Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Deine so oft entweihte Frühlingsfeier

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Was haben wir gelacht. Glück hat eine Schulklasse, deren Deutschlehrer den Werther durchnimmt: In dem Alter, in dem die Lehrpläne sich endlich an Goethe herantrauen, ist im Privatleben des Durchschnittsschülers nichts so virulent wie Liebeskummer. Dazu ist gerade der Werther ein zeitloser Schmachtfetzen, den auch Leute verstehen und lieb haben können, die sonst gar keine Literatur verstehen und schon gar nicht lieb haben. Pubertierende Schüler zum Beispiel.

The Sorrows of Youg Werther, Modern Library ClassicsAllerdings war der Werther von seinem historischen Anfang — der Leipziger Michaelismesse 1774 — an eine Steilvorlage für Persiflagen (ich werde sicher noch berichten). Gerade das echte große Gefühl äußert sich gern in einem Pathos, das dem Spott des nicht Betroffenen Tür und Tor öffnet; das war nie anders und ist deshalb Teil der Zeitlosigkeit.

Besonders der schwerverliebte Werther, der sich seinen Roman lang zu keinen größeren Aktivitäten aufrafft als dem getreulichen Beachten gesellschaftlicher Konventionen bei gleichzeitiger Rebellion gegen dieselben in schwülstigen Briefen an seinen fernen Kumpel Wilhelm, sieht im Selbstmord die immer noch erträglichere Lösung: Er überlebt seinen Roman nicht; bezeichnenderweise hat er als einzige Figur nicht einmal einen Vornamen.

Man mag das der Figur oder dem ganzen Buch vorwerfen. Überlebt hat das Buch, und das bei strotzender Vitalität, am Ende ist sogar genau das sein Vorzug: Der Plot ist dürr, der Endzustand tritt praktisch schon bei abgeschlossener Exposition ein und wird nur noch so lang und breit wie theoretisch begründet. Die äußere Handlung besteht aus ein paar Genrebildern, die zuverlässig in weinerliche Ausbrüche münden, die Philosphie dahinter ist für Werther regelmäßig eine Ausrede dafür, nur ja nichts zu unternehmen — ob er sich darüber klar ist oder nicht.

Als der Werther zum ersten Mal ein europaweiter Bestseller wurde, war das noch Anlass zur Nachahmung. Nur einigen Zynikern war es Anlass zu weiterem Zynismus; Goethe hat solche Nixblicker sein langes verbleibendes Leben lang verachtet. Auch das ist bis heute so geblieben. Selbst wenn man aber Goethe so ernst nimmt, wie er den Werther tatsächlich gemeint hat, ist es womöglich gar nicht schlechteste Umgang mit dem eigenen Liebeskummer, sich über ihn lustig zu machen.

Man konnte den Werther immer lesen wie man wollte — auch wenn er zeitweise verboten war, weil er junge Menschen höchst konkret in den physischen Selbstmord trieb, kann er Lebenshilfe sein. Das muss ein — nicht sehr dickes — Buch erst mal fertig bekommen.

Die Stelle, die am offensichtlichsten zu Gelächter und Parodie reizt, ist die mit dem „Klopstock“. Und an derselben kann man nicht umhin zu respektieren, dass sie genau das bewirkt, worüber sich der allzu naheliegende Spott verbreitet — und damit Recht behält: Einer sagt „Klopstock“, und der gebildete Werther-Leser — und zwar der o.a. pubertierende Schüler einbezogen — sieht sofort das ganze Bild erstehen.

Worauf wollten wir hinaus? — Ach ja: Was haben wir gelacht.

——— Goethe: Die Leiden des jungen Werthers [nur echt mit dem Genitiv-s],
Brief vom 16. Juni 1771 (Schluss), zeichengenau nach dem Paralleldruck der Frankfurter Ausgabe:

Fassung 1774:

Wir traten an’s Fenster, es donnerte abseitwärts und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquikkendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihrem Ellenbogen gestüzt und ihr Blik durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge thränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte — Klopstock! Ich versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Loosung über mich ausgoß. Ich ertrugs nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollesten Thränen. Und sah nach ihrem Auge wieder — Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blikke gesehn, und möcht ich nun deinen so oft entweihten Nahmen nie wieder nennen hören!

Fassung 1787:

Wir traten an’s Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestützt; ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge thränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte — Klopstock! — Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode die ihr in Gedanken lag und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrug’s nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Thränen. Und sah nach ihrem Auge wieder — Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehen, und möchte ich nun deinen so oft entweihten Nahmen nie wieder nennen hören.

Ist es nicht herzzerreißend? Und falls nicht, ist es nicht schenkelklatschend? Der Durchtriebene ist: Wahrscheinlich ist es beides. Die nach Erscheinen sofort einsetzenden Parodien sind an leicht zugänglichen Stellen dokumentiert — die jüngste, die mir aufgefallen ist, stammt von Mirja Schmitt. Sie pubertiert nicht mehr, vielmehr studiert sie Germanistik — was manche für etwas recht Ähnliches halten.

Daher ist sie gebildet genug, außer dem Klopstockgewitter auch den küssenden Kanari aus dem Brief vom 12. September 1772 zu verwenden, was ihrer Bearbeitung die rechte Tiefe verleiht. Außerdem fügt sie dem Klopstock-Thema eine neue schlüpfrige, dabei so augenfällige Bedeutung ein. Mir fehlt das hymnisch hochrauschende „Und sah nach ihrem Auge wieder“, dafür ist ihr das schöne „abseitwärts“ aufgefallen, das man von mir aus gern viel selbstverständlicher benutzen dürfte.

So viel traue ich mich zu behaupten: Niemand parodiert etwas, das ihm wurscht ist. So lässt der Werther auch „das Schmitti“ nicht in Ruhe:

——— Mirja „Schmitti“ Schmitt: Klopstock, 4. Juli 2012:

Sie war einige Tage verreist, Alberten abzuholen. Aber heute trat er in ihre Stube und Lotte kam ihm entgegen. Voller Glückseligkeit bedeckte er ihre Hand, die ein wenig nach Lavendel roch, mit tausend Küssen. Doch dann traf er sich Aug‘ in Aug‘ mit einem gelben Ungetüm wieder. „Args“, schrie er, wie von tausend Dämonen gepeinigt. Etwas hatte ihn unsanft auf die Nas‘ gepickt. „Er mag sie, lieber Werther“, merkte Lotte an. „Ein neuer Freund“, führte sie aus, „meinen Kleinen zugedacht. Er tut gar zu lieb. Sehen Sie ihn! Wenn ich ihm Brot gebe, flattert er mit den Flügeln und pickt so artig. Er küsst mich auch, sehen Sie!“

Münchner Volkstheater, Die Leiden des jungen Werther ab 26. Januar 2013Werther sah mit pochendem Herzen auf das Geschöpf, das ihn mit Grimm in seinem kleinen Herzchen ansah. Aber wie wurde ihm, als sich der Kanarienvogel so lieblich an die Lippen dieses Engels presste. Als er Lotten so sah, kam es über ihn.

Werther beschloss zu handeln. Ihn zog es mit aller Macht. Er griff sich das kleine Geschöpf und warf es voller Elan in die Luft. Sollte es doch flattern. Er presste seine dürstenden Lippen auf die von Lotte. „Werther“, seufzte Lotte. „Lotte“, seufzte Werther. Er trank von ihren Lippen und sie von den seinen. Atemlos riss er an ihrem Korsett. Sie löste sich von ihm und setzte sich auf das Klavier, an dem beide schon so oft gesessen hatten. „Kommen Sie, ich warte doch schon so lange“, gurrte Lotte und löste ihr Haar, das lang wie ein Fluss aus Gold herunterfiel und ihre nackten Schultern bedeckte. Als Werther der Bitte nachkam, sah er voller Schrecken und Begierde, wie sie ihre Schenkel öffnete. Keine Unterwäsche? Lotte, was tat sie ihm an. Doch er wehrte sich nicht, als sie ihn von seinen Beinkleidern befreite und ihn an sich zog.

Auf einmal donnerte es abseitwärts und Werther fand sich erwachend in seiner einsamen Kammer wieder, während der herrliche Regen auf das halb geöffnete Dachfenster prasselte und das Land und ihn benetzte. Der herrliche Geruch des Regens drang durch die Luke. „Nur ein Traum“, seufzte er gepeinigt. Mit tränenvollem Auge legte er sich die Hand an das Gemächte, hielt es wie ein krankes Kind und sagte: „Klopstock.“

So, jetzt bin ich aber neugierig. Von welcher Ode reden wir eigentlich die ganze Zeit? Soweit ich mich erinnere, kam das in meinem eigenen Deutschunterricht nicht vor. — Als Beleg dienen wie für so viele vernachlässigte Details die Anmerkungen von Waltraud Wiethölter in der Frankfurter Goethe-Ausgabe. Es ist:

——— Friedrich Gottlieb Klopstock: Die Frühlingsfeier, 1759:

Nicht in den Ozean der Welten alle
Will ich mich stürzen! schweben nicht,
Wo die ersten Erschafnen, die Jubelchöre der Söhne des Lichts,
Anbeten, tief anbeten! und in Entzückung vergehn!

Nur um den Tropfen am Eimer,
Um die Erde nur, will ich schweben, und anbeten!
Halleluja! Halleluja! Der Tropfen am Eimer
Rann aus der Hand des Allmächtigen auch!

Da der Hand des Allmächtigen
Die grösseren Erden entquollen!
Die Ströme des Lichts rauschten, und Siebengestirne wurden,
Da entrannest du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!

Da ein Strom des Lichts rauscht‘, und unsre Sonne wurde!
Ein Wogensturz sich stürzte wie vom Felsen
Der Wolk‘ herab und den Orion gürtete,
Da entrannest du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!

Wer sind die tausendmal tausend, wer die Myriaden alle,
Welche den Tropfen bewohnen, und bewohnten? und wer bin ich?
Halleluja dem Schaffenden! mehr wie die Erden, die quollen!
Mehr, wie die Siebengestirne, die aus Strahlen zusammenströmten!

Werther und Lotte, KlopstockAber du Frühlingswürmchen,
Das grünlichgolden neben mir spielt,
Du lebst; und bist vielleicht
Ach nicht unsterblich!

Ich bin heraus gegangen anzubeten,
Und ich weine? Vergieb, vergieb
Auch diese Thräne dem Endlichen,
O du, der seyn wird!

Du wirst die Zweifel alle mir enthüllen,
O du, der mich durch das dunkle Thal
Des Todes führen wird! Ich lerne dann,
Ob eine Seele das goldene Würmchen hatte.

Bist du nur gebildeter Staub,
Sohn des Mays, so werde denn
Wieder verfliegender Staub,
Oder was sonst der Ewige will!

Ergeuss von neuem du, mein Auge,
Freudenthränen!
Du, meine Harfe,
Preise den Herrn!

Umwunden wieder, mit Palmen
Ist meine Harf‘ umwunden! ich singe dem Herrn!
Hier steh ich. Rund um mich
Ist Alles Allmacht! und Wunder Alles!

Mit tiefer Ehrfurcht schau ich die Schöpfung an,
Denn Du!
Namenloser, Du!
Schufest sie!

Lüfte, die um mich wehn, und sanfte Kühlung
Auf mein glühendes Angesicht hauchen,
Euch, wunderbare Lüfte,
Sandte der Herr! der Unendliche!

Aber jetzt werden sie still, kaum athmen sie.
Die Morgensonne wird schwül!
Wolken strömen herauf!
Sichtbar ist, der komt, der Ewige!

Nun schweben sie, rauschen sie, wirbeln die Winde
Wie beugt sich der Wald! wie hebt sich der Strom!
Sichtbar, wie du es Sterblichen seyn kanst,
Ja, das bist du, sichtbar, Unendlicher!

Der Wald neigt sich, der Strom fliehet, und ich
Falle nicht auf mein Angesicht?
Herr! Herr! Gott! barmherzig und gnädig!
Du Naher! erbarme dich meiner!

Zürnest du, Herr,
Weil Nacht dein Gewand ist?
Diese Nacht ist Segen der Erde
Vater, du zürnest nicht!

Sie komt, Erfrischung auszuschütten,
Über den stärkenden Halm!
Über die herzerfreuende Traube!
Vater, du zürnest nicht!

Alles ist still vor dir, du Naher!
Rings umher ist alles still!
Auch das Würmchen mit Golde bedeckt, merkt auf!
Ist es vielleicht nicht seelenlos? ist es unsterblich?

Ach, vermöcht‘ ich dich, Herr, wie ich dürste, zu preisen!
Immer herlicher offenbarest du dich!
Immer dunkler wird die Nacht um dich,
Und voller von Segen!

Seht ihr den Zeugen des Nahen den zückenden Strahl?
Hört ihr Jehova’s Donner?
Hört ihr ihn? hört ihr ihn,
Den erschütternden Donner des Herrn?

Herr! Herr! Gott!
Barmherzig, und gnädig!
Angebetet, gepriesen
Sey dein herlicher Name!

Und die Gewitterwinde? sie tragen den Donner!
Wie sie rauschen! wie sie mit lauter Woge den Wald durchströmen!
Und nun schweigen sie. Langsam wandelt
Die schwarze Wolke.

Seht ihr den neuen Zeugen des Nahen, den fliegenden Strahl?
Höret ihr hoch in der Wolke den Donner des Herrn?
Er ruft: Jehova! Jehova!
Und der geschmetterte Wald dampft!

Aber nicht unsre Hütte!
Unser Vater gebot
Seinem Verderber,
Vor unsrer Hütte vorüberzugehn!

Ach, schon rauscht, schon rauscht
Himmel, und Erde vom gnädigen Regen!
Nun ist, wie dürstete sie! die Erd‘ erquickt,
Und der Himmel der Segensfüll‘ entlastet!

Siehe, nun komt Jehova nicht mehr im Wetter,
In stillem, sanftem Säuseln
Komt Jehova,
Und unter ihm neigt sich der Bogen des Friedens!

Um Himmels willen. Kennt keiner mehr, versteht keiner mehr, parodiert nicht einmal einer mehr, wie sehr es darum bettelt. War aber gut, um dem Werther erst in den Freitod und dann in die Unsterblichkeit zu befördern. So hat alles einen tiefen Sinn, sogar Liebeskummer.

Wilhelm Amberg, Vorlesung aus Goethes Werther, 1870

Bilder: Cover The Sorrows of Young Werther by Modern Library Classics
via Lexicon Devil: Juvenescence, 5. Februar 2012;
Münchner Volkstheater ab 26. Januar 2013;
Giselchen strickt: Werthers Echte, 28. Januar 2013;
Wilhelm Amberg: Vorlesung aus Goethes Werther, 1870.

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Written by Wolf

22. Februar 2013 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang, ~~~Olymp~~~

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