Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘~ Höllenfahrt ~’ Category

Begräbnis des Glaubens (L’enterrement de la foi)

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Update zu Paris Faustiens,
Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her
und Moritz Under Ground:

Die junge, noch nicht Neue Zürcher Zeitung berichtete am 14. Juni 1780, und zwar aus ihrem Standort Berlin:

Heute ist der Sterbetag des Herrn von Voltaire auf Sr. Majestät Befehl in der hiesigen Katholischen Kirche feyerlich begangen worden. Es wurde bey dieser Gelegenheit eine hohe Messe gehalten, und in der Mitte der Kirche war ein Castrum doloris errichtet, auch die Kirche mit vielen Waxlichtern erleuchtet. Die Kosten hierzu haben Se. Majestät gegeben. – Diese andächtige Feyerlichkeit wurde in Gegenwart einer ansehnlichen Versammlung, Personen von allen Ständen verrichtet, welche nach deren Beendigung reichliche Allmosen unter die Armen austheilten.

Die Katholischen Mitglieder der hiesigen Königl. Akademie der Wissenschaften haben diese Messe veranlasset, und der hiesige Herr Pfarrer hat um so weniger Bedenken getragen darein zu willigen, da sie ungezweifelte Beweise beygebracht, daß der Herr von Voltaire kurz vor seinem Ende ein Christ-Katholisches Glaubens-Bekenntniß abgelegt, ordentlich gebeichtet, seinem christlichen Nebenmenschen durch Allmosen und andere gute Werke ein Beyspiel gegeben, und nach seinem erfolgten Ableben in die Abtey Scellieres […] nach den Gebräuchen der katholischen Kirche beerdiget, mithin der französischen Geistlichkeit um so mehr zur Ungebühr und boshafter Weise zur Last gelegt worden, daß sie ihm die kirchliche Beerdigung versaget, da dieser ehrwürdige Stand es nicht würde haben wollen an sich kommen lassen, daß er die Grundsätze der Gerechtigkeit[…] aus den Augen gesetzet, wodurch er den Verdacht eines mit der christlichen Liebe und aller wahren Tugend streitenden Privathasses gegen sich erweckt haben würde.

Jedenfalls hinterbringt es so die Neue Nachfolgerin ihrer selbst in in: Voltaires Totenmesse, Neue Zürcher Zeitung, 2. August 2005. Und für einen Todestag am 30. Mai 1778 wäre ein Begräbnis anno 1780 doch auffallend spät.

Das Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon von 1837 erklärt uns den Verzug:

Im Théâtre français wurde seine Büste und er selbst gekrönt; allein der 84jährige Greis ward von allen diesen Festlichkeiten und der veränderten Lebensweise so angegriffen, daß er erkrankte, eines Tages schwermüthig ausrief: „er sei blos nach Paris gekommen, um Ehre und Grab zu finden“, und im Mai 1778 starb. Da er nicht wie ein katholischer Christ verschieden war, verweigerte der Erzbischof ihm in Paris ein ehrliches Begräbniß und seine Leiche ward deshalb im Stillen nach der Abtei Scellières (zwischen Troyes und Noyent) gebracht und bestattet. Im J. 1791 ließ aber die Nationalversammlung V.’s Asche nach Paris holen und feierlich im Pantheon (s.d.) beisetzen.

Ausführlicher hat man es seit 1992:

——— Hans Pleschinski:

Voltaire – Friedrich der Große.
Briefwechsel.
Herausgegeben, vorgestellt und übersetzt von Hans Pleschinski

aus: ebenda, Haffmans Verlag, Zürich 1992, Seite 555:

Voltaire, Brockhaus 1837, 1841Eine größere Makabrität als das Nachspiel zum Sterben Voltaires ließe sich kaum erfinden. Bei der Sektion und Einbalsamierung des Leichnams, um den sich die Nichte und Haupterbin Marie-Louise Denis nicht mehr kümmert, nimmt der Chirurg das Gehirn Voltaires an sich und überläßt dem Marquis de Villette, Voltaires letztem Gastgeber, das Herz des Toten, in einer Kapsel verwahrt. Der Erzbischof von Paris lehnt eine ordentliche Beisetzung des Verstorbenen kategorisch ab. Einbalsamiert und angekleidet, wie ein Schlafender, wird der Leichnam aus Paris herausgebracht, wird tagelang kreuz und quer durch Ostfrankreich gefahren, bis Voltaires Neffe bei Troyes endlich einen Geistlichen findet, der bereit ist, die sterblichen Überreste des Freigeists in der Abtei Scellières beizusetzen. Ein Grabmal darf jedoch nicht errichtet werden, und überdies wird der hilfreiche Abbé Mignot alsbald seines Amtes enthoben.

Dreizehn Jahre lang ruht der Leichnam in der Champagne. 1791 wird er in der Abtei aufgestöbert und zum Heiligtum der Revolution erklärt. Am 11. Juli 1791, genau dreizehn Jahre nach Voltaires Tod, muß der schon halbwegs inhaftierte Ludwig XVI. aus den Tuilerien mitansehen, wie die leiblichen Überreste des Philosophen und Ex-Historiographen Ludwigs XV. in einem Prunkkatafalk nach Paris überführt und als Symbol des Umsturzes und der Freiheit ins Panthéon gebracht werden. Dort bleibt Voltaire – neben den Resten seines Antipoden Jean-Jacques Rousseau – bis 1814. Wiederum im Mai stürmen katholische Ultraroyalisten das Mausoleum der Revolution und Republik, brechen die Sarkophage auf und vernichten die Philosophengebeine vor der Stadt in ungelöschtem Kalk.

Voltaires riesige Bibliothek wird von seinen Erben gleich nach seinem Tod verkauft und trifft schon 1778 in Petersburg bei Katharine der Großen ein; Voltaires präpariertes Herz, eingeschlossen in einer goldenen Kapsel, wird im 19. Jahrhundert Eigentum der Bibliothèque Nationale in Paris.

Und das einem Mitglied der Académie française, dem eine Totenmesse zusteht. Offenbar kann sich die NZZ a. a. O. in Detailfragen des Voltaireschen Vermächtnisses recht sicher sein:

Zwar wünschte sich der Philosoph tatsächlich ein ordentliches christliches Begräbnis, aber er machte dem Klerus die geforderten Zugeständnisse nicht: Er legt auf dem Totenbett die Lebensbeichte ab, verweigert aber sowohl den vollen Widerruf seines Werks als auch die Kommunion.

Von Voltaires posthumer Odyssee, die in den absolutiven Stunt mit dem ahnungslosen Prior der Abtei Scellières mündete, über die quasireligiöse Überführung ins Panthéon kurz nach Ausbruch der Französischen Revolution und auf Betreiben des Enzyklopädisten d’Alembert bis hin zur Grabschändung durch die Allzukatholischen schien mein alter Religionslehrer (katholisch) nichts zu wissen. Der stellte es noch so dar, dass Voltaire allein in seinem Sterbekämmerlein jämmerlich vor sich hin verreckte, warum auch immer jemand dergleichen zugelassen haben sollte, und bis zu seiner Auffindung mit blutigen Fingernägeln „Ich bereue“ in die Wand neben seinem Bett geschürft hatte. Und dann wusste der Herr Lehrer nicht mal, um die Anschlagszahl pro Fingernagel einzuschätzen, was „bereuen“ auf französisch heißt.

Man kann immer nur das glauben, was einem aktuell hinterbracht wird. Mir selber sagt die Version Pleschinksi 1992 am meisten zu – was gut damit zusammenhängen kann, dass ich das wirklich wunderschöne Buch mal auf einem Nymphenburger Bücherramsch gefunden hab. Tipp für Neuanschaffungen: Das leichter erreichbare Taschenbuch bei dtv 2004 soll eine „völlig revidierte Neuausgabe“ sein.

Bild: Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4, Leipzig 1841.

Soundtrack: Aurelio Voltaire: Death Death (Devil, Devil, Devil, Devil, Evil, Evil, Evil, Evil Song),
aus: To the Bottom of the Sea, 2008:

Written by Wolf

2. Dezember 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Vier letzte Dinge: Tod

Denn meine Jungferschafft ist pflücke (ein Mädchen macht sich nichts daraus)

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Update zu Weihnachtsengel 3: Lasst mich scheinen, bis ich werde
(Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht)
,
Zu Lolitas Verteidigung,
Krabbelröschen,
Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht,
Liebchen öffne deinen Schoos
und Wenn 12 Lenze dir entflohn:

Es macht Spaß, Anthologien mit anzüglichen „Stellen“ („Sie wissen schon, so Stellen!“) zu sammeln. Bei mir hat sich die Sammlung von selbst ergeben, weil die Leute glauben, dass mir sowas schenken kann.

Natürlich kann man das und sollte es sogar. Was in die Anthologien mit „solchen“ Stellen hineingesammelt wurde, hätte dagegen stellen-weise niemals jemand schreiben sollen, siehe die Update-Verlinkungen oben; eine Liste mit Collectaneen siehe unten. Damit die Leute vergleichen können, was man mir noch alles schenken kann.

Forschen bedeutet – unter vielem anderen – vergleichen. Offenbar sind die zwei Barockdichter Johann Karl Kell in seiner Erscheinungsform als Le Pansiv oder Le Pansif (* 1693, † nach 1726) und Daniel Stoppe (* 1697, † 1747) zeitlich nahe beieinander, jedoch unabhängig voneinander auf recht ähnliche Gegenstände für je ein Gedicht geraten, das aus sechsmal sechs Zeilen, gleich sechs Sextetten mit jeweiligem Reimschema ABABCC besteht.

Wie tröstlich und sinnvoll, die Inhalte heute so dokumentarisch und formal distanziert zu betrachten.

David Hamilton via Zamieć Piekna, 2016

——— Le Pansiv:

Jungfer-Gesänge,
wie solche von Jahren zu Jahren von denen
gerne Männer-haben-wollenden Jungfern gesungen werden.
Nach eigenem Geständniss
einer 50-jährigen Jungfer.

aus: Poetische Grillen bey Müßigen Stunden
von Le Pansiv, Erfurt 1729,
cit. nach: Rolf Wilken, Hrsg.: Liebe ist besser als Krieg. Erotische Lyrik und lose Lieder,
Christian Wegner Verlag, Hamburg 1967, Seite 183:

EIn Mägdgen kaum von vierzehn Jahren
Ficht schon die Männer Sehnsucht an;
Drum wünscht sie täglich sich zu paaren,
Und singt: „Ach gebt mir einen Mann,
Der mir fein sanfft das Leibgen drücke,
Denn meine Jungferschafft ist pflücke!“

Sind sechzehn Jahre erst vergangen,
So brennt das Mägdgen lichterloh,
Und singt vor brennendem Verlangen:
(Ihr lieben Jungfern ists nicht so?)
„Will noch kein Mann mir Löschung gönnen?
Ach soll ich armes Ding verbrennen!“

Sind zwantzig Jahre ran gekommen
So seufftzt das Mägdgen Tag und Nacht,
Bis ihr die Jungferschafft benommen,
Die ihr die Nächte schlaflos macht.
Sie singt: „Ach komm ein Mann noch heute!
Sonst geh ich selber auf die Freyte.“

Kömmts dreyß’gste Jahr schon angetreten,
So fleht sie den Sanct Andräs an,
Den sie pflegt kniend anzubeten,
Und singt: „Ach gieb mir einen Mann,
Den ich im Bette kan umarmen;
Sanct Andräs, laß dichs doch erbarmen!“

Hat sie nun viertzig Jahr getragen
Das Centner-schwere Jungfer-Joch,
Wird sie die Manns-Noth doch noch plagen;
Warum? der Kützel sticht sie noch;
Drum singt sie: „Will kein Mann mich puntzeln?
Die Jungferschafft bekömmt schon Runtzeln.“

Sind aber funfftzig Jahr verflossen,
Wird die verschrumpffte Jungferschafft
Mit Thränen-Wasser nun begossen;
Doch singt sie noch aus Leibes-Krafft:
„Ach komm ein Mann! ach komm behende!
Wo nicht; so komm mein Lebensende.“

——— Daniel Stoppe:

Mädchenlied

 
 
 
 
 
 
 
 

cit. nach: Rolf Wilken, Hrsg.: Liebe ist besser als Krieg. Erotische Lyrik und lose Lieder,
Christian Wegner Verlag, Hamburg 1967, Seite 184:

Soll ich armes Ding denn ewig warten?
Geh ich dennoch schon ins zwölfte Jahr;
Nein, ich will die Sache besser karten,
Die Geduld ist bei mir ziemlich rar.
Werf ich gleich die Netze selber aus,
Ach! ein Mädchen macht sich nichts daraus.

Kein Galan kommt uns ins Maul geflogen,
Wenn man stets in seiner Klause sitzt:
In der Einsamkeit wird man betrogen.
Wenn man sich auf einen Mann verspitzt.
Ich geh fleißig auf Gesellschaft aus.
Denn ein Mädchen macht sich nichts daraus.

Brust und Äpfel schnür ich in die Höhe,
Daß das liebe Gut ins Auge fällt.
Daß man, wenn ich unter Leute gehe.
Mich für erzgalant und artig hält.
Sieht mein Krämchen zu handgreiflich aus.
Ach! ein Mädchen macht sich nichts daraus.

Ich weiß meine Farbe zu erheben,
Wenn ein roter Strich die Backen netzt,
Das heißt der Natur den Ausschlag geben,
der die halbe Welt in Liebe setzt.
Sieht mein Malen gleich was kennbar aus,
Ach! ein Mädchen macht sich nichts daraus.

Leg ich mich gleich fleißig auf das Küssen,
Wenn man sich nur nicht aufs Bette legt,
Oh, das schadet nicht, obgleich wir wissen,
Wie man einen Kuß zu geben pflegt.
Täglich teil ich hundert Mäulchen aus,
Ach! ein Mädchen macht sich nichts daraus.

Und gesetzt, daß ich’s versehen hätte,
O so schleich ich bei der stillen Nacht
In ein abgelegnes Wochenbette,
Wo man wenig Federlesens macht.
Sieht mein Jungfernkranz zerhudelt aus,
Ach! ein Mädchen macht sich nichts daraus.

David Hamilton via Zamieć Piekna, 2016

Fachliteratur:

David Hamilton via Zamieć Piekna, 2016

Bilder: David Hamilton, via Zamieć Piekna, 2016.

David Hamilton via Zamieć Piekna, 2016

Soundtrack: Nicht der allzu offensichtliche Soundtrack zu Bilitis 1977, sondern zu unser aller Warnung
die seinerzeit zehnjährige Angelina Jordan: I Put A Spell On You, 1956, Cover 2016.
Hoffentlich unnötiger Hinweis für Davidhamiltonisten, die auf sowas stehen:
Frau Jordan ist wie wir alle seit 2016 älter geworden:

Written by Wolf

25. November 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Ehestand & Buhlschaft

Daß die Obrigkeit immer noch solche schandbaren Gewerbe duldet

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Update zu Paris Faustiens,
Als der Bund Spargel einmal tausend Francs kostete
und Das Ungeheuer von Laster, das nicht einmal den Namen Feigheit verdient:

Dieser Tage zum Beispiel war ich stolz, weil ich nach 41 Jahren Madame Bovary zu Ende gelesen hab. Dabei hab ich mir das eine letzte Jahr nur noch Zeit gelassen, damit mir keiner an den ersten 40 herumzweifelt.

Le Père Hivert et Mme Lefrançois, ca. 1875 ff.Was man an Lobpreis über Madame Bovary jemals zu hören und zu lesen bekommen hat, es ist alles wahr. Ein „Roman mit der ‚Dichte der Lyrik'“ (Eigenanspruch), dem dann gleich „die Formel des modernen Romans“ (Émile Zola) eingeschrieben sei, auf dass er „unsere Sicht der Dinge beinahe ebenso sehr erneuert wie Kant“ (Marcel Proust) – man kann gar nicht zu hoch greifen. Dabei wäre es die reine Verschwendung, sich Flaubert nur aus Pflichtbewusstsein gegenüber einer „Pflichtlektüre“ zu nähern, oder aus einer rührseligen Erwartung heraus, es gäbe hier ein überaus tragisches Frauenschicksal zu beweinen; und man wüsste gar nicht, welches von beiden schlimmer wäre.

Natürlich wird Kenntnis der Madame Bovary zur Pflicht, sobald man wissen – und begründen – will, was genau die spätere recherche du temps perdu (Proust, 1913 ff.) von, sagen wir, über die recherche de l’absolu (Balzac, 1834) hinaushebt – oder weniger preziös: was die Weltliteraten Thomas Mann und Charles Dickens voneinander unterscheidet.

Vereinfacht gesagt, ist es die Sicht auf das Geschehen, auf die Figuren, deren Motivation und Verankerung in einer äußeren oder werkimmanenten Welt, und in der Folge dieser aller Bewertung. Noch einfacher: Ob die Figur Madame Emma Bovary leidet oder nicht, vor allem ob sie das selbst verschuldet oder nicht, hat dem personalen Erzähler oder Märchenonkel Flaubert egal zu sein, seine Brillanz liegt im genauen Hinschauen.

Nun bestehen in einem genauen Blick für Details die Brillanzen von Dickens, Thomas Mann, Proust und zahllosen anderen, für die man sich unter Umständen nicht einmal 41 Jahre Zeit nehmen will, auch. Was Flaubert mit seiner inhaltlichen Verdichtung auf einem geradezu lyrischen Niveau über mehrere hundert Prosaseiten hinweg geleistet hat, können wir Deutschsprachigen praktisch erst seit 2012 in einer ebenbürtigen Übertragung nachvollziehen, als Elisabeth Edl die insgesamt 28. Übersetzung der Madame Bovary seit 1858 vorgelegt hat – wenn man Andreas Isenschmid glaubt: Die Freuden der Genauigkeit, und so schlüsig begründet und an Beispielen durchgeführt glaubt man ihm gerne – auch unterstützt von Bonaventura am 2. Mai 2013:

Es ist ein Buch von erstaunlicher künstlerischer Integrität und von einer solch gelassenen erzählerischen Kühle, wie man sie nur sehr selten in der Literatur findet.

Carlo Chessa, L’Hirondelle d’Yonville, 1905Leider konnte ich mir noch nicht mit Elisabeth Edls Wunderwerk von Übersetzung behelfen, dafür mit einer bewährten, soliden unter den vormaligen 27: der von Walter Widmer 1959. Die geschah seinerzeit für Artemis & Winkler, das Derivat als dtv weltliteratur Dünndruck-Ausgabe im Taschenbuch kann ich online in dieser Form in kaum einer festzunagelnden Form auftreiben, bis auf das eine Angebot von The Old Bookcase 2019. Vielleicht vergilbt bei mir das letzte benutzbare Exemplar, nur weil meine Eltern keinem Dreizehnjährigen die achtbändige Diogenes-Ausgabe 1977 ff. zu Weihnachten schenken mochten. Ähnlich sähe diese Konstellation allen Beteiligten.

Wie jeder andere auch, der nicht nur irgendwann mal über einer der durchweg belanglosen Verfilmungen weggedöst ist, die leider allesamt nichts außer dem erdenschwer tragischen Frauenschicksal betonen, halte ich Emma Bovary für eine selten dämliche Nuss. Das Raffinierte daran ist: Sie kann nichts dafür.

Der Apotheker Homais holt gerade Madame Bovary mit Hilfe des Kutschers Hivert ab. Der Blinde kommt kommt in Illustrationen praktisch nicht vor. Wenn Sie etwas anderes wissen, machen Sie kein Geheimnis daraus:

——— Gustave Flaubert:

Madame Bovary. Ein Sittenbild aus der Provinz

1856, in Buchform 1857, Dritter Teil, 7,
übs. Walter Widmer 1959, dtv weltliteratur Dünndruck-Ausgabe 1980, Seite 385 f.:

Als aber der Blinde wie gewöhnlich am Fuße der Anhöhe auftauchte, rief er: „Ich verstehe einfach nicht, daß die Obrigkeit immer noch solche schandbaren Gewerbe duldet! Diese Unglücklichen müßte man einsperren und zu irgendeiner Arbeit anhalten. Der Fortschritt geht bei uns im Schneckentempo, das können Sie mir glauben! Wir waten noch mitten im Sumpf der Barbarei.“

Der Blinde streckte seinen Hut herein, und er baumelte nun hin und her wie eine losgerissene Tasche des Wagenfutters.

„Ein skrofulöses Leiden“, erklärte der Apotheker.

Cover Madsame Bovary, dtv, ca. 1980Und obwohl der den armen Teufel schon lange kannte, tat er doch, als sähe er ihn zum erstenmal, brummte etwas von Hornhaut, Star, Sklerose und Facies und fragte ihn dann in väterlichem Ton: „Hast du diese schreckliche Krankheit schon lange, guter Freund? Anstatt dich in der Kneipe zu besaufen, solltest du lieber strenge Diät halten.“

Er riet ihm, guten Wein und gutes Bier zu trinken und hier und da einen guten Braten zu essen. Der Blinde leierte seinen Singsang weiter herunter. Er sah übrigens fast schwachsinnig aus. Schließlich zog Herr Homais seinen Geldbeutel.

„Da hast du einen Groschen, gib mir zwei Heller heraus; und vergiß nicht, was ich dir geraten habe. Es wird dir wohl bekommen.“

Hivert gestattete sich, vernehmlich ein paar Zweifel an der Wirksamkeit der Ratschläge zu äußern. Doch der Apotheker beteuerte, er werde ihn selbst heilen, und zwar mittels einer antiphlogistischen Pomade eigenen Fabrikats, und gab ihm seine Adresse: „Homais, am Markt, bestens bekannt.“

„So, und zum Dank zeigst du uns jetzt ein bißchen, wie schön du Komödie spielen kannst„, sagte Hivert.

Der Blinde ließ sich auf seine Fersen niederplumpsen, warf den Kopf zurück und rollte seine grünlichen Augen, streckte die Zunge heraus und rieb sich mit beiden Händen den Bauch, während er ein dumpfes Heulen ausstieß wie ein ausgehungerter Hund. Emma ekelte es, und sie warf ihm über die Achsel ein Fünffrankenstück zu. Es war ihr letztes Geld. Es dünkte sie wunderschön, es so wegzuwerfen.

Der Wagen fuhr bereits weiter, da lehnte sich Herr Homais plötzlich zum Fenster hinaus und rief: „Keine Mehlspeisen und auch keine Milch! Wollsachen auf dem Leib tragen und die kranken Stellen Wacholderbeerdämpfen aussetzen!“

Der Anblick der vertrauten Dinge, die an ihren Augen vorbeizogen, lenkte Emma nach und nach von ihrem Schmerz ab.

Bilder: Le Père Hivert et Mme Lefrançois: Portraits du Père Hivert, conducteur de l’Hirondelle, et de Mme Lefrançois maîtresse d’Hôtel du Lion d’Or (M. et Mme Thérain), ca. 1875–1895, via Hôtel Le Lion d’Or;
Carlo Chessa: L’Hirondelle d’Yonville, 1905; via Yonville;
ungefähr mein Buch: The Old Bookcase via Booklooker, 6. August 2019.

Mœurs de province, allein schon wegen der inneren Größe: Camille Hardouin: The Partisan, 1943,
als Cover-Version von Leonard Cohen: Le partisan, August 2018 „dans les failles terrestres du Larzac„:

Written by Wolf

18. November 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Realismus

Menschenfresser oder gar auch Analphabeten

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Update zu Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen (Schöne Menschen, schöne Glieder),
Адвент 1: Über Nacht bin ich tot,
Адвент 3: Mit einem stillen, guten Worte mein gedenken,
Unvernünftige Rede übers unwiederbringlich Verlorene
und Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet:

Die zaristische Regierung hat von den Besonderheiten des Kaukasus gar nichts verstanden.

Joseph Roth: Das Völker-Labyrinth im Kaukasus, Frankfurter Zeitung, 26. Oktober 1926.

І Архімед, і Галілей
Вина й не бачили. Єлей
Потік у черево чернече!
А ви, святиє предотечі,
По всьому світу розійшлись
І крихту хліба понесли
Царям убогим. Буде бите
Царями сіянеє жито!
А люде виростуть. Умруть
Ще не зачатиє царята…
І на оновленій землі
Врага не буде, супостата,
А буде син, і буде мати,
І будуть люде на землі.

Тарас Григорович Шевченко: І Архімед, і Галілей, 24 вересня 1860 р., С.-Петербург.

Ich hab mir das nicht gewünscht, dass die letzten Zwanziger Jahre wieder in die Höhe spülen. Sie hoffentlich auch nicht.

——— Joseph Roth:

Ukrainomanie

Berlins neueste Mode

in: Neue Berliner Zeitung, 13. Dezember 1920,
cit. nach: Werke 1: Das journalistische Werk 1915–1923, Seite 417 bis 419,
erreichbar in: Jan Bürger, Hrsg.: Joseph Roth: Reisen in die Ukraine und nach Russland,
C. H. Beck textura 2015:

Manchmal wird eine Nation modern. Griechen und Polen und Russen waren es eine Zeitlang.
Nun sind es die Ukrainer.

Taras Schewtschenko, Kateryna, 1842Die Ukrainer, von denen man bei uns und im übrigen Westen nicht viel mehr weiß, als daß sie irgendwo zwischen Kaukasus und Karpaten wohnen, in einem Land, das Steppen und Sümpfe hat, daß die ukrainische Etappe wegen der erhöhten Etappenzulage eine verhältnismäßig angenehme war. Außerdem hat man die höchst unbestimmte Vorstellung von einem „ukrainischen Brotfrieden“ dank dem politischen Dilettantismus eines österreichischen Kriegsdiplomaten. Im übrigen sind „Ukrainer“ eines jener Völker, von denen man nicht bestimmt sagen kann, ob sie nur Menschenfresser oder gar auch Analphabeten sind. Ihrer Abstammung nach sicher „Russen und dergleichen“, ihrem Glaubensbekenntnis nach urkatholische Heiden mit bartumwalltem Priestertum aus Gold, Myrrhen und Weihrauch.

Diese Operettenbegriffe von Land und Volk sind zu verführerisch. Die Polen sind schon zu verwestlicht, auch von den Griechen weiß man bereits Genaueres, seitdem Mitteleuropa erfahren hat, daß auch griechische Könige von Affen gebissen werden können wie Filmschauspielerinnen. Rußland ist durch die zahlreichen deutschen Auswanderer und Kriegsgefangenen bereits ein heimischer Begriff, für Varieté und Operette also nicht mehr zu gebrauchen. Bleibt die „Ukraine“.

Ein armer, aus Lublin (im ehemaligen Kongreßpolen) eingewanderter Jude eröffnet sich im Osten Berlins einen Zigarrenladen, schreibt auf ein Schild ein paar kyrillische Buchstaben und nennt seinen Laden einen „original-ukrainischen“. In Kaffeehäusern tanzen Mädchen den neuesten amerikanischen Jazz und nennen ihn „ukrainischen Nationaltanz“. Am modernsten aber sind die „ukrainischen“ Pantomimen und Ballette.

Berlin schwelgt in groteskem Operetten-Ukrainertum. Jede Melodie von irgendwelcher slawischen Klangfarbe ist „ukrainisch“. Zu dieser Mode haben freilich die echten Ukrainer selbst den Anlaß gegeben, und zwar durch den ukrainischen Sängerchor, der hier, wie in mehreren europäischen Großstädten, einige Male mit riesengroßem Erfolg aufgetreten ist und der Konjunktur selbst einen „Tip“ gegeben hat, wie aus einem nationalen und politischen Begriff Geld zu machen wäre. Außerdem bewirken die Zustände im Osten Europas eine Auswanderung von Russen und Ukrainern und Polen nach dem Westen, wo sie alte „Ukrainer“ sind, weil „ukrainisch“ eben Mode geworden ist. In den „ukrainischen“ Balletten geht es demgemäß stark gemischt zu: ein bißchen tatarisch, ein bißchen russisch, ein wenig allerdings auch kosakisch. Schließlich ist es die Aufgabe der Varietéunternehmungen, denen diese Abhandlung gewidmet ist, zu unterhalten und nicht wissenschaftlich-ethnologische Studien zu treiben. Aber man sollte Volkskunst nicht entstellen, schon gar nicht die Kunst eines augenblicklich wehrlosen Volkes, dem Bolschewisten und Polen die Heimat geraubt haben.

Cover Jan Bürger, Hrsg., Joseph Roth, Reisen in die Ukraine und nach Russland, C. H. Beck textura 2015Im Eispalast, dessen Ballett vorzüglich geschult ist und in dem wirklich künstlerische Leistungen zustande kommen, werden „Die roten Schuhe“, eine Ballettpantomime, getanzt. Es soll eine ukrainische Legende sein. Die Kulissenkirche im Hintergrund ist nicht ukrainisch (also griechisch-katholisch), sondern russisch, also orthodox. Die Heldin des Balletts trägt den russischen Kopfschmuck – Ukrainerinnen tragen nur Blumen im Haar, weiße Blusen mit blauroten Ornamenten an den Ärmeln und Rändern, niemals seidene, goldbetreßte Jacken. Tscherkessen haben nie in der Ukraine gelebt, sondern im Kaukasus. Die ukrainischen Bäuerinnen tragen kurze Stiefel, niemals weiße Tanzschuhe. Die Tänze sind mit Ausnahme eines sogenannten „Hoppaks“ und einer „Kolomejka“ russisch. Die Geschichte des ukrainischen Kosakenhelden und Aufrührers Mazeppa, der, wie aus der Geschichte bekannt ist, vom polnischen König nackt auf den Rücken eines Pferdes gebunden und so ein paar Tage durch die ukrainische Steppe geschleppt wird, kann man in Sarrasanis Zirkus sehen. Auch hier spielen russische Motive in ukrainische Nationalhistorie hinein. Ukrainische Geistliche sind griechisch-katholisch und tragen keine Popenbärte.

Das ukrainische Ballett Glazeroffs ist ukrainisch, tut aber noch ukrainischer und tanzt – mit Messern, wie Indianer tanzen. Es sind ganz famose Tänzer aus Kiew, die sich verpflichtet fühlen, den „wilden Mann“ zu spielen vor einem westlichen Publikum, dem eine Kolomejka zu zahm ist für das hohe Entrée. Ukrainer haben in ihrem Leben nicht mit Messern im Munde getanzt.

Die ukrainische Volkskunst ist eine ganz eigene, mit stark ausgeprägten nationalen Kennzeichen, und hat weder mit der russischen noch mit der polnischen oder tatarischen etwas gemein. Interessant aber ist das Phänomen als solches: daß eine Nation, sobald sie ihre staatliche Selbständigkeit verliert, in den Operetten und Varietés zu herrschen beginnt.

Berlin, das Barometer westlicher Operettenmode, zeigt andauernd auf „Ukrainertum“.

Rustam Himadiev, Hanna Sukhomlyn in Performance Kateryna, 23. August 2015

Bilder: Тарас Григорович Шевченко: Катерина, 1842, nach dem eigenen Poem Катерина, 1838 f.;
Cover Jan Bürger, Hrsg.: Joseph Roth: Reisen in die Ukraine und nach Russland, C. H. Beck textura 2015,
via Oliver vom Hove: Joseph Roth: Die Skepsis war ständige Reisebegleiterin, Der Standard, 7. November 2015;
Rustam Himadiev: Hanna Sukhomlyn in der Uraufführung Performance Kateryna, 23. August 2015 in Kyjiv, Regie Kateryna [!] Chepura.

Soundtrack: Das Tiny Desk Concert von DakhaBrakha, 25. April 2015:

Written by Wolf

11. November 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Realismus

Dornenstück 0011: Wir wollen keine Vorwarnungen, wir haben schon genug Ärger

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Update zu Pflanzenähnlichkeit der Weiber:
Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel

und Wer hätte da sich um Blumen bekümmert?:

Gehn Sie mir weg mit historischen Romanen. Sag ich jedes Mal, sooft mir einer unterkommt; die ich auch von vorne bis hinten durchhalte, sind selbstverständlich allesamt Ausnahmen. Die Lese-, gleich Lebenszeit gelohnt hat sich zum Beispiel bei Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens, Jakob Wassermann 1908, Der Name der Rose, Umberto Eco 1980 (zweimal!) oder falls der dazuzählt, Lotte in Weimar, Thomas Mann 1939 (auch zwei- und noch nicht das letzte Mal).

Und natürlich konnte ich kein Buch achtlos im Regen aufweichen lassen, das Die blaue Blume heißt, Penelope Fitzgerald 1995 – eine scharf beobachtende Demontage der Sophie von Kühn, die weder viel dafür noch dagegen konnte, dass sie zwölfjährigerweise dem Novalis anverlobt wurde.

——— Penelope Fitzgerald:

Was ist Schmerz?

aus: Die blaue Blume, 1995,
übs. Christa Krüger, Insel 1999, Seite 145 f.:

Was wäre, wenn es keinen Schmerz gäbe? Als sie alle noch Kinder in Grüningen waren, versammelte Friederike, damals noch nicht die Mandelsloh, aber schon in der Pflicht, die Geschwister nach dem Abendgebet um sich und erzählte ihnen eine Sonntagsgeschichte. „Es war einmal ein ehrlicher Kaufmann“, sagte sie, „dem ging es nicht wie uns: Er spürte nie Schmerzen. Von Geburt an hatte er keine Schmerzen gehabt, und so merkte er als Fünfundvierzigjähriger nicht, daß er sehr krank war, und dachte gar nicht daran, den Arzt zu rufen, bis er eines Nachts hörte, wie sich die Zimmertür öffnete, und als er sich im Bett aufsetzte, sah er im hellen Mondlicht, daß jemand, den er nicht kannte, in sein Zimmer gekommen war, und das war der Tod.“

Sophie hatte damals den Sinn der Geschichte nicht verstanden. „Der hatte aber Glück, Frieke.“

„Nein, gar nicht. Der Schmerz hätte ihn vor der Krankheit gewarnt, aber so war er nicht vorgewarnt.“

„Wir wollen keine Vorwarnungen“, erklärten ihr die Kinder. „Wir haben schon genug Ärger.“

„Aber ihm blieb keine Zeit zum Nachdenken, was er mit seinem Leben angefangen hatte, und er konnte nicht bereuen.“

„Reue ist für alte Weiber und Arschlöcher“, brüllte George.

„George, es ist nicht zum Aushalten mit dir“, sagte Friederike. „Du müßtest in der Schule Prügel bekommen.“

„Ich bekomme ja Prügel“, sagte George.

Eine Logik, die mir, historisch gewandet oder aktuell kolportiert, immer schon sehr zugesagt hat.

Wo wir bei historischen Romanen sind: Ausdrückliche Warnung ergeht an dieser Stelle vor Witiko, Adalbert Stifter 1867, Die Säulen der Erde, Ken Follett 1989, und, falls die dazuzählen, Die Wanderhure, „Iny Lorentz“ 2004 ff.

Johann Peter Hasenclever, Der erste Schultag, 1852

Fachliteratur zur Prügelstrafe:

Bild: Johann Peter Hasenclever: Der erste Schultag, 1852.

Soundtrack: Mazzy Star: Blue Flower, aus: She Hangs Brightly, 1990, live 9. Juli 1994:

Written by Wolf

4. November 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Jedoch die schlimmste Lüge war: Auf Wiedersehn

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Update zu Siehst du und
Einst, wenn dieser Lenz entschwand:

Bis jetzt fällt hoffentlich nicht allzu penetrant auf, dass ich meinen Laden schon mal fit mache für 2025, wenn Thomas Mann seit 70 Jahren tot sein und sein Copyright in die Public Domain übergehen wird. Ich hätte dem Manne selbstverständlich ein noch längeres als sein 80-jähriges Leben gewünscht, aber dann hagelt’s Ausschnitte aus seinem Doktor Faustus. Vorausgesetzt, dass ich dann noch will.

Nun war Thomas Mann, sollte ich’s noch nie in meiner verachtenswürdigen Häme erwähnt haben, kein großer Lyriker vor dem Herrn – was angesichts seiner sonstigen Verdienste ganz in Ordnung geht. Mit 14 Jahren sah man ihn jedenfalls noch Briefe mit „Thomas Mann. Lyrisch-dramatischer Dichter“ unterschreiben, und im Mai 1893, gerade noch 17-jährig, gab er in seiner zuständigen, dazu Deutschlands erster Schülerzeitung Der Frühlingssturm am Katharineum zu Lübeck – als Mitherausgeber noch unter seinem Jugendpseudonym Paul Thomas – das Gedicht Zweimaliger Abschied ans Licht, im Oktober desselben Jahres brachte er, 18 geworden und mit Aussicht auf sein Pendant zur Mittleren Reife in Obersekunda, immerhin den Mut auf, dasselbe Gedicht noch einmal in der Literaturzeitschrift Die Gesellschaft zu verwenden. Diese Zweitverwertung geschah schon unter seinem bürgerlichen Namen. Ob daher das Gedicht Zweimaliger Abschied von 1893 oder erst die Erzählung Gefallen von 1894 als sein literarisches Debüt gelten darf, kann man gerne noch weiter diskutieren. Eins von den zweien halt.

Ich zitiere als Internetpremeiere nach der zweiten Veröffentlichung korrigiert, weil sie erstens überhaupt erhalten und zweitens digitalisiert zugänglich ist.

——— Thomas Mann:

Zweimaliger Abschied

in: Schülerzeitung Frühlingssturm, Mai 1893,
und Literaturzeitschrift Die Gesellschaft, Oktober 1893, Seite 1247 f.:

Thomas Mann, Zweimaliger Abschied, Die Gesellschaft, Oktober 1893, Seite 1247 und 1248, VolltextDer letzte Abend war’s. Wir wanderten
am Strand des Meers, das still und schwarz und schweigend
im Unbegrenzten sich verlor. Kein Stern erglänzte
vom trüben, unbestimmten Grau des Himmels,
kein Stern der Hoffnung auf ein Wiedersehn . . .
Nur durch den feuchten Nebel sickerte
vom fernen Leuchtturm müdes rotes Licht, –
Das Abendglühen eines kurzen Tags,
an dem das Glück uns in den Armen hielt . . .
Und niemals wieder, niemals wieder . . .?
Wir wanderten und schwiegen mit dem Meer.
Dein liebes Blondhaupt lag an meiner Schulter,
und Deines feuchten Haares leiser Duft
umschmeichelte bestrickend meine Nerven . . .
Die Zeit verrann in seligem Vergessen,
und endlich kam er unerbittlich doch,
der Augenblick des letzten Lebewohls . . .
Wir standen still und sahn uns an – so an
zum letzten, letzten Mal . . . Kein Laut ringsum.
Ein tiefes, dunkles Schweigen um uns her.
Und Deine kalte Hand fand sich mit meiner,
und Thränen tiefen Leids umschleierten
das Meeresblaugrün Deiner Augen . . .
Und nur ein Wort ging durch die tiefe Stille,
sprachst Du es aus? War ich’s? Ich weiß nicht.
Es irrte durch die feuchte Sommernacht,
ganz leise, traum- und leidverlor’nen Klangs . . .
„Nie – niemals wieder . . .“

*               *
*

Und dann der Morgen. –
               Unaufhörlich ging
ein feiner Regen nieder. In dem kleinen Bahnhof
stand schnaubend längst der Zug. – Ein Lärmen, Hasten,
ein feuchtes, schmutziggraues Durcheinander
von Koffern – Menschen – Dampf –
Ich sah auf ein Bouquet – ich trug es selbst –
Und Deine Eltern sah ich – sah auch Dich –
Dann ein paar Worte – welche schöne Blumen! –
Sehr schlechtes Reisewetter – in der That –
Dann hielt ich Deine Fingerspitzen eben –
Adieu, adieu – und leben Sie recht wohl –
Auf Wiedersehn. – Jawohl, auf Wiedersehn! –
Ein letztes Winken noch; dann war es aus . . .
Wir logen beide. –
Jedoch die schlimmste Lüge war: „Auf Wiedersehn.“
Wir wußten’s beide, was das Meer gehört
an jenem feuchten, dunklen Sommerabend . . .
„Nie, – niemals wieder“ . . . .

Lübeck.               Thomas Mann.

Fast noch kompetenter als Arthur Eloessers derzeit gültige Thomas-Mann-Biographie von 2013 kommentiert Lutz Hesse:

[…] Prosalyrik war 1893 nahezu Avantgarde, die schwülstige Atmosphäre des Textes, seine Romantik ist auf dem Höhepunkt seiner Zeit. Die Geschichte, die Mann hier poetisch verdichtet erzählt, erfasst der Leser sofort. Im Tod in Venedig kommt uns das „Blondhaupt“ in Gestalt des Tadzio entgegen, ergänzt mit slawischen Wangenknochen. Im Zauberberg schildert Mann das sublime erotische Verhältnis von Hans Castorp zu seinem Mitschüler Pribislav Hippe. Auch Hippe wird blondlockig und slawisch abgebildet.

Thomas Manns Verse vom ZWEIMALIGEN ABSCHIED geben also Auskunft über erotische Vorlieben, unabhängig vom Geschlecht, die ihn in früher Jugend prägten und ein Leben lang begleiten sollten. Sicher lassen sich noch mehr Figuren Manns in seinem Werk finden, wo er versteckt oder direkt auf das Gedicht zurückkommt. […]

Das Schöne am neuen Zeitalter der Interpretationen ist ja auch, dass man als Literaturwissenschaftler oder interessierter Laie nicht mehr mit dem ständigen Beweis beschäftigt sein muss, dass Thomas Mann auch ja nicht schwul war. Man muss seine homophile Vorliebe für Knaben, die vielleicht eine unausgelebte Pädophilie war, nicht werten, darf sie heute aber voraussetzen.

Bild: Scan Thomas Mann: Zweimaliger Abschied, aus:
Die Gesellschaft, Oktober 1893, Seite 1247 bis 1248

Soundtrack: Ultra Orange & Emmanuelle: Don’t Kiss me Goodbye, aus: Ultra Orange & Emmanuelle, 2007:

Written by Wolf

28. Oktober 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Symbolismus

Goethe in Bewegung (Arno Schmidt auf dem Gepäckständer)

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Update zu Trotzki, Fauser und die Goetheforschung,
Wuchtig, in gedrängter Vierzeil‘ singe ich vom Cinnamone
und Wo mit Mais die Felder prangen:

Faust. In’s Freye. […]
Du kannst! So wolle nur! die Thür steht offen.

Vers 4538 + 4543, Kerker.

»Wenn Sie heute schrieben : hier an dieser Stelle: den ‹Werther›; die Epigramme und Elegien; Prometheus auf Italienischer Reise : Sie stünden längst vor Gericht! Als Defaitist; als Erotiker; wegen Gotteslästerung; Beleidigung politischer Persönlichkeiten !«

Arno Schmidt zu Goethe, 1957,
in: Goethe und einer seiner Bewunderer, Texte und Zeichen. 3. Jg. 1957, Seite 232–264,
Bargfelder Ausgabe I/2, Seite 208.

Die Schweiz hat alles, was ihr großer Kanton Deutschland auch hat, nur meistens in Kleiner, Besser und Selbergemacht. Statt Rolf Dieter Brinkmann hat sie zum Beispiel den elsässisch gebürtigen, deutschen Wahlschweizer Jürgen Theobaldy, und statt Hans Magnus Enzensberger hat sie den Vollschweizer Beat Brechbühl.

Theobaldy hat ein Gedicht über Goethe unter beflügelndem Einfluss nicht näher bezeichneter Substanzen, Brechbühl hat eins über Goethe und Arno Schmidt auf einmal; beides hat meines Wissens weder Brinkmann noch Enzensberger noch die deutsche Produktion überhaupt. Einzig rätselhaft bleiben die befahrenen Strecken – offenbar keine der drei Goetheschen Schweizer Reisen – und wieso Brechbühl von einem Fahrrad statt von einem Velo spricht.

Cover Christian Burmeister, Ein Fahrrad für Johann Wolfgang von Goethe, 2020

——— Jürgen Theobaldy:

Abenteuer mit Dichtung

1973, in: Blaue Flecken, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1974:

Cover Jürgen Theobaldy, Blaue Flecken, 1974Als ich Goethe ermunterte einzusteigen
war er sofort dabei
Während wir fuhren
wollte er alles ganz genau wissen
ich ließ ihn mal Gas geben
und er brüllte: „Ins Freie!“
und trommelte auf das Armaturenbrett
Ich drehte das Radio voll auf
er langte vorn herum
brach den Scheibenwischer ab
und dann rasten wir durch das Dorf
über den Steg und in den Acker
wo wir uns lachend und schreiend
aus der Karre wälzten

~~~\~~~~~~~/~~~

——— Beat Brechbühl:

Tschau Goethe

aus: Traumhämmer. Gedichte aus zehn Jahren, Benziger Verlag Zürich/Köln 1977:

Cover Beat Brechbühl, Traumhämmer, 1977Er stand an einer merkwürdig
gelben Wegkreuzung und
flirtete intensiv mit dem Milch-
mädchen aus Frankfurt.

Ich fuhr mit dem Fahrrad vorbei,
klingelte, auf dem Gepäckträger
saß Arno Schmidt
und rief Tschau Goethe
dieser ging
schleunig nach Hause,
zog sich aus bis aufs geblümelte Nachthemd
und schrieb weiter an seiner Welt-
literatur.

Gerlinde Hofmann, Goethe's Garden House, 5. November 2007

Bilder:

  1. Christian Burmeister: Ein Fahrrad für Johann Wolfgang von Goethe,
  2. Cover via moveo ergo sum, 3. November 2020;

  3. Cover Jürgen Theobaldy: Blaue Flecken, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1974. Man beachte, dass der abgebildete Gegenstand im Sande anno 1974 noch kein Mobiltelephon sein konnte. Aber was sonst?;
  4. Cover Beat Brechbühl: Traumhämmer. Gedichte aus zehn Jahren, Benziger Verlag Zürich/Köln 1977;
  5. Gerlinde Hofmann: Goethe’s Garden House, 5. November 2007:

    Goethe hatt‘ ein Gartenhaus,
    die Stars, die gingen ein und aus.
    Einmal erklärt er Lessing:
    „Mein Fahrrad ist aus Messing.“
    Dann stellte er es links vors Tor
    und war so klug als wie zuvor.

Soundtrack: Pink Floyd: Bike, aus: The Piper at the Gates of Dawn, 1967:

Written by Wolf

21. Oktober 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

One hundred and sixty-seven words, per day

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Update zu Der unverzichtbare Buchstabe e,
Break in college sick bay,
Wer mal in Die Zeyt gewesen, deßen Ruhm ist ja erlesen
und Amelia Earhart’s Favorite Poem:

Über Jeffrey McDaniel erfahren wir in Slam, herausgegeben von Cecily von Ziegesar bei AlloyBooks 2000:

Jeffrey McDaniel is the author of Alibi School and The Forgiveness Parade. His work appeared in Best American Poetry1996. He currently writes reviews and literary interviews for CUPS magazine in Los Angeles.

The Art oaf Face

Das ist die Information über einen Dichter des Jahrgangs 1967 in einer amerikanischen Anthologie über Slam-Poetry von anno 2000; selbst sein deutscher Wikipedia-Artikel ist heute schon aufschlussreicher, und der verlinkt noch seinen Myspace-Account.

Was uns solche Poetry normalerweise nicht lehrt, eher das Gegenteil: Man soll ausschließlich sprechen, um etwas in die Welt zu setzen, das schöner oder wenigstens nützlicher als die Stille ist. Wenn man fertig ist, soll man umgehend wieder die Klappe halten.

The Art oaf Face

McDaniels Vorschlag mit den höchstens 167 Wörtern pro Tag erinnert an Gullivers Reise auf die fliegende Insel Laputa, deren Einwohner gehalten sind, zu besprechende Gegenstände bei sich zu tragen und bei Bedarf vorzuzeigen. Beim geistlichen Satiriker Jonathan Swift sollte das materiell unterstützte Schweigen noch zu schnelle Abnutzung der Lungen verhindern, beim Poeten McDaniels sollen die Leute einander mehr in die Augen schauen. Kann man machen, jedenfalls fordern oder erträumen.

The Art oaf Face

Woran beide Maßnahmen scheitern werden, ist klar: Swift hat seine Idee schon in der Anlage so weit überspitzt, bis sie sich von selbst verbietet; McDanel lässt, absichtlich oder nicht, offen, ob seine zugelassenen 167 Wörter (nicht Worte) nach Type oder Token gezählt werden sollen, also die Lemmata oder das, was einem zum Beispiel Word mit seiner Zeichenzählung ausrechnet, was endlosem, dazu immer wieder hinausgezögertem Herumgefeilsche unter den Betroffenen Tür und Tor öffnet.

Träumen wird man noch dürfen.

——— Jeffrey McDaniel:

The Quiet World

in: Cecily von Ziegesar: Slam, AlloyBooks, New York 2000, page 99,
never performed:

Cover Cecily von Ziegesar, Slam, AlloyBooks, New York 2000In an effort to get people to look
into each other’s eyes more,
the government has decided to allot
each person exactly one hundred
and sixty-seven words, per day.

When the phone rings, I put it
to my ear without saying hello.
In the restaurant I point
at chicken noodle soup. I am
adjusting well to the new way.

Late at night, I call my long-
distance lover and proudly say:
I only used fifty-nine today.
I saved the rest for you.

When she doesn’t respond, I know
she’s used up all her words,
so I slowly whisper I love you,
thirty-two and a third times.
After that, we just sit on the line
and listen to each other breathe.

The Art oaf Face

Schweigende Mädchen: Gajo 1987, via The Art of Face, ca. 2021;
Cover Cecily von Ziegesar: Slam, Erstauflage 2000, via Amazon.de.

Soundtrack: John Cage: 4′33″, 1952,
William Marx live im McCallum Theatre, Palm Desert, Kalifornien:

Bonus Track: Nickerbocker & Biene: Hallo Klaus (I wü nur zruck), 1982,
aus: Nickerbocker: Spätzünder, 1983:

Written by Wolf

14. Oktober 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Postironismus

Goethe und die Wolken: Er aber, Howard, gibt mit reinem Sinn uns neuer Lehre herrlichsten Gewinn

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Update zu Doch jene Wolke blühte nur Minuten
und Meine Urgroßmutter und die Wolken:

Goethes Hymne auf die Wolkenkunde samt deren Erfinder Luke Howard vorab:

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Howards Ehrengedächtnis

1821:

Wenn Gottheit Camarupa, hoch und hehr,
Durch Lüfte schwankend wandelt leicht und schwer,
Des Schleiers Falten sammelt, sie zerstreut,
Am Wechsel der Gestalten sich erfreut,
Jetzt starr sich hält, dann schwindet wie ein Traum,
Da staunen wir und traun dem Auge kaum;

Nun regt sich kühn des eignen Bildens Kraft,
Die Unbestimmtes zu Bestimmtem schafft;
Da droht ein Leu, dort wogt ein Elefant,
Kameles Hals, zum Drachen umgewandt,
Ein Heer zieht an, doch triumphiert es nicht,
Da es die Macht am steilen Felsen bricht;
Der treuste Wolkenbote selbst zerstiebt,
Eh er die Fern erreicht, wohin man liebt.

Er aber, Howard, gibt mit reinem Sinn
Uns neuer Lehre herrlichsten Gewinn.
Was sich nicht halten, nicht erreichen läßt,
Er faßt es an, er hält zuerst es fest;
Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein,
Benennt es treffend! – Sei die Ehre dein! –
Wie Streife steigt, sich ballt, zerflattert, fällt,
Erinnre dankbar deiner sich die Welt.

Stratus

Wenn von dem stillen Wasserspiegelplan
Ein Nebel hebt den flachen Teppich an,
Der Mond, dem Wallen des Erscheins vereint,
Als ein Gespenst Gespenster bildend scheint,
Dann sind wir alle, das gestehn wir nur,
Erquickt‘, erfreute Kinder, o Natur!

Dann hebt sich’s wohl am Berge, sammelnd breit
An Streife Streifen, so umdüstert’s weit
Die Mittelhöhe, beidem gleich geneigt,
Ob’s fallend wässert oder luftig steigt.

Cumulus

Und wenn darauf zu höhrer Atmosphäre
Der tüchtige Gehalt berufen wäre,
Steht Wolke hoch, zum herrlichsten geballt,
Verkündet, festgebildet, Machtgewalt
Und, was ihr fürchtet und auch wohl erlebt,
Wie’s oben drohet, so es unten bebt.

Cirrus

Doch immer höher steigt der edle Drang!
Erlösung ist ein himmlisch leichter Zwang.
Ein Aufgehäuftes, flockig löst sich’s auf,
Wie Schäflein tripplend, leicht gekämmt zu Hauf.
So fließt zuletzt, was unten leicht entstand,
Dem Vater oben still in Schoß und Hand.

Nimbus

Nun laßt auch niederwärts, durch Erdgewalt
Herabgezogen, was sich hoch geballt,
In Donnerwettern wütend sich ergehn,
Heerscharen gleich entrollen und verwehn! –
Der Erde tätig-leidendes Geschick!
Doch mit dem Bilde hebet euren Blick:
Die Rede geht herab, denn sie beschreibt,
Der Geist will aufwärts, wo er ewig bleibt.

Dank für die Entdeckung und das Erschließen der Bedeutung von Franz Ossings Abhandlung Goethe und die Wolken gebührt einmal mehr Silvae in seinem skying vom 26. Juli 2022. Skying ist dabei noch eine Art Vorform des Urban, besser noch Rural Sketching: das schnelle, intuitive Skizzieren ach so veränderlicher Wolken; den Universalgelehrten mit künstlerischem Schwerpunkt Goethe entdecken wir darin als Meteorologe, den Pharmakologen und Apotheker Howard als Poeten.

Der undatierte Text kann der Literaturliste nach frühestens seit 2001 online stehen, seiner „einsnulligen“ Anmutung nach auch nicht viel später. Behutsam typographisch angegichen, aber ungekürzt:

——— Franz Ossing:

Goethe und die Wolken

Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ, ca. 2001:

Der tägliche Wetterbericht erscheint uns heute ganz selbstverständlich und lässt uns leicht vergessen, dass noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zu Goethes Lebzeiten, an eine wissenschaftliche Wettervorhersage gar nicht zu denken war. Man kannte nicht einmal die atmosphärischen Zustandsgrößen, die eine solche Vorhersage ermöglichen. Lediglich die Empirie, das Wissen der Bauern, Schäfer und Seefahrer stand zur Verfügung. Vor diesem Hintergrund gewinnt Luke HOWARDs (1772–1864) Wolkenklassifikation ihr eigentliches Gewicht. Dieser Londoner Pharmakologe und Apotheker hatte 1803 in seinem Werk „On the Modification of Clouds“ den Grundstein zu einer Klassifikation der Wolken gelegt, wie sie in den wesentlichen Grundzügen auch heute noch gilt.

Wer von Goethes meteorologischen Beobachtungen spricht, muss von Luke Howard reden, denn seine Beobachtungen haben Goethes wissenschaftliche Ansichten zur Meteorologie und seine dichterische Wiedergabe meteorologischer Phänomene entscheidend geprägt.

Der Weg zu Luke „Howards Ehrengedächtnis“

Ebenso einfach wie genial unterteilte Howard die Wolken in vier Grundformen, die er den einzelnen Höhenstockwerken der Atmosphäre zuteilte. Einfach: weil diese Grundtypen phänomenologisch erfasst wurden; genial: weil hinter dieser Vertikaleinteilung das sichere Gefühl stand, dass diese Höhenstaffelung physikalischen Gesetzmäßigkeiten folgt.

Howard nennt zunächst die Haupttypen: den Cirrus (Federwolke), den Cumulus (Haufenwolke) und den Stratus (Schichtwolke). Zwischen diesen existieren Mischformen: Cirro-Cumulus, Cirro-Stratus, Cumulo-Stratus und (später hinzugefügt) der Cumulo-Cirro-Stratus, auch Nimbus genannt, eine Regenwolke und eigener Typ. Es muß allerdings hier angemerkt werden, daß seine Klassifikation weder die mittelhohen Altocumulus- (Schäfchen-)Wolken und Altostratus, noch die Mischform Nimbostratus (die typische Dauerregenwolke) berücksichtigte. Das schmälert Howards wissenschaftliches Verdienst allerdings um keinen Deut.

Aus Howards Beobachtungen folgt, dass er seine Wolkentypen verschiedenen Höhen zuordnete. Der vertikale Schichtaufbau der Atmosphäre war zu dieser Zeit ebenfalls noch weitgehend unbekannt. Dass Druck und Temperatur mit der Höhe abnehmen, wusste man aus Messungen beim Aufstieg auf Berge, aber der thermodynamische Zusammenhang von Druck, Temperatur und Feuchte – und damit die Entstehungsursachen für Wolken – wurde erst von den Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts entdeckt.

Goethe hielt völlig zu Recht die Arbeit Howards für bahnbrechend. Er war bekanntlich fest davon überzeugt, dass die Empirie der Schlüssel zum Verständnis der Naturprozesse ist. Daraus erklärt sich seine Begeisterung für die Arbeiten Howards, der erstmals eine empirisch begründete Systematik der Wolken vorlegte. Konsequent widmete er ihm sein Gedicht „Howards Ehrengedächtnis“ (1821):

Er aber, Howard, gibt mit reinem Sinn
Uns neuer Lehre herrlichsten Gewinn;
Was sich nicht halten, nicht erreichen läßt,
Er faßt es an, er hält zuerst es fest;
Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein,
Benennt es treffend! – Sei die Ehre dein! –

Howards Systematik, physikalisch gesehen

Howards Stockwerkgliederung der Wolken fußt auf meteorologischen Gegebenheiten: neben der Abnahme des Luftdrucks mit der Höhe ist die Atmosphäre typischerweise durch ein vertikales Temperaturgefälle gekennzeichnet. Bis zur unteren Stratosphäre (in unseren Breiten etwa in 10 bis 12 Kilometern Höhe) nimmt die Temperatur mit der Höhe ab. Wolken bestehen aus kondensiertem Wasserdampf in Form von Wolkentröpfchen, oder aus Wasser in kristallierter Form, Eis. Auch existieren Wolken mit einem Eis/Wasser-Gemisch.

Zur Wolkenbildung kommt es, wenn eine bestimmte Temperatur (der Taupunkt) unterschritten wird. Dann kondensiert der (unsichtbare) Wasserdampf an den winzig kleinen Partikeln in der Luft, den Kondensationskernen – es formt sich eine Wolke.
Howards Einteilung in Cirrus- (Feder-)wolken, Cumulus- (Haufen-)wolken und Stratus- (Schicht-) wolken bezieht sich exakt darauf, dass bei Temperaturen unter -35 °C eine Wolke komplett aus Eis, bei Temperaturen oberhalb von -12 °C aus flüssigem Wasser besteht (aus wolkenphysikalischen Gründen gefriert Wasser in der freien Atmosphäre nicht unmittelbar bei 0 °C). Seine große Leistung besteht darin, dass er diese Einteilung ohne fundiertes Wissen über die Vertikalstruktur der Atmosphäre vornahm.

Bei allen Fortschritten in der Wolkenphysik, bei aller Verfeinerung der Klassifikation der Wolken, wie sie die Systematik der World Meteorological Organization WMO vornimmt, gilt Howards rein empirische Betrachtung immer noch. Auch heute kann die Vielfalt der Wolken nur beschreibend dargestellt werden; immer wieder geschieht es, dass der Meteorologe vom Dienst bei der Wahrnehmung seiner 3-stündlichen Beobachtungen Wolkengebilde entdeckt, die sich nur schwierig in das enge Regelwerk der Wetterdienstroutine einpassen.

Goethe als Meteorologe, Howard als Poet

Goethe lernte Howards Arbeiten 1815 kennen, als er – Leiter der Anstalten für Kunst und Wissenschaft im Herzogtum Sachsen-Weimar – sich mit der Gründung einer meteorologischen Station auf dem Ettersberg zu Weimar befasste. Er trat 1822 mit Howard in Briefkontakt.

Vergleicht man nun Luke Howards naturwissenschaftliche Beschreibung der einzelnen Hauptwolkentypen mit der dichterischen Beschreibung Goethes, so stehen sich hier der empirisch exakte Naturforscher aus England und der Poet aus Deutschland ebenbürtig gegenüber.

Beispiel Stratus: diese Schichtwolke benennt Howard ebenso exakt wie kurz als „a widely extended, continuous, horizontal sheet, increasing from below.“

Franz Ossing, Goethe und die Wolken
Stratus (Cap de Rosiers, Kanada, 27.07.1991, 13:05 Uhr, Foto: F. Ossing)

Goethe bedichtet die Stratuswolke mit viel Poesie:

Wenn von dem stillen Wasserspiegel-Plan
ein Nebel hebt den flachen Teppich an,
Der Mond, dem Wallen des Erscheins vereint,
Als ein Gespenst Gespenster bildend scheint,
Dann sind wir alle, das gestehn wir nur,
Erquickt‘, erfreute Kinder, o Natur!

Beispiel Cumulus: Howard skizziert kurz und knapp diese Haufenwolke als „convex or conical heaps, increasing upward from a horizontal base“. Wieder liegt in der knappen, aber genauen Definition die eigentliche Leistung.

Franz Ossing, Goethe und die Wolken
Cumulus (Sonneberg/Harz, 15.06.1974, 11:00 Uhr, Foto: F. Ossing)

Goethe setzt dieser seine dichterische entgegen:
“ … Steht Wolke hoch, zum herrlichsten geballt,
Verkündet, festgebildet, Machtgewalt,
Und was ihr fürchtet und wohl auch erlebt,
Wie’s oben drohet, so es unten bebt.“

Beispiel Cirrus: die Federwolke beschreibt Howard mit „parallel, flexuous, or diverging fibres, extensible in any or in all directions“, eine Kurzdefinition, die auch heute noch den Standards der Welt-Meteorologie-Organisation entspricht.

Franz Ossing, Goethe und die Wolken
Cirrus (Coesfeld, 22.12.1974, 10:50 Uhr, Foto: F. Ossing)

Goethe sieht den Cirrus so:

Ein Aufgehäuftes, flockig löst sich’s auf,
Wie Schäflein trippelnd, leichtgekämmt zu Hauf,
So fließt zuletzt, was unten leicht entstand,
Dem Vater oben still in Schoß und Hand.

Und schließlich Beispiel Nimbus: hier scheint Howards Definition nicht ganz sicher, die Regenwolke kann ein Gewitter (Cumulonimbus), eine regnende Cumulus-Wolke oder auch eine Schichtwolke mit Regen sein: „Nimbus. The rain cloud. A cloud or system of clouds from which rain is falling. It is a horizontal sheet, above which the cirrus spreads, while the cumulus enters it laterally and from beneath.“

Franz Ossing, Goethe und die Wolken
„Nimbus“: meint L. Howard den Nimbostratus
(Akkrum, NL, 19.08.1981, 16:05 Uhr,
Foto: F. Ossing) …

Goethe sieht den Regen ebenfalls aus dem Nimbus fallen, bezieht sich aber eindeutig auf ein Gewitter:

Nun läßt auch niederwärts, durch Erdgewalt
Herabgezogen, was sich hoch geballt,
In Donnerwettern wütend sich ergehn,
Heerscharen gleich entrollen und verwehn! –

Franz Ossing, Goethe und die Wolken
… oder, wie Goethe, den Cumulonimbus (Potsdam, 17.08.2000, 14:50 Uhr, Foto: F. Ossing)?

Goethe gibt übrigens in der Abfolge der Wolken in „Howards Ehrengedächtnis“ den atmosphärischen Kreislauf des Wassers wieder: „Wie Streife steigt, sich ballt, zerflattert, fällt“. Der atmosphärische Wasserdampf kondensiert zu Wolkentröpfchen (hier: Stratus), in Cumuluswolken steigen die Wolkentröpfchen bis in das Eisniveau und bilden Schneeflocken, aus denen Regentropfen werden, die aus der Wolke fallen. Gerade bei Gewitterwolken (Cumulonimbus) wird der obere Teil der Wolke häufig in Cirren umgewandelt (der „Amboß“ eines Gewitters). Dieser Wasserkreislauf ist in Howards Schrift ebenfalls erwähnt.

Anzumerken ist weiterhin, daß Goethe Wolken und andere meteorologische Phänomene nicht nur in diesem Gedicht, sondern in seinem Gesamtwerk beständig wieder aufnimmt, erinnert sei hier nur an die Vision des Dr. Faustus, der in Wolken, „formlos breit und aufgetürmt … fernen Eisgebirgen gleich“, Helena zu sehen meint (Faust IIy).

Franz Ossing, Goethe und die Wolken
„… fernen Eisgebirgen gleich“, Schauerwolken, oben vereist
(Neustadt i.H., 27.08.78, 12:30 Uhr,
Foto: F. Ossing)

Meteorologische Unschärfen: wo ist das mittlere Stockwerk?

Bereits Schöne (1969, S. 29) wies darauf hin, dass Goethe die Howardsche Nomenklatur wie einen Baukasten benutzt. Wo ihm die Systematik Howards veränderungswürdig erscheint, entwickelt Goethe eigene Termini, in denen sich sein Verständnis der Atmosphäre niederschlägt.

Das ist insofern konsequent, als die Howardsche Wolkenklassifikation einige Unschärfen enthält.

Nehmen wir das obige Beispiel der Regenwolke „Nimbus“. Wir haben gesehen, dass Regen aus einem Gewitter, einem Cumulus oder aus einem Nimbostratus fallen kann. Diese drei Wolken gehören unterschiedlichen atmosphärischen Höhenstufen an: der Cumulus gehört zu den tiefen Wolken, Nimbostratus ist eine mittelhohe Wolke und das Gewitter, der Cumulonimbus, erstreckt sich vertikal durch alle drei Wolkenstockwerke. Bei Howard wird die Regenwolke entsprechend auch „Nimbus or Cumulo-cirro-stratus“ genannt. Der meteorologischen Unschärfe entspricht hier die sprachliche.

Die moderne Meteorologie unterscheidet aus wolkenphysikalischen Gründen zwischen tiefen, mittelhohen und hohen Wolken: während – allgemein gesprochen – die tiefen Wolken üblicherweise aus Wassertröpfchen bestehen, sind die hohen Wolken Ansammlungen von Eiskristallen. Die mittelhohen Wolken setzen sich aus einer Mischung von Eispartikeln und Wassertröpfchen zusammen.

Luke Howard konnte diesen physikalischen Hintergrund noch nicht kennen, seine Pionierleistung besteht ja gerade darin, dass er ohne dieses Wissen eine bis heute taugliche Wolkenklassifikation erstellte. Allerdings ergibt sich bei Howard daraus eine nur diffuse Abgrenzung der mittelhohen und hohen Bewölkung. Der mittelhohe Altostratus findet sich als eigene Wolkengattung gar nicht und unter die Kategorie „Cirro-cumulus“ werden auch Altocumuli oder gar Stratocumuli subsumiert.

Franz Ossing, Goethe und die Wolken
Altocumulus-Himmel (Bay du Vin, New Brunswick, Kanada, 30.07.91, 20:05 Uhr, Foto: F. Ossing)

Diese Ungenauigkeit spiegelt sich bei Goethe in der von ihm selbst beschrifteten Abbildung von „Schaaf-Wolken“ wider, die er als „Cirro-Cumulus“ bezeichnet (Goethe-Nationalmuseum Weimar, Inv.Nr. 1533). Dieses Bild stellt eindeutig mittelhohe Altocumuli mit Schattierungen im Wolkenkörper und nicht Cirrocumuli dar, die eine solche Schattierung nicht aufweisen.

Franz Ossing, Goethe und die Wolken
Altocumulus-Wolken, von Goethe fälschlich als „Cirro-Cumulus“ bezeichnet
(1817, Bleistift und Aquarell auf Papier, Goethe-Nationalmuseum Weimar, Inv.Nr. 1533)

Was bleibt:

Als Staatsrat und Minister des Herzogtums Sachsen-Weimar hatte Goethe die Kunst und Wissenschaft unter sich. Seine Theorien zum Wetter, insbesondere sein „Versuch einer Witterungslehre“ muten uns heute eigentümlich an, weil er die wetterbestimmenden Hoch- und Tiefdruckgebiete damit erklärt, daß der Erdkörper die Atmosphäre ein- und ausatme. Dem theoretisch irrenden Goethe steht der Wetterpraktiker Goethe konträr gegenüber. Unter Goethes Oberaufsicht wurde, beginnend mit der 1815 errichteten Weimarer Wetterstation, ein Wetter-Beobachtungsnetzt aufgebaut, eines der ersten in Deutschland. Die hier erfolgten Aufzeichnungen können als eine der Wurzeln wissenschaftlicher Klimatologie und Meteorologie in Deutschland verstanden werden.

Schon lange bevor er die Schrift Howards kennenlernte, hatte Goethe sich mit dem Wetter beschäftigt, Wolkenskizzen gezeichnet, auf Luftdruck und Temperatur geachtet.

Dennoch geht mit der Rezeption von Howards Klassifikation eine Intensivierung Goethes meteorologischer Vorstellungen einher. Es spricht für Goethes Autoironie, dass er sich dabei im Selbstgespräch auf den Arm nimmt:

Du Schüler Howards, wunderlich
Siehst morgens um und über dich,
Ob Nebel fallen, ob sie steigen,
Und was sich für Gewölke zeigen.

– genau so, wie wir morgens den Blick aus dem Fenster werfen, um zu sehen, ob der Wetterbericht stimmt, „ob’s heiter, ob’s regnet“, bevor wir zur Haustür hinausgehen. Vielleicht sind wir heute in unseren Breiten nicht mehr so wetterabhängig wie vor 250 Jahren, aber Wetter ist nach wie vor das Stück Natur, das uns tagtäglich unmittelbar berührt.

Literatur:

  1. Goethe, J.W., „Schriften zur Naturwissenschaft“, Reclam, Stuttgart 1977
  2. Luke Howard, On the Modification of Clouds“, Original in: Philosophical Magazine XVI, London 1803, Nachdruck in: Hellmann, G., Neudrucke von Schriften und Karten über Meteorologie und Erdmagnetismus, No. 3, Berlin 1894

Andere AutorInnen:

  • Hamblyn, R., „Die Erfindung der Wolken – Wie ein unbekannter Meteorologe die Sprache des Himmels erforschte“, Frankfurt/M., Insel-Verlag, 2001
  • Schöne, A., „Über Goethes Wolkenlehre“, in: Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften in Göttingen für das Jahr 1968. Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht 1969, S. 26–48
  • Schönwiese, C.-D., „‚Ein Angehäuftes, flockig löst sich’s auf‘ – Goethe und die Beobachtung der Wolken“, in: Forschung Frankfurt. Wissenschaftsmagazin der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M., Nr. 2/1999, S. 12–18

Verschiedene Beiträge in:

  • Wehry, W. / Ossing, F., „Wolken – Malerei – Klima in Geschichte und Gegenwart“, Eigenverlag der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft, Berlin, 1997, 192 S.

Zur Wolkenklassifikation mit Text und Bild:
WMO (World Meteorological Organization), „International Cloud Atlas“, Vol. II, Genf, 1987

Ein anklickbarer Wolkenkatalog mit über 50 Fotos und ausführlicher Beschreibung findet sich hier:
Neumann, N./ Ossing, F./ Zick, C.: „Wolken-Ge-Bilde“, CD-ROM, Deutsche Meteorologische Gesellschaft 1997, Berlin

Umfangreiche Information zu Goethe findet sich unter:
www.goethezeitportal.de/

Weitere Arbeiten zum Zusammenhang von Kunst und Geowissenschaften finden sich unter ‚Wege zur Kunst‚ am GFZ.

Bilder: ders., a. a. O.

Soundtrack: Led Zeppelin: The Rain Song, aus: Houses of the Holy, 1973,
in: The Song Remains the Same, 1976:

Written by Wolf

7. Oktober 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Das phantastische Gepränge der wunderlichen Marionettenbühne

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Update zu Zwischenmaschine,
Denkst du denn nicht an den Loup Garou?,
So habt ihr nie den Mond bedacht,
Der Sommer ohne Freischütz,
Vater, verlass mich nicht, wenn das Glöckchen läutet
und So war’s dem Doctor Faust nicht halb zu Muth:


„Wie Hält Er’s eigentlich mit dem Lenau?“ – Das sind im Ernst die Fragen, die atmende, lebensfrohe Menschen mir stellen.

„Och“, sag ich, „Ösi. Die machen eigentlich wenig falsch. Als erstes ist der mir im Schüler Gerber vom Mit-Ösi Torberg unterlaufen, wo ihm ein Gedicht von Lenau das Abitur rettet, was ihn aber dann doch nicht vom Selbstmord abhält. Den Schüler nämlich. Außerdem hat Hannes Wader auf seiner gar nicht genug zu schätzenden Volkslieder-Platte 1990 das von den Drei Zigeunern so eingesungen, wie sich’s gehört. Mit ihm ‚halten‘ wär schon übertrieben.“

„Tu Er das nicht“, sagt man dann, „Nikolaus Lenau ist die Romantik in Person. Genau Sein Ding.“

„Du meinst, die österreichische Romantik.“

„Sag ich doch. Schau Er mal nach seiner Ballade Die Marionetten. Wird Ihm aber wahrscheinlich zu gruselig sein.“

Wer das auf sich sitzen ließe. Auf die Tour findet man sogar noch offensichtliche Druckfehler in einer historisch-kritischen Gesamtausgabe.

Marionettes via Frank T. Zumbach

——— Nikolaus Lenau:

Die Marionetten

Nachtstück

1834, cit. nach der historisch-kritischen Gesamtausgabe, Deuticke Klett-Cotta, Wien 1995, Seite 288 bis 299:

Erster Gesang

Der Gang zum Eremiten

Grau düst’re Felsen sah ich trotzig ragen
Aus eines Thales stillen Finsternissen,
Als wollten kühn den Himmel sie verjagen,
Dem sie den Schleyer vom Gesicht gerissen.
Abgründe, ihre Riesengräber, lauern
In sicherer Geduld zu ihren Füßen.
Kein Vogelsang, kein Bach, kein Waldesschauern;
Kein Klageton entfährt dem finstern Thale;
Nur stummes, unermeßlich wildes Trauern!
Einsam verkümmert steht der Strauch, der kahle,
Hat Regen nur, und Sturm und Frost erlebt,
Stirbt ungeliebt vom süßen Sonnenstrahle;
An seinen Ästen, windgefächelt, bebt
Die Wolle eines Lamms, wie stumme Klage,
Und des zerriß’nen Blut am Boden klebt.
Dort fliegt mit leisem, satten Flügelschlage
Ein Geyer seinem Felsenhorste zu.
Auf grüner Trift, erquickt vom Sommertage,
Schuldloses Lamm, wie fröhlich irrtest du
Mit deiner Weide friedlichen Genossen,
Indeß auf dich aus heitrer Lüfte Ruh‘
Vormordend Geyerblicke niederschossen!
Der Geyer, stürzend sich in seinen Blick,
Kommt plötzlich auf das Lamm herabgestoßen,
Und reißt es fort aus seinem Jugendglück;
Hoch über Wälder, Thale, Felsenriffe,
Fliegt er damit in seine Nacht zurück.
Es zittert, wimmert; doch mit fest’rem Griffe
Umklammert er’s, ob sich am Angstgeschrey
Die scharfe Gier des Mörders schärfer schliffe. –
Nun drang ich tiefer, an dem Strauch vorbey,
Und wilder immer ward des Thales Grund,
Die dunkle Wiege der Melancholey.
Da bricht aus dornumstarrtem Felsenmund‘
Ein Quell hervor, die lange Ruh‘ zu stören,
Und braus’t hinunter in den off’nen Schlund.
Unheimlich ist, und grausenvoll zu hören
Das hohle Tosen in den Steinverliesen,
Wo murmelnd Nacht und Tod sich Treue schwören.
Wie, trauernd nach verlor’nen Paradiesen,
Des Freundes Haupt an’s Herz des Freundes fällt,
Umarmen sich die ernsten Felsenriesen.
Und weiter drang ich, dämmerlich erhellt
War mir die Schlucht, es fiel ein leiser Regen,
Der Himmel Blitze durch die Fenster schnellt‘,
Und fernher klang’s von dumpfen Donnerschlägen.
Gar seltsam bleich erschien mir das Gesicht
Des Eremiten, der mir trat entgegen.
Es wankt um ihn ein zweifelhaftes Licht,
Der Sturm ist laut und plötzlich aufgefahren,
Wie, wer verschlafen, schnell vom Lager bricht.
Er faßt den Alten an den grauen Haaren;
Der aber schreitet durch des Sturmes Macht,
Uneingedenk der Wetter und Gefahren.
Bald ist er mir begraben von der Nacht,
Bald wieder glüht er auf im Wetterschein,
Als hätt‘ ihn hell der Windstoß angefacht.
Nun schritt er näher, und gewahrte mein,
Und hieß mich froh mit gastlich mildem Worte
In seinen Wildnissen willkommen seyn.
Und durch des Klippenthals geheimste Orte,
Durch des Gewitters wachsendes Gebrause
Führt‘ er mich fort zu einer schmalen Pforte,
Und grüßte mich in seiner öden Klause.

Maximilian Lenz

Zweyter Gesang

Lorenzo

Der Sturm verstummte, die Gewitter schwiegen,
Das volle Mondlicht hatte sich ergossen,
Beruhigend sich an das Thal zu schmiegen.
Ich saß mit meinem wirthlichen Genossen
Beym Abendmahl, da hob er seinen Wein,
Mich feyerlich einladend, anzustoßen.
Ein Frauenbild, erhellt von Lampenschein,
Hing an der Wand, umhüllt von schwarzem Flor;
D’rauf wies er hin und sprach: „Ich denke dein!“
Und plötzlich stürzten Thränen ihm hervor.
Auf seinen Zügen lag ein tiefes Leid,
Wie er im theuren Bilde sich verlor.
Ich that auf’s Wohl der Todten ihm Bescheid,
Und als ich anstieß mit dem trüben Zecher,
Da hatte heimlich mir die Ewigkeit
Von ihrem Ernst geträufelt in den Becher.
Der Eremit begann mit scheuem Munde
Von einer schwarzen That und ihrem Rächer
Zu geben mir die schaudervolle Kunde,
Und wie er in’s vergang’ne Leben schied,
Riß er die Zeit von jeder Herzenswunde. –
– O Gott des Schmerzes! rüste du mein Lied,
Und wappne mich auf den verweg’nen Gang
Durch’s ungeheuer nächtliche Gebiet!
Gib mir ein wildes Herz, daß mein Gesang
Auf seiner Bahn vor Schreck nicht sterben dürfe.
Gib mir ein Herz, das lauten Wetterklang
Wie süße Nachtigallenlieder schlürfe;
Und wenn in’s Thal mit grimmigem Frohlocken
Die Stürme werfen ihre Donnerwürfe,
Daß Wald und Fels herunterbricht erschrocken:
Dem Herzen sey’s schwermüthiges Behagen,
Wie Niedersäuseln welker Blüthenflocken! –
„Graf Robert sehnte sich nach stillen Tagen,
Er hatte viel sich durch die Welt getrieben,
Des Lebens manchen heißen Kampf geschlagen.
Im Herbst der Tage schwanden ihm die Lieben;
Da wird die Lebensflur so still, so leer;
Wohl dir, ist dann ein Kind dir noch geblieben,
Denn leiser fallen dir und minder schwer
Des Alters unvermeidlich bitt’re Loose,
Dir weht es milder von den Gräbern her!–
Roberto weint‘ an manchen Hügels Moose,
Trübhadernd mit den räuberischen Jahren,
Nun hing sein Herz an seiner letzten Rose.
Geschieden von der Welt bewegten Schaaren
Hat sich Robert, der nur den Frieden sucht,
Des Glückes letzte Spur sich zu bewahren.
Er zog mit seinem Kind in diese Schlucht;
Maria that in ihrer Morgenblüthe
Der Einsamkeit entsagungsvolle Flucht.
An Schönheit wunderbar, an tiefer Güte,
War selige Genüg‘ ihr stilles Leben,
Daß sie den Abend ihres Vaters hüte.
Auf jenen Felsen, die am höchsten streben,
Stand ihm sein Ahnenschloß, seit lange wüste,
Wehrlos dem Sturz der Zeiten hingegeben;
Von wannen einst in krieg’rischem Gelüste
Der Ritter brausen ließ die blut’gen Fahnen,
Wo man den Freund mit Wein und Sang begrüßte.
Dahin von seinen sturmbewegten Bahnen
Trieb ihn die Sehnsucht, nach den Tannenhainen,
Zur längst verglühten Asche seiner Ahnen.
„Dort will ich meine letzte Thräne weinen
Dem treuen Weib; dort wird dem Tode mild
Des Kindes Lieb‘ in’s finstre Antlitz scheinen!“
So malte sich sein Herz des Schicksals Bild,
Als mit Marien er die alten Mauern
Bezog in diesem einsamen Gefild.“ –
Nun schwieg der Eremit und sank mit Schauern
Zurück in der Erinn’rung dunkle Nächte;
Bis wieder er begann mit tiefem Trauern:
„Ich war ein Jüngling, würdigem Geschlechte
Entsprossen, mit dem tapfern alten Grafen
Zurückgekehrt aus rühmlichem Gefechte,
Als mich die Blicke seiner Tochter trafen
Und mich durchdrangen mit fo heißen Wunden,
Die nur mit meinem letzten Hauch entschlafen.
Hab‘ ich auch Liebe nicht bei ihr gefunden,
Blieb doch seit jenem süßen Augenblick
Der Wunsch, je zu genesen, überwunden.
Roberto, gönnend mir ein froh Geschick,
Erhoffte von der leisen Macht der Tage,
Daß sich ihr Herz noch neige meinem Glück,
Und daß ich nicht dem Waffenfreund versage,
Zu folgen ihm auf seiner Väter Schloß.
Ich folgte trauernd, aber ohne Klage.
Wenn ich die Näh‘ der Himmlischen genoß,
Der Wimper keine Bettlerin entschlich,
Was ich an Thränen einsam auch vergoß.
Ein schnelles Jahr, voll bittrer Wonn‘, entwich,
Umsonst hat sie mein stummer Schmerz beschworen;
Mir sprach kein Hauch, kein Blick: ich liebe dich!
Das Loos hatt‘ einen Andern ihr erkoren,
Der wie ein Sturm ihr junges Herz bezwang,
An den sie Herz und all ihr Glück verloren. –
Einst saßen wir am steilen Felsenhang
Vor dem Ruinenschloß und überließen
Nachsinnend uns dem Sonnenuntergang.
Dort sah ich ganz die Rose sich erschließen:
Maria’s offnes Auge, tief und klar,
Schien Seelen in den Abend auszugießen;
Die leisen Winde küßten ihr das Haar,
Auf ihren Busen kamen, sich zu wiegen,
Die Purpurstrahlen hell und wunderbar;
Der Himmel schien am Halse ihr zu liegen.
Ich aber wünscht‘, es möchte meine Seele
In solchem Anblick sterben und versiegen.
Und ich begann, daß ich mein Leid verhehle,
Zu singen mit Robert, dem Mann der Waffen,
Ein altes Reiterlied aus voller Kehle.
Da stört‘ uns plötzlich lautes Hundeklaffen:
Zwei Doggen kamen schnell heraufgesprungen,
Als wollten sie dem Wind ein Wild entraffen,
Und hinterdrein, von Fels zu Fels geschwungen,
Mit stolzem Wuchs, waidmänmsch angethan,
Die Faust um’s schlanke Feuerrohr geschlungen,
Kam rasch und kühn ein Mann den Berg heran.
Und mich erfaßt‘ ein sonderbar Gefühl,
Als ich ihn sah mit leichtem Gruße nah’n:
Die Stirne brütend und gewitterschwül,
Die Augen zwei gefang’ne Blitze brennen:
Doch lag es um die Lippen ihm so kühl,
Ein Räthsel, unerfreulich zu erkennen.
Die Blässe sprach: dies Herz hat keinen Frieden;
Unheimlich schön war die Gestalt zu nennen.
Ob auch Maria’s Blicke ihn vermieden,
Ich sah des Vaters Hand sie zitternd fassen;
Auf immer war die Ruh‘ von ihr geschieden,
Ich sah ihr wechselnd Glühen und Erblassen,
Und ich empfand in meines Herzens Grunde
Zu jenem Fremden ahnungsvolles Hassen. –
Ich will vollenden dir die trübe Kunde,
Doch vor Maria’s theurem Bilde nicht,
Komm, folge mir in dieser stillen Stunde!“ –
So sprach der Eremit, und nahm ein Licht,
Und ernst verließen wir das kleine Haus.
Er sah mir recht bekümmert in’s Gesicht,
Und wies mir in die dunkle Nacht hinaus.

Witold Wojtkiewicz

Dritter Gesang

Antonio

Der Klausner trug die leuchtende Laterne.
Fort war der Mond, aus finstern Wolken glommen
Nur matt und scheu hervor die seltnen Sterne.
Mich aber hatte plötzlich überkommen
Die große Wehmuth der Vergangenheit.
Ich that dem Alten schweigend und beklommen
Durch seinen dunklen Garten das Geleit.
Ich dachte traurig an so manches Grab,
Und allen Todten war mein Herz geweiht.
Auch die Natur, die nächtlich stille, gab
Gedankenvoller Wehmuth sich zu eigen.
Nach dem Gewitter tropft‘ es noch herab
Wie weinendes Erinnern, von den Zweigen.
So mochten wir wohl eine Stunde zieh’n
Durch Fels und Wald mit ungebroch’nem Schweigen.
Wir sah’n die Wolken kommen und entflieh’n,
Den Mond verhüllen bald, und wiedergeben,
D’rauf wies der Alte sinnig deutend hin,
Und endlich sprach er: „Dort am Fels erheben
Die Mauern sich vom alten Grafenschloß!
Dort wollen wir den Rest der Nacht verleben!“
Und schneller schritt mein leitender Genoß
Den Bergpfad mir voran im Mondenscheine,
Der wie versöhnend die Ruin‘ umfloß.
„Hier“ – fuhr der Alte fort – „an diesem Steine,
Hier saß Maria, ich vergess‘ es nimmer,
Die schöne Jungfrau noch, die himmlisch reine,
Umspielt vom linden West, vom Purpurschimmer;
Hier stand vor ihr der falsche Bösewicht,
Der lächelnd sie zerbrach in kalte Trümmer.
O Mayenluft, o helles Abendlicht!
Warum habt ihr das arme Kind verrathen,
Da ihr geschmeichelt ihr um’s Angesicht,
Daß ihre tiefsten Blicke auf sich thaten,
Daß ihre Reize all‘, von euch betrogen,
Unselig siegreich auf die Wange traten?
Wie heiß Lorenzo’s Blicke sie umflogen,
Froh schwelgend in der Blüthe vollem Prangen,
Den holden Reichthum überrascht erwogen!
Wie zauberisch Lorenzo’s Lippen klangen!
Bald süß und weich die weltgeschliffnen Worte,
Bald kühn und kräftig auf den Hörer drangen,
Womit er bald ein junges Herz durchbohrte!
Den Vater auch bezwang der Rede Kraft,
Und brach zu seiner Gunst die letzte Pforte.
Mir ward Roberto’s Schloß zur Kerkerhaft,
Ich stieg zu Roß in selber Nacht und sprengte
Von dannen schnell mit meiner Leidenschaft.
Doch, ob ich auch mich in die Schlachten mengte,
Ich konnte nicht die Glut im Herzen mildern,
Die heimlich und unlöschbar mich versengte.
Lang kämpft‘ ich mit des Zweifels schwanken Bildern,
Bis aus der Heimat mir ein Bothe kam,
Die traurige Gewißheit mir zu schildern:
Wie frevelhaft gar bald und ohne Scham
Lorenzo brach den Eid, den er geschworen –
Der Falsche floh – Maria starb vor Gram –
Wie bitter schwer Roberto sie verloren,
Und wie in ihm der Liebe letzter Funken
An seines Kindes kalter Leich‘ erfroren,
Und wie sein Aug‘, in’s todte Kind versunken,
Schmerzlich ergründet, was man ihm geraubt,
Wie sich’s mit wilder Rache vollgetrunken.
Die Macht des Wahnsinns schlug sich um sein Haupt,
Sie trieb ihn fort und fort nach allen Winden,
Rastlos, wie durch den Wald der Jäger schnaubt.
Doch sah er stets die blut’ge Hoffnung schwinden;
Durch Land und Meer trieb ihn der Rache Qual,
Er konnte nicht die Spur Lorenzo’s finden.
Da fuhr ihm plötzlich, wie ein Wetterstrahl,
Prophetisch durch der Seele Finsterniß
Die Sehnsucht nach dem fernen Felsenthal;
Und was ihn erst in alle Fernen riß,
Nun zwang es ihn zurück in diese Räume,
Als wäre hier sein Opfer ihm gewiß.
Hier träumt‘ er immer wilder feine Träume,
Die rings umher getreue Freunde hatten,
Ruinen, Gräber, finstre Tannenbäume.
Wie auf der Wüste dürr, und ohne Schatten,
Wenn sie den Tag um dunkle Nacht vertauscht,
Der Wandrer sinkt in durstendem Ermatten,
Einschläft, und träumt, daß ihm die Quelle rauscht,
Vom Schlaf empor dann fährt der froh bethörte,
Und in die Nacht, die dunkle, stille, lauscht:
So war’s Robert, wenn’s ihn vom Schlaf empörte,
Als ob er aus Lorenzo’s Busen noch
Die heiß ersehnte Quelle rieseln hörte.
Wenn dann das schwarze Traumbild sich verkroch,
Wie glühend kränkjt‘ es ihn, zu hören nur
Des eignen Herzens einsames Gepoch!
Oft, wenn er so von seinem Lager fuhr,
Erweckt‘ er seine alten, treuen Knechte,
Und schwor mit ihnen seinen Racheschwur.
Auch trieb er oft mit ihnen lange Nächte
Ein närrisch Puppenspiel, worein er trug
Wahrheit und Traum in grausigem Geflechte.
Die Puppen mußten spielen Zug für Zug
Viel längstvergangne traurige Geschichten,
Nachtappen seinem wilden Geistesflug.
Doch immer war das Spiel ein Klagen, Richten.
Unheimlich kindisch war sein heißer Drang,
Auch nur im Bild Lorenzo zu vernichten.
So lebte Robert manche Jahre lang,
Von allen Wandrern, die das Thal betreten,
That keiner nach dem Schlosse mehr den Gang.
Doch kam ein Abend, Mayenlüfte wehten,
Es weilte auf dem alten Schloßgestein
Der Sonnenstrahl mit röthlichem Verspäten,
Roberto saß verlassen, trüb, allein,
Tief senkte sich sein Haupt, das schmerzergraute,
Und hüllte in’s Vergang’ne ganz sich ein.
Wie er nun klar sein Kind Maria schaute,
Und wie sein starrer Blick leibhaft vor sich
Das Bild Lorenzo’s in die Dämm’rung baute:
Da schallten Tritte – und sein Traum entwich,
Ein junger Mann nun plötzlich vor ihm stand,
Der wunderbar genau Lorenzo glich,
Es war Lorenzo’s Sohn. Aus fernem Land
War er gefolgt dem dunklen Trieb zu reisen,
Bis sich sein Pfad in diese Thäler wand,
Und ihn mit Lockungen, mit holden, leisen,
Verführte schlangenhaft in diese Schluchten,
Nach des Verhängnisses geheimen Kreisen.
„Halloh! nun endlich hab‘ ich dich Verfluchten!“
So schrie Robert, sprang auf, und hielt ihn fest.
„Gelüstet dich nach meinem Kind, Verruchter?
Stahlst du nicht frevelnd mir den letzten Rest?
Lorenzo! hab‘ für dich kein Opfer mehr!
Maria ist von deinem Kuß verwest!“
Und riesenkräftig schleift‘ er ihn einher.
Was ihm an Kraft geschwunden mit den Jahren,
Beschwor die Wuth zu schneller Wiederkehr.
Mit Flammenaugen, weißen Flatterhaaren,
Ist er mit ihm zu jenes Thurmes Thüre
Ein Rachedämon brausend hingefahren.
Umsonst betheuerten Antonio’s Schwüre,
Es sey Lorenzo’s vorwurfsloser Sohn,
Um den er seine Eisenkette schnüre;
Und seiner Knechte Wort klang ihm wie Hohn,
Daß welk und alt nun längst Lorenzo sey,
Da dreyßig Jahre schon nach ihm entfloh’n.
Dem Wahnsinn war das Alte nicht vorbey,
Lorenzo’s Züge waren mit den Zeiten
Gealtert nicht in seiner Phantasey.
Und in des Thurmes finstern Einsamkeiten
War nun Antonio’s schrecklich Loos zu schmachten,
Zu hören stets die Todesstunde schreiten.
Roberto säumte noch ihn hinzuschlachten,
„{gestrichen:] Bis seinen Lauf der bleiche Mond vollendet,
Soll dich die feste Kerkerwand umnachten.}
Die Frist sey dir, Verbrecher, noch gespendet,
Auf daß auch dich dein Vater sterben sehe!“
Und in die Ferne ward ein Brief gesendet.
Lorenzo ahnte nicht des Schicksals Nähe.
Schon war verschlummert seine Jugendsünde,
Sein Herz erwärmet in beglückter Ehe;
Da kam das Schreckensblatt von seinem Kinde;
Da brach er auf und flog mit Sturmeseile,
Daß er Antonio noch lebendig finde,
Daß er des Wahnsinns blut’gen Irrthum heile,
Und das schuldlose Opfer schnell erlöse,
Wo nicht, den Tod mit seinem Sohne theile.
Wohl mahnte ihn sein Busen an das Böse
Der Jugendschuld, nun er dem Schloß genaht,
Mit des Gewissens hämmerndem Getöse;
Wohl trieb er seinen Witz nach klugem Rath,
Wie er den Sohn entreiße der Gefahr,
Und selber nicht bezahle seine That.
Ihm folgte schützend eine Waffenschaar
Zum Schlosse, das ihm schon entgegendrohte,
Hoch, wie der Rache thürmender Altar.
Durch Nebel taucht‘ empor das blutigrothe
Antlitz des Mondes am bewegten Himmel,
Der schreckensvollen Nacht ein dunkler Bothe.
Der Wolken trübweissagendes Gewimmel
Flog unstät über’s Thal, die Winde trugen
Des Donners fernverhallendes Getümmel:
Als an das Grafenschloß die Wandrer schlugen,
Und bald darauf das Thor, das langentwöhnte,
Einlaß gewährend knarrt‘ in seinen Fugen.
Ihr scheuer Tritt im öden Burghof tönte,
Wo Alles einsam, still und finster lag,
Durch’s hohe Gras allein der Windhauch stöhnte,
Die Waffenknechte lauschten stumm und zag,
Lorenzo fühlte stärker stets vom Wächter
Im Busen den erinn’rungsvollen Schlag.
Und ihn ergriff, wie die gedungnen Fechter,
Ein Grauen, plötzlich, aus des Schlosses Tiefen
Schnitt durch die Nacht ein höhnisches Gelächter;
Dann todesstill; dann wirre Stimmen riefen.
Schon sah Lorenzo, dem der Muth gebrach,
Die Nacht vom Blute seines Kindes triefen.
Und zaudernd schritten sie dem Laute nach,
Und über Treppen, dunkle Hallengänge,
Betraten sie ein dämmerndes Gemach.
Hier sah’n sie das phantastische Gepränge
Der wunderlichen Marionettenbühne,
Hier lernten sie versteh’n die krausen Klänge.
So eben eifert der wahnwitzig kühne
Poet, daß er auch strafe die Bethörung
An seinem Helden und das Schicksal sühne,
Und mit den Worten innigster Empörung
Empfing den Todesstreich Lorenzo’s Puppe.
Jetzt fuhr der Alte auf, entzückt der Störung:
„Ihr Herren, wie behagt euch diese Gruppe?
Soll wiederholet werden euch zu Ehren
Von meiner tüchtigsten Schauspielertruppe!
Ich kenn‘ euch wohl und euer heiß Begehren,
Doch wollet nur indeß Gedulden tragen,
Und lustig erst den Willkommsbecher leeren!“
Der Vorhang fiel; doch wollte nicht behagen
Der Becher, den Roberto’s Knechte reichten,
Bis wieder ward der Vorhang aufgeschlagen.
Bei einer Dämmerlampe trübem Leuchten
Begannen ihren Tanz die Marionetten,
Doch schrecklich, daß die Gäste dran erbleichten,
Denn plötzlich schauten sie, geschleift an Ketten,
Verhöhnt von Roberts tragischem Sermon,
Mit plumpem Tritt – Antonio’s Leiche treten.
Lorenzo starb vor Schreck an seinem Sohn;
Die Knechte hüllten schreiend ihr Gesicht,
Und mit Entsetzen stürzten sie davon.“ –
So weit des Klausners nächtlicher Bericht.
Und ich erwacht‘ an eines Baches Rand,
Als durch die Felsen drang das Morgenlicht,
Nachsinnend, wo der Eremit verschwand;
Ob Wahrheit, was nun meine Sinne mied,
Ob eines bösen Traumes wilder Tand? –
Und als ich aus dem Klippenthale schied,
Sah wieder ich des Lammes Wolle beben
Am Strauche, den die Sonne ewig flieht,
Im Hintergrund den stillen Geyer schweben.

Maximilian Lenz

Bilder: via Frank T. Zumbach: Witold Wojtkiewicz, 12. August 2010;
Maximilian Lenz Revisited, 25. August 2016;
Marionettes, 9. Oktober 2021.

Maximilian Lenz, 1909

Soundtrack: Mott the Hoople: Marionette, aus: The Hoople, 1974:

Written by Wolf

30. September 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Dornenstück 0010: Antisterntaler

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Update zu Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. (Kartoffeln schmälzen),
Dieses treffliche Märchen vom Schmidt
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:
:

In my own grim dead times of depression, the sun is brutal, the moon is mocking, the stars are terrifying. But Saturn, spinning in its lonely rings, is kind.

Sam Kriss: The Sadness of Saturn, 10. Oktober 2017.

Josef Walch, Es war einmal ein arm Kind, Kunst + Unterricht, 1978 Josef Walch, Es war einmal ein arm Kind, Kunst + Unterricht, 1978

Das Märchen ist ebenso ein Diminutiv wie das Mädchen, das Diminutiv ein Neutrum, die Augmentativa beider ersteren sind Feminina. Auch keine Erklärung dafür, dass man sich im traurigsten Märchen der Welt „ein arm Kind“ automatisch als Mädchen vorstellt.

——— Georg Büchner:

Marie mit Mädchen vor der Hausthür.

aus: Woyzeck, 1836,
cit. nach Georg Büchner: Werke und Briefe, Münchner Ausgabe, dtv 1988, Seite 252:

Kinder. Marieche sing du uns.

Marie. Kommt ihr klei Krabbe!
               Ringle, ringel Rosekranz,
               König Herodes.
               …
Großmutter erzähl!

Robert Leinweber, Sterntaler, 1893Großmutter. Es war eimal ein arm Kind und hat kein Vater und kei Mutter, war Alles tot und war Niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingangen und hat gerrt Tag und Nacht. Und wie auf der Erd Niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie’s endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie’s zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum und wie’s zu den Sterne kam warn’s klei golde Mücke, die warn angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehe steckt, und wie’s wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich’s hingesetzt und gerrt und da sitzt es noch und ist ganz allein.

Woyzeck.. Marie!

Marie. (erschreckt). Was ist?

Woyzeck. Marie]wir wolle gehn, ’s ist Zeit.

Marie. Wohinaus?

Woyzeck. Weiß ich’s?

Quellen:

Fachliteratur: Richard Kämmerlings: Im Hafen: Großmutters Märchen aus „Woyzeck“,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Januar 2006.

Josef Walch, Es war einmal ein arm Kind, Kunst + Unterricht, 1978 Josef Walch, Es war einmal ein arm Kind, Kunst + Unterricht, 1978

Bilder: Josef Walch: Es war einmal ein arm Kind …, Kunst + Unterricht, Heft 48, 1978, Seite 46;
Robert Leinweber: Sterntaler, 1893, via Grimm-Bilder.

But Saturn is kind: Dead Fingers: Ring Around Saturn, aus: Dead Fingers, 2012:

Written by Wolf

23. September 2022 at 00:01

Psalmen gottverbrämter Bücher

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Update zu Und wenn es hundert schönere gibt:

Paul Zech lebt fort als Übersetzer von François Villon und Arthur Rimbaud. Darüber hinaus führte er ein Leben, das jeden Biographen überfordern muss, weil er seinen Lebenslauf offenbar als Gegenstand kreativer Gestaltung ansah. Dazwischen produzierte er untr vielem anderen eine Fülle eigener Gedichte, zu denen man gern auch seine Übersetzungen rechnet, weil er sie wohlweislich gleich selbst als Nachdichtungen ausgewiesen hat. Alles andere spräche nicht für den Übersetzer Paul Zech, seine Versionen von Villon und Rimbaud aber sehr für den Dichter: Sie sind überaus cantabile.

Für den öffentlichen Bücherschrank Ihrer Nachbarschaft oder den „Zu verschenken!!!“-Karton, über den Sie morgens beim Nachhausekommen stolpern, werden sie noch zu sehr gehütet, was wiederum für die schmalen Taschenbüchelchen spricht. Antiquarisch bleiben dennoch umstandslos erreichbar:

Paul ZechZu einem seiner im buchstäblichen Sinne ungezählten Gedichte, einem von 1914, gibt es ein unschlagbar passendes Portrait einer Waldhexe von Julie Wolfthorn, entstanden schon 1899, deren Lebenslauf als Jüdin zur unglückseligsten Zeit, „Hosendame“ (cit. Paula Modersohn-Becker) und „Malweib“ immer noch besser erschlossen ist als Paul Zechs selbstgewähltes Versteckspiel, das seine Nachlassverwalter vom Fritz-Hüser-Institut eine „[b]ewegte, nicht lückenlos verifizierbare Biografie, u.a. als Bergarbeiter in Belgien“ nennen: Die Dame verstarb kurz vor ihrem 81. Geburtstag im KZ Theresienstadt; „[b]is auf wenige Bilder in den Depots deutscher Museen galt ihr umfangreiches Werk lange Zeit als verschollen und wurde erst Anfang 2000 wiederentdeckt“, wie wir ihrem Wikipedia-Artikel entnehmen.

In ähnlicher Weise bleiben die eigenen Dichtungen von Zech verschüttet, solange niemand die Schaufel nimmt und den Garten, der vor ihm liegt, nach den Schätzen umgräbt, die er verspricht. Und in ähnlicher Weise wie zu lange verräumte Bilder müssen sie wohl erst restauriert werden; Texte verrotten sehr wohl mit der Zeit.

Manches an den leicht auffindbaren Versionen von Deine Augen sind ein Korngrün weit, die wohl eine von der anderen abgeschrieben sind, vorneweg in der Sammlung Paul Zech bei Λέων Αιλούρος. Πολλά και διαφορά, 14. Dezember 2017, mag ich nicht recht glauben: zum Beispiel dass der zweite Vers als einziger mit Großbuchstaben einsetzt oder dass Psalme der Plural von Psalm sein soll. Aber vorerst hat man keine Wahl.

——— Paul Zech:

Deine Augen sind ein Korngrün weit …

aus: Die eiserne Brücke. Neue Gedichte von Paul Zech, Verlag der Weißen Bücher, Leipzig 1914, Seite 46,
via Jörg Krüger für Deutsche Literatur — German Literature, 16. Mai 2022:

Deine Augen sind ein Korngrün weit,
Zart Gewordnes, das den Mai erfuhr.

Jeder Tag weckt eine neue Gnade,
ein Erlösen mehr im Blickgelände
mit dem weißen Lerchenlied der Hände.

Deine Augen sind ein Korngrün weit
und ein Lächeln zieht darin die Spur
süßverliebter Pfade.

Jede Bitte, die ich heiß in Deine Augen strahle,
schwillt zur Frucht,
zwängt sich reif durch eine schmale
kußbereite Bucht.

Deine Augen sind ein Korngrün weit.

Spannt die Nacht darüber sternbestickte Tücher,
wächst verschwistertes Erglühn
aus dem Dom gewordnen Grün
und singt Psalme gottverbrämter Bücher.

Julie Wolfthorn, Mädchen mit blaugrünen Augen. Waldhexe, 1899

Waldgrün: Julie Wolfthorn: Mädchen mit blaugrünen Augen (Waldhexe), 1899,
Öl auf Leinwand, 42 cm auf 33,5 cm, Sammlung Jack Daulton, Los Altos Hills, Kalifornien;
Paul Zech via Gedenkstätte Deutscher Widerstand
und Λέων Αιλούρος. Πολλά και διαφορά, 14. Dezember 2017.

Soundtrack: Kate Wolf: Green Eyes, aus: Give Yourself to Love, 1983:

Written by Wolf

16. September 2022 at 00:01

Deutschlandzyklus 1: So geht’s doch auch

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Update zu Before Sunrise,
Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich,
Über den Kirchplatz mit Lancelot: Die namenlosen Religionen zu Coburg,
Dunkeldeutschland
und Zahlenzyklus:

Der Feldmarschall von Blücher,
der hat genau drei Bücher:

Eins zum Lachen,
Eins zum Denken

und das Dritte
zum Verschenken.

Sprach er zu Herrn von Grieben:
„Mehr fänd ich übertrieben!“

Hans Traxler.

Sad and Useless, ca. 2019

Als Teil der Aufarbeitung meines Schultraumas, im Schuljahr 1982/1983 Bayerns einziger Schüler gewesen zu sein, der wegen Geschichte sitzengeblieben ist, muss ich seit meinem um ein Jahr verspäteten Abitur immer nachschauen, was die ganze Zeit in meinem zuständigen Kulturkreis so los war. Bis heute verstehe ich das wenigste. Das war in der achten Klasse, dem Jahr, wo in Geschichte das Mittelalter dran ist. Mit 33 bis ungefähr 38 Jahren war ich dann sogar in einem Mittelalterverein, um es meinem alten Geschichtslehrer, der seit Jahrzehnten was Besseres zu tun hat als sich mit Schulbuben rumzuärgern, zu zeigen. Es war ein langer Weg von dem Tag. als der blaue Brief von der Schule eintraf, woraufhin meine Mutter nach mir als „A Hockenbleiber in der Familie! Pfui Deifl!“ einen großen Kuddel nach mir gespuckt hat, bis in den Mittelalterverein, aber ich schweife ab. Im übrigen hab ich nach der Achten am Ende der Sommerferien die Nachprüfung bestanden und musste noch kein Schuljahr wiederholen.

Zwanzigstes Jahrhundert ist doof, das muss man sich schon zu arg zu Herzen nehmen, außerdem rinnt da alles aus- und durcheinander. Auf der Suche nach bedeutenden Ereignissen in der deutschen Geschichte, bevor sie einem um die Ohren fliegt, hab ich mich natürlich erst umgehört, woraus man ein eher kurzes Gedicht herauspressen könnte. Soll man ja immer: kommunizieren. Die Ausbeute war:

  • Als der Olle Fritz Maria Theresia einmal Schlesien wegnahm.
  • Die teutsche Reichsgründung auf den artilleriezermalmten Knochen des welschen Erbfeindes.
  • Die Entlassung des Unsympathen (Bismarck) durch den Vollidioten (Wilhelm II.).
  • Die 7 Kardinalfehler der Obersten Heeresleitung im 1. Weltkrieg, u.a. den unbeschränkten U-Bootkrieg, der dann nach der Versenkung der Lusitania mit einiger Verspätung die Yankees an die Seite der Alliierten torpedierte.
  • Rilke 1922.
  • Von Papens pflanzliche Wadenmuskulatur.

Schuld bin ich ja selber, was treib ich mich auch dauernd mit Gelehrten rum.

Sad and Useless, ca. 2019

So geht’s doch auch

Beyträge zur alternativen Historienschreibung

Neulich in Wessobrunn, ca. 790:

          Der Abt so:
                    Du, Poeta, schau amal her da,
                    da wär grad noch
                    ein Platzerl frei im Manuskript.
          Poeta so:
                    Ja, schon, und jetzt,
                    was hab ich damit zum Tun?
          Der Abt so:
                    Na, da schreibst etz eins
                    da nei von deine religiösen.
          Poeta so:
                    Am End wieder so ein frommes?
          Der Abt so:
                    Na freilich keine so eine Sauerei nicht.
          Poeta so:
                    Och, warum nicht? Schau halt hin,
                    wie’s die Schöpfung allerweil
                    so schön hing’stellt ham!
          Der Abt so:
                    Ja genau, du machst des scho.

~~~\~~~~~~~/~~~

Neulich in Canossa, 1077:

          Heinrich IV. so:
                    War doch
                    nicht so
                    gemeint, Bruder.
          Gregor VII. so:
                    Schon klar,
                    komm rauf,
                    gibt Grappa.

~~~\~~~~~~~/~~~

Zweites Laterankonzil, Rom 1139:

          Innozenz II. so:
                    Schön, dass ihr dabei wart, Jungs!
                    Ciao und immer feste
                    drauf auf eure Beste!
                    Doch merkt im Eifer eures Schwungs:
                    Das gilt für eure Frau!
                    Mit Konkubinen moderater!
          Und alle so:
                    Na, immer doch, Heiliger Vater!
                    War wieder äußerst lehrreich. Ciao!

~~~\~~~~~~~/~~~

Vatikanstadt, 4. Oktober 1582, Abend:

          Gregor XIII. so:
                    Memento mori: Bitter macht
                    der Tod das Leben. Mitternacht
                    lösch du dein Licht: Alsbald verwesen
                    die, die spät im Psalter lesen.
          Sein Ministrant so:
                    Macht halblang, o Vater: Lang aufbleiben frommt,
                    wenn eh auf den Vierten der Fünfzehnte kommt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Prager Burg, 23. Mai 1618:

          Heinrich Matthias von Thurn so:
                    Macht mal wer das Fenster auf?
          Jaroslav Borsita von Martinitz so:
                    Mach halt dein Fenster selber auf.

~~~\~~~~~~~/~~~

Frankfurt am Main, ca. 1756:

          Frau Aja so:
                    Johann Wolfgang, gehst du ned glei
                    wech da von dem Kaschperletheater!
          Und Goethe so:
                    Schau emoll Mama, die spiele de Faust.
          Und Frau Aja so:
                    Herst du ned!
          Und Goethe so:
                    Menno.

~~~\~~~~~~~/~~~

Karlsbad, 1819:

          Ernst Moritz Arndt so:
                    Zwanzig Druckbogen, Exzellenz. Wär’s Ihnen so genehm?
          Und Metternich so:
                    Genehm zu genehmigen, mein Lieber. Trag Er’s zum Setzer.

~~~\~~~~~~~/~~~

Sarajevo, 28. Juni 1914:

          Sophie Chotek so:
                    Franz Ferdinand, Obacht, deine Schnürsenkel.
          Und Franz Ferdinand so:
                    Hoppala, gor ned gmerkt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Berlin, 18. Februar 1943:

          Goebbels so:
                    Wollt ihr den totalen Krieg?
          Und alle so:
                    Och nööö, lass mal.
          Und Goebbels so:
                    Was wollt ihr denn?
          Und alle so:
                    Freibier, oder?
          Und Goebbels so:
                    Also schön, im Foyer dann.
          Und alle so:
                    Jaaaaa!

Sad and Useless, ca. 2019

Bad Bunnies: via Sad and Useless. The Most Depressive Humor Site on the Internet:
Why So Many Medieval Manuscripts Depict Violent Rabbits?, ca. 2019.

Die haben auch gewalttätige Weinbergschnecken und anzügliche Katzen.

Sad and Useless, ca. 2019

Soundtrack: Feelsaitig: Odysseus, aus: Äpfl!, 1991:

Written by Wolf

9. September 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Frühmittelalter, ~ Weheklag ~

So war’s dem Doctor Faust nicht halb zu Muth

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Update zu Weistu was so schweig,
Nur die Wurst hat zwei und
Doktor Faust thu dich bekehren:

Goethes erste Fassung des Lustspiels Die Mitschuldigen 1769 geht als Jugendsünde durch. Einerseits musste er es in einer zweiten und dritten Fassung bis zu einer gewissen Veröffentlichungsreife immer weiter entschärfen und erweitern, nachdem er es immer nur in Liebhaberaufführungen mit persönlich bekannten peers und unter weitgehendem Ausschluss einer zensurbereiten Öffentlichkeit ans Licht führen konnte; andererseits hat er es in einer zweiten und dritten Fassung bis zu einer gewissen Veröffentlichungsreife immer weiter bearbeitet. Die zweite Fassung geschah gleich einige Monate nach der ersten, ebenfalls 1769, die dritte Fassung 1783, deren Veröffentlichung 1787.

Bei Goethe muss ein Dramenstoff, den er mehrmals über mehrere Lebensalter hinweg bearbeitet, an den praktisch lebenslangen Umgang mit seinem Faust erinnern (zur Not auch mit seinem Bestseller von 1774 Die Leiden des jungen Werthers, der ihn gleichfalls 1787 noch einmal bereichern sollte, aber das war unter sehr viel mehr schöpferischen, angeregt durch persönliche Verlustschmerzen und ein für alle Mal als Abschluss gemeint).

D. Joannis Fausti, Augsburger Puppenkiste, 1948

„Der Schauplatz ist im Wirtshaus.“ Aus heutiger Sicht bleiben Die Mitschuldigen noch am ehesten wegen einer einzigen nebensächlichen Formulierung interessant, die Goethe offensichtlich mindestens zur Hälfte um des Reimes willen verwendete – aber das immerhin in allen drei Fassungen: Mit 17 Jahren, das heißt etwa 1766, wurde Goethe von dem populären Puppenspiel vom Dr. Faust erreicht – die meisten Fassungen nach dem Volksbuch, in Handschriften ab 1580, gedruckt 1587, der Version von Christopher Marlowe ab 1588 und zweifellos nach frei zusammengestoppeltem, weil lizenzfreiem Hörensagen. (Für die Institution des Copyrights auf literarische Leistungen sollte sich erst in späteren Jahren Goethe stark machen, beflügelt von seinen eigenen, anderen Erfolgen als seinem Nebenwerk der vor sich hinfloppenden Mitschuldigen, die er sich selbst, nicht irgendwelchen räuberischen Verlegern, zugute sehen mochte.)

Kurz: In ebenjenen Mitschuldigen ab 1769 erwähnte Goethe den Doctor Faust erstmals literarisch.

D. Joannis Fausti, Augsburger Puppenkiste, 1948

Goethes erste Begegnung mit dem Fauststoff als Marionettentheater für die reife Jugend (postmoderne Inszenierungen empfehlen sich gern ab 12 bis 16 Jahren) lässt sich allenfalls rekonstruieren, aus des Meisters erster Hand haben wir sie nicht. Im zehnten Buch von Dichtung und Wahrheit erinnert sich der 63- an den 20-Jährigen mit seinem Studienkollegen Herder zu Leipzig:

Am sorgfältigsten verbarg ich ihm das Interesse an gewissen Gegenständen, die sich bey mir eingewurzelt hatten und sich nach und nach zu poetischen Gestalten ausbilden wollten. Es war Götz von Berlichingen und Faust. Die Lebensbeschreibung des erstern hatte mich im Innersten ergriffen. Die Gestalt eines rohen, wohlmeynenden Selbsthelfers in wilder anarchischer Zeit erregte meinen tiefsten Antheil. Die bedeutende Puppenspielfabel des andern klang und summte gar vieltönig in mir wieder. Auch ich hatte mich in allem Wissen umhergetrieben und war früh genug auf die Eitelkeit desselben hingewiesen worden. Ich hatte es auch im Leben auf allerley Weise versucht, und war immer unbefriedigter und gequälter zurückgekommen. Nun trug ich diese Dinge, so wie manche andre, mit mir herum und ergetzte mich daran in einsamen Stunden, ohne jedoch etwas davon aufzuschreiben. Am meisten aber verbarg ich vor Herdern meine mystisch-cabbalistische Chemie und was sich darauf bezog, ob ich mich gleich noch sehr gern heimlich beschäftigte, sie consequenter auszubilden, als man sie mir überliefert hatte. Von poetischen Arbeiten glaube ich ihm die Mitschuldigen vorgelegt zu haben, doch erinnere ich mich nicht, daß mir irgend eine Zurechtweisung oder Aufmunterung von seiner Seite hierüber zu Theil geworden wäre. Aber bey diesem allen blieb er der er war; was von ihm ausging wirkte, wenn auch nicht erfreulich, doch bedeutend; ja seine Handschrift so gar übte auf mich eine magische Gewalt aus. Ich erinnere mich nicht, daß ich eins seiner Blätter, ja nur ein Couvert von seiner Hand, zerrissen oder verschleudert hätte; dennoch ist mir, bey den so mannigfaltigen Ort- und Zeitwechseln, kein Document jener wunderbaren, ahndungsvollen und glücklichen Tage übrig geblieben.

D. Joannis Fausti, Augsburger Puppenkiste, 1948

Die Mitschuldigen waren also schon in Goethes Leipziger Studienzeit ab 1765 dem etwas unterkühlten Freund Herder bekannt, folglich muss es inzwischen 1769 gewesen sein, als die eine oder andere Version des Puppenspiels in ihm gar vieltönig klingen und wiedersummen konnte.

——— Johann Wolfgang Goethe:

Die Mitschuldigen

Dritter Aufzug, Sechster Auftritt, cit. 3. Fassung 1783/1787,
Cotta’sche Augabe 1851, Siebenter Band, Seite 76:

Sechster Auftritt

          Söller mit Caricatur von Angst.
Was gab’s? Weh dir! vielleicht in wenig Augenblicken –
Gieb deinen Schädel Preis! Parire nur den Rücken!
Vielleicht ist’s ’raus! o weh! o wie mir Armen graus’t,
Es wird mir siedend heiß. So war’s dem Doctor Faust
Nicht halb zu Muth! Nicht halb war’s so Richard dem Dritten!
Höll‘ da! der Galgen da! der Hahnrei in der Mitten!
          (Er läuft wie unsinnig herum, endlich besinnt er sich.)
Ach, des gestohlnen Guts wird keiner jemals froh!
Geh‘, Memme, Bösewicht! warum erschrickst du so?
Vielleicht ist’s nicht so schlimm. Ich will es schon erfahren.
          (Er erblickt Alcesten und läuft fort.)
O weh! er ist’s! er ist’s! Er faßt mich bei den Haaren.

D. Joannis Fausti, Augsburger Puppenkiste, 1948

Ein Fortleben des Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit besteht in immerhin zwölf Hörspiel-Bearbeitungen zwischen 1925 und 1960, davon gleich zwei von Paul Hoffmann, und bisher vier Verfilmungen ab 1961, zuletzt 1988. Vor allem Laientheater entdecken das Stück gerne für sich, wohl wegen der überschaubaren Besetzung und Bühnenausstattung, mit der man in jedem verfügbaren Wirtshaus zurechtkommt. Die Klassik Stiftung Weimar (corporate spelling leider ohne Binde Strich) hat gerade 2020 an ihrem Liebhabertheater Schloss Kochberg die dritte Fassung unter historischer Aufführungspraxis inszeniert. Das Unterfangen hat sich in deren Spielzeit 2022 gerettet, der Trailer wirkt recht einladend:

Das BIldmaterial muss trotzdem noch mangels Illustrationen zu den Mitschuldigen aus einer ihrerseits historischen gewordenen Aufführung eines faustischen Puppentheaters schöpfen: D. Joannis Fausti an der Augsburger Puppenkiste, Premiere 16. September 1948. Es kommen der Kasperl, die sieben Todsünden und diverse Teufel vor.

D. Joannis Fausti, Augsburger Puppenkiste, 1948

Die Schuldbewussten: The Pogues: If I Should Fall From Grace With God,
aus: If I Should Fall From Grace With God, 1988:

Written by Wolf

2. September 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Drumb schweig / leyd / meyd vnd vertrag / dein Vnglück keinem Menschen klag

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Update zu Mein Leben im Konjunktiv: Herz ist Trumpf,
Eine aufbrechende Knospe des ältesten Baumes als eine einjährige Pflanze,
Adorno für Blogger und
Werkstattbericht: Da kann jeder gedenken, in was Schrecken und Forcht ich gesteckt:

AVff solche obgehörte Weheklag / erschien Fausto sein Geist Mephostophiles / tratte zu jhm / vnnd sprach: Dieweil du auß der heyligen Schrifft wol gewust hast / daß du GOtt allein anbetten / jhme dienen / vnnd keine andere Götter / weder zur Lincken noch zur Rechten / neben jhm haben sollest / dasselbig aber nicht gethan / Sondern deinen Gott versucht / von jme abgefallen / jn verleugnet / vnd dich hieher versprochen / mit Leib vnd Seel / so mustu diese deine Versprechung leysten / vnnd mercke meine Reimen:

Weistu was so schweig /
Ist dir wol so bleib.
Hastu was / so behalt /
Vnglück kompt bald.
Drumb schweig / leyd / meyd vnd vertrag /
Dein Vnglück keinem Menschen klag.
Es ist zu spat / an Gott verzag,
Dein Vnglück läufft herein all tag.

Wie der böse Geist dem betrübten Fausto
mit seltzamen spöttischen Schertzreden vnd Sprichwörtern zusetzt, 1587.

Nein. Nochmal:

Du mußt verstehn!
Aus Eins mach’ Zehn […]

Vers 2540 f., 1808.

Nein. Wenn schon, wieso nicht gleich:

So stempelten wir gleich die ganze Reihe,
Zehn, Dreyßig, Funfzig, Hundert sind parat.

Vers 6047 f., 1832.

Fritz Roeber, Walpurgisnachtsszene aus Faust, um 1910

Das waren jetzt zehn Jahre DFWuH, vulgo Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt.

Bei meinem Talent zum Feiern. Außerdem hab ich seinerzeit den Timer für den ersten Eintrag absichtlich auf Goethes Geburtstag, den 28. August, gestellt, nicht den 26., aber zwangsläufig waren unter den zehn Jahren zwei Schaltjahre dazwischen. Warum dann der 28. August 2012 ein Dienstag war und kein Freitag, auf den ich seit Aberjahren meine Einträge stelle, kann ja mal jemand ausrechnen, der sich mit Alltagsmathematik auskennt.

Die Überschrift für den Weblog ist okay, ein Derivat aus dem Faust – nicht dem Goethe-Spin-off, sondern dem Volksbuch, in dem gleich zwei Kapitelüberschriften mit Doctor Fausti Weheklag anfangen. Allein mit der URL weheklag.wordpress.com war ich von dem Moment an unglücklich, in dem ich in meinem steten unternehmungslustigen Übermut auf OK geklickt hab. Insofern ist sie ungemein passend, widerspricht aber in Besucher abschreckender Weise der Lebensfreude, die ich nicht müde werde, den schwärzesten Höllenfahrten abzuringen. Die abgeschreckten Besucher hätten mir aber genausoviel eingetragen wie die nicht abzuschreckenden, nämlich null Komma nix und wieder nix, also passt schon.

Bedeutsam war in den zehn Jahren vor allem, was nicht geschehen ist, was ich nicht erreicht hab. Nicht dass ich mir anno 2012 ein besonderes Ziel gesetzt hätte. Die Zeit des Gemeinschaftsprojekts Moby-Dick™ war einfach um, weil die Gemeinschaft nicht mehr so gezogen hat. Die Unternehmung hätte nämlich ein Ziel gehabt; war leider nicht alleine zu erreichen. Auch sonst hat sich das wenigste von dem ereignet, was ich auf den Weg gebracht hab:

So ist mir die im Wunderblatt 7: Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier — und Emily und Emily Emily mit einem großmächtigen Bücherpaket in die kanadische Tundra durchgegangen, darunter eine Schedelsche Weltchronik aus dem Taschen-Verlag; hat mich anlässlich Weihnachten 2014 einen Fuchziger Porto gekostet — odd parcel voller schwergewichtiger Dünndruckliteratur, Lebensmittel und Schnäpse nach Ottawa, da kommt was zusammen) —, von meinem schönen Lessing-Faksimile aus dem Wallstein-Verlag ganz zu schweigen.

Überhaupt zeichnet sich ab, dass meine Anfragen keiner Antwort wert sind, sooft ich mich schon mal unter Schmerzen dazu entschließe, das Wort an Menschenwesen außerhalb meiner eigenen Wohnung zu richten. In Von dem Holz des Lebens essen und der bittern Schmach vergessen (im Leben ist da kein Verlag drin!) war mir anhand eines barocken Figurengedichts aufgefallen, dass in dem angegebenen Münchner Verlagsgebäude im Leben kein Verlag drin sein kann. Nach meiner doch ungemein freundlichen und fachkompetenten Bitte um Auskunft bin ich in dieser Verblüffung steckengeblieben.

Nicht anders bei meinem Kontaktversuch in die Heimat meiner eigenen Kinderzeit: Vnd ist auff eim vnfruchtpern vnnd sandigen erdpoden erpawen: In dem historischen Herrenhaus gegenüber dem ehemaligen Stammgasthof meiner Eltern wurde nach einigen nicht zu widerlegenden Hinweisen zu großen Teilen – die schon wieder – die Schedelsche Weltchronik konzipiert und niedergeschrieben, nicht zuletzt erkennbar am gültigen Straßennamen. Heute residiert darin eine Psychotherapeutin, der offenbar die Anfrage zu durchgeschmort war, ob sotane Vergangenheit heute noch was gilt (dabei hab ich nicht mal gefragt, ob mit einer Schedel-Erlebniswelt nach dem Vorbild von Disneyland nicht mehr Erkenntnis-, Geld- und Lustgewinn rumkäme als mit einer Nothilfe für die ohnehin kaum einzudämmenden Landnürnberger Bekloppten).

Die Schweigsamkeit gegenüber meiner Person seitens der Instanzen, die fürs Reden mit Menschen bezahlt werden, ist dabei nicht auf die bekannten fränkischen Züge beschränkt. Kanada hat immerhin noch eine Antwort gegeben, wenn man es was gefragt hat; die Stellen, die ihren Beruf in der Pflege des Preußentums sehen, sind auch nicht besser als die pegnesischen Bauernschädel. Um mich selbst an die Verwaltung des Schloss Plaue im Brandenburgischen aus Gräflein Du bist verrathen zu zitieren:

Nicht ausgerechnet am 1. April des Fontanejahres hätte ich an die touristische Verwaltung des Schloss Plaue zu Brandenburg an der Havel mailen sollen:

[…]

  1. Können Sie mir weitere Strophen zu Wer geht so spät zu Hofe nennen — oder Fundstellen dazu?
  2. Wird das Lied noch gesungen, weil es eine bekannte, wenigstens nachweisbar überlieferte Melodie hat?
  3. Und existieren noch Darstellungen von den Leinwandtableaus in Schloss Plaue?
  4. Genießen sie eine gewisse ikonische Funktion, quasi als stille Berühmtheit von regionalem Erkennungswert?

Nicht ausgerechnet am 1. April, weil ich auf irgendeine Antwort, wenigstens ein den Eingang bestätigendes „Geh Ludwig Thoma lesen, du Baziwessi!“ bis heute warte, dabei wird mein Spam täglich handverlesen.

So wollen die Touristen in ihre Gemäuer locken: indem sie einen drei Jahre and still counting auf Antwort warten lassen. Zur Veröffentlichung von 150 Jahre sind alt genug war ich selber noch nicht mal soweit, Frank Zander daraufhin anzusprechen, warum, woher, wozu und warum in dieser Form er für seinen Captain Starlight das Hayndsche Lerchenquartett verwendet hat. Inzwischen ist er seiner seits nicht soweit … aber lassen wir das.

Es gab ja auch schöne Momente. Solche, auf die ich mir mit unterschiedlichen Ausreden großmächtig was einbilde, stehen in der Kategorie Olymp. Als auf ganze Sammlungen bin ich stolz auf jenes Weihnachts-Special, in dem ich Kunst über Katzen sinnhaft aufbereiten konnte, dann natürlich auf das mit Kunst von Katzen und das mit Kunst über tote Katzen; an Kunst von toten Katzen arbeite ich, wenngleich nicht sehr fieberhaft.

Ganz selten sind mir Arbeiten gelungen, die als externe Beleg-Links für Wikipedia-Artikel eine gewissermaßen sinnvolle Verwendung gefunden haben. And Rilke says to this guy ist seit jahren der volle Ankommer, weil es seit 2013 als Primärquelle für die Rilkeschen Briefe an einen jungen Dichter herhält. Sofortige Löschungen mangels Relevanz sehen anders aus, vielmehr hat sich der Primärautor Christian Meurer persönlich für das Fortleben seines TItanic-Artikels bedankt, ja sogar eine thematische Fortsetzung angeregt, die heute Wenn es Ihnen versagt würde to translate heißt und läuft wie ein Hit von Lady Gaga, weil es nämlich – o doch, das ist als unmittelbare Fortsetzung von Rilke-Briefen zwingend möglich – um Lady Gagas Tätowierungen geht. Und der Titanic etwas recht machen, das muss man auch erst mal schaffen.

Gern genommen wird mir auch Da ist alle Herrlichkeit der Erde und des Himmels, die Leiden und die Lust der Liebe (O Ihr Kurzsichtigen, die Ihr das Meer in Bechern erschöpfen wollt, Ihr glaubt die Kunst zu ergründen und ergründet nur Eure Engherzigkeit): Die Bilder in Franz Sternbalds Wanderungen – wie der Name sagt, eine Illustration zum Franz Sternbald, der doch öfter mal Schul- oder Unistoff scheint.

So wie Jean Paul: als regulärer Schulstoff zu dickleibig (die Bücher, mein ich in diesem Fall) und zu weggedriftet (auch die Bücher), hat aber Fans, vermutlich gerade an der PhilFak. Und dass Die unsichtbare Loge und der Hesperus eigentlich das gleiche Buch sind, bloß in jeweils anderem Wortlaut, wollte ich auch schon länger nachweisen. Was meine Flucht aus der gebornen Ruine mit Primär- und Sekundärmaterial als Beleg für gleich zwei Wikipedia-Artikel unentbehrlich macht. Seit 2018 jedenfalls, Abruf 25. August 2022.

Himmelangst vor meiner eigenen Courage wird mir heute noch vor meinem Verriss von Novalis: Pflanzenähnlichkeit der Weiber: Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel, in dem ich ihn zum Canceln vorgeschlagen hab, bevor es in wurde, aber es scheint niemanden zu scheren, siehe oben. Als meine selbstauferlegte Buße und nicht weniger verdienstvoll von mir selber betrachte ich meine Grundsatzarbeit über die Blaue Blume der Romantik: Wer hätte da sich um Blumen bekümmert?. Am traurigsten ist ja immer, wenn man sein Bestes gibt und es ist immer noch Mist, aber das ist soweit ganz ordentlich geworden, soweit ich das beurteilen darf.

Insgesamt erinnert das stille Weiterbasteln an einem Nischenweblog literarischer Ausrichtung unter Ausschluss der Öffentlichkeit ans Leben selbst: kein ersichtlicher Grund weiterzumachen, aber einfach damit aufhören wäre jetzt auch blöd. Man bewahrt sich die Illusion, ein Wissen über Dinge von etwaigem Belang innezuhaben, und vermeidet soziale Kontakte, weil man sowieso praktisch alle seine Fans persönlich kennt. Deo volente wird das so weitergehen, bis WordPress anfängt, Geld zu kosten, oder meine Demenz deutlich genug einsetzt, dass sie mich selber stört, je nachdem, was zuerst kommt.

Inzwischen meinen tiefst empfundenen Dank an alle, die mitgeholfen haben, und an alle, die sich das antun. Ihr wisst, wer ihr seid.

Genauer nach innen gehorcht verspürte ich heute durchaus einen gewissen Impuls zum Feiern – hab aber Nachtschicht, ohne die DFWuH nicht das wäre, was es ist – was man je nach Tagesneigung begrüßen oder bedauern mag. Also passt schon.

Auf dass es uns noch lange gut geh.

August von Kreling, Faust, von Mephisto eingeschläfert. The Dream of Faust, 1874

Bilder: Fritz Roeber: Walpurgisnachtsszene aus „Faust“, um 1910,
Öl auf Leinwand, 186 x 206 cm; Museum Abtei Liesborn des Kreises Warendorf;
August von Kreling: Faust, von Mephisto eingeschläfert, 1874, in: Bilder zu Goethes Faust, 1912,
via The Laughing Heresiarch: The Dream of Faust, 16. November 2015.

Soundtrack: Harmony Trowbridge: Bookish, aus: Sacrilege, 2020: :

Written by Wolf

26. August 2022 at 00:01

Kritiken der reinen praktischen Urteilskraft

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Update zu Kotzmaterial (Ein Hoch auf deine Bildung du vollidiot)
und Homerische Dark Fantasy:

Solche Leser wünschen wir uns. Nicht „das Feuilleton“ oder das, was derzeit noch davon übrig ist (nein, ich bin ja leider keins), der Buchhandel je nach Tagesverfassung – aber wäre ich ein Schreiber, dann schon.

Was für Leser? Na, begeisterte, was sonst? – Rezensionen chronologisch:

Mike Disko Photography, Miranda Mae, Greencup Books, Birmingham, Alabama, 2009

——— Michael Saidak:

Reality’s dark dream…

zu Ludwig Tieck: Märchen aus dem „Phantasus“, Reclams Universal-Bibliothek 2003,
8. Juli 2005:

Stupendous masterpieces!!!! Phantasus, wow!!! Ludwig Tieck is a genius of highest order – this stuff is supreme German gothic dark romantic. Mind-boggling & spirit-crushing hardcore stories that delve darkly into the unconscious; paranoia, retribution, the mind-destroying power of nature, dreams, insanity… Insane depth hidden in the form of „fairy-tales“ (what a stupid English word)!!!

Highly unique!! Exquisite! Gorgeous dark words of magic and vision!!! Pure genius!!! A hundred million stars.

Unfortunately I don’t speak German; Tieck’s works are so hard to find in English – I had to search through obscure translations of out-of-print books in libraries to find some of his tales. What atrocity, what shame, what crime!!!! English-speaking Germans, translate all Tieck’s works to English (and all other languages), his tales are world heritage!!!

See also Heinrich von Kleist & E.T.A. Hoffmann.

Wow… I wonder what happened in Germany at that time?? I mean, such splendid dazzling brilliance!!!! What were these guys smoking??? How could they write such lucid & vivid narrative prose, and with such merciless & brutal intensity, reminiscent of LSD-induced revelations??? Wow!!

Mike Disko Photography, Miranda Mae, Greencup Books, Birmingham, Alabama, 2009

——— callisto (VINE-PRODUKTTESTER):

Unterhaltsame, antike Göttergeschichten

zu Anton Weiher, Hrsg.: Homerische Hymnen, Sammlung Tusculum 2014,
15. Juli 2014:

Homerische Hymnen, das klingt schrecklich langweilig. Man sollte sich aber nicht vom Titel abschrecken lassen, denn was die alten Griechen unter Hymnen verstanden ist zum Großteil deutlich spannender und unterhaltsamer als das, was das Christentum darunter versteht. Natürlich gibt es auch die langweilig, schwafeligen Lobhuddeleien an ein paar Götter, die den christlichen Hymnen in nichts nachstehen, die großen, langen Hymnen sind aber spannende Geschichten, die der Odyssee in nichts nachstehen.

Das Buch enthält 33 Hymnen, davon sind die langen wirklich spannende Geschichten:

1. Demeter – Hier wird die Geschichte von Persephone und Demeter erzählt. Persephone fällt beim Spielen in ein Loch im Boden und landet im Totenreich. Demeter ist am Boden zerstört, ihre Tochter verloren zu habe. Sie sucht sich daher einen Job als Kindermädchen zur Ablenkung. Die Mutter des Knaben, den Demeter umsorgt ist aber nicht sonderlich begeistert von Demeters Erziehungsmethoden, denn Demeter wollte aus dem kleinen mit Ambrosia und stärkenden Bädern in glühender Asche einen Unsterblichen machen. Das stieß bei der Mutter des Kindes irgendwie auf Unverständnis. Demeter kündigt und verlangt als Abfindung einen Tempel.

Mike Disko Photography, Miranda Mae, Greencup Books, Birmingham, Alabama, 20092. Apollon – Hier hat man einfach zwei Hymnen aneinandergeklebt. Eine handelt von Apollons Geburt. Keiner wollte aber, dass seine Mutter dieses gefährliche Kind auf ihrem Grund und Boden bekommt, bis sich dann doch eine Insel erbarmt ihnen Geburtsasyl zu geben. Anschließend muss sich jung Apollo einen Platz für seine Wohnung/Tempel suchen und dazu das passende Personal entführen.

3. Hermes – Meine Lieblingshymne. Klein Hermes hat es schon gleich nach seiner Geburt faustdick hinter den Ohren. Kaum einen Tag alt, büchst er aus und klaut Apollo die Rinder (die er rückwärts gehen lässt, damit nicht auffällt, wohin er sie gebracht hat). Apollo ist aber nicht doof, er weiß, dass Hermes mehr als ein neugeborenes Kind ist. Der Schlagabtausch zwischen den beiden ist sehr witzig. Hermes miemt das Baby, wickelt sich in die Windel und meint, dass er wohl kaum wie ein kräftiger Vieh Dieb aussieht und Apollo tobt rum, schnappt ihn und bringt ihn vor Zeus, der an der Angelegenheit auch seinen Spaß hat. Danach werden die beiden beste Freunde.

4. Aphrodite – Zeus hat die Nase voll, dass Aphrodite die Götter andauernd mit Menschen verkuppelt und lässt sie ihre eigene Medizin schmecken. Sie verliebt sich in Anchises und gebiert ihm Aeneas.

5. Dionysos – Kurz und unterhaltsam. Ein paar Seeräuber entführen Dionysos und wollen ihn als Sklaven verkaufen. Er lässt Rebstöcke aus den Planken sprießen und ersäuft das Schiff in Wein, während er sich in einen Löwen verwandelt.

6. Pan – Die Geschichte um die Geburt Pans, Hermes Sohn. Nett aber nicht sonderlich ereignisreich.

Diese 6 Hymnen machen einen Großteil des Büchleins aus, die 29 langweiligen Kurzhymnen, die selbst im Anhang teils als „mattes, sprachlich ungeschicktes Gebilde“ bezeichnet werden, kann man einfach ignorieren. Haufenweise Geschwafel, wie toll dieser oder jener Gott ist, da stehen sie den christlichen Hymnen in nichts nach.

Das Buch hat noch einen kurzen Anhang, der Auf den griechischen Text und einige Worte darin eingeht, das ist aber eher etwas für eingefleischte Altgriechischfans.

Genau wie bei der Odyssee schreibt man die Hymnen einfach mal Homer zu, denn er ist ein Garant für gute Unterhaltung, aber es ist schon klar, dass hier verschiedene Autoren aus unterschiedlichen Zeiten und teils unterschiedlichen Erzähltraditionen zusammengefasst werden. Einige der langen Hymnen sind möglicherweise wirklich aus Homers Feder (Homer im weiteren Sinne als Autorenkollektiv), andere mit Sicherheit nicht.

Fazit: Insgesamt sind besonders die langen Hymnen sehr unterhaltsame, antike Göttergeschichten, die man heute auch gut lesen kann.

Mike Disko Photography, Miranda Mae, Greencup Books, Birmingham, Alabama, 2009

——— Mr. Who?:

Sehr interessant

zu Immanuel Kant: Die drei Kritiken – Kritik der reinen Vernunft. Kritik der praktischen Vernunft. Kritik der Urteilskraft, Anaconda 2015,
20. Januar 2019:

Kant seine Exemplare sind meistens immer sehr interessant zu lesen.

Kann auch dieses Exemplar nur weiterempfehlen.

Es liest sich zum großenteils sehr gut und verständlich.

Klare Empfehlung

Mike Disko Photography, Miranda Mae, Greencup Books, Birmingham, Alabama, 2009

——— Anala Mentos:
zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel,
10. November 2020:

Yo alle hegel memes bei seite finde man kann ihn sehr wohl gut verstehen wenn man aufmerksam liest. Er drückt sich halt sehr autistisch präzise aus und seine sätze sind sehr verschlungen, aber eben der Vollständigkeit wegen.

10/10 würde lesen

So, und wer jetzt überhaupt schon mal einen Pieps von den Homerischen Hymnen gehört hat, einen von Kant versteht oder einen von Hegel – nein, nicht über Hegel – gelesen hat oder Ludwig Tieck kontrastiv zu E.T.A. Hoffmann setzen kann, darf anfangen zu lästern.

Mike Disko Photography, Miranda Mae, Greencup Books, Birmingham, Alabama, 2009

Bilder: Mike Disko Photography: Miranda Mae von und für Greencup Books,
Birmingham/Alabama (Geschäft erloschen), 2009.

Beispiel-Track: Leslie Caron in Ein Amerikaner in Paris, 1951:

Soundtrack: Feelsaitig: Napoleons Frühstücksei, aus: Des hältzt ja net aus!, 1987,
live bei Songs an einem Sommerabend vor Kloster Banz, 1993:

Written by Wolf

19. August 2022 at 00:01

Die Seligkeit, wo ich zusammenbrechen darf

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Update zu Was übrig blieb von grünem leben,
Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!,
Und wenn’s im Rücken mal weh tut, wird jede Bewegung zur Qual
und Morgenstern über Greifswald (und keiner schaut hin):

Das Reclambuch sah so überhaupt nicht aus wie ein Reclamheft: schwarz statt gelb, sogar mit Goldprägungen, und weil man das 1904 so gemacht hat, alles in Fraktur. Eigentlich hätte ich es photographieren sollen, aber bis mir das eingefallen ist, hatte ich es schon zum Kuckuck gehauen, nein: in gute Hände weitergereicht.

Das Antiquariat, in dem es zuletzt gewohnt hat, ist dermaßen aufgelöst, dass es seine schmuckschwarzen goldgeprägten Reclambücher und sonstiges angemodertes Altpapier ohne Ladenaufsicht zum Räubern freigegeben hat, und ich weiß nicht, was trauriger war: dass nicht die Bücherfreunde mit leuchtenden Augen kamen, sondern ein paar abgestellte Packer in Camouflage-Kluft mit Rucksäcken – oder dass die abwesenden Antiquare ihre Ladentür tagelang auffordernd geöffnet halten mussten, bis endlich ein nennenswerter Schwund einsetzte.

Zur Verbreitung besagten Reclambuchs berichtet Robert Wohlleben für das höchst schätzbare fulgura frango: Das Regiment Sassenbach (1897 bis 1903). Lyrik aus der literarischen Werkstatt um Arno Holz:

Zu ihrer Zeit sind die Gedichte des „Regiments Sassenbach“ durchaus vom literarischen Publikum wahrgenommen worden. Eine Reihe von Gedichten hat zum Beispiel Hans Benzmann in seine recht verbreitete Anthologie „Moderne Deutsche Lyrik“ aufgenommen; sie erschien bei Reclam, vermutlich 1904.

Aus dem schönen Stück zurückbehalten habe ich eins von Reinhard Piper, 1879 bis 1953, damals Buchhandelsgehilfe, später Verleger unter dem Pseudonym Ludwig Reinhard:

——— Reinhard Piper:

Aus „Meine Jugend“

aus: Meine Jugend I, Johann Sassenbach, Berlin 1899,
cit. nach Hans Benzmann, Hrsg.: Moderne Deutsche Lyrik, Philipp Reclam jun., Leipzig 1904, Seite 419:

Die Lampe will mir ausgehn.
Todmüde ziehe ich meine Taschenuhr:
Nach Mitternacht.
Plötzlich sehe ich den Sekundenzeiger rennen.
Entsetzen packt mich.
Halt! Halt!
Er tickert merin ganzes Leben herunter!
Unaufhaltsam verläuft meine Zeit ins Nichts.

*

Auf der glühenden Landstraße, die nach dem Himmel führt,
schleppe ich mich vorwärts.
Ich sehe kein Ende.
Schmächtige Pappeln stehen am Weg.
Ihre vertrockneten Blätter
beben.
Mit einem dünnen Schatten um den andern
komme ich der Seligkeit näher,
wo ich zusammenbrechen darf!

Zur Einordnung dieses Denkmals aus Im- wie Expressionismus und Postmoderne lernen wir weiter bei fulgura frango a. a. O.:

Plakat Neue Lyrik1898 und 1899 erschienen im Verlag von Johann Sassenbach, Berlin, unter anderem sieben Hefte mit Gedichten: „Neues Leben“ von Georg Stolzenberg in zwei Heften (1903 folgte ein drittes), „Farben“ von Robert Reß, „Meine Jugend I“ vom späteren Verleger Reinhard Piper unter dem Pseudonym Ludwig Reinhard, „Befreite Flügel“ von Rolf Wolfgang Martens, „Phantasus“, erstes und zweites Heft, von Arno Holz. Alle Gedichte darin sind ohne Reim und ohne festes Versmaß, ihre Zeilen sind auf Mittelachse angeordnet.

[…] Ab 1897 kam um Arno Holz eine Gruppe schreibender Freunde zusammen. Der Gesangslehrer Robert Reß (1871 bis 1935) sowie der Klavierlehrer und Komponist Georg Stolzenberg (1857 bis 1941) gehörten als Kern dazu. Ferner Rolf Wolfgang Martens (1868 bis 1928), den Reinhard Piper in seinen Erinnerungen einen „Beinahe-Millionär“ nannte. Der junge Buchhandelsgehilfe und spätere Verleger Reinhard Piper (1879 bis 1953) wurde hinzugezogen. Auch der Dichter Paul Ernst (1866–1933) gehörte zeitweise dazu.

Die Gruppe traf sich regelmäßig in der Dachkammer von Arno Holz. Sie war auf die Prinzipien der Holzschen Lyrikkonzeption eingeschworen. Für Arno Holz war sie seine „Schule“. Reinhard Piper nannte die Gruppe umgangssprachlich „Corona“.

Gruppenbild um 1900

Bilder: via Robert Wohlleben für fulgura frango: Das Regiment Sassenbach (1897 bis 1903). Lyrik aus der literarischen Werkstatt um Arno Holz:

Soundtrack: Lael Neale: Acquainted with Night, aus: Acquainted with Night, 2021.
Fall sich jemand wundert: Das auf dem ganzen Album allfällige Omnichord kennt unsereins noch aus Turaluraluralu aus der Bye Bye 1983 von Trio:

Written by Wolf

12. August 2022 at 00:01

Kirschwasser

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Update zu Ein Mann zwischen den Altern,
Denn „sieben, sieben“, flüstert es stets, und „sieben Wochen“ ihm in das Ohr
und Wo bleibt der Tröster?:

Eins der Bonmots, an die man sich gern vom arg vermissten Harry Rowohlt erinnert, streute er gern nach der ersten Flasche Whiskey ein, die er in seinen „Schausaufen mit Betonung“, die als Autorenlesungen angekündigt waren, verbrauchte: „Wir sind ja hier nicht bei Sarah Kirsch.“

Dergleichen Erlebnisse prägen. Sarah Kirsch hab ich daraufhin nie angefasst. Dann geriet ich in einer schlaflosen Radionacht auf einem unbekannt bleibenden Sender in eine Autorenlesung, die von einer ausgesprochen einnehmenden Frauenstimme bestritten wurde. Da las eine versierte Wortwerkerin aus ihren Gedichten und moderierte von einem zum anderen auf einladend muntere Weise, die jederzeit die nötige Selbstironie beibehielt; das Live-Publikum lachte gelegentlich nicht gerade schallend, aber stillvergnügt und von der Vorstellung ordentlich unterhalten. Man wäre gern dabei gewesen. Wie Sie erraten, war es dann laut Abmoderation Sarah Kirsch in der inhabergeführten Buchhandlung eines deutschen Mittelzentrums, wo eben Autorenlesungen so stattfinden.

Harry Rowohlt kriegt natürlich die Stadthallen und entschieden lauteres Gelächter, aber hey, von dem werden wir’s schon noch ein paarmal haben. Es gibt eine Zeit für Whiskey und eine Zeit für preisbewusstes Mineralwasser, auf das ich Frau Kirsch einschätze. Seit ich sie nächtens im Radio lesen gehört hab, wünsche ich mir von ihr den Seitenhieb „Wir sind ja hier nicht bei Harry Rowohlt“, und er würde nicht nach beleidigter Leberwurst klingen, sondern nach verschmitzter Anspielung für lesungsbewanderte Studienräte. Warum sollen die nicht ihre nerdige Gaudi haben?

Cover Sarah Kirsch, Hrsg., Annette von Droste-Hülshoff. Werke. Ausgewählt von Sarah Kirsch, KiWi 1998 Heute ist Harry Rowohlt so tot wie Sarah Kirsch, was um beide jammerschade ist. Aber von denen reden wir ja gar nicht, sondern von der Droste, die bei uns ja auch nicht oft genug vorkommen kann. Die immer noch weithin unterschätzte, weil auf ein paar ungeliebte Schullektüren reduzierte Freifrau wird von Frau Kirsch als direktes künstlerisches Vorbild genannt, von ihr stammt eine liebevoll kuratierte, gar nicht so schmale (bei KiWi 560 Seiten) Werkauswahl, an sie selbst ging 1997 der Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe.

Nun ist uns Insidern längst aufgefallen, dass die Droste sich in ihrer Lyrik gern in siebenzeiligen Strophen äußert, was so weit geht, dass sie ein ausgewachsenes Versepos in dieser Bauart konzipiert, angefangen, durchgezogen und abgeschlossen und dann nicht einmal veröffentlicht hat.

Sarah Kirschs früheste Hommage 1973 an das „Geschenk des Himmels“ der Drostin ist vielleicht, vielleicht auch nicht, absichtsvoll siebenzeilig gebaut. Anspielungen, die nicht gleich jeder Nächstbeste auf Anhieb verstehen muss, hätten Frau Kirsch also gelegen. „Das Wasser reichen“ und dann „Schnäpse in unsre Kehlen gießen“ – Harry Rowohlt hätte begeistert sein können. Wir sind halt hier nicht bei der Droste.

——— Sarah Kirsch:

Der Droste würde ich gern Wasser reichen

1973, aus: Zaubersprüche, 1974, Seite 42

Der Droste würde ich gern Wasser reichen
In alte Spiegel mit ihr sehen, Vögel
nennen, wir richten unsre Brillen
Auf Felder und Holunderbüsche, gehen
Glucksend übers Moor, der Kiebitz balzt
Ach, würd ich sagen, Ihr Lewin
Schnaubt nicht schon ein Pferd?

Die Locke etwas leichter – und wir laufen
Den Kiesweg, ich die Spätgeborne
Hätte mit Skandalen aufgewartet – am Spinett
Das kostbar in der Halle steht
Spielen wir vierhändig Reiterlieder oder
Das Verbotne von Villon
Der Mond geht auf – wir sind allein

Der Gärtner zeigt uns Angelwerfen
Bis Lewin in seiner Kutsche ankommt
Schenkt uns Zeitungsfahnen, Schnäpse
Gießen wir in unsre Kehlen, lesen
Beide lieben wir den Kühnen, seine Augen
Sind wir grüne Schattenteiche, wir verstehen
uns jetzt gründlich auf das Handwerk Fischen

Coole Droste, Coaching Blogger, Mit Skandalen aufzuwarten, 14. Juli 2021

Bilder: Cover Sarah Kirsch, Hrsg.: Annette von Droste-Hülshoff. Werke.
Ausgewählt von Sarah Kirsch, KiWi 1998, via Amazon.de;
Birgitt Elisabeth Morrien für Coaching Blogger: Mit Skandalen aufzuwarten, 14. Juli 2021.

Soundtrack: Stick and Poke: Poison, aus: Lost Kids, 2014:

Written by Wolf

5. August 2022 at 00:01

Blinde Finken (Vorsicht: Geschlossene Familie!)

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Update zu Das ihrer wartende Reich der Unschönheit. Nicht auf Hofburgen und in Zaubergärten,
Die junge Gräfin (erzählt neben einem Paar nachbarlichen Würsten)
und Ein ganz anderer Kerl als der Fuchs oder Wolf (so, gerade so bist du):

You will persist in thinking that my happiness depends on my sight.

Wilkie Collins, a. a. O., 1871 f.

Es ergeht Empfehlung für Wilkie Collins. Wie es den besten ergeht, ist der Mann recht obskur geworden; ohne die eine Übersetzung seitens Arno Schmidt wäre er fürs deutsche Literaturgeschehen eine Fußnote für Dickens-Experten. Da hülfe ihm nicht einmal, dass er als Erfinder des Mystery Thriller oder der Sensation novel gilt, je nachdem wen man fragt oder beide voneinander unterscheidet.

Illustration zu Wilkie Collins, Poor Miss Finch, 1872

Entfernter Verwandter, persönlicher Kumpel und dermaßen wesensnaher Kollege von Charles Dickens, dass sich einer vom anderen so tiefgreifend ins literarische Schaffen dreinreden ließ, bis sie die Anteile der Autorschaft selber nicht mehr auseinanderhalten konnten, siehe unter The Lazy Tour of Two Idle Apprentices et al. Und von Arno-Schmidt-Der-Alles-Weiß nicht allein hochgeschätzt, sondern auf eigenen Vorschlag hin übersetzt, jedenfalls Die Frau in Weiß 1965, und dann noch unter Der Titel aller Titel! Betrachtungen zu Wilkie Collins & seiner ‹Frau in Weiß› 1966 gewürdigt, das muss einer erst mal hinkriegen.

Lucilla erschien als Fortsetzungsroman Poor Miss Finch von Oktober 1871 bis März 1872 in Cassell’s Magazine. In historisch und obskur gewordenen Übersetzungen hieß der Roman unter anderem Die Blinde. Laut Klappentext der bis auf weiteres aktuellen Ausgabe bei Fischer, auch schon wieder von 1971, stufte ihn Richard Gerber im Hessischen Rundfunk einst als „Schmöker“ ein, „dessen Sätze wie ein dunkler, alter Portwein im Queen’s College in Cambridge nach einem angenehm fülligen Mahle wohltuend durch die Seele strömen.“

Leser, die gleich mir solcher Klappentextpoesie misstrauen, finden zur Bedeutung des „Schmökers“ (der für mich beiläufig gesagt eher nach Oxford denn nach Cambridge schmeckt) in den Wilkie Collins Information Pages von Andrew Gasson weit fundierter: Poor Miss Finch:

First English Edition 1872Poor Miss Finch was published in 1872 and dedicated to Mrs Elliot (Frances Dickinson). Collins returns to the theme of ‚bodily infirmity‘ with this story of a young girl’s temporary recovery of sight ‚exhibiting blindness as it really is.‘

The heroine, Lucilla, has been blind with cataracts from about the age of one. A significant part of the plot is taken up with the efforts of the eccentric but likeable German doctor, Herr Grosse, to restore her sight and his disagreement with the conservative English oculist, Mr Sebright. The operation, unfortunately, is only briefly successful, with Lucilla once again lapsing into blindness.

Collins’s account of her early attempts at seeing, however, represents his careful research and a remarkable awareness of visual psychology and perception. His descriptions of her disorientation, lack of spatial judgement, dislike of dark colours, and her continuing ability to recognise shape and form only by touch all bear a striking resemblance to a 20th century case history of recovery from blindness. This was documented by Richard Gregory and written in 1966, nearly 100 years later.

First American Edition 1872Initial elation is frustrated by the difficulties of experiencing the real world through sight without the aid of touch. Depression follows, ending in rejection of the newly acquired sense. More unlikely are the clinical premises for Lucilla’s infant cataracts. Most visual development in children occurs up to the age of five. If this is prevented, then vision is usually lost for ever and cannot be regained at a later age. This condition is called amblyopia (or lazy eye). In any event, after cataract surgery thick, high-powered spectacles are almost always necessary to replace the focusing ability of the eye’s natural lens. The extent to which Lucilla recovers lost vision after twenty years, without even the need for spectacles to write her journal is medically almost impossible.

The reading public, however, were convinced and Collins after several requests for the address of the German oculist, Herr Grosse, was obliged to add a note to the second edition that he had ’no (individual) living prototype‘ and was ‚a caricature instead of a character.‘ In order to create the hero’s ‚blue‘ appearance (dyschromia), horrifying to Lucilla after she regains her sight, Collins was forced to rely on a rare and already outmoded type of treatment for epilepsy.

Other details of the novel seem genuinely autobiographical. Collins stayed in Lewes during March 1870; little Jicks and Mrs Finch’s latest child were the same age as Collins’s daughters, Marian and Harriet Dawson.

Über die 450 Druckseiten, die das angeführte Fischer-Taschenbuch einnimmt, kann das sogar Spaß machen. Nehmen wir Collins‘ in Gewande seiner Ich-Erzählerin Mrs. Pratolungo, einer überzeugten französischen Revolutionärin, launige Charakterisierung ganzer Familien. „Finkenkäfig“ war wohl die immer noch holpernde, aber einzig sinnvolle Übersetzung für „finch cage“, das Gefängnis für eine Familie namens Finch:

Illustration zu Wilkie Collins, Poor Miss Finch, 1872

——— Wilkie Collins:

6. Der Finkenkäfig

aus: Lucilla, i. e. Poor Miss Finch, 1872,
übs. Eva Schönfeld, Henry Goverts Verlag, Stuttgart 1969,
cit. nach Fischer Taschenbuch Verlag 1971/1988, Seite 40 f.:

Nach meinen bisherigen Erfahrungen lassen sich große Familien in zwei Kategorien einteilen: Die eine brilliert in gegenseitiger Bewunderung und Ruhmredigkeit, die andere in gesundem Abscheu. Ich persönlich ziehe die zweite Kategorie vor. Ihre Streitigkeiten werden wenigstens in den meisten Fällen unter Ausschluß der Öffentlichkeit abgemacht, und die Beteiligten sind noch fähig (im Gegensatz zu den Mitgliedern der ersten Kategorie), zuweilen auch die Verdienste blutsfremder Personen anzuerkennen. Reines Sippenbewußtsein artet stets in unterträgliche Arroganz aus. Reden Sie mal inmitten einer solchen Idealfamilie von, sagen wir, Shakespeare, einem immerhin universellen Geist. Sofort wird Sie ein weibliches Familienmitglied darauf aufmerksam machen, daß Shakespeare gegen ‚Papa‘ ein trauriger Ingorant war. Oder Sie gehen mit einem männlichen Familienmitglied spazieren und sagen angesichts irgendeiner Passantin: ‚Was für eine entzückende Erscheinung!“‚ Ihr sippentreuer Begleiter wird Ihre törichte Begeisterung nur belächeln und Sie fragen, ob Sie schon einmal seine Schwester in großer Ballrobe gesehen haben. Kein Mitglied solcher Familien kann auch nur für einen Tag verreist sein, ohne seinen Lieben daheim lange Erlebnisberichte zu schreiben, die dann bei sämtlichen Bekannten mit dem Kommentar ‚Welcher Berufsschriftsteller könnte sich so ausdrücken?‘ herumgereicht werden. Auch in Ihrer Anwesenheit wird ausschließlich über Privatangelegenheiten geredet, denn natürlich setzt man bei Ihnen glühendes Interesse dafür voraus. Sie lachen sich halbtot über ihre Familienwitze und wundern sich über Ihre Humorlosigkeit, weil Sie nicht so recht mitlachen können. Schwestern und Brüder kosen unausgesetzt miteinander, und Ehemänner erkundigen sich liebevoll besorgt vor fremden Ohren nach den Verdauungs- und anderen Beschwerden ihrer Frauen, als befänden sie sich allein in ihrem ehelichen Schlafgemach. Ich hoffe, daß wir bei fortschreitender Zivilisation solche Leute von Staats wegen in Käfige setzen werden. An den Straßenecken werden dann Warnschilder stehen: ‚Vorsicht bei Nummer zwölf! Geschlossene Familie!‘

Ich erfuhr von Lucilla, daß die Familie Finch nicht zu dieser Kategorie gehörte. Ihre älteren Verwandten waren alle seit Jahren so zerstritten, daß sie nicht mehr miteinander sprachen und das Postministerium Ihrer Majestät nicht einmal mit Weihnachts- oder Geburtstagsglückwünschen behelligten.

Illustration zu Wilkie Collins, Poor Miss Finch, 1872

Bilder: Illustrationen und Covers 1872, via Andrew Gasson: Wilkie Collins Information Pages: Poor Miss Finch.

Soundtrack: June Tabor von der Oysterband mit Mark Emerson und Giles Lewin
auf dem WDR Folkfestival, Köln 1990:

  1. Bridget O’Malley,
  2. While Gamekeepers Lie Sleeping,
  3. Blind Step Away,
  4. Love Henry/The Cherokee Shuffle:

Written by Wolf

29. Juli 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Blumenstück 009: Hunde reden nicht so viel

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Update zu La feuille s’émeut comme l’aile dans les noirs taillis frémissants,
Wie Champagnerschaum das wilde Gelächter (deine Erdbeer- und Himbeerdüfte)
und Das Ungeheuer von Laster, das nicht einmal den Namen Feigheit verdient:

Un bon chien vaut mieux que deux kilos de rats.

Boris Vian.

——— Boris Vian:
9 février 1948,
dans: Cantilènes en gelée, 1949,
Poèmes inédits, 1970,
collection 10/18, page 97,
deutsch in eigener Übersetzung, ca. April 2022:

Bonjour, chien

J’avise un chien dans la rue
Je lui dis: comment vas-tu, chien ?
Croyez-vous qu’il me répondrait ?
Non ? Eh bien il me répond quand même
Et ça ne vous regarde pas
Alors quand on voit des gens
Qui passent sans même remarquer les chiens
On a honte pour leurs parents
Et pour les parents de leurs parents
Parce qu’une si mauvaise éducation
Ca demande au moins… et je ne suis pas généreux
Trois générations, avec une syphilis héréditaire
Mais j’ajoute pour ne vexer personne
Que bon nombre de chiens ne parlent pas souvent.

Grüß dich, Hund

Ich erblicke einen Hund auf der Straße
Ich sage zu ihm: Was geht, Hund?
Und du glaubst jetzt, der Hund gibt Antwort?
Nicht? Na klar gibt er mir eine Antwort
Aber keine die dich was angeht
Wenn wir also Leute treffen
Die einen Hund nicht einmal bemerken
Schämen wir uns für deren Eltern
Und die Eltern ihrer Eltern
Für eine dermaßen missratene Erziehung
Das erfordert zumindest … ohne Übertreibung
Drei Generationen erblicher Syphilis
Aber da muss man auch sagen um keinen zu vergrätzen
Die meisten Hunde reden nicht so viel.

Ирина Ожерельева, Irina Ozherelyeva, Boris Vian, Bonjiour chien, 20. April 2019

Image: Ирина Ожерельева: Boris Vian „Bonjour, chien“, 20. April 2019.

Hunde singen Blues: Pink Floyd: Seamus, aus: Meddle, 1971,
als Mademoiselle Nobs ohne Text, weil der zweibeinige Sänger den Mund voll hat,
in den Studios de Boulogne, Paris im Frühling 1972 für Live at Pompeii, 1972:

I was in the kitchen,
Seamus, that’s the dog, was outside.
Well, I was in the kitchen,
Seamus, my old hound, was outside.
Well, the sun sinks slowly
But my old hound just sat right down and cried.

Written by Wolf

22. Juli 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Novecento

Bitte, diesen Liebesakt mit jedem Atemzug, mit jedem Pulsschlag tausendmal wiederholen zu dürfen (Ich liebe diesen Liebesakt)

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Update zu Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten: denn Er ist nicht!,
Über den Kirchplatz mit Lancelot: Die namenlosen Religionen zu Coburg,
Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt
und Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden
(wenn wir bei deutscher Mundart bleiben)?
:

Jesus, Maria, ich liebe Euch,
rettet Priesterseelen, rettet Seelen
mit der großen Bitte, diesen Liebesakt
mit jedem Atemzug, mit jedem Pulsschlag
tausendmal wiederholen zu dürfen.

(Vicariat Rom, Imprimatur N. 26 v. 29.11.2013)

Das neue Gebet des Liebesaktes, a. a. O., 2013.

Das passiert einem nur in Altötting. Meiner verschwimmenden Erinnerung nach lag der Flyer am Schriftenstand der Basilika St. Anna oder der Bruder-Konrad-Kirche aus. Beides nicht die spektakulärsten der Altöttinger Sehenswürdigkeiten, die für die meisten die schwarze Madonna in der Gnadenkapelle und für meine verschrobenen Begriffe das Jerusalem-Panorama wären. Aber ohne die zahlreichen Nebenkirchen des beliebten Wallfahrtsortes abzuklappern hätte man gar nicht erfahren, dass erst allerjüngst verstorbene Mystikerin Frau Justine Klotz eine Blume im Garten des Herrn ist. Das tritt nicht etwa aus den Informationen, die der Flyer bietet, zutage, dazu muss man schon weitergoogeln. Aber den möcht ich sehen, der ein neues Gebet des Liebeskates nicht wenigstens versuchsweise durch die eine oder andere Suchmaschine scheucht. Hat sich das Vikariat Rom vom Bund der Hingabe wohl gedacht. Wer immer das ist, aber mit deren Erlaubnis möchte ich denen lieber nicht noch genauer hinterherforschen.

Leider war ich Ausgetretener nur einen halben Tag in Altötting zugegen, um mein 9-Euro-Ticket auszunutzen, und selbst da hab ich noch Neuötting mitgenommen (und von dort ein Tintenfass Nummer 21 aus dem öffentlichen Bücherschrank. Touristentipp: die drei Kilometer Autobahnzubringersteppe zwischen Alt- und Neuötting nicht ausgerechnet über den Parkplatz des Klinikums abkürzen, sonst finden Sie sich auf dem Pausenhof der Realschule wieder) und war im Russensupermarkt in der Bahnhofstraße einkaufen, weil da die Äpfel 99 Cent das Kilo gekostet haben. Eigentlich müsste ich also nochmal hin, aber das nächste Mal fahr ich vermutlich bis Burghausen durch, weil das die gleiche Zugverbindung ist.

Justine Klotz, Gott hab sie selig, die mir ein freundliches Großmütterchen scheint, hätte dazu wohl in ihrer Nachsicht gegenüber uns fehlbaren Menschen milde gelächelt. Hoffe ich.

——— Bund der Hingabe, Vikariat Rom:

Das neue Gebet des Liebesaktes

aus: Gott spricht zur Seele. Offenbarungen an Justine Klotz (1888–1984),
Heft 1: Der Liebesakt: Der sichere Weg zur Erneuerung,
Pro manuscripto, Alleanza di Donazione 2017
cit. nach Flyer: Das Gebet des Liebesaktes als Faltblatt A5, 2019, Auflage 29. November 2013:

Im Folgenden eine kleine Auswahl aus den Verheißungen Jesu an Justine Klotz (1888–1984) über das Gebet des Liebesaktes:

Flyer Das neue Gebet des Liebesaktes, 2019, 2013(Jesus): „Betet mit großem Vertrauen! Der Liebesakt ist ein Vertrauensakt in höchstem Ausmaß. Den Tag immer so anfangen und nicht anders aufhören! Das Wort „Tausend“ gebe Ich euch zum Geschenk. Es war noch nie so. Beachtet das! Es ist eine Liebesgabe Meiner Gottesseele. Es ist immer ein Weiheakt an Meine Liebe, soviel wie ein Festgottesdienst. Die Engel werden das „Heilig“ anstimmen und Meiner Liebe lobsingen, wie nie zuvor. Es sind oft höchste Engel dabei.

Ihr wisst gar nicht, was ihr da tut. Es ist ein Sold an Meine Liebe. Meine Liebe ist eine rettende Liebe, die Ich austeilen darf, unbegrenzt! Ihr seid von GOTT angeworben, was mit Liebe geschah, zu einem außerordentlichen Tun. Atmet mit dieser Liebe im Herzen und der Teufel hat keinen Zugang mehr. Du kannst Liebe einatmen und ausatmen. Bald wird die Bosheit zurückweichen. Es wird wieder licht in den Seelen, so wird es von Mir geschaut und vollzogen. Ich bin es selbst, der diesen Weg aufzeigt und zur Gnade führt.

Es ist an jede Seele ein Gnadengeschenk von großem Ausmaß: Der Sieg Meiner Mutter. Ich gab für sie den Liebesakt, so unbegrenzt, für jeden und immer. Die Mutter hat Scharen von Engeln, die sie aussendet, ihren Kindern im Kampf beizustehen. Keiner ist mit dem Liebesakt allein, es beten viele zugleich. Das sind Meine Turmwächter. Kein Priester wird ohne den Liebesakt sterben, der ihn verbreiten hilft und selber betet. Ein immer währendes Opfer. Schon wenn ihr daran denkt, kann Ich viele Seelen retten.

Lebe dein Leben in Liebe! – LIEBE für LIEBE! – Ich gebe sie dir brennend zurück. Noch ist die Zeit. – Ich habe das Tor der Liebe geöffnet, als Ich den Schlüssel dem Petrus übergab. – Und dies geschah im Geiste durch Meine Worte. Er regiert die ganze Kirche, so viel Macht haben Meine Worte. –

Illustration, Illumination Betet mit großem VertrauenNiemand hat solche Worte – und so viel Gnaden auszustreuen! Alles wird lebendig und voller Licht und Ich bin da und gegenwärtig, so dass Mich keiner sieht.

Mein ganzes Wirken war in der DEMUT verborgen.

Glaube jedes Wort, die ganze Liebe ist darin gefasst. Auf euch kommt es an, den Weg zu bereiten. – Es ist eine Siegesbotschaft vom Engel des Herrn. Dieser Liebesakt ersetzt alles, was heute versäumt wird. Es sind lauter Bausteine. – Es wird sein, wie ein warmer Südwind, der das Eis schmelzen lässt. Sie alle werden mit einbezogen in diesen Liebesakt. Darum soll man ihn verbreiten und verbreiten lassen, vorerst noch insgeheim. Es wird eine riesige Flamme werden. Ich verspreche es dir. Ihr wisst gar nicht, was ihr da tut. Diese Liebe wird der Atemzug jeder Seele sein. Viele Seelen kehren dadurch heim. Das ist ein ganz verborgenes Licht, vor dem Teufel abgeblendet, für immer, ohne dass er es ergründen kann. Viele Herzen werde Ich dafür neu erschließen, die schon erstarrt sind. Die Menschheit ist tief gesunken, nur Meine Barmherzigkeit kann sie noch retten. Darum gab Ich den Liebesakt. Wie werde Ich die Seelen beschenken! Es ist ein Aufruf zur Gnade. –

Ich liebe diesen Liebesakt. Ich habe ihm große Gnaden verliehen. Gnade bringt Liebe. – Es ist ein leuchtender Weg. Liebe ohne Maß! Soviel Macht gab Ich den Seelen mit diesem Liebesakt. Ihr wisst nie, was die Seele tut und tun kann.

Wir werden dem Teufel Herr werden bis in ungeahnte Tiefen.

Jeder kann dazu beitragen. Der Liebesakt ist schon der Anfang. Er ging von Meinem Herzen aus. Der Teufel kam, um die Welt zu vernichten. Die Macht der Seelen ist stärker. Darum schließt Euch an! Seid ihr nicht Tempel des Geistes vom Vater gewollt? So war die Mutter gekrönt, euch Hilfe zu bringen.

Kämpft mit den Waffen des Geistes! Ich umgürte die Lenden unaufhaltsam, dem Satan entgegen. Nehmt diesen Schutz an! Er kann Euch nicht genommen werden. Ich will Eure Lenden gürten, denn Gehorsam ist Liebe, die von Mir ausging, den Vater zu ehren.

Es wird sich immer wiederholen, bis das Tausend voll ist.

Nehmt die Lampe der Liebe, die Ich neu entzündet habe. Tragt sie dem Bruder entgegen. Wer liebt, rettet, wer rettet, liebt! Das sind die Zeiger dieser Uhr. Sie gehen rund um Mein Herz. Das sind Meine Herzschläge, so ist der Liebesakt an Mich angeschlossen. Das sind Meine eigenen Herzschläge und niemand kann diese Uhr zum Stehen bringen. Das Gegenteil ist der Fall: Sie finden Widerhall im Petersdom! Auch diese Uhr geht nicht zurück. Man wird ihn auf der ganzen Welt verbreiten. Die ganze Welt wird aufhorchen.

Jeder Liebesakt zündet, wie nie zuvor. Jeder wird Mich empfangen, bis alle eins geworden. – Würde ihn jede Seele nur einmal am Morgen und am Ende des Tages wieder nur einmal beten, wären die Tausend vollzählig angenommen, wie jeder Regentropfen in das Meer fällt und keiner wäre herauszufischen. Wer betet, liebt – wer liebt, betet!

So rücke Ich Meine Barmherzigkeit ans Licht. Ja noch mehr: Es ist wie eine Zündschnur, die an die Lichtleitung angeschlossen wird, die immer und immer überall dieselbe Wirkung erzeugt.

Ihr könnt ja die Liebe nicht fassen, darum nehmt den Liebesakt so für die ganze Welt an, die so erkaltet ist. Das ist die Sonne, das Licht gegen die Finsternis. Die Sünde kann sich nicht mehr ausbreiten, wo er gebetet wird. Ich gab ihn euch durch die Mutter als Geschenk, und zwar für jeden gleich groß. – Denkt an die Hochzeit zu Kana, Ich selbst bin der Bräutigam, durch das Wunder, das dort geschah.

Dieser Liebesakt soll eine Gemeinschaft bilden. Ich will euch diese Liebe zuteilen. Ich bin mitten unter euch – ein Liebender!

Ich will dem Teufel die Macht zerschlagen mit dem Liebesakt. Ich zeigte dir, wie der kleine David mit Kieselsteinen dem Kampf entgegenging und ihr habt den Liebesakt tausendfach vermehrt. Ich will euch den Wert zeigen. Seelen, Seelen! Ein Wehruf Meiner Liebe! Der Tod muss diesen Seelen weichen, weil Liebe nicht sterben kann. Das Kreuz ist zum Sieg geworden.“

Bilder: Das Gebet des Liebesaktes als Faltblatt A5, 2019;
Jesus, Maria, ich liebe Euch! Rettet Seelen. Messages from Heaven to the german Mystic Justine Klotz:
Der Liebesakt, der sichere Weg zur Erneuerung, o. J.

Mut zur Schnulze: Golden Shoulders: I Will Light You On Fire, aus: Friendship Is Deep, 2004:

Written by Wolf

15. Juli 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Postironismus

Vom Schnöseln und Bröseln (100 % Zitate von Frauen)

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Update zu Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal,
Wenn er vom Blocksberg kehrt und
Umgestülpte Teufel (und Kryptonit für Circe):

Die Freifrau Marie Ebner von Eschenbach, geborene Marie Dubský von Třebomyslice, wurde 85 Jahre alt. Das ist als erste und einzige Information über eine bedeutende und gar nicht mal so langweilige Schreiberin, die man, skandalös genug, hautsächlich für ihre Lösungssätze für Kreuzworträtsel kennt, in geradezu undankbarer Weise mager, aber für die Kontrafaktur von Stephan Katz und Max Goldt, vulgo Katz & Goldt, mehr als ausreichend.

——— Marie von Ebner-Eschenbach:
von Katz & Goldt 2020 zugeschrieben:

„Jungen Damen möchte tunlichst angeraten sein, nicht den Dorfschulzen gleich unter den Linden zu raufen.“

„Der Honigtau der Läuse nämlich, Todestau wohl auch genannt, die an den Linden saugen, verklebt nicht nur die Kutsche, sondern gleichsam das Haar.“

„Wir schnöseln und bröseln und scheiden und schwinden in buntesten Zeiten und verenden doch immer im am wenigsten Bunten, genaulich dem Weißen.“

100 % Zitate von Frauen. Zwar nur von einer, aber diese eine, die hatte es echt drauf, und das bereits im 19. Jahrhundert! Die wurde uralt und hat nur tolle Sachen gesagt! Das ganze lange Leben lang!

——— Katz & Goldt:

Vom Scheiden und Schwinden in buntesten Zeiten

2020:

Katz und Goldt, Vom Scheiden und Schwinden in buntesten Zeiten, 2020

Comic: Katz & Goldt: Vom Scheiden und Schwinden in buntesten Zeiten, 2020.

Topic Track: Inspirierende Zitate: Bis heute aktuelle Zitate von Marie von Ebner Eschenbach, 1. März 2022:

Soundtrack (zwar nur von einer, aber diese eine, die hat es echt drauf):
Jessie Williams: Devil of a Woman, aus: Trigger Happy Shedneckz, 2013:

Written by Wolf

1. Juli 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Realismus

Was singelt ihr und klingelt im Sonetto?

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Update zu so net,
Ich will mich wie mein Schwanz erheben,
Um meiner Mannheit Tiefgang auszuloten
und Und vierzehn Gräser formen ein Sonett:

Quiet Moments

Als das Sonett, der gebürtige Italiener, dem Gefühl nach trotz il sonetto eigentlich eine Italienerin, in der deutschsprachigen Literaturproduktion ankam, war es praktisch sofort ein beliebter Gegenstand seiner eigenen Persiflage. Wo man sich den Homer-Voß immer so versteinert ernst wie eine antike Statue vorstellt und ihm nicht einmal ganz und gar unheroische Idyllen zutraut, geschweige denn übermütige Priapismen oder Klanggedichte um der spaßhaften Form willen.

Die Wiedergabe der dreisätzigen Klingsonate in Wilhelm Wackernagel, Hrsg.: Deutsches Lesebuch. Zweyter Theil, Schweighauserische Buchhandlung, Basel 1836 scheint mir mit ihrer antiquierten Rechtschreibung die zuverlässigste, was uns leider kein gültiger Beweis sein darf — vor allem sie weil das Singeln und Klingeln aus dem Maestoso zu einem „Singen“ und Klingeln hyperkorrigiert. Als Satzfehler werte ich das, weil das Grimmsche Wörterbuch singeln mit der Belegstelle von Voß anführt.

Mein Einwand gegen die Komposition war, dass es ein poets‘ poem ist, weil Voß in der Meta-Form stecken bleibt, statt sich kurioser Gegenstände anzunehmen, die seiner durchaus raffinierten Gussform entsprechen. Wahrscheinlich mein Fehler: ist man doch schon zu sehr daran gewöhnt, auf Kinderkram mit absichtsvoll niederen Gegenständen zu stoßen, wie sie die meisten Großrecken der Hochliteratur zuzeiten ihren Enkelchen und Nachbarskindern gestiftet haben. Außerdem kann einen der letzte Reim der Trilogie mit ziemlich vielem versöhnen.

Und noch äußererdem war ich in Bildmaterial und Soundtrack frei, weil das Trall-Lall-Lied keinen Inhalt hat, an den man sich halten müsste, ja auch nur könnte. Da konnte man gleich was Lustiges nehmen: Mädchenduos.

Rumspacken Mannheim Girls

——— Johann Heinrich Voß:

Klingsonate

1808:

Grave.

     Mit
Prall-
Hall
Sprüht
     Süd-
Tral-
Lal-
Lied.
     Kling-
Klang
Singt;
     Sing-
Sang
Klingt.

Paul-Scheerbart-Vignette

Scherzando.

     Aus Moor-
Gewimmel
Und Schimmel
Hervor
     Dringt, Chor,
Dein Bimmel-
Getümmel
In’s Ohr.
     O hœre
Mein kleines
Sonett.
     Auf Ehre!
Klingt deines
So nett?

Paul-Scheerbart-Vignette

Maestoso.

     Was singelt ihr und klingelt im Sonetto,
Als hätt‘ im Flug‘ euch grade von Toskana
Geführt zur heimathlichen Tramontana,
Ein kindlich Englein, zart wie Amoretto?
     Auf, Klingler, hört von mir ein andres Detto!
Klangvoll entsteigt mir ächtem Sohn von Mana
Geläut der pomphaft hallenden Kampana,
Das summend wallt zum Elfenminuetto!
     Mein Haupt, des Siegers! krœnt mit Ros‘ und Lilie
Des Rhythmos und des Wohlklangs holde Charis,
Achtlos, o Kindlein, eures Larifari’s!
     Euch kühl‘ ein Kranz hellgrüner Petersilie!
Von schwülem Anhauch ward euch das Gemüth heiß,
Und fiebert, ach! in unheilbarem Südschweiß!

Rumspacken unbekannt

Bilder: Maria Memet: Quiet Moments, RektMag, 24. Okober 2016;
Mannheim Girls Hi Life: Funny and Cheeky Life, 10. Juli 2021
und einmal jegliche Credits vollständig unbekannt. Weiß jemand was?

Mädchenduett: The Secret Sisters: Tennessee Me, aus: The Secret Sisters, 2010::

Written by Wolf

24. Juni 2022 at 00:01

Neruda hungert im Ödland von Quitratúe

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Update zu Keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen,
Wie man sich eine Schrift besieht und
Weil er bei den Mahlzeiten so entsetzlich isset:

Mit Pablo Neruda bin ich leider nie richtig warm geworden, obwohl ihm in der Zeit meiner künstlerischen Bewusstwerdung eine wunderschöne dreibändige Augabe gewidmet war, die gesamte Lyrik in drei beeindruckend umfänglichen Bänden. Luchterhand 1984, sind seither selten und teuer geworden. Nerudas Mischung aus Liebesgetön und chilenischer Landespolitik mag dem Heranwachsenden etwas unzugänglich erscheinen, aber das ist nicht des schätzbaren Herrn Nerudas Schuld.

In letzter Zeit kursieren von seinen Gedichten gelegentliche Auswahlen von eher schmückender Funktion und Kenntnisse alternder Studienräte, die 1984 auf dem Nürnberger Bardentreffen immer zu den Ethno-Bands aus Nicaragua gegangen sind und sich die Luchterhand-Ausgabe leisten konnten. Dabei hat Neruda außer einigen nicht ganz ungenießbaren Gedichten eine nachvollziehbare poetologische Auffassung der Poésie impure, 1935 , übersetzt von Hans Magnus Enzensberger in: Text und Zeichen, Heft 1/1955:

Pablo Neruda, Cien sonetos de amor, Cover 1959[…] So soll die Dichtung aussehen, die wir suchen: verwüstet von der Mühe der Hände wie von einer Säure, vom Schweiß und von Rauch durchdrungen, eine Dichtung, die nach Urin und nach weißen Lilien riecht, eine Dichtung, in der eine jede Verrichtung des Menschen, erlaubt oder verborgen, ihre Spuren hinterlassen hat.

Eine Dichtung, unrein wie ein Anzug, wie ein Körper, von Speisen befleckt, eine Dichtung, die Handlungen der Scham und der Schande kennt, Träume, Beobachtungen, Runzeln, schlaflose Nächte, Ahnungen; Ausbrüche des Hasses und der Liebe; Tiere, Idyllen, Erschütterungen; Verneinungen, Ideologien, Behauptungen, Steuerbescheide.

Die geheiligte Vorschrift des Madrigals; die Gesetze des Tastens, Riechens, Schmeckens, Sehens und Hörens; das Verlangen nach Gerechtigkeit; das sexuelle Verlangen; das Geräusch des Meeres; ohne die Absicht, irgend etwas auszuschließen, ohne die Absicht, irgend etwas gutzuheißen; der Eintritt in die Tiefe der Dinge in einem Akt jäher Liebe, und das dichterische Produkt: von Tauben, von Fingerabdrücken besudelt, mit den Spuren von Zähnen und Eis übersät, möglicherweise angenagt von Schweiß und Gewohnheit, bis es die zarte Glätte eines rastlos geführten Werkzeugs, die überaus harte Sanftmut von abgenutztem Holz, von hochmütigem Eisen erreicht hat. Auch die Blume, den Weizen und das Wasser zeichnet diese Tastbarkeit, diese einzigartige Konsistenz aus. […]

Das ist selbst schon fast lyrisch; Neruda scheint seine Poetologie also zu vertreten und zu leben. Auf dem einen oder anderen Wege ist mir eins seiner Cien sonetos de amor, das ist: Hundert Sonette über die Liebe zugelaufen, nämlich die Nummer XI, das ist: 11, die er seiner nachmaligen dritten Ehefrau Matilde Urrutia schenkte. Auf dem Buchmarkt ist die Sammlung seit 1998 präsent als Hungrig bin ich, will deinen Mund, das ist: eine Auswahl von 68 aus den 100. Markus Müller formuliert es in Nerudas Ode an die Liebe. Große Lücke in der Übersetzung des Werkes des Nobelpreisträgers geschlossen in den Lateinamerika Nachrichten 284, Februar 1998 so:

Bis auf die Wahl des Titels „Hungrig bin ich, will deinen Mund“, der leider an Klaus Kinskis gar nicht erhabene Adaptation Villons „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ erinnert, ist dem Übersetzer und Herausgeber Fritz Rudolf Fries ein großartiger Wurf gelungen.

Die genannte Lücke bestand offenbar bis 1998, also lange nach der Luchterhand-Ausgabe. Dabei wird Sonett XVII in Patch Adams von Tom Shadyac 1998 an mehreren Stellen zitiert, unter anderem der ikonischen Beerdigungsszene; Sonett XII erscheint 2002 in einem Bollywood-Fetzen, dem ich lieber nicht näher nachspüren möchte, beim ersten Treffen in einer Bar und später noch einmal als gleich doppeltes Zitat; und Sonett XVII erscheint vollständig in der Folge The Naked Man von How I Met Your Mother, vierte Staffel 2008.

Mir selbst liegen weder der große dicke Luchterhand noch die Auswahlübersetzung von Rudolf Fries 1998 vor, und mit Verlaub, ohne Herrn Neruda oder seinen Verfechtern nahe zu treten, beabsichtige ich vorerst weder Geld noch Regalmeter an ihn zu wenden.

Deshalb war eine eigene Übersetzung fällig. Ich war so frei, die Metaphern mit „essen“ und „fressen“ zurückzufahren, weil sie in der Ballung unangemessen kannibalistisch wirken. Die formale Bindung besteht aus fünf Vershebungen mit jambischem Auftakt; reine Jamben oder schöner: Daktylen waren ohne inhaltliche Verluste nicht durchzuhalten. Das „Ödland“ aus einer bestehenden Version war zu schön, um es um meiner eigenen Originalität willen links liegen zu lassen, und „herumspüren“ ist das, was nicht gerade ein Puma, aber immerhin Mephisto angesichts Gretchens Zimmer tut.

Und nein, ich kann kein Spanisch. Aus den Vorlagen einer Google-Übersetzung auf Deutsch und Englisch und den Resten eines Latinums lässt sich heute viel machen, aber ich werde mich bereitwillig über Fehler und Stilblüten belehren lassen.

Silvia Sala, Bergamo, 17. Oktober 2013

——— Pablo Neruda:
aus: Cien sonetos de amor, 1959:

Soneto XI

Tengo hambre de tu boca, de tu voz, de tu pelo
y por las calles voy sin nutrirme, callado,
no me sostiene el pan, el alba me desquicia,
busco el sonido líquido de tus pies en el día.

Estoy hambriento de tu risa resbalada,
de tus manos color de furioso granero,
tengo hambre de la pálida piedra de tus uñas,
quiero comer tu piel como una intacta almendra.

Quiero comer el rayo quemado en tu hermosura,
la nariz soberana del arrogante rostro,
quiero comer la sombra fugaz de tus pestañas

y hambriento vengo y voy olfateando el crepúsculo
buscándote, buscando tu corazón caliente
como un puma en la soledad de Quitratúe.

Sonett XI

Mich hungert nach deinem Mund, deiner Stimme, deinen Haaren
und schweigend ohne Nahrung stromere ich umher.
Mich nährt kein Brot, das Morgenrot macht mich irr,
am Tag verfolge ich dein barfüßiges Tapsen.

Es hungert mich nach deinem anzüglichen Lachen,
nach deinen Händen, wildfarben wie ein Holzschober,
nach deinen Nägeln, bleich wie Kieselsteine,
nach deiner Haut, wie einer Mandel samt Schale.

Ich will die Sonne, strahlend aus deiner Schönheit,
die Nase, die dein stolzes Gesicht beherrscht,
den flüchtigen Schatten deiner Wimpern will ich,

und hungernd spüre ich im Zwielicht umher
und jage nach dir und deinem heißen Herzen
dem Puma gleich im Ödland von Quitratúe.

Silvia Sala, Bergamo, 3. Mai 2012

Haben die Haare schön: Cover Pablo Neruda: Cien sonetos de amor, 1959;
Silvia Sala, Bergamo, 17. Oktober 2013 und 3. Mai 2012,
aus: Self Portraits.

Soundtrack aus dem modernen Chile: Fother Muckers: A la primera, aus: No Soy Uno, 2007:

Written by Wolf

17. Juni 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Fruchtstück 0005: Opening a can of sardines can be an art

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Update for Katerladen and
Dornenstück 0003: Junge Mädchen mit Mündern wie Barrakudas und Körpern wie Zitronenbäume:

——— Charles Bukowski:

Style

c. 1972:

Style is the answer to everything.
A fresh way to approach a dull or a dangerous thing.
To do a dull thing with style is preferable to doing a dangerous thing without it.
To do a dangerous thing with style is what i call art.

Bullfighting can be an art,
Boxing can be an art,
Loving can be an art,
Opening a can of sardines can be an art.

Not many have style.
Not many can keep style.
I have seen dogs with more style than men,
although not many dogs have style.
Cats have it with abundance.

When Hemingway put his brains to the wall with a shotgun,
that was style.
Or sometimes people give you style
Joan of Arc had style,
John the Baptist,
Christ,
Socrates,
Caesar,
García Lorca.

I have met men in jail with style.
I have met more men in jail with style than men out of jail.
Style is the difference, a way of doing, a way of being done.
Six herons standing quietly in a pool of water,
or you, naked, walking out of the bathroom without seeing me.

Image: RapidHeartMovement: :behind the scenes:, November 7th, 2015,
via Ahmad Mahbouba, in: Charles Bukowski, Facebook, March 12th, 2022.

RapidHeartMovement, behind the scenes, November 7th, 2015

Written by Wolf

3. Juni 2022 at 00:01

Das Ungeheuer von Laster, das nicht einmal den Namen Feigheit verdient

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Update zu Weder Schuh und weder Strümpf (und einen Striffel um den Hals),
Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten,
Gefühl kann man zu Markt nicht bringen, doch Manuskripte jederzeit,
Адвент 1: Über Nacht bin ich tot
und Makkaroni, Melonen und Feigen, musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion:

Lady Schnaps, Suitcases & Goldfishes – Liézey, featuring Mélanie, Vogesen August 2013

Je mehr sie zerstören und plündern, je mehr man ihnen gibt und je mehr man ihnen dient, desto stärker und kraftvoller, alles zu zernichten und zu zerstören, werden sie; aber sobald man ihnen nichts mehr gibt, sobald man ihnen nicht mehr gehorcht, stehen sie, ohne dass es weiterer Gewalttätigkeit bedarf, nackt und kraftlos da und sind nichts mehr und dörren ab, gleich der Pflanze, welcher man die Feuchtigkeit und Nahrung entzogen hat.

Das schreibt Étienne de La Boétie 1548 über Tyrannen, was wir auf heutige Verhältnisse übersetzen dürfen: über jegliche übergeordnete Instanzen, die ein freies Subjekt regieren.

Als Grundaussage halten wir fest: Tyrannei, ja jede Form der Bevormundung wäre nicht möglich ohne jemanden, der sie zulässt, also eine gewisse Freiwilligkeit. Was von den falschen Händen zur Täter-Opfer-Umkehr, vulgo Victim blaming im Munde herumgedreht werden kann, ist als Grundkonstellation gut durchbegründet und hat, ob La Boétie recht hat oder nicht, schon als theoretische Möglichkeit etwas Befreiendes. Trotzig aufkeimend erreicht uns hier eine Auffassung, ohne die eine Französische Revolution nicht mögllich gewesen wäre.

Lady Schnaps, Suitcases & Goldfishes – Liézey, featuring Mélanie, Vogesen August 2013

Das alte Paradox: Wenn es jeder lesen würde, hätte es niemand schreiben müssen. Was ein vielleicht sechzehn-, vielleicht achtzehnjähriger Franzose ungefähr im Jahr 1548 auf seinem heißen Herzen hatte, muss man uns Heutigen wieder als „zeitlos“ und „hochaktuell geblieben“ andienen – aber so hat es sich ergeben: Jemand musste es sagen.

Insofern ist es wieder typisch, dass der Discours de la servitude volontaire, in deutschen Abhandlungen gern als die Abhandlung apostrophiert, Wikipedia-Artikel in elf Sprachen hat, nur keinen in der deutschen – und ich bin fürs erste auch zu faul, einen anzulegen. Beziehen wir uns also auf den quasi-originalen: Der Volltext jener Abhandlung ist leider noch auf dem Stand vom Mai 2017 mangelhaft durch Quellen oder externe Links belegt – und nie perfekt, aber oft brauchbar übersetzt von Google.

In seiner Vergangenheit ist es nicht mit Sicherheit nachzuverfolgen, kann aber gut sein, dass erst Michel de Montaigne in seinem Essai Buch 1, Nr. XXVIII De l’amitié, der sehr viel weiter verbreitet ist und nachdrücklicher auf Details durchforscht wird, die revolutionäre Schrift seines drei Jahre älteren, in der Rückschau kleiner gebliebenen, aber besten Freundes La Boétie für das Interesse der Nachwelt gerettet hat. Dafür spricht Montaignes anrührende Beschreibung eines verlorenen Alter ego, das man biographisch als niemand anders denn La Boétie einordnen kann. Vor die Welt die Abhandlung zuerst nur fragmentarisch in der noch weithin geläufigen Lingua franca Latein 1574, die erste deutsche Übersetzung entstand 1593.

Empfohlene Würdigungen und Fachliteratur kommen von

Die Übersetzung von Johann Benjamin Erhard als Ueber freiwillige Knechtschaft und Alleinherrschaft steht sogar noch in einem zweiten Scan online jedem, den es interessiert oder nicht, zur Verfügung. Allerdings ist das kein ernsthafter Ersatz für die wunderschöne, engagierte und wünschenswert mit allem möblierte Ausgabe Étienne de La Boétie: Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft, vollständige Ausgabe bei Limbus Preziosen, Nachwort Bernd Schuchter, 88 Seiten. Kleinformat, Limbus, Innsbruck 2019.

If you like it, buy it — nein: Si vous l’aimez, achetez-le. Es folgt eine gemeinfreie, vollständige deutsche Version:

Lady Schnaps, Suitcases & Goldfishes – Liézey, featuring Mélanie, Vogesen August 2013

——— Étienne de La Boétie:

Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen

ca. 1548, ca. 18-jährig,
Übs. Gustav Landauer, 1910:

Vorbemerkung des Übersetzers

Étienne de La Boëtie hat von 1530 bis 1563 gelebt; die vorliegende Schrift ist vor dem Jahr 1550 von ihm verfaßt worden, vor mehr als 360 Jahren also. Sie kursierte schon bei Lebzeiten des jungen Verfassers, der in seiner Verborgenheit blieb, in Abschriften; eine solche Abschrift kam in die Hände Michel Montaignes, der darum seine Bekanntschaft suchte und sein Freund wurde. Den revolutionären Republikanern, die in den nächsten Jahrzehnten in England, den Niederlanden und Frankreich gegen den Absolutismus kämpften und die man die Monarchomachen nennt, muß die Schrift wohl bekannt gewesen sein. Aus dem Kreise dieser französischen Revolutionäre des 16. Jahrhunderts heraus ist sie auch zuerst gedruckt worden – gegen Montaignes Willen, dessen widerspruchsvolle Äußerungen auf seine behutsame Vorsicht zurückzuführen sind. Diese Herausgeber gaben der Schrift den treffenden Namen „Le Contr’un“, der sich nicht ins Deutsche übersetzen läßt; den Sinn würde wiedergeben die Fremdwörterübersetzung: Der Anti-Monos, wobei unter Monos eben der Eine, der Monarch zu verstehen wäre, als dessen grundsätzlicher Gegner der Verfasser auftritt. Später ist die Abhandlung dann doch von den Herausgebern von Montaignes Essais anhangsweise dem Essai über die Freundschaft, der zu großem Teil Etienne de la Boëtie gewidmet ist, beigegeben, aber immer nur als eine Art literarisches Kuriosum betrachtet worden, bis in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Lameunais die politische Bedeutsamkeit der grundlegenden Schrift erkannte. Näheres über den Zusammenhang, in den diese einzige Erscheinung gehört, habe ich in meinem Buche „Die Revolution“ gesagt.

Gustav Landauer

Lady Schnaps, Suitcases & Goldfishes – Liézey, featuring Mélanie, Vogesen August 2013

Feigheit

i>“Mehrern Herren untertan sein, dieses find‘ ich schlimm gar sehr, Nur ein einziger sei Herrscher, einer König und nicht mehr“, so sagt Ulysses bei Homer vor versammeltem Volke. Hätte er nur gesagt: „Mehreren Herren untertan sein, dieses find‘ ich schlimm gar sehr“, so wäre das eine überaus treffliche Rede gewesen; aber anstatt daß er, wenn er mit Vernunft reden wollte, gesagt hätte, die Herrschaft von mehreren könnte nichts taugen, weil schon die Gewalt eines einzigen, sowie er sich als Herr gebärdet, hart und unvernünftig ist, fuhr er gerade umgekehrt fort:

„Nur ein einziger sei Herrscher, einer König und nicht mehr.“

Immerhin jedoch kann Ulysses entschuldigt werden; etwa mußte er diese Sprache führen und sie klüglich benutzen, um die Empörung des Kriegsvolks zu sänftigen; mich dünkt, er hat seine Rede mehr den Umständen als der Wahrheit angepaßt. Um aber in guter Wahrheit zu reden, so ist es ein gewaltiges Unglück, einem Herrn untertan zu sein, von dem man nie sicher sein kann, ob er gut ist, weil es immer in seiner Gewalt steht, schlecht zu sein, wenn ihn das Gelüste anwandelt; und gar mehrere Herren zu haben, ist gerade so, als ob man mehrfachen Grund hätte, gewaltig unglücklich zu sein. Gewißlich will ich zur Stunde nicht die Frage erörtern, die schon mehr als genug abgedroschen ist; ob nämlich die andern Arten der Republiken besser seien als die Monarchey. Wenn ich darauf kommen wollte, dann müsste ich, ehe ich ausforschte, welchen Rang die Monarchey unter den Republiken haben soll, erst ausmachen, ob sie überall einen haben darf, denn es ist schwerlich zu glauben, daß es in dieser Form der Regierung, wo alles Einem gehört, irgendwas von gemeinem Wesen gebe. Aber diese Frage bleibe einer andern Zeit überlassen und müßte wohl in einer sonderlichen Abhandlung geprüft werden wobei ich freilich fürchte, daß die politischen Streitigkeiten alle miteinander aufs Tapet kämen.

Für dieses Mal will ich nur untersuchen, ob es möglich sei und wie es sein könne, daß so viele Menschen, so viele Dörfer, so viele Städte, so viele Nationen sich manches Mal einen einzigen Tyrannen gefallen lassen, der weiter keine Gewalt hat, als die, welche man ihm gibt; der nur soviel Macht hat, ihnen zu schaden, wie sie aushalten wollen; der ihnen gar kein Übel antun könnte, wenn sie es nicht lieber dulden als sich ihm widersetzen möchten. Es ist sicher wunderbar und doch wieder so gewöhnlich, daß es einem mehr zum Leid als zum Staunen sein muß, wenn man Millionen über Millionen von Menschen als elende Knechte und mit dem Nacken unterm Joch gewahren muß, als welche dabei aber nicht durch eine größere Stärke bezwungen, sondern (scheint es) lediglich bezaubert und verhext sind von dem bloßen Namen des EINEN, dessen Gewalt sie nicht zu fürchten brauchen, da er ja eben allein ist, und dessen Eigenschaften sie nicht zu lieben brauchen, da er ja in ihrem Fall unmenschlich und grausam ist. Das ist die Schwäche bei uns Menschen: wir müssen oft der Stärke botmäßig sein; kommt Zeit, kommt Rat; man kann nicht immer der Stärkere sein. Wenn demnach eine Nation durch kriegerische Gewalt gezwungen ist, Einem zu dienen, wie die Stadt Athen den dreißig Tyrannen, dann darf man nicht darüber staunen, daß sie dient, sondern darf nur das Mißgeschick beklagen: oder man soll vielmehr nicht staunen und nicht klagen, sondern das Übel geduldig tragen und ein besseres Glück in der Zukunft erwarten.

Unsre Natur ist also beschaffen, daß die allgemeinen Pflichten der Freundschaft ein gut Teil unsres Lebens in Anspruch nehmen; das Gute, das man von Einem empfangen hat, dankbarlich zu erkennen und oft auf ein Teil seiner Bequemlichkeit zu verzichten, um die Ehre und den Gewinn dessen, den man liebt und der es verdient, zu erhöhen. Wenn demnach die Einwohner eines Landes eine große Persönlichkeit gefunden haben, einen Mann, der die Probe einer großen Voraussicht, um sie zu behüten, einer großen Kühnheit, um sie zu verteidigen, einer großen Sorgfalt, um sie zu leiten, bestanden hat; wenn sie um dessentwillen sich entschließen, ihm zu gehorsamen und ihm dergestalt zu vertrauen, daß sie ihm etliche Vorteile über sich einräumen, so weiß ich nicht, ob das klug wäre, insofern man ihn von da wegnimmt, wo er gut tat, und ihn an eine Stelle befördert, wo er schlimm tun kann: aber gewiß ist es der menschlichen Güte zu Gute zu halten, daß sie von einem solchen nichts Schlimmes fürchten mag, der ihr nur Gutes getan hat.

Aber mein Gott! was kann das sein? wie sagen wir, daß das heißt? was für ein Unglück ist das? oder was für ein Laster? oder vielmehr was für ein Unglückslaster? Daß man nämlich eine unendliche Zahl Menschen nicht gehorsam, sondern leibeigen sieht; nicht geleitet, sondern unterjocht; Menschen, die nicht Güter noch Eltern, noch Kinder, noch ihr eigenes Leben haben, das ihnen selber gehört! Daß sie die Räubereien, die Schindereien, die Grausamkeiten nicht einer Armee, nicht einer Barbarenhorde, gegen die man sein Blut und sein Leben kehrt, dulden, sondern eines einzigen Menschleins, das oft gar der feigste und weibischste Wicht in der ganzen Nation ist; eines Menschen, der nicht an den Pulverrauch der Schlachten, sondern kaum an den Sand der Turnierspiele gewöhnt ist; nicht eines solchen, der gewaltiglich Männer befehligen kann, sondern eines solchen, der ein jämmerlicher Knecht eines armseligen Weibchens ist! Werden wir das Feigheit nennen? Werden wir sagen, daß diese Knechte Tröpfe und Hasen sind? Wenn zwei, wenn drei, wenn vier sich eines Einzigen nicht erwehren, dann ist das seltsam, aber immerhin möglich; dann kann man schon und mit gutem Recht sagen, es fehle ihnen an Herzhaftigkeit; wenn jedoch hundert, wenn tausend unter einem Einzigen leiden, dann sagt man doch wohl, daß sie sich nicht selbst gehören wollen, nein, daß sie es nicht wagen; und das nennt man nicht mehr Feigheit, sondern Schmach und Schande. Wenn man aber sieht, wie nicht hundert, nicht tausend Menschen, sondern hundert Landschaften, tausend Städte, eine Million Menschen sich eines Einzigen nicht erwehren, der alle miteinander so behandelt, daß sie Leibeigene und Sklaven sind, wie könnten wir das nennen? Ist das Feigheit?

Lady Schnaps, Suitcases & Goldfishes – Liézey, featuring Mélanie, Vogesen August 2013

Von der Freiheit und Trägheit eines Volkes

Alle Laster haben ihre natürlichen Grenze, die sie nicht überschreiten können: zwei Menschen, vielleicht auch noch zehn, können Einen fürchten; aber wenn tausend, wenn eine Million, wenn tausend Städte mit Einem nicht fertig werden, dann ist das keines Weges Feigheit; soweit geht sie nicht; ebenso wenig wie sich die Tapferkeit so weit erstreckt, daß ein Einziger eine Festung stürmt, eine Armee angreift, ein Königreich erobert. Welches Ungeheuer von Laster ist das also, das nicht einmal den Namen Feigheit verdient? das keinen Namen findet, weil die Natur keinen so scheußlichen gemacht hat, weil die Zunge sich weigert, ihn auszusprechen?

Man stelle fünfzigtausend bewaffnete Männer auf eine Seite und ebenso viele auf die andere; man ordne sie zur Schlacht; sie sollen handgemein werden: die einen sollen freie Männer sein, die für ihre Freiheit kämpfen, die andern sollen ausziehen, um sie ihnen zu rauben: welchen von beiden wird vermutungsweise der Sieg in Aussicht zu stellen sein? Welche, meint man, werden tapferer in den Kampf gehen? Diejenigen, die zum Lohne für Ihre Mühen die Aufrechterhaltung ihrer Freiheit erhoffen, oder diejenigen, die für die Streiche, die sie versetzen oder empfangen, keinen andern Preis erwarten können, als die Knechtschaft der andern? Die einen haben immer das Glück ihres bisherigen Lebens, die Erwartung ähnlichen Wohlstands in der Zukunft vor Augen; es kommt ihnen nicht so sehr zu Sinn, was sie in der kurzen Spanne einer Schlacht durchzumachen, wie was sie, ihre Kinder und all ihre Nachkommenschaft für immer zu ertragen haben. Die andern haben zu ihrer Erkühnung nur ein kleines Quentchen Begehrlichkeit, das sich gegen die Gefahr verblendet, das aber nicht so gar glühend sein kann, vielmehr mit dem kleinsten Blutstropfen, der aus ihren Wunden fließt, erlöschen muß. Gedenke man nur an die hochberühmten Schlachten des Miltiades, Leonidas, Themistokles, die vor zweitausend Jahren geschlagen worden sind und noch heute so frisch im Gedächtnis der Bücher und Menschen leben, als hätten sie ehegestern in Griechenland zum Heil des griechischen Volkes und der ganzen Welt Exempel sich zugetragen; was, glaubt man wohl, gab einer so kleinen Schar wie den Griechen nicht die Gewalt, sondern den Mut, dem Ansturm so vieler Schiffe, daß das Angesicht des Meeres von ihnen verändert wurde, standzuhalten; so viele Nationen zu überwinden, die in so gewaltigen Massen angerückt waren, daß das Häuflein Griechen den feindlichen Armeen noch nicht einmal die Hauptleute hätte stellen können? Was anders, als daß es uns dünkt, in jenen glorreichen Tagen sei gar nicht die Schlacht der Griechen gegen die Perser geschlagen worden, sondern der Sieg der Selbständigkeit über die Tyrannei und der Freiheit über die Willkür!

Seltsam genug, von der Tapferkeit zu vernehmen, welche die Freiheit ins Herz derjenigen trägt, die zu ihrem Schutze erstehen; aber was alle Tage in allen Ländern von allen Menschen getan wird, daß ein einziger Kerl hunderttausend Städte notzüchtigt und ihnen die Freiheit raubt, – wer möchte es glauben, wenn er nur davon reden hörte und es nicht vor Augen sähe? Und wenn es nur bei fremden Völkern und in entfernten Ländern zu sehen wäre und man davon erzählte, wer möchte nicht sagen, eine so unwahrscheinliche Geschichte müßte erdichtet und erfunden sein? Noch dazu steht es so, daß man diesen einzigen Tyrannen nicht zu bekämpfen braucht; man braucht sich nicht gegen ihn zur Wehr zu setzen; er schlägt sich selbst. Das Volk darf nur nicht in die Knechtschaft willigen; man braucht ihm nichts zu nehmen, man darf ihm nur nichts geben; es tut nicht not, daß das Volk sich damit quäle, etwas für sich zu tun; es darf sich nur nicht damit quälen, etwas gegen sich zu tun. Die Völker lassen sich also selber hunzen und schuriegeln, oder vielmehr, sie lassen es nicht, sie tun es, denn wenn sie aufhörten, Knechtsdienste zu leisten, wären sie frei und ledig; das Volk gibt sich selbst in den Dienst und schneidet sich selber die Gurgel ab; es hat die Wahl, untertan oder frei zu sein und läßt seine Freiheit und nimmt das Joch; es fügt sich in sein Elend und jagt ihm gar nach. Wenn es das Volk etwas kostete, seine Freiheit wieder zu erlangen, würde es sich nicht beeilen, obwohl es nichts Köstlicheres geben kann, als sich wieder in den Stand seines natürlichen Rechtes zu setzen und sozusagen aus einem Tier wieder ein Mensch zu werden; aber ich gebe nicht einmal zu, daß es die Sicherheit des Lebens und die Bequemlichkeit ist, die es der Freiheit vorzieht. Wie! Wenn man, um die Freiheit zu haben, sie nur wünschen muß; wenn weiter nichts dazu not tut, als einfach der Wille, sollte sich wirklich eine Nation auf der Welt finden, der sie zu teuer ist, wenn man sie mit dem bloßen Wunsche erlangen kann? Eine Nation, der es leid täte, zu wollen, was um den Preis des Blutes nicht zu teuer erkauft wäre? Nach dessen Verlust alle Menschen, die auf Ehre halten, das Leben widerwärtig und den Tod eine Erlösung nennen müssten? Gewisslich, ganz ebenso, wie das Feuer eines Fünkleins groß wird und immer mehr zunimmt und, je mehr es Holz findet, um so gieriger entbrennt; und wie es, ohne daß man Wasser herzuträgt, um es zu löschen, wenn man bloß kein Holz mehr daran legt und es nichts mehr zu lecken hat, sich in sich selbst verzehrt und formlos wird und kein Feuer mehr ist: also werden die Tyrannen, je mehr sie rauben, je mehr sie heischen, je mehr sie wüsten und wildern, je mehr man ihnen gibt, je mehr man ihnen dient, um so stärker und kecker zum Vernichten und alles Verderben; und wenn man ihnen nichts mehr gibt, wenn man ihnen nicht mehr gehorcht, stehen sie ohne Kampf und ohne Schlag nackt und entblößt da und sind nichts mehr; wie eine Wurzel, die keine Feuchtigkeit und Nahrung mehr findet, ein dürres und totes Stück Holz wird.

Wenn die Kühnen das Gut erlangen wollen, nach dem ihnen der Sinn steht, fürchten sie keine Gefahr; die Vorsichtigen scheuen die Mühe nicht; die Feigen und Trägen können weder dem Übel standhalten noch das Gute erobern; sie begnügen sich damit, es zu wünschen; die Tugend aber, die Hand danach zu recken, enthält ihre Feigheit ihnen vor; nur der Wunsch, es zu haben, wohnt in ihnen von Natur. Dieser Wunsch, dieser Wille, ist den Weisen und den Toren, den Mutigen wie den Feigen gemein; sie wünschen alle Dinge, in deren Besitz sie glücklich und zufrieden sein möchten; ein einziges ist zu nennen, von dem ich nicht weiß, wie die Natur den Menschen den Wunsch darnach versagt haben kann: das ist die Freiheit, die doch ein so großes und köstliches Gut ist, daß, wenn sie verloren ist, alle Übel angerückt kommen und selbst die guten Dinge, die noch geblieben sind, ihren Duft und ihre Würze verlieren, weil die Knechtschaft sie verderbt hat: die Freiheit allein begehren die Menschen nicht, aus keinem andern Grunde, dünkt mich, als weil sie, wenn sie ihrer begehrten, die Freiheit hätten; wie wenn sie nur darum verschmähten, diese schöne Beute zu machen, weil sie zu leicht ist.

Lady Schnaps, Suitcases & Goldfishes – Liézey, featuring Mélanie, Vogesen August 2013

Über die Natur des Menschen

O ihr armen, elenden Menschen, ihr unsinnigen Völker, ihr Nationen, die auf euer Unglück versessen und für euer Heil mit Blindheit geschlagen seid, ihr laßt euch das schönste Stück eures Einkommens wegholen, eure Felder plündern, eure Häuser berauben und den ehrwürdigen Hausrat eurer Väter stehlen! Ihr lebet dergestalt, daß ihr getrost sagen könnt, es gehöre euch nichts; ein großes Glück bedünkt es euch jetzt, wenn ihr eure Güter, eure Familie, euer Leben zur Hälfte euer Eigen nennt; und all dieser Schaden, dieser Jammer, diese Verwüstung geschieht euch nicht von den Feinden, sondern wahrlich von dem Feinde und demselbigen, den ihr so groß machet, wie er ist, für den ihr so tapfer in den Krieg ziehet, für dessen Größe ihr euch nicht weigert, eure Leiber dem Tod hinzuhalten. Der Mensch, welcher euch bändigt und überwältiget, hat nur zwei Augen, hat nur zwei Hände, hat nur einen Leib und hat nichts anderes an sich als der geringste Mann aus der ungezählten Masse eurer Städte; alles, was er vor euch allen voraus hat, ist der Vorteil, den ihr ihm gönnet, damit er euch verderbe. Woher nimmt er so viele Augen, euch zu bewachen, wenn ihr sie ihm nicht leiht? Wieso hat er so viele Hände, euch zu schlagen, wenn er sie nicht von euch bekommt? Die Füße, mit denen er eure Städte niedertritt, woher hat er sie, wenn es nicht eure sind? Wie hat er irgend Gewalt über euch, wenn nicht durch euch selber? Wie möchte er sich unterstehen, euch zu placken, wenn er nicht mit euch im Bunde stünde? Was könnte er euch tun, wenn ihr nicht die Hehler des Spitzbuben wäret, der euch ausraubt, die Spießgesellen des Mörders, der euch tötet, und Verräter an euch selbst? Ihr säet eure Früchte, auf daß er sie verwüste; ihr stattet eure Häuser aus und füllet die Scheunen, damit er etliches zu stehlen finde; ihr zieht eure Töchter groß, damit er der Wollust fröhnen könne; ihr nähret eure Kinder, damit er sie, so viel er nur kann, in den Krieg führe, auf die Schlachtbank führe; damit er sie zu Gesellen seiner Begehrlichkeit, zu Vollstreckern seiner Rachbegierden mache; ihr rackert euch zu Schanden, damit er sich in seinen Wonnen räkeln und in seinen gemeinen und schmutzigen Genüssen wälzen könne; ihr schwächet euch, um ihn stärker und straff zu machen, daß er euch kurz im Zügel halte: und von so viel Schmach, daß sogar das Vieh sie entweder nicht spürte, oder aber nicht ertrüge, könnt ihr euch frei machen, wenn ihr es wagt, nicht euch zu befreien, sondern nur es zu wollen. Seid entschlossen, keine Knechte mehr zu sein, und ihr seid frei. Ich will nicht, daß ihr ihn verjaget oder vom Throne werfet; aber stützt ihn nur nicht; und ihr sollt sehen, daß er, wie ein riesiger Koloß, dem man die Unterlage nimmt, in seiner eigenen Schwere zusammenbricht und in Stücke geht.

Aber freilich, die Ärzte raten gut, wenn sie warnen, man solle die Hand nicht in unheilbare Wunden legen; und es ist nicht weise von mir, das Volk in diesem Stück tadeln zu wollen, das schon seit langem nichts mehr von der Freiheit weiß und dessen Krankheit sich gerade dadurch als tödlich erweist, daß es sein Übel nicht mehr spürt. Suchen wir also, wenn es irgend zu ermachen ist, herauszubekommen, wie sich dieser hartnäckige Wille zur Botmäßigkeit so eingewurzelt hat, daß es jetzt scheint, als ob sogar die Freiheitsliebe nicht so natürlich wäre.

Zum ersten steht es, dünkt mich, außer Zweifel, daß wir, wenn wir nach den Rechten, welche die Natur uns verliehen hat, und nach ihren Lehren lebten, in natürlicher Art gehorsam den Eltern, untertan der Vernunft und niemand zu eigen wären. Des Gehorsams, den jedweder, ohne weitern Zuruf als seiner Natur, zu Vater und Mutter in sich findet, sind alle Menschen sich inne, jeder in sich und für sich. Ob die Vernunft uns eingeboren ist oder nicht, worüber die Akademiker geteilter Meinung sind und was jede philosophische Schule für sich entscheiden muß, davon, meine ich, genügt es zur Stunde, soviel zu sagen: es gibt in unserer Seele irgendwie eine natürliche Ansaat von Vernunft, die, wenn sie durch guten Rat und Sitte gehegt wird, zur Tugend erblüht, gegenteils aber, wenn sie sich oft gegen die aufschießenden Laster nicht halten kann, erstickt, verkümmert und eingeht. Aber gewißlich, wenn irgend etwas klar und natürlich einleuchtend ist, und wogegen niemand blind sein darf, ist das: die Natur, die Gehülfin Gottes und die Lenkerin der Menschen, hat uns alle in derselben Form und sozusagen nach dem nämlichen Modell gemacht, damit wir uns einander als Genossen oder vielmehr als Brüder erkennen sollten; und wenn sie bei der Austeilung der Geschenke, die sie uns gespendet hat, die einen am Körper oder am Geist mehr bevorzugt hat wie die andern, so war es doch nicht ihre Meinung, uns in diese Welt wie in ein Kriegslager zu setzen und sie hat nicht die Stärkeren und Gewitzteren auf die Erde geschickt, damit sie wie bewaffnete Räuber im Wald, über die Schwächeren herfallen sollten; vielmehr muß man glauben, daß sie, wenn sie dergestalt den einen die größern und den andern die kleinem Gaben schenkte, der brüderlichen Liebe Raum schaffen wollte, damit sie habe, wo sie sich betätigen könne: die einen haben die Macht, Hilfe zu leisten, und die andern die Not, sie zu empfangen.

Da nun also diese gute Mutter uns alle aus dem nämlichen Teige geknetet hat, damit jeglicher Mensch sich in dem andern spiegeln und einer im andern sich gleichsam selber erkennen kann; wenn sie uns allen zur gemeinsamen Gabe die Stimme und die Sprache gegeben hat, um uns noch traulicher zueinander zu bringen und zu verbrüdern und durch den Umgang und den gegenseitigen Austausch der Gedanken eine Gemeinschaft unseres Willens zu schaffen; und wenn sie mit allen Mitteln versucht hat, den Knoten unseres Bundes und unserer Gesellschaft zu Stücken gezeigt hat, daß sie uns alle nicht sowohl vereinigt als ganz eins hat machen wollen: dann gibt es keinen Zweifel, daß wir alle Genossen sind und es darf keinem zu Sinn steigen, die Natur habe irgend einen in Knechtschaft gegeben.

Lady Schnaps, Suitcases & Goldfishes – Liézey, featuring Mélanie, Vogesen August 2013

Drei Arten von Tyrannen

In Wahrheit ist es ganz nichtig, darüber zu streiten, ob die Freiheit natürlich ist, da man keinen in Knechtschaft halten kann, ohne ihm Unrecht zu tun, und da nichts in der Welt der Natur (die völlig vernünftig ist) so entgegen ist wie die Unbill. So bleibt zu sagen, daß die Freiheit natürlich ist, und in derselben Art, nach meiner Meinung, daß wir nicht nur im Besitz unserer Freiheit, sondern auch mit dem Trieb, sie zu verteidigen, geboren werden. Wenn wir nun daran zweifeln können und wenn wir so entartet sind, daß wir unsere Eigenschaften und unsere ursprünglichen Triebe nicht zu erkennen scheinen, dann tut es not, daß ich euch die Ehre erweise, die euch zukommt, und die wilden Tiere sozusagen aufs Katheder stelle, damit sie euch eure Natur und Verfassung lehren. Denn bei Gott, wenn die Menschen nicht gar zu taub sind, rufen ihnen die Tiere zu: Es lebe die Freiheit! Etliche unter ihnen sterben, wenn sie in Gefangenschaft geraten: wie der Fisch, der das Leben aufgibt, wenn er aus dem Wasser kommt so schwinden sie dahin und wollen ihre natürliche Freiheit nicht überleben. Ich meine, wenn es bei den Tieren Rangstufen und Vorrechte gäbe, dann wäre die Freiheit ihr Adel. Die andern, von den größten bis zu den kleinsten, setzen ihrer Gefangennahme mit Krallen, Hörnern, Füßen und Schnäbeln so heftigen Widerstand entgegen, daß darin genugsam zum Ausdruck kommt, wie wert ihnen das ist, was sie verlieren; wenn sie dann gefangen sind, geben sie uns so lebhafte Zeichen von ihrer Kenntnis ihres Unglücks, daß sie von Stund an mehr hinschmachten als leben, und daß sie ihr Dasein mehr fortsetzen, um ihr verlorenes Glück zu beklagen, als nun sich in der Knechtschaft wohlzufühlen.

Da also alles, was Empfindung hat, unter der Unterjochung leidet und der Freiheit nachgeht; da die Tiere, wenn sie schon vom Menschen vergiftet und an die Knechtschaft gewöhnt sein könnten, sich doch noch dagegen auflehnen und ihren Widerwillen kundgeben: was für ein Unglück hat den Menschen so unnatürlich machen können, daß er, der wahrhaftig nur zur Freiheit geboren ist, die Erinnerung an sein erstes Wesen und das Verlangen, wieder zu ihm zu kommen, verloren hat?

Es gibt drei Arten Tyrannen (ich meine die schlechten Fürsten): die einen haben die königliche Gewalt kraft der Wahl des Volkes; die andern durch die Gewalt ihrer Waffen; die dritten auf Grund der Erbfolge ihres Geschlechtes. Diejenigen, so das Königtum vermöge des Kriegsrechts erworben haben, führen sich derart darin auf, daß man wohl merkt, daß sie, wie man sagt, in erobertem Lande hausen. Die, so als Könige zur Welt kommen, sind gemeiniglich nicht viel besser; sie sind mit dem Blut der Tyrannei geboren und aufgewachsen, sie saugen mit der Muttermilch die Tyrannenart ein und springen mit den Völkern, die unter ihnen stehen, wie mit ihren vererbten Leibeigenen um; und je nach ihrem Charakter, ob sie nun habgierig oder verschwenderisch sind, tun sie mit dem Königreich wie mit ihrem Erbe. Derjenige, dem das Volk das Königreich anvertraut hat, sollte, dünkt mich, erträglicher sein; und er wäre es auch, glaube ich, wenn nicht von dem Augenblick an, wo er sich über die andern so hoch erhoben weiß, die Eitelkeit über ihn käme, daß er so groß dasteht; und nun beschließt er von dem Orte nicht mehr zu wanken; die Macht, die das Volk ihm geliehen hat, will er nun seinen Kindern vererben. Sowie die Tyrannen dieser Sorte nun so weit gekommen sind, ist es erstaunlich, wie sie in Lastern aller Art, selbst in der Grausamkeit über die andern hinausgehen; sie sehen kein anderes Mittel, um die neue Tyrannei zu sichern, als die Knechtschaft zu verstärken und die Untertanen der Freiheit, wenn auch die Erinnerung an sie noch frisch ist, so sehr zu entfremden, daß sie ihnen selbige rauben können. Um also die Wahrheit zu sagen, so gibt es zwischen ihnen allerdings einen gewissen Unterschied, aber Vorzug kann ich keinen erkennen, und so verschieden die Mittel sind, durch die sie zur Herrschaft kommen, so ist doch die Manier der Herrschaft immer recht ähnlich: die Erwählten regieren, wie wenn sie Stiere gefangen hätten und sie zähmen wollten; die Eroberer verfahren mit den Untertanen wie mit Ihrer Beute; und die Erbfürsten wie mit ihren natürlichen Sklaven.

Aber gesetzt den Fall, es kämen heute etliche Völker ganz neu zur Welt, die nicht an die Untertänigkeit gewöhnt und auch nicht auf Freiheit erpicht wären, und sie sollten von der einen wie der andern nichts wissen und kaum die Namen gehört haben: wenn man denen die Wahl ließe, entweder untertan oder frei zu sein, wofür würden sie sich entscheiden? jeder sieht ein, daß sie lieber der Vernunft gehorchen als einem Menschen dienstbar sein wollten; es müßten denn nur die Völker Israels sein, die sich ohne Zwang und ohne irgend eine Not einen Tyrannen gemacht haben: die Geschichte welchen Volkes ich nie lesen kann, ohne so großen Abscheu zu haben, daß ich bis zur Unmenschlichkeit gehe und mich über die vielen Leiden freue, die ihnen daraus zugestoßen sind. Aber sonst muß es für alle Menschen gewiß, wenn sie nur einigermaßen Menschen sind, ehe sie sich unterjochen lassen, eines von zweien geben: entweder sie werden gezwungen oder betrogen. Gezwungen von fremder Waffengewalt, wie Sparta und Athen durch die Streitkräfte Alexanders, oder von den Parteien, so wie die Landesherrlichkeit von Athen ehbevor in die Hände des Pisistratus gekommen war. Durch Betrug verlieren sie oft die Freiheit, und dabei werden sie nicht so oft von andern überlistet wie von sich selber getäuscht: so wie das Volk von Syrakus, der Hauptstadt von Sizilien, die heute Saragossa heißt, als es im Kriege bedrängt war, nur an die Gefahr dachte und Dionys zu seinem Obersten machte und ihm die Führung des Heeres übertrug; es achtete nicht darauf, daß es ihn so groß gemacht hatte, daß dieser Verschmitzte, als er als Sieger heimkehrte, sich, wie wenn er nicht die Feinde, sondern seine Mitbürger besiegt hätte, aus dem Kriegshauptmann zum König und aus dem König zum Tyrannen machte.

Es ist nicht zu glauben, wie das Volk, sowie es unterworfen ist, sofort in eine solche und so tiefe Vergessenheit der Freiheit verfällt, daß es ihm nicht möglich ist, sich zu erheben, um sie wieder zu bekommen. Es ist so frisch und so freudig im Dienste, daß man, wenn man es sieht, meinen könnte, es hätte nicht seine Freiheit, sondern sein Joch verloren. Im Anfang steht man freilich unter dem Zwang und ist von Gewalt besiegt; aber die, welche später kommen und die Freiheit nie gesehen haben und sie nicht kennen, dienen ohne Bedauern und tun gern, was ihre Vorgänger gezwungen getan hatten. Das ist es, daß die Menschen unter dem Joche geboren werden; sie wachsen in der Knechtschaft auf, sie sehen nichts anderes vor sich, begnügen sich, so weiter zu leben, wie sie zur Welt gekommen sind und lassen es sich nicht in den Sinn kommen, sie könnten ein anderes Recht oder ein anderes Gut haben, als das sie vorgefunden haben; so halten sie den Zustand ihrer Geburt für den der Natur. Und doch gibt es keinen so verschwenderischen und nachlässigen Erben, daß er nicht manchmal in sein Inventarverzeichnis blickte, um sich zu überzeugen, ob er alle Rechte seines Erbes genieße oder ob man ihm oder einem Vorgänger etwas entzogen habe. Aber gewiß hat die Gewohnheit, die in allen Dingen große Macht über uns hat, nirgends solche Gewalt wie darin, daß sie uns lehrt, Knechte zu sein und (wie man sich erzählt, daß Mithridates sich daran gewöhnte, Gift zu trinken) uns beibringt, das Gift der Sklaverei zu schlucken und nicht mehr bitter zu finden.

Lady Schnaps, Suitcases & Goldfishes – Liézey, featuring Mélanie, Vogesen August 2013

Über die Ursachen freiwilliger Knechtschaft

Wie dem Menschen alle Dinge natürlich sind, von denen er sich nährt und an die er sich gewöhnt, während ihm nur das eingeboren ist, wozu seine einfache und noch nicht veränderte Natur ihn beruft, so ist die erste Ursache der freiwilligen Knechtschaft die Gewohnheit. Sie sagen, sie seien immer untertan gewesen, ihre Väter hätten geradeso gelebt; sie meinen, sie seien verpflichtet, sich den Zaum anlegen zu lassen, und gründen selbst den Besitz derer, die ihre Tyrannen sind, auf die Länge der Zeit, die verstrichen ist; aber in Wahrheit geben die Jahre nie ein Recht, Übel zu tun, sondern sie vergrößern das Unrecht. Es bleiben immer ein paar, die von Natur aus besser Geborene sind: die spüren den Druck des Joches und müssen den Versuch machen, es abzuschütteln. Die gewöhnen sich nie an die Unterdrückung; wie Ulysses, der auf langen Reisen zu Wasser und zu Land sich nach der Heimat und seinem Herde sehnte, vergessen sie nie ihre natürlichen Rechte und gedenken immer der Vorfahren und ihres ursprünglichen Wesens: das sind freilich die, die einen guten Verstand und einen hellen Geist haben und sich nicht wie die große Masse mit dem Anblick dessen begnügen, was ihnen zu Füßen liegt; die nach vorwärts und rückwärts schauen, die Dinge der Vergangenheit herbeiholen, um die kommenden zu beurteilen und die gegenwärtigen an ihnen zu messen; das sind die, welche von Haus aus einen wohlgeschaffenen Kopf haben und ihn noch durch Studium und Wissenschaft verbessert haben; diese würden die Freiheit, wenn sie völlig verloren und ganz aus der Welt wäre, in ihrer Phantasie wieder schaffen und sie im Geiste empfinden und ihren Duft schlürfen; die Knechtschaft schmeckt ihnen nie, so fein man sie auch servieren mag.

Der Sultan hat das wohl gemerkt, daß die Bücher und die Ausbildung den Menschen mehr als sonst irgend etwas den Sinn geben, zum Bewußtsein zu kommen und die Knechtschaft zu hassen, und darum gibt es in seinem Lande nicht mehr Gelehrte, als er zuläßt. Nun bleibt gewöhnlich der Eifer und die Begeisterung derer, die der Zeit zum Trotz die Hingebung an die Freiheit bewahrt haben, so groß auch ihre Zahl sein mag, ohne Wirkung, weil sie sich untereinander nicht kennen: die Freiheit zu handeln und zu reden, ja sogar zu denken, ist ihnen unter dem Tyrannen ganz geraubt; sie bleiben in ihren Phantasien ganz vereinzelt: und Momus hatte nicht Unrecht, als er an dem Menschen, den Vulkan gemacht hatte, das zu tadeln fand, daß er ihm nicht ein Fensterchen vor dem Herzen angebracht hatte, damit man seine Gedanken sehen konnte.

Und doch, wer Geschehnisse der Vergangenheit und die alten Geschichtsbücher durchgeht, wird finden, daß die, welche ihr Vaterland in schlechter Verfassung und in schlimmen Händen sahen und es unternahmen, es zu befreien, fast immer ans Ziel gelangt sind, und daß die Freiheit sich selbst zum Durchbruch verhilft: Harmodius, Aristogiton, Thrybul. Brutus der Ältere, Valerius und Dion waren in der Ausführung ebenso glücklich, wie ihr Denken das rechte war: in diesem Fall fehlt dem guten Willen fast nie das Glück. Brutus der jüngere und Cassius waren in der Befreiung vom Joch sehr glücklich; aber als sie eben die Freiheit zurückbrachten, starben sie, nicht kläglich, denn was für ein Tadel läge darin, wenn man sagte, wie man sagen muß, daß an diesen Männern weder im Tod noch im Leben etwas zu tadeln war? Aber sie starben zum großen Schaden und ewigen Unglück und völligen Untergang der Republik, die wirklich, dünkt mich, mit ihnen ins Grab gelegt worden ist. Die andern Unternehmungen gegen die späteren römischen Kaiser waren nur Verschwörungen von Ehrgeizigen, die wegen des Mißgeschicks, das sie traf, nicht zu beklagen sind: sie wollten den Tyrannen verjagen und es bei der Tyrannei lassen. Denen wünschte ich gar nicht, daß ihr Unternehmen geglückt wäre; es ist mir ganz recht, daß sie mit ihrem Beispiel gezeigt haben, daß der heilige Name der Freiheit nicht zu Unternehmungen der Bosheit mißbraucht werden darf.

Aber um auf meinen Faden zurückzukommen, den ich fast verloren hätte: der erste Grund, warum die Menschen freiwillig Knechte sind, ist der, daß sie als Knechte geboren werden und so aufwachsen. Aus diesem folgt ein zweiter: daß nämlich die Menschen unter den Tyrannen leicht feige und weibisch werden. Mit der Freiheit geht wie mit einem Mal die Tapferkeit verloren. Geknechtete haben im Kampf keine Frische und keine Schärfe: sie gehen wie Gefesselte und Starre und, als ob’s nicht Ernst wäre, in die Gefahr; in ihren Adern kocht nicht die Glut der Freiheit, die die Gefahr verachten läßt und die Lust hervorbringt, durch einen schönen Tod inmitten der Genossen die Ehre des Ruhms zu erkaufen. Die Freien wetteifern untereinander, jeder kämpft fürs Gemeinwohl und jeder für sich, alle wissen, daß die Niederlage oder aber der Sieg ihre eigene Sache sein wird, während die Geknechteten außer dem kriegerischen Mut auch noch in allen andern Stücken die Lebendigkeit verlieren und ein niedriges und weichliches Herz haben und zu allen großen Dingen unfähig sind. Die Tyrannen wissen das wohl, und tun ihr Bestes, wenn die Völker erst einmal so weit gekommen sind, sie noch schlaffer zu machen.

Die Theater, die Spiele, die Volksbelustigungen und Aufführungen aller Art, die Gladiatoren, die exotischen Tiere, die Medaillen, Bilder und anderer Kram der Art, das waren für die antiken Völker der Köder der Knechtschaft, der Preis für ihre Freiheit, das Handwerkszeug der Tyrannei. Dieses Mittel, diese Praktik, diesen Köder hatten die antiken Tyrannen, um ihre antiken Untertanen unters Joch der Tyrannei zu schläfern. So gewöhnten sich die Völker in ihrer Torheit, an die sie selbst erst gewöhnt waren, an diesen Zeitvertreib, und vergnügten sich mit eitlem Spielzeug, das man ihnen vor die Augen hielt, damit sie ihre Knechtschaft nicht merkten. Die römischen Tyrannen verfielen noch auf etwas weiteres: sie sorgten für öffentliche Schmäuse, damit die Kanaille sich an die Gefräßigkeit gewöhnte: sie rechneten ganz richtig, daß von solcher Gesellschaft keiner seinen Suppentopf lassen würde, um die Freiheit der platonischen Republik wiederherzustellen. Die Tyrannen ließen Korn, Wein und Geld verteilen: und wie konnte man da „Es lebe der König!“ zum Ekel schreien hören! Den Tölpeln fiel es nicht ein, daß sie nur einen Teil ihres Eigentums wiederbekamen und daß auch das, was sie wiederbekamen, der Tyrann ihnen nicht hätte geben können, wenn er es nicht vorher ihnen selber weggenommen hätte. Da hatte einer heute sich auf der Straße nach dem ausgeworfenen Geld gebückt, oder ein anderer hatte sich beim öffentlichen Mahle vollgefressen, und am Tag darauf wurde er gezwungen, sein Hab und Gut der Habgier, seine Kinder der Ausschweifung, sein Blut der Grausamkeit dieser prächtigen Kaiser auszuliefern: da war er stumm wie ein Stein und wagte kein Wort zu sagen und war reglos wie ein Klotz. So ist die Volksmasse immer gewesen: beim Vergnügen, das sie in Ehren nicht bekommen dürfte, ist sie ganz aufgelöst und hingegeben: und beim Unrecht und der Qual, die sie in Ehren nicht dulden dürfte, ist sie unempfindlich.

Lady Schnaps, Suitcases & Goldfishes – Liézey, featuring Mélanie, Vogesen August 2013

Wurzeln der Herrschaft

Ich komme nun zu einem andern Schwindel, den die antiken Völker für bare Münze nahmen. Sie glaubten steif und fest, daß der große Zeh an dem einen Fuße des Pyrrhus, Königs von Epirus, Wunder tun könnte und die Krankheiten der Milz heilte: sie schmückten sogar das Märchen noch weiter aus und erzählten, diese Zehe hätte sich, nachdem der ganze Leichnam verbrannt worden wäre, unversehrt in der Asche gefunden und hätte dem Feuer widerstanden. Immer hat sich so das Volk selbst die Lügen gemacht, die es später geglaubt hat. Als Vespasjan von Assyrien heimkehrte und auf dem Wege nach Rom durch Alexandrien kam, tat er Wunder (siehe Sueton, Das Leben Vespasians, Kapitel 7):

die Lahmen machte er gehend und die Blinden sehend und eine Menge andere schöne Dinge, bei denen der, der den Schwindel nicht merken konnte, blinder war, als die, die er heilte. Selbst die Tyrannen fanden es seltsam, daß die Menschen sich von Einem beherrschen ließen, der ihnen übles tat: sie wollten sich darum die Religion zur Leibgarde machen und borgten, wenn es irgendwie ging, eine Portion Göttlichkeit, um ihrem verruchten Leben eine Stütze zu geben.

Bei uns zu Lande wurden auch so ähnliche Sächelchen gesät: weiße Lilien und heilige Salbgefäße und göttliche Oriflammen und derlei Fähnchen. Wie dem aber auch sei, ich will durchaus keinen Unglauben daran verbreiten, denn wir und unsre Vorfahren haben keine Gelegenheit gehabt, nicht daran zu glauben: wir haben ja immer Könige gehabt, die im Frieden so gut und im Kriege so tapfer waren, daß es, wenn sie schon als Könige geboren wurden, doch scheint, daß sie nicht wie die andern von der Natur dazu gemacht worden sind, sondern schon vor ihrer Geburt vom allmächtigen Gott zur Regierung und zum Schutz dieses Reiches erkoren wurden! Aber auch wenn es nicht so wäre, möchte ich es doch unterlassen, hier mich in einen Streit über die Wahrheit unsrer Geschichten einzulassen … Ich wäre wahrlich toll, wenn ich unsre Überlieferungen leugnen und mich so auf das Gebiet begeben wollte, das unsern Dichtern vorbehalten ist. Aber, um den Faden da wieder aufzunehmen, wo ich ihn, ich weiß nicht, wie’s kam, fallen ließ: ist es nicht allezeit so gewesen, daß die Tyrannen, um sich zu sichern, versucht haben, das Volk nicht nur an Gehorsam und Knechtschaft, sondern geradezu an eine Art religiöse Anbetung ihrer Person zu gewöhnen?

Ich will jetzt von einem Punkt sprechen, der das Geheimnis und die Erklärung der Herrschaft, die Stütze und Grundlage der Tyrannei ist. Wer vermeint, die Hellebarden der Wachen oder die Büchsen der Posten beschütze die Tyrannen, der ist nach meinem Urteil sehr im Irrtum: sie bedienen sich ihrer, glaube ich, mehr zur Form und als Vogelscheuche, als daß sie Vertrauen in sie setzten. Diese Wachen hindern die Ungeschickten, die wehrlos sind, aber nicht Wohlbewaffnete, die zu einem Unternehmen gerüstet sind. Man erinnere sich nur der römischen Kaiser: deren gibt es nicht so viele, die durch die Hilfe ihrer Wachen einer Gefahr entronnen sind, wie solche, die von ihren Wachen umgebracht worden sind. Nicht die Reitertruppen, nicht die Kompagnien der Fußsoldaten, nicht die Waffen schützen den Tyrannen; sondern, man wird es nicht gleich glauben wollen, aber es ist doch wahr, viere oder fünfe sind es jeweilen, die den Tyrannen schützen; viere oder fünfe, die ihm das Land in Knechtschaft halten. Immer ist es so gewesen, daß fünfe oder sechse das Ohr des Tyrannen gehabt und sich ihm genähert haben oder von ihm berufen worden sind, um die Gesellen seiner Grausamkeiten, die Genossen seiner Vergnügungen, die Zuhälter seiner Lüste und die Teilhaber seiner Räubereien zu sein. Diese sechse richten ihren Hauptmann so fein her, daß er für die Gesellschaft nicht bloß den Urheber seiner eigenen Schändlichkeiten, sondern auch der ihrigen vorstellt. Diese sechse haben sechshundert, die unter ihnen schmarotzen, und diese sechshundert verhalten sich zu ihnen, wie diese sechs sich zum Tyrannen verhalten. Diese sechshundert halten sich sechstausend, denen sie einen Rang gegeben haben, die durch sie entweder die Verwaltung von Provinzen oder von Geldern erhalten, damit sie ihrer Habgier und Grausamkeit hilfreiche Hand leisten und sie zur geeigneten Zeit zur Ausführung bringen und überdies so viel Böses tun, daß sie nur unter ihrem Schutz sich halten und unter ihrem Beistand den Gesetzen und der Strafe entgehen können. Davon kommt viel her. Und wer sich das Vergnügen machen will, dem Sack auf den Grund zu gehen, der wird merken, daß sich an diesem Strick nicht die sechstausend, sondern die hunderttausend und Millionen dem Tyrannen zur Verfügung stellen, der sich dieses Seiles bedient wie Jupiter beim Homer, der sich rühmt, wenn er an der Kette zieht, alle Götter zu sich herziehen zu können. Kurz, man bringt es durch die Günstlingswirtschaft, durch die Gewinne und Beutezüge, die man mit dem Tyrannen teilt, dahin, daß es fast ebenso viel Leute gibt, denen die Tyrannei nützt, wie solche, denen die Freiheit eine Lust wäre. Sowie ein König sich als Tyrann festgesetzt hat, sammelt sich aller Unrat und aller Abschaum des Reiches um ihn: ich spreche nicht von kleinen Gaunern und Galgenstricken, die in einem Gemeinwesen nicht viel Gutes oder Böses anstellen können, sondern von denen, die von brennender Ehrsucht und starker Gier befallen sind: sie stützen den Tyrannen, um an der Beute Teil zu haben, und unter dem Haupttyrannen sich selber zu kleinen Tyrannen zu machen. So verfahren auch die großen Diebe und berüchtigten Seeräuber: die einen kundschaften die Gelegenheit aus, die andern überfallen die Reisenden; die einen liegen im Hinterhalt, die andern führen sie hinein; die einen morden und die andern plündern; und dazu gibt es unter ihnen noch Rangunterschiede, die einen sind nur Bediente, und die andern die Führer der Bande, obzwar am Ende alle an der Beute oder wenigstens an der Nachlese Teil haben wollen.

So unterjocht der Tyrann die Untertanen, die einen durch die andern, und wird von eben denjenigen gehütet, vor denen er, wenn sie Männer wären, auf seiner Hut sein müßte. Er schnitzt, wie das Sprichwort sagt, den Keil aus demselben Holze, das er spalten will: das sind seine Wachen, seine Trabanten, seine Jäger. Sie leiden freilich manchmal unter ihm: aber diese Verlorenen, diese von Gott und den Menschen Verlassenen, lassen sich das Unrecht gefallen, und geben es nicht dem zurück, der es ihnen antut, nein, sie geben es an die weiter, die darunter leiden wie sie und sich nicht helfen können.

Manchmal, wenn ich diese Leute betrachte, die untertänig vor der Tür des Tyrannen stehen, um die lieben Diener seiner Tyrannei und der Knechtung des Volkes zu sein, dann staune ich über ihre Schlechtigkeit und habe Mitleid mit ihrer großen Torheit. Denn wahrlich, was bringt ihnen ihre Nähe beim Tyrannen anderes ein, als daß sie sich noch weiter von ihrer Freiheit entfernen und die Sklaverei sozusagen mit beiden Händen packen und an sich reißen? Möchten sie doch ihren Ehrgeiz ein wenig ablegen und einen Augenblick lang von ihrer Gier lassen; möchten sie sich umsehen und sich erkennen: dann werden sie klar sehen, daß die Ackerknechte, die Bauern, die sie nach Kräften mit Füssen treten und schlimmer behandeln als Sträflinge oder Sklaven, trotzdem, so schlimm sie daran sind, im Vergleich zu ihnen glücklich und einigermassen frei zu nennen sind. Der Landmann und der Handwerker, so sehr sie auch geknechtet sind, haben doch nur zu tun, was man ihnen sagt und sind dann ledig; aber der Tyrann hat die, die um ihn sind und um seine Gunst betteln und scharwenzeln, immer vor Augen; sie müssen nicht nur tun, was er will, sie müssen denken, was er will, und müssen oft, um ihn zufrieden zu stellen, sogar seinen Gedanken zuvorkommen. Es genügt nicht, daß sie ihm gehorsam sind; sie müssen ihm gefällig sein; sie müssen sich in seinen Diensten zerreißen und plagen und kaputt machen; sie müssen in seinen Vergnügen vergnügt sein, immer ihren Geschmack für seinen aufgeben, müssen ihrem Temperament Zwang antun und ihre Natur verleugnen, sie müssen auf seine Worte, seine Stimme, seine Winke, seine Augen achten; Augen, Füße, Hände, alles muß auf der Lauer liegen, um seine Launen zu erforschen und seine Gedanken zu erraten. Heißt das glücklich leben? Heißt das leben? Gibt es auf der Welt etwas Unerträglicheres als das, ich sage nicht, für einen Menschen höherer Art, nur für einen mit gesundem Verstand, oder noch weniger, für einen, der Menschenantlitz trägt? Welche Lage ist kläglicher als diese; in nichts sich selbst zu gehören, von einem andern seine Wohlfahrt, seine Freiheit, Leib und Leben zu nehmen?

Aber sie wollen dienen, um Reichtum zu erwerben, wie wenn sie damit etwas erlangen könnten, was ihnen gehört, da sie freilich von sich selbst nicht sagen können, daß sie sich selbst gehören; und, wie wenn einer unter einem Tyrannen etwas Eigenes haben könnte, wollen sie erreichen, daß ihnen der Reichtum zu eigen sei, und sie denken nicht daran, daß sie es sind, die ihm die Macht geben, allen alles zu nehmen.

Der Tyrann wird nie geliebt und kann nie lieben. Freundschaft ist ein heiliger Name, ist eine heilige Sache; Freundschaft knüpft sich nur unter Guten, gründet sich nur auf gegenseitige Achtung; sie entsteht und erhält sich nicht durch eine Wohltat oder irgend eine rechte Tat, sondern durch das rechte Leben. Ein Freund ist des andern gewiß, weil er seine Reinheit kennt; die Bürgen, die er dafür hat, sind seine gute Natur, seine Zuverlässigkeit und seine Treue. Wo Grausamkeit ist, wo Unehrlichkeit ist, wo Ungerechtigkeit ist, da kann nicht Freundschaft sein. Wenn sich die Bösen versammeln, sind sie nicht Genossen, sondern Helfershelfer; sie sind nicht traulich beisammen, sondern ängstlich; sie sind nicht Freunde, sie sind Mitschuldige.

Sehen wir nun, was den Dienern des Tyrannen ihr elendes Leben für einen Lohn einbringt. Das Volk klagt für seine Leiden weniger den Tyrannen an, als die, die ihn lenken: die Völker, die Nationen, alle Welt, bis zu den Bauern und Tagelöhnern, alle kennen ihre Namen, alle wissen ihre Laster auswendig, häufen tausend Flüche auf sie; all ihre Gebete und Wünsche erheben sich gegen sie; jedes Unglück, jede Pest, jede Hungersnot wird ihnen zur Last gelegt; auch wenn sie ihnen manchmal äußerlich Ehren erweisen, verfluchen sie sie im Herzen und verabscheuen sie mehr als wilde Tiere. Sehet da den Ruhm, sehet die Ehre, die ihnen ihre Dienste einbringen; wenn ein jeglicher im Volke ein Stück aus ihren Leibern hätte, wären sie, glaube ich, noch nicht befriedigt und in ihrer Rache gesättigt; aber auch, wenn sie gestorben sind, gibt die Nachwelt ihnen noch keine Ruhe: der Name dieser Volksfresser wird von tausend Federn geschwärzt und ihr Ruhm in tausend Büchern zerrissen und bis auf die Knochen werden sie sozusagen von der Nachwelt gepeinigt, die sie auch nach dem Tode noch für ihr schlechtes Leben bestraft.

Lernen wir also, lernen wir, das Rechte zu tun: heben wir die Augen zum Himmel, um unserer Ehre willen oder aus Liebe zur ewig gleichen Tugend, blicken wir zu Gott dem Allmächtigen auf, dem immerwährenden Zeugen all unserer Taten und dem gerechten Richter unserer Verfehlungen. Ich meinerseits glaube und irre mich nicht, da unserem Gott, der immer sanft und mild ist, nichts so zuwider ist als die Tyrannei, daß er für die Tyrannen und ihre Mitschuldigen dorten noch eine besondere Strafe in Bereitschaft hält.

Lady Schnaps, Suitcases & Goldfishes – Liézey, featuring Mélanie, Vogesen August 2013

Bilder: Lady Schnaps: Suitcases & Goldfishes – Liézey, featuring Mélanie, August 2013, Vogesen:

Ôh Vosges tant aimées. Fin d’été 2013. L’idée trottait déjà depuis un moment de travailler avec des poissons rouges & des valises. Journée rêvée pour s’essayer à tout cela. Nous voilà donc parties, coffre rempli, vers les Hautes Vosges. Certains reconnaitront peut être cette petite utopie de foret, déjà prise comme décor à mes débuts.

Soundtrack: Caleb Klauder Country Band: C’est Le Moment, live August 2013:

Written by Wolf

27. Mai 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Renaissance

Als der Bund Spargel einmal tausend Francs kostete

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Update zu Auf der Suche nach den aufgegebenen Blogs,
So eine Art Käse-Cocktail oder Mehl-Flip
und Goethes Kindergartenfutter:

Zu meiner gutbürgerlichen Ausbildung gehörte noch: Spargel gibt’s bis Fronleichnam, danach allenfalls Schwarzwurzeln aus dem Glas. Zur Ausbildung von Marcel Proust und dem Bildungsblogger Silvae gehörten derlei Bauernregeln bestimmt nicht, dafür bringt uns letzterer in seinem Artikel über Spargel vom 12. Juni 2013 auf allerlei künstlerische Darstellungen des Königsgemüses.

Nach Jahrzehnten des Spargelgebrauchs war mir gar nicht bewusst, dass man beim Pinkeln nach dem Zeug riechen soll – ohne mich in hässliche spekulative Details zu verlieren. Nach dem Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache bedeutet das das griechische ἀσπάραγος einfach einen jungen Keim, das spätlateinische asparagus den fetten Keim einer Pflanze, ehe sich die Blätter entwickeln. Allerdings heißt aspergere auch soviel wie bespritzen oder beschmutzen, was der phallischen Symbolik des Spargels entgegenkäme, ohne die kein Bericht über Spargel auskommt, der über Kochrezepte hinausgeht, und die selbst mir bewusst war. Dagegen wird das Asperges me, Domine in der lateinisch-katholischen Messe zum priesterlichen Besprenkeln der Gemeinde mit Weihwasser gesungen, also einem Ritual der Reinigung zum Nachlass der Sünden, und ist dort nicht mit Spargel, sondern Ysop assoziiert. Der galoppierenden Volksetymolgie muss vor allem im Französischen, wo Spargel bis heute l’asperge heißt, Tür und Tor geöffnet sein.

——— Marcel Proust:

Du côté de chez Swann

éditions Bernard Grasset, Paris 1913, übs. Eva Rechel-Mertens 1953 ff.:

Zu der Stunde, da ich hinunterging, um mich nach dem Küchenzettel zu erkundigen, war das Abendessen schon in der Zubereitung begriffen, und Françoise, den hilfreichen Kräften der Natur gebietend wie in den Märchenspielen, in denen Riesen sich als Köche verdingen, klopfte die Kohle klein, brachte Kartoffeln zum Weichwerden in den Dampf und ließ auf dem Feuer kulinarische Meisterwerke gar werden, die zuvor in irdenen Gefäßen, von großen Bottichen, Schüsseln, Kesseln und Fischbassins bis zu Terrinen für die Wildpastete, Kuchenformen und kleinen Rahmschüsselchen, vorbereitet wurden, wozu noch eine vollständige Sammlung von Kochtöpfen aller Größen kam. Ich blieb an einem Tisch stehen, an welchem das Küchenmädchen grüne Erbsen enthülst und dann in abgezählten Häufchen aufgereiht hatte wie kleine grüne Kugeln für ein Spiel; besonders aber die Spargel hatten es mir angetan, die wie mit Ultramarin und Rosa bemalt aussahen und deren in Violett und Himmelblau getauchte Spitze nach dem anderen Ende zu – das noch Spuren des nährenden Ackerbodens trug – lauter Abstufungen von irisierenden Farben aufwies, die nichts Irdisches hatten. Es schien mir, dass diese himmlischen Tönungen das Geheimnis von köstlichen Geschöpfen enthüllten, die sich aus Neckerei in Gemüse verwandelt hatten und durch ihre aus feinem essbaren Fleisch bestehende Verkleidung hindurch in diesen Farben der zartesten Morgenröte, in diesen hinschwindenden Nuancen von Blau jene kostbare Substanz verrieten, die ich noch die ganze Nacht hindurch, wenn ich am Abend davon gegessen hatte, in den nach Art Shakespearescher Feenkomödien gleichzeitig poetischen und derben Possen wiedererkannte, die sie zum Spaße aufzuführen schienen, wenn sie sogar noch mein Nachtgeschirr in ein Duftgefäß umschufen.

Édouard Manet, Bunch of Asparagus, 1880, Spargelbund

An späterer Stelle in Die Welt der Guermantes, die erst 1920 erschien, mokiert sich der Herzog von Guermantes über den Preis eines bloßen Abbildes von Spargel – wie Silvae weiß: ganz entegegengesetzt wie der Bankier und Kunsthistoriker Charles Ephrussi an den Künstler Édouard Manet, indem er ihm freiwillig zuviel zahlte. – Meinte der von Guermantes:

„Swann hatte tatsächlich die Stirn, uns zum Kauf eines Spargelbundes zu raten. Wir haben das Bild daraufhin sogar ein paar Tage im Haus gehabt. Es war nichts weiter als das darauf, ein Bund Spargel, genau wie die, die Sie gerade schlucken, die Spargel von Herrn Elstir aber habe ich nicht geschluckt. Er verlangte dreihundert Francs dafür. Dreihundert Francs für einen Bund Spargel! Einen Louisd’or höchstens sind sie wert, und auch das nur, solange es noch die ersten sind.“

Dagegen Ephrussi laut Silvae:

Manet wollte achthundert Franc für das Bild haben, aber Ephrussi hat ihm tausend gezahlt. Er wusste, dass Édouard Manet in finanziellen Nöten war. Da hat sich Manet auf seine eigene Art und Weise bedankt. Hat dem Monsieur Ephrussi schnell noch eine Spargelstange gemalt und sie mit der kleinen Notiz Il en manquait une à votre botte versehen an den Kunstsammler geschickt.

Édouard Manet, L'Asperge, 1880, 1 Spargel

Luzius Keller, dem wir überall begegnen, wo wir bei Marcel Proust über den Primärtext hinauslesen wollen, abgekürzt: wo wir Marcel Proust lesen wollen, weiß uns das Wesen des Gemüsestilllebens historisch zu verankern:

——— Luzius Keller:

Proust und der Spargel

in: Neue Zürcher Zeitung, 14. November 2009:

Spargelbund und andere Gemüsemotive haben in der Stilllebenmalerei Tradition. So findet sich beispielsweise im Amsterdamer Rijksmuseum ein Spargelbund von Adriaen Coorte (1660–1707), der jenem von Manet erstaunlich ähnlich sieht. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, insbesondere im Umfeld von Impressionismus und Naturalismus, werden jedoch die Gattungen als solche immer mehr in Frage gestellt: Wozu sollen bestimmte Motive auf bestimmte Gattungen beschränkt bleiben? Weshalb sollte ein bestimmtes Motiv an sich wertvoller sein als ein anderes? Bekannt ist das Diktum Max Liebermanns, der in den 1870er Jahren in Paris lebte: „Eine gut gemalte Möhre ist besser als eine schlecht gemalte Madonna“, und in seinem Roman „L’Œuvre“ (1887) lässt Zola seinen Protagonisten, den Maler Etienne Lantier, fragen, ob ein Möhrenbund nicht mehr wert sei als die ewigen Schinken aus der Ecole des Beaux-Arts. Ein erstes Echo auf diese ästhetische Diskussion findet sich in „Guermantes“ in einem Gespräch zwischen Marcel und Norpois, in dem Proust einen Bund Radieschen von Elstir einer Madonna von Hébert gegenüberstellt.

Dass ich nur eine gutbürgerliche Ausbildung voller Bauernregeln, nun ja: genossen habe, erkennt man spätestens daran, dass ich im Ernst nach einem französischen Bild von einem Bund Radieschen gesucht habe, bevor mir dämmerte, dass ein Maler Elstir von Proust ebenso frei erfunden ist wie sein Erzähler Marcel und der Marquis de Norpois. Erfreuen wir uns stattdessen an einem weiteren runden Kilo Spargel von Philippe Rousseau unsicherer Datierung.

Philippe Rousseau, Nature morte aux asperges, ca. 1880, Spargelstillleben

Und selber will man ja auch nicht leben wie ein veganer Hund, wenn schon nicht wie ein französischer Landadliger: Selber erfreut haben wir uns heuer an einem Kilochen vom Penny am Eck Lindwurm-/Zenettistraße, am 14. Mai 2022 für tagesfrische 5,55 Euro, leider in Erdölprodukte eingeschweißt, dafür aus regionalem Anbau. Der Magen isst ja mit, wie der Gutbürgerliche weiß.

1 kg Spargel, Penny, 13. Mai 2022, 5,55 Euro

Bilder:

Soundtrack: Camille Hardouin: Mille bouches, aus: Mille bouches, 2017,
live in la chapelle St Louis de La Rochelle, Comment je me suis mariée avec mille bouches, Juli 2106:

Written by Wolf

20. Mai 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

Kein Bleiben ist auf Erden

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Update zu Nunc dimittis mit Fried und Freud
und 150 Jahre sind alt genug:

Den originalen Textausschnitt aus The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy muss ich ja nicht eigens hier hereinzerren, weil ich voraussetze, weitgehend geschmackssichere Leser anzuziehen und die verlorenen Seelen sowieso nicht retten kann.

Eine der besonderen Leistungen des Übersetzers Benjamin Schwarz besteht darin, das von Douglas Adams verwendete You’ll Never Walk Alone, einen Musical-Rausschmeißer von 1945, nachmalige Fußballer-„Hymne“, durch das noch viel abgehangenere O Welt, ich muss dich lassen, eine Kantate aus dem Nürnbergischen von 1555 auf eine Melodie von Heinrich Isaac, am bekanntesten als Insprugk, ich muss dich lassen, wiederzugeben. Das hat Größe.

Die Szene wird in der ansonsten recht vergnüglichen Verfilmung 2005 – mit Martin Freeman als Arthur Dent, Zooey Deschanel als Trillian McMillan, Alan Rickman als Stimme von Marvin the Paranoid Android und Stephen Fry vollends aus dem Off nicht verwendet –, vielleicht weil dann Thomas Lennon (nicht verwandt) in seiner Rolle als Stimme des Bordcomputers Eddie hätte singen müssen.

Das ist schade, weil diese Umsetzung von Garth Jennings seitdem weithin die bildliche Vorstellung der Romane prägt; vor allem die von Trillian. Außerdem wäre es eine schöne Kontrafaktur zum Supercomputer HAL 9000 gewesen, der im ansonsten recht überschätzten Stanley-Kubrick-Flaggschiff 2001: Odyssee im Weltraum als Schwanengesang Daisy Bell anstimmt, und damit auch zum einzigen Lied mythischen Ausmaßes, das Frank Zander geleistet hat: Captain Starlight 1979, in dem der Computer „DX4 [Kuckuck] 309, genannt der Ratlose Rudi“ während des Durchschmorens nacheinander Heute blau, morgen blau und Hänschen Klein anstimmt. 1979, das bedeutet ungefähr gleichzeitig mit dem ersten Teil der zitierten Anhalter-Trilogie und war deswegen wohl noch ohne Bezug auf Adams. Nur auf Kubrick, der ein ganzes Filmschaffen lang nie darin nachgelassen hat, um Parodie zu betteln.

Trillian in Burlington socks with Marvin

——— Douglas Adams:

17

aus: The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy, 1979,
i. e. Per Anhalter durch die Galaxis, Rogner & Bernhardt, München 1981,
übs. Benjamin Schwarz:

Ungefähr in diesem Augenblick geschah es natürlich, daß sich einer von der Besatzung eine böse Prellung am Oberarm zuzog. Das sollte man besonders hervorheben, denn wie wir ja bereits verraten haben, kommen unsere Freunde ansonsten ohne den geringsten Schaden davon, und auch die tödlichen Atomraketen treffen nicht etwa schließlich doch noch das Raumschiff. Die Sicherheit der Besatzung der „Herz aus Gold“ ist absolut gewährleistet.

„Einschlag in zwanzig Sekunden, Jungs …“, sagte der Computer.

„Dann stell doch die verdammten Triebwerke wieder an!“ schnauzte Zaphod.

„Aber selbstverständlich, Leute“, sagte der Computer. Mit einem subtilen Donner zündeten die Triebwerke, das Raumschiff wurde sanft aus seinem Sturzflug abgefangen und sauste wieder auf die Raketen zu.

Der Computer fing an zu singen.

O Welt, ich muß dich lassen …„, wimmerte er nasal, „ich fahr dahin …

Zaphod schrie ihn an, er solle gefälligst die Klappe halten, aber seine Stimme verlor sich im Getöse dessen, was die vier völlig zu Recht für die auf sie zueilende Katastrophe hielten.

Ich fahr dahin … mein Straßen … ins ewig Vaterland!“ jammerte Eddie.

Als das Raumschiff den Sturzflug abgefangen hatte, flog es mit dem Bauch nach oben weiter, und da nun alle an der Kabinendecke hingen, war es ihnen natürlich auch absolut unmöglich, an die Steuerung heranzukommen.

Mein Geist will ich aufgeben …„, sang Eddie mit Inbrunst.

Die beiden Raketen, die auf das Raumschiff zudonnerten, wurden groß und bedrohlich auf den Monitoren sichtbar.

… dazu mein Leib und Leben …

Durch einen ungewöhnlich glücklichen Zufall hatten die Raketen aber ihre Flugbahn noch nicht exakt korrigiert und schossen genau unter dem ziellos herumkurvenden Raumschiff weg.

Mein Zeit ist nun vollendet … revidierte Zeit bis zum Einschlag fünfzehn Sekunden, Leute … der Tod das Leben endet …

Kreischend vollzogen die Raketen eine Kehrtwendung und gingen wieder auf Zielkurs.

„Das wär’s dann also“, sagte Arthur, der das beobachtete, „jetzt müssen wir also endgültig dran glauben, oder ?“

„Du tätst mir’n Gefallen, wenn du endlich davon aufhören würdest“, sagte Ford.

„Aber es stimmt doch, oder ?“

„Ja.“

Sterben ist mein Gewinn„, sang Eddie.

Da kam Arthur plötzlich ein Gedanke. Er rappelte sich hoch.

„Warum dreht eigentlich keiner dieses Unwahrscheinlichkeitsdingsbums an?“ fragte er. „Da kämen wir doch wahrscheinlich ran.“

„Was, bist du verrückt geworden?“ sagte Zaphod. „Ohne die richtige Programmierung kann alles mögliche passieren.“

„Macht das jetzt noch was aus?“ rief Arthur.

Kein Bleiben ist auf Erden …„, sang Eddie.

Arthur kletterte an einem der enervierend vieleckig gestalteten Simse zwischen der Krümmung der Wand und der Decke nach oben.

… das Ewge muß mir werden …

„Kann mir jemand sagen, warum Arthur den Unwahrscheinlichkeitsdrive nicht einschalten kann?“ schrie Trillian.

Mit Fried und Freud fahr ich dahin … Einschlag in fünf Sekunden, es war nett bei euch, Jungs, Gott segne … Mit Fried und … Freud … fahr ich … dahin!

„Ich fragte soeben“, schrie Trillian, „ob mir jemand sagen kann …“

Was dann passierte, war eine nervenzerfetzende Explosion aus Licht und Lärm.

Staff

Das Liedmaterial:

O Welt, ich muß dich lassen

Anonym aus Nürnberg, ca. 1555:

1     O Welt, ich muß dich lassen,
ich fahr dahin mein Straßen
ins ewig Vaterland.
Mein‘ Geist will ich aufgeben,
dazu mein‘ Leib und Leben
legen in Gottes gnäd’ge Hand.

2     Mein Zeit ist nun vollendet,
Der Tod das Leben schändet,
Sterben ist mein Gewinn;
Kein Bleiben ist auf Erden;
Das Ewig muß mir werden,
Mit Fried und Freud fahr ich dahin.

3     Ob mich gleich hat betrogen
Die Welt von Gott abgzogen
Durch Schand und Büberei;
Will ich doch nicht verzagen
Sondern mit Glauben sagen
Daß mir mein Sünd vergeben sei.

4     Auf Gott steht mein Vertrauen,
Sein Antlitz will ich schauen
Wahrlich durch Jesum Christ,
Der für mich ist gestorben,
Des Vaters Huld erworben
Mein Mittler er auch worden ist.

5     Die Sünd mag mir nicht schanden
Erlöst bin ich aus Gnaden
Umsonst durch Christi Blut;
Kein Werk kömmt mir zu frommen
So ich will zu ihm kommen
Allein durch wahren Glauben gut.

6     Ich bin ein unnütz Knechte
Mein Tun ist viel zu schlechte
Denn daß ich ihm bezahl;
Damit das ewig Leben
Umsonst will er mir geben
Und nicht nach meim Verdienst und Wahl.

7     Drauf will ich fröhlich sterben
Das Himmelreich ererben
Wie er mirs hat bereitt;
Hie mag ich nicht mehr bleiben
Der Tod tut mich vertreiben
Mein Seel sich von meinem Leib scheidt.

8     Damit fahr ich von hinnen
O Welt tu dich besinnen
Wenn du mußt auch hernach;
Tu dich zu Gott bekehren
Und von ihm Gnad begehren
Im Glauben sei du auch nit schwach.

9     Die Zeit ist schon vorhanden
Hör auf von Sünd und Schanden
Und richt dich auf die Bahn;
Mit Beten und mit Wachen
Sonst all irdische Sachen
Solltu gütiglich fahren lan.

10     Das schenk ich dir am Ende
Ade! Zu Gott ich wende
Zu ihm steht mein Begehr;
Hüt dich für Pein und Schmerzen
Nimm mein Abschied zu Herzen
Meins Bleibens ist jetzt nicht mehr hier.

You’ll Never Walk Alone

Richard Rodgers/Oscar Hammerstein II, aus:: Carousel, 1945:

When you walk through a storm
Hold your head up high
And don’t be afraid of the dark

At the end of the storm
Is a golden sky
And the sweet silver song of the lark

Walk on through the wind
Walk on through the rain
Though your dreams be tossed and blown

Walk on walk on with hope in your heart
And you’ll never walk alone
You’ll never walk alone

You’ll never walk alone.

Tonbeispiele:

  1. O Welt, ich muß dich lassen, als BWV 395:
  2. You’ll Never Walk Alone: nicht die üblichen Gerry & The Pacemakers aus How Do You Like It?, 1963,
    sondern – wenn man schon eine britische Science-Fiction-Parodie auf die deutsche Renaissance zurückführen muss – Shirley Jones und Gordon MacRae aus der amerikanischen Musical-Verfilmung 1956:

Und als Bonus Track, weil ich „mit Fried und Freud“ (* 6. Mai 1921 bzw. 1856) Geburtstag hab und mir was wünschen darf und weil Frau Deschanel viel mehr in ihrer Eigenschaft als Musikerin gewürdigt gehört: dieselbe als She & Him: der 1964er Feger von Dusty Springfield Stay Awhile, aus: Classics, 2014:

Bilder featuring Zooey Deschanel als Trillian, die im Film 2005 visuell am meisten hergemacht hat:

  1. Moviepilot: Per Anhalter durch die Galaxis – Bild 32 von 45;
  2. Moria: The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy (2005);
  3. Pun’s House!: Trillian Mcmillan vs. Elizabeth Swann.

Zooey Deschanel as Trillian McMillan in The Hitchhiker's Guide to the Galaxy, 2005, via Pun's House

Written by Wolf

6. Mai 2022 at 00:01

Die leichtfüßige passive Aggression der Revolution

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Update zu Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!
und Ich lese jedes Wort von Dir. Die Andern liefern nur Geschmier. (Also sprach der kleine Mops):

Paul Scheerbart, VignetteDergleichen wächst ja heute viel zu selten: Verspielte Phantasten, die den Ehrgeiz ihrer schreibfreien Zeiten unter anderem in Glasarchitektur und das Perpetuum mobile setzen. In diesen heil’gen Hallen haben wir Paul Scheerbart schon mit seiner vollständigen Katerpoesie 1909 und der ähnlich gearteten Mopsiade 1920 erlebt, aus welchen uns erhellt: Man liest ein Gedicht, eine Geschichte, ja eine ganze Sammlung von beidem gerne zu Ende, wenn sie sich übermütig genug gebärdet. In Kunst egal welcher Ausrichtung sollte es immer was zu lachen geben, sonst ist sie auf staatstragende Miesnickel und zu ihrer Rezeption verdonnerte Zöglinge als Publikum angewiesen.

Natürlich kann ich da von nichts anderem als meiner eigenen Erfahrung ausgehen, aber wenn die Geschichte leichtfüßig daherkommt, begleitet man sie gern bis zu Ende. Wenn sie es dabei schafft, eine Botschaft zu transportieren, nimmt man sie dankbar mit.

Als Beispiel dient uns Paul Scheerbarts Satire Eine Gerichtssitzung im Jahre 1901. 1897 niedergeschrieben, war die nach 1901 vorausverlagerte Handlung tatsächlich Science-Fiction in einer vagen Zukunft des folgenden Jahrhunderts. Das Thema ist im 21. Jahhundert bitter aktuell geblieben, ja eigentlich erst geworden. Und passive Aggression halte ich ohnehin schon viel zu lange für ein probates rhetorisches Mittel, da können Sie jederzeit meine Frau fragen.

Warum dergleichen so selten wächst? Wenn wir Scheerbarts zeitweisen Wegbegegleiter Erich Mühsam befragen, finden wir im Kapitel Scheerbartiana seiner Unpolitischen Erinnerungen 1931: „Während des Krieges ist Paul Scheerbart gestorben; er hat sein Leben lang zuwenig gegessen und zuviel getrunken.“

O ja, das würde einiges erklären.

——— Paul Scheerbart:

Eine Gerichtssitzung im Jahre 1901

Zukunftsnovellette

aus: Ich liebe dich! Ein Eisenbahn-Roman mit 66 Intermezzos, Schuster & Loeffler, Berlin 1897,
in: Das Lachen ist verboten … Grotesken, Erzählungen, Gedichte und Schnurren,
See-Igel-Verlag Fritz Nuernberger, Berlin-Wilmersdorf 1929:

Adolfine, die Tochter des reichen Fabrikanten Beisel, spielt gelassen auf der Mundharmonika. Das junge Mädchen hat bereits zwei Stunden hindurch Musik gemacht und ist noch immer nicht müde.

Plötzlich erschallt ein Hilferuf auf der Straße.

Paul Scheerbart, VignetteDie Adolfine läßt das Blasen auf der Mundharmonika ein bißchen sein, wendet zur Seite das zierliche Köpfchen und sagt dabei ganz verwundert:

„Ei! Ei! sollt’ ich diese Stimme nicht schon mal gehört haben?“ Schnell eilt die gute Kleine ans Fenster, öffnet’s und — erblickt — erblickt — Friedrich Schumm, einen ehemaligen Buchhalter ihres Herrn Vaters.

Die Fine sinnt — denkt schließlich nach — und erinnert sich allmählich, daß sie Friedrich einst — liebte — liebte!

Das hatte ihn, den Geliebten, so verwirrt gemacht, daß er als Buchhalter sehr bald nicht mehr zu gebrauchen war.

Friedrich ward deshalb vor einigen Monaten entlassen, denn Vater Beisel kannte in Geschäftsangelegenheiten keinen Spaß.

Und jetzt — gerechter Himmel! — jetzt wird der Friedrich am hellen lichten Tage auf offener Straße „verhaftet“.

Das gnädige Fräulein sieht, wie der Schutzmann den geliebten Friedrich an den Ohren herumreißt, ihm die Handschellen anlegt und ihn wütend weiterstuckst.

Das gnädige Fräulein wendet sich unangenehm berührt — fast beleidigt — ab.

Finchen Beisel spielt wieder auf der Mundharmonika, um bloß nicht die häßlichen Straßenszenen zu sehen.

Die Rohheiten sind im vornehmen Beiselschen Hause verpönt.

„Pfui!“ ruft Beisels Töchterlein, „wie ekelhaft sah das aus!“

Die Sonne brennt heiß auf das Straßenpflaster.

Schutzmann und Friedrich verschwinden.

Das vornehme Beiselsche Haus durchhallen die lieblichen Töne der Mundhamonika.

Einige Tage nach diesem peinlichen Auftritt befindet sich Friedrich Schumm auf der Anklagebank.

Die Richter machen ein sehr ärgerliches Gesicht. Der Staatsanwalt schmeißt bereits zum fünften Mal wutschnaubend seinen Federhalter auf den grünen Tisch, denn der Fabrikant Beisel sagt als Zeuge ganz eigentümliche Sachen über den Angeklagten Schumm aus.

Der reiche Beisel schließt seine Rede, in der er den Friedrich Schumm ganz gehörig schlecht gemacht, ihm sein albernes verliebtes Wesen vorgehalten, ihm seinen Größenwahn gehörig aufgemutzt, ihm wegen seiner frechen Gesinnungslosigkeit tüchtig den Kopf gewaschen hatte — mit den folgenden furchtbaren Worten:

„Und verrechnet hat er sich jeden Tag zwei Mal. Gewissenloser Friedrich, kannst Du das leugnen?“

Friedrich weint und schüttelt wehmütig den Kopf.

Der Staatsanwalt erhebt sich und spricht mit donnernder Stimme:

„Angeklagter, Sie sind wegen unmotivierter Mittellosigkeit verhaftet worden, Der Schutzmann Knillke hatte sich am fünfzehnten Juli Ihr Portemonnaie zeigen lassen, wie das seine Pflicht ist bei allen verdächtigen Individuen. Was fand der Schutzmann Knillke in Ihrem Portemonnaie?“

Angeklagter erwidert weinerlich:

„Eine Mark und fünf und fünzig Pfennige.“

Staatsanwalt: „Und davon wollten Sie noch weitere drei Monate leben? Bis in den Oktober hinein? Herr, was fiel Ihnen ein? Sie wissen doch, daß jeder Staatsbürger verpflichtet ist, jederzeit das für die nächsten drei Monate nötige Geld zum Lebensunterhalt bereit zu halten. Angeklagter, wissen Sie das?“

Angeklagter: „Jawohl!“

Staatsanwalt: „Nun also — wovon wollten Sie denn leben? Wovon? Sagen Sie’s nur! Wie dachten Sie sich die Bestreitung des Lebensunterhalts? Werden Sie nun bald antworten? Was?“

Angeklagter: „Ach, Herr Staatsanwalt, ich hoffte ganz bestimmt, ich würde eine neue Stellung bekommen. Ich bin doch Buchhalter.“

Staatsanwalt: „Ob Sie Buchhalter oder Schornsteinfeger sind — das ist vor Gericht ganz egal. Sie sind verpflichtet, Geld zu besitzen, Sie scheinen das Leben noch nicht zu kennen. Sie wissen doch, daß die Zahl der Vakanzen immer kleiner wird. Ich beantrage drei Monate Zuchthaus mit verschärftem Fasten — wegen unmotivierter Mittellosigkeit. Mein Lieber, wir werden Sie schon kleinkriegen. Ich versteh’ es einfach nicht, wie ein ziemlich gebildeter Mensch sich ohne das nötige Kleingeld auf die Straße wagen kann — eine ganz unglaubliche Frechheit!“

Der Staatsanwalt schließt sein Plädoyer und setzt sich auf seinen Stuhl.

Der Gerichtshof verurteilt den Angeklagten dem Antrage des Staatsanwaltes gemäß.

Der Angeklagte bricht laut weinend auf der Anklagebank zusammen, er ruft dabei schluchzend:

„O Gott, was wird meine arme Mutter dazu sagen? Ihr Sohn Friedrich — ein Verbrecher!“

Lautes Heulen durchhallt den Saal.

Der Herr Präsident bemerkt aber sehr streng:

„Angeklagter Schumm! Was weinen und heulen Sie denn? Machen Sie sich doch nicht zum Narren, Sie lächerlicher Mensch! Seien Sie doch froh, daß wir Ihnen für volle drei Monate die Gelegenheit, Diebstähle zu begehen, genommen haben. Sie wissen doch, daß Diebstahl mit täglichem Durchprügeln bestraft wird!“

Angeklagter: „Ja, hoher Herr Gerichtshof, ich dank’ auch schön für die drei Monate, nehmen Sie mir mein Weinen nicht weiter übel. Ich wollte auch nur zeigen, daß ich noch kein,verstockter’ Verbrecher bin! Aber, hoher Herr Gerichtshof, werd’ ich, wenn ich rauskomm’, auch gleich wieder bestraft werden?“

Staatsanwalt: „Sie sind ein naseweiser dummer Junge! Wegen unmotivierten Fragens beantrage ich einen Monat Prügel!“

Angeklagter sieht sich erstaunt um — setzt sich — und sagt langsam, so als wenn plötzlich ein neuer Geist in ihn gefahren wäre:

„Meine Herren, ich glaube, Sie sind sämtlich — wirklich — ganz und gar verrückt geworden.“

Nach diesen Worten des Angeklagten Friedrich Schumm bricht zum Glück für ihn auf der Straße wieder eine Revolution aus.

Der Präsident und alle Richter laufen rasch nach Hause — der Staatsanwalt und die übrigen Beamten desgleichen.

Schumm bleibt auf seiner Anklagebank verdutzt, ganz ruhig sitzen.

Er ist im nu ganz allein im Gerichtssaal — tatsächlich allein — ein Vergessener!

Er weiß gar nicht, wie er sich benehmen soll.

Inzwischen entwickelt sich die Revolution ganz programmgemäß und zielbewußt.

Schumm versteckt sich später unter seiner Anklagebank, da die Kugeln der Revolutionäre den oberen Teil des Gerichtssaales nur so durchsausen.

Adolfine Beisel denkt währenddem recht freundlich an ihren geliebten Friedrich, verzeiht ihm im Stillen und bläst dazu wieder auf der Mundharmonika.

Die August-Revolution kommt der jungen Dame diesmal genau so langweilig vor, wie die letzte April-Revolution.

Bilder: a. a. O., 1897.

Bläst gelassen auf der Mundharmonika: Big Mama Thornton: Rooster Blues, Ball & Chain, Hound Dog,
about 3 months before she died und nachhaltiges Fernseherlebnis in der ZDF-Matinée, 1984:

Written by Wolf

29. April 2022 at 00:01

Wenn 12 Lenze dir entflohn

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Update zu Weihnachtsengel 3: Lasst mich scheinen, bis ich werde
(Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht)
,
Zu Lolitas Verteidigung,
Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht
und Liebchen öffne deinen Schoos:

Das genaue Jahr war nicht zu ermitteln, aber die Spannweite ist nicht sehr groß: Ludwig Hölty starb 1776 mit 27 Jahren an der Schwindsucht. An den Änderungen einer verderbten Version in einer Sammlung aus Wien 1803 ist allenfalls die empfundene Gefährlichkeit des Inhalts zu erkennen, die man dem immer Kind gebliebenen Dichter von Üb immer Treu und Redlichkeit so nicht zutrauen wollte.

Zur Erinnerung: Die historische Florence Sally Horner (* 1937, † 1952) sowie ihr literarisch aufgearbeitetes Abbild „Lolita“ bei Nabokov (1955 ff.) waren anfangs elf Jahre alt.

——— Ludwig Hölty:

Wiegenlied, an ein Mädchen

vor 1803:

Movie Poster Tony Rome, 1967Noch schlinget dich die süße Ruh
In ihren Arm. Vergnügt,
Mein kleines Püppchen, schlummerst du,
Wenn dich die Amme wiegt.

Auf deinen Wangen keimet schon
Ein sanftes Morgenroth,
Das, wenn 12 Lenze dir entflohn,
Mit schönen Feßeln droht.

Um deine jungen Blicke schwebt
Ein Lächeln, welches bald
Dem Stutzer goldne Netze webt,
Der dir entgegenwallt.

Dann öfnen hundert Fenster sich,
Wenn du am Fenster stehst,
Und Blick auf Blick verfolget dich,
Wenn du zur Kirche gehst.

Man lobt, von warmer Lieb entbrannt,
Bald deinen kleinen Fuß,
Bald dein Gesicht, bald deine Hand,
Und wünscht sich deinen Kuß.

Du aber, holder als der May,
Der sich in Blüthen hüllt,
Mein Püppchen, bleib der Unschuld treu,
Die jetzt dein Herz erfüllt.

Es wimmre der Insektenchor
Des Stutzervolks sich heisch!
Leih nie dein jungfräuliches Ohr
Dem summenden Geräusch.

Die Tugend, die der Himmel minnt,
Schätz über Gold und Rang.
Dann sing ich dir, mein schönes Kind,
Noch einst den Brautgesang.

Sue Lyon in Tony Rome, 1967

Bilder: Sue Lyon (* 1946, † 2019), die Lolita 1962 unter Stanley Kubrick,
in: Tony Rome, 1967, via Don’t touch me, I’ll die if you touch me, 2022,
auf dem Filmplakat mit Frank Sinatra (* 1915, † 1998), via FamousFix.

Soundtrack: Hugh Laurie: LIttle Girl, aus: A Bit of Fry & Laurie, Folge #4.3, 26. Februar 1995::

Written by Wolf

22. April 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Sturm & Drang

Filetstück 0006: Gelehrsamkeit war Hinnerk sein Fall nicht

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Update zu Und vierzehn Gräser formen ein Sonett,
Filetstück 0004: Lieber ein bissel zu gut gegessen, als wie zu erbärmlich getrunken (Eduard schnarche nicht so!)
und Filetstück 0005: Was erst verdrießlich schien, war schließlich gut für ihn:

Die Welt vermisst schnurrige Geschichten, in denen zwölfjährige Bengel mit aller gebotenen Selbstverständlichkeit Pfeife rauchen.

Wenden wir uns zu seinem 190. Geburtstag an Wilhelm Busch (* 15. April 1832, Wiedensahl). Die ersten beiden seiner Prosawerke – wir haben auf Eduards Traum 1891 und den Schmetterling 1895 aufmerksam gemacht – sind immerhin noch in der gut zugänglichen zweibändigen „Gesamt“-Ausgabe von Rolf Hochhuth 1960 vorhanden, nach seinem letzten Prosastück Meiers Hinnerk 1905 sucht man selbst dort vergebens.

Begründet oder auch nur begründbar ist das nicht, aber dafür gibt es ja uns. Es ist offenbar eins der Werke, die Busch nicht selbst illustriert hat, was uns den Spielraum verschafft, modernes Bildmaterial dazu in Beziehung zu stellen. Es stammt deshalb nicht aus dem Wilhelm-Busch-Museum in Buschs Geburtsort Wiedensahl, sondern aus seinem Sterbeort Mechtshausen mit dem Wilhelm-Busch-Haus, weil anzunehmen ist, dass er bei der Niederschrift die Landschaft mit Blick auf den Heber vor Augen hatte: nicht mehr ganz in der Heimat seiner Kindheit bis in die mittleren Jahre, noch nicht ganz im Harz. Großstädter war er trotz Lebensstationen in Düsseldorf, Frankfurt und München nie: Mechtshausen, das Busch sich wissend und gerne als Alterssitz ausgesucht hat, zählte auf dem Stand von 2018 satte 371 Einwohner und anno 1898 bestimmt nicht viel mehr; die Landschaft müsste ihm also entsprochen haben.

Man braucht etwa eine Viertelstunde zum Vorlesen, wie es nicht zuletzt Andreas Muthesius auf Spotify – als Rausschmeißer aus dem Hörbuch Wilhelm Busch: Poesie & Prosa 2012, und das in sehr angemessenem Tonfall – vormacht. Die o. g. „Gesamt“-Ausgabe, an der mir nach all den Jahrzehnten erst 2022 dieser eine Fehlbestand aufgefallen ist, gehört trotzdem in jeden Haushalt.

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——— Wilhelm Busch:

Meiers Hinnerk

Manuskript datiert als „Mechthausen December 1905“,
Niedersächsisches Kalenderbuch Der Heidjer, 1907,
in: Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bde. I–IV, Band 4, Hamburg 1959, Seite 332 bis 336:

Grad ausgestreckt in der Ebene und Hof an Hof lag das alte friedliche Dorf, die Häuser mit Stroh gedeckt. Und jedes Haus hatte rückwärts sein Gärtchen und hinter jedem Gärtchen sein Ackerfeld, und durch jedes Feld ging ein Grasweg, ein breiter, nach der heckenumgrenzten Wiese, und hinter sämtlichen Wiesen stand der hohe schattige Wald.

Es war ein heiterer Tag zu Anfang des Herbstes, wenn durch die Luft schon die silbernen Mettken schweben. Aus allen Gehöften, wie nachmittags gewöhnlich, kamen die kleinen Hirten und Hirtinnen mit ihren Kühen.

Auch Meiers Hinnerk hatte zwei, eine schwarze und eine braune, am Strick, um sie, zunächst den Grasweg beweidend, allmählich der Wiese entgegenzuführen. Zwölf Jahre war er alt, flachshaarig und wohlgenährt. Längst war ihm die verblaßte leinene Hose zu eng und zu kurz geworden. Hinten drauf, einander gegenüber, gleich einer blauen Brille, saßen sogar schon, zu seinem Verdruß, zwei zirkelrunde dunklere Flicken; ein Werk der nehrigen Mutter, die immer behaupten wollte, in alten Hosen sähen Jungens am strammsten und gesundesten aus.

Gelehrsamkeit war Hinnerk sein Fall nicht. Dennoch, während die beschränkten Tiere am Boden ihr Futter suchten, zog er sofort seinen Katechismus aus der zugeknöpften Jacke hervor. Mit helltönender Stimme, in steter Wiederholung, prägte er die Aufgabe für den folgenden Schultag in den widerspenstigen Schädel. Seine Kollegen im Felde, weithin vernehmlich, übten dieselbe Lektion. Sie wußten warum. Küster Bokelmann, der Meister der Schule, besaß einen kniffigen Rohrstock, der die schlummernden Seelenkräfte, selbst im voraus, vorzüglich zu ermuntern verstand.

Nachdem das dringende Geschäft der Bildung des Geistes somit glücklich erledigt war, widmete sich unser Hinnerk einer mehr freien gemütvollen Tätigkeit.

Auf dem Rücken der schwarzen Muhkuh, an geeigneter Stelle, begann er Haare zu zupfen und bildete so auf der entblößten Haut ein großes lateinisches L. Hierbei, sinnig vertieft, sang er leise den Namen Lina vor sich hin, indem er auf dem i besonders lange quinquillierend verweilte.

Mittlerweile hatte er die Wiese erreicht, schloß das Tor, nahm den Kühen den Strick ab und ließ sie grasen nach Belieben.

Wo ein Kuhjunge hütet, muß natürlich ein Feuer sein. An sich schon dem Auge ergötzlich, bei kühlem Wetter auch willkommen der Wärme wegen, ist es geradezu unentbehrlich für das Braten der Kartoffeln.

Demnach vor allen Dingen sammelte Hinnerk feine Spricker und brach dünne Knüppel aus der Hecke. Da es zur Zeit noch keine Reibhölzchen gab, mußte er erst emsig pinken, bis an den Zunder der richtige Funken sprang. Einen Topp Hede hatte er mitgebracht. In ihn ward der glimmende Schwamm gehüllt, durch Weifen und Pusten die Flamme entfacht, zunächst dünnes, dann dickes Holz regelrecht drüber geschichtet, und hochauf loderte bald ein erfreulicher Scheiterhaufen.

Beiseit, schon früher aus Zweigen und Plaggen erbaut, stand Hinnerks zwar enge, doch trauliche Hütte. Aus dieser entnahm er das von ihm selber geflochtene Weidenkörbchen, begab sich ins Feld hinaus und kehrte zurück mit zwei Dutzend der dicksten Kartoffeln und fünf jungen Mäusen, die er beizu im Neste erwischt und getötet hatte. „Dat sind fief fette Happen vär use Kättkens terhus“, dachte er schmunzelnd.

Noch waren zum Einlegen der rötlichen Knollen nicht Kohlen genug reif. Infolgedessen kriegte Hinnerk sein Messer heraus, ein wertvolles Werkzeug, für drei Mariengroschen hat’s ihm der gute Vater gekauft auf dem Markt in der Stadt. Das kleine Öhr am Heft, um’s mit einer Schnur an der Hosentasche zu befestigen, war übrigens eine Sicherheitsvorrichtung, die Hinnerk verschmähte. Er flötete, prüfte am Daumen die Schneide, fällte eine stattliche Doldenpflanze und verfertigte aus ihren hohlen Stengeln ein niedliches Schmökepfeifchen; denn sich täglich ein wenig im Rauchen zu üben, hielt er für nötig, und was den Tabak betrifft, so schien ihm recht trockenes Haselnußlaub für den Anfang nicht übel.

Sein gestopftes Pfeifchen zu entzünden, näherte sich Hinnerk der Feuerstätte.

„Hutt bäh!“ rief eine Mädchenstimme, und Nachbars Gretliesche, ein munteres hübsches rothaariges Kind von elf Jahren, kroch durch ein Loch in der Hecke.

„Wat wutt du denn hier?“ fragte Hinnerk sehr kühl.

„Helpen!“ erwiderte sie kurz und keck. Ohne weiteres legte sie die Kartoffeln ins Feuer, hielt dem Hinnerk einen glühenden Span auf die Pfeife, setzte sich aufs Rasenbänkchen in der Hütte und lud ihn ein, zu ihren Füßen sich niederzulassen, wozu er sich nach einigem Zögern auch wirklich entschloß.

Liebkosend nahm sie ihn beim Kopf und unterzog denselben alsbald einer genauen Besichtigung.

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„Eck finne jo nix!“ rief sie enttäuscht.

„Dat löw eck woll“, meinte er, „hat gistern use Grotmeuhme all’e knicket.“

Aber Gretliesche, ganz leise leise, krabbelte weiter im Haar. Ein wonniges Rieseln lief ihm den Rücken hinunter. Die Pfeife entsank seiner Hand, die Augen schlossen sich halb. In solch einem dämmerigen Zustand sagt der Mensch manches, was er sonst wohl verschwiegen hätte.

„Segg eis, Hinnerk“, fragte sie behutsam, „haste denn ok all ’ne Brut?“

„Swarte Haare hat se und glinstertswarte Ogen un“ – er stockte.

„Oh, nu weet eck et all!“ rief Gretliesche, „Kösters Lina is et, de is jo tein Jahre öller ans du.“

„Dat deit nix“, sagte er, „und wenn se ok dusend Jahr öller is.“

„Ja“, meinte Gretliesche dagegen, „wenn man Verwalter Klütke mit sinen langen Snurrbart nich wöre.

„Den Kerl sla eck dot!“ rief er heftig.

„Und denn komet se her un hänget di upp!“ entgegnete sie.

„Erst hebben!“ lachte er. „De längeste Mettwost hal eck un lope weg und vestäke mi baben in der Schüne int Hei.“

„Oh, wat’n Nare!“ Mit diesen Worten gab ihm die Gretliesche einen verächtlichen Schubbs und sprang aus der Hütte.

„Kiek na den Kartuffeln!“ rief Hinnerk ihr nach.

„Do et sülbenst!“ Und weg war sie durch die Hecke.

Er versuchte auszuspucken. Es ging aber nicht recht.

„Van den Smöken werd’n ok so dröge in’n Halse“, murmelte er in sich hinein.

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Eben graste die rote Kuh mit dem strotzenden Euter vorüber. Er strich ihr sanft über den Rücken.

„Woha!“ Das gute Tier stand still. Dicht hinter ihr setzte er sich in die Hurke, zog eine Zitze zu sich her und melkte einige Spritzer in den weit geöffneten Mund, daß es strullte.

Im selben Augenblick – so war es vorher bestimmt im Laufe der Dinge – hob die Kuh ihren Schwanz, indem sie ihn, des größeren Nachdruckes wegen, zugleich schraubenförmig verkrümmte; nicht ohne warmen Erfolg.

„Hahaha, dat is di jüst recht!“ lachte und rief wer von seitwärts herüber. Oben in einer hainbuchenen Hucht saß die Gretliesche und sah zu mit Vergnügen.

„‚Ole Ape!“ war alles, was Hinnerk drauf sagte.

Vermittels eines Grasbüschels, ohne sich sehr zu erregen, brachte er die Sache bald wieder, sozusagen, ins reine.

Und nun ging’s an die Kartoffeln. Sie schmeckten ihm trefflich; auch mußte er sich schneuzen mitunter, auf natürliche Art; daher wurde er um Mund und Nase schön schwarz übermusselt.

Jetzt aber fiel ihm was Wichtiges ein. Aus dem Murk, dem heimlichen Versteck unter der Rasenbank, entnahm er ein absonderlich merkwürdiges Schießeding; einen ausgehöhlten Ast, mit Draht umflochten, seitlich mit Zündloch versehen. Eine Tute voll Pulver, das er beim Krämer gegen Eier sich eingetauscht – er wußte die verborgensten Hühnernester – kam gleichfalls zum Vorschein. Kräftig wurde geladen, und mächtig war der Knall.

Das schüchterne Reh, das kurz vorher aus dem Wald in die Wiese getreten, entfloh in Eile. Angelockt durch den Schuß dagegen wurden drei andere Hütejungens: Kord, Krischan und Dierk.

Zum zweiten Male ward das Geschütz geladen, zum zweiten Male ballerte weithin das Echo im Walde entlang.

Hiernach setzten sich die vier behaglich ans Feuer, alle schwarz um die Mäuler.

Krischan besaß einen richtigen Tonpfeifenstummel, gefüllt mit echtem Bauernkanaster, den er direkt, doch unter der Hand, von seinem Alten bezog. Jeder, der Reihe nach, tat einen tüchtigen Zug daraus.

Kord danach gab einen saftigen weinsauren Apfel zum besten. Jeder, der Reihe nach, tat einen tüchtigen Biß hinein.

Dierk aber führte bei sich einen knorrigen Eichenstock, dessen Griff ein menschliches Antlitz vorstellte, von Dierk selber geschnitzt. Der Knittel, zur Besichtigung, ging gleichfalls reihrund. Besonders genau sah Krischan das Bildnis sich an.

„Dönnerslag“, rief er, „dat is jo de Köster. Ehrgistern hat he mi hauet, un vandage deit mi de Lenne noch weih!“

Und ehe Dierk es verhindern konnte, brach Krischan den künstlichen Stock vor dem Knie ab und übergab ihn den Flammen.

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„Hurra!“ jubelten die Jungens, tanzten ums Feuer, häuften grüne Ellernzweige darauf und erzeugten so einen großen herrlichen Dampf, der als duftiger Schleier die Gegend umhüllte.

Die Sonne ging unter. Vom Dorfe her tönte die Abendglocke.

„Et is Tiet“, mahnte Hinnerk, „de Bäklocke lutt.“

Jeder eilte zu seinen Kühen, um sie am Strick nach Hause zu geleiten.

Angenehme Gerüche, die Vorboten des Abendessens, wehten ihnen entgegen und erregten die Gemüter zu Jauchzen und Gesang.

Küster Bokelmann, die lange Pfeife im Munde, führte an seiner Gartenpforte mit Verwalter Klütke ein gemütliches Dämmergespräch.

„Es gibt ander Wetter“, sprach er, „die Kuhjungens schreien heut so im Felde.“

„Ganz recht, Herr Kanter; vor der Sonne stand eine verdächtige Wolke“, stimmte Klütke ihm bei.

Indem kam Lina gesprungen.

„Papa“, rief sie schon von weitem, „der Pfannkuchen wartet. Ei sieh da, Herr Verwalter, wollen Sie nicht mitessen bei uns?“

„Wer könnte einer Einladung von solch reizender Seite widerstehen?“ erwiderte Klütke, verbindlich den Schnurrbart streichend.

„Dat di de Düwel wat backet!“ knurrte Hinnerk, der gerade vorüberzog, mit einem grimmigen Seitenblick.

Als er den elterlichen Hof erreichte, strich schon leise miauend die Katze an ihm hin. Dankbar nahm sie ihre fünf kleinen Mäuse in Empfang.

An der Tür stand die Großmutter, ihren Liebling erwartend.

„Minsche, wo swart sühst e ut!“ rief sie bei seinem Anblick erschrocken.

Eilig führte sie ihn in den Hintergrund des Hauses, wo das Küchengerät stand, rieb ihm Kopf und Gesicht mit dem feuchten, geschmeidig fettigen Schüsseltuch und trocknete ihn ab mit der Schürze.

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In der Döntze baumelte bereits der brennende Trankrüsel an dem verstellbaren Haken. Auf der Tischplatte lag ein Haufen dampfender Kartoffeln; daneben, auf rundem Brett, stand das köstliche Pannenstippelse, bereitet aus geglühtem Rüböl und gebratenen Zwiebeln. Vater und Mutter tunkten schon ein. Hinnerk nahm dicht bei der Großmutter Platz. Sie pellte ihm sauber die schönsten Kartoffeln ab. Zwei verzehrte er, nicht eben geschwind. Dann klappte er entschieden sein Messer zu.

„Wo vele hast e denn all bipacket in der Wisch?“ fragte sorglich die Großmutter.

„En stücker twölwe, mehr nich“, erwiderte er gähnend.

Die Großmutter befühlte ihm den Leib.

„No“, meinte sie beruhigt, „denn konnste wol faste liggen düsse Nacht.“

Das tat er denn auch. –

Überhaupt, seine Herzenssorgen waren nicht so bedrückend, daß sie ihm jemals die nächtliche Ruhe störten; selbst dann nicht, als drei Monate nachher Verwalter Klütke, der ein kleines Gütchen gepachtet hatte, sich mit der schönen Lina vermählte.

Und so geht’s zu in dieser neckischen Welt: zehn Jahre später hat die Gretliesche ihren Hinnerk doch noch gekriegt.

Fachfilm: Wilhelm-Busch-Haus Mechtshausen e. V., 2015:

Bilder: Mechtshausens Homepage, Ortsbilder … eines der schönsten Dörfer am Harzrand, ca. 2015;
Wilhelm-Busch-Haus aus harzlife.de, der Online-Reiseführer.

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Soundtrack, damit am Geburtstag was aus dem Geburtsort und am Karfreitag was Österliches dabei ist:
Handglockenchor Wiedensahl in Gestalt von Thomas Eickhoff: Dona nobis pacem am 9. April 2020:

Written by Wolf

15. April 2022 at 00:01

Dornenstück 0009: Die Kinder verdarben (Schauderhaft, höchst schauderhaft)

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Update zu Nachtstück 0003: Polizistenschatten im Laternenschein,
Wenn andere bluten und
Morgenstern über Greifswald (und keiner schaut hin):

Ne prêtez pas vos livres : personne ne les rend jamais. Les seuls livres que j’ai dans ma bibliothèque sont des livres qu’on m’a prêtés.

Anatole France zugeschrieben.

Die Moral ist offenkundig: Du sollst keine Bücher verleihen. Ebenso offenkundig war es bei Hermann Harry Schmitz nicht die Familienbibel, das Buch wurde nur so benutzt. Außerdem konnte es erst durch seine Abwesenheit solches Unheil anrichten. Und wer trug die Schuld: das Buch oder Herr Mehlenzell?

——— Hermann Harry Schmitz:

Das verliehene Buch.

aus: Der Säugling und andere Tragikomödien, Abschnitt Was so in der Familie vor sich geht,
Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig 1911, Seite 80–84:

Es war ein prächtiges Buch mit Goldschnitt und Damasteinband, das in der guten Stube auf dem Tisch lag.

Es war ein sehr langweiliges Buch mit schlechten, sehr schlechten Illustrationen.

Es war der Stolz der ganzen Familie.

Nur der Vater durfte das Buch in die Hand nehmen. An Festtagen setzte sich der Vater sonntagsangezogen in die gute Stube und las der Mutter und den Kindern mit sonorer Stimme und falscher Betonung aus dem feinen Buch vor. Würdevoll und prätentiös wusch er sich vorher die Hände. Häufig unterbrach er das Vorlesen und erklärte die Abbildungen. Die Kinder machten verständige Gesichter und große, kluge Augen; sie kniffen sich heimlich gegenseitig in die Beine. –

Herr Mehlenzell war ein Bekannter des Vaters; er hatte einen Kolonialwarenladen und schrieb an.

Man brauchte viel im Haushalt, und das Gehalt des Vaters war klein.

Herr Mehlenzell bat eines Tages den Vater, er möchte ihm das prächtige Buch leihen. Der Vater erbleichte; er konnte nicht gut „nein“ sagen.

„Auf ein paar Tage. – Bestimmt, selbstverständlich haben Sie es nächsten Sonntag zurück,“ hatte Herr Mehlenzell gesagt.

Man sprach in der Familie nur über das Buch. Die Mutter meinte, man hätte es ihm nicht geben sollen. Der Vater war sehr ernst. „Bestimmt haben Sie es Sonntag zurück, hat Herr Mehlenzell gesagt,“ verteidigte sich der Vater. „Wir wollen sehen,“ brummte die Mutter.

Wo das Buch in der guten Stube gelegen hatte, war ein viereckiger Fleck auf der Tischdecke; der Plüsch war da nicht so verschossen.

Der Sonntag kam. Man war schon sehr früh aufgestanden. Es wurde Mittag; Herr Mehlenzell hatte das Buch nicht gebracht. Der Vater saß mit der Mutter in der guten Stube und war sehr ernst. Keinem hatte das Essen so recht geschmeckt. Um die Kinder kümmerte sich niemand. Man ließ sie im Garten über die Bleiche tollen und ungestört die unreifen Stachelbeeren essen. – Der Vater trank eine halbe Flasche Rum. Die Mutter hatte verweinte Augen. Die gute Stube wurde abgeschlossen.

Der Vater mußte Montag und Dienstag im Bett liegen. Die Mutter vernachlässigte den Haushalt. Die Kinder verwilderten.

Hundertundvierzig Mark bekam Herr Mehlenzell noch. Man durfte nicht wagen, ihn an das Buch zu erinnern.

Es war unheimlich im Hause, wie wenn jemand gestorben wäre. Den Vater sah man viel mit der Rumflasche hantieren. Die Familie ging zurück. –

Der dritte Sonntag kam und das Buch war noch immer nicht da.

Es konnte so nicht mehr weiter gehen.

Nach dem Mittagessen schrie der Vater nach seinem schwarzen Rock und den Manschetten, rasierte sich und ging zu Mehlenzells.

Frau Mehlenzell öffnete selbst.

Er fragte nach Herrn Mehlenzell.

Frau Mehlenzell war mürrisch und fragte, was es sei. Ihr Mann wolle nach dem Essen nicht gestört sein; was es sei.

Es sei sehr dringend, er müsse mit Herrn Mehlenzell sprechen, beharrte der Vater.

Frau Mehlenzell ging brummend in ein Zimmer und ließ den Vater auf dem Korridor stehen.

Svato Zapletal, 2008Frau Mehlenzell hatte die Tür nicht fest hinter sich zugemacht. Herr Mehlenzell schimpfte, man solle ihn ungeschoren lassen. Was denn der Hungerleider wolle? Dann wurde von innen wütend die Tür zugeschlagen.

Nach einer Weile kam Frau Mehlenzell zurück; ihr Mann hätte nicht viel Zeit, er möge sich kurz fassen. –

Herr Mehlenzell lag auf dem Sofa und rauchte eine Zigarre. Er stöhnte den Vater an und blieb ruhig liegen.

Er wolle ihm auf die Rechnung etwas abbezahlen, fing der Vater schüchtern an.

Herr Mehlenzell richtete sich auf und bat den Vater, doch Platz zu nehmen; er schob ihm auch das Zigarrenetui hin.

„Über wieviel darf ich quittieren, bitte?“

„Über zwanzig Mark.“

Herr Mehlenzell nahm das Zigarrenetui wieder an sich.

Im Nebenzimmer übte jemand sehr auf dem Klavier.

„… und dann, was ich sagen wollte,“ quetschte der Vater hervor, „ich möchte mal nach dem Buch fragen, ob es Ihnen gefallen hat und ob Sie es vielleicht aushaben?“

„Welches Buch?“

„Sie wissen doch – das Buch von mir, das schöne Buch, was ich Ihnen vor drei Wochen geliehen habe.“

„Ach so, ja. Jetzt fällt es mir ein. – Ja, wo habe ich das?“

Dem Vater standen dicke Angstperlen auf der Stirn.

„Warten Sie einmal, da muß ich meine Frau fragen. Haben Sie denn das Buch so nötig?“

Herr Mehlenzell verließ murmelnd das Zimmer.

Im Nebenzimmer spielte man zum siebenten Male „Mädchen, warum weinest Du„.

Der Vater ging an die halb geöffnete Tür und schaute hinein. Lenchen Mehlenzell saß am Klavier.

Man hatte auf einen Stuhl Bücher gelegt, damit Lenchen hoch genug saß.

Cover Hermann Harry Schmitz, Buch der Katastrophen, Diogenes 1978Der Vater war einer Ohnmacht nahe; Lenchen saß auf dem prächtigen Buch!

Der Vater war sonst nicht roh. Er stürzte aus dem Hinterhalt auf das nichtsahnende Kind und warf es von seinem Sitz, ergriff das Buch und floh.

Zu Hause. – Das Buch wurde geprüft, es hatte gelitten. Man hatte auf dem Deckel etwas geschnitten, etwas Fettiges, scheinbar Wurst. Es mußte häufig gefallen sein, die Ecken waren verbogen und die Seiten saßen teilweise lose im Rücken.

Mit zitternder Hand blätterte der Vater in dem Buch.

Seite 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 40 – der Vater wurde stutzig … 41, 42, 43, 44, 13, 14, 15, 58, 59, 60, 61, 16 – der Vater wurde grün im Gesicht … 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 105, 106, 107, 108 – dem Vater fiel sein Glasauge aus dem Kopf … 109, 110 – jetzt wurden die Seiten kleiner, sehr seltsam … 111, 112. Seite 110 schloß „Wanderburschen, wandert zu in die weite Welt hinaus“, und es ging weiter aus Seite 111 „mit der weißen, aristokratischen Hand durch das gewellte Haar und ging erregt auf Leonie zu.“ In Vaters Buch kam keine Leonie vor. Der Vater bekam einen eiförmigen Kopf.

Der Vater erschlug die Mutter.

Aus dem Buch fiel eine Ansichtskarte an Frau Mehlenzell aus Saarbrücken und ein Zettel mit den denkwürdigen Worten: „2 Paar Socken, 3 Kragen, 1 Taschentuch, 1 Vorhemdchen, 1 Paar Manschetten.“

Der Vater sprang am Fenster hinaus und brach das Genick.

Die Kinder verdarben. –

Schauderhaft, höchst schauderhaft. –

Bilder: Svato Zapletal: Hermann Harry Schmitz: Das verliehene Buch • Die vorzügliche Kaffeemaschine,
Svato Verlag, Hamburg 2008;
Cover Hermann Harry Schmitz: Buch der Katastrophen, Diogenes 1978.

Soundtrack: Mädchen, warum weinest Du?, belegt ab 1843;
Einspielung von Dagmar Manzel, aus: MENSCHENsKIND, 2014:

Bonus Track: Bell Book & Candle: Rescue Me, aus: Read My Sign, 1997 f.:

Written by Wolf

8. April 2022 at 00:01

Krullsekt (Fürchten Sie die Gesetze!)

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Update zu Ich trinke ein Glas Burgunder!,
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt
Saufspiele für Bücher-Geeks
und Wein-Lese:

Ich tränke gern ein Glas, die Freyheit hoch zu ehren,
Wenn eure Weine nur ein Bißchen besser wären.

Mephistopheles, Vers 2245 f.

Dem Vorsatz, nicht immer bloß aus dem ersten Theil, erstes Buch, erstes Capitel zu zitieren, ist schwer Folge zu leisten. Vor allem wenn man wie ich am liebsten mit dem Nachwort anfängt und dann natürlich schon auf den ersten 40 Seiten schwächelt. Und wenn man bei der Charakterisierung der Hauptfiguren über ihr marktwirtschaftliches Produkt seinen oberexquisiten Gummibärchensirup (Kong Strong Wild Power Urban Classic) durch die Nase prustet vor Lachen.

Das so vielversprechend beschriebene Etikett war nicht aufzutreiben — vermutlich weil es nie ausgeführt wurde. Wenn bei Gelegenheit jemand so viele künstlerische mit technischen Fertigkeiten verbinden wollte?

——— Thomas Mann:

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Der Memoiren erster Teil. Erstes Buch, Erstes Kapitel,
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1954, Fischer-Gesamtausgabe Seite 267 f.:

Mein armer Vater war Inhaber der Firma ‚Engelbert Krull‘, welche die untergegangene Sektmarke ‚Lorley extra cuvée‘ erzeugte. Unten am Rhein, nicht weit von der Landungsbrücke, lagen ihre Kellereien, und nicht selten trieb ich mich als Knabe in den kühlen Gewölben umher, schlenderte gedankenvoll die steinernen Pfade entlang, welche in die Kreuz und Quere zwischen den hohen Gestellen hinführten, und betrachtete die Heere von Flaschen, die dort in halbgeneigter Lage übereinandergeschichtet ruhten. Da liegt ihr, dachte ich bei mir selbst (wenn ich auch meine Gedanken natürlich noch nicht in so treffende Worte zu fassen wußte), da liegt ihr in unterirdischem Dämmerlicht, und in euerem Innern klärt und bereitet sich still der prickelnde Goldsaft, der so manchen Herzschlag beleben, so manches Augenpaar zu höherem Glanze erwecken soll! Noch seht ihr kahl und unscheinbar aus, aber prachtvoll geschmückt werdet ihr eines Tages zur Oberwelt aufsteigen, um bei Festen, auf Hochzeiten, in Sonderkabinetten eure Pfropfen mit übermütigem Knall zur Decke zu schleudern und Rausch, Leichtsinn und Lust unter den Menschen zu verbreiten. Ähnlich sprach der Knabe; und so viel wenigstens war richtig, daß die Firma ‚Engelbert Krull‘ auf das Äußere ihrer Flaschen, jene letzte Ausstattung, die man fachmännisch die Coiffure nennt, ein ungemeines Gewicht legte. Die gepreßten Korken waren mit Silberdraht und vergoldetem Bindfaden befestigt und mit purpurrotem Lack übersiegelt, ja, ein feierliches Rundsiegel, wie man es an Bullen und alten Staatsdokumenten sieht, hing an einer Goldschnur noch besonders herab; die Hälse waren, reichlich mit glänzendem Stanniol umkleidet, und auf den Bäuchen prangte ein golden umschnörkeltes Etikett, das mein Pate Schimmelpreester für die Firma entworfen hatte und worauf außer mehreren Wappen und Sternen, dem Namenszuge meines Vaters und der Marke ‚Lorley extra cuvée‘ in Golddruck eine nur mit Spangen und Halsketten bekleidete Frauengestalt zu sehen war, welche, mit übergeschlagenem Beine auf der Spitze eines Felsens sitzend, erhobenen Armes einen Kamm durch ihr wallendes Haar führte. Übrigens scheint es, daß die Beschaffenheit des Weines dieser blendenden Aufmachung nicht vollkommen entsprach. „Krull“, mochte mein Pate Schimmelpreester wohl zu meinem Vater sagen, „Ihre Person in Ehren, aber Ihren Champagner sollte die Polizei verbieten. Vor acht Tagen habe ich mich verleiten lassen, eine halbe Flasche davon zu trinken, und noch heute hat meine Natur sich nicht von diesem Angriff erholt. Was für Krätzer verstechen Sie eigentlich zu diesem Gebräu? Ist es Petroleum oder Fusel, was Sie bei der Dosierung zusetzen? Kurzum, das ist Giftmischerei. Fürchten Sie die Gesetze!“ Hierauf wurde mein armer Vater verlegen, denn er war ein weicher Mensch, der scharfen Reden nicht standhielt. „Sie haben leicht spotten, Schimmelpreester“, versetzte er wohl, indem er nach seiner Gewohnheit mit den Fingerspitzen zart seinen Bauch streichelte, „aber ich muß billig herstellen, weil das Vorurteil gegen die heimischen Fabrikate es so will – kurz, ich gebe dem Publikum, woran es glaubt. Außerdem sitzt die Konkurrenz mir im Nacken, lieber Freund, so daß es kaum noch zum Aushalten ist.“ Soweit mein Vater.

Château Migraine, Grand vin misérable, Domaine Scharlatan, Appellation souterraine pas controlée

Bilder: Château Migraine: Grand vin misérable, Domaine Scharlatan, Appellation souterraine pas controlée, avec Goldmedaille.

Soundtrack: Dschinghis Khan: Loreley, aus: Wir Sitzen Alle Im Selben Boot, 1981.
Teuflischerweise eine nicht ganz reizlose Melodie:

Written by Wolf

1. April 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

Grabberland (Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr)

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Update zu The rhythm of our rowing
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire
und And to watch it dwindle gave him Kugelkopfschwindel:

Wenn man vom Enkel- bis ins Großvateralter nie von den zwei AliceBüchern von Lewis Carroll losgekommen ist, fällt auf, mit wie vielen deutschen Sachen diese englischsten aller Bravourfeuerwerke verwoben sind.

Um nicht auf die zahllosen gelehrten, bei tieferer Betrachtung schon gar nicht mehr kindgerechten – wohl aber jugendfreien – Sprachkapriolen einzugehen, sei mit aller dringenden Wärme auf The Annotated Alice. Alice’s Adventures in Wonderland and Through the Looking-Glass von Martin Gardner verwiesen, die seit 1960 in ihren häufigen Auflagen immer nur besser, ausführlicher und penibler geworden ist. Speziell den Jabberwocky aus Through the Looking-Glass, and What Alice Found There hat Carroll seit einer einstrophigen Urfassung in einem der Dodgson’schen Familienmagazine Mischmasch mit sich herumgetragen, um ihn 1871 erweitert, illustriert und zurechtgeputzt an prominenter, kommerziell bedeutsamer Stelle zu verwenden.

Was aus dem Mischmasch als Setzling gedieh, interpretiert Alice 1871 textimmanent:

„Somehow it seems to fill my head with ideas——only I don’t exactly know what they are! However, somebody killed something: that’s clear, at any rate——“

Etwas zu töten wird ohnehin in viel zu weiten Teilen der Welt als typisch deutscher Vorgang angesehen; in diesem Fall zurecht, weil das Motiv des heldenhaften Drachentötens stark mit der erzdeutschen Siegfried-Sage konnotiert ist. Was wunder also, dass man sich in der Welt ab 1933 auf grundlegenden Nonsens und speziell den Jabberwocky zu besinnen anfing, als es zur kollektiven Seelenhygiene und politischen Aufarbeitung notwendig wurde, den deutschen Nationalsozialismus zu parodieren. Was nicht einmal die reichhaltigen Jabberwocky Variations bringen, war einst Gegenstand in der Lewis Carroll Group, als es statt Facebook-Gruppen noch quicklebendige Yahoo-Gruppen gab: Grabberwocky. Zu rekonstruieren war etwa zwei Jahrzehnte nach Löschung der Diskussionsgruppe:

According to Jabberland it was originally published as „Grabberwochy“. Set to music by Max Saunders and Max Kester and used as a prologue to Adolf in Blunderland by James Dyrenforth and Max Kester, produced by the BBC Oct 6, 1939 and Feb 12, 1940. Both scripts spelled Grabberwochy. Not included in the published play. The spelling was changed when Barsley used it in „Grabberwocky and Other Flights of Fancy“ pub. John Murray, 1939. The four versions are essentually the same with some punctuation differences, the title spelling and the last word of the first stanza: julestreich (probably for Jules Streicher—nazi editor of Der Sturmer) first BBC script had it as pilestreich, perhaps for British General Sir Frederick Alfred Pile, but this was crossed out and changed to judestreich. Then in the book form it was anglicized to jewstreich. One other thing: ‚my rhenish boy‘ (original) changed to ‚my schemish boy‘ in BBC version.

I did not do the research on this but I remember tons of email back and forth and this endnote had the most revisions in the book due to the many versions.
Hope any of this helps.
Dayna

I’ve found it in my research about „Adolf in Blunderland“, about which I once asked some info (always welcome!)

Das ist eine ausführlichere und dankenswertere Forschung, als sie für die Parodie einer Parodie jemals zu erwarten wäre. – Volltext:

——— Michael Barsley:

Grabberwocky

from: Time and Tide July 1939:

Cover Grabberwocky‘Twas Danzig, and the Swastikoves
     Did Heil and Hittle in the Reich
All Nazi were the Lindengroves
     And the Neurat Jewstreich.

Beware the Grabberwock, my Son
     The Plans that spawn, the Plots that hatch,
Beware the JewJew Bird, and shun
     The führious Bundesnatch.

He took his Aryan Horde in Hand
     Long Time the Gestapo He taught
Then rested He by the Baltic Sea
     And stood awhile in Thought.

And as a Polish Oath they swore
     The Grabberwock, with Lies aflame
Came Goering down the Corridor
     and Goebbled as it came.

Ein, Zwei! Ein, Zwei! One in the Eye
     For Polska Folk. Alas, alack!
He left them dread and as their Head
     He came Meinkampfing back.

And hast thou ta‘en thy Liebensraum?
     Come to my Arms, my schemish Boy
Oh grabjous Day, Sieg Heil, be Gay
     He strengthened through his Joy.

‘Twas Danzig, and the Swastikoves
     Did Heil and Hittle in the Reich
All Nazi were the Lindengroves
     And the Neurat Jewstreich.

And hast thou slain the Jabberwock? Nicht ganz. Nicht nachweisen konnte ich eine Vertonung von Max Saunders, der ein „British academic and writer specialising in modern literature“ des späten Geburtsjahrgangs 1957 ist, und Max Kester nur dort, wo sich auch die Illustration findet: bei Alice in the Internet vom 29. Mai 2016. Nach den vier Versionen mit und ohne Anklänge an meinen ungeliebten Landsmann Julius Streicher (leider wohnhaft in der Pirckheimerstraße beim Stadtpark ums Eck), und ob der „Lebensraum“ dort wirklich als „Liebensraum“ erscheint, würde ich gerne mal Grabberwocky and Other Flights of Fancy selbst durchblättern. Und auch sonst.

Vorerst versammle ich ohne Anspruch oder Aussicht auf Vollständigkeit einige deutsche Übersetzungen von Jabberwocky. Das dient dem Vergleich, ich bin nämlich mit dem Thema noch lange nicht durch.

Die erste deutsche Übersetzung war schon ein Sprachenscherz auf mindestens drei Ebenen: von einem Engländer. der sich als Deutscher ausgab:

Der Jammerwoch

übs. Robert Scott als Hermann von Schwindel
aus: The Jabberwock Traced to Its True Source,
MacMillan’s Magazine, Februar 1872:

Es brillig war. Die schlichte Toven
     Wirrten und wimmelten in Waben;
Und aller-mümsige Burggoven
     Die mohmen Räth‘ ausgraben.

„Bewahre doch vor Jammerwoch!
     Die Zähne knirschen, Krallen kratzen!
Bewahr‘ vor Jubjub-Vogel, vor
     Frumiösen Banderschntzchen!“

Er griff sein vorpals Schwertchen zu,
     Er suchte lang das manchsan‘ Ding;
Dann, stehend unterm Tumtum Baum,
     Er an-zu-denken-fing.

Als stand er tief in Andacht auf,
     Des Jammerwochen’s Augen-feuer
Durch tulgen Wald mit Wiffek kam
     Ein burbelnd Ungeheuer!

Eins, Zwei! Eins, Zwei! Und durch und durch
     Sein vorpals Schwert zerschnifer-schnück,
Da blieb es todt! Er, Kopf in Hand,
     Geläumfig zog zurück.

„Und schlugst Du ja den Jammerwoch?
     Umarme mich, mien Böhm’sches Kind!
O Freuden-Tag! O Halloo-Schlag!“
     Er schortelt froh-gesinnt.

Es brillig war. Die schlichte Toven
     Wirrten und wimmelten in Waben;
Und aller-mümsige Burggoven
     Die mohmen Räth‘ ausgraben.

Die schönste Version finde ich bis auf weiteres die vom „Enzensbergerbruder„: „Verdaustig“ für „brillig“ eröffnet in seiner künstlerischen Freiheit recht überraschend, und der Satz „Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr“ hat ja wohl das Zeug zum Volksgut. Vor allem, wenn man mal Katzenwelpen aufgezogen hat.

Der Zipferlake

übs. Christian Enzensberger, Insel 1963:

Verdaustig war’s, und glaße Wieben
     rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
     und die gabben Schweisel frieben.

„Hab acht vorm Zipferlak, mein Kind!
     Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr.
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
     dem mampfen Schnatterrind.“

Er zückt‘ sein scharfgebifftes Schwert,
     den Feind zu futzen ohne Saum,
und lehnt‘ sich an den Dudelbaum
     und stand da lang in sich gekehrt.

In sich gekeimt, so stand er hier,
     da kam verschnoff der Zipferlak
mit Flammenlefze angewackt
     und gurgt‘ in seiner Gier.

Mit Eins! und Zwei! und bis auf’s Bein!
     Die biffe Klinge ritscheropf!
Trennt‘ er vom Hals den toten Kopf,
     und wichernd sprengt‘ er heim.

„Vom Zipferlak hast uns befreit?
     Komm an mein Herz, aromer Sohn!
Oh, blumer Tag! Oh, schlusse Fron!“
     So kröpfte er vor Freud‘.

Verdaustig war’s, und glaße Wieben
     rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
     und die gabben Schweisel frieben.

Die DDR hat aus den meisten fremdsprachigen Klassikern ihre eigenen, ideologisch nach ihren Bedürfnissen aufbereitete Ausgaben gemacht, meistens ganz und gar unverächtliche und wissenschaftlich zuverlässigere als bei den westdeutschen Brüdern und Schwestern. 1967 durfte man da noch in aller Unschuld mit dem Schwert „schwuchteln“. Als Übersetzungsarbeit erfreulich genau zugeschmiedet:

Brabbelback

übs. Lieselotte & Martin Remané, Reclam Berlin 1967 (nicht 1976):

Es sunnte Gold, und Molch und Lurch
     krawallten ‚rum im grünen Kreis,
den Flattrings ging es durch und durch,
     sie quiepsten wie die Quiekedeis.

„Nimm dich in acht vorm Brabbelback,
     mein Sohn! Er beißt, wenn er dich packt.
Reiß aus, reiß aus vorm Sabbelschnack,
     vorm Jubjub, der dich zwickt und zwackt!“

Er aber schwuchtelt mit dem Schwert,
     trabaust dem Unhold hinterdrein.
Doch beim Tumtumbaum macht er kehrt
     und grübelt: Wo, wo mag er sein?

Und während er so duselnd stand,
     kam feuerfauchend Brabbelback
quer durch den Dusterwald gerannt,
     der Brabbelback, der Sabbelschnack!

Komm ‚ran, komm ‚ran! Und schwipp und schwapp
     haut er das Schwert ihm ins Genick,
der Unhold fiel, sein Kopf war ab,
     der Held kam mit dem Kopf zurück.

„Ermurkst hast du den Brabbelback!
     Umarmen wird man dich zu Haus!
Callu, callei! Mit Sabbelschnack“
     und seinem Tratschen ist es aus!

Es sunnte Gold, und Molch und Lurch
     krawallten ‚rum im grünen Kreis,
den Flattrings ging es durch und durch,
     sie quiepsten wie die Quiekedeis.

Schön auch zu sehen, dass ein Kinderbuchverlag für seine Klassiker eine eigene Übersetzung angefertigt hat:

Der Schlabberwork

übs. Barbara Teutsch, Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 1989:

SWar schummricht, und die Wolper kreisen
     gar bohrlich morgelnd Wurzelmoos;
Die Parmazieben mümfen Quengelweisen,
     Und Gründelschnuffen scheuchen bloß.

„Hüt Dich vorm Schlabberwork, mein Kind,
     Es reißt sein Zahn, es kratzt sein Klau!
Hüt Dich vorm Vogel Jüberjüp und flieh geschwind
     Vorm Banderschnatz so schraurigschlau.“

Sein Balmungschwert nahm er zur Hand,
     Folgt mählich Weil dem Unhold kühn,
Bis unterm Bongbaum süße Rast er fand,
     Und träumend war sein Sinn.

Wie er in hehrem Traum so stand und sann,
     Der Schlabberwork mit Aug wie Feuersglut
Naht brimseln aus dem tulgen Tann
     Und schnorgelt seine Wut!

Eins, Zwei! Eins, Zwei! Durch Horn und Bein
     Der Balmung scharf in Hieb und Stich gradaus
Trifft tief ins Schlabberherz hinein! –
     Das Haupt am Knauf er trirumtrabt nach Haus.

„Ist hin der Schlabberwork? Sag’s hurtig an –
     Komm an die Vaterbrust, mein trutzger Sohn!
Oh, gloriglicher Tag! Halli! Hallan!“
     Die Freudenzähr ihm ronn.

SWar schummricht, und die Wolper kreisen
     gar bohrlich morgelnd Wurzelmoos;
Die Parmazieben mümpfen Quengelweisen,
     Und Gründelschnuffen scheuchen bloß.

Die meisten heutigen Leser, die sich für Alice in ihrer Eigenschaft als linguistische Spielerei, weniger als Kinderbuch interessieren, werden sich an die Reclam-Ausgabe wenden:

Legende vom Schebberroch

übs. Günther Flemming, Reclam 1999:

’s war britzlich, und der schlinke Totz
     Zerschirrt‘ und drilberte ’s Geweech;
Ganz jimmrig war’s dem Borgoglotz,
     Und die traute Schratte schreech.

Hüt Dich, mein Sohn, vorm Schebberroch,
     Des Maules Biß, der Klauen Krall!
Nah weder öm Sabbsabb-Vogel
     noch Wutschnaufgem Geißelprall!‘

Er nahm’s vorpale Schwert zur Hand:
     Nach dem kattmanen Feind er spürt‘ –
Als unterm Tamtam-Baum er stand
     Und Selbstgespräche führt‘,

In zwidrer Stimmung, da kam bald
     Der Schebberroch mit Flammenblick
Laut jiffelnd durch den tulgen Wald:
     Senkt burbelnd das Genick!

Eins, zwo! Eins, zwo! Und so! Und so!
     Die Klinge führt er schnacke-schnick!
Schlug ab den Kopf, ergriff den Schopf,
     Und galumphiert‘ zurück.

Erschlugst den Schebberroch?
     Dann ach: Strahlischer Knab‘ an meine Brust!
Fantabler Tag! Ich juch! Ich jauch!‘
     Gluckst der in seiner Lust.

’s war britzlich, und der schlinke Totz
     Zerschirrt‘ und drilberte ös Geweech;
Ganz jimmrig war’s dem Borgoglotz,
     Und die traute Schratte schreech.

Aus dieser Ausgabe folgen beispielhaft die Anm. d. Übs. Günther Flemming aus dem Anhang, um klarzumachen, dass ein Nonsens-Gedicht nicht aus weiterem beliebigen Nonsens zusammengestoppelt werden darf, und dass dafür sehr wohl künstlerische Kriterien bestehen:

Julia Margaret Cameron, Photographic study Pomona. Alice Liddell as a young woman, 1872Schebberroch: aus schebbern (mit stimmhaftem sch) =
sabbeln, tratschen, übel nachreden, und aus roch von riechen ‚Rache, ruchbar, Rauch, Rochen‘.
Britzlich: von britzeln, aus brutzeln und brenzlich, nach i hin abgefärbt.
Schlink: aus schlank und flink.
Zerschirren: von scharren, nach i hin abgefärbt.
Drilbern: von Drillbohrer, nach i hin abgefärbt.
Geweech: von Weg und aufgeweicht.
Jimmrig: von jämmerlich und wimmern, nach i hin abgefärbt.
Borgoglotz: von Burg und glotzen, nach o hin abgefärbt.
Trau: von traurig.
Schratte: von Ratte.
Schreech: von niederdeutsch schrieen (‚schreien‘).
Sabbsabb: von sabbeln.
Wutschnuffig: schnaubend vor Wut, nach u hin abgefärbt.
Vorpal: so auch im Original, möglicherweise ein Portmanteau-Wort aus
vorago
und palabra.
Kattman: von Katze (niederdeutsch Katt) und der Insel Man.
Jiffeln: lautmalerische Annäherung an whiffling.
Schnack und schnick: lautmalerische Annäherung an das englische snicker-snack.
Strahlisch: Variante zu strahlend (wie beamish zu beaming).
Fantabel: aus fantastisch und fabelhaft.
Jachen: Parallelbildung zu juchen, von jach = jäh, auch jappen ‚vor Überraschung nach Luft schnappen‘.
Glicksen: aus gnickern und glucksen

Bilder: Michael Barsley: Grabberwocky and Other Flights of Fancy, illustrated by Osbert Lancaster, John Murray, 1939, third printing 1941;
Julia Margaret Cameron: Photographic study „Pomona“ (Alice Liddell as a young woman), 1872,
via Lewis Carroll and Alice Lidell, 14. Novemeber 2010.

Soundtrack: Marianne Faithfull: Jabberwoc, aus: Come My Way, 1965:

Bonus Track: Donovan: Jabberwocky, aus: HMS Donovan, 1971:

Written by Wolf

25. März 2022 at 00:01

Einst, wenn dieser Lenz entschwand

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Update zu Siehst du und
Die Lust des Mittelstands:

Thomas Mann ist für alles mögliche bekannt – nur nicht dafür – was auch mir nach Jahrzehnten eifriger Rezeption seit August 2021 neu war –, dass er gar nicht Goethe sein wollte, oder für seine Lyrik.

Kein Schaden, er hat seine bekannten Qualitäten, außerdem rettet ihn von seinen Anfängen an eine gewisse Selbstironie. Um diese Ansicht samt der Ironie zu untermauern, hat er praktischerweise eins seiner frühen Gedichte in der Erzählung Gefallen 1894 gleich selbst interpretiert und qualitativ eingeordnet.

——— Thomas Mann:

Gefallen

in: Die Gesellschaft, Jahrgang 10, Leipzig, Oktober 1894:

Władysław T. Benda, They say she is young, a golden girl, created as if from spring sunlight, Hearst's, 1921, via AbecedarianEinmal, an einem schönen, weichen Abend, als er einsam durch die Straßen wanderte, machte er wieder einmal ein Gedicht, das ihn sehr rührte. Es lautete etwa so:

Wenn rings der Abendschein verglomm,
Der Tag sich still verlor,
Dann falte deine Hände fromm
Und schau zu Gott empor.

Ist’s nicht, als ruh‘ auf unserm Glück
Sein Auge wehmutsvoll,
Als sagte uns sein stiller Blick,
Daß es einst sterben soll?

Daß einst, wenn dieser Lenz entschwand,
Ein öder Winter wird,
Daß an des Lebens harter Hand
Eins von dem andern irrt? —

Nein, lehn dein Haupt, dein süßes Haupt
So angstvoll nicht an meins,
Noch lacht der Frühling unentlaubt
Voll lichten Sonnenscheins!

Nein, weine nicht! Fern schläft das Leid, —
O komm, o komm an mein Herz!
Noch blickt mit jubelnder Dankbarkeit
Die Liebe himmelwärts!

Aber dies Gedicht rühre ihn nicht etwa, weil er sich wirklich und ernsthaft die Eventualität eines Endes vor Augen gestellt hätte. Das wäre ja ein ganz wahnsinniger Gedanke gewesen. Recht von Herzen kamen ihm eigentlich nur die letzten Verse, wo die wehmütige Monotonie des Klangfalls in der freudigen Erregung des gegenwärtigen Glücks von raschen, freien Rhythmen durchbrochen ward. Das übrige war nur so eine musikalische Stimmung, von der er sich vage die Tränen in die Augen streicheln ließ.

Damit nicht genug, hat das namenlose Gedicht innerhalb der Handlung einen so festen Platz, dass es am Schluss sinnhaltig ins Schloss schnappen kann:

Dann saß er an seinem Tisch, still und schwach.

Draußen herrschte in lichter Majestät der liebliche Sommertag.

Und er starrte auf ihr Bild, wie sie noch immer dastand, wie früher, so süß und rein …

Über ihm unter rollenden Klavierpassagen klagte ein Cello so seltsam, und wie die tiefen, weichen Töne sich quellend und hebend um seine Seele legten, stiegen wie ein altes, stilles, längstvergessenes Leid ein paar lose, sanft-wehmütige Rhythmen in ihm auf …

… Daß einst, wenn dieser Lenz entschwand,
Ein öder Winter wird,
Daß an des Lebens harter Hand
Eins von dem andern irrt …

Und das ist noch der versöhnlichste Schluß, den ich machen kann, daß der dumme Bengel da weinen konnte.

Svobodnyi Smekh, 1906, via Abecedarian

Bilder:

  1. Władysław T. Benda:

    They say she is young, a golden girl, created as if from spring sunlight.

    aus: Hearst’s, 1921, via Abecedarian: Restoring the Lost Sense, 22. September 2021;

  2. Svobodnyi Smekh, 1906, via Abecedarian: Restoring the Lost Sense, 18. November 2018.

Unter rollenden Klavierpassagen klagte ein Cello so seltsam:
Ludwig van Beethoven: Cellosonate Nr. 2 g-Moll op. 5,2, 1796,
Mstislav Rostropovich & Sviatoslav Richter am Edinburgh Festival, 30. August 1964:

Written by Wolf

18. März 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Symbolismus

Du bist dämlich, Mensch, bist du dämlich

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Update zu Schwatzen nach der Welt Gebrauch,
Des eigenen Herzens süße Melodie,
Kotzmaterial (Ein Hoch auf deine Bildung du vollidiot)
uns Du aber bist beim Amtsgericht:

Darauf kann man kommen, wenn man zu viel dem „Aufgestanden ist er, welcher lange schlief“ hinterherforscht: gleiches Entstehungsjahr, gleiche Marokkokrise, gleiche Existenzangst. In einen Krieg konnte der jungische Georg Heym da noch nicht verwickelt werden, weil er schon 1912 beim Versuch, seinem Kumpel das Leben zu retten, 25-jährig beim Schlittschuhlaufen verstarb. Seine einbändige Werkausgabe hat 1340 Seiten, von denen 7 auf eine Aufarbeitung davon entfallen, dass er 1911 als Aktenwälzer beim Amtsgericht noch nicht zu seiner Lebensstellung gefunden hatte, gelinde gesagt (von mir) und brillant ausgedrückt (von ihm).

Der parodistische bis zynische Inhalt erschließt sich – ungewöhnlich beim symbolträchtig herumdunkelnden Georg Heym – leicht. Die Form ist ein Zyklus von Sonetten mit abschließenden Vierzeilern als Exitus, das Versmaß geht vom Blankvers aus, um ihn frei zu handhaben und gegebenfalls sogar zu verlassen. Eine erste tiefergehende Interpretation versucht erst Gerhard Rademacher in: Von Eichendorff bis Bienek. Schlesien als offene literarische „Provinz“. Studie zur Lyrik schlesischer Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts im transregionalen Kontext, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1993, im Kapitel X. Oderkahn, Eisenkahn, Fließband, Abschnitt Nur Arbeiter statt Menschen. Wie die Überschriften nur halbherzig zu verschleiern suchen, hebt Rademacher auf marxistisch motivierte Weise – venceremos, Genosse! – die dargestellten Missstände über das individuelle Einzelschicksal des lyrischen Ich hinaus.

Das Amtsgericht Berlin-Lichterfelde in der Ringstraße 9, Ecke Söhtstraße 7–7a, in dem Heym von den Verhältnissen festgehalten werktäglich einsaß, wurde 1902 bis 1906 als Gericht und Gefängnis der damals unabhängigen Villenkolonie Lichterfelde erbaut. Seit 1973 ist es eine Zweigstelle des Amtsgerichts Schöneberg und immer noch zuständig für Grundbuchangelegenheiten.

Heym äußert sich nicht nur für Kaisers Zeiten, in denen Defätismus und Lästerung von Obrigkeiten leicht als gravierende Straftaten ausgelegt werden konnten, gefährlich invektiv, dazu noch kunstvoll, also mit Plan und Vorsatz, sondern auch für eine Gesellschaft mit weitgehender Redefreiheit: Solange ich Zivilfeigling auf Lebensunterhalt unter Umständen angewiesen bin, unter denen ich nichts anderes als Arbeit zu vergeben habe, wollte ich im ausgehenden Kapitalismus dergleichen nicht als meine Verantwortlichkeit entdeckt wissen.

Der Schmerz ist also echt.

——— Georg Heym:

Das Grundbuchamt

EIn Blütenkranz deutscher Lülülürik
Herrn Dr. Hiller zur Erbauung an stillen Sonntagen

Amtsgericht Berlin-Lichterfelde, Mai 1911,
in: Dichtungen und Schriften, Gesamtausgabe, Band 1: Lyrik,
Verlag Heinrich Ellermann, Hamburg 1964, Seite 265 bis 275,
erreichbar in: Das Werk, Zweitausendeins 2005, Seite 864 bis 870:

I Introitus

Hinaus, ins Amt! Und wie ein Delinquent
Schleichst du schon leise in das Haus hinein
Verblödet, ganz verdummt, ein armes Schwein,
Das nach dem Trog im Grundbuchamte rennt.

Ein großer Nagel stochert dir im Hirn.
Auf deiner Schulter reitet ein Dämon,
Ein alter Aktenbock, ein Höllensohn,
Der treibt den Nagel tief in deine Stirn.

Bis daß dir dein Schädel wie ein Backofen scheint,
In den jemand fortwährend glühende Steine reinschmeißt,
Ohne aufzuhören. Dein ganzer Kopf brummt.

Du bist damlich, Mensch, bist du dämlich. Du bist blind,
Du rennst einen alten Gerichtsvollzieher an,
Und schließlich fällst du in die Tür des Grundbuchamtes.

Sebastian Panwitz, Amtsgericht Lichterfelde, 2014

II Das Grundbuchamt

1

Des Grundbuchamtes winterliche Trauer,
Wenn in dem Märzwind wilde Vögel schrein,
Und durch die Fenster schaut der Tag herein.
Einäugig lehnt er an der Mauer.

Und seine Hand, die durch die Scheiben bricht,
Die nicht zerbrechen, wandert durch den Saal,
Wo viele Schläfer ruhn mir Häuptern kahl,
Staub auf der Glatze, Staub auf dem Gesicht.

O düstrer Aktenstaub im Amts-Gericht,
Des dicker Rauch die alte Decke schwärzt,
Und der erstickt das graue Morgenlicht.

Polheim, der Richter, der einBündel herzt
Uralter Akten. Halob im Schlaf der Dicht-
Er. Kollege Stahl, er verzt.

~~~~~~~~~~/~~~

2

Der Alte kommt mit seinem Pracht-Popo,
Wie immer schmierig-freundlich. „Guten Morgen,
Können Sie nicht den Kollegen Heym borgen?
Er soll protokollieren. Übrigens, à propos,

Er fabriziert Gedichte. Ja. Ein Buch
Kommt jetzt heraus. Ha, ha. Berühmte Leute
Haben wir in unserer Justiz heute.
Er schreibt auch Novellen. Ein zweiter Wildenbruch.“

Er geht, wie immer schleimig-jovial,
Und winkt noch einmal freundlich mit der Hand:
„Adieu, Herr Polheim. Adieu, Herr Stahl.“

Und Polheim stottert aus dem Sau-Gesichte:
„Zu ko … komisch. War mir nicht bekannt,
Herr Ko … Kolleje. Sie machen auch Jedichte?“

Sebastian Panwitz, Amtsgericht Lichterfelde, 2014

III Die Leichenkammer

1

Seht hier die Leichen all der Referendare,
Die Polheims Stumpfsinn langsam umgebracht.
Nun schlummern sie in schwarzer Gräber Nacht,
Wie Mumien dürr und trocken auf der Bahre,

Auf hohen Grundbuchakten unter Tage
Mit großen Aktenballen überhäuft.
Des Todes Schweigen. Eine Ratte läuft
Raschelnd davon im Staub der Sarkophage.

Ihr Kopf ward dürr, ihr Hals ein magrer Schrumpf,
Der einst an einem Wust Papier erstickt.
Nur ihre Brillen glänzen manchmal noch,

Die einstmals Polheims stolzes Haupt erblickt.
Nun wahren sie sein Bild im Gräber-Loch,
‚Ward‘ es auch trübe schon und mählich stumpf.

~~~~~~~~~~/~~~

2

Doch nachts, wenn Uhu krächzt, und Mäuse pfeifen,
Und wenn der Mond durch ihre Knochen scheint,
Dann hebt sich auf das stille Volk vereint,
Durch Treppen und durch Gänge fortzuschweifen,

Mit weißem Talglicht in zerfranster Hand,
Mit großen Federn hinterm morschen Ohre,
Wenn dumpf der Mitternächte dunkle Hore
Vom Turme langsam hallt ins stumme Land.

Dann sitzen sie im Grundbuchamt in Scharen
Am langen Tisch. Sie schmieren Protokolle.
Und riesig häuft es sich von Formularen.

Kataster, Reinertrag, mit Windesschnelle.
Abteilung III. Grundsteuermutterrolle,
Und fröhlich wächst Parzelle auf Parzelle.

Sebastian Panwitz, Amtsgericht Lichterfelde, 2014

IV Die Paragraphen

1

Mit tausend Ellen Leinewand umwunden,
Die alten Greise, mit den Haaren dünn
Und große Totenbänder um das Kinn,,
Den Kranz von Siegeln um die Stirn gebunden,

Kriechen sie abends aus dem Aktenspind,
Riesige Mehlwürmer, eine schreckliche Horde
Ringel sie sich über alle Borde
Und schweben in dem goldnen Licht geschwind.

Sieheben ihre Knochen leicht im Takt,
Und tanzen einen Cancan durch den Saal,
Daß ihre magre Wirbelsäule knackt.

Dann sitzen sie am Tisch und halten Mahl.
Die Akten fressen sie, die Polheim kackt
An jedem Morgen hoch in das Regal.

~~~~~~~~~~/~~~

2

Doch manchmal, mittags, wenn die Flure stille,
Und eine Fliege an die Scheiben summt,
Der Kastellan mit seiner großen Brille
Aktenbeladen durch die Türe kommt,

Und Waschfraun mit den großen Scheuerlapppen
Die Fliesen draußen schwemmen, hörst du kaum
Ein zartes Flüstern in dem leeren Raum
Durch fernes Echo von Pantoffelklappen.

Dann sitzen sie in ihren staubigen Winkeln,
Ein feuchter Tropfen fällt dir ins Genick,
Wenn sie ihr Wässerchen herunterpinkeln,

Wie Silber dünn, ein feiner Sonnenstrahl.
Du drehst dich um, und fängst noch einen Blick
Durch Spinneweben aus dem Leben schmal.

~~~~~~~~~~/~~~

3
Variation

In gelbe Spitzenschuhe, rot mit Bändern,
Versteckt den Knochenfuß, auf allen Treppen
Den königlichen Fall der weißen Schleppen
In tulpenüberstickten Festgewändern

Ziehen sie auf in knarrenden Brokaten,
Wie Könige voraus. An ihren Glanz
Hängt hinten sich ein ungeheurer Schwanz,
Ameisen gleich, der Chor der Bürokraten.

Alle Amtsrichter mit ausgebeultem Arsch,
Dazwischen friedlich Hämorrhoiden hängen,
Flattern einher zu frohem Hochzeitsmarsch.

Im Überswchwang der braunen Lockenhaare
Assessoren, leichtfüßig, auf allen Gängen,
Ganz hinten krumm die grauen Aktuare.

~~~~~~~~~~/~~~

4

Sebastian Panwitz, Amtsgericht Lichterfelde, 2014Du nur mußt abseits sitzen in der Klause.
Du stahlest Akten, greulich und perfid.
Nun zittert blaß die Träne dir am Lid.
Unteilhaftig bist du dem vergnügten Hause.

Du vergrubest im Schranke eine Expedition,
Du hofftest, sie würde vergessen werden.
Aber Gott sieht alles auf dieser Erden.
Und er sah die Akte vom Himmelsthron.

Und er holte sie vor mit einer langen Stange.
Er brachte das Verbrechen an den Tag.
Unheil waltete. Schweigen lastete lange.

Du standest schnell vor dem Areopag
Des finsteren Alten. Und er schalt dich lange,,
Daß dir sein Zorn in allen Gliedern lag.

~~~~~~~~~~/~~~

V Die Strafe

Ich werd euch beide noch am Galgen sehen,
Rudolphi, dich,k und Polheim, dich, du Schurke,
An eines Galgenarms bemooster Gurke,
Im wilden Sturm der Wetternacht zu wehen.

Wenn grell der Blitz erscheint und Donner hallen,
Von schrecklich fahlem Lichte überschweißt,
An euren ausgedörrten Schwänen reißt
Ein Flatterdämon mit den Eisenkrallen.

Dann schreit: „Hu, hu“ und brüllet: „Herr Kollege,
Man reißt den Schwanz mir aus. Genuch, genuch.“
Indes auf einem schwarzen Wolkenstege

Satanas schwankt auf seinem Pferdefuß,
Von eures Schwanzes saurem Schweißgeruch
Ohnmächtigkeit fast, und garstig voll Verdruß.

~~~~~~~~~~/~~~

VI

Der liebe Gott in goldner Badehose,
Kühn im Zylinder, der schon grau gefleckt,
Er schwingt in feister Hand die Tugendrose,
Die zart er Polheim in das Knopfloch steckt.

„Habt Dank, mein Polhreim, daß ihr treu wie immer,
Im Dienst des Staates euch herumgehetzt,
Daß Ihr der Hosen herbstlich fahlen Schimmer
Mit Fleiß und Anstand endlich durchgewetzt.“

Polheim, er wedelt froh mit seinem Schwanze,
Und grüßt des Lieben Gottes Majestät.
Der sanft umstrahlt von himmlisch-süßem Glanze

Die Stiege langsam schon heruntergeht,
Er fährt davon, wie eine weiße Wanze,
Im Omnibus, der um die Ecke dreht.

~~~~~~~~~~/~~~

VII Exitus

Wie Wandrer wissen, die in ferne Meere
Vom Hafen führt ein schnelles Schiff hinaus,
So weine ich verstohlen eine Zähre
An deiner Türe noch, geliebtes Haus.

Zum letzten Mal in diesem Erdenleben
In deinen Hallen ward ich heut gesehn.
Und meiner Seele schmerzliches Erbeben,
Mein Amtsgericht, ich muß es dir gestehn.

Zum letzten Mal sah ich die Richter sitzen
Wie schwarze Hennen in dem Staub und Qualm
Und ihre kleinen Schädel blähn und schwitzen
Wie leere Seifenblassen auf dem Halm.

Sie kratzten sich den Rauch mit dürrer Kralle
Der schwarz und zottig wie ein Maulwurf schien.
Ihr dicker Hals war von verdorbner Galle
Wie eine ‚farbige‘ Leiche gelb und grün.

Aus ihrem Munde kam ein fahles Stinken
Das manchmal rülpsend aus dem Bauche gor.
Halbtot in einen Winkel hinzusinken,
Floh ich hinaus zum leeren Korridor.

Da sah ich den Justizanwärter Kummer
der onanierend in dem Keller stand,
Und an dem Schwanze eine Solo-Nummer
Mühselig klopfte ab mit magrer Hand.

Sebastian Panwitz, Amtsgericht Lichterfelde, 2014

Bilder: Sebastian Panwitz:

  1. Historistisch, 15. April 2014;
  2. 10th Week of the stairs (5/7), 15. April 2014;
  3. Tod!, 29. April 2014: „Dieses Fenster im Erdgeschoß stammt aber sicher nicht aus der Erbauungszeit 1902-1906, sondern dürfte ein Produkt der Nachkriegszeit sein.“;
  4. Something special: Kreuzrippengewölbe, 1. Februar 2010;
  5. Na dann!, 16. Mai 2014: „Una ex hisce morieris – ‚In einer dieser Stunden wirst du sterben‘ – war schon früher in der lateinischen Form auf Grabsteinen und im Barock auch auf Uhren zu finden. Die deutsche Fassung ist vor allem aus dem Gedicht ‚Una ex hisce morieris‚ von Detlev von Liliencron bekannt. Obige Uhr findet sich allerdings nicht in Friedhofsnähe, sondern im Amtsgericht Berlin-Lichterfelde!“

Soundtrack: Cliff Martinez: Kafka Suite, aus: Kafka, 1991:

Written by Wolf

11. März 2022 at 00:01

Und der Tag will sich erweiten, denn die Sonne stehet still

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Update zu Meteorologischer Frühlingsbeginn,
Frühlingsreigen Buranum,
Des Maies Wonneschlingen,
Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn),
Lache, liebez frowelîn,
Rotstrumpf,
Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!
und Blumenstück 004: Und wohl im armen Herzen auch:

Internetpremiere zum meteorologischen Frühlingsanfang: ein seltenes Frühlingsgedicht von Arnim. Die sieben Zeilen marschieren als eine Art erweiterter Limerick ABABCCX mit wiederholendem X, also der Waise als variiertem Refrain. Aus meiner bibliophilen Sicht ist das ein kostbarer Fund. Das kulturpessimistische Gemoser kommt deshalb, um nicht gleich die Frühlingsstimmung aus dem Dichterstubenfensterchen zu scheuchen, bevor sie aufgekommen ist, ausnahmsweise erst nach dem Primärtext.

Frédéric, 2021

——— Achim von Arnim:

Die schönen Ringelraupen

ca. 1806 oder 1814 bis 1831:

Winterwolken schmelzen nieder,
Aus den Augen, aus dem Sinn,
Lässig strecken alle Glieder
Sich auf grünen Rasen hin,
Zögernd sehn sich um die Zeiten,
Und der Tag will sich erweiten,
Denn die Sonne stehet still.

Süße Frühlingslangeweile
Füllt mit Wollust, füllt mit Scherz;
Langsam, langsam, keine Eile,
Sey doch folgsam liebes Herz!
Langsam wird, was gut auf Erden,
Langsam ziehn die Lämmerheerden,
Und sie stehen alle still.

Nehmt mich auf in eure Weiden
Schäflein bin auch ich wie ihr,
Euer Gras, das will ich meiden
Doch die Blumen schenket mir;
Seht die Blumen auf mich schauen,
Soll sie brechen schönen Frauen,
Und sie halten alle still.

Frauen nehmt mir ab die Blüthen
Bin ein Baum, an Blüthen reich,
Wenn als Früchte sie geriethen,
Bräche mir wohl jeder Zweig;
Kommt ihr schlanken Ringelraupen,
Wollet ihr mich nicht entlauben?
Seht ich halte ja so still.

Frédéric, 2021

Das Gedicht bleibt bei der bestehenden Forschungslage vor allem für interessierte Laien zeitlich schwer einzuordnen, daher mein weit veranschlagter Rahmen vom entweder biographisch plausiblen zirka 1806 oder zwischen 1814, als Arnim nicht aus Gründen der Romantik, sondern der Sparsamkeit das weder ihm noch seiner Frau entsprechende Landleben aufnahm, wenngleich immer noch auf dem Familienschloss, bis zu seinem Tod 1831. Das passt immerhin thematisch; die vorhandenen Werkausgaben, von denen man sich erforschte und begründete Wahrheit erhoffen dürfte, sind schwer zugänglich.

Von Achim von Arnim wird von Verlagen immer nur die Prosa verbreitet, die dann meistens ein Briefwechsel ist, seine Lyrik existiert auf dem Buchmarkt, der dann auch noch der antiquarische ist, hauptsächlich in Mir ist zu licht zum Schlafen. Gedichte, Prosa, Stücke, Briefe. Dabei müssen Tausende von Seiten mit Gedichten existieren, darunter gern auch formlos über sich selbst hinauswuchernde Reimereien. Arnim hat seine eigenen Gedichte nie gesichtet, verbessert oder zu Sammlungen geordnet. Die letzte eingehende Ordnung seines Nachlasses bemängelte deren Umfang bei schwerer Lesbarkeit – und das war noch seitens Rahel Varnhagen († 1833).

Das hat Gerhard Wolf – heute noch danke an den guten Mann! – in der Reihe Märkischer Dichtergarten herausgegeben, 1983 noch in der und für die DDR (Buchmarktsuche: Hardcover 1983; Taschenbuch 1984).

Selbst Gerhard Wolf konnte auf nicht mehr zurückgreifen als auf dier frühestmögliche Materialsicherung:

Arnims Lyrik ist bisher noch nicht entsprechend wissenschaftlich ediert, so daß wir uns vor allem, bei notwendig beschränkter Auswahl, an die Sammlungen gehalten haben, die als Band 22 von „Ludwig Achim von Arnims sämtlichen Werken“, bearbeitet von Varnhagen von Ense, und an den als Band 23 bezeichneten zweiten Teil, nach den Handschriften des Goethe-Schiller-Archivs Weimar, herausgegeben von Herbert R. Liedke uhnd Alfred Anger, erschienen; wir geben die Gedichte, soweit wir sie dort fanden, in der alten Schreibweise dieser Ausgaben.

– und selbst bei diesem zaghaften Wiederanfang musste er um der Vielfalt der Anthologie willen noch 60 Seiten auf Des Knaben Wunderhorn verwenden, an dessen kommentarloser Verbreitung weder 1983 noch 2022 ein Mangel herrscht. Der oben zitierte Nachweis stand in einem Nachwort von 1983 über den „23.“ Band von 1976 innerhalb einer 1856 (!) von Wilhelm Grimm (ja, dem Wilhelm Grimm, † 1859) abgeschlossenen 22-bändigen Werkausgabe, bisher ist meines Wissens nichts weiter passiert. O Freies Deutsches Hochstift, o Hanser!

Frédéric, 2021

Und sie halten alle still: Frédéric:

  1. L’ubac et l’adret II (la fin d’un jour d’hiver), 19. Februar 2021;
  2. La leçon de piano, 6. März 2021;
  3. La fée Clochette en RTT, 5. Mai 2021;
  4. La paysagiste (elle aimait bien Van Gogh et lire du Saint Exupéry), 19. Juni 2021.

Frédéric, 2021

Kommt ihr schlanken Ringelraupen: The Cure: The Caterpillar, aus: The Top, 1984,
im Londoner Syon Park House Estate:

Written by Wolf

4. März 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik, ~~~7-Zeiler~~~

150 Jahre sind alt genug

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Update zu Invisible Girls
und Doktor Faustus goes Science Fiction
und aufgemöbelte Zweitverwertung:

Frank Zander konnte man schon immer albern finden, aber was den bis heute berüchtigten Bestand an Schlagersängern nach 1970 angeht, hatte man bei dem nie so das Gefühl, der wird doch von der CDU bezahlt.

Cover Frank Zander, LP Donnerwetter, 1979Ein großer Moment in der trüben deutschen Musikgeschichte der Siebziger war … nein, nicht seine Phase als „Fred Sonnenschein“, da konnte Hugo Egon Balder als Hamster Fritz mitsingen, soviel er will — sondern sein Album Donnerwetter 1979. Da war nämlich Captain Starlight drauf.

Von dem Lied hat sich jemand einiges versprochen, es wurden nämlich Versionen auf Deutsch und Englisch, mit und ohne Intro erstellt, die nicht einmal in Zanders öffentlicher Diskographie erscheinen. Marketinghistorisch kann man bemängeln, dass Captain Starlight nach dem damaligen Weltraum-Hype schon zu spät kam – der erste Star Wars erschien 1976) –, aber Peter Schilling ist mit seinem „völlig losgelösten“ Major Tom auch erst 1983 nachgerückt, Stephan Remmler ohne Trio mit Feuerwerk gar 1984. Dass Zander einen überschätzten Kubrick-Film elf Jahre zu spät veralbern wollte, habe ich zweifellos schon als „Krieg der Sterne“-Verweigerer in der fünften Klasse gemerkt, weil schon immer auf der Hand lag, dass Kubrick ausschließlich überschätzte Filme gemacht hat.

Das halbminütige Intro von Captain Starlight vom grunddeutschen Frank Zander hatte dagegen das Zeug zum Mythos. Ein Kasperleschlager, der wie selbstverständlich mit einem ausführlichen, nirgends erklärten, ja auch nur erwähnten klassischen Streichersatz anfängt – und genau so wieder aufhört, wo gibt’s denn sowas? Ich muss einige Male ziemlich gebannt am Radio geklebt haben, in den Fernsehauftritten wurden die Streicher nämlich grundsätzlich unterschlagen.

Später, mit einigem musikalischen Grundwissen, konnte man von selber draufkommen, dass es ein Streichquartett war. Welches, ein bestehendes oder gar ein eigens von Herrn Zander komponiertes, wusste kein Mensch, und zu Zeiten des Internets war Frank Zander schon ein abgehalfterter Schlageropa, der sich einigermaßen würdevoll für ironisch-nostalgische Rückblicke hergab.

Cover Frank Zander, Single Captain Starlight, Pilli Willi der Telefonanist, 1979Bis zum 18. Juli 2010, als in einem nerdigen Gitarrenforum jemand wusste: Nun ja, das ist eine Moll-Version aus dem 1. Satz von Joseph Haydn: Quartett D-Dur für zwei Violinen, Viola und Violoncello, opus 64,5, Hoboken-Nummer III: 63, Werkverzeichnisnummer 860, dem vulgo Lerchenquartett von 1790. — Stimmt.

Dass Haydn mit Sicherheit keine Moll-Versionen von seinen eigenen, gar nicht mehr genau zählbaren Streichquartetten in Dur-Tonarten angefertigt hat, macht die Antwort nicht erschöpfender, rückt Frank Zander aber in ein geheimnisvolles Licht: Der hat das bestimmt auch nicht umgeschrieben, weil er gelernter Grafiker ist. Als Autoren von Captain Starlight werden Bob Burrows und Norbert Hammerschmidt aufgeführt. Letzterer firmiert als Schlagertexter, ersterer ist sehr dürftig belegt – und gerade deshalb als Komponist einer Haydn-Variation am wahrscheinlichsten. Und welche vier praktizierenden Saitenkünstler für die LP Donnerwetter diese musikologische Fingerübung eingespielt haben, sollte man Herrn Zander (Jahrgang 1942, berufsbedingt als trinkfester Raucher einzuschätzen) endlich mal selber fragen. Wer traut sich?

Ich wette nur auf soviel: Es ist h-Moll.

Für den Nachweis der musikalischen Verwandtschaft ist das Haydn’sche Lerchenquartett in YouTube ausreichend vertreten. Aus diesem Reichtum möchte ich eine eher kleine, nicht gerade auf dem Gipfel der professionellen Brillanz umhertänzelnde, dafür anrührend dilettantische Version verlinken: die von den Eleven der Levanger Kulturskole, weil deren Instrumente so schön authentisch verstimmt sind. Außerdem mag ich das hagere Tomboy-Nordmädchen an der ersten Geige.



Und weil die jungen nordischen Kulturschüler offenbar mit Allegro moderato, Adagio und Menuetto. Allegretto – Trio schon ausgelastet waren, Haydn aber seine Quartette noch viersätzig gestaltete, müssen die ausgelernten Kolleginnen vom Four Voices String Quartet Vivace zu Ende spielen:

Und nochmal alle vier Sätze als Playlist vom Attacca Quartet im Zusammenhang:

Bilder: Cover Frank Zander: LP Donnerwetter, Der Andere Song 1979, via Discogs;
Cover Doppel-Single Captain Starlight/Pilli Willi der Telefonanist, 1979, via YouTube.

Written by Wolf

25. Februar 2022 at 00:01

Und ich begehre nicht Schuld daran zu seyn

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Scheiße ich hab Angst.

Jeja Muge Klein, 24. Februar 2022.

——— Matthias Claudius:

Kriegslied

aus: Asmus omnia sua secum portans, Vierter Theil, Seite 143 f., 1783:

’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
     Und rede du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
     Nicht Schuld daran zu seyn!

Was solt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
     Und blutig, bleich und blas,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
     Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
     Verstümmelt und halb todt
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
     In ihrer Todesnoth?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
     So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
     Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch‘ und ihre Nöthen
     Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammleten, und mir zu Ehren krähten
     Von einer Leich‘ herab?

Was hülf mir Kron‘ und Land und Gold und Ehre?
     Die könnten mich nicht freun!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
     Nicht Schuld daran zu seyn!

Goya, Die Schrecken des Krieges, Tafel 71, Contra el bien general

Bild: Goya: Contra el bien general. Das ist spanisch und bedeutet: Gegen das Gemeinwohl.
Tafel 71 aus: Desastres de la guerra (Die Schrecken des Krieges), 1810–1815.

Soundtrack: Казачий Круг: Чёрный ворон, 1831 ff., Video: 15. Oktober 2015:

Written by Wolf

24. Februar 2022 at 05:01

Filetstück 0005: Was erst verdrießlich schien, war schließlich gut für ihn

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Update zu Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!,
Andere Leute, die auch Bretter tragen müssen,
Uns eine Drehorgel kaufen und unsere eigene Geschichte auf eine Leinwand malen lassen und ein Lied davon machen und es absingen auf allen Gassen des Vaterlandes! und
Filetstück 0004: Lieber ein bissel zu gut gegessen, als wie zu erbärmlich getrunken (Eduard schnarche nicht so!):

Was bin ich als Kind erschrocken, dass Wilhelm Busch nicht ausschließlich in Reimen reden konnte. Überzeugt war ich erst, als ich die Bilder dazu gesehen hab, die waren eindeutig der Strich aus Max und Moritz und wie sie alle heißen. Außerdem lügt der angeblich vollständige Doppelknuffel nicht, auch wenn er bis heute das Vorwort von Theodor Heuss mit sich herumschleppt. Frühe Auflagen können Sie heute für den Gegenwert von zwei Bier haben, bloß dass sie nicht so schnell abgestanden werden. Also: Klick!

Es war Zeit, dass der Text mit den richtigen Bildern in richtiger Qualität an den richtigen Stellen online steht.

——— Wilhelm Busch:

Der Schmetterling

Bassermann Verlag, München 1895:

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Kinder, in ihrer Einfalt, fragen immer und immer: Warum? Der Verständige tut das nicht mehr; denn jedes Warum, das weiß er längst, ist nur der Zipfel eines Fadens, der in den dicken Knäuel der Unendlichkeit ausläuft, mit dem keiner recht fertig wird, er mag wickeln und haspeln, so viel er nur will.

Vor Jahren freilich, als ich eben den kleinen Ausflug machte, von dem weiter unten berichtet wird, da dacht ich auch noch oft darüber nach, warum grad mir, einem so netten und vorzüglichen Menschen, das alles passieren mußte. Jetzt sitz ich da in sanfter Gelassenheit und flöte still vor mich hin, indem ich kurzweg annehme: Was im Kongreß aller Dinge beschlossen ist, das wird ja wohl auch zweckgemäß und heilsam sein.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Mein Name ist Peter. Ich bin geboren anno dazumal, als man die Fräuleins Mamsellchen nannte und die Gänse noch Adelheid hießen, auf einem einsamen Bauerngehöft, gleich links von der Welt und dann rechts um die Ecke, nicht weit von der guten Stadt Geckelbeck, wo sie alles am besten wissen.

Daselbst in der Nähe liegt auch der unergründliche Grummelsee, in dem bekanntlich der Muddebutz, der langgeschwänzte, sein tückisches Wesen treibt. Frau Paddeke, die alte zuverlässige Botenfrau, hat ihn selbst mal gesehn, wie er den Kopf aus dem Wasser steckte; und scharf und listig hat er sie angeschaut, mit der überlegenen Ruhe und Kaltblütigkeit eines vieltausendjährigen Satans.

Meine Mutter starb früh. Der Vater und der brave Knecht Gottlieb bestellten fleißig die Felder. Mein hübsches Bäschen Katharine führte die häusliche Wirtschaft.

Da ich meinerseits, obwohl ich ein stämmiger Schlingel geworden, weder zum Pflügen noch zum Häckerlingschneiden die mindeste Neigung zeigte, schickte mich mein Vater in die Stadt zu Herrn Damisch, dem gelehrten Magister, der mich jedoch bereits nach ein paar Jahren, als nicht ganz zweckentsprechend, bestens dankend zurückgab.

Hierauf, nachdem ich so ein Jährchen verbummelt hatte, kam ich zu dem hochberühmten Schneidermeister Knippipp in die Lehre nebst Kost und Logis.

„Auch ein vornehmes Metier!“ meinte der Vater. „So ein Schneider kann sein Brot im Trocknen verdienen, wie der feinste Schulmeister, ob’s regnet oder schneit.“

Schon nach neun Monaten spülten mich die dünnen Wassersuppen der dicken Frau Meisterin wieder der Heimat zu.

Ich hatte mich feingemacht. Strohhut, himmelblauer Schniepel; stramme gelbe Nankinghose; rotbaumwollenes Sacktuch. Aber diesmal war der Vater wirklich sehr ärgerlich. Er griff zum Ochsenziemer; und er hätte sein böswilliges Vorhaben auch sicherlich ausgeführt, wenn ihn der brave Gottlieb und das gute Kathrinchen, er vorne, sie hinten, nicht entschieden gehemmt hätten.

Den Winter blieb ich zu Haus. Ohne grad viel aufs Essen zu geben, stand ich doch gern hinter dem hübschen Bäschen in der Küche herum. Mitunter nahm ich ihr eine Stecknadel weg und stach sie mir kaltblütig durchs Ohr. Auch tanzte ich zuweilen waghalsig auf dem gefährlichen Brunnenrande, und wenn das Kathrinchen zusah und es grauste ihr tüchtig, das war mir grad recht. Dann wieder konnt ich dastehn in tiefster Versimpelung, wie ein alter Reiher im Karpfenteich. Ein besonders hoher Genuß war mir’s aber, so des Abends auf der Bank hinter dem Ofen zu liegen und zuzusehn, wie das Kathrinchen Bohnen aushülste und der Gottlieb Körbe flocht. Bei dem Anblick dieser kleinen, krausen, krispeligen Tätigkeit überkam mich immer so ein leises, feines, behagliches Gruseln. Oben in den Haarspitzen fing’s an, kribbelte den Rücken hinunter und verbreitete sich über die ganze Haut, während meine Seele gar sanft aus den Augen hinauszog, um ganz bei der Sache zu sein, und mein Körper dalag, wie ein seliger Klotz. Eines Abends stieg ich auch mal heimlich in den Lindenbaum, weil ich gern mal sehen wollte, wie das Kathrinchen zu Bette ging. Sie betete grad ihren Rosenkranz. Als sie aber anfing sich auszuziehn und die Geschichte bedenklich wurde, macht ich Ahem! und Phütt! war die Lampe aus. Am andern Nachmittag wurde an einer grünen Gardine genäht.

Mein Stübchen lag oben im Giebel. In einem dicken Legendenbuche las ich bis spät in die Nacht hinein. Wenn dann der Wind sauste und der Schnee ans Fenster klisperte, fühlt ich mich so recht für mich als ein behaglicher Herr.

Die Hexen hatten ihren Strich da vorbei; sie zügelten zuweilen ihre Besen und lugten durch die Scheiben; meist alte Hutzelgesichter, als wären sie gedörrt worden am höllischen Feuer. Mal aber war’s eine junge hübsche. Sie hatte eine Schnur von Goldmünzen ins Haar geflochten. Sie blinzelte und lachte. Ihre weißen Zähne blitzten, wie ihr das Licht ins Gesicht schien, gegen den dunklen Hintergrund.

Als der Sommer kam, als die Welt eng wurde von Laub und Blüten, macht ich mir ein Netz und jagte nach Schmetterlingen. So herumzustreifen in leichtsinniger Freiheit, oder mich niederzulegen zu beliebiger Ruhe, das war mein Fach; und hupfen, wie der rührigste Heuschreck, das konnt ich auch.

Eines Sonntagsmorgens, während die andern zur Messe waren, macht ich mich hübsch und ging aus der Hintertür, das Netz in der Hand, den Frack voller Pflaumen. Hell schien die Sonne. Vom Garten ins Feld, vom Feld in die Wiesen dämelt ich glücklich dahin. Schmetterlinge flogen in Menge. Von Zeit zu Zeit erhascht ich einen, besah ihn und ließ ihn fliegen, denn von der gewöhnlichen Sorte hatt ich längst alle Kasten voll.

Aber jetzt, in der Ferne, flog einer auf, den kannt ich noch nicht.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Ich los hinter ihm her über Hecken und Zäune, wohl zwei, drei Stunden lang in einer Tour, bis mir’s schließlich zu dumm wurde. Unwillig warf ich mich ins Gras. Oben in der Luft schwebte ein Habicht. Vertieft in seine sanften Bogenzüge, war ich bald eingedämmert. Als ich erwachte, wollte die Sonne schon untergehn, und da es die höchste Zeit war, nach Hause zu eilen, kletterte ich auf einen Baum am Rande des Waldes, um zu sehn, wo ich denn eigentlich wäre. Nichts als unbekannte Gegend in der Weite und Breite. Erst verdutzt, dann heiter und gleichgültig, ergab ich mich in mein Schicksal. Ich stieg herab, suchte einen gemütlichen Platz, setzte mich und fing an, Pflaumen zu essen. Plötzlich, mir stockte der Atem vor freudigem Schreck, kam er angeflattert, der reizende Schmetterling, geschmückt mit den schönsten Farben der Welt, und ließ sich frech auf der Spitze meines Fußes nieder. Leise hob ich das Netz; ich zielte bedachtsam. Witsch! dort flog er hin. Aber gut gezielt war’s doch, denn mit dem eisernen Netzbügel hatt ich richtig die kleine Zehe gestreift, genau da, wo sie am allerempfindsamsten war. Ich sprang auf, tanzte auf einem Bein und pfiff dazu.

„Ähä!“ lachte wer hinter mir. „Aufs Auge getroffen!“

Ein hübscher blasser Bursch, gekleidet wie ein Jägersmann, saß unter einer Buche.

„Ich bin der Peter!“ sag ich und setze mich zu ihm.

„Und ich der Nazi!“ sagt er.

Um seinen linken Arm ringelte sich eine silberglänzende Schlange, die auf dem Kopf ein goldenes Krönchen hatte, und auf seinen Knien hielt er ein Vogelnest mit kleinen blaugrünen Eiern darin.

„Ein verdächtiges Vieh!“ sagt ich mißtrauisch. „Es beißt wohl auch?“ „Mich nie. Gelt, Cindili!“ sprach er, indem er ihr ein Ei hinhielt.

Ich trug auf der bloßen Brust ein Medaillon, eine Goldmünze, das Geschenk eines Paten. Die Schlange machte sich lang danach.

„Sie wittert das Gold“, sagte der Jäger.

„Teufel, duck dich!“ rief ich und gab ihr mit dem Stiel meines Netzes einen kurzen Hieb über die Nase.

Zornig zischend fuhr sie zurück, wickelte sich los und schlüpfte raschelnd ins Gebüsch. Der Jäger, nachdem er mir vorher noch schnell einen Stoß auf den Magen versetzt hatte, daß ich die Beine aufkehrte, lief hinter ihr her.

Allmählich wurde es im Walde pechteertonnendunkel. Die Luft war mild. Ich lehnte mich an den Baumstamm und entschlief augenblicklich, ja, ich kann wohl sagen, noch eher.

Überhaupt, schlafen, das konnt ich ohne jede Mühwaltung; und fest schlief ich auch, fast so fest wie die Frau mit dem guten Gewissen, der die Ratten über Nacht die große Zeh abfraßen, ohne daß sie was mer ken tät.

Erst die Mittagssonne des nächsten Tages öffnete mir die Augen. Und wahrhaftig! da saß er schon wieder, drei Schritt weit weg, mein kunterbunter Schmetterling, auf einem violetten Distelkopfe, und fächelte und ließ seine ausgebreiteten Flügel verlockend in der Sonne schimmern. Mit kunstvoller List schlich ich näher. Vergebens. Genau eine Sekunde vorher, eh ich ihn erreichen konnte, flog er ab wie der Blitz, und dann noch einmal und noch einmal, und dann Fiwitz! mit einem eleganten Zickzackschwunge weg war er über eine haushohe Dornenhecke.

„Zu dumm!“ dacht ich laut, denn ich war sehr erhitzt. „So ein klein winziges Luder; will sich nicht kriegen lassen; ist extra zum Wohle des Menschen geschaffen und verwendet doch seine schönen Talente nur für die eigenen selbstsüchtigen Zwecke. Es ist empörend!“

Im Eifer der Verfolgung hatt ich den einen Stiefel im Sumpf stecken lassen, und zwar tief, so daß ich erst eine Zeitlang tasten und grabbeln mußte in der schwarzen Suppe, eh ich ihn wiederfand. Ich schüttete den Froschlaich heraus, wusch mich und ging nun, nachdem ich mich abgekühlt und besänftigt hatte, in gemäßigtem Bummelschritt einem fernen Hügel entgegen, über den sich als heller Streifen die Landstraße hinzog. Hier hofft ich ortskundige Leute zu treffen, die mir sagen konnten, wie ich nach Hause käme.

Auf einem Meilensteine saß ein älterer Mann, der eine ungewöhnlich breitschirmige Mütze trug. Zwischen seinen Knien hielt er einen grauhaarigen Hund.

„Guter Vater!“ sprach ich ihn an. „Ich möchte gern nach der Stadt Geckelbeck.“

„Genehmigt!“ gab er zur Antwort.

„Könnt Ihr mir vielleicht zeigen, wo der Weg dahin geht?“

„Ne! Ich bin rundherum blind.“

„Schon lange?“ fragt ich teilnahmsvoll.

„Fast neunundfünfzig Jahr; nächsten Donnerstag ist mein dreiundfünfzigster Geburtstag.“

„Was? Schon sechs Jahre vor Eurer Geburt?“

„Sogar sieben, richtig gerechnet. Ich wollte schon damals gern in die Welt hinein, tappte im Dunkeln nach der Tür, fiel mit dem Gesicht auf die Hörner des Stiefelknechts, und das Unglück war geschehn.“

„Dann laßt Euch raten, Alter!“ sagt ich. „Und schielt nicht zu viel nach hübschen Mädchen, denn das hat schon manchen Jüngling zu Fall gebracht.“

„Faß!“ schrie der Blinde und ließ den Hund los.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Ich aber nahm die Frackschöße unter den Arm, steckte mein Schmetterlingsnetz nach hinten zwischen den Beinen durch, wedelte damit und ging so in gebückter Stellung meines Weges weiter; eine Erscheinung, die dem Köter so neu und unheimlich vorkam, daß er mit eingeklemmtem Schweife sofort wieder umkehrte.

Vor mir her schritt ein Bauer, der weder rechts noch links schaute, und da er einen ernsten, nachdenklichen und vertrauenerweckenden Eindruck machte, beschloß ich, an ihn meine Frage zu richten.

„He!“ rief ich. Er gab nicht acht darauf. „He!“ rief ich lauter. Er ließ sich nicht stören in seinen Betrachtungen. Jetzt, als ich dicht hinter ihm war, klappt ich ihm mein Netz über den Kopf. Oh, wie erschrak er da. Ich hörte deutlich, wie ihm das Herz in die Kniekehle fiel.

„Könnt Ihr mir nicht sagen, guter Freund, wo Geckelbeck liegt?“ fragt ich und hob das Netz.

Er hatte sich umgedreht. Er kniff die Augen zu, riß den Mund auf, so daß seine dicke belegte Zunge zum Vorschein kam, steckte die Daumen in die Ohren, spreizte die Finger aus und schüttelte traurig mit dem Kopfe.

„Döskopp!“ rief ich in meiner ersten Enttäuschung, sah aber dabei ungemein freundlich aus.

Der Taubstumme, der dies wohl für einen verbindlichen Abschiedsgruß hielt, zog ergebenst seine Zipfelkappe, obgleich er eine bedeutende Glatze hatte.

Der Abend kam. Auf einem Acker rupft ich mir ein halb Dutzend Rüben aus, und da ein starker Tau den Boden benetzte, stieg ich in eine Tanne, band mich fest mit den Frackschößen und machte mich sodann über die saftigen Feldfrüchte her, daß es knurschte und knatschte. Von der letzten, bei der ich entschlummert war, hing mir die Hälfte nebst dem Krautbüschel noch lang aus dem Munde heraus, als ich am andern Nachmittag wieder erwachte. Schnell stieg ich herab, erfrischte mich in einer Quelle und kehrte auf die Landstraße zurück. Ich befand mich in der heitersten Laune; ich wußte es, eine innere Stimme sagte es mir: Dir wird heut noch besonders was Gutes passieren.

In diesen angenehmen Vorahnungen störten mich die Klagelaute eines Bettlers, der, den Hut in der Hand, auf mich zukam.

„Junger Herr!“ bat er. „Schenkt mir doch was. Ich habe sieben Frauen – ach ne! sieben Kinder und eine Frau, und meine Eltern sind tot, und meine Großeltern sind tot, und meine Onkels und Tanten sind tot, und ich hab niemanden in dieser weiten, harten, grausamen Welt, an den ich mich wenden könnte, als grad Euch, schöner Herr.“

Bei diesen Worten erwärmte sich meine angeborene Großartigkeit. Ich hatte siebzehn einzelne Kreuzer im Sack. Mit dem Gefühl einer behaglichen Erhabenheit warf ich zehn davon in den Filzhut des Bettlers.

Kaum war dies geschehn, so nahm er einen Kreuzer wieder heraus und legte ihn mir vor die Füße.

„Hier, mein Bester“, sprach er, „schenk ich Euch den zehnten Teil meines Vermögens. Seid dankbar und vergeßt den edlen Geber nicht, der sich bescheiden zurückzieht.“

Nach kurzer Erstarrung lief ich hinter dem Kerl her, um ihm einen Tritt auf die Wind- und Wetterseite zu geben. Aber er hatte die Tasche voller Steine. Er traf so geschickt damit, daß mir, trotzdem ich das Netz vorhielt, schon beim zweiten Wurf ein ganz gesunder Vorderzahn direkt durch den Hals in die Luftröhre flog, worauf ich wohl eine Stunde lang husten mußte, ehe ich ihn wieder herauskriegte.

Ich pflückte mir Felderbsen in mein Netz, ließ die grünen, angenehm kühlen Pillen durch die entzündete Gurgel rollen und füllte mir so zugleich den begehrlichen Leib mit jungem Gemüse. Dann zog ich mich in ein Gehölz zurück und legte mich, das Gesicht nach oben, schlichtweg zur Ruhe nieder.

Den folgenden Tag hätt ich sicher verschnarcht, wär mir nicht gegen Mittag ein Maikäfer in den weitgeöffneten Mund gefallen. In dem Augenblick, als er sich anschickte, in die Tiefe meines Wesens hinunterzukrabbeln, erwacht ich. Der Wind schüttelte die Wipfel.

Übrigens knurrte mein Magen wegen fader Beköstigung, und so macht ich mich denn auf und ruhte nicht eher, bis ich in ein Wirtshaus gelangte, wo ich mir eben für meine letzten Kreuzer etwas Derbes bestellen wollte, als ein wohlgemästeter Bauer, der sehr lustig aussah, in die Stube trat und sich zu mir an den Tisch setzte.

„Euch ist wohl!“ sag ich.

„Mit Recht!“ sagt er. „Hab den Schimmel verkauft auf dem Markt.“

„Brav’s Tier vermutlich.“

„Das grad nicht. Alle Woche mal, oder wenn’s ihm grad einfällt, haut er die Sterne vom Himmel herunter und den Kalk aus der Wand.“

„Da habt Ihr den Käufer jedenfalls gewarnt.“

„Was!“ entgegnete der Bauer und wurde ganz traurig und niedergeschlagen. „Gott erhalte jedem ehrlichen Christenmenschen seinen gesunden Verstand. Seh ich wirklich so dumm aus?“

„Hört mal!“ sag ich. „Dann seid Ihr ja einer der größten Halunken, die auf den Hinterbeinen gehn zwischen Himmel und Hölle.“

„So hör ich’s gern!“ rief der Bauer und sein Gesicht klärte sich auf.

„Gelt ja? Ich bin ein Teufelskerl. – He, Wirt! Gebt diesem netten Herrn ein belegtes Butterbrot und ein Glas Bier auf meine Rechnung.“ Während ich aß, fiel es mir auf, daß der Mann beständig durchs Fenster schielte. Plötzlich schien ihm was einzufallen. Er zahlte und sagte, er müßte notwendig mal eben hinaus, aber käme gleich wieder. Kaum war er fort, so hörte man ein hastiges Pferdegetrappel von der Landstraße her. Ich trat vor die Haustür.

Ein Schimmelreiter ohne Hut war angekommen und fragte ganz außer Pust:

„War kein Bauer hier mit einem dicken Bauch, einem dicken Stock und einer dicken Uhrkette?“

„Das stimmt!“ sag ich. „Er ging nur mal eben zur Hintertür hinaus.“

„So ein Hundsfott!“ schrie der Reiter. „So ein Mistfink! Lobt und preist mir der Kerl den Schimmel an, der den Teufel und seine Großmutter im Leib hat.“

„Ja!“ sag ich gelassen: „Dummheit muß Pein leiden.“

Krebsrot vor Zorn hob der Schimmelreiter die Peitsche. Ich schwenkte mein Schmetterlingsnetz.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Auf dieses Zeichen schien der Schimmel gewartet zu haben. Er vergrellte die Augen, spitzte die Ohren, ging verquer, ging rückwärts, er drückte ein Fenster ein unter starkem Geklirr, er wieherte hinten und vorn, und dann, mit einem riesigen Potzwundersatze, weg war er über die Planke.

Ich lief, um nachzusehn, vor den Hof. Der Schimmel war nur noch ein undeutlicher Punkt ganz in der Ferne; der Reiter hing deutlich im Pflaumenbaum ganz in der Nähe.

Die folgende Nacht verschlief ich unter einer Wiesenhecke. Eine Grasmücke, das graue Vöglein mit schwarzem Käppchen, weckte mich in der Früh durch seinen lieblichen Gesang. Ich blieb noch liegen und horchte. Durch Zweige und zierliche Doldenpflanzen sah ich in die sonnige Welt. Heuschrecken geigten an ihren Flügeln, indem sie die Hinterbeine als Bogen benutzten. Schwebefliegen blieben stehn in der Luft und starrten mich an aus ihren Glotzaugen. Endlich erhob ich mich und nahm in einem klaren Wassertümpfel mein Morgenbad. Natürlich, grad wie mir’s am wohlsten drin ist, kommt mein ersehnter Schmetterling dahergeflogen und flattert mir neckisch vor der Nase herum. Ich heraus, zieh mich an, eile ihm nach, von Wiese zu Wiese, den ganzen Tag, bis dicht vor ein Städtchen. Hier schwang er sich über die Stadtmauer, hoch in die Lüfte, nach dem Wetterhahn hin auf der Spitze des Kirchturms.

Der Abend dämmerte bereits. Auf dem Walle lief ein Mann hin und her, einsam und unruhig. Er hatte den Zeigefinger an die Stirn gelegt und sagte in einem fort das Abc her, bald vor-, bald rückwärts. Ehe ich ihm ausweichen konnte, stieß er mir mit dem Kopf vor die Brust. Nun riß er die Augen weit auf und schrie mich an:

„Ha! Wie heißt er?“

„Ich heiße Peter!“ sag ich.

„Nein, Er, Er, mit dem ich vor zehn Jahren im Monat Mai drei Wochen lang herumgewandert bin an der polnischen Grenze.“

„Gewiß ein Herzensfreund.“

„Nein, gar nicht.“

„Oder er ist Euch was schuldig.“

„Keinen Heller.“

„Na!“ sag ich. „Dann nennt ihn Hans und laßt ihn laufen, wohin er will.“

„Mensch!“ rief er. „Ich bin Ausrufer in dieser Stadt. Lesen kann ich nicht; meine Frau sagt’s mir vor, bis ich’s auswendig kann; läßt’s Gedächtnis nach, ist der Dienst verloren. Neulich, beim Kaffee, ich stecke die Pfeife an, da, so beiläufig, denk ich: Der, der, wie heißt er nur gleich? Und da hat’s mich gehabt. Und ich sah ihn doch so deutlich vor mir, als wär’s heut oder übermorgen. Er war links und kratzte sich auch so; er zwinkerte immer mit dem linken Auge, und sein linkes Bein war krumm, und im linken Ohrläppchen trug er einen Ring von Messing, und Schneider war er auch. Oh, der Name, der Name!“

Die Beschreibung paßte genau auf meinen früheren Meister.

„Hieß er nicht Knippipp?“ sag ich so hin.

Ein heller Freudenblitz zuckte über sein blasses Angesicht. Mit den Worten: „Knippipp, ich habe dich wieder!“ fiel er mir um den Hals und weinte einen Strom von Freudentränen hinten in meinen Kragen, daß es mir ganz heiß den Rücken hinabrieselte.

In der Fülle der Dankbarkeit ersuchte er mich, ihn nach Hause zu begleiten und bei ihm zu übernachten; und oh! wie freuten sich seine Frau und seine Kinder, als sie sahen, daß sie wieder einen vergnügten und brauchbaren Vater hatten.

Zu Abend gab es Zichorienkaffee mit den üblichen Zutaten. Die Kinder tranken sehr viel, und ich meinte, es sei wohl nicht ratsam, wenn sie kurz vor dem Schlafengehn so viel Dünnes kriegten; aber die Eltern waren der Ansicht, man müsse dem Drange der Natur freien Lauf lassen.

Als wir fertig waren, baten die drei Kleinsten: „Nicht wahr, Papa? Wir schlafen bei dem fremden Onkel!“

So geschah es denn auch. Die Nacht, die ich unter diesem gastlichen Dache zubrachte, war eine der unruhigsten, wärmsten und feuchtesten Sommernächte, die ich jemals erlebt habe.

Bei Anbruch des Tages tranken wir wieder gemeinsam Kaffee und aßen Brot mit Zwetschenmus dazu. Die Kinder waren sehr zutunlich; besonders der Zweitjüngste spielte gar traulich zwischen meinen Frackschößen herum.

Daß meine einfachen Gastgeber, von denen ich einen zärtlichen Abschied nahm, über die Lage von Geckelbeck auch nicht die mindeste Auskunft zu geben vermochten, hatt ich mir gleich gedacht. So beschloß ich denn, eh ich wieder ins Weite zog, mich in der Stadt etwas näher zu erkundigen.

Ohne Erfolg befragt ich einen Lehrjungen, der die Läden aufmachte; einen Betrunkenen, der nach Hause ging; einen Großvater, der die Hand aus dem Fenster hielt, um zuzufühlen, ob’s regnete. Zu guter Letzt wollt ich noch mal eben an eine vertrauenerweckende Haustür klopfen. Im selben Moment wurde sie aufgestoßen, und ein Dienstmädchen goß den Spüleimer aus. Hätt ich nicht flink die Beine ausgespreizt und einen ellenhohen Hupfer getan, so wär mir der vermischte Inhalt direkt auf den Magen geplatscht. Auf meine Anfrage wischte sich das gesunde Mädchen freilich mit seinem roten Arm ein paarmal nachdenklich unter der Nase her; indes von Geckelbeck wußte sie nichts, und einen, sagte sie, der es wüßte, oder einen wüßte, der es wüßte, wüßte sie auch nicht.

Ich schlenderte zum Tor hinaus. Von der Morgensonne beschienen, mitten auf der Chaussee, war eine Gesellschaft von Sperlingen mit der Obsternte beschäftigt. Es waren jene bemerkenswerten Früchte, genannt Roßäpfel, welche Winter und Sommer reifen. Dieser Anblick erinnerte mich lebhaft an meine ländliche Heimat.

Jetzt, dacht ich, sitzen sie wohl da um den Tisch herum und verzehren ihr Morgensüppchen und denken: Wo mag der Peter sein? Und der Vater wischt sich schweigend den Mund ab mit dem Rockschlappen, und der Gottlieb geht hin und mistet den Pferdestall, und mein gutes Kathrinchen füttert die Hühner, und das schwarze mit der Holle frißt ihr das Brot aus der Hand, aber das gelbe ohne Schwanz will nicht mitfressen, sondern steht traurig und aufgeblustert abseits, auf einem Bein, denn es hat noch immer den Pips.

Einige dicke heimwehmütige Tränen, ich muß es gestehn, rannen mir langsam über die Backen herunter. Ich zog das Taschentuch und rieb mir gründlich mein Angesicht. Es wurde mir so sonderbar schwarz vor den Augen, und jetzt merkt ich, was los war. Das kleine liebevolle Söhnchen meines vergeßlichen Gastfreundes hatte dem fremden Onkel, eh er Abschied nahm, noch heimlich in sein rotes baumwollenes Sacktuch einen tüchtigen Klecks Zwetschenmus eingewickelt und mit auf die Reise gegeben. Ich sah mich nach Wasser um. Ei sieh! Am Stamm eines Kastanienbaumes saß mein neckischer Schmetterling.

„Sitz du nur da!“ murmelte ich verächtlich aus dem linken Mundwinkel. „Ich will dich nicht, und ich möchte dich nicht, und wenn du die Prinzessin Triliria selber wärst und brächtest bare fünfhundert Gulden mit in die Aussteuer und keine Schwiegermutter.“

Aber schon war ich in Schleichpositur und gleich drauf in vollem Galopp. Inmitten eines kleinen Teiches endlich ließ sich das bunte Flattertier auf einem Schilfbüschel nieder und klappte seelenruhig die Flügel zusammen.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Mindestens zwei Stunden lang saß ich am Ufer und wartete. Vergebens macht ich öfters Kischkisch! Und Steine zum Werfen waren nicht da. Endlich zog ich mich aus, nahm das Netz quer in den Mund und schwamm vorsichtig näher.

Unterdes machte ich eine Entdeckung, die mich veranlaßte, in Eile wieder umzukehren. Es war ein Blutegelteich. Bereits waren meine Beine und sonstigen Körperteile gespickt mit begierigen Säuglingen, und wohl mir, daß eine Grube voll Streusand in der Nähe lag, worin ich mich wälzen konnte. Als die Viecher den Sand zwischen die Zähne kriegten, was ja niemand gern hat, ließen sie sofort locker und purzelten rücküber in den Staub, welcher sie dermaßen austrocknete, daß sie bald zehnmal dünner waren als vorher und tot obendrein.

Währenddem saß mein Schmetterling auf seinem Schilfstengel, als wollt er daselbst in aller Ruhe den Rest seiner Tage verleben mit voller Pension.

Schnell zog ich mich an und eilte in den Wald, um mir einen dürren handlichen Ast zu holen. Einer lag da, der war ganz morsch; ein zweiter lag da, der war mir zu zackicht; ein dritter saß noch am Baume fest. Ich hätte übrigens gar nicht so stark dran zu reißen brauchen, denn schon beim ersten Ruck gab er nach, so daß ich mit unerwarteter Geschwindigkeit auf den zweiten zackichten zu sitzen kam, der glücklicherweise ebenso morsch war wie der erste.

In der Hand den erwählten Knittel, lief ich nun unverzüglich an den Teich zurück, um durch einen wohlgezielten Wurf den hinterlistig geruhsamen Schmetterling aus seiner Sicherheit aufzuscheuchen. Sein Platz stand leer. Ich legte mich hin, wo ich stand, und schlief sofort ein, trotz meines Ärgers und des vernehmlichen Gebells meines unbefriedigten Magens.

Ausnahmsweise recht früh, schon im Laufe des Vormittags, erwacht ich. Nachdem ich mir das Zwetschenmus, das inzwischen zu einer harten Kruste erstarrt war, mit Sand aus dem Gesichte gerieben, denn ich zog doch eine Reinigung auf trockenem Wege einer solchen mit dem Wasser des verdächtigen Teiches vor, begab ich mich auf die Suche nach einem Rübenacker, wo ich zu frühstücken gedachte. Ich fand einen Landmann dasitzend, der eben sein Sacktuch aufknüpfte und für den Morgenimbiß ein erhebliches Stück Speck entwickelte. Sofort sammelte sich in meiner Mundhöhle die zur Verdauung so nützliche Feuchtigkeit. Ich bot ihm drei Kreuzer, wenn er mir was abgäbe. Er tat’s umsonst, fügte noch eine knusprige Brotrinde hinzu und wünschte mir gute Verrichtung.

Munter dreinhauend spaziert ich weiter. Den letzten Rest der Mahlzeit, nämlich die treffliche, zähe, salzige Schwarte, schob ich hinter die Backenzähne, so daß ich die Freude hatte, noch eine Zeitlang dran lutschen zu können.

Dicht vor einem Dörflein begegneten mir zwei unbeschäftigte Enten, die lediglich zum Zeichen ihres Vorhandenseins durchdringend trompeteten. Da ich nunmehr die Schwarte bis aufs äußerste ausgebeutet hatte, nach menschlichen Begriffen, warf ich sie hin. Die geistesgegenwärtigste der zwei Schnattertaschen erwischte sie und eilte damit, vermutlich weil sie nichts abgeben wollte, durch das Loch einer Hecke. Die zweite, die wohl auch keinem andern was gönnte, wackelte emsig hinterher. Ich, natürlich, als Naturbeobachter, legte mich auf den Bauch und steckte den wißbegierigen Kopf durch die nämliche Öffnung. Mir gegenüber, an einer gemütlichen Pfütze, sah ich zwei Häuschen stehn, und jedes Häuschen hatte ein Fenster, und hinter jedem Fenster lauerte ein Bub, ein roter und ein schwarzhaariger, und vor jedem Häuschen erhob sich ein beträchtlicher Düngerhaufen, und auf jedem Düngerhaufen stand ein Gockel, ein dicker und ein dünner, inmitten seiner Hühner, die eben ihre Scharrtätigkeit unterbrachen, um gespannt zuzusehn, was die zwei Enten da machten.

Vergebens bemühte sich die erste, durch Druck und Schluck die Schwarte hinter die Binde zu kriegen; sie war grad so um ein Achtelzöllchen zu breit. Hiernach durfte die zweite, die mit neidischer Ungeduld dies Ergebnis erwartet hatte, ans schwierige Werk gehn. Schlau, wie sie war, tauchte sie das widerspenstige Ding zuerst in die Pfütze, um’s glitschig zu machen, und dann streckte sie den Schnabel kerzengrad in die Höhe und ruckte und zuckte; aber es ging halt nicht; und dann kehrten die beiden Enten kurz um und rüttelten verächtlich mit den Schwänzen, als sei ihnen an der ganzen Sach überhaupt nie was gelegen gewesen.

Kaum hatten dies die Hühner erspäht, so rannten sie herbei und versuchten gleichfalls ihr Glück, eins nach dem andern, wohl ihrer zwanzig; indes alle Hiebe und Stöße scheiterten an der zähen Hartnäckigkeit dieser Schwarte. Zuletzt kam ein munteres Schweinchen dahergetrabt und verzehrte sie mit spielender Geläufigkeit; und so blieb sie doch in der Verwandtschaft.

Während dieser Zeit hatten sich die beiderseitigen Gockel unverwandt angeschaut mit teuflischen Blicken; ohne Zweifel, weil sie sich schon lange nicht gut waren von wegen der Damen. Plötzlich krähte der Dicke im Cochinchinabaß:

„Kockerokoh!“

Dieser verhaßte Laut gab dem Dünnen einen furchtbaren Riß. Mit unwiderstehlichem Vorstoß griff er den Dicken so heftig an, daß sich dieser aufs Laufen verlegte um die Pfütze herum. Der Dünne kam nach. Gewiß zehn Minuten lang liefen sie Karussell; bis der Dicke, dem vor Mattigkeit schon längst der Schnabel weit offen stand, unversehens unter Aufwand seiner letzten Kräfte seitab auf das Dach flog, wo er ein mächtiges Kockerokoh! erschallen ließ, damit nur ja keiner glauben sollte, er hätte den kürzeren gezogen.

Sofort schwang sich der Dünne auf den Gipfel des feindlichen Düngerhaufens; jedenfalls mit der Absicht, von dieser Höhe herab durch ein durchdringendes Kickerikih! im Tenor der Welt seinen Sieg zu verkünden.

Ehe er noch damit anfangen konnte, sah er sich veranlaßt, laut krächzend in die Höhe zu fliegen.

Der rothaarige Knabe, heimlich heranschleichend mit der Peitsche, versetzte ihm einen empfindlichen Klaps um die mageren Beine. Aber schon, aus dem Nachbarhaus, war der Schwarzkopf mit einer Haselgerte als Rächer des seinerseitigen Gockels herbeigekommen und erteilte dem Rothaarigen, grad da, wo die Hose am strammsten saß, einen einschneidenden Hieb. Hell pfiffen und klatschten die Waffen. Man wurde intimer; man griff zu Haar und Ohren; man wälzte sich in die Pfütze; aus dem Kampf zu Lande wurde ein Seegefecht. Für mich ein spannendes Schauspiel. Ich war so begeistert, daß ich ermunternd ausrief: „Fest, fest! Nur nicht auslassen!“

Im selben Augenblick ruhte der Streit. Mein Kopf wurde bemerkt; eilig zog ich ihn zurück. Aber sogleich waren die Schlingel hinter mir her. Sie warfen mich mit Erdklößen; ich drehte mich um und ermahnte sie, artig zu sein, sie schimpften mich Stadtfrack! Ich verwies sie ernstlich zur Ruhe, und nun schrien sie Haarbeutel! Haarbeutel! als ob ich betrunken wäre. Schleunige Flucht schien mir ratsam zu sein. Bald war ich weit voraus. Im Gehölz fand ich einen Baum, der von oben her hohl war. Umgehend saß ich drin, wie der Tobak im Pfeifenkopf, nicht zu fest und nicht zu locker.

Zwar die bösen Knaben folgten mir und kicherten und flüsterten sogar noch eine Zeitlang um den Baum herum; aber ich war ihnen zu schlau gewesen, denn ohne mich weiter zu belästigen zogen sie ab. Mein Platz schien mir so recht geeignet zum Übernachten, und eben war ich im Begriff, recht behaglich zu entschlummern, als ich unten was krabbeln fühlte.

„Zapperment!“ dacht ich gleich. „Das sind Ameisen.“

Schleunigst sucht ich mich emporzuarbeiten, um mir eine anderweitige Schlafstelle zu suchen; aber der Frack unterhalb mußte sich festgehakt haben und ließ mich nicht hochkommen, und ausziehn konnt ich ihn auch nicht, denn der Spielraum für die Ellenbogen war zu gering.

Indem, so hört ich Stimmen. Wie ich durch einen Spalt bemerken konnte, waren es zwei Kerle, die einen Esel am Strick hatten. Sie banden ihn an einen Ast dicht vor meiner Nase.

„Haha!“ lachte der eine. „Den hätten wir ihm mal listig wegstibitzt.“

„Wird keine Sünd sein!“ meinte der andere. „Der alte Schlumann hat Geld wie Heu.“

Dann öffneten sie ihren Quersack, setzten sich und fingen an, fröhlich zu Nacht zu essen.

Unterdes hatten die Ameisen ihre Heerscharen vollzählig entwickelt. Sie krabbelten nicht bloß, sie zwickten nicht bloß, nein, sie ätzten mich auch mit ihrer höllischen Säure, und zwar an den empfindlichsten Stellen. Alle sonstigen Besorgnisse beiseite setzend, brüllt ich um Hilfe.

Die Spitzbuben, aufs äußerste erschreckt durch die gräßlichen Laute, um so mehr, als sie kein gutes Gewissen hatten, flohen eilig, ohne den Esel erst loszubinden, in das tiefste Dickicht des Waldes hinein. Ich schrie unaufhörlich, und der Esel fing auch an.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

In diesem Augenblick kam ein Mann mit einer Laterne. Er streichelte den Esel und beleuchtete ihn von allen Seiten, und dann beleuchtete er auch mich in meiner Bedrängnis.

„Komm hervor aus dem Rohr!“ sprach er ernst.

„Der Frack, der Frack!“ schrie ich. „Der leidt’s halt nicht.“

„Da werden wir mal nachsehn!“ sprach er gelassen. „Ja, dies ist erklärlich; denn hier aus dem Astloch steht er heraus, zu einem Knoten verknüpft, und ein Stäbchen steckt als Riegel dahinter.“

„Das haben die verdammten Bengels getan!“ rief ich entrüstet.

Es war die höchste Zeit, daß ich loskam. Wie ein Pfropfen aus der Flasche flog ich zum Loch heraus, und der alte Schlumann, denn der mußte es sein, brach einen Zweig ab und klopfte mich aus, wie ein Sofakissen, wo die Motten drinsitzen.

Er trug Rohrstiefel, einen Staubmantel von Glanztaffet und einen breitkrempigen Hut. Es war ein ansehnlicher Herr von fünfzig bis sechzig Jahren mit graumeliertem Bart und Augen voll ruhiger Schlauheit. Wohlwollend grüßend, bestieg er seinen Esel, ermunterte ihn mit den Worten: „Hü, Bileam!“ und ritt langsam in der Richtung des Dorfes fort.

Die Diebe hatten unter anderm ein kaltes Hühnchen zurückgelassen. Ich ging damit abseits, verzehrte es, wühlte mich in trockenes Laub, legte mich aufs Gesicht, damit mir nicht wieder was in den Mund fiel, und schlief unverzüglich ein.

Es mochte halbwegs Mittag sein, als ich durch ein empfindliches Schmerzgefühl an beiden Seiten des Kopfes geweckt wurde. Zwei Schweine waren eben dabei, mir die Ohren, die sie vermutlich für Pfifferlinge hielten, vom Kopfe zu fressen, hatten aber erst ganz wenig heruntergeknabbert. Im Kreise um mich her wühlte die übrige Herde.

Der Hirt, ein kleiner alter Mann mit einem dreieckigen Hut, strickte an einem blauen Strumpfe; und bei diesem treuherzigen Naturmenschen beschloß ich mich noch mal ernstlich zu erkundigen, ob er nicht wüßte, wo die Stadt Geckelbeck läge.

Das, sagte er, könnte er mir ganz genau sagen, denn vor dreißig Jahren hätte er dort mal siebzehn Ferkel gekauft, und sie wären auch alle gut eingeschlagen bis auf eins, das hätten die andern immer vom Troge gebissen, und da hätt es vor lauter Hunger am Montag vor Martini einen zinnernen Löffel gefressen und am Dienstag eine Kneipzange und am Mittwoch dem Sepp sein Taschenpistol, den Lauf zuerst, und wie es an dem Zündhütchen geknuspert hätte, wär der Schuß losgegangen, mitten durch die inneren Teile und noch weit hinten hinaus.

„Seht!“ fuhr er fort. „Dort zwischen den Bäumen hindurch, grad wo ich mit diesem Strickstock hinzeige, da liegt Dösingen, und zwei Stunden hinter Dösingen kommt Juxum, und dann kommt sechs Wochen lang nichts, und dann kommt der hohe Dumms, wo’s oben immer so neblig ist, und von da sieht man erst recht nichts, und – –“

„Danke, lieber Mann!“ unterbrach ich ihn. „Und, bitte, haltet Euch bedeckt!“

Hierbei trieb ich ihm mit der flachen Hand seinen dreieckigen Hut über Nase und Ohren, und als er schimpfen wollte, konnte er es nicht, weil ihm die Nase über das Maul gerutscht war.

Als ich den Wald verließ, lag die angenehmste Landschaft vor mir ausgebreitet; Wiesen, von Hecken umgeben; ein See; ein Dorf im Dunst der Ferne. Die Nacht war schwül gewesen; der Tag wurde es noch mehr. Die Schwalben flogen tief; und eine graue Wolke, wie ein Sack voll Bohnen, stand lauernd am Horizont. Die Sonne verfinsterte sich; ein Schatten machte sich über der Gegend breit; die Wolke, nunmehr mit einer langen gelblichen Schleppe geziert, war drohend heraufgestiegen. In ihrem Innern grollte es bereits; ein Wind erhob sich, und dann kam rauschend und prasselnd die ganze Bescherung.

In der Wiese, wo ich mich befand, war Heu gemacht; an der Hecke bemerkt ich eine kleine Hütte von Zweigen; ich schlüpfte spornstreichs hinein.

So geht’s, wenn man nicht erst zusieht! Ich fiel direkt in zwei offene Weiberarme und wurde auch umgehend so heftig gedrückt und abgeküßt, daß ich, der so was nicht gewohnt war, in die peinlichste Angst geriet.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

„Hö! Hö!“ schrie ich aus Leibeskräften. „Satan, laß los!“

Gleichzeitig schlug ein blendender Blitz in den nächstliegenden Heuhaufen, und ein Donnergepolter folgte nach, als wäre das Weltall von der Treppe gefallen.

Meine zärtliche Unbekannte ließ mich los und sprang vor die Hütte. „Ätsch! Fehlgeschossen! Hier saß ich!“ rief sie spottend in die Wolken hinauf, und dann tanzte sie lachend um den brennenden Heuschober.

Die blitzenden Zähne; das schwarze Haar, durchflochten mit goldenen Münzen; unter dem grauen, flatternden Röcklein die zierlichen Füße; dies alles, kann ich wohl sagen, schien mir äußerst bemerkenswert.

Mit dem letzten Krach war das Wetter vorübergezogen. Vergnüglich und unbefangen, als sei zwischen uns beiden nichts vorgefallen, setzte sich das Mädel wieder zu mir in die Hütte. Sie machte die Schürze auf. Es waren gedörrte Birnen drin, meine Lieblingsfrüchte, und als ich sie essen sah, wollt ich auch zulangen. Aber jedesmal kniff sie die Knie zusammen, zischte mich an und gab mir neckisch einen Knips vor die Nase. Schließlich erwischt ich doch eine beim Stiel. Sofort krümmte sich diese Birne und biß mich in den Finger, daß das Blut herausspritzte. Ich hatte eine Maus beim Schwanze. „Au!“ rief ich und schlenkerte sie weit weg. „Wart, Hex, jetzt krieg ich dich!“

Aber schon war die hübsche Zauberin aufgesprungen und hatte mir sämtliche Birnen vor die Füße geschüttet. Dies Mäusegekrabbel! Die meisten liefen weg; nur eine war mir unter der Hose hinaufgeklettert, das Rückgrat entlang, bis an die Krawatte, wo sie nicht weiter konnte, und nagte hier wie verrückt, um herauszukommen, und bevor ich mich noch ausziehen konnte, hatte sie auch schon, wie sich später zeigte, ein zirkelrundes Loch durch Hemd, Weste und Frack gefressen.

Als ich mich von dieser Aufregung wieder einigermaßen gesammelt hatte, sah ich mich um nach dem Blitzmädel, der Hexe; denn ich hatte Mut gefaßt und wollte ihr mal recht ins Gewissen reden von wegen der Zauberei, und darnach, so nahm ich mir vor, wollte ich ihr zur Strafe für ihre Schändlichkeit einige herzhafte Küsse geben. Ich suchte und suchte, in der Hütte, in der Hecke. Nichts Lebendiges war zu bemerken, außer ein Laubfrosch, ein Zaunigel, viele Maikäfer und der Schwanz einer silbergrauen Schlange, die grad in einem Mausloch verschwand.

Weiterhin schlich der Jägernazi herum, als ob er was verloren hätte. Er sah recht verstört aus und ging an mir vorbei, ohne mich zu beachten.

Auch ich war etwas trübselig geworden; denn nicht nur spukte mir das Mädel im Schädel, sondern als ich Frack, Hemd und Weste ablegte, um den Mäuseschaden zu besichtigen, fehlte mir auch mein goldenes Medaillon, das ich bisher immer so sorgsam bewahrt hatte.

Nach dem Gewitter hatte sich die Luft empfindlich abgekühlt, so daß mir abends die Zähne im Munde klapperten. Daher schien es mir ratsam, mich nach einem Quartier umzusehn, wo ich unter Dach und Fach übernachten konnte. Ich versteckte mein Netz, näherte mich einem einsamen Bauernhofe und besah die Gelegenheit. Aus einer offenen Luke im Giebel hing Stroh heraus; eine Leiter stand davor. Zu Nacht, als alles still geworden, stieg ich hinauf. Es war ein einfacher Bretterboden. Ich machte mich so leicht wie möglich. Kracks! da brach ich schon durch.

Ich fiel weich, auf ein Bett, wie ich merkte! Aha! dacht ich. Das trifft sich gut! Dies ist sicher die Fremdenkammer! und wollte mir’s bequem machen. Aber neben mir rührte sich was.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

„Kunrad!“ rief eine Weiberstimme. „Kunrad, der Sack ist durch die Decke gefallen.“

„Dummheit! Du träumst! Dreh dich um!“ gab eine schläfrige Männerstimme zur Antwort.

„Kunrad!“ kreischte die Frau. „Der Sack hat Haar auf dem Kopf!!“

„Ich komm schon!“ klangs munter aus dem anderen Bett herüber. Es schien mir nicht ratsam, noch länger zu verweilen. Ich trat klirrend in ein Gefäß voll Flüssigkeit; ich tappte mit den Händen in fünf, sechs offene Mäuler. Die Kinder heulten, die Frau schrie: Ein Dieb! Ein Dieb! und der Bauer fluchte und schwur, daß er ihn schon kriegen und durch und durch stechen wollte, wenn er nur gleich einen Säbel hätte. Zum Glück fand ich eine Tür, die in den Nebenraum führte. Hier kriegt ich den Kopf einer Kuh zwischen die Arme, und als ich das haarige Gesicht und die zwei harten Hörner fühlte, erschrak ich und dachte schon, es sei der kräftige Knecht mit der Heugabel. Das bekannte Hamuh! gab mir die Besonnenheit zurück. Ich sprang aus der Klappe und schlich mich hinter dem Schweinestall herum durch den Gemüsegarten ins Feld. Alles was Stimme hatte, war wach geworden: Hund, Hühner, Schweine, Kühe, Ziegen und Gänse; aber am längsten hört ich noch die leidenschaftlichen Äußerungen der Familie, die aus weitgeöffneten Mäulern und Fenstern hinter mir herschimpfte.

Ohne erst mein Netz zu holen, lief ich und lief die halbe Nacht hindurch, bis ich einen Teich erreichte, in dessen Nähe ein Mühlrad rauschte.

Schön gelb und rund, gleich dem Eierkuchen in der Pfanne, ehe er völlig gereift ist, schwebte der Mond im Himmelsraum. Ich war ungemein wach und warm geworden. So setzt ich mich denn auf das Wehr und hörte zu, was sich die Frösche erzählten, die ihre gesellige Unterhaltung, worin sie durch meine Ankunft gestört waren, alsbald wieder anknüpften.

„Frau Mecke! Frau Mecke!“ fing die eine Fröschin zur andern an.

„Was ba-backt Ihr denn morgen?“ „Krapfen! Krapfen! Frau Knack!“ entgegnete die Frau Mecke.

„Akkurat mein Geschmack!“ quackte die Frau Knack.

Und kaum, daß sie diese Ansicht geäußert hatte, so stimmten sämtliche Frösche ihr bei und erklärten laut und einstimmig, die Frau Knack-ack-ack-ack hätte den wahren Geschmack-ack-ack-ack, und da blieben sie bei und hörten nicht auf, bis ich gegen Morgen einen dicken Stein holte und mitten ins Wasser plumpste.

Inzwischen hatt ich allerlei in Erwägung gezogen. Durch die vorwiegend pflanzliche Nahrung war meine Natur doch sehr merklich ermattet. Auch bedurfte meine Wäsche, die nur aus 1/12 Dutzend Hemden und 1/12 Dutzend Paar Strümpfen bestand, recht dringend der Ergänzung. Daher beschloß ich, mir in der Mühle einen Dienst zu suchen.

Auf meine Anfrage, ob’s nichts zu flicken und zu stopfen gäbe, gab der Müller die freudige Antwort:

„Nur herein, mein Sohn; es ist ein gesegnetes Mäusejahr; kein Sack ohne Löcher!“

Drei Wochen lang hantiert ich emsig mit Nadel und Zwirn; aber die sitzende Lebensweise gab mir auch die beste Gelegenheit, in aller Stille an die reizende Hexe zu denken und allerlei Pläne zu schmieden, wie ich sie wieder erwischen könnte. Unwiderstehlich erwachte die Wanderlust; die Beine fingen an zu zappeln, wie fleißige Weberbeine, und eines schönen Morgens stand ich reisefertig da, mit einem neuen Netz in der Hand, und sprach:

„Meister! Ewig können wir nicht beieinander sein. Gehabt Euch wohl!“

Nachdem ich meinen Lohn erhalten, spaziert ich mit munteren Schritten den Bach entlang. Ich war ordentlich plus und prall geworden. Und pfeifen tat ich, und zwar schöner als je, denn grad durch das ärgerliche Loch, was mir der Strolch in die Zähne geworfen, bracht ich nun die kunstvollsten Töne hervor.

Die Landschaft, in die ich zuerst gelangte, sah sehr einförmig aus. Die Kartoffeln standen gut; indes ungewöhnlich viele Schnecken gab es daselbst, die, wie mir schien, noch viel langsamer krochen als anderswo. Bald erreicht ich ein idyllisches Dörflein. Alle Häuser hingen gemütlich schief auf der Seite; desgleichen die Wetterhähne auf den Dächern. Auf den Türschwellen im warmen Sonnenschein hockten die Mütter und besahen so beiläufig den Kindern die Köpfe, während die Mannsbilder draußen auf der Bank saßen und versuchten, in dieselbe Stelle zu spucken, was, wenn es gelingt, ja den Ehrgeiz befriedigt. Nur einer machte sich etwas Bewegung auf der Gasse. Er ließ seinen Stock fallen. Mühsam und seufzend hob er ihn auf; aber dann ging er auch gleich ins Wirtshaus zu seiner Erholung.

Ein Dickwamps sah schläfrig zum Fenster heraus.

„Ihr da, mit dem Dings da!“ sprach er mich an. „Ihr könntet mir zu etwas behilflich sein.“

Ich trat ins Haus. In langgedehnter, zähflüssiger Rede tat er mir kund, um was es sich handelte: Er hätte eine Kanarienvogelhecke oben unter dem Dach, die möchte er gern, von wegen des lästigen Treppensteigens, nach unten verlegen, aber das Viehzeug, um es einzufangen, sei gar zu flüchtig für ihn, und da wär ich mit meinem Netz grad recht gekommen.

Ich stieg voran die Treppe hinauf. Er ließ sich nachschleppen, indem er meine Frackschöße erfaßte, und es wundert mich nur, daß dieselben bei der Gelegenheit nicht ausgerupft und entwurzelt sind. Trotzdem, als wir die Dachkammer erreichten, mußte ich ihm erst lange den Rücken klopfen, bis er wieder zu Atem kam; so dick war der Kerl.

Mit Leichtigkeit, vermittels meines Netzes, erhascht ich sämtliche Vögel, es mochten ihrer zwanzig bis dreißig sein, und steckte sie in einen Beutel, den ich auf einen Stuhl niederlegte. Nur ein altes schlaues Weibchen konnt ich noch immer nicht kriegen.

Der Dicke, der starr und träge zugesehn, wie ich so herumfuchtelte, mochte davon wohl etwas schwindlig und müde geworden sein. Mit dem Seufzer Achja! ließ er sich in voller Sitzbreite, auf den Stuhl niedersinken, wo der Beutel drauf lag. Keinen Ton gaben sie von sich, die armen Vöglein.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Er merkte auch nichts, sondern saß friedlich da mit halbgeschlossenen Augen, und als ich ihm ängstlich mitteilte, daß fast sein ganzer Singverein unter ihm läge, sprach er langsam und seelenruhig:

„Dann pfeifen’s nimmer, das weiß ich gewiß!“

„Na!“ rief ich. „So bleibt meinetwegen sitzen bis Ostern übers Jahr. Wünsch angenehme Ruh!“

Das alte Kanarienweibchen hatte sich ihm frech auf den Kopf gesetzt und pickte an dem Quast seiner Zipfelmütze. So verließ ich die zwei.

Am Ende des Orts war ein stattlicher Neubau im Werden. Drei Zementtonnen lagen da; aus zwei derselben schaute je ein Paar Stiefel hervor. Ein einziger Maurer stand auf der Leiter mit dem Lot in der Hand und visierte lange mit großer Genauigkeit. Hierbei entglitt ihm die Schnur. Langsam stieg er herab; langsam wickelte er sie auf; langsam stieg er wieder nach oben. Als er bis zur Mitte der Leiter emporgeklommen, entfiel ihm das Lot zum zweiten Male. Er nahm eine Prise, sah in die Sonne, wartete fünf Minuten vergeblich auf die Wohltat des Niesens, stieg langsam herab, machte Schicht und alsbald schaute auch aus der dritten Tonne ein Paar Stiefel hervor.

Um alles dies mit Muße in Betrachtung zu ziehn, hatt ich auf einem Steinhaufen Platz genommen. Ein Hausierer, der einen Packen mit Wollwaren trug, setzte sich zu mir.

„Merkwürdiger Ort, dies Dösingen!“ fing er an. „Den Flachsbau haben sie längst aufgegeben; war ihnen zu langwierig; flicken die Schweinställe mit den Hecheln, die Zacken nach innen gekehrt; Rüsseltiere wühlten sonst immer die Wände durch; Gänsezucht vorherrschend jetzt, der Bettfedern wegen. Bequeme Leute; wenn sie gähnen, lassen sie meist gleich das Maul offen fürs nächste Mal. Hier verkauf ich die meisten Nachtmützen.“

„Was wird denn das für ein Haus da?“ fragt ich.

„Trottelheim. Der reiche Schröpf läßt’s bau’n, der Klügste im ganzen Dorf, seit er das große Los gewann. Diese wohltätige Anstalt, pflegt er zu sagen, ist nicht bloß für andere, sondern eventuell auch für mich, nach meinem Tode natürlich; denn, sagt er, wenn man auch als gescheiter Kerl stirbt, man weiß nie, ob man nicht als Trottel wieder auflebt.“

Der Hausierer erhob sich. Ich erhob mich gleichfalls und fragte ihn, wie das nächste Dorf hieße.

„Juxum!“ gab er zur Antwort. „Lustiges Nest.“

Schon von weitem konnte man sehn, daß es ein fröhliches Dörfchen war. Die Saaten standen üppig; auf jeder Blume saß ein Schmetterling; in jedem Baum saß ein zwitscherndes Vöglein; rot schimmerten die Dächer und hellgrün die Fensterläden.

Ein munterer Greis gesellte sich zu mir. Auf meine Frage, wie er es angefangen, so alt zu werden, erwiderte er schmunzelnd:

„Regelmäßig weiterleben ist die Hauptsache. Ich esse, trinke, schlafe regelmäßig, und wenn meine Frau stirbt, so heirate ich regelmäßig wieder. Jetzt hab ich die fünfte. Ich bin der Bäcker Pretzel. Dort liegt das Wirtshaus. Gleich komm ich nach.“

Auf Grund meiner Ersparnisse in der Mühle konnt ich mir schon was erlauben. Ich kehrte ein. Da der lange Stammtisch, bis auf den Ehrenplatz, schon besetzt war, drückt ich mich auf die Bank hinter der Tür. „Frau Wirtin!“ sprach ich bescheiden. „Ich hätte gern ein Butterbrot mit Schlackwurst.“

„Schlackwurst? Das glaub ich schon. Schlackwurst ist gut!“ rief laut lachend die dicke Wirtin. „Aber unsere Schlackwurst, mein Schatz, die essen wir selber!“

Dieser Scherz erregte bei der anwesenden Gesellschaft das herzlichste Gelächter. Alle bestätigten es, daß die Schlackwurst sehr schmackhaft, ja, die Königin unter den Würsten sei. Da die Wirtin ferner erklärte, sie habe es sich zur Regel gemacht, auch ihre Butter lediglich selbst zu genießen, so mußt ich mit einem Stück Hausbrot und einem kleinen Schnapse vorliebnehmen.

Die Schwarzwälder Uhr hakte aus, um fünf zu schlagen.

„Gleich wird Bäcker Pretzel kommen!“ bemerkte die Wirtin. „Seit nun bereits fünfzig Jahren, präzis um Schlag fünf, setzt er sich hier auf seinen Platz und trinkt regelmäßig seine fünf Schnäpse.“

„Das ist wie mit den ewigen Naturgesetzen!“ erklärte der schnauzbärtige Förster. „Nicht wahr, Herr Apotheker?“

„Jawohl!“ bestätigte dieser. „Man weiß, wie’s war, also weiß man, wie’s kommt. Was sagt Ihr dazu, Küster?“

„Tja tja tja!“ sprach der bedenkliche Küster. „Ich hoffe, es gibt Ausnahmen von der Regel. Seit fünfzig Jahren hab ich sechzig Taler Gehalt; vielleicht – –“

„Ah drum!“ lachten alle.

Die Uhr schlug fünf. Es faßte wer draußen auf die Türklinke.

„Hurra!“ hieß es. „Da kommt Pretzel. Jetzt wird’s lustig!“

Die Tür ging auf. Ein Bäckerjunge trat ein und teilte mit, daß der alte Pretzel soeben gestorben sei.

Auf einen Augenblick des Schweigens folgte ein allgemeines Gelächter. Man lachte über sich selber, daß man so dumm gewesen war zu glauben, es gäbe was Gewisses in dieser Welt, und am End, meinte man, hätte der Küster doch vielleicht recht gehabt.

Am heftigsten lachte ein grau gekleideter Gast, so heftig, daß er ins Husten kam.

„Na freilich!“ rief man. „Bäcker Prillke kann wohl lachen; jetzt hat er die Kundschaft allein.“

Die Fröhlichkeit steigerte sich noch, als jetzt im Nebensaal ein Klarinettenbläser und eine Harfenistin sich hören ließen. Die Burschen und Dirnen aus der Nachbarschaft drängten herein; bald wogte der Tanz; ich kriegte auch Lust dazu. Besonders eins von den Mädeln konnt ich nicht aus den Augen lassen; denn obgleich sie ein Kopftuch bis fast auf die Nase trug, kam es mir doch so vor, als müßte es die reizende Zauberin sein, die mich letzthin so empfindlich geneckt hatte. Beim nächsten Walzer schwang ich mich mit ihr im Kreise herum.

„Meinst, ich kenn dich nicht?“ sprach ich flüsternd. „Du bist ’ne Hex. Aus Hutzelbirnen kannst Mäuse machen.“

„Haha!“ lachte sie. „Das ist wohl meine Bas aus dem Gebirg. Die kann Künste. Aber gib acht. Lucindili heißt sie, wer kein Geld hat, den beißt sie.“

Mein anmutig schwungvolles Tanzen, mein flatternder Schniepel, das rote Sacktüchel weit hinten hinaus, hatten indes ein freudiges Aufsehen erregt. Der Walzer ging zu Ende. Aufgeregt und übermütig warf ich den Musikanten ein Guldenstück zu, damit sie mir extra eins aufspielten. Aber als ich mich umsah nach dem Blitzmädel, hopste sie bereits dahin, umschlungen von den dürren Armen eines kleinen putzigen Kerlchens mit Buckel hinten und Buckel vorn, die Weste gepflastert mit Silbermünzen, die Finger voll goldener Ringe und puppenlustig die Beine schlenkernd. Das wurmte mich. Ich trank zwei Schnäpse hintereinander und fing Krakeel an. Zwei Minuten später flog ich draußen, zu allgemeinem Vergnügen, sehr rasch die Treppe hinunter.

Anstatt mich nun alsbald so weit wie möglich von diesem lustigen Ort zu entfernen, stellt ich mich hinter den Zaun und paßte auf, bis das Mädel nach Hause ging. Es war schon Abend geworden, als sie kichernd über die Straße eilte, das Buckelmännchen dicht hinter ihr. Gleich darauf machte sie Licht im Haus gegenüber, oben am offenen Fenster. Schmachtend blickt ich hinauf. Sie sah mich stehn, so schien’s, und winkte mir zu.

Schnell nahm ich einen Schubkarren, der dienstwillig dastand, richtete ihn an die Mauer, kletterte hinauf und streckte meine Arme über die Fensterbrüstung, um einzusteigen. Es war eins von jenen niederträchtigen Schubfenstern, die man von oben herunterläßt. Mit Gerassel fiel es zu; die Scheibe, dicht vor meinem Gesicht, sprang klirrend entzwei; ein Pflock wurde vorgeschoben; ich saß mit beiden Armen fest bis über die Ellenbogen.

„Er sitzt in der Klemme! Lauf, Cindili, und sag Bescheid, daß sie kommen!“

Dies rief eine heisere Männerstimme; und wenn meine Lage an sich schon ängstlich genug war, so wurde sie jetzt gradezu peinlich, als ich zu meinem Schrecken bemerkte, daß aus dem Hintergrunde des Zimmers mein bucklichter Nebenbuhler höhnisch grinsend, mit dem Talglicht in der Hand, auf mich zukam.

„Du Leichtfittig!“ rief er und leuchtete mir in die Augen. „Du Mädchenverführer! Was denkst du dir nur, du abscheulicher Racker?“ Unterdes hatte er einen Korkstöpsel in die Flamme gehalten und machte mir damit erst mal einen schwarzen glühendheißen Schnauzbart von einem Ohr bis zum andern, und dann hielt er mir das Licht unter die Nase, daß sie darin lag wie ein Lötkolben, was sehr weh tat.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Aber das Schlimmste kam erst noch, denn jetzt kriegte er seine große Horndose aus der Tasche und rieb mir zwei tüchtige Portionen Schnupftabak in die Naslöcher, so daß ich fürchterlich niesen mußte, und dabei stieß ich mit meiner armen Nase fortwährend auf den harten Fensterrahmen, bis ich schließlich nicht mehr wußte, ob’s Sonntag oder Montag war.

Inzwischen ging hinter mir auf der Gasse ein Kichern und Gemurmel los, und nicht bloß dies. Ein Klatschhieb nach dem andern fiel tönend auf meine gespannte Rückseite, darunter mancher von bedeutender Kraft; und Kniffe waren auch dabei, vermutlich von Weibern. Und dann hieß es: He, Philipp! He, Christoph! Herbei mit dem Pusterohr!

Ach, wie empfindlich stach das, wenn diese spitzen Geschosse, phütt! phütt! so plötzlich sich einbohrten in meine strammen Gesäßmuskeln, die durch die leichte Bekleidung so gut wie gar nicht geschützt waren. Und jetzt erhob sich ein allgemeines Freudengeschrei: „Apotheker Pillo kommt mit dem Feuerwerk!“

Sie zogen mir den Schubkarren unter den Füßen weg. Bei prachtvoller bengalischer Beleuchtung, bald rot, bald grün, hing ich strampelnd an der Wand herunter.

Erst als das Feuerwerk sich seinem Ende nahte, schob man das Fenster hoch. Ich tat einen harten Fall; ich war geneigt zu harten Worten; aber die Genugtuung, mich ärgerlich zu sehn, wollt ich dem Publikum doch nicht bereiten; daher rappelt ich mich flink auf und verließ sorglos tänzelnd, im lustigsten Hopserschritt, den Schauplatz meiner Qual und Beschämung. Die heiteren Bewohner von Juxum sandten mir ein tausendstimmiges Bravo! nach.

Zur dauernden Erinnerung an dies Erlebnis hab ich die rote geschwollene Kartoffelnase behalten, die verdächtig genug aussieht, obgleich ich seit jenem Tanzvergnügen den Schnapsgenuß immer sorgfältig vermieden habe. Was die anderseitigen Verletzungen anbelangt, so haben sie, so sehr dies zu befürchten stand, doch auf meine spätere Sitzfähigkeit keinen nachteiligen Einfluß ausgeübt.

Nachdem ich in dem nunmehr eifrigen Bestreben, das lustige Juxum baldmöglichst weit hinter mir zu lassen, die ganze Nacht durch auf den Beinen geblieben, gelangt ich bei Sonnenaufgang in ein schattiges Waldgebirge.

Vor einer kleinen Höhle stand ein knorriger Baum. In ziemlicher Höhe, an einem langen Aste desselben, hatte sich einer aufgehängt. Da er das linke Bein noch rührte, kletterte ich mit einiger Mühe und Gefahr nach oben, kriegte mein Messer heraus und schnitt eilig den Strick ab.

Der Unglückliche, der sich durch Verlängerung des Halses sein Leben zu verkürzen gedachte, war noch elastisch und hüpfte daher, als er den Boden berührte, ein paar mal auf und nieder, ehe er umfiel. Bei näherer Besichtigung fand ich, es war der Jägernazi, der Schlangenfreund, der mir ehemals einen so empfindlichen Stoß unter die Rippen versetzte.

Ohne Groll und Zögern jedoch macht ich mich dran, ihn in den verlorenen Zustand eines bewußten Vorhandenseins wieder zurückzubringen. Ich knöpfte ihm die Joppe auf; ich knetete ihm mit Händen und Füßen die Magengegend; ich kitzelte und feilte mit einer stacheligen Brombeerranke seine lange weiße Nase; ich holte groben Kies und eine Handvoll Ginster und schabte ihm Brust, Hals und Angesicht, um die erlahmten Gefühle zu reizen und aufzumuntern. Endlich hatt ich Erfolg. Mit den schmerzlich hingehauchten Worten: Oh, Schlange! riß er die Augen auf, setzte sich, befühlte seine Kehle, nieste, spuckte aus und sah mich lange schief, aber scharf, von der Seite an. Jeden Augenblick erwartete ich einen Ausbruch seiner Dankbarkeit gegen mich, der ihm so mühsam das Leben gerettet. Aber ich irrte sehr.

„Malefiztropf!“ plärrte er mir entgegen. „Nie meiner Lebtag hab ich mich so gut unterhalten, wie diese letzten zehntausend Jahre, als ich nirgends zugegen war; und da geht der Narr her und verleidt und zerschneidt mir mein‘ Freud, und da sitz ich nun wieder in der schlechtesten Gesellschaft, die sich nur denken läßt, in meiner und deiner, du langweiliger Peter, du!“

Allmählich indes fing er an, die Gegenwart dieser Welt wieder erträglich zu finden. Er wurde sogar heiter und mitteilsam.

„Eigentlich sollt ich ein Klosterbruder werden“, hub er an zu erzählen. „Allein die edle Entsagung, die hierzu erforderlich ist, fehlte mir gänzlich. Ich lief weg und ließ mich anwerben bei den Soldaten; aber parieren mocht ich auch nicht gern. Da, wie’s der Zufall so fügte, starb ein alter Vetter, der mir zehntausend Gulden vermacht hatte. Wunderlicher Kauz, das! Hatte fünfhundert Gulden bestimmt für sein Grabmonument. Bildhauer ausdrücklich mit Namen genannt. Verständiger Künstler; ließ mit sich reden; nahm hundert Gulden für nichts; und der tote Herr Vetter wartet noch heut auf sein Denkmal.“ „Das war nicht gut!“ meint ich.

„Wieso?“ fuhr der Nazi fort. „Sind vierhundert Gulden was Schlechts? Kurzum, ich wurde flott. Ich lernte ein Mädel kennen; fein, schlank, wundersam; ein verteufeltes Frauenzimmer. Zog mir spielend die Seel aus dem Leib und das Geld aus der Tasche. Mit dem letzten Dukaten, weg war sie. Ha, du Hex! Ha, du Schlange!“

Schon glaubt ich, er wollte sich zum zweitenmal aufhängen vor Wut und Gram; aber er besann sich, lachte grimmig und lud mich ein, mit in seine Höhle zu gehn, wo er sich häuslich eingerichtet hatte; allerdings nur sehr mangelhaft, denn eine vielversprechende Flasche, die er, ein Auge zugekniffen, gegen das Licht hielt, erwies sich als inhaltlos. In der Ferne fiel ein Schuß.

„Weißt du was, Freund Peter?“ sprach der Nazi etwas hastig. „Am besten ist’s, wir gehn fechten bei den Bauern, damit wir was Warmes kriegen.“

Vorsichtig voranschleichend, führte er mich nach der andern Seite aus dem Walde hinaus, quer durch die Felder, bis wir zum nächsten Dörflein gelangten.

Gleich im ersten Hause fand unser Anliegen eine günstige Aufnahme. „Grad kommt ihr recht, ihr Herrn!“ sagte die gemütliche Bauernfrau. „Heut mittag hat’s Erbsenbrei mit Speck gegeben; der Speck ist alle; aber Brei gibt’s noch in Hülle und Fülle.“

Sie brachte jedem einen aufgehäuften Napf voll, und der hölzerne Löffel stak drin. Freudig setzt ich den letzteren in genußreiche Bewegung. Freund Nazi dagegen, dem die Kost nicht behagte, pustete nur immer, als ob’s ihm zu heiß wäre; und kaum daß die gute Bäuerin den Rücken drehte, um wieder in die Küche zu gehn, so erhob er sich und entleerte seine Schale in das Innere eines grünen baumwollenen Regenschirms, der hinter der Tür stand.

„Danke für gute Verpflegung!“ rief er in die Küche hinein und entfernte sich eilig.

Ein warnendes Vorgefühl überschlich mich. Ich machte, daß ich fertig wurde, und stand grad auf, als der ehrwürdige Hausvater aus der Stube trat. Er langte sich den Schirm, weil es draußen zu regnen begann, und spannte ihn auf. Groß war seine Überraschung, als ihm der zähe Brei über das Haupt und die Schultern rann. Dennoch besaß er so viel Geistesgegenwart, daß er mir, eh ich vorbeischlüpfte, den Schirm ein paarmal um die Ohren schlug, so daß ich auch von diesem Brei noch ziemlich was abkriegte.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Der Nazi sah es von ferne und wollte sich schief lachen. Ich wär ihm fast bös geworden darum; da er aber fleißig putzen half und trostreiche Worte sprach, ging ich wieder zu Wohlwollen und Heiterkeit über.

Um die Vesperzeit drang mein Freund darauf, daß wir, jedoch am andern Ende des Dorfes, einen zweiten Besuch machten.

Ein kleiner Unglücksfall kam uns zustatten. Ein Knabe von etwa fünf Jahren fiel aus einem Apfelbaum ins weiche Gras. Er war mit einem Anzug bekleidet, den man „Leib und Seel“ benennt; hinten zugeknöpft. Dadurch, daß sich beim Fallen ein Ast in den Schlitz gehakt hatte, war der Verschluß von unten bis oben vollständig gelockert. Die besorgte Mutter trat aus der Haustür. Wir suchten die abgesprungenen Knöpfe auf. Ich zog Nadel und Zwirn aus der Tasche. Der weinende Knabe wurde über den Schoß der Mutter gelegt; der Nazi hielt ihm die Beine, daß er nicht strampeln konnte. Bald waren nach allen Regeln der Kunst die Knöpfe wieder befestigt und „Leib und Seele“ verschließbar, soweit das, nach unten hin, bei diesem Kleidungsstücke der unmündigen Jugend überhaupt ratsam erscheint.

Erstaunt und glücklich über diese rasche und erfolgreiche Kur, lud uns die Mutter zum Vesperbrot ein.

Ein mächtiges Hausbrot, ein Teller mit dunklem Zwetschenmus, eine beträchtliche eben nur angebrochene Butterwälze, eine Schlackwurst von anderthalb Ellen, standen alsbald zu unserer Verfügung. Am schnellsten nahm der Nazi Platz, denn er hatte tagsüber nur rohe Pflaumen gegessen. Er tat einen tüchtigen Hieb in die Butter.

„Die Butter ist schon hier am andern Ende angeschnitten!“ sagte die Frau, die sehr ordnungsliebend zu sein schien.

„Macht nichts!“ erwiderte der Nazi. „Da kommen wir auch noch hin!“

„Hier ist auch schwarze Butter!“ erinnerte die Bäuerin.

„Danke! Die weiße ist gut genug für uns!“ sagte der Nazi und tat einen zweiten und dritten Hieb.

So fuhren wir rührig fort. Die Schlackwurst verkürzte sich zusehends. Die Frau wurde besorgt.

„Man kann auch zu viel essen!“ meinte sie.

„So leicht wohl nicht!“ erwiderte der Nazi.

„Man kann sich auch krank essen!“ sagte sie bald darauf.

„Kommt auch wohl vor!“ gab er zur Antwort.

„Man kann sich auch totessen!“ sprach sie endlich, als die Wurst immer kürzer wurde.

Jetzt legte der Nazi das Messer nieder und sprach im ernsten Ton allertiefster Bedenklichkeit:

„Wenn Ihr das meint, gute Frau, dann will ich sie lieber mitnehmen!“

Flugs erhob er sich, schob die Wurst in die Rocktasche, aus der sie noch ein gutes Stück weit hervorstand, nahm das Brot unter den Arm, drückte der Frau herzlich die Hände, versprach bald wieder zu kommen und empfahl sich mit einem zierlichen Bückling. Tief beschämt über dieses unverschämte Benehmen meines Freundes, drückt ich mich stumm aus der Tür.

Abends kehrten wir in dem Nazi seine Höhle zurück, wo wir uns die Nacht und den folgenden Tag der Ruhe, der stillen Betrachtung und dem Genuß unserer Vorräte widmeten.

Als Brot und Wurst zu Ende waren, suchten wir wiederum eine Stätte auf, die von Wesen bewohnt wurde, welche kochen.

Wir traten durch die Hintertür in eine Küche. Die Köchin war nicht zugegen. Zwei Töpfe dampften auf dem Herde. Der Nazi hob die Deckel auf. In dem einen brodelten Pellkartoffeln, in dem andern, zärtlich zu Pärchen verknüpft, ein Dutzend Paar Bratwürste. Der Nazi, gewandt und kurz entschlossen, gabelte sie auf seinen Stecken. „Besorg du die Kartoffeln! Schnell!“ rief er mir zu und war schon zur Tür hinaus.

Nebenan im Keller hustete wer. Ohne mich lange zu besinnen, ergriff ich mit jeder Hand ein paar der dicksten Kartoffeln und lief gleichfalls hinaus. Sie waren glühend heiß; im Stich lassen wollt ich sie nicht; in meiner Verwirrung und ängstlichen Eile steckt ich sie in die Hosentaschen. Hier war der Teufel los. Ich fing an zu klopfen. Aber jetzt, als die Knollenfrüchte zerplatzten, kam ihre Höllenhitze erst recht zur vollen Entwicklung. Ich lief immer schneller und stieß dabei durchdringende Schmerzenslaute aus. Der Nazi, mit seinem Stecken voller Würste, sah sich nicht um. Schließlich gelangten wir an einen Bach. Ich nahm ein Sitzbad bis unter die Arme; meine Schmerzen und Klagen besänftigten sich. Unterdes ließ sich mein Freund am Ufer nieder und aß recht gemütlich. Er meinte, es machte sich hübsch, wie ich so dasäße, und sei sehr gesund, und ich sollte nur sitzen bleiben, bis er fertig wäre. Dies gab mir Veranlassung, meine Badekur schleunigst zu unterbrechen, und das war gut, denn als ich ans Land stieg, waren nur noch drei Paar Würstel vorhanden, an denen ich mich beteiligen konnte.

Auf unserem Wege zum Walde hin trafen wir eine schlafende Bauernfrau, die vermutlich zu Markte wollte. Leise und geschickt zog ihr der Nazi ein Päckchen Butter aus der Kiepe und legte dafür einen tüchtigen Feldstein von mindestens zwanzig Pfund Gewicht an die Stelle. Als wir uns umsahn gleich nachher, erwachte sie grad und hockte die Kiepe auf mit Seufzen und großer Beschwerde, und unten rann eine gelbe Sauce heraus, und fünf Schritt weiter brach der Boden durch. „Schad um das Rührei!“ meinte der Nazi. „Ich sag’s immer: Wer Steine und Eier verpackt, soll die Steine nach unten legen.“

Mir war nicht ganz wohl bei der Sach; allein der Schlingel machte das alles so lustig und wohlgemut, daß ich schließlich doch lachen mußte.

So lebten wir denn wochenlang tagsüber von unserer Betriebsamkeit in den Dörfern und bei Nacht in unserm traulichen Heim in tiefer Waldeinsamkeit.

An einem regenreichen Spätnachmittage, als wir eben dahin zurückgekehrt waren und der Nazi grad angefangen hatte, eine seiner besten Geschichten zu erzählen, fielen in der Nähe zwei Schüsse. Ein Rehbock lief vorüber; im nächsten Augenblick liefen auch wir, der Nazi voran, in der nämlichen Richtung. Es sei dem Grafen sein Förster, ein guter alter Bekannter, der da geschossen hätte, sagte später der Nazi, als wir uns etwas verschnauften.

Wir waren in die Nähe eines einsam liegenden Wirtshauses gekommen. Es wurde sehr dunkel und regnete so heftig, daß mein Freund behauptete, wir müßten unbedingt ein Quartier nehmen für die Nacht. Ich erwähnte unsere Mittellosigkeit.

„Man muß nur parterre wohnen!“ meinte er sorglos. „Dann macht’s nichts!“

Wir traten ein und setzten uns, und er, mit vornehmer Sicherheit, bestellte einen reichlichen Abendimbiß nebst Bier vom besten. Nachdem er drei Maß mehr getrunken als ich, rief er den Wirt herbei.

„Gebt uns ein gutes Schlafzimmer, aber zu ebener Erde, wenn ich bitten darf, denn aus Dachfenstern zu springen, im Fall daß Feuer ausbricht, und den Hals zu brechen, das tun wir nicht gern.“

Der Wirt steckte einen Talgstummel an und führte uns höflich in die Kammer. Wir entkleideten uns. Der Wirt sah zu.

„Gute Nacht, Herr Wirt!“ sagte der Nazi. „Bemüht Euch nicht länger!“

„Bitte um die Beinbekleidung!“ entgegnete der gefällige Gastgeber.

„Bürsten wir selber aus!“ sagte der Nazi.

„Um die Welt nicht!“ rief der Wirt. „Solch anständige Herrn? Wäre gegen meine Reputation. Werde in der Frühe die Ehre haben, mich persönlich nach dero Befinden zu erkundigen.“

Sorgfältig legte er die beiden Kleidungsstücke über den Arm und entfernte sich, indem er uns wohl zu ruhn und angenehme Träume wünschte.

Der Nazi schnitt mir ein langes Gesicht zu. Ohne viel Worte zu machen, voll mißlicher Ahnungen, kroch ein jeder in sein bescheidenes Lager.

Mein Bett stand an einer Bretterwand. Kurz vor Tage weckte mich ein Lichtschimmer, der durch eine Spalte mir grad übers Gesicht streifte. Verstohlen blickt ich hindurch. Es war ein Stall, neben dem ich schlief.

Ein Esel stand mit der schwänzlichen Seite dicht vor der Spalte. Der alte Schlumann, den ich sofort wiederkannte, näherte sich ihm mit der Laterne, streichelte ihm dreimal den Rücken und sprach dreimal hintereinander die Worte:

„Tata, tata! Mach Pumperlala!“

Damit stellte er ihm seinen Hut unter und ging ruhig beiseit und blätterte bis auf weiteres in seinem geschäftlichen Notizbuche.

Alsbald hob der Esel den Schwanz auf; und nun kam ich dahinter, wo der alte Kerl das viele Geld herkriegte, von dem die Spitzbuben geredet hatten.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

In ununterbrochener Folge, plink! plink! fielen die blanken Dukaten in den bereitstehenden Hut hinein. Die Versuchung war zu groß für mich. Ich steckte die hohle Hand durch die Spalte und schöpfte dicht an der Quelle.

„Tata, Bileam!“ rief Schlumann, ohne aufzublicken. „Tata, mach Pumperlala!“

Ich zog meine Hand, die aufgehäuft voll war, zurück und entleerte sie auf die Bettdecke. Dann hielt ich sie zum zweitenmal hin. Wieder rief der Alte, dem sogleich die Unterbrechung des Stromes zu Ohren kam: Tata, Bileam! indem er dadurch den Esel zu ermahnen und zu ermuntern suchte, in seiner ersprießlichen und scheinbar unterbrochenen Tätigkeit fortzufahren.

Eben hatte ich die zweite Handvoll in Sicherheit gebracht, als der alte Schlumann nähertrat, um das, was inzwischen ausdrücklich erfolgt war, zu besichtigen und einzuheimsen.

„Weis her, Bileam!“ sprach er. „Was haste gemacht? Wenig haste gemacht! Pfui, schäme dich!“

Nicht ohne ein gelindes Kopfschütteln füllte er den glänzenden Inhalt seines Hutes in die geräumige Geldkatze, sattelte sein wundersam ergiebiges Tierlein, das den Namen des geldgierigen Propheten trug, und führte es zum Stall hinaus in den Hof.

Der Morgen dämmerte durchs Fenster. Ich zählte meine Dukaten, die ich sorgfältig zu verbergen und aufzubewahren gedachte, denn sie schienen mir das einzige Mittel zu sein, jene reizende Hexe zu gewinnen, deren Bildnis mir so lebhaft im Herzen spukte. Mißtrauisch blickt ich nach meinem Kameraden hinüber, ob er auch nicht bemerkte, welch ein wertvolles Geschenk, gewissermaßen warm aus dem Prägstock der Natur, mir ein gütiges Geschick grad eben in die Hand gelegt hatte. Zu meinem Ärger mußt ich sehen, er blinzelte schon.

„Gold!“ rief er plötzlich und sprang vor mein Bett. „Natürlich gestohlen! Halbpart, oder ich sag’s wieder!“

Was sollt ich machen? Ich gab ihm die Hälfte ab und steckte das übrige in mein Beutelchen; und dann erzählt ich ihm wortwörtlich die ganze Geschichte. Ich zeigte ihm auch den alten Schlumann, der auf sei nem Esel eben vom Hofe ritt.

Freund Nazi, im Gefühl seiner Barmittel, wurde jetzt aber laut. Er bollerte mit der Faust und dem Stiefelknecht gegen die Tür und verlangte Bedienung. Der Wirt erschien.

„He, die Hosen! Frühstück! Eier! Schinken! Franzwein! Flink, marsch!“ schrie ihn gebieterisch der Nazi an und kniff dabei einen Dukaten ins linke Auge; ein Anblick, der den zuerst trägen und bedenklichen Herbergsvater gleich dienstbeflissen und munter machte.

Wir aßen gut und ließen uns Zeit dabei, und nachdem sich der Nazi ein Fläschlein extra in die Brusttasche gesteckt hatte, setzten wir einträchtig unsere Wanderschaft fort. Es wunderte mich nur, daß mein Freund, der sonst so gesprächig war, sich heute allmählich in ein völliges Schweigen hüllte. Endlich sprach er wieder:

„Verdammt zähes Zeug in dem Schinken. Klemmt sich immer grad zwischen die hohlen Backenzähne, natürlich! Uh, Teufel, der Schmerz! Bitte, sieh eben mal nach, bester Freund!“

Wir befanden uns weit draußen auf der einsamen Landstraße. Er riß jammernd das Maul auf. Da ich vorn nichts sehen konnte, als zwei Reihen arbeitsfähiger Zähne, nahm ich den Zeigefinger zu Hilfe, um weiter hinten mal nachzufühlen. Sofort, mit furchtbarer Gewalt, wie eine Marderfalle, schnappten die Kiefer zusammen. Meine Besinnung verließ mich. Als ich wieder zu mir kam, war mein Freund Nazi verschwunden; mein Geldbeutel desgleichen. Und so war denn das goldene Gewebe, womit ich die Geliebte zu umstricken gedachte, für immer entzweigeschnitten. Gebeugt und erschüttert durch dieses grausame Ereignis, ohne Freund, ohne Geld, zog ich mich in die tiefsten Schatten des Waldes zurück, wo mich sogleich ein erquickender Schlaf in seine tröstlichen Arme schloß.

Es war eine herrliche Mondnacht, als ich erwachte. Hinter den Felsen, im zitternden Silberlicht, schimmerte ein See. Ich hörte was plätschern. Eine Nixe, so schien es, badete sich. Neugierig schlich ich näher. Auf einem Stein lag ihr graues Gewand, auf dem Gewand ein Haarband von Goldmünzen.

„Aha!“ dacht ich. „Bist du’s? Jetzt sollst du mich schön bitten, bis du’s wiederkriegst.“

Geschwind steckt ich’s hinten in die Fracktasche; daß aber hinter mir, an den Baum gelehnt, ein Reiserbesen stand, hatt ich nicht beachtet.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Dieser, als säße der Teufel drin, setzte sich plötzlich in Bewegung und machte Sprünge wie ein Böcklein, und stieß nach mir, bald links, bald rechts, bald hinten, bald vorn, und dann nahm er einen Anlauf und fuhr mir zwischen die Beine, und fort ging’s hoch in die Luft und weg über die Wipfel; und ich mußte zuerst ordentlich lachen, als wir so dahintrabten, hopp hopp, unter dem zurückfliehenden Gewimmel der Sterne, und wie im geschüttelten Frackzipfel gar lustig die Münzen klirrten; aber schon nach fünf Minuten hatt ich es satt gekriegt, denn mein Rößlein war ein harter Traber und warf mich auf und nieder auf seinem hölzernen Rücken, daß mir’s war, als würd ich durchgestoßen und aufgespalten bis an den Nabel.

Endlich, nach Verlauf einer Ewigkeit von mindestens zwanzig Minuten, kehrte der verflixte Besengaul den Kopf nach unten und den Schweif nach oben und fuhr senkrecht in den geräumigen Schlot eines Hauses, welches einsam in der Wildnis lag.

Unter großem Gerassel fiel ich auf den Herd zwischen allerlei Küchengeschirr. Der Besen strich mir mit seinem dürren Reiserschweife noch ein paarmal durchs Gesicht, und dann stand er, in der Ecke am Kamin, stocksteif, wie ein gewöhnlicher Schrupper, der nie was von selber tut.

Durch ein Fenster mit runden Scheiben schien der Vollmond herein. Müd und kaputt, besonders inmitten, ließ ich mich in einen hölzernen Lehnstuhl fallen. Ach, wie weh tat das! Aber hinlegen, auf den kalten Fußboden, mocht ich mich auch nicht, weil ich zu erhitzt war; schließlich setzt ich mich auf die offene Seite eines leeren Eimers. Das ging so leidlich, und bald war ich eingenickt.

Schon graute der Morgen, als ich durch das Knarren der Außentür geweckt wurde. Ein krummes steinaltes Mütterchen, in grau vermummt bis unter die Augen, kam hüstelnd in die Küche gewackelt. Sie stieß einen kurzen erschrockenen Quiekser aus, als sie mich sitzen sah; doch ganz gefährlich mußt ich wohl nicht aussehn, denn sie sammelte sich bald und sprach mich an mit gewinnender Freundlichkeit:

„Ei, sieh da, mein Söhnchen! Wo kommst denn du schon her?“

„Ach, Mütterchen!“ klagt ich. „Ich bin geritten die halbe Nacht durch auf einem mageren bockichten Pferdchen, daß ich so steif bin, wie ein hölzerner Sägebock. Habt Ihr nicht zum Einreiben irgendeine geschmeidige Salbe, die wohltut?“

„Na, freilich, mein Kind!“ entgegnete sie dienstbeflissen. „Und was für eine!“

Sie öffnete den Wandschrank, kramte zwischen Gläsern und Töpfen und wählte schließlich eine zinnerne Büchse aus, die sie mir mit den traulichen Worten überreichte:

„Nimm hier, mein Sohn! Und schmier, mein Sohn! Paß auf, es wird schon anders werden!“

Bloß, um die Salbe mal vorläufig zu besichtigen, schrob ich den Deckel auf.

„Hu!“ machte die Alte und hielt sich schamhaft die Augen zu. „Bitte, nicht hier! Wenn ich’s nur denk, werd ich rot!“

Sie drängte mich nebenan in ihr Schlafzimmer, wo ich mich denn auch gleich, sobald ich allein war, gewissenhaft und emsig bemühte, eine baldmöglichste Linderung meiner Leiden herbeizuführen.

Und jetzt passierte mir was, worüber ich nur mit dem höchsten Widerstreben und der tiefsten Beschämung zu berichten vermag.

Kaum hatt ich mit der Salbung begonnen, so ging durch mein ganzes Wesen ein auffälliges, nie empfundenes Drücken, Drängeln und Krabbeln. Die Nase dehnte sich nach vorn, steif richtete sich der Frack nach hinten auf. Schon ging ich auf allen vieren, und als ich zufällig in den Spiegel blickte, der neben dem Bette stand, fing ich ärgerlich zu bellen an, denn ich sah mein nunmehriges Ebenbild vor mir in Gestalt eines Pudels, blau, wie der Schniepel, und mit gelben Hinterbeinen, wie die Nankinghose.

Ich – muß ich mich noch so nennen, nach dem, was vorangegangen? Oder darf ich Er sagen zu mir? Leider nein! so gern ich auch möchte; denn das fühlt ich genau: Die sämtlichen alten Bestandteile meiner Natur hatten sich nur verschoben und etwas anders gelagert als zuvor, und während der untergeordnete Teil meines Verstandes zur Herrschaft gelangte, war mein höheres Denkvermögen gewissermaßen auf die Leibzucht gezogen, ins Hinterstübel, von wo aus es immer noch zusah, wie die neue Wirtschaft sich machte, wenn es auch selbst nichts mehr zu sagen hatte.

Ich machte einige ängstliche Seitensprünge. Dicht hinter mir klirrte es. Es waren die Goldmünzen, die vorher im Frack, aber nunmehr im Schweife steckten. Dies Geräusch regte mich dermaßen auf, daß ich, um es loszuwerden, so lange im Kreise herumlief, bis mir die Zunge aus dem Halse hing. Dann setzte ich mich mitten in die Kammer, hielt die Nase hoch, rundete das Maul ab und stieß die kläglichsten Laute aus.

Die Tür öffnete sich, und wer steckte den Kopf herein? Meine reizende Hexe.

„Bist da, Peterle?“ rief sie lachend. „Hab ich dich erwischt, du Dieb, du Beutelschneider, du pudelnärrisches Hundsvieh, du?“

Es wurde mir wunderlich zu Mut. Mein Gefühl für dies Teufelsmädchen war nicht mehr Liebe, sondern einfach hundsmäßige Unterwürfigkeit. Ich kroch ihr zu Füßen; und wie ich so demütig mit dem Schwanze wedelte, klirrte es wieder drin, als wär es eine Sparbüchse für Kinder.

„Aha! Da sitzt die Musik!“ lachte die Hex. „Nur Geduld! Wenn der nächste Vollmond ist, dann wollen wir schnippschnapp! machen.“

Um ihr eine Aufmerksamkeit zu erweisen, stellt ich mich auf die Hinterbeine und versuchte mit den Vorderfüßen eine bescheidene Umarmung; aber eine wohlgezielte Maulschelle, die mir ein schmerzerfülltes Tjaujau! auspreßte, trieb mich scheu in den Hintergrund.

Zu Nacht wollt ich natürlich gern mit in die Kammer. Man schnappte mir die Tür vor der Nase zu. Mein Scharren und Winseln half mir nichts. Ich mußte einsam heraußen bleiben, rollte mich seufzend zusammen und verfiel endlich in einen unruhigen, oft unterbrochenen Schlummer, denn sämtliche Flöhe des Hauses, so schien es, hatten sich verabredet zu einem Stelldichein und munteren Jagdvergnügen in den dichten Wäldern meines lockichten Pelzes.

Morgens durft ich eintreten und meine Aufwartung machen und der Gnädigen die hübschen Pantöffelchen bringen, und jetzt, dacht ich, dürft ich mir wohl einiges herausnehmen und sprang, während sie sich die Zähne putzte, geräuschlos ins Bett, um mich nach der kühlen Nacht ein wenig zu erwärmen. Behaglich schloß ich die Augen. Doch sogleich wurde ich aufgescheucht mit harten Worten und ausgetrieben mit harten Schlägen vermittels der Pantoffeln, die sehr spitze Absätze hatten, und dann goß sie mir ein Glas eiskaltes Wasser über den Rücken, daß ich bellte vor Schreck und jammernd hinausrannte in den Hof, wo ich mich zitternd auf ein sonniges Plätzchen legte und ärgerlich nach jeder Fliege schnappte, die mich neckisch umschwärmte.

Mein Hunger war groß. Zu fressen kriegte ich nichts. Ich scharrte eine Maus aus dem Loch und verzehrte sie mit vielem Behagen; ich fing Käfer, ja sogar einen Gartenfrosch, und verzehrte sie mit dem äußersten Widerwillen.

Meine Gebieterin lebte sehr mäßig. Am Hause hingen ein paar Nistkästchen, aus denen sie täglich drei Sperlingseier nahm, die sie gar zierlich ausschlürfte, das war alles, und dabei blieb sie gesund und lustig und boshaft dazu.

Eines Abends, als sie strickend am offenen Fenster saß, wurde etwas hereingeworfen, was klingend zu Boden fiel. Es waren Dukaten.

„Je, der Nazi!“ rief sie freudig und lief und riegelte ihm die Haustür auf.

Mein ehemaliger Reisegefährte, bekleidet mit einem neuen Jagdanzuge, trat stolz herein und wurde begrüßt mit stürmischer Zärtlichkeit ihrerseits, aber meinerseits mit gehässigem Knurren.

An seiner Jagdtasche hing eine Reihe toter Rotkehlchen. Sie wurden gerupft und gebraten für ihn; und anmutig sah es aus, wie auch das Hexlein ein ganz klein wenig dran knusperte mit den weißen blitzenden Zähnen. Ich kriegte die Gerippe. Der Nazi legte mir jedes zuerst auf die Nase und ließ mich aufwarten, eh ich es nehmen durfte. Am liebsten wär ich ihm an die Kehle gesprungen; da aber meine Gestrenge bedrohlich den Finger erhob, ließ ich mir’s gefallen, indem ich nur durch ein dumpfes Grollen und grimmiges Augenrollen meinem Unwillen Luft machte.

Diese Herrlichkeit zwischen den beiden mochte wohl so acht Tage gedauert haben, als ein unerwarteter Besuch kam; der alte Schlumann nämlich. In aller Stille hatte er draußen seinen Esel angebunden und trat nun unbefangen in die Küche, wie ein wohlbekannter Hausfreund, mit der Begrüßungsfrage:

„Wie schaut’s, Lucinde?“

„Ah, der Onkel!“ rief sie. „Ah, der Goldonkel! Wie herrlich, daß du kommst. Du bist doch der Beste von allen!“

Er mußte Platz nehmen im Lehnsessel. Sie warf sich ihm auf den Schoß, sie knöpfte ihm den Rock auf, sie schnallte ihm die Geldkatze ab und lief hin und entleerte sie klirrend in ihre Truhe. Er schmunzelte dazu.

Indes hatte der Nazi ein Gesicht gekriegt, blaßgelb, wie Ziegenkäs. Plötzlich sprang er auf und schrie, die Sach wär ihm zu dumm, und er wollt’s nicht leiden, und raus müßt der Kerl, und wenn’s der Teufel wär. Und damit zog er den Hirschfänger und fuchtelte grausam in der Luft herum. Der alte Schlumann rührte sich nicht; aber die Hex, flink wie der Blitz hatte sie zwischen den Knöcheln ihres Mittel- und Zeigefingers dem Nazi seine Nasenspitze eingeklemmt und drehte eine schmerzensreiche Spirale daraus.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Der Hirschfänger entfiel seiner Hand. Plärrend, wie ein Kalb, ließ er sich willenlos wegführen. Ich riß ihm noch ein tüchtiges Stück aus seiner neuen Hose; dann wurde die Tür hinter ihm zugeriegelt. Draußen tobte er fürchterlich und drohte, das sollte sich schon zeigen, ob eigentlich das Hexen noch erlaubt sei in einem christlichen Reiche deutscher Nation.

Auf einmal schwieg er still. Der Goldonkel und die Nichte legten sich ins Fenster; ich stellte mich auf die Hinterbeine und sah gleichfalls hinaus.

Was den Nazi so plötzlich zum Schweigen veranlaßt hatte, war der Esel, dem er jetzt näher trat, um ihn zweckentsprechend zu behandeln. Er strich ihm dreimal über den Rücken und wiederholte dreimal die Worte:

„Tata, tata! Mach Pumperlala!“

„Nur gut!“ schmunzelte Schlumann, „daß ich heut den echten zu Hause ließ.“

Der Esel, durch das Streicheln angeregt, hob wirklich den Schwanz auf. Der Nazi hielt den Hut unter; aber es erfolgte nichts Wunderbares, sondern nur das, was in solchen Fällen bei gewöhnlichen Eseln allgemein üblich ist.

„Armer Nazi!“ rief lachend die Hex. „Es ist ja der Rechte nicht! Hehe!“

Wütend schlenkerte der Nazi seinen Hut aus und verschwand im Gebüsch.

Übrigens war dieser Schlumann auch mir recht zu wider; die fortgesetzten Liebkosungen zwischen Onkel und Nichte machten mich eifersüchtig, wie Hunde sind; als daher dieser Verhaßte, bedeckt mit den zärtlichsten Abschiedsküssen, eines schönen Morgens wieder wegritt auf seinem Esel, vollführt ich vor lauter Vergnügen, trotz meiner Magerkeit, ringsum im Hof einen lustigen Dauerlauf.

Ich war allmählich in meinen Manieren ganz Hund geworden. Ich gähnte ganz ungeniert in Gegenwart meiner Herrin, ich kratzte mich, ich wälzte mich schamlos auf dem Rücken, ich drehte mich stets dreimal herum, ehe ich mich niederlegte zum Schlummern, ich bellte, um mich wichtig zu machen, wenn auch nichts los war, und wo ich einen alten Strumpf oder Schuh fand, nagt ich dran herum.

Meine Behandlung, obgleich ich mich der äußersten Demut befliß und meine schöne Tyrannin beständig im Auge hatte, wurde nicht besser. Ich mußte mich damit begnügen, von weitem zu wedeln und hündisch zu lächeln, was ich jedesmal tat, wenn sie zufällig mal hersah. In die Nähe wagt ich mich nicht, denn meine Rippen mußten in beständiger Furcht sein vor den spitzen Absätzen der zierlichen Pantoffeln. Endlich, zur Verzweiflung getrieben vor Hunger und Kummer, brannt ich durch.

Ich lief bis zum nächsten Städtchen, wo mich eine alte Jungfer vermittels Zucker und zärtlichen Zungenschnalzens zu sich hereinlockte. Hier lebt ich in Überfluß. Sie wusch und kämmte mich, sie knüpfte mir ein rosa Bändchen um, sie häkelte mir einen himmelblauen Paletot, sie nannte mich unter tausend Küssen ihren süßen, einzigen Herzensfreund. Den ganzen Tag lag ich auf dem Kanapee, und des Nachts durft ich sogar als Wärmflasche zu ihren jungfräulichen Füßen liegen. Bald war ich so faul und wurde so fett, daß die Verdauung stockte.

Statt froh und dankbar zu sein, zeigt ich mich grämlich und unzufrieden, und kurz und gut, als meine Wohltäterin, deren Zärtlichkeit mir auch nicht recht passen wollte, mal wieder, wie gewöhnlich, zur Frühmesse ging, schlich ich mich fort, immer dicht an den Häusern hin, und drückte mich schließlich in die erste Tür, die ich offen fand. Ich war in die Apotheke geraten.

„Ha!“ rief der Provisor. „Delikat! Das gibt Hundsfett, um die Bauern damit anzuschmieren. Sehr ergiebig für den Handverkauf.“

Er bot mir eine Pille an. Sie roch verdächtig; mein Instinkt warnte mich, sie anzunehmen. Ich fletschte die Zähne, knurrte, machte kehrt und rannte und rannte bis draußen vors Tor; denn mein Fett, so lästig mir’s war, wollte ich doch auf diese Art nicht gern los werden. Nicht weit vor der Stadt fing mich ein Milchmann ein, der grad einen Zughund brauchte. Dies war die richtige Kur für mich; schon nach wenigen Tagen fühlt ich mich leichter. Nur etwas war peinlich dabei. Die fremden Hunde, wenn ich den Karren zog, nachdem sie mich prüfend berochen hatten, bellten mich an und bissen mich fürchterlich; ich biß sie wieder; wodurch denn der Verlauf des Geschäfts allerlei bedenkliche Störungen erlitt. Geistig angeregt durch diese Verdrießlichkeiten, machte mein Herr eine praktische Erfindung. Er brachte unterhalb des Fuhrwerks einen nur nach unten offenen Kasten an, worin ich angespannt wurde und ziehen mußte; er selbst brauchte nur die Deichsel zu regieren.

So war ich allerdings einerseits wohl geschützt gegen alle Versuchungen und Anfechtungen der Außenwelt, indes anderseits, je mehr ich Muße hatte, mich inwendig zu besehn, um so deutlicher trat nun wieder das Bildnis der zuerst verlassenen Herrin, so bös sie auch war, vor die untertänigst ergebene Sklavenseele.

Ich wurde abends im Hof angebunden vor der Hundshütte. Ich käute den Strick entzwei und eilte so rasch wie möglich dem Walde zu, um wieder in der Nähe derjenigen zu sein, die mich so grausam behandelt hatte; ich kratzte an der Tür, und sogleich wurde aufgemacht. Ungewohnt liebenswürdig wurd ich empfangen; ich gabs Pfötchen; sie kraute mir Kopf und Rücken. So selig und zufrieden war ich noch nie.

„Grad kommst recht!“ sagte sie schmeichelnd. „Gleich geht der Vollmond auf. Da wird’s gemütlich!“

Hierauf machte sie ein lustiges Feuer an und schürte es mit der Zange, die sie, wie ich arglos bemerkte, drin liegen ließ; und dann holte sie aus dem Schrank ein gebratenes Vögelchen, das nach meinem damaligen Geschmack grad so recht angenehm anrüchig war, hielt es mir unter die Nase, warf es in die neben dem Herde stehende offene Truhe und forderte mich auf, es zu suchen. Freudig wedelnd mit dem Klapperschwanz, an dessen Geräusch ich mich längst gewöhnt hatte, taucht ich mit Kopf und Vorderbeinen in die Tiefe des Kastens, um mir den leckeren Bissen zu Gemüte zu führen.

Einer der peinlichsten Augenblicke meines Lebens war gekommen.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Im Nu schnappte die Hexe den Deckel zu. Und jetzt, plötzlich, ungefähr da, wo einst die Frackschöße ihren gemeinsamen Ursprung nahmen, ein Kniff, ein Schmerz, unsäglich brennend, ein Scharren mit allen vieren, ein gräßlicher Klageton, dumpf widerhallend in der Höhlung des Koffers, ein krampfhaftes Zucken – ich mache mich los, ich erhebe mich. Wahrhaftig, ich stand wieder aufrecht da auf meinen menschlichen Hinterfüßen.

Mein erster Griff war nach hinten; der Frack war zur Jacke geworden. Ein brenzlichter Geruch erfüllte die Küche; die Feuerzange lag noch dampfend am Boden, ein Frackzipfel daneben; den andern hielt die Hex in der Hand und schüttelte lachend ihr goldenes Haarband heraus.

„Hol dich der Satan auf der Ofengabel, verwünschte Zauberin!“ rief ich wütend. „Mich siehst halt nimmer!“

Ich griff nach der Türklinke; aber eh ich noch draußen war, hatte das boshafte Geschöpf schon den Blasbalg vom Herde genommen und blies mir damit eiskalt ins Genick. Von diesem „Hexenschuß“ steht mir noch heute der Kopf so schief, daß Leute, die mich nicht kennen, oft schon gemeint haben, ich müßte ein rechter Scheinheiliger und Heuchler sein.

In hohen Sprüngen, obgleich mir bei jeder Erschütterung ein Stich durchs Genick fuhr, verließ ich den Wald, und erst lange nachher ging ich langsamer und sammelte mich und zupfte die Krawatte zurecht, bei welcher Gelegenheit ich eine überraschende Entdeckung machte. Mein Medaillon war wieder da; bei der aufgeregten Strampelei in der Truhe mußte es sich mir um den Hals geschlungen haben. Sofort fiel mir die Heimat ein; das stille Gehöft, der getreue Vater, das hübsche Kathrinchen, der biedere Gottlieb, an die ich solange nicht gedacht, die ich so leichtfertig verlassen hatte. Was hatt ich gefunden heraußen in dieser verlockenden Welt, als Schmerz und Enttäuschung; wie tief, durch meine unsteten Begierden, war ich gesunken! Ein Streuner war ich geworden, ein Faulenzer, ein Gauner beinah, und schließlich ein Pudel, ein kriechender Hund mit dem Pelz voller Flöhe, der verächtliche Sklav einer geldgierigen, ruchlosen Hexe.

Der Himmel hatte sich in Wolken gehüllt, ich stand ratlos da in völliger Düsterheit. Indem, so fächelte mir was, wie mit unsichtbarem Flügelschlage, um Nase und Ohren herum, und auf einmal fing es an aufzuleuchten. Er war’s. Im eigenen Lichtglanz seines grün juwelenhaft funkelnden Hinterteils schwebte er dicht vor mir her, mein alter Schmetterling, dem ich niemals zugetraut hätte, daß er solch eine schöne Laterne besaß. Die Jagdlust regte sich wieder. Ich zog den Hut, ich haschte vergebens. Immer schneller und schneller mußt ich laufen; ich stolperte über kleine Erhöhungen des Bodens; ich kam zu Fall. Das Licht erlosch.

Als ich mich aufgerappelt hatte, brach grad der Mond durch die Wolken, erhellte flüchtig eine Kirche mit spitzem Turm und versteckte sich wieder. Ich saß auf dem einen Ende eines Grabhügels; mir gegenüber auf dem andern Ende saß ein Geist, nebelhaft weiß, gleichsam nur ein faltiges Bettlaken in menschenähnlicher Gestalt.

Er sah ungemein betrübt aus und sprach hohl und schaurig, indem er rings um sich her blickte:

„Kein Monument! Noch immer kein Monument! Fünfhundert Gulden ausgesetzt, und doch kein Monument! Wann, oh wann krieg ich ein Monument?“

„Aha!“ sag ich. „Ihr seid gewiß dem Nazi sein Vetter! Diesen Nazi kenn ich. Die Sach ist erledigt, das Geld verputzt, und auf Euer Denkmal könnt Ihr gefälligst lauern, bis Ihr schwarz werdet.“

Der Geist, als er dies vernahm, legte sich in tiefe Querfalten und stöhnte fürchterlich.

„Ich muß mich wirklich über Euch wundern!“ fuhr ich fort. „Längst tot und doch noch eitel? Schämt Euch, Alter, und legt Euch ruhig aufs Ohr, wie’s guten Geistern geziemt.“

Mit dieser wohlgemeinten Ermahnung hatt ich, wie man zu sagen pflegt, das Kalb ins Auge geschlagen; nie hätt ich geglaubt, daß ein Geist sich so ärgern könnte.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Das Gespenst machte sich lang, schwebte eilig herüber zu mir, saß mir am Buckel, nahm mich beim Kragen, schleifte mich dreimal um die Kirche und hob sich dann in die Luft mit mir, so hoch wie die Spitze des Kirchturms.

Baum! Da schlug es eins. Der Geist ließ mich los. Ich fiel und ich fiel – und ich fiel – –.

Schon nach drei Sekunden befand ich mich in einem Zustande der tiefsten Unwissenheit.

Ein närrischer Zustand, das! Wenn’s kein Wieso? mehr gibt und kein Aha! Wenn Gulden und Kreuzer, wenn Vetter und Base, wenn Onkel und Tante, wenn Butter und Käse gleich Wurst und ganz egal und ein und dasselbe sind; wenn’s einem auf ein paar tausend Jahre mehr oder weniger nicht ankommt; wenn – doch genug darüber! Am gescheitesten wird’s sein, man macht es wie die eigentlich Sachverständigen, denen es grad passiert: Sie sitzen, liegen oder hängen da in verständiger Schweigsamkeit. Was ich zunächst nur sagen möchte, obgleich’s auch überflüssig wäre, ist dies: Ich erwachte wieder; ich besann mich wieder auf mein Vorhandensein als lebendiger Teil dieses sogenannten Weltsystems, dessen Übersicht im ganzen ja schwierig ist.

Nachdem ich eine sitzende Stellung angenommen, mir die Augen gerieben und mich behaglich gedehnt und gereckt hatte, als hätt ich nach einer längeren Fußtour einen gesunden erquickenden Schlaf getan, bemerkt ich erst, daß ich mich in einem geräumigen Garten befand, den eine hohe Mauer umgab.

Dicht vor mir lag ein Feld mit Kohl bebaut, lauter Kappisköpfe von beträchtlicher Dicke. Auf den Blättern saßen zahllose Raupen und fraßen und verpuppten sich mit großer Geschwindigkeit, und schon im nächsten Augenblick brachen die Hüllen auf, und ein buntes Gewimmel von Schmetterlingen erfüllte die Luft.

Aber auch ein Baum stand da von erstaunlicher Höhe, ganz dicht besetzt mit Nestern, aus denen unaufhörlich ein Schwarm von Vögeln herausflattert, so schwarz wie Raben und so flink wie Fliegenschnäpper.

Und, was mich am meisten wunderte, der Kohl wuchs zusehends vor meinen Augen, und im Umsehn wurden allerlei Menschen daraus, und jeder Kappismensch hatte ein Netz in der Hand, und die Schmetterlinge flogen über die Mauer und die Vögel und die Menschen hinterher.

Das Feld links neben mir war noch nicht bestellt. Zwei Männer waren beschäftigt, es umzugraben. Sie machten eine Pause, lehnten sich auf ihre Spaten und sahen sich um; und jetzt bemerkt ich erst, daß es gar keine richtigen Mannsbilder waren, sondern zwei riesige Käfer, der eine in einem schwarzgelbbunten Röcklein, ein Totengräber, der andere blauschwarz, von der Sorte, die wir, wenn wir unter uns sind, schlechtweg mit dem Namen Mistkäfer bezeichnen.

Die Sonne senkte sich schon. Trotzdem sagte der Totengräber zu mir:

„Guten Morgen! Grad hatten wir vor, dich unterzugraben!“

„Oho!“ rief ich.

„Na!“ sagte er. „Sieben Jahre gelegen, ist doch wohl lange genug!“

Ich lächelte, wie einer, der Spaß versteht.

„Wir wollen Dumme säen!“ fuhr er fort. „Gleich einen ganzen Acker, damit sie nicht alle werden.“

„Man braucht halt Dünger!“ meinte der Mistkäfer.

Um auf etwas anderes zu kommen, sagt ich:

„Ihr habt hier mehr schwarze Vögel als bunte Schmetterlinge, wie ich sehe.“

„Ganz richtig!“ erwiderte der Mistkäfer. „Erst drüben, jenseits der Mauer, merkt man es recht. Für jede angenehme Erwartung gibt’s mindestens drei unangenehme Möglichkeiten.“

„Also leg dich und halt uns nicht auf!“ mahnte ungeduldig der Totengräber.

„Nur schad um den schönen Bart!“ meinte der andere.

Ich griff ans Kinn. Es war so. Ich hatte einen ellenlangen Bart gekriegt.

Sollte denn wirklich, dacht ich – –. Aber eh ich noch weiterdachte, flatterte aus dem Kohlfelde mein Schmetterling auf, in verjüngter Herrlichkeit, so munter und farbenschön, wie ich ihn noch niemals gesehen hatte.

„Ein Netz!“ schrie ich. „Ich will hinaus!“

„Wer will, der darf!“ brummten die Käfer.

Der eine gab mir ein Netz, der andere einen Schlag mit der flachen Schaufel hinten vor zur Nachhilfe; und dort hupft ich hin, über die Mauer, mit übernatürlicher Leichtigkeit, in hohen Bogensätzen, gleich wieder emporschnellend, sobald ich nur eben mit der Spitze des Fußes den Boden berührte, wie’s zuweilen in unbehinderten Träumen geschieht, wenn die Sohlen so elastisch sind, als säßen Sprungfedern drunter. Auch würd ich den Schmetterling sicher erwischt haben, denn ich war fast noch schneller als er, hätte ihn mir nicht einer von den schwarzen Vögeln grad weggeschnappt, als ich eben den entscheidenden Hieb tun wollte. Ärgerlich warf ich das Netz fort, hupfte gleichgültig weiter und machte erst, als es lange schon Nacht geworden und ich in der Ferne was Helles sah, wieder höhere Sprünge. Alsbald befand ich mich in einem Park, dicht vor den Fenstern eines hell erleuchteten Schlosses, wo es lustig drin zuging bei den Klängen der herrlichsten Blechmusik.

Es war eine vornehme Gesellschaft. In allen Sälen wurde gespielt. Mein erster Blick fiel auf Lucinde, die lachend am Spieltisch saß. Eine fünf Ellen lange silbergestickte Schleppe ringelte sich neben ihr auf dem Teppich, wie eine glitzernde Schlange. Sie hatte einen Haufen Gold vor sich liegen. Ihr Gegenpart war ein jovialer Herr, schon ziemlich bei Jahren, dessen Hände und Gesicht ganz schwarz aussahen. Seine Nägel waren sehr lang, seine Ohren sehr spitz, seine Nase sehr krumm, und auf der Stirn hatte er zwei niedliche vergoldete Bockshörnchen sitzen. Der alte Schlumann war auch da. Er blitzte von Diamanten, spielte aber nicht mit, sondern ging nur schmunzelnd von Tisch zu Tisch. Er schien der Gastgeber zu sein.

Gern hätt ich noch länger zugesehn, wär nicht ein schwarzer Hund mit feurigen Augen um die Ecke gekommen, der fürchterlich bellte, so daß ich mit einem einzigen Satze hinaus vor das Schloßtor hupfte. Hier hielten bereits die Equipagen, um die Herrschaften abzuholen. Die Lakaien, die herumstanden, machten einen soliden, vertrauenerweckenden Eindruck. Sie waren weiß gepudert, glatt rasiert, dick und fett, und jeder trug in großen goldenen Buchstaben einen trefflichen Wahlspruch auf der Livree, der eine „Gut“, der andre „Schön“, der dritte „Wahr“, der vierte „ora“, der fünfte „labora“, und so ging’s weiter.

„Es freut mich“ – sagt ich –, „solch biedere Leute zu sehn!“

„Mit Recht!“ sprach der dickste von allen, dem „Treu und Redlich“ am Buckel stand. „Wir sind die guten Grundsätze.“

Gerührt wollt ich ihm die Hand drücken, aber sie war weicher als Butter, und als ich ihm auf die Schulter klopfte, sackte der Kerl zusammen, wie ein aufgeblasener Schlauch, wobei ihm die ausströmende Luft geräuschvoll durch sämtliche Knopflöcher pfiff.

„Ha, Windbeutel!“ rief ich. „Seid ihr denn alle so?“

Eh ich dies noch genauer untersuchen konnte, kamen Diener mit Fackeln vom Schlosse her.

„Platz für Seine Durchlaucht, den Fürsten dieser Welt!“ hieß es.

„Mach dich fort, du Lump!“

Eilig hupft ich die Chaussee entlang. Eine Karosse, hellglühend wie feuriges Gold, kam hinter mir hergerasselt. Drinnen, in die schwellenden Polster gelehnt, saß traulich schäkernd der schwarze Herr bei der Hexe Lucinde. Hintenauf stand „Treu und Redlich“, der fette Lakai, und wurde gerüttelt, daß ihm alle vier Backen wabbelten; und, was das Drolligste war, zwischen den Schößen seines Bedientenfracks baumelte neckisch ein Kuhschwanz.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Der Anblick reizte mich. In plötzlichem Übermut, mit raschem Griff, erfaßt ich den Wedel und schwang mich, den rechten Fuß voran, aufs Kutschenbrett. Ebensogut hätt ich auf die Platte des höllischen Bratofens springen können, wenn grad zugekocht wird für Großmutters Geburtstag.

Ein Gelächter von seiten Lucindens, als ob sie gekitzelt würde; ein Schrei meinerseits, als ob ich am Spieße steckte; ein Purzelbaum nach hinten; und unten war ich auf der platten Chaussee, in der unglücklichen Lage eines auf den Rücken gefallenen Maikäfers.

Ächzend kroch ich seitab in den Graben. Der Brandschaden war beträchtlich; doch braucht ich, um ihn näher zu besichtigen, den Stiefel nicht auszuziehn, denn mein rechter Fuß stand frei zutage, in Gestalt einer einzigen Blase. Infolgedessen hegt ich den lebhaften Wunsch, es möchte wer kommen, der mich mitnähme.

Endlich, im Morgennebel, näherte sich langsam rumpelnd ein ländliches Fuhrwerk. Vorn, auf einem Bund Stroh, saß das Bäuerlein und sang bereits in aller Früh gar fröhlich und wohlgemut:

Gretelein hupf in die Höh,
Daß ich deine Strümpfle seh,
Weiß wie der Schnee alle zwee,
Hopsa, huldjeh!

und hinter ihm, als einziges Gepäckstück, stand ein langer schlichter Kasten von Tannenholz.

Kaum bemerkte der gemütvolle Fuhrmann meinen leidenden Zustand, so hielt er still und war mir behilflich, seinen Wagen zu besteigen, wo ich denn auch auf dem Kasten einen recht passenden Sitz fand.

Wir waren noch nicht lange gefahren, als sich mein freundlicher Kutscher zu mir umdrehte und sprach:

„Ihr habt Glück! Grad fahr ich zum Doktor Schnorz in die Stadt. Der versteht’s. Da heißt’s ritschratsch! und damit gut. Ich bringe ihm den da, von Amts wegen.“

Bei den letzten Worten klopfte er mit dem Peitschenstiel auf die Kiste, und weil mir nicht recht klar war, was er meinte, hob ich den Deckel auf.

„Der Nazi!“ schrie ich entsetzt.

„Vielleicht heißt er so!“ meinte das Bäuerlein. „Jedenfalls hat ihn eine Natter gebissen, draußen im Wald, und jetzt muß er zum Doktor, und damit gut!“

„Er ist ja tot!“ rief ich.

„Eben drum! Und um so besser für ihn, und damit gut!“ erwiderte der Wagenlenker.

Er nahm sein munteres Lied wieder auf, aber diesmal ohne Worte, bloß vermittels seines mündlichen Flötenspiels, worin er, wie sich zeigte, eine bedeutende Fertigkeit hatte.

Ich, inzwischen, saß etwas unruhig. Ein gewisses eisiges Mißbehagen, in der Richtung von unten her, lief mir den Rücken hinauf bis unter den Hut, so daß ich froh war, kann ich wohl sagen, als wir endlich, so etwa um elf, vor der Behausung des Doktors hielten.

Nicht ohne ängstliche Vorurteile begab ich mich langsam humpelnd in das Empfangszimmer. Doktor Schnorz war schon in Tätigkeit. Er sah übrigens gar nicht so grausam aus, wie ich mir vorher gedacht hatte. Im Gegenteil. Seine frische Farbe, seine schwellenden Lippen, seine dicken schalkhaften Augen, die aufgekrempelten Hemdsärmel, die Arbeitsschürze über dem rundlichen Bäuchlein, das alles machte durchaus den Eindruck eines sauberen Metzgermeisters, den jedermann gern hat.

Grad war er dabei, einen Landmann auszuforschen, in dessen Zügen sich tiefe Besorgnis malte.

„Wie alt ist denn Euere Frau?“

„Na!“ meinte der Bauer. „So fünfzig bis sechzig.“

„Schlagt das alte Weib tot. Mit der ist nichts mehr zu machen. Adieu!“

Als der Bauer, dessen Züge sich völlig erheitert hatten, an mir vorbeiging, hört ich ihn sagen:

„Das ist noch ein Dokter! Wenn er einsieht, es hilft doch nichts, so erspart er einem die Kosten.“

Jetzt kam eine dicke Madam an die Reih.

„Ach, Herr Doktor!“ fing sie zu klagen an. „Ich weiß nicht, ich bin immer so unruhig. Jede Stund in der Nacht hör ich den Wächter blasen, und ich fürcht mich so vor Mäusen und schlechten Menschen; das macht gewiß die Nervosität.“

„Ein neumodisch Wort!“ sprach der Doktor. „Sonst nannte man’s böses Gewissen. Ganz die Symptome. Halten Sie Ihre Zunge im Zaume, meine Gnädige. Seien Sie freundlich gegen Ihre Dienstboten. Viel Wasser! Wenig Likör! Gute Besserung, Madam!“

Diese Dame, als sie hinaussegelte, schien mir von den heilsamen Ratschlägen des Doktor Schnorz durchaus nicht befriedigt zu sein.

Und jetzt kam ich.

„Ah!“ rief Schnorz mit freudigem Erstaunen. „Seh ich recht? Erlaubt mal eben. Es ist bloß zur Probe.“

Während er diese Äußerungen hinwarf, hatte er mir auch schon die große Zehe abgeschnitten und legte sie unter sein Vergrößerungsglas.

„Hab’s gleich gedacht!“ sprach er befriedigt. „Der richtige Höllenbrand. Kurzab! ist das beste.“

„Ist’s lebensgefährlich?“ fragt ich ängstlich.

„Warum das nicht?“ erwiderte der Doktor. „Aber seid nur getrost; wenn’s schiefgeht, wird die Welt zur Not auch ohne Euch fertig werden. Da seht mich an. Heut wenn ich sterb, ist morgen ein anderer da, und ich freu mich schon drauf, daß die Juden kein Geld kriegen.“

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Hiermit drückte er mich in einen behaglichen Lehnsessel, schnallte mich fest, ergriff ohne weiteres die Säge und ging eifrig ins Geschirr. Bei jedem Schnitt, den er tat, stieß er ein kurzes ächzendes Ha! aus. Erst ging es gnatsch! gnatsch! dann ging es ratz! ratz! Zuletzt ging es bump!

Da! Mein Fuß war mich losgeworden.

Auch fernerhin verlief die Sach sehr rasch und günstig, so daß der gute Doktor, der mir inzwischen zwei schöne Krücken hatte anfertigen lassen, schon nach vierzehn Tagen sich die Freude machen konnte, mich vor den Spiegel zu führen.

Der, den ich darin erblickte, gefiel mir nicht. Kopf kahl, Nase rot, Hals krumm, Bart struppig; ein halber Frack, ein halbes Bein; summasummarum ein gräßlicher Mensch. Und das war ich.

Aber ehe ich noch Zeit hatte zu weinen, rief der Doktor triumphierend:

„He? Wie? Was sagt Ihr nun? Schmucker Kerl fürwahr! Reiche Frau heiraten. Alles in Ordnung! Gratuliere! Und glückliche Reise!“

Gerührt und dankbar drückt ich dem Doktor, der alles umsonst getan, die fleischige Hand, verließ die Stadt und begab mich auf die Dörfer in der Absicht, mich langsam so weiterzubetteln, bis ich schließlich nach Hause käme.

Letzteres ging schneller, als ich dachte.

Der Spätherbst war gekommen; kalt wehte der Wind; an meinem einst so reizenden Anzuge flatterten die Lappen wie Espenlaub. Als ich daher in Erfahrung brachte, daß in einem Hause jemand das Zeitliche gesegnet hatte, schien mir das eine für meine Bedürfnisse sehr hoffnungsreiche Aussicht zu eröffnen, denn, wie bekannt, lassen gerade die Toten oft ganz brauchbare Kleider zurück, auf die niemand recht Anspruch macht.

Ich hatte mich nicht getäuscht. Der Großvater war gestorben. Die glücklichen Erben, denen der hochbetagte Mann begreiflicherweise schon längst ein wenig im Wege saß und die sich nun in einer sanftheiteren mildtätigen Stimmung befanden, schenkten mir, ohne daß ich lange zu bitten brauchte, sehr gern den drittbesten Anzug, den der Verstorbene bis an sein seliges Ende für gewöhnlich und mit Vorliebe zu tragen pflegte. Um ihn anzulegen, zog ich mich in den Kuhstall zurück. Allerdings, die Hose war bedeutend zu weit und der Flausrock bedeutend zu lang für mich, aber um so besser paßte mir die mollige, wollige, etwas fettige Pelzkappe, die sich tief über die Ohren ziehen ließ, ganz nach Bedarf. Solchermaßen wohlausgerüstet gegen die Unbilden der Witterung, setzte ich humpelnd meine beschwerliche Wanderfahrt fort.

Schon beim nächsten Hause erwischte mich der Bettelvogt und trieb mich mit seinem Spieß vor sich her in das dortige Ortsgefängnis, genannt „Hundeloch“, allwo man, nachdem man mich einem kurzen Verhör unterworfen, den Beschluß faßte, mich umgehend auf den Schub zu bringen.

Mein Schreck war heftig, und doch war’s mein Glück. Es bewährte sich auch an mir das treuherzige Sprichwort:

Was erst verdrießlich schien,
War schließlich gut für ihn.

Da man mich mit Recht in keiner Gemeinde für einen ersprießlichen Mitbürger ansah, beeilte sich jede, mich möglichst prompt über die Grenze zur nächstfolgenden zu schaffen, bis ich endlich von der letzten mit unfehlbarer Sicherheit in aller Stille auf dem mir wohlbekannten Gebiete der Stadt Geckelbeck abgesetzt wurde, indem man hier das Weitere ganz meinem freien Ermessen anheimstellte.

Es war ein lustiges Schneegestöber bei nördlichem Winde, als ich abends mühselig auf zwei Krücken und einem Bein das väterliche Gehöft wieder betrat, das ich einst so leicht auf zwei Beinen verlassen hatte.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Ich sah erst mal schüchtern durchs Fenster. Im Sorgenstuhl saß der Gottlieb, der bedeutend behäbiger aussah als sonst, und hatte zwischen seinen Knien einen Knaben von drei, vier Jahren, dem er eine Peitsche zurechtmachte. Neben dem Kachelofen stand eine Wiege. Neben der Wiege saß die Kathrin und nährte einen runden Säugling an ihrer strotzenden Brust. Die Magd deckte den Tisch. Der Vater fehlte.

Mein Atem war bei diesem Anblick etwas ins Stocken geraten. Fast wäre ich wieder umgekehrt; aber das grausame Unwetter veranlaßte mich, einzutreten und um Herberge zu bitten für die Nacht.

Ohne viel Umstände wurde das Gesuch des unbekannten Fremdlings mit dem größten Wohlwollen genehmigt.

„Oder“ – fragte Gottlieb den Knaben – „sollen wir ihn lieber wieder hinausjagen in Wind und Wetter? Was meinst du, Peter?“

„Nein, nein!“ rief der gutherzige Junge. „Armer Mann hier bleiben; viel Wurst essen, daß Bein wieder wächst!“

Die Nacht schlief ich beim Knecht im Pferdestall, und von ihm erfuhr ich die ganze Geschichte.

Nach jahrelangem vergeblichen Warten hatte der Vater, der fest glaubte, mich hätte der Muddebutz hinabgezogen in den Grummelsee, sein Sach dem Gottlieb und der Kathrin verschrieben. Er war stiller und stiller geworden. Eines Morgens fand man ihn tot.

Während dieses Berichtes hatte sich, um es zart auszudrücken, meine Seele umgekrempelt nach innen. Ich wollte arbeiten; ich wollte geduldig ausessen, was ich mir eingebrockt hatte, und nie, mit diesem festen Gelübde schlief ich ein, sollten diese guten Leute, die mich so herzlich aufgenommen, in Erfahrung bringen, wer ich sei.

Früh stand ich auf. Einige schadhafte Kleidungsstücke des kleinen Peter, die auf dem Treppengeländer hingen in Erwartung des Weiteren, gaben meinem Tätigkeitsdrang die nötige Richtung. In der Stube im Tischkasten fand ich Nadel und Zwirn.

Als man sich versammelte, um die Morgensuppe zu essen, war mein Werk schon fix und fertig. Es wurde eingehend besichtigt und fand bei allen denen, die in solchen Dingen ein reiferes Urteil besaßen, den freudigsten Beifall.

Man ersuchte mich dringend, einige Tage noch dazubleiben. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen sind Jahre geworden. Durch reichhaltige Übung steigerte sich meine Geschicklichkeit nicht bloß in der Wiederherstellung des Alten und Verfallenen, sondern ich schuf auch Neues nach eigener Maßnahme aus dem Vollen und Ganzen heraus. Der Ruf meiner Kunst drang bis nach Geckelbeck, und Frau Knippipp, meine ehemalige Meisterin, die schon seit einiger Zeit Wittib geworden, ließ mir sogar einen ehrsamen Antrag machen, sie zu ehelichen. – Kalt abgeschlagen! –

Auf Gottliebs Befragen hatte ich mich Fritz Fröhlich genannt. Der kleine drollige Peter, mein Liebling, nannte mich „Humpelfritze“; ein passender Name, mit dem ich seitdem allgemein angeredet werde, selbst von Leuten, die nicht die Ehre meiner näheren Bekanntschaft haben.

Und so leb ich denn allhier als ein stilles, geduldiges, nutzbares Haustier. – Schmetterlinge beacht ich nicht mehr. – Oben im alten Giebelstübchen hab ich mir eine gemütliche Werkstatt eingerichtet.

Noch immer reiten die Hexen da vorbei. Neulich, in der Walpurgisnacht, als ich saß und schrieb an dieser Geschichte, spähte Lucinde durchs Fenster herein. Sie lachte wie närrisch; sie war noch grade so hübsch wie ehedem.

Gelassen sah ich sie an, flötete, nahm eine Prise und machte Haptschih!! –

Das Manuskript der obigen Erzählung fand kürzlich ein Sommerfrischler auf dem Taubenschlage neben dem Giebelstübchen jenes nämlichen Gehöftes, wo der Verfasser seine Tage beschloß. Die Nachkommen von Gottlieb und Katharina lebten noch daselbst in gedeihlichen Verhältnissen. Wirklich war die Persönlichkeit des guten Peter erst festgestellt worden, als man nach seinem Ableben das Medaillon bei ihm fand. Sein ungekünstelter harmloser Stil, seine rücksichtslose Mitteilung selbst solcher Erlebnisse, die für ihn äußerst beschämend gewesen, drücken seinem Berichte den Stempel der Wahrheit auf, und nur der Halbgebildete, dem natürlich die neueren Resultate der induktiven Wissenschaft auf dem Gebiete des Wunderbaren nicht bekannt sind, wird Anstoß nehmen an diesem und dem, was man früher unmöglich nannte.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Bilder: WIlhelm Busch, a. a. O., 1895.

Soundtrack: Danyel Gérard: Butterlfly, 1971: Eins der allerersten Lieblingslieder in meinem Leben, dem ich mich bis heute nicht entziehen kann. Meine Mutter nannte es den „Schlager von dem mit dem komischen Deckel, der immer so ausländisch singt“, mein Vater meinte nur halb im Scherz, es gehe darin um jemanden, der sich vom Frisör die Haare waschen lässt, weil dann „Bader fleit“. Mir selbst ist bis heute nicht klar, warum ein Lied mit französischem Originaltext, von dem der Künstler selbst Cover-Versionen in ungefähr sieben Sprachen aufgenommen hat, nicht Papillon heißt, was bei gleicher Silbenzahl reibungsfrei auf dieselbe Melodie gepasst hätte. Aber meine Eltern haben wahrscheinlich auch nicht gemerkt, was sie für einen Mumpitz reden:

Written by Wolf

18. Februar 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Expressionismus, Land & See

Kritik der reinen Unvernunft

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Update zu Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10:

Carl Friedrich Hagemann, Kant rührt Senf an, 1801Das ist nun eine auffrisierte Zweitverwendung aus dem April 2004 fürs dahingegangene jetzt.de. Den kompetentesten Kommentar dazu – von einer aufrechten Kommunistin mit der DDR-Flagge als Profilbild – weiß ich noch auswendig:

Ist das Satire? Dann ist es schlecht. Ist es ernst? Dann ist es dumm, unendlich dumm.

Da sieht man wieder, wie die Rezeption von Immanuel Kant (* 22. April 1724; † 12. Februar 1804, beides in Königsberg) bis in die Postmoderne hinein polarisiert.

Seien wir ehrlich: Nicht einmal Kant hat ab 1802 noch seine eigenen Schriften aus dem 18. Jahrhundert verstanden.

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Der Philosoph und Alleszermalmer Immanuel Kant wurde in Deutschland geboren. Das war in Kaliningrad, das in Russland liegt, aber nur als Exklave. Deswegen müssen die Nachbewohner der Ostpreußen bis heute seine Bücher voll der abseitigsten Fremdwörter übersetzen und verstehen immer noch nicht mehr als jeder akademisch gebildete deutsche Muttersprachler.

In Kaliningrad fängt alles mit K an. Kant sowieso, der alte Name Königsberg, der allenthalben gerne genommene Kartoffelschnaps, die Königsberger Klopse sogar gleich zweimal, und der Kategorische Imperativ mit KI wie die Künstliche Intelligenz, die Kant noch auf natürlichem Wege zu erzeugen verstand.

Carl Friedrich Hagemann, Kant rührt Senf an, 1801Überhaupt von wegen Verstand: Kants Kategorischer Imperativ besagt: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu“, nur mit dem Nachteil, dass er sich nicht reimt. Kant hat es viel schwieriger formuliert, weil er an der Uni war, auf der richtigen Seite des Katheders (mit K!). Von dort aus unterrichtete er Pyrotechnik. Man kann ihn so oft lesen, wie man will, ohne einen Pieps zu verstehen, um am Ende der Vorlesung kleinlaut einzusehen: Besser hätte man es nicht sagen können.

Mit den Frauen hatte er’s nicht, lebte lieber sein Lebelang im Zölibat. Wer mal in Kaliningrad war, das Kant nur selten und unter Protest verließ, versteht gar nicht, warum. In der Fußgängerzone kann man sich alle zehn Meter in eine putinkritische Russin verlieben, wovor eindringlich gewarnt wird, weil die sich hüten wird, sich zurückzuverlieben. Folglich sagte sich Kant: Wozu denn? und handelte so, dass er wollen konnte, seine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden.

Und von wegen Alleszermalmer: Das ist rein geistig gemeint, was zu essen gab es bei Kant allerdings jeden Mittag in aller leiblichen Üppigkeit nicht unter drei Gängen in handverlesener Gesellschaft, am liebsten Kabeljau aus der anliegenden Ostsee, Schweinshaxen oder -braten, und den am liebsten mit Senf. Folgerichtig zeigt ihn eine maßgeblich charakterisierende Handzeichnung beim Anrühren eines Töpfleins mit Senf. Für die Klopse und die Wäsche hatte er eine Haushälterin, denn in Kaliningrad waren sie damals wie heute weit davon entfernt, der EU beizutreten, so dass ein Uniprofessor sich das leisten konnte. Wozu also noch mehr Weiber um sich scharen?

Der Senf war wahrscheinlich mit Knoblauch, wegen russischer Exklave und dem K – was wiederum das mit dem Zölibat erklären würde.

Als Nachspeise gab es Obst, Kuchen oder Pudding. Zu diesem Anlass ist 1995 ein handliches Buch mit seinen drei Hauptwerken in vier Bänden erschienen: Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft und Kritik der Urteilskraft, und da fehlt sogar noch die kulinarische, aber nur, weil er die gar nicht geschrieben hat. Wer zwei Paar Hosen hat, mache eines zu Geld schaffe sich dieses Buch an; dann braucht er nie wieder ein anderes, bis er endlich versteht, was Kant andauernd gegen Vernunft, Urteilskraft und Essen hat.

In englischsprachigen Ländern wird Kant oft nicht als Philosoph, sondern als zwielichtiger Saubartel anerkannt. Das trauen die sich aber nur, weil sie ihn für einen Russen halten, der sie sowieso nicht versteht, und kommt wegen seiner unorthodoxen Auffassungen über die Bewohner anderer Planeten sowie die Spitzfindigkeit von Syllogismen. Und weil sie seinen Nachnamen so komisch aussprechen.

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Wikipedia ist keine Quelle„, aber das Brauchbarste, was man ohne Kosten und Mühen nicht scheuen muss:

Auf [Carl Friedrich] Hagemanns Frage, ob er ihn „ganz getreu“ nachbilden solle, antwortete Kant: „So alt und häßlich, wie ich nun bin, dürfen Sie mich eben nicht machen!“ Wie alt und gebrechlich Kant 1801 schon war, zeigt Hagemann in seiner berühmten Zeichnung, wie Kant Senfkörner im Mörser zermahlt. Diese 8 cm hohe Federzeichnung gibt Kant in ganzer Figur stehend wieder. Von unbekannter Hand wurde auf dem ca. 9 × 16 cm großen Blatt folgende Beischrift zugefügt:

Die Figur Emanuel Kants, wie er für seine Tischgenossen den Senf zubereitet, gezeichnet von dem Bildhauer Hagemann zur Zeit er dessen Büste modelliert im Jahre 1801.

Die Kleidung: Kniehosen mit Gamaschen, einen Rock, und eine Perücke mit Zopf und Schleife.

In England wurde Senf lange Zeit nicht als fertig gemischte Paste gekauft, sondern zu Hause aus Senfmehl und Wasser eigenständig angerührt. Für eine besonders intensive gelbe Farbe sorgte die Beigabe von Kurkuma. Nach etwa zehn Minuten Wartezeit entfaltet diese nach der so genannten Colman-Methode zubereitete Mischung ihr volles Aroma.

Bilder: Carl Friedrich Hagemann: Immanuel Kant, Senf zubereitend, 1801,
Vollansicht käuflich als Kant mixing mustard, 1801 (Kant mischender Senf).

Soundtrack: Heiðrikur á Heygum: Monster, Kaliningrad 2017,
bestes Video beim Føroysku Tónlistavirðislønirnar 2018:

Written by Wolf

11. Februar 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Nahrung & Völlerei

Not quite inexistent/nicht ganz abhanden

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Update zu Wumbaba,
Beiträge zur deutsch-englisch-arabischen Freundschaft,
Break in college sick bay und
The tale of the powerful penis:

Die Berliner Künstlerin Carolin Gutt — man unterstütze sie zahlreich! — bringt aus ihrem und unser aller Lieblingsland Schottland ein Gedicht zu uns und illustriert es gleich passend.

John Burnside war zuerst Hilfsarbeiter bei den Autozulieferern im ungeliebten England, entwickelte folglich eine Schizophrenie, Alkohol- und Drogensucht, studierte in Cambridge Englisch und europäische Sprachen, was ihn zum Software-Entwickler qualifizierte, und wurde 1996 nach seinen ersten fünf Gedichtbänden und ersten drei Literaturpreisen, die ihm seit 1988 in einem etwa zweijährigen Rhythmus zukommen, freischaffender Schriftsteller, kurzzeitig Writer in Residence an der University of Dundee und dauerhaft Professor für creative writing, amerikanische Literatur und Kultur sowie Literatur im Zusammenhang mit Ökologie in St Andrews, nach Oxford und Cambridge der ältesten Uni bei den Anglophonen, weil er seine Süchte nach Substanzen durch eine Schreibsucht zu kurieren verstand.

Carolin hat The Good Neighbour in ihrem Golden Treasury of Scottish Verse 2021 gefunden, eine Würdigung des gleichnamigen Gedichtbandes stand am 9. Juli 2005 als The shape of the wind in The Guardian. In seiner überlegenen Ruhe voller Bedeutungsebenen hat es das Zeug zum Lieblingsgedicht. In Blankversen wird sich ohnehin seit langem zu selten geäußert.

Gegen Iain Galbraiths Übersetzungen für die deutsche Auswahl Anweisungen für eine Himmelsbestattung 2016 wendet Gregor Dotzauer in der Zeit ein:

Von der freirhythmischen Elastizität der Originale gibt Iain Galbraiths Übersetzung leider keinen Eindruck. Es ist, als hätte er sich gar nicht die Mühe gemacht, Burnsides Prägnanz Silbe um Silbe wägend zu erreichen. Man muss eben nicht die Ausgangssprache, sondern die Zielsprache perfekt beherrschen. Das wenig klangvolle Ergebnis kann immerhin als Hilfestellung zum Verständnis dienen.

Es ist nicht raus, ob Galbraith schon 2011 in der Auswahl Versuch über das Licht etwas anderes als eine solche Hilfestellung beabsichtigt hat. Wir werden sie deshalb dankbar nutzen.

——— John Burnside:

The Good Neighbour

from: The Good Neighbour,
Jonathan Cape, 2005:

Somewhere along this street, unknown to me,
behind a maze of apple trees and stars,
he rises in the small hours, finds a book
and settles at a window or a desk
to see the morning in, alone for once,
unnamed, unburdened, happy in himself.

I don’t know who he is; I’ve never met him
walking to the fish-house, or the bank,
and yet I think of him, on nights like these,
waking alone in my own house, my other neighbours
quiet in their beds, like drowsing flies.

He watches what I watch, tastes what I taste:
on winter nights, the snow; in summer, sky.
He listens for the bird lines in the clouds
and, like that ghost companion in the old
explorers‘ tales, that phantom in the sleet,
fifth in a party of four, he’s not quite there,
but not quite inexistent, nonetheless;

and when he lays his book down, checks the hour
and fills a kettle, something hooded stops
as cell by cell, a heartbeat at a time,
my one good neighbour sets himself aside,
and alters into someone I have known:
a passing stranger on the road to grief,
husband and father; rich man; poor man; thief.

Der gute Nachbar

Übs.: Iain Galbraith, aus: Versuch über das Licht, Edition Lyrik Kabinett, Hanser 2011:

Irgendwo in dieser Straße, mir völlig unbekannt,
hinter einem Labyrinth aus Äpfeln und Gestirn,
steht er auf, zu früher Morgenstunde, nimmt ein
Buch: Er lässt sich nieder, am Schreibtisch oder Fenster,
begleitet den Sonnenaufgang, endlich allein –
ohne Namen, ohne Last, glücklich in sich selber.

Ich weiß nicht, wer er ist; ich bin ihm nie begegnet
unterwegs zum Fischmarkt, auf dem Weg zur Bank,
doch denke ich an ihn in Nächten so wie diese, wach
in meinem eignen Haus, die Nachbarn ringsum ruhig
in ihren Betten: schlummernden Fliegen gleich.

Er sieht, was ich sehe, und was ich schmecke, schmeckt er,
in Winternächten: Schnee; im Sommer: den Himmel.
Er lauscht den Vogelzügen in den Wolken
und – wie jener unheimliche Begleiter in Geschichten
alter Forschungsreisender, wie jenes Phantom im Eisregen,
der Fünfte in dem Viererbunde – ist nicht ganz da,
doch auch nicht ganz abhanden.

Und wenn er sein Buch hinlegt, wenn er nach der Uhrzeit
schaut und Wasser kocht, lauert auf einmal nichts,
während Zelle für Zelle, mit jedem Herzensschlag
mein einzig guter Nachbar sich beiseite schiebt
und sich in einen verwandelt, den ich früher kannte:
einen Fremden, der vorüberging, den es zu trauern trieb;
Ehemann und Vater, Reicher, Armer, Dieb.

Carolin Gutt, Shrub, 2020

Bild: Carolin Gutt: Shrub, schottische Westküste, Anfang Januar 2020.

Soundtrack: Michael Marra: Hermless, aus: On Stolen Stationery, 1991,
vom Künstler als alternative schottische Nationalhymne und von Carolin als Vertonung vorgeschlagen:

Written by Wolf

4. Februar 2022 at 00:01

Die Literatur, die humanistische Wissenschaft, das Ideal des freien und schönen Menschen

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Update zu Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg
und Wo mit Mais die Felder prangen:

Wie an geeigneten Stellen breitgetreten, sind wir hier ein Habe-nun-Ach und kein Hätt-ich-Doch. Ad vocem Breittreten bot es sich in unschlagbar günstig fallender Weise an, den Doktor-Faustus-Weg hinter Polling abzuwandern.

Das geht von München aus recht kommod: Die Regionalbahn fährt stündlich – optimistische Reiseplaner errechnen: „ca. 40 Züge am Tag„, zählen allerdings die ICE mit – vom Starnberger Flügelbahnhof Richtung Mittenwald und hält nach etwa 40 Minuten auch richtig in Weilheim in Oberbayern, von wo einen der Bus 9601 nach kurzen Anschlusszeiten nach Polling weiterträgt, was keine Viertelstunde beansprucht. Auf den Bahn- und Busstrecken gilt das Bayernticket, zu zweit kommen Sie also mit 32 Euro hin und zurück (Stand November 2021) zurecht. In Polling ist man ohnehin viel zu schnell mit den fünf Kilometerchen Faustusweg fertig, Sie können sich also noch einiges für den Tag vornehmen (ich empfehle: zurück nach Weilheim, dann mit dem Bus 9652 nach Kloster Wessobrunn, dem gleichnamigen Gebet nachspüren, das dauert auch nicht viel länger. Dort lohnender Abstecher zur Tassilolinde und Einkehrmöglichkeit).

Dr-Faustus-Weg PollingDas zahlreich ausliegende Gratisfaltblatt zum Wanderweg wurde offenbar im März 2021 aktualisiert und lehrt:

Der von der Gemeinde Polling mit mit literarischer Unterstützung von Dr. Fritz Wambsganz und unter kräftiger Mithilfe der Pollinger Weinbruderschaft 2007 errichtete „Doktor-Faustus-Weg“ berührt alle Lokalitäten, die im Roman Erwähnung finden und bietet auf dem landschaftlich reizvollen Rundweg mit seinen 13 Texttafeln sowohl ein Nachempfinden dieses großen deutschen Dichterwerkes als auch unterhaltsame Erholung in einer intakten Kulturlandschaft.

Stimmt alles. Die sechs Seiten Hochformat gefalzt, eigentlich 2 DIN A4, führt man am besten mit sich, dann hat man den nötigen Ausschnitt Wanderkarte und eine geeignete Einführung dabei, um sie nachher 4C auf Weiß nach Hause zu tragen. Selber ausdrucken oder am Bildschirm angucken geht auch. Der touristische Einstieg wird dem interessieren Laien also leicht gemacht.

Was den wenigsten Touristen auf dem Weg zur nächstliegenden Einkehr einfallen wird, ist das Korrekturlesen der dreizehn wichtigsten Touristenziele Pollings: der Stationsschilder des Dr.-Faustus-Weges. Dafür haben sie ja uns.

Das fängt mit der Schreibung des Gesamtunternehmens an — Thomas Manns Roman von 1947, der nähergebracht werden soll, schreibt sich Doktor Faustus, an keiner Stelle (außerhalb Pollings) Dr. Faustus — und hört mit der inkonsequenten Rechtschreibung — die oft von einer Station zur nächsten zwischen alter und neuer wechselt — nicht auf. Da hat der online leider nicht näher zu verortende Dr. Fritz Wambsganz für seine Stationsschilder offenbar Stellen aus verschiedenen Quellen zusammenkopiert, versäumt, sie für sein neu angelegtes Korpus anzugleichen und nur noch selbst Korrektur gelesen, also gar nicht. Was einem Lektorat nicht dauerhaft hätte unterlaufen dürfen, ist die Verwechslung des Vornamens einer Romanfigur: „Gideon“ für Gereon Schweigestill. Da ist Blech wohl nicht ungeduldiger als Papier.

Was nichts am Erlebniswert der viel zu selten umgesetzten Idee ändert, einen tiefernsten, nur ganz verhalten „ironisch“ gefärbten Roman voll der erdenschwersten Betrachtungen mehrerer vergangener Jahrhunderte in die immerneue Gegenwart einer durchaus heiteren, jedwede Seele erhebenden Feld-, Wald- und Dorflandschaft in Beziehung zu setzen. Zu noch weiter führenden Verbindungen siehe laut Kommentar der Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe – hier zur besseren Übersicht absichtsvoll angeglichen und erweitert, also eigentlich unkorrekt zitiert:

Das Modell war der Hof der Familie Schweighart in Polling. Zur Beschreibung der Örtlichkeit und der Personen (des Ehepaars Schweigestill und seiner Kinder) siehe

  • Gunilla Bergsten: Thomas Manns Doktor Faustus. Untersuchungen zu den Quellen und zur Struktur des Romans, Lund 1963, 2., ergänze Auflage Tübingen 1974, Seite 28 bis 30,
  • Lieselotte Voss: Die Entstehung von Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“. Dargestellt anhand von unveröffentlichten Vorarbeiten, Studien zur deutschen Literatur, Band 39, Tübingen 1975, Seite 58 bis 60, dort auch Hinweise auf die bezeichnende Abwandlung des Namens [Polling zu „Pfeiffering“], und
  • Marta Vogler: Die Jenseitsvorstellungen vor Dante, Neue Zürcher Zeitung, 1. Dezember 1945, das ist: die Rezension zu August Rüegg: Die Jenseitsvorstellungen vor Dante und die übrigen literarischen Voraussetzungen der Divina Commedia. Ein quellenkritischer Kommentar, 2 Bände, Benzinger, Einsiedeln/Köln 1945.

Am mühevollen Gestücksel all dieser Ausgrabungen und unterschiedlich erfolgreichen Versuche möglichst verlässlicher Belege merke ich als erstes, dass Dr. Wambsganz und die Weinbruderschaft Polling nicht etwa eine schludrige, sondern eben nur nicht die letztendgültige Arbeit geleistet haben. Ich gebe das Vorfindbare wieder – mit speziellem Dank an Frank T. Zumbach, der den Ausflug am 9. November 2021 unterstützt, mitgelatscht und belebt hat.

——— Dr. Fritz Wambsganz/Weinbruderschaft Polling:

Dr.-Faustus-Weg

Polling, ab 2007:

  1. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 1

    Tafel 1
    Als sich die Brüder Thomas und Viktor Mann 1947 in Zürich wieder trafen, sagte Thomas zu Viktor: „Du wirst die Schweigharts in meinem >Doktor Faustus< wiederfinden […] Polling hatte Atmosphäre. Weißt du noch: das alte Wohnzimmer?“ [>Wir waren fünf<].

    Nachgewiesene Aufenthalte von Thomas Mann in Polling: 1903 (3 Wochen), 1908 (1 Woche), zwei mal 1920, dazu wohl öfters Besuche bei seiner 1906 – 1923 am Pollinger Kirchplatz 15 wohnenden Mutter Julia.

    Der Held des Dr.-Faustus-Romans, der Komponist Dr. Adrian Leverkühn, lebt in Pfeiffering/Polling von 1912 – 1930.

    Die Zitate auf den Tafeln sind dem 1943 – 1947 in Pazifik-Palisades geschriebenen Dr.-Faustus-Roman entnommen.

    Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen, im Namen des „Volkes“ nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können! […] Ich spreche vom Volk, aber die altertümlich-volkstümliche Schicht gibt es in uns allen, und, um ganz zu reden, wie ich denke: Ich halte die Religion nicht für das adäquateste Mittel, sie unter sicherem Verschluss zu halten. Dazu hilft nach meiner Meinung allein die Literatur, die humanistische Wissenschaft, das Ideal des freien und schönen Menschen.

    Wegbeschreibung: Richtung Kirche, dann 150m nach Norden zur Tafel 2

  2. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 2

    Tafel 2

    Sie hatten im Wirtshaus am Hauptplatz des Städtchens [Waldshut] zu MIttag gegessen, und da ihnen der Fahrplan mehrere Stunden Zeit ließ, fuhren sie auf der baumbestandenen Landstraße weiter nach Pfeiffering, führten ihre Räder durchs Dorf [,] ließen sich von einem Kinde den Namen des nahen Weihers, des Klammerweihers, sagen, warfen einen Blick auf die baumgekrönte Anhöhe „Rohmbühel“ und baten unter dem Bellen des Kettenhundes, den eine barfüßige Magd mit seinem Namen „Kaschperl“ berief, um ein Glas Limonade unter dem mit einem geistlichen Wappen geschmückten Tor des Gutshauses, – weniger von Durstes wegen, als weil ihnen das massive und charaktervolle Bauernbarock des Gebäudes gleich in die Augen gestochen hatte.

    Sie [Frau Else Schweigestill] kredenzte sie ihnen [Adrian Leverkühn und Rüdiger Schildknapp] in einer fast saalartigen, gewölbten guten Stube links an der Diele, einer Art von Bauernsalon mit gewaltigem Tisch, Fensternischen, die die Dicke der Mauern erkennen ließen, und der geflügelten Nike von Samothrake in Gips obenm auf dem buntbemalten Spind. Auch ein braunes Klavier stand in dem Saal. […] Weiterhin an dieser Seite gebe es noch ein ansehnliches Gelaß, die so genannte Abtsstube, wohl so genannt, weil es dem Vorsteher der Augustiner-Mönche, die hier einst gewirtschaftet, als Studio gedient habe. Dass der Hof ein Klostergut gewesen war, bestätigte sie damit. Seit drei Generationen saßen die Schweigestills darauf.

    Zur Tafel 3: Zurück zum Kirchplatz, über die Bachbrücke und am Weinfass vorbei, ca. 22m

  3. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 3

    Tafel 3

    Clarissa empfing die eingeschriebe Sendung in Pfeiffering, wo sie nach Schluss der Pforzheimer Theater-Saison für ein paar Wochen im Häuschen ihrer Mutter, hinter den Kastanien, zu Gast war. Es war früher Nachmittag. Die Senatorin sah ihr Kind im Geschwindschritt von einem Spaziergang zurückkehren, den sie nach Tische auf eigene Hand unternommen. Auf dem kleinen Vorplatz des Hauses eilte Clarissa [Karla Mann] mit einem flüchtig-wirren und blinden Lächeln an ihr vorüber in ihr Zimmer, dessen Schlüssel sich hinter ihr kurz und energisch im Schlosse drehte. In ihrem eigenen Schlafzimmer, nebenan, hörte die alte Dame die Tochter nach einer Weile am Waschtisch mit Wasser gurgeln, – wir wissen heute, dass dies zur Kühlung der Verätzungen geschah, die die furchtbare Säure ihr im Schlunde verursacht. Dann trat Stille ein.

    Hier geht es zu Tafel 4 (20 m)

  4. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 4

    Tafel 4

    Die Anziehungskraft dieses bescheiden-stilvollen Winkels auf jederlei distinguierte Resignation oder verwundete Menschlichkeit war merkwürdig: Man musste sie wohl aus dem Charakter der Hofbesitzer, besonders der rüstigen Wirtin, Else Schweigestills, und ihrer Gabe des „Verständnisses“ erklären, die sie denn auch in gelegentlichem Gespräch mit Adrian, als sie ihm nämlich mitteilte, dass die Senatorin [Rodde = Julia Mann] drüben einzuziehen gedenke, in wunderlicher Klarsicht bewährte. „Das ist ganz eimfach (sie assimilierte das n dem f) und verständlich, Herr Leverkühn, ich hab es gleich gesehen. Sie hat g’nua von Stadt und Leut und Gesellschaft, von Herren und Damen, weil das Alter sie g’schamig macht.“

    Adrian, wie gesagt, war wenig berührt von dem Einzug der neuen Mieterin dort drüben, die, als sie zuerst den Hof besucht hatte, sich von der Wirtin zu kurzem Einspruch hatte zuihm führen lassen, dann aber seine Arbeitsruhe schonend, für seine Zurückhaltung die ihre in Tausch gab und ihn nur einmal, gleich anfangs, zum Tee bei sich sah. […]

    Thomas Mann 1875 – 1955

  5. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 5

    Tafel 5

    Er [Adrian] fuhr vom Starnberger Bahnhof in einem der Personenzüge, die nicht nur in Waldshut, sondern, zehn Minuten später, auch in Pfeiffering halten, an sein Ziel, indem er zwei Kisten mit Büchern und Utensilien der Fracht überließ […] Er [Gideon Schweigestill] erwartete vor der kleinen Station den Gast auf dem Bock eines Char à bancs, das hoch vom Gestell und hart gefedert war, und ließ, während der Träger die Handkoffer einlud, die Peitschenschnur über den Rücken des Gespanns, zweier muskulöser Braunen, spielen. […] Den Rohmbühel mit seinem Baumkranz, den grauen Spiegel des Klammerweihers [Streicherweiher] hatte Adrian schon vom Zuge aus wiedergesehen. Jetzt ruhte sein Auge von nahebei auf diesen Erscheinungen […] Lieb und beruhigend schien ihm allerdings dabei [Treffen mit Münchner Kunstfreunden] die stehende und allen bekannte Notwendigkeit seines frühzeitigen Aufbruchs, die Gebundenheit an den 11-Uhr-Zug zu sein.

    Thomas Mann 1875 – 1955

  6. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 6

    Tafel 6

    „Gern“, sagte sie. „Nur schad‘, dass mein Max“ (das war Herr Schweigestill) „draußen ist auf dem Feld mit Gereon, das ist unser Sohn. Sie wollten eine neue Düngerstreu-Maschine ausprobieren, die der Gereon angeschafft hat. Müssen die Herren halt vorliebnehmen mit mir.“ […]

    Dazu Viktor Mann:

    Die Gegend zwischen Würm- und Ammersee und den Murnauer Vorbergen ist keine großartige, aber eine liebe Landschaft. Die leicht gewellte Ebene beiderseits der ungebärdigen Ammer ist auf drei Seiten von Höhenzügen eingefasst. Über den südlichen schaut die Zugspitze mit der ganzen Kette des Wettersteins […] Die Kunstelevinnen saßen schaund und pinselnd vor der Kirche, im Schweigharthof, an den schilfigen Windungen des Pollinger Baches. Sie malten die alten Bauernhöfe, den langen Rücken des Peißenbergs, die Ammer am wilden Steilhang des „Kühtods“. [>Wir waren fünf<]

    Thomas Mann 1875 – 1955

  7. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 7

    Tafel 7

    „Wer kann dich [Serenus Zeitblom] hindern, deine Konjekturen zu machen? Übrigens ist dies enge Gezimmer gar nicht der rechte Schauplatz dafür. Wenn ich nicht irre, war es der Zionsberg daheim, auf dem du mir verwandte Eröfffnungen machtest. Wir hätten auf den Rohmbühel steigen sollen zu unserer Konversation.“ […] „Maitre“, sagte er [Saul Fitelberg], „ich verstehe vollkommen, wie Sie an der stilvollen Abgeschiedenheit hängen müssen, die Sie sich zum Aufenthalt erwählt haben, – o ich habe alles gesehen, den Hügel, den Teich, das Kirchdorf […] Wie lange leben Sie schon hier? Zehn Jahre? Ununterbrochen? Kaum unterbrochen? […] Und dennoch, figurez-vouz, bin ich gekommen, Sie zu entführen, Sie zu vorübergehender Untreue zu verführen, Sie auf meinem Mantel durch die Lüfte zu führen und Ihnen die Reiche dieser Welt [Paris] und ihre Herrlichkeit zu zeigen, mehr noch, sie Ihnen zu Füßen zu legen … Verzeihen Sie mir meine pompöse Ausdrucksweise!“

    Thomas Mann 1875 – 1955

  8. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 8

    Tafel 8

    Wir sprachen wenig auf der verbleibenden Strecke des Heimwegs. Ich erinnere mich, dass wir einige Augenblicke an der „Kuhmulde“ haltmachten; wir taten ein paar Schritte seitwärts vom Feldwege und blickten, den Schein der sich schon neigenden Sonne im Gesicht, auf das Wasser. Es war klar; man sah, dass nur in der Nähe des Ufers der Grund flach war. Schnell fiel er schon in geringer Entfernung davon ins Dunkle ab. Bekanntlich war der Weiher in der Mitte sehr tief. „Kalt“. sagte Adrian mit dem Kopfe hindeutend, [„]viel zu kalt jett zum Baden.“ – „Kalt“, wiederholte er einen Augenblick später, diesmal mit merklichem Zusammenschaudern, und wandte sich zum Gehen.

    Eine Stunde später aber, als man ihn schlummernd wähnte, entwich er unversehens aus dem Hause und wurde von Gereon und einem Knecht erst eingeholt, als er am Klammerweiher sich seiner Oberkleider entledigt hatte und schon bis zum Hals in das so rasch sich vertiefende Gewässer hineingegangen war. Er war im Begriffe, darin zu verschwinden, als der Knecht sich ihm nachwarf und ihn ans Ufer brachte. Während man ihn nach dem Hof zurückführte, erging er sich wiederholt über die Kälte des Weihers und fügte hinzu, es sei sehr schwer, sich in einem Wasser zu ertränken, in dem man oft gebadet und geschwommen habe.

    Thomas Mann 1875 – 1955

  9. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 9

    Tafel 9

    „Versuche [Adrian zu Rudi Schwerdtfeger] sie [Marie Godeau] sanft und heiter auf deine nette Art, ob sie – nun ja, ob sie mich lieben könnte! Willst du? Du musst mir ihr volles Ja nicht bringen, bewahre. Ein bisschen Hoffnung genügt durchaus zum Abschluss deiner Sendung.“ […] Sie hatten den Rohmbühel zu ihrer Linken gelassen und gingen durch das Fichtenwäldchen, das dahinter liegt, und von dessen Zweigen es tropfte. Dan schlugen sie den Weg am Rande des Dorfes ein, der sie zurückführte.

    Ein und der andere Kätner und Bauer, dem sie begegneten, grüßte den langjährigen Gast der Schweigestills mit Namensnennung. Adrian und ich [Serenus Zeitblom] taten an jenem Nachmittag einen Gang um die Kuhmulde und zum Zionsberg [Hochzeit von Ursula Leverkühn]. Wir hatten zu reden über die Texteinrichtung von >Love’s Labour’s Lost<, die ich übernommen, und über die es schon viel Gespräch und Korrespondenz gegeben hatte.

    Thomas Mann 1875 – 1955

  10. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 10

    Tafel 10

    Der Weiher [in Adrians Geburtsort Buchel] hieß „Kuhmulde“, wohl wegen seiner oblongen Gestalt und weil gern die Kühe an sein Ufer zur Tränke schritten, und hatte, ich weiß nicht warum, auffallend kaltes Wasser, so dass wir nur, wenn die Sonne sehr lange darauf gestanden, zu Nachmittagsstunden, darin baden durften. Den Hügel angehend, so war es bis zu ihm schon ein – gern unternommener – Spaziergang von eine halben Stunde. Die Anhöhe hieß, gewiss seit sehr alten Tagen, der „Zionsberg“ und war zur Winterszeit, die mich aber selten dort draußen sah, zum Rodeln gut. Im Sommer bot sie, mit dem Kranze schattender Ahorne auf ihrem Gipfel und der dort auf Gemeindekosten errichteten Ruhebank einen luftigen, übersichtlichen Aufenthalt. […] Der Schauplatz seiner späteren Tage war eine kuriose Nachahmung desjenigen seiner Frühzeit. Nicht genug, daß die Gegend von Pfeiffering […] einen mit einer Gemeindebank geschmückten Hügel aufwies, der allerdings nicht >Zionsberg<, sondern >Rohmbühel< hieß; nicht genug, daß auch, und zwar in zeimlich gleicher Entfernung vom Wirtshofe wie die Kuhmulde, ein Teich vorhanden war, hier der >Klammerweiher< geheißen und ebenfalls sehr kalten Wassers. Nein, auch Haus, Hof und Familienverhältnisse korrespondierten schlagend mit denen von Buchel.

    Thomas Mann 1875 – 1955

  11. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 11

    Tafel 11

    Als sie [Else Schweigestill] erfuhr, dass es sich um einen Schriftsteller [Rüdiger] und einen Musiker [Adrian] handelte, hob sie respektvoll die Brauen und meinte, das sei seltener und interessanter. Kunstmaler gebe es wie Gänseblumen. Die Herren seien ihr auch gleich recht ernst vorgekommen, wo doch die Kunstmaler meistens ein lockeresm sorgloses Völkchen seien, ohne viel Sinn für den Ernst des Lebens, – sie meine nicht den praktischen Ernst, das Geldverdienen und diese Dinge, sondern wenn sie Ernst sage, meine sie eher das Schwere des Lebens, seine dunklen Seiten. Übrigens wolle sie der Gattung der Kunstmaler nicht Unrecht tun, denn ihr Mieter von damals zum Beispiel, habe schon eine Ausnahme von der Vergnügtheit gemacht und sei ein stiller, verschlossener Mann gewesen, eher von schwerem Mut, – danach hätten ja auch seine Bilder, die Moorstimmungen und einsamen Waldwiesen im Nebel, ausgesehen.

    Thomas Mann 1875 – 1955

  12. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 12

    Tafel 12

    Er [Nepomuk Schneidewein] brachte etwas wie Glückseligkeit, eine beständige und heitere Erwärmung der Herzen, nicht nur auf den Hof, sondern bis in das Dorf und bis nach Stadt Waldshut hinein, – whin immer die Schweigestills, Mutter und Tochter, begierig, sich mit ihm sehen zu lassen, des gleichen Entzückens überall gewärtig, ihn mit sich nahmen, damit er beim Apotheker, beim Krämer, beim Schuhmacher unter zauberhaftem Gestenspiel und mit ausdrucksvollst schleppender Betonung seine Verschen aufsage […] Der Pfarrer von Pfeiffering, vor dem er mit zusammengetanen Händen […] ein Gebet sprach, konnte in seiner Ergriffenheit nur sagen: „Ach, du Gottskindlein, du benedeites!“, streichelte ihm das Haar mit seiner weißen Priesterhand und schenkte ihm gleich ein buntes Bild des Lammes. Dem Lehrer wurde auch, wie er nachher sagte, „ganz anders“ im Gespräch mit ihm.

    Thomas Mann 1875 – 1955

  13. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 13

    Tafel 13

    Der dickwandige Folterkeller, zu dem eine nichtswürdige, von Anbeginn dem Nichts verschworene Herrschaft Deutschland gemacht hatte, ist aufgebrochen, und offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt, der fremden Kommisionen, denen diese unglaublichen Bilder nun allerorts vorgeführt werden, und die zu Hause berichten: Was sie gesehen, übertreffe an Scheußlichkeit alles, was menschliche Vorstellungskraft sich ausmalen könne. Ich sage: unsere Schmach. Denn ist es bloße Hypochondrie, sich zu sagen, dass alles Deutschtum, auch der deutsche Geist, der deutsche Gedanke, das deutsche Wort von dieser entehrenden Bloßstellung mitbetroffen und in tiefe Fragwürdigkeit gestürzt worden ist? […] Wann wird aus letzter Hoffnungslosigkeit, ein Wunder, das über den Glauben geht, das Licht der Hoffnung tragen? Ein einsamer Mann faltet seine Hände und spricht:

    Gott sei eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.

    – Ende –
    Vielen Dank für
    Ihren Besuch!

Bus 9601 zurück nach Weilheim, dort Regionalbahnverkehr Richtung München.

Buidln: Selber gemacht, 9. November 2021.

Soundtrack: Faustus: While Gamekeepers Lie Sleeping, aus: Death and Other Animals, 2016:

Written by Wolf

28. Januar 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Und sie kannte keine Angst (Die Stadt mit den roten Ziegeldächern)

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Update zu Saufspiele für Bücher-Geeks:

Stari most Maribor, Ilyass T., Red bridge, Panic Attack, 7. Juli 2011

Eine waldige Vorstadtgegend. Ein Jahrzehnt dort. Dann das Jahr. Sieben ferne Freunde. Eine verschwundene Frau. Wer? Wer nicht? Wo? Wo nicht? Der Bahnhofsplatz mit dem Baum, worin die Vögel schlafen. Die Bar der Reisenden. Die Jahreszeiten. Die Pilze. Die Wanderarbeiter. Die Nachbarn. Die Grillen, Kriege, Vulkanausbruch, heiße Quellen. Ein Steinmetz aus dem Mittelalter. Ein kleinlicher Prophet. Das Kind namens Vladimir. Die Fabel vom Lärmmacher, der gesteinigt wird von den Ureinwohnern. Die blaue russische Kirche am Waldrand. Und dann das Wiedersehensfest mit den Freunden in einer Winterrauhnacht kurz vor dem neuen Jahr.

Klappentext, Suhrkamp 1994, a. a. O.

Barbara Klemm, Peter Handke 1993Es mag Boshaftere als mich geben, denen Peter Handke nicht als nobelpreisberechtigt, sondern als ausgemachter Dummbeutel gilt; weiter werde ich mich in meiner Einschätzung hüten zu gehen. Die Älteren erinnern sich an 1994, als Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten unbedingt 78 D-Mark – das waren einst, liebe Kinder, 39,88 Euro – kosten musste, mit des Künstlers Begründung: auf dass es eine nicht ganz leichthin zu leistende Geldaufwendung werde, die man nicht nebenher tätigt, sondern zu der sich der „Leser“ – sprich: Geldgeber – aufraffen muss und die lange, zumindest für die Lektüredauer der 1066 Seiten, spürbar bleibt. Von der Seitenschinderei auf dem Volumenpapier mit extrabreiten Rändern und einem Zeilenabstand, der einen regelmäßigen Schluckauf im Lesefluss verursacht, so offensichtlich, dass es schon wieder etwas Erfrischendes hat, wurde erst in den Taschenbuchausgaben, nun ja: Abstand genommen, die in einem handelsüblich zurechtgestutzten Schriftbild mit 628 Seiten auskommen. Unerfindlich, wie Handke zu Suhrkamp kommt und was die dazu treibt, auch noch Taschenbücher von ihm anzufertigen; normalerweise sind die bei denen nämlich ganz zurechnungsfähig.

Man muss Handke nicht erst in die Verirrungen zwischen den jugoslawischen Nachfolgestaaten hinterherstolpern, um sich die Summe für den Nobelpreis besser bei Amnesty untergebracht zu wünschen. Oder bei LichtBlick oder Strahlemännchen. Irgendwas halt. Immerhin soll er ein recht begabter Schwammerlsucher sein und, solange man sich außerhalb der Schlafenszeit von seinen Büchern fernhält, nicht weiter schädlich. Außer, er fängt wieder von Serbien an.

Heute sind wir Überglücklichen ja im Besitze des Google-Books: das gleiche, mit sterblichen Geistesmitteln nur mehr schwer fassbare Geschmier, speichersparender Weise nur in Auszügen als Leseprobe, und geldsparender Weise unter Umgehung der 78 oder 39,88 Steinchen.

Unter den ganzen kilometerlangen, zentnerschweren Schwurbeleien ohne Sinn, Ziel, Richtung oder Höhepunkt, die sich immer ausnehmen wie unter ihrem Widerstand zu einem „Roman“ zusammengepfercht, hat sich das Anlesen bei genau einer Stelle gelohnt. Vielleicht ist Handke genau darin gut, Frauen zu charakterisieren. Einige meiner besten Freund*innen und verzweifeltsten Widersacher*innen sind Frauen, darum fällt mir immer wieder angenehm auf, wenn jemand eine dieser weitgehend unerforschlichen Lebensformen souverän auf den Punkt bringen kann. Auf Handkes offizieller deutscher Domain — die nicht von dem geborenen Kärtner selbst betrieben wird, aber an die desinteressierten Leser ruhig einige Auskunft darüber verteilen dürfte, ob nicht doch alles satirisch oder postironisch oder aus einer verqueren österreichischen Art von Schmäh gemeint war — ist ja geradeso wenig zu wollen.

——— Peter Handke:

Die Geschichte der Frau

Auszug, aus: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten,
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1994, Seite 545 bius 548:

[…] Und sie kannte keine Angst. Sooft ihr von einem Verängstigten erzählt wurde, bekam sie in ihrer Verständnislosigkeit Kuhaugen, und ihr Gesicht wurde schön dumm. Ebenso fremd war ihr jedes Mitgefühl, und einen Mitleidigen verachtete sie nicht, sondern war voll des Zorns auf ihn: War etwas auszurichten, hatte sie es schon gleich getan; wenn nicht, wurde des anderen Unglück von ihr übersehen.

Cover Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht, 1994Und sie war die, die für niemanden und nichts einen Namen hatte, und wenn, dann nicht den angestammten. Ihr Aussprechen dessen war eine solche Seltenheit, daß der Zuhörer dabei entweder eine Entzauberung spürte (die wohl zuerst die ihre war) oder einen an ihr ungewöhnlichen Ernst. Für sie hatte in der Regel aber nichts auf der Welt einen besonderen oder Eigen-Namen. „Dalmatien“, wo sie seit langem wohnte, durfte nicht so heißen, sondern „das Küstenland“ oder „das Felsküstenland“ (selbst „Karst“ war ihr schon zu speziell), und ebenso unmöglich waren „Distel“, „Wacholder“, „Tito“, „Ephesos“; es konnte über ihre Lippen nur Blume, Busch, Marschall, Stadt, vielleicht „Philosophenstadt“, kommen. Zwar wußte sie meist die jeweiligen Sondernamen, aber es war, als sparte sie diese sich auf, bis eben auch der Sonderfall einträte. Oder sie wollte die Namen, vor allem die Ortsnamen, vorerst gar nicht wissen; bei ihren Briefen waren die nur den Poststempeln zu entnehmen, und sie fragte höchstens lange im nachhinein den Empfänger, wie denn „das Lagunendorf mit den Zwergschildkröten“ heiße, wo sie damals im „Halbmondland“ eine Woche lang gewesen sei.

Am auffälligsten an ihrem Reden war freilich, daß sie dabei doch Namen verwendete, nur selbsterfundene, in der Form von Umschreibungen oder Bildern. So wie ihr „Gefäß“, „Fluß hinterm Berg“, Nadelbaum, der im Herbst die Nadeln verliert“ etwas von der Legende eines Kreuzworträtsels hatte, so kam ich auch immer wieder ins Raten darüber, was sie denn meinte mit ihrer „Frucht, nach der man gut schläft“, ihrem „Tag, an dem die Bäume mit den weißen Rinden neben der Haustür stehen“. ihrem „Stern mit dem Gürtel und darunter dem männlichen Geschlcht“. Maribor, wo sie geboren war, hieß für sie immer nur „Die Stadt mit den roten Ziegeldächern“ (obwohl das vielleicht längst nicht mehr zutraf), und die Drau, die dort breit wurde: „Der Fluß mit den rauchenden Eisschollen“, nur weil sie das einmal als Kind an einem einzigen Wintertag von der großen Brücke aus beobachtet hatte, bei einer Kälte, in der alles erstarrt schien bis auf die unter Gerumpel und Getöse dahingaloppierenden wilden mächtigen Schollen und den von ihnen aufsteigenden Frostrauch, vor dem sämtliche Brückenpassanten flüchteten, außer natürlich ihr.

Jernej Furman, Frozen river Drava in Maribor, 13. Januar 2017

Bilder: Ilyass T.: Red bridge? Panic Attack!, 7. Juli 2011;
Cover via Suhrkamp Verlag;
Barbara Klemm: Peter Handke 1993,
für Hubert Spiegel: Popstar, Prophet, Provokateur, Frankfurter Allgemeine Zeitung 11. Oktober 2019;
Jernej Furman: Frozen river Drava in Maribor, 13. Januar 2017;
Boris Mittendorfer Photography: Old bridge details .:: HDR ::., 20. März 2010:

Old bridge in Maribor. Wonderful old school bridge building, beams construction is riveted all together.

Boris Mittendorfer Photography, Old bridge details, 20. März 2010

Fast-kein-Sound-Track. Siniša Zelič: Streets in Maribor (Slovenia) at winter, 30. Januar 2014. Die knapp zehn Minuten sind alles andere denn ein Reißer, aber genau von der stillen, eigenständigen bis skurrilen Schönheit, die man sich in einem ruhigen Moment gerne mal im Vollbild auf einem anständigen Monitor antun darf: Das gleicht der ASMR, das ich zur aktiven Ausübung so warm empfehle wie zur passiven Aufnahme, durch die zweitgrößte Stadt, in der Sie bestimmt, was keine Schande ist, so wenig waren wie die meisten, die nicht hin müssen, eines Landes, das ständig mit der Slowakei und Slawonien verwechselt wird, und bringt frisches Blut in die YouTube-Empfehlungen. So langweilig wie Handke kann’s gar nicht werden.

Immer noch wach? Dann noch als

Trost-Soundtrack: Steph „Carver Baronda“ Green: Thanks for That, aus: Thanks for That,
seit 14. Januar 2022 bei Mashed Potato Records:

Written by Wolf

21. Januar 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Filetstück 0004: Lieber ein bissel zu gut gegessen, als wie zu erbärmlich getrunken (Eduard schnarche nicht so!)

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Update zu Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich,
Wenn man etwas Bildung hat (Die Moritat vom jungen Friedrich Kolbe),
3. Stattvent: Sie haben kein Geld nicht besessen
und Andere Leute, die auch Bretter tragen müssen:

Eduards Traum zählt, weil von 1891, zum Spätwerk von Wilhelm Busch, außerdem als Fremdkörper darin, weil er außer dem Titelbild keine Zeichnungen dazu gefertigt hat, und selbst das eine ist, ohne seiner dickleibigen Gesamtausgabe beim Einscannen das Kreuz zu brechen, kaum aufzutreiben. Das Bildmaterial ist deshalb nur vage thematisch zusammengeklaubt. Dennoch ganz hübsch.

——— Wilhelm Busch:

Eduards Traum

Bassermann Verlag, München 1891:

Manche Menschen haben es leider so an sich, daß sie uns gern ihre Träume erzählen, die doch meist nichts weiter sind, als die zweifelhaften Belustigungen in der Kinder- und Bedientenstube des Gehirns, nachdem der Vater und Hausherr zu Bette gegangen. Aber „Alle Menschen, ausgenommen die Damen“, spricht der Weise, „sind mangelhaft!“

Dies möge uns ein pädagogischer Wink sein. Denn da wir insoweit alle nicht nur viele große Tugenden besitzen, sondern zugleich einige kleine Mängel, wodurch andere belästigt werden, so dürften wir vielleicht Grund haben zur Nachsicht gegen einen Mitbruder, der sich in ähnlicher Lage befindet.

Auch Freund Eduard, so gut er sonst war, hub an, wie folgt:

Paul-Scheerbart-Vignette

Die Uhr schlug zehn. Unser kleiner Emil war längst zu Bett gebracht. Elise erhob sich, gab mir einen Kuß und sprach:

Wilhelm Busch, Eduards Traum, 1891, Cover 1970„Gute Nacht, Eduard! Komm bald nach!“ Jedoch erst so gegen zwölf, nachdem ich, wie gewohnt, noch behaglich grübelnd ein wenig an den Grenzen des Unfaßbaren herumgeduselt, tat ich den letzten Zug aus dem Stummel der Havanna, nahm den letzten Schluck meines Abendtrunkes zu mir, stand auf, gähnte vernehmlich, denn ich war allein, und ging gleichfalls zur Ruhe.

Eine Weile noch, als ich dies getan, starrt ich, auf der linken Seite liegend, ins Licht der Kerze. Mit dem Schlage zwölf pustete ich’s aus und legte mich auf den Rücken. Vor meinem inneren Auge, wie auf einem gewimmelten Tapetengrunde, stand das Bild der Flamme, die ich soeben gelöscht hatte. Ich betrachtete sie fest und aufmerksam. Und nun, ich weiß nicht wie, passierte mir etwas Sonderbares.

Mein Geist, meine Seele, oder wie man’s nennen will, kurz, so ungefähr alles, was ich im Kopfe hatte, fing an, sich zusammenzuziehn. Mein intellektuelles Ich wurde kleiner und kleiner. Erst wie eine mittelgroße Kartoffel, dann wie eine Schweizerpille, dann wie ein Stecknadelkopf, dann noch kleiner und immer noch kleiner, bis es nicht mehr ging. Ich war zum Punkt geworden.

Im selben Moment erfaßte mich’s, wie das geräuschvolle Sausen des Windes. Ich wurde hinausgewirbelt. Als ich mich umdrehte, sah ich in meine eigenen Naslöcher.

Da saß ich nun auf der Ecke des Nachttisches und dachte über mein Schicksal nach.

Ich war nicht bloß ein Punkt, ich war ein denkender Punkt. Und rührig war ich auch. Nicht nur eins und zwei war ich, sondern ich war dort gewesen und jetzt war ich hier. Meinen Bedarf an Raum und Zeit also macht ich selber, ganz en passant, gewissermaßen als Nebenprodukt.

Flink sprang ich auf und frei bewegt ich mich. Es war eine Bewegung nach Art der Schwebefliegen, die – witsch Rose, witsch Nelke und weg bist’e! – an sonnigen Sommertagen von Blume zu Blume huschen.

Zuerst mal schwebt ich nach meinem ehemaligen Körper hin.

Da lag er; Augen zu, Maul offen, ein stattlicher Mann.

Dann schwebt ich über Elisen.

„Also so“, rief ich, „sieht der Vorgesetzte aus, wenn er schläft!“ – Hieraus, meine Lieben, könnt ihr ersehn, wie sehr ich mich im Traume zu meinen Ungunsten verwandelt hatte, indem ich es wagte, so frech und leichtsinnig einen Gedanken auszusprechen, den ich im wachen und kompletten Zustande doch lieber nicht äußern möchte. –

Darauf stand ich einen Augenblick über Emils Bettchen still.

Sein kleines Händchen ruhte unter der Backe; die leere Saugflasche lag daneben.

„Ein hübscher Junge!“ dacht ich. „Und ganz der Vater!“ –

Ich sehe euch an, meine Freunde! Der zustimmende Ausdruck auf eueren lieben Gesichtern beschämt mich, und doch muß ich mir ja sagen, daß ihr recht habt. –

Obwohl ich nun, wie erwähnt, infolge der traumhaften Isolierung meines Innern alle fünf Sinne, man möchte fast sagen, zu Hause gelassen, kam es mir doch vor, als bemerkte ich alles um mich her mit mehr als gewöhnlicher Deutlichkeit, selbst dann noch, als der Mond, der schräg durchs Fenster schien, bereits untergegangen. Es war eine Merkfähigkeit ohne viel Drum und Dran, was vielleicht manchem nicht einleuchtet.

Die Sache ist aber sehr einfach. Man muß nur noch mehr darüber nachdenken.

Um mal zu prüfen, ob ich überhaupt noch reflexfähig, flog ich vor den Spiegel.

Richtig! Da war ich! Ein feines Zappermentskerlchen von mikroskopischer Niedlichkeit!

„Wie?“ rief ich, „hat man denn, nachdem man seinen alten Menschen so gut wie abgewickelt, doch noch immer was an sich? – Warrum nicht gaarrrr!“

Hier unterbrach mich plötzlich eine Stimme mit den Worten: Eduard schnarche nicht so!

Nur derjenige, welcher vielleicht mal zufällig durch ein redendes Nebelhorn in seinem Mittagsschläfchen gestört wurde, kann sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, wie sehr dies Wort mein innerstes Wesen, man hätte meinen sollen für immer, ins Stocken brachte. Wohl drei ganze Sekunden verliefen, bis ich wieder zu mir selbst kam. Die Sache hier paßte mir nicht. Ohne Rücksicht auf Frau und Kind beschloß ich auf Reisen zu gehn.

Paul-Scheerbart-Vignette

John Everett Millais, The Somnambulist, 1871Telegraphisch gedankenhaft tat ich einen Seitenwitscher direkt durch die Wand, denn das war mir wie gar nichts, und befand mich sofort in einer freundlichen Gegend, im Gebiete der Zahlen, wo ein hübsches arithmetisches Städtchen lag. –

Drollig! daß im Traume selbst Schnörkel lebendig werden! –

Der Morgen brach an. Einige unbenannte Ackerbürger vor dem Tore bearbeiteten schon zu so früher Stunde ihr Einmaleins. Diese Leutchen vermehren sich schlecht und recht, und wenn sie auch nicht viel hinter sich bringen, so wollen sie auch nicht hoch hinaus.

Mehr schon auf Rang und Stand geben die städtischen Beamten. Man sprach viel über eine gewisse Null, die schon manchem redlichen Kerl im Wege gestanden, und wenn einer befördert würde, sagten sie, der’s nicht verdient hätte, dann steckte, so gewiß, wie zwei mal zwei vier ist, die alte intrigante Null dahinter.

Im Villenviertel hausen die Vornehmen, die ihren Stammbaum bis in die ältesten Abc-Bücher verfolgen können. Ein gewisser x ist der Gesuchteste von allen, doch so zurückhaltend, daß täglich wohl tausend Narren nach ihm fragen, ehe ein Weiser ihn treffen kann.

Andere sind fast zudringlich zu nennen. Zwei, denen ich auf der Promenade begegnete, stellten sich mir gleich zweimal vor. Erst der Herr a und dann der Herr b und dann der Herr b und drauf der Herr a, und dann fragten sie mit süffisanter Miene, ob das nicht ganz gleich sei, nämlich a + b = b + a?

„Mir schon!“ gab ich höflich zur Antwort. Und doch wußte ich nur zu gut, daß die Sache, wenigstens in einer Beziehung, nicht richtig war. Aber solch kleine Ungenauigkeiten aus verbindlicher Rücksicht können auch im Traume wohl mal vorkommen. –

Ich begab mich auf den Markt, wo die benannten Zahlen ihr geschäftliches Wesen treiben.

In glitschiger Eile kam mir eine Wurst im Preise von 93 entgegengelaufen. 17 Schneidergesellen, die mit gespreizten Beinen, gespreizten Scheren und gespreizten Mäulern hinter ihr her waren, faßten sie beim Zipfel. Sie hätten ihr Geld bezahlt, schrien sie, und nun wollten sie schnippschnapp dividieren. „Das geht ja nicht auf!“ keuchte die Wurst, welche Angstfett schwitzte, denn die begierigen Schneider hatten sie bereits angeprickelt mit ihren Scheren; macht 34 Löcher. Jetzt kam ein rechenkundiger Schreiber dazu. Er trug eine schwefelgelbe Hose zu 45 die Elle, einen gepumpten Frack und einen unbezahlbaren Zylinder. Sofort stellte er eine falsche Gleichung auf und brachte dabei die Wurst auf seine Seite. Die Schneider verstanden das schlecht. Sie kürzten ihm den Schniepel, sie schnitten ihm die Knöpfe von der Hose, sie trennten die Hinternaht auf, und wäre er nicht eilig, unter Zurücklassung der Wurst, in ein unendlich kleines Nebengäßchen entsprungen, sie hätten ihn richtig aufgelöst. Nun aber, als sie eben wieder die Wurst ins Auge faßten, erhob sich ein neues Geschrei. Es war die Metzgersgattin = 275 Lebendgewicht. Sie hätte kein Geld gesehen, tobte sie, und 93 gleich so nur in den rauchenden Schornstein zu schreiben, das ginge gegen ihr menschliches Defizit. Sofort, gegen die runde Summe ihres empörten Busens gerichtet, erklirrten die Scheren der beleidigten Schneider. Der Lärm war groß. Die Menge wuchs. 50 Stück gesalzene Heringe, ½ Schock Eier, 3 Dutzend Harzkäse, 1 Pulle Schnaps, ¾ Amtbutter, 6 Bauernbutter, 15 Lot Schnupftabak und zahlreiche Ditos vermehrten den Aufruhr.

Hart bedrängt von den spitzigen Scheren der Schneider tat die Metzgerin einen Rückschritt. Sie tritt auf die ¾ Amtbutter, gleitet aus, setzt sich in die 6 Bauernbutter, zieht im Fallen 2 Lot Schnupftabak in die Nase, in jedes Loch eins, muß niesen, schlägt infolgedessen einen Purzelbaum vornüber, zerdrückt 3 Harzkäse und die Schluckpulle und trifft mit ihren zwei schwunghaften Absätzen zwei Heringen dermaßen auf die Bauchflossen, daß ihnen ihre zwei armen Seelen aus dem Leib rutschen, wie geschmiert. Plötzlich, als die Verwicklung am schwierigsten schien, zerstreute sich die Menge. Eine überwiegende Größe, der Stadtsoldat, ist hinzugekommen. Schleunig drücken sich die Heringe in ihre Tonnen; die Schneider, mit den noch schnell erwischten zwei Seelen, machen sich dünne; die Käse verduften; der Schnupftabak verkrümelt sich; aber sämtliche Eier, die nun doch weniger gut rochen, als man’s ihnen bei Lebzeiten allgemein zugetraut, verquirlt mit den sonst noch Verdrückten und Verunglückten, blieben zermatscht auf dem Platze; während die Metzgersfrau, die inmitten der ganzen Bescherung saß, die erschlaffte Wurst in der erhobenen Rechten schwang und in einem fort plärrte: „Es gibt keine Richtigkeit mehr in der Stadt, und das sag ich!“ bei welcher Gelegenheit ihr die zwei Lot Schnupftabak wieder aus der Nase liefen, aus jedem Loch eins, und auch noch glücklich entwischten. Der Stadtsoldat, seiner Aufgabe völlig gewachsen, notierte sich die entseelten Heringe, behielt die Käse, die Butter und die Glasscherben einfach im Kopfe, addierte Frau und Wurst, setzte sie in Klammern und transportierte sie auf die Stadtwaage, wo man richtig die eine zu schwer, die andere zu leicht erfand. Subtraktion war die gerichtliche Folge. Die Wurst wurde abgezogen für den Fiskus, der Rest, wegen Verleumdung der Obrigkeit, dreimal kreuzweis durchgestrichen, und zwar mit Tinte, der brave Stadtsoldat dagegen vom unendlich großen Bürgermeister noch selbigen Tages zur dritten Potenz erhoben. Übrigens schwebten vor der Verrechnungskammer gleichzeitig noch mehrere Fälle, die ebenso prompt erledigt wurden.

Jugendliche Schiefertafelschnitzer verknurrte man einfach zur Durchwischung mit Spucke; schon ältere in Blei zur eindringlichen Radierung mit Gummi, erstmalig mit weichem, bei Wiederholung mit hartem.

Was aber die weiblichen Additionsexempel anbelangt, deren sehr viele vorgeführt wurden, so mußten sie allesamt freigesprochen werden, weil sie sämtlich ihr geistiges Alibi nachweisen konnten.

Es fanden sich hübsche Lustgärten in dieser Stadt und Obstbäume voll goldener Prozentchen, und auf und nieder an papierenen Leitern stiegen die Dividenden, und einige fielen herunter, und dann rieben sie sich die Verlustseite und hinkten traurig nach Hause.

Kummer und Elend gab’s auch sonst noch genug. An allen Straßenecken hockten die gebrochenen Zahlen; arme geschwollene Nenner, die ihre kleinen schmächtigen Zählerchen auf dem Buckel trugen und mich flehentlich ansahn. Es ließ mich kühl. Ich hatte kein Geld bei mir, aber wenn auch, gegeben hätt ich doch nichts.

Ich hatte meine Natur verändert; denn daß es mir sonst da, wo die Not groß ist, auf zwei Pfennige nicht ankommt, das wißt ihr, meine Lieben!

Es mochte so nachmittags gegen fünf Uhr sein, als ich weiterreiste und, eine unbestimmte Gegend durchstreifend, auf der Gemeindetrift anlangte, wo grad das Völklein der Punkte sein übliches Freischießen feierte. Schwarz war heute der Punkt, worauf’s ankommt, und Tüpfel war Schützenkönig.

Je kleiner die Leute, je größer das Pläsier. Alles krimmelte und wimmelte durcheinander, wie fröhliche Infusorien in einer alten Regentonne.

Im Zelte ging’s hoch her. Mit mückenhafter Gelenkigkeit wirbelten die denkenden Punkte mit ihren geliebten kleinen Ideen über den Tanzboden dahin. Auch ich engagierte eine, die schimmelte, ein simples Dorfkind, und walzte ein paarmal herum mit ihr.

Noch gewandter und windiger als wir, und das will doch was sagen, trieben die nur gedachten, die rein mathematischen Punkte ihre terpsichorischen Künste. Sie waren aber dermaßen schüchtern, daß sie immer kleiner und kleiner wurden, je mehr man sie ansah; ja, einer verschwand gänzlich, als ich ihn schärfer ins Auge faßte. –

Gelungene Burschen, diese Art Punkte! Der alte Brenneke, mein Mathematiklehrer, pflegte freilich zu sagen: „Wer sich keinen Punkt denken kann, der ist einfach zu faul dazu!“ Ich hab’s oft versucht seitdem. Aber just dann, wenn ich denke, ich hätt ihn, just dann hab ich gar nichts. Und überhaupt, meine Freunde! Geht’s uns nicht so mit allen Dingen, denen wir gründlich zu Leibe rücken, daß sie grad dann, wenn wir sie mit dem zärtlichsten Scharfsinn erfassen möchten, sich heimtückisch zurückziehn in den Schlupfwinkel der Unbegreiflichkeit, um spurlos zu verschwinden, wie der bezauberte Hase, den der Jäger nie treffen kann? – Ihr nickt; ich auch. –

Mehr behäbig, so fuhr Freund Eduard in der Erzählung seines Traumes fort, als diese gedachten Punkte zeigten sich die gemachten in Tusche und Tinte. Sie saßen still und versimpelt auf ihren Reißbrettern an der Wand herum und freuten sich, daß sie überhaupt da waren. Die kritischen Punkte dagegen, mit ihren boshaften Gesichtern, standen natürlich jedem im Wege. Einer von ihnen, ein besonders frecher, trat einer noch hübsch jugendlichen Idee auf die Schleppe und zugleich ihrem denkenden Herrn dermaßen aufs Hühnerauge, daß ihm die Gründe stockten, sein Geschrei also losging. Da sämtliche Streit- und Ehrenpunkte, deren viele zugegen, sich dreinmischten, so gab’s einen netten, aufgeweckten Skandal, der alle erfreute, welche dabeistanden. Der Kontrapunkt ließ weiterblasen. Ich wandte mich einer entfernteren Gesellschaft zu.

Es waren Atome, die eben zur Française antraten. Mit großer Sicherheit tanzten sie ihre verzwickten molekülarischen Touren durch, und als sie aufhörten und sich niedersetzten, war’s allen hübsch warm geworden. Sie sind nicht so stupid, wie man sonst wohl zu glauben pflegt, sondern haben ihre interessanten und interessierten Seiten, so daß selbst so was wie ein zärtliches Verhältnis zwischen ihnen nicht selten ist.

Eine ihrer Damen kam mir bekannt vor. Wo hatt ich sie nur gesehen? Richtig! Bei Leibnizens. Die alte Monade, und ordentlich wieder jung geworden! Schon hat auch sie mich erkannt. Sie fliegt auf mich zu, sie umklammert mich mit ihren mageren Valenzen, sie preßt mir einen rotglühenden Kuß auf die Lippen und ruft schwärmerisch:

„Mein süßer Freund! Oh, laß uns ewig zusammenhaften!“

Ich verhielt mich abstoßend. Mit unglaublicher Schnelligkeit schoß ich oben durchs Zeltdach und eilte sodann, nicht ohne ängstliche Rückblicke, in die möglichste Ferne hinaus. Wie sich zeigte, nicht ganz allein.

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Dicht neben mir ließ sich ein kümmerliches Hüsteln vernehmen. Es war der mathematische Punkt, den ich vorhin zu fixieren versuchte. Zu Hause, so klagte er lispelnd, brächte er’s doch zu nichts. Nun wollte er mal sehn, ob dort drunten in der geometrischen Ebene für ihn nichts zu machen sei.

Da lag sie vor uns, die Horizontalebene, im Glanze der sinkenden Abendsonne. Kein Baum, kein Strauch, kein Fabrikschornstein ragte draus hervor; alles flach, wie Judenmatzen, ja noch zehntausendmal flacher; und doch befanden wir uns am Eingang eines betriebsamen Städtchens, welches nur platt auf der Seite lag.

Das Tor, welches wir passieren mußten, hatte nur Breite, aber nicht die mindeste Höhe. Es war so niedrig, daß ich mir, obgleich ich mich bückte, doch noch die Glatze etwas abschabte, und selbst mein winziger Begleiter konnte nur eben drunter durch. Er fand noch am selben Abend eine Anstellung bei einem tüchtigen Geometer, der ihn sofort in die Reißfeder nahm, um ihn an den Ort seiner künftigen Wirksamkeit zu übertragen, wozu ich ihm besten Erfolg wünschte. Ich selber suchte, da es schon spät, eine naheliegende Herberge auf.

Hier nun trat mir zum erstenmal in Gestalt des Herrn Oberkellners eine richtige mathematische grade Linie entgegen. Etwas Schlankeres gibt’s nicht. Mir fiel dabei ein, was Peter, mein kleiner Neffe, mal sagte.

„Onkel Eduard“, sagte er, „ein Geist muß aber recht mager sein, weil man ihn gar nicht sieht!“

Und wie lächerlich dünn so ein mathematischer Strich ist, das sah ich so recht des Nachts, als ich zu Bette gegangen. In der Kammer nebenan schliefen ihrer dreißig in einer Bettstelle, die nicht breiter war als ein Zigarrenetui, und doch blieb noch Platz übrig. Freilich, erst schalten sie sich, denn es war ein Pole dabei, der an unruhigen Träumen litt und sich viel hin und her wälzte, bis sie ihn schließlich durch zwei Punkte festlegten; dann gab er Ruh. Ich bemühte mich, seinen Namen auszusprechen: Chrr – Chrrr – Chrrrr –

Im selben Augenblick ließ sich wieder die Stimme vernehmen:

Eduard schnarche nicht so!

Ich fuhr heftig zusammen. Aber während ich das erste Mal fast volle drei Sekunden nötig hatte, um mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden, braucht ich diesmal kaum zwei; dann ging ich schon wieder meinen gewohnten Gedanken nach, als sei weiter nichts vorgefallen.

Vielleicht, meine Freunde, möchte nun dieser oder jener unter euch geneigt sein, von mir zu erfahren, woher die erwähnte Stimme denn wohl eigentlich kommen konnte. Darauf erwidere ich, daß ich in der Regel vielzuviel Takt besitze, um auch nur die allergeringste Mitteilung über Dinge zu machen, die keinen andern was angehn. Entschuldigt meine Entschiedenheit! –

Am nächsten Morgen besah ich mir die Stadt. Selbstverständlich muß jedermann platt auf dem Bauche rutschen. Vornehme und Geringe sind auf den ersten Blick nur schwer zu unterscheiden, und wer genötigt ist, höflich zu sein, muß riesig aufpassen; denn da nichts Höhe hat, also gar keinen Schatten wirft, so erscheint vorläufig jeder, auch der quadratisch Gehaltvollste und Eckigste, der einem begegnet, als gewöhnlicher Strich.

Natürlich zieht der Mangel an Schatten auch den Mangel an Photographen nach sich, und so müssen denn die Leute den schönen Zimmerschmuck entbehren, wofür wir unserseits diesen Künstlern so dankbar sind. Aber man behilft sich, so gut es geht. Man läßt seinen Schreiner kommen; man läßt sich ausmessen; er macht einen kleinen proportionalen Abriß in das Album des betreffenden Freundes, notiert den wirklichen Quadratinhalt nebst Jahr und Datum in die Mitte der werten Figur, und das Andenken ist fertig.

Was nun das ewige Rutschen betrifft, so wollte mir ein Eingeborener, der durchaus treuherzig und vollkommen glaubwürdig aussah, die feste Versicherung geben, daß es, obwohl hier jeder von Haus aus unendlich dünn sei, doch einige Briefträger gäbe, die sich mit der Zeit so abgeschabt hätten, daß sie auf ihre alten Tage nur halb so dünn wären wie möglich. Dies schien mir bemerkenswert wegen der Kongruenz. Denn erwies sich die Angabe als richtig, so war eine tatsächliche Deckung ganz gleicher Figuren, welche mir bei den äußerst gedrückten Ortsverhältnissen unmöglich schien, doch unter Umständen nicht ausgeschlossen. Ich erkundigte mich nach dem Kongruenzamte, eine Einrichtung, die ungefähr unserm Standesamte entsprechen würde. Da mir niemand Auskunft zu geben vermochte, wandte ich mich direkt an den Magistrat.

„Solche Dummheiten“, hieß es, „machen wir hier nicht. Die das wollen, müssen sich gefälligst in die dritte Dimension bemühn, und die Symmetrischen erst recht!“

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Иван Николаевич Крамской: Сомнамбула, 1871Ihr altes Ratszimmer war ungemein dumpf und niedrig. Daher empfahl ich mich umgehends mit einem lustigen Vertikalsprunge nach oben durch den Plafond und atmete auf im dreidimensionalen Raume, wo stereometrische Freiheit herrschte, wo der Kongruenz räumlich gleichgestimmter Paare keine Ehehindernisse im Wege standen.

So dachte ich. Aber Ausnahmen, wie überall, gab’s leider auch hier.

Grad kamen zwei sphärische Dreiecke, eins genau das geliebte Spiegelbild des andern, sehr gerötet vom Kongruenzamte, wo man sie abgewiesen. Sie trug ein schön krumm gebügeltes Sacktuch von unendlich durchsichtigem Batist und weinte die landesüblichen Tränen, gleich niedlichen Seifenbläschen, die der Zephir entführte. Ein Paar unendlich feiner Handschuhe, ein linker und ein rechter, er Brautführer, sie Kranzjungfer, versuchten ihr Trost zu spenden, indem sie sagten: Ihnen ginge es ja auch so, und wenn alle Stricke rissen, dann könnte man ja immer noch durchbrennen in die vierte Dimension, wo nichts mehr unmöglich sei.

„Ach!“ schluchzte die Braut. „Wer weiß, wie es da aussieht!“ Und ihre Tränen säuselten weiter.

Fürwahr, ein herbes Schicksal! Aber, meine Freunde, seien wir nicht zu voreilig mit unserem sonst löblichen Mitgefühl. Es war alles Getus. Nämlich die Bewohner dieses unwesentlichen Landes sind hohl. Es scheint Sonne und Mond hindurch, und wer hinter ihnen steht, der kann ihnen mit Leichtigkeit die Knöpfe vorn an der Weste zählen. Einer durchschaut den andern; und doch reden diese Leute, die sich durch und durch kennen, die nicht so viel Eingeweide haben wie ein ausgepustetes Sperlingsei, von dem edlen Drange ihres Innern und sagen sich darüber die schönsten Flattusen. Ja, einer war da, der wollte behaupten, er hätte einen fünf Pfund schweren Gallenstein und verfluchte sein Dasein und schnitt Gesichter, und seine Familie sprang nur so, wenn er pfiff, und tat ganz so, als wär’s so, und seine Nachbarn machten ihm Kondolenzvisiten unter kläglichem Mienenspiel.

Wie heuchlerisch man hier ist und zugleich wie wesenlos, das bewiesen so recht zwei alte Freundinnen, die sich in den Tod nicht ausstehn konnten, und nun, nach langer Trennung, sich wieder begegneten. Sie küßten sich so herzlich und durchdringend, daß ihnen die gegenseitigen Nasen eine Elle lang hinten aus den gegenseitigen Chignons hervorstanden.

Schwere gab’s hier nicht. Man bewegt sich am Boden oder in der Luft, gleichviel, mit einer unabhängigen Leichtigkeit, wie sie nur bei solch rein förmlichen Blasengestalten und Windbeuteln sich denken läßt.

Ich sah einen neckischen alten Geisbock, der turmhohe Sätze machte. Und was die Flöhe sind, wer da nicht aufpaßt beim ersten Griff, weg hupfen’s bis in die Wolken.

Zwar hupfen konnt ich auch, wie nur einer. Aber mit mir war das was anders. Ich hatte Fond. –

Wie ihr seht, meine Lieben; eine Ausrede zugunsten der eigenen Vortrefflichkeit stellt selbst im Traume sich ein!

Übrigens hatt ich die leeren Gestalten dieser eingebildeten Welt jetzt satt gekriegt und beeilte mich wegzukommen. Am Ausgange wurde ich mit einer fetten Baßstimme von einem Unbekannten angeredet, der so rund und dick war, daß er die ganze Tür versperrte.

Er entpuppte sich als mein ehemaliger Reisebegleiter, das mathematische Pünktchen.

Durch eine gewandte Drehung in der Ebene hatte er’s dort bald zu einem umfangreichen Kreise gebracht, war darauf in den dreidimensionalen Raum ausgewandert, hatte sich hier durch ähnliche Umtriebe zur wohlbeleibten Kugel entwickelt und wollte sich nun mit Hilfe eines geeigneten Mediums materialisieren lassen, um dann später, ein Streber wie er war, als Globus an die Realschule zu gehn.

Aus dem nichtssagenden Kerlchen war ein richtiger Protz geworden, der mich behaglich wohlwollend zu behandeln gedachte. Da ich mir das aber von einem bloß aufgeblasenen Punkte, denn das sind alle seinesgleichen, nicht gefallen lassen wollte, so tat ich, ohne mich weiter zu verabschieden, einen eleganten Seitensatz durch die Bretterwand, hinter welcher, so meint ich, die vollständige Welt lag. Es war aber nur Stückwerk.

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Zunächst geriet ich in ein Kommunalwesen von lauter Köpfen, die sich auf der Höhe eines Berges in einem altdeutschen Gehölze eingenistet hatten. Hinter jedem Ohre besitzt jeder einen Flügel; eine zweckentsprechende Umbildung des bekannten Muskels, den wir Kopfnicker nennen. An den Sümpfen herum sitzen die Wasserköpfe, blinzeln träge mit den Augen und lassen sich die Sonne ins Maul scheinen.

Querköpfe, welche die Eitelkeit ihrer Meinung besitzen, streiten und stoßen sich in der Luft herum; fast jeder hat Beulen grün und blau. Sie leben vom Wind. Was sie sonst brauchen, verdienen sie sich als Redner und Bänkelsänger. Zum Ohrfeigen, zum Hinausschmeißen, zum Balbieren und Frisieren mieten sie sich die geeigneten Hände; ebenso, um sich die Nase putzen zu lassen, was besonders kostspielig, wenn einer den Schnupfen hat. Hosenstoffe gebrauchen sie nicht. Manche sind niedlich. Ihrer zwei, ein Männchen und ein Weibchen, saßen zärtlich zusammengeschmiegt in einem Baum voll grüner Notenblätter und sangen das schöne Duett: „Du hast mein Herz und ich das deine“, und wie’s weiter geht.

Etwas tiefer am Berg hinab, in Hütten und Krambuden, leben, weben und schweben die Hände apart für sich. Sie sind teils Schreiber und Schrupper und sonst dergleichen für die Köpfe weiter oben, teils Strumpfwirker und Streichmusikanten und sonst dergleichen für die Füße, die unten im Tale hausen. Ihre Geschicklichkeit ist mitunter nicht unerheblich. Ein Barbier, der mit wenig Seife viel Schaum schlagen konnte, war kürzlich unter die Literaten gegangen. Er hatte großen Erfolg, wie ich hörte, trug bereits drei Brillantringe an jedem Finger und wollte sich demnächst mit einer Köchin verheiraten, die ohne Schwierigkeit ein einziges Eiweiß zu mehr als fünfzig Schaumklößen aufbauschte, also auch noch was leisten konnte. –

Übrigens muß ich sagen, meine Freunde, prätendierten eigentlich diese sich immerhin nicht als ganz unreell aufspielenden Extremitäten ein recht unverschämt unbefangenes Dasein. Das lästige Gummibändel z.B., womit sonst die Frackschöße aller Dinge hienieden, kein Mensch weiß wie, am Kernpunkt der Erde haften, schienen sie gänzlich zu ignorieren, während die Köpfe wenigstens Flügel hatten. Und doch fiel mir’s nicht auf in meinem Traume, und doch hielt ich mich für sehr scharfsichtig, und doch war ich’s oft gar nicht; genau so, wie’s uns geht, wenn wir wachen.

Eben als ich mich von hier entfernt hatte, umwölkte sich der Himmel. Es donnerte und blitzte. Es war eins jener schrecklichen Unwetter, die dem Wanderer, dem Mitgliede des Alpenklubs, der auf steilen Pfaden ohne Führer herniedersteigt, so häufig verderblich werden. Meiner Wenigkeit dagegen war es sogar ganz lieb, als mich nun plötzlich ein heftiger Windstoß ins Tal entführte, wo das heiterste Wetter herrschte. Auf einem sanft ansteigenden Wiesenflecke, umgeben von zopfigen Hecken, tanzten die zierlichsten Füße in rosa Trikot ein anmutiges Kunstballett. Einige fette Hämmel, wie auch viele kleine Meerschweinchen, sahen zu, und zwei größere Zunftverbände von wohlgeleiteten Händen sorgten für Musik und ergiebigen Beifall.

Noch ehe das Stück zu Ende, verließ ich das Gebiet der aparten Körperteile vermittelst eines parabolischen Sprunges über die benachbarten Berge in die gewöhnliche Welt hinein, wo jeder seine gesunden Gliedmaßen beieinander hat.

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Maximilián Pirner, Die Nachtwandlerin, 1878Wohl zehn Meter hoch schwebt ich nun über einem regelmäßig karierten Ackergefilde, in dessen Mitte ein freundliches Dörfchen lag.

Es war Sommer. Schon zog hie und da auf sanft bewegter Luft ein silbernes Fädchen dahin. Auf eins derselben ließ ich mich nieder, neben einer kleinen verschrumpften Spinne, die, kaum daß sie mich bemerkt hatte, sich auch schon gedrungen fühlte, mich mit der Geschichte ihres Lebens zu beglücken.

Einst, so fing sie an zu wehmüteln, vor circa zweitausend Jahren, da sei sie eine ungewöhnlich reizende Walküre gewesen, hochsausend auf stolzem Roß und beliebt bei den Mannsleuten. Dann, als sie alt geworden, habe sich keiner mehr um sie bekümmert, außer der Teufel. So wäre sie zur Hexe geworden und wär durch die Lüfte geritten auf dem Besenstiel, in böswilliger Absicht. Aber selbst der Teufel, nachdem sie ihren tausendsten Geburtstag gefeiert, sei ihr nicht treu geblieben. Da habe sie den Salbentopf hergekriegt und habe sich wirkungsvoll murmelnd in eine Spinne verwandelt und sich dann rückwärts dies Luftschiff verfertigt und segle mit gutem Winde all die Zeit her, und wenn die Leute riefen: Altweibersommer! so sei ihr das schnuppe. Apa!

„Madam!“ sprach ich. „Sie haben was durchgemacht. Reisen Sie glücklich!“

Damit sprang ich ab und setzte mich auf den vorstehenden Ast einer stattlichen Linde.

Drunten am Boden kneteten zwei Bauernknaben schöne Klöße aus Lehm, den sie selber befeuchtet hatten. Ein Zwist brach aus. Sie klatschten sich ihr Backwerk auf die beiderseitigen Nasen, und die Töne, die sie dabei ausstießen, lauteten a! e! i! o! u!

Im Wipfel saß ein liebendes Taubenpärchen. Oben hoch drüber kreiste spähend ein Habicht. „Nurdu, nurdu!“ girrte zärtlich der Täuberich. „Hihi!“ kreischt der Habicht und hat ihn.

In Anbetracht der soeben vernommenen Naturlaute schickte ich mich an, eine wichtige Bemerkung zu machen.

„Der Urrsprrung der Sprrraaache“ – fing ich an –

Eduard schnarche nicht so!

unterbrach mich schon wieder die Stimme. Ich fuhr zusammen. Doch während ich das vorige Mal fast zwei volle Sekunden nötig hatte, um meine Haltung wiederzugewinnen, braucht ich diesmal nur eine.

Als ich mich gesammelt hatte, saß ich auf der Spitze eines Grashalms am Rande eines Teiches, der inmitten eines hübschen Gehöftes lag.

Drei lebenslustige Fliegen schwärmten dicht über dem Wasser. Drei genußfrohe Fischlein erschnappten sie. Indem, so schwammen drei Enten herbei. Jedwede erfaßte ein Fischlein beim Frack, erhob den Schnabel und ließ es hinunterglitschen ins dunkle Selbst hinab. Die erste hieß Mäs, die zweite hieß Bäs, die dritte hieß Tricktracktrilljäs. Diese letztere nun, um den Grund des Wassers zu erforschen, nahm eine Stellung an, wobei sich der Kopf nach abwärts richtet.

„Guck mal!“ schnatterte die Frau Mäs der Frau Bäs ins Ohr. „Was hat unsere Frau Tricktracktrilljäs für ein dickes Gesäß!“

Hätten sie ahnen können, was die nächste Zukunft unter der Schürze trug, sie hätten wohl nicht so lieblos geurteilt über die körperlichen Verhältnisse einer Freundin, welche nun bald ebenso tot sein sollte wie sie selber. Die freundliche Bauersfrau nämlich trat aus der Türe des Hauses, lockte unter dem Vorwande von Brotkrumen die Schnabeltiere in den Küchenraum und hackte ihnen die Köpfe ab.

Sie hackte sich aber auch, weil sie natürlich mal wieder zu hastig war, dabei in den Zeigefinger. Das Beil war rostig. Der Finger verdickte sich. Schon zeigten sich alle Symptome einer geschwollenen Blutwurst.

Der Dokter kam. Er wußte Bescheid. Erst schnitt er ihr den Finger ab, aber es half nicht; dann ging er höher und schnitt ihr den Ärmel ab, aber es half nicht; dann schnitt er ihr den Kopf ab, aber es half nicht; dann ging er tiefer und schnitt ihr die Trikottaille ab, und dann schnitt er ihr die wollenen Strümpfe ab, aber es half nicht; als er aber an die empfindlichen Hühneraugen kam, vernahm man einen durchdringenden Schrei, und im Umsehn war sie tot.

Der Bauer war untröstlich; denn das Honorar betrug 53 Mk. 75 . Der Dokter steckte das Honorar in sein braunledernes Portemonnaie; der Bauer schluchzte. Der Doktor steckte sein braunledernes Portemonnaie in die Hosentasche; der Bauer sank auf einen geflochtenen Rohrstuhl und starrte seelenlos in die verödete Welt hinaus.

Der Dokter besaß Takt. Andante ritt er vom Hofe weg, und erst dann, als er die Landstraße erreichte, fing er scherzando zu traben an, und zwar englisch. Er wußte noch nicht, daß seine Hosentasche im stillen ein Loch hatte.

Inzwischen begab sich der betrübte Witwer in den Schweinestall und besah seine Ferkeln. Es waren ihrer dreizehn, à Stück 22 Mk. Seine Tränen flossen langsamer. Als er wieder ins Freie trat, war er ein neuer Mensch geworden.

Ich flog ins Nachbarhaus.

Der Landmann, welcher hier wohnte, war ein Vetter des vorigen. Er hackte Holz entzwei, während seine Gemahlin sich mal eben entfernt hatte, um im nahen Gebüsch für die Meckerziege ein schmackhaftes Futter zu pflücken. „Oh, meine Mamme ist weg!“ schrie das Kind und kam aus dem Hause gelaufen und weinte sehr heftig. „Da weinst du über?!“ sprach der besonnene Vater. „Mach dich doch nicht lächerlich!“ –

Dieser Vater, so scheint es, hatte bereits den Gipfel der ehelichen Zärtlichkeit erklommen, wo die Schneeregion anfängt.

Ich flog ins Nachbarhaus.

Der Landmann, welcher hier wohnte, war ein Onkel des vorigen. Soeben, mit dem Stabe in der Hand, von einem erfolgreichen Besuche der Schenke zurückkehrend, betrat er das Zimmer, wo ihn seine zahlreiche Familie voller Spannung erwartete. Er warf seinen Hut auf die Erde und rief: „Wer ihn aufhebt, kriegt Hiebe, wer ihn liegen läßt, auch!“ Er war ein höchst zuverlässiger Mann. Er hielt sein Wort. –

Ach, meine Lieben! Wie oft im Leben wirft uns das Schicksal seinen tragischen Hut vor die Füße, und wir mögen tun, was wir wollen, Verdruß gibt’s doch. –

Ich flog ins Nachbarhaus.

Im Kuhstall, den er soeben gereinigt, steht ein denkender Greis. Er schließt die Luke. „Merkwürdig!“ sprach er und stützte das Kinn auf die Mistgabel. „Merkwürdig! Wenn man die Klappe zumacht, daß es dann dunkel wird!“ Und so stand er noch lange und dachte und dachte; als ob es nicht schon Sorgen genug gäbe in der Welt, auch ohne das. Und es war sehr düster in diesem Kuhstalle.

Ich flog ins Nachbarhaus.

Die hübsche stramme Bäuerin hat ihr hübsches strammes Bübchen auf dem Schoße liegen, sein Gesichtchen nach unten gekehrt. Sie lüftet ihm das Hemdchen; sie reibt ihm den Rücken; er strampelt mit den Beinen vor lauter Behagen. „Oh, tu tu tu mit tein tlein ticken tinketen Popösichen!“ so ruft sie in mütterlich-kindischem Stoppeldeutsch; und während sie dies tut, gibt sie dem Herzensbengel bei jedem Worte einen klatschenden Schmatz auf die rosigen Hinterbäckchen. –

Ach, meine Freunde! Wie viel Liebes und Gutes passiert uns doch in der Jugend, worauf wir im Alter nicht mehr mit Sicherheit rechnen dürfen! –

Ich flog ins Nachbarhaus.

Ein zehnjähriger Junge kommt grad aus der Schule, und noch ganz rot vor Begeisterung ruft er: „Höre mal, Vater! Unser Schulmeister hat aber einen ganz verflixten Stock. Hier vorne schlägt er hin und da hinten kneift es!!“

Dieser heimtückische Stock stammte vermutlich aus der nämlichen Hecke, wo die abscheulichen Menschen ihre ironischen Gerten schneiden, die auch immer so hintenherum kommen. Ein treuherziger Mensch tut so was nicht. –

Ich flog – doch der Abwechselung wegen will ich lieber mal sagen: ich schwirrte.

Ich schwirrte ins Nachbarhaus.

Im wöhnlichen Stübchen voll sumsender Fliegen steht das tätige Mütterlein. Sie sucht Fliegenbeine aus der Butter, die sie demnächst zu kneten gedenkt; denn Reinlichkeit ist die Zierde der Hausfrau. Aber ihr Stolz ist die Klugheit. Mit mildem Kartoffelbrei füllt sie die Butterwälze, denn morgen ist Markttag in der Stadt.

Ich schwirrte ins Nachbarhaus.

Des Bauern Töchterlein sitzt am Klavier. Es klopft. „Sind der Herr Vater zu Hause?“ so fragte der Hammelkäufer. „Bedaure sehr!“ erwidert sie zierlich. „Papa fährt Mist!“ –

Ein erfreuliches Beispiel frisch aufblühender Bildungsverhältnisse, die noch etwas von dem kräftigen Dufte des humushaltigen Erdreichs an sich haben, worauf sie gewachsen sind. –

Ich schwirrte ins Nachbarhaus.

Ein altes ehrwürdiges Gebäude. Der Besitzer schien etwas zerstreut zu sein. Er hält eine lange Unschlittkerze in der Hand, umwickelt sie unten mit Werg, das er mit Petroleum tränkt, steigt damit unters Dach, stellt sie sorgsam ins Stroh, zündet sie an, greift zu Hut und Stock, schließt das Tor und geht über Feld.

Solche Art Leute, dacht ich, sind doch zuweilen recht unvorsichtig. Ich flog dem Manne ans Ohr und warnte ihn, nicht aus Mitleid, sondern bloß, um zu zeigen, daß er der Dümmere und ich der Gescheitere sei. Ich war nicht vorhanden für ihn. Es war klar. Durch die Konzentration meines Inneren unter Zurücklassung des Äußeren hatte ich die Fähigkeit zum Wechselverkehr mit der gewöhnlichen Menschheit verloren.

Ich schwirrte ins Nachbarhaus.

Und dies war das Wirtshaus. Am Haupttische tranken sich drei lustige Gesellen zu. Sie können wohl lachen. Sie haben in der Früh drei handfeste Meineide abgeliefert und bereits wieder drei neue in Akkord gekriegt. Am Tisch im Winkel saß ein bescheidener Wandersmann. Nachdem er langsam aber gründlich seine Mahlzeit beendigt, steht er auf, um zu zahlen. Er läßt sich auf ein falsches Fünfmarkstück herausgeben und entfernt sich mit einem herzlichen „Gottbefohlen“.

Auch ich machte, daß ich wegkam, und sah mal zu, was auf der Landstraße passierte.

Schlicht und sinnig, den Korb gefüllt mit den Produkten seiner Kunstfertigkeit, wandelt des Weges daher der Besen- und Rutenbinder. Wie’s das Geschäft so mit sich bringt, denkt er viel nach über die Erziehung des Menschengeschlechts. Sein Blick ist zur Erde gerichtet. Infolgedessen hat er Gelegenheit, einen Gegenstand zu bemerken, den der flüchtige Beobachter vermutlich für nichts weiter angesprochen hätte, als einen Roßapfel in gedrückten Verhältnissen. Doch der aufmerksame Naturfreund, gewohnt, stets scharf zu prüfen, was vorkommt, erkannte sofort sein eigentliches Wesen. Es ist ein braunledernes Portemonnaie. Er blickt umher, und da die Wetteraussichten ringsum günstig sind, hebt er’s auf und läßt es sanft in das Rohr seines Stiefels gleiten. „Da wird er nicht dümmer nach!“ so sprach er bedeutsam im wohlwollenden Hinblick auf den der’s verloren und in Erwägung der oft so heilsamen Folgen eines gehabten Verlustes. Und schon kommt der Dokter daher geritten, und zwar im Galopp. Er fragt, ob nichts gefunden sei.

„Nein, Herr!“ entgegnet der Besenknüpfer mit überzeugender Mimik, und fort sprengt der Dokter mit ängstlicher Schnelligkeit.

So hatte der Weise einem seiner unerfahrenen Mitmenschen eine wertvolle Lehre gespendet, ohne ihn in die peinliche Lage zu bringen, sich bedanken zu müssen. Er konnte aber auch, nachdem er eine gute Tat verrichtet, zugleich mit dem angenehmen Bewußtsein nach Hause zurückkehren, daß dieselbe nicht unbelohnt geblieben, was sonst so selten ist; und daß er sich auch fernerhin ein enthaltsames Schweigen auferlegt haben wird, das darf man ihm bei seinen Fähigkeiten wohl zutraun. – An der Gegend, über der ich schwebte, konnte ich nicht viel Rares finden. Doch auf die Gegend kommts nicht an; denn, wie die Tante zu sagen pflegt:

„Wer nur das richtige Auge hat, kann überall einen, ›reizenden Blick‹ haben.“

So ging’s auch dem gebildeten Landwirt, der mir auf der Straße entgegenkam. Er hatte seine Kartoffeln besichtigt. Sie standen prachtvoll. Durch seine transparenten Ohren scheint die verklärende Abendsonne. Er ist glücklich.

„Oh, wie schön ist doch die Welt!“ ruft er schwärmerisch. „Oh, so schön! So schön! A a!“

Er hatte den Stellwagen nicht bemerkt, der hinter ihm herfuhr. Dieser fuhr ihm ein Bein ab.

Zum Glück war der Dokter, dem beim Anblick eines neuen Patienten wieder Friede und Heiterkeit, die noch soeben vermißten, auf der denkenden Stirne glänzten, sofort zur Stelle, um den nötigen Verband anzulegen.

Mittlerweile war es Nacht geworden. Im Dörfchen brannte ein Haus ab.

„Aha!“ rief ich beim Anblick der Flammen. „Unvorsichtigkeit ist eine hervorragende Eigenschaft derjenigen Menschen, welche morgen genau wissen, was sie heute zu tun haben. Hehe!“

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Fast hätte mich in diesem Augenblick eine alte Fledermaus erschnappt und aufgefressen, weil sie mich wahrscheinlich für eine kleinere Abart der Kleidermotte ansah; aber ich war schneller als sie und flog in einen dichten Wald und legte mich in das Näpfchen einer ausgefallenen Eichel; und hier, dacht ich, kannst du, wenn auch nicht aus Bedürfnis, so doch aus Prinzip, deiner nächtlichen Ruhe pflegen. Der Mond war aufgegangen und spiegelte sein fettes, glänzendes Gesicht in einem Wassertümpfel, den wilde Rosen umkränzten. Schon hatt ich die Absicht, mich in die allergrößten Gedanken zu vertiefen, da ging der Spektakel los.

Siebenundneunzig dumpftönende Unken, dreihundertvierundvierzig hellquarkende Wasserfrösche und zweitausendzweihundertundzweiundzwanzig hochzirpende Grillen gebrauchten ihre ausreichenden Stimmittel und emsigen Kunstgelenke zum Vortrage einer symphonischen Dichtung. Ein hohler Weidenbaum mit seinen zwei unteren Seitenästen dirigierte. Sein künstlerischer Chignon wehte im Winde der Begeisterung. Die Sache war langwierig; aber schließlich ging ihnen doch der Faden aus, und das bisher nur mit Mühe unterdrückte Bedürfnis des Beifalls konnte sich Luft machen.

Entzückt und befriedigt raschelten die Rosen mit den Blättern und dufteten sogar, was die wilden sonst kaum zu tun pflegen.

„Brravo!“ quackten, wie aus einem Munde, fünf dicke grüne Laubfrösche. „Brravo! Geschmackvoll! Geschmackvoll!“ Und sieben alte graue Käuze, die im Hinterteil einer morschen Erle ihre Logenplätze hatten, quiekten maßgebend über alle hinweg:

„Manjifiek! Manjifiek!“

Ich meinerseits, um doch auch ein hohes Verständnis zu zeigen, suchte mein schönstes falsches Pathos hervor und brüllte, wie laut oder wie leise, das weiß ich nicht mehr:

„Offenbaarrung! Musikalische Offenbaaarrrung!“ –

Eduard schnarche nicht so!

ließ sich wieder mal die Stimme vernehmen. Kaum, daß ich danach hinhörte. Ich saß gemütlich in meinem Eichelnäpfchen, höchst sorglos versimpelt in den Gedankengang, der mir grad Spaß machte.

Müdigkeit, hatt ich bisher immer geglaubt, gäb’s für mich nicht. Nun aber sollt ich so recht erfahren, welch unwiderstehlich wohltätige Wirkungen eine gute Musik hat. Schon nach fünf Minuten war ich in einen richtigen rücksichtslosen Schlummer versunken. –

Ich mußte wohl ausgiebig geschlafen haben, denn als ich erwachte und mir gewissermaßen die Augen rieb, stand die Sonne schon tief am westlichen Himmel.

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William-Adolphe Bouguereau, Le Crépuscule, 1882In bummligem Fortschritt schwebt ich nun einer bedeutenden Stadt entgegen, deren hochragende Türme und hochrauchende Schornsteine ich gestern schon von weitem bemerkt hatte.

Eben kam der nachmittägliche Kurierzug über die Brücke dahergebraust.

Im ersten Kupee hatte ein gewiegter Geschäftsmann Platz genommen, der, nachdem er seine Angelegenheiten geregelt hatte, nun inkognito das Ausland zu bereisen gedachte.

Im zweiten Kupee saß ein gerötetes Hochzeitspärchen; im dritten noch eins.

Im vierten erzählten sich drei Weinreisende ihre bewährten Anekdoten; im fünften noch drei; im sechsten noch drei. –

Sämtliche noch übrige Kupees waren voll besetzt von einer Kunstgenossenschaft von Taschendieben, die nach dem internationalen Musikfeste wollten.

Auf dem Bahndamme standen mehrere Personen. Ein Greis ohne Hoffnung, eine Frau ohne Hut, ein Spieler ohne Geld, zwei Liebende ohne Aussichten und zwei kleine Mädchen mit schlechten Zeugnissen. Als der Zug vorüber war, kam der Bahnwärter und sammelte die Köpfe. Er hatte bereits einen hübschen Korb voll in seinem Häuschen stehn.

In den Anlagen der Handelsgärtnerei, die in der Nähe der Brücke lag, wandeln zwei Damen, Frau Präsidentin nebst Tochter. Letztere hatte sich Pflaumen gekauft. „Oh, Mama!“ spricht sie beklommen. „Ich kriege so“ –. „Pfui, Pauline!“ unterbrach sie die zartfühlende Mutter. „Von so etwas spricht man nicht!“ – „Guten Morgen!“ schnarrte des Gärtners zahmer Rabe dazwischen. „Oh, sieh mal, Mama!“ rief die bereits wieder heitere Pauline. „Welch ein himmlischer Vogel! Bitte, gutes Pappchen, sprich doch noch mal!“ „Drrreck!“ schnarrte der Rabe. – „Komm her, mein Kind!“ sprach die indignierte Frau Präsidentin. „Jetzt wird er gemein!“

Hieran bemerkt ich so recht, daß ich mich nicht mehr im Bezirke der annähernd zwanglosen Gemütsäußerungen befand, sondern vielmehr in der Nähe einer feinen und hochgebildeten Metropole.

Mir entgegen aus dem Tore bewegte sich ein herrlicher Trauerzug. Im Sarge befand sich ein angesehener aber toter Bankier, beweint und begleitet von hoch und gering. Ich konnte deutlich bemerken, wie er aussah. Er lächelte so recht pfiffig und selbstzufrieden in sich hinein, als ob er sich amüsierte, daß er ein solch schönes Begräbnis weg hatte und ein so langes Gefolge und daß so viele geschmackvolle Kränze seinen Triumphwagen schmückten.

Das wäre was gewesen für Peter, meinen kleinen Neffen! Die Freude hätte ich ihm wohl gönnen mögen! Als vergangenen Herbst die alte Frau Amtmann zur letzten Ruhe bestattet wurde, rief er entzückt: „Ah! was hat unsere selige Frau Amtmann für eine prachtvolle Kommode!“ Wohnungsumzüge und Leichenzüge hält er für die zwei unterhaltlichsten Schaustellungen dieser Welt; und eine gewisse Ähnlichkeit zwischen beiden läßt sich ja auch nicht ableugnen, obwohl der ruhige Erfolg vielleicht mehr auf seiten der letzteren ist.

Ich flog weiter. Eine leichte heidnische Dunstwolke mit einem aromatischen Anhauch von Pomade und Knoblauch, die über der christlichen Stadt schwebte, umfing mich.

Auf Straßen und Promenaden flutet das bunte Publikum und ergießt sich in die hochragenden Speise-und Schenkpaläste, die fürstlich geschmückten, wo der altbewährte Grundsatz gilt: Lieber ein bissel zu gut gegessen, als wie zu erbärmlich getrunken.

Freilich, manch Ach und Krach, was anscheinend vielleicht stören könnte, ist auch in der Nähe; wer aber mal einen gesunden Appetit hat, den geniert es nicht viel, wenn er auch mal ein paar unglückliche Fliegen in der Suppe findet.

Das Geschäft steht in Blüte; der Israelit gleichfalls. Warum wollte er auch nicht? Seine Sandalenfüße, seine getreulich überlieferte Nase, die merklich abgewetzt wurde vom wehenden Wüstensande, dem die Väter einst vierzig Jahre lang entgegenmarschierten, geben ihm das Zeugnis einer schönen Beständigkeit. Mit Vorsicht wählt er die Kalle, und nimmt er sie mal, so pflegt er sie auch zu behalten, es sei wie’s sei, und nicht, wie die andern, so häufig zu wechseln. Nüchtern geht er zu Bett, wenn die andern noch saufen; alert steht er auf, wenn die andern noch dösig sind. Schlau ist er, wie nur was, und wo’s was zu verdienen gibt, da läßt er nicht aus, bis „die Seel‘ im Kasten springt“.

Daß man sich durch dergleichen bürgerliche Tugenden nicht viel beliebter macht als Ratten und Mäuse, ist allerdings selbstverständlich. Übrigens befand ich mich in diesem Augenblicke grade über dem Hause eines antisemitischen Bauunternehmers, und so witscht ich mal eben durchs Dach hinein.

Im vierten Stock legt ein Fräulein Hut und Handschuh ab. Sie hat Einkäufe gemacht, unter andern ein Glas voll Salpetersäure. Nicht ohne einen gewissen Zug von Entschlossenheit sieht sie dem Besuche ihres Verlobten entgegen. –

Eine kleine Betriebsstörung im Verkehr zweier Herzen kann immerhin vorkommen. –

Im dritten Stock öffnet sich etwas hastig die Türe des Eßzimmers. „Babett!“ ruft eine weibliche Stimme. „Komm mit dem Wischtuch. Mein Mann hat das Sauerkraut an die Wand geschmissen!“

Ach, wie bald verläßt der Friede den häuslichen Herd, wenn er an maßgebender Stelle keine kulinarischen Kenntnisse vorfindet!

Im zweiten Stock – Madam sind ins Theater gefahren – führt sich das Kindermädchen den Inhalt der Saugflasche zu. Das Mädchen ist fett, der Säugling mager. Der Säugling schreit auch.

Allerdings! die Säuglinge schreien mitunter. Aber, wie man auch sonst über Säuglinge denken mag, so rechte Denunzianten, gottlob, das sind sie noch nicht. –

Im ersten Stock, beim Scheine der Lampe, sitzt ein altes trauliches Ehepaar. Fast fünfzig Jahre sind’s her, daß sie sich liebend verbunden haben. Sie muß niesen. „War das eine Katze, die da prustet?“ fragt er. „War das ein Esel, der da fragt?“ spricht sie. –

So soll’s sein! Wenn man auch früher verliebt war, das schadet nichts; wenn man nur später gemütlich wird. –

Im Erdgeschoß befinden sich Geschäftsräume. Bequem im Sessel ruht der Kassier. Er hat soeben unter Aufwand seiner vorzüglichsten Geisteskräfte eine neue Art helldunkler Buchführung erfunden, die genau so aussieht, als ob alles in Ordnung wäre, und raucht nun zur Erholung eine echte Havanna.

Es polterte auf der Treppe.

Als ich das Haus verließ, sprang ein Herr aus der Tür, der emsig wischte und spuckte.

Ich beschloß, das Theater zu besuchen. Ich kam am Gefängnis vorbei. Unter gefälliger Nachhilfe dem schlichten Omnibus entsteigend, wurde eben ein neuer Gast abgeliefert. Es ist der Landbewohner von gestern, der seine Kerze so unvorsichtig ins Stroh gestellt. Oder sollte ich mich doch am Ende in den Absichten dieses Mannes – Unmöglich! Das konnt ich mir im Traume nicht zumuten. –

Wie ihr seht, meine Freunde! Als Inspektor bei der Brandkasse hätten sie mich auch nicht gebrauchen können. –

Im Theater gab man ein frisch importiertes Stück, wo es grausam natürlich drin zuging. Als es zu Ende, traten mehrere Dichter, die sich auch schon immer was vorgenommen hatten, ohne recht zu wissen wieso, voll entschiedener Klarheit auf die Straße heraus. „Nur immer natürlich, Kinder!“ rief einer. „Ein natürliches Bauernmädel, und spränge es im Lehm herum bis an die Knie, dringt mehr zum Herzen und ist mir zehntausendmal lieber als elftausend einbalsamierte Prinzessinnen, die an Drähten tanzen!“ Und dann stellten sie sich alle in einen Kreis und sangen, und ich sang mit: „Natur und nur Natuurrr!“

Eduard schnarche nicht so!

ließ sich sofort die Stimme vernehmen. „Schon recht!“ dacht ich und hörte nicht weiter hin, sondern blieb bei dem, was ich mir vorgenommen hatte. –

Was nun aber das Kunstwerk betrifft, meine Lieben, so meine ich, es sei damit ungefähr so, wie mit dem Sauerkraut. Ein Kunstwerk, möcht ich sagen, müßte gekocht sein am Feuer der Natur, dann hingestellt in den Vorratsschrank der Erinnerung, dann dreimal aufgewärmt im goldenen Topfe der Phantasie, dann serviert von wohlgeformten Händen, und schließlich müßte es dankbar genossen werden mit gutem Appetit. –

Nachdem sich Freund Eduard dieser Meinung entledigt hatte, fuhr er fort in der Erzählung seines Traumes, wie folgt:

Unbefangen im Bewußtsein meiner, sozusagen, Nichtweiterbemerkbarkeit, huscht ich in einen schönen Salon hinein, welcher festlich gefüllt war. Und das muß ich gestehn, dieses flimmernde Flunkerwerk von Lächeln, Fächeln und Komplimentieren, nicht selten mit der Angel im Wurm, fand meinen ganzen verständnisvollen Beifall. –

Was ist doch der „alte Adam“ für ein prächtiger Kerl! Er rackert sich ab, er hackt und gräbt und schabt und schindet, er schlägt sich und verträgt sich, jahrelang, generationenlang, je nach Glück und Geschick, hat er aber mal was auf die hohe Kante gelegt, hat er Geld und Zeit, flugs schruppt er sich und macht sich schmuck, daß man kaum noch sieht, was eigentlich dran ist. Und „Eva“? Wer weiß, was Grazie heißt, wem es jemals vergönnt war zu bemerken, mit welch zweckmäßiger Anmut sie die immerhin etwas verdächtigen Erbstücke einer paradiesischen Vergangenheit teils traulich zu umwölken, teils freundlich zu enthüllen, teils anheimelnd zu schmücken versteht, dem wird es weder unerklärlich noch unverzeihlich erscheinen, daß ich, als der unerbittliche Morgen ans Fenster klopfte, nur mit Bedauern eine Kulturstätte verließ, wo mir’s so wohl war, trotzdem mich doch niemand beachtet hatte.

Noch sind Markt und Gassen umschleiert von erfrischendem Nebeldunst. Doch schon, geweckt und angetrieben durch den gewinnverheißenden Handelsgeist oder durch einen vorsorglichen Hinblick auf den leider unvermeidlich bevorstehenden Tagesbedarf der häuslichen Wirtschaft, hat mancher sein nächtliches Lager verlassen, um auf dem Markte womöglich der erste zu sein. Ein freundlicher Kleinbürger, vermutlich ein Junggesell, hat sich bereits sein Päckchen Butter erstanden und tritt befriedigt die Heimkehr an. Doch prüft er noch einmal unter Zuhilfenahme des Zeigefingers. Der Erfolg ist schreckhaft. Das Auge starrt, der Mund steht geöffnet. Er eilt auf den Markt zurück. Er umhalst die ländliche Butterfrau. Er drückt ihr Haupt an seinen Busen. Und während er dies mit der Linken tut, schmiert ihr seine Rechte unter fortwährend mahlender Kreisbewegung die „gefüllte“ Butterwälze in das ängstlich gerötete Angesicht. Die Frau kam mir bekannt vor. Der herbeigerufene Schutzmann knüpfte mit ihr ein näheres Verhältnis an.

Zu gleicher Zeit entstand vor einem in der Nähe liegenden geschmackvollen Rokokohause ein wehmütig klagendes Volksgetümmel. Meist Witwen und Waisen. Bankiersfirma. Geschäft geschlossen. Besitzer gestern begraben. Passiva bedeutend.

Doch die Sonne, den Nebel zerteilend, schien nun strahlend an den Tempel der Wissenschaft, dem mein nächster Besuch galt.

Ich sah sie, ich sah sie leibhaftig, die hohen Forscher, ich sah sie sitzen zwischen ihren Mikroskopen, Retorten und Meerschweinchen; ich erwog den Nutzen, den Vorschub, den berechtigten Stolz und alles, was ihnen die Menschheit sonst noch zu verdanken hat, und in gedrückter Ehrfurcht verließ ich die geheiligten Räume.

Aber ein Kritiker – denn Flöhe gibt’s überall – sagte zu einem andern, mit dem er vorüberging: „Da drinnen hocken sie, Zahlen im Kopf, Bazillen im Herzen! Alles pulverisieren sie: Gott, Geist und Goethe. Und dann die Besengilde, die gelehrte, die den Kehricht zusammenfittchet vor den Hintertüren der Jahrtausende. – Siehst du das Fuhrwerk da? Siehst du den Ziegenbock, der jeden Morgen sein Wägelchen Milch in die Stadt zieht? Sieht er nicht so stolz aus, als ob er selber gemolken wäre?“

Ich flog ins Museum, in die Verpflegungsanstalt für bejahrte Gemälde, und als ich sie mit Verständnis besichtigt hatte, begab ich mich nebenan in die Bilderklinik, wo die Bresthaften geflickt und kuriert werden. „Restauriert und überlackiert!“ so seufzte ein würdiger Kunstfreund. „Und wenn’s gut geht, ein paar geistige Pinselhaare bleiben immer drauf kleben!“

Wie? dacht ich. Soll denn Tobias seinen alten Vater nicht salben, der blind ist? Soll denn eine liebende Enkelin ihre gute Großmutter nicht schminken, wenn sie runzlicht geworden? Und, für alle Fälle, was Neues gibt’s auch noch. Wo hängt es? Im Kunstverein.

Witsch! war ich da. Der Anblick, der mir zuteil wurde, steht unauslöschlich in meiner Seele geschrieben. Alles mußt ich loben; das herbe Elend, wie es leibt und lebt; die anregenden Visionen der Mystik; ja beinah auch die anziehenden Gestalten der Frauenwelt, die so unbefangen dastanden, obgleich sie aus der Überschwemmung der Kleider nichts weiter als das nackte Leben gerettet hatten.

Jedoch leider traf ich auch hier wieder störende Leute, denen die Tätigkeit ihrer kunstfertigen Mitmenschen nicht recht war.

So ein ruppiger alter Junge schnüffelte an allen Bildern herum und suchte nach Zweideutigkeiten, um sich sittlich zu entrüsten. Man nannte ihn den „Mann mit der schmutzigen Brille“, weil er überall den Unrat wittert, den er mitbringt.

Und noch ein anderer war da mit einem Gesicht so boshaft wie das eines tausendjährigen Kolkraben, der im Reviere das entscheidende Wort führt. „Nichts als Quark!“ krächzte er um sich blickend. „Malen kann jeder, geschickt sind viele, gescheit sind wenige, ein Mensch ist keiner. Gebt mir einen ganzen Menschen, ein komplettes Individuum, das sich aufs Malen verlegt, und so unerschöpflich im Finden, Formen und Färben, daß alles aus ist. Das ist’s, was ich von der Kunst verlange!“

Was so ein Schlingel, dacht ich, nicht alles von der Kunst verlangt und noch mehr von seinem Schöpfer, denen er noch nie was geschenkt hat.

Zwei berühmte Künstler, die eben vorüberschritten, machten dem Kritikus zwei ergebenste Bücklinge; denn Furcht heißt die Verfasserin des Komplimentierbuchs für alle. Als sie unter sich waren, nannten sie ihn Schafskopf. –

Wie ihr wohl bemerkt haben werdet, meine Freunde, war ich entrüstet, und komplett war ich auch nicht. Entrüstung ist ein erregter Zustand der Seele, der meist dann eintritt, wenn man erwischt wird. – Mit der Politik gab ich mich nur so viel ab, als nötig, um zu wissen, was ungefähr los war. Vor wenigen Tagen war der größte Mann seines Volkes vom Bocke gestiegen und hatte die Zügel der Welt aus den Händen gelegt. Nun hätte man meinen sollen, gäb’s ein Gerassel und Kopfüberkopfunter. Doch nein! Jeder schimpfte und schacherte und scharwenzelte so weiter und spielte Skat und Klavier oder sein Los bei Kohn und leerte sein Schöppchen, genau wie vorher, und der große Allerweltskarren rollte die Straße entlang, ohne merklich zu knarren, als wär er mit Talg geschmiert.

Die Welt ist wie Brei. Zieht man den Löffel heraus, und wär’s der größte, gleich klappt die Geschichte wieder zusammen, als wenn gar nichts passiert wäre.

Während ich noch hierüber nachdachte, fiel mir plötzlich was ein. So viel Wunderbares und Herrliches mir nämlich bisher auch begegnet war, ein wahrhaft guter Mensch war mir nicht vorgekommen. Nicht, daß ich mich so recht herzlich danach gesehnt hätte; es war nur der Vollständigkeit wegen.

Wie ich munkeln hörte, sollte einer da und da, Hausnummer so und so, gleich draußen vor der Stadt leben; ein auffälliger Menschenfreund, dem der Besitz eine Last sei und das Verteilen ein Bedürfnis, und ich beeilte mich, ihm sofort einen heimlichen Besuch abzustatten.

Er hatte grad von der Heerstraße, die vor seiner Türe vorüberführte, fünf das Land durchstreifende Wanderer hereingeholt. „Brüder!“ so sprach er mild. „Tut, als ob ihr zu Hause wärt. Wir wollen alle gleich viel haben!“

Die Fremden zeigten sich einverstanden. Man aß gemeinsam, man trank gemeinsam, man rauchte gemeinsam, und was die Stiefel anlangt, so wurde freudig beschlossen, daß sie in der Früh gemeinsam geputzt werden sollten.

Da der Fall immerhin merkwürdig schien, beschloß ich, bis zum folgenden Tage zu bleiben.

Am nächsten Morgen versammelten sich die sechs Herren im gemeinsamen Frühstückszimmer, und als der Menschenfreund seine fünf Brüder ebenso propper gekleidet sah wie sich selbst, trat ihm eine Träne ins Auge, und jedem die Hand reichend, sprach er seine Freude darüber aus, daß nun jeder befriedigt sei.

Ein gewesener Maurerparlier fing an, sich zu räuspern. „Ja!“ sprach er. „Das ist wohl so! Indessen, da du deinerseits, mein Bruder, nun so lange Zeit mehr gehabt hast als wir, wär’s da nicht recht und billig, wenn wir unserseits nun auch mal ebenso lange Zeit mehr hätten als du?“

Der gerechte Menschenfreund, dem inzwischen noch eine zweite Träne ins Auge getreten, nickte ihm Beifall zu.

Demnach trank jeder seinen Mokka, ausgenommen der Menschenfreund, demnach nahm jeder seinen Kognak, ausgenommen der Menschenfreund, demnach rauchte jeder seine Havanna, ausgenommen der Menschenfreund, demnach putzte keiner die Stiefel, ausgenommen der Menschenfreund.

Als dieser nun seine fünf Brüder noch propperer dastehen sah als sich selber, trat ihm eine dritte Träne ins Auge, und jeden umarmend, drückte er jedem seine Freude darüber aus, daß endlich jeder befriedigt sei.

Hier fing der Maurerparlier wieder an sich zu räuspern und sagte, ja, das wäre wohl so, aber jetzt sollte er sich mal draußen unters Fenster stellen, und dann wollten sie ihm mal richtig auf den Kopf spucken und wollten mal zusehen, ob der Herr Bruder noch stolz sei. Der Menschenfreund, dem inzwischen noch eine vierte Träne ins Auge getreten, zeigte sich abgeneigt.

Als das die fünf Brüder bemerkten und sahen, daß er sich sträuben wollte, faßte ihn einer hinten am Rockkragen und zog dran, bis die Ohren oben verschwanden, und ein anderer faßte ihn hinten am Hosenbund und zog dran, bis die Waden unten zum Vorschein kamen, und so führten sie ihn rings in der Stube herum und ließen ihn „stolz gehen“, wie sie es nannten, und dann hielten sie ihn horizontal in der Schwebe und trugen ihn auf den Hausflur, und dann zählten sie eins, zwei, drei, indem sie ihn pendulieren ließen, und bei drei flog er zum Tore hinaus und tat einen günstigen Fall in warmen Spinat und erschreckte eine Kuh, die sich hier einen Augenblick verweilt hatte, und als er so dalag, rannen ihm die angesammelten vier Tränen auf einmal aus den Augen heraus, und schimpfen tat er auch. Daraus, daß er letzteres tat, sah ich nur zu deutlich, daß er doch kein recht guter Mensch war. –

Wer der Gerechtigkeit folgen will durch dick und dünn, muß lange Stiefel haben. Habt ihr welche? Habe ich welche? Ach, meine Lieben! Lasset uns mit den Köpfen schütteln! –

In meinem Traume aber hatte ich die Hoffnung, einen guten Menschen zu finden, noch nicht aufgegeben. Ich folgte auf gut Glück einem Kollektanten, der mit seiner Sammelliste in eine nahe gelegene Villa ging.

Der nicht unbeleibte Besitzer derselben gab eine Mark für die äußere Mission und fünfzig Pfennige für die innere. Nachdem er dies getan und der Kollektant sich entfernt hatte, verfiel er in Schwermut. „Ich bin zu gut! Ich bin viel zu gut!“ rief er seufzend und war ganz gerührt über sich selber wegen seiner fast strafbaren Herzensgüte.

Ich war befriedigt. Ich hatte sogar einen mehr als guten Menschen gesehn.

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Erleichtert, sozusagen, flog ich nach dem Nymphengarten, wo vor versammelten Zuschauern ein Ballon in die Lüfte stieg.

Der großartige Anblick brachte plötzlich einen kleinen Plan in mir zur Reife, den ich längst schon gehegt hatte. Ich wollte doch eben mal nachsehn, ob die Welt eigentlich ein Ende hätte oder nicht.

Pfeilschnell stieg ich auf und befand mich sogleich in unmittelbarer Nähe des Ballons. Wir schwebten über der Stadt. Den Fallschirm in kundigen Händen, sprang der Luftschiffer aus der Gondel. Der Schirm versagte; und der kühne Aeronaut, soeben noch schnell nach oben strebend, strebt nun noch schneller nach unten mit einer zunehmenden Geschwindigkeit, die er kaum selber zu ermessen vermag. Er setzt sich auf den spitzigen Blitzableiter der Synagoge. Er zappelt unwillig mit Händen und Füßen, denn er war Antisemit. Dann ließ er nach und gab sich zufrieden. –

Ja, meine Lieben! Im ersten Augenblicke ist einem manches nicht angenehm, aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles. Ach ja! – Nicht lange, so hatt ich ihn und seinen Luftball, ja sogar den atmosphärischen Dunstkreis unseres Erdballes weit hinter mir.

Es sauste bereits ein Komet an mir vorüber, jedoch so eilig, daß ich nur konstatieren konnte, es war eine runde, hohle, durchscheinende Kuppel von Milchglas, die ein Loch hatte, aus dem geräuschvoll ein leuchtendes Gas entströmte, welches nach hinten den Schweif, nach vorne, vermutlich durch Rückstoß, die rapide Bewegung dieses merkwürdigen Sternes erzeugte.

Wenige Sekunden später passiert ich den Tierkreis.

Die hübsche „Jungfrau“ mit den gesunden „Zwillingen“, auf jedem Arm einen, schielte zärtlich nach dem „Schützen“ hinüber, einem schmucken, blonden, krausköpfigen Burschen, dessen Flügel schön bunt, dessen Köcher, Bogen und Pfeile von Gold sind.

Nicht weit davon in seiner Butike saß der schlaue krummnasige „Wassermann“ – Juden gibt’s doch allerwärts! – und regulierte die „Waage“ zu seinen Gunsten.

Nun aber tat ich einen Satz, den ich mir selber, und das will was heißen, kaum zugetraut hätte. Der Aufschwung, den ich mir gegeben, war dermaßen kräftig, daß ich nicht bloß die äußere Kruste der Welt durchstieß, sondern auch noch eine erkleckliche Strecke weit hinausflog in den leeren unermeßlichen Raum. Hier stand ich still, drehte mich um und verschnaufte mich. Durch die gemachte Anstrengung war ich weißglühend geworden. Und nun kam der erhabenste Augenblick meines Lebens.

Von meinem Ich allein, von einem einzigen Punkte aus, durch die unendliche Nacht, warf ich einen elektrisch leuchtenden Strahlenkegel auf die Weltkugel, die in ziemlicher Entfernung mir grad gegenüber lag. Sie hatte wirklich ein Ende und sah von weitem aus wie ein nicht unbedeutender Knödel, durchspickt mit Semmelbrocken.

Tief versunken in das überwältigende Schauspiel, hatt ich fast nicht beachtet, daß ich anfing mich abzukühlen. Mein Licht brannte matter. Die Aussicht, im nächsten Augenblicke ganz allein in der leeren Dunkelheit zu sitzen, wo es obendrein kalt wurde, erschreckte mich doch. Es war die höchste Zeit.

So schnell ich nur konnte, eilt ich der Welt wieder zu und fand auch glücklich das Loch wieder, wo ich herausgekommen. Ich bohrte tiefer und tiefer; aber noch geblendet von meinem eigenen Lichte von vorhin, kam mir alles so dunkel vor. Ich tappte hierhin und dahin. Endlich fühlte ich was Rauhes. Es war der Schwanz des „Kleinen Bären“. Sofort orientierte ich mich, rutschte ein gutes Stück weit an der Himmelsachse hinunter und sprang dann, sobald unser kleines Erdel in Sicht kam, nach seitwärts in der Richtung der gemäßigten Zone hinab.

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Die geographische Lage des Ortes, wo ich mich niederließ, war mir ganz und gar unbekannt. Ich weiß nur, daß ich auf der linken Hand eines jungen Mädchens saß, welches mich scharf fixierte, während es mit der Rechten zu einem Klapse ausholte, der mich sicher zermatscht hätte, wie eine Stechmücke, wär ich nicht schnell auf und davon gewitscht. So war ich denn zum erstenmal auf meiner Reise unter Menschen geraten, welche scharfsinnig genug waren, mich trotz meiner Wenigkeit zu bemerken.

Um zu probieren, ob ich auch verstanden wurde, näherte ich mich einem Schäfer, der, unter einem schattigen Baume liegend, sein Vesperbrot verzehrte, bestehend aus einer Flasche Rotwein nebst drei gebratenen Tauben.

Ohne irgendwelches Erstaunen, ohne seine Tätigkeit im geringsten zu unterbrechen, nickte er mir auf meinen Gruß: Prostemahlzeit! sein gemütsruhiges: Danke! zu.

Während er nach Erledigung der Flasche seine dritte Taube entknöchelte, sagt ich zu ihm:

„Ihr lebt hier, scheint’s, im Reiche der Behaglichkeit, guter Freund!“ „Mag wohl sein!“ gab er schon halb träumend zur Antwort. Dann mümmelte er noch ein Weilchen so hin an dem letzten Taubenflügel, der ihm halb aus dem Munde stand, und verfiel in einen dermaßen erquicklichen Schlummer, daß es weithin vernehmlich war.

Eduard schnarche nicht so!

ließ sich wieder die Stimme verlauten.

Wieso? dacht ich und flog wohlgemut weiter, um über Sitten und Bräuche des Landes meine näheren Erkundigungen einzuziehn.

Durch das einmütige Zusammenwirken sämtlicher Forscher auf sämtlichen Gebieten der Wissenschaft war hier in der Tat ein solch angenehmes Kommunalwesen zustande gekommen, daß selbst ein im Hergebrachten verhärteter Kopf hätte zugeben müssen, es sei mehr, als er jemals für möglich gehalten.

Gewöhnliches Mehl, soviel man brauchte, wurde einfach aus Sägespänen gemacht, das feinere für die Konditer auf etwas weitläufigerem Wege aus Bettstroh und Seegrasmatratzen. Zucker hatte man gelernt ohne weiteres herzustellen, ohne auch nur einer einzigen Rübe ein gutes Wort geben zu müssen. Aber das Wichtigste war, daß man keine Kohlen mehr nötig hatte. Vermittelst sinnreicher Brennglasapparate sammelte man während der guten Jahreszeit nicht bloß so viel Sonnenwärme, als zum Betriebe aller Maschinen, Öfen, Lampen, Töpfe und Wärmflaschen des Landes erforderlich war, sondern auch zu bloßen Belustigungszwecken noch immer was drüber. Daß dadurch den Leuten hier die Einrichtung einer bequemen bürgerlichen Gemeinschaft bedeutend erleichtert wurde, war überall ersichtlich. Man tut gleich wenig und hat gleich viel. Nur der, welcher grad Dünger fährt, kriegt einen Schnaps extra. Mit dem fünfunddreißigsten Jahre zieht man auf die Leibzucht. Stehlen hat keiner mehr nötig; höchstens wird von kleinen Knaben noch mal hin und wieder eine Zigarre stibitzt. Man betrachtet dergleichen als angeborenen Schwachsinn, wo der Betreffende im Grunde nichts für kann, und bringt ihn deshalb in die Anstalt für Staatstrottel zu den übrigen. Auch andere Krankheiten gibt’s wohl noch, doch hat man Mittel gefunden, daß keine mehr weh tut, und was das Faulfieber betrifft, welches, besonders in den wärmeren Monaten, nicht eben sehr selten ist, so kuriert man es nach und nach durch Wohlwollen und nachsichtige Behandlung. Man muß nur Geduld haben.

Der Tod ist freilich auch hierzulande nicht ausgeschlossen; nur ist man viel zu aufgeklärt und besitzt im Hinblick auf die Höhe der eigenen Leistungen ein viel zu edles Selbstgefühl, um sich der Befürchtung hinzugeben, es könne hernach am Ende doch etwas passieren, woran niemand eine rechte Freude hat.

So weit wäre ja alles recht schön! dacht ich. Aber wie sah’s aus mit der Neidhammelei der Dummen gegen die Gescheiten und der Garstigen gegen die Wohlgeformten, besonders bei den Herren? Wie, vor allen Dingen, verhielt es sich mit der Strebsamkeit der Liebe, so daß der Zappermentshansel immer oben drauf sein möchte im Herzen der Grete und es partout nicht leiden will, daß sie den Malefizjochen noch lieber hat als ihn?

„Jah!“ sagte mir ein phlegmatischer Leibzüchter. „War schlimm! Früher auch viel Last gehabt damit. Jetzt vorbei. Schon längst die Kon-kurrr-renz-drrrüüse–“

Eduard schnarche nicht so!

rief die Stimme. Ich hörte aber nicht hin danach.

„– die Konkurrenzdrüse entdeckt!“ fuhr der Leibzüchter fort; und dann beschrieb er das Weitere. Sie sitzt hinter dem einen Ohre, tief in der Gehirnkapsel. Ausbohrung obligatorisch. Erfolg durchschlagend. Er hatte recht. Mit dem Gedrängel und der Haßpasserei war’s aus daselbst. Man gönnte jedem seine Schönheit und seine Gescheitheit und seine Frau auch, sie mochte so verlockend sein, wie sie wollte, und ob die Grete den Hans kriegte, oder den Jochen, oder den alten Nepomuk, das war ihr und überhaupt jedem egal.

So lebten denn da herum die Leute in einer solch wöhnlichen und wohldurchdachten Gemeinschaft, daß sie unsern Herrgott und seine zehn Gebote nicht mehr nötig hatten.

Nur eins war schade. Das Lachen hatte aufgehört. Zwar hat man Lachklubs und Lachkränzchen für jung und alt; man läßt sich den dümmsten Stoffel und die garstigste Trine aus dem Spital kommen und besichtigt sie von allen Seiten; man lacht, aber es geht nicht so recht. Es ist ein heiseres, hölzernes, heuchlerisches Lachen.

Und natürlich, meine Lieben! Jenes selige Gefühl, wobei das ganze Gesicht glanzstrahlend aus dem Leime geht; jenes wonnige Bewußtsein, daß wir wen vor uns haben, der noch dümmer oder häßlicher ist als wir selber; diese aufrichtige Freude an der Bestätigung unserer überwiegenden Konkurrenzfähigkeit, deren lauten oder leisen Ausdruck wir Lachen oder Schmunzeln nennen, konnte unter derartig geregelten Verhältnissen nicht mehr vorkommen. Daß sich aber dagegen eine gewisse sanfte Eintönigkeit herbeischleichen würde, deren Wert man nur selten zu schätzen weiß, das ließ sich wohl annehmen.

Und so war’s. Sie hatten gemütliche Parkanlagen; aber an jedem Baum hing wer. Die Eingeborenen freilich spazierten herum dazwischen und hatten nichts weiter dabei. Ich konnte mich aber nicht recht daran gewöhnen.

Es war eine größere Insel, auf der ich mich befand. Ich flog übers Meer.

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Unterwegs, als ich bei einer ganz kleinen Insel vorüberkam, sah ich mehrere antike Sirenen auf ihren Nestern sitzen. Ihre Gesichter waren faltig, wie dem Großvater sein lederner Tobaksbeutel, und Stimme hatten sie auch nicht mehr, sondern schnatterten wie die Gänse. Da sie nicht länger, weder durch Gesang noch durch Händewinken und Augenzwinkern, den Schiffer bezaubern konnten, versuchten sie’s vermittelst goldener Eier, die sie selber gelegt hatten, und als ich mich auf nichts einließ, schmissen sie damit, und ich merkte wohl an einem, welches dicht an mir vorbeiflog, daß sie nicht echt waren, und freute mich, daß mich keins traf, wegen meiner Geringfügigkeit, und so erreicht ich wohlbehalten das Festland, ohne vergüldet zu werden.

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PAtScHWOrK, DIe Schlafwandlerin, 2008Zunächst besucht ich, um endlich mal zu erfahren, was eine Sache ist, abgesehen davon, wie sie uns vorkommt, einen weitberühmten Naturphilosophen, der mir zu diesem Zwecke besonders empfohlen war.

Derselbe begrüßte mich unter der Haustür und führte mich, als er gehört, was ich wollte, sogleich mit überlegener Höflichkeit in sein geräumiges Arbeitszimmer.

Er trug ein rotes Samtkäppchen mit grüner Hahnenfeder, einen Schlafrock von Maulwurfsfellen, eine hirschlederne Hose und spitze Pantoffeln von Krokodilshaut. Seine Nase glich der Mohrrübe, sein Auge der Walnuß, sein Mund der Sparbüchse, sein Bart den Fischgräten, und auf dem Kinn hatte er eine Warze sitzen, die aussah wie ein vollgesogener Zeck.

Obgleich sein Benehmen durchaus ernsthaft erschien, war mir’s doch, als müßte sich unter der Haut seines ehrwürdigen Gesichtes ein verschmitztes Lächeln verbergen; ein Argwohn, der zusehends verschwand, als ich die wundersamen Gegenstände bemerkte, welche dieser außerordentliche Mann nicht bloß zu sammeln gewußt, sondern auch auf das liebenswürdigbereitwilligste zu zeigen geruhte.

Auf Tischen, Stühlen, Schränken standen und lagen durcheinander Bücher, Präparate in Spiritus, ausgestopfte Vögel, Automaten und sonstige Schosen.

Drei Papageien, die stets wiederholten, was der Meister gesagt hatte, schaukelten sich auf einer schwebenden Stange.

„Vorerst, mein Wertester“, so begann er, „betrachtet Euch gefälligst dies automatische Kunstwerk!“

Knarrend zog er es auf. Es war ein Fischreiher, in einer Schale voll Wasser stehend, worin sich ein Aal befand. Der Reiher bückte sich, erfaßte den Aal, hob ihn in die Höhe, verschluckte ihn und stand dann, gleichsam befriedigt, in Gedanken. Aber bereits im nächsten Augenblicke schlüpfte der geschmeidige Fisch wieder hinten heraus. Wieder mit unfehlbarer Sicherheit ergriff ihn der langgeschnäbelte Vogel, ließ ihn hinuntergleiten und wartete sinnend den Erfolg ab, und wieder kam der Schlangenfisch am angeführten Orte zum Vorschein, um nochmals verschlungen zu werden, und so gings fort und fort.

„Dies“, erklärte der Meister, „ist der, ›Kreislauf der Dinge‹!“

Darauf nahm er ein unscheinbares Gerät vom Schranke. Es war eine kleine Wehmühle. Er blies den Staub davon, hielt sie mir vor und sprach bedeutungsvoll:

„Hier, mein Geschätzter, seht Ihr das ›Ding an sich‹, das vielberufene, welches vor mir noch niemand erkannt hat.“

Er drückte auf einen Knopf. Die Mühle fing langsam zu fächeln an. Ein ungemein molliges Gefühl überkam mich, als würd ich von zarten Händen so recht sanft hinter den Ohren gekraut.

Er drückte zum zweiten Male auf den Knopf. Nur das feinste Diner kann der Zunge ein solches Wohlgefallen bereiten, wie es mir jetzt zuteil wurde.

Er drückte zum dritten Male. Nun kam der Geruchsinn an die Reihe. Erschrocken blickt ich den Meister an. Doch nicht der leiseste Zug einer verdächtigen Heiterkeit störte den Ausdruck seines ehrbaren Gesichtes.

Schon berührte er den Knopf zum vierten Male. Ein prachtvoller Parademarsch erklang.

Er drückte zum fünften Mal. Ein Feuerwerk sprühte auf, so herrlich, daß es sich der Prinz an seinem Geburtstage nicht schöner hätte wünschen können.

„So ist denn“, sprach er erklärend, „alles das, was zwischen uns und den Dingen an sich passiert, nichts weiter als eine Bewegung, bald schneller, bald langsamer, in einer Äther- oder Luftschicht, die bald dicker, bald dünner ist.“

„Auch die Gedanken?“ fragt ich.

„Auch sie!“ erwiderte der Meister. „Wir werden gleich sehen!“

Er stellte die Wehmühle weg und kriegte eine Windmühle her. Sie war nach dem gleichen System gearbeitet wie diejenigen, welche man in die Wipfel der Kirschbäume stellt, um die Spatzen zu verscheuchen, nur war sie viel kleiner und hatte Flügel von Papier. Indem er mir dieselbe entgegenhielt, rief er ermunternd:

„Wohlan, mein Bester! Jetzt denkt mal drauf los!“

Ich nahm mich zusammen und dachte, was ich nur konnte, und je eifriger ich dachte, je eifriger drehten sich die Papierflügel der Mühle, und klappern tat sie, daß es selbst ein erfahrener alter Sperling nicht gewagt hätte, in ihre Nähe zu kommen.

„Je mehr Wind, je mehr Lärm!“ sprach der Gelehrte erläuternd.

„Und Lust und Leid des Herzens“, forschte ich weiter, „sind die gleichfalls Bewegung?“

„Gewiß!“ erhielt ich zur Antwort. „Nur schraubenförmig!“

Damit nahm er vom Gesimse ein zierliches Gestell, worin horizontal ein Pfropfenzieher lag, den man vermittelst einer Kurbel in drehende Bewegung setzen konnte.

„Nur zu!“ rief ich erwartungsvoll.

Er schloß das linke Auge und fixierte mich blinzelnd mit dem rechten. „So geht es noch nicht!“ sprach er zögernd. „Denn wie ich bemerke, mein Lieber, ist Eure Konstitution etwas anders beschaffen, als wie es sonst üblich ist. Darum bitt ich, zuvörderst hier Platz zu nehmen in dem Sessel der höheren Empfindsamkeit!“

Dies war ein ungemein weich gepolsterter Lehnstuhl. Ich ließ mich darauf nieder. Der Meister näherte sich mit der Schraube und fing an vorwärts zu drehen.

Ein unsagbar peinliches Gefühl durchbohrte mein innerstes Wesen. Ich hätte laut aufschreien mögen. Es war, als wäre meine alte Großtante gestorben.

„Der Schmerz ist positiv!“ sprach der Meister gelassen.

Und nun drehte er rückwärts. Der Schmerz ließ nach. Es durchströmte mich, wie ein großes unerwartetes Glück. Es war, als hätte mir die Selige eine halbe Million vermacht.

„Die Freude ist negativ!“ erklärte der Meister, indem er die Seelenschraube wieder an ihren Platz stellte.

Um die Geduld des freundlichen Gelehrten nicht übermäßig in Anspruch zu nehmen, hielt ich es jetzt für angemessen, mich bestens zu empfehlen.

„Noch eins!“ sprach er und führte mich an seinen Schreibtisch.

In einem großen Glase voll Spiritus saß ein wunderliches Geschöpf, welches die größte Ähnlichkeit hatte mit einem überreifen Kürbis, woran unten, scheinbar als Gliedmaßen, ein paar kümmerliche Ranken hingen.

„Dies“, so demonstrierte der Meister, „ist der Mensch von vor tausend Millionen Jahren, ehe er herabsank zum verächtlichen Lanzetttierchen, von welch letzterem wir uns wenigstens in der Gegenwart so weit wieder aufgerappelt haben, daß wir hoffen dürfen, auch in der Zukunft noch mal wieder etwas Rechtes zu werden.“

„Schön ist er nicht!“ meint ich enttäuscht.

„Aber schlau!“ fiel mir der Forscher ins Wort. „Ich hab ihm den Kopf visitiert. Die zweifelhafte Unterscheidung zwischen hier und dort, zwischen heute und übermorgen, die uns jetzt so viele Verlegenheiten bereitet, gab’s damals nicht; die Frage, ob zwei mal zwei vier sei, oder sonst was, ließ man unentschieden; und was die Grundsätze der Geometrie betrifft, so kann ich wenigstens so viel mit Bestimmtheit versichern, daß zu jenen Zeiten die krümmste Linie der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten war.“

Hier machte der Naturphilosoph eine Pause, die mir Zeit ließ, ihm meine Bewunderung auszudrücken und zugleich noch ein weiteres Problem zu berühren.

„Hochverehrtester!“ hub ich an. „Darf ich mir zum Schluß noch eine kleine Anfrage gestatten?“

Er nickte verbindlich.

„Wie“, fragt ich, „steht es mit der Ethik? Was muß der Mensch tun, daß es ihm schließlich und ein für allemal gut geht?“

Ohne sich lange zu besinnen, öffnete der Weise eine Schublade, nahm eine Flöte heraus, schob sie auf seine Nase, kniff den Mund zu, blies die Backen auf und fing an zu fingern und zu trillern und zu quinquilieren, wie ein gut geschulter Kanarienvogel, der auf der Geflügelausstellung den ersten Preis gekriegt hat.

Als er hiermit aufgehört, fragte er kurz:

„Verstanden? Überzeugt?“

„Nicht so ganz!“ gab ich verlegen zur Antwort.

Nun begann er aufs neue, indem er abwechselnd sang und flötete und dabei den Kopf gar gefällig von einer Seite zur andern wiegte:

„Wer nicht auf gute Gründe hört,
trideldi!
Dem werde einfach zugekehrt
trideldi!
Die Seite, welche wir benützen,
Um drauf zu liegen und zu sitzen,
triddellitt!“

Hiermit brach er kurz ab, legte die Flöte beiseite, drehte sich um, wickelte sich stramm in seinen Schlafrock, nahm eine gebückte Stellung an, krähte wie ein alter Cochinchinagockel und verschwand im Hinterstübchen.

Die Papageien krähten gleichfalls. Einen Augenblick stand ich starr. Dann entfernt ich mich mit fabelhafter Geschwindigkeit.

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Links vor mir lag ein anmutiges Tal, durchschnitten von einer breiten, musterhaft angelegten Chaussee, an deren Seiten die köstlichsten Obstbäume standen; rechts aber erhob sich, allmählich ansteigend, das Gebirge, immer höher und höher, bis es zuletzt fern oben in den Wolken verschwand.

Zu Fuß, zu Roß, zu Wagen bewegte sich eine Menge fröhlich erhitzter Menschenkinder den breiten Weg entlang, als ob irgendwo etwas Besonderes los wäre; alle in der nämlichen Richtung. Nur einer kam zurückgelaufen. Er sah lumpig, geschunden und verstört aus, sprang über den Graben und rannte querfeldein, wie besessen, ohne sich umzusehn. „Der Franzel ist närrisch geworden!“ sagten die Leute so beiläufig und zogen lachend vorüber.

Bald bemerkt ich, wo sie hin wollten.

Ungefähr da, wo der breite Weg, dem felsigen Walde sich nähernd, in einen dunklen Tunnel verlief, stand das Wirtshaus „Zum lustigen Hinterfuß“, ein altes, geräumiges, neu wieder aufgeputztes Gebäude und allgemein beliebt als Vergnügungsort schon seit undenklichen Zeiten.

Der Wirt, im übrigen ein jovialer Mann, zog das eine Bein etwas nach. Er hatte mal in seiner Jugend, so wurde gemunkelt, bei einer Schlägerei, die nicht günstig für ihn ablief, einen ekligen Fall getan.

Seine sieben reizenden Töchter, die man scherzweise die „sieben Todsünden“ zu nennen pflegte und die dem väterlichen Geschäfte natürlich sehr förderlich waren, begrüßten mit Kußhänden vom hohen Balkon herab die ankommenden Gäste.

Unten aber, aus einem Fenster des Erdgeschosses, wo sich die Küche befand, streckte eine verwitterte Hexe, die uralte Großmutter des Wirts, ihren spähenden Kopf hervor. Sie war die Köchin des Hotels, und ihre Nase war schwarz von Ofenruß.

Obgleich sich in den Gesellschaftsräumen des gastlichen Hauses eine etwas drückende Schwüle bemerklich machte, herrschte doch durchgehends unter jung und alt und hoch und niedrig die ungezwungenste Heiterkeit. Besonders abends, nachdem bei festlicher Beleuchtung Musik und Tanz begonnen, ging es so lustig zu, daß vom „Heimgehn“ nicht gern wer was hören wollte, und als dennoch einer sich erhob und auf etwas Derartiges anspielte, riefen einige: Maul halten! und raus mit ihm! aber die meisten hörten gar nicht hin, sondern taten genauso, als ob dies einer wäre, der nicht da ist.

Unter den anwesenden Gästen erkannte ich verschiedene Personen, die mir während meiner Reise schon mal vorgekommen waren, z.B. den optimistischen Landwirt, der unter den Stellwagen geriet. Er wurde glücklich geheilt. Das Bein war krumm geblieben. Doch bekam er, wie er triumphierend erzählte, im Spätherbst die dicksten Kartoffeln.

Wie es im Traume zu geschehen pflegt, empfand ich über diese Begegnungen nicht das mindeste Erstaunen. Nur eins machte mich stutzig. Nämlich der viel zu gute Mensch, dessen Vorhandensein mich damals so ausnehmend befriedigt hatte, daß der auch mit hier war und sogar mit einer von den Töchtern des Wirtes in einer lauschigen Nische Champagner trank, das konnt ich nicht klein kriegen.

Nachdenklich und erhitzt flog ich zum Dach hinaus, um mich in der Nachtluft etwas abzukühlen, und setzte mich auf die Wetterfahne, und wie sie sich drehte, ging es immer: Züh, knarrr! Züh, knarrr!

Eduard schnarche nicht so!

ließ sich wieder mal die bewußte Stimme vernehmen. „Schon recht!“ dacht ich und fuhr Karussell auf der wirbelnden Fahne, daß es noch viel ärger knarrte als zuvor.

Von hier bemerkte ich etwas immerhin Auffälliges.

Es mochte so um Mitternacht sein, als ein eigentümlicher Hotelomnibus an der Hintertür vorfuhr. Er war schwarz angestrichen und hatte silberne Beschläge. Er war nicht zum Sitzen eingerichtet, sondern zum Liegen. Er wurde nicht hinten aufgemacht, sondern oben. Er holte keine Gäste her, sondern brachte nur welche weg. Einige derselben, die „abgefallen“ waren, wurden von den Hausknechten herbeigetragen und hineingelegt. Der Kutscher, mit schwarzem Hut und schwarzem Mantel, sah recht vergnügt aus, obgleich er so blaß und mager war wie ein Hungerapostel. Er rief seinen gleichfalls mageren Rappen ein hohl klingendes Hü! zu, und langsam bewegte sich das Fuhrwerk in den „Tunnel“ hinein.

Inzwischen nahm das Tanzvergnügen seinen ungestörten Fortgang.

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pygar, Moonlight Dancer, 2013Morgens früh, sobald es anfing zu dämmern, begab ich mich ein paar Meilen zurück und suchte den Fußweg auf, welcher, rechts neben der Chaussee allmählich im Walde aufsteigend, nach der „Bergstadt“ führte, von der ich so viel Rühmliches und Wunderbares gehört hatte, daß ich den Entschluß faßte, sie aufzusuchen.

Ich gesellte mich zu vier munteren Wanderburschen, die auch schon dahin unterwegs waren. Sie sahen sehr unternehmend aus und hatten ein großes Wort und sagten, da wollten sie bis Mittag schon droben sein, noch ehe der Löffel ins Warme ginge. Sie erzählten mir auch gleich, wie sie hießen und wo sie her wären und was sie für ein Metier hatten. Es waren vier „gute Vorsätze“.

Sie stammten aus einer fetten Gegend, aus Hinnum bei Herrum, wo man die guten Schmalzkücheln backt und die Kirchweih acht Tage dauert.

Der eine hieß Willich, der andere hieß Wolltich, der dritte hieß Wennaber und der vierte hieß Wohlgemut.

Willich hatte eine rote Nase, Wolltich ein rundes Bäuchlein, Wennaber eine schwarze Hornbrille, und wie verdammt hübsch der Wohlgemut aussah, das wußte er schon selber.

Natürlich fragten sie jetzt auch nach meinen Verhältnissen, worauf ich erwiderte: „Ich bin aus leer, ich denke sehr und weiß noch mehr, wie ich aber heiße, das sag ich euch nicht.“

„Dann soll er Spirrlifix heißen!“ rief der neckische Wohlgemut.

Und darüber lachten die drei andern, daß dem Willich die Nase blau wurde, dem Wolltich drei Knöpfe aus der Weste sprangen und dem Wennaber die Brille anlief vor Freudentränen.

Ich war nicht erbaut von solchen Späßen. Ich schwang mich nach oben und schwebte mindestens drei Meter hoch über der Gesellschaft.

Unter lebhaften Gesprächen marschierten sie bergan.

Mittlerweile stieg die Sonne auch höher und schien schon recht warm durch die Bäume. Wolltich, der Dicke, zog seine Joppe aus und hing sie an den Stock; Wohlgemut fing an zu flöten.

„Jungens, rennt nicht so!“ sagte Willich. „Ich habe mir am linken Hacken eine Blase gelaufen!“

„Wenn wir nur kein Gewitter kriegen!“ meinte der bedenkliche Wennaber.

Unter etwas weniger belebten Gesprächen marschierten sie bergan. Inzwischen stieg die Sonne noch höher und schien brühwarm durch die Bäume.

Willich blieb stehn.

„Was meint ihr zu dieser?“ sprach er lächelnd und zog eine bedeutende Flasche hervor.

Wolltich blieb auch stehen.

„Was meint ihr zu der?“ sprach er schmunzelnd und zog eine noch bedeutendere Wurst aus dem Ranzen.

Wennaber blieb gleichfalls stehen.

„Wenn wir nur nicht“ – fing er zögernd an, aber Wohlgemut, der ebenfalls stehengeblieben, schnitt ihm das Wort ab und rief freudig: „Heraus mit der Klinge!“ und klappte unternehmend sein Taschenmesser auf.

Dann suchten sie sich ein kühles Plätzchen, breiteten ihre Schnupftücher auf den Rasen und servierten das Frühstück. Ich setzte mich auf einen dürren Ast und sah zu.

„Spirrlifix, komm runter!“ rief mir der gutmütige Wolltich zu und zeigte die Wurst her, und Willich schwenkte die Flasche.

Ich dankte. Ich war erhaben über dergleichen.

„Wer nichts mag, ist der Beste!“ scherzte Wohlgemut, und das brachte Wolltich ins Lachen, und dann kriegte dieser einen Hustenschauer, und der ängstliche Wennaber klopfte ihm den Rücken, daß er nur wieder zu Atem kam.

Und nun langten sie zu und zeigten, was sie konnten, und daß sie tatkräftige Leute waren, wenn’s ernstlich drauf ankam.

Willich ließ den Wein leben, Wohlgemut die Weiber, und Wennaber fing an: „Es lebe die Weis–“ – aber ehe er ausgesprochen, schrie Woltich: „Es lebe die Wurst!“

Darauf, als sie sich ausreichend erquickt hatten, marschierten sie unter den lebhaftesten Gesprächen wieder bergan.

Inzwischen stieg die Sonne so hoch, wie sie nur konnte. Fast perpendikulär von oben blickte sie durchdringend auf die Schädel der Wanderer. Das Gespräch stockte. Die Schritte erlahmten.

Zuerst blieb Willich zurück. Rechts vom Wege stand ein dicker Baum. Hinter diesen setzte sich Willich, zog seinen linken Schuh aus und rieb sich überhaupt mit Hirschtalg ein.

Dann blieb Wolltich zurück. Rechts vom Wege stand noch ein dicker Baum. Hinter diesen setzte sich Wolltich.

Wennaber und Wohlgemut, welche nichts davon gemerkt hatten, marschierten schweigsam bergan.

Wir zogen am Rande eines sandigen Abhangs hin, der sich bis unten ins Tal erstreckte, und befanden uns nun an einer Stelle, von wo man eine dankbare Aussicht nach links hatte. Am Fuße des Berges sah man deutlich das reizende Etablissement liegen, welches ich in der Frühe verlassen hatte. Es tönte Musik her auf. Es war Gartenkonzert.

Jetzt blieb Wohlgemut auch zurück. Rechts am Wege stand noch ein dritter dicker Baum. Hinter diesen stellte sich Wohlgemut, kriegte sein Perspektiv heraus, und als er durch dasselbe bemerkte, daß unten im Garten viele hübsche Mädchen saßen, schob er’s wieder ein, schlich sich an den Abhang und ließ sich hinunterrutschen.

Willich, der eben wieder hinter seinem Baum hervortrat und sogleich sah, wo Wohlgemut hin wollte, fing gleichfalls das Rutschen an, und Wolltich, der ebenfalls wieder hinter seinem Baume hervorgetreten war und dem die Sache auch gleich einleuchtete, rutschte auch hinterher.

So marschierte denn nun der nachdenkliche Wennaber, welcher die Abwesenheit seiner Kollegen nicht beachtet hatte, nur allein noch bergan. „Kinder!“ sprach er. „Je mehr ich mir diese Sache, die wir vorhaben, überlege, je mehr finde ich, daß diese Sache, die wir vorhaben, sehr zweifelhaft ist. Wie denkt ihr darüber?“

Bei diesen Worten drehte er sich um, und als er niemanden sah, sprach er:

„Meine Brille ist angelaufen, denn ich habe transpiriert!“

Er setzte sie ab und putzte sie mit Hilfe seines Rockschlappens, und dann setzte er sie wieder auf. Aber seine Kollegen konnte er nicht dadurch wahrnehmen. Doch ja! Dort unten rutschen sie.

Wennaber war sehr geneigt zum Überlegen, wenn er aber mal wußte, was er eigentlich wollte, dann war sein Entschluß kurz, fest und unabänderlich.

So auch jetzt. Er setzte sich rittlings auf seinen Wanderstab und rutschte gleichfalls den Berg hinunter und kam fast noch eher an als die drei andern.

Ich stieg weiter. Der Weg machte eine steile Wendung nach rechts hinauf.

David Clark, Diana by Moonlight, 2018Auf einmal gab’s ein Gerassel. Erst kam mir etwas Steingeröll entgegengekollert, dann ein Sack voll Geld, dann ein runder Filzhut, dann eine goldene Schnupftabaksdose, dann ein runder Herr mit einem mannigfaltigen Charivari an der Uhrkette, was hauptsächlich das Rasseln tat, und dann rutschten sie alle nacheinander den Abhang hinunter, bis unten in den Chausseegraben. Hier angelangt inmitten seiner Effekten, verharrte der Reisende zunächst in einer liegenden Stellung. Darnach setzte er sich zunächst auf den Geldsack und nahm eine Prise und besah sich die Rutschbahn, die er soeben durchmessen hatte. Darnach klopfte er seinen staubigen Filzhut aus, warf den Sack auf die Schulter und begab sich in das Wirtshaus „Zum lustigen Hinterfuß“.

Ich stieg weiter. Der Weg wurde steiler und steiler.

Vor mir schritt ein Wanderer, ein Handelsmann, wie’s schien, welcher eine Kiepe mit Glaswaren auf dem Rücken trug. Er ging mühsam und bedächtig, und als er einen passenden Baumstumpf fand, stellte er die Kiepe darauf und setzte sich ins Gras daneben, um auszuruhn.

„Ach Gott!“ sprach er seufzend. „Wie muß der Mensch sich plagen!“ Sofort, nachdem er diese Äußerung getan hatte, kam ein Wirbelwind durchs Gebüsch dahergerauscht und warf den Korb auf die Erde, daß alle Gläser zerbrachen.

„Sieh!“ rief der erschrockene Handelsmann. „Kaum sagt man ein Wort, so stößt Er einem die Kiepe auch noch um!“

Er war sehr niedergeschlagen. Aber bald faßte er sich wieder, ging an den sandigen Abhang, setzte sich in die leere Kiepe, benutzte seinen Stecken als Steuer und kutschierte eilig ins Tal hinunter. Es dauerte auch nicht lange, so sah ich ihn drunten im Wirtsgarten, und der Herr mit dem Charivari und die vier guten Vorsätze hießen ihn bestens willkommen. Es mußten wohl alte Bekannte sein. Und die Musik spielte grade ein herrliches Potpourri.

Ich stieg weiter. Die Bäume wurden knorriger, die Felsen schroffer.

In einer Höhle, auf seinem Sitze festgebunden, den Rücken nach dem Lichte, das Gesicht nach der Wand gekehrt, saß der unglückliche Mensch, der, nun schon mehr als zehntausendmal wiedergeboren, doch noch immer von den Dingen, welche draußen vorbeipassierten, nichts weiter zu erkennen vermochte als ihre Schatten, die sie vor ihm an die Wand warfen.

Als ich vor der Öffnung der Höhle einige Sekunden stillstand, hielt er mich für einen schwarzen Fliegenklecks an seiner Mauer und begrüßte mich als solchen.

Mit überlegenem Lächeln verließ ich ihn.

Noch ehe ich um die nächste Felsenecke gebogen, vernahm ich ein klatschendes Geräusch, ähnlich dem, welches die Köchin verursacht, wenn sie den Braten klopft.

Nicht lange, so befand ich mich einem tätigen Manne gegenüber, der sich vermittelst eines Ochsenziemers dermaßen den entblößten Rücken zerpeitschte, daß man wohl sah, es waren Schläge, die Öl gaben.

„Was treibt Ihr denn da, guter Freund?“ so fragt ich ihn.

„Das Leben ist ein Esel! Ich prügle ihn durch!“ so schrie er und arbeitete weiter.

Ich begab mich höher hinauf.

Nicht lange war ich gestiegen, als ich auf einem kahlen Platze einen kahlen Mann sitzen sah, der immer in dieselbe Stelle guckte.

„Was treibt Ihr denn da, bester Freund?“ so fragt ich ihn.

„Das Leben ist ein Irrtum! Ich denke ihn weg!“ gab er zur Antwort. Er hatte sich schon alle Haare weggedacht und dachte doch immer noch weiter.

Ich begab mich höher hinauf; und alsbald, so erreicht ich eine verfallene Einsiedelei, worin auf einem bemoosten Steine ein bemooster Klausner sich niedergelassen, der kein Glied rührte.

„Was treibt Ihr denn da, alter Freund!“ so fragt ich ihn.

„Das Leben ist eine Schuld! Ich sitze sie ab!“ so gab er zur Antwort und saß ruhig weiter.

Er mußte wohl schon lange gesessen haben, denn ein Faulbaum war ihm kreuz und quer durch die Kutte gewachsen, und in seiner Kapuze saß ein Wiedehopfsnest mit sechs Jungen, die sich weiter keinen Zwang antaten.

Nicht lange, nachdem ich diesen würdigen Eremiten respektvoll verlassen hatte, wurde der Wald weniger knorrig und plötzlich ganz hell. Vor mir ausgebreitet lag eine weite, grüne, blumenreiche Wiese, in deren Mitte sich ein mächtiges Schloß erhob. Es hatte weder Fenster, noch Scharten, noch Schornsteine, sondern nur ein einziges fest verschlossenes Tor, zu dem eine Zugbrücke über den Graben führte. Es war aus blankem Stahl erbaut und so hart, daß ich trotz verschiedener Anläufe, die ich nahm, doch partout nicht hineinkonnte. Eine peinliche Tatsache. Die Freiheit des unverfrorenen Überalldurchkommens, auf die ich mir immer was eingebildet, war entweder merklich geschwunden, oder es gab Sachen, die mir sowieso schon zu fest waren.

Ich fragte einen steinalten Förster, der am Rande des Waldes stand, was denn das hier eigentlich wäre. Er schien nicht gut hören zu können, legte die Hand hinters Ohr, sah mich stumpfsinnig an und sog dabei heftig an seiner kurzen Pfeife, die er jedenfalls lange nicht rein gemacht hatte. Sie gurgelte und schmurgelte.

Eduard schnarche nicht so!

rief die Stimme. Ich hörte nicht weiter hin, sondern fragte den Förster zum zweiten Male:

„Alter Knasterbart! Könnt Ihr mir nicht sagen, was das hier für ein Schloß ist?“

„Kleiner Junker!“ gab er zur Antwort. „Zu denen, die das nicht wissen, gehöre auch ich. Dahingegen mein Großvater, der hat mir oft gesagt, daß er es auch nicht wüßte, aber was sein Großvater gewesen wäre, der hätte ihm oft erzählt, es wäre so alt, daß das Ende davon weg wäre; und daß da ein heimlicher Tunnel wäre zwischen dem Schloß hier oben und dem Wirtshaus da unten, das hat er auch noch gesagt!“

„Was?“ dacht ich. „Kleiner Junker?!“ Ich drehte dem alten Trottel den Rücken zu und sah nach dem Schlosse.

Auf der Wiese trieben sich viele kleine pechschwarze Teufelchen umher. Sie schwangen Netze, erhaschten Schmetterlinge und spießten sie auf feine Insektennadeln.

Jetzt öffnete sich das Tor. Ein langer Zug von ganz kleinen rosigen Kinderchen drängte heraus über die Brücke. Sofort ein heiteres Spiel beginnend, purzelten sie lachend zwischen den Blumen herum. Aber auch die Teufelchen kamen herbeigesprungen und neckten und balgten sich mit ihnen, und da die Teufelchen abfärbten, so kriegte jedes seinen kleinen Wischer weg, als hätten sie „schwarzen Peter“ gespielt.

Auf den Bäumen, welche die Wiese begrenzten, saßen zahlreiche Storchnester. In jedem stand ein Storch auf einem Bein und sah bedächtig prüfend den kindlichen Spielen zu. Plötzlich flogen sie alle zusammen auf die Wiese hinunter. Jeder nahm sein Bübchen oder Mädchen, welches er sich ausgesucht hatte, in den langen Schnabel, und fort ging’s hoch über den Wald weg.

Ein allgemeines Wehgeschrei erfüllte die Lüfte. Und die Teufelchen schrien lustig hinterher:

Storch Storch Stöckerbein
Kehr bei meiner Großmutter ein!
Triffst du sie zu Hause,
Laß dich von ihr lause!

Und dann schlugen sie freudige Purzelbäume mit großer Behendigkeit. Da der Fußweg, welchen ich bislang verfolgt hatte, hier zu Ende war und ich über die Stadt am Berge auch keine nähere Auskunft erwarten konnte, schwenkte ich auf gut Glück etwas nach rechts in den Wald hinein, wo ich denn nach kurzer Zeit an einen Wildbach gelangte, der rauschend vorübereilte.

Ein dichtes Dornengestrüpp versperrte mir die Aussicht. Als ich mich mühsam hindurchgearbeitet, tat sich weithin das Land auf; und nun sah ich erst, daß an der rechten Seite des Gebirges aus dem tiefen fernen Tale noch ein zweiter Pfad zu der beträchtlichen Höhe führte, die ich von links her erreicht hatte.

Der Pfad war sehr schmal. Stille Pilger, jeder sein Päckchen tragend, zogen herauf.

„Nur langsam, Freundchen! Ich will auch noch mit!“ rief ich, als sie an mir vorüberkamen, einem der Wanderer zu.

Mit ruhig mildem Blicke mich ansehend, sprach er: „Armer Fremdling! Du hast kein Herz!“

Betroffen blieb ich stehn und sah ihnen nach. Sie wandelten bescheiden ihres Weges weiter. Sie kamen an das Wasser. Ein schmaler Steg führte hinüber. Hinter dem Stege, in einem Gemäuer, tat sich ein enges Pförtchen auf. Die Pilger traten ein. Das Pförtchen schloß sich wieder. Neugierig, wie ich war, versucht ich gleichfalls hineinzugelangen; aber das Pförtchen hatte nicht einmal ein Schlüsselloch, und auch die Mauer, welche sich rechts und links unabsehbar weit ausdehnte, war undurchdringlich für mich. Ich erhob mich und schaute hinüber. Eine herrliche Tempelstadt, ganz aus Edelsteinen erbaut und durchleuchtet von wunderbarem Lichte, viel schöner als Sonnenschein, stieg zum Gipfel des majestätischen Berges empor.

Mit kräftigem Schwunge versucht ich dahin zu fliegen. Ein heftiger Stoß war die Folge. Über der ersten Mauer stand noch eine zweite, die ich nicht bemerkt hatte, unendlich hoch, vom reinsten, durchsichtigsten Kristall.

Eine Weile noch schwirrt ich dran auf und nieder, wie eine Stubenfliege an der Fensterscheibe, dann fiel ich erschöpft zu Boden, daß es klirrte, wie eine „tönende Schelle“. –

Da lag er nun, der kleine eingebildete Reiseonkel; ein Häufchen, kaum der Rede wert, und doch beleidigt über die ungefällige Hartnäckigkeit mancher Dinge, die ihm verquer kamen!

Plötzlich kam was über mich, wie ein Schatten. Als ich aufblickte, war’s einer von den kleinen abscheulichen schwarzen Teufeln von vorhin auf der Wiese.

„Aha! Bist da, du Lump!“ schrie er und zog sein grinsendes Maulwerk auseinander, daß es von Ostern bis Pfingsten reichte.

Erschreckt und verdattert fing ich an zu schwitzen und zu stottern und zu beteuern und kläglich zu rufen: „Ich b–b–bin ja gar nicht so übel! Ich b–b–b–bin ja gar nicht so übel!“

„Also auch das noch!“ kreischte der Schwarze. „Warte nur, dich wollen wir schon kriegen!“ Und damit steckte er seine lange rote geräucherte Zunge heraus und hob sein Schmetterlingsnetz in die Höhe und wollte mich einfangen.

Ich, nicht faul, tat einen Satz hoch in die Luft; der Teufel auch. Ich flog im Zickzack; der Teufel auch. Dann schoß ich wieder tief in den Wald hinab; der Teufel auch. Ich lief um einen Baum herum, in einem fort, wohl hundertmal hintereinander; der Teufel auch; dicht hinter mir; und jetzt wär ich sicher erwischt worden, hätte nicht grad ein baumlanger Riese dagelegen, Maul offen, Augen zu, ein stattlicher Mann – mir war, als müßt ich ihn kennen – der fest zu schlafen schien.

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Die Not war groß. Besinnungslos stürzte ich mich in den offenen Rachen hinein. –

Als ich wieder zu mir selbst gekommen, befand ich mich in einer Art von Oberstübchen mit zwei Fen stern. Der Morgen dämmerte herein. An den Wänden hingen Bilder, die, so schien’s mir, nicht viel Ähnlichkeiten hatten mit dem, was sie vorstellten. Der Zeiger der Wanduhr stand auf halb sieben. Es war noch nicht aufgeräumt. Ein Geruch von gebrannten Kaffeebohnen machte sich bemerklich.

Noch halb und halb in Verwirrung stolperte ich die dunkle Treppe hinunter. Behutsam drückte ich eine Türe auf. Es war ein matt erhelltes Zimmer mit roten Vorhängen. Auf einem goldenen Thrönchen saß die schönste der Frauen, ein Abbild meiner angebeteten Elise.

Ich warf mich zu ihren Füßen. Anmutig lächelnd öffnete sie die Lippen. Und wieder vernahm ich eine Stimme, aber sanft und lieblich, und es klang wie Flötentöne, als sie rief:

Eduard steh auf, der Kaffee ist fertig!

Ich erwachte. Meine gute Elise, unsern Emil auf dem Arm, stand vor meinem Bette.

Menny Fox, Kathri, 2021Wer war froher als ich. Ich hatte mein Herz wieder und Elisen ihrs und dem Emil seins, und, Spaß beiseit, meine Freunde, nur wer ein Herz hat, kann so recht fühlen und sagen, und zwar von Herzen, daß er nichts taugt. Das Weitere findet sich.

Hiermit beschloß Freund Eduard die Geschichte seines Traumes. Mit der größten Nachsicht hatten wir zugehört. Wir erwachten aus einer Art peinlicher Betäubung, in die man ja immer zu verfallen pflegt, wenn einer einem länger was vordröhnt, ohne daß man Gelegenheit findet, sein Wörtchen mit dreinzureden. Wir waren auch sonst nicht so befriedigt, wie es wohl wünschenswert. Wir hatten doch mancherlei Dinge vernommen, die dem Ohre eines feinen Jahrhunderts recht schmerzlich sind. Wozu so was? Und dann ferner. Warum gleich lumpig einhergehn und es jedermann merken lassen, daß die Bilanzen ein Defizit aufweisen? Würde es nicht vielmehr schicklich und vorteilhaft sein, sich fein und patent zu machen, wie es der Kredit des „Hauses“ erfordert, dem als Teilhaber anzugehören wir sämtlich die Ehre haben?

Übrigens ist es nicht schlimm mehr, nun die Sache gedruckt ist; denn, man mag sagen, was man will, der passendste Stoff, um Schrullen, die sich nun mal nicht unterdrücken lassen, auf das bescheidenste drin einzuwickeln und im Notfall zu überreichen, ist der Stoff des Papiers.

Paul-Scheerbart-Vignette

Ein Buch ist ja keine Drehorgel, womit uns der Invalide unter dem Fenster unerbittlich die Ohren zermartert. Ein Buch ist sogar noch zurückhaltender, als das doch immerhin mit einer gewissen offenen Begehrlichkeit von der Wand herabschauende Bildnis. Ein Buch, wenn es so zugeklappt daliegt, ist ein gebundenes, schlafendes, harmloses Tierchen, welches keinem was zuleide tut. Wer es nicht aufweckt, den gähnt es nicht an; wer ihm die Nase nicht grad zwischen die Kiefern steckt, den beißt’s auch nicht.

Bilder:

  1. Cover Wilhelm Busch: Eduards Traum und andere Geschichten, Eulenspiegel Verlag, Berlin 1970,
    via kulturGut, 30. Januar 2021;
  2. John Everett Millais: The Somnambulist, 1871;
  3. Иван Николаевич Крамской: Сомнамбула, 1871, via Государственная Третьяковская галерея;
  4. Maxilimilián Pirner: Die Nachtwandlerin, 1878, via Diane Doniol-Valcroze, 19. Mai 2020;
  5. William-Adolphe Bouguereau: Le Crépuscule, 1882;;
  6. PAtScHWOrK: Die Schlafwandlerin, 9. August 2008;
  7. pygar: Moonlight Dancer, 28. Juni 2013;
  8. David Clark: Diana by Moonlight, 2018;
  9. Menny Fox: Kathri, 2021.

Soundtracks:

  • Johannes Brahms: Nachtwandler, aus: Sechs Lieder für eine tiefere Singstimme und Klavier opus 86, Nr. 3: Nachtwandler, Aufnahme mit Dietrich Fischer-Dieskau, Klavier: Günther Weissenborn, 1954:
  • Molly Tuttle: Sleepwalking, aus: When You’re Ready, 2019:
  • Lindsey Stirling: Sleepwalking, aus: Artemis, 2019: nicht einbettbares offizielles Musikvideo.

Written by Wolf

14. Januar 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Realismus

Dornenstück 0008: Aber leider drohte schon wieder ein andres Übel im Hintergrund

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Update zu Ermüdung und Verwirrung des Geistes, Eigendünkel, Unwissenheit und Hochmut,
Coronadvent 2: In den blutbetauten Hallen ihres Schwelggelags
und Schlossers fliegendes Schaf:

Wenn Andre vieles um den Einen thun;
So ist’s auch billig, dass der Eine wieder
Sich fleißig frage, was den Andern nützt.

Goethe: Torquato Tasso, Fünfter Aufzug, Erster Auftritt, 1790.

Ein gedeihliches neues Jahr gewünscht.

Damit es auch ein gesundes wird, muss das jetzt sein – und ich wünschte bei meinem Höheren Wesen, es wäre anders –, obwohl ich damit gleich zwei gute Vorsätze fürs junge 2022 breche: erstens, „nix mit Corona“ auszuwalzen, zweitens nicht zu viele Textausschnitte vom Werkanfang zu verwenden: Die meisten Bücher, die ich hier leichtherzig einer reifen Jugend näherzubringen suche, stehen eher in dem Ruch, zu dick zu sein als zu wenig Auswahl zu bieten, da kann man ruhig mal was von hinter Seite 100 hernehmen und nicht ewig nur das ohnehin kaputtzitierte Highlight aus Teil I, 1. Abschnitt, Kapitel 1.

Bei einer Qualität der Argumentation, wie sie von Impfgegnern nicht einfach nur billigend in Kauf genommen, sondern in allen Wortsinnen wild verfochten wird, kann man das Zitat aus dem Anfang von Dichtung und Wahrheit getrost als implizite Aufforderung, sich gegen eine weltweit lebensgefährdende Seuche impfen zu lassen, durchwinken.

Im übrigen verlor die Familie Goethe zwischen 1752 und 1766 insgesamt vier Kinder – zwei Mädchen und zwei Jungen im ersten bis zweiten Lebensjahr – an die Pocken. Allein Goethes Bruder Hermann Jakob, 1752 bis 1759, erreichte noch das siebente Lebensjahr, ein halbwegs ernstzunehmendes Alter von immer noch keinen 27 Jahren erreichte Schwester Cornelia – soviel man weiß, pockenfrei.

Erwartbare Gegenargumente des Impfgegners aus Ihrer Nachbarschaft sind erstens: Goethe ist doch seit Jahrhunderten tot, und zweitens: Der Kerl hätte einem auch Aderlass empfohlen. Dem ist auf geeignete Weise entgegenzutreten mit erstens: Ist aber weiterhin Goethe, und zweitens: Na und?

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit

Erster Theil, Erstes Buch, 1811:

Reclam. Impfen. Kein DramaWie eine Familienspazirfahrt im Sommer durch ein ploͤtzliches Gewitter auf eine hoͤchst verdrießliche Weise gestoͤrt, und ein froher Zustand in den widerwaͤrtigsten verwandelt wird, so fallen auch die Kinderkrankheiten unerwartet in die schoͤnste Jahrszeit des Fruͤhlebens. Mir erging es auch nicht anders. Ich hatte mir eben den Fortunatus mit seinem Seckel und Wuͤnschhuͤthlein gekauft, als mich ein Misbehagen und ein Fieber uͤberfiel, wodurch die Pocken sich ankuͤndigten. Die Einimpfung derselben ward bey uns noch immer fuͤr sehr problematisch angesehen, und ob sie gleich populare Schriftsteller schon faßlich und eindringlich empfohlen; so zauderten doch die deutschen Aerzte mit einer Operation, welche der Natur vorzugreifen schien. Speculirende Englaͤnder kamen daher aufs feste Land und impften, gegen ein ansehnliches Honorar, die Kinder solcher Personen, die sie wohlhabend und frey von Vorurtheil fanden. Die Mehrzahl jedoch war noch immer dem alten Unheil ausgesetzt; die Krankheit wuͤthete durch die Familien, toͤdtete und entstellte viele Kinder, und wenige Aeltern wagten es, nach einem Mittel zu greifen, dessen wahrscheinliche Huͤlfe doch schon durch den Erfolg mannigfaltig bestaͤtigt war. Das Uebel betraf nun auch unser Haus, und uͤberfiel mich mit ganz besonderer Heftigkeit. Der ganze Koͤrper war mit Blattern uͤbersaͤet, das Gesicht zugedeckt, und ich lag mehrere Tage blind und in großen Leiden. Man suchte die moͤglichste Linderung, und versprach mir goldene Berge, wenn ich mich ruhig verhalten und das Uebel nicht durch Reiben und Kratzen vermehren wollte. Ich gewann es uͤber mich; indessen hielt man uns, nach herrschendem Vorurtheil, so warm als moͤglich, und schaͤrfte dadurch nur das Uebel. Endlich, nach traurig verflossener Zeit, fiel es mir wie eine Maske vom Gesicht, ohne daß die Blattern eine sichtbare Spur auf der Haut zuruͤckgelassen; aber die Bildung war merklich veraͤndert. Ich selbst war zufrieden, nur wieder das Tageslicht zu sehen, und nach und nach die fleckige Haut zu verlieren; aber Andere waren unbarmherzig genug, mich oͤfters an den vorigen Zustand zu erinnern; besonders eine sehr lebhafte Tante, die fruͤher Abgoͤtterey mit mir getrieben hatte, konnte mich, selbst noch in spaͤtern Jahren, selten ansehen, ohne auszurufen: Pfui Teufel! Vetter, wie garstig ist er geworden! Dann erzaͤhlte sie mir umstaͤndlich, wie sie sich sonst an mir ergetzt, welches Aufsehen sie erregt, wenn sie mich umhergetragen; und so erfuhr ich fruͤhzeitig, daß uns die Menschen fuͤr das Vergnuͤgen, das wir ihnen gewaͤhrt haben, sehr oft empfindlich buͤßen lassen.

Weder von Masern, noch Windblattern, und wie die Quaͤlgeister der Jugend heißen moͤgen, blieb ich verschont, und jedesmal versicherte man mir, es waͤre ein Gluͤck, daß dieses Uebel nun fuͤr immer voruͤber sey; aber leider drohte schon wieder ein andres im Hintergrund und ruͤckte heran.

Deutswche, lasst euch impfen. Von Johann Wolfgang von Goethe, 1811

Bilder: via Stolze Prüde/Fröhliger Luftschiffer, 9. Dezember 2021.

Soundtrack: The Velvet Underground: Heroin, aus: The Velvet Underground & Nico, 1967:

Written by Wolf

7. Januar 2022 at 00:01

Frankonachten 5/5: Du bist schon lange gestorben

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Update zu Der Widersacher. Ästhetischer Gaukler vs. unnahbarer Eispalast: Braucht die Welt noch Dichterfürsten im Krähwinkel? Alles ist erlaubt und willkommen. Keine 30 Prozent der Quellen,
Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten: denn Er ist nicht!,
Vater, verlass mich nicht, wenn das Glöckchen läutet
und Frankonachten 2/5: Nämlich gar nicht einschlafen zu wollen:

Weihnachten ist ja immer auch was mit Heimat. Bei mir ist das Franken, eine kulturelle und historische Landschaft, die mich nie ganz in Ruhe lassen wird.

Der Apokalyptismus ist die Religion der Gottlosen, jener, die dem Gegenüber kein Heil mehr verkaufen wollen, sondern nur noch eine Botschaft verbreiten: Alles ist eitel! Alles geht den Bach runter! Alles ist sterblich — du vor allem bist es! Aber: Lass dir um Himmelswillen den Salat nicht verderben!

Das sagt Robert Gernhardt unter vorläufigem Ausschluss der Öffentlichkeit, um den 5. April 2002 im ersten seiner Brunnenhefte. Wie versöhnlich der Mann damit noch ist, zeigt sich im letzten Satz, der Berufs- schlimmer noch: Hobbyapokalyptisten eine lebensfreudige Nebenbotschaft unterstellt.

Schon wahr: Eine ständige Beschwörung von Apokalypsen um ihrer selbst willen ist einem gedachten Höheren Wesen, nennen wir es bis auf weiteres: der Schöpfung gegenüber so undankbar wie eine luxuriöse Todesverliebtheit. Depression ist eine behandlungwürdige Krankheit, kein Modeaccessoire, und zur Schau getragener ennui Anmaßung. Dass wir alle sterben werden, muss nicht bedeuten, dass wir uns die paar Jahre bis dahin auch noch künstlich versauen müssen. Vielmehr bedeutet es das glatte Gegenteil.

Eine endzeitbewusste Auffassung ereilt uns aus Franken — zum zweiten Mal innerhalb der heurigen Frankonachtsreihe von Jean Paul; siehe die erste Gelegenheit, Eigenzitat:

Der gebürtige Preuße Jean Paul wird seit der Bundesrepublik Deutschland als fränkisch angesehen, weil er aus Wunsiedel stammt, das im bayerischen Regierungsbezirk Oberfranken liegt. Bei Jean Pauls Geburt 1763 lagen Wunsiedel und seine folgenden Jugendstationen Joditz, Schwarzenbach an der Saale, Rehau und Hof im hohenzollerischen Fürstentum Kulmbach-Bayreuth oder Markgraftum Brandenburg-Bayreuth im Fränkischen Reichskreis. Damit wäre Jean Paul beinhart preußischer Herkunft, was sie in Wunsiedel, wo sie ja sonst nur die Luisenburg-Festspiele und das Grab von Rudolf Heß haben, nicht mehr so gerne hören. Um es ja nicht zu einfach zu machen, fiel das Fürsten- oder Markgraftum nach dem Frieden von Tilsit am Ende des dritten Napoleonischen Krieges ans erste französische Kaiserreich. Jean Paul war also zwischen 1807 und 1810 Franzose, danach zahlte das Königreich Bayern in Gestalt von König Maximilian I. Joseph aufgrund des Pariser Vertrags 15 Millionen Francs, damit Jean Paul für den Rest seines Lebens Franke innerhalb Bayerns sein konnte.

Von dem Manne wird allenthalben die Rede des todten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sey geschätzt und immer dann angeführt, wenn es zu beweisen gilt, dass er auch anders als harmlos idyllisch konnte. Das hat er sonst nur noch am Schluss seines Spätwerks Der Komet gebracht.

Und damit wir’s nicht übersehen: dazwischen noch einmal. Abermals in Dr. Katzenbergers Badereise, dieser unterschätzten Satire oder gallig gebrochenen Halbidylle, findet sich ein ganz ähnlich dröhnendes Donnerblech, bei dem man auf seine gewohnte Selbstironie nur hoffen kann.

——— Jean Paul:

Die Vernichtung

Eine Vision

aus: Dr. Katzenbergers Badereise, Mohr und Zimmer, Heidelberg 1809,
nachgestelltes III. Werkchen für Zweites Bändchen:

Jede Liebe glaubt an eine doppelte Unsterblichkeit, an die eigne und an die fremde. Wenn sie fürchten kann, jemals aufzuhören, so hat sie schon aufgehört. Es ist für unser Herz einerlei, ob der Geliebte verschwindet oder nur seine Liebe. Der Zweifler an unserer Ewigkeit leihet, wenn ein schönes Herz vor ihm auf ewig auseinanderbricht, wenigstens der Vollkommenheit desselben, um es fortzulieben, in einem höchsten Wesen Unvergänglichkeit und findet den Liebling, der unter der dunkeln Erde zusammensinkt, in einem durchbrochnen Sternbilde am Himmel wieder.

Alexandra Bochkareva Photography 2021

Der Mensch – der sich immer zu selten und andere zu oft befragt – hegt nicht nur heimliche Neigungen, sondern auch heimliche Meinungen, deren Gegenteil er zu glauben wähnt, bis heftige Erschütterungen des Schicksals oder der Dichtkunst vor ihm den bedeckten Grund seines Innern gewaltsam entblößen. Daher wird es uns leicht, die Überschrift dieses Aufsatzes kalt zu lesen oder gar die Vernichtung anzunehmen und zu begehren; aber wir zittern, wenn unser Herz uns den grausamen Inhalt des Wahns aufdeckt, daß die Erde, in die wir alle unser gesunkenes Haupt zur Ruhe legen wollen, nichts sei als der breite Enthauptungblock der blassen gebückten Menschen, wenn sie aus dem – – Gefängnis kommen. Alsdann zündet (wie öfter) die Wärme des Herzens wieder Licht in der Nacht des Kopfes an, so wie Tiere, die das Leben durch einen elektrischen Funken verloren, der in den Kopf sprang, es durch einen zweiten wiederfinden, den man in die Brust leitete.39 –

Ottomar lag im äußersten Hause eines Dorfs, aus dem man die Aussicht auf ein noch unbegrabenes Schlachtfeld hatte, an einem giftigen Faulfieber ohne Hoffnung darnieder. In jeder Nacht trieb sein heißes erschüttertes Herz das aufgelösete Blut, wie einen Höllenfluß, voll zerrissener ungeheurer Bilder vor seinem Geiste vorbei, und der dunkle reißende Strom aus Blut spiegelte den durchwühlten Nachthimmel und zerstückte Gestalten und zerrinnende Blitze ab. Wenn der Morgen kühlend wiederkam, und wenn das Gift des Fiebertarantelstichs aus dem müden Herzen verflogen war: so tobte vor ihm das unbewegliche Gewitter des Kriegs mit unaufhörlichen Blitzen und Schlägen; und diese blutigen durchbohrten Bilder standen dann in seinen mitternächtlichen Phantasien vor ihm als Leichen auf.

In der Mitternacht, die ich jetzt beschreiben will, erreichte sein Fieber die kritische und steile Höhe zwischen dem Grabe und dem Leben. Seine Augen wurden Vergrößerspiegel in einem Spiegelzimmer, und seine Ohren Hör-Röhre in einem Sprachgewölbe – sein Krankenwärter streckte Riesenglieder vor ihm aus – die wimmelnden Gestalten des übermalten Bettvorhangs wurden dick und blutrot und schossen auf und fielen in einem Schlachtgetümmel einander an – eine siedende Wasserhose zog ihn in ihren schwülen Qualm hinauf und rückte ihn brausend und wetterleuchtend über Meere weiter – und unten aus dem tiefsten Innersten krochen kleine scharfe Gespenster, die ihn schon in dem Fieber der Kinderjahre verfolgt hatten, mit klebrigen kalten Krötenfüßen an der warmen Seele herauf und sagten: wir quälen dich allemal!

Alexandra Bochkareva Photography 2021Plötzlich, als das verfinsterte Herz sich aus dem heißen Krater des Fiebers zurückrollend hinaufarbeitete, überzog die Stubendecke der gelbe Widerschein einer nahen Feuerbrunst. Sein trocknes heißes Auge starrte halb geschlossen die durchsichtigen Bilder seines Vorhangs an, die mit der fernen Lohe flatterten. Auf einmal dehnte eine Gestalt sich unter ihnen aus mit einem leichenweißen unbeweglichen Angesichte, mit weißen Lippen, mit weißen Augenbraunen und Haaren. Die Gestalt suchte den Kranken mit gekrümmten langen Fühlhörnern, die aus den leeren Augenhöhlen spielten. Sie wiegte sich näher, und die schwarzen Punkte der Fühlhörner schossen, wie Eisspitzen, wehend um sein Herz. Hier trieb es ihn mit kaltem Anhauchen rückwärts; und rückwärts durch die Mauern und Felsen und durch die Erde, und die Fühlhörner zuckten wie Dolche um seine Brust; aber wie er rückwärts sank – brach die Welt vor ihm ein – die Scherben zerschlagner Gebirge, der Schutt stäubender Hügel fiel danieder – und Wolken und Monde zerflossen wie fallender Hagel im Sinken – die Welten fuhren in Bogenschüssen über die leichenweiße Gestalt herab, und Sonnen, von ergriffenen Erden umhangen, sanken in einem langen schweren Fall danieder – und endlich stäubte noch lange ein Strom von Asche nach….

„Weiße Gestalt, wer bist du?“ fragte endlich der Mensch „Wenn ich mich nenne, so bist du nicht mehr“, sagte sie, ohne die Lippen zu regen, und kein Ernst, keine Freude, keine Liebe, kein Zorn war noch auf dem marmornen Gesichte gewesen, und die Ewigkeit ging vorüber und veränderte es nicht. Sie drängte ihn auf einen engen Steig, der aus den Erdschollen gemacht war, die unter das Kinn der Toten gelegt werden; der Weg durchschnitt ein blutiges Meer, aus welchem graue Haare und weiße Kinderfinger wie Blüten an Wasserpflanzen blickten, und er war mit brütenden Tauben und nassen Schmetterling-Flügeln und Nachtigalleneiern und Menschenherzen überdeckt. Die Gestalt zerquetschte alle durch Darüberschweben, und sie zog ihren langen grauen, auf dem weiten Blute schwimmenden Schleier nach, der aus der nassen Leinwand gemacht war, die über den Augen der Toten gelegen. – Die roten Wogen stiegen um den bangen Menschen auf, und der einkriechende Weg ging nur noch über kalte, glatte Erdschwämme und endlich bloß über eine lange kühle glatte Natter….

Er glitt herab, aber ein Wirbelwind wandte ihn herum, vor ihm breitete sich unabsehlich eine schwarze Eisscholle aus, auf der alle Völker lagen, die auf der Erde gestorben waren, starre eingefrorne Leichenheere – und tief unten im Abgrund läutete ein Erdbeben seit der Ewigkeit ein kleines geborstenes Glöckchen; es war die Totenglocke der Natur. – – „Ist das die zweite Welt?“ fragte der trostlose Mensch. Die Gestalt antwortete „Die zweite Welt ist im Grabe zwischen den Zähnen des Wurms.“ – Er blickte auf, um einen tröstenden Himmel zu suchen, aber über ihm stand ein fester schwarzer Rauch, das ausgebreitete Bahrtuch, das zwischen den Welten-Himmel und zwischen diese düstere frostige Lücke der Natur gezogen war; und der Schutthaufen der Vergangenheit dampfte aus der Tiefe auf und machte das Leichentuch schwärzer und breiter. – – Jetzo lief der Widerschein einer hinabfallenden entzündeten Welt mit einem roten Schatten über die finstere Decke, und eine ewige Windsbraut verwehte sinkende Klagstimmen herein:

„Wir haben gelitten, wir haben gehofft; aber wir werden gewürgt. – Ach Allmächtiger, schaffe nichts mehr!“

Alexandra Bochkareva Photography 2021

Ottomar fragte: „Wer vernichtet sie denn?“ – „Ich!“ sagte die Gestalt und trieb ihn unter die eingefrornen Leichenheere, unter die Larvenwelt der vernichteten Menschen. Wenn die Gestalt vor einer entseelten Maske vorüberging, so spritzte aus dem zugefallenen Auge ein blutiger Tropfen, wie ein Leichnam blutet, wenn ihm der Mörder nahetritt. Er wurde unaufhaltsam durch das stumme Trauergefolge der Vergangenheit hindurchgeführt, durch die morsche Wesenkette, durch das Schlachtfeld der Geister. Da er so vor allen eingeäscherten Geschwistern seines Herzens vorbeiging, in deren Angesicht noch die zerrissenen Hoffnungen einer Vergeltung standen – und vor den armen Kindern mit glatten Rosenwangen und mit dem erstarrten ersten Lächeln und vor tausend Müttern mit den eingesargten Säuglingen auf dem Arm – und da er sah die stummen Weisen aller Völker, mit der erloschenen Seele und mit dem erloschenen Licht der Wahrheit, die unter dem über sie geworfenen Leichentuche verstummt, wie Singvögel, wenn wir ihr Gehäuse mit einer Hülle verfinstern – und da er sah die versteinerten Leidtragenden des Lebens, die unzähligen, welche gelitten, bis sie starben, und die andern, die ein kurzes Entsetzen zerriß – und da er sah die Angesichte derer, die vor Freude gestorben waren, und denen noch die tödliche Freudenträne hart im Auge hing – und da er sah alle Frommen der Erde stehen mit den eingedrückten Herzen, worin kein Himmel und kein Gott und Gewissen mehr wohnte – und da er sah wieder eine Welt herunterfallen, und ihre Klagstimmen vorüberweheten „O! wie vergeblich, wie so nichtig ist der Jammer und der Kampf und die Wahrheit und die Tugend des Lebens gewesen!“ – und da endlich sein Vater mit der eisernen Kugel erschien, welche die Leichen des Weltmeers einsenkt, und da er aus dem weißen Augenlide eine Blutzähre drückte: so rief sein zu kaltem Grimm gerinnendes Herz: „Gestalt aus der Hölle, zertritt mich nur bald; das Vernichten ist ewig, es leben nur Sterbende und du. – Leb‘ ich noch, Gestalt?“ – –

Die Gestalt trieb ihn sanft an den Rand des immer weiter gefrierenden Eisfeldes. In der Tiefe sah er den Schutt von Gehäusen zerdrückter Tierseelen, und in den Höhen hingen zahllos die Eisstrecken mit den Vernichteten aus höheren Welten, und die Leiber der toten Engel waren oft aufrechte Sonnenstrahlen, oft ein langer Ton oder ein unbeweglicher Duft. – Bloß über der Kluft nahe dem Totenreiche der Erde stand allein auf einer Eisscholle ein verschleiertes Wesen – und als die weiße Gestalt vorüberzog, hob sich selber der Schleier auf – es war der tote Christus, ohne Auferstehung, mit seinen Kreuzes-Wunden, und sie flossen alle wieder, wegen der Nähe der weißen Gestalt! –

Alexandra Bochkareva Photography 2021Ottomar stürzte auf die brechenden Knie und blickte auf zum schwarzen Gewölke und betete: „O guter Gott, bringe mich wieder auf meine gute Erde, damit ich wieder vom Leben träume!“ und unter dem Beten flohen die roten blutigen Schatten gestürzter Erden über das weite Leichentuch aus festem Rauch. Jetzt streckte die weiße Gestalt ihre Fühlhörner verlängert wie Arme gen Himmel und sagte: „Ich ziehe die Erde herab, und dann nenne ich mich dir.“

Indem die Fühlhörner mit ihren schwarzen Enden immer höher stiegen und zielten, wurde ein kleiner Spalt des Gewölkes licht; dieser riß endlich auseinander, und unsere taumelnde Erde sank fliehend hindurch, gleichsam zum ziehenden greifenden Rachen einer Klapperschlange herab. Und indem die umnebelte Kugel näher fiel, regnete es Blut und Tränen auf ihr in ihr rotes Meer, weil Schlachten und Martern auf ihr waren.

Die graue enge Erde schwankte durchsichtig mit ihren regen jungen Völkern nahe über den starren toten Völkern – ihre Achse war ein langer Sarg aus Magnetstein mit der Überschrift: Die Vergangenheit; und im Erdkern schwebte ein rundes Feuer, das den Schlüssel des langen Sarges schmolz – die Lilien- und Blütenbeete der Erde waren Schimmel – ihre Fluren waren die grüne Haut auf einer festen Moderlache – ihre Wälder waren Moose und ihr spitzer Alpengurt ein Stachelrad, ihre Uhren schlugen in einem fort aus, und die Stunden wurden eilig Jahrhunderte, und kein Leben dehnte die Zeit aus – man sah die Menschen auf der Erde wachsen und dann rot und lang werden und dick und grau sich bücken und hinlegen. Aber die Menschen auf der Erde waren sehr zufrieden. – Auf ihr sprang wohl der Todesblitz regellos unter den sorglosen Völkern umher, bald auf das heiße Mutterherz, bald auf die glatte runde Kinderstirn, bald auf die kalte Glatze oder auf die warme Rosenwange. Aber die Menschen hatten ihren sanften Trost; die sterbenden Geliebten, die begrabenden und die weinenden Augen hingen leicht an den brechenden, Freund an Freund, Eltern an Kindern, und sie sagten „So zieht nur hin, wir kommen ja wieder zusammen hinter dem Tode! und scheiden nicht mehr.“

„Ich will dir zeigen,“ sagte die Gestalt, „wie ich sie vernichte.“ Ein Sarg wurde durchsichtig – im weichen Gehirn des darin zusammenfallenden Menschen blickte noch das lichte Ich, vom Moder überbauet, von einem kalten finstern Schlaf umwickelt und vom zersprungenen Herzen abgeschnitten. Ottomar rief: „Lügende Gestalt, das Ich glimmt noch – wer zertritt den Funken?“ – Sie antwortete „Das Entsetzen! – Sieh hin!“ Eine Dorfkirche hatte sich gespaltet: ein bleierner Sarg sprang auf, und Ottomar sah seinen Körper darin abbröckeln und das Gehirn bersten; aber kein lichter Punkt war im offenen Haupte. Nun machte die Gestalt ihn starr und sagte „Ich habe dich aus dem Gehirn herausgezogen – du bist schon lange gestorben“ – und umgriff ihn schnell und schneidend mit den kalten metallenen Fühlhörnern und lispelte: „Entsetze dich und stirb, ich bin Gott“…

Alexandra Bochkareva Photography 2021

Da stürzte eine Sonne herein, die den weiten Himmel einnahm, zerschmelzte die Eiswüste und das Larvenreich und flog ihren unendlichen Bogen brausend weiter und ließ eine Flut von Licht zurück, und der durchschnittne Äther klang mit unermeßlichen Saiten lange nach. Ottomar schwamm im Äther, rings mit einem undurchsichtigen Schneegestöber aus Lichtkügelchen übergossen; zuweilen schnitt der Blitz einer fliegenden Sonne durch die weiße Nacht hinab, und eine sanfte Glut wehte dann vorüber. Der dichte weite Lichtnebel wallete auf den Tönen des Äthers, und seine Wogen bewegten den Schwebenden. Endlich sank der weite Nebel in Lichtflocken nieder – und Ottomar sah die ewige Schöpfung rings um sich liegen, über ihm und unter ihm zogen Sonnen, und jede führte ihre blumigen Erdenfrühlinge an sanften Strahlen durch den Himmel.

Alexandra Bochkareva Photography 2021Der zusammengesunkene Sonnenduft wallete schon weit im Äther als eine blitzende Schneewolke hinab, aber den Sterblichen hielt noch im Himmelblau ein langer Lautenton auf seinen Wellen empor: da hallete es plötzlich durch den ganzen grenzenlosen Äther hindurch, als liefe die allmächtige Hand über das Saitenspiel der Schöpfung hinüber. In allen Welten war ein Nachklang wie Jauchzen; unsichtbare Frühlinge flogen mit strömenden Düften vorüber; selige Welten gingen ungesehen mit dem Lispeln einer übervollen Wonne nahe vorbei; neue Flammen flatterten in die Sonnen; das Meer des Lebens schwankte, als höbe sich sein unermeßlicher Boden; ein warmer Sturm wühlte Sonnenstrahlen und Regenbogen und Freudenklänge und Wolken aus Rosenkelchen untereinander. – Auf einmal wurd‘ es in der Unermeßlichkeit still, als stürbe die Natur an einem Entzücken – ein weiter Glanz, als wenn der Unendliche durch die Schöpfung ginge, lief über die Sonnen, über die Abgründe, über den bleichen Regenbogen der Milchstraße und über die Unermeßlichkeit – und die ganze Natur bewegte sich in einem sanften Wallen, wie sich ein Menschenherz bewegt und hebt, wenn es verzeihen will – -Da tat sich vor dem Sterblichen sein Innerstes wie ein hoher Tempel auf, und im Tempel war ein Himmel, und im Himmel eine Menschengestalt, die ihn anblickte mit einem Sonnenauge voll unermeßlicher Liebe. Sie erschien ihm und sagte: „Ich bin die ewige Liebe, du kannst nicht vergehen“; und sie stärkte das zitternde Kind, das vor Wonne sterben wollte. Der Sterbliche sah durch heiße Freudentränen dunkel die unnennbare Gestalt – ein nahes warmes Wehen schmelzte sein Herz, daß es zerfloß in lauter Liebe, in grenzenlose Liebe – die Schöpfung drang erblassend, aber nah an seine Brust- und sein Wesen und alle Wesen wurden eine einzige Liebe – und durch die Liebetränen schimmerte die Natur als eine blühende Aue herein, und die Meere lagen darauf wie dunkelgrüner Regen, und die Sonnen wie feuriger Tau – vor dem Sonnenfeuer des Allmächtigen stand die Geisterwelt als Regenbogen, und die Seelen brachen, von einem Jahrtausend ins andere tropfend, sein Licht in alle Farben, und der Regenbogen wankte nie und wechselte nur die Tropfen, nicht die Farben. –

Der Alliebende schaute an seine volle Schöpfung und sagte: „Ich lieb‘ euch alle von Ewigkeit – ich liebe den Wurm im Meer und das Kind auf der Erde und den Engel auf der Sonne. – Warum hast du gezagt? Hab‘ ich dir nicht das erste Leben schon gereicht und die Liebe und die Freude und die Wahrheit? Bin ich nicht in deinem Herzen?“ – – Da zogen die Welten mit ihren Totenglocken vorüber, aber wie mit einem Kirchengeläute von Harmonikaglocken zu einem höheren Tempel, und alle Klüfte waren mit Kräften und jeder Tod mit Schlaf gefüllt.

Alexandra Bochkareva Photography 2021

Nun dachte der Überglückliche, sein dunkles Erdenleben sei auch geschlossen; aber tief unten stieg die in Gewölk gekleidete Erde herauf und zog den Menschen aus Erde wieder in ihre Wolken hinein. Der Alliebende hüllte sich wieder in das All. Aber ein Schimmer lag noch auf einem langen Eisgebirge weit hinter den Sonnen. Die hohen Eisberge flossen am Schimmer strahlend auseinander, gebückte Blumen flatterten angeweht über die zerschmolzene Mauer auf, ein unabsehliches Land lag aufgedeckt im Mondlicht weit ins Meer der Ewigkeit hinein, und er sah nichts darin als unzählige Augen, die herüberblickten und seligweinend glänzten, wie ein Frühling voll warmen Regens unter der Sonne funkelt, und er fühlte am Sehnen und am Ziehen seines Herzens, daß es alle seine, daß es alle unsere Menschen waren, die gestorben sind.

Alexandra Bochkareva Photography 2021Der Sterbliche blickte, schneller auf die Erde zufallend, mit erhobenen betenden Händen nach der Stelle im Himmelblau empor, wo der Unendliche seinem Herzen erschienen war – und ein stiller Glanz hing unverrückt an der hohen Stelle. Und als er noch schwerer den erleuchteten weichenden Dunst unserer Kugel betrat und zerteilte: stand noch immer der Glanz im Äther fest, nur tiefer an der umrollenden Erde….

Und da er unsern kalten Boden berührte, erwachte er; aber der feste Glanz stand im blauen Osten noch und war die – Sonne.

Der Kranke stand unten im Garten, der erste herbe giftige Traum hatte ihn hinabgedrängt – die Morgenluft wehte – das Feuer war gelöscht – sein Fieber war geheilt und sein Herz in Seelenruhe.

Und wie die Qual des Fiebers den höllischen, und der Sieg der Natur den himmlischen Traum geboren; und wie wieder der folternde Traum den Scheidepunkt, und der labende die Genesung beschleunigt hatte: so werden auch unsere geistigen Träume unsere Seelenfieber nicht bloß entzünden, sondern auch kühlen und heilen, und die Gespenster unseres Herzens werden verschwinden, wenn wir von seinen Gebrechen genesen.

Alexandra Bochkareva Photography 2021

Bilder kommen wie in meiner liebsten Entdeckung 2021, was den Primärtext wie die Photographin angeht, von Alexandra Bochkareva aus Taschkent, Usbekistan, die in Sankt Petersburg wirkt, von dort aus ja wohl die Fotos des Jahrhunderts inszeniert und mit ihrem Blick wie nebenbei auch unseren schärft. Auf den subarktischen Wald Nordrusslands mit dessen zwei- und mehrbeiniger Fauna zum Beispiel.

Das Bildmatrerial bringt Beispiele aus ihren Projekten, die sie 2021 seit unserer ersten Empfehlung mit Wilhelm Raabe verwirklicht hat. Außer sie hat schon vorher so tolle gemacht, dass man sie nicht auslassen konnte.

Umweltrettung, Nachhaltigkeit, ästhetische Schulung. Wenn die Apokalypse so aussieht, weiß ich, mit wem ich sie erleben will.

Alexandra Bochkareva Photography:

  1. Deep River Song, 24. August 2021;
  2. Olga Moskvina & Helga, rescued baby Fox, 7. Dezember 2020;
  3. Girl With a Fox Tattoo, 28. August 2021;
  4. Northern Forest Tales;
  5. Foxy Tales, 14. August 2021;
  6. Totems, 25. Februar 2021;
  7. Meet Me in the Woods;
  8. Redheads‘ Stories, 21. März 2021;
  9. Rowan Queendom, 27. September 2021
  10. und eins von behind the Scenes.

In diesem Sinne steh Gott uns bei im neuen Jahr.

Soundtrack: Beethoven: der zweite Satz, Allegretto aus der Siebten,
für: Knowing – Die Zukunft endet jetzt, 2009:

Das Ende, und wenn’s nur das Jahresende ist, sollte versöhnlich sein:

——— The McCalmans:

New Year’s Eve Song

aus: Honest Poverty, 1993:

Alexandra Bochkareva Photography 20211. I have seen you tossing restless
     between midnight and day,
Paying back the debts of many years,
Staring out the window
     till the mist has burned away,
Waiting for the sun to dry your tears.
I’ve seen you young, I’ve seen you old,
I’ve seen you lost and found,
I’ve seen you sit and cry without a sound.

2. I have seen you in the lamplight
     with the hard lines in your face,
And the shadows of your fears upon the wall.
But crying is no weakness
     and to lose is no disgrace,
You see we’re not so different after all.
But can’t you tell, by the ringing bell,
Then old year’s moving on,
I’d like to say one thing before it’s done.

3. May whatever house you live in
     have flowers round the door,
And children in the bed to keep you warm,
May the people there accept you
     for what you really are,
And help you find some shelter in the storm.
And morning rain, to ease the pain,
That comes with being free,
May the new year bring you freedom peacefully.

Written by Wolf

31. Dezember 2021 at 00:01

Frankonachten 4/5: Es ist alles noch in Dir

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Update zu 3. Stattvent: Sie haben kein Geld nicht besessen:

Weihnachten ist ja immer auch was mit Heimat. Bei mir ist das Franken, eine kulturelle und historische Landschaft, die mich nie ganz in Ruhe lassen wird.

In Erlangen zum Beispiel, kreisfreie und Universitätsstadt, einem populären Gerücht zufolge erbaut auf dem Firmenparkplatz von Siemens, hab ich studiert; lange Geschichte. Das Beste, was mir dabei passiert ist, war meine Lieblingsbuchhändlerin Annemarie; lebt auch schon nicht mehr. Die gab mir nicht nur unter der Ladentheke die 40 % Buchhandelsrabatt weiter, soff manche Nacht mit mir durch, und zwar mehr als ich, und machte mir mit ihrer unschlagbaren Logik klar, warum sich richtige Damen, die auf sich halten, die Zehennägel in dem extraschweren Dunkelrot von Margaret Astor lackieren müssen (soll ich’s sagen? –: weil man damit viel ausdrucksvollere Grimassen mit den Füßen schneiden kann. Und jawohl, mein Lieber: auch im Winter. Gerade im Winter, aber „des verstehst du ned“), und warum ich mein Studium sehr wohl noch abschließen würde (soll ich’s sagen? –: „Weil du musst!“), sondern brachte auch einmal einen schmalen, mittig gefalzten Stapel Fotokopien an: Die Harmonie der Welt. Lyrik eines Landstreichers, die sie einem Sandler am Hugo abgekauft haben wollte.

Soviel man über das Geschäftsgebaren des Künstlers weiß, der immer nur „einen Taler vielleicht“ verlangte, „was es dir wert ist“ oder dergleichen, und über den Eigentumsbegriff von Annemarie, die sich mit 31 Jahren an die Welt verschenkt hatte, schätze ich sie auf fünf Mark.

Portrait Uwe SchadeMan weiß nicht viel über den Dichter. Annemarie beschrieb ihn als eine Art Mischung aus Jean Pütz und dem Glücksdrachen Fuchur. Selber gesehen hab ich ihn nur flüchtig, weil er am Hugo seinen Platz auf der anderen Seite einnahm, als auf der ich am Bahnhof zum Gleis 4 musste. Das von Annemarie vermittelte Buch in seiner Gestalt nicht aus einem Verlag, sondern einem Kopierladen hab ich noch.

Geboren wurde er nach manchen Quellen 1931, nach anderen 1923, war Schriftsetzer in der DDR, obdachlos freiwillig, tot aufgefunden wurde er 2009 in Luzern, die wenigen Augenzeugenberichte über ihn finden sich verstreut – Anlaufstellen sind Wilhelm Klingholz und der Zenartblog – und äußern sich durchgehend tief beeindruckt. Beispiele:

Im März 1996 lief ich durch die Fußgängerzone in Mannheim, als ich ihn sitzen sah: einen Landstreicher mit einem Hut vor sich und einem Heft, das er selbst kopiert hatte, darauf stand:
„Die Harmonie der Welt“.
Ich fragte ihn, wieviel das Büchlein kosten würde.
„Soviel es Dir wert ist.“
Im Gegensatz zu den Menschenmassen um mich herum machte dieser Mensch einen sehr ruhigen und zufriedenen Eindruck. Er war einer der wenigen Landstreicher, die ich sah, von dem ich glaubte, daß er seinen Weg selbst gewählt hatte.
Zuhause las ich ein wenig in dem Werk, es erinnerte mich ein wenig an Lao-Tse. Ich zeigte es ein paar Freunden, denen die Texte auch auch gefielen.
Aber noch mehr als seine Lyrik hatte mich die Ausstrahlung des Mannes beeindruckt. Als ich erfuhr, daß er das Honorar seines Werkes für Straßenkinder Nepals spendete, wunderte mich das nicht. Denn mir war von Anfang an klar:
dieser Mensch lebt seine Lyrik!

Amazon Customer: Eine Begegnung, die mich nachdenklich machte,
Kundenrezension auf Amazon.de, 4. Juni 2003.

Vor vielen Jahren hielt ich im Ulmer Buchladen Eichhorn einen Vortrag. Zuvor machte ich einen Stadtbummel und schlenderte am Rand des Münsterplatzes an Geschäften entlang. Plötzlich sah ich einen Rucksack und davor einige Hefte und einen Hut liegen. „Lyrik eines Landstreichers“ las ich auf der Titelseite, hob ein Heft auf und blätterte darin. Da hatte sich ein Obdachloser alles von der Seele geschrieben, intensive persönliche Gedanken und Erfahrungen. Ich legte das Heft zurück und als ich weitergehen wollte, sah mich ein Ehepaar enttäuscht an: „Wir dachten Sie sind der Landstreicher!“ Ich schüttelte den Kopf und ging in Richtung Fußgängerzone. Auf dem Rückweg sah ich, wie ein grauhaariger älterer Mann den Rucksack schultert und in Richtung Münster geht. Ich eile ihm nach, in einer gewissen Neugierde, und spreche ihn an: „Als ich vorhin Ihre Lyrik las, da wurde ich mit Ihnen verwechselt, da dachten andere Menschen, ich sei der Landstreicher.“ Nur kurz dreht er den Kopf und sagt im Laufen. „Das war keine Verwechslung!“ Mir bleibt nur die Verblüffung und ein befreiendes Lachen. […]

Nachtrag:
Monate später sehe ich im Schweizer Fernsehen, daß ein Berner Verlag den Landstreicher sucht, da dieser dessen Lyrik in einem Büchlein verlegt und bereits über sechshundert davon verkauft hat. Ihm stehen die Tantiemen zu. […]

Dieser „Landstreicher“, ein ehemaliger Schriftsetzer aus der DDR, der alles zurückgelassen hat, nur mit Rucksack und Fahrrad durch Europa radelt, ist für mich ein heute lebender Laotse. Denn seine Lyrik geht tief und beschreibt in einfachen Gedanken das unfassbare. […]

P. Burger: Sehr empfehlenswert !!, Kundenrezension auf Amazon.de, 13. September 2014.

Uwe Schade ist mehr als die Hälfte seines Lebens als Landstreicher durch viele Länder der Erde gewandert. Die „Harmonie der Welt“ schrieb er als EIN Gedicht. Es entstand nach eigenen Angaben in wenigen Stunden ohne ein einziges Wort nachtäglicher Korrektur. Es ist sein Vermächtnis. Der Autor ist 2009 verstorben. Seine Lebensweisheiten aus einem langen, unsteten – aber reichen – Leben hat er in diesem Büchlein in knappen Sätzen zusammengefasst.

Verlagstext Schillinger Verlag, Freiburg im Breisgau 2001.

Wann genau er seine einzige bekannt gewordene Gedichtsammlung, die sich als ein einziges Gedicht versteht, „in wenigen Stunden ohne ein einziges Wort nachtäglicher Korrektur“ geschrieben hat, ist nicht zu rekonstruieren – offenbar schon nicht mehr im Status eines Schriftsetzers, aber mit wenigstens einigen Stunden Zugang zu einer mechanischen Schreibmaschine. Wenn er seine Obdachlosigkeit, wie wir anhand seines besonders friedliebenden Charakters annehmen dürfen, nicht als „Republikflüchtling“, sondern ganz ordentlich nach Grenzöffnung der DDR aufgenommen hat, um all die Länder aufzusuchen, die ihm als DDR-Bürger verschlossen waren, mag er sein kurzes, anrührendes Vermächtnis um 1990 niedergeschrieben haben, um es gelegentlich zum Verkauf zu kopieren und unverändert bis zu seinem Tod 2009 zu ihm zu stehen. Mein Exemplar, das im Herbst oder Winter 1992 entstanden sein muss, entstammte demnach einer recht frühen Auflage.

Das muss im schneetreibenden Wintersemester 1992/1993 gewesen sein. Bis heute habe ich Annemarie im Verdacht, Herrn Schade am Heiligabend 1992 bei sich zu Hause im unweit gelegenen (Bus 294) Spardorf beherbergt zu haben, an den wenigen Heiligen Abenden, die wir uns kannten, war sie sowieso nie für mich ansprechbar. Ich selber nutzte die Tage „zwischen den Jahren“, um für den Sprachatlas von Mittelfranken ein paar Ortsbefragungen wegzucodieren – wozu hatte ich wohl sonst die Schlüssel? – und mir hinterher in meiner bevorzugten Erlanger Gastronomie das eine oder andere Bier in den Kopf zu stellen. Wenn ich hinterher zum letzten Zug von Gleis 4 strebte, war der Landstreicher samt seiner Lyrik schon verschwunden, ebenso beim nächsten Tageslicht. Annemarie, befragt, meinte dazu:

„Seh ich aus, als ob ich Männer mit nach Hause nehm?“

„Die Frage ist“, sagte ich, „wie die Männer aussehen.“

Sie lachte ob der rhetorischen Figur und dachte nach, um zu befinden:

„Depp.“

Genauer werden wir es aufgrund des Ablebens aller Beteiligten und komplett fehlender Dokumentationslage nie erfahren. Deshalb dürfen wir davon ausgehen, dass es stimmt. Was auch vollständig in Ordnung ist, denn wohin es führt, wenn Herbergssuchende am Heiligen Abend ständig nur abgewiesen werden, haben wir zur Genüge erlebt. Warum soll da nicht einmal eine mildtätige Maria einem streunenden Josef ein Essen ausgeben?

Was das mit Weihnacht in Franken, Christkindlesmarkt, Zwetschgamännla, Drei in amm Wegglä und besinnlichen Adventsliedern vom Hutzeldorfer Viergsang zu tun hat? Ach Gott, „Einst war in Deinem Fühlen die ganze Welt // Hast Du sie weggeschmissen ?“

——— Uwe Schade:

Die Harmonie der Welt

Lyrik eines Landstreichers

o. J., in wenigen Stunden ohne Korrektur, Schillinger Verlag, Freiburg im Breisgau 2001:

Header Die Harmonie der Welt

01

Cover Die Harmonie der Welt, Lokwort 1999Dein Schicksal überrascht Dich nicht
Denn Du bist Dein Schicksal
Deine Begegnungen wundern Dich nicht
Denn Du bist nicht getrennt von ihnen
Dein Tod schreckt Dich nicht
Denn Du bist tausendmal gestorben .

Deine Bewegungen sind die Bewegungen der Welt
Deine Verwandlungen sind die Verwandlungen der Welt
Dein Stillstehen ist nur ein Schein
Dein Sterben ist nur ein Wort .

Du meinst Du seiest etwas Bestimmtes
Doch Du bist eine Welle im Weltenmeer
Du meinst Du seiest selbstständig
Doch Du bist der Treffpunkt von hunderttausend Kräften
Du meinst Du kannst Dich lenken
Weil Du nicht siehst was Dich zieht und treibt
Du meinst Du müßtest etwas tun
Doch Deine Anstrengung ist nur Widerstand .

~~~\~~~~~~~/~~~

02

Hast Du Schmerzen, lauf nicht davon
Hast Du Hoffnungen, halt sie nicht fest
Suchst Du die Freiheit, bindet Dein Suchen Dich
Ergreifst Du das Gute, ist Dein Greifen das Böse .

Weil Du unglücklich bist, strebst Du
Weil Du Angst hast, denkst Du
Doch Dein Streben wird kein Glück
Dein Denken wird keine Ruhe .

Du suchst eine Zuflucht
Doch es gibt keinen Schutz
Du suchst einen Ausweg
Doch es gibt keine Öffnung .

In Deiner Rede reden tausend Menschen
In deinem Gang gehen Lurche und Pferd
Aus Deinen Augen blicken Vogel und Reh
Deiner Hände Greifen ist das Greifen der Steinzeitmenschen .

~~~\~~~~~~~/~~~

03

Dein Fühlen ist Wahrheit
Dein Vorstellen ist Schein
Du jagst nach dem Schein
Und die Wahrheit verfolgt Dich .

Du hast Schmerz an der Welt
Und suchst Trost im Vergnügen –
Sie schnitten mit Messern durch Deine Seele
Und trösteten Dich mit Süßigkeiten .

Deine Augen machen aus tausend Strahlen eine Farbe
Deine Ohren machen aus tausend Schwingungen einen Ton
Deine Hände fühlen in tausend Bewegungen einen Körper
Dein Denken macht aus tausend Wahrnehmungen eine Idee .

Dein Wahrnehmen ist gefilterte Welt
Dein Denken ist gefilterte Wahrnehmung
Dein Streben ist gefiltertes Denken –
Was ist es, das Du da greifst ?

~~~\~~~~~~~/~~~

04

Des kreisenden Vogels Spähen gilt nur der Beute
Des Rehes Lauschen gilt nur der Gefahr
Des Hundes Schnüffeln gilt nur den Reizen
Deiner Gedanken Umherlaufen gilt nur der Befriedigung .

Du gehst zu den Lustigen
Doch ihr Lachen ist ohne Freude
Du suchst den Reichtum
Doch er lastet auf Deiner Seele
Du suchst den Erfolg
Doch der Glanz blendet Dich
Du gehst zu den Weisen
Doch ihre Weisheiten sind Gefäße ohne Böden
Du rufst Deinen Gott
Und hörst nur Dein Echo
Du fliehst die Stille
Doch Dein Schreien will niemand hören
Du suchst den Tod
Doch Dein Suchen ist das Leben –
Was Du suchst, erreichst Du nicht
Was Du fliehst, verläßt Dich nicht .

~~~\~~~~~~~/~~~

05

Ist jeder Halt zerbrochen
Fällst Du nicht um
Ist jedes Haus zerstört
Fällt Dich nichts an
Ist jeder Wunsch vergiftet
Reißt Dich nichts fort
Ist Alles verloren
Kommt die Welt zu Dir .

Die Welt ist offen
Du suchst zu schließen
Die Welt ist verbunden
Du suchst zu trennen
Die Welt ist Verwandlung
Du versuchst die Form .

In Deiner Mitte fühlst Du die Welt
Mit Deinen Sinnen veränderst Du die Welt
Mit Deinem Denken fliehst Du die Welt
In Deinem Streben zerstörst Du die Welt .

~~~\~~~~~~~/~~~

06

Du zwingst die Stoffe in Deine Form
Doch sie zerfallen
Du zwingst Deine Kinder in Deine Form
Doch sie wenden sich gegen Dich
Du zwingst die Gesellschaft in Deine Form
Doch Menschen werden das nicht
Du zwingst Dich selber in Deine Form
Und sie zerbricht Dich .

Die Strahlen der Welt durchdringen Dich
Die Schwingungen der Welt erschüttern Dich
Die Kräfte der Welt bewegen Dich –
Dein Reden von Freiheit betrügt Dich .

Du redest von Freiheit
Und Dein Motiv ist Zwang
Du redest von Sicherheit
Weil Du sie suchst
Du redest von Unabhängigkeit
Und wartest auf Beifall –

Du kannst nichts Böses tun
Denn Du bist die Konstellation
Von hunderttausend Konstellationen .

~~~\~~~~~~~/~~~

07

Du hast den Mut in den Weltraum zu fliegen
Doch Du zitterst vor Gespenstern
Du beherrschst Atome und Raketen
Doch Dein Denken beherrscht sich nicht
Du ordnest das Leben von Völkern
Doch Deine Gedanken ordnen sich nicht
Du verfügst den Tod anderer Menschen
Und weißt nicht ob Du nicht an Dir selbst zerbrichst .

Die Mechanik Deiner Logik täuscht Dich
Lebendiges bewegt sich nicht gradlinig
Materie bewegt sich nicht beziehungslos
Kannst Du ungradlinige Bewegung verstehen
Kannst Du allseitigen Bezug sehen
Ist die Mechanik Deiner Logik zu Ende .

Du bewahrst Deine Täuschung
Und erlebst Deine Macht
Du bewahrst Illusion –
Und fühlst Deine Ohnmacht .

~~~\~~~~~~~/~~~

08

Du redest von Fortschritt
Und bewegst Dich auf der Stelle
Du machst Revolutionen
Und wiederholst die Unterdrückung
Du glaubst an das Neue
Und Dein Denken orientiert sich beim Alten
Du strebst nach vorn
Und schaust nach hinten .

Dein Lebensbaum erhebt sich aus dem Dunkel der Welt
Du schaust Deine Krone an
Und fühlst Deine Wurzeln
Zwischen beiden spannt sich Dein Leben –
Du hängst an dem einen
Und meidest das andere .

~~~\~~~~~~~/~~~

09

Willst Du in der Welt ruhen
Mußt Du den Geschmack der Welt lieben
Willst Du den Geschmack der Welt lieben
Mußt Du ihn kennenlernen
Willst Du ihn kennenlernen
Mußt Du feinfühlig werden
Willst Du feinfühlig werden
Mußt Du allen Widerstand aufgeben
Willst Du allen Widerstand aufgeben
Mußt Du auf dem Fleck sitzenbleiben
Mußt stehenbleiben, wo Du stehst –
Das Festgehaltene weicht von Dir
Das Unterdrückte gesellt sich zu Dir
Dein Ich stirbt tausend Tode
Die Welt wird in Dir geboren .

In Deinem Widerstehen spannt sich die Welt
In Deinem Streben erhebt sich die Welt
In Deinem Wirken verwandelt sich die Welt
In Deinem Sterben entspannt sich die Welt

In Spannung und Entspannung erklingt
Die Harmonie der Welt .

~~~\~~~~~~~/~~~

10

Du greifst nach Reichtum und verurteilst die Diebe
In beidem wirkt Dein Widerstand
In beidem wirkt die Spannung der Welt
Du baust Atombomben und verfluchst ihre Wirkung
In beidem wirkt Dein Widerstand
In beidem wirkt die Spannung der Welt
Du baust eine Welt und hast Angst vor Zerstörung
In beidem wirkt Dein Widerstand
In beidem wirkt die Spannung der Welt
In Dir erhebt sich ein Ich und sucht sein Heil
In beidem wirkt Widerstand und die Spannung der Welt .

Das Böse ist nur ein Schein
Im Spiegel Deiner Moralen
Zerstörung ist nur ein Schein
Im Spiegel Deines Formens
Verlieren ist nur ein Schein
Im Spiegel Deines Ergreifens
Dein Weilen ist nur ein Schein
Im Fluss der ewigen Begegnung .

~~~\~~~~~~~/~~~

11

Die Arbeit Deiner Sinne ist Ergreifen und Widerstand
Drum entstehen Schönes und Häßliches
Wohlklang und Mißklang, Schmackhaftes und Schmackloses
Die Arbeit Deines Denkens ist Ergreifen und Widerstand
Drum entstehen Verstehen und Nichtverstehen .

Dein Lieben ist Nichtergreifen
Dein Sterben ist Nichtergreifen
Dein Weltoffensein ist Nichtergreifen –
Diesem gilt Deine verborgene Sehnsucht .

Deine Zellen sind permanenter Austausch
Dein Blut ist permanenter Fluss
Dein Hirn ist permanente Reaktion
Deine Idee ist der Versuch, alles anzuhalten .

Die Basis Deines Ideenturmes ist Dein Widerstand
Die Steine Deines Ideenturmes sind Deine Vorstellungen
Der Mörtel ist Dein Ergreifen
Die Spitze ist Dein ICH .

~~~\~~~~~~~/~~~

12

In Deinem Spiel erscheinen Möglichkeiten
Dein Denken erkennt diese Möglichkeiten
Dein Streben ergreift diese Möglichkeiten
Dein Leben wird abhängig von diesen Möglichkeiten .

Deine Gedanken ruhen sich aus
Wenn sie von einem Buch geführt werden
Wenn sie von einem Spiel amüsiert werden
Wenn sie in einer Aufgabe diszipliniert werden
Wenn sie in einen Traum entlassen werden
Deine Gedanken ruhen sich aus
Wenn sie von Dir nicht festgehalten werden .

Wenn das Leben an sich selber leidet
Heilt sich das Leben
Schiebt sich eine Vorstellung dazwischen
Bleibt Dein Leiden steril .

~~~\~~~~~~~/~~~

13

Du willst Deinen Schmerz nicht sehen
Denn Du schaust lieber die Heilmittel an
Du wagst Deine Qual nicht zu bekennen
Denn Du meinst Du müßtest ihr Meister sein
Du wagst nicht, Deinen Gott zu verfluchen
Denn Du denkst er müßte Dein Ebenbild sein
Du willst nicht zur Wurzel gehen
Denn dort bist Du klein .

Du sagst Du magst dieses Essen nicht
Es ist Dein Geschmack den Du nicht magst
Du sagst Du magst dieses Wetter nicht
Es ist Deine Erwartung die Du nicht magst
Du sagst Du magst diese Gesellschaft nicht
Es ist Deine Anschauung die Du nicht magst
Du sagst, wenn Du es wagst, Du magst diese Welt nicht
Es ist der Geschmack von Dir selber, den Du dann wahrnimmst .

Du meinst Du kannst wie ein Kindlein bleiben
Daß Du das denkst, zeigt, daß Du es nicht bist
Du meinst Du kannst ohne Ideen bleiben
Was Du da denkst, ist eine Idee
Du meinst Du kannst ohne Absturz bleiben
Wenn DU das hoffst, ist er Dir nahe .

~~~\~~~~~~~/~~~

14

In Deinem Leib entwickelt das Lebendige Härte
Um, zerbrechend, heimzukehren in die Verwandlung
In Deinen Ideen entwickelt das Lebendige Verirrung
Um, zerbrechend, heimzukehren in die Wahrheit
In der Menschheit entwickelt das Lebendige Brutalität
Um, zerbrechend, heimzukehren in die Schönheit .

Du mußt gewaltig irren
Um die Wahrheit tief zu erfahren
Du mußt gewaltig triumphieren
Um Deine Nichtigkeit zu erfahren –
Glaubst Du, Du kannst eines Menschen Weg abkürzen ?

Du rückst die Stoffe zurecht
Und Deine Mühe nimmt kein Ende
Du rückst die Kreaturen zurecht
Und Dein Töten nimmt kein Ende
Du rückst die Welt zurecht
Und die Zerstörung kommt auf Dich zurück.
Kannst Du ein Spinnennetz nachmachen ?

~~~\~~~~~~~/~~~

15

Cover Die Harmonie der Welt, Schillinger 2001So, wie Du diesen Augenblick erlebst
Will das Lebendige in Dir den Augenblick erleben
So, wie die Menschheit diesen Augenblick erlebt
Will das Lebendige in der Menschheit sich erleben .

Verdammst Du einen Gedanken in Dir
Verdammst Du eine Lebende Zelle
Verfluchst Du ein Gefühl in Dir
Verfluchst Du lebendiges Blut
Verurteilst Du einen Schuldigen
Dann verurteilst Du einen Menschen
In dem Dein Gedanke Fleisch und Dein Gefühl Blut wurden .

Deine Häuser sperren Dich ein
Dein Wissen kettet Dich an
Deine Wünsche zerren Dich umher
Doch Leben ist Bewegung aus sich selbst
Dein Atem wird nicht von Dir gemacht
Dein Feuer wird nicht von Dir entfacht
Dein Wirken wird nicht von Dir verursacht
Denn Leben ist Bewegung aus sich selbst .

~~~\~~~~~~~/~~~

16

Mal zerschlägst Du den Stein
Mal zerschlägt er Dich
Du siehst Deine Farbe aus dem übrigen Grau hervorstechen
Doch unterschiedlos ist der Allzusammenhang .

Wird Lebendiges gereizt
Wächst Widerstand oder Begehren
Werden Menschen gereizt
Wächst das Ich
Ist das Ich stark
Ist die Blindheit groß
Und die Zerstörung nimmt kein Ende.
Drum mußten die, die Menschen verändern wollten
Vor ihnen fliehen
Drum wurden die Worte derer,
Die den Menschen etwas Gutes verhießen
Die Quelle endloser Zerstörung –
Weil das Ich gestärkt wurde .

Hast Du etwas im Auge, sieht Dein Auge nicht klar
Hast Du Dein Denken gebunden, ist es unbeweglich
Ist Dein Ich stark
Ist Deine Orientierung schwach .

~~~\~~~~~~~/~~~

17

Die Gnade Deiner Krankheit ist
Daß sie Dich Dein Kranksein nicht sehen läßt
So bleibt Dir großer Schmerz erspart
Der Fluch Deiner Krankheit ist
Daß sie Dich Dein Kranksein nicht sehen läßt
So bleibt Dein Kranksein bewahrt.
Doch wenn Lebendiges an sich selbst leidet
Geht es aus allem heraus .

Entsteht in Deiner Mitte das Gefühl von Mangel
Bewirkt es an Deinen Rändern Ergreifen
Die Augen suchen reizvolle Bilder
Die Ohren reizvollen Klang
Der Gaumen reizvollen Geschmack
In Deinem Denken entstehen reizvolle Vorstellungen.
Bleibst Du in der Mitte
Erfüllt sie sich selbst .

Binden leibliche Freuden Dich
Wird in leiblichen Freuden Lebendiges sich entspannen
Binden Worte und Bücher Dich
Wird im Gebrauch von Worten Lebendiges sich entspannen
Binden Mystik und Glauben Dich
Wird in Mystik und Glauben Lebendiges sich entspannen
Binden hoch und niedrig Dich
Wird im Höherstreben Lebendiges sich entspannen
Will Dir jemand Deine Fesseln abnehmen
Wirst Du Dich zur Wehr setzen
Niemand ist gern seines Erlösungsmediums beraubt.
Doch will Lebendiges sich befreien
So wird es geschehen –
Du aber kannst das Atmen Deiner Seele nicht verändern .

~~~\~~~~~~~/~~~

18

Es ist so schwer
Aus dem Schein der Macht
Hinabzusteigen in die Wahrheit der Ohnmacht
Du bist süchtig wie ein Moskito
Der für einen Tropfen Blut alles riskiert
Du bist geblendet, weil Du sagen kannst
„Es werde Licht“, wenn Du den Schalter betätigst
Du eroberst die höchsten Gipfel
Doch Deine Triumphe werden durch Deine Finger rinnen
Und das Tal der Schmerzen wartet auf Dich
Denn, schau, leicht ist Dein Nichtsein zu erkennen :

Tag und Nacht
Aufstieg und Abstieg
Wachsen und Zerfallen sind Reaktionen
Hunger Frieren Angst sind Reaktionen
Sehen Fühlen Erkennen sind Reaktionen
Verstehen und Nichtverstehen
Sich Zuwenden und Abwenden
Sich Öffnen und Verschließen sind Reaktionen
Verschlingen und Ausscheiden
Gnade und Fluch
Verfinsterung und Erleuchtung sind Reaktionen

Du aber bist dieses alles .

~~~\~~~~~~~/~~~

19

Lebendiges erlebt den Schein der Form
In wiederkehrender Bewegung
Im Zyklus vollzieht sich Gebären
Im Zyklus vollzieht sich Ernähren
Im Zyklus erlebt es die Seligkeit des In-der-Welt-Seins
Doch nichts wiederholt sich.
Der Zwang zur Wiederkehr ist in allem Deinen Tun –
Und leicht geraten die Kreise steril .

Zu wiederkehrender Bewegung
Organisiert sich die Materie
Um in Spannung zu erleben
Die eigene Bewegungsform
Das eigene Kreisen
Aus mystischer Energie.
Den Rhythmus zu wahren
Ist des Vitalen Interesse
Die Zerstörung des Rhythmus‘
Erlebt es als Tod –

Wenn der Rhythmus Deiner sterilen Kreise gestört wird
Zerbrechen sie
Und Du erfährst die Gnade des Sterbens .

~~~\~~~~~~~/~~~

20

Als Störung wirkt das Neue
In den Kreisen Deiner Gedanken
Als Störung wirkt das Neue
Auf die Richtung Deines Gehens
Als Störung wirkt das Neue
In das Verhängnis Deines Strebens –
Die Welt holt das Verirrende zurück.
Du aber kannst das Tor zur Freiheit nicht sehen .

Einst sahest Du ein Land von namenloser Schönheit
Hast Du das vergessen ?
Einst kam Dein Tun aus der Quelle der Unschuld
Hast Du das vergessen ?
Einst war in Deinem Fühlen die ganze Welt
Hast Du sie weggeschmissen ?

Es ist alles noch in Dir .

Reklame Uwe Schade

Bilder: Wilhelm „Nitya“ Klingholz: Die Harmonie der Welt, 17. September 2015;
Cover Lokwort Buchverlag, Bern 1999,
danach Schillinger Verlag, Freiburg im Breisgau 2001.

Soundtrack: Die schönste von allen bekannten Tausenden Versionen Stille Nacht ist zweifellos eine englische – Silent Night –, nämlich die von die von Tom Waits. Sie ist nie auf einer Original-CD von ihm erschienen, insofern eine Rarität, nur auf SOS United, 1989 – eine Stiftung von Tom Waits für die SOS-Kinderdörfer. Der teilhabende Kinderchor bleibt unbekannt, weil ungenannt.
Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Bonus Track: Tom Waits: Innocent When You Dream (Barroom), aus: Franks Wild Years, 1987,
für Paul Auster/Wayne Wang: Smoke, 1995:

Written by Wolf

24. Dezember 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Frankonachten 3/5: Und schuld dran war die Ofenhitz

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Update zu Willkomm und dervoo,
Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich,
In dich hoff ich ganz festiklich,
So eine Art Käse-Cocktail oder Mehl-Flip
und Zwetschgenzeit (zu spät):

Weihnachten ist ja immer auch was mit Heimat. Bei mir ist das Franken, eine kulturelle und historische Landschaft, die mich nie ganz in Ruhe lassen wird.

Aber weh und ach, man tut sich mancherorts a weng arch, was bedeutet: in besonderem Maße, hart mit der Heimatliebe. Vor allem in Franken, wo man ein Wort wie „Heimatliebe“ nicht einmal aussprechen kann. Das ist eine körperliche Tatsache, allenfalls Hinschreiben funktioniert bei manchen, also ich könnt’s nicht. Alle drei Regierungsbezirke, die ja erst der Napoleon 1806 bayerisch und teilweise katholisch gemacht hat, sind eine karge Gegend, in denen der menschliche Mund als Organ des Inputs, nicht des Outputs seinen Gebrauch finden muss; seitdem sind die Franken innerhalb ihrer zugewiesenen politischen Heimat „eine Art Preußen mit mildernden Umständen“ (cit. Günter Stössel: Frankensong, 1979). Was erwartet man auch von einem Menschenschlag, unter dem ein Bündnis gegen Depression e.V. zur landkreisweiten Überraschung erst aus einer Aufklärungskampagne über die eigene Volksseele entstehen muss. Dass es als gemeinnütziger Verein im Südnürnberger Klinikum fortgeführt wird – hinter Langwasser draußen, wer’s kennt –, ist schön und nützlich wie nur was, war aber nicht abzusehen bei einem Volksstamm, bei dem Scheitern zur Folklore gehört. Als Beispiel: „Das war eine ganz vorzügliche Mahlzeit“ heißt auf Fränkisch: „Scho schlimmer gschbeid.“

Der Volksschullehrer Franz Bauer nun lebt im Stadt- und Landnürnberger kollektiven Gedächtnis fort mit seinem Gedicht über die weihnachtliche Begebenheit mit einer Christbaumspitze, das als seine Lebensleistung herhalten muss. Das ist mehr als die meisten von uns vorweisen können, aber zu kurz gesprungen. Bauers nachweisbare Produktion von Dialektlyrik setzt in der schweren bösen Zeit 1936 ein (Zammkratzi. Das sind allerlei Verse in der schönen Nürnberger Mundart), von etwas wie Schreibverbot oder innerer Emigration weiß man nichts. Was bei anderen Literaten ideologischen Verdacht erregen müsste, ist bei dem Herrn Lehrer, Dichter und Heimatkundler noch kein gültiger Ausweis der unbotmäßigen Affirmation, weil sein Gegenstand allzu mehrheitsfähig und harmlos daherkommt. So reißt seine lyrische Produktion auch bis 1962 nicht ab (Lachkabinettla. Gedichtla und Gschichtla in Nürnberger Mundart.).

Cover Franz Bauer, Alt-Nürnberg, 1933Noch vor der beschaulichen Lyrik, im Jahre der „Machtergreifung“ 1933, hat Bauer Alt-Nürnberg: Sagen, Geschichten und Legenden zum Druck befördert – eine reichhaltige Sammlung von Begeben- und Gegebenheiten, die Nürnberg zu dem gemacht haben, was es bald nicht mehr ist, ideologisch unverdächtig und ungebrochen ein zuverlässiger Hausschatz.

Überhaupt hat sich der Rektor Bauer um die Nürnberger Heimatkunde in Lach- und Sachliteratur recht verdient gemacht: Es gibt themengebundene Mythologie, Mundarttheater, dem Jugendbildner angemessene Kinderbücher und – was man in der Franconica-Ecke außer den Regionalkrimis bis heute gern ausliegen sieht –: die Mundartlyrik in ausgesprochen schmuck broschierten Bänden – eins der Verdienste der Nürnberger Buchhandlung, damals noch inhabergeführter Verlag Edelmann, die sich seit 2004 bloß noch im verfeindeten Fürth ein bissel rudimentär dahinfrettet. Was uns sagt: Gerade die epigonalen Paarreimereien, die einen schwankhaften, leicht brachialen Humor bedienen, bedeuten generationenübergreifend den meisten Leuten immer noch was.

Im Gegensatz zu allen anderen auffindbaren Stellen im großen weiten Internet bringe ich die zeichengenau abgetippte Version von der Christbaumspitz nach der 9. Auflage von Betthupferla 1982, einschließlich des eindeutigen Druckfehlers einer ungeschlossenen Anführung und einiger mundartlicher Fragwürdigkeitkeiten, soweit ich sie als Native Speaker beurteilen kann und unter leisem innerem Sträuben stehen lassen muss: So nachsichtig ich mich auf der phonetischen Ebene zu zeigen geneigt bin, weil sich der oberostfränkische Lautstand seit 1955 pro Generation ein paarmal über den Haufen gewandelt haben wird, so sicher bin ich doch, dass auf grammatischer Ebene weder anno 1455 noch 1955 die Hilfsverben einer „Umschreibung mit to do“ – Nürnberger Mundart: Lemma tun, von Bauer verwendet als tout – unterliegen, auch nicht in der Verlaufsform in einem vorzeitigen Zeitverhältnis, oder anders: Eine Bildung „walls pressiert habn tout“ gibt’s nicht, hat’s nie gegeben und wird auch nix mehr. Nicht das einzig mögliche Beispiel. Und wenn ich schon diachronisch werden soll, fang ich von der phonetischen Transkription des historisch gewordenen Lautstands eines weiterhin quicklebendigen sprachlichen Subsystems vorsichtshalber gar nicht erst an.

Da seht ihr schon, eine zuverlässige Wiedergabe ist seit 1955 endlich mal fällig. Dass ich das tun kann, hat mich 3 Euro 60 einschließlich Porto für ein Korrekturexemplar gekostet. So bin ich zu euch.

Die künstlerischen Unzulänglichkeiten liegen auf der Hand, sie eigens zur Beleuchtung hervorzuzerren zeugte von Häme. Das Ding ist in Erstauflage von 1955, dem Rektor Bauer sein Gesamtwerk sagt manchen Leuten, die vielleicht anders sind als du, aber nix gegen dich haben, und die du, wenn du sie triffst, am Ende sogar ganz gern leiden magst, mehr als dir, was voll in Ordnung geht. Du fährst deiner beglückt lauschenden Großmutter ja auch keine siebengescheiten Aperçus über Beschaffenheit und sozialpolitische Relevanz von Bayern 1 hin, bloß weil Heino läuft. Und wenn doch: Lass es einfach bleiben.

Zur Belohnung sehe ich taktvoll von Bildmaterial mit weihnachtlich-besinnlich gemeinten Christbaumspitzen ab. Des bassd dann scho.

——— Franz Bauer:

Die Christbaumspitz

(a Gschicht vo daham)

aus: Betthupferla. Neie Gedichtla und alti Lodnhüter aff närnbergisch,
Verlag Moritz Edelmann, Nürnberg 1955, Seite 6 f., in 9. Auflage 1982 Seite 9 f.:

Cover Franz Bauer, Betthupferla, 1955, 1982Döi is fei wahr und is ka Witz,
döi Gschicht vo unserer Christbaamspitz!
Dös war a schöine Spitz, jawull,
war außn silbri, inna huhl,
drum hout mei Frau gsagt: „Gouter Fritz,
gib obacht aff die Christbaamspitz!“

I hob dou grod in Christbaam putzt
und höit mi wärkli ball derhutzt
und walls pressiert habn tout, drum ebn
lang i mit meiner Händ dernebn,
(der Mensch macht manchmal solchi Schnitz!)
und druntn liegt die Christbaamspitz.

Mei Frau döi war dou net zur Stell,
drum hab i denkt: Öitz handelst schnell!
Die hinter Seidn war lädiert,
drum hab i’s gscheit mit Leim ohgschmiert,
habs wieder nafpappt aff ihrn Sitz,
glei hie an Baam, die Christbaamspitz.

Wer’s gwußt höit, der höit’s deitli gsehng,
doch hab ich gar nix gsagt, destweng …
Bloß bo der Bscherung, dou war’s dumm;
mir stenna um den Christbaam rum,
und wöi mei Frau singt: „… einsam wacht …“
dou houts aff amal komisch kracht,
i merk, wöi i ganz plötzli schwitz,
am Budn liegt die Christbaamspitz.

I hab blouß mit der Achsel zuckt
und hab an der Krawattn gruckt,
hab gsagt: „Dou droh is schuld öitz fei
ner blouß dei houcha Singerei;
dei kräftin Tön, döi habns zerhaut, –
warum bläkst immer a su laut?
Du schnullst a vill zu vill Lakritz! –
Siehgst – öitz is hie, die Christbaamspitz!

In Wärklichkeit is anderscht gwest:
der Leim, der hout si langsam glöst
und hout halt nemmer a su pappt,
drum hout die Spitz si g’lockert ghabt.
Und schuld droh war die Ufnhitz
– und ich! – an dera Christbaamspitz.

Bildlä: Covers via – hilft ja nix – Amazon;
Petra und Stefan aus Forchheim, 9. September 2020

Soundtrack: Mercury Rev: Endlessly (mit der „Stille Nacht“-Referenz), aus: Deserter’s Songs, 1998:

Standing in a street,
the line beneath the falling leaves
leading her again endlessly.
And of all the stars above,
only one reminds her of
leaving you again endlessly.

Written by Wolf

17. Dezember 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento

Frankonachten 2/5: Nämlich gar nicht einschlafen zu wollen

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Update zu Blumenstück 001: Streckvers bei Nacht,
Weihnachten Fibels,
Weil er bei den Mahlzeiten so entsetzlich isset
und Und vierzehn Gräser formen ein Sonett:

Weihnachten ist ja immer auch was mit Heimat. Bei mir ist das Franken, eine kulturelle und historische Landschaft, die mich nie ganz in Ruhe lassen wird.

Serge Marshennikov

Der gebürtige Preuße Jean Paul wird seit der Bundesrepublik Deutschland als fränkisch angesehen, weil er aus Wunsiedel stammt, das im bayerischen Regierungsbezirk Oberfranken liegt. Bei Jean Pauls Geburt 1763 lagen Wunsiedel und seine folgenden Jugendstationen Joditz, Schwarzenbach an der Saale, Rehau und Hof im hohenzollerischen Fürstentum Kulmbach-Bayreuth oder Markgraftum Brandenburg-Bayreuth im Fränkischen Reichskreis. Damit wäre Jean Paul beinhart preußischer Herkunft, was sie in Wunsiedel, wo sie ja sonst nur die Luisenburg-Festspiele und das Grab von Rudolf Heß haben, nicht mehr so gerne hören. Um es ja nicht zu einfach zu machen, fiel das Fürsten- oder Markgraftum nach dem Frieden von Tilsit am Ende des dritten Napoleonischen Krieges ans erste französische Kaiserreich. Jean Paul war also zwischen 1807 und 1810 Franzose, danach zahlte das Königreich Bayern in Gestalt von König Maximilian I. Joseph aufgrund des Pariser Vertrags 15 Millionen Francs, damit Jean Paul für den Rest seines Lebens Franke innerhalb Bayerns sein konnte.

Jean Pauls Einschlafhilfen — die Steilvorlage, dass sein Gesamtwerk eine solche wäre, sei hiermit durch vorwegnehmende Erwähnung entschärft — sind wohl das unmittelbar Anwendbarste, was er geschrieben hat; seine Kochrezepte mussten ja erst in der Postmoderne rekonstruiert werden. In der Zählung sind sie durch die Zweitverwendung für den Roman durcheinander geraten, aber meine liebste ist sowieso die außerhalb der Reihe.

Serge Marshennikov

——— Jean Paul:

Die Kunst, einzuschlafen

(Aus der Zeitung für die elegante Welt)

in: Zeitung für die elegante Welt, Nr. 20 und 21, 14. und 16. Februar 1805,
stark erweitert für: Dr. Katzenbergers Badereise, Mohr und Zimmer, Heidelberg 1809,
nachgestelltes I. Werkchen für Zweites Bändchen:

Für die jetzigen langen Nächte und für die elegante Welt zugleich, die sie noch länger macht, ist eine Kunst, einzuschlafen, vielleicht erwünscht, ja für jeden, der nur einigermaßen ausgebildet ist. Es gibt jetzo wenige Personen von Stand und Jahren, die, das Glück ihrer höhern Feinde ausgenommen, irgendein anderes so sehr beneideten als das einer Haselmaus oder auch eines nordischen Bären, dessen Nachtschlummer bekanntlich gerade so lange als seine Nordnacht währt, nämlich fünf Monate. Unsere Zeit bildet uns in Kleidern und Sitten immer mehr den wärmern Zonen an und zu, und folglich auch darin, daß man wenig und nur in Morgen- und Mittagstunden schläft; so daß wir uns von den Negern, welche die Nacht kurzweilig vertanzen, in nichts unterscheiden als in der Länge unserer Weile und unserer Nacht. Hoch oben wird immer mehr die eigne Menschheit – nicht wie von Alexander aus dem Schlafe – umgekehrt aus dem Mangel desselben erraten. Gibt es nicht in allen Residenzen Jünglinge von Welt und Geburt, welche (besonders wenn die Gläubiger erwachen) gern so lange schliefen, bis sie stürben, oder doch bis ihre Väter? Und was hilfts manchem jungen Menschen, daß er Franklins Wink, nachts zum bessern Schlafe die Betten zu wechseln, so gut er weiß, befolgt? Aus dem Gegengift wird in die Länge ein Gift.

Kurz, wer jetzo noch am festesten schläft – die Glücklichen in den Wachstuben auf der Pritsche ausgenommen –, ist einer oder der andere Homer und die sogenannten zehn törichten Jungfrauen, welche in der Bibel den Bräutigam verschlafen.

Serge MarshennikovWenn ich gleichwohl mehre geistige Mittel, einzuschlafen, freigebig anbiete, noch dazu in einem kurzen Aufsatze – nicht in langen dicken Bänden – : so sind sie in der Tat nicht jenen Wüstlingen gegönnt und geschrieben, welche – durch lauter maîtres de plaisirs zu esclaves de plaisirs gemacht – in der Nachtzeit, in welche sonst die alte Jurisprudenz die Folter verlegte, bloß darum die ihrige ausstehen, weil sie sonst ihre Freuden und Nachtviolen darin pflückten. Sie mögen wachen und leiden, diese Sabbatschänder des täglichen Sabbats der Natur.

Gibt es hingegen einen Minister, der an einem Volke – oder einen Autor, der an einem Werke arbeitet, und beide so feurig, daß sie ebensoviel Schlaf verlieren als versüßen – oder irgendeinen weiblichen Kopf, der das Näh- und Fang-Gewebe seiner oder fremder Zukunft – so wie die Spinnen die ihrigen gern um Betten und immer in der Nacht abweben – ebenso im Finstern ausspinnt, und der folglich kein Auge zutut – oder gibt es irgendeinen andern von Idee zu Idee fortgetriebenen Kopf- z.B. meinen eignen, den bisher der Gedanke, die Kunst, einzuschlafen, für die Zeitung für die elegante Welt zu bearbeiten, an der Kunst selber hinderte – : so sei allen diesen so geplagten und geschätzten Köpfen mit Vergnügen der Schatz von Mitteln, einzuschlafen, mitgeteilt, worunter so manche oft nichts helfen dem einen, doch aber dem andern und den übrigen.

Nicht Einschlafen, sondern Wiedereinschlafen ist schwer. Nach dem ersten schlummernden Ermatten fährt der obige Staatmann wieder auf, und irgendeine Finanz-Idee, die ihm zufliegt, hält er, sich abarbeitend, fest, wie der Habicht eine in der Nacht erpackte Taube bis an den Morgen in den Fängen aufbewahrt; dasselbe gilt ganz vom Bücherschreiber, dessen Innres im Bette, wie nachts ein Fischmarkt in Seestädten, von Schuppen phosphoresziert und nachglänzt, bis es so licht in ihm wird, daß er alle Gegenstände in seinen Gehirnkammern unterscheiden kann und an seinem Tagwerke wieder zu schreiben anfängt unter der Bettdecke. Dies ist ungemein verdrießlich, besonders wenn man keine Mittel dagegen weiß.

Ich weiß und gebe sie aber; sämtlich laufen sie in der Kunst zusammen, sich selber Langweile zu machen, eine Kunst, die bei gedachten logischen Köpfen auf die unlogische Kunst, nicht zu denken, hinauskommt.

Wir wollen indes einen weitern Anlauf zur Sache nehmen. Es wird allgemein von Philosophen und Festungkommandanten angenommen, daß ein Mensch, z.B. eine Schildwache, imstande sei, schläfrig und wach zu bleiben. Ja ein Philosoph kann sich zu Bette legen, Augen und Ohren verschließen und doch die Wette ausbieten und gewinnen, die ganze Nacht zu verwachen bloß durch ein geistiges Mittel, durch Denken; – folglich setzt diese Willkür die andere voraus, einzuschlafen, sobald man das Mittel der Wette nicht anwendet, wie wir abends ja an ganzen Völkern sehen, wenn sie zu Bette gehn.

Der Schlaf ist, wie ich im Hesperus bewiesen, das stärkende Ausruhen nicht sowohl des ganzen Körpers oder der Muskeln u.s.w. als des Denkorgans, des Gehirns, daher durch lange Entziehung desselben nichts am Körper erkrankt als das Gehirn, nämlich zum Wahnwitz. Wird es bei dem Tiere durch kein Empfinden, beim Menschen durch kein Denken mehr gereizt, so zittert dieses willkürliche Bewegorgan endlich aus. Sobald der Mensch sagt: ich will keine einzige Vorstellung, die mir aufstößt, mehr verfolgen, sondern kommen und laufen lassen, was will: so fällt er in Schlaf; nachdem vorher noch einzelne Bilder ohne Band und Reihe, wie aus einer Bilderuhr, vor ihm aufgesprungen waren, bloße Nachzuckungen des gereizten Denkorgans, denen der Muskelfasern eines getöteten Tieres ähnlich. Das Erwachen dagegen beginnt das gestärkte und nun reizende Organ, wie das Einschlafen der nachlassende Geist.

Die göttliche Herrschaft des Menschen über sein inneres Tier- und Pflanzenreich wird zu wenig anerkannt und eingeübt, zumal von Frauen; ohne jene schleppt uns die Kette des ersten besten Einfalls fort. „Tritt aber nicht“, kann eine Frau sagen, „das Leichenbild meines Schmerzes überall ungerufen mitten im Frühling und im Garten desselben wie ein Geist aus der Luft, bald hier, bald da, und kann ich der Geistererscheinung wehren?“

Wende das Auge von ihr, sag‘ ich, so verschwindet sie und kommt zwar wieder, aber immer kleiner; siehst du sie hingegen lange an, so vergrößert sie sich und überdeckt dir Himmel und Erde. – Nicht die Entstehung, sondern die Fortsetzung unserer Ideen unterscheidet das Wachen vom Traume; im Wachen erziehen wir den Fündling eines ersten Gedankens oder lassen ihn liegen; im Traume erzieht der Fündling die Mutter und zügelt sie an seinem Laufzaume.

Serge MarshennikovUm zum nahen Einschlafen wieder zu kommen, so bekenn‘ ich indes, daß jenes gewaltsame Abbestellen und Einstellen alles Denkens ohne philosophische Übung wohl wenigen gelingen wird; nur der Philosoph kann sagen: ich will jetzt bloß mein Gehirn walten lassen ohne Ich. Dieses Vermögen, nicht zu denken, kann also nicht überall bei der eleganten und denkenden Welt vorausgesetzt werden. Die Juden haben unter ihren hundert Danksagungen an jedem Tage auch eine bei dem Krähen des Hahns, worin sie Gott preisen, daß er den Menschen hohl erschaffen, desgleichen löcherig. Jeder elegante Welt-Mensch wird bis zu einem gewissen Grade – bis zum Kopfe – in das Dankgebet einfallen, weil er in der Tat keine Lücken in der Welt lieber auszufüllen sucht als seine eignen.

Allein nicht jeder hat abends das Glück, hohl zu sein und also, da die Leerheit des Magens nicht halb so sehr als die des Kopfes das Einschlafen begünstigt, letztes zu erringen. Es müssen folglich brauchbarere Anleitungen, den Kopf wie einen Barometer luftleer zu machen, damit darin das zarte elektrische Licht der Träume in seinem Äther schimmere, von mir angegeben werden.

Wenn alle Einschlafmittel, nach den vorigen Absätzen, d.h. Grundsätzen, in solchen bestehen müssen, die den Geist vom Gehirne scheiden und dieses seiner eignen Schwere überlassen: so muß man, da doch die wenigsten Menschen verstehen, nicht zu denken, solche Mittel wählen, die zwar etwas, aber immer dasselbe Etwas zu denken zwingen.

Da ich wohl ein guter Einschläfer und Schläfer, aber einer der mittelmäßigsten Wiedereinschläfer bin: so geben mir meine Nacht- und Bett-Lukubrationen vielleicht ein Recht, über die Selbeinschläferkunst hier der Welt nach eignen Diktaten zu lesen.

Ich müßte von mir selber sprechen und mich über mich ausbreiten, wenn ich die Leser an mein Bette führen wollte, um sie von diesem Heidenvorhof aus weiter zu geleiten zum Katheder.

Nur dies kann ich vielleicht sagen, daß ich ganz andere Anstalten als die meisten Leser treffe, um nicht aufzuwachen. Wenn z.B. so mancher Leser bei dem Einschlafen eine Hand aus Unvorsicht auf die Stirn oder an den Leib oder nur ein Bein aufs andere legt: so kann das geringste, dem Schlafe gewöhnliche Zucken der vier Glieder sämtlichen Rumpf aufwecken und aufkratzen; – und dann ist die Nacht ruiniert, und er mag zusehen. Dagegen man sehe mich im Bett! – Nie berühre doch jemand im Schlaf ein lebendiges Wesen, welches ja er selber ist. Der kleinlichern Vorsichtregeln gedenk‘ ich gar nicht, z.B. gegen den Hund, der auf der Stubendiele mit dem Ellenbogen hämmert oder auf einem wankenden Stuhl mit zwei Stuhlbeinen auf- und abklappert, wenn er sich kratzt. Und doch leidet der unvorsichtige Leser so viel im Bette als ich, weil wir beide nie schärfer denken und reicher empfinden als in der Nacht, diese Mutter der Götter und mithin Großmutter der Musen; und ginge am Morgen nicht der Körper mit Nachwehen herum, es gäbe kein besseres Braut- und Kindbett geistiger Sonntaggeburten als das Bette, ordentlich als wenn die Schlaffedern zu Schreibfedern auswüchsen.

Eh‘ ich endlich meine elf Mittel, einzuschlafen, folgen lasse, merk‘ ich ganz kurz an, daß sie sämtlich nichts helfen; – denn man strengt sich sehr dabei an, und mich hat jedes Schlaf genug gekostet; – aber dies gilt nur für das erstemal. – Eben hat mir mein scharfsinniger Freund E. noch ein zwölftes entdeckt, nämlich gar nicht einschlafen zu wollen.

Aber seitdem, d.h. seit anderthalb Jahrzehenden, hab‘ ich noch drei neue Selberwiegen im Bette zur Welt gebracht, so daß es künftig eines jeden eigne Schuld bleibt, wenn er, mit meinen vierzehn Handgriffen zum Einwiegen seines Kopfs in Händen, gleichwohl seine Augen noch so offen behält wie ein Hase, der indessen darüber gar nicht zu tadeln ist, da ers eben im Schlafe tut.

Nach langem Überlegen, wie ich meine drei neuen Schlafmittel in dieser dritten Auflage unter die elf alten einschalten könnte mit Beibehaltung alles Spaßes der frühern Rangordnung, fand ichs endlich als zweckdienlichst, sofort nach dem neunten Einschlafmittel die drei neuen einzuschieben und darauf mit den alten bis zum vierzehnten ordentlich fortzufahren; anders wüßt‘ ich nicht einzuflechten ohne namhaften Verlust meiner und der Leser.

Serge Marshennikov1) Das erste Mittel, das schon Leibniz als ein gutes vorschlug, ist Zählen. Denn die ganze Philosophie, ja die Mathematik hat keine abstrakte Größe, die uns so wenig interessiert als die Zahl; wer nichts zählt als Zahlen, hat nichts Neues und nichts Altes, indessen doch eine geistige Tätigkeit, obwohl die leichte der Gewohnheit, so wie ein Virtuose ohne große geistige Anstrengung nach dem Generalbasse phantasiert, den er doch mit großer erlernte. Buxton, der eine Zahl von 39 Ziffern im Kopfe mit ihr selber multiplizierte, sank nach tiefen Rechnungen in tiefen Schlaf. Die Alten hatten an den Bettstellen das Bildnis Merkurs, dieses Rechners und Kaufmanus, und taten an ihn das letzte Gebet. Es läßt sich wetten, daß niemand leichter einschläft als ein Mathematiker, so wie niemand schlechter als ein Verse- und Staatmann.

Allein dieses Leibnizische Zählen wird an schwachen Schläfern unsers Jahrhunderts nur mittelmäßige Wunder tun, wenn man entweder schnell oder über hundert (wodurch es schwerer wird) oder mit einiger Aufmerksamkeit zählt. Ebenso muß man, wie höhere Rechenkammern, nichts darnach fragen, daß man sich verzählt. Unglaublichen Vorschub tut aber dem Schlafe ein kleiner, meines Wissens noch unbekannter Handgriff, nämlich der, daß man im Kopfe die Zahlen, welche andere Schläfer schon fertig ausgeschrieben anschauen, selber erst groß und langsam hinschreibt, auf was man will. Verfasser dieses nahm dazu häufig eine lange Wetter- oder auch Stöhrstange und zeichnete, indem er sie am kurzen Hebelarme hielt, mit dem langen oben an das