Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Lessing Luther Lemnius

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Update zu Ein arger Gast in Trutz und Poch
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Du hast vns zu kot vnd vnflat gemacht vnter den Völckern.

Klagelieder Jeremias 3,45.

Faden 1: Wie man aus einem Brief von Melanchthon weiß (an Veit Dietrich L., 22. Juli 1538), lag Martin Luther im Juli 1538 an der Dissenterie erkrankt darnieder. Dissenterie ist graeco-lateinisch und heißt Ruhr, Diarrhö oder Dünnschiss:

Lutherus dysenteria laborat iam dies sedecim Medici iubent nos bene sperare. Et nos uota facere, ut Deus ei uitam proroget, aequum est.

Faden 2: Über Simon Lemnius ist heute nicht viel mehr bekannt, als was Lessing 1753 in der ersten seiner fünf Rettungen ehrend verbreitet hat — und weil es eine Ehrenrettung war, richtete sie sich an jemanden, der dem Lemnio als einem historisch bekannten Ketzer abhold war, in Briefform.

Lessings Sammlung Briefe von 1753 ist eine Aufbereitung philosophisch-kritischer Arbeiten für seine erste eigene Werkausgabe und richtet sich an fiktive Korrespondenten, in unserem Fall an einen „Herrn P.“, deren Antworten deswegen jeweils verschwiegen, nur implizit vorausgesetzt werden, und ist nicht zu verwechseln mit der Sammlung Briefe, die neueste Litteratur betreffend von 1759–1765.

M.A.K.photo, Wittenberg Impressions, 12.Oktober 2010

Zweiter Brief

An ebendenselben

Wahrhaftig, ich bewundre Sie! Ein Beiwort, an dessen Nachdruck ich nicht einmal gedacht hatte, legen Sie mir in allem Ernste zur Last? Ich fürchte, ich fürchte, wir werden über den armen Simon Lemnius in einen kleinen Zank geraten. Und da sehen Sie es, daß ich das Herz habe, ihn noch einmal so zu nennen, ob Sie ihn gleich den verleumderischen, den boshaften, den meineidigen, den unzüchtigen heißen. Aber sagen Sie mir doch, geben Sie ihm diese Benennungen, weil Sie seine Aufführung untersucht haben, oder weil sie ihm von andern gegeben werden? Ich befürchte das letztere, und muß also den armen Lemnius doppelt beklagen. War es nicht genug, daß ihn Luther verfolgte, und muß sein Andenken auch noch von der Nachwelt befeindet werden? Aber Sie erstaunen; Luther und verfolgen, scheinen Ihnen zwei Begriffe zu sein, die sich widersprechen. Geduld! Wann Sie wollen, so will ich Ihnen alles erzählen; und alsdann urteilen Sie. Vorher aber muß ich Sie um alles was heilig ist bitten, mich nicht für einen elenden Feind eines der größten Männer, die jemals die Welt gesehen hat, zu halten. Luther stehet bei mir in einer solchen Verehrung, daß es mir, alles wohl überlegt, recht lieb ist, einige kleine Mängel an ihm entdeckt zu haben, weil ich in der Tat der Gefahr sonst nahe war, ihn zu vergöttern. Die Spuren der Menschheit, die ich an ihm finde, sind mir so kostbar, als die blendendste seiner Vollkommenheiten. Sie sind so gar für mich lehrreicher, als alle diese zusammen genommen; und ich werde mir ein Verdienst daraus machen, sie Ihnen zu zeigen.1 – – Zur Sache also! Lemnius, oder wie er auf Deutsch heißt, Lemichen, lag den Wissenschaften in Wittenberg ob, eben als das Werk der Reformation am feurigsten getrieben ward. Sein Genie trieb ihn zur römischen Dichtkunst, und mit einer ziemlich beträchtlichen Stärke darinne verband er eine gute Kenntnis der griechischen Sprache, welches damals noch etwas seltnes war. Sein muntrer Kopf und seine Wissenschaften erwarben ihm die Freundschaft des Melanchthons, welcher ihn mit Wohltaten überhäufte. Sabinus, der Schwiegersohn des Melanchthons, befand sich damals auch in Wittenberg. Zwei gleiche Köpfe auf einer hohen Schule werden sich leicht finden, und Freunde werden. Sabinus und Lemnius wurden es auf die ausnehmendste Weise, und ich finde, daß auch die darauf folgenden Händel ihre Freundschaft nicht geendet haben. Im Jahre 1538 kam es dem Lemnius ein, zwei Bücher lateinischer Sinnschriften drucken zu lassen. Er ließ sie also unter sei nem Namen drucken; er ließ sie in Wittenberg drucken, und brachte sie vorher, wie ich es höchst wahrscheinlich zeigen kann, dem Melanchthon zur Beurteilung. Diese drei Umstände, mein Herr, erwägen Sie wohl; sie beweisen schon so viel, daß Lemnius ein gut Gewissen muß gehabt haben. Melanchthon fand nichts anstößiges darinne, wie es Sabinus dem Drucker versicherte. Nunmehr wurden sie bekannt gemacht; aber kaum waren sie einige Tage in den Händen der Leser gewesen, als Luther auf einmal ein entsetzliches Ungewitter wider sie, und ihren Verfasser erregte. Und warum? Fand er etwa jene lascivam verborum licentiam darinne? Diese wäre vielleicht zu entschuldigen gewesen, weil sie der Meister in dieser Art des Witzes, Martial, Epigrammaton linguam nennt. Oder fand er, daß sie giftige Verleumdungen enthielten, die Ehre eines unschuldigen Nächsten zu brandmalen? oder fand er gar seine eigene Person darinne beleidigt? Nein; alles das, weswegen Sinnschriften mißfallen können, mißfiel Luthern nicht, weil es nicht darinne anzutreffen war; sondern das mißfiel ihm, was wahrhaftig an den Sinnschriften das anstößige sonst nicht ist: einige Lobeserhebungen. Unter den damaligen Beförderern der Gelehrsamkeit war der Kurfürst von Mainz Albrecht einer der vornehmsten. Lemnius hatte Wohltaten von ihm empfangen, und mit was kann sich ein Dichter sonst erkenntlich erzeigen, als mit seinen Versen? Er machte also deren eine ziemliche Menge zu seinem Ruhme; er lobte ihn als einen gelehrten Prinzen, und als einen guten Regenten. Er nahm sich aber wohl in Acht, es nicht auf Luthers Unkosten zu tun, welcher an dem Albrecht einen Gegner hatte. Er gedachte seines Eifers für die Religion nicht mit einem Worte, und begnügte sich, seine Dankbarkeit mit ganz allgemeinen, ob gleich hin und wieder übertriebenen Schmeicheleien an den Tag zu legen. Gleichwohl verdroß es Luthern; und einen katholischen Prinzen, in Wittenberg, vor seinem Angesichte zu loben, schien ihm ein unvergebliches Verbrechen. 2 Ich dichte diesem großen Manne hierdurch nichts an, und berufe mich deswegen auf sein eigen Programma, welches er gegen den Dichter anschlagen ließ, und das Sie, mein Herr, in dem 6ten Tome seiner Schriften, Altenburgischer Ausgabe, nachlesen können. Hier werden Sie seine Gesinnungen in den trockensten Worten finden; Gesinnungen, welche man noch bis auf den heutigen Tag auf dieser hohen Schule beizubehalten scheinet. Luther donnerte also mündlich und schriftlich wider den unbehutsamen Epigrammatisten, und brachte es in der ersten Hitze so gleich dahin, daß ihm Stubenarrest angekündigt ward. Ich habe immer gehört, daß ein Poet eine furchtsame Kreatur ist; und hier sehe ich es auch. Lemnius erschrak desto heftiger, je unvermuteter dieser Streich auf ihn fiel; er hörte, daß man allerhand falsche Beschuldigungen wider ihn schmiedete, und daß Luther die ganze Akademie mit seinem Eifer ansteckte; seine Freunde machten ihm Angst, und prophezeiten ihm lauter Unglück, anstatt ihm Mut einzusprechen; seine Gönner waren erkaltet; seine Richter waren eingenommen. Sich einer nahen Beschimpfung, einer unverdienten Beschimpfung zu entziehen, was sollte er tun? Man riet ihm zur Flucht; und die Furcht ließ ihm nicht Zeit zu überlegen, daß die Flucht seiner guten Sache nachteilig sein werde. Er floh; er ward zitiert; er erschien nicht; 3 er ward verdammet; er ward erbittert; er fing an seine Verdammung zu verdienen, und tat, was er noch nicht getan hatte; er verteidigte sich, so bald er sich in Sicherheit sahe; er schimpfte; er schmähte; er lästerte. – – Soll ich in meinen künftigen Briefen fortfahren, Ihnen mehr davon zu sagen? Ich bin etc.

[Fußnoten:]

1 So muß der sprechen, der aus Überzeugung und nicht aus Heuchelei lobt. Aus dieser letztern Quelle sind, leider ein großer Teil der uneingeschränkten Lobsprüche geflossen, die Luthern von unsern Theologen beigelegt werden. Denn loben ihn nicht auch diejenigen, deren ganzen, losem Geize und Ehrgeize man es nur allzuwohl anmerkt, daß sie im Grunde ihres Herzens, nichts weniger als mit Luthern zufrieden sind? die ihn heimlich verwünschen, daß er sich auf Unkosten seiner Amtsbrüder groß gemacht, daß er die Gewalt und den Reichtum der Kirche den Regenten in die Hände gespielt, und den geistlichen Stand dem weltlichen Preis gegeben, da doch dieser so manche Jahrhunderte jenes Sklave gewesen?

2 Es war den ersten Reformatoren sehr schwer, dem Geiste des Pabsttums gänzlich zu entsagen. Die Lehre von der Toleranz, welche doch eine wesentliche Lehre der christlichen Religion ist, war ihnen weder recht bekannt, noch recht behäglich. Und gleichwohl ist jede Religion und Sekte, die von keiner Toleranz wissen will, ein Pabsttum.

3 Lemnius hätte, wie Alkibiades, den die Athenienser zurückberiefen, um sich gegen seine Ankläger zu verteidigen, antworten können:

Ευνϑες, τον εχοντα δικην ζητειν αποφυγειν, ενον φυγειν.

Und als man den Alkibiades fragte, ob er seinem Vaterlande (τη πατριδι) nicht zutraue, daß es gerecht sein werde, antwortete er: auch meinem Mutterlande nicht (τη μητριδι). Wie leicht kann es nicht aus Irrtum oder Unwissenheit ein schwarzes Steinchen für ein weißes greifen.

Zu der Nachricht, daß ihn seine Landesleute zu Tode verurteilt, sprach er: wir wollen ihnen zeigen, daß wir noch leben. Er ging zu den Lacedemoniern und erregte den Atheniensern den dekelikischen Krieg. Aelian. XIII. c. 38.

David Clonel, Panorama of the center of Lutherstadt Wittenberg, 30. April 2016

Mit Lemnius beschäftigt Lessing sich acht seiner Briefe lang – wie gesagt: ehrend und rettend, doch ohne darüber als guter Protestant unter Beobachtung einer gestrengen Zensur Luther zu verunglimpfen; ungekürzt stehe hier nur der erste davon. Anschließend wird es unübersichtlich politisch. Aus dem Dritten Brief fällt allerdings schlagend die Stelle auf:

Ich will mich dieses zu widerlegen nicht dabei aufhalten, was ich von den Grenzen einer erlaubten Satyre hernehmen könnte; sondern ich will mich gleich zu dem Zeugnisse selbst wenden, auf welches Sie sich berufen. Lassen Sie uns also die Stelle aus des Matthesius Predigten über das Leben unsers Luthers näher betrachten. Hier ist sie: „Im 38. Jar thet sich herfür ein Poetaster, Simon Lemchen genant: der fing an, viel guter Leut mit schendlichen und lesterlichen Versen zu schmehen, und die grossen Verfolger des Evangelii mit seiner Poeterey zu preisen, auch unsern Doctor in seiner Krankheit zu verhöhnen, dazu ihm grosser Leut Verwandten halffen, daß soche Schmehschriften gedruckt, und heimlich ausgestreuet wurden, wie auch dieser Lemnius hernach eine Rifianische und greuliche Lesterschrift, die er den Hurenkrieg nennet, dem heiligen Ehestand und der Kirchendiener Ehe, und viel erbaren Frauen zu Unehren ließ ausgehen etc.“ Als Prediger, bin ich hier mit dem guten Matthesius recht wohl zufrieden, aber als Geschichtschreiber gar nicht. Eine einzige Anmerkung wird seine Glaubwürdigkeit verdächtig machen. Er sagt, Lemnius habe Luthern in seiner Krankheit verhöhnt. Wo finden Sie in den ersten zwei Büchern die geringste Spur davon? Suchen Sie, so viel Sie wollen! Matthesius begeht hier ein Hysteronproteron, welches gar nicht fein ist. Lemnius hat Luthers eher mit keinem Worte im Bösen gedacht, als bis er es an Ihm erholte. Das Sinngedichte, auf welches Matthesius hier zielt, stehet in dem dritten Buche, in welchem freilich sehr viel nichtswürdige Sachen stehen, die aber durchaus nicht zur Ursache seiner Verdammung können gemacht werden, weil er sie erst nach derselben den beiden ersten Büchern beifügte. Es ist zwar so schmutzig und so niederträchtig, daß ich mich mehr als die beiden ersten Zeilen, welches folgende sind:

In M. Lutherum

Ipse dysenteriam pateris clamasque cacando
Quamque aliis optas evenit illa tibi etc.

anzuführen scheue: wann es aber auch noch schmutziger, noch niederträchtiger wäre, so würde es dennoch dem Matthesius sehr übel zu nehmen sein, daß er den Lemnius verhaßt zu machen, zu Falschheiten seine Zuflucht nimmt, und dasjenige zum Hauptverbrechen macht, was nichts als die Wirkung eines verbitterten Gemüts war.

Wer bis hierher durchgehalten hat, darf sich jetzt die Belohnung abholen in Form zweier, nun ja: Scheißgedichte – nämlich jenes schmutzigen und niederträchtigen Gedichts samt Luthers Retourkutsche.

——— Simon Lemnius:

In M. Lutherum

aus: M. Simonis Lemnii Epigrammaton Libri III, 1538:

Ipse dysenteriam pateris clamasque cacando,
    Quamque aliis optas euenit illa tibi.
Dumque cacatores clamas, tu nenpe cacator
    Factus es, et merda diues es ipse tua.
Ante tibi rabies distorta resoluerat ora,
    Et soluit culus iam tibi uentris onus.
Noluit haec tantum rabies e faucibus ire,
    Nunc etiam natibus perfluit illa tuis.
Non poterat fundi pestis tibi tanta labellis,
    Vnde tamen rumpat repperit illa uiam.
Sed puto rumpetur citius tibi uenter et exta,
    Exeat e culo quam tibi tanta lues.

Simon Lemnis, Ipse dysenteriam pateris clamasque cacando, VolltextÜbersetzt lautet das ungefähr:

Du leidest an der Ruhr und du schreist beim Scheißen, und was du erst anderen wünschtest, befällt jetzt dich. Du nanntest andere Scheißer, jetzt bist du ein Scheißer geworden und reichlich mit Scheiße gesegnet. Vergangener Zorn hat dein schiefes Maul geöffnet, jetzt entlädt sich dein Mageninhalt durch den Arsch. Dein Zorn kam nicht nur druch dein Maul — er fließt jetzt rückwärtig aus dir. So eine Pest konntest du nicht allein durch die Lippen ausstoßen, und doch hat sie einen Weg des Ausbruchs gefunden. Aber ich glaube, dein Magen und deine Eingeweide werden bersten, bevor so eine Pestilenz dein Arschloch verlässt.

Wer sich durchaus zu dergleichen berufen fühlt, kann das gerne in seiner Freizeit in korrekte Verse setzen, die an dieser Stelle zu veröffentlichen ich nicht anstehen werde. Martin Luther, der schon zu Lebzeiten einen Ruf zu verlieren hatte, beherrschte nicht allein das lateinische Vokabular, um das zu verstehen, er konnte sogar eine gleichwertige Antwort im selben Versmaß liefern, formal einwandfrei und inhaltlich in nichts zurückstehend:

——— Martin Luther:

Dysenteria Lutheri in Merdipoetam Lemchen

30. September 1538:

Quam bene conveniunt tibi res et carmina, Lemchen!
    Merda tibi res est, carmina merda tibi.
Dignus erat Lemchen merdosus carmine merdae,
    Nam vatem merdae nil nisi merda decet.
Infelix princeps, quem laudas carmine merdae!
    Merdosum merda quem facis ipse tua.
Ventre urges merdam vellesque cacare libenter
    Ingentem, facis at, merdipoeta, nihil.
At meritis si digna tuis te poena sequatur,
    Tu miserum corvis merda cadaver eris.

Die fertige Übersetzung davon steht in D. Martin Luthers Dichtungen in gebundener Rede mit den nötigen Anmerkungen als eine Festgabe zum 31. Oktober 1892 für alle Lutherfreunde herausgegeben von Georg Schleusner, Archidiakonus zu Wittenberg, P. Wunschmanns Verlag, Wittenberg 1892:

Luthers Ruhr an den Kotdichter Lemchen

Wie schön stimmen bei dir, o Lemchen, Sache und Dichtung,
Kot ist’s, drum du dich mühst, deine Gedichte sind Kot.
Würdig war der kotige Lemchen kotiger Dichtung,
Denn dem Sänger des Kots Kot nur zum Danke geziemt.
Unglückseliger Fürst, den du lobst mit kotiger Dichtung,
Den mit dem Kote von dir selber voll Kotes du machst.
Drängest im Leibe den Kot und möchtest so gern dich entleeren
Massenhaft. Aber du bringst. Dichter des Kots, nichts heraus.
Doch wenn dich nach Verdienst einst trifft gebührende Strafe,
Dann wirst ein jämmerlich Aas, Kot, für die Raben du sein.

Stadt und Land, Schlosskirche zu Wittenberg, 25. September 2017

Dieser handlich fassbare Dichterwettstreit hat im englischsprachigen Teil der deutschen Literaturwissenschaft im Internet eine gewisse stille Berühmtheit erlangt – besonders denke ich da an Michael Gilleland: Two Crappy Poems, in: Laudator Temporis Acti, 27. Juni 2017 –, weil man anhand solcher Saft- und Kraftausdrücken mit Vorliebe seine Fremdsprachenkenntnisse schult.

Eigentlich feiern wir gerade Luther und nicht seine unverschuldeten Intimfeinde, immerhin beschert uns der Mann nach einem halben Jahrtausend einen zusätzlichen Feiertag außer der Reihe – der auch heuer weder Halloween noch Weltspartag heißt. Das widerfährt uns erst wieder in weiteren fünfhundert Jahren. Entwarnung für Brückentagjäger: Der 31. Oktober 2517 fällt auf einen Sonntag.

Fast schade, dass 1892 „merda“ nur „Kot“ heißen durfte. Schon hundert Jahre später wäre das eine recht erfrischende Entladung geworden. Also eine verbale jetzt.

Bilder: Simon Lemnius: Epigrammaton libri III. Adiecta Est Qvoque eiusdem Querela ad Principem,
Seite 131 via Uni Mannheim in Bild und Volltext, und
Wittenberg:

  1. M.A.K.photo: Wittenberg Impressions, 12.Oktober 2010;
  2. David Clonel, 30. April 2016:

    Panorama of the center of Lutherstadt Wittenberg. It’s a small city, which is currently preparing for the big anniversary next year: 31. Oct 1517 Martin Luther nails his 95 Theses at the door of the church, which is the starting point of Protestant Reformation.

    On the right side of the market you can see a monument of Luther.

    The restauration of the „Castle Church“ / Schloßkirche with the theses door is finished soon (I hate construction hoarding in a picture), then I will show some more pictures!

  3. Stadt + Land: Schlosskirche zu Wittenberg, 25. September 2017.

Soundtrack: Kerstin Ott: Scheißmelodie, aus: Herzbewohner, August 2016:

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Written by Wolf

27. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Renaissance

Flämmchen

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Update zu Lasst mich scheinen, bis ich werde
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Nichts ist törichter als die Frage, welcher Dichter größer sei als der andere. Flamme ist Flamme, und ihr Gewicht läßt sich nicht bestimmen nach Pfund und Unze. Nur platter Krämersinn kommt mit seiner schäbigen Käsewaage und will den Genius wiegen. Nicht bloß die Alten, sondern auch manche Neuere haben Dichtungen geliefert, worin die Flamme der Poesie ebenso prachtvoll lodert wie in den Meisterwerken von Shakespeare, Cervantes und Goethe.

Einleitung von Heinrich Heine in: Der sinnreiche Junker Don Quixote von La Mancha. Von Miguel Cervantes de Saavedra, Brodhagsche Buchhandlung, Stuttgart 1837.

Wie versprochen folgt einer der besten Gründe, sich auf Karl Immermann: Die Epigonen zu stürzen, wo man sie antrifft: die Figur Flämmchen.

Ganz und gar außergewöhnlich für Zeit und Genre, weil man derart umtriebige, sehr junge Mädchen nicht in fiktiven Chroniken der deutschen Romantik, sondern viel eher in Kinderbüchern ab dem 20. Jahrhundert suchen und antreffen würde, stünde Flämmchen heute im Verdacht, nur als Manic Pixie Dream Girl herzuhalten. Abgesehen aber davon, dass der begriffsprägende Filmkritiker Nathan Rabin sich nach sieben Jahren von seiner Prägung ausdrücklich distanziert hat, wird Flämmchen zunächst als eine Art Manövriermasse für die Handlungsträger eingeführt, wird später aber näher besehen aus sich heraus aktiv und treibt die Handlung wesentlich voran. Immermann bringt mehr Handlungsstränge, als seine angeblichen neun ausgewiesenen Bücher des Romans erfordern, Flämmchen wird bis zum Schluss als Protagonistin beibehalten: Wie außerhalb der Fiktionen wäre das Leben nicht das Leben ohne solche Flämmchen.

Nicht alle Fiamettas, Fiammettas, Flamettas, Flammettas, kurz: Flämmchen waren als Volltext aufzutreiben, was ich besonders im Falle Fouqué bedaure. Wahrscheinlich liegt das sogar recht passend in ihrem Wesen: Flatterhafte, flackernde Feengestalten sind sie alle. Stellen wir uns die Goethe’sche Mignon oder gleich Pippi Langstrumpf vor, dann erklärt sich die Motivation, alle wenigstens einmal gesehen zu haben, von selbst.

In der visuellen Reihe nimmt sich die Cicogna, die sich offensichtlich qua Künstlername aktiv Fiammetta nennt, noch am fremdartigsten aus; dafür hätte man auf die zwei sonnigen tomboyischen Elfenwesen, die weit und breit nichts mit Boccaccio und seinen Nachfolgern zu tun haben, am allerwenigsten verzichten wollen. Allein diese zwei Glücksmädchen sind jede menschliche und jede literarische Begegnung wert — und an dieser Stelle aufs freundlichste gegrüßt.

Stefano Masse, Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016

  1. Fiammetta: Boccaccios Geliebte und Muse „Fiametta“ Maria d’Aquino aus Neapel. Bei Boccaccio in:

  2. Stefano Masse, Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016

  3. Fiametta: Joseph Haydn, Musik verschollen, Text Joseph Felix von Kurz alias Bernardon: Der krumme Teufel, Operette ca. 1751. Pflegetochter des Arnoldus.

    ——— Carl Ferdinand Pohl: Joseph Haydn, Erster Band, Erste Abtheilung, Den Manen Otto Jahn’s, 6. Lehr- und Wanderjahre. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1878:

    Und die Musik von Haydn? – wird der Leser schon längst gefragt haben. Die Musik zum neuen krummen Teufel wurde bis jetzt nicht aufgefunden. Die Partitur ist verschollen, obwohl die Operette an vielen Orten wiederholt gegeben wurde. […] Gleich dem Faust wurde auch Le diable boiteux immer wieder von Zeit zu Zeit von den Theaterdichtern als dankbarer Stoff neu bearbeitet. Noch im Jahre 1839 wurde in Wien „Asmodeus der hinkende Teufel, oder: die Promenade durch drei Jahrhunderte“ als Original-Posse von Karl Haffner im Theater an der Wien gegeben (Nestroy als Asmodeus). In demselben Jahre wurde im Kärnthnerthor-Theater „Der hinkende Teufel“ auch als pantomimisches Ballet in drei Acten von Coralli und Gurgy, Musik von Casimir Gide und Anderen, 27 mal aufgeführt. Dieses Ballet hatte zuvor in Paris Furore gemacht durch die Mitwirkung der gefeierten Fanny Elßler als Florinde. Durch eine artige Verkettung von Umständen tanzte demnach die Tochter des Johann Elßler, langjährigen Copisten und treuen Dieners Haydn’s, in demselben Sujet, das dem Meister und Vorgesetzten ihres Vaters als Folie seiner ersten öffentlichen Wirksamkeit gedient hatte.

  4. Flametta: Clemens Brentano: Godwi, Roman 1801. Zweiter Band, Zwölftes Kapitel u.ö.:

    Sara Trash-it, T-Shirt dipinta a mano – hand-painted, 28. Oktober 2011Haber ging mit dem Jägerburschen weiter vor uns, und unterhielt ihn in einem dringenden Gespräche. Es schien ihm etwas unheimlich im Walde zu sein. Der Jäger erzählte ihm allerlei Mordgeschichten, und vom wilden Heere. Das letzte wollte er nun gar nicht recht glauben, und sagte einmal über das andere Mal, das sei lauter Aberglauben. Im Walde ertönte dann und wann ein lauter Pfiff, und hatte Haber geschwiegen, so fuhr er dann schnell den Jäger an: „Hörst du? schon wieder, was mag das wohl sein, es lautet recht schön.“

    „Was mag es sein,“ sagte der Jäger, „Lumpengesindel; aus so einem Busche heraus fliegt einem mannichmal ein Knüppel an den Kopf, daß man gleich ans Verzeihen denken muß, ehe man sich noch recht geärgert hat.“

    „Wieso?“

    „Ei nun, was da pfeift, ist meistens niederträchtiges Volk, und schlägt einen tot; auf dem Todsbette aber muß man verzeihen – und wenns geschwinde geht, hat man keine Zeit sich zu ärgern.“

    Haber ging hier mehr in der Mitte des Weges, aber es pfiff wieder, und rief;

    „Was sprichst du böser Bube von Lumpengesindel?“

    Es war eine wunderliche Stimme, halb erzwungen derb, halb ängstlich und kindisch. Wir näherten uns, Haber wollte schon auf einen Baum klettern, als unser Schrecken durch die Worte des Jägers im Gebüsche aufgehoben wurde:

    „Du Waldteufelchen, für den Schrecken muß ich dich küssen.“

    Nun kamen mehrere Mädchen und Knaben aus dem Gebüsche und lachten; die älteste ging auf Godwi zu, und bat ihn um Verzeihung; die kleine Räuberin sagte: „Flametta hat mir es befohlen; weil ich mich fürchtete, als Sie gegangen kamen, so mußte ich Sie zur Strafe attakieren.“

    Hier kam Flametta auch mit dem Jäger, und Godwi sagte zu ihr, es sei nicht artig, die Leute zu erschrecken; aber sie lachte und bat ihn, ihr eine Buße aufzugeben.

    „Du sollst uns ein Stückchen Wegs Geleit geben“, sagte Godwi, „und etwas singen.“

    „Ich will Ihnen meine kleinen Gesellschafter etwas singen lassen, und dazu dann und wann ein wenig auf dem silbernen Horne blasen.“

    Sie zog an der Spitze ihres kleinen Heeres, und begleitete den Gesang mit ihrem Horne. Das größte Mädchen sang das Solo, und die Knaben das Chor.

    Die Kleine sagte vorher: „Mein Lied ist das Lied einer Jägerin, deren Schatz ungetreu, und stellen Sie sich vor – ein Peruckenmacher geworden ist.“

    Wir lachten, und der Gesang begann:

    Chor:

    O Tannebaum! o Tannebaum!
    Du bist mir ein edler Zweig,
    So treu bist du, man glaubt es kaum,
    Grünst sommers und winters gleich.

    […]

    So sangen die Kinder lustig in den Wald hinein, und das Wild, aufgeschreckt von dem Geräusche, stürzte tiefer in das Tal. Der Mond war aufgegangen, und schon in den Wald herein. Da wir auf der anderen Seite den Berg oben waren, sagten uns Flametta und die Kinder Gute Nacht, und wir hörten sie in der Ferne noch singen.

  5. Flämmchen: Valeria in Clemens Brentano: Ponce de Leon, Lustspiel 1803, tritt auch als Mohrenmädchen Flammetta auf. — Vierter Akt, Zweiundzwanzigster Auftritt:

    Valerio. Gute Kinder sind das, du dunkles Flämmchen, du hast dein Glück gemacht, und ein ehrliches, stilles Haus ist das; aber ich kann doch nicht recht froh werden, und war diesen Nachmittag sehr traurig.
    Valeria. Was fehlte Euch dann, Lieber?
    Valerio. Alles, ich bin eigentlich ganz allein.
    Valeria. Ei, bin ich dann nicht Eure gute Freundin?
    Valerio. Ja, aber meine gute Tochter nicht – und da habe ich heute nachmittag an einem Briefe für sie geschrieben, und wollte ihn heute abend hineinschicken; über dem Schreiben ging aber die Zeit so hin, daß es nun schon dunkel ist und er heute nicht kann hingetragen werden.
    Valeria giebt ihm die Hand. Glaubt, ich wäre Eure Tochter, und gebt mir den Brief; ich will Eure Tochter werden!
    Valerio. Warte noch ein wenig, da wird es ganz dunkel, da kann ich nicht sehen, daß du schwarz bist.
    Valeria. Ihr seid ein guter, höflicher Mann!
    Valerio. Ha, ha, hast du gemerkt, daß ich das Sprüchwort nicht vorbrachte: Bei der Nacht sind alle –
    Valeria hält ihm den Mund zu. Artig, Väterchen!
    Valerio. Du sagtest heute morgen, du hättest ein Lied für mich gemacht; singe mirs nun!
    Valeria. Setzt Euch hierher – ich verstecke mich, damit es Euch täuscht.
    Valerio setzt sich an die Seite der Statue, gegen die rechte Kulisse über.
    Valeria setzt sich auf die entgegengesetzte Seite, fängt an zu singen.

  6. Fiammetta: Sophie Brentano: Fiammetta; als: Boccaz, Fiametta. Aus dem Ital. von Sophie Brentano. 8. Berlin. Realschulbuchhandlung. Auf Druck- und Velinpapier, Roman, Berlin 1806. Übersetzung der Elegia di Madonna Fiammetta von Boccaccio, 1343 f. Aus der Perspektive der „Dame Fiammetta“. — Siebentes Buch: Die Dame Fiammetta vergleicht ihre Leiden mit den Leiden vieler Frauen des Altertums und zeigt, daß alle von den ihrigen übertroffen wurden, worauf sie zuletzt ihre Klage endigt. Schluss:

    Emma Sandys, Fiammetta, 1876Seht denn, ihr Frauen, wie elend ich geworden durch die Treulosigkeit Fortunens, und wie hart sie mich getroffen; gleichwie die Lampe nahe am Verlöschen noch eine plötzliche Flamme, heller als gewöhnlich, zu werfen pflegt, so gab sie mir scheinbaren Trost, um mich dann ganz in das Elend meiner einsamen Tränen zu verweisen. Um euch nun meinen Kummer mit einem einzigen Bilde anschaulich zu machen, so beteure ich euch mit demselben Ernst, der auf den Versicherungen anderer Unglücklicher ruht, daß meine Leiden nach dem Untergang jener eitlen Hoffnung um soviel schwerer geworden sind, als das zweite Fieber den rückfallenden Kranken heftiger zu erschüttern pflegt als das erste, ob es gleich ebensoheiß war.

    Da ich aber mit weiteren Klagen die Fülle eurer mitleidigen Schmerzen vergrößern würde, ohne doch neue Worte finden zu können, will ich still werden und keine Tränen mehr beanspruchen, deren ihr Leserinnen gewiß viele vergossen habt oder vergießt, und so habe ich mich denn entschlossen, auf daß ich die Zeit, die mich zu Tränen ruft, nicht mit Worten vergeuden möge, fortan zu schweigen, und zwar mit dem Zugeständnis, daß meine Erzählung der Empfindung selbst nur gleicht wie ein gemaltes Feuer einem wahrhaftig brennenden, welchem jener Gott, den ich anflehe, entweder um eures oder meines Gebetes willen eine wohltätige Flut löschend senden möge, sei es durch meinen Tod, sei es durch die freudige Rückkehr Panfilos.

  7. Fiametta: Achim von Arnim: Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland in: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, 1810:

    Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland

    Der Verfasser bittet, diese Verse nicht für Hexameter und Pentameter zu halten.

    Genua seh ich im Geist, so oft die unendlichen Wellen
    Halten den Himmel im Arm, halten die taumelnde Welt;
    Seh ich die klingenden Höhlen des nordischen Mohren-Basaltes,
    Seh ich die Erde gestützt auf den Armen der Höll;
    Dann, dann sehne ich mich in deine schimmernde Arme,
    Weisser Cararischer Stein, kühlend die schwühlige Luft,
    Denk ich der Treppen und Hallen von schreienden Menschen durchlaufen.
    Keiner staunet euch an, jedem seyd ihr vertraut.
    Fingal! Fingal! klinget so hell, mir wird doch so trübe,
    Frierend wähn ich mich alt, Jugend verlorene Zeit!
    Dreht sich die Achse der Welt? Wie führt mich Petrarca zu Fingal,
    War es doch gestern, ich mein, daß ich nach Genua kam.
    Ja dort sah ich zuerst das Meer, des nunmehr mir grauet,
    Weil es vom Vaterland mich, von den Freunden mich trennt.
    Damals von der Bochetta herab in des Frühroths Gewühle,
    Lag noch die Hoffnung darauf, weichlich im schwebenden Bett,
    Nicht am Anker gelehnt, nein sorgenlos schlummernd sie dreht sich,
    Daß die Schifflein so weiß, flogen wie Federn davon;
    Lässig band sich vor mir die Göttin das goldene Strumpfband,
    Zweifelnd daß frühe so hoch steige der lüsterne Mensch.
    Und so stehend und ziehend am Strumpfe sie bebte und schwebte
    Wie ein Flämmelein hin über die spiegelnde Welt.
    Fiametta! ich rief, mir schaudert, sie faßte mich selber,
    Ja ein Mädchen mich faßt, lächelnd ins Auge mir sieht.
    Hier! hier! sagt sie und peitschte den buntgepuschelten Esel,
    Daß aus dem ledernen Sack, schwitzte der röthliche Wein:
    Lieber, was willst du? sie fragt, du riefest mich eben bey Namen:
    Wenn sie nicht Blicke versteht, Worte die weiß ich noch nicht.
    Der Beschämung sich freuend sie strich mir die triefenden Haare,
    Thau und Mühe zugleich hatten die Stirne umhüllt.
    Wie ein Bursche der Schweiz ich schien ihr nieder zu wandeln,
    Um zu suchen mein Glück und sie wollte mir wohl,
    Als sie den Stein erblicket, den sorglich in zärtlicher Liebe
    Auf den Händen ich trug, daß der Anbruch nicht leid,
    Ey da lachte sie laut und riß mir den Stein aus den Händen,
    Warf ihn über den Weg, daß er zum Meere hinroll,
    Und dann spielte sie Ball sich freuend meiner Verwirrung
    Mit der Granate die schnell kehrte zu ihr aus der Luft.
    Nicht der schrecklichen eine, die rings viele Häuser zerschmettert,
    Doch die feurige Frucht, mystisch als Apfel bekannt.
    Sie verstand mich doch wohl? O Einverständniß der Völker,
    Das aus Babylons Bau blieb der zerstreuten Welt,
    Suchte doch jeder den Sack beym brennenden Thurme und fragte,
    Also blieb auch dies Wort, Sack den Sprachen gesammt,
    Also auch Zeichen der Lieb‘ im Blick, in guter Geberde,
    Scheidend sie winkten sich noch, fernhin trieb sie die Macht. –
    Folgend dem trabenden Esel, sie blickte sich um so gelenkig,
    Die Granate entfiel und ich grif sie geschickt.
    Kühle vielliebliche Frucht, einst Göttern und Menschen verderblich,
    Wohl du fielest auch mir, zaudr‘ ich, wo ich gehofft?
    Doch ich zögerte noch, gedenkend an Helena traurend,
    An Proserpina dann, beyde erschienen mir eins
    Mit der Eva, da wollt ich sie stille verscharren der Zukunft,
    Daß nur das Heute was mein, bleibe vom Frevel befreyt,
    Daß ich dem Zufall vermach zu treiben die Kerne in Aeste,
    Daß ich dem Zufall befehl, daß er die Blüthe verweht;
    Aber ich mocht nicht wühlen im Boden voll zierlicher Kräuter,
    Jegliches Moos noch zart, drängte sich üppig zum Tag.
    Zweifelnd ging ich so hin, nicht sehend stand ich am Meere,
    Fern mich weckte ihr Ruf, daß ich nicht stürze hinein:
    Nein zu seicht ist die Küste, sie würde nicht bergen das Uebel,
    Nur die Tiefe des Meers birgt ein unendlich Geschick.
    Also kam ich zum Meer und sahe die Fischer am Fischzug
    Springend durch kommende Well, ziehend ein bräunliches Netz,
    Roth die Mützen erschienen wie Kämme von tauchenden Hähnen,
    Bräunliche Mäntler umher, schrieen als jagten sie die.
    Andere stießen halbnackt ins Meer die schwarze Feluke,
    Trugen die Leute hinein, die zur Fahrt schon bereit.
    Auch mich trugen sie hin, ich dacht nur des Apfels des Bösen
    Und des unendlichen Meers, das mich zum erstenmal trug,
    Wie sie enthoben das Schiff begann in dem Schwanken und Schweben,
    Daß mir das Herz in der Brust recht wie von Heimweh zerfloß,
    Durch die fließenden Felsen erscholl ein liebliches Singen,
    Und ich verstopfte das Ohr, bin vor Sirenen gewarnt.
    Bald belehrte ich mich, es sang ein Weib in dem Kahne,
    Das im Mantel gehüllt deckte vier Knaben zugleich,
    Wechselnd die Händ bewegt sie wie Flügel der Windmühl
    Und als Zigeunerin singt, wie sie Maria begrüst.
    Sagt die Geschickne ihr wahr des heiligen Kinds, das sie anblickt,
    Wie es im Krippelein lag, Oechslein und Eslein es sah’n,
    Sahn wie der himmlische Stern wie Hirten und heilige König,
    Alles das sah sie sogleich an den Augen des Herrn,
    Auch das bittere Leiden, den Tod des Weltenerlösers;
    Hebt er den Stein von der Gruft, von der Erde den Leib.
    Alles Verderben mir schwand, ich sahe das Böse versöhnet,
    Statt zur Tiefe des Meers, warf ich den Kindern die Frucht:
    Engel versöhnt ihr das Herz, das tief arbeitende Böse,
    O so versöhnt auch die Frucht und vernichtet sie so!
    Dankend die Mutter sie nahm, hellsingend sie öffnet die Schale,
    Nahm mit der Nadel heraus jeglichen einzelnen Kern;
    Wie im Neste die Vöglein, also im Mantel die Kindlein
    Sperren die Schnäblein schon auf, eh ihr Futter noch da.
    Also sie warten der Kerne mit offenem Munde zur Mutter,
    Und die Mutter vertheilt gleich die kühlende Frucht.
    Wälze dich schäumendes Meer, ich habe die Frucht dir entzogen,
    Nichts vermagst du allhier, schaue die Engel bey mir,
    Stürze die Wellen auf Wellen, erheb dich höher und höher,
    Du erreichst uns nicht, höher treibst du uns nur,
    Schon vorbey dem brandenden Leuchtthurm schützt uns George,
    Der im sicheren Port zähmet den Drachen sogleich.
    Wie von Neugier ergriffen, so heben sich übereinander
    Grüßend der Strassen so viel, drüber hebt sich Gebirg,
    Höher noch Heldengebirg, da wachet der Festungen Reihe,
    Schützet uns gegen den Nord und wir schweben im Süd.
    Ey wie ists, ich glaubte zu schauen und werde beschauet,
    Amphitheater erscheint, hier die Erde gesammt:
    Spiel ich ein Schauspiel euch ihr bunten Türken und Mohren,
    Daß ihr so laufet und schreit an dem Circus umher?
    Kommen von Troja wir heim, am Ufer die Frauen und Kinder,
    Kennen den Vater nicht mehr, freuen sich seiner denn doch?
    Also befreundet ich wandle auf schwankendem Boden und zweifle,
    Aber sie kennen mich bald, bald erkenne ich sie.
    Fingal! Fingal! riefs schon, muß ich erwachen in Schottland,
    Bin ich noch immer kein Held, bin ich noch immer im Traum?
    Muß ich kehren zur Erdhütt, keinen der Schnarcher versteh ich,
    Muß mir schlachten ein Lamm, rösten das lebende Stück,
    Mehl von Haber so rauch mir backen zum Brodte im Pfännchen
    Und des wilden Getränks nehmen vieltüchtige Schluck:
    Wandrer Mond du schreitest die stumpfen Berge hinunter,
    Nimmer du brauchtest ein Haus, dich zu stärken mit Wein,
    Alle die Wolken sie tränken dich froh mit schimmernden Säften,
    Ja dein Ueberfluß fällt, thauend zur Erde herab.
    Nimmer du achtest der gleichenden Berge und Gräser und Seen
    Denn im wechselnden Schein, du dich selber erfreust;
    Siehe mein Leiden o Mond durch deine gerundete Scheibe,
    Schmutzig ist Speise und Trank, was ich mir wünsche das fehlt.

  8. Fiammetta: Friedrich de La Motte-Fouqué: Erdmann und Fiammetta. Novelle. Schlesinger, Berlin 1825.
  9. Hermine von Stilke, Joseph von Eichendorff, Sehnsucht, 1864 bis 1868Fiametta: Joseph von Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen, Roman 1833. 14-jährige Tochter des italienischen Marchese A.

    ——— Hans Kaboth: Eichendorffs „Dichter und ihre Gesellen“. Zum hundertjährigen Erscheinen des Romans Weihnachten 1933, in: Aurora – Ein romantischer Almanach. Bd. 4. Jahresgabe der Deutschen Eichendorff-Stiftung. Karl Freiherr von Eichendorff in Zusammenarbeit mit Univ. Prof. Geheimrat Dr. Adolf Dyroff und Karl Sczodrok, Oppeln 1934:

    Fiametta ist das seelisch noch unerschlossene, verträumte junge Mädchen, das erst durch die Liebe zu Fortunat aus ihrem Phantasieleben geweckt wird. […] Seine Liebe zu Fiametta ist bei aller Gefühlsinnigkeit stets klar und bewußt. Wohl macht er auch aus seiner Liebe „ein langes Gedicht in vielen Gesängen“ und er verliebt sich selbst in die Hauptfigur, „ein schönes, schlankes italienisches Mädchen“, aber er vergißt darüber seine liebe Fiametta nicht.

  10. Flämmchen: Karl Leberecht Immermann: Die Epigonen, Roman 1836. Mignon-Figur:

    Flämmchens Fluchtgeschichte war einfach genug. Das Mädchen war die Tochter eines polnischen Offiziers, der, unter den Fahnen des Eroberers dienend, Mutter und Kind auf den Kriegszügen durch Deutschland mit sich umhergeführt hatte. Er blieb in einer großen Schlacht, bald nachher starb auch seine Geliebte, eine Spanierin, von Klima und Mangel aufgezehrt. Aus den Händen armer Leute empfing der Komödiant das elternlose Geschöpf. Er war ein gutmütiger Mensch und spielte schon damals edle Väter. Der Anblick des kleinen Wesens, dem die Augen wie Kohlen im Kopfe brannten, und welches aus seinen Lumpen so keck hervorsah, als sei es eine Prinzessin, rührte ihn. Er ließ das Kind sich abtreten, und beschloß, es zu seinem Gewerbe anzuführen. Indessen brachte ihm diese wohltätige Handlung keinen Segen, sondern nur Herzeleid. Fiametta, die lieber Flämmchen heißen wollte, war das eigensinnigste, widerspenstigste Ding, was polnisches und spanisches Blut, vereinigt erzeugen können. Die sogenannte Erziehung, welche ihr in jener Komödiantenwirtschaft zuteil wurde, fruchtete nichts, und unmöglich war es, sie zum Auftreten zu bewegen. Sie begreife nicht, sagte sie, wozu das dumme Zeug, wie sie das Schauspiel nannte, diene? der falsche Vater lüge ja den ganzen Tag über, warum er denn des Abends zu seinen Lügen die fremden Kleider anziehe?

    […]

    Einen Kranz auf dem Haupte, und einen in jeder Hand haltend, schritt das Mädchen gemessen, fast feierlich, erst rund um die Felsenplatte, als vollziehe sie die Weihe des Orts. Dann in die Mitte sich stellend, wandte sie ihr glänzendes Antlitz gegen den Mond, und begann nun, immer seiner leuchtenden Scheibe zugekehrt, ihren ausdrucksvollen Tanz. Bald neigte sie sich ihm mit zärtlicher Gebärde entgegen, bald schien sie vor ihm verstellterweise zu fliehn, jetzt hob sie den einen, dann den andern Kranz lockend empor, darauf ließ sie beide sinken, verwechselte sie, warf sie in die Luft, daß sie dort Bogen beschrieben, und fing sie jederzeit gewandt und zierlich wieder auf, während Füße und Leib ihr anmutiges Spiel fortsetzten. Der Sinn dieses Tanzes war ein liebliches Gedicht; der kalte hohe Freund da oben, sollte zur Erde herabgezogen werden, mit welcher er einst in größerer Vertraulichkeit gelebt habe, und auf der jede Sehnsucht nur eine Erinnrung an diese schöne Liebeszeit sei. Was ihre Bewegungen an diesem Mondscheinmärchen noch dunkel ließen, deuteten Strophen aus, die sie dazwischen absang, und womit sie sich den Takt anzugeben schien. Sie hatten alle ein gewisses Metrum, bestanden aber oft nur aus abgebrochnen Worten, deren Verbindung die Zuhörenden ergänzen mußten. Die Alte gab zuweilen in einer fremden Sprache, welche weder der Arzt, noch der Domherr verstand, eine Art von Refrain zu vernehmen.

    […]

    Nun, Ihre Erziehungsplane sind nicht geglückt, anstatt eines Kunstprodukts hat Natur das wundersamste, entzückendste Geschöpf ausgebildet. Ich behaupte, wer sie tanzen gesehn, kann nie wieder ganz unglücklich werden. Wäre ich ein Freund von Paradoxen, so würde ich sagen: Sie tanzt Geschichte, Fabel, Religion, ihre begeisterten Wendungen und Stellungen weihen uns in die geheimsten Dinge ein.

    Mit dem Rufe: „Liebster! Bester! Einziger!“ hing sie ihm am Halse und die leidenschaftlichsten Küsse brannten auf seinen Lippen. „Habe ich dich endlich wieder!“ rief sie, indem sie ihm Augen und Stirn küßte. „Nun aber werde ich dich nicht lassen, nun sollst du mein werden, sie mögen tun, was sie wollen.“

    […]

    Dave Strong, Olga, Papajis Tea Social, 27. Oktober 2010Was er in den folgenden Tagen von der Lebensweise Flämmchens hörte, war das Ausschweifendste von der Welt. Sie hatte wirklich in ihrem einsamen Landhause eine Art von Hof oder Menagerie, wie man es nennen will, versammelt, bestehend aus den wildesten jungen Leuten der Residenz, die, durch den Ruf ihrer Schönheit angelockt, dorthin geströmt waren. Mit ihnen wurden die tollsten Streiche verübt, zuweilen toste dieses wütende Heer bei Nacht auf schnellen Pferden unter entsetzlichem Geschrei durch die Gegend, so daß die Landleute in ihren stillen Hütten sich vor dem Unwesen segneten, oder man sprengte falsche Nachrichten von Räuberbanden und Unglücksfällen aus, welche Scharwachen und Beamte aufregten, so daß sich auch schon die Polizei hier in das Mittel hatte legen wollen, jedoch höheren Ortes bedeutet worden war, solches zu unterlassen, da sich denn doch alles außer dem Bereiche eigentlicher Vergehungen hielt. Am brausendsten aber schäumte Flämmchens üppige Lebenskraft im Tanze aus. […]

    Das ist nun der Tanz, den ich nicht lassen kann, der mich mir selbst wiedergibt, wenn der Weltgraus mich überwinden und in mir einziehen will. Könntest du mich lieben, und immer bei mir sein, so wäre alles gut, dann hätte ich eine Stütze und würde auch aufhören zu tanzen; leider wird es nicht so gut werden.“

  11. Fiametta: Ludwig Minkus: Fiametta, Ballett 1863.
  12. Fiammetta: Dante Gabriel Rossetti: A Vision of Fiammetta, 1878, Öl auf Leinwand, 140 cm × 91 cm, Sammlung Andrew Lloyd Webber, Gemälde, Boccaccio-Sonett, Boccaccio-Sonettübersetzung und eigenes Sonett 1878:

    On his Last Sight of Fiammetta

    Behold Fiammetta, shown in Vision here.

    Gloom-girt ‚mid Spring-flushed apple-growth she stands;
    And as she sways the branches with her hands,
    Along her arm the sundered bloom falls sheer,
    In separate petals shed, each like a tear;
    While from the quivering bough the bird expands
    His wings. And lo! thy spirit understands
    Life shaken and shower’d and flown, and Death drawn near.

    All stirs with change. Her garments beat the air:
    The angel circling round her aureole
    Shimmers in flight against the tree’s grey bole:
    While she, with reassuring eyes most fair,
    A presage and a promise stands; as ‚twere
    On Death’s dark storm the rainbow of the Soul.

    Dante Gabriel Rossetti, A Vision of Fiammetta, 1878

Bilder: Emma Sandys: Fiammetta, 1876;
Dante Gabriel Rossetti: A Vision of Fiammetta, 1878, Öl auf Leinwand, 140 cm × 91 cm, Sammlung Andrew Lloyd Webber;
Hermine von Stilke: Joseph von Eichendorff: Sehnsucht, 1864 bis 1868, zu: Es schienen so golden die Sterne, aus: Dichter und ihre Gesellen. Novelle von Joseph von Eichendorff, 1834. 3. Buch, 24. Kapitel, via Jutta Assel/Georg Jäger: Gedichte der Romantik in Randzeichnungen, Goethezeitportal Juni 2010;
Stefano Masse: Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016;
Sara Trash-it: T-Shirt dipinta a mano — hand-painted, 28. Oktober 2011;
Dave Strong: Olga, Papajis Tea Social, 27. Oktober 2010.

Soundtrack: Blonde Redhead: Elephant Woman, aus: Misery is a Butterfly, 2004,
als Nachspann für: Hard Candy, 2005:

Written by Wolf

7. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Renaissance

Vnd ist auff eim vnfruchtpern vnnd sandigen erdpoden erpawen

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Update zu Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

Wer im Landkreis Nürnberger Land oder sonst im Mittelfränkischen aufgewachsen ist, kommt spätestens in der Grundschule nicht um Hans Sachs, Veit Stoß, Peter Henlein, Martin Behaim, Willibald Pirckheimer, gleich zwei Peter Vischers, das kleine Einmaleins der Lebküchnerei und schon gar nicht um die Schedelsche Weltchronik drumrum.

Dennoch war mir bis ins hohe Alter vor einem Jahr, als ich literarisch konnotierte Kneipen zusammengesucht hab, nicht bewusst, wie nah ich der Schedelschen Weltchronik eine ganze Kindheit lang war. Es ist kein Schulstoff, es ist in der Faksimile-Ausgabe im Taschen Verlag von 2001 dem Herausgeber Stephan Füssel keine Anmerkung wert, es ist keine zehn Meter Luftlinie daneben beim Mais kein Wirtshausgespräch. Da muss erst wieder ich kommen.

Herrensitze, Renzenhof 1894„Der Mais“ ist, solange ich denken kann und noch länger, die Gaststätte Zum Jägerheim in Renzenhof, Altdorfer Straße 1, Ecke Hartmann-Schedel-Straße. Das war die Stammkneipe meiner Kindheit: Dahin haben, solange ich mich nicht wehren konnte, meine Eltern mich mit Vorliebe an Sonntagen verschleppt, um Schäufele für drei Personen („Für mich auch eins!“) zu verdrücken. Mittwochs war Schlachtschüssel, die 2010 eingestellt wurde, deren Metzelsuppe aber seitdem jährlich nur noch legendärer wird. Bedient wurde vom Wirt Willy Mais persönlich und seinem Bruder „Doc“, der zwischendurch gern Zaubertricks mit Zwei-Mark-Stücken vorführte, für die man junge Mädchen begrabbeln darf. Ansonsten brachte er durch nicht ganz geistlose Ruppigkeiten den so genannten fränkischen Charme in den Betriebsablauf: „Tut mir an G’falln und sauft net so schnell“ oder „I bin net der Chef, i mach des bloß unter Protest.“ Aus dem gleichen Geiste heraus haben sich die Wirtsleute Mais anno 1995 in schlecht verhohlener Trägheit erdreistet, meiner Mutter keinen Tisch für sechs Personen für ihren 50. Geburtstag zu reservieren, obwohl wir ihnen seit Jahren am Rande der Legalität als Endverteiler das Mineralwasser vom Bundesbahn-Sozialwerk für den Gastbetrieb verkauft haben. Seitdem gehen meine Eltern da nicht mehr hin, und ich komm auch nicht grade jeden Tag dran vorbei. Dabei ist die Familie Mais immerhin bis heute entweder so traditionell oder schon wieder so avantgardistisch eingestellt, um auf eine eigene Internetpräsenz zu verzichten, und das selbst nach Geschäftsübernahme durch das Enkelchen des Hauses — Kerstin, mit der mich in der Schule außer der Teilnahme an einigen Nebenfächern in der Kollegstufe leider nicht viel verband — und die 2010 unter Drangabe der Schlachtschüssel ein Minimum an abendländischen Umgangsformen (und Getränkepreisen) ins Haus getragen haben soll.

Renzenhof selbst, für das „der Mais“ im Volksmund pars pro toto steht, „wurde erstmals 1362 in den Engelthaler Klosterurkunden als Siedlung erwähnt und bereits 1425 im Waldbuch Paul Stromers als Forsthube geführt. […] Am 1. Juli 1972 wurde der Ort mit der Gemeinde Haimendorf und ihren anderen Ortsteilen Rockenbrunn, Grüne Au und Moritzberg in die Stadt Röthenbach an der Pegnitz eingegliedert“ — soweit Wikipedia. Die lebhaften Eigentümerwechsel insbesondere des Herrenhauses gegenüber vom Mais sind für den interessierten Heimatkundler unter Herrensitze dokumentiert; die heutige zu erhaltende Substanz stammt in der Hauptsache aus der Renaissance, also um die Zeit der Schedel-Familie und der Fürer von Haimendorf.

Derzno, Ortseingang Renzenhof, 2012

Was nun weder meinen Eltern noch mir noch mit größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit den Wirtsleuten bewusst war: dass vor 1493 im Nachbarhaus der Nürnberger Arzt, Humanist und Historiker Hartmann Schedel vermutlich große Teile seiner gleichnamigen Weltchronik geschrieben hat. Obwohl vereinzelt gestreut zu erfahren ist, dass „dort […] Hartmann Schedel seine Schedelsche Weltchronik geschrieben haben“ soll und der asphaltierte Feldweg zwischen dem Gasthof und dem Herrenhaus vielsagend Hartmann-Schedel-Straße heißt, ist das Herrenhaus im heutigen kollektiven Gedächtnis als „der spinnerte Renzenhofer Turm mit der Sonnenuhr“ verankert und wird seit etwa 1847 privat bewohnt.

Derzno, Renzenhof, Herrensitz, 2012Die aktuelle Entwicklung ist, dass seit 2015 die Frau Diplompsychologin Julia Knoke in dem Herrensitz eine Praxis für Psychotherapie betreibt. Das ist gut: Jetzt gibt es auf einmal nicht nur eine Kneipe, in der ich vorsprechen muss, sondern sogar eine Fachkraft für Depressionen, Angststörungen, Beratung, Coaching und sogar die unter Röthenbachern zweifellos bitter nachgefragte Traumatherpie, mit der ich was zu bequatschen hätte, zum Beispiel: Machen Bausubstanzen aus dem Mittelalter unter mutmaßlichem Denkmalschutz viel Ärger, so als gewerblich genutztes Wohneigentum? Und: Erfährt man wenigstens dann etwas von einer Schedelschen Schreibstube, wenn man das Objekt kauft? Und werden darin jetzt Traumata aufgearbeitet oder Reste der reichhaltigen Mahlzeiten vom Mais aufgewärmt?

Und auch sonst: Schedel hat nachweislich aus einer umfangreichen Bibliothek geschöpft, die sich nachmals auf die Stadtbibliothek Nürnberg und die Staatsbibliothek München aufgeteilt hat. Dazu zählen ältere, handschriftliche Chroniken, Flugblätter, medizinische bis kosmologische Fachliteratur, Boccaccio und Petrarca, Ptolemäus, Strabon, Pomponius Mela, der zeitgenössische Schatzbehalter seines geistlichen Kollegen Stephan Fridolin beim nachbarlichen Verlag Anton Koberger, die Peregrinatio in terram sanctam, der Fasciculus temporum und, erstaunlich genug: das Supplementum chronicarum, das erst 1492 zu Venedig erschienen war; der Produktionsvertrag der Illustratoren Wolgemut und Pleydenwurff mit den Verlegern Sebald Schreyer und Sebastian Kammermeister stammt erst vom 29. Dezember 1491, und in dem wurde Hartmann Schedel noch nicht einmal als Texter erwähnt.

Die Fragen sind also: Wie kam der Nürnberger Patrizier und Stadtphysicus ohne buchhändlerisches Liefersystem und Amazon Prime so schnell zu einem derart aktuellen Werk und konnte es neben so vielen anderen in einem solchen Tempo ohne Übersetzung lesen, verstehen und ausschöpfen? Wie kommen die Nürnberger Stadtbibse und die Münchner Stabi zu der Sammlung? Wer war wann warum und von wem befugt, mit einem Pferdewagen in Renzenhof anzurollen und Schedels Bibliothek aufzulösen? Was hat Schedel in seinen Arbeitspausen gemacht — konnte er schon schnell mal über die Straße „zum Mais“, der im übrigen erschütternd nachlässig dokumentiert ist, und was haben die damals für eine Brauerei geführt (Simon gibt’s erst seit 1875)? Musste er regelmäßig bei seinem Verleger — im Falle der Chronica nur Auftragsdrucker — Koberger in der Nürnberger Gasse unter der Veste 3, der heutigen Burgstraße, zu Guidance-Meetings vorsprechen, um wieder ein paar Milestones zu killen, seinerzeit in einfacher Richtung ungefähr eine Tagesreise? Konnte er von seinem dritten Stock aus bei klarem Wetter über den Nürnberger Reichswald hinweg die Nürnberger Burg anschauen oder hat er im Erdgeschoss geschrieben? Kamen die Grafikkollegen Wolgemut und Pleydenwurff oft zu Besuch, um am Layout zu arbeiten? Und ging es schon damit los, dass er seinen Text einkürzen musste, „weil die Leute Bilder sehen wollen“?

Frau Knoke wird also von Vorliegendem erfahren müssen. Wie günstig, dass sie als Freiberuflerin ja immer und überall ansprechbar sein sollte. Für alle, die zufällig nicht Julia Knoke heißen, sei nachfolgend die auf Frau Knokes Frühstücksplatz entstandene Schedelsche Weltchronik als das gewürdigt, was sie ist: die Mutter aller Nachschlagewerke, mit dem versammelten Weltwissen aller Orte und Zeiten einschließlich der Zukunft bis zum JJüngsten Gericht, deren Kunde 1493 bis in die Weltstadt Nürnberg gedrungen war — die Großmutter mithin, wenn schon nicht von Wikipedia, weil nicht jeder, der sie lesen konnte, automatisch daran mitschreiben durfte, so doch vom Brockhaus — und als vogelwilde Achterbahn aus Halbwissen und Aberglauben, bei der man abwechselnd von einem Erstaunen ins nächste fällt, wie viel und wie wenig sich sich seit 1493 geändert hat. Bei weitem nicht der erste noch der einzige Versuch einer Weltchronik seit der mittelhochdeutschen Zeit, aber einzigartig als Versuch, in humanistischer Weise Naturerkenntnis, christliche Religion und Philosophie zu vermitteln — und wertvoll für ihre umfassenden, detailgenauen Abbildungen von Städten, die allerdings keinem modernen Verständnis von Realitätsnähe entsprechen.

Zur zeitlichen Einordnung regierte um die erste urkundliche Erwähnung des Renzenhofer Herrensitzes gerade der 2016er Jubilar Karl IV. seit 1355 als Kaiser. Die Jahreszahl der Chronica 1493 bedeutet auch: gegen Ende der ersten Reise von Kolumbus — also genau an der Zeitenwende zur Neuzeit, als die Erde aus direkter Anschauung und Erfahrung eine Kugel geworden war — siehe auch: Martin Behaims Erdapfel, Nürnberg 1492 — und sich die Ausläufer des Spätmittelalters nach jeder möglichen Definition in einer Vor-Zeit verloren.

Da sieht man wieder, wovon Kultur abhängt. Wenigstens sind die Knokes gewohnt, Verrückte ins Haus zu lassen.

Praxis für Psychotherapie, Dipl. Psych. Julia Knoke, Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, 2015

Ich bringe daher nachfolgend ungekürzt die Urgroßmutter aller Lexikoneinträge über Nürnberg. Die Taschen-Ausgabe liegt mir vor: Über Renzenhof, soweit ich sie überblicke, schweigt sich die Chronik aus.

Von der Nürnberger Chronik, internationaler Nuremberg Chronicle, wie sie überall außer in Deutschland gängiger heißt, wurde eine deutsche Ausgabe für den heimischen und eine lateinische für den gesamteuropäischen Markt gefertigt. Die Versionen sind nicht deckungsgleich übersetzt, die Artikel über Nürnberg bringen wegen der unmittelbaren Ortsnähe der Gestalter aber jeweils das gesamte Wissen, das nur aufzutreiben war. Dazu wurde es nicht zwingend aus der vorfindbaren Wirklichkeit oder von zuverlässigen Autoritäten übernommen, sondern stellenweise frei erfunden: Etwa die Etymologie des Ortsnamens aus „Neroberg“ kann nur dem Nachweis des ehrwürdigen Alters der Stadt aus römischer Zeit (erste urkundliche Erwähnung: A.D. 1050) und damit ihrem Prestige dienen: ein frühes Beispiel für Stadtmarketing. Dafür ist die bildliche Nürnberger Darstellung von Michael Wolgemut auf einer ganzen Doppelseite vermutlich nach dem Augenschein gefertigt, also die verlässlichste Abbildung einer Stadt aus dem ganzen Zeitraum (heute wird sie nur für die richtig teuren Gold-Elisen-Lebkuchendosen verwendet). Der Text nimmt die ganze folgende Doppelseite ein, womit Nürnberg am ausführlichsten in der ganzen Chronica behandelt wird.

——— Hartmann Schedel:

Register Des buchs der Croniken und geschichten –
mit figuren und pildnüssen
von anbeginn der welt bis auf dise unnsere Zeit

Das sechst alter der werlt

Verlag Anton Koberger, Nürnberg 1493, Blat C verso, Blat CI recto:

Schedelsche Weltchronik, Nvremberga, 1493

Nurmberg ist in gantzem teütschen land vnd auch bey eüßern völckern ein fastnamhaftige vnd weyt besuchte stat. Ein berümbts gewerbhaws teüscher land. vnd mit schönen gemaynen vnd sundern gepewen gezieret. Ein konigliche fast alte burg fürscheint ob eim berg vber die statt auff. daruon ist ein gesichte in die statt vnd darauß. Ettlich maynen das der statt ir namen von derselben burg entsprungen sey. So sprechen ettlich. das sie von Tiberio nerone dem kayser nach Resgenspurg gepawet. oder von Druso nerone seinem bruder (der die teütschen bestritten hat) Neroberg genant worden sey. dann Tiberius der keyser zohe sein vaterlichs geslecht von Tiberio nerone. Derselb het (als Swetonius tranquillus schreibt) Liuiam Drusillam also schwangere. vnd doch auch dauor bey ime eins suns genesen. dem Octauiano auff sein begeren ergeben. vnd starb vnlang darnach. vnd ließ hinder ime die zwen sün Tiberium vnd Drusum nach ime Nerones zugenambt. dann Nero bedeüt nach sabinischen gezüng souil als starck oder gestreng. Nachfolgend hat der Tiberius Burgundien vnd Franckreich. die von einlawffung des barbarischen volcks. vnd auß zwittracht der fürsten vnruoesam waren geregiert. vnd darnach die krieg amm öberen kies. amm Lechfeld. an der Thonaw vnd in theütschen landen nacheindander gefürt. vnd in den selben kriegen die Algewer vnd auch die Dalmacier ernidergelegt vnd sunderlich in dem teuetschen krieg bey xlm. ergebener menschen in Galliam gefuert vnd sie bey dem gestadt des Rheins in wonung vnd bleibung nidergesetzt. darumb zohe er mit zierlichen sygzaichen nach Römischem sytten geschmücket frölich gein Rome. Aber sein glori vnd machtigkeit wardt darnach mer vnd mer erweytert. da er dz gantz kriechenland das innerhalb welschs lands vnd dem Norkewischen [?] reich vnd traciam vnd Macedoniam vnd zwischen der Thonaw vnd dem Adriatischen meer ligt zu gehorsam vnnd ergebung gebracht het. Diser Claudius tiberius nero (als Eutropius setzt) was ein kluog man in den wafen vnd glückhaftig genuog vor seiner angenomner herrschung. vnd schaffet das die stett mit seinem namen genent werden solten. Aber die allereltisten bücher der geschihtbeschreiber haißen dise burg ein norckewisch geschloß. dann auff das die Römer den feynden die sich nach dem gepirg enthielten ir vberziehung weeren möchten so paweten sie an den bergen des Norckaws vnd in vil gegenten teützsch lannds bürg vnd geschlösser. also hat auch dise statt ein einige höh darauff dise alte burg zu huot der statt gepawen ist. Vnd wiewol (als der hohberümbt babst Pius der ander von diser statt schreibt) ein zweifel ist ob sie des Frenckischen oder Bayrischen lands sey. so zaigt doch ir namen an das sie zum Bayer land gehöre. so sie doch Nörmberg. gleich als Norckaws berg geheißen wirdt. dann die art oder gegent zwischen der Thonaw vnnd Nörmberg gelegen heißt das Norckaw. Dise statt ligt aber in dem Bambergischen bisthumb das zu Francken gehört. doch wöllen die Nürmberger weder Bayern noch Francken aber ein drittes besunders geslecht sein. Dise statt wirdt durch ein fliessends wasser die Pegnitz genannt enmitten getaylt in zwu stett. so kombt man von einer in die andern auff vil schönen staynin prugken vber dasselb wasser auffgerichtet. vnd ist auff eim vnfruchtpern vnnd sandigen erdpoden erpawen. vnd auß diser vrsach alda ein arbeitsams emsigs volck. dann alle die. des gemaynen volcks sind entweders fastsinnreich wercklewt. erfinder vnd maister mancherlay wunderwirdiger subtiler arbait vnd kunst zum geprauch menschlicher notdurft vnd zierde dienstlich. oder aber gar anschlagig kaflewt vnnd gewerb treyber. Vnd wiewol auch dise statt von ettlichen für new geachtet wirdt darumb das in den schrifften der alten wenig dauon geschriben gefunden werde. vnnd auch keynerlay fuoßstapffen oder anzaigung des alters darin erscheynen dann allain die vorbemelt alte burg vnd ettliche hewser. des sich doch nymant verwundern soll. denn auch von vil andern treffenlichen stetten nit allain teütscher sunder Auch Welscher vnd andrer land. vnnd sunderlich von der in aller werlt berümbtisten statt Rom irs vrsprungs. alters vnd stiffters mancherlay zweifellicher wone vnd vermuotung vnder den geschihtschreibern erscheinen. yedoch so ist wissentlich das dise statt zu der zeit des großen kayser Karls in plüendem wesen gestanden ist. dann nach dem derselb Karolus ein konig zu Franckreich die kyrchen vnd auch das römisch reich auffen vnd meren wolt vnd die Sachsen gezamet vnd die Britannier vnd Gallier zu ime in pündnus gebracht. vnd auch mit Tassilone dem hertzogen zu Bayern auß volg babst Adriani friden auffgenomen het. vnd aber derselb Tassilo nach beschehner fordrung weder selbs komen noch auch die außgeding versprochen layst bürgen schicken wolt. do name Karolus wider denselben Tassilonem einen krieg für. vnd füret die heer in Bayern taylende das volck auff drey ort vnd verordnet die österreicher thüring vnnd sachssen sich bey der Thonaw zelegeren. so blib Pipinus sein sun mit dem welschen heer zu Trient. Aber karolus hielte sein wartt mit dem dritten teil des heers zu Nürmberg vnd in den nahenden enden daselbst vmb vnd pawet in form vnd gestalt seins gezeltes bey Nürmberg ein kirchlein das nachfolgend durch babst Leo den dritten. der dem benannten Karolo gein Padeporren in Sachssen nach zohe. auff dem widerweg gein Rom in sannt Katherinen der iunckfrawen vnd martrerin ere geweiht worden ist vnd yetzo zu dem alten fürt genant wirdt. Ettlich sagen das dise statt ettwen vnder des edeln herren Albrechts grafen zu Francken gewalt gewesen vnd nach absterben desselben grafen (der auß veruntreüung hattonis des bischoffs zu Maintz von kayser Ludwigen vmbracht wardt) an das Römisch reich gelangt sey. Nach dem aber dise statt an das Römisch reich komen ist so ist sie seydher mit hoher trew vnd bestendigkeit dem Römischen reich vnuerwenckt angehangen. vnd hat den römischen konigen alweg hohbestendigen glawben vnnd trew gelaystet. vnd darumb auch in zwitrachtigkeit der Römischen kayser schwere bedrangknus vnd schaden erlidden. vnd sunderlich dieweil keyser heinrich der vierd regiret. vnnd ine konig heinrich sein sun auß götlicher rachsale (als man maynet) mit krieg verfolget. Als nw die Nürmberger ir trew an seinem vater hielten do wardt die statt Nürmberg durch den sun mit hilff der seinen belegert vnd gewunnen. als dann die glawbwirdigen geschihtbeschreiber Otto frisingensis vnd Gotfridus viterbiensis beschreiben Derselb konig Heinrich zohe gein Wurtzburg vnd setzet bischoff Erlongum ab vnd Robertum ein. darnach ließe er die Sachsen haym ziehen vnd eroberte mit den Bayern das Norckawisch schloss zu Nuemberg. als er das zwen monat oder mer belegeret het do zohe er gein Regenspurg in die hawbtstat des Norckawischen hertzogthumbs den volget der vater alßpald nach. vertribe den bischoff Robertum vnd setzet Erlongum wider ein. do zohe er fürter vnnd veriaget mit hilff der von Regenspurg den sun auß der statt vnd setzet daselbst bischoff Ulrichen ein. vnd zerstöret durch die Beheim die Marckh Theobaldi. Konig Conrad der Schwab. der nach absterben Lotharij zu römischem konig erclert wardt. vnd auß rat sant Bernharts einen heerzug wider die vnglawbigen fürname hat dise statt wider auffgerichtet vnd ein löblich closter vnd abtey sant Benedicten ordens zu sant Egidien genant an eim gelegnern enden der statt gestiftet. vnd ist auch die statt durch nachfolgend hilff stewr vnnd begnadung desselben konig Conrats vnd anderer römischen kaiser vnd konig zu auffung komen. Aber nit ist zeglawben das sie vomm anfang irer widerauffrichtung solcher zierde vnnd weyte gewesen sey. sunder sie ist zu den zeitten Karls des vierden römischen keysers vnd konigs zu Beheym mit weiterm vmbkrais eingefangen vnd mit newen zinnen vnd mit eim weytten vnd tieffen gerigs vmb die stat gefürten graben. vnd mit iijc. lxv. thürnen. ergkern vnd vorwern an den zwayen innern mawrn gemeret vnd mit fast weiten vnd festen inwonungen gezieret vnd schier in den mittel teütschs lands gelegen. vnd die burgere daselbst haben auß vnderrichtung keiserlicher gesetze eins ratspflegnus vnd burgermaisterliche ordnung von der gemaynd vnderschiden. dann die burgere des herkomens von alten erbern geslechten daselbst pflegen gemayner statt sachen. so wartet die gemaind irer henndel. In diser statt sind vil weyte vnd wolgezierde gotzhewßer. auch zwu pfarr. sant Sebalds vnd sand Laurentzen kirchen. vnd der petlörden vier wolerpawte clöster die die burger in mancherlay zeiten aufgerichtet haben. Die geistlichen iunckfrawen haben daselbst zway clöster Eins zu sant Katherein. das ander zu sant Clara genant. So haben die teütschen herren ein große weitte der statt innen. Da ist auch ein Cartheüser closter an großtatigkeit des gepews fast weit vnd schön. Auch ein konigclicher wolgezierter sal der allerhailigsten iunckfrawen Marie amm marck mitsambt einem aller schönsten prunnen. Dise statt frewet sich nicht wenig irs konigclichen patrons sant Sebalds der in seinem leben vnd mit wunderwerken also erleüchtet gewest ist das er auch dise statt erleüchtet hat. Sie frewet sich auch der keyserlichen zaichen. als des mantels. schwerter. scepters. der öpffel vnd kron des großen keyser Karls die die zu nümberg bey ine haben. vnd die in der krönung eins römischen konigs von der heiligkeit vnnd alters wegen einen glawben geben. so wirdt auch dise statt sunderlich hohgezieret mit dem vnerschetzlichen vnd götlichsten sper. das die seyten Jhesu cristi am creütz geoffent hat. Auch mit einem mercklichen stuck des creützs vnd anderen in der gantzen werlt zewirdigen heilthumen. die ierlich zu österlicher zeit offentlich daselbst mit großer solennitet vnd zierlichkeit gezaigt werden.

Der heilligen streyttenden kirchen grundfestungen darauff sich das gantz zimmer diss gepews vertrawenlich steüert sind die heiligen apostel. dann got hat dieselben als erste opffer zu hail aller völcker erwelet. Dise sind die grundseüln oder pfeyler der kirchen auff der grundfeste (on die nymant einiche andere grundfest setzen mag) die do ist Cristus Jhesus mit dem höhsten egkstayn befestigt. das die warheit die vormals in dem preyse des gesetzs vnd der propheten schwebet. durch die apostolischen pusawmen zu hail aller werlt außgienge. dann es ist geschriben. In alles ertrich ist außgegangen ir stymm. wann von inen ist die kierch entsprossen vnnd bis zum ende der werlt mit dem wort der verkündung außgestreckt. Sie haben dise kirchen mit lere. mit wunderzaichen. mit ebenpilden vnd mit pluotuergissen gepflantzt. darumb werden sie billich veter. stifter. pawere ordner. hirten. bischoff vnd wegmacher der gemaynen kirchen genant. Aber das sacrament diser gabe hat der herr also zu dem ambt aller apostel wöllen gehören. das er es in dem seligsten Petro aller apostel dem höhsten setzet. das er von ime als einen hawbt mit seiner gabe als in allen leib ergüsse. das sich der. der götlichen heymlichen verborgenheit entsetzet verstünde der von der festigkeit Petri abweichen getörste. dann der herr hatt ine in die mit verwandtschaft der vnteylpern einigkeit also genomen. das er ine das. das er selbs was nennet sprechende. Du bist Petrus vnd auff disen felsen wirdt ich pawen mein kirchen. das der paw des ewigen tempels in wunderperlicher begabung mit der gnaden gottes auff der festigkeit Petri stünde. vnd er hat dise kirchen mit seiner bekreftigung also gestercket das menschliche vermessenheit vnd frefel sie nit erraichen noch auch die hellischen pforten wider sie gesygen möchten.

Pilter: G. v. Volckamer: Das Herrenhaus und die Ökonomiegebäude von Südosten, um 1894
via Burgen und Herrensitze in der Nürnberger Landschaft;
Derzno: Renzenhof, Herrensitz, 28. Juli 2012;
Derzno: Renzenhof, Ortseingang, 28. Juli 2012. Zur linken hinter dem Baum in sommerlicher Pracht der besagte Herrensitz, rechts daneben über die Hartmann-Schedel-Straße der zugeparkte und gut besuchte Biergarten Zum Jägerheim, weil der 28. Juli 2012 ein Samstag war;
Praxis für Psychotherapie Julia Knoke, ca. 2015;
Michael Wolgemut und Wilhelm Pleydenwurff für Hartmann Schedel: Register Des buchs der Croniken und geschichten – mit figuren und pildnüssen von anbeginn der welt bis auf dise unnsere Zeit. Das sechst alter der werlt, Verlag Anton Koberger, Nürnberg 1493, Blat 99 verso und 100 recto.

Röthenbach-Feature: Manfred Eder: Röthenbach an der Pegnitz, 17. Februar 2016:

Bonus Track aus Nvremberg zur Erholung:
Carson Sage and the Black Riders (erloschen, neuerdings Secret Song Service):
Garten Mother’s Lullabye, aus: Final Kitchen Blowout, 1993:

Written by Wolf

16. Februar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Renaissance

Nachtstück 0005: Cats and dogs are not our friends (They just pretend)

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Update for Nunc dimittis mit Fried und Freud
and Start quoting him now:

Another Shakespearianum because it is his 400th death anniversary, since following the Gregorian calendar, which was „adopted in Catholic countries in 1582, Shakespeare died on 3 May [1616].

I had rather be a kitten and cry mew
Than one of these same metre ballad-mongers.

Hotspur: History of Henry IV, Part I, III,1, 1671 f., 1597.

Susan Herbert, Shakespeare Cats, Henry V., 2004

I had rather be a dog, and bay the moon,
Than such a Roman.

Brutus: The Tragedy of Julius Caesar, IV,3,1997 f., 1599.

Julius Caesar dog, art print

Images: Susan Herbert: Shakespeare Cats, 2004
via She Who Seeks: Raising the Tone of This Blog, February< 1st, 2015;
Yapatkwa: Julius Caesar Dog Art Print 20x28cm, out of stock.
Soundtrack: Camille: Cats and Dogs, from: Music Hole, 2008:

Written by Wolf

3. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Renaissance

Kowtow.—Forsooth!—Thinkst thou?—Odds bodkins!—We trou‘! (Start quoting him now.)

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Update zu Der Drang zum Sturm und
Sophokles’ Bruder ab orbe Britannis:

Wir feiern am 23. April den 400. Todestag von William Shakespeare, obwohl wir Heutigen in der Lage sind, bis zu den Fußnoten der weltumspannenden Wikipedia hinunterzuscrollen:

Todesdatum nach dem während der gesamten Lebenszeit Shakespeares in England geltenden julianischen Kalender (23. April 1616); nach dem in den katholischen Ländern 1584, in England aber erst 1752 eingeführten gregorianischen Kalender ist der Dichter am 3. Mai 1616 gestorben. Dadurch hat er das gleiche Todesdatum wie der spanische Nationaldichter Cervantes, obwohl er ihn um zehn Tage überlebt hat.

Dennoch werden wir uns den Feierlichkeiten nicht aus lauter katholischer Besserwisserei verschließen.

Titelblatt Wieland, Shakespeare, Theatralische Werke, Band 2, Zentralbibliothek Zürich, Die erste deutsche Shakespeare-ÜbersetzungDafür bietet sich zu solchen Jubiläen die Pflicht zur „Neuentdeckung“ und der Erforschung dessen, was uns „der Barde“ denn „heute noch zu sagen hat“ (ja, wirklich, es ist eine Pflicht, die sich bietet, nicht aufdrängt) — was offizielle Subjekte der Kulturpflege halt so sagen müssen.

Eine unschlagbare Gelegenheit zur Besserwisserei ist die tätige und käuflich recht günstig erwerbliche Erkenntnis, dass die Schlegel und Tieck zwar die älteste (1789 bis 1833) bis heute grassierende, aber keineswegs die erste deutsche Shakespeare-Übersetzung war. Das erste systematisch auf eine gültige Übertragung von Shakespeares Gesamtwerk angelegte Projekt wurde vielmehr von Wieland ins Werk gesetzt: 1762 bis 1766 schaffte Wieland 22 „Theatralische Werke“, davon nur Ein St. Johannis Nachts-Traum in Versform, den Rest in Prosa. Der Sturm oder Der erstaunliche Schiffbruch inszenierte er schon 1761 fürs Komödienhaus in der Schlachtmetzig in der Viehmarktstraße 8 zu Biberach an der Riß — was als erste deutsche Shakespeare-Aufführung überhaupt gilt.

1775 bis 1777 wurden die von Wieland vernachlässigten Dramen von Johann Joachim Eschenburg vervollständigt, das Ergebnis dieser zeitversetzten Gemeinschaftsarbeit heißt Wieland-Eschenburg-Übersetzung.

Kathryn Grayson als Kate, Kiss Me Kate, 1953 via Yvette Can Draw, 27. November 2011Wieland beförderte durch Vermittlung seines Freundes Johann Jakob Bodmer seine Übersetzungen bei Orell, Gessner, Füssli & Comp. in Zürich ab 1762 zum Druck (worin sich eine ganz andere Auffassung vom Veröffentlichen ausdrückt als in dem heutigen „einen Verlag suchen“, stimmt’s?), weshalb ihre Gesamtheit als „erste Zürcher Ausgabe“ läuft. Neu veröffentlicht wurden sie als Einzelausgaben 1993 vom verdienstreichen Haffmans Verlag, ebenfalls in Zürich und unter einem Herrn Bodmer, weshalb ihre Gesamtheit als „zweite Zürcher Ausgabe“ läuft. Diese wiederum ging nach dem Konkurs 2001 des Haffmans Verlags in einem Band zu Zweitausendeins. — Letztere Ausführung geht vor allem raus an Karl, der behauptet, es habe schon eine „Züricher Übersetzung“ von Shakespeare, vollständig und ungefähr 1722, jedenfalls aber vor und unabhängig von Wieland stattgefunden. — Nein, hat sie nicht. Einzelne fliegende Schauspielertruppen werden damit angefangen haben, aber das ist wohl ein Verhältnis wie das einzelner eingedeutschter Bibelstellen ab dem Hochmittelalter zur Lutherbibel. Die vier 0,5er-Dosen Guinness werden nächstes Mal doch wieder acht bis 16 Adelskrone.

Der Leser, der weder Wieland, Eschenburg, Schlegel, Tieck noch gar den Karl persönlich kennt, ersieht hieraus den Wert der Besserwisserei anhand solcher abgelegenen Studienratsausgaben; die Penny-Plörre Adelskrone ist nämlich gar nicht so schlecht. Stellt sich zuletzt die Frage:

Wieland, Shakespeare, Theatralische Werke, viaLibri

——— N. N.:

Warum Shakespeare lesen?

Rückentext auf: William Shakespeare: Theatralische Werke in einem Band. Übersetzt von Christoph Martin Wieland. Die zweite Zürcher Ausgabe, im Auftrag der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur nach der ersten Zürcher Ausgabe von 1762 bis 1766 neu herausgegeben von Hans und Johanna Radspieler, Neuausgabe in einem Band, 1. Auflage der einbändigen Ausgabe, Zweitausendeins, Frankurt am Main, Juni 2003:

William Shakespeare, Theatralische Werke in einem Band, übersetzt von Christoph Martin Wieland, Zweitausendeins 2003, via Tiber Anitquariat Dülmen„Nach Gott hat Shakespeare am meisten geschaffen.“ James Joyce „Wenn ich Shakespeare und die Bibel lese, ist mir der Heilige Geist manchmal lieb, aber ich ziehe Shakespeare vor.“ Alexander Puschkin „Dem Mann verdanken wir das weltliche Evangelium.“ Heinrich Heine „Shakespeare ist das größte Genie, das je existiert hat. Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf zeitlebens ihm eigen.“ Johann Wolfgang Goethe „Er ist das Bewußtsein der Welt.“ Gustave Flaubert „Der leidenschaftlichste Dichter der Welt.“ Charles Baudlaire „Shakespeare ist der menschlichste aller großen Künstler.“ Oscar Wilde „Die Größe Shakespeares liegt in seiner Fähigkeit, aus allem nicht nur seine, sondern die Welt zu machen, eine Fähigkeit, die ihn nie verließ, weil sie seine Natur, seine Genialität war.“ Friedrich Dürrenmatt „Shakespeare steht bei der Welt in hohem Ansehn und ist dennoch der größte aller Dichter. Daraus läßt sich erkennen, daß die Wwelt richig urteilt.“ Edgar A. Poe „Auf die geringste von seinen Schönheiten ist ein Stempel gedruckt, welcher gleich der ganzen Welt zuruft: Ich bin Shakespeare!“ Gotthold Ephraim Lessing „Als ich Shakespeare las, fühlte ich mich neu geboren.“ Henri Stendhal „Den Menschen wollte er im Spiegel der Dichtkunst zeigen, nicht moralische Karikaturen; darum erkennt sie ein jeder im Spiegel, und seine Werke leben heute und immerdar.“ Arthur Schopenhauer „Shakespeare wäre in jedem Zeitalter und in jeder Generation erfolgreich gewesen. Lebte er heute, wäre er garantiert Drehbuchschreiber, Filmregisseur, Bühnenautor, Dramaturg und was weiß ich noch alles. Er würde nicht sagen ‚Dieses Mdium taugt nichts‘, sondern er würde es einsetzen und tauglich machen. Und wenn einige Leute seine Werke ‚billig‘ und ‚vulgär‘ nennen würden (und manche sind es tatsächlich), würde er sich einen Dreck drum scheren, denn er wüßte, daß es ohne Vulgarität keinen ganzen Menschen geben kann.“ Raymond Chandler

Darum Shakespeare lesen!

Ron Randell at the piano playing Cole Porter playing Cole Porter, Kiss Me Kate, 1953, via Yvette Can Draw, 27. Dezember 2011Unter anderen Umständen hätte ein einfaches „Darum“ gereicht“. Vor allem und wie immer ist es unabdingbar: um Mädels zu beeindrucken — was sich gar nicht als erstes aufdrängt und deshalb der oben eingeforderten „Neuentdeckung“ und der Erforschung dessen, was uns „der Barde“ denn „heute noch zu sagen hat“, dient. Hilfestellung dazu haben wir längst erhalten: in den frühen 1980er Jahren, als wir nach dem Rudi Carrell noch aufbleiben und den Spätfilm gucken durften, weil den Vater nach den Lottozahlen das Wort zum Sonntag bis zum Ameisenkrieg schnarchend in die Sofapolster genietet hatte. Da kam nämlich in der Reihe Des Broadways liebstes Kind gerne mal Kiss Me Kate — ein sehr viel nachhaltigeres Erlebnis als das vorausgehende Bad am Samstagabend.

Der Film ist von 1953, nach dem Musical von 1948, und das wiederum nach The Taming of the Shrew von Shakespeare, mutmaßlich von 1594. Text und Musik sind von Cole Porter — wobei gerade in dieser Oberliga des Kulturschaffens so eine Häufung von Kompetenzen selten ist; momentan fallen mir nur Shakespeare, Cole Porter und die üblichen Liedermacher ein. Ein besonderes Meisterstück innerhalb Kiss Me Kate ist das Lied Brush up your Shakespeare, was mir auf dem Sofa neben dem schnarchenden Herrn Vater gar nicht aufgefallen ist. Da hieß der Film auch nur Küß mich, Kätchen! und das Lied Schlag nach bei Shakespeare, was mir alles um 1982 ebenso ferne lag wie das Beeindrucken von Mädels.

Cole Porters Originaltext bringt eine Sprachspielerei in einer hinreißenden Mischung aus jiddisch durchsetztem Gaunerjargon und gebremst verballhornter Hochsprache nach der anderen und scheut sich nicht vor den Anzüglichkeiten, die für ein amerikanisches Filmpublikum von 1953 zensiert werden mussten; Shakespeare hätte — und hat — es nicht anders gemacht. Die Melodie ist einer der echten unschlagbaren Ohrwürmer des 20. Jahrhunderts, die einen ein Stück glücklicher hinterlassen und eine Zeitlang durch die Welt tragen können — wenn man gleich mir nicht zu sehr zum Fremdschämen neigt. Dargeboten wird das Lied in der Filmversion nämlich von Keenan Wynn und James Whitmore als Lippy und Slug, und weil es ein Musical ist, müssen sie dazu steppen. Für uns Unerschrockene bringt Gunther Anderson die Gitarrengriffe zum Mitsingen.

Das reicht zum Feiern eines runden Todestages. Weiter unten noch die Geburtstagsparade, dann kauft der Karl frisches Adelskrone und wir kriegen Cervantes.

——— Cole Porter:

Brush up your Shakespeare

aus: Kiss Me Kate, 1948, Verfilmung 1953, hier unzensierter Text:

The girls today in society
go for classical poetry.
So to win their hearts one must quote with ease
Aeschylus and Euripides.

One must know Homer, and believe me, Beau,
Sophocles, also Sappho-ho.
Unless you know Shelley and Keats and Pope,
dainty Debbies will call you a dope.

But the poet of them all,
who will start ‚em simply ravin‘,
is the poet people call
The Bard of Stratford-on-Avon.

Chorus: Brush up your Shakespeare,
start quoting him now.
Brush up your Shakespeare,
and the women you will wow.

Just declaim a few lines from Othella,
and they’ll think you’re a hell of a fella.
If your blonde won’t respond when you flatter ‚er,
tell her what Tony told Cleopatterer.

If she fights when her clothes you are mussing:
What are clothes? Much Ado about Nussing!
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.

Chorus.

With the wife of the British ambassida,
try a crack out of Troilus and Cressida.
If she says she won’t buy it or like it,
make her tike it, what’s more As You Like It.

If she says your behavior is heinous,
kick her right in the Coriolanus.
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.

Chorus.

If you can’t be a ham and do Hamlet,
they will not give a damn or a damlet.
Just recite an occasional Sonnet,
and your lap’ll have honey upon it.

When your baby is pleading for pleasure,
let her sample your Measure for Measure.
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.—Forsooth!
And they’ll all kowtow,
and they’ll all kowtow.

Chorus.

Better mention The Merchant Of Venice,
when her sweet pound o‘ flesh you would menace.
If her virtue, at first, she defends—well,
just remind her that All’s Well That Ends Well.

And if still she won’t give you a bonus,
you know what Venus got from Adonis.
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.—Thinkst thou?
And they’ll all kowtow.—Odds bodkins!
And they’ll all kowtow.

Chorus.

If your goil is a Washington Heights dream,
treat the kid to A Midsummer Night’s Dream.
If she then wants an all-by-herself night,
let her rest ev’ry ‚leventh or Twelfth Night.

If because of your heat she gets huffy,
simply play on and „Lay on, Macduffy!“
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.—Forsooth!
And they’ll all kowtow.—Thinkst thou?
And they’ll all kowtow.—We trou‘!
And they’ll all kowtow.

Unknown artist, Procession of Characters from Shakespeare's Plays, ca. 1840

Bilder: Die Vorderseite zur oben zitierten Rückseite von William Shakespeare: Theatralische Werke in einem Band, übersetzt von Christoph Martin Wieland, zweite Zürcher Ausgabe von Hans und Johanna Radspieler, Zweitausendeins 2003, via Tiber Anitquariat Dülmen auf Amazon.de, featuring Laurence Olivier und Vivien Leigh als Romeo und Juliette, 1940;
die älteren Bücher sind das Titelblatt des zweiten Bandes desselben Werks via Zentralbibliothek Zürich: Die erste deutsche Shakespeare-Übersetzung. William Shakespeare Theatralische Werke. Aus dem Engl. übers. von Herrn Wieland Zürich, 1762ff.:

Angeregt durch Bodmer, beginnt Wieland in Zürich auch mit seiner Übertragung von Shakespeares Dramen, die ab 1762 als erste deutsche Shakespeare-Übersetzung bei Orell, Gessner, Füssli & Comp. in Zürich erscheint. [Was ich dem Karl dauernd sag und als Weblog-Eintrag gereicht hätte, aber schon als Tweet zu lang wäre.]

und viaLibri, 17. Oktober 2015;
Ann Miller, Kiss Me Kate, 1953, via Yvette Can Draw, 27. Dezember 2011, DVDBeaverdie Musical-Bilder mit Kathryn „Kate“ Grayson, die ihrem Bierhumpen I Hate Men vorsingt, Ron Randell at the piano playing Cole Porter playing Cole Porter (So in Love) und Ann Miller beim heimischen Vortanzen von Too Darn Hot sind aus Kiss Me, Kate, 1953 via Yvette Can Draw: Tuesday’s Overlooked (or Forgotten) Films: KISS ME, KATE (1953) starring Howard Keel, Kathryn Grayson and Ann Miller, 27. Dezember 2011
und DVDBeaver, und
die Ehrenparade für den fröhlichen Todesjubilar stammt von einem unbekannten Künstler im Stil von Thomas Stothard, eine ehemalige Zuschreibung an Daniel Maclise: Procession of Characters from Shakespeare’s Plays, ca. 1840, Öl auf Holz, 31,1 cm auf 137,8 cm, Yale Center for British Art, Paul Mellon Fund. Es treten auf, v. l. n. r.:

  • Margaret of Anjou (1430–1482), queen of England, consort of Henry VI
  • Lady Macbeth (character in Macbeth)
  • Ophelia (character in Hamlet)
  • Maria (character in Twelfth Night)
  • Beatrice
  • Sir Toby Belch (character in Twelfth Night)
  • Hamlet, Prince of Denmark
  • Benedick
  • Sir John Falstaff
  • Malvolio (character in Twelfth Night)
  • Katharine (character in The Taming of the Shrew)
  • Proteus
  • Doll Tearsheet
  • Shakespeare, William (1564–1616), playwright and poet
  • Othello (character in Othello, the Moor of Venice)
  • Valentine
  • Launce (character in The Two Gentlemen of Verona)
  • Parolles
  • Crab
  • Titania (character in A Midsummer Night’s Dream)
  • Sir Andrew Aguecheek (character in Twelfth Night)
  • Celia
  • Bottom (character in A Midsummer Night’s Dream)
  • Rosalind (character in As You Like It)
  • Juliet (character in Romeo and Juliet)
  • Romeo (character in Romeo and Juliet)
  • Desdemona (character in Othello)

Annähernd in Originalgröße ist die Parade wiedergegeben auf Tumblr, entdeckt wird sie allerdings schon im englischen Wiki-Artikel zu Shakespeare, weil ja wir Heutigen, wie eingangs erwähnt, in der Lage sind, ziemlich weit runterzuscrollen.

Bonus Tracks: I Hate Men, So in Love und Too Darn Hot, woher wohl. Anspieltipp ist letzteres: Ann Miller schlägt sich doch recht wacker bei ihrem Vortanzen im Wohnzimmer. Außerdem werden solche Pin-up-Schönheiten heute gar nicht mehr so hergestellt, nicht mal für Shakespeare-Dramen.



Written by Wolf

22. April 2016 at 00:01

4. Katzvent: Ehre sey Gott in der Höhe / Vnd Friede auff Erden / Vnd den Menschen ein wolgefallen: The world can never have enough cute kitten pics am I right?

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Ein Suchbild mit Katze, ein späthippieskes Weihnachtslied zum Mitgrölen, und in der üblichen Weihnachtsgeschichte in Lukas 2 kommt gar kein Stern vor, dafür heißt „Krippe“ seit 2004 „Ölwanne“ — das kann nur der restliche Adventskalender für den Endspurt bis Heiligabend sein. Wir warten aufs Christkind und diskutieren, welche Version die schönste ist.

Lukas 2,1–20
Luther-Übersetzung letzter Hand, 1545:

ES begab sich aber zu der zeit / Das ein Gebot von dem Keiser Augusto ausgieng / Das alle Welt geschetztSchetzen ist hie / das ein jglicher hat müssen ein Ort des gülden geben von jglichem Heubt. würde. Vnd diese Schatzung war die allererste / vnd geschach zur zeit / da Kyrenius Landpfleger in Syrien war. Vnd jederman gieng / das er sich schetzen liesse / ein jglicher in seine Stad. Da machet sich auff auch Joseph / aus Galilea / aus der stad Nazareth / in das Jüdischeland / zur stad Dauid / die da heisst Bethlehem / Darumb das er von dem Hause vnd geschlechte Dauid war / Auff das er sich schetzen liesse mit Maria seinem vertraweten Weibe / die war schwanger. Vnd als sie daselbst waren / kam die zeit / das sie geberen solte. Vnd sie gebar jren ersten Son / vnd wickelt jn in Windeln / vnd leget jn in eine Krippen / Denn sie hatten sonst keinen raum in der Herberge. Mat. VND es waren Hirten in der selbigen gegend auff dem felde / bey den Hürten / die hüteten des nachts jrer Herde. Vnd sihe / des HERRN Engel trat zu jnen / vnd die Klarheit des HERRN leuchtet vmb sie / Vnd sie furchten sich seer. Vnd der Engel sprach zu jnen. Fürchtet euch nicht / Sihe / Jch verkündige euch grosse Freude / die allem Volck widerfaren wird / Denn Euch ist heute der Heiland gebörn / welcher ist Christus der HErr / in der stad Dauid. Vnd das habt zum Zeichen / Jr werdet finden das Kind in windeln gewickelt / vnd in einer Krippen ligen. Vnd als bald ward da bey dem Engel die menge der himelischen Herrscharen / die lobten Gott / vnd sprachen / Ehre sey Gott in der Höhe / Vnd Friede auff Erden / Vnd den Menschen ein wolgefallen Das die menschen dauon lust vnd liebe haben werden / gegen Gott vnd vnternander. Vnd dasselb mit danck annemen / vnd darüber alles mit freuden lassen vnd leiden. VND da die Engel von jnen gen Himel furen / sprachen die Hirten vnternander / Lasst vns nu gehen gen Bethlehem / vnd die Geschicht sehen / die da geschehen ist / die vns der HERR kund gethan hat. Vnd sie kamen eilend / vnd funden beide Mariam vnd Joseph / dazu das Kind in der krippen ligen. Da sie es aber gesehen hatten / breiteten sie das wort aus / welchs zu jnen von diesem Kind gesagt war. Vnd alle / fur die es kam / wunderten sich der Rede / die jnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese wort / vnd beweget sie in jrem hertzen. Vnd die Hirten kereten widerumb / preiseten vnd lobten Gott vmb alles / das sie gehöret vnd gesehen hatten / wie denn zu jnen gesagt war.

     

Lukas 2,1–20
Volxbibel, 2004:

Jesus wird geboren

In dem Jahr machte der oberste Präsident der Römer ein neues Gesetz. In diesem Gesetz stand, dass sich alle Menschen, die in den von der römischen Armee besetzten Gebieten lebten, bei ’ner staatlichen Behörde melden sollten. Dort mussten sie angeben, wie viel Kohle sie im Monat verdienen, um daraus die neue Steuer zu berechnen. So eine Steuerschätzung hatte es zu dem Zeitpunkt noch nie gegeben. Quirinius war gerade der Ministerpräsident von einem der besetzten Gebiete, das Syrien hieß. Alle Menschen mussten in den Ort zurückgehen, in dem sie geboren worden waren, um sich dort in Listen einzutragen. Weil Josef aus der Familie vom David kam, musste er nach Bethlehem reisen, denn da kam seine Familie ursprünglich her. Er machte sich also von Nazareth (das liegt in Galiläa) nach dorthin auf den Weg. Maria, seine Verlobte, nahm er einfach mit. Die hatte da schon einen ziemlich dicken Bauch, sie war nämlich hochschwanger. In Bethlehem passierte es dann, und sie bekam ihr erstes Kind. Weil sie in den Hotels und Jugendherbergen im Ort keinen Pennplatz mehr finden konnten, musste Maria das Kind in einer Autogarage zur Welt bringen. Eine alte Ölwanne war das erste Kinderbett.

Die Hirten und ein Engel

In dieser Nacht hatten ein paar Hirten kurz vor dem Dorf ihr Lager aufgeschlagen, um dort auf die Schafe aufzupassen. Plötzlich war da ein riesengroßes überirdisches Wesen aus dem Himmel, das auf sie zukam. Ein helles weißes Licht war um diesen Engel rum, ein Art von Licht, das nur von Gott kommen konnte, so krass war es. Die Hirten bekamen voll die Panik, aber der Engel beruhigte sie. „Entspannt euch, ihr braucht keine Angst zu haben! Ich habe gute Nachrichten für euch und auch für alle anderen Menschen! Heute Nacht ist der Mensch geboren worden, der euch alle aus eurem Dreck rausholen wird! Das ist in der gleichen Stadt passiert, wo auch David herkommt. Ich sag euch mal, wo ihr ihn finden könnt: Er liegt in einer alten Ölwanne, unten in einer Tiefgarage, gut eingewickelt in Windeln!“ Plötzlich tauchten neben dem einen Engel noch Tausende anderer Engel auf. Die fingen dort gleich an, zu beten und Gott zu sagen, wie genial er ist: „Der Gott, der im Himmel wohnt, soll groß rauskommen! Er hat all den Menschen ein Friedensangebot gemacht, die bereit sind, dieses Angebot auch anzunehmen!“ Nachdem die Engel wieder verschwunden waren, beschlossen die Hirten, der Sache auf den Grund zu gehen: „Lasst uns mal nach Bethlehem fahren. Mal sehen, was dort jetzt von den Sachen passiert ist, die uns dieser Engel gerade erzählt hat.“ Sie beeilten sich sehr. Als sie im Dorf ankamen, fanden sie tatsächlich Maria, Josef und auch das Baby, das in einer Ölwanne lag. Nachdem die Hirten das Kind angesehen hatten, erzählten sie von ihrem Treffen mit diesem Engel. Alle, die davon Wind bekamen, staunten nicht schlecht. Maria merkte sich aber alle Einzelheiten genau und dachte ständig darüber nach. Anschließend gingen die Hirten wieder zu ihren Schafen zurück. Sie freuten sich total über Gott und über das, was sie in dieser Nacht erlebt hatten! Alles war genauso abgegangen, wie es ihnen vorher angekündigt worden war.

     

Suchbild: Wo ist die Katze?

Alicia Luciana McConnell: Back to Black, 1. Juli 2015, Chicago:

Shot this in the alley behind my aunt’s apartment right after work yesterday. I wanted to try to shoot a self portrait that had an interesting perspective so this is hopefully a little different. My poor cheap tripod was not having any of it, I really need to invest in a better one one of these days. My favorite part of this is the kitty, might become a cat photographer instead of this whole human thing? The world can never have enough cute kitten pics am I right?

Alicia Luciana McConnell, Back to Black, Chicago, July 1st, 2015

Und jetzt alle Regler nach rechts fürs Tutti mit Chören und Hauffe:

The Family Tree: Holy Night, aus: Starparade Extra-Ausgabe, 1972.

The Family Tree war 1972 bis 1975 eine Band aus 11 Mitgliedern, gegründet von Günter „Yogi“ Lauke für das Label Finger Records in Rottach-Egern, und veröffentlichte 1 LP, die es nie als CD gab. — Die ganze Geschichte aus zweiter Hand im Krautrock-Musikzirkus.

Written by Wolf

18. Dezember 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Renaissance

Ein arger Gast in Trutz und Poch

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Update zu Weistu was so schweig:

Die Freiheit regiert also jetzt die Schönheit. Die Natur gab die Schönheit des Baues, die Seele gibt die Schönheit des Spiels. Und nun wissen wir auch, was wir unter Anmuth und Grazie zu verstehen haben. Anmuth ist die Schönheit der Gestalt unter dem Einfluß der Freiheit; die Schönheit derjenigen Erscheinungen, die die Person bestimmt. Die architektonische Schönheit macht dem Urheber der Natur, Anmuth und Grazie machen ihrem Besitzer Ehre. Jene ist ein Talent, diese ein persönliches Verdienst.

Schiller: Über Anmuth und Würde, Juni 1793.

Wie sich Verdienst und Glück verketten
Das fällt den Thoren niemals ein;
Wenn sie den Stein der Weisen hätten
Der Weise mangelte dem Stein.

Goethe: Mephisto in Faust, 2. Teil, Vers 5061 ff., ab 1825.

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Tod, Stiftsbibliothek AdmontDen Unterschied zwischen von der Natur oder sonst einer übergeordneten Instanz („Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ — Faust auf die Gretchenfrage) verliehenen Gaben gegenüber persönlichen Errungenschaften merken wir uns, um eine besonders brillante Stelle im Doktor Faustus von Thomas Mann zu verstehen.

Eigentlich ist es eine selbsterklärende, weil Thomas Mann dialogweise das meiste Material dazu liefert. Wir wollen es wieder genau wissen und blättern nach, wo er den Widerspruch her hat. Falls es einer ist.

Äußerlich hat Adrian Leverkühn im 10. Kapitel seiner fiktiven Biographie soeben das Abitur bestanden und wird von seinem Schulrektor persönlich ins Leben verabschiedet. Der macht sich Sorgen um seinen scheidenden Zögling und warnt ihn schon vor dem anstehenden Teufelspakt so konkret, wie man vernünftigerweise nur werden kann. Hierbei bemüht er ein Goethewort so versteckt, dass es nur ein so belesener Abiturient wie Adrian bemerken kann. Ihm fällt sogar die entgegengesetzte Auffassung zu Schiller auf.

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Jüngstes Gericht, Stiftsbibliothek AdmontBeider Auffassungen sind durch die zwei Zitate oben belegt. Die Goethe’schen „angeborenen“ oder „natürlichen“ Verdienste (1808) sind eine Contradictio in adiecto, die absichtlich pointiert gebraucht sein kann. Wenn nicht, wäre sie allerdings der Affront gegen Schiller (1793), den Adrian darin sieht, auch wenn keine Kontroverse darüber entstanden war. Kunststück: Der Faust-Tragödie erster Theil erschien 1808, genau als Goethe mit Dichtung und Wahrheit überhaupt erst anfing, dabei war Schiller schon 1805 gestorben.

Derselbe Widerspruch aus Gottesgaben und Eigenverdiensten hat Thomas Mann noch öfter beschäftigt, vor allem in seinen Essays Goethe und Tolstoi ab 1923, Phantasie über Goethe 1948 und Goethe und die Demokratie 1949; zum Vergleich: Doktor Faustus ist von 1947, die Beschäftigung an dieser Stelle am gründlichsten. Es tut wohl zu beobachten, dass ein Großmeister, „Zauberer“ gar, wie Thomas Mann mit Wasser kocht, will hier heißen: seine Lieblingsstellen von Größeren ausschlachtet.

Das Brillanteste an Thomas Manns kurzer, für seine Romanhandlung bedeutsamer Aufarbeitung ist die Sprache des Rektors. Dessen schönste Formulierungen stammen aus dem Simplicissimus von Grimmelshausen 1668, wo nicht gar aus der Luther-Bibel 1545, besonders dem 1. Petrusbrief, und Ulrich von Hutten. Urwüchsig barockes Reformationsdeutsch, das Goethe gegen Schiller ausspielt — eine „deutschere“ Romanstelle kann es kaum geben.

——— Thomas Mann:

Doktor Faustus

Kapitel X, Bermann-Fischer, Stockholm 1947:

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Hölle, Stiftsbibliothek AdmontEr war, sage ich, sehr aufgeräumt damals, und wie denn nicht! Vom mündlichen Examen auf Grund der Reife seiner schriftlichen Arbeiten dispensiert, hatte er sich mit Dank für alle Förderung von seinen Lehrern verabschiedet, bei denen der Respekt vor der Fakultät, die er erwählt, die geheime Kränkung zurückdrängte, die seine geringschätzige Mühelosigkeit ihnen immer zugefügt hatte. Immerhin hatte der würdige Direktor der Gelehrten Schule der Brüder vom gemeinen Leben, ein Pommer namens Dr. Stoientin, der sein Professor im Griechischen, Mittelhochdeutschen und Hebräischen gewesen war, es bei der privaten Abschiedsaudienz an einem Mahnwort in dieser Richtung nicht fehlen lassen.

„Vale“, hatte er gesagt, „und Gott mit Ihnen, Leverkühn! — Der Segensspruch kommt mir vom Herzen, und ob nun Sie dieser Meinung sind oder nicht, ich fühle, daß Sie ihn brauchen können. Sie sind ein Mensch von reichen Gaben, und Sie wissen es — wie sollten Sie es nicht wissen? Sie wissen auch, daß Der dort oben, von dem alles kommt, sie Ihnen anvertraute, denn ihm wollen Sie sie ja darbringen. Sie haben recht: Natürliche Verdienste sind Verdienste Gottes um uns, nicht unsere eigenen. Sein Widerpartner ist es, durch Hochmut zu Falle gekommen er selbst, der trachtet, es uns vergessen zu lassen. Das ist ein arger Gast und brüllender Löwe, der geht und sucht, welchen er verschlinge. Sie sind von denen, die allen Grund haben, vor seinen Schlichen auf der Hut zu sein. Es ist ein Kompliment, das ich Ihnen da mache, nämlich dem, was Sie von Gottes wegen sind. Seien Sie’s in Demut, mein Freund, nicht in Trutz und Poch; und bleiben Sie eingedenk, daß Selbstgenüge dem Abfall gleichkommt und dem Undank gegen den Spender aller Gnaden!“

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Himmel, Stiftsbibliothek AdmontSo der wackere Schulmann, unter dem ich später noch an dem Gymnasium Lehrdienst versah. Adrian berichtete mir lächelnd von der Kommunikation auf einemder vielen Feld- und Waldspaziergänge, die wir in jener Osterzeit vom Hofe Buchel aus machten. Denn dort verbrachte er nach dem Abitur einige Wochen der Freiheit,und mich hatten seine guten Eltern zu seiner Gesellschaft mit eingeladen. Ich erinnere mich wohl des Gesprächs, das wir damals im Schlendern über Stoientins Mahnworte führten, besonders über die Redensart „Natürliche Verdienste“, deren er sich bei seiner Handschlagrede bedient hatte. Adrian wies nach, daß er sie von Goethe entlehnt übernommen habe, der sie gern gebraucht oder auch häufig von „angeborenen Verdiensten“ spreche, indem er durch die paradoxe Verbindung dem Wort „Verdienst“ seinen moralischen Charakter zu nehmen und, umgekehrt, das Natürlich-Angeborene zu einem außer-moralisch-aristokratischen Verdienst zu erheben suche. Darum habe er sich gegen die Forderung der Bescheidenheit gewandt, die immer von den Natürlich-Benachteiligten komme, und erklärt: „Nur die Lumpe sind bescheiden„. Direktor Stoientin aber habe das Goethe’sche Wort vielmehr im Geiste Schillers gebraucht, dem an der Freiheit alles gelegen gewesen sei, und der darum zwischen Talent und persönlichem Verienst moralisch unterschieden, Verdienst und Glück, die Goethe untrennbar verschränkt sehe, scharf voneinander getrennt habe. Das tue auch der Direktor, wenn er die Natur Gott nenne und angeborene Talente als die Verdienste Gottes um uns bezeichne, die wir in Demut zu tragen hätten.

„Die Deutschen“, sagte der neugebackene Student, einen Grashalm im Munde, „haben eine doppelgeleisige und unerlaubt kombinatorische Art des Denkens, sie wollen immer eins und das andere, sie wollen alles haben. Sie sind imstande, antithetische Denk- und Daseinsprinzipien in großen Persönlichkeiten kühn herauszustellen. Aber dann vermantschen sie sie, gebrauchen die Prägungen der einen im Sinn der andern, bringen alles durcheinander und meinen, sie können Freiheit und Vornehmheit, Idealismus und Naturkindlichkeit unter einen Hut bringen. Das geht aber wahrscheinlich nicht.“

„Sie haben es eben beides in sich“, erwiderte ich, „sonst hätten sie’s in jenen Beiden nicht herausstellen können. Ein reiches Volk.“

„Ein konfuses Volk“, beharrte er, „und für die andern verwirrend.“

Als Kuriosität ein hypothetisches Flickwerk aus den Informationen in der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe des Doktor Faustus, S. Fischer Verlag auf dem Stand von 2007: Nach allen Vorstufen und Verbesserungen in seiner Rede zu schließen, hätte Direktor Stoientin schlimmstenfalls sagen können:

Seid nüchtern und wachet, denn das ist ein arger Gast und Wendenschimpf, der mit der Leimstange geht wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er bescheiße. Der hat schon manchen, mit dem es in floribus herging, über den Tölpel geworfen und ihn am goldnen Seil der Hoffart in die Patsche gelockt.

Ist das nicht eine herrliche Pracht? Jedes Wort davon wäre zu begründen, steht aber hier nur zur Kurzweil — und keinesfalls in eurer Deutsch-Hausarbeit, liebe Kinder.

Vier letzte Dinge: Josef Stammel für die Stiftsbibliothek Admont:

Stiftsbildhauer Josef Stammel (1695–1765) hat die umfangreichen, in Lindenholz geschnitzten bildhauerischen Kunstwerke des Prunksaales geschaffen. Besonders beeindruckend sind die Vier letzten Dinge, eine Gruppe von vier überlebensgroßen Darstellungen von Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Sie sind allerdings früher als die Bibliothek entstanden und stehen im Kontrast zum aufgeklärten Konzept des Architekten.

Written by Wolf

13. November 2015 at 00:01