Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wölfe haben scharfe Zähne

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Update zu Rotkäppchen und der Penishase:

See! sweet and sound she sleeps in granny’s bed, between the paws of the tender wolf.

Angela Carter: The Company of Wolves, Victor Gollancz Ltd, London 1979, Schluss.

Wahrscheinlich ist es gar kein Naturgesetz, dass Spielfilme über die Mythologie von Wölfen der hinterletzte Schrott sein müssen, es scheint nur ein ehernes Gestaltungsgesetz.

Poster The Company of Wolves, 1984Bezugsgrößen seien die bekanntesten: American Werewolf, 1981, Wolfen, ebenfalls 1981, Die Zeit der Wölfe, 1984, und der vielleicht hanebüchenste von allen: Pakt der Wölfe, 2001. Ihren größten Ehrgeiz setzen solche Filme darein, dass sich ein böser — oder unschuldig dem Bösen anheim gefallener — Mensch in wild durcheinander geschnittenen, detaillierten Close-ups in einen Werwolf verwandelt, indem sich seine Glieder schmerzhaft verkrümmen und zusehends behaaren, ihm Ohren und eine Schnauze voller Reißzähne wachsen, während insinuiert wird, dass ich mich davor jetzt bitteschön „gruseln“ solle.

Als entfernten Namensvettern der Wölfe hat mich das von jeher betrübt. Das Beste an dem ganzen Genre ist der Belgische Schäferhundmischling, der den echten Wolf gibt: immer der beste Darsteller und schön flauschig. In diesem Sinne, habe ich immer gehofft, sollte es gemeint sein, wenn mich die mir nahestehenden Mädchen in halb romantischer, halb neckischer Weise mit Werwölfen verglichen; die lykanthropische Leistungsschau der Maskenbildner war es ja wohl nicht im Ernst.

Auffallend oft verwendeten meiner ungestützten Erinnerung nach drei Mädchen in ihrer romantischen Post an mich eine (jedenfalls ohne internetbasierte Möglichkeiten zur Recherche) obskure Stelle, die offensichtlich etwas mit Rotkäppchen zu tun hatte, aber auch in der erweiterten Version der Brüder Grimm, mehrere Auflagen seit 1812, nicht vorkam. Zur Erinnerung: Nachdem der Jäger dem Wolf den Pelz abgezogen hat, kommt ein alternatives Ende:

Es wird auch erzählt, dass einmal, als Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf es angesprochen und vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und ging geradefort seines Wegs und sagte der Großmutter, dass es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: „Wenn’s nicht auf offener Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.“ […]

Wie zu erwarten, stammt das folgende Gedicht, das mir wiederholt gewidmet wurde, weder aus Grimm noch sonst einer besonders verbreiteten Version von Rotkäppchen, die man von Kind auf lernt, ohne sie aktiv aufzusuchen. Dazu noch gereimt in einer Qualität, die gerade mal so volljährige Mädchen wahrscheinlich nicht ohne weiteres aus dem Ärmel schütteln:

——— Die Zeit der Wölfe, 1984,
Drehbuch: Neil Jordan und die Autorin der literarischen Vorlage, Angela Carter:

Und die Moral von der Geschicht‘:
Mädchen, weich vom Wege nicht!
Bleib allein und halt nicht an,
Traue keinem fremden Mann!
Geh‘ nie bis zum bitt’ren Ende,
Gib Dich nicht in fremde Hände!

Deine Schönheit zieht sie an
Und ein Wolf ist jeder Mann!
Merk Dir eines: In der Nacht
Ist schon mancher Wolf erwacht!
Weine um sie keine Träne!
Wölfe haben scharfe Zähne!

Solche Widmungen schmeicheln einem gerade mal so volljährigen Jungen natürlich bis in fortgeschrittene Lebensjahrzehnte. Sobald er Zugang zum Internet hat, beginnt er sich dafür zu interessieren, wo seine Verflossenen unabhängig voneinander das Zeug hergenommen haben, und sobald er heraus hat, dass man eine DVD mit der Leertaste pausieren kann, erfährt er ganz am Ende des Nachspanns von Die Zeit der Wölfe, einem leider heillos überschätzten und mit Filmpreisen fehlausgezeichneten Sammelsurium beliebig zusammengeklebter Episoden, die irgendwie von Wölfen handeln, um sich als geschlossene Filmhandlung auszugeben:

Es sind die letzten Worte in Die Zeit der Wölfe in der deutschen Synchroniation der englischen Übersetzung des französischen Originals von Charles Perrault, welch letzteres die Vorlage für die Brüder Grimm bildete. Gesprochen werden sie aus dem Off von Angela „Mord ist ihr Hobby“ Lansbury, die darin so lange die Großmutter gespielt hat, bis sie stirbt, indem ihr Kopf malerisch in ein Rauchwölkchen aufgeht, aber sonst eine höchst verdiente Schauspielfachkraft ist. — Das Original aus dem Film wird im Nachspann nachgewiesen als:

Quotation from ‚Petit Chaperon Rouge‘
by Charles Perrault
translated from the original
by S. R. Littlewood (1912)

——— The Company of Wolves, 1984:

Little girls, this seems to say
Never stop upon your way,
Never trust a stranger friend,
No-one knows how it will end,
As you’re pretty, so be wise,
Wolves may lurk in every guise.
Now, as then, ‚tis simple truth:
Sweetest tongue has sharpest tooth.

In der deutschen Version gegenüber der englischen stimmen also weder Form noch Inhalt überein, die Off-Stimme muss sich nicht einmal in der Verszahl ans Timing des parallel ablaufenden Filmgeschehens halten. Was man als Original vermuten möchte, weil es als Übersetzung von Charles Perrault ausgewiesen erscheint, ist dieselbe Stelle in der französischen Synchronfassung:

——— La Compagnie des loups, 1984:

Petite fille jamais en chemin ne vous arrêté,
jamais ne faites confiance à l’étranger
car nul ne sait comment cela peut se terminer.
Plus vous êtes jolies, plus il vous faut être avisée,
car l’homme le plus séduisant peut être un loup déguisé.
Aujourd’hui comme demain, resté donc sur vos gardes.
Car les paroles les plus belles se cachent les dents cruelles.

Das ist wesentlich näher am englischen Original-Drehbuch, nicht aber an Perrault. In dessen Histoires ou contes du temps passé, avec des moralités. Les Contes de ma mère l’Oye — übrigens gerade schmale acht an der Zahl — heißt es nämlich anno 1697 als abschließende Moral seines Ur-Rotkäppchens, in vergleichbarer dramaturgischer Funktion wie in Die Zeit der Wölfe, hier in der Rechtschreibung von 1697:

——— Charles Perrault: Le Petit Chaperon rouge, 1697:

Moralité

On voit icy que de jeunes enfans,
Sur tout de jeunes filles,
Belles, bien faites et gentilles,
Font tres-mal d’écouter toute sorte de gens,
Et que ce n’est pas chose étrange
S’il en est tant que le loup mange.
Je dis le loup, car tous les loups
Ne sont pas de la mesme sorte :
Il en est d’une humeur accorte,
Sans bruit, sans fiel et sans couroux,
Qui, privez, complaisans et doux,
Suivent les jeunes demoiselles
Jusque dans les maisons, jusque dans les ruelles.
Mais, hélas ! qui ne sçait que ces loups doucereux
De tous les loups sont les plus dangereux !

Und schließlich diese Stelle in der Übersetzung von Ulrich Friedrich Müller, 1962 im zweisprachigen Paralleldruck Contes de Fées/Märchen bei dtv:

——— Charles Perrault: Rotkäppchen, 1697:

Moral

Hier sieht man, dass ein jedes Kind
und dass die kleinen Mädchen (die schon gar,
so hübsch und fein, so wunderbar!)
sehr übel tun, wenn sie vertrauensselig sind,
und dass es nicht erstaunlich ist,
wenn dann ein Wolf so viele frisst.
Ich sag ein Wolf, denn alle Wölfe haben
beileibe nicht die gleiche Art:
Da gibt es welche, die ganz zart,
ganz freundlich leise, ohne Böses je zu sagen,
gefällig, mild, mit artigem Betragen
die jungen Damen scharf ins Auge fassen
und ihnen folgen in die Häuser, durch die Gassen.
Doch ach, ein jeder weiß, gerade sie, die zärtlich werben,
gerade diese Wölfe locken ins Verderben.

Es war also ein langer Weg seit 1697, bis freundliche Mädchen mir gegen 1986 kokette Wolfsgedichte widmen konnten. Bildmaterial im Übermaß erspare ich deswegen taktvoll uns allen.

Charles Perrault, Le petit chaperon rouge, 1695

Bilder/images/images: The Company of Wolves, 1984;
Charles Perrault: Contes de ma Mère l’Oye, [eigenes] manuscrit de 1695 (pièce ou n° 3 / 6),
The Pierpont Morgan Library, New York, MA1505, via Utpictura. Die bildliche Vorstellung, wie der Wolf die Großmutter im Bett überfällt, war also schon zwei Jahre vor Ur-Rotkäppchens Veröffentlichung ausgeprägt.

Soundtrack: First Aid Kit: Wolf, aus: The Lion’s Roar, 2012:

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Written by Wolf

8. März 2019 um 00:01

Veröffentlicht in Barock

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