Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Und aber nach fünfhundert Jahren (Das eine wächst, wenn das andre dorrt)

leave a comment »

Update zu Das kannst du, Knabe, nicht fassen
und Des Frühlings beklommnes Herz:

Frederic Leighton, Light of the Harem, ca. 1880Unter den Rückert-Gedichten ist das noch ein bekannnteres. Um die Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert erschien es gern in Anthologien; die zugehörige, vielleicht auch gerade gegenläufige Stimmung dazu hieß Fin de Siècle. Arno Schmidt — wer sonst — zitiert es 1979 noch einmal ganz selbstverständlich in Julia, oder die Gemälde, die erste ergiebige Beobachtung danach stammt erst wieder vom 6. Februar 2013: Da rückt Dieter Wallentin vom keinVerlag in Zeit und Raum. 2500 Jahre in Friedrich Rückerts „Chidher“ den mythologischen al-Chidr in die Nähe von Peter Ustinov und hat gar nicht so schlechte Gründe dafür.

Das Gedicht ist von 1837. Bei dem grundgelehrten Rückert (übrigens studiert an meiner eigenen Alma mater zu Erlangen-Nürnberg) ist anzunehmen, dass er den Divan von Goethe — ab 1819 — kannte, der al-Chidrs Namensform Chiser verwendet. — Was tut Rückert damit? Er entfernt aus der immer mehr oder weniger verhohlen antisemitischen Figur des Ahasver den Fremdenhass und etabliert die aus „al-Khidr, The Green Man“ gestaltete Figur des Chidher Grün — eine jüdisch anmutende Namensbildung für eine islamisch verwurzelte Art von Schutzheiligem. Das ist eine humanistisch zeitlose Leistung, spätestens seit Freitag, dem 13. November 2015 ist es sogar tagesaktuell.

Ist es zulässig, gegenüber einem verbreiteten Eichendorff-epigonalen Gesäusel, das sich bis heute als „romantisch“ durchgesetzt hat, diesen durchsichtigen, höchst eingängigen Tonfall schnauzig cool zu finden?

——— Friedrich Rückert:

Chidher

aus: Sieben Bücher Morgenländischer Sagen und Geschichten. Band 1,
Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1837:

Chidher, der ewig junge, sprach:
     Ich fuhr an einer Stadt vorbei,
     Ein Mann im Garten Früchte brach;
     Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei?
     Er sprach, und pflückte die Früchte fort:
     Die Stadt steht ewig an diesem Ort,
     Und wird so stehen ewig fort.
            Und aber nach fünfhundert Jahren
            Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Frederic Leighton, Light of the Harem, ca. 1880Da fand ich keine Spur der Stadt;
     Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,
     Die Herde weidete Laub und Blatt;
     Ich fragte: wie lang ist die Stadt vorbei?
     Er sprach, und blies auf dem Rohre fort:
     Das eine wächst, wenn das andre dorrt;
     Das ist mein ewiger Weideort.
            Und aber nach fünfhundert Jahren
            Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,
     Ein Schiffer warf die Netze frei,
     Und als er ruhte vom schweren Zug,
     Fragt ich, seit wann das Meer hier sei?
     Er sprach, und lachte meinem Wort:
     Solang als schäumen die Wellen dort,
     Fischt man und fischt man in diesem Port.
            Und aber nach fünfhundert Jahren
            Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich einen waldigen Raum,
     Und einen Mann in der Siedelei,
     Er fällte mit der Axt den Baum;
     Ich fragte, wie alt der Wald hier sei?
     Er sprach: der Wald ist ein ewiger Hort;
     Schon ewig wohn ich an diesem Ort,
     Und ewig wachsen die Bäum hier fort.
            Und aber nach fünfhundert Jahren
            Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich eine Stadt, und laut
     Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.
     Ich fragte: seit wann ist die Stadt erbaut?
     Wohin ist Wald und Meer und Schalmei?
     Sie schrien, und hörten nicht mein Wort:
     So ging es ewig an diesem Ort,
     Und wird so gehen ewig fort.
            Und aber nach fünfhundert Jahren
            Will ich desselbigen Weges fahren.

Frederic Leighton, Light of the Harem, ca. 1880

Bilder: Frederic Leighton: Light of the Harem, dreiteiliges Detail in Details nach Détails, 2014.

Advertisements

Written by Wolf

1. Januar 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: