Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Handel & Wandel’ Category

Me no worry

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Friedrich Schiff, Maskee. A Shanghai Sketchbook, ca. 1940, Cover

——— Friedrich Schiff:

Miss Shanghai

aus: Maskee. A Shanghai Sketchbook, Shanghai, Privatdruck um 1940:

Me no worry — me no care!
Me go marry millionaire!
If he die — me no cry!
Me go marry other guy!!

„Maskee“ heißt „never mind“.

Friedrich Schiff, Maskee. A Shanghai Sketchbook, ca. 1940, Miss Shanghai

Looks via Bauman Rare Books, New York; Rare Oriental Books, Aptos, California.

Bonus Track: Zhou Xuan, Ruan Lingyu: Ye Shang Hai, aus: Nightlife in Shanghai, ca. 1938:

Written by Wolf

8. März 2017 at 01:44

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento

Wie werde ich Schriftsteller? (Von den Exkrementen hirnloser Köpfe)

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?):

Zur Frankfurter Buchmesse wird ja wieder turnusmäßig lamentiert, wer das alles lesen soll. Wir bringen deshalb im Text zahlreiche gute Gründe, alles, bloß kein kein Schriftsteller zu werden, und im Bild ein paar gute Gründe, doch Schriftsteller zu werden.

Audrey Hepburn ReadsDer Abratende ist glaubwürdig, denn kein Vater würde seinem Sohn im Ernst empfehlen, den Sockel seiner Existenz auf das geschriebene Wort zu setzen (auf das gesprochene sonderbarerweise schon). Der Abratende macht sich wiederum unglaubwürdig, indem er selbst Schriftsteller ist.

Mehr noch: Christoph Martin Wieland war Bestsellerautor; noch mehr: ein Viertel des „Weimarer Viergestirns„, also in einer seit Jahrhunderten als selbstverständlich hingenommenen Reihe mit Herder, Goethe und Schiller. Dass er einer der ganz wenigen deutschen Klassiker werden sollte, war noch nicht so zu benennen, aber schon zu seiner langen Wirkungszeit nicht anders zu erwarten.

Desto erstaunlicher ist es zu lesen, wie sich dieser Halbgott von Ausnahmekünstler offenbar mit den gleichen Problemen wie ich kleinstes aller Lichter herumgeschlagen hat: Er balgt sich mit der Konkurrenz, die er selbstmörderisch unterbieten muss, um Textaufträge, übersetzt im selbstruinierten Akkord um sein Leben, leistet sich aller fünf Jahre eine neue Klamotte, beneidet den gerne verachteten Kotzebue um seinen Verdienst und stellt aus Kostengründen seine oft im Alleingang bestückte, verlegte und vertriebene Zeitschrift ein — er allerdings nach 30 Jahren in einem Verbreitungsgebiet zwischen Riga und Triest.

Ähnliches hat mein Vater mir gesagt, und Väter werden in gleicher Tonart fortfahren, Söhne von ruinösen Erwerbszweigen abzuhalten und zu einträglichen zu ermutigen. Leider bin ich selbst der Vater von nichts und niemandem, aber befragt, würde ich empfehlen, lieber Bestatter zu lernen: Gestorben wird immer.

Marilyn Monroe Reads.

——— Christoph Martin Wieland:

An Ludwig F. A. Wieland in Bern

Brief an seinen Sohn Ludwig Wieland, Tiefurt, angefangen den 9. August 1802,
cit. die vollständigste Version außerhalb großer Gesamtausgaben: Wieland-Lesebuch, Insel Verlag 1983:

Debbie Harry Reads MadWeißt Du auch was Schriftstellerei, als Nahrungszweig getrieben, an sich selbst, und besonders heut zu Tag in Deutschland ist? Es ist das elendeste, ungewisseste und verächtlichste Handwerk, das ein Mensch treiben kann – der sicherste Weg im Hospital zu sterben. Das Bettlerhandwerk nährt seinen Mann besser und ist kaum schmählicher. Hast du dich geprüft? Kannst du in einem Dachstübchen des Winters frieren, des Sommers dorren? Kannst du von Salz und Brot und Kartoffeln leben, so oft du dich nicht etwa bei andern, die ein besseres ordinaire haben, zu Gaste bittest? Jene magere Kost und alle 5 Jahre ein neuer Caputrock von Görlitzer Tuch, ist alles, wozu ich dir bei der Schriftstellerei, wie du es nennst, Hoffnung machen kann, wofern du nicht etwa, als Corrector in Druckereien oder durch irgend einen andern modum acquirendi dieser Art, Mittel findest, dein Einkommen zu verbessern. — Und mit was für Zweigen deines neuen Gewerbes denkst du dich zu nähren? Mit Übersetzenwaren sonst ein paar Taler per Bogen zu verdienen; aber diese Innung ist so fürchterlich übersetzt, daß die Arbeit das Salz und den Lausewenzel nicht mehr abwirft, den diese Ehrenmänner, um den Hunger dadurch abzutöten, rauchen müssen. Auf jede neue Brochure, die in Frankreich und England herauskommt, warten 10 Übersetzer mit weitoffnen Mäulern; der Buchhändler, dessen Profit bei dergleichen Sachen gewöhnlich auch sehr gering ist, gibt das Buch dem wohlfeilsten Arbeiter, und dieser muß sich zu Schanden abschächern, wenn er täglich soviel als ein Holzhacker verdienen will. Ich weiß, was du mir sagen wirst — Romane, Schauspiele, Zeitschriften, Taschenbücher — und die Beispiele von Goethe, Schiller, Richter, Kotzebue, La Fontaine. In der Tat machen diese fünf eine Ausnahme; aber was sind 5 gegen mehr als 6000 Buchmacher, die es jetzt gibt? […] Der Buchhandel liegt in einem so tiefen Verfall und wird mit jeder Messe so viel schlechter, daß selbst angesehene Buchhändler erschrecken, wenn ihnen ein Manuskript, das nicht einen schon berühmten Namen zum Garant hat, angeboten wird. Die Buchläden sind mit Romanen und Theeaterstücken aller Art dermaßen überschwemmt, daß ihnen jeder Taler zu viel ist, den sie für ein Schauspiel, das nicht von Kotzebue oder Schiller, oder einen Roman, der nicht von Richter, La Fontaine oder Huber kommt, geben sollen. […] Mit Journalen ist vollends gar nichts mehr zu verdienen; es stechen zwar alle Jahre etliche Dutzend neue, wie Pilze aus sumpfichtem Boden, aus den schwammichten Wasserköpfen unsrer literarischen Jugend hervor; aber es sind Sterblinge, die meistens das zweite Quartal nicht überleben. Die alten Journale sind bisher immer noch die dauerhaftesten gewesen; aber auch diese nehmen mit jedem Jahrgange ab, und der ‚Teutsche Merkur‚, der sich dreißig Jahre erhalten hat, wird, allem Anscheine nach, mit diesem Jahre seine corvée beschließen. […]

Lauren Bacall ReadsIch gestehe gern, daß alles, was ich von der Misere der Schriftstellerei, als modus acquirendi betrachtet, gesagt habe, einige Modifikation erleiden möchten wenn die Rede von einem jungen Manne wäre, der sich aus Drang eines inneren Berufs, mit dem Bewußtsein großer und ungemeiner Geisteskräfte und Talente, folglich mit einer vorgefühlten Gewißheit, Sensation in unsrer geschmacklosen, erschlafften und am liebsten von den Exkrementen hirnloser Köpfe sich nährenden Lesewelt zu machen, zur Schriftstellerei entschließen wollte. Ich weiß nicht, ob du dieser junge Mann bist, wiewohl ich einige Ursache habe, sehr daran zu zweifeln. […] Du glaubst Talent für die echte Komödie zu haben! Es mag sein, daß du Anlage dazu hast; aber damit reichst du nicht aus: es gehört noch ein großer Fond von Welt und Menschenkenntnis, aus Erfahrung und Umgang mit allen Arten von Menschen und allen Ständen und Klassen geschöpft, dazu, den du dir unmöglich schon erworben haben kannst; es gehören Studien dazu, die du nicht gemacht hast, und eine Fertigkeit und Gewandtheit des Stils, wovon ich noch keine Probe von dir gesehen habe. Doch, auf alles das läßt sich am Ende eine Antwort geben, die allem Streit ein Ende macht. Schreibe eine Komödie, die in Deutschland wirklich Sensation macht, die zu Berlin, Wien, Frankfurt, etc. zehnmal hintereinander gegeben wird, die jeder Theaterdirektor haben will, — und ich verstumme. […]

Ich habe dir nun, mein lieber Louis, über […] die Schriftstellerei, als angeblich einzigen dir übrigbleibenden Nahrungszweig […] meine Gedanken mit der Offenheit eröffnet, die einem Vater gegenüber seinen Sohn Pflicht ist. […] Seit dem Tode deiner guten Mutter haben sich die Umstände sehr verändert. Ich kann und werde nicht länger zu Oßmannstedt leben, sondern werde, sobald als möglich wieder in die Stadt ziehen. Den größten Teil der Sommerszeit habe ich in Tiefurt bei der Herzogin zugebracht, und gehe, nach einem Aufenthalt von wenigen Tagen im Schoß meier Familie, morgen wieder dahin zurück. Ich bin im Begriff das mir äußerst lästig gewordene Oßmannstedtische Gut zu verkaufen, um mich von den Schulden, in die es mich gesteckt hat, frei zu machen, und den Rest meiner Tage ohne Sorge und Kummer zu verleben. Ich behalte bloß Haus und Garten in Oßmannstedt, weil deiner Mutter Grab darin ist und ich selbst neben ihr begraben sein will. […]

Wonder Woman Reads.

Gute Gründe, Schreiber zu werden: Audrey Hepburn, Marilyn Monroe, Debbie Harry, Lauren Bacall und Wonder Woman lesen — via Awesome People Reading.

Soundtrack: Ein Schreiber, der nicht schreibt: der 37-jährige Jerry Lewis in: Who’s Minding the Store? (deutsch: Der Ladenhüter), 1963. Seine beiläufig entgleisende Mimik ist bis heute einzigartig.
Musik: Joseph J. Lilley:

Written by Wolf

21. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Handel & Wandel

Urbane Legenden: Der Hugendubel am Marienplatz

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Update zu Und Heinrich Frank hat dichtgemacht:

Sobald ich ein wenig Geld bekomme, kaufe ich Bücher; und wenn noch was übrig bleibt, kaufe ich Essen und Kleidung.

Erasmus, Denker.

Was machte ich mit dem Gelde, wenn ich nicht Bücher kaufte?

Lessing, Schreiber.

Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.

Lichtenberg, Experimentalphysiker.

Es wäre gut Bücher kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte.

Schopenhauer, Kaufmann (Ausbildung abgebrochen), Lehrer.

Lieber Meister Rowohlt, liebe Herren Verleger! Macht unsre Bücher billiger! Macht unsre Bücher billiger! Macht unsre Bücher billiger!

Tucholsky an Ernst Rowohlt, Allrounder.

Es ist ja selten, dass ein Bestseller auch ein gutes Buch ist. Die meisten Bücher in den Bestsellerlisten seien ja nur, wie mein Vater (der Verleger Ernst Rowohlt) zu sagen pflegte, rot glühende Kosakenscheiße.

Harry Rowohlt, Übersetzer.

Wer die Versuchung nicht kennt, ein Buch zu klauen, der verdient auch keine Freiexemplare.

Ernst Rowohlt, Verleger.

Die größte Buchhandlung Deutschlands war von 1979 bis 2016 der Hugendubel am Münchner Marienplatz. Da stand er ein Jahrzehnt ums andere und stahl dem gegenüberliegenden Neuen Rathaus die Schau. Hugendubel war so riesig, dass er extra Leseinseln einrichten musste, wo man mit seinen Bücherstapeln auf dem Weg zur Kasse verschnaufen konnte. Hintereinandergelegt ergaben die Bücher, die es bei Hugendubel gab, eine Strecke dreimal um den Äquator. Wenn man sie alle auf einmal angezündet hätte, so hätte sich die Atmosphäre auf dem Marienplatz um 17 Grad Celsius erwärmt. Das haben aber zuletzt 1933 f. am Königsplatz fünfzigtausend Durchgeknallte getan.

Besonders um den Ladenausgang ranken sich zahlreiche Legenden. An der Kassenreihe im ersten Stock konnte man sich nämlich so leicht vorbeischlängeln, dass mancher sich auf ein Versehen herausredete und damit durchkam. Von dort aus ging es eine Treppe hinunter auf die Straße. Wer mit seinen Bücherstapeln im Arm nochmal ins Erdgeschoß wollte, konnte also leicht schon mal unfreiwillig Bücher gestohlen haben. Deswegen hing über dem Treppenhaus, wo man sich ohnehin mir nichts, dir nichts die Birne einrannte, ein Schild, dass man hier und jetzt sofort zu bezahlen habe.

Hugendubel Marienplatz, München, 8. März 2014. Richard Benson, Der verschimmelte Reiter, Piper 2013Einen reisenden Schreibgehilfen aus dem Fränkischen, nicht vorbereitet aufs Zahlen, weil er nur mal die Leseinseln angucken wollte, packte die Panik beim Anblick all der Kassen und des unwidersprechlichen Schildes über der Treppe. Hinter ihm lauerte schon der Kaufhausdetektiv mit Sonnenbrille und Lasso.

„Zahlen soll ich?“ dachte der Schreibgehilfe beherzt, „wüsste nicht, wofür!“, nahm Anlauf, sprang die weltberühmten dreizehn Stufen bis zum Absatz und kullerte die restlichen fünfe auf den Marienplatz hinaus. Und rannte sich richtig die Birne ein dabei.

Natürlich dachte der Kaufhausdetektiv hinter ihm, dass wer es so eilig hat, alle Manteltaschen voll gestohlener Bücher haben müsste, und alarmierte mit dem Handy seinen Kollegenstab. Unten auf dem Marienplatz wand sich der Schreibgehilfe vor Schädelweh und dachte nicht anders, als der Schäfflertanz vom Rathaus wäre ein Glockenspiel in seinem Kopfe, weil es gerade Mittag schlug. Indessen hoffte er, dass jemand mit seinem Handy die Sanitäter alarmieren mochte. Wie staunte er da, als er nach keinen zwanzig Sekunden links und rechts von Männern mit Sonnenbrillen und Lassos im Gürtel hochgehoben und zurück in den Hugendubel geschleift wurde.

Er ging in den Folterkammern des Hauses verschollen, weil bis heute keine gestohlenen Bücher bei ihm gefunden wurden. Wenn man die Lassos aller Kaufhausdetektive von Hugendubel zusammenbindet, kann man alle reisenden Schreibgehilfen Deutschlands damit fesseln und vom Olympiaturm an die frische Luft hängen, was der Olympiaturm ohne weiteres aushalten würde, aber nur zwei oder drei Schreibgehilfen im Inneren des Knäuels.

Und das ist noch gar nichts, denn keine zehn Minuten zu Fuß vom Marienplatz ist schon der Hugendubel am Stachus, der ebenfalls groß genug für Leseinseln ist. Der am Marienplatz eröffnet erst 2017 wieder als Schatten seiner selbst und teilt sich dann das Gebäude mit der Telekom und einem Hotel für anspruchsvolle Städtereisende, nicht für irgendwelche Schreibgehilfen.

Buidl: Caroline, die niemand außer ihrem Bruder Carotte nennen darf, erwog am 8. März 2014 im Hugendubel am Marienplatz den Erwerb von Richard Benson: Der verschimmelte Reiter: Die blödesten Antworten auf Prüfungsfragen, Piper 2013. Einen Wimpernschlag nach dem Foto entschied sie sich, die 8,99 Euro zu sparen und auf die DVD zu warten, die niemals erscheinen wird. Es ist also alles kein Wunder.

Soundtrack: Tracey Ullman: Kindle Killed the Library Book, 24. Januar 2016:

Written by Wolf

12. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, ~ Weheklag ~

Was heißt das für ein Leben führen, sich und die Jungens ennuyiren?

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In München, auch wenn sie das in Berlin immer nie glauben mögen, wohnen ungefähr 1,4 Millionen Leute. Die allermeisten von denen stehen höchstens einmal im Leben in der Zeitung, und da sind sie gestorben.

Florian Peljak, Seit gut vier Jahren gibt es die WG, seitdem verwildert auch der Garten, Süddeutsche Zeitung, 15.--16. Juli 2016Manche schaffen es zweimal, ganz unauffällig. Leonhard Schülen hat es das zweite Mal allein durch die Tätigkeit des Wohnens geschafft:

——— Carolina Heberling:

Eine gute Beziehungsbasis.
So lebt es sich in einer Groß-WG

in: Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag 15./16. Juli 2016:

Es gibt eigentlich kein Thema, bei dem die Basis-Bewohner einer Meinung sind. Sie necken einander. Machen sich lustig darüber, wie einer der Mitbewohner immer die Klotür offen lässt. Erzählen, wie sie sich mal alle kollektiv die Haare abrasiert haben. Packen die Anekdote aus, wie Leo für zwei Kästen Bier den ganzen Faust auswendig lernte und in der U-Bahn vortrug.

Zwei Kästen Bier? Da war doch was. Und es war 2012, es war innerhalb dieser unheil’gen Hallen, und es hat sogar 14 Kommentare: Mein Lied ertönt der unbekannten Menge, 27. September 2012 innerhalb des Weblogs.

Seinen seltenen Fundstellen im Internet nach zu schließen ist der Leo eher so der technische Typ, und meinem wohlwollenden Stalking nach zu schließen (das sich ab sofort legen wird, versprochen) ein recht einnehmender Bursch. Schon die 14 Kommentare zu Zeiten, als in literarisch orientierten Weblogs noch aktiv diskutiert wurde, äußerten sich recht angetan von ihm, siehe a.a.O., und die paar überlebenden Archivartikel in Zeitungen, die sich nicht genug über jungische Physiker wundern können, die den Faust kennen, lassen eher ein „Weiter so!“ durchblicken als ein „So ein Schmarrn“.

Ein paar Amazon-Rezensionen über mehrere Physikbücher und eine Espressomaschine, die Coverage über den Faust-Event, nichts aus dem Polizeibericht und keine Pegidageschichten. Mehr darf man von einem Persönlichkeits-Googeln über junge Menschen gar nicht erwarten. Und seine WG scheint in Thalkirchen zu hausen, einer angenehm unhippen Gegend in Tierparknähe. Sollte ich den Buben mal im Südstadt treffen, zahl ich ihm den ihm moralisch ja wohl mindestens noch zustehenden dritten Kasten, da kenn ich nix.

Beide Bilder sind von Florian Peljak für den zitierten Artikel von Carolina Heberling: Eine gute Beziehungsbasis. So lebt es sich in einer Groß-WG in der Süddeutschen Zeitung, Samstag/Sonntag 15./16. Juli 2016, und heißen Seit gut vier Jahren gibt es die WG, seitdem verwildert auch der Garten. und Dienstag ist Putztag, und zum Abschluss schaut die ganze Runde dann „Game of Thrones“. Das erstere ist das schönste, und auf dem letzteren wird der Leo mit nachgewachsenen Haaren und zwei aus dem Hirn geschlafenen Kästen Bier (Physiker vertragen erfahrungsgemäß einiges) schon mit drauf sein, gell. Prost, Herr Schwager.

Florian Peljak, Dienstag ist Putztag, und zum Abschluss schaut die ganze Runde dann Game of Thrones, Süddeutsche Zeitung, 15.--16. Juli 2016

Und weil — gerade auch thematisch — noch Platz ist, gibt’s eins meiner mittelalten Lieblingslieder, das ich seinerzeit zum ersten Mal im Südstadt gehört hab. Natürlich wurde daraufhin der Abend noch lang, auch wenn am nächsten Tag dringend die CD her musste.

Written by Wolf

18. Juli 2016 at 03:22

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Unboxing Ludwig Tieck

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Update zu Ludwig Tieck is coming home:

Es ist ein bekanntes Sprichwort: daß auch Bücher, größere wie kleinere, ihre Schicksale haben. So waren es nur unvermuthete Hindernisse, Störungen und Zufälle, welche veranlaßten, daß gegenwärtige Novelle nicht schon vor vielen Jahren den Lesern mitgetheilt wurde.

Tieck, Der junge Tischlermeister, 1836, Anfang.

Bestellscreen

Aus der einzigen realistisch erreichbaren Gesamtausgabe von Ludwig Tieck hab ich mir über das offenbar ganz unverächtliche Lübecker Antiquariat Bruddenbooks (sic) in der ebendasigen Fleischhauerstraße 32 den dritten Band von vieren und letzten, den ich bestellen werde, bestellt.

Mit ihren vier Bänden ist die Gesamtausgabe weit entfernt von Vollständigkeit, aber das ist seit 1966 der Bestand, den die Herausgeberin Marianne Thalmann wohl 1963 mit dem Winkler Verlag vereinbart hat — und außerdem richtig schöne Bücher fürs Leben auf Persia Bibeldruckpapier, was man schon daran erkennt, dass die Erstauflagen um 1966, denen nie sehr viele folgten, in dem halben Jahrhundert seither kaum vergilbt sind. Außerdem sollte man sich mit dem Wissen, dass Frau Thalmann offenbar mit Arno Schmidt in dem Ausmaß befreundet war, dass er ihr sein Radio-Nachtprogramm über Ludwig Tieck gewidmet hat, nicht mit ihr anlegen. Mit Schmidt befreundet zu sein, das haben wenige geschafft, das muss eine wahre Auszeichnung sein. Dann noch für einen der wenigen wahrhaft heiligen deutschen Verlage einen der wenigen echten Deutschromantiker gültig herausgeben zu dürfen, das bekräftigt jede erdenkliche Auszeichnung zwischen der Anerkennung durch einen verkniesten alten Zausel aus der Heide und dem Nobelpreis.

Briefkasten

Eigentlich ist der Band mit den Romanen, der soeben heim zu mir gekehrt ist, der vierte der Ausgabe; der erste ist der mit den Frühen Romanen und Erzählungen, vor allem mit William Lovell und Franz Sternbalds Wanderungen, der eigentliche dritte ist der mit den Novellen, vor allem mit dem Anspieltipp Des Lebens Überfluß und leider auch den meisten Auslassungen. Mein vierter Band, den ich nicht bestellen werde, bringt Märchen aus dem Phantasus und Dramen, die ich von der Bibliothek Deutscher Klassiker zu beziehen gedenke, und das seit 1985, was aber ein anderes Märchen ist, das ich ein andermal erzählen werde. Frau Thalmanns vierter Band, falls noch jemand mitzählen kann, umfasst:

Genau diese Ausgabe war um 1980 im Bestand der Stadtbücherei meiner Kindheit, die an dieser Stelle schon ausführlich Gegenstand der Erörterung war, und hat mir mit ihrem streicheldünnen Papier, das auf so handlichem Format 856 Seiten mit drei ausgewachsenen Romane plus Nachwort und Anmerkungen unterbrachte, heillos imponiert. Beim genaueren Nachschauen imponiert mir soeben: Die haben das tatsächlich immer noch, dou brichst ja zam (ortsübliches Fränkisch). Sooch amol, Roland, schreibt ihr nie was ab? Von Eigentumsdelikten an meiner alten Stadtbücherei hab ich seit jeher abgesehen, das wäre ja wie seine eigene Oma hauen, aber mich würde schon interessieren, wie das Exemplar inzwischen nach weiteren dreieinhalb Jahrzehnten aussieht.

Weiterer Anspieltipp aus Ludwig Tiecks Spätwerk:

Vittoria Accorombona

Zweiter Teil, Fünftes Buch, Viertes Kapitel, 1840:

Tischplatte KatzeBeide umarmten sich in Freude und Rührung weinend. „So hat die Zeit“, sagte der Herzog, „doch endlich die glänzende Woge heraufgewälzt, die mein Glück, meine Seligkeit trägt. Nicht wahr, das Leben ist doch ein großes Geschenk, ein himmlisches Wonnegeheimnis jenes ewigen, unnennbaren Geistes? Ja, er liebt seine Geschöpfe, und wir wollen es dankbar erkennen.“

„Wenn uns nur nicht immer“, sagte Vittoria, „in diesen großen Momenten ein sonderbarer Schwindel ergriffe. Es ist kein Zagen, kein Zweifeln, keine Ungewißheit unsrer selbst, auch keine Furcht vor Gegenwart und Zukunft – nein, mein Geliebter, nur, als wenn dem Dichter im Moment der höchsten Begeisterung, wenn er alle seine glühenden Strophen in die Saiten rauschen möchte – plötzlich die goldne Lyra in der Hand zerbräche und seine silberne Stimme durch Heiserkeit stumm gemacht würde – so fehlt uns Sterblichen der Ausdruck für das höchste Glück, die Freude ist mit dem Schmerze zu geschwisterlich verwandt; für Unglück und Leid sind tausend Fühlungen in uns.“

„Gedankenreiche, melancholische Braut“, sagte der Herzog lächelnd, „so möchten wir uns dem Krebse vergleichen, der ungeschickte Glieder zum Rückwärtskriechen, aber keine zum Vorschreiten hat.“

Er umarmte sie herzlich mit einem glühenden Kuß und führte sie hinab, um mit ihr den Wagen zu besteigen.

Das mit dem himmlischen Wonnegeheimnis ist mir schon vor 30 Jahren aufgefallen, und schau an: Der heutige Wiki-Artikel bringt genau das als eins von zwei Zitaten aus dem ganzen großen weiten Familien-, Zeit- und Entwicklungsroman.

Regal gesamt

Die Bilder sind am Tag der Bestellung (1) und am Tag der Lieferung (2–4) selber gemacht, die schenk ich Ihnen, wenn Sie’s brauchen können, und wenn Sie dazusagen, wo Sie’s herhaben.

PianoKeys. Favorite Desktop BackgroundFür Bild 3 hab ich eine verschwommene Version gewählt, auch wenn wenige Sekunden vor- und nachher noch zwei schärfere entstanden sind. Auf denen war aber nicht der vortreffliche Kater Murr (cit. E.T.A. Hoffmann, 1819 ff.) drauf, dieser Tage in seiner Rolle als Lord of Winterfell. Steck einer in der Katze.

Und es interessiert Sie ja doch: Auf Bild 1 erkennen Sie hinter der Amazon.de-Seite für das Buch meinen liebsten Desktop-Hintergrund seit Jahren (5). Die freundliche junge Dame gehört schon so lange dermaßen zu meinem täglichen Erleben, dass mir entfallen ist, wo ich sie aufgegabelt hab, wie das oft auch mit dreidimensionalen Freunden geht; vermutlich irgendwo auf Flickr. Sie guckt schön aufmüpfig, stimmt’s? Aufmunternd genug, um zu motivieren, und doch nicht so fad, um einzuschüchtern. Außerdem mag ich den Gedanken, das Genre der auf Klavieren thronenden Barfüßigen entdeckt zu haben. Von meinem Desktop-Müll bereinigt in voller Schönheit sitzt sie rechter Hand.

Soundtrack ist ein etwas mitreißenderes Unboxing als meins; jedenfalls sieht Lea vom Liberiarium drei bis fünf Klassen besser aus als ich.

Und damit’s noch besser rockt: Young Rebel Set: If I Was, 2009. Directed by Andy Douglass, Camera by Nick Donnelly & Andrew Stebulitis @ Moving picture productions. Additional camera by John Laws. Das war auch schon mal, verspricht aber:

And if I was a writer I would write the book on you.
I’d tell them all the stories of the things we used to do —
Oh if I was a writer I would write the book on you.

Und aller vier Jahre mal sein Lieblingslied zu hören, finde ich nicht übertrieben. Wenn mich jemand sucht: Ich bin endlich mal Der junge Tischlermeister lesen.

Written by Wolf

13. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Geburtstagsgewinnspiel: Was ist das? Ich glaub, es hackt! Das ist doch kein Teufelspakt!

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Heute hab ich Geburtstag, und Sie kriegen was geschenkt.

Erst wollte ich mir der Einfachheit halber selber — und Ihnen schon auch so nebenher mit — oder doch, eigentlich schon hauptsächlich Ihnen — eins von Otto schenken. Der war mir bis spät in die Kindheit, die in manchem Sinne bis heute anhält, der liebste.

Opa erzählt vom Krieg: Die Otto Show kam immer genau einmal im Jahr. Was hat man sich monatelang auf diese eine knappe Dreiviertelstunde hingefreut. Und zu dieser Zeit konnte man noch nicht einmal mit einem Videogerät mitschneiden, darum wehe, wenn einer dreingequasselt hat. Das einmalige Anschauen musste sitzen, und tatsächlich konnte wirklich jeder ab dem nächsten Tag die Sendung größtenteils auswendig.

Otto war verschrien als „Blödel-Barde“; das war ein halb gönnerhaftes, mildes Schimpfwort einer gutbürgerlichen Mittelschicht, die damals noch stolz darauf war, eine gewisse Menge an „guten Büchern“ zu besitzen und ein Goethe- von einem Schillerzitat unterscheiden zu können. Dergleichen galt als Bildung und Bildung als geistiger Wert. Otto zählte bestenfalls zur „leichten Muse“ und wurde eher verschämt geguckt.

Da war noch nicht so weit bekannt, dass hinter den Texten dieses schamlos herumkalauernden Quecksilbers die versammelte Neue Frankfurter Schule stand — und wer es wusste, hängte es ebenfalls nicht an die große Glocke, weil man die Neufrankfurter lieber der fröhlichen, aber ernsthaft politisch gemeinten Anarchie in der pardon zuschlug, aus der nachmals immerhin die Titanic erwuchs.

Otto war im Gegensatz zum Humor der pardon in einer Art kindlicher Totalverweigerung geradezu offensiv unpolitisch. Außerdem wurde er von den Neufrankfurtern um Robert Gernhardt als eine Art zweibeiniges Medium gebucht: wie die Bücher, Zeitschriften, Schallplatten, Filme, die sie sonst machten, dem sie auf den spillerigen Leib schrieben, was sonst nirgends unterzubringen — und vor allem von den verkopften, der Unsportlichkeit verdächtigen Herren in Jeans und Sakko nicht in dieser Weise darzustellen war.

Robert Gernhardt, wohl der führende Kopf der Neuen Frankfurter Schule, war noch kein Alibi-Star der letzten hochliterarisch interessierten Randgruppe, der Toskana-Fraktion, die ungefähr ab 1980, als Hedonismus gesellschaftlich geduldet wurde, gut für Lyrik mit einer entspannten Selbstironie erreichbar war. Das war der Boden, auf dem man Otto langsam ungestraft gut finden durfte. War man bis dahin gehalten, dem enormen Bekanntheitsgrad des verdruckst belächelten Kindskopfs mit einer Faszination wie einem nicht sehr gefährlichen Monster gegenüber zu begegnen, konnte man sich endlich mit seinen Kindern auf die Otto Show freuen. 1983 kam schon die letzte in diesem technisch erweiterten Stand-up-Format auf Kleinbühnen, 1985 wechselte das Medium Otto ins Kino. — Was — der Gernhardt, dieser legitime Nachfolger von Heinrich Heine und Wilhelm Busch, schreibt für den Blödel-Otto? Dann hat er vielleicht doch noch eine Ebene, die man bisher nur nicht wahrgenommen hat.

Nein, hat er nicht. Wenn die Zeilen etwas taugen, muss man nicht ständig zwischen ihnen lesen. Otto ist wertfreies Herumgealber um seiner selbst willen. Und das ist gut so.

Bei der vierten Otto Show 1976 war Otto 28. Ich werde 48 und darf schon so viel Spaghettieis essen, Internet gucken und Bücher verschenken, wie ich will, und langsam wird von mir gesellschaftlich eine gewisse Verschrobenheit erwartet. Darum dürfen Sie auch eins haben.

Zum Gewinnspiel: In dem Fäustchen-Video ist eine einzige vernuschelte Stelle, die ich nicht einmal mit Kopfhörern verstehe (Sennheiser) — ungefähr bei 3:10 Minuten. Zum konzentrierten Abhören ist es nützlich, in den Faust-Monolog bei 3:05 Minuten einzusetzen. Wer mir für den abgelauschten Otto-Text unten autorisert oder wenigstens plausibel sagen kann, wie der eine Vers zwischen „Donnerwetter, war die feurig, deshalb ist mein Gang so eirig“ und „muss mich schnell verjüngen lassen“ heißt, kriegt ein Buch von mir geschenkt. Ein schönes, versprochen. Und eine lobende Erwähnung mit einem Link, auf dem er, sie oder es schamlos bewerben darf, was er, sie oder es will.

Das Angebot gilt entweder bis Sonntag, den 5. Juni 2016 um 23.59 Uhr oder bis ich nicht mehr mag (was erst lange nach dem gesetzten Datum geschehen wird). Die Kommentarfunktion ist offen, jeglicher Rechtsweg in dieser Privatveranstaltung ausgeschlossen.

——— Otto:

Ottos Fäustchen

Text: Eilert/Gernhardt/Knorr/Waalkes
aus: Die Otto Show IV, WDR, 6. September 1976:

Faust: Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Völlerei,
doch leider auch Theologie studiert mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
und hab doch heute noch viel vor.

15 Uhr: Pakt mit dem Teufel schließen,
Seele verkaufen,
anschließende Verjüngung.
15 Uhr 20: Gretchen verführen,
15 Uhr 30: gemütliches Beisammensein in Auerbachs Keller.
Ja, schaff ich’s denn? Was sagt die Uhr?
Fast vier! Wo ist der Teufel nur?
Mephisto! Mephisto! (Ab.)

Mephistopheles: Aus allertiefstem Höllenschlund
stieg ich empor, nicht ohne Grund,
denn wenn der Faust hier unterschreibt,
dann kann er sehen, wo er bleibt.
Dann ist sein Seelenheil verloren,
dann wird er in der Hölle schmoren.

Ja — wo steckt der Schnarchsack eigentlich?
Ist er im Bad und reinigt sich?
Ich schau mal nach. (Er hinterlässt den Vertrag auf dem Stehpult. Ab.)

Gretchen: Huhu! Huhu! Ich bin’s, Gretchen!
Na, das fängt ja sauber an:
Der ist überhaupt nicht da, der Mann.
Lädt mich hier ein zum Rendezvous —
jetzt bin ich hier, was mach ich nu?
ist er überhaupt schon wach?
Ich schau mal nach im Schlafgemach.
Tirili, tirili. (Ab.)

Faust: Mephisto! Verdammt noch mal, wo steckt das Schwein?
Kann der Kerl denn nicht pünktlich sein? (Er erblickt den Vertrag auf dem Stehpult.)
Oh, ich seh, er war schon da,
da liegt ja das Formular.
Nun, da setz ich munter
meinen Friedrich Wilhelm drunter.
Ach, das wird ja immer schlimmer:
Der Kuli ist im Nebenzimmer. (Ab.)

Mephistopheles: Hat er noch nicht unterschrieben?
Wo ist denn der Faust geblieben?
Da etwa? (Ab.)

Gretchen: Faust? Ja, wo bleibst du nur?
Wart, ich helf dir auf die Spur. (Sie hängt ein Schild an die Tür: „Hier findet’s statt!“ Ab.)

Faust: (erblickt das Schild) „Hier findet’s statt!“? Wieso denn hier?
Wer steckt denn hinter dieser Tür?
Da fällt mir doch ein Mädchen ein —
das wird doch wohl nicht Gretchen sein?
Yabba dabba doo! (Ab.)

Staubsaugervertreter: (führt seinen Staubsauger vor) Er gehört in jede Hand:
Brummipol, der Saug-Gigant!
Staubsympathisch, schmutzimmun! (Man vernimmt Gekicher hinter der Tür.)
Oh, die Hausfrau hat zu tun.
Also, auch Sie können diesen Staubsauger Elektro erwerben, zu günstigen Teilzahlungsbedingungen, Sie brauchen nur hier diesen Vertrag zu unterschreiben … (Er erblickt den Vertrag auf dem Stehpult.) Da liegt ja schon ein Vertag … (Er liest.) … mit dem Teufel. Das bringt mich auf eine Idee. (Er vertauscht den Vertrag auf dem Stehpult mit dem seinigen.)
Listig, listig, trallala lala. (Ab.)

Faust: (wankt umher) Donnerwetter, war die feurig,
deshalb ist mein Gang so eirig.
Darf nicht mit den Punkten prassen, [?]
muss mich schnell verjüngen lassen. (Er unterschreibt den Vertag, der auf dem Stehpult liegt.)
Also weg mit diesem Barte …
Mephistopheles, ich warte! (Er liest genauer, was er unterschrieben hat.)
Was ist das? Ich glaub, es hackt!
Das ist doch kein Teufelspakt,
liegt doch hier auf meinem Tisch.
Wehe, wenn ich dich erwisch! (Ab.)

Gretchen: So, der wäre flachgelegt,
und nun wird der Raum gefegt.
Oh, kein Besen! Welch ein Jammer!
Vielleicht in der Besenkammer. (Ab.)

Staubsaugervertreter: Oh! Der Vertrag ist unterschrieben!
(zum Staubsauger) Na, Brummi, dann heißt es hiergeblieben.
Der Hausherr strahlt, die Hausfrau lacht,
der Brummi saugi-saugi macht. (Er nimmt den Vertag an sich. Ab.)

Gretchen: (fegt fröhlich pfeifend mit dem Besen die Stube, erblickt den neuen Staubsauger) Oh! In die Ecke, Besen, Besen! (Sie wirft den Besen von sich und greift nach dem Staubsauger.)
Mehr Zeit für den Abwasch: Brummipol, der Saug-Gigant mit den drei Schaltstufen. (Sie führt den Staubsauger vor.) Stufe 1! (Sie schaltet den Staubsauger um.) Stufe 2! (Sie schaltet den Staubsauger um.) Stufe 3! (Ab. Hinter der Tür explodiert der Staubsauger. Gretchen schreit.)

Mephistopheles: (spricht zerfetzt den Epilog) Das Gretchen tot, die andern Leichen —
das dürfte wohl fürs erste reichen. (Vorhang.)

Bonus Track: Nochmal Otto Waalkes: Honey Pie, Die Otto Show II, WDR, 6. Juli 1974. Im Stand-up-Format auf der Kleinbühne, für Otto eine ganz ungewohnt zurückgenommene, stillvergnügte Aufführung. Von dem, was der Mann da allerdings zweimal mit seiner gesamten linken Körperseite macht, dass man nicht einmal mit den Augen mitkommt, träumen nicht nur die Lagerfeuerklampfisten von der Neuen Frankfurter Schule:

Happy birthday to me, 1997 — wie heute vor drei Jahren anhand Goethens schon mal durchgenommen.

Otto Waalkes als Gretchen in Ottos Fäustchen, Otto Show IV, 1976

Written by Wolf

6. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)

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Update zu Gateway Drug:

Manche Probleme kommen nie aus der Mode. Zum Beispiel das des geplagten Vaters, der nach generationenlanger Kinderaufzucht wenigstens noch eine Altersversorgung aus der Frucht seiner Lenden gewinnen will.

Karl Philipp Moritz, Militätmusikersohn, abgebrochene Hutmacherlehre, scheint sich damit auszukennen. Stammt von ihm doch immerhin der erste ernstzunehmende psychologische Roman der Geschichte, und der hat bis heute seine Fans.

Über der neuen Cecilia ist Moritz, geboren im selben Jahr wie Mozart (aufgepasst: 2016 vor 260 Jahren), zwei Jahre nach demselben leider verstorben — zu früh, dass sich heute nur bestimmen ließe, ob die Cecilia eine Novelle oder ein Roman Anton Reiserschen Ausmaßes werden sollte. Vorgelegt sind die Briefform wie im Werther und eine Pädagogik und Bildungsauffassung wie im Émile.

Mit diesem Brief führt sich die Figur des besorgten Vaters ein. Die heilige Cäcilia aus der Überschrift ist die Patronin der Musik, Vater Braschi schreibt an einen aufstrebenden Maler — der wohl, wie man solche Bildungsromane kennt, im Lauf der Handlung spätestens mit 30 noch groß rauskommen sollte. Da große Kunst immer allgemeingültig ist, dürfen wir die väterlichen Sorgen getrost auf bürgerliche und moderne Metiers ausweiten. Der Brief steht weit am Anfang der Cecilia. Den geistreichen Formulierungen nach zu schließen, lag Moritz etwas an dem Thema.

Frederick Goodall, A Dream of Paradise, 1889

——— Karl Philipp Moritz:

Marchese Mario der Vater an seinen Sohn.

aus: Die neue Cecilia. Letzte Blätter, von Karl Philipp Moritz. C’est aini, qu’en partant, je vous fais mes adieux. Zweite Probe neu veränderter deutscher Druckschrift. Berlin, 1794. Bey Johann Friedrich Unger:

Du bist nun in Rom, und mußt eine Carriere machen, mein lieber Sohn! Es fehlt dir nicht an Stand und Vermögen; du hast in den ersten Häusern Zutritt; du bist auf dem schnurgeraden Wege, dein Glück in der Welt zu machen, wenn du es nicht selber verscherzest.

John William Waterhouse, Dolce Far Niente, 1879Als Monsignore muß ich dich wieder sehen; ich bitte dich, verdirb diese Hoffnung deinem alten Vater nicht! Aber ich weiß schon, wie du deine edle Zeit verschleudern wirst; du wirst mit den Malern herumlaufen, und alte bestäubte Bilder begucken; du wirst verstümmelte Bildsäulen abzeichnen, und dein schönes Papier bekritzeln. Ich weiß, wie manchen Tag du hier mit deinem Carlo Maratti, dem jungen Schwärmer, verträumt hast.

Du mußt die Conversationen nicht versäumen; du mußt dir keine Gelegenheit entschlüpfen lassen, wo du dein Glück bauen kannst. Du mußt notwendig eine Carriere machen, mein lieber Sohn, es wäre Schade, wenn du es nicht tätest! Denn alles vereinigt sich, um dir die Bahn zu ebnen. Nur bitte ich dich, laß den Schwindelgeist fahren, und verschwende nicht mehr so viele Zeit mit der abgeschmackten Kunst! Du läufst nur Hirngespinsten nach; einträgliche Stellen und bare Einkünfte, sind doch das letzte Ziel, wonach wir streben.

Dein Glück ist es nur, daß du von dem Wahnwitze der Liebe noch unangesteckt bist. Du mußt dich in die Zeit schicken; du mußt dich bücken, wo es nötig ist, und stolzieren, wo du darfst. Prälaten Brot ist süßes Brot; und der violette Strumpf sitzt kühl im Sommer, und hält im Winter warm. Wenn du erst so weit bist, wie du sein willst, so kannst du dir Leute halten, die über das Schöne der Kunst ganze Tage mit dir schwatzen, und alle deine Phantasien kannst du ja dann nach Wunsch befriedigen. Was hilft dir denn bei leerem Beutel ein Kopf mit Ideen vollgepfropft? Trachte doch am ersten nach dem, wofür man alles andre haben kann, so wird dir das übrige alles zufallen.

Bewahre meinen väterlichen Rat in deinem Herzen, mein lieber Sohn; schreite nicht auf unrechten Wegen aus; versäume die Conversationen nicht; laufe den Malern und den Weibern nicht nach; strebe nach dem violetten Strumpfe; den roten aber laß das höchste Ziel deiner Wünsche sein, wenn du nicht weiter streben kannst; und erinnere dich, so oft du zum Künstler und Gelehrten herabsinken willst, daß du aus dem Hause und aus der Familie der Braschi stammst! Ich bin

Dein
wohlmeinender Vater
A. Mario.

Im übrigen sollten wir alle sehr viel sorgfältiger zwischen Müßiggang, Faulheit und Trägheit und diese in acedia und inertia zu unterscheiden lernen. Daran liegt mir was.

John William Godward, Dolce Far Niente, 1904

Bestäubte Bilder: Frederick Goodall: A Dream of Paradise, 1889;
John William Waterhouse: Dolce Far Niente, 1879;
John William Godward: Dolce Far Niente, 1904.
Ersten Grades themenverwandter Soundtrack: Die Ärzte: Junge, aus: Jazz ist anders, 2007.

Written by Wolf

8. Januar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang