Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘~ Höllenfahrt ~’ Category

In dürren Blättern säuselt der Wind

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile
und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

Ernst Kutzer, Postkarte Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten, gelaufen. Datiert und Poststempel 1914, GoethezeitportalSeriöse Bestandsaufnahmen der Vertonungen von Goethes Erlkönig von 1782 kommen regelmäßig auf etwas um 30 Versionen. Nicht alle davon sind sinnvoll als Tonaufnahme oder auch nur als Partitur aufzutreiben. Während sich die Kompositionen bis tief in die deutsche Romantik hinein gegenseitig überholen und geradezu überdecken, ist die Schaffenspause zwischen 1865 und der Postmoderne 1999 umso auffallender.

Zugegeben hat mich persönlich Goethes Original (das er bei Herder gelernt hat) nie sonderlich beeindruckt, später hat er ganz objektiv bessere gebracht: zu gewollt, zu fremd, erwartbare Pointe, und wenn man zu genau hinschaut, glatte Verharmlosung der Kindesmisshandlung mit Todesfolge, wenn nicht gar, bei boshafter Auslegung, Verherrlichung von Pädophilie.

Aus den e-musikalischen Vertonungen lässt mich allerdings der instrumentale Geigenmuckel von Heinrich Wilhelm Ernst offenen Mundes staunen, dass sowas schon mal ein Mensch gestemmt hat, auch wenn sich allein innerhalb YouTube überraschend viele Teufelsgeiger (und -geigerinnen!) finden, die sich wacker schlagen. Aus der Postmoderne mag ich Falkenstein aus Urdarbrunnen am liebsten: Die respektieren die Vorlage, ohne daran herumzumodernisieren, und kommen ohne Ausdruckstanz in Lack- und Lederbikinis aus. Alles, was sonst schon Schlagzeug verwendet, ist zur Not dem Gothic zuzuordnen und in der Affigkeit allenfalls graduell unterschiedlich.

Erlkönig Kinderfahrrad, 1. April 2015

  1. Corona Schröter: Erlkönig, 1782. Kevin bemerkt in seiner Hausarbeit Vertonungen des Erlkönigs sehr hellsichtig:

    Sie komponierte ein durchgängiges Strophenlied zu dem Text Goethes. Dabei hält sie die Melodie recht einfach, was man beispielsweise daran erkennt, dass der Ambitus mit einer Oktav und einer Sekund geringer ist als bei den übrigen Vertonungen. Der Hörer legt durch die einfache Melodie das Augenmerk vor allem auf den Text. Außerdem hält sich Schröter an den Rhythmus im „Erlkönig“ und schreibt ihr Lied im ungeraden Takt. Dies könnten Gründe dafür sein, dass Goethe das Werk gefallen hat.

    Kritisieren kann man, dass die Melodie zum Beispiel beim Tod des Jungen viel zu fröhlich klingt. Das Problem kommt dadurch zu Stande, dass das Lied ein Strophenlied ist und es so eine Einheitsmelodie für alle Strophen gibt.

  2. Andreas Romberg: Erlkönig, 1793.
  3. Johann Friedrich Reichardt: Erlkönig, 1794.

  4. Carl Friedrich Zelter: Erlkönig, 1797.

  5. Gottlob Bachmann: Erlkönig, 1798/1799.

  6. Friedrich Methfessel: Erlkönig, 1805.
  7. Bernhard Klein: Erlkönig, 1815/1816.
  8. Postkarte Wer reitet so spät durch Nacht und Wind. Mit Noten, Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen, ca. 1920, GoethezeitportalFranz Schubert: Erlkönig, Opus 1, Deutsch-Verzeichnis 328, 1815, Uraufführung 7. März 1821 in Wien.

    Das ist bis heute die bekannteste Vertonung geblieben. Goethe kannte sie. Er mochte sie nicht. — Erneut Kevin:

    Erst Franz Schubert löst sich vom Strophenlied und dem Rhythmus des Erlkönigs. Bei ihm steht nicht mehr länger der Text, sondern die Melodie im Vordergrund. Diese ist kunstvoll gestaltet, worauf der große Ambitus und zahlreiche Crescendi bzw. Decrescendi hinweisen. Schubert verfasst ein ausgedehntes Vorspiel, einige Zwischenspiele und ein, wenn auch kurzes, Nachspiel. Neben dem Tonartwechsel hat vor allem die Begleitung große Beachtung verdient. Die Singstimme wird ostinat mit Triolen begleitet, die erst beim Tod des Knaben verstummen. Das Trauermotiv kurz vor Ende verstärkt die Intention.

    Dietrich Fischer-Dieskau, Klavier: Gerald Moore, 1951:

  9. Carl Loewe: 3 Balladen, Opus 1, 1.: Erlkönig, 1824.

    Goethe kannte sie. Er mochte sie.

    ——— Carl Ludwig Schleich: Besonnte Vergangenheit, 1920,
    Kapitel 20: Erinnerungen an Richard Dehmel:

    Dehmel liebte die Musik über alles, und ich habe ihn oft erfreuen können mit dem Vortrag Löwescher Balladen, von denen der „Edward“ ihn oft zur hellen Begeisterung fortriß. Conrad Ansorge begleitete mich meisterhaft. Er stellte Löwes „Erlköni“«, wie so viele, weit über den Schuberts und behauptete, Schubert habe den dämonischen Trieb zur Knabenliebe, den Goethe gestalten wollte, gar nicht verstanden, ihm fehle das unheimlich Sadistische in der Musik, wie denn auch Schuberts „Ganymed“ aus dem gleichen Grunde völlig mißverstanden sei. Erst Hugo Wolf habe diese naive, griechische Dämonie des Jupiter richtig erfaßt und vertont. Was waren das schöne Abende im Hause seines späteren Schwiegervaters mit seiner sehr klugen und grundgütigen Gattin, die sonderbarerweise nie recht an den Stern Dehmels glauben wollte.

    Hans Hotter, Klavier: Gerald Moore, 1957:

  10. Max Eberwein: Erlkönig, 1826.
  11. Anselm Hüttenbrenner: Erlkönig-Walzer, 1829.

    Cyprien Katsaris:

  12. Louis Spohr: Erlkönig, Opus 154, Nummer 4, 1856.

    Einzige Bearbeitung für Klavier und Violine und in Viertel- statt Achteltakt, also getragener als alle anderen in Allegro non troppo.

    Die sechs Lieder op. 154 sind in dem Zeitraum April bis August 1856 in Kassel komponiert worden und in Louis Spohrs eigenem Werkverzeichnis mit der Nr. 260 notiert. Op. 154 ist Spohrs letztes Liederheft, bei dem er noch einmal „sein Instrument“, die Violine, wirkungsvoll als Soloinstrument einsetzt.

    Dietrich Fischer-Dieskau, Bariton; Hartmut Höll, Klavier; Dmitry Sitkowetsky, Violine:

  13. Heinrich Wilhelm Ernst: Caprice für Violine allein, Opus 26, ca. 1865.

    Transkription des Schubert-Liedes für Solo-Violine. Extrem schwierig zu spielen, weil tatsächlich jeder der vier vorhandenen Geigensaiten eine vollwertige Stimme zugeordnet ist: Man spielt quasi alleine ein Streichquartett.

    Hillary Hahn:


    Und als Zuckerl für die Notenleser unter uns: das Versprechen, dass man auch ohne so sportliche Fingerübungen ein erfülltes Musikleben führen kann:

  14. Hypnotic Grooves featuring Jo Van Nelsen: Der Erlkönig, aus: Rosebud: Songs of Goethe and Nietzsche, 1999:

  15. Forseti: Erlkönig, aus: Jenzig, 1999:

  16. Daniel Bill: Erlkönig, aus: Screaming in the Night, 2000:

  17. Achim Reichel: Erlkönig, aus: Wilder Wassermann, 2002:

  18. Scarecrow featuring Stefan „Das Ich“ Ackermann und Mike Oldfield: Tubular Bells, 1973, in: Erlkönig, 2003, aus: Outcry, 2002. Regie: Patrick v. Ollrath, Avantgarde Films 2004, 3. Platz auf der Visionale Frankfurt 2003.

    2003 lag es offenbar nahe, seinen Erlkönig als Ophelia-Figur zu gestalten, weil jedem noch The Ring von 2002 in den Knochen steckte. Die Hauptfigur Samara Morgan (Daveigh Chase, übrigens die Samantha aus Donnie Darko) trug die Haare ebenso derangiert übers Gesicht gekämmt, und der Psychohorror über den ganzen Film gilt als besonders wirkungsvoll (der aus dem Exorzist von 1973 auch, der wiederum — nächste Parallele — ebenfalls Tubular Bells von Mike Oldfield als Filmmusik verwendet). Als Regiedebüt für einen deutschen Kurzfilmer geht diese Version also klar. Seitdem hat er offenbar viel dazugelernt: Für seinen Alles wird gut ist die Liste von Auszeichnungen länger als die Inhaltsangabe und schließt eine Oscar-Nominierung 2016 als bester Kurzfilm ein.

  19. Rammstein: Dalai Lama, aus: Reise, Reise, 2004:

  20. Josh Ritter: The Oak Tree King, live auf dem Verbier Festival 2007:

  21. Falkenstein: Erlkönig, aus: Urdarbrunnen, 2008;

  22. Dracul: Erlkönig, aus: Follow Me, 2009:

  23. Leichenwetter: Erlkönig, aus: Legende, 2010:

  24. Hope Lies Within: Der Erlkönig, 2012:

    Auch in englischer Version:

  25. Maybebop: Erlkönig, 2013. A-cappella-Version über Schubert:

  26. Minotaurus: Erlkönig, eHrlebnisfilm 2013.

  27. The Band D: Erlkönig, Live-Performance für SNEAKY BLACK Turntable Stories, November 2016:

Wer reitet so spät pp.:

  1. Ernst Kutzer: Postkarte Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten, gelaufen. Datiert und Poststempel 1914;
  2. Postkarte Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Mit Noten, Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen, ca. 1920,

via Jutta Assel/Georg Jäger: Goethe-Motive auf Postkarten und in der bildenden Kunst. Eine Dokumentation, April 2016.

Erlkönig extreme bike Logo, 1. April 2015

Der Knabe lebt, das Pferd ist tot: Erlkönig Kinderfahrrad, gestreetarted in München, 1. April 2015.

Written by Wolf

28. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Gerede AGAM

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Update zu Kätzische Beiträge zur Konstitution einer Angewandten Poesie
und Der vortreffliche Kater Murr (Gekatzbuckel!):

Alles haben die Griechen erfunden, von der fünffachen Schale bis zur Philosphie, nur die sieben freien Künste nicht. Die bleiben bei Aristoteles so sehr Vorstufe zu sich selbst wie die fünffache Schale zum Cocktail. Was gehört nochmal in so eine Schale, und was genau waren die freien Künste 1 bis 7? Ich will nachschlagen. Leider ruht der vortreffliche Kater Murr so nachdrücklich auf meinem Bauch, dass es wie die Tätigkeit aus einer gedachten achten freien Kunst aussieht. Dann trifft mich die Erinnerung wie ein pilum aus dem alten Rom:

GeReDe A G A M.“

„Was soll das sein, Gerede agam, o sinnreichster aller Meister?“ fragt der vortreffliche Kater Murr.

„Ein Merksatz, o beste aller Miezekatzen.“

„Ein Satz, den man sich extra merken muss?“

„Ein Satz, der dir hilft, dir die septem artes liberales zu merken.“

„Oh, Meister, du weißt, wie’s zwischen uns steht. Wir können doch mitsammen reden. Also nur immer frisch heraus mit der freien teutschen Rede.“

Die sieben freien Künste.“

„Wie er das nur schafft, der Satz?“

„Er sagt dir die Disziplinen auf, die ein junger Mann für sein studium generale lernen muss.“

C.R. Tucker: Girl feeding a kitten, June 1908„Oder eine junge Frau.“

„Nein, eben keine Frau. Das studium generale ist älter als das Bewusstsein für Gender-Fragen. Noch nicht mal ein bürgerlicher Mann. Nur adlige.“

„Also auch Katzen?“

„Nein, nur wehrfähige. Also keine Kater.“

„Murr.“

„Das kann dich als Frau oder Katze durchaus in Vorteile setzen. Kein Studium, kein Kriegsdienst.“

„Und wenn der tolle Achilles, der studieren will, deinen Satz kennt, was soll dann sein?“

„Dann, o Katze, äußert sich der Satz zu sotanem Behuf in einem bis zum Makkaronischen verfremdeten Latein. Eingedeutscht bedeutet er: Ich werde ein Gerede vollführen, vulgo: Ich rede gleich Quatsch. Das müsste doch gerade dir sehr zupasse kommen. Das wirkt lustig. Und darum merkst du dir das leichter.“

„Wie und auf welche Weise sollte ich das genau tun, o Meister?“

„Das erste Wort besteht aus drei Buchstaben. Es bezeichnet das im studium generale grundlegende Trivium aus Grammetik, Rhetorik und Dialektik. Das zweite Wort besteht aus vier Buchstaben. Daher bezeichnet es das aufbauende Quadrivium aus Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik.“

„Und das wird leichter, wenn ich mir außer den sieben freien Künsten, die aus drei plus vier Studienfächern bestehen, zusätzlich auch noch einen bescheuerten Satz merken muss, der aus zwei sinnlosen Wörtern besteht?“

„Das ist sehr verbreitet. Man nennt es Eselsbrücke.“

„Kein Wunder.“

„Wie würdest du dir denn die sieben freien Künste merken, o klügste aller Miezekatzen?“

„Hypothetisch angenommen, den sieben freien Künsten wohnte ein nicht weit genug entlegenes Interesse inne, dass ich sie mir merken wollte, so würde ich sie mir vermutlich einfach merken.“

„Ach Murr. So leicht wär’s gewesen, gelle?“

„Bist du auf diese achte freilaufende Kunst, mit der du dir die ersten sieben merkst, alleine verfallen?“

„Das würdest du mir zutrauen?“

„Wenn du mich so fragst …“

„Na?“

„… vielleicht doch nicht.“

„Du bist ein gnadenvoller Menschenkenner, o Murr.“

„Ach, Menschen. Ihr seid recht durchschaubar.“

„Und das ganz ohne Merksätze!“

„Kann sich doch kein Katzenschwanz merken.“

„Mein alter Germanistikdozent schon.“

„Der ist da draufgekommen?“

„Ein gescheiter Mann war das.“

„Anscheinend nicht gescheit genug.“

„Immerhin promoviert, gar habilitiert. Ob er allerdings alleine auf den Satz verfallen ist, weiß ich auch nicht.“

„Was sagt das Internet dazu?“

„Das ist es ja: Bis jetzt gar nichts.“

„Dafür hat das Internet ja dich.“

„Und wenn es genug von Merksätzen hat, dann hat es immer noch dich.“

„Das hast du wieder schön gesagt, Meister.“

„Ach Murr.“

„Murr.“

Bildungsbilder: Andrea di Bonaiuto: Triumph des hl. Thomas von Aquin (Detail mit den weiblichen Allegorien der sieben freien Künste mit ihren Attributen), Fresko in der Cappellone degli Spagnoli, zwischen 1365 und 1368, Santa Maria Novella, Florenz;
C.R. Tucker: Girl feeding a kitten, Juni 1908, via Nemo65;
Septem Artes Liberales (The Seven Liberal Arts), female personifications with their respective attributes; from left to right: Grammar, Dialectics, Rhetoric, Music, Arthmetic, Geometry and Astronomy. Etching, British Museum, London.

Soundtrack: Kaiser Cartel: Favorite Song, aus: March Forth, 2008, für Liberal Arts, 2012.

Written by Wolf

21. April 2017 at 00:01

Frankfurter Osterspaziergang

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Update zu Die besten Saufbrüder sind gestorben:

Lebenslust und Konsumfreude atmet der Faust nicht erst in Auerbachs Keller. Um Trunk und sonstige Annehmlichkeiten geht es schon kurz vor dem Osterspaziergang, der Faust mit seinem vorläufigen, auf längere Sicht unzureichenden Sidekick und Famulus Wagner unmittelbar Wagners Ablösung zuführen wird: Mephisto.

Für heute bleiben wir im lebenslustigen, konsumfreudigen Teil. Laut Albrecht Schöne in der bis auf weiteres besten Faust-Ausgabe ist

Bemerkenswert die für das Drama dieser Zeit ganz ungewöhnliche Reihung ihrer abgerissen unvollständigen Gesprächsfetzen […], die der Zuschauer/Leser wahrnimmt, als zögen diese Spaziergänger an ihm vorüber.

Das erwähnte „Jägerhaus“, in das die Studenten streben, ist das Forsthaus bei Sachsenhausen, heute geführt als Oberschweinstiege:

Das Restaurant Oberschweinstiege hat eine sehr lange Tradition. Der Name stammt von zwei Forstbezirken des Frankfurter Stadtwalds. Der zwischen Sachsenhausen und Neu-Isenburg gelegene Abschnitt wurde als „Oberwald“, der zwischen Schwanheim und dem heutigen Flughafen als „Unterwald“ bezeichnet. Vom 14. bis in 19. Jahrhundert wurden die Schweine der Frankfurter Bürger in diese Waldstücke getrieben, damit sie sich noch vor dem nahenden Winter an Eicheln satt fressen konnten. Erstmals erwähnt wurde die Oberschweinstiege im Jahr 1592, seit 1779 gab es ein Forsthaus. Nachdem der Förster eine Schankerlaubnis erhalten hatte, wurde die Oberschweinstiege schnell zum beliebten Frankfurter Ausflugsziel.

Die „Mühle“ ist die Gerbermühle, die es noch gibt:

Die Geschichte der Gerbermühle ist lang und ereignisreich. Im 14. Jahrhundert wurde auf dem malerischen Flecken Erde am linken Mainufer ein Lehngut erbaut. Damit wurde der Grundstein für eine lange und bewegte Geschichte gelegt, die die Gerbermühle zu einem historisch bedeutsamen Teil Frankfurts gemacht hat. Im 16 Jahrhundert wurde die Getreidemühle errichtet. Im 17. Jahrhundert wurde das Gebäude als Gerberei genutzt. Diese beiden ehemaligen Funktionen des einstigen Lehnguts gaben ihm den Namen Gerbermühle, der bis heute erhalten geblieben ist.

Seine historische Bedeutung erhielt das Gebäude jedoch erst durch den Frankfurter Bankier Johann Jakob von Willemer, der die Gerbermühle im Jahre 1785 als privaten Sommersitz gepachtet und umgebaut hat. Willemer, der mit Goethe befreundet war, lud diesen erstmals im Jahre 1814 zu einem Besuch ein, bei dem Goethe die Bekanntschaft mit Marianne, der Ziehtochter Willemers, machte.

Zwischen den beiden entwickelte sich eine innige Beziehung, die Goethe zu weiteren und ausgiebigeren Besuchen der Gerbermühle animierte. Im Jahre 1815 verweilte er fast einen ganzen Monat in der Gerbermühle, wo er auch seinen 66. Geburtstag feierte.

Sowohl Marianne, als auch die pittoreske Landschaft inspirierten ihn zu seinem Gedicht „Ginkgo biloba“, dass [sic…] er Marianne, die von ihrem Ziehvater Johann Jakob von Willemer inzwischen geehelicht wurde, mit Ginkgo-Blättern verziert, zukommen ließ.

Drei Lieder aus Goethes Werk „West-östlicher Diwan“ stammen aus Mariannes Feder, die der Dichter stillschweigend in seine Publikation aufnahm.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Gerbermühle von der Stadt Frankfurt saniert und als Ausflugslokal genutzt. Der 2. Weltkrieg verschonte leider auch die abgelegene Gastwirtschaft nicht. Bis auf die Grundmauern zerstört, wurde die Gerbermühle erst in den 70er Jahren erneut aufgebaut.

2001 erwarb Werner Kindermann die baufällige Gerbermühle. Damit war der Weg frei für eine gründliche Sanierung und zahlreiche Um- und Ausbaumaßnahmen, deren Ergebnisse sich mehr als sehen lassen können. Die Gerbermühle ist wieder da und um eine Attraktion reicher. Das kleine aber edle Hotel macht aus der ehemaligen Sommerresidenz wieder einen Ort zum Verweilen.

Außerdem zeigen sie jedem, der Wert auf dergleichen legt, „alle Spiele unserer Eintracht Frankfurt live in der Turmbar.“

Der „Wasserhof“ stand unmittelbar neben der Gerbermühle und ist leider nur noch durch Wikipedia genauer belegt:

Die als Wassermühle gebaute Gerbermühle gehörte zum Wasserhof, ein befestigter Gutshof im sumpfigen, von vielen Wasseradern durchzogenen Gelände zwischen dem Fluss Main im Norden und dem Dorf Oberrad im Süden. Die Ausstattung des Hofes mit einer Mühle deutet darauf hin, dass die zum Gutshof gehörenden Felder genügend Erträge erbrachten, um den Betrieb einer eigenen Getreidemühle zu rechtfertigen. Der Wasserhof war Teil eines Lehnguts, das ursprünglich im Jahr 1311 als „curia […] allodium sita in villa Roden prope Frankenvort“ (Hof beziehungsweise Allod, – freies Eigentum – gelegen im Dorf Rad bei Frankfurt) von Philipp von Falkenstein und Philipp von Münzenberg begründet wurde. Diese belehnten im selben Jahr eine Frankfurter Familie von Ovenbach (Offenbach) mit dem Hof. Die Besitzer dehnten das Erbrecht am Lehen auf weibliche Nachkommen der Lehnsnehmer aus („Frauenlehen“); die Erträge des Wasserhofes sicherten den Lebensunterhalt der unverheirateten Töchter der Lehensträger.

„Burgdorf“ ist das Dorf Bergen, heute Frankfurts östlichster Stadtteil Bergen-Enkheim.

Schöne bezieht sich bei seinen lokalen Zuordnungen auf Ernst Beutler: Goethe. Faust und Urfaust, erläutert von Ernst Beutler (zuerst 1939), zweite erneuerte Auflage, Leipzig 1940 u. ö. (Sammlung Dieterich, Band 25).

Der ganze Teil Vor dem Tor samt Osterspaziergang fehlt noch im heute (schon gar nicht mehr) so genannten Urfaust und im Faust-Fragment; man darf also sagen, der alte Goethe hat in der Endfassung Faust. Eine Tragödie seiner — wie gesagt — lebensfrohen und konsumfreudigen Jugend ein Denkmal gesetzt. Unser Ausschnitt bricht dort ab, wo er selbstverständlich als auswendig bekannt vorausgesetzt werden darf. Danach kommt wieder Erdenschwere.

Peter von Cornelius, Faust und Wagner unter den Spaziergängern vor dem Tore, 1826

——— Goethe:

Faust I

Vers 808 bis 903:

Vor dem Thor.

Spaziergänger aller Art ziehen hinaus.

Einige Handwerksbursche.
Warum denn dort hinaus?

Andre.
Wir gehn hinaus auf’s Jägerhaus.

Die Ersten.
Wir aber wollen nach der Mühle wandern.

Ein Handwerksbursch.
Ich rath’ euch nach dem Wasserhof zu gehn.

Zweyter.
Der Weg dahin ist gar nicht schön.

Die Zweyten.
Was thust denn du?

Ein Dritter.
Ich gehe mit den andern.

Vierter.
Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr
Die schönsten Mädchen und das beste Bier,
Und Händel von der ersten Sorte.

Fünfter.
Du überlustiger Gesell,
Juckt dich zum drittenmal das Fell?
Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte.

Dienstmädchen.
Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zurück.

Andre.
Wir finden ihn gewiß bey jenen Pappeln stehen.

Erste.
Das ist für mich kein großes Glück;
Er wird an deiner Seite gehen,
Mit dir nur tanzt er auf dem Plan.
Was gehn mich deine Freuden an!

Andre.
Heut ist er sicher nicht allein,
Der Krauskopf, sagt er, würde bey ihm seyn.

Schüler.
Blitz wie die wackern Dirnen schreiten!
Herr Bruder komm! wir müssen sie begleiten.
Ein starkes Bier, ein beizender Toback,
Und eine Magd im Putz das ist nun mein Geschmack.

Bürgermädchen.
Da sieh mir nur die schönen Knaben!
Es ist wahrhaftig eine Schmach,
Gesellschaft könnten sie die allerbeste haben,
Und laufen diesen Mägden nach!

Zweyter Schüler zum ersten.
Nicht so geschwind! dort hinten kommen zwey,
Sie sind gar niedlich angezogen,
’s ist meine Nachbarin dabey;
Ich bin dem Mädchen sehr gewogen.
Sie gehen ihren stillen Schritt
Und nehmen uns doch auch am Ende mit.

Erster.
Herr Bruder nein! Ich bin nicht gern genirt.
Geschwind! daß wir das Wildpret nicht verlieren.
Die Hand, die Samstags ihren Besen führt,
Wird Sontags dich am besten caressiren.

Bürger.
Nein, er gefällt mir nicht der neue Burgemeister!
Nun, da er’s ist, wird er nur täglich dreister.
Und für die Stadt was thut denn er?
Wird es nicht alle Tage schlimmer?
Gehorchen soll man mehr als immer,
Und zahlen mhr als je vorher.

Bettler singt.
Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen,
So wohlgeputzt und backenroth,
Belieb’ es euch mich anzuschauen,
Und seht und mildert meine Noth!
Laßt hier mich nicht vergebens leyern!
Nur der ist froh, der geben mag.
Ein Tag den alle Menschen feyern,
Er sey für mich ein Aerndetag.

Spaziergang am Ostersonntag. Holzstich nach dem Gemälde von J. Wichmann. Aus der Gartenlaube 1885. In Goethes Faust mit einer Einleitung von Max von Boehn. Berlin im Askanischen Verlag Carl Albert Kindle, 1924Andrer Bürger.
Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feyertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrey,
Wenn hinten, weit, in der Türkey,
Die Völker auf einander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man Abends froh nach Haus,
Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.

Dritter Bürger.
Herr Nachbar, ja! so laß ich’s auch geschehn,
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durch einander gehn;
Doch nur zu Hause bleib’s beym Alten.

Alte zu den Bürgermädchen.
Ey! wie geputzt! das schöne junge Blut!
Wer soll sich nicht in euch vergaffen? –
Nur nicht so stolz! es ist schon gut!
Und was ihr wünscht das wüßt’ ich wohl zu schaffen.

Bürgermädchen.
Agathe fort! ich nehme mich in Acht
Mit solchen Hexen öffentlich zu gehen;
Sie ließ mich zwar, in Sanct Andreas Nacht,
Den künftgen Liebsten leiblich sehen.

Die Andre.
Mir zeigte sie ihn im Krystall,
Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen;
Ich seh’ mich um, ich such’ ihn überall,
Allein mir will er nicht begegnen.

Soldaten.
     Burgen mit hohen
     Mauern und Zinnen,
     Mädchen mit stolzen
     Höhnenden Sinnen
     Möcht’ ich gewinnen!
     Kühn ist das Mühen,
     Herrlich der Lohn!

     Und die Trompete
     Lassen wir werben,
     Wie zu der Freude,
     So zum Verderben.
     Das ist ein Stürmen!
     Das ist ein Leben!
     Mädchen und Burgen
     Müssen sich geben.
     Kühn ist das Mühen,
     Herrlich der Lohn!

     Und die Soldaten
     Ziehen davon.

Faust und Wagner.

Faust.
Vom Eise befreyt sind Strom und Bäche, […]

Breaking News: Helene „Mir doch wurscht, von wem das ist“ Hegemann:
Wie hypermodern Goethes Osterspaziergang ist,
in: Die Welt, 15. Apil 2017, Lesedauer: 4 Minuten.

Franz Simm, Vor dem Thor, ca. 1900

BIlder:

  1. Peter von Cornelius: Faust und Wagner unter den Spaziergängern vor dem Tore, 1826;
  2. Spaziergang am Ostersonntag. Holzstich nach dem Gemälde von J. Wichmann. Aus der Gartenlaube 1885. In: Goethes Faust mit einer Einleitung von Max von Boehn. Berlin im Askanischen Verlag Carl Albert Kindle, 1924;
  3. Franz Simm: Vor dem Thor, ca. 1900,

alle via Jutta Assel/Georg Jäger: Illustrationen zu Szenen aus Goethes Faust: Vor dem Tor / Osterspaziergang, April 2011.

Soundtracks: Irving Berlin as sung by Judy Garland and Fred Astaire:
I Love A Piano, Snookey Ookums, and The Ragtime Violin,
from: Easter Parade (deutsch: Osterspaziergang), 1948:

Written by Wolf

17. April 2017 at 01:21

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

In dich hoff ich ganz festiklich

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Update zur Bach-Passionen-Sammlung Zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist!:

Schaut die Mutter voller Schmerzen,
wie sie mit zerrißnem Herzen
unterm Kreuz des Sohnes steht:
Ach! wie bangt ihr Herz, wie bricht es,
da das Schwerdt des Weltgerichtes
tief durch ihre Seele geht!

Anonym: Stabat mater, ca. 1180–1306, Anfang,
Übersetzung: Christoph Martin Wieland, 1779.

Zum schwersten aller Feiertage muss ich doch endlich die Hausmadonnen feierlich unters Volk werfen, die ich kurz nach Mariä Lichtmess, also am Zweiten eines verflossenen Februars zu Nürnberg eingefangen hab. Da war mir nicht klar, dass die schon ziemlich flächendeckend dokumentiert sind. Nächstes Mal geh ich halt mehr auf die Details, die sind stellenweise richtig vogelwild.

Die Bilder sind frühmorgens gemacht, so früh es eben im Februar schon so hell wird, kurz bevor ich zu meinen Eltern, lang sollen sie leben, Richtung Lauf weiter musste, und sind allesamt um den Obstmarkt herum einsehbar. Der Text stammt ebenfalls aus Nürnberg und aus der gleichen Zeit wie die Mariä. Die Musik ist nicht fränkisch, von den Aufführenden und dem Aufführungsort her allenfalls französisch, ansonsten genuin italienisch und schon neuzeitlich, aber gerade karfreitags ein Trost für Christ und Jud und Heid.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016

——— Hans Sachs:

Das liet Maria zart

verendert und cristlich corrigirt.

1524.

1.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu zart, götlicher art,
ein ros on alle doren,
Du hast aus macht herwider bracht
das vor lang was verloren
Durch Adams fal; dir wart die wal
von got vatter versprochen;
auf das nit würt gerochen
mein sünt und schult, erwarbstu hult;
wan kein trost ist, wa du nit bist
barmherzikeit erwerben;
wer dich nit hat und dein genat,
der muß ewiklich sterben.

2.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste milt, du hast gestilt
der altvätter verlangen,
Die jar und tag in we und klag
die vorhell het umfangen,
Senlicher not ruften: „o got,
zureiß des himels pfarten
und send uns, des wir warten,
den messiem, der uns abnem
die senlich pein.“ das ist durch dein
vilfaltig blutverreren
ganz abgestelt, darum dich zelt
all welt Cristum den heren.

3.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu rein, du bist allein
der sünder trost auf erden;
Darum dich hat der ewig rat
erwelet, mensch zu werden;
Uns all zu heil darum urteil,
am jüngsten tag wirst richten,
die dir glauben, mit nichten.
o werte frucht, all mein zuflucht
han ich zu dir; ich glaub, hast mir
erworben ewig leben;
in dich hoff ich ganz festiklich,
weil du mir gnad tust geben.

4.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste groß, du edle ros,
gütig an allen enden,
Wie gar gütlich, her, hast du mich
wider zu dir lan wenden
Mit deinem wort! mein sel leit mort
bei den falschen profeten,
die mich verfüret heten:
auf mancherlei ir gleisnerei,
auf werk ich hoft und meinet oft,
genad mir zu erwerben;
verliße dich; o her! nit rich
mein unwissent verderben.

5.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu fein, dein wort gibt schein,
licht, klar als der karfunkel.
Es hilft aus pein den armen dein,
die sitzen in der dunkel;
Kein ru noch rast haben sie fast
wol in der menschen lere;
reich in dein wort, mit gere
hilf in darvan auf rechte ban
und sie selb tröst, seit du erlöst
hast alle welt gemeine,
das sie in dich hoffen einig,
nit in ir werk unreine.

6.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste wert, so dein wort kert
von mir und sich derscheite,
So kum zu mir, beschütz mich schir,
auf das mich nit verleite
Die menschenler, die gleißet ser,
wer kan ir list erkennen?
sie tut sich heilig nennen,
ist doch entwicht und lebet nicht;
allein dein wort, das ist der hort,
darin das leben iste;
da speis mich mit (entzeuch mirs nit!)
zu ewiklicher friste!

7.

O Jesu Crist, war got du bist;
in dir ist kein gebrechen.
Es ist kein man, der mag und kan
dein glori groß aussprechen;
Dein hohes lob schwebt ewig ob,
dir ist als übergeben
was ie gewan das leben,
all creatur. o könig pur,
wens darzu kumt, das mein mut stumt,
leiblich den tot muß leiden,
dan hilf du mir, das ich mit gir
in deim wort müg abscheiden.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016

Giovanni Battista Pergolesi: Stabat mater, Konzert in f-Moll mit Philippe Jaroussky, Countertenor, und Emöke Barath, Sopran, Kammerorchester Orfeo 55 unter Nathalie Stutzmann, Chapelle de la Trinité, Château de Fontainebleau, April 2014:

Written by Wolf

14. April 2017 at 00:01

Flämmchen

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Update zu Lasst mich scheinen, bis ich werde
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Nichts ist törichter als die Frage, welcher Dichter größer sei als der andere. Flamme ist Flamme, und ihr Gewicht läßt sich nicht bestimmen nach Pfund und Unze. Nur platter Krämersinn kommt mit seiner schäbigen Käsewaage und will den Genius wiegen. Nicht bloß die Alten, sondern auch manche Neuere haben Dichtungen geliefert, worin die Flamme der Poesie ebenso prachtvoll lodert wie in den Meisterwerken von Shakespeare, Cervantes und Goethe.

Einleitung von Heinrich Heine in: Der sinnreiche Junker Don Quixote von La Mancha. Von Miguel Cervantes de Saavedra, Brodhagsche Buchhandlung, Stuttgart 1837.

Wie versprochen folgt einer der besten Gründe, sich auf Karl Immermann: Die Epigonen zu stürzen, wo man sie antrifft: die Figur Flämmchen.

Ganz und gar außergewöhnlich für Zeit und Genre, weil man derart umtriebige, sehr junge Mädchen nicht in fiktiven Chroniken der deutschen Romantik, sondern viel eher in Kinderbüchern ab dem 20. Jahrhundert suchen und antreffen würde, stünde Flämmchen heute im Verdacht, nur als Manic Pixie Dream Girl herzuhalten. Abgesehen aber davon, dass der begriffsprägende Filmkritiker Nathan Rabin sich nach sieben Jahren von seiner Prägung ausdrücklich distanziert hat, wird Flämmchen zunächst als eine Art Manövriermasse für die Handlungsträger eingeführt, wird später aber näher besehen aus sich heraus aktiv und treibt die Handlung wesentlich voran. Immermann bringt mehr Handlungsstränge, als seine angeblichen neun ausgewiesenen Bücher des Romans erfordern, Flämmchen wird bis zum Schluss als Protagonistin beibehalten: Wie außerhalb der Fiktionen wäre das Leben nicht das Leben ohne solche Flämmchen.

Nicht alle Fiamettas, Fiammettas, Flamettas, Flammettas, kurz: Flämmchen waren als Volltext aufzutreiben, was ich besonders im Falle Fouqué bedaure. Wahrscheinlich liegt das sogar recht passend in ihrem Wesen: Flatterhafte, flackernde Feengestalten sind sie alle. Stellen wir uns die Goethe’sche Mignon oder gleich Pippi Langstrumpf vor, dann erklärt sich die Motivation, alle wenigstens einmal gesehen zu haben, von selbst.

In der visuellen Reihe nimmt sich die Cicogna, die sich offensichtlich qua Künstlername aktiv Fiammetta nennt, noch am fremdartigsten aus; dafür hätte man auf die zwei sonnigen tomboyischen Elfenwesen, die weit und breit nichts mit Boccaccio und seinen Nachfolgern zu tun haben, am allerwenigsten verzichten wollen. Allein diese zwei Glücksmädchen sind jede menschliche und jede literarische Begegnung wert — und an dieser Stelle aufs freundlichste gegrüßt.

Stefano Masse, Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016

  1. Fiammetta: Boccaccios Geliebte und Muse „Fiametta“ Maria d’Aquino aus Neapel. Bei Boccaccio in:

  2. Stefano Masse, Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016

  3. Fiametta: Joseph Haydn, Musik verschollen, Text Joseph Felix von Kurz alias Bernardon: Der krumme Teufel, Operette ca. 1751. Pflegetochter des Arnoldus.

    ——— Carl Ferdinand Pohl: Joseph Haydn, Erster Band, Erste Abtheilung, Den Manen Otto Jahn’s, 6. Lehr- und Wanderjahre. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1878:

    Und die Musik von Haydn? – wird der Leser schon längst gefragt haben. Die Musik zum neuen krummen Teufel wurde bis jetzt nicht aufgefunden. Die Partitur ist verschollen, obwohl die Operette an vielen Orten wiederholt gegeben wurde. […] Gleich dem Faust wurde auch Le diable boiteux immer wieder von Zeit zu Zeit von den Theaterdichtern als dankbarer Stoff neu bearbeitet. Noch im Jahre 1839 wurde in Wien „Asmodeus der hinkende Teufel, oder: die Promenade durch drei Jahrhunderte“ als Original-Posse von Karl Haffner im Theater an der Wien gegeben (Nestroy als Asmodeus). In demselben Jahre wurde im Kärnthnerthor-Theater „Der hinkende Teufel“ auch als pantomimisches Ballet in drei Acten von Coralli und Gurgy, Musik von Casimir Gide und Anderen, 27 mal aufgeführt. Dieses Ballet hatte zuvor in Paris Furore gemacht durch die Mitwirkung der gefeierten Fanny Elßler als Florinde. Durch eine artige Verkettung von Umständen tanzte demnach die Tochter des Johann Elßler, langjährigen Copisten und treuen Dieners Haydn’s, in demselben Sujet, das dem Meister und Vorgesetzten ihres Vaters als Folie seiner ersten öffentlichen Wirksamkeit gedient hatte.

  4. Flametta: Clemens Brentano: Godwi, Roman 1801. Zweiter Band, Zwölftes Kapitel u.ö.:

    Sara Trash-it, T-Shirt dipinta a mano – hand-painted, 28. Oktober 2011Haber ging mit dem Jägerburschen weiter vor uns, und unterhielt ihn in einem dringenden Gespräche. Es schien ihm etwas unheimlich im Walde zu sein. Der Jäger erzählte ihm allerlei Mordgeschichten, und vom wilden Heere. Das letzte wollte er nun gar nicht recht glauben, und sagte einmal über das andere Mal, das sei lauter Aberglauben. Im Walde ertönte dann und wann ein lauter Pfiff, und hatte Haber geschwiegen, so fuhr er dann schnell den Jäger an: „Hörst du? schon wieder, was mag das wohl sein, es lautet recht schön.“

    „Was mag es sein,“ sagte der Jäger, „Lumpengesindel; aus so einem Busche heraus fliegt einem mannichmal ein Knüppel an den Kopf, daß man gleich ans Verzeihen denken muß, ehe man sich noch recht geärgert hat.“

    „Wieso?“

    „Ei nun, was da pfeift, ist meistens niederträchtiges Volk, und schlägt einen tot; auf dem Todsbette aber muß man verzeihen – und wenns geschwinde geht, hat man keine Zeit sich zu ärgern.“

    Haber ging hier mehr in der Mitte des Weges, aber es pfiff wieder, und rief;

    „Was sprichst du böser Bube von Lumpengesindel?“

    Es war eine wunderliche Stimme, halb erzwungen derb, halb ängstlich und kindisch. Wir näherten uns, Haber wollte schon auf einen Baum klettern, als unser Schrecken durch die Worte des Jägers im Gebüsche aufgehoben wurde:

    „Du Waldteufelchen, für den Schrecken muß ich dich küssen.“

    Nun kamen mehrere Mädchen und Knaben aus dem Gebüsche und lachten; die älteste ging auf Godwi zu, und bat ihn um Verzeihung; die kleine Räuberin sagte: „Flametta hat mir es befohlen; weil ich mich fürchtete, als Sie gegangen kamen, so mußte ich Sie zur Strafe attakieren.“

    Hier kam Flametta auch mit dem Jäger, und Godwi sagte zu ihr, es sei nicht artig, die Leute zu erschrecken; aber sie lachte und bat ihn, ihr eine Buße aufzugeben.

    „Du sollst uns ein Stückchen Wegs Geleit geben“, sagte Godwi, „und etwas singen.“

    „Ich will Ihnen meine kleinen Gesellschafter etwas singen lassen, und dazu dann und wann ein wenig auf dem silbernen Horne blasen.“

    Sie zog an der Spitze ihres kleinen Heeres, und begleitete den Gesang mit ihrem Horne. Das größte Mädchen sang das Solo, und die Knaben das Chor.

    Die Kleine sagte vorher: „Mein Lied ist das Lied einer Jägerin, deren Schatz ungetreu, und stellen Sie sich vor – ein Peruckenmacher geworden ist.“

    Wir lachten, und der Gesang begann:

    Chor:

    O Tannebaum! o Tannebaum!
    Du bist mir ein edler Zweig,
    So treu bist du, man glaubt es kaum,
    Grünst sommers und winters gleich.

    […]

    So sangen die Kinder lustig in den Wald hinein, und das Wild, aufgeschreckt von dem Geräusche, stürzte tiefer in das Tal. Der Mond war aufgegangen, und schon in den Wald herein. Da wir auf der anderen Seite den Berg oben waren, sagten uns Flametta und die Kinder Gute Nacht, und wir hörten sie in der Ferne noch singen.

  5. Flämmchen: Valeria in Clemens Brentano: Ponce de Leon, Lustspiel 1803, tritt auch als Mohrenmädchen Flammetta auf. — Vierter Akt, Zweiundzwanzigster Auftritt:

    Valerio. Gute Kinder sind das, du dunkles Flämmchen, du hast dein Glück gemacht, und ein ehrliches, stilles Haus ist das; aber ich kann doch nicht recht froh werden, und war diesen Nachmittag sehr traurig.
    Valeria. Was fehlte Euch dann, Lieber?
    Valerio. Alles, ich bin eigentlich ganz allein.
    Valeria. Ei, bin ich dann nicht Eure gute Freundin?
    Valerio. Ja, aber meine gute Tochter nicht – und da habe ich heute nachmittag an einem Briefe für sie geschrieben, und wollte ihn heute abend hineinschicken; über dem Schreiben ging aber die Zeit so hin, daß es nun schon dunkel ist und er heute nicht kann hingetragen werden.
    Valeria giebt ihm die Hand. Glaubt, ich wäre Eure Tochter, und gebt mir den Brief; ich will Eure Tochter werden!
    Valerio. Warte noch ein wenig, da wird es ganz dunkel, da kann ich nicht sehen, daß du schwarz bist.
    Valeria. Ihr seid ein guter, höflicher Mann!
    Valerio. Ha, ha, hast du gemerkt, daß ich das Sprüchwort nicht vorbrachte: Bei der Nacht sind alle –
    Valeria hält ihm den Mund zu. Artig, Väterchen!
    Valerio. Du sagtest heute morgen, du hättest ein Lied für mich gemacht; singe mirs nun!
    Valeria. Setzt Euch hierher – ich verstecke mich, damit es Euch täuscht.
    Valerio setzt sich an die Seite der Statue, gegen die rechte Kulisse über.
    Valeria setzt sich auf die entgegengesetzte Seite, fängt an zu singen.

  6. Fiammetta: Sophie Brentano: Fiammetta; als: Boccaz, Fiametta. Aus dem Ital. von Sophie Brentano. 8. Berlin. Realschulbuchhandlung. Auf Druck- und Velinpapier, Roman, Berlin 1806. Übersetzung der Elegia di Madonna Fiammetta von Boccaccio, 1343 f. Aus der Perspektive der „Dame Fiammetta“. — Siebentes Buch: Die Dame Fiammetta vergleicht ihre Leiden mit den Leiden vieler Frauen des Altertums und zeigt, daß alle von den ihrigen übertroffen wurden, worauf sie zuletzt ihre Klage endigt. Schluss:

    Emma Sandys, Fiammetta, 1876Seht denn, ihr Frauen, wie elend ich geworden durch die Treulosigkeit Fortunens, und wie hart sie mich getroffen; gleichwie die Lampe nahe am Verlöschen noch eine plötzliche Flamme, heller als gewöhnlich, zu werfen pflegt, so gab sie mir scheinbaren Trost, um mich dann ganz in das Elend meiner einsamen Tränen zu verweisen. Um euch nun meinen Kummer mit einem einzigen Bilde anschaulich zu machen, so beteure ich euch mit demselben Ernst, der auf den Versicherungen anderer Unglücklicher ruht, daß meine Leiden nach dem Untergang jener eitlen Hoffnung um soviel schwerer geworden sind, als das zweite Fieber den rückfallenden Kranken heftiger zu erschüttern pflegt als das erste, ob es gleich ebensoheiß war.

    Da ich aber mit weiteren Klagen die Fülle eurer mitleidigen Schmerzen vergrößern würde, ohne doch neue Worte finden zu können, will ich still werden und keine Tränen mehr beanspruchen, deren ihr Leserinnen gewiß viele vergossen habt oder vergießt, und so habe ich mich denn entschlossen, auf daß ich die Zeit, die mich zu Tränen ruft, nicht mit Worten vergeuden möge, fortan zu schweigen, und zwar mit dem Zugeständnis, daß meine Erzählung der Empfindung selbst nur gleicht wie ein gemaltes Feuer einem wahrhaftig brennenden, welchem jener Gott, den ich anflehe, entweder um eures oder meines Gebetes willen eine wohltätige Flut löschend senden möge, sei es durch meinen Tod, sei es durch die freudige Rückkehr Panfilos.

  7. Fiametta: Achim von Arnim: Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland in: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, 1810:

    Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland

    Der Verfasser bittet, diese Verse nicht für Hexameter und Pentameter zu halten.

    Genua seh ich im Geist, so oft die unendlichen Wellen
    Halten den Himmel im Arm, halten die taumelnde Welt;
    Seh ich die klingenden Höhlen des nordischen Mohren-Basaltes,
    Seh ich die Erde gestützt auf den Armen der Höll;
    Dann, dann sehne ich mich in deine schimmernde Arme,
    Weisser Cararischer Stein, kühlend die schwühlige Luft,
    Denk ich der Treppen und Hallen von schreienden Menschen durchlaufen.
    Keiner staunet euch an, jedem seyd ihr vertraut.
    Fingal! Fingal! klinget so hell, mir wird doch so trübe,
    Frierend wähn ich mich alt, Jugend verlorene Zeit!
    Dreht sich die Achse der Welt? Wie führt mich Petrarca zu Fingal,
    War es doch gestern, ich mein, daß ich nach Genua kam.
    Ja dort sah ich zuerst das Meer, des nunmehr mir grauet,
    Weil es vom Vaterland mich, von den Freunden mich trennt.
    Damals von der Bochetta herab in des Frühroths Gewühle,
    Lag noch die Hoffnung darauf, weichlich im schwebenden Bett,
    Nicht am Anker gelehnt, nein sorgenlos schlummernd sie dreht sich,
    Daß die Schifflein so weiß, flogen wie Federn davon;
    Lässig band sich vor mir die Göttin das goldene Strumpfband,
    Zweifelnd daß frühe so hoch steige der lüsterne Mensch.
    Und so stehend und ziehend am Strumpfe sie bebte und schwebte
    Wie ein Flämmelein hin über die spiegelnde Welt.
    Fiametta! ich rief, mir schaudert, sie faßte mich selber,
    Ja ein Mädchen mich faßt, lächelnd ins Auge mir sieht.
    Hier! hier! sagt sie und peitschte den buntgepuschelten Esel,
    Daß aus dem ledernen Sack, schwitzte der röthliche Wein:
    Lieber, was willst du? sie fragt, du riefest mich eben bey Namen:
    Wenn sie nicht Blicke versteht, Worte die weiß ich noch nicht.
    Der Beschämung sich freuend sie strich mir die triefenden Haare,
    Thau und Mühe zugleich hatten die Stirne umhüllt.
    Wie ein Bursche der Schweiz ich schien ihr nieder zu wandeln,
    Um zu suchen mein Glück und sie wollte mir wohl,
    Als sie den Stein erblicket, den sorglich in zärtlicher Liebe
    Auf den Händen ich trug, daß der Anbruch nicht leid,
    Ey da lachte sie laut und riß mir den Stein aus den Händen,
    Warf ihn über den Weg, daß er zum Meere hinroll,
    Und dann spielte sie Ball sich freuend meiner Verwirrung
    Mit der Granate die schnell kehrte zu ihr aus der Luft.
    Nicht der schrecklichen eine, die rings viele Häuser zerschmettert,
    Doch die feurige Frucht, mystisch als Apfel bekannt.
    Sie verstand mich doch wohl? O Einverständniß der Völker,
    Das aus Babylons Bau blieb der zerstreuten Welt,
    Suchte doch jeder den Sack beym brennenden Thurme und fragte,
    Also blieb auch dies Wort, Sack den Sprachen gesammt,
    Also auch Zeichen der Lieb‘ im Blick, in guter Geberde,
    Scheidend sie winkten sich noch, fernhin trieb sie die Macht. –
    Folgend dem trabenden Esel, sie blickte sich um so gelenkig,
    Die Granate entfiel und ich grif sie geschickt.
    Kühle vielliebliche Frucht, einst Göttern und Menschen verderblich,
    Wohl du fielest auch mir, zaudr‘ ich, wo ich gehofft?
    Doch ich zögerte noch, gedenkend an Helena traurend,
    An Proserpina dann, beyde erschienen mir eins
    Mit der Eva, da wollt ich sie stille verscharren der Zukunft,
    Daß nur das Heute was mein, bleibe vom Frevel befreyt,
    Daß ich dem Zufall vermach zu treiben die Kerne in Aeste,
    Daß ich dem Zufall befehl, daß er die Blüthe verweht;
    Aber ich mocht nicht wühlen im Boden voll zierlicher Kräuter,
    Jegliches Moos noch zart, drängte sich üppig zum Tag.
    Zweifelnd ging ich so hin, nicht sehend stand ich am Meere,
    Fern mich weckte ihr Ruf, daß ich nicht stürze hinein:
    Nein zu seicht ist die Küste, sie würde nicht bergen das Uebel,
    Nur die Tiefe des Meers birgt ein unendlich Geschick.
    Also kam ich zum Meer und sahe die Fischer am Fischzug
    Springend durch kommende Well, ziehend ein bräunliches Netz,
    Roth die Mützen erschienen wie Kämme von tauchenden Hähnen,
    Bräunliche Mäntler umher, schrieen als jagten sie die.
    Andere stießen halbnackt ins Meer die schwarze Feluke,
    Trugen die Leute hinein, die zur Fahrt schon bereit.
    Auch mich trugen sie hin, ich dacht nur des Apfels des Bösen
    Und des unendlichen Meers, das mich zum erstenmal trug,
    Wie sie enthoben das Schiff begann in dem Schwanken und Schweben,
    Daß mir das Herz in der Brust recht wie von Heimweh zerfloß,
    Durch die fließenden Felsen erscholl ein liebliches Singen,
    Und ich verstopfte das Ohr, bin vor Sirenen gewarnt.
    Bald belehrte ich mich, es sang ein Weib in dem Kahne,
    Das im Mantel gehüllt deckte vier Knaben zugleich,
    Wechselnd die Händ bewegt sie wie Flügel der Windmühl
    Und als Zigeunerin singt, wie sie Maria begrüst.
    Sagt die Geschickne ihr wahr des heiligen Kinds, das sie anblickt,
    Wie es im Krippelein lag, Oechslein und Eslein es sah’n,
    Sahn wie der himmlische Stern wie Hirten und heilige König,
    Alles das sah sie sogleich an den Augen des Herrn,
    Auch das bittere Leiden, den Tod des Weltenerlösers;
    Hebt er den Stein von der Gruft, von der Erde den Leib.
    Alles Verderben mir schwand, ich sahe das Böse versöhnet,
    Statt zur Tiefe des Meers, warf ich den Kindern die Frucht:
    Engel versöhnt ihr das Herz, das tief arbeitende Böse,
    O so versöhnt auch die Frucht und vernichtet sie so!
    Dankend die Mutter sie nahm, hellsingend sie öffnet die Schale,
    Nahm mit der Nadel heraus jeglichen einzelnen Kern;
    Wie im Neste die Vöglein, also im Mantel die Kindlein
    Sperren die Schnäblein schon auf, eh ihr Futter noch da.
    Also sie warten der Kerne mit offenem Munde zur Mutter,
    Und die Mutter vertheilt gleich die kühlende Frucht.
    Wälze dich schäumendes Meer, ich habe die Frucht dir entzogen,
    Nichts vermagst du allhier, schaue die Engel bey mir,
    Stürze die Wellen auf Wellen, erheb dich höher und höher,
    Du erreichst uns nicht, höher treibst du uns nur,
    Schon vorbey dem brandenden Leuchtthurm schützt uns George,
    Der im sicheren Port zähmet den Drachen sogleich.
    Wie von Neugier ergriffen, so heben sich übereinander
    Grüßend der Strassen so viel, drüber hebt sich Gebirg,
    Höher noch Heldengebirg, da wachet der Festungen Reihe,
    Schützet uns gegen den Nord und wir schweben im Süd.
    Ey wie ists, ich glaubte zu schauen und werde beschauet,
    Amphitheater erscheint, hier die Erde gesammt:
    Spiel ich ein Schauspiel euch ihr bunten Türken und Mohren,
    Daß ihr so laufet und schreit an dem Circus umher?
    Kommen von Troja wir heim, am Ufer die Frauen und Kinder,
    Kennen den Vater nicht mehr, freuen sich seiner denn doch?
    Also befreundet ich wandle auf schwankendem Boden und zweifle,
    Aber sie kennen mich bald, bald erkenne ich sie.
    Fingal! Fingal! riefs schon, muß ich erwachen in Schottland,
    Bin ich noch immer kein Held, bin ich noch immer im Traum?
    Muß ich kehren zur Erdhütt, keinen der Schnarcher versteh ich,
    Muß mir schlachten ein Lamm, rösten das lebende Stück,
    Mehl von Haber so rauch mir backen zum Brodte im Pfännchen
    Und des wilden Getränks nehmen vieltüchtige Schluck:
    Wandrer Mond du schreitest die stumpfen Berge hinunter,
    Nimmer du brauchtest ein Haus, dich zu stärken mit Wein,
    Alle die Wolken sie tränken dich froh mit schimmernden Säften,
    Ja dein Ueberfluß fällt, thauend zur Erde herab.
    Nimmer du achtest der gleichenden Berge und Gräser und Seen
    Denn im wechselnden Schein, du dich selber erfreust;
    Siehe mein Leiden o Mond durch deine gerundete Scheibe,
    Schmutzig ist Speise und Trank, was ich mir wünsche das fehlt.

  8. Fiammetta: Friedrich de La Motte-Fouqué: Erdmann und Fiammetta. Novelle. Schlesinger, Berlin 1825.
  9. Hermine von Stilke, Joseph von Eichendorff, Sehnsucht, 1864 bis 1868Fiametta: Joseph von Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen, Roman 1833. 14-jährige Tochter des italienischen Marchese A.

    ——— Hans Kaboth: Eichendorffs „Dichter und ihre Gesellen“. Zum hundertjährigen Erscheinen des Romans Weihnachten 1933, in: Aurora – Ein romantischer Almanach. Bd. 4. Jahresgabe der Deutschen Eichendorff-Stiftung. Karl Freiherr von Eichendorff in Zusammenarbeit mit Univ. Prof. Geheimrat Dr. Adolf Dyroff und Karl Sczodrok, Oppeln 1934:

    Fiametta ist das seelisch noch unerschlossene, verträumte junge Mädchen, das erst durch die Liebe zu Fortunat aus ihrem Phantasieleben geweckt wird. […] Seine Liebe zu Fiametta ist bei aller Gefühlsinnigkeit stets klar und bewußt. Wohl macht er auch aus seiner Liebe „ein langes Gedicht in vielen Gesängen“ und er verliebt sich selbst in die Hauptfigur, „ein schönes, schlankes italienisches Mädchen“, aber er vergißt darüber seine liebe Fiametta nicht.

  10. Flämmchen: Karl Leberecht Immermann: Die Epigonen, Roman 1836. Mignon-Figur:

    Flämmchens Fluchtgeschichte war einfach genug. Das Mädchen war die Tochter eines polnischen Offiziers, der, unter den Fahnen des Eroberers dienend, Mutter und Kind auf den Kriegszügen durch Deutschland mit sich umhergeführt hatte. Er blieb in einer großen Schlacht, bald nachher starb auch seine Geliebte, eine Spanierin, von Klima und Mangel aufgezehrt. Aus den Händen armer Leute empfing der Komödiant das elternlose Geschöpf. Er war ein gutmütiger Mensch und spielte schon damals edle Väter. Der Anblick des kleinen Wesens, dem die Augen wie Kohlen im Kopfe brannten, und welches aus seinen Lumpen so keck hervorsah, als sei es eine Prinzessin, rührte ihn. Er ließ das Kind sich abtreten, und beschloß, es zu seinem Gewerbe anzuführen. Indessen brachte ihm diese wohltätige Handlung keinen Segen, sondern nur Herzeleid. Fiametta, die lieber Flämmchen heißen wollte, war das eigensinnigste, widerspenstigste Ding, was polnisches und spanisches Blut, vereinigt erzeugen können. Die sogenannte Erziehung, welche ihr in jener Komödiantenwirtschaft zuteil wurde, fruchtete nichts, und unmöglich war es, sie zum Auftreten zu bewegen. Sie begreife nicht, sagte sie, wozu das dumme Zeug, wie sie das Schauspiel nannte, diene? der falsche Vater lüge ja den ganzen Tag über, warum er denn des Abends zu seinen Lügen die fremden Kleider anziehe?

    […]

    Einen Kranz auf dem Haupte, und einen in jeder Hand haltend, schritt das Mädchen gemessen, fast feierlich, erst rund um die Felsenplatte, als vollziehe sie die Weihe des Orts. Dann in die Mitte sich stellend, wandte sie ihr glänzendes Antlitz gegen den Mond, und begann nun, immer seiner leuchtenden Scheibe zugekehrt, ihren ausdrucksvollen Tanz. Bald neigte sie sich ihm mit zärtlicher Gebärde entgegen, bald schien sie vor ihm verstellterweise zu fliehn, jetzt hob sie den einen, dann den andern Kranz lockend empor, darauf ließ sie beide sinken, verwechselte sie, warf sie in die Luft, daß sie dort Bogen beschrieben, und fing sie jederzeit gewandt und zierlich wieder auf, während Füße und Leib ihr anmutiges Spiel fortsetzten. Der Sinn dieses Tanzes war ein liebliches Gedicht; der kalte hohe Freund da oben, sollte zur Erde herabgezogen werden, mit welcher er einst in größerer Vertraulichkeit gelebt habe, und auf der jede Sehnsucht nur eine Erinnrung an diese schöne Liebeszeit sei. Was ihre Bewegungen an diesem Mondscheinmärchen noch dunkel ließen, deuteten Strophen aus, die sie dazwischen absang, und womit sie sich den Takt anzugeben schien. Sie hatten alle ein gewisses Metrum, bestanden aber oft nur aus abgebrochnen Worten, deren Verbindung die Zuhörenden ergänzen mußten. Die Alte gab zuweilen in einer fremden Sprache, welche weder der Arzt, noch der Domherr verstand, eine Art von Refrain zu vernehmen.

    […]

    Nun, Ihre Erziehungsplane sind nicht geglückt, anstatt eines Kunstprodukts hat Natur das wundersamste, entzückendste Geschöpf ausgebildet. Ich behaupte, wer sie tanzen gesehn, kann nie wieder ganz unglücklich werden. Wäre ich ein Freund von Paradoxen, so würde ich sagen: Sie tanzt Geschichte, Fabel, Religion, ihre begeisterten Wendungen und Stellungen weihen uns in die geheimsten Dinge ein.

    Mit dem Rufe: „Liebster! Bester! Einziger!“ hing sie ihm am Halse und die leidenschaftlichsten Küsse brannten auf seinen Lippen. „Habe ich dich endlich wieder!“ rief sie, indem sie ihm Augen und Stirn küßte. „Nun aber werde ich dich nicht lassen, nun sollst du mein werden, sie mögen tun, was sie wollen.“

    […]

    Dave Strong, Olga, Papajis Tea Social, 27. Oktober 2010Was er in den folgenden Tagen von der Lebensweise Flämmchens hörte, war das Ausschweifendste von der Welt. Sie hatte wirklich in ihrem einsamen Landhause eine Art von Hof oder Menagerie, wie man es nennen will, versammelt, bestehend aus den wildesten jungen Leuten der Residenz, die, durch den Ruf ihrer Schönheit angelockt, dorthin geströmt waren. Mit ihnen wurden die tollsten Streiche verübt, zuweilen toste dieses wütende Heer bei Nacht auf schnellen Pferden unter entsetzlichem Geschrei durch die Gegend, so daß die Landleute in ihren stillen Hütten sich vor dem Unwesen segneten, oder man sprengte falsche Nachrichten von Räuberbanden und Unglücksfällen aus, welche Scharwachen und Beamte aufregten, so daß sich auch schon die Polizei hier in das Mittel hatte legen wollen, jedoch höheren Ortes bedeutet worden war, solches zu unterlassen, da sich denn doch alles außer dem Bereiche eigentlicher Vergehungen hielt. Am brausendsten aber schäumte Flämmchens üppige Lebenskraft im Tanze aus. […]

    Das ist nun der Tanz, den ich nicht lassen kann, der mich mir selbst wiedergibt, wenn der Weltgraus mich überwinden und in mir einziehen will. Könntest du mich lieben, und immer bei mir sein, so wäre alles gut, dann hätte ich eine Stütze und würde auch aufhören zu tanzen; leider wird es nicht so gut werden.“

  11. Fiametta: Ludwig Minkus: Fiametta, Ballett 1863.
  12. Fiammetta: Dante Gabriel Rossetti: A Vision of Fiammetta, 1878, Öl auf Leinwand, 140 cm × 91 cm, Sammlung Andrew Lloyd Webber, Gemälde, Boccaccio-Sonett, Boccaccio-Sonettübersetzung und eigenes Sonett 1878:

    On his Last Sight of Fiammetta

    Behold Fiammetta, shown in Vision here.

    Gloom-girt ‚mid Spring-flushed apple-growth she stands;
    And as she sways the branches with her hands,
    Along her arm the sundered bloom falls sheer,
    In separate petals shed, each like a tear;
    While from the quivering bough the bird expands
    His wings. And lo! thy spirit understands
    Life shaken and shower’d and flown, and Death drawn near.

    All stirs with change. Her garments beat the air:
    The angel circling round her aureole
    Shimmers in flight against the tree’s grey bole:
    While she, with reassuring eyes most fair,
    A presage and a promise stands; as ‚twere
    On Death’s dark storm the rainbow of the Soul.

    Dante Gabriel Rossetti, A Vision of Fiammetta, 1878

Bilder: Emma Sandys: Fiammetta, 1876;
Dante Gabriel Rossetti: A Vision of Fiammetta, 1878, Öl auf Leinwand, 140 cm × 91 cm, Sammlung Andrew Lloyd Webber;
Hermine von Stilke: Joseph von Eichendorff: Sehnsucht, 1864 bis 1868, zu: Es schienen so golden die Sterne, aus: Dichter und ihre Gesellen. Novelle von Joseph von Eichendorff, 1834. 3. Buch, 24. Kapitel, via Jutta Assel/Georg Jäger: Gedichte der Romantik in Randzeichnungen, Goethezeitportal Juni 2010;
Stefano Masse: Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016;
Sara Trash-it: T-Shirt dipinta a mano — hand-painted, 28. Oktober 2011;
Dave Strong: Olga, Papajis Tea Social, 27. Oktober 2010.

Soundtrack: Blonde Redhead: Elephant Woman, aus: Misery is a Butterfly, 2004,
als Nachspann für: Hard Candy, 2005:

Written by Wolf

7. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Renaissance

Was denn sonst, bei diesem Sauwetter

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Update zu Hören wir das Husten einer Grille im Schnee?:

Seht! den Schirm erfaßt der Wind,
Und der Robert fliegt geschwind
Durch die Luft so hoch, so weit;
Niemand hört ihn, wenn er schreit.

Dr. Heinrich Hoffmann, 1844.

You got a lotta time to waste when you ain’t getting wasted,
not a penny to spare when you ain’t getting paid.

Rail Yard Ghosts, 2014.

Heinrich Hoffmann, die Geschichte vom fliegenden Robert, Struwwelpeter, ab 1844

——— Hans Magnus Enzensberger:

Der Fliegende Robert

aus: Die Furie des Verschwindens. Gedichte, edition suhrkamp 1066, Neue Folge 66, Frankfurt 1980:

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! —,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.

Die letzte Geschichte aus der pädagogisch gemeinten Serie passiv-aggressiver Häme gegenüber Kindesmisshandlungen mit Todesfolge, die seit 1845 nie wieder aus dem Buchhandel verschwand, ist noch die versöhnlichste. Was an diesem einzigen Beispiel eines Entkommens im Struwwelpeter so warnend sein soll, hab ich nicht einmal als Vierjähriger verstanden, und seit ich über 18 bin, versteh ich sowieso jedes Jahr weniger.

Wisst ihr nämlich, liebe Kinder, warum den Robert niemand gehört hat, wenn er schreit? Weil er gar nicht geschrien, sondern sich heilfroh eins gegrinst hat, dass er da rauskommt.

Bild: Dr. Heinrich Hoffmann: Die Geschichte vom fliegenden Robert, aus: Struwwelpeter, ab 1844;
Off Road Kids: Rail Yard Ghosts: Dirty Kid Rag, aus: Medicinal Whiskey, 2014:

Written by Wolf

4. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

I’m half-sick of shadows

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Update zu Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt:

The Lady of Shalott von Lord Alfred Tennyson, 1. Baron Tennyson wurde schon lange nicht mehr ordentlich übersetzt. Dabei ließ sich die deutschsprachige Reproduktion zuerst so lebhaft an; unter anderem gibt es:

Empfohlen wird natürlich die erste, die von Freiligrath, die auch in recht leserlich gestochener Fraktur daherkommt.

Persönlich greifen mir Geschichten von Mädchen und viel zu schönen Frauen, die sich zu Tode singen, ganz unverhältnismäßig ans Herze, das ist eine körperliche Reaktion bei mir, fast noch sicherer und heftiger als das Orpheus-Eurydike-Thema, weil es persönlicher und damit unmittelbarer wirkt. Das geht so, seit ich zu früh im Leben A Fight to the Finish 1947 mit Oskar Supermaus gesehen hab, Paradebeispiel ist die Antonie aus dem Rat Krespel 1818 von E.T.A. Hoffmann, die Jacques Offenbach sangeswirksam als dritten Akt von Hoffmanns Erzählungen 1881 ausgebaut hat. In der schlimmen Heimatschnulze Das Donkosakenlied 1956 ist es ein kleiner Junge, der das Singen nicht lassen kann, und in Noch einmal mit Gefühl 2001 ist gleich eine ganze Stadt vom Totsingen bedroht, da waltet aber um die Vampirjägerin Buffy und ihre von Dämonen Mitverfolgten wenigstens die nötige Selbstironie. — Wenn jemand noch was weiß? Die Kommentarfunktion ist immer offen.

Seltsamerweise hab ich auf die Lady of Shalott nie so angesprochen, obwohl da eine Vorläuferin der Ophelia sich sehenden Auges malerisch in ein Boot legt und darin singend auf ein Schloss zutreibt, in dem sie als Leiche ankommen wird. Schieben wir es darauf, dass man dieses ausgebaute Genre der Lady of the Lake immer nicht als die faszinierend schillernde Elaine kennenlernt, sondern als einschläfernden Loop über 11:34 Minuten von einer Meditations-CD fürs Zahnarztwartezimmer.

Zur Interpretation abseits des Wikipedia-Artikels: Die Besonderheiten am Shalott’schen Topos sind, dass die Lady 1. nicht weiß, worin eigentlich ihr Fluch besteht, 2. Bilder webt, die sie indirekt in einem Spiegel sieht, und 3. bereitwillig für ihre erste Liebe auf den ersten Blick, die gleich ihre große ist, stirbt. Schuld und Sühne sind also definiert wie bei Kafka: in höchst willkürlicher Weise überhaupt nicht — und das von einer fadenscheinigen, rächenden Instanz, „Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ (Faust). Aus feministischer Sicht ist das reichlich fragwürdig, aus einfach nur menschlicher Sicht nicht minder: Eine namenlose Edelfrau darf ihren Elfenbeinturm weder mit ihrer Erkenntnis noch gar mit ihren unbefugten Füßen (siehe den Bonus Track unten) überschreiten, und wenn der wunder-schöne, stolze Ritter kommt, darf sie ihm gerade noch hinterherreisen und ihr letztes Lied dabei singen. Gnade vor dem ritterlichen Hof findet sie nicht für ihre künstlerischen oder hausfraulichen Leistungen oder auch nur für ihre Hingabe, sondern ausdrücklich für ihr hübsches Gesicht. Wer sich als Feminist*in versteht, darf an dieser Stelle einige berechtigte Einwände erheben, sich dabei nur nicht so anstellen wie die ewige Gothic Lolita Emilie Autumn in ihrer Kontrafaktur Shalott 2006 auf Opheliac. Klar, dass diese Auffassung aus dem Frühmittelalter stammt — weil sie nämlich als Nebenstrang der Artus-Sage aus dem Frühmittelalter stammt.

Daher ist es gar nicht so schlimm, wenn ich hier nur Tennysons zwei Fassungen in parallele Übersicht setzen kann. Ich hätte lieber noch eine dritte Spalte mit dem gedichtnahen Schlagertext von Loreena McKennitt dazugequetscht, aber ich hab dieses enge WordPress-Theme nicht gebaut. McKennitt darf erst darunter, was künstlerisch nicht ganz unpassend erscheint.

Tennysons Gedicht bleibt eine der schönsten Balladen überhaupt, die einen Spannungsbogen mit Handlungsauflösung verwenden, und eine Empfehlung für das englische Lesepublikum, in dem Gedichte so cantabile marschieren und trotzdem klassisch werden dürfen.

John William Waterhouse, The Lady of Shalott, 1888

——— Lord Alfred Tennyson:

The Lady of Shalott

1833 edition:

***

1842 edition:

***

Part the First.

*

Part I.

*

On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky.
And thro‘ the field the road runs by
               To manytowered Camelot.
The yellowleavèd waterlily,
The greensheathèd daffodilly,
Tremble in the water chilly,
               Round about Shalott.

*

On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky;
And thro‘ the field the road runs by
               To many-tower’d Camelot;
And up and down the people go,
Gazing where the lilies blow
Round an island there below,
               The island of Shalott.

*

Willows whiten, aspens shiver,
The sunbeam-showers break and quiver
In the stream that runneth ever
By the island in the river,
               Flowing down to Camelot.
Four gray walls and four gray towers
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

*

Willows whiten, aspens quiver,
Little breezes dusk and shiver
Thro‘ the wave that runs for ever
By the island in the river
               Flowing down to Camelot.
Four gray walls, and four gray towers,
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

*

Underneath the bearded barley,
The reaper, reaping late and early,
Hears her ever chanting cheerly,
Like an angel, singing clearly,
               O’er the stream of Camelot.
Piling the sheaves in furrows airy,
Beneath the moon, the reaper weary
Listening whispers, „‚tis the fairy
               Lady of Shalott.“

*

By the margin, willow-veil’d
Slide the heavy barges trail’d
By slow horses; and unhail’d
The shallop flitteth silken-sail’d
               Skimming down to Camelot:
But who hath seen her wave her hand?
Or at the casement seen her stand?
Or is she known in all the land,
               The Lady of Shalott?

*

The little isle is all inrailed
With a rose-fence, and overtrailed
With roses: by the marge unhailed
The shallop flitteth silkensailed,
               Skimming down to Camelot.
A pearlgarland winds her head:
She leaneth on a velvet bed,
Full royally apparellèd
               The Lady of Shalott.

*

Only reapers, reaping early
In among the bearded barley,
Hear a song that echoes cheerly
From the river winding clearly,
               Down to tower’d Camelot.
And by the moon the reaper weary,
Piling sheaves in uplands airy,
Listening, whispers „‚Tis the fairy
               Lady of Shalott.“

*

Part the Second.

*

Part II.

*

No time hath she to sport and play:
A charmèd web she weaves alway.
A curse is on her, if she stay
Her weaving, either night or day,
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be;
Therefore she weaveth steadily,
Therefore no other care hath she,
               The Lady of Shalott.

*

There she weaves by night and day
A magic web with colours gay.
She has heard a whisper say,
A curse is on her if she stay
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be,
And so she weaveth steadily,
And little other care hath she,
               The Lady of Shalott.

*

She lives with little joy or fear.
Over the water, running near,
The sheepbell tinkles in her ear.
Before her hangs a mirror clear,
               Reflecting towered Camelot.
And, as the mazy web she whirls,
She sees the surly village-churls,
And the red cloaks of market-girls,
               Pass onward from Shalott.

*

And moving thro‘ a mirror clear
That hangs before her all the year,
Shadows of the world appear.
There she sees the highway near
               Winding down to Camelot:
There the river eddy whirls,
And there the surly village-churls,
And the red cloaks of market girls,
               Pass onward from Shalott.

*

Sometimes a troop of damsels glad,
An abbot on an ambling pad,
Sometimes a curly shepherd lad,
Or longhaired page, in crimson clad,
               Goes by to towered Camelot.
And sometimes thro‘ the mirror blue,
The knights come riding, two and two.
She hath no loyal knight and true
               The Lady of Shalott.

*

Sometimes a troop of damsels glad,
An abbot on an ambling pad,
Sometimes a curly shepherd-lad,
Or long-hair’d page in crimson clad,
               Goes by to tower’d Camelot;
And sometimes thro‘ the mirror blue
The knights come riding two and two:
She hath no loyal knight and true,
               The Lady of Shalott.

*

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights:
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and lights
               And music, came from Camelot.
Or, when the moon was overhead,
Came two young lovers, lately wed:
„I am half-sick of shadows,“ said
               The Lady of Shalott.

*

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights,
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and lights
               And music, went to Camelot:
Or when the moon was overhead,
Came two young lovers lately wed;
„I am half-sick of shadows,“ said
               The Lady of Shalott.

*

Part the Third.

*

Part III.

*

A bowshot from her bower-eaves.
He rode between the barleysheaves:
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves
               Of bold Sir Launcelot.
A redcross knight for ever kneeled
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

*

A bow-shot from her bower-eaves,
He rode between the barley-sheaves,
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves
               Of bold Sir Lancelot.
A redcross knight for ever kneel’d
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

*

The gemmy bridle glittered free,
Like to some branch of stars we see
Hung in the golden galaxy.
The bridle-bells rang merrily,
               As he rode down from Camelot.
And, from his blazoned baldric slung,
A mighty silver bugle hung,
And, as he rode, his armour rung,
               Beside remote Shalott.

*

The gemmy bridle glitter’d free,
Like to some branch of stars we see
Hung in the golden Galaxy.
The bridle-bells rang merrily
               As he rode down to Camelot:
And from his blazon’d baldric slung
A mighty silver bugle hung,
And as he rode his armour rung,
               Beside remote Shalott.

*

All in the blue unclouded weather,
Thickjewelled shone the saddle-leather.
The helmet, and the helmet-feather
Burned like one burning flame together,
               As he rode down from Camelot.
As often thro‘ the purple night,
Below the starry clusters bright,
Some bearded meteor, trailing light,
               Moves over green Shalott.

*

All in the blue unclouded weather
Thick-jewell’d shone the saddle-leather,
The helmet and the helmet-feather
Burn’d like one burning flame together,
               As he rode down to Camelot.
As often thro‘ the purple night,
Below the starry clusters bright,
Some bearded meteor, trailing light,
               Moves over still Shalott.

*

His broad clear brow in sunlight glowed.
On burnished hooves his warhorse trode.
From underneath his helmet flowed
His coalblack curls, as on he rode,
               As he rode down from Camelot.
From the bank, and from the river,
He flashed into the crystal mirror,
„Tirra lirra, tirra lirra,“
               Sang Sir Launcelot.

*

His broad clear brow in sunlight glow’d;
On burnish’d hooves his war-horse trode;
From underneath his helmet flow’d
His coal-black curls as on he rode,
               As he rode down to Camelot.
From the bank and from the river
He flash’d into the crystal mirror,
„Tirra lirra,“ by the river
               Sang Sir Lancelot.

*

She left the web: she left the loom:
She made three paces thro‘ the room:
She saw the waterflower bloom:
She saw the helmet and the plume:
               She looked down to Camelot.
Out flew the web, and floated wide,
The mirror cracked from side to side,
‚The curse is come upon me,“ cried
               The Lady of Shalott.

*

She left the web, she left the loom,
She made three paces thro‘ the room,
She saw the water-lily bloom,
She saw the helmet and the plume:
               She look’d down to Camelot.
Out flew the web and floated wide;
The mirror crack’d from side to side;
„The curse is come upon me,“ cried
               The Lady of Shalott.

*

Part the Fourth.

*

Part IV.

*

In the stormy eastwind straining
The pale-yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining,
Heavily the low sky raining
               Over towered Camelot:
Outside the isle a shallow boat
Beneath a willow lay afloat,
Below the carven stern she wrote,
               THE LADY OF SHALOTT.

*

In the stormy east-wind straining,
The pale-yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining,
Heavily the low sky raining
               Over tower’d Camelot;
Down she came and found a boat
Beneath a willow left afloat,
And round about the prow she wrote
               The Lady of Shalott.

*

A cloudwhite crown of pearl she dight.
All raimented in snowy white
That loosely flew, (her zone in sight,
Clasped with one blinding diamond bright,)
               Her wide eyes fixed on Camelot,
Though the squally eastwind keenly
Blew, with folded arms serenely
By the water stood the queenly
               Lady of Shalott.

*

 

With a steady, stony glance—
Like some bold seer in a trance,
Beholding all his own mischance,
Mute, with a glassy countenance—
               She looked down to Camelot.
It was the closing of the day,
She loosed the chain, and down she lay,
The broad stream bore her far away,
               The Lady of Shalott.

*

And down the river’s dim expanse—
Like some bold seër in a trance,
Seeing all his own mischance—
With a glassy countenance
               Did she look to Camelot.
And at the closing of the day
She loosed the chain, and down she lay;
The broad stream bore her far away,
               The Lady of Shalott.

*

As when to sailors while they roam,
By creeks and outfalls far from home,
Rising and dropping with the foam,
From dying swans wild warblings come,
               Blown shoreward; so to Camelot
Still as the boathead wound along
The willowy hills and fields among,
They heard her chanting her deathsong,
               The Lady of Shalott.

*

Lying, robed in snowy white
That loosely flew to left and right—
The leaves upon her falling light—
Thro‘ the noises of the night
               She floated down to Camelot:
And as the boat-head wound along
The willowy hills and fields among,
They heard her singing her last song,
               The Lady of Shalott.

*

A longdrawn carol, mournful, holy,
She chanted loudly, chanted lowly,
Till her eyes were darkened wholly,
And her smooth face sharpened slowly
               Turned to towered Camelot:
For ere she reached upon the tide
The first house by the waterside,
Singing in her song she died,
               The Lady of Shalott.

*

Heard a carol, mournful, holy,
Chanted loudly, chanted lowly,
Till her blood was frozen slowly,
And her eyes were darken’d wholly,
               Turn’d to tower’d Camelot;
For ere she reach’d upon the tide
The first house by the water-side,
Singing in her song she died,
               The Lady of Shalott.

*

Under tower and balcony,
By gardenwall and gallery,
A pale, pale corpse she floated by,
Deadcold, between the houses high,
               Dead into towered Camelot.
Knight and burgher, lord and dame,
To the plankèd wharfage came:
Below the stern they read her name,
               „The Lady of Shalott.“

*

Under tower and balcony,
By garden-wall and gallery,
A gleaming shape she floated by,
A corse between the houses high,
               Silent into Camelot.
Out upon the wharfs they came,
Knight and burgher, lord and dame,
And round the prow they read her name,
               The Lady of Shalott.

*

They crossed themselves, their stars they blest,
Knight, minstrel, abbot, squire and guest.
There lay a parchment on her breast,
That puzzled more than all the rest,
               The wellfed wits at Camelot.
„The web was woven curiously
The charm is broken utterly,
Draw near and fear not – this is I,
               The Lady of Shalott.
Who is this? and what is here?
And in the lighted palace near
Died the sound of royal cheer;
And they cross’d themselves for fear,
               All the knights at Camelot:
But Lancelot mused a little space;
He said, „She has a lovely face;
God in his mercy lend her grace,
               The Lady of Shalott.“

William Maw Egley, The Lady of Shalott, 1858

——— Loreena McKennitt:

The Lady of Shalott

from: The Visit, 1991.
Lyrics by Alfred Lord Tennyson adapted by Loreena McKennitt, music by Loreena McKennit:

William Holman Hunt, The Lady of Shalott, 1905On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky;
And thro‘ the field the road run by
               To many-towered Camelot;
And up and down the people go,
Gazing where the lilies blow
Round an island there below,
               The island of Shalott.

Willows whiten, aspens quiver,
Little breezes disk and shiver
Thro‘ the wave that runs for ever
By the island in the river
               Flowing down to Camelot.
Four grey walls, and four grey towers,
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

Only reapers, reaping early,
In among the beared barley
Hear a song that echoes cheerly
From the river winding clearly,
               Down to tower’d Camelot;
And by the moon the reaper weary,
Piling sheaves in uplands airy,
Listing, whispers „‚tis the fairy
               The Lady of Shalott.“

There she weaves by night and day
A magic web with colours gay.
She has heard a whisper say,
A curse is on her if she stay
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be,
And so she weaveth steadily,
And little other care hath she,
               The Lady of Shalott.

And moving through a mirror clear
That hangs before her all the year,
Shadows of the world appear.
There she sees the highway near
               Winding down to Camelot;
And sometimes thro‘ the mirror blue
The Knights come riding two and two.
She hath no loyal Knight and true,
               The Lady of Shalott.

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights,
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and with lights
               And music, went to Camelot;
Or when the Moon was overhead,
Came two young lovers lately wed.
„I am, half sick of shadow,“ she said,
               The Lady of Shalott.

A bow-shot from her bower-eaves,
He rode between the barley sheaves,
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves,
               Of bold Sir Lancelot.
A red-cross knight for ever kneel’d
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

William Edward Frank Britten, The Lady of Shalott, 1901His broad clear brow in sunlight glow’d;
On burnish’d hooves his war-horse trode;
From underneath his helmet flow’d
His coal-black curls as on he rode,
               As he rode down to Camelot.
And from the bank and from the river
He flashed into the crystal mirror,
„Tirra lirra,“ by the river
               Sang Sir Lancelot.

She left the web, she left the loom,
She made three paces thro‘ the room,
She saw the water-lily bloom,
She saw the helmet and the plume,
          She look’d down to Camelot.
Out flew the web and floated wide;
The mirror crack’d from side to side;
„The curse is come upon me,“ cried
          The Lady of Shalott.

In the stormy east-wind straining,
The pale yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining.
Heavily the low sky raining
          Over tower’d Camelot;
Down she cam and found a boat
Beneath a willow left afloat,
And round the prow she wrote
          The Lady of Shalott.

Down the river’s dim expanse
Like some bold seer in a trance,
Seeing all his own mischance —
With a glassy countenance
          She looked to Camelot.
And at the closing of the day
She loosed the chain, and shown she lay;
The broad stream bore her far away,
          The Lady of Shalott.

Heard a carol, mournful, holy,
Chanted loudly, chanted slowly,
Till her blood was frozen slowly,
And her eyes were darkened wholly,
          Turn’d to tower’d Camelot.
For ere she reach’d upon the tide
The first house by the water-side,
Singing in her song she died,
          The Lady of Shalott.

Under tower and balcony,
By garden-wall and gallery,
A gleaming shape she floated by,
Dead-pale between the houses high,
               Silent into Camelot.
And out upon the wharfs they came,
Knight and Burgher, Lord and Dame,
And round the prow they read her name,
               The Lady of Shalott.

Who is this? And what is here?
And in the lighted palace near
Died the sound of royal cheer;
They crossed themselves for fear,
               The Knights at Camelot;
But Lancelot mused a little space
He said, „she has a lovely face;
God in his mercy lend her grace,
               The Lady of Shalott.

                         But who hath seen her wave her hand?
                         Or at the casement seen her stand?
                         Or is she known in all the land,
                         The Lady of Shalott?

Ladies of Shalott: 2 webende, 2 schippernde, 2 Querformate, 2 Hochformate, 4 von Malern namens William = 4 Bilder, die 4 deutschen Übersetzungen des 19. Jahrhunderts entsprechen:

  1. John William Waterhouse: The Lady of Shalott, 1888;
  2. William Maw Egley: The Lady of Shalott, 1858;
  3. William Holman Hunt: The Lady of Shalott, 1905;
  4. William Edward Frank Britten: The Early Poems of Alfred, Lord Tennyson, Edited with a Critical Introduction, Commentaries and Notes, together with the Various Readings, a Transcript of the Poems Temporarily and Finally Suppressed and a Bibliography by John Churton Collins. With ten illustrations in Photogravure by W. E. F. Britten. Methuen & Co. 36 Essex Street W. C. London, 1901,

alle via Jones’s Celtic Enyclopedia: Elaine of Astolat/The Lady of Shalott.

Bonus Track: Teilrezitation des Revolving Doors Theatre als Trailer für Pelleas & The Lady of Shalott in den Arthurian plays im Blue Elephant Theatre in Camberwell, London, 20. November bis 8. Dezember 2007:

Written by Wolf

1. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod