Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der Frühling liebt das Flötenspiel, doch auch auf der Posaune

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer:

William-Adolphe Bouguereau, Le Repos. Jeune Fille Couchee, 1880

Gerade wiedergelesen: Die Feuerzangenbowle von Heinrich Spoerl, in einem halben Tag und einer ganzen Nacht, mit kurzen Pausen für Stoffwechsel und Katerpflege. „Nicht wegen des Katers; das ist eine Sache für sich“, sondern die zwei vierbeinigen — cit. Spoerl, a.a.O., in der Bertelsmann-Ausgabe von 1962 mit Tusche- und Federillustrationen von einem gewissen, nicht näher nachweisbaren Gottfried Raap auf Seite 14, die ich beim Auszug bei meinen Eltern denselben gestrapst hab. Jetzt dünne ich Bücherregale aus und wollte sie unter Umständen drangeben. Die Umstände lauten aber: Kommt nicht in Frage.

Die bekannten Filmzitate stehen schon in der Buchvorlage, das kollektive Gedächtnis aller Generationen kann Erich Ponto als Schnauz und Paul Henckels als Bömmel bis heute auswendig mitsprechen. Ein neu entdeckter Liebling fügt sich genau in diese Reihe (bei mir auf Seite 132), der war mir glatt auch im Film entgangen:

„Schwäfelwasserstoff est ein onangenehmer Geselle. Er besetzt einen entenseven Geroch nach faulen Eiern und anderen onanständigen Sachen.“

Ist das nicht hinreißend putzig? Ist das nicht von einer kindlich frühlingshaften Harmlosigkeit? — Natürlich nicht, Schwefelwasserstoff ist ein Grundbaustein für die Entstehung des Lebens und der Film ist gar nicht so unschuldig, wie man ihn immer tun lässt. Dafür ist es eine gottgesegnete Erleichterung, dass man das alles nicht mehr persönlich mitmachen muss. — Das Buch ist tatsächlich von 1933; die bekannte Verfilmung mit Heinz Rühmann war schon die zweite, auch wieder mit Rühmann, und wurde 1944 zwischen den Kriegstrümmern von Babelsberg gedreht.

Eine besonders anrührende Sequenz geht im Buch nahezu unter und kommt in beiden nazizeitlichen Verfilmungen gar nicht erst vor:

——— Heinrich Spoerl:

Die Feuerzangenbowle

Ein Lausbüberei in der Kleinstadt. Der erste im Droste Verlag erschienene Roman,
als Vorabdruck in Der Mittag, Düsseldorf 1933:

So waren sie allmählich bei dem alten Schloß angelangt, das ihm Eva zeigen wollte. Dies war natürlich der äußere Vorwand des Ausfluges. Hans hätte das Schloß auch sehr gut allein gefunden, ja, er kannte es bereits in allen Winkeln und hatte dort kulturhistorische Studien angestellt. Aber er tat dumm und ließ sich von Eva führen. Treppauf, treppab, über die alten ausgewaschenen Stufen und leicht glitschigen Steinplatten, durch modrige Gänge und gruselige Gewölbe bis hinab ins Burgverlies, dann hinauf auf die dicken bröckelnden Mauern, schwindelnden Wehrgänge bis in den klobigen verfallenen Turm. Merkwürdig, heute kam ihm alles viel romantischer, viel geheimnisvoller vor. Eva erzählte in einem fort, was sie über das Schloß wußte. Hans hörte nicht zu, sondern berauschte sich an dem Klang ihrer klaren Stimme und sah sie unentwegt von der Seite an.

William-Adolphe Bouguereau, La Naissance de Vénus, 1879Als sie in den noch bewohnten Neubau des Schlosses kamen, hörte er von ihr eine besonders hübsche Geschichte, die nicht im amtlichen Burgenführer verzeichnet war: Eine Tages erschien bei der Fürstin ein Bauer und ließ bescheiden fragen, ob er seinem Enkelkinde die Urgroßmutter zeigen dürfe. Die Fürstin wußte auf diese Frage nichts zu entgegnen und bat um nähere Erklärungen. Da fragte der Bauer, ob es gestattet sei, das Schloß zu betreten und sich im Saal umzuschauen. Die Fürstin führte den Bauern mit seinem Enkelkinde in die große Halle. Diese war bis vor wenigen Jahren ein verräucherter und verschmutzter Stall gewesen; da hatte die Fürstin ohne viel Federlesens ihre sämtlichen Mägde zusammengetrommelt und Decken und Wände mit Seife, Sand und Soda abschrubben lassen. Und da kamen die alten allegorischen Gemälde, die ein halbes Jahrhundert lieblos übertüncht gewesen waren, wieder zum Vorschein: An den Wänden und Decken tummelten sich Zeus, Apoll, Hera, Artemis und die übrigen Insassen des Olymps nebst Hunderten von Putten. Der Bauer kniff die Äuglein zusammen und unterzog die mythologischen Gestalten einer eingehenden Musterung. Die Fürstin stand schweigend daneben. Die Putten erwiesen sich bei näherer Betrachtung als Bauernjungen. Alle Körper waren ungeschlacht und klobig. Etwas Robustes ging von der nackten Gesellschaft aus. Der Bauer nahm sein Enkelkind auf den Arm und zeigte mit dem Finger bald an die Decke, bald an die Wand; achtmal entdeckte er die Urgroßmutter, die teils mit Rosen dahinschwebte, teils ihre Füße badete, teils die aufgehende Sonne bewunderte, teils Ambrosia schlürfte. Und die Erklärung? Der Maler der Szenerie hatte seine sämtlichen Modelle aus dem Dorf bezogen. Und die Urgroßmutter, damals eine schmucke Dirn, mußte für sämtliche Göttinnen herhalten und war achtmal vertreten. Einmal als Aphrodite.

Eva drängte heimwärts. Sie durfte nicht zu lange bei ihrer Freundin Lisbeth bleiben.

William-Adolphe Bouguereau, Temptation, 1880

Einmal als Aphrodite: William-Adolphe Bouguereau: Le Repos (Jeune Fille Couchee), 1880, Öl auf Leinwand, 72 cm x 148 cm, bei Sotheby’s, New York für 458,500 $ verkauft;
La Naissance de Vénus, 1879, Öl auf Leinwand, 300 cm × 215 cm, Musée d’Orsay;
Temptation, 1880, Öl auf Leinwand, 99,06 cm × 132,08 cm, Minneapolis Institute of Art.

Soundtrack: Erich Knauf, 2. Mai 1944 in Brandenburg an der Havel hingerichtet wegen wegen defätistischer Äußerungen (vulgo Witzeerzählens) im Luftschutzkeller: Der Frühling liebt das Flötenspiel, doch auch auf der Posaune, featuring the Feuerzangenbowle Allstars:

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Written by Wolf

8. Juli 2016 um 00:01

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