Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Schall & Getöse’ Category

Nachtstück 0009: Dieselben Finger

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Update zu Japanischer Frühling (Hammer):

Nach keiner Idee von Kathrin Bach von Anakoluth:

——— 谷川俊太郎:

ポルノ・バッハ

1996:

ついさっきまでバッハを弾いていた指と
これはほんとに同じ指かい
ぼくのこいつはのびたりちぢんだり
ピアノとは似ても似つかぬ
こっけいな道具と言うしかなくて
こんなありきたりなものと
あの偉大なバッハがきみの柔い指先で
どんなふうにむすびつくのか
ぼくにはさっぱり解せないんだ
でもきみのものもぼくのものも
いまはむき出しの心臓のいろ
そのあたたかくなめらかな感触に
死ぬようにきりもなく甘えてゆくと
いつか血の透けて見える暗闇で
ぼくもひょっこりバッハに会えるのかな

——— Shuntaro Tanikawa:

Porno-Bach

nach Bach in Arts — Hommage a Bach, 1996:

Sind das wirklich dieselben Finger
die bis vor kurzem noch Bach vorspielten?
Dies mein Ding wird mal größer mal kleiner
gleicht dem Klavier nicht im geringsten
komisches Werkzeug muss man wohl sagen
Wie sich ein solches Allerweltsding
unter Deinen weichen Fingerbeeren
mit dem erhabenen Bach verträgt
ist mir völlig schleierhaft
Aber jetzt liegen Deines und Meines
offen entblößt in Herzens Farbe
Wenn ich mich der zart-warmen Berührung
sterbend endlos ganz überlasse
steh ich im Dunkel durchschimmernden Blutes
vielleicht auch plötzlich Bach gegenüber

David Ramirer, Collage 107, 2004

Bild:David Ramirer: Collage #107, 2004;
Wohltemperiertes Clavier, Buch 1: HJ Lim, 22. September 2014:

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Written by Wolf

1. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse

Da entkomm ich aller Not, die mich noch auf der Welt gebunden

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Für Andrea S. aus R. (42).

Mariä Lichtmess oder Mariä Reinigung ist der liebenswerteste Feiertag im ganzen Jahreskreis, was man schon daran erkennt, dass er auch von jenen Glaubensrichtungen begangen wird, die sich als allen Glaubensrichtungen entgegengesetzt verstehen. Und dass zum Fest der Darstellung des Herrn die Weihnachtszeit endlich auch ihr liturgisches Ende findet, ist auch kein Schaden. Den Anfang von etwas markiert er in den heutigen Wicca- und paganischen Religionen, die ihm gern eine dunkelschwärzliche Seite verleihen; bei denen heißt Lichtmess Imbolc und gilt der Göttin Brigid — „a woman of poetry, and poets worshipped her, for her sway was very great and very noble. And she was a woman of healing along with that, and a woman of smith’s work, and it was she first made the whistle for calling one to another through the night.“ (Lady Augusta Gregory: Gods and Fighting Men, 1904.)

Lichtmess bedeutet, dass die Tage schon messbar länger und heller werden. Lichtmess handelt von hoffnungsfrohem Erwachen und Zuversicht. Das und women of poetry sind allgemeinmenschliche Bedürfnisse, die sich nicht an engherzige Sektenregeln ketten lassen, auch wenn sie christlich vertretbaren Werten verpflichtet bleiben. Außerdem ist Lichtmess nicht so überladen mit Feier- und Geschenkverpflichtungen: Lichtmess wird nur freiwillig gefeiert, von jedem, dem es am Herzen liegt.

Frontcover Johann Sebastian Bach, John Eliot Gardiner, BWV 82, 83, 125, 200Wie günstig trifft es sich da, dass die beste CD mit Bach-Kantaten — Cantatas for the Feast of the Purification of Mary unter John Eliot Gardiner von 2000 — sich aus Verzechnisnummern zusammensetzt, die dem 2. Februar zugeordnet sind. Jedenfalls wurden alle vier an 2. Februaren in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführt: BWV 83 Erfreute Zeit im neuen Bunde 1724, BWV 82 Ich habe genug 1727, BWV 125 Mit Fried und Freud ich fahr dahin 1725 und BWV 200 Bekennen will ich seinen Namen 1742.

Dass es die beste Bach-CD auf dem unüberschaubaren Markt für Bach-CDs ist, behaupte ich jetzt einfach. Man hat nicht gleich mit einer so viel Spaß. Allein dass Aussagen wie „Ich habe genug“ mit dem Smash-Hit und Anspieltipp der Bass-Arie „Ich freue mich auf meinen Tod, ach hätt‘ er sich schon eingefunden“ von Lebensfreude und Hoffnung zeugen sollen, gemahnt an die besten Momente bei Tom Waits. „I like beautiful melodies telling me terrible things“, soll der nach unsicherer Quellenlage gesagt haben.

Etwas belastbarer wird ihre Qualität im Hinblick auf die Ausführenden: John Eliot Gardiner ist zusammen mit Nikolaus Harnoncourt und noch ganz wenigen anderen einer der Leithirsche der historisch informierten Aufführungspraxis, und die zieht er seit 1964, als er 21 war, mit seinem selbstgegründeten Monteverdi Choir und seit 1978 mit seinem Stammorchester der English Baroque Soloists so gnadenlos durch, dass es zweifellos besser klingt als Vater Bachs Empore voller sächselnder Schulkinder anno 1724.

Das ist nun eine steile These, aber so wenig widerleg- wie beweisbar, und wenn man schon die Auswahl anhand so tragfähigen Musikmaterials hat, warum sollte man etwas anderes glauben wollen? Immerhin nicht im CD-Booklet steht, aber von Sir Gardiner stammt die Unterscheidung:

Interessant ist nicht das Klangbild, das Bach bei der Aufführung hörte, sondern das Ideal, das ihm beim Komponieren vorschwebte. Insofern verstehe ich auch die Diskussion um die solistische Besetzung der Leipziger Kantaten nicht. Denn in seiner Eingabe hat der Thomaskantor die vorgefundene Situation genau beschrieben und skizziert, welche Besetzung er gerne hätte. Insofern hilft der Maßstab „Authentizität“ bei Bach wenig. […] Denn jede Interpretation ist authentisch, wenn sie ernst gemeint ist und den jeweiligen Stand des Wissens berücksichtigt. Deshalb waren Karl Straubes Bach-Interpretationen auch authentisch, und deshalb wird Gardiner in 20 Jahren wohl altmodisch sein. Wir sind keine besseren Musiker, wir wissen nur etwas mehr.

Backcover Johann Sebastian Bach, John Eliot Gardiner, BWV 82, 83, 125, 200Das Dreigestirn aus Sir Gardiner, Monteverdi Choir und English Baroque Soloists, das einen sphärenklingenden Sternenhimmel bilden kann, hat sich ab 23. Dezember 1999 bis 31. Dezember 2000 anlässlich Bachs 250. Todestag auf eine Bach Cantata Pilgrimage durch 60 europäische Kirchen — keine Konzertsäle — begeben, um alle 198 erhaltenen geistlichen Bach-Kantaten an den Sonn- und Feiertagen aufzuführen, für die Bach sie komponiert hat. Aus organisatorischen Gründen sind es nicht alle 198, sondern 186 Kantaten in 56 Auftritten geworden — statistisch etwas mehr als ein Auftritt pro Woche. Die daraus hervorgegangenen 56 CDs sind Live-Mitschnitte, aber auf ganz und gar ungewohnt hohem Niveau. Live bedeutete schon anno 2000 nicht mehr die Dokumentation erkälteter Italiener wie auf den Callas-Bootlegs.

Die Aufnahme für Mariä Reinigung stammt vom 2. Februar 2000 aus der Priory Church in Christchurch im britischen Dorset, die sehr ehrwürdig daherkommt, und ist, ohne alle 56 Aufnahmen der verschiedenen Anlässe und Kirchen durchverglichen zu haben, ein Highlight unter ihnen.

Ich muss echt einen Sprung haben, das Ding zu verschenken. Alles Gute, Andrea.

Bilder: die CD von vorn und hinten, 2000;
The English Baroque Soloists via Volkers Klassikseiten J.S. Bach von der Renaissance bis zur Romantik, 19. Januar 2008.

Als Soundtrack dienen uns die aufgeführten Bach-Kantaten als Playlist, wenngleich in anderer Zusammensetzung und Einspielung, die sich bestimmt auch ehrbar begründen lassen. Die brauchbaren Videos sind nämlich ständig verboten.

Und als Bonus Track extra für die ewig junge und knarzend coole Andrea: eine wahrhafte Andreaoidin, bei der sie selber ganz zusammenfahren wird, wie sehr die junge und knarzend coole Frau Mackenzie Scott ihr in Auftreten und Blondheit (und Tierkreiszeichen) gleicht. Frau Scotts tomboyische Aufführung scheint einer feministischen, wenn nicht gar lesbischen Botschaft zu dienen, jedenfalls scheut sie sich nicht zu singen: „When I was a young boy“ und ein „girl“ zu suchen — eine der überzeugendsten Coverversionen, egal welcher geschlechtlichen Orientierung. Andrea würde sich schön bedanken, wenn sie mit so einer Mission durch französische Radiostudios tingeln sollte, aber sie würde es unterstützen und das ist gut so.

Gott ist groß.

Written by Wolf

2. Februar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Schall & Getöse

Die gereiheten Gäste des Sängers (I’ll know my song well before I start singin‘)

with one comment

Update zu Grillen mit Homer,
Nur die Wurst hat zwei
und Homerische Dark Fantasy:

Wahrlich es füllt mit Wonne das Herz, dem Gesange zu horchen,
Wenn ein Sänger, wie dieser, die Töne der Himmlischen nachahmt.
Denn ich kenne gewiss kein angenehmeres Leben,
Als wenn ein ganzes Volk ein Fest der Freude begehet,
Und in den Häusern umher die gereiheten Gäste des Sängers
Melodieen horchen, und alle Tische bedeckt sind
Mit Gebacknem und Fleisch, und der Schenke den Wein aus dem Kelche
Fleißig schöpft, und ringsum die vollen Becher verteilet.

Odyssee IX, 3–8, Voß-Übersetzung, 1781.

And I’ll tell it and think it and speak it and breathe it,
And reflect it from the mountain so all souls can see it,
Then I’ll stand on the ocean until I start sinkin‘,
But I’ll know my song well before I start singin‘,
And it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard,
It’s a hard rain’s a-gonna fall.

A Hard Rain’s A-Gonna Fall, aus: The Freewheelin‘ Bob Dylan, 1962, letzte Strophe.

Die Poesie des Versagens sucht sich vielleicht doch ihre Fürsprecher selbst. Manchmal hat sie Glück. Ich halt dann mal den Mund, ja?

——— Willi Winkler:

Über alle hinaus

in: Süddeutsche Zeitung, 12. Dezember 2016:

Mehr Dichtung hat die Schwedische Akademie in Jahrzehnten nicht gesehen: Der Preisträger Bob Dylan fehlt, sein größter Fan Patti Smith singt ein Lied von ihm und patzt. Aber beide retten in Stockholm die Kunst vor dem Nobelpreis.

Bitte nicht noch einmal die läppische Diskussion, ob ein Pop-Musiker, der alle möglichen kommerziellen Preise bekommen hat und in Venedig zwischen den gefiederten Models der besonders nuttigen Dessous-Marke Victoria’s Secret herumgestanden ist, der außerdem und nicht zuletzt wegen solcher Werbeauftritte vielfacher Millionär ist, den Nobelpreis ausgerechnet für Literatur verdient habe. Nein, hat er nicht.

Bob Dylan hat es nicht verdient, in Gesellschaft weiterer Greise als Statist in einem monarchistischen Staatsschauspiel aufzutreten, ohne, wie es John Lennon einst tat, die Herrschaften auf den besseren Plätzen aufzufordern, statt zu klatschen, mit ihrem Geschmeide zu rasseln.

Pascal Le Segretain, Getty Images, Niemand weiß, warum Bob Dylan an jenem Samstag nicht selbst nach Stockholm reisen konnte. Aber die Musikerin Patti Smith war da. Sang. Versagte. Und sang weiter. Und so gab es doch noch einen großen Moment, Willi Winkler, Über alle hinaus, Süddeutsche Zeitung, 10., 12. Dezember 2016Da die Welt aber schlecht ist und der Erlösung von allem möglichen Übel dringend bedürftig, ereignete sich am späten Samstagnachmittag im Konserthuset in Stockholm eine Sternstunde, von der die Menschheit, soweit sie ein fühlend Herz besitzt, noch lange leben wird.

Es begab sich, dass der fahrende Sänger Bob Dylan keine Lust hatte, an diesem Wochenende in die hochgebaute Stadt Stockholm zu fahren, sondern sich lieber in der weiten Welt, oder vielmehr in den Weiten Amerikas versteckte, und zwar höchstwahrscheinlich irgendwo im „heartland“, im tiefsten amerikanischen Landesinnern, wo sich die Leute nichts Besseres wussten, als für diesen Donald Trump zu stimmen, zu dessen Abwehr in vorletzter Minute der Schwedischen Akademie im Oktober nur mehr die Verleihung ihrer angesehensten Auszeichnung an ebendiesen unhöflichen und (wurde es nicht von allen Spatzen, Tauben, Geiern und allen anderen Unglücksraben von sämtlichen gebildeten Dächern gepfiffen, gekreischt, geklagt, gejammert?) unwürdigen Preisträger eingefallen war.

Denn „unhöflich“ schimpften sie ihn, weil er nicht sofort Purzelbäume vor Begeisterung über die Ehrung schlug, keine Pressekonferenz gab, sich nicht einmal ein dünnlippiges „Thank you“ abringen mochte, sondern in seinem Tagwerk fortfuhr, das an jenem 13. Oktober darin bestand, im legendären Musensitz Las Vegas einen Saal mit 3200 Leuten zu unterhalten. Ganz, ganz schlechte Kinderstube, nicht wahr?

Diese Dichtung, so der Laudator, verbinde die Alltagssprache mit der der Bibel

Nach Wochen erst war der Erwählte zu erreichen, grummelte dann etwas Pflichtschuldiges von „Ehre und so“ und ließ im Übrigen darauf verweisen, dass gerade eine Ausstellung mit seinen neuesten Bildern eröffnet werde, in London, geht hin, und seht selber! Wenn es sich einrichten ließe, verkündete Dylan, dann käme er nach Stockholm, ja, auch das.

Aber er kam nicht, damals nicht und bis jetzt auch nicht. Er hatte, wie er kund- und zu wissen gab, „anderweitige Verpflichtungen“, die allerdings, wie man in Stockholm mit wachsendem Grimm rasch recherchiert hatte, nicht in einem weiteren Konzert auf seiner Never Ending Tour bestanden. Was sollten das für Verpflichtungen sein, wichtiger als der weltberühmte Nobelpreis? Residenzpflicht als Nikolaus vor einem New Yorker Kaufhaus? Vielleicht verbietet ihm sein neuerdings wieder strenger befolgter Glaube, am Sabbat das Haus zu verlassen. Kann aber auch sein, dass er an diesem Samstag mit seinen Hunden in die Hundeschule musste – wer weiß.

Jedenfalls entschuldigte sich der bepreiste Autor und schickte als bekennender Feminist seinen mutmaßlich größten Fan, nämlich die Musikerin Patti Smith. Der schwedische Literaturwissenschaftler und Juror Horace Engdahl verlas mit strenger Miene eine Laudatio, die noch einmal rechtfertigen sollte, warum Bob Dylan der Preis zuerkannt worden war. Noch einmal verwies Engdahl darauf, dass das Wort „Lyrik“ von der Lyra herstamme, und beschwor dann viele Namen, vom Fabeldichter LaFontaine bis Hans Christian Andersen, von Chamfort bis zum „Fliegenden Holländer“, von Woody Guthrie bis Shakespeare.

Dylan habe sich aber nicht auf die provençalischen Troubadours und die Griechen bezogen, sondern sei mit beiden Beinen im 20. Jahrhundert gestanden und habe die Alltagssprache mit der der Bibel verbunden. „Und plötzlich“, so der Exeget, „wirkte ein großer Teil der gelehrten Dichtung unserer Welt blutleer, und die Fließbandtexte, die seine Kollegen weiter produzierten, wirkten so altmodisch wie Schießpulver nach der Erfindung des Dynamits.“ Als wäre es mit dieser hübschen Verbeugung vor dem Erfinder des Dynamits, der in seiner Reue über das von ihm angerichtete Unheil dann den nach ihm benannten Preis stiftete, nicht genug, kam Engdahl noch auf einen weiteren Vergleich, um Dylans Wirkung zu beschreiben, es war, „als würde das Orakel von Delphi die Abendnachrichten verlesen“. Nicht schlecht, doch.

Beim abschließenden Bankett im Rathaus von Stockholm las nicht das Orakel von Delphi, sondern die amerikanische Botschafterin vor den fünfzehnhundert Frack- und Kleidergästen sowie der versammelten königlichen Familie eine Botschaft des abwesenden Preisträgers vor, die sich niemand hätte dürftiger ausdenken können. Große Ehre, danke, hätte er sich nie träumen lassen, und überhaupt habe er schon in der Schule seine Nobel-Vorderen Rudyard Kipling und George Bernard Shaw, Pearl S. Buck, Thomas Mann und Ernest Hemingway gelesen. Die den Preis nicht bekommen haben und denen er doch viel mehr verdankt – Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Bert Brecht, James Joyce, Franz Kafka –, erwähnte er nicht, aber für die hatte das Nobelkomitee schon seinerzeit keinen Preis übrig.

Da patzte Patti Smith. Blieb hängen am „Zweig, von dem das Blut tropfte“. Und setzte neu an

Davor wurde von putzig gekleideten Aufträgern (die Nobel Media war so freundlich, die Speisekarte ins Internet zu stellen) gegrillter Hummer an eingelegten Winteräpfeln gereicht, die Wunderkerzen blitzen bei der Nachspeise besser als bei jedem Betriebsfest, der Wein war auch nicht schlecht – Piccini Poccio Teo Chianti Classico vom Jahrgang 2010; und die Gäste schmausten mit einem dem Ereignis angemessenen Behagen.

So hätte alles seinen gemütlichen Gang gehen können, wäre da nicht Patti Smith gewesen. Beim Bankett saß sie in ihrem schwarz-weißen Outfit nicht königlich, aber mindestens priesterlich zwischen Parfumwolken, Ordensbrüsten und schier unbezahlbaren Taftquadratmetern in Grün, Blau und Rot, als wäre zuvor nichts geschehen. Aber sie hatte gesungen.

Sie hatte „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“ von Bob Dylan gesungen. Dylan hatte das Lied 1962 geschrieben, nach dem Ende der Kubakrise, in der die Welt am Rande der atomaren Vernichtung stand. Es ist Anklage, Kirchenlied, Choral und vor allem ein großer Gesang, wie es nur Dylan kann. Aber dann patzte seine Schülerin. Sie stockte in der zweiten Strophe, sie blieb hängen an dem „Zweig, von dem das Blut tropfte“. Patti Smith entschuldigte sich – „ich bin so nervös“ – und setzte neu an. Immer besser, immer fester wurde ihre Stimme, als sie Dylans apokalyptische Weltuntergangsversion weit, weit über alle Preise und Feiern und Hummer hinaustrug. Es war fast unerträglich gewalttätig, es war mehr Dichtung, als in Stockholm in Jahrzehnten zu hören war.

„Ja, das ist wahrlich schön, einen solchen Sänger zu hören, wie dieser ist, den Göttern an Stimme vergleichbar“, erklärt der vielgeprüfte, der listenreiche Odysseus seinem Retter Alkinoos, als er sich zu erkennen gibt, als er verrät, dass das Lied des Sängers von ihm handelt, vom listenreichen Odysseus.

Wahrlich ist es schön, Bob Dylan zu hören, doch schöner ist’s, dabei zu sein, wenn eine Göttin das Hohelied anstimmt und auf so erhabene Weise versagt. Bob Dylan und Patti Smith haben mit ihrem Fehlen die Kunst vor dem Nobelpreis gerettet. Und die Welt, sagt der Dichter, hebt an zu singen.

Bild: Pascal Le Segretain/Getty Images:

Niemand weiß, warum Bob Dylan an jenem Samstag nicht selbst nach Stockholm reisen konnte. Aber die Musikerin Patti Smith war da. Sang. Versagte. Und sang weiter. Und so gab es doch noch einen großen Moment.

10. Dezember 2016 für Willi Winkler: Über alle hinaus, Süddeutsche Zeitung, 12. Dezember 2016.

Written by Wolf

13. Dezember 2016 at 03:11

Veröffentlicht in Griechische Antike, Schall & Getöse

Nachtstück 0006: Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile
und Nachtsück 0005:

Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu und berstet vor Langerweile.

E.T.A. Hoffmann: Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden, 1810.

Milo ManaraWeil ich’s versprochen hab: Nach eineinhalb Jahren musste ich mal wieder die Playlist für Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden von E.T.A. Hoffmann 1810 auf kaputte Links durchschauen.

Den Weg alles Digitalen waren das Ach ich liebte aus dem Serail und Lodi al gran Dio aus La Betulia liberata gegangen, beide von Mozart, und einen Link hatte ich von Anfang an vertippt (nein, jetzt, wo ich ihn repariert hab, verrat ich nicht mehr, welchen). Es ist schön, nach ein paar Monaten auf dergleichen zu stoßen, vor allem, wenn man Ersatz schaffen kann. Es hilft beobachten, in welchem Tempo das Internet, zumal YouTube, den Bach runtergeht, und in der Folge einschätzen, bis wann man alles, was man noch gehört haben will, gehört haben muss, bevor jeder Gedanke an Musik lizenzpflichtig und jedes Abspielen endgültig illegal geworden ist.

Vorläufig bleibt das Lieblingsvideo aus der o.a. Playlist das erste: Patricia Petibon beim Versuch, die Königin der Nacht zu meistern. Sie scheint eine wirklich Nette, und das Training in der Kempener Paterskirche war für ihr Amoureuses von 2008, da kann sie’s vielleicht schon heute.

Und wo ich schon dabei war, hab ich auch gleich die dahingegangenen Bachschen Inventionen und Sinfonien von Glenn Gould aus Engführung in mikrokosmisch strukturiertem Material (musikalisches Lustspiel) gefixt. Ganz anders, auch wunderschön. Aus den YouTube-Playlisten ist heute schon keine vollständige legale Sammlung mehr aufzutreiben. Für Österreich, Nordkorea oder den Iran möglicherweise schon, für Deutschland eben nicht.

Bild: Milo Manara, mutmaßlich mit einem Mozart auf dem T-Shirt, und spätes Novecento. Erkennt jemand aus dem Notenbild, das die Dame vor sich liegen hat, die Musik?

Da capo:

Written by Wolf

3. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist!

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Update zu Lamento lacrimoso in Zick-Moll
und Show me a guy that doesn’t want to come down off the cross:

Karfreitag ist der geeignete Moment, um sich endlich die Passionen von Bach draufzuschaffen. Das lohnt sich tatsächlich. Um sie durchzuhören, reicht gerade mal so ein langes Osterwochenende, um sie zu verstehen, reicht kein ganzes Leben.

Roberto Ferri, Dark-Winged AngelsWir belassen es deshalb bei einer groben Bestandsaufnahme: Pflicht sind die Matthäus-Passion und die Johannes-Passion, was sich leicht merken lässt: das erste und das letzte Evangelium.

Warum sollte Bach aber genau den Anfang und den Schluss einer Tetralogie geschrieben haben? Um den Rest bei Gelegenheit aufzufüllen, die sich nie ergab?

Hat er gar nicht: Die restlichen zwei Passionen existieren; Bachs offizieller Nekrolog zählt sogar fünf Passionen, leider ohne sie zum Direktvergleich namentlich aufzuführen, und Bach über Bach insinuiert sogar sechs. Optimisten dürfen dabei gerade den Umstand schätzen, dass es von der süffigeren, kürzeren, beliebteren — Johannes — keine vom Komponisten autorisierte Endfassung gibt, sondern nur rekonstruierwürdige Fassungen aus einem 520-seitigen Notenblätterkonvolut.

Allerdings ist die Lukas-Passion eine Zuschreibung — also „weitestgehend“ gar nicht von Bach und somit apokryph — aber immerhin von ihm aus Zeitgründen aus fremdem Material umarrangiert. Sie könnte also von ihm sein — umso mehr, als er es selbst durch seine Umarbeit tätig bekräftigt hat — und zur Stunde mindestens vier Gesamtaufnahmen davon umgehen.

Die Markus-Passion ist dagegen „nur“ verschollen, allen Aussichten nach unwiederbringlich, erhalten ist nur das Libretto von Christian Friedrich „Picander“ Henrici. Die Geschichte der Rekonstruktionen von Bachs Musik ist eine Geschichte voller Missverständnisse, Irrtümer und Wirrnis, über die sich hoffentlich alle ebenfalls vier Gesamtaufnahmen in ausführlichen (und notorisch dreisprachigen …) Booklets äußern. Besonders interessant findet mein innerer Lästerhansel, dass die Markus-Passion als Parodie geplant war, wie das Weihnachtsoratorium auch, was leider nicht eine heute übliche Persiflage bedeutet, und Bachs eigene — weltliche — Kantate Laß, Fürstin, laß noch einen Strahl verwendet (BWV 198).

Merken wir uns also: Matthäus ist ein mords Gedröhn, Johannes ist wirklich schön, Lukas ist Stückwerk und Markus reine Hypothese. — Es folgt Bachs gesamte Passionentetralogie in der Reihenfolge ihrer Werkverzeichnisnummern. Das sind insgesamt 9 Stunden, 17 Minuten und 15 Sekunden Laufzeit. Ostern ist gerettet.

Matthäus-Passion, BWV 244:

Johannes-Passion, BWV 245:

Lukas-Passion, BWV 246:

Markus-Passion, BWV 247:

Geigerin von hinten: Roberto Ferri: Dark-Winged Angels;
Geigerin von oben: Girls and Violin, 27. November 2015.

Girls and Violin, White Dress in Violin

Written by Wolf

25. März 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Schall & Getöse

3. Katzvent: Und ich singe was ich fühle

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Wo doch Heine heuer am dritten Advent Geburtstag hat, da kriegt er einen ausführlichen Musikteil.

Und die geschändeten und geschmähten Katzen werden über die fashionablen Kater herfallen und werden ihnen eine Katzenmusik bringen, daß ihnen alle Katerlust vergehen soll, und die Katzen werden miauen: „Jetzt regieren wir!“

Georg Weerth: Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten, 1849.

——— Heinrich Heine (*13. Dezember 1797, Düsseldorf; † 17. Februar 1856, Paris):

14. Mimi

aus: Gedichte 1853 und 1854:

Katzenmusik, Fliegende Blätter, 1852Bin kein sittsam Bürgerkätzchen,
Nicht im frommen Stübchen spinn ich.
Auf dem Dach, in freier Luft,
Eine freie Katze bin ich.

Wenn ich sommernächtlich schwärme,
Auf dem Dache, in der Kühle,
Schnurrt und knurrt in mir Musik,
Und ich singe was ich fühle.

Also spricht sie. Aus dem Busen
Wilde Brautgesänge quellen,
Und der Wohllaut lockt herbei
Alle Katerjunggesellen.

Alle Katerjunggesellen,
Schnurrend, knurrend, alle kommen,
Mit Mimi zu musizieren,
Liebelechzend, lustentglommen.

Das sind keine Virtuosen,
Die entweiht jemals für Lohngunst
Die Musik, sie blieben stets
Die Apostel heilger Tonkunst.

Brauchen keine Instrumente,
Sie sind selber Bratsch und Flöte;
Eine Pauke ist ihr Bauch,
Ihre Nasen sind Trompeten.

Katzenrassen. Die Gartenlaube nach einer Originalzeichnung von J. Bungartz, Leipzig 1897. 1. Cyperkatze. 2. Karthäuserkatze. 3. Angorakatze. 4. Khorassankatze. 5. Chinesische Katze. 6. Siamesische KatzeSie erheben ihre Stimmen
Zum Konzert gemeinsam jetzo;
Das sind Fugen, wie von Bach
Oder Guido von Arezzo.

Das sind tolle Symphonien,
Wie Capricen von Beethoven
Oder Berlioz, der wird
Schnurrend, knurrend übertroffen.

Wunderbare Macht der Töne!
Zauberklänge sondergleichen!
Sie erschüttern selbst den Himmel,
Und die Sterne dort erbleichen.

Wenn sie hört die Zauberklänge,
Wenn sie hört die Wundertöne,
So verhüllt ihr Angesicht
Mit dem Wolkenflor Selene.

Nur das Lästermaul, die alte
Prima-Donna Philomele
Rümpft die Nase, schnupft und schmäht
Mimis Singen — kalte Seele!

Doch gleichviel! Das musizieret,
Trotz dem Neide der Signora,
Bis am Horizont erscheint
Rosig lächelnd Fee Aurora.

Grandville, Eine Katzenmusik, La Caricature, Paris 1. September 1831

Katzenbilder: Fliegende Blätter, 16.1852 (Nr. 361-384), Bild 2, 1852;
Katzenrassen: Die Gartenlaube nach J. Bungartz, Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1897:

  1. Cyperkatze
  2. Karthäuserkatze
  3. Angorakatze
  4. Khorassankatze
  5. Chinesische Katze
  6. Siamesische Katze

Grandville: Eine Katzenmusik (Charivari) in La Caricature, Paris, 1. September 1831.

Katzenmusikteil:

Fuge (wie) von Bach: Die Katze lässt das Mausen nicht, aus:
Schweigt stille, plaudert nicht (Kaffeekantate, BWV 211), ca. 1734.

Bonus Tracks:

Katzenjammer, Ben Caplan and The Trondheim Soloists: Fairytale Of New York aus The Pogues: If I Should Fall from Grace with God, 1987, in: Vi tenner våre lykter, 2011;

Aristocats: Do Mi Fa Mi, Walt Disney et al., 1970;

Coda:

Ebenda: Everybody Wants to Be a Cat (dt.: Katzen brauchen furchtbar viel Musik).

Written by Wolf

11. Dezember 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Junges Deutschland, Schall & Getöse

Postcards from Germany

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Update for Schön siebenzeilig Lurley:

We knew Mark Twain spoke the awful German language. Now we learn he even sang it.

——— Mark Twain:

An Ancient Legend of the Rhine

from: A Tramp Abroad. Vol. 1–2. Leipzig: Tauchnitz, 1880, vol. 1,
translation of Heinrich Heine: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
from: Buch der Lieder (Book of Songs), 1827:

Germany is rich in folk-songs, and the words and airs of several of them are peculiarly beautiful – but „The Lorelei“ is the people’s favourite. I could not endure it at first, but by-and-by it began to take hold of me, and now there is no tune which I like so well.

I cannot divine what it meaneth,
This haunting nameless pain:
A tale of the bygone ages
Keeps brooding through my brain:

Loreley-Postkarte 1

Loreley-Postkarte 2

The faint air cools in the gloaming,
And peaceful flows the Rhine,
The thirsty summits are drinking
The sunset’s flooding wine;

The loveliest maiden is sitting
High-throned in yon blue air,
Her golden jewels are shining,
She combs her golden hair;

Loreley-Postkarte 3

Loreley-Postkarte 4

She combs with comb that is golden,
And sings a weird refrain
That steeps in a deadly enchantment
The listener’s ravished brain:

The doomed in his drifting shallop,
Is tranced with the sad sweet tone,
He sees not the yawning breakers,
He sees but the maid alone:

Loreley-Postkarte 5

Loreley-Postkarte 6

The pitiless billwos engulf him!–
So perish sailor and bark;
And this, with her baleful singing,
Is the Lorelei’s gruesome work.

Images: Postcards from the Mittelrheintal about Darstellung der Loreley auf Postkarten, 1900.

Written by Wolf

30. Oktober 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse