Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Eichendorffs Märchen

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten
und Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!:

Sosehr man populärer Weise dazu neigen mag, ihn mit der Epoche der deutschen Romantik höchstselbst gleichzusetzen, so wenig ist bekannt, dass der adlige Joseph von Eichendorff zu einer studentischen Künstlerclique gehörte, die ihren Ehrgeiz nicht zuletzt darein setzte, bestehende Kunstwerke „im Volkston“ zu sammeln und sie als Naturerscheinungen zu würdigen: Musäus die Volksmährchen der Deutschen in fünf Bänden 1782 bis 1787; Clemens Brentano und Achim von Arnim Des Knaben Wunderhorn 1805 bis 1808; Eichendorffs Lehrer Joseph Görres Die teutschen Volksbücher 1807; Jacob und Wilhelm Grimm Kinder- und Hausmärchen 1812 bis 1858; Ernst Moritz Arndt und Ludwig Bechstein Märchen in der Nachfolge der Brüder Grimm; die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig.

Eichendorff hat seinen Versuch nach sieben Exemplaren abgebrochen. Sein Enkel und Nachlassverwalter Karl hat die „meist dem Volksmunde abgelauschte[n] Sagen und Märchen aus Oberschlesien“ als Märchen aus dem Nachlasse Joseph Freiherrn von Eichendorff auf 1808 bis 1809 datiert. Der Erstdruck geschah deshalb unter Karls Obhut als: Märchen. Von Joseph Freiherr von Eichendorff. Aus dem Nachlaß erstmals veröffentlicht von Karl Freiherr von Eichendorff, in: Der Wächter. Zeitschrift für alle Zweige der Kultur 8, Köln, erst 1925, Seite 10 bis 20. Offenbar hat der aufzeichnende Großvater Joseph die Märchen, die ihm in einem Dialekt erzählt wurden, der Schlonsakisch oder — wegen der rechten Seite der Oder bei Brieg, heute Brzeg — Wasserpolnisch heißt, gleich im selben Arbeitszug ins Hochdeutsche übersetzt und dabei — so der herausgebende Enkel Karl — „mit einer stellenweise geradezu verblüffenden Sorglosigkeit zu Papier gebracht.“ Das wäre damit von der Arbeitsweise etwa der Brüder Grimm prägnant unterschieden, aber für heutige Belange unerheblich, weil man mit der Sammlung eher die Arbeit Eichendorffs als die wasserpolnische Mythologie dokumentieren will.

Der erste Neudruck stammt von Albrecht Schau: Eichendorffs oberschlesische Märchen- und Sagensammlung, in: Aurora. Jahrbuch der Eichendorffgesellschaft 30/31, 1970/1971, Seite 57 bis 72. Der traditionell schlesische, heute Görlitzer Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn gab 2001 offenbar aus heimatpflegerischen Absichten eine Einzelausgabe als In freudenreichem Schalle: Eine Sammlung oberschlesischer Märchen heraus; offenbar kommentiert, weil das Büchlein immerhin 79 Seiten haben soll.

Unten wird zitiert nach dem heute zugänglichsten Druck in: Joseph von Eichendorff: Ahnung und Gegenwart. Sämtliche Erzählungen I, in: Werke in sechs Bänden, Band 2, herausgegebn von Wolfgang Frühwald und Brigitte Schillbach, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1985, als Taschenbuch Band 18 bei Suhrkamp 2007. Die Überschriften stammen nicht von Eichendorff, sondern laut dieser Ausgabe erst von Albrecht Schau für seinen Nachdruck 1970.

——— Joseph von Eichendorff:

Märchen

1808 bis 1809:

1. Das Märchen von der schönen Crassna, der wunderbaren Rose und dem Ungeheuer

In einer Stadt wohnte ein reicher Kaufmann. Der hatte ein prächtiges Haus, ein Vorwerk und zwei sehr schöne Töchter. Die älteste war stolz und übermütig, die jüngste aber, die alles an Schönheit übertraf, war gut und hieß Craßna. Eines Tages verlor der Kaufmann sein ganzes Vermögen, denn seine Schiffe waren in einem Sturme auf dem Meere mit allen Waren untergegangen. Da ward er sehr betrübt, stieg auf sein Pferd und wollte in die Welt reisen, um wieder etwas zu gewinnen. Wie er wegritt, sagte die älteste Tochter, er solle ihr ein schönes Kleid, Perlen und Edelgesteine einkaufen, Craßna aber bat, er möge ihr nur eine schöne Rose mitbringen. Als er nun in fremden Landen war, kam er einstmals zu einem großen, schönen Schloß. Er band sein Pferd am Tore an und ging hinein. Aber da war alles still und kein Mensch zeigte sich. Endlich ging er in ein Zimmer, das sehr schön verziert war. Darin standen Stühle, ein Tisch und ein Bett. In einem Augenblick war der Tisch gedeckt und mit Wein und köstlichen Speisen besetzt, ohne daß man jemand sah oder hörte. Er aß und trank und ging darauf im Garten spazieren, der neben dem Schlosse lag und voll der schönsten Blumen stand. Als er eben auch das Abendessen verzehrt hatte, trat plötzlich ein schreckliches Ungeheuer in die Stube, das aber nichts sprach und sogleich wieder verschwand. So lebte der Kaufmann drei Tage lang ganz allein in dem Schlosse, der Tisch deckte sich immer wieder von selbst, das Ungeheuer aber zeigte sich nicht mehr. Den dritten Tag endlich machte er sich wieder auf die Reise. Er war aber noch nicht weit gekommen als ihm einfiel, daß ihn seine Tochter Craßna um eine Rose gebeten wie er sie im Garten bei jenem Schlosse gesehen hatte. Er kehrte also schnell wieder um, stieg ab und ging in den Garten hinein. Als er aber eben die schönste Rose abgebrochen hatte, stand auf einmal das Ungeheuer vor ihm, brüllte fürchterlich und sagte er müsse nunmehr für die Rose seine Tochter Craßna auf das Schloß bringen. Da kam der Kaufmann sehr betrübt wieder nach Hause, gab seiner Tochter die Rose, erzählte wie es ihm ergangen und wie er dem Ungeheuer habe versprechen müssen, sie auf das Schloß zu bringen. Alles war sehr traurig, Craßna aber, welche befürchtete, daß viel Übel daraus entstehen würde, wenn sie nicht gehorchte, willigte ein. Der Vater brachte sie selber auf das Schloß und ließ sie dort mit vielen Tränen allein zurück. Sie fand dort reichlich zu essen und zu trinken und alles was ihr Herz nur wünschte. Das Ungeheuer besuchte sie alle Tage einmal auf kurze Zeit, ohne ein Wort zu sprechen. Nach geraumer Frist kam das Ungeheuer einmal zu ihr, gab ihr einen Ring und sagte: „Meine schöne Craßnal Behalte diesen Ring stets am Finger und wenn du an irgend einen Ort der Welt denkst, wo du gerne sein möchtest, so brauchst du nur den Ring nach jener Gegend hinzuwenden und er wird dich sogleich, samt einem Koffer mit so viel Gold, als du nur wünschest, dorthin versetzen. Aber hüte dich, so lange du an dem betreffenden Orte weilst, in den Koffer hineinzusehen. Auch darfst du niemals über drei Tage ausbleiben, sonst muß ich sterben.“ Craßna war über dies alles sehr vergnügt. Sie wünschte sehnlichst ihren Vater und ihre Schwester wiederzusehen, richtete ihren Ring dorthin und befand sich sogleich inmitten der Ihrigen. Unbeschreiblich war die Freude, die alle hatten, die geliebte Craßna wiederzusehen, zumal als sie den Koffer bemerkten, den sie mitgebracht hatte. Sie konnte sich nicht enthalten letzteren zu öffnen, um zu sehen, was er eigentlich enthielt, kaum aber hatte sie dies getan, so war er mit allen Kostbarkeiten verschwunden. Am Abend des dritten Tages kehrte sie wieder in ihr Schloß zurück. So wiederholte sie ihre Besuche noch sehr oft und da sie jedesmal einen Koffer mit Gold mitbrachte und nicht mehr hineinguckte wie das erstemal, zählte ihr Vater bald wieder zu den Reichsten im Lande. Als sie wieder einmal nach Hause kam, fand sie Vater und Schwester sehr betrübt, weil sie auf immer getrennt von ihr leben mußten. Mit vielem Weinen und Bitten sprachen sie ihr daher, als der dritte Tag seinem Ende entgegenging, zu, nicht mehr aufs Schloß zurückzukehren. Nach vielen Gegenreden ließ sie sich auch erweichen und blieb über Nacht zu Hause. Als aber der Morgen graute, sprang sie sogleich auf, denn sie hatte sich nach und nach so an das Ungeheuer gewöhnt, daß ihr unaussprechlich bange wurde, wenn sie einige Tage von ihm weg war. Ohne Abschied und ohne, daß jemand davon wußte, kehrte sie ihren Ring jener Weltgegend zu und befand sich sogleich wieder im Schlosse. Zu ihrem Entsetzen fand sie dort das Ungeheuer im Garten wie tot ausgestreckt. Es schien sie nicht mehr zu kennen und holte nur noch schwach Atem. Sie stürzte sich auf dasselbe, umarmte und küßte es und klagte und weinte bitterlich. Da schwoll dieses immer mehr und mehr auf bis es endlich zerplatzte und ein Jüngling von blendender Schönheit vor Craßna stand, der ihr um den Hals fiel und sie mit Küssen fast erstickte. Darauf nahm er sie bei der Hand, führte sie im Garten herum und erzählte ihr, daß er ein verwunschener Prinz sei und nur von einer Jungfrau erlöst werden konnte, die ihn trotz seiner erschrecklichen Gestalt so liebte, daß sie ohne ihn nicht zu leben vermochte. „Ihr habt mich,“ so sagte es, „durch Euere große Liebe endlich erlöst und nun ist alles Euer, was Ihr seht.“ In diesem Augenblicke wimmelte der ganze Garten von schön geschmückten Knaben und Frauen, welche den Prinzen und Craßna bedienten. Der Prinz schickte sogleich einen Wagen mit vier schönen Pferden zu Craßnas Vater und seinen Anverwandten und da alles beisammen war, hielt er mit seiner Braut auf dem Schlosse Hochzeit, die drei Wochen lang dauerte.

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2. Das Märchen von dem Amulettring und den zwei Königskindern

Es war einmal ein König, der hatte eine sehr schöne Tochter. Eines Tages kam ein fremder reisender Krämer mit allerhand Waren auf das Schloß, der einen Ring bei sich hatte, auf dem ein wunderschöner junger Mann gemalt war. Die Prinzessin kaufte den Ring und war so entzückt über das Bild, daß sie keinen anderen in der Welt heiraten wollte als den auf dem Gemälde dargestellten. So war sie in das Bild verliebt, daß sie alle Freier ausschlug. Endlich kam ein sehr schöner und reicher Prinz in der Absicht, sich um sie zu bewerben. Sie schlug auch diesen aus, der König aber, der nicht länger zu warten beabsichtigte, wollte sie zwingen ihn zu heiraten. Da ging sie am Abend vor dem Hochzeitstage mit ihrem Ring am Meere spazieren und weinte. Am Ufer erblickte sie eine Schifferin in einem Kahne. Diese sprach zu ihr: „Durchlauchtigste Prinzessin, was seid Ihr so traurig?“ „Ach,“ entgegnete die Prinzessin, „fraget nicht erst, Ihr könnt mir doch nicht helfen.“ „Wer weiß!“ sagte die Schifferin, „entdeckt mir nur getrost den Grund Euerer Betrübnis.“ Da erzählte ihr die Prinzessin die ganze Geschichte. Als die Schifferin den Ring erblickte, rief sie sogleich voller Freude: „Ich kann Euch Eueren Geliebten zeigen, der auf diesem Ringe dargestellte Prinz wohnt in dem Lande, dem ich entstamme. Wenn Ihr morgen in aller Frühe wieder hierherkommen wollt, so will ich Euch hinführen; Ihr müßt aber viel Gold und drei Eurer schönsten Kleider mitbringen.“ Die Prinzessin begab sich hierauf nach Hause und konnte die ganze Nacht vor Freude nicht schlafen. Sie sann immerfort darüber nach, wer wohl der Prinz wäre und wo das Land gelegen sei. Ehe noch der Tag angebrochen war, ging sie mit dem Gold und ihren Kleidern ganz allein an den Meeresstrand, wo die Schifferin mit ihrem Kahne schon auf sie wartete. Diese als Mannsbild angekleidet, nahm Gold und Kleider in Verwahrung und so fuhren sie über das Meer bis sie zu einer großen Stadt kamen. Hier begab sich die Schifferin in das königliche Schloß und sagte dem Koche des Prinzen, sie wolle ihm eine recht gute und geschickte Küchenmagd bringen. Dann zog sie der Prinzessin schlechte Kleider an, verdeckte ihr Kopf und Gesicht mit einem weißen Tuche, so daß sie niemand erkennen konnte, und führte sie ins Schloß. Dort verrichtete die Prinzessin still und fromm die niedrigsten Geschäfte in der Küche. Der Prinz aber war immer sehr traurig, denn auch er hatte vor einiger Zeit von einem reisenden Kaufmann einen Ring erhalten, auf dem eine wunderschöne Jungfrau gemalt war. Er wollte keine andere als diese und konnte sie doch nirgends finden. Eines Tages wurde in der Stadt ein großer Ball gegeben. Der Prinz bestellte beim Koch bloß eine Suppe, die er essen wollte ehe er wegging. Die Schifferin begab sich zur Prinzessin und setzte ihr ausführlich auseinander, wie sie sich zu verhalten habe, was sie denn auch treulich ausführte. Als der Bediente die Suppe hinauftragen wollte, nahm sie dieselbe heimlich fort und trug sie selbst zum Prinzen. Dieser, der sich eben den Rock ausbürstete, wurde böse darüber, daß er von einer so schlechten Magd bedient werden sollte, nahm die Bürste und warf sie nach ihr. Sie aber ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer. Dann bat sie, wie ihr die Schifferin geraten, den Koch, ihr zu erlauben, heute abend dem Balle zuzusehen. Alsdann verschaffte sie sich einen herrlichen Wagen mit vier Pferden, zog eines von ihren drei schönen Kleidern an und fuhr zum Balle. Alles war über ihre Schönheit und Pracht erstaunt. Der Prinz wurde auf einmal ganz fröhlich, als er bemerkte, daß es sich um dieselbe handelte, die er auf seinem Ringe erblickte. Sie aber hatte ihren Ring nicht angesteckt. Nachdem der Prinz sehr viel mit ihr getanzt hatte, fragte er sie zuletzt, woher sie wäre, worauf sie erwiderte, aus Bürstendorf. Da sann er hin und her, aber er kannte kein Dorf dieses Namens. Als sie nach Hause kam, fragte sie der Koch, was sie gesehen habe und sie erzählte ihm, wie der Prinz lustig gewesen sei und viel getanzt habe. Der Koch wunderte sich hierüber sehr, da der Prinz in seinem Leben noch nicht getanzt hatte. Nach einiger Zeit war wieder ein Ball in der Stadt. Da ihm nun die Prinzessin als Magd wieder die von ihm bestellte Suppe brachte, warf er einen Stiefel hinter ihr her. Sie fuhr nun wieder in ihrem zweiten schönen Kleide hin und als der Prinz sie noch einmal nach dem Namen ihres Heimatortes fragte, nannte sie ihn Stiefeldorf. Schließlich gab der Prinz, der sehr neugierig war, ob die Prinzessin wiederkommen würde, selbst einen Ball. Auch diesmal trug sie ihm vorher wieder seine Suppe herauf. Er war eben im Begriffe, seine goldenen Sporen umzuschnallen und warf, als er sie erblickte, einen derselben nach ihr. Später erschien sie in ihrem dritten prächtigsten Kleide auf dem Balle. Zuletzt fragte der Prinz wieder, woher sie sei und erhielt von ihr zur Antwort aus Sporndorf. Das fiel dem Prinzen endlich auf, denn er hatte schon nach allen Richtungen vergeblich Boten ausgeschickt, um die Lage der erwähnten Dörfer festzustellen. Die Prinzessin begab sich zeitig nach Hause, um ihre Geschäfte in der Küche nicht zu versäumen. Als der Ball beendet war, sandte der Prinz in die Küche, das neue Mensch solle zu ihm hinaufkommen und zog ihr, da sie zu ihm in die Stube trat, schnell das große weiße Tuch vom Kopfe. Da erkannte er sie. „Also du bist es, liebes Kind,“ rief er voller Freuden aus, fiel ihr um den Hals und küßte sie unzähligemale. Nun waren sie alle beide vergnügt, belohnten die Schifferin sehr reichlich und hielten miteinander Hochzeit in freudenreichem Schalle.

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3. Das Märchen von dem Faulpelz, dem wunderbaren Fisch und der Prinzessin

Es war einmal ein Weib, das einen Faulpelz zum Sohne hatte. Der saß das ganze Jahr auf dem Ofen und fraß alle Tage einen Topf mit Krautsuppe auf, der so groß war, daß er ihm bis über die Knien reichte. Als nun der Vater gestorben, sagte die Mutter: „Faulpelz, rühre dich! denn nun mußt du mir helfen Brot verdienen. Spanne gleich die Ochsen an den Wagen und fahre in den Wald um Holz.“ Der Faulpelz stieg vom Ofen herunter, konnte aber die Ochsen nicht einspannen. Da spannte die Mutter selber an und setzte den Faulpelz auf den Wagen. Vor dem Walde befand sich ein großer Teich, durch den ein Damm ging. Als nun der Faulpelz herankam, lag quer über den Damm ein großer Fisch. Er nahm die Peitsche und warf den Fisch in den Teich. Da schnalzte dieser im Wasser mit dem Schwanze und sagte: „Faulpelz, du hast mich wieder ins Wasser gebracht, zum Danke kannst du dir wünschen was du willst, und wenn du sagest: Es geschehe durch den Fisch, so wird es erfüllt werden.“ Da sagte der Faulpelz: „Der Wagen soll durch den Fisch voll Holz sein,“ und sogleich lag eine ganze Fichte auf dem Wagen. Als er nun damit wieder nach Hause fuhr, sah eben die Prinzessin oben im Schlosse zum Fenster heraus. Die lachte laut auf, als sie ihn unten fahren sah, und sagte: „Die Leute sprechen immer, der Faulpelz arbeitet nichts, und da fährt er ja wahrhaftig eine ganze Fichte aus dem Walde.“ Daß er so ausgelacht wurde, ärgerte dem Faulpelz und er sprach: „Ich wünsche, daß die Prinzessin durch den Fisch schwanger wird.“ Von diesem Augenblick an wurde die Prinzessin schwanger und gebar nach 9 Monaten einen jungen Prinzen. Alles war erstaunt, denn niemand kannte den Vater. Als das Kind 5 Jahre alt war, war es wunderschön und spielte immer mit einem goldenen Apfel. Da sagte der König: „Ich will alle meine Untertanen zusammenberufen und wem das Kind den Apfel gibt, der ist der Vater.“ Vornehme und Niedere kamen herbei und mußten sich stellen, aber der kleine Prinz rollte immerfort den goldenen Apfel in der Stube vor sich her und gab auf keinem acht …

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4. Das Märchen von der schönen Sophie und ihren neidischen Schwestern

Ein König hatte drei sehr schöne Töchter, unter denen aber die jüngste, welche Sophie hieß, die beiden anderen an Liebreiz weit übertraf. Die beiden älteren Schwestern waren im Besitz eines Spiegels, den sie immer fragten: „Sag an, du Spiegel an der Wand, welche ist die Schönste in Engelland?“ und jedesmal antwortete ihnen der Spiegel: „Ihr zwei seid schön, die Sophie ist jedoch die Schönste in ganz Engelland.“ Darüber wurden die beiden Prinzessinnen sehr böse und neidisch und suchten auf alle Weise die jüngste Schwester loszuwerden. An einem schönen Sommertage begaben sie sich mit ihr in den Wald, um Heidelbeeren zu klauben. Als sie draußen waren, hingen sie an einem Aste eine Schnur mit einem Stück Holz auf, das vom Winde immer wieder gegen den Baum geworfen wurde. Dann sagten sie ihrer Schwester: „Wir wollen uns nun alle drei im Walde zerstreuen und wenn es Abend wird, hier, wo das Holz im Winde klappert, zusammenkommen.“ Sophie ging darauf in den Wald, wo sie fleißig Beeren klaubte. Die beiden Schwestern aber begaben sich sogleich nach Hause und ließen sie im Walde allein. Bei einbrechender Dunkelheit traf sie aber doch wieder zu dem Holze und kam glücklich nach Hause. Das ärgerte ihre beiden Schwestern gar sehr und sie führten sie daher den anderen Tag wieder in den Wald. Aber auch diesmal fand sie den Weg zurück. Als sie aber am dritten Tage wieder in die Beeren gegangen waren, konnte Sophie am Abend den rechten Weg nicht mehr finden, sie verirrte sich immer tiefer und fing, da es schon ganz finster geworden war, bitterlich an zu weinen. Auf einmal sah sie von ferne ein Licht schimmern. Sie ging darauf zu und kam endlich an ein kleines, niedriges Häuschen. Da sie, durch das Fenster blickend, am Herde ein altes Mütterchen bemerkte, klopfte sie an. Die Alte machte sogleich auf, freute sich ungemein, ein so schönes Mädchen bei sich zu haben, gab ihr zu essen und trinken und beredete sie, bei ihr zu bleiben. Den anderen Morgen ging die Alte in den Wald hinaus und schärfte der Sophie ein, durchaus niemanden ins Haus zu lassen. Die beiden älteren Prinzessinnen freuten sich sehr, daß ihre Schwester nicht wiedergekommen war, da sie aber den Spiegel befragten und dieser wieder wie sonst antwortete: „Ihr beide seid schön, aber die Sophie ist die Schönste in ganz Engelland“ ärgerten sie sich und begaben sich in den Wald, die Sophie aufzusuchen. Endlich kamen sie auch an das Häuschen, klopften an und wollten hinein. Sophie aber erwiderte, daß sie durchaus nicht öffnen dürfe. Darauf sagten sie zu ihr: „Liebste Schwester, du hast gewiß hier in dem schlechten Hause Läuse bekommen, wir wollen dir etwas den Kopf durchsuchen.“ Da Sophie das Fensterchen öffnete und den Kopf herausstreckte, kämmten die Prinzessinnen sie sauber, flochten die Haare, banden die Zöpfe mit einem goldenen Bande zusammen und nahmen alsdann wieder Abschied. Kaum aber hatte Sophie das Fenster geschlossen, so fiel sie wie tot auf den Boden. Gen Abend kam die Alte zurück: „Hui, hui, Sophie“ rief sie „mach auf!“ Da aber drinnen alles stille blieb, stieg sie durch das Fenster hinein und jammerte sehr, als sie Sophie tot da liegen sah. Trotzdem sie Sophie sogleich auszog und ihr den ganzen Leib mit warmen Wasser wusch, war kein Lebenszeichen zu bemerken. Auf einmal erblickte sie das goldene Band im Haar und zog es schnell heraus, worauf Sophie alsbald wieder lebendig wurde. Die beiden Schwestern hatten das Band vergiftet. Den anderen Tag ging die Alte wieder aus und warnte die Sophie, ihren Schwestern, falls sie wiederkommen sollten, nochmals Gehör zu schenken. Da nun die beiden Prinzessinnen zu Hause den Spiegel befragten und wiederum die Antwort erhielten „Die Sophie ist die Schönste in Engelland,“ suchten sie nochmals das Häuschen auf und nahmen ein Körbchen voll Äpfel mit. Als Sophie das Fenster nicht aufmachen wollte, baten sie sehr freundlich, sie möchte doch wenigstens einige von den Äpfeln nehmen und da sie selber anfingen, die Äpfel zu verspeisen, konnte Sophie nicht mehr widerstehen, öffnete das Fenster und aß mit. Die Schwestern suchten ihr noch den schönsten Apfel aus und gingen wieder fort. Der Apfel aber war vergiftet. Wie sie die Hälfte davon abbiß, blieb er ihr im Halse stecken und sie fiel tot um. Gegen Abend kam die Alte zurück: „Hui, hui, Sophie, mach auf.“ Niemand aber rührte sich. Wiederum stieg sie durchs Fenster und sah Sophie auf dem Boden liegen. Trotzdem sie die Tote wieder sehr fleißig wusch und salbte, war sie diesmal nicht wieder zum Leben zu erwecken. Die Alte warf sich über sie, küßte sie und weinte sehr. Dann ließ sie einen gläsernen Sarg anfertigen, putzte die Tote mit den schönsten Kleidern, legte sie hinein und setzte den Sarg auf zwei hohe Linden, die oben mit den Ästen ineinander gewachsen waren. Einen Kranz von Rosmarin hatte sie ihr in die Haare und einen Strauß davon an die Brust gesteckt. Diese blieben immerfort grün und wuchsen im Sarge fort, auch sie selbst blieb so schön und rot, wie sie im Leben gewesen. Alle Tage fragten nun die beiden Prinzessinnen den Spiegel: „Sag an du Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste in Engelland?“ worauf der Spiegel jedesmal antwortete: „Sophie war schön, ihr zwei seid die Schönsten in ganz Engelland.“ Darüber entstand große Freude. Nach einiger Zeit verirrte sich einmal ein junger Prinz auf der Jagd im Walde. Seine Hunde blieben vor dem Lindenbaume stehen, bellten hinauf und wollten von dem Orte nicht fort. Der Prinz bemerkte nun oben den Sarg und war außer sich vor Freude über die Schönheit der Toten. Er ging sofort in das Häuschen und verlangte von der Alten den Sarg. Diese aber weinte entsetzlich und erwiderte es wäre dies ihre einzige Freude auf der Welt und sie würde sterben, wenn man ihr die schöne Sophie wegnähme. Nachdem ihr versprochen worden war, auch sie mitzunehmen, und immer bei dem Sarge zu belassen, willigte sie endlich ein und der Prinz ließ den Sarg herabholen und auf einen Wagen setzen. Als dieser aber über einige Baumwurzeln hinwegrollte, sprang durch die Erschütterung plötzlich der Apfel aus Sophiens Halse, worauf sie tief aufatmete und die Augen aufschlug. Da fiel ihr der Prinz voller Freude um den Hals, setzte sich zu ihr in den Wagen und hielt Hochzeit mit ihr auf seinem Schlosse. Auf die Frage der beiden Schwestern: „Sag an du Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste in Engelland?“ antwortete der Spiegel nun wieder: „Ihr beide seid schön, Sophie jedoch ist die Schönste in ganz Engelland.“ Die Prinzessinnen wurden hierdurch zornig, warfen den Spiegel auf die Erde und zertraten ihn in kleine Stücke.

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5. Das Märchen vom Vogel Venus, dem Pferd Pontifar
und der schönen Amalia aus dem schwarzen Wald

Ein König war so krank, daß ihm kein Arzt im ganzen Königreiche mehr zu helfen wußte. Da träumte ihm einmal, daß er nicht eher gesund werden würde, bis er den Vogel Venus singen höre. Als er aufwachte, erzählte er allen seinen Traum. Aber da war keiner, der den Vogel Venus kannte, oder wußte, wo er zu finden sei. Der König hatte aber drei Söhne. Der älteste von ihnen sagte: „Ich will in die Welt hinaus und den Venusvogel überall suchen“ und trat, nachdem er vom König viel Gold und Silber erhalten hatte, die Reise an. In der nächsten großen Stadt erkundigte er sich nach dem besten Wirtshause und kehrte dort ein. In dem Gasthofe war ein großes Jubeln und Tosen von Spielleuten und schöngeputzten Mädchen, Saufen und Spielen, und da man beim Prinzen viel Geld merkte, hielt man ihn so lange auf, bis er seinen letzten Groschen verspielt hatte. Dann ließ ihn der Wirt, weil er nichts mehr besaß, die Zeche zu bezahlen, in einen tiefen Turm werfen. Da nun der König lange vergebens auf seinen Sohn gewartet hatte und immer kränker wurde, erklärte der zweite Prinz, nun auch auf die Wanderschaft zu gehen und den Vogel Venus aufzusuchen. Auch er erhielt vom Könige Gold in Menge. Er nahm denselben Weg, wie der erste, kehrte ebenfalls in dem Wirtshause ein, verspielte sein ganzes Geld und wurde gleichfalls in einen Turm geworfen. Als auch der zweite nicht wiederkam, machte sich endlich der dritte Prinz auf den Weg. Er kam auch an das Wirtshaus, aber er trank und spielte nicht, achtete auch nicht auf die hübschen Mädchen, sondern sann nur immerfort nach, wohin er sich wenden sollte, um den Vogel zu finden. Vor der Weiterreise sagte ihm der Wirt: „Ihr seid ein recht feiner und kluger junger Herr, daß Ihr Euer Geld so wohl zusammenhaltet, erst unlängst waren zwei eben so junge und reiche Menschen hier, die ich in den Turm geworfen habe, weil sie alles verspielt hatten.“ Da verlangte der Prinz die beiden Gefangenen zu sehen und erkannte seine Brüder. Dem Wirt bezahlte er, was sie schuldig waren, machte ihnen Vorwürfe daß sie so unbedachtsam gelebt und wies den Wirt an, ihnen gutes Quartier, aber täglich nur so viel zu verzehren zu geben, als sie notwendig brauchten und sie so lange zurückzuhalten, bis er selbst sie abhole. Darauf ritt er in Gottes Namen weiter. In der Vorstadt sah er auf offener Straße eine Leiche auf der Bahre stehen. Er erkundigte sich, was dies zu bedeuten habe und als man ihm mitteilte, daß es hier Gebrauch sei, einen Menschen, der Geld schuldig geblieben, unbegraben zu lassen, bezahlte er sogleich die 200 Rthr., die der Verstorbene schuldig war und ließ ihn auf seine Kosten beerdigen. Darauf kam er in einen großen Wald, wo ein Fuchs am Wege saß. „Wo reitest du denn so voller Gedanken hin,“ fragte derselbe den Prinzen. „Ach, mein liebes Füchslein,“ erwiderte der Prinz, „was hülfe es mir, wenn ich’s dir auch sagte, du könntest mir doch nicht raten.“ „Wer weiß,“ sagte der Fuchs, „wenn du erlaubst, will ich dich begleiten.“ Nachdem sie lange so gereist waren, rief der Fuchs: „Hier in der Nähe wohnt ein König, der besitzt den Vogel Venus. Gehe um Mitternacht ganz allein ins Schloß, die Wachen werden alle schlafen. Im innersten Gemache wirst du ringsherum an der Wand eine Menge Vögel in schönen Gebauern finden, in der Mitte aber steht der Vogel Venus, der einen so prächtigen Käfig hat, daß die Stäbe desselben einen glänzenden Schein von sich geben. Begeize dich aber ja nicht auf den Käfig, sondern lasse ihn stehen und begnüge dich damit, den Vogel sachte herauszunehmen, sonst wirst du unglücklich.“ Um Mitternacht ging der Prinz aufs Schloß, während der Fuchs die Pferde bewachte. Als er in das erwähnte Gemach trat, war er von der Schönheit des Käfigs ganz geblendet und dachte bei sich: „Die Wachen schlafen alle, ich werde den Käfig schnell forttragen, so hab‘ ich beides.“ Kaum aber hatte er den Käfig in die Hand genommen, so fing der Vogel an, dermaßen zu kreischen und mit den Flügeln zu schlagen, daß die Wächter erwachten, den Prinzen ergriffen und ins Gefängnis warfen. Am zweiten Tage erschien der Fuchs im Turme und sagte: „Sieh’st du, hab‘ ich nit gesagt, daß es dir schlimm gehen würde, wenn du nicht folgtest. Morgen sollst du gehängt werden, wenn du auf den Richtplatz hinausgeführt wirst, so bitte den Henker, dich noch einmal zum Könige zu führen, da du ihm etwas sehr Wichtiges anzuvertrauen hättest. Nur so kannst du dich noch retten.“ Das tat denn auch der Prinz am anderen Tage. Auf vieles Bitten führte ihn der Henker noch einmal vor den König, dem er, wie ihn der Fuchs gelehrt, versprach, ihm das Pferd Pontifar zu bringen, wenn er ihm das Leben schenke. Der König war ganz außer sich vor Freude, begnadigte den Prinzen und versprach ihm den Vogel Venus samt dem Käfig zum Geschenk zu machen, wenn er ihm das Pferd Pontifar bringe. Als nun der Prinz wieder zum Fuchse in dem Walde kam, fragte er ihn, wo nun aber das Pferd zu finden sei. „Das Pferd Pontifar,“ erwiderte dieser, „befindet sich wieder bei einem anderen Könige in einem prächtigen Stalle. In einem Kreise um das Pferd herum sitzen die Wächter, von denen jeder einen goldenen Zügel in der Hand hält. Du wirst nun wieder um Mitternacht, während die Wächter schlafen, allein hingehen. Hüte dich aber, von dem köstlichen Geschirr des Pferdes etwas mitzunehmen, schirr es vielmehr langsam ab und reite auf dem ledigen Pferde davon, sonst wirst du unglücklich.“ Wie erstaunte aber der Prinz, als er in der Nacht in den Stall kam. Denn war das Pferd schön, so war doch Sattel und Geschirr, aus Gold und Edelsteinen bestehend, noch weit schöner. Er konnte nicht widerstehen, zog die goldenen Zügel langsam aus den Händen der schlafenden Wächter und schwang sich auf das aufgeputzte Pferd. Kaum aber saß er droben, so wieherte und polterte das Roß derart, daß die Wächter erschreckt auffuhren, den Prinzen herabrissen und ins Gefängnis warfen. Am zweiten Tage erschien der Fuchs wieder im Gefängnisse, schalt ihn aus und gab ihm wieder Ratschläge wie das erstemal. Auf inständiges Bitten wurde der Prinz vom Richtplatze noch einmal vor den König geführt, dem er die Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde zu verschaffen versprach, wenn er ihm das Leben schenke. Da freute sich der König über alle Maßen, er schenkte ihm nicht nur das Leben, sondern stellte ihm auch noch das Pferd Pontifar nebst Sattel und Zeug in Aussicht, wenn er ihm die Prinzessinbringe. „Mein liebes Füchslein,“ sagte der Prinz, als er zurückkam, „wo werden wir nun aber die Prinzessin finden?“ „Die Prinzessin Amalia,“ erwiderte der Fuchs, „wohnt im schwarzen Walde in einem schwarzen Schlosse, bewacht von zwei Wölfen, zwei Bären und zwei Löwen. Du mußt wieder um Mitternacht bis ins innerste Gemach vordringen. Dort wirst du auf einem Tische eine Menge herrlicher brennender Lampen finden. Hüte dich aber, eine der schönen Lampen anzurühren, nimm vielmehr die schlechteste, die in der Mitte steht, und gehe damit hinaus. Du bist verloren, wenn du mir nicht folgst, denn diesmal kann ich dir nicht mehr helfen.“ – Beim Schlosse angekommen, ging der Prinz allein hinein. Wölfe, Bären und Löwen schliefen alle. Im innersten Gemache brannten die Lampen in verschiedenen bunten Farben und Scheinen, so daß der ganze Raum mit Glanz erfüllt war. Keine von ihnen rührte er an, sondern nahm aus der Mitte die schlechte und ging mit ihr hinaus. Am Tore wartete seiner schon die Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde, die ganz in schwarzem Flor gekleidet war. Ohne ein Wort zu sprechen, führte sie der Prinz, wie ihn der Fuchs befohlen, zu den Pferden und ritt mit ihr zum Schlosse des zweiten Königs zurück. Aus dem Schloßfenster sah ihnen der König schon entgegen und das Pferd Pontifar stand bei ihrer Ankunft bereits aufgeputzt am Tore. Der König war voller Freude, als er die Prinzessin Amalia erblickte und dankte dem Prinzen außerordentlich. Dieser bestieg sein Roß, schwang die Prinzessin, die von ihm nicht lassen wollte, vor sich auf den Sattel und ritt somit ihr über alle Berge. Als er zum Schlosse des ersten Königs kam, stand der Käfig mit dem Vogel Venus bereits auf dem Hofe. Mit tausend Freuden bestieg der König das Pferd Pontifar. Es wollte ihn aber nicht dulden und er vermochte es nicht zu bändigen. Der Prinz erklärte, es im Hofe etwas zureiten zu wollen, bestieg es, die Prinzessin Amalia, die ihn außerordentlich liebte, gleich auch mit ihm, tummelte das Roß nach allen Richtungen, ergriff unversehens den Käfig mit dem Vogel Venus und jagte somit allem davon. Seine im Wirtshaus zurückgebliebenen Brüder wunderten sich, als er dorthin zurückkam, sehr über die mitgebrachten herrlichen Sachen, verabredeten aus Neid, den Bruder zu erschlagen, versenkten ihn in einen Graben, ritten mit den Sachen nach Hause und rühmten sich ihrer Erfolge. Aber die schöne Prinzessin wollte nicht sprechen, das Pferd nicht fressen, der Vogel Venus nicht singen und der alte König blieb daher so krank, wie er gewesen. Unterdessen lief der Fuchs zu dem Graben, wo der Prinz lag, zog ihn heraus, wusch ihn mit seinen Pfoten, erweckte ihn zum Leben und sagte zu ihm: „Ich bin die Seele des Verstorbenen, für den du die Schulden bezahlt hast, meine Schuld habe ich dir nunmehr abgezahlt und bin erlöst. Gehe du nun zu einem Schäfer, ziehe dessen Kleider an, eile so ins Schloß und gib dich für einen Tierarzt aus.“ Bei diesen Worten verschwand der Fuchs, der Prinz aber suchte einen Schäfer auf dem Felde auf, wechselte mit ihm die Kleider und ging alsdann zu seinem Vater. Dort wollte man ihn, weil er so verlumpt aussah, nicht aufnehmen, wurde aber, da er angab, alle Pferde kurieren zu können, in den Stall geführt. Bei seinem Eintritt sah sich das Pferd Pontifar sogleich nach ihm um, wieherte, fraß Hafer aus seinen Händen und wurde ganz munter. Alles war hierüber höchst erstaunt und wollte den Wunderarzt sehen. Als er in die königlichen Gemächer geführt wurde, fiel die stumme Prinzessin Amalia ihm um den Hals, der Vogel Venus begann wunderschön zu singen und der König sprang gesund aus dem Bette. Hierauf zog der Prinz seine schönen Kleider an und erzählte alles. Der alte König war voller Freude und gab eine prächtige Gasterei. Die beiden Brüder, die zur Jagd ausgezogen waren, erstaunten über die Vorkommnisse aufs höchste. Über Tafel fragte sie der König, was wohl jemand verdiene, der seinen Vater belogen und einen Menschen erschlagen habe. Sie antworteten: „Den lichten Galgen.“ Der König wollte sie hierauf aufhängen lassen, da der Bruder aber sehr für sie bat, wurden sie in ein Gewölbe gebracht, wo sie zeitlebens in der dicksten Finsternis sitzen mußten. Der jüngste Prinz aber hielt mit der schönen Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde eine glänzende Hochzeit.

Frédéric, Flickr

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6. Die Sage vom häßlichen Schuster, der zwölf Jahre Teufelsbündler war
und ein reicher Mann wurde

Unterdessen hatte auch der König von dem großen Reichtum des Arrendators gehört und fuhr daher hin, um alles selbst in Augenschein zu nehmen. Da führte ihn der Schuster in seinem Hause durch unzählige Keller, die bis zur Decke mit Gold angefüllt waren. Der König war über die Maßen erstaunt, da er sah, daß der Schuster hundertmal reicher war, als er selbst, versprach ihm seine Tochter zur Frau zu geben, ließ ein Bild des Schusters anfertigen und nahm es mit nach Hause. Als er aber der ältesten Tochter mitteilte, was er versprochen und sie auf dem Bilde den gräulichen, über und über beschmutzten Schuster erblickte, lachte sie ihrem Vater ins Gesicht. Darauf wandte sich der König an seine zweite Tochter, aber auch diese wollte durchaus nichts von der Heirat wissen. Die jüngste Prinzessin aber erklärte, den Befehlen ihres Vaters Gehorsam leisten zu wollen. Mittlerweile waren die zwölf Jahre, die der Schuster mit dem Teufel akkordiert hatte, verflossen und er beschloß sich nunmehr um die versprochene Prinzessin zu bewerben. Er ließ sechs prächtige Pferde vor einen goldenen Wagen spannen und fuhr so vor. Als er unterwegs an einem Teiche vorbeifuhr, sprangen plötzlich drei Teufel aus dem Schilfe hervor. „Du Schweinigel,“ riefen sie dem Schuster zu, „ist das eine Art, so mit kotigem Gesicht und mit unausgekämmten Haaren um eine Prinzessin zu freien!“ Damit rissen sie den Schuster aus dem Wagen, warfen ihn ins Wasser und wuschen und striegelten ihn von oben bis unten. Dann zogen sie ihm prächtige Kleider an und setzten ihn wieder in den Wagen. Der Schuster aber sprach für sich: „Man behauptet immer, der Teufel sei dumm, aber wahrhaftig, er ist klüger als ich,“ und war wohl zufrieden. Bei der Ankunft war man über seine Schönheit allgemein erstaunt, denn er war ganz verwandelt. Die jüngste Prinzessin fiel ihm voller Freude um den Hals, die beiden anderen aber erhängten sich aus Neid und Ärgernis. Die Teufel aber verabschiedeten sich für immer von dem Schuster, da sie hier und im Branntweinhause bereits zahlreiche Seelen erobert hatten.

Frédéric, Flickr

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7. Das Märchen von der in der Wildnis ausgesetzten Königin
und ihren Söhnen Josaphat und Löwiath

Ein römischer Kaiser heiratete einstmals ein sehr schönes, aber ganz armes Fräulein. Darüber wurde seine Mutter, die alte Kaiserin, sehr ergrimmt und suchte daher die junge Frau auf alle Weise anzuschwärzen. Während der Kaiser eben Krieg führte, gebar ihm seine junge Gemahlin zwei Prinzen auf einmal. Die Alte schrieb hierauf ihrem Sohne, daß keine junge Frau, wenn sie züchtig und ehrbar gelebt habe, zum erstenmale Zwillinge gebären könne, er solle sich daher eiligst aufmachen, um die ihm angetane Schande an seiner Frau zu rächen. Der Kaiser kehrte auf diese Nachricht hin schleunigst in seine Residenz zurück, ging sogleich in die Kirche, kniete vor dem Hochaltar nieder und bat Gott für seine Frau. Das ärgerte die alte Kaiserin entsetzlich, sie beredete daher ihren Kammerdiener, sich bis aufs Hemd auszuziehen und so zu der jungen Kaiserin, die eben schlief, ins Bett zu legen. Dann ging sie zu ihrem Sohne in die Kirche und erzählte ihm, wie schändlich sich seine Frau aufführe und zerrte ihn so lange, bis er ihr endlich in das Schlafgemach der jungen Kaiserin folgte, wo er neben seiner schlafenden Frau den Kammerdiener liegen sah. Da zog der Kaiser sein Schwert und durchbohrte den Diener, daß sein Blut der erschrockenen Kaiserin ins Gesicht spritzte. Sie sollte sogleich mit ihren Kindern lebendig verbrannt werden. Auf dem Richtplatze verhielt sich das dort zusammengelaufene Volk still und traurig, weil alle die junge Kaiserin sehr liebten und keiner von den Richtern wollte das Todesurteil verlesen. Die Verurteilte wandte sich hierauf an ihren Gemahl und sprach: „Weil du mich nicht mehr liebst, lege ich keinen Wert darauf, weiter zu leben, aber die beiden armen Кinder erbarmen mich sehr. Schenke mir ihretwegen das Leben und ich will mit ihnen fortziehen, so weit mich meine Füße tragen.“ Der Каiser ließ sie auf ein Pferd setzen und gab ihr einen großen Mantel mit, in den sie die Кinder einwickelte. Nach langem Ritt kam sie in eine große Wildnis. Аuf einer Wiese stieg sie ab, legte die Кinder rechts und links auf dem Мantel in die Sonne und schlief in deren Мitte ein. Вald darauf näherte sich ein Affe, nahm eines der Кinder in seine Аrme und trug es unbemerkt in den Wald. Dort sah eine Räuberbande den Аffen mit dem Кinde, man jagte ihm nach, nahm ihm das Кind fort und trug es in die nächste Stadt. Еinem dort weilenden fremden Каufmann gefiel der schöne Кnabe so, daß er beschloß, ihn seiner Frau mitzubringen. Еr kaufte daher den jungen Prinzen von den Räubern, besorgte ihm eine Amme, setzte diese auf eine Eselin und zog alsdann nach Hause, wo das Kind von seiner Frau sehr gut aufgenommen wurde. Вald darauf schlich sich eine Löwin an die Schlafende heran und raubte ihr das zweite Кind, um es ihren Jungen zum Fraß zu geben. Da sie aber eben im Вegriff war, es fortzutragen, flog der Vogel Greif heran, ergriff die Löwin samt dem Кinde und flog mit seiner Beute weit übers Мееr. Аuf einer wüsten Insel wollte sich der Greif niederlassen. Als sie schon ganz niedrig waren, ließ die Löwin das Кind sachte in den Sand fallen, riß sich, sobald sie den Boden erreichte, schnell los und biß den Vogel tot. Dann scharrte sie dem Кinde ein Bett im Sande, säugte es und nährte sich neun Tage lang von dem Fleische des Vogels. Die Кaiserin jammerte und weinte sehr, als sie den Verlust ihrer Кinder bemerkte und irrte so lange im Walde umher, bis sie endlich an das Мееr kam. Da stand ein Schiff, das eben absegeln wollte. Sie bat die Schiffer, sie mitzunehmen und diese taten es gerne ihrer Schönheit halber. Nach mehrtägiger Fahrt warfen sie an einer wüsten Insel die Аnker aus und gingen ans Land, kehrten aber alsbald wieder zurück, weil sie eine Löwin mit einem Кinde erblickt hatten. Über diese Nachricht war die Mutter voll Freuden, eilte nach dem bezeichneten Оrte hin und erkannte sofort ihr Кind, das die Löwin sich gutwillig nehmen ließ. Аls die Мutter es forttrug, folgte ihr die Löwin wie ein Нund. Die Schiffer fuhren, da sie dieses sahen, aus Furcht, ohne sie schnell ins Мееr hinein, ließen aber einen Каhn zurück, den sie mit der Löwin bestieg. So fuhr sie mit dem Kinde an der Вrust und die Löwin zu ihren Füßen, so lange auf dem Меere herum, bis sie endlich wieder mit dem Schiff zusammentraf und auf vieles Bitten aufgenommen wurde. Еiner von den Seeleuten verliebte sich in sie und schlich in der Nacht in ihre Кammer, um sie zu notzüchtigen, er wurde aber von der Löwin hieran gehindert, die ihn in Stücke zerriß und ins Мееr warf. In einer großen Stadt, wo gelandet wurde, begab sich die Кaiserin mit der Löwin, die sie niemals verließ, in ein Ноspital. Нier erzog sie ihren Sohn, den man nach der Löwin Löwiath nannte, aufs beste. — Unterdessen war ihr zweiter Sohn, der weit entfernt bei dem Кaufmann sich aufhielt und Josaphat genannt wurde, immer mehr herangewachsen. Weil er sehr stark und stammig war, sollte er Fleischhacker werden und sein Pflegevater schickte ihn daher mit zwei Осhsen über Land zu einem Меister. Веi der Ankunft redete er diesen sogleich an: „Guten Мorgen, Каmerad!“ Der Meister aber antwortete zornig: „Du Laffel kommst eben in die Lehre und nennst mich Каmerad,“ wobei er mit der Аxt drohte. Da rief Josaphat: „Rühr mich nicht an, oder ich breche dir das Genick,“ kehrte zornig mit seinen Оchsen nach Hause zurück und wollte von der Profession nichts mehr wissen. Unterwegs begegnete ihm ein Jäger, der einen Falken auf der Hand trug. Der Vogel gefiel ihm außerordentlich. Еr gab dem Jäger seine beiden Оchsen und nahm dafür den Falken mit. Sein Pflegevater, der Кашfmann, war über diesen Наndel sehr erzürnt und wollte ihn abprügeln, aber seine Frau verwendete sich sehr für den jungen Josaphat und sagte, daß er gewiß von adeligem Geschlecht und nicht zu niederem Standegeboren sei. Einige Zeit später sandte der Кашfmann den Josaphat mit dreizehn Pfund Silber in die Münze, wo sein rechter Sohn als Geselle arbeitete. Auf dem Wege dorthin begegnete Josaphat einem Reiter, der ein wildes, prächtiges Pferd tummelte. Ganz entzückt von dem schönen Rosse gab er dem Reiter das Silber und ritt nach Hause. Über diesen Streich ergrimmte der Kaufmann sehr, aber seine Frau bat noch einmal für ihn und meinte, man wisse nicht, was aus dem Knaben noch einmal werden könne.

Inzwischen hatten die Türken dem Könige, in dessen Land der Kaufmann wohnte, den Krieg erklärt und waren bis zu dessen Residenz vorgerückt. Im türkischen Lager befand sich die wunderschöne Tochter des Sultans, welche dieser einem Riesen zur Frau geben wollte, der so stark war, daß er einen gewappneten Ritter samt dem Rosse fortzutragen und vor die Füße der Prinzessin zu werfen vermochte. Von diesem Riesen wurde der König zum Zweikampf herausgefordert. Da war großes Trauern und Wehklagen im ganzen Lande, denn der König war diesem Gegner keineswegs gewachsen. Als Josaphat sah, daß auch sein Pflegevater trauerte, entschloß er sich, selbst hinzugehen und sich für den König zu schlagen. „O du großer Narr,“ sagte ihm der Kaufmann, „woher willst du denn eine Rüstung nehmen?“ Josaphat riß zwei große Platten aus Blech aus dem Ofen und band sich die eine hinten, die andere vorne hin. „Wo hast du denn aber eine Lanze?“ fragte der Kaufmann weiter. Da ging der junge Held in den Hühnerstall und bewaffnete sich mit einer langen Stange. Unter dem Bette zog er ein verrostetes, aber sehr wunderbares und glückseliges Schwert hervor, mit dem schon die Vorfahren des Kaufmannes große Taten verrichtet hatten, schwang sich auf sein schönes Pferd und ritt zur Residenzstadt, wo er mit großen Freuden empfangen wurde. Die ihm vom Könige angebotene prächtige und starke Rüstung verschmähte er und ritt in seinem erstaunlichen Aufzuge auf den Kampfplatz, wo der Riese zu Pferde schon seiner harrte und ihn fragte, ob er der König sei. Josaphat entgegnete ihm: „Hiernach hast du nicht zu fragen, der Schmied hat seine Zange, damit er sich nicht verbrenne und der König seine Ritter.“ Mit diesen Worten warf er dem Riesen seine Stange mit solcher Gewalt an den Kopf, daß er rücklings zu Boden sank. Dann sprang Josaphat schnell zu, hieb dem Riesen das Haupt ab, spießte es auf sein Schwert, sprengte ins türkische Lager vor das Zelt der Prinzessin, legte ihr den Kopf zu Füßen und sagte ihr: „Hier hast du den Kopf deines Liebsten.“ Die Prinzessin war über die Schönheit des fremden Ritters ebenso erstaunt wie er über die ihrige. – Als er eines Tages nach Rückkehr in die Residenz in Gedanken versunken oben auf dem Walle stand, ging jenseits am grünen Flußufer die Prinzessin mit ihren Hofdamen spazieren. „Glaubt ihr,“ sagte sie zu diesen, „daß der junge Ritter dort mir so gewogen ist, daß er gleich zu mir herüberkäme, wenn ich ihm ein Zeichen gäbe.“ Da sie sich aber schämte, dies zu tun, winkte eine der Jungfrauen, worauf Josaphat ungesäumt durch den Fluß zu ihr hinüberschwamm. Hier verlangte sie von ihm, daß er sie während der nächsten Schlacht entführe und versprach ihm, ihm überallhin zu folgen. – Es begann nun ein großes Gemetzel, Josaphat benutzte diesen Umstand, ritt in das türkische Lager, entführte seine Prinzessin, überließ sie aber ihrem Schicksal, als die Christen zu weichen anfingen und stürzte sich in das Kampfgewühl. Trotzdem der römische Kaiser und auch andere Fürsten dem Könige zu Hilfe geeilt waren, trugen die Türken den Sieg davon und der König, der römische Kaiser, Josaphat und alle wurden gefangen genommen.

Die Kunde von diesem Unglück war schnell auch in das Land gedrungen, wo die vertriebene Kaiserin mit ihrem zweiten Sohne lebte. Löwiath begab sich mit einer Anzahl Krieger und seiner Löwin sofort auf den Kriegsschauplatz und ritt direkt ins türkische Lager hinein. Da die Löwin alles wütend zerriß, was ihm und seiner Mannschaft noch Widerstand leistete, so waren bald fast alle Türken getötet und die Gefangenen befreit. Der König zog feierlich in seine Residenz ein und veranstaltete eine große Gasterei. Über Tafel fragte Löwiath den römischen Kaiser, aus welchem Grunde er ohne Söhne, die für ihn fechten könnten, in den Krieg zöge, woaruf dieser voll Traurigkeit erwiderte, daß er in verhängnisvoller Übereilung seine tugendhafte Gemahlin verstoßen und sich seit dieser Zeit nicht wiedervermählt habe. Da erkannte Löwiath in dem Kaiser seinen Vater. Als dieser seine Frage, ob er seine Gemahlin wiedererkennen würde, bejahte, ließ er schnell seine Mutter herbeiholen. Alle waren voller Freude über die Wiedervereinigung und Josaphat hielt glänzende Hochzeit mit der schönen türkischen Prinzessin. Der römische Kaiser verabschiedete sich hierauf mit seiner Frau und seinen Söhnen von dem Könige und zog mit ihnen in die Heimat. Schon unterwegs hörten sie, daß die alte Kaiserin, die alles Übel verursacht, wahnsinning geworden sei und sich erhängt habe.

Frédéric, Flickr

Bilder: Frédéric:

  1. L’après-midi d’un(e) faune, 13. März 2020;
  2. Souffle léger, vapeur éphémère, 30. März 2020;
  3. Au pied de l’arbre, 12. April 2020;
  4. La fille qui murmurait à l’oreille des forêts, 15. April 2020;
  5. Les nuits blanches (et les mots bleus), 29. April 2020;
  6. Sous le soleil (exactement), 30. April 2020;
  7. De la tête au pied, 5. Mai 2020.

In freudenreichem Schalle: Breslau: Volksmusik, 1982 — gleich das ganze Album.
Vocals: die — solche Erwähnung erscheint angebracht — mitnichten „rechte“ Jutta Weinhold:

Written by Wolf

10. Juli 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Blumenstück 004: Versprich du es auch

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Update zu Nachtstück 0021: Нет хуже ада:

——— Richard Brautigan:

Japanisches Popkonzert

aus: Japan bis zum 30. Juni, Eichborn, Frankfurt 1989, cit. nach Rowohlt, Reinbek 1995, Seite 39,
i. e. June 30th, June 30th, Delacorte Press/Seymour Lawrence, New York 1977,
deutsche Übersetzung: Günter Ohnemus:

Richard Brautigan, Japan bis zum 30. Juni, Eichborn, Frankfurt 1989, CoverVergiß nie, nie
       die Blumen
die nicht angenommen wurden,
       vehöhnt wurden.

Ein sehr schüchternes Mädchen gibt dem
angehenden Popstar einen schönen,
       einen wunderschönen
       Blumenstrauß

zwischen zwei Liedern. Wieviel Mut
sie gebraucht hat, zur Bühne
hinauszugehen und ihm die Blumen zu
       geben.

Er legt sie wie Unrat
auf den Boden. Da liegen sie jetzt.
Sie geht zu ihrem Platz und schaut
       zu ihren Blumen hinaus.
Dann hält sie es nicht mehr aus.

       Sie flüchtet.
       Sie ist weg
       aber die Musik geht weiter.

       Ich versprech es.
       Versprich du es auch.

Tokio
31. Mai 1976

Bild: Eichborn-Cover, Auflage 1996.

Soundtrack: 郷ひろみ: あなたがいたから僕がいた, 1976. Musik ab Sekunde 47:

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Bonusbild: 正刀: 聴こえない, 24. März 2020.

正刀, 聴こえない, 24. März 2020

Written by Wolf

3. Juli 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse

In heiliger Nacht, in Zaubernacht

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Update zu Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!,
Wem recht die Brust sich dehnte vom sanften Lau des März (oh yeah!)
und Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht:

Die Träger des Namens Johannes, kurz: Hans, gern mit verschiedenen Diminutiva suffigiert, teilen sich in der Volksetymologie des mittelbairischen Sprachraums auf in Hanswurst und Hansdampf. Hanswurste heißen nach dem Apostel Johannes Evangelist und feiern am 27. Dezember Namenstag, Hansdampfe heißen nach Johannes dem Täufer und feiern am Johannistag, dem 24. Juni.

Der Feiertag des Hansdampf steht insofern höher als andere Namenstage, als er mit der Sommersonnenwende zusammenfällt. Das bedeutet: Die Tage werden kürzer, die Nächte zum Ausgleich länger, der Sommeranfang ist deshalb eigentlich ein Winteranfang, mit dem gleichen Argument ist, wie schon einmal dargestellt, Sommeranfang kurz vor Weihnachten.

Dieses Doppelgesicht der Feierlichkeiten zum „Mittsommer“, der eigentlich dessen Anfang ist, zeigt sich auch literaturhistorisch: Fasste Wieland seine Übersetzung von Shakespeare-Dramen — die erste deutsche — noch größtenteils in Prosa, machte er bei deren erstem Ein St. Johannis Nachts-Traum 1762, heute in späterer Übersetzung bekannter als Sommernachtstraum eine Ausnahme; sein Weimaraner Freund, Kollege und Nachbar Herder fasste ungefähr 1772 seine Ode zur Sanct-Johannes-Nacht in ein übliches Odenversmaß des Sturm und Drang: letztendlich in gar keins.

Johannisnacht ist vor dem Johannistag, also die Nacht vom 23. auf 24. Juni.

——— Johann Gottfried Herder:

Sanct-Johannes-Nacht

zwischen 1760 und 1803, vermutlich 1772:

Vivien Leigh, A Midsummer Night's Dream, Titania, 1937Schönste Sommernacht!
Ich schwimm‘ in Rosen und blühenden Bohnen
Und duftenden Hecken und Nachtviolen,
In tausend Düften – o Natur,
Wo kenn‘ ich Deine Kinder alle,
Die Bräute alle,
Die jetzt sich schmücken und lieben und paaren
Und feiern Brautnacht! – Schöne Nacht!
Wie die Schöpfung flammet und wallt!
Als ob der allanflammende Sonnenvater
Mit welcher Jugendinbrunst jetzt
Die Erd‘ umarmt‘! – Und der Himmel brennt:
Dort Abendroth, hier Morgenroth –
Wie kühler, dämmernder Thautag! – Und –
Und hundert Wesen schwirren empor
In Luft und Wasser und See und Sand,
Summen empor! Lieben! – Unendlich, ach,
Unerschöpflich bist Du schön,
Mutter Natur!
Und hundertartige Deiner Kinder
In Leben und Lieben und Sein und Freuden!
Wer kann sie zählen! wer kann sie fühlen! –
Und Du,
In hundert Arten und Sein und Wesen
Und Lieb‘ und Freuden Dich
Allfühlend, o Natur,
Wie nenn‘ ich Dich?

Vivien Leigh, A Midsummer Night's Dream, Titania, 1937Wer bin ich unter den Millionen,
Die jetzt genießen – und wer
Unter den unendlichen Millionen,
Die ich genießen nicht seh‘,
In Blum‘, in Blüth‘, im wehenden Duft
Der Nachtviole!
Wie Tausende sind vielleicht,
Die die Blüthe knospen! die Ros‘ erröthend
Spinnen und färben und dufther schwimmen,
Schwimmen um mich – kühlen mich,
Und ich seh‘ sie nicht!
Da fliegt der leuchtende Funke Gottes,
Der Sommerwurm!
Kleiner Wurm, leuchtender Funke, komm,
Glänze mir!
Wer warst Du, daß die schaffende Hand
Dich also angeglüht?
Mit Sonnenglanz, mit Sonnengluth!
Wer bist Du?
Etwa der Seligen einer? Ein
Verbanneter Unsterblicher,
Aus Raupenstand und Grabegespinnst
Den Wurm zu erlösen.
Und trägst noch Siegel der Unsterblichkeit
Und glühst noch lang‘ im Tode noch fort –
Ziehst Blitzesfunken und duftest Feu’r,
Nicht Strömen erlöschbar, die Gold,
Die Felsen zernagen – Wunderwurm,
Und kriechst im Staub!
Fleuch! ich kenne Dich nicht! Wunderwurm!
Lebe Dein Sommerleben im Flug,
Im Staube! wie’s Der will,
Der Dich gemacht.
Kenn‘ ich mich?
Eben so klein, fliegend und wallend
Und sonnentsprungen – kenn‘ ich mich?
Wer war’s, der Funken dem Staube gab,
Daß er ihm vom Auge leucht‘,
Erflamme vom Herzen,
Oft so matt! und wie lang‘?
Und lodert er fort dann? – Fleuchst,
Funke, Du fort?
Aus Raupenstand, aus Grabesnacht,
Wenn Dein Wurmkörper hier hin ist, noch
Ein Würmchen zum Engel zu lösen? – – –
All‘ meine Sinne sind
Verschlossen! – Um meine Sinn‘
Ist Sommernacht!
Bin nicht zu denken hier! – zu sein! zu hoffen!
Leben und mich zu freun!
Leben – allein?
Nicht ist der leuchtende Wurm,
Wird nicht allein sein!

Vivien Leigh, A Midsummer Night's Dream, Titania, 1937Und allein mich freun?
Niemand zu sagen, wie schön
Im Sommerliebesbrande,
Mutter Natur, Du seist!
Mutter Natur!
Niemand zu haben, der mit
Schwirren die Schöpfung höre, mit
Höre die leisen Räder gehn
Und sehn
Den leuchtenden Engel fliegen
Und denken Unsterblichkeit!
Vereint sie denken, vereint,
Schöne Mutter Natur,
Fühlen an Deiner Brust, uns drücken
An warmes Herz!
Freundschaft, holdester Funke
Der holden Natur!
In heiliger Nacht, in Zaubernacht,
Mutter Natur, bet‘ ich Dich an!
Sei ich’s werth des edelsten Funken,
All Deiner Flammennatur!
Komme, mein leuchtender Engel,
Den Wurm zu beleben!
Zauberlaube, Wo seh‘ ich Dich?
Und um mich gegossen
Mein sanftes Weib!
Zauberlaube,
Wo seh‘ ich Dich?
Rosen und Mondstrahl um Dich schwimmend
Und liebender Wachtelschlag,
Zauberlaub‘, und der Knabe hängt
An Mutterarm! An Mutterbrust
Ihr gleich das sanftere Mädchen!
Und der wilde, trotzige Knabe lernt
Staunen der Sommernacht! hören Gott,
Hören schwirren und liebegirren
Die Schöpfung!
Sanfter bebet alsdann die Mutterbrust,
Sanfter schmieget der Säugling, trinkt
Wollust Gottes, und ich – und ich –
Zauberlaube, wie bin ich allein!

Ihr gleich das sanftere Mädchen: Vivien „Vom Winde verweht“ Leigh als Titania—Queen of the Fairies in A Midsummer Night’s Dream, Bühnenfoto vom Londoner Old Vic Theatre 1937, unter Sir Tyrone Guthrie, ohne Verfilmung:

  1. via Rob Baker: „Consummate Actress, Hampered by Beauty“ –
    Glorious Photos of Vivien Leigh
    , 26. Dezember 2016;
  2. mit Robert Helpmann als Oberon, via Wrath Herself;
  3. im Hofstaat, via Coffin Boffin, 5. Mai 2020.

Soundtrack: Felix Mendelssohn Bartholdy: Schauspielmusik Ein Sommernachtstraum opus 61, die Tyrone Guthrie 1937 am Old Vic benutzte, wegen der angesprochenen Doppelgesichtigkeit im vierhändigen Klavierauszug mit Sivan Silver und Gil Garburg, Konzerthaus Berlin am 12. Januar 2018:

Written by Wolf

26. Juni 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

Und der liebe Gott sitzt ernsthaft in seiner großen Loge und langweilt sich vielleicht

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten:

Wie respektvoll hab ich in meiner ersten Heine-Ausgabe immer die Ideen. Das Buch Le Grand gemieden, weil mir das schon in der Überschrift so überwältigend staatstragend schien, dass mein fünzehnjähriges Herzchen, geschweige denn Gehirnchen, nie immer und nimmer verkraftet hätte. Seltsam genug, dass ich dagegen, was das Verkraften angeht, mit Horrofilmen nie ein Problem hatte. Jeder spinnt anders.

Und was für eine Gaudi mir seitdem entgangen ist. So grand ist das Buch Le Grand weder gemeint noch ausgefallen, sondern nur nach einem französischen Tambourmajor Le Grand benannt.

Der später eindringlich wiederholte Einsatz des 11. Kapitels: „Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas“ wird Napoleon zugeschrieben: „Vom Erhabenen zum Schrecklichen ist es nur ein Schritt“ soll er auf der Flucht mit seiner Grande Armée aus Russland am 10. Dezember 1812 zu seinem Gesandten und Vertrauten Dominique Dufour de Pradt zu Warschau geäußert haben, der es in seiner Histoire de l’ambassade dans le grand-duché de Varsovie en 1812 von 1815, deutsch 1816 mitteilt. Heine kann das Buch 1826 in der einen oder in der anderen Sprache gekannt haben, falls Napoleons bon mot bis dahin nicht schon geflügelt war; so oder so beschreibt es Heines eigenen Stil im ganzen Buch Le Grand, wo er Napoleon „erst auf dem Gipfel seiner Macht und Herrlichkeit vorführt und dann den jähen Schicksalswandlel in St. Helena zeigt“ — Anmerkung von Günter Häntzschel in der Hanser-Ausgabe von Klaus Briegleb, Band 2, Seite 819.

Die in dem Buche durchweg wie in einem Brief angeprochene „Madame“ ist vermutlich Rahel Varnhagens Schwägerin Friederike Robert. Unser Zitat setzt ein mit dem 11. Kapitel, unmittelbar nachdem das Haupt Monsieur Le Grands „herab auf die Trommel gesunken“ ist, worauf er „in diesem Leben nie mehr getrommelt“ hat — Kapitel X. Kapitel XI wird zitiert nach der Düsseldorfer Ausgabe, Kapitel XII sollte selbsterklärend sein; beide erscheinen hier ungekürzt.

Un singe qui parle, Filles. Lectrices dans le métro de Paris, Mai 2008 bis März 2017, Flickr

——— Heinrich Heine:

Capitel XI.

aus: Ideen. Das Buch Le Grand, 1826,
in: Reisebilder von H. Heine. Zweiter Theil. Hoffmann und Campe, Hamburg 1827,
Erstausgabe Seite 224 bis 227:

Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas, Madame!

Seite 228Aber das Leben ist im Grunde so fatal ernsthaft, daß es nicht zu ertragen wäre ohne solche Verbindung des Pathetischen mit dem Komischen. Das wissen unsere Poeten. Die grauenhaftesten Bilder des menschlichen Wahnsinns zeigt uns Aristophanes nur im lachenden Spiegel des Witzes, den großen Denkerschmerz, der seine eigne Nichtigkeit begreift, wagt Goethe nur in den Knittelversen eines Puppenspiels auszusprechen, und die tödtlichste Klage über den Jammer der Welt legt Shakespeare in den Mund eines Narren, während er dessen Schellenkappe ängstlich schüttelt.

Sie haben’s alle dem großen Urpoeten abgesehen, der in seiner tausendaktigen Welttragödie den Humor aufs Höchste zu treiben weiß, wie wir es täglich sehen: – nach dem Abgang der Helden kommen die Clowns und Graziosos mit ihren Narrenkolben und Pritschen, nach den blutigen Revoluzionsscenen und Kaiseractionen, kommen wieder herangewatschelt die dicken Bourbonen mit ihren alten abgestandenen Späßchen und zartlegitimen Bonmots, und graziöse hüpft herbey die alte Noblesse mit ihrem verhungerten Lächeln, und hintendrein wallen die frommen Kaputzen mit Lichtern, Kreuzen und Kirchenfahnen; – sogar in das höchste Pathos der Welttragödie pflegen sich komische Züge einzuschleichen, der verzweifelnde Republikaner, der sich wie ein Brutus das Messer ins Herz stieß, hat vielleicht zuvor daran gerochen, ob auch kein Häring damit geschnitten worden, und auf dieser großen Weltbühne geht es auch außerdem ganz wie auf unseren Lumpenbrettern, auch auf ihr giebt es besoffene Helden, Könige, die ihre Rolle vergessen, Coulissen, die hängen geblieben, hervorschallende Soufleurstimmen, Tänzerinnen, die mit ihrer Lendenpoesie Effekt machen, Costümes, die als Hauptsache glänzen – Und im Himmel oben, im ersten Range, sitzen unterdessen die liben Engelein, und lorgniren uns Komödianten hier unten, und der liebe Gott sitzt ernsthaft in seiner großen Loge, und langweilt sich vielleicht, oder rechnet nach, daß dieses Theater sich nicht lange mehr halten kann, weil der Eine zu viel Gage und der Andre zu wenig bekommt, und Alle viel zu schlecht spielen.

Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas, Madame! Während ich das Ende des vorigen Capitels schrieb, und Ihnen erzählte, wie Monsieur Le Grand starb, und wie ich das testamentum militare, das in seinem letzten Blicke lag, gewissenhaft executirte, da klopfte es an meine Stubenthüre, und herein trat eine arme, alte Frau, die mich freundlich frug: Ob ich ein Doctor sey? Und als ich dies bejahte, bat sie mich recht freundlich, mit ihr nach Hause zu gehen, um dort ihrem Manne die Hühneraugen zu schneiden.

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Un singe qui parle, Lectrices dans le métro de Paris, Mai 2008 bis März 2017, Flickr

Capitel XII.

aus: Ideen. Das Buch Le Grand, 1826, Erstausgabe Seite 228:

Die deutschen Censoren – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Dummköpfe – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –.

Un singe qui parle, Filles. Lectrices dans le métro de Paris, Mai 2008 bis März 2017, Flickr

Bilder: Un singe qui parle: Filles: Lectrices dans le métro, Paris, Mai 2008 bis März 2017.

Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas, Madame: Camille: Seeds, aus: OUÏ, 2017,
mit ordentlich tambour drauf:

Written by Wolf

19. Juni 2020 at 00:01

Zwei Klavier-Trios und zwei Violoncello-Sonaten

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Update zu Leise retardierende, ungläubig fragende Zurücknahme der Meldung
und Ein ewig Weißwurschten:

Kapelle Maria RastMein üblicher Urlaub besteht darin, ein-, zweimal im Jahr frühmorgens zur Haustür hinauszufallen, den Weg zur Isar einzuschlagen und erst wieder mit dem Latschen aufzuhören, wenn ich in Kloster Schäftlarn rauskomme. Das kann ich nur empfehlen: Obwohl der Weg durch einen touristisch durcherschlossenen Wald stur geradeaus am Isarufer flussaufwärts führt, verfranst man sich unfehlbar so vielfältig, dass ich in zwanzig Jahren keine zweimal genau dieselbe Strecke gegangen bin, der Klosterladen hält einwandfreien lokal hergestellten Honig von sichtbar umherschwärmenden Bienen feil – falls – selten genug – noch welcher da ist –, hinterher ist man so rechtschaffen müde, dass man sogar zu faul ist, im anliegenden Klosterbräustüberl als Isarpreuße herumzustören, und obwohl das ein noch viel steilerer Aufstieg aufs Isarhochufer ist, als man über die Straße bis in die Traditionskneipe hinein gehechtet wäre, kommt man mit der S7 vom Bahnhof Hohenschäftlarn aller 20 Minuten wieder nach München. Bei dem fiesen Anstieg aufs Hochufer in den Hauptort holt man sich erst den Muskelkater, da hilft auch die still vor sich hin verfallende Kapelle Maria Rast nix. Oben vekehrt sich’s bei gleichem Aufwand auch weiter nach Wolfratshausen, wenn man unbedingt meint.

Panorama Kloster Schäftlarn

Das Klosterbräustüberl Schäftlarn bleibt selbstverständlich mit seinen drei Umlauten im Domainnamen und seinem Schnitzel- und Steaktag aus den persönlich ansprechbaren Isartaler Angusrindern ausgerechnet an unchristlich gewählten Freitagen nur die zweite Sehenswürdigkeit am Ort, durch den man mir nix dir nix durchgerauscht ist, wenn man nicht rechtzeitig an der Klosterkirche bremst.

Letztere ist nämlich von einem idylischen Friedhof umzingelt, und an der Kirchenwand, gleich linker Hand der Hauptpforte, findet sich das Schild angeschroben:

Marie von Erdödy, Schild Friedhof Kloster Schäftlarn

ANNA MARIA GRÄFON ERDÖDY

1779 — 1837

FAND IN SCHÄFTLARN IHRE LETZTE RUHE.

LUDWIG VAN BEETHOVEN

WIDMETE IHR IN DANKBARKEIT

ZWEI KLAVIER-TRIOS

UND ZWEI VIOLONCELLO-SONATEN.

BEETHOVEN-GESELLSCHAFT MÜNCHEN

„Zwei Klavier-Trios“ ist gut. Die Gräfin Anna Maria „Marie“ von Erdődy (mit ungarischem ő) hat von Beethoven nichts Geringeres denn das vom Beufsmusiker E.T.A. Hoffmann für die Musikgeschichte dringend empfohlene Geistertrio – und dann noch einiges geschenkt bekommen, was sie in den Kreis der Verdächtigen als Beethovens obskure Unsterbliche Geliebte aus dem gleichnamigen Brief vom Montag, den 6. Juli 1812 rückt.

Präalatengarten Kloster Schäftlarn

Ohne einem Frauenschicksal hinterherzuspüren, das eine Banater Adlige zu Beethovens Verehrerin der ersten Stunde, seiner Gönnerin, Hauswirtin in der Krugerstraße 1074 im Wiener 1. Bezirk, Eigentümerin des geeigneten Landguts für den viel späteren Verein der Freunde der Beethoven-Gedenkstätte in Floridsdorf, einer seiner allerengsten Lebensfreundinnen, wenn nicht gar noch Unsterblichen Geliebten machte – ohne, sagte ich, solchen wahrhaft verwirrenden Details hinterherzuspüren, weil wir darüber ohnhein nicht herausfinden, was die Gräfin an ihren Sterbeort im zarten 57. Lebensjahr zu München trug – und vor allem: wer oder was sie dann an ihre Grabstätte vor der Kirchenmauer der Benediktinerabtei – und eben nicht Benediktinerinnenabtei – Schäftlarn getragen haben mag, wohin ihr in späteren Zeitaltern noch eine bis 1990 existierende Münchner Beethoven-Gesellschaft mit einer von geistlicher Seite zu genhemigenden Gedenktafel nachruft – ohne diese Verwirrungen eines erwartbar an allen Ecken und Enden überraschenden Lebenswandels zu einer Auflösung zu führen und velmehr in unserer vielgestaltigen Verwunderung steckenzubleiben, wollen wir an dieser Stelle über ihren Widmungen ihres Frauenschicksals gedenken, wenn auch nicht ohne eine gewisse Wehmut des Versäumnisses:

  1. Klaviertrio op. 70 Nr. 1, „Geistertrio“, Lieblingsaufnahme mit Barenboim, Zukerman & du Pré:

  2. Klaviertrio op. 70 Nr. 2:

  3. 4. Cellosonate op. 102 Nr. 1:

  4. 5. Cellosonate op. 102 Nr. 2 – beide letzteren auf den Leib des Cellisten Joseph Linke komponiert:

  5. Kanon Glück, Glück zum neuen Jahr, WoO 176:

So eine nachweinende Wehmut bleibt einem sowieso jedesmal, wenn man von München aus nach Schäftlarn wandert. Auch wenn man im Gegensatz zu der verstorbenen Gräfin Erdődy aus eigenen Mitteln zurück nach München gelangt, verpasst man immer irgendwas bei seinem bemessenen Aufenthalt: Entweder hat der überaus sehenswerte Prälatengarten – man beachte dort das persönlich erinnernde, anrührende Dankschreiben von Papst Benedikt „Ratzefummel“ XVI. – ist zugesperrt, man ist zu geizig, um ins Klosterbräustüberl einzukehren, oder zu katholisch, um fastenfreitags dessen Angebot eines Angusrindersteaks zu nutzen, oder der Klosterladen hat wahlweise Ruhetag oder keinen Honig mehr.

Eingang Klosterladen Schätlarn

Man steckt nicht drin, in den wenigsten der angeführten Umstände. Um wenigstens den Klosterladen geöffnet zu erwischen, damit man daheim sein – so vorrätig – Halb- oder Pfundglasl Klosterhonig vorweisen und sagen kann: „Schau her, ich bin dagewesen“ – die Öffnungszeiten sind:

Mittwoch–Samstag 14.00–17.00 Uhr
Sonn- und Feiertage 11.00–17.00 Uhr

Während der Monate Januar bis Ende März ist der Klosterladen sonntags geschlossen.

Zu deutsch: Montag und Dienstag haben Sie Glück, wenn Sie mal aus dem idyllisch plätschernden Brunnen im Prälatengarten Im Zweifelsfall vorher zu den angegebenen Öffnungszeiten mal anrufen; die Schäftlarner, mit denen man touristisch zu tun hat, sind nach meiner Erfahrung auffallend freundlich. Wer bis hier mitgelesen hat, kriegt als Belohnung den Geheimtipp mit: Der Schnaps ist meistens noch da. Vielleicht war die Gräfin Erdődy ja doch eine gesegnete Frau.

Landstraße nach Kloster Schätlarn

Buidln: Lars Melzer für Google Maps, Januar 2020;
das Schild von mir, die anderen via Abtei Schäftlarn.

Bonus Track. Johannes Buxbaum an der Klosterorgel Schäftlarn, 15. April 2020:
Pater Anton Estendorffer: Capriccio super Christ ist erstanden, 2008:

Written by Wolf

12. Juni 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

The tale of the powerful penis

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Update for Impotence proved I’m superman,
Ich will mich wie mein Schwanz erheben, and
The boys and girls are one tonight (I marry the bed):

Esteem for the beauty and dignity of penes has deteriorated constantly over the centuries.

1500 AD:

——— Iseabail Ní Mheic Cailéin:

Éistibh, a Luchd an Tighe-se

from: Leabhar Deathan Lios Mòir, i. e. The Book of the Dean of Lismore, first half of 16th century:

Scottish Gaelic, c. 1500:

Estyf, a lucht in ti so,
re skail na bod breour,
dy hantyth mo chreissy
cwt dane skallow dy screyf.

Da leneour bod braiwillycht
dy vy sin amsyr royn,
tak far in nvrd ċrawe so
bod is ċaf mor roynne.

Bod mo haggird horistil
ga ty go fad sessowyt,
otha keynn an quhallavir
in reyf ata na vackann.

Atta reyf roiravyr
an sin sne skail breg,
notcha cholai choyravyr
woa vod arriss es.
Estyve.

Carolin Gutt, close, 2019

Edmund Crosby Quiggin, ed.: Poems from the Book of the Dean of Lismore, Cambridge U.P., 1937:

Listen, people of this house,
to the tale of the powerful penis
which has made my heart greedy.
I will write some of the tale.

Although many beautiful tree-like penises
have been in the time before,
this man of the religious order
has a penis so big and rigid.

The penis of my household priest,
although it is so long and firm,
the thickness of his manhood
has not been heard of for a long time.

That thick drill of his,
and it is no word of a lie,
never has its thickness been heard of
or a larger penis.

Carolin Gutt, close, 2019

With an 1937 English translation of a 1500 Scottish Gaelic poem Éistibh, a Luchd an Tighe-se, Thomas Owen Clancy still implies in 1996 that a proper — not only „diplomatic“ — publication did not happen before 2008:

1996 AD.:

——— Thomas Owen Clancy:

Women Poets in Early Medieval Ireland

essay in: Christine Meek and Katharine Simms (eds.): The fragility of her sex?: Medieval Irishwomen in their European context, Four Courts Press, Dublin 1996, pages 43 to 72:

[Éistibh, a Luchd an Tighe-se] is a fairly obscene boast to the court circle on the size and potency of her household priest’s penis. The authenticity of the attribution to Iseabail has been questioned, but without substantial grounds. It has not yet been properly edited, or translated in published form.

If anybody can relate to some more unexpurgated version, which seems to come close to access a publication from

2008 AD:

Theo Dorgan and Malcolm Maclean, eds.: An Leabhar Mór/The Great Book of Gaelic, 2008 — please let me know.

Meanwhile, it has become important to fight for your right to look at some penis depiction at all. Carolin Gutt of 5letters is a photography artist based in Berlin. She encourages Scottish poetry from its early medieval beginnings to its recent manifestations, and relies on depicting — including but not restricted to — naked human bodies. Do not hesitate to support her on society6 and Redbubble.

Ms. Gutt’s improvised ranting comes close to her artistic concept. The presence of problems like hers and the common necessity to deal with them are not signs for a liberal society. They are signs for the indispensability of Arts.

2020 AD:

——— Carolin Gutt:

Instagram, May 21st, 2020:

Let’s do this and try to stay online.

Warning: the text might be a trigger as it contains thoughts on nudity and sexuality and it’s really long *eye roll* (posted to my Instagram first)

I honestly struggled in my decision to post some of these photographs I’ve been working on last year on Instagram, but have chosen now to simply start with this one but I cannot let it pass without comment, or a personal statement or a rant or whatever you’d like to call it.

Debating with myself whether to share or maybe better not to share them here at all as I am afraid of losing the account (once more) or an image to be the least of my worries.

But then again I think, THIS IS NOT an option how to deal with it.

Carolin Gutt, close, 2019Always trading off how to present my art in a way I would like it to be looked at (without censorship because it only takes away an artworks essence) against the fact that I also want to promote my own art and make it more accessible for a wider (fan) community and people that share my interests and don’t follow me somewhere else but on Instagram, for instance.

The only place on the internet I know, where I don’t have to fear my art might be taken down against my own will is flickr, because they set up a system which allows you to mark your uploads as safe, moderate or restricted and one doesn’t have to necessarily censor one’s own art. You simply choose yourself to see mature content or not. And you also choose the tags you find appropriate for the content you upload. Please share other platforms with me, that you know with a likewise user-friendly attitude. If there is any. I also might consider to really create an own website one day to simply share my art without restrictions, but then I would also miss out on all the exchange of thoughts with other artists, which I find just as important as making art myself. Hoping there will be more exchange and no ban of the exchange. Otherwise we’ll all just might become whistleblowers.

Carolin Gutt, close, 2019But for the rest I wish we would stop being afraid of human body parts. I wish we would stop to hide bodies in general. I wish we would stop to label them as something illegal and I wish we would stop making use of the excuse „…but there are children that need to be protected“ – ahm, yes. Agree. But this is not the way to protect them, by never letting them explore a main part of their own existence – nudity. This is only how you confuse and irritate them and assume that they are too stupid to understand it and make it even worse – they might get the impression there is something wrong in being nude and suddenly they feel uncomfortable in their own bodies. Oops! There we go, many generations full of self-doubts and bodyshaming. You really wanna protect children? Educate them! Take them by the hand and let them know their questions about nudity, their own body, their first encounters with sexuality are okay and nothing to be afraid or ashamed of. It is most likely that so many adults struggle to deal with it openly only because they haven’t had the awareness and resources and sensitivity when they were young. Yet we all grew up and sooner or later there was a first time when we saw a naked body or had a very first sexual experience (wishing it was consensual), and we probably felt confused and shameful and weird as this was something new to us, but we made up our minds and came up with questions, I still do – it never stops actually, and we would be looking for answers, whether it was something with or without support, because we are curious. Curiosity is something good. Knowledge is something good. And to be honest about it is even better. And we choose if there will be more support in the future (for all of us, not only children) or just more hiding and open questions. Art is a wonderful way to educate and playful to begin with in my opinion. It breaks the ice, to say so. I work in a museum where we display a lot of figural art, most of it is nude art, and guess what, children are among the visitors also. We do offer special workshops for them to get in touch with the art they see. I don’t wanna bring a long argument up about the internet being a safe place for children. Definitely. It must be a safe place for everyone. Not only children. So many adults have to face hate speech. And so many (women) have to deal with dick pics – including myself. Doesn’t only happen to teenagers, right?!

And talking about the fine arts particularly, I really wish we will stop giving artists constantly a feeling of being criminals for doing art – or simply humans for owning a nude body, because the body itself is basically all we can ever call our own property and it cannot be taken away by someone else (it shouldn’t be taken away – this is where we enter the real world and the world wide web is just a reflection of it, therefore we need to fix a wide spread common sense in the real world we all live in, while the Internet is a tool to communicate about it – if I would get the same „ban“ in real life as online, it would be like someone constantly putting a plaster onto my mouth, metaphorically).

The fragility of her sex. Medieval Irishwomen in their European context, via Motherfoclóir, Clare, July 9th, 2018, TiwtterExploring the female gaze in my own nude photography is a vice versa answer to the still more common male gaze and being able to create a content I would like to see more often on the internet and the world I live in by taking pictures not only of my own body, also of other female and male nudes, made me think of the right way to represent them, but I have to fear a restriction by so called correct guidelines or community standards ever since. Who are you to tell me that your community standards are something to actually agree on and to call them „right“ or „entire“ or „inclusive“. Actually they discriminate and make a majority believe that this is an ultimate opinion. How can you even dare to make the hashtag „woman“ illegal and shadowban all content connected to it. Instagram, Facebook and other social networks with these „standards“ only support a world, where half of mankind (even more) still struggles to be accepted and respected as humans. Basically this only means, if not they are the ones to ban or censor my art, than I will have to do it as an artist myself, if I want to keep the art online and wanna share my content and reach out to people to make a change. I discriminate myself and give my permission to allow others to not respect me as an artist and as a woman and as a human. So one way or the other the art gets a big censorship on it and cannot be seen as what I originally had intended it to be (as there will always be an odd side effect of it being something forbidden first of all). I am not a criminal, I am not doing illegal things, there is no need to hide what I am doing and I don’t want it to be understood as if it was. I’d so love to break old standardized gaze habits and get rid of the BIG OLD ONE and ONLY possible way to understand a nude/semi-nude that’s spread via all kinds of media and therefore got the overall agreement to be „valid“ – in the very common sexualized way, right?! But how are we supposed to replace it, when all our efforts on presenting the nude in a new light (female, male, non-binary… doesn’t matter after all) is already meant to be sexual by the guidelines itself and -now here comes the point which I find even more devastating- making it a bad thing!!! Why? Two main points here: why does nude-art have to be „sexual art“ only and why does sexual have to mean it’s something bad, why does nude have to mean it’s something bad? I think we need to free the body from being sexual only and need to free sexuality/nudity from its old negativity. Not only for women, after decades of struggling to find our own positive aspects of sexuality – men in general would do themselves a big favour to re-think their own understanding of sexuality, too. Is the presented „sex“ you see everywhere really the sex you guys wanna look at and do you find yourself represented by it? Seriously?? I am sure it still works for those that never made up their own mind about what sexuality is meant to be or could be as its deadlocked meaning gets copy pasted and worked as a tool of power and prevalence for centuries, but many men (luckily) are just disgusted by it nowadays and what it does to them or the women/people in their lives. Btw, I rarely see plain sexual content in my own artworks or in a lot of other artists‘ work that focus on the nude subject in fine arts. My nudes rather address the topic of how the body itself represents beauty in different ways and of all kinds and is a vessel to express the mind and how a digital or analog camera gives you different options and possibilities to explore and play around with it. A nude can be funny, can be hilarious, can be soft, can be attracting, can be broken, can be damaged, can be protective, can be vulnerable, can be a limit to our mind, can be lots of things, because we are lots of things, and it can be sexual – yes – but isn’t sexual first of all. A sexual component can be a part of a nude but it doesn’t have to be and it only happens when the subject and I agree on it to make it visible. This leads me straight back to the uploaded content I wanted to share and hopefully will be sharing some more of this series soon, in case they won’t take this one down and it remains online. Congratulations to all of you who made it so far scrolling down, means the image is still here. Some of you also were lucky to see the whole series on my flickr already (flickr.com/photos/orangeshakejuice) and I can only draw your attention to my stream for uncensored versions of my art – the original content to say so. My shops are censorship free as well, but as I am not selling all my nude artworks you will also not catch up on my full body of work. Anyway, those who follow me here and on my flickr were kind to let me know how they find this series to be one of the most explicit work I’ve done so far and I agree on it. Didn’t think to capture the topic of physical selflove and selfcare on camera really much in the past. And even this time I was looking for private portraits, nude portraits but because the whole atmosphere made both of us feel safe and comfortable we ended up with some really delicate, explicit and intimate nude portraits, which are far away from porn but close to an artistic, aesthetic and respectful interaction. And I am grateful for the experience. It’s been actually rather easy, more than what one would maybe think and really not stressing at all. And I say it shows in the images. There is something that influences the output, the result of a session. If you stress about it or look for something to happen desperately, it’s going to be shite quite likely and will dissatisfy probably. In the worst case it will hurt someone. I’d even dare to say, because the photographs don’t include any provocative purpose they are not provoking and I have to ask myself, can you un-sexualise a sexual content? In a world where non-sexual things must become something sexual on purpose I wonder if a clear sexuality-connected thing like an erect penis doesn’t have to be sexual at first sight, but is possibly more a thing of beauty and of something that’s just greater or just human and therefore natural, but maybe that’s one step too far for the already-brainwashed-brains and narrow-minded-minds out there I lost when starting to talk about how to rather protect children by telling them the uncovered truth. Right, it’s late. I’ll leave it here with you. And I gotta work tomorrow, which literally is in a couple of hours. I will see if the image (my account?) will still be here when I wake up and hopefully some of you will get the chance to follow my thoughts. Respectful comments and opinions are most welcome. Thanks very much. Have a good day and good night. Speak to you soon. Take care of your vulnerability, please.

#makereasonableart

Images: Carolin Gutt: close, 2019;
The fragility of her sex?, via Motherfoclóir: Clare, July 9th, 2018.

Further reading: Medieval Gill: Independent Women: Poetry, power, art and looking for love in medieval Ireland, October 23rd, 2013.

Soundtrack: Fiona Apple: Criminal, from: Tidal, 1996:

Written by Wolf

5. Juni 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Renaissance

Doch jene Wolke blühte nur Minuten

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Update zu Mille tre und
Meine Urgroßmutter und die Wolken:

Nach neuesten Forschungsergebnissen war eine literarisch wirksam gewordene Wolke im Jahr 1920, vielleicht auch schon, man weiß es nicht, 1919, eine Cirrocumulus-Wolke. Literarisch wirksam ist sie durch das Gedicht Erinnerung an die Marie A. von Bertolt Brecht, und eine Cirrocumulus oder „Kleine Schäfchenwolke“ ist sie durch die Eigenschaften der Cirrocumulorum: Sie entstehen in großen Höhen von sechs bis zehn Kilometern — daher ihre Charakterisierung als „ungeheuer oben“ —, gern auch in ansonsten wolkenfreien Räumen, sind eher selten, dann aber bei ihrem Aufzug aus westlichen Richtungen unter der Sonneneinstrahlung „sehr weiß“ und lösen sich schnell auf — denn „als ich aufsah, war sie nimmer da“ (1. Strophe, Schluss) oder „schwand sie schon im Wind“ (3. Strophe, Schluss).

Brecht schrieb die Urfassung des vielleicht schönsten Gedichts von allen, bestimmt aber sein eigenes schönstes, am 21. Februar 1920 auf einer Zugfahrt nach Berlin als Sentimentales Lied Nr. 1004 über Marie Rose Amann — also frisch 22-jährig über eine Jugendliebe, die er als 18-jähriger Schüler erlebt hatte. Die dazuerfundene Melodie richtete sich bei Brechts eigenen Wiedergaben zur Klampfe nach Verlor’nes Glück von Leopold Sprowacker 1896.

Cirrocumuli weisen auf einen Wetterumschwung hin, im Sommer — also in seinen letzten Ausläufern durchaus noch „im blauen Mond September“ — auf eine Kaltfront innerhalb eines Tiefdruckgebietes oder Hitzegewitters. Vor allem wenn sich im Tagesverlauf Cumulus-Wolken hinzugesellen, droht ein Gewitter, wie wir Was die zehn wichtigsten Wolkentypen verkünden von Wolfgang W. Merkel in der Welt vom 21. August 2011 entnehmen.

Rechnen wir mal nach: Brecht hat vier Jahre nach dem Geschehen, im Alter von 22 Jahren, eine Jugendliebe in Verse gefasst, die prozentual auf seine Lebenszeit umgerechnet eine Ewigkeit zurücklag. Dafür hat er in einem „sentimentalen Lied Nr. 1004“ — das ist: eine mehr als die mille tre, die Don Giovanni bei Mozart in Spanien „hatte“ — ganz schön kaltherzig über eine Mitschülerin vom Leder gezogen, die vier Jahre später rein rechnerisch noch keine sieben Kinder haben kann. „Sie war es, die das Verhältnis beendete“, erfahren wir erst 1979 im Interview mit Kurt Tetzlaff. Der Wetterumschwung, von dem Cirrocumulus kündet, ist ein Umschwung vom sommerheiß verknallten Schulbuben zur Kaltschnauze.

Ich finde ja, solche Wetterhinweise wurden bislang für die Interpretation von Gedichten viel zu leichtfertig vernachlässigt.

Filipp Chilov, Cirrocumulus virga, Hamburg, 24. Juli 2012 für den Wolkenatlas in Wolken Online

——— Bertolt Brecht:

Erinnerung an die Marie A.

21. Februar 1920, in: Bertolt Brechts Hauspostille, Propyläen Verlag, Berlin 1927<:

Maria Rose Amann1
An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

2
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: Ich küsste es dereinst.

3
Und auch den Kuss, ich hätt‘ ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Maria Rose Amann in Kurt Tetzlaff, Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen..., DEFA 1979

Die weiß ich noch und werd ich immer wissen: Filipp Chilov: Cirrocumulus virga in Hamburg, 24. Juli 2012:

Niederschlag, der den Erdboden nicht erreicht: Das ist eine Beschreibung vom sog. virga. Hier äußert sich der Niederschlag in Form von Eiskristallen als Streifen unterhalb der Wolke: Cirrocumulus virga.

Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer: Marie Rose Amann, via Liebte Brecht die Marie A.?, Augburger Allgemeine, 3. Januar 2017.

Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen…: Kurt Tetzlaff, Dokumentarfilm, 10 Minuten, DDR 1979:

Vor der Kamera äußert sich die heute fast 80jährige Marie Amann, eine Jugendliebe des damals 18jährigen Bertolt Brechts. Sie erinnert sich an den jungen Dichter und an ihre eigenen Gefühle für ihn, die aus Neugier, Stolz, Liebe, Unverständnis und auch Angst zusammengesetzt waren. Sie war es die das Verhältnis beendete. Brecht widmete ihr eines seiner schönsten Gedichte „Einnerungen an Marie A.“. Aus dem Gedicht wurde ein Lied, das von Ernst Busch im Film gesungen wird. Die einzelnen Strophen kommentieren die Erinnerungen der alten Dame, die durch Fotografien anschaulich gemacht werden.

Soundtrack: Ernst Busch: Erinnerung an die Marie A.,
für Konrad Wolf: Busch singt — Sechs Filme über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, DDR 1982:

Written by Wolf

29. Mai 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

But little girls grow up, my friend

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Update for Schlachtens,
Lasst mich scheinen, bis ich werde (Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht),
Zu Lolitas Verteidigung,
and Babes With Guns:

No need to argue, Strangers in Paradise by Terry Moore (not to be confused with Alan Moore), running from January 1st, 1993 to its planned conclusion with issue #90 of volume 3 on June 6th, 2007, was the second-best comic series of all times known.

Often referred as the comic book to give to people who do not read comic books, SiP brings a storyline over literally three lives, featuring the characters — Katina „Katchoo“ Choovanski, Francine Peters, David Qin — through their life ages, including their monochrome-scribbled appearance and behaviour, over the generations. Not many „sagas“ attend so many characters with such elaboration and profound psychology — and exciting action scenes.

In her age for high school, Katchoo is characerized as socially and sexually abused — not to spoiler or trigger. With the knowledge that she is going to be an artist (and a noble prostitute) in her later life, we are following not only a Lolita, but even a Mignon character emerging to her adult life. Katchoo, painted here as a grumpy, rebellious Gothic kid, makes an encouraging experience in her creative writing class, presenting her self-exposing poem — obviously not her first artistic attempt. A grand moment within the series.

Since Katchoo’s birthday is positively specified as November 19th, 1972 — she shows her driver’s licence when checking into a motel — we may assume the plot setting in the school year of 1987/1988 or one later.

Around 2005, I made the scan of the bookpage myself to show it to a German schoolgirl, who was in Katchoo’s age then, and in her physical condition: abused, grumpy, and with an inclination to arts and writing. Now when she should be aged 30, I cannot find her name in any connection with fame (or prostitution).

This Mask I Wear

——— Terry Moore:

This Mask I Wear

„Katina Choovanski“ in: Strangers in Paradise, volume 3, issue #13, Abstract Studio, 1997,
collected in: High School!, Strangers in Paradise Pocket Book 2,
and The Complete Strangers in Paradise Volume 3, Part 2:

by 16 year old Katchoo

This mask I wear you gave to me
One winter night beneath the trees.
It’s black and blue enshrouds my life,
Surrounds my eyes and blinds my sight.

This mask I wear pretends I’m here
And hides me from the awful fear
That you might find the heart of me
And take that too, beneath the trees.

This mask I wear to hide the pain.
It’s all I have to keep me sane.
I just fell down, I’m told to tell.
There are no words to stop this hell.

This mask I pray to God for why
He hates me so to watch me die
A little more with every night
This man comes in and rapes my life.

But little girls grow up, my friend
And learn the wicked ways of men.
And this mask I wear comes off the day
This mask I wear lays on your grave.

This Mask I Wear

Images: Terry Moore via High School!; The Complete Strangers in Paradise Volume 3, Part 2, 1997.

Musical setting: Densha Donahoe via Rodrigo Daher, 16. September 2008:

Written by Wolf

22. Mai 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Dornenstück 0002: Vom Doddredn und Zuzzeln

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Update zu Urbane Legenden: Der Hugendubel am Marienplatz
und Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!:

Der Verfasser versichert glaubwürdig, dass er selber nicht mehr weiß, wann er das verfasst hat — was ein neues, milderes Licht auf die mangelhafte Einordnung literarischer Texte wirft: Woher soll es dann jemand anders wissen? Noch bessere Nachricht: Derselbe Verfasser ist, sei es vorher oder nachher, mit weit eindeutiger nachweisbaren Veröffentlichungen hervorgetreten. Die Wiedergabe erfolgt ohne sein freundliches Einverständnis, aber da muss er durch.

——— Frank T. Zumbach:

Mehr sog i ned

Spätes Novencento:

Meine Frau hatte diese efeubewachsene Villa auf dem Lande geerbt, also zogen wir eben aufs Land. Wir befürchteten nicht, dort zu ‚versauern‘, wovor uns wiederholt Freunde glaubten warnen zu müssen. Stadtleben, Landleben, uns war das egal. Ich mag die Berge und das Meer, verstehen Sie? Man nimmt sich überallhin selbst mit, und allein ist man in bester Gesellschaft. So dachten wir anfangs.

Eine angenehme, ja herzerfrischende Eigenart des Landlebens besteht darin, daß man nach einiger Zeit beim Bäcker, Metzger, Apotheker, Lebensmittelhändler usw. mit Namen gegrüßt wird. Schallend. Ah, der Herr und die Frau … ! Auf Behörden heißt es: Es ist zwar schon viertel nach sechs, aber wenn Sie schon einmal da sind, kommen’s nur herein, nehmen’s Platz, mögen’s vielleicht an Willi? Und auf der Straße sagt dauernd irgendjemand, an dessen Gesicht man sich nicht im mindesten erinnert, ‚Grüß Gott‘. Wer war das bloß? Ein Nachbar, ein Verkäufer? Kein Mensch kann sich so viele freundlich zunickende Gesichter merken.

Auch Schrulligkeiten kommen vor, liebenswerte Landschrulligkeiten. Der Arzt, der sich beim ersten Termin unter den Platz am Schreibtisch zu seinen Schuhen bückt, den offenen Schnürsenkel zubindet und dabei unachtsamerweise ans Tischbein fesselt. Die Gemüsefrau, die zur Verabschiedung merkwürdige Muli-Schreie ausstößt. Und der Arbeiter, der ein Stück Grünfläche aufrollt und auf die leutselige Frage, was er denn da mache, ein ‚Mpf!‘ ausstößt und durch verzweifelte Gesten und Grimassen andeutet, er wisse es selbst nicht genau.

Leuten, die geflissentlich im Wege stehen, den roten Einkaufswagen mit Gewalt in die grüne Einkaufswagenkolonne zu drücken versuchen und schon beim ersten lauen Frühlingslüftchen Socken in Sandalen tragen, kann man auch in der Stadt begegnen, nur nicht so häufig. Insbesondere die Socken-in-Sandalenträger ahnen schließlich nicht, welchen Unmut sie bei mir auslösen. Ich ertappe mich dabei, sie zu zählen, und komme ich über zehn, ist mir der Tag verdorben. Ich zweifle dann am Menschengeschlecht. Aber das kapieren sie nicht, diese Idioten mit ihren häßlichen Quanten! Ach, was rede ich mich in Rage. Es gibt ganz andere Ärgernisse.

Das mit der Haustierkot-Trennung zum Beispiel. Mindestens einmal im Monat fährt man an diesen widrigen Ort, an dem Hunderte von Bürgern eifrig ihren Haustierkot entsorgen. Der größte Behälter ist für Hunde-, ein etwas kleinerer für Katzenkacke, nicht zu übersehen. Hasen-, Karnickel- und Meerschweinchenködel in die grüne Tonne, bitte! Pferdeäpfel heute nicht vor 16 Uhr. Für Guano sind Sie hier falsch, das ist Sterntalerstraße 8. Alles gut und schön. Ich halte mir leider Chamäleons. Sie passen, als Krawatte geschlungen, immer zum Anzug. Man muß nur aufpassen, den Knoten nicht zu stramm zuzuziehen, denn sonst macht es ‚knack‘ und das Reptil rutscht leblos zu Boden. Ich verbrauche pro Jahr ungefähr sechs bis sieben Chamäleons, aber glauben Sie, jemand hätte an ein Behältnis für Chamäleonexkremente gedacht? Ja sollen denn die Tiere in ihrem eigenen Kot ersticken?

Überhaupt, mit Tieren ist das auf dem Lande so eine Sache. Ich persönlich bin ein großer Anhänger bayrischen Brauchtums. Kein Maibaumaufstellen, keine Stub’n- oder Blasmusi, kein Perchtentreiben, keine König-Ludwig-Gedenkfeier mit Gebirgsjägerböllerei, wo ich nicht begeistert dabeistehe. Weißwurst, Leberkäs, sogar ’saures Lüngerl‘ – jederzeit! Aber hier bei uns herrschen schon eigentümliche Bräuche. Letzten Herbst, bei einem Spaziergang über die Felder, es dämmerte schon, kamen wir an einem Gehöft vorbei, und da war ein lebendiger Rauhhaardackel an das Scheunentor genagelt.

„Grüß Gott,“ sagte der Bauer, aus der Haustür tretend und sich wohlwollend zu uns gesellend, „Sie wundern Eahna wohl über den Rauhhaardackel am Scheunentor?“

Wir nickten beklommen. Die Porzellanpfeife mit Deckel in seinem Mundwinkel war dem Kopf von Franz Josef Strauß nachgebildet. „Jo, des is bei uns hoid so Brauch,“ erklärte er. „Warum?“ fragte ich blöde. Er antwortete mit einem ‚Gstanzl‘ und schlug sich dazu im Takt wuchtig auf die Schenkel, während aus dem geöffneten Fenster die passende Hackbrettbegleitung erklang: „Wenn der Rauhaardackel, wenn der Rauhaardackel, aufm Scheuntor droben muaßt an Herrgott loben, wird der Winter milder und die Madel wilder sog’n ma Pfüagott am liaben Herbst!“ Wir klatschten höflich, aber das arme Hundchen hob den Kopf, blickte uns aus treuherzigen Äuglein an und kläffte: „Ned klotschn, ned klotschn, des bringt fei Unglück!“ Der Bauer sah uns unverwandt an, ging wieder ins Haus, und wir traten schweigend den Heimweg an.

Fahne Heimat- und Volkstrachtenverein Olching e. V., VorderseiteHeuer war’s, es ist gerade mal zwei Wochen her, da spazierten wir um den See der Gemeinde. An einer seichten Stelle hatte sich eine große Volksmenge versammelt, und einige Männer trugen Gamsbarthüte und leuchtend rote Trachtenjanker. Schon von weitem vernahmen wir ein gedämpftes Geräusch, das man nur lautmalerisch mit ‚Knurtscheln‘ umschreiben kann – wie es übrigens auch dem hiesigen Sprachgebrauch entspricht. Zwei Polizisten, die uns zuerst mißtrauisch beäugten, riefen unisono ‚Grüß Gott!‘ als sie uns erkannten, und auf meine Erkundigung, was es denn hier zu sehen gebe, drucksten sie ein wenig herum. Der Vorgang schien schwer erklärbar, offenbar bedurfte er eingehender Erläuterung, zu der sie entweder zu lustlos oder nicht imstande waren; mit einem bloßen ‚Mpf!‘ hätte ich mich diesmal allerdings nicht zufrieden gegeben. „Jo mei,“ sagte schließlich einer der beiden, „dös is hoid dös alljährliche Antndoddred’n.“ „Dös wos?“ fragte ich, unwillkürlich in Dialekt fallend. „No schaugns hoid selba,“ sagte der andere und rief den Nächstehenden zu: „Do mochts a weng Plotz für de Zuagroasten!“ Eine Gasse tat sich auf, wir schoben uns hindurch. Die Sonne spiegelte auf der Wasseroberfläche und blendete uns zunächst. Dann traute ich meinen Augen nicht. Auf einem Rasenstück am Ufersaum traten die mit den roten Jankern tatsächlich mit ihren groben Haferlschuhen Enten tot. Aus unerfindlichen Gründen fügten sich diese still und ohne das geringste Flattern in ihr Schicksal. Das erzeugte jenes ‚knurtschelnde‘ Geräusch, und jedesmal, wenn ein Federvieh verendet war, rief ein älterer Herr, der den voluminösesten Gamsbart am Hut trug, laut konstatierend: „Knurtschelt hods!“, wozu die Menge beifällig murmelte. Nach der Zahl der toten Enten zu schließen, neigte sich das Schauspiel gerade seinem Ende zu. Der ältere Herr sagte noch „Damitsas endlich lernen, de Sauviecher de dreckaten“, aber es klang keineswegs grimmig, sondern wie der einstudierte Schlußtext eines Rituals. Die Zuschauer verstreuten sich nun, und wir pirschten uns an ihn heran, um mehr über die Hintergründe zu erfahren. Er stellte sich als Dr. Dr. Schirmer vor, Gymnasiallehrer a. D. , Heimatforscher und Vorstand des örtlichen Antndoddreder-Vereins. Der Brauch gehe auf ein Ereignis im Mittelalter zurück, als ein Trupp Welfen wieder einmal die Ortschaft überfiel und die Bewohner durch Austeilen von ‚Watschn‘ und Urinieren an Pavillons schier zur Verzweiflung trieb. Ein von langer Hand geplanter nächtlicher Überraschungsangriff auf das Welfenlager, das jene hier am See aufgeschlagen hatten, schlug jedoch wegen des laute Schnatterns der ansässigen Enten fehl, was unerhörte Drangsalierungen und Hochnotpeinigungen der Einheimischen zur Folge hatte. Weshalb Enten noch heute als ‚Verrätervögel‘ gelten, die zweimal jährlich durch den Antndoddreder-Verein eine verdiente Lektion erteilt bekommen. „Aber das ist doch das letzte!“ entfuhr es meiner Frau. „Glauben Sie denn selbst an diesen Mist?“

Er sah uns lange aus graublauen Augen an, lächelte resigniert, sagte „Versteh scho“, wandte sich um und entfernte sich im Abendrot. Wir sahen ihm noch lange nach. Er schritt aus wie a ganz a Junger, und wir dachten: Er sieht rüstig aus für sein Alter.

Seither sind, wann immer wir uns in die Öffentlichkeit begeben, die ‚Grüß Gotts‘ um uns her allmählich versiegt und erloschen. Es hat sich ausgegrüßgottelt. Wir vermissen das jetzt. So ist es immer, wenn man etwas zu lange als selbstverständlich vorausgesetzt hat. Man muß mit dem Strom schwimmen. Ich habe versucht, beim naheliegenden Gymnasium ‚Fensterlkurse für Heranwachsende‘ anzubieten, ein Vorschlag, der mit größter Zurückhaltung und dem verwirrenden Bescheid, „man habe derzeit keine Kapazitäten frei“ aufgenommen wurde. Meine Frau offeriert fleißig Batik-, Töpfer- und Feng-Shui-Kurse im Lokalanzeiger, um nur wieder in Kontakt mit der Bevölkerung zu kommen: Resonanz null. Es wird vermutlich noch lange dauern, bis wir die Scharte ausgewetzt haben.

Vorgestern entdeckte ich in der Gemeindebibliothek Schriller-Eulenschreis Standardwerk über örtliches Brauchtum, von dem der Bibliothekar jedesmal mit einem scheuen Seitenblick behauptete, es sei gerade ausgeliehen. Ich weiß jetzt, warum. Beim Durchblättern stieß ich unter ‚Z‘ auf ‚Des Zuagroastenboandlzuzzeln‘. Wissen Sie, ich habe ein gesundes Nervenkostüm, aber dieser Absatz ließ mir denn doch das Blut in den Adern gefrieren. Meine Frau habe ich noch nichts davon erzählt, um sie nicht unnötig zu beunruhigen. Vielleicht sollte ich’s doch lieber tun. Als ich blaß hinausschlich, sah mich der Bibliothekar diesmal direkt an, mit einem sonderbaren Ausdruck aus Strenge, Mitleid und Schadenfreude. Ich kann nur hoffen, inständig hoffen, daß der Brauch des Zuagroastenboandlzuzzelns inzwischen der Vergangenheit angehört. Mehr sog i ned.

Gruppenbild Gebirgstrachtenerhaltungsverein Immergrün Graßlfing e. V.

Buidln am Beispiel Olchings, erst 2011 der Misere der bevölkerungsreichsten Gemeinde Bayerns ohne Stadt- und Marktrecht ent- und zur Stadt erhoben:

  1. Heimat- und Volkstrachtenverein Olching e. V.: „Unsere Fahne — das Schmuckstück des Vereins!„;
  2. Gebirgstrachtenerhaltungsverein Immergrün Graßlfing e. V., gegründet 1933: Wir über uns:

    Große und kleine, sehr aktive und heimatverbundene Familienbande halten den Verein lebendig, organisieren den Jahreslauf und freuen sich auf Auftritte, Vereinsabende und Festtage.

    Unsere Tracht,
    die Miesbacher Gebirgstracht wird vom Münchner Süden über Lengries bis fast zum Chiemsee getragen.

    Das Gewand der Frauen und Deandl,
    bestehend aus Rock und Spenzer mit gesmoktem Ärmel in blau, Mieder mit Silbergeschnür, Leinentuch und -schürze mit Spitzeneinsatz, Miesbacher Deandlhut und -schuhe sowie handgestrickte weiße Strümpfe.

    Die Männer
    in kurzer Lederhosn gelb bestickt, graue Joppe mit Eichenlaubmuster, dunkelgrüne Weste mit Silberknöpfen, Hosenträger (Quersteg) mit Stickerei, weißes Trachtenhemd, und Miesbacher Hut und -schuhe. Zu Kirchenfesten wird eine schwarze Stoffhose getragen.

Stub’n- ohne Blasmusi: Sagschneider Dreigsang: Leg di eina,
in: Musikantentreffen im Werdenfelser Land , 1. Juni 2019:

Written by Wolf

15. Mai 2020 at 00:01

Und das soll immer mein sein

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Upate zu so net,
Wære diu werlt alle mîn und
Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind:

Wo du stehst,
wenn du gehst,
wenn du bleibst,
morgens deine Augen reibst,
und die Spuren im Sand,
und die Schatten an der Wand
und das, was ich dir nicht sagen kann,
all das soll immer mein sein,
denn ich will nie mehr allein sein.

Thomas Dörschel: Mein Sein, für Virginia Jetzt!, a. a. O., 2002.

Konkrete Poesie hab ich von Anfang gemocht, wobei Anfang heißt: Das war bei uns in der fünften Klasse im Lesebuch, in meinem Fall ab dem Schuljahr 1978/1979. Hat mich seitdem nie wieder vollends in Ruhe gelassen. Konkrete Poesie atmete den Geruch von hoher, ernstzunehmender Kunst, gebärdete sich aber verspielt, war mit einfachen Mitteln zuhause herzustellen und für jeden, der schon mal einen Zeichentrickfilm mit Gewinn angeschaut hatte, verständlich.

Meine eigenen Versuche auf dem Gebiet der Konkreten Poesie handelten meist von weiblichen Vornamen, deren Buchstaben Ausdruckstänze vollführten oder irgendwas miteinander trieben. Leider gelangten sie selten über das Stadium des Entwurfs mit Mutters Stenofüller bis in die kanonische Gestalt mit Schreibmaschine, weil mir ein leistungsfähiges Gedicht in dieser Machart zu schaffen ähnlich titanisch vorkam wie jedes handelsübliche „Südstaaten-Epos, das sich über vier Generationen einer Ketchupfabrikantendynastie erstreckt“ auch. Außerdem war mit diesen mageren, über eine A4-Seite verteilten paar Buchstaben beim Herumzeigen in der Kneipe kein Schnitt zu machen.

Unbedingt klar ging der Gründungsvater Eugen Gomringer, manche ehrgeizige deutsche Dichterfürsten waren mir schon damals zu erdenschwer. Die Österreicher konnte man unbesehen alle lesen: die ganze Wiener Gruppe und meine persönlichen Helden H. C. Artmann und Ernst Jandl. Die machten eine Kunst, die von „können“ oder wenigstens von aussichtsreichem Versuchen kommt, und scherten sich nix, wenn’s um den Preis von zuviel Albernheit war. Bis heute schätze ich es sehr, wenn in die Kunst egal welchen Mediums eine Ebene eingezogen ist, über die man beim Hinschauen grinsen muss. Merkt man wahrscheinlich ein bissel.

Ein Bayer namens Wolf Wezel war nie dabei; bis heute hat es der Gute nicht zu einem Wikipedia-Artikel gebracht, und angesichts der auffindbaren Quellen werde ich nicht der Mann sein, einen anzulegen. Die vollständige Quellenlage ist laut Eugen Gomringer in seiner Anthologie konkrete poesie: deutschsprachige autoren, Reclam 1972, Seite 146:

Wolf Wezel in Eugen Gomringer, konkrete poesie, Reclam 1972

wolf wezel

geboren 1935 in ludwigsburg.

jura- und philologiestudium in tübingen und münchen, dr. phil. als justitiar einer versicherungsgesellschaft in münchen tätig, mitbegründer der studio UND, münchen, herausgeber der edition UND, jürgen-willing-verlag.

lebt in planegg bei münchen.

veröffentlichungen:

sandkerben. stuttgart: burkhardt 1961.
meinsein. münchen: jürgen-willing-verlag 1968 (edition UND).
tensione (mappe calderara). zürich 1971.
eins. münchen: willing verlag 1972.

druckvorlagen: konzeptionelle kunst, mailand: vanni scheiwiller 1970 (147), meinsein (148, 149, 150, 151).

So unliebsam Eugen Gomringer mit seiner Konkreten Poesie — wir erinnern uns: speziell mit seiner Konstellation avenidas an Hausmauern aufgefallen ist — was mich ungerührt in seinem Team verweilen lässt — mag für ihn sprechen: Das Reclam-Heft von 1972 gibt’s immer noch verlagsfrisch, erweitert, aktualisiert und „längst selbst ein maßgebender Bestandteil der Geschichte dieser avantgardistischen Lyrikform nach dem Zweiten Weltkrieg“, letzte Auflage 2018.

——— Wolf Wezel:

meinsein

aus: meinsein, Jürgen-Willing-Verlag, München 1968,
cit. Eugen Gomringer, Hrsg.: konkrete poesie, Reclam 1972, Seite 148 bis 151,
.pdf-Scan in UbuWeb:

wolf wezel, meinsein, 1968

wolf wezel, meinsein, 1968

Soundtrack: Virginia Jetzt!: Mein Sein, aus: Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!, 2003;
Videojungfernregie: Benjamin „Nichts bereuen“ Quabeck,
featuring Julia „Absolute Giganten“ Hummer in Welpenform:

Written by Wolf

8. Mai 2020 at 01:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Sylvia Spinster

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Update zu Nachtstück 0024: I wish you were dead, my dear:

One doesn’t become a witch to run around being harmful, or to run around being helpful either, a district visitor on a broomstick. It’s to escape all that ― to have a life of one’s own, not an existence doled out to by others. ―

Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes, 1926.

How dreadful it is that because of our wills we can never love anything without messing it around! We couldn’t even love a tree, a stone even; for sooner or later we should be pruning the tree or chipping a bit off the stone.

Sylvia Townsend Warner: Mr Fortune’s Maggot, 1927.

While I slept we crossed the line
between May and June:
The morning came, gently walking
down from the hill,
And by the time I stirred it was
full day
And she had brought summer with
her into my room.

Valentine Ackland, Juni 1959.

Sylvia Townsend Warner, Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlang Zürich 1996, CoverDas Buch war ein Fund in unserem Treppenhaus, in der lebhaften Tauschbörse, die auf dem Mauerabsatz über den Briefkästen ganzjährig still vor sich hin stattfindet: Sylvia Townsend Warner (6. Dezember 1893; † 1. Mai 1978): Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlag, Zürich 1996, deutsche Übersetzung: Helga Weigelt, das ist: Mr Fortune’s Maggot, Chatto & Windus Limited, London 1927. Im deutschen Nachwort von Jacques Roubaud fiel der Satz auf: „Sie wird zeit ihres Lebens eine Vorliebe für jene absonderlichen Lyriker englischer Tradition hegen, die nicht exportierbar, brummig, exzentrisch und erzenglisch sind, die aber nicht eigentlich zu den Besten gehören“ – siehe unten.

Das ist natürlich cool, so eine Vorliebe. Das sollten sie nicht im Nachwort vor der Öffentlichkeit ausschließen, sondern mindestens gefettet in den Klappentext schreiben, dann weiß ein jeder gleich, dass er die Warnersche lesen muss. Das Nachwort selber macht keinen Hehl daraus, dass Mister Fortunes letztes Paradies gar nicht so sehr das spontan begeisterndste von Warners Büchern ist – das wäre Lolly Willowes –, nennt es vielmehr so vorsichtig wie respektvoll das „vielleicht in sich geschlossenste“, dass es auch schon wieder cool ist.

Leider unterschlägt es 1996 noch verschämt, wovon ihre postmillennialen, der politisch korrekten Diversität verpflichteten Lebensbeschreibungen vordergründig handeln: wie stocklesbisch sie war. Der Einfluss ihrer Lebensliebe Valentine Ackland auf ihr belletristisches, biographisches, musikwissenschaftliches, journalistisches und politisches Werk ist zumindest menschlich überhaupt nicht zu überschätzen. Offensichtlich finde ich Leben und Werk der Townsend interessant und mitteilenswürdig genug, um das Nachwort aus ihrem einzigen auf Deutsch erhältlichen Roman — einschließlich der fies zu maskierenden Kapitälchen und einigen Verlinkungen — abzutippen, aber ich empfehle selbstständig weiterzulesen. Online und allem voran ihr Lolly Willowes.

Sylvia Townsend Warner, nach 1930

——— Jacques Roubaud:

Sylvia Townsend Warner

Porträtfragmente

Nachwort zu: Mr Fortune’s Maggot, Chatto & Windus Limited, London 1927,
deutsch: Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlag, Zürich 1996:

London, 1926:     Sylvia Townsend Warner veröffentlicht ihren ersten Roman, Lolly Willowes. Der Verlag, Chatto & Windus, ist berühmt. Der Roman wird es nur fast. Die Leser werden informiert, daß Miss Warner dreißig Jahre alt sei, bisher einige Gedichte veröffentlicht habe, wie viele andere Autorinnen auch, und dies nun ihr erstes fiktives Werk sei.

Sylvia Townsend WarnerPorträt der Künstlerin, einer intelligenten jungen Frau     David Garnett, der sie damals zum Schreiben ermutigte, hat sie als eine dunkelhaarige Sylvia (mit ständig gerunzelten Brauen) in Erinnerung, schlank (wenn nicht gar brandmager), immer in Hast und mit gewelltem Haar; eine Brille in einem vor Lachen, Ungeduld und Intelligenz sprühenden Gesicht. Wenn er redete, glühte sie vor Ungeduld, ihn zu unterbrechen und seine zögernden, banalen Sätze durch etwas Eigenes, viel Lebendigeres zu ersetzen. „Wenn ich mich mit ihr unterhielt“, schreibt er, „hielt ich manchmal einen Moment inne, um zu überlegen, ob ich auch das richtige Wort traf, und sie nutzte mein Zögern, um sich meines schwebenden, in meinem Mund noch unvollständigen Satzes zu bemächtigen und ihm eine weitaus interessantere Wendung zu geben; ich hatte zusehends das Gefühl, geradezu brillant zu werden.“

Kindheit und Jugend     Sylvia Townsend Warner wurde am 6. Dezember 1893 in der typisch englischen Ortschaft Harrow-on-the-Hill geboren. Ihr Vater war Master an der nahegelegenen, weitherum bekannten Schule von Harrow. Er unterrichtete Geschichte. nach einem kurzen Aufenthalt im Kindergarten, aus dem sie wegen Frühreife und Ungehorsam verwiesen wird, wird sie zu Hause unterrichtet: ihre Mutter unterrichtet sie zwei Stunden am Tag in allen Fächern, außer in Geschichte, die ihr Vater ihr erzählt. Geschwister hat sie keine; sie liest. Mit ihrem Vater verbindet sie eine idyllische Beziehung. Die Mutter ist eine ungeheuer tüchtige, geistreiche, aber auch autoritäre Frau, mit der nicht einfach auszukommen ist. „Solange sie nicht Aktionen befürwortete, die gesetzeswidrig waren oder zu einem öffentlichen Sklandal führten, war mein Vater immer einer Meinung mit ihr.“ Als Mr. Warner stirbt, zeiht Sylvia es vor, nach London zu gehen und dort lieber allein in Armut zu leben, als sich auf einen unvermeidlichen Konflikt einzulassen. „Meine Mutter hatte keinen Sohn, mit dem sie mich hätte vergleichen können, aber das Gefühl tiefster Enttäuschung, zu dem ich ihr Anlaß gab, war sicher verdient. Ich stand morgens um sieben auf, um mich ans Klavier zu setzen, lehnte jegliche Haushaltsarbeit strikte ab, kleidete mich ostentativ in Schwarz, als Vamp mit Hornbrille.“

Musik     Sylvia war in erster Linie Musikerin. Sie wäre gern nach Wien gegangen, um bei Schönberg zu studieren, aber der Erste Weltkrieg dirigierte sie statt dessen in eine Munitionsfabrik. Sie hat sich trotzdem der Musikwissenschaft gewidmet, trug zusammen mit drei anderen Spezialisten – darunter der berühmte Dr. Rambotham – an der Entstehung der monumentalen Ausgabe der Tudor Church Music bei, der Wiederentdeckung der berühmten enlischen Musik des 16. Jahrhunderts. Sie war also eine der ersten, die nach über drei Jahrhunderten die Handschriften von John Taverner, Thomas Tallis, William Byrd und Orlando Gibbons lasen. „Taverners Missa Salve Intemerata stürzte die vier Autoren der Tudor Church Music, zu denen ich gehörte, in sich ständig neu vor uns auftuende Abgründe der Ratlosigkeit. Wir saßen um einen Tisch mit Blick auf die Themse und sagten mal verzweifelt: Wenn aber doch … Dann wieder mit ekstatischer Begeisterung: Ja aber, schließlich … Derweil auf dem Fluß die Schleppdampfer heulten.“ Fast siebzigjährig, am 20. April 1961, schreibt sie: „Ich würde gern eine Sonate für Violine und Klavier komponieren; ein Auftragswerk zum Beispiel (merkwürdig, ich habe immer gern im Auftrag gearbeitet; der Begriff Auftrag hat etwas Geradliniges, Geordnetes an sich, das mich fasziniert – als ob man einen Anzug mit Weste trüge und eine hübsche Perücke dazu).“

Lyrik     Nach ihren musikalischen Anfängen sieht sie sich eher als Dichterin. Sie wird zeit ihres Lebens eine Vorliebe für jene absonderlichen Lyriker englischer Tradition hegen, die nicht exportierbar, brummig, exzentrisch und erzenglisch sind, die aber nicht eigentlich zu den Besten gehören, Hardy oder Crabbe zum Beispiel. „Erinnerst Du Dich“, schreibt sie in einem Brief von 1953, „an den Quacksalber bei Crabbe, der den Protagonisten wegen Syphilis behandelt und ihm zum Trost sagt: Just take the boluses from time to time / and hold but moderate intercourse with crime. [Nehmt von Zeit zu Zeit Eure Arznei und begnügt Euch maßvoll mit unerlaubtem Geschlechtsverkehr.]. Crabbe ist ein Dichter, den ich schlicht wunderbar finde. Kein anderer englischer Dichter hat ein solches Repertoire an Schwulen aufzuweisen. Vor langer Zeit, in meinen ersten Londoner Jahren, als ich jung, ausgehungert und sinnlich war, ging ich eines schönen Sommermorgens Brot kaufen; auf dem Rückweg habe ich zweimal haltgemacht, das erste Mal, um ein Pfund jener winzigen Tomaten zu kaufen, die man von den Stengeln zupft, damit ihre wohlgeratenen Schwestern besser gedeihen können, das zweite Mal wegen eines antiquarischen, viktorianisch gebundenen Buches von Crabbe. Noch heute spüre ich die erfüllende Intensität jenes Morgens. Ich las Crabbe und nochmals Crabbe, ich aß Tomaten und nochmals Tomaten mit Brot, und hatte alles vergessen, alles, was ich hätte tun müssen, und auch alles, was ich nicht hätte tun müssen und nichtsdestotrotz getan hätte. Alles war vergessen. Amnestiert. Ich las Crabbes Gedichte, als hätte ich sie selbst geschrieben.“

Lesen, als hätte man selbst geschrieben. Die Geschichte lesen, als hätte man sie selbst erlebt: Genau so würde sie als Romanschriftstellerin vorgehen. Jede Erzählung, jeder Roman wurde für sie zu einer Übung im Besitzergreifen.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sPorträt der Künstlerin als Romanschriftstellerin     Das Bild, das sich Sylvia Townsend Warners späte Bewunderer von ihr machen, ist ganz offensichtlich von irem ersten Roman Lolly Willowes beeinflußt. Peter Pears schreibt 1980 in seinem Vorwort zu Twelve Poems: „Ich erinnere mich, daß man mir gesagt hatte, Lolly Willowes sei in gewissem Sinne ein Selbstporträt, und die Autorin wirklich und wahrhaftig eine Hexe. Als ich dann Sylvia in den letzten Jahren ihres langen Lebens kennenlernte, war ich davon überzeugt. Sie ging gebückt, hatte eine krächzende Stimme und ein Nußknackergesicht; es fehlte nur mehr der Besen, um davonfliegen zu können. Ich habe allerdings in der National Portrait Gallery eine Fotografie aus den zwanziger Jahren von ihr gesehen, eine Profilaufnahme: ruhig und selbstsicher, kurzes Haar, elegant, spitz wie eine Nadel, schön und apart.“

Politik     Sylvia Townsend Warner arbeitete in ihrer Eigenschaft als Mitglied der Kommunistische Partei Großbritanniens als Berichterstatterin in Spanien, und zwar auf der republikanischen Seite Spaniens: in Barcelona, Valencia und Madrid. Ihre politische Einstellung ist in ihrem literarischen Werk kaum offen erkennbar. Sie scheint auch in politischer Hinsicht nicht eben konformistisch gewesen zu sein (wie ein Kommentar aus Barcelona aus dem Jahre 1938 beweist, in dem sie offen ihre Sympathie für die Anarchisten zum Ausdruck bringt. Nach dem Zweiten Weltkrieg spricht aus ihren Briefen die gleiche Ironie und Skepsis, die sich im übrigen immer gegen die ein und dieselben richtet.

„21.10.52 [kurz vor der Präsidentschaftswahl 1952 geschrieben, in der Eisenhower über den Demokraten Stevenson siegen sollte]: Ich kann Eisenhower nicht ausstehen. Der Kerl heult ständig, und ich finde das reichlich übertrieben, selbst für einen General. Zu wessen Gunsten die Wahl auch immer ausfällt, ich nehme an, daß er sich an Stevensons Brust ausweinen wird. […] Es ist mir durchaus bewußt, daß ich mich mit solchen Bemerkungen von einem chauvinistischen Vorurteil hinreißen lasse. Von den Männern im öffentlichen Leben unseres Landes erwartet man, daß sie niemals weinen, außer vielleicht beim Cricket.“

1976 hat sie für Mrs. Thatcher herzlich wenig übrig:

„Könntest Du mir vielleicht irgendeine hübsche, skandalträchtige Falschmeldung zuschieben, die man über Mrs. Thatcher in Umlauf bringen könnte? Nicht von der Sorte: Sie unterhält widernatürliche Beziehungen zu Barbara Castle [damals noch Mitglied der Labour Party], sondern eher so etwas wie: Sie ißt Spargel mit dem Messer. Oder auch: Sie setzt ihren Gästen Kartoffelflockenpüree vor.

Ihre politische Haltung stellt tatsächlich einen besonderen Aspekt ihrer allgemeinen Respektlosigkeit dar:

„1.7.60: Ich bin fasziniert von Eckermanns Gesprächen mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Hast Du jemals dieses kuriose Werk gelesen? Es kommen darin mehr Platitüden pro Seite vor, als man sich überhaupt vorstellen kann. Eckermann ist so voller Bewunderung. So ein Arschkriecher, schlimmer noch als Boswell Dr. Johnson gegenüber. Und Goethe ist so zuckersüß. Das kann einen in der weiblichen Vorstellung doch nur bestärken, daß die Männer, wenn sie unter sich sind, wie ausgestopfte Eulen reden.

Hunde und Enten; Katzen; Katzen (bis); Fuchs, Rosen und Vettern     Brief vom 29.8.1921 (Rückkehr ins Elternhaus): „Worte sind nicht imstande, die pelzige Wonne dieser Chow-Chows zu beschreiben, ebensowenig die verzückte Beharrlichkeit ihrer Begrüßung. Wie Algen winden sie sich um meine Beine, küssen mir mit ihrer kalten, bleiblauen Zungenspitze die Hände. Und erst die Wonne eines ungefähren Dutzends kohlschwarzer Enten mit ihren glatten, reckenden Hälsen, die wie eine Konferenz nonkonformistischer Clergymen in grauen Holzpantinen durch den Garten watscheln. Ich habe jeder einen Namen gegeben: Swedenborg, Mr. Toplady, Joanna Southscott, Wesley und Whitfield, Reverend Chalmers, Frances Tidley Havorgood, Mrs. Guyon und Miss Royden. Doch das ist vergebliche Liebesmüh, da man sie unmöglich voneinander unterscheiden kann.“

Katzen, 1965: „Ich wünschte, Du könntest die zwei Katzen sehen, wie sie Seite an Seite auf der viktorianischen Chaiselongue vor sich hin dösen. Pfoten, Ohren und Schwanz genau aufeinander abgestimmt. Mitunter öffnen sie die blauen Augen, von einem einzigen, gemeinsamen Gedanken bewegt, mit Blinzeln zu verstehen zu geben: Hast du etwa vergessen, daß bald Zeit für den Lunch ist? Sie könnten wahrhaftig von Bach für zwei Flöten komponiert worden sein.“

Katzen, bis: „Ich hatte Grippe, und sie brachten mich schier um den Verstand, weil sie mich mit ihren großen Augen anstarrten und mir bedeuteten: O Sylvia, du bist ja so krank, du wirst bestimmt bald sterben. Und wer soll uns dann füttern? Feed us now. Gib uns vorher zu fressen.<"

Der Fuchs, 4.9.58: „Vorgestern ist mir ein Wunsch in Erfüllung gegangen, der so alt ist wie ich selbst. ich habe einen Fuchswelpen in den Armen gehalten, ein Waisenkind (mit anderen Worten, seine Mutter, die Füchsin, war getötet worden). Ich habe ihn auf den Arm genommen und seinen herben Geraniengeruch eingeatmet, und plötzlich hat er seine spitze Schnauze unter mein Kinn geschmiegt, hat sich in meiner Achselhöhle vergraben und ist im Handumdrehen verzückt eingeschlafen. Seine Pfoten sind unglaublich weich, weich wie Himbeeren. Alles an ihm ist anmutig, ein richtiger Adonis. Er hat ein durch und durch elegantes Profil und ein Gesicht voller reinster Unschuld.“ (Siehe Peter Pears nachstehende Beschreibung.)

Rosen und Erdbeeren, 18.6.61: „Und nun sitze ich hier, mit Erdbeeren und Tugenhaftigkeit bis zum Hals vollgestopft, nachdem ich zig Liter Frischblut in Form von Gießkannen an die Rosen verteilt habe, meine liebevollen Gesprächspartnerinnen.“

Und die Vettern: „Ich habe zwei entfernte, hochbetagte Vettern: Bruder und Schwester, die zusammen wohnen. Sie ist um die Achtzig, er ein ganz klein wenig jünger. Neulich saßen sie beide in ihrem Salon. Er las, sie strickte. Plötzlich stand sie auf, um im anderen Teil des Raumes etwas zu suchen. Sie glitt aus und fiel flach hin, ohne sich jedoch weh zu tun. Sie sagte: Charlie, ich bin hingefallen. Charlie legte sein Buch weg, wandte sich zu ihr um, sah sie an – und schlief ein.“

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sLiterarischer Ruhm     2.5.67: „Habe ich Dir schon erzählt, daß man mir angetragen hat, Mitglied der Royal Society of Literature zu werden? Die gehen zweifellos alphabetisch vor (weshalb sie so lange gebraucht haben, um bis zu mir vorzudringen). Das ist die erste öffentliche Anerkennung, die mir zuteil wird, seit man mich wegen meines ätzenden Einflusses aus dem Kindergarten gewiesen hat.“

Traum einer Zauberin     Januar 1965: „Ich habe geträumt, daß König Arthur und Merlin ihrem Grab entstiegen waren und nun in einer kleinen, sehr männlichen Junggesellenwohnung lebten, mit einem flackernden Feuer und dieser Art von Möbeln, die in den Colleges von Generation zu Generation weitergereicht werden: räudige Sessel, altersschwache Bücherschränke, ein schwarzer Samthandschuh, um die Kohle aufs Feuer zu legen. Arthur schrieb an seiner Geschichte Englands. Und Merlin wärmte sich die Zehen. […] Ich schaute ihnen unsichtbar (wie immer in meinen Träumen) zu und bemerkte, daß Arthur innehielt und sich mit dem Gesichtsausdruck eines, der nicht mehr weiß, wo er ist, am Kopf kratzte. Und Merlin lieferte ihm auf der Stelle die Antwort. Dann wärmte er sich wieder die Zehen. Und König Arthur schrieb weiter an der Geschichte Englands.“

Sylvia Townsend Warner starb 1978 im Alter von fast fünfundachtzig Jahren.

Die Schriften: zahlreiche     Da sind zum einen die – unveröffentlichten – Tagebücher, die Briefe an Valentine Ackland, ebenfalls uveröffentlicht (Privatleben bleibt Privatleben). Dann eine erste Sammlung ihrer Briefe, von William Maxwell in einem Band zusammengestellt, im Freund und Verleger beim New Yorker, dem bevorzugten Blatt vieler angelsächsischer Autoren. Sie war eine leidenschaftliche Briefeschreiberin (wie Henry James, nur in einem ganz anderen Stil), und so stellen ihre Briefe die zweite Etappe ihrer fiktionalen Verarbeitung der Welt dar, der sie sich unaufhörlich widmete.

Um das vorliegende Porträt zusammenzustellen, habe ich aus dem erwähnten Briefband geschöpft.

Ferner sind die Kurzgeschichten zu erwähnen: acht Bände Kurzgeschichten. Einhundertvierundvierzig davon im New Yorker erschienen, was einen Rekord darstellt (und nach dem Zweiten Weltkrieg eine Einnahmequelle). Eine Biographie, und zwar die des Romanschriftstellers T. H. White, Verfasser eines unglaublich erfolgreichen und nicht sehr guten Arthur-Romans: The Once and Future King (eine Auftragsarbeit!). Eine Übersetzung: Contre Sainte-Beuve von Proust.

Und sieben Romane!

Sie schrieb bis zu ihrem Tod. In ihren letzten Lebensjahren begann sie plötzliche eine Reihe von Erzählungen, an die zwanzig, zu schreiben, die sich allesamt um Ereignisse im imaginären Reich der Elfen drehen, jener unsichtbaren, sterblichen, grotesken und ziemlich garstigen Wesen. William Maxwell ist der Ansicht, diese Erzählungen ihrer späten Jahre seien „von großer, geheimnsivoller Schönheit; sie wirken so authentisch, daß sie – wie William Blakes Bericht vom Begräbnis einer Elfe – den Eindruck vermitteln, die Autorin habe Zugang zu Inforamtionen aus erster Hand gehabt.“

T. F. Powys     In seinem Vorwort zu A Moral Ending, einem Band mit drei Kurzgeschichten aus ihren frühen Jahren, schreibt er 1931: „Ihre Prosa setzt sich aus Gegenständen zusammen, aus auserwählten Gegenständen, wie eine Patchworkdecke aus dem Jahre 1746: einem Paar hoher Kerzenleuchter, einem Holzfeuer, einer Flasche altem Wein, einem Garnknäuel mit einer Nadel, und das Ganze mit einem roten Pantoffel geschmückt.“

Oder einem Glaspantoffel.

Die intensive visionäre Kraft der Erzählerin, ihre meisterhafte Beherrschung des Abstrusen, des Vertrauten und desv Verschiedenartigen sind genau das, was dieser Zusammenstellung verloren anmutender Gegenstände Leben verleiht, diesem Augenblick des Da-Seins oder des Abwesend-Seins, die sich nur in der Fiktion finden.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sEine Kurzgeschichte aus dem Jahre 1938:     Die eingehendere Betrachtung einer wahrscheinlich im Jahre 1938 geschriebenen Kurzgeschichte mit dem Titel Persuasions eignet sich ganz besonders für eine erste Annäherung an Sylvia Townsend Warners fiktionales Vorgehen.

„Es war der 1. Mai. In Europa und in Amerika, in Asien, Australien und Afrika marschierten Menschenmassen hinter roten Fahnen auf. Ein Jahr zuvor war auch Herr Alban hinter einer roten Fahne aufmarschiert.“ Herr Alban ist der Held der Geschichte. Wenn er an diesem 1. Mai nicht defiliert, so deshalb, weil die Parade von „Stalinanhängern“ angeführt wird. Und Herr Alban ist nun mal Trotzkist. Und was tut er?

Eine Schachtel mit vier Krapfen und ein Buch von Jane Austen unter dem Arm, das er sich in der Staddtbücherei ausgeliehen hatte, ging er die Esmond Road, N.W.3, hinunter. […] Eigentlich mißbilligte Herr Alban seine Wahl. Er und Jane Austen hatten nichts miteinander gemeinsam. Er wünschte, er hätte nie ein Wort von dieser Frau gehört. Er verachtete ihre Gestalten, er verachtete ihren Stil. Und erverchtete sich selbst. Aber unvorsichtigerweise hatte er eines Tages dieser Sirene Gehör geschenkt, und nun kam er nicht mehr ohne sie aus. Monatelang konnte er enthaltsam bleiben, und jedesmal packte ihn das Verlangen erneut. Er mochte sich noch so sehr einreden, daß er Jane Austen bloß las, weil sie die bürgerliche Denkweise meisterhaft darstellte. In Wirklichkeit las er Jane Austen, weil er sie liebte.“

Die Erzählung ist ein Meisterwerk vielschichtiger Ironie (Selbstironie mit eingeschlossen, wenn man Miss Warners damalige Standpunkte berücksichtigt, denn Herr Alban ist tatsächlich sehr wohl der „Held“ der Geschichte). In einem köstlichen, sowohl literarischen als auch politischen Streitgespräch über Jane Austen stehen sich der Trotzkist, ein von der Parade heimkehrender kommunistischer Demonstrant, ein Polizist und die Bibliothekarin – bei der Herr Alban das Buch ausgeliehen hat – gegenüber. Was für eine Position die Autorin selbst bezieht, bleibt offen. Doch die Bezugnahme auf auf Jane Austen (einer ihrer Romane stand Pate für den Titel der Kurzgeschichte) ist ein verhülltes literarisches Manifest. Jane Austen ist es, die, unsichtbar und indirekt wie im Traum von Arthur und Merlin (wobei die Sirene an die Stelle des Zauberers tritt), Miss Warners Person verkörpert.

Die vier Romane     Von den Aufzeichnungen zu den Briefen, von den Briefen zu den Kurzgeschichten, von den Kurzgeschichten zu den Romanen gewinnt der Prozeß der magischen Transfiguration immer mehr an Breite und Vielschichtigkeit. Alle Ingredienzien Warnerscher Wesensart finden sich hier zusammen: Exzentrik, Ironie, Respektlosigkeit, Humor in den verschiedensten Spielarten; die Distanz zum Leser, die Ungreifbarkeit, die Art auszuweichen (elusive lautet das englische Adjektiv hiefür); das Antlitz des Unsichtbaren in Form des Sichtbaren: Hexen, Dämonen, Magier, Elfen, Sirenen; das Absurde, Geheimnisvolle, Unheimliche (das englische uncanny); jedes Fragment der natürlichen Welt mit Entsprechungen belegt(die Himbeerpfote des jungen Fuchses) und gesehen, als ob es tatsächlich sei.

Von den sieben Romanen ragen vier (mit The True Heart vielleicht fünf) hervor.

Nach Lolly Willowes ist es Mr. Fortune’s Maggot (1927), dann Summer Will Show (1936) und The Corner That Held Them (1948).

Die beiden letzteren sind „historische Romane“. In Summer Will Show steht die Revolution von 1848 im Mittelpunkt der Handlung. Der Roman, der zum Zeitpunkt von Hitlers Machtergreifung und dem Beginn der Judenverfolgung fertig geschrieben worden ist, enthält eine Pogromszene aus Rußland, die man nicht so leicht vergißt.

In The Corner That Held Them wird man mitten in ein englisches Nonnenkloster des 14. Jahrhunderts versetzt und bleibt dreißig Jahre lang dort.

Von Mr. Fortune’s Maggot und Summer Will Show gibt es je ein Entstehungsprotokoll, die auffallende Ähnlichkeiten ausweisen: In beiden Fällen ist eine Kulisse vorhanden, die aus mehr oder weniger großer Entfernung im Traum betrachtet wird und die eine andere Kulisse in sich birgt.

Mr. Fortune     a) Paddington Public Library 1918: Die als Buch veröffentlichten Briefe einer Missionarin in Polynesien. Sie beschreibt ein Erdbeben. „Sie schrieb, die Erde habe gebebt wie der Deckel eines brodelnden Teekessels.“

b) Einige Zeit später träumte sie in den frühen Morgenstunden: „Ein Mann stand am Ufer eines Ozeans und rang verzweifelt die Hände; ich wußte, daß es ein Missionar war. Er befand sich auf einer Insel, wo ihm nur eine einzige Bekehrung gelungen war, und in dem Augenblick, als ich ihn im Traum sah, war er sich soeben darüber klargeworden, daß auch diese Bekehrung in Wirklichkeit keine war.“

Summer Will Show     a) 1290, eine junge Dame zur Zeit der ersten Regierungsjahre von Königin Victoria. Sie hat eine heimliche Leidenschaft: den Boxsport. Sie heißt Sophia Wiloughby.

b) Ein Jahr später, die Traumvision einer Protagonistin namens Minna, die in einem Pariser Salon das Judenpogrom schildert; Lamartine hört gegen die Tür gelehnt zu.

c) 1932, Rue Mouffetard, aus einem Lebensmittelladen tretend: Es wird ein Roman über die Revolution von 1848.

Brief an David Garnett vom 11.11.25     „Alle sagen mir, mein Roman (Lolly Willowes) sei charmant, sei ausgezeichnet, und meine Mutter behauptet, er sei fast so gut wie ein Roman von Galsworthy. Ich verzweifle je länger, je mehr.“

Kindheitserinnerung     Die Neunjährige bei der Lektüre eines Buches, eines Kapitels über Hexerei. Sie setzt sich auf eine Treppenstufe und wiederholt der Katze die Beschwörungsformeln, die den Teufel herbeirufen sollen.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960s

Man könnte     Man könnte (und es wurde getan) Lolly Willowes im Licht von Sylvia Townsend Warners Leben lesen – oder auch umgekehrt. Alles Wesentliche kommt darin vor: in den Briefen, Erinnerungen, Blicken, Begebenheiten. Einige habe ich hier zusammengetragen. Es wird nicht mehr lange dauern, und es wird sich bestimmt eine „Biographie“ dieser Aufgabe nach angelsächsischer Manier eingehender annehmen. Vor allem dann, wenn Miss Sylvia Townsend Warner, was durchaus der Fall sein könnte, als eine der großen englischen Autorinnen dieses Jahrhunderts anerkannt werden sollte.

Dieser Roman, der sagt – und deutlich zum Ausdruck bringt –, was er meint, scheint mir bei näherer Betrachtung auf zwei Bildern aufgebaut zu sein, die ich in umgekehrter Reihenfolge anführen möchte:

a) die ungewöhnliche Schlußvision: der Teufel, das Unsichtbare und die Traumvision vom Bett aus Blättern;

b) das Buchenblatt im kleinen Laden, wo Laura (Lolly) plötzlich wußte, was sie wissen wollte, und nun weiß, was sie tun wird. „Laura“, ein Name, der seinen Ursprung in der Wald- und Pflanzenwelt hat wie „Sylvia“ (Lorbeer und Weide, „willow“);

Ein Vorgehen übrigens, das die Autorin im Fall von Mr. Fortune und Summer Will Show beschrieben hat.

Mr. Fortune’s Maggot, der zweite von Sylvia Townsend Warners drei großen frühen Romanen, vor The True Heart und nach Lolly Willowes erschienen, ist der vielleicht in sich geschlossenste.

Philosphisches Märchen, theologisches Paradoxon und Abenteuerroman unter den Wilden der Südsee, tritt Mr. Fortune’s Maggot gleichzeitig in die Fußstapfen von Diderots Nachtrag zu Bougainvilles Reise und Melvilles Omoo. Die reine anglikanische Seele des Helden Timothy Forune, dessen Name allein schon die Essenz viktorianischer Missionsberufung in sich vereint (spätviktorianische allerdings, da die Geschichte sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg abspielt), diese Seele begegnet also – genau wie Laura Willowes – dem Teufel. Doch es ist nicht der souveräne, gefühllose Teufel der englischen Wälder, sondern ein vespielter, ironischer Teufel, unsichtbar und unberechenbar, der sich auf der winzigen Insel, wo Mr. Fortune ihm erfolglos entgegenzutreten versucht, unter dem sogenannten „Naturzustand“ der Anthropologen verbirgt.

Unendlich amüsant und herrlich pathetisch, gilt Mr. Fortune’s Maggot als eines der Meisterwerke englischer Prosa unseres Jahrhunderts.

Sylvia Townsend Warner, Unterschrift

Bilder: Buchcover 1996; Sylvia Nora Townsend Warner in Fembio; Howard Coster, 1934;
Valentine Ackland in Frome Vauchurch, Dorset, nach 1960.

Tudor Church Music: John Taverner: Mater Christi sanctissima von Sansara, 2018:

Written by Wolf

1. Mai 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

You were beaming once before, but it’s not like that anymore

with 4 comments

Update zu Postcards from Germany,
Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx,
Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten und
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire:

In a World Full of Kardashians, Be a Gallagher.

Etsy: T-Shirt-Text, ca. 2019 u. ö.

Stupidedia war schon immer eine Art Kamelopedia mit Abitur, übertroffen nur noch von der Uncyclopedia. Überraschend wirkt der Stupidedia-Artikel über Heinrich Heine, der einige diskutierwürdige, aber wenigstens diskussionswerte Parallelen aufgetan hat. Wir übernehmen die — sachlich korrekte — Übersicht von dort:

Heine Börne
Religion Judentum Judentum
Getauft protestantisch protestantisch
Abitur nein nein
Diplom promoviert promoviert
Loge Freimaurer Freimaurer
Exil Paris Paris
Beruf Schriftsteller und Journalist Schriftsteller und Journalist
Waffe scharfe Worte scharfe Worte
Auftraggeber von Cotta von Cotta
Grab Paris Paris
Heine Tucholsky
Religion Judentum Judentum
Getauft protestantisch protestantisch
Diplom Dr. jur. Dr. jur.
Loge Freimaurer Freimaurer
Exil Frankreich Frankreich
Beruf Schriftsteller und Journalist Schriftsteller und Journalist
Waffe Witz Witz
Beigesetzt in nicht in Deutschland nicht in Deutschland

Und dann das:

Heinrich Heine via Wikipedia Jeremy Allen White via Wikipedia

Bilder: Heinrich Heine — das ist der deutsche Klassiker, der nicht mal mehr richtig zur Deutschen Romantik zählt, der zum Nachteil seines Gesamtwerks seiner Frau nie vermitteln konnte, wovon er sie eigentlich ernährt, und in Paris an „Bleivergiftung“, was bedeutet: behandelter Syphilis, zugrunde ging — und Jeremy Allen White — das ist der Allesstudent aus Shameless, der zum Nachteil der Handlung ein paar ganze Staffeln durchvögeln durfte, kein Freimaurer und hoffentlich noch lange nirgends beigesetzt — via Wikimedia Commons.

Soundtrack: The High Strung: The Luck You Got, aus: Moxie Bravo, 2005
und ab 2010 hauptsächlich der Vorspann zu Shameless:

Written by Wolf

10. April 2020 at 00:01

Ein alter Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht

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Update zu Nicht immer klagen die Nachtigallen:

III

di amseln is des worschd
wos grood fürä brogramm läffd:
sie hockn aff di fernsehandennä
und singä weils
hald einfach singä mäin

Fitzgerald Kusz: lob der amseln,
aus: seid mei uhr nachm mond gäihd. der gesammelten gedichte dritter teil,
1. Abschnitt: di amseln hamm zeid,
verlag klaus g. renner, München 1984.

Es gibt noch Helden. Deren größter, jedenfalls einziger Dank ist es, wenn ihr Vorhaben funktioniert. Hank Nagler — der das Bildmaterial stiftet — hat 2019 ein Amselnest vor seinem Schlafzimmerfenster gerettet. Hoch und lange soll er leben, solche Leute werden gebraucht.

Weil Hank hoffentlich weder der Einzige noch der Letzte ist, in dessen privaten Liegenschaften sich heimische Singvögel ihre Nester anlegen: Das Gelege der Amsel oder Schwarzdrossel (Turdus merula) besteht normalerweise aus vier bis fünf Eiern; die Brut dauert durchschnittlich etwa zwei Wochen. Das Weibchen übernachtet normalerweise bereits nach Ablage des zweiten Eies im Nest, brütet aber erst ab dem dritten Ei und verlässt das Nest dann nur noch zur Nahrungsaufnahme. Deshalb gedeiht die Brut with a little help from my friends zuverlässiger und besser: Man kann, nach einschätzender Beobachtung sollte man zufüttern — mit Mehlwürmern (lebend oder besser zu handhaben: getrocknet erhältlich im Fachhandel für Tiernahrung, und besser als gar nicht in Gottes Namen auch mal auf Amazon), allen Arten von Beeren (das, was um diese Jahreszeit frisch aufzutreiben ist, oder was man sich ins eigene Müsli schütten würde) sowie hartgekochten und kleingehackten Eiern (und die moralische Diskussion über Kannibalismus bei Vögeln führen wir ein andermal).

Die Brut an Hanks Fenster hat von 22. März bis 14. April 2019 gedauert. Das sind 24 Tage — nach der Angabe bei WIkipedia „zwischen 10 und 19 Tagen, im Mittel bei 13 Tagen„, die sich ihrerseits nach Burkhard Stephan: Die Amsel, 2. Auflage, Neue Brehm Bücherei, Hohenwarsleben 1999 richtet, ungewöhnlich lange. Aufs Jahr, den ökologischen Nutzwert und den persönlichen Gewinn umgerechnet, würde ich deshalb unterstützende Pflege nicht allein mir selber zumuten, sondern auch jedem anderen empfehlen, dem dergleichen widerfährt. Das gute Werk belohnt sich selbst: Am 28. März, ungefähr auf einem Drittel der Strecke, haben die Amselküken einen sichtbaren Fortschritt vollführt und zum ersten Mal aus der Hand gefressen. Ungefähr in diesem Stadium kann man die Mehlwürmer (daher vorzugsweise in getrockneter Form) den Zöglingen in die Schnäbel fallen lassen. Wann das im zeitlichen, regionalen und individuellen Sonderfall geschieht, kommt auf den Versuch an; es wurden sogar schon brütende und — wenngleich „äußerst ungewöhnlich“ — das Weibchen fütternde Amselhähne (nicht etwa „Amselbullen“, wie von Kurt Tucholsky scherzeshalber kolportiert) beobachtet.

Drostes Fragment einer Kriminalgeschichte namens Joseph hat mich spätestens mit seinem Untertitel erwischt: „Nach den Erinnerungen einer alten Frau mitgeteilt von einem alten Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht“ — darauf muss einer erst mal kommen. Die übermütig experimentierfreudige Laune wird eingehalten: Es erinnert viel mehr an Charles Dickens als an durchschnarchte Schulstunden mit der Judenbuche — nicht nur, weil es gleich dem ein Vierteljahrhundert späteren Fragment einer Kriminalgeschichte The Mystery of Edwin Drood von Dickens nicht fertig geworden ist — sondern weil Droste, statt Bewusstseinszustände zu behaupten, sie nach moderner Erzählauffassung anhand der Handlungen ihrer Figuren zeigt, und laut der Deutung von Josefine Nettesheim 1951 einen „feinen Humor, der nur aus der Tragik geboren wird“, pflegt — die Rahmenhandlung zur Verfremdung aus Sicht eines männlichen Ich-Erzählers. Es ist das letzte Fragment, das Droste in ihrem Leben angelegt hat; über jeden Plan zum weiteren Handlungsverlauf lässt sich nur müßig spekulieren.

So ein besagter Moortopf, im Verbreitungsgebiet vom „Limburgischen und wohl auch tiefer nach Holland hinein“ (Wilhelm Kreiten in der Droste-Werkausgabe 1884 bis 1887) verkürzend „Moor“ genannt, also vermutlich in häufigem Gebrauch, ist

jene Art fast kugelförmiger, mit einer engen Abflußröhre und einem kleinen Deckel versehenen gußeisernen Wasserkessel […], welche dortzulande fast den ganzen Tag über dem Herdfeuer hangen, daher schwarz wie ein Mohrenkopf sind und stets Wasser zu einer Tasse Thee oder Kaffee bieten. Die humoristische Anspielung auf den Schreiber ergibt sich hiernach von selbst.

Wonach ich Hank durch meine nicht ganz unbegründete Text- und Bildverquickung in die Nähe der deutschen Ausfertigung eines missmutigen Samowars gerückt hätte. Das wird zu diskutieren sein.

Passend erschien Joseph, weil darin keine Amseln vorkommen. Eine Figur namens Joseph nämlich auch nicht. Das mindeste, was ich tun konnte, war die Version des Erstdrucks in Kreitens Werkausgabe nach der Gesamtausgabe im Insel-Verlag zu möblieren. Es gibt noch Helden, und dann gibt es noch solche wie mich.

Amselnest 2019

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Joseph

Eine Criminalgeschichte.

(Rüschhaus 1844–1845)

Nach den Erinnerungen einer alten Frau
mitgetheilt von einem alten Moortopf,
der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht.

1845:

Die Zeit schreitet fort. Das ist gut, wenigstens in den meisten Beziehungen. Aber wir müssen mitrennen, ohne Rücksicht auf Alter, Kränklichkeit und angeborene Apathie. Das ist mitunter sehr unbequem.

In meiner Kindheit, wo das Sprichwort: „Bleib im Lande und nähre Dich redlich“ seine strenge Anwendung fand; wo die Familien aller Stände ihre Sprossen wie Banianenbäume nur in den nächsten Grund steckten und die Verwandtschaften so verwickelt wurden, daß man auf sechs Meilen Weges jeden Standesgenossen frischweg: „Herr Vetter“ nannte und sicher unter hundert mal kaum einmal fehlte; in jener Zeit kannte ein ordinairer Mensch mit zehn Jahren jeden Ort, den seine leiblichen Augen zu sehn bestimmt waren und er konnte achtzig Jahre nach einander sich ganz bequem seinen Pfad austreten.

Amselnest 2019Jetzt ist es anders. Die kleinen Staaten haben aufgehört; die großen werfen ihre Mitglieder umher wie Federbälle, und das ruhigste Subjekt muß sich entweder von allen Banden menschlicher Liebe lossagen oder sein Leben auf Reisen zubringen, je nach den Verhältnissen umherfahrend wie ein Luftballon, oder noch schlimmer immer denselben Weg angähnend wie ein Schirrmeister; kurz, nur die Todtkranken und die Bewohner der Narrenspitäler dürfen zu Hause bleiben, und Sterben und Reisen sind zwei unabwendbare Lebensbedingungen geworden. Ich habe mich nicht eben allzuweit umgesehen, doch immer weiter, als mir lieb ist. Es gibt keine Nationen mehr, sondern nur Kosmopoliten und sowohl Marqueurs als Bauernmädchen in fremdländischen Kleidern. Französische und englische Trachten kann ich auch zu Hause sehen, ohne daß es mir einen Heller kostet. Es macht mir wenig Spaß einer Schweizerin mit großen Hornkämmen in den Haaren fünf Batzen zu geben, damit sie sich in ihre eigene Nationaltracht maskirt oder mir für die nächste Bergtour Tags vorher einen Eremiten in die Klause zu bestellen. Wäre nicht die ewig große, unwandelbare Natur in Fels, Wald und Gebirg (den Strömen hat man auch bunte Jacken angezogen), ich würde zehnmal lieber immer bei den ewigen alten guten Gesichtern bleiben, die mit mir gelebt, gelitten und meine Todten begraben haben.

Nur zwei Gegenden, – ich sage nur, was ich gesehen habe; wo ich nicht war, mögen meinetwegen die Leute Fischschwänze haben, ich bin es ganz zufrieden – mir selbst sind nur zwei Landstriche bekannt geworden, wo ich den Odem einer frischen Volksthümlichkeit eingesogen hatte, ich meine den Schwarzwald und die Niederlande. Dem Erstern kommt wohl die Nähe der Schweiz zu statten. Wer vor dem Gebirge steht, will nichts, als hinüber ins Land der Freiheit und des Alpglühens, der Gems- und Steinböcke, und wer von drüben kommt, nun, der will nichts, als nach Hause oder wenigstens recht weit weg. So rollt das Verderben wie eine Quecksilberkugel spurlos über den schönen, reinen Grund des stolzen Waldes, um erst jenseits zu oxydiren. (Wenn nämlich Quecksilber Oxyd niederschlägt, was ich nicht bestimmt behaupten mag, da ich es nur bis zu Salomon’s Weisheit, d. h. zum Bewußtsein schmählicher Unwissenheit in vielen Dingen zwischen Himmel und Erde gebracht habe.)

Amselnest 2019Die Niederlande hingegen, dieser von Land- und Wasserstraßen durchzogene und von fremden Elementen überschwemmte Landstrich, bewahrt dennoch in der Natur seines Volksschlages einen Hort Alles abwehrender Eigenthümlichkeit, der besser schützt als Gebirge, die erstiegen und Thalschluchten, die durchstöbert werden können, und den man, nachdem er die neuern Ereignisse überstanden, wohl für unzerstörbar halten darf. Ich war sehr gern in Belgien und hatte alle Ursache dazu, freundliche Aufnahme, noch freundlichere Bewirthung, gänzliche Zwanglosigkeit hinsichtlich meiner Zeitanwendung; es versleht sich, daß ich auf dem Lande und in einer Privatwohnung war. – In Städten und Gasthöfen ist mir immer elend; frische stärkende Spaziergänge durch die Wiesen am Ufer der Maas und vor jedem Hause, jeder Mühle Scenen Wynants und Wouvermanus, Bilder so treu, als wären sie eben von der Leinwand einer niederländischen Meisterschule gestiegen. Das ist es eben, was ich mag. Ob mein alter Tuinbaas vom Kasteel noch wohl lebt? Jetzt müssen seine Tulpen im Flore stehen; aber zehn Jahre sind ein bedenkliches Stück Menschenleben, wenn man sie mit weißen Haaren anfängt – ich fürchte sehr, er hat längst seine Gartenschürze ab- und seine letzte Zipfelmütze angelegt; oder meine gute Nachbarin auf ihrem kleinen Landsitze, dem sie genau das Aussehn eines saubern Wandschränkchens mit Pagodenaufsatz gegeben hatte? Sie war vielleicht nur um sieben bis acht Jahre älter als ich, trug Sommers und Winters Pelzschuhe, und ich konnte barfuß durch den Schnee traben, d. h. ich konnte es vor zehn Jahren, ehe ich mich in einer schwachen Stunde vom faselhänsigen Volk verführen und bereden ließ, auf den Schnepfenstrich zu gehn und ich die Gicht bekam, und wenn ich vollends bedenke, daß ich mich vor einigen Jahren noch verheirathen wollte und zwar an ein blutjunges Mädchen! Doch das sind Thorheiten, corrupte Ideen.

Mevrouw van Ginkels Andenken ist mir werth; sie hatte viel und früh gelitten, und auch von ihrer spätern glücklichern Lage an der Hand eines geachteten und wohlhabenden Gatten, von Brüdern und Schwestern, war ihr nur in einem anständigen Auskommen die Möglichkeit geblieben, ungestört des Vergangenen zu gedenken und jedem Lieblinge unter ihren zahllosen Aurikeln den Namen eines geliebten theuren Verstorbenen geben zu können. Sie war gewiß schön gewesen, so fromme, traurige Augen müssen ja jedes Gesicht schön machen, und gewiß sehr anmuthig, hätte sie auch nichts gehabt, als den bezaubernden Wohlklang ihrer Stimme, die das Alter wahrscheinlich um einige Töne tiefer gestimmt, aber ihr nichts von der jungfräulichen Zartheit genommen hatte, und die jeden Gedanken ihrer Seele zugleich umschleierte und enthüllte und einem Blinden das beweglichste Mienenspiel ersetzen konnte. Welch ein Unterschied, wenn sie bei einer dunklen Aurikel verweilte und in jugendlichem Entzücken sagte: „Das ist meine gute Frau Gaudart,“ und bei einer der blondesten mit großen lichtblauen Augensternen: „Julchen,“ und schnell weiter ging, als fürchte sie, ein fremdes kaltes Auge möge in das Todte ihres Lebens niedersinken.

Amselnest 2019In meinem Leben bin ich nicht so in Gefahr gewesen, ein sentimentaler Narr zu werden, als bei dieser alten, pünktlichen Mevrouw, die nie klagte, nicht einmal über Migraine oder schlechtes Wetter, deren ganze Unterhaltung sich um Blumenflor, Milchwirthschaft und sonstige kleine Vorfälle ihrer Häuslichkeit bewegte, so z. B. um einige Nachbarskinder, die sie mit Butterbrod und Milch an sichgewöhnt hatte.

Ich glaube wahrhaftig, ich war nahe daran, mich in die alte Person zu verlieben oder wenigstens in eine unbegreiflichc Ueberfülle von Verehrung zu gerathen, weshalb ich denn am liebsten Abends zu ihr ging, wo sie steif hinter der Theemaschine saß, sich mit den Schnörkeln eines Stickmusters abmühend, das die größte Aehnlichkeit mit einem holländischen Garten voll Ziegelbeeten und Taxuspfauen hatte; vor ihr die kleine, goldene Tabatière, rechts und links Etageren voll Pagoden und Muschelhündchen und alles überträufelt von dem feinen Aroma des Kaiserthees.

O VIVANT die Niederlande! das war ein ächter Gerhard Dow, ohne Beimischung, die einen ruhigen Philister hätte stören können – dann wand sich auch das Gespräch fließend ab, und Mevrouw gab sogar mitunter Einiges aus ihren Erlebnissen zum Besten, offenbar mehr in dem Bestreben, einen Gast nach seinem Geschmacke zu unterhalten, als aus eigentlichem Vertrauen, das sie im weiteren Sinne gegen Jedermann im Uebermaß hatte, im engeren Sinne aber Niemand schenkte. Es waren meistens kleine Züge, aber sehr wahre.

Amselnest 2019Wäre ich ein romantischer Hasenfuß gewesen und hätte ich die Gewohnheit gehabt, meine guten Augen (NB. Wenn mich Jemand sollte zufällig mit Brillen gesehen haben, ich trage nur Conservationsbrillen.) Nachts mit Tagebuchschreiben zu verderben, es stände doch jetzt wohl Manches darin, was ich gerne nochmals läse und was in seiner einfachen Unscheinbarkeit mehr Aufschlüsse über Volk, Zeit und das Menschenherz gäbe, als Manches zehnmal besser Geschriebene. Eine Begebenheit jedoch, vielleicht die einzig wirklich auffallende in Mevrouws Leben habe ich mir später vor und nach notirt und, da meine gute Frau van Ginkel ohne Zweifel längst in ihren Pelzschuhen verstorben ist, mir ferner kein Umstand einfällt, der ihr die Veröffentlichung unangenehm machen könnte, und mein jüngster Neffe, der, Gott sei’s geklagt, sich auf die Literatur geworfen hat, jedoch ein artiges Geld damit verdient, gerade sehr um einen Beitrag in gemüthlichem Stile verlegen ist, so mag er denn den Aufsatz nehmen, wobei ich jedoch bestimmt erkläre, daß ich nur wörtlich der würdigen Frau nachgeschrieben habe und mich sowohl gegen alle poetischen Ausdrücke als überhaupt gegen den Verdacht der Schriftstellerei, als welcher mich bei meiner übrigen Lebensweise und Persönlichkeit nur lächerlich machen könnte, auf’s kräftigste verwahre.

Caspar Bernjen, Rentier.

NB. Den Nachbarn, zu dem Mevrouw redet, und der natürlich Niemand ist, als ich, Caspar Bernjen, Rentier und Besitzer eines artigen Landgutes in Niederschen, müssen der Neffe und der Leser sich als einen ansehnlichen, corpulenten Mann mit gesunden Gesichtsfarben in den besten Jahren mit blauem Rock mit Stahlknöpfen und einer irdenen Pfeife im Munde, an der linken Seite des Theetisches denken. Es geht Nichts über Deutlichkeit und Ordnung in allen Dingen.

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Sie erwähnten gestern eines Umstandes, lieber Herr Nachbar, der sich in Ihrem vierzigsten Jahre ereignet, und über den Sie damals an Ihre Eltern geschrieben. Da hat Ihnen der Himmel ein großes
Glück gegeben.

Amselnest 2019Ich weiß, was es heißt, keine Mutter haben und den Vater im fünfzehnten Jahre verlieren. Von meiner Mutter habe ich nur ihr lebensgroßes Portrait gekannt, das im Speisesaale hing: eine schöne Frau in weißem Atlas, einen Blumenstrauß in der Hand und auf dem Schooß ein allerliebstes Löwenhündchen. Ich weiß nicht, ob es daher kommt, daß es meine Mutter war, aber mich dünkt, ich habe nie ein so schönes Gesicht gesehen und nie so sprechende Augen. Ich mag noch nicht daran denken, wie einfältig ich um das Bild gekommen bin, und wie es jetzt vielleicht für Nichts geachtet wird. Warum mein Vater nicht wieder heirathete, begreife ich eigentlich nicht; seine Lage hätte es wohl mit sich gebracht; ein Kaufmann, der den ganzen Tag im Comptoir und auf der Börse zubringt und der Handelsverbindungen wegen fast täglich Gäste zu Tische hat, ist ohne Hausfrau ein geschlagener Mann, allen Arten von Veruntreuungen und Verschleuderungen ausgesetzt, die er unmöglich selbst controliren kann, und sogar seine Commis scheuen sich weniger vor ihm, als vor der Madame, die sie aus- und eingehen sieht, ihre Kleidung und ihr Benehmen gegen die Dienstboten beobachtet und überall in der Stadt Dinge gewahr wird, die dem Herrn sein Lebtage nicht zu Ohren kommen.

Indessen war freilich meine Mutter schon des Vaters zweite Frau gewesen. Die erste hatte ihm ein schönes Vermögen eingebracht und eine erwachsene, damals bereits verlobte Tochter, auf deren Hochzeit sie sich bald nachher ihre tödtliche Krankheit holte durch dünne Kleidung, – man sagt, weil sie als sogenannte junge Frau nicht gar zu matronenhaft neben der Braut hatte aussehen wollen, was sich denn auch in Rücksicht auf ihren Mann wohl begreift; kurz, sie lag acht Tage nachher völlig contract im Bette und hat so sechs Jahre gelegen, zuletzt so elend, daß ihre besten Freunde ihr nur den Tod wünschen mußten.

Nachdem mein Vater anderthalb Jahre Wittwer geblieben, heirathete er ein junges Mädchen von guter Herkunft, aber gänzlich ohne Vermögen. Dies war meine Mutter, und ich mag, Gottlob, fragen, wen ich will, ich höre nur Gutes und Liebes von ihr; aber den Keim zur Schwindsucht soll sie schon in die Ehe mitgebracht haben. Man sieht es auch dem Bilde an, das doch gleich nach der Hochzeit gemalt ist.

Ein Jahr lang bis zu meiner Geburt hielt sie sich noch so leidlich, obwohl das unruhige Leben und die Unmöglichkeit, sich zu schonen, ihr Uebel soll sehr beschleunigt haben. Ich wollte, sie hätte nicht geheirathet; Gott hätte mich ja doch anderwärts erschaffen können; denn, Mynheer, man kommt doch nie ganz darüber weg, seiner Mutter den Tod gebracht zu haben. Man hat mir viel von dem Kummer meines Vaters erzählt und wie er ferner eine Menge Heirathsanträge von der Hand gewiesen. Ich glaube es wohl, denn ich habe nie gesehen, daß er für irgend ein Frauenzimmer das geringste Interesse gezeigt hätte, außer was ihm von der Höflichkeit geradezu auferlegt wurde, und da waren es immer die Mamas und Großmamas, deren Unterhaltung er vorzog; sonst lebte er nur in seinem Geschäfte. Morgens um fünf auf und in seiner Stube gearbeitet, um sechs in’s Comptoir, um elf auf die Börse, von eins bis zweie zu Tische, was vielleicht die schwierigsten Stunden waren, wo er, den Kopf voll Gedanken, den angenehmen Wirth machen mußte.

Amselnest 2019Nachmittags wieder gearbeitet, Speculationen nachgegangen und zuletzt noch bis Mitternacht in seinem Zimmer geschrieben. Er hat ein saures Leben gehabt.

Ich wuchs indessen in ein paar hübschen Mansardenzimmern bei einer Gouvernante, Madame Dubois, heran und sah mancherlei im Hause, was mir nach und nach anfing wunderlich vorzukommen, so z. B. fast Jeder hatte irgend einen Nachschlüssel, dessen er sich vor mir nicht gerade sehr vorsichtig, aber doch mit einer Art Behutsamkeit bediente, die mich endlich aufmerksam machen mußte. Selbst Madame Dubois hatte einen zur Bibliothek, denn sie brachte ihr Leben mit Romanlesen zu, weßhalb ich denn auch nichts gelernt habe.

Man nimmt sich vor Kindern nicht in Acht, bis es zu spät ist. Hier war es aber leider nicht zu spät; denn als Madame Dubois, die NB. von meiner Kenntniß ihres Schlüssels nichts wußte und nur in Bezug auf Andere sprach, mir auseinandersetzte, daß Schweigen besser sei, als Verdruß machen, war ich noch viel zu jung, um einzusehn, wie höchst nöthig Sprechen hier gewesen wäre. Ich fühlte mich durch ihr Vertrauen noch sehr geehrt, und habe nachher leider Manches noch mit vertuschen helfen. Kinder thun, wie sie weise sind.

Ich sah, so oft mein Vater auf die Börse ging, die Commis wie Hasen am Fenster spähen, bis er um die Gassenecke war, und dann forthuschen, Gott weiß, wohin. Ich sah den Bedienten in meines Vaters seidenen Strümpfen und Schuhen zum Hinterpförtchen hinausschleichen; ich hörte Nachts den Kutscher an meiner Thür vorbeistapfen in den Weinkeller hinunter und wälzte mich vor Aerger im Bette, aber wiedersagen – um Alles in der Welt nicht. Dazu war ich viel zu verständig.

Ich hörte sogar, wie Jemand der Madame Dubois erzählte, unser Kassirer, Herr Steenwick spiele jeden Abend und habe in der vorigen Nacht zwei tausend Gulden verloren und wie die Dubois antwortete:

„Um Gotteswillen, woher nimmt der Mensch das Geld? Da sollte Einem hier im Hause doch schwarz vor den Augen werden!“

Dies war kurz nach meinem vierzehnten Geburtstag und das erste mal, daß sich mir der Gedanke aufdrängte, Schweigen könne doch auch am Ende seine bedenkliche Seite bekommen.

Amselnest 2019Das Ding lag mir den ganzen Abend im Kopfe woher H. Steenwick das Geld nehme, ich wußte daß er arm war, er bekam nur 1000 Gulden Gehalt und ich hatte oft gehört daß seine Eltern arme Fischersleute bey Saardam wären. – Ich hatte bey van Gehlens mahl von einem COMMIS gekört, der aus seines Herrn Casse gespielt hatte, und obwohl ich mir das nicht mit einem alten bekannten Gesichte zusammen stellen konnte, was ich im Hause kannte soweit meine Erinnerung reichte, und auch Madame so besonders viel hielt, und noch neulich ein Paar Tragbänder für ihn gestickt hatte, so überfiel mich doch eine instinktartige Angst, die nicht ganz frey von Mistrauen war, und doch immer wieder mit der Erzählung von jenem Commis verschmolz. Madame war still und noch zerstreuter als gewöhnlich, sie zog zehnmal einen Roman unter der Näharbeit hervor, las ein paar Zeilen, steckte ihn wieder zurück und warf endlich fast die Lampe um, und trieb dann hastig zu Bette. Als wir ungefähr eine Stunde zu Bette gewesen waren, Madame und ich, hörten wir uns gegenüber H. Steenwicks Thüre gehn, und dann rasch Tritte über den Gang weg, die Stiege hinunter – es war nicht das erstemahl daß er so spät sein Zimmer verließ, und ich eingeschlafen war ohne ihn zurück kommen zu hören, aber zum ersten Mal bemerkte ich daß er viel schneller ging und seine Stiefel viel weniger knarrten als bey Tage, ich drückte die Kissen von meinem Ohre weg und horchte, im selben Augenblick hörte ich auch Madame ihre Gardine zurück schieben und sich halb im Bette aufrichten, unten im Hausflure schlich ein leises behutsames Knistern, dann ward die Hausthüre erst halb leise dann mit einem raschen Ruck vollends geöffnet, und dann fiel jenseits auf der Gasse ein Schlüssel aufs Pflaster, – Madame seufzte tief, und murmelte „Schweigen schweigen – nur schweigen“ – Ich fühlte einen plötzlichen Muth in mir, und rief, „nein, Madame, Alles an den Papa sagen!“ Sie können sich den Schrecken der armen Frau nicht vorstellen. „Stanzchen!“ rief sie „Stanzchen, schläfst du nicht?“ – und gleich darauf hörte ich sie bitterlich schluchzen, – mir wurde todtangst, ich wußte x-x nicht, daß die arme Person, die in der That eine sehr schlechte Gesundheit und mit ihren 48 Jahren betrübte Aussichten in die Zukunft hatte, ihre ganze Hoffnung auf H. Steenwick setzte, der ihr so lange Bücher voll zarter Liebe die sich nur durch Blicke und feine Aufmerksamkeiten, Blümchen et cet. verrieth, zugeschleppt hatte, bis sie sich um so mehr als halb verlobt ansah, da sie mahl in einem der Bücher an einer sehr bedeutsamen Stelle ein zufälliges Eselsohr fand.

Amselnest 2019Sie war sonst eine gute ehrbare Person, aber MYNHEER wissen wohl, der Ertrinkende hält sich an einem Strohhalm! – Als Madame sich ein wenig gefaßt bat sie mich vom Himmel zur Erde zu schweigen und log mir sogar etwas vor von einer reichen Tante die dem Cassier oft große Geldgeschenke mache, aber mit so unsicherer Stimme, daß es selbst mir auffiel, endlich versprach sie genau Acht zu geben, sie werde ihr Gewissen sicher nicht mit einer so wichtigen Sache beschweren, obwohl Schweigen sonst immer am Gerathensten sey, wo bey der Untersuchung doch unfehlbar nichts als Verdruß ohne Nutzen herauskommen und aller Schaden und Aufwand auf den Ankläger zurückfallen würde. – „Hat der Herr denn Zeit zu untersuchen?“ sagte sie „frägt er je Jemanden Andren als den Cassier und die Haushälterin? und wenn diese sprechen wollten, haben sie nicht hundertmal die Gelegenheit und die Macht obendrein? – auf Kleinigkeiten, ein paar Steinkohlen mehr oder weniger verbrannt, ein paar Flaschen mehr oder weniger getrunken, kömmt es in einem solchen Hause auch gar nicht an, – aber dies ist zu arg! – Schweig nur, Kind, ich will aufpassen, und wenn es mir vom Himmel auferlegt ist, daß ich mich daran wagen soll, dann in Gottes Namen in Gottes Namen!“ Wenn ich bedenke, in welchem betrübten herzzerreißenden Tone sie dies sagte, so muß ich der armen Frau alle ihre Schwächen vergeben, und bin überzeugt daß sie entschlossen war ihrer Pflicht ein ganzes Lebensglück zu opfern, was freylich nur in der Einbildung bestand, aber MYNHEER, der Wille ist doch so gut wie die That. – Wirklich ging Madame am andern Morgen, gegen ihre Gewohnheit, sehr früh aus, sie kam blaß und niedergeschlagen zurück, packte sogleich ihre Romane und ließ sie H. Steenwick bringen, mit der Bitte ihr keine andern zu schicken, da es ihr vorläufig an Zeit zum Lesen fehle. Von jetzt an horchte ich jeden Abend im Bette, und bemerkte auch daß Madame jeden Abend horchte, aber verstohlen, erst nachdem sie durch die Gardine geschielt hatte ob ich schlafe, und jeden Abend hörte ich H. Steenwick vorbey schleichen und Madames verhaltenes betrübtes Weinen, oft die halbe Nacht durch, den Tag über war Madame wie zerschlagen, griff Alles verkehrt an, hielt die Unterrichtsstunden noch nachlässiger als gewöhnlich, sie saß beständig am Fenster, nähte wie ums Brod, und so oft die COMPTOIRthüre ging fiel eine zerbrochene Nähnadel auf den Boden, auch halb verstohlene Ausgänge wurden mitunter gewagt. – Nach etwa acht Tagen sagte Madame Abends „Stanzchen Morgen spreche ich mit dem Papa“ sie sah hierbey überaus blaß aus, und hatte etwas Edles im Gesicht das mir mehr IMPONIRTE als würde ich gescholten. – Ich legte mich so leise und rücksichtsvoll zu Bette wie in Gegenwart einer Prinzessin, Madame ließ das Licht brennen und laß lange und eifrig im Thomas A KEMPIS; plötzlich fuhren wir Beyde auf, H. Steenwicks Thüre wurde mit Geräusch auf und zu gemacht, und er stampfte einen Gassenhauer pfeifend über den Gang, dann stand er mit einem Mahle still und schien sich zu besinnen oder zu horchen, und dann gings leise leise mit Katzenschritten die Treppe herunter. Der Sand im Flur knirrte, die Hausthür ging, Alles leiser als je, ich sah Madame an, und begegnete einem Ausdrucke des Schreckens der mich betäubte, sie saß aufrecht im Bette, die Hände gefaltet „Jesus Maria!“ war Alles was sie sagte, dann stand sie auf, öffnete das Fenster und lauschte eine Weile hinaus, kam dann schnell zurück, legte sich, und löschte das Licht. – Ich hörte Madame in dieser Nacht nicht weinen, aber so oft ich wach wurde, heftig athmen und sich im Bette bewegen, und ich hörte es oft, denn obwohl ich mir von meinen Gefühlen eigentlich nicht Rechenschaft zu geben wußte hatten doch dieser polternde Gang, dies wilde abgebrochne Pfeifen durch die Stille, und das darauf folgende Katzenschleichen mich mit einem Grausen überrieselt, daß ich mich fast vor den Schnörkeln am Betthimmel und der Gardine fürchtete. – Als es kaum Tag geworden war saß Madame schon wieder aufrecht und sah nach ihrer Taschenuhr, – so mehrere Male – um halb sieben klingelte sie und gab der Magd einen CONFUSEN Auftrag an H. Steenwick – das Mädchen kam zurück – er war noch nicht im COMPTOIR, – „so geh auf sein Zimmer“ – die Thür war verschlossen. – Wir standen auf – von Unterrichtstunden war keine Rede – ich saß mit meinem Strickzeuge in einem Winkel – und Madame saß mit ihrem Nähzeug am Fenster – drey oder viermahl stand sie auf ging in’s Haus hinunter und kam immer blasser wieder. Gesprochen wurde nicht.

Als wir um zwei ins Speisezimmer traten, war mein Vater anfangs nicht da und ließ sagen, wir möchten nur anfangen zu essen. Wir fragten nach dem Buchhalter; er sei bei dem Herrn. Wir aßen um der Domestiken willen einige Löffel Suppe, so sauer es uns wurde.

Da kam der Vater herein, sehr roth und aufgeregt. Er legte sich, gegen seine Gewohnheit, selbst vor, spielte mit dem Löffel und fragte dann, als der Bediente gerade herausging, wie hingeworfen:

„Madame, Sie wohnen doch dem Cassirer gegenüber; wissen Sie nicht, wann er diesen Morgen ausgegangen ist?“

Ueber Madames Gesicht flog eine glühende Röthe, die einem wahrhaft edlen Ausdrucke Platz machte. Sie stand auf und sagte mit fester Stimme:

„Mynheer, Herr Steenwick ist diese Nacht nicht im Hause gewesen.“

Mein Vater sah sie an mit einem Gesichte, das mehr Angst als Bestürzung verrieth. Er stand auf, gab draußen einige Befehle und setzte dann sein Verhör fort.

„Haben Sie gestern bemerkt, wann er fortging?“

„Ja, Mynheer, um halb zwölf,“ und nach einigem Zögern setzte sie hinzu, „haben wir, Stanzchen und ich, ihn fortschleichen hören.“

„Fortschleichen?“ rief mein Vater und wurde fast eben so blaß als Madame. „Also doch wahr! Seien Sie aufrichtig, Madame, war es zum ersten Male?“ Es war, als sinke die arme Frau in sich zusammen, als sie stammelnd antwortete:

„Nein, Mynheer, nein, schon seit acht Tagen jeden Abend.“

Mein Vater sah sie starr an.

„O Mynheer, fragen Sie Stanzchen. Stanzchen weiß, daß ich es Ihnen heute sagen wollte.“

Mein Vater antwortete nicht. Er ging hastig an einen Wandschrank, der Feile, Kneifzangen und allerlei Schlüssel enthielt. Dann rief er an der Thür heftig nach dem Buchhalter. Thüren gingen und als eben ein Bedienter Speisen hereintrug, hörten wir an einem Krach, daß im Kabinet neben dem Comptoir die Kasse erbrochen wurde.

Wir saßen wie Bildsäulen am Tische, ließen eine Speise nach der andern abtragen und hatten weder den Muth, das Zimmer zu verlassen, noch darin zu bleiben.

Der Vater kam nicht wieder, auch zum Abendessen nicht, auch zum nächsten Mittagessen nicht, der Buchhalter eben so wenig.

Die jungen Commis schlenderten im Hause umher, und wir merkten aus einzelnen Worten, daß Herr Steenwick für in wichtigen Geschäften verschickt galt; denn zum Nachfragen hatte Keines von uns Muth.

Amselnest 2019Am zweiten Abend stürzte der Buchhalter aus dem Kabinet und rief: „Wasser! Um Gottes Willen, Wasser! Und geschwind zum Doktor Velten; der Herr hat einen Blutsturz bekommen.“

Madame und ich hörten das Geschrei auf unserm Zimmer, und ich weiß nicht, wie wir die Treppen hinuntergekommen sind, ich weiß nur, daß mein lieber Vater in seinem ledernen Arbeitssessel saß, bleich wie der Tod, die Augen halb gebrochen, ängstlich umherfahrend und daß er mich noch mit einem langen, traurigen Blicke ansah, daß mich schauderte, als ich in einen Blutstrom trat, der uns schon auf dem Entree entgegen floß.

Als Doktor Velten kam, war ich eine arme, verlassene Waise.

Von dem, was zunächst geschah, kann ich nur wenig sagen. Ich verstand das Meiste nur halb, und es schien mir Alles wie Nichts nach dem, was geschehen.

Das Gesinde mußte wohl wissen, wie mir zu Muthe war; denn wenn ich einmal zufällig mein Zimmer verließ, sah ich sie ziemlich offen silberne Bestecke, Becher und dergleichen auf ihre Kammern tragen. Ich sah es und sah es auch nicht; hätte ich nachher darüber aussagen sollen, ich hätte die Thäter nicht zu nennen gewußt.

Es war mir, als müßte ich ersticken, wenn der Weihrauchdampf bis oben in’s Haus zog. Ich hörte unter unsern Fenstern die Trauermusik, sah die Fackeln wiederscheinen und verkroch mich hinter’s Bett mit dem glühendsten Wunsch zu sterben.

Dann zog man mir schwarze Kleider an, und mein Vormund, der Banquier van Gehlen, holte mich vorläufig in sein Haus.

Madame Dubois mußte zurückbleiben. Unser Abschied war sehr schmerzlich, und es vergingen mir fast die Sinne, als diese Frau, der ich so lange gehorcht hatte, auf den Knieen zu mir hinrutschte,
meine Hand küßte und rief:

„Stanzchen, Stanzchen vergib mir! Ich bin an Allem Schuld! O Gott, ich bin eine alte Thörin gewesen!“

Es war mir, als sollte ich ihr um den Hals fallen, aber ich blieb steif stehen mit vor Scham geschlossenen Augen und als ich sie aufmachte war Madame fort, und statt ihrer hielt Herr van Gehlen mich bei der Hand.

Unsere Vermögensumstände stellten sich dann, wie Sie wohl erwartet haben, sehr traurig heraus. Mein Vater hatte eine Staatsanleihe übernommen und sich sehr um dies Geschäft beworben, da wir keineswegs zu den ersten Häusern in Gent gehörten. Ob schon Gelder eingegangen und versendet waren, weiß ich nicht, aber 600,000 Gulden waren aus der Kasse verschwunden. Das war gerade unser eigenes Vermögen, den Brautschatz meiner Schwester, den sie im Geschäft gelassen hatte, eingerechnet; so blieb mir nicht das Salz auf dem Brode.

In van Gehlens Hause wollte man gütig gegen mich sein; aber es war dort nichts wie Glanz und Pracht. Man ließ mir Freiheit auf meinem Zimmer, aber das Lachen, Klavierspielen und Wagenrollen schallte von unten herauf und, wenn ich mich sehen ließ, gab es eine plötzliche Stille, wie wenn ein Gespenst erschien, und Aller Augen waren auf mich gerichtet, als gäbe es außer mir keine verarmte Waise in Gent.

Mevrouw van Gehlen that zwar ihr Möglichstes, mir über solche Augenblicke weg zu helfen; aber selbst ihr Bestreben that mir weh und ließ es mich erst recht fühlen, wie viel hier zu verbergen war.

Täglich hoffte ich auf die Ankunft meiner Stiefschwester; sie kam nicht, auch mein Schwager nicht, sondern nur ihr Geschäftsmann, Herr Pell, der mich so quer ansah, als hätte ich seinen Patron bestohlen, – schon gleich anfangs und noch schlimmer, nachdem er sich einige Stunden mit Mynheer van Gehlen eingeschlossen.

Dennoch hatte er den Auftrag, mich mitzuhringen, wenn sich nämlich kein anderes Unterkommen fände.

Ich stand bei dieser Verhandlung zitternd wie Espenlaub und nahm jeden lieblosen Ausdruck des kleinen, hagern Mannes für direct aus dem Munde meiner Schwester; woran ich doch gewiß sehr Unrecht hatte. Denn ich bin später, nach meiner Verheirathung, öfters mit ihr zusammen gewesen in ihrem Hause und auch in dem meinigen, und sie war zwar eine etwas förmliche Frau, aber immer voll Anstand und verwandtschaftlicher Rücksicht, und sie hat es mir sogar viel zu hoch angerechnet, als ich ihr nach meines Mannes Tode ihre durch unser Unglück erlittenen Verluste zu ersetzen suchte, was doch nicht mehr als meine allerstrengste Pflicht war.

Die Conferenz im Fenster war noch im besten Gange, als Herrn van Gehlen ein Besuch gemeldet wurde. Den Namen verstand ich nicht und benutzte diesen Augenblick, mich unbemerkt fortzuschleichen.

Im Vorzimmer traf ich den Fremden, einen kleinen, geistlich gekleideten, hagern Mann, der beschäftigt war, sich mit einem bunten Schnupftuche den Staub von den Aermeln zu putzen. Er sah scharf auf und seine Augen verfolgten mich bis in die Thür mit lebhafter Neugierde.

Hast Du auch noch keine verarmte Waise gesehen? dachte ich.

Nach einer halben Stunde, die mir unter großer Gemüthsbewegung und unter Nachdenken über meine Schwester verging, ward ich heruntergerufen.

Amselnest 2019Ich fand die drei Herrn zusammen. Mynheer van Gehlen und Herr Pell saßen vor dem Tisch und blätterten in dicken Papierstößen. Sie sahen roth und angegriffen aus. Herr Pell schlug die Augen nicht vom Papier auf. Van Gehlen lächelte verlegen und schien mir etwas sagen zu wollen, als der Fremde aus der Fensternische trat, meine beiden Hände ergriff und mit bewegter Stimme sagte:

„Stanzchen, Stanzchen, ich bin Dein Ohm. Hat Dir denn Papa niemals von dem alten Herrn Ohm Pastor erzählt, dem alten Pastor in G.?“

Ich war ganz verwirrt; doch kamen mir einige dunkle Erinnerungen, obwohl mein Vater selten frühere Verhältnisse berührte.

So küßte ich dem Onkel die Hand und sah ihn auf eine Weise an, die ohne Zweifel etwas kümmerlich gewesen sein muß, denn er sagte:

„Sei zufrieden, Kind; Du sollst nicht nach Roeremonde. Du gehst mit mir;“ und dann mit erhöhter Stimme halb zu den Andern gewendet:

„Wenn ich gleich keine feine Juffrouw erziehen kann, so sollst Du doch rothe Backen kriegen und auch nicht wild aufwachsen, wie eine Nessel im Hagen.“

Mynheer van Gehlen nickte zustimmend. Pell schlug seine Actenstöße zu und sagte:

„Wenn Ewr. Ehrwürden das so wollen – vorläufig wenigstens. Ich will es an meinen Patron berichten; vielleicht – sonst steht der Juffrouw Roeremonde alle Tage offen.“

Mein Ohm machte eine feierliche Verbeugung: „Gewiß, ja, wir lassen Mevrouw danken. Roeremonde steht alle Tage offen – aber Mevrouw muß mir das Kind lassen. Es ist meiner Schwester Kind, die ich sehr lieb gehabt habe, wenn sie auch nur meine Stiefschwester war.“

Niemand antwortete. Ich fühlte, daß hier irgend ein drückendes Mißverständniß herrschte, und war froh, als mein Onkel gütig fortfuhr:

„Nun, Stanzchen, ich kann aber nicht lange von Hause bleiben; pack Deine Siebensachen und dann danke Mynheer und Mevrouw van Gehlen, daß sie Dich armes, verlassenes Kind so treulich aufgenommen haben.“

Zwei Stunden darauf saßen wir im Wagen. So bin ich von Gent gekommen. Noch muß ich Ihnen sagen, daß Herr Steenwick nicht, nachdem er des Vaters Kasse zum Theil verspielt, mit dem Ueberreste durchgegangen war, wie Sie ohne Zweifel glauben und auch Jedermann damals glaubte.

Nach drei Wochen kam sein Leichnam auf in der Schelde. Er hatte nichts in der Tasche, als seine gewöhnliche grüne Börse mit 6 Stuyvern darin und einen kleinen leeren Geldsack, den er aus angewöhnter Pünktlichkeit mußte mechanisch wieder eingesteckt haben. Man hätte eigentlich zuerst hierauf verfallen sollen, da von seinen Habseligkeiten nicht das Geringste vermißt wurde, nichts als die Kleider, die er am Leibe trug und seine alte silberne Uhr.

Aber die Leute denken gern immer das Schlimmste. Lieber Gott, es ist freilich schlimm genug, Anderer Leute Geld zu verspielen und dann – ein solches Ende! Aber Mynheer wissen wohl, es kommt einem doch nicht so schimpflich vor, als ein anderer Diebstahl.

Ein Spieler ist wie ein Betrunkener, wie ein Besessener, aus dem der Böse handelt wie eine zweite fremde Seele. Habe ich nicht Recht? Herr Steenwick hatte unserm Hause zwanzig Jahre lang gedient, hatte so manche Nächte durchgearbeitet und auch nicht ein Endchen Bindfaden verkommen lassen; er war wahrhaftig noch grimmiger auf’s Geschäft verpicht, als der Herr selbst, und nun ein solches Ende!

Indessen hat er, Gottlob, doch noch ein ehrliches Grab bekommen, weil sich mehrere Leute fanden, die ihn in der Morgendämmerung hatten taumeln sehen, wie einen Betrunkenen, und zwar in der Richtung nach Hause zu. So wurde denn angenommen, er habe, wie unglückliche Spieler häufig, sich zu viel Courage getrunken und sei so ohne Absicht dem Scheldeufer zu nahe gekommen.

Madame Dubois soll nachher auch noch heimlich auf sein Grab ihren Balsaminenstock gepflanzt haben, ist aber doch dabei belauscht worden – die arme Seele! Sie war wirklich gut von Natur, nur durch Romanenlesen etwas confus geworden; und wußte nicht recht mehr, ob sie alt oder jung war, und auch zu furchtsam geworden durch das Gefühl ihrer abhängigen Lage und noch mehr ihrer täglich abnehmenden Fähigkeit, sich selbst zu ernähren. Aber ihr Wille war immer der beste, und sie suchte mich vor jedem schädlichen Eindruck mit einer Treue zu hüten, für die ich ihr im Grabe noch dankbar bin.

Jetzt ist sie lange, lange todt; sie starb schon das Jahr darauf, als ich zu meinem Ohm kam, und ihre Ersparnisse in unserm Dienste haben übrig ausgereicht bis an ihr Ende.

So quälen wir uns oft umsonst, und unser Herrgott lacht dazu. –

~~~\~~~~~~~/~~~

Hier schien Mevrouw van Ginkel ihre Mittheilungen endigen zu wollen. Sie schüttete frischen Thee auf, nahm eine Prise aus ihrem goldenen Döschen und sah mich mit jenem wohlwollenden Blicke an, der bei höflichen Leuten den Wunsch, auch den Andern zu hören, ausdrückt. Ihr Gesicht war völlig ruhig, sogar lächelnd; doch hing etwas Glänzendes in ihren Augwimpern, das aber nicht weiter kam.

Ich hingegen war in eine Stimmung gerathen, worauf ich eigentlich gar nicht für diese Stunde gerechnet hatte, und hätte für mein Leben gern Mevrouw in ihrer Dorfwirthschaft gesehen, um so mehr, da unschuldige Kinder sowohl wie alte Junggesellen mir ein gleich starkes Interesse erregen und man beide selten, wie hier, vereinigt findet.

So that ich einige blinde Fragen nach der Lage des Dorfes und wie viel Diensthoten und wie viel Kühe u.s.w. Mevrouw errieth meine Absicht und sagte sehr freundlich:

„Ich sehe wohl, Mynheer interessiren sich für meinen guten Ohm und gewiß hat es auch nie einen bessern Mann gegeben – und keinen ehrwürdigern,“ fügte sie hinzu mit einem Ausdruck kindlicher Scheu, der ihr fast wieder das Ansehn einer kleinen, wohlerzogenen Jungfer von vierzehn Jahren gab.

Amselnest 2019„Indessen läßt sich wenig von unserm Leben sagen. Es war sehr einfach und so einförmig, daß, wenn nicht die Kirchenfeste und die Jahreszeiten gewesen wären, unsere Tage einander so gleich gewesen wären wie Wassertropfen.“

Hier schüttete sie Wasser auf den Thee, und ich betrachtete einen am Kessel hängenden Tropfen, der allerdings wenig Unterhaltung zu versprechen schien.

„Aber,“ fuhr sie fort, „so sollte es nicht bleiben, und ich möchte dem Herrn Nachbar wohl die Catastrophe von meines Ohms, ich kann wohl sagen, von meinem Schicksal erzählen, damit Sie sehen, was der, dem ich am meisten in der Welt zu danken habe, für ein Mann war. Aber da ist eine andere kuriose Geschichte hinein verflochten, die Mynheer gewiß interessiren würde, aber etwas lang ist. Haben Mynheer sich auch gut gegen die Abendluft verwahrt?“

Ich versicherte, daß ich alle nöthigen Maßregeln getroffen, obwohl ich, ehrlich gesagt, heute zum ersten Mal meine dritte Weste ausgelassen hatte und mit einiger Sorge an den Thau dachte.

Jedoch hatte ich Mevrouw noch nie in so mittheilender Stimmung gesehn und war entschlossen, diese zur Erweiterung meiner Menschenkenntniß um jeden Preis zu benutzen. So betheuerte ich, daß ich nie nach dem Thee noch zu Abend esse, – was auch wahr ist – und mir längst eine gelegentliche Mondscheinpromenade am Maasufer vorgenommen hätte, was allerdings nicht ganz mit meinem sonstigen Geschmacke und meinen sonstigen Gewohnheiten übereinstimmte.

Mevrouw sah mich auch so verwundert an, als mache vor ihren Augen eine Schildkröte Vorbereitungen auf den Hinterbeinen zu spazieren; jedoch fuhr sie ohne weitere Bemerkungen in ihren Mittheilungen fort, nur zuweilen kleine Pausen machend, um mir einzuschenken oder ihrem goldenen Döschen zuzusprechen, wobei sie mich in so wohlwollender Weise zum Mitgenuß einlud, daß ich bei mir an die Friedenspfeife der Indianer denken mußte; welche Unterbrechungen ich durch Absätze bezeichne und dem Leser die Ausmalung der kleinen Zwischenspiele überlassen werde. Also Mevrouw fuhr fort:

[nicht vollendet]

Soundtrack: The Beatles: Blackbird, aus dem Weißen Album: The BEATLES, 1968.
Schönes Lied; den Ohrwurm kann man leicht zehn Stunden ausleben:

Bonus Track: auch Beatles, aus: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, 1967,
aber von Joe Cocker and The Grease Band: With a Little Help from My Friends,
live in Woodstock, Sonntag, 17. August 1969, ca. 15.15 Uhr Ortszeit:

Written by Wolf

27. März 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Herrschaft & Revolte

In dieser versifften Hochglanzzombiewelt

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Update zu Flucht aus der gebornen Ruine,
Dornenstück 0001: Jesus liebt euch alle und
Nachtstück 0023: Watch out, the world’s behind you:

Johannes [verbessert aus: Jean] wird mit einem Becher dargestellt, Paulus mit einem Schwert.

Johann Paul Friedrich „Jean Paul“ Richter, * 21. März 1763; † 14. November 1825: Vita, 1807.

Statt J.P. = Pohl oder Schang oder Schang Pohl.

Vita, 1811.

Jean Saul — Saulus bewachte die Kleider der Steiniger Stephani.

Gedanken 8, 1812.

Wenn ihr wüßtet, wie wenig ich nach J.P.F. Richter frage; ein unbedeutender Wicht; aber ich wohne darin, im Wicht.

Merkblätter, 1818.

——— Hank Nagler:

Jean Paul

Originalfassung 6. Januar 1996 für Balan Street Suicide Pictures, 12. Januar 2020:

Hank Nagler, Jean Paul, OF, 6. Januar 1996

Wenn uns die Liebe verlassen, besucht uns doch die Musik (Jean Paul: Dichtungen 2, 1797):
Gustav Mahler: 1. Sinfonie in D-Dur, zeitweilig Titan, 1889,
New York Philharmonic Orchestra unter Leonard Bernstein, 1967:

Written by Wolf

20. März 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Wem recht die Brust sich dehnte vom sanften Lau des März (oh yeah!)

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Update zu Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)
und Da unten in jenem Thale (da geht ein Kollergang):

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Gustav Seibt sagt es so — ausnahmsweise nicht in der Süddeutschen Zeitung, sondern auf Facebook am 20. September 2019:

Oh, yeah!

Von Eckhard Henscheids Eichendorff-Büchlein „Aus der Heimat hinter den Blitzen rot“ kann man wohl kaum mehr als fünf Seiten am Stück lesen, schon weil man unentwegt unterbricht, um die anzitierten Vertonungen nachzuhören. Aber vor allem weil Henscheid sich immer wieder in ein Delirium redet und schreibt, und zwar ein gleichermaßen verquasseltes wie poetisch verdicktes, eine Suada des Enthusiasmus über Dichtung und Musik — im Grund ist es fast egal, wo genau man in diesen Stream einsteigt und reinhört, die Bilder, Metaphern, preziösen Fremdwörter, verbalen Ausbrüche und Rücknahmen steigern sich immer wieder zu einem erhöhten Sprachzustand, dem oft nur der Abbruch mitten mit im Satz beikommt — hier eine Soundprobe zu „künftigem großen Glück“ und „Mondesglanz“: Wer danach nicht zu Robert Schumann und Felix Mendelssohn eilt, hat ein Herz aus Stein.

Mit der Soundprobe meint er:

——— Eckhard Henscheid:

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot:
Gedichte von Joseph von Eichendorff.
Ein Lesebuch von Eckhard Henscheid

Hanser Verlag, 1999:

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017Der „Frühlingsnacht“ wie des Schwesterwerks künftiges großes Glück: ganz auszuloten ist das Gemeinte nicht. Es hat zu tun mit einer spezifischen Gestimmtheit, mit einer Idee, die als sinnlich überaus scheinende bei vielen der ebendeshalb allerschönsten Eichendorffstrophen und -zeilen aufgeht; sonst zuweilen eben auch von mancherlei Schumann-Musik; aber vor allem wiederum doch der Mendelssohns, dem Beginn des Violinkonzerts in e-moll etwa, oder dem Elfenchor des „Sommernachtstraum“, beidemale vernehmlich in Sonderheit im bangfrohen Pochen der Pauken: als tippten sie wie ein erwartungsvolles Kätzchen mit der sanften Pfote auf unsere dämmrige Stirn, uns zum Aufbruche zu mahnen, ins künftige große Glück, gleichwie zu pochen und zu tippen an des Zukunftsschicksals ja schon halboffene Pforte —

— was aber dieses künftige große Glück denn nun wirklich ganz genau sei, das läßt sich trotzdem nicht sagen, höchstens allzu geschwollen. Das im Sinne der ganz besonderen und unwiederbringlichen, allerdings offenbar im Gedicht doch revozierbaren Eichendorff-Heidelbergischen Romantik aufgebrochene und entfesselte Menschheitsgefühl selber wird es wohl sein, kulminierend und symbolisch gekrönt in dem werweiß deutschesten aller Wörter, dem „Mondesglanz“ als der damit schon erfüllten Vorahnung des großen Glücks, als der fast militanten Lichtfanfare der Idee Romantik, einer speziell deutschen Romantik zugleich — vorzüglich dann, wenn dieser Eichendorff-Schumannsche „Mondesglanz“ diesmal weniger von Hermann Prey, sondern einer so spezifischen Deutschen wie der bekannten Jessye Norman ausgestoßen wird: es ist das dann schon wie ein hinreißend-hingerissener Trumpfdreisilber mitten im schäumenden Triumphgefühl, oh yeah.

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Das fasst schon auf der kurzen Strecke zusammen, warum ich Henscheid unter den verdienstvollen Recken der Neuen Frankfurter Schule immer am wenigsten mochte — was mein Problem ist, nicht seins: „spezifische Gestimmtheit“, „das im Sinne der ganz besonderen und unwiederbringlichen, allerdings offenbar im Gedicht doch revozierbaren Eichendorff-Heidelbergischen Romantik aufgebrochene und entfesselte Menschheitsgefühl“, und „beidemale vernehmlich in Sonderheit im bangfrohen Pochen der Pauken“, also bitte mal; ich hoffe inständig, aus alter Befangenheit nur blind für Henscheids Selbstironie zu sein.

Dabei ist gerade er mit seinen Feldzügen gegen das Dummdeutsche, die das „publizistische Scharmützel“ (Wolfgang Heubisch, FDP, 2009) nicht scheuen, einer der verdienstvollsten Neuen Frankfurter, dazu — siehe oben — mit hoher Affinität zur deutschen Romantik, und als gebürtigem Amberger sollte ich ihm eigentlich persönlich nahe stehen. Eigentlich. Aber noch eigentlicher kommt man — siehe noch weiter oben — eben nicht um ihn herum. Jedenfalls hat er die richtigen Fans: Ebenjenem Gustav Seibt, von dem ich nicht wenig halte – endlich mal ein Journalist, der sich im richtigen Thema richtig auskennt —, gilt Henscheids „unvergleichliche Leistung des Humors“ geradezu als „Henscheidsche Wende in der deutschen Nachkriegsliteratur“. Alle Achtung. Sag ich ja, dass es mein Problem ist, nicht seins.

Außerdem hat Gustav Seibt seinerseits Facebook-Follower, die sich zu etwas gehaltvolleren Kommentaren herbeilassen als „lol“, „ggg“ oder „This.“ Zu seiner Auslassung über Aus der Heimat hinter den Blitzen rot unter anderem:

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017Niemand deliriert schöner als Jean Paul und sein Erbe Henscheid.

Die einen sagen so, die andern so. Siehe oben.

Schön auch Henscheids Wandergedicht im postromantischen Eichendorff-Sound samt Heine’scher Brechungen!

Danach Henscheids Wandergedicht als Telephonphotographie. Siehe unten (das Gedicht, nicht das Handyfoto).

Vielleicht könnte der Verlag ja einfach den Soundtrack als CD (oder als Playlistlink, für die jüngeren unter uns) beilegen?

Auch gute Idee. Der Soundtrack zu einem Buch als Spotify-Playlist wäre nicht das Dümmste, was ich je angelegt hätte.

Fangen wir an mit den Textbelegen: Soll Henscheid meist verdeckt Literatur- und Opernzitate in seine Texte einmontieren, ist das „künftige große Glück“ in der Vorlage Eichendorff recht eindeutig zuzuordnen:

——— Joseph von Eichendorff:

Schöne Fremde.

1837:

Es rauschen die Wipfel und schauern,
Als machten zu dieser Stund‘
Um die halbversunkenen Mauern
Die alten Götter die Rund‘.

Hier hinter den Myrthenbäumen
In heimlich dämmernder Pracht,
Was sprichst du wirr wie in Träumen
Zu mir, phantastische Nacht?

Es funkeln auf mich alle Sterne
Mit glühendem Liebesblick,
Es redet trunken die Ferne
Wie von künftigem großen Glück! —

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Die gleiche Lage besteht beim „Mondesglanz“:

——— Joseph von Eichendorff:

Frühlingsnacht

1837:

Übern Garten durch die Lüfte
Hört ich Wandervögel ziehn,
Das bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängts schon an zu blühn.

Jauchzen möcht ich, möchte weinen,
Ist mirs doch, als könnts nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
Mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagens,
Und in Träumen rauschts der Hain,
Und die Nachtigallen schlagens:
Sie ist Deine, sie ist dein!

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Ein gedeihlicher Fund war mir Henscheids Wandergedicht. Das lässt einen fast schon mit allen Ressentiments brechen, schon gar mit den hässlich grundlosen wie denen gegenüber dem Oberpfälzer Nachkriegsliteraturüberwinder und -wender Henscheid:

——— Eckhard Henscheid:

Vorfrühling im Sulzbacher Land

vor 2008:

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017Wer auf den Wogen schritte
von lindem frischem Grün;
wer über Hügel glitte,
wo Anemonen glühn;

Wem recht die Brust sich dehnte
vom sanften Lau des März;
wer in den Hain sich sehnte:
dem blümt jetrzt Aug‘ und Herz.

Rings sich die Wiesen weiten,
und blau am Firmament
Düfte in Schaum sich kleiden
von Wolken – und man wähnt

Heut‘ schon Karfreitag gekommen,
diesig unde bräsig – das Warten
auf Ostern, freudvoll beklommen:
des Schmauses im Prohofer Garten.

Zwei Herren streichen für sich hin
– es lümmelt ein Lufthauch, ein warmer – :
der eine im Polohemd, Krauskopf, Bluejean,
der and’re sieht aus wie ein sehr kleiner Farmer.

Löwenzahn knistert, Schwalbe girrt;
Buschwind fährt sachte durchs Röschen;
voll in die Landschaft ist integriert
des Farmers grasgrünes Höschen.

Igelchen raschelt im laubigen Blatt,
froh des erwachten Gewandels –
fern dröhnt das Lärmen der staubigen Stadt,
Zentrum des Teppichhandels.

Zwei Herren dackeln übers Land
in trautem Plausch – zwei Bekannte –,
und zwischen ihnen pendelt gewandt,
Wenzi, die Hundetante.

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Eine Herausforderung ist der Soundtrack als Playlist in einer Aufzählung, die sogar die Einspielungen unterscheidet. Der Bestand aus Seibts Ausschnitt heißt uns für den Anfang zu Robert Schumann und Felix Mendelssohn eilen:

  1. Felix Mendelssohn Bartholdy: Violinkonzert e-Moll, opus 64, 1844,
    live mit Hilary Hahn:

  2. Felix Mendelssohn Bartholdy: Ein Sommernachtstraum, opus 61, 1842, Elfenreigen,
    live auf dem Münchner Odeonsplatz:

  3. Robert Schumann: Schöne Fremde, aus: Liederkreis, opus 39, 1840/1842,
    Probenmitschnitt einer Meisterklasse unter Dietrich Fischer-Dieskau:

  4. Robert Schumann: Frühlingsnacht, aus: Liederkreis, opus 39,
    wie von Henscheid empfohlen von Jessye Norman:

Das war aus einer einzigen Druckseite, auf der ein musikalisch beschlagener Satiriker Vertonungen mit Eichendorff-Bezügen anzitiert, die ein bedeutender Feuilletonist mit Henscheid-Bezügen anzitiert. Nicht auszudenken, was auf den restlichen 175 Seiten der Heimat hinter den Blitzen rot noch alles gespielt wird.

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Vorfrühlingsbilder: Tina Sosna: Ricarda, Silja, Julia. La(u)custrine, 2017.

Bonus Track: My Bubba & Mi: Through & Through, aus: Wild & You, 2011:

Written by Wolf

13. März 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Blumenstück 003: Und wohl im armen Herzen auch

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Update zu Meteorologischer Frühlingsbeginn,
Frühlingsreigen Buranum und
Wer fühlt den Krampf der Freuden und der Schmerzen nicht:

Jana Martish, Freedom, 29. Juni 2012

Zum meteorologischen Frühlingsanfang bietet sich die Gelegenheit, auf den Facebook-Ableger von DFWuH hinzuweisen. Nicht dass jemand außer dem bekannten Herrn Zuckerberg etwas davon hätte, aber bei 39 Gruppenmitgliedern komme ich voraussichtlich ohne weiteres mit ein paar zusätzlichen Likes klar. Besonderer Dank geht in diesem Sinne nach annähernd einem Jahr endlich an Thomas Faulhaber, der mir am 17. März 2019 auf demselben Facebook-Ableger ein Schmuckstück für unsere Sammlung siebenzeiliger Strophen nahegelegt hat: eins vom virtuosen, leider — irgendwas ist ja immer — naziverdächtigen Josef Weinheber, * 9. März 1892, † 8. April 1945. Sagen wir, ich bin bemüht um die zuverlässigste Leistung, nicht um die schnellste Lieferung. Hat mir meine Frau beigebracht.

Ein Schmuck- ist das Stück besonders wegen der sechsten Zeile, die weder inhaltlich noch formal notwendig, um nicht zu sagen: verlustfrei entbehrlich gewesen wäre. Durch ihre schiere Anwesenheit macht sie das Gedicht zu dem, was es ist: eins mit dem seltenen siebenzeiligen Reimschema ABACBAC und mit einer allegorischen Ebene. Die Idee wirkt wie nebenbei hingeworfen, wird aber durch den Vers 6 von 7 zu einem unscheinbaren Kristall. Wow.

Jana Martish, Spring, 17. April 2014

——— Josef Weinheber:

Vorfrühling

aus: Von beiden Ufern, Burgverlag, Wien 1923:

Die Hänge streift ein goldner Hauch.
Und in die süße Stille
blüht feierlich ein Schlehdornstrauch.
Am Waldrand äst ein Reh.
In Spalt und Ackerrille,
und wohl im armen Herzen auch,
liegt noch ein wenig Schnee.

Jana Martish, Comeback, 1. April 2017

Bilder: Jana Martish:

  1. Freedom, 29. Juni 2012;
  2. Spring, 17. April 2014;
  3. Comeback, 1. April 2017,

aus: .identity, Sammlung ab 5. April 2009.

Soundtrack: Bedouine: Solitary Daughter, aus: Bedouine, 2017:

Written by Wolf

6. März 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento, ~~~7-Zeiler~~~

Arschmusik aus der Hölle

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Update zu Das Herz in meinem Leibe gehört ja allzeit dein (for life is just that way):

Das Werk von Hieronymus Bosch, eigentlich Jheronimus van Aken, war nie ganz verschwunden. Nicht schlecht für einen Maler, dessen Geburtsdatum „um“ 1450 und genauer Lebenslauf sich im Dunkel altniederländischer Archive verlieren, dessen Themen durchgehende Variationen über Vergänglichkeit, Tod und Verdammnis sind, und mit deren Interpretation man auch bei seinem kommerziell groß gefeierten 500. Todestag 2016 längst nicht fertig war.

Vielleicht gerade deswegen. Seine Bilder sind nämlich gelinde gesagt alles andere als langweilig, viel eher Steinbrüche für nachfolgende bis postmoderne Motive von allerhöchstem, meist groteskem, detailstrotzendem Schauwert. 2014, also wohl ohne Anstoß durch anstehende offizielle Veröffentlichungen von 2016, war ein Detail aus seinem Triptychon Der Garten der Lüste (Tuin der lusten) von etwa 1490 bis 1500 die üblichen paar Wochen lang ein Internet-Hype — dankenswerterweise einer, für den jemand in einer Kunstform, die von „können“ kommt, tätig werden musste: Noten lesen und umsetzen, sogar in Neumen.

Auf dem rechten Innenflügel des Gartens der Lüste namens Die Hölle findet sich unter Verwendung zahlreicher Musikinstrumente — daher auch: Die musikalische Hölle — das Detail eines zur Hölle Verdammten, auf dessen Hintern Musiknoten geschrieben stehen, nach denen umstehende Verdammte unter Anleitung eines Monsters singen müssen. Unter der bis auf weiteres geltenden Annahme, dass Bosch für sein Bilddetail nicht einfach wahllos irgendwelche notenähnlichen Tupfen verteilt, sondern eine musikalische Komposition festgehalten hat, und im Gegensatz zu den Ferkeleien des 250 Jahre später auftretenden Berufsmusikers Mozart — siehe unter anderem Leck mich im Arsch, KV 231, und Leck mir den Arsch fein recht schön sauber, KV 233 — geht das unter den Händen eines ein halbes Jahrtausend lang anerkannten Renaissance-Meisters über ein präpubertär anales Späßchen hinaus.

jetzt.de, ein mittlerweile weitgehend stillgelegtes Jugendorgan der Süddeutschen Zeitung, brachte eine handliche Übersicht der auf Tumblr vorgefundenen Situation:

Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste, 1490 ff., via Public Domain Review, Sommer 2017

——— Teresa Fries:

Ein Arsch voll Musik

in: Netzteil, jetzt.de, 14. Februar 2014:

Eine Studentin aus den USA entdeckt auf dem Renaissance-Gemälde „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch eine Notenfolge, gemalt auf einen Hintern. Sie studiert die Noten, arrangiert sie neu und heraus kommt ein Po-Song aus der musikalischen Hölle des 16. Jahrhunderts.

Wäre ich Hieronymus Bosch, ich hätte mein Leben und meinen Tod lang auf diesen Moment gewartet. Ich sehe den Künstler vor mir, wie er da an einem Abend des Jahres 1503 mit dem Pinselchen vor seiner Holztafel steht, noch mal von seinem Wein nippt und dem nackten Hintern, den er gerade gemalt hat, mit einem breiten Grinsen die Noten einer Melodie verpasst. Und der gute Hieronymus wird sich dabei gedacht haben: „Möge eines Tages einer meine Arschkomposition finden, sie spielen und sie zu einem Erfolg machen“.

Gute 500 Jahre später betrachtete eine Studentin der Oklahoma Christian University mit einem Freund das Tryptichon von Hieronymus Bosch mit dem Titel „Der Garten der Lüste„. Ein Bild mit zwei Seitenflügeln: Klappt man sie zu, sieht man die Darstellung des dritten Schöpfungstags. Öffnet man die Flügel, findet man auf der linken Seite das Paradies, in der Mitte einen Garten voll lüsterner Menschen und auf der rechten Seite die musikalische Hölle, eine Unterwelt, in der Musikinstrumente als Foltergeräte benutzt werden. Das Ganze ist dank der wahnsinnig vielen Details eine Art Wimmelbild.

Äußerst amüsiert entdeckten die beiden Freunde unter einer überdimensionalen Laute ein Hinterteil, auf das einige Notenzeilen gemalt sind. Andere Verdammte singen unter der Aufsicht eines rosa Monsterfroschs die Melodie. Und die Studentin, die — zumindest im Internet — Amelia [Hamrick] heißt, tat das, was Bosch sich seit 500 Jahren gewünscht haben muss: Sie vertonte seinen Arsch-Song und stellt ihn auf ihrem Tumblr online.

„Ich beschloss, die Melodie in die moderne Notation zu übertragen“, erklärt Amelia, denn auf dem Hintern gibt es nur vier Notenlinien statt der heute üblichen fünf. „Ich bin davon ausgegangen, dass die zweite Notenlinie ‚C‘ ist, wie es für Gesänge dieser Zeit üblich war. Also ja, das ist WIRKLICH der 600 Jahre alte Po-Song aus der Hölle“. Dass sie sich dabei um 100 Jahre verrechnet hat, da das Bild um 1500 herum entstand, tut der Großartigkeit keinen Abbruch.

Amelia postete eine Klavierversion der Melodie auf Tumblr. Und tatsächlich: Es klingt ein wenig nach christlichem Höllenchoral. Bosch hatte also nicht einfach irgendwelche Noten malerisch auf den Hintern des armen Menschen tätowiert. Der Eintrag hat mittlerweile mehr als 49.000 Likes auf Tumblr und es gibt bereits eine Chorversion des Lieds mit Lyriks („Das ist der Po-Song aus der Hölle, wir singen von unseren Ärschen, während wir im Fegefeuer brennen“). Selbst der Guardian berichtete über das Po-Lied. Überrascht von der großen Aufmerksamkeit schrieb Amelia auf ihrem Tumblr: „Ich kann immer noch nicht glauben, dass das so abgeht. Das ist verrückt???“. Sie gestand auch, dass die Übertragung der alten Noten noch nicht ganz perfekt und die Aufnahme auch nicht die beste sei. „Aber ich arbeite gerade zusammen mit der Musikfakultät meiner Uni daran“. Vielleicht dürfen wir uns bald über eine professionelle Inszenierung freuen: Der Arsch-Song aus der Hölle — ein Arrangement für großes Orchester.

Das Thema erscheint visuell auf polyphonische Notation mit fünf statt der ursprünglichen vier Notenlinien umgerechent bei Amelia „resident art goblin“ und erklingt bei ihrem Kollegen Pretty Nails and Fluffy Tails:

Noten via Lanzhoverin, 17. Oktober 2018

——— Even Speedwagon Is A Furry, Tumblr, 11. Februar 2014:

i present to you, the butt song from hell, with lyrics, so you can even sing along if you want:

butt song from hell
this is the butt song from hell
we sing from our asses while burning in purgatory
the butt song from hell
the butt song from hell
butt

Einen Monat nach der grundsätzlichen Erschließung der Melodie erstellte jemand ein Arrangement für A-cappella-Chor:

Noch viel eher im Zuge der Feierlichkeiten zu Boschs 500. Todestag, entstand 2016 das Album Missa Cum Jocundtate: Visions Of Joy: The Chapel Of Hieronymus Bosch der Cappella Pratensis. Als umfassendste und auf mehreren wünschenswerten Ebenen wurde sie in der FAZ besprochen:

——— Anja-Rosa Thöming:

Was Hieronymus Bosch gehört hat

Visionen der Freude: Geistliche Vokalwerke des Marienbruders Pierre de la Rue

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. August 2016, Seite 10:

Gewaltig ist die Kirche Sint-Jan, die Sankt-Johannis Kathedrale in der niederländischen Stadt s’Hertogenbosch, ein Zeugnis Brabanter Gotik und heutzutage ein nationales Rijksmonument. Vor fünfhundert Jahren trafen sich hier jeden Mittwoch die Freunde unserer Lieben Frau, nämlich die Mitglieder der „Illustre Lieve Vrouwe Broederschap„, allesamt fromme Marienverehrer. Sie feierten eine Messe zu Ehren der heiligen Jungfrau und hörten dabei die neueste Musik ihrer Zeit. Die ist überliefert in prachtvollen Handschriften der damals berühmten Schreiber-Werkstatt des Petrus Alamire, eines faszinierenden Mannes, der nicht nur als Handwerker tätig war, sondern nebenbei auch als Privatkurier für den Luther-Freund Georg Spalatin und als Spion für König Heinrich VIII. von England.

Zur Bruderschaft – sie existiert noch heute, seit 1642 in ökumenischer Form – gehörten auch der Maler Hieronymus Bosch und der fast gleichaltrige Pierre de la Rue, Komponist franko-flämischer Manier am Habsburgisch-Burgundischen Hof, 1452 geboren, 1518 verstorben. Die beiden Künstler werden jetzt in einem Gedankenspiel zusammengeführt: Auf der CD „Die Kapelle des Hieronymus Bosch“ wird eine „Klanglandschaft“ („soundscape“ heißt es im Beiheft) heraufbeschworen, die Bosch in den Andachten in Sint-Jan erlebt haben mag. Hell hebt sie sich ab von jenen Unheilsvisionen, die wir aus seinen Gemälden kennen. Der Zusatztitel des Albums, „Visions of Joy“, zielt auf die „Missa Cum jocunditate“ von Pierre de la Rue ab. Sie erhebt die „Freundlichkeit“ zum Attribut Marias. Der Liturgie folgend, streuen die in s’Hertogenbosch ansässigen Sänger der Cappella Pratensis zwischen die mehrstimmigen Messsätze überlieferte einstimmige Gesänge ein.

Was an der Musik vor allem auffällt, ist die stark durchgearbeitete Polyphonie. Mal vier-, mal fünf-, mal sechsstimmig singt die ausschließlich männliche Besetzung – auf Lateinisch benannt als superius, altus, tenor, bassus – in scheinbar unendlich vielen Kombinationen. Wie ein dichtes, undurchdringliches Netz spannen sich die kraftvollen Stimmen aus, überlappend, imitatorisch, jeden Eindruck von kadenzierender Klarheit vermeidend, mehr changierender Klang als interpretierender Text. Kein Wunder, dass auf dem Konzil von Trient fünfzig Jahre später kritische Stimmen unter den Klerikern die Verständlichkeit der Worte im geistlichen Gesang anmahnen würden!

Diese Worte, von „Kyrie eleison“ über „Credo in unum Deum“ bis hin zu „Agnus Dei, qui tollis peccata mundi“, waren zu Zeiten Boschs und Martin Luthers durch den täglichen Gebrauch jedermann bekannt, während man heute das Textbuch zur Hand nimmt, um den Sinn, auch den musikalischen, erkennen zu können.

Im Zentrum steht mit dem fünfstimmigen Credo das Glaubensbekenntnis. Wieder verschlingen sich die Stimmen in kaum zu entwirrenden Girlanden, deren keine wichtiger ist als die andere. Es ist, als würde man inmitten dieses virtuosen Linienwirrwarrs unscharf zu hören beginnen, wie mit verschieden starken, ständig wechselnden Linsen für das Gehör. Die Cappella nimmt den Satz eine Spur zu rasch, dadurch wird der Effekt der Zäsurvermeidung noch erhöht. Doch auf einmal klärt sich das Dickicht, die Linien laufen auf den Höhepunkt der Fleischwerdung Jesu Christi zu: „et incarnatus est …“, und nach einer letzten blumigen Ausschmückung bei „virgine“, der Jungfrau Maria, vereinen sich die Stimmen klar angeordnet, homophon im erlösenden „et homo factus est“ – „und ist Mensch geworden“.

Anders als im Booklet suggeriert, wird hier nicht Maria hervorgehoben, sondern ihr Sohn; genau wie in der zweiten und damit letzten Passage, die klar homophon von der Polyphonie absticht bei dem Wort „in remissionem peccatorum“ (zur Vergebung der Sünden). Maria schenkt Freude, Christus aber Erlösung, so müsste wohl die theologische Deutung der Gestaltung lauten.

Thematisch passend ergänzt wird die Messe auf der CD durch eine Motette von Pierre de la Rue über die sieben Freuden Marias, „Gaude Virgo mater Christi (Freue dich, Jungfrau, Mutter Christi)“, die am Ende des großen Mittwochsgottesdienstes in Sint-Jan gestanden haben könnte. Der leicht zum Leiern neigende Versrhythmus wird durch die polyphone Kunst vollständig aufgehoben, eine eigene Dynamik entspinnt sich. Eine charmante Zugabe sind die ebenfalls liturgisch beglaubigten Orgelimprovisationen; Wim Diepenhorst spielt sie klar konturiert auf der lieblich klingenden Orgel von Sankt Marien in Lemgo.

Als bisher elaborierteste musikalische Umsetzung des Arschliedes ist allerdings die überraschend schnell — an einem einzigen Tag, wohl dem 15. oder 16. Februar 2014 — entstandene Fantasy-Metal-Version von Kent Heberling zu betrachten — nach eigenen Angaben auf ESP LTD EC-1000, Fender Jazz Bass, Line6 Pod X3L, East-West Quantum Leap Orchestral VST, Fruity Loops und Sonar:

Das seinerzeit von Teresa Fries auf jetzt.de gewünschte Arrangement für großes Orchester steht vorerst aus, aber mit den bestehenden Einspielungen dessen, was Hieronymus Bosch gehört hat, gehört haben könnte oder auf den Körperteilen verdammter Seelen zur gefälligen Interpretation postuliert hat, fahren wir Heutigen ganz gut:

Anne, Arschmusik

Bilder:

  1. Detail Garten der Lüste via The Public Domain Review: Postcards, Sommer 2017;
  2. Noten via Lanzhoverin, 17. Oktober 2018;
  3. CD via meine liebe Freundin Arlene’s Lace, 18. Juli 2013.

Bonus Track: Delicate, aus: Reputation, 2018:

Written by Wolf

28. Februar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Renaissance, Schall & Getöse

Flintenwerfen

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Update zu O selige Epoche:

Da kann sich einer Christian Morgenstern aufgrund physischen Geburtstags und psychischen Alberfaktors persönlich so verbunden fühlen, wie er will, da können die lizenzfrei orientierten „Klassiker“-Verlage auf ihre Morgensterne Alle Galgenlieder draufschreiben, bis den Druckereien in Shenzhen die Schwärze ausgeht — die echten Geschichten über Morgenstern-Gedichte findet man nur in der halbwegs wissenschaftlichen Ausgabe. Wie bei allen Schreibern; bei Morgenstern ist das die Stuttgarter Ausgabe bei Urachhaus, und was bei den Kaufhof-Ausgaben — übrigens nichts gegen die gleichnamige, dokumentarisch bedeutsame Sammlung von Diogenes 1981 — Alle Galgenlieder heißt, ist darin der Band 3: Humoristische Lyrik von 1990.

In den Kommentar hat der Herausgeber Maurice Cureau die frühe Version eines gängigen Gedichts über Morgensterns kauziges Alter Ego Palmström versteckt: Die weggeworfene Flinte hieß in einer früheren Bearbeitung Palmström der Patriot. Wiederzuerkennen nur noch am Thema, gewiss nicht mehr an der Form, sind die Unterschiede zwischen den Fassungen groß genug, um sie mit Gewinn gegenüberzustellen. Angeblich wegen mangelnder Begeisterung beim Lesen der fertigen Korrekturbogen überarbeitete Morgenstern das Gedicht „poetischer, romantischer“ von Grund auf.

Es kann an mir liegen, aber in der allseits autorisierten Druckfassung vermisse ich die Reime. Und schon besitzen wir ein vertieftes, wenn nicht gar ein ganz neues Palmström-Gedicht.

Lera Vradiy, Field Stories, 21. Juli 2017

——— Christian Morgenstern:

Palmström der Patriot

frühe Version, brieflich an Verleger Bruno Cassirer am 19. Februar 1910:

Palmström, auf dem Lande hinten,
untersucht das Korn nach Flinten,
die das Volk, wie er v. Korfen
sagt, daselbst hineingeworfen.
Und fürwahr, er findet deren!
Eine Unzahl von Gewehren,
geht (beglaubigt von den Bauern,
welche auf Belohnung lauern,
und plombiert von den gesamten
diesbezüglichen Beamten)
noch im Herbst nebst Memorando
ab ans Generalkommando.

Die weggeworfene Flinte

Druckversion 22. Februar 1910, „Meiner lieben Margareta“:

Palmström findet eines Abends,
als er zwischen hohem Korn
singend schweift,
eine Flinte.

Trauernd bricht er seinen Hymnus
ab und setzt sich in den Mohn,
seinen Fund
zu betrachten.

Innig stellt er den Verzagten,
der ins Korn sie warf, sich vor
und beklagt
ihn vorn Herzen.

Mohn und Ähren und Cyanen
windet seine Hand derweil
still um Lauf,
Hahn und Kolben …

Und er lehnt den so bekränzten
Stutzen an den Kreuzwegstein,
hoffend zart,
daß der Zage,

noch einmal des Weges kommend,
ihn erblicken möge — und —
(… Seht den Mond
groß im Osten …)

Martin Bartholmy, Wo die Flinte im Korn liegt. Cropped Crop, 15. Juli 2018

Bilder: Lera Vradiy: Field Stories, 21. Juli 2017;
Martin Bartholmy: Wo die Flinte im Korn liegt / Cropped Crop, 15. Juli 2018.

Soundtrack: Emily Barker & The Red Clay Halo with Frank Turner: Fields of June, 2012:

Written by Wolf

21. Februar 2020 at 00:01

Ein ganz anderer Kerl als der Fuchs oder Wolf (so, gerade so bist du)

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Update zu Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden
(wenn wir bei deutscher Mundart bleiben)?
:

Die Stelle mit dem Kater wird dessen Halter besonders gerne dann vor Augen gestellt, wenn er zweie davon hat. Hab ich gehört.

Ansonsten werde ich nicht ruhen, Ludwig Tieck als so relevant (nicht „aktuell“) darzustellen, wie er ist, bis wenigstens der Deutsche Klassiker Verlag sich herbeilässt, seine liegen gelassene Gesamtausgabe von fünf Bänden — davon die ersten schon wieder vergriffen — auf die vorgesehenen zwölf aufzustocken.

Aus dem formatierten Volltext in die originale Rechtschreibung zurückkorrigiert:

Nova Sophia, 25, 12. Oktober 2017

——— Ludwig Tieck:

Die Gesellschaft auf dem Lande

Berlinischer Taschenkalender, 1825:

„Man wird mit dem Pferde eins“, sagte Römer, „Mensch und Thier lassen sich gar nicht mehr trennen.“

William-Adolphe Bouguereau, Innocence, 1873„Da sprecht Ihr ein gescheutes Wort“, rief Binder, „darin liegt das Geheimniß und auch der Schlüssel zu tausend Dingen, die man ohne ihn niemals begreifen würde. Es ist unglaublich, was die Thiere durch uns empfangen, indem wir sie zähmen und zu Hausthieren machen: alle die Anlagen, die die gütige Natur ihnen mitgetheilt hat, werden nur erst dadurch, daß ein Theil des Menschengeistes in sie übergeht, etwas Lebendiges und Geistiges. Die Zähmbarkeit ist ihr Genie, und durch Regel, Ordnung und Vernunft, die das wunderbare Wesen nun beherrscht und sich ihm mittheilt, erwachsen die Erscheinungen und Künste, die wir am Pferde und Hunde bewundern müssen. Dadurch, daß der Hund gezähmt werden kann und sich zum Menschen sehnt, diesen auch weit mehr liebt, als sein eigenes Geschlecht, ist er eben ein ganz anderer Kerl als der Fuchs oder Wolf, mit denen er doch in so naher Familienverbindung steht. Aber eben so wie die Thiere gewinnen, und etwas in ihrer Natur auch verlieren, so geht es ebenfalls dem Menschen, wenn er in diese Allianz tritt. Er entwickelt unbewußt thierische Anlagen, die vorher schlummerten. Der Jäger, der sich täglich und nächtlich mit seinem Hunde umtreibt, oder der Liebhaber, der mit seinem Pudel stündlich spielt, fängt allgemach an, die Dinge so zu sehen, wie das Thier. Er bekommt einen ähnlichen Neid, sowie eine Verwandtschaft in Blick, Geberde und Gang, er kann auch schon keinen Stock liegen sehn, ohne die Lust, apportiren zu lassen, und so wie ihm der Hund nur winkt, so thut er ihm auch den Gefallen, den Span aufzunehmen, und mit dem Liebling das langweilige Spiel zu treiben. Wie das Pferd den Reiter versteht, wie der Sinn und die Art des Rosses in den Mann übergeht, wie beide sich wechselsweis errathen, wie ihr Instinkt in der Gefahr ein und derselbe wird, darüber ließe sich vielerlei sagen, obgleich die Liebe des Gauls zum Menschen eine ganz andere, als die knechtische des Hundes ist. Ein Hund kann eigentlich nicht gekränkt werden, ein Pferd wohl, und je edler es ist, so leichter. Welcher Rinderhirt hält den Kopf nicht eben so, wie sein Vieh. Man erzeigt mir die Ehre, meine Schaafzucht für die beste in der Provinz zu halten, da kommen denn die Leute, und wollen sich bei mir Raths erholen. Was ein anderer mir so sagen kann über dergleichen, das ist niemals das beste. Andere lachen über meine Anstalten, verwundern sich aber doch, daß alles so gedeiht. Im Winter tragen einige meiner Schaafe Kappen, diese sind an den Köpfen empfindlich, etlichen habe ich Jacken angezogen, manchen eine Art von Schuh gemacht. Die Garde geht auch anders, als die Füseliere, Dragoner sind von den schweren Kürassieren unterschieden. Alles hat seine Vernunft und seinen guten Grund. Woher ich nun alles habe, was ich bei meiner Schäferei, und mit so gutem Erfolge, anwende? Denken? Beobachten? Erfahrungen anderer benutzen? O ja, das ist auch alles ganz gut und nicht zu verachten, – aber die Hauptsache ist doch, daß ich zu Zeiten in meinen Schaafstall gehe, nun drängt und wälzt sich alles das Wollenvieh zu mir heran. ‚Schäfer‘, sag‘ ich, ‚laßt mich ein Weilchen allein‘. Nun mach‘ ich die Augen zu, taste mit beiden Händen um mich her, fasse bald den Kopf, bald den Rücken dieses und jenes Hammels, versenke mich ganz in das Gefühl und die Anschauung, werde mit einem Wort, ganz und gar und völlig zum Schaaf. In diesem Schaafthum, in diesem wachen Schlummerzustande kommen mir denn die allerbesten Erfindungen und Verbesserungen, und in diesen Stunden der Weihe empfange ich durch Instinkt oder Inspiration alles, was ich abändern, was ich anwenden muß. Wem kann ich aber diese Gabe wohl mittheilen, der nicht schon selbst auf guten Wegen geht? Und nun, meine Herren, beobachten Sie einmal meinen Gang, ich will ein paarmal auf und nieder wandeln, – he, ist es nun nicht ganz der Gang eines Hammels? Aufrichtig gesprochen, ja! Sehen Sie meine Physiognomie unbefangen an. Sie verändert sich von Jahr zu Jahr: immer mehr wächst mir der Hammelausdruck in Stirn und Nase hinein. Ich niese auch schon wie die Schaafe, und wenn ich einmal viel spreche, wie jetzt eben, so gibt es wahrlich schon unter meinen Redetönen so viele Blökelaute, die knarrenden lang gezogenen Määähredensarten der Mutterschaafe, daß ich mich vor Worten, wie: ‚Wehe! sähe, geschähe‘ u. dgl. einigermaßen hüten muß.“

Sheepy Hollows, 8. Februar 2017Gotthold ergötzte sich heimlich an diesen Bekenntnissen, der Obrist nahm eine Prise nach der andern, um nur das Lachen zu unterdrücken, Römer sah gen Himmel, und erinnerte sich wohl einiger Lebensgefahren seiner Jugend, um eine ehrbare Miene zu behalten; aber der alte Baron brach, nach nicht sonderlich langem Kampfe, mit einem ungemäßigten, lauten und anhaltenden Lachen hervor. „Nun wahrlich“, sagte er endlich, sich noch immer die ermüdeten Seiten haltend, „das ist ein Selbstlob von ganz eigener, so wie völlig neuer Art! Das ist eine Einbürgerung in einen Stand und die Urbarmachung einer Geniegegend, von denen unsere Vorfahren nichts wußten. Du könntest eine ganz neue erklärende Ausgabe der ovidischen Metamorphosen veranstalten, wenn ein einfaches Entgegenkommen, nach deiner Meinung, das Wunder überflüssig macht.“

„Aber was ist denn da zu lachen?“ sagte Binder plötzlich mit dem heftigsten Zorne. „Lachen, wenn ein denkender Mann etwas Tiefes und Gründliches spricht? Bloß, weil es der alten Basenweisheit vielleicht ein wenig sonderbar vorkommt? Auch an dir bewährt sich meine Beobachtung. Du liegst hier seit Jahren still und träge, und spielst unermüdet mit deinen großen und kleinen Katzen. Wie nun ein alter Kater wohl zwölf Stunden ruhig mit zugekniffenen Augen unter dem Ofen liegt, indes umher Spiel und Tanz, Zwist und Versöhnung, Musik und Gespräch, oder selbst wichtige Begebenheiten vorfallen, er aber nichts weiß und erfährt, und endlich langsam, langsam hervorkriecht, die Vorderbeine weit ausstreckt, sich dehnt, sie zurückzieht, und, mit den vier Beinen eng aneinander, den hohen Buckel hinaufrollt, wie es ihm keine andere Creatur nachmachen kann, so daß er wie ein griechisches Omega dasteht: so, gerade so bist du, der auch zu allem Neuen, zu allen Fortschritten, zum Anwachs der Vernunft und Kenntnisse, wie beim Abschnitte der Wissenschaften und Zöpfe mit deinem langgedehnten ‚Oooo!‘ verwundernd dastehst, und die Augen dann erstaunend aufmachst, daß es noch andere Wesen, als Kater in der Welt geben soll.

„Jetzt bei deinem O!“ sagte der Baron, „fand ich deine vorige Behauptung, die mir als unglaublich auffiel, bestätigt.“

Jean-François Millet, Orsay 1863

Schaafsbilder:

  1. Nova Sophia: 25, 12. Oktober 2017;
  2. William-Adolphe Bouguereau: Innocence, 1873;
  3. Sheepy Hollows, 8. Februar 2017;
  4. Jean-François Millet: Le Retour du Troupeau, La Grande Bergère, Orsay 1863.

Soundtrack: Pink Floyd: Sheep, aus: Animals, 1977:

Written by Wolf

14. Februar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Fruchtstück 0001: Das Angenehme mit dem Schönen zu verbinden

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Upate zu Wir rechnen jahr auff jahre / in dessen wirdt die bahre vns für die thüre bracht,
Wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen und
Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten:

——— Christoph Martin Wieland:

Zufällige Gedanken über das Verhältniß des Angenehmen und Schönen zum Nützlichen

Schluss, aus: Teutscher Merkur I, 1775, in: Von der Freiheit der Literatur, Insel 1997:

Und dann giebt es noch eine Gattung unverbesserlicher Leute, die von jeher erklärte Verächter des Schönen gewesen sind; nicht weil ihnen der Kopf schief sitzt, sondern weil sie nichts nützlich nennen als was ihren Seckel füllt. Nun ist das Handwerk eines Sykofanten, Quacksalbers, Amuletenkrämers, Dukatenbeschneiders, Kupplers, Tartüffen, u. s. w. so einträglich es auch sein mag, gewiß nicht schön: es ist also natürlich, daß diese Herren allerseits bey jeder Gelegenheit eine tiefe Verachtung gegen das Schöne das ihnen nichts einträgt zu Tage legen. Ueberdieß, wie manchem Görgen ist seine Dummheit nützlich? Wie mancher verlöhre sein ganzes Ansehen, wenn die Leute, unter denen er’s gewonnen oder erschlichen hat, Geschmack genug hätten, Ächtes vom Unächten, und Schönes vom Schlechten zu unterscheiden? Solche Leute haben freylich eine wichtige Personalursache, Feinde vom Wiz und Geschmack zu seyn. Sie sind in dem Falle jenes Ehrenmannes, der seine häßliche Tochter an einen Blinden verheyrathet hatte, und nicht zugeben wollte, daß seinem Tochtermanne der Staar gestochen würde. Aber wir andern, die nur dabey zu gewinnen haben, wenn wir klüger werden, was für Abderiten müßten wir seyn, wenn wir uns von diesen interessierten Herren bereden lassen wollten blind zu werden oder blind zu bleiben, damit — ihrer Töchter Häßlichkeit nicht offenbar werde?

Ray Donley, Omnia Vanitas, 2012 Ray Donley, Medea, 2012

Der Tochter Hässlichkeit: Ray Donley: Omnia Vanitas; Medea, 2012,
via Frank T. Zumbach: Ray Donley (Continued), 27. Februar 2012.

Der Hässlichkeit Tochter: Bridge City Sinners: Through and Through, aus: Here’s to the Devil, 2019.
Man beachte Libby Lux‘ Dobro-Ukulele:

Written by Wolf

7. Februar 2020 at 00:01

Filetstück 0002: Eisbruch

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Update zu Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen
und Wenn–dann (weiß ich auch nicht):

Da mag einer von Adalbert Stifter (* 23. Oktober 1805; † 28. Jänner 1868), vor allem vom späten, so wenig und so viel Abfälliges halten wie er will, aber sein Perfektionismus ging weit genug, um Die Mappe meines Urgroßvaters gleich viermal zu schreiben — bei weitem nicht seine einzige Arbeit, die er mehrmals von Grund auf neu schrieb.

Ein erstes Kapitel Die Geschichte zweier Bettler, noch ohne Plan zum Einbau in einen größeren Rahmen, stammt von 1839, die kürzeste „Urmappe“ oder „Journalfassung“ in der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode von 1841/1842, die erweiterte und in der Kapitelstruktur umgebaute „Studienfassung“ im dritten Band der Studien von 1847, eine unvollendet liegen gelassene und weitgehend folgenlos gebliebene „Romanfassung“ von 1864, die „letzte Mappe“ mit 164 Manuskriptseiten noch aus Stifters Todesjahr 1868 — ebenfalls fragmentarisch und mit dem seither grundsätzlich übernommenen Zusatz vom Nachlassverwalter und posthumen Herausgeber Johann Aprent: „Hier ist der Dichter gestorben.“

Das macht Stifters erklärten eigenen Lieblingsstoff zu einem ähnlichen Lebenswerk wie den Faust für Goethe — nur in allen Fassungen schlüssiger als Goethes nach lebenslanger Umarbeitung endlich freigegebenes Stückwerk. Die Fassungen der Mappe sind erst seit 1999 im 6. Band der historisch-kritischen Gesamtausgabe grundlegend erschlossen.

Der Abschnitt, der als „Eisbruch“ kursiert, war in der ersten Fassung noch nicht, in der dritten nicht mehr enthalten; allein in der Studienfassung steht er unscheinbar ins Kapitel Margarita eingearbeitet. Dabei gehört der zum Besten, was Stifter je geschrieben hat: Man friert mit.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018

——— Adalbert Stifter:

4. Margarita

aus: Die Mappe meines Urgroßvaters, „Studienfassung“ 1841 f., in: Studien, Band III, 1847:

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Wir mußten einen schweren Winter überstehen. So weit die ältesten Menschen zurück denken, war nicht so viel Schnee. Vier Wochen waren wir einmal ganz eingehüllt in ein fortdauerndes graues Gestöber, das oft Wind hatte, oft ein ruhiges, aber dichtes Niederschütten von Flocken war. Die ganze Zeit sahen wir nicht aus. Wenn ich in meinem Zimmer saß und die Kerzen brannten, hörte ich das unablässige Rieseln an den Fenstern, und wenn es licht wurde und die Tageshelle eintrat, sah ich durch meine Fenster nicht auf den Wald hin, der hinter der Hütte stand, die ich hatte abbrechen lassen, sondern es hing die graue, lichte, aber undurchdringliche Schleierwand herab; in meinem Hofe und in der Nähe des Hauses sah ich nur auf die unmittelbarsten Dinge hinab, wenn etwa ein Balken empor stand, der eine Schneehaube hatte und unendlich kurz geworden war, oder wenn ein langer, weißer, wolliger Wall anzeigte, wo meine im Sommer ausgehauenen Bäume lagen, die ich zum weitern Baue verwenden wollte. Als alles vorüber war und wieder der blaue und klare Winterhimmel über der Menge von Weiß stand, hörten wir oft in der Totenstille, die jetzt eintrat, wenn wir an den Hängen hinunter fuhren, in dem Hochwalde oben ein Krachen, wie die Bäume unter ihrer Last zerbrachen und umstürzten. Leute, welche von dem jenseitigen Lande über die Schneide herüber kamen, sagten, daß in den Berggründen, wo sonst die kleinen, klaren Wässer gehen, so viel Schnee liege, daß die Tanne in von fünfzig Ellen und darüber nur mit den Wipfeln heraus schauen. Wir konnten nur den leichteren Schlitten brauchen – ich hatte nämlich noch einen machen lassen –, der etwas länger, aber schmäler war als der andere. Er fiel wohl öfter um, aber konnte auch leichter durch die Schlachten, welche die Schneewehen bildeten, durchdringen. Ich konnte jetzt nicht mehr allein zur Besorgung meiner Geschäfte herum fahren, weil ich mir mit allen meinen Kräften in vielen Fällen allein nicht helfen konnte. Und es waren mehr Kranke, als es in allen sonstigen Zeiten gegeben hatte. Deswegen fuhr jetzt der Thomas immer mit mir, daß wir uns gegenseitig beistünden, wenn der Weg nicht mehr zu finden war, wenn wir den Fuchs aus dem Schnee, in den er sich verfiel, austreten mußten, oder wenn einer, da es irgendwo ganz unmöglich war durch zu dringen, bei dem Pferde bleiben und der andere zurück gehen und Leute holen mußte, damit sie uns helfen. Es wurde nach dem großen Schneefalle auch so kalt, wie man es je kaum erlebt hatte. Auf einer Seite war es gut; denn der tiefe Schnee fror so fest, daß man über Stellen und über Schlünde gehen konnte, wo es sonst unmöglich gewesen wäre; aber auf der andern Seite war es auch schlimm; denn die Menschen, welche viel gingen, ermüdet wurden und unwissend waren, setzten sich nieder, gaben der süßen Ruhe nach, und wurden dann erfroren gefunden, wie sie noch saßen, wie sie sich nieder gesetzt hatten. Vögel fielen von den Bäumen, und wenn man es sah und sogleich einen in die Hand nahm, war er fest wie eine Kugel, die man werfen konnte. Wenn meine jungen Rappen ausgeführt wurden und von einem Baume oder sonst wo eine Schneeflocke auf ihren Rücken fiel, so schmolz dieselbe nicht, wenn sie nach Hause kamen, wie lebendig und tüchtig und voll von Feuer die Tiere auch waren. Erst im Stalle verlor sich das Weiß und Grau von dem Rücken. Wenn sie ausgeführt wurden, sah ich manchmal den jungen Gottlieb mit gehen und hinter den Tieren her bleiben, wenn sie auf verschiedenen Wegen herum geführt wurden, aber es tut nichts, die Kälte wird ihm nichts anhaben, und er ist ja in den guten Pelz gehüllt, den ich ihm aus meinem alten habe machen lassen. Ich ging oft in die Zimmer der Meinigen hinab, und sah, ob alles in der Ordnung sei, ob sie gehörig Holz zum Heizen haben, ob die Wohnung überall gut geborgen sei, daß nicht auf einen, wenn er vielleicht im Bette sei, der Strom einer kalten Luft gehe und er erkranke; ich sah auch nach der Speise; denn bei solcher Kälte ist es nicht einerlei, ob man das oder jenes esse. Dem Gottlieb, der nur mit Spänen heizte, ließ Ich von den dichten Buchenstöcken hinüber legen. Im Eichenhage oben soll ein Knall geschehen sein, der seines Gleichen gar nicht hat. Der Knecht des Beringer sagte, daß einer der schönsten Stämme durch die Kälte von unten bis oben gespalten worden sei, er habe ihn selber gesehen. Der Thomas und ich waren in Pelze und Dinge eingehüllt, daß wir zwei Bündeln, kaum aber Menschen gleich sahen. Dieser Winter, von dem wir dachten, daß er uns viel Wasser bringen würde, endigte endlich mit einer Begebenheit, die wunderbar war, und uns leicht die äußerste Gefahr hätte bringen können; wenn sie nicht eben gerade so abgelaufen wäre, wie sie ablief. Nach dem vielen Schneefalle und während der Kälte war es immer schön, es war immer blauer Himmel, morgens rauchte es beim Sonnenaufgange von Glanz und Schnee, und nachts war der Himmel dunkel wie sonst nie, und es standen viel mehr Sterne in ihm als zu allen Zeiten. Dies dauerte lange – aber einmal fiel gegen Mittag die Kälte so schnell ab, daß man die Luft bald warm nennen konnte, die reine Bläue des Himmels trübte sich, von der Mittagseite des Waldes kamen an dem Himmel Wolkenballen, gedunsen und fahlblau, in einem milchigen Nebel schwimmend, wie im Sommer, wenn ein Gewitter kommen soll – ein leichtes Windigen hatte sich schon früher gehoben, daß die Fichten seufzten und Ströme Wassers von ihren Ästen niederlassen. Gegen Abend standen die Wälder, die bisher immer bereift und wie in Zucker eingemacht gewesen waren, bereits ganz schwarz in den Mengen des bleichen und wässerigen Schnees da. Wir hatten bange Gefühle, und ich sagte dem Thomas, daß sie abwechselnd nachschauen, daß sie die hinteren Tore im Augenmerk halten sollen, und daß er mich wecke, wenn das Wasser zu viel werden sollte. Ich wurde nicht geweckt, und als ich des Morgens die Augen öffnete, war alles anders, als ich es erwartet hatte. Das Windchen hatte aufgehört, es war so stille, daß sich von der Tanne, die ich keine Büchsenschußlänge von meinem Fenster an meinem Sommerbänkchen stehen sah, keine einzige Nadel rührte; die blauen und mitunter bleifarbigen Wolkenballen waren nicht mehr an dem Himmel, der dafür in einem stillen Grau unbeweglich stand, welches Grau an keinem Teile der großen Wölbung mehr oder weniger grau war, und an der dunkeln Öffnung der offen stehenden Tür des Heubodens bemerkte ich, daß feiner, aber dichter Regen niederfalle; allein wie ich auf allen Gegenständen das schillerige Glänzen sah, war es nicht das Lockern oder Sickern des Schnees, der in dem Regen zerfällt, sondern das blasse Glänzen eines Überzuges, der sich über alle die Hügel des Schnees gelegt hatte. Als ich mich angekleidet und meine Suppe gegessen hatte, ging ich in den Hof hinab, wo der Thomas den Schlitten zurecht richtete. Da bemerkte ich, daß bei uns herunten an der Oberfläche des Schnees während der Nacht wieder Kälte eingefallen sei, während es oben in den höheren Teilen des Himmels warm geblieben war; denn der Regen floß fein und dicht hernieder, aber nicht in der Gestalt von Eiskörnern, sondern als reines, fließendes Wasser, das erst an der Oberfläche der Erde gefror und die Dinge mit einem dünnen Schmelze überzog, derlei man in das Innere der Geschirre zu tun pflegt, damit sich die Flüssigkeiten nicht in den Ton ziehen können. Im Hofe zerbrach der Überzug bei den Tritten noch in die feinsten Scherben, es mußte also erst vor Anbruch des Tages zu regnen angefangen haben. Ich tat die Dinge, die ich mitnehmen wollte, in ihre Fächer, die in dem Schlitten angebracht waren, und sagte dem Thomas, er solle doch, ehe wir zum Fortfahren kämen, noch den Fuchs zu dem untern Schmied hinüber führen und nachschauen lassen, ob er scharf genug sei, weil wir heute im Eise fahren müßten. Es war uns so recht, wie es war, und viel lieber, als wenn der unermeßliche Schnee schnell und plötzlich in Wasser verwandelt worden wäre. Dann ging ich wieder in die Stube hinauf, die sie mir viel zu viel geheizt hatten, schrieb einiges auf, und dachte nach, wie ich mir heute die Ordnung einzurichten hätte. Da sah ich auch, wie der Thomas den Fuchs zum untern Schmied hinüber führte. Nach einer Weile, da wir fertig waren, richteten wir uns zum Fortfahren. Ich tat den Regenmantel um und setzte meine breite Filzkappe auf, davon der Regen abrinnen konnte. So machte ich mich in dem Schlitten zurechte und zog das Leder sehr weit herauf. Der Thomas hatte seinen gelben Mantel um die Schultern und saß vor mir in dem Schlitten. Wir fuhren zuerst durch den Thaugrund, und es war an dem Himmel und auf der Erde so stille und einfach grau, wie des Morgens, so daß wir, als wir einmal stille hielten, den Regen durch die Nadeln fallen hören konnten. Der Fuchs hatte die Schellen an dem Schlittengeschirre nicht recht ertragen können und sich öfter daran geschreckt, deshalb tat ich sie schon, als ich nur ein paar Male mit ihm gefahren war, weg. Sie sind auch ein närrisches Klingeln, und mir war es viel lieber, wenn ich so fuhr, manchen Schrei eines Vogels, manchen Waldton zu hören, oder mich meinen Gedanken zu überlassen, als daß ich immer das Tönen in den Ohren hatte, das für die Kinder ist. Heute war es freilich nicht so ruhig, wie manchmal das stumme Fahren des Schlittens im feinen Schnee war, wie im Sande, wo auch die Hufe des Pferdes nicht wahrgenommen werden konnten; denn das Zerbrechen des zarten Eises, wenn das Tier darauf trat, machte ein immerwährendes Geräusch, daher aber das Schweigen, als wir halten mußten, weil der Thomas in dem Riemzeug etwas zurecht zu richten hatte, desto auffallender war. Und der Regen, dessen Rieseln durch die Nadeln man hören konnte, störte die Stille kaum, ja er vermehrte sie. Noch etwas anderes hörten wir später, da wir wieder hielten, was fast lieblich für die Ohren war. Die kleinen Stücke Eises, die sich an die dünnsten Zweige und an das langhaarige Moos der Bäume angehängt hatten, brachen herab, und wir gewahrten hinter uns in dem Walde an verschiedenen Stellen, die bald dort und bald da waren, das zarte Klingen und ein zitterndes Brechen, das gleich wieder stille war. Dann kamen wir aus dem Walde hinaus und fuhren durch die Gegend hin, in der die Felder liegen. Der gelbe Mantel des Thomas glänzte, als wenn er mit Öl übertüncht worden wäre; von der rauhen Decke des Pferdes hingen Silberfranzen hernieder; wie ich zufällig einmal nach meiner Filzkappe griff, weil ich sie unbequem auf dem Haupte empfand, war sie fest, und ich hatte sie wie eine Kriegshaube auf; und der Boden des Weges, der hier breiter und, weil mehr gefahren wurde, fester war, war schon so mit Eise belegt, weil das gestrige Wasser, das in den Gleisen gestanden war, auch gefroren war, daß die Hufe des Fuchses die Decke nicht mehr durchschlagen konnten, und wir unter hallenden Schlägen der Hufeisen und unter Schleudern unseres kleinen Schlittens, wenn die Fläche des Weges ein wenig schief war, fortfahren mußten.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Wir kamen zuerst zu dem Karbauer, der ein krankes Kind hatte. Von dem Hausdache hing ringsum, gleichsam ein Orgelwerk bildend, die Verzierung starrender Zapfen, die lang waren, teils herabbrachen, teils an der Spitze ein Wassertröpfchen hielten, das sie wieder länger und wieder zum Herabbrechen geneigter machte. Als ich ausstieg, bemerkte ich, daß das Überdach meines Regenmantels, das ich gewöhnlich so über mich und den Schlitten breite, daß ich mich und die Arme darunter rühren könne, in der Tat ein Dach geworden war, das fest um mich stand und beim Aussteigen ein Klingelwerk fallender Zapfen in allen Teilen des Schlittens verursachte. Der Hut des Thomas war fest, sein Mantel krachte, da er abstieg, auseinander, und jede Stange, jedes Holz, jede Schnalle, jedes Teilchen des ganzen Schlittens, wie wir ihn jetzt so ansahen, war in Eis, wie in durchsichtigen, flüssigen Zucker, gehüllt, selbst in den Mähnen, wie tausend bleiche Perlen, hingen die gefrornen Tropfen des Wassers, und zuletzt war es um die Hufhaare des Fuchses wie silberne Borden geheftet.

Ich ging in das Haus. Der Mantel wurde auf den Schragen gehängt, und wie ich die Filzkappe auf den Tisch des Vorhauses legte, war sie wie ein schimmerndes Becken anzuschauen.

Als wir wieder fortfahren wollten, zerschlugen wir das Eis auf unsern Hüten, auf unsern Kleidern, an dem Leder und den Teilen des Schlittens, an dem Riemzeug des Geschirres, und zerrieben es an den Haaren der Mähne und der Hufe des Fuchses. Die Leute des Karbauers halfen uns hiebei. Das Kind war schon schier ganz gesund. Unter dem Obstbaumwalde des Karhauses, den der Bauer sehr liebt und schätzt, und der hinter dem Hause anhebt, lagen unzählige kleine schwarze Zweige auf dem weißen Schnee, und jeder schwarze Zweig war mit einer durchsichtigen Rinde von Eis umhüllt und zeigte neben dem Glanze des Eises die kleine frischgelbe Wunde des Herabbruchs. Die braunen Knösplein der Zweige, die im künftigen Frühlinge Blüten- und Blätterbüschlein werden sollten, blickten durch das Eis hindurch. Wir setzten uns in den Schlitten. Der Regen, die graue Stille und die Einöde des Himmels dauerten fort.

Da wir in der Dubs hinüber fuhren, an der oberen Stelle, wo links das Gehänge ist und an der Schneide der lange Wald hin geht, sahen wir den Wald nicht mehr schwarz, sondern er war gleichsam bereift, wie im Winter, wenn der Schnee in die Nadeln gestreut ist und lange Kälte herrscht; aber der Reif war heute nicht so weiß wie Zucker, dergleichen er sonst ähnlich zu sein pflegt, sondern es war das dumpfe Glänzen und das gleichmäßige Schimmern an allen Orten, wenn es bei trübem Himmel überall naß ist; aber heute war es nicht von der Nässe, sondern von dem unendlichen Eise, das in den Ästen hing. Wir konnten, wenn wir etwas Aufwärts und daher langsamer fuhren, das Knistern der brechenden Zweige sogar bis zu uns herab hören, und der Wald erschien, als sei er lebendig geworden. Das blasse Leuchten des Eises auf allen Hügeln des Schnees war rings um uns herum, das Grau des Himmels war beinahe sehr licht, und der Regen dauerte stille fort, gleichmäßig fein und gleichmäßig dicht.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Wir hatten in den letzten Häusern der Dubs etwas zu tun, ich machte die Gange, da die Orte nicht weit auseinander lagen, zu Fuße, und der Fuchs wurde in den Stall getan, nachdem er wieder von dem Eise, das an ihm rasselte, befreit worden war. Der Schlitten und die Kleider des Thomas mußten ebenfalls ausgelöset werden; die meinigen aber, nämlich der Mantel und die Filzkappe, wurden nur von dem, was bei oberflächlichem Klopfen und Rütteln herabging, erleichtert, das andere aber daran gelassen, da ich doch wieder damit in dem Regen herum gehen mußte und neue Lasten auf mich lud. Ich hatte mehr Kranke, als sie sonst in dieser Jahreszeit zu sein pflegen. Sie waren aber alle ziemlich in der Nähe beisammen, und ich ging von dem einen zu dem andern. An den Zäunen, an den Strunken von Obstbäumen und an den Rändern der Dächer hing unsägliches Eis. An mehreren Planken waren die Zwischenräume verquollen, als wäre das Ganze in eine Menge eines zähen Stoffes eingehüllt worden, der dann erstarrte. Mancher Busch sah aus wie viele in einander gewundene Kerzen, oder wie lichte, wässerig glänzende Korallen.

Ich hatte dieses Ding nie so gesehen wie heute.

Die Leute schlugen manche der bis ins Unglaubliche herabgewachsenen Zapfen von den Dächern, weil sie sonst, wenn sie gar groß geworden waren, im Herabbrechen Stücke der Schindeln oder Rinnen mit sich auf die Erde nahmen. Da ich in der Dubs herum ging, wo mehrere Häuser um den schönen Platz herum stehen, den sie bilden, sah ich, wie zwei Mägde das Wasser, welches im Tragen hin und her geschwemmt haben würde, in einem Schlitten nach Hause zogen. Zu dem Brunnen, der in der Mitte des Platzes steht, und um dessen Holzgeschlacht herum schon im Winter der Schnee einen Berg gebildet hatte, mußten sie sich mit der Axt Stufen hinein hauen. Sonst gingen die Leute gar nicht aus den Häusern, und wo man doch einen sah, duckte er oben mit dem Haupte vor dem Regen in sein Gewand, und unten griff er mit den Füßen vorsichtig vorwärts, um in der unsäglichen Glätte nicht zu fallen.

Wir mußten wieder fort. Wir fuhren mit dem Fuchs, den wir wieder hatten scharf machen lassen, durch die ebenen Felder hinüber gegen das Eckstück, welches die Siller am höher stehenden Walde einfaßt, und wo mehrere Holzhäuser stehen. Wir hörten, da wir über die Felder fuhren, einen dumpfen Fall; wußten aber nicht recht, was es war. Auf dem Raine sahen wir einen Weidenbaum gleißend stehen, und seine zähen, silbernen Äste hingen herab, wie mit einem Kamme nieder gekämmt. Den Waldring, dem wir entgegen fuhren, sahen wir bereift, aber er warf glänzende Funken und stand wie geglättete Metallstellen von dem lichten, ruhigen, matten Grau des Himmels ab.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Von den Holzhausern mußten wir wieder zurück über die Felder, aber schief auf dem Wege gegen das Eidun. Die Hufe unseres Pferdes hallten auf der Decke, wie starke Steine, die gegen Metallschilde geworfen werden. Wir aßen bei dem Wirte etwas, weil wir zu spät nach Hause gekommen sein würden, dann, nachdem wir den Schlitten, das Pferd und unsere Kleider wieder frei gemacht hatten, fuhren wir wieder ab, auf dem Wege, der nach meinem Hause führte. Ich hatte nur noch in den letzteren Eidunhäusern etwas zu tun, und dann konnten wir auf dem Wege hinüber fahren, wo im Sommer die Eidunwiesen sind, im Winter aber alle die fahren und gehen, die im Waldhange und oberen Hage Geschäfte haben. Von da konnten wir gegen den Fahrweg einlenken, der durch den Thaugrund und nach Hause führt. Da wir uns auf den Wiesen befanden, über deren Ebene wir jetzt freilich klafterhoch erhoben fuhren, hörten wir wieder denselben dumpfen Fall, wie heute schon einmal, aber wir erkannten ihn wieder nicht, und wußten auch nicht einmal ganz genau, woher wir ihn gehört hatten. Wir waren sehr froh, einmal nach Hause zu kommen; denn der Regen und das Feuchte, das in unserm ganzen Körper steckte, tat uns recht unwohl, auch war die Glätte unangenehm, die allenthalben unnatürlich über Flur und Feld gebreitet war und den Fuß, wenn man ausstieg, zwang, recht vorsichtig auf die Erde zu greifen, woher man, wenn man auch nicht gar viel und gar weit ging, unglaublich ermüdet wurde.

Da wir endlich gegen den Thaugrund kamen und der Wald, der von der Höhe herüber zieht, anfing, gegen unsern Weg herüber zu langen, hörten wir plötzlich in dem Schwarzholze, das auf dem schön emporragenden Felsen steht, ein Geräusch, das sehr seltsam war, und das keiner von uns je vernommen hatte – es war, als ob viele Tausende oder gar Millionen von Glasstangen durcheinander rasselten und in diesem Gewirre fort in die Entfernung zögen. Das Schwarzholz war doch zu weit zu unserer Rechten entfernt, als daß wir den Schall recht klar hätten erkennen können, und in der Stille, die in dem Himmel und auf der Gegend war, ist er uns recht sonderbar erschienen. Wir fuhren noch eine Strecke fort, ehe wir den Fuchs aufhalten konnten, der im Nachhauserennen begriffen war und auch schon trachten mochte, aus diesem Tage in den Stall zu kommen. Wir hielten endlich und hörten in den Lüften gleichsam ein unbestimmtes Rauschen, sonst aber nichts. Das Rauschen hatte jedoch keine Ähnlichkeit mit dem fernen Getöse, das wir eben durch die Hufschläge unsers Pferdes hindurch gehört hatten. Wir fuhren wieder fort und näherten uns dem Walde des Thaugrundes immer mehr, und sahen endlich schon die dunkle Öffnung, wo der Weg in das Gehölze hinein geht. Wenn es auch noch früh am Nachmittage war, wenn auch der graue Himmel so licht schien, daß es war, als müßte man den Schimmer der Sonne durchsinken sehen, so war es doch ein Winternachmittag, und es war so trübe, daß sich schon die weißen Gefilde vor uns zu entfärben begannen und in dem Holze Dämmerung zu herrschen schien. Es mußte aber doch nur scheinbar sein, indem der Glanz des Schnees gegen das Dunkel der hinter einander stehenden Stämme abstach.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Als wir an die Stelle kamen, wo wir unter die Wölbung des Waldes hinein fahren sollten, blieb der Thomas stehen. Wir sahen vor uns eine sehr schlanke Fichte zu einem Reife gekrümmt stehen und einen Bogen über unsere Straße bildend, wie man sie einziehenden Kaisern zu machen pflegt. Es war unsäglich, welche Pracht und Last des Eises von den Bäumen hing. Wie Leuchter, von denen unzählige umgekehrte Kerzen in unerhörten Größen ragten, standen die Nadelbäume. Die Kerzen schimmerten alle von Silber, die Leuchter waren selber silbern, und standen nicht überall gerade, sondern manche waren nach verschiedenen Richtungen geneigt. Das Rauschen, welches wir früher in den Lüften gehört hatten, war uns jetzt bekannt; es war nicht in den Lüften; jetzt war es bei uns. In der ganzen Tiefe des Waldes herrschte es ununterbrochen fort, wie die Zweige und Äste krachten und auf die Erde fielen. Es war um so fürchterlicher, da alles unbeweglich stand; von dem ganzen Geglitzer und Geglänze rührte sich kein Zweig und keine Nadel, außer wenn man nach einer Weile wieder auf einen gebogenen Baum sah, daß er von den ziehenden Zapfen niederer stand. Wir harreten und schauten hin – man weiß nicht, war es Bewunderung oder war es Furcht, in das Ding hinein zu fahren. Unser Pferd mochte die Empfindungen in einer Ähnlichkeit teilen, denn das arme Tier schob, die Füße sachte anziehend, den Schlitten in mehreren Rucken etwas zurück.

Wie wir noch da standen und schauten – wir hatten noch kein Wort geredet – hörten wir wieder den Fall, den wir heute schon zweimal vernommen hatten. Jetzt war er uns aber völlig bekannt. Ein helles Krachen, gleichsam wie ein Schrei, ging vorher, dann folgte ein kurzes Wehen, Sausen oder Streifen, und dann der dumpfe, dröhnende Fall, mit dem ein mächtiger Stamm auf der Erde lag. Der Knall ging wie ein Brausen durch den Wald und durch die Dichte der dämpfenden Zweige; es war auch noch ein Klingeln und Geschimmer, als ob unendliches Glas durcheinander geschoben und gerüttelt würde – dann war es wieder wie vorher, die Stämme standen und ragten durch einander, nichts regte sich, und das still stehende Rauschen dauerte fort. Es war merkwürdig, wenn ganz in unserer Nähe ein Ast oder Zweig oder ein Stück Eis fiel; man sah nicht, woher es kam, man sah nur schnell das Herniederblitzen, hörte etwa das Aufschlagen, hatte nicht das Emporschnellen des verlassenen und erleichterten Zweiges gesehen, und das Starren, wie früher, dauerte fort.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Es wurde uns begreiflich, daß wir in den Wald nicht hineinfahren konnten. Es mochte irgendwo schon über den Weg ein Baum mit all seinem Geäste liegen, über den er nicht hinüber könnten, und der nicht zu umgehen war, weil die Bäume dicht stehen, ihre Nadeln vermischen und der Schnee bis in das Geäste und Geflechte des Niedersatzes ragte. Wenn wir dann umkehrten und auf dem Wege, auf dem wir gekommen waren, zurück wollten, und da sich etwa auch unterdessen ein Baum herüber legt hätte, so wären wir mitten darinnen gewesen. Der Regen dauerte unablässig fort, wir selber waren schon wieder eingehüllt, daß wir uns nicht regen konnten, ohne die Decke zu zerbrechen, der Schlitten war schwerfällig und verglaste, und der Fuchs trug seine Lasten – wenn nirgends etwas in den Bäumen um eine Unze an Gewicht gewann, so mochte es fallen, ja die Stämme selber mochten brechen, die Spitzen der Zapfen, wie Keile, mochten nieder fahren, wir sahen ohnedem auf unserm Wege, der vor uns lag, viele zerstreut, und während wir standen, waren in der Ferne wieder dampfe Schläge zu vernehmen gewesen. Wie wir umschauten, woher wir gekommen, war auf den ganzen Feldern und in der Gegend kein Mensch und kein lebendiges Wesen zu sehen. Nur ich mit dem Thomas und mit dem Fuchse waren allein in der freien Natur.

Ich sagte dem Thomas, daß wir umkehren müßten. Wir stiegen aus, schüttelten unsere Kleider ab, so gut es möglich war, und befreiten die Haare des Fuchses von dem anhangenden Eise, von dem es uns vorkam, als wachse es jetzt viel schneller an als am Vormittage, war es nun, daß wir damals die Erscheinung beobachteten und im Hinschauen darauf ihr Fortgang uns langsamer vorkam, als Nachmittag, wo wir andere Dinge zu tun hatten und nach einer Weile erst sahen, wie das Eis sich wieder gehäuft hatte – oder war es kälter und der Regen dichter geworden. Wir wußten es nicht. Der Fuchs und der Schlitten wurde sodann von dem Thomas umgekehrt, und wir fuhren, so schnell wir konnten, gegen die uns zunächst gerichteten Eidunhäuser zurück. Es war damals am oberen Ende, wo der Bühl sacht beginnt, noch das Wirtshaus – der Burmann hat es heuer gekauft und treibt bloß Feldwirtschaft – dorthin fuhren wir über den Schnee, der jetzt trug, ohne Weg, in der geradesten Richtung, die wir einschlagen konnten. Ich bat den Wirt, daß er mir eine Stelle in seinem Stalle für meinen Fuchs zurecht räumen möchte. Er tat es, obwohl er ein Rind hinüber auf einen Platz seines Stalles hängen mußte, wo sonst nur Stroh und einstweil Futter lag, das man an dem Tage gebrauchen wollte. Den Schlitten taten wir in die Wagenlaube. Als wir das untergebracht und uns wieder von der angewachsenen Last befreit hatten, nahm ich einiges aus dem Schlitten, was ich brauchte, und sagte, ich werde nun zu Fuße den Weg nach Hause antreten; denn ich müsse in der Nacht in meinem Hause sein, weil manches zu bereiten ist, das ich morgen bedürfe, und weil ich morgen einen andern Weg einzuschlagen hätte, da ich die Kranken in dem oberen Lande besuchen müßte, die mich heute nicht gesehen hatten. – Den Thaugrund könne ich umgehen, ich wolle durch das Gebühl, dann durch die Wiesen des Meierbacher links hinauf, sodann durch die kleinen Erlenbüsche, die gefahrlos sind, hinüber gegen die Hagweiden und von dort gegen mein Haus hinunter, das in dem Tale steht.

Als ich das so gesagt hatte, wollte mein Knecht Thomas nicht zugeben, daß ich allein gehe; denn der Weg, den ich beschrieben hatte, wäre hüglig und ging an Höhen von Wiesen hinauf, wo gewiß überhängende Schneelehnen sind, und wo in dem glatten Eise das Klimmen und Steigen von großer Gefahr sein möchte. Er sagte, er wolle mit mir gehen, daß wir einander an den Meierbacher Wiesen emporhelfen, daß wir einander beistehen und uns durch das Geerle hinüberreichen möchten. Unsere Fahrangelegenheit konnten wir bei dem Wirte da lassen, er würde ihm schon sagen, wie der Fuchs zu füttern und zu pflegen sei. Morgen, wenn sich das Wetter geändert hätte, würde er um den Fuchs herüber gehen, und zu meiner Fahrt, wenn ich zeitlich fort wollte, könnte ich die Pferde des Rothbergerwirtes nehmen, um die ich den Gottlieb oder jemanden hinab schicken möge, wenn ja sonst Gott einen Tag sende, an dem ein Mensch unter den freien Himmel heraus zu gehen sich wage.

Ich sah das alles ein, was mein Knecht Thomas sagte, und da ich mich auch nicht ganz genau erinnerte – man schaut das nicht so genau an – ob denn wirklich überall da, wo ich zu gehen vor hatte, keine Bäume stünden, oder ob ich nicht einen viel weiteren Umweg zu machen oder gar wieder zurück zu gehen hätte, wenn ich nicht vordringen könnte; so gestattete ich ihm, daß er mit gehe, damit wir unser zwei sind und die Sache mit mehr Kräften beherrschten.

Ich habe in meinem Schlitten immer Steigeisen eingepackt, weil ich oft aussteigen und über manche Hügel hinauf, die in unserem Lande sind und steile Hänge haben, zu Kranken gehen muß, wo ich, wenn Glatteis herrscht, gar nicht oder mit Gefahr und Mühe auf den Wegen, die niemand pflegt, oder die verschneit und vereiset sind, hinauf kommen könnte. Weil es aber auch leicht möglich ist, daß etwas bricht, so führe ich immer zwei Paare mit, daß ich in keine Ungelegenheit komme. Heute hatte ich sie nicht gebraucht, weil ich immer an ebenen Stellen zu gehen hatte, und weil ich die Füße nicht an immer dauernde Unterstützung gewöhnen will. Ich suchte die Steigeisen aus dem Schlitten heraus und gab dem Thomas ein Paar. Dann steckte ich aus den Fächern des Schlittens die Dinge und Herrichtungen zu mir, die ich morgen brauchen sollte. An dem Gestelle des Schlittens oberhalb der Kufe dem Korbe entlang sind Bergstöcke angeschnallt, die eine sehr starke Eisenspitze haben und weiter Aufwärts einen eisernen Haken, um sich damit einzuhaken und anzuhängen. Am obersten Ende des Holzes sind sie mit einem Knaufe versehen, daß sie nicht so leicht durch die Hand gleiten. Weil ich aus Vorsicht auch immer zwei solche Stöcke bei mir habe, so gab ich dem Thomas einen, nachdem er sie abgeschnallt hatte, und einen behielt ich mir. So gingen wir dann, ohne uns noch aufzuhalten, sogleich fort, weil an solchen Wintertagen die Nacht schnell einbricht und dann sehr finster ist. Der Thomas hatte darum auch die Blendlaterne aus dem Schlitten genommen und hatte sich mit Feuerzeug versehen.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Auf dem offenen Felde, ehe wir wieder in die Nähe des Thaugrundes kamen, gingen wir ohne Steigeisen bloß mit Hülfe der Stöcke fort, was sehr beschwerlich war. Als wir in die Nähe des Waldes kamen und uns das fürchterliche Rauschen wieder empfing, beugten wir links ab gegen die Wiesen des Meierbacher hin, die eine Lichtung durch den Wald bilden, und die uns den Weg darstellen sollten, auf dem wir nach Hause gelangen könnten. Wir erreichten die Wiesen, das will sagen, wir erkannten, daß wir uns auf dem Schnee über ihrer Grenze befanden, weil die Rinde nun sanft abwärts zu gehen begann, wo unten der Bach sein sollte, über dem aber zwei Klafter hoher Schnee, oder noch höherer, stand. Wir wagten, da der Grund nicht zerrissen ist und die Decke mit ihrem Glänzen ein gleichmäßiges Abgehen zeigte, das Hinabfahren mit unseren Bergstöcken. Es gelang gut. Wir hätten wohl mittelst der Steigeisen lange gebraucht hinabzukommen, aber so gelangten wir in einem Augenblicke hinunter, daß die Luft an unseren Angesichtern und durch unsere Haare sauste. Wirklich glaubten wir, da wir wieder aufgestanden waren, es habe sich ein kleines Windchen gehoben, aber es war nur unsere Bewegung gewesen, und ringsum war es so ruhig, wie den ganzen Tag. Wir legten nun in dem Grunde unsere Steigeisen an, um über die Höhe und den bedeutenden Bühel empor zu kommen, in denen sich die Wiese hinüber gegen die Erlengebüsche legt, auf die wir hinaus gelangen wollten. Es ist gut, daß ich aus Vorsicht die Spitzen der Steigeisen immer zuschleifen und schärfen lasse; denn wir gingen über den Bühel, der wie eine ungeheure gläserne Spiegelwalze vor uns lag, so gerade hinauf, als würden wir mit jedem Tritte an die Glätte angeheftet. Als wir oben waren und an dem Rande des Geerles standen, wo man ziemlich weit herum sieht, meinten wir, es dämmere bereits; denn der Eisglanz hatte da hinab, wo wir herauf gekommen waren, eine Farbe wie Zinn, und wo die Schneewehen sich überwölbten und Rinnen und Löcher bildeten, saß es wie grauliche Schatten darinnen; aber die Ursache, daß wir so trüb sahen, mußte der Tag sein, der durch die weißliche, feste Decke des Himmels dieses seltsame, dämmerige Licht warf. Wir sahen auf mehrere Wälder, die jenseits dieser Höhe herum ziehen: sie waren grau und schwarz gegen den Himmel und den Schnee, und die Lebendigkeit in ihnen, das gedämpfte Rauschen, war fast hörbar – aber deutlich zu vernehmen war mancher Fall, und dann das Brausen, das darauf durch die Glieder der Bergzüge ging.

Wir hielten uns nicht lange an diesem Platze auf, sondern suchten in die Büsche der Erlen einzudringen und durch sie hindurch zu kommen. Die Steigeisen hatten wir weggetan und trugen sie über unsern Rücken herab hängend. Es war schwer, durch die Zweige, die dicht aus dem Schnee nach allen Richtungen ragten, zu kommen. Sie hielten uns die starren Ausläufe wie unzählige stählerne Stangen und Spieße entgegen, die in unsere Gewänder und Füße bohrten und uns verletzt haben würden. Aber wir gebrauchten unsere Bergstöcke dazu, daß wir mit ihnen vor uns in das Gezweige schlugen und Eis und Holz so weit zerschlugen und weich machten, daß wir mit Arbeit und gegenseitiger Hülfe durch gelangen konnten. Es dauerte aber lange.

Da wir endlich heraus waren und an den Hagweiden standen, wo wir hinunter in das Tal sahen, in dem mein Haus ist, dämmerte es wirklich, aber wir waren schon nahe genug, und besorgten nichts mehr. Durch die allgemeine dicke, weißgraue Luft sahen wir mein Haus, und ein gerader bläulicher Rauch stieg aus demselben empor, wahrscheinlich von dem Feuer kommend, an dem Maria, die Haushälterin, unser Mahl in Bereitschaft richtete. Wir legten hier wieder die Steigeisen an und gingen langsam hinunter, bis wir auf ebenem Boden waren, wo wir sie wieder weg taten.

Vor den Türen der Häuser, die in der Nähe des meinigen sind, standen Gruppen von Menschen und schauten den Himmel an.

„Ach, Herr Doktor,“ riefen sie, „ach, Herr Doktor, wo kommt Ihr denn an diesem fürchterlichen Tage her?“

„Ich komme von der Dubs und von den Eidunhäusern,“ sagte ich, „mein Pferd und den Schlitten ließ ich zurück, und bin über die Meierbacher Wiesen und die Hagweiden gekommen, weil ich nicht mehr durch den Wald konnte.“

Ich blieb ein wenig bei den Leuten stehen. Wirklich war der Tag ein furchtbarer. Das Rauschen der Wälder war von ringsum bereits bis hierher zu hören, dazwischen tönte der Fall von Bäumen, und folgte immer dichter auf einander; ja sogar von dem hohen obern Walde her, wo man gar nicht wegen der Dicke des Nebels hin sehen konnte, konnte man das Krachen und Stürzen vernehmen.

Der Himmel war immer weißlich, wie den ganzen Tag, ja sein Schimmer schien jetzt gegen Abend noch lichter zu werden; die Luft stand gänzlich unbewegt, und der feine Regen fiel gerade herunter.

„Gott genade dem Menschen, der jetzt im Freien ist, oder gar im Walde“, sagte einer aus den Umstehenden.

„Er wird sich wohl gerettet haben“, sagte ein anderer; „denn heute bleibt niemand auf einem Wege.“

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Ich und der Thomas trugen starke Lasten, die schier nicht mehr zu erhalten waren, deswegen nahmen wir Abschied von den Leuten und gingen unserm Hause zu. Jeder Baum hatte einen schwarzen Fleck um sich, weil eine Menge Zweige herab gerissen war, als hätte sie ein starker Hagelschlag getroffen. Mein hölzernes Gitter, mit dem ich den Hof von dem Garten, der noch nicht fertig war, abschließe, stand silbern da, wie vor dem Altare einer Kirche; ein Pflaumenbaum daneben, der noch von dem alten Allerb herrührte, war geknickt. Die Fichte, bei welcher mein Sommerbänklein steht, hatten sie dadurch vor Schaden zu verwahren gesucht, daß sie mit Stangen, so weit sie reichen konnten, das Eis herabschlugen – und wie der Wipfel sich gar schier zu neigen schien, ist der andere Knecht, Kajetan, hinauf gestiegen, hat vorsichtig oberhalb sich herab geschlagen und hat dann an die obersten Äste zwei Wiesbaumseile gebunden, die er herab hängen ließ, und an denen er von Zeit zu Zeit rüttelte. Sie wußten, daß mir der Baum lieb war, und er ist auch sehr schön, und mit seinen grünen Zweigen so bebuscht, daß sich eine ungeheure Last von Eis daran gehängt und ihn zerspellt oder seine Äste zerrissen hätte. Ich ging in meine Stube, die gut gewärmt war, legte alle Dinge, die ich aus dem Schlitten zu mir gesteckt hatte, auf den Tisch, und tat dann die Kleider weg, von denen sie unten das Eis herab schlugen und sie dann in die Küchenstube aufhängen mußten; denn sie waren sehr feucht. Als ich mich anders angekleidet hatte, erfuhr ich, daß der Gottlieb zu dem Walde des Thaugrundes hinab gegangen und noch immer nicht zurückgekehrt sei, weil er wisse, daß ich durch den Thaugrund mit meinem Schlitten daher kommen müsse. Ich sagte dem Kajetan, daß er ihn holen solle, daß er sich noch jemand mitnehme, wenn er einen finden könne, der ihn begleite, daß sie eine Laterne und Eisen an die Füße und Stöcke in die Hand nehmen sollen. Sie brachten ihn später daher, und er war schier mit Panzerringen versehen, weil er nicht überall das Eis von sich hatte abwehren können.

Ich aß ein weniges von meinem aufgehobenen Mahle. Die Dämmerung war schon weit vorgerückt und die Nacht bereits herein gebrochen. Ich konnte jetzt das verworrene Getöse sogar in meine Stube her ein hören, und meine Leute gingen voll Angst unten in dem Hause herum.

Nach einer Weile kam der Thomas, der ebenfalls gegessen und andere Kleider angetan hatte, zu mir herein und sagte, daß sich die Leute der Nachbarhäuser versammeln und in großer Bestürzung seien. Ich tat einen starken Rock um und ging mittelst eines Stockes über das Eis zu den Häusern hinüber. Es war bereits ganz finster geworden, nur das Eis auf der Erde gab einen zweifelhaften Schein und ein Schneelicht von sich. Den Regen konnte man an dem Angesichte spüren, um das es feucht war, und ich spürte ihn auch an der Hand, mit welcher ich den Bergstock einsetzte. Das Getöse hatte sich in der Finsternis vermehrt, es war rings herum an Orten, wo jetzt kein Auge hindringen konnte, wie das Rauschen entfernter Wasserfälle, – das Brechen wurde auch immer deutlicher, als ob ein starkes Heer oder eine geschreilose Schlacht im Anzuge wäre. Ich sah die Leute, als ich näher gegen die Häuser kam, stehen, aber ich sah die schwarzen Gruppen derselben von den Häusern entfernt mitten im Schnee, nicht etwa vor den Türen oder an der Wand.

„Ach Doktor helft, ach Doktor helft“, riefen einige, da sie mich kommen sahen und mich an meinem Gang erkannten.

„Ich kann euch nicht helfen, Gott ist überall groß und wunderbar, er wird helfen und retten“, sagte ich, indem ich zu ihnen hinzu trat.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Wir standen eine Weile bei einander und horchten auf die Töne. Später vernahm ich aus ihren Gesprächen, daß sie sich fürchteten, daß bei der Nacht die Häuser eingedrückt werden könnten. Ich sagte ihnen, daß sich in den Bäumen, insbesondere bei uns, wo die Nadelbäume so vorherrschend sind, in jedem Zweige, zwischen den kleinsten Reisern und Nadeln das unsäglich herunter rinnende Wasser sammle, in dem seltsamen Froste, der herrsche, gefriere und durch stetes nachhallendes Wachsen an den Ästen ziehe, Nadeln, Reiser, Zweige, Äste mit herab nehme, und endlich Bäume biege und breche; aber von dem Dache, auf welchem die glatte Schneedecke liege, rinne das Wasser fast alles ab, um so mehr, da die Rinde des Eises glatt sei und das Rinnen befördere. Sie möchten nur durch Haken Stücke des Eises herab reißen, und da würden sie sehen, zu welch geringer Dicke die Rinde auf der schiefen Fläche anzuwachsen im Stande gewesen sei. An den Bäumen ziehen unendlich viele Hände gleichsam bei unendlich vielen Haaren und Armen hernieder; bei den Häusern schiebe alles gegen den Rand, wo es in Zapfen niederhänge, die ohnmächtig sind, oder losbrechen, oder herab geschlagen werden können. Ich tröstete sie hiedurch, und sie begriffen die Sache, die sie nur verwirrt hatte, weil nie der gleichen oder nicht in solcher Gewalt und Stärke erlebt worden war.

Ich ging dann wieder nach Hause. Ich selber war nicht so ruhig, ich zitterte innerlich; denn was sollte das werden, wenn der Regen noch immer so fort dauerte und das Donnern der armen Gewächse in so rascher Folge zunahm, wie es jetzt, wo schier alles am Äußersten war, geschah. Die Lasten hatten sich zusammengelegt; ein Lot, ein Quentchen, ein Tropfen konnte den hundertjährigen Baum stürzen. Ich zündete in meiner Stube Lichter an, und wollte nicht schlafen. Der Bube Gottlieb hatte durch das lange Stehen und Warten an dem Thaugrunde ein leichtes Fieber bekommen. Ich hatte ihn untersucht, und schickte ihm etwas hinunter.

Nach einer Stunde kam der Thomas und sagte, daß die Leute zusammen gekommen seien und beten; das Getöse sei furchtbar. Ich erwiderte ihm, es müsse sich bald ändern, und er entfernte sich wieder.

Ich ging in dem Zimmer, in das der Lärmen, wie tosende Meereswogen, drang, auf und nieder, und da ich mich später auf das lederne Sitzbette, das da stand, ein wenig niedergelegt hatte, schlief ich aus Müdigkeit doch ein.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Als ich wieder erwachte, hörte ich ein Sausen oberhalb meinem Dache, das ich mir nicht gleich zu erklären vermochte. Als ich aber aufstand, mich ermannte, an das Fenster trat und einen Flügel öffnete, erkannte ich, daß es Wind sei, ja, daß ein Sturm durch die Lüfte dahin gehe. Ich wollte mich überzeugen, ob es noch regne, und ob der Wind ein kalter oder warmer sei. Ich nahm einen Mantel um, und da ich durch das vordere Zimmer ging, sah ich seitwärts Licht durch die Tür des Gemaches herausfallen, in welchem Thomas schläft. Er ist nämlich in meiner Nähe, damit ich ihn mit der Glocke rufen könne, wenn ich etwas brauche, oder falls mir etwas zustieße. Ich ging in das Gemach hinein und sah, daß er an dem Tische sitze. Er hatte sich gar nicht nieder gelegt, weil er sich, wie er mir gestand, zu sehr fürchtete. Ich sagte ihm, daß ich hinunter gehe, um das Wetter zu prüfen. Er stand gleich auf, nahm seine Lampe, und ging hinter mir die Treppe hinab. Als wir unten im Vorhause angekommen waren, stellte ich mein Licht in die Nische der Stiege und er seine Lampe dazu. Dann sperrte ich die Tür auf, die in den Hof hinaus führt, und als wir aus den kalten Gängen hinaus traten, schlug uns draußen eine warme, weiche Luft entgegen. Der ungewöhnliche Stand der Dinge, der den ganzen Tag gedauert hatte, hatte sich gelöset. Die Wärme, welche von der Mittagseite her kam und bis jetzt nur in den oberen Teilen geherrscht hatte, war nun auch, wie es meist geschieht, in die untern herab gesunken, und der Luftzug, der gewiß oben schon gewesen war, hatte sich herabgedrückt und war in völligen Sturm Übergegangen. Auch am Himmel war es, so viel ich sehen konnte, anders geworden. Die einzelne graue Farbe war unterbrochen; denn ich sah dunkle und schwarze Stücke hie und da zerstreut. Der Regen war nicht mehr so dicht, schlug aber in weiter zerstreuten und stärkeren Tropfen an unser Gesicht. Als ich so stand, näherten sich mir einige Menschen, die in der Nähe meines Hauses gewesen sein mußten. Mein Hof ist nämlich nicht so, wie es gewöhnlich zu sein pflegt, und damals war er noch weniger verwahrt als jetzt. Das Mauerwerk meines Hauses ist nämlich von zwei Seiten ins Rechteck gestellt, und das sind die zwei Seiten des Hofes. Die dritte war damals mit einer Planke versehen, hinter der der Garten werden sollte, in den man durch ein hölzernes Gitter hinein ging. Die vierte war die Einfahrt, damals auch Planke, nicht einmal gut gefügt, und mit einem hölzernen Gittertore versehen, das meistens offen stand. In der Mitte des Hofes sollte ein Brunnen werden, der aber damals noch gar nicht angefangen war. Es kam daher leicht an, daß Menschen zu mir in meinem Hofe herzu treten konnten. Sie waren im Freien gestanden und hatten in großer Angst den Zustand der Dinge betrachten wollen. Als sie das Licht in den Fenstern meiner Stube verschwinden sahen und gleich darauf bemerkten, daß es an den Fenstern des Stiegenhauses herunter gehe, dachten sie, daß ich in den Hof kommen würde, und gingen näher herzu. Sie fürchteten erst rechte Verheerungen und unbekannte Schrecken, da nun der Sturm auch noch dazu gekommen sei. Ich sagte ihnen aber, daß dies gut ist, und daß nun das Ärgste bereits hinter uns liege. Es war zu erwarten, daß die Kälte, die nur unten, nicht aber oben war, bald verschwinden würde. Es könne nun, da der Wind so warm sei, kein neues Eis mehr entstehen, ja das alte müsse weniger werden. Der Wind, wie sie meinten und fürchteten, könne auch nicht mehr Bäume stürzen, als in der Windstille gefallen sind; denn als er sich hob, sei er gewiß nicht so stark gewesen, daß er zu der Wucht, mit der mancher Stamm schon beladen gewesen war, so viel hinzu gegeben hätte, daß der Stamm gebrochen wäre, wohl aber sei er gewiß schon stark genug gewesen, um das Wasser, das locker in den Nadeln geschwebt hatte, und die Eisstücke, die nur mit einem schwachen Halt befestigt gewesen waren, herab zu schütteln. Der nächste, stärkere Stoß habe schon einen erleichterten Baum gefunden und habe ihn noch mehr erleichtert. So sei die Windstille, in der sich alles heimlich sammeln und aufladen konnte, das Furchtbare, und der Sturm, der das Zusammengeladene erschütterte, die Erlösung gewesen. Und wenn auch mancher Baum durch den Wind zum Falle gebracht wurde, so wurden doch gewiß weit mehrere durch ihn gerettet, und der schon im Äußersten stehende Stamm wäre auch in der Windstille, nur um eine kleine Zeit später, gefallen. Und nicht bloß herab geschüttelt habe der Wind das Eis, sondern er habe es auch durch seinen warmen Hauch zuerst in den zarteren Geweben, dann in den stärkeren zerfressen, und habe das dadurch entstandene und auch das vom Himmel gefallene Wasser nicht in den Zweigen gelassen, wie es eine bloß warme, aber stille Luft getan hätte. Und in der Tat, obwohl wir durch das Sausen des Sturmes hindurch das frühere Rauschen der Wälder nicht hören konnten, so waren doch die dumpfen Fälle, die wir allerdings noch vernahmen, viel seltener geworden.

Nach einer Weile, in welcher der Wind immer heftiger und, wie wir meinten, auch immer wärmer geworden war, wünschten wir uns eine gute Nacht, und gingen nach Hause. Ich begab mich auf meine Stube, entkleidete mich, legte mich in das Bett, und schlief recht fest bis an den Morgen, da schon der helle Tag an dem Himmel stand.

Als ich erwacht war, stand ich auf, legte die Kleider an, die ich am Morgen gerne habe, und ging an die Fenster. Der Sturm hatte sich noch gesteigert. Ein weißer Schaum jagte an dem Himmel dahin. Der blaue Rauch, der aus der Hütte des Klum herausging, zerflatterte, wie ein zerrissener Schleier. Wo sich ein Stück einer schwarzen Wolke hinter einem Walde hervorragend sehen ließ, wälzte es sich am Himmel hin, und war gleich wieder nicht sichtbar. Es schien, als sollte jeder Dunst verjagt werden und sogleich das reine Blau zum Vorschein kommen; allein es quoll der weiße Qualm immer wieder heraus, als würde er in der Tiefe des Himmels erzeugt; und braunliche und graue und rötliche Stücke jagten in ihm dahin. Die Dächer der Nachbarhütten schimmerten naß; in den Mulden des Eises, das über dem Schnee lag, stand Wasser, und wurde gekräuselt und in feinen Tropfen in die Lüfte zerspritzt; das andere nasse Eis glänzte schimmernd, als wäre die Weiße des Himmels darauf geworfen, die Wälder ragten finsterer und die schwarze Farbe des Sturmes gewinnend gegen den Himmel, und wo ein näherer Baum seine Äste im Winde wiegte, stand oft augenblicklich ein langer Blitz da und verschwand, und selbst über die ferneren Wände der Wälder lief es noch zu Zeiten wie verlorenes Geschimmer und Geglänze. In meinem Hofe war es naß, und die einzelnen, aber großen Tropfen schlugen gegen die andere Wand meines Hauses und gegen ihre Fenster; denn die meinigen waren dem Winde nicht zugekehrt und schauten gegen Sonnenaufgang. Bei der Fichte, an der mein Sommerbänklein steht, das aber jetzt wegen der großen Überhüllung des Schnees nicht zu erblicken war, sah ich, wie sie Leitern anlegten und der Kajetan hinauf kletterte, um die zwei Wiesbaumseile los zu lösen.

Die Gefahr, in welcher wir schwebten, war nun eine andere und größere als gestern, wo nur für die Wälder und Gärten ein großer Schaden zu fürchten gewesen war. Wenn das Wasser von dem außerordentlich vielen Schnee, der in dem Winter gefallen war, auf einmal los gebunden wird, so kann es unsere Felder, unsere Wiesen und unsere Häuser zerstören. Der Wind war noch wärmer, als in der vergangenen Nacht; denn ich öffnete die Fenster des Ganges, um ihn zu empfinden. Wenn einmal die dichte Eisdecke, die sich gestern wie zum Schutze auf die Erde gelegt hatte, durchfressen ist, dann wird der Schnee, das lockere Gewirre von lauter dünnen Eisnadeln, schnell in Tropfen zerfallen, die wilden Ungeheuer der Waldbäche werden aus den Tälern herausstürzen und donnernd die Felder, die Wiesen, die Flächen mit Wasser füllen; von allen Bergen werden schäumende Bänder niedergehen; das beweglich gewordene Wasser wird, wo Felsen und jähe Abhänge empor ragen, die Lawinen, welche Steine, Schnee und Bäume ballen, die Bäche dämmen und vor sich ein Meer von Wasser erzeugen.

Ich legte meine Kleider an, aß schnell mein Frühmahl und bereitete mich zu dem heutigen Tagewerke. Ich ging zu dem Knaben Gottlieb hinab, um nachzuschauen; aber er war ganz gesund und sah sehr gut aus. Ich sendete zu dem Vetter Martin, dem Wirt am Rothberge, hinunter, daß er mir heute ein Fuhrwerk leihe, denn durch den Thaugrund war der Weg durch gestürzte Bäume verlegt und konnte so bald nicht befreit werden, obwohl nun keine Gefahr mehr unter den Bäumen herrschte. Von dem Rothberge herauf war aber alles frei geblieben; denn die Buchen mit ihren zähen Ästen hatten die belasteten Zweige zwar bis auf die Erde hängen lassen, waren aber doch dem Zerbrechen widerstanden. Auf dem Wege, auf welchem wir gestern gekommen waren, konnte der Thomas nicht in das Eidun und zu dem Fuchse hinüber gelangen, weil das Eis nicht mehr trug; und ein tiefes, gefährliches Versinken in den wässerigen Schnee hätte erfolgen müssen. Er sagte, er wolle es gegen Mittag versuchen, bei den gestürzten Bäumen vorbei zu klettern und so in das Eidun zu kommen. Von den Rothberghäusern war zeitlich früh schon ein Bote herauf gekommen, der mir Nachricht von einem Kranken zu bringen hatte, und dieser hatte mir auch gesagt, daß es durch den Haidgraben und an dem Buchengehäng von dem Rothberge herauf frei geblieben war.

Während ich auf den Knecht wartete, den mir der Wirt am Rothberge mit einem Fuhrwerke senden sollte, untersuchte ich die Eisrinde des Schnees. Sie war noch nicht zerstört, aber an vielen Stellen in der Nähe meines Hauses so dünn, daß ich sie mit meiner Hand zerbrechen konnte. In muldenförmigen Gräben rann das Wasser auf der glatten Unterlage bereits sehr emsig dahin. Der Regen hatte ganz aufgehört, höchstens daß noch mancher einzelne Tropfen von dem Winde geschleudert wurde. Der Wind aber dauerte fort, er glättete das Eis, auf dem er das dünne Wasser dahin jagte, zu dem feinsten Schliffe, und lösete durch seine Weichheit unablässig alles Starre und Wassergebende auf.

Der Knecht des Wirtes am Rothberge kam, ich nahm mein Gewand gegen den Wind zusammen und setzte mich in den Schlitten. Ich habe an diesem Tage viele Dinge gesehen. Statt daß es gestern auf den Höhen und in den Wäldern gerauscht hatte, rauschte es heute in allen Tälern, statt daß es gestern an den Haaren des Fuchses nieder gezogen hatte, flatterten sie an dem heutigen Pferde in allen Winden. Wenn wir um eine Schneewehe herum biegen wollten, sprang uns aus ihr ein Guß Wasser entgegen, es raschelte in allen Gräben, und in den kleinsten, unbedeutendsten Rinnen rieselte und brodelte es. Die Siller, sonst das schöne, freundliche Wasser, brauste aus dem Walde heraus, hatte die fremdartig milchig schäumenden Wogen des Schneewassers, und stach gegen die dunkle Höhle des Waldes ab, aus der sie hervor kam, und in der noch die gestürzten Bäume über einander und über das Wasser lagen, wie sie gestern von dem Eise gefällt worden waren. Wir konnten nicht durch den Wald fahren, und mußten durch die Hagweiden den Feldweg einschlagen, der heuer zufällig befahren war, weil die Bewohner von Haslung ihr Holz von dem Sillerbruche wegen des vielen Schnees nicht durch den Wald, sondern auf diesem Umwege nach Hause bringen mußten. Wir fuhren durch den geweichten Schnee, wir fuhren durch Wasser, daß der Schlitten beinahe schwamm, und einmal mußte das Tier von dem Knechte mit größter Vorsicht geführt werden, und ich mußte bis auf die Brust durch das Schneewasser gehen.

Gegen Abend wurde es kühler, und der Wind hatte sich beinahe gelegt.

Als ich mich zu Hause in andere Kleider gehüllt hatte und um den Thomas fragte, kam er herauf zu mir und sagte, daß er mit dem Fuchse noch glücklich nach Hause gekommen sei. Er habe die gestürzten Bäume überklettert, man sei mit Sägen mit ihm gegangen, um wenigstens die größeren Stücke von dem Wege zu bringen, und da er zurück gekommen war, sei es schon ziemlich frei gewesen. Über die kleineren Stämme und über die Äste habe er den Schlitten hinüber geleitet. Aber der Bach, der im Thaugrunde fließt, hätte ihm bald Hindernisse gemacht. Es ist zwar nicht der Bach da, aber an der Stelle, wo unter dem Schnee der Bach fließen sollte, oder eigentlich gefroren sein mag, rann vieles Wasser in einer breiten Rinne hin. Als er den Fuchs hineinleitete, wäre derselbe im Schnee versunken, der in dem Grunde des Wassers ist, daher er ihn wieder zurück zog und selber durch Hineinwaten so lange versuchte, bis er den festen Boden des heurigen Schlittenweges fand, auf welchem er dann den Fuchs und den Schlitten durchgeführt habe. Später wäre es nicht mehr möglich gewesen; denn jetzt stehe ein ganzer See von Wasser in den Niederungen des Thaugrundes.

Ähnliche Nachrichten kamen aus verschiedenen Teilen meiner Nachbarschaft; von der Ferne konnte ich keine bekommen, weil sich niemand getraute, unter diesen Umständen einen weiteren Weg zu gehen. Selbst zwei Boten, die mir von entfernten Kranken Nachricht bringen sollten, sind ausgeblieben.

So brach die Nacht herein und hüllte uns die Kenntnis aller Dinge zu, außer dem Winde, den wir über die weiße, wassergetränkte, gefahrdrohende Gegend hinsausen hörten.

Am andern Tage war blauer Himmel, nur daß einzelne Wölklein nicht schnelle, sondern gemach durch das gereinigte Blau dahin segelten. Der Wind hatte fast gänzlich aufgehört, und zog auch nicht mehr aus Mittag, sondern ganz schwach aus Untergang Auch war es kälter geworden, zwar nicht so kalt, daß es gefroren hätte, doch so, daß sich kein neues Wasser mehr erzeugte. Ich konnte auf meinen Wegen fast überall durchdringen, außer an zwei Stellen, wo das Wasser in einer solchen Tiefe von aufgelösetem und durchweichtem Schnee dahin rollte, daß es nicht möglich war, durch zu gehen oder zu fahren. An einem andern Platze, wo es zwar ruhig, aber breit und tief in der Absenkung des Tales stand, banden sie Bäume zusammen und zogen mich gleichsam auf einem Floße zu einem gefährlichen Kranken hinüber. Ich hätte die andern zwar auch gerne gesehen, aber es war doch nicht so notwendig, und morgen hoffte ich schon zu ihnen gelangen zu können.

Am nächsten Tage war es wieder schön. Es war in der Nacht so kalt gewesen, daß sich die stehenden Wässer mit einer Eisdecke überzogen hatten. Diese schmolz am Tage nicht weg, wohl aber zerbrach sie, indem die Wässer in die unterhalb befindliche Grundlage des Schnees schnell einsanken und versiegender wurden. Es war doch gestern gut gewesen, daß ich zu dem Kumberger Franz auf dem Floße hinüber gefahren bin, denn das Mittel, welches ich ihm da gelassen hatte, hatte so gut gewirkt, daß er heute viel besser war und fast die Gefahr schon überstanden hatte. Auch zu den andern zweien konnte ich schon gelangen. Man konnte zwar nicht fahren, weil es unter dem Wasser zu ungleich war, aber mit einer Stange und meinem Bergstocke, den ich daran band, konnte ich durchgehen. Die nassen Kleider wurden, nachdem ich die zweiten, die ich mit führte, im Gollwirtshause angelegt hatte, in den Schlitten gepackt.

Am nächsten Tage konnte ich auch schon wieder durch den Thaugrund in das Eidun und in die Dubs hinüber gelangen.

Es kamen nun lauter schöne Tage. Eine stetige, schwache Luft ging aus Sonnenaufgang. Nachts fror es immer, und bei Tage tauete es wieder. Die Wässer, welche sich in jenem Sturme gesammelt hatten, waren nach und nach so versiegt und versunken, daß man keine Spur von ihnen entdecken konnte, und daß man auf allen Wegen, die sonst im Winter gangbar sind, wieder zu gehen und anfangs mit Schlitten und später mit Wägen zu fahren vermochte. Eben so hatte sich die unermeßliche Menge Schnee, die wir so gefürchtet hatten, so allmählig verloren, daß wir nicht wußten, wo er hingekommen ist, als hie und da offene Stellen zum Vorscheine kamen, und endlich nur mehr in Tiefen und Schluchten und in den höheren Wäldern die weißen Flecke lagen.

In den ersten Tagen nach jenem Ereignisse mit dem Eise, als die Leute sich allgemach wieder auf entferntere Wege wagten, konnte man die Zerstörungen erst recht ermessen. An manchen Orten, wo die Bäume dicht standen und wegen Mangel an Luftzug und Licht die Stämme dünner, schlanker und schwächer waren, dann an Gebirgshängen, wo sie mageren Boden hatten, oder durch Einwirkung herrschender Winde schon früher schief standen, war die Verwüstung furchtbar. Oft lagen die Stämme wie gemähte Halme durcheinander, und von denen, die stehen geblieben waren, hatten die fallenden Äste herab geschlagen, sie gespalten oder die Rinde von ihnen gestreift und geschunden. Am meisten hatte das Nadelholz gelitten, weil es zuerst schon, namentlich, wo es dicht steht, schlankere, zerbrechlichere Schafte hat, dann weil die Zweige auch im Winter dicht bebuscht sind und dem Eise um viel mehr Anhaltsstellen gewähren, als die der anderen Bäume. Am wenigsten wurde die Buche mitgenommen, dann die Weide und Birke. Die letztere hatte nur die feinsten herabhängenden Zweige verloren, die wie Streu herum lagen; – wo ein Stamm dünne genug war, hatte er sich zu einem Reife gebogen, derlei Reifen man dann im Frühlinge viele herum stehen sehen konnte; ja noch im Sommer und selbst nach mehreren Jahren waren manche zu sehen. Allein, wie groß auch die Zerstörung war, wie bedeutend auch der Schaden war, der in den Wäldern angerichtet wurde, so war dieses in unserer Gegend weniger empfindlich, als es in andern gewesen wäre; denn da wir Holz genug hatten, ja, da eher ein Überfluß als ein Mangel daran herrschte, so konnten wir das, was wirklich zu Grunde gegangen war, leicht verschmerzen, auch mochten wir zu dem nächsten Bedürfnisse nehmen, was gefallen war, wenn man nämlich dazu gelangen konnte, und es nicht in Schlachten lag oder an unzugänglichen Felsen hing. Größer aber und eindringlicher noch mochte der Schaden an Obstbäumen sein, wo die Äste von ihnen gebrochen waren, und wo sie selber gespalten und geknickt wurden; denn Obstbäume sind ohnedem in der Gegend seltener als sonst wo, und sie brauchen auch mehr Pflege und Sorgfalt, und gedeihen langsamer, als es selbst nur wenige Stunden von uns der Fall ist, in der ebeneren Lage draußen, in Tunberg, in Rohren, in Gurfeld, und selbst in Pirling, das näher an uns ist und an unseren Waldverhältnissen schon Teil nimmt.

Von den Gruppen von Bäumen, die in meiner Wiese und in der Nachbarschaft herum stehen, und die ich so liebe, haben mehrere gelitten. Einige sind geknickt, haben ihre Äste verloren, und drei Eschen sind ganz und gar umgeworfen worden.

Im Thurwalde, der vielleicht der höchste ist, den man vom Hage und vom Hange sehen kann, ist eine Lawine herabgegangen und hat das Holz genommen, daß man jetzt noch den Streifen mit freiem Auge erblicken kann.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Als einige Zeit vergangen war und die Wege an den Orten wieder frei wurden, hörte man auch von den Unglücksfällen, die sich ereignet hatten, und von wunderbaren Rettungen, die vorgekommen waren. Ein Jäger auf der jenseitigen Linie, der sich nicht hatte abhalten lassen, an dem Tage des Eises in sein Revier hinauf zu gehen, wurde von einer Menge stürzender Zapfen erschlagen, die sich am oberen Rande einer Felswand losgelöst und die weiter unten befindlichen mitgenommen hatten. Man fand ihn mitten unter diesen Eissäulen liegen, da man sich am andern Tag trotz des Sturmes und der Schneeweiche den Weg hinauf zu ihm gebahnt hatte; denn der Jägerjung wußte, wohin sein Herr gegangen war, er nahm die Hunde mit, und diese zeigten durch ihr Anschlagen die Stelle, wo er lag. Zwei Bauern, welche von dem Rothberge, wo sie übernachtet hatten, durch die Waldhäuser in die Rid hinübergehen wollten, wurden von fallenden Bäumen erschlagen. Im untern Astung ertrank ein Knabe, der nur zum Nachbar gehen wollte. Er versank in dem weichen Schnee, welcher in der Höhlung des Grundes stand, und konnte nicht mehr herauskommen. Wahrscheinlich wollte er, wie man erzählte, nur ein klein wenig von dem Wege abweichen, weil derselbe schief und mit glattem Eise belegt war, und geriet dadurch in den Schnee, der über einer weiten Grube lag, und unter den am ganzen Tage das Wasser hinein gerieselt war und ihn trügerisch unterhöhlt hatte. Ein Knecht aus den Waldhäusern des Rothbergerhanges, der im Walde war und das beginnende Rauschen und Niederfallen der Zweige nicht beachtet hatte, konnte sich, als er nicht mehr zu entrinnen wußte, nur dadurch retten, daß er sich in die Höhlung, welche zwei im Kreuze aufeinander gestürzte Bäume unter sich machten, hinein legte, wodurch er vor weiteren auf die Stelle stürzenden Bäumen gesichert war und von fallendem Eise nichts zu fürchten hatte, da es auf dem Rund der großen Stämme zerschellte oder abgeschleudert wurde. Allein das wußte er nicht, wenn ein neuer, starker Stamm auf die zwei schon daliegenden fiele, ob sie nicht aus ihrer ersten Lage weichen, tiefer nieder sinken und ihn dann zerdrücken würden. In dieser Lage brachte er einen halben Tag und die ganze Nacht zu, indem er nasse Kleider und nichts bei sich hatte, womit er sich erquicken und den Hunger stillen konnte. Erst mit Anbruch des Tages, wo der Wind sauste und er von fallendem Eise und Holze nichts mehr vernehmen konnte, wagte er sich hervor und ging, teilweise die Eisrinde schon durchbrechend und tief in den Schnee einsinkend, zum nächsten Wege, von dem er nicht weit ab war, und gelangte auf demselben nach Hause.

Auch den Josikrämer hielt man für verunglückt. Er war im Haslung am Morgen des Eistages fortgegangen, um durch den Dusterwald in die Klaus hinüber zu gehen. Allein in der Klaus ist er nicht angekommen, auch ist er in keinem der umliegenden Orte, nachdem er vom Haslung bereits drei Tage weg war, erschienen. Man meinte, in dem hohen Dusterwalde, dessen Gangweg ohnedem sehr gefährlich ist, wird er um das Leben gekommen sein. Er war aber von den letzten Höhen, die von Haslung aus noch sichtbar sind, hinabgegangen, wo das Tal gegen die wilden Wände und die vielen Felsen des Dusterwaldes hinüber läuft und sich dort an der Wildnis empor zieht, dann ist er schräg gegen die Wand gestiegen, die mit dem vielen Gesteine und den dünne stehenden Bäumen gegen Mittag schaut, und wo unten im Sommer der Bach rauscht, der aber jetzt überfroren und mit einer unergründlichen Menge von Schnee bedeckt war. Weil der Weg längs des Hanges immer fort geht und über ihn von der Höhe bald Steine rollen, bald Schnee in die Tiefe abgleitet, so hatte der Krämer seine Steigeisen angelegt; denn wenn sich auch auf der Steile nicht viel Schnee halten kann, vor dem Versinken also keine große Gefahr war, so kannte er doch den Regen, der da nieder fiel und gefror, sehr gut, und fürchtete, an mancher Schiefe des Weges auszugleiten und in den Abgrund zu fallen. Da er, ehe es Mittag wurde, bei dem Kreuzbilde vorbei ging, das vor Zeiten der fromme Söllibauer aus dem Gehänge hatte setzen lassen, hörte er bereits das Rasseln und das immer stärkere Fallen des Eises. Da er weiter ging, die Sache immer ärger wurde und zuletzt Bedenklichkeit gewann, kroch er in eine trockene Steinhöhle, die nicht weit von dem Wege war, die er wußte, und in der er sich schon manchmal vor einem Regen verborgen hatte, um auch heute das Gefahrdrohendste vorübergehen zu lassen. Weil er solche eisbildende Regen kannte, daß ihnen gewöhnlich weiches Wetter zu folgen pflegt, und weil er mit Brod und anderen Lebensmitteln versehen war, indem er gar oft sein Mittagsmahl in irgendeinem Walde hielt, so machte er sich aus dem Dinge nicht viel daraus. Als er am andern Morgen erwachte, ging ein Wasserfall über seine Steinhöhle. Der Wind, welcher von Mittag kam, hatte sich an der Wand, die ihm entgegen schaute, recht fangen können, und da die Bäume wegen dem Gefelse dünner standen, so konnte er sich auch recht auf den Schnee hinein legen und ihn mit seinem Hauche schnell und fürchterlich auflösen. Der Krämer sah, wenn er seitwärts seines Wassers am Eingange der Höhle hinüber blickte, daß allenthalben an den Gehängen weiße, schäumende, springende Bänder nieder flatterten. Hören konnte er nichts wegen dem Tosen des eigenen Wassers, das alles übertäubte. Auch sah er unten manchen Schneestaub aufschlagen von den unaufhörlich an allen Orten niedergehenden Lawinen; denn am oberen Rande der Wand geht schief eine Mulde empor, in welcher im Winter ein unendlicher Schnee zu liegen pflegt, der erstens aus dem Himmel selbst darauf fällt und dann von der noch höher liegenden schiefen, glatten Wand darauf herab rollt. Aus diesem Schnee entwickelte sich nun unsägliches Wasser, das alles über den Hang, an dem der Weg des Krämers dahin ging, nieder rann und zu der Tiefe zielte, in der sonst der Wildbach fließt, jetzt aber ein unbekannt tiefes Gebräu von Schnee und Wasser stand. An den Bäumen zerstäubte manches Stück Schnee, das oben auf dem nassen Boden sachte vorgerückt war und sich los gelöst hatte. Der Krämer blieb außer dem ersten Tage noch die zwei folgenden in der Höhle. Er hatte, um sich gegen die Kälte wehren zu können, die ihn bei seiner langen Ruhe überfiel, aus seinem Packe ein Stück grobes Tuch heraus suchen und sich daraus ein Lager und eine Decke machen müssen. In der Klaus ist er aber dann auch nicht angekommen, sondern man sah ihn am vierten Tage nach dem Eissturze nachmittags mit seinem Packe an dem Hage vorüber gehen. Er ging nach Gurfeld hinaus, um sich sein Tuch, das er gebraucht hatte, wieder zurichten zu lassen.

Spät im Sommer fand ich einmal auch die zusammengedorrten Überreste eines Rehes, das von einem Baume erschlagen worden war.

Ich werde die Herrlichkeit und Größe jenes Schauspieles niemals vergessen. Ich konnte es vielleicht nur allein ganz ermessen, weil ich immer im Freien war und es sah, während die andern in den Häusern waren und, wenn sie auch durch einen Zufall hinein gerieten, sich bloß davor fürchteten.

Ich werde es auch schon darum nicht vergessen, weil sich im Frühlinge darauf etwas angefangen hat, was mir auf ewig in dem Herzen bleiben wird. – – Ach du guter, du heiliger Gott! das werde ich gewiß nie, nie, nie vergessen können!

Es verging der Schnee so gemach, daß alles offen und grüner wurde als sonst, und daß in den tiefsten Tiefen schon die Bäche zu einer Zeit wieder rauschten, wo wir sonst noch manche weiße Inseln auf den Feldern sahen. Es wurde bald warm, und die Wässer des Schnees, die wir so gefürchtet hatten, waren nicht vorhanden. Sie waren entweder in die Erde eingesickert, oder rannen jetzt in den schönen, plätschernden Bächen durch alle Täler dahin. Die Bäume belaubten sich sehr bald, und wunderbar war es, daß es schien, als hätte ihnen die Verwundung des Winters eher Nutzen als Schaden gebracht. Sie trieben fröhliche junge Schossen, und wo einer recht verletzt war und seine Äste gebrochen ragten, und wo mehrere beisammen standen, die sehr kahl geschlagen waren, kam eine Menge feiner Zweige, und es verdichtete sich immer mehr das grüne Netz, aus dem die besten, fettesten Blätter hervor sproßten. Auch die Obstbäume blieben nicht zurück. Aus den stehen gebliebenen Zweigen kamen die dichten Büschel großer Blüten hervor; ja wo die feineren Zweige fehlten, saßen in den Augen der dicken, selbst der Stämme, Büschel von Blüten, waren sehr groß und hielten sich fest, da sie doch sonst in anderen Jahren, wenn sie auch kamen, klein blieben und wieder abfielen.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Als der erste Schnee weg ging und der spätere, den mancher Apriltag noch nieder werfen wollte, sich nicht mehr halten konnte, als die Erde schon gelockert und gegraben werden konnte, kam der Obrist in unsere Gegend. Er hatte sich schier das ganze obere Hag eigentümlich gekauft, und begann an dem Eichenhage die Grundfesten eines Hauses aufwerfen zu lassen. Es war beinahe genau die Stelle, von der ich schon früher zuweilen gedacht hatte, daß hier eine Wohnung sehr gut stehen und recht lieblich auf die Wälder herum blicken könnte. Ich kannte den Obrist nicht. Ich wußte nur – und ich hatte es bei dem Wirte im Rothberge gehört, – daß ein fremder, reicher Mann in Unterhandlung um das obere Hag sei, und daß er sich ansässig machen wolle. Später sagte man, daß der Handel geschlossen sei, und man nannte auch die Summe. Ich hielt nicht viel darauf, weil ich solche Gerüchte kannte, daß sie bei wahren Veranlassungen gewöhnlich sehr gerne über die Wahrheit hinaus gehen, und ich hatte auch keine Zeit, mich an der wahren Stelle um den Sachverhalt zu erkundigen, weil jener Winter gerade viel mehr Kranke brachte als jeder andere. Im Frühlinge hieß es, daß schon gebaut werde, daß Wägen mit Steinen fahren, daß man im Sillerwalde das Bauholz behaue, welches der Zimmermann in Sillerau schon am vorigen Herbste hatte fällen lassen, und daß man bereits die Grundfesten grabe. Ich ging eines Nachmittages, da ich Zeit hatte, hinauf, weil es von meinem Hause nicht weit ist, und weil ich ohnedem gerne dort hinübergehe, wenn ich zum Spazieren eine kleine Zeit habe. Es war wahr, ich fand eine Menge Menschen mit Ausgrabungen an dem Platze beschäftigt, wo man das Haus bauen wollte. Die meisten kannten mich und lüfteten den Hut oder grüßten auf andere Weise. Viele von ihnen hatten bei mir gearbeitet, als ich in dem nämlichen Zustande mit meinem neuen Hause war. Hier aber wurde mit viel mehr Händen und mit viel mehr Mitteln zugleich angefangen, als wollte man in sehr kurzer Zeit fertig werden. Ich sah auch schon eine Menge Baustoff herbei geschafft, und in einer hölzernen Hütte wurde vielfach an den künftigen Tür- und Fensterstöcken gemeißelt. Sogar der Garten, der neben dem künftigen Hause sein sollte, wurde schon seitwärts des Eichenhages abgesteckt. Ich sah den Baueigentümer nirgends, und als ich fragte, antwortete man mir, er sei jetzt selten gegenwärtig, er sei nur einmal gekommen, habe alles besichtigt, und habe dann den weitern Verlauf des Werkes dem Baumeister aufgetragen. Wenn es aber wärmer werde, dann werde er ganz hieher kommen, werde in einem hölzernen Hause wohnen, das er sich neben dem Eichenhage errichten lasse, und werde im Herbste schon ein paar Stoben des neuen Hauses beziehen, die zuerst fertig sein und bis dahin gehörig austrocknen werden.

Ich sah mir die Sache, wie sie hier begonnen wurde, sorgfältig an, und der Plan, wie ihn mir der Werkführer auseinandersetzte, gefiel mir sehr wohl.

Ich fragte gelegentlich auch um den Bauherrn und erfuhr, daß es ein alter Obrist sei. Weiter wußten die Leute selber nichts von ihm.

Dann ging ich wieder in meine Wohnung hinunter.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018

Bilder: Hinter dem Mond, Terebilovski Blues.
Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018.

Soundtrack: Ringsgwandl: Winter, aus: Staffabruck, 1993:

Bonus Track: Die nicht warm genug zu empfehlenden My Bubba, von denen wir noch hören werden,
featuring Elsa Håkansson: Visa i Molom, live vermutlich im Winter 2016/2017:

Written by Wolf

31. Januar 2020 at 00:01

Dieß ward schon oft gesprochen, doch spricht man’s nie zu oft

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Update zum 2. Advent 2014: Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt
und Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?):

Friedrich de la Motte Fouqué, 12. Februar 1777 bis 23. Januar 1843, verlebte die Jahre 1803 bis 1831 auf Schloss Nennhausen im heutigen Landkreis Havelland als außergewöhnlich produktiver Modeschriftsteller.

1817 war der Glanz, zumal der finanzielle, seiner literarischen Meterware stark unterschiedlicher Qualität weitgehend verblasst. In demselben Jahr war Trost, das vermutlich schönste Gedicht des ausufernden Epikers, eine zur Veröffentlichung freigegebene Tatsache, schon im zweiten Band seiner gesammelten Gedichte. Wer dagegen wann und warum und unter welchen Umständen die Fouqué-Eiche im Nennhausener Schlosspark — wohl gegen 1550 — gepflanzt und — wohl gegen 1810 — benannt hat, bleibt über all den Berichten über ihren Zusammenbruch — am 17. April 2006 — ungewiss.

Stand Februar 2005:

Fouqué-Eiche, Baumjäger via Ostdeutsches Baumarchiv, Februar 2005Die Fouqué-Eiche (Quercus robur) in Nennhausen.

Text bei Fröhlich (1994): Ausgesprochen attraktive Stieleiche, deren mächtiger hohler Stamm leicht geneigt ist und eine große halbseitige Öffnung aufweist. Der obere Kronenbereich ist schon reduziert. Einseitig reichen die Äste tief herab. Bizarre Trockenäste. Sehenswert: Schloß Nennhausen. Die Eiche ist benannt nach dem Dichter und Freiheitskämpfer Friedrich de la Motte Fouque (1777-1843), der in Nennhausen seinen Roman „Undine“ geschrieben haben soll.

Daten bei Fröhlich (1994): 500–600 Jahre, Höhe 21 m, Umfang 805 cm, Krone 23 m.

Standort: Auf einer Wiese neben dem Schloß.

Landkreis: Havelland.

Besucht in den Jahren: 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2008, 2011, 2011, 2014, 2016, 2018.

Naturdenkmal: Ja.

Umfang 2005: 855 cm in 1,3 m Höhe.

Photo und Messung stammen aus Februar 2005, dem Jahr vor dem traurigen Ende dieser außergewöhnlichen Eiche. Schaut man sich das Bild an, den geneigten Wuchs des Stammes und die Form der Höhlung, so ist wahrscheinlich, dass es sich ihr einst um einen Tiefzwiesel, oder zweistämmigem Baum handelte, bei dem der eine Stamm vor langer Zeit ausbrach.

GPS-Koordinaten: 52.606540, 12.501861

Mai 2006:

Sie war ein mächtiges Baummonument mit Ihrem gewaltigem, geneigten und bis in die Krone hinauf vollkommen hohlen Stamm. Schon 1904 hieß es im Entwurf für das Forstbotanische Merkbuch der Provinz Brandenburg: In der Viehkoppel im Schloßpark eine alte Stieleiche, im Absterben begriffen, 6,50m U, 12-15m H, stark zerklüftet, des Haltes wegen mit Lehm und Stein ausgefüllt, von Epheu umsponnen.

Hundert Jahre später immer noch vital, bzw. mit wieder regenerierter Krone, schien sie, dem seinerzeit prophezeiten Schicksal trotzend, ewig leben zu wollen. Doch völlig unvermittelt, in den windstillen Morgenstunden des 17.04.2006, brach sie in sich zusammen.

Als wir dann, von dem Ereignis Kenntnis erhalten, drei Wochen später die Eiche besuchten, fanden wir sie, über die gesamte Krone, frisch austreibend vor, ein letztes Zeichen ihrer Vitalität. Der Torso lässt sich heute noch erleben, er wird jedoch immer mehr überwachsen.

Besucht in den Jahren: 1999, 2001, 2002, 2002, 2005, 2006, 2007, 2009, 2014, 2017.

Naturdenkmal: Ja, bis zu ihrem Zusammenbruch.

Die letzte Messung stammt aus Februar 2005, dem Jahr vor dem traurigen Ende dieser außergewöhnlichen Eiche. Das Photo ist aus Mai 2006, kurz nach ihrem Zusammenbruch. Sie strotzte immer noch so vor Kraft, dass aus den Ästen und Zweigen am abgebrochenem Stamm noch Blätter und Blüten austrieben.

Man hätte es ahnen können:

——— Friedrich de la Motte Fouqué:

Trost

aus: Gedichte, Zweiter Band, Gedichte aus dem Manns=Alter,
Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen 1817, Seite 75:

Wenn Alles eben käme,
Wie Du gewollt es hast,
Und Gott Dir gar nichts nähme,
Und gäb‘ Dir keine Last,
Wie wär’s da um Dein Sterben,
Du Menschenkind bestellt?
Du müßtest fast verderben,
So lieb wär‘ Dir die Welt!

Nun fällt — ein’s nach dem andern —
Manch süßes Band Dir ab,
Und weiter kannst Du wandern
Gen Himmel durch das Grab.
Dein Zagen ist gebrochen,
Und Deine Seele hofft; —
Dieß ward schon oft gesprochen,
Doch spricht man’s nie zu oft.

Fouqué-Eiche, Baumjäger via Ostdeutsches Baumarchiv, Mai 2006

Bilder: Baumjäger via Ostdeutsches Baumarchiv:

  1. Fröhlich — Wege zu alten Bäumen — Brandenburg — Nr 140 —
    Fouqué-Eiche in Nennhausen
    , Februar 2005;
  2. Fouque-Eiche in Nennhausen (Quercus robur), Umfang 8,55 m
    (2006 zusammengebrochen)
    , Mai 2006.

Soundtrack: Lisa Hannigan: Lille, aus: Sea Sew, 2008, live auf dem Baum 2011:

Written by Wolf

24. Januar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales

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Update zu Die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte:

Edgar Allan Poe, posthum 1853       But he lies in dust,
       And the stone is roll’d
Over his sepulcher dark and cold;
He has cancel’d all he has done, or said,
And gone to the dear and holy dead!
Let us forget the path he trod,
       And leave him now,
       With his Maker — God!

Richard H. Stoddard (zugeschrieben): Miserriums, aus: New York Tribune, in: EDGAR ALLAN POE, The National Magazine, März 1853;

Somewhat ironically, at the bottom of the last page on which this article was originally printed appears the following small bit of filler: „HARSH WORDS are like hailstones in summer, which, if melted, would fertilize the tender plant they batter down.“

Edgar Allan Poe — * 19. Januar 1809; † 7. Oktober 1849. Frank T. Zumbach lebt noch.

——— Frank T. Zumbach:

19. Januar 2020:

Der Text über Eddie stammt übrigens nicht von mir, es handelt sich lediglich um eine von mir übersetzte Cum-grano-salis-Anekdote, über deren Hintergründe ich hier noch endlos schwafeln könnte, immerhin halte ich sie für wahr, let that suffice.

Poe, Edgar Allan
(1809—1849)

aus: Der rasende Leichnam. Ein literarischer Befremdenführer.
Ausgewählt, mit einem Grußwort und biographischen Angaben versehen von Frank Tilman Zumbach,
Kleine Reihe Sachon, Band 3, Mindelheim 1986
,
letzte der Biographischen Angaben, Seite 171 f.:

John Alexander McDougall, Edgar Allan Poe, 1845Ein Zeitschriftenherausgeber aus Philadelphia, in seinen Reminiszenzen kurz ‚Tom‘ genannt, erinnerte sich daran, wie Poe einmal ebenso ’niedergeschlagen‘ wie ‚angeheitert‘ in seiner Redaktion erschien und drohte, hier, gleich und auf der Stelle, Selbstmord zu begehen: „Ich habe dieses Leben satt. Alles ekelt mich (hick) … ekelt mich an. Ich bin fertig. Ich will (hick) sterben.“ ‚Tom‘ machte den Vorschlag, er solle seinen Enschluß noch etwas hinauszögern, um ihn am gleichen Abend vor einem größeren Publikum in die Tat umzusetzen, einer öffentlichen Versammlung, die um 19 Uhr im städtischen Museum stattfinden würde. Dabei hätte er Gelegenheit, vor der ersten Festansprache gemessenen Schrittes zum Rednerpodium vorzugehen und von dort eine feierliche Abschlußrede zu halten: „Ich bin Edgar A. Poe — von meinen Freunden im Stich gelassen — von meinen Feinden verleumdet und verfolgt — von den Talentierten gefürchtet — unverstanden von der Welt — ohne jeden Rückhalt auf ein Gestirn verbannt, das ich verachte, von blödem Pöbel umgeben — nun seht! so fliegt ein Genius seiner Bestimmung zu!“ „Dann“, fuhr Tom fort, „schneiden Sie sich mutig vor der Masse die Kehle durch, und es wird in der gesamten Christenheit keine Zeitung geben, die über diesen Vorfall nicht detailliert berichten wird.“

„Beim Jupiter, Tom“, rief Poe aus, indem er aufsprang, „das ist eine fabelhafte Idee. Poetisch. Philosophisch. Entschieden römisch. Diese Todesart hätte wahrlich Stil. Es haftet ihr etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales an, Tom, etwas Besonderes, das nicht verfehlen wird, die Öffentlichkeit zu beeindrucken. Wie Lukretia, Tom, ne non procumbat honeste, etc.: ‚Ihr letzter Gedanke war’s, auf ehrbare Weise zu fallen.‘ So wird’s sein, Tom. Ihre Hand darauf. Die Versammlung findet um sieben statt, nicht wahr?“ Und er begab sich sogleich auf den Heimweg, um zuvor noch ein kleines Nickerchen zu halten. Dabei verschlief er den Termin.

Fachliteratur: Frank T. Zumbach: Edgar Allan Poe: Eine Biographie, Winkler, München 1986.

Jung-Edgar: Richard H. Stoddard: EDGAR ALLAN POE, The National Magazine, März 1853, Seite 193,
posthume Darstellung, via Edgar Allan Poe Society of Baltimore;
John Alexander McDougall: Edgar Allan Poe, 1845,
via AMERICAN GALLERY – 19th Century, 6. Juli 2017.

Soundtrack: Pink Martini: Que Sera, Sera (Whatever Will Be, Will Be), 1956,
aus: Sympathique, 1997, für: Mary and Max, 2009:

Written by Wolf

17. Januar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Andere Leute, die auch Bretter tragen müssen

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Update zu Der den Wasserkothurn zu beseelen weiß
und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

Wie ernst Wilhelm Busch (* 15. April 1832; † 9. Januar 1908) im eigenen Lande genommen wird, zeigt sich daran, dass seine verbreitetste Ausgabe immer noch die Sämtliche[n] Werke und eine Auswahl der Skizzen und Gemälde in zwei Bänden sind, mit den Namen Und die Moral von der Geschicht und Was beliebt ist auch erlaubt. Die sind nach überhaupt nichts geordnet, geschweige dass sie zwischen Textgattungen, Textsorten oder auch nur grob eingeteilten Schaffensperioden wie Früh-, Reife- und Spätwerk unterscheiden wollten, aber ungebrochen lieferbar, seit die Bundesrepublik Deutschland, damals noch in anderen Grenzen, existiert — nur eben ohne ausgewiesenes Erscheinungsjahr, das jedenfalls lange vor dem üblicherweise angegebenen 1982 liegen muss: herausgegeben von Rolf Hochhuth, bis heute verlagsfrisch mit dem Vorwort von Theodor Heuss ausgeliefert. Antiquariate schätzen die Ausgabe auf 1959.

Seit 2002 gibt es eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Bildergeschichten, mit 99,99 Euro sogar recht erschwinglich — aber erstens weiß ich das aus geradezu versehentlicher persönlicher Anschauung in der Münchner Germanistik-Bibliothek, zweitens aus einem Hannoveraner Verlag, der Schlütersche Verlag und Druckerei heißt, drittens hat die kein Mensch, und viertens heißt „Bildergeschichten“: ohne die Gedichte, Gemälde und besonders schade: ohne die unterschätzte Prosa (siehe vor allem Eduards Traum, 1891; Der Schmetterling, 1895).

Fünftens, könnte man vorbringen, ist das auch schon egal, weil Wilhelm Busch für nicht mehr viel anderes bekannt ist, als dass er lustig gemeinte Paarreime erstellen konnte, die gerade noch von demnächst aussterbenden Teilnehmern auf Familienfeiern zitiert werden. — Sechstens rede ich dagegen: Das meiste davon trifft ähnlich auf Friedrich Schiller zu, mit dem Hauptunterschied: Der hat keine Bildergeschichten.

Eine Preziose wie Der harte Winter lässt sich bei sotaner Materialienlage kaum noch einordnen — egal in was; ich finde nicht, dass man für dieses Bedürfnis gleich Literaturwissenschaft praktizieren muss. Für die überhaupt irgendwie aufzutreibenden Informationen sind wir dem literarischen Befremdenführer (sic) Der rasende Leichnam, herausgegeben von Frank T. Zumbach bei Sachon, Mindelheim 1986 verpflichtet (oder auf die Biographie von Michaela Diers 2008 natürlich), mit 175 Seiten aus einem Kleinverlag der 1980er Jahre leider auch nicht geradewegs das Vademecum der letzten überlebenden Leseratten. Also: Wilhelm Busch war ab 1859 Freelancer, nein: freischaffend tätig für den Münchener Bilderbogen und die Fliegenden Blätter, ebenfalls zu München. Der harte Winter war sein erster Beitrag für „die Fliegenden“ und lässt sich — für mich, kein Literaturwissenschaftler — nicht auf den Tag genau datieren. Und wir reden vom Erscheinungstag einer gut dokumentierten Wochenzeitschrift. Schon tragisch, sowas.

Korrigiert nach der Erstveröffentlichung in den Fliegenden Blättern:

——— Wilhelm Busch:

Der harte Winter

Fliegende Blätter, Nr. 707, Seite 22, München 1859:

Es war einmal ein unvernünftig kalter Winter; da gingen zwei gute Kameraden mit einander auf das Eis zum Schlittschuhlaufen. Nun waren aber hin und wieder Löcher in das Eis geschlagen, der Fische wegen; und als die beiden Schlittschuhläufer nun im vollen Zuge waren, sintemalen der Wind auch heftig blies, versah’s der Eine, rutschte in ein Loch und traf so gewaltsam mit dem Halse vor die scharfe Eiskante, daß der Kopf auf das Eis dahinglitschte und der Rumpf in’s Wasser fiel. Der Andere, schnell entschlossen, wollte seinen Kameraden nicht im Stich lassen, zog ihn heraus, holte den Kopf und setzte ihn wieder gehörig auf, und weil es eine so barbarische Kälte in dem Winter war, so fror der Kopf auch gleich wieder fest. Da freute sich der, dem das geschah, daß die Sache noch so günstig für ihn abgelaufen war. Seine Kleider waren aber alle ganz naß geworden; darum ging er mit seinem Kameraden in ein Wirthshaus, setzte sich neben den warmen Ofen, seine Kleider zu trocknen, und ließ sich von dem Wirthe einen Bittern geben. „Prosit, Kamerad!“ sprach er und trank dem Andern zu; „auf den Schrecken können wir wohl Einen nehmen.“

Nun hatte er sich durch das kalte Bad aber doch einen starken Schnupfen geholt, daß ihm die Nase lief. Da er sie nun zwischen die Finger klemmte, sich zu schnäuzen, behielt er seinen Kopf in der Hand, denn der war in der warmen Stube wieder losgethaut.

Das war nun freilich für den armen Menschen recht fatal, und er meinte schon, daß er nun in der Welt nichts Rechtes mehr beginnen könnte; aber er wußte doch Rath zu schaffen, ging hin zu einem Bauherrn und ließ sich anstellen als Dielenträger, und war das eine gar schöne passende Arbeit für ihn, weil ihm dabei der Kopf niemals im Wege saß, wie vielen andern Leuten, die auch Bretter tragen müssen.

Wilhelm Busch, der harte Winter, Fliegende Blätter 707, München 1859, Seite 22

Soundtrack: Johnny Horton: North to Alaska, abgespeckte Frühversion 1959:

Written by Wolf

10. Januar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

O Julie – Giulietta – Himmelsbild – Höllengeist – Entzücken und Qual – Sehnsucht und Verzweiflung

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Update zu Weinfassreiten an der Küste der Nacht (oder geschah es bei Tage):

Gedeihliches neues Jahr uns allen! Egal was Sie Silvester angestellt haben: Solange Sie sich daran erinnern können, muss schon was kommen, damit es falsch war. Die Wölfin zum Beispiel hat Silvester Bananeneis gemacht, was man guten Gewissens so weiterempfehlen kann.

Ad vocem Bananen: Zu Zeiten des Kalten Krieges musste immer ein Päckchen nach drüben verschickt werden — die Älteren entsinnen sich, vor allem die mit Verwandtschaft in der DDR — und es musste Weihnachten geschehen und unterm Jahr zu jedem Geburtstag besagter Verwandtschaft. Außen auf dem Päckchen musste gut sichtbar „Geschenkware, keine Handelsware“ geschrieben stehen, und drin musste außer den Bananen sein: Orangen, möglichst Jaffa, Kaffee, möglichst Jacobs Krönung, Seife und Strumpfhosen.

Im Gegenzug kamen Schallplatten und Bücher zurück — die „gab’s“ immer: schwer verderbliche Ware, über den Fünfjahresplan hinaus auf Vorrat produzierbar, für die deutsch-russische Freundschaft und die Konkurrenz zum „Westen“, sprich: die BRD, zum Renommieren geeignet, und die Kulturschaffenden konnten anhand ihrer Arbeit beweisen, dass sie das System liebten. Und Dresdner Christstollen und Danziger Goldwasser.

Die Schallplatten und Bücher waren oft gar nicht schlecht: Ein paar Einspielungen in prächtigen LP-Boxen des Ossis Johann Sebastian Bach sind bis heute beispiellos und kommen einer historisch-kritischen Ausgabe einzelner Werke gleich; die Bücher waren auf holzhaltigem, also stark gilbendem Papier, aber vorbildlich lektoriert und ausgestattet. Für bestimmte Schreiber in ordentlich kommentierten Ausgaben muss man heute noch auf die inzwischen dunkelbraun vefärbten DDR-Schwarten zurückgreifen, zumal bei abseitigen Russen oder gängiger Weltliteratur, die man sich ordentlich, also so respekt- wie liebevoll illustriert wünscht. Ich erinnere mich an eine wunderschöne, leider nicht ganz vollständige Ausgabe der Grimmschen Märchen mit Illustrationen von Professor Werner Klemke, die vom Beltz Verlag vorgehalten wird, an einen ganzen Stapel Kinderbücher mit Bildern von Manfred Bofinger, und ich erinnere mich an den ungebändigt produktiven, ehrfurchtgebietenden, hochverdienten und in allen mir zugänglichen Bücherschränken allgegenwärtigen Klaus Ensikat, den letzten überlebenden Großrecken der Buchgestaltung in der DDR.

Gerade 2019 hat Ensikat — endlich — Die Abentheuer der Sylvester-Nacht von E.T.A. Hoffmann für die Bayreuther Pressendrucke bei The Bear Press illustriert. Sollten Sie noch Weihnachtsgeld übrig behalten haben: Schön sind Ensikat-Illustrationen ohnedies, ihren Preis wert scheinen sie allemal:

Imprint Antiqua, 68 S., 19 x 28 cm:

  • Edition de Tête: 83 Exemplare, Halbpergament. Subskriptionspreis bis 30.06.2020: € 800,00;
  • Vorzugsausgabe: 25 Exemplare, eine zusätzliche Radierung, anthrazitfarbenes Maroquin. Subskriptionspreis bis 30.06.2020: € 1200,00;
  • Luxusausgabe: 12 Exemplare, alle 12 Radierungen vom Künstler aquarelliert. Preis auf Anfrage;
  • Suitenausgabe: 12 Exemplare mit 12 einzeln signierten Radierungen, dunkelrote Leinenkasette. Subskriptionspreis bis 30.06.2020: € 1200,00.

Niemand konnte so passend die Raserey der Eifersucht und unerwiderten Liebe ausbreiten wie E. T. A. Hoffmann — nicht ohne lebendigen Grund. Für die Sylvester-Nacht schien es am passendsten, um eine Handlung, die sich offen — mit Namensnennung — an den Peter Schlemihl seines persönlichen Kumpels Adalbert von Chamisso sowie versteckter an den Fauststoff anlehnt, seinen öfter verwendeten „reisenden Enthusiasten“ zu schlingen, um klarzumachen, wie er sich doch als noch aufstrebender Schriftsteller von dergleichen Wahnsinn distanziere.

Aufkommende Schwarzromantik mit Rahmenhandlung eines fiktiven generischen Ich-Erzählers, veräußerte Schatten, drei Kapitel lang hinausgezögerte Spannung auf eine Allegorie zu, aus der nachmals nur noch ein Opernstoff werden konnte — soviel Verfremdung musste sein. Immerhin war der Mann verheiratet, und zwar mit der zur Zeit der Sylvester-Nacht 37-jährigen Marianne Thekla Michaelina „Mischa“ Rorer-Trzcińska und nicht etwa mit einer 19-jährigen Lieblingsklavierschülerin namens Giulietta, nicht doch: Julia.

Übigens feiert Klaus Ensikat, * 1937, am 16. Januar Geburtstag (wir wollen ihm wünschen: sehr aktiv), E. T. A. Hoffmann, * 1776, am 24. Januar (passiv). Beiden traue ich in ihren besten Phasen jederzeit zu, dass sie eine Silvestergeschichte dieses Umfangs am 3. Januar fertig haben. — Im Volltext:

——— E. T. A. Hoffmann:

Die Abentheuer der Sylvester-Nacht

aus: Fantasiestücke in Callot’s Manier. Vierter und letzter Band. C. F. Kunz, Bamberg 1815, Seite 1 bis 104:

1.
Die Geliebte.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Ich hatte den Tod, den eiskalten Tod im Herzen, ja aus dem Innersten, aus dem Herzen heraus stach es wie mit spitzigen Eiszapfen in die gluthdurchströmten Nerven. Wild rannte ich, Hut und Mantel vergessend, hinaus in die finstre stürmische Nacht! – Die Thurmfahnen knarrten, es war, als rühre die Zeit hörbar ihr ewiges furchtbares Räderwerk und gleich werde das alte Jahr wie ein schweres Gewicht dumpf hinabrollen in den dunkeln Abgrund. – Du weißt es ja, daß diese Zeit, Weihnachten und Neujahr, die Euch Allen in solch heller herrlicher Freudigkeit aufgeht, mich immer aus friedlicher Klause hinauswirft auf ein wogendes, tosendes Meer. Weihnachten! das sind Festtage, die mir in freundlichem Schimmer lange entgegenleuchten. Ich kann es nicht erwarten – ich bin besser, kindlicher als das ganze Jahr über, keinen finstern, gehässigen Gedanken nährt die der wahren Himmelsfreude geöffnete Brust; ich bin wieder ein vor Lust jauchzender Knabe. Aus dem bunten vergoldeten Schnittwerk in den lichten Christbuden lachen mich holde Engelgesichter an, und durch das lärmende Gewühl auf den Straßen gehen, wie aus weiter Ferne kommend, heilige Orgelklänge: „denn es ist uns ein Kind geboren!“ – Aber nach dem Feste ist Alles verhallt, erloschen der Schimmer im trüben Dunkel. Immer mehr und mehr Blüthen fallen jedes Jahr verwelkt herab, ihr Keim erlosch auf ewig, keine Frühlingssonne entzündet neues Leben in den verdorrten Aesten. Das weiß ich recht gut, aber die feindliche Macht rückt mir das, wenn das Jahr sich zu Ende neigt, mit hämischer Schadenfreude unaufhörlich vor. „Siehe,“ lispelt’s mir in die Ohren, „siehe, wie viel Freuden schieden in diesem Jahr von Dir, die nie wiederkehren, aber dafür bist Du auch klüger geworden und hältst überhaupt nicht mehr viel auf schnöde Lustigkeit, sondern wirst immer mehr ein ernster Mann – gänzlich ohne Freude.“ Für den Sylvester-Abend spart mir der Teufel jedesmal ein ganz besonderes Feststück auf. Er weiß im richtigen Moment, recht furchtbar höhnend, mit der scharfen Kralle in die Brust hineinzufahren und weidet sich an dem Herzblut, das ihr entquillt. Hülfe findet er überall, so wie gestern der Justizrath ihm wacker zur Hand ging. Bei dem (dem Justizrath, meine ich) giebt es am Sylvester-Abend immer große Gesellschaft, und dann will er zum lieben Neujahr Jedem eine besondere Freude bereiten, wobei er sich so ungeschickt und täppisch anstellt, daß alles Lustige, was er mühsam ersonnen, untergeht in komischem Jammer. – Als ich in’s Vorzimmer trat, kam mir der Justizrath schnell entgegen, meinen Eingang in’s Heiligthum, aus dem Thee und feines Räucherwerk herausdampfte, hindernd. Er sah überaus wohlgefällig und schlau aus, er lächelte mich ganz seltsam an, sprechend: „Freundchen, Freundchen, etwas Köstliches wartet Ihrer im Zimmer – eine Ueberraschung sonder gleichen am lieben Sylvester-Abend – erschrecken Sie nur nicht!“ – Das fiel mir auf’s Herz, düstre Ahnungen stiegen auf und es war mir ganz beklommen und ängstlich zu Muthe. Die Thüren wurden geöffnet, rasch schritt ich vorwärts, ich trat hinein, aus der Mitte der Damen auf dem Sopha strahlte mir ihre Gestalt entgegen. Sie war es – Sie selbst, die ich seit Jahren nicht gesehen, die seligsten Momente des Lebens blitzten in einem mächtigen zündenden Strahl durch mein Innres – kein tödtender Verlust mehr – vernichtet der Gedanke des Scheidens! – Durch welchen wunderbaren Zufall sie hergekommen, welches Ereigniß sie in die Gesellschaft des Justizraths, von dem ich gar nicht wußte, daß er sie jemals gekannt, gebracht, an das Alles dachte ich nicht – ich hatte sie wieder! – Regungslos, wie von einem Zauberschlag plötzlich getroffen, mag ich da gestanden haben; der Justizrath stieß mich leise an: „Nun, Freundchen – Freundchen?“ Mechanisch trat ich weiter, aber nur sie sah ich, und der gepreßten Brust entflohen mühsam die Worte: „Mein Gott – mein Gott, Julie hier?“ Ich stand dicht am Theetisch, da erst wurde mich Julie gewahr. Sie stand auf und sprach in beinahe fremden Ton: „Es freuet mich recht sehr, Sie hier zu sehen – Sie sehen recht wohl aus!“ – und damit setzte sie sich wieder und fragte die neben ihr sitzende Dame: „Haben wir künftige Woche interessantes Theater zu erwarten?“ – Du nahst Dich der herrlichen Blume, die in süßen heimischen Düften Dir entgegenleuchtet, aber so wie Du Dich beugst, ihr liebliches Antlitz recht nahe zu schauen, schießt aus den schimmernden Blättern heraus ein glatter, kalter Basilisk und will Dich tödten mit feindlichen Blicken! – Das war mir jetzt geschehen! – Täppisch verbeugte ich mich gegen die Damen, und damit dem Giftigen auch noch das Alberne hinzugefügt werde, warf ich, schnell zurücktretend, dem Justizrath, der dicht hinter mir stand, die dampfende Tasse Thee aus der Hand in das zierlich gefaltete Jabot. Man lachte über des Justizraths Unstern und wol noch mehr über meine Tölpelhaftigkeit. So war Alles zu gehöriger Tollheit vorbereitet, aber ich ermannte mich in resignirter Verzweiflung. Julie hatte nicht gelacht, meine irren Blicke trafen sie, und es war, als ginge ein Strahl aus herrlicher Vergangenheit, aus dem Leben voll Liebe und Poesie zu mir herüber. Da fing Einer an im Nebenzimmer auf dem Flügel zu fantasiren, das brachte die ganze Gesellschaft in Bewegung. Es hieß, Jener sey ein fremder großer Virtuose, Namens Berger, der ganz göttlich spiele und dem man aufmerksam zuhören müsse. „Klappre nicht so gräßlich mit den Theelöffeln, Mienchen,“ rief der Justizrath und lud, mit sanft gebeugter Hand nach der Thür zeigend und einem süßen: „Eh bien!“ die Damen ein, dem Virtuosen näher zu treten. Auch Julie war aufgestanden und schritt langsam nach dem Nebenzimmer. Ihre ganze Gestalt hat etwas Fremdartiges angenommen, sie schien mir größer, herausgeformter in fast üppiger Schönheit, als sonst. Der besondere Schnitt ihres weißen, faltenreichen Kleides, Brust, Schultern und Nacken nur halb verhüllend, mit weiten bauschigen, bis an die Ellbogen reichenden Aermeln, das vorn an der Stirn gescheitelte, hinten in vielen Flechten sonderbar heraufgenestelte Haar gab ihr etwas Alterthümliches, sie war beinahe abzusehen, wie die Jungfrauen auf den Gemälden von Mierís – und doch auch wieder war es mir, als hab‘ ich irgendwo deutlich mit hellen Augen das Wesen gesehen, in das Julie verwandelt. Sie hatte die Handschuhe herabgezogen und selbst die künstlichen um die Handgelenke gewundenen Armgehänge fehlten nicht, um durch die völlige Gleichheit der Tracht jene dunkle Erinnerung immer lebendiger und farbiger hervorzurufen. Julie wandte sich, ehe sie in das Nebenzimmer trat, nach mir herum, und es war mir, als sey das engelschöne, jugendlich anmuthige Gesicht verzerrt zum höhnenden Spott; etwas Entsetzliches, Grauenvolles regte sich in mir, wie ein alle Nerven durchzuckender Krampf. „O er spielt himmlisch!“ lispelte eine durch süßen Thee begeisterte Demoiselle, und ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ihr Arm in dem meinigen hing, und ich sie, oder vielmehr sie mich in das Nebenzimmer führte. Berger ließ gerade den wildesten Orkan daher brausen; wie donnernde Meereswellen stiegen und sanken die mächtigen Akkorde, das that mir wohl! – Da stand Julie neben mir und sprach mit süßerer, lieblicherer Stimme, als je: „Ich wollte, Du säßest am Flügel und sängest milder von vergangener Lust und Hoffnung!“ – Der Feind war von mir gewichen und in dem einzigen Namen, Julie! wollte ich alle Himmelsseligkeit aussprechen, die in mich gekommen. – Andere dazwischen tretende Personen hatten sie aber von mir entfernt. – Sie vermied mich nun sichtlich, aber es gelang mir, bald ihr Kleid zu berühren, bald dicht bei ihr ihren Hauch einzuathmen, und mir ging in tausend blinkenden Farben die vergangene Frühlingszeit auf. – Berger hatte den Orkan ausbrausen lassen, der Himmel war hell worden, wie kleine goldne Morgenwölkchen zogen liebliche Melodien daher und verschwebten im Pianissimo. Dem Virtuosen wurde reichlich verdienter Beifall zu Theil, die Gesellschaft wogte durch einander, und so kam es, daß ich unversehens dicht vor Julien stand. Der Geist wurde mächtiger in mir, ich wollte sie festhalten, sie umfassen im wahnsinnigen Schmerz der Liebe, aber das verfluchte Gesicht eines geschäftigen Bedienten drängte sich zwischen uns hinein, der, einen großen Präsentirteller hinhaltend, recht widrig rief: „Befehlen Sie?“ – In der Mitte der mit dampfendem Punsch gefüllten Gläser stand ein zierlich geschliffener Pokal, voll desselben Getränkes, wie es schien. Wie der unter die gewöhnlichen Gläser kam, weiß jener am besten, den ich allmälig kennen lerne; er macht, wie der Clemens im Oktavian daherschreitend, mit einem Fuß einen angenehmen Schnörkel und liebt ungemein rothe Mäntelchen und rothe Federn. Diesen fein geschliffenen und seltsam blinkenden Pokal nahm Julie und bot ihn mir dar, sprechend: „Nimmst Du denn noch so gern, wie sonst das Glas aus meiner Hand?“ – „Julia – Julia,“ seufzte ich auf. Den Pokal erfassend berührte ich ihre zarten Finger, elektrische Feuerstrahlen blitzten durch alle Pulse und Adern – ich trank und trank – es war mir, als knisterten und leckten kleine blaue Flämmchen um Glas und Lippe. Geleert war der Pokal, und ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ich in dem nur von einer Alabaster-Lampe erleuchteten Kabinet auf der Ottomane saß – Julie – Julie neben mir, kindlich und fromm mich anblickend, wie sonst. Berger war auf’s Neue am Flügel, er spielte das Andante aus Mozarts sublimer Esdur-Sinfonie, und auf den Schwanenfittigen des Gesanges regte und erhob sich alle Liebe und Lust meines höchsten Sonnenlebens. – Ja es war Julie – Julie selbst, engelschön und mild – unser Gespräch, sehnsüchtige Liebesklage, mehr Blick als Wort, ihre Hand ruhte in der meinigen. – „Nun lasse ich Dich nimmer, Deine Liebe ist der Funke, der in mir glüht, höheres Leben in Kunst und Poesie entzündend – ohne Dich – ohne Deine Liebe Alles todt und starr – aber bist Du denn nicht auch gekommen, damit Du mein bleibest immerdar?“ – In dem Augenblick schwankte eine tölpische, spinnenbeinichte Figur mit herausstehenden Froschaugen herein und rief, recht widrig kreischend und dämisch lachend: „Wo der Tausend ist denn meine Frau geblieben?“ Julie stand auf und sprach mit fremder Stimme: „Wollen wir nicht zur Gesellschaft gehen? mein Mann sucht mich. – Sie waren wieder recht amüsant, mein Lieber, immer noch bei Laune wie vormals, menagiren Sie sich nur im Trinken“ – und der spinnenbeinichte Kleinmeister griff nach ihrer Hand; sie folgte ihm lachend in den Saal. – „Auf ewig verloren!“ schrie ich auf – „Ja gewiß, Codille, Liebster!“ meckerte eine l’Hombre spielende Bestie. Hinaus – hinaus rannte ich in die stürmische Nacht. –

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2.
Die Gesellschaft im Keller.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Unter den Linden auf und ab zu wandeln mag sonst ganz angenehm seyn, nur nicht in der Sylvester-Nacht bei tüchtigem Frost und Schneegestöber. Das fühlte ich Baarköpfiger und Unbemäntelter doch zuletzt, als durch die Fiebergluth Eisschauer fuhren. Fort ging es über die Opernbrücke, bei dem Schlosse vorbei – ich bog ein, lief über die Schleusenbrücke bei der Münze vorüber. – Ich war in der Jägerstraße dicht am Thiermannschen Laden. Da brannten freundliche Lichter in den Zimmern; schon wollte ich hinein, weil zu sehr mich fror und ich nach einem tüchtigen Schluck starken Getränkes durstete; eben strömte eine Gesellschaft in heller Fröhlichkeit heraus. Sie sprachen von prächtigen Austern und dem guten Eilfer-Wein. „Recht hatte Jener doch,“ rief Einer von ihnen, wie ich beim Laternenschein bemerkte, ein stattlicher Uhlanenoffizier, „Recht hatte Jener doch, der voriges Jahr in Mainz auf die verfluchten Kerle schimpfte, welche Anno 1794 durchaus nicht mit dem Eilfer herausrücken wollten.“ – Alle lachten aus voller Kehle. Unwillkührlich war ich einige Schritte weiter gekommen, ich blieb vor einem Keller stehen, aus dem ein einsames Licht herausstrahlte. Fühlte sich der Schakspearsche Heinrich nicht einmal so ermattet und demüthig, daß ihm die arme Creatur Dünnbier in den Sinn kam? In der That, mir geschah Gleiches, meine Zunge lechzte nach einer Flasche guten englischen Biers. Schnell fuhr ich in den Keller hinein. „Was beliebt?“ kam mir der Wirth, freundlich die Mütze rückend, entgegen. Ich forderte eine Flasche guten englischen Biers nebst einer tüchtigen Pfeife guten Tabaks, und befand mich bald in solch einem sublimen Philistrismus, vor dem selbst der Teufel Respekt hatte und von mir abließ. – O Justizrath! hättest du mich gesehen, wie ich aus deinem hellen Theezimmer herabgestiegen war in den dunkeln Bierkeller, du hättest dich mit recht stolzer verächtlicher Miene von mir abgewendet und gemurmelt: „Ist es denn ein Wunder, daß ein solcher Mensch die zierlichsten Jabots ruinirt?“ –

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Ich mochte ohne Hut und Mantel den Leuten etwas verwunderlich vorkommen. Dem Manne schwebte eine Frage auf den Lippen, da pochte es an’s Fenster und eine Stimme rief herab: „Macht auf, macht auf, ich bin da!“ Der Wirth lief hinaus und trat bald wieder herein, zwei brennende Lichter hoch in den Händen tragend, ihm folgte ein sehr langer, schlanker Mann. In der niedrigen Thür vergaß er sich zu bücken und stieß sich den Kopf recht derb; eine baretartige schwarze Mütze, die er trug, verhinderte jedoch Beschädigung. Er drückte sich auf ganz eigene Weise der Wand entlang und setzte sich mir gegenüber, indem die Lichter auf den Tisch gestellt wurden. Man hätte beinahe von ihm sagen können, daß er vornehm und unzufrieden aussähe. Er forderte verdrießlich Bier und Pfeife, und erregte mit wenigen Zügen einen solchen Dampf, daß wir bald in einer Wolke schwammen. Uebrigens hatte sein Gesicht so etwas Charakteristisches und Anziehendes, daß ich ihn trotz seines finstern Wesens sogleich liebgewann. Die schwarzen reichen Haare trug er gescheitelt und von beiden Seiten in vielen kleinen Locken herabhängend, so daß er den Bildern von Rubens glich. Als er den großen Mantelkragen abgeworfen, sah ich, daß er in eine schwarze Kurtka mit vielen Schnüren gekleidet war, sehr fiel es mir aber auf, daß er über die Stiefeln zierliche Pantoffeln gezogen hatte. Ich wurde das gewahr, als er die Pfeife ausklopfte, die er in fünf Minuten ausgeraucht. Unser Gespräch wollte nicht recht von Statten gehen, der Fremde schien sehr mit allerlei seltenen Pflanzen beschäftigt, die er aus einer Kapsel genommen hatte und wohlgefällig betrachtete. Ich bezeigte ihm meine Verwunderung über die schönen Gewächse und fragte, da sie ganz frisch gepflückt zu seyn schienen, ob er vielleicht im botanischen Garten oder bei Boucher gewesen. Er lächelte ziemlich seltsam und antwortete: „Botanik scheint nicht eben Ihr Fach zu seyn, sonst hätten Sie nicht so“ – Er stockte, ich lispelte kleinlaut: „albern“ – „gefragt“ setzte er treuherzig hinzu. „Sie würden,“ fuhr er fort, „auf den ersten Blick Alpenpflanzen erkannt haben, und zwar, wie sie auf dem Tschimborasso wachsen.“ Die letzten Worte sagte der Fremde leise vor sich hin, und Du kannst denken, daß mir dabei gar wunderlich zu Muthe wurde. Jede Frage erstarb mir auf den Lippen; aber immer mehr regte sich eine Ahnung in meinem Innern, und es war mir, als habe ich den Fremden nicht sowol oft gesehen, als oft gedacht. Da pochte es aufs Neue ans Fenster, der Wirth öffnete die Thür und eine Stimme rief: „Seyd so gut Euern Spiegel zu verhängen.“ – „Aha!“ sagte der Wirth, „da kommt noch recht spät der General Suwarow.“ Der Wirth verhing den Spiegel, und nun sprang mit einer täppischen Geschwindigkeit, schwerfällig hurtig, möcht‘ ich sagen, ein kleiner dürrer Mann herein, in einem Mantel von ganz seltsam bräunlicher Farbe, der, indem der Mann in der Stube herumhüpfte, in vielen Falten und Fältchen auf ganz eigene Weise um den Körper wehte, so daß es im Schein der Lichter beinahe anzusehen war, als führen viele Gestalten aus und in einander, wie bei den Enslerschen Fantasmagorien. Dabei rieb er die in den weiten Aermeln versteckten Hände und rief: „Kalt! – kalt – o wie kalt! In Italia ist es anders, anders!“ Endlich setzte er sich zwischen mir und dem Großen, sprechend: „Das ist ein entsetzlicher Dampf – Tabak gegen Tabak – hätt‘ ich nur eine Priese!“ – Ich trug die spiegelblank geschliffene Stahldose in der Tasche, die Du mir einst schenktest, die zog ich gleich heraus und wollte dem Kleinen Tabak anbieten. Kaum erblickte er die, als er mit beiden Händen darauf zufuhr und, sie wegstoßend, rief: „Weg – weg mit dem abscheulichen Spiegel!“ Seine Stimme hatte etwas Entsetzliches, und als ich ihn verwundert ansah, war er ein Andrer worden. Mit einem gemüthlichen jugendlichen Gesicht sprang der Kleine herein, aber nun starrte mich das todtblasse, welke, eingefurchte Antlitz eines Greises mit hohlen Augen an. Voll Entsetzen rückte ich hin zum Großen. „Ums Himmelswillen, schauen Sie doch,“ wollt‘ ich rufen, aber der Große nahm an Allem keinen Antheil, sondern war ganz vertieft in seine Tschimborasso-Pflanzen, und in dem Augenblick forderte der Kleine: „Wein des Nordens,“ wie er sich preziös ausdrückte. Nach und nach wurde das Gespräch lebendiger. Der Kleine war mir zwar sehr unheimlich, aber der Große wußte über geringfügig scheinende Dinge recht viel Tiefes und Ergötzliches zu sagen, unerachtet er mit dem Ausdruck zu kämpfen schien, manchmal auch wol ein ungehöriges Wort einmischte, das aber oft der Sache eben eine drollige Originalität gab, und so milderte er, mit meinem Innern sich immer mehr befreundend, den übeln Eindruck des Kleinen. Dieser schien wie von lauter Springfedern getrieben, denn er rückte auf dem Stuhle hin und her, gestikulirte viel mit den Händen, und wol rieselte mir ein Eisstrom durch die Haare über den Rücken, wenn ich es deutlich bemerkte, daß er wie aus zwei verschiedenen Gesichtern heraussah. Vorzüglich blickte er oft den Großen, dessen bequeme Ruhe sonderbar gegen des Kleinen Beweglichkeit abstach, mit dem alten Gesicht an, wiewol nicht so entsetzlich, als zuvor mich. – In dem Maskenspiel des irdischen Lebens sieht oft der innere Geist mit leuchtenden Augen aus der Larve heraus, das Verwandte erkennend, und so mag es geschehen seyn, daß wir drei absonderliche Menschen im Keller uns auch so angeschaut und erkannt hatten. Unser Gespräch fiel in jenen Humor, der nur aus dem tief bis auf den Tod verletzten Gemüthe kommt. „Das hat auch seinen Haken,“ sagte der Große. „Ach Gott,“ fiel ich ein, „wie viel Haken hat der Teufel überall für uns eingeschlagen, in Zimmerwänden, Lauben, Rosenhecken, woran vorbeistreifend wir etwas von unserm theuern Selbst hängen lassen. Es scheint, Verehrte! als ob uns Allen auf diese Weise schon etwas abhanden gekommen, wiewol mir diese Nacht vorzüglich Hut und Mantel fehlte. Beides hängt an einem Haken in des Justizraths Vorzimmer, wie Sie wissen!“ Der Kleine und der Große fuhren sichtlich auf, als träfe sie unversehens ein Schlag. Der Kleine schaute mich recht häßlich mit seinem alten Gesichte an, sprang aber gleich auf einen Stuhl und zog das Tuch fester über den Spiegel, während der Große sorgfältig die Lichter putzte. Das Gespräch lebte mühsam wieder auf, man erwähnte eines jungen wackern Malers, Namens Philipp, und des Bildes einer Prinzessin, das er mit dem Geist der Liebe und dem frommen Sehnen nach dem Höchsten, wie der Herrinn tiefer heiliger Sinn es ihm entzündet, vollendet hatte. „Zum Sprechen ähnlich, und doch kein Portrait, sondern ein Bild,“ meinte der Große. „Es ist so ganz wahr,“ sprach ich, „man möchte sagen, wie aus dem Spiegel gestohlen.“ Da sprang der Kleine wild auf, mit dem alten Gesicht und funkelnden Augen mich anstarrend schrie er: „Das ist albern, das ist toll, wer vermag aus dem Spiegel Bilder zu stehlen? – wer vermag das? meinst Du, vielleicht der Teufel? – Hoho Bruder, der zerbricht das Glas mit der tölpischen Kralle, und die feinen weißen Hände des Frauenbildes werden auch wund und bluten. Albern ist das. Heisa! – zeig mir das Spiegelbild, das gestohlne Spiegelbild, und ich mache Dir den Meistersprung von tausend Klafter hinab, du betrübter Bursche!“ – Der Große erhob sich, schritt auf den Kleinen los und sprach: „Mache Er sich nicht so unnütz, mein Freund! sonst wird Er die Treppe hinaufgeworfen, es mag wol miserabel aussehen mit Seinem eignen Spiegelbilde.“ – „Ha ha ha ha!“ lachte und kreischte der Kleine in tollem Hohn, „ha ha ha – meinst Du? meinst Du? Hab‘ ich doch meinen schönen Schlagschatten, o Du jämmerlicher Geselle, hab‘ ich doch meinen Schlagschatten!“ – Und damit sprang er fort, noch draußen hörten wir ihn recht hämisch meckern und lachen: „hab‘ ich doch meinen Schlagschatten!“ Der Große war, wie vernichtet, todtenbleich in den Stuhl zurückgesunken, er hatte den Kopf in beide Hände gestützt und aus der tiefsten Brust athmete schwer ein Seufzer auf. „Was ist Ihnen?“ fragte ich theilnehmend. „O mein Herr,“ erwiederte der Große, „jener böse Mensch, der uns so feindselig erschien, der mich bis hieher, bis in meine Normalkneipe verfolgte, wo ich sonst einsam blieb, da höchstens nur etwa ein Erdgeist unter dem Tisch aufduckte und Brodkrümchen naschte – jener böse Mensch hat mich zurückgeführt in mein tiefstes Elend. Ach – verloren, unwiederbringlich verloren habe ich meinen – Leben Sie wohl!“ – Er stand auf und schritt mitten durch die Stube zur Thür hinaus. Alles blieb hell um ihn – er warf keinen Schlagschatten. Voll Entzücken rannte ich nach – „Peter Schlemihl – Peter Schlemihl!“ rief ich freudig, aber der hatte die Pantoffeln weggeworfen. Ich sah, wie er über den Gensdarmesthurm hinwegschritt und in der Nacht verschwand.

Als ich in den Keller zurück wollte, warf mir der Wirth die Thür vor der Nase zu, sprechend: „Vor solchen Gästen bewahre mich der liebe Herr Gott!“ –

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3.
Erscheinungen.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Herr Mathieu ist mein guter Freund, und sein Thürsteher ein wachsamer Mann. Der machte mir gleich auf, als ich im goldnen Adler an der Hausklingel zog. Ich erklärte, wie ich mich aus einer Gesellschaft fortgeschlichen ohne Hut und Mantel, im letztern stecke aber mein Hausschlüssel, und die taube Aufwärterinn herauszupochen, sey unmöglich. Der freundliche Mann (den Thürsteher mein‘ ich) öffnete ein Zimmer, stellte die Lichter hin und wünschte mir eine gute Nacht. Der schöne breite Spiegel war verhängt, ich weiß selbst nicht, wie ich darauf kam, das Tuch herabzuziehen und beide Lichter auf den Spiegeltisch zu setzen. Ich fand mich, da ich in den Spiegel schaute, so blaß und entstellt, daß ich mich kaum selbst wiedererkannte. – Es war mir, als schwebe aus des Spiegels tiefstem Hintergrunde eine dunkle Gestalt hervor; so wie ich fester und fester Blick und Sinn darauf richtete, entwickelten sich in seltsam magischem Schimmer deutlicher die Züge eines holden Frauenbildes – ich erkannte Julien. Von inbrünstiger Liebe und Sehnsucht befangen, seufzte ich laut auf: „Julia! Julia!“ Da stöhnte und ächzte es hinter den Gardinen eines Bettes in des Zimmers äußerster Ecke. Ich horchte auf, immer ängstlicher wurde das Stöhnen. Juliens Bild war verschwunden, entschlossen ergriff ich ein Licht, riß die Gardinen des Bettes rasch auf und schaute hinein. Wie kann ich Dir denn das Gefühl beschreiben, das mich durchbebte, als ich den Kleinen erblickte, der mit dem jugendlichen, wiewol schmerzlich verzogenen Gesicht da lag und im Schlaf recht aus tiefster Brust aufseufzte: „Giulietta – Giulietta!“ – Der Name fiel zündend in mein Inneres – das Grauen war von mir gewichen, ich faßte und rüttelte den Kleinen recht derb, rufend: „he – guter Freund, wie kommen Sie in mein Zimmer, erwachen Sie und scheren Sie sich gefälligst zum Teufel!“ – Der Kleine schlug die Augen auf und blickte mich mit dunklen Blicken an: „Das war ein böser Traum,“ sprach er, „Dank sey Ihnen, daß Sie mich weckten.“ Die Worte klangen nur wie leise Seufzer. Ich weiß nicht, wie es kam, daß der Kleine mir jetzt ganz anders erschien, ja daß der Schmerz, von dem er ergriffen, in mein eignes Innres drang und all‘ mein Zorn in tiefer Wehmuth verging. Weniger Worte bedurfte es nur, um zu erfahren, daß der Thürsteher mir aus Versehen dasselbe Zimmer aufgeschlossen, welches der Kleine schon eingenommen hatte, daß ich es also war, der, unziemlich eingedrungen, den Kleinen aus dem Schlafe aufstörte.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019„Mein Herr,“ sprach der Kleine, „ich mag Ihnen im Keller wol recht toll und ausgelassen vorgekommen seyn, schieben Sie mein Betragen darauf, daß mich, wie ich nicht läugnen kann, zuweilen ein toller Spuk befängt, der mich aus allen Kreisen des Sittigen und Gehörigen hinaustreibt. Sollte Ihnen denn nicht zuweilen Gleiches widerfahren?“ – „Ach Gott ja,“ erwiederte ich kleinmüthig, „nur noch heute Abend, als ich Julien wiedersah.“ – „Julia?“ krächzte der Kleine mit widriger Stimme und es zuckte über sein Gesicht hin, das wieder plötzlich alt wurde. „O lassen Sie mich ruhen – verhängen Sie doch gütigst den Spiegel, Bester!“ – dies sagte er ganz matt aufs Kissen zurückblickend. „Mein Herr,“ sprach ich, „der Name meiner auf ewig verlornen Liebe scheint seltsame Erinnerungen in Ihnen zu wecken, auch variiren Sie merklich mit Dero angenehmen Gesichtszügen. Doch hoffe ich mit Ihnen ruhig die Nacht zu verbringen, weshalb ich gleich den Spiegel verhängen und mich ins Bett begeben will.“ Der Kleine richtete sich auf, sah mich mit überaus milden, gutmüthigen Blicken seines Jünglings Gesichts an, faßte meine Hand und sprach, sie leise drückend: „Schlafen Sie ruhig, mein Herr, ich merke, daß wir Unglücksgefährten sind. – Sollten Sie auch? – Julia – Giulietta – Nun dem sey, wie ihm wolle, Sie üben eine unwiderstehliche Gewalt über mich aus – ich kann nicht anders, ich muß Ihnen mein tiefstes Geheimniß entdecken – dann hassen, dann verachten Sie mich.“ Mit diesen Worten stand der Kleine langsam auf, hüllte sich in einen weißen weiten Schlafrock und schlich leise und recht gespensterartig nach dem Spiegel, vor den er sich hinstellte. Ach! – rein und klar warf der Spiegel die beiden Lichter, die Gegenstände im Zimmer, mich selbst zurück, die Gestalt des Kleinen war nicht zu sehen im Spiegel, kein Strahl reflektirte sein dicht herangebogenes Gesicht. Er wandte sich zu mir, die tiefste Verzweiflung in den Mienen, er drückte meine Hände: „Sie kennen nun mein grenzenloses Elend,“ sprach er, „Schlemihl, die reine gute Seele, ist beneidenswerth gegen mich Verworfenen. Leichtsinnig verkaufte er seinen Schlagschatten, aber ich! – ich gab mein Spiegelbild ihrihr! – oh – oh – oh!“ – So tief aufstöhnend, die Hände vor die Augen gedrückt, wankte der Kleine nach dem Bette, in das er sich schnell warf. Erstarrt blieb ich stehen, Argwohn, Verachtung, Grauen, Theilnahme, Mitleiden, ich weiß selbst nicht, was sich alles für und wider den Kleinen in meiner Brust regte. Der Kleine fing indeß bald an so anmuthig und melodiös zu schnarchen, daß ich der narkotischen Kraft dieser Töne nicht widerstehen konnte. Schnell verhing ich den Spiegel, löschte die Lichter aus, warf mich so wie der Kleine, ins Bett und fiel bald in tiefen Schlaf. Es machte wol schon Morgen seyn, als ein blendender Schimmer mich weckte. Ich schlug die Augen auf und erblickte den Kleinen, der im weißen Schlafrock, die Nachtmütze auf dem Kopf, den Rücken mir zugewendet, am Tische saß und bei beiden angezündeten Lichtern emsig schrieb. Er sah recht spukhaft aus, mir wandelte ein Grauen an; der Traum erfaßte mich plötzlich und trug mich wieder zum Justizrath, wo ich neben Julien auf der Ottomane saß. Doch bald war es mir, als sey die ganze Gesellschaft eine spaßhafte Weihnachtsausstellung bei Fuchs, Weide, Schoch oder sonst, der Justizrath eine zierliche Figur von Dragant mit postpapiernem Jabot. Höher und höher wurden die Bäume und Rosenbüsche. Julie stand auf und reichte mir den kristallnen Pokal, aus dem blaue Flammen emporleckten. Da zog es mich am Arm, der Kleine stand hinter mir mit dem alten Gesicht und lispelte: „Trink nicht, trink nicht – sieh sie doch recht an! – hast Du sie nicht schon gesehen auf den Warnungstafeln von Breughel, von Callot oder von Rembrandt?“ – Mir schauerte vor Julien, denn freilich war sie in ihrem faltenreichen Gewande mit den bauschigen Aermeln, in ihrem Haarschmuck so anzusehen, wie die von höllischen Unthieren umgebenen lockenden Jungfrauen auf den Bildern jener Meister. „Warum fürchtest Du Dich denn,“ sprach Julie, „ich habe Dich und Dein Spiegelbild doch ganz und gar.“ Ich ergriff den Pokal, aber der Kleine hüpfte wie ein Eichhörnchen auf meine Schultern und wehte mit dem Schweife in die Flammen, widrig quiekend: „Trink nicht – trink nicht.“ Doch nun wurden alle Zuckerfiguren der Ausstellung lebendig und bewegten komisch die Händchen und Füßchen, der dragantne Justizrath trippelte auf mich zu und rief mit einem ganz feinen Stimmchen: „warum der ganze Rumor, mein Bester? warum der ganze Rumor? Stellen Sie sich doch nur auf Ihre lieben Füße, denn schon lange bemerke ich, daß Sie in den Lüften über Stühle und Tische wegschreiten.“ Der Kleine war verschwunden, Julie hatte nicht mehr den Pokal in der Hand. „Warum wolltest Du denn nicht trinken?“ sprach sie, „war denn die reine herrliche Flamme, die Dir aus dem Pokal entgegenstrahlte, nicht der Kuß, wie Du ihn einst von mir empfingst?“ Ich wollte sie an mich drücken, Schlemihl trat aber dazwischen, sprechend: „Das ist Mina, die den Raskal geheirathet.“ Er hatte einige Zuckerfiguren getreten, die ächzten sehr. – Aber bald vermehrten diese sich zu Hunderten und Tausenden, und trippelten um mich her und an mir herauf im bunten häßlichen Gewimmel und umsummten mich wie ein Bienenschwarm. – Der dragantne Justizrath hatte sich bis zur Halsbinde heraufgeschwungen, die zog er immer fester und fester an. „Verdammter dragantner Justizrath!“ schrie ich laut und fuhr auf aus dem Schlafe. Es war heller lichter Tag, schon eilf Uhr Mittags. „Das ganze Ding mit dem Kleinen war auch wol nur ein lebhafter Traum,“ dachte ich eben, als der mit dem Frühstück eintretende Kellner mir sagte, daß der fremde Herr, der mit mir in einem Zimmer geschlafen, am frühen Morgen abgereiset sey und sich mir sehr empfehlen lasse. Auf dem Tische, an dem Nachts der spukhafte Kleine saß, fand ich ein frisch beschriebenes Blatt, dessen Inhalt ich Dir mittheile, da es unbezweifelt des Kleinen wundersame Geschichte ist.

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4.
Die Geschichte vom verlornen Spiegelbilde.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Endlich war es doch so weit gekommen, daß Erasmus Spikher den Wunsch, den er sein Leben lang im Herzen genährt, erfüllen konnte. Mit frohem Herzen und wohlgefülltem Beutel setzte er sich in den Wagen, um die nördliche Heimath zu verlassen und nach dem schönen warmen Welschland zu reisen. Die liebe fromme Hausfrau vergoß tausend Thränen, sie hob den kleinen Rasmus, nachdem sie ihm Nase und Mund sorgfältig geputzt, in den Wagen hinein, damit der Vater zum Abschiede ihn noch sehr küsse. „Lebe wohl, mein lieber Erasmus Spikher,“ sprach die Frau schluchzend, „das Haus will ich Dir gut bewahren, denke fein fleißig an mich, bleibe mir treu und verliere nicht die schöne Reisemütze, wenn Du, wie Du wol pflegst, schlafend zum Wagen herausnickst.“ – Spikher versprach das. –

In dem schönen Florenz fand Erasmus einige Landsleute, die voll Lebenslust und jugendlichen Muths in den üppigen Genüssen, wie sie das herrliche Land reichlich darbot, schwelgten. Er bewies sich ihnen als ein wackrer Kumpan und es wurden allerlei ergötzliche Gelage veranstaltet, denen Spikhers besonders muntrer Geist und das Talent, dem tollen Ausgelassenen das Sinnige beizufügen, einen eignen Schwung gaben. So kam es denn, daß die jungen Leute (Erasmus erst sieben und zwanzig Jahr alt, war wol dazu zu rechnen) einmal zur Nachtzeit in eines herrlichen, duftenden Gartens erleuchtetem Boskett ein gar fröhliches Fest begingen. Jeder, nur nicht Erasmus, hatte eine liebliche Donna mitgebracht. Die Männer gingen in zierlicher altteutscher Tracht, die Frauen waren in bunten leuchtenden Gewändern, jede auf andere Art, ganz fantastisch gekleidet, so daß sie erschienen wie liebliche wandelnde Blumen. Hatte Diese oder Jene zu dem Saitengelispel der Mandolinen ein italienisches Liebeslied gesungen, so stimmten die Männer unter dem lustigen Geklingel der mit Syrakuser gefüllten Gläser einen kräftigen deutschen Rundgesang an. – Ist ja doch Italien das Land der Liebe. Der Abendwind säuselte wie in sehnsüchtigen Seufzern, wie Liebeslaute durchwallten die Orange- und Jasmindüfte das Boskett, sich mischend in das lose neckhafte Spiel, das die holden Frauenbilder, all‘ die kleinen zarten Buffonerien, wie sie nur den italienischen Weibern eigen, aufbietend, begonnen hatten. Immer reger und lauter wurde die Lust. Friedrich, der Glühendste vor Allen, stand auf mit einem Arm hatte er seine Donna umschlungen, und das mit perlendem Syrakuser gefüllte Glas mit der andern Hand hoch schwingend, rief er: „Wo ist denn Himmelslust und Seligkeit zu finden als bei Euch, Ihr holden, herrlichen, italienischen Frauen, Ihr seyd ja die Liebe selbst. – Aber Du, Erasmus,“ fuhr er fort, sich zu Spikher wendend, „scheinst das nicht sonderlich zu fühlen, denn nicht allein, daß Du, aller Verabredung, Ordnung und Sitte entgegen, keine Donna zu unserm Feste geladen hast, so bist Du auch heute so trübe und in Dich gekehrt, daß, hättest Du nicht wenigstens tapfer getrunken und gesungen, ich glauben würde, Du seyst mit einem Mal ein langweiliger Melancholikus geworden.“ – „Ich muß Dir gestehen, Friedrich,“ erwiederte Erasmus, „daß ich mich auf die Weise nun einmal nicht freuen kann. Du weißt ja, daß ich eine liebe, fromme Hausfrau zurückgelassen habe, die ich recht aus tiefer Seele liebe, und an der ich ja offenbar einen Verrath beginge, wenn ich im losen Spiel auch nur für einen Abend mir eine Donna wählte. Mit Euch unbeweibten Jünglingen ist das ein Andres, aber ich, als Familienvater“ – Die Jünglinge lachten hell auf, da Erasmus bei dem Worte „Familienvater“ sich bemühte, das jugendliche gemüthliche Gesicht in ernste Falten zu ziehen, welches denn eben sehr possierlich herauskam. Friedrichs Donna ließ sich das, was Erasmus teutsch gesprochen, in das Italienische übersetzen, dann wandte sie sich ernsten Blickes zum Erasmus und sprach, mit aufgehobenem Finger leise drohend: „Du kalter, kalter Teutscher! – verwahre Dich wohl, noch hast Du Giulietta nicht gesehen!“

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019In dem Augenblick rauschte es beim Eingange des Bosketts, und aus dunkler Nacht trat in den lichten Kerzenschimmer hinein ein wunderherrliches Frauenbild. Das weiße, Busen, Schultern und Nacken nur halb verhüllende Gewand, mit bauschigen bis an die Ellbogen streifenden Aermeln, floß in reichen breiten Falten herab, die Haare vorn an der Stirn gescheitelt, hinten in vielen Flechten heraufgenestelt. – Goldene Ketten um den Hals, reiche Armbänder um die Handgelenke geschlungen, vollendeten den alterthümlichen Putz der Jungfrau, die anzusehen war, als wandle ein Frauenbild von Rubens oder dem zierlichen Mieris daher. „Giulietta!“ riefen die Mädchen voll Erstaunen. Giulietta, deren Engelsschönheit Alle überstrahlte, sprach mit süßer lieblicher Stimme: „Laßt mich doch Theil nehmen an Euerm schönen Fest, ihr wackern teutschen Jünglinge. Ich will hin zu Jenem dort, der unter Euch ist so ohne Lust und ohne Liebe.“ Damit wandelte sie in hoher Anmuth zum Erasmus und setzte sich auf den Sessel, der neben ihm leer geblieben, da man vorausgesetzt hatte, daß auch er eine Donna mitbringen werde. Die Mädchen lispelten unter einander: „Seht, o seht, wie Giulietta heute wieder so schön ist!“ und die Jünglinge sprachen: „Was ist denn das mit dem Erasmus, er hat ja die Schönste gewonnen und uns nur wol verhöhnt?“

Dem Erasmus war bei dem ersten Blick, den er auf Giulietta warf, so ganz besonders zu Muthe geworden, daß er selbst nicht wußte, was sich denn so gewaltsam in seinem Innern rege. Als sie sich ihm näherte, faßte ihn eine fremde Gewalt und drückte seine Brust zusammen, daß sein Athem stockte. Das Auge fest geheftet auf Giulietta mit erstarrten Lippen saß er da und konnte kein Wort hervorbringen, als die Jünglinge laut Giulietta’s Anmuth und Schönheit priesen. Giulietta nahm einen vollgeschenkten Pokal und stand auf, ihn dem Erasmus freundlich darreichend; der ergriff den Pokal, Giulietta’s zarte Finger leise berührend. Er trank, Gluth strömte durch seine Adern. Da fragte Giulietta scherzend: „Soll ich denn Eure Donna seyn?“ Aber Erasmus warf sich wie im Wahnsinn vor Giulietta nieder, drückte ihre beiden Hände an seine Brust und rief: „Ja, Du bist es, Dich habe ich geliebt immerdar, Dich, Du Engelsbild! – Dich habe ich geschaut in meinen Träumen, Du bist mein Glück, meine Seligkeit, mein höheres Leben!“ – Alle glaubten, der Wein sey dem Erasmus zu Kopf gestiegen, denn so hatten sie ihn nie gesehen, er schien ein Anderer worden. „Ja, Du – Du bist mein Leben, Du flammst in mir mit verzehrender Gluth. Laß mich untergehen – untergehen, nur in Dir, nur Du will ich seyn,“ – so schrie Erasmus, aber Giulietta nahm ihn sanft in die Arme; ruhiger geworden, setzte er sich an ihre Seite, und bald begann wieder das heitre Liebesspiel in munteren Scherzen und Liedern, das durch Giulietta und Erasmus unterbrochen worden. Wenn Giulietta sang, war es, als gingen aus tiefster Brust Himmelstöne hervor, nie gekannte, nur geahnte Lust in Allen entzündend. Ihre volle wunderbare Kristallstimme trug eine geheimnißvolle Gluth in sich, die jedes Gemüth ganz und gar befing. Fester hielt jeder Jüngling seine Donna umschlungen, und feuriger strahlte Aug‘ in Auge. Schon verkündete ein rother Schimmer den Anbruch der Morgenröthe, da rieth Giulietta das Fest zu enden. Es geschah. Erasmus schickte sich an, Giulietta zu begleiten, sie schlug das ab und bezeichnete ihm das Haus, wo er sie künftig finden könne. Während des teutschen Rundgesanges, den die Jünglinge noch zum Beschluß des Festes anstimmten, war Giulietta aus dem Boskett verschwunden; man sah sie hinter zwei Bedienten, die mit Fackeln voranschritten, durch einen fernen Laubgang wandeln. Erasmus wagte nicht, ihr zu folgen. Die Jünglinge nahmen nun jeder seine Donna unter den Arm und schritten in voller heller Lust von dannen. Ganz verstört und im Innern zerrissen von Sehnsucht und Liebesqual folgte ihnen endlich Erasmus, dem sein kleiner Diener mit der Fackel vorleuchtete. So ging er, da die Freunde ihn verlassen, durch eine entlegene Straße, die nach seiner Wohnung führte. Die Morgenröthe war hoch heraufgestiegen, der Diener stieß die Fackel auf dem Steinpflaster aus, aber in den aufsprühenden Funken stand plötzlich eine seltsame Figur vor Erasmus, ein langer dürrer Mann mit spitzer Habichtsnase, funkelnden Augen, hämisch verzogenem Munde, im feuerrothen Rock mit strahlenden Stahlknöpfen. Der lachte und rief mit unangenehm gellender Stimme: „Ho, ho! – Ihr seyd wol aus einem alten Bilderbuch herausgestiegen mit Euerm Mantel, Euerm geschlitzten Wamms und Euerm Federnbarett. – Ihr seht recht schnakisch aus, Hr. Erasmus, aber wollt Ihr denn auf der Straße der Leute Spott werden? Kehrt doch nur ruhig zurück in Euern Pergamentband.“ – „Was geht Euch meine Kleidung an,“ sprach Erasmus verdrießlich und wollte, den rothen Kerl bei Seite schiebend, vorübergehen, der schrie ihm nach: „Nun, nun – eilt nur nicht so, zur Giulietta könnt Ihr doch jetzt gleich nicht hin.“ Erasmus drehte sich rasch um. „Was sprecht Ihr von Giulietta,“ rief er mit wilder Stimme, den rothen Kerl bei der Brust packend. Der wandte sich aber pfeilschnell und war, ehe sich’s Erasmus versah, verschwunden. Erasmus blieb ganz verblüfft stehen, mit dem Stahlknopf in der Hand, den er dem Rothen abgerissen. „Das war der Wunderdoktor, Signor Dapertutto; was der nur von Euch wollte?“ sprach der Diener, aber dem Erasmus wandelte ein Grauen an, er eilte sein Haus zu erreichen. –

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Giulietta empfing den Erasmus mit all‘ der wunderbaren Anmuth und Freundlichkeit, die ihr eigen. Der wahnsinnigen Leidenschaft, die den Erasmus entflammt, setzte sie ein mildes, gleichmüthiges Betragen entgegen. Nur dann und wann funkelten ihre Augen höher auf, und Erasmus fühlte, wie leise Schauer aus dem Innersten heraus ihn durchbebten, wenn sie manchmal ihn mit einem recht seltsamen Blicke traf. Nie sagte sie ihm, daß sie ihn liebe, aber ihre ganze Art und Weise mit ihm umzugehen, ließ es ihn deutlich ahnen, und so kam es, daß immer festere und festere Bande ihn umstrickten. Ein wahres Sonnenleben ging ihm auf; die Freunde sah er selten, da Giulietta ihn in andere fremde Gesellschaft eingeführt. –

Einst begegnete ihm Friedrich, der ließ ihn nicht los, und als der Erasmus durch manche Erinnerung an sein Vaterland und an sein Haus recht mild und weich geworden, da sagte Friedrich: „Weißt Du wol, Spikher, daß Du in recht gefährliche Bekanntschaft gerathen bist? Du mußt es doch wol schon gemerkt haben, daß die schöne Giulietta eine der schlauesten Courtisanen ist, die es je gab. Man trägt sich dabei mit allerlei geheimnißvollen, seltsamen Geschichten, die sie in gar besonderm Lichte erscheinen lassen. Daß sie über die Menschen, wenn sie will, eine unwiderstehliche Macht übt und sie in unauflösliche Bande verstrickt, seh‘ ich an Dir, Du bist ganz und gar verändert, Du bist ganz der verführerischen Giulietta hingegeben, Du denkst nicht mehr an Deine liebe fromme Hausfrau.“ – Da hielt Erasmus beide Hände vors Gesicht, er schluchzte laut, er rief den Namen seiner Frau. Friedrich merkte wol, wie ein innerer harter Kampf begonnen. „Spikher,“ fuhr er fort, „laß uns schnell abreisen.“ „Ja, Friedrich,“ rief Spikher heftig, „Du hast Recht. Ich weiß nicht, wie mich so finstre gräßliche Ahnungen plötzlich ergreifen, – ich muß fort, noch heute fort.“ Beide Freunde eilten über die Straße, quer vorüber schritt Signor Dapertutto, der lachte dem Erasmus ins Gesicht und rief: „Ach, eilt doch, eilt doch nur schnell, Giulietta wartet schon, das Herz voll Sehnsucht, die Augen voll Thränen. – Ach, eilt doch, eilt doch!“ Erasmus wurde wie vom Blitz getroffen. „Dieser Kerl,“ sprach Friedrich, „dieser Ciarlatano ist mir im Grunde der Seele zuwider, und daß der bei Giulietta aus- und eingeht und ihr seine Wunderessenzen verkauft“ – „Was!“ rief Erasmus, „dieser abscheuliche Kerl bei Giulietta – bei Giulietta?“ – „Wo bleibt Ihr aber auch so lange, Alles wartet auf Euch, habt Ihr denn gar nicht an mich gedacht?“ so rief eine sanfte Stimme vom Balkon herab. Es war Giulietta, vor deren Hause die Freunde, ohne es bemerkt zu haben, standen. Mit einem Sprunge war Erasmus im Hause. „Der ist nun einmal hin und nicht mehr zu retten,“ sprach Friedrich leise und schlich über die Straße fort. –

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Nie war Giulietta liebenswürdiger gewesen, sie trug dieselbe Kleidung als damals in dem Garten, sie strahlte in voller Schönheit und jugendlicher Anmuth. Erasmus hatte Alles vergessen, was er mit Friedrich gesprochen, mehr als je riß ihn die höchste Wonne, das höchste Entzücken unwiderstehlich hin, aber auch noch niemals hatte Giulietta so ohne allen Rückhalt ihm ihre innigste Liebe merken lassen. Nur ihn schien sie zu beachten, nur für ihn zu seyn. – Auf einer Villa, die Giulietta für den Sommer gemiethet, sollte ein Fest gefeiert werden. Man begab sich dahin. In der Gesellschaft befand sich ein junger Italiener von recht häßlicher Gestalt und noch häßlicheren Sitten, der bemühte sich viel um Giulietta und erregte die Eifersucht des Erasmus, der voll Ingrimm sich von den Andern entfernte und einsam in einer Seiten-Allee des Gartens auf- und abschlich. Giulietta suchte ihn auf. „Was ist Dir? – bist Du denn nicht ganz mein?“ Damit umfing sie ihn mit den zarten Armen und drückte einen Kuß auf seine Lippen. Feuerstrahlen durchblitzten ihn, in rasender Liebeswuth drückte er die Geliebte an sich und rief: „Nein, ich lasse Dich nicht, und sollte ich untergehen im schmachvollsten Verderben!“ Giulietta lächelte seltsam bei diesen Worten, und ihn traf jener sonderbare Blick, der ihm jederzeit innern Schauer erregte. Sie gingen wieder zur Gesellschaft. Der widrige junge Italiener trat jetzt in die Rolle des Erasmus; von Eifersucht getrieben, stieß er allerlei spitze beleidigende Reden gegen Teutsche und insbesondere gegen Spikher aus. Der konnte es endlich nicht länger ertragen; rasch schritt er auf den Italiener los. „Haltet ein,“ sprach er, „mit Euern nichtswürdigen Sticheleien auf Teutsche und auf mich, sonst werfe ich Euch in jenen Teich, und Ihr könnt Euch im Schwimmen versuchen.“ In dem Augenblick blitzte ein Dolch in des Italieners Hand, da packte Erasmus ihn wüthend bei der Kehle und warf ihn nieder, ein kräftiger Fußtritt ins Genick, und der Italiener gab röchelnd seinen Geist auf. – Alles stürzte auf den Erasmus los, er war ohne Besinnung – er fühlte sich ergriffen, fortgerissen. Als er wie aus tiefer Betäubung erwachte, lag er in einem kleinen Cabinet zu Giulietta’s Füßen, die, das Haupt über ihn herabgebeugt, ihn mit beiden Armen umfaßt hielt. „Du böser, böser Teutscher,“ sprach sie unendlich sanft und mild, „welche Angst hast Du mir verursacht! Aus der nächsten Gefahr habe ich Dich errettet, aber nicht sicher bist Du mehr in Florenz, in Italien. Du mußt fort, Du mußt mich, die Dich so sehr liebt, verlassen.“ Der Gedanke der Trennung zerriß den Erasmus in namenlosem Schmerz und Jammer. „Laß mich bleiben,“ schrie er, „ich will ja gern den Tod leiden, heißt denn sterben mehr als leben ohne Dich?“ Da war es ihm, als rufe eine leise ferne Stimme schmerzlich seinen Namen. Ach! es war die Stimme der frommen teutschen Hausfrau. Erasmus verstummte, und auf ganz seltsame Weise fragte Giulietta: „Du denkst wol an Dein Weib? – Ach, Erasmus, Du wirst mich nur zu bald vergessen.“ – „Könnte ich nur ewig und immerdar ganz Dein seyn,“ sprach Erasmus. Sie standen gerade vor dem schönen breiten Spiegel, der in der Wand des Cabinets angebracht war und an dessen beiden Seiten helle Kerzen brannten. Fester, inniger drückte Giulietta den Erasmus an sich, indem sie leise lispelte: „Laß mir Dein Spiegelbild, Du innig Geliebter, es soll mein und bei mir bleiben immerdar.“ – „Giulietta,“ rief Erasmus ganz verwundert, „was meinst Du denn? – mein Spiegelbild?“ – Er sah dabei in den Spiegel, der ihn und Giulietta in süßer Liebesumarmung zurückwarf. „Wie kannst Du denn mein Spiegelbild behalten,“ fuhr er fort, „das mit mir wandelt überall, und aus jedem klaren Wasser, aus jeder hellgeschliffnen Fläche mir entgegentritt?“ – „Nicht einmal,“ sprach Giulietta, „nicht einmal diesen Traum Deines Ichs, wie er aus dem Spiegel hervorschimmert, gönnst Du mir, der Du sonst mein mit Leib und Leben seyn wolltest? Nicht einmal Dein unstetes Bild soll bei mir bleiben und mit mir wandeln durch das arme Leben, das nun wol, da Du fliehst, ohne Lust und Liebe bleiben wird?“ Die heißen Thränen stürzten der Giulietta aus den schönen dunklen Augen. Da rief Erasmus, wahnsinnig vor tödtendem Liebesschmerz: „Muß ich denn fort von Dir? – muß ich fort, so soll mein Spiegelbild Dein bleiben auf ewig und immerdar. Keine Macht – der Teufel soll es Dir nicht entreißen, bis Du mich selbst hast mit Seele und Leib.“ – Giulietta’s Küsse brannten wie Feuer auf seinem Munde, als er dies gesprochen, dann ließ sie ihn los und streckte sehnsuchtsvoll die Arme aus nach dem Spiegel. Erasmus sah, wie sein Bild unabhängig von seinen Bewegungen hervortrat, wie es in Giulietta’s Arme glitt, wie es mit ihr im seltsamen Duft verschwand. Allerlei häßliche Stimmen meckerten und lachten in teuflischem Hohn; erfaßt von dem Todeskrampf des tiefsten Entsetzens sank er bewußtlos zu Boden, aber die fürchterliche Angst – das Grausen riß ihn auf aus der Betäubung, in dicker dichter Finsterniß taumelte er zur Thür hinaus, die Treppe hinab. Vor dem Hause ergriff man ihn und hob ihn in einen Wagen, der schnell fortrollte. „Dieselben haben sich etwas alterirt, wie es scheint,“ sprach der Mann, der sich neben ihn gesetzt hatte, in teutscher Sprache, „Dieselben haben sich etwas alterirt, indessen wird jetzt Alles ganz vortrefflich gehen, wenn Sie sich nur mir ganz überlassen wollen. Giuliettchen hat schon das Ihrige gethan und mir Sie empfohlen. Sie sind auch ein recht lieber junger Mann und inkliniren erstaunlich zu angenehmen Späßen, wie sie uns, mir und Giuliettchen, sehr behagen. Das war mir ein recht tüchtiger teutscher Tritt in den Nacken. Wie dem Amoroso die Zunge kirschblau zum Halse heraushing – es sah recht possierlich aus, und wie er so krächzte und ächzte und nicht gleich abfahren konnte – ha – ha – ha –“ Die Stimme des Mannes war so widrig höhnend, sein Schnickschnack so gräßlich, daß die Worte Dolchstichen gleich in des Erasmus Brust fuhren. „Wer Ihr auch seyn mögt,“ sprach Erasmus, „schweigt, schweigt von der entsetzlichen That, die ich bereue!“ – „Bereuen, bereuen!“ erwiederte der Mann, „so bereut Ihr auch wol, daß Ihr Giulietta kennen gelernt und ihre süße Liebe erworben habt?“ – „Ach, Giulietta, Giulietta!“ seufzte Erasmus. „Nun ja,“ fuhr der Mann fort, „so seyd Ihr nun kindisch, Ihr wünscht und wollt, aber Alles soll auf gleichem glatten Wege bleiben. Fatal ist es zwar, daß Ihr Giulietta habt verlassen müssen, aber doch könnte ich wol, bliebet Ihr hier, Euch allen Dolchen Eurer Verfolger und auch der lieben Justiz entziehen.“ Der Gedanke bei Giulietta bleiben zu können, ergriff den Erasmus gar mächtig. „Wie wäre das möglich?“ fragte er. – „Ich kenne,“ fuhr der Mann fort, „ein sympathetisches Mittel, das Eure Verfolger mit Blindheit schlägt, kurz, welches bewirkt, daß Ihr ihnen immer mit einem andern Gesichte erscheint und sie Euch niemals wieder erkennen. So wie es Tag ist, werdet Ihr so gut seyn recht lange und aufmerksam in irgend einen Spiegel zu schauen, mit Euerm Spiegelbilde nehme ich dann, ohne es im mindesten zu versehren, gewisse Operationen vor und Ihr seyd geborgen, Ihr könnt dann leben mit Giulietta ohne alle Gefahr in aller Lust und Freudigkeit.“ – „Fürchterlich, fürchterlich!“ schrie Erasmus auf. „Was ist denn fürchterlich, mein Werthester?“ fragte der Mann höhnisch. „Ach, ich – habe, ich – habe,“ fing Erasmus an – „Euer Spiegelbild sitzen lassen,“ fiel der Mann schnell ein, „sitzen lassen bei Giulietta? – ha, ha, ha! Bravissimo, mein Bester! Nun könnt Ihr durch Fluren und Wälder, Städte und Dörfer laufen, bis Ihr Euer Weib gefunden nebst dem kleinen Rasmus und wieder ein Familienvater seyd, wiewol ohne Spiegelbild, worauf es Eurer Frau auch weiter wol nicht ankommen wird, da sie Euch leiblich hat, Giulietta aber nur Euer schimmerndes Traum-Ich.“ – „Schweige, Du entsetzlicher Mensch,“ schrie Erasmus. In dem Augenblick nahte sich ein fröhlich singender Zug mit Fackeln, die ihren Glanz in den Wagen warfen. Erasmus sah seinem Begleiter ins Gesicht und erkannte den häßlichen Doktor Dapertutto. Mit einem Satz sprang er aus dem Wagen und lief dem Zuge entgegen, da er schon in der Ferne Friedrichs wohltönenden Baß erkannt hatte. Die Freunde kehrten von einem ländlichen Mahle zurück. Schnell unterrichtete Erasmus Friedrichen von Allem was geschehen, und verschwieg nur den Verlust seines Spiegelbildes. Friedrich eilte mit ihm voran nach der Stadt, und so schnell wurde alles Nöthige veranstaltet, daß, als die Morgenröthe aufgegangen, Erasmus auf einem raschen Pferde sich schon weit von Florenz entfernt hatte. – Spikher hat manches Abentheuer aufgeschrieben, das ihm auf seiner Reise begegnete. Am merkwürdigsten ist der Vorfall, welcher zuerst den Verlust seines Spiegelbildes ihm recht seltsam fühlen ließ. Er war nämlich gerade, weil sein müdes Pferd Erholung bedurfte, in einer großen Stadt geblieben, und setzte sich ohne Arg an die stark besetzte Wirthstafel, nicht achtend, daß ihm gegenüber ein schöner klarer Spiegel hing. Ein Satan von Kellner, der hinter seinem Stuhle stand, wurde gewahr, daß drüben im Spiegel der Stuhl leer geblieben und sich nichts von der darauf sitzenden Person reflektire. Er theilte seine Bemerkung dem Nachbar des Erasmus mit, der seinem Nebenmann, es lief durch die ganze Tischreihe ein Gemurmel und Geflüster, man sah den Erasmus an, dann in den Spiegel. Noch hatte Erasmus gar nicht bemerkt, daß ihm das Alles galt, als ein ernsthafter Mann vom Tische aufstand, ihn vor den Spiegel führte, hineinsah und dann sich zur Gesellschaft wendend laut rief: Wahrhaftig, er hat kein Spiegelbild! „Er hat kein Spiegelbild – er hat kein Spiegelbild!“ schrie Alles durch einander; „ein mauvais sujet, ein homo nefas, werft ihn zur Thür hinaus!“ – Voll Wuth und Schaam flüchtete Erasmus auf sein Zimmer; aber kaum war er dort, als ihm von Polizei wegen angekündigt wurde, daß er binnen einer Stunde mit seinem vollständigen, völlig ähnlichen Spiegelbilde vor der Obrigkeit erscheinen oder die Stadt verlassen müsse. Er eilte von dannen, vom müssigen Pöbel, von den Straßenjungen verfolgt, die ihm nachschrieen: „da reitet er hin, der dem Teufel sein Spiegelbild verkauft hat, da reitet er hin!“ – Endlich war er im Freien. Nun ließ er überall wo er hinkam, unter dem Vorwande eines natürlichen Abscheu’s gegen jede Abspiegelung, alle Spiegel schnell verhängen, und man nannte ihn daher spottweise den General Suwarow, der ein Gleiches that. –

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Freudig empfing ihn, als er seine Vaterstadt und sein Haus erreicht, die liebe Frau mit dem kleinen Rasmus, und bald schien es ihm, als sey in ruhiger, friedlicher Häuslichkeit der Verlust des Spiegelbildes wol zu verschmerzen. Es begab sich eines Tages, daß Spikher, der die schöne Giulietta ganz aus Sinn und Gedanken verloren, mit dem kleinen Rasmus spielte; der hatte die Händchen voll Ofenruß und fuhr damit dem Papa ins Angesicht. „Ach, Vater, Vater, wie hab‘ ich Dich schwarz gemacht, schau mal her!“ So rief der Kleine und holte, ehe Spikher es hindern konnte, einen Spiegel herbei, den er, ebenfalls hineinschauend, dem Vater vorhielt. – Aber gleich ließ er den Spiegel weinend fallen und lief schnell zum Zimmer hinaus. Bald darauf trat die Frau herein, Staunen und Schreck in den Mienen. „Was hat mir der Rasmus von Dir erzählt,“ sprach sie. „Daß ich kein Spiegelbild hätte, nicht wahr, mein Liebchen?“ fiel Spikher mit erzwungenem Lächeln ein, und bemühte sich zu beweisen, daß es zwar unsinnig sey zu glauben, man könne überhaupt sein Spiegelbild verlieren, im Ganzen sey aber nicht viel daran verloren, da jedes Spiegelbild doch nur eine Illusion sey, Selbstbetrachtung zur Eitelkeit führe, und noch dazu ein solches Bild, das eigne Ich, spalte in Wahrheit und Traum. Indem er so sprach, hatte die Frau von einem verhängten Spiegel, der sich in dem Wohnzimmer befand, schnell das Tuch herabgezogen. Sie schaute hinein, und als träfe sie ein Blitzstrahl sank sie zu Boden. Spikher hob sie auf, aber kaum hatte die Frau das Bewußtseyn wieder, als sie ihn mit Abscheu von sich stieß. „Verlasse mich,“ schrie sie, „verlasse mich, fürchterlicher Mensch! Du bist es nicht, Du bist nicht mein Mann, nein – ein höllischer Geist bist Du, der mich um meine Seligkeit bringen, der mich verderben will. – Fort, verlasse mich, Du hast keine Macht über mich, Verdammter!“ Ihre Stimme gellte durch das Zimmer, durch den Saal, die Hausleute liefen entsetzt herbei, in voller Wuth und Verzweiflung stürzte Erasmus zum Hause hinaus. Wie von wilder Raserei getrieben rannte er durch die einsamen Gänge des Parks, der sich bei der Stadt befand. Giulietta’s Gestalt stieg vor ihm auf in Engelsschönheit, da rief er laut: „Rächst Du Dich so, Giulietta, dafür, daß ich Dich verließ und Dir statt meines Selbst nur mein Spiegelbild gab? Ha, Giulietta, ich will ja Dein seyn mit Leib und Seele, Sie hat mich verstoßen, Sie, der ich Dich opferte. Giulietta, Giulietta, ich will ja Dein seyn mit Leib und Leben und Seele.“ – „Das können Sie ganz füglich, mein Werthester,“ sprach Signor Dapertutto, der auf einmal in seinem scharlachrothen Rocke mit den blitzenden Stahlknöpfen dicht neben ihm stand. Es waren Trostesworte für den unglücklichen Erasmus, deshalb achtete er nicht Dapertutto’s hämisches, häßliches Gesicht, er blieb stehen und fragte mit recht kläglichem Ton: „Wie soll ich Sie denn wieder finden, Sie, die wol auf immer für mich verloren ist!“ – „Mit nichten,“ erwiederte Dapertutto, „Sie ist gar nicht weit von hier und sehnt sich erstaunlich nach Ihrem werthen Selbst, Verehrter, da doch, wie Sie einsehen, ein Spiegelbild nur eine schnöde Illusion ist. Uebrigens giebt sie Ihnen, sobald sie sich Ihrer werthen Person, nämlich mit Leib, Leben und Seele sicher weiß, Ihr angenehmes Spiegelbild glatt und unversehrt dankbarlichst zurück.“ „Führe mich zu ihr – zu ihr hin!“ rief Erasmus, „wo ist sie?“ „Noch einer Kleinigkeit bedarf es,“ fiel Dapertutto ein, „bevor Sie Giulietta sehen und sich ihr gegen Erstattung des Spiegelbildes ganz ergeben können. Dieselben vermögen nicht so ganz über Dero werthe Person zu disponiren, da Sie noch durch gewisse Bande gefesselt sind, die erst gelöset werden müssen. – Dero liebe Frau nebst dem hoffnungsvollen Söhnlein“ – „Was soll das?“ – fuhr Erasmus wild auf. „Eine unmaßgebliche Trennung dieser Bande,“ fuhr Dapertutto fort, „könnte auf ganz leicht menschliche Weise bewirkt werden. Sie wissen ja von Florenz aus, daß ich wundersame Medikamente geschickt zu bereiten weiß, da hab‘ ich denn hier so ein Hausmittelchen in der Hand. Nur ein paar Tropfen dürfen die genießen, welche Ihnen und der lieben Giulietta im Wege sind, und sie sinken ohne schmerzliche Gebehrde lautlos zusammen. Man nennt das zwar sterben, und der Tod soll bitter seyn; aber ist denn der Geschmack bittrer Mandeln nicht lieblich, und nur diese Bitterkeit hat der Tod, den dieses Fläschchen verschließt. Sogleich nach dem fröhlichen Hinsinken wird die werthe Familie einen angenehmen Geruch von bittern Mandeln verbreiten. – Nehmen Sie, Geehrtester.“ – Er reichte dem Erasmus eine kleine Phiole hin.[Fußnote] 1 „Entsetzlicher Mensch,“ schrie dieser, „vergiften soll ich Weib und Kind?“ „Wer spricht denn von Gift,“ fiel der Rothe ein, „nur ein wohlschmeckendes Hausmittel ist in der Phiole enthalten. Mir stünden andere Mittel, Ihnen Freiheit zu schaffen, zu Gebote, aber durch Sie selbst möcht‘ ich so ganz natürlich, so ganz menschlich wirken, das ist nun einmal meine Liebhaberei. Nehmen Sie getrost, mein Bester!“ – Erasmus hatte die Phiole in der Hand, er wußte selbst nicht wie. Gedankenlos rannte er nach Hause in sein Zimmer. Die ganze Nacht hatte die Frau unter tausend Aengsten und Qualen zugebracht, sie behauptete fortwährend, der Zurückgekommene sey nicht ihr Mann, sondern ein höllischer Geist, der ihres Mannes Gestalt angenommen. So wie Spikher ins Haus trat, floh Alles scheu zurück, nur der kleine Rasmus wagte es, ihm nahe zu treten und kindisch zu fragen, warum er denn sein Spiegelbild nicht mitgebracht habe, die Mutter würde sich darüber zu Tode grämen. Erasmus starrte den Kleinen wild an, er hatte noch Dapertutto’s Phiole in der Hand. Der Kleine trug seine Lieblingstaube auf dem Arm, und so kam es, daß diese mit dem Schnabel sich der Phiole näherte und an dem Pfropfe pickte; sogleich ließ sie den Kopf sinken, sie war todt. Entsetzt sprang Erasmus auf. „Verräther,“ schrie er, „Du sollst mich nicht verführen zur Höllenthat!“ – Er schleuderte die Phiole durch das offene Fenster, daß sie auf dem Steinpflaster des Hofes in tausend Stücke zersprang. Ein lieblicher Mandelgeruch stieg auf und verbreitete sich bis ins Zimmer. Der kleine Rasmus war erschrocken davon gelaufen. Spikher brachte den ganzen Tag von tausend Qualen gefoltert zu, bis die Mitternacht eingebrochen. Da wurde immer reger und reger in seinem Innern Giulietta’s Bild. Einst zersprang ihr in seiner Gegenwart eine Halsschnur, von jenen kleinen rothen Beeren aufgezogen, die die Frauen wie Perlen tragen. Die Beeren auflesend verbarg er schnell eine, weil sie an Giulietta’s Halse gelegen, und bewahrte sie treulich. Die zog er jetzt hervor, und sie anstarrend, richtete er Sinn und Gedanken auf die verlorne Geliebte. Da war es, als ginge aus der Perle der magische Duft hervor, der ihn sonst umfloß in Giulietta’s Nähe. „Ach, Giulietta, Dich nur noch ein einziges Mal sehen und dann untergehen in Verderben und Schmach.“ – Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als es auf dem Gange vor der Thür leise zu rischeln und zu rascheln begann. Er vernahm Fußtritte – es klopfte an die Thür des Zimmers. Der Athem stockte dem Erasmus vor ahnender Angst und Hoffnung. Er öffnete. Giulietta trat herein, in hoher Schönheit und Anmuth. Wahnsinnig vor Liebe und Lust schloß er sie in seine Arme. „Nun bin ich da, mein Geliebter,“ sprach sie leise und sanft, „aber sieh, wie getreu ich Dein Spiegelbild bewahrt!“ Sie zog das Tuch vom Spiegel herab, Erasmus sah mit Entzücken sein Bild der Giulietta sich anschmiegend; unabhängig von ihm selbst warf es aber keine seiner Bewegungen zurück. Schauer durchbebten den Erasmus. „Giulietta,“ rief er, „soll ich denn rasend werden in der Liebe zu Dir? – Gieb mir das Spiegelbild, nimm mich selbst mit Leib, Leben und Seele.“ – „Es ist noch etwas zwischen uns, lieber Erasmus,“ sprach Giulietta, „Du weißt es – hat Dapertutto Dir nicht gesagt – Um Gott, Giulietta,“ fiel Erasmus ein, „kann ich nur auf diese Weise Dein werden, so will ich lieber sterben.“ – „Auch soll Dich,“ fuhr Giulietta fort, „Dapertutto keineswegs verleiten zu solcher That. Schlimm ist es freilich, daß ein Gelübde und ein Priestersegen nun einmal so viel vermag, aber lösen mußt Du das Band, was Dich bindet, denn sonst wirst Du niemals gänzlich mein, und dazu giebt es ein anderes besseres Mittel, als Dapertutto vorgeschlagen.“ – „Worin besteht das?“ fragte Erasmus heftig. Da schlang Giulietta den Arm um seinen Nacken, und den Kopf an seine Brust gelehnt lispelte sie leise: „Du schreibst auf ein kleines Blättchen Deinen Namen Erasmus Spikher unter die wenigen Worte: Ich gebe meinem guten Freunde Dapertutto Macht über meine Frau und über mein Kind, daß er mit ihnen schalte und walte nach Willkühr und löse das Band, das mich bindet, weil ich fortan mit meinem Leibe und mit meiner unsterblichen Seele angehören will der Giulietta, die ich mir zum Weibe erkohren, und der ich mich noch durch ein besonderes Gelübde auf immerdar verbinden werde.“ Es rieselte und zuckte dem Erasmus durch alle Nerven. Feuerküsse brannten auf seinen Lippen, er hatte das Blättchen, das ihm Giulietta gegeben, in der Hand. Riesengroß stand plötzlich Dapertutto hinter Giulietta und reichte ihm eine metallene Feder. In dem Augenblick sprang dem Erasmus ein Aederchen an der linken Hand und das Blut spritzte heraus. „Tunke ein, tunke ein – schreib‘, schreib‘,“ krächzte der Rothe. – „Schreib‘, schreib‘, mein ewig, einzig Geliebter,“ lispelte Giulietta. Schon hatte er die Feder mit Blut gefüllt, er setzte zum Schreiben an – da ging die Thür auf, eine weiße Gestalt trat herein, die gespenstisch starren Augen auf Erasmus gerichtet, rief sie schmerzvoll und dumpf: „Erasmus, Erasmus, was beginnst Du – um des Heilandes willen, laß ab von gräßlicher That!“ – Erasmus in der warnenden Gestalt sein Weib erkennend, warf Blatt und Feder weit von sich. – Funkelnde Blitze schossen aus Giulietta’s Augen, gräßlich verzerrt war das Gesicht, brennende Gluth ihr Körper. „Laß ab von mir, Höllengesindel, Du sollst keinen Theil haben an meiner Seele. In des Heilandes Namen, hebe Dich von mir hinweg, Schlange – die Hölle glüht aus Dir.“ – So schrie Erasmus und stieß mit kräftiger Faust Giulietta, die ihn noch immer umschlungen hielt, zurück. Da gellte und heulte es in schneidenden Mißtönen, und es rauschte wie mit schwarzen Rabenfittigen im Zimmer umher. – Giulietta – Dapertutto verschwanden im dicken stinkenden Dampf, der wie aus den Wänden quoll, die Lichter verlöschend. Endlich brachen die Strahlen des Morgenroths durch die Fenster. Erasmus begab sich gleich zu seiner Frau. Er fand sie ganz milde und sanftmüthig. Der kleine Rasmus saß schon ganz munter auf ihrem Bette; sie reichte dem erschöpften Mann die Hand, sprechend: „Ich weiß nun Alles, was Dir in Italien Schlimmes begegnet, und bedaure Dich von ganzem Herzen. Die Gewalt des Feindes ist sehr groß, und wie er denn nun allen möglichen Lastern ergeben ist, so stiehlt er auch sehr, und hat dem Gelüst nicht widerstehen können, Dir Dein schönes, vollkommen ähnliches Spiegelbild auf recht hämische Weise zu entwenden. – Sieh doch einmal in jenen Spiegel dort, lieber, guter Mann!“ – Spikher that es, am ganzen Leibe zitternd, mit recht kläglicher Miene. Blank und klar blieb der Spiegel, kein Erasmus Spikher schaute heraus. „Diesmal,“ fuhr die Frau fort: „ist es recht gut, daß der Spiegel Dein Bild nicht zurückwirft, denn Du siehst sehr albern aus, lieber Erasmus. Begreifen wirst Du aber übrigens wol selbst, daß Du ohne Spiegelbild ein Spott der Leute bist und kein ordentlicher, vollständiger Familienvater seyn kannst, der Respekt einflößt der Frau und den Kindern. Rasmuschen lacht Dich auch schon aus, und will Dir nächstens einen Schnauzbart mahlen mit Kohle, weil Du das nicht bemerken kannst. Wandre also nur noch ein bischen in der Welt herum und suche gelegentlich dem Teufel Dein Spiegelbild abzujagen. Hast Du’s wieder, so sollst Du mir recht herzlich willkommen seyn. Küsse mich, (Spikher that es) und nun – glückliche Reise! Schicke dem Rasmus dann und wann ein Paar neue Höschen, denn er rutscht sehr auf den Knieen und braucht dergleichen viel. Kommst Du aber nach Nürnberg, so füge einen bunten Husaren hinzu und einen Pfefferkuchen, als liebender Vater. Lebe recht wohl, lieber Erasmus!“ – Die Frau drehte sich auf die andere Seite und schlief ein. Spikher hob den kleinen Rasmus in die Höhe und drückte ihn an’s Herz; der schrie aber sehr, da setzte Spikher ihn wieder auf die Erde und ging in die weite Welt. Er traf einmal auf einen gewissen Peter Schlemihl, der hatte seinen Schlagschatten verkauft; Beide wollten Compagnie gehen, so daß Erasmus Spikher den nöthigen Schlagschatten werfen, Peter Schlemihl dagegen das gehörige Spiegelbild reflektiren sollte; es wurde aber nichts daraus.

Ende der Geschichte vom verlornen Spiegelbilde.

~~~\~~~~~~~/~~~

Postskript des reisenden Enthusiasten.

– Was schaut denn dort aus jenem Spiegel heraus? – Bin ich es auch wirklich? – O Julie – Giulietta – Himmelsbild – Höllengeist – Entzücken und Qual – Sehnsucht und Verzweiflung. – Du siehst, mein lieber Theodor Amadäus Hoffmann! daß nur zu oft eine fremde dunkle Macht sichtbarlich in mein Leben tritt, und den Schlaf um die besten Träume betrügend, mir gar seltsame Gestalten in den Weg schiebt. Ganz erfüllt von den Erscheinungen der Sylvesternacht, glaube ich beinahe, daß jener Justizrath wirklich von Dragant, sein Thee eine Weihnachts- oder Neujahrsausstellung, die holde Julie aber jenes verführerische Frauenbild von Rembrandt oder Callot war, das den unglücklichen Erasmus Spikher um sein schönes ähnliches Spiegelbild betrog. Vergieb mir das!

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019

[Fußnote] 1 Dapertutto’s Phiole enthielt gewiß rektifizirtes Kirschlorbeerwasser, sogenannte Blausäure. Der Genuß einer sehr geringen Quantität dieses Wassers (weniger als eine Unze) bringt die beschriebenen Wirkungen hervor. Horns Archiv für mediz. Erfahr. 1813. Mai bis Dez. Seite 510.

Bilder: Klaus Ensikat: E.T.A. Hoffmann. Die Abentheuer der Sylvester-Nacht.
Imprint Antiqua, 68 S., 19 x 28 cm, Pressendrucke in The Bear Press, Bayreuth 2019.

Soundtrack: Bryn Terfel für ORF 2 aus der Staatsoper Wien, 1995:
Jacques Offenbach: Spiegelarie „Scintille diamant“, aus: Les contes d’Hoffmann, 1881:

Bonus Track: A Gschicht zum verzähln: Anti Cornettos: Korsakov Syndrom, aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Written by Wolf

3. Januar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Nachtstück 0025: Die Thurmuhr brummte Zwölf

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Update zu Ausblick und
Ist das wieder ein Silvester!:

Carl Christian Kehrer: Anna Louisa Karsch, 1791, Gleimhaus HalberstadtDie Muse will, daß ich mit einer Dichterin beschließen soll, die sich oft, und manchmal am unrechten Ort den Namen Sappho giebt. Ich würde diesen Frauenzimmereinfall nicht zur männlichen Wahrheit machen: wenn nicht die Bestimmtheit, mit der sie auf sich zeigt, es verriethe; einige ihrer Verehrer haben vielleicht ihre Bescheidenheit in diesen süßen Traum gewieget.

Wenn man die Gedichte der Mad. Karschin auch nur als Gemählde der Einbildungskraft betrachtet: so haben sie wegen ihrer vielen originalen Züge mehr Verdienst um die Erweckung Deutscher Genies, als viele Oden nach regelmäßigem Schnitt; ich will ihr auch so gar mehr einräumen, als ihr die Literaturbriefe gestatten; dem ohngeachtet aber kann ich doch fragen: ist sie Sappho?

Johann Gottfried Herder: Sappho und Karschin, aus: Ueber die neuere deutsche Litteratur: Zwote Sammlung von Fragmenten.
Beilage zu den Briefen, die neueste Litteratur betreffend, 1767.

Nowazembla ist die nordwestrussische Nowaja Semlja über der Oblast Archangelsk im Nördlichen Eismeer; die Fußnote zu Kocyt und Acheron geht:

Kocytos, der Fluß des Wehklagens, mit dem Acheron Flüsse der Unterwelt.

Flüsse des Wehklagens. Wir sehen uns am anderen Ufer.

——— Anna Louisa Karsch, „A. L. Karschin, geb. Dürbach“:

Das Abentheuer einer Winternacht.

vor 1792, in: Karl Heinrich Jördens, Hrsg.: Denkwürdigkeiten, Charakterzüge und Anekdoten aus dem Leben der vorzüglichsten deutschen Dichter und Prosaisten, Erster Band, bei Paul Gotthelf Kummer, Leipzig 1812:

Anna Louisa Karsch, Das Abentheuer einer Winternacht

Anna Louisa Karsch, Das Abentheuer einer Winternacht

Anna Louisa Karsch, Das Abentheuer einer Winternacht

Bild: Carl Christian Kehrer: Anna Louisa Karsch, 1791, Gleimhaus Halberstadt.

Soundtrack: The McCalmans: New Year’s Eve Song, aus: Honest Poverty, 1993,
Text zum Mitschmettern auf Ein neues Stiefelpaar for what you really are:

Written by Wolf

31. Dezember 2019 at 00:01

Ukraihnachtsgewinnspiel: Die Lichter brennen, Geigen klingen

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Веселого Різдва для всіх nochmal. Die mir bekannten Ukrainer, in der Mehrzahl Ukrainerinnen, die sich in diesen Tagen gerne für zusätzliche Schichten einteilen lassen, weil sie in einem eher zufällig sich ergebenden lückenlosen Anschluss erst nach unseren zwölf Raunächten das orthodoxe Weihnachtsfest zu begehen gedenken, die mir bekannten Ukrainer also, sagte ich, werden mir was dafür husten, dass ich auf Basis einer ukrainischen Weihnachtsserie was zu verschenken hab. Die gute Nachricht ist: Die sind Schlimmeres gewohnt.

Mykola Kornylovych Pymonenko, Різдвяні ворожіння, 1888Zu verschenken gibt es einmal Frank T. Zumbach: Galgenblüten, Haffmans 1996, ungelesen, altersbedingt angestaubt, als Mängelexemplar gekennzeichnet, aber einwandfrei benutzbar — oder wahlweise die Verwendung eines Vornamens Ihrer Wahl in meinem nächsten Liedtext. Ich hab nämlich einen drei- bis vierstrophigen Text plus Refrain für einen Blues im Ofen, in den ich noch einen menschlichen Eigennamen eintauschen kann. Voraussichtlich wird es ein ganz ordentliches Lied, und Sie dürfen sich wünschen, darin unsterblich zu werden. Für mich wäre es hilfreich, wenn Sie sich einen weiblichen Vornamen wünschen, das Buch kriegt jeder, der es haben will, weil mir das sagt, dass es dann schon in gute Hände kommen wird.

Eins von beiden dürfen Sie sich wünschen, wenn Sie mir den Originaltext zu einem Gedicht von Taras Schewtschenko beschaffen, das ich in deutscher Übersetzung von Alfred Kurella in der zweibändigen Auswahlausgabe Der Kobsar, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1951 gefunden hab. Weder mein bildschönes und blitzgescheites ukrainisches Gewährsmädchen noch Volltextsuchen konnten mir sagen, woraus das übersetzt ist.

Das ukraihnachtliche Gewinnspiel ist zeitlich nicht begrenzt, weil ich die Lösung auch in hundert Jahren noch wissen will. Sollten die Preise bis dahin nicht mehr zur Verfügung stehen, finden wir einen Ersatz, versprochen. Das ist eine private Veranstaltung rein zur Gaudi mit ausgeschlossenem Rechtsweg.

Die erwartbare Reaktion auf das Gedicht wäre anno 2019 ein trockenes „OK Boomer“ gewesen, im Russischen Kaiserreich des Jahres 1850 war die Klage um die verlorene Jugend eines 36-Jährigen berechtigt. — Шукаю оригінал:

——— Taras Schewtschenko zu Orenburg, 1. Halbjahr 1850, übs. Alfred Kurella:

Die Lichter brennen, Geigen klingen,
Zum Himmel klingt ein schluchzend Singen!
In heißer Diamantenglut
Erglänzen junge Augenpaare,
Und Freude nur und Hoffnung strahlen
Im frohen Blick. Du hast es gut,
Du sündenloses, junges Blut!
Und alle plaudern, lachen, drehn sich;
Nur ich allein seh freudlos zu;
Wie ein Verdammter abseits steh ich
Und weine, weine immerzu.
Was wein ich? Mir will scheinen heute,
Daß voller Leid und ohne Freude
Die Jugend mir verflog im Nu.

A scene from a traditional Ukrainian Christmas vertep, via Internet Encyclopedia of Ukraine

Soundtrack ist das in der ukrainischen Volksseele zutiefst verankerte Schtschedryk von Mykola Leontowytsch 1916. Aus einer langen Список українських колядок і щедрівок, das ist: Liste genuin ukrainischer Weihnachtslieder, ragt der Schtschedryk, das ist: abgeleitet von „Щедрий вечiр“ der reichhaltige Abend, in Beliebtheit und die Generationen verbindender Bedeutung heraus — was man vor allem daran erkennt, dass es, von Leontowytsch eigentlich gar nicht als Weihnachtslied geplant, ein Lieblingslied meines bildschönen und blitzgescheiten ukrainischen Gewährsmädchens ist.

In diesem Sinne ein großmächtiges Dankeschön an Olha für Insiderwissen und Geduld: Du darfst immer noch mitmachen!

Bilder: Mykola Kornylovych Pymonenko: Різдвяні ворожіння (Weihnachtliche Weissagung), 1888,
Russisches Museum Sankt Petersburg;
A scene from a traditional Ukrainian Christmas vertep, via Internet Encyclopedia of Ukraine.

Bonus Track: Tom Waits: Silent Night, aus: SOS United, 1989 – nur als Stiftung für die SOS-Kinderdörfer.
Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Written by Wolf

27. Dezember 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Адвент 4: Dinnertime mit Saufspielen

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Update zu Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht),
Einigen wir uns auf Unentschieden und
Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen (Schöne Menschen, schöne Glieder):

Wladimir Wasiljewitsch Satschkow, Filmplakat Ironie des Schicksals, 1975Mich freut’s, daß ich Sie liebe ohne Qual,
Daß Sie sich wegen mir nicht quälen müssen
Und daß der große, schwere Erdenball
Nie wird entschwinden unter unsern Füßen.
Mich freut’s, daß ich darf manchmal komisch sein,
Gelockert sein und nicht mit Worten spielen,
Und nicht erröte, nicht erstick vor Pein,
Kaum die Berührung unsrer Ärmel fühlend.

Ich dank mit Herz und Hand Ihnen dafür,
Daß Sie mich lieben, ohne es zu wissen,
Für meine Ruhe nachts, dafür, daß wir
Uns gar so selten abends treffen müssen,
Daß wir spazierten noch kein einzges Mal,
Gemeinsam Mond- und Sonnenschein genießend,
Daß ich Sie leider liebe ohne Qual
Und Sie sich leider auch nicht quälen müssen.

Marina Zwetaewa a. a. O.,
Übs. Sepp Österreicher.

Ирония судьбы или С лёгким паром! von Eldar Rjasanow 1975 — das heißt: Ironie des Schicksals oder Genießen Sie Ihr Bad!, wird aber übersetzt: Mit leichtem Dampf — ist eine Art Drei Nüsse für Aschenbrödel Russlands und der Ukraine und umfasst zwei Teile mit insgesamt drei Stunden und vier Minuten, die eine Einheit mit einer rituell eingehaltenen Pinkelpause dazwischen bilden.

Von verschiedenen Fernsehsendern ausgestrahlt wird Ironie des Schicksals am 1. Januar und ähnelt insofern näher denn dem Drei Nüsse für Aschenbrödel (Original: 82 Minuten) eher dem russischen Dinner for One (original: 18 Minuten). Das kommt, müßig zu erklären, von der verschobenen orthodoxen Weihnacht aufgrund des weiterhin geltenden julianischen Kalenders.

Olha in Seefeld in Tirol, 20. August 2019Meine ukrainische Gewährsperson versichert entgegen der Darstellung auf Wikipedia glaubwürdig, der Kult um Ironie des Schicksals habe sich inzwischen gelegt; sie kennt den Film durchaus noch und weiß um seine kulturelle Bedeutung, es sei aber eher ein Spaß für ihre Elterngeneration. Ebenso übertrieben findet sie das Bohei, das 2015 um ein drohendes Ausstrahlungsverbot für die Ukraine entstand und pünktlich zum — nicht zum ukrainischen — Heiligabend in die westliche Welt getragen wurde, weil eine der Schauspielerinnen, schlimmer noch: eine der Synchronstimmen, namentlich die russische Walentina Talysina sich allzu putinfreundlich geäußert habe. Nun ist ein Film immer das Werk seines Regisseurs, und der 2015 verstorbene Eldar Ryazov — wobei wir uns in Erinnerung rufen, dass eine Korrelation nicht zwangsläufig eine Kausalität ist — war dagegen ein aufrechter Putin-Kritker und kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden, was seinen darstellenden Fachkräften vierzig Jahre nach ihrem Engagement so durchs Hirn schießt.

Was ukrainische Freunde alternativer Christtagsfreuden am gregorianischen Silvesterabend treiben, wenn unsereins Dinner for One guckt, bleibt von einem gewissen Geheimnis umwabert, solange man seine Gewährspersonen so selten zu fassen bekommt, und sollte gern ihre persönliche Angelegenheit bleiben. Kennerhafte Saufspiele anhand Filmszenen, wetten? Wer das auch mal will, kann das — wieder wie bei Dinner for One — heutzutage ganzjährig: YouTube birgt Ironie des Schicksals im Original mit englischen Untertiteln, also recht zugänglich, und praktischerweise in zwei Teilen, also gleich mit der Pinkelpause, die durch die Saufspiele unabdingbar wird. Etwas unpraktischer ist: Man kann beide nicht embedded, sondern nur innerhalb YouTube abspielen. Aber irgendwas ist ja immer, da können Sie jeden Ukrainer fragen.

1. Teil:

2. Teil:

Plakat: Владимир Васильевич Сачков (1928—2005) für Рекламфильм, 1975;
Gewährsmädchen, ihr Bad genießend: Olha in Seefeld in Tirol, 20. August 2019;
mit leichtem Dampf: Film-Still via Неизвестные факты о фильме „Ирония судьбы, или С легким паром!“,
10. August 2016.

Film-Still via Unbekannte Fakten zum Film Die Ironie des Schicksals oder genießen Sie Ihr Bad, 10. August 2016

Soundtracks: Stille Nacht, heilige Nacht; Silent Night, Holy Night; Тиха ніч, свята ніч:



Веселого Різдва для всіх!

Written by Wolf

20. Dezember 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Адвент 3: Mit einem stillen, guten Worte mein gedenken

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Update zu Das Angedenken der Zuckerlust:

Die nationale, um nicht zu sagen: emotionale Bedeutung für die ganze stolze Ukraine von Taras Schewtschenkos Gedicht Заповіт kann man gar nicht überschätzen. Allein in der Liste der Übersetzungen wird man gar nicht fertig mit Scrollen — und merkt, was der Google-Translator für ein Segen ist.

Unter den deutschen Übersetzugen werden darin die von der Lemberger, nein: Львова Wortkünstlerin Hedda Zinner aus der noch erreichbarsten Schewtschenko-Auswahl Meine Lieder, meine Träume. Gedichte und Zeichnungen — Verlag der Nation Berlin und Verlag Dnipro Kiew 1987, auf keine Weise identisch mit dem nahezu gleichnamigen USA-Film 1965 — angeführt, sowie die Übersetzung von Iwan Franko.

Was für ein glückliches Land das sein sollte, in dem sich die Nationaldichter gegenseitig in die Sprachen des befreundeten Auslands übersetzen.

——— Тарас Григорович Шевченко:

Заповіт

написанное 25 декабря 1845 года в Переяславе,
перше надрукований в 1859 році в Ляйпциґу в збірці Новыя стихотворѣнія Пушкина и Шевченки:

Як умру, то поховайте
Мене на могилі,
Серед степу широкого
На Вкраїні милій:
Щоб лани широкополі
І Дніпро, і кручі
Було видно, — було чути
Як реве ревучий!

Як понесе з України
У синєє море
Кров ворожу, — отоді я
І лани, і гори —
Все покину і полину
До самого Бога
Молитися. А до того —
Я не знаю Бога!

Поховайте та вставайте,
Кайдани порвіте,
І вражою, злою кровю
Волю окропіте!
І мене в сімьї великій,
В сімьї вольній, новій,
Не забудьте помьянути
Незлим, тихим словом!

1912, Ганна ЧЕРКАСЬКА, Ховали Тараса, як гетьмана-парубка. Сьогодні – 157 роковини перепоховання Шевченка, UAinfo, 22. Mai 2018

——— Taras Hryhorowytsch Schewtschenko:

Das Vermächtnis

übs. Iwan Franko, 1903:

Wenn ich sterbe, so bestattet
Mich auf eines Kurhans Zinne,
Mitten in der breiten Steppe
Der geliebten Ukraine, –
Daß ich grenzenlose Felder
Und den Dnipr und seine Schnellen
Sehen kann und hören möge
Das Gebraus der großen Wellen.

Wenn sie von der Ukraine
Schwemmen fort ins Meer und schleppen
Feindesblut und Feindesleichen,
Dann verlaß‘ ich Berg und Steppen,
Schwinge bis zum Gott empor mich
Von dem Sturme hingerissen
Um zu beten, – doch bis dahin
Will von keinem Gott ich wissen.

Ja, begrabt mich und erhebt euch,
Und zersprenget eure Ketten,
Und mit schlimmem Feindesblute
Möge sich die Freiheit röten!
Und am Tag, der euch die Freiheit
Und Verbrüderung wird schenken,
Möget ihr mit einem stillen,
Guten Worte mein gedenken.

——— Taras Hryhorowytsch Schewtschenko:

Vermächtnis

übs. Hedda Zinner, 1951:

Wenn ich sterbe, sollt zum Grab ihr
Den Kurgan mir bereiten
In der lieben Ukraine,
Auf der Steppe, der breiten,
Wo man weite Felder sieht,
Den Dnjepr und seine Hänge,
Wo man hören kann sein Tosen,
Seine wilden Sänge.

Wenn aus unsrer Ukraine
Zum Meer dann, zum blauen,
Treibt der Feinde Blut, verlaß ich
Die Berge und Auen,
Alles laß ich dann und fliege
Empor selbst zum Herrgott,
Und ich bete… Doch bis dahin
Kenn‘ ich keinen Herrgott!

So begrabt mich und erhebt euch!
Die Ketten zerfetzet!
Mit dem Blut der bösen Feinde
Die Freiheit benetzet!
Meiner sollt in der Familie,
In der großen, ihr gedenken,
Und sollt in der freien, neuen
Still ein gutes Wort mir schenken.

Ганна ЧЕРКАСЬКА, Ховали Тараса, як гетьмана-парубка. Сьогодні – 157 роковини перепоховання Шевченка, UAinfo, 22. Mai 2018

Bilder: beide 1912, via Anna Cherkaska: „Ховали Тараса, як гетьмана-парубка“. Сьогодні – 157 роковини перепоховання Шевченка, UAinfo, 22. Mai 2018.

Soundtrack: Отава Ё: Ой, Дуся, ой, Маруся, Juli/August 2016:

Written by Wolf

13. Dezember 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Адвент 2: Auf den Flügeln der Lieder

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Update zu Noch immer (ja, noch immer):

Die Ukraine, die Kornflasche Europas: Es sind immer die Nachbarinnen und Kolleginnen von dorther, die einen beeindrucken mit allem, was sie sind und tun, ohne es je darauf anzulegen. Kaum volljährig, sind das alles gestandene, beneidenswert lebenstüchtige Russenweiber mit zwei Muttersprachen — und bis man sich umschaut, haben sie alle noch einen echten Magister, die einschüchterndsten unter ihnen einen Dipl.-Kffr. von einer der etwa hundert Kiewer Unis, und in Charkiv stehen schon die nächsten hundert; sie sprechen und schreiben nicht unter drei „Fremd“-Sprachen fließend, die andern, darunter mindestens eine asiatische, zählen sie schon gar nicht mehr, haben Dostojewski, Voltaire, Tschechow und Balzac vollständig gelesen, Tolstoi, Charms, Kusmin, Remisow, Rousseau, Schiller, Heine und Dickens gleich zweimal und ihren Landsmann Gogol immer wieder, können mit einem Taschenmesser den Boiler reparieren, mit einer Büroklammer Feuer machen, ihre Mitmenschen aus dem Kopf mit dem Sparkassenkuli gedankenschnell so skizzieren, dass man sie erkennt, und die Gesamtwerke von Beethoven, Rimski-Korsakow und Skrjabin auswendig auf dem Klavier, sind in ihrer grenzenlosen Model-Schönheit schon mal „ein paar Schauen gelaufen“, kommen in einem Porno und zwei Arthouse-Preziosen vor (bei Weißrussinnen ist es umgekehrt) und schreiben zwischen dem Fitmachen für die Disco und der anstehenden Frühschicht ein paar Gedichte und ein nephrologisches Exzerpt für ihre nächste Veröffentlichung. Angesichts der Lebensauffassung einer Ukrainierin merkt man immer erst, was man die ganze Zeit in seinem eigenen bisschen Existenzversuch verpasst, und dass es doch auch so geht. Wenn man sie fragt, was sie dazu treibt, in einem deutschen Mittelzentrum die Betten für zickige Touristen zu beziehen und fünfsprachig das Klo zu schrubben, zucken sie die Schultern und antworten: „Muss leben.“ Plausibel anzunehmen ist, dass in Donezk einfach immer noch ein paar Panzer zuviel auf der Straße herumkurven. In der Ukraine wohnen über 42 Millionen Leute, also vermutlich um die 21 Millionen Frauen, unter denen es durchaus dumme, hässliche, moralisch fragwürdige geben wird, nur die trifft man die nie. Schon klasse, aber nach keiner Seite fair.

Vor dieser Erfahrung muss es ehrgeizig erscheinen, einer Ukrainerin imponieren zu wollen; wer aber auf Russisch bis fünf zählen kann, eine Mundharmonika einstecken hat, deren Tonart er benennen und charakterisieren kann, und ihnen zur Frühschicht keine unbearbeiteten Hotelreservierungen liegen lässt, sollte aber schon den richtigen Weg eingeschlagen haben. Bescheiden sind sie also auch noch. Einfach widerlich. Und im Film reden sie immer bloß von Transsylvanien.

Cover Auf den Flügeln der Lieder, Lemberg 1893, Lesja Ukrajinka. Enzyklopädie des Lebens und der KreativitätHilfreich scheint mir, das eine oder andere Gedicht von Lesja Ukrajinka zu kennen, in einer Sprache, die man gar nicht kann; die scheint eins von diesen Wunderwesen. Offenbar wird Frau Kossatsch — die korrekte Anrede für sie war: Laryssa Petriwna — bis heute geschätzt und verstanden, jedenfalls umfasst ihr ukrainischer Wiki-Artikel Леся Українка den Gegenwert einer Rowohlt-Monographie.

Ihr unverhohlen national gestimmtes Pseudonym verwendete die Petriwna ab ihrer ersten Veröffentlichung im Alter von 13 Jahren. Ihr Gedicht Contra Spem Spero (etwa: Gegen alle Hoffnung hoffe ich) von 1890 — da war sie 19 — ist innerhalb ihres Gesamtwerks aus folkloristischer, traditioneller Lyrik, später impressionistischer Naturlyrik bis hin zu historischer Dichtung ein Fremdkörper: viel zu subjektiv. Die Ukraine respektiert Taras Schewtschenko und Iwan Franko als Nationaldichter, aufrichtig gerührt sind sie bei der Ukrajinka.

Das war ein Tipp, Jungs. Eure Fachliteratur ist vorerst: Леся Українка. Енциклопедія життя і творчості (Lesja Ukrajinka. Enzyklopädie des Lebens und der Kreativität). Contra spem spero! wurde leider nie für die Öffentlichkeit deutsch übersetzt, also übt vorsichtshalber ein bissel Mundharmonika. Viel Glück.

——— Леся Українка:

Contra spem spero!

2. Mai 1890, in: На крилах пісень (Auf den Flügeln der Lieder), Lemberg 1893:

Гетьте, думи, ви, хмари осінні!
То ж тепера весна золота!
Чи то так у жалю, в голосінні
Проминуть молодії літа?

S. Caraff-Corbu, Lesja Ukrajinka, Farblinolschnitt, 1962, Enzyklopädie des Lebens und der KreativitätНі, я хочу крізь сльози сміятись,
Серед лиха співати пісні,
Без надії таки сподіватись,
Жити хочу! Геть думи сумні!

Я на вбогім сумнім перелозі
Буду сіять барвисті квітки,
Буду сіять квітки на морозі,
Буду лить на них сльози гіркі.

І від сліз тих гарячих розтане
Та кора льодовая, міцна,
Може, квіти зійдуть – і настане
Ще й для мене весела весна.

Я на гору круту крем’яную
Буду камінь важкий підіймать
І, несучи вагу ту страшную,
Буду пісню веселу співать.

В довгу, темную нічку невидну
Не стулю ні на хвильку очей,
Все шукатиму зірку провідну,
Ясну владарку темних ночей.

Так! я буду крізь сльози сміятись,
Серед лиха співати пісні,
Без надії таки сподіватись,
Буду жити! Геть думи сумні!

Bilder: Cover На крилах пісень (Auf den Flügeln der Lieder), Lemberg 1893;
S. Caraff-Corbu: Contra spem spero!, Farblinolschnitt, 1962.

Soundtrack: Леся Українка: Вечірня година (Abendstunde), ca. 1889, aus: На крилах пісень, 1893,
aufgeführt vom wolhynischen, daher momentan ukrainischen Дитячий ансамбль Дударик, 2015:

Written by Wolf

6. Dezember 2019 at 00:01

Адвент 1: Über Nacht bin ich tot

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Update zu Królowa nieba niezrównany (Himmels Königin ohne Gleichen):

Czernowitz, das waren Sonntage, die mit Schubert begannen und mit Pistolenduellen endeten. Czernowitz, auf halbem Weg zwischen Kiew und Bukarest, Krakau und Odessa, war die heimliche Hauptstadt Europas, in der die Metzgertöchter Koloratur sangen und die Fiakerkutscher über Karl Kraus stritten. Wo die Bürgersteige mit Rosensträuchern gefegt wurden und es mehr Buchhandlungen gab als Bäckereien. Czernowitz, das war ein immerwährender intellektueller Diskurs, der jeden Morgen eine neue ästhetische Theorie erfand, die am Abend schon wieder verworfen war. Wo die Hunde die Namen olympischer Götter trugen und die Hühner Hölderlin-Verse in den Boden kratzten. Czernowitz, das war ein Vergnügungsdampfer, der mit ukrainischer Mannschaft, deutschen Offizieren und jüdischen Passagieren unter österreichischer Flagge zwischen West und Ost kreuzte. Czernowitz war ein Traum. Die glückliche Ehe der Habsburger mit dem deutschsprachigen jüdischen Bürgertum, das diesen Außenposten der k. u. k. Donaumonarchie am Rande der bessarabischen Steppe zu einem ökonomischen und vor allem kulturellen Zentrum Osteuropas machte.

Georg Heinzen: Czernowitz, Rheinischer Merkur, 1. Februar 1991, Seite 18 f.,
cit. nach Ernst Hofbauer, Lisa Weidmann: Verwehte Spuren. Von Lemberg bis Czernowitz.
Ein Tümmerfeld der Erinnerungen, Wien 1999, Seite 139,
cit. nach Marion Tauschwitz: Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben.
Biografie und Gedichte. Mit einem Vorwort von Iris Berben,
zu Klampen Verlag, Springe 2014, Seite 16.

So. Und das ist wahrscheinlich der Schluß.
Der Regen weint und es weint die Nacht
und es weint mein Mund um einen Kuß
und weint, und weint — und lacht.

Selma Merbaum: Märchen, 7. März 1941, a. a. O., 1. von 6 Strophen.

Eine Lanze gilt’s zu brechen für die Ukraine, eines der ganz wenigen Länder mit dem bestimmten Artikel im Eigennamen und wenn schon, dann richtig, das größte Land in Europa. Nicht der EU, deren Teil die Ukraine nicht ist, sondern wenn schon, dann richtig: dem Kontinent. Da ist auch Wüstengebiet dabei, aber die 1610 Quadratkilometer der Oleschky-Sande von 603.700 Quadratkilometern Gesamtfläche reißen’s nicht raus. Zum Vergleich: Deutschland hat 357.111 Quadratkilometer. Für diese Dimension ist sogar schon egal, ob man die heiß umkämpfte Halbinsel Krim mit ihren 26.844 Quadratkilometern — das sind 4 % von der gesamten Ukraine — mitrechnet oder nicht.

Якщо говорити про Крим, werde ich mich durchweg tagespolitischer Aussagen enthalten. Ich habe gelernt, mit einigem Freimut zuzugeben, dass mir dergleichen zu schnell geht. Meine politische Meinung speist sich allenfalls aus monatlich erscheinenden Schriften, die sich Zeit nehmen konnten, zum größten Teil aus satirischen Organen, aber keinen Tageszeitungen und schon gar keinen überhasteten Newsflashes. Ich kann nicht mal richtig nachvollziehen, wo genau die umstrittene West-Ost-Grenze der Ukraine momentan verläuft, auch wenn ich das wohl googeln könnte; das wird mich interessieren, wenn zuständige Instanzen sich auf ein bis auf weiteres haltbares Resultat geeinigt haben. — Nur soviel: Da liegen Lemberg und Charkiw, ohne die der deutschen Kultur, als sie noch was getaugt hat, einiges fehlen würde — und, wofür nur sehr vereinzelte ukrainische Individuen etwas können, das fatal bewusstseinsstiftende Tschernobyl. Sie verschweigen taktvoll, dass die Weltsprache Russisch ein reduzierter ukrainischer Dialekt ist. Da liegt das russische Heartland: Die Kiewer Rus — benannt nach dem Warägerfürsten Rurik (830 bis 879), der schwedischen Provinz Roslagen, den aus Ruthenien stammenden Reußen, dem Dnjepr-Nebenfluss Ros, dem sarmatischen Stamm der Roxolanen oder auch der westslawischen Ranen (ich glaube aus alter persönlicher Neigung an eine Herkunft von den Russalken) — bestand nach unterschiedlich motivierten Darstellungen ungefähr ab anno 750, war auf jeden Fall Vorläufer der heutigen russischen Länder westlich des Kaukasus und besteht bis heute, wird mit anderen Mitteln fortgeführt oder ist anno 1240 ersatzlos zerfallen, je nachdem, ob man Ukrainer, Russen oder Weißrussen fragt; politische Tatsache bleibt, dass Kiew immer noch ukrainische Hauptstadt ist. Und sie haben Gogol, Gogol Bordello, Bulgakow, Los Colorados und die malerischen Saporoger Kosaken. Gegen so eine kulturelle und moralische Überlegenheit konnte sich das nordöstlicher gelegene Großrussland nur absetzen, indem es den angeblich nicht abwertend gemeinten Begriff Kleinrussland so lange auf die Gegend um Kiew und Nowgorod anwandte, bis ihn die Ukraine voller Stolz führte — auch dort, wo Kleinrussland nie gelegen hat.

Поклоніння пастухів, Anbetung der Hirten, Region Lemberg, Lwiw, 1650 bis 1700

Unter manch anderem hat die Ukraine Czernowitz, Tschernowitz, Chernovtsy oder Chernivtsi. Und die ukrainische Form der Weihnacht, die der mitteleuropäischen recht ähnlich sieht, natürlich abzüglich aller Unterschiede zu Ritualen der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats und zahlreicher anderer ansässiger Religionen, die sich allesamt — wir reden von Weihnachten — als christlich verstehen.

Der größte Unterschied des ukrainischen Weihnachtfestes zum deutschen ist der Feiertag: nach dem julianischen Kalender fällt er nicht auf den 24. Dezember, sondern auf den 6. Januar des Folgejahres. Gemeinsamkeiten bestehen in der Person des Gefeierten, im gemeinschaftlichen Absingen von Weihnachtsliedgut und Verzehr von eigens für Weihnachten erfundenen Speisen; sonstige Unterschiede am ehesten in graduellen, meist regional begründeten Variationen. Die Adventszeit östlicher Kirchen dauert von 28. November bis 6. Januar — die 40 Tage, die westliche Kirchen für eine Fastenzeit veranschlagen. 25. Dezember und 7. Januar sind offizielle Weihnachtsfeiertage. Darum lassen wir uns nicht nehmen, auf die Freitage vor den Adventssonntagen umzuschalten. Weihnachten soll ja auch Freude bereiten, da mach ich, was ich will.

Das erwähnte Liedgut und ein paar besonders spektakuläre Rezepte kriegen wir noch im Laufe des Advents, für heute sei an eine Czernowitzer Dichterin erinnert:

Selma Merbaum, via Hélène Berr, The Heaviest Weight of All – Holocaust Memorial Day 2015, Passing Time, 24. Januar 2015Die mottostiftende Selma Merbaum, die eben nie, wie seit 1976 gern kolportiert, den Doppelnamen Meerbaum-Eisinger trug, schon gar nicht mit Doppel-e, ist eine Art unbekanntere Anne Frank: 1924 im heute ukrainischen, damals großrumänischen Czernowitz jüdisch geborene Bukowinerin deutscher, wohl österreichisch gefärbter Zunge; 1942, also 18-jährig im transnistrischen Zwangsarbeitslager Michailowka gequält und entkräftet an Flecktyphus gestorben.

Davor, ungefähr ab dem Alter von 15 Jahren, fing Merbaum, die Cousine 2. Grades von Paul „Todesfuge“ Celan, mit dem Schreiben von Gedichten an. Ihre Vorbilder waren die üblichen Helden gutbürgerlicher mittelhoher Töchter: Heine, Rilke, Verlaine, Rabindranath Tagore; ihre Sprachen waren das „Mutterland Wort“ (Rose Ausländer) des Deutschen, das obrigkeitlich verordnete Rumänisch, Französisch als erste Fremdsprache in der Schule, Latein als zweite, und sie sprach und schrieb offenbar geläufig Jiddisch, das nicht etwa ein „jüdischer“ Dialekt, sondern eine ausgebildete Sprache mit hebräisch entlehnten Schriftzeichen ist; Ukrainisch zählte für das Czernowitzer Schulmädchen nicht dazu. Ihre einzige Lyriksammlung Blütenlese, zusammengefasst in einem aufwändig gestalteten Album als Widmung an ihre erste und einzige Liebe Leiser Fichman, umfasst 57 Gedichte — nach anderer Zählung 58; noch mehr sind es nicht mehr geworden. Marion Tauschwitz, die letzte Vertraute und Biographin von Hilde Domin, hat Selma Merbaum 2014 mit ihrer Biographie samt lyrischen Gesamtausgabe wiederentdeckt und -belebt. Zum ersten Mal war damit der zuverlässige Text sämtlicher Gedichte mit ausführlichen Hintergründen erreichbar — meine einzigen Einwände: ohne Stellenkommentar und Register.

Tauschwitz hat Merbaums Gedichte nach den Manuskripten neu editiert. Im Anschluss bringe ich drei Highlights nach Tauschwitz korrigiert, was bedeutet: als Internet-Premiere die zuverlässigsten Fassungen mit kleineren Abweichungen von allen anderen, die bisher online stehen, allesamt einmal mehr, einmal weniger verderbte Abschriften nach Gott weiß welchen Vorlagen: eins, weil es von einem 1. Weihnachtsfeiertag stammt und die Sammlung eröffnet; eins, weil ich die professionellste Vertonung dazu gefunden hab; eins, weil es als das längste einen eigenen Abschnitt einnimmt und einen wirklich umwehen kann.

Schon Wikipedia bescheinigt der jungen Merbaum „beachtliche Stilsicherheit“ und hat recht damit: Praktisch alle Gedichte gehen weit über eine gängige pubertäre Kleinmädchenproduktion hinaus, haben vielmehr eine recht eigenständige Energie. Man staunt viel öfter, wie plastisch das ausgedrückt ist, als man ihr milde ihr Anfängertum nachsehen muss. Man merkt die Ukrainerin, die sie gar nicht war; es scheint an der gedeihlichen Gegend zu liegen. — Chronologisch:

——— Selma Merbaum:

Lied

25. Dezember 1939, aus: Blütenlese, beendet 1942:

Marion Tauschwitz, Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben, zu Klampen Verlag, Springe 2014Heute tatest du mir weh.
Rings um uns war Schweigen nur,
Schweigen nur und Schnee.
Himmel war, nicht wie Azur,
blau jedoch und voll mit Sternen.
Windeslied erklang aus fernsten Fernen.

Heute warst du mir ein Schmerz.
Häuser waren da, so weiß verschneit,
alle in des Winters Kleid.
Ein Akkord in tiefer Terz
war in unsrer Schritte Klang.
Bahnsirenen heulten lang …

Heute war es wunderschön.
Schön wie tiefverschneite Höh’n,
eingetaucht im Abendglutenring.

Heute tatest du mir weh.
Heute sagtest du mir: geh.
Und ich — ging.

~~~\~~~~~~~/~~~

Ich bin der Regen

8. März 1941, ebenda, Abschitt Nachtschatten:

Ich bin der Regen und ich geh
barfuß einher, von Land zu Land.
In meinen Haaren spielt der Wind
mit seiner schlanken, braunen Hand.

Mein dünnes Kleid aus Spinngeweb
ist grauer als das graue Weh.
Ich bin allein. Nur hie und da,
spiel ich mit einem kranken Reh.

Ich halte Schnüre in der Hand
und’s sind auf ihnen aufgereiht
alle die Tränen welche je
ein blaßer Mädchenmund geweint.

Sie alle habe ich geraubt,
bei schlanken Mädchen, spät bei Nacht,
wenn mit der Sehnsucht Hand in Hand,
sie bang auf langem Weg gewacht.

Ich bin der Regen und ich geh
barfuß einher, von Land zu Land.
In meinen Haaren spielt der Wind
mit seiner schlanken, braunen Hand.

~~~\~~~~~~~/~~~

Poem

7. Juli 1941, ebenda, eigener Abschnitt:

Die Bäume sind von weichem Lichte übergoßen,
im Winde zitternd, glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig-blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau, vom Morgenwind vergoßen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschloßen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond auf’s Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.

Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie auf’s neue blühn.

*

Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glüh’n
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht die sich zieht durch mich und dich
Der Wind rauscht rufend durch den Wald
er sagt mir daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.
Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und haßen
und möchte den Himmel mit Händen faßen
und möchte frei sein und atmen und schrei’n.
Ich will nicht sterben. Nein:
Nein.

Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.

*

Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?

Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
Worauf?
Hauff um Hauff
sterben sie.
Steh’n nie auf.
Nie und nie. —
Ich will leben.
Bruder, du auch
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten.
Weshalb?
Aus tausend Flöten
weint Wald.

*

Der Mond ist lichtes Silber in Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann …
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
Tot.
Das Leben ist rot
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
Tot.

*

Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.
Ein
Leben.
Hauff um Hauff
sterben sie.
Steh’n nie auf.
Nie
und
Nie.

Bilder:

  1. Поклоніння пастухів (Anbetung der Hirten), Region Lemberg, 1650 bis 1700, 24,7 cm x 27,3 cm,
    via Google Art Project;
  2. Selma Merbaum, via Hélène Berr: The Heaviest Weight of All – Holocaust Memorial Day 2015,
    Passing Time, 24. Januar 2015: Detail eines Schnappschusses von einem
    Stadtbummel in Czernowitz, Sommer 1940;
  3. Marion Tauschwitz: Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben, zu Klampen Verlag, Springe 2014, via Marion Tauschwitz, Buchcover, 2014 ff.;
  4. Arnold Daghani: Der Tod von Selma Meerbaum-Eisinger, Lager Bershad, 1943, Bleistift auf Papier,
    via Wanderausstellung Lichtflecke – Frausein im Holocaust.

Arnold Daghani, Der Tod von Selma Meerbaum-Eisinger, Lager Bershad, 1943, Bleistift auf Papier, via Wanderausstellung Lichtflecke – Frausein im Holocaust

Soundtrack: Бог Предвічний народився (Ewiger Gott wurde geboren)
vom Studentenchor des griechisch-katholisch theologischen Seminars Ternopil, 2012:

Written by Wolf

29. November 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

Blumenstück 002: Holdselige Ranunkel

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Update zum Wunderblatt 7: Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier — und Emily und Emily
und Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland:

Wenn die Reben wieder glühen,
Rühret sich der Wein im Fasse,
Wenn die Erbsen wieder blühen,
Weiß ich nicht, wie mir geschieht.

Ludwig Tieck, a. a. O., Seite 95.

Einmal hab ich’s versucht: Es ist gar nicht so einfach, mit Absicht ein wirklich abgrundmieses Gedicht zu schreiben. Am zweitschwersten sind ordentliche Gedichte in aufsteigenden Qualitätsgraden, so mittel werden sie von selber; siehe auch: Kathryn und Ross Petras: Very Bad Poetry, Vintage Books 1997 (Kaufempfehlung!).

Die Muskete, 1941, via AbecedarianArno Schmidt, der alles weiß, lässt genau vier „echte“ deutsche Romantiker gelten: Clemens Brentano, Friedrich de la Motte Fouqué, E.T.A. Hoffmann und Ludwig Tieck. Am wenigsten verwundert Fouqué, weil Schmidt über denselben 1958 die immer noch gültige Standard-Biographie geliefert hat; das Skandalöse an seiner extraknapp gehaltenen Liste ist eher noch, wen er alles nicht erwähnt: Eichendorff, Hölderlin, Novalis, beide Schlegels, Uhland, von Arnim – also die meisten, die unsereinem, die wir nicht gerade „zweimal zehntausend Arbeitsstunden“ (Selbstauskunft; das wären etwa zehn Arbeitsjahre) an eine abseitige Biographie gewandt haben, spontan einfallen mögen.

Ebenso unterschätzt wie vernachlässigt finde ich darunter Ludwig Tieck, der allemal mehr Spaß macht als, sagen wir, der überschätzte, überpräsente und dazu noch heillos überlebte Novalis, wenn man denn wirklich einmal auf Teile seines Werks stößt.

Sehr vereinzelt findet man noch den bedauernden Hinweis: „Eine umfassende Werkausgabe, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen könnte, gibt es nicht. Zum Teil muss man auf die Einzelausgaben oder die von Tieck selbst besorgte Ausgabe der Schriften zurückgreifen.“ Letztere ist von 1828 bis 1854. Selbst der Deutsche Klassiker Verlag hat bezeichnender Weise die auf zwölf Bände – und auf weitgehende Vollständigkeit – angelegte Gesamtausgabe von Ludwig Tieck nach fünf Bänden abgebrochen. Halbwegs aufzutreiben ist antiquarisch die vierbändige Winkler-Ausgabe von Marianne Thalmann, auch schon wieder von 1963 bis 1966. Die ist verdienstreich und wunderschön, beansprucht aber gar nicht erst, vollständig zu sein; unter anderem lässt sie die Gedichte weg.

Gerade Ludwig Tiecks Gedichte sind ein Verlust. Die gute Nachricht ist: Ruprecht Wimmer konnte vor dem Abbruch für die Bibliothek Deutscher Klassiker die Gedichte als siebten Band veranstalten, der sogar noch lieferbar ist; Verlagsbeschreibung: „Band 7 der neuen Tieck-Ausgabe versammelt erstmals alle Gedichte Tiecks und erschließt sie durch einen umfassenden Kommentar.“ Die schlechte Nachricht ist: Der Band kostet verlagsfrisch in Leinen mal kurz 76 Euro, in Leder 138. Irgendwas ist ja immer.

Paul Galdone für Margaret G. Otto, The Man in the Moon, detail, via AbecedarianUm Arno Schmidts Einschätzungen über Ludwig Tieck nicht vollends ungenutzt liegen zu lassen, hören wir auf ihn und bemerken: Der Mann empfiehlt in seinem gesamten Werk spätestens aller „gefühlte“ fünfzig Seiten einmal Die Vogelscheuche von 1835 aufs allerwärmste. Im Druck ist diese „Mährchen-Novelle in fünf Aufzügen“ praktisch nicht vorhanden – außer in der Reihe Haidnische Alterthümer von Zweitausendeins 1979, die man erwischen muss – dafür als Einzel-Kindle 0 Euro, fragt sich nur, in was für einem Zustand. Online steht der Originaltext mindestens fünfmal (na gut, und in bekannter Zuverlässigkeit auf Gutenberg):

Was wiederum Die Vogelscheuche im Zusammenhang mit Gedichten angeht, schlagen wir unser Haidnisches Alterthum von 1979 auf Seite 97 auf, um unsere kulturellen Verluste leichter zu verschmerzen. Wo Schmidt recht hat mit seiner nimmermüden Empfehlung, die er in jedem nur entfernt sich anbietenden Zeitungsartikel und Radiodialog unterbringt: Das Ding ist schon rein formal die reine Freude, weil die erzählende Prosa, aufgeteilt in die Akte und Szenen eines Theaterstücks, allerlei Auftritte wie Duette, Trios oder Chöre durchdekliniert. Die „Novelle“ zwischen realistischer und phantastischer Handlung umfasst ausführliche 400 Druckseiten, will also ausreden – aber nicht in nach allen Richtungen zerfasernden Assoziationen wie Jean Paul – ein anderer, höchst berechtigter Liebling von Schmidt –, sondern dicht mit wahren Kabinettstückchen vollgepackt.

Mit der auf Seite 98 besungenen Ranunkel ist vermutlich eine domestizierte Spielart des Asiatischen Hahnenfußes Ranunculus asiaticus) gemeint, dessen Wildform im östlichen Mittelmeerraum vorkommt, der aber im 19. Jahrhundert als mitteleuropäische Gärtnerpflanze beliebt war und auf den die Beschreibung „fein geblättert, sinnig, mit allen Farben prangend, und dennoch so bescheiden“ passt, und eben nicht die allzu artenreiche Gattung des Hahnenfuß Ranunculus innerhalb der schier unüberschaubaren Familie der Hahnenfußgewächse Ranunculaceae. Die Figur des Herrn Ledebrinna, ein ledergesichiger Unsympath und rücksichtsloser Emporkömmling, trägt vor:

——— Ludwig Tieck:

Große musikalische Gesellschaft.

Zweiter Aufzug. Dritte Scene,
aus: Die Vogelscheuche. Mährchen-Novelle in fünf Aufzügen. Erster Theil, Reimer, Berlin 1835,
cit. nach: ders.: Die Vogelscheuche. / Das Alte Buch und Die Reise ins Blaue hinein.
Mit einem Nachwort von Ulrich Wergin, Textredaktion Hanne Witte,
Reihe: Michael Bock, Hrsg.: Haidnische Alterthümer. Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, Band 4,
Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1979, Seite 97 bis 100:

The Link, 1970, via Abecedarian[…] Ich wüthe eigentlich nur, fuhr Ledebrinna fort, gegen die Rose, so wie gegen die Verehrer dieser ganz nichtsnutzigen Blume. Was ist denn Schönes oder Preiswürdiges an dieser Kreatur? Selbst die wild an den Zäunen wachsende ist nichts Vorzügliches, und doch liefert sie uns wenigstens noch die Hanbutte, die freilich auch, mit Zucker aufgekocht, oder eingemacht, nichts Sonderliches der gebildeten Zunge bietet. Glauben Sie aber nicht, daß ich so ganz einseitig nur einem wilden engherzigen Systeme folge. Ich weiß wohl Unterschiede zu machen, und einer Blume, die auch nichts weiter als eine solche ist, zolle ich meine unbedingte Huldigung, und möchte sie als Königin auf den Thron der Blüthenwelt setzen, den die unwürdige Rose schon seit lange usurpirt hat.

Und wer wäre das? fragte der Apotheker in der höchsten Spannung.

Kann es jemand anders seyn, erwiederte Ledebrinna, als die einzige, fein geblätterte, sinnige, mit allen Farben prangende, und dennoch so bescheidene Ranunkel?

Des Apothekers Gesicht erglühte hochroth in freudiger Ueberraschung. Ledebrinna aber zog ein Blatt mit Goldschnitt aus dem Busen und las:

Dir sei Preis, holdselige Ranunkel,
Denn du bist nach meinem Sinn
Doch der Blumen Königin,
Deiner tausend Farben Lichtgefunkel
Glänzt wie Frühling durch den Garten hin,
Du bedarfst nicht, nur die Rose sucht das Dunkel,
Thau und Feuchtigkeit der Nacht bringt ihr Gewinn,
Wenn es hell wird, bleicht die Röthe bald dahin:
Wozu also noch vom Rosenlob Gemunkel?
Es ist doch nur eiteles Geflunkel,
Lieber selbst ist mir die Rübe, Runkel,
Nein, Ranunkel,
Du bist aller Blumen Kaiserin,
Ros‘ und Lilie dienen höchstens nur als Kunkel-
Frauen deinem Thron, du bist und bleibst nach meinem schlichten Sinn
Die Königin
Der ganzen Blumenwelt, vielstrahlende Ranunkel!

Mit dem letzten Worte verbeugte er sich und übergab dem Apotheker sein Gedicht. Dieser schloß den Dichter heftig in seine Arme und weinte laut. Die meisten wußten nicht, was sie von dieser Scene denken sollten, doch da Wilhelm bemerkte, wie sich Alexander und Amalie anlächelten und eine satirische Miene machten, hielt er sich nicht länger zurück, sondern lachte laut auf, da ihm das Gedicht, die Umarmung, Ledebrinna und der Apotheker äußerst komisch erschienen. Der Apotheker drehte sich unwillig um, und Ledebrinna warf nach seiner Art den Kopf schnell nach der Seite und rollte die dunkeln Augen. indem er mit den Armen schlenkerte. Der Magister Ubique, der das Lachen nicht bemerkt hatte, sagte mit seinem glatten Ton: Wahrlich, Herr von Ledebrinna, höchstverehrtester Freund, Sie haben uns da ein eben so originelles als großartiges Gedicht mitgetheilt, es erinnert an die schönsten Zeiten unsrer Poesie, ja auch durch den schlichten Vortrag an die Antike, und hätten Sie das elegische Sylbenmaaß, den Hexameter und Pentameter, beliebt, so zweifle ich, ob etwas in der Anthologie stehe, welches dieser lichten Geistesblüthe vorzuziehen sei. Auch an Göthe’s schönste Jugend-Periode erinnert uns dieser wahrhaft lyrische Schwung; die kühnen Uebergänge sind ganz in seiner besten Manier.

Reden Sie mir von Göthe nicht! rief Ledebrinna entrüstet aus, ich verbitte es mir, mit diesem Weichling, der unsere Moralität von allen Seiten untergraben hat, in irgend eine Parallele gestellt zu werden. […]

Fliegende Blätter, 1924, via Abededarian

Bilder: via Abecedarian:

  1. Die Muskete, 1941;
  2. Paul Galdone für Margaret G. Otto: The Man in the Moon, 1957, detail;
  3. The Link, 1970;
  4. Fliegende Blätter, 1924.

Soundtrack: Tom Waits: Hold On, aus: Mule Variations, 1999:

Written by Wolf

22. November 2019 at 00:01

Drei Rosen, sang er, drei Rosen

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Update zu Gräflein Du bist verrathen:

Es reißt nicht ab: Wer zu tief nach Theodor Fontanes Volksliedfund Wer geht so spät zu Hofe buddelt, gerät nahezu zwangsläufig an eine weitere Ballade, diesmal ein Original von Friedrich de la Motte Fouqué.

„Wir schließen diesen Abschnitt mit einem Liede“ (George Hesekiel a. a. O.) aus derselben Quelle wie Fontanes Volkslied „zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck“, die über Fontanes Verwendung hinausgeht, allein schon weil sie auf einen der zentralen Forschungsgegenstände von Arno Schmidt verweist: Fouqué — und sogar, wie Schmidt sie in seinem Standardwerk von 1958 nennt, „einige seiner seiner Zeitgenossen„. Das trägt uns praktischerweise gleich noch eine Ballade in siebenzeiligen Strophen ein. Abermals in gleich zwei Zusammenhängen:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

——— George Hesekiel:

Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck

Verlag von Alexander Duncker, Königlicher Hofbuchhändler, Berlin 1854, Seite 5 bis 6:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982In dieser Zeit kommen die Königsmarck in die erste Verbindung mit den Lützelburgern, dem böhmischen Königshause; Rüdiger von Königsmarck, er wird auch Radecke genannt, begleitete den Markgrafen, später Kaiser, Sigismund 1382 nach Ungarn und zeichnete sich vielfach dort aus. Seine glänzendste That aber war 1387 die Befreiung der Königin Maria von Ungarn aus der Gefangenschaft des Banus von Kroatien. Der Sage nach ließ die schöne Königin den tapfern Ritter vor sich bescheiden, grüßte ihn holdselig und sagte ihm, er solle sich eine Gnade ausbitten. Da bat der ritterliche Held um die drei Rosen, welche die Königin in der Hand hielt, die Königin aber reichte ihm die Rosen und dazu dreimal ihren rosigen Mund zum Kuß. Seit der Zeit hieß Rüdiger von Königsmarck im Ungarlande der Rosenritter, seine Nachkommen aber führen noch heut zum Gedächtniß die Königin mit den drei Rosen in der Hand als Helmkleinod auf ihrem Wappen. Einer unserer edelsten deutschen Dichter, Friedrich Baron de Lamotte=Fouqué hat diese Königsmarck’sche Schildsage in der folgenden lieblichen Romanze besungen:

Hier folgt die Romanze. Um nicht wieder unzulässig ins Zitat eines Zitats eingreifen zu müssen, weil Hesekiel nicht wesentlich, aber nicht gerade sehr zuverlässig von Fouqué abweicht, bringe ich den Text nach der Erstausgabe aus: Friedrich de la Motte Fouqué: Alwin. Ein Roman in zwei Bänden von Pellegrin. Erster Band, bei Friedrich Braunes, Berlin 1808, Seite 209 bis 210:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

Was meint sie denn mit den drei Rosen, die man meim Einlaß in’s Schloß nennen muß? fragte Alwin.

Emil, rief Hartwald nach dem Zelte hinein, sing uns doch einmal Flaminiens Romanze. Es ist ein altes Liedchen, fuhr er gegen Alwin fort, das ihr so ausnehmend gefällt, und von dem sie die Losung gewählt hat.

Der hübsche Page war indessen heraus getreten, hatte seine Zither gestimmt, und sang:

Mein Knappe, was kommst Du an Stirn und Brust
     Und Arm von Blute so roth,
Und reitest als wie in erquicklicher Lust,
     Als gäb‘ es nicht Jammer noch Noth?
          Drei Rosen, sang er, drei Rosen,
          Die pflückt‘ ich aus feindlichem Tosen,
     Die pflückt‘ ich aus drohendem Tod.

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982Und als er kam vor das Königshaus
     Der junge siegende Held.
Da trat die Königinn selber heraus:
     Nun fordre, was Dir gefällt.
          „Drei Rosen, hätt‘ ich drei Rosen,
     Wie wollt‘ ich noch hundertmal losen
     Um’s Leben auf eisernem Feld!

Die Königinn wußte, was Helden gebührt;
     Was Helden kann machen gesund.
Da haben ihn schweigende Mägdlein geführt
     In Zimmers verschwiegenen Rund.
          „Drei Rosen gab sie, drei Rosen,
          Drei Küsse mit freundlichem Kosen
     Von ihrem hellrosigen Mund.

Und drauf im erleuchteten, festlichen Saal
     Stand Herzog und Grafe bereit,
Da sagte die Herrin zu dieser Zahl
     Sei künftig mit Ehren gereiht,
     Und heiße der Ritter von Rosen,
     Und führ‘ im Wappen drei Rosen
     Und rosenfarb Helmbusch und Kleid.

Du hast deine Sache recht gut gemacht, Emil, sagte Hartwald, und kannst billig den besten Sängerlohn verlangen. Nimm hin! Und mit diesen Worten reichte er ihm einen goldnen Becher. Der Page nahm ihn lächelnd an, und tauchte seine schwellenden Lippen in die Gluth des Weins, indeß Alwin, als bemerkte er einen lange Verkannten, plötzlich emporschaute; diese Lippen waren es, welche er in der Einsiedelei sich auf ähnliche Weise in den Wein hatte tauchen sehn, und Emil stand als Emilie vor ihm, als die entführte, reizende Nonne.

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

Die Bilder sind das Material, das für den Ursprungsartikel erwogen und verworfen wurde:
Günter Rössler für den Fotokinoverlag, Leipzig 1982.

Soundtrack: Über eine nicht mehr als dreigliedrige Assoziationskette:
Motörhead: Heroes, aus: Motörizer, 2008:

Written by Wolf

15. November 2019 at 00:01

Gefühl kann man zu Markt nicht bringen, doch Manuskripte jederzeit

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Update zu Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht)
und Indessen Pasternak:

Dichter.
Ihr fühlet nicht wie schlecht ein solches Handwerk sey!
Wie wenig das den ächten Künstler zieme!
Der saubern Herren Pfuscherey
Ist, merk‘ ich, schon bey euch Maxime. […]

Wer läßt den Sturm zu Leidenschaften wüthen?
Das Abendroth im ernsten Sinne glühn?
Wer schüttet alle schönen Frühlingsblüten
Auf der Geliebten Pfade hin?
Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter
Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?
Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?
Des Menschen Kraft im Dichter offenbart.

Goethe: Vorspiel auf dem Theater, Vers 104 bis 107; 150 bis 157.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Die Russen haben lange gebraucht, bis sie in ihre Literatur eine gewisse Leichtigkeit tragen konnten — eigentlich erst Puschkin in einem Jahrhundert, als deutsche Dichter mit ihrer ersten Décadence der Romantik beschäftigt waren. Alles davor war erdenschwere Religiosität und Panegyrik, und dann blühte praktisch alles zahlreich, üppig und wie über Nacht, quasi Barock, Klassik, Romantik und dämmernde Moderne auf einmal. Als Puschkin für seinen Eugen Onegin einen Vorspann zum 1. Kapitel suchte, fand er Anregung im deutschen Faust, genauer im Vorspiel auf dem Theater. Was die russische Seele halt so unter Leichtigkeit versteht.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Unten folgt — meines Wissens als Internet-Premiere — die Übersetzung von Theodor Commichau 1916 nach der vergriffenen Insel-Ausgabe, die ihrerseits die DDR-Ausgabe bei Aufbau wiedergibt. Dieselbe Übersetzung verwendet auch die wohl seltenste und dabei, wie sich begründen lässt, wichtigste deutsche Puschkin-Ausgabe: die vierbändige Auswahl aus dem Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1950. Wladimir Neustadt, der als Herausgeber zeichnet, dessen voller Name aber ausschließlich im Klappentext der weit späteren Insel-Ausgabe preisgegeben wird, formuliert es in seinen Anmerkungen zum ersten Band Gedichte mit Klassenbewusstsein:

Das „Gespräch“ wurde erstmalig als Vorwort zur Einzelausgabe des „Eugen Onegin“ 1825 gedruckt.

Puschkin war einer der ersten Adligen in der russischen Literatur, der sein Leben auf die Einnahmen aus seinen literarischen Werken gründete, obwohl die Adelskreise damals mit großer Verachtung auf die Schriftsteller von Beruf hinabblicken. Dieses Gedicht ist zum Verständnis dee Haltung Puschlkins zur Poesie von großer Bedeutung. Puschkin betont die Freiheit und Unabhängigkeit seines Schaffens vom Geschmack des Mobs der Großen Welt.

Der Hinweis auf den Faust erscheint noch nicht in Moskau 1950, aber dann bei Aufbau, Ost-Berlin 1973, und mit nicht weniger real existierendem Sozialbewusstsein, das von Insel im westdeutschen Frankfurt übernommen wurde:

Als Vorspann zur Ausgabe des 1. Kapitels „Eugen Onegin“ gedacht. Puschkin, dem es auf die Unabhängigkeit der dichteischen Inspiration von jeglichem Mäzenatentum und der absolutistischen Staatsdoktrin ankam, verschloß nicht die Augen vor den unausweichlichen Auswirkungen einer voranschreitenden Kapitalisierung des Büchermarktes. Um die ihrem Inhalt nach gegen alle romantisierenden Illusionen gerichteten Schlußzeilen des Dialogs zu unterstreichen, verzichtete er bewußt auf die Versform. Eine Anregung zu seinem „Gespräch“ erhielt Puschkin durch Goethes „Vorspiel auf dem Theater“ zum ersten Teil des „Faust“.

Знамя народное пусть от победы к победе ведёт. Wo Puschkin in seinem Gedicht auf die Versform verzichtet, und auf welche Grundlage ihm das als bewusstes Tun unterstellt werden kann, wird der anmerkende Herausgeber Harald Raab hoffentlich selber verstehen. Dieser „Vorspann“ erscheint weder in allen russischen noch gar den deutschen Ausgaben vom Onegin, aber umso zuverlässiger, weil exemplarisch für Puschkins Kunstauffassung, in den Gedichtsammlungen.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Puschkins Inspiration datiert vom 26. September 1824. Die erste deutsche Übersetzung stammt von Dr. Robert Lippert in: Alexander Puschkin’s Dichtungen, zweiter Band, Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig 1840, Seite 1 bis 13. Mit Goethes Vorspiel auf dem Theater verbindet Puschkin der Konflikt zwischen Idealismus des künstlerischen Schaffens und kommerzieller Verwertbarkeit, den weder Goethe, Puschkin noch der nachfolgende russische Kommunismus lösen konnte. Der Kapitalismus übrigens auch nicht.

Das Bildmaterial (für das ich im Dienste des Layouts lieber drei Hochformate gefunden hätte, aber mach was) zeigt die Inhaber unabhängiger Buchhandlungen in Sankt Petersburg via Elisabeta Zelenina für die örtliche Novaja Gazeta vom 31. August 2015.

Besonderer Dank für ihre Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Auswahl-Ausgabe aus dem Verlag für fremdsprachige Literatur ergeht an die Hochhaushex!

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

——— Alexander Sergejewitsch Puschkin:

Gespräch zwischen Buchhändler und Dichter

Razgovor knigoprodavca a poetom, 26. September 1824,
teilweise verwendet in der Vorrede zu Eugen Onegin,
übs. Theodor Commichau 1916,
nach: Gesammelte Werke 1: Gedichte, Insel Verlag Frankfurt am Main 1973, Seite 197 bis 203:

Buchhändler
Euch bringt das Dichten wahrlich Segen:
Ein bißchen Müh so nebenher,
Und schon hat Fama allerwegen
Hinausposaunt die frohe Mär:
Ein groß Poem sei Euch gelungen,
Entsprossen aus Genie und Fleiß;
Ich bin gespannt auf Äußerungen,
Wohlan denn, stellt mir Euren Preis.
Ich tausche Eure Musenfrüchte
Geschwind in blanke Münze ein
Und kaufe jedes Blatt Gedichte
Für einen guten Kassenschein.
Ihr seufzt, mein Lieber? Darf man fragen
               Weshalb?

Dichter
Mir träumt‘ von fernen Tagen:
Ich dachte jener schönen Zeit,
Da ich, von Schaffenslust getrieben,
Ein freier Sänger, gottgeweiht,
Aus Neigung, nicht um Sold geschrieben.
Ich sah im Geist mein Bergasyl,
Das Obdach einsam süßer Stunden,

Wo einst so gern sich eingefunden
Die Muse zum Gedankenspiel.
Nur Harmonie war dort mein Ziel;
Dort, mir gesandt von Zaubermächten,
Umschwebte lockend Bild um Bild,
Von himmlisch reinem Glanz erfüllt,
Mich in begeistrungsvollen Nächten.
Und alles rief Entzücken wach:
Der Mond, die Flur im Duft der Ähren,
Das Sturmgeheul ums morsche Dach,
Der greisen Pflegerin Wundermären.
Ein Dämon lenkte mich empor
Aus meiner Muße, meinen Spielen,
War um mich stets und sang dem Ohr
Süßheimlich Melodien vor –
Und sehnsuchtschweres, warmes Fühlen
Durchwogte meine volle Brust.
Ihr tiefstes Wunder ward erschlossen:
In schwungvoll klaren Rhythmen flossen
Die Worte mir – wie unbewußt
In schönem Gleichmaß hingegossen.
Wetteifernd stritt mit meinem Sang
Der Frühlingssturm, des Waldes Rauschen,
Der Meerflut nächtlich dunkler Drang,
Des frischen Bächleins muntres Plauschen.
Damals, im Schoß der Einsamkeit
Still schaffend, war ich nicht bereit,
Mein Kleinod an den Plebs zu wagen
Und was der Muse Kuß geweiht
Für schnödes Geld zu Markt zu tragen.
Ich wahrte treu mein höchstes Gut,
Gleichwie des Jünglings Herz in Glut
All seine Liebe, sein Entzücken
Verborgen hält in stolzer Hut
Vor unrein pöbelhaften Blicken.

Buchhändler
Je nun, der Ruhm ersetzte Euch
Das stille Glück im Idealen;
Ihr seid bekannt, an Ehren reich,
Derweil sich hier in Staubregalen
Zu Haufen Vers und Prosa staut
Und ganz umsonst nach Lesern schaut,
Davon die meisten schlecht bezahlen.

Dichter
O glücklich, wer im Herzensschrein,
Verschlossen hielt der Musen Gabe,
Wunschlos, jemals bedankt zu sein
Von seiner Mitwelt, seinem Grabe;
O glücklich, wer in edler Scham,
Von keinem Ruhmesdorn umschlungen
Und sicher vor den Lästerzungen
Als Namenloser Abschied nahm!
Trug, blinder noch als Hoffnungsträume,
Was ist denn Ruhm? Des Lesers Gunst?
Der Albernheit Entzückungsschäume?
Des läst’gen Laffen blauer Dunst?

Buchhändler
Byron wie auch Shukowski fanden
Gleich bittre Worte schon; trotzdem
Hat alle Welt ihr Glanzpoem
Gewürdigt und für Geld erstanden.
Ja, Euer Los ist Neides wert:
Bald züchtigt, bald bekränzt der Dichter,
Zerschmetternd trifft sein Flammenschwert
Mit ew’gem Fluch die Bösewichter;
Dem Helden singt er schönsten Lohn,
Und auf Cytherens goldnem Thron
Erhöht er seiner Liebsten Füße.
Lobpreisen langweilt Euch zwar schon,
Allein der Weiber Herz braucht Süße.
Kurz, schreibt für sie; ihr Ohr entzückt
Anakreons galantes Kosen:
Der Kranz von Helikon beglückt
Die Jugend weniger als Rosen.

Dichter
O frühen Irrwahns tiefe Schmach,
Verblendung junger Eigenliebe!
Einst lief auch ich im Weltgetriebe
Den Spuren hübscher Weiber nach.
Mit Lächeln hat auf meine Lieder
Die holde Wimper Dank getaut,
Von weichen Lippen klingt er wider,
Bestrickend, mein Verführerlaut.
O still davon! Solch Opfer bringen
Kann ich nicht mehr, ihr Sklave nur;
Mag doch das Schoßkind der Natur,
Der geile Jüngling sie besingen.
Was sind sie heut mir? Still dahin,
Vertieft in Andacht, fließt mein Leben;
Der ernsten Leier Weisen schweben
Hoch über eitlem Flattersinn.
Unkeusch ist ihr Gefühl, ihr Denken,
Und nimmermehr verstehn sie mich:
Begeistrung, wie sie Götter schenken,
Ist ihnen fremd und lächerlich.
O wenn mitunter zum Entsetzen
Solch Lied im Ohr mir widertönt,
Erkenn‘ ich schaudernd, welchen Götzen
Einst meine Lüsternheit gefrönt!
Ich Narr, wonach hab‘ ich gerungen?
Für wen den stolzen Geist entehrt?
Für welch Idol mich sinnbetört
Zu Jubelhymnen aufgeschwungen?

Buchhändler
Wie prächtig grollt so ein Poet!
Respekt vor Euren tiefren Gründen,
Doch – sollte gar kein Herz sich finden,
Das ausnahmsweise Euch versteht?
Kein Wesen, wert des Dichterdranges,
Das Euren Liebesdurst erquickt
Und mit den Blüten Eures Sanges
Die eignen vollen Reize schmückt?
Da schweigt Ihr nun.

Dichter
               O schont den Schlummer,
Dem mein Poetenherz sich weiht;
Erinnrung weckt nur neues Leid.
Was fragt die Welt nach meinem Kummer?
Ich bin ihr fremd. Birgt meine Brust
Ein teures Bildnis, treu beschlossen?
Hab‘ ich um Liebe je gewußt?
Je Tränen still für mich vergossen,
Wenn sehnsuchtskrank die Seele war?
Wo ist sie, deren Blick noch eben
Mir zugelächelt himmlisch klar?
Zwei kurze Nächte – war’s mein Leben?…
.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .
Was soll’s? Mein Seufzer rührt ja nicht,
Und was mein Weh in Worten spricht,
Gleich irrem Stammeln eines Toren.
Ein Herz zwar lebt, das mich vernimmt,
Doch ach, nur bebend, schmerzverloren.
So war’s vom Schicksal vorbestimmt.
Wem weih ich nun die edlen Triebe?
Nur eine gab’s, vor ihr allein
Erschloß in heil’ger, lautrer Liebe
Des Sängers Brust sich keusch und rein.
Sie hätte mir, mich aufzuraffen,
Die frische Jugend neu geschenkt,
Die Phantasie zum frohen Schaffen
In freie, lichte Bahn gelenkt!
Sie hätte, sie allein, mir sinnig
Gedeutet mein verworren Lied
Und mir im Herzen hell und innig
Als heilger Liebesstern geglüht.
Doch ach, umsonst war Wunsch und Bangen!
Kein Flehen, keine Schwüre drangen
Zu ihres Busens stolzer Wehr:
Sie lieh dem irdischen Verlangen,
Gleich einer Gottheit, kein Gehör …

Buchhändler
Und so, von Amor schnöd betrogen,
Enttäuscht durch unbelohnte Müh,
Habt Ihr Euch leider viel zu früh
Der Pflege Eurer Kunst entzogen.
Und nun, entrückt der lauten Welt
Und deren Sucht nach Modeneuheit,
Was habt Ihr nun erkoren?

Dichter
                    Freiheit.

Buchhändler
Sehr schön. Doch laßt Euch, wenn’s gefällt,
Von meinem klügren Rate leiten:
In unsern rücksichtslosen zeiten
Gibt’s keine Freiheit ohne Geld.
Und Ruhm, was ist’s? Ein bunter Flicken,
Auf Dichters Bettelrock genäht.
Gold, Gold, nur Gold kann uns beglücken,
Drum jagt nach Gold von früh bis spät!
Nein, kommt mir nicht mit andren Dingen,
Euch Herrn Poeten kenn ich gut:
Ihr prahlt mit Eures Werks Gelingen,
Solang im Rausch der Schaffensglut
Gedanken kühn dem Hirn entspringen;
Doch kaum zerrinnt die tolle Flut,
Lähmt Überdruß Euch gleich die Schwingen.
Drum kurz und bündig zum Bescheid:
Gefühl kann man zu Markt nicht bringen,
Doch Manuskripte jederzeit.
Was zaudert Ihr? Die Leser harren,
Mich überläuft das Publikum,
Reimschmiede, Journalisten scharren
Vor meiner Ladentür herum;
Der braucht, wovon sein Herz was hätte,
Und der ist auf Kritik bedacht:
Mit Eurer Leier wird, ich wette,
Noch wunderschön Profit gemacht.

Dichter
Sie haben vollkommen recht. Hier mein
Manuskript. Schließen wir gleich ab.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Sankt Petersburger Buchhändler/-innen: via Елизавета Зеленина: Книжники. Владельцы шести независимых книжных заведений Петербурга назвали книги, коорые точнее прочих отражают сегодняшнюю реальность, Новая Газета, 31 августа 2015:

  1. Дарья Чилякова (Darja Tschiljakova) von Подписные издания;
  2. Михаил Богданов (Michail Bogdanov) vom Comicladen 28-й;
  3. Анна Изакар (Anna Izakar) von Порядок слов;
  4. Михаил Маляров (Michail Maljarov) von Фаренгейт 451;
  5. Ольга Кузьмина (Olga Kuzmina) von Книги и кофе;
  6. Мария Левченко (Marija Levtschenko) von Свои книги.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Russische art pour l’art: Белое Злато: Девушки поют в Кафе Русские песни, ca. 2017:

Written by Wolf

8. November 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Halloween-Special: Zum Tanz, den sie schauderlich führen

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Update zu Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme und
Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt:

Auch der Künstler wird nie bezahlt, sondern der Handwerker. Chodowiecki der Künstler, den wir bewundern, äße schmale Bissen, aber Chodowiecki der Handwerker, der die elendsten Sudeleien mit seinen Kupfern illuminirt, wird bezahlt.

Goethe an Johann Friedrich Krafft, 9. September 1779.

Goethes Ballade Der Totentanz besteht aus siebenzeiligen Strophen, sieben an der Zahl — spontan und vor Ort komponiert auf einer Reise nach Teplitz nach einer Räuberpistole, die ihm der Kutscher erzählt hat. — Daniel Chodowieckis Zyklus Totentanz besteht aus zwölf Kupferstichen.

Damit versuchen wir mal was Formales: Zwischen die Strophen von Goethe (Reimschema ABABCCX) sind Chodowieckis Stiche, davor seine Beschreibungen, die er selbst in einem Brief vom 18. Juni 1791 an die Jäger’sche Buchhandlung in Frankfurt a.M. gegeben hat, und danach die Erklärungen im Kalender der Erstpublikation geflochten. — Goethe ist zitiert nach der Frankfurter Ausgabe, Chodowiecki nach nach dem Goethezeitportal.

Das tanzt ungemein.

——— Goethe:

Der Totentanz

21. April 1813:

Der Türmer der schaut zu Mitten der Nacht
Hinab auf die Gräber in Lage;
Der Mond der hat alles in’s Helle gebracht;
Der Kirchhof er liegt wie am Tage.
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann
In weißen und schleppenden Hemden.

Der König.

Beym König ist’s die Ambition und der Geitz die ihn abrufen im augeblick da er von seinen Unterthanen fußfallich angebethet wird.

Der Bettler.

Den Bettler zieht die Armuth so sehr er sich auch dagegen sperrt in die Grube.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Zittert Sterbliche! — oder freuet euch, ihr, die das Schicksal zum Gehorchen bestimmt hat! Selbst der Thron schützt nicht gegen die Allgewalt des Todes. Dies Loos haben die Mächtigsten der Erde, die Könige, mit euch gemein; sie die so viel vor euch voraus haben – noch mehr voraus zu haben wähnen! Kühn tritt Bruder Hein diesem Könige unter die Augen …. Doch nein! er kommt vielmehr rückwärts herbei geschlichen, und schickt seine Waffenträger, die Herrschsucht und den Geitz voran. Umgeben von diesen Werkzeugen des furchtbaren Weltbezwingers brüstet sich der stolze Monarch indem er sein Volk zu seinen Füßen erblickt; Und ungerührt von seinen Klagen, fühllos gegen seine Bitten, ahnet er nicht den Schlag der seiner Hoheit ein Ende, ihn selbst dem geringsten seiner Unterthanen gleich – zum Raube der Würmer macht. Unersättlicher noch als der habsüchtigste Eroberer ist der Tod; mit räuberischer Faust packt er sogar den Bettler an, er, der täglich so viele Reiche ohne Mühe in seine Gewalt bekommt. Aber auch nur an einem Bettler kann er seine eigene Kraft zeigen, weil ihm hier seine getreue Gehülfen, die mächtigen Leidenschaften, ihren Beistand versagen. Gleichwohl verläßt er sich nicht ganz auf die Stärke seiner Dürren Knochen; dann wer vermag dem Tode wirksamer zu widerstehen als ein Bettler dem die mächtigsten aller Tugenden, die Mäßigkeit, stets zur Seite steht? Bruder Hein nimmt also die List zu Hülfe; Er hüllt sich in Lumpen ein und hofte in dieser Maske unerkannt zu bleiben. Allein diese List ist fruchtlos. Der Bettler, von dem Triebe der Selbsterhaltung belebt und durch die Tugenden seines Standes gestärkt, thut so tapfern Widerstand daß der Tod mit minderer Mühe zehen Könige in seine Gewalt bekommen hätte.

Das reckt nun, es will sich ergetzen sogleich,
Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
So arm und so jung, und so alt und so reich;
Doch hindern die Schleppen am Tanze.
Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut,
Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut
Die Hemdelein über den Hügeln.

Der Ahnenstolze.

Der Ahnenstolze Edelmann wird von seinem Gegner mit einem Knochen seines Stammhalters Todgeschlagen.

Das Kind.

Das Kind das seine Wärterin im Schlaf zu stark gewiegt worden und herausgefallen war hascht der Tod und trägt es davon.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Habe Ehrfurcht für diesen Stammbaum! Sieh diesen Degen! er hat dir schon manche gute Beute in allen Arten rühmlicher Kämpfe verschaft! So ruft Herr von Ahnenstolz dem Herrn Dürrbein verzweiflend entgegen und scheint sein altes Ritterschwerdt gegen ihn gebrauchen zu wollen. Aber ganz gegen alle Regeln der Ritterschaft ergreift ihn dieser beim Kragen, und ohne ihn der Ehre den Degen gegen ihn zu ziehen zu würdigen, haut er mit einem alten Knochen auf ihn ein. Wie fein! Es ist der Knochen eines der hochadelichen Anherren des Herrn von Ahnenstolz! Wie könnte er diesem widerstehen? Hier hat der Künstler einen nicht geringen Theil der Größe seines Talents gezeigt. Ein gesundes Kind das von seinen sorgenfreyen Eltern der Pflege seiner Wärterin überlassen ist. Wie konnte der Tod sich dieses Kindes anders als durch einen Schelmenstreich bemächtigen? Auch wagt er es nicht mit seinen klappernden Knochen auf den Boden zu tretten. Er erhebt sich in die Luft und spähet auf den Augenblick wo durch eine maschinale Bewegung des Fuses der eingeschlafenen Wärterin das Kind aus der Wiege geworfen wird. Wer nicht die Stille der Nacht an den Fledermaus-Flügeln des diebischen Heins erkennt; wer nicht das Schnarchen der dicken Wärterin hört, dessen Einbildungskraft muß wohl in eben so dicken Fette begraben seyn.

Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
Gebärden da gibt es vertrackte;
Dann klippert’s und klappert’s mitunter hinein,
Als schlüg‘ man die Hölzlein zum Takte.
Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, in’s Ohr:
„Geh! hole dir einen der Laken.“

Die Schildwache.

Die Schildwache wird in einem feindlichen Ueberfall abgelöst.

Der General.

Der General stirbt im Krieg.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Muthvoll sezt sich der tapfere Grenadier zur Wehre. Er erkennt die feindliche Kokarde und Heins Feldgeschrei: Mit ins Grab, erinnert ihn seiner Pflicht; allein fruchtlos ist sein Muth, vergeblich sein Widerstand!

Ob man mit so dürren Beinen in so großen Stiefeln laufen kann? Bruder Hein kann’s; der flüchtigste Petitmaitre in Tanzschuen kann er ihm nicht entspringen.

Noch undankbarer als gegen den Arzt ist Herr Hein gegen den General, der ihm Freunde und Feinde ohne Zahl überliefert und gleichwohl seine Raubsucht nicht versöhnen kann. Er hält ihn unter dem Mantel der Ehre auf dem Schlachtfelde unter tausendfachen Gefahren und mähet ihn wie frisches Gras in der Blüthe seiner Jahre und seines Ruhms.

Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
Nun hinter geheiligte Türen.
Der Mond und noch immer er scheinet so hell
Zum Tanz, den sie schauderlich führen.
Doch endlich verlieret sich dieser und der,
Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher
Und husch ist es unter dem Rasen.

Das Freudenmädgen.

Das Freudenmädchen, der Tode geisselt es mit den franz: Lilien der Lustseuche, die Hausmutter sucht ihn umsonst mit dem Mercurius Flaschgen zu verscheuchen. Die Liebhaber laufen lamentirend davon.

Das Fischweib.

Das Fischweib stirbt in einer Zänkerey mit ihren Nachbarn vor Zorn.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

So hitzig als der feurigste Liebhaber greift Herr Klappers noch nach der Hand der Schönen; allein nicht aus Zärtlichkeit, sondern um sie dafür zu Geißeln, daß sie bei dem Genuße ihre[r] zügellosen Freuden sich seiner nie erinnert hatte. Vergeblich sucht ihn die garstige alte Kupplerinn mit ihrem Arzeneiglas zu verscheuen. Der Tod läßt seine Beute nicht, wohl aber entfliehen die beiden Wollüstlinge mit Abscheu. Dieser Nebenbuhler ist ihnen zu gefährlich — Glücklich wenn sie selbst seiner Geisel entrinnen! Welch ein Contrast zwischen dem dicken Fischweibe und Bruder Rapelbein! Der Anstrengung des leztern und der mit Furcht vermischten Wuth der ersten. Endigte nicht ein unausbleiblicher Steckfluß den Lebensfaden des rüstigen Weibes so würde Herr Rappelbein noch manchen kräftigen Hieb thun müssen, um auf ihr wohl verpanzertes Herz zu kommen.

Nur einer der trippelt und stolpert zuletzt
Und tappet und grapst an den Grüften;
Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt;
Er wittert das Tuch in den Lüften.
Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück,
Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück,
Sie blinkt von metallenen Kreuzen.

Der Pabst.

Dem Pabst tödtet der Aberglaube zur Zeit da einer seiner Untergebenen ihm den Pantofel küßt und andere ihm ihre devotion bezeugen. Der stehende Kardinal freut sich seiner Abfahrth, vielleicht kommt er an seine Stelle.

Die Königin.

Die Königinn stirbt vor Eifersucht.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Hier muß man sich einen Pabst der Vorwelt denken; denn der jetzige ist zu vernünftig als daß er von den Pfeilen des Unglaubens getödtet werden sollte. Wir wollen es daher den Lesern überlassen, das Original zu diesem Bilde in der Geschichte aufzusuchen. Ob es ihm leicht oder schwer seyn werde, es zu finden — wissen, wir nicht! Ruhig, ja mit sichtbarem Vergnügen sieht die schöne duldende Königin den Tod sich ihr nähern. Durch nagende Eifersucht deren Sinnbild er auf seinem Mantel trägt, hat er sich dieser kostbaren Beute in dem Frühling ihrer Jahre zu bemächtigen gewust. Eine eifersüchtige Königin! Wie wenig muß diese bedauernswürdige Fürstin mit den Standesgerechtsamen ihres Gemahls bekannt gewesen seyn; denn daß ihr nur dieser den Anlaß zu dieser verzehrenden Leidenschaft gegeben habe, dafür bürget ihr schuldloses Gesicht. Ganz anders sieht die alte Obersthofmeisterin den halb vermumten Knochenmann an. Sie berechnet die Folgen des Verlusts ihrer Gebietherin, den Verlust ihres einträglichen Einflusses. Sie kommt darüber in Wuth, packt den Tod am haarlosen Scheitel und sucht ihn durch ihr gellendes Geschrei wegzuscheuchen. Aber vergeblich! Ganz in der Manier empfindelnder Herzen, entreißt sich die junge Hofdame, oder Cammerfrau – denn der Unterschied der Stände ist von hinten noch schwerer zu bestimmen als von vornen — dem schauervollen Anblicke und — beweint den Verlust der guten Königin bis — die Garderobbe getheilt wird.

Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht,
Da gilt auch kein langes Besinnen,
Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht
Und klettert von Zinne zu Zinnen.
Nun ist’s um den armen, den Türmer getan!
Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,
Langbeinigen Spinnen vergleichbar.

Die Mutter.

Die Mutter stirbt in Wochen.

Der Arzt.

Der Artzt hat seinen Kranken das Leben abgesprochen, der Tod läßt den Kranken sitzen und holt den Artzt.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Wie grausam! Laß der Mutter den Säugling, den sie kaum gebohren hat! Erschrecke die armen Kleinen nicht! Solltest du es etwan jezt schon wissen, daß dies Kind dereinst seine Familie unglücklich machen würde? Sehet, Freund Hein wagt es nicht der schönen Mutter in die Augen zu sehen. Rühren kann ihn die Schönheit, aber nicht bewegen. Wie abscheulich! Undankbarer kann niemand seyn als der Tod! In dem Augenblicke da ihm sein dicker Freund, der Arzt, einen Kranken zu überliefern wie die neben ihm liegenden Gläser bewähren, die wirksamsten Anstalten gemacht hat, holt er ihn selbst. Er achtet nicht der Angst, der kummervollen Erwartung nicht womit der abgezehrte Patient dem Urtheile des Arztes über die Beschaffenheit seines Pulses entgegen sieht. Freilich hat der wohlbeleibte Arzt einen stärkern Reiz für Bruder Heins gefräßigen Gaumen als das entfleischte Gerippe des Kranken. Aber mag wohl die schwere Tugend der Mäßigkeit, die die Herren Aerzte so freigebig empfehlen, diesen dickbäuchigen Aeskulap so fett gemacht haben?

Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
Gern gäb‘ er ihn wieder, den Laken.
Da häckelt – jetzt hat er am längsten gelebt –
Den Zipfel ein eiserner Zacken.
Schon trübet der Mond sich, verschwindenden Scheins,
Die Glocke sie donnert ein mächtiges Eins
Und unten zerschellt das Gerippe.

Bilder: Daniel Chodowiecki: Totentanz, 1791, Königl. Grosbritannischen Historischen Genealogischen Calender für 1792 im Verlag von Berenberg in Lauenburg und der Jaegerischen Buchhandlung in Frankfurt am Main, via Jutta Assel/Georg Jäger: Daniel Nikolaus Chodowieckis „Totentanz“. Eine Kupferstichfolge, Goethezeitportal, Juli 2015.

Vertonungen geschahen unter anderem durch Carl Friedrich Zelter — und Carl Loewe:

Hörenswert ist die moderne, angemessen antikisierende Version von Lola Lindling,
die darin „absolut eine der coolsten Balladen überhaupt“ verarbeitet:

Tanz der Lebendigen: noch ein experimentell gemixtes, erstaunlich gut funktionierendes Mash-up:
zwischen Flogging Molly: Devil’s Dance Floor, aus: Swagger, 2000, und Pulp Fiction, 1994:

#gothiclyrik

Written by Wolf

1. November 2019 at 00:01

Nachtstück 0024: I wish you were dead, my dear

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Update zu Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal,
Grabesdunstwitterlich,
So singet laut den Pillalu (Och orro orro ollalu)
und Das Angedenken der Zuckerlust:

——— Algernon Charles Swinburne:

Satia te Sanguine

from: Laus Veneris, and Other Poems and Ballads,
Carleton, New York 1866:

IF YOU loved me ever so little,
     I could bear the bonds that gall,
I could dream the bonds were brittle;
     You do not love me at all.

O beautiful lips, O bosom
     More white than the moon’s and warm,
A sterile, a ruinous blossom
     Is blown your way in a storm.

As the lost white feverish limbs
     Of the Lesbian Sappho, adrift
In foam where the sea-weed swims,
     Swam loose for the streams to lift,

My heart swims blind in a sea
     That stuns me; swims to and fro,
And gathers to windward and lee
     Lamentation, and mourning, and woe.

A broken, an emptied boat,
     Sea saps it, winds blow apart,
Sick and adrift and afloat,
     The barren waif of a heart.

Where, when the gods would be cruel,
     Do they go for a torture? where
Plant thorns, set pain like a jewel?
     Ah, not in the flesh, not there!

The racks of earth and the rods
     Are weak as foam on the sands;
In the heart is the prey for gods,
     Who crucify hearts, not hands.

Mere pangs corrode and consume,
     Dead when life dies in the brain;
In the infinite spirit is room
     For the pulse of an infinite pain.

I wish you were dead, my dear;
     I would give you, had I to give,
Some death too bitter to fear;
     It is better to die than live.

I wish you were stricken of thunder
     And burnt with a bright flame through,
Consumed and cloven in sunder,
     I dead at your feet like you.

If I could but know after all,
     I might cease to hunger and ache,
Though your heart were ever so small,
     If it were not a stone or a snake.

You are crueller, you that we love,
     Than hatred, hunger, or death;
You have eyes and breasts like a dove,
     And you kill men’s hearts with a breath.

As plague in a poisonous city
     Insults and exults on her dead,
So you, when pallid for pity
     Comes love, and fawns to be fed.

As a tame beast writhes and wheedles,
     He fawns to be fed with wiles;
You carve him a cross of needles,
     And whet them sharp as your smiles.

He is patient of thorn and whip,
     He is dumb under axe or dart;
You suck with a sleepy red lip
     The wet red wounds in his heart.

You thrill as his pulses dwindle,
     You brighten and warm as he bleeds,
With insatiable eyes that kindle
     And insatiable mouth that feeds.

Your hands nailed love to the tree,
     You stript him, scourged him with rods,
And drowned him deep in the sea
     That hides the dead and their gods.

And for all this, die will he not;
     There is no man sees him but I;
You came and went and forgot;
     I hope he will some day die.

——— Algernon Charles Swinburne:

Satia te Sanguine

deutsche Nachdichtung:
Otto Hauser, 1910:

Wär‘ ich etwas dir nur, ich ertrüge
     Die Bande, die mir so schwer,
Doch daß du mich liebst, ist Lüge:
     Ich sprenge sie nimmermehr.

O schöne Lippen, o Brüste,
     Weiß wie kein Mond und warm,
Zutreibt im Sturm eurer Küste,
     Eine Blüte fruchtlos und arm.

Wie Sapphos fiebernde Glieder,
     Die, weiß umspielt von Tang,
Mit dem Seeschaum auf und nieder
     Sich wiegten im Wogengang —

Wird mein Herz dahingetragen
     Von wild mich betäubender See
Und gewinnt nur Seufzer und klagen,
     Nur Leid unter Wind und Lee,

Ein Nachen, leer und zerschmettert,
     Der irr mit den Wogen schifft,
Siech und umbraust und umwettert,
     Eines Herzens nutzlose Trift.

Wo wüten in grausamem Zorne
     Die Götter und bohren vorein
Wie Demantspitzen Dorne
     Und Qualen? Ins Fleisch? O nein!

Die Zepter, die Folterschmerzen
     Sind weich wie der Schaum auf der Flut,
Die Götter kreuzigen Herzen,
     Nicht Hände in grausamer Wut.

Jedem andern Schmerz wird Rast,
     Er stirbt im Hirn mit dem Sein —
Der unendliche Geist nur fast
     Den Puls unendlicher Pein.

Ich möcht den Tod dir geben
     So herb, daß die Furcht er vertrieb,
(Denn besser ist sterben als leben) —
     Ich wollt‘, du wärst tot, mein Lieb.

Ich wollte vom Blitz dich gefällt,
     Verzehrt in flammendem Nu,
Vom treffenden Strahl zerspellt,
     Mich tot dir zu Füßen wie du.

Doch könnte mich eines versöhnen:
     Wenn dein Herz, ob noch so klein,
Das hungern mich läßt und stöhnen,
     Nicht Schlange nur wär‘ oder Stein.

Haß Hunger und Tod gelüsten
     Nach Qual nicht mit solcher Gier;
Du bist Taube von Augen und Brüsten
     Und doch tötet ein Hauch von dir.

Wie die Pest in vergifteter Stadt
     Ob den Toten jauchzt, so du,
Bittet Liebe dich bleich und matt:
     Wirf einen Brocken mir zu.

Wie ein zahmes Tier will sie’s machen
     Und schmeichelt, doch erntet nur Hohn;
Aus Nadeln so scharf wie dein Lachen
     Erhöhst du ein Kreuz ihr zum Lohn.

Stumm duldet sie Dornen und Schwippen
     Und schweigend Pfeil und Erz;
Du saugst mit rotschläfrigen Lippen
     Ihr feuchtrote Wunden ins Herz.

Du glühst, wie ihr Blut bei dem Saugen
     Versiegt und sie sinkt auf den Grund,
Mit unersättlichen Augen
     Und unersättlichem Mund.

Du stäuptest sie, gabst den Spöttern
     Am Kreuze sie preis und riefst:
Zu den Toten und ihren Göttern
     Versenkt in das Meer sie zu tiefst.

Doch so voll du die Leiden ihr maßest,
     Sie stirbt nicht; ich sehe sie noch.
Du kamst und gingst und vergaßest,
     Ich hoffe: einst stirbt sie doch.

Paulus Pontius nach Peter Paul Rubens, The Head of Cyrus brought to Queen Tomyris, Satia te Sanguine quem semper sitisti, engraving 1630

Satia te Sanguine quem semper sitisti: und Cum priuilegijs Regis Christianissimi / Serenissimæ Infantis et Ordinum confoed. a.o 1630: Paulus Pontius nach Peter Paul Rubens: The Head of Cyrus brought to Queen Tomyris, Kupferstich auf Papier 1630, 58,9 cm auf 40,3 cm, The Trustees of the British Museum.

Sucker love is heaven sent: Placebo: Every You Every Me, aus: Without You I’m Nothing, 1998:

Like the naked leads the blind,
I know I’m selfish, I’m unkind.
Sucker love, I always find
Someone to bruise and leave behind.

#gothiclyrik

Written by Wolf

31. Oktober 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Du warst den Meeren mitternachts entstiegen

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Update zu Schön spricht der Physiologus: Von den Sirenen und Eselskentauren,
Nackt fällt sie ihm an seinen Mund
und Laß mich die Aschengruttel sein in deinem Märchen:

Gertrud Kolamr 1928, via Olivier Ypsilantis, via Zakhor Online, 25. April 2011Unklar bleibt, wieso Gertrud Käthe „Gertrud Kolmar“ Chodziesner eine Übersetzung aus dem Englischen so weitgehend hätte vortäuschen sollen, dass sie sogar die Dichterin des Originals gleich mit dazuerfinden musste: Aus politischen Gründen konnte es nicht einmal für die Jüdin, die Anfang März 1943 doch noch in Auschwitz blieb, gewesen sein, weil sie vorher und nachher sehr wohl ihre politisch denkbar unverfänglichen Gedichtbände unter ihrem seit 1917 etablierten Pseudonym veröffentlichte.

SIEBEN GEDICHTE aus „German Sea“ von Helen Lodgers. Nach dem Englischen entstand vermutlich 1934 in Form eines Reisetagebuchs über Hamburg, Lübeck und Travemünde, als Gestaltung einer Liebesbeziehung zum ansonsten weithin vergessenen Dichter Karl Joseph Keller. Dieter Kühn hat 2008 die Frage nach dem auf den ersten Blick unnötigen Pseudonym nicht endgültig, aber glaubwürdig aufgelöst: Sie musste sich vor ihrem Vater tarnen, der eine Liebschaft missbilligt hätte. Mit einem acht Jahre jüngeren Nichtjuden. Weil sie sich damit von ihrem Vater weg zu einem anderen Mann entfernt hätte. Mit gestandenen 40 Jahren.

Sie sieht sogar aus wie Kafka.

——— Gertrud Kolmar:

Meerwunder

:

Als ich das Kind mit grünen Augensternen,
Dein zartes, wunderbares Kind empfing,
Erbrausten salz’ge Wasser in Zisternen,
Elmsfeuer funkelten aus Hoflaternen,
Und Nacht trug den Korallenring.

Und deiner Brust entwehte Algenmähne
So grün, so grün mit stummer Melodie.
Sehr sachte Fluten plätscherten um Kähne,
Im schwarzen Traumschilf sangen große Schwäne,
Und nur wir beide hörten sie.

Albrecht Dürer, Das Meerwunder, um 1498, via Albrecht Dürer ApokalypseDu warst den Meeren mitternachts entstiegen
Mit eisig blankem, triefend kühlem Leib.
Und Wellenwiegen sprach zu Wellenwiegen
Von unserm sanften Beieinanderliegen,
Von deinen Armen um ein Weib.

Seejungfern hoben ungeschaute Tänze,
Und wilde Harfen tönten dunkel her,
Und Mond vergoß sein silbernes Geglänze
Um den Perlmutterglast der Schuppenschwänze;
Mein Linnen duftete vom Meer.

Und wieder wachten Hirten bei den Schafen
Wie einst … und glomm ein niebenannter Stern.
Und Schiffe, die an fremder Küste schlafen,
Erbebten leis und träumten von dem Hafen
Der Heimat, die nun klein und fern.

Tierblumen waren fächelnd aufgebrochen,
In meinen Schoß verstreut von deiner Hand;
Um meine Füße zuckte Adlerrochen,
Und Kinkhorn und Olivenschnecke krochen
Auf meiner Hüfte weißen Sand.

Und deine blaß beryllnen Augen scheuchten
Gekrönte Nattern heim in Felsenschacht,
Doch Lachse sprangen schimmernder im Feuchten
An Wogenkämmen sprühte blaues Leuchten
Wie aus dem Rabenhaar der Nacht.

O du! … Nur du! … Ich spülte deine Glieder
Und warb und klang und schäumte über dir.
Und alle Winde küßten meine Lider,
Und alle Wälder stürzten in mich nieder,
Und alle Ströme mündeten in mir.

Bilder: Gertrud Kolmar 1928, via Olivier Ypsilantis für Zakhor Online, 25. April 2011.
Das Meerwunder heißt auch ein Kupferstich von Albrecht Dürer von 24,6 cm × 14,7 cm um 1498 — eine erfreulich detailreiche Arbeit, heute mit originalen Abdrucken im Kupferstichkabinett der Karlsruher Staatlichen Kunsthalle und im New Yorker Metropolitan Museum of Art, deren größte Wiedergaben man sich ruhig mal ein Weilchen bei Karl & Faber oder bei Zeno angucken kann; beide werden größer hinter der, so man hat, rechten Maustaste. Da sitzt man länger dran als an Kolmars Gedicht.

Soundtrack: Cat Power: Sea of Love, aus: The Covers Record, 2000,
Original: John Phillip „Phil Phillips“ Baptiste, aus: Sea of Love, 1959:

#gothiclyrik

Written by Wolf

30. Oktober 2019 at 03:00

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Ein Buch gibt keine Gelatinesuppe

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
und Your open hand but shows our loss:

Denkenden und fühlenden Menschen wird niemals klar werden, was Schönheit um ihrer selbst willen so gleichgültig, wenn nicht gar schädlich machen soll. Die dergleichen voraussetzen, gelten als nüchtern, zielstrebig und daher erfolgreich. Bei genauerem Besehen will man nichts mit ihnen zu tun haben. Auch das wird ihnen egal sein.

Ein Thema, das gerade angesichts des aktuellen Zustands der Welt nicht einfach in der Luft herumwabert, sondern jeden Tag lodernder brennt. Ausnahmsweise erspare ich mir deshalb einen penibel korrigierten Text und bringe einen gekürzten, dafür handlichen, der sich den Philistern zum In-die-Fresse-Hauen eignet.

Das französische Original von Gautiers Erst- und Hauptwerk Mademoiselle de Maupin steht online, unser Zitat handelt aus dem ausführlichen préface. Die derzeit gültige Übersetzung von 2011 ist beim Manesse Verlag erhältlich. — Danke an Frank T. Zumbach für Aufmerksamkeit und Anteilnahme!

——— Théophile Gautier:

Théophile Gautier: Nützlichkeit

aus: Mademoiselle de Maupin, Vorwort, 1834;
erste deutsche Übersetzung: Ilna Ewers-Wunderwald, Verlag der Funken, Leipzig 1908:

Neben den moralischen Journalisten ist … eine Prozession kleiner Champignons einer … recht kuriosen Art aufgetaucht … es sind die utilitären Kritiker. „Was nützt dieses Buch?“(sagen sie) „Wie kann man es für die Versittlichung und das Glück der zahlreichsten und ärmsten Klasse verwenden? Was! nicht ein Wort über die Bedürfnisse der Gesellschaft, nichts Zivilisierendes und Progressives! Wie kann man, anstatt an der großen Synthese der Menschheit zu wirken und anhand der historischen Ereignisse die Phasen der regenerierenden und providentiellen Idee zu verfolgen, wie kann man Gedichte und Romane schreiben, die zu nichts führen und das Menschengeschlecht nicht auf dem Weg der Zukunft vorwärtsbringen? Wie kann man sich angesichts so schwerwiegender Angelegenheiten mit der Form, mit dem Stil und Reim befassen? – Was kümmern uns Stil, Reim und Form? Als ob es gerade darum ginge (arme Füchse, die Trauben sind zu grün!) – Die Gesellschaft leidet, sie ist das Opfer einer grossen inneren Zerrissenheit … Aufgabe des Dichters ist es, die Ursache dieses Unglücks zu suchen und es zu heilen. Das Mittel hierfür wird er finden, wenn er mit Herz und Seele mit der Menschheit sympathisiert. (Philanthropische Poeten! das wäre etwas Seltenes und Bezauberndes.) Auf diesen Dichter warten wir, wir sehen ihn innigst herbei …“ Meinetwegen. Doch da wir wünschen, daß unsere Leser bis zum Ende dieses … Vorworts wach bleiben, werden wir diese sehr getreue Nachahmung des utilitären Stils nicht fortsetzen, der von Natur sehr einschläfernd wirkt …

Nein, Schwachköpfe, nein, Kretins, ein Buch gibt keine Gelatinesuppe, ein Roman ist kein Paar nahtlose Stiefel, ein Sonett keine Klistierspritze mit Dauerstrahl, ein Drama keine Eisenbahn, alles Dinge, die für die Zivilisation wesentlich sind und die Menschheit auf dem Weg des Fortschritts vorwärtsmarschieren lassen. (…)

Nichts, was schön ist, ist zum Leben unentbehrlich. Rottete man die Blumen aus, litte die Welt nicht materiell darunter. Wer möchte jedoch, dass es keine Blumen mehr gibt? Ich würde lieber auf Kartoffeln als auf Rosen verzichten, und ich glaubte, es gibt auf der Welt nur den Utilitaristen, der fähig wäre, ein Tulpenbeet auszureißen, um Kohl darauf zu pflanzen.

Wozu dient die Schönheit der Frauen? Vorausgesetzt, eine Frau ist gesundheitlich in Ordnung und imstande, Kinder zu gebären, so wird sie für Ökonomen immer gut genug sein.

Wozu ist die Musik gut? Wozu die Malerei? Wer wäre so närrisch, Mozart Herrn Carrel und Michelangelo dem Erfinder des weißen Mostrichs vorzuziehen?

Wirklich schön ist nur, was zu nichts dienen kann.

Alles Nützliche ist häßlich, denn es ist der Ausdruck irgendeines Bedürfnisses, und die Bedürfnisse des Menschen sind unedel und widerlich, wie seine arme und schwache Natur. Der nützlichste Ort eines Hauses ist der Abtritt.

Das mit dem materiellen Schaden, den der Mangel an Blumen anrichtet, wird heute anders gesehen, selbst von Utilitaristen — die weiterhin davon absehen werden, die Arbeit der Bienen zu verrichten. Das macht den Nutzen schöner Erscheinungen nicht gleichgültiger — sondern offensichtlicher.

Rose Matthias Claudius

Buidl: Rose Matthias Claudius, von der Wölfin, 19. Juli 2019.

Die Schönheit persönlich: Miley Cyrus: Wildflowers von Tom Petty, aus: Wildflowers, 1994:

Written by Wolf

29. Oktober 2019 at 04:04

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Gräflein Du bist verrathen

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Update zu Ich bescheide mich,
Trauervokal und
Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt:

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014

Nicht ausgerechnet am 1. April des Fontanejahres hätte ich an die touristische Verwaltung des Schloss Plaue zu Brandenburg an der Havel mailen sollen:

Sehr geehrte Damen und Herren,

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014ich betreibe den privaten literarischen Weblog Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt — der viel zu wenig von seinem eigentlichen Thema, dem Volksbuch vom Doctor Faustus handelt, aber selbstverständlich niemals langweilig wird.

Im derzeitigen Fontanejahr, das ich bei meinem übergreifenden Thema natürlich nicht ignorieren will, ist mir in den Fünf Schlössern unter dem Kapitel über das Schloss Plaue das Volkslied Wer geht so spät zu Hofe über die Gräfin Platen aufgefallen, dem Fontane erklärtermaßen nur „einige Strophen“ entnommen hat, das aber aus Strophen zu je 7 Versen besteht, was ja immer eine lyrische Qualität eigener Art darstellt — siehe vor allem meine Weblog-Kategorie 7-Zeiler —, und dessen Inhalt in seinem Kontext hochinteressant ist.

Fontane zitiert dieses Volkslied — wie Sie sehr viel besser wissen als ich — im Zusammenhang mit der Geschichte eines der Leinwandtableaus im oberen Saal von Schloss Plaue. Auf Ihrer eigenen sehr aufschlussreichen Website erfahre ich:

Die ehemalige Innenausstattung des Schlosses ist nur in wenigen Bildern überliefert.

Nun finde ich leider im Internet weder zusätzliche Strophen zum genannten Lied noch die acht — auch nicht die fünf von Fontane näher beschriebenen — Tableaus. Diese Verbindung ergibt leider eine recht lückenhafte Dokumentation zur Geschichte des Philipp Christoph Graf Königsmarck.

Daher meine mehrteilige Frage:

  1. Können Sie mir weitere Strophen zu Wer geht so spät zu Hofe nennen — oder Fundstellen dazu?
  2. Wird das Lied noch gesungen, weil es eine bekannte, wenigstens nachweisbar überlieferte Melodie hat?
  3. Und existieren noch Darstellungen von den Leinwandtableaus in Schloss Plaue?
  4. Genießen sie eine gewisse ikonische Funktion, quasi als stille Berühmtheit von regionalem Erkennungswert?

Für diese Fragen aus einem im besten Sinne amateurhaften Forschungsinteresse erscheinen Sie mir als die geeignete Anlaufstelle. Damit ich nicht vollends einseitig Ihre Zeit beanspruche, darf ich Sie unverbindlich beruhigen: Aus demselben Interesse erwäge ich sehr wohlwollend, möglichst noch im laufenden Fontanejahr die Tourismusangebote um Schloss Plaue zu nutzen. Im Dienste eines germanistischen Nischenthemas ein leibhaftiges siebenzeiliges Volkslied mit großformatigen Illustrationen zu besuchen. Das sieht mir überaus ähnlich.

Können Sie mir hier weiterhelfen — oder wenn nicht, mich wahlweise an jemanden verweisen, der es kann?

Mit freundlichen Grüßen,
Wolf [und alles, was im Impressum steht]

Nicht ausgerechnet am 1. April, weil ich auf irgendeine Antwort, wenigstens ein den Eingang bestätigendes „Geh Ludwig Thoma lesen, du Baziwessi!“ bis heute warte, dabei wird mein Spam täglich handverlesen. Man muss sich also wie immer selber behelfen. Schauen wir mal:

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Im überbordenden Reichtum der Fontanischen Wanderungen durch die Mark Brandenburg finden wir ausgeführt, was wir übersichtlicher bei kurz!-Geschichte seit 8. April 2018 als Die Königsmarck-Affäre zusammengefasst sehen: Im Adelsgeschlecht derer von Königsmarck stellte der Spross Philipp Christoph Graf von Königsmarck ausreichende Verwicklungen an, um ein Volkslied anzuregen, eins mit Handlung samt Spannungsbogen und Moral. Das genügt, um uns mehr für das Lied mit seinen illustrierenden Bildern zu interessieren als für die dynastischen Verwicklungen einer ohnehin schwächlich gesicherten regionalpolitischen Wirklichkeit.

Historischer Schauplatz ist somit nach Fontane das Schloss Plaue zu einer historischen Zeit, da es von der Familie von Königsmarck bewohnt wurde. Was Fontane nicht wissen konnte, erfahren wir am touristisch erschlossenen Fontaneweg Schloss Plaue — an der 4. Station:

Die ehemalige Innenausstattung des Schlosses ist nur in wenigen Bildern überliefert. Berühmt waren das Chinesische Zimmer im Obergeschoss, sowie der obere Saal mit den acht großen Leinwandtableaus, die Szenen aus der Geschichte der Familie v. Koenigsmarck zeigten. Anfang 1945 war wegen des Bombenkrieges in Berlin die Vertretung des Kgr. Thailand im Schloss untergebracht. Beim Einmarsch der Roten Armee wurde es geplündert, zeitweilig befand sich ein Lazarett darin. Durch die Plünderungen und DDR-zeitliche Umbauten verlor das Schloss große Teile des historischen Bauinventars sowie die gesamte Innenausstattung.

Und mit diesen „wenigen Bildern“ wird dermaßen hausgehalten, dass die acht, ja selbst die bei Fontane erwähnten fünf Leinwandtableaus nirgends wiedergegeben sind. Ist halt eine karge Gegend.

Allerdings stuft der in solchen Dingen sehr zuverlässige Silvae das Lied 2010 als nur „angebliche[s] Volkslied (wahrscheinlich von Fontane)“ ein. Laut Anmerkung in der siebenbändigen Aufbau-Ausgabe von Gotthard Erler und Rudolf Mingau stammt das Lied gar von Fontanes Kollegen von der Kreuzzeitung George Hesekiel, aus: Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen von Königsmarck, Verlag von Alexander Duncker, Berlin 1854, Seite 34 bis 36 — ein Nachweis, der in seiner Genauigkeit am glaubwürdigsten erscheinen muss. — Das Wort hat die übliche Quelle Fontane im Zusammenhang:

——— Theodor Fontane:

5. Kapitel
Plaue von 1839 bis jetzt

(Graf Königsmarcksche Zeit)

aus: Fünf Schlösser, 1889:

[…] Fünftes Tableau. Philipp Christoph Graf Königsmarck (jüngster Sohn Kurt Christophs und Bruder Hans Karls von K.) nimmt Abschied von der Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg und wird kurz darauf in den Gängen des Schlosses von Hannover ermordet.

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Philipp Christoph von K., geboren 1662, war seit seinen Kindertagen mit Sophie Dorothea, Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg, befreundet. Sechzehn Jahr alt, vermählte sich diese mit ihrem Vetter, dem Kurprinzen Georg Ludwig von Hannover, dem späteren Könige Georg I. von England. Die Ehe war nicht glücklich. Philipp Christoph von K. ging in die Welt und beteiligte sich an verschiedenen Kriegszügen. Von 1688 ab aber erkor er, wenigstens zeitweilig, Hannover als Aufenthaltsort und lebte daselbst mit fürstlichem Aufwande, was ihm sein Reichtum gestattete. Denn er war Erbe von Oheim und Bruder, die, wie schon erzählt, 1686 und 88 vor Argos und Negroponte den Tod fanden. Zu seinem (Philipp Christophs) Hausstande gehörten 29 Diener und 52 Pferde. Seine früheren Beziehungen zur Erbprinzessin wurden wieder aufgenommen und weckten nicht nur die Eifersucht des Kurprinzen, sondern auch den Neid der Gräfin Platen, einer Maitresse des Kurprinzen. Ein Herr von Podewils, kurhannoverscher Feldmarschall, unterließ es nicht, dem Grafen Philipp Christoph die Gefahren seines Verhältnisses zur Prinzessin Sophie Dorothea vorzustellen. Umsonst. Endlich gab Philipp Christoph der immer wieder laut werdenden Warnerstimme nach und traf Vorbereitungen, um in kursächsische Dienste zu treten. Am 1. Juli 1694 begab er sich in das Schloß zu Hannover, um hier von seiner Freundin, der Kurprinzessin, Abschied zu nehmen. Er verließ das Schloß nicht mehr. In einem Korridore traten ihm vier Hellebardiere entgegen, die sich bis dahin hinter einem Schornstein verborgen gehalten hatten, und im Kampf gegen diese gedungenen Leute fiel er. Seine Leiche versenkte man in einen senkrecht durch die ganze Höhe des Schlosses laufenden Kanal und mauerte diesen zu. Zwei der Hellebardiere, Buschmann und Lüders, haben die Tat auf ihrem Sterbebette gebeichtet. Die Gräfin Platen war Anstifterin des Ganzen – der Kurprinz (zur Zeit des Mordes auf Besuch in Berlin) hatte nur schweigend zugestimmt. Das Aufsehen, das die Tat hervorrief, war groß, und die Gräfin Platen wurde Gegenstand allgemeinen Hasses. Ein Volkslied, dem ich einige Strophen entnehme, gab dieser Stimmung Ausdruck.

Wer geht so spät zu Hofe,
Da alles längst im Schlaf?
Im Vorsaal wacht die Zofe –
Schon naht der schöne Graf.
Er sprach: „Eh ich nach Frankreich geh,
Muß ich sie noch umarmen,
Prinzessin Dorothee.“

Gräflein, du bist verraten,
Verraten ist dein Glück,
Die böse Gräfin Platen
Ersann ein Bubenstück.
Du schaltst sie eine Wetterfahn,
Sie tät dir gern viel Liebes,
Nun ist’s um dich getan.

Er ging zur ew’gen Ruhe
Mit vielen Schmerzen ein,
Doch ward in keine Truhe
Gebettet sein Gebein.
Ich weiß nicht, wo er modern mag,
Doch wird er einst erscheinen
Am Auferstehungstag.

So (mit Umgehung der drei minder wichtigen) die fünf großen Tableaus im Ahnensaale zu Schloß Plaue.

Fontanes journalistischem Kollegen aus der Anmerkung in der großen Ausgabe nachgegangen, hat das Lied insgesamt neun Strophen — auch schon als Fontanes Vorlage siebenzeilig. Das Original im Zusammenhang:

——— George Hesekiel:

Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck

Verlag von Alexander Duncker, Königlicher Hofbuchhändler, Berlin 1854:

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Wir schließen diesen Abschnitt mit einem Liede, das den Anspruch macht, ein altes Lied zu sein, es ist in desmselben viel Wahres und Falsches auf’s Wunderlichste gemischt, so wunderlich, daß die Fälschung, wenn eine solche vorliegt, eine der gelungensten wäre. Man wird sehen, daß das Volkslied allerdings auch a ein Liebesverhältniß des Grafen im gewöhnlichen Sinne glaubt, was auch wohl nicht anders möglich war, da vom Hofe aus in diesem Sinne verleumderische Gerüchte methodisch verbreitet wuden, man sieht aber auch, wie bereit das Volk war, der Churprinzeß selbst jede Sünde zu verzeihen, weil es die Rohheit des Churorinzen kannte, und wie sich des Volkes ganzer Zorn instinctartig gegen die eigentliche Mörderin, gegen jene mächtige Feindin Königsmarcks, richtete.

Das Lied lautet:

Wer geht so spät zu Hofe,
Da alles längst im Schlaf?
Im Vorsaal wacht die Zofe —
Schon naht der schöne Graf!
Er sprach: „eh‘ ich nach Frankreich geh‘,
Muß ich sie noch umarmen,
Prinzessin Dorothee !“

Sie ließ sich gern erbarmen,
Wie heiße Liebe thut.
In ihren weichen Armen
Wie ward ihm da so gut !
Sie sprach: „so wahr ich Fürstin bin,
Willst Du nach Frankreich reiten,
Ich flieh‘ mit Dir dahin !“

Die Zofe harrt mit Bangen
Dort an der Kammerthür :
Das Kosen und Umfangen
Währt über die Gebühr ;
Und endlich tritt der Graf hervor
Mit Trällern und mit Singen
Wohl auf den Corridor.

Gräflein Du bist verrathen,
Verrathen ist Dein Glück !
Die böse Gräfin Platen
Ersann ein Bubenstück.
Du shaltst sie eine Wetterfahn‘,
Sie thät Dir gern viel Liebes,
Nun ist’s um Dich gethen !

Oh ! sieh Dich vor im Düstern,
Und wärst Du noch so stark.
Hörst Du die Mörder flüstern :
Nieder mit Königsmarck !
Ha ! wie ein Löwe wehrt er sich,
Erschlägt zwei Hellebardiere —
Dann fällt er ritterlich.

Er sah die Gräfin Platen —
Schon schwanden ihm die Sinn‘ —
In seinem Blute waten
Und schrie : Du Teufelin,
Verschlänge Dich der Höllenschlund !
Sie sprach : willst Du noch lästern,
Und stampft ihn auf den Mund.

Er ging zur ew’gen Ruhe
Mit vielen Schmerzen ein ;
Doch ward in keine Truhe
Gebettet sein Gebein.
Ich weiß nicht, wo es modern mag,
Doch wird er einst erscheinen
Am Auferstehungstag.

Und muß die arge Platen
Erscheinen im Gericht,
Dann schützt vor Gottes Gnaden
Sie auch der Churfürst nicht ;
Doch der, die sie so tief betrübt,
Wird wohl die Schuld vergeben,
Dieweil sie viel geliebt.

Zu Ahlden an der Aller
Ist der Prinzessin Grab ;
Der Klage Laute schallen
Am Wasser weit hinab.
Nach England geht ein scharfer Wind
Von seinen Aeltern beiden
Grüßt er manch Königskind.

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Man hat eine ganze Literatur über die Geschichte und das blutige Ende des Grafen Philipp Christoph von Königsmarck, interessant dürfte es sein, daß auch Schiller ihn zum Helden eines Dramas, „Sophie von Celle“, machen wollte, dessen vollständiger Entwurf sich in dem Nachlaß der Frau von Wolzogen gefunden hat. Der Inhalt jeder einzelnen Scene ist genau angegeben, und hat man es gewagt, Schillder’sche Stücke zu ergänzen, angefangene zu vollenden, so würde es gewiß auch gestattet sein, das Drama nach dem Schiller’schen Entwurf auszuführen. Der Stoff ist in der That dankbar genug. Uns gereicht es zu besonderer Genugthuung, daß der große deutsche Dichter mit uns an die Unschuld der Prinzeß und des Grafen glaubt, dem Dichter ward durch Divination klar, was uns erst durch später aufgefundene Actenstücke zur Gewißheit wurde.

Was uns lehrt: Je weiter man seine Quellen zurückverfolgt, desto weiter wird man von ihnen geführt. Die Bilder bei Fontane kennen wir immer noch nicht, odass wir uns mit dem Bildmaterial eines Touristen von 2014 behelfen müssen, der ebenfalls auf die verborgenen Schönheiten der Örtlichkeit angewiesen war — wenigstens solange uns das Regionalmarketing von Schloss Plaue im bis auf weiteres wichtigsten touristischen Höhepunkt ganz Brandenburgs genügend wenig ernst nimmt, um uns beharrlich zu ignorieren; dafür kennen wir mehr siebenzeilige Strophen als der nächstbeste Fontaneleser. Schiller wird übrigens noch innerhalb des laufenden Fontanejahrs am 10. November 260, den kriegen wir also noch.

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014

Bilder: James Haliburton: Schloss Plaue in Brandenburg, 8. März 2014.

Soundtrack: Weil sie aus der Gegend — direktemang aus Brandenburg an der Havel — kommt:
Anna Loos mit Silly: Alles rot, aus: Alles rot, 2010:

Written by Wolf

25. Oktober 2019 at 00:01

Nachtstück 0023: Watch out, the world’s behind you

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——— Hank Nagler:

Morgen

1993:

Die Kerzen brennen.
Nico singt vom Sonnenaufgang.
Bukowski säuft bei meinem Wein mit.
Die Angst vor dem Morgen,
zerflackert im Feuer der Dochte.
Lethargie vor den Konsequenzen.

Hank Nagler, Morgen

Soundtrack: The Velvet Underground: Sunday Morning,
aus: The Velvet Underground & Nico, 1967 (lead vocals: Lou Reed):

Written by Wolf

18. Oktober 2019 at 00:01

You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire

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Update zu Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx,
Wein-Lese und
Was zusammengehört:

Charles Godfrey Leland wird von Wikipedia als Abenteurer, Künstler, Dichter, Kritiker, Folklorist, Mythenforscher, Philologe, Archäologe, Journalist, Humorist, Kolumnist, Soldat, Herausgeber, Reformer und Erzieher geführt, alles davon mit guter Begründung. Halten wir als seine wichtigsten Leistungen fest: Gründung der Zeitschrift The Continental Monthly und Weiterführung des Graham’s Magazine als Graham’s Illustrated Magazine samt dessen Terminierung; Entdeckung und Erstbeschreibung einer ausgestorbenen und einer rezenten keltischen Sprache namens Ogham und Shelta unter wissenschaftlicher Anerkennung der durchweg seriösen Forschung, nicht aber der Sprachen selbst; vollständige Übersetzung der Werke Heinrich Heines ins Englische; Veröffentlichung von über fünfzig Büchern, die meisten davon über europäische Zigeuner-Folklore, Wicca-Religion und Neopaganismus, darunter am bekanntesten Aradia, or the Gospel of the Witches, deutsch: Aradia oder das Evangelium der Hexen, 1899.

The Thinker's Garden, ODD TRUTHS. THE ADVENTURES OF CHARLES GODFREY LELAND, 14. Oktober 2016Über dieser Fülle von Kuriosa, auf einem einzigen, im Laufe der Zeit apokryph gewordenen Manne vereinigt, vergisst sich leicht der Zyklus seiner Hans Breitmann’s Ballads ab 1856, die seinen Ruhm zu Lebzeiten begründeten, aber inzwischen von seinen immer noch gültigen Leistungen auf dem Studiengebiet des vor allem italienischen Hexenzaubers überdeckt werden. Im Gegensatz zu Mark Twains bis heute verbreiteten und recht präsenten, allerdings punktuell entstandenen Essay The Awful German Language, deutsch: Die schreckliche deutsche Sprache 1880 wendet Leland in dem mehrere Jahrzehnte lang angewachsenen Zyklus eine eigens erfundene Mischung aus Englisch und Deutsch an, die eben kein Pennsylvaniadeutsch ist, sondern ein durchaus tragfähiges Makkaronisch.

Als anschaulichstes Beispiel für Lelands so durchschaubare Kunstsprache, dass sie für deutsche Leser nicht übersetzt werden muss, diene uns die Breitmann Ballad namens To a Friend Studying German von 1869, nachmals gewidmet an seinen Freund Johann Nicolaus, Nikolaus oder Nicholas Trübner — einen Buchhändler, Verleger, Linguisten und geborenen Heidelberger, daher deutschen Muttersprachler, der auf einem sich weltweit, vor allem nach Nordamerika ausbreitenden Buchmarkt zurechtkommen musste — als sozial interagierendes Individuum nicht zuletzt durch Fremdsprachenerwerb.

——— Charles Godfrey Leland:

To a Friend Studying German

1869 bis 1889, in: The Breitmann Ballads, by Charles G. Leland.
1889, to the memory of the late Nicholas Trübner.
This Work is Dedicated by Charles G. Leland, London, 1871.
A New Editon, Kegan Paul, Trench, Trübner & Co., London 1895:

Si liceret te amare
Ad Suevorum magnum mare
Sponsam te perducerem

—Tristicia Amorosa.
Frau Aventiure,
von J. V. Scheffel.

The Thinker's Garden, ODD TRUTHS. THE ADVENTURES OF CHARLES GODFREY LELAND, 14. Oktober 2016VILL’ST dou learn die Deutsche Sprache?
Denn set it on your card,
Dat all the nouns have shenders,
Und de shenders all are hard.
Dere ish also dings called pronoms,
Vitch id’s shoost ash vell to know;
Boot ach! de verbs or time-words—
Dey’ll work you bitter woe.

Will’st dou learn de Deutsche Sprche?
Den you allatag moost go
To sinfonies, sonatas,
Or an oratorio.
Vhen you dinks you knows ‚pout musik,
More ash any other man,
Be sure de soul of Deutschland
Into your soul ish ran.

Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Dou moost eat apout a peck
A week of stinging sauerkraut,
Und sefen pfoundts of speck.
Mit Gott knows vot in vinegar,
Und deuce knows vot in rum:
Dis ish de only cerdain vay
To make de accents coom.

Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Brepare dein soul to shtand
Soosh sendences ash ne’er vas heardt
In any oder land.
Till dou canst make parentheses
Intwisted-ohne zahl—
Dann wirst du erst Deutschfertig seyn,
For a languashe ideál.

The Thinker's Garden, ODD TRUTHS. THE ADVENTURES OF CHARLES GODFREY LELAND, 14. Oktober 2016Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Du must mitout an fear
Trink afery tay an gallon dry,
Of foamin Sherman bier.
Und de more you trinks, pe certain,
More Deutsch you’ll surely pe;
For Gambrinus ish de Emperor
Of de whole of Germany.

Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Be sholly, brav, und treu,
For dat veller ish kein Deutscher
Who ish not a sholly poy.
Find out vot means Gemütlichkeit,
Und do it mitout fail,
In Sang und Klang dein Lebenlang,
A brick-ganz kreuzfidél.

Willst dou learn de Deutsche Sprache?
If a shendleman dou art,
Denn shtrike right indo Deutschland,
Und get a schveetes heart.
From Schwabenland or Sachsen
Vhere now dis writer pees;
Und de bretty girls all wachsen
Shoost like aepples on de drees.

Boot if dou bee’st a laty,
Denn on de oder hand,
Take a blonde moustachioed lofer
In de vine green Sherman land.
Und if you shoost kit married
(Vood mit vood soon makes a vire),
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind,
Ash fast ash you tesire.

Dresden, January 1870.

Builders: via The Thinker’s Garden: Odd Truths: The Adventures of Charles Godfrey Leland, 14. Oktober 2016.

Tonspur: Mouth & MacNeal: How Do You Do?, aus: How Do You Do?, 1972,
natürlich zweisprachig. In einer nach der anderen:

Written by Wolf

11. Oktober 2019 at 00:01

Wohl dem, der weiß, was recht und wahr, und dies auch übet immerdar

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Update zu Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland und
Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten:

Buchcover Eliot, George, Silas Marner. Der Weber von Raveloe, ars vivendi 2018Keine Ahnung, wie man zu zweit einen Roman übersetzt. Elke Link und Sabine Roth haben 1997 für den Cadolzburger ars vivendi Verlag den Silas Marner von George Eliot versucht und tatsächlich zu einem Druckunterlagenschluss etwas zur Veröffentlichung Geeignetes geliefert – das gut genug geraten ist, um es 2018 wiederzuveröffentlichen.

Eine richtig schöne Neuausgabe ist es geworden. Schon rein als Buchobjekt, selbst wenn man es gar nicht erst aufschlägt, geschweige um es zu lesen. Dunkelgrünes grobes Leinen, an dem man die Fäden zählen kann, mit einem stilisierten Webstuhl tief dreingeprägt – beides als gestalterische Referenz an den Beruf des Leinenwebers der Hauptfigur, vielleicht auch an die englische Prachtausgabe von 1907; mal den Buchausstatter fragen –, eher voluminöses Papier, aber streichelfest und nicht die saugfähigen Wischlappen chinesischer Lizenzfreibeuter-„Verlage“ – Lesebändchen. Und damit Alexander Pechmann, der einem zum Thema Moby-Dick an jedem Eck unterläuft, ein Nachwort stiftet, muss wohl auch einiges kommen.

Das Duo der Übersetzerinnen von 1997 hat, wie sich das gehört, 2018 erneut die Köpfe zusammengesteckt und tatsächlich noch was gefunden. Das macht keinen großen Unterschied, aber einen feinen. Es folgt deshalb die betreffende Stelle im Roman und danach das Eigentliche: die Nachbemerkung der Übersetzerinnen. Damit die dergleichen für ein Buch auf drei Druckseiten stiften dürfen, muss nämlich erst recht einiges kommen.

——— George Eliot:

Silas Marner: The Weaver of Raveloe

1861, Part One, Chapter VI:

Mr. Macey, tailor and parish-clerk, the latter of which functions rheumatism had of late obliged him to share with a small-featured young man who sat opposite him, held his white head on one side, and twirled his thumbs with an air of complacency, slightly seasoned with criticism. He smiled pityingly, in answer to the landlord’s appeal, and said–

„Aye, aye; I know, I know; but I let other folks talk. I’ve laid by now, and gev up to the young uns. Ask them as have been to school at Tarley: they’ve learnt pernouncing; that’s come up since my day.“

„If you’re pointing at me, Mr. Macey,“ said the deputy clerk, with an air of anxious propriety, „I’m nowise a man to speak out of my place. As the psalm says–

„I know what’s right, nor only so,
But also practise what I know.““

„Well, then, I wish you’d keep hold o‘ the tune, when it’s set for you; if you’re for practising, I wish you’d practise that,“ said a large jocose-looking man, an excellent wheelwright in his week-day capacity, but on Sundays leader of the choir. He winked, as he spoke, at two of the company, who were known officially as the „bassoon“ and the „key-bugle“, in the confidence that he was expressing the sense of the musical profession in Raveloe.

Mr. Tookey, the deputy-clerk, who shared the unpopularity common to deputies, turned very red, but replied, with careful moderation– „Mr. Winthrop, if you’ll bring me any proof as I’m in the wrong, I’m not the man to say I won’t alter. But there’s people set up their own ears for a standard, and expect the whole choir to follow ‚em. There may be two opinions, I hope.“

„Aye, aye,“ said Mr. Macey, who felt very well satisfied with this attack on youthful presumption; „you’re right there, Tookey: there’s allays two ‚pinions; there’s the ‚pinion a man has of himsen, and there’s the ‚pinion other folks have on him. There’d be two ‚pinions about a cracked bell, if the bell could hear itself.“

——— George Eliot:

Silas Marner. Der Weber von Raveloe

1861, Übs. Elke Link und Sabine Roth,
Teil 1, Kapitel 6, ars vivendi 2018, Seite 61 f.:

Mr Macey, seines Zeichens Schneider und Küster – letzteres Amt musste er aufgrund seines Rheumatismus seit kurzem mit einem schmalgesichtigen jungen Mann teilen, der ihm gegenüber saß –, lete seeinen weißen Kopf auf die Seite und drehte die Daumen, mit einer Selbstzufriedenheit, die freilich nicht einer Pikiertheit entbehrte. Er quittierte den Appell des Wirtes mit einem mitleidigen Lächeln und sagte dann:

Wohl, wohl; ich weiß, ich weiß; aber das Reden überlass ich lieber den andern. Ich halt mich jetzt eher zurück; die Jungen könn das viel besser. Die wo in Tarley auf der Schuel waren, die haben’s gelernt, Reden zu schwingen; zu meinen Zeiten hat’s das noch nicht so gegeben.“

„Wenn Ihr mich damit meint, Mr Macey“, sagte der Hilfsküster, ängstlich auf Korrektheit bedacht, „ich bin keineswegs ein Mann, der spricht, wenn es nicht rechtens ist. Wie wir es in dem Psalm singen:

‚Wohl dem, der weiß, was recht und wahr,
Und dies auch übet immerdar.'“

„Nun, dann wünschte ich, Ihr würdet den Ton halten, so wie ich ihn Euch angeb; wenn Ihr schon so fürs Üben seid, dann wünschte ich, Ihr würdet das üben“, sagte ein großer, schalkhaft dreinblickender Mann, unter der Woche ein vortrefflicher Wagner, sonntags jedoch Leiter des Kirchenchores. Im Sprechen zwinkerte er zweien der Anwesenden zu, die von Amts wegen als „das Fagott“ und „das Klappenhorn“ bekannt waren, im Vertrauen darauf, den Konsensus des Musikerstandes von Raveloe zum Ausdruck zu bringen.

Mr Tookey, der Hilfsküster, der so unbeliebt war, wie das bei Stellvertretern stets der Fall ist, wurde puterrot, erwiderte jedoch mit bewusster Mäßigung: „Mr Winthrop, wenn Ihr mir irgendeinen Beweis erbringt, dass ich im Unrecht bin, so will ich gewiss der Letzte sein, der sich weigert, sich anzupassen. Aber es gibt eben Leute, die ihr eignes Ohr zum Maßstab nehmen und dann erwarten, dass sich der ganze Chor nach ihnen richtet. Man wird ja wohl noch verschiedener Meinung sein dürfen.“

„Wohl, wohl“, sagte Mr Macey, den dieser Angriff auf die Überheblichkeit der Jugend mit großer Befriedigung erfüllte, „da habt Ihr völlig recht, Tookey: Verschiedne Meinungen hat’s immer; nämlich die Meinung, die ein Mann von sich selber hat, und die Meinung, die wo die andern von ihm haben. Sogar über ’ne Glocke mit ’nem Sprung drin tät’s noch verschiedne Meinungen geben, wenn die Glocke sich selber hören könnt.“

Besonders eindrucksvoll an der Verbesserung von 2018 ist das ausführlich ins Metrum geschriebene „übet“, das nicht mehr als „üb“ mit oder ohne Apostroph oder gar ersatzlos verschluckt wird und damit seinen Doppelsinn als Üben von musikalischen Fertigkeiten annehmen kann. Das geht so:

——— Elke Link und Sabine Roth:

Nachbemerkung der Übersetzerinnen

in: George Eliot: Silas Marner. Der Weber von Raveloe, ars vivendi, Cadolzburg 2018, Seite 227 bis 229:

Hugh Thomson, George Eliot, Silas Marner, Part I, Chapter 6, The company at the Rainbow, 1907Als wir im letzten Jahrtausend mit der Übersetzung von Silas Marner begannen, gab es das Internet noch nicht so, wie wir es heute kennen. Wir gingen in die Bayerische Staatsbibliothek. Und dann ganz schnell wieder hinaus – denn die Übersetzungen, die wir vorfanden, drohten die Suche nach unserem eigenen Ton und die Übertragung des Silas-Marner-Sounds sofort zu überlagern.

Stattdessen besuchten wir Antiquariate und die Münchner Auer Dult, um alte Wörterbücher aufzukaufen. Wir lasen in den Wörterbüchern, lasen Texte aus der Zeit. Wir tauchten in die Soziologie des ländlichen Englands ein, nicht zuletzt, um die Frage der Anreden – Er, Du, Ihr, Sie – differenziert zu entscheiden. Und um den einzelnen Personen und Gruppen zugeordneten Soziolekt und Dialekt zu spiegeln (denn in Silas Marner sprechen alle, auch die Angehörigen der Oberschicht, dialektal gefärbt), mussten wir eine Kunstsprache schaffen, die eher lautmalerisch und über den Rhythmus funktioniert als über regionale Marker. Die teils eigenwillige Zeichensetzung des Originals haben wir dabei bewusst übernommen.

Biografisches über die Autorin war uns nicht wichtig – die Frau, die als Mann schrieb, die Frau , die sieben Namen hatte, die Frau, die lang in wilder Ehe lebte und danach einen zwanzig Jahre jüngeren Mann heiratete, der sich auf der Hochzeitsreise in den Canal Grande stürzte – das alles spielte keine Rolle. Für uns zählte letztlich nur der Text, den wir zu übertragen hatten. Wir übersetzten den Text abwechselnd und lasen gegen, überarbeiteten die eigene Version, dan die der anderen, dann die Überarbeitung der Überarbeitung, waren in konstantem Austausch, bis wir den Eindruck hatten, der Text brummt wie ein Bienenvolk im Bienenhaus.

Für die Neuauflage sahen wir den Text noch einmal durch und stießen auf erstaunlich wenig, was wir nach all den Jahren ändern wollten. Eine „echte“ Verbesserung hat unsere Nachlese allerdings gebracht, und sie illustriert Chancen und Grenzen der heutigen Technik so perfekt, dass wir sie kurz kommentieren möchten. Uns war unser „Psalm“ (s. S. 61) in der Wirtshausszene plötzlich zu unpsalmenhaft erschienen – kein Wunder, denn das Original klingt ebenfalls mehr biedermännisch als biblisch: „I know what’s right, nor only so, / But also practise what I know.“ Dank Google hatten wir nun ruckzuck herausgebracht, dass es in England tatsächlich „Psalmenlieder“ gab – gereimte (und deutlich gestreckte) Nachdichtungen aus dem späten 17. Jahrhundert, die damals regelmäßig in Gebrauch waren –, und dass der von Mr Tookey zitierte Vers aus dem 106. Psalm diese Nachdichtung leicht abwandelt. Und sogar eine deutsche Entsprechung, von Ambrosius Lobwasser aus dem Jahr 1573, fand sich im Netz, die aber just an dieser Stelle so klobig ausfällt, dass kein noch so betulicher Hilfsküster sie im Munde führen würde (und in der noch dazu das Wort „üben“ fehlt, das im weiteren Verlauf wichtig wird).

Womit uns nichts übrig blieb, als selbst noch einmal neu zu dichten und den Vers so abzufassen, dass er einerseits sprechbar ist, andererseits aber auch, zumindest theoretisch, in einem Vespergottesdienst vom Chor gesungen werden könnte. Und so wurde aus unserem ursprünglichen

„Ich weiß, was sich geziemt, doch drüber ’naus
Üb ich, was ich als recht erkannt, auch aus“

nicht, wie bei Lobwasser,

„Wohl dem, der die gebott Gotts hält,
Und sein thun darnach recht anstellt“

und auch nicht, wie 1861 bei unserem Vorgänger Julius Frese,

„Ich weiß, was recht ist, und noch mehr:
Ich tu’s und üb es auch nachher“,

sondern:

„Wohl dem, der weiß, was recht und wahr,
Und dies auch übet immerdar“,

sodass der historische Zusammenhang jetzt rekonstruierbar wird, ohne dass darunter die situative Glaubwürdigkeit leidet. Ein kleines nachträgliches Tröpfchen Honig aus dem Bienenhaus von einst …

Editorische Notiz

Die Originalausgabe erschien 1861 unter dem Titel Silas Marner: The Weaver of Raveloe. George Eliot hat diese Fassung später für zwei spätere Neuausgaben durchgesehen und leicht bearbeitet. […]

Elke Link und Sabine Roth

Hugh Thomson: Silas trifft Eppie, Allegorie vor Teil I, Kapitel 1, 1907, Seite 1

Bilder: Buchcover bei ars vivendi, 2018;
Hugh Thomson: Silas Marner, Teil 1, Kapitel 6: The company at the ‚Rainbow.‘,
MacMillan and Co., London 1907, Seite 74;
Hugh Thomson: Silas trifft Eppie, Allegorie vor Teil I, Kapitel 1, ebenda, 1907, Seite 1.

Soundtrack: Der erwähnte Psalm 106, vertont von Heinrich Schütz:
Confitemini Domino, quoniam ipse bonus,
aus: Cantiones sacrae quatuor vocum, SWV 53-93: XXXIX, SWV 91, 1625,
Cappella Augustana & Matteo Messori, 2013:

Bonus Track: Robert Burns: Tae the Weavers Gin Ye Gang, 1788,
as rendered by The McCalmans, aus: Peace & Plenty, 1986,
mit Bildbeispielen leinenweberischer Projekte von Andy Leisk,
Chief Cook, Bottle Washer, Handweaver, und Curmudgeon, 2011:

Written by Wolf

4. Oktober 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden (wenn wir bei deutscher Mundart bleiben)?

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Update zu Der unverzichtbare Buchstabe e
und The Metrum is the Message:

Es folgt einer der sieben Ur-Artikel für DFWuH, den ich von Anfang 2012 an bringen wollte. Man kommt ja zu nix. Aufgefallen war mir, sagen wir ruhig: schon vor Jahrzehnten, dass Ludwig Tieck im Ernst einmal auf die Idee verfallen war, die grammatischen Kategorien der deutschen Sprache, vor allem die des Kasus, zu charakterisieren. Klasse Idee, muss ich was damit machen. Endlich geht’s.

Librarians United, 2017Was man so deutsche Sprache nennt: Laut der Winkler-Ausgabe der Novellen — in meinem Besitz ist ein von der Herausgeberin Marianne Thalmann gewidmetes Exemplar aus der Erstauflage von 1965, daher noch ohne ISBN — ist Die Gesellschaft auf dem Lande von 1825

[e]ine ausgesprochen märkische Novelle, ehe noch W. Alexis den Märker zum Gegenstand patriotischer Romane macht. Es geht nicht mehr um Kunstfragen, sondern um fundamentale Fragen des preußischen Pflichtgefühls, um Religion, Deutschtum, Landwirtschaft, um die Comédie humaine der adeligen Oberschicht, die von der Führung zurücktritt. Sie gehört zu Tiecks besten Leistungen und ist als sogenannte „Zopfnovelle“ A.W. Schlegels Lieblingsstück gewesen.

Aus eigenem Laienwissen ergänze ich Frau Thalmann: vor Willibald Alexis und noch herausragender vor Theodor Fontane. Eine leichtfüßige, personal bis dialogisch durchgeführte Abhandlung über ostmitteldeutsche Sprachelemente versteht als Antwort auf preußisches Pflichtgefühl wohl eher die in Thalmanns Kommentar vermutete Comédie humaine denn das Deutschtum.

Als Bildmaterial bietet sich wegen der spärlichen Illustration für Ludwig-Tieck-Novellen eine thematisch wertfreie, aber stimmungsvolle Serie aus einer Stadtbibliothek mit Kinderabteilung an: ein bildungsbeflissenes Kinderballett via Librarians Unite von 2017.

Librarians United, 2017

——— Ludwig Tieck:

Die Gesellschaft auf dem Lande

Berlinischer Taschenkalender, 1825:

Librarians United, 2017„Nein“, antwortete jener, „diesmal wird es etwas Großes, Idealisches. Du sollst selbst überrascht werden. Aber unausstehlich ist es doch in eurem Lande, das immerwährende unrichtige Sprechen anhören zu müssen. Diese ewige Verwechslung des Mir und Mich könnte einen Rechtgläubigen zur Verzweiflung bringen. Dabei ist das Ding so charakterlos, so recht eigentlich insipide, daß man es nicht einmal zum Spaß in Komödien oder Erzählungen nachahmen kann, denn es würde bloß albern auftreten. Das ist aber nicht wahr, was du mir sonst wohl von deinen Landsleuten erzählt hast, daß sie ohne allen Unterschied bald Mir bald Mich gebrauchen. Ich glaube, zu bemerken, daß es Sekten gibt. Hier im Hause (Adelheid ausgenommen, die richtig spricht, es wäre auch für eine Geliebte entsetzlich, so wie die übrigen zu prudeln) herrscht offenbar der Akkusativ vor: die alte gnädige Frau braucht ihn beständig; ob ich gleich erforscht und ausgegrübelt habe, daß ein so feiner Geist, wie der ihrige, auch hier gründliche und tiefsinnige Unterschiede macht, für die sich auch wohl von einem denkenden Grammatiker etwas sagen ließe. Sie behandelt die Sache nämlich mehr aus dem Gesichtspunkt der Dialekte. Der Akkusativ, als der ionische oder attische, erscheint ihr vornehmer und edler, daher braucht sie ihn unbedingt gegen ihre Domestiken. ‚Christian, geb er mich das Fleisch – nehm er mich hier den Teller weg – Fanchon, tu sie mich die Mütze auf!‘ – Gegen uns aber, wo sie demütiger und höflicher erscheinen will, braucht sie fast stets den dorischen Dativ und sagt daher ganz richtig: ‚Geben Sie mir das Salzfaß;‘ – nur geht sie freilich in der Konsequenz so weit, daß sie auch sagt: ‚Wenn Sie wohl geruht haben, soll es mir freuen.‘ – Indessen ist jedes System, jede folgerechte Lebensweise schon immer etwas Löbliches, und du hast wenigstens darin unrecht, wenn du von den Rednern deines Landes aussagst, daß sie die Anwendung dieses Kasus dem blinden Glücke, dem Zufalle, oder unbeugsamen Fatum überlassen. Sie denken über den Gegenstand; und warum will man sie zwingen, ihn so, wie der eigensinnige Adelung anzusehn?“

Bei Tische mußte Franz wirklich das bestätigt finden, was sein Freund beobachtet hatte. […]

Librarians United, 2017Er ging wieder an seine Arbeit, tröstete dann seinen Freund, und am folgenden Tage, als der alte Römer auch bei der gnädigen Frau gespeist hatte, begaben sich diese und Adelheid in den großen Saal, wo Gotthold seine beiden Bilder aufgestellt hatte. Das eine war eine schlanke, vorschreitende Figur, mit leicht schwebendem griechischem Gewande, die Schultern frei, jugendlichen Angesichts; die zweite ein bärtiger, sitzender Mann, ganz bekleidet und in breiteren Formen, auch älter, der auf seine ausgestreckten Hände niedersah. Als die Eintretenden sich gesetzt, die Bilder betrachtet hatten, und alle nicht wußten, was sie daraus machen sollten, erhob sich der übermütige Gotthold in einem Anfall seiner tollen Laune und hielt an die Versammlung folgende Rede:

„Verehrteste Zuhörer!

Librarians United, 2017Indem ich seit einigen Tagen von dem Vorsatz bewegt wurde, diesem teuren Hause ein Andenken meines Daseins, einen Dank, wenn auch nur kleinen, für die Gastlichkeit und Freundschaft, die ich hier genossen habe, zurückzulassen, kam in den feierlichen Stunden der Mitternacht die Begeisterung zu meinem Lager, und in kurzem Verkehr mit der Göttlichen wußte ich sogleich, was mir zu tun obliege. Wohl klagt unser Schiller mit Recht, daß die Götter von unsrer Erde entwichen seien, die den Griechen Wald, Berg und Fluß belebten und verherrlichten. Besaß doch damals sogar jede Stadt, jeder Hain, jegliches Haus ein Bild der Gottheit, die dort vorzüglich verehrt wurde, und die auch darum gern verweilte. Soll ich an die Pallas der Athener erinnern, an Trojas, Thebens Heiligtümer, an den Pan Arkadiens? Doch wir, was haben wir, was glauben wir, wenn wir auch einen Apollo oder Hermes schnitzeln? Das hat ja die Bildhauerkunst bei uns schon tausendmal beklagt, daß die Veneres uns so wenig bedeuten, daß wir mit diesen Amoribus nichts anzufangen wissen. So wandte man sich mehr wie einmal zu vaterländischen, deutschtümlichen, volksmäßigen, isländischen Göttergebilden. Aber Freia und Thor, Odin und Wodan, Tyr und Loke, samt Balder wollten uns ebensowenig aus der ratlosen Lage helfen, denn ihnen kam noch weniger der Glaube entgegen, und Kenner selbst meinten: ihre Attribute, ihre Fabeln, ihre ganze Statur und Natur vertrügen sich nicht mit dem guten Geschmack. Schon oft hab ich mich im stillen gefragt: warum hat noch keinen Genius der Blitz der Weissagung durchdrungen, uns den Geschmack selbst bildlich darzustellen? Haben wir doch Mütterlichkeit und Kindesliebe, Gesetzgebung und Freiheit, ja Aufklärung gezeichnet und gestochen, wenn auch nur in Vignetten, oder in Kalendern. Warum haut man nicht den Geist der Zeit in Marmor, oder Liberalität, Humanität, die Fortschreitung des Menschengeschlechts, die sich von selbst auch der schwachen Imagination im Bilde darbietet? Hier, vaterländische Künstler, geht ein neuer Weg, hier ist ein frischer, unberührter Steinbruch, um Originalität zu holen, die Lorbeerkränze fallen von selbst herunter. Nun möchten Sie glauben, diese Figuren, da ich mich so ereifere, sollten etwa den Geschmack, den Zeitgeist, den Zustand der Finanzen, den Amortisationsfond oder den Patriotismus darstellen; aber weit gefehlt, begeisterte Freunde, diese Einleitung ward nur vorangeschickt, um eine Bahn zu öffnen, die uns näher liegt, die uns wichtiger sein muß, und auf welcher wir den Griechen gleichkommen, ja sie wohl noch überflügeln können.

Librarians United, 2017Denn das ist jenen Alten immer vorzurücken, daß sie Bild und Sache verwechselten; über ihre Verehrung der Naturkräfte war ihnen, was wir alle noch täglich bedauern, der Schöpfer selber schon verlorengegangen; aber als sie nun Stein, Holz und Erz sogar für das Wesentliche hielten, da war Hopfen und Malz an ihnen verloren. Deshalb ist zu befürchten, die wir schon mit Begriffen Götzendienst treiben, daß wir bei plastischer Bildung dieser gefühlreichen Begriffe ganz in die Anbetung des kälbernen Apis geraten möchten. Um also unsere Gemüter frei zu lassen, und doch der Kunst und Originalität genugzutun, habe ich als der erste kühne Beschiffer eines unbekannten Ozeans den vielleicht zu kühnen Versuch gemacht, in der Gestalt dieses schlanken jungen Mannes dem schauenden körperlichen Auge den Accusativus hinzustellen, der in diesem Hause und in der ganzen Provinz mit ausgezeichneter Andacht verehrt wird. Sei er also der schützende Genius dieses Schlosses, dem schon die Herzen schlagen, der so oft angerufen, zitiert und angewendet wird, in Gelegenheiten, wo andre Provinzen seinem Bruder, dem Dativ, huldigen. So, wie er hier gezeichnet ist, hat diesen feinen, idealischen, sanften Akkusativ mein Geist geschaut, und ich bin der festen Überzeugung, nur in diesem Vorschreiten, in diesem leichten Gange, in dieser Gestalt und Gebärde kann er in die Wirklichkeit treten. Vielleicht, daß der junge Erbe dieses Hauses ihn in Zukunft in Marmor gestalten läßt, nach dieser Skizze, die aus Andacht und Begeisterung hervorgegangen ist. Des Kontrastes wegen sitzt dort sein Bruder, der gedrückte, bescheidne Dativ, erwartend, statt entgegenzukommen, ruhend, statt im Anlauf, gedrungen, breit, stämmig, statt schlank und heiter. Frage jeder sich der teuern Anwesenden, jeder sinnige Beschauer, ob nicht so diese Gebilde schon seit undenklichen Zeiten in seinem Innern schlummerten. Wohlan denn, der Berg ist durchgehauen, der Weg nach der neuen und neuesten Kunst eröffnet! Mir nach, ihr Jünglinge, ihr Genien, beflügelte Geister, die nur darauf warteten, den Himmel der Kunst von einer neuen Seite bestürmen zu können. Wem von euch wird der Nominativ, der seltsam geheimnisvolle Genitiv erscheinen? Von dem wunderlich verrufenen Vocativus, dem frömmsten der sechs Brüder, ist eine kuriose Sage durch alle Länder im Umlauf, so daß er der unwissenden Menge schon oft zum Gelächter gedient hat. Ebenso war Kassandra verspottet, so wurde des Tiresias Weisheit nur zu oft mißverstanden. Aber in manchem frommen Bilde, das die Augen in Ekstase nach oben dreht, von Carlo Dolce und ähnlichen, habe ich geglaubt, die Annäherung an meinen Vocativus, die Ahndung dieses hohen Ideals zu entdecken, wenn die Gemäldegalerien und ihre Register die Figur auch ganz anders taufen.

Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden? Diese hohen Gestalten bewachen ja nur den Eingang zur menschlichen Erkenntnis. Wer sie schon geheimnisvoll nennt, mit welcher Mystik muß er dann Indikativ und Konjunktiv, das nahestehende Präsens, das hohe Perfektum, das verehrungswürdige Plusquamperfektum begrüßen? Ein Name, vor dem schon der Knabe sich beugt, der zum Bewußtsein erwacht. Soll ich das Futurum, das unbegreifliche Kind von diesem, das Paulo post noch nennen? Und der Infinitiv! Müßte er nicht in vielen Palästen als Schutzgott hingestellt wer den, da der Große schon seit lange, der Vornehme, mit lakonischem Bestreben ihn fast einzig und allein gebraucht? Dann noch der heldenkühne Imperativ, dräuenden Blicks, zornig wie Ares, stark wie Thor, majestätisch wie Zeus. Ist erst dieses geschehen, so wage sich ein künftiger Praxiteles oder Apelles selbst an die beiden Aoristen der Griechen, um das Sublimste zu schaffen und deutlich zu machen, was dem menschlichen Geiste vielleicht möglich ist! Sie sehen aber, Verehrte, daß auch schon, wenn wir bei deutscher Mundart bleiben, der Begeisterung unendlich viel zu tun obliegt. Hier stehn sie, die ersten Anfänge dieses glorreichen Jahrhunderts, der Nachwelt verehrungswürdig, weil sie zuerst den Pfropf lösten, der bis dahin den brausenden Champagner in der Flasche festhielt.“ –

~~~\~~~~~~~/~~~

Librarians United, 2017Adelheid hatte während dieser feierlichen Rede das Lachen verhalten müssen, die Mutter hatte sie aufmerksam angehört, ohne ein Wort zu verstehn, Franz war zu ernsthaft, um den Spaß genießen zu können, und der alte Römer ging empfindlich fort, indem er zur gnädigen Frau sagte: „Der junge Herr ist boshaft, das mit dem Vokativ soll auf mich gehn, weil ich die Augen manchmal gen Himmel aufschlage. Woher soll uns aber Trost und Hoffnung kommen, wenn nicht von dort? Das alles, glauben Sie mir, hat ihm der gottlose Müller eingeblasen; aber es ist weder Wahrheit noch Menschenverstand in der Sache.“

Adelheid unterbrach die Ruhe, indem sie ausrief: „Der Vater kommt!“ Alle liefen an das Fenster, ihn zu begrüßen, dann eilten sie die Treppe hinab, die beiden Fremden blieben zurück, und sahen den alten Herrn vom Pferde absteigen, der niemand anders war, als jener Grüne, gegen welchen sie sich an der großen Brücke nicht eben allzu höflich betragen hatten. „Was ist nun zu tun?“ rief der erschrockne Franz: „ist es doch, als wenn alles Unglück auf mich einstürmte.“ – „Nur zweierlei kann geschehen“, antwortete Gotthold mit Fassung: „entweder wir nehmen sogleich Extrapost und reisen ohne Abschied davon, und dies wäre das Mittel für die Feigheit, die alles aufgibt, wo noch nichts verloren ist: oder ich werfe mich in eine graziöse Unverschämtheit, und tu, als wäre gar nichts Besonderes vorgefallen. Dazu gehört aber, wenn es glücken soll, daß du dein Inkognito fahren lässest, denn wenn wir Edelleute sind, so nimmt das die Hälfte der Beleidigung hinweg.“

Librarians United, 2017Hand in Hand gingen die Freunde hinab. Die Familie hatte sich schon begrüßt, und Gotthold eilte auf den Alten zu, umarmte ihn und rief: „Willkommen! willkommen! Aber warum haben Sie sich denn gar so lange erwarten lassen? Ich bin Gotthold von Eisenflamm, dieser hier Franz von Walthershausen Freunde Ihres Sohnes, und Franz ist weitläufig zwar, aber doch mit Ihnen verwandt. Verzeihen Sie uns jenen Spaß, alter, würdiger Freund, wir kannten Sie recht gut, und wollten nur sehen, ob Sie mit Ihrer Würde und Autorität auch wohl einige Geduld verbänden. Und herrlich haben Sie uns junges Volk ohne allen Zorn über die Achsel angesehn; auch dafür unsern Dank, verehrter Mann.“

Der Alte war wie im Sturm erobert, und konnte nicht zürnen. Bald musterte man alle Familienverzweigungen und Seitenverwandte durch, womit sich der alte Adel so gern, vorzüglich auf dem Lande beschäftigt. Franz gewann durch diese langweiligen Ausfädelungen so viel, daß er nun für eine Art von Vetter gelten konnte.

~~~\~~~~~~~/~~~

Librarians United, 2017Am folgenden Tage war der alte Herr mit den jungen Leuten und seiner Gemahlin im Saale. Gotthold war etwas verlegen, was der grüne Mann zu seinen beiden Bildern sagen würde. „Ei!“ rief er aus, „was ist denn das? Das ist hübsch, bei meiner Seele!“ Die gnädige Frau fing an: „Der Mann, der da sitzt, soll ein gewisser berühmter Dadiv sein.“ – „O Weibsvolk! Weibsvolk!“ rief der Vater: „was das schwatzt, David will sie sagen, und verwechselt sogar den berühmten biblischen Namen; aber dazu fehlt ihm Harfe und Krone. Es ist offenbar der bettelnde, blinde Belisar, wie er am Wege sitzt, und ein Almosen erwartet. Recht schön ist seine Not ausgedrückt, wie er so die blinden Augen auf seine ausgestreckten Hände heruntersenkt, als wenn er sagen wollte: ‚Noch habe ich heute nichts bekommen.‘ Und der Große scheint mir Achilles zu sein, wie er aus seinem Zelte heraustritt.“ Gotthold bejahte mit Schweigen. „Sehn Sie“, fuhr jener fort, „wie ich die Gemälde gleich erkenne, wenn sie nur im richtigen Charakter aufgefaßt sind. Es ist aber viel, daß die beiden Herren in der Kunst so treffliche Sachen leisten können.“

Adelheid und die Mutter entfernten sich wieder, die letztere darüber empfindlich, daß ihr Gemahl die Bilder heute ganz anders gedeutet habe, und daß Gotthold ihm darin recht gegeben, der sie gestern, wenn sie ihn auch nicht verstanden hatte, doch mit andern Namen belegte. Adelheid suchte ihr einzureden, daß die eine Figur wirklich Achilles sei genannt worden; sie glaubte dies endlich, nur Belisar und Dativ schien ihr zu weit auseinanderzuliegen, und sie meinte zuletzt; der biederherzige Römer möchte nicht ganz unrecht haben, daß er in Ansehung des Vokativ sich getroffen gefühlt, und es wären wohl noch mehr boshafte Anspielungen in jener Rede und den Bildern verborgen.

Librarians United, 2017

Bilder: via Librarians Unite, 2017.

Soundtrack: Harald Juhnke: Ick liebe dir, ick liebe dich, 1987:

Ick lieb nich uff den dritten Fall,
ick lieb nich uff den vierten Fall,
ick lieb uff alle Fälle.

Bonus Track: Tom Waits: Russian Dance, aus: The Black Rider, 1993,
verfilmt von Mikhail Segal an der staatlichen Filmhochschule Moskau (der ältesten der Welt) 1996:

Written by Wolf

27. September 2019 at 00:01

Nachtstück 0022: Zu schweigen beginnen

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Update zu Break in college sick bay und
Es endet ohne Schlusspunkt.:

Du kannst thun was du willst: aber du kannst, in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens, nur ein Bestimmtes wollen und schlechterdings nicht Anderes, als dieses Eine.

Arthur Schopenhauer: Die beiden Grundprobleme der Ethik:
Ueber die Freiheit des menschlichen Willens, Ueber das Fundament der Moral, 1841.

——— Erich Fried:

Meer

aus: Warngedichte, Abschnitt 4 Kampf ohne Engel, Hanser, München 1964:

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes
einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen
nur Meer

Nur Meer

Jörg Oestreich, After the Storm, 17. Juli 2019

Bild: Jörg Oestreich: After the Storm, 17. Juli 2019.

Soundtrack: Die Moulinettes: Immer nie am Meer, 2001, in: Immer nie am Meer, 2007:

Written by Wolf

20. September 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Die Mondfrau sang im Boote

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Update zu Take Five:

Einst kannte ich eine Klavierspielerin namens Else. Wenn man sie eine Klavierspielerin nannte, wies sie einen zurecht, weil sie Studentin der Musik mit Schwerpunkt Klavier war, und Else hieß sie nur im Internet.

Wilde Rose, 14. Dezember 2000Mir war beides egal, weil Musikstudentinnen mit Klavierschwerpunkt ganz sicher mehr pro Tag mehr Klavier spielen als ich im ganzen Leben, und der name „Else“ ging klar, weil die Auswahl „Ikearegal“ gewesen wäre. Was Wunder, dass ihr Lieblingsgedicht Mein blaues Klavier von Else Lasker-Schüler war.

Else „Ikearegal“ war Bauchfetischistin und wusste zu schätzen, wenn man ihr wenigstens theoretisch Gedichte schreiben konnte, in denen ihr Name vorkam und die sich reimten, so war das mit ihr. Indem ich weder einen Bauch von nennenswerter Schönheit oder Größe noch Gedichte im Ton Else Lasker-Schülers vorzuweisen hatte, wurde nichts Näheres aus uns, und das ist gut so. Ansonsten war sie ein angenehmer Umgang voller menschlichem Wohlwollen und gebildetem Esprit; eine Zwanzigjährige, die mit solcher Bestimmtheit den Finger auf Dichterinnen ihres Vorzugs legen kann, muss man erst mal finden und eine Spanne des sozialen Umgangs, in deren Zyklus man sich ein-, zweimal zum Geburtstag und zu Weihnachten etwas schenken muss, festhalten.

Else Lasker-Schüler besaß bis tief ins erwachsene Alter, in dem sie ihren letzten Gedichtband ebenfalls Mein blaues Klavier nennen konnte, ihre Kinderspielzeuge, darunter ein blaues Puppenklavier. Hinreißend putzig ist natürlich die „Klaviatür“, aber ich werde mir im Leben nicht mehr mit mir einig werden, ob der Kasusfehler im letzten Satz zeitbedingt, reimgeschuldet oder Teil der Gedichtaussage sein soll.

——— Else Lasker-Schüler:

Mein blaues Klavier

aus: Neue Zürcher Zeitung, 7. Februar 1937,
gesammelt in: Mein blaues Klavier — Neue Gedichte, Jerusalem Press Ltd., Jerusalem 1943:

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielen Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür …..
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.

Blaues Klavier via JustMovies

Bild: die wilde Rose Else, 14. Dezember 2000;
via gelöschtes Radio-Feature, via JustMovies, 13. Dezember 2015.

Soundtrack: Frank Mills: Music Box Dancer, 1974, aus: Music Box Dancer, 1979.
Leider muss ich dazu stehen, dass ich diese unsägliche Schnulze ganz gern mag:

Bonus Track: Dasselbe nochmal mit einem Text von Peter Orloff, was das Schlimmste verheißt, und dargeboten von Marion Maerz. Das Schlimme ist allerdings nicht der — jawohl, es war möglich — abermals erhöhte Schnulzenfaktor, sondern dass der kleine alte Musikus eine Goldene Schallplatte hat. Es dürfte ruhig um einen gehen, der eben gerade mit seinem Geklimper ein Leben lang erfolglos bleibt, aber Orloff war nie Ringsgwandl, und selbst der hat 1979 noch keine stillen Helden und Loser gefeiert, sondern Medizin studiert. Erfolglose Musiker gewinnen weder mit 30 noch mit 60 endlich ihre Goldene Schallplatte, um es doch noch allen zu zeigen, wie einschlägige „Du kannst alles schaffen“-Geschichten nahelegen. Wer zu cool ist, um das auszuhalten, kann ja gern weiter die Babyshambles hören, sich einen Wilhelm-Busch-Bart wachsen lassen und mit einem MacBook in einem Veganercafé ein Startup für irgendwelche Solutions gründen:

Und ein kleiner Mann, der sitzt in seiner Ecke ganz still
und freut sich so, dass jeder gern sein Lied hören will.

— auch wider „dem“ Verbote.

Written by Wolf

13. September 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse

So säumet denn, ihr Freunde, nicht, die Würste zu verspeisen

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Update zu Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!
und Romantische Bieronie (Dei Ironiezeigl konnst sejwa saffa):

Da, wo ich herkomme, wird allenfalls zur Kirchweih so ein Tumult um das Schlachten seiner Mitkreaturen gemacht. Ludwig Uhland war aus Schwaben und zur Zeit seines Metzelsupenlieds 26 Jahre alt. Das ist so jung, da darf man seine siebenzeiligen Strophen sogar noch mit einer ungereimten Waise abschließen (Reimschema ABABCCX).

Laut Uhlands Tagebuch entstand das Lied unter dem Arbeitstitel Verse über die Abschlachtung eines Schweins ab 26. Januar 1814 in Tübingen anlässlich eines musikalischen Abends beim befreundeten Komponisten Friedrich Knapp, tags darauf weitere Verse. Die Uraufführung war eine Vorlesung im selben Knappschen Kreis am 16. Februar 1814.

Der Text redet dem Fleischverzehr und dem Antisemitismus das Wort — viel gesammelt wird es wohl nicht mehr; die aufwändig belustigende, aber undistanzierte Illustration stammt von 1930. Metzelsuppe in ihrer Bedeutung als Ritual oder als Nahrung findet in den Gegenden, die tradtioneller Weise noch Wert auf dergleichen legen, ganzjährig statt; um sie außerhalb einer dörflichen Feierlichkeit in einem Gedicht zu feiern, an dem man mehr als einen Tag lang sitzt, muss man wohl über einen nicht allein sehr hungrigen, sondern künstlerisch orientierten Freundeskreis verfügen. Immerhin scheint es, der junge Ludwig Uhland war ein glücklicher Mensch.

——— Ludwig Uhland:

Metzelsuppenlied

gesammelt in Gedichte 1815, Seite 72 f.:

Wir haben heut nach altem Brauch
Ein Schweinchen abgeschlachtet;
Der ist ein jüdisch eckler Gauch,
Wer solch ein Fleisch verachtet.
Es lebe zahm und wildes Schwein!
Sie leben alle, groß und klein,
Die blonden und die braunen!

So säumet denn, ihr Freunde, nicht,
Die Würste zu verspeisen,
Und laßt zum würzigen Gericht
Die Becher fleißig kreisen!
Es reimt sich trefflich: Wein und Schwein,
Und paßt sich köstlich: Wurst und Durst,
Bei Würsten gilt’s zu bürsten.

Auch unser edles Sauerkraut,
Wir sollen’s nicht vergessen;
Ein Deutscher hat’s zuerst gebaut,
Drum ist’s ein deutsches Essen.
Wenn solch ein Fleischchen, weiß und mild,
Im Kraute liegt, das ist ein Bild
Wie Venus in den Rosen.

Und wird von schönen Händen dann
Das schöne Fleisch zerleget,
Das ist, was einem deutschen Mann
Gar süß das Herz beweget.
Gott Amor naht und lächelt still,
Und denkt: nur daß, wer küssen will,
Zuvor den Mund sich wische!

Ihr Freunde, tadle Keiner mich,
Daß ich von Schweinen singe!
Es knüpfen Kraftgedanken sich
Oft an geringe Dinge.
Ihr kennet jenes alte Wort,
Ihr wißt: es findet hier und dort
Ein Schwein auch eine Perle.

Ludwig Uhland, Metzelsuppenlied, Die fidele Kommode, 1930, Seite 134

BIld: Ludwig Uhland: Metzelsuppenlied, in: Die fidele Kommode. Siebenhundert Jahre deutscher Humor. Ein kurzweiliges und scherzhaftes Album deutscher Humordichtung mit vielen hundert lustigen Reim-Episteln und launigen Versstücken, Fikentscher Verlag, Leipzig 1930, Seite 134; ex libris MTP, via Michael Studt, 5. Juni 2019.

Soundtrack: eins der wenigen, zum nachhaltigen Volksgut gewordenen Highlights
von Wilhelm Hauff: Reiters Morgenlied (Alte Soldatenweise),
aus: Kriegs und Volkslieder. Stuttgart, in der Metzlerschen Buchhandlung, 1824, Seite 84,
für fränkische Belange bearbeitet von der Frankenbänd, 2005, live in der Nürnberger Katharinenruine 2012:

Written by Wolf

6. September 2019 at 00:01

Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!

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Update zum 1. Katzvent: Im Bewusstsein seines Wertes sitzt der Kater auf dem Dach
und 4. Katzvent: Hier liegt ein Kater der schönsten Art:

Oskar Kokoschka, Paul ScheerbartEs lohnt sich einmal wieder, ein vollständiges — im übrigen gemeinfreies — Buch in einen einzigen Link zu fassen: die Katerpoesie von Paul Scheerbart 1909, weil sie einen Heidenspaß macht. In der Erstauflage hieß die Sammlung noch Kater-Poesie, in der zweiten bis vierten Auflage ohne Trennung. Alle folgenden sind posthume Neuauflagen, die Urfassung bleibt schwer aufzutreiben.

Dabei sollte Scheerbart weiterhin neu aufzulegen eine Bereicherung für den Buchhandel wie für die letzten verbliebenen Lyrik-Konsumenten sein: Im Regal stünde er gleich neben Ringelnatz, macht aber nicht die ewig besinnlichen Trauriger-Clown-Späße wie Morgenstern. Wenn wir mit der Lyrik durch sind, wenden wir uns an die Romane — etliche davon in kenntnisreicher Science-Fiction — und die brillanten Auslassungen über Glasarchitektur. Bislang sind die meisten Fans verstorben, unter ihnen Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam und Walter Benjamin, ein überlebender hat ihm eine engagierte, quicklebendig benutzbare Website gebaut. Aufgefordert dürfen sich gerne Verlagsgrößen wie Diogenes, Rowohlt und Verbrecher fühlen. Reclam, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit schon angefangen hat, ginge klar.

Als praktischer Hinweis sind wir Postmodernen in der gesegneten Lage, dass „antiquarisch erreichbar“ meistens gerade mal einen einzigen Klick mehr auf Amazon.de bedeutet, der dann als Unterstützung von Kleinhändlern (und Medimops) nur noch halb so böse ist wie aufs amazon-eigene Sortiment. Der persönliche Tipp: booklooker.de. Der Profitipp: übergreifende Suche auf eurobuch.de — die meistens doch wieder bei booklooker.de rauskommt.

Der Aficionado-Tipp: Das Katerpoem Die großen Flammen ist siebenzeilig.

——— Paul Scheerbart:

Katerpoesie

Rowohlt, Paris/Leipzig 1909,
Fassung der 2.–4. Auflage, Rowohlt, Berlin ab 1920:

Morgentöne

Cover Paul Scheerbart, Kater-Poesie, 1909Guten Morgen! schreit das Menschentier;
Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier.

Guten Morgen! schreit auch der Tyrann;
Früh fängt Er zu regieren an.

An den Weltrand will ich heute gahn;
Dort will ich einmal Fliegen fahn.

Guten Morgen! schreit der Kriegersmann;
Ach, der ist immerzu im Tran.

Guten Morgen! schreit man dort und hier;
Und meine Uhr schlägt schon halb vier.

Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier;
Guten Morgen! schreit das Menschentier.

Paul-Scheerbart-Vignette

Hopp! Hopp! Hopp!

Hopp! Hopp! Hopp! Mein süßes Pferdchen!
Hopp! Hopp! Hopp! Wo willst du hin?

Über jene hohe Mauer?
Ach, was kam dir in den Sinn?

Hopp! Hopp! Hopp! Mein süßes Pferdchen!
Hopp! Hopp! Hopp! Wo willst – Du – hin?

Paul-Scheerbart-Vignette

Ich hab ein Auge …

Ich hab ein Auge, das ist blau.
Mir gestern Abend geschlagen.

Ich schrie fünfhundertmal „Au! Au!“
Was wollt ich damit sagen?

Ich weiß es heute selber nicht;
Ich hab ein Heldenangesicht.

Paul-Scheerbart-Vignette

Delirium! Delirium!

Ein Décadencebild

Alte Knaben sitzen auf den leersten Tonnen,
Und die Nächte siegen über alle Sonnen.
Hinten nagen unsichtbare weiße Mäuse
An dem bös zerbeulten großen Hirngehäuse.
Hör doch, wie die ganze Schädelhöhle quarrt!
Ist die alte Rinde »wirklich« noch so hart?
Alles geht zu Ende – auch der dickste Kopf!
Ach, die weißen Mäuse haben dich am Schopf!
Glaubst du, Läuse sitzen bloß in deinem Puder?
Nein, du bist ein unverschämtes dummes Luder,
Und die Frechheit kommt in erster Reihe ran.

Paul-Scheerbart-Vignette

Die große Sehnsucht

Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
Und ich möchte weinend niedersinken –
Und dann möcht ich wieder maßlos trinken.

Paul-Scheerbart-Vignette

Rixráx, der Sonnenbruder

Rixráx, was willst du?
Ich stopfe den Mond
In meine Riesenkanone.
Rixráx, was willst du?
Ich schieße den Mond
Wie eine Riesensaubohne
Hinaus in die ewige Nacht;
Das hat noch keiner gemacht.
Rixráx, was willst du?
Was? Du willst eine Sonnenkanone
Und eine Milchstraßenkrone?
Brüderchen, geh doch nach Haus!
Sei friedlich und schlaf dich aus!
Alter Sonnenbruder!

Paul-Scheerbart-Vignette

Vernünftige Devise

Trinke, wenn du trinken willst,
Nie mit deinen Kameraden –
Sonst wird dir der schönste Suff
Leider überall nur schaden.

Paul-Scheerbart-Vignette

Dicker roter Mond

Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Über dem dunkelgrünen Myrtentor
Thront ein dicker roter Mond. –
Ob es später wohl noch lohnt,
Wenn man auf dem Monde wohnt?
Über dem dunkelgrünen Myrtentor?
Wär’s nicht möglich, daß uns drüben
„Längre“ Seligkeiten küßten?
Wenn wir das genauer wüßten!
Hier ist alles zu schnell aus.
Jeder lebt in Saus und Braus.
Wem das schließlich nicht gefällt,
Hält die ganze große Welt
Auch bloß für ein Narrenhaus!
Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Alter Mond, ich lach dich aus!
Doch du machst dir nichts daraus!

Paul-Scheerbart-Vignette

Frage

Meine ganze Welt ist kantig,
Und die Bäume sind verrückt.
Sage, Wilhelm, sage, Sauhirt,
Warum gehst du so gebückt?

Paul-Scheerbart-Vignette

Die Welt ist laut …

Die Welt ist laut,
Und ich bin still!
Erloschen sind die Flammen.

Ich kann nicht mehr,
So wie ich will!
Den Rausch muß ich verdammen.

Die Welt ist laut,
Ich möcht so viel!
Doch bring ich’s nicht zusammen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Grausamkeit

Der König saß auf seinem Thron
Und sagte: „Lieber guter Sohn,
Hast du das Gift genossen?
Genieß es schleunigst unverdrossen!“

Paul-Scheerbart-Vignette

Indianerlied

Murx den Europäer!
Murx ihn!
Murx ihn! Murx ihn!
Murx ihn ab!

Paul-Scheerbart-Vignette

Sei sanft und höhnisch!

Charakter-Cyklus

Charakter ist nur Eigensinn;
Ich bin mit mir zufrieden.
Ich geh nach allen Seiten hin;
Wir sind ja so verschieden.

Geht mir mit der Quälerei!
Sie macht wirklich kein Vergnügen;
Mir kann nur die Wurschtigkeit
Toll und voll und ganz genügen.
Was wie ein Schienenpaar zerfahren ist,
Das ist noch härter als der Antichrist.

Ich möcht am liebsten meine Tinte
Dem Menschenvolk ins Blutgeäder spritzen.
Ich will mich bloß nicht so erhitzen.

Glaube mir:
Ich streichle dir
Die zarten vollen Wangen.
Glaube mir:
Ich hab nach dir
Wahrhaftig kein Verlangen.
Ich will dir immer gut sein!
Bleibe mir nur ewig fern
Wie der stille Abendstern.

Ich hab die ganze Nacht gelacht –
Natürlich – nur im Traume!
Jetzt bin ich endlich aufgewacht –
Natürlich – noch im Raume!
Ich kann nun nicht mehr lachen!
Was soll ich also machen?
Weiterwachen?

Sei klein – dann ist die Welt so groß!
Sei schwach – dann ist die Welt so stark!
Sei dumm – dann ist die Welt so klug!
Sei stumm – dann ist die Welt so laut!
Sei arm – dann ist die Welt so reich!

Reimerei und Schweinerei!
Mir ist alles einerlei!
Alte Katzen sind nicht blöde.
Aber jene Untermenschen,
Die ich täglich braten möchte,
Machen mir die Welt so öde.
Mir ist alles einerlei!

Mensch, sei frei!

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

Freche Fratze,
Deine Glatze
Ist nicht alt,
Auch nicht jung,
Bloß voll Dung,
Hast du bald
Dung genung?

Die Eitelheit, die Eitelkeit –
Die steckt ja wohl im Narrenkleid.
Doch bei den steifen ernsten Leuten –
Da steckt sie unter allen Häuten.

Der Nebel meiner Lebensqual
Ist dunkel, trüb und fett.
Ich liege still zu Bett.

Fahrig, lax, frivol und wischig
Ist die große Alterskunst –
Gräßlich ist der ganze Dunst.

Doch die stillen Flaggenstöcke –
Freunde, die laßt stehen,
Wenn auch die Spektakelfeste
Lichterloh vergehen.

Die Flaggenstöcke gingen tief
In unsre alte Erde ‚rein.
Wir aber gingen immer schief –
Im Sonnen- wie im Mondenschein.

Alte böse Menschen schimpfen
Über meine Lustigkeit.
Und das ist doch weiter nichts als
Alter, dunkelgelber Neid.

Du kindische Kröte,
Dich quetsch ich zu Brei.
Ich mag doch nicht hören
Die Mopslitanei,
Die sich lustig macht
Über den, der lacht.

Ich schmiß einen Menschen zum Fenster hinaus –
Natürlich – nur im Traume!
Ich fragte höflich die Mama:
Wozu ist das Männchen da?

Was denkt sich denn der junge Fant?
Ich liebte nie mein Vaterland.
Das tun ja schon so viel Soldaten!
So selbstgefällig bin ich nicht!

Lieber süßer Kannibale,
Liebst du meine Tante Male?
Friß sie auf – sie ist gesund –
Ihre Welt wird ihr zu bunt.

Klarheit wollt ihr?
Dicke Klarheit?
Seid ihr echte Untermenschen?
Wollt ihr nicht den kummervollen
Rausch der Ewigkeit umhalsen?
Wollt ihr nicht den götterhaften
Allempfindungsdünkel kosten?
Aber nein: ihr seid gescheidter;
Eure Sehnsucht will ins Bettchen,
Denn der liebe Sandmann kam.

Ich weiß, was ich begehrte;
Nie klar wird das Verklärte.

Mit den Ketten will ich rasseln,
Daß das Trommelfell euch platze!
Es erblüh in euern Dasseln
Alles Glück in einem Satze.

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.
Breite Nachtkapuzen,
Ich will euch nur uzen!
Keiner sticht euch tot!
Alles ist im Lot!

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

Charakter ist nur Eigensinn.
Es lebe die Zigeunerin!

Schluß!!

Paul-Scheerbart-Vignette

Ruhmeslied

Meine Welt ist nicht von Pappe!
Dieses sag ich dir im Traum!
Trägst du eine Narrenkappe,
Trag sie unterm Lorbeerbaum!

Paul-Scheerbart-Vignette

Wanderlied

Wie weit der Weg!
Im tiefen Tale glänzt
Der Tau der letzten Sommernacht.
Wie weit der Weg!
Im hohen Weltall glüht
Der großen Sonnen Glück so heiß.
Wie weit der Weg!
In tollen Köpfen kreist
Die Schöpferkraft des ganzen Alls.

O still! Zum Ziel!
Es wird zu viel!

Paul-Scheerbart-Vignette

Fliegenlied

Fliege, fliege, kleine Fliege!
Fliege, fliege in die Wiege!

Siege! Siege!

Paul-Scheerbart-Vignette

Donnerkarl, der Schreckliche

Ein Heldengedicht

Reich mir meine Platzpatronen,
Denn mich packt die Raserei!
Keinen Menschen will ich schonen,
Alles schlag ich jetzt entzwei.
Hunderttausend Köpfe reiß ich
Heute noch von ihrem Rumpf!
Hei! Das wilde Morden preis ich,
Denn das ist der letzte Trumpf!

Welt, verschrumpf!

Paul-Scheerbart-Vignette

Ein Säufertraum

Ich war im Traume betrunken
Und sah ein altes Kamel,
Das war zu Boden gesunken –
Es lachte – bei meiner Seel!

Und bald lag mein ganzes Genie
Neben dem lachenden Vieh.
Der Himmel lachte über mir,
Und ich trank immer noch für Vier.

Mein Kamel kam nicht zu kurz dabei;
Ich ließ es trinken fast für Drei.
Dies war meine schönste Zecherei;
Ich fühlte mich so groß und frei.

Ich trinke – bei meiner ewigen Seele! –
Nur noch mit einem alten Kamele.
Mit Menschen trinken ist der größte Kohl –
Kamele nur verstehn den Alkohol.

Paul-Scheerbart-Vignette

Gemeinplatz

Ich lobe mir die Freiheit auf den Gassen,
Jedoch das Weib soll man zu Hause lassen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Abschiedslied

Fahr wohl, du alte Schraube!
Mir warst du sehr egal.
Mir schmeckt die Lebenstraube,
Und dir ist alles Qual!
Tu immer, was du wolltest;
Ich stör dich nicht dabei.
Ich weiß nicht, was du solltest;
Ich laß dich gerne frei.
Und wenn du wieder grolltest,
So wär’s mir einerlei.
Schrei nur, mein Liebchen, schrei!

Paul-Scheerbart-Vignette

Ermitage

Die Maske der Betrunkenheit hab ich nun abgelegt!
Ich bin allein – und tue, was ich wollte.
Wer jemals über Albernes sich kindlich aufgeregt,
Der weiß nun endlich, daß ich stets ihm grollte.
Ich lächle nur und lächle immer wieder – wieder!
Mir hängt die Luft voll kreischend-toller Jubellieder!

Paul-Scheerbart-Vignette

Notturno

Ich liege ganz still.
Der Nachtwind rauscht leise vorbei.
Eine große Sehnsucht zieht mich noch tiefer.
Diese Sehnsucht – nach – ich weiß nicht was!
Das macht so traurig.
Ich möchte – ich weiß nicht was!
Ich denke an ferne, ferne Zeiten …

Paul-Scheerbart-Vignette

Das gute Schaf

Ein erschöpfendes Gedicht

Du bist mein Schaf;
Ich bin dir niemals böse.
Und er ist baff;
Er schaut ins Weltgekröse.

Du bist mein Schaf,
Erlöse ihn, erlöse
Auch mich von dem Getöse
Der auferstandnen Jugendzeit;
Sie steht vor mir im Leichenkleid.

Paul-Scheerbart-Vignette

Säulenlied

Ich steh auf meiner Säule
Und schau ins weite Meer.
Ich höre dein Geheule
Und wundre mich nicht mehr.
Ich steh auf meiner Säule
Mir wird mein Herz nicht schwer.

Paul-Scheerbart-Vignette

Schlußweisheit

Wer sich mit Anderen verbindet,
Auf Erden niemals Ruhe findet.

Paul-Scheerbart-Vignette

Moderner Gassenhauer

Der Eremit ist dick und groß;
Er haßt die Nebenmenschen bloß.
Er liebt nur seine Klause
Und bleibt daher zu Hause.
Die ganze Welt ist ihm Pomade.
Die Nebenmenschen sagen: schade!
Das aber rührt den Teufel nicht.
Hat er nur stets sein Leibgericht,
So ist ihm alles piepe –
Der Haß und auch die Liepe.

Paul-Scheerbart-Vignette

Groglied

In meinen Adern brennt der stramme Grog;
Pompöser Kohl durchrast mein Eingeweide.
Die kalte Nase steckt im Weltgehirn;
Die heißen Hengste führ ich auf die Weide.
Jetzt, Erdenbürger: Leide! Leide! Leide!

Paul-Scheerbart-Vignette

Hobelphantasie

Mir klappern alle Zähne;
Der alte Brei der Welt ist dick.
Doch lange Wunderspäne
Umringeln all mein Mißgeschick.

Paul-Scheerbart-Vignette

Abendtöne

Wozu mich mein Schuh drückt?
Das willst du wissen?
Leg dich nur ruhig
Auf dein Ruhekissen;
Es wird zum Luftballon.
Mit dem gehst du davon.
Und deine Locken –
Die werden klingen;
Du sollst mit ihnen,
Da sie rot sind,
Die gelben Sterne umschlingen!
Ach ja, dein verfluchter,
Alter, dammlicher Luftballon
Wird dich weit bringen.
Durch die alte Türe,
Die so herrisch knarrt,
Kommt der Ofenmann
Mit vielen schwarzen Bechern,
Die so traurig sind wie schwarze Briefe.
Na – was will denn der Ofenmann?
Will er den alten Zechern
Die letzten Tropfen schenken?
Der Ofenmann hat kurze Beinchen;
Sein Leib ist ein großes viereckiges Steinchen.
Und auf dem Steinchen sitzt ein Wachskopf –
Der geht natürlich ganz entzwei,
Denn der Ofen ist ja warm.
Und die schwarzen Becher fallen
Diesem alten Ofenmann
Aus den schwarzen alten Händen
Auf die stillen weißen Dielen.
Und der Wein macht die Dielen naß.
Das macht den Zechern Spaß.
Die Beinchen des Ofenmanns
Brechen entzwei.
Und der schwarze Ofen
Steht an der Wand – wie einst.

Paul-Scheerbart-Vignette

Die großen Flammen

So nehm ich denn die Finsternis
Und balle sie zusammen
Und werfe sie, so weit ich kann,
Bis in die großen Flammen,
Die ich noch nicht gesehen habe
Und die doch da sind – irgendwo
Lichterloh …

Paul-Scheerbart-Vignette

Eine Lichthetäre

Wie ein Lichtstrahl war ich einst,
Zuckte hin und her
Durch die Weltenpracht
In dem Äthermeere.
Quintillionen Wettersterne
Hab ich prickelnd angeblickt.
Oh, ich war geschickt –
Eine Lichthetäre.

Paul-Scheerbart-Vignette

Alter Spaß

Ja – meine Sonnenkälber
Sind mit Öl begossen,
Sind naß wie Badelaken
Und erweichte Schrippen.
Ich weiß mit diesen feuchten
Märchenweltschleimtieren
Nichts anzufangen – nichts.
Solche alten Späße
Sind doch eigentlich abscheulich.

Paul-Scheerbart-Vignette

Hafentraum

Ich hab in dieser ganzen Nacht
Still wie ein Stall geschlafen.
Ich hab in dieser ganzen Nacht
Geträumt von tausend Schafen.

Sie waren alle dick und rund,
Ich aber war nicht ganz gesund,
Ich kam allmählich auf den Hund;
Es war in einem Hafen.

In diesem Hafen trank ich viel
Mit großen Welt-Matrosen,
Die spielten Handharmonika
Und mit den tausend Schafen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Ingrimm

Eine wilde Fratze
Muß ich schneiden,
Denn dies Leben
Macht mir keinen Spaß.
Oh, ich möchte nur
Ein altes Rabenaas
Mit verrückter Wollust
In zehntausend Stücke reißen,
Und dann möcht ich
Hübsche Mädchenköpfe
Balsamieren mit verfaultem Tran
Oder andrer ekler Flüssigkeit.
Und dann möcht ich
In den Himmel springen
Und die Sterne fressen
Und zuletzt:
Den ganzen Lebensunsinn
Ohne weiteres vergessen
Und als Ätherwolke
Traumlos weiterschweben.
Dieses, glaub ich, wird mir
Noch einmal gelingen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Der lachende Engel

Wie war’s doch nur?
Im Himmel schwebten
Große blanke Diskusscheiben –
Auf denen drehten sich blutrote Nüsse.
Doch alles schlug ein böser Geist entzwei.
Ein Engel lacht dazu
Und spritzt mit Vitriol.
Jawohl! Jawohl!

Paul-Scheerbart-Vignette

Die Zappelpappeljöhre

Mal ist mir alles astral
Und mal so ganz egal.
Ich kenne den längsten Strahl
Und auch das Jammertal,
Wo ich beinah nicht hingehöre.
O du Zappelpappeljöhre!

Paul-Scheerbart-Vignette

Die alte Laube

Ich habe so viel vergessen.
Ich weiß nicht mehr
Woher ich komme.
Ich saß in einer Laube
Von großen grünen Smaragden;
Sie schimmerten wie Glühwurmlicht.
Mehr aber weiß ich nicht.
Es war ganz hinten im Raume
Und fast wie in dem Traume,
Der uns der allerliebste ist.

Paul-Scheerbart-Vignette

Ach ja!

Ach ja! Jetzt weiß ich’s ganz genau!
Von Max und Moritz kam ich her!
Die lagen in einem Syrupmeer
Und waren blöde wie der große Stier.
Es kam ein Strahl durch das Revier
Und hüpfte mit uns Dreien.
Das sollte uns bald entzweien.
Nach jenem Trubel durft ich endlich
So selig ruhen auf dem Zuckersterne,
Der mir aus allen seinen Kratern
Ein glückliches Vergessen dampfte.

Paul-Scheerbart-Vignette

Singende Schlangen

Ich war schon wo,
Da ging es wüste zu;
Ich hatte weder Hemd noch Schuh,
Nur grüne Schlangen
In beiden Händen.
Ich konnte mich nicht drehen
Und nicht wenden.
Doch viele Beutelsterne
Drehten sich um meine Arme
Und sahen aus
Wie schlaffe Luftballons.
Die Schlangen aber sangen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Der Frack-Komet

Ich lebte vor langer langer Zeit
In einem Raume,
Der ganz voll Licht war;
Es leuchteten wohl sämtliche Atome.
Und da kam plötzlich
Eine schwarze Sonne an,
Die schwarze Strahlen
Durch das Lichtreich sandte.
Die schwarzen Strahlen waren kühl
Und kühlten auch meinen heißen Leib,
Der selbstverständlich nicht
Aus dicken Stoffen sich zusammensetzte.
Nun brach sich jenes schwarze Licht,
Das ganz besondre Qualitäten zeigte,
In meinem heißen Leibe so,
Daß ich einen –
Schwarzen Schweif bekam;
Und spalten tat sich dieser Schweif
Und sah beinah so aus
Wie jene langen Streifen,
Die sich an Menschenfräcken
Unter den Händen
Fleißiger Schneider bilden.
Ich ward in jener alten alten Zeit
Ein Frack-Komet.
Ob sich für unsre Erde
Noch mal Kometen
Sichtbar machen könnten –
In Frackform?

Von Berliner Stammtischen. Die Modernen an ihrem Stammtisch in einem Café des Westens, v. l. n. r.: Anna Scheerbart, Samuel Lubkinski, Salomo Friedlaender, P. S., Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden, via Markus Fognin Feuerstack

Bilder: Cover der Erstausgabe Kater-Poesie, Rowohlt 1909, via Wikimedia Commons;
Vignette: Otto Kokoschka: Portrait Paul Scheerbart; Von Berliner Stammtischen: via Markus „Fognin“ Feuerstack: Fotos Paul Scheerbart, alle ohne Jahr:

Die „Modernen“ an ihrem Stammtisch in einem Café des Westens. Scheerbart und Freunde im „Café des Westens“, v. l. n. r.: Anna Scheerbart, Samuel Lubkinski, Salomo Friedlaender, P. S., Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden

Ideales Katerlied: Cerys Matthews: Chardonnay, aus: Cockahoop, 2003:

Written by Wolf

30. August 2019 at 00:01

Dornenstück 0001: Jesus liebt euch alle

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Update zu Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten: denn Er ist nicht!:

Gestern haben wir den Günter († 52) begraben.

——— Günter „Jack“ Eckl:

J 16. 1 96

16. Januar 1996:

     Ich spiele gerade mit dem Gedanken,
     „Mein bestes Stück“ in Gips gießen zu lassen,
um der Nachwelt etwas zu hinterlassen,
     worauf sie stolz sein kann.
Erst dann dürft ihr mich
          in die Urne packen,
               und meine Asche anbeten.

Peter-Scheerbart-Vignette

J 16 1 96

16. Januar 1996:

Blauschimmernd thront der Morgen vor meinem Fenster,
     nicht unglücklich, nein, unnachgiebig,
          Zigarettenqualm entsteigt dem marmornen Aschenbecher,
               Starker, schwarzer Kaffee ergießt sich
                    in die Tasse…

Warum können Morgen
          nicht immer so ablaufen?

Im ganzen Haus ist es still,
     im Radio hört man leichte,
          unaufdringliche Musik
               ohne Ecken und Kanten,
                    einfach nur da,
                         um gespielt und im Vorbeigehen
                              gehört zu werden…

Warum können Morgen
          nicht immer so ablaufen?

Draußen auf den Straßen
                    begrüßen sich wildfremde Menschen,
               ein Selbstmord wird in diesen Stunden
                              nicht verübt,
junge Leute helfen Senioren über die Straße,
                    keine Vergewaltigungen, keine Morde,
                         keine Überfälle, keine ausländerfeindlichen Übergriffe,
                    keine willkürlichen Polizei-Einsätze, kein Ärger,
                         einfach nur…
                              ein blauschimmernd
                                        schöner Morgen…

Warum können Morgen
          nicht immer so ablaufen?

Peter-Scheerbart-Vignette

J 1 3. 96

13. Januar 1996:

Zuviel thront oben in der großen Schwärze,
               oder zu wenig…
          ich weiß es nicht
die Mischung stimmt einfach noch nicht,
          wie der Melitta-Mann jetzt sagen würde.
Meine Zahnbürste vereint sich mit Zahnweiß,
          meine verstorbene Tochter
                         braucht noch nicht mal mehr das,
          die Musik umarmt mich,
                    so gut sie kann,
          selbst Helmut trägt in diesen Zeiten
               Lack- oder Gummi-Unterwäsche,
was soll diese Welt noch?
               Wo stecken die Innovationen,
          Wo bleibt der letzte Kick?
Wer befreit die letzten Sklaven der Vernunft
                    endlich aus ihren notdürftig eingerichteten
Kapitalisten-Herbergen?
Wer fackelt endlich das Oktoberfest
                    pünktlich ab?
Wer buddelt wieder die Gräber zu
          die man für eine verstörte, verunsicherte
               zutief verängstigte Jugend
                    bereits ausgebuddelt hat?
Was soll diese Welt?
     Was soll diese Zeit?

                    Zerstört die Uhr der Zeit,
                         sie wirkt so unnatürlich
natürlich,
                    so billig,
                         so aufgesetzt, so inszeniert,
                              so plump, so aufgebläht.

EIn Ochsenfrosch
                              klatscht ins Wasser,
                              zu dick, unbeweglich und leer,
                         um untergehen zu können,
trockengelegte Regenwälder machen’s möglich.

Also keine Panik,
und vergeßt nicht:

Jesus liebt euch alle

Günter Jack 1967--2019

Buidl: Günter „Jack“ Eckl (* 13. Juli 1967; † 15. August 2019), Selbstportrait als Leonard Cohen;
Vignette: Paul Scheerbart.

Soundtrack: Leonard Cohen: You Want It Darker, aus: You Want It Darker, 2016:

A million candles burning
For the help that never came
You want it darker
We kill the flame.

Bonus Track 1: Johnny Cash: I Corinthians 15:55, aus: American VI: Ain’t No Grave, 2010:

Tod / wo ist deine Stachel? / Helle /wo ist dein Sieg?

Bonus Track 2: First Aid Kit: Ghost Town, aus: The Big Black and the Blue, 2010:

If you’ve got visions of the past,
let them follow you down
and they’ll come back to you someday.
And I found myself attached
to this railroad track,
but I’ll come back to you someday.

Written by Wolf

23. August 2019 at 00:01

Nicht immer klagen die Nachtigallen

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Update zu den Wanderwochen 02: Das kannst du, Knabe, nicht fassen:

Ja, es gilt jetzt stark genug zu sein, sein Weltbild umzubauen, aber der nachfolgende Dichter namens Ludwig Bechstein ist tatsächlich der Märchen-Bechstein, der oft genug in den gängigen Märchenanthologien vorkommt, dass man ins Grübeln gerät, wodurch sich seine Sammeltätigkeit eigentlich von derjenigen der Brüder Grimm unterschied, bis man zu dem Ergebnis kommt: nicht allzuviel.

Ludwig Bechstein, der letztlich doch vollends unverächtliche Weimaraner Sammler und Herausgeber von Märchen und Sagen aus ganz Deutschland, war unter vielem anderen der Neffe des Naturforschers Johann Matthäus Bechstein, der 1795 eine Naturgeschichte der Stubenvögel herausgab — 1797 gefolgt von der sehr viel folgenreicheren Naturgeschichte der Stubenthiere — herausgab. Die ornithologische Seite animierte den poetischeren (wenngleich gelernten Apotheker) Neffen Ludwig 1846 zu einer Neuen Naturgeschichte der Stubenvögel, diesmal in gereimter Form, aber nicht ohne didaktischen Anspruch, wie man allein dem für einen Gedichtband geradezu epischen Umfang von 369 Seiten anmerkt.

Ausgegraben haben dieses Kleinod die Herausgeber Robert Gernhardt und Klaus Cäsar Zehrer für Hell und Schnell 2004, worin die unten wiedergegebene Nr. 5. eins von 555 komischen Gedichte aus 5 Jahrhunderten ist — auf Seite 475 im Abschnitt Sechster Raum: Die Wunderkammer. Wunderliche und wunderbare Fundstücke aus deutschen Dichterstuben. Deshalb und auch sonst ergeht dringende Kaufempfehlung.

Der Nachweis außerhalb dieses rundum liebenswerten und aufschlussreichen Hausbuchs ergibt: Bechsteins Gedicht heißt Noch ein Nachtigallenlied, weil es nicht nur eins, sondern gar noch zwei davon gibt. Von Gernhardt und Zehrer wird das mittlere davon angeführt; hätten sie das erste genommen, hätten sie Bechsteins Fußnote dazu mitnehmen können, die mein nie ganz abwelkender innerer Linguist der besonderen allgemeinen Aufmerksamkeit übergibt: Ach ja, es ist schon ein altes Kreuz mit der schriftlichen Wiedergabe von Lautäußerungen. Das geht nicht einmal 1:1, wenn man phonetisch geschulten Ohres , ly und li unterscheidet, da kann man seine Lieder den begabten Tonsetzen überlassen, was man will.

Das soll mir mal jemand vortragen — mit Gefühl, wenn ich bitten darf. Penibel aus dem Original abgetippt:

——— Ludwig Bechstein:

4.
Ein Nachtigallenlied. *)

aus: Neue Naturgeschichte der Stubenvögel. Ein Lehrgedicht von Bechstein dem Jüngern.
Hannover. In der Hahn’schen Hofbuchhandlung. 1846. Seite 258 bis 262:

Nachtigall, Luscinia megarhynchos, Farbdruck 1958, via PicclickEs duften die Nachtviolen,
Es glüht der Sterne Pracht;
Es zucken blitzende Flammen
Durch das Fächeln der Frühlingsnacht.

Tio — tio — tio — tio — tio —
Quitio quitio quitio quio qui.

Die Nachtigall seufzet und jauchzet,
Quorror diu dlo — dlo — dlo — dlo !
Sie träumt den Traum der Liebe
In ahnenden Herzen froh.

Tzü — tzü — tzützützü — tzü zi zi
Quorr zio zio zio pi!

O tiefes unendliches Sehnen,
Du bist ein seliger Schmerz.
Du sprichst von dem Herzen Gottes
Lebendig ans Menschenherz.

Ha gürr gürr gürr quio quipio qui
Qui qui gui gigigi diodzi,

Du rufst aus Nachtigall=Liedern
Gott ist die Liebe! uns zu.
O flöte, Nachtigall, flöte
In himmelseliger Ruh!

Goll, goll, goll, goll — hi hadadoi
Higai gai gaigai gaigi./p>

*) Es ist einleuchtend, daß der Nachtigallenschlag sich mit unsern wenigen Lautzeichen nicht ausdrücken läßt, und daß jeder derartige Versuch nur entfernte Bedeutung sein kann. Aber was die Sprache der Rede nicht vermag, vermag die Sprache des Gesanges, daher seien diese Nachtigallenlieder begabten Tonsetzern empfohlen. D.V.

~~~\~~~~~~~/~~~

5.
Noch ein Nachtigallenlied.

The Nightingale Practises His Scales, from St. Nicholas Magazine, March 1917, via AbecedarianHorch wie wonneflötend in des Fliederbaumes
Mondbeglänzten Zweigen singt die Nachtigall !
Rings das heil’ge Schweigen eines Lenzentraumes
Der Natur — und einzig dieser süße Hall.

Einzig dieser Töne reiche Zauberfülle,
Die das Herz uns fesselt, die kein Wort umfaßt.
Seufzerlaut und Jubel durch die Abendstille,
Liedeswell‘ auf Welle — Ausstrom sonder Rast.

„Tiuu — tiuu — tiuui — weilst du meine Traute —
Tio — tio — tio — tio ti — küssest Rosen noch
Fern am Phrat? tio — tio — lausche meinem Laute,
Tzü — tzü — tzü — tzü — tzü züo zi: Buhle, komme doch !“

Sängerherz voll Sehnsucht steht in Glückesblüthe ;
Sehnsucht ist der Himmel, Sehnsucht nur ist Glück.
Jede Wunscherfüllung, höchste Liebesgüte
Giebt das Glück der Sehnsucht nicht der Brust zurück.

„Tsisisi — tzisisisissi — komme doch geflogen !
Wo die Liebe liebet blüht das Paradies.
Dlo — dlo — dlo — dlo — meine Braut ! Durch der Lüfte Wogen
Schwimme näher ! Quio lilüli ! Hoffnung ist so süß !“

Ja so süß ist Hoffnung auf das Glück der Liebe,
Daß das Glück der Liebe kaum der Hoffnung gleicht.
Himmelsahnungswonnen läutern unsre Triebe,
Bis des trunknen Herzens heißer Wunsch erreicht.

„Gollgollgollgollgia — hadadoi ! O weile
Freundin nun nicht länger, nahe, nahe mir !
Quigi horr ha diadiadsi ! Nahe mir, ich theile
Wonnen oder Wehe, Freundin, treu mit dir !“

Alle Wipfel schweigen, alle Blüthen Träumen,
Sanft zum Niedergange neigt der Abendstern.
Thaugefunkel regnet von den Blüthenbäumen,
Leise schütternd, segnend, haucht der Gesit des Herrn.

Lülülülü lüli — guia guia guia
Guia guia guia io io ioioioio qui —
Higaigaigaigaigaigaigai gia —
Gaigaigaigai quior ziozio pi ! —

~~~\~~~~~~~/~~~

6.
Noch ein Nachtigallenlied.

W. Heath Robinson, Wily Willy passes the night in securing a record of the song of Tetrazzini's rival, the nightingale, from The Sketch, 1908, via AbecedarianNicht immer klagen die Nachtigallen,
Nicht immer seufzet ihr Fötenton.
Lautjubelnd schmettert oft Philomele
Des Glücks Triumphlied, der Liebe Lohn !
Lü ly li la la lo didl io quia pi.

Nicht immer klagen, nicht immer trauern,
Nicht immer Thränen, nicht immer Schmerz.
Was ist die Krone der ganzen Schöpfung,
Nach Gottes Willen ? Ein frohes Herz !
Lü lü lülü ly lyly ly lilili !

Mensch, wann im Lenze Natur sich jünget,
Wann Frühlingszauber die Flur bekränzt,
Laß deine Trauer sich mild verklären,
Sei gleich der Blume, die Thau beglänzt.
Qui qui qui gü gy quü quy qui.

Wir hoffen sehnend, wir werden glücklich,
Des Glückes Blume streut goldnen Staub.
Die Monden wandeln — die Zeiten wechseln —
Oft wird die Blume der Zeiten Raub.
Tio — tio — tio — tio diodio — zozozozo zirrhahi.

Wird frühgebrochen, eh‘ wir’s erwarten ;
Ach, wann erwarten wir tiefsten Gram ?
Des Menschen Seele ist Braut des Himmels,
Oft zögert lange der Bräutigam.
Tza tza tza tza tza tza tza za za zi.

Nicht immer klagen die Nachtigallen,
Gott schuf auch Freuden der Kreatur.
Ihr Lied verschönt uns den Tarum des Lenzes,
Süß und zum Herzen spricht die Natur.
Quia quia quia quia quia quia quia gi.

Die Liebe Gottes giebt sich in Wonnen,
Giebt sich in Leiden der Menschheit kund,
Und stets erneut sie im Ring der Zeiten
So mit der Menschheit den ew’gen Bund.
Higaigaigaia gaigaigai gorr diadi.

Bilder: Nachtigall (Luscinia megarhynchos), Farbdruck 1958, via Picclick;
The Nightingale Practises His Scales, aus: St. Nicholas Magazine, März 1917,
via Abecedarian, 1. Oktober 2020 (sic);
W. Heath Robinson: Wily Willy passes the night in securing a record of the song of Tetrazzini’s rival, the nightingale, aus: The Sketch, 1908, via Abecedarian, 28. September 2017.

Heimische Singvögel: Alain Morisod & Sweet People: Et Les Oiseaux Chantaient, aus: Percé, 1979:

Written by Wolf

16. August 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte

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Update zu Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen
und And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Hermann Wögel, MS. Found in a Bottle, 1884, via Old Book IllustrationsAm spukhaftesten wirkt immer Pseudo-Nonfiction: die erfundenen Geschichten, die mit allen dramaturgischen Mitteln und unter Aufbietung aller Beweismittel so tun, als sie einer äußeren Wirklichkeit entsprächen, bis man nicht einmal mehr künstlich seine Ungläubigkeit aussetzen muss. Im Kino musste ich mal den größten Teil vom Blair Witch Project ernsthaft Händchen halten, was ich normalerweise missbillige — wie meine üblichen Kinobegleitungen vorher wissen. Schade ums Eintrittsgeld, und das nicht wegen des außergewöhnlich nervigen Filmpersonals, aber die Realität war wirklich raffiniert mit monatelangem Vorlauf als, nun ja: Realität konstruiert. Geht mir heute noch nach.

Eine frühe Spielart solcher Mockumentary bringt Edgar Allan Poe in Manuskriptfund in einer Flasche, im Original MS. Found in a Bottle, 1833: Solange er nicht auf filmische Mittel zurückgreifen konnte — und man darf annehmen, dass er es jederzeit getan hätte — versah Poe seinen phantastischen Reisebericht mit dem dokumentarischen Rahmen eines Vor- und Nachworts unter seinem Autorennamen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass man angesichts dieses durchschaubaren, weil eben nicht filmisch umgesetzten Kunstgriffs durchaus kurz ins Grübeln gerät, ob nicht doch alles wahr ist.

Die Handlung besteht aus dem angeblich vollständigen, allerdings stark punktuell verkürzten Tagebuch eines eher unsympathisch gezeichneten Dandys, der auf einer Weltreise … Nein, das Werk ist zu kurz, um es auch noch zu spoilern — aber es wird ähnlich wie der viel ausführlichere Arthur Gordon Pym 1838 aufgelöst.

Die im folgenden Auszug erwähnten „deutschen Moralisten“ bezeichnen dem versammelten deutschen Idealismus zwischen Kant und Schelling. Folgt man Poes sonstigen Figuren bis zur Morella aus der gleichnamigen Kurzgeschichte von 1835, studiert die natürlich überaus schöne und vor allem ehrfurchtgebietend gelehrte Freundin des umnachteten Ich-Erzählers genau in diese Richtung. Ganz beiläufig ist Morella aus Preßburg gebürtig und damit aus Poes amerikanischer Sicht eine der sprichwörtlich schönen und gelehrten Frauengestalten aus dem Kulturkreis des „alten Europa“. Die Herkunft aus dem heutigen Bratislava verweist zusätzlich, von Poe beabsichtigt oder nicht, auf Böhmen am Meer aus Shakespeares Wintermärchen.

Ich bringe zwei berückende Absätze aus dem MS. Found in a Bottle — einen von gegen Anfang und einen von gegen Schluss:

——— Edgar Allan Poe:

Manuskriptfund in einer Flasche

1833, übs. Arno Schmidt 1970:

Vor allen Dingen bereitete mir die Beschäftigung mit den deutschen Moralisten das hellste Entzücken; nicht etwa aus irgendeiner übelberatenen Bewunderung ihrer zungenfertigen Wahn=Witze, sondern der Leichtigkeit wegen, mit der die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte, mich in den Stand setzte, ihre Falschheit zu entdecken. Man hat mich ob dieser unfruchtbaren Trockenheit meines Geistes oft getadelt; mir einen Mangel an Einbildungskraft schier wie ein Verbrechen unterstellt; und der Pyrrhonismus meiner Ansichten hat mich allzeits in Verruf gebracht./p>

[…]

Sich von Grauenhaften meiner Gefühlslage einen Begriff zu machen, wird, wie ich annehme, völlig unmöglich sein; trotzdem überwiegt eine gewisse Neubegier, die Geheimnisse dieser schrecklich hehren Regionen zu ergründen, selbst meine Verzweiflung noch; und versöhnt mich gleichsam wieder mit dem Aspekt auch des scheußlichsten Todes. Liegt es doch auf der Hand, daß wir vorwärts stürmen, irgendeiner erregendsten Erkenntnis zu — einem niemals bekanntzumachenden Geheimnis, dessen Erreichung gleichbedeutend ist mit Zerstörung.

——— Edgar Allan Poe:

MS. Found in a Bottle

1833:

Beyond all things, the works of the German moralists gave me great delight; not from any ill-advised admiration of their eloquent madness, but from the ease with which my habits of rigid thought enabled me to detect their falsities. I have often been reproached with the aridity of my genius; a deficiency of imagination has been imputed to me as a crime; and the Pyrrhonism of my opinions has at all times rendered me notorious.

[…]

To conceive the horror of my sensations is, I presume, utterly impossible; yet a curiosity to penetrate the mysteries of these awful regions, predominates even over my despair, and will reconcile me to the most hideous aspect of death. It it evident that we are hurrying onwards to some exciting knowledge—some never-to-be-imparted secret, whose attainment is destruction.

Harry Clarke, MS. Found in a Bottle, 1833, MONTE DE LEITURAS. Blog do Alfredo Monte, 6. März 2013

Bilder: Hermann Wögel: MS. Found in a Bottle, Albert Quantin, Paris 1884;
Harry Clarke, 1833, via Para seguidores e neófitos de Poe: Os arabescos de CONTOS DE IMAGINAÇÃO E MISTÉRIO, MONTE DE LEITURAS: blog do Alfredo Monte, 6. März 2013.

Die ganze Kurzgeschichte als Kurzfilm: Florian Grolig
in der Animationsklasse Kassel, 2010, Prädikat: Besonders wertvoll:

Soundtrack: Zaz: Port coton, aus: Zaz, 2010:

Boire pour la soif
Je ne sais pas ce qui de nous deux restera
Tu dis mais je ne regarde pas
Je n’ai jamais vu la mer
Mais j’en ai vu des noyés
Comment fais-tu pour oublier
pour oublier

Et la pluie qui revient
dans nos voix
Pas une chanson où je ne pense à toi
Dans ce monde inhabitable
Il vaut mieux danser sur les tables
A port coton qu’on se revoit
qu’on se revoit

Written by Wolf

9. August 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Filetstück 0001: Vielleicht bis zum Meer

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Update zu Happy 189th, Herman:

Herman Melville, * 1. August 1819; † 28. September 1891;
Fanny Morweiser, * 11. März 1940; † 18. August 2014.

Am Sonntag, den 1. August 1819, eine halbe Stunde vor Mitternacht, wird Herman Melville in New York City geboren. Er ist das dritte von bald acht Kindern der Eheleute Allan und Maria Gansevoort Melvill [sic]. Die Geburt findet unter ärztlicher Aufsicht zu Hause statt, in der Pearl Street Nr. 6, nur wenige Steinwürfe von der Battery an der Südspitze Manhattans entfernt. Am nächsten Morgen berichtet der stolze Vater seinem Schwager Peter Gansevoort von der Ankunft seines zweiten Sohnes: „unsere liebe Maria bewies ihre bekannte Tapferkeit in der Stunde der Gefahr, & es geht ihr so gut wie es die Umstände & die starke Hitze erlauben – und der kleine Fremdling hat gute Lungen, schläft gut & trinkt mit Maßen, er ist wirklich ein prächtiger Knabe.“

Daniel Göske: Herman Melville. Ein Leben,
Kapitel I: Harte Zeiten. Kindheit, Jugend, frühe Reisen (1819–1844), 1. Absatz.

Fanny Morweiser, O Rosa, Diogenes Verlag 1983, Cover via Leipziger AntiquariatO Rosa war mir vom ersten Satz an ein Lieblingsbuch. Meistens mit Erscheinungsdatum 1985 ausgewiesen, steht in meiner Ausgabe, vom Verlag gedruckt: 1983, und das kommt, wenn ich meine Biografie nach Büchern sortiere, viel eher hin: Das hatte meine zuständige Stadtbibliothek schon, als ich in der Neunten war. Und Fanny Morweiser klingt nach den Krimi-Ladies des frühen Diogenes-Verlags, als er noch hautpsächlich schwarz-gelb, meistens mit einer Tuschevignette von Paul Flora, Edward Gorey oder, ganz wichtig: Tomi Ungerer aufgemacht war und was getaugt hat: Patricia Highsmith, Margaret Millar, Dorothy L. Sayers, Muriel Spark oder wie die rechtschaffen zerlesenen, doch etliche Jahrzehnte überdauernden Haushaltsreste im „Zu verschenken !!!!“-Karton alle heißen. Eine Fanny Morweiser hätte genau in die Reihe gepasst, stammt aber tief aus Rheinland-Pfalz; viel deutscher geht’s nicht. O Rosa ist wie ihr restliches Werk ein nicht übersetztes, weil deutsches Original.

Die titelstiftende Rosa ist ein so goldiger, umfassend missmutiger Teenager mit Hang zum Punk und Gothic und so lebensnah gezeichnet, dass man den Fratzen ständig an die Wand klatschen will. Das geschieht aus einer mütterlich erwachsenen Sicht, dass man an ein reales Vorbild glauben möchte, eine nicht sehr zuträgliche Vorliebe für diesen einnehmend abstoßenden Menschenschlag ist mir leider bis heute geblieben. Der Stil gibt sich möglicherweise absichtlich etwas hausbacken harmlos, ist aber zu lakonisch, um als liebloses Lesefutter für unterforderte Hausfrauen durchzugehen. Die Kapitel funktionieren als eigenständige Kurzgeschichten, bilden aber den Handlungsbogen für einen Roman — nicht mit Pulp-Fiction-Loop, aber in dieser Raffinesse mit verloren gehenden und wiederkehrenden, handlungsübergreifenden Figuren hat das erst wieder Daniel Kehlmann in Ruhm 2009 gebracht — wobei ich die Morweiser in ihrem verinnerlichten Understatement sogar brillanter finde.

Ideal für den 200. Geburtstag von Herman Melville, fast gleichzeitig mit dem fünften Todestag von Fanny Morweiser, ist das vorletzte Kapitel:

——— Fanny Morweiser:

Der Badewannenwal

aus: O Rosa. Ein melancholischer Roman, Diogenes Verlag, Zürich 1983, Seite 129 bis 135:

Herbert nahm seinen Urlaub jedes Jahr zur gleichen Zeit. Meistens blieb er zu Hause. Wie seine Mutter, wie Busses, als sie noch lebten, wie Waenbeins und Illichs, die fanden, daß es nirgendwo schöner war. Nur Halil fuhr mit seiner ganzen Familie in die Türkei, um mit schrecklich kitschigen Andenken wiederzukommen.

Blieb Herbert aber zu Hause, hieß das noch lange nicht, daß er so weiterlebte wie sonst, außer daß er nicht zur Abriet ging, natürlich. Er verwandelte sich jedes Jahr für drei Wochen in eine Figur aus einem seiner Bücher. Seine Mutter spielte mit, soweit es ging. Ihr machte das nichts aus, im Gegenteil, der Sommer, in dem er Kipling liebte und Mahbub Ali war, hatte sie auf viele neue Ideen für exotisch gewürzte Gerichte gebracht; in seiner Zeit als Oblomow hatte sie kaum Wäsche, weil er den ganzen Tag in einem alten Schlafrock auf der Couch lag; am liebsten aber war ihr die Dickenszeit gewesen, da war er Mr. Pickwick mit einem Sofakissen unter der Weste, und sie hatten fast jeden Tag etwas unternommen, Ausflüge und Picknicks, sogar Kahnfahrten auf dem Neckar. Daß sie dabei die Rolle irgendeiner unsympathischen Frau, die ihr weiter kein Begriff war, hatte übernehmen müssen, war ihr egal gewesen. Schließlich hatte das keine anderen Folgen für sie gehabt, als daß Herbert ab und zu die Hände über die Augen gelegt und „… ach Mrs. Bardell“ geseufzt hatte.

So erwartete sie einigermaßen gespannt den ersten freien Morgen Herberts, an dem er als die Figur zum Frühstück erscheinen würde, die er dann drei Wochen blieb. Während sie zwei Weißbrotscheiben in den Toaster schob, überlegte sie, welches Buch sie in letzter Zeit in Herberts Zimmer hatte liegen sehen. Als sie ein Plätschern aus der Badewanne hörte, fiel es ihr ein. Moby Dick. Sie stellte Butter und Marmelade auf den Tisch und packte die fertigen Toastscheiben in ein Körbchen.

„Herbert“, rief sie, „das Frühstück ist fertig.“

Aus dem Bad kam keine Antwort, nur das Plätschern schien ihr lauter zu werden. Also ging sie ihn holen. Als sie die Badezimmertür öffnete, sah sie ihn splitternackt in der Wanne liegen, sogar die Brille hatte er abgenommen.

Via MOBY-DICK or, THE WHALE – I, Theia Komodia, 7. Dezember 2007„Ich bin Moby Dick“, sagte er.

„Gut“, erwiderte sie sanft, „du bist Moby Dick. Aber wenn du nicht bald kommst, ist dein Kaffee kalt.“

„Ein paar Algen und etwas Tang wären mir lieber“, er spielte mit den Zehen, tauchte und kam prustend wieder hoch, „aber das wird sich wohl nicht machen lassen. Bring ihn also her.“

„Den Kaffee?“

„Und mein Frühstück.“ Er blinzelte sie aus rotumränderten Augen an. „Sonst stör mich bitte nicht mehr. Das ist hinderlich für die … die …“, er stotterte, „… Mutation.“

„Mutation“, murmelte sie vor sich hin, während sie in die Küche ging, seinen Wunsch zu erfüllen.

Diesmal fand sie Herberts Idee nicht die Spur lustig. Er blieb Tag und Nacht in der Badewanne und stieg nur heraus, wenn er aufs Klo mußte. Seine Haut begann aufzuquellen und einen kränklichen weißen Ton anzunehmen. Sie holte sich das Buch aus seinem Zimmer und las es an drei Nachmittagen durch.

„Du bist der erste Wal, der in eine Badewanne paßt“, erklärte sie nach beendigter Lektüre, als sie ihm das Abendessen brachte.

„Wie groß ist dann dein Kapitän Ahab? Soll ich dir eine von deinen Zinnfiguren bringen?“

Aber Herbert war für Scherze nicht zu haben.

„Laß mich“, sagte er, „laß mich doch. Wie sollst du das auch begreifen. Ich bin frei … ich bin groß … mir gehört das Meer. Nirgendwo stoß ich auf Grenzen.“

„Und ob du auf Grenzen stößt“, erklärte sie wild, „du bist so auseinandergegangen, daß die Wanne bald zu eng für dich sein wird.“

Unglücklich ließ sie ihn allein, um bei den Brüdern Meier Rat zu holen. Meier zwei öffnete ihr und führte sie auf die Loggia, wo sich Meier eins, unsichtbar für seine Umwelt, in einem Liegestuhl sonnte. Taktvoll schlang er sich ein Handtuch um den Bauch und rückte ihr einen Korbstuhl zurecht. Sein Bruder brachte eine Erfrischung in Form eines riesigen Glaskruges, gefüllt mit geeistem Weißwein, in dem Melonenstückchen schwammen. Irma trank ihr Glas mit geschlossenen Augen in langen dankbaren Schlucken auf einmal leer und entließ dann einen tiefen Seufzer.

„Seit vierzehn Tagen“, sagte sie, „freß ich’s in mich rein. Aber jetzt muß ich einfach mit jemandem reden.“

„Nur zu“, sagte Meier eins und füllte nach.

„Er spinnt“, sagte Irma anklagend und wies mit dem Zeigefinger nach oben. „Diesmal spinnt er wirklich. Er liegt Tag und Nacht in der Badewanne und denkt, er sei ein Fisch.“

„Ein Fisch?“

„Ein Wal. Ein weißer Wal.“

„Aha“, sagte Meier zwei und blickte seinen Bruder ratlos an.

„Er macht Tauchübungen“, fuhr Irma fort, „die letzte Woche wollte er nur noch Fisch und Grünzeug. Und gestern verlangte er einen Tintenfisch.“

„Wozu?“

„Um ihn zu essen“, jammerte sie.

„Die schmecken nicht schlecht“, meinte Meier eins, „paniert oder mit einer guten Sauce.“

„Er wollte ihn roh“, sagte Irma düster.

„Und hat er?“

„Er hat“, sagte sie und schüttelte sich.

„Dann werden wir ihn uns einmal ansehen“, erklärte Meier zwei entschieden. „Zieh dir was über, Bruder.“

Via Prikolniye Kartinki, 9. Oktober 2009Irma fischte die Melonenstückchen aus ihrem Glas, während Meier eins in die Wohnung ging, um sich fertigzumachen. Zu dritt, die schon leicht schwankende Irma zwischen sich, stiegen sie einen Stock höher. Die Wohnungstür war nur angelehnt, aus dem Badezimmer kam das Irma inzwischen nur zu gut vertraute Geplätscher. Sie übernahm die Führung und stieß die Tür zum Bad auf. Herbert blickte nicht einmal hoch, als sie zu dritt vor der Wanne standen. Er holte tief Luft, tauchte unter und blieb leise blubbernd, eine Ewigkeit, wie es ihnen schien, unter Wasser. Die Brüder betrachteten ihn nachdenklich. „Er ist dicker geworden“, sagte der eine.

„Kaum noch Hals“, der andere.

„Seine Augen sind ganz klein.“

„Und fast keine Ohren mehr.“

„Und die Füße. Siehst du die Füße?“ Interessiert beugten sie sich vor.

Irma setzte sich auf den plüschbezogenen Schemel, der neben dem Waschbecken stand, und begann zu weinen.

„Nicht doch, nicht doch“, sagte Meier eins, „in acht Tagen ist sein Urlaub vorbei. Dann muß er wieder in die Fabrik. Dann ist er wieder genau wie früher.“

„Ich glaub’s nicht. Ich glaub’s einfach nicht“, sagte Irma, schüttelte den Kopf und schnaubte in ein Handtuch, das gerade da hing.

~~~\~~~~~~~/~~~

Sie sollte recht behalten. In der dritten Woche sprach Herbert nicht einmal mehr mit ihr. Wenn sie ihm das Essen brachte, tauchte er auf und sah sie aus seinen winzigen Augen an, als erkenne er sie nicht. Und dann, in der Nacht, bevor er wieder zur Arbeit mußte, hörte sie ihn schwerfällig aus der Wanne steigen und mit feuchtem Tapp, Tapp durch die Wohnung wandern. Erst tat ihr Herz einen Sprung, weil sie einen Augenblick die Hoffnung hatte, er würde in sein Bett gehen, aber dann hörte sie die Flurtür, und es wurde schwer wie Blei. Langsam schob sie sich aus dem Bett und suchte ihre Pantoffeln. Sie machte Licht im Treppenhaus und ging der nassen Spur hinterher bis zu Meiers Tür. Dort schellte sie – ein paarmal –, bis ihr geöffnet wurde. An den erschrockenen Brüdern vorbei ging sie ins Wohnzimmer und trat ans Fenster.

„Da!“ sagte sie.

Unten ging Herbert über die schlüpfrige Wiese auf den Neckar zu. Aber eigentlich ging er nicht, er schob sich mehr, von einer Seite zur anderen schwankend, als wäre mit seinen Beinen etwas nicht in Ordnung. Als er im Nebel verschwunden war, legte Meier eins Irma tröstend den Arm um die Schulter. „Er war schon immer zu Größerem bestimmt“, sagte er.

Und Meier zwei, die Augen weit aufgerissen, um sich Herberts letzte Spuren für immer einzuprägen, flüsterte: „Wenn er so sehr geübt hat … so geübt … dann schafft er es vielleicht bis zum Meer.“

Skelett vom Wal, Meyers Konversationslexikon 1888

Bilder: Cover via Leipziger Antiquariat, 12. Juli 2019;
zweimal unsicheres Copyright, vermutlich gemeinfrei;
Skelett vom Wal, Meyers Konversationslexikon 1888.

Soundtrack: The Tellers: Second Category aus: Hands Full of Ink, 2007, video artwork by Deflower Prod.:

This ain’t Hollywood, life is never that good.
She won’t come back with love in her sack,
not a single picture of you in her wallet,
the letters you wrote aren’t pinned up her bed.

Written by Wolf

2. August 2019 at 00:01

Der arme Stephan mit dem gebackenen Kopf

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Update zu Schlachtens und
Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her:

Schmerzlich vermisst wird eine brauchbare Gesamtausgabe von Wilhelm Hauff. Brauchbar bedeutet: mit dem gesamten Werk — wobei sie nicht einmal historisch-kritisch ausfallen muss, aber als ernstzunehmende Lese-, besser noch Studienausgabe kompetent durchkommentiert. Eben das, was die Bibliothek Deutscher Klassiker und der Winkler-Verlag machen.

Und da nähern wir uns dem Problem: Bei der ersteren fehlt Wilhelm Hauff ganz, bei Winkler hat Sybille von Steinsdorff die bis heute maßgeblichen drei Bände herausgegeben; das war 1970.

Beweisstück A:
Wilhelm Hauff, Winkler-Ausgabe in 3 Bänden

Das Problem wird vollends zum Problem, wenn wir anschauen, was Frau von Steinsdorff da genau herausgegeben hat: vermutlich das Beste, was dem Angedenken Wilhelm Hauffs je widerfahren ist. Der erste der drei Bände bringt alles von Wilhelm Hauff, was einem Roman ähnlich sieht: den großen — und ersten deutschen — historischen Roman Lichtenstein und die längeren Satiren; der dritte Band versammelt die Phantasien im Bremer Ratskeller, die bis auf ganz wenige Highlights nie sehr verbreiteten Gedichte und allerlei Nebenwerke namens Kleine Schriften.

Das Problem liegt im zweiten Band mit den erstaunlich zahlreichen Novellen und — wir haben sie schon vermisst — den Märchen — und innerhalb derselben speziell im Märchen-Almanach auf das Jahr 1827 für Söhne und Töchter gebildeter Stände. Dessen Rahmenerzählung Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven umrahmt nämlich nicht nur eigene Märchen von Hauff, sondern zusätzlich:

  1. Gustav Adolf Schöll: Der arme Stephan;
  2. James Morier: Der gebackene Kopf, aus: Adventures of Hajji Baba;
  3. Wilhelm Grimm: Das Fest der Unterirdischen;
  4. Wilhelm Grimm: Schneeweißchen und Rosenrot.

Von Hauffs drei Märchenalmanachen ist dieser mittlere der einzige, für den Hauff vier Beiträge — immerhin 50 Prozent — zugekauft hat. Das ist in Ordnung, denn er firmierte als Herausgeber und durfte das. Nun bemerkt selbst die objektive Wikipedia so treffend wie leise missbilligend: „Diese Beiträge finden sich deshalb nicht in den Gesamtausgaben von Hauffs Werken und in den darauf basierenden Nachdrucken des Almanachs.“

Und damit hat sie schlagend recht. Mit antiquarischen, meist undatierten, aber noch in Fraktur gesetzten Gesamtausgaben von Hauff kann man die Straße pflastern (und wird es demnächst wahrscheinlich auch tun), richtig schwer und kostspielig erreichbar sind allein die drei Bände von Frau von Steinsdorff — selbst noch als Lizenzausgabe beim Deutschen Bücherbund — die aufgeführten vier Märchen bringt bis hinauf zur bis auf weiteres maßgeblichen keine Ausgabe.

Das ist ein Verlust. Man kann argumentieren, dass es nicht Aufgabe einer Hauff-Edition sein kann, Märchen von sonstwem zu veröffentlichen, die Almanache bleiben ohne sie so unvollständig, dass es sehr unliebsam auffällt — vor allem, weil an den Fehlstellen in der Rahmenhandlung regelmäßig steht, was an dieser Stelle kommen sollte — aber nicht kommen kann, weil Schöll, Morier und Grimm nun einmal weder Hauff heißen noch sind.

Schmerzhaft ist das besonders in den Fällen von Schölls armem Stephan und Moriers gebackenem Kopf, die nicht etwa verzichtbare Variationen über irgendwelche anderweitig schon ausreichend ausgewalzte Kindermärchenstoffe sind, sondern ausgesprochen geschickt gebaute Novellen entfernt märchenhaften Inhalts — hochstehende Erfindungen, Musterbeispiele der Erzählkunst, ein Heidenspaß. Hauff hat auch als Herausgeber gut gearbeitet und ganz und gar keinen Schrott akquiriert.

Wieso ich das weiß? — Weil ich zu dem Problem die Lösung in Händen halte. Die Lösung heißt: Wilhelm Hauff: Die Karawane. Märchen. Vollständige Ausgabe, 1. Auflage 2002 im Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, auf der Grundlage von: Wilhelm Hauff’s Märchen. Vollständige Ausgabe, Insel-Verlag Leipzig 1911, mit 6 Illustrationen von Max Reach und einem Nachwort von Tilman Spreckelsen und unter Unterstützung von Oliver Freiherr von Beaulieu Marconnay, ISBN 3746613582 — ein unspekatuläres Taschenbuch von stattlichen 520 Seiten, verlagsneu für schmale 10 Euro, allerdings seit 2002 schon wieder vergriffen, dafür antiquarisch umso günstiger aufzutreiben (eine Abfrage am 30. Mai 2019 ergab: 9 Cent + 3 Euro Porto).

Beweisstück B:
Wilhelm Hauff, Die Karawane, Aufbau 2002, Doppelseite mit Inhaltsverzeichnis

Eine quasi noch vollständigere Gesamtausgabe von Wilhelm Hauff, als es je gab, erhält man deshalb, wenn man die von Steinsdorffs dreibändige Winkler-Ausgabe oder deren Bücherbund-Lizenz hat — was schwer ist — und deren Lücken durch Die Karawane bei Aufbau schließt — was leicht ist. Dann hat man die meisten Hauff-Märchen doppelt, was ich allerdings für einen weit geringeren Schaden halte als Schöll, Morier und Grimm zu vermissen.

Außerdem kann man vor allem das geniale kalte Herz gar nicht oft genug lesen. Das stammt von 1827 und ist 1828 in einem der Almanache erschienen, die eigentlich in den meisten Ausgaben mit Hauffs Märchen von selbst vollständig erscheinen. Übermäßig viele sind es nämlich von Natur aus nicht. Zur Erinnerung ist Wilhelm Hauff mit zarten 24 Jahren an Typhus verstorben. Ein so umfangreiches, so haltbares, so objektiv handwerklich gelungenes und so nachhaltig im Volksgut verankertes Gesamtwerk muss einer in dem Alter erst mal zustandebringen.

Beweisstück C:
Wilhelm Hauff, Winkler-Ausgabe und Die Karawane

Bilder: eigener Besitz, Mai 2019.

Soundtrack: Leo Leandros: Mustafa, 1960.
Wegen der herbeigezerrten Begegnung mit dem Orient natürlich:

Written by Wolf

26. Juli 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Ui. (Shut Up’N Play Yer Guitar)

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Update zu Dass ich ihm doch das Leben schenken möchte,
weil die Magie noch in den Menschen lebt:

Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntniß essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?

Allerdings, antwortete er; das ist das letzte Capitel von der Geschichte der Welt.

Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater, 1810, Schluss.

Wissen ist keine Schande. Es nützt halt nur nichts.

Sven Regener, 2009.

Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.

Kaiser Wilhelm II.

It’s fucking great to be alive.

Frank Zappa, 1940–1993.

Vielleicht hat schon einmal jemand das Radfahren verlernt. Aber niemand kann vor sich selbst so tun, als wüsste er nicht, von Fällen der Demenz abgesehen, dass er es einst konnte. Die Unschuld ist weg.

Es war eine Zeit, als die Jungs Gitarre lernten, um unbeholfene Orgienversuche mit House of the Rising Sun zu untermalen: a / C / D / F // a / C / E7. Die Schwierigkeit war das F, vor dem Barré hatte jeder einen Heidenrespekt. So lange, bis er ihn zum ersten Mal raushatte. Zehn Sekunden danach schüttelten sie die Köpfe über ihre einstige Angst, so wie über ihre Kindheit, als sie allen Ernstes glaubten, im Radio wohne ein kleinwüchsiges Symphonieorchester.

Meine eigene Not hatte ich im gedankenschnellen Umrechnen von Flageoletten, dafür kriegte ich bald spitz, was Powerakkorde sind, und grinste deshalb milde über Barrés. Was mir niemand sagte: dass man mit Gitarrespielen Mädchen beeindrucken kann, ich war immer nur auf „ein Bier für die Musik!“ aus. Das verschaffte mir einen unschlagbaren Sympathievorsprung, weil ich’s nicht drauf anlegte, und bei der gleichzeitig anhaltenden Arbeit mit Kopf und beiden Händen wurde man sowieso bis in den nächsten Vormittag hinein nie besoffen.

Als ich nach meiner Lagerfeuerkarriere erfuhr, dass ich statt den Freigetränken die Mädchen hätte haben können, war meine Jugend verspielt. Aber ich konnte nie wieder so tun, als ob ich nicht wüsste, was ich verpasst hatte.

Gitarrespielen ist wie Weihnachten: Es hilft nichts, das Ritual einzuhalten — du musst es gerne tun.

Gitarrespielen, um Mädchen zu gefallen, ist wie Weihnachten seine Eltern zu besuchen: Es hilft nichts, das Ritual einzuhalten — du kannst nur Fehler machen.

Gitarrespielen mit diesem Wissen ist wie die Erinnerung an Weihnachten in der Kindheit: Es hilft nichts, das Ritual einzuhalten — Kind warst du nur einmal.

Als ich mit Gitarre anfing, nahm ich mir vor aufzuhören, sobald ich den Karten Dippler Blues von Peter Horton oder Make Me a Pallet on Your Floor von Mississippi John Hurt konnte, je nachdem, was zuerst kam. Ein paar trainierte Wochen lang konnte ich sogar Tears in Heaven, aber das war sogar mir selber egal. Ich verstieg mich dazu, meine Bob-Dylan-Lieder selbst zu schreiben, und trieb es zu so viel Perfektion, dass kein Mensch mehr den Dylan heraushörte. Die von Mädchen und bezahltem Bier Trunkenen, denen ich meine Lieder stolz herzeigte, fanden es schade um die Zeit: Entweder war es Mist, dann gab es keine Entschuldigung, oder es war gut, dann wäre ja alles andere auch noch schöner.

Mädchen beeindrucken heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun — genau das muss Kaiser Wilhelm gemeint haben — und Gitarrespielen zur Unzeit — nach 22 Uhr oder über 22 Lebensjahren — ist wie karfreitags Weihnachten feiern, und Schluss ist mit Sympathievorschuss. Deshalb bedeutet einen Teil seines Lebens nicht ausgelebt zu haben Depression und liegt erschütternd nahe am Tod.

Gitarrespielen ist wie Weihnachten: Es hilft nichts, Fehler zu machen — du musst das Ritual einhalten. Und du kriegst nie ein Zauberpony, sondern immer einen Rollkragenpullover.

Gitarrespielen ist wie Weihnachten: unter Zwang ein Ärgernis, um seiner selbst willen dann doch zu selten. Der Sympathievorsprung ist kein Licht mehr, das man erwarten darf, wenn man den Lichtschalter bedient, sondern eine Kerze, die dir freundlicherweise hingestellt wird.

Wenn ein wohlwollendes Mädchen die Kerze bringt, hast du das größte Glück, das dir noch widerfahren kann. Sie ist eine in Jeans und Karohemd, die früher als schwiegermuttertauglich durchgegangen wäre. Und sie ist dir zugetan genug, um die Kerze über eine kurze nachtfinstere Strecke herbeizutragen. Barfuß tapst sie Schritt für Schritt heran, um auf keine Tannenzapfen zu treten, und schützt die Flamme mit der Hand vor dem sachten Wind. Das Kerzenlicht bewegt Schatten auf ihrem ernsten Gesicht. Das tut sie, um dich nicht beim Gitarreklimpern zu unterbrechen.

Wenn sie nichts Dringlicheres zu tun hat, setzt sie sich neben dich, um ein Weilchen zuzuhören. Hemdsärmel und Hosenbein an deine zu lehnen ist okay, das verbindet. Sie stellt die Kerze so zwischen euch, dass du in deinem Leitz-Ordner lesen kannst, und stützt Kinn und Wange in die Hand. Sie behält ihr ernstes Gesicht, lauscht und schweigt.

Wenn ein Lied zu Ende ist, stellt sie eine anteilnehmende Frage. Deiner Antwort hört sie geduldig zu und fragt nach. Sie lacht an der richtigen Stelle. Wenn du ihr eine Frage zurückreichst, gibt sie bereitwillig Auskunft. Ihre Haare kitzeln dich von schräg hinten am Ohr. Wie war es nur möglich zu vergessen, wie ein Mädchen nach dem Wald und nach Sommerwind riecht, wie lebendig ihr Wangenflaum im Gegenlicht aussieht, und wie schön es klingt, wenn man eine Zeitlang einträchtig die Klappe hält? Und wenn das Leben ein Sinn hätte, wäre es dann, einem hübschen Mädchen zuzuhören und ihr einvernehmlich was zu erzählen? Dem interessierten Blick ihrer glänzenden Augen standzuhalten, ihr Feuer für eine ihrer seltenen Zigaretten zu geben? — Nein. Erst, wenn sie eine Mundharmonika in der Hemdtasche hat. Dann versucht ihr mitsammen einen echten, dreckigen, kohlrabenschwarzen Delta-Blues, bis er in eurem eigenen Losprusten erstickt, denn das ist wie Weihnachten: Du kannst es nicht einfach bleiben lassen.

Ihr Lächeln wärmt mehr als die Kerze, und es ist echt. Wenn du dann etwas spielst, das ihr früher einmal gefallen hat, fühlst du sie an deiner Seite leise mitwiegen.

Einmal legt sie im Licht eurer Kerze den Finger auf eine Stelle im Text und sagt:

„Ui.“

Aber der Wind verheißt schon den Winter, die Kerze flackert bedenklich, und wenn sie wieder in die Wärme geht, ihre Kerze wieder einkassiert, darfst du sie nicht zurückhalten.

Was das war? Kein Verdienst, sondern eine Gnade.

Und besonders das ist wie Weihnachten: Dass es gerade das letzte Mal war, willst du gar nicht vorher wissen.

_camomilka_, Sometimes I wonder if I'm still like that girl in the past. I want to smile like that again, Sommer 2011, Instagram 1. Februar 2018

Buidl: K.: Sometimes I wonder if I’m still like that girl in the past (I want to smile like that again),
Sommer 2011/1. Februar 2018. Ich hab noch nie ein so glückliches Mädchen gesehen.

Soundtrack: Mississippi John Hurt: Make Me a Pallet on Your Floor, ca. 1928:

Written by Wolf

19. Juli 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse

Liliensamm(e)t

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Update zu Deine so oft entweihte Frühlingsfeier:

Das mussten wir in der neuten Klasse lesen, als kopiertes Handout, auf das nicht mehr als dieser eine Absatz passte. Später und auf eigene Fachbuchrechnung konnte man in der einzigen halbwegs ernstzunehmenden Gesamtausgabe von Wilhelm Hauff, in denen noch etwas anderes als die angeblich „Sämtlichen“ Märchen steht, in den satirischen Schriften ausführlich lernen, was Heinrich Clauren für ein Schädling am deutschen Literaturschaffen ist.

Der Name Heinrich Claurens hat sich in unseren neuntklassigen Hirnen nicht weiter festgesetzt, vielmehr gehörte eins davon dem Volker. Der Volker hieß Sammet, saß zeitweise neben mir und malte mir immer blitzschnell enorme Pimmel über die ganze Buchseite in die Schulbücher uns auf die Handouts, bestimmt auch auf das vom Clauren. Nachweisen lässt sich das nicht, weil meine Schulunterlagen nach dem Abitur einem durch Weißenoher Klosterbräu befeuerten Autodafé zum Opfer gefallen sind, aber es besteht kein Grund, warum der Volker ausgerechnet den Clauren ausgelassen haben sollte.

Im Gegenteil hatte der Volker gerade in Claurens Fall besonderen Grund, mit seinen einfachen Mitteln Missbilligung auszudrücken. Sein Nachname Sammet erschien nämlich in verballhornender Form in dem Trivialtext aus dem 19. Jahrhundert — so das Thema der Deutschstunde. Alkoholischer Konsum und unter den ganz Verwegenen — darunter dem Volker — kamen bei den Fünfzehnjähirgen gerade in Mode, da ließ der uns unbekannte Clauren nach „Champagner und die Freude“ auch noch den „Liliensammet“ krachen. In einem literarischen Salon von 1819 wäre er auf so einen Lachschlager entweder stolz gewesen oder hätte sich richtiger Literatur zugewandt, und der Volker hieß paar Wochen lang der Liliensammet.

Alles was recht ist: Der Ausschnitt aus Unterirdische Liebe von Heinrich Clauren war von einem nicht mehr ermittelbaren Beauftragten des bayerischen Kultusministeriums geschickt gewählt, um Trivialtexte aus dem 19. Jahrhundert zu repräsentieren. Auf die Adjektivdichte hätte sich Goethe beim Verfertigen des Werther was einbilden können, und dieser Ehrgeiz besteht unter den Schreibern zum Abverkauf gedachter Literatur fort und fort.

Woher ich das weiß? Ach Gott, ich gehe halt einkaufen und lese Romanheftchen. Kurz vor der Kasse im Supermarkt auch Ihres Vertrauens stehen die in reicher Auswahl, und da soll sich niemand rausreden, dass er nie zum Lesen kommt. — Der Volker Liliensammet muss das nicht, der soll nach dem Abi Pilot gelernt haben.

Carl Friedrich Wilhelm Trautschold, Die Kunstlektion, Aquarell mit Weiß, 1870

——— Heinrich Clauren:

Unterirdische Liebe

in: W. G. Beckers Taschenbuch zum geselligen Vergnügen,
hg. W. G. Becker und Johann Friedrich Kind, Verlag Roch, Leipzig 1819,
Seite 165 bis 292, hier Seite 204 bis 207:

Adolphine streckte ihre zarten Glieder auf das weiche Moos; das heilige Rauschen in den Wipfeln der uralten Bäume, das Plätschern des zum Vater Rhein hinabeilenden Baches, lullten die Schlummermüde ein. Der Champagner und die Freude hatten den Liliensammt ihrer Wange geröthet; das Köpfchen lag in der rechten Schwanenhand; die linke ruhte auf dem schwellenden Moose. Freundlich lächelten die Purpurlippen, als schwebe ihr der Scherz des Tages vor der Freudetrunkenen Seele, der kleine Mund war halb geöffnet, wie eine eben sich entfaltende Rosenknospe; der Lilien=Busen wogte ruhig, und das niedlichste aller Füßchen im ganzen Rheingau war nur bis zur Zwickelspitze des blüthenweißen Strümpfchens sichtbar. Leise Lüfte vom fluthenden Rhein herauf, küßten ihr kühlend die brennende Stirn und das geschlossene Auge, und spielten heimlich mit dem lockigen Haar und den flatternden Bändern, und der lose Gott der Träume, der ihr auf des Champagners leichtem Schaume ein ganzes, mit mancherlei Gaukelwerk der Phantasie befrachtetes, bunt geflaggtes Schiffchen in des Herzens stillen Hafen gesandt, umfing sie jetzt mit seinen Blumenarmen.

Wohl mochte sie Dreiviertelstunden geschlafen haben, da rauschte es stärker im Gebüsch; sie ward nur halbwach, und gewahrte einen der kleinen hier heimischen Zwerghirsche, der sich durch das Gesträuch Bahn machte, und ihrem Lager sich näherte. Das niedliche Thier stutzte, als es Adolphinen in das Auge faßte; als sie aber mit leisen Schmeichelworten es kirrte, ganz still liegen blieb, und ihm kosend die Flaumenhand entgegen streckte, kam es, zahm und des Fütterns gewohnt, vertraulich heran, und leckte an den rosenen Fingern.

Ein zufälliges Geräusch in der Nähe verscheuchte den kleinen hübschen Hirsch; mit einem behenden Satz flog er seitwärts in das Gebüsch, und Adolphine entschlummerte bald wieder, doch währte es nicht lange, als sie wieder etwas rascheln hörte; Sie schlug die Augen, noch voll tiefen Schlafs, halb auf, und blinzelte durch die langen Wimpern, und wähnte, das dreuste Thierchen zurückkommen zu sehen; aber statt dessen lag der vermeintliche junge Graf Waldohna zu ihren Füßen, die Hände, in süßem Entzücken der Uiberraschung, vor der kühnen Brust gefaltet und im stummen Anschauen selig verloren.

War es des Champagner=Schaumes sanft brausender Rausch, oder die Feengewalt des seligen Augenblicks, oder die Macht des Schrecks, oder das Zauberspiel irgend eines wohlthätigen Liebesgottes, oder ein wundersamer Zug von natürlicher Frauen=List, — Adolphine gewann augenblicklich so viel Besinnung, sich den elektrischen Schlag, der sie mit dieser unvermutheten Erscheinung duchbebte, nicht im mindesten merken zu lassen; sie that, als ob sie fortschliefe, und lugte durch die Wimpern. Immer wacher und wacher wurden ihre Sinne; des brüselnden Schaumes bedrückende Nebel verflogen, sie sah und hörte alles deutlich, sie war sich ihrer selbst vollkommen bewußt, aber keiner ihrer Züge verrieth, was sich in ihrem Innern entfaltete; der Fremde glaubte, sie schliefe ruhig und fest.

Es war derselbe schöne junge Mann, den sie als Kind schon lieb gewonnen hatte, derselbe, der vor der Nonne und dem Klostergeschmeide kniete; derselbe, dessen Bild, ohne daß sie es damals ahnete, als das Ideal ihrer Liebe in ihrem jungfräulichen Herzen seit Jahren gewohnt; derselbe, den sie im Herrengarten gesehen hatte. Jetzt war es keine Täuschung mehr, sie sah ihn ja vor sich; sie sah ihm ja in das schmachtende Auge, in das männliche Gesicht voller Ernst und Milde; das waren jene schwärmerischen Züge, die sie so oft so wunderbar ergriffen hatten. Dieß der selbst im Schweigen beredete Mund; dieß die breite hochgewölbte Brust; dieß der nervige feste Arm; dieß die kräftige Gestalt, dieß die sanfte Anmuth im ganzen Wesen. —

„Du holdseliges, angebetetes Mädchen,“ rief er mit gedämpfter Stimme, und verschlang die Liebesfülle ihrer zauberischen Reize mit seinen glühenden Blicken; im Drange der ihn bestürmenden Gefühle bog er sich näher, und berührte mit dem Saume seiner Lippen, die wie frisch aufgeplatzte Granatblüthen zitternd bebten, leise die äußersten Kuppchen der rosigen Finger.

Adolphine schlief.

Kühner drückte er in die kleine Schneetiefe der weichen Flaumenhand, heimlich und verstohlen, einen sanften Kuß.

Adolphine schlief.

Und wenn alle Vierundzwanzigpfünder auf den Wällen der Feste Mainz, dicht neben ihrem Ohr, in einem Nu losgebrannt wären, sie hätte fortgeschlafen. So wohl, so unaussprechlich wohl that der still Verzückten die zarte Huldigung des, aus frühern Kindesträumen her, längst vertrauten heiß Geliebten.

Und so geht das weiter. Zugegeben ist diese ausgewalzte Unhandlung nicht ganz reizlos, dennoch darf man nach 1819 spoilern, dass Adolphine beim Ausschlafen ihren champagnerbedingten Damenspitzes vorerst ihre Unschuld behält.

Flaumenhand. Brüselnder Schaum. Das niedlichste aller Füßchen im ganzen Rheingau. Und — Uiberraschung: Liliensammet.

The Reconstruction of MyFlyAway, Fly Fly Fly, 15. November 2009

Bilder: Carl Friedrich Wilhelm Trautschold: Die Kunstlektion, Aquarell mit Weiß, 1870;
The Reconstruction of MyFlyAway, Fly Fly Fly, 15. November 2009.

Soundtrack: Friedel Hensch und die Cyprys: Die Försterlieserl, Walzerlied mit Instrumental-Begleitung, 1952:

Written by Wolf

5. Juli 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Ehestand & Buhlschaft

Nachtstück 0021: Нет хуже ада

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Update zu Lästu dich zum Freien bitten?:

——— Richard Brautigan:

Phantom Kiss

mid-1950s, from:
I Watched the World Glide Effortlessly Bye
and Other Pieces
,
Burton Weiss &
James Musser, 1996,
in: The Edna Webster Collection of Undiscovered Writings, 1999:

There
is no worse
hell
than
to remember
vividly
a kiss
that
never occurred.

     

——— Richard Brautigan:

Phantomkuß

deutsche Übersetzung:
Günter Ohnemus,
in: Das Geschenk
für Edna Webster —
Stories und Gedichte,
Kartaus Verlag,
Regensburg 2005:

Es gibt
keine schlimmere
Hölle
als die
heftige
Erinnerung
an einen Kuß,
den man
nie bekommen hat.

     

 

Missed Crimes. Pulp Rehash. Resurrection by Lev Tolstoy, L'ombelico di Svesda, 31. März 2012

eronsk.xxx

Images: Illustration zum 1. Kapitel aus Leo N. Tolstoi: Auferstehung:
Missed Crimes. Pulp Rehash. Resurrection by Lev Tolstoy,
L’ombelico di Svesda, 31. März 2012;
eronsk.xxx, 30. November 2014.

Soundtrack: Patricia Kopatchinskaja & Fazıl Say: Beethoven: Kreutzersonate, Opus 47, 1802:

Written by Wolf

1. Juli 2019 at 00:01

Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!

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Update zu So offenbare sich der dichtende Gott:

Frédéric, Tout conte fait, bientôt l'été. Tribute to Eric R., 25. Februar 2008

Was für ein Bestseller Ludwig Uhland — welch Glücksfall für einen Dichter — zu seiner eigenen Lebenszeit war und wie aufrichtig beliebt seine Balladen über das Mittelalter, das um 1800 als „gute alte Zeit“ missverstanden wurde, gewesen sein müssen, lässt sich in Zeiten, wo er nicht einmal mehr Schulstoff ist, nicht mehr richtig nachfühlen. Gegenüber seinen moralischen Auslassungen in Theorie und beispielhafter Anschauung, die grundsätzlich in beneidenswert korrekt gedrechselter Lyrik stattfinden, war seine Prosa von Anfang an weniger bekannt.

Etwa 25-jährig entwarf Uhland einen Aufsatz zur Klärung seiner eigenen schriftstellerischen Arbeit, den er nicht gedruckt sehen sollte, weil er erst 1928 durch Heinz Otto Burgers Dissertation zugänglich wurde. Dort stand der Aufsatz noch irrtümlich mit der Tübinger Sonntagszeitung in Zusammenhang — wahrscheinlich weil er nicht einmal Burger mit Uhlands übrigem Nachlass (in Marbach aufs Deutsche Literaturarchiv und das Schiller-Nationalmuseum verteilt) vorlag.

Wie jeder andere denkende Mensch auch nahm Uhland dichterische Tätigkeit etwa 18-jährig auf; da war er Studiosus der Rechtswissenschaften am Tübinger Stift, bildete aber lieber mit Gustav Schwab, Justinus Kerner, Karl Mayer, Karl Heinrich Gotthilf von Köstlin, Eduard Mörike, Gustav Schwab, Karl August Varnhagen von Ense und Wilhelm Hauff ab 1805 den Schwäbischen Dichterkreis, der sich als ohnehin eher loser Zusammenschluss 1808 wieder auflöste. In dieser kurzen Spanne einer studentischen Sangesrunde eine verbindlich gemeinte Poetik überhaupt zu planen, zeugt von einigem Lebensernst.

Von mitten darin, 1807, datiert sich Uhlands Aufsatz zur Selbstfindung, der bezeichnenderweise eine Poetik wurde, die nicht vornehmlich zur Veröffentlichung gedacht war. In der Auffassung ähnelt er schon, geht aber durch seine duale Unterscheidung von Objektiv und Subjektiv weit hinaus über Justinus Kerners Programmgedicht zur selben Unternehmung der Dichterschule, zu dem er sich allerdings erst 1839, also über drei Jahrzehnte nachträglich durchrang. Zum Vergleich folgen Uhlands Aufsatz und die Verse von Justinus Kerner, nach dem Erstdruck korrigiert — der eine Strophe mehr — die sechste — als an den meisten Stellen überliefert enthält (zum Beispiel in der vermutlich meistbenutzten Wiedergabe in Wikipedia), ja der überhaupt noch in Strophen unterteilt ist.

Nicht ermitteln konnte ich, was und wie viel im Uhland-Text wann von wem zuerst und warum ausgelassen wurde; alle auffindbaren Fassungen online sowie meine WInkler-Gesamtausgabe von 1980 bringen einhellig nur die Auslassungspunkte in eckigen Klammern. — Chronologisch:

Frédéric, Tourbière. En avril, ne te détournes pas des filles, 11. April 2018

——— Ludwig Uhland:

Über objektive und subjektive Dichtung

ca. 1807, Erstdruck in: Heinz Otto Burger: Schwäbische Romantik.
Studie zur Charakteristik des Uhlandkreises, Dissertation Tübingen, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1928:

Die Seele, darein Mutter Natur in der reichsten Fülle die Kräfte des Empfangens und des Wirkens gelegt hat, das ist die Dichterseele. Vermöge der empfangenden Kräfte hat sie die feine Berührbarkeit, die sie das zarteste […] der äußeren und inneren Welt fühlen läßt, und das leise Ohr, das ihr die geheimsten Ahndungen zu vernehmen gibt; durch die wirkenden Kräfte gibt sie dem Dunkeln Klarheit, lernt ihre Bestimmung erkennen und strebt schwungvoll ihrer Vollkommenheit entgegen. Ist das äußere Leben heiter und warm, so werden sich die Blumenknospen entfalten, die Seele wird sich hier befriedigen können, sie findet den Spielraum, ihre üppigen Kräfte zu üben, das äußere und innere Leben zerfließen ineinander, und dies ist das poetische Leben. Denkt auch der Geist (hier) über die Außenwelt nach, so wird sie ihm genügen, will er sie darstellen und sein Wirken in ihr, so kann er sie getreulich abmalen, das Gemälde wird hell und heiterste, objektive Poesie.

Poetisch ist das Leben des Altertums der meisten Völker, darum auch die Poesie des Altertums objektiv. Aber der Frühling der Jugendwelt, wie bald ist er verblüht! Der Dichtergeist kann weder poetisch leben, noch liegt vor ihm ein poetisches Leben, das er dar stellen könnte. Aber seine Kräfte sind zu jeder Zeit rege, und er fühlt ewig den unendlichen Drang, sich zu entfalten. Ist ihm die Erde verwelkt, so schaut er zum Himmel auf, ob dieser noch blühe. Dieser Himmel ist das Unendliche in ihm, das er ahndet, nach dem er sich immer schmerzlicher, immer freudiger sehnt, je weniger ihm die Außenwelt geben kann. Er erforscht sich, er lernt seine erhabene, aber geheime Bestimmung fühlen. Es geht ein Glanz in ihm auf, der zwar das endliche Geistesauge noch blendet, aber sich über die Außenwelt ergießt und sie verklärt. Er vertraut seine Gefühle und Gedanken dem Liede: subjektive Poesie.

Das poetische Leben in Tat und Wort ist objektive Poesie, sobald es einen Darsteller findet. Die objektive Poesie nähert sich der subjektiven, wenn sich ein Gegenstand der Trauer, der Sehnsucht nach einem Entfernten und dergleichen in sie einmischt, denn sobald die Seele in der Gegenwart nimmer Genüge findet, schwingt sie sich in den Äther des Unendlichen. Auch einzelne Seelen, die ihr tätiges Leben und ihre anschaulichen Umgebungen auch in einem sonst poetischen Zeitalter nimmer befriedigen, steigen in ihr Inneres hinab, und ihre Poesie wird subjektiv. Die subjektive Poesie, die das äußere Leben von innen heraus zu verschönen sucht, heißt Poesie des Lebens.

Der Dichter gehe in sich, und er wird folgende Bemerkungen der Analogie des Gesagten gemäß an sich selbst machen können:

Ist sein Leben sehr reich und regsam, so wird er wenig dichten, aber herrlich leben; gewinnt er bei solchen schönen Umgebungen dennoch Zeit und Lust zur Darstellung, so wird sein freudiges Lied nur die Melodie des Lebens nachhallen, er schätzt den Gesang nicht über seine Wirklichkeit, er kann diese nicht einmal mit jenem erreichen, und er hat sich zu hüten, daß nicht das, was er unter den glühendsten Empfindungen hervorgebracht, andere kalt anfasse; aber wird das Leben um ihn her trüb und öde, da blickt er in sich, er nährt sich von eigenem Vorrat; Erinnerung, Hoffnung, Sehnsucht sind seiner Seele stille Trösterinnen.

Frédéric, Comme un parfum de soir d'été, 4. April 2019

——— Justinus Kerner:

Die schwäbische Dichterschule

Morgenblatt für gebildete Stände Nr. 38, Mittwoch, den 13. Februar 1839:

„Wohin soll den Fuß ich lenken, ich, ein fremder Wandersmann,
Daß ich eure Dichterschule, gute Schwaben, finden kann?“

Fremder Wanderer, o gerne will ich solches sagen dir:
Geh‘ durch diese lichte Matten in das dunkle Waldrevier,

Wo die Tanne steht, die hohe, die als Mast einst schifft durch’s Meer;
Wo von Zweig zu Zweig sich schwinget singend lust’ger Vögel Heer;

Wo das Reh mit klaren Augen aus dem dunkeln Dickicht sieht,
Und der Hirsch, der schlanke, setzet über Felsen von Granit.

Trete dann aus Waldesdunkel, wo im goldnen Sonnenstrahl
Grüßen Berge dich voll Reben, Neckars Blau im tiefen Thal;

Wo von Epheu grün umranket, manche Burg von Felsen schaut,
Stiller Dörfer bunte Menge rings sich friedlich angebaut;

Wo ein goldnes Meer von Aehren durch die Ebnen wogt und wallt,
Ueber ihm in blauen Lüften Jubellied der Lerche schallt;

Wo der Winzer, wo der Schnitter singt ein Lied durch Berg und Flur –
Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt Natur.

Frédéric, Camille C. à la campagne, 25. April 2019

Objektivität vs. Subjektivität: Frédéric aus Frankreich (das liegt bei Schwaben ums Eck):

  1. Tout conte fait, bientôt l’été (tribute to Eric R.), 25. Februar 2008;
  2. Tourbière (en avril, ne te détournes pas des filles), 11. April 2018;
  3. Comme un parfum de soir d’été, 4. April 2019;
  4. Camille C. à la campagne, 25. April 2019.

Soundtrack: Agnes Obel: Riverside, aus: Philharmonics, 2010:

Written by Wolf

28. Juni 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

And such a life I wish to live

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Update zu Drum dein Stimmlein lass erschallen:

——— John Milton:

Il Penseroso

1645, Schluss:

And may at last my weary age
Find out the peaceful hermitage,
The hairy gown and mossy cell
Where I may sit and rightly spell
Of every star that heav’n doth show,
And every herb that sips the dew;
Till old experience do attain
To something like prophetic strain.
These pleasures, Melancholy, give,
And I with thee will choose to live.

——— Joseph Giles:

A Parody, upon those Lines of Milton’s,
in the Hermitage at Hagley-Park.

angesichts Hagley Park, aus: Miscellaneous Poems: on various Subjects, and Occasions. Revised and corrected by the late Mr. William Shenstone, 1771:

May I, while health and strength remains,
And blood flows warm within my veins;
Find out some virgin, soft and kind,
Who is to social joy inclin’d;
A nymph who can for me forgo,
The fop, the fribble, and the beau;
From noise and show, content can be,
To live at home with love and me:
Such pleasures Love and Hymen give,
And such a life I wish to live.

Seit 1997 sollte unser aller Karriereziel klar sein: Schmuckeremit.

Seit 1997, weil da bei Matthias Altenburg in Landschaft mit Wölfen die Berufsbeschreibung eines mit neidischem Erstaunen zur Kenntnis gelangten Ziereremiten vorkommt, und weil man Matthias Altenburg ruhig mal einen 160-Seiten-Roman lang zuhören kann.

An English hermitage illustrated in Merlin, a poem, 1735, via Atlas Obscura

Hauptsächlich wird der Schmuck- oder Ziereremit für seine schiere Existenz und Anwesenheit als Druide, Anwärter auf einen Heiligen oder wenigstens malerischer Kauz bezahlt, wie sie in einem romantisch gemeinten Landschaftsgarten oder Park wünschenswert scheint — nach mancherlei Auffassung als gehobener Gartenzwerg an Orten, wo eine leblose Gartenstatue nicht mehr ausreicht. Die Jobbeschreibung enthält: nicht waschen, nicht kämmen, keine Haare und keine Nägel beschneiden; ab und zu was Weises sagen kommt schon nicht mehr ausdrücklich vor, aber ich persönlich würde mich da nicht lumpen lassen. Zum gestellten Arbeitsmaterial zählen gern eine Bibel und eine Katze.

Was so erstrebenswert klingt, relativiert sich durch die übliche Laufzeit der Arbeitsverträge von sieben Jahren mit einmaliger Gehaltsauszahlung zum Ende der Vertragslaufzeit. Im übrigen war kein Wort von einer etwaigen Frauenquote festzustellen, vielmehr das — ebenfalls unausgesprochene — Gebot der Keuschheit. Irgendwas ist ja immer.

Typischerweise wurden Schmuckeremiten von britischen Gutsbesitzern engagiert, die im Laufe des 18. Jahrhunderts vom Barockgarten französischer Bauart auf den genuin englischen Gartenbau umstellten, also mit einer Blüte während des Georgianischen Zeitalters. Erkennbar sind solche ehemaligen Arbeitsplätze im gesamten Europa oft an der erhaltenen Einrichtung einer Eremitage, englisch: Hermitage, die als Stätten der Erholung und Beschaulichkeit, gerne auch der Gastronomie gepflegt werden. Die englische Idiomatik verwendet bis heute den Ornamental Hermit zur Beschreibung malerisch ungepflegter oder exzentrisch lebender Menschen.

Die bisher gängige Coverage über Schmuckeremiten, soweit dieses Phänomen seine Bekanntheit überhaupt in postmoderne Tage retten konnte, steht übersichtlich versammelt bei Edith Sitwell in: Ornamental Hermits of Eccentric Modern England, in: The English Eccentrics, Faber & Faber, London 1933, via Hermitary. Resources and Reflections on Hermits and Solitude; viraltauglicher zusammengefasst von Allison Meier in: Before the Garden Gnome, the Ornamental Hermit: A Real Person Paid to Dress like a Druid, Atlas Obscura, 18. März 2014; dessen erwähnte Auffassung als Gartenzwerg wird unter anderem vertreten durch Patrick Spät in: Schmuckeremiten — die lebendigen Gartenzwerge, Telepolis 15. Mai 2016. Ihren begründeten Widerspruch findet diese allzu modernistische Herabsetzung bei Silvae in: Landschaftsgärten, 26. August 2014:

Allerdings muss man Hans Ost widersprechen, der in Einsiedler und Mönche in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts behauptet: Als Staffage haben sie eine ähnliche Funktion wie etwa der Gartenzwerg.

Das trifft zu wie alles, was der Polyhistor Silvae sagt — in diesem Fall aber wohl nur für die wirklich großen, engagiert angelegten und gepflegten Landschaftsgärten, die dann gleich Et in Arcadia ego nachstellen und ausleben wollen. Persönlich gehe ich davon aus, dass der typische beschaulich exzentrische Landadlige sich mit dem Eremiten eine Personifizierung seines darzustellenden Innenlebens buchen wollte. So überliefert Silvae selbst:

Stellenanzeige Hamilton, via Silvae, Landschaftsgärten, 26. August 2014

Wanted — Ornamental hermit to occupy natural cave dwelling under waterfall for seven years. The successful candidate shall be provide with Bible, water, spectacles, camlet robe, hourglass, and food from the house. No hair-, nail-, or beard-trimming permitted. Sum offered: £ 600.

In der täglichen Praxis konnte sich so ein bärtiger, ungewaschener Angestellter doch recht profan benehmen; a. a. O.:

Diese Anzeige, mit der ein Ziereremit gesucht wird, wurde von dem Honourable Charles Hamilton aufgegeben. Der Bewerber wurde allerdings nach drei Wochen gefeuert, da er sich nachts heimlich in die Dorfkneipe zu schleichen pflegte.

Und das mit den einmal 600, einmal 700 kolportierten £, die er, wir erinnern uns, erst am Ende seiner sieben Arbeitsjahre erwarten durfte. Was immerhin lehrt, welchen Kredit so ein Schmuckeremit im Georgianischen Zeitalter bei Gastwirten genoss. Daher war das bei einer bestimmten Klientel zu dergleichen berufener Mannspersonen ein begehrter Job, der seinen Weg auch in den Zeitungsteil mit den Stellengesuchen fand. 1810:

A young man, who wishes to retire from the world and live as a hermit, in some convenient spot in England, is willing to engage with any nobleman or gentleman who may be desirous of having one. Any letter addressed to S. Laurence (post paid), to be left at Mr. Otton’s No. 6 Coleman Lane, Plymouth, mentioning what gratuity will be given, and all other particulars, will be duly attended.

An English hermitage illustrated in Merlin, a poem, 1735, via Atlas Obscura

Die seriösen, in allen Wortsinnen groß gedachten Landschaftsanlagen verstanden oft schon nicht mehr als Teil des vorgefundenen Geländes, sondern als Arkadien. So spielt das formal höchst durchtrieben gebaute Theaterstück Arcadia von Tom Stoppard 1993 nicht nur mit Zeitebenen über eineinhalb Jahrhunderte, sondern auch mit der Auffassung des Schmuckeremiten:

Lady Croom: My lake is drained to a ditch for no purpose I can understand, unless it be that snipe and curlew have deserted three counties so that they may be shot in our swamp. What you painted as forest is a mean plantation, your greenery is mud, your waterfall is wet mud, and your mount is an opencast mine for the mud that was lacking in the dell. (Pointing through the window) What is that cowshed?
Noakes: The hermitage, my lady?
Lady Croom: It is a cowshed.
Noakes: It is, I assure you, a very habitable cottage, properly founded and drained, two rooms and a closet under a slate roof and a stone chimney —
Lady Croom: And who is to live in it?
Noakes: Why, the hermit.
Lady Croom: Where is he?
Noakes: Madam?
Lady Croom: You surely do not supply an hermitage without a hermit?
Noakes: Indeed, madam —
Lady Croom: Come, come, Mr Noakes. If I am promised a fountain I expect it to come with water. What hermits do you have?
Noakes: I have no hermits, my lady.
Lady Croom: Not one? I am speechless.
Noakes: I am sure a hermit can be found. One could advertise.
Lady Croom: Advertise?
Noakes: In the newspapers.
Lady Croom: But surely a hermit who takes a newspaper is not a hermit in whom one can have complete confidence.

John Bigg, the Dinton Hermit, via Atlas ObscuraDie maßgebliche, meines Wissens einzige — und in keiner deutschen Übersetzung vorliegende — Fachliteratur wird abgedeckt durch Gordon Campbell: The Hermit in the Garden: From Imperial Rome to Ornamental Gnome, Oxford University 2013. In mancherlei Hinsicht kann es kein typischer englisches Buch geben: Es handelt in aller wünschbaren Länge, Breite und vor allem Tiefe von einem skurrilen — Campbell selbst nennt es Pythonesque — Thema, das nicht etwa zu Unterhaltungszwecken frei erfunden, sondern aus der eigenen Geschichte recherchiert wurde; am Ende ist es laut Verlagswerbung

[t]he intriguing tale of the craze for ornamental hermits — the must-have accessory for the grand gardens of Georgian England and beyond

geworden.

Campbell wendet von seinen 256 Seiten 33 an The Hermitage in the Celtic Lands, womit nicht etwa alle keltischen Kulturen, sondern exklusiv Schottland und Irland gemeint sind — und der Rest des für Schmuckeremiten relevanten Europas wird komplett abgehandelt in einem Appendix 2 namens The Hermit and the Hermitage on the Continent, der genau 6 Seiten umfasst; übrigens im Anschluss an den Appendix 1, einer fünfeinhalb Seiten starken tabellarischen Auflistung sämtlicher im Haupttext erwähnten, immerhin gesamteuropäischen Eremitagen.

Da bleiben für Deutschland in diesem Anhang 2 ab Seite 217 lobende Erwähnungen für Bayreuth, Wörlitz, Luisium, Sieglitzer Berg, Kassel-Wilhelmshöhe und Potsdam — und der Magdalenenklause im Münchner Schlosspark Nymphenburg. Die Seiten 217 bis 219, die innerhalb des europäischen Kontinents Deutschland betreffen, in eigener Übersetzung:

Im späten 18. Jahrhundert kam der englische Landschaftsgartenbau auf dem Kontinent in Mode, wo er jeweils auch als jardin anglais oder giardino inglese bekannt wurde. Einige dieser Gärten beschäftigten Schmuckeremiten. Der folgende kurze Überblick setzt ein mit Deutschland, wo die englische Bauweise den Gartenbau als erstes beeinflusste, und wendet sich dann nach den Niederlanden, Skandinavien, Ungarn (einschließlich Transsilvanien), Russland, Spanien und der Schweiz.

Gordon Campbell, The Hermit in the Garden: From Imperial Rome to Ornamental Gnome, 2013, via SilvaeDas kontinentale Land mit den meisten Eremitagen in „englischen“ Gärten ist Deutschland. Bevor sich die englische Bauweise durchsetzte, herrschte eine Mode für Hoferemitagen wie die Eremitage vor den Toren Bayreuths und das etwas spätere Schloss Nymphenburg, die Münchner Sommerresidenz der bayerischen Kurfürsten. Der ursprüngliche Garten bei Schloss Nymphenburg war italienischen Stils, bis der Landschaftsarchitekt Joseph Effner im frühen 18. Jahrhundert mit der Modernisierung begann. Sein hauptsächlicher Beitrag zum Park bei Nymphenburg war der Aufbau dreier Pavillons (der vierte und erlesenste ist die Arbeit eines anderen Architekten, François de Cuvilliés. Einer von Effners Pavillions war die Magdalenenklause (1725–8), eine als Klosterzellenruine konzipierte Eremitage. Das war eine Struktur, die das Einsetzen des englische Landschaftsstils vorwegnahm, der zuerst in Wörlitz im ostdeutschen Sachsen-Anhalt erschien.

Der große Garten bei Wörlitz wurde zwischen 1764 und 1805 als Teil von Schloss Wörlitz angelegt, der Sommerresidenz von Fürst Franz, Prinz von Anhalt-Dessau. Fürst Franz war Regent von Dessau, aber auch Gartengestalter beträchtlichen Ranges. Auf seinen Reisen durch England hatte er sich mit englischen Gärten vertraut gemacht: Kew, The Leasowes, Stowe und Stourhead — und bezog alle in seine Gartengestaltungen ein: Luisium (1774), Sieglitzer Berg (1777) und Wörlitz. Sein Garten bei Wörlitz ist im Geiste von Rousseaus Ermenonville gestaltet, dem er den Einsatz von Pappeln abschaute; und tatsächlich baute er 1782 eine Kopie von Rousseaus Grabmal ein. In einem angelegenen Teil des Geländes wurde eine Eremitage eingerichtet. Fürst Franz‘ restliche Gärten waren weniger durchkonstruiert, aber für den Bau einer Eremitage am Sieglitzer Berg am Ufer der Elbe zog er den deutschen Gartengestalter Johann Friedrich Eyserbeck hinzu; die Gestaltung lehnt sich deutlich an Stourhead an.

Besuch erhielt Wörlitz unter anderem von Carl August von Sachsen-Weimar in Begleitung von Goethe. Nach Weimar heimgekehrt, kopierten beide etliche Merkmale im heute so genannten Ilmpark, der entlang des Flusses angelegt wurde. Unter den von ihnen errichteten Gebäuden findet sich eine Eremitage, die heute Borkenhäuschen heißt, erbaut 1778.

~~~\~~~~~~~/~~~

John Bigg, the Dinton Hermit, via Atlas ObscuraZwei weitere Englische Gärten in Deutschland beherbergen erhaltene Eremitagen: die eine in Kassel und die andere in Potsdam. Schloss und Park in Kassel seit 1798 als Wilhelmshöhe bekannt, wurde Anfang des 18. Jahrhunderts als italienischer Garten mit reichlichem Wasserbrauch und einer Unzahl von Statuen angelegt. Anfang der 1780er Jahre errichtete der Landgraf innerhalb des Parks eine Chinoiserie namens Mou-lang und leitete damit den Übergang vom italienischen Barockstil zum englischen landschaftsgarten ein. Die Bauten von Mou-lang wurden schnell mit einer ägyptischen Pyramide, einem Tempel des Merkur und einer Anzahl Eremitagen vervollständigt, deren jede einem Philosophen gewidmet war; allein die Eremitage des Sokrates besteht noch.

Der Neue Garten in Potsdam war das Werk von Friedrich Wilhelm II., König von Preußen, der kurz nach seiner Thronbesteigung 1786 Johann August Eyserbeck (den Sohn von Johann Friedrich) beauftragte, seine Pläne zu einem Garten nach englischem Modell ins Werk zu setzen. Am nördlichen Ende des Parks verfällt heute eine Eremitage, die ein Reetdach hatte und mit Eichenrinde verkleidet war.

~~~\~~~~~~~/~~~

Die gegenwärtige Grenzziehung zwischen Deutschland und den Niederlanden ist vergleichsweise modern. Während es Dreißigjährigen Krieges wurde die Stadt Kleve, die heute auf der deutschen Seite der holländisch-deutschen Grenze liegt, von der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen regiert. […]

Der inhaltliche Sprung in die holländische Geschichte zeigt, dass ich eigentlich schon zuviel übersetzt hab, soweit es um deutsche Eremitagen gehen sollte. Mehr als die nicht ganz zwei Seiten im allerletzten Textteil des Anhangs ist da nicht.

Insgesamt gestaltet sich die Fachliteratur über Schmuckeremiten spärlich, und auch nach Campbells Monographie erwarte ich schon allein wegen der zu befürchtenden Senkung der Arbeitsmoral potenzieller Arbeit-„Nehmer“ keine Explosion ihrer Popularität. Was vorhanden ist — von John Milton samt seiner Parodie von Joseph Giles über den belletristischen Exkurs bei Matthias Altenburg, aufschlussreicher bei Edith Sitwell, Allison Meier für den Atlas Obscura und Patrick Spät für Telepolis, Tom Stoppards alle Erzählmöglichkeiten des Theaters ausschöpfende Komödie bis hin zu Gordon Campbells überfälliger Monographie — scheint mir, ohne alles vollständig durchstudiert zu haben, interessant genug für uneingeschränkte Empfehlung.

Stand einem Schuckeremiten eigentlich Urlaub zu?

An 18th century hermitage that survives in Manor Gardens Eastbourne, East Essex, photograph by Kevin Gordon

Bilder: Silvae: Landschaftsgärten, 26. August 2014;
Allison Meier: Before the Garden Gnome, the Ornamental Hermit: A Real Person Paid to Dress like a Druid, Atlas Obscura, 18. März 2014:

  1. An English hermitage illustrated in „Merlin: a poem“ (1735) (via British Library);
  2. John Bigg, the Dinton Hermit. Not a garden hermit, but of same era (via Wellcome Library);
  3. John Bigg, the Dinton Hermit (via Wellcome Library);
  4. An English hermitage illustrated in „Merlin: a poem“ (1735) (via British Library);
  5. An 18th century hermitage that survives in Manor Gardens Eastbourne, East Essex (photograph by Kevin Gordon).

Soundtracks: Ornamental Hermit, einmal von William D. Drake, aus: The Rising of the Lights, 2011,
und einmal von David Grubbs, aus: The Plain Where the Palace Stood, 2013:

(Of all the things you did for me
The one most splendid was to christen
A place in me where I can be
A most contented person.)

Bonus Track, weil Musik ja auch Spaß machen soll: Отава Ё: Про Ивана Groove, 2011:

Written by Wolf

21. Juni 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

Ich bin’s, bin Yung, bin deinesgleichen! (Mein Busen fängt mir an zu brennen. Ich bin handlungsfähig)

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Update zu So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Der Goethe wor fei aa do. It’s a nice-a place,
Hunderttausende erlebten Goethe, Schiller und Herrndorf! Schon beim Saisonauftakt waren alle tot. Dass Schiller nicht Wolfgang hieß, verblüffte alle
und Der erste Greis, den ich vernünftig fand:

SO frewe dich Jüngling in deiner Jugent / vnd las dein Hertz guter ding sein in deiner Jugent. Thu was dein Hertz lüstet / vnd deinen Augen gefelt / Vnd wisse / das dich Gott vmb dis alles wird fur Gericht füren.

Prediger Salomo 11,9.

Da kann ich den Faust zum Lebensthema haben, soviel ich will, aber ich bin nicht so der Theatertyp. Gut, dass es die Münchner Theater gibt, da fällt mir wenigstens immer wieder ein, warum das so ist.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner Kammerspiele

Okay, das war jetzt unfair. Andernorts ist es wahrscheinlich sogar viel schlimmer. Immerhin hat München 2018 in Gestalt der Kunsthalle und des Gasteigs samt über 200 „Partnern“ vom 23. Februar bis 29. Juli ganz München mit einem Faust-Festival namens Du bist Faust. Goethes Drama in der Kunst überzogen, obwohl es nicht hätte sein müssen. Geplant waren Küchenhandtuchstickereien wie:

„Faust“ ist aktuell, Faust ist der prototypische moderne Mensch – rastlos auf der Suche, jedoch nie am Ziel. Das Drama hinterfragt den Menschen noch immer in seiner Verführbarkeit, Moral und Gesellschaftsstruktur. Seine Fragen sind auch unsere großen Fragen heute.

Wo wollen wir hin in unserem Streben? Was ist unser Preis? Wie weit dürfen wir gehen? Was ist Glück? Die Reise beginnt …

Zu deutsch: Keiner weiß warum. Man verstehe mich recht: Das war ja dann auch ein feiner Zug von der Kunsthalle und dem Gasteig und den 200 Werbekunden. Wahrscheinlich musste es 2018 sein wegen des 210-jährigen Jubiläums der Erstveröffentlichung, wenn man das Faust-Fragment von 1790 nicht mitrechnet; der „Urfaust“ von ungefähr 1775 war schon immer ein Konstrukt, und spätestens seit der revolutionären Ausgabe von Albrecht Schöne 1994 ein überholtes dazu.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner KammerspieleIn München musste es wahrscheinlich sein wegen Goethes beherzter Flucht aus der Stadt nach seiner ersten, letzten und einzigen Nacht in einem Wirtshaus, das heute ein Hutgeschäft ist, und in dem er sich noch nicht mal besaufen mochte.

Das Maskottchen der Unternehmung war ein gezeichneter Pudel: der mit dem Kern, also Mephisto persönlich. Und er war ein Mädchen — wahrscheinlich wegen Bibiana Beglau, die seit 2014 den Mephisto am Residenztheater mit ganz unerhörter Brillanz spielen soll. Und sie hieß Luzi — die Pudeline, nicht die Beglau — welches Naming crowdgesourced war. Das kommt von Luzifer und soll wohl die Abkürzung von Mephistopheles sein. Vielleicht auch eine Reverenz an die Schauspielerin Lucie Lechner, die sich ihren Namen nicht ausgesucht hat, und wenn doch, dann nicht nach einer diabolisch missverstandenen Variation über die römische Venus, und die einmal als Sponsorin auftrat und immerhin dreimal als — nein, nicht als Mephistopheline, sondern als Fäustin. Bei Christopher Marlowe um 1588 war Mephisto noch eine Art Laufbursche von Luzifer, bei Goethe, auf den die Münchner Event-Ballung sich bezog, fragt er: „Ihr schönen Kinder laßt mich wissen: Seyd ihr nicht auch von Lucifers Geschlecht?“ — wenn auch erst im zweiten Teil, den bestimmt kein Mensch in München jemals bis zum Schluss durchgehalten hat — und das wiederum wahrscheinlich, weil zu arg des Geheimrats Rotweinlieferungen aus ihm sprechen und zu wenig gemütliche Bierseligkeit. Aber lass recht sein, „Luzi“ klingt ja schon besser als „Mephi“.

München halt: Hauptsache, man kann eine Sekt- und Biertränke daneben hinstellen. Sehen wir’s mal optimistisch: Angedroht und sicher auch durchgezogen waren über 500 Veranstaltungen. Die konnten ja schon rein statistisch nicht alle scheiße sein.

Wie gesagt, ist das alles 1. andernorts sogar noch schlimmer, 2. unfair, 3. der Stand von 2018 — und deshalb 4. inzwischen seinerseits Geschichte. Aktueller Stand 2019 ist, dass nicht nur Bibiana Beglau und alle anderen seit 2014 immer noch den Faust am Residenztheater in unregelmäßiger werdenden Abständen durchziehen, sondern daselbst auch noch FaustIn and Out von Elfriede „Nobelpreis“ Jelinek gegeben wird — weit regelmäßiger, zusätzlich bis gleichzeitig.

Und weil das nicht reicht, geben die Münchner Kammerspiele in fußläufiger Nachbarschaft YUNG FAUST, raten Sie mal, nach welchem klassischen Drama. — Seit 23. Januar 2019 in Kammer 2 der Münchner Kammerspiele:

Gabriela Neeb, Kammer 2, für Münchner Kammerspiele in München Online, ca. März 2019

YUNG FAUST
NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
Inszenierung: Leonie Böhm
Schauspiel

PR-Text, 2019:

„Erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält,“ will Faust und begibt sich auf die Suche: Rausch, Verjüngung, Sex und Zauberei. „Ich will in dieser Stunde mehr gewinnen als in des Jahres Einerlei.“ Faust lässt alle Vernunft fahren (oder versucht es zumindest), gibt Kontrolle ab und hofft im intensiven Leben die Welt endlich zu begreifen. Die Regisseurin Leonie Böhm sagt: „Ich bin Faust“ und legt zusammen mit den Schauspieler*innen Annette Paulmann, Julia Riedler und Benjamin Radjaipour die echten Gefühle im alten Faust-Text frei. So wie die Cloudrapper*innen der Gegenwart ihrem Künstlernamen ein „Yung“ hinzufügen und damit nicht nur buchstäbliche Jugend anzeigen, sondern auch ihren frischen Zugriff auf die Welt und die Beziehungen in ihr, will „Yung Faust“ den allzu viel gesprochenen Sätzen des mächtigen alten weißen Mannes (Goethe) eine verletzliche Unmittelbarkeit abgewinnen. Echte Zitate, echte Begegnungen: „Mein Busen fängt mir an zu brennen!“

Das offizielle Interview mit der Regisseurin Leonie Böhm verschweigt den Interviewer, geht aber noch weiter. Bis zum anschließenden Publikumsgespräch:

——— Münchner Kammerspiele:

Yung Faust

nach J. W. von Goethe,
in: Programmheft März 2019, nicht paginiert,
cit. München Online:

Warum inszenierst du Faust und wie? Haben die Kammerspiele Regisseurin Leonie Böhm gefragt. Ihre Antwort kam in der ihr liebsten Kommunikationsform, der Sprachnachricht.

Ich selbst bin Faust, denn ich komme in allen Theatertexten vor, die ich lese. Genauso wie ich mein Weltbild in die Gesellschaft hineinprojiziere. Deshalb ist es das Gleiche, ob ich über mich oder die Gesellschaft, über mich oder über Faust spreche. In meiner Rolle als Regisseurin, Künstlerin und Gestalterin bin ich eine ebenso wütige Person wie Faust. Ich bin verkopft, sinnsuchend, studiert und habe Sehnsucht mich selbst zu spüren. Lust zu gewinnen. Präsent zu sein und zum Augenblick zu sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Es geht mir darum, Gedanken und Gefühle zu einem Augenblick des Glücks zu verdichten, den ich unbedingt festhalten möchte. Allein fällt uns das schwer. Wir brauchen die Anderen, damit sie uns aus unseren festgefahrenen Denkstrukturen befreien.

Diesen Zustand versucht Faust mit allen Mitteln zu erreichen. Er will Liebe, Glück. Er will noch einmal ganz im Moment leben, im Hier und Jetzt, und dafür ist das Theater genau der richtige Ort. Faust sucht den Rausch, er will sich verjüngen, sich in der Ekstase verlieren, und das findet zum Beispiel im Cloud Rap statt. Viele Cloud Rap-Künstler provozieren mentalen Kontrollverlust und kreieren daraus einen Sound, der fragil und nah ist. Ihre Musik entspricht meiner Sehnsucht nach Intimität, deshalb gehört sie zu meiner Inszenierung. Zusammen mit einer Gruppe junger Menschen will ich zeigen, dass die Faust’sche Sehnsucht jetzt nicht mehr an Alter oder Geschlecht gebunden ist. Ich und viele andere sind Faust, weil wir eine bestimmte Macht haben, gebildet sind und uns in einer elitären Gesellschaft bewegen. Wir sind es gewohnt, uns ständig zu kontrollieren, zurückzuhalten und wünschen uns (selbst) zu lieben, auszubrechen, offener miteinander umzugehen. Ich wünsche mir, dass wir aus dem Abend rausgehen und denken: Ich bin handlungsfähig.


Inszenierung: Leonie Böhm
Bühne: Sören Gerhard
Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff
Dramaturgie: Tarun Kade

Anschl. Publikumsgespräch

München, Weltstadt der Herzen oder wie das heißt. Die gute Nachricht ist: Die Münchner Stadtbibliotheken haben ebenfalls seit Januar auch samstags geöffnet. Dafür montags geschlossen.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner Kammerspiele

Bilder: Münchner Kammerspiele, Januar 2019;
Gabriela Neeb: Kammer 2, für Münchner Kammerspiele in: München Online, ca. März 2019.

Soundtrack: Lena Meyer-Landrut: Wild & Free, aus: Only Love, L, 2015, für: Fack ju Göhte 2, 2015:

Written by Wolf

14. Juni 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Sonntag 7 von 7: Wo bleibt der Tröster?

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Update zu Denkst du denn nicht an den Loup Garou?,
Ach! wie ists erhebend sich zu freuen,
Pfingsten, das liebliche Fest und
Sonntag 1 von 7: Denn „sieben, sieben“, flüstert es stets, und „sieben Wochen“ ihm in das Ohr:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

William-Adolphe Bouguereau, Rêve de printemps, 1901Zu solchen Sonntagen nach Ostern zählt Pfingsten nach der Liturgie des römisch-katholischen Kirchenjahres nicht mehr — aber ein Organ, das zu wiederholten Malen fünf Adventssonntage, um nicht zu sagen: -freitage, gefeiert hat, darf unter seine Feier siebenzeiliger Strophen jederzeit einen siebenten Sonntag reihen, der gemäß jeder Liturgie nach Ostern liegt.

Damit entfallen leider die schönen Lesungen und Psalmen für die Sonntage der Osterzeit. Damit die Serie dennoch dort wieder aufhört, wo sie angefangen hat, weil die Leser, wie Max Goldt einst wusste, auf zyklische Aufbauten total stehen, und um uns aus diesem Jammertal zu retten, legt die Droste in ihrem Zyklus des geistlichen Jahres nach ihrer vertrauten — der katholischen — Liturgie als Epistel die Apostelgeschichte 2,1–11 fest. Knappe Lesungen beschränken sich auf Kapitel 2,1–4, wir erweitern, weil wir die Leute gern ausreden lassen, auf 2,1–13 — nach der Vulgata und nach Luther letzter Hand 1545:

Et cum complerentur dies Pentecostes, erant omnes pariter in eodem loco : et factus est repente de cælo sonus, tamquam advenientis spiritus vehementis, et replevit totam domum ubi erant sedentes. Et apparuerunt illis dispertitæ linguæ tamquam ignis, seditque supra singulos eorum : et repleti sunt omnes Spiritu Sancto, et cœperunt loqui variis linguis, prout Spiritus Sanctus dabat eloqui illis.

Erant autem in Jerusalem habitantes Judæi, viri religiosi ex omni natione, quæ sub cælo est. Facta autem hac voce, convenit multitudo, et mente confusa est, quoniam audiebat unusquisque lingua sua illos loquentes. Stupebant autem omnes, et mirabantur, dicentes : Nonne ecce omnes isti, qui loquuntur, Galilæi sunt, et quomodo nos audivimus unusquisque linguam nostram, in qua nati sumus ? Parthi, et Medi, et Ælamitæ, et qui habitant Mespotamiam, Judæam, et Cappadociam, Pontum, et Asiam, Phrygiam, et Pamphyliam, Ægyptum, et partes Libyæ, quæ est circa Cyrenen, et advenæ Romani, Judæi quoque, et Proselyti, Cretes, et Arabes : audivimus eos loquentes nostris linguis magnalia Dei. Stupebant autem omnes, et mirabantur ad invicem, dicentes : Quidnam vult hoc esse ? Alii autem irridentes dicebant : Quia musto pleni sunt isti.

William-Adolphe Bouguereau, La brise du printemps, 1895VND als der tag der Pfingsten erfüllet war /waren sie alle einmütig bey einander. Vnd es geschach schnelle ein Brausen vom Himel / als eines gewaltigen Windes / vnd erfüllet das gantze Haus / da sie sassen. 3Vnd man sahe an jnen die Zungen zerteilet / als weren sie fewrig / Vnd er satzte sich auff einen jglichen vnter jnen / vnd wurden alle vol des heiligen Geists / Vnd fiengen an zu predigen mit andern Zungen / nach dem der Geist jnen gab aus zusprechen.

ES waren aber Jüden zu Jerusalem wonend / die waren gottfürchtige Menner / aus allerley Volck / das vnter dem Himel ist. Da nu diese stimme geschach /kam die Menge zusamen / vnd wurden verstörtzt /Denn es höret ein jglicher / das sie mit seiner Sprache redten. Sie entsatzten sich aber alle / verwunderten sich / vnd sprachen vnternander / Sihe / sind nicht diese alle / die da reden / aus Galilea? Wie hören wir denn / ein jglicher seine Sprache / darinnen wir geboren sind? Parther vnd Meder / vnd Elamiter / vnd die wir wonen in Mesopotamia / vnd in Judea / vnd Cappadocia / Ponto vnd Asia / Phrygia vnd Pamphylia / Egypten / vnd an den enden der Lybien bey Kyrenen / vnd Auslender von Rom / Jüden vnd Jüdege nossen / Kreter vnd Araber / Wir hören sie mit vnsern Zungen / die grossen Thaten Gottes reden. Sie entsatzten sich alle / vnd wurden jrre / vnd sprachen einer zu dem andern / Was wil das werden? Die andern aber hattens jren spot / vnd sprachen / Sie sind vol süsses Weins.

Eine Art Regiefehler ist der Dichterin des Pfingstsonntages bei der Zählung der „vierzig Tag | Und Nächte“ unterlaufen: Am Pfingstsonntag sind seit Christi Himmelfahrt zehn, seit Ostern fünfzig Tage vergangen.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Am Pfingstsonntage

ab 1819, vorläufiger Abschluss 1839, posthum veröffentlicht
als: Das geistliche Jahr in Liedern auf alle Sonn- und Festtage,
hg. Christof Bernhard Schlüter, Stuttgart 1851:

William-Adolphe Bouguereau, Chansons de printemps, 1889Still war der Tag, die Sonne stand
So klar an unbefleckten Tempelhallen;
Die Luft in Orientes Brand
Wie ausgedorrt, ließ matt die Flügel fallen.
Ein Häuflein sieh, so Mann als Greis,
Auch Frauen, knieend; keine Worte hallen,
Sie bethen leis.

Wo bleibt der Tröster, treuer Hort,
Den scheidend doch verheißen du den Deinen?
Nicht zagen sie, fest steht dein Wort,
Doch bang und trübe muß die Zeit wohl scheinen.
Die Stunde schleicht; schon vierzig Tag
Und Nächte harrten wir in stillem Weinen
Und sahn dir nach.

Wo bleibt er? wo nur? Stund an Stund,
Minute will sich reihen an Minuten.
Wo bleibt er denn? — und schweigt der Mund:
Die Seele spricht es unter leisem Bluten.

Der Wirbel stäubt, der Tieger ächzt
Und wälzt sich keuchend durch die sandgen Fluthen,
Sein Rachen lechzt.

William-Adolphe Bouguereau, Le printemps, 1886Da, horch, ein Säuseln hebt sich leicht!
Es schwillt und schwillt, und steigt wie Sturmes Rauschen.
Die Gräser stehen ungebeugt;
Die Palme starr und staunend scheint zu lauschen.
Was zittert durch die fromme Schaar,
Was läßt sie bang und glühe Blicke tauschen?
Schaut auf! nehmt wahr!

Er ists, er ists; die Flamme zuckt
Ob jedem Haupt; welch wunderbares Kreisen,
Was durch die Adern quillt und ruckt!
Die Zukunft bricht; es öffnen sich die Schleusen,
Und unaufhaltsam strömt das Wort,
Bald Heroldsruf und bald im flehend leisen
Geflüster fort.

O Licht o Tröster, bist du, ach!
Nur jener Zeit, nur jener Schaar verkündet?
Nicht uns, nicht überall, wo wach
Und trostesbaar sich eine Seele findet?
Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.

William-Adolphe Bouguereau, Le printemps, 1858

Peintures: die Frühlingsallegorien von William-Adolphe Bouguereau in umgekehrt chronologischer Reihenfolge, weil nur das früheste ein Querformat ist:

  1. Rêve de printemps, 1901;
  2. La brise du printemps, 1895;:
  3. Chansons de printemps, 1889;
  4. Le printemps, 1886;
  5. Le printemps, 1858,

via Wikimedia Commons und Bareviewed.

Minute will sich reihen an Minuten: Kroke: Time, aus: The Sounds of the Vanishing World, 1999:

Written by Wolf

7. Juni 2019 at 00:01

Sonntag 6 von 7: Das reflektierende Veilchen (sang oder sank)

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile und
und Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

6. Sonntag nach Ostern: Exaudi

Exaudi, Domine, vocem meam, qua clamavi ad te.

HERR höre meine stim wenn ich ruffe / Sey mir gnedig vnd erhöre mich.

Psalm 27,7.

Mori-Kei, In the Forest, Tumblr 2018Der Sonntag Exaudi weist als letzter Sonntag vor Pfingsten schon eher auf das anstehende Hochfest voraus denn auf das zurückliegende Ostern zurück. — Viola riviniana, eine ausdauernde krautige Halbrosettenpflanze, blüht von April bis Juni in Laubwäldern.

Das „sang“ in der letzten Strophe von Goethes Veilchen könnte laut der Weimarer Ausgabe ein durch die relevanten Druckvorlagen verschleppter Druckfehler sein; Goethes eigene Zweitverwendung für das Singspiel Erwin und Elmire von 1775, eine frühe Abschrift von Lotte Jacobi (nicht verwandt, aber spärlich belegt), nicht zuletzt die gleichnamige Mozart-Vertonung KV 476 von 1785 sowie rezente populäre Zitate verwenden wie selbstverständlich das sinnvoll erscheinende „sank“. Karl Eibl vermutet in der Frankfurter Ausgabe:

Unmöglich aber ist „sang“ nicht, da das Veilchen danach noch als reflektierend, wenn nicht redend, dargestellt wird.

Was weder Karl Eibl in der maßgeblichen Frankfurter Ausgabe noch Wikipedia auf dem Stand vom 15. April 2019 berücksichtigt, ist die Einschätzung von Heinrich Viehoff 1869:

Da Lotte Jacobi das Gedicht bereits im Januar 1773 besaß, so gehört es wohl spätestens dem Ende 1772 an.

——— Johann Wolfgang Goethe:

Das Veilchen

Ende 1772 oder Anfang 1774, in: Iris. Vierteljahresschrift für Frauenzimmer, März 1775,
cit. die sperrig orthographierte Version der Weimarer Ausgabe, daher mit „sank“:

Mori-Kei, In the Forest, Tumblr 2018

Ein Veilchen auf der Wiese stand
Gebückt in sich und unbekandt,
Es war ein herzigs Veilchen.
Da kam eine iunge Schäferin,
mit leichtem Schritt und munterm Sinn,
Daher! Daher!
Die Wiese her, und sang.

Ach denkt, das Veilchen wär ich nur,
Die schönste Blume der Natur,
Ach! nur ein kleines Weilchen.
Bis mich das Liebchen abgepflückt,
Und an dem Busen matt gedrückt,
Ach nur! Ach nur!
Ein Viertelstündchen lang.

Ach aber, ach! das Mädchen kam,
Und nicht in Acht das Veilchen nahm,
Ertrat das arme Veilchen.
Und sank und starb und freut sich noch,
Und sterb ich denn, so sterb ich doch
Durch sie! durch sie
Zu ihren Füßen doch!

Mori-Kei, In the Forest, Tumblr 2018Zu ihren Füßen doch: Die junge Mori-Kei scheint, so von weitem betrachtet, ein grundgutes, jedenfalls sehr ernsthaftes und fleißiges Mädchen, eine „zum Heiraten“. Sie wählt ihre Mode besonders ökologisch, züchtig und zweckmäßig und kauft sie gebraucht; den Rest näht sie selbst. Na gut, außer ihren Schuhen, weil sie in den Monaten April bis September — das ist: die Blütezeit der gängigsten Viola-Arten — ihre Gardobe auf hippieske Weise barfuß als vollständig ansieht:

  1. Listen, 29. Mai 2018:

    • Sweater — Thrifted
    • Dress — Dresslily
    • Green Skirt — Krisp
    • Brown Skirt — Thrifted
  2. The Words of the Woods, 14. August 2018
    :

  3. All Thrifted ^_^
  4. Waiting, 27. Mai 2018:

  5. Dress — Aliexpress (MoriAlice)
  6. Skirt — Krisp
  7. T-shirt — Samansa Mos2
  8. Short Sleeve Cardigan — Thrifted

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Exaudi:
Sie werden euch in den Bann tun, BWV 44, 1724;
Sie werden euch in den Bann tun, BWV 183, 1725:


Written by Wolf

31. Mai 2019 at 00:01

Sonntag 5 von 7: Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht (Geschichtsstunde für Mädchen)

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Update zu Bierchen aus alter Zeit und
Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

5. Sonntag nach Ostern: Vocem iucunditatis oder Rogate

Vocem iucunditatis annuntiate, et audiatur.

GEhet aus von Babel / fliehet von den Chaldeern mit frölichem schall / Verkündiget vnd lasset solchs hören / Bringets aus bis an der Welt ende / sprecht /Der HERR hat seinen knecht Jacob erlöset.

Jesaja 48,20.

Rogate heißt der Bittsonntag, vocem iucunditatis heißt, dass die Bitten gefälligst freundlich gestellt werden.

Ich möchte nicht, daß es so aussieht,