Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Juni 2014

Wünschest du dich, Buch, zu guten Lesern nun hinzubegeben

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Wie lange man auch gegen die Windmühlen des aktuellen und antiquarischen Verlagswesens kämpft — es gibt nicht die ideale deusche Ausgabe von Don Quixote, irgendwas ist immer.

Don Quixote

Ideal wäre: die Übersetzung von Ludwig Tieck, weil Ludwig Tieck immerhin Ludwig Tieck ist und jeder Leser ohne akut akademischen Auftrag damit überfordert wäre, alle erreichbaren Übersetzungen durchzuvergleichen; mit den Illustrationen von Gustave Doré, und zwar bitteschön allen; und natürlich in vollständigem Text, weil jeder kürzend eingreifenden Hand zu misstrauen ist, solange Verlage marktorientierte Untrenehmen sind, die Tagespreise von Papierbögen gegen verkaufbare Buchauflagen abwiegen müssen; und gerne in einem Band, weil das ständige Bücherwechseln innerhalb desselben Romans keiner Vorstellung von Schmökern entspricht.

Eigentlich nicht unverschämt viel verlangt, wie ich fnde. Keine Frage, alle mir bekannten Ausgaben sind wunderschön, jede hat einen Vorzug vor den anderen, alle wurden von den tollsten, besten, renommiertesten Häusern verlegt, die sich etwas dabei überlegt haben, ob die Welt wirklich noch eine braucht.

Besonders hervorheben möchte ich unter ihnen die neueste: die bei Hanser in neuer Übersetzung von Susanne Lange. Die hat als einzige, wenn nicht gar erste überhaupt ausführliche Anmerkungen von der fachkundigen Übersetzerin, von denen man tatsächlich so viel schlauer wird, dass man einen anderen Blick auf den durchschaubaren bis altbekannten Gang der Handlung gewinnt. Die Rezensionen waren hymnisch: Der Don Quixote fürs dritte Jahrtausend sei das — woran kein Grund zu zweifeln besteht: Hanser hat sich offenbar in den Kopf gesetzt, die gesamte Weltliteratur neu zu übersetzen und einzurichten, da war der Moby-Dick von 2001 von Matthias Jendis auf der Grundlage von Friedhelm Rathjen, erstmals mit dem Bindestrich in der Überschrift, nur der Anfang.

Leider haben sie den ersten Illustrator vernachlässigt, der sich in den Kopf gesetzt hatte, die gesamte Weltliteratur mit angemessenen Bildern auszustatten: Gustave Doré — und nicht nur den, vielmehr von Illustrationen ganz abgesehen. Auch im Taschenbuch ist das gute Stück noch zweibändig, wenngleich ein fast verlustfrei ebensoschönes Paar handlicher Dünndrucke — was insofern Sinn ergibt, als die beiden Teile um die zehn Jahre zwischen 1605 und dann erst 1615 auseinanderliegen.

Weit weniger Sinn ergeben die drei Bände bei Insel von 1975 — der im übrigen für seine nimmermüde Vorhaltung auch obskurer Teile der Weltliteratur nicht um Papierpreise und ein paar hundert Einzelverkäufe herumknickern, sondern vielmehr öffentlich unterstützt werden sollte (von Fernseh-Zwangsgebühren in diesem Zusammenhang reden wir ein andermal). Die Übersetzung ist von Ludwig Braunfels, die sogar originalgetreuer als Tieck sein soll, die Bilder von Doré — aber nur in Auswahl. Der erste und zweite Band hören leider nach einfach irgendeinem Kapitel auf, der zehn Jahre jüngere zweite Teil fängt mitten im zweiten Band an, wo eben gerade Platz war.

Etwa 2011 habe ich mich hinreißen lassen, bei Insel persönlich nachzufragen, was diese Aufteilung soll: ob sie vielleicht einen inhaltlichen zweck verfolgt, der sich erst beim vollständigen Lesen erschließt, oder ein historisches Vorbild nachvollzieht. Bei Insel sind sie freundlich und publikumsnah genug, um tatsächlich Antwort zu geben: Nein, hieß es, einen tiefen Sinn habe das nicht, die Ausgabe sei ja nun auch schon so alt, dass niemand mehr im Verlag weilt, der das einst mitverantwortet hat — aber vermutlich hatte es „herstellerische Gründe“. Die erste Vermutung stimmt also: Sie haben den Roman dort unterteilt, wo gerade Platz war. Übrigens sind es keine sehr dicken Bände, und im Falle der Romane und Erzählungen von Voltaire (inzwischen schon wieder vergriffen) hat es derselbe Verlag ganz gut geschafft, nach vielen Jahren zwei Bände einem zu fassen.

Eine Ausgabe nahe am beschriebenen Original wurde einst in der DDR hergestellt, bei Rütten & Loening 1966: Tieck, Doré, beide vollständig — und dann, hol’s der Kuckuck, in zwei Bänden. Immerhin mit der richtigen Bruchstelle an Teil 1 und 2, außerdem ungefähr in DIN-A4-Größe auf richtig schwerem Papier, was der Wiedergabe der Illustrationen dient wie keine andere Version vorher oder nachher und zu einem einzigen Band zusammengepackt vielleicht doch ein etwas dickschädeliger Selbstzweck geworden wäre — einfach feudal. Als DDR-Produkt längst heillos vergriffen und abgewickelt, aber bei genügend tiefer Sucheinschränkung schon auf Amazon.de immer wieder greifbar.

Artemis und Winkler, ansonsten ein traditioneller Klassikverlag mit haufenweise für Büchermarkt und -freund ganz und gar unentbehrlichen Ausgaben der Wahl, kommt leider nicht in Frage: Ludwig Braunfels, meistens bilderlos, nur in manchen Auflagen mit einer Auswahl aus den Grandville-Illustrationen, die neueren Auflagen außerdem nur noch in seiner minderen Blauen Reihe. Wahrscheinlich aus „herstellerischen Gründen“.

Don Quixote, Titelblatt 1605Rettung verheißt auf den ersten Blick Diogenes. Dessen Tieck-Übersetzung, illustriert von Doré, ist seit Jahr und Tag still und unauffällig lieferbar, wechselt aller paar Jahre das Umschlagbild, auch wenn ich gar nicht erst nachfrage, was der einzelne Picasso außen mit den ganzen Dorés innen zu tun hat, und das Schönste: einbändig — ein hübsch moppeliges, handliches Dünndruck-Taschenbuch, das man liebhaben muss. Und dann die Ernüchterung: Die angekündigten Illus sind eine reichlich locker verstreute Auswahl.

Die ideale Don Quixote-Ausgabe ist, als ob man es nicht geahnt hätte, vergriffen: Bei Emil Vollmer in Wiesbaden gab es mal Tieck samt Doré in einem Band — und zwar diesmal alle Bilder, gezählte und auf dem Titel angepriesene 363 an der Zahl — annähernd A4 groß, dabei nicht ganz so ehrfurchteinflößend wie das doppelte DDR-Monument, theoretisch immer noch eine tödliche Waffe bei Schadnagerbefall. In den Online-Antiquariaten recht präsent, zum Beispiel im ZVAB ab etwa vier, fünf Euro plus Porto zu einem recht annehmbaren Kilopreis. Die hab ich jetzt und gedenke mit ihr alt zu werden.

Don QuixoteUnd doch ist es weiterhin Don Quixote, bei dem ja nichts ist, was es scheint: Zwischen dem Prolog und dem ersten Kapitel hat Cervantes nämlich einen Reigen aus elf einführenden formal verspielten Gedichten, meist Sonetten, aufgestellt. In den Twin Towers aus der DDR und bei Diogenes sind sie vorhanden, bei Hanser und Insel können Sie es mit Leichtigkeit schnell herausfinden, bei Emil Vollmer fehlen sie. Die ideale Don Quixote-Ausabe ist nicht nur vergriffen, sie ist nicht einmal ideal.

Da sie aus diesen langen und breiten Gründen dennoch die Ausgabe bleibt, die ich empfehle, müssen die Gedichte rein. Ich führe sie im Folgenden nach der Diogenes-Ausgabe an. Verfahren Sie damit nach Belieben: Der Emil-Vollmer-Band ufert prozentual nicht wesentlich aus, wenn Sie alles in ein textverarbeitendes Programm kopieren, die Bilder zurechtstutzen oder löschen, ausdrucken und nach dem Prolog hineinlegen. Als moderner Mensch werden Sie diesen Eintrag eher neben dem Buch auf Ihrem Bildtelefon bereithalten. Oder Sie drucken einfach das .pdf, das ich eigens gebaut habe (63 kB, 12 Seiten), um dem idealen Don Quixote möglichst nahe zu kommen, und legen es in die annähernd ideale Ausgabe von Emil Vollmer. Nach dem Prolog bitte. Ein etwas unorthodoxes Verfahren, aber sinnvoll und nicht halb so scherzhaft gemeint, wie es zuerst klingen mag.

Ein weiter Weg ist es auch verlegerisch nicht mehr dorthin: Als Vorschlag eines interessierten Verbrauchers könnte Hanser seine zwei Bände zusammenfassen und mit dem mittlerweile gemeinfreien Doré aufhübschen. Da kann diese grandiose, dazu kompetent durchkommentierte Neuübersetzung niemanden stören, nur weil sie nicht vom jahrhundertealten Tieck stammt. Der Taschenbuchverleger dtv kann nachziehen: Es gibt weit dickere Taschenbuchrücken, die so viele Seiten einwandfrei zusammenhalten, herstellerische Gründe ziehen also nicht. — Und Diogenes mit ihrem Tieck sollten noch Platz für die restlichen Dorés finden, auch können sie gern noch an der Druckauflösung schrauben.

Und bitte die Gedichte zwischen Prolog und erstem Kapitel nicht vergessen:

An das Buch des Don Quixote von la Mancha.

Urganda die Unbekannte

Georges Rochegrosse, Plakat für Jules Massenet, Don QuichotteWünschest du dich, Buch, zu gu-
Lesern nun hinzubege-
Wird kein Schwätzer dir ausle-
Deine Absicht als Untu-
Um so mehr du aber su-
Wirst, nur zu entgehn den To-
Werden sie dich nicht verscho-
Treffen sie den Kopf des Na-
Niemals, werden sie doch ra-
Zeigen, daß sie kluggezo-

Weil nun die Erfahrung leh-
Wer den starken Baum wird su-
Find’t im Schatten sichre Ru-
In Bejar will Glück dir ge-
Königsstamm zu deinem Se-
Der als Frucht Fürsten erzo-
Blühend jetzt mit dem Herzo-
Dem Alexanders Gemü-
Fleh den Schutz, stets war dem Küh-
Auch das gute Glück gewo-

Von dem edel kühn Mancha-
Kündest du die Abenteu-
Dem die Bücher ungeheu-
Hirn und Haupt verkehret ha-
Tapfre Ritter, Waffen, Da-
Haben ihn so aufgefo-
Daß wie Orlando furio-
Er in edler Liebeswei-
Sich erstritt durch Schwertesstrei-
Dulcinea von Tobo-

Unbescheidne Hierogly-
Laß nicht in das Schild dir prä-
Ist Figur schon alles, zäh-
Wenig Augen auch im Spie-
Hast du Demut dir erkie-
Wird kein Spötter dir zuru-
Daß Don Alvaro de Lu-
Daß Hannibal von Kartha-
Daß der König Franz in Spa-
Klagten das Rad der Fortu-

Da der Himmel nicht gege-
Daß du so gelehrt erschie-
Wie der Neger Juan Lati-
Drum laß die latein’schen Re-
Prahl auch nicht mit feinem We-
Spiele nicht den Philoso-
Das Gesicht wird krumm gezo-
Fragen, wer Verstand zum Le-
Bester, kommst du so mit De-
Her zum Tanze und mit Spo-?

Einfach deine Straße ge-
Sorge nicht um andrer Sa-
Wer viel schwatzt, dem geht der Bra-
Gerne stille aus dem We-
Denn mitunter trifft auf Schlä-
Wer sich spaßhaft denkt zu zei-
Den Ruhm suche zu errei-
Daß nichts Böses von dir sa-
Niemand kann, denn ew’gen Ta-
Hat, wer nur druckt Narrentei-

Nur dem Unsinn macht es Freu-
Da die Fenster doch nur glä-
Steine in die Hand zu neh-
Und sie in das Haus zu schleu-
Doch Verstand wird es bezeu-
Wenn die Werke so geschrie-
Daß Bescheidenheit sie zie-
Denn wer vollgedruckt die Bo-
Zu erfreuen junge To-
Steht als Narr nur selbst am Zie-

~~~\~~~~~~~/~~~

Amadis von Gallia an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteDu, der du nachgeahmt mein jammernd Leben,
Dem ich mich einst, abwesend und gekränket,
Aus frohem Stand in Buße tief versenket,
Dort auf der Armut Felsen hingegeben;

Du, den die Augen bei dem bangen Streben
Mit reichlichem, doch salz’gem Naß getränket,
Dem Erd‘ auf Erde magre Kost geschenket,
Dich Silbers, Kupfers, Zinns zu überheben:

Leb im Vertraun, es werd auf ew’ge Zeiten,
Solang zum mind’sten in der vierten Sphäre
Der blond‘ Apollo mag die Rosse treiben,

Dein Name seinen Heldenruhm verbreiten,
Dein Vaterland genießen höchster Ehre,
Dein weiser Tatenschreiber einzig bleiben.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Don Belianis von Graecia an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteGesagt, getan, gequetscht, zermalmt, zerrissen
Ward mehr von mir als Rittern aller Zeiten;
Ich gab, gezählt zu Tapfern wie Gescheiten,
Rach‘ tausend, Tod zehntausend Beschwernissen;

Auf Taten ew’gen Ruhmes so beflissen
Wie auf der Liebe süße Artigkeiten,
War Zwerg für mich jedweder Ries‘ im Streiten,
In Punkten des Duells war groß mein Wissen;

Zu Füßen mußte sich Fortuna schmiegen,
Den Schopf des kahlen Glücks faßt‘ im Getümmel
Die Klugheit, die von echtem Korn und Schrote;

Doch wie auch stets mein Glück hoch mußte fliegen
Über den Mond und strahlen durch die Himmel,
Neid ich die Taten dir, großer Quixote.

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Die Dame Oriana an Dulcinea von Toboso.

Sonett

Don QuixoteHätt, schöne Dulcinea, sich’s gemacht
Und mochte sich’s zu meinem Frieden schicken,
Mich in Tobos‘ statt London zu erblicken,
Es ward Mirflor zum Opfer dir gebracht!

Hätt ich mit deinem Sinn und deiner Tracht
Doch meinen Geist und Körper dürfen schmücken,
Hätt ich gesehn, den du mochtest beglücken,
Den Ritter groß, in ungeheurer Schlacht!

Hätt ich gekonnt den Amadis vermeiden,
So keusch verharren, wie es dir gelungen,
Mit deinem sitt’gern Edlen Don Quixote!

Ich wär beneidet, brauchte nicht zu neiden,
Von Freude ward ich, nicht von Schmerz durchdrungen,
Dann labte mich Genuß vom besten Schrote.

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Gandalin, Stallmeister des Amadis von Gallia,
an Sancho Pansa, Stallmeister des Don Quixote.

Sonett

Don QuixoteGegrüßt sei, großer Mann, dem Heil und Glücke,
Als sie ihn in Stallmeisterdienste stellten,
Mit Sanftmut und Verstand so alles hellten,
Daß er sie überstand ohn‘ Schimpf und Tücke.

Die Sichel, Hacke und der Pflug sind Stücke
Nicht Ritterschaft zuwider, jetzt darf gelten
Schlichtheit des Knappen: Darum muß ich schelten
Den Stolzen, der zum Mond sucht eine Brücke;

Daß ich nicht Esel, Namen von dir habe!
Auch auf den Schnappsack ist mein Neid gerichtet,
Worin sich deine kluge Vorsicht zeiget.

Nochmals gegrüßt, o Sancho, wackrer Knabe,
Von dem der spanische Ovid gedichtet,
Der sich mit einer Kopfnuß vor dir neiget.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Der Dichter, der scherzende, an Sancho Pansa und Rozinante.

Don QuixoteSancho Pansa ich Stallmei-
Des Manchaners Don Quixo-
Immer bin ich fortgeflo-
Mich als klugen Mann zu zei-
Hasenpanier zu ergrei-
Ist die beste Staatsmaxi-
Feldherrn rühmt das Retiri-
Das ist Celestinens Leh-
Dieses Buchs, das himmlisch wä-
Wenn es Ird’sches mehr verschwie-

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

An Rozinante

Don QuixoteRozinant‘ bin ich, der ho-
Enkelsohn des Babie-
Für die Sünden, die gesche-
Dient ich einem Don Quixo-
Elend schien ich und verschro-
Doch mein Pferdesinn war kla-
Nie entging mir Stroh und Ha-
Das lernt ich von Lazari-
Der ein’n Halm wußt einzuschie-
Daß ihm Wein lief in den Schna-

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Der rasende Orlando an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteBist auch nicht Pair, darf dir kein Gleicher nahn,
Du konntest Pair sein unter tausend Pairen,
Doch dir gleich keiner, so viel immer wären,
Den nie besiegt, stets Siegerheld sie sahn!

Orland‘ bin ich, Quixote, im Liebeswahn
Trieb mich Angelika zu fernen Meeren,
Opfernd dem Ruhm auf seinen Weihaltären
Die Tatkraft, die nicht tilgt Vergessens Zahn.

Dir gleich nicht kann ich sein, den Vorzug bieten
Muß jeder deinem Ruhm, den Heldentaten,
Wenn sich auch dir der Sinn wie mir verrückte;

Doch mir gleich bist du, wenn du wilde Scythen
Und stolze Mohren zähmst, daß uns verraten
Man nennt und beid‘ in Liebe Unbeglückte.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Der Ritter des Phoebus an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteMein Schwert darf sich dem Euren nicht vergleichen,
Ihr, span’scher Phoebus, Blume aller Feinen,
Mein Arm ermißt sich nicht der Kraft des deinen,
Dem Morgenstrahl, dem Mond und Stern‘ erbleichen.

Ich wies ab Kaisertum, samt Königreichen,
Dem roten Orient mocht ich dies verneinen,
Zu sehn das hocherhabne Antlitz scheinen
Der Claridian‘, Auroras Liebeszeichen;

Sie mein, mir heller vor dem Morgenrote,
Entfernt, verschmäht bebten die Ungetüme
Der Hölle mir, so wollt mein Mut erheischen;

Doch Ihr, Quixote, verklärt ruhmreicher Gote,
Macht, daß um Dulcinee die Welt Euch rühme,
Durch Euch hat sie den Ruhm der Klugen, Keuschen.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Der Soldan an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteObwohl, Herr Quixote, Albertät nichtsnutzig
Euch Haupt und Hirn gar lästerlich verschoben,
Seid jedenfalls des Vorwurfs Ihr enthoben,
Als wärt Ihr Mann der Werke schlecht und schmutzig;

Sein Zeuge Eure Tathandlungen trutzig,
Der Unbill Steurung wolltet Ihr erproben,
Da prügelt Euch mit Knitteln und mit Kloben
Das Lumpenpack, das schlecht gesinnt und prutzig:

Und wenn Eur‘ vielsüß liebe Dulcinea
Euch auch erwiesen hat gleichsam Schimpfierung,
Gleichgültig Euer Huld’gen von sich schiebend,

So sei Tröstjammer Euch in diesem Weh da,
Daß Sancho nicht verstand Kupplerhantierung,
Er dumm war, herbe sie, Ihr nicht ernst liebend.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Gespräch zwischen Babieca und Rozinante.

Sonett

Don QuixoteB.: Wie seid Ihr, Rozinante, schmal gemessen!
R.: Man frißt ja nichts und muß sich immer plagen.
B.: Wie steht’s mit Hafer und des Strohes Lagen?
R.: Nicht einen Bissen läßt mein Herr mich essen.
B.: Ei, Freund, Ihr seid unartig und vermessen,
Mit Eselszunge nach dem Herrn zu schlagen.
R.: Er bleibt ein Esel, war’s seit jungen Tagen;
Er ist verliebt, nun könnt Ihr’s selbst ermessen.
B.: Ist Lieben Torheit? R.: Doch gewiß nicht weise.
B.: Ihr seid ein Philosoph. R.: Das kommt vom Fasten.
B.: Beklagt Euch denn bei unsres Ritters Knappen.
R.: Was hilft’s mir, daß ich meine Not beweise,
Wenn Herr und Diener unter gleichen Lasten
In die Rapuse gehn mit ihrem Rappen?

Don Quixote

Übrigens fehlen auch ideale Ausgaben von den Märchen der Grimms, von Wilhelm Hauff, zu schweigen von dessen sämtlichen Werken, von Ludwig Tieck und Moby-Dick.

Die meisten Bilder stammen aus dem gemeinfreien Fundus der Wikimedia Commons;
besondere Empfehlung ergeht für den vollständigen Scan der spanischen Erstausgeben von 1605 und 1615 bei der Biblioteca Virtual Miguel de Cervantes.

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Written by Wolf

27. Juni 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Renaissance, ~~~Olymp~~~

Peregrini Bavarici

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Café Heimat, Bad Tölz

Ein inniges Vergnügen in GOtt ist, wenn man einst katholisch war, aus freiem Willen aufgehört hat, es zu sein, aber immer noch nach Ablass für seine Sünden suchen kann.

Besonderen Spaß macht das, wenn man sich für einen Tag keine längere Strecke Weges vornimmt als die elf Kilometer von Bad Tölz bis Lenggries.

„Naa, da fang ma net glei zerscht mitn Frühstücken an. Zerscht hungrighaatschen, dann fuadern.“

„Obacht gebm. Ma bereut im Leben nie, was ma gmacht hat, bloß was ma glassn hat.“

Das gibt uns zu denken. Wir beschließen trotzdem, für die Heimat nochmal extra in die Fremde zu fahren.

„Aa recht. Da samma glei dorten“, freut sich Ralf, „da kömma hinterher no ins Erlebnisbad.“

„Was wollma denn groß derleben?“

„Da schaug ma si di stramma Wadln vo die Rentnerinnen oo.“

„Au weh“, sag ich, „des gibt erscht den richtigen Sündenablass.“

Als erstes ergibt sich in Bad Tölz die Gelegenheit, den dasigen Kalvarienberg zu erklimmen — immer wieder ein Unterfangen von hohem Surrealitätswert: Erst hyperventiliert man sich von dem gnadenlos steilen Anstieg über sieben Stationskapellen frühmorgendliche Hosianna-Gefühle und Engelserscheinungen herbei, und oben ist die Kirche in einem Ausmaß mit Volksfrömmigkeit vollgestellt, dass man sich so als Ausgetretener ganz als schlechter Mensch vorkommt. Die Heilige Stiege im letzten Schiff ist der gleichnamigen zu Rom nachgebildet — wobei Reliquien zahlreicher Heiliger eingearbeitet wurden. Darüber ist die Treppe dermaßen heilig geraten, dass man sie nicht hinaufsteigen darf, sich nur kniend hinaufbeten. Für den Erhalt der angeschlossenen Leonhardikapelle hat das Bad Tölzer Handwerk noch im neunzehnten Jahrhundert seinen einzigen Volksaufstand gegen den eigenen Klerus angezettelt, so arg mögen die ihr Kircherl.

„Sogar zeitversetzt dreiteilig ham’s ihr Hallelujaburg da naufbaut“, keuche ich, im Kirchenführerheftl blätternd.

Ralf lässt sich auf das Bankerl mit Blick ins Isartal fallen, das vorher ein Ozean war, eine rauchen, und bemerkt: „Und da zahln die Leut Eintritt fürn Herrn der Ringe.“

Marterl Bad Tölz, Kalvarienberg. Aufi braucht er 7 Stund' in 2 Minut'n war er unt'Auf dem Abstieg haben sie in einem stark abschüssigen Hausgarten ein Marterl stehen: „Aufi braucht er 7 Stund‘ / in 2 Minut’n war er unt‘.“ Auf dem nicht ganz so abschüssigen Marktplatz gibt Ralf zwei Auszogne zum Frühstück aus, von zwei Mühlfeldbräu muss er abgehalten werden mit dem Argument, dass sie später in Lenggries gleich noch einen Kalvarienberg haben sollen und so ein zweiter am selben Tag bestimmt viel besser flasht.

Die elf Kilometer sausen vorbei wie nix. „Ha“, meint Ralf, „da schaff ma’s fast no in die Isarwelle zu die Rentnerinnen.“

„Was du dauernd mit dene Rentnerinnen hast“, sag ich, ohne Schwimmhose oder Handtuch dabei, „dass du gar so auf die stehst.“

„Turnbeutelvergesser. — Naa, mei Frau war bloß früher da drobm im Internat“, rückt er raus und deutet links oben auf Schloss Hohenburg.

„Ursulinnerinnen ham’s“, entnehme ich den Informationstafeln der zuständigen Tourismusbehörde, die 1950 bestimmt mordsmäßig was hergemacht haben.

„Und Tatsach an Kalvarienberg“, entdeckt Ralf. Die zwei Leberkässemmeln vom Metzger sind meine Runde. Beim Mampfen auf der Bank vorm Kirchhof in dem, was Lenggries statt eines Zentrums hat, setzen sich zwei schnurrbärtige Burschen in der Gestalt bayerischer Eichen in Maurerhosen neben uns, auch mit Brotzeit halten. „Habt’s ihr in Lenggries no a ältere Kirch als wie die da?“ fragt Ralf, weil sie einheimisch aussehen.

„Freili“, sagt der eine, „da hinter, oan, zwoa Kilometer en Radlweg lang, dann sehgt’s es scho.“

„Is des dann de mitn Kalvarienberg?“

„Freili.“

„Globt sei Jesus Christus.“

„Ewichkeit amen.“

„V’gelt’s Gott.“

„Segn’s Gott.“

„Hast du die kennt?“ frage ich Ralf später auf den ein, zwei Kilometern Radlweg, kurz bevor man den Kalvarienberg sieht.

„Wieso? Warst du koa Ministrant net?“

„I? Schmarrn.“

„Weichei.“

Und einmal mehr zeigt sich, dass man im Leben immer mehr bereut, was man unterlassen, und nicht, was man getan hat.

Der Lenggrieser Kalvarienberg ist von 1694, somit der älteste im Isartal und alt genug, um dem von Bad Tölz als Vorbild zu dienen.

„Was brauchn’s dann in Tölz glei scho den nächsten?“ frage ich.

„Stadtkind. Hast du a Ahnung, wia do der Tölzer Burgermoaster seine Mannen auf Florenz obegscheucht ham wird: Und kemmts ma fei bloß nimma hoam ohne a paar heiliche Knochen, sunst mach i eich Gebeine.“

„Drum kamma den Petrus heit glei hundertmal aus seine eignen Reliquien zamsetzen. Weil jeds Kaff an no heilichern Friedhof braucht als wie die Nachbarn.“

„Und wenn ma’s in zwoa Stund derhatschen kann.“

„Hu, was kommt’n dann noch alles aufm Weg bis Venedig?“

„Wohin?“

München–Venedig, Marienplatz–Markusplatz. Der Traumpfad. Du bist grad auf der drittn Tagestour. Scho glei gschafft.“

„Globt sei Jesus Christus.“

„Ewichkeit amen.“

„Na siehgst, kannst es ja.“

Außer älter sieht der Lenggrieser ungleich düsterer aus als der Tölzer Nachbarkalvarienberg.

Die Parole der Oberländer lautete: „Lieber bayerisch sterben als kaiserlich verderben“. Vor 300 Jahren zogen sie nach München, um sich gegen das Joch der Österreicher aufzulehnen. Der Volksaufstand wurde in der legendären Christnacht im Jahr 1705 blutig niedergeschlagen (der damalige Lenggrieser Pfarrvikar Elias Khaiser notierte 30 tote „Jünglinge“ im Sterbebuch). Vier junge Lenggrieser kamen schwer verwundet zurück und stifteten aus Dankbarkeit eine Votivtafel für die Kalvarienbergkirche in Hohenburg. In der Inschrift heißt es:

Sendlinger Mordweihnacht 1705, Kalvarienberg Lenggries, Kapelle zum schmerzhaften Jesu am Kreuze, 11. Februar 2014

Mit dieser Tafel haben sich vier unverheirathete Männer, zu dem schmerzhaften Jesu am Kreuze hieher verlobt, nehmlich Johann Schöfman, von dem untern Muerbach, Franz Propst vom Graben, Johann Hochenwiser und Georg Letner, aus der Pfarre von Lengrieß, wegen der großen Gefahr in welcher sie bey der Revolution vor München schwebten, weil sie glaubten daß es unmöglich wäre mit dem Leben mehr davon zu kommen. Aber durch Hülfe und Beystand des schmerzhaften Jesu am Kreuze, kamen sie glücklich wieder zurück. Gott dem Höchsten sey Dank gesagt, Amen.

„Und?“ fragt Ralf, „immer no auf dem Trip, dass ma mehr bereut, was ma lasst, ois was ma macht?“

„Net zwingend.“

Dass uns das erst am Bahnhof auffällt: „Ham jetz mir tatsächlich ohne Schmarrn zwoa Kalvarienberg am selbm Tag packt?“

„Hat net amal der Jesus gschafft.“

Noch ein halbes Jahr bis Weihnachten.

Buidl: Kalvarienberg Lenggries, Kapelle zum schmerzhaften Jesu am Kreuze,
mit besonderem Dank & Preis an Ralf und seine Lexus NX 200, 11. Februar 2014.

Written by Wolf

24. Juni 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

Frohnleichnamsfahnen wehen

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Als das Traurigste auf der Welt, was passieren kann, und was deshalb vom Schriftsteller oft und eindringlich beschrieben werden soll, hat Edgar Allan Poe das Sterben eines sehr jungen, sehr schönen Mädchens eingestuft. So muss man bei Poe tatsächlich eine Geschichte suchen, in der einmal kein junges schönes Mädchen stirbt oder wenigstens als tot vorausgesetzt wird, und weil Poe, der nachweisliche Fan von Tieck und Hoffmann, viel bei der deutschen Literatur gelernt hat, lohnt sich die Frage, was den womöglich noch trauriger wäre als ein verstorbenes junges schönes Mädchen. Die Gothic Novel samt ihren Derivaten, die sich bald aus der Literatur befreiten — siehe unter anderem: Gothic Rock, künstliche Ruinen, Vampirfilm (alphabetisch) — beruft sich ihrerseits an allen Ecken und Enden auf Poe; suchen wir also zeitlich davor.

Daryl Darko Barnett, Maenad, Cemetery Girl, Santa Cruz 9. Mai 2008Trauriger als Mädchensterben? — Klar: selber sterben.

Bei Arno Schmidt stoßen wir auf Samuel Christian Pape (1774–1817) und den gleichnamigen Essay mit dem Untertitel: Vergessene Dichtung aus Moor und Heide. Der letzte des Hainbundes; niedergeschrieben November 1955, überarbeitet 1959, Erstausgabe in: Die Ritter vom Geist, Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1965 — und darin auf dessen wahrhaft sturztrauriges Gedicht in lockerer Dialogform, in dem das tote Mädchen den Todeswunsch des Sprechers bedingt.

Auf so ein Thema kann man kommen, für heutige Begriffe wäre es schon wieder abgegriffen. Für 1821 war es nichts Schlimmeres als zeittypisch — auf der schwarzen Seite der Romantik, mit der entstehenden Tradition der Schauerliteratur als Hintergrund, anerkannten Vorläufern alles Gruftigen wie den Nachtgedanken von Edward Young und dem als Fälschung aufgeflogenen Ossian als Lieblingsbücher — aber eben nicht in Bezug auf, sondern parallel zu Poe.

Schmidt zitiert Pape in seinem Radioessay wie immer absichtsvoll geändert, um den Hörgewohnheiten eines Radiopublikums um 1960 zu dienen, per Regieanweisung lässt er die Redeanteile abwechselnd „dunkel, schwermütig“ (Strophen 1, 3, 5, 7, 8, und 9) und „hell und gleichgültig“ (Strophen 2, 4 und 6) lesen.

Im folgenden zitiere ich nicht nach Schmidt, sondern zeichengenau nach der frühesten erreichbaren Fassung von 1827. Schmidts sparsame — genau zwei verschiedene — Regieanweisungen funktionieren auch so. Das Strophenmuster erinnert an englische Limericks, behält also ein angenehmes Minimum an Selbstironie bei. Was man darin als inkonsequent bemängeln mag, kann man geradeso gut und gern als das Zeug zum Volkslied betrachten. Wie gothic avant la lettre geht’s denn noch?

——— Samuel Christian Pape:

Des Gefangenen Ahndung

1821, in: Braga: Vollständige Sammlung klassischer und volksthümlicher deutscher Gedichte
aus dem 18. und 19. Jahrhundert,
herausgegeben von Anton Dietrich. Mit einer Einleitung von Ludwig Tieck.
Zweites Bändchen. Dresden, in der Wagner’schen Buchhandlung 1827:

Daryl Darko Barnett, Wolfie, Cemetery Girl, 11. Juli 2010Auf Sanct Marien Kirchhof,
Da blick‘ ich still hinab;
Drey Männer stehn so traurig —
O Thürmer, wie so schaurig !
Ist wahrlich dort ein Grab !

„ich seh‘ drey Junggesellen
Mit Spaden in der Hand,
Sie pflanzen dort in Reihen
Am Kirchhof junge Maien
Wohl zur Kapellenwand.“

Auf Sanct Marien Kirchhof,
Da hör‘ ich Grabgesang;
Das hallt so dumpf und traurig —
O Thürmer, wie so schaurig !
Ist wahrlich Todtenklang !

„Ich hör‘ von ferne läuten
Durch Regen und durch Sturm;
Ich hör‘ die Jungfraun singen,
Die Feierglocken klingen
Wohl vom Kapellenthurm.“

Daryl Darko Barnett, Wintre, Cemetery Girl, 17. Oktober 2009Auf Sanct Marien Kirchhof,
Da weht ein schwarzes Tuch;
Die Menge wallt so traurig —
O Thürmer, wie so schaurig !
Ist wahrlich Leichenzug !

„Ich seh‘ den Pfaffen wallen,
Den Kirchensteig hervor;
Ich seh‘ die Menge gehen,
Frohnleichnamsfahnen wehen
Wohl am Kapellenthor !“

O nein, o nein ! sie senken
Den schwarzen Sarg hinab;
Die Sterbeglocken hallen,
Die Grabgesänge schallen —
Ist meines Liebchens Grab !

Wohl über wenig Tage,
Ein Tag ist bald vorbey,
Dann klagt nicht mehr der Ritter
am dunkeln Sclavengitter,
Dann bin ich los und frey !

Auf Sanct Marien Kirchhof,
Dan sehn‘ ich mich hinab;
Bald siehst du, Thürmer, traurig,
Von deiner Warte schaurig
Auch auf des Ritters Grab !

Peter Mioch, St. Marien, Oythen, Niedersachsen, 11. April 2011

Bilder: Daryl Darko Barnett: Cemetery Girls
Maenad, 9. Mai 2008;
Wintre, 17. Oktober 2009;
Wolfie, 11. Juli 2010;
Peter Mioch: Pfarrkirche St. Marien in Oythe, eine der letzten Findlingskirchen in Niedersachsen, 11. April 2011.

Written by Wolf

19. Juni 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Anarchistisches Glaubensbekenntnis

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Das Plakat mit dem Text von 1910 hängt zur Stunde noch einige Meter neben dem Kafe Marat, das keinesfalls zu verwechseln ist mit dem Tröpferlbad im gleichen Gebäude; von den zweien will wahrscheinlich bloß keiner „in die rechte Tür“ sagen müssen. Seine Inhalte mache ich mir vorsichtshalber nicht zu eigen, solange ich es nur korrekturgelesen, aber nicht verstanden hab. Schon gar nicht öffentlich.

Bei den Schweizer Genossen, die das im März 2013 aus dem Italienischen übersetzt haben sollen, fehlt zweimal eine sinnverändernde Wortgruppe, falls es sie interessiert — aber es kommt drauf an, ob von dem Text auf dem Plakat oder dem Text online als maßgeblich ausgegangen wird. Ich sag’s bloß. Venceremos.

Plakat Kafe Marat, La Rivolta, Aufruhr, Ich, 1910, März 2013

——— La Rivolta, anarchistische Zeitung:

Ich

Pistoia, Italien, 12. Februar 1910,
übersetzt von Aufruhr, Nummer 5, März 2013:

Ich habe einen Verstand, einen Charakter, der mich von meinen Mitmenschen unterscheidet, und ich habe eine Würde, die sich weder verkaufen noch beugen will. Ich habe eine Menge zu verstreuende Energien, zu entwickelnde Gedanken und zu begehende Handlungen. Ich suche nach der Erfüllung von mir selbst, nach der vollständigen Entfaltung meiner Individualität, und in dieser Entfaltung fühle ich mich glücklich. Ich suche nach dem Wohl der anderen oder verachte es, je nachdem, ob ich in ihrem Wohlstand mein Glück oder mein Unglück finde.

Ich will. Ich will materiell frei sein, um sagen und tun zu können, wonach mir ist, ohne dass mir irgendeine Autorität irgendetwas aufzwingt. Ich nehme Kritik oder Ratschläge von anderen an, nachdem ich über sie nachgedacht, sie für gut befunden und verstanden habe; den brutalen Befehl aber verachte ich und weise ich zurück.

Ich spüre in mir selbst die moralische Unmöglichkeit, zu gehorchen. Da ich ein Gehirn habe, das denkt, will ich tun, was ich für richtig halte, und nicht, was meinen Unterdrückern zugutekommt. Ich habe es nicht nötig, dass mich irgendjemand führt und mich beschützt: Man sagt mir, das Individuum könne sich nicht selbst führen, doch wenn ich meine Handlungen nicht regeln kann, dann können noch viel weniger die Regierenden die Handlungen von anderen führen.

Da ich also in der heutigen Gesellschaft nicht frei bin, kämpfe ich mit allen meinen Kräften, um alle Schranken zu zerstören. Ich kämpfe nicht weil ich auf einen weit entfernten Wohlstand hoffe, nicht nur, weil ich Glauben an die Zukunft habe. Ich lebe in der Gegenwart. Selbst wenn ich wüsste, dass ich niemals frei sein werde, würde ich genauso revoltieren, denn ich spüre den Drang gegen jegliche Tyrannei zu revoltieren.

Ich habe keinen Glauben, ich habe keine Dogmen, ich habe keine Sorgen einer Partei oder einer Schule. Ich glaube weder an Gott, noch an das himmlische Paradies oder an das irdische, das die Gesellschaftler vor den Augen anderer wie im Traum aufblitzen lassen.

Ich suche nicht danach, mich mit meinen Mitmenschen für den Ruhm zu vereinigen, einem Verband anzugehören, und unter einem Banner Unterschlupf zu finden. Ich schließe mich zusammen für ein bestimmtes Ziel, und wenn dieses erreicht ist, ergreife ich wieder meine Freiheit.

Ich hasse die konstituierten Formen, weil sie im Widerspruch zum Fortschritt stehen, der beständig alles verändert.

Ich will nicht wissen, es kümmert mich nicht, was die künftige Gesellschaft sein wird. Ich glaube nicht an jene, die im Namen des Volkes, der Menschheit und anderer ungreifbaren und formlosen, kollektiven Körperschaften sprechen, denn man kann das Zusammengesetzte nicht kennen, ohne die einfachen Einzelnen – jeden für jeden – zu kennen – was unmöglich ist. Darum glaube ich nicht an die Abgeordneten, an die Widerstandskomitees, an die Kongresse und alle Parlamentarismen. Nur ich alleine kann mich selbst repräsentieren.

Ich will keine Bestrafungen, ich will keine Gesetzbücher, Formalismen, Stempel und dergleichen. Die moralischen Gefühle drängen sich nicht auf, wenn sie nicht existieren, und wenn sie existieren, ist es nicht nötig sie aufzudrängen. Ich rebelliere gegen die Mode, ich glaube nicht an die Phrasen, an das Recht, an die Moral, an die Justiz. Im übrigen formt sie sich ein jeder für den eigenen Gebrauch und Verzehr.

Ich glaube nur an die Stärke und den Kampf, der das Individuum vorantreibt, nicht, um die Schwachen zu zertrampeln und die Starken zu vergöttern, sondern um sich selbst immer mehr zu erhöhen und zu verbessern. Ich glaube an das Leben, an die Energie. Heute kämpfe ich mit Gewalt, weil ich gegen mich die Gewalt habe; morgen kämpfe ich mit dem Denken, weil ich gegen mich das Denken habe.

Mein Ziel ist es mich zu vervollkommnen; mein Mittel ist der Kampf, mein Verlangen ist die Freiheit.

Mich beschimpfen die Frommen und nennen mich hochmütig, unmoralisch, etc. Ich lache über sie: Für meine Handlungen bin ich nur vor meinem Bewusstsein verantwortlich. Ich bin Atheist, ich bin Rebell, ich bin Anarchist, ich bin frei. Ich bin „Ich“.

Plakat: Kafe Marat München, Thalkirchnerstraße 102,
nach Fernweh. Anarchistische Straßenzeitung, März 2013.

Written by Wolf

13. Juni 2014 at 00:01

Durchgezittert, durchempfunden

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Update zu Der Drang zum Sturm:

Lenz hat schon vor seinem Ableben vor 222 Jahren nicht mehr so richtig eingeschlagen, die Jubiläumsfeierlichkeiten zu Shakespeare sind abgeebbt — wahrscheinlich weil er uns ohnehin seit über vier Jahrhunderten „die Stücke schreibt“ (Heiner Müller). Wie sehr muss da erst ein Rollengedicht von Lenz über und sogar mit Shakespeare einschlagen.

Gar nicht, aber egal. Die hamleteske Illustration ist eine Show für sich, und das Gedicht seit Lenzens erster Gesamtausgabe von Ludwig Tieck (jawohl: dem Tieck) 1828 erst wieder 1987 von Sigrid Damm erschlossen.

Der erwähnte David Garrick war zu seiner Zeit eine Art Laurence Olivier, Orson Welles und Kenneth Branagh auf einmal: Wer Shakespeare nicht mit dem gesehen hatte, hat ihn überhaupt nicht gesehen. Die offizielle Begeisterung für ihn geht auf eine Schilderung von Georg Christoph Lichtenberg vom Juni 1776 zurück (die wir vielleicht an dieser Stelle noch drannehmen), von der Lenz unmittelbar angeregt sein könnte — aber im Sturm und Drang war sowieso jeder bildende und darstellende Künstler von Garrick pflichtgemäß begeistert, und von Shakespeare erst recht.

Unklar bleibt die Interpretation, über die sich selbst Sigrid Damm ausschweigt: Ist das eine aufrichtig gemeinte Huldigung oder eine wohlwollende Parodie? — Es folgt eine in originaler Schreibung belassene, typographisch lesbar gemachte Fassung nach Tieck.

——— Jakob Michael Reinhold Lenz:

Shakespeares Geist
ein Monologe
,

um 1776, Erstdruck in Ludwig Tieck (Hg.): Gesammelte Schriften von J. M. R. Lenz, G. Reimer, Berlin 1828,
danach in Karl Weinhold: Gedichte von J. M. R. Lenz. Mit Benutzung des Nachlasses Wendelins von Maltzahn, Berlin 1891,
Handschrift verschollen:

Der Schauplatz das Theater zu London. Die Coulissen mit einer Reyhe Bogen bemahlt, aus der eine unzähliche Menge Köpfe hervorguckt. Im Grunde die spielenden Personen der Gespensterscene in Hamlet. Garrick spielt. Shakespear tritt herein.

Wie? welche Menge? welche Stille?
Als wärens Geister. Welche Grille
Bezaubert diese tausend Köpfe?
                              Ich?
Mein Hamlet? Mein Stück!
Welch ein unerwartetes Glück!
Hamlet vor mir!
               Gott! – Schafft dein Schicksal
Menschen nach? Realisirt
Was ich in unvergeßlichen Stunden
Durchgezittert, durchempfunden
In meiner Seele aufgeführt?
O welch Herablassen! deinem Affen
Würdigst du Vater! nachzuerschaffen. –

Meine Shakespears! Ihr schenkt mich mir wiederum,
Liebes, liebes Publikum.
Guckt nur! bis ihr seht was ich sah
Als die Offenbarung mir geschah.
Bis Euer Puls so fliegt, euer Leeben erhitzt
So das Augenlied schwingt, bis euer Auge blitzt
Voll unaussprechlicher Verlangen
Die sich Luft machen auf den Wangen.
O ihr alle Shakespears an diesem Abend, alle
Meine Kinder! meine Wiederhalle!
Bleibt nur den Abend so – darnach laß ich euch loß,
Darnach werdt ihr wieder gewaltig und groß,
Seht hinaus über mich, könnt wieder mich schreyen
Könnt mir ins Angesicht speyen
Critik, Galle, Zorn,
Könnt, mich zu höhnen
Mich krönen
Mit Dorn,
Könnt ihr armen Ehrgeitzigen
Meinethalben mich kreutzigen:
Hatte mein Gott, dessen Erdenkloß
Ich nur bin doch kein beßer Looß,
Hat euch doch ewig seelig gemacht
Da ich euch nur um zwey Stunden gebracht.

Bleibt die zwey Stunden nur so – liebe Ichs
Liebe Shakespears! – Gott! wie beseeligt mich’s
Dis Dein Gefühl, Urquell aller Gaben!
Menschen mich mitgetheilt zu haben.

Diese zwey Stunden nur – genug! –
Nun zu Gott zurück mein Flug!

               Verschwindt.

Hamlet, E Morizat, 1947

Hamlet vor mir: E Morizat, 1947.

Where Have All the Flowers Gone?: Pete Seeger, 1955, deutsch von Max Colpet 1965.

Written by Wolf

6. Juni 2014 at 00:01

Wer weis, wie lang ich hier noch bin

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Update zu Mille tre und What shalbe, shalbe:

Christopher Clarke, 3. Oktober 2010

——— Johann Christian Günther: Studentenlied, 1712:

Das Haupt bekränzt, das Glas gefüllt!
So leb ich, weil es Lebens gilt,
Und pflege mich bei Ros- und Myrthen.
Fort, Amor, wirf den Bogen hin
Und komm, mich eiligst zu bewirthen!
Wer weis, wie lang ich hier noch bin?

Komm, bring ein niedliches Coffee,
Komm, geuß der Sorgen Panacee,
Den güldnen Nectar in Chrysthallen!
Seht, wie die kleinen Perlen stehn!
Mir kan kein beßrer Schmuck gefallen,
Als die aus dieser Muschel gehn.

Mein Alter ist der Zeiten Raub,
In kurzem bin ich Asch und Staub;
Was wird mich wohl hernach ergözen?
Es ist, als flöhen wir davon.
Ein Weiser muß das Leben schäzen,
Drum folg ich dir, Anacreon.

Werft Blumen, bringt Cachou und Wein
Und schenckt das Glas gestrichen ein
Und führt mich halb berauscht zu Bette!
Wer weis, wer morgen lebt und trinckt?
Was fehlt mir mehr? Wo bleibt Brunette?
Geht, holt sie, weil der Tag schon sinckt!

Christopher Clarke, 3. Oktober 2010

Niedliches Coffee: Christopher Clarke, 3. Oktober 2010.

Kaffeekantate BWV 211: Ei! wie schmeckt der Coffee süße, Liesgens Sopran-Arie mit Traversflöte und Continuo, ca. 1734, M: Johann Sebastian Bach; T: Christian Friedrich „Picander“ Henrici; Janet Perry (mit Peter Schreier und Robert Holl), Contentus Musicus Wien unter Nikolaus Harnoncourt, auf DVD 2009.

Written by Wolf

1. Juni 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Nahrung & Völlerei