Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘~ Höllenfahrt ~’ Category

3. Katzvent: „du schaffst es“, sagte ich, „du bist ein Guter …“

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Update zu Her Father Didn’t Like Me Anyway (Das Liebesleben der Hyäne):

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

——— Charles Bukowski:

Manx

ca. 1981,
aus: Abel Debritto, Hrsg.: Charles Bukowski: Katzen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018;
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Jan Schönherr:

Cover Abel Debritto, Hrsg., Charles Bukowski. Katzen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018das ist nur ein langer Ruf
aus kurzem Raum.
es erfordert keinerlei
besondere Brillanz
zu wissen, dass
wir wieder mal auf Abwege geraten.
wir lachen immer weniger,
werden vernünftiger.
Wünschen uns nichts als
die Abwesenheit anderer.
sogar die klassische Musik
wurde zu oft gehört,
die guten Bücher sind
gelesen.
wieder kommt uns der Verdacht
wie schon am Anfang
wir seien
sonderbar, abartig, passten
hier nirgendwo hin …
während wir das schreiben
ein hässliches Brummen, etwas
landet in unserem
Haar
verheddert sich.
wir fassen hin
zupfen es frei
und es sticht uns in den Finger.
was hat dieses dahergeflogene
Nichts
denn hier zu suchen, mitten
in der Nacht?
es ist fort …

dort ist eine Schiebe-
tür aus Glas
und draußen
sitzt ein weißer Manx
mit einem schiefen Auge.
die Zunge hängt ihm seitlich
aus dem Maul.
wir schieben die Tür auf
und er huscht herein
die Vorderbeine wollen
in die eine Richtung
die Hinterbeine
in die andere.
jämmerlich gekrümmt
kommt er auf uns zu
flitzt uns die Beine rauf
und auf die Brust
legt uns die Vorderbeine
wie Arme
an die Schultern
streckt die Schnauze
dicht an unsere Nase
und blickt uns an
so gut er kann;
ebenso verdattert
blicken wir zurück.

eines Abends,
alter Junge,
irgendwann,
irgendwie.
zusammen
stecken wir hier fest.

wir lächeln wieder
so wie früher.
plötzlich springt der Manx
mit einem Satz davon und
wuselt seitwärts über den
Teppich, auf der
Jagd nach irgendwas
das keiner von uns sieht.

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Charles und Linda Bukowski mit Non-Manx-Kater

Ein internationaler Dieb hat am Montag meinen LIeblingskater überfahren (den Manx). Das Vorderrad ist komplett über ihn drüber. Jetzt ist er in der Klinik. Der Arzt meint, er kann vielleicht nie wieder gehen. Lässt sich noch nicht sagen. Auf dem Röntgenbild sieht man, das Rückgrat ist im Arsch. Eine tolle Katze. Richtig Charakter. Vielleicht kann man operieren, oder ihm Räder anbauen. Auf dem Röntgenbild sieht man auch, dass irgendwer irgendwann auf ihn geschossen hat. Er hatte es nicht leicht.

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Charles Bukowski mit Non-Manx-KaterDer Manx geht wieder, wenn auch etwas schief. 7 Tage war er in der Klinik. Ein Wunder, meint der Arzt, dass der Manx wieder geht. Außerdem ist er kein Manx, den Schwanz hat ihm einer abgeschnitten. Siam ist dadrin. Verdammt eigenartiges Tier, höllisch clever. Der Typ, der ihn überfahren hat, kam gestern Abend vorbei, der Manx hat ihn gesehen und flitzte sofort die Treppe rauf und oben hinter die Klotür. Er wusste, wer da am Steuer gesessen hatte.

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Das ist mal ein schöner Kater. Zunge hängt raus, er schielt. Der Schwanz ist gekappt. Schön ist er, hat was im Kopf. Wir brachten ihn zum Tierarzt, zum Röntgen — ein Auto hatte ihn erwischt. Der Arzt meinte: „Diesen Kater hat man zweimal überfahren, angeschossen, ihm den Schwanz abgeschnitten.“ Ich sagte: „Dieser Kater bin ich.“ Fast totgehungert stand er vor meiner Tür. Wusste genau, wohin er muss. Wie sind beide Straßenpenner.

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Der Manx stand eines Tages halbtot vor der Tür. Wir nahmen ihn auf, fütterten ihn fett, dann kam ein besoffener Freund vorbei und überfuhr ihn mit dem Auto. Ich hab’s gesehen. Der Kater sah mir dabei direkt in die Augen. Wir brachten ihn zum Tierarzt. Röntgen. In Wahrheit ist er gar kein Manx. Jemand hat ihm den Schwanz abgeschnitten, meint der Arzt. Geschossen hat man auch auf ihn, das Schrot steckt noch im Fleisch, und er kam nicht zum ersten Mal unter die Räder — verheilte Stelle am Rückgrat auf dem Röntgenbild. Ein schiefes Auge hat er auch. Wahrscheinlich wird er nie mehr laufen können, hieß es. Jetzt rennt er umher, schielend, raushängende Zunge. Ein zäher Spinner.

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Der schwanzlose, schielende Kater stand eines Tages vor der Tür, und wir ließen ihn rein. Alte rosa Augen. Was für ein Kerl. Tiere ind inspirierend. Sie können nicht lügen. Sind Naturgewalten. Vom Fernsehen werde ich nach fünf Minuten krank, ein Tier kann ich stundenlang betrachten und sehe nichts als Pracht und Anmut, das Leben, wie es sein sollte.

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geschichte eines zähen Motherfuckers

eines Abends stand er vor der Tür, nass, dürr,
geprügelt und
verängstigt.
ein weißer, schiefäugiger Kater ohne Schwanz
ich ließ ihn rein, gab ihm zu fressen und er blieb,
fasste Vertrauen, bis ein Freund in die Einfahrt
bog und ihn überfuhr.
was übrig blieb, trug ich zum Tierarzt, und der
meinte: „sieht nicht gut aus … Vielleicht mit
diesen Pillen … das Rückgrat ist gebrochen,
nicht zum ersten Mal, aber damals irgendwie
geheilt, wenn er überlebt, kann er nie wieder
laufen, hier, die Röntgenbilder, jemand hat auf ihn
geschossen, das Schrot steckt noch im Fleisch …
und er hatte einen Schwanz, den hat ihm einer
abgeschnitten …“

ich brachte ihn nach Hause, es war ein heißer
Sommer, einer der heißesten seit Jahrzehnten,
ich setzte ihn im Badezimmer ab, gab ihm
Wasser und die Pillen, er wollte nicht fressen
und ließ auch das Wasser stehen, ich tauchte
den Finger ein und benetzte ihm das Maul
und sprach mit ihm, ich ging nicht aus dem
Haus, blieb viel im Badezimmer und redete ihm
zu, streichelte ihn, und er sah mich bloß mit
diesen blassen blauen schiefen Augen an, und
nach einigen Tagen rührte er sich zum ersten Mal
zog sich mit den Vorderbeinen vorwärts
(die Hinterbeine wollten einfach nicht)
er schaffte es zum Katzenklo
kletterte über den Rand hinein,
das war, als schallten die
Fanfaren möglichen Triumphs
vom Badezimmer
durch die Stadt, ich fühlte mit ihm — auch ich
war übel dran gewesen, nicht ganz so übel, aber
schlimm genug …

eines Morgens stand er auf, blieb stehen, fiel
wieder hin und
sah mich an.

„du schaffst es“, sagte ich, „du bist ein Guter …“

er versuchte es immer wieder, stand auf, fiel hin,
bis er endlich ein paar Schritte ging, torkelnd,
wie betrunken, die Hinterbeine wollten einfach
nicht, er fiel, ruhte kurz aus und rappelte sich
wieder hoch …

ihr kennt den Rest: Jetzt geht’s ihm besser
denn je, schielend, fast keine Zähne, die Anmut
ist zurück, und dieses Etwas in den Augen war
nie weg …

Charles Bukowski mit Non-Manx-Katermanchmal interviewt man mich, fragt mich
nach Leben und Literatur, und ich besaufe mich
und halte meinen schielenden angeschossenen
überfahrenen entschwanzten Kater hoch und sage
„schaut, schaut euch das an.“

aber sie verstehen nicht, sagen Dinge wie „sie
sind also beeinflusst von Céline …“

„nein.“ ich halte die Katze hoch. „von dem,
was passiert, von
so was wie dem hier, dem hier, dem hier! …“

ich schwenke den Kater hin und her, halte ihn ins
verrauchte, betrunkene Licht; er nimmt’s locker, er
kennt sich aus …

ungefähr da ist’s mit den meisten Interviews vorbei.
allerdings bin ich manchmal ganz schön stolz,
wenn ich sie später gedruckt sehe, und da bin ich
und da ist der Kater, wir beide, zusammen auf dem
Foto …

was das für Bullshit ist, das weiß er auch, aber
es bringt Futter in den Napf,
stimmt’s?

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Charles Bukowski mit Non-Manx-Kater

eins für den alten Knaben

er war bloß ein
Kater
schielend
schmutzig weiß
mit blassen blauen Augen

ich erspare euch seine
Geschichte
nur so viel:
er hatte jede Menge Pech
und war ein guter
Kerl
und er ist gestorben
wie Menschen sterben
Elefanten sterben
Ratten sterben
Blumen sterben
wie Wasser verdunstet
und der Wind sich legt

letzten Montag hat
die Lunge schlappgemacht.

jetzt liegt er im Rosen-
garten
und in mir wurde
ein anrührender
Marsch für ihn gespielt
was sicher nicht viele
aber bestimmt manche
von euch
interessiert.

das
war’s.

Charles Bukowski mit Non-Manx-Kater

Bilder: Cover Abel Debritto, Hrsg.: Charles Bukowski: Katzen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018;
Charles und Linda Bukowski: ca. Juni 1981, via Elena Kuzmina: Charles Bukowski — On Cats, 20. April 2016
und Guillermo Galvan’s Reviews: On Cats, 18. Januar 2017.

Anrührender Marsch: 2. Satz: Marcia funebre — das bedeutet: Begräbnismarsch — (Adagio assai) aus: Beethoven: 3. Sinfonie „Eroica“, Es-Dur, opus 55, 1803,
Wiener Philharmoniker unter Leonard Bernstein im Musikverein Wien, 1978:

nichts gegen
Beethoven:

für einen Mensch
war der
nicht übel

trotzdem möchte ich
ihn
nicht auf dem Teppich haben
ein Bein über
dem Kopf und
die Zunge an
den Eiern.

Charles Bukowski: eine Katze ist eine Katze ist eine Katze ist eine Katze, a. a. O., Seite 99.

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Bonus-Gedicht: Charles Bukowski: Cats and You and Me:

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And all I got’s a pocketful of flowers on my grave: Tom Waits: Back In The Good Old World (Gypsy),
aus: Night on Earth, 1991 f.:

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Written by Wolf

14. Dezember 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Novecento

2. Katzvent: Über ein kleines werden wir alle tot sein

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Update zu 1. Katzvent: I should be stronger than weeping alone (und mit pragmatischen Messingdrähten zum Skelett zusammengeworfelt):

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

Was Ihren abschließenden Grußwunsch „Glückliche Mäusejagd!“ betrifft, so können Sie bei seiner Niederschrift nicht ganz nüchtern gewesen sein. Katzen meines Geblüts jagen keine Mäuse.

Taki Chandler an Mike Gibbud, Esq., einen Siam-Kater nicht ganz reiner Blutlinie:
Antwort auf einen überraschend erhaltenen Weihnachtsglückwunsch,
Weihnachten 1948, a. a. O.

Raymond Chandler, Die simple Kunst des Mordes, Diogenes Verlag, Zürich 1975, via Schlei-Buch Kappeln, Booklooker, 3. Juli 2018Die simple Kunst des Mordes von Raymond Chandler wollte ich mir schon kurz nach seiner Neuveröffentlichung 1975 von meiner Frau Mutter, lang soll sie leben, spendieren lassen, was sie mir aus pädagogischen Gründen bis heute versagt. Heute, wo man sich das Ding aus dem Magazin der großen Stadtbüchereifiliale etwas umständlich, aber gratis herauskramen lassen kann, erhellt, dass der Siebenjährige, der ich einst war, damit ohnehin nicht viel hätte anfangen können.

Die deutsche Erstausgabe, auch damals schon bei Diogenes, hieß noch Chandler über Chandler, neu waren 1975 (außer der Übersetzung von Hans Wollschläger, die wohl als eine Art Fingerübung praktisch gleichzeitig mit seiner Ulysses-Übersetzung erschien) die Teilsammlungen Chandler über berühmte Verbrechen — und Chandler über Katzen.

Zu den Briefadressaten: Charles W. Morton war als Herausgeber des Atlantic Monthly Chandlers New Yorker Verleger; James „Hamish“ Hamilton war in ähnlicher Funktion bei der Hamish Hamilton Limited Chandlers Buchverleger und Freund; H. N. Swanson war Chandlers Literaturagent in Hollywood; James Sandoe war Kriminalromankritiker der New York Herald Tribune und Professor für Klassische Literatur und Bibliographie an der University of Colorado.

——— Raymond Chandler:

19. März 1945
An Charles W. Morton

in: Die simple Kunst des Mordes. Briefe, Essays, Notizen, eine Geschichte und ein Romanfragment. Herausgegeben von Dorothy Gardiner und Katherine Sorley Walker [als Raymond Chandler Speaking, Helga Greene Literary Agency 1962]. Neu übersetzt von Hans Wollschläger, Diogenes 1975:

Raymond Chandler mit Angorakatze Taki, ca. 1945… Ein Mann namens Engstead hat vor einiger Zeit für Harper’s Bazaar ein paar Fotos von mir aufgenommen (warum, ist mir bis heute schleierhaft), und eins davon, das mich mit meiner Sekretärin auf dem Schoß zeigt, ist wirklich gut gelungen. Wenn das Dutzend Abzüge da ist, das ich bestellt habe, bekommen Sie einen. Die besagte Sekretärin, das sollte ich vielleicht hinzufügen, ist eine schwarze Angorakatze, 14 Jahre alt, und ich nenne sie so, weil sie, seit ich mit dem Schreiben angefangen habe, um mich gewesen ist. Gewöhnlich saß sie auf dem Papier, das ich grad benutzen wollte, oder auf dem Manuskript, das ich überarbeiten wollte; manchmal lehnte sie sich an die Schreibmaschine, und manchmal blickte sie auch nur ruhig von einer Ecke des Tisches aus dem Fenster, so als wollte sie sagen: „Das Zeug, was du da machst, ist reine Zeitverschwendung, mein LIeber.“

Sie heißt Taki (ursprünglich Take, aber wir kriegten es satt, immer wieder zu erklären, daß das ein japanisches Wort sei, das Bambus bedeutete und zweisilbig gesprochen werden müßte), und sie hat ein Gedächtnis, wie es sich noch kein Elefant auch nur erträumt hat. Sie ist gewöhnlich höflich distanziert, aber von Zeit zu Zeit hat sie einen polemischen Anfall, und dann kriegt man geschlagene zehn Minuten lang was zu hören. Ich gäbe einiges drum, wenn ich wüßte, was sie einem dann alles sagen will, aber ich fürchte, es läuft am Ende alles auf eine sehr sarkastische Version des Satzes „Das hätte ich nicht von dir gedacht!“ hinaus.</p

Ich bin mein Leben lang ein Katzenliebhaber gewesen (ohne damit etwas gegen Hunde zu haben, außer daß sie soviel Unterhaltung beanspruchen), und doch war ich nie richtig imstande, sie zu verstehen. Taki ist ein vollkommen ausgeglichenes Wesen und weiß immer, wer Katzen mag; mag einer sie nicht, so kommt sie nie auch nur in seine Nähe, und mag sie einer wirklich, so geht sie stracks auf ihn zu, ganz gleich ob sie ihn erst seit kurzem kennt oder gar überhaupt nicht … Sie hat noch eine andere sonderbare Eigenart (die selten sein mag oder auch nicht), die nämlich, daß sie niemals etwas tötet. Sie bringt, was sie gefangen hat, lebendig an und läßt es sich dann wegnehmen. Sie hat schon mehrmals Tiere ins Haus gebracht, eine Taube etwa, einen blauen Sittich und einen großen Schmetterling. Der Schmetterling und der Sittich waren völlig unverletzt geblieben und flogen alsbald weiter, wie wenn gar nichts geschehen wäre. Die Taube hatte ihr ein bißchen Schwierigkeiten gemacht und infolgedessen einen kleinen Blutfleck auf der Brust, aber wir brachten sie zu einem Vogelmenschen, und schon ganz bald ging es ihr wieder gut. Bloß ein bißchen gedemütigt wirkte sie. Mäuse findet Taki langweilig, aber sie fängt sie, wenn sie’s denn partout nicht anders wollen, und dann muß ich sie umbringen. Ein gewisses müdes Interesse bringt sie Goffern entgegen, und ein Gofferloch nötigt ihr durchaus einige Aufmerksamkeit ab, aber Goffer beißen, und wer, zum Teufel, will schließlich überhaupt einen Goffer haben? Also gibt sie sich einfach nur den Anschein, als könnte sie jederzeit einen fangen, wenn ihr danach wäre.

Wenn wir eine Reise machen, geht sie immer mit, egal wohin, behält alle Orte, an denen sie schon gewesen ist, im Gedächtnis und fühlt sich normalerweise überall wie zu Hause. Nur ein oder zwei gehen ihr gegen den Strich — ich weiß nicht, wieso. Sie hat sich da einfach nie eingewöhnen wollen. Nach einiger Zeit wußten wir genug, um den Wink zu verstehen. Es besteht die Möglichkeit, daß da einmal ein Axtmord verübt worden ist, und wir wären anderswo viel besser aufgehoben. Der Kerl könnte wiederkommen. Manchmal sieht sie mich mit einem ganz eigenartigen Ausdruck an (sie ist die einzige Katze meines Bekanntenkreises, die einem gerade und offen in die Augen sieht), und dann habe ich den Verdacht, daß sie ein Tagebuch führt, weil der Ausdruck zu besagen scheint: „Bruder, du glaubst wohl, du bist die meiste Zeit ziemlich gut, was? Ich überlege, wie dir wohl zumute wäre, wenn ich mich entschlösse, mal was von dem Zeug zu veröffentlichen, das ich so gelegentlich zu Papier gebracht habe.“ Zu bestimmten Zeiten hat sie die Angewohnheit, eine Pfote locker in die Höhe zu halten und sie grübelnd zu betrachten. Meine Frau glaubt, sie will uns damit zu verstehen geben, daß sie eine Armbanduhr haben möchte; zwar hat sie die praktisch nicht nötig — ihr Zeitgefühl ist besser als meins — aber schließlich muß man ja auch etwas Schmuck haben.

Ich weiß gar nicht, wieso ich das alles hier schreibe. Es muß wohl daran liegen, daß ich im Moment an schlechthin nichts anderes denken konnte, oder — also jetzt wird die Sache doch unheimlich — bin überhaupt nicht ich es, der es schreibt? Könnte es sein, daß — nein, es muß doch ich sein. Sagen Sie, daß ich es bin. Mir wird bange.

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26. Januar 1950
An Hamish Hamilton

Raymond Chandler mit Angorakatze Taki, ca. 1945Ich habe da wohl irgendwas gesagt, was Dich auf den Gedanken gebracht hat, Katzen seien mir verhaßt. Aber um Gott, Sir, einen so fanatischen Katzenliebhaber wie mich gibt es in der ganzen Branche nicht wieder! Wenn sie Dir verhaßt sind, werde ich unter Umständen Dich hassen lernen. Falls Deine Allergien daran schuld sind, will ich die Situation, so gut ich’s kann, tolerieren. Wir haben eine schwarze Angorakatze, die jetzt fast 19 Jahre alt ist und die wir nicht für einen der riesigen Türme von Manhattan hergeben würden.

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15. Dezember 1950
An H. N. Swanson

Unsere kleine schwarze Katze mußte gestern morgen eingeschläfert werden. Wir sind ganz gebrochen davon. Sie war fast 20 Jahre alt. Wir sahen es kommen, natürlich, hofften aber immer noch, sie könnte neue Kraft finden. Aber als sie zu schwach wurde, um sich noch auf den Beinen zu halten, und praktisch aufhörte zu essen, blieb nichts anderes mehr pbrig. Man macht das jetzt auf eine wunderbare Art. In eine Vene des Vorderlaufs wird Nembutal injiziert, und das Tier ist einfach nicht mehr da. Es schläft in zehn Sekunden ein. Schade, daß man es mit Menschen nicht ebenso machen kann.

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9. Januar 1951
An Hamish Hamilton

… Unser Weihnachten war nicht besonders froh, da wir unsere schwarze Angorakatze verloren haben, die fast zwanzig Jahre bei uns gewesen war und so zu unserem Leben gehörte, daß wir uns jetzt geradezu fürchten, in das stille leere Haus zu kommen, wenn wir abends fort waren. Zufälltig traf es sich, daß Elmer Davis, den Du vielleicht kennst, kurz vorher seine weiße Angorakatze verlor, General Gray. Und ich konnte mich so gut in ihn hineinfühlen (obwohl Taki damals gar nicht so krank war, daß wir uns wirkliche Sorgen um sie machten), daß ich ihm schreiben und mein Mitgefühl ausdrücken mußte. Ich habe mein Leben lang Katzen gehabt und immer gefunden, daß sie fast so unterschiedlich sind wie die Menschen auch und daß sie, ganz wie Kinder, großenteils so werden, wie man sie behandelt, höchstens daß es hier und da ein paar wenige gibt, die nicht verzogen werden können. Aber vielleicht gilt das für Kinder ebenso. Taki war von absoluter Ausgeglichenheit, was bei Tieren wie bei Menschen eine seltene Eigenschaft ist. Und sie war völlig frei von Grausamkeit, was noch seltener ist bei Tieren. Ich habe nie Leute gemocht, die keine Katzen mochten, weil in ihrer Gemütsanlage immer ein Element greller Selbstsucht zu finden war. Zugegeben, eine Katze bringt einem nicht die Art Liebe entgegen, die ein Hund einem schenkt. Eine Katze führt sich nie so auf, als ob man der einzige Lichtblick in ihrem sonst ganz trüben Dasein wäre. Aber damit ist nur auf andere Weise gesagt, daß die Katze kein sentimentales Wesen ist, was keineswegs bedeutet, daß sie etwa keine herzlichen Gefühle hätte.

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10. Januar 1951
An James Sandoe

Raymond Chandler mit Angorakatze Taki, ca. 1945Dank für Ihren Brief und die Weihnachtskarte. Ich habe in diesem Jahr nichts verschickt. Wir waren ein bißchen mitgenommen vom Tod unserer schwarzen Angorakatze. Wenn ich sage, ein bißchen mitgenommen, dann ist das konventionelle Distanz. In Wirklichkeit war es eine Tragödie für uns …

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5. Februar 1951
An Hamish Hamilton

Danke für alles, was Du über Katzen geschrieben hast und über Deine Freunde, die Katzenliebhaber sind. Nach einer Weile werden wir uns, denke ich, eine neue Katze zulegen oder lieber noch gleich zwei. Elmer Davis sagt, seine Frau und er haben sich entschlossen, keine neue mehr zu nehmen, weil sie wahrscheinlich länger leben würde als sie beide. Das scheint mir doch ein wunderlicher Gesichtspunkt zu sein. Er muß sich recht alt fühlen. Wenn es danach ginge, dürften Kinder nie Eltern haben, Frauen nie Männer heiraten, die zehn Jahre älter sind als sie selbst, niemand dürfte dem Wunsch nachgeben, ein Pferd zu besitzen oder überhaupt irgendwas, von dem ihm eines Tages Verlust droht. Wehe, wehe, wehe (ich glaube, ich zitiere da mehr oder weniger Ezra Pound), über ein kleines werden wir alle tot sein. Lasset uns deshalb so tun und handeln, als wären wir’s bereits.

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31. Oktober 1951
An James Sandoe

… Wie geht’s denn Ihren sämtlichen Katzen? Wir haben eine neue schwarze Angora, die genau so aussieht wie unsere letzte, so aufs Haar genau, daß wir ihr auch denselben Namen gegeben haben, Taki. Er — denn es ist diesmal ein Er — wird ein großer Bursche werden, glaube ich, wenn er voll ausgewachsen ist, denn er wiegt schon jetzt mit sieben Monaten acht Pfund. Ich hatte vorher eine Zeitlang ein Siam-Kätzchen, aber der kleine Kerl krallte und biß alles in Fetzen, und seine Behandlung brachte soviel Schwierigkeiten mit sich, daß ich ihn dem Züchter zurückbringen mußte. Mir war dabei ziemlich schlimm zumute, denn er war ein liebevoller kleiner Teufel und steckte voller Leben. Aber er zerriß mir die Anzüge und hätte am Ende wohl noch die gesamte Einrichtung ruiniert. Wir konnten ihn einfach nicht frei herumlaufen lassen, und eine Katze, die nicht frei laufen kann in unserm Haus, ist darin fehl am Platze. Auf der Straße lassen wir sie nie frei laufen, aber im Haus gehört ihnen alles.

Raymond Chandler, ca. 1945

Bilder: Raymond Chandler: Die simple Kunst des Mordes, Diogenes Verlag, Zürich 1975,
via Schlei-Buch, 24376 Kappeln, in Booklooker, 3. Juli 2018;
„Ein Mann namens Engstead“: für Harper’s Bazaar, ca. 1945.

Soundtrack: Exposition zu Robert Altman: The Long Goodbye, 1973,
nach Raymond Chandler: The Long Goodbye, 1953:

Written by Wolf

7. Dezember 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

You never no

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Update for Break in college sick bay and
Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx:

——— Josephine H.:

The city

in: Facebook, December 6th, 2018:

as you walk insid. so much
peopel. So much sowns. cars
driving along. fast or slo.
you never no. so much houses.
hi and lo.

The city, a poem by Josie. you never no, indeed, Constanze Cohu H., Facebook, December 6th, 2018

Image: Mama, December 6th, 2018.

Soundtrack: The Distillers: City of Angels, from: Sing Sing Death House, 2002:

Written by Wolf

6. Dezember 2018 at 02:34

Veröffentlicht in Land & See, Postironismus

1. Katzvent: In der Dämmrung heil’gen Schatten

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Update zu Kater Murr und der dramatisierte Magnetismus:

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

Besonders freut es mich, mit einem siebenzeiligen Gedicht anzufangen; wie wiederholt bekannt gemacht, sammle ich die. Die Gedichte von Karl Philipp Moritz stehen in keiner seiner zwei Gesamtausgaben, die für den Kauf seitens atmender Menschen und nicht für die Forschung vom Hauptseminar aufwärts vorgesehen sind. Jedenfalls stehen sie dort nur in andeutenden Auswahlen; für den verlegerischen Ehrgeiz der Vollständigkeit wende man sich ans viel zu Kleine Archiv des achtzehnten Jahrhunderts.

So kurz es ist, passt das Gedicht in gleich zwei hiesige Sammlungen; man merkt die Nähe von Weihnachten. Die Nähe zur Anakreontik merkt man dem Gedicht an der Personifizierung einer „Selinde“ an. Meistens heißen anakreontische Frauenfiguren Chloe, Chloris, Daphne, Dorinde, Doris, Melinde, Phyllis oder ähnlich floral, denn „die Namen der Geliebten wie die des Liebhabers stammen, mit wenigen Ausnahmen, teils aus der antiken Idyllendichtung, teils aus der französischen Schäferpoesie“, wie Friedrich Ausfeld: Die deutsche anakreontische Dichtung des 18. Jahrhunderts: Ihre Beziehungen zur französischen und zur antiken Lyrik, Karl J. Trübner, Strassburg 1907, beobachtet. Und meistens sind die Anakreontika Jugendwerke; 1779 war Moritz 23. Sehen wir ihm also nach, wie er die Trauer um eine verstorbene Katze leichtfertig ins Lächerliche zieht, seine Spitze sollte sich ohnehin eher gegen die Tendenz der Empfindsamkeit richten.

——— Karl Philipp Moritz:

Die empfindsame Schöne.

in: Christian Heinrich Schmid, Hrsg.: Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1779,
Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung, Seite 280,
cit. Christof Wingertszahn, Hrsg.: Karl Philipp Moritz: Gedichte,
Kleines Archiv des achtzehnten Jahrhunderts, Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 1999, Seite 10:

Dort, wo in der Dämmrung heil’gen Schatten,
Sich holde Phantasieen gatten,
Sanft traurender Melancholie;
An jenem schauervollen Platze,
Wo einsam unterm silbern Mond
Die feierliche Stille wohnt,
Beweint Selinde — ihre Katze.

Théodore Géricault, Le chat mort, ca. 1820

Bild: Théodore Géricault: Le chat mort, ca. 1820, Musée du Louvre, Paris.

Now you know your cat has nine lives: John Lennon: Crippled Inside, aus: Imagine, 1971:

Written by Wolf

30. November 2018 at 00:01

So offenbare sich der dichtende Gott

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Update zu In lieblicher Bläue und
Die junge Gräfin (erzählt neben einem Paar nachbarlichen Würsten):

Rollen wir den Zeitstrahl der Einfachheit halber von hinten auf: 1840 veröffentliche Bettine von Arnim ihren Briefroman Die Günderode (mit einfachem r), den sie aus dem Briefwechsel mit der schon 1806 von eigener Hand erdolchten Karoline von Günderrode (mit Doppel-r) zurechtfrisierte. Wichtige Stellen in den Briefen wie im Roman betreffen Friedrich Hölderlin, dessen „Hypochondrie“ spätestens 1805 über ein Stadium des Wahnsinns in „Raserei“ — aus heutiger Sicht: Schizophrenie — übergegangen war.

Giovanni Baglione, Erato, Muse der LyrikUngefähr im Sommer 1804 besuchte sein Studienfreund und tatkräftiger Gönner Isaac von Sinclair den schon als wahnsinnig geltenden Hölderlin in Homburg, wo er selbst ihn als Hofbibliothekar untergebracht hatte und aus eigener Tasche bezahlte. Unter dem Spitznamen „St. Clair“ stand Sinclair in Kontakt mit der Familie Brentano, deren Haustochter Bettine, die nachmalige von Arnim, ebenfalls gern Hölderlin besucht hätte — was der 19-Jährigen wegen einer gewissen Neigung zur Überspanntheit, die ihr heute als liebenswerte Exaltation und ihre eigentliche Persönlichkeit ausgelegt wird, familiär untersagt wurde, auf dass sie sich nicht von dem gefährlich Kranken die Hypochondrie und Schlimmeres zuziehe.

Der fünf Jahre älteren und noch viel überspannteren Freundin, dem „Günderödchen“, hinterbringt sie am 17. eines Monats vermutlich im Sommer oder frühen Herbst 1804, was St. Clair ihr von einem einwöchigen Besuch beim verehrten Hölderlin hinterbringt: seine Ansichten zur Entstehung von Poesie.

Die Entsprechungen zu einer äußeren Wirklichkeit sind wie bei allem, was Bettine von Arnim veröffentlicht, gelinde gesagt unsicher, aber aufschlussreich. Was glaubwürdig erscheint, ist Hölderlins referierte Dichtungstheorie, die auf die gesamte Poesie ausweitet, was Herder ab 1771 zur Entstehung von Volksliedern vermutet: dass „wahre“ Dichtung in der Natur, ja einem göttlichen Element, von selbst vorhanden sei, um sich zu gereifter Zeit durch jemanden, der sich dann – und erst dann und deswegen – Dichter nennen darf, durch natürliche oder eben göttliche Einwirkung zu manifestieren. Volkslieder – bei Hölderlin: die gesamte Poesie – quasi als Dichtung, die auf den Bäumen wächst.

Glaubwürdig daran ist, dass Hölderlin dergleichen Theorien vertrat. Schon problematischer ist, dass er dann laut St. Clairs durch Bettines dritte Hand überkommenen Urlaubsbericht – auf ein hochstehendes und hoch anerkanntes Werk zurückblickend und nicht ohne Hinweis auf einen (drunter macht er’s nicht) „heiligen“ Wahnsinn des Dichters – nur noch einer Art göttlicher Eingebung „sich schmiegen“ will. So abfällig Hölderlin sich über erfundene Rhythmen äußert, wollen wir uns doch daran erinnern, dass der Mann zu lichten Zeiten Versmaße erfand, die zumindest für seine eigene Produktion von Oden verbindlich gemeint waren und sich als poetisch höchst leistungsfähig erwiesen. Einen Widerspruch erkenne ich darin, dass Hölderlin erst derart solides Handwerkszeug bereitstellen kann und dann angeblich selbst das Werkzeug in der Hand Gottes sein will.

Dennoch bleiben dieses „Undenkbare“ wie die „Athletentugend“ – siehe unten – schöne Gedanken und deren Vereinbarkeit schon wieder eine poetische Leistung für sich. – Korrigiert nach der Ausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker, 2006:

——— Bettine von Arnim:

17ten

aus: Die Günderode, Erster Teil, 1840:

Gewiß ist mir doch bei diesem Hölderlin als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluten ihn überströmt haben, und zwar die Sprache, in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überflutend, und diese darin ertränkend; und als die Strömungen verlaufen sich hatten, da waren die Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertötet. – Und St. Clair sagt: ja so ist’s – und er sagt noch: aber ihm zuhören, sei grade, als wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche, denn er brause immer in Hymnen dahin die abbrechen wie wenn der Wind sich dreht, – und dann ergreife ihn wie ein tieferes Wissen, wobei einem die Idee daß er wahnsinnig sei ganz verschwinde, und daß sich anhöre was er über die Verse und über die Sprache sage, wie wenn er nah dran sei das göttliche Geheimnis der Sprache zu erleuchten, und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel, und dann ermatte er in der Verwirrung, und meine es werde ihm nicht gelingen begreiflich sich zu machen; und die Sprache bilde alles Denken, denn sie sei größer wie der Menschengeist, der sei ein Sklave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommne, als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe. Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch, das fühle sich in der Sprache, sie werfe das Netz über den Geist, in dem gefangen, er das Göttliche aussprechen müsse, und so lange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht vom Rhythmus fortgerissen werde, so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit, denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen, an dem kein tieferer Geist Gefallen haben könne, sondern das sei Poesie: daß eben der Geist nur sich rhythmisch ausdrücken könne, daß nur im Rhythmus seine Sprache liege, während das poesielose auch geistlos, mithin unrhythmisch sei – und ob es denn der Mühe lohne mit so sprachgeistarmen Worten Gefühle in Reime zwingen zu wollen, wo nichts mehr übrig bleibe, als das mühselig gesuchte Kunststück zu reimen, das dem Geist die Kehle zuschnüre. Nur der Geist sei Poesie, der das Geheimnis eines ihm eingebornen Rhythmus in sich trage, und nur mit diesem Rhythmus könne er lebendig und sichtbar werden, denn dieser sei seine Seele, aber die Gedichte seien lauter Schemen, keine Geister mit Seelen. –

Es gebe höhere Gesetze für die Poesie, jede Gefühlsregung entwickle sich nach neuen Gesetzen die sich nicht anwenden lassen auf andre, denn alles Wahre sei prophetisch und überströme seine Zeit mit Licht, und der Poesie allein sei anheimgegeben dies Licht zu verbreiten, drum müsse der Geist, und könne nur, durch sie hervorgehen. Geist gehe nur durch Begeistrung hervor. – Nur allein Dem füge sich der Rhythmus, in dem der Geist lebendig werde! – wieder: –

Gustave Moreau, Hesiod und seine Muse„Wer erzogen werde zur Poesie in göttlichem Sinn, der müsse den Geist des Höchsten für gesetzlos anerkennen über sich, und müsse das Gesetz ihm preisgeben; Nicht wie ich will, sondern wie du willt! – und so müsse er sich kein Gesetz bauen, denn die Poesie werde sich nimmer einzwängen lassen, sondern der Versbau werde ewig ein leeres Haus bleiben, in dem nur Poltergeister sich aufhalten. Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue, könne er die Poesie als Gott nicht fassen. – Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt, der Geist müsse sich in dieser bewegen, und nicht ihr in den Weg treten, Gesetz was der Mensch dem Göttlichen anbilden wolle, ertöte die Ideengestalt, und so könne das Göttliche sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bilden. Der Leib sei die Poesie, die Ideengestalt, und dieser, sei er ergriffen vom Tragischen, werde tödlich faktisch, denn das Göttliche ströme den Mord aus Worten, die Ideengestalt, die der Leib sei der Poesie, die morde, – so sei aber ein Tragisches was Leben ausströme in der Ideengestalt, – (Poesie) denn alles sei Tragisch. – Denn das Leben im Wort (im Leib) sei Auferstehung, (lebendig faktisch) die bloß aus dem Gemordeten hervorgehe. – Der Tod sei der Ursprung des Lebendigen. –

Die Poesie gefangen nehmen wollen im Gesetz, das sei nur damit der Geist sich schaukle an zwei Seilen sich haltend, und gebe die Anschauung als ob er fliege. Aber ein Adler der seinen Flug nicht abmesse – obschon die eifersüchtige Sonne ihn niederdrücke – mit geheim arbeitender Seele im höchsten Bewußtsein dem Bewußtsein ausweiche, und so die heilige lebende Möglichkeit des Geistes erhalte, in dem brüte der Geist sich selber aus, und fliege – vom heiligen Rhythmus hingerissen oft, dann getragen dann geschwungen sich auf und ab in heiligem Wahnsinn, dem Göttlichen hingegeben, denn innerlich sei dies Eine nur: die Bewegung zur Sonne, die halte am Rhythmus sich fest. –

Dann sagte er am andern Tag wieder: Es seien zwei Kunstgestalten oder zu berechnende Gesetze, die eine zeige sich auf der gottgleichen Höhe im Anfang eines Kunstwerks, und neige sich gegen das Ende; die andre, wie ein freier Sonnenstrahl, der vom göttlichen Licht ab, sich einen Ruhepunkt auf dem menschlichen Geist gewähre, neige ihr Gleichgewicht vom Ende zum Anfang. Da steige der Geist hinauf aus der Verzweiflung in den heiligen Wahnsinn, insofern Der höchste menschliche Erscheinung sei, wo die Seele alle Sprachäußerung übertreffe, und führe der dichtende Gott sie ins Licht; die sei geblendet dann, und ganz getränkt vom Licht, und es erdürre ihre ursprüngliche üppige Fruchtbarkeit vom starken Sonnenlicht; aber ein so durchgebrannter Boden sei im Auferstehen begriffen, er sei eine Vorbereitung zum Übermenschlichen. Und nur die Poesie verwandle aus einem Leben ins andre, die freie nämlich. – Und es sei Schicksal der schuldlosen Geistesnatur, sich ins Organische zu bilden, im regsam Heroischen, wie im leidenden Verhalten. – Und jedes Kunstwerk sei Ein Rhythmus nur, wo die Zäsur einen Moment des Besinnens gebe, des Widerstemmens im Geist, und dann schnell vom Göttlichen dahingerissen, sich zum End schwinge. So offenbare sich der dichtende Gott. Die Zäsur sei eben jener lebendige Schwebepunkt des Menschengeistes, auf dem der göttliche Strahl ruhe. – Die Begeistrung welche durch Berührung mit dem Strahl entstehe, bewege ihn, bringe ihn ins Schwanken; und das sei die Poesie die aus dem Urlicht schöpfe und hinabströme den ganzen Rhythmus in Übermacht über den Geist der Zeit und Natur, der ihm das Sinnliche – den Gegenstand – entgegentrage, wo dann die Begeistrung bei der Berührung des Himmlischen mächtig erwache im Schwebepunkt, (Menschengeist), und diesen Augenblick müsse der Dichtergeist festhalten und müsse ganz offen, ohne Hinterhalt seines Charakters sich ihm hingeben, – und so begleite diesen Hauptstrahl des göttlichen Dichtens immer noch die eigentümliche Menschennatur des Dichters, bald das tragisch Ermattende, bald das von göttlichem Heroismus angeregte Feuer schonungslos durchzugreifen, wie die ewig noch ungeschriebene Totenwelt, die durch das innere Gesetz des Geistes ihren Umschwung erhalte, bald auch eine träumerisch naive Hingebung an den göttlichen Dichtergeist, oder die liebenswürdige Gefaßtheit im Unglück; – und dies objektiviere die Originalnatur des Dichters mit in das Superlative der heroischen Virtuosität des Göttlichen hinein. –

So könnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem was sich St. Clair in den acht Tagen aus den Reden des Hölderlin aufgeschrieben hat in abgebrochnen Sätzen, denn ich lese dies alles darin, mit dem zusammen was St. Clair noch mündlich hinzufügte. Einmal sagte Hölderlin, Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei, und alles schwinge sich von den Dichterlippen des Gottes, und wo der Menschengeist dem sich füge, das seien die verklärten Schicksale, in denen der Genius sich zeige, und das Dichten sei ein Streiten um die Wahrheit, und bald sei es in plastischem Geist, bald in athletischem, wo das Wort den Körper (Dichtungsform) ergreife, bald auch im hesperischen, das sei der Geist der Beobachtungen und erzeuge die Dichterwonnen, wo unter freudiger Sohle der Dichterklang erschalle, während die Sinne versunken seien in die notwendigen Ideengestaltungen der Geistesgewalt, die in der Zeit sei. – Diese letzte Dichtungsform sei eine hochzeitliche feierliche Vermählungsbegeisterung, und bald tauche sie sich in die Nacht und werde im Dunkel hellsehend, bald auch ströme sie im Tageslicht über alles was dieses beleuchte. – Der gegenüber, als der humanen Zeit, stehe die furchtbare Muse der tragischen Zeit; – und wer dies nicht verstehe meinte er, der könne nimmer zum Verständnis der hohen griechischen Kunstwerke kommen, deren Bau ein göttlich organischer sei, der nicht könne aus des Menschen Verstand hervorgehen, sondern der habe sich Undenkbarem geweiht. – Und so habe den Dichter der Gott gebraucht als Pfeil seinen Rhythmus vom Bogen zu schnellen, und wer dies nicht empfinde und sich dem schmiege, der werde nie, weder Geschick noch Athletentugend haben zum Dichter, und zu schwach sei ein solcher, als daß er sich fassen könne, weder im Stoff, noch in der Weltansicht der früheren, noch in der späteren Vorstellungsart unsrer Tendenzen, und keine poetischen Formen werden sich ihm offenbaren. Dichter die sich in gegebene Formen einstudieren, die können auch nur den einmal gegebenen Geist wiederholen, sie setzen sich wie Vögel auf einen Ast des Sprachbaumes und wiegen sich auf dem, nach dem Urrhythmus der in seiner Wurzel liege, nicht aber fliege ein solcher auf als der Geistesadler von dem lebendigen Geist der Sprache ausgebrütet.

Ich verstehe alles, obschon mir vieles fremd drin ist was die Dichtkunst belangt, wovon ich keine klare oder auch gar keine Vorstellung habe, aber ich hab besser durch diese Anschauungen des Hölderlin den Geist gefaßt, als durch das wie mich St. Clair darüber belehrte. – Dir muß dies alles heilig und wichtig sein. –

Luis Ricardo Falero, Allegorie der Kunst, 1892

Fachliteratur: Hans Ulrich Gumbrecht: Die süße Ruhe im Wahnsinn: über ein spätes Gedicht von Friedrich Hölderlin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. November 2014.

Göttlich organischer Bau: Giovanni Baglione: Erato, Muse der Lyrik, via Lou Margi, 5. Augut 2016;
Gustave Moreau: Hesiod und seine Muse, via Lou Margi, 6. Mai 2016;
Luis Ricardo Falero: Allegorie der Kunst, 1892, via Books and Art, 6. Februar 2018.

Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei: von den fast gleichnamigen Krautrockern Hoelderlin gleich die ganze LP Hölderlins Traum, 1972:

Written by Wolf

23. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Wie Hippo und ich uns einmal Siegfried Lenz geschenkt haben (Träum die nächsten hundert Jahre)

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave
und Rotkäppchen und der Penishase:

Vor Zeiten hatte ich eine Brieffreundin. Sie hieß — nicht standesamtlich, nur im richtigen Leben — Hippo und war die Herbergstochter des Hauses Evangelische Jugend-, Freizeit- und Bildungsstätte Koppelsberg in Plön. Zu der war ich durch die Vermittlung eines Baums gekommen, namentlich der Bräutigamseiche im Dodauer Forst, der sich bei Eutin unweit von Plön erstreckt.

Hippo von hinten, ca. Juni 1994

Hippo und ich hatten viel Freude miteinander. Um 1990 war es niemandes Vorsatz, je zu heiraten, obwohl Hippo mich aus dem Astloch einer Bräutigamseiche gefischt hatte, aber sie war meine längste Brieffreundschaft — und ich hatte viele, um unter dem Vorwand des Schreibens an einsamen Samstagabenden die Nürnberger Kneipen leerzusaufen und vollzuqualmen, was seinerzeit eine erschwingliche und gesellschaftlich voll akzeptierte Beschäftigung für einen Studenten war.

Ein Wochenende lang war ich sogar zu Gast in Hippos Jugend-, Freizeit- und Bildungsstätte Koppelsberg. Dort wurde ich als Umzugshilfe und zum Pastinakenschälen eingespannt und zu Yogi-Tee, dem Bio-Bier einer norddeutschen Kleinbrauerei, das heute als Hipsterbrühe durchginge, und zum spätherbstlichen Barfußlaufen am nächtlichen, windgepeitschten, grobkieseligen Ostseestand eingeladen und war noch wochenlang illuminiert von der Freundlichkeit und dem schönen, ungetrübten Deutsch der Menschen.

Hippo machte „was mit Jugendlichen“, ich studierte irgendwas mit Lesen und Schreiben ohne jegliche Aussicht auf eine bezahlte Anschlussverwendung. Von ihr gab es zu lernen, dass man für soziale Berufe nicht allein ein Praktikum, sondern gar ein Vorpraktikum braucht, gegen eine Bezahlung, die an offene Verhöhnung arbeitender Menschen grenzt; von mir, wie viel Bier in einen schlaksigen Studenten von 1,96 Metern lichter Höhe passt. Sie war zuverlässig jeden neuen Monat in einen anderen jungen Mann aus ihrem ehemaligen schulischen oder ihrem jetzigen sozialen Umfeld verliebt, und ich versuchte immer noch zum ersten Mal, mit meinem Liebesleben abzuschließen. Ihr verwies ich, allzuoft zu behaupten, ihr sei langweilig, weil mir das Hinfortwünschen von Zeit blasphemisch und somit einer Geistlichentochter unwürdig vorkommt, und sie mir, ständig mehrere A4-Seiten lang über Bücher zu quatschen, denn ich hatte mir eine portofreundlich kleine Handschrift antrainiert, die ich bis in hohe Promillebereiche gestochen leserlich halten konnte, und Weblogs waren Science-Fiction.

Cover Siegfried Lenz, So zärtlich war Suleyken, 1955, Auflage 1986„Ich mag Lakritze“, schrieb sie einmal, „magst du auch Lakritze?“

„Das heißt Bärendreck“, schrieb ich zurück, „und ist aus ‚So zärtlich war Suleyken‚.“

„Nein, es heißt: ‚Willst noch Lakritz?'“, schrieb sie wieder, „hab ich in der Sendung mit der Maus gesehen. Ha! Und deine ewigen Bücher kenn ich nicht.“

„Sehr richtig“, schrieb ich, und es sagt der Joseph Waldemar Gritzan am Schluss von ‚Die achtzehnte der Masurischen Geschichten: Eine Liebesgeschichte‘. Und ob das ein ewiges Buch ist, das uns alle überleben wird. Und wenn du’s nicht kennst, siehe das beiliegende Angebinde.“

Das ließ ich mir nie nehmen, ihr gelegentlich ein Buch zu schenken, wenn sie wieder von meinem Auslassungen darüber besonders genervt war. Ich hatte nämlich bis kurz zuvor eine Buchhändlerin gekannt, die mir am Rande der Legalität ihren Buchhandelsrabatt weiterreichte, und rechnete aus Gewohnheit immer noch die verbleibenden 60 Prozent meiner Erwerbungen, die in den jeweils folgenden Wochen fällig wurden, in meine Kneipenzechen mit ein. Ein verlagsfrisches So zärtlich war Suleyken war damals für 6,80 D-Mark zu haben. Das sind, liebe Kinder, ungefähr 3,48 Euro, weniger als heute ein Bier in München, und was das abzüglich 40 Prozent für den Buchhandel macht, könnt ihr millennialen Bologna-Opfer gefälligst selber im Kopf, und Briefe waren eine Art Low-time-Chat, der einem Zeit ließ, bis zur nächsten Antwort ein ganzes Buch zu kaufen. Bis zum nächsten Werktag waren die auch vor dem Internet schon im zuständigen Buchladen, wie sie das auch immer gemacht haben.

„Du mit deinen ewigen Büchern“, schrieb sie gegen Ende der nächsten Woche, „jetzt hab ich dir auch eins geschickt.“

„Was sagt dir,“ fragte ich brieflich an, als ich am selben Tag, da Hippo ihre Büchersendung mit dem Suleyken im Briefkasten finden musste, eine Büchersendung von Hippo mit einer älteren Ausgabe davon in meinem Briefkasten fand, „was“, schrieb ich, „sagt dir, dass ich das noch nicht hab, wenn ich sogar weiß, wer ‚Willst noch Lakritz?‘ sagt?“

„Weil du sowas halt weißt“, schrieb Hippo, „und weil die Sendung mit der Maus nicht lügt. Außerdem war klar, dass du mir sofort eins schickst, und ich nicht zulassen kann, dass du keins mehr hast.“

So war Hippo: klein, knuffig und klug und eine große Barfußmädchenseele (Ringelnatz, 1929).

A, B, C. Annika, Beate, Claudia, ca. 1991

Dieser Tage ist mir ein alles Lesezeichen in die Finger gefallen: eine Karte von der grundguten Hippo aus Plön, deren Wege und Tage der evangelische und der katholische und der weltgeistliche Herr schirmen mögen. Offenbar hatten wir’s wieder mal über Gedichte und Märchen und ihre Liebesgeschichten gehabt, und sie verwendete eigene Fotoabzüge als Ansichtskarten.

Das Gedicht, das Hippo im April 1995 aus dem Gedächtnis zitierte, habe ich lange nicht nachverfolgt: Ich kannte es von Hippo und fertig. Erst jetzt, wo ich es verbloggen will, erhellt, was für eine Rarität das ist. Der Dichter Josef Wittmann ist allem Anschein nach derselbe, der unter einer österreichischen Domain im bayerischen Tittmoning an der Salzach, also Österreich gegenüber wohnt — das ist ganz gegen Hippos sonstige nordische Art und Gewohnheiten.

Es war auch nicht einfach, den korrekten Text herbeizuschaffen: Das von Hippo erwähnte Daumesbreit („oder so ähnlich“) ist nicht nachweisbar, schon gar nichts, worüber man absichtslos im internetfreien Finnland des späten 20. Jahrhunderts gestolpert wäre. Eine Version davon steht in der dänischen Bearbeitung eines schwedischen Lesebuchs für Deutschlernende, das bairische Original dieses Originals nur in einem — mit Verlaub — nicht gerade maßgebenden Weblog. Hippo macht ja — so jedenfalls mein letzter Stand über ihre Lebenswege — „was mit Jugendlichen“ und würde verstehen oder wenigstens hinnehmen, dass ich in ihre extemporierte Ansichtskarte unbefugt zwei annäherungsweise korrigierte Gedichttexte einflicke.

——— Hippo, Anfang April 1995:

Kartentext von Hippo, April 1995

Du siehst, Wolfgang, ich muß dich enttäuschen, das Gedicht ist nicht von mir — aber immerhin kann ich Dir die Ergänzung (fehlende Fototeile) anbieten. Ich habe es in Finnland im Buch „DAUMESBREIT“ (oder so ähnlich) gefunden + es hat mich — PENG — total angesprochen. Komischer Weise: Als ich aus dem Urlaub wiederkam, war’s aus mit Florian — ich habe ihm dann das Gedicht (auf Post-It-Zettel notiert) zu lesen gegeben. Er: „Ja.“ Alles ziemlich komplex. Fortsetzung folgt, irgendwann.

——— Josef Wittmann:

Dornröschen

aus: Grimms Märchen — modern,
Philipp Reclam Jun., 1979,
cit. nach: Karen Dollerup, Lotte Nielsen (Hrsg.): Alles klappt! im neuen Jahrtausend. Tekstbog 3, 1991; Dansk udgave: Gyldendalske Boghandel, Nordisk forlag A/S, Kopenhagen 1994,
2. udgave, 4. oplag 2010:

Schlaf weiter:

Ich bin kein Prinz,
ich hab kein Schwert
und keine Zeit
zum Heckenschneiden
Mauerkraxeln
Küsschengeben
und Heiraten …

Morgen früh
muss ich zur Arbeit gehen
(sonst flieg ich raus)

Ich muss zum Träumen
auf den Sonntag warten

und zum Denken auf den Urlaub

Schlaf weiter
und träum die nächsten hundert Jahre
vom Richtigen …

——— Josef Wittmann:

dornresal

möglicherweise aus:
Hansl, Grädl & Co.
Märchen in bairischer Mundart,
Friedl Brehm Verlag, Feldafing 1977,
cit. nach: Ironical Life:
Ein neues Gedicht :-),
19. August 2007:

schlaf zua:

i bin koa brinz
i hob koa schweat
& hob koa zeid
zum heggnschneidn
mauergraxln
busslgeem
& heiradn …..

i muas moang fruah
in d arward geh
(sunsd fliage naus)

i muas zum dramma
aufn sonndog wartn
& zum denga aufn urlaub

schlaf zua
& draam de näxdn
hundad johr
vom richdign

P.S.: Bist Du jeden Samstag im Bela Lugosi? Wer ist dieser Kneipenstammtisch?

P.P.S.: Habe gerade Antwortkarte an Florian geschrieben — ich glaube ich liebe Karsten.

(JANOSCH:)
— „Stellt der erste Flaum sich ein,
— Soll der Bauer ein Mädel frein.“

Titelbild: Barfuß-Ex-Claudi

Schöne Grüße,
HIPPO

Claudi, Plön, April 1995

Im übrigen würde Hippo sich kaputtlachen, dass sie einst von einem bairischen — das ist doch in Süddeutschland! — Gedicht so weggeweht wurde. Und nein, Bärendreck ist nicht so meins, ich war nicht jeden Samstag im Bela Lugosi, weil ich manchmal auch die Weißgerbergasse abklappern musste (alle Unternehmen erloschen), Bestandteil eines Stammtisches war ich nie. Und nach einer Barfuß-Ex-Claudi zu googeln, fang ich vorsichtshalber gar nicht erst an.

Brieffreundschaften sind nie fürs ganze Leben, im Idealfall sind sie eine bereichernde Lebensabschnittsbegleitung. Irgendwann hören sie auf, und niemand weiß mehr zu sagen, wer als erstes nicht mehr zurückgeschrieben hat. Von Hippo aus dem Astloch gefischt zu werden, war ein großer Zufall, ein Segen und ein Privileg. Wer auch mal sowas will: An die Postadresse

Bräutigamseiche
Dodauer Forst
23701 Eutin

wird ungebrochen Montag mit Samstag ausgeliefert.

Hippo kopfüber, Juni 1994

Bilder: Hippo, Juni 1994 bis April 1995, featuring ABC (Annika, Beate, Claudia) ca. 1991. Meine damalige Adresse ist nicht missbrauchbar: Das ist die vom Bahnhof Röthenbach an der Pegnitz, in dem schon lange keiner mehr drin wohnt;
Siegfried Lenz: So zärtlich war Suleyken, 1955, Auflage 1986 (meine), via Tauschgnom, 25. Juli 2017.

Soundtracks:

  1. Eins, das ich von Hippo gelernt hab. Das ist bei meinem einzigen Besuch bei ihr auf dem Weg zum Ostseestrand in ihrem Auto auf Kassette gelaufen:
    They Might Be Giants: I Hope That I Get Old Before I Die,
    aus: They Might Be Giants, The Pink Album, 1986:

  2. Eins, das Hippo von mir gelernt hat. Das müsste immer noch ein Lieblingslied von ihr sein,
    sowas geht nicht weg:
    Marius Müller-Westernhagen: Wir waren noch Kinder, aus: Das erste Mal, 1975:

Written by Wolf

16. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Moritz Under Ground

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Update zu Morgenschillern oder Warum die Freiheit des Menschen in Deutschland wohnt,
Der Goethe wor fei aa do (It’s a nice-a place)
und Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!:

Es ist nicht ganz klar, wo sich Karl Philipp Moritz am Allerseelentag 1786 aufgehalten hat. Das lässt die meisten von uns ruhig schlafen, und wen nicht, dem genügt die Ortsangabe „Rom“.

Und sie genügt sogar der einen, verbreiteteren Moritz-Gesamtausgabe — der bei Insel von 1981, die seit kurzem bei mir wohnt. Da ist, wie sich das gehört, der vollständige Bericht Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788 abgedruckt und kommentiert. Zu dem Teil, der unten folgt und einiger touristischer Erklärungen bedarf, schweigt sie sich aus.

Fresko San Clemente, RomDas wollen wir natürlich wie immer genauer wissen. In Frage kommen daher noch die andere, entschieden teurere Moritz-Gesamtausgabe, die beim Deutschen Klassiker Verlag 1997, und die bunte, so reich wie modern illustrierte Einzelausgabe bei der Anderen Bibliothek 2013.

Von der bunten muss trotz Erscheinen in der Anderen Bibliothek ausnahmsweise abgeraten werden: Die erschöpft sich in typographischer Selbstverwirklichung, bringt aber keinen Mehrwert. Die Idee, den vorklassischen Text der postmodernen Großstadtphotographie gegenüberzustellen, war richtig gut, bleibt aber so nichtssagend wie das Nachwort und so protzig wie das glitschige Volumenpapier. Nichts, wofür man 40 Euro ausgeben möchte, solange der Volltext gratis online steht. Die Hoffnung, dass sie wenigstens ein paar erhellende Anmerkungen zu den Örtlichkeiten „damals und jetzt“ dazugestellt haben, wird deshalb obsolet, sobald das einzige Exemplar der Stadtbibliothek auf Wochen bis nach einem Veröffentlichungstermin (hier: Allerseelen) ausgeliehen ist.

Von der Gesamtausgabe des Deutschen Klassiker Verlags ist leider nur der erste Band jemals ins Taschenbuch übergegangen, weil der darin enthaltene Anton Reiser noch halbwegs verkäuflich klingt, der zweite Band kostet einzeln 92 Euro. Tipp für Sparfüchse: Der Doppelpack kostet nicht zweimal 92, sondern gerade mal 98 Euro, das ist weniger Aufpreis, als wenn man das Taschenbuch dazukauft. Immerhin ist das eine Anschaffung, für die man sich nicht vor sich selber genieren muss — aber nicht, wenn man vor keinem Vierteljahr die Insel-Ausgabe gekauft hat.

Also weiter: Die Stadtbibliothek führt den zweiten Band nicht einmal als Magazinbestellung. In der Bibliothek des Münchner Instituts für Germanistik kommt Karl Philipp Moritz nicht, schandbar genug, im Alphabet vor, die wirklich freundliche studentische Hilfskraft an der Aufsicht (blond) liest unverhohlen Sebastian Fitzek und unterstützt meinen eigenen Vorshchlag, dass ich dann doch „rüber in die Stabi“ muss. Die Bayerische Staatsbibliothek zu München führt Karl Philipp Moritz. Ich hab auf einer richtigen Uni studiert, mir aber trotzdem mal einen Bibliotheksausweis ausstellen lassen: Besser man hat ihn und braucht ihn nicht, als man braucht ihn und hat ihn nicht. Der Band ist entleihbar, aber „nur in den Allgemeinen Lesesaal“ — was klar geht, weil ich ja nur eine einzige Anmerkung auf einer der 1333 Seiten nachlesen will. Klick: Das Buch wird für mich „voraussichtlich“ in einer Woche an der Ausleihe im Allgemeinen Lesesaal bereitgestellt. Was die Stadtbücherei für innerhalb 30 Minuten verspricht und meistens in zehn schafft, eine Magazinbestellung, dauert in der Stabi eine Woche, und die Leute wundern sich, dass die Gymnasiallehrer nicht lesen und schreiben können.

Egal was ich bei wem ausleihen kann, wird, falls überhaupt, nach Allerseelen aufzutreiben sein, und das nur, weil in einem dieser erschütternd mies erreichbaren Bücher eventuell eine mindere Anmerkung stehen könnte, die ich für einen nichtkommerziellen Weblog brauche, dessen Leser mir persönlich bekannt sind — zu deutsch: Vergiss es. Bis ich — Lieferung in jede Buchhandlung zum nächsten Werktag — 98 Euro zum Verfeuern hab, erscheint an dieser Stelle Bildmaterial zu der Kirche, die der von Moritz bechriebenen am nächsten kommt: der dominikanischen Basilica minor San Clemente al Laterano.

In Rom soll sie stehen, nicht allzuweit vom Tiber-Ufer, und jedenfalls auf dem Stand von 1786 einen lebhaften Spendeneinnahmebetrieb aufweisen, und zwar, das ist der Trick: unterirdisch. Zu googeln, wie dieser Kirchenkeller anlässlich der novemberlichen Totenfeiertage — siehe unten — geschmückt gewesen sein mochte, bleibt aussichtslos; die typischen Suchergebnisse führen zuverlässig in die römischen Katakomben. Eine mindestens teilweise unterirdische „Kirche, die von den Todten, denen sie geweiht ist, ihren Nahmen führt“, kann ich auf der vorliegenden Basis nicht zuverlässig dingfest machen.

Allein die San Clemente besteht aus einem Fundament römischer Gebäudereste des 1. bis 3. Jahrhunderts mit einem Mithräum von etwa anno 240, darüber einer „Unterkirche“, die mich hoffen heißt: Immer noch unterirdisch liegen dort antike Räume als frühchristliche Basilika namens Titulus Clementis um 384, wiederum darüber der sichtbaren „Oberkirche“ ab 1108. Den Bildern aus dem Titulus Clementis nach wäre dort immerhin theoretisch Platz für drei dicke Priester, die an Tischen die reichlich hereinströmenden Spendengelder zählen.

Kirche goes Underground. Halloween, gedacht als Vorabend zu Allerheiligen, ist nichts als das neue Allerseelen.

——— Karl Philipp Moritz:

Rom, den 5. November.

aus: Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788. In Briefen von Karl Philipp Moritz,
Erster Theil, Friedrich Maurer, Berlin 1792:

In den ersten Tagen meiner Ankunft in Rom, zu Ende des vorigen Monaths, war der Himmel heiter, und die Luft ziemlich kalt und schneidend, so daß die Leute selbst im Gehen auf den Straßen sich schon an Kohlentöpfen wärmten, welches um so mehr auffält, je sanfter und milder man das italiänische Klima sich gedacht hat.

Mit dem Feste aller Seelen aber, im Anfange dieses Monathes, trat wieder wieder laues, trübes und regnigtes Wetter ein, und das Traurige und Grauenvolle bei der Feier jenes melancholischen Festes, bekam nun noch ein desto düsterers Ansehen.

Fresko San Clemente, RomDie Kirchen waren inwendig und zum Theil auch auswendig schwarz bekleidete, und mit den Abbildungen von Schädeln und Todtenbeinen ausgeschmückt. Und allenthalben ertönte auf den Straßen das Geschrei der Kläglichbittenden um ein Allmosen zu einer Todtenmesse für die armen Seelen im Reinigungsfeuer, (per le povere anime del purgatorio!)

Am grauenvollsten war der Anblick einer unterirrdischen den Todten geweihten Kirche, am Ufer der Tiber, die ich in der Dämmerung des Abends auf einer meiner ersten Wanderungen in Rom besuchte.

Auf dem Wege dahin begegnete mit zum erstenmal eine Prozession von Kindern, welche in weisse Tracht gehüllt, mit Wachslichtern in den Händen, paarweise einem offnen Sarge folgten, worin man einen ihrer Gespielen zu Grabe trug; ein Anblick der äußerst überraschend und rührend für mich war!

Ich kam nun in die Kirche, die von den Todten, denen sie geweiht ist, ihren Nahmen führt, und wo von einer Todtenbrüderschaft für die Armen, welche auf dem Felde gestorben (per gli poveri morti in campagna) zu Todtenmessen gesammlet ward.

Ich stieg nun einige Stufen hinab, und gleich am Eingange an einem Tische saßen drei schwarzgekleidete Männer, wie Höllenrichter, wovon zwei die Summe des eingenommenen Todtenlösegeldes in große Bücher verzeichneten, und einer mit dem dumpftönenden Ausruf: i poveri morti in campagna! eine große eherne Büchse, in welcher die Allmosen gesammlet wurden, gegen die Ankommenden schüttelte.

Und welch ein Anblick erfolgte nun beim Eintritt in diese unterirrdische Kapelle, deren Wände von oben bis unten mit würklichen Todtenschädeln und Todtenbeinen, die äußerst zierlich übereinandergelegt waren, ausgeschmückt, gleichsam mit dem ganzen verborgenen Schatze der grauenvollen Zerstörung prangten.

Und, was noch dieß alles übertraf, so waren große Nischen in den Wänden, worin die zusammengetrockneten Körper einiger unter freiem Himmel gestorbenen Armen, leibhaftig, und sogar noch mit ihren Lumpen bedeckt, und Stäbe in den knöchernen haltend, aufgestellt, ein fürchterliches Schreckbild waren.

Dazwischen war hin und wieder an den Wänden eine transparente Inschrift in Versen angebracht, wo die Jugend und die Schönheit an ihr Ende, die Pracht an ihre Vergänglichkeit, und der Stolz an seine Thorheit, mit Flammenschrift erinnert wurde, welche zugleich die einzige Erleuchtung dieses dunkeln Behältnisses war.

Zur Rechten stieg man wieder einige Stufen hinaus, und hier war eine Art von theatralischer Dekoration, wie eine waldigte Gegend, wo, nach einer Erzählung im alten Testamente, ein Esel und ein Löwe bei einem menschlichen Leichnam sich zusammen finden; welches also auch Beziehung auf den Endzweck hat, wozu diese ganze fürchterliche Scene veranstaltet wird; um nehmlich durch den sinnlichen Eindruck das Mitleid für die Todten zu erwecken, welches sich in milden Almosen äußert, wovon sich die Lebenden gütlich thun.

Fresko San Clemente, RomWenn irgend etwas in die Idee der Alten eingreift, daß die Seelen der Todten, deren Körper unbegraben liegen bleiben, von dem rauhen Fährmann zurückgewiesen, nicht an das jenseitige Ufer des Styx gelangen können, sondern vergebens dahin ihre Arme ausstrecken; so ist es diese Allmosensammlung und Fürbitte für die Seelen derer, die verlassen von aller menschlichen Hülfe und Beistand, auf den Feldern gestorben sind, und niemanden haben, der für den armen gequälten Schatten ein Todtenopfer darbringt.

Zugleich aber dringt sich einem auch die Vorstellung von dem fürchterlichen Elende auf, welches hier so manchen hülfloß unter freiem Himmel verschmachten läßt, der demohngeachtet selbst durch dieses unbeschreibliche Elend, nach seinem Tode noch wie ein Scheusal ausgestellt, der allesverschlingenden Priesterschaft, die für die Ruhe der Seelen Gebete murmelt, Allmosen und reichen Gewinn verschaft.

Auf einigen Stufen stieg man nun zu der ordentlichen Kirche hinauf, die über dieser Gruft erbaut, und mit unzählichen Wachskerzen erleuchtet, aber ebenfalls mit schwarzem Tuch run umher ausgeschlagen war.

Hier kniete eine Menge von Menschen, die kaum nebeneinander Platz hatten, und in ihrer Mitte stand ein Ordensgeistlicher mit vollem Gesicht und blühenden Wangen, der die Qualen des Fegefeuers mit den lebhaftesten Farben schilderte, und seinen Zuhörern zu erwägen gab, wie viele Lindrung sie dem gequälten Geiste schon für einen einzigen Paul (eine Summe ohngefähr von vier Groschen) wofür sie eine Todtenmesse lesen ließen, verschaffen könnten.

Diese Kirche erweckt wieder die Idee von dem mundus patens der Alten; ein düsteres Fest, wo man sich die Schlünde der Unterwelt, auf eine zeitlang eröfnet, und die Scheidewand zwischen den Lebenden und Todten hinweggerückt dachte, und durch eine kurze Hemmung der Geschäfte und Gewerbe des Lebens den unterirrdischen Mächten gleichsam ein Opfer brachte, und den ihnen schuldigen Tribut bezahlte.

Alles bekömmt auch hier in diesen Tagen ein melancholisches Ansehen. — Ich besuchte auf einer meiner Wanderungen das alte römische Forum, das von prächtigen Ruinen auf allen Seiten eingeschlossen, jetzt ein einsamer Spaziergang ist, wo eine kleine Allee zur stillen Betrachtung, und zum ruhigen Nachdenken den staunenden Fremdling einladet.

Fresko San Clemente, Rom

Bilder: Basilica San Clemente al Laterano: Fresken 6. bis 11. Jahrhundert:
Soundtrack: Emilie Autumn: Arcangelo Corelli: La Folia, aus: Laced/Unlaced, 2007:

Written by Wolf

2. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Sturm & Drang