Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Oktober 2012

Vorbild und Nachbild: Nebelschleiern sich enthüllen

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——— Goethe: Dornburg,
September 1828:

Früh, wenn Tal, Gebirg und Garten
Nebelschleiern sich enthüllen,
Und dem sehnlichsten Erwarten
Blumenkelche bunt sich füllen;

Wenn der Äther, Wolken tragend,
Mit dem klaren Tage streitet,
Und ein Ostwind, sie verjagend,
Blaue Sonnenbahn bereitet;

Dankst du dann, am Blick dich weidend,
Reiner Brust der Großen, Holden,
Wird die Sonne, rötlich scheidend,
Rings den Horizont vergolden.

——— Robert Gernhardt: Wenn sich,
in: Wörtersee, Vorbild und Nachbild, 1981:

Wenn sich, nachtbedingt erkaltet,
Wiesen morgendlich erwärmen
und der Herr die Dame faltet,
um zur Arbeit auszuschwärmen,

um sich lebend, lobend, labend
weltverloren zu erneuern —
Wird er liebend noch am Abend
die Entfaltete erfreuen.

——— Robert Gernhardt: Klappaltar, Bibliographische Notiz, 1998:

Was da alles nachgebildet wird, liegt klar vor Augen: Strophenform, Kreuzreim, Metrum, Syntax, Wortwahl, sowie der weitgespannte Morgen-Abend-Bogen. Mit einem Unterschied: Goethe spannt ihn über drei Strophen, sein Nachbilder ist bereits nach der zweiten am Ende.

Beckah, Wander, 27. Dezember 2011

Klappaltar mit entfaltetem Vorbild und Nachbild in Nebelschleiern:
Beckah: Wander, 27. Dezember (!) 2011:

everything is dead
the trees are naked and their
branches sway gently

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Written by Wolf

30. Oktober 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Der unverzichtbare Buchstabe e

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——— Alfred Polgar: Von Bildern und Vergleichen, 1953:

Was wäre der Autor der „Ilias“ ohne Bilder und Vergleiche? Ein Kriegsberichterstatter. Was Shakespeare ohne sie? Ein entlaubter Stamm, ein einarmiger Riese und noch vieles sonst, was einem Vergleicher, der recht im Zuge ist, hier einfallen mag. Im dichtesten Gedicht deutscher Sprache, immerhin, gibt es kein Strichlein eines Bildes. Und von Metaphern „spürest du kaum einen Hauch“.

Jeanne Baluche, Les quatre saisons de Juliette, Oktober 2010Alred Polgar, achten Sie mal darauf, hat meistens Recht. Nun ist Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt erklärtermaßen ein Habe-Nun-Ach und kein Warte-Nur-Balde. Wo ich dem Leser eigene Denkleistung zutraue, werde ich gern ein Und-So-Weiter sein, doch niemand soll mir nachreden können, ich sei ein Um-Gottes-Willen.

Das mit dem dichtesten Gedicht deutscher Sprache ziehen wir deswegen ab sofort durch. Es ist viel zu schön und dabei zu handlich, um es einmal kurz abzuhandeln und auf ewig auf sich beruhen zu lassen. Ein Gleiches ist der Idealfall eines Gedichts im eigentlichen Sinne: „Gedicht“ von „Verdichtung“: kein Wort, das man schadenfrei weglassen könnte, und undenkbar, eines hinzuzufügen — geradezu die Definition von großer Kunst.

Es bräuchte nicht einmal die Legende dazu, wie der Dichterfürst persönlich es in einem Moment der Kontemplation an idyllischem Ort hingeworfen hat, so wie Japaner Haiku hinwerfen: nicht etwa achtlos. Eher wie ein Medium, das nur hier, nur jetzt genau dieses eine Gedicht empfangen konnte. Das wird nicht so schnell kaputt gehen, es überlebt ja erst ganz wenige Jahrhunderte ganz unverbraucht. Scheuen wir uns nicht, es etwas verwegener als unbedingt notwendig zu sagen: Das bekanntere, schönere Wandrers Nachtlied von Goethe ist das, was den Menschen ausmacht.

Auf den ersten Blick fällt auf, dass es nur heißt wie ein Sequel: Ein Gleiches — aber stets wie die Hauptsache, wie ein Original genannt wird: Mit Wandrers Nachtlied ist selten korrekt Der du von dem Himmel bist gemeint, das in zurechnungsfähigen Sammlungen allein Wandrers Nachtlied heißt.

Auf den zweiten Blick fällt auf, dass das e, das offensichtlich in der Überschrift fehlt, wahrscheinlich für das Vögelein im Fließtext gebraucht wurde. Wie gesagt: Man kann es weder weglassen noch hinzufügen. — Das Wort hat die englischsprachige Germanistik.

——— Wanderer’s Nightsong II, primal translation by Henry Wadsworth Longfellow:

Up there all summits
are still.
In all the tree-tops
you will
feel but the dew.
The birds in the forest stopped talking.
Soon, done with walking,
you shall rest, too.

——— Elizabeth M. Wilkinson: The indispensable syllable e in Vögelein,
in: Goethe’s Poetry. German Life and Letters 2, page 316–329, 1949:

Jeanne Baluche, Les quatre saisons de Juliette, Oktober 2010There is not a simile, not a metaphor, not a symbol. Three brief, simple statements of fact are followed by a plain assertion for the future […]

We point to the immediacy with which language here conveys the hush of evening: Über allen Gipfeln / Ist Ruh. In the long u of Ruh and in the ensuing pause we detect the perfect stillness that descends upon nature with the coming of twilight. In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch. The gentle expiration of breath in Hauch, and in the echoing auch of the last line, has often been compared to that last sighing of the wind as it dies away in the trees. While the indispensable syllable e in Vögelein and Walde makes the sixth line a lilting lullaby […] Warte nur, balde / Ruhest du auch. Here the verse does not describe th stillness of evening, it has become the stillness of evening; the language is evening stillness itself […]

It is absolutely essential, it is indeed the heart of the poem’s meaning and the feature which stamps it as peculiarly and specifically Goethean, that Gipfel should precede Wipfel. For the order of the natural objects mentioned here is not arbitrary. It is not dictated purely by the mood of his wanderer as he stands, a humnan being over against nature, and lets his eye rnge across the evening landscape, seeing in its stillness an analogy of the peace which will one day tranquillize his own troubled breast — nature here plays no mere analogical role, is no mere background for human needs and desires, something outside and around man, other than himself and ever to be sought in nostalgic longing. Nor is the order of the objects determined purely by the requirements of aesthetic composition, an order of the outward appearances of nature as known by the mind, an organic order of the evolutionary progression in nature, from the inanimate to the animate, from the mineral, through the vegetable, to the animal kingdom, from the hill-tops, to the tree-tops, to the birds, and so inevitably to man. The poet-wanderer here is not embracing Nature in the Romantic way. He is, of necessity, by the very order of the poem, embraced within it, as the last link in the organic scale of being […]

Here, in this lyrical poem, his (Goethe’s) experience of natural process has been so completely assimilated into the forms of language, that it is communicated to us directly by the order of the words, or by such a fine nuance as the modulation from Gipfeln to Wipfeln. For this is not just a pleasant musical assonance — though it is that too […]

The change of a single letter in a word […] reflects those imperceptible changes which mark the slow evoluion of one form of nature out of another […]

A natural process […] has become language, has been wrought in another substance, the poet’s own material […]

It would be difficult to find in literature a lyric of such brevity containing so much profundity of objective thought. What is so amazing about it, is that subjective and objective experience are here completely fused […]

A fine stylistic point is of importance here […] In the line Ruhest du auch it is impossible to emphasize du except by a violation of metrical stress, and it is to do violence to the meaning and quality of the whole poem to force it out of its naturally unstressed position […]

Jeanne Baluche, Les quatre saisons de Juliette, Oktober 2010Das ist nach Unser Goethe zitiert, dem bis jetzt schönsten und kompetentesten Schmökerschmöker über den Meister, zu dessen 150. Todestag am 22. März 1982 herausgegeben von Eckhard Henscheid und F.W. Bernstein. Die beiden sind vor allem als führende Satiriker der Neuen Frankfurter Schule notorisch, was nicht bedeuten muss, dass sie immer und überall haltloses Allotria verbreiten. Allerdings hat Henscheid sich noch 2005 in einem Interview mit dem Focus über gerade diesen Artikel von Wilkinson belustigt — was diese Germanisten denn nicht noch alles untersuchen! — aber mit Wilkinson bringt auf überschaubarem Raum eine berufene, zitierbare Expertin genau die Argumente, mit denen sich weiterhantieren lässt.

Der Auszug aus Unser Goethe erscheint hier als Typoskript, um den Text zugänglich zu machen. Wo die Herausgeber Henscheid und Bernstein drei Punkte setzen, werden Auslassungen unterstellt; diese Punkte sind hier jeweils in eckige Klammern gesetzt. Zusätzlich steht nach solchen Auslassungen, deren Umfang unbekannt bleibt, wo es sinnvoll erscheint, ein neuer Absatz. Das Original ist schwer erreichbar, dafür mit diesen Abwandlungen auf geringe Kosten der Korrektheit leichter lesbar. Verbesserungen aufgrund zuverlässigerer Quellen kann ich gerne nachträglich einarbeiten.

Das e in Walde ist ein Dativ-e und war bis ins 20. Jahrhundert hinein tatsächlich unverzichtbar, indispensable. Einzig das e im zugehörigen Reimwort balde möchte ich in den Verdacht nehmen, eben doch just a pleasant musical assonance zu sein: eine Maßnahme, die nicht den Inhalt und nur die Form mitträgt.

Andere Meinungen? — Ich bleibe dran.

Bilder: Sexy Reading, August 2016
(editiert statt Jeanne Baluche: Les quatre saisons de Juliette, Oktober 2010).

Written by Wolf

27. Oktober 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See, ~~~Olymp~~~

Endlich handfeste Verse

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In Deutschland sind ein Drittel aller verkauften Bücher Belletristik, mehr nicht. Von der verkauften Belletristik sind 1,2 Prozent Lyrik.

Cover Das Gedicht 20, Das Beste aus 20 Jahren, Jubiläumsausgabe 20121992 war das nicht viel anders. Trotzdem trug Anton G. Leitner genug Geschäfts- und Irrsinn in sich, um von Weßling bei München aus eine Zeitschrift namens DAS GEDICHT zu gründen. Nach 20 Jahren mit einer Ausgabe pro stellt der Betriebswirtschaftler fest: Herr Leitner zahlt nicht drauf, er verdient damit Geld. Die jährliche Zeitschrift DAS GEDICHT macht Plus.

Das Schönste war ja in der Ausgabe 8 von 2000 Geile Gedichte — Vom Minnesang zum Cybersex mit erotischen Gedichten von Stellen, an denen man sie nicht erwartet, wie Buchhändler ganze Lieferungen an den Verlag retournierten und die Auflage wegen der entstandenen Medienaufmerksamkeit („Anton G-Punkt Leitner“) 10.000 Stück errreichte. Als Buße schoss Leitner 2001 eine Ausgabe Göttlicher Schein — Heilige Gedichte. Lyrik zwischen Himmel und Hölle hinterher, sogar mit einem apokryphen Gedicht von weiland Papst Johannes Paul II.

Am Dienstag, den 23. Oktober 2012 veranstaltet Herr Leitner mit dem Literaturhaus München im letzteren das Internationale Gipfeltreffen der Poesie mit 60 Lyrikern aus Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz die Geschichte der deutschsprachigen Realpoesie. Ab 19 Uhr, Eintritt 12 Euro inklusive Freigetränk. Für die Aufzeichnung müssten wir bis Samstag, 12. Januar 2013 auf BR-alpha warten. Also sehen wir uns?

Bild: Matthias Politycki und Anton G. Leitner (Hgg.):
Endlich handfeste Verse! 20 Jahre DAS GEDICHT,
Weßling bei München 2012.

Written by Wolf

22. Oktober 2012 at 13:59

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Postironismus

Her Father Didn’t Like Me Anyway (Das Liebesleben der Hyäne)

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——— Shane MacGowan and the Popes: Donegal Express, from: The Snake, 1994:

Kahaya! You Fuck!
Come Hell or high water
I might have fucked your Missus
But I never fucked your daughter
Fol-diddle-dee-ahhh…

Light of my life, fire of my loins,

you are young, that is why you don’t know; I am German, and this is why I’m going to explain it to you.

Of course if you’re German you need an English-language book or two in your reference collection. I have the Bible in King James version, a one-volume Shakespeare, Alice in Wonderland, some of the really fat Penguin samplers, which are called anthologies as soon as they are books, like Victorian poetry, which I dearly deeply truly madly love (the volumes and the poetry), William Blake, Lolita, and for the remaining few hundredweights I’d have to think.

The first English book I read was Tom Sawyer — it’s not English, I know, it’s American to the core, which is the kind of English most people consider English — so I read Huckleberry Finn subsequently. Not the easiest choice for a start, what with all the Negro slang („Why, I dunno“), and even Negro was an acceptable term in 1876 and in the 1980s when I came to read it.

Supporting my literary and ethical self-education, my muinicipal public library in charge held a few books by Charles Bukowksi, since the manager thought American was English and Bukowski fitted fine next to Anthony Burgess („What’s it gonna be then, eh?“) in the alphabet. A Clockwork Orange was going to be topic of a girl’s term paper I was crushed on; the girl, not the paper, so I read Bukowski first.

Heck, this read a lot easier than Mark Twain. They had Post Office, Women, and Hot Water Music, and You Kissed Lilly in the latter was sheer and shaggy beauty and literature on its peak and its nadir and still is, amen.

In my upcoming local pub I met a scruffy guy with a voice I immediately thought good for reading Bukowski stories and poems aloud, told him, and learned he had been touring for years with Bukowski readings, featuring Miller the Killer on piano, in the translations by Carl Weissner the word congenial had been invented for.

I tried to write a Bukowski poem. It worked. I tried another one. They were as easy to write as to read. Other too young and too lanky boys keep writing Erich Fried poetry for the lack of rhymes and rhythm in it — Erich Fried, that’s Anne Sexton for you — but a few Bukowski poems further I had gone so good nobody ever heard the Bukowski out. My typical Bukowski went:

Eris, Red Stockings, April 6, 2012Bloody Lousy Motherfucking

I had a beer
for breakfast and
fucked the housewife.

I had another
one and fucked
her daughter. On

my way home
I got arrested
for public pissing.

It was a
rotten day all
for those cunts.

Then another girl I had crushed on gave me the first Pogues record, Red Roses for Me. This one did not stand in my shelf, this one stepped into my life, which is another fairytale to be told some other time.

Still the diction and some melodies reminded me of Bukowski. The Pogues were young and thirsty in all senses of the word, but they could be heard as dirty old men — Bukowski’s self description. When the Pogues‘ head and throat, Mr. Shane MacGowan, started losing his pants on stage with intoxication, he had to sing alone as the intoxicated do.

However Shane MacGowan without the Pogues was better than the Pogues without Shane MacGowan. The Pogues without Shane MacGowan were like non-alcoholic beer: everything a beer needs, only you don’t get drunk, and everything Irish punk riot needs, only you can choose whether to sing along or not — which you shouldn’t.

Shape is content, content is shape, that’s Aristotelean (long before the medium was the message). And a Bukowksi poem cannot be shorter or longer or use different words, since it consists of what it says, and a Pogues song cannot sound different even if the words tell the opposite of what the music roars. Swearing and cursing as exercised by Bukowski or the early Pogues is a prayer. You call to something you use as God and perceive Him and Creation and the Universe and Yourself and all the Fish.

Going through the train of thought with all stations and destination again, I could as well have stuck to Alice in Wonderland. But believe me, little girl, this does make sense. Not only am I perfect, I’m German too.

Image by Eris: Red Stockings, April 6, 2012;
Shane MacGowan without the Pogues: Donegal Express, from: The Snake, 1994.

Bonus Track: Her Father Didn’t Like Me Anyway, ibidem.

Written by Wolf

20. Oktober 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse

Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal

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Die U-Comix haben wir immer gekauft, weil ComicStrips für Erwachsene draufstand. Die freundliche Oma im Kiosk schaute nicht so drauf, oder sie dachte sich, sechs Mark von einem Zwölfjährigen sind besser als gar keine sechs Mark, vor allem wenn man sonst um einen bestehenden Yps– und Nucki-Nuss-Kunden und einen Hot Prospect für die Titanic fürchten muss.

Sehr viel später trat ich den Donaldisten bei, falls mich meine Enkel mal fragen: „Was hast du für die Rettung des Abendlandes unternommen? Wo warst du da?“ und gewann bei meiner ersten Veranstaltung, dem Mairennen 1999 zu Speyer mit meinem Tandempiloten umgehend den ersten Preis. Nachdem meine Berühmtheit dafür etwas verebbt ist, darf ich heute verraten, dass dies nur geschehen konnte, weil der Mann damals schon ein Mobiltelefon besaß, mit dem er von unterwegs seine Freundin mit Zugriff auf die Primärquellen anrufen konnte. Außerdem ist derlei Einsatz moderner Technik zutiefst donaldisch: Es gibt keine Preise für Fair Play, zack.

Der erste Preis bestand in irgendwas für ihn — und etwa fünf Kilo alter U-Comix für seinen Schmiermaxe, also mich. Zu dieser Zeit hatte ich kein Mobiltelefon, wohl aber eine Website literarischer Ausrichtung, die ich von Anfang an nur widerwillig als Homepage verunglimpft wissen wollte; Homepages handelten von Hobbys, zeigten animierte .gif-Dateien von tanzenden Tomaten mit Sonnenbrillen und ermunterten fremde Menschen zu distanzlosem Tun.

Deshalb fing ich an, auf meiner Website Preisausschreiben auszurufen, bei denen es fünf Kilo U-Comix zu gewinnen gab. Daran hat sich leider nie ein alter Schwanz beteiligt, weshalb immer meine Co-Webmasterin und Strohfrau Christina Dichterliebchen gewann. Bis auf ein Mal, als jemand einen extemporierten Vierzeiler einreichte und ich ihm ein Schloß Gripsholm spendieren musste.

Noch später, als klar wurde, dass anstrengend zu unterhaltende Homepages zu dem gut sein mochten, was heute Facebook leistet, nicht aber, um Altpapier zu entsorgen, las ich meine Sammlung U-Comix wieder. Ein paar Hefte waren dabei, die mir bei den Eigenerwerbungen des Zwölfjährigen entgangen waren — Nummer 18 vom Februar 1982 zum Beispiel. Daraus eine Seite von einem ungenannten Collageur mit einem ebensolchen Mannequin für den National Lampoon. Ich bin immer noch jedes Mal hin und weg davon.

Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal, U-Comix 18, Februar 1982. Serie in 300 dpi

  • Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal,
  • Und mein Auge trüber blickt,
  • Lehn‘ ich den Kopf an eine Schulter, wandernd durch das Tal.
  • Und dann musst du mir versprechen was mir ach so teuer ist:
  • Dass du, wenn ich einst gealtert, immer treu noch bei mir bist.
  • […]
  • Des Lebens Morgen wird vergehen — doch wenn die Abendglocke schallt wird das Herz mir gleich nicht schwer sein liebst du mich noch, bin ich auch alt.

Bild & Lyrik: U-Comix 18, Februar 1982, nach National Lampoon.

Written by Wolf

18. Oktober 2012 at 11:45

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

Also, Volk: Singe mit, lerne auswendig und verbreite!

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——— Text: Simon Borowiak, Musik: Moritz Eggert: Heut‘ fahr ich zu mei’m Schätzelein!
Das neue deutsche Volkslied, in: Titanic, September 2012, Seite 36 f.:

Während einer Redaktionswanderung durch den Taunus wurde klar: Kaum einer unserer Jahrgänge kennt noch deutsches Liedgut. Schon gar nicht auswendig! Das deutsche Volkslied ist so gut wie tot! Dem will TITANIC entgegenwirken, und zwar mit einem aktuellen Liedgut-Service.

Ab jetzt wird jedem Heft ein nagelneues Volkslied beiliegen. Damit es auch unserer Generation beim geselligen Beisammensein, an Lagerfeuer und Twitter nicht an der passenden oder besinnlichen Melodei mangelt!

Die Verse sind von Simon „Wanderschuh“ Borowiak, für die Vertonung konnten wir den vielfach ausgezeichneten Komponisten Moritz „Klampfe“ Eggert gewinnen.

Und jetzt: Auswendig lernen! Denn am Ende des Quartals wird abgehört.

———

Emma Reid, Quadrophobia, 9. Mai 2011Die Lichtung liegt so grün und flach
wie beste Auslegware.
Genau so flach liegt auch mein Schatz,
zu dem ich nachher fahre. [Zwischenspiel]
Dem Schatz ist heute gar nicht wohl,
hat allen Grund zum Klagen:
Die Kalzium-Werte sind zu hoch
und ständig kneift der Magen.

Feinsliebchen hat auch Allergien,
zum Beispiel auf Laktose,
auf Hausstaub, Erdnuß, Wein und Bier
und Milben aus der Dose.
Dann hat es noch ADHS,
die Füße sind nachts hektisch.
E hat auch Pocken, Diphtherie
und ist stark anorektisch. [Zwischenspiel]

Oft hat mein Engel Depression,
noch öfter Gürtelrose,
viel Gicht und Rheuma in der Hand,
im Herzen die Stenose.
Die Buhle hat auch das Tourette FICKEN FICKEN ARSCHLOCH HITLER!!!
Und sehr sehr offne Beine.
Sie nimmt auch gerne Heroin,
läßt man sie mal alleine.

Zudem hat sie die Wassersucht
und einen Anus präter.
In einer Stunde geht mein Zug.
Ich glaub‘, ich fahr‘ doch später.

Multimorbides Bild: Emma Reid: Quadrophobia, 9. Mai 2011.

Written by Wolf

8. Oktober 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Der Mensch ist ein einfaches Wesen. Und wie reich, mannigfaltig und unergründlich er auch sein mag, so ist doch der Kreis seiner Zustände bald durchlaufen.

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——— Friedrich Hebbel: Brief an Elise Lensing, München, 13. September 1837:

Eckermann erscheint mir keineswegs als ein irgend bedeutender Mensch, denn in diesem Fall hätten ihm in seinem Alter viele bedeutende Dinge, die ihm von Goethe überliefert wurden, unmöglich neu sein können.

Armer Eckermann. Gerade 220 geworden und noch nicht mal das Goethezeitportal hat’s gemerkt. Typisch eigentlich, man hätte von Eckermann nichts anderes erwartet. Alles Gute, Herr Doktor — danke für Bescheidenheit und vermittelnde Lebensleistung.

Am 3. Dezember 1854 starb Eckermann krank und vereinsamt in Weimar. Er hinterließ eine Wohnung voll von halbzahmen einheimischen Tieren, denn er hatte sich seit je, so weit möglich, mit der Pflege und Beobachtung besonders von Vögeln beschäftigt. Auf diesem Gebiet hatte er sich großes Wissen erworben (bestätigten ihn besuchende Fachleute), allerdings nichts publiziert.

Es wird später. Christina Dichterliebchen muss sich noch die Füße malen.

——— Johann Peter Eckermann: Einleitung, 1836:

So wohnte ich denn bey meinem Freunde und zeichnete nach Rambergischen Originalen. Ich machte Fortschritte, denn die Blätter die er mir gab wurden immer bedeutender. Die ganze Anatomie des menschlichen Körpers zeichnete ich durch, und ward nicht müde die schwierigen Hände und Füße immer zu wiederholen. Es vergingen einige glückliche Monate.

Written by Wolf

5. Oktober 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei