Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Barock’ Category

Das Angedenken der Zuckerlust

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Update zu Du Uhu du:

Auf die Gefahr hin zu nerven, falls es nicht bis in die letzten Winkel vorgedrungen sein sollte: Ich sammle Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemandem eins auffällt, mag er es mir bitte nicht verschweigen.

Mein bisher ältestes ist aus dem Minnesang, das jüngste von 1932. Falls das nicht gleichzeitig das liebste ist, nehm ich die 1797er Braut von Korinth, weil Goethe durchaus seine Momente haben konnte.

Dieser Tage hab ich eins aus dem Barock gefunden. Memento mori macht Spaß:

——— Christian Hofmann von Hoffmannswaldau:

Wo sind die stunden

1658, aus: Deutsche Vbersetzungen vnd Getichte, Jesaja Fellgiebel, Breslau 1679–1727,
in: Herrn von Hoffmannswaldau und anderer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte erster theil / nebenst einer vorrede von der deutschen Poesie, bey Thomas Fritsch, Leipzig 1697:

Pavel Kiselev, Strawberry Portrait, 15. Juni 2017Wo sind die stunden
Der süssen zeit /
Da ich zu erst empfunden /
Wie deine lieblichkeit
Mich dir verbunden?
Sie sind verrauscht / es bleibet doch dabey /
Daß alle lust vergänglich sey.

Das reine scherzen /
So mich ergetzt /
Und in dem tieffen herzen
Sein merckmal eingesetzt /
Läst mich in schmerzen /
Du hast mir mehr als deutlich kund gethan /
Daß freundlichkeit nicht anckern kan.

Das angedencken
Der zucker-lust /
Will mich in angst versencken.
Es will verdammte kost
Uns zeitlich kräncken /
Was man geschmeckt / und nicht mehr schmecken soll /
Ist freuden-leer und jammer-voll.

Olivia Frolich, Frida Gustavsson, Eurowoman Denmark, Juni 2016Empfangne küsse /
Ambrirter safft /
Verbleibt nicht lange süsse /
Und kommt von aller krafft;
Verrauschte flüsse
Erquicken nicht. Was unsern geist erfreut /
Entspringt aus gegenwärtigkeit.

Ich schwamm in freude /
Der liebe hand
Spann mir ein kleid von seide /
Das blat hat sich gewand /
Ich geh‘ im leide /
Ich wein‘ itzund / daß lieb und sonnenschein
Stets voller angst und wolcken seyn.

Vertonungen: Hans Gál: Vergängliches. Fünf Lieder, opus 33 Nr. 1, 1921, veröffentlicht bei N. Simrock, Berlin 1929;
Franz Krause: Wo sind die Stunden, aus: Gedichte aus alter Zeit, opus 51 Nr. 1, 1972.

Der Sommer war sehr groß: Pavel Kiselev: Strawberry Portrait, via j’ai envie de toi, 15. Juni 2017;
Olivia Frolich: Forever, featuring Frida Gustavsson für Eurowoman Denmark, Juni 2016.

Soundtrack: R.E.M.: Imitation of Life, aus: Reveal, 2001:

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Written by Wolf

24. August 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Tod

Drum dein Stimmlein lass erschallen

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Update zu Trost der Welt, du stille Nacht,
Umfing ihn sein feins Liebchen: Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!
und Doktor Faust thu dich bekehren:

Wird, gesungen, herzerfreulich seyn.

Goethe, 21. Januar 1806.

Da sieht man, woher die Herren von Arnim und Brentano ihre Volkslied-Raritäten für Des Knaben Wunderhorn aufgesammelt haben: Ab und zu wurde da wirklich ein Schatz in Form eines vorbarocken Flugblatts gehoben — und dann bedienen sie sich wieder aus dem alles andere als verschollenen Abentheuerlichen Simplicissimus von Grimmelshausen — immerhin barock, von 1669.

Giuseppe Calì, Woman in the Moon, 1912Das war ein Lieblingsbuch der beiden Sammler, vor allem Brentanos, weshalb wohl er es ins Wunderhorn hineingetragen und wortgetreu dafür bearbeitet haben wird. Wenn schon nicht redaktionell, versteht man ihn immerhin menschlich: Was Barocklyrik angeht, ist das ein unverwüstlich schönes, auf natürliche Weise inniges Juwel.

Eichendorff verwendete die Wunderhorn-Fassung, welcher Bestseller ihm bis dahin bekannt sein konnte und sogar 1810 von Brentano selbst überreicht wurde, für sein Gedicht Der Einsiedler — nach allen Fundstellen „um 1837“ entstanden, aber schon „um 1836“ in Eine Meerfahrt eingebaut. Wieder unter Brentanos Händen entstand 1846 doch noch die Rarität im Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen — das von Brentano vermutlich nicht ausdrücklich als verstecktes Nebenwerk beabsichtigt war, wo aber der Klausner eine Version in wesentlich nachbarockem Deutsch und vor allem in einem erfreulich grotesken Kontext singt.

In den folgenden Versionen erhellt, dass bei Grimmelshausen noch die Überschrift fehlt. Von Brentano wurde sie wohl nach einem Vers aus einem der Lieder nach Ossian aus der Volksliedsammlung von Herder 1779 gestaltet: „Der weckt den Schall der Nacht“, dort Buch 2, Nr. 15 — übrigens in der Reihe die Version, die als schroffer, schwer verständlicher Fremdkörper heraussticht.

Im gesamten Material liegt genügend Schönheit, um es versammelt sehen zu wollen. — Chronologisch:

L. Friday Comerre, 2017

——— Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen:

Das siebente Kapitel.

Simplex wird in einer Herberg tractiret /
ob gleich wird sehr grosser Mangel gespühret.

aus: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch, I. Buch, 7. Capitul, 1669, ungekürzt:

WAs gestalten mir wieder zu mir selbst geholffen worden / weiß ich nicht / aber dieses wol / daß der Alte meinen Kopff in seinem Schos / und vornen meine Juppen geöffnet gehabt / als ich mich wieder erholete / da ich den Einsidler so nahe bey mir sahe / fieng ich ein solch grausam Geschrey an/ als ob er mir im selben Augenblick das Hertz auß dem Leib hätte reissen wollen: Er aber sagte / mein Sohn / schweig / ich thue dir nichts / sey zu frieden / etc. je mehr er mich aber tröstete / und mir liebkoste: Je mehr ich schrye / O du frisst mich! O du frisst mich! du bist der Wolf / und wilst mich fressen: Ey ja wol nein / mein Sohn / sagte er / sey zu frieden / ich friß dich nicht. Diß Gefecht währete lang / biß ich mich endlich so weit liesse weisen / mit ihm in seine Hütten zu gehen / darin war die Armut selbst Hofmeisterin / der Hunger Koch / und der Mangel Küchenmeister / da wurde mein Magen mit einem Gemüß und Trunck Wassers gelabt / und mein Gemüt / so gantz verwirret war / durch deß Alten tröstliche Freundligkeit wieder auffgericht und zu recht> gebracht: Derowegen ließ ich mich durch die Anreitzung deß süssen Schlaffes leicht bethören / der Natur solche Schuldigkeit abzulegen. Der Einsidel merckte meine Notdurfft / darumb liesse er mir den Platz allein in seiner Hütten / weil nur einer darin ligen konte; ohngefähr umb Mitternacht erwachte ich wieder / und hörete ihn folgendes Lied singen / welches ich hernach auch gelernet:

Carl Schweninger, Der Morgenstern und der MondKOmm Trost der Nacht / O Nachtigal /
Laß deine Stimm mit Freudenschall /
Auffs lieblichste erklingen :/:
Komm / komm / und lob den Schöpffer dein /
Weil andre Vöglein schlaffen seyn /
Und nicht mehr mögen singen:
     Laß dein / Stimmlein /
          Laut erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Ob schon ist hin der Sonnenschein /
Und wir im Finstern müssen seyn /
So können wir doch singen :/:
Von Gottes Güt und seiner Macht /
Weil uns kan hindern keine Nacht /
Sein Lob zu vollenbringen.
     Drumb dein / Stimmlein /
          Laß erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.

Echo, der wilde Widerhall /
Will seyn bey diesem Freudenschall /
Und lässet sich auch hören :/:
Verweist uns alle Müdigkeit /
Der wir ergeben allezeit /
Lehrt uns den Schlaff bethören.
     Drumb dein / Stimmlein /
          Laß erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.

Die Sterne / so am Himmel stehn /
Lassen sich zum Lob Gottes sehn /
Und thun ihm Ehr beweisen :/:
Auch die Eul die nicht singen kan /
Zeigt doch mit ihrem heulen an /
Daß sie Gott auch thu preisen.
     Drumb dein / Stimmlein /
          Laß erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.

Nur her mein liebstes Vögelein /
Wir wollen nicht die fäulste seyn /
Und schlaffend ligen bleiben :/:
Sondern biß daß die Morgenröt /
Erfreuet diese Wälder öd /
Im Lob Gottes vertreiben.
     Laß dein / Stimmlein /
          Laut erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
GOtt im Himmel hoch dort oben.

Unter währendem diesem Gesang bedunckte mich warhafftig / als wann die Nachtigal so wol / als die Eul und Echo, mit eingestimmt hätten / und wann ich den Morgenstern jemals gehört / oder dessen Melodey auff meiner Sackpfeiffen aufzumachen vermöcht / so wäre ich auß der Hütten gewischt / meine Karten mit einzuwerffen / weil mich diese Harmonia so lieblich zu seyn bedunckte / aber ich entschlieff / und erwachte nicht wieder / biß wol in den Tag hinein / da der Einsidel vor mir stunde / und sagte: Uff Kleiner / ich will dir Essen geben / und alsdann den Weg durch den Wald weisen / damit du wieder zu den Leuten / und noch vor Nacht in das nächste Dorff kommest; Jch fragte ihn / was sind das für Dinger / Leuten und Dorff? Er sagte / bist du dann niemalen in keinem Dorff gewest / und weist auch nicht / was Leut oder Menschen seynd? Nein / sagte ich / nirgends als hier bin ich gewest / aber sag mir doch / was seynd Leut / Menschen und Dorff? Behüt GOtt / antwortet der Einsidel / bist du närrisch oder gescheid? Nein / sagte ich / meiner Meüder und meines Knans Bub bin ich / und nicht der närrisch oder der gescheid: Der Einsidel verwundert sich mit Seufftzen und Becreutzigung / und sagte: Wol liebes Kind / ich bin gehalten / dich umb GOttes willen besser zu unterrichten: Darauff fielen unsere Reden und Gegen-Reden / wie folgend Capitel außweiset.

~~~\~~~~~~~/~~~

Jules Joseph Lefebvre, Le rêve

——— Johann Gottfried Herder:

15. Fillans Erscheinung und Fingals Schildklang

Aus Ossian

aus: „Stimmen der Völker in Liedern“. Volkslieder, Zweiter Theil, Zweites Buch, Nummer 15, 1778:

Luis Ricardo Falero: Moon Nymph, detail, 1883Kein Schlaf in deinem Dunkel ist auf dir,
Blauaugigte Tochter Konmors, des Hügels.
Es hört Sulmalla den Schlag,
Auf stand sie in Mitte der Nacht,
Ihr Schritt zum Könige Atha’s des Schwerts,
„Kann ihm erschrecken die starke Seele?“
Sie stand in Zweifel, das Auge gebeugt.
Der Himmel im Brande der Sterne. – –

Sie hört den tönenden Schild,
Sie geht, sie steht, sie stutzet, ein Lamm,
Erhebt die Stimme; die sinkt hinunter – –
Sie sah ihn im glänzenden Stahl,
Der schimmert zum Brande der Sterne – –
Sie sah ihn in dunkler Locke,
Die stieg im Hauche des Himmels – –
Sie wandte den Schritt in Furcht:
„Erwachte der König Erins der Wellen!
Du bist ihm nicht im Traume des Schlafs,
Du Mädchen Inisvina des Schwerts.“

Noch härter tönte der Schall;
Sie starrt; ihr sinket der Helm.
Es schallet der Felsen des Stroms,
Nachhallets im Traume der Nacht;
Kathmor hörets unter dem Baum,
Er sieht das Mädchen der Liebe,
Auf Lubhars Felsen des Bergs,
Rothes Sternlicht schimmert hindurch
Dazwischen der Schreitenden fliegendem Haar.

Wer kommt zu Kathmor durch die Nacht?
In dunkler Zeit der Träume zu ihm?
Ein Bote vom Krieg im schimmernden Stal?
Wer bist du, Sohn der Nacht?
Stehst da vor mir, ein erscheinender König? –
Ruffen der Todten, der Helden der Vorzeit? –
Stimme der Wolke des Schauers? –
Die warnend tönt vor Erins Fall.

„Kein Mann, kein Wandrer der Nachtzeit bin ich,
Nicht Stimme von Wolken der Tiefe,
Aber Warnung bin ich vor Erins Fall.
Hörst du das Schallen des Schildes?
Kein Todter ists, o König von Atha der Wellen,
Der weckt den Schall der Nacht!“

„Mag wecken der Krieger den Schall!
Harfengetön ist Kathmor die Stimme!
Mein Leben ists, o Sohn des dunkeln Himmels,
Ist Brand auf meine Seele, nicht Trauer mir.
Musik den Männern im Stale des Schimmers
Zu Nachts auf Hügeln fern.
Sie brennen an denn ihre Seelen des Strals,
Das Geschlecht der Härte des Willens.
Die Feigen wohnen in Furcht,
Im Thal des Lüftchens der Lust,
Wo Nebelsäume des Berges sich heben
Vom blauhinrollenden Strom u.f.“

~~~\~~~~~~~/~~~

Wytch Photos, Spirit of the New Moon, 9. September 2016

——— Clemens Brentano & Achim von Arnim:

Schall der Nacht.

Simplicissimi Lebenswandel. Nürnberg 1713. I. B. S. 28.

aus: Des Knaben Wunderhorn, Band 1, 1806:

William-Adolphe Bouguereau, L'Étoile Perdue, 1884Komm Trost der Nacht, o Nachtigall!
Laß deine Stimm mit Freuden-Schall
Aufs lieblichste erklingen,
Komm, komm, und lob den Schöpfer dein,
Weil andre Vögel schlafen seyn,
Und nicht mehr mögen singen;
Laß dein Stimmlein
Laut erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Obschon ist hin der Sonnenschein,
Und wir im Finstern müssen seyn,
So können wir doch singen
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Loben zu vollbringen.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Echo, der wilde Wiederhall,
Will seyn bei diesem Freudenschall,
Und läßet sich auch hören;
Verweist uns alle Müdigkeit,
Der wir ergeben allezeit,
Lehrt uns den Schlaf bethören.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Die Sterne, so am Himmel stehn,
Sich lassen Gott zum Lobe sehn,
Und Ehre ihm beweisen;
Die Eul‘ auch, die nicht singen kann,
Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
Daß sie auch Gott thu preisen.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Nur her, mein liebstes Vögelein!
Wir wollen nicht die faulsten seyn,
Und schlafen liegen bleiben,
Vielmehr bis daß die Morgenröth
Erfreuet diese Wälder-Oed,
In Gottes Lob vertreiben;
Laß dein Stimmlein
Laut erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

~~~\~~~~~~~/~~~

Jan Saudek

——— Joseph von Eichendorff:

Der Einsiedler

aus: Deutscher Musenalmanach, 1837; gesammelt in: Gedichte 1831–1836, 6. Geistliche Gedichte:

Albert Aublet, Sélène, 1880Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd‘,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Laß ausruhn mich von Lust und Not,
Bis daß das ew’ge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Pompeo Batoni: Truth and Mercy, ca. 1745

——— Clemens Brentano:

Komm, Trost der Nacht

aus: Das Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen, 1846:

„[…] Ich rührte mich nicht und hörte nach einer Weile ein ganz entsetzliches Schnarchen, als wenn man Holz säge. Ach, dachte ich, was muß das Tier für ein abscheulich großes Maul haben, das so gewaltig schnarchen kann! Nun ging der Mond über dem Walde auf und goß seinen wunderbaren Glanz durch die Bäume; da blickte ich mit Angst in das Gelaube des Baumes hinein, von dem ich gefallen war, um etwas zu erkennen, wie das Tier aussähe, weil ich in meinem Leben nichts von einem Tiere gehört hatte, das einem Wildschweine eine Ohrfeige gäbe und dann wie ein Hund bellend in den Bäumen herumlaufe. Bald sah ich seinen schwarzen Schatten in einem Astwinkel liegen, wo es schnarchte; aber es wehten so lange Haare herum, daß ich es nicht erkennen konnte. Indem ich so hinaufsah, hatte ich einen neuen Schrecken: das Tier streckte sich und gähnte ganz entsetzlich uah, uah, und nieste so heftig, daß die Eicheln wie ein Hagelwetter mir auf die Nase rasselten. Aber ich wagte nicht, mich zu rühren, und wie groß war mein Erstaunen, als ich das Tier auf einmal mit lauter heller Stimme folgendes schöne Lied singen hörte:

Artemisia Gentileschi: Allegoria dell'inclinazioneKomm, Trost der Nacht, o Nachtigall!
Laß deine Stimm mit Freudenschall
Aufs lieblichste erklingen;
Komm, komm und lob den Schöpfer dein,
Weil andre Vöglein schlafen sein
Und nicht mehr mögen singen:
Laß dein Stimmlein laut erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Obschon ist hin der Sonnenschein
Und wir im Finstern müssen sein,
So können wir doch singen
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Lobe zu vollbringen:
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Echo, der wilde Wiederhall,
Will sein bei diesem Freudenschall
Und lässet sich auch hören;
Verweist uns alle Müdigkeit,
Der wir ergeben alle Zeit,
Lehrt uns den Schlaf betören;
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Die Sterne, die am Himmel stehn,
Sich lassen zum Lobe Gottes sehn
Und Ehre ihm beweisen;
Die Eul auch, die nicht singen kann,
Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
Daß sie Gott auch tu preisen;
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Nur her, mein liebstes Vögelein!
Wir wollen nicht die Faulsten sein
Und schlafend liegen bleiben;
Vielmehr, bis daß die Morgenröt
Erfreuet diese Wälder öd,
In Gottes Lob vertreiben;
Laß dein Stimmlein laut erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.“

„Ei, das war sein Lebtag kein wildes Tier, welches dieses Lied sang!“ rief da der Schulmeister Klopfstock aus, und Trilltrall sagte: „Ihr habt gut reden, lieber Vater! Ihr habt es nicht gesehen auf allen Vieren ans Wasser kriechen, dem Wildschwein die Ohrfeige geben und dann auf dem Baum herumbellen; freilich, als es das schöne fromme Lied so recht aus Herzensgrund durch den Baum sang, in welchen der Mond hineinschien wie in eine schöne Kirche, und als Echo, der wilde Wiederhall, und die liebe Frau Nachtigall auch sangen zu diesem Freudenschall, und der Quell lieblicher rauschte und der Wald andächtiger lauschte, da zogen die Wölkchen am Himmel nicht mehr so schnell, und der Mond ward noch einmal so hell, und alle meine Angst besänftigte sich; meine Seele, welche gewesen war wie ein Meer, in welches ein großer Felsen hineinstürzte, verwirrt und trüb voll niederschlagender Wellen, wurde nach dem ersten Verse schon wie ein See, in den ein Fisch, den ein Geier herausgeraubt, frisch und gesund wieder hineinfällt; und nach dem zweiten Vers wie ein See, auf welchen ein singender Schwan niederfliegt und schimmernde Gleise zieht; und nach dem dritten Vers wie ein See, in welchen eine vorüberreisende Taube ein Zweiglein von dem friedlichen Ölbaum fallen läßt; und nach dem vierten Vers wie ein See, in den ein vorüberziehendes Lüftlein ein Rosenblatt weht; und nach dem fünften Vers war es mir, als sei ich wie ein müdes Bienlein, das über den See fliegen wollte und gar nicht weiter konnte und in großer Angst war, da es zum Wasser herabfiel, auf dieses Rosenblatt gefallen, und als schiffe ich sicher und ruhig auf dem Rosenblättlein hinüber und lande jenseits in einem blumenvollen Garten, aus dem mir die Nachtigallen entgegenschmetterten; mein Herz war so ruhig wie ein Spiegel, in dem sich der Mond anschaut und vor dem der Friede sang:

Ach, hört das süße Lallen
Der kleinen Nachtigallen!“

Auguste Raynaud: La nuit, 1887

Bilder:

  1. Gustave Moreau, Nyx, Göttin der Nacht, 1880Giuseppe Calì: Woman in the Moon, 1912, via Silence for My Soul;
  2. L. Friday Comerre, 2017, via Eudaimonia;
  3. Carl Schweninger (1854-1903): Der Morgenstern und der Mond, via Silence for My Soul;
  4. Jules Joseph Lefebvre: Le rêve;
  5. Luis Ricardo Falero: Moon Nymph (detail), 1883, via Mademoiselle la Piquante;
  6. Wytch Photos: Spirit of the New Moon, 9. September 2016;
  7. William-Adolphe Bouguereau: L’Étoile Perdue, 1884, via Wikiquote;
  8. Jan Saudek, via Jan Saudek Moodboard;
  9. Albert Aublet: Sélène, 1880, via Paintings Daily, 23. Mai 2017;
  10. Pompeo Batoni: Truth and Mercy, ca. 1745, via Centuries Past;
  11. Artemisia Gentileschi: Allegoria dell’inclinazione, via Art;
  12. Auguste Raynaud: La nuit, 1887, via Notes From A Superfluous Man, 11. Februar 2017;
  13. Gustave Moreau: Nyx, Göttin der Nacht, 1880, via Wikimedia Commons.

Vertonungen: Robert Schumann: Der Einsiedler, opus 83 Nr. 3;
Max Reger: Der Einsiedler, opus 144a, 1915:


Soundtrack: Freakwater: Lullaby, aus: Feels Like the Third Time, 1994:

Written by Wolf

29. Juni 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Himmel

Scheißen Sie also nach Belieben

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Update zu Spitz wie Wetzlarer Karotte,
Schmerz, Tod und Graus gar spaßig zu erfassen,
Impotence proved I’m superman
und Lessing Luther Lemnius:

Dieser Brief musste früher oder später kommen. Umso verwunderlicher, dass davon keine zuverlässige oder auch nur vollständige Vorlage aufzutreiben war. Realistisch erreichbar ist die Auswahl Briefe der Liselotte von der Pfalz. Herausgegeben und eingeleitet von Helmuth Kiesel. Mit zeitgenössischen Porträts, Insel Verlag 1981; die verbindlichen Ausgaben sind diejenigen, nach denen sich Kiesel nach eigenen Angaben richtet: Briefe der Herzogin Elisabth Charlotte von Orléans (…). Herausgegeben von Dr. Wilhelm Ludwig Holland. 6 Bände. Stuttgart 1867–81 und Aus den Briefen der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans an die Kurfürstin Sophie von Hannover. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts. Herausgegeben von Eduard Bodemann. 2 Bände. Hannover 1891.

Von 1881 und 1891 — wobei die letztere sich schon in der Themenstellung ihrerseits als Auswahl ankündigt, und als modernste Ausgabe erwähnt Kiesels Literaturverzeichnis noch Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans, gen. Liselotte. Herausgegeben von Hermann Bräuning-Oktavio — Leipzig 1913. Die ach so sprachlich erfrischend und unverblümt sich äußernde Liselotte soll gegen 60000 briefe geschrieben haben, von denen 5000 erhalten sind, und wird offenbar immer nur als Zitat eines Zitats eines Zitats weitergereicht, der berüchtigte Brief mit seiner Ballung an Kraftausdrücken — genauer: eines einzigen Kraftausdrucks — fehlt in der 1981er Auswahl des Insel-Verlags ganz. Und ab hier will man schon gar nicht mehr so genau wissen, in welchen wissenschaftlich verwendbaren Ausgaben er „entschärft“ erscheint oder ganz unterschlagen wird.

Coturnix, Erbauliche Enzy-Clo-Pädie, Meyster Verlag 1979Was ist eigentlich das Beschämende? Dass der Mensch (in Klammern: ich) so gern in hohen Gegenständen nach dem Niederen wühlt, bis er feststellen muss, dass das Niedere aus dem Hohen gerade dann herausgehalten wird, wenn es kulturhistorisch interessant wird — oder dass ich das ausführlichste Zitat — immer noch nicht den vollständigen Brief — in einem populären Brevier von 1979 finden musste?

Erbauliche Enzy-Clo-Pädie. Kulturgeschichte eines verschwiegenen Örtchens, herausgegeben von einem gewissen „Coturnix“ (wissenschaftlicher Name der Wachtel) im Meyster Verlag, der schon nicht mehr dingfest zu machen ist, habe ich mir 1979 oder kurz danach in der Buchabteilung vom Nürnberger Karstadt spendieren lassen — von meiner Frau Mutter, die dabei pflichtschuldig die Augen verdrehte, aber froh war, dass es mit 5,80 D-Mark abging statt mit den 14,80 für einen Karl May der Bamberger Reihe. Da war ich elf und musste mit irgendetwas auf dem Schulhof angeben können; das Bändchen (128 Seiten — es liegt mir noch vor) richtete sich wohl an Erwachsene bei gutbürgerlicher Freizeitgestaltung, die sich ansonsten auch gezielt „Herrenwitze“ merken, um sie ungefragt mit zuverlässigem Lacherfolg zu erzählen, und gern in hohen Gegenständen nach dem Niederen wühlen.

Den Liselotte-Brief habe ich seit 1979 öfter zitiert gesehen, genauer als bei „Coturnix“ werden wir ihn lange nicht vorfinden — mindestens bis 2022, wenn Liselotte 370. Geburtstag und 300. Todestag auf einmal feiern kann, worüber auch aus feministischer Sicht einiges zu holen sein dürfte — aber nicht so lange, wie eine seriöse, dabei lesbare Kulturgeschichte der Toilettenhygiene noch ausstehen wird.

Die Rechtschreibung ist alles andere als Liselottes originale, die in Kiesels Auswahl immer noch „behutsam modernisiert“, aber in ihrem übermütigen, sinnstiftenden Geiste belassen wäre.

——— Elisabeth Charlotte „Liselotte“ von der Pfalz:

Fontainebleau, den 9. Oktober 1694

Fontainebleau, den 9. Oktober 1694, an ihre Tante Sophie von der Pfalz:

Sie sind in der glücklichen Lage, scheißen gehen zu können, wann Sie wollen, scheißen Sie also nach Belieben. Wir hier sind nicht in derselben Lage, hier bin ich verpflichtet, meinen Kackhaufen bis zum Abend aufzuheben; es gibt nämlich keinen Leibstuhl in den Häusern an der Waldseite. Ich habe das Pech, eines davon zu bewohnen und darum den Kummer, hinausgehen zu müssen, wenn ich scheißen will, das ärgert mich, weil ich bequem scheißen möchte, und ich scheiße nicht bequem, wenn sich mein Arsch nicht hinsetzen kann. Dazu wäre noch zu bemerken, daß uns jeder beim Scheißen sieht: Da laufen Männer, Frauen, Mädchen und Jungen vorbei, Pfarrer und Schweizergarden können einander zusehen; nun, kein Vergnügen ohne Mühe und wenn man überhaupt nicht scheißen müßte, dann fühlte ich mich in Fontainebleau wie der Fisch im Wasser.

Es ist äußerst betrüblich, daß meine Freuden von Scheißhaufen behindert werden; ich wünschte, daß der, der das Scheißen erfunden hat, er und seine ganze Sippschaft, nur durch eine Tracht Prügel scheißen könnte! Wie war das am Dienstag? Man müßte leben können, ohne zu scheißen. Setzen Sie sich zu Tisch mit der besten Gesellschaft der Welt, wenn Sie scheißen müssen, müssen Sie scheißen gehen oder verrecken. Ach, die verdammte Scheißerei! ch weiß nichts Ekeligeres als das Scheißen. Sie sehen eine hübsche Person, niedlich, reinlich, Sie rufen aus: ach wie reizend wäre das, wenn sie nicht schisse! Den Lastenträgern, Gardesoldaten, Sänfteträgern, dem Volk dieses Kalibers billige ich es zu. Aber: die Kaiser scheißen, die Kaiserinnen scheißen, die Könige scheißen, die Königinnen scheißen, der Papst scheißt, die Kardinäle scheißen, die Fürsten scheißen und die Erzbischöfe und Bischöfe scheißen, die Pfarrer und die Vicare scheißen. Geben Sie zu, die Welt ist von von ekelhaften Leuten! Denn schließlich scheißt man in der Luft, man scheißt auf die Erde, man scheißt ins Meer, das Weltall ist angefüllt mit Scheißern und die Straßen von Fontainebleau mit Scheiße, vor allem mit Schweizerscheiße und die pflanzen Haufen — ebenso große wie Sie, Madame. Wenn Sie glauben, einen hübschen kleinen Mund zu küssen, mit ganz weißen Zähnen — Sie küssen eine Scheißemühle: alle Köstlichkeiten, die Biscuits, die Pasteten, Torten, Füllungen, Schinken, Rebhühner und Fasanen usw. Das Ganze existiert nur um daraus gemahlene Scheiße zu machen …

Heidelinde Weis als Liselotte von der Pfalz, 1966

BIlder: Coturnix (Hrsg.): Erbauliche Enzy-Clo-Pädie. Kulturgeschichte eines verschwiegenen Örtchens,
Meyster Verlag 1979;
Heidelinde Weis in: Liselotte von der Pfalz, 1966 (vermutlich von Regisseur Hoffmann mit Absicht ausnahmsweise nicht mit Liselotte Pulver besetzt), via TV Movie, ca. 2013. Der Film war wie alle von Kurt Hoffmann übrigens nicht vollends … nun ja: scheiße:

Written by Wolf

22. Juni 2018 at 00:01

Wir rechnen jahr auff jahre / in dessen wirdt die bahre vns für die thüre bracht

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Update zu Zwischenmaschine:

Ich war im Stillen herzlich erfreut gestern Abend mit Ihnen das Jahr und da wir einmal Neunundneunziger sind auch das Jahrhundert zu schließen. Lassen Sie den Anfang wie das Ende sein und das künftige wie das vergangene.

Goethe an Schiller, Weimar am 1. Januar 1800.

Zweifarbig lackiertDamit das Jahr anfängt, wie es aufgehört hat, musste man sich sich auf die alte Tugend der Wollust besinnen, die Wölfin hat sich die Zehennägel gleich zweifarbig lackiert und wurde während einiger freundlicher Begegnungen zu Bette unversehens dermaßen laut, dass unser einst liebgewordener Spanner uns am Erdgeschoßfenster wiederenteckt hat, und Sie hätten mir jetzt fast geglaubt:

Das süsse jubiliren /
Das hohe triumphiren
Wirdt oft in hohn vnd schmach verkehrt.

Siehe unten: Wir unterscheiden nach Prediger Salomos tautologischem Spruch vanitas vanitatum et omnia vanitas (Kohelet 1,2) Andreas Gryphius‘ Sonett Es ist alles eitel, 1637 in Alexandrinern, von dessen späterer Ode Vanitas! Vanitatum Vanitas!, 1643 in dreihebigen Jamben — also in einer Art aufgeteilten und aufgelockerten Alexandrinern mit vierhebiger Variation in den letzten Strophenversen, die gleich wesentlich mehr Rock’n’Roll ins Metrum tragen. Goethe bezieht sich in seinem Gedicht Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt 1806 qua Überschrift und Metrum eindeutig auf Gryphius‘ Ode, parodiert aber inhaltlich Adam Reusner: Ich hab mein Sach Gott heimgestellt, 1533 in der Melodie von Johann Leon, 1589.

Theoretisch passen auf den Text die Melodien von Innsbruck, ich muss dich lassen und Der Mond ist aufgegangen. — Theoretisch, hab ich gesagt.

Gesegnetes 2018.

Titti Garelli, Vanitas

——— Andreas Gryphius:

Vanitas! Vanitatum Vanitas!

Ode, 1643:

Die Herrlikeit der Erden
Mus rauch undt aschen werden /
Kein fels / kein ärtz kan stehn.
Dis was vns kan ergetzen /
Was wir für ewig schätzen /
Wirdt als ein leichter traum vergehn.

Was sindt doch alle sachen /
Die vns ein hertze machen /
Als schlechte nichtikeit?
Waß ist der Menschen leben /
Der immer vmb mus schweben /
Als eine phantasie der zeit.

Der ruhm nach dem wir trachten /
Den wir vnsterblich achten /
Ist nur ein falscher wahn.
So baldt der geist gewichen:
Vnd dieser mundt erblichen:
Fragt keiner / was man hier gethan.

Es hilfft kein weises wissen /
Wir werden hingerissen /
Ohn einen vnterscheidt /
Was nützt der schlösser menge /
Dem hie die Welt zu enge /
Dem wird ein enges grab zu weitt.

Dis alles wirdt zerrinnen /
Was müh‘ vnd fleis gewinnen
Vndt sawrer schweis erwirbt:
Was Menschen hier besitzen /
Kan für den todt nicht nützen /
Dis alles stirbt vns / wen man stirbt.

Was sindt die kurtzen frewden /
Die stets / ach! leidt / vnd leiden /
Vnd hertzens angst beschwert.
Das süsse jubiliren /
Das hohe triumphiren
Wirdt oft in hohn vnd schmach verkehrt.

Du must vom ehre throne
Weill keine macht noch krone
Kan vnvergänglich sein.
Es mag vom Todten reyen /
Kein Scepter dich befreyen.
Kein purpur / gold / noch edler stein.

Wie eine Rose blühet /
Wen man die Sonne sihet /
Begrüssen diese Welt:
Die ehr der tag sich neiget /
Ehr sich der abendt zeiget /
Verwelckt / vnd vnversehns abfält.

So wachsen wir auff erden
Vnd dencken gros zu werden /
Vnd schmertz / vnd sorgenfrey.
Doch ehr wir zugenommen /
Vnd recht zur blütte kommen /
Bricht vns des todes sturm entzwey.

Wir rechnen jahr auff jahre /
In dessen wirdt die bahre
Vns für die thüre bracht:
Drauff müssen wir von hinnen /
Vnd ehr wir vns besinnen
Der erden sagen gutte nacht.

Weil uns die lust ergetzet:
Vnd stärcke freye schätzet;
Vnd jugendt sicher macht /
Hatt vns der todt gefangen /
Vnd jugendt / stärck vnd prangen /
Vndt standt / vndt kunst / vndt gunst verlacht!

Wie viel sindt schon vergangen /
Wie viell lieb-reicher wangen /
Sindt diesen tag erblast?
Die lange räitung machten /
Vnd nicht einmahl bedachten /
Das ihn ihr recht so kurtz verfast.

Wach‘ auff mein Hertz vndt dencke;
Das dieser zeitt geschencke /
Sey kaum ein augenblick /
Was du zu vor genossen /
Ist als ein strom verschossen
Der keinmahl wider fält zu rück.

Verlache welt vnd ehre.
Furcht / hoffen / gunst vndt lehre /
Vndt fleuch den Herren an /v
Der immer könig bleibet:
Den keine zeitt vertreibet:
Der einig ewig machen kan.

Woll dem der auff ihn trawett!
Er hat recht fest gebawett/
Vndt ob er hier gleich fält:
Wirdt er doch dort bestehen
Vndt nimmermehr vergehen
Weil ihn die stärcke selbst erhält.

Burgfräulein von Strechau, 17. Jahrhundert

Bilder: Titti Garelli: Vanitas, Acryl auf Holz, verkauft;
N. N.: Burgfräulein von Strechau, Ölgemälde, 17. Jahrhundert,
Kunsthistorisches Museum Benediktinerstift Admont.
Sie soll rotblond gewesen sein.

Die Wölfin so: „Deine Creative-Writing-Kundschaft glaubt hoffentlich nicht alles, was geschrieben steht?“ Ich so: „Meine umfassend gebildete Zielgruppe glaubt Bilder.“ Die Wölfin so: „Um Gottes willen, dass du einen Sprung hast. Nimm das sofort raus, du Familiensparhengst.“ Ich so: „Jahahaha.“

Soundtrack: Element of Crime: Der weiße Hai, aus: Immer da wo du bist bin ich nie, 2009:

Written by Wolf

2. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Tod

Gute Vorsätze 1650–2018

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Update zu Cit. Schmidt, A., Faust IV, 1960
und Historische Post vom Verleger:

——— Friedrich von Logau:

Das neue Jahr.

1650, aus: Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte andres Tausend.
Desz andren Tausend andres Hundert:

Son verschwommenen Lyriker-Typ, Will lieber nicht kritisiert werden, dafür aber Radioaufträge. Großmeister Schmidt, in Bargfeld residierend, ca. 1972Abermals ein neues Jahr! immer noch die alte Noth! —
O das Alte kümmt von uns, und das Neue kümmt von Gott.
Gottes Güt ist immer neu; immer alt ist unsre Schuld;
Neue Reu verleih‘ uns Herr und beweis‘ uns alte Huld!

——— Arno Schmidt:

Aus dem Leben eines Fauns

1953, Bargfelder Studienausgabe Band 1, Seite 335:

Müssen gute Vorsätze gehalten werden, oder ist es ausreichend, daß man sie faßt ? !

~~~\~~~~~~~/~~~

Bild: So’n verschwommenen Lyriker-Typ: Will lieber nicht kritisiert werden, dafür aber Radioaufträge: Großmeister Schmidt, in Bargfeld residierend, ca. 1972,
via Tilman Spreckelsen: Der erste Leser. Martin Walser und Arno Schmidt,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. März 2017.

Alte Schuld und neue Reu: Anti Cornettos: Korsakov Syndrom, aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Written by Wolf

1. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Nahrung & Völlerei

Unheilige Nacht: Liaber boarisch sterbm ois kaiserlich verderbm

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Update zu Peregrini Bavarici:

Gerci Beck, Schmied von Kochel, 1. März 2010

Über die Sendlinger Mordweihnacht von 1705 merken wir uns sinnvollerweise:

  1. Sie beendete zusammen mit der Schlacht von Aidenbach am 8. Januar 1706
  2. die Bayerische Volkserhebung, vulgo Oberländer Bauernaufstand,
  3. innerhalb des Spanischen Erbfolgekrieges 1701–1714
  4. mit dem Kurfürstentum Bayern auf der Seite von Frankreich;
  5. Sendling war noch kein dreiteiliger Münchner Stadtteil, sondern selbstständiges Dorf;
  6. der ungleiche Kampf bayerischer Bauern und Handwerker gegen die österreichische Kavallerie ergab
  7. etwa 10.000 sinnlose Todesopfer;
  8. bayerischer Herrscher war der Wittelsbacher Kurfürst Maximilian II. Emanuel, vulgo „Max Emanuel“ oder „Max Zwo“,
  9. gegnerischer Kaiser der Habsburger Joseph I.;
  10. im groben ging es um Widerstand gegen das unterdrückerische Besatzungsregime des deutschen Reiches,
  11. der aktuelle Bezug ist die Notwendigkeit, sich einerseits gegen Faschismus,
  12. andererseits gegen Hochverrat zu wehren;
  13. legendenträchtiger Volksheld der Herzoglich-Bayerischen war der der Schmied von Kochel, den es
  14. höchstwahrscheinlich nicht gab und
  15. dessen ungeachtet seiner Virtualität bis ins 21. Jahrhundert ungebrochen mit Hilfe von Denkmälern, Freilichttheaterstücken und sonstiger Folklore gedacht wird.

Anschauliche und lehrreiche Darstellungen bringen

  1. Dr. Michaela Karl: Wider der Besatzung: Lieber bayrisch sterben, als kaiserlich verderben: Der Bauernaufstand von 1705/06, Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek im Literatur-Portal Bayern;
  2. Birgit Magiera: Sendlinger Mordweihnacht als Kalenderblatt für de 24. Dezember 2013,
  3. Jan von Flocken: In der „Mordweihnacht“ starben Tausende Bayern, Die Welt, 25. Dezember 2015.

Zur besagten einschlägigen Folklore merken wir uns

  1. Karl Schillinger, Im Alten Südfriedhof in München steht dieses Denkmal an die Sendlinger Bauernschlacht von 1705, 23. September 2012den bäuerlichen Schlachtruf „Lieber bayrisch sterben als kaiserlich verderben!“;
  2. das Schmied-von-Kochel-Denkmal mit Brunnen in Sendling (Plastik: Carl Ebbinghaus, Architektur: Carl Sattler, Guß: Gießerei Noack) an der Einmündung von der Lindwurm- in die Plinganserstraße;
  3. das Schmied-von-Kochel-Denkmal in Kochel am See;
  4. die in unregelmäßigen Abständen aufgeführten Schmied-von-Kochel-Festspiele ebenda;
  5. die Münchner historische Gruppe „Schmied von Kochel“ e. V., die seit 1981 „alljährlich am Heiligabend um Mitternacht der Hunderten von niedergemetzelten Bauern“ gedenkt. Regelmäßige Treffen jeden zweiten Montag des Monats, 20 Uhr im Augustiner, Neuhauser Straße 27, 1. Stock im Vogelzimmer, Gäste willkommen.

Volkstümlich affirmative Lyrik stammt von

  1. N. N.: Trauerlied zur Gedächtnisfeyer der in der Sendlinger Schlacht gefallenen Gebirgs-Bewohner, Bayerische Landbötin. München 1831,
  2. Johann Carl Mielach: Die Sendlinger Schlacht: ein Oktoberfest-Lied, 1832;
  3. Johann Carl Mielach: Die Sendlinger-Schlacht: eine Ballade, Augsburg 1832;
  4. Sebastian Franz von Daxenberger: Die Sendlinger Schlacht am Christtage 1705: Romantisches Gedicht, München 1833.

Die hiesigen Buidln: stammen von

  1. Gerci Beck: Schmied von Kochel [der in Sendling], 1. März 2010,
  2. Karl Schillinger: Denkmal an die Sendlinger Bauernschlacht, Alter Südfriedhof München, 23. September 2012
  3. mir selber, mit besonders großem Dankeschön an Ralf samt seiner ausgeliehenen Zweitkamera Lexus NX 200, weil mein Akku wieder alle war: Sendlinger Mordweihnacht 1705, Votivtafel Kalvarienberg Lenggries, Schloss Hohenburg, 11. Februar 2014, Kapelle zum schmerzhaften Jesu am Kreuze. Das war mein erstes Wort, das ich je von einer „Sendlinger Mordweihnacht“ gehört hab, und dabei schon der zweite Kalvarienberg, den ich am selben Tag mit dem Ralf erklommen hab. Da fetzt es einen dann doch in die Fresse, wenn man so als tageswandernder Pilger auf einem Juwel der Volksfrömmigkeit lesen muss:

    Mit dieser Tafel haben sich vier unverheirathete Männer, zu dem schmerzhaften Jesu am Kreuze hieher verlobt, nehmlich Johann Schöfman, von dem untern Muerbach, Franz Propst vom Graben, Johann Hochenwiser und Georg Letner, aus der Pfarre von Lengrieß, wegen der großen Gefahr in welcher sie bey der Revolution vor München schwebten, weil sie glaubten daß es unmöglich wäre mit dem Leben mehr davon zu kommen. Aber durch Hülfe und Beystand des schmerzhaften Jesu am Kreuze, kamen sie glücklich wieder zurück. Gott dem Höchsten sey Dank gesagt, Amen.

Oder vereinfacht gesagt: Dann doch lieber nachts um zehne in die Christmette.

Wolf G., Sendlinger Mordweihnacht 1705, Votivtafel Kalvarienberg Lenggries, Schloss Hohenburg, 11. Februar 2014

Stille Nacht: Tom Waits: Silent Night, aus: SOS United, 1989:

Written by Wolf

24. Dezember 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

Da entkomm ich aller Not, die mich noch auf der Welt gebunden

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Für Andrea S. aus R. (42).

Mariä Lichtmess oder Mariä Reinigung ist der liebenswerteste Feiertag im ganzen Jahreskreis, was man schon daran erkennt, dass er auch von jenen Glaubensrichtungen begangen wird, die sich als allen Glaubensrichtungen entgegengesetzt verstehen. Und dass zum Fest der Darstellung des Herrn die Weihnachtszeit endlich auch ihr liturgisches Ende findet, ist auch kein Schaden. Den Anfang von etwas markiert er in den heutigen Wicca- und paganischen Religionen, die ihm gern eine dunkelschwärzliche Seite verleihen; bei denen heißt Lichtmess Imbolc und gilt der Göttin Brigid — „a woman of poetry, and poets worshipped her, for her sway was very great and very noble. And she was a woman of healing along with that, and a woman of smith’s work, and it was she first made the whistle for calling one to another through the night.“ (Lady Augusta Gregory: Gods and Fighting Men, 1904.)

Lichtmess bedeutet, dass die Tage schon messbar länger und heller werden. Lichtmess handelt von hoffnungsfrohem Erwachen und Zuversicht. Das und women of poetry sind allgemeinmenschliche Bedürfnisse, die sich nicht an engherzige Sektenregeln ketten lassen, auch wenn sie christlich vertretbaren Werten verpflichtet bleiben. Außerdem ist Lichtmess nicht so überladen mit Feier- und Geschenkverpflichtungen: Lichtmess wird nur freiwillig gefeiert, von jedem, dem es am Herzen liegt.

Frontcover Johann Sebastian Bach, John Eliot Gardiner, BWV 82, 83, 125, 200Wie günstig trifft es sich da, dass die beste CD mit Bach-Kantaten — Cantatas for the Feast of the Purification of Mary unter John Eliot Gardiner von 2000 — sich aus Verzechnisnummern zusammensetzt, die dem 2. Februar zugeordnet sind. Jedenfalls wurden alle vier an 2. Februaren in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführt: BWV 83 Erfreute Zeit im neuen Bunde 1724, BWV 82 Ich habe genug 1727, BWV 125 Mit Fried und Freud ich fahr dahin 1725 und BWV 200 Bekennen will ich seinen Namen 1742.

Dass es die beste Bach-CD auf dem unüberschaubaren Markt für Bach-CDs ist, behaupte ich jetzt einfach. Man hat nicht gleich mit einer so viel Spaß. Allein dass Aussagen wie „Ich habe genug“ mit dem Smash-Hit und Anspieltipp der Bass-Arie „Ich freue mich auf meinen Tod, ach hätt‘ er sich schon eingefunden“ von Lebensfreude und Hoffnung zeugen sollen, gemahnt an die besten Momente bei Tom Waits. „I like beautiful melodies telling me terrible things“, soll der nach unsicherer Quellenlage gesagt haben.

Etwas belastbarer wird ihre Qualität im Hinblick auf die Ausführenden: John Eliot Gardiner ist zusammen mit Nikolaus Harnoncourt und noch ganz wenigen anderen einer der Leithirsche der historisch informierten Aufführungspraxis, und die zieht er seit 1964, als er 21 war, mit seinem selbstgegründeten Monteverdi Choir und seit 1978 mit seinem Stammorchester der English Baroque Soloists so gnadenlos durch, dass es zweifellos besser klingt als Vater Bachs Empore voller sächselnder Schulkinder anno 1724.

Das ist nun eine steile These, aber so wenig widerleg- wie beweisbar, und wenn man schon die Auswahl anhand so tragfähigen Musikmaterials hat, warum sollte man etwas anderes glauben wollen? Immerhin nicht im CD-Booklet steht, aber von Sir Gardiner stammt die Unterscheidung:

Interessant ist nicht das Klangbild, das Bach bei der Aufführung hörte, sondern das Ideal, das ihm beim Komponieren vorschwebte. Insofern verstehe ich auch die Diskussion um die solistische Besetzung der Leipziger Kantaten nicht. Denn in seiner Eingabe hat der Thomaskantor die vorgefundene Situation genau beschrieben und skizziert, welche Besetzung er gerne hätte. Insofern hilft der Maßstab „Authentizität“ bei Bach wenig. […] Denn jede Interpretation ist authentisch, wenn sie ernst gemeint ist und den jeweiligen Stand des Wissens berücksichtigt. Deshalb waren Karl Straubes Bach-Interpretationen auch authentisch, und deshalb wird Gardiner in 20 Jahren wohl altmodisch sein. Wir sind keine besseren Musiker, wir wissen nur etwas mehr.

Backcover Johann Sebastian Bach, John Eliot Gardiner, BWV 82, 83, 125, 200Das Dreigestirn aus Sir Gardiner, Monteverdi Choir und English Baroque Soloists, das einen sphärenklingenden Sternenhimmel bilden kann, hat sich ab 23. Dezember 1999 bis 31. Dezember 2000 anlässlich Bachs 250. Todestag auf eine Bach Cantata Pilgrimage durch 60 europäische Kirchen — keine Konzertsäle — begeben, um alle 198 erhaltenen geistlichen Bach-Kantaten an den Sonn- und Feiertagen aufzuführen, für die Bach sie komponiert hat. Aus organisatorischen Gründen sind es nicht alle 198, sondern 186 Kantaten in 56 Auftritten geworden — statistisch etwas mehr als ein Auftritt pro Woche. Die daraus hervorgegangenen 56 CDs sind Live-Mitschnitte, aber auf ganz und gar ungewohnt hohem Niveau. Live bedeutete schon anno 2000 nicht mehr die Dokumentation erkälteter Italiener wie auf den Callas-Bootlegs.

Die Aufnahme für Mariä Reinigung stammt vom 2. Februar 2000 aus der Priory Church in Christchurch im britischen Dorset, die sehr ehrwürdig daherkommt, und ist, ohne alle 56 Aufnahmen der verschiedenen Anlässe und Kirchen durchverglichen zu haben, ein Highlight unter ihnen.

Ich muss echt einen Sprung haben, das Ding zu verschenken. Alles Gute, Andrea.

Bilder: die CD von vorn und hinten, 2000;
The English Baroque Soloists via Volkers Klassikseiten J.S. Bach von der Renaissance bis zur Romantik, 19. Januar 2008.

Als Soundtrack dienen uns die aufgeführten Bach-Kantaten als Playlist, wenngleich in anderer Zusammensetzung und Einspielung, die sich bestimmt auch ehrbar begründen lassen. Die brauchbaren Videos sind nämlich ständig verboten.

Und als Bonus Track extra für die ewig junge und knarzend coole Andrea: eine wahrhafte Andreaoidin, bei der sie selber ganz zusammenfahren wird, wie sehr die junge und knarzend coole Frau Mackenzie Scott ihr in Auftreten und Blondheit (und Tierkreiszeichen) gleicht. Frau Scotts tomboyische Aufführung scheint einer feministischen, wenn nicht gar lesbischen Botschaft zu dienen, jedenfalls scheut sie sich nicht zu singen: „When I was a young boy“ und ein „girl“ zu suchen — eine der überzeugendsten Coverversionen, egal welcher geschlechtlichen Orientierung. Andrea würde sich schön bedanken, wenn sie mit so einer Mission durch französische Radiostudios tingeln sollte, aber sie würde es unterstützen und das ist gut so.

Gott ist groß.

Written by Wolf

2. Februar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Schall & Getöse