Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Handel & Wandel’ Category

Geburtstagsgewinnspiel (geschlossen): Warum ich?

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Nein, nicht mein Geburtstag. Der von Goethe, der merkt sich leichter: Am kommenden Montag, den 28. August, werden Exzellenz 268.

Der zuständige Buchhandel feiert derart krumme Sachen nicht; wir schon. Nachdem ich ja nie müde werde, den 150.-Todestag-Wälzer Unser Goethe. Ein Lesebuch der nationalheiligen Gaudifachkräfte Eckhard Henscheid und F. W. Bernstein bei Diogenes 1982 zu empfehlen, aber sich noch nie jemand für mich merklich diesen Gegenstand ins Haus geholt hat, verlose ich den jetzt. Und zwar gleich dreimal.

3mal Unser Goethe

Wer eine dieser drei in Jahrzehnten nicht versiegenden (hey: 1158 Seiten!) Quellen der Lebensfreude haben will, schreibt mir bitte in den Kommentar, warum ich ihm — oder natürlich ihr — so eine schenken soll. Wir reden hier von top erhaltenen Hardcovers, ungelesen, ohne Anstreichungen, Eselsohren oder dergleichen, mit sauberen Schutzumschlägen, noch nicht mal auf dem Schnitt als „Preisreduziertes Mängelexemplar“ (gibt’s den Spruch eigentlich als T-Shirt …?) gestempelt und allemal als Geschenk für die ganze Familie geeignet, für das man nicht mit diesem typischen säuerlich-mitleidigen Lächeln angeschaut wird. Die Originalausgabe bei Diogenes ist die Originalausgabe, die zwei Lizenzausgaben bei Zweitausendeins haben Lesebändchen. Kurz: Ich muss einen Sprung haben, das auf Zuruf zu verschenken.

Bei dem zu erwartenden Ansturm verteile ich zusätzlich weheklag-affine Sachen, die ich gerne in gebildeten Haushalten wissen will — zum Beispiel eine einwandfrei erhaltene dreibändige Auswahlausgabe Lessing bei dtv, sogar noch im Schuber, das Beethoven-Violinkonzert mit Anne-Sophie Mutter unter Vater Karajan 1980 und eine sehr alte Live-Aufnahme vom Gounod-Faust mit dem original belassenen Radiorauschen und Tonbandleiern, wie wär’s? — und bei dem reichlich vorhandenen Dotationsmaterial muss ich das Losverfahren nicht komplizierter machen. Die Kommentarfunktion da unten steht freundlichen Menschen wie immer weit offen.

Übrigens bin ich ein denkbar schlichtes Gemüt und leicht zu beeinflussen durch gute Laune, gereimte Gedichte (vor allem welche mit siebenzeiligen Strophen), hübsche Mädchen (vor allem rothaarige und große blonde), eine gewisse Brillanz im Ausdruck und bestimmt noch einigen Sachen, die mir bloß nicht ständig einfallen.

Wer will — und warum? Sagen Sie’s mir ab sofort bis nächste Woche, 1. September 2017, 23.59 Uhr, so lange muss reichen für die Feierlichkeiten. Bei überhand nehmenden Ansprüchen entscheidet über die Gewinne ein ergreifend barfüßiges Halbwaisenmädchen, dem einfach niemand widersprechen kann. Am besten meine Frau.

Eine Versandadresse werde ich brauchen, das Porto für eine Büchersendung geht auf mich. Dies ist meine persönliche Privatveranstaltung, die allein meiner selbstherrlichen Willkür unterliegt; von einem Rechtsweg kann darob keine Rede sein.

3mal Unser Goethe

Fachliteratur:

Moritz von Schwind, Die Geburt Goethes, 1844

Buidln:

Soundtrack: Angemessenerweise die bezaubernde Hilary Hahn, wie sie dem noch nicht abgedankten, dafür entgegen aller Feuerschutzbestimmungen mitten im Fluchtweg herumthronenden Papst Ratzinger zum 80. Geburtstag Mozarts drittes Violinkonzert G-Dur, KV 216 von 1775 aufgeigt, was nach einer einfachen Rechnung am 16. April 2007 (und einer noch einfacheren Google-Anfrage nach in der Aula Paolo VI im Vatikan) vorgefallen sein muss. — „Wenn es ein Wunder in Mozarts Schaffen gibt, so ist es die Entstehung dieses Konzertes.“ (Alfred Einstein, 1945):

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Written by Wolf

25. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Your open hand but shows our loss

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Update zu Zwetschgenzeit (Du bist gemeint):

Unterschied zwischen einem Terroristen und einem Controller? — Der Terrorist hat Sympathisanten.

Rwxrwxrwx, Hugh Lane Gallery, Parnell Square, Dublin, 8. Juni 2015, Wikimedia Commons

Ein zeitloses Thema. — Die Dublin City Gallery The Hugh Lane zum Beispiel, 1908 eine der weltweit ersten öffentlichen Galerien für moderne Kunst, scheint allen verfügbaren Bildern nach ein kleines, auf einnehmende Weise familiär geführtes Haus, das seinen bemessenen Raum sorgfältig nutzen muss. Mit dem Geld ist es so eine Sache:

Der Eintritt in die Galerie und die Ausstellungen ist kostenlos, es werden jedoch Spenden von mindestens 2 Euro erbeten.

Das schreiben sie 2017 auf ihrem digitalen Auftritt. Dieses Hin oder Her ist mindestens seit 1912 unklar.

——— William Butler Yeats:

To a Wealthy Man who promised a second Subscription to the Dublin Municipal Gallery if it were proved the People wanted Pictures.

December 1912 as The Gift in: The Irish Times, January 11th, 1913,
collected in: Responsbilities, 1914:

You gave but will not give again
Until enough of Paudeen’s pence
By Biddy’s halfpennies have lain
To be ’some sort of evidence,‘
Before you’ll put your guineas down,
That things it were a pride to give
Are what the blind and ignorant town
Imagines best to make it thrive.
What cared Duke Ercole, that bid
His mummers to the market place,
What th‘ onion-sellers thought or did
So that his Plautus set the pace
For the Italian comedies?
And Guidobaldo, when he made
That grammar school of courtesies
Where wit and beauty learned their trade
Upon Urbino’s windy hill,
Had sent no runners to and fro
That he might learn the shepherds‘ will.
And when they drove out Cosimo,
Indifferent how the rancour ran,
He gave the hours they had set free
To Michelozzo’s latest plan
For the San Marco Library,
Whence turbulent Italy should draw
Delight in Art whose end is peace,
In logic and in natural law
By sucking at the dugs of Greece.

Your open hand but shows our loss,
For he knew better how to live.
Let Paudeens play at pitch and toss,
Look up in the sun’s eye and give
What the exultant heart calls good
That some new day may breed the best
Because you gave, not what they would
But the right twigs for an eagle’s nest!

——— William Butler Yeats:

An einen wohlhabenden Mann, der Dublins Städtischer Galerie eine zweite Spende versprach, sofern bewiesen würde, daß die Leute Bilder wollten

deutsch von Norbert Hummelt in: William Butler Yeats: Die Gedichte, Luchterhand Literaturverlag, München 2005: Verantwortungen, Seite 121 f.:

Du spendetest, doch legst nicht nach,
Eh Paddy nicht das Seine gab
Und bis Biddys Kleinzuwendung
Dir den „Beweis geliefert“ hat,
Bevor du mehr Guineen butterst,
Daß deine ehrenwerte Gabe
Just das ist, was die dumpfe Stadt
Am allermeisten nötig hat.
Was schert‘ es Herzog Ercole,
Als er sich Pantomimen lud,
Ob auf dem Markt ein Zwiebelhändler
Nun seinen Plautus wirklich gut
Und vorbildlich für die Komödie fand?
Auch Guidobaldo, als er einst
Die hohe Schule des Benimms,
Wo Geist und Schönheit gleich geschult,
Im windigen Urbino schuf,
Da schickt‘ er keine Boten aus,
Um Schäfermeinung zu erfragen.
Und als man Cosimo vertrieb,
Da war sein Groll ihm nicht im Weg,
Er widmete die freie Zeit
Ganz Michelozzos neustem Plan
Für die San Marco-Bücherei,
Auf daß Italiens Ungestüm
Zum Frieden fände in der Kunst,
Die Logik und Naturgesetz
Ganz frisch aus Hellas‘ Zitzen saugt.

So wie du gibst, hat’s wenig Wert,
Doch jener wußte, wie man lebt.
Laß Paddy sich beim Sport vergnügen,
Schau hoch zur Sonne, und dann gib,
Was dein Herz als recht empfindet,
Auf daß die Zukunft einst die Besten brütet,
Denn du gabst nicht, was sie wollten,
Sondern die Zweige für ein Adlernest.

Hugh Lane Gallery, Francis Bacon's studio, Michael Parsons, Life's Work. Adelle Hughes, head of the art department, Whyte’s, Dublin, The Irish Times, 20. August 2016

Leider nicht nachweisen (und deshalb nicht verlinken) konnte ich eine bestimmte „grammar school of courtesies“ in Urbino, die um 1500 von Guidobaldo da Montefeltro gegründet sein sollte. Gefunden habe ich im Kommentar zu Yeats‘ Early Essays allgemeiner:

Duke Frederigo [sic] da Montefeltro (1422–82) ruled the Renaissance city-state of Urbino from 1444 onward. A famous patron of the arts, he turned Urbino into a leading center of art and humanism and accumulated a famous library. He was succeeded by his physically feebler son Guidobaldo (1472–1508), who continued his patronage and was praised by Castiglione in The Book of the Courtier [1528]. Yeats invoked Guidobaldo in „To a Wealthy Man“ (P, 106–7).

Der deutsche Übersetzer Norbert Hummelt scheint A. Norman Jeffares: A Commentary on the Collected Poems of W. B. Yeats von 1968 benutzt zu haben, um auf seine zwangsläufig ebenfalls allgemein gehaltene Lösung „die hohe Schule des Benimms“ zu verfallen:

That grammar school : he [i. e. Guidobaldo da Montefeltro] was highly praised in The Courtier. Talents, learning, grave deportment and fluency of speech were required of his courtiers, and the culture and refined manners of his court were renowned. Yeats sees it as a place where youth ‚for certain brief years imposed upon drowsy learning the discipline of its joy‘ (A 545).

Das letztere Yeats-Zitat könnte noch in ein Kapitel für sich ausufern; erstaunt war ich vor allem über den laxen Gebrauch des Oxford-Kommas in einem literaturwissenschaftlichen Standardwerk 1968. Aber wer erfragt schon meine Schäfermeinung.

Dublin City Gallery, The Hugh Lane, Self Portrait by Frank O'Meara with Lucia Fabbro and Jessica O'Donnell, Conservation of Self Portrait by Frank O'Meara. As part of our theme Artist as Witness. Migrations for 2017, 19. Dezember 2016

Bilder:

  1. Rwxrwxrwx: Hugh Lane Gallery, Parnell Square, Dublin, 8. Juni 2015;
  2. Hugh Lane Gallery: Francis Bacon’s studio in Dublin City Gallery, The Hugh Lane: „A national treasure and an excellent example of public sector collaboration with an artist’s estate“, via Michael Parsons: Life’s Work: Adelle Hughes, head of the art department, Whyte’s, Dublin, The Irish Times, 20. August 2016;
  3. Dublin City Gallery, The Hugh Lane: Self Portrait by Frank O’Meara with Lucia Fabbro and Jessica O’Donnell, 19. Dezember 2016, in: Conservation of Self Portrait by Frank O’Meara. As part of our theme ‚Artist as Witness: Migrations‘ for 2017.

Soundtracks: Toby Darling: To A Wealthy Man, Februar 2017, in YouTube mit Gitarrengriffen;
Flogging Molly: Selfish Man, aus: Alive Behind the Green Door, 1997,
als Ando Reann, aka Dreanna: Life and Times of Scrooge McDuck Tribute, 2008
mit Dagobert-Duck-Material von Don Rosa:

Written by Wolf

18. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Impressionismus

DIY: Doing a Grillparzer

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——— John Irving:

In the City Where Marcus Aurelius Died

from: The World According to Garp, E. P. Dutton, Boston 1978:

In Vienna Jenny and Garp went on a spree of Grillparzer jokes. They began to uncover little signs of the dead Grillparzer all over the city. There was a Grillparzergasse, there was a Kaffeehaus des Grillparzers; and one day in a pastry shop they were amazed to find a sort of layer cake named after him: Grillparzertorte! It was much too sweet. Thus, when Garp cooked for his mother, he asked her if she wanted her egg soft-boiled or Grillparzered. And one day, at the Sch?nbrunn Zoo, they observed a particularly gangling antelope, its flanks spindly and beshitted; the antelope stood sadly in its narrow and foul winter quarters. Garp identified it: der Gnu des Grillparzers.

Of her own writing, Jenny one day remarked to Garp that she was guilty of „doing a Grillparzer.“ She explained that this meant she had introduced a scene or a character „like an alarm going off.“ The scene she had in mind was the scene in the movie house in Boston when the soldier had approached her. „At the movie,“ wrote Jenny Fields, „a soldier consumed with lust approached me.“

„That’s awful, Mom,“ Garp admitted. The phrase „consumed with lust“ was what Jenny meant by „doing a Grillparzer.“

„But that’s what it was,“ Jenny said. „It was lust, all right.“

„It’s better to say he was thick with lust,“ Garp suggested.

„Yuck,“ Jenny said. Another Grillparzer. It was the lust she didn’t care for, in general. They discussed lust, as best they could. Garp confessed his lust for Cushie Percy and rendered a suitably tame version of the consummation scene. Jenny did not like it. „And Helen?“ Jenny asked. „Do you feel that for Helen?“

Garp admitted he did.

„How terrible,“ Jenny said. She did not understand the feeling and did not see how Garp could ever associate it with pleasure, much less with affection.

„‚All that is body is as coursing waters,'“ Garp said lamely, quoting Marcus Aurelius; his mother just shook her head.

Ich mag nicht, wenn Bücher in einen Klarsichtumschlag aus Erdöl gewandet sind. Das sieht aus wie eingeschweißtes Gemüse und fühlt sich auch so an. Wie alle anderen Leute auch, miste ich seit mehreren Jahren meine Bücher aus: Tendenziell werden meine Regale leerer, nicht voller, und meine voraussichtlichen Erben feuern mich an dabei. Wer heute noch Bücher anschafft, die man weder auf einem Gerät mit Internetzugang speichern noch in einer Bibliothek zurückgeben kann, braucht einen von ganz wenigen Gründen: 1. Wärmedämmung, 2. ordentlich erschlossene Texte, 3. Haptik.

Betrachten wir Grund 3. Der Buchkörper geht meistens klar, es gibt Menschen, die finden das Anfassen von Papier geradezu erotisch. Mit dem Anfassen von Buchumschlägen, die man ja beim Gebrauch eines Buches durchgehend berührt, ist es so eine Sache: Wie erotisch ist die Berührung von Glanzpapier? Der verlagsweise unterschiedlichen Pappdeckel von Taschenbüchern? Vom Leinen der Buchdeckel der Hardcovers? Der Plastikfolie jener Verlage, die das Glanzpapier vermeiden? Erotik rechnet kaum nach unterscheidbaren Gruppen, viel eher nach Individuen.

Selbst die wissenschaftlich einwandfreien, kompromisslos hochwertig ausgestatteten und deshalb märchenhaft teuren Referenzausgaben des Deutschen Klassiker Verlags lassen sich nicht nehmen, ihre Leinenbindungen — nicht die Lederbindungen — zwischen Schutzumschlag und Schuber noch einmal durch Plastik zu schützen. Ist das nicht schaurig?

Ja, das ist es, und ich will nicht einmal entscheiden, ob es schauriger ist, beim Lesen mit den Fingerkuppen auf dem rohen Leinen ohne weiteren Schutz herumzuraspeln — siehe: Die Andere Bibliothek, mareverlag, die Prachtausgaben von Manesse pp. — oder auf einer Erdölhaut herumzujuckeln — siehe: im Premium-Segment die Hochglanzperiode in den 1980er Jahren bei Artemis & Winkler u.v.a., im Ökonomiesegmet alles aus jeder Stadtbücherei — wobei letztere wenigstens eine Ausrede hat.

Ausnahmsweise wusste ich mir zu helfen und freue mich inzwischen schon fast darüber, wenn ich an Büchern was zu tunen bekomme. Zum Beispiel bei meinem Grillparzer: Irgendwann 2016 für sieben Euro aus dem Münchner Oxfam aufgelesen — für alle drei Bände Dünndruck, leider eine Buchclub-Lizenz, dafür eine österreichische, was im Falle Grillparzer besonders passend erscheint, und schlimmer: in rosa Leinen gebunden und nochmal in einen Schutzumschlag aus jener schauderhaften Plastikfolie gewickelt. — Vorher:

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Die Hilfe heißt: ein eigener Schutzumschlag aus dem Papier der eigenen Wahl. Meine Wahl waren alte Werbeanzeigen aus Zeitschriften der 1990er Jahre, die ich in meiner Zeit als Werbetexter zu Zwecken teils der Erheiterung, teils der Dokumentation gehortet habe. Hab ich’s doch vor zwanzig Jahren schon gewusst, dass die irgendwann zu etwas gut sein müssen: spätestens heute, wo sie als found paper durchgehen. Sollte jemand 1995 nicht so umsichtig gewesen sein wie ich, empfehle ich die Saison-Prospekte der Konen Bekleidungshaus KG, die zweimal jährlich führenden süddeutschen Zeitungen beiliegen: Die machen mehrere Seiten Großformat auf sehr streichelfreundlichem, seidigem Papier mit Motiven sehr ansehnlicher Fotomodelle in eindeutigen, warmen Farben. Besser als mancher Buchumschlag.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Der haptisch empfindsame Bücherfreund entkleidet also entweder das Buch seines hässlichen, quietschenden, knitternden Klarsichtumschlags, oder falls es von vornherein keinen solchen hat, stellt er selbst einen Dummy für einen Buchumschlag her. Dazu reicht jedes Blatt Papier, auf dessen Beschaffenheit es nicht so ankommt, Hauptsache es ist etwas breiter als die gesamte Flügelspannweite des einzukleidenden Buches, also beide Buchdeckel plus Buchrücken plus weitere fünf bis zehn Zentimeter für die zwei Klappen vorn und hinten, und wenige Zentimeter höher. Meistens reicht Kopierpapier DIN A4, weil Bücher überraschend klein sind, wenn man sie mal in die Werkstatt nimmt, und wenn nicht, Zeitungspapier.

Der Trick ist nämlich, nicht einen Umschlag für das Buch herzustellen, sondern eigentlich für dessen Buchumschlag. Das klingt zuerst seltsam, bewahrt aber das Buch vor Schäden durch Leim oder Tesafilm. Ich nehme Tesafilm, der kleckert nicht so und tut’s vollauf. Um den Buchumschlag ist es nicht ganz so schade, denn genau den wollen wir ja verbessern.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Den Umschlag-Dummy, entkleidet oder selbst zurechtgeschnitten, auf der Arbeitsfläche über dem neuen Umschlag mittig ausbreiten. Dabei aufpassen, welche Seite nach außen und nach oben kommt, es geht um Schönheit. An den Stellen, wo die Gelenke zwischen Buchdeckel und Buchrücken hinkommen, mit der Schere bis zum Umschlagrand einschneiden. Die schmalen Lappen über dem Buchrücken über dem Dummy einschlagen und locker mit Tesafilm fixieren, an diesen Stellen muss es nicht bombenfest halten. Letzter Check: Stimmt das Motiv, das künftig um das Buch herum sichtbar wird? Wenn nicht, alles nochmal von vorn.

Den Umschlag-Dummy mit dem Umschlag versehen, das geht so ähnlich wie früher das schuljährliche Einbinden der lehrmittelfreien Bücher. Zwischendurch immer wieder den Umschlag am Buch anpassen und versuchen, ob es sich noch gewaltfrei öffnet und schließt: Man neigt immer dazu, das Papier stramm zu ziehen, dann sitzt der Umschlag zu knapp.

Möglichst nur am Umschlag selbst kleben, nicht am Buch, das ist handwerklich sauberer. Und möglichst nur in einer Lage arbeiten, ab der zweiten bilden sich Wülste aus überschüssigem Papier und Tesafilm. Vor allem wenn Sie mehrere Bände verschönern, die zusammen in einen Schuber passen sollen, zählt jeder Millimeter Breite. Leider weiß ich gut, wovon ich rede.

Außerdem empfehle ich dringend, die Buchrücken wenigstens rudimentär zu beschriften, sonst suchen Sie sich ab der zweiten, dritten Eigenkreation in Ihrem eigenen, organisch gewachsenen Bücherregal blöd. Dünner schwarzer Edding in unauffälliger Kalligraphie, gegen das gröbste Verwischen noch ein Streifchen Tesafilm drüber, dann klappt das auch mit der hauseigenen Bibliographie.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Soviel muss klar sein: Das muss man wollen. Ein Buch, an dem Sie sich optisch so wesentlich vergriffen haben, nimmt Ihnen fortan weder der Oxfam noch der Music and Books noch die Ramschtante von der Stadtbücherei noch ab, auf dem Amazon.de-Marketplace ist nicht einmal mehr der Zustand „Akzeptabel“ (lies: „Scheiße“) für 1 Cent zu vermitteln, in der „Zu verschenken!!!“-Kiste finden Sie am nächsten Tag eine leere Bierflasche daneben (Materialwert: immerhin 8 Cent), und Ihre voraussichtlichen Erben husten Ihnen was. Das found paper muss allein Ihnen — oder jemand zu Beschenkendem — gefallen, sonst lassen Sie’s lieber. Wirklich. Wenn Sie Gegenstände wertsteigern wollen, kaufen Sie Immobilien, alles andere verfällt beim Zuschauen, und vor allem Bücher, die einmal die Druckerei verlassen haben, sind Privatvergnügen.

Was jetzt ich mit meinem tollen dreibändigen Dünndruck-Grillparzer im 90er-Werbegewande will? — Nix, siehe oben den Abschnitt von John Irving. Aber sieht er nicht schnulli aus? — Nachher:

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

BuchBinderBilder: Extreme Grillparzering. 19. März 2017;
Soundtrack zum Tag der Arbeit: Hanns Eisler, Opus 28, 1930; Text: Erich Weinert, 1927:
Der heimliche Aufmarsch, gesungen von Ernst Busch mit Ernst-Busch-Chor,
o. J., jedenfalls nach Eisslers Neuvertonung 1938. In Musik, Text und Aufführung das Paradebeispiel für ein Arbeiterkampflied; die Wölfin nennt es Männerschimpflied:

Written by Wolf

1. Mai 2017 at 06:00

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Realismus

Me no worry

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Friedrich Schiff, Maskee. A Shanghai Sketchbook, ca. 1940, Cover

——— Friedrich Schiff:

Miss Shanghai

aus: Maskee. A Shanghai Sketchbook, Shanghai, Privatdruck um 1940:

Me no worry — me no care!
Me go marry millionaire!
If he die — me no cry!
Me go marry other guy!!

„Maskee“ heißt „never mind“.

Friedrich Schiff, Maskee. A Shanghai Sketchbook, ca. 1940, Miss Shanghai

Looks via Bauman Rare Books, New York; Rare Oriental Books, Aptos, California.

Bonus Track: Zhou Xuan, Ruan Lingyu: Ye Shang Hai, aus: Nightlife in Shanghai, ca. 1938:

Written by Wolf

8. März 2017 at 01:44

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento

Wie werde ich Schriftsteller? (Von den Exkrementen hirnloser Köpfe)

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?):

Zur Frankfurter Buchmesse wird ja wieder turnusmäßig lamentiert, wer das alles lesen soll. Wir bringen deshalb im Text zahlreiche gute Gründe, alles, bloß kein kein Schriftsteller zu werden, und im Bild ein paar gute Gründe, doch Schriftsteller zu werden.

Audrey Hepburn ReadsDer Abratende ist glaubwürdig, denn kein Vater würde seinem Sohn im Ernst empfehlen, den Sockel seiner Existenz auf das geschriebene Wort zu setzen (auf das gesprochene sonderbarerweise schon). Der Abratende macht sich wiederum unglaubwürdig, indem er selbst Schriftsteller ist.

Mehr noch: Christoph Martin Wieland war Bestsellerautor; noch mehr: ein Viertel des „Weimarer Viergestirns„, also in einer seit Jahrhunderten als selbstverständlich hingenommenen Reihe mit Herder, Goethe und Schiller. Dass er einer der ganz wenigen deutschen Klassiker werden sollte, war noch nicht so zu benennen, aber schon zu seiner langen Wirkungszeit nicht anders zu erwarten.

Desto erstaunlicher ist es zu lesen, wie sich dieser Halbgott von Ausnahmekünstler offenbar mit den gleichen Problemen wie ich kleinstes aller Lichter herumgeschlagen hat: Er balgt sich mit der Konkurrenz, die er selbstmörderisch unterbieten muss, um Textaufträge, übersetzt im selbstruinierten Akkord um sein Leben, leistet sich aller fünf Jahre eine neue Klamotte, beneidet den gerne verachteten Kotzebue um seinen Verdienst und stellt aus Kostengründen seine oft im Alleingang bestückte, verlegte und vertriebene Zeitschrift ein — er allerdings nach 30 Jahren in einem Verbreitungsgebiet zwischen Riga und Triest.

Ähnliches hat mein Vater mir gesagt, und Väter werden in gleicher Tonart fortfahren, Söhne von ruinösen Erwerbszweigen abzuhalten und zu einträglichen zu ermutigen. Leider bin ich selbst der Vater von nichts und niemandem, aber befragt, würde ich empfehlen, lieber Bestatter zu lernen: Gestorben wird immer.

Marilyn Monroe Reads.

——— Christoph Martin Wieland:

An Ludwig F. A. Wieland in Bern

Brief an seinen Sohn Ludwig Wieland, Tiefurt, angefangen den 9. August 1802,
cit. die vollständigste Version außerhalb großer Gesamtausgaben: Wieland-Lesebuch, Insel Verlag 1983:

Debbie Harry Reads MadWeißt Du auch was Schriftstellerei, als Nahrungszweig getrieben, an sich selbst, und besonders heut zu Tag in Deutschland ist? Es ist das elendeste, ungewisseste und verächtlichste Handwerk, das ein Mensch treiben kann – der sicherste Weg im Hospital zu sterben. Das Bettlerhandwerk nährt seinen Mann besser und ist kaum schmählicher. Hast du dich geprüft? Kannst du in einem Dachstübchen des Winters frieren, des Sommers dorren? Kannst du von Salz und Brot und Kartoffeln leben, so oft du dich nicht etwa bei andern, die ein besseres ordinaire haben, zu Gaste bittest? Jene magere Kost und alle 5 Jahre ein neuer Caputrock von Görlitzer Tuch, ist alles, wozu ich dir bei der Schriftstellerei, wie du es nennst, Hoffnung machen kann, wofern du nicht etwa, als Corrector in Druckereien oder durch irgend einen andern modum acquirendi dieser Art, Mittel findest, dein Einkommen zu verbessern. — Und mit was für Zweigen deines neuen Gewerbes denkst du dich zu nähren? Mit Übersetzenwaren sonst ein paar Taler per Bogen zu verdienen; aber diese Innung ist so fürchterlich übersetzt, daß die Arbeit das Salz und den Lausewenzel nicht mehr abwirft, den diese Ehrenmänner, um den Hunger dadurch abzutöten, rauchen müssen. Auf jede neue Brochure, die in Frankreich und England herauskommt, warten 10 Übersetzer mit weitoffnen Mäulern; der Buchhändler, dessen Profit bei dergleichen Sachen gewöhnlich auch sehr gering ist, gibt das Buch dem wohlfeilsten Arbeiter, und dieser muß sich zu Schanden abschächern, wenn er täglich soviel als ein Holzhacker verdienen will. Ich weiß, was du mir sagen wirst — Romane, Schauspiele, Zeitschriften, Taschenbücher — und die Beispiele von Goethe, Schiller, Richter, Kotzebue, La Fontaine. In der Tat machen diese fünf eine Ausnahme; aber was sind 5 gegen mehr als 6000 Buchmacher, die es jetzt gibt? […] Der Buchhandel liegt in einem so tiefen Verfall und wird mit jeder Messe so viel schlechter, daß selbst angesehene Buchhändler erschrecken, wenn ihnen ein Manuskript, das nicht einen schon berühmten Namen zum Garant hat, angeboten wird. Die Buchläden sind mit Romanen und Theeaterstücken aller Art dermaßen überschwemmt, daß ihnen jeder Taler zu viel ist, den sie für ein Schauspiel, das nicht von Kotzebue oder Schiller, oder einen Roman, der nicht von Richter, La Fontaine oder Huber kommt, geben sollen. […] Mit Journalen ist vollends gar nichts mehr zu verdienen; es stechen zwar alle Jahre etliche Dutzend neue, wie Pilze aus sumpfichtem Boden, aus den schwammichten Wasserköpfen unsrer literarischen Jugend hervor; aber es sind Sterblinge, die meistens das zweite Quartal nicht überleben. Die alten Journale sind bisher immer noch die dauerhaftesten gewesen; aber auch diese nehmen mit jedem Jahrgange ab, und der ‚Teutsche Merkur‚, der sich dreißig Jahre erhalten hat, wird, allem Anscheine nach, mit diesem Jahre seine corvée beschließen. […]

Lauren Bacall ReadsIch gestehe gern, daß alles, was ich von der Misere der Schriftstellerei, als modus acquirendi betrachtet, gesagt habe, einige Modifikation erleiden möchten wenn die Rede von einem jungen Manne wäre, der sich aus Drang eines inneren Berufs, mit dem Bewußtsein großer und ungemeiner Geisteskräfte und Talente, folglich mit einer vorgefühlten Gewißheit, Sensation in unsrer geschmacklosen, erschlafften und am liebsten von den Exkrementen hirnloser Köpfe sich nährenden Lesewelt zu machen, zur Schriftstellerei entschließen wollte. Ich weiß nicht, ob du dieser junge Mann bist, wiewohl ich einige Ursache habe, sehr daran zu zweifeln. […] Du glaubst Talent für die echte Komödie zu haben! Es mag sein, daß du Anlage dazu hast; aber damit reichst du nicht aus: es gehört noch ein großer Fond von Welt und Menschenkenntnis, aus Erfahrung und Umgang mit allen Arten von Menschen und allen Ständen und Klassen geschöpft, dazu, den du dir unmöglich schon erworben haben kannst; es gehören Studien dazu, die du nicht gemacht hast, und eine Fertigkeit und Gewandtheit des Stils, wovon ich noch keine Probe von dir gesehen habe. Doch, auf alles das läßt sich am Ende eine Antwort geben, die allem Streit ein Ende macht. Schreibe eine Komödie, die in Deutschland wirklich Sensation macht, die zu Berlin, Wien, Frankfurt, etc. zehnmal hintereinander gegeben wird, die jeder Theaterdirektor haben will, — und ich verstumme. […]

Ich habe dir nun, mein lieber Louis, über […] die Schriftstellerei, als angeblich einzigen dir übrigbleibenden Nahrungszweig […] meine Gedanken mit der Offenheit eröffnet, die einem Vater gegenüber seinen Sohn Pflicht ist. […] Seit dem Tode deiner guten Mutter haben sich die Umstände sehr verändert. Ich kann und werde nicht länger zu Oßmannstedt leben, sondern werde, sobald als möglich wieder in die Stadt ziehen. Den größten Teil der Sommerszeit habe ich in Tiefurt bei der Herzogin zugebracht, und gehe, nach einem Aufenthalt von wenigen Tagen im Schoß meier Familie, morgen wieder dahin zurück. Ich bin im Begriff das mir äußerst lästig gewordene Oßmannstedtische Gut zu verkaufen, um mich von den Schulden, in die es mich gesteckt hat, frei zu machen, und den Rest meiner Tage ohne Sorge und Kummer zu verleben. Ich behalte bloß Haus und Garten in Oßmannstedt, weil deiner Mutter Grab darin ist und ich selbst neben ihr begraben sein will. […]

Wonder Woman Reads.

Gute Gründe, Schreiber zu werden: Audrey Hepburn, Marilyn Monroe, Debbie Harry, Lauren Bacall und Wonder Woman lesen — via Awesome People Reading.

Soundtrack: Ein Schreiber, der nicht schreibt: der 37-jährige Jerry Lewis in: Who’s Minding the Store? (deutsch: Der Ladenhüter), 1963. Seine beiläufig entgleisende Mimik ist bis heute einzigartig.
Musik: Joseph J. Lilley:

Written by Wolf

21. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Handel & Wandel

Urbane Legenden: Der Hugendubel am Marienplatz

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Update zu Und Heinrich Frank hat dichtgemacht:

Sobald ich ein wenig Geld bekomme, kaufe ich Bücher; und wenn noch was übrig bleibt, kaufe ich Essen und Kleidung.

Erasmus, Denker.

Was machte ich mit dem Gelde, wenn ich nicht Bücher kaufte?

Lessing, Schreiber.

Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.

Lichtenberg, Experimentalphysiker.

Es wäre gut Bücher kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte.

Schopenhauer, Kaufmann (Ausbildung abgebrochen), Lehrer.

Lieber Meister Rowohlt, liebe Herren Verleger! Macht unsre Bücher billiger! Macht unsre Bücher billiger! Macht unsre Bücher billiger!

Tucholsky an Ernst Rowohlt, Allrounder.

Es ist ja selten, dass ein Bestseller auch ein gutes Buch ist. Die meisten Bücher in den Bestsellerlisten seien ja nur, wie mein Vater (der Verleger Ernst Rowohlt) zu sagen pflegte, rot glühende Kosakenscheiße.

Harry Rowohlt, Übersetzer.

Wer die Versuchung nicht kennt, ein Buch zu klauen, der verdient auch keine Freiexemplare.

Ernst Rowohlt, Verleger.

Die größte Buchhandlung Deutschlands war von 1979 bis 2016 der Hugendubel am Münchner Marienplatz. Da stand er ein Jahrzehnt ums andere und stahl dem gegenüberliegenden Neuen Rathaus die Schau. Hugendubel war so riesig, dass er extra Leseinseln einrichten musste, wo man mit seinen Bücherstapeln auf dem Weg zur Kasse verschnaufen konnte. Hintereinandergelegt ergaben die Bücher, die es bei Hugendubel gab, eine Strecke dreimal um den Äquator. Wenn man sie alle auf einmal angezündet hätte, so hätte sich die Atmosphäre auf dem Marienplatz um 17 Grad Celsius erwärmt. Das haben aber zuletzt 1933 f. am Königsplatz fünfzigtausend Durchgeknallte getan.

Besonders um den Ladenausgang ranken sich zahlreiche Legenden. An der Kassenreihe im ersten Stock konnte man sich nämlich so leicht vorbeischlängeln, dass mancher sich auf ein Versehen herausredete und damit durchkam. Von dort aus ging es eine Treppe hinunter auf die Straße. Wer mit seinen Bücherstapeln im Arm nochmal ins Erdgeschoß wollte, konnte also leicht schon mal unfreiwillig Bücher gestohlen haben. Deswegen hing über dem Treppenhaus, wo man sich ohnehin mir nichts, dir nichts die Birne einrannte, ein Schild, dass man hier und jetzt sofort zu bezahlen habe.

Hugendubel Marienplatz, München, 8. März 2014. Richard Benson, Der verschimmelte Reiter, Piper 2013Einen reisenden Schreibgehilfen aus dem Fränkischen, nicht vorbereitet aufs Zahlen, weil er nur mal die Leseinseln angucken wollte, packte die Panik beim Anblick all der Kassen und des unwidersprechlichen Schildes über der Treppe. Hinter ihm lauerte schon der Kaufhausdetektiv mit Sonnenbrille und Lasso.

„Zahlen soll ich?“ dachte der Schreibgehilfe beherzt, „wüsste nicht, wofür!“, nahm Anlauf, sprang die weltberühmten dreizehn Stufen bis zum Absatz und kullerte die restlichen fünfe auf den Marienplatz hinaus. Und rannte sich richtig die Birne ein dabei.

Natürlich dachte der Kaufhausdetektiv hinter ihm, dass wer es so eilig hat, alle Manteltaschen voll gestohlener Bücher haben müsste, und alarmierte mit dem Handy seinen Kollegenstab. Unten auf dem Marienplatz wand sich der Schreibgehilfe vor Schädelweh und dachte nicht anders, als der Schäfflertanz vom Rathaus wäre ein Glockenspiel in seinem Kopfe, weil es gerade Mittag schlug. Indessen hoffte er, dass jemand mit seinem Handy die Sanitäter alarmieren mochte. Wie staunte er da, als er nach keinen zwanzig Sekunden links und rechts von Männern mit Sonnenbrillen und Lassos im Gürtel hochgehoben und zurück in den Hugendubel geschleift wurde.

Er ging in den Folterkammern des Hauses verschollen, weil bis heute keine gestohlenen Bücher bei ihm gefunden wurden. Wenn man die Lassos aller Kaufhausdetektive von Hugendubel zusammenbindet, kann man alle reisenden Schreibgehilfen Deutschlands damit fesseln und vom Olympiaturm an die frische Luft hängen, was der Olympiaturm ohne weiteres aushalten würde, aber nur zwei oder drei Schreibgehilfen im Inneren des Knäuels.

Und das ist noch gar nichts, denn keine zehn Minuten zu Fuß vom Marienplatz ist schon der Hugendubel am Stachus, der ebenfalls groß genug für Leseinseln ist. Der am Marienplatz eröffnet erst 2017 wieder als Schatten seiner selbst und teilt sich dann das Gebäude mit der Telekom und einem Hotel für anspruchsvolle Städtereisende, nicht für irgendwelche Schreibgehilfen.

Buidl: Caroline, die niemand außer ihrem Bruder Carotte nennen darf, erwog am 8. März 2014 im Hugendubel am Marienplatz den Erwerb von Richard Benson: Der verschimmelte Reiter: Die blödesten Antworten auf Prüfungsfragen, Piper 2013. Einen Wimpernschlag nach dem Foto entschied sie sich, die 8,99 Euro zu sparen und auf die DVD zu warten, die niemals erscheinen wird. Es ist also alles kein Wunder.

Soundtrack: Tracey Ullman: Kindle Killed the Library Book, 24. Januar 2016:

Written by Wolf

12. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, ~ Weheklag ~

Was heißt das für ein Leben führen, sich und die Jungens ennuyiren?

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In München, auch wenn sie das in Berlin immer nie glauben mögen, wohnen ungefähr 1,4 Millionen Leute. Die allermeisten von denen stehen höchstens einmal im Leben in der Zeitung, und da sind sie gestorben.

Florian Peljak, Seit gut vier Jahren gibt es die WG, seitdem verwildert auch der Garten, Süddeutsche Zeitung, 15.--16. Juli 2016Manche schaffen es zweimal, ganz unauffällig. Leonhard Schülen hat es das zweite Mal allein durch die Tätigkeit des Wohnens geschafft:

——— Carolina Heberling:

Eine gute Beziehungsbasis.
So lebt es sich in einer Groß-WG

in: Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag 15./16. Juli 2016:

Es gibt eigentlich kein Thema, bei dem die Basis-Bewohner einer Meinung sind. Sie necken einander. Machen sich lustig darüber, wie einer der Mitbewohner immer die Klotür offen lässt. Erzählen, wie sie sich mal alle kollektiv die Haare abrasiert haben. Packen die Anekdote aus, wie Leo für zwei Kästen Bier den ganzen Faust auswendig lernte und in der U-Bahn vortrug.

Zwei Kästen Bier? Da war doch was. Und es war 2012, es war innerhalb dieser unheil’gen Hallen, und es hat sogar 14 Kommentare: Mein Lied ertönt der unbekannten Menge, 27. September 2012 innerhalb des Weblogs.

Seinen seltenen Fundstellen im Internet nach zu schließen ist der Leo eher so der technische Typ, und meinem wohlwollenden Stalking nach zu schließen (das sich ab sofort legen wird, versprochen) ein recht einnehmender Bursch. Schon die 14 Kommentare zu Zeiten, als in literarisch orientierten Weblogs noch aktiv diskutiert wurde, äußerten sich recht angetan von ihm, siehe a.a.O., und die paar überlebenden Archivartikel in Zeitungen, die sich nicht genug über jungische Physiker wundern können, die den Faust kennen, lassen eher ein „Weiter so!“ durchblicken als ein „So ein Schmarrn“.

Ein paar Amazon-Rezensionen über mehrere Physikbücher und eine Espressomaschine, die Coverage über den Faust-Event, nichts aus dem Polizeibericht und keine Pegidageschichten. Mehr darf man von einem Persönlichkeits-Googeln über junge Menschen gar nicht erwarten. Und seine WG scheint in Thalkirchen zu hausen, einer angenehm unhippen Gegend in Tierparknähe. Sollte ich den Buben mal im Südstadt treffen, zahl ich ihm den ihm moralisch ja wohl mindestens noch zustehenden dritten Kasten, da kenn ich nix.

Beide Bilder sind von Florian Peljak für den zitierten Artikel von Carolina Heberling: Eine gute Beziehungsbasis. So lebt es sich in einer Groß-WG in der Süddeutschen Zeitung, Samstag/Sonntag 15./16. Juli 2016, und heißen Seit gut vier Jahren gibt es die WG, seitdem verwildert auch der Garten. und Dienstag ist Putztag, und zum Abschluss schaut die ganze Runde dann „Game of Thrones“. Das erstere ist das schönste, und auf dem letzteren wird der Leo mit nachgewachsenen Haaren und zwei aus dem Hirn geschlafenen Kästen Bier (Physiker vertragen erfahrungsgemäß einiges) schon mit drauf sein, gell. Prost, Herr Schwager.

Florian Peljak, Dienstag ist Putztag, und zum Abschluss schaut die ganze Runde dann Game of Thrones, Süddeutsche Zeitung, 15.--16. Juli 2016

Und weil — gerade auch thematisch — noch Platz ist, gibt’s eins meiner mittelalten Lieblingslieder, das ich seinerzeit zum ersten Mal im Südstadt gehört hab. Natürlich wurde daraufhin der Abend noch lang, auch wenn am nächsten Tag dringend die CD her musste.

Written by Wolf

18. Juli 2016 at 03:22

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik