Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Schall & Getöse’ Category

Morgenstern über Greifswald (und keiner schaut hin)

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Update zu O selige Epoche,
Flintenwerfen und
Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10:

Es hätte ein so schönes Leben sein können: Da wird einer pünktlich erst nach dem einen Krieg geboren und stirbt pünktlich vor dem anderen — da kämpft er den größten Teil seiner Erdenzeit gegen eine lebenseinschränkende bis -bedrohliche Tuberkulose; da schafft er in seiner schönsten Phase mit seinen besten Kumpanen den zeitlosen Klassiker der Galgenlieder — und muss sich in der Folge lebelang ärgern, auf seine Studentenscherze reduziert zu werden. Irgendwas ist immer.

Leicht gemacht hat er sich’s, was vor diesem Hintergrund niemanden wundern muss, mit seinem „bürgerlichen Drama“ Ecce Civis. Verständlich, aber schade, dass dieses kurze, aber im Live-Betrieb beliebig zu erweiternde Stück so obskur ist und offenbar erst entschieden posthum um 1976 uraufgeführt wurde: Gerade Stellen wie „Das gesamte Tischgerät entwickelt eine lustige Musik“ (erster Akt), „Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann“ (zweiter Akt) und „Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab“ (dritter Akt) bieten den Darstellenden unschlagbare Möglichkeiten zum Herumbrillieren. Von der Maskenbildnerei ganz zu schweigen.

——— Lyrikzeitung:

Literarisches Greifswald (1)

in: Lyrikzeitung & Poetry News, 15. November 2015:

Wanderer, kommst du nach Spa-, nach Greifswald.

Greifswald liegt am Rand, aber es hat doch dies und das, sogar Literarisches. Vielleicht mache ich eine Folge. Ich beginne mit Christian Morgenstern. Mir sind keine Aufenthalte M.s in Greifswald bekannt. Geboren in München, gestorben in Meran, verbrachte das halbe Leben in Sanatorien, etwa in Birkenwerder. Wenn er an die See fuhr, so war es Helgoland, Sylt oder Föhr, oder gleich Norwegen.

Trotzdem steht sein Name an einer Hauswand in Greifswald:

Kapaunenstraße Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015
„In diesem Hause fand die
Erstaufführung von
Chr. Morgensterns Ecce Civis
unter der Leitung I.Sulks statt.“

Die Tafel wurde wahrscheinlich in den siebziger Jahren angebracht. Tatsächlich hing sie nicht an diesem Haus, das ein Neubau aus den End-80ern oder Früh-90ern ist. An dieser Stelle standen 2 Häuser, in einem ein Milchladen und im andern ein Zeitschriftenladen. Sie fielen der Tabula-Rasa-Abrißsanierung in den letzten DDR-Jahren zum Opfer. Die Tafel war dann längere Zeit verschwunden, erst vor Monaten fiel sie mir wieder auf. Sie hing damals nicht in der Kapaunenstraße, sondern vorn in der Langen Straße, die damals „Straße der Freundschaft“ hieß, vom Volksmund auf F-Straße verkürzt. Auch will mir die Erinnerung einreden, daß früher das Datum der Uraufführung auf der Tafel stand, irgendein Jahr in den 70ern, vielleicht 1976? Aber ich habe keine Fotos, einziges Indiz der gute Erhaltungszustand der also wohl neuen Tafel.

In einer DDR-Zeitschrift, „Das Magazin„, stand damals ein Artikel über die Tafel. Ich weiß nur noch, der Verfasser hielt das für einen Scherz, einen Ulk, er meinte, I. Sulk müsse „Is Ulk“ gelesen werden. Aber das stimmt nicht, der Herr Sulk war ein dort lebender Greifswalder.

Demnach hatte der Autor nicht recherchiert, sondern nur auf der Durchreise das Schild fotografiert und den Rest zusammenspekuliert. Es gibt gute Gründe, einen Ulk zu vermuten. Ein Blick auf das Personenverzeichnis des Kurzdramas zeigt das:

Personenverzichnis Ecce Civis, Christian Morgenstern. Ausgewählte Werke, Seite 455, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015

Ein hübsches Junggesellenzimmer mag auch der Ort der Erstaufführung gewesen sein. Aber wieso Ulk? Ich sehe es vor mir. Erste Zigarre: läßt Ringel zur Decke steigen. Mehrere Teller: klappern. Gabeln: klirren. Eine Zigarette: fängt an zu brennen. Der erste Akt endet so: „DAS GESAMTE TISCHGERÄT entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.“ Lange vor der bruitistischen Musik der Futuristen und dem bruitistischen Krippenspiel des Hugo Ball hat Christian Morgenstern die Chose erfunden. Und erstaufgeführt wurde es in Greifswald, Straße der Freundschaft.

Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015
Das jetzige Haus von vorn

Soweit die Informationen — oder vielmehr der Mangel daran — über Morgensterns Spuren in Greifswald. Ausführlicher wird seine literarische Nachwirkung vom vermutlich selben, nur diesmal namentlich ausgewiesenen Autor Dr. phil. Michael Gratz unter Morgenstern in der DDR — der an dieser Stelle warm zur Kenntnisnahme über persönlich nähergebrachte deutsch-deutsche Literaturgeschichte und Grenzverkehr empfohlen sei! — fürs L&Poe Journal 1 (2021), die Ausgabe zu Morgensterns 150. Geburtstag am 6. Mai beschrieben. Ein prominenter Greifswalder Bürger namens I. Sulk, dessen Name möglicherweise nur „Ulk is“, kann auch dort nicht nachgewiesen werden. An unserer Stelle erscheint so oder so der Volltext des Dramas sinnvoller:

——— Christian Morgenstern:

ECCE CIVIS

Ein bürgerliches Drama

um 1898, in: Klaus Schuhmann: Christian Morgenstern. Ausgewählte Werke,
Insel, Leipzig 1975, Seite 455–457,
cit. nach L&Poe Journal 1 (2021), 15. Februar 2021:

HANDELNDE

Eine Kiste Zigarren
Eine Schachtel Zigaretten
Ein mit zwei Kuverts gedeckter Esstisch
Eine grosse gedeckte Gesellschaftstafel
Ein Tablett mit Kaffeegeschirr
Ein Tablett mit Wein
Ein Tablett mit Bier

Parfümflaschen, Tüten mit Konfekt, Löffel, Messer, Gabeln, Kohlenschaufeln, Schmapsservice, große und kleine Brotkörbe, Ausguß, Wasserhähne, Putzlappen, Korkzieher, Zuckerdose usw. usw. nach Bedarf und Belieben.
Dazugehörige Personen.

Erster Akt

Ein hübsches Junggesellenzimmer.

Erste Zigarre läßt Ringel zur Decke steigen. Der dazugehörige Herr sagt etwa: Wo nur die Fanny heut so lang bleibt! Läßt sich vom Zimmer zu schaffen machen.

Mehrere Teller klappern.

Gabln klirren.

Eine Tüte mit Datteln

wird irgendwo versteckt.

Eine Flasche Sekt knallt. Der dazugehörige Diener sagt etwa: Bleibt heut das Fräulein aber lang!

     Nach einer Weile klopft es, und die Erwartete kommt.

Eine Zigarette fängt an zu brennen. Der dazugehörige weibliche Mund sagt etwa: Du hast wohl heut etwas warten müssen, Fredi.

Die Zigarre: Du machst dir eben nichts aus mir.

Die Zigarette: Ach geh, was du dir auch immer einbildst; Komm, eß mer. Man setzt sich zu Tisch.

Das gesamte Tischgerät entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt Bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.

Zweiter Akt

Ein Salon.

Eine Menge Zigarren und Zigaretten mit dazugehörigen Personen beiderlei Geschlechts kommt aus dem im Hintergrund durch eine breite Flügeltür sichtbaren Speisesaal, nicht jedoch ohne des öftern dahin zurückzukehren, ein Glas Wein, ein Stück Torte zu sich zu nehmen, einen Toast auszubringen oder dergleichen.

Erste Zigarre: Das mit der Huber soll also wirklich wahr Sein?

Zweite Zigarre: Meine Frau hat die zwei mit eignen Augen –

Eine Zigarette: Mit eignen Augen!

Ein Stück Torte: Um Gottes willen, seid still! Dort kommt er!

Mehrere Zigarren und Zigarette: Pst! pst! pst!

Dritte Zigarre in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Guten Abend, meine Damen und Herren!

Sämtliche Zigarren und Zigaretten: Guten Abend, Herr Müller.

Zweite Zigarre und dritte Zigarette zugleich: Bitte, meine Herrschaften, der Kaffee!

Ein Tablett mit Kaffeetassen beherrscht auf längere Zeit die Situation.

Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann.

Dritter Akt

Ärmliche Giebelstube.

Eine Zigarette sitzt mit dem dazugehörigen Fräulein Fanny vor einem Tisch.

Löffel, Messer, Gabeln lassen sich von ihr putzen und führen eine Weile das Wort.

Eine Zigarre in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Grüß dich Gott, Fanny!

Die Zigarette: Jessas, Fredi, wo kommst denn du jetzt her?

Die Zigarre: Es mußte sein. Aber erst schaff mir was zu trinken, ich bin wie ausgedorrt.

Die Zigarette: Ich hab bloß Bier da.

Die Zigarre: Schadt nichts. Gib nur her! Fanny – zwischen uns muß Es aus sein. Schenkt Bier ein.

Die Zigarette zitternd: Ich hab mir’s ja gedacht.

Die Zigarre paFFend: Also machen wir’s kurz.

Die Zigarette liegt mit dem Kopf auf dem Tisch.

Das Bierglas trommelt.

Die Löffel, Messer und Gabeln machen einen nervösen Lärm. Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab, an deren Schluß das Ende des Stückes steht.

Die Zigarre mit Zubehör verschwindet von der Bühne.

Die Zigarette erlischt.

Der Vorhang fällt.

Ende.

Greifswald, Ecke Lange Straße und Kapaunenstraße Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015

Bilder: Lyrikzeitung: Literarisches Greifswald (1), 15. November 2015;
Michael Gratz: Morgenstern in der DDR, in: L&Poe Journal 1 (2021), 15. Februar 2021 .

Soundtrack bruitistischer Musik: Luigi Russolo: Serenata per intonarumori e strumenti, 1924:

Bonus Track: The Art of Noise featuring Duane Eddy: Peter Gunn, aus: In Visible Silence, 1986:

Written by Wolf

7. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Schall & Getöse

Blumenstück 005: Versprich du es auch

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Update zu Nachtstück 0021: Нет хуже ада:

——— Richard Brautigan:

Japanisches Popkonzert

aus: Japan bis zum 30. Juni, Eichborn, Frankfurt 1989, cit. nach Rowohlt, Reinbek 1995, Seite 39,
i. e. June 30th, June 30th, Delacorte Press/Seymour Lawrence, New York 1977,
deutsche Übersetzung: Günter Ohnemus:

Richard Brautigan, Japan bis zum 30. Juni, Eichborn, Frankfurt 1989, CoverVergiß nie, nie
       die Blumen
die nicht angenommen wurden,
       vehöhnt wurden.

Ein sehr schüchternes Mädchen gibt dem
angehenden Popstar einen schönen,
       einen wunderschönen
       Blumenstrauß

zwischen zwei Liedern. Wieviel Mut
sie gebraucht hat, zur Bühne
hinauszugehen und ihm die Blumen zu
       geben.

Er legt sie wie Unrat
auf den Boden. Da liegen sie jetzt.
Sie geht zu ihrem Platz und schaut
       zu ihren Blumen hinaus.
Dann hält sie es nicht mehr aus.

       Sie flüchtet.
       Sie ist weg
       aber die Musik geht weiter.

       Ich versprech es.
       Versprich du es auch.

Tokio
31. Mai 1976

Bild: Eichborn-Cover, Auflage 1996.

Soundtrack: 郷ひろみ: あなたがいたから僕がいた, 1976. Musik ab Sekunde 47:

~~~\~~~~~~~/~~~

Bonusbild: 正刀: 聴こえない, 24. März 2020.

正刀, 聴こえない, 24. März 2020

Written by Wolf

3. Juli 2020 at 00:01

Zwei Klavier-Trios und zwei Violoncello-Sonaten

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Update zu Leise retardierende, ungläubig fragende Zurücknahme der Meldung
und Ein ewig Weißwurschten:

Kapelle Maria RastMein üblicher Urlaub besteht darin, ein-, zweimal im Jahr frühmorgens zur Haustür hinauszufallen, den Weg zur Isar einzuschlagen und erst wieder mit dem Latschen aufzuhören, wenn ich in Kloster Schäftlarn rauskomme. Das kann ich nur empfehlen: Obwohl der Weg durch einen touristisch durcherschlossenen Wald stur geradeaus am Isarufer flussaufwärts führt, verfranst man sich unfehlbar so vielfältig, dass ich in zwanzig Jahren keine zweimal genau dieselbe Strecke gegangen bin, der Klosterladen hält einwandfreien lokal hergestellten Honig von sichtbar umherschwärmenden Bienen feil – falls – selten genug – noch welcher da ist –, hinterher ist man so rechtschaffen müde, dass man sogar zu faul ist, im anliegenden Klosterbräustüberl als Isarpreuße herumzustören, und obwohl das ein noch viel steilerer Aufstieg aufs Isarhochufer ist, als man über die Straße bis in die Traditionskneipe hinein gehechtet wäre, kommt man mit der S7 vom Bahnhof Hohenschäftlarn aller 20 Minuten wieder nach München. Bei dem fiesen Anstieg aufs Hochufer in den Hauptort holt man sich erst den Muskelkater, da hilft auch die still vor sich hin verfallende Kapelle Maria Rast nix. Oben vekehrt sich’s bei gleichem Aufwand auch weiter nach Wolfratshausen, wenn man unbedingt meint.

Panorama Kloster Schäftlarn

Das Klosterbräustüberl Schäftlarn bleibt selbstverständlich mit seinen drei Umlauten im Domainnamen und seinem Schnitzel- und Steaktag aus den persönlich ansprechbaren Isartaler Angusrindern ausgerechnet an unchristlich gewählten Freitagen nur die zweite Sehenswürdigkeit am Ort, durch den man mir nix dir nix durchgerauscht ist, wenn man nicht rechtzeitig an der Klosterkirche bremst.

Letztere ist nämlich von einem idylischen Friedhof umzingelt, und an der Kirchenwand, gleich linker Hand der Hauptpforte, findet sich das Schild angeschroben:

Marie von Erdödy, Schild Friedhof Kloster Schäftlarn

ANNA MARIA GRÄFON ERDÖDY

1779 — 1837

FAND IN SCHÄFTLARN IHRE LETZTE RUHE.

LUDWIG VAN BEETHOVEN

WIDMETE IHR IN DANKBARKEIT

ZWEI KLAVIER-TRIOS

UND ZWEI VIOLONCELLO-SONATEN.

BEETHOVEN-GESELLSCHAFT MÜNCHEN

„Zwei Klavier-Trios“ ist gut. Die Gräfin Anna Maria „Marie“ von Erdődy (mit ungarischem ő) hat von Beethoven nichts Geringeres denn das vom Beufsmusiker E.T.A. Hoffmann für die Musikgeschichte dringend empfohlene Geistertrio – und dann noch einiges geschenkt bekommen, was sie in den Kreis der Verdächtigen als Beethovens obskure Unsterbliche Geliebte aus dem gleichnamigen Brief vom Montag, den 6. Juli 1812 rückt.

Präalatengarten Kloster Schäftlarn

Ohne einem Frauenschicksal hinterherzuspüren, das eine Banater Adlige zu Beethovens Verehrerin der ersten Stunde, seiner Gönnerin, Hauswirtin in der Krugerstraße 1074 im Wiener 1. Bezirk, Eigentümerin des geeigneten Landguts für den viel späteren Verein der Freunde der Beethoven-Gedenkstätte in Floridsdorf, einer seiner allerengsten Lebensfreundinnen, wenn nicht gar noch Unsterblichen Geliebten machte – ohne, sagte ich, solchen wahrhaft verwirrenden Details hinterherzuspüren, weil wir darüber ohnhein nicht herausfinden, was die Gräfin an ihren Sterbeort im zarten 57. Lebensjahr zu München trug – und vor allem: wer oder was sie dann an ihre Grabstätte vor der Kirchenmauer der Benediktinerabtei – und eben nicht Benediktinerinnenabtei – Schäftlarn getragen haben mag, wohin ihr in späteren Zeitaltern noch eine bis 1990 existierende Münchner Beethoven-Gesellschaft mit einer von geistlicher Seite zu genhemigenden Gedenktafel nachruft – ohne diese Verwirrungen eines erwartbar an allen Ecken und Enden überraschenden Lebenswandels zu einer Auflösung zu führen und velmehr in unserer vielgestaltigen Verwunderung steckenzubleiben, wollen wir an dieser Stelle über ihren Widmungen ihres Frauenschicksals gedenken, wenn auch nicht ohne eine gewisse Wehmut des Versäumnisses:

  1. Klaviertrio op. 70 Nr. 1, „Geistertrio“, Lieblingsaufnahme mit Barenboim, Zukerman & du Pré:
  2. Klaviertrio op. 70 Nr. 2:
  3. 4. Cellosonate op. 102 Nr. 1:
  4. 5. Cellosonate op. 102 Nr. 2 – beide letzteren auf den Leib des Cellisten Joseph Linke komponiert:
  5. Kanon Glück, Glück zum neuen Jahr, WoO 176:

So eine nachweinende Wehmut bleibt einem sowieso jedesmal, wenn man von München aus nach Schäftlarn wandert. Auch wenn man im Gegensatz zu der verstorbenen Gräfin Erdődy aus eigenen Mitteln zurück nach München gelangt, verpasst man immer irgendwas bei seinem bemessenen Aufenthalt: Entweder hat der überaus sehenswerte Prälatengarten – man beachte dort das persönlich erinnernde, anrührende Dankschreiben von Papst Benedikt „Ratzefummel“ XVI. – ist zugesperrt, man ist zu geizig, um ins Klosterbräustüberl einzukehren, oder zu katholisch, um fastenfreitags dessen Angebot eines Angusrindersteaks zu nutzen, oder der Klosterladen hat wahlweise Ruhetag oder keinen Honig mehr.

Eingang Klosterladen Schätlarn

Man steckt nicht drin, in den wenigsten der angeführten Umstände. Um wenigstens den Klosterladen geöffnet zu erwischen, damit man daheim sein – so vorrätig – Halb- oder Pfundglasl Klosterhonig vorweisen und sagen kann: „Schau her, ich bin dagewesen“ – die Öffnungszeiten sind:

Mittwoch–Samstag 14.00–17.00 Uhr
Sonn- und Feiertage 11.00–17.00 Uhr

Während der Monate Januar bis Ende März ist der Klosterladen sonntags geschlossen.

Zu deutsch: Montag und Dienstag haben Sie Glück, wenn Sie mal aus dem idyllisch plätschernden Brunnen im Prälatengarten Im Zweifelsfall vorher zu den angegebenen Öffnungszeiten mal anrufen; die Schäftlarner, mit denen man touristisch zu tun hat, sind nach meiner Erfahrung auffallend freundlich. Wer bis hier mitgelesen hat, kriegt als Belohnung den Geheimtipp mit: Der Schnaps ist meistens noch da. Vielleicht war die Gräfin Erdődy ja doch eine gesegnete Frau.

Landstraße nach Kloster Schätlarn

Buidln: Lars Melzer für Google Maps, Januar 2020;
das Schild von mir, die anderen via Abtei Schäftlarn.

Bonus Track. Johannes Buxbaum an der Klosterorgel Schäftlarn, 15. April 2020:
Pater Anton Estendorffer: Capriccio super Christ ist erstanden, 2008:

Written by Wolf

12. Juni 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Arschmusik aus der Hölle

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Update zu Das Herz in meinem Leibe gehört ja allzeit dein (for life is just that way):

Das Werk von Hieronymus Bosch, eigentlich Jheronimus van Aken, war nie ganz verschwunden. Nicht schlecht für einen Maler, dessen Geburtsdatum „um“ 1450 und genauer Lebenslauf sich im Dunkel altniederländischer Archive verlieren, dessen Themen durchgehende Variationen über Vergänglichkeit, Tod und Verdammnis sind, und mit deren Interpretation man auch bei seinem kommerziell groß gefeierten 500. Todestag 2016 längst nicht fertig war.

Vielleicht gerade deswegen. Seine Bilder sind nämlich gelinde gesagt alles andere als langweilig, viel eher Steinbrüche für nachfolgende bis postmoderne Motive von allerhöchstem, meist groteskem, detailstrotzendem Schauwert. 2014, also wohl ohne Anstoß durch anstehende offizielle Veröffentlichungen von 2016, war ein Detail aus seinem Triptychon Der Garten der Lüste (Tuin der lusten) von etwa 1490 bis 1500 die üblichen paar Wochen lang ein Internet-Hype — dankenswerterweise einer, für den jemand in einer Kunstform, die von „können“ kommt, tätig werden musste: Noten lesen und umsetzen, sogar in Neumen.

Auf dem rechten Innenflügel des Gartens der Lüste namens Die Hölle findet sich unter Verwendung zahlreicher Musikinstrumente — daher auch: Die musikalische Hölle — das Detail eines zur Hölle Verdammten, auf dessen Hintern Musiknoten geschrieben stehen, nach denen umstehende Verdammte unter Anleitung eines Monsters singen müssen. Unter der bis auf weiteres geltenden Annahme, dass Bosch für sein Bilddetail nicht einfach wahllos irgendwelche notenähnlichen Tupfen verteilt, sondern eine musikalische Komposition festgehalten hat, und im Gegensatz zu den Ferkeleien des 250 Jahre später auftretenden Berufsmusikers Mozart — siehe unter anderem Leck mich im Arsch, KV 231, und Leck mir den Arsch fein recht schön sauber, KV 233 — geht das unter den Händen eines ein halbes Jahrtausend lang anerkannten Renaissance-Meisters über ein präpubertär anales Späßchen hinaus.

jetzt.de, ein mittlerweile weitgehend stillgelegtes Jugendorgan der Süddeutschen Zeitung, brachte eine handliche Übersicht der auf Tumblr vorgefundenen Situation:

Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste, 1490 ff., via Public Domain Review, Sommer 2017

——— Teresa Fries:

Ein Arsch voll Musik

in: Netzteil, jetzt.de, 14. Februar 2014:

Eine Studentin aus den USA entdeckt auf dem Renaissance-Gemälde „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch eine Notenfolge, gemalt auf einen Hintern. Sie studiert die Noten, arrangiert sie neu und heraus kommt ein Po-Song aus der musikalischen Hölle des 16. Jahrhunderts.

Wäre ich Hieronymus Bosch, ich hätte mein Leben und meinen Tod lang auf diesen Moment gewartet. Ich sehe den Künstler vor mir, wie er da an einem Abend des Jahres 1503 mit dem Pinselchen vor seiner Holztafel steht, noch mal von seinem Wein nippt und dem nackten Hintern, den er gerade gemalt hat, mit einem breiten Grinsen die Noten einer Melodie verpasst. Und der gute Hieronymus wird sich dabei gedacht haben: „Möge eines Tages einer meine Arschkomposition finden, sie spielen und sie zu einem Erfolg machen“.

Gute 500 Jahre später betrachtete eine Studentin der Oklahoma Christian University mit einem Freund das Tryptichon von Hieronymus Bosch mit dem Titel „Der Garten der Lüste„. Ein Bild mit zwei Seitenflügeln: Klappt man sie zu, sieht man die Darstellung des dritten Schöpfungstags. Öffnet man die Flügel, findet man auf der linken Seite das Paradies, in der Mitte einen Garten voll lüsterner Menschen und auf der rechten Seite die musikalische Hölle, eine Unterwelt, in der Musikinstrumente als Foltergeräte benutzt werden. Das Ganze ist dank der wahnsinnig vielen Details eine Art Wimmelbild.

Äußerst amüsiert entdeckten die beiden Freunde unter einer überdimensionalen Laute ein Hinterteil, auf das einige Notenzeilen gemalt sind. Andere Verdammte singen unter der Aufsicht eines rosa Monsterfroschs die Melodie. Und die Studentin, die — zumindest im Internet — Amelia [Hamrick] heißt, tat das, was Bosch sich seit 500 Jahren gewünscht haben muss: Sie vertonte seinen Arsch-Song und stellt ihn auf ihrem Tumblr online.

„Ich beschloss, die Melodie in die moderne Notation zu übertragen“, erklärt Amelia, denn auf dem Hintern gibt es nur vier Notenlinien statt der heute üblichen fünf. „Ich bin davon ausgegangen, dass die zweite Notenlinie ‚C‘ ist, wie es für Gesänge dieser Zeit üblich war. Also ja, das ist WIRKLICH der 600 Jahre alte Po-Song aus der Hölle“. Dass sie sich dabei um 100 Jahre verrechnet hat, da das Bild um 1500 herum entstand, tut der Großartigkeit keinen Abbruch.

Amelia postete eine Klavierversion der Melodie auf Tumblr. Und tatsächlich: Es klingt ein wenig nach christlichem Höllenchoral. Bosch hatte also nicht einfach irgendwelche Noten malerisch auf den Hintern des armen Menschen tätowiert. Der Eintrag hat mittlerweile mehr als 49.000 Likes auf Tumblr und es gibt bereits eine Chorversion des Lieds mit Lyriks („Das ist der Po-Song aus der Hölle, wir singen von unseren Ärschen, während wir im Fegefeuer brennen“). Selbst der Guardian berichtete über das Po-Lied. Überrascht von der großen Aufmerksamkeit schrieb Amelia auf ihrem Tumblr: „Ich kann immer noch nicht glauben, dass das so abgeht. Das ist verrückt???“. Sie gestand auch, dass die Übertragung der alten Noten noch nicht ganz perfekt und die Aufnahme auch nicht die beste sei. „Aber ich arbeite gerade zusammen mit der Musikfakultät meiner Uni daran“. Vielleicht dürfen wir uns bald über eine professionelle Inszenierung freuen: Der Arsch-Song aus der Hölle — ein Arrangement für großes Orchester.

Das Thema erscheint visuell auf polyphonische Notation mit fünf statt der ursprünglichen vier Notenlinien umgerechent bei Amelia „resident art goblin“ und erklingt bei ihrem Kollegen Pretty Nails and Fluffy Tails:

Noten via Lanzhoverin, 17. Oktober 2018

——— Even Speedwagon Is A Furry, Tumblr, 11. Februar 2014:

i present to you, the butt song from hell, with lyrics, so you can even sing along if you want:

butt song from hell
this is the butt song from hell
we sing from our asses while burning in purgatory
the butt song from hell
the butt song from hell
butt

Einen Monat nach der grundsätzlichen Erschließung der Melodie erstellte jemand ein Arrangement für A-cappella-Chor:

Noch viel eher im Zuge der Feierlichkeiten zu Boschs 500. Todestag, entstand 2016 das Album Missa Cum Jocundtate: Visions Of Joy: The Chapel Of Hieronymus Bosch der Cappella Pratensis. Als umfassendste und auf mehreren wünschenswerten Ebenen wurde sie in der FAZ besprochen:

——— Anja-Rosa Thöming:

Was Hieronymus Bosch gehört hat

Visionen der Freude: Geistliche Vokalwerke des Marienbruders Pierre de la Rue

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. August 2016, Seite 10:

Gewaltig ist die Kirche Sint-Jan, die Sankt-Johannis Kathedrale in der niederländischen Stadt s’Hertogenbosch, ein Zeugnis Brabanter Gotik und heutzutage ein nationales Rijksmonument. Vor fünfhundert Jahren trafen sich hier jeden Mittwoch die Freunde unserer Lieben Frau, nämlich die Mitglieder der „Illustre Lieve Vrouwe Broederschap„, allesamt fromme Marienverehrer. Sie feierten eine Messe zu Ehren der heiligen Jungfrau und hörten dabei die neueste Musik ihrer Zeit. Die ist überliefert in prachtvollen Handschriften der damals berühmten Schreiber-Werkstatt des Petrus Alamire, eines faszinierenden Mannes, der nicht nur als Handwerker tätig war, sondern nebenbei auch als Privatkurier für den Luther-Freund Georg Spalatin und als Spion für König Heinrich VIII. von England.

Zur Bruderschaft – sie existiert noch heute, seit 1642 in ökumenischer Form – gehörten auch der Maler Hieronymus Bosch und der fast gleichaltrige Pierre de la Rue, Komponist franko-flämischer Manier am Habsburgisch-Burgundischen Hof, 1452 geboren, 1518 verstorben. Die beiden Künstler werden jetzt in einem Gedankenspiel zusammengeführt: Auf der CD „Die Kapelle des Hieronymus Bosch“ wird eine „Klanglandschaft“ („soundscape“ heißt es im Beiheft) heraufbeschworen, die Bosch in den Andachten in Sint-Jan erlebt haben mag. Hell hebt sie sich ab von jenen Unheilsvisionen, die wir aus seinen Gemälden kennen. Der Zusatztitel des Albums, „Visions of Joy“, zielt auf die „Missa Cum jocunditate“ von Pierre de la Rue ab. Sie erhebt die „Freundlichkeit“ zum Attribut Marias. Der Liturgie folgend, streuen die in s’Hertogenbosch ansässigen Sänger der Cappella Pratensis zwischen die mehrstimmigen Messsätze überlieferte einstimmige Gesänge ein.

Was an der Musik vor allem auffällt, ist die stark durchgearbeitete Polyphonie. Mal vier-, mal fünf-, mal sechsstimmig singt die ausschließlich männliche Besetzung – auf Lateinisch benannt als superius, altus, tenor, bassus – in scheinbar unendlich vielen Kombinationen. Wie ein dichtes, undurchdringliches Netz spannen sich die kraftvollen Stimmen aus, überlappend, imitatorisch, jeden Eindruck von kadenzierender Klarheit vermeidend, mehr changierender Klang als interpretierender Text. Kein Wunder, dass auf dem Konzil von Trient fünfzig Jahre später kritische Stimmen unter den Klerikern die Verständlichkeit der Worte im geistlichen Gesang anmahnen würden!

Diese Worte, von „Kyrie eleison“ über „Credo in unum Deum“ bis hin zu „Agnus Dei, qui tollis peccata mundi“, waren zu Zeiten Boschs und Martin Luthers durch den täglichen Gebrauch jedermann bekannt, während man heute das Textbuch zur Hand nimmt, um den Sinn, auch den musikalischen, erkennen zu können.

Im Zentrum steht mit dem fünfstimmigen Credo das Glaubensbekenntnis. Wieder verschlingen sich die Stimmen in kaum zu entwirrenden Girlanden, deren keine wichtiger ist als die andere. Es ist, als würde man inmitten dieses virtuosen Linienwirrwarrs unscharf zu hören beginnen, wie mit verschieden starken, ständig wechselnden Linsen für das Gehör. Die Cappella nimmt den Satz eine Spur zu rasch, dadurch wird der Effekt der Zäsurvermeidung noch erhöht. Doch auf einmal klärt sich das Dickicht, die Linien laufen auf den Höhepunkt der Fleischwerdung Jesu Christi zu: „et incarnatus est …“, und nach einer letzten blumigen Ausschmückung bei „virgine“, der Jungfrau Maria, vereinen sich die Stimmen klar angeordnet, homophon im erlösenden „et homo factus est“ – „und ist Mensch geworden“.

Anders als im Booklet suggeriert, wird hier nicht Maria hervorgehoben, sondern ihr Sohn; genau wie in der zweiten und damit letzten Passage, die klar homophon von der Polyphonie absticht bei dem Wort „in remissionem peccatorum“ (zur Vergebung der Sünden). Maria schenkt Freude, Christus aber Erlösung, so müsste wohl die theologische Deutung der Gestaltung lauten.

Thematisch passend ergänzt wird die Messe auf der CD durch eine Motette von Pierre de la Rue über die sieben Freuden Marias, „Gaude Virgo mater Christi (Freue dich, Jungfrau, Mutter Christi)“, die am Ende des großen Mittwochsgottesdienstes in Sint-Jan gestanden haben könnte. Der leicht zum Leiern neigende Versrhythmus wird durch die polyphone Kunst vollständig aufgehoben, eine eigene Dynamik entspinnt sich. Eine charmante Zugabe sind die ebenfalls liturgisch beglaubigten Orgelimprovisationen; Wim Diepenhorst spielt sie klar konturiert auf der lieblich klingenden Orgel von Sankt Marien in Lemgo.

Als bisher elaborierteste musikalische Umsetzung des Arschliedes ist allerdings die überraschend schnell — an einem einzigen Tag, wohl dem 15. oder 16. Februar 2014 — entstandene Fantasy-Metal-Version von Kent Heberling zu betrachten — nach eigenen Angaben auf ESP LTD EC-1000, Fender Jazz Bass, Line6 Pod X3L, East-West Quantum Leap Orchestral VST, Fruity Loops und Sonar:

Das seinerzeit von Teresa Fries auf jetzt.de gewünschte Arrangement für großes Orchester steht vorerst aus, aber mit den bestehenden Einspielungen dessen, was Hieronymus Bosch gehört hat, gehört haben könnte oder auf den Körperteilen verdammter Seelen zur gefälligen Interpretation postuliert hat, fahren wir Heutigen ganz gut:

Anne, Arschmusik

Bilder:

  1. Detail Garten der Lüste via The Public Domain Review: Postcards, Sommer 2017;
  2. Noten via Lanzhoverin, 17. Oktober 2018;
  3. CD via meine liebe Freundin Arlene’s Lace, 18. Juli 2013.

Bonus Track: Delicate, aus: Reputation, 2018:

Written by Wolf

28. Februar 2020 at 00:01

Nachtstück 0023: Watch out, the world’s behind you

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——— Hank Nagler:

Morgen

1993:

Die Kerzen brennen.
Nico singt vom Sonnenaufgang.
Bukowski säuft bei meinem Wein mit.
Die Angst vor dem Morgen,
zerflackert im Feuer der Dochte.
Lethargie vor den Konsequenzen.

Hank Nagler, Morgen

Soundtrack: The Velvet Underground: Sunday Morning,
aus: The Velvet Underground & Nico, 1967 (lead vocals: Lou Reed):

Written by Wolf

18. Oktober 2019 at 00:01

Die Mondfrau sang im Boote

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Update zu Take Five:

Einst kannte ich eine Klavierspielerin namens Else. Wenn man sie eine Klavierspielerin nannte, wies sie einen zurecht, weil sie Studentin der Musik mit Schwerpunkt Klavier war, und Else hieß sie nur im Internet.

Wilde Rose, 14. Dezember 2000Mir war beides egal, weil Musikstudentinnen mit Klavierschwerpunkt ganz sicher pro Tag mehr Klavier spielen als ich im ganzen Leben, und der name „Else“ ging klar, weil die Auswahl „Ikearegal“ gewesen wäre. Was Wunder, dass ihr Lieblingsgedicht Mein blaues Klavier von Else Lasker-Schüler war.

Else „Ikearegal“ war Bauchfetischistin und wusste zu schätzen, wenn man ihr wenigstens theoretisch Gedichte schreiben konnte, in denen ihr Name vorkam und die sich reimten, so war das mit ihr. Indem ich weder einen Bauch von nennenswerter Schönheit oder Größe noch Gedichte im Ton Else Lasker-Schülers vorzuweisen hatte, wurde nichts Näheres aus uns, und das ist gut so. Ansonsten war sie ein angenehmer Umgang voller menschlichem Wohlwollen und gebildetem Esprit; eine Zwanzigjährige, die mit solcher Bestimmtheit den Finger auf Dichterinnen ihres Vorzugs legen kann, muss man erst mal finden und eine Spanne des sozialen Umgangs, in deren Zyklus man sich ein-, zweimal zum Geburtstag und zu Weihnachten etwas schenken muss, festhalten.

Else Lasker-Schüler besaß bis tief ins erwachsene Alter, in dem sie ihren letzten Gedichtband ebenfalls Mein blaues Klavier nennen konnte, ihre Kinderspielzeuge, darunter ein blaues Puppenklavier. Hinreißend putzig ist natürlich die „Klaviatür“, aber ich werde mir im Leben nicht mehr mit mir einig werden, ob der Kasusfehler im letzten Satz zeitbedingt, reimgeschuldet oder Teil der Gedichtaussage sein soll.

——— Else Lasker-Schüler:

Mein blaues Klavier

aus: Neue Zürcher Zeitung, 7. Februar 1937,
gesammelt in: Mein blaues Klavier — Neue Gedichte, Jerusalem Press Ltd., Jerusalem 1943:

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielen Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür …..
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.

Blaues Klavier via JustMovies

Bild: die wilde Rose Else, 14. Dezember 2000;
via gelöschtes Radio-Feature, via JustMovies, 13. Dezember 2015.

Soundtrack: Frank Mills: Music Box Dancer, 1974, aus: Music Box Dancer, 1979.
Leider muss ich dazu stehen, dass ich diese unsägliche Schnulze ganz gern mag:

Bonus Track: Dasselbe nochmal mit einem Text von Peter Orloff, was das Schlimmste verheißt, und dargeboten von Marion Maerz. Das Schlimme ist allerdings nicht der — jawohl, es war möglich — abermals erhöhte Schnulzenfaktor, sondern dass der kleine alte Musikus eine Goldene Schallplatte hat. Es dürfte ruhig um einen gehen, der eben gerade mit seinem Geklimper ein Leben lang erfolglos bleibt, aber Orloff war nie Ringsgwandl, und selbst der hat 1979 noch keine stillen Helden und Loser gefeiert, sondern Medizin studiert. Erfolglose Musiker gewinnen weder mit 30 noch mit 60 endlich ihre Goldene Schallplatte, um es doch noch allen zu zeigen, wie einschlägige „Du kannst alles schaffen“-Geschichten nahelegen. Wer zu cool ist, um das auszuhalten, kann ja gern weiter die Babyshambles hören, sich einen Wilhelm-Busch-Bart wachsen lassen und mit einem MacBook in einem Veganercafé ein Startup für irgendwelche Solutions gründen:

Und ein kleiner Mann, der sitzt in seiner Ecke ganz still
und freut sich so, dass jeder gern sein Lied hören will.

— auch wider „dem“ Verbote.

Written by Wolf

13. September 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse

Ui. (Shut Up’N Play Yer Guitar)

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Update zu Dass ich ihm doch das Leben schenken möchte,
weil die Magie noch in den Menschen lebt:

Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntniß essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?

Allerdings, antwortete er; das ist das letzte Capitel von der Geschichte der Welt.

Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater, 1810, Schluss.

Wissen ist keine Schande. Es nützt halt nur nichts.

Sven Regener, 2009.

Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.

Kaiser Wilhelm II.

It’s fucking great to be alive.

Frank Zappa, 1940–1993.

Vielleicht hat schon einmal jemand das Radfahren verlernt. Aber niemand kann vor sich selbst so tun, als wüsste er nicht, von Fällen der Demenz abgesehen, dass er es einst konnte. Die Unschuld ist weg.

Es war eine Zeit, als die Jungs Gitarre lernten, um unbeholfene Orgienversuche mit House of the Rising Sun zu untermalen: a / C / D / F // a / C / E7. Die Schwierigkeit war das F, vor dem Barré hatte jeder einen Heidenrespekt. So lange, bis er ihn zum ersten Mal raushatte. Zehn Sekunden danach schüttelten sie die Köpfe über ihre einstige Angst, so wie über ihre Kindheit, als sie allen Ernstes glaubten, im Radio wohne ein kleinwüchsiges Symphonieorchester.

Meine eigene Not hatte ich im gedankenschnellen Umrechnen von Flageoletten, dafür kriegte ich bald spitz, was Powerakkorde sind, und grinste deshalb milde über Barrés. Was mir niemand sagte: dass man mit Gitarrespielen Mädchen beeindrucken kann, ich war immer nur auf „ein Bier für die Musik!“ aus. Das verschaffte mir einen unschlagbaren Sympathievorsprung, weil ich’s nicht drauf anlegte, und bei der gleichzeitig anhaltenden Arbeit mit Kopf und beiden Händen wurde man sowieso bis in den nächsten Vormittag hinein nie besoffen.

Als ich nach meiner Lagerfeuerkarriere erfuhr, dass ich statt den Freigetränken die Mädchen hätte haben können, war meine Jugend verspielt. Aber ich konnte nie wieder so tun, als ob ich nicht wüsste, was ich verpasst hatte.

Gitarrespielen ist wie Weihnachten: Es hilft nichts, das Ritual einzuhalten — du musst es gerne tun.

Gitarrespielen, um Mädchen zu gefallen, ist wie Weihnachten seine Eltern zu besuchen: Es hilft nichts, das Ritual einzuhalten — du kannst nur Fehler machen.

Gitarrespielen mit diesem Wissen ist wie die Erinnerung an Weihnachten in der Kindheit: Es hilft nichts, das Ritual einzuhalten — Kind warst du nur einmal.

Als ich mit Gitarre anfing, nahm ich mir vor aufzuhören, sobald ich den Karten Dippler Blues von Peter Horton oder Make Me a Pallet on Your Floor von Mississippi John Hurt konnte, je nachdem, was zuerst kam. Ein paar trainierte Wochen lang konnte ich sogar Tears in Heaven, aber das war sogar mir selber egal. Ich verstieg mich dazu, meine Bob-Dylan-Lieder selbst zu schreiben, und trieb es zu so viel Perfektion, dass kein Mensch mehr den Dylan heraushörte. Die von Mädchen und bezahltem Bier Trunkenen, denen ich meine Lieder stolz herzeigte, fanden es schade um die Zeit: Entweder war es Mist, dann gab es keine Entschuldigung, oder es war gut, dann wäre ja alles andere auch noch schöner.

Mädchen beeindrucken heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun — genau das muss Kaiser Wilhelm gemeint haben — und Gitarrespielen zur Unzeit — nach 22 Uhr oder über 22 Lebensjahren — ist wie karfreitags Weihnachten feiern, und Schluss ist mit Sympathievorschuss. Deshalb bedeutet einen Teil seines Lebens nicht ausgelebt zu haben Depression und liegt erschütternd nahe am Tod.

Gitarrespielen ist wie Weihnachten: Es hilft nichts, Fehler zu machen — du musst das Ritual einhalten. Und du kriegst nie ein Zauberpony, sondern immer einen Rollkragenpullover.

Gitarrespielen ist wie Weihnachten: unter Zwang ein Ärgernis, um seiner selbst willen dann doch zu selten. Der Sympathievorsprung ist kein Licht mehr, das man erwarten darf, wenn man den Lichtschalter bedient, sondern eine Kerze, die dir freundlicherweise hingestellt wird.

Wenn ein wohlwollendes Mädchen die Kerze bringt, hast du das größte Glück, das dir noch widerfahren kann. Sie ist eine in Jeans und Karohemd, die früher als schwiegermuttertauglich durchgegangen wäre. Und sie ist dir zugetan genug, um die Kerze über eine kurze nachtfinstere Strecke herbeizutragen. Barfuß tapst sie Schritt für Schritt heran, um auf keine Tannenzapfen zu treten, und schützt die Flamme mit der Hand vor dem sachten Wind. Das Kerzenlicht bewegt Schatten auf ihrem ernsten Gesicht. Das tut sie, um dich nicht beim Gitarreklimpern zu unterbrechen.

Wenn sie nichts Dringlicheres zu tun hat, setzt sie sich neben dich, um ein Weilchen zuzuhören. Hemdsärmel und Hosenbein an deine zu lehnen ist okay, das verbindet. Sie stellt die Kerze so zwischen euch, dass du in deinem Leitz-Ordner lesen kannst, und stützt Kinn und Wange in die Hand. Sie behält ihr ernstes Gesicht, lauscht und schweigt.

Wenn ein Lied zu Ende ist, stellt sie eine anteilnehmende Frage. Deiner Antwort hört sie geduldig zu und fragt nach. Sie lacht an der richtigen Stelle. Wenn du ihr eine Frage zurückreichst, gibt sie bereitwillig Auskunft. Ihre Haare kitzeln dich von schräg hinten am Ohr. Wie war es nur möglich zu vergessen, wie ein Mädchen nach dem Wald und nach Sommerwind riecht, wie lebendig ihr Wangenflaum im Gegenlicht aussieht, und wie schön es klingt, wenn man eine Zeitlang einträchtig die Klappe hält? Und wenn das Leben ein Sinn hätte, wäre es dann, einem hübschen Mädchen zuzuhören und ihr einvernehmlich was zu erzählen? Dem interessierten Blick ihrer glänzenden Augen standzuhalten, ihr Feuer für eine ihrer seltenen Zigaretten zu geben? — Nein. Erst, wenn sie eine Mundharmonika in der Hemdtasche hat. Dann versucht ihr mitsammen einen echten, dreckigen, kohlrabenschwarzen Delta-Blues, bis er in eurem eigenen Losprusten erstickt, denn das ist wie Weihnachten: Du kannst es nicht einfach bleiben lassen.

Ihr Lächeln wärmt mehr als die Kerze, und es ist echt. Wenn du dann etwas spielst, das ihr früher einmal gefallen hat, fühlst du sie an deiner Seite leise mitwiegen.

Einmal legt sie im Licht eurer Kerze den Finger auf eine Stelle im Text und sagt:

„Ui.“

Aber der Wind verheißt schon den Winter, die Kerze flackert bedenklich, und wenn sie wieder in die Wärme geht, ihre Kerze wieder einkassiert, darfst du sie nicht zurückhalten.

Was das war? Kein Verdienst, sondern eine Gnade.

Und besonders das ist wie Weihnachten: Dass es gerade das letzte Mal war, willst du gar nicht vorher wissen.

_camomilka_, Sometimes I wonder if I'm still like that girl in the past. I want to smile like that again, Sommer 2011, Instagram 1. Februar 2018

Buidl: K.: Sometimes I wonder if I’m still like that girl in the past (I want to smile like that again),
Sommer 2011/1. Februar 2018. Ich hab noch nie ein so glückliches Mädchen gesehen.

Soundtrack: Mississippi John Hurt: Make Me a Pallet on Your Floor, ca. 1928:

Written by Wolf

19. Juli 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse

Das Herz in meinem Leibe gehört ja allzeit dein (for life is just that way)

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Update zu Wære diu werlt alle mîn,
Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?),
Diu minne minnesam und die lieben passiv-aggressiven Lieben
und Lache, liebez frowelîn:

Der meteorologische Frühlingsanfang, festgelegt auf den 1. März jeden Jahres, bedeutet: Der Winter ist vergangen. Derselbe Satz bedeutet zugleich ein Highlight im Volksliedschaffen des vergangenen halben Jahrtausends: Die Ursubstanz stammt allen Anzeichen nach von 1537, und wenn man sich heute — in Zeiten verlorener Heimaten und unzuverlässiger Gefühle in Dingen der eigenen Zugehörigkeit und Zuneigungen — fragt, wie eigentlich noch ein Volkslied zu spielen sei, ohne sich vor sich selber und anderen genieren zu müssen, so wende man sich an die Version Der Winter ist vergangen von Hannes Wader auf seinem Album Volkssänger von — auch schon wieder — 1975.

Das war die Zeit, in der eine ganze Musikrichtung der Liedermacher teils zur Klampfe die Tageszeitung vorlas — zum anderen Teil aber angetreten war, eine überlebte (dabei bis heute überlebende) Interpretation des deutschen Volksliedes ihren politisch „rechts“ assoziierten Missbrauchern zu entwinden. Verdienstreich in Erhaltung und Fortführung waren außer Hannes Wader noch Peter Rohland, schon 1966 mit 33 Jahren verstorben, Ougenweide, seit 1970 bis ins Mittelhochdeutsche zurückforschend, Zupfgeigenhansel, mit Unterbrechungen aktiv seit 1974, Liederjan, zuständig fürs Nordische seit 1975, oder die Biermösl Blosn, zuständig fürs Bairische 1976 bis 2012.

Hans Zatzka, FrühlingsliedBei allem modischen Antiamerikanismus traf man wirksame Vorbilder in der nordamerikanischen contemporary folk music in der Tradition von Woody Guthrie, der Carter Family oder dem frühen Bob Dylan. Gerade Hannes Wader schaffte es, mit solchen amerikanischen Vorlagen musikalisch mitzuhalten — der Mann ist außer dem letzten echten Volks-Sänger in allen Sinnen des Wortes ein nachgerade genialer Gitarrist. Es reicht, auf YouTube ein beliebiges Live-Video von ihm herauszusuchen: Was Hannes „Ich spiele alles zu überhastet (2004)“ Wader allein mit seinem rechten Daumen auf den Basssaiten veranstalten kann, während er als Erschwernis die korrekten Liedertexte wiedergibt, ist gegenüber jedem halbwegs fingerfertigen Lagerfeuerklampfer einfach nicht fair. Und dann noch das: „Ich habe mir, von vier Wochen Unterricht bei meinem Schwager abgesehen, das alles selbst beigebracht.“ Immerhin eine antiquiert gefühlige Stelle wie „Das Herz in meinem Leibe gehört ja allzeit dein“ auf ein böses transatlantisches Zupfmuster so singen, dass es zeitgemäß cool und trotzdem aufrecht „links“ bleibt — das muss einer erst mal hinkriegen.

Hannes „Ich habe keine Vorbilder – ich bin selbst eins“ Waders Gitarrenzupfmuster (die heißen wirklich so) orientieren sich an französischen Chansonniers wie Georges Brassens und seinem andernorts erklärten Vorbild Bob Dylan — Erscheinungen also, die sich ihrerseits wenigstens als respektvolle Referenz oder auf Umwegen auf keltische Wurzeln berufen: Selbst was die junge Kultur der USA als ihre Volksmusik begreift, country and western, besteht zur Hälfte aus „schwarzem“ Blues, zur anderen aus Irish folk. Und Waders Der Winter ist vergangen von 1975 fängt ganz gegen seine sonstigen Gebräuche mit einem scheinbar unmotivierten und nicht weiter erläuterten irischen Intro an, das deutlich weder von ihm selbst noch sonst einem deutschen Muttersprachler gesungen wird.

Nun weisen seit Mai 2009 Frauke Schmitz-Gropengießer und Eckhard John im Historisch-kritischen Liederlexikon der Uni Freiburg im Breisgau unter Berufung auf Gerhard Saupe: Der Winter ist vergangen, in: Deutsche Musikkultur 4, 1939/1940, Seite 200 bis 205, nach:

Hans Zatzka, FrühlingsgöttinDie erwähnte Ursubstanz des Liedes von 1537 findet sich erstmals von einem unbekannten Verfasser in einer Liederhandschrift aus dem gelderländischen Zutphen, kurz danach auch in der Darfelder Liederhandschrift und einer Hanauer Handschrift, erfuhr mehrere Umdichtungen vom Frühlings- zum Liebes- bis hin zum Tagelied – was für Beliebtheit und häufigen Gebrauch spricht –, erscheint nach einer Art Ruhezeit während des 17. Jahrhunderts erst 1854 bei Hoffmann von Fallersleben wieder, wurde aber von Franz Magnus Böhme 1894 im Erk/Böhme: Deutscher Liederhort auf eine Lautentabulatur aus Het Luitboek van Thysius ab 1595 festgelegt. In der Gestalt aus dem Erk/Böhme wurde Der Winter ist vergangen „eins der beliebtesten deutschen Volkslieder des 20. Jahrhunderts“, was etwas gehässiger gesagt bedeutet: Schulstoff seit der Nazizeit, also unter Verleugnung des niederländischen Ursprungs. Ausgewiesen mit „1980“, aber offensichtlich während der Amtszeit von Ronald Reagan zwischen 1981 bis 1989 erscheint schließlich eine Parodie als Protestsong der Bewegungen gegen Atomkraft und Raketenstationierung.

Die historischen Versionen sind schon im Wikipedia-Artikel, in aller wünschbaren erschöpfenden Tiefe spätestens im Historisch-kritischen Liederlexikon zugänglich. Zum eingehenden Verständnis der krönenden Version von Hannes Wader folgen hier sein irisches Intro mit dem vollständigen Text von Finbar Furey 1974, ein durchaus „links“ gerichtetes Umweltschützerlied, danach der gängige Volksliedtext seit 1894 samt der Anti-Atomkraft-Parodie ab 1981. Venceremos.

——— Finbar Furey:

Life Is Just That Way

Tabulatur 17. Jahrhundert, aus Eddie & Finbar Furey: A Dream in My Hand, 1974,
als Intro zu Hannes Wader: Der Winter ist vergangen, aus: Volkssänger, 1975,
dort 1. Strophe (vermutlich als Sample) gesungen von Eddie Furey:

Hans Zatzka, FrühlingsschönheitWhy do the children frown like this,
and why not do they smile?
And tell me why not do they play
just for a little while?
The ponds they are all polluted
and the little fish are gone away.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

You ask me where the grass is gone,
They’ve taken it away.
To build a concrete playground,
They call the motorway.
And the trees they went all black and damp,
And the leaves they did decay.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

You ask me where the birds have gone,
And did they really fly?
They fed them poisonous seed to eat,
And they also had to die.
And the eggs went hard with the yellow crust,
And they all died on that way.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

You ask me where all life has gone,
With eyes that look so sad.
Pollution was the cause of it,
It spread all through this land.
With sours and wounds they fell all night,
And they all died through that day.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

So now you see little baby,
You can not play out there.
We really tried to tell them,
But they did not really care.
You may sit and play with your toys in here,
But you must not stay away.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

Der Winter ist vergangen

1. Der Winter ist vergangen,
ich seh des Maien Schein,
ich seh die Blümlein prangen,
des ist mein Herz erfreut.
So fern in jenem Tale,
da ist gar lustig sein,
da singt die Nachtigalle
und manch Waldvögelein.

2. Ich geh, ein Mai zu hauen,
hin durch das grüne Gras,
schenk meinem Buhl die Treue,
die mir die liebste was,
und bitt, daß sie mag kommen,
all vor dem Fenster stahn,
empfangen den Mai mit Blumen,
er ist gar wohl getan.

3. Und als die Allerliebste
sein Reden hatt gehört
da stand sie traurigliche
und sprach zu ihm ein Wort:
„Ich hab den Mai empfangen
mit großer Würdigkeit!“
Er küßt sie an die Wangen,
war das nicht Ehrbarkeit?

4. Er nahm sie sonder Trauern
in seine Arme blank,
der Wächter auf der Mauern
hub an ein Lied und sang:
„Ist jemand noch darinnen,
der mag bald heimwärts gahn.
Ich seh den Tag herdringen
schon durch die Wolken klar.“

5. „Ach Wächter auf der Mauern,
wie quälst du mich so hart!
Ich lieg in schweren Trauern,
mein Herze leidet Schmerz.
Das macht die Allerliebste,
von der ich scheiden muß;
das klag ich Gott dem Herren,
daß ich sie lassen muß.“

6. Ade, mein Allerliebste,
ade, schöns Blümlein fein,
ade, schön Rosenblume,
es muß geschieden sein!
Bis daß ich wieder komme,
bleibst du die Liebste mein;
das Herz in meinem Leibe
gehört ja allzeit dein.

Der Winter ist vergangen

Edition G, 1980 [1981–1989]:

1. Der Winter ist vergangen,
ich seh‘ des Maien Schein.
Ich seh‘ die Blümlein prangen
und tät mich gern dran freu’n.
Dort drüben in jenem Tale
da ist gar lustig sein –
vorausgesetzt, es kommt kein
Raketenstützpunkt rein.

2. Ich ging um nachzuschauen
hin durch das grüne Gras,
bis daß ein Stacheldraht war,
wo ich solch‘ Inschrift las:
„Hier baut die US-Army
ein Waffenarsenal.“
Da fand ich’s plötzlich gar nicht
mehr lustig in dem Tal.

3. Der Wächter auf dem Turme
schrie und hub an Gesang:
„Hau ab oder ich zieh Dir
die Hammelbeine lang!“
Von derlei Freundlichkeiten
im Innersten berührt,
hab‘ ich in mir den Stachel
des Widerstands verspürt.

4. „Ach Wächter auf dem Turme,
wie quälst Du mich so hart.
Ich mach mir nämlich Sorgen
um Ronald Reagan’s Art,
den Frieden zu beschützen,
denn – tut er das einmal –
ich fürcht‘, dann bleibt nichts übrig
von uns in diesem Tal.“

5. So macht‘ ich mich von hinnen,
ade, schön’s Blümlein fein.
Ade, saugrober Wächter,
es muß geschieden sein,
bis ich dann wiederkomm‘ und
vieltausend Menschen mehr.
Dann schallt’s durch’s Tal: „Hier kommt kein
Raketenstützpunkt her!“

Bilder: Hans Zatzka: Frühlingslied; Frühlingsgöttin; Frühlingsschönheit,
via Anemalon’s Blog: Hans Zatska Austrian Academic Painter, (1859–1949), 9. August 2011.

Soundtrack: Midnight Skyracer: Winter’s Come and Gone (das ist englisch und heißt: Der Winter ist vergangen), live am 9. März 2017 — ein Cover von Gillian Welch, auf die ich in letzter Zeit nix mehr kommen lasse, aus: Hell Among the Yearlings, 1998:

Written by Wolf

1. März 2019 at 00:01

Das ist der wahre Untergrund (weil die Magie noch in den Menschen lebt)

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Update zu Pflanzenähnlichkeit der Weiber: Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel:

Wie viele Zeitungsartikel trifft man im Laufe eines Lebens, die einen auf Jahrzehnte hinaus beeindrucken? Es läppert sich. An einen meiner persönlichen, einstellig rechnenden wurde ich gerade kürzlich erinnert, als Hedwig Müller, die Wirtin vom Kropfersrichter Happy-Rock (an der B 85 bei Sulzbach-Rosenberg, wer’s kennt), 92 (in Worten: zweiundneunzig) wurde.

Das sind die die Sachen, die Kultur ins Leben und Leben in die Kultur tragen, oder genauer: lebenswert machen; Friedrich Schlegel samt seinen mittheoretisierenden und mitpraktizierenden Frühromantikern wäre begeistert — Athenäums-Fragment 116, 1798, vollständig:

Happy-Rock, Kropfersricht, OnetzDie romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehre Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen Gesang. Sie kann sich so in das Dargestellte verlieren, daß man glauben möchte, poetische Individuen jeder Art zu charakterisieren, sei ihr Eins und Alles; und doch gibt es noch keine Form, die so dazu gemacht wäre, den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so daß manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben. Nur sie kann gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden. Und doch kann auch sie am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. Sie ist der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig; nicht bloß von innen heraus, sondern auch von außen hinein; indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile ähnlich organisiert, wodurch ihr die Aussicht auf eine grenzenlos wachsende Klassizität eröffnet wird. Die romantische Poesie ist unter den Künsten was der Witz der Philosophie, und die Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist. Andre Dichtarten sind fertig, und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art, und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.

Die Tempel solcher in Novalis‘ Sinne romantisierenden Universalpoesie bestehen unabhängig von Lebensalter und Region. Gerade kurz vor Weihnachten 2018 hing ein Autor der Zeit seiner verlorenen Jugend in Form von eher miesen Erfahrungen in der Dorfdisco seines ohnehin gedämpften Vertrauens nach. Sein Beispiel ist das Leifi im niedersächsischen Flecken Cornau — übrigens nicht schlecht geschrieben: schonungslos gegen seine eigenen vergangenen und gegenwärtigen Schwächen, bildstark und genau beobachtet. — Ausschnitt:

——— Dirk Gieselmann:

Samstagnachtfieber

Weite Teile seiner Jugend verbrachte unser Autor in der Dorfdisco. Zwanzig Jahre später kehrt er für einen letzten Abend dorthin zurück. Das Gute: Diesmal wird er nicht verprügelt. Ihm ist nur irgendwann sehr schlecht.

in: Die Zeit, 26. Dezember 2018, Seite 56 f.:

Hier wurde ich zum ersten Mal verprügelt, von einem riesenhaften Kerl, der den Kampfnamen „Rindfleisch“ trug. Ich erinnere mich, wie das Blut aus meinem Mund in den Schnee auf dem Parkplatz tropfte. Hier riss mir zum ersten Mal der Film,nach einer Gallone Mariacron, gemischt mit ein wenig Cola. Hier bot sich mir, dem feigen Jungen, ein billiger Ersatz für den Mut: die Schamlosigkeit des Besoffenen.

Hier tanzte ich, ohne tanzen zu können, verrenkte mich, schrie Mädchen ins Ohr, dass ich sie verehrte, und sie schrien zurück, dass ich mich mal nicht lächerlich machen solle. Hier war ich mir für nichts zu schade, mit einem Zuviel an Kraft, für das ich keine andere Verwendung fand, als es an die Nacht zu vergeuden.

Der eingangs versprochene jahrzehntelang wirksame Zeitungsartikel aus demselben Blatt obliegt weit besseren Erinnerungen. Ich selber hielt mich immer ganz gern in Bauerndiscos auf, möglichst bis es hell wurde. Meine zuständige lag in Steinensittenbach, das im Landkreis Nürnberger Land liegt und sich deshalb „Stabo“ spricht. Das bedeutet, dass meine eigenen Erinnerungen auf der hellen wie der finsteren Seite wohnen: Rausch und sich zum Deppen machen sind Menschenrechte.

——— Christian Kortmann:

Let it rock

in: Die Zeit 18/2000, 27. April 2000:

Minutenlange Gitarrensoli, Ausdruckstanz, Mädchen, die Luftgeige spielen — im „Mobile“ in Bad Salzdetfurth ist alles erlaubt, was in der Großstadt noch als uncool gilt. Und das ist gut so. Ein Abend in der Rock-Disco

Mobile, Bad Salzdetfurth, AlleventsMittwoch ist Rockdisco-Tag. Um 20.30 Uhr wird ein solider Mainstream-Film (Flatliners) gezeigt und anschließend gerockt, so einfach ist das. Also fährt Andreas mit mir am Mittwochabend nach Bad Salzdetfurth ins Mobile. Gestern habe ich behauptet, dass uns eine Renaissance der harten Rockmusik und ihrer Gitarrenvirtuosen bevorsteht. Andreas, Musikexperte und langjähriger Gitarrist, schüttelte den Kopf und belehrte mich, dass der Hardrock kontinuierlich neben allen musikalischen Moden in einem Paralleluniversum zelebriert werde: „Das ganze Gerede von Clubculture und performativer Feier des Körpers ist doch Quatsch. Ich zeige dir, wo der Körper mit all seinen Schwächen wirklich gefeiert wird!“

Nur wenige Fahrzeuge sind auf der Landstraße unterwegs, dann tauchen links und rechts die Salzberge und Kalifabriken der Kurstadt auf. Das südniedersächsische Bad Salzdetfurth teilt mit Lüdenscheid den Ruhm, durch einen Komiker bekannt geworden zu sein. Dort war es Loriots „Herr Müller-Lüdenscheid“, hier Harald Schmidt, der in Schmidteinander regelmäßig fiktive Zuschauerbriefe von „Gabi aus Bad Salzdetfurth“ verlas. Es gibt wirklich nicht viel in Bad S., außer Salinen und Rentnern im Sommer und seit über 30 Jahren das Mobile, eine „Hard Rock, Funk, Reggae, New Wave“-Discothek, die laut Eigenwerbung „Famous & Fantastic“ ist. Wir parken auf dem hauseigenen Parkplatz mitten in einem Wohngebiet, wo man sich traditionell noch im Auto zur elfminütigen Live-Version von Stairway To Heaven eine Grastüte reinzieht.

„Voilà“, sagt Andreas, „willkommen im Uterus des Rock ’n‘ Roll!“ Von innen erinnert das Mobile an die Scheune auf dem Cover von Neil Youngs Harvest. Links und rechts erheben sich Emporen mit alten Polstersesseln, und in der Mitte liegt die Tanzfläche, kurz: ein Raum, in dem in amerikanischen B-Movies Dorfversammlungen abgehalten werden, wenn eine Invasion der Außerirdischen droht. Auch hier versammelt sich eine Gemeinde, und was sie eint, ist die Liebe zur Gitarrenmusik alter Schule. Die Wände sind mit kultischen Motiven aus den siebziger Jahren, der großen Zeit der Supergruppen, geschmückt. Es gibt ein aufwändiges Dark Side Of The Moon-Fresko, und an der Decke hängt zwischen kokonartigen Lampions ein fliegender Stuhl des Yes-Designers Roger Dean. Und dann ist da noch eine Wandmalerei, ein Fensterblick auf die offene See, die rhythmisch von einem Scheinwerfer angestrahlt wird. Man spürt, dass dies hier ein magischer Ort ist, ein Teil vom Netzwerk des geheimen Lebens. Denn solche Etablissements existieren überall, heißen Point One, Exit, Farmer’s Inn, Rockfabrik oder Schlucklum und liegen in Dörfern wie Uetze oder Lucklum, doch sind sie außerhalb ihrer Klientel nicht bekannt. Anders als bei Techno handelt es sich um eine Subkultur ohne Lobby, das ist der wahre Untergrund: Für den Rockdisco-Besucher ist der ästhetische Code der Großstadt ungültig. Trotz der realen und medialen Vorherrschaft der Clubculture nimmt er sich das Recht, nach wie vor uncool tanzen zu gehen.

Die Liturgie ist dabei genau festgelegt, denn der DJ darf keine eigenen Platten mitbringen, sondern muss sich aus dem Repertoire bedienen, das alle Favoriten der Mobile-Stammgäste enthält. Nirgendwo sonst könne der DJ es sich erlauben, mit verschränkten Armen neben seiner Holzbude zu lehnen, während ein Musikstück läuft, sagt Andreas, der uns erst mal zwei Flaschen Einbecker Brauherrenpils holt. Verglichen mit dem Kopfhörer-Heftpflaster-Reinhör-Markier-Gewese des Techno-DJs, ist es schon extrem lässig, so im Westernerstil an der Saloontür zu lehnen und auf das einsame, weite Land der Tanzfläche zu blicken. Zu Mike Oldfields verspielten Gitarrensoli will und kann nun mal niemand tanzen, doch ein selbstbewusstes Lächeln steht im Gesicht des DJs. Er vertraut auf die Kracher, die er sich am Musikpult zurechtgelegt hat. Dann tritt er ins Innere der Holzbude, lässt eine Platte aus der Hülle gleiten und legt sie auf.

Schon springen die Aficionados von allen Seiten herbei und tanzen in Jeansjacken und Lederwesten zu langen Passagen von Aphrodite’s Childs Konzeptalbum 666 und anderen Liedern von ungeahnter Tanzbarkeit wie Tori Amos‘ Cornflake Girl. Auf den Bänken und Amphitheaterstufen rund um die Tanzfläche sitzen dunkel gekleidete Gestalten mit angezogenen Beinen, hier und da glimmen selbst gedrehte Zigaretten. Man kann im Mobile sowohl ekstatische Lebenslust wie apathisches Abhängen beobachten und fragt sich, wieso Vergnügen und Langeweile so eng miteinander verknüpft sind. Liegt es daran, dass die Rockdisco-Nacht streng ritualisiert ist? Schließlich werden nur bekannte Lieder gespielt, die immergleichen aus dem langsam nur sich erweiternden Rockdisco-Kanon. Es fehlt der Reiz des Neuen, der sonst ein wesentlicher Bestandteil von Jugendkultur ist. Hier jubeln die Tanzenden, wenn ihr Lieblingslied kommt, und hüpfen dann auf und ab, als wollten sie den Boden nie wieder berühren.

Das Getränk zur Langeweile ist ein vorgeblicher Muntermacher: Kaffee. Den gibt es draußen an der Theke im Foyer, vor der eigentlichen Disco. Man verkauft selbst gebackene Pizza, und es läuft andere Musik, meistens AC/DC. Am Tresen stehen unscheinbare Typen in Jeans und Lederblousons, die einen Becher Kaffee nach dem anderen bestellen, den der VoKuHiLa-Wirt aus einer chromsilbernen Tanksäule abzapft. An Kicker und Flipper hängen ein paar junge Einheimische rum, die so aussehen, als hätten sie schon mal bei H & M eingekauft: die Jungs in Cargopants, die Mädchen in Flokati-Jacken. In Bad Salzdetfurth gibt es halt nichts anderes, wo man abends hingehen kann, auch deshalb landet man in der Rockdisco. Das war früher im Sauerland nicht anders: Jede Freitagnacht galt es, eine Mitfahrgelegenheit nach Oberbrügge ins Infinity zu finden. Man überzeugte den starken Mann an der Kasse, dass man schon 18 war, trank Flensburger, stand blöd rum und fragten den DJ, ob er „was von Living Colour“ da habe.

Zurück auf die Tanzfläche: Hippiemädchen in Batikpullovern und Lederwesten tanzen wie Waldgeister am Tor zur Dämmerung, was ihnen zur Vollkommenheit noch fehlt, sind die Panflöten; ein junger Mann läuft auf der Stelle, er befindet sich, comichaft wild gestikulierend, auf der Road to Nowhere und wird so schnell keine Ausfahrt finden. Ein Enddreißiger in erdfarbenem Strickpulli tanzt schlangenhaft, als sei er schon oft in einem indischen Ashram gewesen, vielleicht zu oft. Aber das ist ja gerade das Sympathische, dass die körperlichen Unzulänglichkeiten hier keine Rolle spielen. Wenn einer kein Taktgefühl hat, dann springt er halt am höchsten, und es ist voll in Ordnung.

„Da drüben!“, unterbricht Andreas meine Vision. „Das Hippiemädchen spielt Luftgeige!“ Tatsächlich: Barfuß tänzelt sie im weiten Batikhemd über das irische Moos und lässt ihre imaginäre Fidel erklingen. Wahnsinn. Sie zeigen einem hier, was man mit Popmusik machen kann, nämlich alles: Zu einem berserkerhaften Gitarrensolo haken sich zwei hagere Woodstock-Veteraninnen mit Zöpfen unter und rasen in einem Folkloretanz der Trance entgegen.

Spät in der Nacht spielt der DJ dann noch Lieder von Faith No More, den Smashing Pumpkins oder Depeche Mode. Durch die Veränderung weniger Parameter wie Ort, Zeit, Lautstärke und Reihenfolge können Songs ihre Bedeutung vollständig verändern. Zu Californication von den Red Hot Chili Peppers, das man morgens entspannt beim Zeitunglesen hört, wird hier wild abgerockt. Es ist nicht etwa Nostalgie, die die Menschen seit nunmehr drei Jahrzehnten ins Mobile lockt, sondern die außerzeitliche Übereinkunft einer exklusiven Gesellschaft, deren Erkennungszeichen das Gitarrenriff ist. So greift man auf die Musikgeschichte von den Rolling Stones (Satisfaction) bis zur Bloodhound Gang (The Bad Touch) zu, und so hat es auch Fat Boy Slim ins Mobile geschafft. Der Rockafeller Skank wäre schließlich der kleinste gemeinsame Nenner, wenn Clubber und Rocker eine ökumenische Party schmeißen müssten. Aber dazu wird es hier so schnell nicht kommen. Denn sollten sich die Guitarreros aus ihren Gräbern erheben, um einen Rachefeldzug gegen die Clubculture zu starten, dann wird das Mobile ihr Hauptquartier sein.

Es geht noch weiter in der Zeit: 2015 war Christian Kortmanns Zeitungsartikel offenbar immer noch legendär genug, dass sich eine Internetpräsenz mit etwas elitärem jugendkulturellen Selbstverständnis an ihn erinnern musste, das Mobile schon ein Aufguss seiner selbst:

——— Merlin Schumacher/Mika Doe:

Eine Nacht im Mobile. Eine Nacht geborgter Magie.

in: Zebrabutter. Schlaues über Gutes und Schlechtes, 30. September 2015:

Mobile, Bad Salzdetfurth, Zebrabutter[…] In Mathias‘ Augen ist ein Noch-Kein-Mal-Schlafen Leuchten, während wir Merlin zuhören, wie er Christian Kortmanns Zeit-Artikel über das Mobile von vor 15 Jahren vorliest. „Das ganze Gerede von Clubculture und performativer Feier des Körpers ist doch Quatsch. Ich zeige dir, wo der Körper mit all seinen Schwächen wirklich gefeiert wird!“ Es klingt nach einem besonderen Ort: Ein Pink Floyd Fresko an der Wand, schwebende Stühle unter der Decke und eine Kabine, an der man die ganze Nacht Kaffee trinken konnte. „Und jedes Wort ist wahr“, sagt Mathias. Knapp drei Jahre nach Erscheinen des Artikels schloss das Mobile. […]

Das Pink-Floyd-Fresko hat der Zeit nicht standgehalten. Jeder Quadratzentimeter des Raums ist mit schneeweißer Wandfarbe überzogen. Kein schwebender Stuhl mehr. Nur wenige Fragmente des alten Mobile blitzen durch: Der nikotinbraune Stoff unter der Decke ist noch da. Verschraubungen von entfernten Sitzbänken schauen aus der Wand, Die DJ-Kabine ist da, wo sie war und es gibt Kaffee. Die Struktur steht es noch, aber ihre Textur ist verschwunden. Das Mobile ist eine Veranstaltung in einer Mehrzweckveranstaltungshalle. […]

Das ist es auch, was diesen Abend von einer ordinären 80er oder 90er-Party unterscheidet. Auf den ersten Blick ist er all dessen beraubt, was er einmal gewesen ist. Doch die Nostalgie zweiter Ordnung kann ihr Versprechen halten, weil die Magie noch in den Menschen lebt.

Auch ohne Schlegel-Studium muss es etwas bedeuten, dass sowohl das Kropfersrichter Happy-Rock als auch das Bad Salzdetfurther Mobile je eine Wiedereröffnung hinter sich haben. Und zwar etwas Gutes.

Playlist der angeführten Lieder:






BIlder: Hartl für Warten auf das Happy Rock, 27. Januar 2017;
Allevents für Mobile Revival Party, Wietföhr 57, 31162 Bad Salzdetfurth, 11. März 2017;
Merlin Schumacher für Zebrabutter, 30. September 2015.

Bonus Track: Erste Allgemeine Verunsicherung: Märchenprinz, aus: Geld oder Leben!, 1985:

Written by Wolf

25. Januar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Ist das wieder ein Silvester!

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Update zu Schnell – in dulci jubilo (denn es raucht sich schlecht entleibt)
und dass ihr mir auch Ein neues Stiefelpaar for what you really are nicht vergesst:

——— Reinhard Umbach:

Goethe sprach zu Schiller

1982, in: Eckhard Henscheid & F. W. Bernstein, Hrsgg.: Unser Goethe. Ein Lesebuch,
Diogenes 1982/Zweitausendeins 1986, Seite 945:

Ryan McGinley, Fireworks, 2002Goethe sprach zu Lessing:
„Dein Fahrrad ist aus Messing.“
Lessing drauf zu Goethen:
„Ich merke es beim Löten.“

Schiller sprach zu Goethe:
„Dein Knie zeigt langsam Röte.“
Goethe sprach zu Schiller:
„… und deines wird schon lila.“

Bürger sprach zu Schiller:
„Der Goethe ist ein Killer.“
Schiller drauf zu Bürger:
„Ich halt‘ ihn mehr für’n Würger.“
Und was meinte Hölderlin?
Könnt‘ ihr mal den Dolch rausziehn?“

„Grüß‘ euch, Goethe!“ — „Schiller, Bester,
ist das wieder ein Silvester!
Dies Feuerwerk und dann die Kracher
von Freund und Bruder Schleiermacher!“

Das Feuerwerk: Ryan McGinley: Fireworks, 2002.

Und dann die Kracher: Georg Friedrich Händel:
Music for the Royal Fireworks, „Feuerwerksmusik„,
Suite für Orchester in D-Dur, HWV 351, 1748 f.,
entgegen dem Briefing des Auftraggebers George II. mit Streichern,
NDR-Sinfonieorchester im Dom zu Lübeck unter — wenn schon, dann richtig — John Eliot Gardiner, 1989:

Written by Wolf

31. Dezember 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse

Nachtstück 0018: Es bedarf des Absurden (denn verstört ist der Weltlauf)

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Update zum Feinsliebchen:

——— Theodor Wiesengrund Adorno:

Minima Moralia

Dritter Teil, 1946/1947, 128. Regressionen, Suhrkamp 1951, Seite 227 f.:

Seit ich denken kann, bin ich glücklich gewesen mit dem Lied: „Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal„: von den zwei Hasen, die sich am Gras gütlich taten, vom Jäger niedergeschossen wurden, und als sie sich besonnen hatten, daß sie noch am Leben waren, von dannen liefen. Aber spät erst habe ich die Lehre darin verstanden: Vernunft kann es nur in Verzweiflung und Überschwang aushalten; es bedarf des Absurden, um dem objektiven Wahnsinn nicht zu erliegen. Man sollte es den beiden Hasen gleichtun; wenn der Schuß fällt, närrisch für tot hinfallen, sich sammeln und besinnen, und wenn man noch Atem hat, von dannen laufen. Die Kraft zur Angst und die zum Glück sind das gleiche, das schrankenlose, bis zur Selbstpreisgabe gesteigerte Aufgeschlossensein für Erfahrung, in der der Erliegende sich wiederfindet. Was wäre Glück, das sich nicht mäße an der unmeßbaren Trauer dessen was ist? Denn verstört ist der Weltlauf. Wer ihm vorsichtig sich anpaßt, macht eben damit sich zum Teilhaber des Wahnsinns, während erst der Exzentrische standhielte und dem Aberwitz Einhalt geböte. Nur er dürfte auf den Schein des Unheils, die „Unwirklichkeit der Verzweiflung“, sich besinnen und dessen innewerden, nicht bloß daß er noch lebt, sondern daß noch Leben ist. Die List der ohnmächtigen Hasen erlöst mit ihnen selbst den Jäger, dem sie seine Schuld stibitzt.

Gewöhnen wir uns instrumental an die Melodie:

——— N. N. (anonym):

Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal

um 1825, Hessen und Umgebung von Elberfeld (Wuppertal):

Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal
saßen einst zwei Hasen,
fraßen ab das grüne, grüne Gras,
fraßen ab das grüne, grüne Gras
bis auf den Rasen.

Als sie sich dann sattgefressen hatten,
setzten sie sich nieder,
bis daß der Jäger, Jäger kam,
bis daß der Jäger, Jäger kam
und schoß sie nieder.

Als sie sich dann aufgesammelt hatten
und sich besannen,
daß sie noch am lieben Leben waren,
daß sie noch am lieben Leben waren,
liefen sie von dannen.

Herrschaften, ist das ein schönes Lied. Wo er recht hat, hat er recht, der Adorno: Es ist anrührend schlicht, kurz gefasst, damit jeder sofort alles versteht — und leichtherzig darüber hinwegsieht, dass die überraschende Schlusswendung auf kindliche Weise dramaturgisch durch schon mal gleich überhaupt gar nichts motiviert ist — und mit seinem urtümlichen Thema so allgemeingültig, dass es einem nicht egal sein kann. Ein Volkslied im besten Sinne: archaisch und fragloser Bestandteil der Welt.

Julia Stella Gretchen Hä für Adorno Ultras. Anand Angrg, Adorno Changed My Life, 17. Juni 2017Ich selber wusste nichts davon, bis ich in den Minima Moralia daüber gestolpert bin — wenn man Adorno schon mal beim Erzählen von Schwänken aus seiner Kindheit antrifft. Und da kommt die besondere Qualität des Volkslieds rein: Es wird nämlich einen Grund haben, dass ein so betont einfältiges Liedchen seit 1825 — andere Stellen sagen: um 1800 — überliefert wird und auf dem unzuerlässigen Boden des Volksmundes mit seinem anderweitig beschäftigten Gedächtnis so lange überlebt.

Die sotane Qualität und gar noch ihr Grund gehören zum Schwersten, was sich dingfest machen lässt. Egal womit man sie benennt, irgendjemand vedreht immer die Augen und bricht in Begründungen des Gegenteils aus, so schnell und so polemisch wie sonst nur noch bei Glaubensfragen. „Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ (Faust) oder Natur oder kollektives Bewusstsein — etwas hat dazu gereicht, dass sich ein deutscher Professor der Philosophie im kalifornischen Exil daran erinnert — und aus der Kindheitserinnerung eine neue Interpretation zieht. Das gelingt nicht vielen Kunstformen, so eine Tragfähigkeit entsteht nicht durch eine einzige dünne Bedeutungsebene.

Das Lied von zwei Hasen ist üppig veryoutubt; die schönste Version ist die von einem gemischten Chor unausgebildeter Stimmen — die der Heidnischen Gemeinschaft im Berliner Deichgraf —, die dem Lied das leise, dabei unüberhörbare Knirschen zwischen Tod und Lebenslust unbefangen gelten lässt, weil es genau so stimmt:

Bild: Julia Stella Gretchen Hä für Adorno Ultras:
Anand Angrg: Adorno Changed My Life, 17. Juni 2017.

Written by Wolf

28. Dezember 2018 at 00:01

Noch immer (ja, noch immer)

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Update zu Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme und
zum 5. Stattvent 2017: Schnell – in dulci jubilo (denn es raucht sich schlecht entleibt):

Tu ne quaesieris, scire nefas, quem mihi, quem tibi
      finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios
temptaris numeros. ut melius, quidquid erit, pati.
      seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,

     quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
     Tyrrhenum: sapias, vina liques, et spatio brevi
spem longam reseces. dum loquimur, fugerit invida
     aetas: carpe diem quam minimum credula postero.

Horaz: Carmen 1,11, ca. 23 vor Christus.

[…] Тут не одно воспоминанье,
Тут жизнь заговорила вновь, –
И то же в вас очарованье,
И та ж в душе моей любовь!

Фёдор Ива́нович Тю́тчев, 26 июля 1870.

Marina Garanin, Der Knopf, 12.Dezember 2018Der Sinn des Lebens besteht natürlich nicht aus einschüchternd klugen, kieferaushebelnd schönen und, als ob das nicht reichte, rothaarigen Bildungselfen, er wird aber immer wieder von solchen vermittelt. So wie der Sinn des Lebens aus Sicht sotaner Bildungselfe ja auch nicht aus Katzenhaltung und darin, den seltenen Text des Gestiefelten Kater aus dem Phantasus von Ludwig Tieck schon 2014 auf ein Studententheater gehievt zu haben, besteht — aber ohne wär’s halt auch nix.

Die einschüchternd kluge, kieferaushebelnd schöne, rothaarige Marina Garanin hat, als ob das fair wäre, gerade am 12. Dezember 2018 ihr erstes Buch veröffentlicht, das nicht ihr letztes bleiben kann. Wir Leser sind damit gesegnet, das hinreißende Abschlussgedicht als Weihnachtsgabe zu erhalten. Die Dichterin selbst erklärt dazu:

Tatsächlich ist das kurze deutsche Gedicht von 2014, das lateinische hingegen von 2017: aber ich fand, dass es thematisch gut passt. Ganz frech habe ich das lateinische Gedichtchen nicht, wie es sich gehört, mit einem Pentameter, sondern mit einem Hexameter beendet.

——— Marina Garanin:

Noch immer

2014 u nd 2017, aus: Der Knopf. Gedichte, Kurpfälzischer Verlag, Heidelberg 2018:

ponas tristitiam: licet omnia dulcia cedant,
tempora praetereant, lux tamen alma manet,
servaturque animo prisci splendoris imago.

Das Schöne schwindet irgendwann,
Doch ewig scheint sein Schimmer.
Ich denke jeden Tag daran;
Noch immer? Ja, noch immer.

Marina Garanin: Der Knopf. Gedichte, Kurpfälzischer Verlag, Heidelberg 2018,
broschiert, 112 Seiten, 18,9 cm x 10,9 cm, ISBN 978-3-924566-28-9,
ist für 12,00 Euo im Buchhandel erhältlich (und auf Amazon schon auch, aber mäh).

Schöne Weihnachten uns allen.

Soundtrack: Die Dichterin in ihren Eigenschaften als Musikwissenschaftlerin, Romanistin und Klassischer Philologin, Dozentin für Metrik und Rezitation, Trägerin des Chancellor’s Prize of Latin Verse, Oxford 2017, Doktorandin zu Übersetzungen aus dem Altgriechischen ins Lateinische und Musa Pedestris seit 2013 – ich erfinde nichts! – zerlegt den vulgären Sinn des überstrapazierten Carpe diem durch korrekte Wiedergabe in 43 Sekunden: Q. Horatii Flacci carmina, liber primus, Hor. c. 1,11: An Leuconoe: Carpe diem in zwei Asklepiadeischen Strophen, 13. September 2016:

Bonus Track: Die Dichterin in ihren Eigenschaften als geborene Russin und personifizierter Dichterwahn mit ihrer Lieblingsromanze von Fyodor Tyutchev und Leonid Malashkin: Я встретил Вас, 1870/1881 (alternate Kneipen-take, Open Mic Royal Blenheim Pub, Oxford, Juni 2017), 26. Mai 2016:

Und jetzt alle: Tom Waits: Silent Night, aus: SOS United, 1989 – nur als Stiftung für die SOS-Kinderdörfer.
Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Written by Wolf

24. Dezember 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Römische Antike, Schall & Getöse

Nachtstück 0009: Dieselben Finger

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Update zu Japanischer Frühling (Hammer):

Nach keiner Idee von Kathrin Bach von Anakoluth:

——— 谷川俊太郎:

ポルノ・バッハ

1996:

ついさっきまでバッハを弾いていた指と
これはほんとに同じ指かい
ぼくのこいつはのびたりちぢんだり
ピアノとは似ても似つかぬ
こっけいな道具と言うしかなくて
こんなありきたりなものと
あの偉大なバッハがきみの柔い指先で
どんなふうにむすびつくのか
ぼくにはさっぱり解せないんだ
でもきみのものもぼくのものも
いまはむき出しの心臓のいろ
そのあたたかくなめらかな感触に
死ぬようにきりもなく甘えてゆくと
いつか血の透けて見える暗闇で
ぼくもひょっこりバッハに会えるのかな

——— Shuntaro Tanikawa:

Porno-Bach

nach Bach in Arts — Hommage a Bach, 1996:

Sind das wirklich dieselben Finger
die bis vor kurzem noch Bach vorspielten?
Dies mein Ding wird mal größer mal kleiner
gleicht dem Klavier nicht im geringsten
komisches Werkzeug muss man wohl sagen
Wie sich ein solches Allerweltsding
unter Deinen weichen Fingerbeeren
mit dem erhabenen Bach verträgt
ist mir völlig schleierhaft
Aber jetzt liegen Deines und Meines
offen entblößt in Herzens Farbe
Wenn ich mich der zart-warmen Berührung
sterbend endlos ganz überlasse
steh ich im Dunkel durchschimmernden Blutes
vielleicht auch plötzlich Bach gegenüber

David Ramirer, Collage 107, 2004

Bild:David Ramirer: Collage #107, 2004;
Wohltemperiertes Clavier, Buch 1: HJ Lim, 22. September 2014:

Written by Wolf

1. August 2017 at 00:01

Da entkomm ich aller Not, die mich noch auf der Welt gebunden

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Für Andrea S. aus R. (42).

Mariä Lichtmess oder Mariä Reinigung ist der liebenswerteste Feiertag im ganzen Jahreskreis, was man schon daran erkennt, dass er auch von jenen Glaubensrichtungen begangen wird, die sich als allen Glaubensrichtungen entgegengesetzt verstehen. Und dass zum Fest der Darstellung des Herrn die Weihnachtszeit endlich auch ihr liturgisches Ende findet, ist auch kein Schaden. Den Anfang von etwas markiert er in den heutigen Wicca- und paganischen Religionen, die ihm gern eine dunkelschwärzliche Seite verleihen; bei denen heißt Lichtmess Imbolc und gilt der Göttin Brigid — „a woman of poetry, and poets worshipped her, for her sway was very great and very noble. And she was a woman of healing along with that, and a woman of smith’s work, and it was she first made the whistle for calling one to another through the night.“ (Lady Augusta Gregory: Gods and Fighting Men, 1904.)

Lichtmess bedeutet, dass die Tage schon messbar länger und heller werden. Lichtmess handelt von hoffnungsfrohem Erwachen und Zuversicht. Das und women of poetry sind allgemeinmenschliche Bedürfnisse, die sich nicht an engherzige Sektenregeln ketten lassen, auch wenn sie christlich vertretbaren Werten verpflichtet bleiben. Außerdem ist Lichtmess nicht so überladen mit Feier- und Geschenkverpflichtungen: Lichtmess wird nur freiwillig gefeiert, von jedem, dem es am Herzen liegt.

Frontcover Johann Sebastian Bach, John Eliot Gardiner, BWV 82, 83, 125, 200Wie günstig trifft es sich da, dass die beste CD mit Bach-Kantaten — Cantatas for the Feast of the Purification of Mary unter John Eliot Gardiner von 2000 — sich aus Verzechnisnummern zusammensetzt, die dem 2. Februar zugeordnet sind. Jedenfalls wurden alle vier an 2. Februaren in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführt: BWV 83 Erfreute Zeit im neuen Bunde 1724, BWV 82 Ich habe genug 1727, BWV 125 Mit Fried und Freud ich fahr dahin 1725 und BWV 200 Bekennen will ich seinen Namen 1742.

Dass es die beste Bach-CD auf dem unüberschaubaren Markt für Bach-CDs ist, behaupte ich jetzt einfach. Man hat nicht gleich mit einer so viel Spaß. Allein dass Aussagen wie „Ich habe genug“ mit dem Smash-Hit und Anspieltipp der Bass-Arie „Ich freue mich auf meinen Tod, ach hätt‘ er sich schon eingefunden“ von Lebensfreude und Hoffnung zeugen sollen, gemahnt an die besten Momente bei Tom Waits. „I like beautiful melodies telling me terrible things“, soll der nach unsicherer Quellenlage gesagt haben.

Etwas belastbarer wird ihre Qualität im Hinblick auf die Ausführenden: John Eliot Gardiner ist zusammen mit Nikolaus Harnoncourt und noch ganz wenigen anderen einer der Leithirsche der historisch informierten Aufführungspraxis, und die zieht er seit 1964, als er 21 war, mit seinem selbstgegründeten Monteverdi Choir und seit 1978 mit seinem Stammorchester der English Baroque Soloists so gnadenlos durch, dass es zweifellos besser klingt als Vater Bachs Empore voller sächselnder Schulkinder anno 1724.

Das ist nun eine steile These, aber so wenig widerleg- wie beweisbar, und wenn man schon die Auswahl anhand so tragfähigen Musikmaterials hat, warum sollte man etwas anderes glauben wollen? Immerhin nicht im CD-Booklet steht, aber von Sir Gardiner stammt die Unterscheidung:

Interessant ist nicht das Klangbild, das Bach bei der Aufführung hörte, sondern das Ideal, das ihm beim Komponieren vorschwebte. Insofern verstehe ich auch die Diskussion um die solistische Besetzung der Leipziger Kantaten nicht. Denn in seiner Eingabe hat der Thomaskantor die vorgefundene Situation genau beschrieben und skizziert, welche Besetzung er gerne hätte. Insofern hilft der Maßstab „Authentizität“ bei Bach wenig. […] Denn jede Interpretation ist authentisch, wenn sie ernst gemeint ist und den jeweiligen Stand des Wissens berücksichtigt. Deshalb waren Karl Straubes Bach-Interpretationen auch authentisch, und deshalb wird Gardiner in 20 Jahren wohl altmodisch sein. Wir sind keine besseren Musiker, wir wissen nur etwas mehr.

Backcover Johann Sebastian Bach, John Eliot Gardiner, BWV 82, 83, 125, 200Das Dreigestirn aus Sir Gardiner, Monteverdi Choir und English Baroque Soloists, das einen sphärenklingenden Sternenhimmel bilden kann, hat sich ab 23. Dezember 1999 bis 31. Dezember 2000 anlässlich Bachs 250. Todestag auf eine Bach Cantata Pilgrimage durch 60 europäische Kirchen — keine Konzertsäle — begeben, um alle 198 erhaltenen geistlichen Bach-Kantaten an den Sonn- und Feiertagen aufzuführen, für die Bach sie komponiert hat. Aus organisatorischen Gründen sind es nicht alle 198, sondern 186 Kantaten in 56 Auftritten geworden — statistisch etwas mehr als ein Auftritt pro Woche. Die daraus hervorgegangenen 56 CDs sind Live-Mitschnitte, aber auf ganz und gar ungewohnt hohem Niveau. Live bedeutete schon anno 2000 nicht mehr die Dokumentation erkälteter Italiener wie auf den Callas-Bootlegs.

Die Aufnahme für Mariä Reinigung stammt vom 2. Februar 2000 aus der Priory Church in Christchurch im britischen Dorset, die sehr ehrwürdig daherkommt, und ist, ohne alle 56 Aufnahmen der verschiedenen Anlässe und Kirchen durchverglichen zu haben, ein Highlight unter ihnen.

Ich muss echt einen Sprung haben, das Ding zu verschenken. Alles Gute, Andrea.

Bilder: die CD von vorn und hinten, 2000;
The English Baroque Soloists via Volkers Klassikseiten J.S. Bach von der Renaissance bis zur Romantik, 19. Januar 2008.

Als Soundtrack dienen uns die aufgeführten Bach-Kantaten als Playlist, wenngleich in anderer Zusammensetzung und Einspielung, die sich bestimmt auch ehrbar begründen lassen. Die brauchbaren Videos sind nämlich ständig verboten.

Und als Bonus Track extra für die ewig junge und knarzend coole Andrea: eine wahrhafte Andreaoidin, bei der sie selber ganz zusammenfahren wird, wie sehr die junge und knarzend coole Frau Mackenzie Scott ihr in Auftreten und Blondheit (und Tierkreiszeichen) gleicht. Frau Scotts tomboyische Aufführung scheint einer feministischen, wenn nicht gar lesbischen Botschaft zu dienen, jedenfalls scheut sie sich nicht zu singen: „When I was a young boy“ und ein „girl“ zu suchen — eine der überzeugendsten Coverversionen, egal welcher geschlechtlichen Orientierung. Andrea würde sich schön bedanken, wenn sie mit so einer Mission durch französische Radiostudios tingeln sollte, aber sie würde es unterstützen und das ist gut so.

Gott ist groß.

Written by Wolf

2. Februar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Schall & Getöse

Die gereiheten Gäste des Sängers (I’ll know my song well before I start singin‘)

with one comment

Update zu Grillen mit Homer,
Nur die Wurst hat zwei
und Homerische Dark Fantasy:

Wahrlich es füllt mit Wonne das Herz, dem Gesange zu horchen,
Wenn ein Sänger, wie dieser, die Töne der Himmlischen nachahmt.
Denn ich kenne gewiss kein angenehmeres Leben,
Als wenn ein ganzes Volk ein Fest der Freude begehet,
Und in den Häusern umher die gereiheten Gäste des Sängers
Melodieen horchen, und alle Tische bedeckt sind
Mit Gebacknem und Fleisch, und der Schenke den Wein aus dem Kelche
Fleißig schöpft, und ringsum die vollen Becher verteilet.

Odyssee IX, 3–8, Voß-Übersetzung, 1781.

And I’ll tell it and think it and speak it and breathe it,
And reflect it from the mountain so all souls can see it,
Then I’ll stand on the ocean until I start sinkin‘,
But I’ll know my song well before I start singin‘,
And it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard,
It’s a hard rain’s a-gonna fall.

A Hard Rain’s A-Gonna Fall, aus: The Freewheelin‘ Bob Dylan, 1962, letzte Strophe.

Die Poesie des Versagens sucht sich vielleicht doch ihre Fürsprecher selbst. Manchmal hat sie Glück. Ich halt dann mal den Mund, ja?

——— Willi Winkler:

Über alle hinaus

in: Süddeutsche Zeitung, 12. Dezember 2016:

Mehr Dichtung hat die Schwedische Akademie in Jahrzehnten nicht gesehen: Der Preisträger Bob Dylan fehlt, sein größter Fan Patti Smith singt ein Lied von ihm und patzt. Aber beide retten in Stockholm die Kunst vor dem Nobelpreis.

Bitte nicht noch einmal die läppische Diskussion, ob ein Pop-Musiker, der alle möglichen kommerziellen Preise bekommen hat und in Venedig zwischen den gefiederten Models der besonders nuttigen Dessous-Marke Victoria’s Secret herumgestanden ist, der außerdem und nicht zuletzt wegen solcher Werbeauftritte vielfacher Millionär ist, den Nobelpreis ausgerechnet für Literatur verdient habe. Nein, hat er nicht.

Bob Dylan hat es nicht verdient, in Gesellschaft weiterer Greise als Statist in einem monarchistischen Staatsschauspiel aufzutreten, ohne, wie es John Lennon einst tat, die Herrschaften auf den besseren Plätzen aufzufordern, statt zu klatschen, mit ihrem Geschmeide zu rasseln.

Pascal Le Segretain, Getty Images, Niemand weiß, warum Bob Dylan an jenem Samstag nicht selbst nach Stockholm reisen konnte. Aber die Musikerin Patti Smith war da. Sang. Versagte. Und sang weiter. Und so gab es doch noch einen großen Moment, Willi Winkler, Über alle hinaus, Süddeutsche Zeitung, 10., 12. Dezember 2016Da die Welt aber schlecht ist und der Erlösung von allem möglichen Übel dringend bedürftig, ereignete sich am späten Samstagnachmittag im Konserthuset in Stockholm eine Sternstunde, von der die Menschheit, soweit sie ein fühlend Herz besitzt, noch lange leben wird.

Es begab sich, dass der fahrende Sänger Bob Dylan keine Lust hatte, an diesem Wochenende in die hochgebaute Stadt Stockholm zu fahren, sondern sich lieber in der weiten Welt, oder vielmehr in den Weiten Amerikas versteckte, und zwar höchstwahrscheinlich irgendwo im „heartland“, im tiefsten amerikanischen Landesinnern, wo sich die Leute nichts Besseres wussten, als für diesen Donald Trump zu stimmen, zu dessen Abwehr in vorletzter Minute der Schwedischen Akademie im Oktober nur mehr die Verleihung ihrer angesehensten Auszeichnung an ebendiesen unhöflichen und (wurde es nicht von allen Spatzen, Tauben, Geiern und allen anderen Unglücksraben von sämtlichen gebildeten Dächern gepfiffen, gekreischt, geklagt, gejammert?) unwürdigen Preisträger eingefallen war.

Denn „unhöflich“ schimpften sie ihn, weil er nicht sofort Purzelbäume vor Begeisterung über die Ehrung schlug, keine Pressekonferenz gab, sich nicht einmal ein dünnlippiges „Thank you“ abringen mochte, sondern in seinem Tagwerk fortfuhr, das an jenem 13. Oktober darin bestand, im legendären Musensitz Las Vegas einen Saal mit 3200 Leuten zu unterhalten. Ganz, ganz schlechte Kinderstube, nicht wahr?

Diese Dichtung, so der Laudator, verbinde die Alltagssprache mit der der Bibel

Nach Wochen erst war der Erwählte zu erreichen, grummelte dann etwas Pflichtschuldiges von „Ehre und so“ und ließ im Übrigen darauf verweisen, dass gerade eine Ausstellung mit seinen neuesten Bildern eröffnet werde, in London, geht hin, und seht selber! Wenn es sich einrichten ließe, verkündete Dylan, dann käme er nach Stockholm, ja, auch das.

Aber er kam nicht, damals nicht und bis jetzt auch nicht. Er hatte, wie er kund- und zu wissen gab, „anderweitige Verpflichtungen“, die allerdings, wie man in Stockholm mit wachsendem Grimm rasch recherchiert hatte, nicht in einem weiteren Konzert auf seiner Never Ending Tour bestanden. Was sollten das für Verpflichtungen sein, wichtiger als der weltberühmte Nobelpreis? Residenzpflicht als Nikolaus vor einem New Yorker Kaufhaus? Vielleicht verbietet ihm sein neuerdings wieder strenger befolgter Glaube, am Sabbat das Haus zu verlassen. Kann aber auch sein, dass er an diesem Samstag mit seinen Hunden in die Hundeschule musste – wer weiß.

Jedenfalls entschuldigte sich der bepreiste Autor und schickte als bekennender Feminist seinen mutmaßlich größten Fan, nämlich die Musikerin Patti Smith. Der schwedische Literaturwissenschaftler und Juror Horace Engdahl verlas mit strenger Miene eine Laudatio, die noch einmal rechtfertigen sollte, warum Bob Dylan der Preis zuerkannt worden war. Noch einmal verwies Engdahl darauf, dass das Wort „Lyrik“ von der Lyra herstamme, und beschwor dann viele Namen, vom Fabeldichter LaFontaine bis Hans Christian Andersen, von Chamfort bis zum „Fliegenden Holländer“, von Woody Guthrie bis Shakespeare.

Dylan habe sich aber nicht auf die provençalischen Troubadours und die Griechen bezogen, sondern sei mit beiden Beinen im 20. Jahrhundert gestanden und habe die Alltagssprache mit der der Bibel verbunden. „Und plötzlich“, so der Exeget, „wirkte ein großer Teil der gelehrten Dichtung unserer Welt blutleer, und die Fließbandtexte, die seine Kollegen weiter produzierten, wirkten so altmodisch wie Schießpulver nach der Erfindung des Dynamits.“ Als wäre es mit dieser hübschen Verbeugung vor dem Erfinder des Dynamits, der in seiner Reue über das von ihm angerichtete Unheil dann den nach ihm benannten Preis stiftete, nicht genug, kam Engdahl noch auf einen weiteren Vergleich, um Dylans Wirkung zu beschreiben, es war, „als würde das Orakel von Delphi die Abendnachrichten verlesen“. Nicht schlecht, doch.

Beim abschließenden Bankett im Rathaus von Stockholm las nicht das Orakel von Delphi, sondern die amerikanische Botschafterin vor den fünfzehnhundert Frack- und Kleidergästen sowie der versammelten königlichen Familie eine Botschaft des abwesenden Preisträgers vor, die sich niemand hätte dürftiger ausdenken können. Große Ehre, danke, hätte er sich nie träumen lassen, und überhaupt habe er schon in der Schule seine Nobel-Vorderen Rudyard Kipling und George Bernard Shaw, Pearl S. Buck, Thomas Mann und Ernest Hemingway gelesen. Die den Preis nicht bekommen haben und denen er doch viel mehr verdankt – Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Bert Brecht, James Joyce, Franz Kafka –, erwähnte er nicht, aber für die hatte das Nobelkomitee schon seinerzeit keinen Preis übrig.

Da patzte Patti Smith. Blieb hängen am „Zweig, von dem das Blut tropfte“. Und setzte neu an

Davor wurde von putzig gekleideten Aufträgern (die Nobel Media war so freundlich, die Speisekarte ins Internet zu stellen) gegrillter Hummer an eingelegten Winteräpfeln gereicht, die Wunderkerzen blitzen bei der Nachspeise besser als bei jedem Betriebsfest, der Wein war auch nicht schlecht – Piccini Poccio Teo Chianti Classico vom Jahrgang 2010; und die Gäste schmausten mit einem dem Ereignis angemessenen Behagen.

So hätte alles seinen gemütlichen Gang gehen können, wäre da nicht Patti Smith gewesen. Beim Bankett saß sie in ihrem schwarz-weißen Outfit nicht königlich, aber mindestens priesterlich zwischen Parfumwolken, Ordensbrüsten und schier unbezahlbaren Taftquadratmetern in Grün, Blau und Rot, als wäre zuvor nichts geschehen. Aber sie hatte gesungen.

Sie hatte „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“ von Bob Dylan gesungen. Dylan hatte das Lied 1962 geschrieben, nach dem Ende der Kubakrise, in der die Welt am Rande der atomaren Vernichtung stand. Es ist Anklage, Kirchenlied, Choral und vor allem ein großer Gesang, wie es nur Dylan kann. Aber dann patzte seine Schülerin. Sie stockte in der zweiten Strophe, sie blieb hängen an dem „Zweig, von dem das Blut tropfte“. Patti Smith entschuldigte sich – „ich bin so nervös“ – und setzte neu an. Immer besser, immer fester wurde ihre Stimme, als sie Dylans apokalyptische Weltuntergangsversion weit, weit über alle Preise und Feiern und Hummer hinaustrug. Es war fast unerträglich gewalttätig, es war mehr Dichtung, als in Stockholm in Jahrzehnten zu hören war.

„Ja, das ist wahrlich schön, einen solchen Sänger zu hören, wie dieser ist, den Göttern an Stimme vergleichbar“, erklärt der vielgeprüfte, der listenreiche Odysseus seinem Retter Alkinoos, als er sich zu erkennen gibt, als er verrät, dass das Lied des Sängers von ihm handelt, vom listenreichen Odysseus.

Wahrlich ist es schön, Bob Dylan zu hören, doch schöner ist’s, dabei zu sein, wenn eine Göttin das Hohelied anstimmt und auf so erhabene Weise versagt. Bob Dylan und Patti Smith haben mit ihrem Fehlen die Kunst vor dem Nobelpreis gerettet. Und die Welt, sagt der Dichter, hebt an zu singen.

Bild: Pascal Le Segretain/Getty Images:

Niemand weiß, warum Bob Dylan an jenem Samstag nicht selbst nach Stockholm reisen konnte. Aber die Musikerin Patti Smith war da. Sang. Versagte. Und sang weiter. Und so gab es doch noch einen großen Moment.

10. Dezember 2016 für Willi Winkler: Über alle hinaus, Süddeutsche Zeitung, 12. Dezember 2016.

Written by Wolf

13. Dezember 2016 at 03:11

Veröffentlicht in Griechische Antike, Schall & Getöse

Nachtstück 0006: Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile
und Nachtsück 0005:

Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu und berstet vor Langerweile.

E.T.A. Hoffmann: Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden, 1810.

Milo ManaraWeil ich’s versprochen hab: Nach eineinhalb Jahren musste ich mal wieder die Playlist für Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden von E.T.A. Hoffmann 1810 auf kaputte Links durchschauen.

Den Weg alles Digitalen waren das Ach ich liebte aus dem Serail und Lodi al gran Dio aus La Betulia liberata gegangen, beide von Mozart, und einen Link hatte ich von Anfang an vertippt (nein, jetzt, wo ich ihn repariert hab, verrat ich nicht mehr, welchen). Es ist schön, nach ein paar Monaten auf dergleichen zu stoßen, vor allem, wenn man Ersatz schaffen kann. Es hilft beobachten, in welchem Tempo das Internet, zumal YouTube, den Bach runtergeht, und in der Folge einschätzen, bis wann man alles, was man noch gehört haben will, gehört haben muss, bevor jeder Gedanke an Musik lizenzpflichtig und jedes Abspielen endgültig illegal geworden ist.

Vorläufig bleibt das Lieblingsvideo aus der o.a. Playlist das erste: Patricia Petibon beim Versuch, die Königin der Nacht zu meistern. Sie scheint eine wirklich Nette, und das Training in der Kempener Paterskirche war für ihr Amoureuses von 2008, da kann sie’s vielleicht schon heute.

Und wo ich schon dabei war, hab ich auch gleich die dahingegangenen Bachschen Inventionen und Sinfonien von Glenn Gould aus Engführung in mikrokosmisch strukturiertem Material (musikalisches Lustspiel) gefixt. Ganz anders, auch wunderschön. Aus den YouTube-Playlisten ist heute schon keine vollständige legale Sammlung mehr aufzutreiben. Für Österreich, Nordkorea oder den Iran möglicherweise schon, für Deutschland eben nicht.

Bild: Milo Manara, mutmaßlich mit einem Mozart auf dem T-Shirt, und spätes Novecento. Erkennt jemand aus dem Notenbild, das die Dame vor sich liegen hat, die Musik?

Da capo:

Written by Wolf

3. August 2016 at 00:01

Zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist!

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Update zu Lamento lacrimoso in Zick-Moll
und Show me a guy that doesn’t want to come down off the cross:

Karfreitag ist der geeignete Moment, um sich endlich die Passionen von Bach draufzuschaffen. Das lohnt sich tatsächlich. Um sie durchzuhören, reicht gerade mal so ein langes Osterwochenende, um sie zu verstehen, reicht kein ganzes Leben.

Roberto Ferri, Dark-Winged AngelsWir belassen es deshalb bei einer groben Bestandsaufnahme: Pflicht sind die Matthäus-Passion und die Johannes-Passion, was sich leicht merken lässt: das erste und das letzte Evangelium.

Warum sollte Bach aber genau den Anfang und den Schluss einer Tetralogie geschrieben haben? Um den Rest bei Gelegenheit aufzufüllen, die sich nie ergab?

Hat er gar nicht: Die restlichen zwei Passionen existieren; Bachs offizieller Nekrolog zählt sogar fünf Passionen, leider ohne sie zum Direktvergleich namentlich aufzuführen, und Bach über Bach insinuiert sogar sechs. Optimisten dürfen dabei gerade den Umstand schätzen, dass es von der süffigeren, kürzeren, beliebteren — Johannes — keine vom Komponisten autorisierte Endfassung gibt, sondern nur rekonstruierwürdige Fassungen aus einem 520-seitigen Notenblätterkonvolut.

Allerdings ist die Lukas-Passion eine Zuschreibung — also „weitestgehend“ gar nicht von Bach und somit apokryph — aber immerhin von ihm aus Zeitgründen aus fremdem Material umarrangiert. Sie könnte also von ihm sein — umso mehr, als er es selbst durch seine Umarbeit tätig bekräftigt hat — und zur Stunde mindestens vier Gesamtaufnahmen davon umgehen.

Die Markus-Passion ist dagegen „nur“ verschollen, allen Aussichten nach unwiederbringlich, erhalten ist nur das Libretto von Christian Friedrich „Picander“ Henrici. Die Geschichte der Rekonstruktionen von Bachs Musik ist eine Geschichte voller Missverständnisse, Irrtümer und Wirrnis, über die sich hoffentlich alle ebenfalls vier Gesamtaufnahmen in ausführlichen (und notorisch dreisprachigen …) Booklets äußern. Besonders interessant findet mein innerer Lästerhansel, dass die Markus-Passion als Parodie geplant war, wie das Weihnachtsoratorium auch, was leider nicht eine heute übliche Persiflage bedeutet, und Bachs eigene — weltliche — Kantate Laß, Fürstin, laß noch einen Strahl verwendet (BWV 198).

Merken wir uns also: Matthäus ist ein mords Gedröhn, Johannes ist wirklich schön, Lukas ist Stückwerk und Markus reine Hypothese. — Es folgt Bachs gesamte Passionentetralogie in der Reihenfolge ihrer Werkverzeichnisnummern. Das sind insgesamt 9 Stunden, 17 Minuten und 15 Sekunden Laufzeit. Ostern ist gerettet.

Matthäus-Passion, BWV 244:

Johannes-Passion, BWV 245:

Lukas-Passion, BWV 246:

Markus-Passion, BWV 247:

Geigerin von hinten: Roberto Ferri: Dark-Winged Angels;
Geigerin von oben: Girls and Violin, 27. November 2015.

Girls and Violin, White Dress in Violin

Written by Wolf

25. März 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Schall & Getöse

3. Katzvent: Und ich singe was ich fühle

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Wo doch Heine heuer am dritten Advent Geburtstag hat, da kriegt er einen ausführlichen Musikteil.

Und die geschändeten und geschmähten Katzen werden über die fashionablen Kater herfallen und werden ihnen eine Katzenmusik bringen, daß ihnen alle Katerlust vergehen soll, und die Katzen werden miauen: „Jetzt regieren wir!“

Georg Weerth: Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten, 1849.

——— Heinrich Heine (*13. Dezember 1797, Düsseldorf; † 17. Februar 1856, Paris):

14. Mimi

aus: Gedichte 1853 und 1854:

Katzenmusik, Fliegende Blätter, 1852Bin kein sittsam Bürgerkätzchen,
Nicht im frommen Stübchen spinn ich.
Auf dem Dach, in freier Luft,
Eine freie Katze bin ich.

Wenn ich sommernächtlich schwärme,
Auf dem Dache, in der Kühle,
Schnurrt und knurrt in mir Musik,
Und ich singe was ich fühle.

Also spricht sie. Aus dem Busen
Wilde Brautgesänge quellen,
Und der Wohllaut lockt herbei
Alle Katerjunggesellen.

Alle Katerjunggesellen,
Schnurrend, knurrend, alle kommen,
Mit Mimi zu musizieren,
Liebelechzend, lustentglommen.

Das sind keine Virtuosen,
Die entweiht jemals für Lohngunst
Die Musik, sie blieben stets
Die Apostel heilger Tonkunst.

Brauchen keine Instrumente,
Sie sind selber Bratsch und Flöte;
Eine Pauke ist ihr Bauch,
Ihre Nasen sind Trompeten.

Katzenrassen. Die Gartenlaube nach einer Originalzeichnung von J. Bungartz, Leipzig 1897. 1. Cyperkatze. 2. Karthäuserkatze. 3. Angorakatze. 4. Khorassankatze. 5. Chinesische Katze. 6. Siamesische KatzeSie erheben ihre Stimmen
Zum Konzert gemeinsam jetzo;
Das sind Fugen, wie von Bach
Oder Guido von Arezzo.

Das sind tolle Symphonien,
Wie Capricen von Beethoven
Oder Berlioz, der wird
Schnurrend, knurrend übertroffen.

Wunderbare Macht der Töne!
Zauberklänge sondergleichen!
Sie erschüttern selbst den Himmel,
Und die Sterne dort erbleichen.

Wenn sie hört die Zauberklänge,
Wenn sie hört die Wundertöne,
So verhüllt ihr Angesicht
Mit dem Wolkenflor Selene.

Nur das Lästermaul, die alte
Prima-Donna Philomele
Rümpft die Nase, schnupft und schmäht
Mimis Singen — kalte Seele!

Doch gleichviel! Das musizieret,
Trotz dem Neide der Signora,
Bis am Horizont erscheint
Rosig lächelnd Fee Aurora.

Grandville, Eine Katzenmusik, La Caricature, Paris 1. September 1831

Katzenbilder: Fliegende Blätter, 16.1852 (Nr. 361-384), Bild 2, 1852;
Katzenrassen: Die Gartenlaube nach J. Bungartz, Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1897:

  1. Cyperkatze
  2. Karthäuserkatze
  3. Angorakatze
  4. Khorassankatze
  5. Chinesische Katze
  6. Siamesische Katze

Grandville: Eine Katzenmusik (Charivari) in La Caricature, Paris, 1. September 1831.

Katzenmusikteil:

Fuge (wie) von Bach: Die Katze lässt das Mausen nicht, aus:
Schweigt stille, plaudert nicht (Kaffeekantate, BWV 211), ca. 1734.

Bonus Tracks:

Katzenjammer, Ben Caplan and The Trondheim Soloists: Fairytale Of New York aus The Pogues: If I Should Fall from Grace with God, 1987, in: Vi tenner våre lykter, 2011;

Aristocats: Scales and Arpeggios, Walt Disney et al., 1970:

Coda:

Ebenda: Everybody Wants to Be a Cat (dt.: Katzen brauchen furchtbar viel Musik).

Written by Wolf

11. Dezember 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Junges Deutschland, Schall & Getöse

Postcards from Germany

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Update for Schön siebenzeilig Lurley:

We knew Mark Twain spoke the awful German language. Now we learn he even sang it.

——— Mark Twain:

An Ancient Legend of the Rhine

from: A Tramp Abroad. Vol. 1–2. Leipzig: Tauchnitz, 1880, vol. 1,
translation of Heinrich Heine: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
from: Buch der Lieder (Book of Songs), 1827:

Germany is rich in folk-songs, and the words and airs of several of them are peculiarly beautiful – but „The Lorelei“ is the people’s favourite. I could not endure it at first, but by-and-by it began to take hold of me, and now there is no tune which I like so well.

I cannot divine what it meaneth,
This haunting nameless pain:
A tale of the bygone ages
Keeps brooding through my brain:

Loreley-Postkarte 1

Loreley-Postkarte 2

The faint air cools in the gloaming,
And peaceful flows the Rhine,
The thirsty summits are drinking
The sunset’s flooding wine;

The loveliest maiden is sitting
High-throned in yon blue air,
Her golden jewels are shining,
She combs her golden hair;

Loreley-Postkarte 3

Loreley-Postkarte 4

She combs with comb that is golden,
And sings a weird refrain
That steeps in a deadly enchantment
The listener’s ravished brain:

The doomed in his drifting shallop,
Is tranced with the sad sweet tone,
He sees not the yawning breakers,
He sees but the maid alone:

Loreley-Postkarte 5

Loreley-Postkarte 6

The pitiless billwos engulf him!–
So perish sailor and bark;
And this, with her baleful singing,
Is the Lorelei’s gruesome work.

Images: Postcards from the Mittelrheintal about Darstellung der Loreley auf Postkarten, 1900.

Written by Wolf

30. Oktober 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Selige Stunde! die du einmal mit den Echolauten dieser Harmonika durch meine Seele zogest

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Update zum Streckvers 1:

„Wem der alte preußische Grenadier Franz Koch mit seiner Maultrommel begegnet, der versäume nicht, ihn zu hören.“

Zuschreibung von Gustav Schilling und Gottfried Wilhelm Fink in der Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften, 1837
an Jean Paul: Hesperus, 1795, sonst nicht nachweisbar.

Zu Zeiten der Romantik ist tatsächlich ein ernstzunehmendes Musikrepertoire für Maultrommel entstanden, allem voran sieben nachgewiesene, leider nur drei erhaltene Konzerte für Maultrommel, Mandora und Orchester von Johann Georg Albrechtsberger — Österreicher, wie zu erwarten.

Den beiden immer noch leicht zugänglichen Konzerten dieser Machart haftet nichts Parodistisches oder sonst Ironisches an, vielmehr klingen sie heiter, in Aufbau und Anspruch etwa wie einer der „Musicalischen Scherze“ von Mozart. Aufbereitet habe ich das F-Dur-Konzert, in dem der 3. Satz – wiederum ungewohnt – eingängiger und tragfähiger klingt als wie üblich der 1. Satz.

Wahrscheinlich aus den gleichen Gründen, aus denen gerade Volkskunst, Volkslieder und Volksmärchen als vollwertige Schöpfungen entdeckt wurden, konnte Albrechtsberger die ausgesprochen schusterjungenhafte Maultrommel in die Kammermusik einführen, ohne das volkstümliche Instrument oder sich selbst lächerlich zu machen. Heute wirkt dergleichen so angenehm außer der Reihe, dass man sich fragt, warum die deutsch-romantischen E-Musiker eigentlich nicht öfter mal Korpora für Baritondudelsack, Dulcimer oder Hirtenschalmei geschaffen haben.

Sehr viel gewöhnungsbedürftiger, ja schmalzig bis zur Peinlichkeit wirkt dagegen heute der literarische Bestseller Hesperus von unserem alten Liebling Jean Paul an den Stellen, wo er seine geballte Melodramatik austobt. 1795 waren derlei unverhohlene Gefühlsausbrüche gewünscht und kein Privileg der Trivialliteratur. Das ist kein „im Volk“ auf unerfindliche Weise plötzlich entstandener Effekt, sondern ein Ausfluss der Hochkultur und daher besser belegt. Wesentlich dazu beigetragen hat ganz sicher Schiller, der erst 1793 dem Faktischen seine normative Kraft verliehen hatte: In Ueber das Pathetische fordert er für das Theater alternativlos eine pathetisch-erhabene Darstellungsweise. Und weil Schiller immerhin Schiller war, ein anerkannter Olympier mit dennoch großer Breitenwirkung seit seinem Erstling Die Räuber (1782), herrschte fortan die Lizenz, wo nicht gar die Pflicht zu niemals genug Pathos, Erhabenheit, Melodramatik und Schmalz.

Dass Volkstreiben auf die Hochkultur einwirkt, war in der Klassik eine neuartige, zumindest kuriose Feststellung, daher haben wir Biedermeier, Kunstmärchen und – wenige – Maultrommelkonzerte. Dass eine Hochkultur überhaupt existiert und sogar auf volkstümliche Kunstformen einwirkt, muss hingegen heute eigens erklärt werden, daher haben wir konzertante Blasmusik, Hipster und eine nur zäh fortschleichende Erkenntnis, dass Comics Literatur sein können – ohne etwas davon zu bewerten.

Das Volk ist nicht tümlich, erkannte Brecht endlich um 1930. Wir Heutigen müssen uns trotzdem nicht einbilden, klüger oder dümmer als um 1800 zu sein.

——— Jean Paul:

28. Hundposttag

in: Hesperus oder 45 Hundposttage. Eine Lebensbeschreibung,
Karl Matzdorff, Berlin 1795, Drittes Heftlein,

Dritter Osterfeiertag
F. Kochs doppelte Mundharmonika – die Schlittenfahrt – der Ball – und ….

Ich fuhr in die Höhe beim Namen Franz Koch in des Hunds Papieren. Wenn einer von meinen Lesern ein Karlsbader Brunnengast ist oder Se. Majestät der König von Preußen Wilhelm II. oder von dessen Hof oder der Kurfürst von Sachsen oder der Herzog von Braunschweig oder eine andre fürstliche Person: so hat er den guten Koch gehört, der ein bescheidner abgedankter Soldat ist und der überall mit seinem Instrument herumreiset und spielet. Das letzte, das er doppelte Mundharmonika nennt, besteht aus einem verbesserten Paar zugleich gespielter – Maultrommeln oder Brummeisen, die er immer nach den Spiel-Stücken umwechselt. Seine Brummeisen-Handhabung verhält sich zur alten wie Harmonikaglocken zu Bedientenglocken. Es ist meine Schuldigkeit, solche von meinen Lesern, deren Phantasie Zaunkönigs-Schwingen hat, oder die wenigstens vom Herzen an Lithopädia (Stein-Fötus) sind, oder die das Ohrentrommelfell zu nichts haben als zum Trommeln darauf, solche Leser mit der wenigen Oratorie, die ich habe, dahin zu bringen, daß sie den besagten Franz aus dem Hause werfen, wenn er kommen und vor ihnen summen will. Denn es ist nichts daran, und die elendste Bratsche und Strohfiedel schreiet meines Bedünkens lauter; ja sein Getöne ist so leise, daß er im Karlsbade vor nicht mehr als 12 Kunden auf einmal aufspielte, weil man nicht nahe genug an ihm sitzen kann, wie er denn sogar bei seinen Hauptliedern das Licht wegtragen lässet, damit weder Aug‘ noch Ohr die Phantasien störe. – Ist aber freilich ein Leser anders – etwan ein Dichter – oder ein Verliebter – oder sehr zart – oder wie Viktor – oder wie ich: so horch‘ er ohne Bedenken mit stiller zerfließender Seele dem Franz Koch – oder – denn heute wird er nicht gerade zu haben sein – mir zu.

Dirck van Baburen, Young Man With Jew's Harp, 1621Der lustige Engländer hatte Viktor diesen Harmonisten mit der Karte geschickt: „Überbringer dieses ist der Überbringer eines Echo, das er in der Tasche führt.“ – Viktor nahm ihn daher lieber zur Freundin aller schönen Töne hinüber, damit ihre Abreise sie nicht um diese melodische Stunde bringe. Es war ihm, wie wenn er durch eine lange Kirche ginge, da er in Klotildens Lorettohaus eintrat; ihr einfaches Zimmer war, wie Marias Wohnzimmer, von einem Tempel eingefasset. Sie hatte schon ihre schwarze Putzkleidung vollendet. Die schwarze Tracht ist eine schöne Verfinsterung der Sonne, worin man das Auge von ihr gar nicht wegzubringen vermag. Viktor, der bei seiner sinesischen Achtung für diese Farbe heute dieser schwarzen Magie eine wehrlose Seele, ein entzündetes Auge mitbrachte, wurde blaß und verwirrt über das aufgehellte Angesicht Klotildens, über welches der Zug eines herabgeregneten Kummers so wie ein Regenbogen über den hellen blauen Himmel schwebte. Es war nicht die Heiterkeit der Zerstreuung – die jedes Mädchen durch das Ankleiden bekömmt –, sondern die Heiterkeit der frommen Seele voll Geduld und Liebe. Er besorgte, in zweierlei Disteln zu treten, in die gemalten des Fußbodens, über die er immer wegschritt, und in die satirischen der feinen Beobachter um ihn, an die er sich immer stieß. Ihre Stiefmutter war noch über der Stukkatur und Appretur ihres Madensacks, und der Evangelist war in ihrem Ankleide-Zimmer als Putz-Meßhelfer und Mitarbeiter. Daher hatte Klotilde noch Zeit, den Mundharmonisten zu hören; und der Kammerherr bot sich der Tochter und meinem Helden – denn er war ein Vater von Lebensart gegen seine Tochter – zu einem Teil der Zuhörerschaft an, ob er gleich aus der Musik sich wenig machte, Tafel- und Ball-Musik ausgenommen.

Viktor sah jetzt erst aus Klotildens Freude über den mitgebrachten Musiker, daß ihr harmonisches Herz gern mit den Saiten zittere; überhaupt wurd‘ er oft über sie irre, weil sie – wie du, teuerster ** – sowohl ihr höchstes Lob durch Schweigen sagte als ihren höchsten Tadel. Sie bat ihren Vater, der die Mundharmonika schon im Karlsbad gehöret hatte, ihr und Viktor eine Idee davon zu geben – er gab sie: „sie drücke nicht sowohl das fortissimo als das piano-dolce meisterhaft aus und sei wie die einfache Harmonika dem Adagio am angemessensten.“ Sie antwortete darauf – an Viktors Arm, der sie in ein dazu verfinstertes stilles Zimmer führte –: „die Musik sei vielleicht zu gut für Trinklieder und für lustige Empfindungen. Da der Schmerz den Menschen veredle und ihn durch die kleinen Schnitte, die er ihm gebe, so regelmäßig entfalte, wie man die Knospen der Nelke mit einem Messer aufritze, damit sie ohne Bersten aufblühen: so ersetze die Musik als künstlicher Schmerz den wahren.“ – „Ist der wahre so selten?“ sagte Viktor in dem dunkeln, von einem Wachslicht beschienenen Zimmer. – Er kam neben Klotilde, und ihr Vater saß ihm gegenüber. –

John Moore, Jew's HarpSelige Stunde! die du einmal mit den Echolauten dieser Harmonika durch meine Seele zogest – fliehe noch einmal vorüber, und der Nachklang jenes Echos klinge wieder um dich! –

Aber als der bescheidne stille Virtuos das Geräte der Entzückung kaum in die Lippen geleget hatte: so fühlte Viktor, daß er es jetzo (bevor das Licht hinauskäme) nicht so machen dürfe wie sonst, wo er sich zu jedem Adagio eigne Szenen vormalte und jedem Stücke besondere Schwärmereien seiner Texte unterlegte. Denn es ist ein unfehlbares Mittel, den Tönen ihre Allmacht zu geben, wenn man sie zu Ripienstimmen unserer Stimmung und so aus Instrumental-Musik gleichsam Vokal-Musik, aus unartikulierten Tönen artikulierte macht, anstatt daß die schönste Reihe Töne, die kein bestimmter Gegenstand zu Alphabet und Sprache ordnet, abgleitet vom bespülten, aber nicht erweichten Herzen. – Als daher die holdesten Laute, die je über Menschenlippen als Mitlauter der Seele flossen, von der bebenden Mundharmonika zu wehen anfingen; als er fühlte, daß diese kleinen Stahlringe gleichsam als Fassung und Griffbrett seines Herzens ihre Erschütterungen zu seinen machen würden: so zwang er sein fieberhaftes Herz, an dem ohnehin heute alle Wunden aufgingen, sich gegen die Töne zusammenzuziehen und sich keine Szenen vorzuzeichnen, bloß damit er – – nicht in Tränen ausbräche, bevor das Licht weg wäre.

Immer höher stieg das Zuggarn hebender Töne mit seinem ergriffenen Herzen empor. – Eine wehmütige Erinnerung um die andere sagte in dieser Geisterstunde der Vergangenheit zu ihm: „Erdrücke mich nicht, sondern gib mir meine Träne“ – Alle seine gefangnen Tränen wurden um sein Herz versammelt, und sein ganzes Innere schwamm, aus dem Boden gehoben, sanft in ihnen – Aber er faßte sich: „Kannst du noch nicht entbehren,“ (sagt‘ er zu sich) „nicht einmal ein nasses Auge? Nein, mit einem trocknen nimm dieses beklommene Echo deiner ganzen Brust, nimm diesen Nachhall aus Arkadien und alle diese weinenden Laute in eine zerstörte Seele auf“ – Unter einer solchen überhüllten Zerfließung, die er oft für Fassung nahm, wars allemal in ihm, als wenn ihn aus einer fernen Gegend eine brechende Stimme anredete, deren Worte den Silbenfall von Versen hatten; die brechende Stimme redete ihn wieder an: „Sind nicht diese Töne aus verklungenen Hoffnungen gemacht? Rinnen nicht diese Laute, Horion, wie Menschentage ineinander? O blicke nicht auf dein Herz! in das stäubende Herz malen sich wie in einen Nebel die vorigen schimmernden Zeiten hinein“ – Gleichwohl antwortete er noch ruhig: „Das Leben ist ja zu kurz für zwei Tränen, für die des Kummers und für die andre“ …. Aber als jetzt die weiße Taube, die Emanuel im Gottesacker niederfallen sah, durch seine Bilder flog – als er dachte: „Diese Taube hat ja schon in meinem Traum von Klotilden geflattert und sich an die Eisberge geklammert: ach sie ist das Bild des verwelkenden Engels neben mir“ – und als die Töne immer leiser flatterten und endlich in dem flüsternden Laube eines Totenkranzes umherliefen – und als die brechende Stimme wiederkam und sagte: „Kennst du die alten Töne nicht? – Siehe, sie gingen schon in deinem Traum vor ihrem Wiegenfeste und senkten dort bis ans Herz die kranke Seele neben dir ins Grab, und sie ließ dir nichts zurück als ein Auge voll Tränen und eine Seele voll Schmerz“ – – – „Nein, mehr ließ sie mir nicht“, sagte gebrochen sein müdes Herz, und alle seine bekämpften Tränen drangen in Strömen aus den Augen….

Aber das Licht ward eben aus dem Zimmer getragen, und der erste Strom fiel ungesehen in den Schoß der Nacht.

Sir Peter Lely, Boy Playing a Jew’s Harp, ca.1648Die Harmonika fing die Melodie der Toten an: „Wie sie so sanft ruhn! etc.“ – Ach in solchen Tönen schlagen die zerlaufenden Wellen des Meeres der Ewigkeit an das Herz der dunklen Menschen, die am Ufer stehen und sich hinübersehnen! – Jetzo wirst du, Horion, von einem tönenden Wehen aus dem Regendunst des Lebens hinübergehoben in die lichte Ewigkeit! – Höre, welche Töne umlaufen die weiten Gefilde von Eden! Schlagen nicht die Laute, in Hauche verflogen, an fernen Blumen zurück und umfließen, vom Echo geschwollen, den Schwanen-Busen, der selig-zergehend auf Flügeln schwimmt, und ziehen ihn von o melodischen Fluten in Fluten und sinken mit ihm in die fernen Blumen ein, die ein Nebel aus Düften füllt, und im dunkeln Dufte glimmt die Seele wieder an wie Abendrot, eh‘ sie selig untergeht? – – –

Ach Horion, ruht die Erde noch unter uns, die ihre Todeshügel um das weite Leben trägt? Zittern diese Töne in einer irdischen Luft? O! Tonkunst, die du die Vergangenheit und die Zukunft mit ihren fliegenden Flammen so nahe an unsre Wunden bringst, bist du das Abendwehen aus diesem Leben oder die Morgenluft aus jenem? – Ja, deine Laute sind Echo, welche Engel den Freudentönen der zweiten Welt abnehmen, um in unser stummes Herz, um in unsre öde Nacht das verwehte Lenzgetön fern von uns fliegender Himmel zu senken! Und du, verklingender Harmonikaton! du kömmst ja aus einem Jauchzen zu uns, das, von Himmel in Himmel verschlagen, endlich in dem fernsten stummen Himmel stirbt, der aus nichts besteht als aus einer tiefen, weiten, ewig stillen Wonne….

„Ewig stille Wonne,“ (wiederholet Horions aufgelöste Seele, deren Entzücken ich bisher zu meinem machte) „ja, dort wird die Gegend liegen, wo ich meine Augen aufhebe gegen den Allgütigen, und meine Arme ausbreite gegen sie, gegen diese müde Seele, gegen dieses große Herz – Dann fall‘ ich an dein Herz, Klotilde, dann umschling‘ ich dich auf ewig, und die Flut der ewig stillen Wonne hüllt uns ein – Wehet wieder nach dem Leben, Erdentöne, zwischen meiner und ihrer Brust, und dann schwimme eine kleine Nacht, ein wallender Schattenumriß auf euren lichten Wogen daher, und ich werde hinsehen und sagen: das war mein Leben – dann sag‘ ich sanfter und weine stärker: ja der Mensch ist unglücklich, aber auf der Erde nur.“

O gibts einen Menschen, über welchen bei diesen letzten Worten die Erinnerung große Regenwolken zieht, so sag‘ ich zu ihm: Geliebter Bruder, geliebte Schwester, ich bin heute so gerührt wie du, ich achte den Schmerz, den du verbirgst – ach du entschuldigst mich und ich dich….

Das Lied stand still und tönte aus. – Welche Stille jetzt im Dunkel! Alles Seufzen war in ein zögerndes Atmen eingekleidet. Nur die Nebelsterne der Empfindung funkelten hell in der Finsternis. Keiner sah, wessen Auge naß geworden war. Viktor blickte in die stille schwarze Luft vor ihm, die vor wenig Minuten mit hängenden Gärten von Tönen, mit zerfließenden Luftschlössern des menschlichen Ohrs, mit verkleinerten Himmeln erfüllt gewesen und die nun dablieb als nacktes schwarzes Feuerwerks-Gerüst.

Krister P., The Young Jew's Harp Player, 2011Aber die Harmonika füllte dieses Dunkel bald wieder mit Lufterscheinungen von Welten an. Ach warum mußt‘ es denn gerade die meinen Viktor nagende Melodie des „Vergißmeinnicht“ treffen, die ihm die Verse vortönte, als wenn er sie Klotilden vorsagte: „Vergiß mein nicht, da jetzt des Schicksals Strenge dich von mir ruft – Vergiß mein nicht, wenn lockre kühle Erde dies Herz einst deckt, das zärtlich für dich schlug – Denk, daß ichs sei, wenns sanft in deiner Seele spricht: vergiß mein nicht“… O wenn noch dazu diese Töne sich in wogende Blumen verschlingen, aus einer Vergangenheit in die andre zurückfließen, immer leiser rinnen durch die vergangnen, hinter dem Menschen ruhenden Jahre – endlich nur murmeln unter dem Lebensmorgenrot – nur ungehört aufwallen unter der Wiege des Menschen – und erstarren in unsrer kalten Dämmerung und versiegen in der Mitternacht, wo jeder von uns nicht war: dann hört der gerührte Mensch auf, seine Seufzer zu verbergen und seine unendlichen Schmerzen.

Der stille Engel neben Viktor konnte sie nicht mehr verhüllen, und Viktor hörte Klotildens ersten Seufzer. –

Ja, dann nahm er ihre Hand, als wenn er sie schwebend erhalten wollte über einem offnen Grabe.

Sie ließ ihm ihre Hand, und ihre Pulse schlugen bebend mit seinen zusammen. –

Endlich warf nur noch der letzte Ton des Liedes seine melodischen Kreise im Äther und floß auseinander über eine ganze Vergangenheit – dann hüllte ihn ein fernes Echo in ein flatterndes Lüftchen und wehte ihn durch tiefere Echo hindurch und endlich an das letzte hinüber, das rings um den Himmel liegt – dann verschied der Ton und flog als eine Seele in einen Seufzer Klotildens. –

Da entfiel ihr die erste Träne, wie ein heißes Herz, auf Viktors Hand.

Ihr Freund war überwältigt – sie war dahingerissen – er preßte die sanfte Hand – sie zog sie aus seiner – und ging langsam aus dem Zimmer, um dem zu weichen Herzen, über dessen holde Zeichen die Nacht ihren Schleier hing, wieder zu Hülfe zu kommen….

Das kommende Licht nahm diese Traumwelten hinweg. – Matthieu und die Kammerherrin erschienen auch. Wir wollen aber in dieser weichen Stimmung, wo man gerade gegen Schlimme in der härtesten ist, nichts sagen und nichts denken über das neue Paar, das für den Abstich gegen unsere Erweichung nichts kann. Viktor sagte sich dies auch, aber mehr als einmal; weil sich die vom Apotheker erlogne Vermählung Klotildens mit Matthieu ihm mit den grellsten Farben aufdrang, ähnlich jener platonischen Verbindung, wo der reine Geist aus seinem Äther getrieben und mit zusammengekrümmten Flügeln in einen befleckten Leib gemauert wird. Klotilde kam zurück. Sie war in Verlegenheit gegen Viktor, bloß weil er darin war oder neben ihr auf dem Schlitten noch mehr darin sein mußte – ihren geschwollenen Augapfel entfernte sie vom Licht. – Da Tränen-Versetzungen wie Milchversetzungen drücken und zerstören: so suchte die in sein Inneres zurückgedrückte Wehmut einen Ausgang durch die Stimme, die heftig und abgebrochen war, durch die Bewegungen, welche schnell waren, sogar durch die Lebhaftigkeit des Ausdrucks – kurz es war gut, daß sie fuhren.

Als Bonus-Tracks erscheint eine Playlist mit einiger Maultrommelmusik sinnvool, angefangen mit dem 1. Satz von Albrechtsbergers E-Dur-Konzert.

Bilder: Dirck van Baburen: Young Man With Jew’s Harp, 1621,
Höhe 84 mm, Breite 70,7 mm, Centraal Museum, Utrecht,
mit allen riesenhaft hochauflösenden Details im Google Art Project;
John Moore: Jew’s Harp, via Ramshorn Studio;
Sir Peter Lely: Boy Playing a Jew’s Harp, ca.1648, via Tate Gallery;
Krister P.: The Young Jew’s Harp Player, 2011, Original bei La Perm leider gelöscht.
Soundtrack: Johann Georg Albrechtsberger: Konzert für Maultrommel, Mandora und Orchester F-Dur:
I. Allegro Moderato; II. Andante; III. Menuett: Moderato; IV. Finale: Allegro molto;
Fritz Mayer: Maultrommel; Dieter Kirsch: Mandora; Münchener Kammerorchester unter Hans Stadlmaier, 1981.

Written by Wolf

9. Oktober 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse

Nun könnte ich nach Hause gehen: Hoffmanns Bamberger Wirklichkeit und verschollene Klaviersonaten

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Update zu Ich trinke ein Glas Burgunder!
und Hört zu und berstet vor Langerweile:

Ein‘ hab ich noch.

Eilert, Gernhardt, Knorr, Waalkes: Hilfe, Otto kommt, 1983 ff.

Jetzt hab ich doch nochmal nachgeschaut: Wie wir heuer schon den E.T.A. Hoffmann: Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters musikalische Leiden von 1810 erst auf seinen alkoholischen und dann auf seinen musikalischen Gehalt abgesucht haben, das hat ja durchaus Ergebnisse gebracht. Die zwei Artikel finde ich in meiner grenzenlosen Hybris für die Hoffmann-Forschung recht nützlich. Nicht gerade grundlegend, weil ich der bestehenden Buchausgabe von Hartmut Steinecke — immerhin der umfangreichsten und bestkommentierten von allen — unbesehen jedes Wort geglaubt habe, aber so anschaulich und sogar anhörbar wie bei uns waren Anmerkungen zu einer von Hoffmanns Erzählungen wahrscheinlich noch nie.

Luisa Guembes-Buchanan, E.T.A. Hoffmann, Sonatas; Robert Schumann, Kreisleriana; 2 CD's, 2005Zum musikalischen Teil ist mir ein Nachtrag ein- oder vielmehr aufgefallen: In dem erwähnten Kreislerianum kommt der schöne, weil schön resignierende Satz vor:

Nun könnte ich nach Hause gehen und meine neue Klavier-Sonate vollenden: aber es ist noch nicht eilf Uhr und eine schöne Sommernacht.

Wenn wir den Kapellmeister Kreisler als Alter Ego Hoffmanns und seine Leiden und Verwirrungen als dessen eigene ernst nehmen, gibt uns das glatt einen biographischen Hinweis auf Hoffmanns komponistisches Schaffen. Da kann man sowieso jeden Fitzel gebrauchen: Gerade ein paar seiner nachgewiesenen Klaviersonaten sind heute verschollen.

Wenn aber die Geschichte von 1810 stammt, als Hoffmann am Theater in Bamberg angestellt war, und der Satz noch nicht in der Manuskriptfassung vorkommt, sondern erst in der überarbeiteten Druckfassung — ja, was dann? — Hartmut Steineckes Anmerkung dazu:

Wenn man annehmen möchte, daß auch in diesem Satz Hoffmanns Bamberger Wirklichkeit in die Gestalt Kreislers projiziert ist, stößt man auf eine Schwierigkeit. Man müßte entweder — entgegen der von G. Allroggen vorgeschlagenen Datierung — die Komposition der Sonate in cis-moll (AV 40) ins Jahr 1810 verlegen, oder annehmen, daß Hoffmann noch an einer weiteren (unvollendeten oder verloren gegangenen) Klaviersonate gearbeitet hat. Vgl. Gerhard Allroggen, E. T. A. Hoffmanns Klaviersonaten, in: MHG 16 (1970), S. 1–7 und 17 (1971), S. 17–20.

Damit wären diese zwei offenbar eher kurzen Aufsätze in den MHG (das ist: Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft, herausgegeben von Hans von Müller) von Gerhard Allroggen, der für Hoffmanns Musik das ist, was Köchel für Mozart war — das „AV“ statt einer Opuszahl hinter Hoffmannschen Kompositionen steht für „Allroggen-Verzeichnis“ — nicht weniger denn bahnbrechend. Auch wenn sie von ihrer thematischen Nische aus selbst Literatur- und Musikwissenschaftler ruhig schlafen lassen werden.

Eine verschollene Sonate, die 1970 anhand eines Halbsatzes in einer letztendlich fiktiven Erzählung vermutet wurde, werden wir mit unseren Mitteln nicht dingfest machen können. Bleiben wir daher pragmatisch und setzen die überlieferte und sogar in zwei Versionen erreichbar aufgenommene Klaviersonate Nummer 5 in cis-Moll voraus, die bis auf weiteres als AV 40 eingeordnet bleibt. Ich war so frei, die Aufnahme von Luisa Guembes-Buchanan in die YouTube-Ecke mit Hoffmanns Muskalien zu gesellen. Das soll als Leistung für einen privaten Weblog hinreichen.

Bilder: Luisa Guembes-Buchanan, Concert Pianist, Musicologist & Educator:
E.T.A. Hoffmann, Sonatas; Robert Schumann, Kreisleriana; 2 CDs, 2005.
Noch nicht eilf Uhr und eine schöne Sommernacht: Ana Jovmir: Piano, 17. April 2010.

Ana Jovmir, Piano, 17. April 2010

Written by Wolf

26. Juni 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Hört zu und berstet vor Langerweile

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Playlist zu Ich trinke ein Glas Burgunder!:

Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu und berstet vor Langerweile.

E.T.A. Hoffmann: Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden, 1810.

Eigentlich wollte E.T.A. Hoffmann Musiker sein. Weder eine Saufnase noch gar ein Kammerjustizrat, zu welchen beiden er eher versehentlich, aus Not und unter Protest wurde, und selbst in die Rolle Geschichtenerzählers, mit der man ihn bis heute verbindet, musste er erst mehrere — von Anfang an erfolgreiche — Bücher lang hineinwachsen. Deshalb führte er in seine Prosa sein Alter Ego in Gestalt des Kapellmeisters Johannes Kreisler ein, das vom Früh- bis ins Spätwerk immer wieder bei Bedarf auftritt und dabei eine charakterliche und biographische Entwicklung durchläuft.

Der als arrivierter, mittelmäßig zufriedener Musikus im Kater Murr enden und uns darin sicher noch beschäftigen wird, fängt als glückloser Komponist in einer Salongesellschaft aus Musikdilettanten an, wenngleich schon im Range des Kapellmeisters, dem er über die Jahre verhaftet bleiben soll. In Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden, dem ersten Kreislerianum der Fantasiestücke in Callot’s Manier. Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten, geschrieben ab 1810 und gedruckt 1814, das wir unlängst auf seinen alkoholischen Gehalt untersucht haben, kennt er sich mit Musik bedeutend besser aus als die von ihm missbilligten Salonlöwen. Ich gebe sein aktives und passives Repertoire möglichst detailliert wieder.

  • Mozart: Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen:
    Arie der Königin der Nacht, aus: Die Zauberflöte, 1791:

    Wir erleben die sopranistische Neuheit Patricia Petibon. Sie kann diese schwierigste aller gängigen Sopranarien noch nicht so gut wie die legendär souveränen Cristina Deutekom, Edda Moser oder Lucia Popp und neuerdings Diana Damrau; vielmehr sieht man ihr noch richtig an, wie sie fürs hohe F Anlauf nimmt — was bei ihr durchaus liebenswert wirkt, und man muss die legere, arbeitsame Atmosphäre der Aufnahme mögen.

  • Hebe sieh in sanfter Feyer:

    Hebe, sieh, in sanfter Feier ist ein Volkslied von Gottlob Adolf Ernst von Rostitz , 1798. Die Musik vom hochproduktiven, bis heute sehr präsenten Friedrich Silcher ist überliefert in F. H. Himmel: Deutsche Lieder am Klavier. Ein Neujahrsgeschenk an mein liebes Vaterland, Zerbst 1798. In dieser Komposition wurde das Lied beliebt in: Als der Großvater die Großmutter nahm, 1885. Der Text richtet sich an Hebe, die griechische Göttin der Jugend. — Das Lied steht leider nicht als Tonaufnahme online. Möchte — und kann — diesen Missstand jemand beheben?

  • Mozart: Ach ich liebte, war so glücklich:

    Arie der Constanze aus: Die Entführung aus dem Serail:

  • Ein Veilchen auf der Wiese stand: T.: Goethe, M.: Mozart, KV 476:

  • Gran dio:

    Dieser in gängiger Weise abgekürzte Textanfang kann eine Arie aus entweder Tancredi, Ernani oder La Traviata bezeichnen, die leider erst von 1813, 1844 und 1853 stammen. Das einzige verifizierbare Gran dio vor 1810 ist Mozart: Schlussarie mit Chor Lodi al gran Dio aus La Betulia liberata, KV 74c = 118 von 1771. Hoffmann erwähnt ein „Gran dio“ leider nur in der Manuskriptversion seines Kreislerianums, die nur als erweiterte Anmerkung in der Gesamtausgabe erscheint und deshalb nicht mit ihrerseitigen Anmerkungen versehen ist. Wem also ein weiteres Gran dio auffällt, das Hoffmann 1810 schon kennen konnte, soll nicht schweigen.

  • Joseph Gelinek: Variationen:

  • Wenn mir dein Auge strahlet:

    Sehr populäres Duetto Nr. 7 aus Peter von Winter, Libretto von Franz Xaver Huber: Das unterbrochene Opferfest, heroisch-komische Oper mit gesprochenen Dialogen in 2 Akten, 1796, 1. Akt. Handelnde Personen sind die Inka-Prinzessin Myrha und der Engländer Murnay. Nicht als Tonaufnahme online. Auch hier wieder: Könnte bitte jemand so freundlich sein?

    Wenn mir dein Auge strahlet,
    Ist mir so leicht, so gut;
    Und meine Wange malet
    Noch nie gefühlte Glut.

  • Bach: Goldberg-Variationen, BWV 988, natürlich mit Glenn Gould 1955:

Bonus Tracks: In den gekürzten Teilen erwähnt:

  • Gluck: Armide, Schluss: Le perfide Renaud me fuit:
    noch einmal mit Frau Petibon:

  • Mozart: Serbate, o Dei custodi.
    Erster Chor, 1. Akt, Nr. 5, aus La clemenza di Tito, KV 621, 1791:
    Einmal in kammermusikalischer Aufführung, etwa wie beim Hoffmann-Kreisler vorstellbar:

    und einmal in inszenierter Form mit Orchester unbekannter Herkunft:

  • Giovanni Paisiello: Nel cor mit non più sento:

    Hoffmann-Kreislers „Variatiönchen“ aus L’amor contrastato. Commedia per musica, später als La molinara auf einen Text von Giuseppe Palomba, 1789. Das Duettino Nr. 6 wurde oft für Klaviervariationen und Ausgangsmaterial zum Improvisieren verwendet, deutsch meistens als Mich fliehen alle Freuden, unter anderem von Beethoven 1796. Hoffmann dachte laut seiner Aufzeichnungen leider nicht an die Version von Beethoven, sondern Joseph Gelinek 1796, die nicht als Tonaufnahme online steht. Wir behelfen uns ersatzweise mit Beethoven in der Einspielung von Wilhelm Kempff 1964:

  • Mozart: 12 Vationen auf Ah, vous dirais-je, Maman, ce quit cause mon torument, KV 300e = 265, 1785:

    Damit Mozart sich noch im gesetzten Alter von 29 Jahren mit der Grundmelodie im ungefähren Schwierigkeitsgrad des Flohwalzers abgab, mussten schon noch einige Finessen dazukommen. Wie man Mozart einschätzen darf, nehmen wir an, dass er es als Heute wolln wir Hafer mähn, morgen wolln wir binden und eben nicht als Morgen kommt der Weihnachtsmann zum körpernahen Scherzen mit jungen Damen am Klavier verwendete. Moderne Dokumentierungen auf YouTube zeigen meist Klavieranfänger bei ihren ersten Erfolgen mit einem Mozart-Werk; populärpädagogische Facebook-Seiten fragen neckisch: „Did Mozart write ‚Twinkle, Twinkle, Little Star‘?“ — Yes, he did, somehow. Seine Durchdeklinierung des kindischen Gekaspers atmet eine gewisse verspielte Genialität.

  • Beethoven: Klaviersonate 25, op. 79, 1809:

    Beethovens letzte, die Hoffmann 1810 schon kennen konnte. Die in jeder Hinsicht größere Nr. 26 wurde erst 1811 gedruckt.

  • Die große Szene der Donna Anna:
    kann entweder Or sai chi l’onore rapire a me volse mit voraufgehendem Dialog (Atto I,13: Recitativo ed Aria No. 10) oder Crudele? Ah no, mio bene — Non mi dir, bell’idol mio — Forse un giorno il cielo ancora sentirà pietà di me (Atto II,12: Aria) bedeuten. Ich bringe beide in der jeweils interessantesten Aufnahme, die mir auffällt. (Und sollte ich hier jemals die unsägliche Anna Netrebko verlinken, erschieße mich bitte jemand.)


  • Die Variationen von Corelli:

    Damit kann Hoffmann-Kreisler ein recht umfangreiches Gesamtwerk von Arcangelo Corelli meinen, aber wenigstens in eindeutig feststellbarem Umfang. Was von Corelli unter „Variationen“ läuft, sind 12 Triosonaten da chiesa (Sonate a tre, Rom 1681), 12 Triosonaten da camera (Sonate da camera a tre, Rom 1685), 12 Triosonaten da chiesa (Sonate a tre, Rom 1689), 12 Triosonaten da camera (Sonate a tre, Rom 1694), 6 Sonate a tre op. post. (Amsterdam um 1714) und 12 Concerti grossi (Amsterdam 1714; Nr. 8, das bekannte Weihnachtskonzert in g-Moll). Als eigene Playlist, die man wie der Kapellmeister Kreisler mit seinem Burschen Gottlieb als Duett spielen kann, bringe ich sein Opus 1:

Das war jetzt ziemlich viel auf die Ohren. Es sind allesamt YouTube-Aufnahmen, die ich nicht verantworte, und die jeden Moment aus dem Internet — das entgegen gutgemeinten Warnungen vor sozialen Netzwerken eben doch alles mögliche „vergisst“ — verschwinden können. Wenn das passiert oder im Gegenteil: eine der fehlenden Dokumentationen doch noch auftaucht, bitte ich mich wohlwollend darauf aufmerksam zu machen. Ich versuche dann umgehend, die Playlist vollständig aktuell zu halten.

Sir Peter Lely, Two Ladies of the Lake Family, ca. 1660

Bild: Sir Peter Lely (Holland): Two Ladies of the Lake Family, ca. 1660, Öl auf Leinwand, Tate Gallery. Die linke Hand der linken dargestellten Dame hält einen Akkord auf der Gitarre fest, den sie offenbar mit der rechten Hand gleich anschlagen wird. Geschlagene Akkorde sind ein wichtiges Element in der Gitarrenmusik des 17. Jahrhunderts im Unterschied zur Lautenmusik, in der die Saiten hauptsächlich gezupft werden. In heutiger Praxis auf Saiteninstrumenten, die nicht mehr so penibel im Umgang mit Instrumenten wie Gitarren, Lauten, Banjos oder Ukulelen unterscheidet, wäre das der Unterschied zwischen „Schrumm-Schrumm“ und „Klimpern“.

Written by Wolf

1. März 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Lamento lacrimoso in Zick-Moll

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Update zu den Ausführungen über Ich hatt‘ einen Kameraden und das Winterreise-„Gute Nacht“ und Wou is denn des Gerchla und Lieblingsbiber:

Für die Fremdwortgegner („Kann man das denn nicht auf Deutsch sagen?!“) unter uns: Tonsetzer ist deutsch und bedeutet: Komponist. Die meisten Tonsetzer, die Sie kennen, waren technisch nicht in der Lage, ihre gesetzten Töne auf CDs festzuschreiben, wofür sie aus Ungnade ihrer frühen Geburt nichts können. Vielmehr mussten sie ihre Musik jedes liebe Mal wieder live vorspielen oder von Musikergruppen unterschiedlicher Mannstärke vorspielen lassen. Das hat bestimmt oft Spaß gemacht, jedenfalls kannten sie es nicht anders.

Wenn die das all die Jahrhunderte lang geahnt hätten, dass ihre Smash-Hits mal in dutzend-, wenn nicht hundertweise (ich grüße den Monsignore Vivaldi) verschiedenen Aufnahmen verkauft werden! Dann hätten sie ihren Hervorbringungen vielleicht anständige Namen verpasst. „Klavierkonzert Nr. 21 A-Dur“, dass ich nicht lache, soll das ein Name sein? Und dann muss man noch den Tonsetzer dazusagen, weil möglicherweise zwei oder zwanzig oder zweihundert Leute 21 und mehr Klavierkonzerte gesetzt haben, vielleicht auch das eine oder andere in A-Dur, und es dann mit keinem halbwegs einprägsamen Namen versehen.

Happy Squid, 15. März 2010Im international gewordenen Musikhandel ist es Unsitte geworden, die Packungsbeilagen zu Klassik-CDs mehrsprachig abzufassen: meistens in Englisch, Französisch und Deutsch, gerne noch Italienisch, besonders bei solchen Tonsetzern, die mit einem i enden. Das Problem dabei ist: Auch die Tonarten heißen in den Sprachen jeweils anders. Ich habe Jahre meiner kulturellen Bewusstheit an die Einsicht gewendet, dass es von Bach nicht eine h-Moll-Messe und dann noch eine b-Moll-Messe vom entgegengesetzten Pol des Quintenzirkels gibt, sondern dass B Minor Mass englisch für h-Moll-Messe steht: h heißt auf englisch B. So deutsch kann ein Tonsetzer gar nicht sein, dass man ihn nicht für den amerikanischen Markt übersetzen müsste.

Klassik-Labels klagen, dass sie nichts verkaufen. Das würde ich auch tun, wenn ich etwas zu verkaufen hätte, aber haben die mal überlegt, dass sie ihre Produkte mit etwas Schlüssigem beschriften könnten? Die Fragen sind doch:

  • Ist in der Kassette mit der Complete Keyboard Music das gleiche drin wie in den Sämtlichen Werken für Klavier?
  • Macht das was, wenn die einen auf Cembalo spielen, die anderen auf Spinett, ganz Verwegene auf Virginal und die für den internationalen Markt auf Harpsichord?
  • Unterscheiden die Engländer wirklich sorgfältig genug zwischen Violinsonaten und Violinkonzerten, und
  • sind dann die Violin Sonatas und Violin Concertoes die gleichen wie die String Sonatas und String Concertoes oder wieder eine ganz andere Werkgruppe?
  • Gehen jetzt 40 oder 46 oder 50 Symphonien auf Mozart, und wer hat die Zuschreibungen erschlossen und warum — „und wenn ja, wie viele“?

Ganz hinterfotzig sind die Tonarten: Okay, ein Fis ist kein Ges, wie man seit dem Pythagoreischen und dem Syntonischen Komma weiß. Folglich ist ein E-is erst recht kein F, obwohl genau den nötigen Halbton höher, oder nicht? Dann kann eine Cellosonate in H kein Cello Concerto in B sein, obwohl sie in der gleichen Tonart steht — weder ein Kreuz höher noch ein b tiefer. Entlang anderer Parallelen ist eine englische major-Tonart kein französischer majeur-Ton, weshalb die Symphony in G minor (von wem? Und welche Nummer?) nicht zwingend mit einem sol mineur anfangen muss. Ist denn wenigstens ein C sharp ein ut majeur?

Anfangs freut man sich, dass die CDs so schöne dicke Booklets haben: So ausführliche Liner Notes, da kann man was lernen! Und dann sind sie drei- bis viersprachig in verschiedenen Stadien des Lektorats, mit Librettoversionen, die nur satirisch gemeint sein können. Die notorisch unterbezahlten Übersetzer kann dabei kein Vorwurf treffen: Übersetzen Sie mal angemessen Beschimpfungen wie „Vergeh, frevelnder Gauch!“ (Wagner) und bleiben Sie dabei ernst. Die restlichen 32 Seiten gehen drauf für Werbung für einen Haufen mies abgemischter „Klassik-Hits“, die höhenlastiger Ihre Lautsprecher zerscheppern als Klassik-Radio durch ambulante Telephon-Ohrenstöpsel. Man spart keineswegs Geldes Wert, indem man den lizenzfreien, beliebig zusammengewürfelten Vier-neunundneunzig-Schrott neben der Kasse kauft, dagegen fährt man mit dem spontan überteuert anmutenden Zeug von cpo und dhm normalerweise richtig gut.

Und Vorsicht: Johann Sebastian Bach hat eine Matthäus-Passion geschrieben. Eine schöne. Sein Sohn Carl Philipp Emanuel Bach auch. Eine schöne. Aber eine andere. Nochmal 19 Euro 99. Muss man wollen. Dafür ist die Markus-Passion von Carl Philipp Emanuel klingende singende Realität, die Markus-Passion von Johann Sebastian eine Hypothese auf Doppel-CD.

Außerdem klingen die Passionen, vor allem die nach Johannes, in kleiner Besetzung (Gardiner) um Klassen besser und durchschaubarer als das überarrangierte massenhafte Gedröhn (Klemperer). Dass man die Empore der Thomaskirche mit halb Leipzig vollstellen kann, muss nämlich nicht heißen, dass es Bach jeden Sonntag getan hat: Die Stellenanweisung „Mit Hauffe“ bezeichnet die andächtige Kirchengemeinde, nicht nur die Nachthemdknaben auf der Empore. So, das zu verbreiten war mir ein Anliegen.

Ich stehe kaufkräftig und konsumwillig im Plattenladen und muss Tonarten umrechnen und Übersetzungen übersetzen. Und meine Frau wundert sich, wieviel Zeit ich bildungsbürgerlicher Schnösel da verbringen kann, und Sony (oder in manchen Fällen Play It Again Sam), dass ich dann doch einfach die Narrow von Soap&Skin kaufe. Die heißt wenigstens anständig.

So tragt a jeds sei Packerl. #firstworldproblems

Happy Squid, 15. März 2010

Bilder: Happy Squid, 15. März 2010;
Soundtrack: Hohe Messe in h-Moll, BWV 232, 1733 unter Karl Richter, aus der hohen Zeit der Viynl-LP 1969 — so ein Ding, für das man ein paar unverdrossene YouTübner immer noch abbusseln möchte.

Bonus Tracks: Soap&Skin: Narrow, 2012 als Playlist.

Written by Wolf

20. Februar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse

Ein Abend mit E.T.A. Hoffmann

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Der Mann ist jetzt immerhin 239, wollte früher Musiker sein und ist als Erzähler bekannt geblieben. Da kann man ihm ruhig eine Zeitlang zuhören.

Aber nicht dass ihr jetzt alle zwei oder gar mehr Videos gleichzeitig in Gang setzt, ihr Spielkinder.

… und zum gleichen Thema auch der Deutschlehrerin, die wir alle immer haben wollten:


Playlist: Grand Trio; Miserere; Harfenquintett; Das Kreuz an der Ostsee:

Written by Wolf

24. Januar 2015 at 19:21

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

4. Advent: Der Spielmann

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Update zum Bäumlein, das spazieren ging:

Zu Weihnachten 1813 schenkte der 25-jährige Friedrich Rückert seiner kleinsten, damals dreijährigen Schwester Maria eine Sammlung aus fünf selbstgemachten Gedichten, die er innerhalb einer einzigen Nacht ausgearbeitet und niedergeschrieben hatte. Maria starb 1835, als sie ihrerseits 25 war.

——— Friedrich Rückert:

Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein.

Zum Christtag 1813:

4 von 5

Der Spielmann

Frances Benjamin Johnston, Miss Apperson Playing Banjo, 1895 via Berry-Flavored FrescaDer Spielmann stimmt seine Geigen
Und spricht zu ihr:
„Du sollst dein Kunststück zeigen,
Komm, geh mit mir!“
Der Spielmann geht mit ihr vor ein Schloß;
’s ist Nacht, der Spielmann fiedelt drauf los.
Der Spielmann sagt: „’s ist nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Vor dem Schloß ist ein Garten,
Mit Bäum‘ und Pflanzen;
Die können die Zeit nicht erwarten,
Zu tanzen.
Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß,
Die Bäume tanzen alle drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Im Garten ist ein Weiher,
Darin sind Fisch‘;
Die hören auch das Geleier
Und tanzen frisch.
Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß,
Die Bäum‘ und die Fische tanzen drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Im Schlosse drin sind Mäuse,
Der Spielmann spielt auf;
Die Mäuse hören leise,
Sie wachen auf.
Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß;
Bäume, Fisch‘ und Mäuse tanzen drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Im Schloß sind Tisch‘ und Bänke,
Die werden wach,
Sie kommen aus dem Gelenke
Und tanzen nach.
Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß;
Bäume, Fische, Mäuse, Bänke tanzen drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Sind denn keine Menschen vorhanden?
Der Spielmann spricht:
„Ich spiele mich schier zu schanden,
Sie hören nicht.“
Bäume, Fische, Mäuse, Bänke tanzen drauf los;
Wollen die Menschen nicht aus dem Schloß?
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Da wird das Schloß auf einmal ganz
Lebendig,
Es stellt sich auf die Spitz‘ und tanzt
Unbändig.
Der Spielmann spielt, es tanzt das Schloß,
Die Menschen schlafen noch immer drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Da tanzt das Schloß bis in Stücken es geht
Mit Krachen;
Nun hören es endlich die Menschen im Bett
Und erwachen;
Sie hören den Spielmann spielen vorm Schloß
Und tanzen nun auch mit dem andern Troß.
Der Spielmann spricht: „Nun ist es genug;
Doch will ich fiedeln noch einen Zug.“

Das Kind fragt:

Warum denn noch einen?

Antwort:

Wegen des Männleins in der Gans.

Das Kind fragt:

Muß das auch an den Tanz?

Das Kind fragt:

Wird gleich erscheinen.

Bild: Frances Benjamin Johnston: Miss Apperson Playing Banjo, 1895;
Spielleute: Hilary Hahn auf Heinrich Wilhelm Ernst: Grand Caprice für Violine allein: Der Erkönig, op. 26;
Rhonda Vincent & the Rage auf Ervin T. Rouse: Orange Blossom Special, 1938/2011.

Written by Wolf

21. Dezember 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Schall & Getöse

Wenn es Ihnen versagt würde to translate

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Update zu And Rilke says to this guy:

Bei dem Thema von Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt, falls es eins hat, kommt selten ein direkter Kontakt mit den zitierten Schreibern zustande, weil kaum einer seit weniger als hundert Jahren tot ist. Anders verhält es sich mit Christian Meurer, der gesund ist und im März 2005 für die Titanic einen dermaßen dankenswert aufschlussreichen Artikel geschrieben hat, dass er einfach hier unterkommen musste — übrigens mit ausdrücklich eingeholtem Einverständnis der Titanic. Der Titanic etwas recht machen, das kriegt nicht gleich jeder hin.

Das freut sogar Herrn Meurer selbst. Dieser Tage, etwa eineinhalb Jahre, nachdem ich seinen Artikel fürs Internet gerettet habe, hat er erfreut kommentiert (hier gekürzt und angeglichen):

Das freut mich ja sehr, dass mein alter Artikel zumindest im Netz noch weiterlebt. Eine sehr interessante Tatsache war mir damals noch nicht bekannt, darum sei sie hier nachgetragen: Lady Gaga ist ebenfalls ein Kappus-Fan, wie vielen Artikeln über sie im Netz zu entnehmen ist, hat sie sich ein Zitat aus den Rilke-Briefen an ihn auf deutsch auf den linken Arm tätowieren lassen […].

Besten Gruß,

Christian Meurer

Da hat der Experte natürlich recht. Tatsächlich trägt die New Yorker Unterhalterin Stefani Joanne Angelina Germanotta, die leider seit längerem unverhältnismäßig prominent als „Lady Gaga“ auftritt, seit 6. August 2009 eine kalligraphierte Tätowierung auf der Innenseite ihres linken Unterarms.

Lady Gaga zeigt ihr Rilke-Tattoo

Links, das musste sein, weil sie allein ihre linke Körperseite, die sie deswegen ihre „Iggy-Pop-Seite“ nennt, für Tätowierungen vorgesehen hat. Ihre rechte Körperseite, die deswegen „Marilyn-Monroe-Seite“ heißt, gestaltet sie ihrem Vater zu Gefallen nur mit abwaschbaren Mitteln und Weißraum.

Inhalt der Kalligraphie ist eine Stelle aus dem ersten der Briefe an einen jungen Dichter vom 17. Februar 1903 — und zwar für eine Amerikanerin, die sich bei Three Tides Tattoo im japanischen Osaka tätowieren lässt, erstaunlich genug im deutschen Original (Zeilenumbrüche wie in der Tätowierung):

Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres
Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen
Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen
versagt würde zu schreiben. Muss ich schreiben?

Lady Gagas Rilke-Tattoo

Frau „Gaga“ erklärt — möglicherweise auf dem oberen Bild — den Sinn ihrer Körperzier damit, dass Rainer Maria Rilke ihr „Lieblingsphilosph“ (favourite philosopher) sei und dessen „Lebensanschauung der Einsamkeit“ (philosophy of solitude) in besonderem Maße zu ihr spreche. Jedenfalls ist es eine Stelle, auf die eine junge Amerikanierin innerhalb der Populärkultur in Sister Act (1992) stoßen kann, wie von Christian Meurer dargestellt.

Zwischen den Text gepresst steht noch auf Frau „Gaga“: „12/18/1974“ — ein Datum, das zwölf Jahre vor ihrer Geburt liegt und von der ergiebigsten Informationsquelle in diesem Belang — Gagapedia — bisher unerläutert bleibt: Was geschah am 18. Dezember 1974, das Lady Gaga für so bedeutsam für ihr Leben hält, dass sie sich eine stete Erinnerung daran eintätowieren ließ?

Laut der zweitsprudelndsten Quelle How to Tattoo ist es das Todesdatum ihrer Tante Joanne, für deren Wiedergeburt die junge Stefani Joanne Angelina sich zumindest im August 2009 hielt. In Gagapedia aber, was schwerer wiegt und weiter führt, wird Rilke mit dem Wortlaut übersetzt:

In the deepest hour of the night, confess to yourself that you would die if you were forbidden to write. And look deep into your heart where it spreads its roots, the answer, and ask yourself, must I write?

Rilkes Text von Lady Gagas Tattoo

Welcher Übersetzer „in der tiefsten Stelle Ihres Herzens“ mit „in the deepest hour of the night“ wiedergibt, will ich dann schon gar nicht mehr wissen. Das ist nur das erste Beispiel aus der Errata-Liste für zwei nicht sehr verwickelte Sätze, auf die übrigen kommt man schon mit gängigem Schulenglisch. Wenn englische Rilke-Übersetzungen diese Qualität durchhalten, wundert mich auch der Welterfolg einer „Lady Gaga“ nicht — die wenigstens schlau genug war, sich bei Three Tides Tattoo den deutschen Originaltext stechen zu lassen.

Dafür und dass sie so brav auf ihren Herrn Daddy hört, verdient sie Respekt. — And thanks to Christian Meurer for caring and sharing!

Bilder: Tattoo Donkey;
How to Tattoo: Lady Gaga’s New Tattoo:

5) The Rilke Tattoo
Written in German, is a quote from “Letters to a Young Poet” by Rainer Maria Rilke, Gaga’s favorite philosopher, along with the death-date of Gaga’s aunt, Joanne, 12/18/1974, whom Gaga thinks she is a reincarnation of.

Als Bonus-Track diene uns ein Lied aus Lady Gagas erster Schallplatte, nachdem sie ihre Tätowierung mitgebracht hatte: Born This Way, 2011. Es bezeugt, was genau die „Künstlerin“ (Selbstauskunft) mit der deutschen Sprache verbindet. Außer Rilke natürlich.

Written by Wolf

3. Dezember 2014 at 15:25

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse

Take Five

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Wie Benny Goodman zu Mozart kam,
das Quintett zu den Quartetten
und alles miteinander zu uns.

In München zu wohnen ist schön. Die einen sagen, das Beste daran sei, dass man „in keinen zwei Stunden am Gardasee“ ist, die anderen, die A 9 und gleich drei verschiedene Zugstrecken nach Nürnberg. Wie immer haben alle Recht und keiner.

Das Beste an München ist selbstverständlich die Klassikabteilung im fünften Stock des Kaufhauses Beck am Rathauseck, der größten der Welt. Da findet man nämlich zwischen den ganzen Vollpreis-CDs und vorgeblichen Angeboten, die ein Zentralmünchner Kaufhaus für Sonderpreise hält, manchen Schatz, den es nicht mal im ganzen großen weiten Internet gibt, selbst wenn man das „Internet“ weiter fasst als Amazon, iTunes, Facebook und Silkroad.

CD-Cover Mozart, Budapest Quartet, George Szell, Benny Goodman, Naxos 2007Wirklich gelohnt hat sich das absichtslose Nachblättern unter den Klavierquartetten von Mozart. Klavierquartette sind keine vier Klaviere, sondern Streichertrios, die von einem Klavier angeführt werden. Mozart hat genau zwei davon geschrieben: Quartett Nummer 1 in g-Moll für Klavier und Streicher, Köchelverzeichnis 478, und Quartett Nummer 2 in Es-Dur für Klavier und Streicher, Köchelverzeichnis 493. Das sind nicht gerade Mozarts Smash-Hits, es gibt nur wenige Aufnahmen davon, und diese wenigen fassen gern beide zusammen, weil sie nur je etwas um 25 Minuten dauern. Das passt auf eine einzige CD und lässt noch Platz für interpretierendes oder wertsteigerndes Zusatzmaterial.

2007 hat Naxos, wohl das edelste unter den Billig-Klassik-Labels, die CD MOZART. The Two Piano Quartets. Clarinet Quintet K. 581 zusammengestellt. Sie ist ein Kleinod geworden.

Die Klavierquartette sind am 18. und 20. August 1946 in Hollywood von drei Vierteln des Budapest Quartet mit George Szell am Klavier eingespielt, das ergänzende Quintett in a-Moll für Klarinette und Streicher, Köchelverzeichnis 581, kurz: „das Klarinettenquintett“, am 25. April 1938 in New York vom Budapest Quartet mit, und jetzt halten Sie sich fest: an der Klarinette Benny Goodman.

Von 1938 und 1946 sind das natürlich Überspielungen von Schellackplatten, die wie durchs Telefon klingen. Macht aber nichts, es gibt ein angenehm kauziges Streichquartett von verklungenem Weltruf zu entdecken, bei Benny Goodman will man den Vintage-Sound sowieso gar nicht anders haben und lebt in dem schönen Bewusstsein, die erste Gesamtaufnahme der Mozart-Klavierquartette plus eine doppelte Klassik- und Jazz-Rarität erstanden zu haben. Mehr kann für 7 Euro 90 niemand verlangen.

Wie Benny Goodman zu Mozart kommt, erklärt sich auf verstreuten, meist englischsprachigen Internetseiten zu einem vollständigen Bild zusammen, und zwar zu einem musikalisch und historisch hochinteressanten. Im Booklet der Naxos-CD steht die Geschichte vollständig, ebenfalls auf englisch. Ich bringe den vollständigen Text in meiner eigenen Übersetzung, in der ich mir die Freiheit nehme, deutlich mehr Absätze einzufügen.

——— Tully Potter: Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791): The Two Piano Quartets. Clarinet Quintet K. 581
in der gleichnamigen CD, Naxos Rights International Ltd., 2007:

Aufnahmen, die dem üblichen Repertoire und den Neigungen eines Künstlers „gegen den Strich“ gehen, können recht interessant sein – das stellte sich einmal mehr heraus, als Benny Goodman, der King of Swing, mit dem Budapest Quartet zusammengebracht wurde.

LP-Cover Mozart, Benny Goodman, Budapest Quartet, Clarinet Concerto and QuintetWie so viele der abenteuerlichsten Aufnahmeinitiativen in den 1930er Jahren kam Goodmans Anstoß, sich mit Mozart auseinanderzusetzen, von John Hammond, dem Spross einer gesellschaftlich hochstehenden New Yorker Familie, der in Liebe zur Klassik erzogen, aber ein lebhafter Jazzfan wurde.

Erstmals versuchte sich Goodman am a-Moll-Quintett 1935 auf einer Soirée in Hammonds eigenem Festsaal in der East 91st Street. Das Streichquartett bestand aus den Violinisten John Dembeck und Ronald Murat, Hammond an der Bratsche und Artie Bernstein am Cello, das Publikum war ein illustres: Jazzmusiker aus Harlem durchmischt mit New Yorker Salonlöwen.

„1936 nahm Benny [das Klarinettenquintett] mit dem Pro Arte String Quartet für Victor auf. Aus den Platten ist nicht viel geworden“, erinnerte sich Hammond, „die Streicher brachten Benny nicht den Respekt entgegen, der ihm zustand, und in der unbequemen Atmosphäre war er wie versteinert.“

Zwei Jahre später unternahm Goodman noch einen Versuch. Hammond hatte Alexander „Sasha“ Schneider kennen gelernt, den zweiten Geiger des Budapest Quartet und wie er selbst ein ausgesprochener Lebemann, der zum Champagner neigte. Hammond führte Schneider in einen Jazzclub, um Goodmans Gruppe spielen zu hören, man wurde einander vorgestellt, und Goodman fand die Russen sehr viel zugänglicher als das belgische Viergestirn Pro Arte.

Russen aus Budapest? Das erfordert immer wieder das eine oder andere Wort der Erklärung. Das Budapest Quartet hatte 1917 seinen Anfang durchaus von drei Ungarn und einem Holländer aus Budapest genommen, aber 1927 hatte eine russische Unterwanderung eingesetzt. Seit Herbst 1936 bestand das Ensemble vollständig aus Russen, was schnell Gegenstand zahlreicher Witze wurde. Dennoch nahmen die Mitglieder ihre Arbeit sehr ernst: Alle hatten sowohl in Deutshland als auch in ihrem Heimatland studiert; so verband ihr Stil österreichisch-deutsche Elemente mit russischer Streicherseele. Sie führten eher wenig russische Musik auf, und sollte man einen einzigen Komponisten benennen, der sie am besten repräsentierte, so wäre es Mozart.

Den üblicherweise recht selbstbewussten Goodman erlebten sie in seinem Bemühen, Klassik zu spielen, als durchaus bescheiden. Er bot ihnen sogar ein Vorspielen an, aber kaum hatten sie eine spontane Probe-Session im Great Northern Hotel abgehalten, beschlossen sie die Aufnahme zu machen. Später sollte Goodman es bereuen, dass sie das Quintett nicht erst zu fünft öffentlich aufführten, bevor sie es auf Schellack bannten. „Ich hätte gedacht, dass Kammermusik sich ungefähr so einfach wie eine gute Jam-Session aus dem Ärmel schüttelt“, erinnerte er sich. Ihm passte nicht, dass „das erstaunlich hohe Niveau des Budapest Quartet von unausgesetzter peinlicher Detailgenauigkeit bei jeder Probe und jeder Aufführung jedes Werkes in ihrem Repertoire“ herrührte.

Charles O’Connell, der exzentrische oberste Klassik-Chef bei RCA Victor, der Kammermusik-Aficionados für „blutleere Snobs“ hielt – eine Einstellung, die ihn alsbald außer dem Budapest Quartet auch noch das Busch-Quartett kosten sollte –, machte es Goodman mit seiner Entscheidung, die ersten drei Sätze des Quintetts auf 10-Inch-Platten aufzunehmen, besonders schwer. Das bedeutete, das Werk in acht statt nur sechs Einzelteile zu zerhacken; und weil jeder Take zur Sicherheit mindestens einmal wiederholt werden musste, hatten die Musiker sechzehn statt nur zwölf Takes durchzustehen.

Was dabei herauskam, stieß bei den Connaisseuren auf beiden Seiten des Atlantiks auf Ablehnung. Während die Amerikaner mit drei 10-Inch- und einer 12-Inch-Platte herumhantieren mussten, bekam der britische Markt die ersten drei Sätze als dumpf klingende Dubbings der zweiten Generation zu hören – die Tonmeister bei Abbey Road hatten nämlich die sechs 10-Inch-Masterplatten auf vier 12-Inch-Seiten umgespielt. Nicht einmal John Hammond, der Geburtshelfer der Aufnahme, hielt viel von ihr. Nur die zahlenden Plattenkäufer waren begeistert.

Und tatsächlich treten beim Wiederhören in digitalisierter Gestalt ihre Tugenden klarer zutage als ihre Fehler. Der englische Klarinettist Reginald Kell, der später Benny Goodmans Mentor in klassischer Musik wurde, wählte bei seiner Aufnahme mit dem Philharmonia Quartet ganz sicher einen entspannteren Ansatz. Aber Goodmans extrovertierte, ausschreitende, durchatmende Spielweise hat ihre eigenen, erfrischenden Vorzüge; und das Spiel der Streicher ist wunderschön.

Nachdem die Einspielung nur eine einzige Übertragung auf LP und zwei kurzlebige Wiederveröffentlichungen auf CD erlebt hat (deren eine die umgespielten britischen Masterplatten verwendete), wird ihr Neuerscheinen wohl von Goodman- wie von Budapest-Fans begrüßt werden. Goodman sollte das Mozartsche Klarinettenquintett noch dreimal mit dem Budapest Quartet öffentlich aufführen; auch eine gemeinsame Einspielung des Klarinettenquintetts von Brahms war angedacht. Leider zeigte O’Connell so wenig Interesse am Budapest Quartet, dass sie bereitwillig Hammonds Vorschlag folgten, zu Columbia als dem kongenialeren Plattenlabel zu wechseln. Im September 1940, als sie schon Bürger der Vereinigten Staaten waren und ihre Traumresidenz in der Library of Congress innehatten, machten sie ihre ersten Aufnahmen für Columbia; und diesem Label blieben sie das nächste Vierteljahrhundert bis zu ihrer Auflösung verbunden.

So weit die Informationen der nicht sehr verbreiteten Naxos-Veröffentlichung über die E-musikalischen Ausflüge eines grand old man des Jazz, als er Ende zwanzig war. Über die Headliner-Stücke der CD, die eigentliche Gesamtaufnahme der Mozart-Klavierquartette, fährt das Booklet erst an zweiter Stelle nahtlos fort:

Zur Zeit der anderen beiden Aufnahmen auf dieser CD war beim Budapest Quartet allerhand und keineswegs nur Erfreuliches vorgefallen. Einerseits waren sie als führendes Streichquartett von Amerika etabliert. Auf der Soll-Seite hatten sie 1944 die Galionsfigur und ihren besten Musiker Alexander Schneider verloren; und mit dessen Nachfolger als zweitem Geiger Edgar Ortenberg wollte es nicht recht vorangehen. Mit den anderen drei Mitgliedern Joseph Roisman, Boris Kroyt und Mischa Schneider gab es kein leichtes Zusammenarbeiten, so dass Ortenberg sich nie so ganz einlebte. Besonders schlimm war die Situation im Aufnahmestudio – etliche Projekte, in die Ortenberg eingebunden war, mussten wiederholt werden, und zumindest das kleine Es-Dur-Quartett von Schubert brachte es überhaupt nie zu einer zufriedenstellenden Budapester-Einspielung.

Da war es für die drei Älteren ein ausgesprochener Segen, dass sie bei Mozarts großartigen Klavierquartetten für sich arbeiten konnten und im 49-jährigen George Szell den idealen Kollegen zur Seite hatten. Dieser archetypische mitteleuropäische Musiker, in Ungarn als Sohn tschechischer Eltern geboren, doch in Wien aufgewachsen und ausgebildet, hatte schon damals fast drei Jahrzehnte Erfahrung als Dirigent; angefangen hatte er seine Karriere allerdings als Wunderkind sowohl in Komposition – Adolf Busch war nur einer von vielen großen Musikern, die sein frühreifes Klavierquintett aufführten – als auch Klavierspiel. Als Schüler des Wiener Klavierpädagogen Richard Robert, der auch Rudolf Serkin, Hans Gál und Clara Haskil unterrichtete, gestattete er seinen Fertigkeiten am Klavier nicht einmal, als er hauptberuflich dirigierte, das geringste Einrosten.

LP-Cover Mozart, George Szell, Budapest Quartet, Piano QuartetsSzells aristokratischer Klavieranschlag wurde in Verbindung mit dem Budapest Quartet erstmals im April 1945 in der Library of Congress bei Dvořáks Klavierquintett [Nr. 1 op. 5 oder Nr. 2 op.81] vernommen; im Oktober desselben Jahres führte er das Quintett von Brahms mit ihnen auf; im Mai 1946 schließlich spielte er in verschiedenen Besetzungen Schuberts Forellenquintett und Beethovens Kakadu-Variationen für Trio (die Library besitzt private Aufnahmen aller vier Interpretationen).

Als er sich im August 1946 mit dem Quartett zusammentat, um die Mozart-Quartette aufzunehmen, waren die Partner also schon gut eingespielt. Szells wunderschön eingerichtetes Spiel ergänzte die Budapester Streicher zur Perfektion, in der Boris Kroyts feiner Ton auf Mozarts Lieblingsbratsche hervorragend die Struktur durchdrang.

Insgesamt gab es bei diesen Aufführungen eigentlich nur eine einzige Überraschung – das Studio. Normalerweise nahm das Budapest Quartet in der Liederkranz-Halle in New York auf, wo auch eine Wiederveröffentlichung der Aufführungen durch Columbia die Sitzungen verortete, aber Mischa Schneider beharrte in Gesprächen mit Philip Hart, dem Diskographen des Quartetts darauf, dass die Sitzungen mit Szell – ihre einzigen kommerziellen Aufnahmen mit ihm – in Hollywood stattgefunden hatten.

Schon die Geschichte der Entstehung und Weitergabe der Aufnahmen birgt genug Unsicherheiten – besonders veranschlagt für Musiker, die nicht gerade obskure Garagenbands sind, nach längst keinem ganzen Jahrhundert ohne dazwischenfallende „Kriegswirren“. Nicht weniger spannend ist die Geschichte der Restaurierung der Aufnahme, bezeichnenderweise nur der dreingegebenen Goodman-Rarität, festgehalten vom „Producer and Audio Restoration Engineer“ in Personalunion, am gleichen Ort:

——— Mark Obert-Thorn: Producer’s Note
in: The Two Piano Quartets. Clarinet Quintet K. 581, Naxos Rights International Ltd., 2007:

Die zwei Klavierquartette wurden von der amerikanischen Columbia auf Masterplatten aus Vinyl mit 33 1/3 U/min aufgenommen, von denen Matritzen mit 78 U/min überspielt wurden. Weil die Vinylplatten einen größeren Frequenzumfang und (meistens) eine ruhigere Oberfläche als die 78-er Metallteile hatten, wurden sie von Columbia für die späteren LP-Transfers verwendet, die ihrerseits als Quelle für diese Neuveröffentlichung gedient haben. Es bleibt ein gewisses Oberflächenrauschen, bedingt durch den ursprünglichen Vilyllack (ohne die kommerzielle LP); trotzdem habe ich in diesem Fall letztendlich die Ergebnisse aus den LPs als Quelle gegenüber dem viel höheren Rauschen auf den 78-er Schellacks zufriedenstellender gefunden. Beiläufig waren das die ersten Aufnahmen, die Szell in den Vereinigten Staaten gemacht hat, kurz bevor er die Leitung des Cleveland Orchestra übernahm.

Autogramm Budapest String QuartetDas Klarinettenquintett ist von der Erstausgabe von noch vor dem Zweiten Weltkrieg aus den Gold-Pressungen bei Victor überspielt. Das ursprüngliche Album umfasste drei 10-Inch-Platten mit den ersten drei Sätzen, vervollständigt um eine 12-Inch-Platte mit dem letzten Satz (was die Seltenheit erklärt, mit der heute noch ein vollständiges Exemplar mit der intakten letzten Platte aufzutreiben ist), und erschien auf drei 12-Inch-Platten. Als EMI diese Ausgabe vor einigen Jahren in ihrer Serie Références auf CD wiedereröffentlichten, zogen sie für die Digitalisierung offenbar die klanglich beeinträchtigten Umspielungen heran. Von unserer Seite wurde sie aus den ursprünglichen, nicht umgespielten Pressungen restauriert.

Angesichts der aktuellen Verbreitung von Klassik-„Crossover“-Veröffentlichungen erscheint es geradezu kurios, wie sich Victor in ihrem Original-Booklet für die Zusammenführung des berühmten Streichquartetts mit dem „King of Swing“ rechtfertigen zu müssen glaubten:

So merkwürdig die musikalische Verbindung von Mr. Benny Goodman, Klarinette, dessen Ruhm im allgemeinen Bewusstsein der Öffentlichkeit jedenfalls weitab von den Gefilden der Kammermusik angesiedelt ist, mit einer so ernsthaften Gruppe wie dem Budapest Streichquartett erscheinen mag, so wenig kann es für den aufmerksamen Zuhörer auch nur weniger Takte der hier dargebotenen Aufnahme den leisesten Zweifel an Mr. Goodmans Qualifikation geben … Diese Darbietung ist keinem Sinne des Wortes ein „Gag“ und war weder von den Künstlern noch sonst einem an ihr Beteiligten zu irgend einem Zeitpunkt als solcher beabsichtigt … Unternommen wurde sie, um dem Kanon der Aufnahmen von Victor auf die bestmögliche Weise mit den besten verfügbaren Künstlern ein gültiges Meisterwerk hinzuzufügen. Daher stellt sie keine Abweichung von den Richtlinien von Victor dar.

Kurz gesagt, war es ein langer Weg, bis diese CD in dieser Zusammenstellung und in dieser Qualität auf uns kommen konnte. Von München aus mag es zwei Stunden zum Gardasee oder nach Nürnberg brauchen, aber keine zwei Minuten bis in den fünften Stock, nicht in der Nähe vom, sondern tatsächlich auf dem Marienplatz, Nummer 11. Ein Dreiviertelliter Bier auf dem Oktoberfest 2014 kostet über 10 Euro – mehr, als ich für zehn Liter diskutabel halte; diese CD fürs Leben (man wird mit haushaltsüblichen Mitteln zumindest die leicht herstellbaren .mp3-Dateien wohl noch länger hörbar machen können) hat 7,90 Euro gekostet, ich bitte Sie. Man hat die Wahl.

Und ich werde nicht müde zu betonen, dass genau das der Sinn der grundgesetzlich verankerten Freizügigkeit ist.

Bilder: Respective record label;
Schubertiade Music & Arts Summer 2012 Catalog, Lot 229.

Written by Wolf

26. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse, ~~~Olymp~~~

Barfußwochen 08: Danne ich wüete fluot des rîfen nû mit füezen bar

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Update zu Dein pöschelochter roter mund:

Für die freundliche Lanzhoverin vom Bodensee, die theoretisch geholfen hätte.

——— Klaus Cäsar Zehrer: Die Stiftung Lyriktest informiert, „Ausgang“ zu: Hell und Schnell. 555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004, Seite 515 f.:

Bei älteren Sprachspielen, die ihre Reifezeit bereits überschritten haben, können wir eine andere Tendenz feststellen. ist ihre Regel bis zum Äußersten ausgereizt, läßt sich ein komischer Effekt nur noch durch Regelbruch erzielen. So erging es dem Schüttelreim, einem Kunstgriff, den schon Konrad von Würzburg im 13. Jahrhundert kannte [Hervorhebungen in Zehrers Vorlage]:

Jârlanc vrîjet sich diu grüene linde
loubes unde blüete guot;
wunde güete bluot des meien ê der werlte bar.
gerner ich dur liehte bluomen linde
hiure in touwes flüete wuot,
danne ich wüete fluot des rîfen nû mit füezen bar.

Am Ende des 19. Jahrhunderts brach, von den humoristischen Zeitschriften „Fliegende Blätter“ und „Ulk“ ausgehend und bald auf die breite Bevölkerung übergreifend, das Schüttelreimfieber aus. Jedes erdenkliche mehrsilbige Wort wurde durch Konsonantenumstellung auf die Probe gestellt, wobei erstaunlich viele Wendungen gefunden wurden. […]

Allerdings war die Regel so leicht anwendbar und führte zu einer solch enormen Trefferzahl, daß das ursprünglich recht lebendige und lustige Spiel schnell ins mechanische Abklappern von Buchstabenkombinationen umkippte. Bald mußte ein Schüttelreim schon außergewöhnlich zündend sein, um nicht zu langweilen. Als es endlich und endgültig keinen Schritt mehr voranging an der Schüttelfront, besann sich F. W. Bernstein der alten Faustregel von Henri Bergson, wonach das Lächerliche dort zutage tritt, „wo etwas Lebendiges von etwas Mechanischem überdeckt wird“. Systematisch vollzog er, was Erich Mühsam […] zuvor bereits beiläufig und zufällig gelungen war: Er dekonstruierte die banal gewordene Kunst der Wortschüttelei, indem er exemplarisch verhauene Vierzeiler verfaßte, die die erste Regel des Schüttelreimens (Kreuztausch der Konsonanten) penibel einhalten, aber ihre zweite (es dürfen dadurch ausschließlich sinnvolle Wörter entstehen) grob mißachten. So entstanden Meta-Schüttelreime […], deren Komik dadurch entsteht, daß sie den leeren Automatismus konventioneller Schüttelreime aufdecken, und darin wiederum liegt die Ursache füe die Erkenntnis, warum es unmöglich ward, nach Bernstein einen Schüttelreim zu schreiben.

Cover Max Wehrli, Hg., Deutsche Lyrik des Mittelalters, Mit 36 Abbildungen aus der Manessischen Liederhandschrift, 100. Band der Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Zürich 1955Ninette, die stark ins Mittelalter orientierte und im Mittelhochdeutschen fortgeschrittene Lanzhoverin, meint angesichts Konrads von Würzburg: „Hihi, da geht’s um eine Barfüßige.“ — Stimmt fast: Es geht um einen Barfüßigen, weil das sprechende Ich zumindest in der zweiten Strophe nur entweder männlich oder lesbisch sein kann — womit in dieser Entstehungszeit nicht zu rechnen ist.

Nun zeichnen sich barfüßige Figuren in der Kunst gewöhnlich entweder durch besondere Armut, Verletzlichkeit oder Friedfertigkeit aus. Durch eine bestimmte Art der Schönheit glänzen sie erst in einer so neuen Zeit, in der Fußbekleidung so selbstverständlich geworden ist, dass ihr Mangel auffällt — also funktioniert das auch nur in wohlhabenden Kulturen, in denen freiwillig und nicht, um an den Schuhen zu sparen, barfuß gegangen wird. Überraschend deshalb, dass genau das im Hochmittelalter funktioniert haben muss.

In den Barfußwochen auf DFWuH erscheint deshalb Konrads vollständige dreistrophige Kanzone mit der Übersetzung von Max Wehrli aus: Deutsche Lyrik des Mittelalters, 100. Band der Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Zürich 1955, 7., durchgesehene Auflage 2001.

Konrads durchtriebene Frühformen des Schüttelreims — in den zweiten Strophenhälften sind jeweils auch Binnenreime dabei —, die im Original durch vergrößerte Wortabstände deutlich werden, sind in Wehrlis Übersetzung leider völlig vernachlässigt; es ist eine reine Übertragung der Inhalte, was den Vorteil hat, dass sie keine sinneingreifenden Zugeständnisse an die Form machen muss:

——— Konrad von Würzburg: Lied 13,
13. Jahrhundert:

Jârlanc vrîjet sich diu grüene linde
loubes unde blüete     guot;
wunder güete     bluot     des meien
     ê der werlte bar.
gerner ich dur liehte
     bluomen linde
hiure in touwes flüete     wuot,
danne ich wüete     fluot     des rîfen
     nû mit füezen bar.
mir tuont wê die küelen scharphen winde.
swint,     vertânez winterleit!
durch daz mînem muote sorge swinde.
wint mîn herze ie kûme leit,
wande er kleiner vogellîne fröude nider leit.

Owê daz diu liebe mir niht dicke
heilet mîner wunden     funt!
ich bin funden     wunt     von ir:
     nu mache si mich heil.
sendez trûren lanc breit unde dicke
wirt mir zallen stunden     kunt:
wil mir kunden     stunt     gelückes, sô vind ich
     daz heil,
daz si mich in spilnde fröude cleidet.
leit     an mir niht lange wert:
ir gewant ungemüete leidet.
cleit     nie wart sô rehte wert
sô diu wât der mich diu herzeliebe
     danne wert.

Werlt, wilt dû nu zieren dich vil schône,
sô gib dînen kinden     wint,
der niht winden     kint     zunêren müge:
     dêst mîn rât.
swer mit stæte diene dir, des schône;
hilf im sorge binden.     vint
die dich vinden;     bint     si zuo dir, gib in
     hordes rât,
reiniu wîp: den rât mein ich ze guote.
muot     und zuht ist in gewant:
swen si cleident mit ir reinen muote,
guot     und edel daz gewant
ist, darumbe ich ûz ir dienste
     mich noch nie gewant.

——— Konrad von Würzburg: Lied 13,
neuhochdeutsch 1955:

Von nun an ist die grüne Linde ledig
Laubes und der schönen Blüte;
Wunderschönheit brachte des Meien Blüte
     einst der Welt.
Lieber ging ich dieses Jahr nach hellen,
     zarten Blumen
durch die Flut des Taus,
als daß ich die Flut des Reifs mit bloßen Füßen
     nun durchschreite.
Mir tun weh die kühlen, scharfen Winde.
Schwinde, schlimmes Winterleid!
daß die Sorge mir aus dem Gemüte schwinde.
Wind hat mein Herz stets ungern gelitten,
weil er kleiner Vöglein Freude zugrunde richtet.

O weh, daß die Geliebte mir nicht immer wieder
meine Wunden heilt!
man sieht mich von ihr verwundet:
     nun mache sie mich heil.
Liebestrauer, lang und groß und stark,
ist mir jederzeit vertraut:
wird mir einmal Glück widerfahren, so seh ich
     das Heil darin,
daß sie mich in funkelnde Freude kleidet.
Leid wird bei mir nicht lange dauern:
ihr Gewand wird Unmut mir verleiden.
Nie gab es ein so kostbar Kleid
wie die Hülle, die mir die Herzliebe
     dann gewährt.

Welt, willst du dich nun verherrlichen,
so gib deinen Kindern einen Hauch,
der die Kinder nicht zur Unehre veranlaßt:
     das ist mein Rat.
Wer dir in Treue dient, den sollst du schonen;
hilf ihm, die Sorgen niederzubinden. Such,
die dich suchen; binde sie an dich, gib ihnen
     reichen Schatz,
reine Frauen, das ist mein gutgemeinter Rat.
Sinn und Sitte sind ihnen vertraut:
wen sie mit ihrem reinen Sinne kleiden,
der hat edles und gutes Gewand,
weshalb ich mich noch nie aus ihrem Dienst
     gewendet habe.

Lanzhoverin Ninette fertigt ein Nestelband, Meersburg 22. Juni 2014

Bilder: Cover Max Wehrli, Hg.: Deutsche Lyrik des Mittelalters. Mit 36 Abbildungen aus der Manessischen Liederhandschrift, 100. Band der Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Zürich 1955;
Ninette von Lanzhoven, die gleich durch Armut, Verletzlichkeit, Friedfertigkeit und eine bestimmte Art der Schönheit glänzt, fertigt ein Nestelband, 22. Juni 2014.

Written by Wolf

18. Juli 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Schall & Getöse

Altjahresgewinnspiel: Zischen, schrillen, summsen, murksen (geschlossen!)

with 4 comments

Update zu Die Brahmsianer können ja derweil aufs Klo, damit langsam eine Ruhe mit dem Wagnerjahr wird:

——— Matthias Küntzel: Wagner war Avantgarde – als Musiker und Antisemit.
Ein Ausnüchterungsversuch, in: Die Welt, 28. April 2013:

Der wagnersche Antisemitismus springt aber gerade bei diesem Nibelungen-Zyklus ins Auge und ins Ohr. „Der Gold raffende, unsichtbar-anonyme, ausbeutende Alberich, der achselzuckende, geschwätzige, von Selbstlob und Tücke überfließende Mime – all die Zurückgewiesenen in Wagners Werk sind Judenkarikaturen“, sagt Theodor W. Adorno. Gleichzeitig, so schreibt Paul Lawrence Rose in seinem Buch „Richard Wagner und der Antisemitismus„, gemahnen die habgierigen Nibelungenbrüder „allein schon durch die Art ihres Gesangs an das…, was Wagner im ,Judenthum in der Musik‚ ,die semitische Aussprechweise‘ genannt und als ,zischenden, schrillenden, summsenden und murksenden Lautausdruck‘ beschrieben hat“.

Aus diesem und manchem anderen Grund verlose ich ein verlagsfrisches, ungelesenes Exemplar Jens Malte Fischer: Richard Wagner und seine Wirkung, Zsolnay Verlag, Wien 2013 an den ersten, der mir sagt, warum er das haben will.

Bitte bis zum Ende der letzten Rauhnacht, also am Montag, 6. Januar 2014, zum Sonnenaufgang, weil ich mich länger nicht damit herumschlagen will. Das wirklich einwandfrei erhaltene Stück war auch für ein Gewinn aus einem Gewinnspiel, Sie können es also guten Gewissens haben, danach geht es an Oxfam. Die Kommentarfunktion ist offen.

Update: Das Gewinnspiel ist geschlossen, das Buch geht an Mr. Thomas Brook mit der Begründung: weil er zwei Menschen kennt, die Wagner lieben und hassen. Kann man eine noblere Motivation haben, sich ein Buch zu wünschen? — Auch wenn’s vermutlich 5. Januar über dem Versandweg werden kann: Glückwunsch!

Rheingold Extra Dry Lager Beer, ca. 1940

Ausnüchterungsversuch: Simply Sassy, 26. November 2013.
Danke: Katrina Clara Liszt!

Written by Wolf

28. Dezember 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Das Leben

with one comment

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Ludwig Hirsch ist am 24. November 2011 gestorben.

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00.58 Uhr ab Nürnberg. Schwein gehabt, ich dachte, der letzte Zug wäre schon 23.35 durch. Der allerletzte ist zwar kein ICE, aber München keine Weltreise.

Ich bin erledigt. Soll das mein Job sein, Hausbesuche in ganz Bayern zu machen? Herrschaften, ich bin Texter, kein fliegender Bibelverkäufer! Aber das Werbeatelier zahlt ganz anständig. Nächster Halt Schwabach. O je, die leeren unterwegs die Briefkästen.

Treuchtlingen.

Ich döse.

Ich wache auf.

Immer noch Treuchtlingen.

Das Licht im Abteil ist aus. Ich schaue mich um. Alles finster. Und warum sitzt außer mir überhaupt kein Schwanz mehr drin?

In der Ferne glimmt der Bahnhof Treuchtlingen vor sich hin. Haben die Hallodris meinen Waggon auf ein Abstellgleis gezogen und versäumt, den letzten Fahrgast zu wecken. Die Türen haben sie auch zugerammelt. Ich drücke und schiebe und stemme an der Hydraulik, bis sich die Tür weit genug öffnet, dass ich mich durchquetschen kann. Als Andenken ein paar Streifen Wagenschmiere, ich verknackse mir beim Sprung in den Schotter leicht den Knöchel.

Leise fluchend stolpere ich auf dem Gleis Richtung Bahnhof. Sternenhimmel, alles still. Nicht einmal Wind rauscht. Es gibt Formen von Romantik, um die sich kein Mensch reißt.

Am Bahnsteig konsultiere ich eine Abfahrtstafel, die sie praktischerweise die ganze Nacht beleuchten. Tatsache: Der letzte Zug aus Nürnberg endet hier – werktags außer Samstag. Der erste Richtung München fährt 6.50 Uhr – an Sonn- und Feiertagen. Einmal mehr erhebt sich die Menschheitsfrage: Kann man in Treuchtlingen etwas anderes machen als umsteigen?

Treuchtlingen ist berühmt für seine maurische Basilika, den gotischen Invalidendom, eine postmoderne Autobahnkapelle oder was weiß ich, aber bestimmt nicht für sein pulsierendes Nachtleben. In Nürnberg hätte ich mich wenigstens mit einem freundlichen Berber gegenseitig bedauern können, dass keine Bratwurstbude mehr offen hat. Ich strebe in eine Richtung, die einen bebauten Euindruck macht, und versuche es positiv zu sehen: Es könnte regnen. Außerdem bin ich Schreiber und muss gelegentlich in Abgründe blicken dürfen.

Ein hübsches Städtchen. Alles geboten, was der Mensch braucht: Bäckereien, Cafés, Apotheken, Zahnarzt- und Fuß- und Nagelpflegepraxen, sogar ein paar Straßenlaternen. Und eine brave Einwohnerschaft, die sich an die Nachtruhe hält. Nur in einem Wohngebiet des traditionellen Arbeitermilieus steht tatsächlich ein kleiner Schwarzhaariger vor einem mehrstöckigen Backsteinbau und raucht eine Zigarette. Vielleicht Araber.

„Gott zum Gruß, Herr Nachbar“, sag ich.

„’kum salah“, lächelt er und nickt mir zu.

„Hat in der Gegend noch was offen?“ frage ich zaghaft.

Er lacht auf: „Ja, schaust du, hier!“ und weist in die offene Tür neben sich.

Es sieht nicht aus wie eine öffentliche Gaststätte, aber wie war das mit den Abgründen? Ich danke für die freundliche Einladung, er zeigt mir eine Reihe schimmernder Beißerchen unter seinem Schnurrbart.

Im Treppenhaus blättert ein Abstelltischchen, rostet ein Fahrrad, verrottet das Geländer. Graffiti an der Wand. Ich folge einem Stimmengewirr und südamerikanischer Tanzmusik, die aus dem zweiten Stock zu kommen scheinen. Es kommt aus dem vierten.

Die Tür steht offen, buntes Volk lehnt im Rahmen und die ganzen Korridorwände entlang. In allen Zimmern, die ich einsehe, stehen, sitzen und lümmeln Leute aller Farben, Formen und Nationen. Trinkend, rauchend, essend, in Gespräche versunken, einige in orientalischem Stil herausgeputzt, andere in Lumpen. Musik und Gelächter. Ein gesellschaftliches Ereignis.

Ich tue, als ob ich jemand Bestimmten suchte, und streife mir dabei in der Enge die Jacke ab. Niemand fragt, wer ich sei, alle sind höflich und machen mir Platz. Wunderschöne, glutäugige Frauen lächeln mich entwaffnend an.

Ich entdecke einen Kasten Bier und fische mir eine Flasche heraus. Jemand bietet mir von der Seite einen Flaschenöffner an, wir stoßen an. Das eisige Bier sackt mir ohne Umweg in die Beine.

Wo ich stehe, nehme ich Platz auf dem Bierkasten. Die Gruppe neben mir unterhält sich in einem sich selbst ständig neu erfindenden Gemisch aus Deutsch, Englisch und etwas Romanischem über Strömungen im europäischen Kinofilm.

Bei Gelegenheit frage ich eine hochgewachsene Adlernase mit Lucky-Luke-Tolle, die sich etwas geschlaucht an einem Cocktailglas festhält: „Was wird denn überhaupt gefeiert?“

Sofort richtet der Mensch sich auf, breitet die Arme samt Cocktailglas aus, ein Leuchten im Gesicht: „Des Leebm!“

Betont retroflexes L, sehr langes geschlossenes e in einem ohne Anstrengung dröhnenden Bass – eindeutig Österreicher. Die Antwort sagt mir zu, der Mensch auch. Ich verbrüdere mich mit ihm. Durch kurzes Umdrehen zieht er drei surreal schöne Damen hinzu. Wir „kaufen“ uns jedes noch ein Bier und feiern: das Leben.

Mir war nicht klar, dass ich so gut Portugiesisch und Griechisch kann, sogar einige Phrasen Hebräisch. Ich trinke Bier aus Treuchtlingen und knabbere Kekse, die nach Leder schmecken.

„Wie bringt ihr das eigentlich immer so souverän hin, von rechts nach links zu reden?“ frage ich die Hebräerin.

„Du brauchst österreichische Wurzeln“, sagt sie. „Ein halbes Jahrtausend Habsburgerherrschaft und ein Wiener Kongress, und du kannst gar nicht mehr vorwärts.“

„Galizien tut’s auch“, sagt die zweite. „Vor allem Galizien“, die dritte.

„Wenn irgendwas wirklich vorwärts geht“, sagt die Adlernase, „gibt’s kein Zurück. Wie bei einer chemischen Reaktion. Vor und wieder zurück, dafür brauchst du einen Abbau. Im Makro-Leben ist das halt schwer.“

Irgendwann steht ein kohlrabenschwarzer Krauskopf mit Anzug ohne Krawatte mitten im Raum und deklamiert Brecht. Bei der Stelle „Ja, mach nur einen Plan“ schießt zum letzten Mal in dieser Nacht meine Zugfahrt durch den Sinn. Wir lauschen. Und applaudieren. Danach stellt sich ein alternder Jude, der wie Leonard Bernstein aussieht, an die Stelle und kündigt an: Gedichte von Khalil Gibran. Niemanden wundert’s. Auf einer Matratze im Eck wälzen sich zwei kurzhaarige, nordisch aussehende Mädchen und üben Zungenküsse. Vor dem Klo hat sich eine Schlange gebildet. Sie erzählt sich Witze und feuert den jeweiligen Insassen an. Zwei Zimmer weiter hat jemand eine Bongo aufgetrieben, jemand anders greift sich zwei Suppenlöffel und klappert Synkopen dazu. Eine kleinformatige Montserrat Caballé reicht eine sehr dicke Zigarette herum, die süßlich duftet. Ich kann nicht nein sagen. Die Kekse schmecken immer noch scheiße, aber es macht nichts.

Ich bekomme Gedankenrasen und rede offenbar in brillanten Zungen, weil die Leute um mich herum sich stark begeistern und schließlich sogar um mich kreisen. Mein Karussell bremst, als mein Blick das Muster auf den Cowboystiefeln der österreichischen Adlernase einfängt. Ich angle nach meinem Notizbuch, um die Linien mitzuschreiben. Umsonst, es muss in der Jackentasche sein. Als letztes kriege ich mit: „Wer Diavolo hat wohl die Haschplätzchen so hundskrawottisch dezimiert?!“

Ludwig Hirsch, Komm großer schwarzer Vogel, 1979, LP-RückseiteGeweckt werde ich von Leonard Bernstein. Er tätschelt mir väterlich die Hand und hat ein Glas Orangensaft dabei. „Ist schon sechs Uhr fünfzig?“ schrecke ich hoch.

„Langgä vorrbaj“, redet Leonard mir gut zu, „langgä vorrbaj“. Ich nippe Orangensaft. Die wunderschön herausgeputzten Mädchen sind alle verschwunden.

Ich finde meine Jacke. Am Ärmel trocknen immer noch die Streifen Wagenschmiere, die Graffiti im Treppenhaus sind noch da. Unten vor der Tür steht der Araber und raucht.

„Und?“ grinst er, „war gut?“

Zur Antwort schlucke ich. Er lacht: „Sagen alle andere auch. Kommen gut nach Hause!“

Am Duft aus Bäckereien orientiere ich mich zurück zum Bahnhof, in den Cafés werkeln Abiturientinnen. Einmal schlage ich mich zum Pinkeln in einen offenen Garten. Irgendwann sagt ein Schild: „Bahnhofstraße“. Von weitem höre ich den Lautsprecher: „… fährt in wenigen Minuten ein: der ICE 1615 in Richtung München.“

Während am Bahnsteig der Zug an meiner Nase entlang donnert, treffe ich die Adlernase aus Österreich. Er erkennt mich.

„Sog“, sagt er in seinem samtigsten Bass, „host du grod auf dem Festl a CD vom Ludwig Hirsch mitgnomma?“

Ich beteuere, das CD-Klauen hätte ich mir schon vor zwanzig Jahren auf vielfachen Wunsch abgewöhnt.

„Dann nimmst die do“, zieht er die Komm, großer schwarzer Vogel aus der Manteltasche, drückt sie mir in die Hand und stiefelt davon, Richtung Speisewagen.

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Bild: Ludwig Hirsch: Komm, großer schwarzer Vogel, 1979 (LP) via Flohmarktheini.

Written by Wolf

24. November 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse

Music kennt nichts als lauter Güte

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Der Tonsetzer (14. März 1681 bis 25. Juni 1767) zur Musiktheorie:

——— Georg Philipp Telemann: Cantata,
aus: Die MUSIC, als der edelste Zeitvertreib, bey abermaliger Eröffnung desselben. Den 12. Jan. 1723:

Tönet, schallet, klingt, ihr Saiten!
Füllet dieses Freuden=Haus
Mit den besten Liedern aus,
Welche zum Vergnügen leiten!
Tönet, schallet, klingt, ihr Saiten!

Recht so,
Du wehrte Musen=Schar!
Bezeige dich von Herzen froh,
Daß abermals ein neues Jahr
Erschienen,
Bey dem dir Glück und Wolseyn grünen,
Und deine Symphonien
Noch manchen Gönner an sich ziehen.
Drum ruf‘ ich noch einmal bey so beglückten Zeiten:
Tönet, schallet, klingt,ihr Saiten!

Den schön’sten Zeitvertreib in unserm ganzen Leben
weiß doch Music allein zu geben.
Denn alles, was wir sonst nur von der Wollust wissen:
Es sey ein guter Wein, ein leckerhafter Bissen,
Die Schlittenfahrt,
Das Spiel, die Jagd, und was noch mehr von solcher Ahrt;
Sind im Beschluß,
Nach vorgebrauchtem Ueberfluß,
Wo nicht mir Schaden, Schmerz, Verdruß,
Doch wenigstens mit Ungemach gepar’t.

Denis Dunaj, Cello Girl, 30. Juli 2012Allein Music kennt nichts als lauter Güte:
Der Anfang ist bequem,
Das Mittel angenem,
Das Ende wirkt ein ruhiges Gemüte.

Allen Kummer, alles Leid
Kann die Harmonie begraben.
Wie das Meer bey sanfter Stille
Seine Flut, als wiegend, reg’t:
Also wird des Menschen Wille
Durch der Töne Kraft beweg’t,
Daß ihn, frey vom Sorgen=Streit,
Sanfte Ruh‘ und Stille laben.

Da Capo.

Die Lust, der man sich ausser ihr geweyht,
Ist voller Unbeständigkeit.
Sie lässet uns, bevor wir sie verlassen.
Ein Schwelger wird nicht lange prassen,
So schreibet ihn der Arzt zu seinen Kunden an;
Ein Spieler leg’t die Würfel nieder,
Wenn ihm das Glück zugethan;
Ein Jäger, welcher Tag und Nacht
im Walde zugebracht,
Kömmt öfters ohne Wildprett wieder;
Ein Schlittenfahrer hör’t die Schellen nicht mehr klingen,
So bald der feuchte West
Den Schnee zerschmelzen läss’t;
Und also auch in andern Dingen.
Dieß hat Music nicht zu besorgen.
Die klinget heut und klinget morgen,
UJnd bietet sich durchs ganze Jahr,
Ohn‘ allen Nachtheil und Gefahr,
Uns zum Ergetzen dar.

Freude des Himmels, Ergetzen der Erden,
Edelste Klinge=Kunst, süsseste Lust!
Laß uns in deinem begeisterten Wesen
Jener Vollkommenheit Inbegriff lesen,
Wo wir durch Singen belustiget werden,
Welches hier unten noch niemand bewust.

Da Capo.

In ihrer Herrlichkeit
Ist dieses auch zu zählen:
Wenn unser Bau des Leibes Risse kriegt,
Und wenn des Alters Hand den steifen Rücken bieg’t,
Wo aller Lüste Scherz sich von ihm selbst verbeut:
So kann man die Music doch noch zum Labsal wählen.
Die machet uns kein nagendes Gewissen,
Weil sie die Unschuld selbst erlaubt und billig heiss’t;
Es stärkt ihr rührend Werk den halb erstorb’nen Geist,
Und bettet unser Haupt auf sanfte Ruhe=Küssen.

Hagel, Schlossen, Wind und Wetter
Hemmen nicht des Klanges Lauf.
Ist der Winter auf den Gassen?
Wo sich Saiten hören lassen,
Blüht der Anmut Frühling auf.

Da Capo.

Wolan, ihr Musen, fahret fort
Mit Hand und Wort,
Bey dieser neuen Zeit, auf neue zu vergnügen!
Die Schickung wird den Fortgang glücklich fügen,
Und euer Schallen
Nicht eben jedermann mißfallen.

Erquicket noch ferner die Herzen und Sinnen,
Und jag’t durch lieblichen Gesang,
Vermischet mit der Saiten Klang,
Die quälenden Sorgen mit Freuden von hinnen!
Erquicket noch ferner die Herzen und Sinnen!

Der Himmel nem‘ indeß durchs ganze Jahr
Hier diese kleine Welt, das liebste Hamburg, wahr!
Gesegnet müssen seyn die Väter dieser Stadt,
Durch die das Recht im Schwange gehet,
Durch deren Schutz der Bürger Pflicht bestehet,
Daß jedermann sein Brodt in Ruh zu essen hat!
Gesegnet müssen seyn, die für die Selen wachen;
Gesegnet, die ums allgemeine Heyl
Sich Müh‘ und Sorge machen;
Gesegnet Handel, Kunst, Gewerbe, Thun und Lassen;
Und alles kurz zu fassen:
Es neme Groß und Klein hier an dem Segen Theil!
So wird, wenn überall die Wünsche wol gelingen,
Auch unsere Music gedoppelt besser klingen.

Mit Freuden fängt das Jahr sich an;
Mit Lust erwarten wir das Ende.
Mischt ein Lamento sich mit ein:
So lasst Music das Sinnbild seyn.
Wie die bald frisch, bald traurig klingen kann:
So bieten Lust und Last im Leben sich die Hände.
Mit Freuden fängt das Jahr sich an;
Mit Lust erwarten wie das Ende.

Die Musikerin (leibt, lebt und liebt noch) zur Kniegeigenpraxis:

——— Hille Perl: Concertare. Die Lust am Spiel,
aus: Booklet zu Telemann Concertos for Viola da Gamba, Winkelsett, 12. August 2006:

Georg Philipp Telemann, der große und prägende Musiker, dessen Werk vermutlich sowohl in Quantität als auch Qualität unübertroffen ist, hat der Nachwelt das musikalische material hinterlassen, welches diese CD enthält. Für einen Menschen des 21. Jahrhunderts ist es kaum nachzuvollziehen, wie ein Arbeitstag des Großmeisters sich gestaltet haben muss. Er hinterließ uns 1400 Kirchenkantaten, etwa 50 Opern, mehrere hundert Orchesterwerke, daneben Instrumentalmusik für die verschiedensten Besetzungen, Solowerke mit oder ohne Begleitung,. Kaum ein anderer Musiker der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat das musikalische Leben seiner Zeit durch so viele Experimente, Stile und Techniken bereichert. Dadurch, dass er viele seiner Instrumentalwerke persönlich zur Drucklegung stach, erreichte er eine weit reichende Publikation seiner Werke, die eine ungeheure Popularität Telemannscher Musik nach sich zog.

Denis Dunaj, Cello Girl, 30. Juli 2012Sein Sprachwitz befähigte ihn darüber hinaus, sich als Dichter zu betätigen, zahlreiche Sonette, einige Libretti und zwei Autobiographien, daneben viele Briefe sind uns bis heute erhalten. Später im Leben beschäftigte er sich mit Gärtnerei, unter anderem tauschte er Blumenzwiebeln und Pflanzen, auch mit seinen Musikerfreunden Georg Friedrich Händel und Pisendel.

Die Entwicklung des instrumentalen Konzertes von einer simplen Interaktion zwischen zwei oder drei Instrumenten in einer mehr oder weniger traditionellen Sonate, bis hin zu einem Werk, in dem ein Soloinstrument von einem Apparat von Streichern oder einem erweitwerten Orchester begleitet wird, ist in Telemanns Werk ebenso wie auf dieser CD dokumentiert. […]

Vermutlich würden auch Musikwissenschaftler zustimmen, wenn wir behaupten, dass die Orchestersuite in D-Dur für Viola da Gamba und Streicher die Bezeichnung „Konzert“ in jedem Sinne zu tragen berechtigt ist: es gibt ein solistisches Instrument, welches mit dem Orchester interagiert und von ihm begleitet wird. Es gibt eine Ouvertüre im Anfang, bei der übriens die Gambe im Unisono mit den ersten Geigen geführt wird, bis die solistischen Einlagen beginnen, gefolgt von einem binären Charakterstück und fünf normalen Suitensätzen, bei der die Gambe und das Orchester über dem Continuo oft alternierend eingesetzt werden. […]

Meine hauptsächliche musikalische Partnerin in diesem Projekt, sowohl als Solistin als auch als Leiterin und Konzermeisterin des Orchesters, ist Petra Müllejans: Ihre geniale und variable Weise der Klangerzeugung, die Vielfalt an Artikulationen und Farben, die mit ihrem Bogen hervorzaubert, sind für diese Musik und für meine Herangehensweise an diese Musik die perfekte Ergänzung und Inspiration. Diese Art der Kommunikation, die weit über das, was wir mit Worten vermitteln können, hinausgeht, macht diese CD auch zu einem Dokument der schwesterlichen Verständigung zwischen Petra und mir. Vermutlich sind uns einige der langsamen Sätze langsamer geraten, als es historisch korrekt oder vertretbar wäre — aber wir fühlten uns oft in der Musik so wohl, dass wir den Moment strecken und verlängern wollten, so lange es eben geht: Dies ist eine der Freiheiten, die uns die Musik ermöglicht, eine andere ist wohl die, durch die Töne zu fliegen, frei und wild wie die Vögel, ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen und ohne die Gefahr, jemals am Baum zu landen.

Vermutlich ist es vermessen, unseren Lebensstil auch nur im Geringsten mit der menschlichen Existenz im 18. Jahrhundert zu vergleichen; trotzdem möchte ich uns daran erinnern, wie ungeheuer produktiv und kommunikativ ein Charakter wie Telemann zu seiner Zeit war, obwohl ihm die technologischen Forschritte unserer Zeit gerade auf diesen Gebieten verwehrt waren.

Den großen Respekt, den ich diesem Meister zolle, möchte ich hiermit zum Ausdruck bringen; sein Leben, sein Leiden, seine fantastische Musik und auch der große Spaß, den er sicherlich hatte, sollen nicht vergessen werden. All das ist ein Teil unserer kulturellen Identität, die wir weiterleben, um uns daran zu erinnern, wohin wir in der Zukunft wollen. Ohne große Musik in unserem Leben haben wir vermutlich keine Zukunft.

Suite in D-Dur für Gambe, Streicher und Basso continuo:
1. Ouverture; 2. La Trompette; 3. Sarabande; 4. Rondeau; 5. Bourée; 6. Courante & Double; 7. Gigue.

Hille Perl: Viola da gamba
Freiburger Barockorchester:
1. Violine: Petra Müllejans, Kathrin Tröger, Gerd-Uwe Klein
2. Violine: Brian Dean, Annelies van der Vegt, Karin Dean
Bratsche: Christa Kittel, Sabine Dziewior
Cello: Ute Persilge
Violon: Matthias Müller
Laute: Lee Santana
Cembalo: Torsten Johann

Aufgenommen im Paulussaal Freiburg im Breisgau, 17. März 2006.

Text- und Videobilder: Denis Dunaj: Cello Girl, 30. Juli 2012.

Written by Wolf

25. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Schall & Getöse

Die Brahmsianer können ja derweil aufs Klo.

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——— Domorganist Pfühl in Thomas Mann: Buddenbrooks, 1901:

Dies ist das Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz! Dies ist ein parfümierter Qualm, in dem es blitzt. Dies ist das Ende der Moral in der Kunst!

Das Judenthum in der Musik, wie es Richard Wagner gefällt – wenn es nämlich 25 Gulden für einen Fauteuil bezahlt. Karikatur in Kikeriki, 1872Richard Wagner (22. Mai 1813 bis 13. Februar 1883) machte eine frühe antisemitische Lebensphase durch, die sich 1850 in seiner berüchtigten Schrift Das Judenthum in der Musik äußerte. Abgelöst wurde diese Phase von lebenslangem Judenhass, der sich 1869 in einer überarbeiteten Neuauflage äußerte.

O je, ich glaub, ich muss auch mal.

——— Richard Wagner : Eigene Grabinschrift, Karfreitag, 25. März 1864,
51-jährig und ohne Stabreim auf dem Heimweg von einem Münchner Schaufenster mit Kini-Bildnis:

Hier liegt Wagner, der nichts geworden,
nicht einmal Ritter vom lumpigsten Orden;
nicht einen Hund hinter’m Ofen entlockt‘ er
Universitäten nicht ‚mal ’nen Doktor.

München, 25. März 64

Huldigungsmarsch Es-Dur für Ludwig II. von Bayern: WWV 97, im darauffolgenden Oktober 1864:
Marschmäßig, anfänglich etwas zurückhaltend — Etwas belebter.
Zum 19. Geburtstage Seiner Majestät König Ludwig II.

Bild: Das Judenthum in der Musik, wie es Richard Wagner gefällt – wenn es nämlich 25 Gulden für einen Fauteuil bezahlt in: Kikeriki, Wien 1872.

Written by Wolf

22. Mai 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Flög

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Update zu Jug:

——— Johann Gottfried Herder: 12. Der Flug der Liebe, Deutsch.
aus: Stimmen der Völker in Liedern, Erster Theil, Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung 1778:

Die Melodie ist dem Inhalt angemessen, leicht und sehnend.

Wenn ich ein Vöglein wär,
Und auch zwey Flüglein hätt‘,
Flög ich zu dir;
Weil es aber nicht kann seyn,
Bleib ich allhier.

Bin ich gleich weit von dir,
Bin ich doch im Schlaf bey dir,
Und red‘ mit dir:
Wenn ich erwachen thu,
Bin ich allein.

Es vergeht keine Stund‘ in der Nacht,
Da mein Herze nicht erwacht,
Und an dich gedenkt,
Daß du mir viel tausendmal
Dein Herz geschenkt.

——— Achim von Arnim und Clemens Brentano (Hg.): Des Knaben Wunderhorn:
Wenn ich ein Vöglein wär. Herders Volkslieder I.B.S. 67., Kommentar:

Unter der Überschrift Der Flug der Liebe. Deutsch ist der Text in Herders Volksliedersammlung (1778; Buch 1, Nr. 12, S. 67 F.) enthalten. Der Eingangsvers war bald sprichwortartig verbreitet. — Goethe verwendet ihn z. B. im Faust-Fragment von 1790 (V. 3318) — und wurde deshalb im Wh an die Stelle des ursprünglichen Titels gesetzt. Zwei geringfügige Wortänderungen aus metrischen Erwägungen sind die einzigen weiteren Eingriffe.

Nach der Veröffentlichung im Wh häufen sich die Anspielungen auf das Lied unübersehbar; Kerner etwa nennt es in seinem Roman Die Reiseschatten (IV,5) als Fl. Bl.; Eichendorff legt seinem Taugenichts (Kap. 7) eine Umdichtung der ersten Strophe in den Mund; Heine zitiert den Liedeingang zweimal (Lyrisches Intermezzo, Nr. 53, und Romanzero, Der weiße Elefant) und parodiert ihn schon im Buch der Lieder: „Wenn ich ein Gimpel wär„. Ausführlich bietet er den Text in seiner Romantischen Schule. „Einzig schön und wahr“ ist das Lied auch in Goethes Augen.

Melodie: Stockmann, S. 56.
Vertonungen: Friedlaender (II, S. 150–162) weist u.a. Kompositionen von Beethoven (1816), Carl Maria von Weber (1818) und Robert Schumann (1840) nach. Ferner: Max Reger (1899).

Lied: Wenn ich ein Vöglein wär, aus: Katja von Garnier: Bandits, 1997. Die Bandits waren:

  • Jasmin Tabatabai (Luna): Vocals, Guitar;
  • Nicolette Krebitz (Angel): Guitar;
  • Jutta Hoffmann (Marie): Bass;
  • Katja Riemann (Emma): Drums.

Bebildert mit Giulia Boarino von Davide Lauriola Photography: Lady Volture
in Casalborgone/Turin, 31. März 2012.

Das Bild The Raven von Whitney Strobel wäre für den Direktvergleich der Raben zu Poes Geburtstag ebenso passend gewesen; die Raben reichen jedenfalls. Leider ist es erst über einen Monat später entstanden. Jetzt unterstützt es die eiskalte Seite des Volksliedes, dessen herzerwärmende Seite vorhanden ist, aber anderwärts schon genug unterstützt wird.

Whitney Shoots Photography, The Raven, 22. Februar 2013

Written by Wolf

7. März 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Den Bach runter

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„Na?“ Die Wölfin sitzt wie immer am Computer. „Fertig mit Einkaufen? Irgendwelche Schätze gehoben?“

„Aber hallo. Eine CD Mit Bach-Kantaten.“

„Mit Smash-Hits drauf, die man kennen muss?“

„Sicher. Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen. Am Sonntag Jubilate, BWV 146.“

„Um Gottes willen. Du verarschst mich hoffentlich.“

„Würde ich das je tun?“

„Solang du mir mit den Gegenbeweisen vor der Nase wedelst, vielleicht nicht.“

„Durch so viel Trübsal will ich nie.“

„Jubilate? Was singen die dann erst am Sonntag Lamentate?“

„Gar nix, weil’s den nicht gibt.“

„Immerhin. Heißt das, da kommt eine Steigerung?“

„Aber ja! Es folgt: Gottlob! nun geht das Jahr zu Ende. Am Sonntag nach Weihnachten, BWV 28.“

„Stockschwerenot. Eine Art Weihnachtsblues?“

„Wenn du veranschlagst, dass die Blueser heute auch Kirchentonarten verwenden, irgendwie schon.“

„Wie ich nur die neutrale Skalenbasis des dorischen Modus vergessen konnte. Hast du noch mehr solche himmelhoch jauchzenden Kasteiungen?“

„Als letztes: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen. Am 19. Sonntag nach Trinitatis, BWV 48.“

„Und das willst du dir jetzt anhören …“

„Aber auf sowas von Repeat.“

„Ich bin dann mal Essen machen.“

„Jubilate.“



Nicht mehr käuflich, aber in ungekürzter Folge auf YouTube
und als verkratzter Abschreibungskandidat in der Münchner Gasteig-Bibliothek.

Written by Wolf

8. Februar 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Schall & Getöse

You Look Like a Shrub

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… and I am a tree and beautiful flowers.

——— Joachim Ringelnatz: Der „Gezeichnete“, aus: Reisebriefe eines Artisten, 1927 (Schluss):

Die Fratze und der Bleistiftstrich
Verhöhnten und versöhnten sich
Und zogen darauf Hand in Hand
Ganz freundschaftlich ins weite Land.

Denn beide sind — das ist der Witz —
Im Grunde kein Privatbesitz.

Shrub-Portrait by Ulrike Pöschko

Musik & Text: die unglaublichen What about Carson, 2011,
Artwork: die bezaubernde Ulrike Pöschko im Jazzkeller, 5. Januar 2013;
Shrub: Leonhardt Thurneysser zum Thurn: Historia vnnd Beschreibung influentischer, elementischer vnd natürlicher Wirckungen, aller fremden vnnd heimischen Erdgewechssen, gedruckt zu Berlin bey Michael Hentzsken 1578.

Written by Wolf

9. Januar 2013 at 15:44

Veröffentlicht in Postironismus, Schall & Getöse

Her Father Didn’t Like Me Anyway (Das Liebesleben der Hyäne)

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——— Shane MacGowan and the Popes: Donegal Express, from: The Snake, 1994:

Kahaya! You Fuck!
Come Hell or high water
I might have fucked your Missus
But I never fucked your daughter
Fol-diddle-dee-ahhh…

Light of my life, fire of my loins,

you are young, that is why you don’t know; I am German, and this is why I’m going to explain it to you.

Of course if you’re German you need an English-language book or two in your reference collection. I have the Bible in King James version, a one-volume Shakespeare, Alice in Wonderland, some of the really fat Penguin samplers, which are called anthologies as soon as they are books, like Victorian poetry, which I dearly deeply truly madly love (the volumes and the poetry), William Blake, Lolita, and for the remaining few hundredweights I’d have to think.

The first English book I read was Tom Sawyer — it’s not English, I know, it’s American to the core, which is the kind of English most people consider English — so I read Huckleberry Finn subsequently. Not the easiest choice for a start, what with all the Negro slang („Why, I dunno“), and even Negro was an acceptable term in 1876 and in the 1980s when I came to read it.

Supporting my literary and ethical self-education, my muinicipal public library in charge held a few books by Charles Bukowski, since the manager thought American was English and Bukowski fitted fine next to Anthony Burgess („What’s it gonna be then, eh?“) in the alphabet. A Clockwork Orange was going to be topic of a girl’s term paper I was crushed on; the girl, not the paper, so I read Bukowski first.

Heck, this read a lot easier than Mark Twain. They had Post Office, Women, and Hot Water Music, and You Kissed Lilly in the latter was sheer and shaggy beauty and literature on its peak and its nadir and still is, amen.

In my upcoming local pub I met a scruffy guy with a voice I immediately thought good for reading Bukowski stories and poems aloud, told him, and learned he had been touring for years with Bukowski readings, featuring Miller the Killer on piano, in the translations by Carl Weissner the word congenial had been invented for.

I tried to write a Bukowski poem. It worked. I tried another one. They were as easy to write as to read. Other too young and too lanky boys keep writing Erich Fried poetry for the lack of rhymes and rhythm in it — Erich Fried, that’s Anne Sexton for you — but a few Bukowski poems further I had gone so good nobody ever heard the Bukowski out. My typical Bukowski went:

Eris, Red Stockings, April 6, 2012Bloody Lousy Motherfucking

I had a beer
for breakfast and
fucked the housewife.

I had another
one and fucked
her daughter. On

my way home
I got arrested
for public pissing.

It was a
rotten day all
for those cunts.

Then another girl I had crushed on gave me the first Pogues record, Red Roses for Me. This one did not stand in my shelf, this one stepped into my life, which is another fairytale to be told some other time.

Still the diction and some melodies reminded me of Bukowski. The Pogues were young and thirsty in all senses of the word, but they could be heard as dirty old men — Bukowski’s self description. When the Pogues‘ head and throat, Mr. Shane MacGowan, started losing his pants on stage with intoxication, he had to sing alone as the intoxicated do.

However Shane MacGowan without the Pogues was better than the Pogues without Shane MacGowan. The Pogues without Shane MacGowan were like non-alcoholic beer: everything a beer needs, only you don’t get drunk, and everything Irish punk riot needs, only you can choose whether to sing along or not — which you shouldn’t.

Shape is content, content is shape, that’s Aristotelean (long before the medium was the message). And a Bukowski poem cannot be shorter or longer or use different words, since it consists of what it says, and a Pogues song cannot sound different even if the words tell the opposite of what the music roars. Swearing and cursing as exercised by Bukowski or the early Pogues is a prayer. You call to something you use as God and perceive Him and Creation and the Universe and Yourself and all the Fish.

Going through the train of thought with all stations and destination again, I could as well have stuck to Alice in Wonderland. But believe me, little girl, this does make sense. Not only am I perfect, I’m German too.

Image by Eris: Red Stockings, April 6, 2012;
Shane MacGowan without the Pogues: Donegal Express, from: The Snake, 1994.

Bonus Track: Her Father Didn’t Like Me Anyway, ibidem.

Written by Wolf

20. Oktober 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse

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——— Nikolaj Karamzin: Briefe eines russischen Reisenden; Berlin, 6. Juli 1789:

„Führe mich zu Moritz„, sagte ich heute morgen zu meinem Lohnbedienten.

„Wer ist das, Moritz?“

„Wer das ist? Philipp Moritz, der Schriftsteller, der Philosoph, der Pädagog, der Psycholog.“

„Warten Sie, warten Sie! Sie sagen zuviel auf einmal; man muß ihn im Adreßkalender unter irgendeinem Titel suchen; er ist also (indem er ein Buch aus der Tasche zog), er ist also ein Philosoph, wie Sie sagen? Wir wollen sehen …“

Die Einfalt dieses guten Menschen, der mit wichtiger Miene die Blätter seines allumfassenden Kalenders umschlug und durchaus die Rubrik: Philosoph finden wollte, machte mich lachen.

„Suche ihn lieber unter den Professoren“, sagte ich, da der Titel: Liebhaber der Weisheit in Berlin nicht so bekannt ist.

„Karl Philipp Moritz wohnt in …“.

„Führe mich zu ihm.“

Rotbäckchen

——— Karl Philipp Moritz (15. September 1756–26. Juni 1793): Beiträge zur Philosophie des Lebens aus dem Tagebuch eines Freimäurers. Herrschaft über die Gedanken, 1780. Insel 1981: Werke Band 3, Seite 15:

Wenn man sich ein Lieblingslied, eine Melodie erwählt, die beständig eine Seite unsrer Empfindung trifft, so kann man oft dadurch die bösen aufsteigenden Gedanken verjagen. Es wachen mit diesem Liede oft alle unsre guten Vorsätze wieder auf, unsre beßre Natur behält die Oberhand, und wir tragen über die Lockung zum Bösen den Sieg davon. Drum wähle dir ein Lied, eine sanfte herzeindringende Melodie, und wenn deine bösen Stunden kommen, so fasse nur noch so viel Mut, das zu singen, oder zu spielen, und die Wolken die sich um deine Seele gesammlet hatten werden sich zerteilen, und die Sonne wird wieder in ihrer Klarheit hervorbrechen.

Können Sie rothaarige Mädchen in Ruhe lassen, die mitten im Starbucks den Anton Reiser (Reclam) lesen? Wenn sie auch sonst lieb aussehen, ist Abzeichnen nachhaltiger denn Anquatschen.

„Sagst du mir deinen Namen noch?“

„Schreib doch einfach Rotbäckchen.“

Melodie, die beständig eine Seite unsrer Empfindung trifft: Young Rebel Set: If I Was, 2009.
Directed by Andy Douglass, Camera by Nick Donnelly & Andrew Stebulitis @ Moving picture productions. Additional camera by John Laws.

Written by Wolf

15. September 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Schall & Getöse, Sturm & Drang

Die besten Saufbrüder sind gestorben

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Cover Das Wirtshaus an der LahnAus dem im Überfluss bekannten Strophenmaterial habe ich aus dem Reiselied eine Version zurechtgebogen, die geographisch Sinn ergibt. Für den Vortrag vor einem Publikum mit eher peripherem ethnologischem und archäologischem Interesse, mit dem man sich weder zur Lach- noch Schnarchnummer macht, ich denke da klassischerweise an Lagerfeuer, empfehlen sich die Strophen 1 bis 5, anschließend erst wieder 21 bis 24; neun Strophen reichen vollauf. Lasst im Zweifelsfall lieber noch 21 und 24 weg und stiftet die Leute im Refrain zum Mitgrölen an, dann beschwert sich niemand. Das gibt einen aufmüpfigen, schön antiquierten Text auf eine unentrinnbar schmissige Melodie, mit dem man bei den Mädels punkten kann. Bei den richtigen jedenfalls. Das war ein Tipp, Jungs.

Hier ist die Gelegenheit, die Abhandlung von Theo und Sunhilt Mang einzufügen, Herausgeber des Liederquell, seit 2007 das Volksliederbuch für Leute, die wissen wollen, was sie da singen:

Unter dem Titel Handwerksburschen-Erfahrung steht dieses Lied 1894 im Deutschen Liederhort von Erk-Böhme. 1855 steht es schon in der Liedersammlung von Oskar Schade Volkslieder aus Thüringen, sowie im 2. Teil der Fränkische Volkslieder mit ihren Singweisen des Freiherrn Wilhelm von Ditfurth, Leipzig. Textdichter und Komponist sind unbekannt. Erk/Böhme geben als Herkunftsort das brandenburgische Wilsnack an (1844). Unter dem Titel Der patriotische Handwerksbursch wird auch (Barmen 1844) von Erk/Böhme eine melodisch und rhythmisch verwandte Melodie mit ähnlichen zwei Anfangsstrophen überliefert. Doch dieses Lied zeigt dann die Hinwendung zur politischen Situation in der Napoleonischen Zeit vor 1813. Bei Röhrich/Brednich findet sich eine neuere Textversion, die auch die südlichen Städte Mannheim und Freiburg berücksichtigt und in der das „Glas Champagner Wein“ mit „ein gut Glas Bier“ ausgetauscht wird. Dieses Liedgenre wurde von der Jugend und den Liedermachern der 60-er und 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts besonders geliebt, verarbeitet und in den Medien wieder populär gemacht, z.B. durch die Gruppe Liederjan, 1978.

T und M: Anfang 19. Jahrhundert
L: Erk/Böhme N 1610, Ditfurth II 233, Gottschalk I 65, Röhrich 259

In den Text habe ich nach Möglichkeit gastronomische Einrichtungen verlinkt, die ich aus eigener Anschauung empfehlen kann; mein Vater war Eisenbahner, da bin ich in meiner Jugend allerhand in Deutschland rumgekommen. Wo das nicht möglich war, führt der Link zu Gasthäusern, die auch online einiges Vertrauen erwecken. Persönlich möchte ich das Hamburger Fischerhaus und den Freiburger Löwen hervorheben. Das krieg ich nicht bezahlt, obwohl ich’s nehmen würde. Der Bremer Ratskeller und Auerbachs Keller zu Leipzig werden uns an dieser Stelle noch literarisch beschäftigen. Allein die Städte, die mit den Zeitläuften ins befreundete Ausland gerückt sind, bleiben vorerst ohne Empfehlung — und das keineswegs, weil das gefälligst ein deutscher Weblog bleiben soll, sondern weil sich das von München aus schwierig surft. Ich höre jedoch auf Vorschläge.

Zur Aufführungspraxis: Die Melodie kennt ihr im Zweifelsfall von Slime, die sich 1992 auf der Viva la Muerte (nur auf der LP, nicht der CD!) redlich um zeitgemäße Saufromantik bemühen, aber ein paar Textstellen verwenden, wie ich sie planvoll vermeide: Mit „Unser Orden ist verdorben“ ruinieren sie die Aktualität wieder, die sie mit der Instrumentierung hineingebracht haben — aber zum Eingewöhnen ist die Version gar nicht schlecht. Zum Übernehmen hört deshalb lieber Peter Rohland zu: auf Landstreicherballaden, 1996. Schnell, unkompliziert und ästhetisch unaufgeregt entnehmt ihr sie dem etwas struppigen, aber höchst brauchbaren instrumentalen Video von Mr. Gammler. Bei den Akkorden kommt ihr zurecht mit C/a//C/F//C/G//C — also dem, was sich von selbst ergibt. Nicht so zaghaft.

Die jeweils dritten Verse jeder Strophe kann man wiederholen, muss aber nicht. In den meisten Fällen finde ich es sogar wirkungsvoller, wenn der Melodiebogen nach dem dritten Vers offen bleibt; da kommt es sehr zupass, dass die sich sich sowieso auf nichts reimen müssen. Ins Schloss schnappen sollte erst der Refrain. Das bedeutet nicht weniger als dass die Strophen mit wahlweise sechs, sieben (selten!) oder acht Zeilen funktionieren. Probiert mal aus, wie ihr euch am logischsten singt. Deshalb heißen solche Dinger „Volkslied“. Und eins und zwei:

 

Reiselied

1.: Lustig, lustig, ihr lieben Brüder,
nun leget all eure Arbeit nieder
und trinkt ein Glas Champagnerwein.

Refrain: Denn unser Handwerk, das ist verdorben,
die besten Saufbrüder sind gestorben,
||: es lebet keiner mehr als ich und du. :||

2.: Auf die Gesundheit aller Brüder,
die da noch reisen auf und nieder,
die sollen unsre Freunde sein.

3.: Und sollte wirklich noch einer leben,
so soll der Meister ihm den Abschied geben,
denn er macht ihm das Leben sauer.

4.: Weg mit dem Meister, mit all den Pfaffen,
ja Kaiser, König soll sich raffen:
Weg, wer da kommandieren will.

5.: Als wir durch deutsche Lande zogen,
haben wir so manchen Wirt betrogen,
doch seine Tochter war uns gut genug.

6.: In Lübeck hab ich es angefangen,
nach Hamburg stand dann mein Verlangen,
das schöne Bremen hab ich längst gesehn.

7.: Wie auch Celle, Hannover, Minden,
dann wolln wir auf dem Rhein verschwinden
wohl nach dem alten heil’gen Köln.

8.: Wir wollen auch noch Bonn besuchen,
in Bingen gibt’s zum Wein auch Kuchen,
bei Mainz, da fließt der Main in‘ Rhein.

9.: Frankfurt am Maine hab ich gesehen
der Herbergstochter mußte ich gestehen:
Der letzte Heller will versoffen sein.

10.: In Mannheim wolln wir unser Glück probieren,
nach Karlsruh soll uns der Weg dann führen,
so kommen wir ins Elsaß rein:
In Straßburg gibt es guten Wein.

11.: In Freiburg geht’s nicht lang logieren,
wir wollen in die Schweiz marschieren,
nach Basel, Zürich und bis Bern.

12.: Nach Thüringen möcht ich hinein,
in Jena, Erfurt, Weimar sein
und auf der Wartburg kehren ein.

13.: In Königsbrück hat mir’s gefallen
die vielen Töpfer hier vor allem,
die Scheiben drehn sie, drehn und drehn.

14.: Was warn die Töpfer für Gesellen,
hörten sie nachts die Hunde bellen
so fraßen sie die einfach auf.

15.: Wie auch in Leipzig, Dresden, Sachsen,
wo all die schönen Mädchen wachsen
wohl in dem schönen Rosenthal.

16.: Dann wollen wir uns aufs Schifflein setzen
und unser junges Herz ergetzen,
wir fahrn die Elbe hinab zur See.

17.: Nun Schifflein, Schifflein, du musst dich wenden
und dich hin nach Riga lenken
wohl zu der russischen Seehandelsstadt.

18.: Und auch in Polen ist nichts zu holen,
als ein Paar Stiefel ohne Sohlen,
ja nicht einmal ein Heller Geld.
[alt.: von dort kommt man nicht ungeschoren,
in Danzig fängt die See schon an.]

19.: Nun wollen wir es noch einmal wagen
und wollen fahren nach Kopenhagen
dort zu der dänischen Residenz.

20.: In Bergen regnet es große Tropfen,
getrunken wird hier aus Malz und Hopfen,
korngelb gebrautes nordisch Bier.

21.: Und wer dies alles hat gesehen
der kann getrost nach Hause gehen,
und nehmen sich ein Mägdelein.

22.: Ich hatte manchen blanken Gulden,
heut hab ich jede Menge Schulden,
doch einen Humpen für der Seele Ruh.

23.: Schlagt ein die Fässer, lasst es laufen,
wir wollen heut noch einen saufen,
ja solches Himmelreich ist nah.

24.: Darauf wollen wir lustig saufen,
schöne Mädchen wollen wir uns kaufen,
ja das soll unser Handwerk sein.

Bild: LPCD Hamburg.