Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for September 2015

Wie Franz Melchior von Bremen sich einmal einer Bastonade gewärtigte

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Update zu Grabesdunstwitterlich:

Eine Lanze gilt’s zu brechen für die Volksmärchen von Musäus.

Stumme LiebeSeine Sammlung Volksmärchen der Deutschen ist drei Jahrzehnte älter als die bekanntere der Brüder Grimm (ab 1812) und ein gut Teil „deutscher“ als die von Ludwig Bechstein (ab 1845), der vor welschen Stoffen nicht zurückschreckte. Thematisch steh die Märchen den Deutschen Sagen nahe, ebenfalls von den Brüdern Grimm (ab 1816), verbreiten sich aber ungleich ausführlicher. In der Stärke sind alle fünf Teile, erschienen zwischen 1782 und 1786, den Grimmschen Kinder- und Hausmärchen vergleichbar, umfassen aber statt Grimms 200 autorisierten Märchen deren nur 14 — nicht als möglichst authentisch eingefangener Volksmund nach der Auffassung von Jacob Grimm, sondern literarische Bearbeitungen nach der Auffassung von Wilhelm Grimm. Musäus hegt weder falsche Scheu vor dem langen Atem noch vor waghalsigen Handlungsbrüchen, die außerhalb eines jahrhundertelang organisch veränderten Stoffs nicht zu vertreten wären.

Heute muss niemand mehr glauben, dass der Zeitraum zwischen Antike und Neuzeit ein geschlagenes Jahrtausend andauern und dabei mit dem Sammelbegriff „Mittelalter“ ein für allemal zutreffend beschrieben werden könne. Musäus deckt mit seinen vierzehn Märchenstoffen die ganzen heterogenen, je nach Definiton acht bis zwölf Jahrhunderte ab und alle europäischen Gegenden, die währenddessen jemals deutsch waren, dazu. Dabei schafft er das Kunststück, jedes Märchen in einem unterschiedlich archaisierenden Tonfall zu verfassen. Der Mann hat einen enormen Wortschatz, der ohne historisches Studium diachronisch und diatopisch nicht so punktgenau einzusetzen wäre. Das halte ich für beispiellos.

Das längste und bekannteste der Musäus-Märchen, bei denen allzeit unklar bleibt, ob wir es bei ihnen wie ausgewiesen mit Volksmärchen oder nach den tiefgreifenden Bearbeitungen doch schon mit Kunstmärchen zu tun haben, sind die Legenden vom Rübezahl aus Böhmen im zweiten Teil, die allerdings naturgemäß in sich unterteilt sind. Ein unbekannteres, dabei eins der längsten voll allerhand dramaturgischer Kapriolen, ist Stumme Liebe aus dem hanseatischen Bremen — bis Antwerpen samt westfälischem Zwischenreich — im vierten Teil.

Gang der Handlung: Um 1530 bringt der Bremer Kaufmannssohn Franz Melchior das schier unüberschaubare Erbe seines Vaters mehr aus Gutmütigkeit gegenüber falschen Freunden denn aus Verschwendungssucht durch und muss aus Armut eine Kammer in einer ärmlichen Gegend beziehen. Gegenüber wohnt eine Näherin mit ihrer sehr hübschen Tochter Meta. Die jungen Leute verlieben sich von aller Welt unbemerkt ineinander und können nur auf dem sonntäglichen Kirchgang heimlich Blicke tauschen (die „stumme Liebe“ alsRomeo-und-Julia-Thema). Eine Werbung um die Hand der Tochter wäre aussichtslos für den verarmten Franz, weil die Mutter sich eine wirtschaftliche Verbesserung durch eine gute Heiratspartie ihrer Tochter erhofft und niemals einwilligen würde. Deshalb verabschiedet sich Franz von Meta durch eine versteckte Botschaft, die er dem Pastor von der Kanzel zu verlesen aufgibt, und reist nach Antwerpen, um alte Schulden von Geschäftspartnern seines Vaters einzutreiben. Damit hat er keinen Erfolg, sitzt vielmehr selbst kurzzeitig im Antwerpener Schuldturm ein, wird aus Gründen der Steuerersparnis entlassen (Sozialkritik) und tritt den Heimweg an. In einem Spukschloss, in dem er unterwegs übernachten darf, erweist er dem Poltergeist zufällig den richtigen Dienst, der ihn von seinem Fluch — und das zugehörige Dorf von ihm — befreit. Zum Dank verrät ihm der Geist noch, dass er sich am kommenden Herbstanfang auf der Bremer Weserbrücke einfinden müsse, um jemanden zu treffen, der ihm sein Glück bereiten kann. Franz folgt dem Rat, hält den Termin ein und treibt sich den ganzen bezeichneten Tag lang auf der Brücke herum. Niemand erscheint, sodass sich Franz nur mit einem der Bettler unterhalten kann, die auf der Brücke für gewöhnlich ihrem Gewerbe nachgehen. — Ich vermeide hier Spoiler, darf aber verraten: Das Ende ist ein so gutes wie durchaus überraschendes.

Stumme LiebeWahr und gut und schön und meines Wissens die einzige, die etwas Grundlegenderes bringt als eine kindgerechte Version vom Rübezahl, ist die Winkler-Ausgabe, die immer wieder jemand beim großen bösen Steuerhinterziehungsriesen halb verschenkt. Nach ihr wird der folgende Schwank aus Stumme Liebe zitiert. Die wenigsten orthographischen Auffälligkeiten darin sind Schreibfehler, weil Musäus eine besonders eigenwillige Schreibweise pflegt. Das Nachwort erklärt dazu:

Eine der Hauptschwierigkeiten, der man sich bei der Herausgabe von Werken aus früherer Zeit (etwa bis Mitte des 19. Jh.) gegenübersieht, ist die Frage: Was ist Spracheigenheit, und was ist Druckfehler? Gerade hier ist man mit dem Verbessern sehr schnell bei der Hand; aber mancher „offensichtliche“ Druckfehler ist bei näherem Hinschauen gar nicht so offensichtlich. Hierfür aus dem vorliegenden Band nur zwei Beispiele. Auf Seite 255/18 [in den Legenden vom Rübezahl] heißt es: die Schicksale des Abenteuers … Man hat hier in das naheliegende Abenteurers verbessert, indes gibt es die Nebenform Abenteuer = Mißgestalt, und in der Tat handelt es sich um eine solche. Kann man im vorliegenden Fall keiner der beiden Formen den Vorzug geben, so liegt der Sachverhalt bei folgendem „Druckfehler“ schon etwas klarer. Seite 262/38 [immer noch Rübezahl] ist die Rede von Beuteln, in denen das Geld wohl druhe. Hier hat man in das naheliegende ruhe verbessert; dennoch ist an dieser Stelle das originale druhen, welches so viel wie gedeihen, zunehmen, Profit bringen bedeutet, vorzuziehen. Im Grimmschen Wörterbuch ist die zitierte Stelle überdies als Beleg angeführt. Die vorliegende Ausgabe hat daher nur in wirklich eindeutigen Fällen stillschweigend verbessert, d. h. wo etwa in dem Wörtchen den anstelle des n ein u gesetzt wurde.

Und das ist schon der halbe Spaß.

Stumme Liebe

——- Johann Karl August Musäus:

Stumme Liebe

aus: Volksmärchen der Deutschen, Vierter Teil, 1786, Auszug:

Tief in dem öden Westfalen ritt er an einem schwülen Tage bis in die sinkende Nacht, ohne eine Herberge zu erreichen. Es türmten sich gegen Abend Gewitterwolken auf, und ein heftiger Platzregen durchnäßte ihn bis auf die Haut. Das fiel dem Zärtling, der von Jugend an aller ersinnlichen Bequemlichkeiten gewohnt war, sehr beschwerlich, und er befand sich in großer Verlegenheit, wie er die Nacht in diesem Zustande hinbringen sollte. Zum Trost erblickte er, nachdem das Ungewitter vorüber gezogen war, ein Licht in der Ferne, und bald darauf langte er vor einer dürftigen Bauerhütte an, die ihm wenig Trost gewährte. Das Haus glich mehr einem Viehstalle als einer Menschenwohnung, und der unfreundliche Wirt versagte ihm Wasser und Feuer, wie einem Geächteten, denn er war eben im Begriff, neben seine Stiere sich auf die Streue zu wälzen, und zu träge, um des Fremdlings willen das Feuer auf dem Herde wieder anzufachen. Franz intonierte aus Unmut ein klägliches Miserere, und verwünschte die westfälischen Steppen mit emphatischen Flüchen. Der Bauer ließ sich das wenig anfechten, blies mit großer Gelassenheit das Licht aus, ohne von dem Fremdling weiter Notiz zu nehmen, denn er war der Gesetze des Gastrechts ganz unkundig. Weil aber der Wandersmann vor der Tür nicht aufhörte, ihm mit seinen Lamenten Überlast zu machen, die ihn nicht einschlafen ließen, suchte er mit guter Art seiner los zu werden, bequemte sich zum Reden und sprach: „Landsmann, so Ihr Euch wollt gütlich tun und Euer wohl pflegen, so findet Ihr hier nicht was Ihr suchet. Aber reitet dort, linker Hand, durch den Busch, dahinter liegt die Burg des ehrenfesten Ritters Eberhard Bronkhorst, der herbergt jeden Landfahrer, wie ein Hospitalier die Pilger vom Heilgen Grabe. Nur hat er einen Tollwurm im Kopf, der ihn bisweilen zwickt und plagt, daß er keinen Wandersmann ungerauft von sich läßt. So Euch’s nicht irret, ob er Euch das Wams bläuet, wird’s Euch bei ihm baß behagen.“

Für eine Suppe und einen Schoppen Wein die Ribben einer Bastonade preiszugeben, ist freilich nicht jedermanns Ding, obwohl die Schmarotzer und Tellerlecker sich rupfen und zausen lassen, und alle Kalamitäten der Übermütler willig dulden, wenn ihnen der Gaumen dafür gekitzelt wird. Franz bedachte sich eine Weile, und war unschlüssig, was er tun sollte, endlich entschloß er sich dennoch, das Abenteuer zu bestehen. „Was liegt daran“, sprach er, „ob mir hier auf einer elenden Streu der Rücken geradebrecht wird, oder vom Ritter Bronkhorst? Die Friktion vertreibt wohl gar das Fieber, das im Anzuge ist, und mich wacker schütteln wird, wofern ich die nassen Kleider nicht trocknen kann.“ Er gab dem Gaul die Sporen, und langte bald vor der Pforte eines Schlosses von altgotischer Bauart an, klopfte ziemlich deutlich an das eiserne Tor, und ein ebenso vernehmliches „Wer da?“ hallete ihm von innen entgegen. Dem frostigen Passagier kam das lästige Passagezeremoniell der Torwächterinquisition so ungelegen als unsern Reisenden, die mit Recht über Wächter- und Mautamtsdespotismus, bei Toren und Schlagbäumen, seufzen und fluchen. Gleichwohl mußte er sich dem Herkommen unterwerfen und duldsam abwarten, ob der Menschenfreund im Schlosse bei Laune sei, einen Gast zu prügeln, oder geruhen würde ihm ein Nachtlager unter freiem Himmel anzuweisen.

Der Eigentümer der alten Burg hatte von Jugend an, als ein rüstiger Kriegsmann im Heere des Kaisers, unter dem wackern Georg von Fronsberg gedienet, und ein Fähnlein Fußvolk gegen die Venediger angeführet, sich nachher in Ruhe gesetzt, und lebte auf seinen Gütern, wo er die Sünden der ehemaligen Feldzüge abzubüßen, viel gute Werke verrichtete, die Hungrigen speiste, die Durstigen tränkte, die Pilger herbergte, und die Beherbergten wieder aus dem Hause prügelte. Denn er war ein roher wüster Kriegsmann, der des martialischen Tons sich nicht wieder entwöhnen konnte, ob er gleich seit vielen Jahren in stillem Frieden lebte. Der neue Ankömmling, der bereitwillig war, gegen gute Bewirtung sich der Sitte des Hauses zu unterwerfen, verzog nicht lange, so rasselten von innen die Riegel und Schlösser am Tor, die keuchenden Türflügel taten sich auf, als wenn sie durch den Jammerton, den sie hören ließen, den eintretenden Fremdling warneten, oder beseufzeten. Dem bangen Reisigen überlief’s mit einem kalten Schauer nach dem andern den Rücken herab, als er durch das Tor einritt, demungeachtet wurde er wohl empfangen: einige Bediente eilten herbei, ihm aus dem Sattel zu helfen, erzeigten sich geschäftig das Gepäck abzuschnallen, den Rappen in den Stall zu ziehen, und den Reuter zu ihrem Herrn in ein wohlerleuchtetes Zimmer einzuführen.

Das kriegerische Ansehn des athletischen Mannes, der seinem Gaste entgegenkam, und ihm so nachdrücklich die Hand schüttelte, daß er hätte laut aufschreien mögen, auch ihn mit stentorischer Stimme willkommen hieß, als wenn der Fremdling taub gewesen wär, übrigens ein Mann in seinen besten Jahren schien, voll Feuer und Tatkraft, setzte den scheuen Wanderer in Furcht und Schrecken, also, daß er seine Zagheit nicht verbergen konnte, und am ganzen Leibe erbebte. „Was ist Euch, junger Gesell“, frug der Ritter, mit einer Donnerstimme, „daß Ihr zittert wie ein Espenlaub, und erbleichet als woll Euch eben der Tod schütteln?“ Franz ermannete sich, und weil er bedachte, daß seine Schultern nun einmal die Zeche bezahlen müßten, ging seine Poltronnerie in eine Art Dreustigkeit über. „Herr“, antwortete er traulich, „Ihr seht, daß mich der Platzregen durchweicht hat, als sei ich durch die Weser geschwommen. Schaffet, daß ich meine Kleider mit trocknen wechseln kann, und lasset zum Imbiß ein wohlgewürztes Biermus auftragen, das den Fieberschauer vertreibe, der an meinen Nerven zuckt: so wird mir wohl ums Herz sein.“ „Wohl!“ gegenredete der Ritter, „heischt was Euch not tut. Ihr seid hier zu Hause.“

Stumme LiebeFranz ließ sich bedienen wie ein Bassa, und weil er nichts anders als Podoggen zu erwarten hatte, so wollte er sie verdienen, foppte und neckte die Diener, die um ihn geschäftig waren, auf mancherlei Weise, es kommt, dacht er bei sich, doch alles auf eine Rechnung. „Das Wams“, sprach er, „ist für einen Schmerbauch, bringt mir eins, das genauer auf den Leib paßt; dieser Pantoffel brennt wie Feuer auf dem Hühnerauge, schlagt ihn über den Leisten; diese Krause ist steif wie ein Brett und würgt mich wie ein Strick, schafft eine herbei, die mir sanfter tue, und durch keinen Stärkenbrei gezogen sei.“

Der Hausherr ließ über diese bremische Freimütigkeit so wenig einen Unwillen spüren, daß er vielmehr seine Diener antrieb, hurtig auszurichten, was ihnen befohlen war, und sie Pinsel schalt, die keinen Fremden zu bedienen wüßten. Als der Tisch bereitet war, setzten sich Wirt und Gast, und ließen sich beide das Biermus wohl behagen. Bald darauf trug jener: „Begehret Ihr auch etwas zur Nachkost?“ Dieser erwiderte: „Laßt auftragen was Ihr habt, daß ich sehe, ob Eure Küche wohl bestellt sei.“ Alsbald erschien der Koch und besetzte den Tisch mit einer herrlichen Mahlzeit, die kein Graf würde verschmähet haben. Franz langte fleißig zu, und wartete nicht bis er genötiget wurde. Als er sich gesättiget hatte, sprach er: „Eure Küche, seh ich, ist nicht übel bestellt, wenn’s um den Keller auch so stehet, so muß ich Eure Wirtschaft fast rühmen.“ Der Ritter winkte dem Kellner, dieser füllte flugs den Willkommen mit dem gewöhnlichen Tischwein und kredenzte ihn seinem Herrn, der ihn auf die Gesundheit des Gastes rein ausleerte. Drauf tat Franz dem Junker ehrlichen Bescheid, welcher sprach: „Lieber, was saget Ihr zu diesem Weine?“ „Ich sage, daß er schlecht sei“, antwortete Franz, „wenn’s vom besten ist, den Ihr auf dem Lager habt, und daß er gut sei, wenn’s Eure geringste Nummer ist.“ „Ihr seid ein Schmecker“, entgegnete der Ritter: „Kellner, zapf uns aus dem Mutterfasse!“ Der Schenke brachte einen Schoppen zum Kostetrunk, und als ihn Franz versucht hatte, sprach er: „Das ist echter Firnewein, dabei wollen wir bleiben.“

Der Ritter befahl einen großen Henkelkrug zu bringen, und trank sich mit seinem Gaste heiter und froh, fing an von seinen Kriegszügen zu reden, wie er gegen die Venediger zu Felde gelegen, die feindliche Wagenburg durchbrochen und die welschen Scharen wie die Schafe abgewürgt habe. Bei dieser Erzählung geriet er in einen solchen kriegerischen Enthusiasmus, daß er Flaschen und Gläser niedersäbelte, das Trenchiermesser wie eine Lanze schwang, und seinem Tischgenossen dabei so nahe auf den Leib rückte, daß diesem für Nase und Ohren bange war.

Es wurde spät in die Nacht, gleichwohl kam dem Ritter kein Schlaf in die Augen, er schien recht in seinem Elemente zu sein, wenn er auf den Kriegszug gegen die Venediger zu reden kam. Die Lebhaftigkeit der Erzählung mehrte sich mit jedem Becher, den er ausleerte, und Franz fürchtete, daß dieses der Prolog zu der Haupt- und Staatsaktion sein möchte, bei welcher er die interessanteste Rolle spielen sollte. Um zu erfahren, ob er innerhalb oder außerhalb des Schlosses pernoctieren werde, begehrte er einen vollen Becher zum Schlaftrunk. Nun meinte er, werde man ihm den Wein erst einnötigen, und wenn er nicht Bescheid tät, ihn unter dem Scheine eines Weinzwistes, nach der Sitte des Hauses, mit dem gewöhnlichen Viatikum fortschicken. Gegen seine Erwartung, wurde ihm ohne Widerrede gewillfahrt, der Ritter riß augenblicklich den Faden seiner Erzählung ab, und sprach: „Zeit hat Ehre, morgen mehr davon!“ „Verzeihet, Herr Ritter“, antwortete Franz, „morgen wenn die Sonne aufgehet, bin ich über Berg und Tal, ich ziehe einen fernen Weg nach Brabant und kann hier nicht weilen. Darum beurlaubt mich heut, daß mein Abschied morgen Eure Ruhe nicht störe.“ „Tut, was Euch gefällt“, beschloß der Ritter; „aber scheiden sollt Ihr nicht von hinnen, bis ich aus den Federn bin, daß ich Euch noch mit einem Bissen Brot und einem Schluck Danziger zum Imbiß labe, dann bis an die Türe geleite, und nach Gewohnheit des Hauses verabschiede.“

Franz bedurfte zu diesen Worten keiner Auslegung. So gern er dem Hauspatron die letzte Höflichkeit der Geleitschaft bis in die Haustür entlassen hätte, so wenig schien dieser geneigt, von dem eingeführten Ritual abzuweichen. Er befahl den Dienern den Fremden auszukleiden, und ins Gastbette zu legen, wo sich Franz wohl sein ließ, und auf elastischen Schwanenfedern einer köstlichen Ruhe genoß, daß er sich, ehe ihn der Schlaf übermannte, selbst gestund, eine so herrliche Bewirtung sei, um eine mäßige Bastonade, nicht zu teuer erkauft. Bald umflatterten seine Phantasie angenehme Träume. Er fand die reizende Meta in einem Rosengehege, wo sie mit ihrer Mutter lustwandelte und Blumen pflückte. Flugs verbarg er sich hinter eine dichtbelaubte Hecke, um von der strengen Domina nicht bemerkt zu werden; wiederum versetzte ihn die Einbildungskraft in das enge Gäßgen, wo er durch den Spiegel die schneeweiße Hand des lieben Mädchens, mit ihren Blumen beschäftiget, sah; bald saß er neben ihr im Grase, wollte ihr seine heiße Liebe erklären, und der blöde Schäfer fand keine Worte dazu. Er würde bis an den hellen Mittag geträumet haben, wenn ihn nicht die sonore Stimme des Ritters und das Geklirr seiner Sporen aufgeweckt hätte, der bei Anbruch des Tages schon in Küch und Keller Revision hielt, ein gutes Frühstück zuzurichten befahl, und jeden Diener auf den ihm zugeteilten Posten stellte, um bei Handen zu sein, wenn der Gast erwachen würde, ihn anzukleiden und zu bedienen.

Es kostete dem glücklichen Träumer viel Überwindung, sich von dem sichern gastfreundlichen Bette zu scheiden, er wälzte sich hin und her; doch die grelle Stimme des gestrengen Junkers engte ihm das Herz ein, und einmal mußte er in den sauren Apfel beißen. Also erhob er sich von den Federn, und sogleich waren ein Dutzend Hände geschäftig ihn anzukleiden. Der Ritter führte ihn ins Speisegemach zu einer kleinen wohl zugeschickten Tafel; aber da es jetzt zum Abdrücken kam, fühlte der Reisende wenig Eßlust. Der Hauswirt ermunterte ihn: „Warum langt Ihr nicht zu? Genießt etwas für den bösen Nebel.“ „Herr Ritter“, antwortete Franz, „mein Magen ist noch zu voll von Eurem Abendmahl; aber meine Taschen sind leer, die mag ich wohl füllen für den künftigen Hunger.“ Er räumte nun wacker auf, und bepackte sich mit dem Niedlichsten und Besten, was transportabel war, daß alle Taschen strotzten. Wie er sahe, daß sein Gaul wohl gestrichelt und aufgezäumt vorgeführet wurde, trank er ein Gläslein Danziger zum Valet, in der Meinung, das werde die Losung sein, daß ihn der Wirt beim Kragen fassen und sein Hausrecht werde fühlen lassen.

Stumme LiebeAber zu seiner Verwunderung schüttelte er ihm, wie beim Empfang, traulich die Hand, wünschte ihm Glück auf die Reise, und die Riegeltür wurde aufgetan. Er säumte nun nicht den Rappen anzustechen, und zak zak war er zum Tor hinaus, ohne daß ihm ein Haar gekrümmt wurde.

Jetzt fiel ihm ein schwerer Stein vom Herzen, da er sich in völliger Freiheit befand, und sahe, daß er so mit heiler Haut davongekommen war, er konnte nicht begreifen, warum ihm der Wirt die Rechnung kreditiert hatte, die seinem Bedünken nach hoch an die Kreide lief, und umfaßte nun den gastfreien Mann mit warmer Liebe, dessen faust- und kolbengerechten Arm er gefürchtet hatte; trug aber noch groß Verlangen, Grund oder Ungrund des ausgestreueten Gerüchtes an der Quelle selbst zu erforschen. Darum wendete er flugs den Gaul und trabte zurück. Der Ritter stund noch im Tor, und glossierte mit seinen Dienern, zu Beförderung der Pferdekunde, die sein Lieblingsstudium war, über Abkunft, Gestalt und Bau des Rappen und seines harten Trabes, wähnte, der Fremdling vermisse etwas von seinem Reisegepäck, und sahe die Diener wegen ihrer vermeinten Unachtsamkeit scheel an. „Was gebricht Euch, junger Gesell“, rief er dem Kommenden entgegen, „daß Ihr umkehret, da Ihr wolltet förderziehen?“ „Ach, noch ein Wort, ehrenfester Ritter!“ antwortete der Reisige. „Ein böses Gerücht, das Euch Glimpf und Namen bricht, sagt, daß Ihr jedes Fremdlings wohl pfleget, der bei Euch einspricht, um ihn, wenn er wieder davon scheidet, Eure starken Fäuste fühlen zu lassen. Dieser Sage hab ich vertrauet, und nichts gesparet, die Zeche Euch abzuverdienen: ich gedachte bei mir, der Junker wird mir nichts schenken, so will ich ihm auch nichts schenken. Nun laßt Ihr mich in Frieden ziehen, sonder Strauß und Gefährde, das nimmt mich wunder. Lieber, sagt mir darum, ist einiger Grund oder Schein an der Sache; oder soll ich das faule Geschwätz Lügen strafen?“ Der Ritter entgegnete: „Das Gerücht hat Euch keinesweges mit Lügen berichtet; es treibt sich keine Rede im Volk um, es liegt ein Körnlein Wahrheit darinnen. Vernehmt den eigentlichen Bericht, wie die Sache stehet. Ich beherberge jeden Fremdling, der unter mein Dach eingehet, und teile meinen Mundbissen mit ihm, um Gottes Willen. Nun bin ich ein schlichter deutscher Mann, von alter Zucht und Sitte, rede wie mir’s ums Herz ist, und verlange, daß auch mein Gast herzig und zuversichtlich sei, mit mir genüße was ich habe, und frei sage was er bedarf. Aber da gibt’s einen Schlag Leute, die mir mit allerlei Faxen Verdruß tun, foppen und äffen mich mit Kniebeugen und Bücklingen, stellen all ihre Worte auf Schrauben, machen viel Redens ohne Sinn und Salz; vermeinen mit glatten Worten mir zu hofieren, gebärden sich bei der Mahlzeit, wie die Weiber beim Kindtaufschmause. Sag ich: ›Langt zu!‹ so erwischen sie aus Reverenz ein Knöchlein von der Schüssel, das ich meinem Hunde nicht böt; sprech ich: ›Tut Bescheid!‹ so netzen sie kaum die Lippen aus dem vollen Becher, als wenn sie Gottes Gabe verschmäheten; lassen sich zu jedem Dinge lang nötigen, tät schier not, auch zum Stuhlgang. Wenn mir’s nun das leidige Gesindel zu bunt und kraus macht, und ich nimmer weiß, wie ich mit meinem Gaste dran bin: so werd ich endlich wild und brauche mein Hausrecht, fasse den Tropf beim Fell, balge ihn weidlich und werf ihn zur Tür hinaus. Das ist bei mir so Sitt und Brauch, und so halt ich’s mit jedem Gaste, der mir Überlast macht. – Aber ein Mann von Eurem Schlag ist mir stets willkommen: Ihr sagtet rund und deutsch heraus, was Euch zu Sinne war, wie’s der Bremer Art ist. Sprecht getrost bei mir ein, wenn Euch der Weg wieder vorbeiträgt. Damit Gott befohlen.“

Franz trabte nun, mit heiterm frohen Mute, nach Antwerpen zu, und wünschte allenthalben eine so gute Aufnahme zu finden, als bei dem Ritter, Eberhard Bronkhorst genannt.

Fachliteratur: Claudia Hillebrandt und Elisabeth Kampmann (Hg.): Seelenräume und Sympathieebenen statt skeptischer Erzählartistik. Ludwig Richter und Josef Hegenbarth illustrieren Musäus’ ‚Stumme Liebe‘, in: Sympathie und Literatur. Zur Relevanz des Sympathiekonzepts für die Literaturwissenschaft, Erich Schmidt Verlag, Berlin 2014, Seite 168–202.

Stumme Liebe

Bilder: die gängigen, anonymen Illustrationen um 1860, leider nirgends in besserer Qualität als im Gutenberg-Text. Das letzte ist der Holzstich Reiter in dem öden Westphalen ritt bis in die sinkende Nacht ohne eine Herberge zu erreichen, über wen sonst denn das Antiquariat Murr, sympathischerweise ohne eigene Website, wo sonst denn in Bamberg.

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Written by Wolf

25. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Handel & Wandel

Isarathen ist die nördlichste Stadt Italiens

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Update zu Große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen gleichen
und Ein ewig Weißwurschten:

Zum Bieranstich des 182. Oktoberfests zu München folgt eine Internet-Premiere: der Aufsatz Gemälde von München von Friedrich Hebbel, 1839.

Während seiner Münchner Zeit war der junge Studiosus Hebbel nicht mehr denn ein armer Schlucker. Nachdem er sich von dort zu Fuß zurück in die Heimat Hamburg durchgeschlagen hatte – übrigens sehr zügig vom 11. bis 31. März –, musste er gegen seine Überzeugung und auf Angebot von Karl Gutzkow für den Telegraph für Deutschland den Textauftrag über die von Hamburg aus gesehen exotische Stadt München annehmen.

Als willkommene Stoffsammlung griff Hebbel auf seine eigenen Münchner Briefe im Cottaischen Morgenblatt für gebildete Stände, Stuttgart 1836 bis 1838 zurück, siehe seine historisch-kritische Ausgabe, Band IX, Seite 359 bis 399. Darum waren laut Tagebuch – hier zitiert nach dem Kommentar in der Gesamtausgabe bei Hanser – am 12. April 1839 schon mehrere Seiten

niedergeschrieben, ohne die inneren Vorbehalte gegen eine bestellte Arbeit aufgegeben zu haben: „Dergleichen Geschwätz widert mich an“ (Tgb. 1551). Im Rückblick auf das Jahr 1839 kam Hebbel nochmals auf sein „Gemälde von München“ zu sprechen, das […] den Beifall des Autors, „den es nicht hat, entbehren kann, da es den des Publikums erhielt“ (Tgb. 1965).

Die Arbeit unter Protest ist Hebbel offenbar recht gut gelungen. Dieselbe Anmerkung fährt fort:

Unbeschadet dieser selbstkritischen Äußerung darf der überlegene Gestus, mit dem das „Gemälde“ entworfen wurde, nicht geringgeschätzt werden. Eindrucksvoll versteht es der erst sechsundzwanzigjährige Hebbel, die geistige Eigenart einer Stadt zu ergründen und mit leichter Hand darzustellen. Vom Totaleindruck führt er den Leser zum charakteristischen Detail; er bestätigt Gewußtes durch Beobachtung und gewinnt dem Einzelvorgang, indem er ihn einordnet, eine eigene Bedeutung hinzu. Die Mitteilungsfreude eines Fremdenführers verbindet Hebbel mit der Menschenkenntnis des Dramatikers, der aus Gewohnheiten den Charakter erschließt. Das „Gemälde von München […] beweist eine urbane Gelassenheit in der Auswertung vreschiedenartigster Eindrücke. Nirgends tritt der Autor unbillig hervor; witzig, keck und voll Verständnis spiegelt er seine Umwelt wieder.

Recht hat diese kommentierende Einschätzung der bis heute einzigen größeren – und halbwegs ohne Verrenkungen erhältlichen – Hebbel-Ausgabe, die wir anhand ihres leicht behäbigen Wortschatzes noch 1965 einordnen dürfen, insofern, als Hebbel trotz schlechter Erfahrungen in der Fremde und der ungeliebten Auftragsarbeit allerhand Esprit in seine Tourismusliteratur legt. Es unterlaufen sogar ein paar echt luzide, eigenständige Beobachtungen: Das Gemälde macht Spaß.

Dennoch werden Sie diese Textmenge, die selbst für eine Literaturzeitschrift des 19. Jahrhunderts, die auf keine „Aufmerksamkeitsspannen“ Rücksicht nehmen musste, in drei Lieferungen aufgeteilt wurde, voraussichtlich nicht online von vorne bis hinten lesen. Es sollte eben eine vollständige, weiterverwendbare Version davon digital zur Verfügung stehen. Deshalb als Anspieltipp: Abschnitt IV, „Der deutsche Bürger und Mann […]“.

Interessant ist, woran sich Hebbels Interesse entzündet und woran nicht: Ja, die Alte Pinakothek hat neun Säle und 23 Kabinette – was einem nicht einmal jeder heutige Fremdenführer sagen könnte – und ja, auch 1839 war nicht jeder Tragöde eine Zierde seines Theaters; letztendlich lauschen wir den kommerziell orientierten Ausführungen eines 26-jährigen Studenten, der sich über das Bier zu drei Kreuzern freut, – ohne ein Wort darüber zu erfahren, dass sich das Oktoberfest seit 1810 zur Mutter aller Volksfeste auswächst.

Auch wer in München nur sein kleines Leben führen will, kommt nicht an den zahlreich gesäten literarischen Auslassungen vorbei, die auch nur entfernt zur Stadtwerbung taugen und seit König Ludwig I. den Münchner Stadttourismus befeuern sollen. Instrumentalisiert wurden schon Goethe, Heinrich Heine, Thomas Mann, Mark Twain, Thomas Wolfe und so ziemlich jeder, der auf der Durchreise jemals eine Maß im Biergarten in seinem posthum ausgeschlachteten Tagebuch oder privat adressierten Brief vermerkt hat – nur Friedrich Hebbel kommt nie vor. Offensichtlich mangelt es seinem Gemälde an knapp zitierbaren Sentenzen und beigeschmackloser Lobhudelei. Das ist ihm anzurechnen.

Für meinen Begriff könnte er sich allein sein gourmethaftes Herumgeonkel sparen, wie „die Münchnerin“ so drauf ist, das steht niemandem. Aber für meinen Begriff könnte der Magistrat auch das Oktoberfest ausfallen lassen, das würde ungemein der Gemütlichkeit dienen. Ein Prosit derselben.

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——— Friedrich Hebbel:

Gemälde von München

in: Telegraph für Deutschland, Hamburg, Mai, Juni und Juli 1839,
cit. Gerhard Fricke, Werner Keller und Karl Pörnbacher (Hgg.): Friedrich Hebbel: Werke, Carl Hanser Verlag, München 1965. 2.Auflage 2007.
Dritter Band (von 5): Gedichte, Erzählungen, theoretische Schriften, Seite 777 bis 795:

I

– Sie wünschen von mir ein Gemälde des Münchner Lebens und Treibens. Es ist leicht, Ihrem Wunsche zu entsprechen, wenn ich mir erlauben darf, dasjenige, was vereinzelt und abgetrennt für sich dasteht, in partiellen, locker oder gar nicht miteinander verbundenen Bildern darzustellen. Es würde mir jedoch schwer fallen, an jeder der vielfachen, sich dem Beobachter entgegendrängenden Erscheinungen den organischen Punkt, aus dem sie hervorwächst, oder den Faden, der sie alle verknüpft, mit Bestimmtheit und Sicherheit nachzuweisen. Ich kann dem Gemälde eine Feinheit nicht geben, welche dem Gegenstande selbst mangelt; es fehlt München an einer Grundformel, auf die man die meisten großen Städte Deutschlands zurückzuführen vermag, und grade hierin liegt seine Eigentümlichkeit. Die wunderlichsten und verschiedenartigsten Elemente, solche, die sich gegenseitig auszuschließen, sich unmöglich zu machen scheinen, mischen sich oder durchkreuzen sich vielmehr in dieser Stadt. Der strenge Katholizismus, der nicht allein unser bombenschleuderndes Jahrhundert, der die Zeit selbst in ihrem innersten Prinzip verneint, und der vor dem ersten Gedanken, wie vor dem Selbstmord, zurückschaudert, blickt uns aus allen Ecken an; er blickt uns an, nicht als hohläugiges, sich aus dem Grabe hervorstehlendes Gespenst, sondern wohlbeleibt und zählebig, mit der eisernen Gesundheit eines Großvaters, der seine roten Enkel nicht bloß zu wiegen sondern auch noch zu bestatten Miene macht. Dennoch hat neben diesem Katholizismus sich ein ödes Protestantentum, der Tod in umgekehrter, häßlichster Gestalt zu entfalten gewußt, ein Protestantentum, das die Musik geächtet, das Phantasie und Empfindung zum Hungertode verdammt und die Religion zum saft- und kraftlosen Pumpernikel, den die nüchternste, aller Begeisterung unfähige rationelle Theologie für den Hausbedarf bäckt, herabgesetzt hat. Wie aber jener Katholizismus einen verlornen Sohn zählt, der trotz seiner Rechtgläubigkeit den heiligen Vater für ein überflüssiges Übel hält, so hat auch dies Protestantentum in seiner gläsernen Durchsichtigkeit den dunkelfarbigsten Pietismus aus seinem Schoß geboren; es gibt geistliche Zusammenkünfte für junge Damen, wo sie Erbauung und in der Regel auch einen Mann finden, Traktätchen werden verbreitet und verschlungen, Richtwege zum Himmel aufgespürt und mit Begierde und Stolz eingeschlagen. Ähnliche Gegensätze treffen wir, um einstweilen, wie es sich für die Einleitung schickt, die politischen Beziehungen unberührt liegenzulassen, in der Kunst, die zwischen antiker Gemessenheit und romantischer Ineinanderwirrung aller stofflichen und formellen Grenzen hin und her schwankt. Freilich läßt sich fragen: Wo treffen wir sie nicht, diese Gegensätze? Sie sind tief bedingt in unsrer Zeit, die krank und nachtwandelnd, Dinge tut, die sie nicht tun will, Höhen erklimmt, von denen sie beim Erwachen herabstürzen muß; die aus Vergangenheit und Zukunft ihre Fieberphantasieen spinnt und vielleicht eben in ihren wildesten Abirrungen die meiste Aufmerksamkeit verdient. Doch ist es entschieden, daß sie nirgends so grell hervortreten, wie in München, und dies ist der Grund, weshalb fast keinem Urteil, das jemals über diese, das Urteil herausfordernde und neckende Stadt ausgesprochen wurde, die relative Wahrheit bestritten werden kann.

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II

Es fehlt München unendlich viel, was andere Städte reizend und interessant macht; dennoch wird sich ein jeder, der dort längere Zeit lebte, seines Aufenthalts in München mit Vergnügen erinnern und gern einmal dahin zurückkehren. Dies kommt zum Teil von der örtlichen Lage, die, obgleich an sich kahl und matt, nach allen Seiten hin die anziehendsten Ausflüge gestattet. Wie schnell kann man in Wien, in dem göttlichen Salzburg sein! Die Tyroler Alpen winken verführerisch und drängend herüber; auf dem Wege zu ihnen trifft man die schönsten Landseen; Italien selbst ist nah. Es ist aber dem Menschen mehr um den Schlüssel zum Paradiese, als um das Paradies selbst zu tun, und, einer der weiß, du kannst die herrliche Reise morgen erleben, wenn du nicht bis übermorgen warten willst, hat in dieser bloßen Möglichkeit einen sehr reellen Genuß. Auch ist die Umgebung von München nicht ganz so schlecht, als man sie sich gewöhnlich denkt. Es gibt an der Isar hinauf manche liebliche Partie; Neuberghausen, die Menterschweig und vor allem das waldbekränzte Großhesselohe sind sehr angenehme Punkte. Die Isar ist übermütig-lebendig, und zieht sich, wie eine strotzende Ader, durch die langweilig-ernsthafte Ebene hin; wilde Bergmassen verbauen in der Ferne den Horizont: man sieht doch manches, wenn man es auch nicht hat. Vorzüglich fesselt an München, daß die Stadt noch nicht fertig ist, daß sie sich täglich verändert, gleich demjenigen, der in ihr wohnt. Den chamäleonartigen Menschen drückt die eherne Dieselbigkeit der Natur; wir würden uns in der Welt zehn Mal besser gefallen, wenn Gott von Zeit zu Zeit die jetzt schon sechstausendjährige Dekorationen, die ihren Schöpfer zu überdauern drohen, verändern mögte. München scheint mit sich selbst im Krieg zu liegen; man weiß nicht, wird die neue Stadt die alte verzehren, oder diese jene, und hiedurch nehmen Häuser und Straßen, die anderwärts bei der Ewigkeit verassekuriert zu sein scheinen, die Farbe des auf Kampf und Anstrengung verwiesenen jungen Lebens an. Die hellen, frischen Vorstädte umschließen mit weiten Armen, in die Hamburg und Altona zur Not noch mit hineingingen, die eigentliche Stadt, und der Fremde, der bisher die stolzesten Gebäude, Paläste und palastartigen Häuser erblickte, sieht sich seltsam überrascht, wenn er endlich in das alte München hineintritt und sich überzeugt, daß der Weg schöner war, als das Ziel. Doch, sobald er in diesen langen, hier übermäßig breiten, dort sich ungewöhnlich zuspitzenden Gassen wandelt, steigen andere Gedanken und Empfindungen in ihm auf; er sieht, daß er es nicht mehr mit einer freien Schöpfung des Geistes, sondern mit einer Zwangsgeburt des Zufalls und der blinden Nötigung zu tun hat; er fragt die Straße, warum sie sich grade an dieser Stelle krümmt, die Häuser, warum sie an jener so dicht zusammenrücken; er lächelt wohl gar über die moderne Kurzsichtigkeit, die einen Buckel dadurch zu verdecken sucht, daß sie ihn mit Flittern behängt. Durch alle alte Städte wandeln die Schatten verblichener Jahrhunderte, und in den Mittagsstunden, beim neuesten glänzendsten Sonnenschein erkennt man sie am deutlichsten.

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III

Ich komme auf die in neuerer Zeit teils schon entstandenen, teils erst entstehenden öffentlichen Gebäude. In München wird mehr gebaut, wie in irgendeiner andern deutschen Stadt, und die dabei beteiligte Bairische Kammer mag dies betrachten, wie sie will, ich, von meinem Gesichtspunkte aus, kann mich nur freuen, daß es geschieht. Das architektonische Genie hat in mir oft das tiefste Mitleid erregt; es kann das größte sein und muß, weil ihm die Mittel zur Verkörperung seiner Ideen nur von außen her kommen können, spurlos und ruhmlos aus der Welt gehen und kann sogar, weil es sich dem Unverstand und der Blödsichtigkeit verdingen muß, gezwungen werden, wider seinen eignen heiligen Geist zu freveln und, im VolIgefühl des Schönen und Echten, das Gemeine und Nichtige ins Leben zu rufen. In München hat es Gelegenheit sich zu entfalten. Ein kunstliebender König ist von der rühmlichen Leidenschaft erfüllt, sein Andenken in dem Lande, das er beherrschte, in der Stadt, die er bewohnte, durch würdige Denkmäler möglichst lange lebensfrisch zu erhalten. Er baut Klöster, Blinden-Institute, Kirchen, Paläste, Bibliotheken, genug alles und jedes, was einem Palladio leicht macht, zu zeigen, daß er da ist. Man kann freilich die Frage aufwerfen, ob nicht eben, weil so viel geschieht, das wahrhaft Große ausgeschlossen wird; man kann bemerken, daß die Begeisterung nicht zu addieren vermag, daß der Mensch nicht, um einen Berg zu bewundern, im Geist hundert zerstreut umherliegende Hügel zusammenzählt. Doch muß man nicht vergessen, daß die Zeiten, wo ein Kölner oder Straßburger Riesenbau angefangen werden konnte, vorbei sind. Durch die Jahrhunderte läuft jetzt nicht mehr, wie ehemals, ein eiserner Faden; wir sind heute für dies entzündet und morgen für das; wir treten mit Füßen, was unsere Väter heilig hielten, wir dürfen uns von unsern Söhnen und Enkeln keines Bessern versehen und tun wohl, wenn wir uns mit allem, was wir vornehmen, beeilen. Wir bauen in liebenswürdiger Naivetät deshalb geistig und materiell gern so, daß die Nachwelt ohne große Gewissensbisse wieder niederreißen darf, was wir aufrichteten; wir ersparen ihr sogar zuweilen diese Mühe, indem wir die Sachen so einrichten, daß sie höflich und zuvorkommend zur rechten Stunde in sich selbst zusammenbrechen. Ich will dies keineswegs speziell auf München bezogen haben, und es trifft München nur soweit, als es die ganze Welt trifft, aber es ist unleugbar.

Die Glyptothek, Klenzes erste und nach meinem Gefühl, trotz der oft und mit Recht gerügten Mängel, beste Arbeit, ist längst fertig; so viele Urteile sie aber auch bereits über sich hervorgerufen hat, so ist doch noch immer ein neues selbständiges möglich. Der Tadel, der sie treffen mag, fließt aus der Rücksicht auf den Zweck des Gebäudes und trifft daher eigentlich den Punkt, wo die Architektur als Kunst, die zugleich herrschen und dienen soll, sterblich ist. Es mag immerhin sein, daß die in ihr aufgestellten Antiken in minder reicher Umgebung bedeutsamer hervortreten, daß sie den Beschauer, der sich jetzt auch in den sie umschließenden prächtigen Räumen mit Lust und Freude ergeht, alsdann gewaltiger anziehen und ausschließlicher an sich fesseln würden. Doch trifft der letzte Eindruck der Glyptothek durchaus mit dem letzten Eindruck dieser großen Kunstwelt zusammen; neben dem tiefsten Ernst wird spielende Heiterkeit und frischer Lebensmut im Menschenherzen erregt, die unerschöpfliche Fülle der Welt, die sich hinter einer anscheinend versplitterten Mannigfaltigkeit verbirgt, drängt sich uns entgegen; der letzte Eindruck ist es aber allein, der in Rechnung kommen kann. Die Pinakothek ist großenteils, jedoch im Innern noch nicht völlig ausgebaut. Sie liegt außerhalb der Stadt, wie die Glyptothek, und dieser schwesterlich nah. Wenn die Glyptothek eine edel-nachlässige Hoheit charakterisiert; wenn sie einer Königin gleicht, welche die Krone eben auf den Nachttisch legte, aber nur, weil sie weiß, daß sie der Krone nicht bedarf, um zu der ihr gebührenden Ehrerbietung zu gelangen, so prangt die stolze Pinakothek in wohl bewußter, sich in sich selbst zusammennehmender Würde; der bairische Löwe bewacht den Eingang zu ihr und ein Riese (ein wirklicher, der sich als solcher früher auf Jahrmärkten hat sehen lassen) ist Portier. Die innere Einrichtung ist vortrefflich. Die Pinakothek ist nicht ausschließlich Gemäldesammlung im engern Sinne; sie ist zugleich zur Aufbewahrung von Original-Handzeichnungen, Kupferstichen, hetrurischen Vasen Und Porzellän-Malereien bestimmt. Die letztgedachten, teilweise ebenfalls reichen Sammlungen sind jedoch bis jetzt noch nicht darin aufgestellt. Das Vestibule wird von vier jonischen Marmorsäulen getragen; beim Eintritt bemerkt man zur Linken zwei breite Marmortreppen, die, in der zweiten Hälfte sich in eine verlierend, zu dem herrlich verzierten Vorsaal, dem Saal der Stifter, führen, welcher die lebensgroßen Bildnisse der um die Kunst verdienten bairischen Regenten enthält. Der vorteilhaften Wirkung wegen ist die Kuppelbeleuchtung gewählt, und das Licht ist mit Ausnahme des achten Saals, wo es störend durch die breiten Seitenfenster fällt, durchgehends gut. In neun Sälen und dreiundzwanzig Kabinetten sind nur die besten der früher in der Münchner und der Schleißheimer Galerie aufbewahrten Gemälde, sinnreich und instruktiv nach Schulen geordnet, aufgestellt. Der Glyptothek vis-à-vis erhebt sich die für den Gottesdienst der in München anwesenden jungen Griechen bestimmte Basilika. Sie ist ihrer Vollendung im Innern, wie im Äußern noch ziemlich fern und gewährt, gedrückt und am Boden klebend, wie eine Schnecke, keinen freundlichen Anblick. Die Form ist nicht national, und noch weniger schön; ob und inwieweit sie christlich ist, will ich nicht untersuchen. Imposant ist die Ludwigsstraße, in der sich Prachtgebäude an Prachtgebäude reiht, fast zu imposant für München, weil sie Erwartungen erregt, denen nicht entsprochen wird und nicht entsprochen werden kann. Der Magistrat der Stadt hatte eine gute Idee, die er leider, weil die Realisierung zu viel gekostet hätte, unausgeführt ließ. Die Ludwigsstraße verläuft sich nämlich nach oben in zwei unverhältnismäßig schmale Gassen, die sie, wie ein Paar Fühlhörner auszustrecken scheint. Diese beiden Gassen verbindet etwa 80 bis 100 Schritte höher hinauf die schnurgrade Perusagasse, so daß sich der Ludwigsstraße ein plumper Häuserzirkel entgegenstemmt, der ihr im eigentlichsten Verstande die Krone raubt, indem er die neue Residenz und die einfach-würdige Theatinerkirche, die sonst prächtig und stolz hervortreten würden, versteckt, ja verdrängt. Nun war es im Werk, die erwähnten Häuser abzubrechen; doch, wie ich schon bemerkte, die Sache zerschlug sich am Kostenpunkt. In der Ludwigsstraße zieht vor allem die Ludwigskirche die Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist nicht erhaben, sie atmet keine Majestät, aber sie ist anmutig und lieblich; man glaubt, wenn die Morgensonne ihr heitres buntes Dach, aus dem zwei Türme hervorsprossen, hell bescheint, die Blüte des Steins zu erblicken. In ihrem Innern führt Cornelius, den ich später zu besprechen gedenke, seine großgedachten Kompositionen aus. Der Ludwigskirche gegenüber erhebt sich, fast kastellartig, das neue Universitätsgebäude, welches, nicht an und für sich, aber seiner Lage wegen, zu den mannigfaltigsten Betrachtungen Anlaß gibt. Das jetzige Universitätsgebäude liegt im Mittelpunkt der Stadt und macht es Professoren, wie Studenten, möglich, fast in jedem Quartier derselben zu wohnen; bei dem neuen ist das Gegenteil der Fall. Auch drängt sich die Frage auf, wozu denn das jetzt überflüssig werdende alte Gebäude, das ehemalige Jesuiter-Kollegium, verwandt werden wird. An die Universität schließt sich still und prunklos das Blinden-Institut und eine andere fromme Anstalt. Diesen gegenüber liegt die neue Bibliothek, ein sehr schönes Gebäude, nicht grämlich-gravitätisch, wie ein in sich selbst vermodernder Foliant, sondern keck und kräftig ins Leben hineinragend, ein Bild der Wissenschaft, wie sie sein sollte. An der Residenz wird noch immer fortgebaut. Der sich längs dem Hofgarten hinziehende Flügel, oben von Statuen von Schwanthaler, welche die acht Kreise des Königsreichs Baiern vorstellen, geschmückt, ist von einer bewundernswürdigen Zierlichkeit. Er enthält den Thronsaal, in welchem die Bildnisse großer deutscher Kaiser prangen werden. In Verbindung mit der Residenz steht die Allerheiligenkapelle, welche in ihrer dämmernden Helle das Herz zauberhaft ergreift. In byzantinischem Stil (auf Goldgrund) sind hier die Hauptmomente der jüdischen und der ersten christlichen Kirche von Heß mit seinem steifen, aber markigen Pinsel dargestellt; die Fehler des Malers kommen merkwürdigerweise diesen seinen Arbeiten zugute; der byzantinische Stil verlangt eine gewisse Eckigkeit, ein, wenn nicht totgeborenes, so doch einschlafendes Leben. Das mit enkaustischen Malereien verzierte, am Residenzplatz, der Residenz vis-à-vis belegene neue Postgebäude scheint mir den Effekt zu sehr in Kontrasten zu suchen; daß das in griechischem Stil gebaute Theater mit seinen Marmorsäulen ähnliche Verzierungen erhalten soll, will mir nicht gefallen, es ist nicht unmöglich, daß der Residenzplatz durch die Veränderung gewinnt, indem das weiße Theater allerdings gegen den grünlichen Palast und das rote Rathaus bisher zu stark abstach, aber es ist gewiß, daß das Theater dadurch verliert. Der in der Vorstadt auferstehende gotische Dom ist zu groß für die Vorstadt und zu klein an und für sich. Die gotische Bauart fordert das massenhaft Überwältigende, und dieses fehlt.

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IV

Der deutsche Bürger und Mann – beides ist identisch, denn der Deutsche muß Bürger sein, bevor er sich als Mann zu fühlen wagt – ist sich allenthalben so ziemlich gleich. Er trägt im Süden, wie im Norden, Schlafrock und Nachtmütze, und nur die Façon ist verschieden; er ist so lange ein Hase, bis ihm von Obrigkeits wegen der Befehl erteilt wird, in der Gestalt eines Löwen zu erscheinen, er ist Kosmopolit, aber nur sonntagsnachmittags von 5 bis 10 Uhr; er ist ein Pulverturm, der mitten im Wasser steht und der nur dann zu fürchten ist, wenn Gewitter aufziehen. Dennoch muß man ihn respektieren, denn er respektiert sich selbst; er geht mit sich um, wie mit einem geladenen Gewehr, und zittert vor dem Kannibalen, den böse Verhältnisse aus ihm machen könnten. Und das ist eben der Fluch, der eigentümlichste, des Philistertums: erzeugt es einmal einen frischen, lebenskräftigen Sohn, so muß dieser es sich als höchste Aufgabe setzen, seinen Vater zu ermorden.

Weshalb sollte ich mich daran machen, den Münchner speziell zu schildern, d.h. grau in grau zu malen. Er ist ein Deutscher und die Nähe des Italieners dient nur dazu, zu zeigen, daß er von fremden Sitten und Gebräuchen nichts annimmt, mögen diese ihm auch noch so dicht auf den Leib rücken. Doch hat der Münchner, der Tradition nach, einst einen höhern Aufflug gewagt, freilich nur, um vor dem Fliegen auf ewig Abscheu zu bekommen. Es war damals, als man in Griechenland ein neues Königreich etablierte. Da ergriff der Drang, sich zu hellenisieren, die ganze Stadt; Miltiades und Themistokles wurden populär in den Kaffeehäusern; man kam von Mittelsendling auf Marathon zu sprechen und reiste über Großhesselohe nach Thermopylä; es war eine schöne Zeit. Jetzt weiß man nur zu gut, daß in Griechenland nichts golden ist, als der Sonnenschein; man kennt jeden Riß in der Mauer von Athen, und, den König ausgenommen, verläßt alles, was Baier heißt, ein Land, das an seiner Auferstehung zugrunde geht.

Der Münchner Bürger arbeitet weniger und genießt mehr, wie irgendein anderer. Überhaupt ist es der Gedanke an den Genuß, der ganz München elektrisiert. Und der höchste Genuß, ein gutes Glas Bier, wie leicht und wie billig ist er zu haben! Wer drei Kreuzer in der Tasche trägt, kann eintreten, in welches Kaffeehaus oder in welchen Garten er will; er wird aufs prompteste bedient und bekommt, als immer schmeckende Zugabe, ein freundliches Gesicht obendrein. Mag über alles dies hochmütig witzeln, wem es behagt; es liegt etwas Wohltuendes darin, daß Menschen der verschiedensten Klassen, die anderwärts schneidend-scharf voneinander abgesperrt sind, hier ein und dasselbe Bedürfnis haben und es in einem und demselben Lokal befriedigen. Es ist für den Geringen eine Art Satisfaktion, wenn er zuweilen mit dem in der Gesellschaft höher Gestellten in irgendeine, wenn auch noch so gleichgültige Berührung tritt, und diese Satisfaktion ist ihm zu gönnen, da er, weit entfernt, zudringlich und prätentiös zu sein, sich grade in der Nähe des über ihm Stehenden am meisten zu bescheiden weiß.

Eine andre Frage ist es, ob das übermäßige Biertrinken an sich selbst nicht ein Übel ist, und ob die bairische Nation, wenn sie nicht seit drei Jahrhunderten Bier getrunken hätte, sich nicht glänzender und selbständiger entwickelt haben würde. Man muß die riesenhaft ungeheuren Fässer in den Bierhäusern und Sommerkellern gesehen haben, um sich einen Begriff davon zu machen, wieviel Bier allein in München ausgetrunken wird; die bis zum Niederbrechen beladenen Wagen der Brauer durchziehen unablässig die Straßen, um den Schenkwirten die nötigen Quanta zu bringen, und die Dienstmägde erblickt man fast nicht, außer mit dem Bierkrug am Arm. Der Bierkrug aber ist der Feind des Genies; er rundet die Bäuche, treibt die Gesichter bis zum Zerspringen auseinander, und rötet die Nase; dagegen erstickt er den Geist und löscht sogar das Auge aus. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß die ganz unleugbare Armut Baierns an Männern, die Kunst und Wissenschaft bedeutend förderten, und manche frostige Erscheinung mit dem Biertrinken in innigem Verhältnis steht.

So viel ist gewiß, bis jetzt gehört das Bier zum Münchner Bürger, wie seine Seele. Daran knüpft sich denn vieles andre, was dem Fremden auffällt: der schlendernde Gang, der sich bei jedem Schritt nach dem Ziele umsieht, die Scheu vor weiten Spaziergängen, das Großväterlich-Behagliche des ganzen Körpers, der nur fürs Sitzen, fürs Ausruhen vom Nichtstun, geschaffen zu sein scheint. Das Gespräch dieser Leute, sowie es nur vom Bier erweckt wird, betrifft auch einzig und allein das Bier; maulfaul und verdrießlich-ernsthaft sitzen sie sich gegenüber und unterhalten sich, wie Liebende, mit Blicken; endlich schlägt der eine den zinnernen Deckel des Krugs zurück, nippt, schüttelt mit einer vielsagenden Miene den Kopf, nippt noch einmal und seufzt: Alles wird schlechter; der Gevatter legt die Pfeife aus der Hand, räuspert sich, trinkt ebenfalls und sagt: Ja, Ja! Dann schauen sie sich um, ob nicht irgendwo die Kellnerin sich blicken läßt; hat diese das Unglück, an ihnen vorüberzukommen, so wird sie aufgehalten, man disputiert mit ihr darüber, ob das Faß auch wirklich frisch angezapft worden sei, was die Kellnerin natürlich mit Festigkeit behauptet; man leert inzwischen das Glas und bestellt ein zweites, denn so groß wird die Indignation nicht, daß man, wenn man einmal sitzt, wieder aufsteht und ein anderes Wirtshaus besucht.

Weit anziehender ist es, die Münchnerinnen zu schildern. Das Weib ist ein zarter, bildsamer Stoff in der Hand der Natur, es ist, mehr als der Mann, den klimatischen Einflüssen unterworfen, es setzt der formenden Gewalt keinen unfruchtbaren Widerstand entgegen, und befindet sich am wohlsten, je öfter es sich häutet. Im Weibe liegt eine unendliche Perfektibilität, die, bisher gehemmt und zurückgehalten, durch soziale Verhältnisse, vielleicht bei kräftiger, freier und unabhängiger Entwickelung der Menschheit ganz neue Richtungen geben wird. Die Münchnerin ist das grade Gegenstück ihres Mannes; man begreift nicht, wie sie ihn heiraten konnte, und sie würde es auch gewiß nicht getan haben, wenn ihr eine andre Wahl geblieben wäre. In ihr pulsiert schon der Süden, nur wenig noch mit Eis und Schnee versetzt; italienische und deutsche Elemente kämpfen in ihrem Herzen um die alleinige Herrschaft; da ist zugleich hastig aufblitzende Glut und rührende Treue; der rote Kometenstrahl ungebändigter Leidenschaft schießt auf, aber die deutsche Träne stürzt schamhaft nach und erstickt ihn. Seht das Münchner Mädchen, wenn es im goldnen oder silbernen Riegelhäubchen, anmutig-stolz, sich selbst gefallend und über dies Gefühl leise errötend, auf den Markt oder zum Tanze geht; seht es besonders, wenn es, das duftige, in Korduan gebundene Gebetbuch in der Hand, in die dunkle Frauenkirche eintritt, wenn es vor irgendeinem aus seiner Nische marmorkalt und marmorstumm herabschauenden Heiligen niederknieet und ihm unter brünstigen Gebeten ein Geheimnis anvertrauet, das ihr die Wangen glühen macht; seht es und fragt euch, ob ihr eine lieblichere Erscheinung kennt. Das Münchner Mädchen ist sinnlich, ja; aber denkt dabei nur nicht an die häßliche, tagscheue, norddeutsche Sinnlichkeit, die etwas anders sein will, als sie ist, und die nichts mehr verabscheut, als sich selbst. Jene Sinnlichkeit ist besserer Art, sie wurzelt in dem süßen Mysterium der Liebe, sie weiß, daß sie da sein darf, und wagt, da zu sein; dazu kommt der dunkle, mit Sternen geschmückte Hintergrund des Katholizismus, es ist reizend an einem Mädchen, wenn sie katholisch ist und dennoch der gottesverlorene Ketzer von ihren Lippen speist.

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V

Nach diesen allgemeinen Umrissen gehe ich zur Betrachtung des einzelnen über. Als erster Gegenstand bietet sich mir das Theater dar. Es ist bei dem jetzigen Zustande der deutschen Schauspielkunst überhaupt keine Schande für dasselbe, daß wenig daran zu rühmen ist. Man hat den Verfall des deutschen Theaters mit einer Ängstlichkeit beklagt, als ob von unserm letzten Gut (und nur der Bettler hat ein letztes Gut) die Rede wäre; man hat den Gründen dieses Verfalls mit dem gewissenhaftesten Eifer nachgespürt und sie in den verschiedenartigsten Dingen zu finden geglaubt. „Wir sind nicht frei, wie könnten wir ein Schauspiel haben!“ sagt der eine und zeigt einige Neigung, im Interesse der dramatischen Kunst eine Revolution zu beginnen. „Wir sind ja nicht einmal eine Nation – unterbricht ihn ein anderer – wir existieren überall nicht; wir bieten dem Dichter kein Ziel dar, wohin soll er seine Pfeile richten?“ „Tut alles nichts – behauptet der dritte – aber wir haben keine Hauptstadt und darin liegts!“ Alle drei führen etwas Richtiges an, nur beweisen sie nicht das Rechte. Soll das Theater für ein Volk Bedeutung haben, so muß es dies Volk selbst, die Darstellung seiner innersten Lebenselemente und seines durch diese für alle Zeiten bedingten und voraus bestimmten Geschicks sich zur Aufgabe machen. Dazu gehört, daß dies Volk sich als Volk kenne und fühle, daß es in einer seine gesamten Zustände und Richtungen umfassenden und konzentrierenden Hauptstadt Gestalt und Physiognomie annehme, und daß es zu allem, was die Welt bewegt, in einem würdigen und durchaus freien Verhältnis stehe. Stellt ein Theater sich diese Aufgabe nicht, oder kann und darf es sich dieselbe nicht stellen, so verliert es seine Bedeutung für die Nation und sinkt zum Zeitvertreib einzelner herab; für den Zeitvertreib gibt es aber nur polizeiliche, keine ästhetische Vorschriften. Die Anwendung des bisher Gesagten auf Deutschland ergibt sich von selbst; es kommt jedoch noch etwas anderes in Betracht. Der Deutsche wurzelt in seinem Gemüt; was er spricht und tut, kommt aus dieser Quelle; das Gemütsleben eignet sich nicht für die dramatisch-theatralische Darstellung. Das deutsche Drama hätte also selbst in dem Fall, daß alle übrigen Bedingungen günstig wären, einen Stoff der es vernichtet, sowie es ihn berührt; wie könnte es gedeihen? Daher kommt es wohl hauptsächlich, daß das Theater den Deutschen zu keiner Zeit echtes Bedürfnis wurde; ihnen mußte jämmerlich zumute werden, sobald sie sich einmal im Bilde erblickten, zumal, da ihre Vergangenheit zu ihrer Gegenwart paßt, wie das scharfgeschliffene Richtbeil zu dem schuIdgebeugten Nacken des Sünders.

Das Münchner Theater exzelliert noch immer mit einer Berühmtheit, die sich nun schon ein halbes Jahrhundert konservierte, mit Eßlair. Eßlair ist zwar längst pensioniert und laboriert an der Wassersucht; doch feiert sein Genius in dem siechen Körper von Zeit zu Zeit eine halbe Auferstehung, und das, was er noch jetzt leistet, läßt auch denjenigen, der ihn in den Jahren seiner Kraft und seiner Mannheit nicht gesehen hat, auf die Größe und Eigentümlichkeit seiner frühern Leistungen schließen. Ich sah ihn im Lear, im Nathan und im Wallenstein, der Ifflandischen Stücke, an die man nur ungern Geist und künstlerisches Vermögen verschwendet sieht, gar nicht zu gedenken. Sein Lear ist Stück- und Flickwerk und schwerlich jemals etwas Besseres gewesen; Einzelheiten, zuweilen aus den Tiefen herausgeholt, aber ohne den zusammenhaltenden organischen Faden, der freilich in dieser Tragödie des Bewußtsein-durchblitzten Wahnsinns schwer zu erfassen, noch schwerer zu verfolgen ist. Sein Nathan ist, wie das Lessingsche Stück: groß, aber kalt; er ist, was er sein soll, aber man kann es ihm nicht danken. Meisterhaft ist sein Wallenstein; diesen nachtwandelnden Helden, der immer fällt, wenn er beim Namen gerufen wird, und der nicht siegen durfte, wenn er nicht unsre Achtung verlieren sollte, gibt er ganz den meistens nur leise angedeuteten Intentionen des Dichters gemäß, in ergreifender Wahrheit. Doch – Eßlair lebt nicht mehr, er steht nur noch zuweilen von den Toten auf. Als erste Liebhaberin fungiert fortwährend Madame Dahn. Es ist eine Künstlerin, der man das Prädikat brav nicht verweigern kann; sie läßt es an Ernst und Studium nicht fehlen und hat sogar geniale Anflüge, mit denen sie zu wuchern weiß. Am befriedigendsten ist sie in intriganten und vornehmen Rollen; in allem übrigen kommt sie dem Vortrefflichen so nah, daß man sich – von ganzem Herzen nach dem Vortrefflichen zu sehnen anfängt. Herr Dahn verschwendet an seine Darstellungen zu viel Gemüt; die Träne hat nur dann den Wert der Perle, wenn sie sich rar macht, wie die Perle. Sein Max Piccolomini ist ein einziger, endloser Seufzer; keine Faser vom Helden und Mann. Sein Edgar im Lear ist eine Fontäne, der es nie an Wasser gebricht. Herr Dahn ist noch nicht zu alt, um diesen seinen Fehler ablegen zu können; er sollte seinen Fehler, der aus einer weichen innigen Individualität hervorgeht, durch Takt und Maß zur Tugend erheben, dann würde er in manchen Rollen, und vornehmlich in denen, die er jetzt mitunter unausstehlich macht, Ausgezeichnetes leisten. Ein sehr beachtungswerter Künstler ist Herr Jost; allenthalben an seinem Platze, nirgends störend, nie sich hervordrängend, und doch nicht selten die Lebensader einer Darstellung, in einigem, z.B. in Ludwig XI. vortrefflich. Die Oper hat ihre Hauptstützen an Herrn Pellegrini und Dem. von Hasselt. Herr Pellegrini ist vielleicht der einzige Italiener, der in Deutschland fett wurde. Er stellte sich im letzten Winter, als ob er sterben wollte, und ganz München geriet in Angst; aber der Schalk kehrte drei Schritt vom Kirchhof wieder um und tat der guten Stadt den Gefallen, fortzuleben. Seine Stimme konservierte sich, wie er selbst, was man von dem ersten Tenor, Herrn Bayer, nicht sagen kann. Dem. von Hasselt tut das Ihrige; ich vermogte ihr nie Geschmack abzugewinnen. Mad. Mink steht ihr zur Seite; es ist schwer zu sagen, ob zur rechten oder zur linken. Dies wäre das Personal, die Intendantur ist die alte. Es gereicht ihr in meinen Augen zur Ehre, daß sie von dem Neuen nur das, was allgemeineren Anklang findet, nicht aber jeden Versuch, der hie oder da schwindsüchtig über die Bretter schleicht, zur Aufführung bringt, daß sie dagegen manches Alte, was schon für immer aus der Erinnerung des Publikums zu verschwinden droht, zurückruft. Man sollte es allenthalben so machen, dann stände es, wo nicht gut, so doch besser. Das Theater am Isartor, das sich unter dem Direktor Carl der größten Teilnahme erfreute und für München ein wirkliches Bedürfnis war, ist längst eingegangen. An seiner Statt hat sich in der Vorstadt Au, unter der Direktion eines Herrn Schweizer, ein anderes etabliert, das nur in den Sommermonaten spielt und durch Lokalpossen zu belustigen sucht. Eine kleine, zusammengedrückte Bude, von der das Sonnenlicht ausgeschlossen ist, damit es die Talgkerzen nicht beschäme. Hier zieht man die Röcke aus, Nudeln und Äpfel werden verspeist, Nüsse geknackt, das Rauchen wird aus Rücksicht – nicht auf die Damen, sondern – auf die Polizei und die Brandversicherungsanstalt, verbeten; zuweilen fällt wohl auch zur Abwechselung ein Zank, wo nicht gar eine gelinde Schlägerei vor. Ade, Musentempel!

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VI

Ein äußerst wichtiges Institut für München ist die Akademie der bildenden Künste. Über diese ist jedoch von allen Seiten längst so außerordentlich viel geschrieben worden, daß es unverantwortlich wäre, wenn auch ich mich ausführlich darüber verbreiten wollte. Ich will mir nur ein paar Bemerkungen über das Institut und dessen Idee erlauben, und daran eine Darstellung des praktischen Zustandes, soweit ich Gelegenheit hatte, ihn kennenzulernen, knüpfen.

Die Frage, ob Kunstakademieen der Kunst mehr schaden oder nützen, ist oft aufgeworfen, und nie beantwortet worden. Nicht leugnen läßt sich, daß eine Masse von Erfahrungen, die in der Werkstatt des einsamen Künstlers verlorengehen, auf der Akademie Allgemeingut werden, daß dem aufkeimenden Talent die so schwierige Aneignung des Technischen dort bedeutend erleichtert wird, und daß solche Institute eine Einwirkung der öffentlichen Stimme sowohl, wie einzelner hochgestellter Personen auf die Kunst, welche in den künstlerischen Individuen, wenn diese für sich dastehen, oft eigensinnig die wunderlichsten Wege einschlägt, vermitteln. Es läßt sich aber auch nicht in Abrede stellen, daß jede Kunstakademie, sowie sie längere Zeit besteht, etwas Zunft- und Handwerkmäßiges annimmt, daß der Künstler, der echte Sohn Gottes, der nur aus seines Vaters Hand Speise und Trank annehmen soll, sich in ihrer trüben Atmosphäre als einen Arbeiter im gemeinen Sinne des Worts betrachten lernt, kurz, daß die Kunst an den Opfern, die man ihr in ihrem eignen Tempel bringt, erstickt. Dann ruft die Akademie eine Unzahl von Halb-Talenten, die, während sie vom Eigentlichen nicht die entfernteste Ahnung haben, sich doch technische Geschicklichkeit erwerben, ins Leben; sie nimmt jeden Schüler auf, der die nötigen Geldmittel hat, während der Meister die seinigen zuvor sorgfältig prüft und denjenigen, der nicht die Hoffnung späterer tüchtiger Leistungen in ihm erweckt, zurückweist. Diese Halb-Talente sind teilweise zur elendesten Existenz, zum ewigen Wollen und Nicht-Können, verdammt, der Gefahr des Verhungerns, der sie ausgesetzt sind, nicht einmal zu gedenken; andernteils sind sie es, die, weil sie den Launen und falschen Richtungen des Publikums schmeicheln, weil sie aus begreiflichen Ursachen das Verwerfliche und Unstatthafte, wenn es gesucht wird, besser und leichter, wie das echte Talent, das nur traurend den Gott um die Silberlinge verleugnet, zu liefern verstehen, den wahren Künstler um seine Wirkung, sowie um die durch den Ertrag seiner Bestrebungen bedingte anständige Stellung, bringen. Auch frägt es sich, ob es wirklich ein Vorteil ist, wenn man dem jungen Genie, das noch schlaftrunken in der Welt, wo es künftig herrschen soll, umhertappt, alles, was es braucht, in die Hand steckt, ob es nicht besser wäre, es selbst suchen zu lassen. Der Weg, auf dem wir ein Ziel erreichen, ist oft bedeutender, als das Ziel.

So viel ist ausgemacht, darf eine Kunst-Akademie überhaupt existieren, so darf sie vor allem in München existieren. Dieser Reichtum an großen Vorbildern in allen Gattungen der Kunst, wie ihn die Pinakothek darbietet, wird in jeder deutschen Stadt, wenn wir Dresden ausnehmen, vergebens gesucht. Dazu kommt die schon im Eingang dieses Abrisses berührte Lage der Stadt. Streifereien im Hochgebirge und in Tyrol, Ausflüge nach Salzburg und Wien, größere Reisen nach Rom und Neapel: welcher Ort böte etwas Gleiches dar? Und doch: wie notwendig und unentbehrlich ist die Gelegenheit zu steten Veränderungen des Aufenthalts eben dem Künstler! Er zehrt von der Welt, die ihn umgibt, das Herrlichste, was er hervorbringt, ist das Produkt seiner Atmosphäre, welche die schaffende Kraft in seinem Innern erregt und befruchtet, das gierige Auge weidet aber das Paradies selbst in kurzer Zeit ab, wenn kein Wechsel eintritt.

Cornelius steht als Direktor an der Spitze der Akademie. Seine Wirkung auf die jungen Maler ist groß und zu groß. Es kann wohl niemanden einfallen, an der hohen Genialität, an der in der Kunstgeschichte Epoche machenden Bedeutung dieses außerordentlichen Mannes zu zweifeln; wer auch nur die Umrisse zum Faust gesehen hat, wird fühlen, daß er keine gewöhnliche Erscheinung vor sich sieht, womit das Jahrhundert wenigstens zehnmal in die Wochen kommt, er wird erkennen, daß er vor einem Wunderschacht steht, aus dem ihm der verborgene Reichtum einer himmlischen Natur klar und rein entgegenglänzt. Cornelius ist indes, und hiemit spreche ich seine Vorzüge, wie seine Mängel aus, ein zu individueller Künstler, um in der Art und dem Maße, wie etwa Raffael und Tizian, zum Vorbild dienen zu können. Cornelius hat sich selbst, sein angebornes Schöpfungsvermögen und seine Eigentümlichkeit an den ihm gestellten Aufgaben entwickelt und auf diese Weise in unserer bankerotten Zeit die ganze Fülle und Majestät der Kunst in sich zur Anschauung gebracht, doch kann man wohl nicht behaupten, daß er die Kunst weiter gefördert, daß sie durch ihn Progressionen gemacht habe. Dies ist auffallend, aber es erklärt sich durch das ganz eigene Verhältnis, worin bei ihm Stoff und Form zueinander stehen. Bei fast durchgängig romantischem Inhalt seiner Darstellungen (die wenigen mythologischen Gemälde in der Glyptothek zählen nicht), geht er auf die allerstrengste, auf eine ihm oft unterm Pinsel gefrierende Plastik aus, die dem Inhalt nicht kongruent ist, und verwirrt dadurch jene holde Klarheit, zu der der Nerv seines Talents ihn dennoch unaufhaltsam drängt. Hieraus entspringt ein unausgleichbarer Widerstreit, das Romantische und das Antike kämpfen zusammen, und der Sieg bleibt unentschieden, weil der Künstler mit gewaltsamer Hand die beiden feindlichen Elemente auf dem letzten Punkte in- und durcheinander flicht, zuweilen, obgleich sehr selten, wie der Henker Körper und Rad. Wahrscheinlich hat Cornelius, wenn er nicht unbewußt auf diesen Weg geriet, es sich beim Ausgang seines Bildungsprozesses als Ziel gesetzt, die Versöhnung des Unversöhnbaren zu versuchen und zwischen zwei getrennten Welten eine Brücke zu erbauen; die Brücke brach ein, und leider glaubte er, an den Trümmern sei etwas zu retten.

Peter von Cornelius, Das jüngste Gericht, Fresko 1836--1839, Ludwigskirche MünchenCornelius führt jetzt in der Ludwigskirche sein Jüngstes Gericht etc. aus. Bewundern muß man seinen Genius, der mit den Evangelien und der Genesis an den Füßen sich in den freiesten Äther hinaufzuschwingen, der sogar mit St. Peters Schlüssel das Allerheiligste der Kunst aufzuschließen vermag. Gott, als Weltenschöpfer, in dem Augenblick dargestellt, wo das geheimnisvolle Wort: „Es werde!“ trunken über seine Lippen fliegt, um die dunkeln Quellen der Natur aufzureißen, ist vielleicht das Größte, das Herrlichste, was in dieser Sphäre jemals geschaffen ward. Er schwebt erhaben bewegt über der Weltkugel und hat die Hand erhoben, als ob er dem Chaos die Millionen Gestalten vorbildete, in denen es die brausenden, glühenden Keime entlassen soll, sein Mantel wallt, und aus allen Räumen quellen jauchzende Massen von Engeln hervor, in denen man die ersten, noch von dem neuen Leben berauschten, und kaum selbständig erwachten Wesen, die in Jubel und Dank zerrinnen, zu erkennen glaubt.

Wie sind sie denn, die jungen Künstler, die aus einem solchen Born des Lebens Erquickung und Stärke trinken könnten, und die ihn entweder dummklug und knabentrotzig ignorieren, oder sich mit Haut und Haar hineinstürzen? Man teilt sie am bequemsten nach ihren Röcken ein, denn die fallen besser in die Augen, wie ihre Talente. Da finden sich nun diverse Raffaele, ausgezeichnet durch das bekannte schwarze Barett, unzählbare Dürer, kennbar am langen Judenbart und am Knotenstock, und viele alte Meister mehr, die als Gespenster durch die Straßen wandeln, und sich untereinander sehr verachten. Die schöne Zeit, wo man Hand in Hand ging, phantastisch-muntere Feste einrichtete und eine streng abgeschlossene stolze Genossenschaft bildete, ist längst vorüber. Man geht jetzt am liebsten allein, man mischt sich in die Kreise der Philister, um einen Käufer für ein mittelmäßiges Bild, oder doch einen Mann, der borgt, aufzuspüren, man stürmt die Treppe, die unter den Arkaden zum Lokal des Künstlervereins führt, hinauf, um zu untersuchen, ob nicht der intimste Freund sich durch eine matte, mißratene Komposition lächerlich gemacht hat. Für München ist der Aufenthalt all der Maler in der Stadt nicht segensreicher, als die Niederlassung der Heuschreckenwolke in Ägypten; sie lassen allerdings viel aufgehen, sie lassen nicht allein so viel aufgehen, als sie haben, sondern weit mehr, aber das ist eben das Unglück. Das Völkchen ist keinesweges schlimm geartet, die Herren bezahlen ihre Schulden herzlich gern, wenn sie nur können, sie machen sich, wenn die Last gar zu schwer wird, aber auch kein Gewissen daraus, sie durch die Flucht zu erleichtern, und die letztere gelingt trotz des stehenden Heeres von Gensdarmen, die jeden Sperling, der ein Weizenkorn pickt, zu spießen drohen, immer außerordentlich leicht.

Diese letztere Schilderung rührt ihren Elementen nach von einem Künstler her, der seit Jahren in München lebte und sich auch eines besseren Zustandes erinnerte, sie ist also gewiß zuverlässig. Daß sie nur auf die Massen paßt, nur auf die zahlreichen Stiefsöhne der Kunst, denen die Mutter nichts schenkt, als ein testimonium paupertatis, bedarf hoffentlich nicht erst der Bemerkung.

7 von 7

Bilder: Fräulein S. aus M., die außer Docs (im Bild) auch ein Dirndl mit Riegelhaube besitzt, am Freisitz vom Starbucks am Odeonsplatz, 22. Februar 2011; siehe die Serie im Direktvergleich:

„Darf ich deinen Namen verwenden?“

„Lass mal stecken. Es reicht, dass ich für dich nochmal schnell zu rauchen angefangen hab. Das muss man nicht auch noch googeln können.“

Peter von Cornelius: Das jüngste Gericht, Fresko 1836–1839, Ludwigskirche Maxvorstadt München.

Written by Wolf

18. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Realismus

Wenn andere bluten

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Update zu Mephisto ist ein mieser Verräter:

Faust.
Auch was geschriebnes forderst du Pedant?
Hast du noch keinen Mann, nicht Mannes-Wort gekannt?
Ist’s nicht genug, daß mein gesprochnes Wort
Auf ewig soll mit meinen Tagen schalten?
Ras’t nicht die Welt in allen Strömen fort,
Und mich soll ein Versprechen halten?
Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt,
Wer mag sich gern davon befreyen?
Beglückt, wer Treue rein im Busen trägt,
Kein Opfer wird ihn je gereuen!
Allein ein Pergament, beschrieben und beprägt,
Ist ein Gespenst vor dem sich alle scheuen.
Das Wort erstirbt schon in der Feder,
Die Herrschaft führen Wachs und Leder.
Was willst du böser Geist von mir?
Erz, Marmor, Pergament, Papier?
Soll ich mit Griffel, Meißel, Feder schreiben?
Ich gebe jede Wahl dir frey.

Mephistopheles.
Wie magst du deine Rednerey
Nur gleich so hitzig übertreiben?
Ist doch ein jedes Blättchen gut.
Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.

Faust.
Wenn dieß dir völlig G’nüge thut,
So mag es bey der Fratze bleiben.

Mephistopheles.
Blut ist ein ganz besondrer Saft.

Faust.
Nur keine Furcht, daß ich dieß Bündniß breche!
Das Streben meiner ganzen Kraft
Ist g’rade das was ich verspreche.

Studirzimmer.

Meine erste Ausweisnummer in der Stadtbibliothek meiner Kindheit, derjenigen in – voller Ortsname –: Röthenbach an der Pegnitz, war 3316.

Das hat sich über die Jahrzehnte hinweg leicht gemerkt, weil man fern des EDV-Zeitalters seine Ausweisnummer jedesmal mit einem angeketten Kugelschreiber auf die Karte hinten in den Büchern, die noch nicht „Medien“ hießen, eintragen musste. Und wie der leitende Bibliothekar einzuschätzen ist (jawoll, der macht den Job bis heute!), war er der letzte in Bayern, der seinen Laden auf Computer umgestellt hat. Dabei konnte ich mich bei meinem Ausleihvolumen noch glücklich schätzen, so zeitig beigetreten zu sein, dass meine Nummer nur vierstellig war.

Den Faust musste ich dort nie entleihen, weil mir die bei meinen Eltern herumgilbende unkommentierte Ausgabe genügte, die fast so schön gereimt war wie Wilhelm Busch. Dennoch hat sich mir bis heute die Zahl 3316 mit allem verbunden, „was man gelesen haben muss“ — unter anderem mit jener „einzige[n] Phiole! Die ich mit Andacht nun herunterhole“, und in der Faust einen „Saft“ sucht, mit dem er sich zu entleiben gedenkt. Wie man sich erinnert, scheitert das Vorhaben am ostersonntäglichen Sonnenaufgang — aber dass „Saft“ an späterer Stelle außer für Gift auch noch für Blut steht, fand schon der 14-jährige Welpe, damals durchaus vertraut mit Gedanken an die eigene Endlichkeit, Saft und Herunterholen, dramaturgisch etwas gewagt.

Sehr viel später trat das Internet in mein Leben. Alsbald wurde klar, dass es seine Kernkompetenzen in genau dieser erwähnten Gedankenwelt fand. Von den herkömmlichen Formen der Pornographie war ich schon mit 14 teils über- und teils unterfordert, erst im Internet schloss ich Beautiful Agony aus einer Art soziologischem Interesse spontan ins Herz.

Aus solchen gedanklichen Verbindungen, die alle Ebenen des menschlichen Erlebens gleichermaßen einbeziehen, hab ich lange auf Beatiful-Agony-Artist Nummer 3316 gewartet. Und siehe: Sie spricht von Blut.

3316 auf Beautiful Agony

——— Artist 3316 auf Beautiful Agony:

„I always thought blood was really, really attractive and sexy. I like it when other people bleed, and I like it when I bleed. I think I’m one the only person I know that actually likes being on her period!“

In eigener Übersetzung:

„Ich finde Blut schon immer wirklich und ehrlich attraktiv und sexy. Ich mag es, wenn andere bluten, und ich mag, wenn ich selbst blute. Jedenfalls bin ich die einzige, die ich kenne, die richtig gern ihre Periode hat!“

Die junge Dame, wie die meisten Beatiful-Agony-Artists vermutlich aus Amerika, breitet hier in der ihre Vorstellung vertiefenden Befragung, die im Projekt Beautiful Agony confession heißt, also etwas betont Persönliches, gar ein Geheimnis sein soll, ihre erotische Vorliebe aus, die bei einer so aufgeschlossenen Frau ihre besonders ausgeprägte Weiblichkeit und ihre Affinität zu urwüchsigen, gar hexenhaften und genderpolitischen Belangen ausdrückt.

Das Blut dagegen, mit dem Faust den endgültigen Vertrag unterschreibt, aus dem ihn in der Tragödie zweitem Theil kein allzu erwartbarer Sonnenaufgang mehr retten kann, hat als Mittel zur Unterschrift eine ehrwürdige Tradition, die Goethe dem Artikel Unterschrifft im nicht viel weniger ehrwürdigen 68-bändigen Universallexikon von Johann Heinrich Zedler entnehmen konnte:

——— Johann Heinrich Zedler:

Grosses vollständiges Universal Lexicon aller Wissenschafften und Künste : Welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden ; Darinnen so wohl die Geographisch-Politische Beschreibung des Erd-Creyses, nach allen Monarchien, Käyserthümern, samt der natürlichen Abhandlung von dem Reich der Natur, Als auch eine ausführliche Historisch-Genealogische Nachricht von den berühmtesten Geschlechtern in der Welt, Ingleichen von allen Staats- Kriegs- Rechts- Policey und Haußhaltungs-Geschäfften des Adelichen und bürgerlichen Standes, Wie nicht weniger die völlige Vorstellung aller in den Kirchen-Geschichten berühmten Alt-Väter, Propheten, Apostel, Päbste, Cardinäle, Endlich auch ein vollkommener Inbegriff der allergelehrtesten Männer, berühmter Universitäten enthalten ist

64 Bände und 4 Supplement-Bände, Halle und Leipzig 1731–1754:

Nicht weniger von denen mit fremden oder eigenem Blute oder aus dem Kelch des Heil. Abendmahls in die Feder genommenen Sacrament gemachten Unterschrifften, und Dero absonderlichen Verbindung gehandelt. Denn gleichwie im alten Heydenthum die Bündnisse mit Menschen-Blute bestätiget worden ; also hat der Aberglaube auch unter den Christen sich vielfältig geäussert. Etliche haben die Bann-Brieffe wieder die Ketzer mit dem Blute CHristi aus dem gesegneten Kelche, ihrer Meynung nach, geschrieben ; andere in Gebet-Büchern sich CHristo Mit ihrem eigenen Blute verschrieben. Gar viele Exempel hat man auch, da der Satan melancholische oder gottlosse Leute beredet, ihre Handschrifften von ihrem eigenen Blute zu geben. Endlich so pflegen auch Verliebte einander die Liebe und künfftige Ehe mit dergleichen zu versichern. Von welchen allen auch Herr D. Georg Heinrich Götze in seiner Eccloga Historico Theologica de Subscriptionibus sanguine humano firmatis, Lübeck und Leipzig 1724 in 4 seine Gedancken mittheilet.

Erwähnten Dr. Götzes Gedanken über Verliebte in seiner Eccloga Historico Theologica sind nicht so leicht erreichbar überliefert – was heute bedeutet: sie stehen nicht online –, aber gewiss auf Exodus 24,6–8 gestützt:

VND Mose nam die helffte des Bluts / vnd thets in ein becken / Die an der helfft sprenget er auff den Altar. Vnd nam das buch des Bunds / vnd las es fur den ohren des volcks / Vnd da sie sprachen / Alles was der HERR gesagt hat / wollen wir thun vnd gehorchen / Da nam Mose das Blut vnd sprenget das Volck damit / vnd sprach / Sehet / Das ist blut des Bunds / den der HERR mit euch macht / vber allen diesen worten.

Allein diese alttestamentarische Stelle begründet weder – nach Zedler – die eheliche noch – nach Beautiful Agony – die körperliche Eigenliebe, wohl aber als älteste und maßgeblichste Autorität die kultische Verwendung von Blut, die Identität stiften und einen Vertrag besiegeln kann. Und Goethe hatte nachweislich Einblick in Zedlers Universallexikon und in die Bibel (in Beautiful Agony, das er missbilligt hätte, nicht).

Wenn sie das in der Stadtbücherei geahnt hätten, sie hätten den Faust samt der Bibel diskret, aber mit ihrem Stempelkissen in der Farbe arteriellen Blutes „Ab 18!“ ausgewiesen und es besonders bei der Ausweisnummer 3316 auch so gemeint.

3316 auf Beautiful Agony

Bilder: Beautiful Agony, Frühjahr 2015;
Soundtrack: Type O Negative: Wolf Moon, aus October Rust, 1996,
mit speziellem Dank an Hannah.

Written by Wolf

11. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Spitz wie Wetzlarer Karotte

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Update zu Deine so oft entweihte Frühlingsfeier:

Hinter die meisten Anspielungen kommt, wer sich freiwillig auf Weblogs wie diesem herumtreibt, ungegoogelt. Allein einen Pfarrer Jochen Hiebel konnte ich nicht nachweisen, und die Wetzlarer Karotte scheint mir eine entfernte Verwandte des Kunitzburger Eierkuchens. Wenn sie groß ist, wird sie bestimmt mal sprichwörtlich, falls die alten Jungs der Neuen Frankfurter Schule auf dem Gebiet der Sprichwörtlichkeit noch nicht genug geleistet haben sollten. Unser Goethe gehört, ich mag es vereinzelt schon zwischen den Zähnen gemurmelt haben, heute noch in jeden Haushalt.

Vicente Romero Redondo, 2015

——— Eckhard Henscheid:

Charlottens Brief

1981, aus: Eckhard Henscheid & F. W. Bernstein (Hg.): Unser Goethe, Diogenes 1982,
verwendet in: An krummen Wegen. Gedichte und Anverwandtes, Zürich 1994:

Werter Werther,
Denkst Du noch des Camembert, der
Unsre Liebe sanktionierte,
Während ich Dich deflorierte —
Wart einmal: beziehungsweise
Du mich. Ach, du Scheiße,
Beinahe hätt ich’s vergessen
(so geht’s halt den Topmätressen)
Dir zu sagen, wie ich Dich
Liebe ganz herztausiglich!
Du, mein kleiner Gardeoberst,
Du mein Scheißer! Warte, ob erst
Albert aus dem Hause fort —
Nein, er hockt auf dem Abort —
Trotzdem wag ich diesen Brief!
Ja, der Camembert hat tief
Mir damals das Herz durchbohrt.
Glaub’s mir, Werther, jedes Wort
Dieses Klopstock, den wir lasen,
Und du tät’st so artig blasen,
Ging mir an die Eier mein —
Stop! Die Eier sind ja Dein
Ein und Alles — hen kai pan,
Wie Du’s ausdrückst, werter Mann.
Kurz, wie man’s auch dreht und wendet —
Albert scheint am Klo verendet —
Ich bin Din und Du bist min!
Ach, ich möcht‘ nach Westberlin!
Sightseeing mit Dir, das wär’s,
Unter des Berliner Bärs
Tatzenpratzen Dich zu knutschen,
Schnell in‘ Grunewald zu rutschen —
Ach, wie wird mir Wetzlar öde,
„Lar“ fürwahr — und dann die blöde
Hühnerfickerei des Pfarrers
Hiebel Jochen, dieses Schmarrers,
Der mich ständig hacken will,
Und ich halt auch schon brav still,
Bis Du wiederkömmst, mein Sauschwanz,
Bleib ich ewig treu und Dein ganz;
Spitz wie Wetzlarer Karotte
Wartet Dein — mmmh Bussi!
                                  Lotte.

Hannah Holmes via The Art of Animation, July 5th, 2014

Briefleserinnen: Vicente Romero Redondo, 2015;
Hannah Holmes via The Art of Animation, 5. Juli 2014.

Written by Wolf

4. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Sturm & Drang

Ach! wie ists erhebend sich zu freuen

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Update zu Denkst du denn nicht an den Loup Garou?:

Diese Woche hab ich mir endlich die Insel-Gesamtausgabe von der Droste angeschafft, meine ersten nicht-antiquarischen Bücher seit ungefähr einem Jahrzehnt. Erstens weil die textgleich mit der in der Bibliothek Deutscher Klassiker ist, also Gott, und man mit den zwei handlichen Bänden etwas Neues auf den Weg der fata setzt, den alle libelli habent, wenn dermaleinst der Urenkel nichts mehr von dergleichen wissen will. Das kostet keinen Fünfziger, also ungefähr ein Viertel vom Original beim Deutschen Klassiker Verlag, und ist immer noch Dünndruck, insgesamt ziemlich genau 2000 Seiten in Leineneinband plus durchsichtigem Plastik im bombig festen Schuber. Goldene Lesebändchen, geliebte Freunde.

See-Worthy, technicolor pin-up print, 1955Zweitens weil das alles Ausreden sind, ich am Sonntag in Meersburg (das am Bodensee, nicht das Merseburg mit den Zaubersprüchen) einbestellt bin, um den 70. Geburtstag meiner Mutter — lange soll sie leben — nachzufeiern, und wenn ich da schon mal hin muss, schlecht wieder gehen kann, ohne mich durchs Fürstenhäusle der Freifrau von Droste zu Hülshoff führen zu lassen, wie selbst meine Herren Eltern — lange sollen sie leben — einsehen werden. Irgendwie muss der Tag ja rumgehen, und warum soll man sich um den Preis für eine Zugfahrt sinnlos um seine erreichten vs. seine, sagen wir: erst noch zu erreichenden Lebensziele herumstreiten, wenn man buchstäblich das Zeug für eine literarische Touristenführung mitbringt — frisch über den örtlichen Buchhandel erworben — gegen die nicht mal Eltern was haben können? — Und warum es so kommen würde? Lange Geschichte.

Die historisch-kritische Gesamtausgabe der Briefe, herausgegeben von Winfried Woesler, wenn ich schon drüber bin, ist das feine dicke dtv-Taschenbuch, nach dem sich das gar nicht genug zu lobende Unternehmen Annette von Droste-Hülshoff in Briefen richtet, aber leider im Buchhandel vergriffen, weswegen ich die hoffentlich gerade noch rechtzeitig im Briefkasten hab, bevor ich mich nach Meersburg aufmachen muss.

Im Fall der Briefausgabe könnte es eventuell dem Frieden dienen, wenn ich sie nicht mitnehmen kann, weil ich den Fremdenführer unfehlbar fragen werde, warum überall, wo es um Tourismus geht, verbreitet wird, die Droste hätte sich ihr schmuckes Fürstenhäusle von 400 Talern Honorarvorschuss für Die Judenbuche gekauft, und überall, wo es um Literaturgeschichte geht, „im Vorgriff auf das in Aussicht gestellte Honorar für 400 Taler“ für ihre zweite Gedichtsammlung. Es ist aber schon wurscht, weil auch in der Insel-Ausgabe, übrigens herausgegeben von Bodo Plachta und genau demselben Winfried Woesler, die ich schon hab und mitzuführen gedenke, das mit der Gedichtsammlung drinsteht, Anmerkungsteil Seite 699. Man will ja nicht klugscheißen, und ob es gedeihlicher ist, sich mit seinen Eltern herumzustreiten oder mit einem Fremdenführer, der am Ende noch befugt ist, einen höflich aus seiner Fremdenführung zu entfernen, will ich gar nicht wissen.

Exclusively Yours, technicolor pin-up print of Diane Webber, 1950sWeiter mit Inhalt. Warum die einzige anständige Briefausgabe der Droste eine einzige Besprechung auf Amazon.de hat (5 Sterne) und Der Schwarm von Frank Schätzing deren 1321, weiß ich auch nicht, aber es beschleunigt die Meinungsbildung ungemein. Es rezensiert der evangelische Pfarrer in Kreis Soest, Christoph Fleischer:

Gerade diese vollständige Briefausgabe ist von unschätzbarem Wert. Wie eine große Muschel enthält sie eine Perle, das Gedicht „Unruhe“, das die fast noch jugendliche Annette von Droste-Hülshoff ihrem Förderer Prof. Sprickmann nach Breslau hinterher schreibt. Das sollen zwei Zitate zeigen:
Rastlos treibts mich um im engen Leben
Und zu Boden drücken Raum und Zeit
Freyheit heißt der Seele banges Streben
Und im Busen tönts Unendlichkeit.
Während dieser Vers noch vom Freiheitsgedanken z. B. eines Friedrich Schiller kündet, zeigt der nächste eine anfänglich feministische Spur:
Fesseln will man uns am eignen Heerde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum.
Die Briefe sind eine gute Ergänzung zur Lektüre einer Biografie wie z. B. die der Barbara Beuys. In kurzen biografischen Skizzen werden die Briefempfänger im Anhang porträtiert, und alle in den Texten genannten Personen werden im Stichwortverzeichnis aufgeführt.

Water Nymphs by John Bradshaw Crandell, 1938Überhaupt ist der Vorteil der Briefausgabe — die ich, lieber Medimops, jeden Moment erwarte — in ihrer Eigenschaft als historisch-kritische, dass sie die Briefe in der originalen Rechtschreibung mit allen -th- und -ey- belässt. Der erwähnte Professor Anton Matthias Sprickmann war offenbar zwischen 1812 und 1819 der Droste literarischer Mentor und bringt mich auf einen zu Recht verborgenen Schatz des Internets: ihre Kurzbiographie, möglicherweise für Schulzwecke. Der umgebende Brief an Sprickmann stammt von Ende Februar 1816, das Gedicht mithin vom Januar oder Februar 1816, als die „fast jugendliche“ Droste 19 war. In der Gesamtausgabe steht es deshalb unter den Gedichten aus dem Nachlass. Briefauszug:

Ich schicke ihnen hierbey ein kleines Gedicht was ich vor einigen Wochen verfertigt habe, nehmen sie es gütig auf, es mahlt den damaligen, und eigentlich auch den jetzigen Zustand meiner Seele vollkommen, obschon diese fast fieberhafte Unruhe, mit Verschwinden meines Uebelbefindens einigermaßen sich gelegt hat.

Erst am 2. April 1817, nach über einem Jahr, kommt Sprickmann darauf zurück:

Ueber die „Unruhe„, mit der Sie mir ein so theures Geschenk gemacht haben, kann ich Ihnen in diesem Augenblick nichts sagen, weil sie schon unter meinen übrigen Heiligthümern tief im Koffer liegt. Aber das kann ich Ihnen doch von dem Eindruck, den auch dieses Gedicht von Ihnen auf mich gemacht hat, sagen, daß ich es dem Besten, was ich von Ihnen kenne, gleich setze.

Kurz: Eigentlich scheint es zu gut, um im Nachlass zu schlummern — so wie sich überhaupt nach einer Woche mit der Gesamtausgabe abzeichnet, dass die Sachen von der Droste, die zu ihren Lebzeiten kein Publikum erlebt haben, so wie eben der Nachlass und die Briefe, viel mehr Spaß machen als ihre Veröffentlichungen. Darum jetzt endlich weiter mit dem richtigen Inhalt: dem Gedicht selbst, mit aller fieberhaften Unruhe, Sehnsucht und Seemannsromantik, in seinem freiheitskämpferischen und protofeministischen Kontext und original belassener Rechtschreibung.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Unruhe

Januar/Februar 1816,
Erstdruck in Hermann Hüffer: Annette von Droste-Hülshoff, in: Deutsche Rundschau 7,
Februar/März 1881, Band 26, Heft 5 und 6, Seite 208–228, 421–446,
Gedichttext Seite 217:

Duane Bryers: HildaLaß uns hier ein wenig ruhn am Strande
FOIBOS Stralen spielen auf dem Meere
Siehst du dort der Wimpel weiße Heere
Reisge Schiffe ziehn zum fernen Lande

Ach! wie ists erhebend sich zu freuen
An des Ozeans Unendlichkeit
Kein Gedanke mehr an Maaß und Räume
Ist, ein Ziel, gesteckt für unsre Träume
Ihn zu wähnen dürfen wir nicht scheuen
Unermeßlich wie die Ewigkeit.

Wer hat ergründet
Des Meeres Gränzen
Wie fern die schäumende Woge es treibt
Wer seine Tiefe
Wenn muthlos kehret
Des Senkbley’s Schwere
Im wilden Meere
Des Ankers Rettung vergeblich bleibt.

Möchtest du nicht mit den wagenden Seglern
Kreisen auf dem unendlichen Plan?
O! ich möchte wie ein Vogel fliehen
Mit den hellen Wimpeln möcht ich ziehen
Weit, o weit wo noch kein Fußtritt schallte
Keines Menschen Stimme wiederhallte
Noch kein Schiff durchschnitt die flüchtge Bahn

Und noch weiter, endlos ewig neu
Mich durch fremde Schöpfungen, voll Lust
Hinzuschwingen fessellos und frey,
O! das pocht das glüht in meiner Brust
Rastlos treibts mich um im engen Leben
Und zu Boden drücken Raum und Zeit
Freyheit heißt der Seele banges Streben
Und im Busen tönts Unendlichkeit!

Stille, stille, mein thörichtes Herz
Willst du denn ewig vergebens dich sehnen?
Mit der Unmöglichkeit hadernde Trähnen
Ewig vergießen in fruchtlosem Schmerz?

So manche Lust kann ja die Erde geben
So liebe Freuden jeder Augenblick
Dort stille Herz dein glühendheißes Beben
Es giebt des Holden ja so viel im Leben
So süße Lust und, ach! so seltnes Glück!

Denn selten nur genießt der Mensch die Freuden
Die ihn umblühn sie schwinden ungefühlt
Sey ruhig, Herz, und lerne dich bescheiden
Giebt FOIBOS heller Strahl dir keine Freuden
Der freundlich schimmernd auf der Welle spielt?

Laß uns heim vom feuchten Strande kehren
Hier zu weilen, Freund, es thut nicht wohl,
Meine Träume drücken schwer mich nieder
Aus der Ferne klingts wie Heymathslieder
Und die alte Unruh‘ kehret wieder
Laß uns heim vom feuchten Strande kehren
Wandrer auf den Wogen, fahret wohl!

Fesseln will man uns am eignen Heerde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

Natürlich freu ich mich auf Meersburg und meine Eltern, jedenfalls werde ich ihnen nichts anderes erzählen. Damit bin ich noch am besten beraten, weil mein Vater nächsthin 80 wird. „Ach! wie ists erhebend sich zu freuen“.

Paul Albert Laurens: Catching Waves

Bilder, weil die Droste-Portraits schon recht verbreitet sind:
Sea-Worthy!, technicolor pin-up print, 1955;
Exclusively Yours, technicolor pin-up print of Diane Webber, 1950s;
John Bradshaw Crandell: Water Nymphs, 1938;
Duane Bryers: Hilda,
Paul Albert Laurens: Catching Waves,
via Grapefruit Moon Gallery.

Written by Wolf

1. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See