Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Barock’ Category

Da entkomm ich aller Not, die mich noch auf der Welt gebunden

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Für Andrea S. aus R. (42).

Mariä Lichtmess oder Mariä Reinigung ist der liebenswerteste Feiertag im ganzen Jahreskreis, was man schon daran erkennt, dass er auch von jenen Glaubensrichtungen begangen wird, die sich als allen Glaubensrichtungen entgegengesetzt verstehen. Und dass zum Fest der Darstellung des Herrn die Weihnachtszeit endlich auch ihr liturgisches Ende findet, ist auch kein Schaden. Den Anfang von etwas markiert er in den heutigen Wicca- und paganischen Religionen, die ihm gern eine dunkelschwärzliche Seite verleihen; bei denen heißt Lichtmess Imbolc und gilt der Göttin Brigid — „a woman of poetry, and poets worshipped her, for her sway was very great and very noble. And she was a woman of healing along with that, and a woman of smith’s work, and it was she first made the whistle for calling one to another through the night.“ (Lady Augusta Gregory: Gods and Fighting Men, 1904.)

Lichtmess bedeutet, dass die Tage schon messbar länger und heller werden. Lichtmess handelt von hoffnungsfrohem Erwachen und Zuversicht. Das und women of poetry sind allgemeinmenschliche Bedürfnisse, die sich nicht an engherzige Sektenregeln ketten lassen, auch wenn sie christlich vertretbaren Werten verpflichtet bleiben. Außerdem ist Lichtmess nicht so überladen mit Feier- und Geschenkverpflichtungen: Lichtmess wird nur freiwillig gefeiert, von jedem, dem es am Herzen liegt.

Frontcover Johann Sebastian Bach, John Eliot Gardiner, BWV 82, 83, 125, 200Wie günstig trifft es sich da, dass die beste CD mit Bach-Kantaten — Cantatas for the Feast of the Purification of Mary unter John Eliot Gardiner von 2000 — sich aus Verzechnisnummern zusammensetzt, die dem 2. Februar zugeordnet sind. Jedenfalls wurden alle vier an 2. Februaren in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführt: BWV 83 Erfreute Zeit im neuen Bunde 1724, BWV 82 Ich habe genug 1727, BWV 125 Mit Fried und Freud ich fahr dahin 1725 und BWV 200 Bekennen will ich seinen Namen 1742.

Dass es die beste Bach-CD auf dem unüberschaubaren Markt für Bach-CDs ist, behaupte ich jetzt einfach. Man hat nicht gleich mit einer so viel Spaß. Allein dass Aussagen wie „Ich habe genug“ mit dem Smash-Hit und Anspieltipp der Bass-Arie „Ich freue mich auf meinen Tod, ach hätt‘ er sich schon eingefunden“ von Lebensfreude und Hoffnung zeugen sollen, gemahnt an die besten Momente bei Tom Waits. „I like beautiful melodies telling me terrible things“, soll der nach unsicherer Quellenlage gesagt haben.

Etwas belastbarer wird ihre Qualität im Hinblick auf die Ausführenden: John Eliot Gardiner ist zusammen mit Nikolaus Harnoncourt und noch ganz wenigen anderen einer der Leithirsche der historisch informierten Aufführungspraxis, und die zieht er seit 1964, als er 21 war, mit seinem selbstgegründeten Monteverdi Choir und seit 1978 mit seinem Stammorchester der English Baroque Soloists so gnadenlos durch, dass es zweifellos besser klingt als Vater Bachs Empore voller sächselnder Schulkinder anno 1724.

Das ist nun eine steile These, aber so wenig widerleg- wie beweisbar, und wenn man schon die Auswahl anhand so tragfähigen Musikmaterials hat, warum sollte man etwas anderes glauben wollen? Immerhin nicht im CD-Booklet steht, aber von Sir Gardiner stammt die Unterscheidung:

Interessant ist nicht das Klangbild, das Bach bei der Aufführung hörte, sondern das Ideal, das ihm beim Komponieren vorschwebte. Insofern verstehe ich auch die Diskussion um die solistische Besetzung der Leipziger Kantaten nicht. Denn in seiner Eingabe hat der Thomaskantor die vorgefundene Situation genau beschrieben und skizziert, welche Besetzung er gerne hätte. Insofern hilft der Maßstab „Authentizität“ bei Bach wenig. […] Denn jede Interpretation ist authentisch, wenn sie ernst gemeint ist und den jeweiligen Stand des Wissens berücksichtigt. Deshalb waren Karl Straubes Bach-Interpretationen auch authentisch, und deshalb wird Gardiner in 20 Jahren wohl altmodisch sein. Wir sind keine besseren Musiker, wir wissen nur etwas mehr.

Backcover Johann Sebastian Bach, John Eliot Gardiner, BWV 82, 83, 125, 200Das Dreigestirn aus Sir Gardiner, Monteverdi Choir und English Baroque Soloists, das einen sphärenklingenden Sternenhimmel bilden kann, hat sich ab 23. Dezember 1999 bis 31. Dezember 2000 anlässlich Bachs 250. Todestag auf eine Bach Cantata Pilgrimage durch 60 europäische Kirchen — keine Konzertsäle — begeben, um alle 198 erhaltenen geistlichen Bach-Kantaten an den Sonn- und Feiertagen aufzuführen, für die Bach sie komponiert hat. Aus organisatorischen Gründen sind es nicht alle 198, sondern 186 Kantaten in 56 Auftritten geworden — statistisch etwas mehr als ein Auftritt pro Woche. Die daraus hervorgegangenen 56 CDs sind Live-Mitschnitte, aber auf ganz und gar ungewohnt hohem Niveau. Live bedeutete schon anno 2000 nicht mehr die Dokumentation erkälteter Italiener wie auf den Callas-Bootlegs.

Die Aufnahme für Mariä Reinigung stammt vom 2. Februar 2000 aus der Priory Church in Christchurch im britischen Dorset, die sehr ehrwürdig daherkommt, und ist, ohne alle 56 Aufnahmen der verschiedenen Anlässe und Kirchen durchverglichen zu haben, ein Highlight unter ihnen.

Ich muss echt einen Sprung haben, das Ding zu verschenken. Alles Gute, Andrea.

Bilder: die CD von vorn und hinten, 2000;
The English Baroque Soloists via Volkers Klassikseiten J.S. Bach von der Renaissance bis zur Romantik, 19. Januar 2008.

Als Soundtrack dienen uns die aufgeführten Bach-Kantaten als Playlist, wenngleich in anderer Zusammensetzung und Einspielung, die sich bestimmt auch ehrbar begründen lassen. Die brauchbaren Videos sind nämlich ständig verboten.

Und als Bonus Track extra für die ewig junge und knarzend coole Andrea: eine wahrhafte Andreaoidin, bei der sie selber ganz zusammenfahren wird, wie sehr die junge und knarzend coole Frau Mackenzie Scott ihr in Auftreten und Blondheit (und Tierkreiszeichen) gleicht. Frau Scotts tomboyische Aufführung scheint einer feministischen, wenn nicht gar lesbischen Botschaft zu dienen, jedenfalls scheut sie sich nicht zu singen: „When I was a young boy“ und ein „girl“ zu suchen — eine der überzeugendsten Coverversionen, egal welcher geschlechtlichen Orientierung. Andrea würde sich schön bedanken, wenn sie mit so einer Mission durch französische Radiostudios tingeln sollte, aber sie würde es unterstützen und das ist gut so.

Gott ist groß.

Written by Wolf

2. Februar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Schall & Getöse

Von dem Holz des Lebens essen und der bittern Schmach vergessen (im Leben ist da kein Verlag drin!)

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Update zu Music kennt nichts als lauter Güte
und Wer weis, wie lang ich hier noch bin:

Man mag es bedauern oder nicht, aber jetzt.de ist praktisch tot. Gut, die Domain scheint noch von jemandem bezahlt und häufig aktualisiert zu werden, wahrscheinlich von der Süddeutschen Zeitung, und man hat zumindest eine theoretische Möglichkeit aufrecht erhalten, die sicher täglich eingehenden Journalismen zu kommentieren, aber die einst wirklich vorbildliche Community ist zugunsten irgendwie „jugendlich“ gemeinter Artikel, die in Form und Anspruch ungefähr den Blogeinträgen Minderjähriger von 2003 ähneln, abgeschafft.

Eigentlich schade. Um 2003 muss ich da viel Zeit verschleudert und auch viel Blödsinn getrieben haben, auf den ich schon während des Verzapfens nicht stolz war, aber wenn man den zwischenmenschlichen Umgang auf jetzt.de kannte, hat man erst gemerkt, was auf dem damaligen Spiegel Online, dem heutigen Facebook, von Don Alphonsos wild wuchernden Wirkungsstätten und dem allzeit berüchtigten heise online ganz zu schweigen, für ein Herumgerüpel herrscht. Zum ersten Mal kippte die Stimmung auf jetzt.de, als ein „Relaunch“ mit „User-generated content“ versucht wurde. Über zehn Jahre haben sie durchgehalten, was sich gar nicht so schlecht anhört, dann wollte wohl keiner mehr generaten. So groß das Zetern und Fäusteschütteln 2005 darüber geriet, was gegen die Auflösung der Möglichkeiten zu Kontaktaufnahme und Veröffentlichung Anfang 2016 wie eine mindere Farbangleichung anmutete, so schulterzuckend wurde die jüngere hingenommen. Wenn die Gäste ausbleiben, wird nicht besser gekocht oder das Bier besser eingeschenkt, sondern die Kneipe gesprengt, klar.

Mit der einen wichtigen, ausnahmsweise hoffentlich nicht ganz so blöden Frage hab ich wieder zu lange gewartet:

Geschätzte [sehr schrulliger Username],

wir kennen uns nicht näher. Nicht erschrecken bitte, ich komme in Frieden :o)

Du hast vor Zeiten mal in einem Kommentar zu einem Beitrag der von uns gelöschten [nicht ganz so schrulliger Username] ein barockes Figurengedicht angebracht: von einem gewissen Johann Karst, Jahrgang 1624, in Form eines Baums, offenbar aus einer Sammlung namens Geistliche Waldfaren oder Engelsüß / von der Bitterkeit dieses und der Süssigkeit des Künftigen Lebens. In fallenden und steigenden Reimen aus: Deutscher Dicht-Kunst Lust- und Schauplatz, 1667, überliefert in: Fünfundzwanzig Figurengedichte des Barock, herausgegeben von Karl Severin, Verlag Basse & Lechner, München 1983.

Du hast, ich erinnere mich da nicht genau, kann aber schon meine angefangene Recherche dreinmischen, auch das Gedicht bildlich dazu gebracht; die Quelle war allerdings in janreichow.de, der 2014 seinen Blog nochmal von vorn angefangen hat und seitdem verspricht, auch das alte Material wieder zugänglich zu machen. Seitdem steht der Gedichttext unformatiert, rudimentär und bis auf weiteres gut versteckt in der Nebenstelle eines abseitigen Internetarchivs, womit niemand eine rechte Freude hat. Er geht:

——— Johann Karst:

Geistliche Waldfaren oder Engelsüß /
von der Bitterkeit dieses und der Süssigkeit des Künftigen Lebens.
In fallenden und steigenden Reimen

aus: Deutscher Dicht-Kunst Lust- und Schauplatz, 1667,
in: Karl Severin (Hg.): Fünfundzwanzig Figurengedichte des Barock, Verlag Basse & Lechner München. MCMLXXXIII (1983):

Johann Karst, Geistliche Waldfaren oder Engelsüß, von der Bitterkeit dieses und der Süssigkeit des Künftigen Lebens, Deutscher Dicht-Kunst Lust- und Schauplatz, 1667

Liese erstlich den Stengel von oben bis an die Wurzel / und hernach die Wurzel

Ach! ach / WIE MUS EJN MENSCH AUFF dieser Welt sich leiden. Zu allen Zeiten Mit Feinden streiten. Dein Reich o Welt / Das Schwarem Gezelt / Mir nit gefällt / In dir ist eitel Leit /Betrübnuß / Müh und Streit /. Unmuht / Kreutz und Schmertzen Nagen unsre Herzen Bald ist Trauren bald Gefahr Also daß wir immerdar Schweres Elend kläglich leiden. Und in Kummer täglich weiden Biß wir von der Erde scheiden Da wir in erwünschten Freuden. Von dem Holtz des Lebens essen Und der bittern Schmach vergessen. Drum Welt hab gute Nacht Ich geb auf eines acht. [?] Zu allen Zeiten Mit Feinden streiten. [?].

Praktischerweise hab ich das Bild, von dem das Figurengedicht ja lebt, selber gespeichert und an geeigneter Stelle verlinkt. Das fällt leicht, das dauert ungefähr so lange, wie ich dich hiermit belämmere .ò) Das letzte Änderungsdatum meiner .jpg-Datei ist übrigens der 12. August 2013, woran man wohl ungefähr einordnen kann, wann du das kommentiert hast.

Wie du da jetzt nach Jahren wieder reinkommst? — Nun, über die — teuer — noch erhältliche Sammlung mit den Fünfundzwanzig Figurengedichten von 1983. Die ist nämlich, s.o., aus dem Verlag Basse & Lechner, der wiederum laut Impressum in der Mallnitzer Straße 24 zu München resideren soll. Google findet den noch — aber auf dessen Street View ersichtlich ist die Adresse das gutbürgerlichste Reihenhaus der Welt in Obermenzing/Blumenau, im Leben ist doch da kein Verlag drin (bösartig könnte einer „spießig“ dazu sagen, aber einige meiner ehrbarsten Freunde wohnen in Reihenhäusern) — außer vielleicht einer Druckerpresse im Partykeller, die wenigstens potenziell solche bibliophilen, auf handnummerierte 350 Exemplare limitierten Schätze wuppt. Würde das jemand tun?

Darum die Frage an dich: Besitzest du wohl ein Exemplar der 350? Weißt du mehr über den Verlag, über das Buch, über Johann Karst, über sein Gedicht, über seine Geistlichen Waldfaren oder Engelsüß?

Das schieb ich schon eine Ewigkeit vor mir her, es war ja immer noch haufenweise Zeit. Jetzt, wo diese heil’gen Hallen alsbald zugesperrt werden, hab ich mich endlich aufgerafft. Schon klar, wenn du für mich nicht mehr in derselben Community erreichbar bist, kann ich immer noch den Herrn Jan Reichow fragen, der immerhin Blogger ist und sich bestimmt über egal was für ein Feedback freut — ich weiß sowas –, oder den Kontakt zum Verlag und ergoogelten Bewohner der Mallnitzer Straße 24, der weder in der Website noch außen auf Google seine Telefonnummer verschweigt. Das kann ich alles machen und werde davor nicht zurückschrecken. Aber warum nicht zuerst mal dich hören, die du dich ja offenbar persönlich für sowas interessierst :o)

Was ich selber damit will: Was darüber erzählen in Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt — was einen erheblichen Anteil meiner Freizeit und Ambitionen ausmacht und gerade dir den einen oder anderen Blick wert sein mag. Du bist, nach allem, was ich von dir verstreut gelesen hab, Zielgruppe. Es würde mich freuen, wenn du da Gast wirst — viel Zeit mitbringen bitte! — Was ich denn mit dem Buch will, wenn ich’s hab? — Ach Gott, erstens was man mit Büchern halt so will, und zweitens will ich’s ja gar nicht zwingend haben. Höchstens genauer davon wissen, das muss drittens ohnehin meistens reichen.

Und schon ist die kuriose Situation entstanden, dass du durch einen hingeworfenen Kommentar unter den verschwundenen Text einer ebensolchen Nutzerin vor zwei, drei Jahren einen Blog-Eintrag, den es noch nicht gibt, in einem Blog, den du gar nicht kennst, maßgeblich mitgestaltet hast, ob du nun jemals antwortest oder nicht. Gott ist groß.

Ich grüße dich!
Wolf

Das war drei oder vier Wochen vor dem Shutdown der jetzt.de-Community, in denen die Userin mit dem schrulligen Namen erkennbar noch ihren Account benutzt hat, und das als gar nicht so schrulliges, eher freundliches Haus. Offenbar habe ich noch viel an meinem zwischenmenschlichen Umgang zu arbeiten. Und schon ist die kuriose Situation entstanden, dass ich machen muss, was ich gesagt hab: den Herrn Jan Reichow oder den Kontakt zum Verlag und ergoogelten Bewohner der Mallnitzer Straße 24 fragen, ob die nun jemals antworten oder nicht. Aus nichtigen Gründen einem seltenen Buch hinterherspüren, wie sieht denn das aus. Gott ist groß und Erwachsensein scheint richtig anstrengend.

Basse & Lechner GmbH Verlag und Agentur, Mallnitzer Straße 24, 80687 München, Google Street View

Bilder: Basse & Lechner GmbH Verlag und Agentur, München; Google Street View, 2008.
Als Soundtrack wäre mir am liebsten Sportfreunde Stiller: Tage wie dieser aus: Die gute Seite, 2002 gewesen, weil die Jungs eine typische jetzt.de-Band waren und das Lied ein offizielles Video hat, für das man sich nicht fremdgenieren muss, mit Münchner Ansichten, wie man sie wirklich ab und zu erlebt, das anzuschauen aber wieder so ein Affront gegen die versammelte Musikindustrie scheint.
Es gibt deswegen was Älteres: Bally Prell: Isarmärchen, ca. 1953, mit Münchner Ansichten, wie man sie man gern ab und zu erleben würde:

Written by Wolf

15. April 2016 at 00:01

Zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist!

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Update zu Lamento lacrimoso in Zick-Moll
und Show me a guy that doesn’t want to come down off the cross:

Karfreitag ist der geeignete Moment, um sich endlich die Passionen von Bach draufzuschaffen. Das lohnt sich tatsächlich. Um sie durchzuhören, reicht gerade mal so ein langes Osterwochenende, um sie zu verstehen, reicht kein ganzes Leben.

Roberto Ferri, Dark-Winged AngelsWir belassen es deshalb bei einer groben Bestandsaufnahme: Pflicht sind die Matthäus-Passion und die Johannes-Passion, was sich leicht merken lässt: das erste und das letzte Evangelium.

Warum sollte Bach aber genau den Anfang und den Schluss einer Tetralogie geschrieben haben? Um den Rest bei Gelegenheit aufzufüllen, die sich nie ergab?

Hat er gar nicht: Die restlichen zwei Passionen existieren; Bachs offizieller Nekrolog zählt sogar fünf Passionen, leider ohne sie zum Direktvergleich namentlich aufzuführen, und Bach über Bach insinuiert sogar sechs. Optimisten dürfen dabei gerade den Umstand schätzen, dass es von der süffigeren, kürzeren, beliebteren — Johannes — keine vom Komponisten autorisierte Endfassung gibt, sondern nur rekonstruierwürdige Fassungen aus einem 520-seitigen Notenblätterkonvolut.

Allerdings ist die Lukas-Passion eine Zuschreibung — also „weitestgehend“ gar nicht von Bach und somit apokryph — aber immerhin von ihm aus Zeitgründen aus fremdem Material umarrangiert. Sie könnte also von ihm sein — umso mehr, als er es selbst durch seine Umarbeit tätig bekräftigt hat — und zur Stunde mindestens vier Gesamtaufnahmen davon umgehen.

Die Markus-Passion ist dagegen „nur“ verschollen, allen Aussichten nach unwiederbringlich, erhalten ist nur das Libretto von Christian Friedrich „Picander“ Henrici. Die Geschichte der Rekonstruktionen von Bachs Musik ist eine Geschichte voller Missverständnisse, Irrtümer und Wirrnis, über die sich hoffentlich alle ebenfalls vier Gesamtaufnahmen in ausführlichen (und notorisch dreisprachigen …) Booklets äußern. Besonders interessant findet mein innerer Lästerhansel, dass die Markus-Passion als Parodie geplant war, wie das Weihnachtsoratorium auch, was leider nicht eine heute übliche Persiflage bedeutet, und Bachs eigene — weltliche — Kantate Laß, Fürstin, laß noch einen Strahl verwendet (BWV 198).

Merken wir uns also: Matthäus ist ein mords Gedröhn, Johannes ist wirklich schön, Lukas ist Stückwerk und Markus reine Hypothese. — Es folgt Bachs gesamte Passionentetralogie in der Reihenfolge ihrer Werkverzeichnisnummern. Das sind insgesamt 9 Stunden, 17 Minuten und 15 Sekunden Laufzeit. Ostern ist gerettet.

Matthäus-Passion, BWV 244:

Johannes-Passion, BWV 245:

Lukas-Passion, BWV 246:

Markus-Passion, BWV 247:

Geigerin von hinten: Roberto Ferri: Dark-Winged Angels;
Geigerin von oben: Girls and Violin, 27. November 2015.

Girls and Violin, White Dress in Violin

Written by Wolf

25. März 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Schall & Getöse

Solang der Alte Peter

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Werner Böhm, Make a Wish, 11. November 2014, Alter Peter, München

Bitt für uns.

Tafel des Missionskreuzes im Alten Peter, München

Missions=Kreuz

Missionskreuz St. Peter, Münchenzum Andenken an die hl. Mission bei St. Peter in München
abgehalten durch die P. P. Franziskaner (2.–20. März 1960)
Unvollkommene Ablässe.
7 Jahre u. 7 Quadrigenen Ablaß gewinnt, wer vor diesem Missionskreuze
reumüthig 7 Ave Maria betet.
300 Tage Ablaß, wer hier reumüthig 5 Vater unser u. Ave Maria zu
Ehren der fünf Wunden Christi betet.
Vollkommene Ablässe.
Einen vollkommenen Ablaß gewinnt, wer
1) am Jahrestage der Errichtung dieses Kreuzes (19. März),
2) am Feste Kreuzerfindung (3 Mai)
3) am Feste Kreuzerhöhung (14 Sept.) — oder jedesmal am darauffolgende
Sonntag nach wahrhaft reumüthigem Empfange der hl. Sakramente vor
diesem Missionskreuze oder in einer Kirche nach Meinung des hl. Vaters betet.
Alle diese Ablässe können fürbittweise den armen Seelen zugewendet werden.
Leo XIII. 9. Mai 1892.

Unter anderem am 19. März, der sowieso immer Josephitag ist und heuer in den Endspurt der Fastenzeit fällt. Es wäre also gerade günstig.

Alter Peter

Bilder: Werner Böhm: Make a Wish, 11. November 2014;
Missionskreuz ohne Tafel und Tafel ohne Missionskreuz, Alter Peter, München. Hier ist das Missionskreuz in seiner Lage im Raum sichtbar: im Mittelschiff backbord. Jesus crucifuxus und seine Mutter Maria dolorosa sind die vierten von vorne, gegenüber der Kanzel;
die junge Petra M. im Alten Peter, M. in Kontemplation der Missionstafel und Erwägung eines unvollkommenen Sündenablasses, 31. Dezember 2013. Vollkommene sind irgendwie so unmäßig und am Ende schon wieder die nächste Versündigung in einer Art moralischer Völlerei, außerdem nur an so speziellen Terminen zu erreichen;
Soundtrack: Gerd und Walter Fitz mit Orchester Ambros Seelos: Solang der Alte Peter, aus: Leut‘ sauft’s aus. Alte und neue Münchener Sauf- und Fress-Lieder, 1971.

Written by Wolf

18. März 2016 at 00:01

Engführung in mikrokosmisch strukturiertem Material (musikalisches Lustspiel)

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——— Knut Franke:

Liner Notes

zu Glenn Gould: Die zwei- und dreistimmigen Inventionen. Inventionen und Sinfonien Nr. 1–15 BWV 772–801, Aufnahme 1963–1964, LP 1975:

Zwar sind auch den Inventionen und Sinfonien „Deutungen“ widerfahren, die uns Heutigen in ihrer spekulativen Anschaulichkeit zutiefst widerstreben. Es sei hier ein Beispiel genannt: die Invention in B-Dur hat gegen Ende eine Engführung, die Steglich dazu veranlaßte zu schreiben, sie zeige, „wie friedlich und fröhlich zwei, zwar wie Mann und Weib verschiedene, aber wesensverwandte, zur gegenseitigen Ergänzung bestimmte Motive durchs Leben gehen können. Die Invention ist ein Musterstück eines musikalischen Lustspiels“ (zitiert nach Keller, Seite 116). Das Fragezeichen, das Keller hinter diesen Satz in Klammern setzt, ist mehr als Forscher-Ironie. Es zeigt, daß man sich gerade in so mikrokosmisch strukturiertem Material, wie es die beiden Zyklen sind, an die Sache halten soll.

Engführung: Jenni Tapanila: Grand Piano, 2002.

Jenni Tapanila, Grand Piano

Written by Wolf

29. März 2015 at 16:56

Veröffentlicht in Barock, Ehestand & Buhlschaft

Fünfhundert Jahre Mädchengestaltung

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Neulich im Südstadt:

„Und was machst du so?“

„Mediengestaltung.“

„Mädchengestaltung? Coooool …“

„Me … di … en!“

„Ach so. Na, is ja auch schön.“

——— Andreas Gryphius:

An eine Geschminckte

ca. 1650:

Quentin Massys, Eine groteske alte Frau, ca. 1513--1530Was ist an Euch / das Ihr Eur Eigen möget nennen?
Die Zähne sind durch Kunst in leeren Mund gebracht;
Euch hat der Schmincke Dunst das Antlitz schön gemacht /
Dass Ihr tragt frembdes Haar / kan leicht ein jeder kennen /

Und dass Eur Wangen von gezwungner Röte brennen /
Ist allen offenbahr / des Halses falsche Pracht /
Und die polirte Stirn wird billich ausgelacht /
Wenn man die Salben sich schaut umb die Runtzeln trennen.

Wenn diß von aussen ist / was mag wol in Euch sein /
Als List und Trügerey? Ich bild mir sicher ein /
Dass unter einem Haupt / das sich so falsch gezieret /

Auch ein falsch Hertze steh / voll schnöder Heucheley.
Sambt eim geschminckten Sin und Gleißnerey darbey /
Durch welche (wer Euch traut) wird jammerlich verführet.

——— Philip Scott Johnson: 500 Years of Female Portraits in Western Art, 2007:

  1. Mit Bach: 1. Cello-Suite G-Dur, BWV 1007, Sarabande;
    Cello: Yo-Yo Ma:

  2. Mit Händel: 2. Violinsonate g-Moll, 1.: Andante;
    Violine: Javid Asadov, Klavier: Ayna Isababayeva:

Bild: Quentin Massys: Eine groteske alte Frau, ca. 1513–1530, Öl auf Holz, 64,2 cm × 45,4 cm, National Gallery London, bekannt als „Hässliche Herzogin“, möglicherweise Portrait von Margarete „Maultasch“ von Tirol-Görz (1318–1369), sicher aber Vorbild für die Königin in Alice im Wunderland, 1865.

Written by Wolf

6. März 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Ehestand & Buhlschaft

Nunc dimittis mit Fried und Freud

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Update zu Christen haben alle Stunden ihre Qual und ihren Feind, doch ihr Trost sind Christi Wunden, Den Bach runter, Ein schön Exempel Quasimodogeniti, Lieblingsbiber und Barfußläufte (Shakespeare im Freibad):

Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre.

Sigmund Freud, * 1856.

Es ist was es ist.

Erich Fried, * 1921.

Heute vor 290 Jahren, am 2. Februar 1725, ließ Johann Sebastian Bach zu Unser Lieben Frauen Lichtweihe, vulgo Mariä Lichtmess, Mariä Reinigung (Purificatio Mariae), Jesu Opferung im Tempel (Praesentatio Jesu in Templo) oder Darstellung des Herrn, seine Kantate Mit Fried und Freud ich fahr dahin, BWV 125, in der Leipziger Thomaskirche uraufführen.

Goddess BrigidMartin Luthers Text mit der Urmelodie von 1524 nach Simeons Lobgesang im Lukas-Evangelium (Lk 2,29–32) ist ein Komplet-, also Abend- Sterbe- und Begräbnislied, bei den Anglikanern stellt er den Evensong. Nur bei den Protestanten ist er weiterhin dem 2. Februar zugeordnet — mit seinem Winteraustrieb, allerersten Frühlingserwachen, all den im Rest der Christenheit gefeierten Ahnungen von Aufbruch, Hoffnung, Fruchtbarkeit und Neuanfang.

So kann man’s nämlich auch hindrehen:

——— August Müller, 1685:

Bist du ein Christ? Du sagest ja. Hast du Jesum lieb? Du sagest auch ja. Hast du Jesum lieb / so hast du auch Lust bey ihm zu seyn. Wie gern ist eine Braut beym Bräutigamb / ein Kind bey der Mutter / ein Schaf beym Hirten: daß macht die Liebe. Ich frage weiter: Hast du denn nicht Lust zum sterben der Tod bringet dich ja zu deinem Jesu.

Es kann nur ein Lied von Deutschen sein: Sobald von ferne in egal welchem Kontext etwas mit Frieden und Freude vorkommt, reicht denen so eine Novemberstimmung allemal als Frühlingslied; Luther soll es im 1524er Frühjahr gedichtet und vertont haben. Wo ja Lichtmess überhaupt ein recht einnehmender Termin ist, der sich als Lieblingsfeiertag eignet, an dem man niemandem was schenken muss: Da ist es endlich warm genug, dass man gerade mal so wieder an die Luft — und per definitionem ans Licht — kann, und da werden die Dingverträge für die Dienstboten um ein Jahr verlängert — oder eben nicht, und weiter geht’s mit der Walz. Wer Lichtmess noch da ist, bleibt noch ein Jahr. Und Vater Bach, der latent depressive Thüringer, der da geboren wurde, wo Luther in Gefangenschaft das Neue Testament überackerte, nicht faul, walzt das Lutheraner Kirchenlied zu einer ausgewachsenen Lichtmess-Kantate aus. Typisch Evangelen.

Kein Zweifel, mit Fried und Freud lässt sich gut fahren. Haben Erich Fried und Sigmund Freud doch am selben Tag Geburtstag, wenngleich nicht am 2. Februar (Imbolg, Samhain oder Groundhog Day) und einige Jahre auseinander, sondern am 6. Mai — und ich selber dazu.

Wenn das kein Beweis ist! Aber wofür bloß?

Erich Fried, 18-jährigSigmund Freud 1885, 29-jährig

Fried & Freud: 18-jährig & 29-jährig.

Imbolc: Goddess Brigid bei Ginger Goddess Eleonora.

Written by Wolf

2. Februar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Tod