Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Morgenstern über Greifswald (und keiner schaut hin)

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Update zu O selige Epoche,
Flintenwerfen und
Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10:

Es hätte ein so schönes Leben sein können: Da wird einer pünktlich erst nach dem einen Krieg geboren und stirbt pünktlich vor dem anderen — da kämpft er den größten Teil seiner Erdenzeit gegen eine lebenseinschränkende bis -bedrohliche Tuberkulose; da schafft er in seiner schönsten Phase mit seinen besten Kumpanen den zeitlosen Klassiker der Galgenlieder — und muss sich in der Folge lebelang ärgern, auf seine Studentenscherze reduziert zu werden. Irgendwas ist immer.

Leicht gemacht hat er sich’s, was vor diesem Hintergrund niemanden wundern muss, mit seinem „bürgerlichen Drama“ Ecce Civis. Verständlich, aber schade, dass dieses kurze, aber im Live-Betrieb beliebig zu erweiternde Stück so obskur ist und offenbar erst entschieden posthum um 1976 uraufgeführt wurde: Gerade Stellen wie „Das gesamte Tischgerät entwickelt eine lustige Musik“ (erster Akt), „Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann“ (zweiter Akt) und „Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab“ (dritter Akt) bieten den Darstellenden unschlagbare Möglichkeiten zum Herumbrillieren. Von der Maskenbildnerei ganz zu schweigen.

——— Lyrikzeitung:

Literarisches Greifswald (1)

in: Lyrikzeitung & Poetry News, 15. November 2015:

Wanderer, kommst du nach Spa-, nach Greifswald.

Greifswald liegt am Rand, aber es hat doch dies und das, sogar Literarisches. Vielleicht mache ich eine Folge. Ich beginne mit Christian Morgenstern. Mir sind keine Aufenthalte M.s in Greifswald bekannt. Geboren in München, gestorben in Meran, verbrachte das halbe Leben in Sanatorien, etwa in Birkenwerder. Wenn er an die See fuhr, so war es Helgoland, Sylt oder Föhr, oder gleich Norwegen.

Trotzdem steht sein Name an einer Hauswand in Greifswald:

Kapaunenstraße Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015
„In diesem Hause fand die
Erstaufführung von
Chr. Morgensterns Ecce Civis
unter der Leitung I.Sulks statt.“

Die Tafel wurde wahrscheinlich in den siebziger Jahren angebracht. Tatsächlich hing sie nicht an diesem Haus, das ein Neubau aus den End-80ern oder Früh-90ern ist. An dieser Stelle standen 2 Häuser, in einem ein Milchladen und im andern ein Zeitschriftenladen. Sie fielen der Tabula-Rasa-Abrißsanierung in den letzten DDR-Jahren zum Opfer. Die Tafel war dann längere Zeit verschwunden, erst vor Monaten fiel sie mir wieder auf. Sie hing damals nicht in der Kapaunenstraße, sondern vorn in der Langen Straße, die damals „Straße der Freundschaft“ hieß, vom Volksmund auf F-Straße verkürzt. Auch will mir die Erinnerung einreden, daß früher das Datum der Uraufführung auf der Tafel stand, irgendein Jahr in den 70ern, vielleicht 1976? Aber ich habe keine Fotos, einziges Indiz der gute Erhaltungszustand der also wohl neuen Tafel.

In einer DDR-Zeitschrift, „Das Magazin„, stand damals ein Artikel über die Tafel. Ich weiß nur noch, der Verfasser hielt das für einen Scherz, einen Ulk, er meinte, I. Sulk müsse „Is Ulk“ gelesen werden. Aber das stimmt nicht, der Herr Sulk war ein dort lebender Greifswalder.

Demnach hatte der Autor nicht recherchiert, sondern nur auf der Durchreise das Schild fotografiert und den Rest zusammenspekuliert. Es gibt gute Gründe, einen Ulk zu vermuten. Ein Blick auf das Personenverzeichnis des Kurzdramas zeigt das:

Personenverzichnis Ecce Civis, Christian Morgenstern. Ausgewählte Werke, Seite 455, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015

Ein hübsches Junggesellenzimmer mag auch der Ort der Erstaufführung gewesen sein. Aber wieso Ulk? Ich sehe es vor mir. Erste Zigarre: läßt Ringel zur Decke steigen. Mehrere Teller: klappern. Gabeln: klirren. Eine Zigarette: fängt an zu brennen. Der erste Akt endet so: „DAS GESAMTE TISCHGERÄT entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.“ Lange vor der bruitistischen Musik der Futuristen und dem bruitistischen Krippenspiel des Hugo Ball hat Christian Morgenstern die Chose erfunden. Und erstaufgeführt wurde es in Greifswald, Straße der Freundschaft.

Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015
Das jetzige Haus von vorn

Soweit die Informationen — oder vielmehr der Mangel daran — über Morgensterns Spuren in Greifswald. Ausführlicher wird seine literarische Nachwirkung vom vermutlich selben, nur diesmal namentlich ausgewiesenen Autor Dr. phil. Michael Gratz unter Morgenstern in der DDR — der an dieser Stelle warm zur Kenntnisnahme über persönlich nähergebrachte deutsch-deutsche Literaturgeschichte und Grenzverkehr empfohlen sei! — fürs L&Poe Journal 1 (2021), die Ausgabe zu Morgensterns 150. Geburtstag am 6. Mai beschrieben. Ein prominenter Greifswalder Bürger namens I. Sulk, dessen Name möglicherweise nur „Ulk is“, kann auch dort nicht nachgewiesen werden. An unserer Stelle erscheint so oder so der Volltext des Dramas sinnvoller:

——— Christian Morgenstern:

ECCE CIVIS

Ein bürgerliches Drama

um 1898, in: Klaus Schuhmann: Christian Morgenstern. Ausgewählte Werke,
Insel, Leipzig 1975, Seite 455–457,
cit. nach L&Poe Journal 1 (2021), 15. Februar 2021:

HANDELNDE

Eine Kiste Zigarren
Eine Schachtel Zigaretten
Ein mit zwei Kuverts gedeckter Esstisch
Eine grosse gedeckte Gesellschaftstafel
Ein Tablett mit Kaffeegeschirr
Ein Tablett mit Wein
Ein Tablett mit Bier

Parfümflaschen, Tüten mit Konfekt, Löffel, Messer, Gabeln, Kohlenschaufeln, Schmapsservice, große und kleine Brotkörbe, Ausguß, Wasserhähne, Putzlappen, Korkzieher, Zuckerdose usw. usw. nach Bedarf und Belieben.
Dazugehörige Personen.

Erster Akt

Ein hübsches Junggesellenzimmer.

Erste Zigarre läßt Ringel zur Decke steigen. Der dazugehörige Herr sagt etwa: Wo nur die Fanny heut so lang bleibt! Läßt sich vom Zimmer zu schaffen machen.

Mehrere Teller klappern.

Gabln klirren.

Eine Tüte mit Datteln

wird irgendwo versteckt.

Eine Flasche Sekt knallt. Der dazugehörige Diener sagt etwa: Bleibt heut das Fräulein aber lang!

     Nach einer Weile klopft es, und die Erwartete kommt.

Eine Zigarette fängt an zu brennen. Der dazugehörige weibliche Mund sagt etwa: Du hast wohl heut etwas warten müssen, Fredi.

Die Zigarre: Du machst dir eben nichts aus mir.

Die Zigarette: Ach geh, was du dir auch immer einbildst; Komm, eß mer. Man setzt sich zu Tisch.

Das gesamte Tischgerät entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt Bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.

Zweiter Akt

Ein Salon.

Eine Menge Zigarren und Zigaretten mit dazugehörigen Personen beiderlei Geschlechts kommt aus dem im Hintergrund durch eine breite Flügeltür sichtbaren Speisesaal, nicht jedoch ohne des öftern dahin zurückzukehren, ein Glas Wein, ein Stück Torte zu sich zu nehmen, einen Toast auszubringen oder dergleichen.

Erste Zigarre: Das mit der Huber soll also wirklich wahr Sein?

Zweite Zigarre: Meine Frau hat die zwei mit eignen Augen –

Eine Zigarette: Mit eignen Augen!

Ein Stück Torte: Um Gottes willen, seid still! Dort kommt er!

Mehrere Zigarren und Zigarette: Pst! pst! pst!

Dritte Zigarre in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Guten Abend, meine Damen und Herren!

Sämtliche Zigarren und Zigaretten: Guten Abend, Herr Müller.

Zweite Zigarre und dritte Zigarette zugleich: Bitte, meine Herrschaften, der Kaffee!

Ein Tablett mit Kaffeetassen beherrscht auf längere Zeit die Situation.

Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann.

Dritter Akt

Ärmliche Giebelstube.

Eine Zigarette sitzt mit dem dazugehörigen Fräulein Fanny vor einem Tisch.

Löffel, Messer, Gabeln lassen sich von ihr putzen und führen eine Weile das Wort.

Eine Zigarre in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Grüß dich Gott, Fanny!

Die Zigarette: Jessas, Fredi, wo kommst denn du jetzt her?

Die Zigarre: Es mußte sein. Aber erst schaff mir was zu trinken, ich bin wie ausgedorrt.

Die Zigarette: Ich hab bloß Bier da.

Die Zigarre: Schadt nichts. Gib nur her! Fanny – zwischen uns muß Es aus sein. Schenkt Bier ein.

Die Zigarette zitternd: Ich hab mir’s ja gedacht.

Die Zigarre paFFend: Also machen wir’s kurz.

Die Zigarette liegt mit dem Kopf auf dem Tisch.

Das Bierglas trommelt.

Die Löffel, Messer und Gabeln machen einen nervösen Lärm. Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab, an deren Schluß das Ende des Stückes steht.

Die Zigarre mit Zubehör verschwindet von der Bühne.

Die Zigarette erlischt.

Der Vorhang fällt.

Ende.

Greifswald, Ecke Lange Straße und Kapaunenstraße Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015

Bilder: Lyrikzeitung: Literarisches Greifswald (1), 15. November 2015;
Michael Gratz: Morgenstern in der DDR, in: L&Poe Journal 1 (2021), 15. Februar 2021 .

Soundtrack bruitistischer Musik: Luigi Russolo: Serenata per intonarumori e strumenti, 1924:

Bonus Track: The Art of Noise featuring Duane Eddy: Peter Gunn, aus: In Visible Silence, 1986:

Written by Wolf

7. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Schall & Getöse

Die Fahne der Arbeitnehmerschaft

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Update zu Trotzki, Fauser und die Goetheforschung,
Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?) und
Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge:

Ergreife die Macht, du Hurensohn, wenn man sie dir gibt!

Anonymer Arbeiter zu Виктор Михайлович Чернов, 4. Juli 1917.

Während des Juliaufstands 1917 meuterten die Kronstädter Matrosen mit Roten Garden gegen die Kaiserlich Russische Marine:

Der ausgerufene Generalstreik scheiterte jedoch ebenso wie eine schlecht koordinierte Erhebung der Kronstädter Matrosen und Roten Garden. Sie begleiteten eine Demonstration mit angeblich bis zu 500.000 Teilnehmern zum Taurischen Palais, dem Sitz sowohl der Petrograder Sowjets als auch der Staatsduma. Dort nahmen sie den sozialrevolutionären Landwirtschaftsminister Wiktor Michailowitsch Tschernow als Geisel, nachdem er sowohl seinen Rücktritt als auch eine Machtübergabe an die Sowjets verweigert hatte. Er wurde von Leo Trotzki befreit, der die Demonstranten mahnte, ihr Anliegen nicht zu „besudeln“. Am Newski-Prospekt kam es zu einem Schusswechsel, die Demonstranten flohen in Panik. Weitere Schießereien folgten, nach zwei Tagen waren 500 Tote und Verletzte zu beklagen.

——— Николай Николаевич Суханов:

Записок о революции — мемуаров о событиях 1917

Augenzeugenbericht der Russischen Revolution,
cit nach Danil Gaido: Die Julitage, Marx 200, 19. Oktober 2017:

Harry Rowohlt, Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, Edition Tiamat 2017Alle Arbeiter und Soldaten in Petersburg nahmen daran teil. Aber was war das politische Charakter der Demonstration? ‚Wieder Bolschewiki‘, merkte ich an, als ich die Parolen ansah, ‚und da hinten ist noch eine Kolonne der Bolschewiki.‘ ‚Alle Macht den Sowjets!‘ ‚Nieder mit den zehn Minister-Kapitalisten!‘ ‚Friede den Hütten, Krieg den Palästen!‘ Auf diese kräftige und gewichtige Weise brachte Arbeiter-Bauer-Petersburg, die Vorhut der russischen- und Weltrevolution, seinen Wille zum Ausdruck. […]

Der Pöbel befand sich in Aufruhr, wohin man auch blickte … Ganz Kronstadt kannte Trotzki und, so dachte man, vertraute ihm. Doch er begann seine Rede, und die Menge wich nicht zurück. Wäre in diesem Moment ein Schuss gefallen, als Provokation, es hätte ein fürchterliches Gemetzel stattfinden können, und wir alle, Trotzki eingeschlossen, wären vielleicht zerfetzt worden. Trotzki, in großer Erregung und unfähig, in dieser aufgeheizten Atmosphäre die richtigen Worte zu finden, konnte kaum die Aufmerksamkeit derer gewinnen, die ihm am nächsten standen. Als er sich Tschernow selbst zuwandte, geriet die Menge, die um den Wagen herumstand, in Wut. ‚Ihr seid gekommen, euren Willen zu bekunden und dem Sowjet zu zeigen, dass die Arbeiterklasse die Bourgeoisie nicht länger an der Macht sehen will [sprach Trotzki]. Aber warum wollt ihr eurer Sache schaden mit kleinlichen Gewaltakten gegen zweitrangige Individuen?‘ Trotzki streckte seine Hand einem Matrosen entgegen, der besonders heftig protestierte … Mir schien, der Matrose, der Trotzki bestimmt mehr als einmal in Kronstadt hatte sprechen hören, hätte nun das bestimmte Gefühl, dass Trotzki ein Verräter sei. Er erinnerte sich an seine früheren Reden und war verwirrt … Unschlüssig, was zu tun sei, ließen die Kronstädter Tschernow gehen.

Und jetzt alle:

——— Harry Rowohlt:

Matrosen von Kronstadt

Arbeiterlied, 1917, aus: Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, Edition Tiamat 2017:

Verronnen die Nacht
und der Morgen erwacht,
rote Flotte mit Volldampf voraus.
Durch Stürme und Tosen
die roten Matrosen,
wir fahren als Vorhut hinaus.

Vorwärts an Geschütze und Gewehre
auf Schiffen, in Fabriken und im Schacht.
Tragt über den Erdball, tragt über die Meere
die Fahne der Arbeitermacht.

Mag der Sturm uns zerzausen,
die Wellen, sie brausen,
die rote Flut, sie steigt an.
Vorwärts, Kommunisten,
zum Endkampf wir rüsten,
die rote Marine voran.

Vorwärts an Geschütze und Gewehre
auf Schiffen, in Fabriken und im Schacht.
Tragt über den Erdball, tragt über die Meere
die Fahne der Arbeitnehmerschaft.

BIld, weil historisches Material grundsätzlich nur über den
Kronstädter Matrosenaufstand 1921 aufzufinden war:
Harry Rowohlt: Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, 2017.

Bonus Track instrumentiert:

Written by Wolf

1. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Das glänzende Gold und der weibliche Schoos

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Update zu Frames in Zitaten (in Frames),
Bocksgestöhn und freche Lieder,
Wenn er vom Blocksberg kehrt und
Werkstattbericht: Da kann jeder gedenken, in was Schrecken und Forcht ich gesteckt:

WEnn aber des menschen son komen wird / in seiner Herrligkeit / vnd alle heilige Engel mit jm / Denn wird er sitzen auff dem stuel seiner Herrligkeit / vnd werden fur jm alle Völcker versamlet werden / Vnd er wird sie von einander scheiden / gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet / vnd wird die Schafe zu seiner Rechten stellen / vnd die Böcke zur Lincken.

Matthäus 25, 31 bis 33.

Goethe, Walpurgisnacht, Bleistiftzeichnung 1787

Keine populäre Anthologie über den vom Olymp herabgestiegenen, einst unter den Menschen wandelnden Goethe kommt ohne „Seid reinlich bei Tage und säuisch bei Nacht, so habt ihr’s auf Erden am weitsten gebracht“ am Lektorat vorbei. Weisen wir die Stelle doch mal nach.

Sie ist aus dem Faust und doch wieder nicht: Goethe hat sie nach fröhlichem Reimen und Dichten und Denken wieder aussortiert. Nicht anders denn fröhlich kann man sich Goethes immer wieder aufgenommene und liegengelassene Arbeit am Komplex über die Walpurgisnacht im Faust vorstellen; die „säuische“ Stelle stammt aus dem bedeutendsten Outtake, nein: Paralipomenon H P50, gesichert durch Albrecht Schöne in der Faust-Edition online und gut erreichbar gedruckt in seiner Faust-Ausgabe für die Bibliothek Deutscher Klassiker. Im Zusammenhang stehen da noch viel anzüglichere Sachen drin, übrigens nicht ohne Brillanz.

Allein die posthume Begründung, Goethes „Nuditäten und Cuditäten“ — so Riemer brieflich an von Müller erst 1836, bei Schöne im Kommentarband Seite 123 — in der Satansmesse auf dem Blocksberg für die Bühne auszuschließen, wohl aber für Gesamtausgaben zugänglich zu machen, liest sich nicht erst literaturwissenschaftlich recht süffig:

Johannes Praetorius, Blockes-Berges Verrichtung, 1668Unser Publicum, das zum größern Theil aus Frauen und Mädchen, Jünglingen und Knaben besteht, und unsre Zeit die den Heiligen die Zehen abfrißt, kann freylich durch solche Aristophanismen, ie sie die Blocksbergsscene darbietet, nicht erbaut sondern nur geärgert werden. Ich bin daher ursrprünglich und sponte nicht für die Veröffentlichung diese Scene gewesen.

Aber — ebenda Seite 122 f.:

Ein so bedeutendes, von de Volksmährchen selbst aufgenommenes und noch weiter ausgesponnenes Motiv, wie die Erscheinung des Satans auf dem Blocksberg, samt dem Hexenunfug — den sogar unsere keuschesten Künstler mit unaussprechlichen (inexpressibles!) Nuditäten ausschmückten — darf schon Künslerischer Hinsicht — gleichsam als Contrapunct und Gegenstück zu der Erscheinung [des HErrn] im [Prolog im] Himmel, nicht unbenutzt bleiben und muß wenigstens angedeutet werden; freylich, da das Ohr keuscher ist als das Auge, nicht mit den Nuditäten und Cuditäten, die sich vom bildenden Künstler eher verstecken und in den Hintergrund bringen lassen; aber das Scenario, die Angabe der Personen oder Figuren, mit abgerissenen Worten müßte allerdings beybehalten werden, damit ein Kunstverständiger, Dichter oder Bildner, sehe der Poet habe ein Wesentliches seiner Fabel nicht übersehen, sondern diese Partieen nur angedeutet und nichr detaillirt.

Vermutlich daher die ganzen zartfühlend zensierten Goethe-Ausgaben. Albrecht Schöne ist mit seiner historisch-kritischen Herangehensweise frühestens auf dem Stand von 2017 und schont uns nicht. Für uns ist das etwas zum Auswendiglernen und Angeben:

——— Johann Wolfgang Goethe:

Walpurgisnacht

Paralipomenon H P50, Arbeitsmedium eigenhändig, bis auf die Paginierung unbeschriebenes Blatt, mutmaßlich 1797,
cit. nach Albrecht Schöne, Hrsg.: Frankfurter Ausgabe, abschließender Stand 2017:

Gipfel Nacht
Feuer Koloss. nächste Umgebung
Massen, Gruppen. Rede.

Albrecht Dürer, Blocksberg, 1500, 1501       Satan.
Die Böcke zur rechten,
Die Ziegen zur lincken
Die Ziegen sie riechen
Die Bocke sie stincken
Und wenn auch die Böcke
Noch stinckiger wären
So kann doch die Ziege
Des Bocks nicht entbehren.

       Chor.
Aufs Angesicht nieder
Verehret den Herrn
Er lehret die Völcker
Und lehret sie gern
Vernehmet die Worte
Er zeigt euch die Spur
Des ewigen Lebens
Der tiefsten Natur.

       Satan rechts gewendet.
Euch giebt es zwey Dinge
So herrlich und groß
Das glänzende Gold
Und der weibliche Schoos.
Das eine verschaffet
Das andre verschlingt
Drum glücklich wer beyde
Zusammen erringt.

       Eine Stimme.
Was sagte der Herr denn? –
Entfernt von dem Orte
Vernahm ich nicht deutlich
Die köstlichen Worte
Mir bleibet noch dunckel
Die herrliche Spur
Nicht seh ich das Leben
Der tiefen Natur.

Hans Baldung Grien, Gruppe dreier wildbewegter Hexen, 1514       Satan lincks gewendet.
Für euch sind zwey Dinge
Von köstlichem Glanz
Das leuchtende Gold
Und ein glänzender Schwanz
Drum wißt euch ihr Weiber
Am Gold zu ergötzen
Und mehr als das Gold
Noch die Schwänze zu schätzen.

       Chor
Aufs Angesicht nieder
Am heiligen Ort.
O glücklich wer nah steht
Und höret das Wort.

       Eine Stimme
Ich stehe von ferne
Und stutze die Ohren
Doch hab ich schon manches
Der Worte verlohren
Wer sagt mir es deutlich
Wer zeigt mir die Spur
Des ewigen Lebens
Der tiefsten Natur.

       Meph zu einem jungen Mädchen.
Was weinst du? artger kleiner Schatz
Die Thränen sind hier nicht am Plaz
Du wirst in dem Gedräng wohl gar zu arg gestoßen?

       Mädchen.
Ach nein! der Herr dort spricht so gar kurios,
Von Gold u Schwanz von Gold u Schoos,
Und alles freut sich wie es scheint!
Doch das verstehn wohl nur die Großen?

       Meph.
Nein liebes Kind nur nicht geweint.
Denn willst du wissen was der Teufel meynt,
So greife nur dem Nachbar in die Hosen.

       Satan grad aus.
Ihr Mägdlein ihr stehet
Hier grad in der Mitten
Ich seh ihr kommt alle
auf Besmen geritten
Seyd reinlich bey Tage
Und säuisch bey Nacht
So habt ihrs auf Erden
Am weitsten gebracht.

Einzelne Audienzen.
Ceremonien Meister.

Matthäus Merian der Jüngere, Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626, Nürnberger Flugblatt

Bilder: Goethe: Walpurgisnacht, Bleistiftzeichnung 1797;
Johannes Praetorius: Blockes-Berges Verrichtung, Holzschnitt, Leipzig u. a. 1668,
Abb. in Bandini: Kleines Lexikon des Aberglaubens, München 1998;
Albrecht Dürer: Rückwärts reitende Hexe auf einem Ziegenbock. Kupferstich, um 1500,
Wiedergabe in Wikimedia Commons nach der Signatur in Photoshop gespiegelt;
Hans Baldung Grien: Gruppe dreier wildbewegter Hexen, Federzeichnung, 1514:
via Thomas Arnt: Goethes Faust I und die Magie, Hexen und Teufel in der Kunst, 1996/2014;
in der Frankfurter Goethe-Ausgabe von Albrecht Schöne angeführt: Matthäus Merian der Jüngere: Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626, Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, als Flugblatt Zaubereÿ, Nürnberg 1626, Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Einblattdruck mit der Signatur A II 10.

Soundtrack: Tautumeitas: Raganu Nakts (Hexennacht), aus: Tautumeitas, 2018:

Written by Wolf

30. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Wo mit Mais die Felder prangen

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Update zu Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg,
Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen: Regensburg bis Grein,
Dunkeldeutschland,
Moritz Under Ground,
Gräflein Du bist verrathen und
Zwei Klavier-Trios und zwei Violoncello-Sonaten:

Man soll nicht immerzu fragen, warum. Man verpasst genug im Leben über der Frage, warum nicht.

Zum Beispiel unterhält die Stadt Sulzbach an der Saar einen touristischen Karl-May-Weg mit sechs möglichen Eingängen und immerhin 40 Stationen auf 11,3 Kilometer Länge verteilt, ein Projekt der Zweckverbände Ruhbachtal und Brennender Berg, mit der Begründung laut Eurodistrict SaarMoselle:

Der Karl-May-Weg zeigt die schönsten Seiten der Wandergebiete Ruhbachtal und Brennender Berg und verbindet diese miteinander. Es erwartet Sie eine abwechslungsreiche Waldlandschaft, die sogar Karl May als Grundlage für seine abenteuerlichen „Weltreisen“ hätte dienen können.

Karl May war nie hier. Trotzdem ist ihm dieser Wanderweg gewidmet. Denn ihm war es wie keinem sonst gelungen, die Landschaft vor seiner Haustür so in die Fremde zu übertragen, dass sie als Grundlage für unglaubliche, angeblich selbst erlebte Abenteuer benutzt werden konnte.

Karl-May-Weg Eingang

Die Widmung muss im Konjunktiv stehen, weil ihr Gegenstand nie anwesend war, aber sie stehen dazu. Für ein Projekt aus der berüchtigten Disziplin des Stadt- und Regionalmarketings — Paradebeispiel sei die anliegende Stadt Sulzbach/Saar selbst, die seit 2017 den Claim „Wir sind das Salz“ zu benötigen glaubt — für ein Projekt der regionalen Imagewerbung, sagte ich, überrascht die Darstellung überaus angenehm: Der Geist von Auswahl und Präsentation entspricht sehr viel eher der eigenwilligen Besonnenheit von Arno Schmidt als einer Rabaukenparty auf den Bad Segeberger „Karl-May-Spielen“. Im Juli 1770 war vielmehr Goethe hier, wofür das Regionalmarketing eine angemessen sachliche Gedenktafel übrig hat.

Karl May, Auf fremden Pfaden, Buchcover vintageDie mit aller wünschbaren Belehrtheit recherchierten Stationsbeschreibungen für den Wanderweg stellen unter anderem eine Verbindung zwischen Karl May und Goethe her, noch interessanter und tiefgehender erscheint die Verbindung zwischen Karl May und Schiller an Station 38.

Das Sulzbacher Tourismarketing bezieht sich für seine durchaus luzid aufgefundenen Gemeinsamkeiten zwischen den Herren Carl Friedrich May und Johann Christoph Friedrich Schiller (vollständige Geburtsnamen) auf:

Während seiner Haft auf Schloss Osterstein (1865 – 1868) wird Karl May Betreuer der Anstaltsbibliothek; damit hat er Zugang zu über 4000 Büchern: „Zu den Herz- und Schmerzgeschichten, Ritterromanen und wüsten Räuberpistolen seiner frühen Lektüre in der Wirtshausleihbibliothek gesellt sich nun die Lektüre der deutschen Klassik – Schiller wird ihn lebenslang nicht mehr loslassen, …“

„Schiller war der von May am meisten bewunderte Dramatiker. Das ging so weit, dass er in einem Brief an Emma [Mays erste Ehefrau] ernsthaft behauptete, mit dessen Geist, der ihm gelegentlich auch die Feder führe, in spiritueller Verbindung zu stehen. Lesebiographisch ist interessant, dass bei vielen Karl-May-Begeisterten des zwanzigsten Jahrhunderts, z.B. bei Reich-Ranicki, auf die Winnetou-Euphorie eine nicht minder intensive Schiller-Phase folgte.“

Parallelen zwischen Schiller und Karl May:

  • „Um sich beim Produzieren wach zu halten, sind Schiller wie May maßlose Kaffee-Trinker und Tabak-Freunde. Damit geraten sie in zeitweiliges Trance-Schreiben, und so verwundert es nicht, dass beide manchmal ganz in die Welt ihrer Schöpfungen versanken.“
  • „Er [Schiller] stützte sich übrigens beim Schreiben, genau wie Karl May, fast ausschließlich auf seine Phantasie und Bücher. Schiller war nie in der Schweiz, in Spanien, Russland, Italien, England, Frankreich, obwohl seine Dramen dort spielen.
  • Und auch May reiste bis 1899 nur mit dem Finger auf der Landkarte durchs wilde Kurdistan, die Kordilleren oder den Llano Estacado.“
  • „Schiller und May mischten außerdem genial bereits vorhandene Motive, Gestalten und Themen neu, zitierten hemmungslos und schöpften ohne Bedenken aus zahlreichen Quellen.“
  • “ … an der Wirkung ihrer Werke [war ihnen] alles gelegen []. Also griffen sie tief hinein in die Trickkiste, um die Zuschauer und Leserherzen im Sturm zu nehmen. …“
  • Beide waren Ex-Verbrecher – „Schiller als Deserteur, May als Kleindieb und Trickbetrüger.“

Karl May, Auf fremden Pfaden, Buchcover PostmoderneSoweit das erste Beispiel des Karl May gewidmeten Wanderwegs, der bio-geographisch Schiller näher gelegen hätte. Zum zweiten Beispiel schrieb Schiller seine Nadowessische Totenklage am 3. Juli, obwohl sie keine Ballade ist, im „Balladenjahr“ 1797, folgerichtig für den „Balladenalmanach“ 1798. Abermals dankenswert wird sie vom Sulzbacher Tourismarketing angeführt, ich zitiere die Urfassung nach Wikisource.

Der von Schiller übernommene Stammesname der Nadowessier leitet sich ab vom französischen nadouessioux, einem alten Namen für die Dakota-Sioux. Für unser Bildmaterial ist sein Gedichtanfang „Seht! da sitzt er auf der Matte, aufrecht sitzt er da“ mit dem historischen Auftreten des Inbegrifffs der amerikanischen Ureinwohner in der Person von Sitting Bull zur Steilvorlage geworden. Der Mann mit dem sitzenden — oder, je nach Übersetzung, sich niedersetzenden — Namen war nämlich Stammeshäuptling und Medizinmann bei ebenjenen Hunkpapa-Lakota-Sioux in South Dakota. Eine Steilvorlage, die wir dankbar annehmen. Die restlichen Bilder dienen der Dokumentation der Buchcover-Motive, die seitens des Bamberger Karl-May-Verlags unverständlicher Weise bis heute in Gebrauch gehalten werden, und des Saarländischen Karl-May-Wanderwegs.

——— Friedrich von Schiller:

Nadoweßische Todtenklage 1.

3. Juli 1797, in: Musenalmanach für das Jahr 1798,
Tübingen, in der J. G. Cottaischen Buchhandlung, Seite 237 bis 239:

Orlando Scott Goff, Sitting Bull, 1881Seht! da sitzt er auf der Matte
     Aufrecht sitzt er da,
Mit dem Anstand den er hatte,
     Als er’s Licht noch sah.

Doch wo ist die Kraft der Fäuste,
     Wo des Athems Hauch,
Der noch jüngst zum großen Geiste
     Blies der Pfeife Rauch?

Wo die Augen, Falkenhelle,
     Die des Rennthiers Spur
Zählten auf des Grases Welle,
     Auf dem Thau der Flur.

Diese Schenkel, die behender
     Flohen durch den Schnee,
Als der Hirsch, der Zwanzigender
     Als des Berges Reh.

Diese Arme, die den Bogen
     Spannten streng und straff!
Seht, das Leben ist entflogen,
     Seht, sie hängen schlaff!

Wohl ihm! Er ist hingegangen,
     Wo kein Schnee mehr ist,
Wo mit Mays die Felder prangen
     Der von selber sprießt.

Wo mit Vögeln alle Sträuche,
     Wo der Wald mit Wild,
Wo mit Fischen alle Teiche
     Lustig sind gefüllt.

Mit den Geistern speißt er droben,
     Ließ uns hier allein,
Daß wir seine Thaten loben,
     Und ihn scharren ein.

Bringet her die letzten Gaben,
     Stimmt die Todtenklag‘!
Alles sey mit ihm begraben,
     Was ihn freuen mag.

Legt ihm unters Haupt die Beile
     Die er tapfer schwang,
Auch des Bären fette Keule,
     Denn der Weg ist lang.

Auch das Messer scharf geschliffen,
     Das vom Feindeskopf
Rasch mit drey geschickten Griffen
     Schälte Haut und Schopf.

Farben auch, den Leib zu mahlen
     Steckt ihm in die Hand,
Daß er röthlich möge strahlen
     In der Seelen Land.

SCHILLER

1. Nadoweßsier, ein Völkerstamm in Nordamerika.

Karl-May-Wg mit Sulzbach an der Saar von oben, Google Earth

Bilder: Durch das Leben von Karl May, Forum — Das Wochenmagazin, 23. November 2018;
Auf fremden Pfaden, ab 1913: Tom: Karl-May-Weg (Saarland), GPS Wanderatlas 2009–2021,
„Das aktuelle Titelbild“ Karl-May-Verlag Bamberg, via Karl-May-Wiki;
Seht! da sitzt er auf der Matte, aufrecht sitzt er da: Orlando Scott Goff: Sitting Bull, 1881;
Google Earth via Frank Polotzek: Auf fremden Pfaden/Karl-May-Wanderweg-Sulzbacher Schleife,
15. Juli 2020.

Soundtrack: Son of the Velvet Rat featuring Lucinda Williams: White Patch of Canvas,
aus: Red Chamber Music, 2011:

Written by Wolf

23. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Hesses alter Novalis

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Update zu Des Wallens willen wallen:

Einzelausgabe Hermann Hesse, Der Novalis, 1940Sagen wir’s mal so: Hermann Hesse war ein sehr ordentlicher, dem Expressionismus nahestehender Maler. Leider hat er alle schriftstellerische Schaffenskraft daran verschwendet, Thomas Mann sein zu wollen, der seinerseits alle Schaffens- und Lebenskraft daran verschwendet hat, Goethe sein zu wollen. 17 Jahre nach Thomas Mann hat Hesse dann doch noch seinen Literatur-Nobelpreis eingefahren, und wir wissen, was von Literatur-Nobelpreisträgern zu halten ist.

Nun mag an dieser Stelle schon öfter die eine oder andere Missbilligung an Inhalt und Form bei Hesse und Weltanschauung bei Novalis oder umgekehrt durchgeschimmert sein. Solche Kleinlichkeiten schimmern mit Recht sehr gedeckt, in Wirklichkeit sind ja beide Herren literaturhistorisch recht schätzbar, und besser hab ich’s selber nie geschafft. Ausnahmsweise werden wir also mit gut überwindlichen Schmerzen von einer Wiedergabe des primärliterarischen Volltextes absehen; er ist leicht in dem Band Hermann Hesse: Sämtliche Werke in 20 Bänden und einem Registerband: Band 6: Die Erzählungen 1. 1900–1906 im Suhrkamp-Verlag einsehbar. In dem Link steht er auf Seite 18 bis 36; einfach downloaden und hinscrollen oder noch einfacher: mit Strg+F nach „Bücherliebhabers“ suchen.

In meiner eigenen Ausgabe, dem erst 2009 in dieser Backsteinform gesammelten Suhrkamp Quarto mit den Erzählungen und Märchen, nimmt Der Novalis 20 von den 1840 Druckseiten ein. Und man muss zugeben, dass es eine der Geschichten von Hesse ist, die ungefiltert Spaß machen: kein Populärbuddhismus, kein esoterisches Geraune, keine uneingelösten Vorausweisungen, sondern eben: eine Geschichte im Sinne von Handlung mit Geschichte im Sinne von Historie, und dann über unser aller Lieblingsnischenthema: ein altes Buch. Unsere Hauptaussage ist: Das beschriebene Buch hat es wirklich gegeben:

——— Hermann Hesse:

Der Novalis. Aus den Papieren eines Bücherliebhabers

um 1900, in: März – Halbmonatsschrift für deutsche Kultur, München, März 1907.
Buchform: Ein altes Buch. Aus den Papieren eines Altmodischen, in: Sieben Schwaben. Ein neues Dichterbuch. Eingeleitet von Theodor Heuss.
Separatausgabe: als 6. Veröffentlichung der Oltener Bücherfreunde in 1221 numerierten Exemplaren, 1940:

Unter den verschiedenen Ausgaben des Novalis, die ich allmählich zusammengebracht habe, ist auch eine „vierte, vermehrte“ vom Jahre 1837, ein Stuttgarter Nachdruck auf Löschpapier in zwei Bänden.

Novalis, Werke, 1837, Antiquariat Ehbrecht

Unaufgelöst lässt Hesse, wonach die Ausgabe im — soviel ist herauszufinden — Stuttgarter Hausmann Verlag nachgedruckt sein soll. Laut einem Angebot des Antiquariats Ehbrecht umfassen die zwei betitelten Original-Halbledereinbände 339 und 315 Seiten mit Goldprägung. Es deutet also alles auf einen Nachdruck der ersten umfassenden Werkausgabe durch Novalis‘ persönliche Freunde Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel, begonnen 1802 kurz nach Novalis‘ frühem Tod, und fortgeführt eben 1837, was die beschriebene, zweibändig „vermehrte“ Ausgabe ergeben hätte. Ein dritter Band erschien erst 1846 in Berlin durch Tieck und Eduard von Bülow, liegt also nach Hesses handlungsstiftendem „Stuttgarter Nachdruck“. Seine neue Information, die in keiner der üblichen Beschreibungen erwähnt wird, ist das „Löschpapier“, also wahrscheinlich eher minderwertiges, auf den schnellen optischen Eindruck von Fülle im Buchhandel berechnetes Volumenpapier: ein herstellerischer Trick, der mit der marktwirtschaftlichen Orientierung des Buchhandels nie gealtert ist, und auf den 1837 längst verstorbenen Novalis als Erfolgsautor hinweist.

Weil wir damit nicht über Ramschreste des Modernen Antiquariats, sondern bibliophile Wertanlagen reden, lohnt sich das Kennenlernen von Hesses Jugendwerk anhand des Nachworts von Volker Michels im besagten Suhrkamp Quarto. Meinen sehr gelegentlichen Stichproben nach ist nicht einmal in der Gesamtausgabe mehr über den Novalis zu erfahren:

Einzelausgabe Hermann Hesse, Der Novalis, 1983Erzählungen wie Der Novalis und Eine Rarität wenden sich literarischen Themen zu. Der Novalis, die Geschichte eines Büchersammlers, ist wohl um die Jahrhundertwende in Basel entstanden und enthält gleichfalls autobiographische Elemente. Im Nachwort zu einer Einzelausgabe schrieb Hesse im Frühling 1940: „Ich habe mich [im ersten Kapitel] dieser Erzählung als einen Bibliophilen bezeichnet, der ich damals und noch lange nachher wirklich war, und habe mir damals … meine alten Tage als die eines einsamen Hagestolzes vorgestellt, dessen einzige Liebe und einziger Umgang die Bücher sind. Dies nun hat das Leben anders gefügt, und von den seltenen alten Büchern, von denen in der Einleitung meiner Erzählung die Rede ist, etwa von den Italienern der Renaissance in Aldus-Drucken, ist heute nichts mehr in meinem Besitz; ja, ich muß sogar bekennen, daß der zweibändige Novalis, den ich in Tübingen erwarb und von dem meine Erzählung handelt, längst nicht mehr mir gehört … mein Leben sieht nun ziemlich anders aus, als ich mir es damals phantasierend ausmalte. Wenn ich aber auch heute mich nicht mehr als einen eigentlichen Bibliophilen und in seine Bücher verliebten Sammler nennen darf, so kann ich doch meine jugendliche Bücherliebhaberei nicht belächeln, sie gehört unter den Leidenschaften, die ich im Leben kennen lernte, nicht nur zu den harmlosen und hübschen, sondern auch zu den fruchtbaren.“ In sechs Kapiteln wird der Weg, den diese Novalis-Ausgabe von 1837 bis zur Jahrhundertwende genommen hat, anhand der Lebensgeschichte ihrer sechs Besitzer geschildert, wobei jener Käufer der Ausgabe, der sich „seit kurzem teils durch Rezensionen, teils durch kleinere Zeitschriftenartikel am literarischen Leben beteiligt“, an den Verfasser erinnert. Denn zur Zeit der Niederschrift begann mit ersten Buchbesprechungen für die Basler „Allgemeine Zeitung“ Hesses lebenslange Rezensententätigkeit. Seine früheste, einem einzelnen Dichter gewidmete Würdigung vom 21.1.1900 galt tatsächlich Novalis und der ersten Gesamtausgabe dieses Dichters, die 1898 (herausgegeben von Carl Meißner) bei Eugen Diederichs in Leipzig erschienen war. Doch was das Autobiographische in dieser wie in den meisten von Hesses Erzählungen betrifft, ist zu bedenken, was der Dichter im September 1948 an seinen Sohn Heiner schrieb: „Übrigens wäre es natürlich unvorsichtig, das Ich des Erzählers mit meiner Person gleichzusetzen. Auch [Peter] Camenzind erzählt ja seine Geschichte selbst und [Josef] Knecht seine Lebensläufe, und an jedem bin ich beteiligt, aber keiner ist Ich“. Der Novalis ist einer der Texte, die Hesse in keinen seiner Erzählbände aufgenommen hat. Erst 1952 wurde diese Geschichte gemeinsam mit Eine Stunde hinter Mitternacht und Hermann Lauscher von ihm unter der Rubrik „Frühe Prosa“ in die geschlossene Ausgabe seiner Gesammelten Dichtungen und deren erweiterte Nachauflage Gesammelte Schriften (1957) einbezogen.

Nach Hesses zitiertem Nachwort 1940 hat seine Geschichte ein potenzielles siebtes Kapitel erhalten: Theoretisch, nein, viel besser: Praktisch muss es heute möglich sein, Hermann Hesses Exemplar antiquarisch zu erwerben. Die Frage ist, ob es zu erkennen wäre. Das achte Kapitel handelt dann davon, wie lange das siebte schon zurückliegt pp.

Fassen wir zusammen: Nach einer als milde Jugendsünde empfundenen Phase der Bibliophilie und dem feuilletonistischen Debut mit seinem Lieblingsdichter kann man immer noch seiner Bücher — freiwillig oder nicht — verlustig gehen, die eigene literarische Aufarbeitung davon halbherzig verwerfen und den Nobelpreis einfahren. Das muss das zeitlos Moderne an Hermann Hesse sein.

Bilder: Der Novalis. Aus den Papieren eines Altmodischen, Veröffentlichung der Vereinigung Oltner Bücherfreunde, 6., via avelibro Dinkelscherben, 13. Oktober 2019;
Hermann Hesse: Der Novalis, signiert und numeriert, Nr 140 von 250 signiert von Ernst Engel Presse Walter Stähle Handpressendruck, 1983, via Buchparadies Lonsee, 17. Juli 2019;
Antiquariat Ehbrecht, Ilsede.

Das 19. im 20. Jahrhundert: Schroeder spielt Beethoven: Klaviersonate 8 in c-Moll, opus 13,
„Grande Sonate Pathétique“, 2. Satz: Adagio cantabile As-Dur, 1798,
aus: A Boy Named Charlie Brown, 1969:

Written by Wolf

16. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Die Sonne zeugt das Licht und hat doch selber Flecken (wie viel uns fehlt, wie nichts man weiß!)

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Update zu In einem anderen hochgewölbten, engen gotischen Zimmer:

Das wichtigste Vorbild für Faustens Sinn stiftenden und Handlung setzenden Eingangsmonolog haben wir uns soeben klar gemacht: die Knittelverse in Gottscheds Poetik für Knittelverse — grundlegender könnte Faust sich nicht auf eine Reise „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“ (der Direktor im Vorspiel auf dem Theater, Vers 242) begeben; es liegt also nahe, dass durch den Zauberdoktor aus dem kindlich erlebten Puppenspiel der Autor Goethe selbst zu uns spricht — literaturwissenschaftlicher gesagt: die personale Erzählerrolle zu den Lesern.

Das mindestens zweitwichtigste Vorbild — wir sprechen immer noch von diesem speziellen einen Dramenmonolog — stammt von einem Schweizer naturwissenschaftlichen Universalgelehrten: Die Falschheit menschlicher Tugenden von Albrecht von Haller war bis nach der Aufklärung verbreitet genug, dass wir seine Kenntnis bei Goethe vorauszusetzen können — und Goethe damit rechnen durfte oder musste, dass Zitate daraus erkannt wurden.

Textnah bis wörtlich übernimmt der Faust-Monolog das „Er kennet von der Welt / was aussen sich bewegt [/] Und nicht die inn’re Kraft / die heimlich alles regt“ als „was die Welt im Innersten zusammenhält“, und „[s]chwingt ein erhobner Geist sich aus der Menschheit Schranken“, zieht Faust daraus die Selbsterkenntnis: „Zwar bin ich gescheidter als alle die Laffen“ pp.

„Warum die Sternen sich in eignen Gleisen halten ; [/] Wie bunte Farben sich aus lichten Strahlen spalten ; [/] Welch nimmer stiller Trieb der Welten Wirbel dreht ; [/] Welch Druk das grosse Meer zu gleichen Stunden bläht“ verweist schon anhand der Verbindung irdischer Mechanik mit Himmelsmechanik, der Brechung des weißen Lichtstrahls in ein Farbenspektrum und des universalen Gesetzes Gravitation auf Isaac Newton — den von Haller in einer seiner Anmerkungen (siehe unten) namentlich nennt und den Goethe nicht mochte, ja den er spätestens 1810 mit seiner Farbenlehre widerlegt haben wollte. Eigentlich qualifiziert sich der an so prominenter Stelle zitierte von Haller damit als Newtonist und Goethes Gegenspieler. Der Schweizer Berggelehrte mit seinem polyhistorischen Anspruch und einigen diskutierwürdigen Reimen, vor allem in seinem Monumentalwerk Die Alpen, wurde nach der Aufklärung folgerichtig eher zum Gegenstand der Lächerlichkeit. Nicht anders als späterhin Goethes Farbenlehre.

Dennoch erkennt Goethe mit seinen mehr oder weniger direkten Anklängen an Die Falschheit menschlicher Tugenden Newton weit genug an, um die Rolle eines die Neuzeit betretenden Naturwissenschaftlers auf den Doktor Faust zu übertragen: Faust ist damit kein spätmittelalterlicher Taschenspieler mehr, auf gotteslästerliche Weise hybrid bleibt er vorerst schon rein aus handlungsführenden Gründen.

Offensichtlich war einst eine Zeit, in der man auf schweizerdeutschem Gebiet ein ß schrieb. Zitiert wird die stilistisch gänderte und um einige Strophen erweiterte Fassung von 1732 – verlegt in Bern mit zahlreichen ß –, die seltener belegt ist als die Urfassung von 1730, dort noch mit dem Vorspruch in Prosa:

Der Ursprung dieses Gedichtes ist demjenigen gleich / der das fünfte veranlasst hat. Es ist auch eben in einer Krankheit gemacht worden / die mich eine Zeit lang von andern Arbeiten abhielt. Der Grund-Riß ist deutlicher / aber die Verse schwächer.

Vorsicht mit der Zählung: „Das fünfte“ ist in anderen Fassungen erst Nummer VI, Nummer VI ist wiederum auch die unten vollständig zitierte Nummer VII in der großen Ausgabe von 1882. – Für diejenigen unter uns, die wegen der Interpretation für den Deutschunterricht hier sind: Alle Fassungen stehen mitnichten im Knittelvers, sondern durchgehend im Alexandriner:

Tugendbrunnen Nürnberg aha

——— Albrecht von Haller:

VII. Falschheit menschlicher Tugenden.

An den Herrn Prof. Stähelin.

aus: Versuch Schweizerischer Gedichten,
bey Niclaus Emanuel Haller, Bern 1730, Fassung 1732:

Geschminkte Tugenden / ihr täuschet mich nicht mehr;
Scheint nur dem Pöbel schön / und sucht bey Thoren Ehr /
Bedekt schon euer Nichts die Larve der Gebärden /
Ich will ein Menschen-Feind / ein Swift / ein Hobbes werden /
Und biß ins Heiligthum / wo diese Gözen stehn /
Die Wahn und Tand bewacht / mit frechen Schritten gehn.

Ihr füllt / o Sterbliche! den Himmel fast mit Helden /
Doch laßt die Wahrheit nur von ihren Thaten melden /
Vor ihrem reinen Licht erblaßt der falsche Schein /
Und wo ein Held gewest wird izt ein Sclave seyn.

Wann Völker einen Mann sich einst zum Abgott wählen /
Da wird kein Laster sein / und keine Tugend fehlen /
Die Nachwelt bildet ihn der Gottheit Muster nach /
Und gräbet in Porphyr / was er im Scherze sprach.
Umsonst wird wider ihn sein eigen Leben sprechen /
Die Fehler werden schön / und Tugend strahlt aus Schwächen.
Was war ein Socrates? ein weiser Wollüstling;
Sein Sinn war wundergroß / die Tugend sehr gering.
Aus seinem Munde floß die reinste Sitten-Lehre /
Allein sein Herze gab den Lippen kein Gehöre.
Sein lüsternes Gemüht stund aller Wollust bloß /
Er lehnt das weiche Haupt auf schöner Knaben Schooß /
Tanzt wann sein Phädon tanzt / lehrt keusch zu sein und brennet /
Und diesen hat ein Gott den Weisesten genennet.

Zwar viele haben auch den frechen Leib gezähmt /
Und mancher hat sich gar ein Mensch zu seyn geschämt :
Ein frommer Simeon wurd alt auf einer Säulen /1
Sah‘ auf die Welt herab / und that noch mehr als Eulen.
Manch Caloyer verscherzt der Menschheit Eigenthum /2
Verbannt sein klügstes Glied / und wird aus Andacht stumm.
Assisens Engel löscht im Schnee die wilde Hize /3
Sein heisser Eifer tilgt biß in der Geilheit Size /
Des Ubels Werkzeug aus; und was an jedem Blat /
Für Thaten Surius mit roht bezeichnet hat.4

Allein was hilft es doch sich aus der Welt verbannen /
Umsonst o Stähelin wird man sich zum Tyrannen /
Wann Laster / die man haßt / vor grössern Lastern fliehn /
Und wo man Lolch getilgt / izt bittre Ratten blühn /
Wir meinen offt uns frey / wann wir nur Meister ändern /
Wir fluchen auf den Geiz / unn werden zu Verschwendern:
Der Mensch entflieht sich nicht / umsonst erhebt er sich /
Des Körpers schwere Last zieht stäts ihn unter sich.
So wann der rege Trieb in halb-bestrahlten Sternen /
Von ihrem Mittel-Punct sie zwingt sich zu entfernen /
Drükt sie ein innrer Zug vom Borte von dem Kreiß /
Mit ewiger Gewalt in ihr bestimmtes Gleiß.

Geht Menschen / schnizt nur selbst an euren Gözen-Bildern /
Laßt Gunst und Vorurtheil sie nach belieben schildern /
Erzehlt was sie gethan / und was sie nicht gethan /
Und was nur Ruhm verdient / das rechnet ihnen an /
Das Laster kennet sich auch in der Tugend Farben /
Wo Wunden zugeheilt / erkennt man doch die Narben.

Wo ist er? zeiget ihn / der Held / der Menschheit Pracht /
Den die Natur nicht kennt / und euer Hirn gemacht.
Erzehlt / wie soll er seyn? vollkommen / frey von Mängeln /
An Tugend gleicht er GOTT / und an Verstand den Engeln :
Sein Wunsch ist andrer Glük / und Wohlthun seine Raach /
Sich dämpffen / seine Lust / und beten seine Spraach:
Der Gottheit Siegel strahlt in ihm mit Wunder-Zeichen /
Ihm muß die Sonne stehn und ihm die Teuffel weichen :
Er sieht die ganze Welt / als eine Pilger-Bahn /
Den Tod als eine Thür zu neuem Leben an :
Die Wahrheit die ihn füllt / besiegelt er mit Blute /
Trozt seine Peiniger /besteigt mit frohem Muhte
Ein glühendes Gerüst / und glaubet sich verjüngt /
Wann nur sein laues Blut der Kirchen Aker düngt.

Sind diß die Heiligen von unbeflecktem Leben /
Die GOtt den Sterblichen zum Muster hat gegeben?
Viel Menschheit hänget noch den Kirchen-Engeln an /
Die Glauben zwar verdekt / Vernunft nicht dulden kan.
Traut nicht dem schlauen Blik / den Demuhts-vollen Minen /
Den Dienern aller Welt soll doch die Erde dienen.
War nicht ein Priester stäts des Eigensinnes Bild
Der Götter-Sprüche redt / und wenn er fleht / befiehlt?
Trennt nicht die Kirche sich von wegen dem Calender /
Des Abends Heiliger verbannt die Morgenländer /
Läßt Märtrer in den Streit auf andre Märtrer gehn /
Und Infuln in dem Feld vor Feindes Insuln stehn /5
Den Bann vom Nidergang zerblizt der Bann aus Norden.6
Die Kirche / Gottes Siz / ist offt ein Kampf-Plaz worden /
Wo Boßheit und Gewalt / Vernunfft und GOtt vertrieb /
Und mit der schwächern Blut des Zweyspalts Urtheil schrieb.
Grausamer Wüterich / verfluchter Kezer-Eifer !
Dich zeugte nicht die Höll‘ aus Cerbers gelbem Geifer /
Nein / Heil’ge zeugten dich / du stammst in Priester-Blut /
Sie lehren nichts als Lieb‘ und zeigen nichts als Wuht.
Eh‘ noch ein Pabst geherrscht / und sich ein Mensch vergöttert /
Hat schon der Priestern Zorn der Kezern Haupt zerschmettert;7
Wer hat Tholosens Schutt in seinem Blut ersäufft?
Und blutige Gebürg von Leichen aufgehäufft?
Den Bliz hat Dominic auf Albens Fürst erbeten;8
Und selbst mit Montforts Fuß der Kezern Haupt ertreten.

Doch vielleicht tadle ich und bin aus Vorsaz hart /
Und die Vollkommenheit ist nicht der Menschen Art :
Genug wann Fehler sich mit größrer Tugend deken /
Die Sonne zeugt das Licht / und hat doch selber Fleken.

Allein wie wann auch das / was ihren Ruhm erhöht /
Der Helden schöner Theil aus Wahn und Tand besteht ?
Wann der Verehrern Lob sich selbst auf Schwachheit gründet /
Und wo der Held soll seyn / man noch den Menschen findet ?
Stüzt ihren Tempel schon der Beyfall aller Welt /
Die Wahrheit stürzt den Bau / den eitler Wahn erhält.

Wie gut und böses sich durch enge Schranken trennen /
Was wahre Tugend ist / wird nie der Pöbel kennen.
Kaum Weise sehn die March / die beide Reiche schließt /
Weil ihre Gränze schwimmt / und in einander fließt.
Wie an dem bunden Tafft / auf dem sich Licht und Schatten /
So offt er sich bewegt / in andre Farben gatten /
Das Aug‘ sich widerspricht / sich selber niemal traut
Und bald das rohte blau / bald roth was blau war / schaut.
So irrt das Urtheil offt ; wo findet sich der Weise /
Der nie die Tugend haß‘ und nie das Laster preise ?
Der Sachen lange Reyh / der Umstand / Zwek und Grund
Bestimmt der Thaten wehrt / und macht ihr Wesen kund.
Der grösten Siegen Glanz macht ein Affect zu nichten;
Der Zeiten Unbestand verändert uns’re Pflichten /
Was heut noch rühmlich war / dient morgens uns zur Schmaach /
Ein Thor sagt lächerlich / was ein Held weislich sprach.
Diß weiß der Pöbel nicht / er wird es nimmer lernen /
Die Schaale hält ihn auf / er kommt nicht biß zum Kernen.
Er kennet von der Welt / was aussen sich bewegt /
Und nicht die inn’re Kraft / die heimlich alles regt.
Sein Urtheil baut auf Wahn / es ändert jede Stunde /
Er sieht durch andrer Aug‘ / und redt aus fremden Munde.
Wie ein gefärbtes Glas / dadurch die Heitre strahlt /
Des Auges Urtheil täuscht / und sich in allem mahlt /
So thut das Vorurtheil / es zeigt uns alle Sachen /
Nicht wie sie sind / nur so wie sie es will machen /
Legt den Begriffen selbst sein eigen wesen bey /
Heißt Gleißnen Frömmigkeit / und Andacht Heucheley.
Ja selbst des Vaters Wahn kan nicht mit ihm versterben /
Er läßt mit seinem Gut sein Vorurtheil den Erben /
Verehrung / Haß und Gunst flößt mit der Milch sich ein /
Des Ahnen Aberwiz wird auch des Enkels seyn.
So richt / so glaubt die Welt / so theilt man Schmaach und Ehre
Und dann o Stähelin gieb‘ ihrem Wahn gehöre !
Durch den erstaunten Ost geht Xaviers Wunder-Lauf /
Stürzt Japans Gözen um / und richtet seine auf;
Biß daß dem Amida noch Opfer zu erhalten /
Die frechen Bonzier des Heil’gen Haupt zerspalten :
Er stirbt / sein Glauben lebt / und unterbaut den Staat /
Der ihn aus Gnade nährt mit Aufruhr und Verraht.
Zulezt erwacht der Fürst / und lässt zu nassen Flammen /9
Die Feinde seines Reichs des Pabsts Schul verdammen;
Die meisten tauschen GOtt um Leben / Gold und Ruh /
Ein Mann von tausenden schließt seine Augen zu /
Stürzt sich in die Gefahr / geht muhtig in den Ketten /
Steift den gesezten Sinn / und stirbt zulezt im beten.
Sein Name wird noch blühn / wann längsten schon verweht
Die leichte Asche sich in Wirbel-Winden dreht.
Europa schmükt sein Bild auf schimmernden Altären /
Und mehrt mit ihm die Zahl von GOttes sel’gen Heeren.
Wann aber ein Huron im tiefen Schnee verirrt /
Bei Errie’s langem See zum Raub der Feinden wird /10
Wann dort sein Holz-Stoß glimmt / und schon von seinem Leben /
Des Weibes tödlich Wort den Ausspruch hat gegeben /
Wie stellt sich der Barbar? wie grüßt er seinen tod?
Er singt / wann man ihn quält / und lacht / wann man ihm droht :
Die aufgewölkte Stirn rümpft weder Angst noch Schmerzen /
Die Flamme / die ihn sängt / dient ihme nur zum Scherzen.
Wer stirbt hier würdiger? ein gleicher Helden-Muht /
Bestrahlet beyder Tod und wall’t in beider Blut;
Doch Tempel und Altar bezahlt des Märtrers Wunden /
Und Quebecs nakter Held / stirbt von dem Tod der Hunden :
So viel liegt es daran / daß wer zum Tode geht /
Geweyhte Worte spricht / wovon er nichts versteht.
Doch nein / der Outchipoue thut mehr als der bekehrte /11
Die Ursach von dem Tod‘ spricht selbst von seinem Wehrte.
Den Märtrer trifft der Lohn von seiner Ubelthat /
Wer seines Land’s Gesäz mit frechen Füssen trat /
Des Staates Ruh gestört / den Gottesdienst entweyhet /
Dem Kayser hat geflucht / der Aufruhr Saat gestreuet /
Stirbt weil er sterben soll / und ist dann der ein Held /
Der am verdienten Strick noch redt im Galgen-Feld?
Der aber der am Pfal der wilden Onontagen12
Den unerschroknen Geist bläs’t aus in tausend Plagen /
Stirbt weil sein Feind ihn töd’t / und nicht weil ers verschuldt /
Und in der Unschuld nur verehr‘ ich die Gedult.

Wann flüchtig vor dem Schwert ein Schwarm erscheuchter Christen /
In Thebens dürrem Sand in hole Felsen nisten ;
Ein Mönch die Welt verläßt / auf eignen Solen steht /
Von wilden Wurzeln lebt / in Haar und Sake geht :
Wann ein Bußfertiger / zerknirscht in hil’gn wehen /
Die Sünden / die er that / und die er wird begehen /
Mit scharfen Geisseln straft / mit Blut die Strik mahlt /
Und vor dem ganzen Volk mit seinen Streichen prahlt :
Da ruft man wunder aus / die Nachwelt wird noch sagen /
Was Lust sie sich versagt / was Schmerzen sie vertragen.
Alleine wann im Ost der reinliche Brachmann /
Mit Koht die Speisen würzt / und Wochen fasten kan;
Wann Ströme seines Bluts aus breiten Wunden fliessen /
Die seine Reu gemacht / und oft der Tod muß büssen /
Die Sünden / die Rom schenkt ; wann nakt und unbewegt /
Er Jahre lang die Hiz der hohen Sonne trägt /
Und den gestrupften Arm läßt ausgestreckt erstarren /
Wie heißen wir den Mann? Aufs beste einen Narren.

Wann in Iberien ein ewiges Gelübd /
Mit Ketten von Demant ein armes Kind umgiebt /
Wann die geweyhte Braut ihr Schwanen-Lied gesungen /
Und die gerühmte Zell die Beute hat verschlungen /
Wie jauchzet nicht das Volk / und ruft was rufen kan13
Das Weib hört auf zu seyn / der Engel fängt schon an.
Ja stoßt / es ist es wehrt / in thönende Trompeten /
Verbergt der Tempeln Wand mit Persischen Tapeten /
Euch ist ein Glük geschehn / dergleichen nie geschah /
Die Welt verjüngt sich schon / die güldne Zeit ist nah.
Gesezt / daß ohn Gefühl in ihr die Jugend blühet /
Und nur der Andacht Brand in ihren Adern glühet;
Daß kein verstohlner Blik in die verlaßne Welt
Mit sehnender Begierd zu spät zurüke fällt :
Daß immer die Vernunfft der Sinnen Feuer kühlet /
Und nur ihr eigner Arm die reine Brust befühlet :
Gesezt was niemals war / daß Tugend wird aus Zwang :
Was jauchzt das eitle Volk ? wen rühmt sein Lobgesang ?
Vielleicht / daß List und Geiz des Schöpfers Zwek verdrungen /
Was er zum Lieben schuf / zum Wittwen-Stand gezwungen /
Den vielleicht edlen Stamm / den Er ihr zugedacht /
Noch in der Blüht‘ erstekt / und Helden umgebracht ;
Daß ein verführtes Kind in dem erwählten Orden /
Sich selbst zum Uberlast / und andern unnüz worden.
O ihr / die die Natur auf beß’re Wege weist /
Was heißt der Himmel dann / wann er nicht lieben heißt ?
Ist ein Gesäz gerecht / das die Natur verdammet ?
Und ist der Brand nicht rein / wann sie uns angeflammet?
Was soll der Brüsten Schnee / der Gliedern holde Pracht ?
Ist alles nicht vor uns / und wir vor sie gemacht ?
Den Reiz / der Weise zwingt / dem nichts kan widerstreben /
Der Schönheit ewig Recht wer hat es ihr gegeben ?
Des Himmels erst Gebott hat keusche Brunst geweyht /
Und seines Zornes Pfand war die Unfruchtbarkeit:
Sind dann die Tugenden den Tugenden entgegen ?
Der alten Kirche Fluch wird bey der neuen Segen.

Fort / die Trompete schallt / der Feind bedekt das Feld /
Der Sieg ist / wo ich geh‘ / folgt Brüder! ruft ein Held.
Nicht forchtsam / wann vom Bliz zerschmetternder Metallen
Die blut’ge Erde bebt / und ganze Glieder fallen /
Er steht / wann wider ihn das ernste Schiksal ficht /
Fällt schon der Leib durchbohrt / so fällt der Held doch nicht.
Er acht ein tödlich Bley / als wie ein Freuden-Schiessen /
Und sieht mit gleichem Aug sein Blut und fremdes fliessen ;
Der Tod lähmt schon sein Herz / eh‘ daß sein Muht erliegt /
Er stirbet allzu gern / wann er im sterben siegt.
O Held / dein Muht ist groß / es soll was du gewesen /
Auf ewigem Porphyr die lezte Nachwelt lesen.
Alleine / wann im Harz / nun lang genug gequält /
Ein aufgebrachtes Schwein zulezt den Tod erwählt ;
Die diken Borsten sträubt / die starken Waffen wezet
Und wütend übern Schwarm entbauchter Hunden sezet ;
Oft endlich noch am Spieß / der ihm durchs Herze brach /
Den kühnen Feind erlegt / und Stirbt mit kaltr Raach :
Ist diß kein Helden-Muht ? wer baut dem Hauer Säulen ?
Die Jäger werden ihn mit ihren Hunden theilen.

Wer ist der weise Mann / der dort so einsam denkt?
Und den verscheuten Blik zur Erde forchtsam senkt?
Ein längst verschlissen Tuch umhüllt die rauhen Lenden
Ein Stük gebettelt Brod und Wasser aus den Händen /
Ist alles was er wünscht / und Armut sein Gewinn /
Er ist nicht vor die Welt / die Welt ist nichts vor ihn.
Nie hat ein glänzend Erzt ihm einen Blik entzogen /
Nie hat den gleichen Sinn ein Unfall überwogen /
Ihm wischt kein schönes Bild die Runzeln vom Gesicht /
An seinen Thaten beißt der Zahn der Mißgunst nicht.
Sein Sinn versenkt in GOtt / kan sonsten nichts betrachten /
Er kennt sein eigen Nichts was soll er andrer achten?
Der Tugend ernste Pflicht ist ihm ein Zeitvertreib /
Der Himmel hat den Sinn / die Erde nur den Leib.
O Heiliger / dein Ruhm geht billich an die Sterne /
Und zum Diogenes fehlt dir noch die Laterne! –
Ach kennte doch die Welt das Herze wie den Mund /
Wie wenig gleichen oft die Thaten ihrem Grund ?
Du beugst den Halß umsonst / die Ehre die du meidest /
Die Ehr‘ ist doch der GOtt vor den du alles leidest.14
Wie Surena den Sieg suchst du den Ruhm im fliehn /
Ein stärker Laster heißt dich schwächern dich entziehn /
Und wer sich vorgesezt ein halb-Gott einst zu werden /
Der baut ins künftige / und hat nichts mehr auf Erden;
Ihm zieht der eitle Ruhm der Tugend Larve an /
Was heischt der Himmel uns / das nicht ein Heuchler kan ?

Versenkt im tiefen Traum nachforschender Gedanken /
Schwingt ein erhobner Geist sich aus der Menschheit Schranken.
Seht den verwirrten Blik der stäts abwesend ist /
Und vielleicht izt den Raum von andern Welten mißt;
Sein stäts gespannter Sinn verzehrt der Jahren Blühte /
Schlaf / Ruh und Wollust fliehn sein himmlisches Gemühte.15
Wie durch unendlicher verborgner Zahlen Reyh
Ein krumm-geflochtner Zug gerad zu messen sey ;
Warum die Sternen sich in eignen Gleisen halten ;
Wie bunte Farben sich aus lichten Strahlen spalten ;
Welch nimmer stiller Trieb der Welten Wirbel dreht ;
Welch Druk das grosse Meer zu gleichen Stunden bläht ;
Diß alles weiß er schon ; die Nacht ist ihme Klarheit /
Er ist ein ewigs Quell von unerkannter Wahrheit.
Doch ach / es lischt in ihm des Lebens kurzer Tacht /
Den Müh und scharfer wiz zu heftig angefacht ;
Er stirbt von wissen satt / und einst wird in den Sternen /
Ein Kenner der Natur des weisen Nahmen lernen.
Erscheine grosser Geist / wann in dem tiefen Nichts
Der Welt Begriff dir bleibt / und die Begier des Lichts /
Und lasse von dem Wiz / den hundert Völker ehren /
Mein lehr-begierig Ohr die lezten Proben hören.
Wie unterscheidest du die Wahrheit von dem Traum?
Wie trennt im Wesen sich das feste von dem Raum?
Der Cörpern rauher Talg / wer schrankt ihn in Gestalten /
Die stäts verändert sind / und doch sich stäts erhalten?
Der Zug / der alles senkt / der Trieb / der alles dähnt /
Den Reiz in dem Magnet / wo nach der Stahl sich sehnt /
Des Lichtes schnelle Reis / die Erbschafft der Bewegung /
Der Theilen ewig Band / die Ursach neuer Regung /
Diß lehre grosser Geist / die schwache Sterblichkeit /
Worin dir niemand gleicht und alles dich bereut.
Doch suche nur im Riß von künstlichen Figuren /
Beym Licht der Ziffern-Kunst / der Wahrheit dunkle Spuren ;
Ins innre der Natur dringt kein erschafner Geist /
Zu glüklich / wenn sie noch die äußre Schaale weis’t ;
Du hast nach reiffer Müh / und nach durchschwizten Jahren /
Erst selbst wie viel uns fehlt / wie nichts man weiß / erfahren.

Die Welt die Cäsarn dient / ist meiner nicht mehr wehrt /
Ruft Cato / Roms sein Geist / und stürzt sich in sein Schwert.
Nie hat den festen Sinn das Ansehn großer Bürgern
Der Glanz von theurem Erzt / der Dolch erkaufter Würgern /
Von seines Landes Wohl / vom bessern Theil getrannt:
In ihme lebte Rom / er war das Vaterland.
Sein Sinn war ohn Begier / sein Herze sonder Schreken /
Sein Leben ohne Schuld / sein Nachruhm ohne Fleken /
In ihm verneute sich der alten Helden Muht /
Der alles vor sein Land / nichts vor sich selber thut ;
Ihn daurte nie die Wahl / wann Recht und Glüke kriegten /
Den Sieger schüzt GOtt / und Cato die Besiegten.
Doch vielleicht fällt auch hier die Tugend-Larve hin /
Und seine Großmuht ist ein stolzer Eigensinn.
Der nie in fremdem Joch den steiffen Naken schmieget /
Dem Schiksal selber trozt / und eher bricht als bieget.
Ein Sinn / dem nichts gefällt / den keine Sanftmuht kühlt /
Der sich selbst alles ist / und niemahls hat gefühlt.

Wie ? hat dann aus dem Sinn der Menschen ganz verdrungen /
Die scheue Tugend sich den Sternen zugeschwungen?
Verläßt des Himmels Aug das sterbliche Geschlecht?
Von so viel tausenden ist dann nicht einer ächt?
Nein / nein / der Himmel kan / was er erschuf / nicht hassen /
Er wird der Güte Werk dem Zorn nicht überlassen /
So vieler Weisen Wunsch / der Zwek so vieler Müh /
Die Tugend wohnt in uns / und niemand kennet sie;
Des Himmels schönstes Kind / die immer gleiche Tugend /
Blüht in der holden Pracht der angenehmsten Jugend /
Kein saurer Blick umwölkt der Augen heiter Licht /
Und wer die Tugend haßt / der kennt die Tugend nicht.
Laßt keinen Aristipp auf ihre Strengheit lästern /
Die Tugend und Natur sind allzuächte Schwestern ;
Nie fodert die Natur was uns die Tugend wehrt /
Die Tugend weigert nie / was die Natur begehrt.
Sie heischt von uns kein Blut zur Prob erwählter Lehre /
Sie tauscht das Leben nicht um leichten Rausch der Ehre /
Sie löscht den holden Brand von keuscher Brunst nicht aus /
Und sie vergräbt sich nicht in ihres Landes Grauß.
Sie will nicht / daß man sich aus eitlem Wahn zerseze /
Sie hinterhält uns nicht der Schöpfung reiche Schäze /
Sie heischt von Sterblichen nicht die Allwissenheit /
Was sie von uns verlangt / ist unsre Seligkeit.
Sie ist kein Wahl-Gesäz / das uns ein Weiser lehret /
Sie ist des Himmels Stimm / die nur das Herze höret;
Ihr innerlich Gefühl beurtheilt jede That /
Warnt / billigt / mahnet / wehrt / und ist des Himmels Raht.
Wer ihrem Winke folgt / wird niemals unrecht wählen /
Er wird der Tugend nie / noch ihm das Glüke fehlen;
Nie stört sein Gleichgewicht der Sinne gäher Sturm /
Nie untergräbt sein Herz bereuter Lastern Wurm;
Er wird kein künfftig Glük um würklich Elend kauffen /
Und nie durch kurze Lust in langes Unglük lauffen;
Er sieht Gold / Ehr und Lust / wie schöne Früchten an /
Da weiser Brauch erfrischt / zu viel verlezen kan.
Nie störet seine Lust die Forcht von späten Jahren /
Er sucht kein fernes Gut / und laßt kein jetzigs fahren;
Die Welt ist ihm zu Dienst / er aber nicht der Welt /
Er laßt den Thoren Müh und wählt was ihm gefällt;
Der Menschen lezte Forcht wird niemal ihn entfärben /
Er hätte gern gelebt / und wird nicht ungern sterben.

[1732 gekürzt:]

Von dir / selbst-ständigs Gut / unendlichs Gnaden-Meer /
Kommt dieser innre Zug / wie alles gute / her!
Das Herz folgt unbewusst der Würkung deiner Liebe /
Es meinet frei zu sein und folget deinem Triebe;
Unfruchtbar von Natur / bringt es auf den Altar
Die Frucht / die von dir selbst in uns gepflanzet war.
Was von dir stammt ist ächt und wird vor dir bestehen
Wann falsche Tugend wird / wie Blei im Test / vergehen
Und dort für manche That / die itzt auf äußern Schein
Die Welt mit Opfern zahlt / der Lohn wird Strafe sein!

Fußnoten:

1 Simeon Stylites / dessen wunderlichen vieljährigen Aufenthalt auf einer Säule der Aberglaube als etwas großes angesehen hat. Die Absicht des Mannes mag gut gewesen sein / aber sie streitet sowohl wider das Exempel der Apostel als wider ihr Gebot.

2 Griechische Priester / die oft aus einem Gelübde das Reden verschwören.

3 Franciscus von Assisio / der Bilder aus Schnee ballte und umarmte.

4 Einer von den Beschreibern der fabelhaften Leben römischer Heiligen.

5 Adversas aquilas et pila minantia pilis.

6 Pabst Victor hatte mit den asiatischen Kirchen einen Streit wegen des Oster-Fests. Wegen seines ärgerlichen Verbannens aber ließ Irenäus von Lion einen scharfen Brief an den römischen Bischof abgehen / worin er ihm mehrere Mäßigung anbefahl. Es geht übrigens die ganze Absicht dieses jugendlichen Eifers bloß auf die hitzigen Heiligen der verfolgenden Kirche und zielt auf die protestantische Geistlichkeit um so weniger / je gewisser es ist / daß sie ihr Ansehen und ihre Vorzüge bei der Glaubens-Verbesserung nicht nur willig / sondern aus eigenem Trieb und ohne der Laien Zumuthen nur allzu freigiebig von sich gegeben hat.

7 Hier mangeln etliche Zeilen / worin die allzu große Heftigkeit Justinians und anderer orientalischen Kaiser wider die Heiden / Arianer und andre Irrgläubige getadelt wird / und die eben nicht poetisch sind.

8 Die Geschichte der unterdrückten Albigenser und des unrechtmäßig seiner Lande entsetzten Raimunds von Toulouse wird jedermann bekannt sein.

9 Die gröste Pein / die man den Christen anthat / war eine überaus heiße Quelle / in welche man die Märtyrer so oft hinunter ließ / bis sie starben oder den Glauben verleugneten. Man muß im übrigen diese unwissenden Märtyrer einer nur halb dem Christenthume ähnlichen Lehre nicht mit den Blutzeugen Christi verwechseln.

10 Ein See / an dem die Irocker wohnen / der Huronen Erbfeinde.

11 Das tapferste der Nord-Amerikanischen Völker (La Hontan). Man giebt dem Gefangenen ein Weib von irgend einem Erschlagenen. Will sie ihn behalten / so ist öfters sein Leben gerettet / und er wird sogar unter das sieghafte Volk aufgenommen. Verurtheilt sie ihn zum Tode / so ists um ihn geschehen / und sie ist die erste / an seinen zerfleischten Glidern sich zu sättigen.

12 Eines der fünf Völker der Mohocks oder Iroquois. Ich rede nur von den Märtyrern einer mächtigen Kirche / die allerdings öfters mit einem unerschrockenen Muth die angenommene Lehre mit ihrem Tode versiegelt haben. Die gleichen Märtyrer aber / und zwar hauptsächlich in einem bekannten Orden / haben gegen die Protestanten solche unverantwortliche Maßregeln gerathen / gebraucht und gelehrt / daß es unmöglich ist / zu glauben / der Gott der Liebe brauche Menschen von solchen Grundsätzen zu Zeugen der Wahrheit. Das erste / was er befiehlt / ist Liebe. Das erste / was diese Leute lehren / ist Haß / Strafe / Mord / Inquisition / Bartholomäustage / Dragoner / Clements / Castelle und Ravaillake.

13 Worte des heiligen Hieronymi.

14 Feld-Herr der Parthen / wie sie das römische Heer unter dem unglücklichen Crassus schlugen.

15 Newton hat keine Weibsperson berührt.

Tugendbrunnen Nürnberg Tourismus

Bilder: Der Tugendbrunnen zu Nürnberg, der touristisch besser denn künstlerisch belegt ist
(in der Schweiz war, was nichts heißen muss, überhaupt kein Monument der Tugend aufzutreiben):

  • Nürnberg aha!: Tugendkult am Lorenzplatz:

    Volksfern gekleidete Gestalten in theatralischen Posen, 1584–1589 von Benedikt Wurzelbauer für den modernen Menschen von heute geschaffen. Die Tugendgestalten wollen in allegorischer Weise Politiker und deren Hintermänner darstellen, die gerecht und weise auf dem Gipfel der Darstellung (also ganz oben und von oben herab) zum besseren Nachforschen eigener Erinnerung sich eine Augenbinde umtun und sich die Ohrenöffnungen eisern verschließen. So wissen sie nichts von Schwarzgeldkoffern, illegalen Waffengeschäften, erinnern sich aber an Versprechen, die sie gegeben haben. Und die sind heilig und verdienen einen sechsfachen Posaunenstoß durch aufgeblasene Bengel. Wichtig: neben der Gerechtigkeit noch ein Kranich, Symbol der Wachsamkeit. Der hört und sieht alles.

    Die maßgebenden Tugenden Glaube mit Kreuz und Kelch, Liebe mit zwei Kindern, Hoffnung mit dem Anker, Tapferkeit mit Löwe, Mäßigung mit Krug und Geduld mit einem Lamm (!). Lammfromm, aufopferungsvoll und gebärfreudig usw. – alles Eigenschaften, die sich als männliche Attribute wenig eignen. Deshalb ist kein Mann im Figurenreigen zu sehen. Die unschuldigen Muttersöhnchen unter der Gerechtigkeit zählen noch nicht. Ungerecht!

    Tugendbrunnen
    Realisierung: Benedikt Wurzelbauer, 1584–89
    Auftraggeber: Rat von Nürnberg
    zuletzt gesehen am Lorenzplatz
    im Winter undurchsichtig umbrettert. Da schläft die Tugend.

    Tugendsam in Nürnberg ist
    wenns Wasser aus den Brüsten gisst.

  • Nürnberg Tourismus: Tugendbrunnen.

Tugendbrunnen Nürnberg Tourismus

Soundtrack von der Falschheit menschlicher Tugenden:
Theodor Shitstorm: Rock’n’Roll, aus: Sie werden dich lieben, 2018:

Written by Wolf

9. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Weisheit & Sophisterei

Dornenstück 0007: Non stabat pater dolorosus

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Update zu Des Frühlings beklommnes Herz,
Show me a guy that doesn’t want to come down off the cross,
Oh my, oh my, oh my, what if it was true? (O wolle nicht ergründen, was einmal unergründlich ist)
und Nachtstück 0027: Uns lieben Brüdern Wohlgefallen und ein recht gutes Jahr!:

Kafreitag in siebenzeiligen Strophen.

Krypta Asamkirche München

Im übrigen halte ich in der christlichen Ikonographie den Pater dolorosus, der Sankt Joseph einmal gewesen sein muss, für unterrepräsentiert. Zwei Jahrtausende haben nicht zu überliefern für nötig befunden, ob ein Mensch und Vater namens ܝܰܘܣܶܦܢܳܨ ܡܶܢ ܪܰܬ݂ bei Jesu Kreuzigung überhaupt zugegen war; dass er vorher etwa 63-jährig verstarb, muss man sich nach Kirchenvater Hieronymus umständlich herbeideduzieren.

Umso anrührender finde ich es von Matthias Claudius, dass er in der Totenklage um einen noch nicht zweijährigen Sohn ganz selbstverständlich dem Vater wie der Mutter die Hoffnung auf Auferstehung zuschreibt: Er muss wieder lebendig werden, sonst hätte doch das ganze Leben keinen Sinn.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, das ist das Perfide.

——— Matthias Claudius:

Die Mutter am Grabe

Auf den Tod des zweiten Sohnes, Matthias, geboren 6. Dezember 1786, gestorben 4. Juli 1788

aus: Asmus omnia sua secum portans, oder: Sämmtliche Werke des Wandsbecker Boten, Fünfter Theil,
Wandsbeck. Beim Verfasser, 1789, und in Comißion bey Carl Ernst Bohn in Hamburg, 1790:

Wenn man ihn auf immer hier begrübe,
          Und es wäre nun um ihn gescheh’n;
Wenn er ewig in dem Grabe bliebe,
          Und ich sollte ihn nicht wieder seh’n,
          Müßte ohne Hoffnung von dem Grabe geh’n –
Unser Vater, o du Gott der Liebe!
Laß ihn wieder aufersteh’n.

~~~\~~~~~~~/~~~

Der Vater

Er ist nicht auf immer hier begraben,
          Es ist nicht um ihn gescheh’n!
Armes Heimchen, Du darfst Hoffnung haben,
          Wirst gewiß ihn wieder seh’n
          Und kannst fröhlich von dem Grabe geh’n,
Denn die Gabe aller Gaben
Stirbt nicht, und muß aufersteh’n.

Krypta Asamkirche München

Bilder: Krypta der Asamkriche Sankt Johann Nepomuk in München,
Öffnungszeiten ausschließlich karfreitags und karsamstags mit Stillem Gebet 17 bis 20 Uhr,
selbergemacht am Karfreitag, 29. März 2013.

Soundtrack: Giovanni Battista Pergolesi: Stabat mater, 1736,
vermutlich einzige Einspielung mit dem deutschen Text von Christoph Martin Wieland, 1779,
in: Der Teutsche Merkur 1781, 1. Quartal, Seite 101 bis 106,
aufgenommen 2008 in der Peterskirche Oßmannstedt, als CD bei Naxos 8.551276, als Playlist:

Written by Wolf

2. April 2021 at 00:01

Was er wünscht, ist Licht, mehr Licht

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Update zu Neulich in München
und Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet:

Goethes 189. Todestag am 22. März 2021.

Stets des Lebens dunkler Seite
Abgewendet wie Apoll;
Daß er Licht um sich verbreite,
War der Ruf, der ihm erscholl.
Und so stand er jung im Streite
Bis in’s Alter würdevoll,
Gegen Drachen-Nachtgeleite,
Das aus allen Ecken schwoll,
Das er bald mit Scherz beiseite
Schob, bald niederschlug mit Groll.
Als er abtrat nun vom Streite,
War das letzte Wort, das quoll
Aus der Brust erhobner Weite:
Mehr Licht!“ Nun, o Vorhang, roll
Auf, daß er hinüber schreite,
Wo mehr Licht ihm werden soll!

Friedrich Rückert: Goethes letztes Wort, 1832.

——— Kai Sina:

Frances E. W. Harper: „Mehr Licht!“

aus: Frankfurter Anthologie, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Januar 2021:

Ob die Forderung nach „Mehr Licht“ tatsächlich Goethes letzte Worte waren, ist philologisch mehr als umstritten – und wohl auch nicht so wichtig. Entscheidender sind die Folgen der vermeintlichen Sterbeworte, und in dieser Hinsicht zählt das Gedicht von Frances Ellen Watkins Harper zu den literarhistorisch aufschlussreichsten Dokumenten: einerseits, weil es das Gedicht einer afroamerikanischen Autorin des neunzehnten Jahrhunderts ist, deren Bezugnahme auf Goethe zunächst alles andere als naheliegend erscheint; und andererseits, weil die deutschsprachige Übertragung von Stephan Hermlin ein frühes Zeugnis der sozialistischen Literaturpolitik in Deutschland ist. […]

Helmut Fricke, Kam durchs Schlafzimmerfenster nicht genug Licht, FAZ, 27. Dezember 2017Anders als viele seiner Anhänger, die das „Licht“ im Sinne der aufklärerischen Symbolik mit Erkenntnis übersetzten und so noch den Sterbenden zum Wahrheitssucher stilisierten, weist Harper eine derart überspannte Deutung ausdrücklich zurück: Nicht um „größere Geistesgaben“ habe Goethe in seinen letzten Atemzügen gebeten, nicht um „Gedankentiefe“, sondern buchstäblich um „die gütige Sonne“ und „einen Strom aus liebem Erdenlicht“. […]

Szenenwechsel ins Nachkriegsdeutschland, in die sowjetische Besatzungszone. Im neugegründeten Verlag Volk und Welt erscheint 1948 der Band „Auch ich bin Amerika. Dichtungen amerikanischer Neger„. Zusammenstellung und Übertragung der ausschließlich von Afroamerikanern und Afroamerikanerinnen verfassten Gedichte stammen von Stephan Hermlin. Dessen lebenslanges Bestreben, dem deutschen Lesepublikum „eine Tür zu literarischer Weltläufigkeit zu öffnen“ (Heinrich Detering), bestimmt das Anthologieprojekt ebenso wie die politische Indienstnahme der Literatur, hier vor allem in Gestalt der Amerika-Kritik und des Antikapitalismus. Die Sammlung versteht sich als aufklärerischer Gegenimpuls zu „geschickt geschriebenen Schmökern à la ‚Vom Winde verweht‘ und verlogenen Hollywoodprodukten“, in denen die „Neger“, ungeachtet ihrer „denkbar ungünstigen Lage“ in der Gesellschaft, vornehmlich als „folgsam“ und „komisch“ dargestellt würden – so liest man im Vorwort.

In der Anthologie findet sich auch Harpers Gedicht, dessen liedhafter Charakter – erzeugt durch ein alternierendes Versmaß, das Wechselspiel von Reimen und Assonanzen sowie die refrainartige Wiederholung des Ausrufs „Light! more light“ – in der deutschen Übertragung stark zur Geltung kommt. Zugleich mischen sich andere, eher abendländisch geprägte Motive ins lyrische Gesamtbild ein: das „düstre Nebeltal“ der Romantik (im Original: „dimly lighted valley“), der lutherdeutsche „Heiland“ (bei Harper: „Gracious Saviour“). Sicher tragen auch solche Anpassungen dazu bei, dass man den amerikanischen Ursprungstext hinter der deutschsprachigen Nachdichtung eigentlich nicht mehr wahrnimmt.

Aber welche Absicht steht hinter der Entscheidung, Harpers Goethe-Verse überhaupt in die Sammlung mit aufzunehmen? In ihrem Werk hätte es andere Gedichte gegeben, die viel besser mit dem politischen Anliegen der Anthologie vereinbar gewesen wären (das kämpferische „Bury Me in a Free Land“ etwa). Im Vorwort stellt Hermlin fest, es seien zwar „kleinbürgerliche Verse“, die Harper über Goethe geschrieben habe. In ihnen komme aber dennoch „ein großes und ergreifendes Gefühl“ zum Ausdruck. Die am Kommunismus geschulte Bewusstseinsprüfung („kleinbürgerlich“) und das Beharren auf der Würde des Individuums (in seinem „großen und ergreifenden Gefühl“) gehen in der Gedichtauswahl also miteinander einher. Hermlins Entscheidung für Harpers Gedicht zeugt damit gleichermaßen von politischer Anpassung und literarischem Eigensinn.

Stephan Hermlins Auswahl und Übersetzung waren weder die ersten noch einzigen ihrer Art: Populäre deutsche Anthologien des 20. Jahrhunderts kennen unter anderem:

  • Amerika singe auch ich. Dichtungen amerikanischer Neger. Zweisprachig. Herausgegeben und übertragen von Hanna Meuter, Paul Therstappen. Wolfgang Jess, Dresden 1932. Mit Kurzbiographien. Reihe: Der neue Neger. Die Stimme des erwachenden Afro-Amerika. Band 1, 1932. 108 Seiten; Neuausgabe ebenda 1959, oder
  • Meine dunklen Hände. Moderne Negerlyrik im Original und Nachdichtung. Herausgegeben und übertragen von Eva Hesse und Paridam von dem Knesebeck. Nymphenburger, München 1953. 92 Seiten.

Es folgen Harpers Original und Hermlins gleichermaßen politisch angepasste und literarisch eigensinnige Übersetzung im Direktvergleich. Offenbar könnten wir alle in vermehrtem Ausmaß Licht in egal welchem Sinne vertragen.

——— Frances Ellen Watkins Harper:

Let the Light Enter

The Dying Words of Goethe

from: Poems, 1871, Seite 71 f.:

„Light! more light! the shadows deepen,
       And my life is ebbing low,
Throw the windows widely open:
       Light! more light! before I go.

„Softly let the balmy sunshine
        Play around my dying bed,
E’er the dimly lighted valley
       I with lonely feet must tread.

„Light! more light! for Death is weaving
        Shadows ‘round my waning sight,
And I fain would gaze upon him
       Through a stream of earthly light.“

Not for greater gifts of genius;
        Not for thoughts more grandly bright,
All the dying poet whispers
       Is a prayer for light, more light.

Heeds he not the gathered laurels,
        Fading slowly from his sight;
All the poet’s aspirations
       Centre in that prayer for light.

Gracious Saviour, when life’s day-dreams
        Melt and vanish from the sight,
May our dim and longing vision
       Then be blessed with light, more light.

(Goethes letzte Worte)

Übs. Stephan Hermlin, in: Auch ich bin Amerika. Dichtungen amerikanischer Neger.
Aus dem Englischen von Stephan Hermlin. Verlag Volk und Welt, Berlin 1948. 144 Seiten, vergriffen:

„Licht! mehr Licht! Die Schatten sinken,
       Wie ich’s Leben sinken seh.
Öffnet weit mir alle Fenster:
       Licht! mehr Licht! bevor ich geh.

Daß die gütige Sonne scheine,
       Auf mein Sterbebette strahl,
Ehe ich hinziehe
       Durch das düstre Nebeltal.

Licht! mehr Licht! der Tod verbreitet
       Schleier auf vergehende Sicht,
Lieber säh ich ihn durch einen
       Strom aus liebem Erdenlicht.“

Nicht um größere Geistesgaben,
       Um Gedankentiefe nicht
Fleht der Dichter sterbend leise,
       Was er wünscht, ist Licht, mehr Licht.

Nicht mehr achtet er des Lorbeers,
       Der langsam in Staub zerbricht;
All des Dichters Wünsche gipfeln
       In dem einen Wunsch nach Licht.

Heiland, wenn des Lebens Träume
       Aufgelöst, verweht wie Gischt.
Segne unsern sehnsüchtigen
       Letzten Blick mit Licht, mehr Licht.

Helmut Fricke, Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Schlafzimmer, FAZ, 27. Dezember 2017

Bilder: Helmut Fricke: Kam durchs Schlafzimmerfenster nicht genug Licht?;
Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Schlafzimmer,
für Hubert Spiegel: Mehr Licht war nicht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Dezember 2017.

Der neue Neger, die Stimme des erwachenden Afroamerika: James Brown with Reverend James Cleveland Choir: Let Us Go Back to the Old Landmark/Can You See the Light, aus: The Blues Brothers, 1980:

Written by Wolf

26. März 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Zu seiner wahren Gestalt erheben

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Update zur Wanderwoche 03: 2 + 2 – 2 + 2 = 7 (Ist doch bloß ein Märchen):

——— Franz Kafka:

Der plötzliche Spaziergang

aus: Betrachtung, Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig, November 1912, ausgewiesen 1913:

Blick vom Prager Hradschin, Akademisches Lektorat via PinterestWenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchtetem Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgemäß schlafen geht, wenn draußen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, daß das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist, und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen erscheint, weggehen zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach der Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstür zuschlägt, mehr oder weniger Ärger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit beantworten, wenn man durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähigkeit in sich gesammelt fühlt, wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung erkennt, daß man ja mehr Kraft als Bedürfnis hat, die schnellste Veränderung leicht zu bewirken und zu ertragen, und wenn man so die langen Gassen hinläuft, — dann ist man für diesen Abend gänzlich aus seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenlose abschwenkt, während man selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, hinten die Schenkel schlagend, sich zu seiner wahren Gestalt erhebt.

Verstärkt wird alles noch, wenn man zu dieser späten Abendzeit einen Freund aufsucht, um nachzusehen, wie es ihm geht.

Zur Zeit von Niederschrift und Ersterscheinen von Der plötzliche Spaziergang war Kafka 29 und wohnte im Kreise seiner Ursprungsfamilie Juni 1907 bis November 1913 im neunten und obersten Stockwerk im Prager Haus Zum Schiff, Pařížská 36, damals Niklasstraße 36:

Prague 1913

Das Mietshaus „Zum Schiff“ war damals eines jener modernen Mietshäuser in Prag, die im Zuge der Sanierung des ehemaligen Ghettos hochgezogen wurden. Es gab einen Lift im Haus und die Wohnungen hatten auch ein Bad. Im Juni 1907 zog die Familie in das Haus und wohnte dort bis zum November 1913. Leider ist das Gebäude im Jahre 1945 zerstört worden. An seiner Stelle steht heute das Hotel Praha-Intercontinental.

Wer sich einen Eindruck verschaffen will, wie der Blick aus Kafkas Zimmer gewesen sein mag, kann der Empfehlung des Verlegers und Kafka-Biographen Klaus Wagenbach folgen, in das Restaurant im obersten Stockwerks des Hotels gehen und sich dort einen Fensterplatz suchen. Wem das zu umständlich ist, mag sich mit einer Tagebuchaufzeichnung Kafkas vom 29.09.1911 begnügen:

„Der Anblick von Stiegen ergreift mich heute so. Schon früh und mehrere Male seitdem freute ich mich an dem von meinem Fenster aus sichtbaren dreieckigen Ausschnitt des steinernen Geländers jener Treppe die rechts von Cechbrücke zum Quaiplateau hinunter führt. Sehr geneigt, als gebe sie nur eine rasche Andeutung. Und jetzt sehe ich drüben über dem Fluss eine Leitertreppe auf der Böschung die zum Wasser führt. Sie war seit jeher dort, ist aber nur im Herbst und Winter durch Wegnahme, der sonst vor ihr liegenden Schwimmschule enthüllt und liegt dort im dunklen Gras unter den braunen Bäumen im Spiel der Perspektive.“

[…] Kafka litt sehr unter der ungünstigen Aufteilung der Wohnung. Zwar besaß er ein eigenes Zimmer, das für damalige Verhältnisse eher ungewöhnlich war, dennoch hatte er kaum Rückzugsmöglichkeiten, da es das Durchgangszimmer zwischen Wohn- und Schlafzimmer der Eltern war. In der Erzählung „Grosser Lärm„, das er 1911 in sein Tagebuch schrieb und kaum ein Jahr später in einer Prager Literaturzeitschrift abdrucken ließ, beschrieb er — kaum verhüllt — den typischen Alltag in der Wohnung.

„Verstärkt wird alles noch,“ indem sich der Mann in einem Durchgangszimmer zwischen dem elterlichen Wohn- und Schlafzimmer in einem neunten Stockwerk mit Blick auf den Anlegeplatz für sein Ruderboot außerdem noch Das Urteil (in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912), Die Verwandlung (1912) und Der Verschollene (1911 bis 1914), wie der Textbruch ausgerechnet hat, abringen musste.

Wenn er also wie in seiner halb nur sich hin träumenden Prosaskizze spätabends „in einem plötzlichen Unbehagen“ „straßenmäßig angezogen“ „gänzlich aus seiner Familie ausgetreten“ wäre, so hätte er erst einmal entweder einen vermutlich gründerzeitgemäß rumpelnden Aufzug benutzen oder sich satte neun Stockwerke treppab bis auf Flussuferniveau hinabbegeben müssen. Da sieht die instagrammable Winteridylle am Hradschin natürlich um Klassen stimmungsvoller aus, aber es ist ja nicht gesagt, wo der auszusuchende Freund gewohnt hätte. Irgendwie geht’s.

Hotel InterContinental Praha

Bilder: Blick vom Hradschin, via Akademisches Lektorat, 14. Januar 2021;
Prague 1913, via My Old Days Saigon: Khí hậu ẩm ướt trong thế giới tiểu thuyết Nguyễn Đình Toàn;
Hotel InterContinental, Pařížská 30, via Kafka & Prag: Haus „Zum Schiff“.

Großer Lärm: Matěj Ptaszek und Lubos Bena na Karlově mostě, wo Kafka auf dem Heimweg sowieso vorbeigekommen wäre — wenn er nicht die bei My Old Days Saigon abgebildete Čechův most genommen hätte, die unmittelbar an seiner ungeliebten Pařížská liegt —: Music of the Mississippi River, Sommer 2008:

Written by Wolf

19. März 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

In einem anderen hochgewölbten, engen gotischen Zimmer

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Update zu The Metrum is the Message,
Doktor Faust thu dich bekehren
und Mit dem Faust im Ranzen:

Habe nun, ach! – :

Kilian Brustfleck (tritt auf)
Hab ich endlich mit allem Fleiß
Manchem moralisch politischem Schweiß
Meinen Mündel Hanswurst erzogen
Und ihn ziemlich zurechtgebogen.
Zwar seine tölpisch schlüfliche Art
So wenig als seinen kohlschwarzen Bart
Seine Lust in den Weg zu scheißen
Hab nicht können aus der Wurzel reißen.
Was ich nun nicht all kunnt bemeistern
Das wüßt ich weise zu überkleistern
Hab ihn gelehrt nach Pflichtgrundsätzen
Ein paar Stunden hintereinander schwätzen
Indes er sich am Arsche reibt
Und Wurstel immer Wurstel bleibt.

Goethe: Hanswursts Hochzeit oder der Lauf der Welt – Ein mikrokosmisches Drama, 1775.

Von sich selber klauen heißt nicht Plagiat, sondern Stil. Von Gottsched klauen ist — nun ja, so ähnlich. Bei diesem Vergleich kann einem auffallen, dass die oben zitierte Hanswursts Hochzeit stellte Goethe übrigens im gleichen Jahr fertig wie die Frühe Fassung von Faust — deren Bezeichnung als Urfaust aus überlieferungsgeschichtlichen Gründen überholt ist.

Rembrandt, Faust, StudierzimmerUnd es soll uns niemand erzählen, Goethe habe nun, ach! das Gratulationsgdicht an einen „zum Magister-Ampt“ Promovierten von Gottsched nicht gekannt, das im Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen 1730 steht. Darin konnte Goethe „von allen Dichtungsarten eine historische Kenntnis, sowie vom Rhythmus und den verschiedenen Bewegungen desselben; das poetische Genie ward vorausgesetzt!“ — so in: Dichtung und Wahrheit, Siebentes Buch — erlangen, unter anderem über den Knittelvers.

„Knittel“ — vom frühneuhochdeutschen knittel, was „Reim“ heißt, gern verunglimpft als „Knüttel“, was „Knüppel“ heißt — kannte und benutzte Goethe aus seiner Leipziger Studentenzeit 1763 bis 1768. Erst ab 1773 konnte er die strengere Form mit acht oder neun Silben von Hans Sachs her kennen, der bekannte Eingangsmonolog von Faust, der schon in der Frühen Fassung vorkommt — weswegen er gar nicht so zwingend zu Goethes frühesten Faust-Entwürfen zählt.

Gottscheds Poetiken waren für die angebrochene Zeit der Aufklärung die ersten allgemein verbindlichen, die nach dem überholt barocken Buch von der Deutschen Poeterey von Martin Opitz 1624 folgten, bei poetisch Beflissenen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts dürfen sie darum als bekannt vorausgesetzt werden. Wie Gottsched den Knittelvers am praktischen Exempel vor- und ausführt, nimmt den Faust-Monolog in Teilen recht deutlich vorweg, ist — sobald einer die wendige Füllungsfreiheit des Knittelverses nicht als unbegabtes Herumgeholze, sondern als naturwüchsig begreifen mag — gar kein so „schlecht Carmen“ und hat sogar ein paar charmante anzügliche Stellen.

——— Johann Christoph Gottsched:

Auf Hn. M. Stuͤbners Magister-Promotion.
Als Juncker Stuͤbnern wohlgemuth
Frau Pallas ziern und schmuͤcken thut,
Mit Lorber-Zweigen huͤbsch und fein,
Sang dieß ein treuer Bruder sein.
in fremdem Nahmen.

Des II Theils VII Capitel: Von Sinn- und Schertzgedichten
aus: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen; Darinnen erstlich die allgemeinen Regeln der Poesie, hernach alle besondere Gattungen der Gedichte, abgehandelt und mit Exempeln erläutert werden: Uberall aber gezeiget wird Daß das innere Wesen der Poesie in einer Nachahmung der Natur bestehe, Bernhard Christoph Breitkopf, Leipzig 1730, Seite 503 bis 507:

Georg Friedrich Kersting, Faust, StudierzimmerFRewndlicher liber Bruder mein
Dem die neun Musen alle gmein
Apollo und Pallas insgesampt
Erhebn thun zum Magister-Ampt
Zum Lehrer gmachet han allhie
Der Waisheit oder Philosofi
Weil sie von wegen deiner Gabn
Der Eer dich werthgeschetzet habn
Seitdem du wol, daß gibt dir Praiß
Studirt mit unverdroßnem Flaiß
Als wellichs heit zu Tage nun
Schier wenige mit Eyffer tuhn
Hier wuͤnscht dir zu deim newen Standt
Auf Unversteten wolbekandt
Dein alter guter Bruder vil Gluͤck
Vnnd erhebt das himmlisch Gschick
Daß dich jzunder traun aufs best
Zum Meistr der Weißhait kroͤnen lest.
So wirst du ein Philosofus
Bist gleich sonst ein Theologus
Wilst dermahleinst in Zuͤchtn vnnd Ehrn
Ein Gmein den Weg der Sehlgkeit leren
Tust auch die weltlich Weisen-Zunfft
Nicht spoͤttlich verachten mit Unvernunfft
Sagst nit sie mach nur Kaͤtzerey
Atheisten vnnd Deysterey
Vnnd glaubst vilmehr on allen Scheu
Daß sie der rechte Vorhoff sey
On den man heitigs Tages nie
Kan eingan zur Teology
Lachst all verkehrte Stuͤmper aus
Die sich ins liebe Gotes Hauß
Tringen mit unsaͤchlicher Gwalt
Suchen da nur ihrn Auffenthalt
Jhr Weip und Kind wolln sie erneern
Nit abr die Ruchlosen bekern
Wolln da andre Gots Weißhait leren
Moͤchtn selbst erst Menschen Weißhait hoͤren
Gleich wie auch andre Stuͤmper sunst
Strebn nur nach Advocaten-Kunst
Durchblaͤttern den Justinian
Lernen den Acten-Schlaͤndrian
Vnnd verstehn nit die geringste Spur
Vom ewgen Gsaͤtz in der Natur
Wollen große Juristen seyn
Bleibn alzeit am Verstand sehr klain
Jmgleichen in der Medicin
Siht man fast vile sich bemuͤhn
Nichts nit mit groͤßerm Eiffer treiben
Als die Kunst ein Recept z’verschreiben
Verstehn nit die Anatomy
Patology Phisiology
Semiotic Pharmacevtic
Higiene vnnd Botanic
Machen doch ein gewaltig Gschrey
Als obs Galenus selber sey
Koͤn’n nichts als schwitzen purgiren
Zur Aderlaßn vnnd Leut vexiren
Von solichen Stimpern allzumal
Welcher da ist ein große Zahl
Hastu Herr Bruder z’jeder Frist
Abscheu bezeigt on argelist
Jch b’sinn mich deiner Jugend zart
Wie fain die angewendet ward
Jn Bayreuth der weidlichen Stadt
Die uns zusamm’n erzogen hat
Da waren im Gimnasio
Wir beyd vnnd andre vilmals fro
Wenn wir beisammen spat vnnd fruh
Lateinisch Griechsch noch mehr dazu
Was man noch sonst guts lernen kan
Begirig mochten hoͤren an
Die Saat hast da schon ausgestrewt
Die izt so schoͤn nach Wunsch gedeyt
Hast da schon mit Verstand gehoͤrt
Was Leibnitz vnnd was Wolff uns glert
Zwen deutsche Philosofen b’kant
Jn Franckreich Welsch- vnnd Engeland
Mit wellichen sich kein ander Mann
Jn der Weltweißhait gleichen kan
Dieweil sie nemlich fix vnnd schoͤn
Die Mathematic tief verstehn
Wellichs man auch dem Cartesius
Und Stagiriten nachruͤmen muß
Daher denn folgen tuht der Satz
Dem jdermann muß geben Platz
Daß Philosofen insgemein
Die nicht auch Geometern sein
Gegn sie nur muͤßen schencken ein
Als du nun gar nach Leipzigck kamst
Sah man daß du noch baß zunahmst
Weil du den Anfang, dort gemacht
Hier zur Vollkommenhait gebracht
Die tieffe Lehr der Welt-Weißhait
Mit noch vil groͤßrer Schicklichkeit
Wie man sie loͤbelichst docirt
Nach Wolffs Manir scharpff ausstudirt
Hast nicht nur halbicht zugehoͤrt
Wie man dieselb vortraͤgt vnnd lehrt
Bist selbst daheimb noch weiter gangen
Hast zu lesen vil angefangen
Nit wie die Faulentzer getan
Die daran ihn’n begnuͤgen lan
Daß sie den cursum mit gemacht
Die dictata ins rein gebracht
Jn den Cuffer sie gschloßen ein
Als soltn sie da gefangen seyn
Moͤchten auch hernach zu ihrem Hohn
Jn seim schoͤnen Collegio
Daß er haͤtt abgeschrieben fro
Als ers zum drittenmahl gehoͤrt
Wies ein beruͤhmter Mann geleert
Zur Stund wolt man sein Buch gern sehn
Darauf es denn fuͤrwahr geschehn
Als ers wollt aus dem Cuffer holen
Daß ihm sein Weishait war gestohlen
Kein Dib hett ihm den Putz gemacht
Hett er sie ins Gehirn gebracht
Vor so verkehrter Weiß vnnd Art
Hat dich Minerva stets bewahrt
Herr Bruder dich mit Vorbedacht
Zum wurdigen Magister gmacht
Nit nur dem Nahmen nach zum Schein
Die sonst wohl nit ein Wildpret seyn
Doch darf ichs traun nur keck verschweigen
Du thust es uns bald selber zaigen
Wenn du auf dem Catheder frisch
Wirst stehn so steiff als im Harnisch
Dem offt die schaͤrffsten Opponenten
Mit hundert spitz’gen Argumenten
Wenn sie gleich all auf dich loßrennten
Mit nichten doch durchboren koͤnten
Da wird man sehn was du verstehst
Wie gruͤndlich du im Schliessen gehst
Vnnd vor des Wiedersachers stuͤrmen
Die arme Wahrheit kanst beschirmen
Den Zaͤnckern bald das Maul kanst stopffen
Daß ihn’n das Herz im Leib thut klopffen
Vnnd sollichs wird kein Wunder seyn
Du sprichst behend vnnd schoͤn Latein
Vnnd ergerst nit den Prißzian
Wie mancher vor der Zeit gethan
Wirst auch nicht furchtsam stecken bleiben
Die Dißputation zu schreiben
Wie andre die zwar Weißhaits voll
Wenn mans von ihnen fordern soll
Nit wissen weder aus noch ein
Obs Maͤdgen oder Buͤbgen seyn
Fragen viel nach allem dißputiren
Wenn sie nur ein groß M kan ziren
Carl Gustav Carus, Faust, StudierzimmerNun werther Bruder nimm vorlieb
Daß ich dir ein schlecht Carmen schrieb
Seyend noch von der alten Werlet
Die ihr Gesaͤnglein nicht beperlet
Rubint verguld’t versilbert schoͤn
Thu dich nit nach der Kunst erhoͤh’n
Hab auch kein Zoten angebracht
Von Fickgen der so lieben Magt
Die der Magister insgemein
Jhr Buhlschafft vnnd Gespons muß seyn
Wellichs wenn mancher es nicht wuͤst
Er ganz vnnd gar verstummen muͤst
Vnnd braͤcht auf den Magister-Schmauß
Nicht einen kalen Reim heraus
Sag dir auch nichts von deinem Krantz
Auch nichts von dem Magister-Tantz
Vielminder vom zu Bette gehn
Darbey offt garstig Fratzen stehn
Daß werden andre je und nun
An meiner statt schier weidlich tuhn
Vor mein Person hielt ichs vor baß
Zu wuͤuschen Gluͤck ohn unterlaß
Auf redlich Deutsch vnnd alt Manier
Daß dir Herr Bruder fuͤr und fuͤr
Aus deiner schoͤnen M’gister Zier
Viel Seegen Heil vnnd Trost erwachß
Vnnd mach den Schluß wie sonst Hans Sachß.

Bilder: Rembrandt van Rijn: Faust, ca. 1652;
Georg Friedrich Kersting: Faust im Studierzimmer, 1829;
Carl Gustav Carus: Faust in sinem Studierzimmer, 1852.

Soundtrack: Frank Watkinson an Mazzy Star: Fade Into You, aus: So Tonight That I Might See, 1993
(im Vergleich zum Original):

Written by Wolf

12. März 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Weisheit & Sophisterei

Fruchtstück 0003: Du und dein Gedächtnis 50+

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Update zu Unter sotanen Umständen und
Nachtstück 0019: Noch weit beunruhigendere Betrachtungen:

——— Arno Schmidt:

Heiliger Antropoff : tat mir der Rücken weh! (»Mitternacht ist vorüber : das Kreuz beginnt sich zu neigen.« hatten Humboldts Gauchos immer gesagt : demnach wärs also bestimmt 12. – Tembladores fielen mir ein, mit allen Geschichten und Widerlegungen, und die ganze voyage équinoxiale prozessionierte heran, so daß ich entrüstet an was anderes dachte : ein gußeisernes Gedächtnis ist eine Strafe ! !)

Brand’s Haide, 1951.

Vorm Bücherregal. Ich griff eins heraus, dessen Farbe mir leidlich ins Gesicht fiel; dunkelgrüner Lederrücken mit hellgrünem Schildchen : ‹J. A. E. Schmidt, Handwörterbuch der Französischen Sprache. 1855›. Ich schlug aufs geratewohl auf, Seite 33 : ‹Auget = Leitrinne, in welcher die Zündwurst liegt› – ich kniff mich in den Oberschenkel, um mich meiner Existenz zu vergewissern : Zündwurst ? ? ! ! (und dieses ‹auget› würde ich nun nie mehr in meinem Leben vergessen; ein gußeisernes Gedächtnis ist eine Strafe !). –

Sommermeteor, in: Trommler beim Zaren, 1966.

Und bloß nicht den Namen dieses Nachbardorfes einprägen; jetzt noch nicht; mit 55 muß man das Gedächtnis für’s Notwendigste reservieren.

Kühe in Halbtrauer, 1961.

Amrie Dashkova, Librarian, Moscow, March 4th, 2020

Bild: Marie Dashkova: Librarian, Moskau, 4. März 2020.

I hope we remember all the words („What’s the the next chorus to this song now? This is the one now I don’t know.“): Ella Fitzgerald (46-jährig): Mack the Knife, aus: Ella in Berlin: Mack the Knife,
live in der Deutschlandhalle, Berlin, 13. Februar 1960:

Written by Wolf

5. März 2021 at 00:01

Dieses fußkranke und wegmüde Denken, dieser Esprit von Nullhaftigkeit und Nihilism, dieses Charisma von Langweile

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Update zu Dreidreiviertel Arbeitstage oder Die CDs wechseln muss man schon,
Hipsteros und
Umgestülpte Teufel (und Kryptonit für Circe):

Der DDR-Lyriker rezensiert den Zigarettenerben, der seinerseits Wieland rezensiert. Alle Glieder der Kette leiden unter Überlänge, machen aber ungeahnten Spaß.

Das Aristipp-Buch von Reemtsma liegt seit 2000 als Taschenbuch bei dtv vor.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014

——— Peter Hacks:

Mehrerlei Langweile

Zu Jan Philipp Reemtsma:
»Das Buch vom Ich — Christoph Martin Wielands ›Aristipp und einige seiner Zeitgenossen‹«,
Haffmans 1993

in: TOPOS. Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie, herausgegeben von Hans Heinz Holz und Domenico Losurdo,
Heft 3: Epochenwandel, Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger, Bonn 1994:

Seinerzeit lebte in Griechenland ein langweiliger Philosoph, Aristipp. Diesen Aristipp machte der Dichter Wieland zum Helden eines langweiligen Romans; über den Roman hat jetzt der Philologe Jan Philipp Reemtsma eine langweilige Monographie geschrieben. Das ist die Lage, mit der ich befaßt bin. Ich kann mir unterhaltsamere Lagen vorstellen.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Besagter Aristipp war ein Hedoniker, ein »Genüßler« oder »Genußdenker«. Er ging davon aus, daß, wenn schon sonst nichts, jedenfalls die körperliche Lust ein Gut ist, unstrittig und mit höchster Gewißheit. Das Dumme an dem Ansatz ist, daß das nicht stimmt. Körperliche Lust hat viel Angenehmes — aber keinesfalls immer, nur unter Bedingungen. Wer hat nicht schon den Besitz eines schönhäutigen Geschlechtspartners mit Verdruß durchlitten, oder wem ist nicht schon die bestzubereitete Speise vorm Magen stehen geblieben, wenn ein allgemeineres, durchaus unkörperliches Mißvergnügen dem Vergnügen entgegenwirkte? Ich sage es ganz einfach. Eine Henkersmahlzeit kann das höchste Gut nicht sein.

Zugunsten des Aristipp läßt sich sagen, daß er die Lust für eine seiende Sache nimmt, für mehr als das bloße Schwinden oder Fehlen von Unlust. Aber offenkundig gehört er als Genußdenker neben die Bedürfnislosigkeitsprediger und die spätere Schule der Zweifelköpfe: zu den Rette-sich-wer-kann-Ratgebern, die in Verfallszeiten, in denen groß nicht mehr zu denken geht, noch ihre Rezepte, wie allenfalls sich durch die Welt helfen, anboten. Was ihr Wissen anlangt, ermüden sie ein wenig, aber am Ende hat auch keiner etwas gegen sie. Wenn sie nichtig sind, so sind sie doch auf eine erfrischende Weise nichtig. Natürlich sind uns die Überlebensphilosophen lieber als die Pfaffen, welche sonst aus dem Verfall ihren Zulauf haben.

Ich bin nicht breit, weil Wielands Aristipp mit dem echten oder für echt überlieferten Aristipp kaum mehr gemein hat als die Anekdote mit dem Rebhuhn zu fünfzig Drachmen. Er ist ein bißchen neugierig, ein bißchen gleichgültig, ein bißchen witzig, ein bißchen verliebt. Er verhält sich der Welt gegenüber vorsichtig und leidet ungern. Für die Lust interessiert er sich überhaupt nicht. Mehr als dem Aristipp ähnelt er dem Epikur und am genauesten dem Wieland.

Von dem Wielandschen Aristipp, dieser kurzweiligen und kurzatmigen Kunstfigur, erwartet Jan Philipp Reemtsma gewaltige Dinge und will sie an ihm finden und billigt sie ihm zu.

Wieland ist der erste Dramatiker, von dem ich in meinem Leben ein Stück bearbeitet habe. Es war die »Pandora« und trug bei mir den Untertitel »Von Arkadien nach Utopia«, ich war damals zwanzig. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich meinen Wieland einmal gegen übermäßiges Lob würde in Schutz nehmen müssen. Der Aristipp-Roman ist rundum erfreulich. Aber so gut, wie Reemtsma sagt, ist er nicht.

Ich möchte Ihnen die Fabel erzählen und überlege mir zu dem Zweck, was von dem Buch, falls einer vorhätte, es auf die Bühne zu bringen, auf die Bühne zu bringen ginge. Ich beginne damit, daß ich mir von dem Maler Hackert drei Prospekte malen lasse, einen von Weimar, einen von Osmannstedt, einen von Paris. — Weiter komme ich nicht. Handelnde Personen treten in dem Buch nicht auf.

Das ist wenig für immerhin elfhundert Seiten. (Ich zähle nach meiner Ausgabe, Reemtsma ist reicher als ich; er hat die Werkausgabe von 1794, ich bloß die von 1839).

Reemtsma ist entfernt davon, mir zu widersprechen. »Der Roman hat keine ›Story‹«, bekennt er, und der Held, bekennt er, hat »einen langweiligen Charakter«. Dann sagt er noch, daß der Held, aus Gattungsgründen, keinen »Charakter« brauche.

Was tut Aristipp das lange Buch über? Er verbringt seine Jugend auf einer Spazier- und Bildungsreise; hiernach läßt er sich in seinem Vaterland nieder und gründet einen Hausstand und ein Kulturhaus. Im Alter wird er sich in den Dienst eines Tyrannen begeben, was Wieland aber ungeschrieben läßt. Wir werden drauf zurückzukommen haben.

Drei Bestandteile im »Aristipp« ergötzen und verursachen Lesefreude.

Auf sie alle habe ich einzugehen vor. Es sind: Eine Nacherzählung, Parodie und Beschimpfung von Platons »Staat«, etliches Hörensagen aus der Welthauptstadt Syrakus, welche Paris meint, und die Marotten der Hetäre Lais, von der sich Aristipp an der Nase herumführen läßt, dergestalt, daß er sich zu einer noch längeren Verlobungszeit mit ihr versteht als das alte Brautpaar im »Leberecht Hühnchen«, bis er sich endlich besinnt und dann was Unbescholtenes heiratet.

Anders als der Held nämlich ist die Heldin ein Charakter, oder wenn sie kein Charakter ist, so hat sie doch eine Neurose. Reemtsma irrt, wenn er Lais »als Figur dem Aristipp ebenbürtig« und in dem Roman die »Gleichberechtigung der Geschlechter« verwirklicht findet; er ist eben auch nur ein Mann. Lais allein ist es, die die Hosen anhat. Ich zögere nur deshalb, den Roman einen Lais-Roman zu nennen, weil sie sich mitten im Buch, keiner weiß wie, aus der Handlung schleicht. Eben war sie noch da, plötzlich ist sie weg.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Lais ist eine Kokotte aus Kälte. Auch sie durchreist die griechische Welt, wobei sie ihren Bordellhaushalt immer mit sich führt. Als Männerhasserin lebt sie von Männern. Sie stirbt daran, daß sie vierzig wird; denn mit diesem Alter hört Frigidität auf, eine Frau automatisch unwiderstehlich zu machen.

Die Frage, ob Lais außer in der Mitteilung des Diogenes Laertius, Aristipp »pflegte auch Umgang mit der Buhlerin Lais«, auch in Wielands Leben einen Vorausgang habe, wird von Reemtsma als »literarischer Positivismus« abgetan. Anschließend wird sie mit einem Exkurs über Wielands sämtliche Weiberbekanntschaften behandelt und — nicht beantwortet; ich spreche davon, weil es Reemtsmas Weise bezeichnet, gleichzeitig viel und nichts zu sagen. Dabei ist es eine vernünftige und keine schwere Frage.

Wieland hatte zwei hauptsächliche Beziehungen: eine lebenslange Obsession zu der geistreichen, souveränen und nicht unfrivolen Gesellschaftsdame Sophie La Roche, der berühmten Schriftstellerin, und einen bürgerlichen Entschluß bei reiferen Jahren zu der hausbackenen Anna Dorothea Hillenbrand, die er ehelichte, der er Kinder machte und mit der er zufrieden war. Sein alter ego Aristipp hat dieselben zwei Beziehungen unter den Namen Lais und Kleone. Keiner bestreitet, daß die Kleone die Hillenbrand meint; so wird schon die Lais von der La Roche sich herleiten. Wie identisch muß denn ein künstlerisches Abbild mit seinem Urbild noch sein, damit ein Literaturwissenschaftler sich bequemt zuzugeben, daß es von ihm stamme?

Die Frau La Roche arbeitete, Lais arbeitet nicht. Sie rupft Männer und erzieht junge Huren. Sie beweist die Unvermeidlichkeit einer solchen Lebensführung mit einem soziologischen Kalkül. Der Zwang der Männerwelt, sagt sie, erlaubt einer Frau keine Wahl, außer der zwischen Ehesklaverei und Prostitution. Reemtsma findet diese Art, das Frauenrecht zu vertreten, »emanzipiert«. Mich meines Orts erinnert sie ganz merkwürdig an Meinungen von Wielands Hauptfeind Friedrich Schlegel.

Reemtsma nennt Lais die »Repräsentantin der Unabhängigkeit«. Goethe nennt Lais einen »problematischen Charakter«. Arno Schmidt nennt sie »ne Edelnutte«. — Drei Anmerkungen noch.

Erstens. Indem Lais ein Individualtyp Wielands ist, ist sie — die fast gesellschaftsfähige Kurtisane — gleichermaßen ein Zeittyp des Direktoriums und des Konsulats, in welchen Systemen Frauen auf unangefochtenere Weise lasterhaft waren als in der Regentschaft und im Rokoko. Emma Hamilton verglich sich gerne mit Lais, und wir liegen nicht falsch, wenn wir Lais mit Emma Hamilton vergleichen. Man mußte jetzt keine Herzogin mehr sein, um sich ungestraft wie eine Hure benehmen zu dürfen. Man durfte jetzt eine Hure sein und sich ungestraft wie eine Herzogin benehmen.

Zweitens. Wahrscheinlich ist die Arbeitsscheu der Lais gar nicht hauptsächlich als Beitrag zur Frauenfrage gemeint. Wielands Aristipp ist Wieland, aber der Unterschied ist auch hier, Wieland war ein Schwerarbeiter, Aristipp lebt immer nur vom Erben. »Aristipps Hedonik«, läßt Wieland eine seiner Sprachröhren, den Diogenes, sagen, »sollte die Lebensweisheit aller Begüterten sein«; wer mittellos sei, möge bei den Hundsphilosophen unterkommen. Ans Arbeiten jedenfalls ist für keinen gedacht, nicht für den Reichen und für den Armen nicht, und was Hegel an »Aristipps Schmarotzerphilosophie« stört, scheint Wieland nicht zu stören. Im Grunde redet er von der Klemme des bürgerlichen Autors, der von entfremdeter Arbeit nicht leben mag und von unentfremdeter nicht leben kann. So idyllisiert er für die gehobenen Stände das Liebhaberwesen, für die unvermögenden Schichten die Gammelei und für die Weiber eben den Strich. Aber die gemeinschaftliche arkadische Faulenzerei des sauberen Pärchens kommt mir — bei allem Verständnis — doch auch wieder ein bißchen kavaliersmäßig vor.

Drittens. Lais ist impotent und eine Maulhetäre. Aber nicht nur sie, auch Aristipps Gattin und der glückliche Aristipp selbst treiben die geschlechtliche Zurückhaltung bis zu einem Grade, der noch Gellerts »Schwedische Gräfin« mit Neid erfüllen kann. Es ist aber nicht, wie bei Gellert, tugendhaft gemeint, sondern tändelnd. Diese Liebesregel eines asexualen Erotismus ist nicht eben die Emanzipation des Fleisches; ich schlage aber nicht vor, sie ihrer Bescheidenheit wegen zu belächeln. In einer Zeit, wo wir Deutschen so verklemmt waren, daß kaum einer unserer Dichter mit einer anderen Frau sinnliche Einverständnisse unterhielt als mit seiner Schwester, gab es keine vorgeschrittenere. Wenn sie nicht sexual war, so war sie doch immer erotisch.

Ich habe mich in Einzelpunkten verloren. Ich kehre zum Roman zurück und zu dem Umstand, daß in ihm wenig geschieht.

Das Inhaltsverzeichnis der Reemtsmaschen Schrift verzeichnet eitel Inhaltlosigkeit. Ihre sechs Kapitel sind überschrieben: 1. Politeia, 2. Politik, 3. Philosophie, 4. Lais, 5. Ästhetik, 6. Symposion. Handelt man so über ein Kunstwerk? Reemtsma berichtet nicht, was in dem Buch sich ereignet, er berichtet, worüber in dem Buch geredet wird. Es liegt nicht an ihm, es liegt am Buch. Außer dem, was die Leute reden, geschieht in ihm nichts.

Reemtsma unterrichtet uns, daß Wieland gerüstet war, eine Geschichte der Sokratischen Schule zu verfassen. Arno Schmidt nimmt die Behauptung auf seine Kappe, der »Aristipp« sei der »einzige historische Roman« der deutschen Literatur. Zutrifft, daß Wieland in den griechischen Altertümern gut Bescheid weiß. Nicht zutrifft, daß ihm hierdurch Gattungserhebliches gelungen wäre.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Seine historischen Personen und Gegebenheiten sind weder genaue Nachahmungen derjenigen, die einstmals lebten oder sich begaben, noch sind sie genaue Anspielungen auf die Dinge der Jetzt-, will sagen der Entstehungszeit. »Aristipp« handelt in einem wunderlich verschwommenen Zwischenreich aus gewesener und seiender Wirklichkeit. Er ist weder ein Geschichts-, noch ein Schlüsselroman.

Was historische Literatur ist, lernt man bei Shakespeare. Er folgt seinen Gewährsleuten, dem Plutarch oder dem Holinshed, scheinbar Wort für Wort, so als ob er sie kaum bearbeitet habe; hierbei erreicht er, daß das entstandene Drama die elisabethanischen Läufte vollständig und mit äußerster Ähnlichkeit wiedergibt. Die Geschichte, wenn Kunst sie als Metapher einsetzt, ist das wie das: richtig als sie selbst und wahr, was die Gegenwart betrifft. Shakespeare ist Fleisch und ist Fisch. Dahn und Feuchtwanger, um Arno Schmidt zu entgegnen, sind beides. Wieland ist das eine nicht und nicht das andere.

Reemtsma verteidigt Wielands Stil. »Wieland schreibt lange Sätze«, teilt er mit, »aber keine langatmigen«. Kein Einspruch; der Stil ist an nichts schuld. Sobald es Wirklichkeit zu halten bekommt, ist Wielands Deutsch sehr gut. Ton und Stimmung des »Aristipp« sind von einer erlesenen Reinheit und Leichtigkeit des Geschmacks. Goethe lobt an ihm »das Zarte, Zierliche, Faßliche, das Natürlichelegante«. (Manchmal formuliert Goethe wie Thomas Mann, wenn er Goethe nachmacht.)

Auf diese langweilige Weise ist das Buch kein schlechter Zeitvertreib.

Wieland wird gelegentlich die eine oder andere Behauptung vortragen, der Sie nicht beifallen, aber nie eine, die Ihnen unangenehm ist. Man fühlt sich in seinem Dunstkreis immer wohl. Er ist vielleicht der sympathischste Autor aller Zeiten. Es ist unmöglich, ihn nicht gern zu haben. Leider ist es möglich, von ihm nicht gefesselt zu sein.

Ein Kunstwerk von der großen Gattung muß totalitär sein. Von ihm wird verlangt, daß es Totalität habe; es soll das Gesamt fassen, im Ernst groß sein. Der »Aristipp« läßt alle Philosophen der Welt philosophieren und alle Staatsvorkommnisse der Welt vorkommen — und wir greifen, wenn wir Gutes von ihm reden, zu Wörtern wie »überaus angenehm« und »klug« und »wohlgeraten«, Das sind nicht die Wörter, welche die Sprache für Höchstes bereitstellt. Da ist ein Unterschied zwischen einem Endlos-Feuilleton und einem Roman. Die Erscheinungshöhe, auf die der Stoff Anspruch erhebt, wird nicht durch Handlung beglaubigt.

Wielands »Aristipp«, will ich sagen, ist lang, nicht groß. Kommen wir auf Reemtsma.

Jan Philipp Reemtsma ist ein Philologe und verfügt folglich nicht über die Gabe, schlecht und gut in der Kunst auseinanderzuhalten, Es spricht für ihn, daß er sich dieses Unvermögens bewußt ist. Er hat auf Abhilfe gesonnen und beschlossen, sich allen Geschmacksurteilen von Arno Schmidt anzuschließen.

Damit hat er nun so viel Glück, wie er hat.

Arno Schmidts Urteile sind zur Hälfte begnadet, zur andern Hälfte toll und albern. Das Genie dieses großen Künstlers und unerschrockenen Autodidakten ist zu unerzogen, um zuverlässig beholfen zu sein. Zum Albernen an Arno Schmidts Wertungen gehört alles, was er über Goethe, und nicht wenig von dem, was er über Wieland sagt.

Ich erinnere an seinen Ausspruch über den »Aristipp« als unseren »einzigen historischen Roman«, im selben Atem versichert er noch, der »Aristipp« sei »der einzige ›Briefroman‹, den wir Deutschen besitzen, und mit Ehren vorzeigen können«. Auch das ist falsch. Er ist weder der einzige, noch der beste.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Und schließlich kann Schmidt sich gar nicht lassen über des »Aristipps« kunstvollen Aufbau. Er schwärmt vom »Fachwerk des großen Buches«, vom »Stahlskelett der Trägerkonstruktion«; er feiert Wieland als ungewürdigten »Berechner der äußeren Form«. Er gibt ihm hohe Titel, leider fehlt ihm dann der Platz, diese Titel zu begründen.

Reemtsma sagt das von der geschliffenen und kalkulierten Form auch. Er hätte den Platz, begründet es aber auch nicht.

Die Behauptung vom »einzigen Briefroman« begründet Schmidt. Reemtsma, wie ich sagte, schließt sich an. Schmidt kennt das »primitivste Kennzeichen eines Brief›wechsels‹«: »es müssen mindestens zwei gleichberechtigte Landschaften und zeitlich parallele Erlebnisreihen vorliegen!« Mir war nicht gegenwärtig, daß ein Roman aus Landschaften und Erlebnissen (»Gehirnvorgängen«) konstituiert ist; ich hätte vorgezogen, von Zweifaltigkeit zu reden, und hätte zu der die Mitwirkung der Post nicht gebraucht. Aber Schmidt beharrt auf seiner Bestimmung. Es gehe beim Briefroman, wiederholt er, um »zwei mächtige Landschafts- und Erlebnisgruppen«. Ich sage jetzt, worum es beim Briefroman geht.

Der Briefroman, das macht seine Gattungsschönheit, gibt den Romanpersonen Gelegenheit, ihre subjektive und meist irrige Sicht auf die Handlung vorzutragen. Höhepunkt ist gewöhnlich ein Auftritt, an welchem drei Leute — Spieler, Gegenspieler und Beobachter — das Vorgefallene auf unvereinbare Weise wahrgenommen haben und so zu Papier bringen. Es funktioniert wie im »Rashomon« — mit dem Unterschied, daß im Briefroman, nicht anders als im Drama, der Romanleser immer Bescheid weiß und immer klüger ist als der Briefleser.

So beschaffen sind Laclos’ »Gefährliche Liebschaften«. So beschaffen, wenn man es einheimisch will, ist das von Reemtsma so schnäppisch abgefertigte »Fräulein von Sternheim« unserer Bekannten La Roche. So nicht beschaffen ist der »Aristipp«.

Obgleich in Briefform verfaßt, bleibt der »Aristipp« unmißkennbar die Arbeit eines einzigen Gesamterzählers. Die Schreiber unterrichten einander wahrheitsgemäß und vertrauenswürdig über die Ereignisse, sind auch stets ziemlich einer Meinung. Ihr Äußerstes ist, daß sie gelegentlich eine Frage von bei den Seiten betrachten, so wie jeder leidlich aufgeweckte Mensch das täte, im Grunde sind sie austauschbar. Einmal ist in meiner Ausgabe eine Briefüberschrift verwechselt; ein Brief an Aristipp ist als Brief von Aristipp bezeichnet. Es schadet überhaupt nichts. Alle diese Briefe sind von Wieland an Wieland geschrieben. Es ist eine Korrespondenz Wielands mit sich selbst. Unter 142 Briefen ist nicht einer, der einen anderen bestreitet, so sehr geht alles aus einem Ton.

Es bedarf vielleicht einer gewissen schwer zugänglichen Leseerfahrung, bemerkt Reemtsma, »um die Polyphonie eines Romans wie des ›Aristipp‹ würdigen zu können«.

Anders als die ästhetischen sind Reemtsmas politische und philosophische Urteile ganz sein Eigentum. Um Wielands Schönheiten loben zu können, genügte, daß er ihn mißverstand. Um Wielands Politik und Philosophie loben zu können, muß Reemtsma Wieland ändern.

Aristipp nimmt an den öffentlichen Geschäften nicht teil. Zwar verfolgt er scharf hinblickend ihren Verlauf, aber er erweist ihnen nicht die Ehre, sein Herz an sie zu hängen; er begegnet dem Treiben der Parteien mit zergliedernder Wurstigkeit. Reemtsma nennt ihn richtig einen »politischen Unpolitischen«, ihm gefällt diese Haltung sehr, so auffallend sehr, daß man glauben könnte, Wieland sei unser Zeitgenosse und seine Haltungen gingen uns an.

Welche Gesellschaftszustände hatte Wieland im letzten Jahrdutzend von Frankreich vorgeführt bekommen? Den Absolutismus Ludwigs XVI. Den Sieg einer konterabsolutistischen Fronde, der zur Revolution führte. Die konstitutionelle Monarchie. Die demokratische Diktatur. Die liberale Oligarchie des Directoire. Die Tyrannis Bonapartes.

Zwei dieser Zustände hatten sich als nicht haltbar erwiesen: die Kleinbürgerherrschaft der Jakobiner und die Bourgeoisherrschaft der Direktorenrepublik. Alle anderen waren Mischzustände, bürgerlich-feudale Klassenkompromisse, nicht durchaus unähnlich dem, der in Deutschland auch bestand.

Der deutsche Absolutismus war vergleichsweise aufgeklärt. Es war mindestens so wichtig, das Erreichte nicht zu verschlechtern, wie es zu verbessern. Die französische Revolution ist dem deutschen. Absolutismus gegenüber nicht das Ganz-Andere. Keine unabweisbare Wer-wen-Frage erforderte ein Wer-wen-Denken.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ich versuche zu sagen, Politische Indolenz im Jahr 1800 ist eine andere Sache als politische Indolenz im Jahr 2000.

Wieland macht sich den Spaß, für Aristipps Vaterstadt Kyrene eine Verfassung auszudenken. Sie ist schlicht. Es gibt ein Oberhaus für den Adel und eine Volkskammer für die Bürger. Die Doppelherrschaft ist institutionalisiert; jemand muß sorgen, daß die Klassen das Gleichgewicht halten, hierfür ist ein Verfassungsausschuß vorgesehen. Die ersten zwei Vorsteher oder Konsuln tragen putzig-sinnige Namen. Es sind die Herren Demokles und Aristagoras.

Es ist auf Grundlage dieses Kuhhandels, daß Wieland tolerant war. Die richtige Klassenlage vorausgesetzt, sind ihm die Staatsformen gleichgültig, so wie sie Goethe, Hegel und meinem Freund Ascher gleichgültig sind. Einen rein bürgerlichen Staat würde er mit Mißtrauen betrachtet haben; (dem Bürgertum die Alleinmacht zu wünschen, war ja von den deutschen Dichtern allein Lessing instinktlos genug). Mit Groll betrachtet haben würde er eine Feudalmonarchie oder eine Adelsrepublik. Glücklicherweise waren diese Spielarten des Standestaats in Mitteleuropa obsolet.

Zwischen Bürgertum und Adel, das ist seit der Gotik, ist der Kompromiß die natürliche Weise des Zusammenlebens. Wieland zeigte in der Politik keinen Eifer, weil es nichts zu ereifern gab. Alles ging, wenn es nur ging. Für Varianten läßt man sich nicht hängen.

Aus der Tatsache, daß Wieland alles duldet, was geht, macht Reemtsma: Wieland duldet alles.

Nicht zum ersten Mal trage ich vor, daß Wieland hinsichtlich dessen, was ging, eine bestimmte Vorliebe hatte. Die Diktatur, meinte er, ist von allen Weisen des öffentlichen Pfuschs die am wenigsten pfuscherische. Seit 1798 war Wieland für Napoleon. Im »Aristipp« ist Wieland für Napoleon.

Da gibt es also die riesige Großstadt, die wir Griechen im Westen liegen haben, Syrakus; das Land, das sie beherrscht, ist Sizilien, Dort macht seit langem der Tyrann Dionysios seine Sache, und er macht seine Sache gut. Er rüstet endlich eine Flotte gegen den Dauerfeind Karthago, welches Sizilien seit hundert Jahren mit Überfällen von See behelligt.

Napoleons Landungsvorbereitungen gegen England in Boulogne fielen auf die Jahre 1801 bis 1803. Der »Aristipp« ist kein Schlüsselroman, aber selbst Reemtsma räumt ein, daß vom Ersten Konsul die Rede ist.

Die Frage, warum Wieland sich unter den antiken Philosophen ausgerechnet den Aristipp als Zweit-Ich aussuchte, der ihm so wenig ähnelt, und nicht beispielsweise den Demokrit, Leukipp, Epikur oder Lukrez, läßt eine überraschende Antwort zu: Weil Aristipp sein letztes Lebensdrittel am Hof des Dionys verbrachte. Aristipp war der Fürstenknecht, der, wie Diogenes ihn genannt haben soll, »königliche Hund«.

Ich kann und muß nicht nacherzählen, mit wie gespanntem Anteil der Roman ausgerechnet die »Syrakusischen und Sicilisehen Staatsverhältnisse« schildert, mit welchem Wohlwollen er ausgerechnet die Taten des »in Krieg und Frieden großen Fürsten«, des »sogenannten Tyrannen« Dionysios hersagt und mit welcher Ausführlichkeit der mögliche Nutzen ausgerechnet von Usurpatoren erwogen wird.

Platon gibt im »Staat« eine Rangordnung der Regierungsformen. Die allerbeste ist ihm ein ständisches Königtum. Am schlechten Ende der Liste steht als zweitschlechteste Regierungsform die Demokratie, als allerschlechteste die aus dieser notwendig hervorgehende Tyrannis. Wieland schmatzt vor Genuß, wenn er das berichtet. Ich schiebe ihm nichts unter, wenn ich meine, daß ihm genau diese Rangordnung sehr recht ist, wenn man sie auf die Füße stellt.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ein paar Seiten lang kriegt Reemtsma ordentlich Angst, Wieland könne in eine »Diktatur des Generals Bonaparte« eine »– wie immer irrende — Hoffnung« gesetzt haben. Aber es kommt dann so schlimm nicht. Die Gefahr geht vorüber, und zwar dadurch, daß neben den zweihundert Stellen für den Korsen auch zwei zu seinem Nachteil sich finden lassen.

Wieland ist kein Schleimer; er sagt über die Leute, denen er anhangt, nicht nur Gutes. Die vernünftigste Tyrannei bleibt eine Tyrannei. Es könne, sagt er beispielsweise, dem Tyrannen wohl zustoßen, daß er den Tyrannen etwas derber mit uns spielte, »als es unserer persönlichen Freyheit zuträglich seyn möchte«. Die Diktatur, sagt er, möge von ihm aus die ganze Welt überziehen, er selbst aber wolle dann lieber woanders wohnen.

Es ist Reemtsma ein bißchen peinlich, daß diese enorme Tyrannenschelte in einem Brief steht, der nicht vom Helden Aristipp unterzeichnet ist, sondern von dem Sophisten Hippias. Es muß ihm nicht peinlich sein. Alle Briefe sind von Wieland.

»Ich stehe nicht dafür«, faßt Wieland Hippias zusammen, »daß nicht auch einem Dionysius so etwas — tyrannisches — begegnen könnte«.

Und Reemtsma …

»Mit dieser Korrektur an Aristipps ›Es kommt auf die Verfassungen zum wenigsten an‹ kommt Wieland zum Endpunkt seiner politischen Schriftstellerei«, jubelt Reemtsma ganz erleichtert.

Wahrhaftig. Reemtsma ist fähig und legt aus und macht aus der einfachen Tatsache, daß Wieland weiß, was eine Tyrannei ist, folgende Unterstellung:

Wieland in seiner nachahmenswerten Indolens läßt alle Staatseinrichtungen gelten — ausgenommen die tyrannischen. Er hat sich, als herrsche in Christoph Martin Wielands Kopf keine minder grauenvolle Öde als in dem jener völkerbelehrenden Heideggerschülerin aus Princeton.

»Jede Regierung«, das schreibt nun Aristipp wirklich persönlich, ist »nur eine schwache Stellvertreterin der Vernunft, die in jedem Menschen regieren sollte«. Man könne, schreibt er, »nicht ernstlich genug daran arbeiten, die Menschen vernünftig und billig zu machen. Aber, wie die Machthaber hiervon überzeugen? Dies«, schreibt er, »ist noch immer das große unaufgelöste Problem. Wie kann man ihnen zumuten, daß sie mit Ernst und Eifer daran arbeiten sollen, sich selbst überflüssig zu machen?«

Diese Sätze aus dem ersten Viertel eines Romans, den Wieland mehr als zehn Jahre vor seinem Tod verfaßte, sind, stellt Reemtsma fest, »der Schlußpunkt, den Wieland am Ende einer fast ein halbes Jahrhundert währenden Tätigkeit als politischer Schriftsteller setzt.«

Ich fühle mich noch nicht richtig totgeschlagen, weder von dem Endpunkt, noch von dem Schlußpunkt.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Welchem Staatsmann, der seinen Verstand beisammen hat, wäre nicht an politischer Reife und sittlicher Bildung seiner Untertanen gelegen? Kein Mensch herrscht gern mehr, als er muß; ein unpoliziertes Staatsvolk ist ein großer Schrecken, und die Schuld an den sich nicht selber regierenden Völkern gibt, das weiß man doch, Wieland nie den Regierungen und allemal den Völkern. Aber Reemtsma redet mahnend und salbungsvoll, wie wenn die paar hingeworfenen Dialogrepliken Wielands politisches Testament wären und eine Antinomie von mindestens Kantischer Unerschütterlichkeit.

»Man bedenke«, so legt er es uns auf die Seele; »ob in diesem klassischen Einwand anarchistischer Provenienz gegen staatssozialistische Modelle nicht das Schicksal der Revolutionen des 20. Jahrhunderts in a nutshell« liege, nämlich, »der kurzfristige Erfolg ebendieser staatssozialistischen Modelle«.

Ich glaube nicht, daß Reemtsma den Lenin an dessen paar Haaren in den Kontext hereinzerrt, weil er bezweifelt, daß dem die nahe Zukunft gehört. Ich glaube, es verhält sich umgekehrt. Er tut es, denke ich, weil er es nicht bezweifelt.

Daß jedenfalls, weil »Machthaber« immer wieder einmal nicht selbstlos sind, der Sozialismus mit Notwendigkeit zu Grund gehen muß, war, wenn wir Reemtsma folgen, für Wieland abzusehen. (Streng genommen redet ja Wieland an dem fraglichen Ort noch nicht einmal über Napoleon. Er redet über die von ihm selbst entworfene kyrenische Mittelwegsverfassung und, erweiternd, über »alle bürgerlichen Gesellschaften«.)

Wielands Hellsichtigkeit ging bekanntlich so weit, daß er den Antritt Napoleons vorhersagte. Den Abtritt Napoleons hat er, soweit ich sehe, nicht vorhergesagt. Ist nicht ein Trost, daß er wenigstens über das Scheitern Ceausescus Bescheid wußte?

»Das«, erklärt Reemtsma, »ist keine unzulässige Aktualisierung«.

Das von der Politik. Was von der Philosophie?

Philosophen, sagte ich oben, kommen im Umfeld des Sokrates recht eigentlich nicht vor. Das ist es, wofür Reemtsma sich dem Sokrates verwandt weiß. Er hat selbst einen kleinen Popper im Knauf seines Spazierstocks.

Die Sokratiker sind lauter Dr. Hilfreichs, Streetworker, die sich um Natur und Gesellschaft, Logik und Erkenntnis erklärtermaßen nicht scheren und zufrieden sind, wenn sie sich und ihre Anhänger durch harte Zeiten so leidlich durchsteuern. Wieland läßt sie sein, was sie sind, gute Männer. Für den Alltagsgebrauch reicht der gesunde Verstand ja wirklich. Reemtsma, der sie alle ganz ernst nimmt, folgert aus Wielands Nachsicht, daß die Duldung und Neigung des Dichters einer Philosophie ebensowohl wie der anderen gehöre. Wie wenn überhaupt von Philosophie die Rede ginge.

Einem Philosophen indes gehört des Dichters Duldung und Neigung nicht, dem Platon. Platon ist Wieland/Aristipp ein Greuel. Die Abschweifung über Platons »Staat« zählt in ihrer vergifteten Sanftmut unter die großen Streitschriften unserer Literatur. Sie anerkennt, daß Platon, ungeachtet seines uneinladenden Denkstils und spitzfindigen Wesens, keineswegs dumm fragt, und daß er, wiewohl er immer tief tut, auf eine Weise doch immer auch tief ist. Nur gelegentlich läßt Wieland/Aristipp sich gehen und gibt zu verstehen, daß Platons Antworten natürlich insgesamt Quatsch sind.

Ich benutze für den Roman-Aristipp das gleichsetzende Wieland/Aristipp, auch Reemtsma verfährt so. Wir dürfen das. Es ist wirklich kein Spalt zwischen den Ansichten des Autors und denen seines Helden.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ich wollte aber, Reemtsma hätte sich aufgerafft, den Aristipp aus dem »Buch vom Ich« den Reemtsma/ Aristipp zu heißen. Vieles wäre klarer, wenn diese Unterscheidung gemacht wäre. Reemtsma läßt unseren liebenswürdigen Afrikaner Dinge denken, auf die er von Wielands wegen nie gekommen wäre.

Reemtsma/Aristipp nämlich wirft dem Platon nicht vor, daß seine Philosophie Quatsch ist, sondern daß sie Philosophie ist.

Reemtsma/Aristipp nämlich liebt an den Jungs des Sokrates, den Überlebensphilosophen von der idyllischen, elegischen und satirischen Sorte, eben das, was ihren Mangel ausmacht, daß sie nicht philosophieren können. Es gibt, verkündet er, gar keine Wissenschaft Philosophie. Es gibt nur Einzelwissenschaften. Eigentümlich philosophische Fragen, verkündet er, werden von keinem Gegenstand aufgeworfen, nur von den Philosophieprofessoren, die sich damit ihre Kolleggelder verdienen.

Ich wiederhole: nicht Wieland/Artstipp verkündet das alles. Ausschließlich Wielands Interpret schiebt es ihm in die Sandalen.

»Der Roman ›Aristipp‹ ist der Versuch zu zeigen, daß es keine Probleme gibt, die die besondere Eigenschaft haben, ›philosophisch‹ zu sein« (Reemtsma).

Aus Platons Phantasie vom »Philosophenkönig« wird — unter Reemtsmas, nicht Wielands Hand — der »herrscherliche Anspruch« der Philosophie. Reemtsma ist nicht nur ein Leugner alles Wissenkönnens. Er ist sogar ein Tadler alles Wissenwollens. Philosophie, sagt er, ist »im Grunde« Religion: ein »unnatürliches Trachten nach Gewißheit«.

Ich kann leben, ohne hierauf zu entgegnen. Es ist möglich, daß von den Denkschwierigkeiten der Philosophie nicht eine einzige besser als annäherungsweise gelöst ist, und es ist wahrscheinlich, daß die Behauptung, man habe die Lösung, oft schadet. Aber der größte Schaden auf dem Weg zur Menschwerdung ist Wissensverzicht.

Irgendwer sollte einmal einen Blick auf die Ergebnisse der Einzelwissenschaften werfen, etwa die vom Kosmos, vom Bewußtsein und von der Gesellschaft. Sind die weniger religiös? Oder weniger idiotisch? Ich versichere Ihnen: nur eine schier bedingungslose Hingabe. an die Philosophie kann uns vor dem Schwachsinn der Einzelwissenschaften retten.

Nun hat aber Reemtsma dem Text eine weitere verborgene Wahrheit entrissen. Mit dem Platon, offenbart er uns, meint Reemtsma/Aristipp den Kant. Am Kantschen System zeigt sich jener unerträgliche »Herrschaftsgestus der Philosophie«, den Aristipp von Kyrene, Christoph Martin Wieland und Jan Philipp Reemtsma so Arm in Arm in Arm bekämpfen.

Wir sehen ein, daß der Name Kant im alten Griechenland und also im »Aristipp« nicht auftauchen kann. Wir müssen Reemtsmas Wer-ist-wer-Behauptung, wenn sie zwar ein Fall von »literarischem Positivismus« ist, nach dem Prüfmaß prüfen, das wir haben, nach ihrer Beifallswürdigkeit, Annehmbarkeit und Gabe einzuleuchten.

Ich habe mich wohl schon verplappert. Sie leuchtet mir nicht ein.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Der Absolutismus ist die zeitweilige Synthese von Lehnswesen und Bürgertum. Kant ist die zeitweilige Synthese von Idealismus und Materialismus. So vollendete Kant den Überbau des aufgeklärten Absolutismus.

Darum und dann noch darum, weil er ein sehr gewissenhafter und genaudenkender Philosoph war, also eine große Leistung in dem Fach erbracht hat, von dem Reemtsma sagt, es gebe es nicht, ist die deutsche Philosophie durch Kant hindurchgegangen, so wie sie durch Adam Smith und die französische Revolution hindurchgegangen ist.

Wieland stand politisch eher links von Kant und philosophisch — als, sagen wir es ruhig mit Goethe, Mann Shaftesburys — eher hinter Kant. Es ist richtig, daß ihm Kants Denkart nicht besonders lag und daß er sich irgendwann sogar mit Herder gegen ihn zusammenrottete. Es ist ferner richtig, daß er den Platon verabscheute. Hieraus folgt nicht, daß sein Platon den Kant darstellt, jedenfalls nicht nach der Logik. Wenn Kant denn schon ein Idealist sein soll, aber sein Ding an sich hat mit einer Platonischen Idee so gut wie nichts zu tun.

Ein anderer Philosoph, den Wieland verabscheute, war Fichte. Die Übereinstimmungen zwischen Platons »Staat« und Fichtes »Reden an die deutsche Nation« liegen am Tag. Freilich sind Fichtes »Reden« erst von 1808, und Wieland hält sich, wie Reemtsma bemerkt, bei Platons politischen Dummheiten nicht sehr lang auf, weil sie die Jahre um 1800 noch kaum betrafen. Dieselben Dummheiten bei Meyern sind von 1787 bis 1791. Wieland, kann sich Reemtsma das nicht vorstellen, wußte, was zu seiner Zeit gedacht wurde.

Aber Reemtsma hat sich in den Kant verbissen. Er besteht darauf, daß der ganze »Aristipp« gegen Kant gehn muß. Warum? Weil sich Kant des Erzverbrechens schuldig gemacht hat anzunehmen, daß er im Recht sei.

Im Roman steht: Wieland/Aristipp hält eine Philosophie für nicht wahr, alle übrigen läßt er so hingehn.

Im »Buch vom Ich« steht: Reemtsma/Aristipp bekämpft den Wahrheitsanspruch der Philosophie als solcher und billigt das Nichtphilosophieren und will das Philosophieren aus der Welt.

»Philosophie als Lebensleistung, nicht als Denkleistung!« Diese Reemtsmasche Antithese ist schon schlagender ausgedrückt worden. »Das Ziel ist nichts, der Weg ist alles.«

So wie Wieland, wenn wir Reemtsma zu glauben vorhätten, schon ahnungsvoll den Sozialismus widerlegt hat, genau so hat er vorlaufend den Eduard Bernstein bestätigt. Ich bin gar nicht versessen darauf, dauernd mit dummen Scherzen zu dienen. Aber Reemtsma behandelt den Immanuel Kant wie einen Professor aus Kaliningrad.

Ich habe zu zeigen, daß Wielands Platon der Kant im Geringsten nicht ist.

Hören wir, was Wieland gegen Platon sagt. — Im Betreff der Kunst mißfällt ihm, daß dieser alle Gattungsrichtigkeit verfehlt. Ein Dialog habe seine Kunstregeln auch; der »Staat« hingegen sei ein unordentlicher Mischmasch von Unzusammengehörigem und »von einem auffallenden Mißverhältnis der Theile zum Ganzen« und »Überladung mit Nebensachen« nicht frei zu sprechen. Platon wolle Philosoph, Dichter und Redner zugleich sein; dieser »dreifache Charakter« verführe ihn, mit Analogien, Allegorien, Milesischen Märchen und all den »ammenhaften« Beimengungen zu arbeiten, die nun einmal ein — Gesamtkunstwerk so sprenkeln. Das Wort Gesamtkunstwerk fällt nicht. Es fällt uns nur ein. Das Unendliche mag Wieland als Ziel der Schönheit nicht nehmen. Wie kann, fragt er, schöngestalt sein, was unendlich ist?

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Im Betreff der Erkenntnis wirft er Platon vor, er habe seiner Bauchrednerpuppe, dem Sokrates, eine »subtile, schwärmerische, die Grenzen des Menschenverstandes überfliegende Philosophie« untergeschoben. »Unser Mystagoge«, so Wieland, erblicke die »neuentdeckte übersinnliche Sonne«, diejenige, die die rein geistigen Dinge erleuchtet. Sein heiliger Mann, der Universalmonarch, müsse sich »zum mystischen Anschauen des Unwesens aller Wesen erheben«.

Im Betreff der Politik endlich erzählt er, wie, dem Platon nach, die Klassen verschiedenwertig geboren seien, von »ungleichartigem Metall« nämlich, oder wie vielmehr die Behauptung aufgestellt und vermöge von Propaganda durchgesetzt werden müsse, sie seien es. Diese Theorie der Klassen als Geburtsstunde referiert Wieland mit Sorgfalt: Die Ungleichheit der Legierung ist nicht wahr, und demzutrotz denknotwendig. Die Zucht der jungen Brut erfolgt nach Art der Tierzucht; die Weiber wachsen männisch auf; Hauptsubordinierungshilfen sind Musik und Turnen. Der Dialog vom »Staat« läuft auf eine Begriffsbestimmung der Gerechtigkeit hinaus. Gerechtigkeit ist die ewige Dauer der ständischen Privilegien; das Mittel, das sie befestigt, ist die spartanisch-archaische Zwangserziehung.

Alle letzten Fragen aber werden nicht von der Philosophie entschieden, sondern von »den Priestern des Tempels zu Delphi«. Dieser Tempel untersteht Sparta, und kein Schelm, wer hier an Rom denkt.

Wer also soll mit dieser Wielandschen Beschreibung beschrieben sein?

Kant? Das ist, erstens, in jeder Faser das Gegenteil von Kant. Das ist zweitens das genaue Programm des »Athenäum«. — (Es geschah in demselben Jahr 1800, in dem Wieland den Platon auf so erledigende Weise drosch, daß Friedrich Schlegel Friedrich Schleiermacher beschwatzte, den Deutschen eine Übersetzung dieses Denkers vorzulegen).

Das »Athenäum«, die Zeitung der Schlegels, war seit 1798 erschienen und hatte sich bis 1800 geschleppt. Eine erklärte Absicht des »Athenäums« war die Auslöschung Wielands. Auch Wieland wollte der Romantik nicht nur wohl.

Sein Roman, gedruckt 1800 bis 1802, ist vom alleraktuellsten Bedürfnis.

Noch aktueller kann ein Roman auf seine Gegenwart nicht erwidern. Der »Aristipp« ist — auf seine salonmäßige, ja geckenhafte Weise unerbittlich ein Roman fürs Konsulat und gegen das »Athenäum«. Ich kann sehr wohl kurz sein, wenn Reemtsma mich ließe.

Daß diesem aufregenden Buch der Schlußteil fehlt, ist bedauerlich. Warum er fehlt, wollen die Gelehrten nicht begründen. Manche sagen, Wieland sei das verlorene Osmannstedt abgegangen, so als habe er in Weimar und in Tiefurt nicht ganz Ansehnliches zustande gebracht; auch habe ihn sonstiger Kummer betroffen. Ferner habe ihn der matte Widerhall der erschienenen Bände entmutigt. Warum übrigens war der Widerhall eines der besten Bücher eines Bestsellerautors matt?

Ich teile Reemtsmas Vermutung, daß ausgerechnet der Band, der mangelt, die Hauptsache enthalten hätte. Nicht einig sind wir darüber, was die Hauptsache sei. Ich weise einfach auf Gegenstände hin, die mit Sicherheit in ihm hätten müssen gestanden haben.

Aristipp wäre auf sein letztes Lebensdrittel in syrakusische, also französische Dienste getreten. Auch Platon wäre zum Dionys hingeeilt und aber abgeblitzt (hierin merkwürdig ähnlich dem Friedrich Schlegel und wie es dem mit dem Ersten Konsul erging).

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Aristipps Tochter Arete wäre herangereift und ihm als Kopf der kyrenischen Philosophen gefolgt. In der vorliegenden Romanfassung fällt Aretes Name — zum einzigen Mal, glaub ich — im vorletzten Satz. Aber diese Philosophin war so sehr keine Lais und so sehr eine arbeitende Person, daß das ihr nachfolgende Schulhaupt, ihr Sohn Aristipp, der Metrodidakt hieß, der Mutterlehrling.

Neben Dionysios II hätte eine andere Figuration Bonapartes sich abgezeichnet, Alexander von Makedonien. Von diesem Ausländer wird schon im unvollendeten Roman vorhergesagt, daß er die griechische Einheit ins Werk setzen und der Stadt Athen die Hoffnung eröffnen werde, einem Großreich einverleibt zu werden und durch diese Verumständung die Kulturhauptstadt zu bleiben. Die Vorhersage macht Wieland gut ein Jahr vor Hegel, sieben Jahre vor Ascher. Zusammen mit Alexander wäre der erste richtige Philosoph im Buch aufgetaucht, Aristoteles; der Erfinder des Anspruchs auf ein umfassendes philosophisches System.

Wahrscheinlich war sich Wieland nicht darüber klar, daß Hegel eben im Jahr 1801 in Jena anreiste, um eben diese Stelle einzunehmen, und daß sein Roman-Aristoteles nicht umhin würde gekonnt haben, den Hegel zu bedeuten. Aber diese drei Zutaten, Leben mit Bonaparte, eine mündige Frau und ein umfassender realistischer Denker hätten die Probe aufs antiromantische Exempel aushalten müssen, beim Dichter ebensowohl wie bei seinen Lesern. — Nichts, schließlich, verschreckt eine Zeit an einem Kunstwerk so wie Zeitnähe.

Wieland hatte sich schon mit den herausgekommenen, eher idyllischen und verspielten Bänden nichts als Ärger eingehandelt. Es gibt ein Alter, in dem auch stolze Menschen die Lust verlieren, sich hassen zu lassen.

Reemtsma läßt mich nicht kurz sein. Sie haben sich sicher schon gefragt, weshalb seine »Aristipp«-Auslegung den Titel »Das Buch vom Ich« trägt. Ich sage es Ihnen; denn Sie würden nicht drauf kommen.

Wieland, sagt Reemtsma, ist ein »radikaler Nominalist«, welcher weiß, daß es an der Welt nichts zu erkennen gibt als die Oberfläche. Er gehört (ebenso wie übrigens Shakespeare) in die seit jeher Recht habende Elite derer, die nichts für wahr und nichts für wirklich halten: in die »moderne Traditionslinie« der Anpassler ohne festen Standpunkt.

Wer aber kein Objekt hat, der hat, das soll aus dem folgen, ein Subjekt.

Der »Aristipp« ist das »Buch vom Ich«, weil er das Buch von der Weltlosigkeit ist.

Stimmen Sie mir bei, wenn ich die Art Überlegungen uninteressant finde?

Boten, die Unheil bringen, werden geköpft, und Berichterstatter, die Langweiliges melden, gelten für langweilig. Ich habe für beides volles Verständnis. Ich hätte über Jan Philipp Reemtsma und sein »Buch vom Ich« lieber nicht geschrieben.

Reemtsma hätte ohne weiteres seine Ruhe vor mir haben können. Aber aus einem bestimmten Grund, den wir an dieser Stelle noch nicht angeben können, mag er sich mit dem verdeckten Kampf gegen Wieland und das Menschengeschlecht nicht begnügen. Er steigert sich zu einer gleichsam paradoxen Langweile, einer Langweile, welche wütend und offensiv und nunmehr in der Tat unleidlich ist. Er erfrecht sich gegen Goethe.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Beispielsweise spricht er von »dem traurig niedrigen Verhalten Goethes bei der Inszenierung des ›Zerbrochenen Kruges‹«. Kein Wort hiervon stimmt, und nichts hieran gehört zum »Artstipp« oder in dessen Zusammenhang. Warum schreibt Reemtsma es hin? Ist es ihm nur zugestoßen, und er bereut es schon? Ist es Sensationsmacherei? Verlangt ihn nach Strafe? Wir werden sehen. Von vorn.

Goethe hat Wieland bei den Weimarischen Freimaurern die Totenrede gehalten. Sie gibt dem Verstorbenen seine Würdigung und seinen Ruhm. Es ist nicht möglich, sich über einen kleineren Zeitgenossen, den man hinter sich gelassen hat, gerechter und freundschaftlicher zu äußern, als Goethe über Wieland hat.

Die Weimarischen Freimaurer hatten die Wahl. Sie hätten auch einen anderen Redner nehmen können, irgendeinen Angestellten des Herzogs von Otranto oder des Herzogs von Rovigo, der ihnen gern würde bestätigt haben, der größte Dichter der Deutschen sei von ihnen gegangen. Von Goethe war nichts zu erhalten als die in aller Behutsamkeit endgültige und nie mehr umstößliche Einschätzung des zur Rede Stehenden. Besonnene Männer, die sie waren, hatten sie Goethe gewählt, — Goethe, sagt Reemtsma unerwarteter Weise, hat Wieland ermordet. Schauplatz des Verbrechens ist Wielands Sarg. Goethes Rede, sagt Reemtsma, ist »der Versuch eines Mordes übers Grab hinaus«.

Man kann das ja sagen. Man kann das nicht sagen, ohne Goethes Rede zu fälschen.

Goethe über Wieland, hoch ehrend: Er »hat sein Zeitalter sich zugebildet«. Reemtsma liest den Satz um in: Wieland war »ein Kind seiner Zeit«. Aus einem Urheber seiner Epoche macht Reemtsma (nicht Goethe) einen an seine Epoche Gefesselten. Kann man eine Aussage gegenteiliger lesen?

Goethe über Wieland, hoch ehrend: »Der geistreiche Mann spielte gern mit seinen Meinungen, aber niemals mit seinen Gesinnungen«. Reemtsma übersetzt: »Er mag geschrieben haben, was er will, doch war er im Grunde doch ein anständiger Kerl«. Wieland war, soll Goethe gesagt haben, vielmeinend, aber stets wohlmeinend.

Es verhält sich nur so, daß das Wort Gesinnung das Wort Meinung in ganz anderer Weise überschreitet, als Reemtsma ahnt. »Meinung«, aber das weiß er nicht, ist unter Gesitteten ein sehr abschätziges Wort; es ist das, wozu man in der von Reemtsma bewohnten Gesellschaft die Freiheit hat. »Gesinnung« bedeutet hiergegen so etwas wie geprüfte Grundsätze und Ansprüche an die Welt, an denen man festhält. »Gesinnung«, aber Reemtsma weiß es nicht, ist unter Gesitteten ein sehr hochkarätiges Wort. Ich zitiere.

Hegel (Geschichtsphilosophie): »Von Robespierre wurde das Prinzip der Tugend als das höchste aufgestellt, und man kann sagen, es sei diesem Menschen mit der Tugend ernst gewesen. Die Tugend ist hier ein einfaches Prinzip und unterscheidet nur solche, die in der Gesinnung sind, und solche, die es nicht sind. Die Gesinnung aber kann nur von der Gesinnung erkannt und beurteilt werden. Es herrscht somit der Verdacht«. Und: »Diese subjektive Tugend, die bloß von der Gesinnung aus regiert, bringt die fürchterlichste Tyrannei mit sich«.

Aber Goethe sagt, sagt Reemtsma, daß Wieland ein gutmütiger Opa war.

In Wahrheit redet Goethe von seiner und Wielands Parteilichkeit. Wieland war »für« die Revolution, Goethe »gegen« sie, und es gab in der Sache zwischen ihnen nie einen Streitpunkt. Die Gesinnung stimmte.

Es gab (ungefähr zu der Zeit, als Wieland am »Aristipp« schrieb) zwischen Goethe und Wieland Konflikte, solche, wie sie sich zwischen Künstlern von unterschiedlichem Rang ergeben. Der weniger Gute, auch wenn er so hochherzig fühlt wie Wieland, wird gelegentlich zänkisch. Wielands junge Männer konnten nicht immer den Schnabel halten. Der Goethe-Neider Herder und die Goethe-Schmeißfliege Kotzebue wurden von Wieland nicht immer streng genug zurückgewiesen, übrigens auch umgekehrt die Wieland-Heißer Schlegel von Goethe nicht. Es gab zu keiner Zeit einen Konflikt über das Weltwesen. Es gab ihn schon überhaupt nicht im Jahr 1813, als der eine Ritter der Ehrenlegion dem anderen Ritter der Ehrenlegion die Logenrede hielt.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Goethe sprach über Wieland so angemessen, wie die Klassik über die Aufklärung, deren größergewachsenes Kind sie ist, äußersten und freundwilligsten Falls sprechen kann. Heines Nachruf auf Nicolai klingt viel schnöder, ist aber genau so liebevoll. Unsere Klassiker sind keine Vatermörder. Sie stehen im Widerspruch zur Aufklärung insofern, als der Höhepunkt einer Sache im Widerspruch zu deren gewöhnlicher Seinsweise einmal stehen muß. Sie machen den Sprung, der sie von der Aufklärung trennt, deutlich und nehmen sie im übrigen gegen die gemeinsame Krätze, die Romantik, in Schutz.

Aber Reemtsma schmollt und läßt sich nicht mildstimmen.

Er nennt Goethes Achtungsbezeugung »eine erfolgreiche Strategie«, Wieland »aus dem literarischen Kanon auszuschließen« — jenem Kanon, der zu Reemtsmas aufrichtiger Verwunderung »um die Zentralfigur Goethes komponiert war«.

Wie alle Gleichmacher stellt Reemtsma sich duldsam, wie wenn es die anderen wären, die händelsüchtig sind. Er behauptet, Goethe habe angefangen. Er wälzt nun den von Goethe »vor Wielands Gruft gewälzten« Stein weg. Und aus der Gruft kommt: ein Schönerer als Goethe.

Der von Goethe uns aufgezwungene Kanon der deutschen Literatur nämlich, wenn wir Reemtsma folgen, hat unlängst endlich seine »Akzeptanz verloren«. Er hat zu gelten aufgehört, und zwar vermöge eines »Paradigmenwechsels«.

Goethe ist uns »ferne gerückt«, und »um das Maß seines Fernerwerdens« sind uns »interessanterweise Lessing, Wieland, Moritz, Hippel, Heinse nähergekommen«. Zum Verständnis erfreut uns Reemtsma mit einer Anekdote.

Einer namens Otto Conradi, erzählt er, habe die Meinung vertreten, man könne Germanist sein, ohne den »Faust« zu kennen; Marcel Reich-Ranicki habe sich hierüber sehr erregt. Auch er selbst, Reemtsma, beteuert er, ziehe solche vor, die den »Faust« gelesen haben. Andererseits wieder, gibt er zu bedenken, habe jener Conradi das Nichtlesen des »Faust« ja nicht gebilligt; er habe nur unverkrampft geschildert, was ist: den staugehabten Paradigmenwechsel eben. Das Reden von einer goethelosen Germanistik nennt Reemtsma »unverkrampft«.

(»Unverkrampft«! — nicht »unverfroren«).

Das Wort Paradigmen heißt was wie Leitwerte oder Rangmuster. Es gab eine Zeit, wo wir für dieselbe Sache ganz verständlich »Maßstäbe« oder »Maßgaben« sagten. Das Wort ist durch und durch Katheder, durch und durch Szene: eins jener pseudoakademischen Insiderwörter, die nicht zufällig an solchen Stellen gehäuft auftreten, deren Inhalt klar auszusprechen peinlich wäre. Nicht Goethe soll Vorbild sein, sondern Hippel? Wie klänge denn das?

Natürlich ändern sich die Musterhaftigkeiten in den Künsten, sind sie erst einmal festgestellt, nicht mehr. Ein Kunstwerk, das gut ist, bleibt gut.

Was mit den wechselnden Gesellschaftsformationen wechselt, ist höchstens noch, wie gut es begriffen wird.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ich frage mich, was unsere Autoren des 18. Jahrhunderts dem Reemtsma bloß zuleid getan haben. Ich habe doch wirklich nichts gegen Hippel. Er steht bei mir in einer Reihe mit Lawrence Sterne und Jean Paul unter den Dichtern, die ich nicht lesen kann. Was soll er nun sein? Ein gewechseltes Paradigma? Ein neues Muster? Mehr als Goethe?

Ich bitte alle Leser ausdrücklich: Lassen Sie sich durch derlei Narrheiten nicht verstören. Fahren Sie fort, Wieland hochzuhalten, behalten Sie Ehrfurcht, Wieland ist ein Klassiker zweiter Ordnung, aber ja doch ein Klassiker. Die Lusche, als die Reemtsma ihn hinstellt, ist er nicht. Er hat nicht verdient, nach Reemtsmas Bilde gelobt zu sein.

Wenn Sie einmal ein Bedürfnis nach spastischen Witzen haben, lesen Sie ruhig auch Hippel.

Reemtsma bedient sich auf diesen entsetzlichen Seiten 173 und 174 einer absichtsvollen Undeutlichkeit, die etwas Advokatisches hat. Er will, das meint man zu verstehen, Wieland nicht unter Goethe gestellt, aber doch auch nicht ausdrücklich über Goethe. Wohin will er ihn? Er will ihn, so verrückt ist er, statt Goethe. Ich stelle meine oben angekündigte Frage jetzt. Was hat der Mann?

Ist es nur die unbewußte Hinneigung des Philisters zum Nichtgroßen? Ist es nur die Wissenschaft der Dilettantik und Mediokrologie, in Richtung derer die Philologie die Ästhetik instinktiv immer hinrückt? Ich meine, es ist viel weniger unbewußt und keine Sache von Instinkten. Es ist nicht Psychologie, sondern Politik, und ist angeordnet.

Balzac sagt von der Restaurationszeit: »Es gab damals nur zwei Parteien, die Royalisten und die Liberalen, die Romantiker und die Klassiker, der gleiche Haß in zwei Formen.«

Es gibt auch heute »nur zwei Parteien«, die des Imperialismus und die des Sozialismus (und der Satz würde auch an dem Tag nicht aufhören, wahr zu sein, an welchem China, Kuba, Vietnam und Nordkorea ins Meer gesprengt oder der Weltbank unterstellt wären). Es gibt den »gleichen Haß« in einer zweiten Form, als der Haß zwischen der Partei gegen und der für Goethe.

Noch immer ist es die Klassik, die für den Fortschritt steht. Man kann das als eine reine Verabredung begreifen; man muß das aus keiner tieferen Ursache herleiten als das heraldische Bild, das auf einer Standarte gemalt ist. Man kann es geistesgeschichtlich begreifen. Wer Goethe sagt, muß Hegel sagen, und wer Hegel sagt, sagt Marx. Wahrscheinlich ist die Wahl des Feldzeichens beides, zugleich beliebig und eine Frage des Inhalts; wir reden ja vom Schlachtfeld Poesie.

Wie anders als feindlich soll sich der Imperialismus, bankrott und übellaunig, wie er dasteht, gegen den Goetheschen Willen verhalten, die Welt in ihrer Ganzheit zu erkennen und im Kunstwerk zu packen? Der Begriff des Gelingens ist ein antiimperialistischer Begriff. »Bin einer der letzten, vielleicht der letzte, der überhaupt weiß, was ein Werk ist«, schrieb Thomas Mann in sein Tagebuch, während er sich zu seiner zweiten Emigration entschloß, der aus Amerika, wo diese Reemtsmaschen Gedanken alle ausgedacht werden.

Des Politischen Philologen Reemtsma kleine Besonderheit ist darin zu finden, daß es bei ihm nicht, wie sonst, die Romantik ist, die gegen Goethe ins Feld muß, sondern, für Vernunftfreunde, die Aufklärung. Die Aufklärung, dies des Politischen Philologen kopernikanische Entdeckung, war gar nicht so vernünftig, wie Verleumder ihr nachreden. Wieland wird so ausnahmsweise nicht totgetadelt, sondern totgerühmt, das halte ich für keine Verbesserung. Ich denke nicht, daß Reemtsma besser als Beuys ist.

Das »Buch vom Ich« ist flüssig geschrieben. Der Autor besitzt Kenntnisse. Er hat Wieland mit Sorgfalt gelesen und hat über das, was er uns anmutet, nachgedacht. Er ist, wo Redlichkeit seine Zwecke nicht stört, redlich. Ich will mich nicht mit Lob aufhalten. Ich rede von Dingen, die mir mißfallen, ich rede von Langweile.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Die Langweiligkeit des Aristipp von Kyrene ist nahezu kindhaft; in jenen Tagen war noch die Verdorbenheit unschuldig.

Die Langweiligkeit Wielands ist ein noble ennui. Die Langweiligkeit Reemtsmas ist ein hanebüchener Ennui.

Hanebüchen ist der pyrrhonisch-menschewistische Denkplunder. Hanebüchen ist das Ausspielen ausgerechnet Wielands gegen alles Zusammenhängende, Behauptende, Realistische, die Schöpfung eines Paradigmas oder anleitenden Gespensts mit Namen Christoph Martin Wittgenstein.

Die Aufmerksamkeit, die ich ihm widme, beweist, daß das »Buch vom Ich« mich geärgert hat. Aber es allein hätte noch nicht vermocht, mich von meiner Arbeit abzuziehen.

Ein Mensch kann einen Menschen nur langweilen, wenn er die Macht hat, ihn zu langweilen. Die Macht hat Reemtsma bei Haffmans nicht. Es ist gleichgültig, wie langweilig die Bücher sind, die Reemtsma schreibt, weil keiner sie liest, der nicht dafür bezahlt wird. Ich vermute, die zwei einzigen Personen, die den Anti-»Aristipp« aus freiem Willen kennen, sind Reemtsma und ich. Sehr viel bedrohlicher breit macht er sich in der Zeitschrift »konkret«, jener Zeitschrift, die einmal für die Deutschen wichtig war.

Bis zu einem Grade ist sie es noch. Aber seit einigen Jahren finde ich ihre Seiten überzogen mit diesem fußkranken und wegmüden Denken, diesem Esprit von Nullhaftigkeit und Nihilism, diesem Charisma von Langweile — ganz ähnlich wie das Haus Usher mit seinem »zarten Mauerschwamm«, der ihm »als feines verworrenes Gespinst« über die Dachrinne hängt. »Irgendwie«, vermerkt Poe, schien hier »ein krasser Widerspruch zwischen der immer noch lückenlosen Oberfläche und der bröckligen Beschaffenheit des Einzelsteines« vorzuliegen; »außer dieser einen Andeutung auf weitgehenden Verfall jedoch wies der Bau kaum Male beginnender Zerstörung auf«.

Ich will ausdrücken: Jan Philipp Reemtsmas Zotten hängen Hermann L. Gremliza über die Dachrinne.

Ich ersuche die Verantwortlichen von »konkret«, sich zu erinnern, wie bald für das Haus Usher der Augenblick, »als die mächtigen Mauern zerbarsten«, auf den Pilzbefall folgte. »Da scholl ein langer verworrener Donnerruf, wie die Stimme von tausend Wassern, und der unergründliche dunkle Teich zu meinen Füßen schloß sich schweigend und finster über den Trümmern der Zeitschrift ›konkret‹«, ich rufe mich zur Ordnung: »den Trümmern des Hauses Usher«.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014

Bilder: Nikolai Endegor: Live Marble, 2014,
die komplette Serie mit mythologischen Erklärungen auf LensCulture und LiveJournal.
Die Motive III und XX fehlen, dafür haben VIII, XI, XIV, XVIII und XXII je eine zusätzliche Version.

Soundtrack: John Cale: Lazy Day, 2020:

Written by Wolf

26. Februar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Uns eine Drehorgel kaufen und unsere eigene Geschichte auf eine Leinwand malen lassen und ein Lied davon machen und es absingen auf allen Gassen des Vaterlandes!

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Update zu So mochte mir und dir, die wir nicht zu den Überschwenglichen
gehören, das Mädchen eben ganz recht sein.
,
Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten,
wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen

und Blumenstück 003: Holdselige Ranunkel:

Wilhelm Raabe war mein Versuch, etwas noch Langweiligeres als Adalbert Stifter zu lesen. Dem Namen und dem Ruf als exemplarischer Großlangweiler nach kannte ich den von Kindheit an und bin seitdem immer wieder um seine nie ganz zufriedenstellenden Gesamtausgaben herumgestrichen, wollte aber nie etwas lesen, das Die Chronik der Sperlingsgasse oder Der Schüdderump heißt, für einen Abu Telfan war ich noch von Karl May mit Orientgeschichten überversorgt; allein auf Stopfkuchen war ich nach einer ausführlichen, überzeugenden Rezension in einem Feuilleton meines Vertrauens ernsthaft neugierig.

Der Versuch mit der Langeweile war zwecklos: Abu Telfan ist alles mögliche, nur keine Orientgeschichte, und erinnert viel eher an Jean Paul mit gestraffter Handlung als an Stifters mineralisierte Prosabarbiturate. Das eigentlich hochmoderne Setting ist die Rückkehr eines elf Jahre lang — eben im sudanesischen Abu Telfan — Verschollenen in die spießbürgerliche Heimat, in der er keinen Platz mehr findet. Es ist ungefähr ein ausgehendes Biedermeier, das schon selbstironisch zu seiner eigenen Parodie wird, mit der Lebensnähe des späten Ludwig Tieck, wenn nicht gar schon Theodor Fontane.

Mit seiner Nikola von Einstein erwischt Wilhelm Raabe eine der plastischsten und glaubwürdigsten Frauengestalten überhaupt. Mit ihren zarten 27 Jahren muss sie sich von der eigenen Mutter als alte Jungfer verunglimpfen lassen, kann dem nicht einmal widersprechen — aber „immer noch“ in Schrift und Rede brillant sein. Im Laufe des Romans macht ihre Charakterisierung eine Wandlung ins Gegenteil durch; so ein literarischer Kniff war eigentlich erst postmodern bei T. C. Boyle dran.

Alexandra Bochkareva

——— Wilhelm Raabe:

Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge

Eduard Hallberger, Stuttgart 1867, Sechstes Kapitel:

Es war auch die letzte Fest- und Jubelnacht der Maikäfer, deren es in diesem gesegneten Jahre eine erkleckliche Anzahl gegeben hatte. Sie schienen zu wissen, daß ihre Zeit nunmehr um sei, hatten sich zum letztenmal im Tau und Duft der Nacht berauscht und schwärmten in nicht unberechtigtem Leichtsinn in die Unsterblichkeit hinüber. Sie summten durch die Luft und umtanzten Busch und Baum; in ihrer Trunkenheit gaben sie nicht im geringsten acht auf ihre Wege und flogen dem schier ebenso berauschten Leonhard gegen die Nase oder hingen sich ihm in Haar und Bart.

Alexandra Bochkareva„Hallo, Gesindel“, rief er, „seid ihr auch da? Recht so, hussa, tummelt euch, nehmt die Stunde, wie sie euch gegeben wird – lustig, lustig, surr, surr, so ist’s recht, und morgen ist’s doch vorbei. Beim Berge Kaf, vivat der Vetter Wassertreter!“

Er lachte abermals hellauf, brach aber schnell horchend ab. Seine wilde Lustigkeit hatte ein melodischeres Echo hinter den Büschen gefunden; ein lockiges Haupt erhob sich über die Hecke – der Genius dieser Mondscheinnacht des letzten Mais hätte sich nicht neckischer und vorteilhafter verkörpern können:

Fräulein Nikola von Einstein – siebenundzwanzig Jahre alt – Hofdame Ihrer Hoheit der Prinzeß Marianne – unverheiratet – – – ach! –

„Er ist es, Lina“, sagte das Fräulein, „nun weine nicht länger, Närrchen; er sieht keineswegs aus, als ob er mit Selbstmordgedanken umgehe; tröste dich, Herz, einer geknickten Lilie gleicht er noch lange nicht; guten Abend, unsträflicher Herr Äthiopier.“

Sie reichte dem Afrikaner die Hand über das Gezweig und rief:

„O Gott, wie indiskret! Aber auch welch ein Abend für alle Indiskretionen! Es freut mich in der Tat, Sie so heiter zu sehen, Herr Hagebucher; hier hab ich mit dem Schwesterchen in großer Sorge um Sie gesessen. Ist es zu indiskret, wenn ich Sie frage, was für einen Grund Ihnen die Welt für Ihre Heiterkeit seit Mondenaufgang gab?“

„Hören Sie, junge Dame“, sagte Leonhard, „man kann aus der Gefangenschaft bei den Heiden recht schwache Nerven heimbringen. Bedenken Sie, daß ich an solches allerliebste Auffahren aus Hagedorn und Heckenrosen durchaus nicht gewöhnt bin. Fühlen Sie meinen Puls.“

„Nein, nein, ich danke und glaube Ihnen auf Ihr Wort!“ lachte Nikola. „Aber dies ist die Grenze Von meines Onkels Reich, und das Recht, hier herüberzugucken, lasse ich mir nicht nehmen.“

„Ich auch nicht“, sprach der Afrikaner, sich Vorbeugend. „Lina, wo steckst du denn?“

Alexandra Bochkareva„Hier!“ klang weinerlich die Stimme des Schwesterchens, das auf der Bank saß, auf welcher das Hoffräulein stand. „Ach, Leonhard, ich bin so betrübt um dich, und ich habe mich so geärgert. O Gott, o Gott, laß mich mit dir wieder in die weite Welt laufen; wir wollen zusammenhalten, Leonhard, und die Mutter, weiß ich, wird auch zu uns stehen, und der Vater meint’s gewiß nicht so bös, und was geht uns die Tante Schnödler und das übrige alberne Volk an! O Gott, o Gott, wie habe ich mich geärgert –“

„Jaja, Herr Leonhard Hagebucher, und da ist sie hergelaufen und hat sich mir in die Arme gestürzt, grad als ich mit dem Haarbesen auf die Fledermausjagd gehen wollte. Nun weiß ich alles, was das Konzil gebrütet hat, und rate Ihnen recht sehr, doch ja Ihr Bestes zu bedenken und so schnell als möglich Ratsschreiber zu Nippenburg zu werden. Warten Sie, ich kenne zehn Schritte weiter abwärts ein Loch in der Hecke – komm, Lina.“

Das schöne Haupt der Sprecherin tauchte unter, zwei Sprünge brachten den Afrikaner zu dem besagten Loch; es rauschte im Gebüsch, ein schlaftrunkenes Vogelpärchen flatterte, aus dem schönsten Traum der Sommernacht geweckt, auf; mit dem Schwesterchen wand sich Fräulein Nikola von Einstein durch das Gezweig. Die drei standen auf dem schmalen Pfade nebeneinander, und Lina umschlang den Bruder und schluchzte:

„Sei nur still, sei nur ruhig; ich halte gewiß bei dir aus! Fürchte dich nicht, wir wollen, ja, wir wollen –“

Alexandra Bochkareva„Uns eine Drehorgel kaufen und unsere eigene Geschichte auf eine Leinwand malen lassen und ein Lied davon machen und es absingen auf allen Gassen des Vaterlandes!“ schloß das Hoffräulein den Satz. „Lustig, wir wollen unsere Sparbüchsen zusammenschütten, um die ersten Auslagen dieser Unternehmung zu decken. Vivat! Vivat! Herbei aus den Büschen, Oberon und Titania, Puck, Bohnenblüt, Spinnweb, Motte und Senfsamen! Herbei, ihr Elfen, zur Ratsversammlung; auch wir können unsere Köpfe zusammenstecken, auch wir können die Finger an die Nase legen. Laßt den Onkel Wassertreter aus der Schenke zum Goldenen Rad kommen, auf daß der Rat vollständig sei; – ich stimme für den Leierkasten und erbiete mich, das Orgellied in Musik zu setzen.“

Wie flüssiges Silber rann der Mondenschein durch die Natur, und in vollen Zügen atmete Leonhard den Zauber und das Leben dieser hellen Nacht ein. Es war wie eine Verzückung über ihn gekommen: er hätte sich die Seiten halten und immer lauter hinauslachen mögen; es war wie der Rausch eines Opiumessers, und er wußte es und wunderte sich im Innersten seiner vernünftigen Seele selbst über seinen Zustand. Vielleicht würde es ihm sehr wohlgetan haben, wenn er sich eine Viertelstunde lang auf den Kopf gestellt hätte, um in solcher Weise den Überschuß seiner Heiterkeit loszuwerden. Die Figuren, Gruppen, Meinungen und Vorgänge des Tages schlugen auf das närrischste Purzelbäume vor ihm; das Gleichgewicht aber stellte Fräulein Nikola von Einstein her, da sich Herr Leonhard Hagebucher nicht auf den Kopf stellte wie ein Baggaraneger oder sonst ein Exaltado aus dem Tumurkielande. Sie – Fräulein Nikola – legte ihm jetzt die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst:

Alexandra Bochkareva„Armer Freund, wir sollten eigentlich doch nicht so lachen, zumal bei diesem dummen Mondlicht. Am hellen Tage, im Sonnenschein läßt sich weniger dagegen einwenden. Ihre Geschichte ist recht, recht traurig, mein Freund. Auf dem Grenzsteine dort oder noch besser unter dem Wegweiser an der Landstraße wollen wir uns niedersetzen, die Taschentücher hervorziehen und nach denken über unser Schicksal und über den Weg, neben welchem wir stillsitzen. Heute am Nachmittag hab ich Ihnen auch mit Lachen von meinem närrischen Dasein erzählt; ach, jetzt hätte ich wohl Lust, Ihnen in einem andern Ton eine andere Geschichte von mir zu erzählen, wenn es mir oder Ihnen im geringsten nützlich wäre. Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich mir einen nobeln Krieg irgendwo in der Welt aufsuchen und darin etwas tun, was mir Freude machte oder nur Ruhe gäbe oder auch nur die Gelegenheit, mit Gleichmut zu verbluten. Ich hasse diesen Mondenschein, und ich fürchte mich vor diesen surrenden Käfern. Es sind Gespenster des Frühlings, der nicht mehr ist. Sie lügen sich das Leben nur noch vor, und ich bin wie sie und halte mich meiner Nerven wegen in Bumsdorf auf – Maikäfer, flieg, Maikäfer, flieg! Ach, Herr Leonhard Hagebucher, wir passen recht gut zueinander, Sie und ich; kommen Sie, wir wollen uns auf den Stein an die Landstraße setzen und warten – warten. Vielleicht lese ich Ihnen auch einmal im Sonnenschein aus dem Buche meines Lebens eine finstere Seite vor. Weine nicht, Lina, mein Herz, es ist doch eine schöne Nacht; auch für dich wird einst die Zeit kommen, wo du von der Gefangenschaft im heißen Lande Afrika wirst erzählen können. Lustig, lustig, höre nur den Frosch dort – welch ein Komiker! Satt, zufrieden und dankbar – den Burschen lob ich mir, und horch, wer ist das? Der Vetter Wassertreter! Den lob ich mir auch! Der Vetter Wassertreter! Vivat der Vetter Wassertreter!“

Welle auf Welle rollten die Fluten des neuen Lebens heran und umspülten wachsend und steigend das Herz des Afrikaners. In jedem Atemzuge fühlte er die Erstarkung über sich kommen; er hätte eine lange Rede halten müssen, um das in Worten auszudrücken, was in seiner Seele sich ereignete: ‚Halte den Mund, Mädchen, und schilt mir diese Nacht und diesen Mondenschein nicht! Du bist zu schön, um zu schelten, und weinen sollst du noch weniger. Wie schön du bist! Das Licht der Offenbarung ist mit dir aus dem Gebüsch emporgestiegen; ich war ein Verirrter, doch nun kenne ich meinen Pfad wieder. Was Trauer und Verdruß, was Grübeln und Grämen, was Zerschlagenheit und Apathie; wenn du mir hilfst, Mädchen, bin ich von neuem Herr in meinem Reich! Das Leben war mir zerbrochen, wie einem der rechte Arm zerbricht; ich habe ihn lange, lange in der Schlinge getragen, und jetzt prüfe ich von neuem seine Stärke. Mädchen, ich weiß wieder, in welchem Sinne ich mein Leben begann und wie ich es fortsetzen mag, ohne dem Wahnsinn zu verfallen gesegnet sei die Tante Schnödler, der deutsche Mond und du – du schöne, schöne Nikola von Einstein!‘

So oder ähnlich wäre es dem Afrikaner erlaubt gewesen, sich zu äußern: er hätte auch, wie folgt, sprechen können:

Alexandra Bochkareva‚Gnädiges Fräulein, Sie haben gleich bei unserer ersten Begegnung einen merkwürdigen Eindruck auf mich gemacht; denn Sie bedingen für mich einen merkwürdigen Gegensatz zu meiner bisherigen Existenz. Gnädiges Fräulein, einem Manne, welcher zehn Jahre in Abu Telfan im täglichen Verkehr mit Madam Kulla Gulla, ihren Freundinnen, Töchtern, Nichten und so weiter zubrachte, geht der Begriff des Vaterlandes in wundervoller Klarheit und Anmut auf, wenn es ihm auch nur vierzehn Tage hindurch vergönnt ist, täglich einige Male in Ihre Augen zu blicken. Fräulein von Einstein, die schönsten Illusionen der Jugend müssen sich mir notwendig in Ihnen verkörpern. Und was die Tante Schnödler anbetrifft, so bilden Sie auch zu dieser einen angenehmen Gegensatz, gnädiges Fräulein; und wenn einmal im deutschen Mondenschein, während dem letzten Maikäfergesumme des Jahres einem Menschen in meiner Situation das Tumurkieland und das Vaterland durcheinanderquirlen und das Lachen dem Elend das Beste abgewinnt, so wird jeder Einsichtige dieses der Gelegenheit des Orts, der Zeit und der Umstände vollkommen angemessen finden.‘

Herr Leonhard Hagebucher äußerte sich weder auf die eine noch die andere Art, er rief:

„Der Vetter Wassertreter! Wahrhaftig, es ist der Vetter Wassertreter!“

Alexandra Bochkareva

Bilder: Alexandra Bochkareva aus Taschkent, Usbekistan, wirkt in Sankt Petersburg:

  1. Through the Forest, 30. Juli 2018;
  2. FOXES, 11. September 2016;
  3. Sasha, 6. Juni 2017;
  4. Northern Forest Tales;
  5. Totems, 23. Juli 2020;
  6. Totems;
  7. Someone Like You, 23. Oktober 2018.

Soundtrack: Gazi „Dusty“ Simelane: Home, ca. März 2010:

Written by Wolf

19. Februar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Realismus

Durch die Mumie einer altägyptischen Prinzessin bereichert

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Update zu Halloween Lectures zu bibliothekarischen Aspekten
der Kulturwissenschaft des Morbiden

und Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her:

ich bin die liebe mumie
und aus ägypten kumm i e,
o kindlein treibt es nicht zu arg,
sonst steig ich aus dem sarkopharg,
hol euch ins pyramidenland,
eilf meter unterm wüstensand,
da habe ich mein trautes heim,
es ist mir süß wie honigseim,
dort, unter heißen winden,
wird keiner euch mehr finden.
o lauschet nur, mit trip und trap
husch ich die treppen auf und ab,
und hört ihrs einmal pochen,
so ists mein daumenknochen
an eurer zimmertür –
o kindlein, seht euch für!

H. C. Artmann, aus: allerleirausch. neue schöne kinderreime, 1967.

Liebe Kinder, der böse Märchenonkel Frank erzählt uns wieder eine Räuberpistole, die sich aus dem alten Ägypten bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert erstreckt. Eigentlich müsste sie stimmen, weil sie in der Zeitung stand. Die Zeitung existiert.

Dort, wo Onkel Franks nicht unspannende Grabräubepistole stehen sollte, steht sie aber nicht. So, wie er sie erzählt, kann sie dort auch nicht stehen, egal was Onkel Frank uns für Writers Tears ein- und vergießt. Wer merkt, warum?

Schreibt’s mir in die Kommentare und lasst mir ein Daumen-Hoch und ein Abo da! Folgt mir für mehr Räuberpistolen!

——— Frank T. Zumbach:

Späte Erklärung: Eine wahre Geschichte

aus: Frank T. Zumbachs Mysterious World, 11. Februar 2010:

In der Nummer 271 des Jahrgangs 1904 erzählen die Dresdner Nachrichten nach Mitteilungen der englischen Presse:

Movie poster The Mummy, Universal Pictures 1932Das Britische Museum zu London ist unlängst durch die Mumie einer altägyptischen Prinzessin bereichert worden. Aber mehr Aufsehen als die Mumie an sich erregt die Tatsache, dass allen, die mit ihr irgend zu tun hatten, unmittelbar nachher ein überaschendes Unglück zustieß, manche das Leben verloren. – Nach dem Katalog des Britischen Museums (I. 22 524) handelt es sich um die Mumie einer Ägypterin aus königlichem Geschlecht, die zugleich Priesterin am Tempel des Ammon-Ra war und um 1600 vor Christus zu Theben gelebt hat. Ein Mitglied der Expedition, dem die Auffindung der Mumie gelang, Mr. D., büßte einige Zeit später den rechten Arm dadurch ein, dass ein Gewehr auf unerklärliche Weise explodierte, als er es in die Hand nahm. Ein zweites Mitglied starb nach Verlust des gesamten Vermögens noch im selben Jahr, ein drittes Mitglied wurde, gleichfalls im selben Jahr, erschossen. Mr. W., der Besitzer der Mumie, musste unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Kairo die Entdeckung machen, dass er während seiner Abwesenheit bedeutende Vermögensverluste erlitten hatte. Bald darauf starb auch er. Nachdem die Mumie der Priesterin des Ammon-Ra auf den Dampfer gebracht worden war, der sie nach England überführen sollte, verlor ihr Auffinder, Mr. D., sie für längere Zeit aus den Augen. Nach der Ankunft der Mumie in England wurde sie zunächst zu einer verheirateten Schwester ihres ersten Besitzers, Mr. W., gebracht, der dieser sie geschenkt hatte. Von dem Tage ihres Eintreffens an wurde die Familie von einem Unglück nach dem anderen heimgesucht. Und als die Dame die Mumie zu einem bekannten Photographen in der Baker Street bringen ließ, der einige Aufnahmen von ihr machen sollte, erhielt sie ein paar Tage später den aufgeregten Besuch dieses Mannes: er habe die Aufnahmen persönlich gemacht und bürge dafür, dass niemand weder das Negativ noch die fertige Platte auch nur berührt habe. Gleichwohl zeige die Photographie nicht die Züge der Mumie, sondern die einer Lebenden mit boshaft leuchtenden Augen. Kurz nachher starb der Photograph eines schnellen und geheimnisvollen Todes.

Um diese Zeit begegnete Mr. D. Der Schwester des Mr. W. Nachdem er alles gehört hatte, beschwor er die Dame, die unheimliche Mumie dem Britischen Museum zu schenken, was dann auch geschah. Der Mann, der sie dorthin transportierte, starb in der folgenden Woche, einem zweiten, der beim Transport geholfen hatte, stieß ein böser Unfall zu. Gleich nach der Installierung der Mumie im Britischen Museum sollte wieder eine photographische Aufnahme von ihr gemacht werden, doch fanden der Photograph und sein Gehilfe die Beleuchtung ungünstig, weswegen verabredet wurde, dass sie später wiederkommen wollten. Auf der Heimfahrt wurde dem Photographen beim Verlassen des Kupees ein Daumen zerquetscht, und als sein Gehilfe zu Hause ankam, erfuhr er, dass eines seiner Kinder durch einen Sturz in eine Glasscheibe sich schwer verletzt hatte. Und nun meldeten sich immer wieder Leute mit der Behauptung, durch bloße Besichtigung der Mumie Schaden davongetragen zu haben. Der Premierminister Asquith, der völlig frei von Aberglauben sein soll, äußerte den Wunsch, diese gefährliche Mumie zu besehen. Aber alle seine Kollegen setzten der Ausführung dieser Absicht ihren Widerstand entgegen, denn sie glaubten, die Mumie würde dann den Sturz des Ministeriums herbeiführen.

Die Museumswärter fürchteten sich so sehr vor dem Mumiensarg, dass sie endlich das Ultimatum stellten, entweder diesen Sarg aus ihrem Bereich zu entfernen oder auf ihre weiteren Dienste zu verzichten. Die Museumsleitung ließ daraufhin die Mumie durch eine Nachbildung ersetzen und das Original in den Keller schaffen. Seitdem hörte alles Gerede auf.

Aber ein amerikanischer Ägyptologe entdeckte den Betrug. Die Museumsverwaltung sah sich dadurch genötigt, ihn ins Vertrauen zu ziehen, und zeigte ihm das im Keller verborgene Original. Er machte ihr ein Gebot, um die Mumie für Amerika zu erwerben, und das Gebot wurde angenommen. Die Mumie wurde dann an Bord der ‚Titanic‘ gebracht, mit der sie unterging…

Ray Seifenwerbung, Dresdner Neueste Nachrichten, Dienstag, 4. Oktober 1904, Seite 6

Bilder: Filmplakat The Mummy (Die Mumie), 1932;
Dresdner Neueste Nachrichten: Ray-Seifenwerbung, Dienstag, 4. Oktober 1904, Seite 6.

Soundtrack: Old Leatherstocking: O Death by Lloyd Chandler, after 1920, recorded Halloween 2020:

Written by Wolf

12. Februar 2021 at 00:01

Dornenstück 0006: Lyrik im Liegen

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Update zum Nachtstück 0022: Zu schweigen beginnen
und Frohnleichnamsfahnen wehen:

Alexandre Séon. La Pensée, o. J.Für einen Philosophen mittlerschwerer, in seinem Hauptwerk sehr schwerer Verständlichkeit hat Schopenhauer etliche Fans, und zwar die richtigen. Leider ist seine komplette Lyrik unter aller Sau.

Das Beste an Schopenhauers Gedichten ist, dass es auf eine Lebenszeit von 72 Jahren verteilt nur 39 geworden sind. Da sind die Stammbuchverse schon mitgerechnet. Einer von denen war ohne Reim und Rhythmus, aber im Alter von 70 Jahren doch noch sein lyrisches Highlight:

——— Arthur Schopenhauer: Stammbucheintrag,
8. April 1858, gesammelt in: Parerga und Paralimpomena, Band II,
cit. nach Arthur Hübscher, Hrsg.: Gedichte von an über Arthur Schopenhauer, Haffmans Verlag, Zürich 1994:

Sitzen ist besser, als stehen, u. liegen ist besser, als sitzen:
Besser, als liegen, ist schlafen, und besser, als schlafen, ist todt seyn.

Frankfurt a. M. d. 8ten April 1858

Arthur Schopenhauer.

Das Poesiealbum mit dem Original ist verloren. Schopenhauers Quelle ist wahrscheinlich Nicolas Chamfort: Maximes et pensées, caractères et anecdotes II, 1795:

Wenn behauptet wird, daß die Menschen, die am wenigsten empfinden, am glücklichsten sind, so muß ich immer an das indische Sprichwort denken: Sitzen ist besser als stehen, liegen besser als sitzen, aber das Beste ist tot sein.

Lebenslustige Franzosen: Chamfort sagt das noch, als ob’s was Befremdliches wäre.

Bild: Alexandre Séon: La Pensée, ohne Jahr.

Soundtrack: The Be Good Tanyas: The Littlest Birds (Sing the Prettiest Songs), aus: Blue Horse, 2000:

Written by Wolf

5. Februar 2021 at 00:01

Verdächtige Grübler, die Seligkeiten der Dummheit und daß die Leute besser lesen lernten

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
und Wie werde ich Schriftsteller? (Von den Exkrementen hirnloser Köpfe):

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Wieland zählt zu den paar Schreibern, von denen gleich zwei Gesamtausgaben unkündbar bei mir wohnen: die von 1853 ff., die auch Arno Schmidt benutzt hat, und die Hamburger von 1984, seit Jahren die 14 Bände plus Johann Gottfried Gruber: C. M. Wielands Leben für etwas um die 20 Euro — bei mir waren es 15 Euro versandkostenfrei —, die man lesen kann. In beiden fehlt der Aufsatz darüber, Wie man lies’t, weil das Korpus aus dem Teutschen Merkur selbst die Ausgabe von 36 in 18 Bänden von 1853 gesprengt hätte. Ich gebe den Aufsatz ungekürzt leserlich wieder und noch zwei themenverwandte Preziosen dazu:

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

——— Christoph Martin Wieland:

An Johann Jakob Bodmer in Zürich

Tübingen, den 1. April 1752:

Meine Landsleute sind von der Art, daß meine bisherigen Schriften mich, anstatt zu empfehlen, um allen Credit bringen. Einen Poeten hält man da für einen Zeitverderber und unnützen Menschen, und einen Philosophen für einen Schwätzer und verdächtigen Grübler; beyde Wissenschaften aber für brodlose Künste, mit denen sich kein kluger Mensch viel einläßt. […]

Ich finde daß ein Mensch, der wie ich denkt, nur in wenigen Fällen brauchbar ist. Man muß ein Thor oder ein Bösewicht seyn, um nach dem Geschmack der Welt zu seyn.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Der Schlüssel zur Abderitengeschichte

aus: Die Abderiten. Eine sehr wahrscheinliche Geschichte von Herrn Hofrath Wieland.
Zweiter Teil, der das vierte und fünfte Buch und den Schlüssel enthält,
in: Der Teutsche Merkur 1774 bis 1780 (Buchfassung Geschichte der Abderiten, 1781):

Es war (so lautet sein Bericht) – es war ein schöner Herbstabend im Jahr 177*; ich befand mich allein in dem obern Stockwerk meiner Wohnung und sah (warum sollt ich mich schämen zu bekennen wenn mir etwas menschliches begegnet?) vor langer Weile zum Fenster hinaus; denn schon seit vielen Wochen hatte mich mein Genius gänzlich verlassen. Ich konnte weder denken noch lesen. Alles Feuer meines Geistes schien erloschen, alle meine Laune, gleich einem flüchtigen Salze, verduftet. Ich war oder fühlte mich wenigstens dumm, aber ach! ohne an den Seligkeiten der Dummheit Teil zu haben, ohne einen einzigen Gran von dieser stolzen Zufriedenheit mit sich selbst, dieser unerschütterlichen Überzeugung, welche gewisse Leute versichert, daß alles, was sie denken, sagen, träumen und im Schlaf reden, wahr, witzig, weise, und in Marmor gegraben zu werden würdig sei – einer Überzeugung, die den echten Sohn der großen Göttin, wie ein Muttermal, kennbar und zum glücklichsten aller Menschen macht. Kurz, ich fühlte meinen Zustand, und er lag schwer auf mir; ich schüttelte mich vergebens; und es war (wie gesagt) so weit mit mir gekommen, daß ich durch ein ziemlich unbequemes kleines Fenster in die Welt hinaus guckte, ohne zu wissen was ich sah, oder etwas zu sehen, das des Wissens oder Sehens wert gewesen wäre.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Wie man lies’t

Eine Anekdote

in: Der Teutsche Merkur, 1781:

Es würde wenig helfen, dem Publicum eine Confidenz von meinen eignen Erfahrungen, wie man gelesen wird, zu machen; viele davon wurden hinlänglich seyn, den entschlossensten und harthäutigsten Autor auf ewig abzuschrecken — „Und haben euch gleichwohl nicht abgeschreckt,“ grinzt mir ein Satiro maligno zu. — Ich bekenne gerne, daß ich ihm lieber nichts antworten, als die Schuld auf das Schickfal schieben will. Aber dieser Tage las ich in einem Französischen Buche eine Anekdote diesen Artikel betreffend, womit ich — wie sich alles Gute gerne mittheilt — meine Leser, zu eignem beliebigen Nachdenken, regaliren will. Facta sind immer lehrreicher als Declamationen. Der Autor — sein Name thut nichts zur Sache, aber er ist, in meinem Sinne, noch einer von den besten, die sich jetzt zu Paris von der Bücherfabrik nähren — spricht von dem mannichfaltigen Ungemach, dem die Schriftsteller ausgesetzt sind, bis der Tod ihrem Leiden ein Ende macht, und die Zeit entweder ihre Werke in den Abgrund der Vergessenheit gestürzt, oder, zu spät für den armen Autor! mit Preis und Unsterblichkeit krönt. Das Unglück, obenhin, unverständig, ohne Geschmack, ohne Gefühl, mit Vorurtheilen, oder gar mit Schalksaugen und bösem Willen gelesen zu werden — oder, wie die meisten Leser, die nur zum Zeitvertreib in ein Buch gucken — oder zur Unzeit, wenn der Leser übel geschlafen, übel verdaut, oder unglücklich gespielt, oder sonst Mangel an Lebensgeistern hat — oder gelesen zu werden, wenn gerade dieses Buch, diese Art von Lecture unter allen möglichen sich am wenigsten für ihn schickt, und seine Sinnesart, Stimmung, Laune, mit des Autors seiner den vollkommensten Contrast macht — das Unglück, so gelesen zu werden, ist, nach der Meinung des besagten Autors, keines von den geringsten, welchen ein Schriftsteller (zumal in Zeiten, wie die unsrige, wo Lesen und Bücherschreiben einen Hauptartikel des Nationalluxus ausmacht) sich und die armen ausgesetzten Kinder seines Geistes täglich und unvermeidlich bloß gestellt fehen muß. Unter hundert Lesern kann man sicher rechnen von achtzig so gelesen zu werden; und man hat noch von Glück zu sagen, wenn unter den zwanzig übrigen etwan Einer ganz in der Verfassung ist, welche schlechterdings dazu gehört, um dem Werke das man lies’t (und wenn’s auch nur ein Madrigal ware) sein völliges Recht anzuthun. Was Wunder also, wenn den besten Werken in ihrer Art, und in einer sehr guten Art, oft so übel mitgespielt wird? Was Wunder, wenn die Leute in einem Buche finden, was gar nicht drin ist; oder Ärgerniß an Dingen nehmen, die, gleich einem gesunden Getränke in einem verdorbnen Gefäße, bloß dadurch ärgerlich werden, weil sie in dem schiefen Kopf oder der verdorbnen Einbildung des Lesers dazu gemacht werden? Was Wunder, wenn der Geist eines Werkes den meisten so lange, und fast immer unsichtbar bleibt? Was Wunder, wenn dem Verfasser oft Absichten, Grundsätze und Gesinnungen angedichtet werden, die er nicht hat, die er, vermöge seines Charakters, seiner ganzen Art zu existiren, gar nicht einmal haben kann? Die Art, wie die meisten lesen, ist der Schlüssel zu allen diesen Ereignissen, die in der literarischen Welt so gewöhnlich sind. Wer darauf Acht zu geben Lust oder innern Beruf hat, erlebt die erstaunlichsten Dinge in dieser Art. Die ungerechtesten Urtheile, die widersinnigsten Präventionen, die oft für eine lange Zeit zur gemeinen Sage werden, und zuletzt, ohne weitere Untersuchung, für eine abgeurthelte Sache passiren, wiewohl kein Mensch jemals daran gedacht hatte, die Sache gründlich und unparteiisch zu untersuchen — haben oft keine andre Quelle als diese. Der Autor und sein Buch werden, mit Urtheil und Recht, aber nach eben so seinen Grundsätzen, nach einer eben so tumultuarischen und albernen Art von Inquisition, kurz mit eben der Iniquität oder Sancta Simplicitas verdammt, wie ehemals — die Hexen verbrannt wurden. Hier ist das Exempelchen, womit wir diese kleine vorläufige und vergebliche Betrachtung krönen wollen.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016Rousseau’s neue Heloise war vor kurzem ans Licht getreten. In einer großen Gesellschaft behauptete jemand, Jean-Jacques hätte in diesem Buche den Selbstmord gepredigt. Man holte das Buch herbei; man las den Brief von St. Preux, wo die Rede davon ist. Alle Anwesenden schrien überlaut, man sollte ein solches Buch durch den Henker verbrennen lassen; und den Autor — es fehlte wenig, daß sie nicht auch den mit ins Feuer geworfen hatten. Indessen, da J. J. Rousseau gleichwohl für einen großen Mann passirt, so fanden sich einige, denen es billig dünken wollte, ehe man zur Execution schritte, die Sache näher zu untersuchen. Sie lasen den vorhergehenden Brief, und dann den folgenden: und da fand sich, daß gerade dieser Brief ganz entscheidende Gründe gegen den Selbstmord gab, und daß J. J. Rousseau über diesen Punkt ganz gesunde Begriffe hatte. Aber die Sage des Gegentheils hatte nun einmal überhand genommen; die Gansköpfe hielten fest, und fuhren fort mit ihrer eignen Dummdreistigkeit zu versichern, Jean-Jacques predige auf der und der Seite seines Buchs den Selbstmord, wiewohl er auf der und der Seite just das Gegentheil that.

„Was ist nun mit solchen Leuten anzufangen?“ Nichts.

Was soll ein Schriftsteller, der das Unglück hat in einen solchen Fall zu kommen, zu Rettung seiner Unschuld und Ehre sagen?“ Nichts.

Was håtte ihn davor bewahren können?“ Nichts.

„Sollte denn kein Mittel seyn?“ O ja, ich besinne mich — er håtte selbst ein Ganskopf seyn — oder auch gar nichts schreiben — oder, was das sicherste gewesen wäre, beim ersten Hineingucken in die Welt den Kopf gleich wieder zurüxkziehen und hingehen sollen, woher er gekommen war —

„Das sind Extrema —“ So denk ich auch.

Ja, freilich ist der Menschen kurzes Leben
Mit Noth beschwert, wie Avicenna spricht.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Mit den Autoren ist kein Mitleiden zu haben — und den Lesern ist nicht zu helfen. Aber gleichwohl wäre zu wünschen, daß die Leute besser lesen lernten.

Bilder: Magdalena „Nishe“ Lutek für Book of Dreams: I’m away with my imagination, 25. April 2016.

Soundtrack: Colter Wall: Ballad of a Law Abiding Sophisticate, aus: Imaginary Appalachia, 2015:

Written by Wolf

29. Januar 2021 at 00:01

All I lov’d — I lov’d alone

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Update for And all I got’s a pocketful of flowers on my grave
and Etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales:

A friend of mine (yes, I have a few) recently quoted me a line by Poe: „And all I loved I love alone“, allegedly from a poem named Alone. Looking it up, I neither found it in my English nor my German edition of Poe’s „complete“ works, the latter even bilingual, translated by Hans Wollschläger.

There is a reason for Alone, originally Original, remaining uncollected: it is a true bootleg.

Poe wrote this poem in the autograph album of Lucy Holmes, later Lucy Holmes Balderston. The poem was never printed during Poe’s lifetime. It was first published by E. L. Didier in Scribner’s Monthly for September of 1875, in the form of a facsimile. The facsimile, however, included the addition of a title and date not on the original manuscript. That title was “Alone,” which has remained. Doubts about its authenticity, in part inspired by this manipulation, have since been calmed. The poem is now seen as one of Poe’s most revealing works. The same album also contains a poem by Poe’s brother Henry.

The original manuscript bears the number 55 in the upper right hand corner, as a page number within the album.

The website of the Maryland Historical Society includes a photograph of the original manuscript.

Going there:

Though we don’t have a great deal of Edgar Allan Poe materials in our library, we do have a poem entitled “Original,” which was handwritten into a volume of poetry owned by a Baltimorean named Lucy Holmes. The poem was not published in Poe’s lifetime, but finally appeared under the title “Alone” in an 1875 issue of Scribner’s Monthly. Though the poem was penned by a 20-year-old Poe, it seemed to reveal some of the inner turmoil that was always within the author, as well as foreshadow his shortened life. Though the provenance is a little unclear, it was donated by a woman named Emma Welbourn in 1969, who was most likely a descendant of Ms. Holmes. Not a lot is known of Lucy Holmes, except that she was known to be active in the literary circles of Baltimore. She most likely had Poe write the poem in her ledger sometime in 1829. This was a time period in Poe’s life shortly after he left West Point and returned to Baltimore. The fact that he wrote this poem in the ledger of a wealthy socialite provides fairly strong evidence that he was not a homeless wanderer at this point in his life as some have suggested.

——— Edgar Allan Poe:

Original

undated manuscript, about 1829, published 1875:

From childhood’s hour I have not been
As others were — I have not seen
As others saw — I could not bring
My passions from a common spring —
From the same source I have not taken
My sorrow — I could not awaken
My heart to joy at the same tone —
And all I lov’d — I lov’d alone —
Then — in my childhood — in the dawn
Of a most stormy life — was drawn
From ev’ry depth of good and ill
The mystery which binds me still —
From the torrent, or the fountain —
From the red cliff of the mountain —
From the sun that ’round me roll’d
In its autumn tint of gold —
From the lightning in the sky
As it pass’d me flying by —
From the thunder, and the storm —
And the cloud that took the form
(When the rest of Heaven was blue)
Of a demon in my view —

E. A. Poe

Poe, Original, ca. 1829

Further:

Isaiah Balderston, FaksimileThough Poe’s poem is what truly makes this book unique, there are also approximately 100 other poems by Baltimore poets contained in its pages. The great majority of the poems seem to be written with the goal of pursuing courtship with Ms. Holmes. Poe’s poem stands out from the crowd by being autobiographical, dark, and depressing—pretty much the opposite tone of every other poem in the volume. It is not, however, the only poem in Edgar Allan Poe’s handwriting in the small book. At his brother W.H. Poe’s request, Edgar Allan copied one if his poems on the very next page. Once again it seems like another piece of literary sleaze with the purpose of impressing Lucy. The assumption that Lucy’s favor could be won with flattery was not completely baseless. One of the poets, „Isaiah“ (or „I… B….N“) who appears frequently in the ledger is most likely Isaiah Balderston, whom Lucy ended up marrying in 1830. If heavy handed love poems tickle your fancy then by all means come visit us at the H. Furlong Baldwin Library—we’d be happy to make this volume available for your perusal! (Eben Dennis)

This poem from I.. B…N may have been the very one that titillated young Lucy. I guess she wasn’t impressed by Edgar’s demons. MS 1796, MdHS

Sources and further reading:

Scribners Monthly „An Early Poem by Edgar Allan Poe“ September 1875

Ingram, John Henry. The complete poetical works of Edgar Allen Poe (New York : A. L. Burt Co., 1907) MP3.P743 1907, MdHS

Reilly, John E. The image of Poe in American poetry (Baltimore: Edgar Allan Poe Society, 1976) MP3.P743.R36, MdHS

Another source and even further reading: Edgar Allan Poe Society of Baltimore: Edgar Allan Poe — „Alone“ („From childhood’s hour . . .“), Reading and Reference Texts.

Special thanks to Frank T. Zumbach!

Images: Maryland Center for History and Culture: Poe and Alone.

Soundtrack: Lindi Ortega: Lived And Died Alone, from: Tin Star, 2013:

I guess I thought it couldn’t really hurt
To search for sweethearts underneath the dirt
Sure, they may be made of dust and bone
But I will take them home
from their lonely tombstone
To be with me
In the Dead Sea

Written by Wolf

22. Januar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Weh, gingst mir verloren, bliebst mein eigen nicht

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Update zu Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen:
Regensburg bis Grein

und Der Arzt von Münster in Salzkotten:

Die alte Frage: Wie ist eigentlich der idealtypische Roman der deutschen Romantik gebaut? Herder meint 1796 im 99. Brief zur Beförderung der Humanität, zitiert nach Monika Schmitz-Emans in der Revue internationale de philosophie 2009:

Keine Gattung der Poesie ist von weiterem Umfange, als der Roman; unter allen ist er auch der verschiedensten Bearbeitung fähig: denn er enthält oder kann enthalten nicht etwa nur Geschichte und Geographie, Philosophie und die Theorie fast aller Künste, sondern auch die Poesie aller Gattungen und Arten – in Prose. Was irgend den menschlichen Verstand und das Herz intereßiret, Leidenschaft und Charakter, Gestalt und Gegenstand, Kunst und Weisheit, was möglich und denkbar ist, ja das Unmögliche kann und darf in einen Roman gebracht werden […].

Herder, in seinem eigenen Wirken noch kein Angehöriger der Romantik, vielmehr ein Viertel des „Weimarer Viergestirns“ der Hochklassik, äußert sich da zur Zeit der einsetzeden Romantik recht optimistisch darüber, was die Form des Romans leisten könnte oder sollte. In der schöpferischen Praxis stellt es sich so dar:

Handlungsort ist eins der nicht im Detail nachvollziehbaren Duodez-Fürstentümer im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (bis 1806) um das Wartburgfest (1817) herum, Handlungszeit ist vor unvordenklichen Zeiten in einem zumindest nicht widerlegbaren Hoch- bis Spätmittelalter um Albrecht Dürer (1471 bis 1528). Am Anfang von Theil 1, Buch 1, Capitel 1 erscheint bei Sonnenaufgang ein Reiter auf einem Hügel, reitet in das idyllische Dorf aus Fachwerkhäusern im Tale und besucht seinen alten Freund aus Studienzeiten, die etwa zwei Jahre zurückliegen. Der Freund hat inzwischen eine ungefähr siebenjährige Tochter und einen so viel jüngeren lebenslustigen Knaben, dass die große Schwester schon an ihm herummutteln muss. Seine Frau war einst seine Jugendliebe und bewirtet den eingetroffenen Reiter mit Brot und Wein; der Gang der Handlung steht am frühen Vormittag.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020Die Studienkameraden geraten ohne Umschweife in eine Diskussion über die rechte Art zu leben: sesshaft auf einem eigenen Gut mit Weib und Kindern oder obdachlos mit einem Säckchen Dukaten ausgerüstet. In einem Nebensatz erfährt man, dass der einsame Reiter die ganze Zeit seines freien Umherchweifens ein Gefolge von der Stärke zwischen einem Knappen und vier „Berittenen“ mit sich herumschleppt, die sich offenbar von den Resten des Brotkantens ernähren und draußen auf ihren Gäulen schlafen. Abschließend nennt der sesshafte Freund die Grundsatzdiskussion einen Streit, wovon man ansonsten nichts bemerkt hätte, und umarmt den gutsituierten Vagabunden zum Abschied. Im weiteren Verlauf fährt er wahlweise auf dem Rhein oder der Donau ein paar landschaftlich reizvolle Duodez-Fürstentümer weiter, verirrt sich im Wald und verliebt sich an einem Schloss auf einer Waldlichtung in eine Vierzehnjährige, die zufällig aus dem Fenster schaut. Offensichtlich kann jeder, der zufällig vorbeigeritten kommt, in dem Schloss nach Belieben ein- und ausgehen. Der Reiter wird bewirtet, fragt nach der Tochter des Hauses, die kommt und züchtig die Augen niederschlägt, woraufhin auch sie als unsterblich in den Reiter verliebt gilt. Inzwischen ist es Abend, und der Reiter muss in die böse Stadt, an deren Stadtmauer er die Wächter wecken muss. Zielstrebig reitet er zu einem Palast, in dem unfehlbar ein Fest stattfindet, mischt sich unbehelligt unter die Gäste und säuft mit. Die Tochter aus dem Waldschloss ist schon da, erkennt ihn, redet aber nur mit den städtisch verkommenen niederen Adligen. Inzwischen dämmert der Morgen und noch hat niemand geschlafen.

Geschlafen wird vermutlich erst innerhalb der beiläufig fallengelassenen Adverbiale „nach mehreren Tagen“, die ungefähr nach dem schöpferischen Wochenpensum eines durchschnittlichen Originalgenies der deutschen Romantik auftritt, und in denen weitere Schlösser betreten, Feste gefeiert, Flüsse beschifft und Grundsatzdiskussionen geführt wurden. Danach gehen die Schilderungen wieder dermaßen ins Detail, dass keine Zeit für Nachtschlaf und Ernährung bleibt, nur für beziehungsreiche Landschaftsschilderungen, die an die große Liebe gemahnen — die Tochter aus dem Schloss, falls sich jemand erinnert. Unterwegs gewinnt der Reiter beim Frühstück unter einem Baum (Eiche oder Linde; es gibt wieder frühmorgens Wein) oder einer ausgesucht einsamen Waldhütte einen neuen Busenfreund, der seine Ansichten teilt, aber ihm etwas Neues darüber erzählen kann, worauf er selber hätte kommen können, wenn er Albertus Magnus oder Johann Gottlieb Fichte gelesen hätte, am besten beide. Wenn alles zu durcheinander geht und das Originalgenie nach seiner vereinbarten Anzahl Druckbogen zu einem Schluss gelangen will, ist der neue Busenfreund sein seit der Kindheit verschollener Bruder. Nachdem sie sich noch einmal in einer felsigen Gegend verlaufen haben, kommen sie wieder bei dem Studienkumpel vom Anfang an, die Schlosstochter kommt mit ihrem Vater, dem Großgrundbesitzer der Gegend, vorbei und heiratet den Reiter, die Tochter des Studienkumpels wird dem Busenbruder versprochen.

Wenn ein Lied zwischengeschaltet werden nuss, das dem Gedanken des Gesamtkunstwerks dient, hüpft ein Zehnjähriger nicht erklärbarer Herkunft herum, der vor allem nachts engelgleich singen und virtuos die Laute schlagen kann. Wenn gerade kein Lied anliegt, erschrickt er vor einem Schatten, der zu einem Räuber gehören könnte, und schwimmt panisch durchs Schilf davon. Auf einem Fest in einem Stadtpalais wird er unversehens als Page angetroffen und kann weiter durch die sprechenden Landschaften herumgezerrt werden. Am Schluss stellt sich heraus, dass er ein Mädchen ist.

Die knorrigen Sonderlinge in altdeutscher Tracht (schwarz, ohne Halstuch, lange Haare, ab 1819 wegen Demagogentums verboten) sind die Guten.

Das ist die Handlung beim Großteil von Eichendorff; Brentano war im Lauf seiner Schreiberkarriere sowieso immer offensichtlicher verrückt und ist in seinem erklärt „verwilderten Roman“ Godwi 1801 auf mehreren Ebenen darüber hinausgegangen; E.T.A. Hoffmann hat alles unternommen, um psychedelisch wirksam zu sein, und musste sich deswegen ständig etwas Neues einfallen lassen; Bestsellerlieferant Fouqué schlägt am ehesten diese Richtung ein.

Arno-Schmidt-Der-Alles-Weiß versäumt selten, Fouqué das Eptitheton „der Sänger der unsterblichen ‚Undine‚“ — die ist auch wirklich gut — hinterherzuschießen; noch deutlicher wird das beschriebene roman-romantische Vorgehen in seinem Alethes. Sein eigenes dort eingeflochtenes Gedicht Sollt‘ ich doch Dich missen fand Fouqué offenbar so gelungen, dass er es im selben Roman erst anzitieren, dann im Ersten Theil, Erstes Buch, Sechstes Kapitel vollständig wiedergeben wollte — und im unten angeführten Textbeispiel gleich noch einmal. Wie er in seinem Vorwort verrät, liegt zwischen diesen beiden Romanabschnitten eine neunjährige Schaffenspause, nach der er im letzten der vier Bücher „einen andern Geist“ eingeführt hatte — siehe den Volltext.

Das Bildmaterial beschreibt die Haidnischen Alterthümer, in denen die Einzelausgabe noch am ehesten erreichbar bleibt.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020

——— Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué:

Die wunderbaren Begebenheiten des Grafen ALETHES von LINDENSTEIN

bei Gerhard Fleischer dem Jüngern, Leipzig 1817,
Zweiter Theil, Zweites Buch, Achtes Kapitel
ungekürzt cit. nach dem „Haidnischen Alterthum“, Oktober 1980, Seite 330 bis 333:

Auf Lindenstein angekommen, hub Alethes in der feierlichen Herbstesabendstille wieder einmal in dem alten Büchlein zu blättern an, das ihm mit seinen einfachen Sprüchen nun schon so manchesmal Trost und Freude in die Seele geredet hatte. Er schlug folgende Worte auf:

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020„Wenn Gott Nein spricht zu irgend einem Wunsche, der Dir sehr lieb ist, so glaube nur, daß er noch tausendmal lieber Ja gesagt hätte, dafern es Dir irgend hätte taugen wollen. Und es kann auch wohl gar seyn, das er Dir Dein Geschenk nur blos aufhebt, um es Dir ein andermal zu geben, wenn es Dir noch viel, viel mehr Freude macht. Aber fußen mußt Du Dich darauf nicht etwa im Voraus; sonst thust Du eine Sünde, und es wird auch dann ganz gewiß nichts draus.“

Sehr hell und getröstet ging er zur Ruhe, und begann mit dem nächsten Morgen ein recht wirksames, frisches Leben. Schon früher pflegte er den Angelegenheiten seiner Unterthanen und seinen eignen mit ehrbarer Thätigkeit vorzustehn, aber es war ihm dabei zu Muth, wie etwa einem vertriebnen Heldenfürsten, der in Verkleidung und Unerkanntheit Schafe hütet. Die Träume künftiger großer Thaten und Tage redeten und weheten dazwischen, und mühsam verhaltne Seufzer der Ungeduld und Sehnsucht schwellten ihm den stolzen Busen. Jetzt fand er sich schon besser darin. Er hielt sich so ruhig im Innern, als es irgend anging, und wenn gar nichts mehr helfen wollte, half doch wohl jenes alte einfältige Buch. Dann mußte er oft lachen in Erinnerung des ehemaligen Hochmuthes, womit er vordem einen solchen unscheinbaren Helfer über die Seite geworfen haben würde.

Er hatte auf diese Weise schon einige Wochen verlebt, und die Stürme begannen wilder und schneidender durch die fast laublose Waldung zu heulen; da saß er eines Abends, von einem thätigen, mühevollen Tage anmuthig erschöpft, an der Flamme des hellen Kamines. Mit stiller, unbesiegbarer Gewalt stieg Emiliens Bild in seiner Seele auf. – „Wäre nun sie Deine Hausfrau geworden, dachte er, und säße in frommer Lieblichkeit an Deiner Seiten, und kredenzte Dir den Wein, oder rührte die Zither und sänge anmuthig dazu, so anmuthig wie letzthin im Gemäuer der Abtei –“

Die getrennten Strophen ihres Liedes umtönten ihn. Unwillkürlich nahm er seine längst schon ungebrauchte Laute von der Wand, stimmte, und phantasirte dann nach Emiliens Klängen umher. Da fügte sich ihm nach und nach auf eine seltsame Weise das Ganze wieder zusammen. Er wußte nun bestimmt, es war das Lied, das Erwin einst bei nächtlicher Weile dem argen Using vorsang in Paris, und das bisher in Alethes geschlafen zu haben schien, um jetzt in tiefer Wehmuth zu erwachen. Auch jedes Wortes, das damals von den Zweien gesprochen ward, erinnerte er sich wieder, und voll verwundender Süßigkeit ging es aus Allem hervor: seit dem ersten Erblicken auf dem Weiher hatte ihn Emiliens ganze Seele geliebt in holder Reinheit und schmerzlicher Entsagung. Mit fast überströmenden Thränen sang er zu der Laute:

„Sollt‘ ich doch Dich missen,
Ach, warum Dich schau’n?
Ach, warum zerrissen
Mir mein Dämm’rungsgrau’n?
Leis‘ und träumend lebt‘ ich
In der Still‘ Umfang,
Manchmal nur erbebt‘ ich,
Wenn Dein Name klang.

Doch auf Wassers Spiegel,
Tief in stiller Nacht,
Brach der Ferne Riegel
Vor geheimer Macht.
Wiegend schwamm auf Wogen
Mir Dein Bild heran,
Abwärts bald gezogen,
Königlicher Schwan!

Weh, gingst mir verloren,
Bliebst mein eigen nicht,
Hast Dir Gluth erkoren
Für das stille Licht!
Und mein Sinn, zerrissen,
Kann sich selbst nicht trau’n.
Sollt‘ ich doch Dich missen,
Ach, warum Dich schau’n!“

Die Thüre ging rasch auf, und herein trat, beinahe othemlos, der bei Emilien gebliebne Diener, ein gesiegeltes Blatt in der Hand. Fast eben so othemlos riß es der Graf zu sich, und las folgende Worte:

„Der Freiherr von Thurn weint nach seinem Organtin. Vergeblich ist mein Bemühen gewesen, all diese Zeit über, ihm seinen Traum auszureden. Wenn er sich auch für Augenblicke zur Ruhe gab, wachte ihm doch das heiße, schmerzliche Sehnen immer zerreißender wieder auf. Jetzt grade weint er so recht herzinnig. Mir ist, als könne ihm sein edles, krankes Herz darüber brechen. Eilt denn, Graf Alethes, eilt! Es kann und soll ja nun einmal nicht anders seyn.“

„Emilie.“

Und eilig rief Alethes nach seinem Rosse, und ungesäumt sprengte er in die sturmestosende Nacht hinaus.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020

Bliebst mein eigen nicht: Regine aus Fürth: Haidnische Alterthümer, unbenutzt, 30 €, Versand ausschließlich gegen Kostenübernahme. Die Bücher wurden lediglich zum Fotografieren heraus genommen,
Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020.

Soundtrack: Paul Hörbiger/Heinz Rühmann/Hans Holt: Wozu ist die Straße da?,
aus: Lumpacivagabundus, 1936:

Written by Wolf

15. Januar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet

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Update zu Der Goethe wor fei aa do (It’s a nice-a place):

„Zu Goethes Denkmal, was zahlst du jetzt?“
Fragt dieser, jener und der. –
Hätt ich mir nicht selbst ein Denkmal gesetzt,
Das Denkmal, wo käm es denn her?

Goethe: Zahme Xenien, VII. Buch, vorwiegend nach 1824 bis 1832.

Fassen wir als erstes zusammen, was wir nicht gefunden haben:

  1. ein Goethe-Denkmal mit folgenden Eigenschaften:
    1. in Wien,
    2. am Ring,
    3. am Ende des Volksgartens,
    4. als „alter Goethe“,
    5. sitzend,
    6. in einer Nische,
    7. aus Stein
    8. mit Kragen und Krawatte
  2. und eine Antwort in der zuständigen Facebook-Gruppe auf die Frage, ob dergleichen in Schrift und Bild nachweisbar sei.

Goethedenkmal WienVon ähnlicher Beschaffenheit ist das durchaus bekannte Wiener Goethedenkmal von Edmund von Hellmer 1900 Ecke Opernring und Goethegasse im „Aanser“ — was bedeutet: 1. Bezirk Innere Stadt — das zumindest den „alten Goethe“ am Ring unweit des Volksgartens zeigt — nur eben nicht in einer Nische und wenngleich auf einem Sockel aus Granit mit so hohem Urangehalt, dass er radioaktiv strahlt (und falsch geschriebener römischer Jahreszahl „MDCCCC“ auf der rückwärtigen Gedenktafel), schon gar nicht in Stein gehauen, sondern aus Bronze gegossen.

Egal wie Joseph Roth ihn beschrieben hat, was offensichtlich aus dem Anlass von Goethes 100. Todestages geschah: Es nähme doch sehr wunder, wenn in derartiger Nähe zu einem Denkmal, das keineswegs in eine Nische verräumt Moose und Flechten ansetzt, vielmehr freistehend, erst langfristig auf eine nachwachsende Begrünung durch drei Bäume angelegt und daher recht prominent das Stadtbild an einem wichtigen Straßenabschnitt mitbestimmt, und in Grußweite auf einer Sichtachse mit dem 24 Jahre zuvor errichteten, damit in freundschaftliche Beziehung gesetzten Schillerdenkmal gleich noch einmal derselbe Künstler geehrt würde, der in derselben Stadt dem ältesten, zugleich bis heute bestehenden Verein zum Gegenstand dient, aber doch kein Sohn der Stadt, ja nicht einmal des Landes ist, und auch sonst nirgends aufgeführt wird.

Immerhin sagt uns das Enthüllungsdatum 1900, dass Joseph Roth das Denkmal 1932 kennen konnte. Einigen wir uns darauf: Im Detail irrt Joseph Roth, aber insgesamt spricht er wahr.

Goethedenkmal Wien

——— Joseph Roth:

Das Denkmal (II)

in: Frankfurter Zeitung, 21. März 1932:

Das Goethe-Denkmal, von dem hier die Rede sein soll, steht am Wiener „Ring“, in einer halbrunden Nische, am Rande des „Volksgartens“. Der steinerne Goethe sitzt in einem steinernen Sessel. Goethe hat einen steinernen Rock an, einen steinernen Kragen und eine Art steinernes Plastron. Es ist der „alte Goethe“. Und Kenner der Denkmalskunst haben mir gesagt, das Denkmal sei „nicht gut“.

Goethedenkmal WienDamals war ich jung. Und die Wichtigkeit, die ich mir infolgedessen verlieh, vermochte ich in einer harmlosen, fast unschuldigen Weise mit der Pietät zu verbinden, die ich für Goethe empfand. Und wie ich als Knabe durch ein militärisches Salutieren vorbeikommende Offiziere zu grüßen versucht hatte, so etwa zog ich den Hut vor dem Denkmal Goethes, sooft ich daran vorbeikam. Und indem ich also dem Genie der Nation die lächerliche Reverenz eines Dummkopfs erwies, setzte ich mich gewissermaßen in eine private Beziehung zu Goethe. Und während ich die Frechheit, eine derartige Beziehung herzustellen, betrieb, bildete ich mir ein, mein Gruß sei der Ausdruck untertänigsten Respekts. Heute weiß ich, daß ich das Goethe-Denkmal lediglich aus Eitelkeit gegrüßt habe. Dennoch verzeihe ich mir diese Eitelkeit mit reinem Gewissen. Denn sie war, ohne Zweifel, sozusagen die leibliche Schwester meines Respekts. Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet.

Ich war etwa vierzehn Jahre alt, als ich das Goethe-Denkmal zu grüßen begann. Manchmal blieb ich, töricht und wichtig, vor dem Denkmal stehen, und die steinernen Züge des Unsterblichen schienen mir der wohlgelungene Ausdruck seiner Unsterblichkeit zu sein. Und mir war zuweilen, als wäre Goethe schon immer, und zu Lebzeiten, aus Stein gewesen. In dem großen Oval gewölbter Augen ruhte der steinerne Blick der steinernen Ewigkeit, die nichts anderes als sich selbst betrachtet. In den Zügen des Angesichts, in den Falten um Nase und Mund besonders, schlief der Atem der „olympischen“ Ruhe, von der die Lehrer sprachen, die Schulbücher, die Literaturgeschichte. Zuweilen fühlte ich mich durch die vorwitzige Amsel beleidigt, die sich auf Goethes Schädel gesetzt hatte und flötend ihre Notdurft verrichtete. Ich hätte sie zum Beispiel auf das Haupt Eichendorffs verwiesen, weil ich damals noch nicht wußte, daß der melodiöse Pfiff der Amsel nichts anderes im Erzeugnis der Natur war als das „olympische Genie“ und die Gedichte Eichendorffs. Ja, damals war ich jung! Damals anerkannte ich gehorsam die Rangunterschiede, die ein „Genie“ von einem „Talente“ trennten, und die göttliche Würde, die Goethe auszeichnete, schien mir verletzt, wenn sich eine vulgäre Kreatur auf seinen erhabenen Schädel setzte. Nicht nur dieses Denkmal war steinern! Auch der lebendige Goethe war es gewesen! Und indem ich ihn grüßte, glaubte ich die Respektlosigkeit der Amsel gewissermaßen ungültig zu machen, und ich ahnte nicht, daß es dem Geschmack des Unsterblichen eher entsprochen hätte, von einer Amsel ausgepfiffen als von mir gegrüßt zu werden …

Goethedenkmal WienUnd so blieb es: Der untertänige Hochmut, mit dem ich Goethe zu ehren glaubte, hielt mich lange in der Befangenheit eines kindischen Urteils, demzufolge „das Genie“ steinern gewesen war wie sein Denkmal. Allmählich aber – und besonders deutlich wurde es mir eines Tages, als ich aus dem Feld in Urlaub kam – erwärmte und verlebendigte sich der Stein, in dem Goethe gefangen war. Ich trug eine Uniform. Und als ich, einem gewissen Mechanismus des Gemüts gehorchend, die Hand zum gewohnten Gruß ansetzte, wirkte ihm jener andere, soldatische entgegen, der mir gebot zu salutieren. Und ich erkannte plötzlich, daß ich bis nun Goethe gegrüßt, wie ich vor viel längerer Zeit Offizieren immer salutiert hatte. Und auf einmal schien es mir auch, daß Goethe lächelte. Ja, sein Denkmal, das „nicht gut“ war, lächelte. In seinen ovalen und konkav gewölbten, steinernen Augen erwachte jener menschliche Blick, der nur den Göttern eigen ist: ein wissender und witziger Blick, und wäre in mir die Vorstellung vom „Olympier“ nicht noch so lebendig gewesen, so hätte ich gewagt zu denken: ein schelmischer. Aber es gab damals in meiner Begriffswelt noch keine schelmischen Olympier. Und ich bemerkte nur, daß Goethe lächelte …

Seit jener Stunde – es war ein heiterer Sommerabend, und die Amseln pfiffen – hörte Goethe auf, ein steinernes Genie zu sein, und ich habe ihn nie mehr gegrüßt. Vielleicht verändert sich auch an den Denkmälern noch der physiognomische Ausdruck. Vielleicht verändern sich in der Tat die steinernen Gesichter, für jeden von uns! Und ich könnte glauben, daß jenes erhabene Antlitz, das unbewegt jahrelang, beinahe jeden Tag, meinen kindischen Gruß vorüberwehen ließ, eines Tages wahrhaftig zu lächeln begann, weil ich reif genug geworden war, zu Göttern zu beten und dennoch die Menschen zu ehren. Ich bin kein Stein! sagte das Genie. Ich begann zu begreifen, daß es ein Mensch war.

Goethedenkmal Wien

Bilder: Jutta Assel/Georg Jäger: Goethe-Denkmäler. Eine Dokumentation.
Edmund von Hellmer: Wiener Goethe-Denkmal
, Oktober 2009;
Wikimedia Commons.

Soundtrack: Peter Alexander: Das hat ka Goethe g’schrieben,
aus: Peter Alexander serviert Spezialitäten aus Böhmen, Ungarn, Österreich, 1967:

Written by Wolf

8. Januar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Nachtstück 0027: Uns lieben Brüdern Wohlgefallen und ein recht gutes Jahr!

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Upate zu Naseweise Weihnachten und
Nachtstück 0025: Die Thurmuhr brummte Zwölf:

Anfang Januar bis Ende Februar 1777 redigierte Matthias Claudius das amtliche Organ der Landkommission Hessen-Darmstädtische privilegierte Landzeitung, das er, wie aus den ursprünglich darin erschienenen Görgeliana erkennbar, ähnlich führte wie zuvor 1770 bis 1775 seine vierte, feuilletonartig letzte Seite im Wandsbecker Boten. In alle Sammlungen des Boten und die Werkausgaben von Matthias Claudius wurde immer nur die folgende Auswahl aufgenommen.

„Görgel“ ist verbreitet mundartlich für „Georg“ oder „Jürgen“.
Das Bildmaterial ist unabhängig von Matthias Claudius.

Gedeihliches neues Jahr für alle!

——— Matthias Claudius:

Görgeliana

in: ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Dritter Theil, Wandsbeck, beym Verfasser, 1777, korrigiert nach der mit „1774“ bezeichneten Erstausgabe:

Vorbericht.

Diese Görgeliana schreiben sich von Görgeln her, und Görgel ist eigentlich ein alter lahmer Invalide, der sich in seinen alten Tagen noch auf die Feder applicirte, und würklich der Verfasser einer gewissen Druckschrift ward, die als disjecti membra poëtae ins Publikum herausgieng. Ich war mit ihm bekannt worden, und wie’s unter den Gelehrten ist, daß sie einander aushelfen, so half ich ihm, wenn er keine Zeit, oder Reissen im Bein hatte, nach meiner Wenigkeit auch aus, wie zum Theil folget, nicht ohne seine Erlaubnis.

Weiter wüßte ich nichts vorzuberichten, etwa noch daß die Tanne ein Wald von Tannen ist, etliche Stunden groß, darin sich’s im Jahr 1776 und 1777 recht gut spatziren ließ.

~~~\~~~~~~~/~~~

No. 1. Des alten lahmen Invaliden, Görgel, sein Neujahrswunsch.

Christoph Weiss, deutscher Comödie- und Raritäten-Zetteltrager, Kupferstich 1771, Goethezeitportal 2013Sie haben mich dazu beschieden,
     So bring‘ ichs denn auch dar:
Im Namen aller Invaliden
     Wünsch ich ein fröhlich Jahr

Zuerst dem lieben Bauernstande;
     Ich bin von Bauern her,
Und weiß, wie nöthig auf dem Lande
     Ein fröhlich Neujahr wär.

Gehn viele da gebückt, und welken
     In Elend und in Müh,
Und andre zerren dran und melken,
     Wie an dem lieben Vieh.

Und ist doch nicht zu defendiren,
     Und gar ein böser Brauch;
Die Bauern gehn ja nicht auf Vieren,
     Es sind doch Menschen auch;

Und sind zum Theil recht gute Seelen.
     Wenn nun ein solches Blut
Zu Gott seufzt, daß sie ihn so quälen;
     Das ist fürwahr nicht gut.

Ein fröhlich, fröhlich Jahr den Fürsten,
     Die nach Gerechtigkeit,
Nach Menschlichkeit und Wohlthun dürsten;
     Der Fürsten Ehrenkleid!

Sie sind in diesem Ehrenkleide
     Wie Gottes Engel schön!
Und haben selbst die meiste Freude;
     Sonst muß ichs nicht verstehn.

Ein fröhlich Jahr und Wohlbehagen
     Dem Fürsten unserm Herrn!
Der auch in unsern alten Tagen
     Nicht lässet, der noch gern

An alte Invaliden denket
     Auf seinem Fürstenthron,
Und uns des Lebens Pflege schenket!
     Dank ihm und Gotteslohn!

Und seinen Unterthanen allen,
     Wir sind ja Brüder gar,
Uns lieben Brüdern Wohlgefallen
     Und ein recht gutes Jahr!

„Und allen edeln Menschen Friede
     „Und Freud‘ auf ihrer Bahn!
„Ich segne sie in meinem Liede,
     „So viel ich segnen kann;

„Und fühl in diesem Augenblicke
     „Den lahmen Schenkel nicht,
„Und steh‘ und schwinge meine Krücke,
     „Und glühe im Gesicht.“

~~~\~~~~~~~/~~~

No. 4. Billet doux, von Görgel an seinen Herrn, den 10. Jan.

Es schneit noch immer, mein lieber Herr, als obs gar nicht wieder aufhören wolle.

Joseph Bergler, Neujahrswünsche für 1807, Goethezeitportal 2013Was doch für eine Menge Schnee in der Welt ist! hier so viel Schnee! und in der Pfalz so viel! und in Amerika! und in der Tanne! – ich pflege denn so meinen Gang nach der Tanne zu haben, weiß er wohl. Der grosse Wald ist von Natur mein Lustrevier, und die Tanne liegt mir so bequem, grade am Thor, und führt eine schöne lange Lindenallee dahin; denn sind auch immer so viele arme Leute darin, alt und jung, die Holz sammlen, und auf dem Kopf zu Hause tragen; und das seh ich so mit an, und gehe meinen Gang hin. Seit der viele Schnee gefallen ist, fehlt mir aber meine Gesellschaft; die armen Leute können nicht zu, und ich kann denken, daß sie sowohl hier, als überall wo so viel Schnee liegt, bey der Kälte übel daran sind. Mein Herr hat Gottlob einen warmen Rock und eine warme Stube, da merkt er’s nicht so; aber wenn [man nichts in und um den Leib hat und] denn kein Holz im Ofen ist, da friert’s einen gewaltig.

Am Nordpol, hinter Frankfurt, soll Sommer und Winter hoch Schnee liegen, sagen die Gelehrten, und in den Hundstagen treiben da Eisschollen in der See, die so groß sind als die ganze Herrschaft Epstein, und thauen ewig nicht auf! und doch hat der liebe Gott allerley Thiere da, und weiße Bären, die auf den Eisschollen herum gehen und guter Dinge sind, und große Wallfische spielen in dem kalten Wasser und sind frölich. Ja, und auf der andern Seite unter der Linie, über Heidelberg hinaus, brennt die Sonne das ganze Jahr hindurch, daß man sich die Fußsohlen am Boden sengt. Und hier bei uns ists bald Sommer und bald Winter. Nicht wahr, mein lieber Herr, das ist doch recht wunderbar! und der Mensch muß es sich heiß oder kalt um die Ohren wehen lassen, und kann nichts davon noch dazu thun, er sei Fürst oder Knecht, Bauer oder Edelmann. Wenn ich das so bedenke, so fällt’s mir immer ein, daß wir Menschen doch eigentlich nicht viel können, und daß wir nicht stolz und störrisch, sondern lieber hübsch bescheiden und demüthig sein sollten. Sieht auch besser aus, und man kommt weiter damit.

Nun Gott befohlen, eliber Herr, und wenn er n Stück Holz übrig hat, geb‘ ers hin, und denk‘ er, daß die armen Leute keine weiße Bären noch Wallfische sind.

Sein Diener Görgel

~~~\~~~~~~~/~~~

No. 15. Schreiben von Görgel an seinen Herrn, d. d. 1777.

Ich komme morgen nicht zu Hause. „Warum nicht Görgel?“ Darum nicht, mein lieber Herr! ich komme nicht und kann nicht kommen.

Johann Adam Klein, Zum neuen Jahr 1820, Milano 1819, Goethezeitportal 2013’s wird ihm bekannt seyn, daß unser lieber Erbprinz sich morgen vermählt, und daß alle Leute im Lande, Vornehme und Geringe, so was machen und thun wollen, so ’n Carmina, oder Illumination, oder Musick, Tanz und dergleichen, ein jeder nach seiner Art, und wie ihm der Schnabel gewachsen ist, alles aber, damit der Erbprinz sehen soll, wie lieb sie ihn und seine Braut haben. Und da wollen wir alten Invaliden auch was thun, sieht er, mein lieber Herr! und da wollen unser etliche zusammen kommen in unsern Sonntagsröcken und mit weissen Vorermeln, und denn will ich vor ihnen hintreten und eine Rede halten.

Er kann leicht denken, was das für eine Rede werden, und daß es nicht gehauen und nicht gestochen seyn wird. Aber ’n jeder macht’s, so gut er kann, und kurz, ich werde ohngefähr so sagen: „Cam’raden, wir haben alle graue Haare und sollen bald sterben; hofieren und schmeicheln steht uns nicht an. Aller Welt Lust und Herrlichkeit ist eitel und vergänglich, und am Ende besteht nichts, als wenn man Gott fürchtet und recht thut! Cam’raden, auch die besten Fürsten sind Menschen, und darum muß man bey aller Gelegenheit für sie beten. Glückzu denn heute unserm geliebten Erbprinzen und seiner Braut! wenn sie der Pfarrer einseegnet und sie einander die Hände geben, so seegne sie Gott ein, und die Sonne scheine milde und freundlich vom Himmel herab! – Und wenn er einst, wir erlebens nicht, wir liegen dann alle schon im Grabe, aber wenn er einst die Regierung seines Landes übernimmt, so erfülle Gott unsre Hoffnung, und gebe, daß er ein guter Regent werde, damit er im Himmel zu uns komme.“

Wenn ich das sage, „daß er ein guter Regent werde etc.“, dann sollen alle Cam’raden die Hüte und Kappen abthun, und denn wollen wir ’n „Vater Unser“ beten, und hernach uns hinsetzen, und unsers gnädigen Herrn Landesfürsten, des Erbprinzen, der Erbprinzessin und aller F. Herrschaften, und des Herrn Präsidenten seine Gesundheit trinken, in 66iger wenn uns der Wirthsmann nicht betriegt. Addies lieber Herr, schreib er mir doch ’nmal, er hat mir so lange nicht geschrieben, und schenk‘ er mir einen krummen Kamm in meine Haare.

Sein Diener etc.
Görgel

~~~\~~~~~~~/~~~

No. 19. Beschluß-Nachricht von Görgel an seinen Herrn,
d. d. Gr. den 27sten Februar 1777.

Das Himmelszeichen ist auch hier zu sehen gewesen; ’s gieng grade über unser Invalidenhaus! und hat ausgesehn wie eine Ruthe! Es wird aber doch mit Gottes Hülfe nichts Böses bedeuten. Denn es war so schön weiß und helle, und man konnte die lieben Sternlein durchsehen.

Ende der GÖRGELIANA

Bilder: Christoph Weiss, deutscher Comödie- und Raritäten-Zetteltrager, Kupferstich 1771;
Joseph Bergler: Neujahrswünsche für 1807, 26 auf 21,5 cm;
Johann Adam Klein: Zum neuen Jahr 1820, Milano 1819, Platte 9,3 auf 7,5 cm;
via Jutta Assel/Georg Jäger: Neujahrswünsche auf Grafiken von Künstlern der Goethezeit, Neujahr 2013.

Soundtrack als zweiter Versuch für einen neuen Anfang:
Anti Cornettos: Korsakov Syndrom, aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Written by Wolf

1. Januar 2021 at 00:01

: »– : king !« –

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Update zu Cit. Schmidt, A.: Faust IV, 1960 und
Helmstedt-Marienborn (Mitternacht) — Arizona (noon).:

„Nennt mich Ismael.“ / „Ilsebill salzte nach.“ / „Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.“ — : Ich werde nicht enden, darüber zu trauern, dass Arno Schmidt ZETTEL’S TRAUM nicht mit einer catchy phrase, nein: mit einem zitierbaren Satz angefangen hat.

Sogar er selber hat das zuvor schon besser gemacht: „Nichts Niemand Nirgends Nie ! : Nichts Niemand Nirgends Nie ! : (die Dreschmaschine rüttelte schtändig dazwischen, wir konnten sagen & denken was wir wollten. Also lieber bloß zukukken.)“ Und in seinem erklärten magnum opus verschenkt er dann sehenden Auges und ach so wissenden Geistes die Chance, sein Monument im populär-kollektiven Gedächtnis zu errichten. Bei dem Anspruch, den er damit stellt, nämlich keinen geringeren — eher einen noch höheren — als sein altes Forschungsobjekt James Joyce mit Finnegans Wake, hätte es eine Entsprechung zu

A way a lone a last a loved a long the riverrun, past Eve and Adam’s, from swerve of shore to bend of bay, brings us by a commodius vicus of recirculation back to Howth Castle and Environs.

sein müssen: ein Satz, der nicht gleich so eingängig zum volkstümlichen Zitieren taugt, aber am Ende des Buches mittendrin aufhört und am Anfang weitergeht. Das wäre Futter für Interpretation, eine passende Hommage und ein motivierender Anlass für ein erstes Grinsen gewesen. Auf mich hört er ja nicht, der Prophet aus der Heide. So, wie es ist, konnte Dieter E. Zimmer nur anmerken:

»Groß« ist das Buch auf jeden Fall. Es könnte schon sein, daß in Zettel’s Traum das literarische Meisterwerk des Jahrhunderts steckt; es könnte sein, daß es sich um eine Art Streichholzeiffelturm in Originalgröße handelt, von einem Hobby-Berserker um den Preis seines Lebens erstellt. Vielleicht ist es auch beides.

Wo das steht? Laut Silvae, der in ähnlich enzyklopädischer Gelehrtheit „alles“ weiß wie Bonaventura, war es in der Zeit, kurz nach Erscheinen von Zettel’s Traum 1970. Hinterbracht wird es an exponierterer Stelle vom selben Bonaventura, der seit langem ganz zurecht nebenan in der Linkrolle steht, und der auch die Fliegenden Goethe-Blätter und den Prometheusfelsen betreibt. Nicht zuletzt hat er einst Zettel’s Traum lesen. Ein lektürebegleitendes Blog angefangen und leider nach wenigen Wochen liegen gelassen.

Was aus diesen Wochen Ende 2010 übrig bleibt und voraussichtlich nicht mehr viel anderes tun als im Mondlicht schimmern, folgt unten quasi als Sicherungskopie, weil es wichtig und sichernswert ist. Auch wenndie Forschung seitdem nicht stillstand: Fast auf den Tag zehn Jahre nach Bonaventuras Enträtselung der ersten Seite ist seit 26. Oktober 2020 das von Bernd Rauschenbach und Susanne Fischer herausgegeben Arno Schmidts Zettel’s Traum. Ein Lesebuch verlagsfrisch für 25 Euro erhältlich.

Das Motto

10. November 2010:

Das Motto zu ZT stammt bekanntlich aus dem Midsummer Night’s Dream von William Shakespeare. Es findet sich am Ende der ersten Szene des vierten Aufzugs und ist dem erwachenden Weber Bottom – bzw. bei Schlegel: Zettel – zugeschrieben. Schmidt bricht den Monolog vor dem Ende ab; ich setze das Zitat einmal ganz hierher und in der Fassung der Erstausgabe der Schlegelschen Übersetzung von 1797, da deren Orthographie der Schmidts nahe steht:

Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt. Ich hatte ’nen Traum – ’s geht über Menschenwitz zu sagen, was es für ein Traum war. Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen läßt, diesen Traum auszulegen. Mir war, als wär’ ich – kein Menschenkind kann sagen, was. Mir war, als wär’ ich, und mir war, als hätt’ ich – aber der Mensch ist nur ein lumpiger Hanswurst, wenn er sich unterfängt, zu sagen, was mir war, als hätt’ ich’s. Des Menschen Auge hat’s nicht gehört, des Menschen Ohr hat’s nicht gesehen; des Menschen Hand kann’s nicht schmecken, seine Zunge kann’s nicht begreifen, und sein Herz nicht wiedersagen, was mein Traum war. – Ich will den Peter Squenz dazu kriegen, mir von diesem Traum eine Ballade zu schreiben; sie soll Zettel’s Traum heißen, weil sie so seltsam angezettelt ist, und ich will sie gegen das Ende des Stücks vor dem Herzoge singen. Vielleicht, um sie noch anmuthiger zu machen, werde ich sie nach dem Tode singen.

Es ließe sich natürlich trefflich spekulieren, weswegen er die ausdrückliche Erwähnung des Titels Zettel’s Traum fortgelassen hat; noch trefflicher darüber, warum er das Singen der Ballade nach dem Tode weggelassen hat. Aber dazu ist es sicherlich noch zu früh.

Johann Heinrich Füssli, Titania liebkost den eselköpfigen BottomWichtiger ist, dass das Motto den Leser einstimmen soll: Im Midsummer Night’s Dream ist Bottom/Zettel ein ziemlich von sich selbst eingenommener Mensch, der Opfer einer Intrige der Geisterwelt wird. Ihm wird ein Eselskopf angezaubert (das äußerst rare Gesicht, das er gehabt hat) und die Elfenkönigin Titania wird verliebt in ihn gemacht, was seinem Selbstbild durchaus entgegenkommt. Nach seiner Rückverwandlung hält er das Geschehen für eben jenen Traum, den er für unausdeutbar hält und den er aufschreiben lassen will.

Bezeichnend scheint mir, dass sich bereits das Motto als vieldeutig erweist: Einerseits ist der Traum des Webers Zettel kein wirklicher Traum, sondern die fehlgedeutete Erinnerung an den Zusammenstoß mit der Geisterwelt (und Geister werden auch in ZT auftreten), andererseits weiß der Zuschauer von Shakespeares Stück, dass dem vorgeblichen Traum eine Realität zugrunde liegt, die aber selbst wieder durch den Titel und den gesamten Charakter des Stückes als Traum gekennzeichnet ist. Zettel’s Traum ist also ein Traum in einem Traum, der aber als Bericht von einem zauberhaften Erlebnis in einem Traum erscheint. Zudem ist es der Bericht von jemandem, der nicht nur selbstgefällig und -verliebt ist, sondern sich vor kurzem noch als ein ausgemachter Esel erwiesen hat. Was also soll der Leser ASs von Zettel’s Traum erwarten?

Die erste Seite (1)

16. November 2010:

Es war, wenn ich mich recht erinnere, Jörg Drews, der die erste Seite von ZT (ZT 11, TS 4) eine »mittelschwere Seite« genannt hat. Wir erkennen außerdem aus dem TS, dass AS diese Seite neu geschrieben hat, nachdem zumindest ein bedeutender Teil des Buches bereits geschrieben war, da die erste Seite mit jener Schreibmachine geschrieben worden ist, die erst ab Seite 575 des TS’ zum Einsatz gekommen ist. (Natürlich ebnet die gesetzte Ausgabe diese Differenz ein.)

Nun ist ZT ohnehin kein einfaches Buch, und es ergibt sich die Frage, was einen Schriftsteller dazu veranlasst, ein solches Buch dann auch noch mit einer mittelschweren Seite beginnen zu lassen, die dem naiven Leser, der nicht wie auch immer auf das Buch vorbereitet wurde, doch einen nicht unerheblichen Widerstand entgegensetzt.

Dazu ist zuerst einmal festzustellen, dass AS überhaupt eine Neigung dazu hatte, seine Bücher eher kryptisch beginnen zu lassen:

Auf die Sterne soll man nicht mit Fingern zeigen; in den Schnee nicht schreiben; beim Donner die Erde berühren: also spitzte ich eine Hand nach oben, splitterte mit umsponnenem Finger das ‹K› in den Silberschorf neben mir, (Gewitter fand grade keins statt, sonst hätt ich schon was gefunden!) (In der Aktentasche knistert das Butterbrotpapier).

Der kahle Mongolenschädel des Mondes schob sich mir näher. (Diskussionen haben lediglich diesen Wert: daß einem gute Gedanken hinterher einfallen).

»Aus dem Leben eines Fauns«

Oder:

In unserem Wassertropfen: Ein metallisch blauer Kegel kam mir entgegen; im Visierei 2 stumpfe Augenkerne.

Dann ein strohgelber: unter der trüben Plasmahaut schied man breite Zellen, Fangarme hingen; oben hatte es einen Wimpernkopf abgeschnürt, Romanoffskyfarbton; und zog naß tickend an mir vorbei. Volkswagen rädertierten. Nah hinten auf dem Platz trieb auch die Schirmqualle. (Genug nu!).

So hantierten wir im Stickstoff mit anaëroben Gebärden (eben machte Einer aus Armen ein schönes langes Beteuerungszeichen), wir, am Grunde unseres Luftteiches, und die Bäume schwankten wasserpflanzen. Mein linker Schuh betrachtete mich kühl aus seinen Lochreihen.

»Das steinerne Herz«

Beide Beispiele – gleichgültig, ob man auch sie mittelschwer findet oder nicht – machen deutlich, dass AS seinen Lesern zumutet, beim Lesen seiner Texte anfangs eine gewisse Orientierungslosigkeit ertragen zu müssen. Das ist sicherlich der Ausdruck eines elitären Kunstverständnisses, das AS mehrfach zum Ausdruck gebracht hat:

Kunst dem Volke?!: den Slogan lasse man Nazis und Kommunisten: umgekehrt ists: das Volk (Jeder!) hat sich gefälligst zur Kunst hin zu bemühen! – [BA I/1, 137]

Man kann nun in diesem Sinne die erste Seite mit dem »Distel=Drittel, field of horror« (ZT 12) des Schauerfelds identifizieren, als eine »gegen Camper !« (ebd.), also unbefugte Benutzer, gerichtete Maßnahme des Autors, der zu verhindern sucht, dass die falschen Leser den Zaun übersteigen, den er zu Anfang des Buches errichtet hat.

Tun wir es dennoch und schauen wir uns im Folgenden das Gestrüpp der ersten Seite etwas genauer an.

Die erste Seite (2)

16. November 2010:

Der hier versuchte Einzelstellenkommentar zur ersten Seite erhebt – genau wie der Rest der Texte hier – keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder Verbindlichkeit. Zum Wesen der Lektüre von ZT (wie auch der meisten anderen Bücher) gehört es, dass sie wesentlich vom Wissen und den Assoziationen des Leser geprägt ist. Dieser Versuch darf und soll also gerne in den Kommentaren ergänzt werden.

ZT beginnt in der mittleren Kolumne mit zwei Reihen von Xen, die den Stacheldrahtzaun zu Anfang des Schauerfelds darstellen. In der Mitte wird der Zaun auseinandergehalten, um – wie wir kurz darauf erschließen können – Wilma (W) das Durchschlüpfen zu ermöglichen.

AS hält seiner Frau den Stacheldraht auseinander.

Das erste Wort des Buches spricht Paul (P):

: »– : king !« –

Dazu findet sich am rechten Rand eine Assoziation Daniel Pagenstechers (DP):

(? : NOAH POKE ? (oder fu=))

Das Fragezeichen signalisiert, dass sich DP fragt, ob das »King!« Ps ein Zitat aus James Fenimore Coopers Roman »The Monikins« sei, in dem Kapitän Noah Poke seinem Erstaunen des öfteren mit diesem Ausruf Ausdruck verleiht, oder ob es sich um ein verkürztes »fucking!« handelt. Bei »The Monikins« handelt es sich um eine der anregenden Quellen für Edgar Allan Poes »Arthur Gordon Pym«. Darüber hinaus ist vielleicht erwähnenswert, dass king im Chinesischen Buch bedeutet; ASs chinesische Motive kommen allerdings erst in »Die Schule der Atheisten« so recht zum Tragen.

Am linken Rand steht dem gegenüber:

: ›Anna Muh=Muh !‹ –

Hierbei handelt es sich um eine eingedeutschte Schreibung eines der Wörter aus der Sprache von Tsalal, das sich gleich darunter auch in der Schreibung des Originals wiederfindet: »: ›Ana Moo=moo !‹« Tsalal ist die Insel, die in Poes »Arthur Gordon Pym« in der Nähe des Südpols entdeckt wird. Zugleich ist »Muh=Muh« natürlich auch eine onomatopoetische Wiedergabe des »Gestiers von JungStieren«, wie es gleich darauf in der mittleren Kolumne heißt.

Nach diesem Auftakt beginnt der erzählende Text:

Nebel schelmenzünftig.

ist ein Spiel mit dem Titel von Thomas Murners »Der schelmen zunfft«, dessen lateinische Übersetzung »Nebulo nebulonum«, also »Der Schelm der Schelme« lautet. Dies ist also nicht nur eine wortspielerische Beschreibung der Wetterlage, sondern auch eine Wiederaufnahme der bereits im Motto enthaltenen Warnung, alles folgende nicht zu ernst zu nehmen.

1 erster Dianenschlag; (LerchenPrikkel).

Dazu gibt der Pierer (Pierer’s Universal-Lexikon, 4. Auflage, 1857–1865):

Diana, […] 2) (Seew.), Tagwache von 4 Uhr bis 8 Uhr Morgens. Daher Dianaschuß, der Morgenschuß vom Admiralschiff; Dianaschlagen, Trommeln u. Pfeifen, welches die Schiffsmannschaft zur Morgenwache ruft. (Bd. 5, S. 108)

Statt der Trommeln muss auf dem Schauerfeld eine Lerche den Beginn der ersten Wache ankündigen.

Gestier von JungStieren. Und Dizzyköpfigstes schüttelt den Morgen aus. /

Beschreibung des Jungviehs, das sich auf der oder den Weiden rechts und links des Schauerfelds aufhält. Was AS mit «dizzyköpfig», also soviel wie »schwindelköpfig« meint, ist mir unklar. Vielleicht schütteln sich die Kälber selbst den Kopf schwindelig? Der Schrägstrich zeigt in ZT in der Regel an, dass nun eine andere Person spricht, oder auch, dass DP seine Rolle als Erzähler mit der als Protagonist bzw. vice versa vertauscht.

Am rechten Rand dazu der biografische Gedankensplitter DPs:

(Als Kind hab’Ich ›Euter‹ essn müssn : Meine Mutter usw. – (tz, Wahnsinn; &=Brrr…)

Es folgt die erste wörtliche Rede DPs:

: »Sie diesen Galathau, Wilma. Und wie Herr Teat’on mit Auroren dahlt :

Ob sich der Tippfehler »Sie« statt »Sieh« fruchtbar machen lässt, ist mir unklar. Das Wort »Galathau« ist ein Portmanteau-Wort aus »Tau« und »Galathea«. Tau wird offensichtlich zu dieser frühen Stunde einen der wesentlichen Eindrücke beim Betreten des Schauerfelds bilden; er wird außerdem wenige Zeilen später gebraucht, um eine »(sündije) Vision« DPs auszulösen.

Das Wort »Galathea« dagegen kann zur ersten Falltüre für den interpretatorischen Zugriff werden. In der Variante Galateia – eingedeutscht: die Milchweiße (was im Zusammenhang mit Poes »Arthur Gordon Pym« relevant ist, dessen Eingeborene auf Tsalal ja die weiße Farbe fürchten); in ASs Schreibung auch: die Milchgöttin – bezeichnet das Wort zuerst einmal eine Nymphe der griechischen Mythologie. Sie ist die Geliebte des Polyphem, also eines einäugigen Riesen. Der Hirte Akis, der sich in sie verliebt hatte, wurde von Polyphem aus Eifersucht getötet, und Galateia verwandelte den Blutstrom des Erschlagenen in einen Fluss. Dies kann als Vorverweis auf die am Fuß der Seite erfolgende Messung der Strömungsgeschwindigkeit des kleinen Bachs am Anfang des Schauerfelds gelesen werden. Auch das Motiv des Totschlags wird im ersten Buch von ZT noch einmal ausdrücklich aufgenommen werden.

Galatea ist aber auch der (nachantike) Name der Statue, die Pygmalion sich erschuf und der auf seine Bitten hin von den Göttern Leben gegeben wird. Hier kommt ein Motiv ins Spiel, das später in ZT noch ausführlich dargestellt wird: Franziska Jacobis (F) Verliebtheit in DP entspringt ganz wesentlich einem früheren Aufenthalt bei DP, der sie tief beeinflusst haben muss. Würde DP also dieser Verliebtheit Fs nachgeben, so hätte auch er sich seine Geliebte in gewissem Sinne selbst geschaffen.»Pygmalion und Galatea« ist auch der geläufige Titel eines Gemäldes von Bronzino. Es zeigt nicht nur den die lebendige Galatea anbetenden Pygmalion, sondern in der Bildmitte auch ein Stieropfer, was wiederum gut zum »Gestier von JungStieren« passt.

»Galatea« ist auch der Titel einer Schäferdichtung von Cervantes, die – witzigerweise – auf eine »Diana« Jorge de Montemayors zurückgeht. Der Roman ist unvollendet geblieben und spult im Großen und Ganzen das übliche Schema einer unglücklichen Liebe zu einer unerreichbaren Frau ab. Auch dies ist ein guter Resonanzraum für das Verhältnis bzw. Unverhältnis zischen DP und F.

Nicht zuletzt ist Galathea eine der größten Gruppen der Springkrebse, also eines Lebewesen mit einem harten Äußeren und einem weichen Kern, was als erste Charakterisierung DPs nicht schlecht passen dürfte. Ich bin sicher, dass sich weitere Assoziationen und Deutungen zu »Galathea« problemlos finden lassen.

Tithon – dem bei AS übrigens das h fehlt, das seine Galathea zuviel hat – und Aurora sind ein mythologisches Liebespaar: Die Göttin der Morgenröte Eos (Aurora) verliebt sich in den jungen Tithon, den sie entführt, um ihm dann von Zeus das Geschenk des ewigen Lebens zu erbitten. Leider vergisst sie aber, ihm auch ewige Jugend zu verschaffen, so dass er altert, während sie ewig jung bleibt. Thiton endet schließlich in der Metamorphose zu einer Zikade; ebenfalls ein Tier mit Exoskelett, wie auch der oben schon genannte Springkrebs. Auch hier wird das Liebesverhältnis zwischen DP und F angespielt: DP fürchtet sich natürlich davor, wie Thiton einer jugendlichen Geliebten auf Dauer nicht genügen zu können.

Zum Wort »dahlen« gibt Adelung folgende Auskunft:

Dahlen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, aber nur in der vertraulichen Sprechart der Obersachsen üblich ist, tändeln, kindische Dinge vornehmen, sich albern bezeigen

Viel von dem, was im Verlauf des Buches zwischen DP und F vorgehen wird, hat den klaren Charakter des Spielens und ist wesentlich die Fortsetzung des Verhältnisses zwischen den beiden, als F noch ein Kind war.

: jetzt ist die Zeit, voll itzt zu seyn !«. /

Wurde als Übersetzung des Satzes »Yet’s the time for being now, now, now.« aus Joyces »Finnegans Wake« (FW 250) gedeutet. Das mag so sein; es scheint mir aber auch zu genügen, es als eine schmidtsche Variante des »Carpe diem« zu lesen.

Wird fortgesetzt.

Die erste Seite (3)

23. November 2010:

Weiter im Text:

Aber Sie, noch vom vor=4 benomm’m, shudderDe mit den (echtn!) Bakk’n) : »Dän – Ich bin doch wirklich a woman, for whom the outside world exists. Aber verwichne Nacht …«; (brach ab; und musterDe Mich, / Den Ihr gefälligst den Draht aus’nander Haltndän : – ? – /

Es wird noch einmal explizit die Uhrzeit bestätigt, die die Formulierung „1 erster Dianenschlag“ angedeutet hatte. Zum niedersächsischen Wort „schuddern“ gibt Adelung folgendes:

Anm. Schüttern, Nieders. schuddern, Engl. to shudder, ist dem Ursprunge nach eine unmittelbare Nachahmung des Lautes, der Form nach aber ein Intensivum und Iterativum von schutten, schütten, welches ehedem dafür gebraucht wurde. Sih scutita thiu Erda, die Erde erschütterte, Ottfr. Thaz wazar er yrscutita, er erschütterte das Wasser, eben derselbe. Zittern und schaudern sind nahe damit verwandt, nur daß schüttern in Ansehung beyder ein Intensivum ist;

Bei der Phrase „a woman, for whom the outside world exists“ besteht natürlich der Verdacht, dass es sich um ein Zitat handelt; wer kann es identifizieren? [Vgl. unten den Kommentar 1.] [D. i.: Kommentar von Friedhelm Rathjen, Zettel’s Traum lesen, 23. November 2010: „Die Phrase „a woman, for whom the outside world exists“ ist in der Tat ein (leicht abgewandeltes) Zitat, nämlich von Theophile Gautier, der freilich der französischen und nicht der englischen Literatur zuzurechnen ist – daß Schmidt ihn dennoch englisch ‚benutzt‘, liegt daran, daß er das Zitat im „Oxford Dictionary of Quotations“ fand, einem Nachschlagewerk, das er ab den frühen 1960er Jahren so ausgiebig benutzt, daß man von diesem Zeitpunkt nicht automatisch davon ausgehen kann, Schmidt kenne die entlegenen Texte, aus denen er zitiert. Die Quelle hat Schmidt in diesem Fall vermerkt, allerdings nicht im Text, sondern auf einem der Zettel, die er für die erste Textseite von ZT benutzt hat: „FW / ‚I am a man, for whom the outside world exists‘ / Th. Gautier (Quot.)“.“] Weswegen Wilma hier abbricht, bleibt unklar; offenbar hatte sie in der Nacht eine Erscheinung, die über einen normalen Traum hinausgeht. Anschließend finden wir hier die Grundlage für die bereits vorgenommene Interpretation der beiden Reihen von Xen zu Anfang der Seite. Die Zeichenfolge „: – ? –“ bezeichnet in der Regel einen fragenden Blick oder eine fragende Geste, kann aber auch eine ausformulierte Frage ersetzen, die sich aus der Antwort selbst ergibt. Am rechten Rand findet sich eine weitere Assoziation DPs:

(: we’cher Hals! We’che Stimme!
(Der eine voll, die andre rauh : kein
Zug mehr wie früher, aber noch gans
dasselbe Gesicht …)

Dies ist der erste Hinweis darauf, dass sich die Eheleute Jacobi und DP schon länger kennen. Die Verschreibung „gans“ zeigt zudem an, dass DP von Ws Intellekt nicht die höchste Meinung hegt.

: »Singularly wild place – «; (hatte P indessn gemurmlt. Er ragte, obm wie untn, aus seiner WanderHose; Er, lang=dünn & haarich) /

Die Beschreibung Ps lässt sich als erster Hinweis darauf lesen, dass die Figurenkonstellation in ZT mehrfach überdeterminiert ist. So können die Figuren unter anderem den Instanzen der Schmidt-Freudschen Persönlichkeitstheorie zugeordnet werden: W repräsentiert das Über-Ich, P das Ich, F das Es und schließlich DP die von Schmidt hinzugefabelte 4. Instanz. P wird zudem gleich bei seinem ersten Auftreten als personifizierter Penis vorgestellt.

In der linken Kolumne findet sich auf Höhe dieses Textes:

: MUUHH! – (immer näher ad Zaun
: immer (B)Rahma=bullijer

Die erste Zeile ist einfach die Fortsetzung des schon erläuterten „Gestiers von JungStieren“ in derselben Spalte; die zweite eine Reaktion auf den rechten Rand:

(Goloka=Goloka; The World of
Cows; (+ Galaxy). (: ›La vaca,
la cabra y la oveja nos dan su leche‹;
sagde gleich Eins auf; (aus’m
DERNEHL=LAUDAN …

Goloka, die Welt der Kühe, ist im Hinduismus der ewige Wohnort Krishnas:

Mit seinem aus Sein, Intelligenz und Wonne (saccid-ânanda) bestehenden Leibe genießt Krishna an höchster Stätte in der »Welt der Kühe« (Goloka) mit Râdhâ ewige Wonnen als Widerschein des geistigen Liebesverhältnisses zwischen Seele und Gott. [RGG, 3. Aufl., Bd. 3, 347]

Auch hier wird also wieder ein Liebesverhältnis angespielt, diesmal mit ausdrücklicher Betonung der Spannung zwischen Körper und Geist. „Galaxy“ ist die Milchstraße (altgr. γαλαξίας), eine Verstärkung der Motive Milch und weiß einige Zeilen weiter oben im Text. „La vaca, la cabra y la oveja nos dan su leche“ ist Spanisch und bedeutet: „Die Kuh, die Ziege und das Schaf geben uns ihre Milch“ (vgl. auch unten Kommentar 5); der „DERNEHL=LAUDAN“ ist das Spanisch-Lehrbuch, nach dem AS in der Schulzeit Spanisch gelernt hat. Auch dies ist ein Hinweis darauf, dass die Bekanntschaft der drei Erwachsenen bereits aus ihrer Schulzeit herrührt.

Das „(B)Rahma“ des linken Randes ist also zuerst einmal mit der hinduistischen Welt der Kühe vom rechten Rand assoziiert; Brahma ist eine der drei hinduistischen Hauptgottheiten. Die Einklammerung des Buchstabens B lässt zudem das Wort „Rahma“ hervortreten; zusammen mit dem Wort „bullijer“ wurde hier von einem Deuter die Zote „Hast Du Rama auf der Stulle / kannst du vögeln wie ein Bulle“ assoziiert. Dazu mag sich jeder Leser stellen, wie er will.

Wird fortgesetzt.

Die erste Seite (4)

23. November 2010:

Weiter im Text:

: »HasDu überhaupt zugehört ? Was Ich gesagt hab’ ?« / (Vollkomm’ Wilma. Aber a) : »hatt’Ich eine (sündije) Vision zu bekämpfn …«/ (: »? ! –«) / (Galant) : »So im Stiel von ›Achab + Zedecias durch 2‹ : Dich; in einem Zuber voll Thau! – «; (dann hattn Wir Se, endlich, cnorpulend, hindurch. Und b) : »Hab’Ich den D=Zug, von Eschede, rumpln hör’n.

Achab und Zedekias (in der Schreibung Sedechias) sind in Sixtus Bircks Drama „Susanna“ (1532) die beiden, die die fromme und keusche Susanna im Bade beobachten. Die Fabel des Dramas geht auf das biblische Buch Daniel (13, 1 ff.) zurück; es handelt sich dabei um einen der Fälle, an dem sich Daniel als weiser und gerechter Richter beweist. Natürlich möchte auch DP als ein solch weiser und gerechter Richter, und sei es auch nur in Sachen Literatur, angesehen werden. Mit Material aus dem Buch Daniel spielt AS noch öfter; auch ist vermutet worden, dass die Seitenzahl des TS von ZT durch Daniel 12, 12 determiniert ist:

Wohl dem der durchhält und dreizehnhundertfünfunddreißig Tage erreicht!

Wir werden sehen.

DP hat die Vision von Achab und Zedekias nur „durch 2“, da er sie alleine hat; es mag aber auch sein, dass er W als nur halb so attraktiv imaginiert wie die biblische Susanna. Der „Zuber voll Thau“ ist natürlich assoziativ ausgelöst von dem zuvor bereits kommentierten Wort „Galathau“. Wichtig für den weiteren Verlauf des Romans ist aber, dass hier erstmals das Motiv des Voyeurs angespielt wird. Es werden wenige Zeilen später auch entsprechende Gerätschaften folgen.

Das Wort „cnorpulend“ ist wohl zusammengezogen aus korpulent, Knorpel und pulen: Man hat sich W, wie auch der bereits erwähnte ‚volle Hals‘ andeutete, als eher vollschlanke Frau vorzustellen; die Bandscheiben in ihrem Rücken werden beim Durchklettern des Stacheldrahtzauns beansprucht und offenbar führt alles dies dazu, dass sie von den beiden Herren eher sanft durch den Zaun hindurch gezogen (gepult) werden muss, als dass sie die Passage wirklich selbst bewältigt.

Eschede ist eine Kleinstadt in der Lüneburger Heide und den meisten heute wohl bekannt durch das ICE-Unglück im Juni 1998. Die Bahnstrecke durch Eschede führt von Celle nach Uelzen und ist Teil der Bahnstrecke zwischen Hannover und Hamburg. Sollte DP tatsächlich in der Lage sein, einen D-Zug auf dieser Strecke „rumpln“ zu hören, so liegt das fiktive Ödingen, in dem ZT hauptsächlich spielt, wahrscheinlich ein gutes Stück westlich von ASs Wohnort Bargfeld. Es mag auch sein, dass es in den 60er Jahren von Eschede aus noch eine direkte Verbindung zur Strecke zwischen Celle und Hankesbüttel gegeben hat (hier mögen bitte Ortskundige einspringen); diese Bahnstrecke verläuft südlich von Eldingen und liegt deutlich näher an Bargfeld, was die konkrete Lage von Ödingen wieder an Bargfeld annähern könnte.

Am rechten Rand findet sich auf Höhe des Satzes „dann hattn Wir Se, endlich, cnorpulend, hindurch“

(? – : b/cnuffDe’s nich? Bescheidnt-
lich; von hintn ? … / (›Die Gopis
(= KuhHirtinnen) waren rasend vor
Liebe zu Krischna/an : als er seine Flöte
spielde, kamen sie=Alle, mit ihm
zutanzn …‹). /

Die hier verwendeten Zeichengruppen „b/cn“ und „na/an“ sind, auch im Weiteren so verwendete, Notlösungen, um die Ramifikationen (Verästelungen) des Textes – hier Ramifikation 1 und Ramifikation 2– wiederzugeben. AS hatte diese typographische Spielerei bereits früher verwendet, ab ZT wird es aber zu einem wesentlichen Mittel seiner Schriftsprache. Während die dadurch erzeugten Wortvarianten an dieser Stelle nur einen spielerischen Charakter zu haben scheinen, werden sie im weiteren Text zum optischen Darstellungsmittel für die Unterwanderung der Wörter durch die von AS sogenannten Etyms. Was Etyms sind und wozu sie dienen, muss später an gegebener Stelle erörtert werden. Es sei hier nur nebenbei erwähnt, dass das Wort „Ramifikation“ selbst einen vortrefflichen Anlass für eine Etym-Analyse bietet.

Wer es ist, der DP bufft und knufft lässt sich nur vermuten, aber wahrscheinlich handelt es sich um F, die DP von seiner zu intensiven Beschäftigung mit ihrer Mutter ablenken möchte. Die Konkurrenz von Mutter und Tochter um die Sympathie und Aufmerksamkeit DPs wird eine bestimmende Konstante der Figurenkonstellation in ZT sein.

Woher das Zitat mit den Gopis genau stammt, wurde meines Wissens bislang nicht identifiziert. Es passt aber gut in nahezu jede beliebige Darstellung der Existenz Krishna im zuvor bereits erwähnten Reich Goloka. Natürlich ist sowohl das Spiel der Flöte als auch der Tanz der Gopis mit Krishna schon im Ursprung und nicht erst bei AS stark sexuell konnotiert.

Die Ramifikation Krischna/an ist wohl die schlichteste Art der Verweltlichung des Mythos, die möglich ist. Ob dabei auch eine Parallelität zwischen Krishna und Christus bzw. zwischen Hinduismus und Christentum (Krischan ist ja nur die norddeutsche Verschleifung den Namens Christian) mitgedacht werden soll, bleibt offen.

– (?) – : Nu ›Eintrübunc‹.«; (Vorkeime v Wolckn; Windwebm.) : »Was willsDú nehm’ Fränzel ? : ’s DopplGlas ? Oder die YASHIKA ?«. / (Sie griff stumm. Und der LederRiem’m teilde. (›Das ließ Ihr schön zu den dunkelblauen Augen‹. (Und dem Pleas’see=Rock; waid genoug für Zweie.))) /

Auf eine nicht ausformulierte Frage Fs hin, wendet sich DP nun ihr zu. Nach der Erklärung der meteorologischen Lage, werden nun die Werkzeuge des oben bereits ins Spiel gebrachten Voyeurs verteilt: Fernglas und Kamera. Zur Übereinstimmung meines Nachnamens mit dem in ZT häufig gebrachten Kosenamen Fs sei hier nur angemerkt, dass meine Schmidt-Lektüre erst mehrere Jahre nach dessen Tod begonnen hat. F greift sich wortlos eines der beiden Geräte und hängt es sich so um, dass der Lederriemen zwischen ihren Brüsten durchläuft; da sie im Gegensatz zu ihrer Mutter aber eher kleine Brüste hat, „teild“ der Lederriemen weich. Rechts findet sich dazu das Zitat:

: ›did diuide her daintie paps‹; SPENSER …

Also etwa: ‚Teilte ihre zierlichen Nippel‘; es handelt sich um ein Zitat aus Edmund Spensers „The Faerie Queene“ (1590–1596). ASs archaisch anmutende Schreibung „diuide“ scheint dem ursprünglichen Text Spensers zu entsprechen. „The Faerie Queene“ wird in ZT relativ häufig zitiert, was den phantastischen Tendenzen des Buchs gut entspricht. Bereits über die Assoziation mit dem Traum des Webers Bottom hatte Schmidt ZT als ein (auch) phantastisches Buch gekennzeichnet, und, wie bereits angedeutet, Geister und andere phantastische Erscheinungen spielen in ihm keine unwesentliche Rolle. Für die Liebhaber von Verschwörungstheorien sei hier angemerkt, dass Spenser ursprünglich geplant hatte, „The Faerie Queene“ in zwölf Büchern zu je zwölf Gesängen zu schreiben; aus dem Namen Daniel und der doppelten 12 ergibt sich dann unschwer die Notwendigkeit, dass ZT im TS 1335 Seiten haben musste. In die gleiche Kategorie gehört auch das von Zeit zu Zeit kolportierte Faktum, AS habe die 120.000 Zettel zu ZT (vgl. BA Suppl. 2, S. 33) in 12 Zettelkästen organisiert; auch hieraus ergeben sich sicherlich weitreichende Folgen.

Ob es sich bei „›Das ließ Ihr schön zu den dunkelblauen Augen‹“ tatsächlich um ein Zitat handelt, ist mir unklar. Jedenfalls haben unzählige literarische Heldinnen und Geliebte dunkelblaue Augen. [Siehe auch unten Kommentar 4.] [Kommentar von MF, Zettel’s Traum lesen, 26. November 2010: „Wie ich der Poe-Biografie von Zumbach (München: Winkler, 1986. S. 247) entnehme, hatte Poes Virginia „veilchenblaue Augen“.“] Beim „Pleas’see=Rock“ handelt es sich um eine weitere wichtige Technik von ASs Schriftsprache, dem systematischen Verschreiben von Wörtern, so dass eine zweite Bedeutung im klanglich identischen oder ähnlichen Material aufscheint. Hier ist das Beispiel relativ unverfänglich: F trägt einen Plissee-Rock, der außerdem nett aunzuschauen ist bzw. ihr gut steht. Die gleich darauf folgende Verschreibung „waid“ könnte den Waidmann anspielen (assoziativ ausgelöst durch das Doppelglas), es könnte aber auch die Waid-Pflanze assoziiert sein, einer wichtigen Farbstoff-Lieferantin des Mittelalters für blaue Farbe. Die Verschreibung „genoug“ hat sich mir bislang nicht erschlossen. [Vgl. dazu unten den Kommentar 2.] [Kommentar von MF, Zettel’s Traum lesen, 24. November 2010: „zu genoug: Bis Nougat war ich auch gekommen, fand aber keinen richtigen assoziativen Haken im Umfeld. Doch der Hinweis auf die Süßigkeit ist gut, denn damit läßt es sich an das „daintie“ aus der rechten Spalte anhängen, das nämlich auch lecker heißen kann.

zu Lama=Lama: Die Assoziation mag schon hinkommen, denn die JungStiere stehen sicherlich auch als Symbole der Fruchtbarkeit und Potenz da. Wichtiger aber ist, glaube wenigstens ich, dass AS später (ZT 35, TS 31) Lama via der Lautweiche Lahem als Fleisch übersetzen wird. (Ich war gestern nur zu faul, es noch herauszusuchen.) Gemeint ist also eher, dass es sich bei den Kälbern, die jetzt noch munter auf der Weide herumspringen, eigentlich schon um totes Fleisch handelt. Das „werdt’ ihr früh“ wäre dann durch ein (leckeres?) genoug zu ergänzen. Das gehört daher eher in die Reihe der Todesmotive, von denen die Impotenzklage allerdings auch eines ist. Es ist also nicht so weit auseinander.“]

Ungefähr auf der Höhe des letzten Zitates steht in der linken Spalte:

? – : »Lama=Lama!« – (: werdt’ ihr
früh. (Sie schüttltn auch die Ohren
so=oft …))

„Lama=Lama!“ ist ein Ausruf der Eingeborenen auf Tsalal. Es sind einige Versuche gemacht worden, diese Sprache, von der Edgar Allan Poe nur wenige Wörter und einen einzigen Satz mitteilt, zu übersetzen. Keiner dieser Versuche ist letztlich überzeugend. Wir werden noch sehen, was AS dazu entwickelt. Das Satzfragment „werdt’ ihr früh“ bleibt vorerst unverständlich. [Vgl. auch unten den Kommentar 2.]

Wird fortgesetzt.

Die erste Seite (5)

3. Dezember 2010:

Weiter im Text:

(? –) : »Ganz=winzij’n Moment nur … (: dreh langsam, 1 Mal, den Kopf in die Wunder einer anderen AtmoSfäre … (?) – : nu, ne Sonne von GoldPapier, mit roth’n Bakkn et=caetera ?)) – : verfolg ma das WasserlinsnBlättchin, Franziska=ja ? – (?) – : Ganz=recht; (Ch kuck aufdii Uhr). –«; (und knien; am WegeGrabm, zu Anfang des Schauerfeld’s) : »Ch wollt die StrömungsGeschwindichkeit ma wissn : Wir habm Zeit, individuell zu sein, gelt Fränzi?« « (Und erneut zu W, /

Der erste Satz scheint an W gerichtet zu sein, wie der Schluss der zitierten Passage und der rechte Rand klar machen:

(da W Uns, anschein’d n Ausputzer
gebm wollte. (: heut regier’Ich :
morgn fahrt Ihr wieder

Diese Marginalie enthält eine wichtige zeitlich Rahmenbedingung des Geschehens, die auch gleich darauf noch einmal betont werden wird: Der Tag, den ZT beschreibt, ist in vielerlei Hinsicht ein letzter Tag, ein Tag, der in sich abgeschlossen ist und etwas besonderes darstellt. Zum heute so nicht mehr gebräuchlichen Wort „Ausputzer“ schreibt Adelung:

Der Ausputzer, des -s, plur. ut nom. sing. der etwas ausputzet. Figürlich, im gemeinen Leben, ein scharfer Verweis. Einem einen derben Ausputzer geben.

Im obigen Zitat aus der Mittelkolumne ist wohl wichtig, dass DP W gegenüber für ein und denselben Sachverhalt zwei sehr unterschiedliche Formulierungen gebraucht: Die „die Wunder einer anderen AtmoSfäre“ können auch als „ne Sonne von GoldPapier, mit roth’n Bakkn et=caetera“ beschrieben werden. Hier kündigt sich DPs Methode der Interpretation an, die später im Text als „Etym=Methode“, „Etymkunde“, „Etym=Analyse“ oder auch explizit als „Etym=Theorie“ bezeichnet werden wird. Für diese Lesart von Texten wird es – besonders auch bei denen Edgar Allan Poes – charakteristisch sein, dass eine gravitätischen Formulierung mit eine ihre Erhabenheit entlarvende Deutung gegenübergestellt wird. Ich selbst habe mir in meiner Einführung zu Schmidts erzählerischem Werk erlaubt, diese Methode als „Etymmystik“ zu bezeichnen, da zumindest DP mit dieser Methode darauf abzuheben scheint, die oberflächliche Lektüre von Texten durch eine wahrere, unmittelbarere Lektüre zu ergänzen. Ich werde hier in im weiteren dei Abkürzung EM für diese Art des Textzugriffs verwenden, wobei sich jeder nach Belieben denken mag, ob dies für Etym-Methode oder Etymmystik stehen soll.

Der zweite Teil des obigen Zitats leitet eine Messung der Strömungsgeschwindigkeit des kleinen Bächleins im „WegeGrabm, zu Anfang des Schauerfeld’s“ ein. Dies im weiteren Roman wohl keine Rolle mehr spielende Detail könnte in zweierlei Hinsicht gedeutet werden: Zum einen ist für DP die ihn umgebende Welt nicht nur Anlass zur äußerlichen Betrachtung, sondern er objektiviert sie auch – die Welt wird nicht nur betrachtet, sondern auch vermessen; auch hier liegen, wie bereits oben thematisiert, zwei Zugriffe auf die Welt nebeneinander vor. Zum anderen kann das Knien „am WegeGrabm“ auch als eine religiöse Geste gedeutet werden. Hinweis darauf könnte das kurze Poe-Zitat am linken Rand sein:

(›watered by a beautiful stream,
which bears the name of ISIS, the
divinity of the Nile & the Ceres of
the egyptians‹. (REC.WALSH))

Das Bächlein wird also assoziiert mit der Isis, der Göttin des Nils und der Ceres der Ägypter, was zum einen eine erneute Aufnahme des Themas Fruchtbarkeit ist, für das auch schon die die linke Kolumne bisher beherrschenden Jungstiere stehen können, zum anderen aber eben für das Knien „am WegeGrabm“ ein religiöses Assoziationsfeld liefert. Vor wem oder was hier dann tatsächlich das Knie gebeugt würde, lässt sich wohl noch nicht erkennen.

F stimmt der Aussage DP, man „Zeit, individuell zu sein“ schweigend zu, wie der rechte Rand verrät:

(Sie nickde, schweignd …

Weiter in der mittleren Kolumne:

(Und erneut zu W, / (Die, irgndwie=gereizt, Paul just ein’n ›Altn Dämian‹ hieß : ! –) / : »Lieb=sein Wilmi. Villeicht sind Wa, an Unserm 1 Tag Fee’rij’n, ooch noch grawitätisch! –

Meine Lektüre des Hesseschen „Demian“ liegt zulange zurück – und ich möchte sie auch nicht auffrischen –, um noch beurteilen zu können, ob es sich bei „Dämian“ um ein spezifisches Schimpfwort handelt; der Dämlack dürfte bei der Schöpfung des Wortes Pate gestanden haben.

Auch hier wird, wie oben bereits gesagt, betont, dass es sich bei dem Tag, den ZT beschreibt, um einen besonderen Tag handelt. Das Wort gravitätisch wird natürlich mit „w“ geschrieben, weil es dann gravitätischer erscheint.

: Iss’oweit Friendsel?« – ; / – ; – / : »Jetz ! –« (versetzDe der GlocknRock nebm Mir : – (präziser die Bluse von schlankstim Ausschnitt, satinisch ainzuschau’n. Der RotMund voller SchneideZähne (aber unlächlnd). /

Diese zweite Beschreibung Fs wird rechts ergänzt durch die Marginalie:

((ein ›leidliches Lärvchin‹ ? (m=m ! :
reicht nich ganz ! …

[Die beiden „m“ in „m=m“ tragen im Buch einen Accent grave.]

Hier wird die spielerische Beschreibung der Kleidung Fs fortgesetzt: Die Bluse ist aus Satin und von „schlankstim Ausschnitt“ – durch das „i“ wird das Wort schlanker als in der Duden-Orthografie –, aber es ist wohl auch so, dass F an der Bluse einen Knopf zu viel offen gelassen hat, denn sie hat die satanische Absicht, DP in sich verliebt zu machen, und also kann er die Bluse auch ein wenig zu sehr hinainschauen.

Die Formulierung vom „leidlichen Lärvchen“ lässt sich zum Beispiel in Ludwig Ferdinand Hubers Lustspiel „Juliane“ wiederfinden, ohne dass ich behaupten möchte, dass dieser Text für ZT irgendeine Relevanz hat.

Ungefähr an dieser Stelle schließt der Text der erste Seite des TSs. Am Fuß der Seite findet sich eine Skizze des realen Schauerfeldes, jenes Bargfelder Grundstücks, das AS im April 1965 für 1.000 DM von Wilhelm Michels gekauft hat. Die Skizze ist mit Schrittmarken versehen, auf die im weiteren Text von ZT dann Bezug genommen wird. AS hat für viele Schauplätze seiner Texte solche Skizzen angelegt; in der ersten Buchausgabe der „Gelehrtenrepublik“ z. B. wurde seine Skizze der IRAS, der schwimmenden, stählernen Insel, auf der der zweite Teil des Romans spielt, auf den Vorsatz gedruckt.

Trenner

Es hat hier einigen Aufwand gebraucht, um der ersten Seite wenigstens einigermaßen Herr zu werden – wobei, das sei hier gern noch einmal betont, keinerlei Anspruch erhoben wird, diese erste Seite tatsächlich ausgeschöpft zu haben. Es hat sich gezeigt, dass zumindest einzelne Passagen von ZT an den Leser einigen Anspruch stellen, wenn er auch nur grundlegend erfassen will, was sich im Text abspielt. Von Lesen im klassischen Sinne kann in solchen Fällen kaum mehr die Rede sein, vielmehr ist der Leser gezwungen, vieles im Text unverstanden auf sich beruhen zu lassen – nicht die schlechteste Strategie im Umgang mit ZT – oder sich den Text zu erarbeiten bzw. – das dürfte der Absicht ASs mehr entsprechen – ihn zu enträtseln.

Arno Schmidt über seinen Zettelkästen mit Kater HintzeDass AS Spaß am Verrätseln und an seiner eigenen Schlauheit gehabt hat, ist für seine treuen Leser eine Konstante des Werks. ZT geht dabei in einigen Passagen weiter als die zuvor entstandenen Texte. Gerade bei der ersten Seite wurde hier schon die Möglichkeit angedacht, dass sie eine Abwehrgeste darstellt gegenüber unbefugten Lesern, also solchen, von denen der Autor glaubt, dass sie seinem eigenen Anspruch an eine gelungene Textrezeption nicht genügen können.

[…] ich habe Ihnen da entgegen zu halten, daß es ja leider im Verhältnis zu anderen Künsten, der Musik oder der Malerei zum Beispiel, der allgemein verbreitete Irrtum beim Leser ist, weil er lesen kann, könnte er auch jedes Buch lesen, sehen Sie, in der Musik wird das niemandem einfallen, wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege, wird er gern zugeben, daß er nichts, auch gar nichts davon versteht, aber bei einem Buch die Buchstaben sind jedem geläufig, auch einzelne Worte, und so meint jeder, daß er ohne weiteres lesen und vielleicht gar auch schreiben könne, das ist aber ein Irrtum, denn auch in diesem Falle hat sich eben der Fachmann so weit von dem rohen Laien entfernt, daß, das gebe ich Ihnen gerne zu, eine Annäherung da schwer möglich ist, […] [BA Supl. 2, S. 10]

Diese Äußerung stammt aus einem Rundfunk-Interview, das Martin Walser bereits im Jahr 1952 mit AS geführt hat. Die hier zum Ausdruck kommende elitäre Haltung des Autors seinen potentiellen Lesern gegenüber liegt wohl ganz wesentlich auch ZT zugrunde, und das, obwohl es ironischer Weise gerade dieses Buch war, das AS so bekannt gemacht hat wie keine seiner Veröffentlichungen zuvor.

Natürlich wird meine weitere Lektüre nicht durchgehend in dieser Ausführlichkeit annotiert werden können und müssen, wie dies hier für die erste Seite geschehen ist. Es wird sich zeigen, welches Gleichgewicht zwischen Lesen und Enträtseln sich einstellen bzw. wie weit das Lesen und Enträtseln überhaupt gelingen wird.

Stimmt.

Bilder: via Textquelle;
Norbert Barth: Arno Schmidt mit Kater Hintze über Zettelkästen, ca. 1955,
via Kater Paul: Arno Schmidt und seine Katzen, 2. Januar 2011.

Wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege:
The Dubliners: Barney’s Mozart, aus: Hometown!, 1972:

Written by Wolf

25. Dezember 2020 at 00:01

Coronadvent 5: The effects of Herod’s jealous general doom

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Update zur John-Donne-Serie in Moby-Dick™,
Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn)
und zum 4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung:

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Die schönste von allen bekannten Tausenden Versionen Stille Nacht ist zweifellos eine englische – Silent Night –, nämlich die von die von Tom Waits. Sie ist nie auf einer Original-CD von ihm erschienen, insofern eine Rarität, nur auf SOS United, 1989 – eine Stiftung von Tom Waits für die SOS-Kinderdörfer. Der teilhabende Kinderchor bleibt unbekannt, weil ungenannt.
Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Wir warten aufs Christkind, wenn wir in sotane Stimmung geraten sind, und lesen in alten Büchern: Ein regelrechter Sonettenkranz kann La Corona nicht sein, weil diese Form verbindlich erst im italienischen 18. Jahrhundert beschrieben wurde. In England kurz vor 1620 — das heißt: elisabethanisch und ab 1603 unter König James „Jakob“ I. — flocht John Donne trotzdem eine Krone — in petrarkischer Tradition auf italienisch: corona — aus nicht gerade fünfzehn, aber immerhin sieben Sonetten, die für dieses Zeitalter thematisch und formal höchst kunstvoll zusammenhängen.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Belege, gar Interpretationen über diese siebenzackige Krone sind fürs Englische so spärlich gesät wie fürs Deutsche. Am meisten, dafür gleich in befriedigender Tiefe, erfahren wir vom deutschen Silvae in: La Corona vom 24. Dezember 2011:

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

[…] Eigentlich, so sagt Helen Gardner, sind die sieben Sonette ein einziges Gedicht. Sie sind miteinander verknüpft, weil sie die Geschichte Jesu Christi erzählen — und weil die jeweils erste Zeile die letzte Zeile des vorhergehenden Gedicht aufnimmt. Die corona des Titels wird sofort in der ersten Zeile des ersten Sonetts aufgenommen: Deign at my hands this crown of prayer and praise. Das ist schon ein geistvolles Spiel. […]

La Corona gehört zu den frühesten religiösen Gedichten von John Donne, die Holy Sonnets werden wenige Zeit später folgen. Er schreibt jetzt religiöse Lyrik, er übt sich ein für seinen neuen Beruf. Wir kennen ihn sonst ja eher als Verfasser von Liebeslyrik. So gewagten Liebesgedichten wie die Elegy XX (To His Mistress Going to Bed). Für den Verfasser von Liebesgedichten bedeutet dear womb auch etwas anderes als es hier bedeutet. Aber er hat das Bild womb — prison nicht vergessen, er wird es zehn Jahre später noch einmal in einer Predigt gebrauchen: We are all conceived in close Prison; in our Mothers wombs, we are close Prisoners all; when we are borne, we are borne but to the liberty of the house; Prisoners still, though within larger walls; and then all our life is but a going out to the place of Execution, to death.

Es ist eine gefährliche Sache für John Donne, religiöse Lyrik zu schreiben. Katholiken sind unter James I nicht en vogue, auf jeden Fall nicht für Hof- und Staatsämter. Wann immer er auf Drängen des Königs dem katholischen Glauben abgeschworen hat, im Jahre 1615 wird er zum anglikanischen Priester geweiht. Und wird gleich Royal Chaplain. Sechs Jahre später ist er Dean der St. Paul’s Cathedral. Man muss sehr flexibel sein, in diesen Jahren. Wer hat da nicht in England seit den Tagen von Henry VIII seinen Kopf verloren? Die Bildlichkeit von La Corona ist, wie Helen Gardner gezeigt hat, noch von dem katholischen Glauben geprägt, mit dem John Donne aufgewachsen ist. Dem Dichter gelingt der Spagat zwischen Religiösem und Weltlichem, zwischen Rom und anglikanischer Staatskirche. Seine religiöse Lyrik benutzt die gleiche Symbolik wie seine Liebeslyrik. Und vice versa. Und dass La Corona eigentlich eine katholische Madonnenverehrung ist, das merken nur Dame Helen und John Carey (dessen Buch John Donne: Life, Mind and Art die beste Einführung in das Werk von John Donne ist). Und warum auch nicht? Was sollen die künstlichen Grenzen zwischen den Religionen? […]

Das Ende von Rückblicken sollte hoffnungsvoll sein.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

——— John Donne:

La Corona

vor 1620:

I. Deign at my hands this crown of prayer and praise,
   Weaved in my lone devout melancholy,
   Thou which of good hast, yea, art treasury,
   All changing unchanged Ancient of days.
   But do not with a vile crown of frail bays
   Reward my Muse’s white sincerity ;
   But what Thy thorny crown gain’d, that give me,
   A crown of glory, which doth flower always.
   The ends crown our works, but Thou crown’st our ends,
   For at our ends begins our endless rest.
   The first last end, now zealously possess’d,
   With a strong sober thirst my soul attends.
   ‚Tis time that heart and voice be lifted high ;
   Salvation to all that will is nigh.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Annunciation.

2. Salvation to all that will is nigh ;
   That All, which always is all everywhere,
   Which cannot sin, and yet all sins must bear,
   Which cannot die, yet cannot choose but die,
   Lo ! faithful Virgin, yields Himself to lie
   In prison, in thy womb ; and though He there
   Can take no sin, nor thou give, yet He’ll wear,
   Taken from thence, flesh, which death’s force may try.
   Ere by the spheres time was created thou
   Wast in His mind, who is thy Son, and Brother ;
   Whom thou conceivest, conceived ; yea, thou art now
   Thy Maker’s maker, and thy Father’s mother,
   Thou hast light in dark, and shutt’st in little room
   Immensity, cloister’d in thy dear womb.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Nativity.

3. Immensity, cloister’d in thy dear womb,
   Now leaves His well-beloved imprisonment.
   There he hath made himself to his intent
   Weak enough, now into our world to come.
   But O ! for thee, for Him, hath th‘ inn no room ?
   Yet lay Him in this stall, and from th‘ orient,
   Stars, and wise men will travel to prevent
   The effects of Herod’s jealous general doom.
   See’st thou, my soul, with thy faith’s eye, how He
   Which fills all place, yet none holds Him, doth lie ?
   Was not His pity towards thee wondrous high,
   That would have need to be pitied by thee ?
   Kiss Him, and with Him into Egypt go,
   With His kind mother, who partakes thy woe.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Temple.

4. With His kind mother, who partakes thy woe,
   Joseph, turn back ; see where your child doth sit,
   Blowing, yea blowing out those sparks of wit,
   Which Himself on the doctors did bestow.
   The Word but lately could not speak, and lo !
   It suddenly speaks wonders ; whence comes it,
   That all which was, and all which should be writ,
   A shallow seeming child should deeply know ?
   His Godhead was not soul to His manhood,
   Nor had time mellow’d Him to this ripeness ;
   But as for one which hath a long task, ‚tis good,
   With the sun to begin His business,
   He in His age’s morning thus began,
   By miracles exceeding power of man.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Crucyfying.

5. By miracles exceeding power of man,
   He faith in some, envy in some begat,
   For, what weak spirits admire, ambitious hate :
   In both affections many to Him ran.
   But O ! the worst are most, they will and can,
   Alas ! and do, unto th‘ Immaculate,
   Whose creature Fate is, now prescribe a fate,
   Measuring self-life’s infinity to span,
   Nay to an inch. Lo ! where condemned He
   Bears His own cross, with pain, yet by and by
   When it bears him, He must bear more and die.
   Now Thou art lifted up, draw me to Thee,
   And at Thy death giving such liberal dole,
   Moist with one drop of Thy blood my dry soul.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Resurrection.

6. Moist with one drop of Thy blood, my dry soul
   Shall—though she now be in extreme degree
   Too stony hard, and yet too fleshly—be
   Freed by that drop, from being starved, hard or foul,
   And life by this death abled shall control
   Death, whom Thy death slew ; nor shall to me
   Fear of first or last death bring misery,
   If in thy life-book my name thou enroll.
   Flesh in that long sleep is not putrified,
   But made that there, of which, and for which it was ;
   Nor can by other means be glorified.
   May then sin’s sleep and death soon from me pass,
   That waked from both, I again risen may
   Salute the last and everlasting day.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Ascension.

7. Salute the last and everlasting day,
   Joy at th‘ uprising of this Sun, and Son,
   Ye whose true tears, or tribulation
   Have purely wash’d, or burnt your drossy clay.
   Behold, the Highest, parting hence away,
   Lightens the dark clouds, which He treads upon ;
   Nor doth He by ascending show alone,
   But first He, and He first enters the way.
   O strong Ram, which hast batter’d heaven for me !
   Mild Lamb, which with Thy Blood hast mark’d the path !
   Bright Torch, which shinest, that I the way may see !
   O, with Thy own Blood quench Thy own just wrath ;
   And if Thy Holy Spirit my Muse did raise,
   Deign at my hands this crown of prayer and praise.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Bilder: Ane Lundeby: Winter, Norwegen, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Soundtrack: John Dowland: Now o Now I Needs Must Part,
aus: First Booke of Songes or Ayres of foure partes with Tableture for the Lute, London 1597;
Les Canards Chantants are trailed (or guided?) by a mysterious lutenist during a day out on a vintage steam train:

Bonus Track: The Coronas and Gabrielle Aplin: Lost in the Thick of It,
aus: True Love Waits, 2020:

Written by Wolf

24. Dezember 2020 at 00:01

Coronadvent 4: Und wirklich, wenn man die 11000 Zeilen überstanden hat, ist es des Oktavenklanges genug (Das Interessanteste am Epos ist die Gestalt der Heldin)

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Update zu Gräflein Du bist verrathen
und Drei Rosen, sang er, drei Rosen:

Corona hat schon besser ausgesehen als in seiner 2019er Erscheinung. 1814 war es eine charismatische Zauberin, das ist: Hexe, protagonistisch tätig in: Corona. Ein Rittergedicht in drei Büchern. Von Friedrich Baron de la Motte Fouqué. Stuttgart und Tübingen, in der J. W. Cotta’schen Buchhandlung, 1814. Und kaum hat Arno Schmidt kein Radioprogramm darüber ausformuliert, das es heute als CD — es ist nie ein Streaming — zu erwerben gibt, schon weiß man nichts mehr davon.

Nicht erschlossen, nicht einmal erschließbar scheint das Hexenbild, von dem Fouqué ausgeht, nicht einmal die Berliner Ausstellung im Kriegsjahr 1813, wo er es vorfand. Schmidt referiert ihn in seinen unveröffentlichten Essays zu wiederholten Malen. In seinem „Biographischen Versuch“ von 1958 Fouqué und einige seiner Zeitgenossen, besonders Bargfelder Ausgabe III,1, Seite 274, bezieht er sich auf Fouqués Autobiographie. Bei ihm selbst manifestiert sich die Zauberin Corona weiterhin ohne bildliche Darstellung, aber durchaus bildhaft:

——— Friedrich de la Motte Fouqué:

Lebensgeschichte des Baron Friedrich de La Motte Fouqué
Aufgezeichnet durch ihn selbst

E. A. Schwetschke und Sohn, Halle 1840:

Die Waffenruhe brachte mir einen Urlaub in die Heimath. –

Goldne Tage! Seelige Tage fast! – Solch ein Wiedersehn! Und eben der ernste Hintergrund, nach einigen Wochen mich wiederum hinaus in’s Feld des Kampfes und der Ehre winkend, hob die blumige Oasis der Gegenwart nur um so lieblicher hervor. Ist es ja doch mit dem ganzen Erdenleben just eben so. Was wär’s es darum, stände nicht an seinem Ziele der ernsteste aller Engel! Wir hienieden heißen ihn: Tod. –

Fouqué, Corona, 1814, TitelblattWährend jenes raschen Maifeldzuges hatte mir die Muse, zwischen den mir keck entklingenden, mannigfach von den Kameraden nachgesung’nen Kriegsliedern, auch noch ein gar wundersamliches Bild aufbewahrt. Zuerst war es mir in einer, kurz vor des Kampfes Beginn zu Berlin aufgestellten Gemäldegalerie erschienen: das Oelgemälde einer schönen, seltsam aussehenden Frau, ihre Tracht zwischen dem Europischen und Orientalischem mitten inne, ihr Blick anziehend und abstoßend, herb und mild. Aus der Altitalischen Schule schien das kleine Bild herzustammen, aber Niemand konnte den Meister nennen, oder überhaupt Näheres davon berichten. Auf mich machte es einen fast magischen Eindruck, so daß es die Freunde nur: »die Here« zu benennen pflegten, weil immer und immer wiederum davor sie mich antrafen, wie einen Gebannten, wie ich denn in der That von den andern vielgepriesnen Bildern dieser Ausstellung – bei meinem sonst eigenthümlich scharfem Gedächtniß, namentlich für Gegenstände der bildenden Kunst, – mich auch keines Einzigen mehr zu erinnern weiß. Die: »Here« dagegen, obgleich ich das Gemälde nie wiedersah, nicht einmal wissend, wohin es geschwunden ist, lebt noch jetzt vor meinem geistigen Auge, und hat sich nach und nach zur Corona gestaltet, der magischen Heldin meines unter diesem Namen bekannten Rittergedichtes. In der heimatlichen Ruhe begann ich an die Darstellung meiner Zauberin zu gehen. Stehe hier der Anfang des Liedes:

»Der ernste Krieg, der Fürst von Deutschlands Kriegen,
Der über Tod und Leben trägt Gewalt,
Nicht fragend nur, ob Fürst und Volk erliegen,
Nein, ob noch fürder Deutsche Zunge schallt,
Ob Nacht, ob Klarheit soll auf Erden siegen, –
Er macht für Wochen, still erwägend, Halt.
Und mild, als wie befriedet, hält umwunden
De Heimath mich in seegenreichen Stunden.

Da kommt die Muse grüßend hergegangen,
Und spricht zu mir von manch erhabnen Bildern,
Die, wenn Geschütze brüllten, Schwerdter klangen,
Mir ahnend wußten kühnen Trotz zu mildern.
Sie will, ich soll noch Dichterkränz‘ erlangen,
Soll, was sie ahnend haucht, in Worten schildern,
Und, wie zum Trotz den wild empörten Zeiten,
Erzählend greifen in die goldnen Saiten.

So sei es denn. Und ruhe jetzt, mein Schwerdt,
Bis Dich Trompetenklänge neu erwecken.
Die Muse winkt. Es scheint, als sei ihr werth,
Wer zu ihr aus der Schlachten blut’gen Schrecken [*]
Nicht ohne Sieg, nicht ohne Ruhm auch, kehrt.
Schwellt, meines Liedes Seegel! Wir entdecken
In kühner Fahrt durch manch ein zaubrisch Land
Wohl hoh’re Lust, als wir noch je gekannt.« –

[* Anm. Variante: „Wer zu ihr aus der Schlacht Begeistrungs-Schrecken“ u. s. w.]

Die Gesänge begannen und schlossen auf diese Weise stets mit irgend einem Gebilde der ernst bedeutungsvollen Gegenwart, so daß die phantastischen Erscheinungen gleichsam davon umwoben und umhegt wurden, wie von eben so vielen Rahmen. Für Jener eigentliches Thema und Centrum mogte die absichtlich wie derkehrende Schilderung der Zauberin Corona gelten:

»Schau‘ diese dunklen Brauen, finstren Locken,
Und dieser Augen mondlich trüben Schein,
Wie jeder Zug, als tönten Grabesglocken,
Sich hüllt in tiefe Todesnebel ein,
Daß bang‘ davor des Lebens Pulse stocken,
Und jedem Hoffen sich’s entgegnet: Nein!
Und doch, ein leises lindes Liebesthauen
Bebt ahnend nieder durch das strenge Grauen.«

Die Tage der freudigen Ruhe vergingen. Frischfreudig wiederum ging es in’s Feld. –

Wie aus den vom Dichter höchstselbst angeführten Textproben erhellt, ist seine Corona laut unserer Bildquelle 2 „in ‚ottave rime‚, dem epischen Versmaß der Italiener“ ein

„‚[großes] Stanzen-Epos, das einen Ausflug in das alte romantische Land des Kampfes zwischen Christen und Heiden, jedoch auf dem Hintergrund des Krieges 1813 gegen Napoleon und der persönlichen Verwicklung des Autors darin (darstellt)‘ (De Boor/Newald VII, 2, S. 418).“

Schmidts hauptsächliche Stelle lautet, gegenüber dem „elektronischen Findmittel“ der Bargfelder Ausgabe um die Fußnote ergänzt:

——— Arno Schmidt:

Fouqué und einige seiner Zeitgenossen
§ 37

Bläschke 1958; 2., verbesserte und beträchtlich vermehrte Auflage 1960,
Bargfelder Ausgabe III/1, Seite 293 bis 296:

Da ist zunächst die Arbeit an der »Corona«.

Die Anregung durch das Bild der »Hexe« ist bereits geschildert worden; (an Miltitz gibt er einmal Leonardo da Vinci als Meister an); Plan und Erfindung werden noch während des Waffenstillstandes rasch angelegt : 3 Bücher, jedes zu 12 Gesängen; der südlich=romantische Stoff fordert das alte italienische Versmaaß, die Oktave – für einen Schüler Schlegels keine Schwierigkeit. Es sei aber ausdrücklich bemerkt, daß Fouqué das anspruchsvolle Maaß frei und schon ganz souverän behandelt. Gewidmet ist es der Prinzessin Marianne.

Der Stoff ist in seiner gewohnten bunten Art erfunden :

Fouqué, Corona, 1814, Antiquariat VoersterCorona und Blanka, die Schwarze und die Weiße, von uralter Westgotenzeit her schuldhaft aneinandergekettet, und, immer wiedergeboren, sich immer wieder befehdend, jede mit ihrem farbigen Gefolge von Rittern und Anhängern. Auch die Schauplätze liegen sämtlich im »alten romantischen Land« : Italien, Norwegen, die Schluchten des Libanon und der persischen Gebirge oder der rhätischen Alpen; Meer, Wüste und Wald. Die Staffage bilden seine üblichen Ritter, Mohren, Zauberer, Priester, Assassinen, Geister – die ganze »Maschinerie« Ariostos und Tassos ist gekonnt beisammen. Schwebend gehen die Gestalten aus Shakespeares »Sturm« durch das Werk hin : Claribella von Tunis und Ascanio, Alonso und der Luftgeist Ariel – kurz, es ist ein versifizierter Ritterroman, nichts weiter, und Ziesemers Ansicht, daß es sich hier um eine sorgfältig ausgeführte Allegorie des Jahres 13 handele, ist völlig verfehlt : das ist die »Sängerliebe« nachher, nicht die »Corona«; und Keiner der vielen Zeitgenossen Fouqués, die sich, begeistert oder tadelnd, über das Werk ausgelassen haben, ist auch jemals auf den durchaus abwegigen Einfall gekommen, mehr darin zu sehen, als eben ein Rittergedicht. Fouqué hat auch selbst einmal dazu Stellung genommen; am 24.5.26 gibt er einem begeisterten Leser, dem Privatbibliothekar der beiden hannöverschen Könige, L. C. Nolte, (etwa 1790 bis 1870; auch ein Freiwilliger von 1813; später Oberrevisor beim Finanzministerium in Hannover, und Redakteur des dortigen »Intelligenz=Comtoirs« – leider ist über den interessanten Mann noch gar nichts bekannt*), diese Auskunft :

{Fußnote:] * Ich hatte seinerzeit meine Angaben lediglich aus den Hannoverschen Staatshandbüchern zusammengetragen; inzwischen habe ich die Familie im Bürgerlichen Geschlechterbuch II, S. 284 ff. gefunden. Danach ist Louis Carl Nolte am 13. 3. 1797 als Sohn eines Arztes in Hannover geboren; und dort auch als königlicher Oberbibliothekar am 12. 1. 1879 gestorben; mit seiner Frau, Charlotte Belleville (1796–1869) hatte er 6 Kinder.}

»Der Philostrat in der Corona ist mir beinahe so rätselhaft als Ihnen. In der Geschichte hat er keinen Platz, oder doch nur höchstens insofern, als Seinesgleichen : ein ritterlicher Priester, oder priesterlicher Ritter – wie schon Ihr Schreiben sehr richtig bemerkt – eben in jenen Tagen nicht zu den ungewöhnlichsten Dingen gehörte. Bilden ja die schönen geistlichen Ritterorden in ihrem ursprünglichen reinen Zustande ganze Blumengärten dieser Gattung …… Dies Alles aber ist mir in Bezug auf den Philostrat erst nach der Darstellung des Bildes aufgegangen, und ging mir zum Teil erst in diesem Augenblicke zutraulicher Mitteilung auf. Zuerst war mir Philostrat eben nur ein rätselhaft feierliches, aber irdisch existierendes Wesen, keineswegs etwa ein allegorisches ….. oder auch ebensowenig ein verhüllter Schutzengel, oder dergleichen sonst. Mir lebte und lebt eine Ahnung von den früheren Helden- und Pilgerbahnen dieses Philostrat in der Seele, die ihn eben zu diesem Standpunkte geführt hätten, und wohl dereinst durch mich oder einen Anderen in einem eigentümlichen Epos dargestellt werden könnten.« – Noch deutlicher kann er es ja nicht sagen, daß es sich hierbei um ein krauses absichtloses Produkt seiner Phantasie handelt. Gewiß, zu Beginn und am Ende jedes Gesanges, erwähnt der Dichter kurz die Zeitereignisse oder Erinnerungen, die sich im Augenblick der Niederschrift gerade darbieten; aber ohne jede Beziehung zum Inhalt, so daß diese »Einlagen« Manchem sogar störend vorkamen.

Uns sind sie aber biographisch durchaus von Wert; denn er setzt vielen der Freunde, den Lebenden und Gefallenen, ihre Denksteine, Zimietzki und Wilhelm von Massenbach, die Schlachten von Lützen und Haynau werden erwähnt, die Englandreise des Königs, und auch der »treue Gelbe«, sein Roß, das bei Lützen fiel, fehlt nicht im Erinnerungsreigen; so daß wir Schritt für Schritt die Entstehung verfolgen können – wozu nebenbei auch die Briefe schon ausreichen.

Das Urteil der Freunde ist überschwänglich günstig. Apel in Leipzig nennt es »ein geniales und glänzendes Werk, dem jeder Vorzug Ariosts und Tassos eigen ist«; Rückert, Truchseß, die Stolberge, und natürlich Franz Horn, der Wassermann, sind entzückt wie die Chézy und die Helvig; Friedrich Schlegel allerdings weiß schon, daß die »Corona« den »Zauberring« bei weitem nicht erreicht; und Jakob Grimms Abneigung ist so groß, daß er das Buch nicht einmal »anlesen« mag.

Und wirklich, wenn man die 11000 Zeilen überstanden hat, ist es des Oktavenklanges genug; wie ich denn überhaupt oft gefunden habe, daß gerade dieses Maaß Ohr und inneren Sinn ermüdet, wie kaum ein anderes. Ja, es ist mit großer Kunst und viel rhythmischem Geschick gehandhabt, und Fleiß und Feile von fast anderthalb Jahren sind unverkennbar; aber es ist letzten Endes doch weiter nichts geworden, als ein großer Haufen bunter Bilderkacheln, und gezierter Bilder noch dazu; erst nach mehrmaligem angespanntem Lesen findet man den ursprünglichen Plan, der aber in der Ausführung wieder mehrfach zerbröckelt ist, heraus. Friedrich Schlegel hat Recht : es ist gar kein Vergleich mit dem gewachsenen Chaos des »Zauberrings«, und wenn man die beiden, zeitlich einander doch so nahen, Werke zusammen hält, empfindet man recht eigentlich, um wieviel gute Prosa doch bester Verskunst überlegen ist. –

Das Interessanteste am Epos ist die Gestalt der Heldin. Mit aller Macht versucht er, auch die Gegenspielerin, die blonde Blanka, zu erhöhen; aber die bleibt stets im Schatten der Anderen, bleibt stets, – obwohl von Fouqué verzweifelt komplett mit all dem ausgestattet, was er als Kennzeichen »feiner weiblicher Bildung« sich abstrahiert hat – die blasse zweidimensionale Gestalt, zu der ihm leider allzuoft seine Heroinen entartet sind, und die auch, wie ebenfalls immer wieder bei ihm vorkommt, im Kloster endet. Corona dagegen, die temperamentvolle Dunkle – »Schau diese dunklen Brauen, finstern Locken« – ist ihm decouvrierend gut gelungen (soweit seine von Natur aus geringe Fähigkeit der Charakterschilderung dies überhaupt zuläßt); der Vamp war ihm doch wohl einmal eine angenehme Abwechslung zwischen all der ewigen höheren Weiblichkeit; leider schlägt zum Schluß wieder die Orthodoxie durch : sie (wie auch die ähnliche, obgleich blonde, Gerda des »Zauberrings«) wird zum Schluß mitleidslos »gerettet«, bekehrt : »Mein Freund, mein Romuald – kannst Du mich taufen?« – Schade.

Für die Freunde korrekter Texte sei noch hinzugefügt, daß auf S. 385 hinter Zeile 18 (»… Heilend jede Wunde,«) diese einzufügen ist : »Kommt die letzte Stunde,«; in seinem Briefe an Cotta beklagt sich Fouqué bitter über die entstellende Auslassung.

Denn bei Cotta ist die »Corona« erschienen; Fouqué hat jetzt auch den renommiertesten Verlag jener Zeit, bei dem die ganzen »Klassiker« herauskommen, gewonnen; der wird noch allerlei von ihm bringen.

Moritz Retzsch hat eine ganze Reihe von Zeichnungen zum Epos entworfen und gestochen; aber Cotta, dem Fouqué sie in einem Briefe vom 27.11. anbietet, hat sie nicht gebracht.

BIlder: Uwe Turszynski, Visual Storyteller: „Von wegen chinesische Wildtiermärkte oder Laboratorien. Die deutsche Romantik hat es eingeschleppt. Das weiß nur keiner. Wird von den Eliten verschwiegen. Jawoll!“, via Antiquariate + antiquarische Bücher, 6. Mai 2020;
J. Voerster, Antiquariat für Musik und Deutsche Literatur, Stuttgart: FOUQUÉ, Fr. de la Motte: Corona. Ein Rittergedicht in drei Büchern. Stuttgart und Tübingen J. G. Cotta 1814. XIV, 386 S., winziger Wurmgang, sonst schönes, frisches Exemplar. Lederband der Zeit mit Goldgirlanden auf den Deckeln, Ecken leicht bestoßen, 650,00 Euro.

Soundtrack: Some Rival, Traditional um 1656, aus: Storm Force Ten, 1977:

Here’s a health to all lovers that are loyal and just
Here’s confusion to the rival that lives in distrust
For it’s I’ll be as constant as a true turtle dove
And it’s never will I prove false to my love

Written by Wolf

18. Dezember 2020 at 00:01

Coronadvent 3: Da war keine Schranke mehr, nicht Götterfurcht, nicht Menschengesetz

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Update zu Weil er ihn für einen völligen Toren hielt,
Homerische Dark Fantasy
und Hipsteros:

Für das Jahr 2020 drängt sich nichts so sehr auf wie ein Rückblick auf vergangene Pandemien.
Es ist Advent. Gott steh uns bei.

Weder ist ein griechischer Originaltitel für die Geschichte des Peloponnesischen Krieges von Thukydides überliefert, noch ist zu erschließen, welcher Retrodiagnose die darin beschriebene Seuche folgt. Hypothesen über die nachmals so genannte Attische Seuche zwischen 430 und 426 vor Christus umfassen, sind aber nicht beschränkt auf Typhus, Fleckfieber, Milzbrand, Pest, Influenza, Fieber, Pocken, Lassafieber, Ebolafieber, Tuberkulose, Scharlach, Masern, Marburgfieber, Rifttalfieber, Krim-Kongo-Fieber, Kyasanur-Wald-Fieber, Rückfallfieber, Tularämie, Pferdeenzephalitis und Hämorrhagie.

Das Neuartige an Thukydides‘ so breit wie tief angelegter Schilderung der 27 Kriegsjahre 431 bis 404 vor Christus, deren Zeitzeuge er war, ist die knochentrockene, auf schmucklose Fakten reduzierte und darin bis heute stilsetzende Berichterstattung. Seiner Zeit weit voraus ist mit guter Begründung die Pestschilderung im 2. Buch: als Vorläufer eines Memento mori, das eigentlich erst im Barock dran war. Vor allem Abschnitt 53 erinnert fatal an Auffassungen des nachchristlichen Jahres 2020. Siehe unten, ungekürzt:

Michael Sweerts, Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652, Detail

——— Thukydides:

Das zweite Kriegsjahr

aus: Geschichte des Peloponnesischen Krieges, Abschnitt II,47 bis 53,
Übersetzung: Georg Peter Landmann, Artemis Verlag, Zürich 1960:

[47] So wurden die Toten beigesetzt in diesem Winter, und mit seinem Ende war das erste Jahr dieses Krieges abgelaufen. Gleich mit Beginn des Sommers fielen die Peloponnesier und ihre Verbündeten mit zwei Dritteln ihrer Macht, wie das erstemal, in Attika ein, geführt von Archidamos, Zeuxidamos‘ Sohn, König von Sparta, lagerten sich und verwüsteten das Land. Sie waren noch nicht viele Tage in Attika, als in Athen zum ersten Male die Seuche ausbrach. Es hieß, sie habe schon vorher mancherorts eingeschlagen, bei Lemnos und anderwärts, doch nirgends wurde eine solche Pest, ein solches Hinsterben der Menschen berichtet. Nicht nur die Ärzte waren mit ihrer Behandlung zunächst machtlos gegen die unbekannte Krankheit, ja, da sie am meisten damit zu tun hatten, starben sie am ehesten selbst, aber auch jede andere menschliche Kunst versagte: alle Bittgänge zu den Tempeln, Weissagungen und was sie dergleichen anwandten, half alles nichts, und schließlich ließen sie davon ab und ergaben sich in ihr Unglück. [48] Sie begann zuerst, so heißt es, in Äthiopien oberhalb Ägyptens und stieg dann nieder nach Ägypten, Libyen und in weite Teile von des Großkönigs Land. In die Stadt Athen brach sie plötzlich ein und ergriff zunächst die Menschen im Piräus, weshalb auch die Meinung aufkam, die Peloponnesier hätten Gift in die Brunnen geworfen (denn Quellwasser gab es dort damals noch nicht). Später gelangte sie auch in die obere Stadt, und da starben die Menschen nun erst recht dahin. Mag nun jeder darüber sagen, Arzt oder Laie, was seiner Meinung nach wahrscheinlich der Ursprung davon war und welchen Ursachen er eine Wirkung bis in solche Tiefe zutraut; ich will nur schildern, wie es war; nur die Merkmale, an denen man sie am ehesten wiedererkennen könnte, um dann Bescheid zu wissen, wenn sie je noch einmal hereinbrechen sollte, die will ich darstellen, der ich selbst krank war und selbst andere leiden sah.

Michael Sweerts, Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652, Detail[49] Es war jenes Jahr, wie allgemein festgestellt wurde, in bezug auf die anderen Krankheiten grade besonders gesund. Wer schon vorher ein Leiden hatte, dem ging es immer über in dieses, die andern aber befiel ohne irgendeinen Grundplötzlich aus heiler Haut zuerst eine starke Hitze im Kopf und Rötung und Entzündung der Augen, und innen war sogleich alles, Schlund und Zunge, blutigrot, und der Atem, derherauskam, war sonderbar und übelriechend. Dann entwickelte sich daraus ein Niesen und Heiserkeit, und ziemlich rasch stieg danach das Leiden in die Brust nieder mit starkem Husten. Wenn es sich sodann auf den Magen warf, drehte es ihn um, es folgten Entleerungen der Galle auf all die Arten, für die die Ärzte Namen haben, und zwar unter großen Qualen, und die meisten bekamen dann ein leeres Schlucken, verbunden mit einem heftigen Krampf, der bei einigen alsbald nachließ, bei anderen auch erst viel später. Wenn man von außen anfaßte, war der Körper nicht besonders heiß, noch auch bleich, sondern leicht gerötet, blutunterlaufen und bedeckt von einem dichten Flor kleiner Blasen und Geschwüre; aber innerlich war die Glut so stark, daß man selbst die allerdünnsten Kleider und Musselindecken abwarf und es nicht anders aushielt als nackt und sich am liebsten in kaltes Wasser gestürzt hätte. Viele von denen, die keine Pflege hatten, taten das auch, in die Brunnen, infolge des unstillbaren Durstes. Es war kein Unterschied, ob man viel oder wenig trank. Und die ganze Zeit quälte man sich in der hilflosen Unrast und Schlaflosigkeit. Solange die Krankheit auf ihrer Höhe stand, fiel auch der Körper nicht zusammen, sondern widerstand den Schmerzen über Erwarten. Entweder gingen daher die meisten am neunten oder siebten Tag zugrunde an der inneren Hitze, ohne ganz entkräftet zu sein, oder sie kamen darüber weg, und dann stieg das Leiden tiefer hinab in die Bauchhöhle und bewirkte dort starke Blähungen, wozu noch ein wäßriger Durchfall auftrat, so daß die meisten später an diesem starben, vor Erschöpfung. Denn das Übel durchlief von oben her, vom Kopfe, wo es sich zuerst festsetzte, den ganzen Körper, und hatte einer das Schlimmste überstanden, so zeigte sich das am Befall seiner Gliedmaßen: denn nun schlug es sich auf Schamteile, Finger und Zehen, und viele entrannen mit deren Verlust, manche auch mit dem der Augen. Andere hatten beim ersten Aufstehen rein alle Erinnerung verloren und kannten sich selbst und ihre Angehörigen nicht mehr. [50] Denn die unfaßbare Natur der Krankheit überfiel jeden mit einer Wucht über Menschenmaß, und insbesondere war dies ein klares Zeichen, daß sie etwas anderes war als alles Herkömmliche: die Vögel nämlich und die Tiere, die an Leichen gehn, rührten entweder die vielen Unbegrabenen nicht an, oder sie fraßen und gingen dann ein. Zum Beweis: es wurde ein deutliches Schwinden solcher Vögel beobachtet; man sah sie weder sonst noch bei irgendeinem Fraß, wogegen die Hunde Spürsinn zeigten für die Wirkungen wegen der Lebensgemeinschaft.

[51] So also war diese Seuche, von mancher Besonderheit abgesehen, worin der eine sie vielleicht etwas anders erfuhr als ein anderer, aber doch in ihrer Gesamtform. Sonst litt man zu jener Zeit an keiner von den gewöhnlichen Krankheiten, wenn aber doch eine vorkam, so endete sie immer in jene. Die einen starben, wenn man sie liegen ließ, die anderen auch bei der besten Pflege. Und ein sicheres Heilmittel wurde eigentlich nicht gefunden, das man zur Hilfe hätte anwenden müssen — was dem einen genützt hatte, das schadete einem andern — auch erwies sich keine Art von Körper nach seiner Kraft oder Schwäche als gefeit dagegen, sondern alle raffte es weg, auch die noch so gesund gelebt hatten. Das Allerärgste an dem Übel war die Mutlosigkeit, sobald sich einer krank fühlte (denn sie überließen sich sofort der Verzweiflung, so daß sie sich innerlich viel zu schnell selbst aufgaben und keinen Widerstand leisteten), und dann, daß sie bei der Pflege einer am anderen sich ansteckten und wie die Schafe hinsanken; daher kam hauptsächlich das große Sterben. Wenn sie nämlich in der Angst einander mieden, so verdarben sie in der Einsamkeit, und manches Haus wurde leer, da keiner zu pflegen kam; gingen sie aber hin, so holten sie sich den Tod, grad die, die Charakter zeigen wollten — diese hätten sich geschämt, sich zu schonen, und besuchten ihre Freunde; wurden doch schließlich sogar die Verwandten stumpf gegen den Jammer der Verscheidenden, vor der Übergewalt des Leides. Am meisten hatten immer noch die Geretteten Mitleid mit den Sterbenden und Leidenden, weil sie alles vorauswußten und selbst nichts zu fürchten hatten; denn zweimal packte es den gleichen nicht, wenigstens nicht tödlich. Diese wurden glücklich gepriesen vonden anderen und hatten auch selbst seit der Überfreude dieses Tages eine hoffnungsvolle Leichtigkeit für alle Zukunft, als könne sie keine andere Krankheit je mehr umbringen.

[52] Zu all dieser Not kam noch als größte Drangsal das Zusammenziehen von den Feldern in die Stadt, zumal für die Neugekommenen. Denn ohne Häuser, in stickigen Hütten wohnend in der Reife des Jahres, erlagen sie der Seuche ohne jede Ordnung: die Leichen lagen übereinander, sterbend wälzten sie sich auf den Straßen und halbtot um alle Brunnen, lechzend nach Wasser. Die Heiligtümer, in denen sie sich eingerichtet hatten, lagen voller Leichen der drin an geweihtem Ort Gestorbenen; denn die Menschen, völlig überwältigt vom Leid und ratlos, was aus ihnen werden sollte, wurden gleichgültig gegen Heiliges und Erlaubtes ohne Unterschied. Alle Bräuche verwirrten sich, die sie sonst bei der Bestattung beobachteten; jeder begrub, wie er konnte. Viele vergaßen alle Scham bei der Beisetzung, aus Mangel am Nötigsten, nachdem ihnen schon so viele vorher gestorben waren: die legten ihren Leichnam auf einen fremden Scheiterhaufen und zündeten ihn schnell an, bevor die wiederkamen, die ihn geschichtet hatten, andere warfen auf eine schon brennende Leiche die, die sie brachten, oben darüber und gingen wieder.

Michael Sweerts, Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652, Detail[53] Überhaupt kam in der Stadt die Sittenlosigkeit erst mit dieser Seuche richtig auf. Denn mancher wagte jetzt leichter seinem Gelüst zu folgen, das er bisher unterdrückte, da man in so enger Kehr die Reichen, plötzlich Sterbenden, tauschen sah mit den früher Besitzlosen, die miteins deren Gut zu eigen hatten, so daß sie sich im Recht fühlten, rasch jedem Genuß zu frönen und zu schwelgen, da Leib und Geld ja gleicherweise nur für den einen Tag seien. Sich vorauszuquälen um ein erwähltes Ziel war keiner mehr willig bei der Ungewißheit, ob man nicht, eh man es erreiche, umgekommen sei; aber alle Lust im Augenblick und was gleichviel woher, dafür Gewinn versprach, das hieß nun ehrenvoll und brauchbar. Da war keine Schranke mehr, nicht Götterfurcht, nicht Menschengesetz; für jenes kamen sie zum Schluß, es sei gleich, fromm zu sein oder nicht, nachdem sie ohne Unterschied so viele hinsterben sahen, und für seine Vergehen gedachte keiner den Prozeß noch zu erleben und die entsprechende Strafe zu zahlen; viel schwerer hänge die über ihnen, zu der sie bereits verurteilt seien, und bevor die auf sie niederfalle, sei es nur recht, vom Leben noch etwas zu genießen.

Michael Sweerts, Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652

Bilder: Details aus Michael Sweerts: Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652.

Soundtrack: Πέτρος Πανδής: Μαλλιά Σγουρά,
aus: Chants De La Résistance Grecque = Songs Of The Greek Resistance, 1974:

Εγώ Άη-Στράτη δε φοβάμαι
είναι κι αυτή μια Ελληνική γωνιά
τα μαύρα τα μαλλιά μας κι αν ασπρίσαν
δε μας τρομάζει η βαρυχειμωνιά.

Ich habe keine Angst vor Ai-Strati,
das ist auch eine griechische Ecke.
Unser schwarzes Haar, auch wenn es weiß wurde:
Wir haben keine Angst vor dem strengen Winter.

Written by Wolf

11. Dezember 2020 at 00:01

Coronadvent 2: In den blutbetauten Hallen ihres Schwelggelags

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Update zu Die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte
und Etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales:

Für das Jahr 2020 drängt sich nichts so sehr auf wie ein Rückblick auf vergangene Pandemien.
Es ist Advent. Gott steh uns bei.

Mit manchen Schreibern ist es gelinde gesagt erstaunlich, wie punktgenau sie auf postmoderne Ereignisse passen. Weniger gelinde gesagt ist es unfair bis geradenwegs widerlich. So hat unser aller Hausheiliger Edgar „The Divine“ Allan Poe 1842 mit The Masque of the Red Death (in der Urfassung ist die Schreibung noch Mask) die bis heute passende Parabel auf alle sozialdynamischen Prozesse während der Zeiten von Pest und sonstiger Epi- und Pandemien geliefert.

Allein kann versöhnen, dass selbst ein Poe auf seit Jahrhunderten reichlich sprudelnde literarische Quellen zurückgreifen musste: Im Falle des roten Todes sind das mit meist recht indirektem Einfluss Liebeszauber von Ludwig Tieck 1811, Der Sandmann und Klein Zaches genannt Zinnober von E.T.A. Hoffmann 1817 bzw. 1819 und nachweislich sogar Ahnung und Gegenwart von Eichendorff 1815 (siehe hierzu Franz K. Mohr: The Influence of Eichendorff’s Ahnung und Gegenwart on Poe’s Masque of the Red Death, in: Modern Language Quarterly X, 1949, pp. 3–15), sehr viel direkter die Beschreibungen des gesamteuropäisch verheerenden Schwarzen Todes zwischen 1346 und 1353 aus Italien, die es zu weltliterarischem Rang gebracht haben, allen voran Il Decamerone von Boccaccio, das noch mitten im Geschehen entstand und ohne das seitdem keine Erzählung unter Romanstärke auskommt. In Frage kommen auch die Pestschilderungen aus dem Dreißigjährigen Krieg in I Promessi Sposi von Alessandro Manzoni 1827 bis 1842 (siehe hierzu Cortell King Holsapple: The Masque of the Red Death and I Promessi Sposi, in: University of Texas Studies English, Nr. 18, 1838, pp. 137–139), Klosterheim, or, The Masque von Thomas de Quincey 1832, die reichhaltigen Darstellungen mehrer Jahrhunderte von Totentänzen, die an Poe sicher nicht unbemerkt vorbeigehen konnten — sowie höchst unmittelbar „ein Artikel im New Yorker Mirror vom 2. Juni 1832, in dem Nathaniel Parker Willis berichtet, bei einem Maskenball in Paris habe einer der Teilnehmer die Pest dargestellt“ (cit. die Anmerkung in der deutschen Gesamtausgabe). Ferner konnte Poe 1831 die Cholera in Baltimore beobachten — und aufpassen, nicht selbst erwischt zu werden. Aus dieser Zeitzeugenschaft war ihm 1835 schon König Pest entstanden, allerdings launig-makabrer, deutlicher historisch verankert, dafür mit weniger zeitübergreifender Relevanz.

Die Umfärbung des Schwarzen auf den „roten“ Tod scheint Poes eigene, bildhaft ausgebreitete Farbsymbolik, zugeschrieben dem festveranstaltenden Prinzen Prospero mit dem namentlichen Anklang an den Zauberer aus dem Sturm von Shakespeare 1611. Zeit und Ort der Handlung erinnern an Boccaccios decameronisches Florenz, werden aber nicht bezeichnet. — Der eindrucksvolle Schluss:

Harry Clarke, The Masque of the Red Death, 1923

——— Edgar Allan Poe:

The Mask of the Red Death. A Fantasy.

in: Graham’s Lady’s and Gentleman’s Magazine, vol. XX, no. 5, May 1842, Philadelphia, May 1842:

And now was acknowledged the presence of the Red Death. He had come like a thief in the night. And one by one dropped the revellers in the blood-bedewed halls of their revel, and died each in the despairing posture of his fall. And the life of the ebony clock went out with that of the last of the gay. And the flames of the tripods expired. And Darkness and Decay and the Red Death held illimitable dominion over all.

——— Edgar Allan Poe:

Die Maske des roten Todes

Übersetzung: Hans Wollschläger, 1966, Schluss:

Nun ward die Gegenwart des Roten Tods erkannt. Wie in der Nacht ein Dieb war er gekommen. Und einer nach dem andern sanken die Gäste nieder, hin in den blutbetauten Hallen ihres Schwelggelags, und starb ein jeglicher in seines Falls Verzweiflungshaltung. Und in der ebenholznen Uhr verlosch das Leben mit dem des letzten dieser Fröhlichen. Und die Flammen der Dreifüße verglommen. Und Finsternis und Verfall kam, und der Rote Tod hielt grenzenlose Herrschaft über allem.

Als ob solche Clairvoyance nicht reichen würde, hat Poe an unbekannterer Stelle auch noch den Klimawandel vorausgesagt. Wie anders ließe sich die Stelle aus dem Mittelstück von „Poe’s trilogy of dialogues of blessed spirits in Heaven“ sonst deuten? — Das Thema war Poe offenbar wichtig, wie man aus der Überarbeitung nach vier Jahren schließen darf:

——— Edgar Allan Poe:

The Colloquy of Monos and Una

May or June, 1841, in: Graham’s Lady’s and Gentleman’s Magazine, Philadelphia, August 1841;
version of 1845:

Meantime huge smoking cities arose, innumerable. Green leaves shrank before the hot breath of furnaces. The fair face of Nature was deformed as with the ravages of some loathsome disease. And methinks, sweet Una, even our slumbering sense of the forced and of the far-fetched might have arrested us here. But now it appears that we had worked out our own destruction in the perversion of our taste, or rather in the blind neglect of its culture in the schools. For, in truth, it was at this crisis that taste alone — that faculty which, holding a middle position between the pure intellect and the moral sense, could never safely have been disregarded — it was now that taste alone could have led us gently back to Beauty, to Nature, and to Life.

——— Edgar Allan Poe:

Zwiegespräch zwischen Monos und Una

1841 ff., Übersetzung: Hans Wollschläger, 1967:

Derweil erhoben sich ungeheuere qualmende Städte, schier ohne Zahl. Grünendes Laub verdorrte im heißen Atem der Schlote. Das schöne Gesicht der Natur ward entstellt, wie von den Verheerungen einer ekelhaften Krankheit. Und mich dünkt, süße Una, unser schlummernder Sinn für das Gewaltsame und das Weithergeholte hätte uns eigentlich hier Einhalt gebieten müssen. Doch nun erscheint es, dass wir mit der Pervertierung unseres Geschmacks oder vielmehr mit der blinden Vernachlässigung seiner Ausbildung in den Schulen nur unsern eignen Untergang herbeigeführt hatten. Denn wahrscheinlich, in diesem entscheidenden Krisenaugenblick war es allein der Geschmack – jene Fähigkeit, welche eine Mittel- und Mittlerposition zwischen dem reinen Intellekt und dem moralischen Empfinden innehat und niemals ungestraft missachtet wird – in diesem Augenblick war es einzig und allein der Geschmack, der uns sanft hätte zurückführen können zu Schönheit, Natur und Leben.

Mit dem Wissen über Poe stünden wir alleine da ohne die verdienstreiche, immer noch gültige Gesamtausgabe im Walter Verlag, Olten 1966 ff., und ohne die nicht weniger verdienstreiche, ebenfalls immer noch gültige Biographie im Winkler Verlag 1986 und das enzylopädische, freimütig mitgeteilte Wissen von Frank T. Zumbach.

——— Frank T. Zumbach:

Die phänomenale Wirkung des Edgar Allan Poe

25. April 2010:

Und wenn Schwachsinn und Medienverblödung nicht noch weiter um sich greifen, werden wir Mr. Poe nie wieder los, gottseidank.

Harry Clarke, The Masque of the Red Death, 1923

Bilder: Harry Clarke1916, in der teilkolorierten Fassung 1923, via

  1. Maya Phillips: The Rich Can’t Hide From a Plague. Just Ask Edgar Allan Poe.
    In „The Masque of the Red Death,“ the poor are sacrificed to disease so the rich can keep their comfortable lives. Sound familiar?, Slate, 26. März 2020, und
  2. Glenn Russell: I’ve always sensed a strong connection to Poe’s The Masque of the Red Death,
    goodreads 9. Februar 2014.

Soundtrack: Eric Burdon & The Animals: The Black Plague, aus: Winds of Change, 1967:

Written by Wolf

4. Dezember 2020 at 00:01

Coronadvent 1: Dornenstück 0005: Voilà le Choléra-morbus!

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten,
Nachtstück 0020: Im rauschenden Wellenschaumkleide (In dem düstern Poetenstübchen)
und Und der liebe Gott sitzt ernsthaft in seiner großen Loge und langweilt sich vielleicht:

Für das Jahr 2020 drängt sich nichts so sehr auf wie ein Rückblick auf vergangene Pandemien.
Es ist Advent. Gott steh uns bei.

Nach einer gnädigen Pause von zwei Jahresläufen erreichte eine zweite Cholera-Pandemie ab 1826 Frankreich über Mekka und Ägypten, die bis 1841 andauern sollte. Heinrich Heine war 1832 in Paris als Journalist zugegen und berichtete für die Augsburger Allgemeine Zeitung so Lebensnahes, dass er es für seine längerlebigen Französischen Zustände weiterverwenden konnte. Für seine gewohnt schonungslosen Begriffe in der Ausdrucksweise nimmt er sich hier sogar noch zurück. Was muss der alles gesehen haben.

Cholera-Opfer in Paris, 1832

——— Heinrich Heine:

Ich rede von der Cholera

für Außerordentliche Beilage zur Allgemeinen Zeitung, Nro. 164 und 165, Augsburg, 29. und 30. April 1832,
in: Französische Zustände, Schluss von Artikel VI, Julius Campe, Hamburg, Dezember 1832,
Historisch-kritische Gesamtausgabe, Band 12/1, Seite 133 bis 142:

Paris, 19. April 1832.

[…]

Ich rede von der Cholera, die seitdem hier herrscht, und zwar unumschränkt, und die, ohne Rücksicht auf Stand und Gesinnung, tausendweise ihre Opfer niederwirft.

Man hatte jener Pestilenz um so sorgloser entgegen gesehn, da aus London die Nachricht angelangt war, daß sie verhältnißmäßig nur wenige hingerafft. Es schien anfänglich sogar darauf abgesehen zu seyn, sie zu verhöhnen, und man meinte, die Cholera werde, eben so wenig wie jede andere große Reputazion, sich hier in Ansehn erhalten können. Da war es nun der guten Cholera nicht zu verdenken, daß sie, aus Furcht vor dem Ridikül, zu einem Mittel griff, welches schon Robespierre und Napoleon als probat befunden, daß sie nemlich, um sich in Respekt zu setzen, das Volk dezimirt. Bey dem großen Elende, das hier herrscht, bey der kolossalen Unsauberkeit, die nicht bloß bey den ärmern Klassen zu finden ist, bey der Reitzbarkeit des Volks überhaupt, bey seinem grenzenlosen Leichtsinne, bey dem gänzlichen Mangel an Vorkehrungen und Vorsichtsmaaßregeln, mußte die Cholera hier rascher und furchtbarer als anderswo um sich greifen. Ihre Ankunft war den 29. März offiziell bekannt gemacht worden, und da dieses der Tag des Mi-Carême und das Wetter sonnig und lieblich war, so tummelten sich die Pariser um so lustiger auf den Boulevards, wo man sogar Masken erblickte, die, in karikirter Mißfarbigkeit und Ungestalt, die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbst verspotteten. Desselben Abends waren die Redouten besuchter als jemals; übermüthiges Gelächter überjauchzte fast die lauteste Musik, man erhitzte sich beim Chahut, einem nicht sehr zweydeutigen Tanze, man schluckte dabey allerley Eis und sonstig kaltes Getrinke: als plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte, und die Maske abnahm, und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorscheine kam. Man merkte bald, daß solches kein Spaß sey, und das Gelächter verstummte, und mehrere Wagen voll Menschen fuhr man von der Redoute gleich nach dem Hotel-Dieu, dem Centralhospitale, wo sie, in ihren abentheuerlichen Maskenkleidern anlangend, gleich verschieden. Da man in der ersten Bestürzung an Ansteckung glaubte, und dieältern Gäste des Hotel-Dieu ein gräßliches Angstgeschrey erhoben, so sind jene Todten, wie man sagt, so schnell beerdigt worden, daß man ihnen nicht einmal die buntscheckigen Narrenkleider auszog, und lustig, wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe.

Le Cholera MorbusNichts gleicht der Verwirrung, womit jetzt plötzlich Sicherungsanstalten getroffen wurden. Es bildete sich eine Commission sanitaire, es wurden überall Bureaux de secours eingerichtet, und die Verordnung in Betreff der Salubrité publique sollte schleunigst in Wirksamkeit treten. Da kollidirte man zuerst mit den Interessen einiger tausend Menschen, die den öffentlichen Schmutz als ihre Domaine betrachten. Dieses sind die sogenannten Chiffonniers, die von dem Kehricht, der sich des Tags über vor den Häusern in den Kothwinkeln aufhäuft, ihren Lebensunterhalt ziehen. Mit großen Spitzkörben auf dem Rücken, und einem Hakenstock in der Hand, schlendern diese Menschen, bleiche Schmutzgestalten, durch die Straßen, und wissen mancherley, was noch brauchbar ist, aus dem Kehricht aufzugabeln und zu verkaufen. Als nun die Polizey, damit der Koth nicht lange auf den Straßen liegen bleibe, die Säuberung derselben in Entreprise gab, und der Kehricht, auf Karren verladen, unmittelbar zur Stadt hinaus gebracht ward, aufs freye Feld, wo es den Chiffonniers frey stehen sollte, nach Herzenslust darin herum zu fischen: da klagten diese Menschen, daß sie, wo nicht ganz brodlos, doch wenigstens in ihrem Erwerbe geschmälert worden, daß dieser Erwerb ein verjährtes Recht sey, gleichsam ein Eigenthum, dessen man sie nicht nach Willkühr berauben könne. Es ist sonderbar, daß die Beweisthümer, die sie, in dieser Hinsicht, vorbrachten, ganz dieselben sind, die auch unsere Krautjunker, Zunftherren, Gildemeister, Zehntenprediger, Fakultätsgenossen, und sonstige Vorrechtsbeflissene vorzubringen pflegen, wenn die alten Mißbräuche, wovon sie Nutzen ziehen, der Kehricht des Mittelalters, endlich fortgeräumt werden sollen, damit durch den verjährten Moder und Dunst unser jetziges Leben nicht verpestet werde. Als ihre Protestazionen nichts halfen, suchten die Chiffonniers gewaltthätig die Reinigungsreform zu hintertreiben; sie versuchten eine kleine Kontrerevoluzion, und zwar in Verbindung mit alten Weibern, den Revendeuses, denen man verboten hatte, das übelriechende Zeug, das sie größtentheils von den Chiffonniers erhandeln, längs den Kays zum Wiederverkaufe auszukramen. Da sahen wir nun die widerwärtigste Emeute: die neuen Reinigungskarren wurden zerschlagen und in die Seine geschmissen; die Chiffonniers barrikadirten sich bey der Porte St. Denis; mit ihren großen Regenschirmen fochten die alten Trödel-Weiber auf dem Chatelet; der Generalmarsch erscholl; Casimir Perier ließ seine Myrmidonen aus ihren Boutiquen heraustrommeln; der Bürgerthron zitterte; die Rente fiel; die Karlisten jauchzten. Letztere hatten endlich ihre natürlichsten Alliirten gefunden, Lumpensammler und alte Trödelweiber, die sich jetzt mit denselben Prinzipien geltend machten, als Verfechter des Herkömmlichen, der überlieferten Erbkehrichtsinteressen, der Verfaultheiten aller Art.

Als die Emeute der Chiffonniers durch bewaffnete Macht gedämpft worden, und die Cholera noch immer nicht so wüthend um sich griff, wie gewisse Leute es wünschten, die bey jeder Volksnoth und Volksaufregung, wenn auch nicht den Sieg ihrer eigenen Sache, doch wenigstens den Untergang der jetzigen Regierung erhoffen, da vernahm man plötzlich das Gerücht: die vielen Menschen, die so rasch zur Erde bestattet würden, stürben nicht durch eine Krankheit, sondern durch Gift. Gift, hieß es, habe man in alle Lebensmittel zu streuen gewußt, auf den Gemüsemärkten, bey den Bäckern, bey den Fleischern, bey den Weinhändlern. Je wunderlicher die Erzählungen lauteten, desto begieriger wurden sie vom Volke aufgegriffen, und selbst die kopfschüttelnden Zweifler mußten ihnen Glauben schenken, als des Polizeypräfekten Bekanntmachung erschien. Die Polizey, welcher hier, wie überall, weniger daran gelegen ist, die Verbrechen zu vereiteln, als vielmehr sie gewußt zu haben, wollte entweder mit ihrer allgemeinen Wissenschaft prahlen, oder sie gedachte, bey jenen Vergiftungsgerüchten, sie mögen wahr oder falsch seyn, wenigstens von der Regierung jeden Argwohn abzuwenden: genug, durch ihre unglückselige Bekanntmachung, worin sie ausdrücklich sagte, daß sie den Giftmischern auf der Spur sey, ward das böse Gerücht offiziell bestätigt, und ganz Paris gerieth in die grauenhafteste Todesbestürzung.

Das ist unerhört, schrieen die ältesten Leute, die selbst in den grimmigsten Revoluzionszeiten keine solche Frevel erfahren hatten. Franzosen, wir sind entehrt! riefen die Männer, und schlugen sich vor die Stirne. Die Weiber, mit ihren kleinen Kindern, die sie angstvoll an ihr Herz drückten, weinten bitterlich, und jammerten: daß die unschuldigen Würmchen in ihren Armen stürben. Die armen Leute wagten weder zu essen noch zu trinken, und rangen die Hände vor Schmerz und Wuth. Es war als ob die Welt unterginge. Besonders an den Straßenecken, wo die rothangestrichenen Weinläden stehen, sammelten und beriethen sich die Gruppen, und dort war es meistens, wo man die Menschen, die verdächtig aussahen, durchsuchte, und wehe ihnen, wenn man irgend etwas verdächtiges in ihren Taschen fand! Wie wilde Thiere, wie Rasende, fiel dann das Volk über sie her. Sehr viele retteten sich durch
Geistesgegenwart; viele wurden durch die Entschlossenheit der Kommunalgarden, die an jenem Tage überall herumpatrouillirten, der Gefahr entrissen; Andere wurden schwer verwundet und verstümmelt; sechs Menschen wurden aufs unbarmherzigste ermordet. Es giebt keinen gräßlichern Anblick, als solchen Volkszorn, wenn er nach Blut lechzt und seine wehrlosen Opfer hinwürgt. Dann wälzt sich durch die Straßen ein dunkles Menschenmeer, worin hie und da die Ouvriers in Hemdärmeln, wie weiße Sturzwellen, hervorschäumen, und das heult und braust, gnadenlos, heidnisch, dämonisch. An der Straße St. Denis hörte ich den altberühmten Ruf »à la lanterne!« und mit Wuth erzählten mir einige Stimmen, man hänge einen Giftmischer. Die Einen sagten, er sey ein Karlist, man habe ein brevet du lis in seiner Tasche gefunden; die Andern sagten, es sey ein Priester, ein solcher sey Alles fähig. Auf der Straße Vaugirard, wo man zwey Menschen, die ein weißes Pulver bey sich gehabt, ermordete, sah ich einen dieser Unglücklichen, als er noch etwas röchelte, und eben die alten Weiber ihre Holzschuhe von den Füßen zogen und ihn damit so lange auf den Kopf schlugen, bis er todt war. Er war ganz nackt, und blutrünstig zerschlagen und zerquetscht; nicht bloß die Kleider, sondern auch die Haare, die Scham, die Lippen und die Nase waren ihm abgerissen, und ein wüster Mensch band dem Leichname einen Strick um die Füße, und schleifte ihn damit durch die Straße, während er beständig schrie: voilà le Cholera-morbus! Ein wunderschönes, wuthblasses Weibsbild mit entblößten Brüsten und blutbedeckten Händen stand dabey, und gab dem Leichname, als er ihr nahe kam, noch einen Tritt mit dem Fuße. Sie lachte, und bat mich, ihrem zärtlichen Handwerke einige Franks zu zollen, damit sie sich dafür ein schwarzes Trauerkleid kaufe; denn ihre Mutter sey vor einigen Stunden gestorben, an Gift.

Des andern Tags ergab sich aus den öffentlichen Blättern, daß die unglücklichen Menschen, die man so grausam ermordet hatte, ganz unschuldig gewesen, daß die verdächtigen Pulver, die man bey ihnen gefunden, entweder aus Campher, oder Chlorüre, oder sonstigen Schutzmitteln gegen die Cholera bestanden, und daß die vorgeblich Vergifteten ganz natürlich an der herrschenden Seuche gestorben waren. Das hiesige Volk, das, wie das Volk überall, rasch in Leidenschaft gerathend, zu Gräueln verleitet werden kann, kehrt jedoch eben so rasch zur Milde zurück, und bereut mit rührendem Kummer seine Unthat, wenn es die Stimme der Besonnenheit vernimmt. Mit solcher Stimme haben die Journale gleich des andern Morgens das Volk zu beschwichtigen und zu besänftigen gewußt, und es mag als ein Triumph der Presse signalisirt werden, daß sie im Stande war, dem Unheile, welches die Polizey angerichtet, so schnell Einhalt zu thun. Rügen muß ich hier das Benehmen einiger Leute, die eben nicht zur untern Klasse gehören, und sich dochvom Unwillen so weit hinreißen ließen, daß sie die Parthey der Karlisten öffentlich der Giftmischerey bezüchtigten. So weit darf die Leidenschaft uns nie führen; wahrlich, ich würde mich sehr lange bedenken, ehe ich gegen meine giftigsten Feinde solche gräßliche Beschuldigung ausspräche. Mit Recht, in dieser Hinsicht, beklagten sich die Karlisten. Nur daß sie dabey so laut schimpfend sich gebärdeten, könnte mir Argwohn einflößen; das ist sonst nicht die Sprache der Unschuld. Aber es hat, nach der Ueberzeugung der Bestunterrichteten, gar keine Vergiftung statt gefunden. Man hat vielleicht Scheinvergiftungen angezettelt, man hat vielleicht wirklich einige Elende gedungen, die allerley unschädliche Pulver auf die Lebensmittel streuten, um das Volk in Unruhe zu setzen und aufzureitzen; war dieses letztere der Fall, so muß man dem Volke sein tumultuarisches Verfahren nicht zu hoch anrechnen, um so mehr, da es nicht aus Privathaß entstand, sondern, »im Interesse des allgemeinen Wohls, ganz nach den Prinzipien der Abschreckungstheorie.« Ja, die Karlisten waren vielleicht in die Grube gestürzt, die sie der Regierung gegraben; nicht dieser, noch viel weniger den Republikanern, wurden die Vergiftungen allgemein zugeschrieben, sondern jener Parthey, »die, immer durch die Waffen besiegt, durch feige Mittel sich immer wieder erhob, die immer nur durch das Unglück Frankreichs zu Glück und Macht gelangte, und die jetzt, die Hülfe der Kosaken entbehrend, wohl leichtlich zu gewöhnlichem Gifte ihre Zuflucht nehmen konnte.« So ungefähr äußerte sich der Constitutionnel.

Was ich selbst an dem Tage, wo jene Todtschläge statt fanden, an besonderer Einsicht gewann, das war die Ueberzeugung daß die Macht der ältern Bourbone nie und nimmermehr in Frankreich gedeihen wird.Ich hatte aus den verschiedenen Menschengruppen die merkwürdigsten Worte gehört; ich hatte tief hinabgeschaut in das Herz des Volkes; es kennt seine Leute.

Le Choléra à ParisSeitdem ist hier Alles ruhig; l’ordre règne à Paris, würde Horatius Sebastiani sagen. Eine Todtenstille herrscht in ganz Paris. Ein steinerner Ernst liegt auf allen Gesichtern. Mehrere Abende lang sah man sogar auf den Boulevards wenig Menschen, und diese eilten einander schnell vorüber, die Hand oder ein Tuch vor dem Munde. Die Theater sind wie ausgestorben. Wenn ich in einen Salon trete, sind die Leute verwundert, mich noch in Paris zu sehen, da ich doch hier keine nothwendigen Geschäfte habe. Die meisten Fremden, namentlich meine Landsleute, sind gleich abgereist. Gehorsame Eltern hatten von ihren Kindern Befehl erhalten, schleunigst nach Hause zu kommen. Gottesfürchtige Söhne erfüllten unverzüglich die zärtliche Bitte ihrer lieben Eltern, die ihre Rückkehr in die Heimath wünschten; ehre Vater und Mutter, damit du lange lebest auf Erden! Bey Andern erwachte plötzlich eine unendliche Sehnsucht nach dem theuern Vaterlande, nach den romantischen Gauen des ehrwürdigen Rheins, nach den geliebten Bergen, nach dem holdseligen Schwaben, dem Lande der frommen Minne, der Frauentreue, der gemüthlichen Lieder und der gesündern Luft. Man sagt, auf dem Hotel-de-Ville seyen seitdem über 120,000 Pässe ausgegeben worden. Obgleich die Cholera sichtbar zunächst die ärmere Klasse angriff, so haben doch die Reichen gleich die Flucht ergriffen. Gewissen Parvenüs war es nicht zu verdenken, daß sie flohen; denn sie dachten wohl, die Cholera, die weit her aus Asien komme, weiß nicht, daß wir in der letzten Zeit viel Geld an der Börse verdient haben, und sie hält uns vielleicht noch für einen armen Lump, und läßt uns ins Gras beißen. Hr. Aguado, einer der reichsten Banquiers und Ritter der Ehrenlegion, war Feldmarschall bey jener großen Retirade. Der Ritter soll beständig mit wahnsinniger Angst zum Kutschenfenster hinausgesehen, und seinen blauen Bedienten, der hinten aufstand, für den leibhaftigen Tod, den Cholera-morbus, gehalten haben.

Das Volk murrte bitter, als es sah, wie die Reichen flohen, und bepackt mit Aerzten und Apotheken sich nach gesündern Gegenden retteten. Mit Unmuth sah der Arme, daß das Geld auch ein Schutzmittel gegen den Tod geworden. Der größte Theil des Justemilieu und der haute Finance ist seitdem ebenfalls davon gegangen und lebt auf seinen Schlössern. Die eigentlichen Repräsentanten des Reichthums, die Herren v. Rothschild, sind jedoch ruhig in Paris geblieben, hierdurch beurkundend, daß sie nicht bloß in Geldgeschäften großartig und kühn sind. Auch Casimir Perier zeigte sich großartig und kühn, indem er nach dem Ausbruche der Cholera das Hotel-Dieu besuchte; sogar seine Gegner mußte es betrüben, daß er in der Folge dessen, bey seiner bekannten Reitzbarkeit, selbst von der Cholera ergriffen worden. Er ist ihr jedoch nicht unterlegen, denn er selber ist eine schlimmere Krankheit. Auch der junge Kronprinz, der Herzog von Orleans, welcher in Begleitung Periers das Hospital besuchte, verdient die schönste Anerkennung. Die ganze königliche Familie hat sich, in dieser trostlosen Zeit, ebenfalls rühmlich bewiesen. Beim Ausbruche der Cholera versammelte die gute Königinn ihre Freunde und Diener, und vertheilte unter ihnen Leibbinden von Flanell, die sie meistens selbst verfertigt hat. Die Sitten der alten Chevalerie sind nicht erloschen; sie sind nur ins Bürgerliche umgewandelt; hohe Damen versehen ihre Kämpen jetzt mit minder poetischen, aber gesündern Schärpen. Wir leben ja nicht mehr in den alten Helm- und Harnischzeiten des kriegerischen Ritterthums, sondern in der friedlichen Bürgerzeit der warmen Leibbinden und Unterjacken; wir leben nicht mehr im eisernen Zeitalter, sondern im flanellenen. Flanell ist wirklich jetzt der beste Panzer gegen die Angriffe des schlimmsten Feindes, gegen die Cholera. Venus würde heutzutage, sagt Figaro, einen Gürtel von Flanell tragen. Ich selbst stecke bis am Halse in Flanell, und dünke mich dadurch cholerafest. Auch der König trägt jetzt eine Leibbinde vom besten Bürgerflanell.

Ich darf nicht unerwähnt lassen, daß er, der Bürgerkönig, bey dem allgemeinen Unglücke viel Geld für die armen Bürger hergegeben und sich bürgerlich mitfühlend und edel benommen hat. – Da ich mahl im Zuge bin, will ich auch den Erzbischof von Paris loben, welcher ebenfalls im Hotel-Dieu, nachdem der Kronprinz und Perier dort ihren Besuch abgestattet, die Kranken zu trösten kam. Er hatte längst prophezeyt, daß Gott die Cholera als Strafgericht schicken werde um ein Volk zu züchtigen, »welches den allerchristlichsten König fortgejagt und das katholische Religionsprivilegium in der Charte abgeschafft hat.« Jetzt, wo der Zorn Gottes die Sünder heimsucht, will Hr. v. Quelen sein Gebet zum Himmel schicken und Gnade erflehen, wenigstens für die Unschuldigen; denn es sterben auch viele Karlisten. Außerdem hat Hr. v. Quelen, der Erzbischof, sein Schloß Conflans angeboten, zur Errichtung eines Hospitals. Die Regierung hat aber dieses Anerbieten abgelehnt, da dieses Schloß in wüstem, zerstörtem Zustande ist, und die Reparaturen zu viel kosten würden. Außerdem hatte der Erzbischof verlangt, daß man ihm in diesem Hospitale freye Hand lassen müsse. Man durfte aber die Seelen der armen Kranken, deren Leiber schon an einem schrecklichen Uebel litten, nicht den quälenden Rettungsversuchen aussetzen, die der Erzbischof und seine geistlichen Gehülfen beabsichtigten; man wollte die verstockten Revoluzionssünder lieber ohne Mahnung an ewige Verdammniß und Höllenqual, ohne Beicht und Oehlung, an der bloßen Cholera sterben lassen. Obgleich man behauptet, daß der Katholizismus eine passende Religion sey für so unglückliche Zeiten, wie die jetzigen, so wollen doch die Franzosen sich nicht mehr dazu bequemen, aus Furcht, sie würden diese Krankheitsreligion alsdann auch in glücklichen Tagen behalten müssen.

Es gehen jetzt viele verkleidete Priester im Volke herum, und behaupten, ein geweihter Rosenkranz sey ein Schutzmittel gegen die Cholera. Die Saint-Simonisten rechnen zu den Vorzügen ihrer Religion, daß kein Saint-Simonist an der herrschenden Krankheit sterben könne; denn da der fortschritt ein Naturgesetz sey, und der sociale Fortschritt im Saint-Simonismus liege, so dürfe, so lange die Zahl seiner Apostel noch unzureichend ist, keiner von denselben sterben. Die Bonapartisten behaupten: wenn man die Cholera an sich verspüre, so solle man gleich zur Vendomesäule hinaufschauen: man bleibe alsdann am Leben. So hat Jeder seinen Glauben in dieser Zeit der Noth. Was mich betrifft, ich glaube an Flanell. Gute Diät kann auch nicht schaden, nur muß man wieder nicht zu wenig essen, wie gewisse Leute, die des Nachts die Leibschmerzen des Hungers für Cholera halten. Es ist spaßhaft, wenn man sieht, mit welcher Poltronerie die Leute jetzt bey Tische sitzen, und die menschenfreundlichsten Gerichte mit Mißtrauen betrachten, und tiefseufzend die besten Bissen hinunterschlucken. Man soll, haben ihnen die Aerzte gesagt, keine Furcht haben und jeden Aerger vermeiden; nun aber fürchten sie, daß sie sich mahl unversehens ärgern möchten, und ärgern sich wieder, daß sie deßhalb Furcht hatten. Sie sind jetzt die Liebe selbst, und gebrauchen oft das Wort mon Dieu, und ihre Stimme ist hingehaucht milde, wie die einer Wöchnerinn. Dabey riechen sie wie ambulante Apotheken, fühlen sich oft nach dem Bauche, und mit zitternden Augen fragen sie, jede Stunde, nach der Zahl der Todten. Daß man diese Zahl nie genau wußte, oder vielmehr, daß man von der Unrichtigkeit der angegebenen Zahl überzeugt war, füllte die Gemüther mit vagem Schrecken und steigerte die Angst ins Unermeßliche. In der That, die Journale haben seitdem eingestanden, daß in Einem Tage, nemlich den zehnten April, an die zweytausend Menschen gestorben sind. Das Volk ließ sich nicht offiziell täuschen, und klagte beständig, daß mehr Menschen stürben, als man angebe. Mein Barbier erzählte mir, daß eine alte Frau auf dem Faubourg Mont-Martre die ganze Nacht am Fenster sitzen geblieben, um die Leichen zu zählen, die man vorbeytrüge; sie habe dreyhundert Leichen gezählt, worauf sie selbst, als der Morgen anbrach, von dem Froste und den Krämpfen der Cholera ergriffen ward und bald verschied. Wo man nur hinsah auf den Straßen, erblickte man Leichenzüge, oder, was noch melancholischer aussieht, Leichenwagen, denen Niemand folgte. Da die vorhandenen Leichenwagen nicht zureichten, mußte man allerley andere Fuhrwerke gebrauchen, die, mit schwarzem Tuch überzogen, abentheuerlich genug aussahen. Auch daran fehlte es zuletzt, und ich sah Särge in Fiackern fortbringen; man legte sie in die Mitte, so daß aus den offenen Seitenthüren die beiden Enden herausstanden. Widerwärtig war es anzuschauen, wenn die großen Möbelwagen, die man beim Ausziehen gebraucht, jetzt gleichsam als Todten-Omnibusse, als omnibus mortuis, herumfuhren, und sich in den verschiedenen Straßen die Särge aufladen ließen, und sie dutzendweise zur Ruhestätte brachten.

Honoré de Daumier, Souvenirs d Choléra-MorbusDie Nähe eines Kirchhofs, wo die Leichenzüge zusammentrafen, gewährte erst recht den trostlosesten Anblick. Als ich einen guten Bekannten besuchen wollte und eben zur rechten Zeit kam, wo man seine Leiche auflud, erfaßte mich die trübe Grille, eine Ehre, die er mir mahl erwiesen, zu erwiedern, und ich nahm eine Kutsche und begleitete ihn nach Père-la-Chaise. Hier nun, in der Nähe dieses Kirchhofs, hielt plötzlich mein Kutscher still, und als ich, aus meinen Träumen erwachend, mich umsah, erblickte ich nichts als Himmel und Särge. Ich war unter einige hundert Leichenwagen gerathen, die vor dem engen Kirchhofsthore gleichsam Queue machten, und in dieser schwarzen Umgebung, unfähig mich herauszuziehen, mußte ich einige Stunden ausdauern. Aus langer Weile frug ich den Kutscher nach dem Namen meiner Nachbarleiche, und, wehmüthiger Zufall! er nannte mir da eine junge Frau, deren Wagen einige Monathe vorher, als ich zu Lointier nach einem Balle fuhr, in ähnlicher Weise einige Zeit neben dem meinigen stille halten mußte. Nur daß die junge Frau damals mit ihrem hastigen Blumenköpfchen und lebhaften Mondscheingesichtchen öfters zum Kutschenfenster hinausblickte, und über die Verzögerung ihre holdeste Mißlaune ausdrückte. Jetzt war sie sehr still und vielleicht blau. Manchmal jedoch, wenn die Trauerpferde an den Leichenwagen sich schaudernd unruhig bewegten, wollte es mich bedünken, als regte sich die Ungeduld in den Todten selbst, als seyen sie des Wartens müde, als hätten sie Eile ins Grab zu kommen; und wie nun gar an dem Kirchhofsthore ein Kutscher dem andern vorauseilen wollte, und der Zug in Unordnung gerieth, die Gendarmen mit blanken Säbeln dazwischen fuhren, hie und da ein Schreyen und Fluchen entstand, einige Wagen umstürzten, die Särge aus einander fielen, die Leichen hervorkamen: da glaubte ich die entsetzlichste aller Emeuten zu sehen, eine Todtenemeute.

Ich will, um die Gemüther zu schonen, hier nicht erzählen, was ich auf dem Père-la-Chaise gesehen habe. Genug, gefesteter Mann wie ich bin, konnte ich mich doch des tiefsten Grauens nicht erwehren. Man kann an den Sterbebetten das Sterben lernen und nachher mit heiterer Ruhe den Tod erwarten; aber das Begrabenwerden, unter die Choleraleichen, in die Kalkgräber, das kann man nicht lernen. Ich rettete mich so rasch als möglich auf den höchsten Hügel des Kirchhofs, wo man die Stadt so schön vor sich liegen sieht. Eben war die Sonne untergegangen, ihre letzten Stralen schienen wehmüthig Abschied zu nehmen, die Nebel der Dämmerung umhüllten wie weiße Laken das kranke Paris, und ich weinte bitterlich über die unglückliche Stadt, die Stadt der Freyheit, der Begeisterung und des Martyrthums, die Heilandstadt, die für die weltliche Erlösung der Menschheit schon so viel gelitten!

Denis-Auguste-Marie Raffet, La Barbarie et Le Choléra-Morbus Entrant en Europe, 1831

Bilder:

  1. Darstellung eines Cholera-Opfers in Paris im Jahr 1832,
    via Thomas Zimmer: Das Zeitalter der Pandemien, Die Zeit, 14. Juli 2020;
  2. Le Cholera Morbus: zeitgenössische Karikatur, via Catherine J. Kudlick:
    Learning from cholera: medical and social responses to the first great Paris epidemic in 1832;
  3. J. Roze: Le choléra à Paris, Chardon ainè et fils, Paris 1832, und
  4. Honoré de Daumier: Souvenirs du Choléra-Morbus,
    in: Antoine François Hippolyte Fabre: Némésis médicale illustrée, recueil de satires,
    Bureau de la Némésis médicale, Paris 1840,
    via Cholera Online. A Modern Pandemic in Text and Images: Patients and Victims,
    U.S. National Library of Medicine;
  5. Denis-Auguste-Marie Raffet: La Barbarie et Le Choléra-Morbus Entrant en Europe.
    Les Polonais se battent, les puissances font des protocoles et la France, 1831.

Soundtrack: Lola Ngoma Kadogo: La chanson choléra, aus: Tout est possible, 2012:

Coronadvent 0: Wie Wein in den Muscheln

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Update zum Адвент 1: Über Nacht bin ich tot:

Versäumte Gedenktage: Zuerst im unseligen Jahr 2020 hatte Paul Celan (* 23. November 1920 im seinerzeit großrumänischen, inzwischen ukrainischen Czernowitz; † vermutlich 20. April 1970 in Paris) seinen 50. Todestag, „vermutlich“ sinnigerweise an Führers Geburtstag; und weil er da gerade einmal 50 Jahre alt war, hat er als letztes im unseligen Jahr 2020 seinen 100. Geburtstag.

מן השמים תנוחמו und מזל טוב!

——— Paul Celan:

Corona

für Ingeborg Bachmann,
aus: Mohn und Gedächtnis, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1952:

Ingeborg Bachmann und Paul Celan, via Thalia Theater, Hamburg 2009Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

Bild: Paul Celan und Ingeborg Bachmann, via Thalia Theater: Bachmann — Celan, Hamburg 2009.

Dankeschön an לאה זאננעכער!
— mit dem Bonus Track: ДахаБраха: Карпатський реп, aus: Light, 2010:

Written by Wolf

23. November 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Und du liegst armselig, krank und blaß

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Update zu Weihnachtsengel 1: Brecht (Über die Vergewaltigung von Frigiden)
und Du warst den Meeren mitternachts entstiegen:

Ich selbst möchte so gern auch produktiv sein, aber […] immer wenn ich etwas beginne, habe ich Angst, dass die Leute sagen werden, ich hätte es nicht selbst gemacht. Und deshalb höre ich wieder auf. Oder ich glaube, dass es nichts taugt.

So brieflich am 5. Juni 1940 Margarete Steffin, * 21. März 1908 in Rummelsburg, heute Berlin, † 4. Juni 1941 in Moskau, von Bertolt Brecht als Grete angesprochen und als nicht mehr als dessen engste Mitarbeiterin und Geliebte apostrophiert, sträflich unterschätzt.

Junge Margarete Steffin mit Zöpfen, Deutsche Liebeslyrik33-jährig auf dem Weg von Skandinavien nach Amerika in Moskau an ihrer chronischen Tuberkulose gestorben:

Im neunten Jahr der Flucht vor Hitler
Erschöpft von den Reisen
Der Kälte und dem Hunger des winterlichen Finnland
Und dem Warten auf den Paß in einen anderen Kontinent
Starb unsere Genossin Steffin
In der roten Stadt Moskau.

Für ihre Bedeutung spricht schon, dass Brecht sie als Co-Autorin nicht nur genutzt, sondern gar angeführt und ihr als Kumpanin und manches darüber hinaus schmerzlich hinterhergedichtet hat:

Mein General ist gefallen
Mein Soldat ist gefallen
Mein Schüler ist weggegangen
Mein Lehrer ist weg
Mein Pflegling ist weg…

Sie soll sich als einzige in Brechts heillosem Verhau von Manuskripten ausgekannt haben. Ihr eigenes Werk stand erst unter Verschluss des Ost-Berliner Brecht-Archivs, wurde erst im Laufe der 1960er Jahre bekannt und 1991 zu ihrem 50. Todestag erschlossen.

Seit du gestorben bist, kleine Lehrerin
Gehe ich blicklos herum, ruhelos
In einer grauen Welt staunend
Ohne Beschäftigung wie ein Entlassener.

Ohne sie stünden Brechts Gedichtsammlungen bis heute nicht in der geordneten Form, in der sie stehen. Das oben stückweise angeführte Nach dem Tod meiner Mitarbeiterin M.S., noch von 1941, war naturgemäß schon nicht mehr dabei.

Beim stand des populären Halbwissens über „Brecht und seine Weiber“ drängt sich nach einem ihrer eigenen Sonette in korrektem Blankvers der Gedanke auf: Na, mehr muss man ja wohl nicht wissen. Damit machte man es sich zu leicht. Muss man nämlich doch: Hartmut Reiber, Hrsg.: Grüß den Brecht. Das Leben der Margarete Steffin, Eulenspiegel Verlag, Berlin 2008. Die allesamt erst aus dem Nachlass geretteten Texte mit dokumentarischem Anhang gab 1991 Inge Gellert als Konfutse versteht nichts von Frauen heraus.

——— Margarete Steffin:

Stell dir vor

8. Juli 1933, aus: Konfutse versteht nichts von Frauen. Nachgelassene Texte, Rowohlt, Berlin 1991:

Stell dir vor: es kommen alle Frauen
Die du einmal hattest, an dein Bett.
Ach, die wenigsten sind jetzt noch nett.
Keine, denkst du, ist mehr anzuschauen.

Aber alle stehen streng und schweigend.
Eine jede will von dir heut nacht
Ihren Spaß. Und wenn du ihr’s gemacht
Tritt sie seitwärts, auf die nächste zeigend.

Gierig langen sie dich an. Verloren
Bist du. Die du einst zum Spaß erkoren
Treiben mit dir einen bösen Spaß.

Selbst seh ich mich in der Reihe stehen
Sehe mich ganz schamlos zu dir gehen.
Und du liegst armselig, krank und blaß.

Ruth Berlau, Margarete Steffin beim gemeinsamen Schachspiel mit Bert Brecht

Bilder: Portrait via Deutsche Liebeslyrik;
Ruth Berlau: Margarete Steffin beim Schachspiel mit Bertolt Brecht, via Pedro Hafermann, 9. Juni 2020.

Soundtrack: Fiona Apple: Not About Love, aus: Extraordinary Machine, 2005:

Written by Wolf

20. November 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Wer hätte da sich um Blumen bekümmert?

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Update zu Pflanzenähnlichkeit der Weiber:
Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel
:

Klar bleibt allein, dass der Begriff der Blauen Blume der deutschen Romantik von Novalis in die „hohe“ Literatur eingeführt wurde.

Allenfalls findet sich ein vager Hinweis auf „eine alte Volkssage, lange vor der Romantik“ in der „jemand zufällig eine blaue Wunderblume“ findet; „durch sie erlangt er Zugang zu verborgenen Schätzen“ — näher werden wir nicht zur Quelle geführt. Schlüssig nachweisbar ist nur Novalis‘ Roman Heinrich von Ofterdingen von 1800, posthum 1802 erschienen. Darin liegt „der Jüngling“ gleich zu Anfang des ersten Kapitels

unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn‘ ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken. So ist mir noch nie zu Muthe gewesen: es ist, als hätt‘ ich vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert, und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab‘ ich damals nie gehört.

Heinrich, würde man heute sagen, verarbeitet also im Halbschlaf seinen Tag. Nicht viel später im Text „träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden“:

Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewußt, schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloß. Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte, und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blüthenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in der elterlichen Stube fand, die schon die Morgensonne vergoldete.

Halten wir fest: Der romantisch verträumte Jüngling Heinrich erfährt in der Exposition unvermittelt durch einen nicht näher bezeichneten Fremden — vielleicht dem erst später auftretenden Klingsohr — von einer blauen Blume, die gleichfalls nicht genauer denn „lichtblau“ und impilzit von auffallender Schönheit beschrieben wird. Gegen Ende desselben ersten Kapitels tritt zutage, dass auch Heinrichs Vater einst von einer Blume geträumt hat, sich aber nicht an deren Farbe und sonstige Beschaffenheit erinnert:

Ach! liebster Vater, sagt mir doch, welche Farbe sie hatte, rief der Sohn mit heftiger Bewegung.

Das entsinne ich mich nicht mehr, so genau ich mir auch sonst alles eingeprägt habe.

War sie nicht blau?

Es kann seyn, fuhr der Alte fort, ohne auf Heinrichs seltsame Heftigkeit Achtung zu geben. Soviel weiß ich nur noch, daß mir ganz unaussprechlich zu Muthe war, und ich mich lange nicht nach meinem Begleiter umsah. Wie ich mich endlich zu ihm wandte, bemerkte ich, daß er mich aufmerksam betrachtete und mir mit inniger Freude zulächelte. Auf welche Art ich von diesem Orte wegkam, erinnere ich mir nicht mehr. Ich war wieder oben auf dem Berge. Mein Begleiter stand bey mir, und sagte: du hast das Wunder der Welt gesehn. Es steht bey dir, das glücklichste Wesen auf der Welt und noch über das ein berühmter Mann zu werden. Nimm wohl in Acht, was ich dir sage: wenn du am Tage Johannis gegen Abend wieder hieher kommst, und Gott herzlich um das Verständniß dieses Traumes bittest, so wird dir das höchste irdische Loos zu Theil werden; dann gieb nur acht, auf ein blaues Blümchen, was du hier oben finden wirst, brich es ab, und überlaß dich dann demüthig der himmlischen Führung. Ich war darauf im Traume unter den herrlichsten Gestalten und Menschen, und unendliche Zeiten gaukelten mit mannichfaltigen Veränderungen vor meinen Augen vorüber. Wie gelöst war meine Zunge, und was ich sprach, klang wie Musik. Darauf ward alles wieder dunkel und eng und gewöhnlich; ich sah deine Mutter mit freundlichem, verschämten Blick vor mir; sie hielt ein glänzendes Kind in den Armen, und reichte mir es hin, als auf einmal das Kind zusehends wuchs, immer heller und glänzender ward, und sich endlich mit blendendweißen Flügeln über uns erhob, uns beyde in seinen Arm nahm, und so hoch mit uns flog, daß die Erde nur wie eine goldene Schüssel mit dem saubersten Schnitzwerk aussah. Dann erinnere ich mir nur, daß wieder jene Blume und der Berg und der Greis vorkamen; aber ich erwachte bald darauf und fühlte mich von heftiger Liebe bewegt. Ich nahm Abschied von meinem gastfreyen Wirth, der mich bat, ihn oft wieder zu besuchen, was ich ihm zusagte, und auch Wort gehalten haben würde, wenn ich nicht bald darauf Rom verlassen hätte, und ungestüm nach Augsburg gereist wäre.

Der Verlust, ja die Missachtung der Erinnerung an die blaue Blume macht den Vater zu einem Vertreter der Klassik, die jener Romantik voranging, für deren Werte die Blume steht, jedenfalls zu einem nüchternen, strebsamen, der Welt zugewandten, nicht eben schlechten, aber doch prosaischen Menschen.

Ohne die eine oder andere Epoche auf- oder abzuwerten, habe ich es immer für einen Verlust in der Auslegung und Bewertung beider unbestreitbar wichtigen Epochen gehalten, dass niemand weiß: von was für einer Blume Novalis eigentlich redet, die er vielleicht aus einer „Volkssage, lange vor der Romantik“ oder vielleicht aus einem Bild seines Freundes Friedrich Schwedenstein herleiten mag — oder vielleicht auch nicht.

Am 2. Juni 2019 habe ich mich in dieser Angelegenheit an die Mitglieder der Facebook-Gruppe Deutsche Romantik gewandt, wo ich einige Experten für solche Belange vermutete:

Mal eine Frage, die geradezu in die Substanz der deutschen Romantik lappt: Was ist eigentlich die Blaue Blume für eine Blume?

Cicely Mary Barker, The Heliotrope Fairy, 1923, 1944Das klingt so trivial — aber was genau sollte man sich darunter bildlich vorstellen? In Wikipedia finde ich: „Als reale Vorbilder der blauen Blume werden oft heimische Pflanzen angesehen, in Mitteleuropa etwa die Kornblume oder die Wegwarte; Novalis spricht vom blauen Heliotrop.“

Und zwar finde ich das ausschließlich in Wikipedia. Deshalb hab ich mir die Mühe gemacht nachzuschauen, seit wann diese Zuschreibung des Heliotrops kursiert: Eingeführt hat das erst unter der alten Version ein Nutzer namens NikePelera am 7. Januar 2010 um 14:01 Uhr — verbessert aus seiner eigenen, genau 2 Minuten älteren Version mit dem noch nicht verlinkten „Heliothrop“.

Man wird also seit Anfang 2010 an den Heliotrop als Blaue Blume glauben, was man auch öfter so verbreitet findet. Allerdings beziehen sich nach meiner Einschätzung sämtliche Stellen, genannt oder ungenannt, auf diese Wikipedia-Erklärung von einem Nutzer, der nicht erreichbar ist. Das Wikipedia-Bild dazu zeigt eine Kornblume mit der unbelegten Vermutung in unbegründetem Konjunktiv: „Die Kornblume könnte Vorbild für das Symbol gewesen sein“.

Ohne dem unbekannt bleibenden NikePelera zu nahe treten zu wollen, finde ich das in dieser Verbindung wenig glaubwürdig. Dass Novalis von einem Heliotrop, von mir aus auch von der Sonnenwende (Heliotropium) spricht, stelle ich weder in meiner Gesamtausgabe noch irgendwo online fest — abgesehen davon, dass es laut dem Ofterdingen „eine hohe lichtblaue Blume“ sein soll, was ich aus der Zeit und der Stilebene als „hellblau“ übersetzen möchte, und Sonnenwenden eher dunkelblau gedeihen — allerdings auf heutigem Stand der Botanik: „Sowohl krautige Pflanzen, Halbsträucher als auch Bäume kommen vor“, sagt wiederum Wikipedia über die „rund 250 Arten“, was durchaus als „hohe“ Pflanze durchgehen kann, und na gut, dann kannte Novalis vielleicht ja auch hellblaue.

Und dann doch wieder: „Die Blüthenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte“ — wohingegen Sonnenwenden nicht breit, sondern mit doldenähnlichem Blütenstand blühen.

Kurz gesagt bin ich also unglücklich mit der Vorstellung der Blauen Blume als Heliotrop, weil ich mir das weder bildlich vorstellen noch aus der Primär- oder Sekundärliiteratur herleiten kann. Eine bessere Lösung weiß ich auch nicht.

Kann hier jemand sagen, ob ich was übersehen hab oder was denn die Blaue Blume sonst sein könnte?

Darauf erhielt ich noch am selben Tag die Antwort vom Gruppen-Administrator Michael D. Schmid:

Ja, an dem Artikel habe ich auch schon rumgebastelt. :) Zur botanischen Deutung der blauen Blume: Ich persönlich würde die Ansicht vertreten, dass eine allzu einengende Definition der träumerisch-rauschhaften Traumerzählung Heinrichs etwas zuwider läuft. Die Passage appelliert doch an die assoziative Phantasie, und das Symbol der blauen Blume als Inbegriff der Sehnsucht muss sich einer aufklärerisch-wissenschaftlichen Vermessung (Vermessung = Vermessenheit?) entziehen. Oder mit Novalis gesprochen: „Die Aussenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich.“ Ich für meinen Teil kann und will die Blaue Blume nicht erkennen, nur erahnen.

Das trug Herrn Schmid fünf Likes und ein „So ist es!“ ein, die wir ihm herzlich vergönnen wollen, allerdings auf seine durchdachte, engagierte und unbestreitbar wahre Antwort, die mir dennoch nicht genügen wollte:

Das gibt Sinn und entspricht wohl auch dem romantischen Geiste :) Ich würde die Blume gern auch benennen wollen. Der Heliotrop scheint mir dann doch aus der Luft gegriffen — und deshalb an einer Stelle, die so ziemlich jeder Interessierte als erstes ansteuern wird, zu vermeiden. Schon klar, Wiki-Artikel verbessern kann jeder, ich selber sogar unter registriertem Nutzernamen; da überlege ich gerade, ob das ersatzlos zu streichen ist, oder wodurch man’s denn verbessern sollte…

Bei meiner Unzufriedenheit mit der Forschung, ja Verderbtheit des allgemeinen Wissensstandes, ist es bis auf weiteres geblieben. Noch fünf Wochen danach wurde mein Facebook-Thread nach oben geholt durch den nicht vollends geistlosen Kalauer anderer Hand:

Ganz einfach: Es handelt sich um eine blûme in pla-tôn.

Ein konstruktiver Versuch wurde noch unternommen durch den ergänzenden Einwurf:

ich würde sagen, gustav mahler hat wie kein anderer die suche nach der blauen blume in musik umgesetzt, zumindest in seinen wunderhorn-symphonien 1-4.

Das war’s. Im übrigen sind wir geworfen auf Ricarda Huch: Die Romantik. Ausbreitung, Blütezeit und Verfall Blütezeit der Romantik: Erstdruck: Leipzig, Haessel, 1899. Ausbreitung und Verfall der Romantik: Erstdruck: ebenda, 1902.

Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.

Ja, genau:

Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Nahmen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsgluth.

Bild: Cicely Mary Barker: The Heliotrope Fairy, aus: Flower Fairies of the Garden; Blackie, 1944:

Heliotrope’s my name; and why
People call me „Cherry Pie“,
That I really do not know;
But perhaps they call me so,
’Cause I give them such a treat,
Just like something nice to eat.
For my scent—O come and smell it!

How can words describe or tell it?
And my buds and flowers, see,
Soft and rich and velvety—
Deepest purple first, that fades
To the palest lilac shades.
Well-beloved, I know, am I—
Heliotrope, or Cherry Pie!

Soundtrack: wie auf Facebook empfohlen, Gustav Mahler: 4. Sinfonie in G-Dur, 1901,
unter Leonard Bernstein, Mai 1972 im Wiener Musikvereinssaal; Sopran: Edith Mathis:

Bonus Track: Mazzy Star: Blue Flower, aus: She Hangs Brightly, 1990, live 9. Juli 1994:

Written by Wolf

13. November 2020 at 00:01

Vom Zwerg am Römerberg

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Update zu Vorbild und Nachbild: Nebelschleiern sich enthüllen,
Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10
und vor allem Du hast genug geflennt:

Bei – voller Titel: Die Wahrheit über Arnold Hau. Herausgegeben von Robert J. Gernhardt. F. W. Bernstein und F. K. Waechter bei Bärmeier & Nikel 1966 – bei Arnold Hau also weiß man nie, ob ein Beitrag von Gernhardt, Bernstein oder Waechter stammt. Wie der Dreierpack Die Drei – zusammen mit Besternte Ernte 1976 und Die Blusen des Böhmen 1977 – bei Zweitausendeins 1981 es ausdrückt:

1966 das erste Mal erschienen, alsbald verramscht und 1974 bei Zweitausendeins wiederauferstanden, hat das Buch mittlerweile eine Auflage von weit über sechzigtausend Exemplaren erreicht. Völlig zu Recht, denn wo gibt es das noch einmal: drei Autoren, die derart zusammenarbeiten, daß es ihnen heute schwerfällt, ihre Arbeiten von damals auseinanderzuhalten? Sind ja auch gar nicht ihre Arbeiten, ist alles von Arnold Hau, das ist die Wahrheit, jawohl.

Jawohl. Und sechzigtausend Exemplare sind ein Bestseller und ein siebenzeiliges Gedicht — mit dem nicht ganz unraffinierten Reimschema ABABCBC plus Binnenreim im Vorletzten — ist ein hypertrophierter Limerick.

Dankenswerter Weise wurde Arnold Hau nach 1966 nie wieder nennenswert erweitert oder verbessert oder sonstwie unkenntlich gemacht; sogar die 17. Auflage von 2005 bleibt noch seitengleich mit den drei Erstauflagen, indem sie dreimal von vorne zu zählen anfängt. Egal wo man egal welche Ausgabe in egal welcher Auflage erwischt, soll man sich auf sie stürzen und nie wieder hergeben. Jawohl.

——— Robert Gernhardt, F. W. Bernstein oder F. K. Waechter:

Der unerzogene Zwerg

aus: Die Wahrheit über Arnold Hau, Bärmeier & Nikel, 1966, Seite 147:

Einst tuschelte am Römerberg,
es war im Monat März,
ein feister untersetzter Zwerg
ins Ohr mir einen Scherz.
Der war so säuisch, war so fies,
daß ich den Zwerg am Römerberg
entrüstet stehen ließ.

Hei, wie sich an dieser Stelle anböte, einen nicht weniger säuischen denn fiesen Scherz weiterzutragen, und welch ein Jammer, dass ich dergleichen gar nicht kenne. Unweit vom besungenen Frankfurter Römerberg residiert jedoch seit 2008 das Caricatura Museum für Komische Kunst. Man wird also heutzutage zu Frankfurt ausreichend Gelegenheit finden, sich allerlei Scherze von feisten untersetzten Zwergen oder sonstwem eintuscheln zu lassen.

Rachael Robinson Elmer, Restoring the Lost Sense, featuring a dwarf, St. Nicholas Magazine, Abecedarian, October 4th, 2014

Bild: Rachael Robinson Elmer: Restoring the Lost Sense, aus: St. Nicholas Magazine, undatiert,
via Abecedarian, 4. Oktober 2014.

Soundtrack zur Heimatkunde: Ludwig van Beethoven: 5. Satz: Allegretto: Hirtengesang. Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm, aus: Pastorale, Symphonie 6, F-Dur, opus 68, 1807 f. Videomaterial vom Frankfurter Römerberg sichtlich von 2020:

Written by Wolf

6. November 2020 at 00:01

Makkaroni, Melonen und Feigen, musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion

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Update zu Fabel zur Senkung der Arbeitsmoral,
Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
And such a life I wish to live und
Ein Buch gibt keine Gelatinesuppe:

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

(§. 2). Hier ist nun aber unsere Untersuchung auf die beste Verfassung gerichtet, Dies aber ist diejenige, durch welche der Staat am meißten glückselig wird. Glückseligkeit endlich, so wurde vorhin bemerkt, ist ohne Tugend unmöglich, und hieraus ergiebt sich denn, daß in dem aufs Schönste verwalteten Staate, dessen Bürger gerechte Männer schlechthin und nicht bloß bedingungsweise sind, dieselben weder das Leben eines Handwerkers noch das eines Kaufmannes führen dürfen, denn ein solches ist unedel und der (wahren) Tugend und Tüchtigkeit zuwider, und daß auch Ackerbauer Die nicht sein dürfen, welche hier Bürger sein wollen, denn es bedarf voller Muße zur Ausbildung der Tugend und zur Besorgung der Staatsgeschäfte.

Aristioteles: Über die Politik. Griechisch und Deutsch,
herausgegeben von Prof. Franz Susemihl, Erster Theil, Text und Übersetzung,
Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig 1879, IV (VII), 9, Seite 417 f.

Die Arbeit kann uns lehren,
sie lehrte uns die Kraft,
den Reichtum zu vermehren,
der unsre Armut schafft.

Heinrich Eildermann: Lied der Jugend, 1907/1910.

Tja, eines der vielen großen Worte Alexander von Humboldt’s : ›Sie sind sämtlich faul, Majestät.‹, (als Fr. Wilhelm iv. ihn nach den großen allgemeinen Kennzeichen der Gattung Mensch fragte). / Naja; erhebt sich die Frage : ›Iss Fleiß ’ne Tugend?‹ / (Müßte man erst noch eine andre Frage davorschalten): ›Ist Fleiß für Menschen & Tiere eine einfache (Lebens)Notwendigkeit?‹

Arno Schmidt: Julia, oder die Gemälde. Scenen aus dem Novecento, 1979/1983,
Bargfelder Ausgabe Seite 141.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Eben wegen solcher unterschiedlich zweifelhafter, in manchen Fällen zu bekämpfender Einordnungen des Konstrukts der Arbeit in die eigenen Lebenswirklichkeiten reden Künstler seit jeher der Muße das Wort: jener in allen Wortsinnen freien Zeit, die der selbstbestimmter Gestaltung vorbehalten ist — nicht aber zu verwechseln mit der Todsünde der Acedia, die außer der lasterhaften Faulheit auch Feigheit, vorsätzliche Ignoranz, Überdruss und die Trägheit des Herzens einschließt.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Es liegt im Anliegen möglichst ausführlicher Mußezeiten selbst begründet, sich durch die Forderung nach möglichst wenig sicht- und messbarer Arbeit in der Außenwahrnehmung spätestens durch ihre Formulierung zu disqualifizieren. In Gesellschaften, in denen sämtliche Ausprägungen von Kunst nicht als unmittelbar lebensnotwendig begriffen werden, sind Künstler entbehrliche Mitglieder, die ihre Existenz erst plausibel machen, ja rechtfertigen müssen. Am wirksamsten tun sie das durch sicht- und messbare Arbeit, die ihrer Funktion als Künstler zuwiderläuft.

Konnte dem anerkannten Spaßmacher Karl Valentin noch eine so reine wie bittere Wahrheit erfolgreich zugeschrieben werden wie:

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

blieb er doch weiterhin ein Spaßmacher: der Hofnarr einer bürgerlichen Gesellschaft, den man köpfen müsste, wenn man ihn ernst nähme. Dagegen machte sich der oben in einer ganz anderen Tonart angespielte Arno Schmidt gerade unter seinesgleichen nachhaltig unbeliebt mit seiner Aussprache für die Arbeit. Und das in einer Dankadresse zum GoethePreis 1973:

Sei es noch so unzeitgemäß und unpopulär; aber ich weiß, als einzige Panacee, gegen Alles, immer nur ›Die Abeit‹ zu nennen; und was speziell das anbelangt, ist unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend, mit nichten überarbeitet, vielmehr typisch unterarbeitet : ich kann das Geschwafel von der ›40=Stunden=Woche‹ einfach nicht mehr hören : meine Woche hat immer 100 Stunden gehabt; und ›Zettels Traum‹ 25.000 erfordert ! — es war ein großer Tag, als er fertig war.

Das hätte so eine schöne Volte sein können: Der Inbegriff des erzdeutschen Schriftstellers, in der Bargfelder Heide eingehäuselt in einer betont anspruchslosen Fusion aus Dachsbau und Elfenbeinturm, wirft akkurat „den anderen“, der arbeitenden Bevölkerung, Faulheit vor und stellt sein Künstlertum als die wahre Maloche dar. Leider ist sie seinerzeit nach hinten losgegangen, weil die Vertretungen der Erwerbsarbeit 1973 schon eher nach 35, aber bestimmt nicht nach 100 Arbeitsstunden pro Woche schielten, und die Vertretungen des künstlerischen Schaffens noch zu sehr einem romantischen Geniebegriff anhingen, um „wahre Kunst“ als „Ware Kunst“ erworben zu sehen.

Dem angeführten valentinesken Bonmot steht die populäre Aufrechnung nahe, dass Kunst zu 10 Prozent aus Inspiration und zu 90 Prozent aus Transpiration bestehe. Die kolportierten Prozentsätze — und die Quellenzuschreibungen — wechseln, aber immer zugunsten der „Transpiration“ bis hin zur statistisch signifikanten Ausschließlichkeit. Eine Idee kann schnell entstanden sein. In so einem künstlerischen Schaffenprozess geht der Arbeitsfaktor Zeit nicht dahin, indem eine Idee innerhalb eines Ideenträgers — nennen wir ihn Künstler — herumgeistert, sondern indem sie zu Ende gedacht und schließlich anhand ihrer Materialien ausgeführt wird. Das erfordert einen vorerst nicht abzusehenden Aufwand an Zeit, der von anderweitiger Erwerbsarbeit zwangsläufig abgezogen werden, folglich aus irgendwelchen frei (!) verfügbaren Ressourcen herkommen muss.

Wir können uns deshalb darauf einigen: Faul waren Künstler nie — nicht solche, deren Werk dauerhaft überlebt hat. Praktische Beispiele aufzulisten wäre ebenso willkürlich wie uferlos.

Eine so relevante wie knappe Auswahl aus dem theoretischen Unterbau dagegen erscheint als Handhabe zur Argumentation unerlässlich. Vor allem, um das Bedürfnis nach bitter notwendiger Muße von dem Ruch des Schlawinertums zu befreien, die jeden nützlich arbeitenden Menschen „schon mal“ befallen kann, die aber als vorübergehende Schwäche weggelacht werden darf, ja sollte. Mit pointierter Ausdrucksweise ist einem Sachverhalt, nicht aber dessen gegnerischen Ansichten beizukommen. Dergleichen verkennt die politische, wirtschaftliche und soziale Dimension des Strebens nach Glück. Oder wenigstens Wohlbefinden. Oder wenigstens danach, dass es nicht die ganze Zeit ganz so weh tut, bis man endlich gnädig jämmerlich verrecken darf.

Schlimm genug, dass man im 21. Jahrhundert immer noch daran herumargumentieren muss, dass die Leute Freiheit brauchen, um wie Menschen zu leben. Und nochmal: Freiheit — gleichermaßen die Freiheit von wie die Freiheit zu etwas — bedeutet, eine Auswahl zu haben. Zum Beispiel zwischen Arbeiten oder Ruhen, körperlichem Ackern oder Kontemplieren, künstlerischem Schaffen oder Aufnehmen, oder Herumliegen und Mundhalten.

Die wünschenswerte chronologische Reihenfolge war nicht einzuhalten, daher nach argumentativ nutzbarer Dramaturgie. Perlen sind der Schlegel und der Kotzebue:

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Schon fast trivial anzuführen ist Lessings Lob der Faulheit, das immer gern als erheiterndes Beispiel dient, dass die alen Klassiker eben „auch nur Menschen“ waren. Gewiss waren sie das, und dem lebenslang nimmermüde arbeitenden Lessing stand als Student durchaus zu, seinem Arbeitspensum durch befreiende Komik Lust zu verschaffen:

——— Gotthold Ephraim Lessing:

Lob der Faulheit

aus: Lieder, 1771:

Faulheit, jetzo will ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen. –
O – – wie – – sau – – er – – wird es mir, – –
Dich – – nach Würden – – zu besingen!
Doch, ich will mein Bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut! wer dich nur hat,<
Dessen ungestörtes Leben – –
Ach! – – ich – – gähn‘ – – ich – – werde matt – –
Nun – – so – – magst du – – mirs vergeben,
Daß ich dich nicht singen kann;
Du verhinderst mich ja dran.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

In der Sammlung Lieder unmittelbar folgend:

Die Faulheit

aus: Lieder, 1771:

Fleiß und Arbeit lob‘ ich nicht.
Fleiß und Arbeit lob‘ ein Bauer.
Ja, der Bauer selber spricht,
Fleiß und Arbeit wird ihm sauer.
Faul zu sein, sei meine Pflicht;
Diese Pflicht ermüdet nicht.

Bruder, laß das Buch voll Staub.
Willst du länger mit ihm wachen?
Morgen bist du selber Staub!
Laß uns faul in allen Sachen,
Nur nicht faul zu Lieb‘ und Wein,
Nur nicht faul zur Faulheit sein.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Überraschend politisch in einer zu unterstützenden Richtung wird der nachmals aus politischen Gründen erschossene Kotzebue. Er spricht durch Personen eines Dramas, die Zielsetzung seiner Satire bleibt klar:

——— August von Kotzebue:

Der Hyperboreeische Esel, oder die Heutige Bildung:
Ein Drastisches Drama, und Philosophisches Lustspiel für Jünglinge, in Einem Akt

auf Kosten und im Verlag bey Joh. Baptist Wallishauser, Wien 1801:

KARL. Fleiß und Nutzen sind die Todes-Engel mit dem feurigen Schwerdte, welche dem Menschen die Rückkehr ins Paradieß verwehren.
FÜRST. Himmel! welche ungeheure Behauptung!
KARL. Kennen Sie, mein Fürst, die Gott ähnliche Faulheit?
FÜRST. Dem Himel sey Dank, nein!
KARL. O Müssiggang! Müssiggang! Du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung!
FÜRST. Aber nicht die Lebensluft meiner Staaten.
KARL. Dich athmen die Seligen, und selig ist, wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod!
FÜRST. Bey diesem Kleinod würden meine Unterthanen verhungern.
KARL. Einzige Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb!
FÜRST (sich zu den übrigen wendend). Sie sehen, mit diesen jungen Menschen läßt sich nichts anfangen.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Noch schonungsloser politisch gegen sich und seine Ziele werden Büchner und Weidig im Hessischen Landboten, der seinerzeit justiziabel genug war, um die Polemiker mit der Todesstrafe zu jagen:

——— Georg Büchner und Ludwig Weidig:

Der hessiche Landbote

Juli 1834:

Im Jahr 1834 sieht es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft. Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker am 5ten Tage, und die Fürsten und Vornehmen am 6ten gemacht, und als hätte der Herr zu diesen gesagt: Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht, und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt. Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag, sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigne Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. Der Bauer geht hinter dem Pflug, der Vornehme aber geht hinter ihm und dem Pflug und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug, er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln. Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Zwei Jahre später ist Büchners Anliegen vom Pamphlet zur Farce gediehen — nein, nicht „verkommen“. Der Wechsel des Mediums von der Flugschrift zum Lustspiel erschließt sich möglicherweise aus dem Erreichen erweiterter Zielgruppen: Theaterpublikum erscheint freiwillig und bezahlt sogar Eintritt.

——— Georg Büchner:

Leonce und Lena

1836, aus der ersten Szene des Dramas und sein Schluss:

I.1

LEONCE. (…) Aber Edelster, dein Handwerk, deine Profession, dein Gewerbe, dein Stand, deine Kunst?

VALERIO mit Würde. Herr, ich habe die große Beschäftigung, müßig zu gehen, ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtstun, ich besitze eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit. Keine Schwiele schändet meine Hände, der Boden hat noch keinen Tropfen von meiner Stirne getrunken, ich bin noch Jungfrau in . der Arbeit, und wenn es mir nicht der Mühe zu viel wäre, würde ich mir die Mühe nehmen, Ihnen diese Verdienste weitläufiger auseinanderzusetzen.

LEONCE mit komischem Enthusiasmus. Komm an meine Brust! Bist du einer von den Göttlichen, welche mühelos mit reiner Stirne durch den Schweiß und Staub über die Heerstraße des Lebens wandeln, und mit glänzenden Sohlen und blühenden Leibern gleich seligen Göttern in den Olympus treten? Komm! Komm!

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

III,3

LEONCE. Nun, Lena, siehst du jetzt, wie wir die Taschen voll haben, voll Puppen und Spielzeug? Was wollen wir damit anfangen? Wollen wir ihnen Schnurrbärte machen und ihnen Säbel anhängen? Oder wollen wir ihnen Fräcke anziehen und sie infusorische Politik und Diplomatie treiben lassen, und uns mit dem Mikroskop danebensetzen? Oder hast du[146] Verlangen nach einer Drehorgel, auf der die milchweißen ästhetischen Spitzmäuse herumhuschen? Wollen wir ein Theater bauen? Lena lehnt sich an ihn und schüttelt den Kopf. Aber ich weiß besser was du willst, wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren, und (wir) das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeer stecken.

VALERIO. Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, daß wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist, daß Jeder der sich rühmt sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Friedrich Schlegels einziger Roman Lucinde erschien auf so vielen Ebenen kritikwürdig, dass sein eigentlich revolutionäres Konzept des Müßiggangs, dazu noch als Idylle ausgewiesen, unter dem Radar entwischte. Man kann das bedauern. Der Vorteil ist die lückenlos erhaltene Überlieferung:

——— Friedrich Schlegel:

Idylle über den Müßiggang

aus: Lucinde. Bekenntnisse eines Ungeschickten, 1799:

„Sieh ich lernte von selbst, und ein Gott hat mancherlei Weisen mir in die Seele gepflanzt.“ So darf ich kühnlich sagen, wenn nicht von der fröhlichen Wissenschaft der Poesie die Rede ist, sondern von der gottähnlichen Kunst der Faulheit. Mit wem sollte ich also lieber über den Müßiggang denken und reden als mit mir selbst? Und so sprach ich denn auch in jener unsterblichen Stunde, da mir der Genius eingab, das hohe Evangelium der echten Lust und Liebe zu verkündigen, zu mir selbst: „O Müßiggang, Müßiggang! du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.“ Ich saß, da ich so in mir sprach, wie ein nachdenkliches Mädchen in einer gedankenlosen Romanze am Bach, sah den fliehenden Wellen nach. Aber die Wellen flohen und flossen so gelassen, ruhig und sentimental, als sollte sich ein Narcissus in der klaren Fläche bespiegeln und sich in schönem Egoismus berauschen. Auch mich hätte sie locken können, mich immer tiefer in die innere Perspektive meines Geistes zu verlieren, wenn nicht meine Natur so uneigennützig und so praktisch wäre, daß sogar meine Spekulation unaufhörlich nur um das allgemeine Gute besorgt ist. Daher dachte ich auch, ungeachtet mein Gemüt in seiner Behaglichkeit so matt war, wie die von der gewaltigen Hitze aufgelösten und hingesunknen Glieder, ernstlich über die Möglichkeit einer dauernden Umarmung nach. Ich sann auf Mittel das Beisammensein zu verlängern, und künftig lieber alle kindlich rührenden Elegien über plötzliche Trennung zu verhüten, als uns wie bisher an dem Komischen einer solchen Fügung des Schicksals zu ergötzen, weil es nun doch einmal geschehen und unabänderlich sei. Erst nachdem die Kraft der angespannten Vernunft an der Unerreichbarkeit des Ideals brach und erschlaffte, überließ ich mich dem Strome der Gedanken, und hörte willig alle die bunten Märchen an, mit denen Begierde und Einbildung, unwiderstehliche Sirenen in meiner eignen Brust, meine Sinne bezauberten. Es fiel mir nicht ein das verführerische Gaukelspiel unedel zu kritisieren, ungeachtet ich wohl wußte, daß das meiste nur schöne Lüge sei. Die zarte Musik der Fantasie schien die Lücken der Sehnsucht auszufüllen. Dankbar nahm ich das wahr und beschloß, was das hohe Glück mir diesmal gegeben, auch künftig durch eigne Erfindsamkeit für uns beide zu wiederholen, und dir dieses Gedicht der Wahrheit zu beginnen. So erzeugte sich der erste Keim zu dem wundersamen Gewächs von Willkür und Liebe. Und frei wie es entsprossen ist, dacht‘ ich, soll es auch üppig wachsen und verwildern, und nie will ich aus niedriger Ordnungsliebe und Sparsamkeit die lebendige Fülle von überflüssigen Blättern und Ranken beschneiden.

Gleich einem Weisen des Orients war ich ganz versunken in ein heiliges Hinbrüten und ruhiges Anschauen der ewigen Substanzen, vorzüglich der deinigen und der meinigen. Größe in Ruhe, sagen die Meister, sei der höchste Gegenstand der bildenden Kunst; und ohne es deutlich zu wollen, oder mich unwürdig zu bemühen, bildete und dichtete ich auch unsre ewigen Substanzen in diesem würdigen Styl. Ich erinnerte mich, und ich sah uns, wie gelinder Schlaf die Umarmten mitten in der Umarmung umfing. Dann und wann öffnete einer die Augen, lächelte über den süßen Schlaf des andern und wurde wach genug um ein scherzendes Wort, eine Liebkosung zu beginnen: aber noch ehe der angefangene Mutwille geendigt war, sanken wir beide fest verschlungen in den seligen Schoß einer halbbesonnenen Selbstvergessenheit zurück.

Mit dem äußersten Unwillen dachte ich nun an die schlechten Menschen, welche den Schlaf vom Leben subtrahieren wollen. Sie haben wahrscheinlich nie geschlafen, und auch nie gelebt. Warum sind denn die Götter Götter, als weil sie mit Bewußtsein und Absicht nichts tun, weil sie das verstehen und Meister darin sind? Und wie streben die Dichter, die Weisen und die Heiligen auch darin den Göttern ähnlich zu werden! Wie wetteifern sie im Lobe der Einsamkeit, der Muße, und einer liberalen Sorglosigkeit und Untätigkeit! Und mit großem Recht: denn alles Gute und Schöne ist schon da und erhält sich durch seine eigne Kraft. Was soll also das unbedingte Streben und Fortschreiten ohne Stillstand und Mittelpunkt? Kann dieser Sturm und Drang der unendlichen Pflanze der Menschheit, die im Stillen von selbst wächst und sich bildet, nährenden Saft oder schöne Gestaltung geben? Nichts ist es, dieses leere unruhige Treiben, als eine nordische Unart und wirkt auch nichts als Langeweile, fremde und eigne. Und womit beginnt und endigt es als mit der Antipathie gegen die Welt, die jetzt so gemein ist? Der unerfahrne Eigendünkel ahndet gar nicht, daß dies nur Mangel an Sinn und Verstand sei und hält es für hohen Unmut über die allgemeine Häßlichkeit der Welt und des Lebens, von denen er doch noch nicht einmal das leiseste Vorgefühl hat. Er kann es nicht haben, denn der Fleiß und der Nutzen sind die Todesengel mit dem feurigen Schwert, welche dem Menschen die Rückkehr ins Paradies verwehren. Nur mit Gelassenheit und Sanftmut, in der heiligen Stille der echten Passivität kann man sich an sein ganzes Ich erinnern, und die Welt und das Leben anschauen. Wie geschieht alles Denken und Dichten, als daß man sich der Einwirkung irgend eines Genius ganz überläßt und hingibt? Und doch ist das Sprechen und Bilden nur Nebensache in allen Künsten und Wissenschaften, das Wesentliche ist das Denken und Dichten, und das ist nur durch Passivität möglich. Freilich ist es eine absichtliche, willkürliche, einseitige, aber doch Passivität. Je schöner das Klima ist, je passiver ist man. Nur Italiäner wissen zu gehen, und nur die im Orient verstehen zu liegen; wo hat sich aber der Geist zarter und süßer gebildet als in Indien? Und unter allen Himmelsstrichen ist es das Recht des Müßiggangs was Vornehme und Gemeine unterscheidet, und das eigentliche Prinzip des Adels.

Endlich wo ist mehr Genuß, und mehr Dauer, Kraft und Geist des Genusses; bei den Frauen, deren Verhältnis wir Passivität nennen, oder etwa bei den Männern, bei denen der Übergang von übereilender Wut zur Langenweile schneller ist, als der Übergang vom Guten zum Bösen?

In der Tat man sollte das Studium des Müßiggangs nicht so sträflich vernachlässigen, sondern es zur Kunst und Wissenschaft, ja zur Religion bilden! Um alles in Eins zu fassen: je göttlicher ein Mensch oder ein Werk des Menschen ist, je ähnlicher werden sie der Pflanze; diese ist unter allen Formen der Natur die sittlichste, und die schönste. Und also wäre ja das höchste vollendetste Leben nichts als ein reines Vegetieren.

Ich nahm mir vor, mich zufrieden im Genuß meines Daseins über alle doch endliche, und also verächtliche Zwecke und Vorsätze zu erheben. Die Natur selbst schien mich in diesem Unternehmen zu bestärken, und mich gleichsam in vielstimmigen Chorälen zum fernern Müßiggang zu ermahnen, als sich plötzlich eine neue Erscheinung offenbarte. Ich glaubte unsichtbarerweise in einem Theater zu sein: auf der einen Seite zeigten sich die bekannten Bretter, Lampen und bemalten Pappen; auf der andern ein unermeßliches Gedränge von Zuschauern, ein wahres Meer von wißbegierigen Köpfen und teilnehmenden Augen. An der rechten Seite des Vorgrundes war statt der Dekoration ein Prometheus abgebildet, der Menschen verfertigte. Er war an einer langen Kette gefesselt, und arbeitete mit der größten Hast und Anstrengung; auch standen einige ungeheure Gesellen daneben, die ihn unaufhörlich antrieben und geißelten. Leim und andre Materialien waren im Überfluß da; das Feuer nahm er aus einer großen Kohlenpfanne. Gegenüber zeigte sich auch als stumme Figur der vergötterte Herkules, wie er abgebildet wird mit der Hebe auf dem Schoß. Vorn auf der Bühne liefen und sprachen eine Menge jugendlicher Gestalten, die sehr fröhlich waren, und nicht bloß zum Schein lebten. Die jüngsten glichen Amorinen, die mehr erwachsenen den Bildern von Faunen: aber jeder hatte seine eigne Manier, eine auffallende Originalität des Gesichts, und alle hatten irgend eine Ähnlichkeit von dem Teufel der christlichen Maler oder Dichter; man hätte sie Satanisken nennen mögen. Einer der kleinsten sagte: „Wer nicht verachtet, der kann auch nicht achten; beides kann man nur unendlich, und der gute Ton besteht darin, daß man mit den Menschen spielt. Ist also nicht eine gewisse ästhetische Bosheit ein wesentliches Stück der harmonischen Ausbildung?“ „Nichts ist toller“, sagte ein andrer, „als wenn die Moralisten euch Vorwürfe über den Egoismus machen. Sie haben vollkommen unrecht: denn welcher Gott kann dem Menschen ehrwürdig sein, der nicht sein eigner Gott ist? Ihr irrt freilich darin, daß ihr ein Ich zu haben glaubt; aber wenn ihr indessen euren Leib und Namen oder eure Sachen dafür haltet, so wird doch wenigstens ein Logis bereitet, wenn etwa ja noch ein Ich kommen sollte.“ – „Und diesen Prometheus könnt ihr nur recht in Ehren halten“, sagte einer der größten; „er hat euch alle gemacht, und macht immer mehrere eures gleichen.“ – In der Tat warfen auch die Gesellen jeden neuen Menschen, so wie er fertig war, unter die Zuschauer herab, wo man ihn sogleich gar nicht mehr unterscheiden konnte, so ähnlich waren sie alle. „Er fehlt nur in der Methode!“ fuhr der Satanikus fort: „Wie kann man allein Menschen bilden wollen? Das sind gar nicht die rechten Werkzeuge.“ Und dabei winkte er auf eine rohe Figur vom Gott der Gärten, die ganz im Hintergrunde der Bühne zwischen einem Amor und einer sehr schönen unbekleideten Venus stand. „Darin dachte unser Freund Herkules richtiger, der funfzig Mädchen in einer Nacht für das Heil der Menschheit beschäftigen konnte, und zwar heroische. Er hat auch gearbeitet und viel grimmige Untiere erwürgt, aber das Ziel seiner Laufbahn war doch immer ein edler Müßiggang, und darum ist er auch in den Olymp gekommen. Nicht so dieser Prometheus, der Erfinder der Erziehung und Aufklärung. Von ihm habt ihr es, daß ihr nie ruhig sein könnt, und euch immer so treibt; daher kommt es, daß ihr, wenn ihr sonst gar nichts zu tun habt, auf eine alberne Weise sogar nach Charakter streben müßt, oder euch einer den andern beobachten und ergründen wollt. Ein solches Beginnen ist niederträchtig. Prometheus aber, weil er die Menschen zur Arbeit verführt hat, so muß er nun auch arbeiten, er mag wollen oder nicht. Er wird noch Langeweile genug haben, und nie von seinen Fesseln frei werden.“ Da dies die Zuschauer hörten, brachen sie in Tränen aus, und sprangen auf die Bühne um ihren Vater der lebhaftesten Teilnahme zu versichern; und so verschwand die allegorische Komödie.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Wiklich brisant bis heute bleibt Paul Lafargue: Le droit à la paresse. Réfutation du „droit au travail“ de 1848 von 1883. Wichtig — und immerhin möglich — zu lesen — und zu wissen — ist für unsereinen der deutsche Text:

Widerlegung des „Rechts auf Arbeit“ von 1848

neu übersetzt und herausgegeben als Sondernummer der „Schriften gegen die Arbeit“, Ludwigshafen 1988. Der Text hat Buchstärke, wenngleich eine eher schmale, und würde den hiesigen Rahmen sprengen. Kann sein, dass ich zu gegebenen Anlässen darauf zurückkommen werde, denn wie, geschweige denn warum bitteschön soll man die Reste seiner Lebenszeit an jemanden wenden, der nicht einmal ahnt, wie viel Freiheit mit Freizeit überhaupt zu tun hat.

Rot Front und angenehme Ruhe.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Fleiß vs. Faulheit: William Hogarth: Industry and Idleness, 1747:

  1. Plate 1 — The Fellow ‚Prentices at their Looms;
  2. Plate 2 — The Industrious ‚Prentice performing the Duty of a Christian;
  3. Plate 3 — The Idle ‚Prentice at Play in the Church Yard, during Divine Service;
  4. Plate 4 — The Industrious ‚Prentice a Favourite, and entrusted by his Master;
  5. Plate 5 — The Idle ‚Prentice turn’d away, and sent to Sea;
  6. Plate 6 — The Industrious ‚Prentice out of his Time, & Married to his Master’s Daughter;
  7. Plate 7 — The Idle ‚Prentice return’d from Sea, & in a Garret with common Prostitute;
  8. Plate 8 — The Industrious ‚Prentice grown rich, & Sheriff of London;
  9. Plate 9 — The Idle ‚Prentice betrayed (by his Whore), & taken in a Night-Cellar with his Accomplice;
  10. Plate 10 — The Industrious ‚Prentice Alderman of London, the Idle one brought before him & Impeach’d by his Accomplice;
  11. Plate 11 — The Idle ‚Prentice Executed at Tyburn;
  12. Plate 12 — The Industrious ‚Prentice Lord-Mayor of London,

via John Ireland and John Nichols: Hogarth’s Works: With Life and Anecdotal Descriptions of His Pictures. First Series, Chatto and Windus, Publishers, 1874.

Preaching to the converted: Отава Ё: Посеяли Девки Лён, aus: Любишь Ли Ты, 2018:

Written by Wolf

30. Oktober 2020 at 00:01

Dornenstück 0004: O Anfang sonder Ende (Nichts ist zu finden weit und breit so schrecklich als die Ewigkeit)

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Update zum 2. Stattvent: Rorate coeli desuper! (Die Welt, ein weites Grab)
und Seht, wie, was lebt, zum Ende leufft (gegen-hüpfendes Lied):

„Gibt es eigentlich fleischfressende Gedichte?“ frag ich.

„Wieso“, fragt die Wölfin, „gibt’s pflanzenfressende?“

„Ja“, sag ich, „alle anderen.“

——— Johann Rist:

Ernstliche Betrachtung / Der unendlichen Ewigkeit.

Das Vierdte Zehn, Nr. 9, aus: Himmlische Lieder, 1641/1642:

     1.
O Ewigkeit du Donner Wort /
O Schwerdt das durch die Seele bohrt /
     O Anfang sonder Ende /
O Ewigkeit Zeit ohne Zeit /
Ich weis für grosser Traurigkeit /
     nicht wo ich hin mich wende /
Mein gantz erschrocknes Hertz erbebt /
daß mir die Zung am Gaumen klebt.

     2.
Kein Unglück ist in aller Welt
Daß endlich mit der Zeit nicht fält
     Und gantz wird auffgehoben;
Die Ewigkeit hat nur kein Ziel
Sie treibet fort und fort ihr Spiel
     Läst nimmer ab zu toben /
Ja / wie mein Heyland selber spricht /
Aus ihr ist kein Erlösung nicht.

     3.
O Ewigkeit du machst mir bang‘ /
O Ewig / Ewig ist zu lang‘ /
     Hie gilt fürwar kein Schertzen:
Drumb / wenn ich diese lange Nacht
Zusampt der grossen Pein betracht‘ /
     Erschreck ich recht von Hertzen /
Nichts ist zu finden weit und breit
So schrecklich als die Ewigkeit.

     4.
Was acht‘ ich Wasser / Feur und Schwerdt /
Diß alles ist kaum nennens werth
     Es kan nicht lange dauren:
Was wär‘ es / wenn gleich ein Tyrann /
Der funfftzig Jahr kaum leben kan
     Mich endlich ließ vermauren?
Gefängniß / Marter Angst und Pein
Die können ja nicht ewig seyn.

     5.
Wenn der Verdampten grosse Quaal
So manches Jahr alß an der Zahl
     Hie Menschen sich ernehren /
Als manchen Stern der Himmel hegt /
Als manches Laub die Erde trägt
     Noch endlich solte wären /
So wäre doch der Pein zu letzt.
Ihr recht bestimptes Ziel gesetzt.

     6.
Nun aber / wenn du die Gefahr
Viel hundert tausend tausend Jahr
     Hast kläglich außgestanden /
Und von den Teuffeln solcher frist
Gantz grausamlich gemartert bist /
     Ist doch kein Schluß vorhanden /
Die Zeit / so niemand zehlen kan /
Die fänget stets von neuen an.

     7.
Ligt einer kranck und ruhet gleich
Im Bette / das von Golde reich
     Ist Königlich gezieret /
So hasset er doch solchen Pracht
Auch so / daß er die gantze Nacht
     Ein kläglichs Leben führet /
Er zehlet aller Glocken Schlag
Und seufftzet nach dem lieben Tag‘.

     8.
Ach was ist das? Der Höllen Pein
Wird nicht wie Leibes Kranckheit seyn
     Und mit der Zeit sich enden /
Es wird sich der Verdampten Schaar
Im Feur und Schwefel immerdar
     Mit Zorn und Grimm‘ umbwenden /
Und diß ihr unbegreifflichs Leid
Sol wären biß in Ewigkeit.

     9.
Ach Gott wie bistu so gerecht /
Wie straffstu einen bösen Knecht /
     So hart im Pful der Schmertzen?
Auff kurtze Sünden dieser Welt
Hastu so lange Pein bestellt /
     Ach nimb diß wol zu Hertzen /
Betracht es offt O Menschen-Kind /
Kurtz ist die Zeit / der Todt geschwind.

     10.
Ach fliehe doch des Teuffels Strick /
Die Wollust kan ein Augenblick
     Und länger nicht ergetzen /
Dafür wilt du dein‘ arme Seel‘
Hernachmahls in des Teuffels Höll‘
     O Mensch zu Pfande setzen!
Ja schöner Tausch / ja wol gewagt
Daß bey den Teuffeln wird beklagt?

     11.
So lang‘ ein Gott im Himmel lebt
Und über alle Wolcken schwebt
     Wird solche Marter währen /
Es wird sie plagen Kält‘ und Hitz‘
Angst / Hunger / Schrecken / Feur und Blitz
     Und sie doch nie verzehren /
Denn wird sich enden diese Pein /
Wenn Gott nicht mehr wird Ewig seyn.

     12.
Die Marter bleibet immerdar
Gleich wie sie erst beschaffen war
     Sie kan sich nicht vermindern /
Es ist ein‘ Arbeit sonder Ruh‘
Und nimpt an tausend Seufftzen zu
     Bey allen Satans Kindern /
O Sünder deine Missethat
Empfindet weder Trost noch Raht!

     13.
Wach auff O Mensch vom Sünden-schlaff‘
Ermuntre dich verlohrnes Schaf
     Und bessre bald dein Leben /
Wach auff es ist doch hohe Zeit /
Es kompt heran die Ewigkeit
     Dir deinen Lohn zu geben /
Vielleicht ist heut der letzter Tag.
Wer weis noch wie man sterben mag!

     14.
Ach laß die Wollust dieser Welt /
Pracht / Hoffart / Reichthumb / Ehr‘ und Geld
     Dir länger nicht gebieten /
Schau‘ an die grosse Sicherheit /
Die falsche Welt und böse Zeit
     Zusampt des Teuffels wühten /
Vor allen Dingen hab in acht
Die vorerwehnte lange Nacht.

     15.
O du verfluchtes Menschen-Kind
Von Sinnen toll / von Hertzen blind
     Laß ab die Welt zu lieben /
Ach / ach / sol denn der Hellen Pein /
Da mehr denn tausend Hencker seyn
     Ohn‘ Ende dich betrüben.
Wo ist ein so beredter Mann
Der dieses Werck außsprechen kan?

     16.
O Ewigkeit du Donner-Wort /
O Schwert das durch die Seele bohrt
     O Anfang sonder Ende!
O Ewigkeit Zeit ohne Zeit!
Ich weis für grosser Traurigkeit
     Nicht / wo ich mich hinwende /
Nimb du mich wenn es dir gefält
HErr Jesu in dein Freuden-Zelt.

Bilder:

  1. Alison Scarpulla: Vision 20, 2010;
  2. Adolf Hering: Der Tod und das Mädchen, 1932;
  3. P. J. Lynch: Death and the Maiden, 2014;
  4. Daria Endresen: Young Woman and Death, 2012;
  5. Nathália Suellen: Earth, 2017.

Soundtracks: Johann Sebastian Bach: Zweimal O Ewigkeit, du Donnerwort:

  1. Kantate BWV 20 zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 11. Juni 1724:

  2. Kantate BWV 60 zum 24. Sonntag nach Trinitatis, 7. November 1723:

Written by Wolf

23. Oktober 2020 at 00:01

Ich lese jedes Wort von Dir. Die Andern liefern nur Geschmier. (Also sprach der kleine Mops)

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Update zu Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!:

Zum 105. Todestag von Paul Scheerbart (* 8. Januar 1863 in Danzig; † 15. Oktober 1915 in Berlin) bringe ich seinen zweiten Band Gedichte, der stark nach geistigem Getränke duftet und deshalb oft mit dem ersten, der Katerpoesie, zusammengefasst wird. Offensichtlich wurde der Band posthum veröffentlicht und ist seinerseits einhundertjährig.

Hei, wer besoffen so schön herumspinnen könnte. Das Getränk ist noch frisch, die Gedichte höchst genießbar, ja: süffig.

——— Paul Scheerbart:

Die Mopsiade

Alfred Richard Meyer, Berlin-Wilmersdorf 1920:

Von dieser ersten Auflage, Herbst 1920 erschienen, wurden 20 Exemplare auf echt China-Papier abgezogen und von RUDOLF WEIDNER, NAUMBURG a. S., in Buntpapier gebunden. — Das Titelblatt zeichnete der Dichter.

Paul-Scheerbart-Vignette

Mopsiade

Paul Scheerbart, Die Mopsiade, 1920, CoverFür den ersten Welterlöser
Muss ich mich natürlich halten.
Also sprach der kleine Mops,
Der zu Hause lebt von Klops.

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Das quiekende Ei

Und wärmer wird’s im Frühlingswald.
Die alte Sonne scheint nicht kalt,
Sie scheint wie tausend Öfen.
Im Wasser lag das weisse Ei.
Es quiekte auf dem Schreibtisch
Eine schöne Dichterei.

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Masslied

Liebe, labe, lobe mich!
Aber nicht so fürchterlich!
Denn die grossen Freuden
Sind mir viel zu viel …
Lebe, liebe dich nur aus –!
Doch mit Laben, Loben halte Haus!

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Schlingwahn!

„Alte Jacken!“ „Alte Jacken!“
Ruft das alte Weib.
Und es bläst in ihren Nacken
Der Hansnarr zum Zeitvertreib.

„Lasst ihn blasen!“ „Lasst ihn blasen!“
Schreit das alte Weib.
Und sie setzt sich auf den Rasen
Mit dem alten Leib.

„Grüss den Springhahn!“ „Grüss den Springhahn!“
Krächzt das alte Weib.
Und sie singt von einer Hinkbahn,
Sagt zum Narren: „Bleib!“

„Auf zur Hinkbahn!“ „Auf zur Hinkbahn!“
Blärrt das alte Weib.
Doch der Narr sagt: „Nur der Schlingwahn
Ist ein dummer Zeitvertreib.“

„Alte Jacken!“ „Alte Jacken!“
Preist das alte Weib.
Doch der Narr sagt: „Lass die Schnaken!
Denn die füllen keinen Leib.“

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Noch ein Mal!

Lass dich noch ein Mal
im tollsten Rausche
Verzückt umfangen –

Lass dir noch ein Mal
So selig küssen
Auf Hals und Wangen –

Lass mich noch ein Mal,
Ach nur noch ein Mal
Zu dir gelangen –

Hurrah!

4. Dezember 95.

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Was ist ein Original?

Was ist ein Original?
Ein Ei ohne Schal‘. –
Zum Fressen für die Helläugigen …
Wie lebt ein Original?
In Angst und Qual. –
Schliesslich, schliesslich wird’s nur
Gefressen von den Helläugigen …
Wer sieht dann das Original?
Was weiss ich?
Fürchterlich – fürchterlich –
Ein Ei ohne Schal‘.
Ich weiss – ich weiss:
Nur eine Rettung gibt’s –
Kocht hart, kocht hart
Das Ei ohne Schal‘!
Lass dich vom rauhen Leben
Hart kneten, du Original!
Dann liegst du den Helläugigen
Recht schwer im Magen –
Sie können dich dann nicht vertragen.

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Der grosse Mann und der Schlaukopp
oder
Der gegenseitige Kultus

Paul Scheerbart, Die Mopsiade, 1920, Titelzeichnung„Mein Freund, Du bist der grösste Mann!
Es zweifelt keine Seele dran!
Ich lese jedes Wort von Dir.
Die Andern liefern nur Geschmier.
Du bist der Einz’ge, der was kann!
O glaub’s, Du bist der grösste Mann!
Was Andre reden, ist nur Quatsch.
Drum reich mir freundlich Deine Patsch!
Wir gründen einen Männerbund
Und hauen los auf jeden Schund!
Damit man endlich doch mal seh,
Worin die wahre Kunst besteh!
Und will einmal ein Schweinehund
Verhöhnen unsern Männerbund,
So kommen wir mit Knüppeln an
Und zeigen, was ein Mann noch kann.
Vor uns muss Jeder tief sich bücken
Und dabei weg sein vor Entzücken!“
So sang voll Hohn ein Bösewicht
Dem Freunde Süsses ins Gesicht.
Und dieser Gute merkte nicht,
Wie leicht das Süsse an Gewicht.
„Der grösste Mann“, rief er voll Stolz,
„Der sei jetzt länger nicht von Holz!“
Und er begann vergnügt zu zechen
Und musste schrecklich dabei blechen.
Der Bösewicht, der freut sich drob,
Er wird beim zwölften Glase grob.
Jedoch der grösste Mann vergisst,
Dass ihm sein Freund oft lästig ist.
Er freut sich seines grossen Ruhms,
Gedenkt nicht seines Eigentums.
Bald ist sein Hab und Gut verschwendet.
Der Bösewicht sich von ihm wendet.
Denn grosse Männer ohne Geld
Sind doch das Schlimmste in der Welt.
So geht’s dem Dummen, der gemütlich
Des Freundes Lob hält für sehr gütlich!
Der Schmeichler ist ein Bösewicht –
Oh, kluger Mensch, vergiss das nicht!
Auch arme Menschen sollen lächeln,
Wenn sie ein Schmeichler will umfächeln.
Verrate deine Grösse nie!
Sei nur ein heimliches Genie!

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Die Galle

Ein Tafelgedicht

Mit Euch an einem Tisch zu sitzen
Macht mir den grössten Höllenspass.
Ich träume schon von Euren Witzen.
Wohl dem, der mit Euch Austern ass.

Denn was Ihr trinkt
Ist pure Galle.
Und was Ihr esst
Ein alter Quark.

Recht grob möcht ich Euch Allen sagen,
Dass Ihr mir nie mehr könnt behagen.
Ihr seid das Luderpack der Welt
Und habt mir manchen Tag vergällt!

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Sommernacht

     Nun lasst uns wieder preisen
Die grosse prächtige Sommernacht!
     Nun lasst uns wieder trinken
Den schweren Feuertrank!
     Nun lasst uns wieder jubeln!
Wir sind ja gar nicht müd und krank.
Nun lasst uns wieder dichten
Den wildesten tollsten Bacchantengesang!
     Nun lasst uns lustig selig sein!
Wein! Wein in die alte Laube hinein!

     Schon funkeln die Sterne da oben.
Hei! Stürmisch das Glas erhoben!
     Sommernacht, sei gepriesen!
Die bunten Lampen bringt auch herbei!
     Und auch die besten Zigarren!
In einer prächtigen Sommernacht
     Soll man prassen, schlemmen und schwelgen!

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Manches Gedicht

Manches Gedicht mit viel Genie
Ist nur Verhöhnung der Poesie.

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Der springende Ton

Der springende Ton,
Der springende Ton,
Der ist mein Sohn!
Und ich bin seine Mutter.
Die backt mit guter Butter
Für ihren Sohn,
Den springenden Ton
Kuchen! – Kuchen!
Dass er sich freuen kann. –
Er wird ein grosser Mann –
Mein lieber Sohn,
Der springende Ton!
Der braucht ein gutes Futter!
Das backt ihm seine Mutter!
Schweige du Hohn!
Es lebe mein Sohn!

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Die letzten Trümpfe

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

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Die Reifen

Diese Welt besteht aus Reifen,
Die voll Ärger immer pfeifen,
Dass sie Garnichts mehr begreifen!
Sollen sie sich weiter schleifen,
Dürfen sie sich nicht versteifen
Auf das ewig dumme Keifen!
Lasst sie täglich anders pfeifen –
Sonst gehören diese Reifen,
Die uns immer wieder kneifen,
Nicht zu jenen guten Pfeifen,
Deren Wohlklang wir begreifen.

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Kein Gedicht

Ich möchte so gern wie ein Vogel
Durch die Lüfte fliegen.
Ich möchte so gern wie ein Löwe
In der Wüste liegen.
Ich möchte so gern wie ein König
die lange Weile besiegen.
Doch der Glanz der ewigen Sonnen
Begeistert mich heute nicht.
Ich habe Vieles begonnen.
Doch das macht noch kein Gedicht.

25. Juli 1894.

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Das Festland

Tief unten, wo die Zwerge
Hämmern und feilen,
Muss man eilen.

Hoch oben, wo die Adler
Jagen und morden,
Muss man auch eilen –

Nur auf dem Festlande
Kann man ruhig sitzen,
Ohne zu schwitzen –

Man kann da auch liegen.
Ja, ein Festland ist das feste Land!
Wüsst ich nur, wo das Festland liegt!

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???

Und lasst Ihr mich allein,
So will ich mich nicht haben!
Ich werde mein Pein
Schon selber mal begraben.

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Frühling

(Parodie auf die Belebung der Blasierten)

Das soll mein feinster Frühling sein!
Es leuchten tausend Sonnen,
Und hinter den Bergen
Wogen die Meere des ewigen Sommers.
Ich komme noch hin.
Ich komme mit Welten
Und lache gewaltig.
Die Berge sind hoch,
Aber rüber komm ich doch.
Tausend Sonnen beleuchten
Den wilden höckrigen Pfad.
Das soll mein feinster Frühling sein.
Das Sonnenlicht macht Alles rein.
Alte, alte Wunderwelt!

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Nun geh zur Ruh

Oskar Kokoschka, Paul ScheerbartNun geh zur Ruh!
Es ist schon spät,
Nun träume deinen Traum,
Die Welt ist gut,
Die Nacht ist kurz.
Nun träume deinen Traum
Von Liebeslust
Und Seligkeit
Und freundlichen guten Augen
Träume! Träume
Von allen denen,
Die du liebst,
Damit sie dich
Auch lieben –

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Ein Abschiedsvers

Weit in die Welt
Spring nur hinein
Mit wildem Geschrei!
Liebst du die Welt?
Spring nur hinein!
Das Leben lacht!
Grüsse die Welt!
Fall nur hinein!
Mein Leben lacht nicht!
Das wird ein Gedicht
Und muss ernster sein.
Weit in die Welt
Spring nur hinein!
Ich bleibe zurück
Und wünsche dir Glück!

Bilder: Erstauflage: „Das Titelblatt zeichnete der Dichter“, 1920;
Portrait & Vignette: Otto Kokoschka, ohne Jahr.

Soundtrack: Marius Müller-Westernhagen: Es geht mir wie dir, aus: Das erste Mal, 1975:

Ich sehe meine Hände an,
denke mir: Warum sind die dran?
Glaube mir:
Es geht mir wie dir.
Jeden Tag betrunken sein,
ich zahle für den Sonnenschein.
Komm,
mach die Augen zu

Written by Wolf

16. Oktober 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Novecento

Blumenstück 006 Sie weinten nicht, sie klagten nicht, sie starben sonder Laut

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Update zum Wunderblatt 11: Die blühenden Narkosen und
Ein alter Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht:

Wer sich Schnittblumen in die Wohnung stellt, kann tagelang dem Tod bei der Arbeit zuschauen. Soviel zur Romantik von Blumensträußen.

Eins der traurigsten Gedichte der Freifrau von Droste zu Hülshoff, vulgo Frau Nette, handelt von so einer vorzeitigen Folter zum Tode. Die Umstände, unter denen der Strauß am Hof zu Bökendorf gepflückt wurde, sind komplizierter als das heutige Vorsprechen in einem Blumenladen, vielmehr eingebunden ins nachmals so bezeichnete Arnswaldt-Straube-Erlebnis — eine verwickelte Liebesaffäre der Droste mit August von Arnswaldt und Heinrich Straube, deren genauerer Verlauf sich bei fortbestehender Forschungslage der Rekonstruktion entziehen wird.

Drostes Entwurf lässt sich aufgrund eines Stammbucheintrags ihrer Tante Sophie vom Haxthausen auf Juni 1820 datieren, von der die Situation beschrieben wird:

Im Juny 1820 als Nette auf dem Hof in Bökendorf mit Anna unter der Akazie saß und einen Blumenstrauß, den ihr Anna gebracht, zerrissen.

Anna ist Drostes andere, vier Jahre jüngere und eng vertraute Tante Anna von Haxthausen, die sich ihrerseits in ihrem Stammbuch erinnert:

Wir saßen auf einer Bank, auf dem Hof unter der Linde die Ludowine gepflanzt, und sie zerpflückte einen Blumenstrauß, den ich ihr gebracht; nach einem ernsten Gespräch, das wir führten, diktierte sie mir das Gedicht, was ich in eine Brieftasche schrieb.

Anna pflückt also den Strauß, schenkt ihn Annette, dieselbe zerpflückt ihn. Es folgt ein ernstes Gespräch. Eine Auseinandersetzung unter adligen jungen Fräulein, die sich vermutlich um adlige junge Männlein dreht. So genau will man’s am Ende gar nicht wissen.

Die üblich gewordene Überschrift Blumentod hat die große Schwester „Hans“, eigentlich Jenny, in den Entwurf dazugeschrieben. In der rohen, nur leicht modernisierten Fassung mit ganz wenigen Satzzeichen, in der die Haxthausen das Diktat der Droste aufgenommen haben muss, und wie sie der Deutsche Klassiker Verlag in den Sämtlichen Werken bringt, wirkt das Gedicht aber erst richtig verzweifelt und archaisch.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Blumentod

Schloss Bökerhof, Juni 1820:

John William Waterhouse, Narcissus, 1912Wie sind meine Finger so grün
Blumen hab ich zerrissen
Sie wollten für mich blühn
Und haben sterben müssen
Wie neigten sie um mein Angesicht
Wie fromme schüchterne Lieder
Ich war in Gedanken, ich achtets nicht
Und bog sie zu mir nieder
Zerriß die lieben Glieder
In sorgenlosem Mut
Da floß ihr grünes Blut
Um meine Finger nieder
Sie weinten nicht, sie klagten nicht,
Sie starben sonder Laut
Nur dunkel ward ihr Angesicht
Wie wenn der Himmel graut
Sie konnten mirs nicht ersparen
Sonst hätten sies wohl getan, —
Wohin bin ich gefahren!
In trüben Sinnens Wahn!
O töricht Kinderspiel!
O schuldlos Blutvergießen!
Und gleichts dem Leben viel,
Laßt mich die Augen schließen,
Denn was geschehn ist, ist geschehn
Und wer kann für die Zukunft stehn!

Schloss Bökerhof bei Brakel im nordrhein-westfälischen Landkreis Höxter ist heute Gedenkstätte für den Bökendorfer Romantikerkreis mit Literaturmuseum, mithin eine touristische Unternehmung wert. Wer mir durch Bild und/oder lebende — also nicht etwa sinnlos ausgerupfte — Präparate schlüssig nachweisen kann, aus welchen Pflanzenarten anno 1820 ein Blumenstrauß von unter Ludowinens Linde bestanden haben mag, gewinnt was richtig Schönes. Ein Buch, wie ich mich einschätze.

Bild: John William Waterhouse: Narcissus, 1912.

Soundtrack: John Mayall: Don’t Pick a Flower, aus: Empty Rooms, 1970:

Written by Wolf

9. Oktober 2020 at 00:01

Umgestülpte Teufel (und Kryptonit für Circe)

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Update zu Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen und
Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten:

Eine Möglichkeit ist, es so aufzuteilen: Poe hat noch Fans, Wieland nicht.

Supergirl via Sir Person 56, September 17th, 2017

——— Edgar Allan Poe:

Marginalia 229

aus: Marginalia, in: Southern Literary Messenger, Juni 1849, Übs. Hans Wollschläger:

„He that is born to be a man,“ says Wieland in his „Peregrinus Proteus,“ „neither should nor can be anything nobler, greater, or better than a man.“ The fact is, that in efforts to soar above our nature, we invariably fall below it. Your reformist demigods are merely devils turned inside out.

„Wer zum Menschen geboren wurde“, sagt Wieland in seiner „Geheimen Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus“, „soll und kann nichts edleres, größeres und besseres seyn als ein Mensch.“ Und in der Tat: jedwedes Bestreben, sich zum Uebermenschlichen empor zu schwingen, führt unwandelbar zum Absturz ins Untermenschliche. Unsre reformistischen Halb-Götter sind denn auch nichts Andres als umgestülpte Teufel.

Technically speaking, wie der rezente Amerikaner sagen würde, stimmt das. Originaltext:

——— Christoph Martin Wieland:

Peregrins geheime Geschichte in Gesprächen im Elysium

aus: Peregrinus Proteus, 1787:

Wer zum Menschen geboren wurde, soll und kann nichts Edleres, Größeres und Besseres seyn als ein Mensch – und wohl ihm, wenn er weder mehr noch weniger seyn will!

Das sagt im Dialog mit Rollenverteilung die Figur Lucian. Viel glauben, was „Wieland sagt“, dürfen wir der titelgebenden Figur Peregrin, also weiter im Text. „Moly“ ist ein aus der Odyssee bekanntes Zauberkraut, welches Ulysses zu Entkräftung der Zauberkräfte der Circe von Hermes empfing — mithin eine Art frühes Kryptonit für Zauberinnen:

Peregrin.

Supergirl Being Super, via Superman Wiki, December 2016Aber, lieber Lucian, gerade um nicht weniger zu werden als ein Mensch, muß er sich bestreben mehr zu seyn. Unläugbar ist etwas Dämonisches in unsrer Natur; wir schweben zwischen Himmel und Erde in der Mitte, von der Vaterseite, so zu sagen, den höhern Naturen, von unsrer Mutter Erde Seite den Thieren des Feldes verwandt. Arbeitet sich der Geist nicht immer empor, so wird der thierische Theil sich bald im Schlamme der Erde verfangen, und der Mensch, der nicht ein Gott zu werden strebt, wird sich am Ende in ein Thier verwandelt finden.

Lucian.

Es wäre denn, daß ihn die wohlthätige Natur, wie Mercur den Ulysses beim Homer, mit einem Moly beschenkt hätte, durch dessen Tugend er allen solchen Bezauberungen Trotz bieten kann.

Peregrin.

Und wie nennest du diesen wundervollen Talisman? Denn so viel ich mich aus meinem Homer besinne, ist Moly nur der Nahme, den ihm die Götter gaben.

Lucian.

Verstand nenne ich ihn, lieber Peregrin, gemeinen, aber gesunden Menschenverstand.

Peregrin (indem er ihm scharf in die Augen sieht).

Und dieses Moly hätte dich in deinem Leben immer vor der Zauberruthe der schönen Circe verwahrt?

Lucian.

Vor ihren Verwandlungen allerdings: es setzte mich ungefähr in das nehmliche Verhältniß mit ihr, worein Ulysses durch die Kraft seines Moly mit der Sonnentochter kam. Denn seinem Moly allein, so wie ich dem meinigen, hatte er es zu danken, daß er jenes Aristippische εχω ουκ εχομαι sagen konnte, worauf in solchen Dingen alles ankommt, wie du weißt.

Was uns lehrt: 1.) 1849 war Wieland schon — oder soll man sagen: noch? — ins Englische übersetzt und in Richmond/Virginia erreichbar. 2.) Um seine Fans über Jahrhunderte zu behalten, genügt es, gar nicht groß über die Einleitungen seiner Sekundärliteratur hinaus zu lesen. Vor allem über die der fremdsprachigen, wenngleich schon übersetzten.

Als so fauler Leser wie jeder andere auch finde ich das sehr beruhigend, empfehle aber trotzdem noch sehr viel weiter über diesen Ausschnitt der Einleitung hinaus zu lesen: Wieland sollte Fans haben.

Supergirl via Sir Person 56, September 17th, 2017

Mensch und Übermenschin: Cover Supergirl: Being Super, Dezember 2016;
Sir Person (will post spoilers), 19. September 2017:

Just some panels from New 52 Supergirl and Supergirl: Being Super cause Kara is great.

Soundtrack: Lisa Hannigan: I Don’t Know, aus: Sea Sew, 2008,
live in Dick Mac’s Pub zu Dingle im irischen County Kerry, 17. Juni 2008:

I don’t know what you smoke
Or what countries you’ve been to
If you speak any other languages other than your own
I’d like to meet you

Written by Wolf

2. Oktober 2020 at 00:01

Die Gaben Judith Schwalbes

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Update zu Solang der Alte Peter,
Was heißt das für ein Leben führen, sich und die Jungens ennuyiren?
und Moritz Under Ground:

Es ließe sich Schlimmeres berichten über so überqualifizierte Alleskönner wie Herbert Rosendorfer, seiner Zeichen praktizierender Amtsrichter und Honorarprofessor für Bayerische Literaturgeschichte, der auch noch eine kaum überschaubare Reihe von Büchern veröffentlicht hat, die nichts mit seinen Ämtern, wohl aber mit allerhand gelehrtem Spaß zu tun haben — Schlimmeres, sagte ich, als dass ein frühes stilles Vorbild von mir Rosendorfers ersten Bestseller seinem Vater am Sterbebett vorgelesen hat: Der Ruinenbaumeister. Ganz.

Die Situation könnte weiß Gott eine gedeihlichere sein, aber der hinterbrachte Vorgang sagt uns, wie viel einem Rosendorfer-Romane bedeuten können. Gerade Der Ruinenbaumeister ist eins von den Büchern, die nicht einen Weblog-Eintrag, sondern einen Weblog hergeben könnten. Wer sich also als letztes Buch im Leben das antun will, ist damit ganz gut beraten; als erstes Buch von allen wäre es ungeeignet, weil man zuviel Vorwissen braucht. Für die ganze Zeit dazwischen empfehlen sich etwa die Briefe in die chinesische Vergangenheit, sein größter, dabei nicht einmal raffiniertester Bestseller, der inzwischen öfter in „Zu verschenken“-Kisten vor Hauseingängen und öffentlichen Bücherschränken gesichtet wird als im Buchhandel, was er wiederum nicht verdient hat — oder Das Messingherz oder Die kurzen Beine der Wahrheit.

Den größten Teil davon hab ich in einem Zug gelesen — verstanden als Eisenbahn, wo man ja am besten und konzentriertesten lesen kann, was an der Sitzhaltung liegt und den Lärmschutzwällen, die dem Reisenden die Ablenkungen der Landschaft verbergen. Die Fahrt ging nach München, wo Das Messingherz spielt, und zwar randvoll der penibelsten lokalen Bezüge, wie man immer wieder voll Bewunderung feststellt, wenn man erst eine Zeitlang dort Wohnsitz genommen hat.

Ein Komponist namens Franz Gottlob Kühlfuß war nicht nachzuweisen, dafür ist Eva von Buttlar mit ihrer gleichnamigen Rotte, einer christlichen und philadelphischen Sozietät ab 1702, höchst real. Judith Schwalbe aus dem Roman ist als fiktive Figur einzustufen; das Bild, dem sie nachempfunden ist, gibt’s, siehe unter dem Zitat:

Peter Jakob Horemans, Der Geist des Rates, 1753

——— Herbert Rosendorfer:

Das Messingherz oder Die kurzen Beine der Wahrheit

Nymphenburger, München 1979, im dtv Taschenbuch 1990, 9. Auflage 2001, Seite 272 bis 274:

Frau Schwalbe, Judith Schwalbe, machte Kessel auf.

Jakob sei nicht da, sagte Frau Schwalbe. „Aber wenn Sie hereinkommen wollen, dann können wir gemeinsam auf ihn warten.“

Das Wohnzimmer war groß und dunkel. An einer Seite zog sich bis weit hinauf ein Bücherregal mit Jakob Schwalbes vielen Partituren und Musikalien. In einer Ecke neben einem kleinen runden Tisch aus Glas brannte eine Lampe mit dunkelblauem Seidenschirm. Auch neben dem Flügel stand eine Stehlampe, die brannte. Frau Schwalbe löschte sie aus. Als sie danach hinausging, um das Teewasser aufzusetzen, schaute Kessel nach, was Frau Schwalbe gespielt hatte: Mendelssohn, Präludien und Fugen op. 35. Aufgeschlagen war die vierte, die schwermütige in As-Dur. Grün, sagte Schwalbe immer, de sich darauf etwas zugute hielt, daß er die Tonarten nach Farben auseinanderzuhalten imstande sei, auch ohne das absolute Gehör. As-Dur sei grün, ein herbes, dunkles Flaschengrün oder Jadegrün, so grün wie ein Bach bei kaltem, klarem Wetter. F-Moll hingegen sei eher moosgrün, ein sattes, etwas süßes Moosgrün …

Kessel wußte von Schwalbe, daß Judith Klavier spielte, daß sie sogar ausgebildete Pianistin war. Schwalbe hatte seine Frau durch die Musik kennengelernt, bei irgendeinem Musikerkongreß. Spielen hatte Kessel sie aber nie gehört. Eigentlich hatte er, obwohl er sie oft sah, zumindest jedesmal, wenn er Schwalbe zum ‚Schachspielen‘ abholte, auch kaum je etwas mit ihr mehr als von sachlichen Mitteilungen geredet, und es war ihm jetzt, als sie ihn hereinbat, im ersten Augenblick etwas unbehaglich, weil er nicht wußte, was er mit der Dame reden solle und ob er überhaupt mit ihr reden könne.

Judith trug ein jadegrünes Kleid mit einem weißen Spitzenkragen und weißen Spitzenmanschetten. Bei der heutigen Mode weiß man ja nie, dachte Kessel, ob etwas, was Damen tragen, ganz besonders démodé oder ganz besonders chic ist. Judiths Kleid mit den vielen, seidenüberzogenen Knöpfen über dem – offenbar durchaus beachtlichen – Busen erinnerte Kessel an ein Bild der Annette von Droste-Hülshoff. Aber nur das Kleid hatte Ähnlichkeit. Judith selber erinnerte Kessel an Die Gabe des Rates in der Heilig-Geist-Kirche. Kessel, der sehr oft, seit er am Gärtnerplatz arbeitete, in der Stadt herumging und die Kirchen besichtigte, was er früher zur St.-Adelgund-Zeit auch schon immer getan hatte (ein heimliches Sühne-Zeichen?), war das Gemälde erst unlängst aufgefallen, obwohl er Dutzende Male schon in der Kirche gewesen war. Es hing, dem geschwungenen Rand nach, der darauf deutete, daß es einmal in einem Stuckrahmen eingepaßt war, nicht mehr an der Stelle, für die es eigentlich gemalt war, sondern sehr tief, in Augenhöhe neben einem Beichtstuhl. Wer das Bild gemalt hatte, war nie zu erfahren gewesen. Die Gabe des Rates stand auf einem Zetttel neben dem Bild. Es war nicht einmal sicher, ob sich dieser Zettel auf das Bild bezog.

Es war ein erstaunlich weltliches Bild. Die abgebildete Dame hatte keinen Heiligenschein und war eher tief dekolletiert. Sie deutete auf verschiedene symbolische Instrumente, und auch im Hintergrund spielten sich symbolische Szenen ab.

Albin Kessel hätte keine Angst zu haben brauchen. Das Gespräch mit Frau Schwalbe ergab sich zwanglos. Sie fragte, nachdem sie den Tee gebracht hatte, woran er arbeite. Kessel fühlte sich durch die Frage geschmeichelt, aber die Frage Judith Schwalbes war echtes Interesse und keine Schmeichelei. Kessel erzählte von dem Auftrag für den Film über die Buttlarsche Rotte. Trotz dezenter Erzählweise, deren sich Kessel befleißigte, ließ sich bei dem Stoff eine gewisse Pikanterie nicht vemeiden. Frau Schwalbe genierte das weder, noch berührte es sie. Sie wußte übrigens, daß der sächsische Komponist Franz Gottlob Kühlfuß eine Zeitlang mit der Rotte in Verbindung gestanden und sogar einige Lieder und Duette nach Gedichten Eva von Buttlars komponiert hatte. Kessel bat um ein Stück Papier, um sich das aufzuschreiben.

„Darf ich noch Tee nachgießen?“

Die Ähnlichkeit Judith Schwalbes mit der Dame auf dem Bild Die Gabe des Rates war erstaunlich. Judith war ein wenig älter, war vielleicht sogar zehn Jahre älter als ihre gemalte Schwester, ihre Haare, weichgewellte, nicht zu lang herabfallende Haare, in der Mitte gescheitelt, so daß die Stirn, die man früher vielleicht als hoch und klar bezeichnet hätte, frei blieb, ihre Haare waren mit grauen Strähnen durchzogen, während die auf dem Bild schwarz waren. Am deutlichsten war die Ähnlichkeit bei den übergroßen, dunklen Augen und der Nase. Bis heute, wo er – wie er merkte – Judith Schwalbe das erste Mal richtig anschaute, hatte er sie immer als „etwas spitznasig“ bezeichnet. Er hatte sie, er schämte sich fast, es sich jetzt einzugestehen, als eine, ja, es ist nicht anders zu sagen, als eine alte Frau angesehen. Aber sie war eine junge Frau, und die grauen Strähnen in ihrem dunklen Haar machten sie eher noch jünger. Die Nase war nur deutlich, nicht spitz. Frauen ohne Nasen, Frauen mit kleinen Stubsnasen, die man als niedlich bezeichnet, sind meist Sirupseelen. Die Kröte würde ohne Zweifel so eine werden.

Nicht Die Gabe des Rates steht auf dem Zettel, dachte Kessel, während er mit Judith redete – er konnte manchmal in freundichen Stunden zweispurig denken – sondern nur Gabe des Rates, ohne Die. Es ist also überhaupt die Frage, worauf sich das bezieht: stellt das Bild das Symbol dar für die Eigenschaft gute Ratschläge zu geben, oder hieß das, daß das Bild eine Gabe, ein Geschenk des Rates der Stadt München war?

In Wirklichkeit ist Die Gabe des Rates — jawohl, mit „Die“ — in der Heilig-Geist-Kirche das letzte von den sieben Bildern einer Serie über die sieben Gaben oder Charismata des Heiligen Geistes von Peter Jakob Horemans von 1753.

Veranschlagt, dass Rosendorfer nicht den in Heilig Geist für drei Euro ausliegenden Kirchenführer von Dr. Walter Brugger: Kleiner Kunstführer Heilig Geist, Verlag Schnell & Steiner, München, kannte, 1979 schon gar nicht die aktuelle Auflage von 2019, kann man beim Anblick der Bilderserie mit den Gaben durchaus ins Grübeln geraten. Vor allem die Reihung so rationaler Segnungen wie Wissenschaft, Verstand, Weisheit, Stärke, Frömmigkeit, Gottesfurcht und eben Rat, die jedenfalls kein Gegenstand meiner religiösen Schulerziehung römisch-katholischer Ausrichtung waren, möchte man spontan eher der Freimaurerei zuordnen. Dazu war noch bis 2020 Rainer Maria Schießler Pfarrer von Heilig Geist, ein geradezu volkstümliches, lautes Münchner Original, das deutschlandweit durch die Bestseller Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten und Jessas, Maria und Josef. Gott zwingt nicht, er begeistert hervorgetreten ist. Der Charismatiker hat aber die Charismata eines kurfürstlichen Hofmalers unter Karl Albrecht an den Wänden seines Chorgangs im nördlichen Seitenschiff, nicht etwa eine Stiftung vom Stadtrat. Draufkommen muss man halt-

In dem nicht sehr streng durchkomponierten, vielmehr übermütig assoziativen Messingherz hat Judith Schwalbes Ähnlichkeit mit einem eher unbekannten, obschon bis heute gleich neben dem zentral gelegenen Viktualienmarkt gratis ausgestellten Bild, schwerer zu vermeiden als aufzusuchen, keine weitertragende Konsequenz, sondern dient der Charakterisierung der Nebenfigur. Insgesamt geht es um kauzige Episoden im Leben des Lohnschreibers Albin Kessel, eine parodistische Erscheinungsform des deutschen Verfassungsschutzes in Zeiten des Kalten Krieges, eine nicht gerade enzyklopädisch ausufernde, aber liebe- und verständnisvoll ausgemalte Menge kurioser Charakter und eine zurückgenommen gallige Lebensauffassung zwischen Bürgerlichkeit und studentischer Bohèmität. Judith Schwalbes „Gabe“ besteht in ihrem Fachwissen über die Buttlarsche Rotte, die Kessel beruflich beschäftigt — und uns möglicherweise noch in unserer Freizeit beschäftigen wird. Wer sich die Mühe macht, die Handlung für sich chronologisch zu ordnen, bemerkt, wie tatsächlich alles davon ausgeht, dass vor Jahrzehnten mal eine Frau — nicht Frau Schwalbe — barfuß gelaufen ist. Wem das nicht reicht, der kann ja weiter Bernhard Schlink und Ferdinand von Schirach lesen.

Peter Jakob Horemans, Der Geist des Rates, 1753

BIlder: Peter Jakob Horemans: Der Geist des Rates, 1753, via Theodor Frey (dort erloschen)
und Hermetiker, 11. Mai 2009.

Soundtrack: Felix Mendelssohn Bartholdy: Sechs Präludien und Fugen, opus 35, MWV SD 14
1831–1836, erschienen 1837; „die vierte, die schwermütige in As-Dur“ (op. cit.):

Written by Wolf

25. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Glaube & Eifer, ~~~Olymp~~~

Ermüdung und Verwirrung des Geistes, Eigendünkel, Unwissenheit und Hochmut (methinks, a million fools in choir are raving and will never tire)

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Update zu Zwischennetzsurferey und
Wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen:

Harry Clarke, Methinks, a million fools in choir Are raving and will never tire, 1925, Faust by Goethe, 1820, 1835, 1925, 2013Von jeher musste man sich mit Mephistopheles höchstselbst doch sehr wundern, was die Meerkatze und Meerkater in der Hexenküche für ein Gebaren an den Tag legen, wenn unerwartet vorgesetzter Besuch auftaucht. Genauer besehen müssen die Lakaien den Baron, wie er genannt werden will, noch weniger erkennen als die Hausherrin, die Hexe, die ihn auch schon länger nicht mehr getroffen hat. Derweil kochen sie weiter „breite Bettelsuppen“, lassen den Brey überlaufen, und die Hexe

mit seltsamen Geberden, zieht einen Kreis und stellt wunderbare Sachen hinein; indessen fangen die Gläser an zu klingen, die Kessel zu tönen, und machen Musik. Zuletzt bringt sie ein großes Buch, stellt die Meerkatzen in den Kreis, die ihr zum Pult dienen und die Fackel halten müssen. Sie winkt Fausten, zu ihr zu treten.

Faust spricht auf der Illustration von Harry Clarke, auch gleich in englischer Übersetzung von John Anster, 1820 ff.:

Was sagt sie uns für Unsinn vor?
Es wird mir gleich der Kopf zerbrechen.
Mich dünkt, ich hör‘ ein ganzes Chor
Von hundert tausend Narren sprechen.

This nonsense, so like meaning, splits
My skull. I soon would lose my wits:
Methinks, a million fools in choir
Are raving and will never tire.

Das ist Faustens Antwort auf die Erweiterung — „Die Hexe fährt fort“ — des Hexen-Einmal-Eins:

Die hohe Kraft
Der Wissenschaft,
Der ganzen Welt verborgen!
Und wer nicht denkt,
Dem wird sie geschenkt,
Er hat sie ohne Sorgen.

mithin eine Paraphrase über das unter Schülern gar so beliebte „Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber.“ Da scheint es, Faust drängt schon sehr vom Gelehrten- in den Gretchenteil; im Zauberspiegel hat er sich schon in Gretchens Bild versenkt, bevor die Hausherrin überhaupt zugegen war. Als sie Fausten seinen Verjüngungstrank endlich „mit vielen Ceremonien“ verabreicht hat, kann er sich schon gar nicht mehr losreißen: „Das Frauenbild war gar zu schön!“

Der Schlüssel für das Benehmen der äffischen, um nicht zu sagen: affigen Hausdienerschaft mag ich aus alter Neigung am liebsten in dem großen Buch erkennen, das von der Hexe — „mit großer Emphase fängt an aus dem Buche zu declamiren“ — angeschleppt und von Goethe recht beiläufig in zwei Regieanweisungen erwähnt wird: Während des besagten, denkbar irrwitzigen Hexen-Einmal-Eins dienen die Meerkatzen als Pult, werden also wortwörtlich von einem Buch geknechtet. Wenn Sie mich fragen: Süchtig sind die.

——— Illustriertes Hausbuch für christliche Familien:

1913, cit. nach Ralf Schneider: Die Suchtfibel: Wie Abhängigkeit entsteht und wie man sich daraus befreit. Informationen für Betroffene, Angehörige und Interessierte, Schneider Verlag, Hohengehren seit 1988, Seite 7:

Die Lesesucht, die im Lesen weder Maß noch Ziel kennt, ist eine traurige Krankheit unserer Zeit und zieht bei vielen Menschen, namentlich bei der Jugend, die schlimmsten Folgen nach sich.

Harry Clarke, Drest thus, I seem a different creature, 1925, Faust by Goethe, 1820, 1835, 1925, 20131. Die Lesesucht wirkt betörend auf die Gesundheit des Leibes und der Seele. Wer sich mit blinder Hast dem Lesen überantwortet, verzichtet häufig auf die nötige körperliche Bewegung in frischer Luft. Die Sucht zum Lesen steigert sich, und man will sich nur höchst ungern von dem Gegenstand der liebgewordenen Lesung trennen. Man gönnt sich deshalb kaum Zeit, seine Mahlzeiten zu halten, und verzichtet selbst auf manche Stunden der nächtlichen Ruhe. Dass dies die körperliche Gesundheit schädigen muss, leuchtet ein. Allein weit gefährlicher ist die fieberhafte Aufregung, die das hastige Lesen und Verschlingen von Büchern hervorbringt. Der Geist wird zu sehr angestrengt, die Nerven werden überreizt; dadurch wird aber die Verdauung gestört, der Blutumlauf gehemmt, und der Mensch büßt langsam seine leibliche und geistige Gesundheit.

2. Die Lesesucht verhindert auch die wahre Geistesbildung. Wie allzu vieles und gieriges Essen den Magen, so beschwert das viele Lesen den Geist, verwirrt den Kopf, verwildert das Herz und die Phantasie, fördert die Oberflächlichkeit und macht den Menschen untauglich zu ersprießlicher Tätigkeit. Wollte jemand glauben, er könne durch vieles und eiliges Lesen etwas lernen und seinen Geist bilden, so betrügt er sich; es ist eine unnütze, müßige, ja schädliche Arbeit. Das Verschlingen von Büchern erzeugt nur denkfaule Köpfe, halb gebildete, die zwar wähnen, sie verstehen alles, und über alles vorschnell urteilen, aber sich dabei nur lächerlich machen und ihre Geistesblöße darlegen. Es ist auch nicht anders möglich. Bei dem hastigen Lesen hat man nicht die Geduld, bei einem nützlichen Gedanken länger zu verweilen, über das Gelesene nachzudenken, es richtig aufzufassen und dem Gedächtnis einzuprägen. Die Blätter des Buches werden fast nur überflogen. Was bleibt da anderes zurück als eine dunkle Erinnerung, Ermüdung und Verwirrung des Geistes, Eigendünkel, Unwissenheit und Hochmut?

Bilder: Harry Clarke: Creatures Reading, über Vers 2573 bis 2576 in der Hexenküche,
Übersetzung John Anster, Blackwood’s Magazine 1820,
für Johann Wolfgang Goethe: Faust: A Dramatic Mystery. From the German by John Anster, 1835,
als Faust by Goethe, Nachdruck der Ausgabe bei George G. Harrap & Co., Ltd., London 1925,
Calla Editions, Mineola, New York 2013, via Leo Boudreau, 14. Dezember 2014.
Drest thus, I seem a different creature: Das Frauenbild war gar zu schön.

Soundtrack: Cat Clyde: Toaster, aus: Good Bones, 2020:

Well it’s the end of September and the sun is still shining bright
And there’s no whisky in the freezer, so I guess I’ll punch another bowl again
I’m smoking dirty cigarettes cause I can’t afford the ones I like
It keeps my attention now I can’t remember what I was just thinking

Written by Wolf

18. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Wuchtig, in gedrängter Vierzeil‘ singe ich vom Cinnamone

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Update zu Hastig die ärmlichen Verse
und Nach einer guten Mahlzeit:

Wir erleben einen ganz ungewohnt aufgeräumten Arno Schmidt in Kalauerlaune. Aus der Reihe: So sinnenfroh konnte der alte missmutige Zausel, nein: Dichterfürst also auch.

Laut den Anmerkungen der Bargfelder Ausgabe konnte bis zur Auflage von 1992 „über Anlaß und Entstehung des von den Herausgebern so genannten ‹Zimtfragments› […] nichts in Erfahrung gebracht werden.“ Als Textgrundlage konnte nur das Manuskript dienen, das vermutlich mit Schmidts restlichem Nachlass im Stiftungsarchiv zu Bargfeld aufbewahrt wird.

Die Niederschrift „um“ 1949 erklärt sich aus der 29. Strophe mit der Jahresangabe, allerdings ist die Strophenreihung auf keine stringente Abfolge angelegt, sondern als Sammlung von Ideen ohne zwingende Reihenfolge. Niederschrift innerhalb ein und desselben Jahres liegt nahe, weil man solche Bierideen erfahrungsgemäß durchziehen muss, solange sie frisch sind.

Zur biographischen Einordnung war Schmidt 1949 mit seiner Frau Alice wohnhaft im Mühlenhof der Cordinger Mühle in der Lüneburger Heide, wo er seinen Erstling Leviathan armutsbedingt auf Formularpapier für Telegramme kritzeln musste. Im Falle des 35-Jährigen zählt das Gedicht also noch unter apokryphe Juvenilia. Viel mehr wird sich darüber nicht mehr herausfinden lassen, aber der Übermut dieses Nebenwerks ist ein gutes Zeichen für Schmidts Schaffenskraft. Es war weder 1989 in Arno Schmidts Wundertüte, der posthumen Sammlung fiktiver Briefe aus den Jahren 1948/49 bei Haffmans, weil es kein fiktiver Brief ist, noch 2013 in Arno Schmidt zum Vergnügen bei Reclam, weil es zu lang ist, und musste deshalb zur Rarität verwittern.

Das Zimtfragment erscheint unten als Internetpremiere nach der Bargfelder Ausgabe korrigiert, wobei selbst im kostbaren „elektronischen Findmittel“ kleinere Unterschiede zur gedruckten Studienausgabe, vor allem in der Zeichensetzung, aufgefallen sind. Schmidts typische französische Anführungszeichen habe ich belassen, diesmal in einer Schweizer, nicht französischen Anwendung. Die Schreibweise „Cinnamon“ verrutscht nur einmal in die Unregelmäßigkeit „Zinnamon“. Nur was ein geschlagene dreimal vorkommender „tin“ sein soll, ist wohl Gegenstand künftiger Forschung.

Meine Lieblingsstrophe ist die 14., die englische, die hat so schön was von Irish Folk, jedenfalls höre ich da die Pogues raus.

——— Arno Schmidt:

Das ‹Zimtfragment›

Manuskript um 1949, cit. nach Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe I, Band 4, Seite 155 bis 159:

1.)     Bötet ihr im Pantheone
        einen Platz bei Göttern mir,
        und ich sollt vom Cinnamone
        scheiden – lieber bleib ich hier.

2.)     Fürsten, Grafen und Barone,
        Allen sei ihr Gold geschenkt –
        sitz ich nur beim Cinnamone
        leicht mit Zucker untermengt

Nicolas Fourny photographie, Cathel, 12. Februar 20163.)     Elbe, Weser, Maas und Rhone
        rollen stolz zum Meere hin :
        laß mich nur beim Cinnamone,
        nicht hinaus steht dann mein Sinn

4.)     Daß er schnödem Goldstaub frohne
        müht sich Arm und Reich gebückt. –
        Gönnt mir Staub vom Cinnamone
        und ich preise ihn entzückt.

5.)     Bot dem Sänger man zum Lohne
        einst im flutenden Pokal
        roten Wein – vom Cinnamone
        heisch ich einzig mir ein Mahl.

6.)     Mohren, singt im vollen Tone –
        und ihr, Sphären, fallt mit ein –
        mir das Lob vom Cinnamone :
        mög‘ er ewig bei uns sein !

7.)     Hurtig keimt im Beet die Bohne,
        grüne Lauben wölbt der Mai;
        und ich träum‘ vom Cinnamone –
        waldher lockt ein Kuckucksschrei

8.)     Laßt Euch nur der Schöpfung Krone,
        weitgemäulte Toren, schelten;
        nur der Duft vom Cinnamone
        kann mir als vollkommen gelten.

9.)     Formt Euch Götzen nur aus Tone,
        Marmor, Silber, Erz, Platin –
        Vor dem einz’gen Cinnamone
        sollte meine Andacht knien.

10.)    Fragt ihr, was denn würdig wäre
        einer höhren Dimension,
        werd‘ ich stumm zur tin Euch weisen :
        Ruch und Schmack vom Cinnamon !

11.)    Mögen Plinien und Strabone
        melden uns von Fabelküsten –
        ich werd‘ – froh beim Cinnamone –
        nicht zum Periplus mich rüsten

12.)    Bötet ihr mir Reiche, Throne
        unter der Bedingung an,
        daß ich ließ vom Cinnamone –
        sucht Euch einen Dümmren dann.

13.)    Steuerte zur duft’gen Zone
        Weihrauchflotten der Lateiner;
        im Besitz vom Cinnamone
        bringt vom Mühlenhof mich keiner

14.)    Years have passed and kingdoms gone
        Greece and Rome declined and fell –
        give me only cinnamon
        and the globe may go to hell.

15.)    Opfert, tanzet, räuchert, fleht zu
        Fufluns, Zeus, Merkurium –
        wir, in frommem Mohrensinne
        baun ein Cin-Ammonium

16.)    Was dem Landmann Karst und Spaten,
        dem Soldaten die Patron‘,
        was dem Wechsler der Dukaten
        ist dem Mohr der Cinnamon

17.)    Frag des nahen Haines Echo
        ich, geruht am Silberbronn,
        nach dem König der Gewürze
        säuselt’s englisch : Cinnamon

18.)    Frag ich das geschlossne Weltall
        die Myriaden Mond und Sonn‘
        nach dem König der Gewürze
        dröhnt’s betäubend : Cinnamon

19.)    Auf der Kugel der Kanone
        ritt Münchhausen tollkühn weg
        auf der tin vom Cinnamone
        reit‘ ich, trotz‘ ich Allem keck.

20.)    Daß er Punien unerbittlich
        haßte rühmt man an Catonen;
        gleich beharrlich soll mein Lied stets
        preisend schall’n von Cinnamonen.

21.)    August, bester der Cäsaren :
        legtest eine Garnison
        zum Hydreuma des Apollon –
        nur zum Schutz des Cinnamon.

22.)    Rühmt nur Götter, Fraun und Helden,
        schnörkelt Epen und Kanzone;
        wuchtig, in gedrängter Vierzeil‘
        singe ich vom Cinnamone

23.)    Fortunat‘ aus Famagusta,
        glücklich bald, bald Glückes Hohn –
        hättst du weise dich beschieden
        doch wie wir beim Cinnamon

24.)    Länder teilt man in Provinzen
        (nur die Schweiz hat den Kanton)
        Also teil‘ ich die Arom‘ in
        andres Zeug – und : Cinnamon !

Nicolas Fourny photographie, Cathel, 12. Februar 201625.)    Was der Phyllis ist ihr Damis
        was dem Bjerknes die Zyklon‘,
        Eratosthenes die Chlamys,
        ist dem Mohr der Cinnamon

26.)    Shakespeare hat Mac-Beth verherrlicht,
        Hamlet, Cäsar und Sir John
        Falstaff – – wußt er nichts Erhabners ?
        Kannt‘ er nicht den Cinnamon ? !

27.)    Letzthin kam vom Wunderlande
        ein Paket voll von Bacon –
        dennoch forschten meine Augen
        drin bestürzt nach Cinnamon

28.)    Vielfach schätzt man Mus und Printen
        estimiert auch den Bonbon –
        ich hingegen weiß nichts Höhres
        mir als Zuck‘ und Cinnamon

29.)    1796
        stand Fouqué am Ems=Kordon –
        1949
        stehe ich vorm Cinnamon

30.)    Hüte sieht man voll Agraffen,
        rot vom Schuh wippt der Pompon;
        Mohren sieht man rastlos schaffen
        fern – beim Reis – beim Cinnamon

31.)    »Pi-Pi-Pö« ertönt’s aus Linden,
        dort bei Vehlows düngt man schon,
        und auch mich faßt mailich Sehnen –
        träum’risch flüst’r ich : Cinnamon

32.)    Dieser prunkt mit leeren Titeln,
        Jener nennt sich »Graf« und »von« –
        ruft mich »Er« – gebt mir [unleserlich: ’ne Nummer?] :
        aber laßt mir Zinnamon

33.)    Was den Christen ihre Götzen :
        Vater, heilger Geist und Sohn –
        soll uns Mohren voll ersetzen
        diese tin mit Cinnamon

34.)    Ein gewisses Volk im Süden
        schätzt sich, sagt man, Makkaron‘
        und Musik vor allen Dingen
        just wie wir – den Cinnamon.

35.)

        [Fragment]

Nicolas Fourny photographie, Cathel, 3. März 2017

Cinnamon Girl: weder das Lied von Neil Young 1970 noch von Prince 2004
noch von Dunkelbunt 2014 noch von Lana Del Rey 2019 — sondern:
Nicolas Fourny photographie featuring die zimmetrothaarige Cathel:

  1. February 12th, 2016;
  2. noch eins vom February 12th, 2016;
  3. March 3rd, 2017.

It’s so beautiful, but it’s not real: Katzenjammer: Tea With Cinnamon, aus: Le Pop, 2008:

Written by Wolf

11. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

Unvernünftige Rede übers unwiederbringlich Verlorene

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Update zu Dieses treffliche Märchen vom Schmidt
und Адвент 1: Über Nacht bin ich tot:

Unter den rhetorischen Strategemen, um eine Diskussion zu gewinnen, ist die Zustimmung, die sogleich den gegenteiligen Schluss aus dem Argument des Diskussionsgegners zieht, das vornehmste. Im Märchen beherrschen sogar Tiere diesen Salto — mit der Extradrehung, dem gegnerischen Argument zuvorzukommen. Jedenfalls im ukrainischen Märchen (empfohlene Quelle: Ukrajinska Prawda). Und wer mir glaubwürdig sagen kann, wie dieser spezielle argumentative Kunstgriff beim Fachausdruck heißt, gewinnt ein Buch von mir. Ein schönes.

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966Mir fällt immer schwer, Märchen aus eigenem fachlichen Ermessen nach dem Aarne-Thompson-Uther-Index einzuteilen, vor allem wenn Tiere (ATU 1–299), übernatürliches Können oder Wissen (650–699), schwankhafte Geschehnisse (ATU 1200–1963), ein überraschender Zugewinn an Weisheit, der auch ein Übertölpeln des vermeintlich Stärkeren sein könnte, und bestimmt noch einiges, das sich allzu leicht übersieht, auf so engem Raum zusammenkommen. Die Nachtigall aus dem gleichnamigen Märchen kann jedenfalls alles davon.

Gegen die dahingegangene DDR ist mancherlei vorzubringen, aber die Märchenbücher dieses Landes, denen gleich mehrere volkseigene Betriebe des Buchgewerbes und nicht wenige international wirksame Erzähler, Übersetzer und Illustratoren oblagen, sind bis heute unübertroffen schön. Soviel weiß man.

Die Sonnenrose mit den ukrainischen Märchen, aus der ich unten zitiere, war nie in meinem Besitz. Im Gegenteil musste ich letzthin einen ganzen Stoß solcher großformatigen Märchenziegel aus meiner Kindheit, die mir meine Verwandtschaft „von drüben“ einstmals im Austausch gegen Bohnenkaffee, Bananen und Strumpfhosen geschenkt hat, in gute Hände weiterreichen, solange die Leute noch ein Regalmeterchen für dergleichen übrig haben. Die russischen hab ich behalten. Die Sonnenrose, lauten meine Einkaufspläne, darf ich erst anschaffen, wenn noch ein Buch nicht unter DIN A4 aussortiert ist. Es eilt also mit dem Fachausdruck für den argumentativen Kunstgriff.

——— Mimi Barillot, Hrsg.:

Die Nachtigall

aus: Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen. Mit Illustrationen von Irmhild und Hilmar Proft,
Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1966 u. ö.,
aus dem Ukrainischen von Lieselotte Remané, Seite 108:

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966

Ein Pan fing eine Nachtigall, die wollte er in einen Käfig sperren.

„Wenn du mich freiläßt“, sagte da die Nachtigall, „will ich dir zwei gute Ratschläge geben, vielleicht können sie dir nützen.<"

Der Pan versprach, sie freizulassen.

Ihr erster Rat lautete: Trauere niemals dem unwiederbringlich Verlorenen nach!

Und der zweite war: Glaube keiner unvernünftigen Rede!

Als der Pan diese Ratschläge vernommen hatte, ließ er die Nachtigall frei. Sie flog auf und sagte: „Schlecht hast du daran getan, mich freizulassen. Wenn du wüßtest, welch einen Schatz ich besitze! Eine herrliche riesengroße Perle trage ich in mir. Hättest du die erworben, so wärst du noch reicher geworden.“

Das hörte der Pan und trauerte dem unwiederbringlich Verlorenen nach. Er hüpfte in die Höhe, um die Nachtigall zu fangen.

Da sprach sie: „Jetzt weiß ich, Pan, du bist ebenso habgierig wie dumm: Dem unwiederbringlich Verlorenen trauerst du nach und glaubtest meiner unvernünftigen Rede! Sieh doch, wie klein ich bin. Wie sollte denn eine riesengroße Perle in mir Platz finden!“

Sprach’s und flog davon.

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966

Bilder: Irmhild und Hilmar Proft, aus: Mimi Barillot, Hrsg.: Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen,
Verlag Kultur und Fortschritt, Ost-Berlin 1966 u. ö.; verwendete antiquarische Angebote:

  1. liberantiquus, 25. März 2020;
  2. kulpet, 15. November 2019;
  3. piemonteser, 1. Januar 2020.

Soundtrack: Тік: Люби ти Україну!, 2013:

Written by Wolf

4. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Seemannsgarn & Wahrheit

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Update zu O Mädchen mein Mädchen und
Keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen:

RetrohoundAlles Gute zum 271., Herr Geheimrat.

Woran erinnern wir uns bei Ihrem Namen? Dass Sie’s sehr mit dem Weybervolck hatten, lieber eine brave Zeitlang weitab und gründlich untergetaucht sind, bevor Sie sich einem Problem stellten, und da am liebsten in die Provinz statt unter zu viele Ihresgleichen, die Ihnen den Rang als einsames Genie streitig machen könnten — damit verbunden Ihre Italienische Reise — ferner an Ihre Erfindung des Bestsellers in Gestalt des Werther und Götz von Berlichingen, an den Faust, der Tragödie ersten und zweyten Theil, Wanderers Nachtlied (das war wirklich gut!), Wilhelm Meister, die Lehr– und Wanderjahre sowie davor die Theatralische Sendung, die erlesenen Ferkeleien in den Venezianischen Epigrammen und Römischen Elegien, das Zurückzucken davor in sotanen Marienbader, die nur von Ihnen Höchstderoselbst allzu überschätzte, dabei ganz drogenfrei wundersam weggedriftete Farbenlehre, ein bisschen Grundschulstoff (Erlkönig, Zauberlehrling), ziemlich viel Dichtung, allerhand Wahrheit — und dann noch der Versuch einer Seemannsgeschichte.

Alles kann man ihm zutrauen, dem Goethe, nur keine Seefahrergeschichten, oder nicht? — Doch, es gibt eine. Reise der Söhne Megaprazons heißt sie, ist Fragment geblieben und spärlich dokumentiert. Die Textmenge, mit Nachweis eines früher entstandenen Kapitelschemas als umfangreicher Roman angelegt, umfasst 4652 Wörter, das entspricht einem neunseitigen Word-Dokument in durchschnittlich hässlicher Arial 12-Punkt, die Frankfurter Goethe-Gesamtausgabe braucht 15½ Druckseiten. In den meisten Gesamtausgaben fehlt sie; mir selbst liegt sie in der praktisch nur für große Bibliotheken erschwinglichen Frankfurter Ausgabe vor, und auch das nur, weil die inzwischen teilweise als Taschenbuch bei Insel gemacht wird: im Band TB 11: Die Leiden des jungen Werthers [beide Fassungen als Paralleldruck!]/Die Wahlverwandtschaften/Novelle/Kleine Prosa/Epen. Herausgegeben von Waltraud Wiethölter in Zusammenarbeit mit Christoph Brecht.

RetrohoundDas ist eine ganze Menge auf den 1245 Seiten, dazu noch wegweisend durchkommentiert. Und im Teil mit der Kleinen Prosa finden sich die Söhne Megaprazons. In der Sophienausgabe, der geradezu sprichwörtlich vollständigsten von allen, sind sie selbstverständlich enthalten; in der meinigen, der Hamburger, sind sie nicht. Online komme ich auf zwei ernstzunehmende Volltexte: im Gutenberg-Projekt und — die beste und handlichste: — im Scan der Sophienausgabe bei der Harvard University — und dann noch einige „mittelzuverlässige“ Scans für Google-Books. Wer weitere Fundstellen ausmacht — ich zähle eventuell auf die Münchner Ausgabe —, kann sie gern in den Kommentaren vermelden.

Goethe selbst hat sich ein einziges Mal zu seinem Seemannsversuch geäußert: in der Kampagne in Frankreich 1792, niedergeschrieben 1819 bis 1822:

Ich hatte seit der Revolution, mich von dem wilden Wesen einigermaßen zu zerstreuen, ein wunderbares Werk begonnen, eine Reise von sieben Brüdern verschiedener Art, jeder nach seiner Weise dem Bunde dienend, durchaus abenteuerlich und märchenhaft, verworren, Aussicht und Absicht verbergend, ein Gleichnis unseres eignen Zustandes. Man verlangte eine Vorlesung, ich ließ mich nicht viel bitten und rückte mit meinen Heften hervor; aber ich bedurfte auch nur wenig Zeit, um zu bemerken, daß niemand davon erbaut sei. Ich ließ daher meine wandernde Familie in irgend einem Hafen und mein weiteres Manuskript auf sich selbst beruhen.

Eine ganz ungewohnt selbstkritische Haltung Goethes: Auf der ersten Lesung hat sein jüngstes geistiges Kind nicht den erhofften Erfolg, und darum lässt er es absichtlich, ohne Not liegen. Die erhaltenen Fragmente von Goethes Manuskript stehen auf dem Papier einer Mühle unweit von Trarbach, wo Goethes Compagnie auf dem Weg in die Champagne durchkam. Demnach schrieb er es wohl im November 1792 — in Zelt- und Zivilstenquartieren auf dem Feldzug des Weimarer Herzogs. Auch im Falle eines privilegierten Weimarer Ministers, sonst nur Seidenkissen gewohnt ist, bleibt verständlich, dass sich unter solcherlei Erlebnissen manches relativiert.

RetrohoundWoher und zu welchem Ende nun eine Goethische Seegeschichte? Lesen wir dazu tiefer in den „dicht[en], bestechend[en] und rücksichtslos formuliert[en]“ (Süddeutsche Zeitung) Kommentar der Frankfurter Ausgabe hinein:

Wie mit zahlreichen anderen Werken der 1790er Jahre bemühte sich Goethe mit der Reise der Söhne Megaprazons um eine literarische Antwort auf die Französische Revolution, wobei sich das Genre des satirischen Reiseromans für ein solches Unternehmen durchaus anbot, hatten sich doch in der Gattungstradition sowohl Verfahren einer grotesken Transformation zeitgenössischer Konstellationen als auch Möglichkeiten einer Distanzierung vom unmittelbar politischen Anlaß herausgebildet. Beides, die Analyse des Geschehens und eine kritische Stellungnahme, ließ sich auf dem Wege allegorischer Verfremdung formulieren. Goethes Referenztext erwies sich als in dieser Hinsicht als besonders einschlägig: François Rabelais‘ (1483—1553) Romanwerk Gargantua et Pantagruel, erschienen in fünf separaten Büchern zwischen 1534 und 1564.

Halten wir fest: Es sollte ein Reiseroman werden — und zwar ein satirischer — und die Satire mit der Absicht, aus sicherer Distanz das Zeitgeschehen aufzuarbeiten. Und sofort sieht es Goethen viel ähnlicher: Das große Vorbild Rabelais war auch 1792 schon lange genug verstorben, um dem gegenwärtigen Universalgenie keinen Abbruch zu tun, und mit zeitkritischen Aussagen will man sicher bei niemandem anecken, solange man bequem bei Herzogs hausen darf.

Goethe kommt spürbar nicht richtig in die Gänge, das Gargantua-Remake kommt reichlich behäbig daher: Die Hauptfiguren heißen allen Ernstes Epistemon, Panurg, Euphemon, Alkides, Alciphron und Eutyches, von deren mythologisch nicht belegtem Vater, der Titetlfigur Megaprazon ganz zu schweigen. Was soll das werden? Ausweichen in eine aufgekochte Kritik an der jahrhundertealten Lutherischen Reformation statt an der brenzligen Franzosenrevolution? Mit Verlaub: Rabelais hätte diesem Breitarsch von Roman eines Feudalistenschätzchens ein ganzes saftstrotzendes Kapitel voller französischer Vokabeln eingeflochten, die bis heute nicht im Micro Robert vorkommen.

Leider sind Goethes satirisch gemeinte Zuweisungen weder dramaturgisch noch sachlich korrekt:

Ist schon die räumliche Koexistenz des reformatorischen mit dem revolutionären Streitfall nicht unbedingt historisch einleuchtend, so zeigt sich im weiteren auf das deutlichste, daß es der Allegorie aus strukturellen Gründen nicht gelingt, den ‚Ort‘ der Revolution im Europa des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu bestimmen. Die Insel der Monarchomanen habe sich „auf und davon gemahct“, heißt es. Tatsächlich ist dieses Land im Umsturz seiner alten Ordnung zu einem vagierenden, einem effektiv ortlosen Gebilde zerfallen. Zwar lassen sich, indem das alte Märchenmotiv der schwimmenden Insel allegorisiert wird, an dem dreigeteilten Territorium aktuelle politische Prozesse um den Interventionskrieg illustrieren: Die ’steile Küste‘ — der Adel — nähert sich gleich nach der Katastrophe dem Land der Papimanen, orinetiert sich dann aber doch „etwas mehr Nordwärts“, ohne — in der Orientierung auf Habsburg — „festen Stand gewinnen“ zu können; später zeigt sich noch einmal die ‚Residenz‘ und schließt sich beinahe wieder mit der ’steilen Küste‘ zusammen.

bezeichnend für Goethes Konstruktion ist allerdings, daß die „Ebene“ als der dem dritten Stand zugeordnete Landesteil ganz außer Sicht geraten und anscheinend verschollen ist. Gerade an diesem Bruchstück der alten Ordnung — dem nachrevolutionären Frankreich selbst — wäre jedoch zu studieren, ob es nicht auch ohne ‚Residenz‘ und ’steile Küste‘ geht. Der allegorische Modus der Übersetzung politischer Ereignisse in eine räumliche Topik widerstreitet ganz offensichtlich der politischen Geographie des zeitgenössischen Europa. Durch die Revolution war die staatliche Integrität des französischen Territoriums keineswegs angefochten — das hatte Goethe im Zuge der ‚Campagne in Frankreich‘ ja hinlänglich erfahren. […] Dieser Konsequenz seiner eigenen Konstruktion zu folgen, ist der Autor der Reise offensichtlich nicht bereit. Statt dessen setzt er sich dem Verdacht aus, er wolle den Mythos gottgegebener und zeitloser Herrschaft affirmieren.

RetrohoundWas einen desto wahrscheinlicher ankommt, wenn man weiß, wie dicke sich Goethe nachmals mit Napoleon vertragen sollte. Da unternimmt Kommentatorin Wiethölter einen Versuch, Goethe in Schutz zu nehmen, den ich ihr in seiner engagierten Ausgewogenheit hoch anrechnen möchte:

Es hieße die kargen Fragmente zu einer zweifellos umfänglich konzipierten Erzählung überfordern, wollte man jeden einzelnen Zug er Allegorie auf eine politische Konzeption hin durchleuchten. […] Man würde auch dem Fragment der Einleitung nicht gerecht, in dem dialogisch der Konnex zum Roman Rabelais‘ hergestellt wird. In beiden Textstücken dominiert das komödiantische Spiel mit dem Genre des Seeabenteuers über die satirische Absicht. […] Die Reise der Söhne Megaprazons scheitert vielmehr — auf instruktive Weise — an den strukturellen Prämissen der gewählten Gattung: Der Text ist als ein literarischer Kommentar zum Zeitgeschehen angelegt, aber zugleich ist er gegen diese Aktualität als Versuch einer poetischen ‚Zerstreuung‘ zu lesen. So fehlt dem Kommentar die Entschiedenheit der polemischen Stellungnahme, jene Eindeutigkeit, mit der die auf Rabelais‘ klarer Antithetik beruhende Allegorie politisch zu fundieren wäre. Daß sich Goethe dieser Nötigung entzogen hat, zeigt der Text in Form von Widersprüchen; so ist nur konsequent, daß kein Erzählfluß zustande kommt und das Projekt schließlich abgebrochen wurde.

Ja, eben: Alles kann man ihm zutrauen, dem Goethe: Bestseller, Longseller, Seefahrergeschichten, nur keine Satire. Selbst für seinen Kriegsbericht hat er sich den Kalauer „Campagne in der Champagne“, der sachlich stimmig gewesen wäre, fürnehm verkniffen. Auf gut teutsch: Da hat sich der Dichterfürst an der Satire verhoben.

Für solche philologischen Einsichten, ja: Höhenflüge wie Waltraud Wiethölters Kommentar hab ich die teuren Ausgaben der Dead White Males wirklich lieb und lasse die Kaufhofauswahlen leichten Herzens da, wo sie hingehören: bei den fehlerbehafteten, unmöblierten Plain-Text-Gratisdownloads für alles, was einen Bildschirm zum Wegwischen hat.

Kommt nun nicht der Einwand, Goethe beherrschte die Satire nicht, einem Vorwurf gleich, dass Mutter Theresa keine Pferde malen konnte oder die Usbeken nichts von Käse verstehen? Ein satirischer Seebärenroman, jetzt bitte mal. Ist Goethe vielleicht Melville? Stevenson? Conrad? Oder wenigstens Wilhelm Raabe? — Gut, er hat seinen Mangel eingesehen, das rettet ihn. „Aussicht und Absicht verbergend“, sagt er selbst, und legt den netten Versuch bereitwillig zu den Akten.

Wir, gnadenlos, wie wir sind, tun das nicht. Ungekürzt:

——— Johann Wolfgang vvon Goethe:

Reise der Söhne Megaprazons

Erstes Kapitel

Die Söhne Megaprazons überstehen eine harte Prüfung

RetrohoundDie Reise ging glücklich vonstatten, schon mehrere Tage schwellte ein günstiger Wind die Segel des kleinen wohlausgerüsteten Schiffes, und in der Hoffnung bald Land zu sehen beschäftigten sich die trefflichen Brüder ein jeder nach seiner Art. Die Sonne hatte den größten Teil ihres täglichen Laufes zurückgelegt; Epistemon saß an dem Steuerruder und betrachtete mit Aufmerksamkeit die Windrose und die Karten; Panurg strickte Netze mit denen er schmackhafte Fische aus dem Meere hervorzuziehen hoffte; Euphemon hielt seine Schreibtafel und schrieb, wahrscheinlich eine Rede, die er bei der ersten Landung zu halten gedachte; Alkides lauerte am Vorderteil, mit dem Wurfspieß in der Hand, Delphinen auf, die das Schiff von Zeit zu Zeit begleiteten; Alciphron trocknete Meerpflanzen, und Eutyches, der jüngste, lag auf einer Matte in sanftem Schlafe.

Wecket den Bruder! rief Epistemon, und versammelt euch bei mir; unterbrecht einen Augenblick eure Geschäfte, ich habe euch etwas Wichtiges vorzutragen. Eutyches erwache! Setzt euch nieder! Schließt einen Kreis!

Die Brüder gehorchten dem Worte des Ältesten und schlossen einen Kreis um ihn. Eutyches, der schöne, war schnell auf den Füßen, öffnete seine großen blauen Augen, schüttelte seine blonden Locken und setzte sich mit in die Reihe.

Der Kompaß und die Karte, fuhr Epistemon fort, deuten mir einen wichtigen Punkt unsrer Fahrt an; wir sind auf die Höhe gelangt, die unser Vater beim Abschied anzeichnete, und ich habe nun einen Auftrag auszurichten, den er mir damals anvertraute. – Wir sind neugierig zu hören, sagten die Geschwister untereinander.

Epistemon eröffnete den Busen seines Kleides und brachte ein zusammengefaltetes, buntes, seidnes Tuch hervor. Man konnte bemerken daß etwas darein gewickelt war, an allen Seiten hingen Schnüre und Fransen herunter, künstlich genug in viele Knoten geschlungen, farbig, prächtig und lieblich anzusehen.

Es eröffne jeder seinen Knoten, sagte Epistemon, wie es ihn der Vater gelehrt hat. Und so ließ er das Tuch herumgehen; jeder küßte es, jeder öffnete den Knoten, den er allein zu lösen verstand; der Älteste küßte es zuletzt, zog die letzte Schleife auseinander, entfaltete das Tuch und brachte einen Brief hervor, den er auseinander schlug und las.

RetrohoundMegaprazon an seine Söhne. Glück und Wohlfahrt, guten Mut und frohen Gebrauch eurer Kräfte! Die großen Güter, mit denen mich der Himmel gesegnet hat, würden mir nur eine Last sein, ohne die Kinder, die mich erst zum glücklichen Manne machen. Jeder von euch hat, durch den Einfluß eines eignen günstigen Gestirns, eigne Gaben von der Natur erhalten. Ich habe jeden nach seiner Art von Jugend auf gepflegt, ich habe es euch an nichts fehlen lassen, ich habe den Ältesten zur rechten Zeit eine Frau gegeben, ihr seid wackre und brave Leute geworden. Nun habe ich euch zu einer Wanderschaft ausgerüstet, die euch und eurem Hause Ehre bringen muß. Die merkwürdigen und schönen Inseln und Länder sind berühmt, die mein Urgroßvater Pantagruel teils besucht, teils entdeckt hat, als da ist die Insel der Papimanen, Papefiguen, die Laterneninsel und das Orakel der heiligen Flasche, daß ich von den übrigen Ländern und Völkern schweige. Denn sonderbar ist es: berühmt sind jene Länder, aber unbekannt, und scheinen jeden Tag mehr in Vergessenheit zu geraten. Alle Völker Europens schiffen aus Entdeckungsreisen zu machen, alle Gegenden des Ozeans sind durchsucht, und auf keiner Karte finde ich die Inseln bezeichnet, deren erste Kenntnis wir meinem unermüdlichen Urgroßvater schuldig sind; entweder also gelangten die berühmtesten neuen Seefahrer nicht in jene Gegenden, oder sie haben, uneingedenk jener ersten Entdeckungen, die Küsten mit neuen Namen belegt, die Inseln umgetauft, die Sitten der Völker nur obenhin betrachtet und die Spuren veränderter Zeiten unbemerkt gelassen. Euch ist es vorbehalten, meine Söhne, eine glänzende Nachlese zu halten, die Ehre eures Ältervaters wieder aufzufrischen und euch selbst einen unsterblichen Ruhm zu erwerben. Euer kleines, künstlich gebautes Schiff ist mit allem ausgerüstet, und euch selbst kann es an nichts fehlen: denn vor eurer Abreise gab ich einem jeden zu bedenken, daß man sich auf mancherlei Art in der Fremde angenehm machen, daß man sich die Gunst der Menschen auf verschiedenen Wegen erwerben könne; ich riet euch daher, wohl zu bedenken, womit ihr außer dem Proviant, der Munition, den Schiffsgerätschaften euer Fahrzeug beladen, was für Waren ihr mitnehmen, mit was für Hülfsmitteln ihr euch versehen wolltet. Ihr habt nachgedacht, ihr habt mehr als eine Kiste auf das Schiff getragen, ich habe nicht gefragt was sie enthalten. – Zuletzt verlangtet ihr Geld zur Reise, und ich ließ euch sechs Fäßchen einschiffen, ihr nahmt sie in Verwahrung und fuhrt unter meinen Segenswünschen, unter den Tränen eurer Mutter und eurer Frauen, in Hoffnung glücklicher Rückkehr, mit günstigem Winde davon.

RetrohoundIhr habt, hoffe ich, den langweiligsten Teil eurer Fahrt durch das hohe Meer glücklich zurückgelegt, ihr naht euch den Inseln, auf denen ich euch freundlichen Empfang, wie meinem Urgroßvater, wünsche.

Nun aber verzeiht mir, meine Kinder, wenn ich euch einen Augenblick betrübe – es ist zu eurem Besten.

Epistemon hielt inne, die Brüder horchten auf.

Daß ich euch nicht mit Ungewißheit quäle, so sei es gerade herausgesagt: Es ist kein Geld in den Fäßchen. – Kein Geld! riefen die Brüder wie mit einer Stimme. – Es ist kein Geld in den Fäßchen, wiederholte Epistemon mit halber Stimme und ließ das Blatt sinken. Stillschweigend sahen sie einander an, und jeder wiederholte in seinem eignen Akzente: Kein Geld! kein Geld?

Epistemon nahm das Blatt wieder auf und las weiter: Kein Geld! ruft ihr aus und kaum halten eure Lippen einen harten Tadel eures Vaters zurück. Faßt euch! Geht in euch und ihr werdet die Wohltat preisen die ich euch erzeige. Es steht Geld genug in meinen Gewölben, da mag es stehen, bis ihr zurückkommt und der Welt gezeigt habt, daß ihr der Reichtümer wert seid, die ich euch hinterlasse.

RetrohoundEpistemon las wohl noch eine halbe Stunde, denn der Brief war lang; er enthielt die trefflichsten Gedanken, die richtigsten Bemerkungen, die heilsamsten Ermahnungen, die schönsten Aussichten; aber nichts war im Stande die Aufmerksamkeit der Geschwister an die Worte des Vaters zu fesseln; die schöne Beredsamkeit ging verloren, jeder kehrte in sich selbst zurück, jeder überlegte was er zu tun, was er zu erwarten habe.

Die Vorlesung war noch nicht geendigt, als schon die Absicht des Vaters erfüllt war: jeder hatte schon bei sich die Schätze gemustert, womit ihn die Natur ausgerüstet, jeder fand sich reich genug, einige glaubten sich mit Waren und andern Hülfsmitteln wohl versehen; man bestimmte schon den Gebrauch voraus, und als nun Epistemon den Brief zusammenfaltete, ward das Gespräch laut und allgemein; man teilte einander Plane, Projekte mit, man widersprach, man fand Beifall, man erdachte Märchen, man ersann Gefahren und Verlegenheiten, man schwätzte bis tief in die Nacht, und eh‘ man sich niederlegte mußte man gestehen, daß man sich auf der ganzen Reise noch nicht so gut unterhalten hatte.

Zweites Kapitel

Man entdeckt zwei Inseln;
es entsteht ein Streit, der durch Mehrheit der Stimmen beigelegt wird

RetrohoundDes andern Morgens war Eutyches kaum erwacht und hatte seinen Brüdern einen guten Morgen geboten, als er ausrief: Ich sehe Land! – Wo? riefen die Geschwister. – Dort, sagte er, dort! und deutete mit dem Finger nach Nordosten. Der schöne Knabe war vor seinen Geschwistern, ja vor allen Menschen, mit scharfen Sinnen begabt und so machte er überall wo er war ein Fernrohr entbehrlich. Bruder, versetzte Epistemon, du siehst recht, erzähle uns weiter, was du gewahr wirst. – Ich sehe zwei Inseln, fuhr Eutyches fort, eine rechts, lang, flach, in der Mitte scheint sie gebirgig zu sein; die andre links zeigt sich schmäler und hat höhere Berge. – Richtig! sagte Epistemon und rief die übrigen Brüder an die Karte. Sehet, diese Insel rechter Hand ist die Insel der Papimanen, eines frommen wohltätigen Volkes. Möchten wir bei ihnen eine so gute Aufnahme als unser Altervater Pantagruel erleben. Nach unsers Vaters Befehl landen wir zuerst daselbst, erquicken uns mit frischem Obste, Feigen, Pfirsichen, Trauben, Pomeranzen, die zu jeder Jahrzeit daselbst wachsen; wir genießen des guten frischen Wassers, des köstlichen Weines; wir verbessern unsre Säfte durch schmackhafte Gemüse: Blumenkohl, Brokkoli, Artischocken und Karden; denn ihr müßt wissen, daß durch die Gnade des göttlichen Statthalters auf Erden nicht allein alle gute Frucht von Stunde zu Stunde reift, sondern daß auch Unkraut und Disteln eine zarte und säftige Speise werden. – Glückliches Land! riefen sie aus, wohlversorgtes, wohlbelohntes Volk! Glückliche Reisende die in diesem irdischen Paradiese eine gute Aufnahme finden! – Haben wir uns nun völlig erholt und wiederhergestellt, alsdann besuchen wir im Vorbeigehn die andre leider auf ewig verwünschte und unglückliche Insel der Papefiguen, wo wenig wächst und das wenige noch von bösen Geistern zerstört oder verzehrt wird. Sagt uns nichts von dieser Insel! rief Panurg, nichts von ihren Kohlrüben und Kohlrabis, nichts von ihren Weibern, ihr verderbt uns den Appetit, den ihr uns soeben erregt habt.

Und so lenkte sich das Gespräch wieder auf das selige Wohlleben, das sie auf der Insel der Papimanen zu finden hofften; sie lasen in den Tagebüchern ihres Ältervaters was ihm dort begegnet, wie er fast göttlich verehrt worden war, und schmeichelten sich ähnlicher glücklicher Begebenheiten.

Indessen hatte Eutyches von Zeit zu Zeit nach den Inseln hingeblickt, und als sie nun auch den andern Brüdern sichtbar waren, konnte er schon die Gegenstände genau und immer genauer darauf unterscheiden, je näher man ihnen kam. Nachdem er beide Inseln lange genau betrachtet und miteinander verglichen, rief er aus: Es muß ein Irrtum obwalten, meine Brüder. Die beiden Landstrecken, die ich vor mir sehe, kommen keineswegs mit der Beschreibung überein die Bruder Epistemon davon gemacht hat; vielmehr finde ich gerade das Umgekehrte, und mich dünkt, ich sehe gut.

Wie meinst du das, Bruder? sagte einer und der andere.

Die Insel zur rechten Seite auf die wir zuschiffen, fuhr Eutyches fort, ist ein langes flaches Land mit wenigen Hügeln und scheint mir gar nicht bewohnt; ich sehe weder Wälder auf den Höhen, noch Bäume in den Gründen; keine Dörfer, keine Gärten, keine Saaten, keine Herden an den Hügeln, die doch der Sonne so schön entgegen liegen.

Ich begreife das nicht, sagte Epistemon –

Eutyches fuhr fort: Hier und da seh‘ ich ungeheure Steinmassen, von denen ich mich nicht zu sagen unterfange, ob es Städte oder Felsenwände sind. Es tut mir herzlich leid, daß wir nach einer Küste fahren die so wenig verspricht.

Und jene Insel zur Linken? rief Alkides. – Sie scheint ein kleiner Himmel, ein Elysium, ein Wohnsitz der zierlichsten häuslichsten Götter. Alles ist grün, alles gebaut, jedes Eckchen und Winkelchen genutzt. Ihr solltet die Quellen sehen, die aus den Felsen sprudeln, Mühlen treiben, Wiesen wässern, Teiche bilden. Büsche auf den Felsen, Wälder auf den Bergrücken, Häuser in den Gründen, Gärten, Weinberge, Äcker und Ländereien in der Breite wie ich nur sehen und sehen mag.

Man stutzte, man zerbrach sich den Kopf. Endlich rief Panurg: Wie können sich ein Halbdutzend kluge Leute so lang bei einem Schreibefehler aufhalten! Weiter ist es nichts. Der Copiste hat die Namen der beiden Inseln auf der Karte verwechselt, jenes ist Papimanie, diese da ist Papefigue, und ohne das gute Gesicht unsers Bruders waren wir im Begriff einen schnöden Irrtum zu begehen. Wir verlangen nach der gesegneten Insel und nicht nach der verwünschten; laßt uns also den Lauf dahin richten wo uns Fülle und Fruchtbarkeit zu empfangen verspricht.

RetrohoundEpistemon wollte nicht sogleich seine Karten eines so großen Fehlers beschuldigen lassen, er brachte viel zum Beweise ihrer Genauigkeit vor; die Sache war aber den übrigen zu wichtig, es war die Sache des Gaumens und des Magens, die jeder verteidigte. Man bemerkte, daß man mit dem gegenwärtigen Winde noch bequem nach beiden Inseln kommen könne, daß man aber, wenn er anhielte, nur schwer von der ersten zur zweiten segeln würde. Man bestand darauf, daß man das Sichre für das Unsichre nehmen und nach der fruchtbaren Insel fahren müsse.

Epistemon gab der Mehrheit der Stimmen nach, ein Gesetz, das ihnen der Vater vorgeschrieben hatte.

Ich zweifle gar nicht, sagte Panurg, daß meine Meinung die richtige ist und daß man auf der Karte die Namen verwechselt hat. Laßt uns fröhlich sein! Wir schiffen nach der Insel der Papimanen. Laßt uns vorsichtig sein und die nötigen Anstalten treffen.

Er ging nach einem Kasten, den er öffnete und allerlei Kleidungsstücke daraus hervorholte. Die Brüder sahen ihm mit Verwunderung zu und konnten sich des Lachens nicht erwehren, als er sich auskleidete und, wie es schien, Anstalt zu einer Maskerade machte. Er zog ein Paar violettseidne Strümpfe an, und als er die Schuhe mit großen silbernen Schnallen geziert hatte, kleidete er sich übrigens ganz in schwarze Seide. Ein kleiner Mantel flog um seine Schultern, einen zusammengedrückten Hut mit einem violett- und goldnen Bande nahm er in die Hände, nachdem er seine Haare in runde Locken gekräuselt hatte. Er begrüßte die Gesellschaft ehrbietig, die in lautes Gelächter ausbrach.

Ohne sich aus der Fassung zu geben besuchte er den Kasten zum zweiten Male. Er brachte eine rote Uniform hervor mit weißen Kragen, Aufschlägen und Klappen; ein großes weißes Kreuz sah man auf der linken Brust. Er verlangte, Bruder Alkides solle diese Uniform anziehen, und da sich dieser weigerte, fing er folgendergestalt zu reden an: Ich weiß nicht was ihr übrigen in den Kasten gepackt und verwahrt haltet, die ihr von Hause mitnahmt, als der Vater unsrer Klugheit überließ, womit wir uns den Völkern angenehm machen wollten; so viel kann ich euch gegenwärtig sagen, daß meine Ladung vorzüglich in alten Kleidern besteht, die, hoffe ich, uns nicht geringe Dienste leisten sollen. Ich habe drei bankrotte Schauspielunternehmer, zwei aufgehobne Klöster, sechs Kammerdiener und sieben Trödler aufgekauft, und zwar habe ich mit den letzten nur getauscht und meine Doubletten weggegeben. Ich habe mit der größten Sorgfalt meine Garderobe komplettiert, ausgebessert, gereinigt und geräuchert –

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RetrohoundDie Brüder saßen friedlich beieinander, sie unterhielten sich von den neusten Begebenheiten die sie erlebt, von den neusten Geschichten, die sie erfahren hatten. Das Gespräch wandte sich auf einen seltsamen Krieg der Kraniche mit den Pygmäen; jeder machte eine Anmerkung über die Ursachen dieser Händel, und über die Folgen, welche aus der Hartnäckigkeit der Pygmäen entstehen könnten. Jeder ließ sich von seinem Eifer hinreißen, so daß in kurzer Zeit die Menschen, die wir bisher so einträchtig kannten, sich in zwei Parteien spalteten, die aufs heftigste gegeneinander zu Felde zogen. Alkides, Alciphron, Eutyches behaupteten: die Zwerge seien eben ein so häßliches als unverschämtes Geschöpf; es sei in der Natur doch einmal eins für das andere geschaffen: die Wiese bringe Gras und Kräuter hervor, damit sie der Stier genieße, und der Stier werde wie billig wieder vom edlern Menschen verzehrt. So sei es denn auch ganz wahrscheinlich, daß die Natur den Zwergen das Vermögen zum Heil des Kranichs hervorgebracht habe, welches sich um so weniger leugnen lasse, als der Kranich durch den Genuß des sogenannten eßbaren Goldes um so viel vollkommener werde.

Die andern Brüder dagegen behaupteten, daß solche Beweise, aus der Natur und von ihren Absichten hergenommen, sehr ein geringes Gewicht hätten, und daß deswegen ein Geschöpf nicht geradezu für das andere gemacht sei, weil eines bequem fände sich des andern zu bedienen.

Diese mäßigen Argumente wurden nicht lange gewechselt, als das Gespräch heftig zu werden anfing und man von beiden Seiten mit Scheingründen erst, dann mit anzüglichem bitterm Spott die Meinung zu verteidigen suchte, welcher man zugetan war. Ein wilder Schwindel ergriff die Brüder, von ihrer Sanftmut und Verträglichkeit erschien keine Spur mehr in ihrem Betragen; sie unterbrachen sich, erhuben die Stimmen, schlugen auf den Tisch, die Bitterkeit wuchs, man enthielt sich kaum jählicher Schimpfreden, und in wenigen Augenblicken mußte man fürchten das kleine Schiff als einen Schauplatz trauriger Feindseligkeiten zu erblicken.

Sie hatten in der Lebhaftigkeit ihres Wortwechsels nicht bemerkt, daß ein anderes Schiff, von der Größe des ihrigen, aber von ganz verschiedener Form, sich nahe an sie gelegt hatte; sie erschraken daher nicht wenig, als ihnen, wie mitten aus dem Meere, eine ernsthafte Stimme zurief: Was gibt’s, meine Herren? Wie können Männer, die in einem Schiffe wohnen, sich bis auf diesen Grad entzweien?

Ihre Streitsucht machte einen Augenblick Pause. Allein weder die seltsame Erscheinung noch die ehrwürdige Gestalt dieses Mannes konnte einen neuen Ausbruch verhindern. Man ernannte ihn zum Schiedsrichter, und jede Partei suchte schon eifrig ihn auf ihre Seite zu ziehen, noch ehe sie ihm die Streitsache selbst deutlich gemacht hatten. Er bat sie alsdann lächelnd um einen Augenblick Gehör, und sobald er es erlangt hatte, sagte er zu ihnen: Die Sache ist von der größten Wichtigkeit, und Sie werden mir erlauben, daß ich erst morgen früh meine Meinung darüber eröffne. Trinken Sie mit mir vor Schlafengehn noch eine Flasche Madeira, den ich sehr echt mit mir führe, und der Ihnen gewiß wohl bekommen wird. Die Brüder, ob sie gleich aus einer Familie waren, die den Wein nicht verschmähte, hätten dennoch lieber Wein und Schlaf und alles entbehrt, um die Materie nochmals von vorn durchzusprechen; allein der Fremde wußte ihnen seinen Wein so artig aufzudringen, daß sie sich unmöglich erwehren konnten ihm Bescheid zu tun. Kaum hatten sie die letzten Gläser von den Lippen gesetzt, als sie schon alle ein stilles Vergessen ihrer selbst ergriff, und eine angenehme Hinfälligkeit sie auf die unbereiteten Lager ausstreckte. Sie verschliefen das herrliche Schauspiel der aufgehenden Sonne und wurden endlich durch den Glanz und die Wärme ihrer Strahlen aus dem Schlaf geweckt. Sie sahen ihren Nachbar beschäftigt an seinem Schiffe etwas auszubessern, sie grüßten einander und er erinnerte sie lächelnd an den Streit des vorigen Abends. Sie wußten sich kaum noch darauf zu besinnen und schämten sich, als er in ihrem Gedächtnis die Umstände wie er sie gefunden nach und nach hervorrief. Ich will meiner Arzenei, fuhr er fort, nicht mehr Wert geben als sie hat, die ich Ihnen gestern in der Gestalt einiger Gläser Madeira beibrachte; aber Sie können von Glück sagen, daß Sie so schnell einer Sorge los geworden sind, von der so viele Menschen jetzt heftig, ja bis zum Wahnsinn angegriffen sind.

Sind wir krank gewesen? fragte einer, das ist doch sonderbar. – Ich kann Sie versichern, versetzte der fremde Schiffer, Sie waren vollkommen angesteckt, ich traf Sie in einer heftigen Krisis.

Und was für eine Krankheit wäre es denn gewesen? fragte Alciphron, ich verstehe mich doch auch ein wenig auf die Medizin.

RetrohoundEs ist das Zeitfieber, sagte der Fremde, das einige auch das Fieber der Zeit nennen und glauben sich noch bestimmter auszudrücken; andere nennen es das Zeitungsfieber, denen ich auch nicht entgegen sein will. Es ist eine böse ansteckende Krankheit, die sich sogar durch die Luft mitteilt, ich wollte wetten Sie haben sie gestern abend in der Atmosphäre der schwimmenden Inseln gefangen.

Was sind denn die Symptome dieses Übels? fragte Alciphron.

Sie sind sonderbar und traurig genug, versetzte der Fremde, der Mensch vergißt sogleich seine nächsten Verhältnisse, er mißkennt seine wahrsten, seine klarsten Vorteile, er opfert alles, ja seine Neigungen und Leidenschaften einer Meinung auf, die nun zur größten Leidenschaft wird. Kommt man nicht bald zu Hülfe, so hält es gewöhnlich sehr schwer, so setzt sich die Meinung im Kopfe fest und wird gleichsam die Achse um die sich der blinde Wahnsinn herumdreht. Nun vergißt der Mensch die Geschäfte die sonst den Seinigen und dem Staate nutzen, er sieht Vater und Mutter, Brüder und Schwestern nicht mehr. Ihr, die ihr so friedfertige, vernünftige Menschen schienet, ehe ihr in dem Falle waret – – –

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Der Papimane erzählt, was in ihrer Nachbarschaft vorgegangen

So sehr uns diese Übel quälten, schienen wir sie doch eine Zeitlang über die wunderbaren und schrecklichen Naturbegebenheiten zu vergessen, die sich in unserer Nachbarschaft zutrugen. Ihr habt von der großen und merkwürdigen Insel der Monarchomanen gehört, die eine Tagreise von uns nordwärts gelegen war.

Wir haben nichts davon gehört, sagte Epistemon, und es wundert mich um so mehr, als einer unserer Ahnherrn in diesem Meere auf Entdeckungen ausging. Erzählt uns von dieser Insel, was ihr wißt, damit wir beurteilen ob es der Mühe wert ist selbst hin zu segeln und uns nach ihr und ihrer Verfassung zu erkundigen.

Es wird schwer sein sie zu finden, versetzte der Papimane.

Ist sie versunken? fragte Alciphron.

Sie hat sich auf und davon gemacht, versetzte jener.

Wie ist das zugegangen? fragten die Brüder fast mit einer Stimme.

RetrohoundDie Insel der Monarchomanen, fuhr der Erzähler fort, war eine der schönsten, merkwürdigsten und berühmtesten Inseln unsers Archipelagos; man konnte sie füglich in drei Teile teilen, auch sprach man gewöhnlich nur von der Residenz, der steilen Küste und dem Lande. Die Residenz, ein Wunder der Welt, war auf dem Vorgebirge angelegt, und alle Künste hatten sich vereinigt dieses Gebäude zu verherrlichen. Sahet ihr seine Fundamente, so waret ihr zweifelhaft ob es auf Mauern oder auf Felsen stand: so oft und viel hatten Menschenhände der Natur nachgeholfen. Sahet ihr seine Gebäude, so glaubtet ihr alle Tempel der Götter wären hier symmetrisch zusammengestellt, um alle Völker zu einer Wallfahrt hierher einzuladen. Betrachtetet ihr seine Gipfel und Zinnen, so mußtet ihr denken, die Riesen hätten hier zum zweiten Mal Anstalt gemacht den Himmel zu ersteigen; man konnte es eine Stadt, ja man konnte es ein Reich nennen. Hier thronte der König in seiner Herrlichkeit, und niemand schien ihm auf der ganzen Erde gleich zu sein.

Nicht weit von da fing die steile Küste an sich zu erstrecken; auch hier war die Kunst der Natur mit unendlichen Bemühungen zu Hülfe gekommen, auch hier hatte man Felsen gebauet um Felsen zu verbinden, die ganze Höhe war terrassenweis eingeschnitten, man hatte fruchtbar Erdreich auf Maultieren hingeschafft. Alle Pflanzen, besonders der Wein, Zitronen und Pomeranzen, fanden ein glückliches Gedeihen, denn die Küste lag der Sonne wohl ausgesetzt. Hier wohnten die Vornehmen des Reichs und bauten Paläste; der Schiffer verstummte, der sich der Küste näherte.

Der dritte Teil und der größte war meistenteils Ebene und fruchtbarer Boden, diesen bearbeitete das Landvolk mit vieler Sorgfalt.

Es war ein altes Reichsgesetz, daß der Landmann für seine Mühe einen Teil der erzeugten Früchte wie billig genießen sollte; es war ihm aber bei schwerer Strafe untersagt sich satt zu essen, und so war diese Insel die glücklichste von der Welt. Der Landmann hatte immer Appetit und Lust zur Arbeit. Die Vornehmen, deren Magen sich meist in schlechten Umständen befanden, hatten Mittel genug ihren Gaumen zu reizen, und der König tat oder glaubte wenigstens immer zu tun was er wollte.

Diese paradiesische Glückseligkeit ward auf eine Weise gestört die höchst unerwartet war, ob man sie gleich längst hätte vermuten sollen. Es war den Naturforschern bekannt, daß die Insel vor alten Zeiten durch die Gewalt des unterirdischen Feuers sich aus dem Meer emporgehoben hatte. So viel Jahre auch vorüber sein mochten, fanden sich doch noch häufige Spuren ihres alten Zustandes: Schlacken, Bimsstein, warme Quellen und dergleichen Kennzeichen mehr; auch mußte die Insel von innerlichen Erschütterungen oft vieles leiden. Man sah hier und dort an der Erde bei Tage Dünste schweben, bei Nacht Feuer hüpfen, und der lebhafte Charakter der Einwohner ließ auf die feurigen Eigenschaften des Bodens ganz natürlich schließen.

RetrohoundEs sind nun einige Jahre, daß nach wiederholten Erdbeben an der Mittagsseite des Landes, zwischen der Ebene und der steilen Küste, ein gewaltsamer Vulkan ausbrach, der viele Monate die Nachbarschaft verwüstete, die Insel im Innersten erschütterte und sie ganz mit Asche bedeckte.

Wir konnten von unserm Ufer bei Tag den Rauch, bei Nacht die Flamme gewahr werden. Es war entsetzlich anzusehen, wenn in der Finsternis ein brennender Himmel über ihrem Horizont schwebte; das Meer war in ungewöhnlicher Bewegung und die Stürme sausten mit fürchterlicher Wut.

Ihr könnt euch die Größe unsers Erstaunens denken, als wir eines Morgens, nachdem wir in der Nacht ein entsetzliches Gepraß gehört und Himmel und Meer gleichsam in Feuer gesehen, ein großes Stück Land auf unsere Insel zuschwimmend erblickten. Es war, wie wir uns bald überzeugen konnten, die steile Küste selbst die auf uns zukam. Wir konnten bald ihre Paläste, Mauern und Gärten erkennen, und wir fürchteten daß sie an unsere Küste, die an jener Seite sehr sandig und untief ist, stranden und zu Grunde gehen möchten. Glücklicherweise erhub sich ein Wind und trieb sie etwas mehr nordwärts. Dort läßt sie sich, wie ein Schiffer erzählt, bald da bald dorten sehen, hat aber noch keinen festen Stand gewinnen können.

Wir erfuhren bald, daß in jener schrecklichen Nacht die Insel der Monarchomanen sich in drei Teile gespalten, daß sich diese Teile gewaltsam einander abgestoßen, und daß die beiden andern Teile, die Residenz und das Land, nun gleichfalls auf dem offenen Meere herumschwämmen, und von allen Stürmen wie ein Schiff ohne Steuer hin- und widergetrieben würden. Von dem Lande, wie man es nennt, haben wir nie etwas wieder gesehen; die Residenz aber konnten wir noch vor einigen Tagen im Nordosten sehr deutlich am Horizont erkennen.

RetrohoundEs läßt sich denken daß unsere Reisenden durch diese Erzählung sehr ins Feuer gesetzt wurden. Ein wichtiges Land, das ihr Ahnherr unentdeckt gelassen, ob er gleich so nahe vorbeigekommen, in dem sonderbarsten Zustande von der Welt stückweise aufzusuchen, war ein wichtiges Unternehmen, das ihnen von mehr als einer Seite Nutzen und Ehre versprach. Man zeigte ihnen von weitem die Residenz am Horizont als eine große blaue Masse, und zu ihrer größten Freude ließ sich westwärts in der Entfernung ein hohes Ufer sehen, welches die Papimanen sogleich für die steile Küste erkannten, die mit günstigem Wind, obgleich langsam, gegen die Residenz zu ihre Richtung zu nehmen schien. Man faßte daher den Schluß gleichfalls dahin zu steuern, zu sehen ob man nicht die schöne Küste unterwegs abschneiden und in ihrer Gesellschaft, oder wohl gar in einem der schönen Paläste, den Weg nach der Residenz vollenden könne. Man nahm von den Papimanen Abschied, hinterließ ihnen einige Rosenkränze, Skapuliere und Agnus Dei, die von ihnen, ob sie gleich deren genug hatten, mit großer Ehrfurcht und Dankbarkeit angenommen wurden. –

~~~\~~~~~~~/~~~

Kaum befanden sich unsere Brüder in dem leidlichen Zustande in welchem wir sie gesehen haben, als sie bald empfanden, daß ihnen gerade noch das Beste fehlte um ihren Tag fröhlich hinzubringen und zu enden. Alkides erriet ihre Gesinnungen aus den seinigen und sagte: So wohl es uns auch geht, meine Brüder, besser als Reisende sich nur wünschen dürfen, so können wir doch nicht undankbar gegen das Schicksal und unsern Wirt genannt werden, wenn wir frei gestehen, daß wir in diesem königlichen Schlosse, an dieser üppigen Tafel, einen Mangel fühlen, der desto unleidlicher ist, je mehr uns die übrigen Umstände begünstigt haben. Auf Reisen, im Lager, bei Geschäften und Handelschaften und was sonst den unternehmenden Geist der Männer zu beschäftigen pflegt, vergessen wir eine Zeitlang der liebenswürdigen Gespielinnen unsres Lebens, und wir scheinen die unentbehrliche Gegenwart der Schönen einen Augenblick nicht zu vermissen. Haben wir aber nur wieder Grund und Boden erreicht, bedeckt uns ein Dach, schließt uns ein Saal in seine vier Wände, gleich entdecken wir was uns fehlt: ein freundliches Auge der Gebieterin, eine Hand die sich traulich mit der unsern zusammenschließt.

RetrohoundIch habe, sagte Panurg, den alten Wirt über diesen Punkt erst auf die feinste Weise sondiert, und da er nicht hören wollte, auf die gradeste Weise befragt, und ich habe nichts von ihm erfahren können. Er leugnet daß ein weibliches Geschöpf in dem Palaste sei. Die Geliebte des Königs sei mit ihm, ihre Frauen seien ihr gefolgt und die übrigen ermordet oder entflohen.

Er redet nicht wahr, versetzte Epistemon, die traurigen Reste, die uns den Eingang der Burg verwehrten, waren die Leichname tapfrer Männer, und er sagte ja selbst, daß noch niemand weggeschafft oder begraben sei.

Weit entfernt, sagte Panurg, seinen Worten zu trauen, habe ich das Schloß und seine vielen Flügel betrachtet und im Zusammenhange überlegt. Gegen die rechte Seite, wo die hohen Felsen senkrecht aus dem Meere hervorstehen, liegt ein Gebäude, das mir so prächtig als fest zu sein scheint, es hängt mit der Residenz durch einen Gang zusammen, der auf ungeheuern Bogen steht. Der Alte, der uns alles zu zeigen schien, hat uns immer von dieser Seite weggehalten, und ich wette, dort findet sich die Schatzkammer, an deren Eröffnung uns viel gelegen wäre.

Die Brüder wurden einig daß man den Weg dahin suchen solle. Um kein Aufsehen zu erregen ward Panurg und Alciphron abgesandt, die in weniger als einer Stunde mit glücklichen Nachrichten zurückkamen. Sie hatten nach jener Seite zu geheime Tapetentüren entdeckt, die ohne Schlüssel durch künstlich angewandten Druck sich eröffneten. Sie waren in einige große Vorzimmer gekommen, hatten aber Bedenken getragen weiter zu gehen, und kamen nun den Brüdern, was sie ausgerichtet, anzuzeigen.

Sollte ich’s vergessen haben zu erwähnen? — : Wanderers Nachtlied war dafür wirklich gut.

16 (eigentlich 18) Pin-up-Sailoretten via Retrohound, 1950er bis 1970er Jahre.

Soundtrack: Rose Polenzani with Session Americana: When the River Meets the Sea,
aus: When the River Meets the Sea, 2008:

Written by Wolf

28. August 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Werkstattbericht: Da kann jeder gedenken, in was Schrecken und Forcht ich gesteckt

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Update zu Frames in Zitaten (in Frames),
Unser lieber Vatter,
Bocksgestöhn und freche Lieder,
Bitchy Lessing und
Wenn er vom Blocksberg kehrt:

Wo wir gerade so schön auf unserem Barocktrip sind (und dem Professor Zumbach bei seinem Rentnerhobby der Lykanthropie zuhören dürfen), wollte ich nur mal kurz am lebenden Beispiel damit herumgeprotzt haben, was die Textverarbeitung für diese heil’gen Hallen überhaupt für ein Aufwand ist:

Selbst wenn der Text schon von professoraler Seite vorgegeben und sogar mit den nötigen und richtigen Illustrationen illuminiert ist, kann man das nicht einfach so Strg+C abkopieren, sondern schmeißt sich erst mal den Text in ein Editor-Dokumentchen und zerrt die Illus — dankenswerter Weise überschaubare zweie an der Zahl — auf den Desktop.

Gephotoshoppt ist schnell; beim Raufdrehen des Kontrasts hat’s schon länger gedauert, bis dieses Raumschiff von Photoshop mit hundertelfzig sinnlosen „Filtern“ seinen breiten Arsch in die Höhe gefahren hat. Leider ergibt eine Stichprobe aus dem vorgefundenen Text, dass die Rechtschreibung, wozu auch immer, modernisiert wurde, was auch immer die Leute gegen Schreibweisen mit ey haben — und vor allem gegen das wendige Satzzeichen der Virgel. Das unsägliche Gutenberg-Projekt braucht man eigentlich nie zu fragen, das gewöhnlich recht zuverlässige zeno.org bringt’s populär postmodern, eins der Google-Books bringt immerhin eine zitierfähig wirkende Gesamtausgabe bei Max Niemeyer, wo die Doktoranden ihre für jedes Publikum verlorenen Orchideen auswildern, für meinen praktisch besucherfreien Weblog entschließe ich mich endlich nach dem Scan der Wolfenbütteler Digitalen Bibliothek zu korrigieren. Das ist cool, für diesen Stand des Neuhochdeutschen allemal leserlich genug und mit einiger Sicherheit nicht von einem präapokalyptischen Lektor verunreinigt, der sich am Mittag nicht mehr erinnert, was er sich in der Frühe in den Kaffee geschüttet hat. Kursive und fette Stellen mit dem eingebauten Fadenzähler im Auge aus dem Original aufspüren und mittels anno 1999 erlerntem Bauern-HTML händisch einfügen, denn wir erinnern uns: Wir erstellen Editörchen, keine Wördchen.

Die Bilder auf WordPress laden: Das hab ich viel zu lange so gehalten, dass Hotlinken über die Image-URL von sonstwoher reichen musste. Irgendjemand hat mir gesteckt, dass dergleichen einen Diebstahl an Bandbreite darstellt, was immer das ist, und selber hab ich gemerkt, dass die Websites ihre Bilder umsortieren und umbenennen, wie sie lustig sind, und zwar viel zu schnell, die Buchverlage auch schon gern mehrmals im Jahr. Nicht viel besser ist, eigenen Gratis-Online-Speicherplatz zu „nutzen“, weil die sich rausreden, dass sie gratis sind, und meine Bilder umsortieren und umbenennen, wie sie lustig sind. Also wirklich auf WordPress laden, wo auch der dazugehörige Text liegt, und die Bilder verrotten erst mit dem Rest, und dann wird es egal sein.

Im übrigen betreibe ich seit ungefähr 2002, oder wann immer diese alle Chronologie auf den Kopf stülpende Software erfunden wurde, die letzten Weblogs mit handgeschriebenem HTML der Welt. Bis 2006, als ich Moby-Dick™ aufgemacht hab, bestand noch Hoffnung, dass es irgendwann wieder so cool wird wie die Basteleien auf Etsy, danach war mein häufigsten geschriebenes Wort — target=“_blank“ — eine unverzichtbare Zäsur zum Nachdenken. Für rel=“noopener“ war ich von Anfang an zu faul, und kursiv heißt bei mir immer noch <i>, nicht <em>, und fett <b> und nicht <strong>, falls sich jemand erinnert.

Einen Soundtrack aussuchen: einen thematisch relevanten oder einen schönen? Am besten beides, aber steck da mal drin. Klassik und hochstehende official videos verschwinden auf YouTube sehr viel schneller als unseriöser Raffelkram, dabei bin ich jede Woche wieder dankbar, dass diese missratene Wörterpresse irgendwann den Embedding-Code für Videos ins Idiotensichere vereinfacht hat.

Den Soundtrack mit Quelle, Jahr, Album und Opuszahl nachweisen und verlinken, die Bilder beim Photographen anfragen und drei Wochen warten, bis er antwortet: „Yea why feel free lol“, was er glücklicherweise meistens bleiben lässt, aber man kann rezente Bilder ja nicht einfach nicht anfragen. Am besten sind Gekritzel von über siebzig Jahre lang Toten und leicht geschürzte Weiber aus Tumblr: Was sich dort zwei-, dreimal weiterverbloggt hat, ist so gründlich von jedem nachweisbaren Copyright abgeschnitten, dass nicht mal Tineye weiterhilft. Zum Beispiel bei den zwei Bildern, die ich beim Professor Zumbach aufgegabelt hab, bestand die auffindbare Information im Dateinamen. Schade und künstlerschädigend, aber für mich arbeitssparend; fürs Gegenteil könnte ich genauso wenig. — Müssen Links auf die Bilder? Ja, aber auf entweder alle oder auf keins, nicht durcheinander. Wenn ja: title-Tags gegenüber dem Vorkommen im Textfluss abändern. Und zwar so verteilt, dass die Bilder nicht dem Link widersprechen; skurrile Überraschungseffekte muss man nicht anstreben, die entstehen von selber im Übermaß. Die Bildersuche samt Nachweis-Odyssee nimmt übrigens, if someone was wondering, die meiste Zeit von jedem Artikel ein.

Vorveröffentlichen: Jeden Freitag um 00.01 Uhr, ob’s stürmt oder schneit, hat ein Artikel zu erscheinen. Meistens warten sechse bis achte in der Pipeline, ab fünf abwärts werde ich nervös. Das Layout anpassen: Die Zeilenbreite hab nicht ich bestimmt, darum ordentliche harte Umbrüche ohne Hurenkinder und Schusterjungen, ich „komme“ ja von der Lyrik her. Darum sitzen meine Hochformate auch grundsätzlich rechtsbündig: weil ich keine übriggebliebenen Einzelzeilen am Bürzel meiner Illustrationen herumschüchtern brauchen kann. Die Wölfin, das heißt: meine Frau, die von der Graphik, unter anderem der Typographie her „kommt“, weigert sich mitzulesen, weil sie ihrem Berufsethos entsprechend die Illustrationen linksbündig sehen will. Da sieht man wieder, wovon Kultur abhängt. Und in der geschedulten Vorschau fallen einem erst die Tippfehler auf, also pro Fehlerchen den kompletten Text (Obacht, ohne Überschrift) drüberkopieren und bis es endlich gnädig erscheinen darf, um die zehnmal aktualisieren.

Insgesamt sitze ich an jedem Artikel irgendwas um drei bis zwölf Stunden; die 24-stündigen sind die lustigsten. Beim gegenwärtigen waren es, wo ich vage mitstoppe, fünf Stunden eines Wochentages im Zustand der Kurzarbeit, und da musste ich praktisch nix und wieder nix machen (okay, außer eine andere als die professorale Version rausgoogeln und einrichten und an den Bildern den Kontrast aufblasen und den Soundtrack dings und alles… und zwischendurch Lebensmittel einkaufen, was ich rausgerechnet hab). Am schnellsten geht’s, wenn ich Nachtstück oder sowas drüberschreiben kann, andere angefangene Editor-Dateien hab ich seit mehreren Jahren auf dem Desktop liegen, und alte Screenshots sagen mir: Es werden mit der Zeit mehr. Alles für die Kunst.

Es folgt ein Bravourstück der Schauerliteratur von etwa 150 Jahre avant la lettre. Und zwar in einer begründbar richtigen Orthographie, jawoll:

——— Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen:

Simplex sieht Hexen zum Tanz hinwegfahren,
Kommt auch zu ihren verteufelten Scharen.

Erster Teil. Zweites Buch. Das XVII. Capitel,
aus: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch / Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und männiglich nutzlich zu lesen, 1668:

Witches' Sabbat, Gaetano Previati, 1852Einsmal zu End deß May / als ich abermal durch mein gewöhnlich / ob zwar verbottenes Mittel / meine Nahrung holen wolte / und zu dem Ende zu einem Baurn-Hof gestrichen war / kam ich in die Küchen / merckte aber bald / daß noch Leut auff waren ( Nota, wo sich Hund befanden / da kam ich wol nicht hin) derowegen sperrete ich die eine Küchenthür / die in Hof gieng / Angelweit auff / damit wann es etwan Gefahr setzte / ich stracks außreissen könte blieb also Maußstill sitzen / biß ich erwarten möchte / daß sich die Leut nidergelegt hätten: Unterdessen nam ich eines Spalts gewahr / den das Küchenschälterlein hatte / welches in die Stuben gieng; ich schlich hinzu / zu sehen / ob die Leut nicht bald schlaffen gehen wolten? aber meine Hoffnung war nichts / dann sie hatten sich erst angezogen / und an deß Liechts / ein schweflichte blaue Flamm auff der Banck stehen / bey welcher sie Stecken / Besem / Gablen / Stül und Bänck schmierten / und nacheinander damit zum Fenster hinauß flogen. Jch verwundert mich schröcklich / und empfand ein grosses Grausen; weil ich aber grösserer Erschröcklichkeiten gewohnt war / zumal mein Lebtag von den Unholden weder gelesen noch gehört hatte / achtet ichs nicht sonderlich / vornemlich weil alles so still hergieng / sondern verfügte mich / nachdem alles darvon gefahren war / auch in die Stub / bedachte was ich mit nemmen / und wo ich solches suchen wolte / und setzte mich in solchen Gedancken auff einen Banck schrittlings nider; Jch war aber kaum auffgesessen / da fuhr ich sampt der Banck gleichsam augenblicklich zum Fenster hinauß / und ließ mein Rantzen und Feur-rohr / so ich von mir gelegt hatte / vor den Schmirberlohn und so künstliche Salbe dahinden. Das Auffsitzen / davon fahren und absteigen / geschahe gleichsam in einem Nu! dann ich kam / wie mich bedünckte / augenblicklich zu einer grossen Schaar Volcks / es sey dann / daß ich auß Schrecken nicht geacht hab / wie lang ich auff dieser weiten Räis zugebracht / diese tantzten einen wunderlichen Tantz / dergleichen ich mein Lebtag nie gesehen / dann sie hatten sich bey den Händen gefast / und viel Ring ineinander gemacht / mit zusamm gekehrten Rucken / wie man die drey Gratien abmahlet / also daß sie die Angesichter heraußwarts kehrten; der inner Ring bestund etwan in 7. oder 8. Personen / der ander hatte wol noch so viel / der dritte mehr als diese beyde / und so fortan / also daß sich in dem äussern Ring über 200. Personen befanden; und weil ein Ring oder Craiß umb den andern lincks / und die andere rechts herumb tantzte / konte ich nicht sehen / wie viel sie solcher Ring gemacht / noch was sie in der Mitten / darumb sie tantzten / stehen hatten. Es sahe eben greulich seltzam auß / weil die Köpff so possierlich durcheinander haspelten. Und gleich wie der Tantz seltzam war / also war auch ihre Music, auch sange / wie ich vermeynte / ein jeder am Tantz selber drein / welches ein wunderliche Harmoniam abgab / meine Banck die mich hin trug / ließ sich bey den Spielleuten nieder / die ausserhalb der Ringe umb den Tantz herumb stunden / deren etliche hatten an der Flöten / Zwerchpfeiffen und Schalmeyen / nichts anders als Natern / Vipern und Blindschleichen / darauff sie lustig daher pfiffen: Etliche hatten Katzen / denen sie in Hindern bliesen / und auff dem Schwantz fingerten / das lautet den Sack-pfeiffen gleich: Andere geigeten auff Roßköpffen / wie auff dem besten Discant, und aber andere schlugen die Harpffe auff einem Kühgeribbe / wie solche auff dem Wasen ligen / so war auch einer vorhanden / der hatte eine Hündin underm Arm / deren leyert er am Schwantz / und fingert ihr an den Dutten / darunter trompeteten die Teuffel durch die Nase / daß es im gantzen Wald erschallete / und wie dieser Tantz bald auß war / fieng die gantze höllische Gesellschafft an zu rasen / zu ruffen / zu rauschen / zu brausen / zu heulen / zu wüten und zu toben / als ob sie alle toll und thöricht gewest wären. Da kan jeder gedencken / in was Schrecken und Furcht ich gesteckt.

Witches' Sabbat, Martin van Male, 1911Jn diesem Lermen kam ein Kerl auff mich dar / der hatte ein ungeheure Krott unterm Arm / gern so groß als eine Heerpaucke / deren waren die Därm auß dem Hindern gezogen / und wieder zum Maul hinein geschoppt / welches so garstig außsahe / daß mich darob kotzerte; Sehin Simplici, sagte er / ich weiß / daß du ein guter Lautenist bist / laß uns doch ein fein Stückgen hören: Jch erschrack daß ich schier umbfiel / weil mich der Kerl mit Nahmen nennete / und in solchem Schrecken verstummte ich gar / und bildete mir ein / ich lege in einem so schweren Traum / bat derowegen innerlich im Hertzen / daß ich doch erwachen möchte / der mit der Krott aber / den ich steiff ansahe / zog seine Nasen auß und ein / wie ein Calecutscher Han / und stieß mich endlich auff die Brust / daß ich bald darvon erstickte; derowegen fienge ich an überlaut zu Gott zu ruffen / da verschwand das gantze Heer. Jn einem Huy wurde es stockfinster / und mir so förchterlich umbs Hertz / daß ich zu Boden fiele / und wol 100. Creutz vor mich machte.

Hexensabbat: Gaetano Previati, 1852; Martin van Male, 1911,
via Frank T. Zumbach: Meshes of Hell: Gaetano Previati/ Martin van Male, Witches‘ Sabbath / Grimmelshausen: Aus dem ‚Simplicissimus‘.

Soundtrack: Nicht weil es irgendwie auf eine zur Unzeit veröffentlichte walpurgisnächtliche Hexensabbaterie passen würde, sondern weil es während des Tippens auf Spotify aus meinem „Mix der Woche“ angenehm herausstach: Steve Earle, Del McCoury Band & Emmylou Harris: Pilgrim, aus: The Mountain, 1999:

Written by Wolf

21. August 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Hölle

Seht, wie, was lebt, zum Ende leufft (gegen-hüpfendes Lied)

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Update zu Wir rechnen jahr auff jahre / in dessen wirdt die bahre vns für die thüre bracht
Drum dein Stimmlein lass erschallen
Das Angedenken der Zuckerlust
und Lästu dich zum Freien bitten?:

Deß Bücherschreibens ist so viel/ man schreibet sie mit hauffen;
Niemand wird Bücher schreiben mehr/ so niemand sie wird kauffen.

Friedrich von Logau: Bücher=menge,
aus: Deutscher Sinn-Getichte Drey Tausend, Deß Dritten Tausend Sechstes Hundert, 1654.

1979 hat Das Treffen in Telgte kaum jemanden interessiert. Was Bestseller angeht, hatte Günter Grass vorher (1977) Der Butt und nachher (1980) Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus, beide zu ihrer Zeit 1. Plätze auf der Spiegel-Bestsellerliste. Fun Fact: Die 1999 nobelpreiswürdige Die Blechtrommel von 1959 stand da nie drauf.

Von diesem Desinteresse kann ich mich nicht ausnehmen, dabei hab ich Grass von Anfang an — was für meine Generation üblicherweise heißt: seit der Blechtrommel-Verfilmung 1979 — gemocht. Das Treffen in Telgte lag irgendwie unter dem Radar der Öffentlichkeit, jedenfalls unter dem eines Elfjährigen, der in den Buchabteilungen von Hertie und Karstadt — damals noch gut zugänglich, weil viel aufgesucht, im Erdgeschoss — im Stehen, dafür kostenneutral die Comics auslesen will.

Günter Grass, Das Treffen in Telgte, Sammlung Luchterhand, 1985, annmeu auf Ebay, 2020Dort hing auch jede Woche aktuell die Spiegel-Bestsellerliste aus, durchaus mit Grass — dazu Heinrich Böll (Fürsorgliche Belageriung) und Martin Walser (Seelenarbeit) gleichzeitig — für 24 D-Mark bei Luchterhand, und die ganze Zeit hindurch abgeschlagen hinter dem Dauerbrenner Der Herr der Ringe für seine unerschwinglichen 39,80 und neben Ilse Gräfin von Bredow: Kartoffeln mit Stippe, Ephraim Kishon: Paradies neu zu vermieten, Johannes Mario Simmel: Zweiundzwanzig Zentimeter Zärtlichkeit und in der Sparte Sachbuch Christiane F.: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Da ging der unspektakuläre Nachname mit etwas in der Überschrift, das wohl eine Stadt in Deutschland bezeichnen sollte, aber zur unter drohendem Zungenbruch auszusprechen war, allzuleicht unter.

Es erforderte die Reife des Gymnasiasten, der auf dem Schulhof degoutante Details aus dem Blechtrommel-Film berichten konnte, also erkennbar bis nach 23 Uhr aufgeblieben war, und es erforderte die Ausgabe Das Treffen in Telgte. Eine Erzählung und dreiundvierzig Gedichte aus dem Barock, also im Originalverlag Jahre später um belletristisches Sondermaterial erweitert, um das Nebenwerk des nachmaligen Nobelpreisträgers — den man selbstverständlich schon immer in immer erkannt hatte — zu würdigen.

Die Handlung des Romänchens von 137 Seiten ist klar: Die überlebende Schreiber-Elite des Dreißigjährigen Krieges trifft sich kurz vor dem absehbaren Westfälischen Frieden im Wirtshaus der (kinderlosen) Mutter Courage in — eben — Telgte, zusammengetrommelt von Simon Dach und ungeladen unterstützt von Christoffel „Gelnhausen“ von Grimmelshausen, um eine Art zünftiger Gemeinschaft zu bilden und ein Manifest zu errichten. Weitere Figuren sind der später an- und früher abreisende kursächsische Hofkapellmeister Heinrich Schütz, der Dach adjuvierende Musiker Heinrich Albert(i), die drei Mägde Elsabe (füllig), Marie (zierlich) und Marthe (lang, grobknochig), fünf nur teilweise namentlich genannte Buchdrucker, das heißt: Verleger, vier Hofköter, zwei Maultiere und der teilnehmende, aber obskur bleibende Ich-Erzähler. Der Gasthof brennt ab,

Doch gelohnt habe sich der Aufwand am Ende wohl doch. Fortan könne sich jeder weniger vereinzelt begreifen.

Gängige Interpretationen, vor allem die weniger engagierten, die dem Wikipedia-Artikel folgen, nennen Das Treffen in Telgte einen Schlüsselroman über die Gruppe 47, gestützt durch Grass‘ Widmung an deren Gründer Hans Werner Richter, der sich in der Anführerfigur des Simon Dach wiedererkannt haben soll. Dagegen sprechen die Gruppenbildung von 19-, nicht 1647 erst nach einem Kriegsende und vor allem Fritz J. Raddatz in der Zeit vom 30. März 1979 und ausschnittsweise im Klappentext:

Die sind es – und sie sind es nicht: Böll und Enzensberger, Johnson und Walser. Einer ist es bestimmt: Simon Dach alias Hans Werner Richter.

Man trifft sich 1647, dreihundert Jahre vor Gründung der Gruppe 47; weil Günter Grass es so will. Seine Erzählung ist kein Kostümstück, sondern historische Fiktion, ist kein Schlüsselroman, aber eine Phantasmagorie möglicher historischer Parallelen. Ein Märchen von versäumten Möglichkeiten – literarischen und nationalen. Ja: nationalen.

Kurz: Die einen sagen so, die andern so. Nur dass ich persönlich dem wohlwollenden Raddatz immer mehr geglaubt hab als einem ramenternden Ranickel. Begründen lässt sich Schlüsselroman, verschlüsselnde oder verschlüsselte Erzählung, alles auf einmal oder nichts davon, aber es ist ein großer Spaß, ein unterschätzter allemal.

In dieser Zeit muss ich mir auch irgendwo angelesen haben, Günter Grass erzähle: „mit vollen Händen“. Mir entfällt, wer das wann wo gesagt haben soll, aber ich hab selten eine so kurze, treffende Literaturkritik für ein ganzes Œuvre gefunden. Und mir gemerkt. Es folgt das lebensfroheste Untergangsstück der Nachkriegsliteratur. Und damit, liebe Kinder, ist bis auf weiteres der Zweite Weltkrieg gemeint.

——— Günter Grass:

16

aus: Das Treffen in Telgte, 1979, Sammlung Luchterhand 1985, Seite 97 f.:

„O Nichts, o Wahn, o Traum, worauf wir Menschen bauen…“ Alles schlug in Jammer um. Die Spiegel malte das Grausen trüb. Den Wörtern war der Sinn verkehrt. Die Hoffnung darbte am verschütteten Brunnen. Auf Wüstensand gebaut, hielt kein Gemäuer. Einzig verlacht hatte die Welt noch Bestand. Ihr falscher Glanz. Des grünen Astes verheißene Dürre. Das weißgetünchte Grab. Die schöngeschminkte Leich. Der Ball des falschen Glücks… „Was ist des Menschen Leben, Der immer um muß schweben, Als eine Phantasie der Zeit!“

Solange der Krieg dauerte, doch seit den ersten, den Lissaer Sonetten des jungen Gryphius noch heilloser, war ihnen alles wie ohne Heil. So viele Lüste ihren Satzbau schwellten, so zierlich sie die Natur zu einer Schäferei, reich an Grotten und Irrgärten, frisierten, so leicht ihnen Klingwörter und Klangbilder von der Hand gingen und mehr Sinn aufhoben als gaben, es geriet ihnen die Erde in letzter Strophe immer zum Jammertal. Den Tod als Erlösung zu feiern, gelang selbst den minderen Poeten ohne Mühe. Geil nach Ehre und Ruhm sah man sie wetteifern, die Vergeblichkeit menschlichen Tuns in prächtigen Bildern zu fassen. Besonders die Jungen waren mit dem Leben in Zeilen schnell fertig. Doch auch den Älteren war der Abschied vom Irdischen und seinem Blendwerk dergestalt geläufig, daß man das Jammertalige und den Erlösungsjubel ihrer fleißig (gegen mäßigen Lohn) geschriebenen Auftragsgedichte als zeitmodisch empfinden konnte, weshalb Logau, der sich gern kühl auf Seiten der Vernunft hielt, seinen Spaß an der gereimten Todessehnsucht seiner Kollegen hatte. Mit ihm waren etliche gemäßigte Nachredner der These „Alles ist eitel“ gelegentlich bereit, einander hinter das düstere Deckblatt in die heiter bebilderten Spielkarten zu gucken.

Deshalb hielten Logau, Weckherlin und die weltgewandten Harsdörffer und Hoffmannswaldau den gegenwärtigen Glauben, es werde ohnehin demnächst der Weltuntergang kommen und einem Gutteil der ihn herbeiunkenden Poesie den Beweis nachliefern, für nichts als Aberglauben. Doch die anderen – mit ihnen die Satiriker und sogar der lebenskluge Dach – sahen den Jüngsten Tag zwar nicht allzeit, aber doch immer dann in greifbarer Nähe, wenn sich die Gegenwart was sie oft tat – politisch verdunkelte oder sobald sich die alltäglichen Schwierigkeiten zum Knoten verdickten: zum Beispiel, als nach dem Geständnis Gelnhausens das Festmahl der Poeten nur noch als Fresserei verdammt werden konnte und der Poeten Heiterkeit in Jammer verkehrt wurde.

Einzig von Gryphius, dem Meister der Düsternis, ging Frohsinn aus. Ihm war solche Stimmung üblich. Gelassen hielt er im Chaos stand. Sein Begriff menschlicher Ordnung fußte auf Trug und Vergeblichkeit.

Also lachte er: Was das Gezeter solle? Ob ihnen jemals ein Fest widerfahren wäre, das sich nicht selbsttätig in Graus ersäuft hätte?

Doch die versammelten Poeten konnten vorerst nicht aufhören, in den Höllenschlund zu starren. Das war des frommen Gerhardt Stunde. Rist nicht minder fleißig. Aus Zesen frohlockte in Hörbildern Satan. Jammervoll ging dem jungen Birken der Schmollmund über. Mehr in sich gekehrt sah man Scheffler und Czepko Heil im Gebet suchen. Der sonst immer Pläne schmiedende Mülben voran, alle Verleger sahen ihres Gewerbes Ende nahen. Und Albert erinnerte Verse seines Freundes Dach:

„Seht, wie, was lebt, zum Ende leufft,
Wisst, daß des Todes Rüssel
Mit vns aus einem Glase säufft
Vnd frisst aus einer Schüssel.“

Günter Grass, Das Treffen in Telgte, Radierung 1979

Diesem Geiste mögen einige der angehängten 43 „Gedichte aus dem Barock“ entsprechen, die nicht — wie versprochen wird — von „allen“ Teilnehmern des Treffens bei „Mutter“ Courage zu Telgte stammen, sondern von einigen davon und zusätzlich einigen in absentia präsenten, aber alle wie der postbarocke Grass: „mit vollen Händen“. Zwei, drei Lieblinge hab ich darunter gefunden: einen vom allgemein liebenswerten Philipp von Zesen, die anderen kriegen wir später.

——— Filip von Zesen:

An seine lieb- und hold-sälige Adelmund

Gegen-hüpfendes Lied.

Erstdruck: Johann Naumann, Hamburg 1651, laut Grass 1649:

1.

Wie ist es / hat Liebe mein Leben besessen?
     wie? oder befündt sie sich leiblich in mier /
o liebliches Leben? Wem sol ichs zu-messen /
     daß meine gebeine so zittern für Ihr?
Ich gehe verirret / verwirret / und trübe /
und stehe vertieffet in lieblicher liebe.

2.

die ächzenden lüfte / die seufzenden winde /
     die lächzende zunge / der augen gewirr‘ /
das böben der glieder / macht / daß ich verschwinde /
     daß ich mich in meinen gedanken verirr‘?
Ach! Schöne / Sie schone der schwächlichen seelen /
wan sie das gebrächliche herzte will kwelen.

3.

Ihr übliches lieblen / o liebliches Leben /
     der lieblenden äugelein fröhlicher blitz /
macht / daß ich verzükket herrümher mus schweben /
     ja /daß ich verlüre gedanken und witz.
das liebliche singen der zitternden zungen
hat mir das hertze durch-drungen / bezwungen.

4.

Sie lieb ich / Sie lob‘ ich / Ihr leb‘ ich zu liebe /
     Sie ehr‘ ich / sie höhr‘ ich / Ihr kehr‘ ich mich zu:
Sie machet es / daß ich im lieben mich übe /
     daß ich verschertze die hertzliche ruh.
Sie schreib‘ ich / mich treib‘ ich / Ihr bleib ich ergeben /
Sie denk‘ ich / mich kränk‘ ich / Ihr schenk‘ ich mein leben.

Andrea Van Orsouw, memento mori, 29. August 2010

Buchgraphik: Cover der Luchterhand-Ausgabe, via annmeu auf PicClick, 2020;
Günter Grass: Radierung über den Satz vom bleibenden Vers, 1979,
via Nando-Dragan Nuruddin Augener:

Kein Fürst könne ihnen gleich. Ihr Vermögen sei nicht zu erkaufen. Und wenn man sie steinigen, mit Haß verschütten wollte, würde noch aus dem Geröll die Hand mit der Feder ragen. Einzig bei ihnen sei, was deutsch zu nennen sich lohne, ewiglich aufgehoben: „Denn wilt vns, liebwerthe Freunde, noch so kurtz vergönnet die Zeit seyn, hie auf Erden zu bleiben, wird sich doch jeder Reim, wofern ihm vnser Geist nach dem Leben gesetzet, der Dauer vermengen…“

Meisterin der Düsternis: Andrea Van Orsouw: memento mori, 29. August 2010:

remember you will die

total lack of emo pictures in my status lately. TIME TO GET DEPRESSING PEOPLE.

I’ve noticed something really weird though…when there’s a majority of happy, sunshine-y pictures in my stream, I’m going through a hard time in life and I’m actually not happy at all. When I have a majority of darker pictures like this, it means I’m happy. WEIRD, HUH?

today was suuuuuuuch a good photography day. oh my gosh. I found this location today and i basically went crazy. It was like an abandoned fort built during world war 2 that’s pretty much falling to pieces and rotting away. SO COOL. Its like one of those places you just KNOW is haunted.

I was like a little kid finding plastic eggs on easter o_O

Soundtrack vom kursächischen Hofkapellmeister, SWV 53, 1625:

Noch erstaunter — und Schütz ein wenig erschrocken — waren alle im Hof, als Gelnhausen plötzlich und nachdem er sich schon dienstfertig zwischen das Gepäck des späten Gastes gestellt hatte, mit angenehmem Tenor aus den „Cantiones sacrae„, einem eher überkonfessionellen, deshalb bis in katholische Gegend verbreiteten Werk den Anfang der ersten Motette zu singen begann: „O bone, o dulcis, o benigne Jesu…“

A. a. O., Seite 46.

Bonus Track: Johnny Flynn and Laura Marling: The Water, aus: Been Listening, 2010:

Written by Wolf

14. August 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

Der Sommer ohne Freischütz

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Update zu Grabesdunstwitterlich,
Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren (was niemand hören wollte),
The admirable symmetry of her person
und I wish you were dead, my dear:

I had a dream, which was not all a dream.
The bright sun was extinguish’d, and the stars
Did wander darkling in the eternal space,
Rayless, and pathless, and the icy earth
Swung blind and blackening in the moonless air;
Morn came and went—and came, and brought no day.

Lord Byron: Darkness, 1816.

Auf diese Weise kommt man doch endlich noch zu einem Book on Demand — weil mir nur zwei Plattformpublikationen aus der ganzen Publikationsplattform auffallen, die Sinn ergeben.

Gespensterbuch Titelseite 1810Nun will ich aus dem Internet keinen bestimmten Matthias Wagner fischen müssen, um ihn zu verlinken. Einer aber dieses Namens hat nicht weniger geschafft als eine schmerzlich klaffende Lücke im Buchhandel zu schließen, für die eigentlich der Insel-Verlag zuständig gewesen wäre. Dafür kann man ihn gar nicht genug loben und preisen, ihm danken und seine zwei Books on Demand abkaufen — die werden, wie der Name sagt, erst auf Anfrage gedruckt und tauchen deshalb nie antiquarisch oder — was im Falle gleichbleibender 22,90 bzw. 18,90 Euro wenig schreckt — verbilligt auf. Bei ebenjenen Books on Demand hat Matthias Wagner sich herbeigelassen, das Gespensterbuch und das Wunderbuch von Apel und Laun, eine insgesamt siebenbändige Reihe zwischen 1810 (sic!) und 1818, erstmals vollständig in zwei benutzbaren Bänden herauszugeben. Bei Insel gibt es eine tröstliche Auswahl und bei de Gruyter ein unverständlich teures Faksimile, aber es musste erst ein Herr Wagner kommen, alles selber machen, auf ein von zitierfähiger Seite anerkanntes Lektorat verzichten und in postmoderner Eigenausbeutung auf eigene Kosten self-publishen. Das mit dem Lektorat schmerzt mich berufsbedingt persönlich, aber wir reden über das Einrichten eines nicht vollends veschütteten Textkorpus, das es historisch einzuordnen galt.

Matthias Wagners selbstverlegerische Arbeit wirkt hierin vertrauenswürdig, weil er ein eigenes Nachwort stiftet, das ich ungekürzt und um die nötigen Verlinkungen erweitert übernehmen kann: Besser kann ich’s auch nicht sagen, und man erfährt nebenher alles, was man aus dem Jahr ohne Sommer 1816 für literaturhistorische Belange behalten sollte. An dieser Stelle mal wieder special thanks an Hank Nagler für den einschlägigen einschlagenden Hinweis.

Die ansonsten immer an erste Stelle gerückte literarische Bedeutung des Gespensterbuchs erwähnt Wagner gar nicht erst: Die einleitende Geschichte Der Freischütz war 1821 die Vorlage für die gleichnamige Oper von Weber. Der ausgewiesene Autor weist sie im Untertitel als „Eine Volkssage“ aus. Die interessantere Frage ist daher: Woher bezog wiederum Apel seinen ach so originären Urstoff zur deutschesten aller Opern?

Die von Wagner erwähnte französische Auswahlübersetzung ist Fantasmagoriana 1812 von Apel, Laun, Heinrich Clauren und dem Volksmärchen-Musäus (übrigens mit seiner schon behandelten Stummen Liebe) 1816, auf Französisch herausgegeben von Jean-Baptiste Benoît Eyriès, danach ebenfalls ungedruckt bis 2017 und erst dann in den deutschen Originalen als „Geisterbarbiere, Totenbräute und mordende Porträts“ beim Berliner Ripperger und Kremers Verlag.

Die interessantere Frage ist daher: Die englische — seinerzeit anonyme — Auswahlübersetzung Tales of the Dead 1813 konnte den schauerromantisierenden Helden der Villa Dioadati im sommerlosen Jahr 1816 schon vorliegen. Insinuiert wird an mehreren Stellen, sie hätten die Inspiration zu ihrem folgenreichen Schreibwettbewerb aus den frranzösischen Fantasmagoriana gezogen, wobei nahe liegt, dass in einer Villa bei Cologny am Genfersee im französischsprachigen Kanton Genf ein französisches Buch vorrätig herumliegt. Beherrschten aber wirklich alle Beteiligten — Engländer allesamt — gut genug die Fremdsprache, um sich unter dem ausgiebigen Einfluss von Laudanum, der in den Berichten darüber nie verschwiegen wird, zu solchen auch intellektuellen Höchstleistungen beflügeln zu lassen? Forschungsauftrag an mich selbst und alle anderen, die sich an dergleichen aufspulen: Ich würde gern mal das Exemplar der Fantasmagoriana oder der Tales of the Dead sehen, in dem diese Kommune auf Zeit geblättert haben muss.

In keiner der beiden zeitgenössischen Auswahlen kommt eine Übersetzung der Freischütz-Volkssage vor; am frankophonen Genfersee mussten die Engländer ohne Vorlage zum nachträglichen Soundtrack der deutschen Romantik auskommen. Die interessantere Frage ist daher, auf welchen Wegen — als prominentes Beispiel aus dem jüngeren Musikschaffen — Tom Waits und William S. Burroughs 1990 auf ihre „musical fable“ The Black Rider: The Casting of the Magic Bullets geraten und sie im hanseatisch weltoffenen, aber grunddeutschen Thalia-Theater zu Hamburg uraufführen konnten.

——— Matthias Wagner:

Nachwort.

2017, zu: Johann August Apel & Friedrich Laun: Gespensterbuch, J. G. Göschen, Leipzig 1811–1815.
Vollständige Ausgabe, Books on Demand 2017, Seite 569 f.:

Das Gespensterbuch der beiden Literaten Johann August Apel und Friedrich Laun, ursprünglich in fünf Einzelbänden zwischen den Jahren 1811 und 1815 erschienen, war die bekannteste Sammlung deutscher Schauergeschichten der Romantik.

Ihr damaliger Bekanntheitsgrad war so groß. daß sich bald Teilübersetzungen ins Englische und Französische fanden.

Die französische Übersetzung mit dem Titel: Fantasmagoriana, ou Recueil d’histoires d’apparitions de spectres, revenans, fantômes, etc., traduit de l’allemand par un amateur, Paris 1812 von Jean-Baptiste Benoît Eyriès, erlangte im Sommer 1816 Berühmtheit, als Lord Byron, sein Leibarzt John William Polidori, Mary Wollstonecraft Shelley und ihr Mann Percy Bysshe Shelley [Anmerkung: Die Gesellschaft umfasste auch die Initiatorin der Reise, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Claire_Clairmont&quot; target="_blank" title=Wikipedia"Claire Clairmont.] nach ihrer Lektüre den Entschluß faßten, eigene Schauergeschichten zu erfinden. Polidori verfaßte The Vampyre, eine kurze Novelle, welche lange Zeit Lord Byron zugeschrieben wurde. The Vampyre ist die erste literarische Verarbeitung der Sagengestalt des Vampirs in Prosaform und verändert diese so, daß daraus der diabolische Adlige mit unstillbarem Blutdurst wurde. Die Arbeiten Byrons und Percy Shelleys blieben nur Fragmente, doch Mary Shelley earbeitete ihren größten Erfolg und einen der bekanntesten Schauerromane der Weltliteratur: Frankenstein, or The Modern Prometheus, der im Jahre 1818 in erster Auflage erschien.

Das Gespensterbuch erhielt in den Jahren zwischen 1815 und 1817 einen mehrbändigen Nachfolger unter dem Titel Wunderbuch. Die Geschichten knüpfen an diejenigen des Gespensterbuches an, sind teilweise aber unter die religiös-legendenhafte Literatur zu rechnen.

Johann August Apel verstarb unvorhergesehen im Jahre 1816. Der letzte Band des Wunderbuchs erschien 1817, unter Mitherausgabe von Friedrich de la Motte Fouqué, die Reihe wurde danach nicht mehr weitergeführt.

Eine englische Teilübersetzung des Gespensterbuchs erschien unter dem Titel: Tales of the Dead, London 1813 unter der Herausgabe Sarah Elizabeth Uttersons.

Cover Apel, Die Bilder der Ahnen, HörspielSowohl die französische als auch die englische Übersetzung enthielten eine Erzählung Johann August Apels, welche eigentlich nicht im Gespensterbuch enthalten war, durch diese Übersetzungen aber immer wieder damit in Verbidung gebracht und fälschlicherweise dazugerechnet wird: Die Bilder der Ahnen. Diese Geschichte erschien in einem Sammelband mit Kurzgeschichten J. A. Apels aus dem Jahre 1810 mit dem Titel: Cicaden, ein Jahr vor Veröffentlichung des ersten Bandes des Gespensterbuchs. Da dieses schöne Stück aber immer wieder mit dem großen Werk Apels und Launs in Verbindung gebracht wird, hielt ich es für angemessen, es als einen Anhang zum Gespensterbuch beizufügen.

Des Weiteren wird in der Geschichte Die schwarze Kammer, von Hauptprotagonisten einer Erzählung aus dem Journal Der Freimüthige gedacht, nämlich: Die graue Stube von Heinrich Clauren. Es handelt sich dabei praktisch um eine Zwillingsgeschichte zur Schwarzen Kammer des Gespensterbuchs und soll der Vollständigkeit halber hier auch mitaufgenommen werden.

Nun liegt mit dieser Edition zum ersten Mal seit 200 Jahren wieder eine schonend überarbeitete Komplettausgabe des Gespensterbuchs vor, und ich hoffe, daß sich heute wieder so wie damals viele Leser finden, die sich von seinem Inhalt verzaubern lassen.

Der Herausgeber.

Gespensterbuch Titelkupfer

Bilder: Gespensterbuch: Titelseite, via Staatsbibliothek zu Berlin;
Johann August Apel: Die Bilder der Ahnen, Cover zum Hörbuch, via Thomas Rippert,
Schnorr von Carolsfeld: Titelkupfer 1810, via LeastCommonAncestor, 2010.

Soundtrack: Carl Maria von Weber: Wir winden dir den Jungfernkranz, aus: Der Freischütz, 1821,
unter Carlos Kleiber, 1972 in der Dresdner Lukaskirche („Nutzung des Ortes für national und international bekannte Musikaufnahmen“). Die ist bis heute von keiner Referenzaufnahme abgelöst worden:

Bonus Track: Tom Waits/Willam S. Burroughs: Crossroads, aus: The Black Rider, Albumversion 1993:

Written by Wolf

7. August 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Das Ungeheuerste, das Entsetzlichste, das Schaudervollste

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Update zu Und der liebe Gott sitzt ernsthaft in seiner großen Loge und langweilt sich vielleicht:

Sie war liebenswürdig, und Er liebte Sie; Er aber
war nicht liebenswürdig, und Sie liebte Ihn nicht.
(Altes Stück.)

Heine: Ideen. Das Buch Le Grand, wiederholtes Kapitelmotto, 1826.

Noch ein Wort zu den zwei Kapiteln aus dem Buch Le Grand, die unlängst hier erschienen: In den betreffenden Anmerkungen von Günter Häntzschel in der — hoch soll soll sie leben und sich zahlreich verkaufen — Hanser-Ausgabe, Band 2, lernen wir, dass sich das Buch Le Grand durchgehend briefartig an eine „Madame“ wendet, die „vermutlich“ Rahel Varnhagens Schwägerin Friederike Robert ist — für Heine typisch: ständig etwas zu galant und bei einer Madame, die keine Mademoiselle mehr ist, entschieden anzüglich. Wenn man diese Information weiterverfolgt, grenzt die Vermutung an Sicherheit.

Cover Eun-Kyoung Park, ... meine liebe Freude an dem Göttergesindel, Metzler 2005Heines Brief an Madame Robert, auf den Häntzschel seine Anmerkung bezieht, steht nicht in der besagten Hanser-Ausgabe, weil die „nur“ die Werke, nicht aber die Briefe bringt. Wenn man Heines private Auslassungen vom 12. Oktober 1825 im Volltext aufschlägt, wird klarer, warum Madame an der Veröffentlichung der Harzreise solches Interesse nehmen konnte. Vor allem aber breitete Heine sein Thema für das Capitel XI darin noch genauer aus: Mit den beschriebenen Ungeheuerlichkeiten meinte er auch die altgriechischen Vögel von Aristophanes mit, und findet von dort selten so gehörte Bezüge zu Shakespeares King Lear und Goethes Faust.

Heine hatte eher widerwillig zugesagt, seine Harzereise, die er vorerst lieber im Berliner Morgenblatt gesehen hätte, dem Literaturalmanach Rheinblüthen in Karlsruhe zu überlassen, der letztendich doch nicht erschien. Heinrich Heine an Moses Moser am 1. April 1825:

Ungern geben ich sie in die Rheinblüthen; das Almanachwesen ist mir in höchstem Grade zuwider. Doch ich habe nicht das Talent schönen Weibern etwas abzuschlagen.

Sein Hinhaltebrief an das „schöne Weib“ bemüht den Aristophanes samt der Theorie von der Verglimpfung des Allzuschrecklichen im buntscheckigen Gewande des Lächerlichen. — Der Paradiesvogel und Der Pavian sind aktuell verfasste, damals — und auch heute — noch nicht gedruckte Lustspiele von Ludwig Robert, letzterer eine Parodie auf das Trauerspiel Der Paria von Michael Beer 1823/1829:

——— Heinrich Heine:

An Friederike Robert in Karlsruhe

Lüneburg d 12 Oktober 1825.
Mittwoch

Schönste, beste, liebenswürdigste Frau!

[…]

Hank Nagler, Balkon-Rotkehlchen Mai, Juni 2010Ihnen darf ich mich offenbaren: kurz vor der Lektüre des Paradiesvogels habe ich ganz andre Vögel kennen gelernt, nemlich die Vögel des Aristophanes. Vielleicht, schöne Frau, haben Sie noch nie von denselben etwas gehört, oder Sie haben wenig richtiges darüber gehört. Selbst mein nadelöhrfeiner Lehrer, August Wilhlem v. Schlegel, hat in seinen dramaturgischen Vorlesungen unerträglich seicht und und falsch darüber geurtheilt, indem er es für einen lustigen barocken Spaß erklärt daß in diesem Stücke die Vögel zusammenkommen und eine Stadt in der Luft gründen und den Göttern den Gehorsam aufkündigen etc etc. Es liegt aber ein tiefer, ernsterer Sinn in diesem Gedichte, und während es die Exoterischen Kächenäer (d. h. die atheniensischen Maulaufsperrer) durch phantastische Gestalten und Späße und Witze und Anspielungen z. B. auf das damalige Legazionswesen köstlich ergötzt, erblickt der Esoterische (d. h. Ich) in diesem Gedichte eine ungeheure Weltanschauung, ich sehe darinn den göttertrotzenden Wahnsinn der Menschen, eine ächte Tragödie, um so tragischer da jener Wahnsinn am Ende siegt, und glücklich beharrt in dem Wahne daß seine Luftstadt wirklich existire und daß er die Götter bezwungen und alles erlangt habe, selbst den Besitz der allgewaltig herrlichen Basilea.

Hank Nagler, Balkon-Rotkehlchen Mai, Juni 2010Ich weiß sehr gut, schöne Frau, daß Sie noch immer nicht wissen was ich eigentlich will, und wenn Sie auch die plump-vossische Übersetzung jener „Vögel“ lesen, so merken Sie es dennoch nicht, denn kein Mensch vermag jene unendlich schmelzende und himmelstürmendkecke Vogelchöre zu übersetzen, jene Nachtigalljublende, berauschende Siegeslieder des Wahnsinns. Und dennoch hab ich das alles schreiben müssen damit Sie mir nicht gleich ins Gesicht lachen wenn ich tadle: „daß de Robertsche Paradiesvogel im Grund keine Tragödie sey.“ Unerhörtes Verlangen! Ein Lustspiel soll eine Tragödie seyn“ hör ich Sie dennoch befremdet ausrufen. Aber Robert ist ernst geworden, er weiß daß ich bey keinem leichten französischen Conversazionsstücke diese Forderung machen würde, daß sie aber gar nicht ungerecht ist beim romantischen Lustspiele. Den unterscheidenden Charakter dieser beiden Arten des Lustspiels, nemlich daß das romantische Lustspiel sich ganz vom Boden ablöst und gleichsam in kecker Luft schwebt, das hat Robert sehr gut begriffen, und was die uralte Volkssage vom wirklichen Paradiesvogel erzählt, daß er nemlich keine Füße habe und nicht auf der Erde gehen könne, das läßt sich lobend auch auf den robertschen Paradiesvogel anwenden. Aber es fehlt darinn die großartige Weltanschauung, welche immer tragisch ist. Diese wird nicht ersetzt durch eine Anschauung der Bretterwelt, der Theatermisere und einiger Sittenmisere nebenbey — das war ein Stoff für das konvenzionelle Conversazionslustspiel, nicht für das romantische. Wie groß und gelungen steht dagegen der „Pavian“, dieses ächtaristophnaische romantische Lustspiel. Dieses giebt ein größere Weltanschauung und ist im Grunde tragischer als der Paria selbst. Wie sehr man beim ersten Anblick lacht über den Pavian, der über Druck und Beleidigung von Seiten bevorrechteter Geschöpfe sich bitterlich beklagt, so wird man doch bey tieferer Beschauung unheimlich ergriffen von der grauenvollen Wahrheit daß diese Klage eigentlich gerecht ist. Das ist eben die Ironie, wie sie auch immer das Hauptelement der Tragödie ist. Das Ungeheuerste, das Entsetzlichste, das Schaudervollste, wenn es nicht unpoetisch werden soll, kann man auch nur in dem buntscheckigen Gewande des Lächerlichen darstellen, gleichsam versöhnend, — darum hat auch Shakspeare das Gräßlichste im Lear durch den Narren sagen lassen, darum hat auch Göthe zu dem furchtbarsten Stoffe, zum Faust, die Puppenspielform gewählt, darum hat auch der noch größere Poet (der Urpoet sagt Friedrike), nemlich Unser Herrgott, allen Schreckensscenen dieses Lebens eine gute Dosis Spaßhaftigkeit beygemischt. — Doch ich schreibe hier mehr für den Mann als für die Frau. Thun Sie das Ihrige, machen Sie daß „der Pavian“ bald gedruckt wird.

Es ist wahr, man sollte, wie oft geschieht, keinen Freund für einen Witz aufopfern. Aber für eine ganze Schiffsladung Witz ist es wohl erlaubt. […]

Hank Nagler, Balkon-Rotkehlchen Mai, Juni 2010

Bilder: Cover zu Eun-Kyoung Park, i. e. Ŭn-gyŏng Pak: … meine liebe Freude an dem Göttergesindel. Die antike Mythologie im Werk Heinrich Heines, Erstausgabe 1970, J. B. Metzler, 2005;
Die Vögel von Hank Nagler: 2020 Rotkehlchen auf dem Balkon statt der Amseln von 2019, Mai/Juni 2020.

Soundtrack: für Heine dringend nochmal was Französisches:
Leïla Huissoud: La Farce, aus: Auguste, 2018:

Written by Wolf

31. Juli 2020 at 00:01

Nachtstück 0026: Heut hat der Sommer Schnaps gesoffen

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Update zu The boys and girls are one tonight (I marry the bed)
und Du warst den Meeren mitternachts entstiegen:

——— Barbara Maria Kloos:

Münchner Honeymoon

aus: Solo. Gedichte, Piper Verlag, München 1986,
cit. nach Hans Ulrich Hirschfelder und Gert Nieke, Hrsgg.: Nachtstücke. Ein Lesebuch, Suhrkamp 1988:

Himmel, hat der Halbmond
einen Ständer! Die Sterne
reiben sich in Scharen
an seinem gelben Schwanz.

Ich glaub, heut hat der
Sommer Schnaps gesoffen.
Die heiße Nacht nimmt mich
von hinten: voll und ganz!

Maxine Anastasia für Instagram

Buidl: Maxine Anastasia für Instagram.

Soundtrack: Frank Zappa: Satumaa (Finnish Tango), live 1974,
aus: You Can’t Do That on Stage Anymore, Vol. 2, Juli 1988:

Written by Wolf

24. Juli 2020 at 00:01

Dornenstück 0003: Junge Mädchen mit Mündern wie Barrakudas und Körpern wie Zitronenbäume

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Update zu „du schaffst es“, sagte ich, „du bist ein Guter …“
und Katerladen:

Allan Davis „A. D.“ Winans war der Verleger von Bukowski; erstaunlich genug, dass er ihm trotzdem noch Gedichte gewidmet hat. Die Übersetzung ist nicht gerade Carl Weissner, aber ich mag, wie der einzige Druckfehler da drin im Wort „Fehler“ vorkommt. Das Buch ist im übrigen ein Schatz, und das sag ich nicht über viele Sampler, nein: Anthologien.

——— Charles Bukowski:

für A. D.

ca. 1983,
aus: Rainer Wehlen und A. D. Winans, Hrsgg.:
BUK. Von und über Charles Bukowski, MaroVerlag, Augsburg 1984, Seite 37 f.,
deutsche Übersetzung Rainer Wehlen:

BUK Cover, Rotraut Susanne Berner für Maro 1984, Amazon.demache dir nichts aus absagen, mann
die haben mich hart gemacht
eine ziemliche zeitlang
in verschiedenen formen

manchmal macht man den Fehler
das falsche gedicht hinzuschicken
ich mache häufiger den fehler
es überhaupt geschrieben zu haben

aber ich spiele lieber in jedem rennen mit
selbst wenn das pferd morgens früh
am totalisator

30 zu eins
vorgewettet wird

ich denke mehr und mehr über den
tod nach

das alter

krücken

lehnstühle

wie ich hochgestochene gedichte schreibe
mit klecksender feder

während die jungen mädchen mit mündern
wie barrakudas
und körpern wie zitronenbäume
und körpern wie wolken
und körpern wie strahlen aus blitzendem eis
nicht mehr an meiner tür klingeln

und nicht an deiner tür
und nicht an unseren türen

und statt dessen weiter die straße entlanggehen
wo alles erst in wirklichkeit anfängt

mache dir nichts aus absagen, mann

ich habe gestern abend 25 zigaretten geraucht
und das mit dem bier kannst du dir ja denken

nur einmal hat das telefon geklingelt
falsch verbunden

Charles Bukowski, Los Angeles, 16. Sepember 1979, Hinterhof 8. Mai 2020

Umschlagbild: Rotraut Susanne Berner unter Verwendung einer Zeichnung von Charles Bukowski
für Maro 1984, via Amazon.de.

Buidl: Charles Bukowski: Los Angeles, 9–16–79:

The wind is
blowing, it’s
smoggy and I’m
sober. Things
will get better.

Körper wie Wolken und Strahlen aus blitzendem Eis:
My Bubba bei den Gladden House Sessions am Freitag, 26. Juli 2015,
Musik ca. ab Minute 5:10:

  1. Gone;
  2. Knitting;
  3. Going Home;
  4. Bob Dylan: You’re Gonna Make Me Lonesome When You Go.

Written by Wolf

17. Juli 2020 at 00:01

Eichendorffs Märchen

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten
und Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!:

Sosehr man populärer Weise dazu neigen mag, ihn mit der Epoche der deutschen Romantik höchstselbst gleichzusetzen, so wenig ist bekannt, dass der adlige Joseph von Eichendorff zu einer studentischen Künstlerclique gehörte, die ihren Ehrgeiz nicht zuletzt darein setzte, bestehende Kunstwerke „im Volkston“ zu sammeln und sie als Naturerscheinungen zu würdigen: Musäus die Volksmährchen der Deutschen in fünf Bänden 1782 bis 1787; Clemens Brentano und Achim von Arnim Des Knaben Wunderhorn 1805 bis 1808; Eichendorffs Lehrer Joseph Görres Die teutschen Volksbücher 1807; Jacob und Wilhelm Grimm Kinder- und Hausmärchen 1812 bis 1858; Ernst Moritz Arndt und Ludwig Bechstein Märchen in der Nachfolge der Brüder Grimm; die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig.

Eichendorff hat seinen Versuch nach sieben Exemplaren abgebrochen. Sein Enkel und Nachlassverwalter Karl hat die „meist dem Volksmunde abgelauschte[n] Sagen und Märchen aus Oberschlesien“ als Märchen aus dem Nachlasse Joseph Freiherrn von Eichendorff auf 1808 bis 1809 datiert. Der Erstdruck geschah deshalb unter Karls Obhut als: Märchen. Von Joseph Freiherr von Eichendorff. Aus dem Nachlaß erstmals veröffentlicht von Karl Freiherr von Eichendorff, in: Der Wächter. Zeitschrift für alle Zweige der Kultur 8, Köln, erst 1925, Seite 10 bis 20. Offenbar hat der aufzeichnende Großvater Joseph die Märchen, die ihm in einem Dialekt erzählt wurden, der Schlonsakisch oder — wegen der rechten Seite der Oder bei Brieg, heute Brzeg — Wasserpolnisch heißt, gleich im selben Arbeitszug ins Hochdeutsche übersetzt und dabei — so der herausgebende Enkel Karl — „mit einer stellenweise geradezu verblüffenden Sorglosigkeit zu Papier gebracht.“ Das wäre damit von der Arbeitsweise etwa der Brüder Grimm prägnant unterschieden, aber für heutige Belange unerheblich, weil man mit der Sammlung eher die Arbeit Eichendorffs als die wasserpolnische Mythologie dokumentieren will.

Der erste Neudruck stammt von Albrecht Schau: Eichendorffs oberschlesische Märchen- und Sagensammlung, in: Aurora. Jahrbuch der Eichendorffgesellschaft 30/31, 1970/1971, Seite 57 bis 72. Der traditionell schlesische, heute Görlitzer Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn gab 2001 offenbar aus heimatpflegerischen Absichten eine Einzelausgabe als In freudenreichem Schalle: Eine Sammlung oberschlesischer Märchen heraus; offenbar kommentiert, weil das Büchlein immerhin 79 Seiten haben soll.

Unten wird zitiert nach dem heute zugänglichsten Druck in: Joseph von Eichendorff: Ahnung und Gegenwart. Sämtliche Erzählungen I, in: Werke in sechs Bänden, Band 2, herausgegebn von Wolfgang Frühwald und Brigitte Schillbach, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1985, als Taschenbuch Band 18 bei Suhrkamp 2007. Die Überschriften stammen nicht von Eichendorff, sondern laut dieser Ausgabe erst von Albrecht Schau für seinen Nachdruck 1970.

——— Joseph von Eichendorff:

Märchen

1808 bis 1809:

1. Das Märchen von der schönen Crassna, der wunderbaren Rose und dem Ungeheuer

In einer Stadt wohnte ein reicher Kaufmann. Der hatte ein prächtiges Haus, ein Vorwerk und zwei sehr schöne Töchter. Die älteste war stolz und übermütig, die jüngste aber, die alles an Schönheit übertraf, war gut und hieß Craßna. Eines Tages verlor der Kaufmann sein ganzes Vermögen, denn seine Schiffe waren in einem Sturme auf dem Meere mit allen Waren untergegangen. Da ward er sehr betrübt, stieg auf sein Pferd und wollte in die Welt reisen, um wieder etwas zu gewinnen. Wie er wegritt, sagte die älteste Tochter, er solle ihr ein schönes Kleid, Perlen und Edelgesteine einkaufen, Craßna aber bat, er möge ihr nur eine schöne Rose mitbringen. Als er nun in fremden Landen war, kam er einstmals zu einem großen, schönen Schloß. Er band sein Pferd am Tore an und ging hinein. Aber da war alles still und kein Mensch zeigte sich. Endlich ging er in ein Zimmer, das sehr schön verziert war. Darin standen Stühle, ein Tisch und ein Bett. In einem Augenblick war der Tisch gedeckt und mit Wein und köstlichen Speisen besetzt, ohne daß man jemand sah oder hörte. Er aß und trank und ging darauf im Garten spazieren, der neben dem Schlosse lag und voll der schönsten Blumen stand. Als er eben auch das Abendessen verzehrt hatte, trat plötzlich ein schreckliches Ungeheuer in die Stube, das aber nichts sprach und sogleich wieder verschwand. So lebte der Kaufmann drei Tage lang ganz allein in dem Schlosse, der Tisch deckte sich immer wieder von selbst, das Ungeheuer aber zeigte sich nicht mehr. Den dritten Tag endlich machte er sich wieder auf die Reise. Er war aber noch nicht weit gekommen als ihm einfiel, daß ihn seine Tochter Craßna um eine Rose gebeten wie er sie im Garten bei jenem Schlosse gesehen hatte. Er kehrte also schnell wieder um, stieg ab und ging in den Garten hinein. Als er aber eben die schönste Rose abgebrochen hatte, stand auf einmal das Ungeheuer vor ihm, brüllte fürchterlich und sagte er müsse nunmehr für die Rose seine Tochter Craßna auf das Schloß bringen. Da kam der Kaufmann sehr betrübt wieder nach Hause, gab seiner Tochter die Rose, erzählte wie es ihm ergangen und wie er dem Ungeheuer habe versprechen müssen, sie auf das Schloß zu bringen. Alles war sehr traurig, Craßna aber, welche befürchtete, daß viel Übel daraus entstehen würde, wenn sie nicht gehorchte, willigte ein. Der Vater brachte sie selber auf das Schloß und ließ sie dort mit vielen Tränen allein zurück. Sie fand dort reichlich zu essen und zu trinken und alles was ihr Herz nur wünschte. Das Ungeheuer besuchte sie alle Tage einmal auf kurze Zeit, ohne ein Wort zu sprechen. Nach geraumer Frist kam das Ungeheuer einmal zu ihr, gab ihr einen Ring und sagte: „Meine schöne Craßnal Behalte diesen Ring stets am Finger und wenn du an irgend einen Ort der Welt denkst, wo du gerne sein möchtest, so brauchst du nur den Ring nach jener Gegend hinzuwenden und er wird dich sogleich, samt einem Koffer mit so viel Gold, als du nur wünschest, dorthin versetzen. Aber hüte dich, so lange du an dem betreffenden Orte weilst, in den Koffer hineinzusehen. Auch darfst du niemals über drei Tage ausbleiben, sonst muß ich sterben.“ Craßna war über dies alles sehr vergnügt. Sie wünschte sehnlichst ihren Vater und ihre Schwester wiederzusehen, richtete ihren Ring dorthin und befand sich sogleich inmitten der Ihrigen. Unbeschreiblich war die Freude, die alle hatten, die geliebte Craßna wiederzusehen, zumal als sie den Koffer bemerkten, den sie mitgebracht hatte. Sie konnte sich nicht enthalten letzteren zu öffnen, um zu sehen, was er eigentlich enthielt, kaum aber hatte sie dies getan, so war er mit allen Kostbarkeiten verschwunden. Am Abend des dritten Tages kehrte sie wieder in ihr Schloß zurück. So wiederholte sie ihre Besuche noch sehr oft und da sie jedesmal einen Koffer mit Gold mitbrachte und nicht mehr hineinguckte wie das erstemal, zählte ihr Vater bald wieder zu den Reichsten im Lande. Als sie wieder einmal nach Hause kam, fand sie Vater und Schwester sehr betrübt, weil sie auf immer getrennt von ihr leben mußten. Mit vielem Weinen und Bitten sprachen sie ihr daher, als der dritte Tag seinem Ende entgegenging, zu, nicht mehr aufs Schloß zurückzukehren. Nach vielen Gegenreden ließ sie sich auch erweichen und blieb über Nacht zu Hause. Als aber der Morgen graute, sprang sie sogleich auf, denn sie hatte sich nach und nach so an das Ungeheuer gewöhnt, daß ihr unaussprechlich bange wurde, wenn sie einige Tage von ihm weg war. Ohne Abschied und ohne, daß jemand davon wußte, kehrte sie ihren Ring jener Weltgegend zu und befand sich sogleich wieder im Schlosse. Zu ihrem Entsetzen fand sie dort das Ungeheuer im Garten wie tot ausgestreckt. Es schien sie nicht mehr zu kennen und holte nur noch schwach Atem. Sie stürzte sich auf dasselbe, umarmte und küßte es und klagte und weinte bitterlich. Da schwoll dieses immer mehr und mehr auf bis es endlich zerplatzte und ein Jüngling von blendender Schönheit vor Craßna stand, der ihr um den Hals fiel und sie mit Küssen fast erstickte. Darauf nahm er sie bei der Hand, führte sie im Garten herum und erzählte ihr, daß er ein verwunschener Prinz sei und nur von einer Jungfrau erlöst werden konnte, die ihn trotz seiner erschrecklichen Gestalt so liebte, daß sie ohne ihn nicht zu leben vermochte. „Ihr habt mich,“ so sagte es, „durch Euere große Liebe endlich erlöst und nun ist alles Euer, was Ihr seht.“ In diesem Augenblicke wimmelte der ganze Garten von schön geschmückten Knaben und Frauen, welche den Prinzen und Craßna bedienten. Der Prinz schickte sogleich einen Wagen mit vier schönen Pferden zu Craßnas Vater und seinen Anverwandten und da alles beisammen war, hielt er mit seiner Braut auf dem Schlosse Hochzeit, die drei Wochen lang dauerte.

Frédéric, Flickr

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2. Das Märchen von dem Amulettring und den zwei Königskindern

Es war einmal ein König, der hatte eine sehr schöne Tochter. Eines Tages kam ein fremder reisender Krämer mit allerhand Waren auf das Schloß, der einen Ring bei sich hatte, auf dem ein wunderschöner junger Mann gemalt war. Die Prinzessin kaufte den Ring und war so entzückt über das Bild, daß sie keinen anderen in der Welt heiraten wollte als den auf dem Gemälde dargestellten. So war sie in das Bild verliebt, daß sie alle Freier ausschlug. Endlich kam ein sehr schöner und reicher Prinz in der Absicht, sich um sie zu bewerben. Sie schlug auch diesen aus, der König aber, der nicht länger zu warten beabsichtigte, wollte sie zwingen ihn zu heiraten. Da ging sie am Abend vor dem Hochzeitstage mit ihrem Ring am Meere spazieren und weinte. Am Ufer erblickte sie eine Schifferin in einem Kahne. Diese sprach zu ihr: „Durchlauchtigste Prinzessin, was seid Ihr so traurig?“ „Ach,“ entgegnete die Prinzessin, „fraget nicht erst, Ihr könnt mir doch nicht helfen.“ „Wer weiß!“ sagte die Schifferin, „entdeckt mir nur getrost den Grund Euerer Betrübnis.“ Da erzählte ihr die Prinzessin die ganze Geschichte. Als die Schifferin den Ring erblickte, rief sie sogleich voller Freude: „Ich kann Euch Eueren Geliebten zeigen, der auf diesem Ringe dargestellte Prinz wohnt in dem Lande, dem ich entstamme. Wenn Ihr morgen in aller Frühe wieder hierherkommen wollt, so will ich Euch hinführen; Ihr müßt aber viel Gold und drei Eurer schönsten Kleider mitbringen.“ Die Prinzessin begab sich hierauf nach Hause und konnte die ganze Nacht vor Freude nicht schlafen. Sie sann immerfort darüber nach, wer wohl der Prinz wäre und wo das Land gelegen sei. Ehe noch der Tag angebrochen war, ging sie mit dem Gold und ihren Kleidern ganz allein an den Meeresstrand, wo die Schifferin mit ihrem Kahne schon auf sie wartete. Diese als Mannsbild angekleidet, nahm Gold und Kleider in Verwahrung und so fuhren sie über das Meer bis sie zu einer großen Stadt kamen. Hier begab sich die Schifferin in das königliche Schloß und sagte dem Koche des Prinzen, sie wolle ihm eine recht gute und geschickte Küchenmagd bringen. Dann zog sie der Prinzessin schlechte Kleider an, verdeckte ihr Kopf und Gesicht mit einem weißen Tuche, so daß sie niemand erkennen konnte, und führte sie ins Schloß. Dort verrichtete die Prinzessin still und fromm die niedrigsten Geschäfte in der Küche. Der Prinz aber war immer sehr traurig, denn auch er hatte vor einiger Zeit von einem reisenden Kaufmann einen Ring erhalten, auf dem eine wunderschöne Jungfrau gemalt war. Er wollte keine andere als diese und konnte sie doch nirgends finden. Eines Tages wurde in der Stadt ein großer Ball gegeben. Der Prinz bestellte beim Koch bloß eine Suppe, die er essen wollte ehe er wegging. Die Schifferin begab sich zur Prinzessin und setzte ihr ausführlich auseinander, wie sie sich zu verhalten habe, was sie denn auch treulich ausführte. Als der Bediente die Suppe hinauftragen wollte, nahm sie dieselbe heimlich fort und trug sie selbst zum Prinzen. Dieser, der sich eben den Rock ausbürstete, wurde böse darüber, daß er von einer so schlechten Magd bedient werden sollte, nahm die Bürste und warf sie nach ihr. Sie aber ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer. Dann bat sie, wie ihr die Schifferin geraten, den Koch, ihr zu erlauben, heute abend dem Balle zuzusehen. Alsdann verschaffte sie sich einen herrlichen Wagen mit vier Pferden, zog eines von ihren drei schönen Kleidern an und fuhr zum Balle. Alles war über ihre Schönheit und Pracht erstaunt. Der Prinz wurde auf einmal ganz fröhlich, als er bemerkte, daß es sich um dieselbe handelte, die er auf seinem Ringe erblickte. Sie aber hatte ihren Ring nicht angesteckt. Nachdem der Prinz sehr viel mit ihr getanzt hatte, fragte er sie zuletzt, woher sie wäre, worauf sie erwiderte, aus Bürstendorf. Da sann er hin und her, aber er kannte kein Dorf dieses Namens. Als sie nach Hause kam, fragte sie der Koch, was sie gesehen habe und sie erzählte ihm, wie der Prinz lustig gewesen sei und viel getanzt habe. Der Koch wunderte sich hierüber sehr, da der Prinz in seinem Leben noch nicht getanzt hatte. Nach einiger Zeit war wieder ein Ball in der Stadt. Da ihm nun die Prinzessin als Magd wieder die von ihm bestellte Suppe brachte, warf er einen Stiefel hinter ihr her. Sie fuhr nun wieder in ihrem zweiten schönen Kleide hin und als der Prinz sie noch einmal nach dem Namen ihres Heimatortes fragte, nannte sie ihn Stiefeldorf. Schließlich gab der Prinz, der sehr neugierig war, ob die Prinzessin wiederkommen würde, selbst einen Ball. Auch diesmal trug sie ihm vorher wieder seine Suppe herauf. Er war eben im Begriffe, seine goldenen Sporen umzuschnallen und warf, als er sie erblickte, einen derselben nach ihr. Später erschien sie in ihrem dritten prächtigsten Kleide auf dem Balle. Zuletzt fragte der Prinz wieder, woher sie sei und erhielt von ihr zur Antwort aus Sporndorf. Das fiel dem Prinzen endlich auf, denn er hatte schon nach allen Richtungen vergeblich Boten ausgeschickt, um die Lage der erwähnten Dörfer festzustellen. Die Prinzessin begab sich zeitig nach Hause, um ihre Geschäfte in der Küche nicht zu versäumen. Als der Ball beendet war, sandte der Prinz in die Küche, das neue Mensch solle zu ihm hinaufkommen und zog ihr, da sie zu ihm in die Stube trat, schnell das große weiße Tuch vom Kopfe. Da erkannte er sie. „Also du bist es, liebes Kind,“ rief er voller Freuden aus, fiel ihr um den Hals und küßte sie unzähligemale. Nun waren sie alle beide vergnügt, belohnten die Schifferin sehr reichlich und hielten miteinander Hochzeit in freudenreichem Schalle.

Frédéric, Flickr

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3. Das Märchen von dem Faulpelz, dem wunderbaren Fisch und der Prinzessin

Es war einmal ein Weib, das einen Faulpelz zum Sohne hatte. Der saß das ganze Jahr auf dem Ofen und fraß alle Tage einen Topf mit Krautsuppe auf, der so groß war, daß er ihm bis über die Knien reichte. Als nun der Vater gestorben, sagte die Mutter: „Faulpelz, rühre dich! denn nun mußt du mir helfen Brot verdienen. Spanne gleich die Ochsen an den Wagen und fahre in den Wald um Holz.“ Der Faulpelz stieg vom Ofen herunter, konnte aber die Ochsen nicht einspannen. Da spannte die Mutter selber an und setzte den Faulpelz auf den Wagen. Vor dem Walde befand sich ein großer Teich, durch den ein Damm ging. Als nun der Faulpelz herankam, lag quer über den Damm ein großer Fisch. Er nahm die Peitsche und warf den Fisch in den Teich. Da schnalzte dieser im Wasser mit dem Schwanze und sagte: „Faulpelz, du hast mich wieder ins Wasser gebracht, zum Danke kannst du dir wünschen was du willst, und wenn du sagest: Es geschehe durch den Fisch, so wird es erfüllt werden.“ Da sagte der Faulpelz: „Der Wagen soll durch den Fisch voll Holz sein,“ und sogleich lag eine ganze Fichte auf dem Wagen. Als er nun damit wieder nach Hause fuhr, sah eben die Prinzessin oben im Schlosse zum Fenster heraus. Die lachte laut auf, als sie ihn unten fahren sah, und sagte: „Die Leute sprechen immer, der Faulpelz arbeitet nichts, und da fährt er ja wahrhaftig eine ganze Fichte aus dem Walde.“ Daß er so ausgelacht wurde, ärgerte dem Faulpelz und er sprach: „Ich wünsche, daß die Prinzessin durch den Fisch schwanger wird.“ Von diesem Augenblick an wurde die Prinzessin schwanger und gebar nach 9 Monaten einen jungen Prinzen. Alles war erstaunt, denn niemand kannte den Vater. Als das Kind 5 Jahre alt war, war es wunderschön und spielte immer mit einem goldenen Apfel. Da sagte der König: „Ich will alle meine Untertanen zusammenberufen und wem das Kind den Apfel gibt, der ist der Vater.“ Vornehme und Niedere kamen herbei und mußten sich stellen, aber der kleine Prinz rollte immerfort den goldenen Apfel in der Stube vor sich her und gab auf keinem acht …

Frédéric, Flickr

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4. Das Märchen von der schönen Sophie und ihren neidischen Schwestern

Ein König hatte drei sehr schöne Töchter, unter denen aber die jüngste, welche Sophie hieß, die beiden anderen an Liebreiz weit übertraf. Die beiden älteren Schwestern waren im Besitz eines Spiegels, den sie immer fragten: „Sag an, du Spiegel an der Wand, welche ist die Schönste in Engelland?“ und jedesmal antwortete ihnen der Spiegel: „Ihr zwei seid schön, die Sophie ist jedoch die Schönste in ganz Engelland.“ Darüber wurden die beiden Prinzessinnen sehr böse und neidisch und suchten auf alle Weise die jüngste Schwester loszuwerden. An einem schönen Sommertage begaben sie sich mit ihr in den Wald, um Heidelbeeren zu klauben. Als sie draußen waren, hingen sie an einem Aste eine Schnur mit einem Stück Holz auf, das vom Winde immer wieder gegen den Baum geworfen wurde. Dann sagten sie ihrer Schwester: „Wir wollen uns nun alle drei im Walde zerstreuen und wenn es Abend wird, hier, wo das Holz im Winde klappert, zusammenkommen.“ Sophie ging darauf in den Wald, wo sie fleißig Beeren klaubte. Die beiden Schwestern aber begaben sich sogleich nach Hause und ließen sie im Walde allein. Bei einbrechender Dunkelheit traf sie aber doch wieder zu dem Holze und kam glücklich nach Hause. Das ärgerte ihre beiden Schwestern gar sehr und sie führten sie daher den anderen Tag wieder in den Wald. Aber auch diesmal fand sie den Weg zurück. Als sie aber am dritten Tage wieder in die Beeren gegangen waren, konnte Sophie am Abend den rechten Weg nicht mehr finden, sie verirrte sich immer tiefer und fing, da es schon ganz finster geworden war, bitterlich an zu weinen. Auf einmal sah sie von ferne ein Licht schimmern. Sie ging darauf zu und kam endlich an ein kleines, niedriges Häuschen. Da sie, durch das Fenster blickend, am Herde ein altes Mütterchen bemerkte, klopfte sie an. Die Alte machte sogleich auf, freute sich ungemein, ein so schönes Mädchen bei sich zu haben, gab ihr zu essen und trinken und beredete sie, bei ihr zu bleiben. Den anderen Morgen ging die Alte in den Wald hinaus und schärfte der Sophie ein, durchaus niemanden ins Haus zu lassen. Die beiden älteren Prinzessinnen freuten sich sehr, daß ihre Schwester nicht wiedergekommen war, da sie aber den Spiegel befragten und dieser wieder wie sonst antwortete: „Ihr beide seid schön, aber die Sophie ist die Schönste in ganz Engelland“ ärgerten sie sich und begaben sich in den Wald, die Sophie aufzusuchen. Endlich kamen sie auch an das Häuschen, klopften an und wollten hinein. Sophie aber erwiderte, daß sie durchaus nicht öffnen dürfe. Darauf sagten sie zu ihr: „Liebste Schwester, du hast gewiß hier in dem schlechten Hause Läuse bekommen, wir wollen dir etwas den Kopf durchsuchen.“ Da Sophie das Fensterchen öffnete und den Kopf herausstreckte, kämmten die Prinzessinnen sie sauber, flochten die Haare, banden die Zöpfe mit einem goldenen Bande zusammen und nahmen alsdann wieder Abschied. Kaum aber hatte Sophie das Fenster geschlossen, so fiel sie wie tot auf den Boden. Gen Abend kam die Alte zurück: „Hui, hui, Sophie“ rief sie „mach auf!“ Da aber drinnen alles stille blieb, stieg sie durch das Fenster hinein und jammerte sehr, als sie Sophie tot da liegen sah. Trotzdem sie Sophie sogleich auszog und ihr den ganzen Leib mit warmen Wasser wusch, war kein Lebenszeichen zu bemerken. Auf einmal erblickte sie das goldene Band im Haar und zog es schnell heraus, worauf Sophie alsbald wieder lebendig wurde. Die beiden Schwestern hatten das Band vergiftet. Den anderen Tag ging die Alte wieder aus und warnte die Sophie, ihren Schwestern, falls sie wiederkommen sollten, nochmals Gehör zu schenken. Da nun die beiden Prinzessinnen zu Hause den Spiegel befragten und wiederum die Antwort erhielten „Die Sophie ist die Schönste in Engelland,“ suchten sie nochmals das Häuschen auf und nahmen ein Körbchen voll Äpfel mit. Als Sophie das Fenster nicht aufmachen wollte, baten sie sehr freundlich, sie möchte doch wenigstens einige von den Äpfeln nehmen und da sie selber anfingen, die Äpfel zu verspeisen, konnte Sophie nicht mehr widerstehen, öffnete das Fenster und aß mit. Die Schwestern suchten ihr noch den schönsten Apfel aus und gingen wieder fort. Der Apfel aber war vergiftet. Wie sie die Hälfte davon abbiß, blieb er ihr im Halse stecken und sie fiel tot um. Gegen Abend kam die Alte zurück: „Hui, hui, Sophie, mach auf.“ Niemand aber rührte sich. Wiederum stieg sie durchs Fenster und sah Sophie auf dem Boden liegen. Trotzdem sie die Tote wieder sehr fleißig wusch und salbte, war sie diesmal nicht wieder zum Leben zu erwecken. Die Alte warf sich über sie, küßte sie und weinte sehr. Dann ließ sie einen gläsernen Sarg anfertigen, putzte die Tote mit den schönsten Kleidern, legte sie hinein und setzte den Sarg auf zwei hohe Linden, die oben mit den Ästen ineinander gewachsen waren. Einen Kranz von Rosmarin hatte sie ihr in die Haare und einen Strauß davon an die Brust gesteckt. Diese blieben immerfort grün und wuchsen im Sarge fort, auch sie selbst blieb so schön und rot, wie sie im Leben gewesen. Alle Tage fragten nun die beiden Prinzessinnen den Spiegel: „Sag an du Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste in Engelland?“ worauf der Spiegel jedesmal antwortete: „Sophie war schön, ihr zwei seid die Schönsten in ganz Engelland.“ Darüber entstand große Freude. Nach einiger Zeit verirrte sich einmal ein junger Prinz auf der Jagd im Walde. Seine Hunde blieben vor dem Lindenbaume stehen, bellten hinauf und wollten von dem Orte nicht fort. Der Prinz bemerkte nun oben den Sarg und war außer sich vor Freude über die Schönheit der Toten. Er ging sofort in das Häuschen und verlangte von der Alten den Sarg. Diese aber weinte entsetzlich und erwiderte es wäre dies ihre einzige Freude auf der Welt und sie würde sterben, wenn man ihr die schöne Sophie wegnähme. Nachdem ihr versprochen worden war, auch sie mitzunehmen, und immer bei dem Sarge zu belassen, willigte sie endlich ein und der Prinz ließ den Sarg herabholen und auf einen Wagen setzen. Als dieser aber über einige Baumwurzeln hinwegrollte, sprang durch die Erschütterung plötzlich der Apfel aus Sophiens Halse, worauf sie tief aufatmete und die Augen aufschlug. Da fiel ihr der Prinz voller Freude um den Hals, setzte sich zu ihr in den Wagen und hielt Hochzeit mit ihr auf seinem Schlosse. Auf die Frage der beiden Schwestern: „Sag an du Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste in Engelland?“ antwortete der Spiegel nun wieder: „Ihr beide seid schön, Sophie jedoch ist die Schönste in ganz Engelland.“ Die Prinzessinnen wurden hierdurch zornig, warfen den Spiegel auf die Erde und zertraten ihn in kleine Stücke.

Frédéric, Flickr

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5. Das Märchen vom Vogel Venus, dem Pferd Pontifar
und der schönen Amalia aus dem schwarzen Wald

Ein König war so krank, daß ihm kein Arzt im ganzen Königreiche mehr zu helfen wußte. Da träumte ihm einmal, daß er nicht eher gesund werden würde, bis er den Vogel Venus singen höre. Als er aufwachte, erzählte er allen seinen Traum. Aber da war keiner, der den Vogel Venus kannte, oder wußte, wo er zu finden sei. Der König hatte aber drei Söhne. Der älteste von ihnen sagte: „Ich will in die Welt hinaus und den Venusvogel überall suchen“ und trat, nachdem er vom König viel Gold und Silber erhalten hatte, die Reise an. In der nächsten großen Stadt erkundigte er sich nach dem besten Wirtshause und kehrte dort ein. In dem Gasthofe war ein großes Jubeln und Tosen von Spielleuten und schöngeputzten Mädchen, Saufen und Spielen, und da man beim Prinzen viel Geld merkte, hielt man ihn so lange auf, bis er seinen letzten Groschen verspielt hatte. Dann ließ ihn der Wirt, weil er nichts mehr besaß, die Zeche zu bezahlen, in einen tiefen Turm werfen. Da nun der König lange vergebens auf seinen Sohn gewartet hatte und immer kränker wurde, erklärte der zweite Prinz, nun auch auf die Wanderschaft zu gehen und den Vogel Venus aufzusuchen. Auch er erhielt vom Könige Gold in Menge. Er nahm denselben Weg, wie der erste, kehrte ebenfalls in dem Wirtshause ein, verspielte sein ganzes Geld und wurde gleichfalls in einen Turm geworfen. Als auch der zweite nicht wiederkam, machte sich endlich der dritte Prinz auf den Weg. Er kam auch an das Wirtshaus, aber er trank und spielte nicht, achtete auch nicht auf die hübschen Mädchen, sondern sann nur immerfort nach, wohin er sich wenden sollte, um den Vogel zu finden. Vor der Weiterreise sagte ihm der Wirt: „Ihr seid ein recht feiner und kluger junger Herr, daß Ihr Euer Geld so wohl zusammenhaltet, erst unlängst waren zwei eben so junge und reiche Menschen hier, die ich in den Turm geworfen habe, weil sie alles verspielt hatten.“ Da verlangte der Prinz die beiden Gefangenen zu sehen und erkannte seine Brüder. Dem Wirt bezahlte er, was sie schuldig waren, machte ihnen Vorwürfe daß sie so unbedachtsam gelebt und wies den Wirt an, ihnen gutes Quartier, aber täglich nur so viel zu verzehren zu geben, als sie notwendig brauchten und sie so lange zurückzuhalten, bis er selbst sie abhole. Darauf ritt er in Gottes Namen weiter. In der Vorstadt sah er auf offener Straße eine Leiche auf der Bahre stehen. Er erkundigte sich, was dies zu bedeuten habe und als man ihm mitteilte, daß es hier Gebrauch sei, einen Menschen, der Geld schuldig geblieben, unbegraben zu lassen, bezahlte er sogleich die 200 Rthr., die der Verstorbene schuldig war und ließ ihn auf seine Kosten beerdigen. Darauf kam er in einen großen Wald, wo ein Fuchs am Wege saß. „Wo reitest du denn so voller Gedanken hin,“ fragte derselbe den Prinzen. „Ach, mein liebes Füchslein,“ erwiderte der Prinz, „was hülfe es mir, wenn ich’s dir auch sagte, du könntest mir doch nicht raten.“ „Wer weiß,“ sagte der Fuchs, „wenn du erlaubst, will ich dich begleiten.“ Nachdem sie lange so gereist waren, rief der Fuchs: „Hier in der Nähe wohnt ein König, der besitzt den Vogel Venus. Gehe um Mitternacht ganz allein ins Schloß, die Wachen werden alle schlafen. Im innersten Gemache wirst du ringsherum an der Wand eine Menge Vögel in schönen Gebauern finden, in der Mitte aber steht der Vogel Venus, der einen so prächtigen Käfig hat, daß die Stäbe desselben einen glänzenden Schein von sich geben. Begeize dich aber ja nicht auf den Käfig, sondern lasse ihn stehen und begnüge dich damit, den Vogel sachte herauszunehmen, sonst wirst du unglücklich.“ Um Mitternacht ging der Prinz aufs Schloß, während der Fuchs die Pferde bewachte. Als er in das erwähnte Gemach trat, war er von der Schönheit des Käfigs ganz geblendet und dachte bei sich: „Die Wachen schlafen alle, ich werde den Käfig schnell forttragen, so hab‘ ich beides.“ Kaum aber hatte er den Käfig in die Hand genommen, so fing der Vogel an, dermaßen zu kreischen und mit den Flügeln zu schlagen, daß die Wächter erwachten, den Prinzen ergriffen und ins Gefängnis warfen. Am zweiten Tage erschien der Fuchs im Turme und sagte: „Sieh’st du, hab‘ ich nit gesagt, daß es dir schlimm gehen würde, wenn du nicht folgtest. Morgen sollst du gehängt werden, wenn du auf den Richtplatz hinausgeführt wirst, so bitte den Henker, dich noch einmal zum Könige zu führen, da du ihm etwas sehr Wichtiges anzuvertrauen hättest. Nur so kannst du dich noch retten.“ Das tat denn auch der Prinz am anderen Tage. Auf vieles Bitten führte ihn der Henker noch einmal vor den König, dem er, wie ihn der Fuchs gelehrt, versprach, ihm das Pferd Pontifar zu bringen, wenn er ihm das Leben schenke. Der König war ganz außer sich vor Freude, begnadigte den Prinzen und versprach ihm den Vogel Venus samt dem Käfig zum Geschenk zu machen, wenn er ihm das Pferd Pontifar bringe. Als nun der Prinz wieder zum Fuchse in dem Walde kam, fragte er ihn, wo nun aber das Pferd zu finden sei. „Das Pferd Pontifar,“ erwiderte dieser, „befindet sich wieder bei einem anderen Könige in einem prächtigen Stalle. In einem Kreise um das Pferd herum sitzen die Wächter, von denen jeder einen goldenen Zügel in der Hand hält. Du wirst nun wieder um Mitternacht, während die Wächter schlafen, allein hingehen. Hüte dich aber, von dem köstlichen Geschirr des Pferdes etwas mitzunehmen, schirr es vielmehr langsam ab und reite auf dem ledigen Pferde davon, sonst wirst du unglücklich.“ Wie erstaunte aber der Prinz, als er in der Nacht in den Stall kam. Denn war das Pferd schön, so war doch Sattel und Geschirr, aus Gold und Edelsteinen bestehend, noch weit schöner. Er konnte nicht widerstehen, zog die goldenen Zügel langsam aus den Händen der schlafenden Wächter und schwang sich auf das aufgeputzte Pferd. Kaum aber saß er droben, so wieherte und polterte das Roß derart, daß die Wächter erschreckt auffuhren, den Prinzen herabrissen und ins Gefängnis warfen. Am zweiten Tage erschien der Fuchs wieder im Gefängnisse, schalt ihn aus und gab ihm wieder Ratschläge wie das erstemal. Auf inständiges Bitten wurde der Prinz vom Richtplatze noch einmal vor den König geführt, dem er die Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde zu verschaffen versprach, wenn er ihm das Leben schenke. Da freute sich der König über alle Maßen, er schenkte ihm nicht nur das Leben, sondern stellte ihm auch noch das Pferd Pontifar nebst Sattel und Zeug in Aussicht, wenn er ihm die Prinzessinbringe. „Mein liebes Füchslein,“ sagte der Prinz, als er zurückkam, „wo werden wir nun aber die Prinzessin finden?“ „Die Prinzessin Amalia,“ erwiderte der Fuchs, „wohnt im schwarzen Walde in einem schwarzen Schlosse, bewacht von zwei Wölfen, zwei Bären und zwei Löwen. Du mußt wieder um Mitternacht bis ins innerste Gemach vordringen. Dort wirst du auf einem Tische eine Menge herrlicher brennender Lampen finden. Hüte dich aber, eine der schönen Lampen anzurühren, nimm vielmehr die schlechteste, die in der Mitte steht, und gehe damit hinaus. Du bist verloren, wenn du mir nicht folgst, denn diesmal kann ich dir nicht mehr helfen.“ – Beim Schlosse angekommen, ging der Prinz allein hinein. Wölfe, Bären und Löwen schliefen alle. Im innersten Gemache brannten die Lampen in verschiedenen bunten Farben und Scheinen, so daß der ganze Raum mit Glanz erfüllt war. Keine von ihnen rührte er an, sondern nahm aus der Mitte die schlechte und ging mit ihr hinaus. Am Tore wartete seiner schon die Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde, die ganz in schwarzem Flor gekleidet war. Ohne ein Wort zu sprechen, führte sie der Prinz, wie ihn der Fuchs befohlen, zu den Pferden und ritt mit ihr zum Schlosse des zweiten Königs zurück. Aus dem Schloßfenster sah ihnen der König schon entgegen und das Pferd Pontifar stand bei ihrer Ankunft bereits aufgeputzt am Tore. Der König war voller Freude, als er die Prinzessin Amalia erblickte und dankte dem Prinzen außerordentlich. Dieser bestieg sein Roß, schwang die Prinzessin, die von ihm nicht lassen wollte, vor sich auf den Sattel und ritt somit ihr über alle Berge. Als er zum Schlosse des ersten Königs kam, stand der Käfig mit dem Vogel Venus bereits auf dem Hofe. Mit tausend Freuden bestieg der König das Pferd Pontifar. Es wollte ihn aber nicht dulden und er vermochte es nicht zu bändigen. Der Prinz erklärte, es im Hofe etwas zureiten zu wollen, bestieg es, die Prinzessin Amalia, die ihn außerordentlich liebte, gleich auch mit ihm, tummelte das Roß nach allen Richtungen, ergriff unversehens den Käfig mit dem Vogel Venus und jagte somit allem davon. Seine im Wirtshaus zurückgebliebenen Brüder wunderten sich, als er dorthin zurückkam, sehr über die mitgebrachten herrlichen Sachen, verabredeten aus Neid, den Bruder zu erschlagen, versenkten ihn in einen Graben, ritten mit den Sachen nach Hause und rühmten sich ihrer Erfolge. Aber die schöne Prinzessin wollte nicht sprechen, das Pferd nicht fressen, der Vogel Venus nicht singen und der alte König blieb daher so krank, wie er gewesen. Unterdessen lief der Fuchs zu dem Graben, wo der Prinz lag, zog ihn heraus, wusch ihn mit seinen Pfoten, erweckte ihn zum Leben und sagte zu ihm: „Ich bin die Seele des Verstorbenen, für den du die Schulden bezahlt hast, meine Schuld habe ich dir nunmehr abgezahlt und bin erlöst. Gehe du nun zu einem Schäfer, ziehe dessen Kleider an, eile so ins Schloß und gib dich für einen Tierarzt aus.“ Bei diesen Worten verschwand der Fuchs, der Prinz aber suchte einen Schäfer auf dem Felde auf, wechselte mit ihm die Kleider und ging alsdann zu seinem Vater. Dort wollte man ihn, weil er so verlumpt aussah, nicht aufnehmen, wurde aber, da er angab, alle Pferde kurieren zu können, in den Stall geführt. Bei seinem Eintritt sah sich das Pferd Pontifar sogleich nach ihm um, wieherte, fraß Hafer aus seinen Händen und wurde ganz munter. Alles war hierüber höchst erstaunt und wollte den Wunderarzt sehen. Als er in die königlichen Gemächer geführt wurde, fiel die stumme Prinzessin Amalia ihm um den Hals, der Vogel Venus begann wunderschön zu singen und der König sprang gesund aus dem Bette. Hierauf zog der Prinz seine schönen Kleider an und erzählte alles. Der alte König war voller Freude und gab eine prächtige Gasterei. Die beiden Brüder, die zur Jagd ausgezogen waren, erstaunten über die Vorkommnisse aufs höchste. Über Tafel fragte sie der König, was wohl jemand verdiene, der seinen Vater belogen und einen Menschen erschlagen habe. Sie antworteten: „Den lichten Galgen.“ Der König wollte sie hierauf aufhängen lassen, da der Bruder aber sehr für sie bat, wurden sie in ein Gewölbe gebracht, wo sie zeitlebens in der dicksten Finsternis sitzen mußten. Der jüngste Prinz aber hielt mit der schönen Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde eine glänzende Hochzeit.

Frédéric, Flickr

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6. Die Sage vom häßlichen Schuster, der zwölf Jahre Teufelsbündler war
und ein reicher Mann wurde

Unterdessen hatte auch der König von dem großen Reichtum des Arrendators gehört und fuhr daher hin, um alles selbst in Augenschein zu nehmen. Da führte ihn der Schuster in seinem Hause durch unzählige Keller, die bis zur Decke mit Gold angefüllt waren. Der König war über die Maßen erstaunt, da er sah, daß der Schuster hundertmal reicher war, als er selbst, versprach ihm seine Tochter zur Frau zu geben, ließ ein Bild des Schusters anfertigen und nahm es mit nach Hause. Als er aber der ältesten Tochter mitteilte, was er versprochen und sie auf dem Bilde den gräulichen, über und über beschmutzten Schuster erblickte, lachte sie ihrem Vater ins Gesicht. Darauf wandte sich der König an seine zweite Tochter, aber auch diese wollte durchaus nichts von der Heirat wissen. Die jüngste Prinzessin aber erklärte, den Befehlen ihres Vaters Gehorsam leisten zu wollen. Mittlerweile waren die zwölf Jahre, die der Schuster mit dem Teufel akkordiert hatte, verflossen und er beschloß sich nunmehr um die versprochene Prinzessin zu bewerben. Er ließ sechs prächtige Pferde vor einen goldenen Wagen spannen und fuhr so vor. Als er unterwegs an einem Teiche vorbeifuhr, sprangen plötzlich drei Teufel aus dem Schilfe hervor. „Du Schweinigel,“ riefen sie dem Schuster zu, „ist das eine Art, so mit kotigem Gesicht und mit unausgekämmten Haaren um eine Prinzessin zu freien!“ Damit rissen sie den Schuster aus dem Wagen, warfen ihn ins Wasser und wuschen und striegelten ihn von oben bis unten. Dann zogen sie ihm prächtige Kleider an und setzten ihn wieder in den Wagen. Der Schuster aber sprach für sich: „Man behauptet immer, der Teufel sei dumm, aber wahrhaftig, er ist klüger als ich,“ und war wohl zufrieden. Bei der Ankunft war man über seine Schönheit allgemein erstaunt, denn er war ganz verwandelt. Die jüngste Prinzessin fiel ihm voller Freude um den Hals, die beiden anderen aber erhängten sich aus Neid und Ärgernis. Die Teufel aber verabschiedeten sich für immer von dem Schuster, da sie hier und im Branntweinhause bereits zahlreiche Seelen erobert hatten.

Frédéric, Flickr

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7. Das Märchen von der in der Wildnis ausgesetzten Königin
und ihren Söhnen Josaphat und Löwiath

Ein römischer Kaiser heiratete einstmals ein sehr schönes, aber ganz armes Fräulein. Darüber wurde seine Mutter, die alte Kaiserin, sehr ergrimmt und suchte daher die junge Frau auf alle Weise anzuschwärzen. Während der Kaiser eben Krieg führte, gebar ihm seine junge Gemahlin zwei Prinzen auf einmal. Die Alte schrieb hierauf ihrem Sohne, daß keine junge Frau, wenn sie züchtig und ehrbar gelebt habe, zum erstenmale Zwillinge gebären könne, er solle sich daher eiligst aufmachen, um die ihm angetane Schande an seiner Frau zu rächen. Der Kaiser kehrte auf diese Nachricht hin schleunigst in seine Residenz zurück, ging sogleich in die Kirche, kniete vor dem Hochaltar nieder und bat Gott für seine Frau. Das ärgerte die alte Kaiserin entsetzlich, sie beredete daher ihren Kammerdiener, sich bis aufs Hemd auszuziehen und so zu der jungen Kaiserin, die eben schlief, ins Bett zu legen. Dann ging sie zu ihrem Sohne in die Kirche und erzählte ihm, wie schändlich sich seine Frau aufführe und zerrte ihn so lange, bis er ihr endlich in das Schlafgemach der jungen Kaiserin folgte, wo er neben seiner schlafenden Frau den Kammerdiener liegen sah. Da zog der Kaiser sein Schwert und durchbohrte den Diener, daß sein Blut der erschrockenen Kaiserin ins Gesicht spritzte. Sie sollte sogleich mit ihren Kindern lebendig verbrannt werden. Auf dem Richtplatze verhielt sich das dort zusammengelaufene Volk still und traurig, weil alle die junge Kaiserin sehr liebten und keiner von den Richtern wollte das Todesurteil verlesen. Die Verurteilte wandte sich hierauf an ihren Gemahl und sprach: „Weil du mich nicht mehr liebst, lege ich keinen Wert darauf, weiter zu leben, aber die beiden armen Кinder erbarmen mich sehr. Schenke mir ihretwegen das Leben und ich will mit ihnen fortziehen, so weit mich meine Füße tragen.“ Der Каiser ließ sie auf ein Pferd setzen und gab ihr einen großen Mantel mit, in den sie die Кinder einwickelte. Nach langem Ritt kam sie in eine große Wildnis. Аuf einer Wiese stieg sie ab, legte die Кinder rechts und links auf dem Мantel in die Sonne und schlief in deren Мitte ein. Вald darauf näherte sich ein Affe, nahm eines der Кinder in seine Аrme und trug es unbemerkt in den Wald. Dort sah eine Räuberbande den Аffen mit dem Кinde, man jagte ihm nach, nahm ihm das Кind fort und trug es in die nächste Stadt. Еinem dort weilenden fremden Каufmann gefiel der schöne Кnabe so, daß er beschloß, ihn seiner Frau mitzubringen. Еr kaufte daher den jungen Prinzen von den Räubern, besorgte ihm eine Amme, setzte diese auf eine Eselin und zog alsdann nach Hause, wo das Kind von seiner Frau sehr gut aufgenommen wurde. Вald darauf schlich sich eine Löwin an die Schlafende heran und raubte ihr das zweite Кind, um es ihren Jungen zum Fraß zu geben. Da sie aber eben im Вegriff war, es fortzutragen, flog der Vogel Greif heran, ergriff die Löwin samt dem Кinde und flog mit seiner Beute weit übers Мееr. Аuf einer wüsten Insel wollte sich der Greif niederlassen. Als sie schon ganz niedrig waren, ließ die Löwin das Кind sachte in den Sand fallen, riß sich, sobald sie den Boden erreichte, schnell los und biß den Vogel tot. Dann scharrte sie dem Кinde ein Bett im Sande, säugte es und nährte sich neun Tage lang von dem Fleische des Vogels. Die Кaiserin jammerte und weinte sehr, als sie den Verlust ihrer Кinder bemerkte und irrte so lange im Walde umher, bis sie endlich an das Мееr kam. Da stand ein Schiff, das eben absegeln wollte. Sie bat die Schiffer, sie mitzunehmen und diese taten es gerne ihrer Schönheit halber. Nach mehrtägiger Fahrt warfen sie an einer wüsten Insel die Аnker aus und gingen ans Land, kehrten aber alsbald wieder zurück, weil sie eine Löwin mit einem Кinde erblickt hatten. Über diese Nachricht war die Mutter voll Freuden, eilte nach dem bezeichneten Оrte hin und erkannte sofort ihr Кind, das die Löwin sich gutwillig nehmen ließ. Аls die Мutter es forttrug, folgte ihr die Löwin wie ein Нund. Die Schiffer fuhren, da sie dieses sahen, aus Furcht, ohne sie schnell ins Мееr hinein, ließen aber einen Каhn zurück, den sie mit der Löwin bestieg. So fuhr sie mit dem Kinde an der Вrust und die Löwin zu ihren Füßen, so lange auf dem Меere herum, bis sie endlich wieder mit dem Schiff zusammentraf und auf vieles Bitten aufgenommen wurde. Еiner von den Seeleuten verliebte sich in sie und schlich in der Nacht in ihre Кammer, um sie zu notzüchtigen, er wurde aber von der Löwin hieran gehindert, die ihn in Stücke zerriß und ins Мееr warf. In einer großen Stadt, wo gelandet wurde, begab sich die Кaiserin mit der Löwin, die sie niemals verließ, in ein Ноspital. Нier erzog sie ihren Sohn, den man nach der Löwin Löwiath nannte, aufs beste. — Unterdessen war ihr zweiter Sohn, der weit entfernt bei dem Кaufmann sich aufhielt und Josaphat genannt wurde, immer mehr herangewachsen. Weil er sehr stark und stammig war, sollte er Fleischhacker werden und sein Pflegevater schickte ihn daher mit zwei Осhsen über Land zu einem Меister. Веi der Ankunft redete er diesen sogleich an: „Guten Мorgen, Каmerad!“ Der Meister aber antwortete zornig: „Du Laffel kommst eben in die Lehre und nennst mich Каmerad,“ wobei er mit der Аxt drohte. Da rief Josaphat: „Rühr mich nicht an, oder ich breche dir das Genick,“ kehrte zornig mit seinen Оchsen nach Hause zurück und wollte von der Profession nichts mehr wissen. Unterwegs begegnete ihm ein Jäger, der einen Falken auf der Hand trug. Der Vogel gefiel ihm außerordentlich. Еr gab dem Jäger seine beiden Оchsen und nahm dafür den Falken mit. Sein Pflegevater, der Кашfmann, war über diesen Наndel sehr erzürnt und wollte ihn abprügeln, aber seine Frau verwendete sich sehr für den jungen Josaphat und sagte, daß er gewiß von adeligem Geschlecht und nicht zu niederem Standegeboren sei. Einige Zeit später sandte der Кашfmann den Josaphat mit dreizehn Pfund Silber in die Münze, wo sein rechter Sohn als Geselle arbeitete. Auf dem Wege dorthin begegnete Josaphat einem Reiter, der ein wildes, prächtiges Pferd tummelte. Ganz entzückt von dem schönen Rosse gab er dem Reiter das Silber und ritt nach Hause. Über diesen Streich ergrimmte der Kaufmann sehr, aber seine Frau bat noch einmal für ihn und meinte, man wisse nicht, was aus dem Knaben noch einmal werden könne.

Inzwischen hatten die Türken dem Könige, in dessen Land der Kaufmann wohnte, den Krieg erklärt und waren bis zu dessen Residenz vorgerückt. Im türkischen Lager befand sich die wunderschöne Tochter des Sultans, welche dieser einem Riesen zur Frau geben wollte, der so stark war, daß er einen gewappneten Ritter samt dem Rosse fortzutragen und vor die Füße der Prinzessin zu werfen vermochte. Von diesem Riesen wurde der König zum Zweikampf herausgefordert. Da war großes Trauern und Wehklagen im ganzen Lande, denn der König war diesem Gegner keineswegs gewachsen. Als Josaphat sah, daß auch sein Pflegevater trauerte, entschloß er sich, selbst hinzugehen und sich für den König zu schlagen. „O du großer Narr,“ sagte ihm der Kaufmann, „woher willst du denn eine Rüstung nehmen?“ Josaphat riß zwei große Platten aus Blech aus dem Ofen und band sich die eine hinten, die andere vorne hin. „Wo hast du denn aber eine Lanze?“ fragte der Kaufmann weiter. Da ging der junge Held in den Hühnerstall und bewaffnete sich mit einer langen Stange. Unter dem Bette zog er ein verrostetes, aber sehr wunderbares und glückseliges Schwert hervor, mit dem schon die Vorfahren des Kaufmannes große Taten verrichtet hatten, schwang sich auf sein schönes Pferd und ritt zur Residenzstadt, wo er mit großen Freuden empfangen wurde. Die ihm vom Könige angebotene prächtige und starke Rüstung verschmähte er und ritt in seinem erstaunlichen Aufzuge auf den Kampfplatz, wo der Riese zu Pferde schon seiner harrte und ihn fragte, ob er der König sei. Josaphat entgegnete ihm: „Hiernach hast du nicht zu fragen, der Schmied hat seine Zange, damit er sich nicht verbrenne und der König seine Ritter.“ Mit diesen Worten warf er dem Riesen seine Stange mit solcher Gewalt an den Kopf, daß er rücklings zu Boden sank. Dann sprang Josaphat schnell zu, hieb dem Riesen das Haupt ab, spießte es auf sein Schwert, sprengte ins türkische Lager vor das Zelt der Prinzessin, legte ihr den Kopf zu Füßen und sagte ihr: „Hier hast du den Kopf deines Liebsten.“ Die Prinzessin war über die Schönheit des fremden Ritters ebenso erstaunt wie er über die ihrige. – Als er eines Tages nach Rückkehr in die Residenz in Gedanken versunken oben auf dem Walle stand, ging jenseits am grünen Flußufer die Prinzessin mit ihren Hofdamen spazieren. „Glaubt ihr,“ sagte sie zu diesen, „daß der junge Ritter dort mir so gewogen ist, daß er gleich zu mir herüberkäme, wenn ich ihm ein Zeichen gäbe.“ Da sie sich aber schämte, dies zu tun, winkte eine der Jungfrauen, worauf Josaphat ungesäumt durch den Fluß zu ihr hinüberschwamm. Hier verlangte sie von ihm, daß er sie während der nächsten Schlacht entführe und versprach ihm, ihm überallhin zu folgen. – Es begann nun ein großes Gemetzel, Josaphat benutzte diesen Umstand, ritt in das türkische Lager, entführte seine Prinzessin, überließ sie aber ihrem Schicksal, als die Christen zu weichen anfingen und stürzte sich in das Kampfgewühl. Trotzdem der römische Kaiser und auch andere Fürsten dem Könige zu Hilfe geeilt waren, trugen die Türken den Sieg davon und der König, der römische Kaiser, Josaphat und alle wurden gefangen genommen.

Die Kunde von diesem Unglück war schnell auch in das Land gedrungen, wo die vertriebene Kaiserin mit ihrem zweiten Sohne lebte. Löwiath begab sich mit einer Anzahl Krieger und seiner Löwin sofort auf den Kriegsschauplatz und ritt direkt ins türkische Lager hinein. Da die Löwin alles wütend zerriß, was ihm und seiner Mannschaft noch Widerstand leistete, so waren bald fast alle Türken getötet und die Gefangenen befreit. Der König zog feierlich in seine Residenz ein und veranstaltete eine große Gasterei. Über Tafel fragte Löwiath den römischen Kaiser, aus welchem Grunde er ohne Söhne, die für ihn fechten könnten, in den Krieg zöge, woaruf dieser voll Traurigkeit erwiderte, daß er in verhängnisvoller Übereilung seine tugendhafte Gemahlin verstoßen und sich seit dieser Zeit nicht wiedervermählt habe. Da erkannte Löwiath in dem Kaiser seinen Vater. Als dieser seine Frage, ob er seine Gemahlin wiedererkennen würde, bejahte, ließ er schnell seine Mutter herbeiholen. Alle waren voller Freude über die Wiedervereinigung und Josaphat hielt glänzende Hochzeit mit der schönen türkischen Prinzessin. Der römische Kaiser verabschiedete sich hierauf mit seiner Frau und seinen Söhnen von dem Könige und zog mit ihnen in die Heimat. Schon unterwegs hörten sie, daß die alte Kaiserin, die alles Übel verursacht, wahnsinning geworden sei und sich erhängt habe.

Frédéric, Flickr

Bilder: Frédéric:

  1. L’après-midi d’un(e) faune, 13. März 2020;
  2. Souffle léger, vapeur éphémère, 30. März 2020;
  3. Au pied de l’arbre, 12. April 2020;
  4. La fille qui murmurait à l’oreille des forêts, 15. April 2020;
  5. Les nuits blanches (et les mots bleus), 29. April 2020;
  6. Sous le soleil (exactement), 30. April 2020;
  7. De la tête au pied, 5. Mai 2020.

In freudenreichem Schalle: Breslau: Volksmusik, 1982 — gleich das ganze Album.
Vocals: die — solche Erwähnung erscheint angebracht — mitnichten „rechte“ Jutta Weinhold:

Written by Wolf

10. Juli 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik, ~~~Olymp~~~

Blumenstück 005: Versprich du es auch

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Update zu Nachtstück 0021: Нет хуже ада:

——— Richard Brautigan:

Japanisches Popkonzert

aus: Japan bis zum 30. Juni, Eichborn, Frankfurt 1989, cit. nach Rowohlt, Reinbek 1995, Seite 39,
i. e. June 30th, June 30th, Delacorte Press/Seymour Lawrence, New York 1977,
deutsche Übersetzung: Günter Ohnemus:

Richard Brautigan, Japan bis zum 30. Juni, Eichborn, Frankfurt 1989, CoverVergiß nie, nie
       die Blumen
die nicht angenommen wurden,
       vehöhnt wurden.

Ein sehr schüchternes Mädchen gibt dem
angehenden Popstar einen schönen,
       einen wunderschönen
       Blumenstrauß

zwischen zwei Liedern. Wieviel Mut
sie gebraucht hat, zur Bühne
hinauszugehen und ihm die Blumen zu
       geben.

Er legt sie wie Unrat
auf den Boden. Da liegen sie jetzt.
Sie geht zu ihrem Platz und schaut
       zu ihren Blumen hinaus.
Dann hält sie es nicht mehr aus.

       Sie flüchtet.
       Sie ist weg
       aber die Musik geht weiter.

       Ich versprech es.
       Versprich du es auch.

Tokio
31. Mai 1976

Bild: Eichborn-Cover, Auflage 1996.

Soundtrack: 郷ひろみ: あなたがいたから僕がいた, 1976. Musik ab Sekunde 47:

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Bonusbild: 正刀: 聴こえない, 24. März 2020.

正刀, 聴こえない, 24. März 2020

Written by Wolf

3. Juli 2020 at 00:01

In heiliger Nacht, in Zaubernacht

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Update zu Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!,
Wem recht die Brust sich dehnte vom sanften Lau des März (oh yeah!)
und Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht:

Die Träger des Namens Johannes, kurz: Hans, gern mit verschiedenen Diminutiva suffigiert, teilen sich in der Volksetymologie des mittelbairischen Sprachraums auf in Hanswurst und Hansdampf. Hanswurste heißen nach dem Apostel Johannes Evangelist und feiern am 27. Dezember Namenstag, Hansdampfe heißen nach Johannes dem Täufer und feiern am Johannistag, dem 24. Juni.

Der Feiertag des Hansdampf steht insofern höher als andere Namenstage, als er mit der Sommersonnenwende zusammenfällt. Das bedeutet: Die Tage werden kürzer, die Nächte zum Ausgleich länger, der Sommeranfang ist deshalb eigentlich ein Winteranfang, mit dem gleichen Argument ist, wie schon einmal dargestellt, Sommeranfang kurz vor Weihnachten.

Dieses Doppelgesicht der Feierlichkeiten zum „Mittsommer“, der eigentlich dessen Anfang ist, zeigt sich auch literaturhistorisch: Fasste Wieland seine Übersetzung von Shakespeare-Dramen — die erste deutsche — noch größtenteils in Prosa, machte er bei deren erstem Ein St. Johannis Nachts-Traum 1762, heute in späterer Übersetzung bekannter als Sommernachtstraum eine Ausnahme; sein Weimaraner Freund, Kollege und Nachbar Herder fasste ungefähr 1772 seine Ode zur Sanct-Johannes-Nacht in ein übliches Odenversmaß des Sturm und Drang: letztendlich in gar keins.

Johannisnacht ist vor dem Johannistag, also die Nacht vom 23. auf 24. Juni.

——— Johann Gottfried Herder:

Sanct-Johannes-Nacht

zwischen 1760 und 1803, vermutlich 1772:

Vivien Leigh, A Midsummer Night's Dream, Titania, 1937Schönste Sommernacht!
Ich schwimm‘ in Rosen und blühenden Bohnen
Und duftenden Hecken und Nachtviolen,
In tausend Düften – o Natur,
Wo kenn‘ ich Deine Kinder alle,
Die Bräute alle,
Die jetzt sich schmücken und lieben und paaren
Und feiern Brautnacht! – Schöne Nacht!
Wie die Schöpfung flammet und wallt!
Als ob der allanflammende Sonnenvater
Mit welcher Jugendinbrunst jetzt
Die Erd‘ umarmt‘! – Und der Himmel brennt:
Dort Abendroth, hier Morgenroth –
Wie kühler, dämmernder Thautag! – Und –
Und hundert Wesen schwirren empor
In Luft und Wasser und See und Sand,
Summen empor! Lieben! – Unendlich, ach,
Unerschöpflich bist Du schön,
Mutter Natur!
Und hundertartige Deiner Kinder
In Leben und Lieben und Sein und Freuden!
Wer kann sie zählen! wer kann sie fühlen! –
Und Du,
In hundert Arten und Sein und Wesen
Und Lieb‘ und Freuden Dich
Allfühlend, o Natur,
Wie nenn‘ ich Dich?

Vivien Leigh, A Midsummer Night's Dream, Titania, 1937Wer bin ich unter den Millionen,
Die jetzt genießen – und wer
Unter den unendlichen Millionen,
Die ich genießen nicht seh‘,
In Blum‘, in Blüth‘, im wehenden Duft
Der Nachtviole!
Wie Tausende sind vielleicht,
Die die Blüthe knospen! die Ros‘ erröthend
Spinnen und färben und dufther schwimmen,
Schwimmen um mich – kühlen mich,
Und ich seh‘ sie nicht!
Da fliegt der leuchtende Funke Gottes,
Der Sommerwurm!
Kleiner Wurm, leuchtender Funke, komm,
Glänze mir!
Wer warst Du, daß die schaffende Hand
Dich also angeglüht?
Mit Sonnenglanz, mit Sonnengluth!
Wer bist Du?
Etwa der Seligen einer? Ein
Verbanneter Unsterblicher,
Aus Raupenstand und Grabegespinnst
Den Wurm zu erlösen.
Und trägst noch Siegel der Unsterblichkeit
Und glühst noch lang‘ im Tode noch fort –
Ziehst Blitzesfunken und duftest Feu’r,
Nicht Strömen erlöschbar, die Gold,
Die Felsen zernagen – Wunderwurm,
Und kriechst im Staub!
Fleuch! ich kenne Dich nicht! Wunderwurm!
Lebe Dein Sommerleben im Flug,
Im Staube! wie’s Der will,
Der Dich gemacht.
Kenn‘ ich mich?
Eben so klein, fliegend und wallend
Und sonnentsprungen – kenn‘ ich mich?
Wer war’s, der Funken dem Staube gab,
Daß er ihm vom Auge leucht‘,
Erflamme vom Herzen,
Oft so matt! und wie lang‘?
Und lodert er fort dann? – Fleuchst,
Funke, Du fort?
Aus Raupenstand, aus Grabesnacht,
Wenn Dein Wurmkörper hier hin ist, noch
Ein Würmchen zum Engel zu lösen? – – –
All‘ meine Sinne sind
Verschlossen! – Um meine Sinn‘
Ist Sommernacht!
Bin nicht zu denken hier! – zu sein! zu hoffen!
Leben und mich zu freun!
Leben – allein?
Nicht ist der leuchtende Wurm,
Wird nicht allein sein!

Vivien Leigh, A Midsummer Night's Dream, Titania, 1937Und allein mich freun?
Niemand zu sagen, wie schön
Im Sommerliebesbrande,
Mutter Natur, Du seist!
Mutter Natur!
Niemand zu haben, der mit
Schwirren die Schöpfung höre, mit
Höre die leisen Räder gehn
Und sehn
Den leuchtenden Engel fliegen
Und denken Unsterblichkeit!
Vereint sie denken, vereint,
Schöne Mutter Natur,
Fühlen an Deiner Brust, uns drücken
An warmes Herz!
Freundschaft, holdester Funke
Der holden Natur!
In heiliger Nacht, in Zaubernacht,
Mutter Natur, bet‘ ich Dich an!
Sei ich’s werth des edelsten Funken,
All Deiner Flammennatur!
Komme, mein leuchtender Engel,
Den Wurm zu beleben!
Zauberlaube, Wo seh‘ ich Dich?
Und um mich gegossen
Mein sanftes Weib!
Zauberlaube,
Wo seh‘ ich Dich?
Rosen und Mondstrahl um Dich schwimmend
Und liebender Wachtelschlag,
Zauberlaub‘, und der Knabe hängt
An Mutterarm! An Mutterbrust
Ihr gleich das sanftere Mädchen!
Und der wilde, trotzige Knabe lernt
Staunen der Sommernacht! hören Gott,
Hören schwirren und liebegirren
Die Schöpfung!
Sanfter bebet alsdann die Mutterbrust,
Sanfter schmieget der Säugling, trinkt
Wollust Gottes, und ich – und ich –
Zauberlaube, wie bin ich allein!

Ihr gleich das sanftere Mädchen: Vivien „Vom Winde verweht“ Leigh als Titania—Queen of the Fairies in A Midsummer Night’s Dream, Bühnenfoto vom Londoner Old Vic Theatre 1937, unter Sir Tyrone Guthrie, ohne Verfilmung:

  1. via Rob Baker: „Consummate Actress, Hampered by Beauty“ –
    Glorious Photos of Vivien Leigh
    , 26. Dezember 2016;
  2. mit Robert Helpmann als Oberon, via Wrath Herself;
  3. im Hofstaat, via Coffin Boffin, 5. Mai 2020.

Soundtrack: Felix Mendelssohn Bartholdy: Schauspielmusik Ein Sommernachtstraum opus 61, die Tyrone Guthrie 1937 am Old Vic benutzte, wegen der angesprochenen Doppelgesichtigkeit im vierhändigen Klavierauszug mit Sivan Silver und Gil Garburg, Konzerthaus Berlin am 12. Januar 2018:

Written by Wolf

26. Juni 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

Und der liebe Gott sitzt ernsthaft in seiner großen Loge und langweilt sich vielleicht

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten:

Wie respektvoll hab ich in meiner ersten Heine-Ausgabe immer die Ideen. Das Buch Le Grand gemieden, weil mir das schon in der Überschrift so überwältigend staatstragend schien, dass mein fünzehnjähriges Herzchen, geschweige denn Gehirnchen, nie immer und nimmer verkraftet hätte. Seltsam genug, dass ich dagegen, was das Verkraften angeht, mit Horrofilmen nie ein Problem hatte. Jeder spinnt anders.

Und was für eine Gaudi mir seitdem entgangen ist. So grand ist das Buch Le Grand weder gemeint noch ausgefallen, sondern nur nach einem französischen Tambourmajor Le Grand benannt.

Der später eindringlich wiederholte Einsatz des 11. Kapitels: „Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas“ wird Napoleon zugeschrieben: „Vom Erhabenen zum Schrecklichen ist es nur ein Schritt“ soll er auf der Flucht mit seiner Grande Armée aus Russland am 10. Dezember 1812 zu seinem Gesandten und Vertrauten Dominique Dufour de Pradt zu Warschau geäußert haben, der es in seiner Histoire de l’ambassade dans le grand-duché de Varsovie en 1812 von 1815, deutsch 1816 mitteilt. Heine kann das Buch 1826 in der einen oder in der anderen Sprache gekannt haben, falls Napoleons bon mot bis dahin nicht schon geflügelt war; so oder so beschreibt es Heines eigenen Stil im ganzen Buch Le Grand, wo er Napoleon „erst auf dem Gipfel seiner Macht und Herrlichkeit vorführt und dann den jähen Schicksalswandlel in St. Helena zeigt“ — Anmerkung von Günter Häntzschel in der Hanser-Ausgabe von Klaus Briegleb, Band 2, Seite 819.

Die in dem Buche durchweg wie in einem Brief angeprochene „Madame“ ist vermutlich Rahel Varnhagens Schwägerin Friederike Robert. Unser Zitat setzt ein mit dem 11. Kapitel, unmittelbar nachdem das Haupt Monsieur Le Grands „herab auf die Trommel gesunken“ ist, worauf er „in diesem Leben nie mehr getrommelt“ hat — Kapitel X. Kapitel XI wird zitiert nach der Düsseldorfer Ausgabe, Kapitel XII sollte selbsterklärend sein; beide erscheinen hier ungekürzt.

Un singe qui parle, Filles. Lectrices dans le métro de Paris, Mai 2008 bis März 2017, Flickr

——— Heinrich Heine:

Capitel XI.

aus: Ideen. Das Buch Le Grand, 1826,
in: Reisebilder von H. Heine. Zweiter Theil. Hoffmann und Campe, Hamburg 1827,
Erstausgabe Seite 224 bis 227:

Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas, Madame!

Seite 228Aber das Leben ist im Grunde so fatal ernsthaft, daß es nicht zu ertragen wäre ohne solche Verbindung des Pathetischen mit dem Komischen. Das wissen unsere Poeten. Die grauenhaftesten Bilder des menschlichen Wahnsinns zeigt uns Aristophanes nur im lachenden Spiegel des Witzes, den großen Denkerschmerz, der seine eigne Nichtigkeit begreift, wagt Goethe nur in den Knittelversen eines Puppenspiels auszusprechen, und die tödtlichste Klage über den Jammer der Welt legt Shakespeare in den Mund eines Narren, während er dessen Schellenkappe ängstlich schüttelt.

Sie haben’s alle dem großen Urpoeten abgesehen, der in seiner tausendaktigen Welttragödie den Humor aufs Höchste zu treiben weiß, wie wir es täglich sehen: – nach dem Abgang der Helden kommen die Clowns und Graziosos mit ihren Narrenkolben und Pritschen, nach den blutigen Revoluzionsscenen und Kaiseractionen, kommen wieder herangewatschelt die dicken Bourbonen mit ihren alten abgestandenen Späßchen und zartlegitimen Bonmots, und graziöse hüpft herbey die alte Noblesse mit ihrem verhungerten Lächeln, und hintendrein wallen die frommen Kaputzen mit Lichtern, Kreuzen und Kirchenfahnen; – sogar in das höchste Pathos der Welttragödie pflegen sich komische Züge einzuschleichen, der verzweifelnde Republikaner, der sich wie ein Brutus das Messer ins Herz stieß, hat vielleicht zuvor daran gerochen, ob auch kein Häring damit geschnitten worden, und auf dieser großen Weltbühne geht es auch außerdem ganz wie auf unseren Lumpenbrettern, auch auf ihr giebt es besoffene Helden, Könige, die ihre Rolle vergessen, Coulissen, die hängen geblieben, hervorschallende Soufleurstimmen, Tänzerinnen, die mit ihrer Lendenpoesie Effekt machen, Costümes, die als Hauptsache glänzen – Und im Himmel oben, im ersten Range, sitzen unterdessen die liben Engelein, und lorgniren uns Komödianten hier unten, und der liebe Gott sitzt ernsthaft in seiner großen Loge, und langweilt sich vielleicht, oder rechnet nach, daß dieses Theater sich nicht lange mehr halten kann, weil der Eine zu viel Gage und der Andre zu wenig bekommt, und Alle viel zu schlecht spielen.

Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas, Madame! Während ich das Ende des vorigen Capitels schrieb, und Ihnen erzählte, wie Monsieur Le Grand starb, und wie ich das testamentum militare, das in seinem letzten Blicke lag, gewissenhaft executirte, da klopfte es an meine Stubenthüre, und herein trat eine arme, alte Frau, die mich freundlich frug: Ob ich ein Doctor sey? Und als ich dies bejahte, bat sie mich recht freundlich, mit ihr nach Hause zu gehen, um dort ihrem Manne die Hühneraugen zu schneiden.

~~~\~~~~~~~/~~~

Un singe qui parle, Lectrices dans le métro de Paris, Mai 2008 bis März 2017, Flickr

Capitel XII.

aus: Ideen. Das Buch Le Grand, 1826, Erstausgabe Seite 228:

Die deutschen Censoren – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Dummköpfe – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –.

Un singe qui parle, Filles. Lectrices dans le métro de Paris, Mai 2008 bis März 2017, Flickr

Bilder: Un singe qui parle: Filles: Lectrices dans le métro, Paris, Mai 2008 bis März 2017.

Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas, Madame: Camille: Seeds, aus: OUÏ, 2017,
mit ordentlich tambour drauf:

Written by Wolf

19. Juni 2020 at 00:01

Zwei Klavier-Trios und zwei Violoncello-Sonaten

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Update zu Leise retardierende, ungläubig fragende Zurücknahme der Meldung
und Ein ewig Weißwurschten:

Kapelle Maria RastMein üblicher Urlaub besteht darin, ein-, zweimal im Jahr frühmorgens zur Haustür hinauszufallen, den Weg zur Isar einzuschlagen und erst wieder mit dem Latschen aufzuhören, wenn ich in Kloster Schäftlarn rauskomme. Das kann ich nur empfehlen: Obwohl der Weg durch einen touristisch durcherschlossenen Wald stur geradeaus am Isarufer flussaufwärts führt, verfranst man sich unfehlbar so vielfältig, dass ich in zwanzig Jahren keine zweimal genau dieselbe Strecke gegangen bin, der Klosterladen hält einwandfreien lokal hergestellten Honig von sichtbar umherschwärmenden Bienen feil – falls – selten genug – noch welcher da ist –, hinterher ist man so rechtschaffen müde, dass man sogar zu faul ist, im anliegenden Klosterbräustüberl als Isarpreuße herumzustören, und obwohl das ein noch viel steilerer Aufstieg aufs Isarhochufer ist, als man über die Straße bis in die Traditionskneipe hinein gehechtet wäre, kommt man mit der S7 vom Bahnhof Hohenschäftlarn aller 20 Minuten wieder nach München. Bei dem fiesen Anstieg aufs Hochufer in den Hauptort holt man sich erst den Muskelkater, da hilft auch die still vor sich hin verfallende Kapelle Maria Rast nix. Oben vekehrt sich’s bei gleichem Aufwand auch weiter nach Wolfratshausen, wenn man unbedingt meint.

Panorama Kloster Schäftlarn

Das Klosterbräustüberl Schäftlarn bleibt selbstverständlich mit seinen drei Umlauten im Domainnamen und seinem Schnitzel- und Steaktag aus den persönlich ansprechbaren Isartaler Angusrindern ausgerechnet an unchristlich gewählten Freitagen nur die zweite Sehenswürdigkeit am Ort, durch den man mir nix dir nix durchgerauscht ist, wenn man nicht rechtzeitig an der Klosterkirche bremst.

Letztere ist nämlich von einem idylischen Friedhof umzingelt, und an der Kirchenwand, gleich linker Hand der Hauptpforte, findet sich das Schild angeschroben:

Marie von Erdödy, Schild Friedhof Kloster Schäftlarn

ANNA MARIA GRÄFON ERDÖDY

1779 — 1837

FAND IN SCHÄFTLARN IHRE LETZTE RUHE.

LUDWIG VAN BEETHOVEN

WIDMETE IHR IN DANKBARKEIT

ZWEI KLAVIER-TRIOS

UND ZWEI VIOLONCELLO-SONATEN.

BEETHOVEN-GESELLSCHAFT MÜNCHEN

„Zwei Klavier-Trios“ ist gut. Die Gräfin Anna Maria „Marie“ von Erdődy (mit ungarischem ő) hat von Beethoven nichts Geringeres denn das vom Beufsmusiker E.T.A. Hoffmann für die Musikgeschichte dringend empfohlene Geistertrio – und dann noch einiges geschenkt bekommen, was sie in den Kreis der Verdächtigen als Beethovens obskure Unsterbliche Geliebte aus dem gleichnamigen Brief vom Montag, den 6. Juli 1812 rückt.

Präalatengarten Kloster Schäftlarn

Ohne einem Frauenschicksal hinterherzuspüren, das eine Banater Adlige zu Beethovens Verehrerin der ersten Stunde, seiner Gönnerin, Hauswirtin in der Krugerstraße 1074 im Wiener 1. Bezirk, Eigentümerin des geeigneten Landguts für den viel späteren Verein der Freunde der Beethoven-Gedenkstätte in Floridsdorf, einer seiner allerengsten Lebensfreundinnen, wenn nicht gar noch Unsterblichen Geliebten machte – ohne, sagte ich, solchen wahrhaft verwirrenden Details hinterherzuspüren, weil wir darüber ohnhein nicht herausfinden, was die Gräfin an ihren Sterbeort im zarten 57. Lebensjahr zu München trug – und vor allem: wer oder was sie dann an ihre Grabstätte vor der Kirchenmauer der Benediktinerabtei – und eben nicht Benediktinerinnenabtei – Schäftlarn getragen haben mag, wohin ihr in späteren Zeitaltern noch eine bis 1990 existierende Münchner Beethoven-Gesellschaft mit einer von geistlicher Seite zu genhemigenden Gedenktafel nachruft – ohne diese Verwirrungen eines erwartbar an allen Ecken und Enden überraschenden Lebenswandels zu einer Auflösung zu führen und velmehr in unserer vielgestaltigen Verwunderung steckenzubleiben, wollen wir an dieser Stelle über ihren Widmungen ihres Frauenschicksals gedenken, wenn auch nicht ohne eine gewisse Wehmut des Versäumnisses:

  1. Klaviertrio op. 70 Nr. 1, „Geistertrio“, Lieblingsaufnahme mit Barenboim, Zukerman & du Pré:

  2. Klaviertrio op. 70 Nr. 2:

  3. 4. Cellosonate op. 102 Nr. 1:

  4. 5. Cellosonate op. 102 Nr. 2 – beide letzteren auf den Leib des Cellisten Joseph Linke komponiert:

  5. Kanon Glück, Glück zum neuen Jahr, WoO 176:

So eine nachweinende Wehmut bleibt einem sowieso jedesmal, wenn man von München aus nach Schäftlarn wandert. Auch wenn man im Gegensatz zu der verstorbenen Gräfin Erdődy aus eigenen Mitteln zurück nach München gelangt, verpasst man immer irgendwas bei seinem bemessenen Aufenthalt: Entweder hat der überaus sehenswerte Prälatengarten – man beachte dort das persönlich erinnernde, anrührende Dankschreiben von Papst Benedikt „Ratzefummel“ XVI. – ist zugesperrt, man ist zu geizig, um ins Klosterbräustüberl einzukehren, oder zu katholisch, um fastenfreitags dessen Angebot eines Angusrindersteaks zu nutzen, oder der Klosterladen hat wahlweise Ruhetag oder keinen Honig mehr.

Eingang Klosterladen Schätlarn

Man steckt nicht drin, in den wenigsten der angeführten Umstände. Um wenigstens den Klosterladen geöffnet zu erwischen, damit man daheim sein – so vorrätig – Halb- oder Pfundglasl Klosterhonig vorweisen und sagen kann: „Schau her, ich bin dagewesen“ – die Öffnungszeiten sind:

Mittwoch–Samstag 14.00–17.00 Uhr
Sonn- und Feiertage 11.00–17.00 Uhr

Während der Monate Januar bis Ende März ist der Klosterladen sonntags geschlossen.

Zu deutsch: Montag und Dienstag haben Sie Glück, wenn Sie mal aus dem idyllisch plätschernden Brunnen im Prälatengarten Im Zweifelsfall vorher zu den angegebenen Öffnungszeiten mal anrufen; die Schäftlarner, mit denen man touristisch zu tun hat, sind nach meiner Erfahrung auffallend freundlich. Wer bis hier mitgelesen hat, kriegt als Belohnung den Geheimtipp mit: Der Schnaps ist meistens noch da. Vielleicht war die Gräfin Erdődy ja doch eine gesegnete Frau.

Landstraße nach Kloster Schätlarn

Buidln: Lars Melzer für Google Maps, Januar 2020;
das Schild von mir, die anderen via Abtei Schäftlarn.

Bonus Track. Johannes Buxbaum an der Klosterorgel Schäftlarn, 15. April 2020:
Pater Anton Estendorffer: Capriccio super Christ ist erstanden, 2008:

Written by Wolf

12. Juni 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

The tale of the powerful penis

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Update for Impotence proved I’m superman,
Ich will mich wie mein Schwanz erheben, and
The boys and girls are one tonight (I marry the bed):

Esteem for the beauty and dignity of penes has deteriorated constantly over the centuries.

1500 AD:

——— Iseabail Ní Mheic Cailéin:

Éistibh, a Luchd an Tighe-se

from: Leabhar Deathan Lios Mòir, i. e. The Book of the Dean of Lismore, first half of 16th century:

Scottish Gaelic, c. 1500:

Estyf, a lucht in ti so,
re skail na bod breour,
dy hantyth mo chreissy
cwt dane skallow dy screyf.

Da leneour bod braiwillycht
dy vy sin amsyr royn,
tak far in nvrd ċrawe so
bod is ċaf mor roynne.

Bod mo haggird horistil
ga ty go fad sessowyt,
otha keynn an quhallavir
in reyf ata na vackann.

Atta reyf roiravyr
an sin sne skail breg,
notcha cholai choyravyr
woa vod arriss es.
Estyve.

Carolin Gutt, close, 2019

Edmund Crosby Quiggin, ed.: Poems from the Book of the Dean of Lismore, Cambridge U.P., 1937:

Listen, people of this house,
to the tale of the powerful penis
which has made my heart greedy.
I will write some of the tale.

Although many beautiful tree-like penises
have been in the time before,
this man of the religious order
has a penis so big and rigid.

The penis of my household priest,
although it is so long and firm,
the thickness of his manhood
has not been heard of for a long time.

That thick drill of his,
and it is no word of a lie,
never has its thickness been heard of
or a larger penis.

Carolin Gutt, close, 2019

With an 1937 English translation of a 1500 Scottish Gaelic poem Éistibh, a Luchd an Tighe-se, Thomas Owen Clancy still implies in 1996 that a proper — not only „diplomatic“ — publication did not happen before 2008:

1996 AD.:

——— Thomas Owen Clancy:

Women Poets in Early Medieval Ireland

essay in: Christine Meek and Katharine Simms (eds.): The fragility of her sex?: Medieval Irishwomen in their European context, Four Courts Press, Dublin 1996, pages 43 to 72:

[Éistibh, a Luchd an Tighe-se] is a fairly obscene boast to the court circle on the size and potency of her household priest’s penis. The authenticity of the attribution to Iseabail has been questioned, but without substantial grounds. It has not yet been properly edited, or translated in published form.

If anybody can relate to some more unexpurgated version, which seems to come close to access a publication from

2008 AD:

Theo Dorgan and Malcolm Maclean, eds.: An Leabhar Mór/The Great Book of Gaelic, 2008 — please let me know.

Meanwhile, it has become important to fight for your right to look at some penis depiction at all. Carolin Gutt of 5letters is a photography artist based in Berlin. She encourages Scottish poetry from its early medieval beginnings to its recent manifestations, and relies on depicting — including but not restricted to — naked human bodies. Do not hesitate to support her on society6 and Redbubble.

Ms. Gutt’s improvised ranting comes close to her artistic concept. The presence of problems like hers and the common necessity to deal with them are not signs for a liberal society. They are signs for the indispensability of Arts.

2020 AD:

——— Carolin Gutt:

Instagram, May 21st, 2020:

Let’s do this and try to stay online.

Warning: the text might be a trigger as it contains thoughts on nudity and sexuality and it’s really long *eye roll* (posted to my Instagram first)

I honestly struggled in my decision to post some of these photographs I’ve been working on last year on Instagram, but have chosen now to simply start with this one but I cannot let it pass without comment, or a personal statement or a rant or whatever you’d like to call it.

Debating with myself whether to share or maybe better not to share them here at all as I am afraid of losing the account (once more) or an image to be the least of my worries.

But then again I think, THIS IS NOT an option how to deal with it.

Carolin Gutt, close, 2019Always trading off how to present my art in a way I would like it to be looked at (without censorship because it only takes away an artworks essence) against the fact that I also want to promote my own art and make it more accessible for a wider (fan) community and people that share my interests and don’t follow me somewhere else but on Instagram, for instance.

The only place on the internet I know, where I don’t have to fear my art might be taken down against my own will is flickr, because they set up a system which allows you to mark your uploads as safe, moderate or restricted and one doesn’t have to necessarily censor one’s own art. You simply choose yourself to see mature content or not. And you also choose the tags you find appropriate for the content you upload. Please share other platforms with me, that you know with a likewise user-friendly attitude. If there is any. I also might consider to really create an own website one day to simply share my art without restrictions, but then I would also miss out on all the exchange of thoughts with other artists, which I find just as important as making art myself. Hoping there will be more exchange and no ban of the exchange. Otherwise we’ll all just might become whistleblowers.

Carolin Gutt, close, 2019But for the rest I wish we would stop being afraid of human body parts. I wish we would stop to hide bodies in general. I wish we would stop to label them as something illegal and I wish we would stop making use of the excuse „…but there are children that need to be protected“ – ahm, yes. Agree. But this is not the way to protect them, by never letting them explore a main part of their own existence – nudity. This is only how you confuse and irritate them and assume that they are too stupid to understand it and make it even worse – they might get the impression there is something wrong in being nude and suddenly they feel uncomfortable in their own bodies. Oops! There we go, many generations full of self-doubts and bodyshaming. You really wanna protect children? Educate them! Take them by the hand and let them know their questions about nudity, their own body, their first encounters with sexuality are okay and nothing to be afraid or ashamed of. It is most likely that so many adults struggle to deal with it openly only because they haven’t had the awareness and resources and sensitivity when they were young. Yet we all grew up and sooner or later there was a first time when we saw a naked body or had a very first sexual experience (wishing it was consensual), and we probably felt confused and shameful and weird as this was something new to us, but we made up our minds and came up with questions, I still do – it never stops actually, and we would be looking for answers, whether it was something with or without support, because we are curious. Curiosity is something good. Knowledge is something good. And to be honest about it is even better. And we choose if there will be more support in the future (for all of us, not only children) or just more hiding and open questions. Art is a wonderful way to educate and playful to begin with in my opinion. It breaks the ice, to say so. I work in a museum where we display a lot of figural art, most of it is nude art, and guess what, children are among the visitors also. We do offer special workshops for them to get in touch with the art they see. I don’t wanna bring a long argument up about the internet being a safe place for children. Definitely. It must be a safe place for everyone. Not only children. So many adults have to face hate speech. And so many (women) have to deal with dick pics – including myself. Doesn’t only happen to teenagers, right?!

And talking about the fine arts particularly, I really wish we will stop giving artists constantly a feeling of being criminals for doing art – or simply humans for owning a nude body, because the body itself is basically all we can ever call our own property and it cannot be taken away by someone else (it shouldn’t be taken away – this is where we enter the real world and the world wide web is just a reflection of it, therefore we need to fix a wide spread common sense in the real world we all live in, while the Internet is a tool to communicate about it – if I would get the same „ban“ in real life as online, it would be like someone constantly putting a plaster onto my mouth, metaphorically).

The fragility of her sex. Medieval Irishwomen in their European context, via Motherfoclóir, Clare, July 9th, 2018, TiwtterExploring the female gaze in my own nude photography is a vice versa answer to the still more common male gaze and being able to create a content I would like to see more often on the internet and the world I live in by taking pictures not only of my own body, also of other female and male nudes, made me think of the right way to represent them, but I have to fear a restriction by so called correct guidelines or community standards ever since. Who are you to tell me that your community standards are something to actually agree on and to call them „right“ or „entire“ or „inclusive“. Actually they discriminate and make a majority believe that this is an ultimate opinion. How can you even dare to make the hashtag „woman“ illegal and shadowban all content connected to it. Instagram, Facebook and other social networks with these „standards“ only support a world, where half of mankind (even more) still struggles to be accepted and respected as humans. Basically this only means, if not they are the ones to ban or censor my art, than I will have to do it as an artist myself, if I want to keep the art online and wanna share my content and reach out to people to make a change. I discriminate myself and give my permission to allow others to not respect me as an artist and as a woman and as a human. So one way or the other the art gets a big censorship on it and cannot be seen as what I originally had intended it to be (as there will always be an odd side effect of it being something forbidden first of all). I am not a criminal, I am not doing illegal things, there is no need to hide what I am doing and I don’t want it to be understood as if it was. I’d so love to break old standardized gaze habits and get rid of the BIG OLD ONE and ONLY possible way to understand a nude/semi-nude that’s spread via all kinds of media and therefore got the overall agreement to be „valid“ – in the very common sexualized way, right?! But how are we supposed to replace it, when all our efforts on presenting the nude in a new light (female, male, non-binary… doesn’t matter after all) is already meant to be sexual by the guidelines itself and -now here comes the point which I find even more devastating- making it a bad thing!!! Why? Two main points here: why does nude-art have to be „sexual art“ only and why does sexual have to mean it’s something bad, why does nude have to mean it’s something bad? I think we need to free the body from being sexual only and need to free sexuality/nudity from its old negativity. Not only for women, after decades of struggling to find our own positive aspects of sexuality – men in general would do themselves a big favour to re-think their own understanding of sexuality, too. Is the presented „sex“ you see everywhere really the sex you guys wanna look at and do you find yourself represented by it? Seriously?? I am sure it still works for those that never made up their own mind about what sexuality is meant to be or could be as its deadlocked meaning gets copy pasted and worked as a tool of power and prevalence for centuries, but many men (luckily) are just disgusted by it nowadays and what it does to them or the women/people in their lives. Btw, I rarely see plain sexual content in my own artworks or in a lot of other artists‘ work that focus on the nude subject in fine arts. My nudes rather address the topic of how the body itself represents beauty in different ways and of all kinds and is a vessel to express the mind and how a digital or analog camera gives you different options and possibilities to explore and play around with it. A nude can be funny, can be hilarious, can be soft, can be attracting, can be broken, can be damaged, can be protective, can be vulnerable, can be a limit to our mind, can be lots of things, because we are lots of things, and it can be sexual – yes – but isn’t sexual first of all. A sexual component can be a part of a nude but it doesn’t have to be and it only happens when the subject and I agree on it to make it visible. This leads me straight back to the uploaded content I wanted to share and hopefully will be sharing some more of this series soon, in case they won’t take this one down and it remains online. Congratulations to all of you who made it so far scrolling down, means the image is still here. Some of you also were lucky to see the whole series on my flickr already (flickr.com/photos/orangeshakejuice) and I can only draw your attention to my stream for uncensored versions of my art – the original content to say so. My shops are censorship free as well, but as I am not selling all my nude artworks you will also not catch up on my full body of work. Anyway, those who follow me here and on my flickr were kind to let me know how they find this series to be one of the most explicit work I’ve done so far and I agree on it. Didn’t think to capture the topic of physical selflove and selfcare on camera really much in the past. And even this time I was looking for private portraits, nude portraits but because the whole atmosphere made both of us feel safe and comfortable we ended up with some really delicate, explicit and intimate nude portraits, which are far away from porn but close to an artistic, aesthetic and respectful interaction. And I am grateful for the experience. It’s been actually rather easy, more than what one would maybe think and really not stressing at all. And I say it shows in the images. There is something that influences the output, the result of a session. If you stress about it or look for something to happen desperately, it’s going to be shite quite likely and will dissatisfy probably. In the worst case it will hurt someone. I’d even dare to say, because the photographs don’t include any provocative purpose they are not provoking and I have to ask myself, can you un-sexualise a sexual content? In a world where non-sexual things must become something sexual on purpose I wonder if a clear sexuality-connected thing like an erect penis doesn’t have to be sexual at first sight, but is possibly more a thing of beauty and of something that’s just greater or just human and therefore natural, but maybe that’s one step too far for the already-brainwashed-brains and narrow-minded-minds out there I lost when starting to talk about how to rather protect children by telling them the uncovered truth. Right, it’s late. I’ll leave it here with you. And I gotta work tomorrow, which literally is in a couple of hours. I will see if the image (my account?) will still be here when I wake up and hopefully some of you will get the chance to follow my thoughts. Respectful comments and opinions are most welcome. Thanks very much. Have a good day and good night. Speak to you soon. Take care of your vulnerability, please.

#makereasonableart

Images: Carolin Gutt: close, 2019;
The fragility of her sex?, via Motherfoclóir: Clare, July 9th, 2018.

Further reading: Medieval Gill: Independent Women: Poetry, power, art and looking for love in medieval Ireland, October 23rd, 2013.

Soundtrack: Fiona Apple: Criminal, from: Tidal, 1996:

Written by Wolf

5. Juni 2020 at 00:01

Doch jene Wolke blühte nur Minuten

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Update zu Mille tre und
Meine Urgroßmutter und die Wolken:

Nach neuesten Forschungsergebnissen war eine literarisch wirksam gewordene Wolke im Jahr 1920, vielleicht auch schon, man weiß es nicht, 1919, eine Cirrocumulus-Wolke. Literarisch wirksam ist sie durch das Gedicht Erinnerung an die Marie A. von Bertolt Brecht, und eine Cirrocumulus oder „Kleine Schäfchenwolke“ ist sie durch die Eigenschaften der Cirrocumulorum: Sie entstehen in großen Höhen von sechs bis zehn Kilometern — daher ihre Charakterisierung als „ungeheuer oben“ —, gern auch in ansonsten wolkenfreien Räumen, sind eher selten, dann aber bei ihrem Aufzug aus westlichen Richtungen unter der Sonneneinstrahlung „sehr weiß“ und lösen sich schnell auf — denn „als ich aufsah, war sie nimmer da“ (1. Strophe, Schluss) oder „schwand sie schon im Wind“ (3. Strophe, Schluss).

Brecht schrieb die Urfassung des vielleicht schönsten Gedichts von allen, bestimmt aber sein eigenes schönstes, am 21. Februar 1920 auf einer Zugfahrt nach Berlin als Sentimentales Lied Nr. 1004 über Marie Rose Amann — also frisch 22-jährig über eine Jugendliebe, die er als 18-jähriger Schüler erlebt hatte. Die dazuerfundene Melodie richtete sich bei Brechts eigenen Wiedergaben zur Klampfe nach Verlor’nes Glück von Leopold Sprowacker 1896.

Cirrocumuli weisen auf einen Wetterumschwung hin, im Sommer — also in seinen letzten Ausläufern durchaus noch „im blauen Mond September“ — auf eine Kaltfront innerhalb eines Tiefdruckgebietes oder Hitzegewitters. Vor allem wenn sich im Tagesverlauf Cumulus-Wolken hinzugesellen, droht ein Gewitter, wie wir Was die zehn wichtigsten Wolkentypen verkünden von Wolfgang W. Merkel in der Welt vom 21. August 2011 entnehmen.

Rechnen wir mal nach: Brecht hat vier Jahre nach dem Geschehen, im Alter von 22 Jahren, eine Jugendliebe in Verse gefasst, die prozentual auf seine Lebenszeit umgerechnet eine Ewigkeit zurücklag. Dafür hat er in einem „sentimentalen Lied Nr. 1004“ — das ist: eine mehr als die mille tre, die Don Giovanni bei Mozart in Spanien „hatte“ — ganz schön kaltherzig über eine Mitschülerin vom Leder gezogen, die vier Jahre später rein rechnerisch noch keine sieben Kinder haben kann. „Sie war es, die das Verhältnis beendete“, erfahren wir erst 1979 im Interview mit Kurt Tetzlaff. Der Wetterumschwung, von dem Cirrocumulus kündet, ist ein Umschwung vom sommerheiß verknallten Schulbuben zur Kaltschnauze.

Ich finde ja, solche Wetterhinweise wurden bislang für die Interpretation von Gedichten viel zu leichtfertig vernachlässigt.

Filipp Chilov, Cirrocumulus virga, Hamburg, 24. Juli 2012 für den Wolkenatlas in Wolken Online

——— Bertolt Brecht:

Erinnerung an die Marie A.

21. Februar 1920, in: Bertolt Brechts Hauspostille, Propyläen Verlag, Berlin 1927<:

Maria Rose Amann1
An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

2
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: Ich küsste es dereinst.

3
Und auch den Kuss, ich hätt‘ ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Maria Rose Amann in Kurt Tetzlaff, Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen..., DEFA 1979

Die weiß ich noch und werd ich immer wissen: Filipp Chilov: Cirrocumulus virga in Hamburg, 24. Juli 2012:

Niederschlag, der den Erdboden nicht erreicht: Das ist eine Beschreibung vom sog. virga. Hier äußert sich der Niederschlag in Form von Eiskristallen als Streifen unterhalb der Wolke: Cirrocumulus virga.

Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer: Marie Rose Amann, via Liebte Brecht die Marie A.?, Augburger Allgemeine, 3. Januar 2017.

Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen…: Kurt Tetzlaff, Dokumentarfilm, 10 Minuten, DDR 1979:

Vor der Kamera äußert sich die heute fast 80jährige Marie Amann, eine Jugendliebe des damals 18jährigen Bertolt Brechts. Sie erinnert sich an den jungen Dichter und an ihre eigenen Gefühle für ihn, die aus Neugier, Stolz, Liebe, Unverständnis und auch Angst zusammengesetzt waren. Sie war es die das Verhältnis beendete. Brecht widmete ihr eines seiner schönsten Gedichte „Einnerungen an Marie A.“. Aus dem Gedicht wurde ein Lied, das von Ernst Busch im Film gesungen wird. Die einzelnen Strophen kommentieren die Erinnerungen der alten Dame, die durch Fotografien anschaulich gemacht werden.

Soundtrack: Ernst Busch: Erinnerung an die Marie A.,
für Konrad Wolf: Busch singt — Sechs Filme über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, DDR 1982:

Written by Wolf

29. Mai 2020 at 00:01

But little girls grow up, my friend

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Update for Schlachtens,
Lasst mich scheinen, bis ich werde (Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht),
Zu Lolitas Verteidigung,
and Babes With Guns:

No need to argue, Strangers in Paradise by Terry Moore (not to be confused with Alan Moore), running from January 1st, 1993 to its planned conclusion with issue #90 of volume 3 on June 6th, 2007, was the second-best comic series of all times known.

Often referred as the comic book to give to people who do not read comic books, SiP brings a storyline over literally three lives, featuring the characters — Katina „Katchoo“ Choovanski, Francine Peters, David Qin — through their life ages, including their monochrome-scribbled appearance and behaviour, over the generations. Not many „sagas“ attend so many characters with such elaboration and profound psychology — and exciting action scenes.

In her age for high school, Katchoo is characerized as socially and sexually abused — not to spoiler or trigger. With the knowledge that she is going to be an artist (and a noble prostitute) in her later life, we are following not only a Lolita, but even a Mignon character emerging to her adult life. Katchoo, painted here as a grumpy, rebellious Gothic kid, makes an encouraging experience in her creative writing class, presenting her self-exposing poem — obviously not her first artistic attempt. A grand moment within the series.

Since Katchoo’s birthday is positively specified as November 19th, 1972 — she shows her driver’s licence when checking into a motel — we may assume the plot setting in the school year of 1987/1988 or one later.

Around 2005, I made the scan of the bookpage myself to show it to a German schoolgirl, who was in Katchoo’s age then, and in her physical condition: abused, grumpy, and with an inclination to arts and writing. Now when she should be aged 30, I cannot find her name in any connection with fame (or prostitution).

This Mask I Wear

——— Terry Moore:

This Mask I Wear

„Katina Choovanski“ in: Strangers in Paradise, volume 3, issue #13, Abstract Studio, 1997,
collected in: High School!, Strangers in Paradise Pocket Book 2,
and The Complete Strangers in Paradise Volume 3, Part 2:

by 16 year old Katchoo

This mask I wear you gave to me
One winter night beneath the trees.
It’s black and blue enshrouds my life,
Surrounds my eyes and blinds my sight.

This mask I wear pretends I’m here
And hides me from the awful fear
That you might find the heart of me
And take that too, beneath the trees.

This mask I wear to hide the pain.
It’s all I have to keep me sane.
I just fell down, I’m told to tell.
There are no words to stop this hell.

This mask I pray to God for why
He hates me so to watch me die
A little more with every night
This man comes in and rapes my life.

But little girls grow up, my friend
And learn the wicked ways of men.
And this mask I wear comes off the day
This mask I wear lays on your grave.

This Mask I Wear

Images: Terry Moore via High School!; The Complete Strangers in Paradise Volume 3, Part 2, 1997.

Musical setting: Densha Donahoe via Rodrigo Daher, 16. September 2008:

Written by Wolf

22. Mai 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Dornenstück 0002: Vom Doddredn und Zuzzeln

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Update zu Urbane Legenden: Der Hugendubel am Marienplatz
und Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!:

Der Verfasser versichert glaubwürdig, dass er selber nicht mehr weiß, wann er das verfasst hat — was ein neues, milderes Licht auf die mangelhafte Einordnung literarischer Texte wirft: Woher soll es dann jemand anders wissen? Noch bessere Nachricht: Derselbe Verfasser ist, sei es vorher oder nachher, mit weit eindeutiger nachweisbaren Veröffentlichungen hervorgetreten. Die Wiedergabe erfolgt ohne sein freundliches Einverständnis, aber da muss er durch.

——— Frank T. Zumbach:

Mehr sog i ned

Spätes Novencento:

Meine Frau hatte diese efeubewachsene Villa auf dem Lande geerbt, also zogen wir eben aufs Land. Wir befürchteten nicht, dort zu ‚versauern‘, wovor uns wiederholt Freunde glaubten warnen zu müssen. Stadtleben, Landleben, uns war das egal. Ich mag die Berge und das Meer, verstehen Sie? Man nimmt sich überallhin selbst mit, und allein ist man in bester Gesellschaft. So dachten wir anfangs.

Eine angenehme, ja herzerfrischende Eigenart des Landlebens besteht darin, daß man nach einiger Zeit beim Bäcker, Metzger, Apotheker, Lebensmittelhändler usw. mit Namen gegrüßt wird. Schallend. Ah, der Herr und die Frau … ! Auf Behörden heißt es: Es ist zwar schon viertel nach sechs, aber wenn Sie schon einmal da sind, kommen’s nur herein, nehmen’s Platz, mögen’s vielleicht an Willi? Und auf der Straße sagt dauernd irgendjemand, an dessen Gesicht man sich nicht im mindesten erinnert, ‚Grüß Gott‘. Wer war das bloß? Ein Nachbar, ein Verkäufer? Kein Mensch kann sich so viele freundlich zunickende Gesichter merken.

Auch Schrulligkeiten kommen vor, liebenswerte Landschrulligkeiten. Der Arzt, der sich beim ersten Termin unter den Platz am Schreibtisch zu seinen Schuhen bückt, den offenen Schnürsenkel zubindet und dabei unachtsamerweise ans Tischbein fesselt. Die Gemüsefrau, die zur Verabschiedung merkwürdige Muli-Schreie ausstößt. Und der Arbeiter, der ein Stück Grünfläche aufrollt und auf die leutselige Frage, was er denn da mache, ein ‚Mpf!‘ ausstößt und durch verzweifelte Gesten und Grimassen andeutet, er wisse es selbst nicht genau.

Leuten, die geflissentlich im Wege stehen, den roten Einkaufswagen mit Gewalt in die grüne Einkaufswagenkolonne zu drücken versuchen und schon beim ersten lauen Frühlingslüftchen Socken in Sandalen tragen, kann man auch in der Stadt begegnen, nur nicht so häufig. Insbesondere die Socken-in-Sandalenträger ahnen schließlich nicht, welchen Unmut sie bei mir auslösen. Ich ertappe mich dabei, sie zu zählen, und komme ich über zehn, ist mir der Tag verdorben. Ich zweifle dann am Menschengeschlecht. Aber das kapieren sie nicht, diese Idioten mit ihren häßlichen Quanten! Ach, was rede ich mich in Rage. Es gibt ganz andere Ärgernisse.

Das mit der Haustierkot-Trennung zum Beispiel. Mindestens einmal im Monat fährt man an diesen widrigen Ort, an dem Hunderte von Bürgern eifrig ihren Haustierkot entsorgen. Der größte Behälter ist für Hunde-, ein etwas kleinerer für Katzenkacke, nicht zu übersehen. Hasen-, Karnickel- und Meerschweinchenködel in die grüne Tonne, bitte! Pferdeäpfel heute nicht vor 16 Uhr. Für Guano sind Sie hier falsch, das ist Sterntalerstraße 8. Alles gut und schön. Ich halte mir leider Chamäleons. Sie passen, als Krawatte geschlungen, immer zum Anzug. Man muß nur aufpassen, den Knoten nicht zu stramm zuzuziehen, denn sonst macht es ‚knack‘ und das Reptil rutscht leblos zu Boden. Ich verbrauche pro Jahr ungefähr sechs bis sieben Chamäleons, aber glauben Sie, jemand hätte an ein Behältnis für Chamäleonexkremente gedacht? Ja sollen denn die Tiere in ihrem eigenen Kot ersticken?

Überhaupt, mit Tieren ist das auf dem Lande so eine Sache. Ich persönlich bin ein großer Anhänger bayrischen Brauchtums. Kein Maibaumaufstellen, keine Stub’n- oder Blasmusi, kein Perchtentreiben, keine König-Ludwig-Gedenkfeier mit Gebirgsjägerböllerei, wo ich nicht begeistert dabeistehe. Weißwurst, Leberkäs, sogar ’saures Lüngerl‘ – jederzeit! Aber hier bei uns herrschen schon eigentümliche Bräuche. Letzten Herbst, bei einem Spaziergang über die Felder, es dämmerte schon, kamen wir an einem Gehöft vorbei, und da war ein lebendiger Rauhhaardackel an das Scheunentor genagelt.

„Grüß Gott,“ sagte der Bauer, aus der Haustür tretend und sich wohlwollend zu uns gesellend, „Sie wundern Eahna wohl über den Rauhhaardackel am Scheunentor?“

Wir nickten beklommen. Die Porzellanpfeife mit Deckel in seinem Mundwinkel war dem Kopf von Franz Josef Strauß nachgebildet. „Jo, des is bei uns hoid so Brauch,“ erklärte er. „Warum?“ fragte ich blöde. Er antwortete mit einem ‚Gstanzl‘ und schlug sich dazu im Takt wuchtig auf die Schenkel, während aus dem geöffneten Fenster die passende Hackbrettbegleitung erklang: „Wenn der Rauhaardackel, wenn der Rauhaardackel, aufm Scheuntor droben muaßt an Herrgott loben, wird der Winter milder und die Madel wilder sog’n ma Pfüagott am liaben Herbst!“ Wir klatschten höflich, aber das arme Hundchen hob den Kopf, blickte uns aus treuherzigen Äuglein an und kläffte: „Ned klotschn, ned klotschn, des bringt fei Unglück!“ Der Bauer sah uns unverwandt an, ging wieder ins Haus, und wir traten schweigend den Heimweg an.

Fahne Heimat- und Volkstrachtenverein Olching e. V., VorderseiteHeuer war’s, es ist gerade mal zwei Wochen her, da spazierten wir um den See der Gemeinde. An einer seichten Stelle hatte sich eine große Volksmenge versammelt, und einige Männer trugen Gamsbarthüte und leuchtend rote Trachtenjanker. Schon von weitem vernahmen wir ein gedämpftes Geräusch, das man nur lautmalerisch mit ‚Knurtscheln‘ umschreiben kann – wie es übrigens auch dem hiesigen Sprachgebrauch entspricht. Zwei Polizisten, die uns zuerst mißtrauisch beäugten, riefen unisono ‚Grüß Gott!‘ als sie uns erkannten, und auf meine Erkundigung, was es denn hier zu sehen gebe, drucksten sie ein wenig herum. Der Vorgang schien schwer erklärbar, offenbar bedurfte er eingehender Erläuterung, zu der sie entweder zu lustlos oder nicht imstande waren; mit einem bloßen ‚Mpf!‘ hätte ich mich diesmal allerdings nicht zufrieden gegeben. „Jo mei,“ sagte schließlich einer der beiden, „dös is hoid dös alljährliche Antndoddred’n.“ „Dös wos?“ fragte ich, unwillkürlich in Dialekt fallend. „No schaugns hoid selba,“ sagte der andere und rief den Nächstehenden zu: „Do mochts a weng Plotz für de Zuagroasten!“ Eine Gasse tat sich auf, wir schoben uns hindurch. Die Sonne spiegelte auf der Wasseroberfläche und blendete uns zunächst. Dann traute ich meinen Augen nicht. Auf einem Rasenstück am Ufersaum traten die mit den roten Jankern tatsächlich mit ihren groben Haferlschuhen Enten tot. Aus unerfindlichen Gründen fügten sich diese still und ohne das geringste Flattern in ihr Schicksal. Das erzeugte jenes ‚knurtschelnde‘ Geräusch, und jedesmal, wenn ein Federvieh verendet war, rief ein älterer Herr, der den voluminösesten Gamsbart am Hut trug, laut konstatierend: „Knurtschelt hods!“, wozu die Menge beifällig murmelte. Nach der Zahl der toten Enten zu schließen, neigte sich das Schauspiel gerade seinem Ende zu. Der ältere Herr sagte noch „Damitsas endlich lernen, de Sauviecher de dreckaten“, aber es klang keineswegs grimmig, sondern wie der einstudierte Schlußtext eines Rituals. Die Zuschauer verstreuten sich nun, und wir pirschten uns an ihn heran, um mehr über die Hintergründe zu erfahren. Er stellte sich als Dr. Dr. Schirmer vor, Gymnasiallehrer a. D. , Heimatforscher und Vorstand des örtlichen Antndoddreder-Vereins. Der Brauch gehe auf ein Ereignis im Mittelalter zurück, als ein Trupp Welfen wieder einmal die Ortschaft überfiel und die Bewohner durch Austeilen von ‚Watschn‘ und Urinieren an Pavillons schier zur Verzweiflung trieb. Ein von langer Hand geplanter nächtlicher Überraschungsangriff auf das Welfenlager, das jene hier am See aufgeschlagen hatten, schlug jedoch wegen des laute Schnatterns der ansässigen Enten fehl, was unerhörte Drangsalierungen und Hochnotpeinigungen der Einheimischen zur Folge hatte. Weshalb Enten noch heute als ‚Verrätervögel‘ gelten, die zweimal jährlich durch den Antndoddreder-Verein eine verdiente Lektion erteilt bekommen. „Aber das ist doch das letzte!“ entfuhr es meiner Frau. „Glauben Sie denn selbst an diesen Mist?“

Er sah uns lange aus graublauen Augen an, lächelte resigniert, sagte „Versteh scho“, wandte sich um und entfernte sich im Abendrot. Wir sahen ihm noch lange nach. Er schritt aus wie a ganz a Junger, und wir dachten: Er sieht rüstig aus für sein Alter.

Seither sind, wann immer wir uns in die Öffentlichkeit begeben, die ‚Grüß Gotts‘ um uns her allmählich versiegt und erloschen. Es hat sich ausgegrüßgottelt. Wir vermissen das jetzt. So ist es immer, wenn man etwas zu lange als selbstverständlich vorausgesetzt hat. Man muß mit dem Strom schwimmen. Ich habe versucht, beim naheliegenden Gymnasium ‚Fensterlkurse für Heranwachsende‘ anzubieten, ein Vorschlag, der mit größter Zurückhaltung und dem verwirrenden Bescheid, „man habe derzeit keine Kapazitäten frei“ aufgenommen wurde. Meine Frau offeriert fleißig Batik-, Töpfer- und Feng-Shui-Kurse im Lokalanzeiger, um nur wieder in Kontakt mit der Bevölkerung zu kommen: Resonanz null. Es wird vermutlich noch lange dauern, bis wir die Scharte ausgewetzt haben.

Vorgestern entdeckte ich in der Gemeindebibliothek Schriller-Eulenschreis Standardwerk über örtliches Brauchtum, von dem der Bibliothekar jedesmal mit einem scheuen Seitenblick behauptete, es sei gerade ausgeliehen. Ich weiß jetzt, warum. Beim Durchblättern stieß ich unter ‚Z‘ auf ‚Des Zuagroastenboandlzuzzeln‘. Wissen Sie, ich habe ein gesundes Nervenkostüm, aber dieser Absatz ließ mir denn doch das Blut in den Adern gefrieren. Meine Frau habe ich noch nichts davon erzählt, um sie nicht unnötig zu beunruhigen. Vielleicht sollte ich’s doch lieber tun. Als ich blaß hinausschlich, sah mich der Bibliothekar diesmal direkt an, mit einem sonderbaren Ausdruck aus Strenge, Mitleid und Schadenfreude. Ich kann nur hoffen, inständig hoffen, daß der Brauch des Zuagroastenboandlzuzzelns inzwischen der Vergangenheit angehört. Mehr sog i ned.

Gruppenbild Gebirgstrachtenerhaltungsverein Immergrün Graßlfing e. V.

Buidln am Beispiel Olchings, erst 2011 der Misere der bevölkerungsreichsten Gemeinde Bayerns ohne Stadt- und Marktrecht ent- und zur Stadt erhoben:

  1. Heimat- und Volkstrachtenverein Olching e. V.: „Unsere Fahne — das Schmuckstück des Vereins!„;
  2. Gebirgstrachtenerhaltungsverein Immergrün Graßlfing e. V., gegründet 1933: Wir über uns:

    Große und kleine, sehr aktive und heimatverbundene Familienbande halten den Verein lebendig, organisieren den Jahreslauf und freuen sich auf Auftritte, Vereinsabende und Festtage.

    Unsere Tracht,
    die Miesbacher Gebirgstracht wird vom Münchner Süden über Lengries bis fast zum Chiemsee getragen.

    Das Gewand der Frauen und Deandl,
    bestehend aus Rock und Spenzer mit gesmoktem Ärmel in blau, Mieder mit Silbergeschnür, Leinentuch und -schürze mit Spitzeneinsatz, Miesbacher Deandlhut und -schuhe sowie handgestrickte weiße Strümpfe.

    Die Männer
    in kurzer Lederhosn gelb bestickt, graue Joppe mit Eichenlaubmuster, dunkelgrüne Weste mit Silberknöpfen, Hosenträger (Quersteg) mit Stickerei, weißes Trachtenhemd, und Miesbacher Hut und -schuhe. Zu Kirchenfesten wird eine schwarze Stoffhose getragen.

Stub’n- ohne Blasmusi: Sagschneider Dreigsang: Leg di eina,
in: Musikantentreffen im Werdenfelser Land , 1. Juni 2019:

Written by Wolf

15. Mai 2020 at 00:01

Und das soll immer mein sein

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Upate zu so net,
Wære diu werlt alle mîn und
Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind:

Wo du stehst,
wenn du gehst,
wenn du bleibst,
morgens deine Augen reibst,
und die Spuren im Sand,
und die Schatten an der Wand
und das, was ich dir nicht sagen kann,
all das soll immer mein sein,
denn ich will nie mehr allein sein.

Thomas Dörschel: Mein Sein, für Virginia Jetzt!, a. a. O., 2002.

Konkrete Poesie hab ich von Anfang gemocht, wobei Anfang heißt: Das war bei uns in der fünften Klasse im Lesebuch, in meinem Fall ab dem Schuljahr 1978/1979. Hat mich seitdem nie wieder vollends in Ruhe gelassen. Konkrete Poesie atmete den Geruch von hoher, ernstzunehmender Kunst, gebärdete sich aber verspielt, war mit einfachen Mitteln zuhause herzustellen und für jeden, der schon mal einen Zeichentrickfilm mit Gewinn angeschaut hatte, verständlich.

Meine eigenen Versuche auf dem Gebiet der Konkreten Poesie handelten meist von weiblichen Vornamen, deren Buchstaben Ausdruckstänze vollführten oder irgendwas miteinander trieben. Leider gelangten sie selten über das Stadium des Entwurfs mit Mutters Stenofüller bis in die kanonische Gestalt mit Schreibmaschine, weil mir ein leistungsfähiges Gedicht in dieser Machart zu schaffen ähnlich titanisch vorkam wie jedes handelsübliche „Südstaaten-Epos, das sich über vier Generationen einer Ketchupfabrikantendynastie erstreckt“ auch. Außerdem war mit diesen mageren, über eine A4-Seite verteilten paar Buchstaben beim Herumzeigen in der Kneipe kein Schnitt zu machen.

Unbedingt klar ging der Gründungsvater Eugen Gomringer, manche ehrgeizige deutsche Dichterfürsten waren mir schon damals zu erdenschwer. Die Österreicher konnte man unbesehen alle lesen: die ganze Wiener Gruppe und meine persönlichen Helden H. C. Artmann und Ernst Jandl. Die machten eine Kunst, die von „können“ oder wenigstens von aussichtsreichem Versuchen kommt, und scherten sich nix, wenn’s um den Preis von zuviel Albernheit war. Bis heute schätze ich es sehr, wenn in die Kunst egal welchen Mediums eine Ebene eingezogen ist, über die man beim Hinschauen grinsen muss. Merkt man wahrscheinlich ein bissel.

Ein Bayer namens Wolf Wezel war nie dabei; bis heute hat es der Gute nicht zu einem Wikipedia-Artikel gebracht, und angesichts der auffindbaren Quellen werde ich nicht der Mann sein, einen anzulegen. Die vollständige Quellenlage ist laut Eugen Gomringer in seiner Anthologie konkrete poesie: deutschsprachige autoren, Reclam 1972, Seite 146:

Wolf Wezel in Eugen Gomringer, konkrete poesie, Reclam 1972

wolf wezel

geboren 1935 in ludwigsburg.

jura- und philologiestudium in tübingen und münchen, dr. phil. als justitiar einer versicherungsgesellschaft in münchen tätig, mitbegründer der studio UND, münchen, herausgeber der edition UND, jürgen-willing-verlag.

lebt in planegg bei münchen.

veröffentlichungen:

sandkerben. stuttgart: burkhardt 1961.
meinsein. münchen: jürgen-willing-verlag 1968 (edition UND).
tensione (mappe calderara). zürich 1971.
eins. münchen: willing verlag 1972.

druckvorlagen: konzeptionelle kunst, mailand: vanni scheiwiller 1970 (147), meinsein (148, 149, 150, 151).

So unliebsam Eugen Gomringer mit seiner Konkreten Poesie — wir erinnern uns: speziell mit seiner Konstellation avenidas an Hausmauern aufgefallen ist — was mich ungerührt in seinem Team verweilen lässt — mag für ihn sprechen: Das Reclam-Heft von 1972 gibt’s immer noch verlagsfrisch, erweitert, aktualisiert und „längst selbst ein maßgebender Bestandteil der Geschichte dieser avantgardistischen Lyrikform nach dem Zweiten Weltkrieg“, letzte Auflage 2018.

——— Wolf Wezel:

meinsein

aus: meinsein, Jürgen-Willing-Verlag, München 1968,
cit. Eugen Gomringer, Hrsg.: konkrete poesie, Reclam 1972, Seite 148 bis 151,
.pdf-Scan in UbuWeb:

wolf wezel, meinsein, 1968

wolf wezel, meinsein, 1968

Soundtrack: Virginia Jetzt!: Mein Sein, aus: Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!, 2003;
Videojungfernregie: Benjamin „Nichts bereuen“ Quabeck,
featuring Julia „Absolute Giganten“ Hummer in Welpenform:

Written by Wolf

8. Mai 2020 at 01:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Sylvia Spinster

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Update zu Nachtstück 0024: I wish you were dead, my dear:

One doesn’t become a witch to run around being harmful, or to run around being helpful either, a district visitor on a broomstick. It’s to escape all that ― to have a life of one’s own, not an existence doled out to by others. ―

Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes, 1926.

How dreadful it is that because of our wills we can never love anything without messing it around! We couldn’t even love a tree, a stone even; for sooner or later we should be pruning the tree or chipping a bit off the stone.

Sylvia Townsend Warner: Mr Fortune’s Maggot, 1927.

While I slept we crossed the line
between May and June:
The morning came, gently walking
down from the hill,
And by the time I stirred it was
full day
And she had brought summer with
her into my room.

Valentine Ackland, Juni 1959.

Sylvia Townsend Warner, Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlang Zürich 1996, CoverDas Buch war ein Fund in unserem Treppenhaus, in der lebhaften Tauschbörse, die auf dem Mauerabsatz über den Briefkästen ganzjährig still vor sich hin stattfindet: Sylvia Townsend Warner (6. Dezember 1893; † 1. Mai 1978): Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlag, Zürich 1996, deutsche Übersetzung: Helga Weigelt, das ist: Mr Fortune’s Maggot, Chatto & Windus Limited, London 1927. Im deutschen Nachwort von Jacques Roubaud fiel der Satz auf: „Sie wird zeit ihres Lebens eine Vorliebe für jene absonderlichen Lyriker englischer Tradition hegen, die nicht exportierbar, brummig, exzentrisch und erzenglisch sind, die aber nicht eigentlich zu den Besten gehören“ – siehe unten.

Das ist natürlich cool, so eine Vorliebe. Das sollten sie nicht im Nachwort vor der Öffentlichkeit ausschließen, sondern mindestens gefettet in den Klappentext schreiben, dann weiß ein jeder gleich, dass er die Warnersche lesen muss. Das Nachwort selber macht keinen Hehl daraus, dass Mister Fortunes letztes Paradies gar nicht so sehr das spontan begeisterndste von Warners Büchern ist – das wäre Lolly Willowes –, nennt es vielmehr so vorsichtig wie respektvoll das „vielleicht in sich geschlossenste“, dass es auch schon wieder cool ist.

Leider unterschlägt es 1996 noch verschämt, wovon ihre postmillennialen, der politisch korrekten Diversität verpflichteten Lebensbeschreibungen vordergründig handeln: wie stocklesbisch sie war. Der Einfluss ihrer Lebensliebe Valentine Ackland auf ihr belletristisches, biographisches, musikwissenschaftliches, journalistisches und politisches Werk ist zumindest menschlich überhaupt nicht zu überschätzen. Offensichtlich finde ich Leben und Werk der Townsend interessant und mitteilenswürdig genug, um das Nachwort aus ihrem einzigen auf Deutsch erhältlichen Roman — einschließlich der fies zu maskierenden Kapitälchen und einigen Verlinkungen — abzutippen, aber ich empfehle selbstständig weiterzulesen. Online und allem voran ihr Lolly Willowes.

Sylvia Townsend Warner, nach 1930

——— Jacques Roubaud:

Sylvia Townsend Warner

Porträtfragmente

Nachwort zu: Mr Fortune’s Maggot, Chatto & Windus Limited, London 1927,
deutsch: Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlag, Zürich 1996:

London, 1926:     Sylvia Townsend Warner veröffentlicht ihren ersten Roman, Lolly Willowes. Der Verlag, Chatto & Windus, ist berühmt. Der Roman wird es nur fast. Die Leser werden informiert, daß Miss Warner dreißig Jahre alt sei, bisher einige Gedichte veröffentlicht habe, wie viele andere Autorinnen auch, und dies nun ihr erstes fiktives Werk sei.

Sylvia Townsend WarnerPorträt der Künstlerin, einer intelligenten jungen Frau     David Garnett, der sie damals zum Schreiben ermutigte, hat sie als eine dunkelhaarige Sylvia (mit ständig gerunzelten Brauen) in Erinnerung, schlank (wenn nicht gar brandmager), immer in Hast und mit gewelltem Haar; eine Brille in einem vor Lachen, Ungeduld und Intelligenz sprühenden Gesicht. Wenn er redete, glühte sie vor Ungeduld, ihn zu unterbrechen und seine zögernden, banalen Sätze durch etwas Eigenes, viel Lebendigeres zu ersetzen. „Wenn ich mich mit ihr unterhielt“, schreibt er, „hielt ich manchmal einen Moment inne, um zu überlegen, ob ich auch das richtige Wort traf, und sie nutzte mein Zögern, um sich meines schwebenden, in meinem Mund noch unvollständigen Satzes zu bemächtigen und ihm eine weitaus interessantere Wendung zu geben; ich hatte zusehends das Gefühl, geradezu brillant zu werden.“

Kindheit und Jugend     Sylvia Townsend Warner wurde am 6. Dezember 1893 in der typisch englischen Ortschaft Harrow-on-the-Hill geboren. Ihr Vater war Master an der nahegelegenen, weitherum bekannten Schule von Harrow. Er unterrichtete Geschichte. nach einem kurzen Aufenthalt im Kindergarten, aus dem sie wegen Frühreife und Ungehorsam verwiesen wird, wird sie zu Hause unterrichtet: ihre Mutter unterrichtet sie zwei Stunden am Tag in allen Fächern, außer in Geschichte, die ihr Vater ihr erzählt. Geschwister hat sie keine; sie liest. Mit ihrem Vater verbindet sie eine idyllische Beziehung. Die Mutter ist eine ungeheuer tüchtige, geistreiche, aber auch autoritäre Frau, mit der nicht einfach auszukommen ist. „Solange sie nicht Aktionen befürwortete, die gesetzeswidrig waren oder zu einem öffentlichen Sklandal führten, war mein Vater immer einer Meinung mit ihr.“ Als Mr. Warner stirbt, zeiht Sylvia es vor, nach London zu gehen und dort lieber allein in Armut zu leben, als sich auf einen unvermeidlichen Konflikt einzulassen. „Meine Mutter hatte keinen Sohn, mit dem sie mich hätte vergleichen können, aber das Gefühl tiefster Enttäuschung, zu dem ich ihr Anlaß gab, war sicher verdient. Ich stand morgens um sieben auf, um mich ans Klavier zu setzen, lehnte jegliche Haushaltsarbeit strikte ab, kleidete mich ostentativ in Schwarz, als Vamp mit Hornbrille.“

Musik     Sylvia war in erster Linie Musikerin. Sie wäre gern nach Wien gegangen, um bei Schönberg zu studieren, aber der Erste Weltkrieg dirigierte sie statt dessen in eine Munitionsfabrik. Sie hat sich trotzdem der Musikwissenschaft gewidmet, trug zusammen mit drei anderen Spezialisten – darunter der berühmte Dr. Rambotham – an der Entstehung der monumentalen Ausgabe der Tudor Church Music bei, der Wiederentdeckung der berühmten enlischen Musik des 16. Jahrhunderts. Sie war also eine der ersten, die nach über drei Jahrhunderten die Handschriften von John Taverner, Thomas Tallis, William Byrd und Orlando Gibbons lasen. „Taverners Missa Salve Intemerata stürzte die vier Autoren der Tudor Church Music, zu denen ich gehörte, in sich ständig neu vor uns auftuende Abgründe der Ratlosigkeit. Wir saßen um einen Tisch mit Blick auf die Themse und sagten mal verzweifelt: Wenn aber doch … Dann wieder mit ekstatischer Begeisterung: Ja aber, schließlich … Derweil auf dem Fluß die Schleppdampfer heulten.“ Fast siebzigjährig, am 20. April 1961, schreibt sie: „Ich würde gern eine Sonate für Violine und Klavier komponieren; ein Auftragswerk zum Beispiel (merkwürdig, ich habe immer gern im Auftrag gearbeitet; der Begriff Auftrag hat etwas Geradliniges, Geordnetes an sich, das mich fasziniert – als ob man einen Anzug mit Weste trüge und eine hübsche Perücke dazu).“

Lyrik     Nach ihren musikalischen Anfängen sieht sie sich eher als Dichterin. Sie wird zeit ihres Lebens eine Vorliebe für jene absonderlichen Lyriker englischer Tradition hegen, die nicht exportierbar, brummig, exzentrisch und erzenglisch sind, die aber nicht eigentlich zu den Besten gehören, Hardy oder Crabbe zum Beispiel. „Erinnerst Du Dich“, schreibt sie in einem Brief von 1953, „an den Quacksalber bei Crabbe, der den Protagonisten wegen Syphilis behandelt und ihm zum Trost sagt: Just take the boluses from time to time / and hold but moderate intercourse with crime. [Nehmt von Zeit zu Zeit Eure Arznei und begnügt Euch maßvoll mit unerlaubtem Geschlechtsverkehr.]. Crabbe ist ein Dichter, den ich schlicht wunderbar finde. Kein anderer englischer Dichter hat ein solches Repertoire an Schwulen aufzuweisen. Vor langer Zeit, in meinen ersten Londoner Jahren, als ich jung, ausgehungert und sinnlich war, ging ich eines schönen Sommermorgens Brot kaufen; auf dem Rückweg habe ich zweimal haltgemacht, das erste Mal, um ein Pfund jener winzigen Tomaten zu kaufen, die man von den Stengeln zupft, damit ihre wohlgeratenen Schwestern besser gedeihen können, das zweite Mal wegen eines antiquarischen, viktorianisch gebundenen Buches von Crabbe. Noch heute spüre ich die erfüllende Intensität jenes Morgens. Ich las Crabbe und nochmals Crabbe, ich aß Tomaten und nochmals Tomaten mit Brot, und hatte alles vergessen, alles, was ich hätte tun müssen, und auch alles, was ich nicht hätte tun müssen und nichtsdestotrotz getan hätte. Alles war vergessen. Amnestiert. Ich las Crabbes Gedichte, als hätte ich sie selbst geschrieben.“

Lesen, als hätte man selbst geschrieben. Die Geschichte lesen, als hätte man sie selbst erlebt: Genau so würde sie als Romanschriftstellerin vorgehen. Jede Erzählung, jeder Roman wurde für sie zu einer Übung im Besitzergreifen.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sPorträt der Künstlerin als Romanschriftstellerin     Das Bild, das sich Sylvia Townsend Warners späte Bewunderer von ihr machen, ist ganz offensichtlich von irem ersten Roman Lolly Willowes beeinflußt. Peter Pears schreibt 1980 in seinem Vorwort zu Twelve Poems: „Ich erinnere mich, daß man mir gesagt hatte, Lolly Willowes sei in gewissem Sinne ein Selbstporträt, und die Autorin wirklich und wahrhaftig eine Hexe. Als ich dann Sylvia in den letzten Jahren ihres langen Lebens kennenlernte, war ich davon überzeugt. Sie ging gebückt, hatte eine krächzende Stimme und ein Nußknackergesicht; es fehlte nur mehr der Besen, um davonfliegen zu können. Ich habe allerdings in der National Portrait Gallery eine Fotografie aus den zwanziger Jahren von ihr gesehen, eine Profilaufnahme: ruhig und selbstsicher, kurzes Haar, elegant, spitz wie eine Nadel, schön und apart.“

Politik     Sylvia Townsend Warner arbeitete in ihrer Eigenschaft als Mitglied der Kommunistische Partei Großbritanniens als Berichterstatterin in Spanien, und zwar auf der republikanischen Seite Spaniens: in Barcelona, Valencia und Madrid. Ihre politische Einstellung ist in ihrem literarischen Werk kaum offen erkennbar. Sie scheint auch in politischer Hinsicht nicht eben konformistisch gewesen zu sein (wie ein Kommentar aus Barcelona aus dem Jahre 1938 beweist, in dem sie offen ihre Sympathie für die Anarchisten zum Ausdruck bringt. Nach dem Zweiten Weltkrieg spricht aus ihren Briefen die gleiche Ironie und Skepsis, die sich im übrigen immer gegen die ein und dieselben richtet.

„21.10.52 [kurz vor der Präsidentschaftswahl 1952 geschrieben, in der Eisenhower über den Demokraten Stevenson siegen sollte]: Ich kann Eisenhower nicht ausstehen. Der Kerl heult ständig, und ich finde das reichlich übertrieben, selbst für einen General. Zu wessen Gunsten die Wahl auch immer ausfällt, ich nehme an, daß er sich an Stevensons Brust ausweinen wird. […] Es ist mir durchaus bewußt, daß ich mich mit solchen Bemerkungen von einem chauvinistischen Vorurteil hinreißen lasse. Von den Männern im öffentlichen Leben unseres Landes erwartet man, daß sie niemals weinen, außer vielleicht beim Cricket.“

1976 hat sie für Mrs. Thatcher herzlich wenig übrig:

„Könntest Du mir vielleicht irgendeine hübsche, skandalträchtige Falschmeldung zuschieben, die man über Mrs. Thatcher in Umlauf bringen könnte? Nicht von der Sorte: Sie unterhält widernatürliche Beziehungen zu Barbara Castle [damals noch Mitglied der Labour Party], sondern eher so etwas wie: Sie ißt Spargel mit dem Messer. Oder auch: Sie setzt ihren Gästen Kartoffelflockenpüree vor.

Ihre politische Haltung stellt tatsächlich einen besonderen Aspekt ihrer allgemeinen Respektlosigkeit dar:

„1.7.60: Ich bin fasziniert von Eckermanns Gesprächen mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Hast Du jemals dieses kuriose Werk gelesen? Es kommen darin mehr Platitüden pro Seite vor, als man sich überhaupt vorstellen kann. Eckermann ist so voller Bewunderung. So ein Arschkriecher, schlimmer noch als Boswell Dr. Johnson gegenüber. Und Goethe ist so zuckersüß. Das kann einen in der weiblichen Vorstellung doch nur bestärken, daß die Männer, wenn sie unter sich sind, wie ausgestopfte Eulen reden.

Hunde und Enten; Katzen; Katzen (bis); Fuchs, Rosen und Vettern     Brief vom 29.8.1921 (Rückkehr ins Elternhaus): „Worte sind nicht imstande, die pelzige Wonne dieser Chow-Chows zu beschreiben, ebensowenig die verzückte Beharrlichkeit ihrer Begrüßung. Wie Algen winden sie sich um meine Beine, küssen mir mit ihrer kalten, bleiblauen Zungenspitze die Hände. Und erst die Wonne eines ungefähren Dutzends kohlschwarzer Enten mit ihren glatten, reckenden Hälsen, die wie eine Konferenz nonkonformistischer Clergymen in grauen Holzpantinen durch den Garten watscheln. Ich habe jeder einen Namen gegeben: Swedenborg, Mr. Toplady, Joanna Southscott, Wesley und Whitfield, Reverend Chalmers, Frances Tidley Havorgood, Mrs. Guyon und Miss Royden. Doch das ist vergebliche Liebesmüh, da man sie unmöglich voneinander unterscheiden kann.“

Katzen, 1965: „Ich wünschte, Du könntest die zwei Katzen sehen, wie sie Seite an Seite auf der viktorianischen Chaiselongue vor sich hin dösen. Pfoten, Ohren und Schwanz genau aufeinander abgestimmt. Mitunter öffnen sie die blauen Augen, von einem einzigen, gemeinsamen Gedanken bewegt, mit Blinzeln zu verstehen zu geben: Hast du etwa vergessen, daß bald Zeit für den Lunch ist? Sie könnten wahrhaftig von Bach für zwei Flöten komponiert worden sein.“

Katzen, bis: „Ich hatte Grippe, und sie brachten mich schier um den Verstand, weil sie mich mit ihren großen Augen anstarrten und mir bedeuteten: O Sylvia, du bist ja so krank, du wirst bestimmt bald sterben. Und wer soll uns dann füttern? Feed us now. Gib uns vorher zu fressen.<"

Der Fuchs, 4.9.58: „Vorgestern ist mir ein Wunsch in Erfüllung gegangen, der so alt ist wie ich selbst. ich habe einen Fuchswelpen in den Armen gehalten, ein Waisenkind (mit anderen Worten, seine Mutter, die Füchsin, war getötet worden). Ich habe ihn auf den Arm genommen und seinen herben Geraniengeruch eingeatmet, und plötzlich hat er seine spitze Schnauze unter mein Kinn geschmiegt, hat sich in meiner Achselhöhle vergraben und ist im Handumdrehen verzückt eingeschlafen. Seine Pfoten sind unglaublich weich, weich wie Himbeeren. Alles an ihm ist anmutig, ein richtiger Adonis. Er hat ein durch und durch elegantes Profil und ein Gesicht voller reinster Unschuld.“ (Siehe Peter Pears nachstehende Beschreibung.)

Rosen und Erdbeeren, 18.6.61: „Und nun sitze ich hier, mit Erdbeeren und Tugenhaftigkeit bis zum Hals vollgestopft, nachdem ich zig Liter Frischblut in Form von Gießkannen an die Rosen verteilt habe, meine liebevollen Gesprächspartnerinnen.“

Und die Vettern: „Ich habe zwei entfernte, hochbetagte Vettern: Bruder und Schwester, die zusammen wohnen. Sie ist um die Achtzig, er ein ganz klein wenig jünger. Neulich saßen sie beide in ihrem Salon. Er las, sie strickte. Plötzlich stand sie auf, um im anderen Teil des Raumes etwas zu suchen. Sie glitt aus und fiel flach hin, ohne sich jedoch weh zu tun. Sie sagte: Charlie, ich bin hingefallen. Charlie legte sein Buch weg, wandte sich zu ihr um, sah sie an – und schlief ein.“

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sLiterarischer Ruhm     2.5.67: „Habe ich Dir schon erzählt, daß man mir angetragen hat, Mitglied der Royal Society of Literature zu werden? Die gehen zweifellos alphabetisch vor (weshalb sie so lange gebraucht haben, um bis zu mir vorzudringen). Das ist die erste öffentliche Anerkennung, die mir zuteil wird, seit man mich wegen meines ätzenden Einflusses aus dem Kindergarten gewiesen hat.“

Traum einer Zauberin     Januar 1965: „Ich habe geträumt, daß König Arthur und Merlin ihrem Grab entstiegen waren und nun in einer kleinen, sehr männlichen Junggesellenwohnung lebten, mit einem flackernden Feuer und dieser Art von Möbeln, die in den Colleges von Generation zu Generation weitergereicht werden: räudige Sessel, altersschwache Bücherschränke, ein schwarzer Samthandschuh, um die Kohle aufs Feuer zu legen. Arthur schrieb an seiner Geschichte Englands. Und Merlin wärmte sich die Zehen. […] Ich schaute ihnen unsichtbar (wie immer in meinen Träumen) zu und bemerkte, daß Arthur innehielt und sich mit dem Gesichtsausdruck eines, der nicht mehr weiß, wo er ist, am Kopf kratzte. Und Merlin lieferte ihm auf der Stelle die Antwort. Dann wärmte er sich wieder die Zehen. Und König Arthur schrieb weiter an der Geschichte Englands.“

Sylvia Townsend Warner starb 1978 im Alter von fast fünfundachtzig Jahren.

Die Schriften: zahlreiche     Da sind zum einen die – unveröffentlichten – Tagebücher, die Briefe an Valentine Ackland, ebenfalls uveröffentlicht (Privatleben bleibt Privatleben). Dann eine erste Sammlung ihrer Briefe, von William Maxwell in einem Band zusammengestellt, im Freund und Verleger beim New Yorker, dem bevorzugten Blatt vieler angelsächsischer Autoren. Sie war eine leidenschaftliche Briefeschreiberin (wie Henry James, nur in einem ganz anderen Stil), und so stellen ihre Briefe die zweite Etappe ihrer fiktionalen Verarbeitung der Welt dar, der sie sich unaufhörlich widmete.

Um das vorliegende Porträt zusammenzustellen, habe ich aus dem erwähnten Briefband geschöpft.

Ferner sind die Kurzgeschichten zu erwähnen: acht Bände Kurzgeschichten. Einhundertvierundvierzig davon im New Yorker erschienen, was einen Rekord darstellt (und nach dem Zweiten Weltkrieg eine Einnahmequelle). Eine Biographie, und zwar die des Romanschriftstellers T. H. White, Verfasser eines unglaublich erfolgreichen und nicht sehr guten Arthur-Romans: The Once and Future King (eine Auftragsarbeit!). Eine Übersetzung: