Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Mai 2021

Freundlicher Zuruf/Unwilliger Ausruf (Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist)

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Update zu In einem anderen hochgewölbten, engen gotischen Zimmer und
Die Sonne zeugt das Licht und hat doch selber Flecken (wie viel uns fehlt, wie nichts man weiß!):

Der Eingangsmonolg des Goethischen Doktor Faust übernimmt, sagten wir, Wendungen wie „Zwar bin ich gescheidter als alle die Laffen“ pp. oder „was die Welt im Innersten zusammenhält“ textnah bis wörtlich das „Er kennet von der Welt / was aussen sich bewegt [/] Und nicht die inn’re Kraft / die heimlich alles regt“ aus Albrecht von Hallers Die Falschheit menschlicher Tugenden 1730.

An unserer Stelle hat es damit drei Teile gebraucht, bis bewiesen war, was Albrecht Schöne im Kommentar zur Frankfurter Faust-Ausgabe verkündet, Seite 211:

So hat Goethe durch intertextuelle Verweise die von Haller vorgezeichnete Rolle Newtons auf seinen Protagonisten übertragen: Mit den Eingangsversen des Faust-Spiels tritt der Begründer der neuzeitlichen Naturwissenschaft ins Spiel.

Wäre es zu weit gesprungen zu behaupten, Goethe musste seiner Faust-Figur von Anfang an ein schlimmes Ende zudenken, weil er den ungeliebten Isaac Newton qua Farbenlehre widerlegt haben wollte? — Ja, wahrscheinlich schon, endet Faust ja auch in allen vorhergehenden Bearbeitungen in Tod, Hölle und Verderben; ein Fauststoff mit Happy End steht bis heute noch aus. So weit geht Goethe allerdings noch 1820 — zwölf Jahre nach der Tragödie erstem Theil, aber immer noch ungefähr ebensolange über den Arbeiten an deren zweyten — um in einem Altersgedicht, dem Nebenprodukt seiner morphologischen Forschungen, die Hallerschen Affirmationen Newtons im Wortlaut zurückzuweisen.

So äußert sich diese lebenslange Sturheit als poetischer Anhang zur Morphologie:

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Freundlicher Zuruf

aus: Zur Morphologie I 3, 1820:

Eine mir in diesen Tagen wiederholt sich zudringende Freude kann ich am Schlusse nicht verbergen. Ich fühle mich mit nahen und fernen, ernsten, tätigen Forschern glücklich im Einklang. Sie gestehen und behaupten, man solle ein Unerforschliches voraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher selbst keine Grenzlinie ziehen. – Muß ich mich denn nicht selbst zugeben und voraussetzen, ohne jemals zu wissen, wie es eigentlich mit mir beschaffen sei; studiere ich mich nicht immer fort, ohne mich jemals zu begreifen, mich und andere, und doch kommt man fröhlich immer weiter und weiter. – So auch mit der Welt! Liege sie anfang- und endelos vor uns, unbegrenzt sei die Ferne, undurchdringlich die Nähe – es sei so! Aber wie weit und wie tief der Menschengeist in seine und ihre Geheimnisse zu dringen vermöchte, werde nie bestimmt noch abgeschlossen. – Möge nachstehendes heitere Reimstück in diesem Sinne aufgenommen und gedeutet werden!

Unmittelbar folgt das nachmals selbstständig ausgegliederte Gedicht Allerdings. Das darin eingewobene Zitat ist aus Albrecht von Hallers Lehrgedicht Die Falschheit menschlicher Tugenden von 1730. Dieser Erstdruck trägt noch keine Überschrift, das „heitere Reimstück“, das dem Freundlichen Zuruf folgt, wird nur in Inhaltsverzeichnis als Unwilliger Ausruf ausgewiesen:

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Allerdings

Dem Physiker

ca. 1. Oktober 1820:

Jules Chéret, Poster Faust 1896, Books and Art„Ins Innre der Natur –“
O du Philister! –
„Dringt kein erschaffner Geist.“
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern:
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
„Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist!“

Das hör‘ ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.

Alle die Laffen: Jules Chéret: Plakat für Faust!
mit Lydia Thompson, der europäisch-amerikanischen Burlesque-Ikone des 19. Jahrhunderts, 1896,
Lithographie, Musée des Arts Décoratifs,
via Books and Art, 20. Januar 2021.

Burlesquer europäisch-amerikanischer Soundtrack:
Liza Minnelli: Mein Herr, aus: Cabaret, 1972:

Written by Wolf

28. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

And to watch it dwindle gave him Kugelkopfschwindel

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Update zu Der Fluch des Albatros und
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire:

Damit Hans Wollschläger vor einer Übersetzung zurückschreckt, musste wohl einiges kommen: Der Mann hat eine der wenigen legendär gewordenen Großübersetzungen des 20. Jahrhunderts — dem Ulysses von James Joyce für Suhrkamp 1975 — geliefert, und dann erscheint in derselben Reihe der Gesammelten Gedichte samt Anna Livia Plurabelle 1981 in der Nachbemerkung durch die Joyce-Koryphäen „K. R., F. S.“, was wir sinnvoll als Klaus Reichert und Fritz Senn auflösen dürfen:

Der vorliegende Band bringt fast sämtliche Gedichte von James Joyce, also sowohl die von ihm selbst publizierten wie die zu Lebzeiten nichtpublizierten. Ganz wenige, unerhebliche Stücke sind weggelassen. Bedauerlich ist höchstens das Fehlen eines Gedichts – ‚A Portrait of the Artist as an Ancient Mariner‘ (1932). Dieses fast unverständliche Gedicht hat zum Thema einige Tücken der Ulysses-Publikation wie etwa die Piratendrucke; es hat als formales Gerüst Coleridges ‚Rime of the Ancient Mariner‚. Bis ins kleinste entwirren ließ das Gedicht sich nicht, und die formale Strukturierung wäre für deutsche Leser ohnehin nicht erkennbar. Der Arbeitsaufwand hätte in gar keinem Verhältnis gestanden zu einem irgendwie akzeptablen Resultat.

Den Scan eines Schreibmaschinendurchschlags mit — die Älteren entsinnen sich — Kohlepapier liefert uns heute im Gegensatz zu 1981 die National Library of Ireland, die James Joyce Collection der University at Buffalo merkt zusätzlich an:

Joyce gave this manuscript to Sylvia Beach (see Buffalo MS X.C.244; Joyce to Beach; 30 October 1932; JJSB, p. 185). There is carbon copy of this typescript, without corrections, and two further, different typescript copies in the Zurich James Joyce Foundation as part of the Jahnke Bequest.

There is a note with the manuscript in Sylvia Beach’s hand in blue ink that reads: „referring to the Albatross Press | edition of Ulysses“. The manuscript was folded twice horizontally and once vertically.

Indem wir weit von allen Situationen entfernt sind, in denen wir uns mit Hans Wollschläger messen können, die Suhrkamp-Ausgabe aber zweisprachig ist, tun wir das Unsrige zur Vollständigkeit und machen immerhin Joyces Original zugänglich, das nach den herausgeberischen Drohungen überraschend viel unbefangenen Spaß macht. Korrigiert nach der besagten carbon copy:

——— James Joyce:

A Portrait of the Artist an an Ancient Mariner

Oktober 1932:

James Joyce, A Portrait of the Artist an an Ancient Mariner, 1932, via James Joyce Gazette, 19. April 2020

1) I met with an ancient scribelleer
    As I scoured the pirates‘ sea
    His sailes were alullt at nought coma null
    Not raise the wind could be.

2) The bann of Bull, the sign of Sam
    Burned crimson of his brow.
    And I rocked at the rig of his bricabrac brig
    With K.O. 11 on his prow.

3) Shakesfears & Coy danced poor old joy
    And some of their steps were corkers
    As they shook the last shekels like phantom freckels
    His pearls that had poisom porkers.

4) The gnome Norbert read rich bills of fare
    The ghosts of his deep debauches
    But there was no bibber to slip that scribber
    The price of a box of matches

5) For all cried, Schuft ! He has lost the Luft
    That made his U boat go
    And what a weird leer wore that scribeleer
    As his wan eye winked with woe.

6) He dreamed of the goldest sands uprolled
    By the silviest Beach of Beaches
    And to watch it dwindle gave him Kugelkopfschwindel
    Till his eyeboules bust their stitches.

7) His hold shipped seas with a drunkard’s ease
    And its deadweight grew and grew
    While the witless wag still waved his flag
    Jemmyrend’s white and partir’s blue.

8) His tongue stuck out with a dragon’s drouth
    For a sluice of schweppes and brandy
    And but for the glows on his roseate nose
    You’d have staked your goat he was Gandhi.

9) For the Yanks and Japs had made off with his traps
    So that stripped to the stern he clung
    While increase of a cross, an Albatross
    Abaft his nape was hung.

Die Nachbemerkung von Reichert und Senn fährt an der angegebenen Stelle fort:

Das gleiche gilt leider auch für das Pamphlet ‚From a Banned Writer to a Banned Singer‘: die zahllosen notwendigen Annotationen zu einer völlig ephemeren Geschichte und deren Verarbeitung in den Text hätten kaum die Doppelanstrengung des Übersetzens und des Lesens gerechtfertigt.

Wir müssen also später nochmal dran.

Ottocaro Weiss, James Joyce, Zürich 1915

Bilder: James Joyces Typed carbon copy, via James Joyce Gazette, 19. April 2020;
Ottocaro Weiss: James Joyce in Zürich, 1915,
via Frank Delaney: Seeing Joyce, Public Domain Review, 12. Juni 2012.

Soundtrack: Fran O’Rourke & John Feeley: The Long Farewell,
auf Joyces frisch restaurierter Gitarre, Joyce’s Tower in Sandycove, Dublin, Juni 2013:

Bonus Tracks: BBC Radio 4: James Joyce’s Playlist, Juni 2012:

Written by Wolf

21. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Expressionismus, Handel & Wandel

Der Tod, der alte Hodarsch

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Update zu Ein arger Gast in Trutz und Poch
Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme und
O Anfang sonder Ende (Nichts ist zu finden weit und breit so schrecklich als die Ewigkeit):

Eine meiner Lieblingskolleginnen schrieb mir vergangenen Spätwinter:

Mir träumte, du habest mir zwei Seiten aus einem sehr alten Band mit Essays und Gedichten von dir zukommen lassen, die ich in meinem kleinen Häuschen bei Sonnenschein lesen durfte. Der genaue Inhalt war nicht richtig klar, weil Traum — aber das Schriftbild der Seiten habe ich irgendwie vor Augen und es kamen darin mehrere doppelzeilige gereimte Spottanklagen vor. Die letzte war als eine Art Zwiegespräch mit dem Tod gedacht, den du im Gedicht einen „alten Hodarsch“ nanntest, und ich habe mich den Rest des Traums köstlich über dieses grandiose Schimpfwort amüsiert. Das war einer der schönsten Träume, die ich seit langem hatte.

Dergleichen erfreut das Herz des Schreibers, der die meisten seiner Fans persönlich kennt. So gab ich Antwort:

Lente Scura, Death and the Maiden„Das sieht mir sogar durchaus ähnlich. ‚Mit Essays und Gedichten von dir‘ heißt, die Essays und Gedichte waren von mir geschrieben, oder sind nur aus dem alten Band von mir zu dir gekommen? — Hodarsch, tss. Wenn du sowas magst, schau mal im Volksbuch vom Faust, im Doktor Faustus von Thomas Mann, in den Briefen — weniger den Tischreden, wo man immer zuerst sucht — von Luther, und im Grimmelshausen, der mehr als 1 Buch und das 1 Buch mehr als die ersten zween Capituln hat. Sollte man eh öfter.“

Es war absolut von dir geschrieben! Es klang auch alles so sehr nach dir, dass ich nach dem Aufwachen kurz überlegte, wo ich die Seiten hingelegt habe um das Gedicht nachzulesen!

„Wow. Erwähnte ich, dass ich derzeit viel mit Gedichten befasst bin? Ich will sie formal strenger haben, der Schreibkollege ist mehr für ungefiltertes Rausrotzen, mit keiner Zeit fürs Rumfrisieren. Was ich da traumweise im Vergleich zu den Metrikverächtern unter uns geschrieben haben soll, wäre da schon interessant.“

Es war formal nicht streng, eher unterstrich es das Thema des Essays — aber was da genau stand, das hat mein Gehirn mir vorenthalten. Ich bin ja überrascht, dass auf der Seite tatsächlich ein oder zwei Wörtern entzifferbar waren, angeblich geht das ja in Träumen eigentlich nicht!

„Och, das geht, das geht … Ich träume ja nicht viel, woran ich mich erinnere, aber es waren schon ausformulierte Texte dabei. Die Action bestand dabei in einer Art Kalligraphie mit etwas, das man eintunken muss, auf Blanko-Papier, und hinterher weiß ich noch, dass es Zusammenhang und einen gewissen Sinn ergibt. Manche Leute haben ja tatsächlich wie Allen Ginsberg ein Traumbuch neben dem Bett und benutzen es auch, bei mir rentiert sich das leider nicht. Jetzt versuch ich grad eine Gedicht- oder Essay-Idee aus deinem werten Tarum zu machen.“

Oh, das freut mich! Ich würde so gern irgendwann bei Sonnenschein dein Spottgedicht über den Tod, den alten Hodarsch, lesen!

„Zwei Zeilen war die Vorgabe? Hm… elegisches Distichon wollt ich mir eh schon immer mal draufschaffen — vor allem für mein Soloprojekt eines von Hand hingemurksten Gedichtbandes — und an dem Schimpfwort würd ich noch mal schrauben wollen. Hod heißt doch bestimmt nix Genaues, oder weißt du da was?“

Doch! Hod wie Hodenarsch! Ich wollte dich im Traum sogar fragen, ob das in Bayern ein übliches Schimpfwort ist, weil ich es so witzig und absurd fand!

„Ach so, Hoden, wer kommt denn da auch drauf … Nää, wenn ich das schümpfen wollte, dann eher als ‚Glocken-‚ oder weniger paarweise hergezeigt ‚Beutel-‚ oder ‚Sackarsch‘. Im Grimmschen Wörterbuch finde ich ‚Hode‘ ohne -n als ‚m., auch f., testiculus‘ — tatsächlich auch feminin. Die rein feminine Hode meint danach

HODE, f. schutz, hut, ein niederdeutsches, von Möser in seinen schriften oft gebrauchtes wort: andere aber, die auf den gründen eines schutzheiligen oder schutzherrn saszen, waren auch an dessen schutz gebunden, und man nannte sie nothfreie. ein solcher schutz heiszt bei uns hode oder hut, anderwärts aber hye, hege oder pflege. osnabr. gesch. 1, 70; die biesterfreiheit zwingt die leute zur hode, und hode redet wider den leibeigenthum. patr. phant. 3, 143.

oder ‚den bretternen kasten eines last- oder botenwagens, vielleicht auch diesen selbst. das wort, das in verwandtschaft zu dem sp. 572f. aufgeführten haudern und den daselbst genannten formen zu stehen scheint, wird gestützt und weiter beleuchtet durch eine reihe oberdeutscher verbal- und substantivbildungen: hodel- oder hudelwagen, wagen dessen kiefe oben mit ketten zusammengeraitelt werden, verschieden vom leiterwagen‘ pp. — also nichts, um es zu schimpfen.

Und ich brech ja ab: Bei Adelung ist ‚Hode‘ ausschließlich weiblich:

Die Hode, plur. die -n, die rundlichen aus vielen zusammen gewickelten Gefäßen bestehenden Samenbehältnisse bey dem männlichen Geschlechte der Menschen und Thiere; mit einem ungewöhnlichern Ausdrucke die Geilen, die Geburtsgeilen, in den niedrigen Sprecharten die Klöße, Lat. Testes, Testiculi. Einem Thiere die Hoden ausschneiden, es castriren.

Anm. Schon bey dem Raban Maurus im achten Jahrhunderte Hodon. Ihre leitet es von dem Schwed. Kudde, ein Sack, eine Tasche, her, welches zu unserm Kutte gehöret, S. dasselbe. Allein alsdann müßte der Hodensack, welcher im Schwed. Kudde heißt, eigentlich den Nahmen der Hode führen, welches doch nicht ist. Vermuthlich hat die erhabene rundliche Gestalt dieser Theile auch zu dieser, so wie zu den meisten übrigen Benennungen Anlaß gegeben, und da würde dieses Wort zu ha, hoch, Isländ. hatt, und Haupt, Nieders. Höd, gehören. Im Oberdeutschen ist dieses Wort männlichen Geschlechtes, der Hoden, des -s. Eben daselbst wurden sie ehedem auch Heckdrüsen genannt, S. dieses Wort, ingleichen Gleichlinge.

— wobei ‚Heckdrüsenarsch‘ sich trefflich in einen geschimpften Hexameter fügen könnte. Glaubt einem bloß wieder keiner.“

— und woraufhin besagte Kollegin vorerst verstummte, sei es, weil das Thema für sie dann ausgeschöpft war, oder sie selbst davon überfordert. Ist ja auch kein Thema, über das man’s über das linguistische Maß hinaus mit fremden Damen hat. Mein Epigramm im Elegeion geriet mir indessen so:

Spottlied auf den Tod

Meister aus Deutschland, Gesell aller Welt und stutzköpfigster
     Lehrling von allem was Leben heißt, pack deine Sense und stirb.
Wenn du auch das nicht kannst, findest du leicht ein paar müde Gestalten;
     nimm dir erst die und verfrachte den klapprichten Beinarsch zur Ruh.
Lass dir die Zeit, die du brauchst, um die Freude am Leben zu lernen:
     Mit deinen Knochen, Freund Hein, hau ich noch die Äpfel vom Baum.

Esao Andrews, Death and the Maiden

„Hodarsch“, erkärte ich dazu, war im Wachzustand nicht zu verantworten, klappricht musste er aus metrischen Gründen sein. Worauf sie abschloss:

Wundervoll! Ich werd es ausdrucken und eines Tages bei Sonnenschein in meiner Finca lesen, wie in meinem Traum.

„Mir träumte, du habest“ — so reden die Leute in ungeträumter Wirklichkeit mit mir. So muss das gehen mit der Lyrik.

Deaths and the Maidens: Lente Scura, Digital Art, via Before I Forget, 4. Juni 2018;
Esao Andrews, via Frank T. Zumbach, 13. November 2013.

Soundtrack vor der Finca: Chris Rodrigues & Abby die Löffeldame: I Done Died (Ich bin tot), 2018:

Written by Wolf

14. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Vier letzte Dinge: Tod, ~ Weheklag ~

Morgenstern über Greifswald (und keiner schaut hin)

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Update zu O selige Epoche,
Flintenwerfen und
Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10:

Es hätte ein so schönes Leben sein können: Da wird einer pünktlich erst nach dem einen Krieg geboren und stirbt pünktlich vor dem anderen — da kämpft er den größten Teil seiner Erdenzeit gegen eine lebenseinschränkende bis -bedrohliche Tuberkulose; da schafft er in seiner schönsten Phase mit seinen besten Kumpanen den zeitlosen Klassiker der Galgenlieder — und muss sich in der Folge lebelang ärgern, auf seine Studentenscherze reduziert zu werden. Irgendwas ist immer.

Leicht gemacht hat er sich’s, was vor diesem Hintergrund niemanden wundern muss, mit seinem „bürgerlichen Drama“ Ecce Civis. Verständlich, aber schade, dass dieses kurze, aber im Live-Betrieb beliebig zu erweiternde Stück so obskur ist und offenbar erst entschieden posthum um 1976 uraufgeführt wurde: Gerade Stellen wie „Das gesamte Tischgerät entwickelt eine lustige Musik“ (erster Akt), „Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann“ (zweiter Akt) und „Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab“ (dritter Akt) bieten den Darstellenden unschlagbare Möglichkeiten zum Herumbrillieren. Von der Maskenbildnerei ganz zu schweigen.

——— Lyrikzeitung:

Literarisches Greifswald (1)

in: Lyrikzeitung & Poetry News, 15. November 2015:

Wanderer, kommst du nach Spa-, nach Greifswald.

Greifswald liegt am Rand, aber es hat doch dies und das, sogar Literarisches. Vielleicht mache ich eine Folge. Ich beginne mit Christian Morgenstern. Mir sind keine Aufenthalte M.s in Greifswald bekannt. Geboren in München, gestorben in Meran, verbrachte das halbe Leben in Sanatorien, etwa in Birkenwerder. Wenn er an die See fuhr, so war es Helgoland, Sylt oder Föhr, oder gleich Norwegen.

Trotzdem steht sein Name an einer Hauswand in Greifswald:

Kapaunenstraße Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015
„In diesem Hause fand die
Erstaufführung von
Chr. Morgensterns Ecce Civis
unter der Leitung I.Sulks statt.“

Die Tafel wurde wahrscheinlich in den siebziger Jahren angebracht. Tatsächlich hing sie nicht an diesem Haus, das ein Neubau aus den End-80ern oder Früh-90ern ist. An dieser Stelle standen 2 Häuser, in einem ein Milchladen und im andern ein Zeitschriftenladen. Sie fielen der Tabula-Rasa-Abrißsanierung in den letzten DDR-Jahren zum Opfer. Die Tafel war dann längere Zeit verschwunden, erst vor Monaten fiel sie mir wieder auf. Sie hing damals nicht in der Kapaunenstraße, sondern vorn in der Langen Straße, die damals „Straße der Freundschaft“ hieß, vom Volksmund auf F-Straße verkürzt. Auch will mir die Erinnerung einreden, daß früher das Datum der Uraufführung auf der Tafel stand, irgendein Jahr in den 70ern, vielleicht 1976? Aber ich habe keine Fotos, einziges Indiz der gute Erhaltungszustand der also wohl neuen Tafel.

In einer DDR-Zeitschrift, „Das Magazin„, stand damals ein Artikel über die Tafel. Ich weiß nur noch, der Verfasser hielt das für einen Scherz, einen Ulk, er meinte, I. Sulk müsse „Is Ulk“ gelesen werden. Aber das stimmt nicht, der Herr Sulk war ein dort lebender Greifswalder.

Demnach hatte der Autor nicht recherchiert, sondern nur auf der Durchreise das Schild fotografiert und den Rest zusammenspekuliert. Es gibt gute Gründe, einen Ulk zu vermuten. Ein Blick auf das Personenverzeichnis des Kurzdramas zeigt das:

Personenverzichnis Ecce Civis, Christian Morgenstern. Ausgewählte Werke, Seite 455, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015

Ein hübsches Junggesellenzimmer mag auch der Ort der Erstaufführung gewesen sein. Aber wieso Ulk? Ich sehe es vor mir. Erste Zigarre: läßt Ringel zur Decke steigen. Mehrere Teller: klappern. Gabeln: klirren. Eine Zigarette: fängt an zu brennen. Der erste Akt endet so: „DAS GESAMTE TISCHGERÄT entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.“ Lange vor der bruitistischen Musik der Futuristen und dem bruitistischen Krippenspiel des Hugo Ball hat Christian Morgenstern die Chose erfunden. Und erstaufgeführt wurde es in Greifswald, Straße der Freundschaft.

Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015
Das jetzige Haus von vorn

Soweit die Informationen — oder vielmehr der Mangel daran — über Morgensterns Spuren in Greifswald. Ausführlicher wird seine literarische Nachwirkung vom vermutlich selben, nur diesmal namentlich ausgewiesenen Autor Dr. phil. Michael Gratz unter Morgenstern in der DDR — der an dieser Stelle warm zur Kenntnisnahme über persönlich nähergebrachte deutsch-deutsche Literaturgeschichte und Grenzverkehr empfohlen sei! — fürs L&Poe Journal 1 (2021), die Ausgabe zu Morgensterns 150. Geburtstag am 6. Mai beschrieben. Ein prominenter Greifswalder Bürger namens I. Sulk, dessen Name möglicherweise nur „Ulk is“, kann auch dort nicht nachgewiesen werden. An unserer Stelle erscheint so oder so der Volltext des Dramas sinnvoller:

——— Christian Morgenstern:

ECCE CIVIS

Ein bürgerliches Drama

um 1898, in: Klaus Schuhmann: Christian Morgenstern. Ausgewählte Werke,
Insel, Leipzig 1975, Seite 455–457,
cit. nach L&Poe Journal 1 (2021), 15. Februar 2021:

HANDELNDE

Eine Kiste Zigarren
Eine Schachtel Zigaretten
Ein mit zwei Kuverts gedeckter Esstisch
Eine grosse gedeckte Gesellschaftstafel
Ein Tablett mit Kaffeegeschirr
Ein Tablett mit Wein
Ein Tablett mit Bier

Parfümflaschen, Tüten mit Konfekt, Löffel, Messer, Gabeln, Kohlenschaufeln, Schmapsservice, große und kleine Brotkörbe, Ausguß, Wasserhähne, Putzlappen, Korkzieher, Zuckerdose usw. usw. nach Bedarf und Belieben.
Dazugehörige Personen.

Erster Akt

Ein hübsches Junggesellenzimmer.

Erste Zigarre läßt Ringel zur Decke steigen. Der dazugehörige Herr sagt etwa: Wo nur die Fanny heut so lang bleibt! Läßt sich vom Zimmer zu schaffen machen.

Mehrere Teller klappern.

Gabln klirren.

Eine Tüte mit Datteln

wird irgendwo versteckt.

Eine Flasche Sekt knallt. Der dazugehörige Diener sagt etwa: Bleibt heut das Fräulein aber lang!

     Nach einer Weile klopft es, und die Erwartete kommt.

Eine Zigarette fängt an zu brennen. Der dazugehörige weibliche Mund sagt etwa: Du hast wohl heut etwas warten müssen, Fredi.

Die Zigarre: Du machst dir eben nichts aus mir.

Die Zigarette: Ach geh, was du dir auch immer einbildst; Komm, eß mer. Man setzt sich zu Tisch.

Das gesamte Tischgerät entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt Bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.

Zweiter Akt

Ein Salon.

Eine Menge Zigarren und Zigaretten mit dazugehörigen Personen beiderlei Geschlechts kommt aus dem im Hintergrund durch eine breite Flügeltür sichtbaren Speisesaal, nicht jedoch ohne des öftern dahin zurückzukehren, ein Glas Wein, ein Stück Torte zu sich zu nehmen, einen Toast auszubringen oder dergleichen.

Erste Zigarre: Das mit der Huber soll also wirklich wahr Sein?

Zweite Zigarre: Meine Frau hat die zwei mit eignen Augen –

Eine Zigarette: Mit eignen Augen!

Ein Stück Torte: Um Gottes willen, seid still! Dort kommt er!

Mehrere Zigarren und Zigarette: Pst! pst! pst!

Dritte Zigarre in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Guten Abend, meine Damen und Herren!

Sämtliche Zigarren und Zigaretten: Guten Abend, Herr Müller.

Zweite Zigarre und dritte Zigarette zugleich: Bitte, meine Herrschaften, der Kaffee!

Ein Tablett mit Kaffeetassen beherrscht auf längere Zeit die Situation.

Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann.

Dritter Akt

Ärmliche Giebelstube.

Eine Zigarette sitzt mit dem dazugehörigen Fräulein Fanny vor einem Tisch.

Löffel, Messer, Gabeln lassen sich von ihr putzen und führen eine Weile das Wort.

Eine Zigarre in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Grüß dich Gott, Fanny!

Die Zigarette: Jessas, Fredi, wo kommst denn du jetzt her?

Die Zigarre: Es mußte sein. Aber erst schaff mir was zu trinken, ich bin wie ausgedorrt.

Die Zigarette: Ich hab bloß Bier da.

Die Zigarre: Schadt nichts. Gib nur her! Fanny – zwischen uns muß Es aus sein. Schenkt Bier ein.

Die Zigarette zitternd: Ich hab mir’s ja gedacht.

Die Zigarre paFFend: Also machen wir’s kurz.

Die Zigarette liegt mit dem Kopf auf dem Tisch.

Das Bierglas trommelt.

Die Löffel, Messer und Gabeln machen einen nervösen Lärm. Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab, an deren Schluß das Ende des Stückes steht.

Die Zigarre mit Zubehör verschwindet von der Bühne.

Die Zigarette erlischt.

Der Vorhang fällt.

Ende.

Greifswald, Ecke Lange Straße und Kapaunenstraße Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015

Bilder: Lyrikzeitung: Literarisches Greifswald (1), 15. November 2015;
Michael Gratz: Morgenstern in der DDR, in: L&Poe Journal 1 (2021), 15. Februar 2021 .

Soundtrack bruitistischer Musik: Luigi Russolo: Serenata per intonarumori e strumenti, 1924:

Bonus Track: The Art of Noise featuring Duane Eddy: Peter Gunn, aus: In Visible Silence, 1986:

Written by Wolf

7. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Schall & Getöse

Die Fahne der Arbeitnehmerschaft

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Update zu Trotzki, Fauser und die Goetheforschung,
Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?) und
Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge:

Ergreife die Macht, du Hurensohn, wenn man sie dir gibt!

Anonymer Arbeiter zu Виктор Михайлович Чернов, 4. Juli 1917.

Während des Juliaufstands 1917 meuterten die Kronstädter Matrosen mit Roten Garden gegen die Kaiserlich Russische Marine:

Der ausgerufene Generalstreik scheiterte jedoch ebenso wie eine schlecht koordinierte Erhebung der Kronstädter Matrosen und Roten Garden. Sie begleiteten eine Demonstration mit angeblich bis zu 500.000 Teilnehmern zum Taurischen Palais, dem Sitz sowohl der Petrograder Sowjets als auch der Staatsduma. Dort nahmen sie den sozialrevolutionären Landwirtschaftsminister Wiktor Michailowitsch Tschernow als Geisel, nachdem er sowohl seinen Rücktritt als auch eine Machtübergabe an die Sowjets verweigert hatte. Er wurde von Leo Trotzki befreit, der die Demonstranten mahnte, ihr Anliegen nicht zu „besudeln“. Am Newski-Prospekt kam es zu einem Schusswechsel, die Demonstranten flohen in Panik. Weitere Schießereien folgten, nach zwei Tagen waren 500 Tote und Verletzte zu beklagen.

——— Николай Николаевич Суханов:

Записок о революции — мемуаров о событиях 1917

Augenzeugenbericht der Russischen Revolution,
cit nach Danil Gaido: Die Julitage, Marx 200, 19. Oktober 2017:

Harry Rowohlt, Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, Edition Tiamat 2017Alle Arbeiter und Soldaten in Petersburg nahmen daran teil. Aber was war das politische Charakter der Demonstration? ‚Wieder Bolschewiki‘, merkte ich an, als ich die Parolen ansah, ‚und da hinten ist noch eine Kolonne der Bolschewiki.‘ ‚Alle Macht den Sowjets!‘ ‚Nieder mit den zehn Minister-Kapitalisten!‘ ‚Friede den Hütten, Krieg den Palästen!‘ Auf diese kräftige und gewichtige Weise brachte Arbeiter-Bauer-Petersburg, die Vorhut der russischen- und Weltrevolution, seinen Wille zum Ausdruck. […]

Der Pöbel befand sich in Aufruhr, wohin man auch blickte … Ganz Kronstadt kannte Trotzki und, so dachte man, vertraute ihm. Doch er begann seine Rede, und die Menge wich nicht zurück. Wäre in diesem Moment ein Schuss gefallen, als Provokation, es hätte ein fürchterliches Gemetzel stattfinden können, und wir alle, Trotzki eingeschlossen, wären vielleicht zerfetzt worden. Trotzki, in großer Erregung und unfähig, in dieser aufgeheizten Atmosphäre die richtigen Worte zu finden, konnte kaum die Aufmerksamkeit derer gewinnen, die ihm am nächsten standen. Als er sich Tschernow selbst zuwandte, geriet die Menge, die um den Wagen herumstand, in Wut. ‚Ihr seid gekommen, euren Willen zu bekunden und dem Sowjet zu zeigen, dass die Arbeiterklasse die Bourgeoisie nicht länger an der Macht sehen will [sprach Trotzki]. Aber warum wollt ihr eurer Sache schaden mit kleinlichen Gewaltakten gegen zweitrangige Individuen?‘ Trotzki streckte seine Hand einem Matrosen entgegen, der besonders heftig protestierte … Mir schien, der Matrose, der Trotzki bestimmt mehr als einmal in Kronstadt hatte sprechen hören, hätte nun das bestimmte Gefühl, dass Trotzki ein Verräter sei. Er erinnerte sich an seine früheren Reden und war verwirrt … Unschlüssig, was zu tun sei, ließen die Kronstädter Tschernow gehen.

Und jetzt alle:

——— Harry Rowohlt:

Matrosen von Kronstadt

Arbeiterlied, 1917, aus: Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, Edition Tiamat 2017:

Verronnen die Nacht
und der Morgen erwacht,
rote Flotte mit Volldampf voraus.
Durch Stürme und Tosen
die roten Matrosen,
wir fahren als Vorhut hinaus.

Vorwärts an Geschütze und Gewehre
auf Schiffen, in Fabriken und im Schacht.
Tragt über den Erdball, tragt über die Meere
die Fahne der Arbeitermacht.

Mag der Sturm uns zerzausen,
die Wellen, sie brausen,
die rote Flut, sie steigt an.
Vorwärts, Kommunisten,
zum Endkampf wir rüsten,
die rote Marine voran.

Vorwärts an Geschütze und Gewehre
auf Schiffen, in Fabriken und im Schacht.
Tragt über den Erdball, tragt über die Meere
die Fahne der Arbeitnehmerschaft.

BIld, weil historisches Material grundsätzlich nur über den
Kronstädter Matrosenaufstand 1921 aufzufinden war:
Harry Rowohlt: Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, 2017.

Bonus Track instrumentiert:

Written by Wolf

1. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento