Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Februar 2015

Sophokles‘ Bruder ab orbe Britannis

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Update zu Der Drang zum Sturm:

Wieland war der erste. Durch seine Übersetzungen ab 1762 setzte sich Shakepeare in Deutschland in großem Stil durch. Eine ältere Generation von Aufklärern und eine jüngere von Stürmern und Drängern erkannten in der Dramatik Shakespeares, die sich in ganz und gar verstörender Weise nichts um die aristotelischen Poetikregeln scherte, das reine Naturgenie, somit einen längst fälligen Erneuerer des Theaters und in der Folge der gesamten Kunst. Selbst ein Goethe konnte sich 22-jährig noch neidlos vor dem älteren, größeren Geist verneigen: Seine Rede Zum Schäkespears Tag von 1771, wenngleich erst posthum 1854 in gedruckter Form, tat ein übriges. Da war Goethe noch nicht der arrivierte Geheimrat und nachmalige Klassiker, sondern „nur“ Bestsellerautor (Werther, Götz, Egmont) des Sturm und Drang. So viel Bewunderung bis hin zur Demut hat er vor sonst keinem Künstlerkollegen, ob tot oder lebendig, gezeigt.

Cover Dave Morrah, Me and the Liberal Arts, 1960sJohann Gottfried Herders Aufsatz Shakespear innerhalb Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter liegt in drei Fassungen vor. Die erste davon trägt noch klar die Form eines Sendschreibens an Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, in direkter Antwort auf den 14. bis 18. Brief über Merkwürdigkeiten der Litteratur (1766–1770, im Druck gesammelt 1773), worin Herder seine eigenen Ideen über Shakespeare ordnete und verdichtete. Eine zweite, erweiterte Fassung entstand 1772; diese beiden sind handschriftlich erhalten. Die dritte von 1773 unterschied sich von der zweiten grundlegend genug, um sie im Erstdruck der Deutschen Art und Kunst derselben gegenüber zu stellen. Diese Redaktion von 1773 besorgte der Verleger R. Steig, die derzeit aus dem Handel verschwindende Reclam-Ausgabe von Hans Dietrich Irmscher benutzt diese kritische Bearbeitung.

Um uns weiter Shakespeare (und auf Schleichwegen so abgelegenen Erkenntnissen wie Herman Melvilles Verhältnis zu Nathaniel Hawthorne) zu nähern, gebe ich sie um einige Lobeshymnen, Besprechungen von Einzeldramen und Redundanzen erleichtert, aber in der originalen Orthographie wieder:

——— Johann Gottfried Herder:

Shakespear

in: Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter, Fassung von 1773, gekürzt (Volltext):

Wenn bei einem Manne mir jenes ungeheure Bild einfällt: „hoch auf einem Felsengipfel sitzend! zu seinen Füssen Sturm, Ungewitter und Brausen des Meers; aber sein Haupt in den Stralen des Himmels!“ so ists bei Shakespear! — Nur freilich auch mit dem Zusatz, wie unten am tiefsten Fusse seines Felsenthrones Haufen murmeln, die ihn — erklären, retten, verdammen, entschuldigen, anbeten, verläumden, übersetzen und lästern! — und die Er alle nicht höret! […]

Es ist von Griechenland aus, daß man die Wörter Drama, Tragödie, Komödie geerbet; und so wie die Letternkultur des Menschlichen Geschlechts auf einem schmalen Striche des Erdbodens den Weg nur durch die Tradition genommen, so ist in dem Schoosse und mit der Sprache dieser, natürlich auch ein gewißer Regelnvorrath überall mitgekommen, der von der Lehre unzertrennlich schien. Da die Bildung eines Kindes doch unmöglich durch Vernunft geschehen kann und geschieht; sondern durch Ansehen, Eindruck, Göttlichkeit des Beispiels und der Gewohnheit: so sind ganze Nationen in Allem, was sie lernen, noch weit mehr Kinder. Der Kern würde ohne Schlaube nicht wachsen, und sie werden auch nie den Kern ohne Schlaube bekommen, selbst wenn sie von dieser ganz keinen Gebrauch machen könnten. Es ist der Fall mit dem Griechischen und Nordischen Drama.

Cover Frank Kane, Green Light for Death, 1956In Griechenland entstand das Drama, wie es in Norden nicht entstehen konnte. In Griechenland wars, was es in Norden nicht seyn kann. In Norden ists also nicht und darf nicht seyn, was es in Griechenland gewesen. Also Sophokles Drama und Shakespears Drama sind zwei Dinge, die in gewißem Betracht kaum den Namen gemein haben. Ich glaube diese Sätze aus Griechenland selbst beweisen zu können, und eben dadurch die Natur des Nordischen Drama, und des größten Dramatisten in Norden, Shakespears sehr zu entziffern. Man wird Genese Einer Sache durch die Andre, aber zugleich Verwandlung sehen, daß sie gar nicht mehr Dieselbe bleibt.

Die Griechische Tragödie entstand gleichsam aus Einem Auftritt, aus dem Impromptus des Dithyramben, des mimischen Tanzes, des Chors. Dieser bekam Zuwachs, Umschmelzung: Aeschylus brachte statt Einer handelnden Person zween auf die Bühne, erfand den Begriff der Hauptperson, und verminderte das Chormässige. Sophokles fügte die dritte Person hinzu, erfand Bühne – aus solchem Ursprunge, aber spät, hob sich das Griechische Trauerspiel zu seiner Grösse empor, ward Meisterstück des Menschlichen Geistes, Gipfel der Dichtkunst, den Aristoteles so hoch ehret, und wir freilich nicht tief gnug in Sophokles und Euripides bewundern können.

Man siehet aber zugleich, daß aus diesem Ursprunge gewiße Dinge erklärlich werden, die man sonst, als todte Regeln angestaunet, erschrecklich verkennen müssen. Jene Simplicität der Griechischen Fabel, jene Nüchternheit Griechischer Sitten, jenes fort ausgehaltne Kothurnmässige des Ausdrucks, Musik, Bühne, Einheit des Orts und der Zeit – das Alles lag ohne Kunst und Zauberei so natürlich und wesentlich im Ursprunge Griechischer Tragödie, daß diese ohne Veredlung zu alle Jenem nicht möglich war. Alles das war Schlaube, in der die Frucht wuchs. […]

Wie sich Alles in der Welt ändert: so muste sich auch die Natur ändern, die eigentlich das Griechische Drama schuf. Weltverfaßung, Sitten, Stand der Republiken, Tradition der Heldenzeit, Glaube, selbst Musik, Ausdruck, Maas der Illusion wandelte: und natürlich schwand auch Stoff zu Fabeln, Gelegenheit zu der Bearbeitung, Anlaß zu dem Zwecke. Man konnte zwar das Uralte, oder gar von andern Nationen ein Fremdes herbeiholen, und nach der gegebnen Manier bekleiden: das that Alles aber nicht die Würkung: folglich war in Allem auch nicht die Seele: folglich wars auch nicht (was sollen wir mit Worten spielen?) das Ding mehr. Puppe, Nachbild, Affe, Statüe, in der nur noch der andächtigste Kopf den Dämon finden konnte, der die Statüe belebte. […]

Cover Chip Harrison, No Score, 1970. Art by Elaine DuilloUnd welches war der Zweck? Aristoteles hats gesagt, und man hat gnug darüber gestritten – nichts mehr und minder, als eine gewisse Erschütterung des Herzens, die Erregung der Seele in gewissem Maaß und von gewissen Seiten, kurz! eine Gattung Illusion, die wahrhaftig! noch kein Französisches Stück zuwege gebracht hat, oder zuwege bringen wird. Und folglich (es heisse so herrlich und nützlich, wie es wolle) Griechisches Drama ists nicht! Trauerspiel des Sophokles ists nicht. Als Puppe ihm noch so gleich; der Puppe fehlt Geist, Leben, Natur, Wahrheit – mithin alle Elemente der Rührung – mithin Zweck und Erreichung des Zwecks – ists also dasselbe Ding mehr? […]

Laßet uns also ein Volk setzen, das aus Umständen, die wir nicht untersuchen mögen, Lust hätte, sich statt nachzuäffen und mit der Wallnußschaale davon zu laufen, selbst lieber sein Drama zu erfinden: so ists, dünkt mich, wieder erste Frage: wenn? wo? unter welchen Umständen? woraus solls das thun? und es braucht keines Beweises, daß die Erfindung nichts als Resultat dieser Fragen seyn wird und seyn kann. Holt es sein Drama nicht aus Chor, aus Dithyramb her: so kanns auch nichts Chormässiges, Dithyrambisches haben. Läge ihm keine solche Simplicität von Faktis der Geschichte, Tradition, Häuslichen, und Staats- und Religionsbeziehungen vor – natürlich kanns nichts von Alle dem haben. – Es wird sich, wo möglich, sein Drama nach seiner Geschichte, nach Zeitgeist, Sitten, Meinungen, Sprache, Nationalvorurtheilen, Traditionen, und Liebhabereien, wenn auch aus Fastnachts- und Marionettenspiel (eben, wie die edlen Griechen aus dem Chor) erfinden – und das Erfundne wird Drama seyn, wenn es bei diesem Volk Dramatischen Zweck erreicht. Man sieht, wir sind bei den

toto divisis ab orbe Britannis

und ihrem grossen Shakespear.

Daß da, und zu der und vor der Zeit kein Griechenland war, wird kein pullulus Aristotelis läugnen, und hier und da also Griechisches Drama zu fodern, daß es natürlich (wir reden von keiner Nachäffung) entstehe, ist ärger, als daß ein Schaaf Löwen gebären solle. […]

Shakespear fand vor und um sich nichts weniger als Simplicität von Vaterlandssitten, Thaten, Neigungen und Geschichtstraditionen, die das Griechische Drama bildete, und da also nach dem Ersten metaphysischen Weisheitssatze aus Nichts Nichts wird, so wäre, Philosophen überlaßen, nicht blos kein Griechisches, sondern wenns ausserdem Nichts giebt, auch gar kein Drama in der Welt mehr geworden, und hätte werden können. Da aber Genie bekanntermaassen mehr ist, als Philosophie, und Schöpfer ein ander Ding, als Zergliederer: so wars ein Sterblicher mit Götterkraft begabt, eben aus dem entgegen gesetztesten Stoff, und in der verschiedensten Bearbeitung dieselbe Würkung hervor zu rufen, Furcht und Mitleid! und beide in einem Grade, wie jener Erste Stoff und Bearbeitung es kaum vormals hervorzubringen vermocht! – Glücklicher Göttersohn über sein Unternehmen! Eben das Neue, Erste, ganz Verschiedne zeigt die Urkraft seines Berufs.

Cover Carter Brown, The Myopic Mermaid, 1961Shakespear fand keinen Chor vor sich; aber wohl Staats- und Marionettenspiele – wohl! er bildete also aus diesen Staats- und Marionettenspielen, dem so schlechten Leim! das herrliche Geschöpf, das da vor uns steht und lebt! Er fand keinen so einfachen Volks- und Vaterlandscharakter, sondern ein Vielfaches von Ständen, Lebensarten, Gesinnungen, Völkern und Spracharten – der Gram um das Vorige wäre vergebens gewesen; er dichtete also Stände und Menschen, Völker und Spracharten, König und Narren, Narren und König zu dem herrlichen Ganzen! Er fand keinen so einfachen Geist der Geschichte, der Fabel, der Handlung: er nahm Geschichte, wie er sie fand, und setzte mit Schöpfergeist das verschiedenartigste Zeug zu einem Wunderganzen zusammen, was wir, wenn nicht Handlung im Griechischen Verstande, so Aktion im Sinne der mittlern, oder in der Sprache der neuern Zeiten Begebenheit (événement) grosses Eräugniß nennen wollen – o Aristoteles, wenn du erschienest, wie würdest du den neuen Sophokles Homerisiren! […]

Sophokles blieb der Natur treu, da er Eine Handlung Eines Orts und Einer Zeit bearbeitete: Shakespear konnt ihr allein treu bleiben, wenn er seine Weltbegebenheit und Menschenschicksal durch alle die Örter und Zeiten wälzte, wo sie – nun, wo sie geschehen: und Gnade Gott dem kurzweiligen Franzosen, der in Shakespears fünften Aufzug käme, um da die Rührung in der Quintessenz herunter zu schlucken. Bei manchen Französischen Stücken mag dies wohl angehen, weil da Alles nur fürs Theater versificirt und in Scenen Schaugetragen wird; aber hier geht er eben ganz leer aus. Da ist Weltbegebenheit schon vorbei: er sieht nur die letzte, schlechteste Folge, Menschen, wie Fliegen fallen: er geht hin und höhnt: Shakespear ist ihm Ärgerniß und sein Drama die dummeste Thorheit. […]

Trauriger und wichtiger wird der Gedanke, daß auch dieser grosse Schöpfer von Geschichte und Weltseele immer mehr veralte! daß da Worte und Sitten und Gattungen der Zeitalter, wie ein Herbst von Blättern welken und absinken, wir schon jetzt aus diesen grossen Trümmern der Ritternatur so weit heraus sind, daß selbst Garrik, der Wiedererwecker und Schutzengel auf seinem Grabe, so viel ändern, auslaßen, verstümmeln muß, und bald vielleicht, da sich alles so sehr verwischt und anders wohin neiget, auch sein Drama der lebendigen Vorstellung ganz unfähig werden, und eine Trümmer von Kolossus, von Pyramide seyn wird, die Jeder anstaunet und keiner begreift. Glücklich, daß ich noch im Ablaufe der Zeit lebte, wo ich ihn begreifen konnte, und wo du, mein Freund, der du dich bei diesem Lesen erkennest und fühlst, und den ich vor seinem heiligen Bilde mehr als Einmal umarmet, wo du noch den süssen und deiner würdigen Traum haben kannst, sein Denkmal aus unsern Ritterzeiten in unsrer Sprache, unserm so weit abgearteten Vaterlande herzustellen. Ich beneide dir den Traum, und dein edles Deutsches Würken laß nicht nach, bis der Kranz dort oben hange. Und solltest du als denn auch später sehen, wie unter deinem Gebäude der Boden wankt, und der Pöbel umher still steht und gafft, oder höhnt, und die daurende Pyramide nicht alten Ägyptischen Geist wieder aufzuwecken vermag – dein Werk wird bleiben, und ein treuer Nachkomme dein Grab suchen, und mit andächtiger Hand dir schreiben, was das Leben fast aller Würdigen der Welt gewesen:

Voluit! quiescit!

Durchhalterotschöpfe: Dave Morrah: Me and the Liberal Arts, 1960s;
Frank Kane: Green Light for Death, 1956;
Chip Harrison: No Score, 1970, art by Elaine Duillo;
Carter Brown: The Myopic Mermaid, 1961,
alle via McClaverty.

Später Shakespeare: Cole Porter: Brush Up Your Shakespeare, aus: Kiss Me Kate, 1948, Film 1953.

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Written by Wolf

25. Februar 2015 at 14:01

Lamento lacrimoso in Zick-Moll

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Update zu den Ausführungen über Ich hatt‘ einen Kameraden und das Winterreise-„Gute Nacht“ und Wou is denn des Gerchla und Lieblingsbiber:

Für die Fremdwortgegner („Kann man das denn nicht auf Deutsch sagen?!“) unter uns: Tonsetzer ist deutsch und bedeutet: Komponist. Die meisten Tonsetzer, die Sie kennen, waren technisch nicht in der Lage, ihre gesetzten Töne auf CDs festzuschreiben, wofür sie aus Ungnade ihrer frühen Geburt nichts können. Vielmehr mussten sie ihre Musik jedes liebe Mal wieder live vorspielen oder von Musikergruppen unterschiedlicher Mannstärke vorspielen lassen. Das hat bestimmt oft Spaß gemacht, jedenfalls kannten sie es nicht anders.

Wenn die das all die Jahrhunderte lang geahnt hätten, dass ihre Smash-Hits mal in dutzend-, wenn nicht hundertweise (ich grüße den Monsignore Vivaldi) verschiedenen Aufnahmen verkauft werden! Dann hätten sie ihren Hervorbringungen vielleicht anständige Namen verpasst. „Klavierkonzert Nr. 21 A-Dur“, dass ich nicht lache, soll das ein Name sein? Und dann muss man noch den Tonsetzer dazusagen, weil möglicherweise zwei oder zwanzig oder zweihundert Leute 21 und mehr Klavierkonzerte gesetzt haben, vielleicht auch das eine oder andere in A-Dur, und es dann mit keinem halbwegs einprägsamen Namen versehen.

Happy Squid, 15. März 2010Im international gewordenen Musikhandel ist es Unsitte geworden, die Packungsbeilagen zu Klassik-CDs mehrsprachig abzufassen: meistens in Englisch, Französisch und Deutsch, gerne noch Italienisch, besonders bei solchen Tonsetzern, die mit einem i enden. Das Problem dabei ist: Auch die Tonarten heißen in den Sprachen jeweils anders. Ich habe Jahre meiner kulturellen Bewusstheit an die Einsicht gewendet, dass es von Bach nicht eine h-Moll-Messe und dann noch eine b-Moll-Messe vom entgegengesetzten Pol des Quintenzirkels gibt, sondern dass B Minor Mass englisch für h-Moll-Messe steht: h heißt auf englisch B. So deutsch kann ein Tonsetzer gar nicht sein, dass man ihn nicht für den amerikanischen Markt übersetzen müsste.

Klassik-Labels klagen, dass sie nichts verkaufen. Das würde ich auch tun, wenn ich etwas zu verkaufen hätte, aber haben die mal überlegt, dass sie ihre Produkte mit etwas Schlüssigem beschriften könnten? Die Fragen sind doch:

  • Ist in der Kassette mit der Complete Keyboard Music das gleiche drin wie in den Sämtlichen Werken für Klavier?
  • Macht das was, wenn die einen auf Cembalo spielen, die anderen auf Spinett, ganz Verwegene auf Virginal und die für den internationalen Markt auf Harpsichord?
  • Unterscheiden die Engländer wirklich sorgfältig genug zwischen Violinsonaten und Violinkonzerten, und
  • sind dann die Violin Sonatas und Violin Concertoes die gleichen wie die String Sonatas und String Concertoes oder wieder eine ganz andere Werkgruppe?
  • Gehen jetzt 40 oder 46 oder 50 Symphonien auf Mozart, und wer hat die Zuschreibungen erschlossen und warum — „und wenn ja, wie viele“?

Ganz hinterfotzig sind die Tonarten: Okay, ein Fis ist kein Ges, wie man seit dem Pythagoreischen und dem Syntonischen Komma weiß. Folglich ist ein E-is erst recht kein F, obwohl genau den nötigen Halbton höher, oder nicht? Dann kann eine Cellosonate in H kein Cello Concerto in B sein, obwohl sie in der gleichen Tonart steht — weder ein Kreuz höher noch ein b tiefer. Entlang anderer Parallelen ist eine englische major-Tonart kein französischer majeur-Ton, weshalb die Symphony in G minor (von wem? Und welche Nummer?) nicht zwingend mit einem sol mineur anfangen muss. Ist denn wenigstens ein C sharp ein ut majeur?

Anfangs freut man sich, dass die CDs so schöne dicke Booklets haben: So ausführliche Liner Notes, da kann man was lernen! Und dann sind sie drei- bis viersprachig in verschiedenen Stadien des Lektorats, mit Librettoversionen, die nur satirisch gemeint sein können. Die notorisch unterbezahlten Übersetzer kann dabei kein Vorwurf treffen: Übersetzen Sie mal angemessen Beschimpfungen wie „Vergeh, frevelnder Gauch!“ (Wagner) und bleiben Sie dabei ernst. Die restlichen 32 Seiten gehen drauf für Werbung für einen Haufen mies abgemischter „Klassik-Hits“, die höhenlastiger Ihre Lautsprecher zerscheppern als Klassik-Radio durch ambulante Telephon-Ohrenstöpsel. Man spart keineswegs Geldes Wert, indem man den lizenzfreien, beliebig zusammengewürfelten Vier-neunundneunzig-Schrott neben der Kasse kauft, dagegen fährt man mit dem spontan überteuert anmutenden Zeug von cpo und dhm normalerweise richtig gut.

Und Vorsicht: Johann Sebastian Bach hat eine Matthäus-Passion geschrieben. Eine schöne. Sein Sohn Carl Philipp Emanuel Bach auch. Eine schöne. Aber eine andere. Nochmal 19 Euro 99. Muss man wollen. Dafür ist die Markus-Passion von Carl Philipp Emanuel klingende singende Realität, die Markus-Passion von Johann Sebastian eine Hypothese auf Doppel-CD.

Außerdem klingen die Passionen, vor allem die nach Johannes, in kleiner Besetzung (Gardiner) um Klassen besser und durchschaubarer als das überarrangierte massenhafte Gedröhn (Klemperer). Dass man die Empore der Thomaskirche mit halb Leipzig vollstellen kann, muss nämlich nicht heißen, dass es Bach jeden Sonntag getan hat: Die Stellenanweisung „Mit Hauffe“ bezeichnet die andächtige Kirchengemeinde, nicht nur die Nachthemdknaben auf der Empore. So, das zu verbreiten war mir ein Anliegen.

Ich stehe kaufkräftig und konsumwillig im Plattenladen und muss Tonarten umrechnen und Übersetzungen übersetzen. Und meine Frau wundert sich, wieviel Zeit ich bildungsbürgerlicher Schnösel da verbringen kann, und Sony (oder in manchen Fällen Play It Again Sam), dass ich dann doch einfach die Narrow von Soap&Skin kaufe. Die heißt wenigstens anständig.

So tragt a jeds sei Packerl. #firstworldproblems

Happy Squid, 15. März 2010

Bilder: Happy Squid, 15. März 2010;
Soundtrack: Hohe Messe in h-Moll, BWV 232, 1733 unter Karl Richter, aus der hohen Zeit der Viynl-LP 1969 — so ein Ding, für das man ein paar unverdrossene YouTübner immer noch abbusseln möchte.

Bonus Tracks: Soap&Skin: Narrow, 2012 als Playlist.

Written by Wolf

20. Februar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse

Ich trinke ein Glas Burgunder!

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E.T.A. Hoffmann müsste heute als Schweralkoholiker gelten, da gibt es nichts drumrumzureden. So günstig es für seine Zeitgenossen war, dass er dabei seine Stelle als Volljurist nicht etwa so nebenher, sondern ausgesprochen begabt und engagiert versehen haben soll, so glücklich ist es für uns Nachgeborene, dass er unter dem Einfluss legaler Psychogene außer zeichnen und komponieren immer noch geradeaus schreiben konnte.

Wenn es bei Hoffmann was zu trinken gibt, dann gerne Burgunder. Oder Punsch — wahrscheinlich um auf das unausweichliche Ende mit schlimmstmöglichem Schädelweh vorauszuweisen. Es kann auch sein, dass sich mir das bei der jugendlichen Erstlektüre nur so eingeprägt hat, weil der Burgunder in den Kreisleriana schon eine herausragende Rolle spielt.

Ich zitiere das Manuskript Hoffmanns aus dem Kommentar der Ausgabe von Hartmut Steinecke, Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch Band 14 bei Insel, gekürzt, aber mit allen Getränken; deren Hervorhebungen sind Eingriffe von mir.

——— E.T.A. Hoffmann:

1. Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden

in: Allgemeine Musikalische Zeitung, Nr. 52, Leipzig, 26. September 1810, Band I.,
aus: Fantasiestücke in Callot’s Manier. Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten.
Mit einer Vorrede von Jean Paul. Bamberg 1814. Neues Leseinstitut von C. F. Kunz,
1. Band, III. Kreisleriana Nro. 1–6, Manuskriptfassung 1810:

Conrad Kiesel, Das Duett, ca. 1900Sie sind alle fortgegangen — Ich hätt‘ es an dem Zischeln, Scharren, Räuspern, Brummen, durch alle Tonarten bemerken können; es war ein wahres Bienennest das vom Stocke abzieht um zu schwärmen. — Gottlieb hat mir neue Lichter aufgesteckt und eine Flasche Burgunder hingestellt.

Spielen kann ich nicht mehr! — ich bin ganz ermattet; aber ist nicht wieder mein alter herrlicher Freund Sebastian daran Schuld, der mich schon wieder auf starkem Fittig [ab Erstveröffentlichung 1814 ff.: wie Mephistopheles den Faust auf seinem Mantel] hoch durch die Lüfte getragen hat — so hoch, daß ich die Menschlein unter mir nicht sah und hörte, unerachtet sie ein tolles lautes Wesen trieben. — Ein verfluchter verwünschter Abend — aber jezt ist mir wohl und leicht —

In der Manuskriptfassung der Kreisleriana kam der einzige Verweis auf den Goethe’schen Faust also noch gar nicht vor. Zur Erinnerung gab es in Auerbachs Keller nur Rheinwein (im volkstümlicheren „Urfaust“, in dem Auerbachs Keller noch in Prosa steht, präziser bestellt als „echten Nierensteiner“, denn: „Das Vaterland verleiht die besten Gaben.“), als einzigen aus der Weinverkostung ausschließlich im „Urfaust“ Muskatenwein („Spanischen Wein, sonst keinen Tropfen. Ich will nur sehn, wo das hinausläuft“), Champagner Wein (im „Urfaust“ noch allgemein als „Roten Wein, einen Französischen!“ bezeichnet — „Und recht moussierend soll er sein!“), Tokayer („ein Glas vom echten süßen!“) und einen nicht näher bestimmten („Nur nicht lang gefragt.“) zu trinken, und das erst auf Mephistopheles‘ Zutun. Ich wage dennoch zu vermuten, wenn der Zechkumpan Altmayer länger gefragt oder Mephisto ihm Burgunder verordnet hätte, so wäre die Rede davon gewesen. Und alle Fassungen stammen von vor 1811.

Vladimir Lukich Borovikovskiy, Portrait von Prinzessin A.G. Gagarina und Prinzessin V.G. Gagarina, 1802Aber nicht für mich allein thue ich das, sondern für alle diejenigen, die sich hier zuweilen an meinem Exemplar der Johann Sebastian Bachschen Variationen erschienen bey Nägeli, ergötzen und erbauen, bey dem Schluß der dreyßigsten Variation meine Ziffern finden und von dem großen lateinischen: Verte (ich schreib es gleich hin, wenn meine Klageschrift geendet ist), geleitet, das Blatt umwenden und weiter lesen. Diese errathen denn gleich den wahren Zusammenhang der Sache; denn sie wißen es ja, daß der GeheimeRath Röderlein hier, wie man zu sagen pflegt ein Haus macht und zwey Töchter hat, von denen die ganze elegante Welt im Unisono mit Enthusiasmus behauptet, sie tanzten wie die Göttinnen, sprächen französisch wie die Engel, und spielten — sängen — zeichneten wie die Musen. — Es ist doch wirklich recht schön, daß der steinreiche GeheimRath ein solcher warmer Verehrer der Tonkunst ist; in seinen eleganten Zirkeln wird neben allerley leiblicher Nahrung auch immer etwas Musik präsentirt die von der schönen Welt [gestrichen: ebenso] mit eben der Behaglichkeit wie jene, eingenommen wird. Die Einrichtung ist so. — Nachdem jeder Gast Zeit genug gehabt hat den Thee — Punsch u.s.w. einzuschlürfen, rücken die Bedienten die Spieltische heran für den älteren solideren Theil der Gesellschaft der dem losen, kindischen musikalischen Spiel, das Kartenspiel vorzieht, welches keinen unnützen Lärm macht und Geld einbringt.

Als ich schon länger lesen und noch nicht ganz so lange Alkoholika trinken konnte, hab ich mal lange nach Burgunder gesucht, wegen Hoffmann, klar. Und was soll ich sagen: Eine Flasche, auch nur ein Glas Burgunder zu trinken ist ein praktisch aussichtsloses Unterfangen. Burgunder existiert weder in Weinläden noch Gaststätten ohne Vornamen, es gibt immer nur Weißburgunder, Grauburgunder, frühen oder späten.

Baron Francois-Pascal-Simon Gérard, Die Musikstunde. Comtesse de Morel-Vinde und ihre Tochter, 1799Gottlieb bringt zwey Arme voll Musikalien herangeschleppt, da wird geblättert und geblättert. Erst will sie singen: Der Hölle Rache, nachher Hebe sieh in sanfter Feyer, dann: Ach ich liebte, in der Angst schlage ich vor: Ein Veilchen auf der Wiese, oder: Gran dio, aber es bleibt bei der Constanze. —

O quike — miaue — gurgle — ächze — quinkeliere nur frisch darauf los, ich habe den FortißimoZug getreten und orgle mich taub. O Satan! Satan! welcher von deinen höllischen Geistern ist in diese Kehle gefahren, der alle Töne zwickt und zwängt und zerrt. — Vier Saiten sind schon gesprungen, zwey Hämmer invalid. — Meine Ohren gellen, mein Kopf dröhnt, meine Nerven zittern. Sind denn alle unreine Töne kreischender Trompeten in diesen kleinen Hals gebannt? — Das hat mich angegriffen! — ich trinke ein Glas Burgunder!

Die Arie war aus, man applaudirte gewaltig, Fräulein Marie sah die auf dem Schlachtfelde gebliebenen Todten und jemand bemerkte:

„Ja Ja! Mozart und unsere göttliche FinanzRäthin, die setzen den Kapellmeister recht ins Feuer!“

Ich lächelte ganz dumm!

Selbst wenn man die Definition auf zwei Möglichkeiten ausweiten will, nämlich die Unterscheidung nach Rebsorten, die als Burgunder zusammengefasst werden, gegenüber fertigen Weinen, die im Weinbaugebiet Burgund, das weitgehend mit der französischen Region Bourgogne zusammenfällt, gekeltert wurden — selbst wenn man diese Unterscheidung nach gleich zwei unüberschaubaren Vielfalten treffen will, wird allenfalls Pinot, der historisch aus Burgunder-Rebsorten gezüchtet wurde, greifbar — will heißen: erhältlich und erschwinglich.

Hendrick ter Brugghen, Das Duett, 1628Diese Produktion erregte nicht nur allgemeine Aufmerksamkeit sondern hin und wieder sogar einiges Entsetzen, so daß zwey etwas nervenschwache Stiftsfräuleins den Saal verlaßen mußten und ein Major, dem ein Spiel darüber verlohren ging, sich so weit vergaß laut herauszuschreyen: Ey MordtausendSapperment, das nenn ich brüllen! — Ueberhaupt entstand an den Spieltischen eine merkliche Pause schon deshalb, weil sie nun nicht so wie vorher melodramatisch mitwirken konnten welches sich erst recht artig ausnahm und für den Werth des Einfalls während der Musik sprechen zu laßen, hinlänglich entschied. So z. b. während der Arie Ach ich liebte — Sechs Stiche — war so glücklich — ich paße — kannte nicht — Whist! — der Liebe Schmerz — in der Farbe — u.s.w.

— Ich trinke ein Glas Burgunder!

Mit der größten Lust hatte ich zum Chor mitgehammert, den ich dachte: das ist die höchste Spitze der heutigen musikalischen Expositionen und nun ist’s aus: ich schlug daher das Buch zu und stand auf. Da komt der Baron Schönlauge (mein antiker Tenorist) und sagt: O bester Capellmeister, Sie sollen ganz himmlisch fantasiren, o fantasiren Sie doch ein wenig! — Ich versezte ganz trocken, die Fantasie wäre mir heute ganz ausgegangen und indem wir so darüber sprechen hat ein Teufel in Gestalt eines Elegants mit zwey Westen im Nebenzimmer unter meinem Hut die Bachschen Variationen ausgewittert und komt gesprungen: „Ach da hat der Herr Kapellmeister Variationen mitgebracht, die soll er uns noch geben — Variationen lieb ich bis zum Wahnsinn aber die von Gelinek sind doch die besten.“

Der Fat mochte sich einbilden, ich hätte die Variationen mitgebracht, um sie zu spielen und wollte mich jezt bitten laßen weil ich mich so weigerte. Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu und berstet vor Langerweile. Schon bey No 3, entfernen sich mehrere Damen — die Elegants folgten alsbald. Die Röderleins hielten nicht ohne Quaal aus bis No 12 — Die No 15 schlug den ZweyWestenMann in die Flucht. Aus ganz übertriebener Höflichkeit blieb der Baron Schönlauge bis No 30. und trank bloß viel Punsch, den Gottlieb auf den Flügel stellte. Alles wäre gut gegangen aber diese No 30, das Thema riß mich unaufhaltsam fort. — Die Quartblätter dehnten sich plötzlich vor meinen Augen aus zu einem RiesenFolio auf dem tausend kanonische Imitationen jenes Thema’s geschrieben standen und die ich abspielen mußte. Die Noten wurden lebendig und flimmerten und hüpften um mich her — Elektrisches Feuer fuhr durch die Fingerspitzen in die Tasten, der Geist von dem es ausströmte überflügelte die Gedanken — der ganze Saal hing voll dichtem Duft in dem die Lichter düstrer und düstrer brannten — zuweilen sah‘ eine Nase heraus — ein Paar Augen — aber sogleich verschwanden sie wieder und so kam es denn daß ich allein sitzen blieb mit meinem Sebastian Bach.

Ich schenke mir ein. —

Soll man denn ehrliche Musiker so quälen mit Musik wie ich heute gequält worden bin und so oft gequält werde? Wahrhaftig! mit keiner Kunst wird so viel arger Mißbrauch getrieben als mit der hochherrlichen Musica, die in ihrem zarten Wesen so leicht entheiligt wird. —

Was Burgunder in der modernen Wirtschaftswelt ausmacht, stand am 6. Oktober 2014 im Aktuellen Lexikon der Süddeutschen Zeitung auf Seite 4 unter Autorenkürzel G.K.:

Théobald Chartran, La joueuse de mandore, 1879Kein Wort in der Weinwelt verspricht so viel und sagt so wenig über die Qualität eines Produkts wie das Wort Burgunder. Auch wenn man die in Deutschland angebauten Burgundersorten beiseite lässt und sich auf Frankreich konzentriert, ist man immer noch mit einer Vielfalt unterschiedlichster Weine konfrontiert: Die Weinregion Burgund reicht vom Chablis im Norden bis zum Beaujolais im Süden. Was all diese Gebiete miteinander verbindet, sind überhöhte Preise und extreme Qualitätsunterschiede. Wer also erstmals blind Burgunder kauft, wird fast immer enttäuscht sein. Die Weinregionen Bourgogne und Bordeaux galten schon immer als die bedeutendsten Frankreichs. Doch der Ruhm beruht auf einem winzigen Bruchteil dessen, was dort erzeugt wird. Beim Burgunder ist es nur die Côte-d’Or, der etwa 50 Kilometer lange Hangstreifen zwischen Dijon und Santenay, auf dem Weine höchster Qualität gedeihen. Für die wenigen winzigen Spitzenlagen in dieser Zone aber sind immer schon Höchstpreise bezahlt worden. So konnte es passieren, dass Weine der vielleicht berühmtesten Rotwein-Lage der Welt, der nur 1,8 Hektar großen Lage Romanée-Conti, einen neuen Höchstpreis für Auktionsweine erzielt haben. Bei Sotheby’s in Hongkong sind am vergangenen Samstag [also am 4. Oktober 2014] 114 Flaschen Romanée-Conti der Jahre 1992 bis 2010 für umgerechnet 1,3 Millionen Euro ersteigert worden.

Zusammengefasst ist Burgunder manchmal ganz gut, oft sehr teuer, kaum aufzutreiben und nicht einmal genau definiert. O des welschen Namensgewölks!

So viel Begriffsverwirrung hätte ich bei einer so berühmten Weinsorte, dass sie selbst mir Bierfranken etwas sagt, nicht erwartet. Bei Punsch ahnt man wenigstens vorher, dass die Definitionen geradezu von einem Individuum zum anderen erheblich auseinanderklaffen. — Weiter der Kapellmeister Kreisler:

Quelle InternetNun könt‘ ich zu Hause gehn und an meiner neuen KlavierSonate schreiben, aber es ist noch nicht eilf Uhr und ich wette, daß in der schönen SommerNacht dicht neben mir bey dem Oberjägermeister die Mädchen am offnen Fenster sitzen und mit kreischender, gellender, durchbohrender Stimme zwanzigmahl: „Wenn mir dein Auge strahlet“ — aber immer nur diese erste Zeile des verbrauchten Duetts heraus in die Straße schreien. — Schräg über martert einer die Flöte und hat dabey Lungen wie Rameaus Neffe, und in langen langen gedehnten Tönen macht der Nachbar akustische Versuche mit dem Horn. Die zahlreichen Hunde der Gegend werden unruhig und meines Hauswirths Kater aufgeregt durch jenes zärtliche Duett meiner holden Sängerinnen macht dicht neben meinem Fenster, (Sie wißen, meine Herrn! daß mein musikalisch-poetisches Laboratorium ein Dachstübchen ist) der NachbarsKatze, in die er seit dem ersten März verliebt ist, die Chromatische Skala durchjammernd, zärtliche Geständniße. Nach eilf Uhr wird es ruhiger und so lange bleibe ich sitzen da ohnedies noch weißes Papier und Burgunder vorhanden.

Das war jetzt viel Musik und viel zu trinken, was ja oft gut zusammengeht. Den musikalischen Teil wollte ich erst in einer Art Anhang zugänglich machen und kurz erläutern — um schnell zu merken, dass manche der Musikstücke, die Hoffmann noch ganz selbstverständlich geläufig waren, heute ähnlich schwer dingfest zu machen sind wie eine Flasche Burgunder. Meistens ist schon der Nachweis aller Bilder genug Arbeit für eine Textmenge, die ein gebildetes Publikum hintereinander weg lesen soll. Deshalb lagere ich die Playlist als eigenen Weblog-Artikel aus — demnächst an dieser Stelle.

Das war das lezte Glas Burgunder. —

Gottlieb puzt mir die Lichter und scheint sich über mein ämsiges Schreiben zu wundern.

Bilder:

  1. Conrad Kiesel: Das Duett, ca. 1900, Öl auf Leinwand;
  2. Vladimir Lukich Borovikovskiy, Portrait der Prinzessinnen A.G. und V.G. Gagarina, 1802, Öl auf Leinwand, Staatsgalerie Tretyakov;
  3. Francois-Pascal-Simon Baron Gérard: Die Musikstunde (Comtesse de Morel-Vinde und ihre Tochter), 1799: Die stoischen Virtuosinnen tragen Kleider, die griechische und römische Gewänder imitieren, wodurch sie Stil und Werte der Rokoko-Bewegung zurückweisen. Auf dem Notenblatt der Tochter steht: „An meine Mutter“;
  4. Hendrick ter Brugghen: Das Duett, 1628, Öl auf Leinwand, Louvre, Paris;
  5. Théobald Chartran: La joueuse de mandore, 1879, Öl auf Leinwand;
  6. und eins ohne Öl und Leinwand, ca. 2002, unbekannter Quelle, Photoshop auf 72 dpi.

Warum singende Menschen in der E-Kunst allermeistens mit geschlossenem oder nur leicht zum Öffnen geneigtem Munde dargestellt werden, werden wir bei geeigneter Gelegenheit besprechen; siehe Lessing: Laokoon, 1766.

Written by Wolf

13. Februar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

Zeichenstifter

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Ludwig Richter, Frontispiz zu Adalbert Stifter, Bunte Steine, 1853, Band 1Die dtv-Ausgabe von Adalbert Stifters Sämtlichen Erzählungen nach den Erstdrucken, ein veritabler Backstein von Taschenbuch mit 1648 Seiten, orientiert sich an der Historisch-Kritischen Gesamtausgabe im Kohlhammer Verlag und belässt die originale Rechtschreibung. Beides tun Taschenbücher selten. Bei dtv war es eine Unternehmung zu Ehren von Stifters 200. Geburtstag 2005.

Und es zeigt schlagend, wie sich Kommasetzung auf den Tonfall auswirken kann. Die bekannte Passage über das Prinzip des sanften Gesetzes aus der Vorrede zu Bunte Steine wäre mit korrekter Zeichensetzung nach den aktuellen Regeln nicht halb so frappierend.

——— Adalbert Stifter:

Bunte Steine

Ein Festgeschenk. Verlag von Gustav Heckenast, Pest. Leipzig, bei Georg Wigand, 1853.
Vorrede, Im Herbste 1852:

Das Wehen der Luft das Rieseln des Wassers das Wachsen der Getreide das Wogen des Meeres das Grünen der Erde das Glänzen des Himmels das Schimmern der Gestirne halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter, den Bliz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Geseze sind. Sie kommen auf einzelnen Stellen vor, und sind die Ergebnisse einseitiger Ursachen. Die Kraft, welche die Milch im Töpfchen der armen Frau empor schwellen und übergehen macht, ist es auch, die die Lava in dem feuerspeienden Berge empor treibt, und auf den Flächen der Berge hinab gleiten läßt.

Ludwig Richter, Frontispiz zu Adalbert Stifter, Bunte Steine, 1853, Band 2Bunte Steine

1. Band:

  • Vorrede
  • Granit
  • Kalkstein
  • Turmalin

2. Band:

  • Bergkristall
  • Katzensilber
  • Bergmilch

Illustrationen: Ludwig Richter: Frontspize zur Erstausgabe Adalbert Stifter: Bunte Steine, 1853.
Band 1: Motiv aus Granit; Band 2: Motiv aus Bergkristall.

Written by Wolf

6. Februar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

Nunc dimittis mit Fried und Freud

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Update zu Christen haben alle Stunden ihre Qual und ihren Feind, doch ihr Trost sind Christi Wunden, Den Bach runter, Ein schön Exempel Quasimodogeniti, Lieblingsbiber und Barfußläufte (Shakespeare im Freibad):

Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre.

Sigmund Freud, * 1856.

Es ist was es ist.

Erich Fried, * 1921.

Heute vor 290 Jahren, am 2. Februar 1725, ließ Johann Sebastian Bach zu Unser Lieben Frauen Lichtweihe, vulgo Mariä Lichtmess, Mariä Reinigung (Purificatio Mariae), Jesu Opferung im Tempel (Praesentatio Jesu in Templo) oder Darstellung des Herrn, seine Kantate Mit Fried und Freud ich fahr dahin, BWV 125, in der Leipziger Thomaskirche uraufführen.

Goddess BrigidMartin Luthers Text mit der Urmelodie von 1524 nach Simeons Lobgesang im Lukas-Evangelium (Lk 2,29–32) ist ein Komplet-, also Abend- Sterbe- und Begräbnislied, bei den Anglikanern stellt er den Evensong. Nur bei den Protestanten ist er weiterhin dem 2. Februar zugeordnet — mit seinem Winteraustrieb, allerersten Frühlingserwachen, all den im Rest der Christenheit gefeierten Ahnungen von Aufbruch, Hoffnung, Fruchtbarkeit und Neuanfang.

So kann man’s nämlich auch hindrehen:

——— August Müller, 1685:

Bist du ein Christ? Du sagest ja. Hast du Jesum lieb? Du sagest auch ja. Hast du Jesum lieb / so hast du auch Lust bey ihm zu seyn. Wie gern ist eine Braut beym Bräutigamb / ein Kind bey der Mutter / ein Schaf beym Hirten: daß macht die Liebe. Ich frage weiter: Hast du denn nicht Lust zum sterben der Tod bringet dich ja zu deinem Jesu.

Es kann nur ein Lied von Deutschen sein: Sobald von ferne in egal welchem Kontext etwas mit Frieden und Freude vorkommt, reicht denen so eine Novemberstimmung allemal als Frühlingslied; Luther soll es im 1524er Frühjahr gedichtet und vertont haben. Wo ja Lichtmess überhaupt ein recht einnehmender Termin ist, der sich als Lieblingsfeiertag eignet, an dem man niemandem was schenken muss: Da ist es endlich warm genug, dass man gerade mal so wieder an die Luft — und per definitionem ans Licht — kann, und da werden die Dingverträge für die Dienstboten um ein Jahr verlängert — oder eben nicht, und weiter geht’s mit der Walz. Wer Lichtmess noch da ist, bleibt noch ein Jahr. Und Vater Bach, der latent depressive Thüringer, der da geboren wurde, wo Luther in Gefangenschaft das Neue Testament überackerte, nicht faul, walzt das Lutheraner Kirchenlied zu einer ausgewachsenen Lichtmess-Kantate aus. Typisch Evangelen.

Kein Zweifel, mit Fried und Freud lässt sich gut fahren. Haben Erich Fried und Sigmund Freud doch am selben Tag Geburtstag, wenngleich nicht am 2. Februar (Imbolg, Samhain oder Groundhog Day) und einige Jahre auseinander, sondern am 6. Mai — und ich selber dazu.

Wenn das kein Beweis ist! Aber wofür bloß?

Erich Fried, 18-jährigSigmund Freud 1885, 29-jährig

Fried & Freud: 18-jährig & 29-jährig.

Imbolc: Goddess Brigid bei Ginger Goddess Eleonora.

Written by Wolf

2. Februar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Tod