup-Duett ist wirklich voll süüüß. Ich tanz den ganzen long way home.

Das ist eine ausgewachsene wundervolle Wundertüte mit Büchern wert. Keine Angst, es sind nicht noch mehr Gedichte dabei, dafür das Nibelungenlied (okay, das ist in gebundener Rede — aber episch), der Simplicissimus und das Heptameron. Das Paket geht raus, sobald ich einen passenden Karton aufgetrieben hab und zur Post komm.

Bild: Marc-Charles-Gabriel Gleyre: Le Coucher de Sappho, 1867, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne.

Und als postvalentinischen Bonus-Track für uns alle gibt’s noch das Wunderlied auf die Ohren: das putzigste aller Liebeslieder, ohne albern zu werden. Das ist aus Sommer in Orange von Marcus „Rosi“ H. Rosenmüller 2011, geschrieben von Gerd Baumann, dessen Stammfilmmusiker, der vielleicht doch ein ganz und gar unterschätzter Liedermacher für alle Gelegenheiten ist.

Written by Wolf

24. Februar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento

Lieblingsbiber

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Update zu Den Bach runter:

Mein Lieblingssatz der Woche steht in meiner Lieblingsabteilung: die größte Deutschlands für Klassik im fünften Stock beim Beck am Rathauseck, und darin in meiner Lieblingsunterabteilung, allein schon wegen des Namens: Alte Musik Neuheiten, und darin auf den Violin Sonatas von Franz Biber:

Mit unglaublicher Musizier- und Fabulierlust bringt Andrew Manze uns seinen Biber nahe.

Hach. Wenn es diese Neuheit von 1994 jetzt auch noch auf die Spiegel-Sammlung Die besten guten Klassik-CDs schafft, brauch ich nicht mal mehr den Postillon, sondern allenfalls noch eine Sammlung „Die besten Scheiß-CDs“. Und das halten die Leute für ernste Musik.

Heinrich Ignaz Biber, Violinsonaten Nr.1-8, 1681

Biberbild mit Kranich: Heinrich Ignaz Biber (1644-1704): Violinsonaten Nr.1-8 (1681), Doppel-CD.

Written by Wolf

20. Februar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Handel & Wandel

So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus

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Update zu Der kluge Narr flüchtet vor der Inflation in die Sachwerte
und Mein Lied ertönt der unbekannten Menge:

Besonders aber laßt genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
So daß die Menge staunend gaffen kann,
Da habt ihr in der Breite gleich gewonnen,
Ihr seyd ein vielgeliebter Mann.
Die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

Deutschland besteht seit jeher in der Hauptsache nicht aus seinen paar Metropolen, sondern aus der ganzen Provinz dazwischen. Goethe wusste das, und die Provinz weiß das. Deshalb macht kein hochrenommiertes Nationaltheater das am größten angelegte, dabei sinnvollste und bewegendste Faust-Projekt der letzten und voraussichtlich der nächsten Dekaden, sondern die Rudolf-Steiner-Schule Ismaning: das FAUST-Festival Ismaning 2014.

Beteiligt sind sechs Schulklassen, nicht alle aus Ismaning, die Spielorte für Aufführungen und angeschlossene Expertenvorträge sind je nach Bedürfnis verteilt — es ist also nicht ganz einfach, sich zwischen dem 22. und 28. Februar in Ismaning zurechtzufinden. Betrachten wir es als Teil des Konzepts: Faust verlangt denkende Zuschauer — und versuchen es nicht besser zu formulieren als die Veranstalter selbst:

Sechs 12. Klassen von sechs Waldorfschulen aus ganz Deutschland spielen jeweils einen der Parts des Monumentalwerks (FAUST I und die fünf Akte des FAUST II) und führen ihn in dem großen Festsaal der Rudolf-Steiner-Schule Ismaning an direkt aufeinander folgenden Tagen zwei Mal auf. Einmal abends für die Öffentlichkeit und einmal vormittags ebenfalls für die Öffentlichkeit, aber auch für Schulklassen.

Begleitend gibt es Einführungen in die einzelnen Akte von FAUST II sowie drei große Themenvorträge über Wissenschaft, Kunst und Ökonomie in Goethes FAUST.

Die Aufführung des ganzen FAUST im Rahmen eines Gesamtkonzepts von sechs verschiedenen Inszenierungen lässt der Kreativität der beteiligten Klassen künstlerischen und interpretatorischen Spielraum – eine außergewöhnlich innovative Art der Umsetzung.

Jedenfalls nehmen sie das Projekt in seiner Größe und Bedeutung angemessen ernst. Wie der Weblog lehrt, läuft der Vorverkauf gut. Die ganze Unternehmung ist so groß wie der Faust selbst, da können Sie jeden Zwölftklässler fragen, die Anreise naturgemäß ein Unterfangen für sich. Nach Ismaning fährt die Münchner S-Bahn, ab dort gibt es Bus-Shuttle

Die Wölfin, begeistert wie immer von allem, was mich interessiert, meint. „Zwölfte Klassen?! Ist das nicht eine Liga unter dir?“

Nein, ich werde schon nicht eine Woche lang täglich nach Ismaning rauspendeln, um wechselnden Steiner-Gymnasiasten beim Chargieren zuzuschauen — aber ich find’s toll, dass in manchen Schulen doch noch was Gescheites gelernt wird.

Faust-Formation FAUST-Festival Ismaning 2014

Foto: Veranstalter.

Written by Wolf

19. Februar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Weihnachtsgabe

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——— Heinrich Seidel: Meine Puppe kriegst du nicht!, o. J. (ca. 1871–1906):

Celeste TumulteNein, du kleiner Bösewicht,
meine Puppe kriegst du nicht!
Noch ist’s gar nicht lange her;
denkst du denn, ich weiß nicht mehr,
wie’s der andern ist ergangen,
was du mit ihr angefangen?
Erst die Nase abgemacht,
dann das Köpfchen ihr zerkracht,
dann den ganzen Leib zerrüttet
und die Kleie ausgeschüttet,
daß die Beine und der Bauch
hingen wie ein leerer Schlauch,
dann die Arme ausgerissen
und sie auf den Müll geschmissen!
Nein, du kleiner Bösewicht,
meine Puppe kriegst du nicht!

Bild via Celeste Tumulte, 2009.

Written by Wolf

6. Dezember 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Realismus

Das gotische Mahl-Stüblein

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Ein teutscheres Buch gibt’s gar nicht. Einzig schade, dass der Wechsel vom Mittel- zum Frühneuhochdeutschen dem Sprachstand von 1946 angeglichen ist; jetzt liest es sich streckenweise wie die Speisekarte einer Nürnberger Spezialitätenbude auf dem Altstadtfest. Nur dass es bei ungefähr gleich hohem Verhältnis von dokumentarischer zu unfreiwilliger Komik mehr Spaß macht.

Vergriffen wäre untertrieben, treffender ist es auf dem Weg vom Antiquarium zur Antiquität. Obwohl der materielle Wert ein Witz ist (gegenwärtig 2,38 Euro plus 3 Euro Porto und Verpackung), würde ich jeden verstehen, der mir das Stück stehlen will. Ich werde hier niemanden zu Straftaten auffordern, aber tun Sie das bitte bei jemand anders.

——— N. N.: Künstlerklagen, 1493 bis 16. Jahrhundert,
aus: Heinz Thiele (Hg.): Leben in der Gotik. Zeugnisse von den Daseinskräften eines Stiles in Texten und Bildern, gesammelt und mit Zwischentexten versehen, Published under Military Government Information Control, License No. US-E-101, Office of Military Government for Bavaria, Information Control Division US-Army, Verlag Kurt Desch München, Copyright 1946, 1. bis 8. Tausend gedruckt 1948, Abschnitt Vom Kunstwerk und vom Künstler, Seite 61 f.:

bitt gott für hannsen multscheren.

(Wurzacher Altar.)

Michel erhart pildhauer 1493 hanns holbein
maler, o mater, miserere nobis.

(Weingartner Altar.)

Mancher zur Meisterschaft sich kehrt,
Der nie das Handwerk hat gelehrt.

Kein Handwerk hat mehr seinen Wert,
Es ist mit großer Not beschwert …
Einer dem andern schafft zum Leid,
Betrügt sich selber mit der Zeit,
Keiner tut mehr, was er soll:
Man sudelt jetzt bei jedem Ding,
Nur damit der Preis gering.

Die Bilderpreise hochgetrieben,
Und die Farben schlecht gerieben,
Daß sie springen bald.
Alles schimmert ganz
In einem falschen Glanz.
Der Grund wird schlecht bereitet,
Verdammt, wer so arbeitet.
Die Welt wird so betrogen.

——— Peter Flötner, 16. Jahrhundert, ebenda:

Viel schöne Bild hab ich geschnitten
Künstlich auf welsch und deutschen Sitten,
Wiewol die Kunst jetzt nimmer gilt.
Ich künnt dann schnitzen schöne Bild
Nacket und die doch leben thäten,
Die wären veil in Mark und Städten.
So aber ich dasselb nit kann,
Muß ich ein anders fahen an
Und will mit meinen Hellenbarten
Eins großmächtigen Fürsten warten.

——— Joachim Sandrart: Teutsche Academie, 1675:

Es haben viel unserer Vorfahren, auch die meisten und berühmtesten deutschen Kunstmaler den Fehler gemacht, daß sie in allzu kleinen und überall mit Licht und Sonnenschein erfüllten Malstüblein gearbeitet haben: wodurch ihnen der Platz und die nötige Distanz fehlte, um von ihrem Modell und ihrer Tafel weit genug zurücktreten zu können, um ihre Arbeit von weitem zu besichtigen und zu beurteilen. So fehlte es ihnen an der richtigen einfallenden Lichtstärke, und die natürlichen Werte der Farben wurden beschränkt und verfälscht. Wären sie in einem anständigen Malzimmer gewesen, würden sie ihren trefflichen Werken viel mehr Leben, Kraft und Wahrheit gegeben haben.

Fachliteratur: Virginia Woolf: A Room of One’s Own, Hogarth Press, Richmond 24. Oktober 1929.

Doppelseite Heinz Thiele, Leben in der Gotik, 1946

Pilt: Die Nonne Marcia als Bildhauerin und Malerin. Holzschnitt aus: Boccaccio: Buch von den berühmten Frauen, Ulm 1475, postgotische Abfotografiertechnik aus: Thiele a.a.O.
Schönerer alternate take.

Written by Wolf

30. Oktober 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Spätmittelalter

Blumenstück 002: Die Zueignung der Zuneigung

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Beiträge zur deutsch-italienischen Freundschaft.

Friedrich Overbeck: Italia und Germania, 1828. Öl auf Leinwand, 94,4 cm × 104,7 cm, Neue Pinakothek München

Friedrich Overbeck: Italia und Germania, 1828.
Öl auf Leinwand, 94,4 cm × 104,7 cm, Neue Pinakothek München.

Emlan: Italia und Germania. Paraphrase of a painting with the same name by Johann Friedrich Overbeck, 4. März 2013

Emlan: Italia und Germania, 4. März 2013.
Paraphrase of a painting with the same name by Johann Friedrich Overbeck.

Bitstrips Photos, Katrina and Federica Start Reading Goethe's Faust, 2. Oktober 2013

Bitstrips Photos: Katrina and Federica Start Reading Goethe’s Faust, 2. Oktober 2013,
ruoli principali Federica Ligarò e Katrina Clara Liszt.

Zur Orientierung: Italien ist links, Deutschland ist rechts. In allen drei Bildern. Muss ja nichts heißen.

Written by Wolf

4. Oktober 2013 at 00:01

In erster Linie ein Catwalk (pure Ironie)

with one comment

——— Lena Greiner (Text) und Thomas Meyer (Fotos):
Bibliothek mit stylischen Studenten: Hier kommen die Bibster,
in: Spiegel Online, 16. September 2013:

Thomas Meyer, Flo, 29, Berlin, Spiegel Online 16. SeptemberZwirbelbart, Kniestrümpfe, enge Hose: Flo, 29, ist der Meister-Hipster. Er schreibt gerade seine Masterarbeit in Religions- und Kulturwissenschaften über, na so was, Hipster.

„Ich denke viel darüber nach, wie ich mich anziehe“, sagt er. „Der Charakter, den ich zurzeit darstellen will, ist eine Mischung aus dem Stil der zwanziger Jahre und einem Philosophiestudenten wie zu Hegels Zeiten Anfang des 19. Jahrhunderts.“

Natürlich sei, so Flo, sein ganzer Look „pure Ironie“. Das Grimm-Zentrum ist für ihn ein Ort zum Arbeiten, Leutetreffen, aber auch der Inspiration. „Die Bibliothek ist sehr hipsterlastig, sie ist in erster Linie ein Catwalk: schöne Menschen, die ihre schönen Fahrräder vor der Tür abstellen.“

Was wird der der nächste Trend der Hipster? „Reiterhosen und Nazi-Oberlippenbärte.“

Thomas Meyer, Juliane, 23, Berlin, Spiegel Online 16. SeptemberKeilabsätze, kurzer Blazer, enge Hose: Juliane, 23, ist Berlinerin. Sie studiert Kunstgeschichte, Jüdische Geschichte und Religionswissenschaften an der FU.

Das Grimm-Zentrum ist nicht überfüllt von Hipstern, findet sie. „Komm mal in die Kunstbibliothek am Kulturforum„, sagt sie. „Da sehen Männer aus wie Frauen, und Frauen kleiden sich wie Männer.“

Die sollen in München anfangen. In der Bayerischen Staatsbibliothek wird in den Regalreihen mancher Forschungsgebiete fleißiger als im Müllerschen Volksbad gevögelt.

Written by Wolf

17. September 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Postironismus

Ludwig Tieck is coming home

with 2 comments

Update zu Zwischennetzsurferey:

——— Ludwig Tieck: Das alte Buch und die Reise ins Blaue hinein. Eine Mährchen-Novelle, 1835:

„Und du bist ein Narr!“ fiel Athelstan zornig ein. „Freilich, Mährchen! So nennt ihr Alles, was nicht alltäglich ist. Und unsere Sänger und Dichter! Die sitzen in ihren Stuben und lesen und schreiben emsig, lassen sich Bücher schicken aus der Fremde und erleben nichts. […]“

Bestellscreen

Bücher schicken lassen aus der Fremde: mit Porto 38 Euro.

Briefkasten

Post vom Antiquariat Stefan Küpper, Duisburg.
Wölfchen-Anhänger von Thoddys Wolf-Kinderclub, ca. 1999.

Büchersendung verpackt

Ist das in diesem Zusammenhang noch ein „Vorher“- oder schon ein „Nachher“-Bild? Und ist das eine gestalterische Frage oder eine dramaturgische?

Moritz meint: „Man kann sich’s auch kompliziert machen. Pack endlich aus.“

Katzen sind immer spitz aufs Verpackungsmaterial.

Büchersendung innere Verpackung Flat Flat Flat

Luftpostgeschwindigkeit: Flat Flat Flat.

Ludwig Tieck Schuber

——— Bernd Eilert, Robert Gernhardt, Peter Knorr, Otto Waalkes: Otto — Der Film, 1985: „Ist er nicht prächtig? Ist er nicht wunderwunderschön?“

Ludwig Tieck Umschlag

——— Bernd Eilert, Robert Gernhardt, Peter Knorr, Otto Waalkes: Otto — Der Film, 1985: „Ist er nicht prächtig? Ist er nicht wunderwunderschön? Ach, das hatten wir schon.“

Ludwig Tieck, Franz Sternbald, Doppelseite

——— Ludwig Tieck: Waldlied aus:Franz Sternbalds Wanderungen, 1798,
in: Frühe Erzählungen und Romane, Winkler-Verlag München, 1963: :

     Waldnacht! Jagdlust!
Leis und ferner
Klingen Hörner,
Hebt sich, jauchzt die freie Brust!
Töne, töne nieder zum Tal,
Freun sich, freun sich allzumal
Baum und Strauch beim muntern Schall.

     Kling nur Bergquell!
Efeuranken
Dich umschwanken,
Riesle durch die Klüfte schnell!
Fliehet, flieht das Leben so fort,
Wandelt hier, dann ist es dort –
Hallt, zerschmilzt, ein luftig Wort.

     Waldnacht! Jagdlust!
Daß die Liebe
Bei uns bliebe,
Wohnen blieb‘ in treuer Brust!
Wandelt, wandelt sich allzumal,
Fliehet gleich dem Hörnerschall: –
Einsam, einsam grünes Tal.

     Kling nur Bergquell!
Ach betrogen –
Wasserwogen
Rauschen abwärts nicht so schnell!
Liebe, Leben, sie eilen hin,
Keins von beiden trägt Gewinn: –
Ach, daß ich geboren bin!

Ludwig Tieck, Bücherregal

Was ist jetzt mit in der Stube sitzen und emsig lesen?!

Written by Wolf

2. September 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Du aber bist beim Amtsgericht

with 2 comments

Newsflash: Wegen Inkrafttreten des neuen Leistungsschutzgesetzes am 1. August 2013, bekannter Praktiken des Lappan Verlags und der Preisentwicklung fürs Zitieren steht der Beitrag über Heinz Erhardt ab sofort nur noch für mich selbst aufrufbar auf Privat.

Ich selbst habe für die Zitatvorlage bezahlt, eine Weitergabe findet nicht statt. Einen Link zu legalen Zitatquellen werde ich aus gleichen Gründen ebenfalls nicht setzen.

Obwohl ich nicht verstehe, warum Lappan ein Presseverlag sein soll, was allerdings mein persönliches Problem ist, werde ich ebensowenig empfehlen, nach Texten von Heinz Erhardt, für die der Lappan Verlag offenbar die Kosten wieder reinbringen muss, über digitale Suchmaschinen zu suchen, und warne vielmehr davor, derart brandgefährliche Materialien auswendig zu lernen.

Written by Wolf

6. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, ~ Weheklag ~

Des eigenen Herzens süße Melodie

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Update zu Schwatzen nach der Welt Gebrauch:

Eichendorff ist 225. Herzlichen Glückwunsch, Freiherr. Ich konnte leider nicht feststellen, dass der Buchhandel sich über lauter Feierlichkeiten zu 250 Jahren Jean Paul wegen Ihres halbrunden Geburtstags einen Arm ausgekugelt hätte, aber Sie waren noch einer der Adligen, ohne die etwas fehlen würde. Danke für alles.

——— Joseph Freiherr von Eichendorff:

Mandelkerngedicht

In einem geselligen Kreis bei Gelegenheit einer verlorenen Wette.
Aus: Gedichte von Joseph Freiherr von Eichendorff, Duncker & Humblot, Berlin 1837, II. Sängerleben.
Zitiert nach der Eichendorff-Edition von Hartwig Schultz im Deutschen Klassiker Verlag:

Postkarte Eichendorff-Denkmal zu Ratibor, 1909Zwischen Akten, dunkeln Wänden
Bannt mich, Freiheitbegehrenden
Nun des Lebens strenge Pflicht,
Und aus Schränken, Akten-Schichten
Lachen mir die beleidigten
Musen in das Amts-Gesicht.

Als an Lenz und Morgenröte
Noch das Herz sich erlabete,
O du stilles, heit’res Glück!
Wie ich auch nun heiß mich sehne.
Ach, aus dieser Sandebene
Führt kein Weg dahin zurück.

Als der letzte Balkentreter
Steh‘ ich armer Enterbeter
In des Staates Symphonie,
Ach, in diesem Schwall von Tönen
Wo fänd ich da des eigenen
Herzens süße Melodie?

Ein Gedicht soll ich euch spenden:
Nun, so geht mit dem Leidenden
Nicht zu strenge ins Gericht!
Nehmt den Willen für Gewährung,
Kühnen Reim für Begeisterung,
Diesen Unsinn als Gedicht!

Die Rechtschreibung wurde gegenüber den online kursierenden Versionen, die offenbar eine von der anderen abkopiert sind, verbessert: Die Verse fangen alle mit Großbuchstaben an, wie meistens bei Eichendorff; die kursiv gesetzten Sonderbetonungen sind in der Winkler-Ausgabe in Sperrdruck gelöst, was sich wahrscheinlich näher an Eichendorffs Handschrift und den Erstdruck hält. Kursiv nach der Eichendorff-Edition beizubehalten erschien lesbarer.

Worum die Wette handelte und ob Eichendorff sie gewonnen oder verloren hat, ist weder in der Eichendorff-Edition noch bei Artemis/Winkler überliefert. Weiß jemand etwas darüber?

Alter Botanischer Garten, Sommer 2011

Eichendorff-Denkmal zu Ratibor: Postkarte, 1909. Denkmal im Sockel signiert: J[ohannes] Boese fec[it] 1909. Enthüllt im 75. Jahre des Bestehens des M. G. V. Liedertafel, 26. September 1909,
via Prof. Dr. Georg Jäger.
Es war, als hätt‘ der Himmel die Erde still geküsst: Alter Botanischer Garten, Frühling 2011.

Written by Wolf

10. März 2013 at 15:36

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Es lebet keiner mehr als ich und du

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Der Liederquell, CoverZum Reiselied, dem bestimmt lustigsten (ihr lieben Brüder!) aller Volkslieder, die jungen, beeinflussbaren Zöglingen als Schulstoff zuzumuten sind, hab ich noch herausgefunden:

1.: Es wird tatsächlich in modernen Haushalten den kleinen, wie nix beeinflussbaren leiblichen Töchtern zur guten Nacht vorgesungen — freiwillig, weil es Spaß macht, nicht etwa aus lauter pädagogischem Sendungsbewusstsein. Weiter so, Hannah!

2.: Der Liederquell ist schon seit 2007 das Liederbuch der Wahl, wenn einer wissen will, was er da schon ein Leben lang vor sich hinträllert. Unter den Volksliedersammlungen ungefähr das, was ein ehrbarer VW-Bus unter den Automobilen ist: Man vermisst fast gar nicht die üblichen Illustrationen von Tomi Ungerer, dafür bekommt man für den halben Preis statt 204 über 750 Lieder — mit einfachen Noten, Gitarrengriffen und professoral kompetenten Erklärungen. Gehört in jeden gebildeten Haushalt.

Das wollte ich zuerst verschenken, aber die zu Beglückenden werden ein weihnachtliches Einsehen haben, dass ich der gebildetere Haushalt bin. Hoffe ich jedenfalls.

——— Theo Mang/Sunhilt Mang (Hgg.): Der Liederquell, 2007, Seite 610 f.:

Der Liederquell, RückenUnter dem Titel Handwerksburschen-Erfahrung steht dieses Lied 1894 im Deutschen Liederhort von Erk-Böhme. 1855 steht es schon in der Liedersammlung von Oskar Schade Volkslieder aus Thüringen, sowie im 2. Teil der Fränkische Volkslieder mit ihren Singweisen des Freiherrn Wilhelm von Ditfurth, Leipzig. Textdichter und Komponist sind unbekannt. Erk/Böhme geben als Herkunftsort das brandenburgische Wilsnack an (1844). Unter dem Titel Der patriotische Handwerksbursch wird auch (Barmen 1844) von Erk/Böhme eine melodisch und rhythmisch verwandte Melodie mit ähnlichen zwei Anfangsstrophen überliefert. Doch dieses Lied zeigt dann die Hinwendung zur politischen Situation in der Napoleonischen Zeit vor 1813. Bei Röhrich/Brednich findet sich eine neuere Textversion, die auch die südlichen Städte Mannheim und Freiburg berücksichtigt und in der das „Glas Champagner Wein“ mit „ein gut Glas Bier“ ausgetauscht wird. Dieses Liedgenre wurde von der Jugend und den Liedermachern der 60-er und 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts besonders geliebt, verarbeitet und in den Medien wieder populär gemacht, z.B. durch die Gruppe Liederjan, 1978. [Anm. d. Hg.: Liederjan rocken allerdings schon vortrefflich. Noch schmissiger bringen es Slime.]

T und M: Anfang 19. Jahrhundert
L: Erk/Böhme N 1610, Ditfurth II 233, Gottschalk I 65, Röhrich 259

Von Mang verwendete Literatur: Erk, Ludwig und Böhme, Franz Magnus: Deutscher Liederhort. Leipzig 3 Bände 1893/1894 (Reprint (1988);
Ditfurth, Franz-Wilhelm Freiherr von: Fränkische Volkslieder mit ihren zweistimmigen Weisen, wie sie vom Volke gesungen werden. 2 Bde. Leipzig 1855 (Reprint 1966);
Gottschalk, Lutz und Sell, Stefan: Schulliederbuch. Frankfurt 2002;
Röhrich, Lutz und Brednich, Rolf Wilhelm: Deutsche Volkslieder. 2 Bände Düsseldorf 1965/67 [Band 1; Band 2];
[Oskar Schade: Volkslieder aus Thüringen in und um Weimar gesammelt, in: Weimarisches Jahrbuch für deutsche Sprache, Litteratur und Kunst 3, 1855, Seite 241–328, DVA: Z 920].

Der Hauptartikel wurde durch Mangs Absatz erweitert.

Bethany LeAnne, Not All Who Wander Are Lost, 16. Oktober 2012

Bilder: Dörfler Verlag Eggolsheim-Bammersdorf, 2007;
Bethany LeAnne Osborne: Not All Who Wander Are Lost, 16. Oktober 2012.

Written by Wolf

10. Dezember 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Und Heinrich Frank hat dichtgemacht

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10. November 1759: Schiller wird in Marbach am Neckar geboren. 10. November 1867: Faust I und Faust II von Goethe erscheinen in Leipzig als erste zwei Bände der Reclams Universal-Bibliothek.

Schöner 108. Geburtstag. Was hatte Reclam gegen Schiller? Schönen 145. bzw. 253. an beide!

Reclams Universal-Bibliothek, Schaukasten Buchhandlung Heinrich Frank München, Schellingstraße 3

Bild: Schaukasten der Buchhandlung Heinrich Frank, Schellingstraße 3 in München, gleich wo’s von der Ludwig ins Univiertel geht. Heinrich Frank ist pleite, das Fenster müsste dieser Tage abgebaut werden.

Written by Wolf

10. November 2012 at 14:56

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

Endlich handfeste Verse

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In Deutschland sind ein Drittel aller verkauften Bücher Belletristik, mehr nicht. Von der verkauften Belletristik sind 1,2 Prozent Lyrik.

Cover Das Gedicht 20, Das Beste aus 20 Jahren, Jubiläumsausgabe 20121992 war das nicht viel anders. Trotzdem trug Anton G. Leitner genug Geschäfts- und Irrsinn in sich, um von Weßling bei München aus eine Zeitschrift namens DAS GEDICHT zu gründen. Nach 20 Jahren mit einer Ausgabe pro stellt der Betriebswirtschaftler fest: Herr Leitner zahlt nicht drauf, er verdient damit Geld. Die jährliche Zeitschrift DAS GEDICHT macht Plus.

Das Schönste war ja in der Ausgabe 8 von 2000 Geile Gedichte — Vom Minnesang zum Cybersex mit erotischen Gedichten von Stellen, an denen man sie nicht erwartet, wie Buchhändler ganze Lieferungen an den Verlag retournierten und die Auflage wegen der entstandenen Medienaufmerksamkeit („Anton G-Punkt Leitner“) 10.000 Stück errreichte. Als Buße schoss Leitner 2001 eine Ausgabe Göttlicher Schein — Heilige Gedichte. Lyrik zwischen Himmel und Hölle hinterher, sogar mit einem apokryphen Gedicht von weiland Papst Johannes Paul II.

Am Dienstag, den 23. Oktober 2012 veranstaltet Herr Leitner mit dem Literaturhaus München im letzteren das Internationale Gipfeltreffen der Poesie mit 60 Lyrikern aus Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz die Geschichte der deutschsprachigen Realpoesie. Ab 19 Uhr, Eintritt 12 Euro inklusive Freigetränk. Für die Aufzeichnung müssten wir bis Samstag, 12. Januar 2013 auf BR-alpha warten. Also sehen wir uns?

Bild: Matthias Politycki und Anton G. Leitner (Hgg.):
Endlich handfeste Verse! 20 Jahre DAS GEDICHT,
Weßling bei München 2012.

Written by Wolf

22. Oktober 2012 at 13:59

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Postironismus

Der kluge Narr flüchtet vor der Inflation in die Sachwerte.

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——— Kaiserliche Pfalz, der Kaiser mit Mephisto:

Dadurch sind unsre Mängel nicht erledigt,
Was willst du jetzt mit deiner Fastenpredigt?
Ich habe satt das ewige Wie und Wenn;
Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn.

Faszinierend war das schon immer, was der Faust denn nicht noch alles geleistet haben soll. Mein weiland Wirtschaftskundelehrer hat in einem interdisziplinären Anfall sogar mal verbreitet, Goethe hätte die Geldscheine erfunden.

Wie immer hat der Mann übertrieben. Das war natürlich Mephisto.

Von 14. September bis 30. Dezember 2012 gibt’s im Frankfurter Goethehaus genau die Ausstellung, die man in Frankfurt schon immer vermisst hat: Goethe und das Geld. Kommt jemand mit?

Rainer Hank, Die Faust & Mephisto AG , FAZ, 8. September 2012

Grafik: Ralf Banken in: Goethe und das Geld. Der Dichter und die moderne Wirtschaft, hg. Vera Hierholzer und Sandra Richter im Auftrag des Freien Deutschen Hochstifts, Frankfurt 2012, Seite 138.

Schau einer den vormaligen Stürmer und Dränger an: Über die Hälfte seines Vermögens aus Staatsanleihen, nachdem ihm noch die Generationen vor ihm, die er persönlich kannte, vorgelebt haben, wie man auf handfeste Werte setzt. Ist das noch fortschrittlich oder schon windig? Vielleicht fragen wir ja mal Hans Christoph Binswanger: Der hat in Geld und Magie den Faust auf 168 Seiten ökonomisch durchgedeutet. Bei Amazon.de steht das unter Esoterik, Hexen & Magie.

Das sind also meine Beiträge zur Eurorettung. Vielleicht würde ich mich etwas beflissener ins Zeug hängen, wenn mir jemand beibringen könnte, wofür.

Bild: Rainer Hank: Die Faust & Mephisto AG , FAZ, 8. September 2012.

Danke für Aufmerksamkeit an die Wölfin, die sich den ganzen Tag mit solchem Zeug rumärgern muss!

Written by Wolf

13. September 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Die besten Saufbrüder sind gestorben

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Cover Das Wirtshaus an der LahnAus dem im Überfluss bekannten Strophenmaterial habe ich aus dem Reiselied eine Version zurechtgebogen, die geographisch Sinn ergibt. Für den Vortrag vor einem Publikum mit eher peripherem ethnologischem und archäologischem Interesse, mit dem man sich weder zur Lach- noch Schnarchnummer macht, ich denke da klassischerweise an Lagerfeuer, empfehlen sich die Strophen 1 bis 5, anschließend erst wieder 21 bis 24; neun Strophen reichen vollauf. Lasst im Zweifelsfall lieber noch 21 und 24 weg und stiftet die Leute im Refrain zum Mitgrölen an, dann beschwert sich niemand. Das gibt einen aufmüpfigen, schön antiquierten Text auf eine unentrinnbar schmissige Melodie, mit dem man bei den Mädels punkten kann. Bei den richtigen jedenfalls. Das war ein Tipp, Jungs.

Hier ist die Gelegenheit, die Abhandlung von Theo und Sunhilt Mang einzufügen, Herausgeber des Liederquell, seit 2007 das Volksliederbuch für Leute, die wissen wollen, was sie da singen:

Unter dem Titel Handwerksburschen-Erfahrung steht dieses Lied 1894 im Deutschen Liederhort von Erk-Böhme. 1855 steht es schon in der Liedersammlung von Oskar Schade Volkslieder aus Thüringen, sowie im 2. Teil der Fränkische Volkslieder mit ihren Singweisen des Freiherrn Wilhelm von Ditfurth, Leipzig. Textdichter und Komponist sind unbekannt. Erk/Böhme geben als Herkunftsort das brandenburgische Wilsnack an (1844). Unter dem Titel Der patriotische Handwerksbursch wird auch (Barmen 1844) von Erk/Böhme eine melodisch und rhythmisch verwandte Melodie mit ähnlichen zwei Anfangsstrophen überliefert. Doch dieses Lied zeigt dann die Hinwendung zur politischen Situation in der Napoleonischen Zeit vor 1813. Bei Röhrich/Brednich findet sich eine neuere Textversion, die auch die südlichen Städte Mannheim und Freiburg berücksichtigt und in der das „Glas Champagner Wein“ mit „ein gut Glas Bier“ ausgetauscht wird. Dieses Liedgenre wurde von der Jugend und den Liedermachern der 60-er und 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts besonders geliebt, verarbeitet und in den Medien wieder populär gemacht, z.B. durch die Gruppe Liederjan, 1978.

T und M: Anfang 19. Jahrhundert
L: Erk/Böhme N 1610, Ditfurth II 233, Gottschalk I 65, Röhrich 259

In den Text habe ich nach Möglichkeit gastronomische Einrichtungen verlinkt, die ich aus eigener Anschauung empfehlen kann; mein Vater war Eisenbahner, da bin ich in meiner Jugend allerhand in Deutschland rumgekommen. Wo das nicht möglich war, führt der Link zu Gasthäusern, die auch online einiges Vertrauen erwecken. Persönlich möchte ich das Hamburger Fischerhaus und den Freiburger Löwen hervorheben. Das krieg ich nicht bezahlt, obwohl ich’s nehmen würde. Der Bremer Ratskeller und Auerbachs Keller zu Leipzig werden uns an dieser Stelle noch literarisch beschäftigen. Allein die Städte, die mit den Zeitläuften ins befreundete Ausland gerückt sind, bleiben vorerst ohne Empfehlung — und das keineswegs, weil das gefälligst ein deutscher Weblog bleiben soll, sondern weil sich das von München aus schwierig surft. Ich höre jedoch auf Vorschläge.

Zur Aufführungspraxis: Die Melodie kennt ihr im Zweifelsfall von Slime, die sich 1992 auf der Viva la Muerte (nur auf der LP, nicht der CD!) redlich um zeitgemäße Saufromantik bemühen, aber ein paar Textstellen verwenden, wie ich sie planvoll vermeide: Mit „Unser Orden ist verdorben“ ruinieren sie die Aktualität wieder, die sie mit der Instrumentierung hineingebracht haben — aber zum Eingewöhnen ist die Version gar nicht schlecht. Zum Übernehmen hört deshalb lieber Peter Rohland zu: auf Landstreicherballaden, 1996. Schnell, unkompliziert und ästhetisch unaufgeregt entnehmt ihr sie dem etwas struppigen, aber höchst brauchbaren instrumentalen Video von Mr. Gammler. Bei den Akkorden kommt ihr zurecht mit C/a//C/F//C/G//C — also dem, was sich von selbst ergibt. Nicht so zaghaft.

Die jeweils dritten Verse jeder Strophe kann man wiederholen, muss aber nicht. In den meisten Fällen finde ich es sogar wirkungsvoller, wenn der Melodiebogen nach dem dritten Vers offen bleibt; da kommt es sehr zupass, dass die sich sich sowieso auf nichts reimen müssen. Ins Schloss schnappen sollte erst der Refrain. Das bedeutet nicht weniger als dass die Strophen mit wahlweise sechs, sieben (selten!) oder acht Zeilen funktionieren. Probiert mal aus, wie ihr euch am logischsten singt. Deshalb heißen solche Dinger „Volkslied“. Und eins und zwei:

 

Reiselied

1.: Lustig, lustig, ihr lieben Brüder,
nun leget all eure Arbeit nieder
und trinkt ein Glas Champagnerwein.

Refrain: Denn unser Handwerk, das ist verdorben,
die besten Saufbrüder sind gestorben,
||: es lebet keiner mehr als ich und du. :||

2.: Auf die Gesundheit aller Brüder,
die da noch reisen auf und nieder,
die sollen unsre Freunde sein.

3.: Und sollte wirklich noch einer leben,
so soll der Meister ihm den Abschied geben,
denn er macht ihm das Leben sauer.

4.: Weg mit dem Meister, mit all den Pfaffen,
ja Kaiser, König soll sich raffen:
Weg, wer da kommandieren will.

5.: Als wir durch deutsche Lande zogen,
haben wir so manchen Wirt betrogen,
doch seine Tochter war uns gut genug.

6.: In Lübeck hab ich es angefangen,
nach Hamburg stand dann mein Verlangen,
das schöne Bremen hab ich längst gesehn.

7.: Wie auch Celle, Hannover, Minden,
dann wolln wir auf dem Rhein verschwinden
wohl nach dem alten heil’gen Köln.

8.: Wir wollen auch noch Bonn besuchen,
in Bingen gibt’s zum Wein auch Kuchen,
bei Mainz, da fließt der Main in‘ Rhein.

9.: Frankfurt am Maine hab ich gesehen
der Herbergstochter mußte ich gestehen:
Der letzte Heller will versoffen sein.

10.: In Mannheim wolln wir unser Glück probieren,
nach Karlsruh soll uns der Weg dann führen,
so kommen wir ins Elsaß rein:
In Straßburg gibt es guten Wein.

11.: In Freiburg geht’s nicht lang logieren,
wir wollen in die Schweiz marschieren,
nach Basel, Zürich und bis Bern.

12.: Nach Thüringen möcht ich hinein,
in Jena, Erfurt, Weimar sein
und auf der Wartburg kehren ein.

13.: In Königsbrück hat mir’s gefallen
die vielen Töpfer hier vor allem,
die Scheiben drehn sie, drehn und drehn.

14.: Was warn die Töpfer für Gesellen,
hörten sie nachts die Hunde bellen
so fraßen sie die einfach auf.

15.: Wie auch in Leipzig, Dresden, Sachsen,
wo all die schönen Mädchen wachsen
wohl in dem schönen Rosenthal.

16.: Dann wollen wir uns aufs Schifflein setzen
und unser junges Herz ergetzen,
wir fahrn die Elbe hinab zur See.

17.: Nun Schifflein, Schifflein, du musst dich wenden
und dich hin nach Riga lenken
wohl zu der russischen Seehandelsstadt.

18.: Und auch in Polen ist nichts zu holen,
als ein Paar Stiefel ohne Sohlen,
ja nicht einmal ein Heller Geld.
[alt.: von dort kommt man nicht ungeschoren,
in Danzig fängt die See schon an.]

19.: Nun wollen wir es noch einmal wagen
und wollen fahren nach Kopenhagen
dort zu der dänischen Residenz.

20.: In Bergen regnet es große Tropfen,
getrunken wird hier aus Malz und Hopfen,
korngelb gebrautes nordisch Bier.

21.: Und wer dies alles hat gesehen
der kann getrost nach Hause gehen,
und nehmen sich ein Mägdelein.

22.: Ich hatte manchen blanken Gulden,
heut hab ich jede Menge Schulden,
doch einen Humpen für der Seele Ruh.

23.: Schlagt ein die Fässer, lasst es laufen,
wir wollen heut noch einen saufen,
ja solches Himmelreich ist nah.

24.: Darauf wollen wir lustig saufen,
schöne Mädchen wollen wir uns kaufen,
ja das soll unser Handwerk sein.

Bild: LPCD Hamburg.

Schwatzen nach der Welt Gebrauch

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——— Joseph Freiherr von Eichendorff:

Der Isegrim

1837:

Aktenstöße nachts verschlingen,
Schwatzen nach der Welt Gebrauch,
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.

Aber glauben, daß der Plunder
Eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr.

Aber andre überwitzen,
Daß ich mit dem Federkiel
Könnt den morschen Weltbau stützen,
Schien mir immer Narrenspiel.

Und so, weil ich in dem Drehen
Da steh oft wie ein Pasquill,
Läßt die Welt mich eben stehen –
Mag sie’s halten, wie sie will!

Ab 1837 scheint dieser zitathaltige Schatz aus Eichendorffs erster Gedichtsammlung (Gedichte von Joseph Freiherr von Eichendorff, Duncker & Humblot, Berlin 1837) in seinem Freundeskreis sehr beliebt geworden. Jahrelang erwartet Eichendorff mit einem Eigenzitat verstanden zu werden: An Theodor von Schön schreibt er noch am 24. Juni 1840: „Sodann muß ich eben jetzt wieder einmal Aktenstöße nachts verschlingen, indem mehrere Räte verreist sind, die ich de more solito zu vertreten habe.“

Derselbe Theodor von Schön weiß noch am 17. November 1842 auswendig: „Unsere Landschaften stehen jetzt, um mit Eichendorff zu sagen, wie ein Pasquill da.“ (Briefe zitiert nach der Winkler-Ausgabe, dort übernommen aus der Historisch-Kritischen Ausgabe.)

Johanna Siegmann, Red Riding Hood, Updated, 31. Oktober 2011

Isegrimbild: Johanna Siegmann: Red Riding Hood, Updated, 31. Oktober 2011.

Das schwarzhaarige Rotkäppchen ist Paula Ficara; der noch viel schwärzerhaarige Wolf ist deren Pflegewolfshund namens Taboo. Der Witz an dieser Interpretation ist, dass Rotkäppchen und der Wolf befreundet sind.

Written by Wolf

28. August 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik