Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Renaissance’ Category

Sonntag 4 von 7: Das wir getrost vnd al ynn eyn / mit lust vnd liebe syngen

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Update zu Weihnachten Fibels und
Weil er bei den Mahlzeiten so entsetzlich isset:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

4. Sonntag nach Ostern: Kantate

Cantate Domino canticum novum.

SJnget dem HERRN ein newes Lied / Denn er thut Wunder.
ER sieget mit seiner Rechten / vnd mit seinem heiligen Arm.

Psalm 98,1.

Ego sum Papa, Holzschnitt um 1500Über dem Sammeln siebenzeiliger Strophen aller Variationen verliert sich irgendwann die grundlegende Erkenntnis, dass dieses Quantum — denn auf nichts anderes als die absichtsvoll verwendete Quantität der Verse richtet sich mein Sammelehrgeiz — zuallererst auf die Form der Lutherstrophe festgelegt ist.

Martin Luther hielt auf eigenen Wunsch seine Primiz – das ist: seine erste Messe – 23-jährig am Sonntag Kantate 1507, der auf den 2. Mai fiel. Der Konvent des Augustinerklosters Erfurt stimmte dem Termin zu, nachdem Luther brieflich Wert auf die Anwesenheit seines Vaters Hans Luther gelegt hatte, und erst nachdem feststand, dass derselbe aus Mansfeld nach Erfurt anreisen konnte.

Erhalten ist hierzu Luthers erster mit Sicherheit belegter Brief, geschrieben zu Erfurt am 22. April 1507 an seinen väterlichen Freund, Lehrer und Stiftsvikar, in Luthers Worten „Vater, Herr und Bruder“ Johann(es) Braun– zitiert nach Günther Wartenbergs verdienstreicher Auswahl der Lutherbriefe für die DDR, Insel Verlag Leipzig 1983 (in meiner Originalausgabe steht der Verlagspreis von 1983 gedruckt: 15,– M. Das war richtig teuer für den bildungshungrigen Arbeiter und Bauern):

Philipp Melanchthon, Bapstesel, 1523Da nun der ruhmreiche und und in allen seinen Werken heilige Gott mich elenden und sogar in jeder Weise unwürdigen Sünder für wert befunden hat, so herrlich zu erhöhen und in seinen erhabenen Dienst zu berufen, allein aus seinem überreichen Erbarmen, so muß ich das mir anvertraute Amt ganz erfüllen, damit ich mich für eine so große Hochherzigkeit der göttlichen Güte (so wenig der Staub das auch vermag) dankbar erweise. Deshalb ist auf Beschluß meiner Patres festgelegt worden, daß ich dieses Amt am künftigen vierten Sonntag nach Ostern, den wir Kantate nennen, unter dem Schutz göttlicher Gnade zum ersten Mal ausübe. Denn dieser Tag ist für unsere Gott zu weihenden Erstlingsgaben bestimmt worden, weil er meinem Vater günstig liegt.

Martin Luther, dessen Melodien zu Kirchenliedern oft der siebenzeiligen Form im Reimschema ABABCCB gehorchen, gern auch mit verwaistem letztem Vers, setzt seinen Wunschtermin für die Antrittsmesse auf den Sonntag Kantate und stiftet nach seiner eigenen nachmaligen Reformation das Wochenlied für ebendiesen Sonntag: Nun freut euch, lieben Christen g’mein, heute Nummer 341 im Evangelischen Gesangbuch, 1715 von Bach als BWV 734 umkomponiert: Die Bestandteile greifen selten so reibungslos ineinander. Sogar das Bildmaterial stammt plus-minus ein Jahrzehnt aus der Produktionszeit.

——— Martin Luther:

Nu frewt euch lieben Christen gmeyn

Folget eyn hubsch Euangelisch gesang yn melodey Frewt euch yhr frawen vnd yhr man / das Christ ist aufferstanden / so man auffs Osterfest zusyngen pflegt / die noten aber darzu synd vber das Lied / Es yst das heyl vns komen / angezeigt

Musik und Text nach dem Paulusbrief an die Römer 1,16+17, Nürnberg 1523, aus:

Eyn Enchiridion oder Handbuchlein/
eynem yetzlichen Christen fast nutzlich bey sich zuhaben/ zur stetter vbung vnnd trachtung geystlicher gesenge/ vnd Psalmen/ Rechtschaffen vnnd kunstlich vertheutscht,

M. CCCCC. XXiiij

Am ende dises Büchleins wirst du fynden eyn Register / yn wilchem klerlich angetzeigt ist / was vnd wie vill Gesenge hierynn begryffen synd.

Mit dysen vnd der gleichen Gesenge soltt man byllich die yungen yugendt auffertzihen

Allen Christen sey Gnad vnd frid von Gott vnserm herrn alletzeyt / Amen.

Erfurt 1524:

Nv frewt euch lieben Christen gmeyn /
vnd last vns frölich spryngen.
Das wir getrost vnd al ynn eyn /
mit lust vnd liebe syngen.
Was Got an vns gewendet hat
vnd seyne susse wunder that.
Gar theur hat ers erworben.

Lucas Cranach d. Ä., Die Vermessung des Tempels, Septembertestament 1522Dem teuffel ich gefangen lag /
ym tod war ich verloren.
Mein sund mich qwellet nacht vnd tag /
arynn ich war geboren.
Ich fyel auch ymmer tieffer dreyn.
Es war keyn guts am leben meyn.
Die sund hat mich besessen.

Mein gute werck die golten nicht /
es war mit yhn verdorbenn.
Der frey will hasset Gotts gericht /
er war zum gut erstorben.
Die angst mich zu verzweifeln treib /
das nichts dan sterben bey mir bleyb.
Zur hellen must ich syncken.

Da yamert Gott yn ewigkeyt /
mein elend vbermassen.
Er dacht an seyn barmhertzigkeit.
Er wolt mir helffen lassen.
Er wand zu mir das vater hertz.
Es war bey yhm furwar keyn schertz.
Er ließ syn bestes kosten.

Er sprach zu seynem lieben son /
die zeyt yst hie zurbarmen.
Farhyn meyns hertzen werde kron /
vnnd sey das heyl der armen.
Vnd hylff yhm aus der sunden nott.
Erwurg fur yhn den bittern todt.
Vnd laß yhn mit dir leben.

Der son dem vater gehorsam ward /
er kam zu mir auff erden.
Von eyner yungfraw reyn vnnd tzart /
er solt mein bruder werden.
Gar heymlich furtt er seyn gewalt.
Er gieng ynn meyner armen gestalt.
Den teuffel wolt er fangen.

Erhard Schön, Teufelsdudelsack, Teufel mit Luther als Sackpfeife, um 1535Er sprach zu mir halt dich an mich.
Es solt dir ytzt gelingen.
Ich geb mich selber gantz fur dich.
Da will ich fur dich ryngen.
Denn ich byn deyn vnd du byst meyn.
Vnd wo ich bleib da soltu seyn.
Vnns soll der feind nicht scheyden.

Vergiessen wirt er mir meyn blut /
dazu mein leben rawben /
das leyde ich dir alles zu gutt /
das halt mit festem glauben /
den todt verschlingt das leben mein.
Meyn vnschult tregt die sunden deyn.
Da bistu selig worden.

Gen hymmel zu dem vatter meyn.
Far ich von dysem leben /
da will ich seyn der meyster deyn /
den geyst will ich dir geben /
der dich yn trubniß trösten soll.
Vnd lernen mich erkennen wol.
Vnd yn der warheit leitten.

Was ich gethan hab vnd geleert
das solt du thun vnnd leeren /
damit das reich Gotts werd gemehrt.
Zu lob vnd seynen ehren.
Vnd hut dich fur der menschen satz /
dauon verdirbt der edle schatz.
Das laß ich dir zur letze.

Die Kutte macht nicht den Mönch, 16. Jahrhundert

Bilder: Ego sum Papa: Karikatur auf Papst Alexander VI. als Teufel,
aufklappbares Flugblatt, Holzschnitt um 1500;
Bapstesel: Deutung der grewlichen Figurn Bapstesels / zu Rom funden.
Durch Herrn Philippum Melanchthon, 1523;
Lucas Cranach der Ältere: Die Vermessung des Tempels,
die beiden Zeugen und das Untier aus dem Abgrund mit Papstkrone,
in: Martin Luther: Das Neue Testament deutsch, Wittenberg:
Melchior Lotter der Jüngere, 1522 (September-Testament);
Erhard Schön: Teufelsdudelsack: Teufel mit Luther als Sackpfeife, um 1535;
Die Kutte macht nicht den Mönch, 16. Jahrhundert,
aus: Eduard Fuchs: Die Karikatur der europäischen Völker, Lange, München,
Teil 1: Vom Altertum bis zum Jahre 1848,
4., vermehrte Auflage 1921, 480 Seiten, Ill. Seite 67:
via Alois Payer: Antiklerikale Karikaturen und Satiren XVII: Reformation und Gegenreformation, Religionskritik.

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Kantate:
Es ist euch gut, daß ich hingehe, BWV 108, 1725;
Wo gehest du hin?, BWV 166, 1724:


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Written by Wolf

17. Mai 2019 at 00:01

Das Herz in meinem Leibe gehört ja allzeit dein (for life is just that way)

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Update zu Wære diu werlt alle mîn,
Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?),
Diu minne minnesam und die lieben passiv-aggressiven Lieben
und Lache, liebez frowelîn:

Der meteorologische Frühlingsanfang, festgelegt auf den 1. März jeden Jahres, bedeutet: Der Winter ist vergangen. Derselbe Satz bedeutet zugleich ein Highlight im Volksliedschaffen des vergangenen halben Jahrtausends: Die Ursubstanz stammt allen Anzeichen nach von 1537, und wenn man sich heute — in Zeiten verlorener Heimaten und unzuverlässiger Gefühle in Dingen der eigenen Zugehörigkeit und Zuneigungen — fragt, wie eigentlich noch ein Volkslied zu spielen sei, ohne sich vor sich selber und anderen genieren zu müssen, so wende man sich an die Version Der Winter ist vergangen von Hannes Wader auf seinem Album Volkssänger von — auch schon wieder — 1975.

Das war die Zeit, in der eine ganze Musikrichtung der Liedermacher teils zur Klampfe die Tageszeitung vorlas — zum anderen Teil aber angetreten war, eine überlebte (dabei bis heute überlebende) Interpretation des deutschen Volksliedes ihren politisch „rechts“ assoziierten Missbrauchern zu entwinden. Verdienstreich in Erhaltung und Fortführung waren außer Hannes Wader noch Peter Rohland, schon 1966 mit 33 Jahren verstorben, Ougenweide, seit 1970 bis ins Mittelhochdeutsche zurückforschend, Zupfgeigenhansel, mit Unterbrechungen aktiv seit 1974, Liederjan, zuständig fürs Nordische seit 1975, oder die Biermösl Blosn, zuständig fürs Bairische 1976 bis 2012.

Hans Zatzka, FrühlingsliedBei allem modischen Antiamerikanismus traf man wirksame Vorbilder in der nordamerikanischen contemporary folk music in der Tradition von Woody Guthrie, der Carter Family oder dem frühen Bob Dylan. Gerade Hannes Wader schaffte es, mit solchen amerikanischen Vorlagen musikalisch mitzuhalten — der Mann ist außer dem letzten echten Volks-Sänger in allen Sinnen des Wortes ein nachgerade genialer Gitarrist. Es reicht, auf YouTube ein beliebiges Live-Video von ihm herauszusuchen: Was Hannes „Ich spiele alles zu überhastet (2004)“ Wader allein mit seinem rechten Daumen auf den Basssaiten veranstalten kann, während er als Erschwernis die korrekten Liedertexte wiedergibt, ist gegenüber jedem halbwegs fingerfertigen Lagerfeuerklampfer einfach nicht fair. Und dann noch das: „Ich habe mir, von vier Wochen Unterricht bei meinem Schwager abgesehen, das alles selbst beigebracht.“ Immerhin eine antiquiert gefühlige Stelle wie „Das Herz in meinem Leibe gehört ja allzeit dein“ auf ein böses transatlantisches Zupfmuster so singen, dass es zeitgemäß cool und trotzdem aufrecht „links“ bleibt — das muss einer erst mal hinkriegen.

Hannes „Ich habe keine Vorbilder – ich bin selbst eins“ Waders Gitarrenzupfmuster (die heißen wirklich so) orientieren sich an französischen Chansonniers wie Georges Brassens und seinem andernorts erklärten Vorbild Bob Dylan — Erscheinungen also, die sich ihrerseits wenigstens als respektvolle Referenz oder auf Umwegen auf keltische Wurzeln berufen: Selbst was die junge Kultur der USA als ihre Volksmusik begreift, country and western, besteht zur Hälfte aus „schwarzem“ Blues, zur anderen aus Irish folk. Und Waders Der Winter ist vergangen von 1975 fängt ganz gegen seine sonstigen Gebräuche mit einem scheinbar unmotivierten und nicht weiter erläuterten irischen Intro an, das deutlich weder von ihm selbst noch sonst einem deutschen Muttersprachler gesungen wird.

Nun weisen seit Mai 2009 Frauke Schmitz-Gropengießer und Eckhard John im Historisch-kritischen Liederlexikon der Uni Freiburg im Breisgau unter Berufung auf Gerhard Saupe: Der Winter ist vergangen, in: Deutsche Musikkultur 4, 1939/1940, Seite 200 bis 205, nach:

Hans Zatzka, FrühlingsgöttinDie erwähnte Ursubstanz des Liedes von 1537 findet sich erstmals von einem unbekannten Verfasser in einer Liederhandschrift aus dem gelderländischen Zutphen, kurz danach auch in der Darfelder Liederhandschrift und einer Hanauer Handschrift, erfuhr mehrere Umdichtungen vom Frühlings- zum Liebes- bis hin zum Tagelied – was für Beliebtheit und häufigen Gebrauch spricht –, erscheint nach einer Art Ruhezeit während des 17. Jahrhunderts erst 1854 bei Hoffmann von Fallersleben wieder, wurde aber von Franz Magnus Böhme 1894 im Erk/Böhme: Deutscher Liederhort auf eine Lautentabulatur aus Het Luitboek van Thysius ab 1595 festgelegt. In der Gestalt aus dem Erk/Böhme wurde Der Winter ist vergangen „eins der beliebtesten deutschen Volkslieder des 20. Jahrhunderts“, was etwas gehässiger gesagt bedeutet: Schulstoff seit der Nazizeit, also unter Verleugnung des niederländischen Ursprungs. Ausgewiesen mit „1980“, aber offensichtlich während der Amtszeit von Ronald Reagan zwischen 1981 bis 1989 erscheint schließlich eine Parodie als Protestsong der Bewegungen gegen Atomkraft und Raketenstationierung.

Die historischen Versionen sind schon im Wikipedia-Artikel, in aller wünschbaren erschöpfenden Tiefe spätestens im Historisch-kritischen Liederlexikon zugänglich. Zum eingehenden Verständnis der krönenden Version von Hannes Wader folgen hier sein irisches Intro mit dem vollständigen Text von Finbar Furey 1974, ein durchaus „links“ gerichtetes Umweltschützerlied, danach der gängige Volksliedtext seit 1894 samt der Anti-Atomkraft-Parodie ab 1981. Venceremos.

——— Finbar Furey:

Life Is Just That Way

Tabulatur 17. Jahrhundert, aus Eddie & Finbar Furey: A Dream in My Hand, 1974,
als Intro zu Hannes Wader: Der Winter ist vergangen, aus: Volkssänger, 1975,
dort 1. Strophe (vermutlich als Sample) gesungen von Eddie Furey:

Hans Zatzka, FrühlingsschönheitWhy do the children frown like this,
and why not do they smile?
And tell me why not do they play
just for a little while?
The ponds they are all polluted
and the little fish are gone away.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

You ask me where the grass is gone,
They’ve taken it away.
To build a concrete playground,
They call the motorway.
And the trees they went all black and damp,
And the leaves they did decay.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

You ask me where the birds have gone,
And did they really fly?
They fed them poisonous seed to eat,
And they also had to die.
And the eggs went hard with the yellow crust,
And they all died on that way.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

You ask me where all life has gone,
With eyes that look so sad.
Pollution was the cause of it,
It spread all through this land.
With sours and wounds they fell all night,
And they all died through that day.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

So now you see little baby,
You can not play out there.
We really tried to tell them,
But they did not really care.
You may sit and play with your toys in here,
But you must not stay away.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

Der Winter ist vergangen

1. Der Winter ist vergangen,
ich seh des Maien Schein,
ich seh die Blümlein prangen,
des ist mein Herz erfreut.
So fern in jenem Tale,
da ist gar lustig sein,
da singt die Nachtigalle
und manch Waldvögelein.

2. Ich geh, ein Mai zu hauen,
hin durch das grüne Gras,
schenk meinem Buhl die Treue,
die mir die liebste was,
und bitt, daß sie mag kommen,
all vor dem Fenster stahn,
empfangen den Mai mit Blumen,
er ist gar wohl getan.

3. Und als die Allerliebste
sein Reden hatt gehört
da stand sie traurigliche
und sprach zu ihm ein Wort:
„Ich hab den Mai empfangen
mit großer Würdigkeit!“
Er küßt sie an die Wangen,
war das nicht Ehrbarkeit?

4. Er nahm sie sonder Trauern
in seine Arme blank,
der Wächter auf der Mauern
hub an ein Lied und sang:
„Ist jemand noch darinnen,
der mag bald heimwärts gahn.
Ich seh den Tag herdringen
schon durch die Wolken klar.“

5. „Ach Wächter auf der Mauern,
wie quälst du mich so hart!
Ich lieg in schweren Trauern,
mein Herze leidet Schmerz.
Das macht die Allerliebste,
von der ich scheiden muß;
das klag ich Gott dem Herren,
daß ich sie lassen muß.“

6. Ade, mein Allerliebste,
ade, schöns Blümlein fein,
ade, schön Rosenblume,
es muß geschieden sein!
Bis daß ich wieder komme,
bleibst du die Liebste mein;
das Herz in meinem Leibe
gehört ja allzeit dein.

Der Winter ist vergangen

Edition G, 1980 [1981–1989]:

1. Der Winter ist vergangen,
ich seh‘ des Maien Schein.
Ich seh‘ die Blümlein prangen
und tät mich gern dran freu’n.
Dort drüben in jenem Tale
da ist gar lustig sein –
vorausgesetzt, es kommt kein
Raketenstützpunkt rein.

2. Ich ging um nachzuschauen
hin durch das grüne Gras,
bis daß ein Stacheldraht war,
wo ich solch‘ Inschrift las:
„Hier baut die US-Army
ein Waffenarsenal.“
Da fand ich’s plötzlich gar nicht
mehr lustig in dem Tal.

3. Der Wächter auf dem Turme
schrie und hub an Gesang:
„Hau ab oder ich zieh Dir
die Hammelbeine lang!“
Von derlei Freundlichkeiten
im Innersten berührt,
hab‘ ich in mir den Stachel
des Widerstands verspürt.

4. „Ach Wächter auf dem Turme,
wie quälst Du mich so hart.
Ich mach mir nämlich Sorgen
um Ronald Reagan’s Art,
den Frieden zu beschützen,
denn – tut er das einmal –
ich fürcht‘, dann bleibt nichts übrig
von uns in diesem Tal.“

5. So macht‘ ich mich von hinnen,
ade, schön’s Blümlein fein.
Ade, saugrober Wächter,
es muß geschieden sein,
bis ich dann wiederkomm‘ und
vieltausend Menschen mehr.
Dann schallt’s durch’s Tal: „Hier kommt kein
Raketenstützpunkt her!“

Bilder: Hans Zatzka: Frühlingslied; Frühlingsgöttin; Frühlingsschönheit,
via Anemalon’s Blog: Hans Zatska Austrian Academic Painter, (1859–1949), 9. August 2011.

Soundtrack: Midnight Skyracer: Winter’s Come and Gone (das ist englisch und heißt: Der Winter ist vergangen), live am 9. März 2017 — ein Cover von Gillian Welch, auf die ich in letzter Zeit nix mehr kommen lasse, aus: Hell Among the Yearlings, 1998:

Written by Wolf

1. März 2019 at 00:01

Du hast genug geflennt

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Update zu Das Angedenken der Zuckerlust:

Um wenigstens auf meinem eigenen Speicherplatz nicht zu nerven aufhören zu müssen: Ich sammle Gedichte mit siebenzeiligen Strophen, und wenn jemandem eins auffällt, mag er es mir bitte nicht verschweigen, danke für die Aufmerksamkeit.

Besonders aufmerksam war dieser Tage — das ist: am 24. August 2018 um 20.40 Uhr — der Leser Hugo H., dem ein für hiesige Begriffe funkelnagelneues Gedicht aus drei siebenzeiligen Strophen aufgefallen ist.

Der Schuldchoral II von Robert Gernhardt, Gott hab ihn selig, stammt aus seinem letzten Gedichtband Später Spagat, schon posthum aus seinem Todesjahr 2006. Selber liegen mir leider nur seine Gesammelten Gedichte 1954–2004 von 2005 vor, darin als späteste Sammlung Die K-Gedichte von 2004.

Freiheit bedeutet, eine Auswahl zu haben. So kann ich mir jetzt aussuchen, ob ich mir die inzwischen aktualisierten Gesammelten Gedichte 1954–2006 oder den Späten Spagat als Einzelband anschaffe, damit ich an maßgebender Stelle nachschauen kann, ob Hugo H. richtig zitiert hat. Nicht dass ein persönlicher Zweifel daran bestünde, aber zum Beispiel Gernhardt schreibt sich, mit Verlaub, hinten mit dt. Berufskrankheit.

Robert Gernhardt hat seine siebenzeiligen zweifellos als Lutherstrophen gemeint, wobei er den jeweils siebten Vers nicht frei verwaisen, sondern, wie von diesem Großmeister der eingängigen Verheiratung von Form und Inhalt nicht anders zu erwarten, souverän im Reimschema ababccb ins Schloss schnappen lässt, — und Hugo H. bekommt für seinen Einsatz ein schönes Belohnungsbuch geschickt. Wenn er mir seine Adresse verrät.

——— Robert Gernhardt:

Schuldchoral II

aus: Später Spagat, 2006:

O Robert hoch in Schulden
Vor Gott und vor der Welt,
Was mußt du noch erdulden,
Bevor dein Groschen fällt?
Durch Speien und durch Kotzen,
Läßt der sich nichts abtrotzen,
Der auch dein Feld bestellt.

Dein Feld trägt lauter Dornen
Und Disteln ohne End.
Wie um dich anzuspornen:
Du hast genug geflennt.
Beim Rupfen und beim Jäten
Läßt der wohl mit sich reden,
Den man den Vater nennt.

Dein Vater starb im Morden,
Da warst du noch ein Kind.
So bist du nicht geworden,
Wie andre Menschen sind.
Und mußt dich doch ergeben,
Du hast nur dieses Leben.
Mach also nicht so’n Wind.

Freiheit, sagte ich, bedeutet, eine Auswahl zu haben. Das hat man jetzt, wenn man sich die Gesamtausgaben voreilig kauft, solange die Leute noch leben.

Memphis Green, 2017

Unbekannte Leserin: Memphis Green für Coffee Clubbers, beide auf Tumblr deaktiviert, 2017:

I don’t really have a favorite genre of book. I love fantasy, classics, biographies, and an occasional self help book. Right now I’m reading Ballet and Modern Dance: A Concise History by Jack Anderson. I have a lot of issues with reading comprehension so I usually end up reading most paragraphs twice. Haha. xo Memphis

Soundtrack zum in jeder Hinsicht zentralen Vers „Du hast genug geflennt“ aus dem Schuldchoral II:
Martin Luther featuring Paula Bär-Giese als Katharina von Bora: Das — selbstverständlich siebenzeilige — Auß tieffer noth schrei ich zu dir, 1523, nach Psalm 130, ca. 6. Jahrhundert v. C., für LUTHER 500, 2016 ff.:

Written by Wolf

2. September 2018 at 00:01

Wunderblatt 11: Die blühenden Narkosen

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Update zu Angebinde
und Mit Blumen, mit verdorrten:

Ich mag ja immer Pflanzen, die irgendwas können.

Adi Dekel Photography featuring Alexandra, 7. April 2016

——— Georg Rodolf Weckherlin:

Gartenbulschaft oder krantlieb

(25. September 1584 bis 23. Februar 1653):

Ich war in einem schönen garten,
da der Braunellen ich must warten;
alsbald sie kam und sah mich an,
empfanden wir das herzgespan.
„Ach, was empfind ich in dem herzen!“
sprach sie; ich antwort: „laß uns scherzen!
je läng’r je lieber bist du mir,
ja tag und nacht lieb bin ich dir.
laß uns mit maß und ohn maß lieben,
laß uns das nabelkraut verschieben,
das so süß, under deinen schurz.“
„Ja, knabenkraut und ständelwurz„,
sprach sie, „mir allzeit wol zuschlagen:
Liebstöckel mögen wir auch wagen,
dieweil sie gut für die, die bleich,
so steck es tief in das glidweich.
glidkraut mein glid mit lust durchdringet,
wan es kein mutterkraut mir bringet.
auch lieb und süß ist die manstreu,
mit zapfenkraut die freud wird neu,
Dan seine tugend stets passieret.
so bald es kützelnd tief berühret
die zarte nackend huren haut,
so wird es gleichsam seifenkraut.“
„Es ist gnug, laß nun ab zu scherzen,
bis wir einander wider herzen,
vergißmein nicht und bleib doch weis
mein augentrost, mein ehrenpreis.“

——— Ferdinand Hardekopf:

Angebinde

(15. Dezember 1876 bis 26. März 1954):

Ich stell sie dir hin, die blassen Herbstzeitlosen,
Den letzten Schierlingszweig trag ich herbei
Und will, Canaille, wieder mit dir kosen,
Wie im Zigeunerkraut am dritten Mai.

Den Taumel-Lolch, dies nette Giftgetreide,
Den zarten Schwindelhafer rupf ich aus
Und winde dir, infame Augenweide,
Aus Hundstod und aus Wolfsmilch einen Strauß.

Im Fingerhut das reichliche Volumen
Digitalin (mein Herz, du kennst es schon),
Das pflück ich dir und Belladonna-Blumen
Und Bittersüß und dunkelroten Mohn.

Kennst du des Bilsenkrautes böse Gnaden?
Der Beeren Scharlachglanz am Seidelbast?
Und die Betäubung, dreimal fluchbeladen,
Die stachlig die Stramin-Frucht in sich faßt?

So nimm sie hin, die blühenden Narkosen,
Aus Nacht und Haß ein Duft-Arrangement,
Und stell es zwischen deine Puderdosen
Und die Parfumflacons von Houbigant.

Gescheitert bin ich daran, eine „Stramin-Frucht“ oder auch nur eine Pflanze ähnlichen Namens nachzuweisen. Dafür ist es schon der halbe Spaß, zu wissen, dass die pro Gedicht je einmal vorkommende Herbstzeitlose bei Weckherlin „nackend hure“ heißt und im übrigen Volksglauben noch ganz andere Sachen.

Die Wölfin meint: „Ich vermisse Mädesüß und Phallus impudicus.“

„Ich auch“, sag ich, „ich auch.“

Adi Dekel Photography featuring Samantha Evans, 4. April 2015

Bilder:

  1. Adi Dekel Photography featuring Alexandra, 7. April 2016:

    Now I travel alone, I live in woods, alone I have no fear anymore. There’s light at the end, always…

  2. Adi Dekel Photography featuring Samantha Evans, 4. April 2015:

    Her hair reminded me of Ariel from the little mermaid, so I went with it just a bit.“

  3. Ella Ruth Photography: The Botanist, 19. Juni 2016

    A favourite from the day beautiful Anna and I filled the downstairs of my house with plants. I had so much fun creating this set!

Ella Ruth Photography, The Botanist, 19. Juni 2016

Soundtrack: Tom Waits: Little Drop of Poison, aus: Orphans, 2006,
Bilder aus Jean-Luc Godard: Vivre sa vie, 1962:

Written by Wolf

15. Juni 2018 at 00:01

Doktor Faust thu dich bekehren

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Update zu Umfing ihn sein feins Liebchen: Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Den Faust hat Goethe, so die übergreifende Botschaft des gesamten Weblogs, nicht erfunden — was weder Faust noch Goethe an ihrer jeweiligen Existenz gehindert hat. Wo Goethe überall war, ist lang, breit und tief und im jungen Jahrtausend sogar interaktiv erforscht; wo Faust überall war, muss man bis heute fallweise nachlesen.

Das Flugblatt mit der Ballade über seine versuchte Bekehrung, dann aber doch weiter statthabende Verdammnis stammt aus Köln, und wenn es nicht vom Forscherteam Arnim & Brentano von dort in Des Knaben Wunderhorn eingesammelt worden wäre, wüsste man heute vermutlich gar nichts mehr davon. Das Wissen darüber ist werkimmanent: dass Faust laut dem Gang der Balladenhandlung unter anderem in Ingolstadt geweilt und Theologie studiert hat, und an den meisten seiner Fundstellen: dass über seine Entstehung praktisch nichts bekannt ist.

Der Fauststoff wird seit dem 16. Jahrhundert — seit dem historischen Faust in Vermischung mit Paracelsus — tradiert und variiert, Arnim und Brentano lag laut Heinz Röllekes Kommentar zur großen Wunderhorn-Ausgabe die Ballade

in Form eines metrisch holprigen und mannigfach verderbten Flugblatt-Textes vor, dessen Entstehung nach 1741 anzusetzen ist.

Goethe urteilt natürlich zurückhaltend:

Tiefe und gründliche Motive, könnten vielleicht besser dargestellt seyn.

Die Melodie wurde von W. Wiora: Die Melodien der Faustballade im Jahrbuch für Volksliedforschung 6, 1938 auf Seite 29 bis 31 sowie von Erich Stockmann: „Des Knaben Wunderhorn“ in de Weisen seiner Zeit in den Veröffentlichungen des Instituts ür deutsche Volkskunde 16 an der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1958 zur gesanglichen Aufführung tauglich festgelegt.

Bearbeitung des Faust-Stoffs von einem Christlich-Meynenden, 1726, Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar

Zum historischen Doktor Faust in Ingolstadt weiß, kurios genug, Abraham a Sancta Clara weiter:

——— Alexander Schöppner:

Sagen vom Benz und vom Doktor Faust zu Ingolstadt

in: Thomas Arnt: Faustsagen:

Benz oder Penz wurde ein Geist genannt, von dem P. Abraham erzählt: „Wann zu Ingolstadt in Bayren, die Studenten aus unartigem Muthwillen einige Ungelegenheit verursachen, und etwan auf der Gassen die Stain also wetzen, daß ihnen das Feuer zum Augen ausgehet, werden sie auf der Universität in die Keichen gesetzt, beklagen sich aber dazumahlen nicht mehrers als wegen eines Nachtgespensts, so sie insgemein den Pentzen nennen, welches gantz ohne Kopf ist, also soll wahrhaftig manches Orth, Statt, Gemain nichts mehrers schrecken, als wann sie ein Obrigkeit ohne Kopf haben.“

Noch ein anderer Geist als dieser hat auch eine Zeit in einem Haus der Harder Straße gewohnt. Das ist kein anderer als der hochberühmte Schwarzkünstler Doktor Faust selber gewesen. Er soll nämlich, wie die Sage meldet, in seinem sechzehnten Jahr zu Ingolstadt Theologie studiert haben.

Tatsächlich kennt man im Ingolstadt des dritten Jahrtausends domini einen Margarethenturm am Unteren Graben, Ecke Harderstraße und Johannesstraße, in dem ein Doctor Jorg Faust bis zu seiner Abschiebung durch den Magistrat am 17. Juni 1528, „daß er seinen Pfennig woanders verzehr“, zwielichtigen Wahrsagereien, Zeichendeutereien und anderem Hexenwerk nachgegangen ist, sowie eine Margarethenstraße, die gar in eine Fauststraße am Südfriedhof entlang mündet.

Bis 1528 sechzehnjährig Theologie studieren, das bringt uns auf ein Geburtsdatum von 1512, wogegen die meisten Quellen „um 1480“ angeben. Im Volksbuch heißt er auch viel entschiedener Johann denn Georg oder davon abgeleitet Jorg, und wie Goethe auf „Heinrich“ kam, kriegen wir später. Wie amtlich verlässlich müssen Augustinerpater und Volksballaden sich eigentlich äußern?

An gleichen Ort stellt Schöppner eine noch archaischer anmutende als die aus Köln überlieferte Wunderhorn-Version vor, auf welche dieselbe Melodie passt. Mir selbst sagt zu — und daher dieser ganze Aufwand — dass der Teufel seine Wette verliert, weil er bildlich gesprochen keine Pferde malen kann. — Die „metrisch holprige und mannigfach verderbte“ Volksballade im Direktvergleich:

Doktor Faust.

Fliegendes Blat aus Cöln.

aus: Des Knaben Wunderhorn, Band 1:

Hört ihr Christen mit Verlangen,
Nun was Neues ohne Graus,
Wie die eitle Welt thut prangen,
Mit Johann dem Doktor Faust
Von Anhalt war er geboren,
Er studirt mit allem Fleiß,
In der Hoffarth auferzogen,
Richtet sich nach aller Weiß.
Vierzig tausend Geister,
Thut er sich citiren,
Mit Gewalt aus der Höllen.
Unter diesen war nicht einer,
Der ihm könnt recht tauglich seyn,
Als der Mephistophiles geschwind,
Wie der Wind,
Gab er seinen Willen drein.
Geld viel tausend muß er schaffen,
Viel Pasteten und Confekt,
Gold und Silber was er wollt,
Und zu Straßburg schoß er dann,
Sehr vortreflich nach der Scheiben,
Daß er haben konnt sein Freud,
Er thät nach dem Teufel schieben,
Daß er vielmal laut aufschreit.
Wann er auf der Post thät reiten,
Hat er Geister recht geschoren,
Hinten, vorn, auf beiden Seiten,
Den Weg zu pflastern auserkohren;
Kegelschieben auf der Donau,
War zu Regensburg sein Freud,
Fische fangen nach Verlangen,
Ware sein Ergötzlichkeit.
Wie er auf den heiligen Karfreitag
Zu Jerusalem kam auf die Straß,
Wo Christus an dem Kreuzesstamm
Hänget ohne Unterlaß,
Dieses zeigt ihm an der Geist,
Daß er wär für uns gestorben,
Und das Heil uns hat erworben,
Und man ihm kein Dank erweißt.
Mephistophles geschwind, wie der Wind,
Mußte gleich so eilend fort,
Und ihm bringen drey Ehle Leinwand,
Von einem gewissen Ort.
Kaum da solches ausgeredt,
Waren sie schon wirklich da,
Welche so eilends brachte
Der geschwinde Mephistophila.
Die große Stadt Portugall,
Gleich soll abgemahlet sein;
Dieses geschahe auch geschwind,
Wie der Wind:
Dann er mahlt überall,
So gleichförmig,
Wie die schönste Stadt Portugall.
„Hör du sollst mir jetzt abmahlen,
Christus an dem heiligen Kreuz,
Was an ihm nur ist zu mahlen,
Darf nicht fehlen, ich sag es frei,
Daß du nicht fehlst an dem Titul,
Und dem heiligen Namen sein.“
Diesen konnt er nicht abmahlen,
Darum bitt er Faustum
Ganz inständig: „Schlag mir ab
Nicht mein Bitt, ich will dir wiederum
Geben dein zuvor gegebene Handschrift.
Dann ist es mir unmöglich,
Daß ich schreib: Herr Jesu Christ.“
Der Teufel fing an zu fragen:
„Herr, was gibst du für einen Lohn?
Häts das lieber bleiben lassen,
Bey Gott findst du kein Pardon.“
Doktor Faust thu dich bekehren,
Weil du Zeit hast noch ein Stund,
Gott will dir ja jetzt mittheilen
Die ewge wahre Huld,
Doktor Faust thu dich bekehren,
Halt du nur ja dieses aus.
„Nach Gott thu ich nichts fragen,
Und nach seinem himmlischen Haus!“
In derselben Viertelstunde
Kam ein Engel von Gott gesandt,
Der thät so fröhlich singen,
Mit einem englischen Lobgesang.
So lang der Engel da gewesen,
Wollt sich bekehren der Doktor Faust.
Er thäte sich alsbald umkehren,
Sehet an den Höllen Grauß;
Der Teufel hatte ihn verblendet,
Mahlt ihm ab ein Venus-Bild,
Die bösen Geister verschwunden,
Und führten ihn mit in die Höll.

Doctor Faust

Volksballade:

Hört ihr Christen mit Verlangen
etwas Neues ohne Graus:
Wie die eitle Welt tut prangen
mit Johann, dem Doctor Faust.

Zu Anhalt war er geboren,
er studiert mit allem Fleiß;
In der Hoffart auferzogen,
richtet sich nach alter Weis.

Vierzigtausend Geister er zitierte
mit Gewalt wohl aus der Höll,
Doch es war nicht einer drunter,
der ihm recht konnt tauglich sein.

Nur Mephisto, dem Geschwinden,
gab er seine Seele drein.
Denn sonst keiner in der Höllen,
welcher diesem gleich konnt sein.

Dafür muß er Geld ihm schaffen,
Gold und Silber, was er nur wollt,
Er hat auch zu allen Sachen
viele Geister hergeholt.

Zu Straßburg schoß er nach der Scheiben,
daß er haben konnt sein Freud;
tät oft nach dem Teufel schießen,
daß er vielmals laut aufschreit.

Kegelschieben auf der Donau
war zu Regensburg sein Freud;
Fisch zu fangen nach Verlangen
war seine Ergetzlichkeit.

Wie er an dem heiligen Karfreitag
nach Jerusalem kam auf die Straß,
allwo Christus am heiligen Kreuzstamm
hinge ohne Unterlaß.

Mephistophelus geschwinde
mußte gleich ganz eilen fort,
und ihm bringen drei Ellen Leinwand
von einem gewissen Ort.

„Satan, du sollst mir jetzt abmalen
Christus an dem heiligen Kreuz,
und dazu die fünf Wunden alle
gib nur Acht, daß dirs nicht leid;

daß du nicht fehlst an dem Titel,
an dem heiligen Namen sein!
Wirst du dieses recht abmalen,
sollst du mir nicht mehr dienstbar sein.“

„Dieses kann ich nicht abmalen,
bitt dich drum, o Doctor Faust!
Ich tat dir schon so großen Gefallen.
fordre nunmehr dies nicht auch.

Denn es ist ja ganz unmöglich,
daß ich schreib Herr Jesu Christ.
Weil ja in der Welt
Nichts heiliger zu finden ist.“

In derselben Viertelstunde
kam ein Engel von Gott gesandt,
der tät ja so fröhlich singen
mit einem englischen Lobgesang.

So lang der Engel dagewesen,
wollt sich bekehren Doctor Faust.
Als er fort, tät er sich abkehren;
sehet an den Höllengraus!

Der Teufel hatte ihn verblendet,
malt ein Venusbild an die Stell:
Die bösen Geister kamen eilends,
führten ihn mit in die Höll.

Quacksalber um 1600, Getty Images, für Hans-Ulrich Stoldt, Der Mogeldoktor, Der Spiegel 29. September 2009

Was an ihm nur ist zu mahlen: Bearbeitung des Faust-Stoffes „von einem Christlich-Meynenden“: Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar, 1726;
Quacksalber um 1600: „Faust rühmte sich, die Schwarzen Künste zu beherrschen, aus Handlinien, Wolken, Nebel und Vogelzügen sowie Feuer, Wasser und Rauch weissagen zu können“, Getty Images, für Hans-Ulrich Stoldt: Der Mogeldoktor: „Doktor Faust, das Vorbild berühmter Dramen, Opern und Romane, hat um 1500 gelebt. Aber wer war der legendäre Astrologe und Experimentator wirklich?“, Der Spiegel, 29. September 2009.

Soundtrack: Nils Koppruch: Den Teufel tun, aus: Den Teufel tun, 2007:

Written by Wolf

26. Januar 2018 at 00:01

Lessing Luther Lemnius

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Update zu Ein arger Gast in Trutz und Poch
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Du hast vns zu kot vnd vnflat gemacht vnter den Völckern.

Klagelieder Jeremias 3,45.

Faden 1: Wie man aus einem Brief von Melanchthon weiß (an Veit Dietrich L., 22. Juli 1538), lag Martin Luther im Juli 1538 an der Dissenterie erkrankt darnieder. Dissenterie ist graeco-lateinisch und heißt Ruhr, Diarrhö oder Dünnschiss:

Lutherus dysenteria laborat iam dies sedecim Medici iubent nos bene sperare. Et nos uota facere, ut Deus ei uitam proroget, aequum est.

Faden 2: Über Simon Lemnius ist heute nicht viel mehr bekannt, als was Lessing 1753 in der ersten seiner fünf Rettungen ehrend verbreitet hat — und weil es eine Ehrenrettung war, richtete sie sich an jemanden, der dem Lemnio als einem historisch bekannten Ketzer abhold war, in Briefform.

Lessings Sammlung Briefe von 1753 ist eine Aufbereitung philosophisch-kritischer Arbeiten für seine erste eigene Werkausgabe und richtet sich an fiktive Korrespondenten, in unserem Fall an einen „Herrn P.“, deren Antworten deswegen jeweils verschwiegen, nur implizit vorausgesetzt werden, und ist nicht zu verwechseln mit der Sammlung Briefe, die neueste Litteratur betreffend von 1759–1765.

M.A.K.photo, Wittenberg Impressions, 12.Oktober 2010

Zweiter Brief

An ebendenselben

Wahrhaftig, ich bewundre Sie! Ein Beiwort, an dessen Nachdruck ich nicht einmal gedacht hatte, legen Sie mir in allem Ernste zur Last? Ich fürchte, ich fürchte, wir werden über den armen Simon Lemnius in einen kleinen Zank geraten. Und da sehen Sie es, daß ich das Herz habe, ihn noch einmal so zu nennen, ob Sie ihn gleich den verleumderischen, den boshaften, den meineidigen, den unzüchtigen heißen. Aber sagen Sie mir doch, geben Sie ihm diese Benennungen, weil Sie seine Aufführung untersucht haben, oder weil sie ihm von andern gegeben werden? Ich befürchte das letztere, und muß also den armen Lemnius doppelt beklagen. War es nicht genug, daß ihn Luther verfolgte, und muß sein Andenken auch noch von der Nachwelt befeindet werden? Aber Sie erstaunen; Luther und verfolgen, scheinen Ihnen zwei Begriffe zu sein, die sich widersprechen. Geduld! Wann Sie wollen, so will ich Ihnen alles erzählen; und alsdann urteilen Sie. Vorher aber muß ich Sie um alles was heilig ist bitten, mich nicht für einen elenden Feind eines der größten Männer, die jemals die Welt gesehen hat, zu halten. Luther stehet bei mir in einer solchen Verehrung, daß es mir, alles wohl überlegt, recht lieb ist, einige kleine Mängel an ihm entdeckt zu haben, weil ich in der Tat der Gefahr sonst nahe war, ihn zu vergöttern. Die Spuren der Menschheit, die ich an ihm finde, sind mir so kostbar, als die blendendste seiner Vollkommenheiten. Sie sind so gar für mich lehrreicher, als alle diese zusammen genommen; und ich werde mir ein Verdienst daraus machen, sie Ihnen zu zeigen.1 – – Zur Sache also! Lemnius, oder wie er auf Deutsch heißt, Lemichen, lag den Wissenschaften in Wittenberg ob, eben als das Werk der Reformation am feurigsten getrieben ward. Sein Genie trieb ihn zur römischen Dichtkunst, und mit einer ziemlich beträchtlichen Stärke darinne verband er eine gute Kenntnis der griechischen Sprache, welches damals noch etwas seltnes war. Sein muntrer Kopf und seine Wissenschaften erwarben ihm die Freundschaft des Melanchthons, welcher ihn mit Wohltaten überhäufte. Sabinus, der Schwiegersohn des Melanchthons, befand sich damals auch in Wittenberg. Zwei gleiche Köpfe auf einer hohen Schule werden sich leicht finden, und Freunde werden. Sabinus und Lemnius wurden es auf die ausnehmendste Weise, und ich finde, daß auch die darauf folgenden Händel ihre Freundschaft nicht geendet haben. Im Jahre 1538 kam es dem Lemnius ein, zwei Bücher lateinischer Sinnschriften drucken zu lassen. Er ließ sie also unter sei nem Namen drucken; er ließ sie in Wittenberg drucken, und brachte sie vorher, wie ich es höchst wahrscheinlich zeigen kann, dem Melanchthon zur Beurteilung. Diese drei Umstände, mein Herr, erwägen Sie wohl; sie beweisen schon so viel, daß Lemnius ein gut Gewissen muß gehabt haben. Melanchthon fand nichts anstößiges darinne, wie es Sabinus dem Drucker versicherte. Nunmehr wurden sie bekannt gemacht; aber kaum waren sie einige Tage in den Händen der Leser gewesen, als Luther auf einmal ein entsetzliches Ungewitter wider sie, und ihren Verfasser erregte. Und warum? Fand er etwa jene lascivam verborum licentiam darinne? Diese wäre vielleicht zu entschuldigen gewesen, weil sie der Meister in dieser Art des Witzes, Martial, Epigrammaton linguam nennt. Oder fand er, daß sie giftige Verleumdungen enthielten, die Ehre eines unschuldigen Nächsten zu brandmalen? oder fand er gar seine eigene Person darinne beleidigt? Nein; alles das, weswegen Sinnschriften mißfallen können, mißfiel Luthern nicht, weil es nicht darinne anzutreffen war; sondern das mißfiel ihm, was wahrhaftig an den Sinnschriften das anstößige sonst nicht ist: einige Lobeserhebungen. Unter den damaligen Beförderern der Gelehrsamkeit war der Kurfürst von Mainz Albrecht einer der vornehmsten. Lemnius hatte Wohltaten von ihm empfangen, und mit was kann sich ein Dichter sonst erkenntlich erzeigen, als mit seinen Versen? Er machte also deren eine ziemliche Menge zu seinem Ruhme; er lobte ihn als einen gelehrten Prinzen, und als einen guten Regenten. Er nahm sich aber wohl in Acht, es nicht auf Luthers Unkosten zu tun, welcher an dem Albrecht einen Gegner hatte. Er gedachte seines Eifers für die Religion nicht mit einem Worte, und begnügte sich, seine Dankbarkeit mit ganz allgemeinen, ob gleich hin und wieder übertriebenen Schmeicheleien an den Tag zu legen. Gleichwohl verdroß es Luthern; und einen katholischen Prinzen, in Wittenberg, vor seinem Angesichte zu loben, schien ihm ein unvergebliches Verbrechen. 2 Ich dichte diesem großen Manne hierdurch nichts an, und berufe mich deswegen auf sein eigen Programma, welches er gegen den Dichter anschlagen ließ, und das Sie, mein Herr, in dem 6ten Tome seiner Schriften, Altenburgischer Ausgabe, nachlesen können. Hier werden Sie seine Gesinnungen in den trockensten Worten finden; Gesinnungen, welche man noch bis auf den heutigen Tag auf dieser hohen Schule beizubehalten scheinet. Luther donnerte also mündlich und schriftlich wider den unbehutsamen Epigrammatisten, und brachte es in der ersten Hitze so gleich dahin, daß ihm Stubenarrest angekündigt ward. Ich habe immer gehört, daß ein Poet eine furchtsame Kreatur ist; und hier sehe ich es auch. Lemnius erschrak desto heftiger, je unvermuteter dieser Streich auf ihn fiel; er hörte, daß man allerhand falsche Beschuldigungen wider ihn schmiedete, und daß Luther die ganze Akademie mit seinem Eifer ansteckte; seine Freunde machten ihm Angst, und prophezeiten ihm lauter Unglück, anstatt ihm Mut einzusprechen; seine Gönner waren erkaltet; seine Richter waren eingenommen. Sich einer nahen Beschimpfung, einer unverdienten Beschimpfung zu entziehen, was sollte er tun? Man riet ihm zur Flucht; und die Furcht ließ ihm nicht Zeit zu überlegen, daß die Flucht seiner guten Sache nachteilig sein werde. Er floh; er ward zitiert; er erschien nicht; 3 er ward verdammet; er ward erbittert; er fing an seine Verdammung zu verdienen, und tat, was er noch nicht getan hatte; er verteidigte sich, so bald er sich in Sicherheit sahe; er schimpfte; er schmähte; er lästerte. – – Soll ich in meinen künftigen Briefen fortfahren, Ihnen mehr davon zu sagen? Ich bin etc.

[Fußnoten:]

1 So muß der sprechen, der aus Überzeugung und nicht aus Heuchelei lobt. Aus dieser letztern Quelle sind, leider ein großer Teil der uneingeschränkten Lobsprüche geflossen, die Luthern von unsern Theologen beigelegt werden. Denn loben ihn nicht auch diejenigen, deren ganzen, losem Geize und Ehrgeize man es nur allzuwohl anmerkt, daß sie im Grunde ihres Herzens, nichts weniger als mit Luthern zufrieden sind? die ihn heimlich verwünschen, daß er sich auf Unkosten seiner Amtsbrüder groß gemacht, daß er die Gewalt und den Reichtum der Kirche den Regenten in die Hände gespielt, und den geistlichen Stand dem weltlichen Preis gegeben, da doch dieser so manche Jahrhunderte jenes Sklave gewesen?

2 Es war den ersten Reformatoren sehr schwer, dem Geiste des Pabsttums gänzlich zu entsagen. Die Lehre von der Toleranz, welche doch eine wesentliche Lehre der christlichen Religion ist, war ihnen weder recht bekannt, noch recht behäglich. Und gleichwohl ist jede Religion und Sekte, die von keiner Toleranz wissen will, ein Pabsttum.

3 Lemnius hätte, wie Alkibiades, den die Athenienser zurückberiefen, um sich gegen seine Ankläger zu verteidigen, antworten können:

Ευνϑες, τον εχοντα δικην ζητειν αποφυγειν, ενον φυγειν.

Und als man den Alkibiades fragte, ob er seinem Vaterlande (τη πατριδι) nicht zutraue, daß es gerecht sein werde, antwortete er: auch meinem Mutterlande nicht (τη μητριδι). Wie leicht kann es nicht aus Irrtum oder Unwissenheit ein schwarzes Steinchen für ein weißes greifen.

Zu der Nachricht, daß ihn seine Landesleute zu Tode verurteilt, sprach er: wir wollen ihnen zeigen, daß wir noch leben. Er ging zu den Lacedemoniern und erregte den Atheniensern den dekelikischen Krieg. Aelian. XIII. c. 38.

David Clonel, Panorama of the center of Lutherstadt Wittenberg, 30. April 2016

Mit Lemnius beschäftigt Lessing sich acht seiner Briefe lang – wie gesagt: ehrend und rettend, doch ohne darüber als guter Protestant unter Beobachtung einer gestrengen Zensur Luther zu verunglimpfen; ungekürzt stehe hier nur der erste davon. Anschließend wird es unübersichtlich politisch. Aus dem Dritten Brief fällt allerdings schlagend die Stelle auf:

Ich will mich dieses zu widerlegen nicht dabei aufhalten, was ich von den Grenzen einer erlaubten Satyre hernehmen könnte; sondern ich will mich gleich zu dem Zeugnisse selbst wenden, auf welches Sie sich berufen. Lassen Sie uns also die Stelle aus des Matthesius Predigten über das Leben unsers Luthers näher betrachten. Hier ist sie: „Im 38. Jar thet sich herfür ein Poetaster, Simon Lemchen genant: der fing an, viel guter Leut mit schendlichen und lesterlichen Versen zu schmehen, und die grossen Verfolger des Evangelii mit seiner Poeterey zu preisen, auch unsern Doctor in seiner Krankheit zu verhöhnen, dazu ihm grosser Leut Verwandten halffen, daß soche Schmehschriften gedruckt, und heimlich ausgestreuet wurden, wie auch dieser Lemnius hernach eine Rifianische und greuliche Lesterschrift, die er den Hurenkrieg nennet, dem heiligen Ehestand und der Kirchendiener Ehe, und viel erbaren Frauen zu Unehren ließ ausgehen etc.“ Als Prediger, bin ich hier mit dem guten Matthesius recht wohl zufrieden, aber als Geschichtschreiber gar nicht. Eine einzige Anmerkung wird seine Glaubwürdigkeit verdächtig machen. Er sagt, Lemnius habe Luthern in seiner Krankheit verhöhnt. Wo finden Sie in den ersten zwei Büchern die geringste Spur davon? Suchen Sie, so viel Sie wollen! Matthesius begeht hier ein Hysteronproteron, welches gar nicht fein ist. Lemnius hat Luthers eher mit keinem Worte im Bösen gedacht, als bis er es an Ihm erholte. Das Sinngedichte, auf welches Matthesius hier zielt, stehet in dem dritten Buche, in welchem freilich sehr viel nichtswürdige Sachen stehen, die aber durchaus nicht zur Ursache seiner Verdammung können gemacht werden, weil er sie erst nach derselben den beiden ersten Büchern beifügte. Es ist zwar so schmutzig und so niederträchtig, daß ich mich mehr als die beiden ersten Zeilen, welches folgende sind:

In M. Lutherum

Ipse dysenteriam pateris clamasque cacando
Quamque aliis optas evenit illa tibi etc.

anzuführen scheue: wann es aber auch noch schmutziger, noch niederträchtiger wäre, so würde es dennoch dem Matthesius sehr übel zu nehmen sein, daß er den Lemnius verhaßt zu machen, zu Falschheiten seine Zuflucht nimmt, und dasjenige zum Hauptverbrechen macht, was nichts als die Wirkung eines verbitterten Gemüts war.

Wer bis hierher durchgehalten hat, darf sich jetzt die Belohnung abholen in Form zweier, nun ja: Scheißgedichte – nämlich jenes schmutzigen und niederträchtigen Gedichts samt Luthers Retourkutsche.

——— Simon Lemnius:

In M. Lutherum

aus: M. Simonis Lemnii Epigrammaton Libri III, 1538:

Ipse dysenteriam pateris clamasque cacando,
    Quamque aliis optas euenit illa tibi.
Dumque cacatores clamas, tu nenpe cacator
    Factus es, et merda diues es ipse tua.
Ante tibi rabies distorta resoluerat ora,
    Et soluit culus iam tibi uentris onus.
Noluit haec tantum rabies e faucibus ire,
    Nunc etiam natibus perfluit illa tuis.
Non poterat fundi pestis tibi tanta labellis,
    Vnde tamen rumpat repperit illa uiam.
Sed puto rumpetur citius tibi uenter et exta,
    Exeat e culo quam tibi tanta lues.

Simon Lemnis, Ipse dysenteriam pateris clamasque cacando, VolltextÜbersetzt lautet das ungefähr:

Du leidest an der Ruhr und du schreist beim Scheißen, und was du erst anderen wünschtest, befällt jetzt dich. Du nanntest andere Scheißer, jetzt bist du ein Scheißer geworden und reichlich mit Scheiße gesegnet. Vergangener Zorn hat dein schiefes Maul geöffnet, jetzt entlädt sich dein Mageninhalt durch den Arsch. Dein Zorn kam nicht nur druch dein Maul — er fließt jetzt rückwärtig aus dir. So eine Pest konntest du nicht allein durch die Lippen ausstoßen, und doch hat sie einen Weg des Ausbruchs gefunden. Aber ich glaube, dein Magen und deine Eingeweide werden bersten, bevor so eine Pestilenz dein Arschloch verlässt.

Wer sich durchaus zu dergleichen berufen fühlt, kann das gerne in seiner Freizeit in korrekte Verse setzen, die an dieser Stelle zu veröffentlichen ich nicht anstehen werde. Martin Luther, der schon zu Lebzeiten einen Ruf zu verlieren hatte, beherrschte nicht allein das lateinische Vokabular, um das zu verstehen, er konnte sogar eine gleichwertige Antwort im selben Versmaß liefern, formal einwandfrei und inhaltlich in nichts zurückstehend:

——— Martin Luther:

Dysenteria Lutheri in Merdipoetam Lemchen

30. September 1538:

Quam bene conveniunt tibi res et carmina, Lemchen!
    Merda tibi res est, carmina merda tibi.
Dignus erat Lemchen merdosus carmine merdae,
    Nam vatem merdae nil nisi merda decet.
Infelix princeps, quem laudas carmine merdae!
    Merdosum merda quem facis ipse tua.
Ventre urges merdam vellesque cacare libenter
    Ingentem, facis at, merdipoeta, nihil.
At meritis si digna tuis te poena sequatur,
    Tu miserum corvis merda cadaver eris.

Die fertige Übersetzung davon steht in D. Martin Luthers Dichtungen in gebundener Rede mit den nötigen Anmerkungen als eine Festgabe zum 31. Oktober 1892 für alle Lutherfreunde herausgegeben von Georg Schleusner, Archidiakonus zu Wittenberg, P. Wunschmanns Verlag, Wittenberg 1892:

Luthers Ruhr an den Kotdichter Lemchen

Wie schön stimmen bei dir, o Lemchen, Sache und Dichtung,
Kot ist’s, drum du dich mühst, deine Gedichte sind Kot.
Würdig war der kotige Lemchen kotiger Dichtung,
Denn dem Sänger des Kots Kot nur zum Danke geziemt.
Unglückseliger Fürst, den du lobst mit kotiger Dichtung,
Den mit dem Kote von dir selber voll Kotes du machst.
Drängest im Leibe den Kot und möchtest so gern dich entleeren
Massenhaft. Aber du bringst. Dichter des Kots, nichts heraus.
Doch wenn dich nach Verdienst einst trifft gebührende Strafe,
Dann wirst ein jämmerlich Aas, Kot, für die Raben du sein.

Stadt und Land, Schlosskirche zu Wittenberg, 25. September 2017

Dieser handlich fassbare Dichterwettstreit hat im englischsprachigen Teil der deutschen Literaturwissenschaft im Internet eine gewisse stille Berühmtheit erlangt – besonders denke ich da an Michael Gilleland: Two Crappy Poems, in: Laudator Temporis Acti, 27. Juni 2017 –, weil man anhand solcher Saft- und Kraftausdrücken mit Vorliebe seine Fremdsprachenkenntnisse schult.

Eigentlich feiern wir gerade Luther und nicht seine unverschuldeten Intimfeinde, immerhin beschert uns der Mann nach einem halben Jahrtausend einen zusätzlichen Feiertag außer der Reihe – der auch heuer weder Halloween noch Weltspartag heißt. Das widerfährt uns erst wieder in weiteren fünfhundert Jahren. Entwarnung für Brückentagjäger: Der 31. Oktober 2517 fällt auf einen Sonntag.

Fast schade, dass 1892 „merda“ nur „Kot“ heißen durfte. Schon hundert Jahre später wäre das eine recht erfrischende Entladung geworden. Also eine verbale jetzt.

Bilder: Simon Lemnius: Epigrammaton libri III. Adiecta Est Qvoque eiusdem Querela ad Principem,
Seite 131 via Uni Mannheim in Bild und Volltext, und
Wittenberg:

  1. M.A.K.photo: Wittenberg Impressions, 12.Oktober 2010;
  2. David Clonel, 30. April 2016:

    Panorama of the center of Lutherstadt Wittenberg. It’s a small city, which is currently preparing for the big anniversary next year: 31. Oct 1517 Martin Luther nails his 95 Theses at the door of the church, which is the starting point of Protestant Reformation.

    On the right side of the market you can see a monument of Luther.

    The restauration of the „Castle Church“ / Schloßkirche with the theses door is finished soon (I hate construction hoarding in a picture), then I will show some more pictures!

  3. Stadt + Land: Schlosskirche zu Wittenberg, 25. September 2017.

Soundtrack: Kerstin Ott: Scheißmelodie, aus: Herzbewohner, August 2016:

Written by Wolf

27. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Renaissance

Flämmchen

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Update zu Lasst mich scheinen, bis ich werde
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Nichts ist törichter als die Frage, welcher Dichter größer sei als der andere. Flamme ist Flamme, und ihr Gewicht läßt sich nicht bestimmen nach Pfund und Unze. Nur platter Krämersinn kommt mit seiner schäbigen Käsewaage und will den Genius wiegen. Nicht bloß die Alten, sondern auch manche Neuere haben Dichtungen geliefert, worin die Flamme der Poesie ebenso prachtvoll lodert wie in den Meisterwerken von Shakespeare, Cervantes und Goethe.

Einleitung von Heinrich Heine in: Der sinnreiche Junker Don Quixote von La Mancha. Von Miguel Cervantes de Saavedra, Brodhagsche Buchhandlung, Stuttgart 1837.

Wie versprochen folgt einer der besten Gründe, sich auf Karl Immermann: Die Epigonen zu stürzen, wo man sie antrifft: die Figur Flämmchen.

Ganz und gar außergewöhnlich für Zeit und Genre, weil man derart umtriebige, sehr junge Mädchen nicht in fiktiven Chroniken der deutschen Romantik, sondern viel eher in Kinderbüchern ab dem 20. Jahrhundert suchen und antreffen würde, stünde Flämmchen heute im Verdacht, nur als Manic Pixie Dream Girl herzuhalten. Abgesehen aber davon, dass der begriffsprägende Filmkritiker Nathan Rabin sich nach sieben Jahren von seiner Prägung ausdrücklich distanziert hat, wird Flämmchen zunächst als eine Art Manövriermasse für die Handlungsträger eingeführt, wird später aber näher besehen aus sich heraus aktiv und treibt die Handlung wesentlich voran. Immermann bringt mehr Handlungsstränge, als seine angeblichen neun ausgewiesenen Bücher des Romans erfordern, Flämmchen wird bis zum Schluss als Protagonistin beibehalten: Wie außerhalb der Fiktionen wäre das Leben nicht das Leben ohne solche Flämmchen.

Nicht alle Fiamettas, Fiammettas, Flamettas, Flammettas, kurz: Flämmchen waren als Volltext aufzutreiben, was ich besonders im Falle Fouqué bedaure. Wahrscheinlich liegt das sogar recht passend in ihrem Wesen: Flatterhafte, flackernde Feengestalten sind sie alle. Stellen wir uns die Goethe’sche Mignon oder gleich Pippi Langstrumpf vor, dann erklärt sich die Motivation, alle wenigstens einmal gesehen zu haben, von selbst.

In der visuellen Reihe nimmt sich die Cicogna, die sich offensichtlich qua Künstlername aktiv Fiammetta nennt, noch am fremdartigsten aus; dafür hätte man auf die zwei sonnigen tomboyischen Elfenwesen, die weit und breit nichts mit Boccaccio und seinen Nachfolgern zu tun haben, am allerwenigsten verzichten wollen. Allein diese zwei Glücksmädchen sind jede menschliche und jede literarische Begegnung wert — und an dieser Stelle aufs freundlichste gegrüßt.

Stefano Masse, Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016

  1. Fiammetta: Boccaccios Geliebte und Muse „Fiametta“ Maria d’Aquino aus Neapel. Bei Boccaccio in:

  2. Stefano Masse, Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016

  3. Fiametta: Joseph Haydn, Musik verschollen, Text Joseph Felix von Kurz alias Bernardon: Der krumme Teufel, Operette ca. 1751. Pflegetochter des Arnoldus.

    ——— Carl Ferdinand Pohl: Joseph Haydn, Erster Band, Erste Abtheilung, Den Manen Otto Jahn’s, 6. Lehr- und Wanderjahre. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1878:

    Und die Musik von Haydn? – wird der Leser schon längst gefragt haben. Die Musik zum neuen krummen Teufel wurde bis jetzt nicht aufgefunden. Die Partitur ist verschollen, obwohl die Operette an vielen Orten wiederholt gegeben wurde. […] Gleich dem Faust wurde auch Le diable boiteux immer wieder von Zeit zu Zeit von den Theaterdichtern als dankbarer Stoff neu bearbeitet. Noch im Jahre 1839 wurde in Wien „Asmodeus der hinkende Teufel, oder: die Promenade durch drei Jahrhunderte“ als Original-Posse von Karl Haffner im Theater an der Wien gegeben (Nestroy als Asmodeus). In demselben Jahre wurde im Kärnthnerthor-Theater „Der hinkende Teufel“ auch als pantomimisches Ballet in drei Acten von Coralli und Gurgy, Musik von Casimir Gide und Anderen, 27 mal aufgeführt. Dieses Ballet hatte zuvor in Paris Furore gemacht durch die Mitwirkung der gefeierten Fanny Elßler als Florinde. Durch eine artige Verkettung von Umständen tanzte demnach die Tochter des Johann Elßler, langjährigen Copisten und treuen Dieners Haydn’s, in demselben Sujet, das dem Meister und Vorgesetzten ihres Vaters als Folie seiner ersten öffentlichen Wirksamkeit gedient hatte.

  4. Flametta: Clemens Brentano: Godwi, Roman 1801. Zweiter Band, Zwölftes Kapitel u.ö.:

    Sara Trash-it, T-Shirt dipinta a mano – hand-painted, 28. Oktober 2011Haber ging mit dem Jägerburschen weiter vor uns, und unterhielt ihn in einem dringenden Gespräche. Es schien ihm etwas unheimlich im Walde zu sein. Der Jäger erzählte ihm allerlei Mordgeschichten, und vom wilden Heere. Das letzte wollte er nun gar nicht recht glauben, und sagte einmal über das andere Mal, das sei lauter Aberglauben. Im Walde ertönte dann und wann ein lauter Pfiff, und hatte Haber geschwiegen, so fuhr er dann schnell den Jäger an: „Hörst du? schon wieder, was mag das wohl sein, es lautet recht schön.“

    „Was mag es sein,“ sagte der Jäger, „Lumpengesindel; aus so einem Busche heraus fliegt einem mannichmal ein Knüppel an den Kopf, daß man gleich ans Verzeihen denken muß, ehe man sich noch recht geärgert hat.“

    „Wieso?“

    „Ei nun, was da pfeift, ist meistens niederträchtiges Volk, und schlägt einen tot; auf dem Todsbette aber muß man verzeihen – und wenns geschwinde geht, hat man keine Zeit sich zu ärgern.“

    Haber ging hier mehr in der Mitte des Weges, aber es pfiff wieder, und rief;

    „Was sprichst du böser Bube von Lumpengesindel?“

    Es war eine wunderliche Stimme, halb erzwungen derb, halb ängstlich und kindisch. Wir näherten uns, Haber wollte schon auf einen Baum klettern, als unser Schrecken durch die Worte des Jägers im Gebüsche aufgehoben wurde:

    „Du Waldteufelchen, für den Schrecken muß ich dich küssen.“

    Nun kamen mehrere Mädchen und Knaben aus dem Gebüsche und lachten; die älteste ging auf Godwi zu, und bat ihn um Verzeihung; die kleine Räuberin sagte: „Flametta hat mir es befohlen; weil ich mich fürchtete, als Sie gegangen kamen, so mußte ich Sie zur Strafe attakieren.“

    Hier kam Flametta auch mit dem Jäger, und Godwi sagte zu ihr, es sei nicht artig, die Leute zu erschrecken; aber sie lachte und bat ihn, ihr eine Buße aufzugeben.

    „Du sollst uns ein Stückchen Wegs Geleit geben“, sagte Godwi, „und etwas singen.“

    „Ich will Ihnen meine kleinen Gesellschafter etwas singen lassen, und dazu dann und wann ein wenig auf dem silbernen Horne blasen.“

    Sie zog an der Spitze ihres kleinen Heeres, und begleitete den Gesang mit ihrem Horne. Das größte Mädchen sang das Solo, und die Knaben das Chor.

    Die Kleine sagte vorher: „Mein Lied ist das Lied einer Jägerin, deren Schatz ungetreu, und stellen Sie sich vor – ein Peruckenmacher geworden ist.“

    Wir lachten, und der Gesang begann:

    Chor:

    O Tannebaum! o Tannebaum!
    Du bist mir ein edler Zweig,
    So treu bist du, man glaubt es kaum,
    Grünst sommers und winters gleich.

    […]

    So sangen die Kinder lustig in den Wald hinein, und das Wild, aufgeschreckt von dem Geräusche, stürzte tiefer in das Tal. Der Mond war aufgegangen, und schon in den Wald herein. Da wir auf der anderen Seite den Berg oben waren, sagten uns Flametta und die Kinder Gute Nacht, und wir hörten sie in der Ferne noch singen.

  5. Flämmchen: Valeria in Clemens Brentano: Ponce de Leon, Lustspiel 1803, tritt auch als Mohrenmädchen Flammetta auf. — Vierter Akt, Zweiundzwanzigster Auftritt:

    Valerio. Gute Kinder sind das, du dunkles Flämmchen, du hast dein Glück gemacht, und ein ehrliches, stilles Haus ist das; aber ich kann doch nicht recht froh werden, und war diesen Nachmittag sehr traurig.
    Valeria. Was fehlte Euch dann, Lieber?
    Valerio. Alles, ich bin eigentlich ganz allein.
    Valeria. Ei, bin ich dann nicht Eure gute Freundin?
    Valerio. Ja, aber meine gute Tochter nicht – und da habe ich heute nachmittag an einem Briefe für sie geschrieben, und wollte ihn heute abend hineinschicken; über dem Schreiben ging aber die Zeit so hin, daß es nun schon dunkel ist und er heute nicht kann hingetragen werden.
    Valeria giebt ihm die Hand. Glaubt, ich wäre Eure Tochter, und gebt mir den Brief; ich will Eure Tochter werden!
    Valerio. Warte noch ein wenig, da wird es ganz dunkel, da kann ich nicht sehen, daß du schwarz bist.
    Valeria. Ihr seid ein guter, höflicher Mann!
    Valerio. Ha, ha, hast du gemerkt, daß ich das Sprüchwort nicht vorbrachte: Bei der Nacht sind alle –
    Valeria hält ihm den Mund zu. Artig, Väterchen!
    Valerio. Du sagtest heute morgen, du hättest ein Lied für mich gemacht; singe mirs nun!
    Valeria. Setzt Euch hierher – ich verstecke mich, damit es Euch täuscht.
    Valerio setzt sich an die Seite der Statue, gegen die rechte Kulisse über.
    Valeria setzt sich auf die entgegengesetzte Seite, fängt an zu singen.

  6. Fiammetta: Sophie Brentano: Fiammetta; als: Boccaz, Fiametta. Aus dem Ital. von Sophie Brentano. 8. Berlin. Realschulbuchhandlung. Auf Druck- und Velinpapier, Roman, Berlin 1806. Übersetzung der Elegia di Madonna Fiammetta von Boccaccio, 1343 f. Aus der Perspektive der „Dame Fiammetta“. — Siebentes Buch: Die Dame Fiammetta vergleicht ihre Leiden mit den Leiden vieler Frauen des Altertums und zeigt, daß alle von den ihrigen übertroffen wurden, worauf sie zuletzt ihre Klage endigt. Schluss:

    Emma Sandys, Fiammetta, 1876Seht denn, ihr Frauen, wie elend ich geworden durch die Treulosigkeit Fortunens, und wie hart sie mich getroffen; gleichwie die Lampe nahe am Verlöschen noch eine plötzliche Flamme, heller als gewöhnlich, zu werfen pflegt, so gab sie mir scheinbaren Trost, um mich dann ganz in das Elend meiner einsamen Tränen zu verweisen. Um euch nun meinen Kummer mit einem einzigen Bilde anschaulich zu machen, so beteure ich euch mit demselben Ernst, der auf den Versicherungen anderer Unglücklicher ruht, daß meine Leiden nach dem Untergang jener eitlen Hoffnung um soviel schwerer geworden sind, als das zweite Fieber den rückfallenden Kranken heftiger zu erschüttern pflegt als das erste, ob es gleich ebensoheiß war.

    Da ich aber mit weiteren Klagen die Fülle eurer mitleidigen Schmerzen vergrößern würde, ohne doch neue Worte finden zu können, will ich still werden und keine Tränen mehr beanspruchen, deren ihr Leserinnen gewiß viele vergossen habt oder vergießt, und so habe ich mich denn entschlossen, auf daß ich die Zeit, die mich zu Tränen ruft, nicht mit Worten vergeuden möge, fortan zu schweigen, und zwar mit dem Zugeständnis, daß meine Erzählung der Empfindung selbst nur gleicht wie ein gemaltes Feuer einem wahrhaftig brennenden, welchem jener Gott, den ich anflehe, entweder um eures oder meines Gebetes willen eine wohltätige Flut löschend senden möge, sei es durch meinen Tod, sei es durch die freudige Rückkehr Panfilos.

  7. Fiametta: Achim von Arnim: Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland in: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, 1810:

    Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland

    Der Verfasser bittet, diese Verse nicht für Hexameter und Pentameter zu halten.

    Genua seh ich im Geist, so oft die unendlichen Wellen
    Halten den Himmel im Arm, halten die taumelnde Welt;
    Seh ich die klingenden Höhlen des nordischen Mohren-Basaltes,
    Seh ich die Erde gestützt auf den Armen der Höll;
    Dann, dann sehne ich mich in deine schimmernde Arme,
    Weisser Cararischer Stein, kühlend die schwühlige Luft,
    Denk ich der Treppen und Hallen von schreienden Menschen durchlaufen.
    Keiner staunet euch an, jedem seyd ihr vertraut.
    Fingal! Fingal! klinget so hell, mir wird doch so trübe,
    Frierend wähn ich mich alt, Jugend verlorene Zeit!
    Dreht sich die Achse der Welt? Wie führt mich Petrarca zu Fingal,
    War es doch gestern, ich mein, daß ich nach Genua kam.
    Ja dort sah ich zuerst das Meer, des nunmehr mir grauet,
    Weil es vom Vaterland mich, von den Freunden mich trennt.
    Damals von der Bochetta herab in des Frühroths Gewühle,
    Lag noch die Hoffnung darauf, weichlich im schwebenden Bett,
    Nicht am Anker gelehnt, nein sorgenlos schlummernd sie dreht sich,
    Daß die Schifflein so weiß, flogen wie Federn davon;
    Lässig band sich vor mir die Göttin das goldene Strumpfband,
    Zweifelnd daß frühe so hoch steige der lüsterne Mensch.
    Und so stehend und ziehend am Strumpfe sie bebte und schwebte
    Wie ein Flämmelein hin über die spiegelnde Welt.
    Fiametta! ich rief, mir schaudert, sie faßte mich selber,
    Ja ein Mädchen mich faßt, lächelnd ins Auge mir sieht.
    Hier! hier! sagt sie und peitschte den buntgepuschelten Esel,
    Daß aus dem ledernen Sack, schwitzte der röthliche Wein:
    Lieber, was willst du? sie fragt, du riefest mich eben bey Namen:
    Wenn sie nicht Blicke versteht, Worte die weiß ich noch nicht.
    Der Beschämung sich freuend sie strich mir die triefenden Haare,
    Thau und Mühe zugleich hatten die Stirne umhüllt.
    Wie ein Bursche der Schweiz ich schien ihr nieder zu wandeln,
    Um zu suchen mein Glück und sie wollte mir wohl,
    Als sie den Stein erblicket, den sorglich in zärtlicher Liebe
    Auf den Händen ich trug, daß der Anbruch nicht leid,
    Ey da lachte sie laut und riß mir den Stein aus den Händen,
    Warf ihn über den Weg, daß er zum Meere hinroll,
    Und dann spielte sie Ball sich freuend meiner Verwirrung
    Mit der Granate die schnell kehrte zu ihr aus der Luft.
    Nicht der schrecklichen eine, die rings viele Häuser zerschmettert,
    Doch die feurige Frucht, mystisch als Apfel bekannt.
    Sie verstand mich doch wohl? O Einverständniß der Völker,
    Das aus Babylons Bau blieb der zerstreuten Welt,
    Suchte doch jeder den Sack beym brennenden Thurme und fragte,
    Also blieb auch dies Wort, Sack den Sprachen gesammt,
    Also auch Zeichen der Lieb‘ im Blick, in guter Geberde,
    Scheidend sie winkten sich noch, fernhin trieb sie die Macht. –
    Folgend dem trabenden Esel, sie blickte sich um so gelenkig,
    Die Granate entfiel und ich grif sie geschickt.
    Kühle vielliebliche Frucht, einst Göttern und Menschen verderblich,
    Wohl du fielest auch mir, zaudr‘ ich, wo ich gehofft?
    Doch ich zögerte noch, gedenkend an Helena traurend,
    An Proserpina dann, beyde erschienen mir eins
    Mit der Eva, da wollt ich sie stille verscharren der Zukunft,
    Daß nur das Heute was mein, bleibe vom Frevel befreyt,
    Daß ich dem Zufall vermach zu treiben die Kerne in Aeste,
    Daß ich dem Zufall befehl, daß er die Blüthe verweht;
    Aber ich mocht nicht wühlen im Boden voll zierlicher Kräuter,
    Jegliches Moos noch zart, drängte sich üppig zum Tag.
    Zweifelnd ging ich so hin, nicht sehend stand ich am Meere,
    Fern mich weckte ihr Ruf, daß ich nicht stürze hinein:
    Nein zu seicht ist die Küste, sie würde nicht bergen das Uebel,
    Nur die Tiefe des Meers birgt ein unendlich Geschick.
    Also kam ich zum Meer und sahe die Fischer am Fischzug
    Springend durch kommende Well, ziehend ein bräunliches Netz,
    Roth die Mützen erschienen wie Kämme von tauchenden Hähnen,
    Bräunliche Mäntler umher, schrieen als jagten sie die.
    Andere stießen halbnackt ins Meer die schwarze Feluke,
    Trugen die Leute hinein, die zur Fahrt schon bereit.
    Auch mich trugen sie hin, ich dacht nur des Apfels des Bösen
    Und des unendlichen Meers, das mich zum erstenmal trug,
    Wie sie enthoben das Schiff begann in dem Schwanken und Schweben,
    Daß mir das Herz in der Brust recht wie von Heimweh zerfloß,
    Durch die fließenden Felsen erscholl ein liebliches Singen,
    Und ich verstopfte das Ohr, bin vor Sirenen gewarnt.
    Bald belehrte ich mich, es sang ein Weib in dem Kahne,
    Das im Mantel gehüllt deckte vier Knaben zugleich,
    Wechselnd die Händ bewegt sie wie Flügel der Windmühl
    Und als Zigeunerin singt, wie sie Maria begrüst.
    Sagt die Geschickne ihr wahr des heiligen Kinds, das sie anblickt,
    Wie es im Krippelein lag, Oechslein und Eslein es sah’n,
    Sahn wie der himmlische Stern wie Hirten und heilige König,
    Alles das sah sie sogleich an den Augen des Herrn,
    Auch das bittere Leiden, den Tod des Weltenerlösers;
    Hebt er den Stein von der Gruft, von der Erde den Leib.
    Alles Verderben mir schwand, ich sahe das Böse versöhnet,
    Statt zur Tiefe des Meers, warf ich den Kindern die Frucht:
    Engel versöhnt ihr das Herz, das tief arbeitende Böse,
    O so versöhnt auch die Frucht und vernichtet sie so!
    Dankend die Mutter sie nahm, hellsingend sie öffnet die Schale,
    Nahm mit der Nadel heraus jeglichen einzelnen Kern;
    Wie im Neste die Vöglein, also im Mantel die Kindlein
    Sperren die Schnäblein schon auf, eh ihr Futter noch da.
    Also sie warten der Kerne mit offenem Munde zur Mutter,
    Und die Mutter vertheilt gleich die kühlende Frucht.
    Wälze dich schäumendes Meer, ich habe die Frucht dir entzogen,
    Nichts vermagst du allhier, schaue die Engel bey mir,
    Stürze die Wellen auf Wellen, erheb dich höher und höher,
    Du erreichst uns nicht, höher treibst du uns nur,
    Schon vorbey dem brandenden Leuchtthurm schützt uns George,
    Der im sicheren Port zähmet den Drachen sogleich.
    Wie von Neugier ergriffen, so heben sich übereinander
    Grüßend der Strassen so viel, drüber hebt sich Gebirg,
    Höher noch Heldengebirg, da wachet der Festungen Reihe,
    Schützet uns gegen den Nord und wir schweben im Süd.
    Ey wie ists, ich glaubte zu schauen und werde beschauet,
    Amphitheater erscheint, hier die Erde gesammt:
    Spiel ich ein Schauspiel euch ihr bunten Türken und Mohren,
    Daß ihr so laufet und schreit an dem Circus umher?
    Kommen von Troja wir heim, am Ufer die Frauen und Kinder,
    Kennen den Vater nicht mehr, freuen sich seiner denn doch?
    Also befreundet ich wandle auf schwankendem Boden und zweifle,
    Aber sie kennen mich bald, bald erkenne ich sie.
    Fingal! Fingal! riefs schon, muß ich erwachen in Schottland,
    Bin ich noch immer kein Held, bin ich noch immer im Traum?
    Muß ich kehren zur Erdhütt, keinen der Schnarcher versteh ich,
    Muß mir schlachten ein Lamm, rösten das lebende Stück,
    Mehl von Haber so rauch mir backen zum Brodte im Pfännchen
    Und des wilden Getränks nehmen vieltüchtige Schluck:
    Wandrer Mond du schreitest die stumpfen Berge hinunter,
    Nimmer du brauchtest ein Haus, dich zu stärken mit Wein,
    Alle die Wolken sie tränken dich froh mit schimmernden Säften,
    Ja dein Ueberfluß fällt, thauend zur Erde herab.
    Nimmer du achtest der gleichenden Berge und Gräser und Seen
    Denn im wechselnden Schein, du dich selber erfreust;
    Siehe mein Leiden o Mond durch deine gerundete Scheibe,
    Schmutzig ist Speise und Trank, was ich mir wünsche das fehlt.

  8. Fiammetta: Friedrich de La Motte-Fouqué: Erdmann und Fiammetta. Novelle. Schlesinger, Berlin 1825.
  9. Hermine von Stilke, Joseph von Eichendorff, Sehnsucht, 1864 bis 1868Fiametta: Joseph von Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen, Roman 1833. 14-jährige Tochter des italienischen Marchese A.

    ——— Hans Kaboth: Eichendorffs „Dichter und ihre Gesellen“. Zum hundertjährigen Erscheinen des Romans Weihnachten 1933, in: Aurora – Ein romantischer Almanach. Bd. 4. Jahresgabe der Deutschen Eichendorff-Stiftung. Karl Freiherr von Eichendorff in Zusammenarbeit mit Univ. Prof. Geheimrat Dr. Adolf Dyroff und Karl Sczodrok, Oppeln 1934:

    Fiametta ist das seelisch noch unerschlossene, verträumte junge Mädchen, das erst durch die Liebe zu Fortunat aus ihrem Phantasieleben geweckt wird. […] Seine Liebe zu Fiametta ist bei aller Gefühlsinnigkeit stets klar und bewußt. Wohl macht er auch aus seiner Liebe „ein langes Gedicht in vielen Gesängen“ und er verliebt sich selbst in die Hauptfigur, „ein schönes, schlankes italienisches Mädchen“, aber er vergißt darüber seine liebe Fiametta nicht.

  10. Flämmchen: Karl Leberecht Immermann: Die Epigonen, Roman 1836. Mignon-Figur:

    Flämmchens Fluchtgeschichte war einfach genug. Das Mädchen war die Tochter eines polnischen Offiziers, der, unter den Fahnen des Eroberers dienend, Mutter und Kind auf den Kriegszügen durch Deutschland mit sich umhergeführt hatte. Er blieb in einer großen Schlacht, bald nachher starb auch seine Geliebte, eine Spanierin, von Klima und Mangel aufgezehrt. Aus den Händen armer Leute empfing der Komödiant das elternlose Geschöpf. Er war ein gutmütiger Mensch und spielte schon damals edle Väter. Der Anblick des kleinen Wesens, dem die Augen wie Kohlen im Kopfe brannten, und welches aus seinen Lumpen so keck hervorsah, als sei es eine Prinzessin, rührte ihn. Er ließ das Kind sich abtreten, und beschloß, es zu seinem Gewerbe anzuführen. Indessen brachte ihm diese wohltätige Handlung keinen Segen, sondern nur Herzeleid. Fiametta, die lieber Flämmchen heißen wollte, war das eigensinnigste, widerspenstigste Ding, was polnisches und spanisches Blut, vereinigt erzeugen können. Die sogenannte Erziehung, welche ihr in jener Komödiantenwirtschaft zuteil wurde, fruchtete nichts, und unmöglich war es, sie zum Auftreten zu bewegen. Sie begreife nicht, sagte sie, wozu das dumme Zeug, wie sie das Schauspiel nannte, diene? der falsche Vater lüge ja den ganzen Tag über, warum er denn des Abends zu seinen Lügen die fremden Kleider anziehe?

    […]

    Einen Kranz auf dem Haupte, und einen in jeder Hand haltend, schritt das Mädchen gemessen, fast feierlich, erst rund um die Felsenplatte, als vollziehe sie die Weihe des Orts. Dann in die Mitte sich stellend, wandte sie ihr glänzendes Antlitz gegen den Mond, und begann nun, immer seiner leuchtenden Scheibe zugekehrt, ihren ausdrucksvollen Tanz. Bald neigte sie sich ihm mit zärtlicher Gebärde entgegen, bald schien sie vor ihm verstellterweise zu fliehn, jetzt hob sie den einen, dann den andern Kranz lockend empor, darauf ließ sie beide sinken, verwechselte sie, warf sie in die Luft, daß sie dort Bogen beschrieben, und fing sie jederzeit gewandt und zierlich wieder auf, während Füße und Leib ihr anmutiges Spiel fortsetzten. Der Sinn dieses Tanzes war ein liebliches Gedicht; der kalte hohe Freund da oben, sollte zur Erde herabgezogen werden, mit welcher er einst in größerer Vertraulichkeit gelebt habe, und auf der jede Sehnsucht nur eine Erinnrung an diese schöne Liebeszeit sei. Was ihre Bewegungen an diesem Mondscheinmärchen noch dunkel ließen, deuteten Strophen aus, die sie dazwischen absang, und womit sie sich den Takt anzugeben schien. Sie hatten alle ein gewisses Metrum, bestanden aber oft nur aus abgebrochnen Worten, deren Verbindung die Zuhörenden ergänzen mußten. Die Alte gab zuweilen in einer fremden Sprache, welche weder der Arzt, noch der Domherr verstand, eine Art von Refrain zu vernehmen.

    […]

    Nun, Ihre Erziehungsplane sind nicht geglückt, anstatt eines Kunstprodukts hat Natur das wundersamste, entzückendste Geschöpf ausgebildet. Ich behaupte, wer sie tanzen gesehn, kann nie wieder ganz unglücklich werden. Wäre ich ein Freund von Paradoxen, so würde ich sagen: Sie tanzt Geschichte, Fabel, Religion, ihre begeisterten Wendungen und Stellungen weihen uns in die geheimsten Dinge ein.

    Mit dem Rufe: „Liebster! Bester! Einziger!“ hing sie ihm am Halse und die leidenschaftlichsten Küsse brannten auf seinen Lippen. „Habe ich dich endlich wieder!“ rief sie, indem sie ihm Augen und Stirn küßte. „Nun aber werde ich dich nicht lassen, nun sollst du mein werden, sie mögen tun, was sie wollen.“

    […]

    Dave Strong, Olga, Papajis Tea Social, 27. Oktober 2010Was er in den folgenden Tagen von der Lebensweise Flämmchens hörte, war das Ausschweifendste von der Welt. Sie hatte wirklich in ihrem einsamen Landhause eine Art von Hof oder Menagerie, wie man es nennen will, versammelt, bestehend aus den wildesten jungen Leuten der Residenz, die, durch den Ruf ihrer Schönheit angelockt, dorthin geströmt waren. Mit ihnen wurden die tollsten Streiche verübt, zuweilen toste dieses wütende Heer bei Nacht auf schnellen Pferden unter entsetzlichem Geschrei durch die Gegend, so daß die Landleute in ihren stillen Hütten sich vor dem Unwesen segneten, oder man sprengte falsche Nachrichten von Räuberbanden und Unglücksfällen aus, welche Scharwachen und Beamte aufregten, so daß sich auch schon die Polizei hier in das Mittel hatte legen wollen, jedoch höheren Ortes bedeutet worden war, solches zu unterlassen, da sich denn doch alles außer dem Bereiche eigentlicher Vergehungen hielt. Am brausendsten aber schäumte Flämmchens üppige Lebenskraft im Tanze aus. […]

    Das ist nun der Tanz, den ich nicht lassen kann, der mich mir selbst wiedergibt, wenn der Weltgraus mich überwinden und in mir einziehen will. Könntest du mich lieben, und immer bei mir sein, so wäre alles gut, dann hätte ich eine Stütze und würde auch aufhören zu tanzen; leider wird es nicht so gut werden.“

  11. Fiametta: Ludwig Minkus: Fiametta, Ballett 1863.
  12. Fiammetta: Dante Gabriel Rossetti: A Vision of Fiammetta, 1878, Öl auf Leinwand, 140 cm × 91 cm, Sammlung Andrew Lloyd Webber, Gemälde, Boccaccio-Sonett, Boccaccio-Sonettübersetzung und eigenes Sonett 1878:

    On his Last Sight of Fiammetta

    Behold Fiammetta, shown in Vision here.

    Gloom-girt ‚mid Spring-flushed apple-growth she stands;
    And as she sways the branches with her hands,
    Along her arm the sundered bloom falls sheer,
    In separate petals shed, each like a tear;
    While from the quivering bough the bird expands
    His wings. And lo! thy spirit understands
    Life shaken and shower’d and flown, and Death drawn near.

    All stirs with change. Her garments beat the air:
    The angel circling round her aureole
    Shimmers in flight against the tree’s grey bole:
    While she, with reassuring eyes most fair,
    A presage and a promise stands; as ‚twere
    On Death’s dark storm the rainbow of the Soul.

    Dante Gabriel Rossetti, A Vision of Fiammetta, 1878

Bilder: Emma Sandys: Fiammetta, 1876;
Dante Gabriel Rossetti: A Vision of Fiammetta, 1878, Öl auf Leinwand, 140 cm × 91 cm, Sammlung Andrew Lloyd Webber;
Hermine von Stilke: Joseph von Eichendorff: Sehnsucht, 1864 bis 1868, zu: Es schienen so golden die Sterne, aus: Dichter und ihre Gesellen. Novelle von Joseph von Eichendorff, 1834. 3. Buch, 24. Kapitel, via Jutta Assel/Georg Jäger: Gedichte der Romantik in Randzeichnungen, Goethezeitportal Juni 2010;
Stefano Masse: Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016;
Sara Trash-it: T-Shirt dipinta a mano — hand-painted, 28. Oktober 2011;
Dave Strong: Olga, Papajis Tea Social, 27. Oktober 2010.

Soundtrack: Blonde Redhead: Elephant Woman, aus: Misery is a Butterfly, 2004,
als Nachspann für: Hard Candy, 2005:

Written by Wolf

7. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Renaissance