Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen gleichen

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Baronin Anne Louise Germaine „Madame de Staël“ de Staël-Holstein:
Über Deutschland. Erster Theil. I. Abtheilung.
Fünftes Capitel: Das südliche Deutschland. Übs. Friedrich Buchholz et al., 1815:

Karte Untersendling Theresienwiese 1812Kein Land bedarf so sehr der literarischen Beschäftigung als Deutschland; da die Geselligkeit in diesem Lande wenig Reiz darbietet, da es den Bewohnern größtentheils an der Grazie, an der Lebhaftigkeit fehlt, womit die Natur das wärmere Clima begabt, so folgt daraus, daß der Deutsche nur dann liebenswürdig ist, wenn er ein höherer Mensch ist, und daß er Genie haben muß, um geistreich zu seyn.

Franken, Schwaben, und, vor der Errichtung der berühmten Akademie zu München, auch Baiern, galten für schwerfällige einförmige Länder, wo es keine Künste gab, die Musik ausgenommen; wenig Literatur; eine rauhe Betonung, der die Aussprache der lateinischen Töchtersprachen ungemein schwer wurde; keine Gesellschaft; große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen glichen; eine kriechende Höflichkeit gegen eine ungeglättete Aristokratie; Herzensgüte, Biedersinn in allen Classen, aber eine lächelnde Steifheit, die mit aller Zwanglosigkeit alle Würde verscheucht. Es dürfen uns also nicht die Urtheile, nicht die Spöttereien Wunder nehmen, die man sich über die deutsche Langeweile erlaubt hat. In einem Lande, wo die Gesellschaft so gar nichts, und die Natur so wenig ist, können nur die Sitze der Literatur, die gelehrten Städte, anziehend seyn. […]

Das südliche Deutschland, in jeder Hinsicht gemäßigt, schleicht im eintönigen Wohlseyn dahin, und verbleibt in diesem Zustande, dem nachtheiligsten für die Thätigkeit im Handeln wie im Denken. Der lebhafteste Wunsch der Bewohner dieser ruhigen fruchtbaren Länderstrecke besteht darin, so fortzuleben, wie sie leben; und wozu führt dieser Wunsch, wenn er der einzige ist? Er reicht nicht einmal hin, dasjenige zu behalten, womit man sich begnügt.

Festnahme eines betrunkenen Randalierers auf dem Oktoberfest, 23. September 2010Diese Einschätzung stammt von 1813. Das Münchner, mithin eindeutig süddeutsche Oktoberfest nahm seinen Ursprung 1810 — durch die Hochzeit des Kronprinzen Ludwig, nachmals König Ludwig I., mit Prinzessin Therese Charlotte Luise Friederike Amalie von Sachsen-Hildburghausen — und war der Madame de Staël offensichtlich noch nicht so präsent wie heutigen Zugereisten, dass sie seine nachteiligen Auswirkungen auf alle Tätigkeiten im Handeln wie im Denken ermessen konnte.

Ganz erschrocken bin ich übrigens, dass es die Madame de Staël überhaupt im aktuellen Buchhandel gibt: Über Deutschland wird immer noch ganz regulär bei Insel vorgehalten, wo sie für sowas geradeweg zuständig sind — in der Übersetzung von E.T.A. Hoffmanns Herzensbruder Julius Eduard (H)Itzig und Kollegen. Wartet nur: Wenn wir Insel mal nicht mehr haben, wird es nicht mehr hinreichen, dasjenige zu behalten, womit wir uns begnügen.

Bilder: Oktoberfest 1812; Oktoberfest 23. September 2010, gemeinfrei.

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Written by Wolf

23. September 2012 um 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

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