Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Blumenstück 007: Das Blümchen, das dem Tal entblüht (wenn Krampf dir durch die Nerven glüht)

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Update zu Blumenstück 005: Versprich du es auch:

Welchen Wert legen eigentlich die Verstorbenen auf Geschenke zu ihren Gedenktagen? Naturgemäß fällt ihnen deren Annahme schwer, sosehr manche Leute, an die man sich forterinnert, ein Geschenk verdient hätten: Sie haben genug gelitten. Es geht um Heinrich von Kleist, geboren nach eigener Angabe 10. oder laut Kirchenbuch 18. Oktober 1777 zu Frankfurt an der Oder — und 21. November 1811 erweiterter Selbstmord am Stolper Loch.

Von mir bekommt er zum unrunden Gbeurtstag nur seine eigene Mehrfachverwertung: 1808 ging das folgende Gedicht von Kleist an seine „liebe treffliche Freundlin“ (cit. Kleist, 18. November 1811) Sophie von Haza, ein Jahr später — wohl als eine Art Dokumentation eines Gelegenheitsgedichts — in sein Kunstjournal Phöbus, 203 Jahre später am 26. d. M. als Gedicht des Monats März 2011 vom Haus der deutschen Sprache an jeden, der es wissen will, heute müsste der Verfasser Kleist selber damit leben, wenn er nicht seit 210 Jahren am Kleinen Wannsee ruhte.

——— Heinrich von Kleist:

An S. v. H.

(als sie die Camille besungen wissen wollte.)

Albumblatt, Dresden 1808,
Druck in: Phöbus. Ein Journal für die Kunst. Erster Jahrgang. Neuntes und Zehntes Stück,
im Verlage der Waltherschen Hofbuchhandlung, Dresden, September und October 1808, Seite 89:

Das Blümchen, das, dem Thal entblüht,
Dir Ruhe giebt und Stille,
Wenn Krampf dir durch die Nerve glüht,
Das nennst du die Camille.

Du, die, wenn Krampf das Herz umstrikt,
O Freundin, aus der Fülle
Der Brust, mir so viel Stärkung schickt,
Du bist mir die Camille.

H. v. K.

Jean-Baptiste Greuze, La simplicité, 1759Die Gelegenheit zu diesem Einzelblatt — ausschließlich posthum als Faksimile im Jahrbuch der Kleist-Gesellschaft 1927/1928 erhalten — berichtet Sophiens Tochter Johanna von Haza am 26. November 1816 brieflich an Ludwig Tieck:

Hat Ihnen meine Mutter, ein Gedicht „an die Kamille“ und das „an den König“ geschickt, das für seinen im Frühjahr 1809 erwarteten Einzug bestimmt war? Beides waren nur Gelegenheitsgedichte, aber wie alles von ihm doch von Bedeutung; er dichtete das erste für meine Mutter, die sich einst über die Dichter beklagte, welche alle Blumen nur die Kamille nicht besängen, die doch denen so heilsam sey die, wie sie, an Krämpfen litten Ihr und meiner kleinen Person zu Ehren, wurden sie denn nebst den Vergißmeinnicht und Veilchen im Traum des Käthchen erwähnt.

Frau von Haza kolportiert hier die Gedichtüberschriften ungenau, was wir ihr ebenso formlos nachsehen wollen, wie sie sich äußert. Interessant ist ihr Verweis auf einen „Traum des Käthchen“ — in welchem eine Kamillenblume bei Kleist zum zweiten Mal als ausdrücklicher Gefallen für die ältere Frau von Haza vorkommt.

Stimmt und wird bis heute zahlreich aufgeführt. Heinrich von Kleist, Das Käthchen von Heilbronn, 1810, vierter Akt, zweiter Auftritt:

Graf vom Strahl. Wo bist du denn, mein Herzchen? Sag mir an.

Käthchen.
Auf einer schönen grünen Wiese bin ich,
Wo Alles bunt und voller Blumen ist.

Graf vom Strahl. Ach, die Vergißmeinnicht! Ach, die Kamillen!

Käthchen. Und hier die Veilchen; schau! ein ganzer Busch.

Brust, die so viel Stärkung schickt: Jean-Baptiste Greuze: La Simplicité, 1759,
Öl auf Leinwand, 71,1 cm auf 59,7 cm, Kimbell Art Museum, via Gartenbuch.

Soundtrack: Blitzen Trapper: Furr, aus: Furr, 2008:

Written by Wolf

22. Oktober 2021 at 00:01

Filetstück 0003, 3 von 3: Sei nur vor allen Dingen jung! Denn ohne Blüte keine Frucht (Halle und Heidelberg)

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Update zu Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt,
Filetstück 0003, 1 von 3: Europamüde vor Langerweile (Vorwort)
und Filetstück 0003, 2 von 3: Der Adel überhaupt aber zerfiel damals in drei sehr verschiedene Hauptrichtungen (Der Adel und die Revolution):

Der geplante erste Teil von Eichendorffs Memoiren Der Adel und die Revolution wurde von seinem Sohn, zugleich Herausgeber politisch unverfänglicher zu Deutsches Adelsleben am Schlusse des vorigen Jahrhunderts verglimpft. Zur sonstigen Motivation und Anordnung des Fragments siehe den ersten Teil des dreiteiligen „Filetstücks“.

Formale und inhaltliche Anlage sowie Eichendorffs besondere Absicht seiner Memoiren schließen unter anderem ein, dass er bei unserem ungeliebten Schulstoff live dabeigewesen ist. Zum Beispiel mit Arnim & Brentano in der Kneipe gesessen.

——— Joseph von Eichendorff:

Erlebtes

1857, gedruckt posthum in Hermann von Eichendorff, Hrsg.:
Aus dem literarischen Nachlasse Joseph Freiherrn von Eichendorffs, Paderborn 1866,
als Erlebtes. Deutsches Adelsleben am Schlusse des vorigen Jahrhunderts; Halle und Heidelberg:

II. Halle und Heidelberg

Das vorige Jahrhundert wird mit Recht als das Zeitalter der Geisterrevolution bezeichnet. Allein damals wurden nur erst Parole und Feldgeschrei ausgeteilt, es war nur der erste Ausbruch des großen Kampfes, der sich unter wechselnden Evolutionen an das neunzehnte Jahrhundert vererbt hat, und noch bis heute nicht ausgefochten ist. Die deutschen Universitäten aber sind die Werbeplätze und Übungslager dieses von Generation zu Generation sich erneuernden Kriegsheeres. Von Wittenberg ging einst die Reformation aus, von Halle Wolffsche Lehre, von Königsberg die Kantsche, von Jena die die Fichtesche und Schellingsche Philosophie; lauter unsichtbare Gedankenkatastrophen, die einen wesentlichen und entscheidenderen Einfluß auf das Gesamtleben ausgeübt haben, als sich die Staatskünstler träumen ließen.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Bekanntlich ist unser Jahrhundert unter dem Gestirn der Aufklärung geboren. Kant hatte soeben die philosophische Arbeit seiner Vorgänger streng geordnet und, da er dieselbe in seiner großartigen Wahrheitsliebe für das Ganze als unzureichend erkannte, die Welt lieber sogleich in zwei Provinzen geteilt: in die durch menschliche Erfahrung wahrnehmbare, die er sich glorreich erobert, und in die terra incognita des Unsichtbaren, die er mit der nur dem Genie eigenen heiligen Scheu auf sich beruhen ließ. Seine Schüler aber wollten klüger sein als der Meister und alles aufklären; eine Art chinesischer Schönmalerei ohne allen Schatten, der doch das Bild erst wahrhaft lebendig macht. Sie setzten daher nun ihren lichtseligen Verstand ganz allgemein als alleinigen Weltbeherrscher ein; es sollte fortan nur noch einen Vernunftstaat, nur Vernunftreligion, Vernunftpoesie usw. geben. Da jedoch jene zweite dunkle Provinz höchst unvernünftig mit ihrer Phantasie, mit ihrem Glauben, ihren Volksgefühlen und Traditionen gegen dieses unerhörte Regiment zu rebellieren unternahm, so machten sie sich’s bequem, indem sie das Geheimnisvolle und Unerforschliche, das sich durch das ganze menschliche Dasein hindurchzieht, ohne weiteres als störend und überflüssig negierten. Kein Wunder demnach, daß das deutsche Leben und das deutsche Reich, das grade auf diesen unsichtbaren Fundamenten vorzugsweise geruht, sich nun nach allen Seiten hin bedenklich senkte und zuletzt so lebensgefährliche Risse bekam, daß es von Polizei wegen abgetragen werden mußte. Und so war denn in der Tat der ganze alte Bau schon im Anfange unseres Jahrhunderts in sich zusammengebrochen; der Sturm der Französischen Revolution und der nachfolgenden Fremdherrschaft hat nur den unnützen Schutt auseinandergefegt.

Allein auf freiem Felde können dauernd nur Wilde wohnen, über die man sich bei aller Naturvergötterung doch so unendlich erhaben fühlte. Das begriffen alle, und so entstand damals sofort ein unerhörtes Treiben, Klopfen, Hämmern und Richten, als wäre alle Welt plötzlich Freimaurer geworden. Aber der Neubau förderte nicht, weil sie über Fundament, Grund- und Aufriß fortwährend untereinander zankten. Am geschäftigsten und vergnügtesten nämlich zeigten sich zunächst die alten zähen Enzyklopädisten, die jetzt auf dem völlig kahlgefegten Bauplatze endlich ganz freie Hand hatten. Diese wußten wirklich nicht, daß seit Erschaffung der Erde schon mancherlei Bemerkenswertes darauf sich zugetragen; sie wollten daher schlechterdings die Welt ganz von neuem anfangen und abstrakt konstruieren. Als Material hierzu trockneten sie vorerst alle Seelenkräfte auf, um sie in ihren philosophischen Herbarien gehörig zu klassifizieren, und daraus gingen damals die zahllosen neuen Gesetzbücher mit ihren Urrechten und Menschenveredelungen hervor. Sie waren, was sie freilich am wenigsten sein wollten, eigentlich gutmütige Phantasten, wie ja jederzeit grade bei den Nüchternsten das bißchen defekte Phantasie am häufigsten überschnappt, welches der gesunden nicht leicht begegnet. Es ist hiernach auch sehr begreiflich, daß in dieser alles verwischenden Gleichmacherei ohne Nationalität und Geschichte ein kühner Geist, wie Napoleon, den Gedanken einer ganz gleichförmigen europäischen Universalmonarchie fassen konnte.

Aber diesen Transzendentalen gegenüber oder vielmehr direkt entgegen arbeiteten gleichzeitig ganz andere Bauleute: die Freischar der Romantiker, die in Religion, Haus und Staat auf die Vergangenheit wieder zurückgingen; also eigentlich die historische Schule. Das deutsche Leben sollte aus seinen verschütteten geheimnisvollen Wurzeln wieder frisch ausschlagen, das ewig Alte und Neue wieder zu Bewußtsein und Ehren kommen. – Da jedoch beide Parteien einander keineswegs hinreichend gewachsen waren, so nahm bei solchem Stoß und Gegenstoß späterhin die ganze Sache eine diagonale Richtung. Es entstand die aus beiden widerstrebenden Elementen wunderlich komponierte moderne Vaterländerei; ein imaginäres Deutschland, das weder recht vernünftig, noch recht historisch war.

Alle diese verschiedenen Richtungen waren natürlich vorzugsweise und in möglichster Konzentration auch auf den deutschen Universitäten repräsentiert. Namentlich in dem ersten Dezennium unseres Jahrhunderts bildeten dort die obenerwähnten Abstrakten, meist halbverkommene Kantianer, durchaus noch die tonangebende Majorität. Die Philosophen setzten in ihrer Logik, wie wenn man beim Lesen erst wieder buchstabieren sollte, umständlich auseinander, was sich ganz von selbst verstand; die Theologen lehrten eine elegante Aufklärungsreligion; die Juristen ein sogenanntes Naturrecht, das nirgends galt und niemals gelten konnte. Nur etwa die Lehrer des römischen Rechts machten hie und da eine auffallende Ausnahme, weil der Gegenstand sie zwang, sich in das Positive einer großartigen Vergangenheit zu vertiefen. Es ist bekannt, wie Bedeutendes Thibaut auf diesem Felde geleistet und wie der mild-ernste Savigny, der überdies niemals in dieser Reihe gestanden, grade damals sich überall neue Bahnen gebrochen hat. Jene halbinvaliden und philosophischen Handwerker dagegen, da sie an sich so wenig Anziehungskraft besaßen, suchten nun mit allerlei schlauen Kunststücken zu werben; die Derbsten unter ihnen durch zum Teil sehr schmutzige Witze und Späße, die alljährlich bei demselben Paragraphen wiederkehrten; die vornehmeren, zumal wenn sie heiratslustige Töchter hatten, durch intime Soireen und Plaudertees, um die bärtigen Burschen zu zivilisieren. Und das gelang auch ganz vortrefflich, denn zu ihnen hielt in der Tat bei weitem die Mehrzahl der jungen Leute, nämlich alle die unsterblichen Bettelstudenten, wie man sie billigerweise nennen sollte, da sie bloß auf Brot studieren. Es war wahrhaft rührend anzusehen, wie da in den überfüllten Auditorien in der schwülen Atmosphäre der entsetzlichsten Langenweile Lehrer und Schüler um die Wette verzweiflungsvoll mit dem Schlummer rangen, und dennoch überall die Federn unermüdlich fortschwirrten, um die verschlafene Wissenschaft zu Papier zu bringen und in sauberen Heften gewissenhaft heimzutragen.

Allein nebenher ging auch noch ein anderer geharnischter Geist durch diese Universitäten. Sie hatten vom Mittelalter noch ein gut Stück Romantik ererbt, was freilich in der veränderten Welt wunderlich und seltsam genug, fast wie Don Quijote, sich ausnahm. Der durchgreifende Grundgedanke war dennoch ein kerngesunder: der Gegensatz von Ritter und Philister. Stets schlagfertige Tapferkeit war die Kardinaltugend des Studenten, die Muse, die er oft gar nicht kannte, war seine Dame, der Philister der tausendköpfige Drache, der sie schmählich gebunden hielt, und gegen den er daher, wie der Malteser gegen die Ungläubigen, mit Faust, List und Spott beständig zu Felde lag; denn die Jugend kapituliert nicht und kennt noch keine Konzessionen. Und gleichwie überall grade unter Verwandten – weil sie durch gleichartige Gewohnheiten und Prätensionen einander wechselseitig in den Weg treten – oft die grimmigste Feindschaft ausbricht, so wurde auch hier aller Philisterhaß ganz besonders auf die Handwerksburschen (Knoten) gerichtet. Wo diese etwa auf dem sogenannten breiten Steine (dem bescheidenen Vorläufer des jetzigen Trottoirs) sich betreten ließen, oder gar Studentenlieder anzustimmen wagten, wurden sie sofort in die Flucht geschlagen. Waren sie aber vielleicht in allzu bedeutender Mehrzahl, so erscholl das allgemeine Feldgeschrei: „Burschen heraus!“ Da stürzten, ohne nach Grund und Veranlassung zu fragen, halbentkleidete Studenten mit Rapieren und Knütteln aus allen Türen, durch den herbeieilenden Sukkurs des nicht minder rauflustigen Gegenparts wuchs das improvisierte Handgemenge von Schritt zu Schritt, dichte Staubwirbel verhüllten Freund und Feind, die Hunde bellten, die Häscher warfen ihre Bleistifte (mit Fangeisen versehene Stangen) in den verwickelten Knäuel; so wälzte sich der Kampf oft mitten in der Nacht durch Straßen und Gäßchen fort, daß überall Schlafmützen erschrocken aus den Fenstern fuhren und hie und da wohl auch ein gelocktes Mädchenköpfchen in scheuer Neugier hinter den Scheiben sichtbar wurde.

Die damaligen Universitäten hatten überhaupt noch ein durchaus fremdes Aussehen, als lägen sie außer der Welt. Man konnte kaum etwas Malerischeres sehen, als diese phantastischen Studententrachten, ihre sangreichen Wanderzüge in der Umgebung, die nächtlichen Ständchen unter den Fenstern imaginärer Liebchen; dazu das beständige Klirren von Sporen und Rapieren auf allen Straßen, die schönen jugendlichen Gestalten zu Roß, und alles bewaffnet und kampfbereit wie ein lustiges Kriegslager oder ein permanenter Mummenschanz. Alles dies aber kam erst zu rechter Blüte und Bedeutsamkeit, wo die Natur, die ewig jung, auch am getreusten zu der Jugend hält, selber mitdichtend studieren half. Wo, wie z.B. in Heidelberg, der Waldhauch von den Bergen erfrischend durch die Straßen ging und nachts die Brunnen auf den stillen Plätzen rauschten, und in dem Blütenmeer der Gärten rings die Nachtigallen schlugen, mitten zwischen Burgen und Erinnerungen einer großen Vergangenheit; da atmete auch der Student freier auf und schämte vor der ernsten Sagenwelt sich der kleinlichen Brotjägerei und der kindischen Brutalität. Wie großartig im Vergleich mit anderen Studentengelagen war namentlich der Heidelberger Kommers, hoch über der Stadt auf der Altane des halbverfallenen Burgschlosses, wenn rings die Täler abendlich versunken, und von dem Schlosse nun der Widerschein der Fackeln die Stadt, den Neckar und die drauf hingleitenden Nachen beleuchtete, die freudigen Burschenlieder dann wie ein Frühlingsgruß durch die träumerische Stille hinzogen und Wald und Neckar wunderbar mitsangen. – So war das ganze Studentenwesen eigentlich ein wildschönes Märchen, dem gegenüber die übrige Menschheit, die altklug den Maßstab des gewöhnlichen Lebens daran legte, notwendig, wie Sancho Pansa neben Don Quijote, philisterhaft und lächerlich erscheinen mußte.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021In jener Zeit brütete äußerlich noch ein unheimlicher Frieden über Deutschland, aber die prophetischen Gedanken, die den Krieg bedeuten, arbeiteten gebunden in jeder Brust, und suchten sich überall in wunderlichen Geheimbünden Luft zu machen. Auch auf den Universitäten bestanden dergleichen Ordensverbindungen, noch ohne speziell politischen Beischmack, bloß auf allgemeine humanistische Zwecke gerichtet, mit allerlei abenteuerlichen Symbolen, furchtbaren Eiden und rasselndem Heldenschmuck, wie man es damals in den vielen Ritterromanen fand. Bestand auch ihr Hauptreiz eben nur in ihrer Heimlichkeit, die Sache war doch ehrlich, bitterernst und für die ganze Lebenszeit gemeint. Als aber jene humanistischen Ideen nach und nach abgenutzt, und alle Lebensverhältnisse immer matter wurden, da trat auch hier an die Stelle der strengen Orden die laxere Observanz der Landsmannschaften. Wie man draußen in der Philisterwelt nun mit dem Anstand statt der Tugend sich begnügte, so gingen auch diese Landsmannschaften eigentlich nur auf den Schein des Seins, auf den bloßen „Komment“. Gegen eine nähere Verbrüderung der speziellen Landsleute, obgleich im allgemeinen beengend und einseitig, ließ sich im Grunde nicht viel einwenden. Allein dies war nicht einmal der Fall bei ihnen, sie warben eifersüchtig auch aus anderen Provinzen und verfolgten die eigenen Landsleute, wenn sie sich ihrem Zwange nicht unterwerfen mochten. Und da mithin hier die rechte sittliche Grundlage fehlte, dieses Treiben vielmehr, wie schon der selbstgewählte fade Name „Kränzchen“ andeutet, sich lediglich auf der Oberfläche geselliger Verhältnisse bewegte; so artete das Ganze sehr bald in bloßes Dekorationswesen, in ein pedantisches Systematisieren der Jugendlust aus; Mut, Fröhlichkeit, Tracht, Trinken, Singen, alles hatte seine handwerksmäßige Tabulatur, das unwürdige Prellen und Pressen der „Füchse“ war ein löbliches Geschäft, Sittenlosigkeit und affektierte Roheit eine besondere Auszeichnung, und es ist hiernach leicht erklärlich, daß grade ihre Matadore im späteren Leben oft die stattlichsten Philister wurden. Mit der inneren Hohlheit aber wuchs die Prätension, sie knechteten die akademische Freiheit, indem jeder nur auf ihre Weise frei sein sollte, und so währte noch langehin ein gewaltiges Ringen zwischen ihnen und den alternden Orden; ein Kampf, der in einzelnen Fällen mit einer heroischen Aufopferung geführt wurde, die wohl eines größeren Zieles würdig gewesen wäre. So faßte z.B. einst ein hervorragendes Ordensmitglied den kühnen Gedanken sich unerkannt mitten in das feindliche Lager zu begeben, um durch Überredung, Rat und Tat die Gegenpartei zu den Seinigen herüberzuführen. Er hatte sich auch wirklich bereits zum Senior einer Landsmannschaft heraufgeschwungen, und der abenteuerliche Plan wäre fast geglückt, als feiger Verrat alles zu früh aufdeckte, und er nun in zahllosen Zweikämpfen sich durch sämtliche Landsmannschaften wieder herausschlagen mußte, was allerdings ein Kampf auf Tod und Leben war. Das mag uns in gesetzteren Jahren jetzt unnütz und kindisch erscheinen; es war aber immerhin eine Vorschule bedeutender Charaktere, die, wie wir wissen, zur Zeit der Not und als es höhere Dinge galt, sich als tüchtig bewährt haben.

So war in der Tat auf den Universitäten eine gewisse mittelalterliche Ritterlichkeit niemals völlig ausgegangen und selbst in jener Verzerrung und Profanation noch erkennbar. Unter allen diesen Jünglingen aber bildeten die eigentlichen, die literarischen Romantiker wiederum eine ganz besondere Sekte. – Die allgemeine Stimmung oder vielmehr Verstimmung war schon seit langer Zeit so prosaisch geworden, daß jeder romantische Anflug für ein Sakrilegium gegen den gesunden Menschenverstand gehalten und höchstens als ein barocker Jugendstreich noch toleriert wurde. Der schwere Proviantwagen der Brotwissenschaften bewegte sich langsam in dem hergebrachten Geleise eines hölzernen Schematismus, die Religion mußte Vernunft annehmen und beim Rationalismus in die Schule gehn, die Natur wurde atomistisch wie ein toter Leichnam zerlegt, die Philologie vergnügte sich gleich einem kindisch gewordenen Greise mit Silbenstechen und endlosen Variationen über ein Thema, das sie längst vergessen, die bildende Kunst endlich brüstete sich mit einer sklavischen Nachahmung der sogenannten Natur. Die Kraftgenies in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten durch ihre Übertreibung und lärmende Renommisterei das Übel eigentlich nur noch schlimmer und unheilbarer gemacht, indem sie in vollem Burschenwichs ohne weiteres aus der Universität in die Welt hinaussprengten und Leben und Literatur burschikos einrichten wollten, was natürlicherweise einen allgemeinen Landsturm der Gelehrten gegen die Freibeuter auf die Beine brachte. Zwar hatten Lessing, Hamann und Herder nach den verschiedensten Richtungen hin schon Blitze und Leuchtkugeln dazwischengeschleudert. Allein Lessings kritische Blitze waren nur kalte Schläge, und da sie nicht zündeten, meinte jeder, es gelte den Nachbar, und hielt ihn getrost für den Seinigen. Herder dagegen trug aus aller Welt herrliche Bausteine zusammen, als es aber ans Bauen kam, war er inzwischen alt und müde geworden, sein Leben und Wirken blieb ein großartiges Fragment; und Hamanns Geisterstimme verklang unverstanden in den Wolken. Auch in der Poesie hatten Goethe und Schiller bereits den neuen Tag angebrochen, aber sie hatten noch keine Gemeinde. Das Wetterleuchten dieser Genien, obgleich den Frühling andeutend und vorbereitend, blendete und erschreckte vielmehr im ersten Augenblick die Menge; man hörte überall die Sturmglocken gehn, niemand aber wußte, ob und wo es brennt, die einen wollten löschen, die anderen schüren, und so entstand die allgemeine Konfusion, womit das neunzehnte Jahrhundert debütierte.

Da standen unerwartet und fast gleichzeitig mehrere gewaltige Geister in bisher ganz unerhörter Rüstung auf: Schelling, Novalis, die Schlegels, Görres, Steffens und Tieck. Schelling mit seiner kleinen Schrift über das akademische Studium, worin er den geheimnisvollen Zusammenhang in den Erscheinungen der Natur sowie in den Wissenschaften andeutete, warf den ersten Feuerbrand in die Jugend; gleich darauf suchten andere diese pulsierende Weltseele in den einzelnen Doktrinen nachzuweisen: Werner in der Geologie, Creuzer im Altertum und dessen Götterlehre, Novalis in der Poesie. Es war, als sei überall, ohne Verabredung und sichtbaren Verein, eine Verschwörung der Gelehrten ausgebrochen, die auf einmal eine ganz neue wunderbare Welt aufdeckte.

Am auffallendsten wohl zeigte sich die Verwirrung, welche diese plötzliche Revolution anrichtete, auf der damals frequentesten Universität: in Halle, weil dort das heterogenste Material auch den entschiedensten Kampf provozierte. Hier trennte sich alles in zwei Hauptlager: in das stabile der Halbinvaliden, und das bewegliche des neuen Freikorps, während das letztere wieder in mehrere verschiedenartige Gruppen zerfiel, welche aber von der Jugend, die noch nicht so ängstlich sondert, unter den Begriff der Romantik zusammengefaßt wurden. An der Spitze der Romantiker stand Steffens. Jung, schlank, von edler Gesichtsbildung und feurigem Auge, in begeisterter Rede kühn und wunderbar mit der ihm noch fremden Sprache ringend, so war seine Persönlichkeit selbst schon eine romantische Erscheinung, und zum Führer einer begeisterungsfähigen Jugend vorzüglich geeignet. Sein freier Vortrag hatte durchaus etwas Hinreißendes durch die dichterische Improvisation, womit er in allen Erscheinungen des Lebens die verhüllte Poesie mehr divinierte, als wirklich nachwies. Am unmittelbarsten mußte diese Naturphilosophie begreiflicherweise die Mediziner berühren, unter denen die besseren Köpfe sich jetzt von der bisherigen Empirie zu dem ritterlichen Reil und zu Froriep wandten, die überall auf das geheimnisvolle Walten höherer Naturkräfte hindeuteten. – Eine andere Gruppe wieder bildeten die jungen Theologen, welche sich um Schleiermacher scharten. Dieser merkwürdig komponierte Geist schien, seiner ursprünglichen stachelichten Anlage nach zum Antipoden der Romantik geeignet; und doch hielt er wacker zu ihr, und hat auf demselben platonischen Wege der Theologie, die damals zum Teil in toten Formeln, zum Teil in fader Erfahrungsseelenlehre sich erging, wieder Gemüt erobert; eine Art von geharnischtem Pietismus, der mit scharfer Dialektik alle Sentimentalität männlich zurückwies. – Am entferntesten wären vielleicht die Philologen geblieben, hätte nicht Wolf, obgleich persönlich nichts weniger als Romantiker, hier wider Wissen und Willen die Vermittelung übernommen durch den divinatorischen Geist, womit er das ganze Altertum wieder lebendig zu machen wußte, sowie durch eine geniale Humoristik und den schneidenden Witz, mit dem der stets Streitlustige gegen Schütz und andere, welche die Alten noch immer mumienhaft einzubalsamieren fortfuhren, fast in dramatischer Weise beständig zu Felde lag. – Zwischen diese Gruppen klemmte sich endlich noch eine ganz besondere Spezies von Philosophen herein, die den unmöglichen Versuch machte, die Kantsche Lehre ins Romantische zu übersetzen. Hierher gehörte Professor Kayßler, ein ehemaliger katholischer Priester, der geheiratet, und nun, gleichsam zur Rechtfertigung dieses abenteuerlichen Schrittes, sich eine noch abenteuerlichere Philosophie erfunden hatte. Er hatte es indes als doppelter Renegat mit den Kantianern wie mit den Romantikern verdorben; seine trockenen, abstrusen Vorträge fanden fast nur unter seinen schlesischen Landsleuten geringen Anklang, und wir wollten ihn hier bloß nennen, um das Bild der damaligen elementarischen Gärung möglichst zu vervollständigen. – Gegenüber allen diesen neuen Bestrebungen lag aber die breite schwere Masse der Kantschen Orthodoxen und der Stockjuristen, sämtlich von dem wohlfeilen Kunststück vor nehmen Ignorierens fleißig Gebrauch machend; unter den letzteren einerseits Schmaltz, der nachherige Geheimrat der Demagogenjäger, der die Kantsche Philosophie, die er vor kurzem sich in Königsberg geholt, auf seine faselige Weise elegant zu machen suchte; andrerseits Dabelow, König, Woltaer u.a., die von der Philosophie überhaupt nichts wußten.

Übrigens stand Halle, so unfreundlich auch die Stadt und ein großer Teil ihrer Umgebung ist, in jener Zeit noch in mancherlei lokalem Rapport mit der romantischen Stimmung. Der nahe Giebichenstein mit seiner Burgruine, an die sich die Sage von Ludwig dem Springer knüpft, war damals noch nicht modern englisiert und eingehegt, wie jetzt, und bot in seiner verwilderten Einsamkeit eine ganz artige Werkstatt für ein junges Dichterherz. Wer als Jüngling von dieser Höhe hinabgeblickt, und sie im Alter nach vielen Jahren wiedersieht, dem wird vielleicht dabei ungefähr zumute sein, wie dem Autor nachstehenden Liedchens:

Da steht eine Burg überm Tale
Und schaut in den Strom hinein,
Das ist die fröhliche Saale,
Das ist der Giebichenstein.

Da hab ich so oft gestanden,
Es blühten Täler und Höhn,
Und seitdem in allen Landen
Sah ich nimmer die Welt so schön!

Durchs Grün da Gesänge schallten,
Von Rossen, zu Lust und Streit,
Schauten viel schlanke Gestalten
Gleichwie in der Ritterzeit.

Wir waren die fahrenden Ritter,
Eine Burg war noch jedes Haus,
Es schaute durchs Blumengitter
Manch schönes Fräulein heraus.

Das Fräulein ist alt geworden,
Und unter Philistern umher
Zerstreut ist der Ritterorden,
Kennt keiner den andern mehr.

Auf dem verfallenen Schlosse,
Wie der Burggeist, halb im Traum,
Steh ich jetzt ohne Genossen
Und kenne die Gegend kaum.

Und Lieder und Lust und Schmerzen,
Wie liegen sie nun so weit –
Jugend, wie tut im Herzen
Mir deine Schönheit so leid.

Völlig mystisch dagegen erschien gar vielen der am Giebichenstein belegene Reichhardsche Garten mit seinen geistreichen und schönen Töchtern, von denen die eine Goethesche Lieder komponierte, die andere sogar Steffens‘ Braut war. Dort aus den geheimnisvollen Bosketts schallten oft in lauen Sommernächten, wie von einer unnahbaren Zauberinsel, Gesang und Gitarrenklänge herüber; und wie mancher junge Poet blickte da vergeblich durch das Gittertor, oder saß auf der Gartenmauer zwischen den blühenden Zweigen die halbe Nacht, künftige Romane vorausträumend. – Nicht allzu fern davon aber, um auch in dieser Beziehung die Gegensätze zu vervollständigen, bewohnte Lafontaine ein idyllisches Landhaus. Man erzählte von ihm, daß er selbst an seinen schlechten Romanen eigentlich am wenigsten schuld sei, daß ihn vielmehr seine Verleger von Zeit zu Zeit nach Berlin verlockten und dort so lange gleichsam eingesperrt hielten, bis er einen neuen dicken Roman fertig gemacht; was er denn, um nur wieder freizukommen, jedesmal mit unglaublicher Geschwindigkeit besorgt habe. Und hiemit stimmte in der Tat auch seine ganze äußere Erscheinung. Es war ein bequemer, freundlicher, lebensfroher Mann, der jetzt, da die Zeit seine Sentimentalität quiesziert hatte, sich getrost auf das Übersetzen alter Klassiker verlegte, und wie ein harmloser Revenant unter der verwandelten Generation umherging.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Von nicht geringer Bedeutsamkeit war auch die Nähe von Lauchstädt, wo die Weimarschen Schauspieler während der Badesaison Vorstellungen gaben. Diese Truppe war damals in der Tat ein merkwürdiges Phänomen, und hatte unter Goethes und Schillers persönlicher Leitung wirklich erreicht, was späterhin andere, z.B. Immermann in Düsseldorf, vergeblich anstrebten, nämlich das Theater zu einer höheren Kunstanstalt und poetischen Schule des Publikums emporzuheben. Sie hatten allerdings, und wir möchten fast hinzufügen: glücklicherweise, keine eminent hervorragenden Talente, die durch das Hervortreten einer übermächtigen Persönlichkeit so oft die Harmonie des Ganzen mehr stören als fördern, gleichwie die sogenannten schönen Stellen noch lange kein Gedicht machen. Aber sie hatten, was damals überall fehlte, ein künstlerisches Zusammenspiel. Denn eben jener höhere Aufschwung der waltenden Intentionen hob alle gleichmäßig über das Gewöhnliche und schloß das Gemeine oder Mittelmäßige von selbst aus; jeder hatte ein intimeres Verständnis seiner Kunst und seiner jedesmaligen Aufgabe, und ging daher mit Lust und Begeisterung ans Werk. Und so durften sie wagen, was den berühmtesten Hoftheatern bei unverhältmäßig größeren Kräften damals noch gar nicht in den Sinn kam. Mitten in der allgemeinen Misere der Kotzebueaden und Iffländerei eroberten sie sich kühn ganz neue Provinzen; gleichsam die Tragweite der Kunstwerke und des Publikums nach allen Seiten hin prüfend, brachten sie Calderon auf die Bühne, gaben den „Alarcos“ und den „Jon“ der Schlegel, Brentanos „Ponce de Leon“ usw. – Man kann leicht denken, wie sehr dieses Verfahren grade das empfänglichste und dankbarste Publikum der Studenten enthusiasmieren mußte. Die Komödienzettel kamen des Morgens schon, gleich Götterboten, nach Halle herüber, und wurden, wie später etwa die politischen Zeitungen und Kriegsbulletins, beim „Kuchenprofessor“ eifrigst studiert. War nun eines jener literarischen Meteore oder ein Stück von Goethe oder Schiller angekündigt, so begann sofort eine wahre Völkerwanderung zu Pferde, zu Fuß, oder in einspännigen Kabrioletts, nicht selten einer großen Retirade mit lahmen Gäulen und umgeworfenen Wägen vergleichbar; niemand wollte zurückbleiben, die Reicheren griffen den Unbemittelten mit Entree und sonstiger Ausrüstung willig unter die Arme, denn die Sache wurde ganz richtig als eine Nationalangelegenheit betrachtet. In Lauchstädt selbst aber konnte man, wenn es sich glücklich fügte, Goethe und Schiller oft leibhaftig erblicken, als ob die olympischen Götter wieder unter den Sterblichen umherwandelten. Und außerdem gab es dort auch vor und nach der Theatervorstellung, in der großen Promenade noch eine kleine Weltkomödie, in welcher, wenigstens in den Augen der jüngeren Damen, die Studenten selbst die Heldenrollen spielten. Diese fühlten sich hier überhaupt wahrhaft als Musensöhne, es war ihnen zumute, als sei dies alles eigentlich nur ihretwegen veranstaltet, und sie hatten im Grunde recht, da sie vor allen andern das rechte Herz dazu mitbrachten.

Dieses althallesche Leben aber wurde im Jahre 1806 beim Zusammensturz der preußischen Monarchie unter ihren Trümmern mit begraben. Die Studenten hatten unzweideutig Miene gemacht, sich in ein bewaffnetes Freikorps zusammenzutun. Napoleon, dem hier zum ersten Male ein Symptom ernsteren Volkswillens gleichsam prophetisch warnend entgegentrat, hob daher zornentbrannt die Universität auf, die Studenten wurden mit unerhörtem Vandalismus plötzlich und unter großem Wehgeschrei der Bürger nach allen Weltgegenden auseinandergetrieben und mußten, ausgeplündert und zum Teil selbst der nötigen Kleidungsstücke beraubt, sich einzeln nach Hause betteln. – Wunderbarer Gang der Weltgerichte! Dieselben vom übermütigen Sieger in den Staub getretenen Jünglinge sollten einst siegreich in Paris einziehen.

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Der Geist einer bestimmten Bildungsphase läßt sich nicht aufheben, wie eine Universität. Was wir vorhin als das Charakteristische jener Periode bezeichnet: die Opposition der jungen Romantik gegen die alte Prosa war keineswegs auf Halle beschränkt, sondern ging wie ein unsichtbarer Frühlingssturm allmählich wachsend durch ganz Deutschland. Insbesondere aber gab es dazumal in Heidelberg einen tiefen, nachhaltenden Klang. Heidelberg ist selbst eine prächtige Romantik; da umschlingt der Frühling Haus und Hof und alles Gewöhnliche mit Reben und Blumen, und erzählen Burgen und Wälder ein wunderbares Märchen der Vorzeit, als gäb es nichts Gemeines auf der Welt. Solch gewaltige Szenerie konnte zu allen Zeiten nicht verfehlen, die Stimmung der Jugend zu erhöhen und von den Fesseln eines pedantischen Komments zu befrein; die Studenten tranken leichten Wein anstatt des schweren Bieres, und waren fröhlicher und gesitteter zugleich als in Halle. Aber es trat grade damals in Heidelberg noch eine ganz besondere Macht hinzu, um jene glückliche Stimmung zu vertiefen. Es hauste dort ein einsiedlerischer Zauberer, Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft mit seinen magischen Kreisen umschreibend – das war Görres.

Es ist unglaublich, welche Gewalt dieser Mann, damals selbst noch jung und unberühmt, über alle Jugend, die irgend geistig mit ihm in Berührung kam, nach allen Richtungen hin ausübte. Und diese geheimnisvolle Gewalt lag lediglich in der Großartigkeit seines Charakters, in der wahrhaft brennenden Liebe zur Wahrheit und einem unverwüstlichen Freiheitsgefühl, womit er die einmal erkannte Wahrheit gegen offene und verkappte Feinde und falsche Freunde rücksichtslos auf Tod und Leben verteidigte; denn alles Halbe war ihm tödlich verhaßt, ja unmöglich, er wollte die ganze Wahrheit. Wenn Gott noch in unserer Zeit einzelne mit prophetischer Gabe begnadigt, so war Görres ein Prophet, in Bildern denkend und überall auf den höchsten Zinnen der wildbewegten Zeit weissagend, mahnend und züchtigend, auch darin den Propheten vergleichbar, daß das „Steiniget ihn!“ häufig genug über ihm ausgerufen wurde. Drüben in Frankreich hatte er bei den Banketten der bluttriefenden Revolution, hier in den Kongreßsälen der politischen Weltweisen las Menetekel kühn an die Wand geschrieben, und konnte sich nur durch rasche Flucht vor Kerker und Banden retten, oft monatelang arm und heimatlos umherirrend. – Seine äußere Erscheinung erinnerte einigermaßen an Steffens und war doch wieder grundverschieden. Steffens hatte bei aller Tüchtigkeit, etwas Theatralisches, während Görres, ohne es zu wollen oder auch nur zu wissen schlicht und bis zum Extrem selbst die unschuldigsten Mittel des Effekts verschmähte. Sein durchaus freier Vortrag war monoton, fast wie fernes Meeresrauschen schwellend und sinkend, aber durch dieses einförmige Gemurmel leuchteten zwei wunderbare Augen und zuckten Gedankenblitze beständig hin und wider; es war wie ein prächtiges nächtliches Gewitter, hier verhüllte Abgründe, dort neue ungeahnte Landschaften plötzlich aufdeckend, und überall gewaltig, weckend und zündend fürs ganze Leben.

Neben ihm standen zwei Freunde und Kampfgenossen: Achim von Arnim und Clemens Brentano, welche sich zur selben Zeit nach mancherlei Wanderzügen in Heidelberg niedergelassen hatten. Sie bewohnten im „Faulpelz“, einer ehrbaren aber obskuren Kneipe am Schloßberg, einen großen luftigen Saal, dessen sechs Fenster mit der Aussicht über Stadt und Land die herrlichsten Wandgemälde, das herüberfunkelnde Zifferblatt des Kirchturms ihre Stockuhr vorstellte; sonst war wenig von Pracht oder Hausgerät darin zu bemerken. Beide verhielten sich zu Görres eigentlich wie fahrende Schüler zum Meister, untereinander aber wie ein seltsames Ehepaar, wovon der ruhige mild-ernste Arnim den Mann, der ewig bewegliche Brentano den weiblichen Part machte. Arnim gehörte zu den seltenen Dichternaturen, die, wie Goethe, ihre poetische Weltansicht jederzeit von der Wirklichkeit zu sondern wissen, und daher besonnen über dem Leben stehen und dieses frei als ein Kunstwerk behandeln. Den lebhafteren Brentano dagegen riß eine übermächtige Phantasie beständig hin, die Poesie ins Leben zu mischen, was denn häufig eine Konfusion und Verwickelungen gab, aus welchen Arnim den unruhigen Freund durch Rat und Tat zu lösen hatte. Auch äußerlich zeigte sich der große Unterschied. Achim von Arnim war von hohem Wuchs und so auffallender männlicher Schönheit, daß eine geistreiche Dame einst bei seinem Anblick und Namen in das begeisterte Wortspiel: „Ach im Arm ihm“ ausbrach; während Bettina, welcher, wie sie selber sagt, eigentlich alle Menschen närrisch vorkamen, damals an ihren Bruder Clemens schrieb: „Der Arnim sieht doch königlich aus, er ist nicht in der Welt zum zweitenmal.“ – Das letztere konnte man zwar auch von Brentano, nur in ganz anderer Beziehung sagen. Während Arnims Wesen etwas wohltuend Beschwichtigendes hatte, war Brentano durchaus aufregend; jener erschien im vollsten Sinne des Worts wie ein Dichter, Brentano dagegen selber wie ein Gedicht, das, nach Art der Volkslieder, oft unbeschreiblich rührend, plötzlich und ohne sichtbaren Übergang in sein Gegenteil umschlug und sich beständig in überraschenden Sprüngen bewegte. Der Grundton war eigentlich eine tiefe, fast weiche Sentimentalität, die er aber gründlich verachtete, eine eingeborene Genialität, die er selbst keineswegs respektierte und auch von andern nicht respektiert wissen wollte. Und dieser unversöhnliche Kampf mit dem eigenen Dämon war die eigentliche Geschichte seines Lebens und Dichtens, und erzeugte in ihm jenen unbändigen Witz, der jede verborgene Narrheit der Welt instinktartig aufspürte und niemals unterlassen konnte, jedem Toren, der sich weise dünkte, die ihm gebührende Schellenkappe aufzustülpen, und sich somit überall ingrimmige Feinde zu erwecken. Klein, gewandt und südlichen Ausdrucks, mit wunderbar schönen, fast geisterhaften Augen, war er wahrhaft zauberisch, wenn er selbstkomponierte Lieder oft aus dem Stegreif zur Gitarre sang. Dies tat er am liebsten in Görres‘ einsamer Klause, wo die Freunde allabendlich einzusprechen pflegten; und man könnte schwerlich einen ergötzlicheren Gegensatz der damals florierenden ästhetischen Tees ersinnen, als diese Abendunterhaltungen, häufig ohne Licht und brauchbare Stühle, bis tief in die Nacht hinein: wie da die dreie alles Große und Bedeutende, das je die Welt bewegt hat, in ihre belebenden Kreise zogen, und mitten in dem Wetterleuchten tiefsinniger Gespräche Brentano mit seinem witzsprühenden Feuerwerk dazwischenfuhr, das dann gewöhnlich in ein schallendes Gelächter zerplatzte.

Das nächste Resultat dieser Abende war die „Einsiedlerzeitung„, welche damals Arnim und Brentano in Heidelberg herausgaben. Das selten gewordene Blatt war eigentlich ein Programm der Romantik; einerseits die Kriegserklärung an das philisterhafte Publikum, dem es feierlich gewidmet und mit dessen wohlgetroffenen Poträt es verziert war; andrerseits eine Probe- und Musterkarte der neuen Bestrebungen: Beleuchtung des vergessenen Mittelalters und seiner poetischen Meisterwerke, sowie die ersten Lieder von Uhland, Justinus Kerner u.a. Die merkwürdige Zeitung hat nicht lange gelebt, aber ihren Zweck als Leuchtkugel und Feuersignal vollkommen erfüllt. Übrigens standen ihre Verfasser in der Tat einsiedlerisch genug über dem großen Treiben und Arnim und Brentano, obgleich sie neben Tieck, die einzigen Produzenten der Romantiker waren, wurden doch von der Schule niemals als vollkommen zünftig anerkannt. Sie strebten vielmehr, die Schule, die schon damals in überkünstlichen Formen üppig zu luxurieren anfing, auf die ursprüngliche Reinheit und Einfachheit des Naturlauts zurückzuweisen. In diesem Sinne sammelten sie selbst auf ihren Fahrten und durch gleichgestimmte Studenten überall die halbverschollenen Volkslieder für „Des Knaben Wunderhorn“, das, wie einst Herders „Stimmen der Völker“, durch ganz Deutschland einen erfrischenden Klang gab.

Auch Creuzer lebte damals in Heidelberg und gehörte, wiewohl dem genannten Triumvirat persönlich ziemlich fernstehend, durch seine Bestrebungen diesem Kreise an. Seine mystische Lehre hat, z.B. später in Lobeck, sehr tüchtige Gegner gefunden, und wir wollen keineswegs in Abrede stellen, daß die phantastische Weise, womit er die alte Götterlehre als ein bloßes Symbolum christlich umzudeuten sucht, gar oft an den mittelalterlichen Neuplatonismus erinnert und am Ende zu einer gänzlichen Auflösung des Altertums führt. Allein in Kriegszeiten bedarf ein grober Feind auch eines gewaltsamen Gegenstoßes. Erwägt man, wie geistlos dazumal die Mythologie als ein bloßes Schulpensum getrieben wurde, so wird man Creuzers Tat billigerweise wenigstens als eine sehr zeitgemäße und heilsame Aufregung anerkennen müssen. – Noch zwei andere, höchst verschiedene Heidelberger Zeitgenossen dürfen hier nicht unerwähnt bleiben; wir meinen: Thibaut und Gries. In solchen Übergangsperioden ist die sanguinische Jugend gern bereit, den Spruch: „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“ gelegentlich auch umzukehren und jeden für den Ihrigen zu nehmen, der nicht zum Gegenpart hält; und in dieser Lage befand sich Thibaut. Schon seine äußere Erscheinung mit den lang herabwallenden, damals noch dunkelen Locken, was ihm ein gewisses apostolisches Ansehen gab, noch mehr der eingeborene Widerwillen gegen alles Kleinliche und Gemeine unterschied ihn sehr fühlbar von dem Troß seiner eigentlichen Zunftgenossen, und mit seiner propagandistischen Liebe und Kenntnis von der Musik der alten tiefsinnigen Meister berührte er in der Tat den Kreis der Romantiker. – Bei weitem unmittelbarer indes wirkte Gries. Wilhelm Schlegel hatte soeben durch das dicke Gewölk verjährter Vorurteile auf das Zauberland der südlichen Poesie hingewiesen. Gries hat es uns wirklich erobert. Seine meisterhaften Übersetzungen von Ariost, Tasso und Calderons Schauspielen treffen, ohne philologische Pedanterie und Wortängstlichkeit, überall den eigentümlichen Sinn und Klang dieser Wunderwelt; sie haben den poetischen Gesichtskreis unendlich erweitert und jene glückliche Formfertigkeit erzeugt, deren sich unsere jüngeren Poeten noch bis heut erfreuen. Auch war Gries sehr geeignet, für den Ritt in das alte romantische Land Proselyten zu machen. Er verkehrte gern und viel mit den Studenten, die Abendtafel im Gasthofe „Zum Prinzen Karl“ war sein Katheder, und es war, da er sehr schwerhörig, oft wahrhaft komisch, wie da die leichten Scherze und Witze gleichsam aus der Trompete gestoßen wurden, so daß die heitere Konversation sich nicht selten wie ein heftiges Gezänke ausnahm.

Man sieht, die Romantik war dort reich vertreten. Allein sie hatte auch damals schon ihren sehr bedenklichen Afterkultus. Graf von Löben war in Heidelberg der Hohepriester dieser Winkelkirche. Der alte Goethe soll ihn einst den vorzüglichsten Dichter jener Zeit genannt haben. Und in der Tat er besaß eine ganz unglaubliche Formengewandtheit und alles äußere Rüstzeug des Dichters, aber nicht die Kraft, es gehörig zu brauchen und zu schwingen. Er hatte ein durchaus weibliches Gemüt mit unendlich feinem Gefühl für den salonmäßigen Anstand der Poesie, eine überzarte empfängliche Weichheit, die nichts Schönes selbständig gestaltete, sondern von allem Schönen wechselnd umgestaltet wurde. So durchwandelte er in seiner kurzen Lebenszeit ziemlich fast alle Zonen und Regionen der Romantik; – bald erschien er als begeisterungswütiger Seher, bald als arkadischer Schäfer, dann plötzlich wieder als aszetischer Mönch, ohne sich jemals ein eigentümliches Revier schaffen zu können. In Heidelberg war er gerade „Isidorus Orientalis“ und novalisierte, nur leider ohne den Tiefsinn und den dichterischen Verstand von Novalis. In dieser Periode entstand sein frühester Roman „Guido“, sowie die „Blätter aus dem Reisebüchlein eines andächtigen Pilgrims“; jener durch seine mystische Überschwenglichkeit, diese durch ein unkatholisches Katholisieren, ganz wider Wissen und Willen, die erstaunlichste Karikatur der Romantik darstellend. Er hatte in Heidelberg nur wenige sehr junge Jünger, die ihn gehörig bewunderten; aber die Gemeinde dieser Gleichgestimmten war damals sehr zahlreich durch ganz Deutschland verbreitet. Es wäre eine schwierige, ja fast unmögliche Aufgabe, jenes wunderliche Gewirr von Talent und Zopf, Lüge und Wahrheit mit wenigen Worten in einen Begriff zusammenzufassen; und doch ist dieses Treiben insofern von literarhistorischer Wichtigkeit, als dasselbe den schmählichen Verfall der Romantik vorzüglich verschuldet hat. Es sei uns daher lieber vergönnt, aus unserer frühesten Schrift („Ahnung und Gegenwart“) die aus dem Leben gegriffene Darstellung der damaligen Salonwirtschaft hier einzuschalten, da sie, obgleich erfunden, und doch vielleicht unmittelbarer, als eine Definition, in den Zirkel einführen dürfte.

Es ist nämlich dort von einer Soiree in der Residenz die Rede, wobei die Gesellschaft über die soeben beendigte Darstellung eines lebenden Bildes in große Bewegung geraten. „Mitten in dieser Entzückung fiel der Vorhang plötzlich wieder, das Ganze verdeckend, herab, der Kronleuchter wurde heruntergelassen und ein schnatterndes Gewühl und Lachen erfüllte auf einmal wieder den Saal. Der größte Teil der Gesellschaft brach nun von allen Sitzen auf und zerstreute sich. Nur ein kleiner Teil von Auserwählten blieb im Saale zurück. Graf Friedrich“ (der Held des Romans) „wurde währenddessen vom Minister, der auch zugegen war, bemerkt und sogleich der Frau vom Hause vorgestellt. Es war eine fast durchsichtig schlanke, schmächtige Gestalt, gleichsam im Nachsommer ihrer Blüte und Schönheit. Sie bat ihn mit so überaus sanften, leisen, lispelnden Worten, daß er Mühe hatte, sie zu verstehen, ihre künstlerische ‚Abendandachten‘, wie sie sich ausdrückte, mit seiner Gegenwart zu beehren, und sah ihn dabei mit blinzelnden, fast zugedrückten Augen an, von denen es zweifelhaft war, ob sie ausforschend, gelehrt, sanft, verliebt, oder nur interessant sein sollten.

Die Gesellschaft zog sich nun in eine kleinere Stube zusammen. Die Zimmer waren durchaus prachtvoll und im neuesten Geschmacke dekoriert, nur hin und wieder bemerkte man einige auffallende Besonderheiten und Nachlässigkeiten, unsymmetrische Spiegel, Gitarren, aufgeschlagene Musikalien und Bücher, die auf den Ottomanen zerstreut umherlagen.

Friedrich kam es vor, als hätte es der Frau von Hause vorher einige Stunden mühsamen Studiums gekostet, um in das Ganze eine gewisse unordentliche Genialität hineinzubringen.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Es hatte sich unterdes ein niedliches, etwa zehnjähriges Mädchen eingefunden, die in einer reizenden Kleidung mit langen Beinkleidern und kurzem schleiernen Röckchen darüber, keck im Zimmer herumsprang. Es war die Tochter von Hause. Ein Herr aus der Gesellschaft reichte ihr ein Tamburin, das in einer Ecke auf dem Fußboden gelegen hatte. Alle schlossen bald einen Kreis um sie, und das zierliche Mädchen tanzte mit einer wirklich bewunderungswürdigen Anmut und Geschicklichkeit, während sie das Tamburin auf mannigfache Weise schwang und berührte und ein niedliches italienisches Liedchen dazu sang. Jeder war begeistert, erschöpfte sich in Lobsprüchen und wünschte der Mutter Glück, die sehr zufrieden lächelte. Nur Friedrich schwieg still. Denn einmal war ihm schon die moderne Knabentracht bei Mädchen zuwider, ganz abscheulich aber war ihm diese gottlose Art, unschuldige Kinder durch Eitelkeit zu dressieren. Er fühlte vielmehr ein tiefes Mitleid mit der schönen kleinen Bajadere. Sein Ärger und das Lobpreisen der anderen stieg, als nachher das Wunderkind sich unter die Gesellschaft mischte, nach allen Seiten hin in fertigem Französisch schnippische Antworten erteilte, die eine Klugheit weit über ihr Alter zeigten, und überhaupt jede Unart als genial genommen wurde.

Die Damen, welche sämtlich sehr ästhetische Mienen machten, setzten sich darauf nebst mehreren Herren unter dem Vorsitz der Frau vom Hause, die mit vieler Grazie den Tee einzuschenken wußte, förmlich in Schlachtordnung und fingen an, von Ohrenschmäusen zu reden. Der Minister entfernte sich in die Nebenstube, um zu spielen. – Friedrich erstaunte, wie diese Weiber geläufig mit den neuesten Erscheinungen der Literatur umzuspringen wußten, von denen er selber manche kaum dem Namen nach kannte; wie leicht sie mit Namen herumwarfen, die er nie ohne heilige tiefe Ehrfurcht auszusprechen gewohnt war. Unter ihnen schien besonders ein junger Mann mit einer verachtenden Miene in einem gewissen Glauben und Ansehen zu stehen. Die Frauenzimmer sahen ihn beständig an, wenn es darauf ankam, ein Urteil zu sagen, und suchten in seinem Gesichte seinen Beifall oder Tadel im voraus herauszulesen, um sich nicht etwa mit etwas Abgeschmacktem zu prostituieren.

Er hatte viele genialische Reisen gemacht, in den meisten Hauptstädten auf seine eigene Faust Ball gespielt, Kotzebue einmal in einer Gesellschaft in den Sack gesprochen, fast mit allen berühmten Schriftstellern zu Mittag gegessen oder kleine Fußreisen gemacht. Übrigens gehörte er eigentlich zu keiner Partei, er übersah alle weit und belächelte die entgegengesetzten Gesinnungen und Bestrebungen, den eifrigen Streit unter den Philosophen oder Dichtern: Er war sich der Lichtpunkt dieser verschiedenen Reflexe. Seine Urteile waren alle nur wie zum Spiele flüchtig hingeworfen mit einem nachlässig mystischen Anstrich, und die Frauenzimmer erstaunten nicht über das, was er sagte, sondern was er, in der Überzeugung nicht verstanden zu werden, zu verschweigen schien.

Wenn dieser heimlich die Meinung zu regieren schien, so führte dagegen ein anderer fast einzig das hohe Wort. Es war ein junger voller Mensch mit strotzender Gesundheit, ein Antlitz, das vor wohlbehaglicher Selbstgefälligkeit glänzte und strahlte. Er wußte für jedes Ding ein hohes Schwungwort, lobte und tadelte ohne Maß und sprach hastig mit einer durch dringenden gellenden Stimme. Er schien ein wütend Begeisterter von Profession und ließ sich von den Frauenzimmern, denen er sehr gewogen schien, gern den heiligen Thyrsusschwinger nennen. Es fehlte ihm dabei nicht an einer gewissen schlauen Miene, womit er niedrere, nicht so saftige Naturen seiner Ironie preiszugeben pflegte. Friedrich wußte gar nicht, wohin dieser während seiner Deklamationen so viel Liebesblicke verschwende, bis er endlich ihm gerade gegenüber einen großen Wandspiegel entdeckte. Der Begeisterte ließ sich übrigens nicht lange bitten, etwas von seinen Poesien mitzuteilen. Er las eine lange Dithyrambe von Gott, Himmel, Hölle, Erde und dem Karfunkelstein mit angestrengtester Heftigkeit vor, und schloß mit solchem Schrei und Nachdruck, daß er ganz blau im Gesicht wurde. Die Damen waren ganz außer sich über die heroische Kraft des Gedichts, sowie des Vortrags.

Ein anderer junger Dichter von mehr schmachtendem Ansehen, der neben der Frau vom Hause seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, lobte zwar auch mit, warf aber dabei einige durchbohrende neidische Blicke auf den vom Lesen erschöpften Begeisterten. Überhaupt war dieser Friedrich schon vom Anfang an durch seinen großen Unterschied von jenen beiden Flausenmachern aufgefallen. Er hatte sich während der ganzen Zeit, ohne sich um die Verhandlungen der andern zu bekümmern, ausschließlich mit der Frau vom Hause unterhalten, mit der er eine Seele zu sein schien, wie man von dem süßen zugespitzten Munde beider abnehmen konnte, und Friedrich hörte nur manchmal einzelne Laute, wie: ‚Mein ganzes Leben wird zum Roman‘ – ‚überschwengliches Gemüt‘ – ‚Priesterleben‘ – herüberschallen. Endlich zog auch dieser ein ungeheures Paket aus der Tasche, und begann vorzulesen, unter andern folgendes Assonanzenlied:

‚Hat nun Lenz die silbern’n Bronnen
               Losgebunden:
Knie ich nieder, süßbeklommen,
               In die Wunder.

Himmelreich, so kommt geschwommen
               Auf die Wunden
Hast du einzig mich erkoren
               Zu den Wundern?

In die Ferne süß verloren
               Lieder fluten,
Daß sie, rückwärts sanft erschollen,
               Bringen Kunde.

Was die andern sorgen, wollen,
               Ist mir dunkel,
Mir will ew’ger Durst nur frommen
               Nach dem Durste.

Was ich liebte und vernommen,
               Was geklungen,
Ist den eignen tiefen Wonnen
               Selig Wunder!‘

Er las noch einen Haufen Sonette mit einer Art von priesterlicher Feierlichkeit. Keinem derselben fehlte es an irgendeinem wirklich aufrichtigen kleinen Gefühlchen, an großen Ausdrücken und lieblichen Bildern. Alle hatten einen einzigen, bis ins Unendliche breit auseinandergeschlagenen Gedanken, sie bezogen sich alle auf den Beruf des Dichters und die Göttlichkeit der Poesie, aber die Poesie selber, das ursprüngliche, freie, tüchtige Leben, das uns ergreift ehe wir darüber sprechen, kam nicht zum Vorschein vor lauter Komplimenten davor und Anstalten dazu. Friedrich kamen diese Poesien in ihrer durchaus polierten, glänzenden, wohlerzogenen Weichlichkeit wie der fade unerquickliche Teedampf, die zierliche Teekanne mit ihrem lodernden Spiritus auf dem Tische wie der Opferaltar dieser Musen vor. – Es ist aber eigentlich nichts künstlicher und lustiger, als die Unterhaltung einer solchen Gesellschaft. Was das Ganze noch so leidlich zusammenhält, sind tausend feine, fast unsichtbare Fäden von Eitelkeit, Lob und Gegenlob usw., und sie nennen es dann gar zu gern ein Liebesnetz. Arbeitet aber unverhofft einmal einer, der davon nichts weiß, tüchtig darin herum, so geht die ganze Spinnewebe von ewiger Freundschaft und heiligem Bunde auseinander.

So hatte auch heute Friedrich den ganzen Tee versalzen. Keiner konnte das künstlerische Weberschiffchen, das sonst fein im Takte so zarte ästhetische Abende wob, wieder recht in Gang bringen. Die meisten wurden mißlaunisch, keiner konnte oder mochte, wie beim babylonischen Baue, des anderen Wortgepräng verstehen, und so beleidigte einer den andern in der gänzlichen Verwirrung. Mehrere Herren nahmen endlich unwillig Abschied, die Gesellschaft wurde kleiner und vereinzelter. Die Damen gruppierten sich hin und wieder auf den Ottomanen in malerischen und ziemlich unanständigen Stellungen. Friedrich bemerkte bald ein heimliches Verständnis zwischen der Frau vom Hause und dem Schmachtenden. Doch glaubte er zugleich an ihr ein feines Liebäugeln zu entdecken, das ihm selber zu gelten schien. Er fand sie überhaupt viel schlauer, als man anfänglich ihrer lispelnden Sanftmut hätte zutrauen mögen; sie schien ihren schmachtenden Liebhaber bei weitem zu übersehen und selber nicht so viel von ihm zu halten, als sie vorgab und er aus ganzer Seele glaubte.“

Als aber Friedrich späterhin, noch ganz entrüstet, dieses Abenteuer einem Freunde erzählt, erwidert dieser: „Ich kann dir im Gegenteil versichern, daß ich nicht bald so lustig war, als an jenem Abende, da ich zum ersten Male in diese Teetaufe oder Traufe geriet. Aller Augen waren prüfend und in erwartungsvoller Stille auf mich neuen Jünger gerichtet. Da ich die ganze heilige Synode, gleich den Freimaurern mit Schurz und Kelle, so feierlich im poetischen Ornate dasitzen sah, konnt ich mich nicht enthalten, despektierlich von der Poesie zu sprechen und mit unermüdlichem Eifer ein Gespräch von der Landwirtschaft, von Runkelrüben usw. anzuspinnen, so daß die Damen wie über den Dampf von Kuhmist die Nasen rümpften und mich bald für verloren hielten. Mit dem Schmachtenden unterhielt ich mich besonders viel. Er ist ein guter Kerl, aber er hat keine Mannesmuskel im Leibe. Ich weiß nicht, was er gerade damals für eine fixe Idee von der Dichtkunst im Kopfe hatte, aber er las ein Gedicht vor, wovon ich trotz der größten Anstrengung nichts verstand und wobei mir unaufhörlich des simplizianisch – deutschen Michels verstümmeltes Sprachgepränge im Sinne lag. Denn es waren deutsche Worte, spanische Konstruktionen, welsche Bilder, altteutsche Redensarten, doch alles mit überaus feinem Firnis von Sanftmut verschmiert. Ich gab ihm ernsthaft den Rat, alle Morgen gepfefferten Schnaps zu nehmen, denn der ewige Nektar erschlaffe nur den Magen, worüber er sich entrüstet von mir wandte. – Mit dem vom Hochmutsteufel besessenen Dithyrambisten aber bestand ich den schönsten Strauß. Er hatte mit pfiffiger Miene alle Segel seines Witzes aufgespannt und kam mit vollem Winde der Eitelkeit auf mich losgefahren, um mich Unpoetischen vor den Augen der Damen in den Grund zu bugsieren. Um mich zu retten, fing ich zum Beweise meiner poetischen Belesenheit an, aus Shakespeares ‚Was ihr wollt‘ wo Junker Tobias den Malvolio peinigt, zu rezitieren ‚Und besäße ihn eine Legion selbst, so will ich ihn doch anreden.‘ Er stutzte und fragte mich mit herablassender Genügsamkeit und kniffigem Gesichte, ob vielleicht gar Shakespeare mein Lieblingsautor sei? Ich ließ mich aber nicht stören, sondern fuhr mit Junker Tobias fort ‚Ei Freund, leistet dem Teufel Widerstand, er ist der Erbfeind der Menschenkinder.‘ Er fing nun an, sehr salbungsvolle, genialische Worte über Shakespeare ergehen zu lassen, ich aber, da ich ihn sich so aufblasen sah, sagte weiter ‚Sanftmütig, sanftmütig! Ei, was machst du, mein Täubchen? Wie geht’s, mein Puthühnchen? Ei, sieh doch, komm, tuck tuck!‘ – Er schien nun mit Malvolio zu bemerken, daß er nicht in meine Sphäre gehöre, und kehrte sich mit einem unsäglich stolzen Blicke, wie von einem unerhört Tollen, von mir. Das Schlimmste war aber nun, daß ich dadurch demaskiert war, ich konnte nicht länger für einen Ignoranten gelten; und die Frauenzimmer merkten dies nicht so bald, als sie mit allerhand Phrasen, die sie da und dort ernascht, über mich herfielen. In der Angst fing ich daher nun an, wütend mit gelehrten Redensarten und poetischen Paradoxen nach allen Seiten um mich herumzuwerfen, bis sie mich, ich sie, und ich mich selber nicht mehr verstand und alles verwirrt wurde. Seit dieser Zeit haßt mich der ganze Zirkel und hat mich als eine Pest der Poesie förmlich exkommuniziert.“ – –

Es ist sehr begreiflich, daß dieses prätentiöse Unwesen von den Gedankenlosen und Schwachmütigen für die wirkliche Romantik gehalten, von den Hämischen aber gern benutzt wurde, den neuen Aufschwung überhaupt zu verketzern. Vergebens verspottete Tieck selbst in den wenigen Nummern seines „Poetischen Journals“ jene falsche Romantik, vergebens zogen Arnim und Görres mitten durch den Lärm neue leuchtende Bahnen; das Gekläff der Wächter des guten Geschmacks, die den Mond anbellen und bei Musik heulen, war einmal unaufhaltsam erwacht. Es erschien ein „Klingkling-Almanach“, der die Lyrik der Romantiker parodisch lächerlich machen sollte, aber durch ein stupides Mißverständnis des Parodierten nur sich selbst blamierte. Der Däne Baggesen schrieb einen „Faust“, eine Komödie, worin Fichte, Schelling, Schlegel und Tieck die lächerlichen Personen spielen; an Witzlosigkeit, Bosheit und Langweiligkeit, etwa Nicolais „Werthers Leiden“ vergleichbar. Garlieb Merkel endlich trommelte in seinem „Freimütigen“ ein wahres Falstaffsheer zusammen, allerdings freimütig genug, denn die armutselige Gemeinheit lag ganz offen zutage. In Heidelberg selbst aber saß der alte Voß, der sich bereits überlebt hatte, und darüber ganz grämlich geworden war. Mitten in dem staubigen Gewebe seiner Gelehrsamkeit lauerte er wie eine ungesellige Spinne, tückisch auf alles Junge und Neue zufahrend, das sich unvorsichtig dem Gespinste zu nähern unterfing. Besonders waren ihm, nebst dem Katholizismus, die Sonette verhaßt. Daher konnte Arnim, obgleich er anfangs aus großmütiger Pietät mit dem vereinsamten Greise friedlich zu verkehren suchte, dennoch zuletzt nicht umhin, ihm zu Ehren in der „Einsiedlerzeitung“ in hundert Sonetten den Kampf des Sonetts mit dem alten Drachen zu beschreiben.

Und auf ähnliche Weise hatte sich die Romantik überhaupt ihren Gegnern gegenübergestellt, indem sie – wie in Tiecks „Verkehrter Welt“, im „Zerbino“ und „Gestiefelten Kater“, in Schlegels „Triumphpforte für den Theaterpräsidenten Kotzebue„, in Mahlmanns „Hussiten vor Naumburg“ – jenes hämische Treiben heiter als bloßes Material nahm und humoristisch der Poesie selbst dienstbar zu machen wußte.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Aber die Romantik war keine bloß literarische Erscheinung, sie unternahm vielmehr eine innere Regeneration des Gesamtlebens, wie sie Novalis angekündigt hat; und was man später die romantische Schule nannte, war eben nur ein literarisch abgesonderter Zweig des schon kränkelnden Baumes. Ihre ursprüngliche Intentionen, alles Irdische auf ein Höheres, das Diesseits auf ein größeres Jenseits zu beziehen, mußten daher insbesondere auch das ganze Gebiet der Kunst gleichmäßig umfassen und durchdringen. Die Revolution, die sie in der Poesie bewirkt, ist schon zu vielfach besprochen, um hier noch besonders erörtert zu werden. Der Malerei vindizierte sie die Schönheit der Religion als höchste Aufgabe, und begründete durch deutsche Jünglinge in Rom die bekannte Malerschule, deren Führer Overbeck, Philipp Veit und Cornelius waren. Derselbe ernstere Sinn führte die Tonkunst vom frivolen Sinnenkitzel zur Kirche, zu den altitalienischen Meistern, zu Sebastian Bach, Gluck und Händel zurück; er weckte auch in der Profanmusik das geheimnisvolle wunderbare Lied, das verborgen in allen Dingen schlummert, und Mozart, Beethoven und Karl Maria von Weber sind echte Romantiker. Die Baukunst endlich, diese hieroglyphische Lapidarschrift der wechselnden Nationalbildung, war grade in das allgemeine Stadium der damaligen Literatur mit eingerückt: kaserniertes Bürgerwohl mit heidnischen Substruktionen, die Antike im Schlafrock des häuslichen Familienglücks. Da erfaßte plötzlich die erstaunten Deutschen wieder eine Ahnung von der Schönheit und symbolischen Bedeutung ihrer alten Bauwerke, an denen sie so lange gleichgültig vorübergegangen. Der junge Goethe hatte zuerst vom Straßburger Münster den neuen Tag ausgerufen, sich aber leider dabei so bedeutend überschrien, daß er seitdem ziemlich heiser blieb. Besonnener und gründlicher wies Sulpice Boisserée auf den Riesengeist des Kölner Domes hin, der bekanntlich noch bis heut sein mühseliges Auferstehungsfest feiert. – Das augenfälligste Bild dieser Umwandlung aber gibt die Geschichte der Marienburg, des Haupthauses des deutschen Ritterordens in Preußen. Dieser merkwürdige Bau hatte nicht einmal die Genugtuung, in malerische Trümmer zerfallen zu dürfen, er wurde methodisch für den neuen Orden der Industrieritter verstümmelt und zugerichtet. Die kühnen Gewölbe wurden mit unsäglicher Mühe eingeschlagen, in den hohen luftigen Sälen drei niedrige Stockwerke schmutziger Weberwerkstätten eingeklebt; ja um den letzten Prachtgiebel des Schlosses waren bereits die Stricke geschlungen, um ihn niederzureißen, als ein Romantiker, Max von Schenkendorf, ganz unerwartet in einer vielgelesenen Zeitschrift Protest einlegte gegen diesen modernen Vandalismus, den der damalige Minister von Schrötter, ein sonst geistvoller und für alles Große empfänglicher Mann, im Namen der Aufklärung als ein löblich Unternehmen trieb. Jetzt veränderte sich plötzlich die Szene. Schrötter, da er seinen wohlgemeinten Mißverstand begriff, hieß, fast erschrocken darüber, sofort alle weitere Zerstörung einstellen, die Weber wurden ausgetrieben, Künstler, Altertumsfreunde und Techniker stiegen verwundert in den rätselhaft gewordenen Bau hinab, wie in einem Bergwerke dort ein Fenster, hier einen verborgnen Gang oder Remter entdeckend, und je mehr allmählich von der alten Pracht zutage kam, je mehr wuchs, erst in der Provinz dann in immer weiteren Kreisen der Enthusiasmus, und erweckte, soviel davon noch zu retten war, das wunderbare Bauwerk aus seinem jahrhundertelangen Zauberschlaf.

Ein ähnliches Bewandtnis beinah hatte es mit dem Einfluß der Romantik auf die religiöse Stimmung der Jugend, indem sie gleichfalls den halbvergessenen Wunderbau der alten Kirche aus seinem Schutte wieder emporzuheben strebte. Allein was dort genügte, konnte hier unmöglich ausreichen, denn die Romantiker, wenn wir Novalis, Görres und Friedrich Schlegel ausnehmen, taten es nicht um der Religion, sondern um der Kunst willen, für die ihnen der Protestantismus allzu geringe Ausbeute bot; ein Grundthema, das in „Sternbalds Wanderungen“, in Tiecks „Phantasien“ und in den „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ durch die ganze Klaviatur der Künste hindurch auf das anmutigste variiert ist. Wir wollen daher auf die Konversion einiger, durch die Musik, die Pracht des äußeren Gottesdienstes u.dgl.m. bekehrter protestantischer Jünglinge keineswegs ein besonderes Gewicht legen. Der ganze Hergang aber erinnert lebhaft an Schillers Grundsatz von der ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts; wir meinen die indirekte Macht, welche diese katholisierende Ästhetik auf die katholische Jugend selber ausgeübt.

Es ist nicht zu leugnen, ein großer Teil dieser, fast überall protestantisch geschulten Jugend ist in der Tat durch die Vorhalle der Romantik zur Kirche zurückgekehrt. Die katholischen Studenten, die überhaupt etwas wollten und konnten, erstaunten nicht wenig, als sie in jenen Schriften auf einmal die Schönheit ihrer Religion erkannten, die sie bisher nur geschmäht oder mitleidig belächelt gesehen. Der Widerspruch, in den sie durch diese Entdeckung mit der gemeinen Menge gerieten, entzündete ihren Eifer, voll Begeisterung brachten sie die alt-neue Lehre von der Universität mit nach Hause, ja sie kokettierten zum Teil damit in der Philisterwelt, wo man über die jungen Zeloten verwundert den Kopf schüttelte, mit einem Wort: Das Katholische wurde förmlich Mode. Die Mode ging nach Art aller Mode bald vorüber, aber der einmal angeschlagene Ton blieb und hallte in immer weiteren Kreisen nach, und daraus entstand im Verlauf der immer ernster werdenden Zeiten endlich wieder eine starke katholische Gesinnung, die der Romantik nicht mehr bedarf.

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So war die Romantik bei ihrem Aufgange ein Frühlingshauch, der alle verborgenen Keime belebte, eine schöne Zeit des Erwachens, der Erwartung und Verheißung. Allein sie hat die Verheißung nicht erfüllt, und weil sie sie nicht erfüllte, ging sie unter, und wie und warum dies geschehen mußte, haben wir bereits an einem anderen Orte ausführlich nachzuweisen versucht. Als jedoch auf solche Weise die Ebbe kam und jene Springfluten zurücktobten, wurde auch der alte Boden wieder trockengelegt, den man für neuentdecktes Land hielt. Der zähe Rationalismus, die altkluge Verachtung des Mittelalters, die Lehre von der alleinseligmachenden Nützlichkeit, wozu die sublime Wissenschaft nicht sonderlich nötig sei; all das vorromantische Ungeziefer, das sich unterdes im Sande eingewühlt, kam jetzt wieder zum Vorschein und heckte erstaunlich. Dennoch war aber der bloßgelegte Boden nicht mehr ganz derselbe. Die Romantik hatte einige unvertilgbare Spuren darauf hinterlassen; sie hatte durch ihr beständiges Hinweisen auf die nationale Vergangenheit die Vaterlandsliebe, durch ihren Experimental – Katholizismus ein religiöses Bedürfnis erweckt. Allein diese Vaterlandsliebe war durch die abermalige Trennung vom Mittelalter ihres historischen Bodens und aller nationalen Färbung beraubt, und so entstand aus dem alten abstrakten Weltbürgertum die ebenso abstrakte Deutschtümelei. Andrerseits konnte das wiederangeregte religiöse Gefühl natürlicherweise weder von dem romantischen Katholisieren, noch von dem wiedererstandenen Rationalismus befriediget werden, und flüchtete sich daher bei den Protestanten zu dem neuesten Pietismus.

Von diesen veränderten Zuständen mußten denn auch zunächst die Universitäten wieder berührt werden; sie verloren allmählich ihr mittelalterliches Kostüm und suchten sich der modernen Gegenwart möglichst zu akkommodieren. Das deutsche Universitätsleben war bis dahin im Grunde ein lustiger Mummenschanz, in exzeptioneller Maskenfreiheit die übrige Welt neckend, herausfordernd und parodierend; eine Art harmloser Humoristik, die der Jugend, weil sie ihr natürlich ist, großenteils gar wohl anstand. Jetzt dagegen, durch die halbe Schulweisheit und Vielwisserei aufgeblasen, und von der epidemischen neuen Altklugheit mit fortgerissen, begnügten sie sich nicht mehr, sich an den dünkelhaften Torheiten der Philisterwelt lachend zu ergötzen; sie wollten sich über die Welt stellen, sie meistern und vernünftiger einrichten. Dazu kam, daß sie in den Befreiungskriegen wirklich auf dem Welttheater rühmlich mitagiert hatten, und nun auch das Recht beanspruchten, die übrigen Akte des großen Weltdramas mit fortzuspielen, mit einem Worte: Politik zu machen. Das war aber höchst unpolitisch, denn auf dieser komplizierten Bühne fehlte es glücklicherweise der Jugend durchaus an der unerläßlichen Kenntnis, Erfahrung und Routine. Die Burschenschaften, die zunächst aus jener inneren Umwandlung der Universitäten hervorgingen, waren ohne allen Zweifel ursprünglich gut und ernst gemeint und mit einem nicht genug zu würdigenden moralischen Stoizismus gegen die alte Roheit und Sittenlosigkeit gerichtet. Anstatt aber nur erst sich selbst gehörig zu befestigen, wollten sie sehr bald im leicht erklärlichen Eifer des guten Gewissens auch die kranken Staaten durch utopische Weltverbesserungspläne regenerieren, die man am füglichsten als unschädliche Donquijotiaden hätte übersehen sollen, wenn sich nicht, wie es scheint, nun die wirklichen Politiker mit dareingemischt, und die jugendliche Unbefangenheit für ihre ehrgeizigen und unlauteren Zwecke gemißbraucht hätten. Und so wurden die Studenten, die so lange heiter die Welt düpiert hatten, nun selber von der undankbaren Welt düpiert.

Als ein anderes Symptom der neuesten Zeit haben wir vorhin den bei den Protestanten wiedererwachten Pietismus bezeichnet. Man könnte ihn, da er wesentlich auf der subjektiven Gefühlsauffassung beruht, füglich die Sentimentalität der Religion nennen. Daher der absonderliche Haß der Pietisten gegen das strenge positive Prinzip der Kirche, die von einem subjektiven Dafürhalten und Umdeuten der Glaubenswahrheiten nichts weiß. Dieser moderne Pietismus ist jetzt auf den deutschen Universitäten sehr zahlreich vertreten, nicht eben zum sonderlichen Heile der Jugend. Denn der nackte Rationalismus war an sich so arm, trocken und trostlos, daß er ein tüchtiges Gemüt von selbst zur resoluten Umkehr trieb. Der weichliche, sanft einschmeichelnde Pietismus dagegen, zumal wenn er Mode wird und zeitliche Vorteile in Aussicht stellt, erzeugt gar leicht heuchlerische Tartüffe, oder, wo er tiefer gegriffen, einen geistlichen Dünkel und Fanatismus, der das ganze folgende Leben vergiftet. Eine Sekte dieser Pietisten gefällt sich darin, grundsätzlich allen Zweikampf abzulehnen, und sich dies als einen Akt besonderen Mutes anzurechnen. Allein dieser passive Mut, die gemeine Meinung zu verachten und gelassen über sich ergehen zu lassen, ist noch sehr verschieden von der persönlichen Tapferkeit, die jeden Jüngling ziert. Es ist ganz löblich, aber noch lange nicht genug, das Unrechte hinter dem breiten Schilde der vortrefflichsten Grundsätze von sich selber abzuwehren; das Böse soll direkt bekämpft werden. Überhaupt aber darf hierbei nicht übersehen werden, daß dem Zweikampf ein an sich sehr ehrenwertes Motiv zum Grunde liegt: das der gesunden Jugend eigentümliche, spartanische Gerechtigkeitsgefühl, das sich ohne innere Einbuße nicht unterdrücken läßt. Es gibt fast unsichtbare Kränkungen, infam, perfid und boshaft, die bis in das innerste Mark verwunden, und doch, eben weil sie juridisch ungreifbar sind, vom Gesetz nicht vorgesehen werden können. Dies ist der eigentliche Sitz des Übels, der Kampfplatz, wo der Zweikampf, wie früher die Gottesgerichte, ausgleichend eintritt. Dasselbe gilt im großen auch von den Kriegen, diesen barbarischen Völkerduellen um Güter, die das materielle Staatsrecht nicht zu würdigen und zu schützen vermag, und zu denen wir namentlich die Nationalehre rechnen. – Demungeachtet sind wir weit entfernt, die ganz unchristliche Selbsthilfe des Zweikampfs irgendwie verteidigen zu wollen, wünschen vielmehr vorerst nur eine genügende Vermittelung und Beseitigung seines tieferen Grundes, ohne welche, nach menschlichem Ermessen, alle Verbotsgesetze dagegen stets illusorisch bleiben werden.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Mit der neuen Umwandelung des Zeitgeistes hängt auch der Grundsatz wesentlich zusammen, die Universitäten möglichst in die großen Residenzstädte zu verlegen. Wir wollen keineswegs in Abrede stellen, daß die großen Städte mit ihrem geselligen Verkehr, mit ihren Kunstschätzen, Bibliotheken, Museen und industriellen Anstalten eine sehr bequeme Umschau, eine wahre Universitas alles Wissenswürdigen bieten. Allein es frägt sich nur, ob dieser Vorteil nicht etwa durch Nachteile anderer Art wieder neutralisiert, ja überwogen wird? Uns wenigstens scheint das alles mehr für die Professoren, als für die Studenten geeignet zu sein. Es kommt für die letzteren auf der Universität doch vorzüglich nur auf eine Orientierung in dem Labyrinth der neuen Bildung an. Auf jenen großen Stapelplätzen der Kunst und Wissenschaft aber erdrückt und verwirrt die überwältigende Masse des Verschiedenartigsten, gleichwie schon jeder Reisende, wenn er eine reiche Bildergalerie hastig durchlaufen hat, zuletzt selbst nicht mehr weiß, was er gesehen; und namentlich die großen Bibliotheken kann nur der Gelehrte, der sich bereits für ein bestimmtes Studium entschieden und gehörig vorbereitet hat, mit Nutzen gebrauchen. Wie aber soll der, für alles gleich empfängliche Jüngling mitten zwischen den nach allen Seiten auslaufenden Bahnen sich wahrhaft entscheiden, wo jedes natürliche Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, wie es in kleinen Universitätsstädten stattfindet, durch den betäubenden Lärm und die allgemeine Zerfahrenheit der Residenz ganz unmöglich wird? Auch hier also droht abermals ein vager Dilettantismus und der lähmende Dünkel der Vielwisserei. Bei der Jugend ist eine kecke Wanderlust, sie ahnt hinter dem Morgenduft die wunderbare Schönheit der Welt; sie sich selbsttätig zu erobern ist ihre Freude. In den großen Städten aber fängt die Jugend gleich mit dem Ende an: aller Reichtum der Welt liegt in der staubigen Mittagschwüle schon wohlgeordnet um sie her, sie braucht ihren Fauteuil nur gähnend da oder dorthin zu wenden, sie hat nichts mehr zu wünschen und zu ahnen – und ist blasiert. Und auch in sittlicher Hinsicht ist der Gewinn nur illusorisch. In den kleinen Universitätsstädten herrscht allerdings oft eine arge Verwilderung, und die Studenten werden in den großen Städten gewiß ruhiger und manierlicher sein. Allein dort erscheint die Liederlichkeit in der Regel so handgreiflich, bestialisch roh und abschreckend, daß jedes gesunde Gemüt von selbst ein Ekel davor überkommt, während hier die schön übertünchten und ästhetisierten Pestgruben wohl auch die Besseren mit ihrem Gifthauch betäuben. – Unsere Universitäten sind endlich bisher eine Art von Republik gewesen, die einzigen noch übriggebliebenen Trümmer deutscher Einheit, ein brüderlicher Verein ohne Rücksicht auf die Unterschiede der Provinz, des Ranges oder Reichtums, wo den Niedriggeborenen die Überlegenheit des Geistes und Charakters zum Senior über Fürsten und Grafen erhob. Diese uralte Bedeutung der Universitäten wird von der in ganz andern Bahnen kreisenden Großstädterei notwendig verwischt, die Studenten werden immer mehr in das allgemeine Philisterium eingefangen und frühzeitig gewöhnt, die Welt diplomatisch mit Glacéhandschuhen anzufassen.

Dies halten wir aber, zumal in unserer materialistischen Zeit, für ein bedeutendes Unglück. Denn was ist denn eigentlich die Jugend? Doch im Grunde nichts anderes, als das noch gesunde und unzerknitterte, vom kleinlichen Treiben der Welt noch unberührte Gefühl der ursprünglichen Freiheit und der Unendlichkeit der Lebensaufgabe. Daher ist die Jugend jederzeit fähiger zu entscheidenden Entschlüssen und Aufopferungen, und steht in der Tat dem Himmel näher, als das müde und abgenutzte Alter; daher legt sie so gern den ungeheuersten Maßstab großer Gedanken und Taten an ihre Zukunft. Ganz recht! denn die geschäftige Welt wird schon dafür sorgen, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen und ihnen die kleine Krämerelle aufdrängen. Die Jugend ist die Poesie des Lebens, und die äußerlich ungebundene und sorgenlose Freiheit der Studenten auf der Universität die bedeutendste Schule dieser Poesie, und man möchte ihr beständig zurufen: sei nur vor allen Dingen jung! Denn ohne Blüte keine Frucht.

Bilder: via Frank T. Zumbach: Long Gone, Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6, alle 4. August 2021.

Soundtrack: Robert Schumann: Quintett Es-Dur für 2 Violinen, Viola, Violoncello und Klavier opus 44, 1842;
Carmina Quartet mit Konstanze Eickhorst, Klavier: Martha Argerich,
live auf dem KlavierFestival Ruhr 2016:

Written by Wolf

15. Oktober 2021 at 00:01

Filetstück 0003, 2 von 3: Der Adel überhaupt aber zerfiel damals in drei sehr verschiedene Hauptrichtungen (Der Adel und die Revolution)

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Update zu Filetstück 0003, 1 von 3: Europamüde vor Langerweile (Vorwort):

Der geplante erste Teil von Eichendorffs Memoiren Der Adel und die Revolution wurde von seinem Sohn, zugleich Herausgeber politisch unverfänglicher zu Deutsches Adelsleben am Schlusse des vorigen Jahrhunderts verglimpft. Zur sonstigen Motivation und Anordnung des Fragments siehe den ersten Teil des dreiteiligen „Filetstücks“.

——— Joseph von Eichendorff:

Erlebtes

1857, gedruckt posthum in Hermann von Eichendorff, Hrsg.:
Aus dem literarischen Nachlasse Joseph Freiherrn von Eichendorffs, Paderborn 1866,
als Erlebtes. Deutsches Adelsleben am Schlusse des vorigen Jahrhunderts; Halle und Heidelberg:

I. Der Adel und die Revolution

Sehr alte Leute wissen sich wohl noch einigermaßen der sogenannten guten alten Zeit zu erinnern. Sie war aber eigentlich weder gut noch alt, sondern nur noch eine Karikatur des alten Guten. Das Schwert war zum Galanteriedegen, der Helm zur Zipfelperücke, aus dem Burgherrn ein pensionierter Husarenoberst geworden, der auf seinem öden Landsitz, von welchem seine Vorfahren einst die vorüberziehenden Kaufleute gebrandschatzt hatten, nun seinerseits von den Industriellen belagert und immer enger eingeschlossen wurde. Es war mit einem Wort die mürb und müde gewordene Ritterzeit, die sich puderte, um den bedeutenden Schimmel der Haare zu verkleiden; einem alten Gecken vergleichbar, der noch immer selbstzufrieden die Schönen umtänzelt, und nicht begreifen kann und höchst empfindlich darüber ist, daß ihn die Welt nicht mehr für jung halten will.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Der Adel in seiner bisherigen Gestalt war ganz und gar ein mittelalterliches Institut. Er stand durchaus auf der Lehenseinrichtung, wo, wie ein Planetensystem, die Zentralsonne des Kaisertums von den Fürsten und Grafen und diese wiederum von ihren Monden und Trabanten umkreist wurden. Die wechselseitige religiöse Treue zwischen Vasall und Lehnsherrn war die bewegende Seele aller damaligen Weltbegebenheiten und folglich die welthistorische Macht und Bedeutung des Adels. Aber der Dreißigjährige Krieg, diese große Tragödie des Mittelalters, hatte den letzteren, der ohnedem schon längst an menschlicher Altersschwäche litt, völlig gebrochen und beschlossen. Indem er die Idee des Kaisers, wenigstens faktisch, aus der Mitte nahm oder doch wesentlich verschob, mußte notwendig der ganze strenggegliederte Bau aus seinen Fugen geraten. Die Stelle der idealen Treue wurde sofort von der materiellen Geldkraft eingenommen; die mächtigeren Vasallen kauften Landsknechte und wurden Raubritter im großen, die kleinern, die in der allgemeinen Verwirrung oft selbst nicht mehr wußten, wem sie verpflichtet, folgten dem größeren Glücke oder besserem Solde. Und als endlich die Wogen sich wieder verlaufen, bemerkte der erstaunte Adel zu spät, daß er sich selbst aus dem großen Staatsverbande heraus, auf den ewig beweglichen Triebsand gesetzt hatte: aus dem freien Lehensadel war unversehens ein Dienstadel geworden, der zu Hofe ging oder bei den stehenden Heeren sich einschreiben ließ.

So war denn namentlich auch die Ritterlichkeit zuletzt fast ausschließlich an die modernen Offizierkorps gekommen. Auf diese warf nun der Siebenjährige Krieg noch einmal einen wunderbaren Glanz, Ruhmbegier, kecke Lust am Abenteuer, Tapferkeit, aufopfernde Treue und manche der anderen Tugenden, die das Mittelalter groß gemacht, schienen von neuem aufzuleben. Allein es war kein in sich geschlossenes Rittertum im alten Sinne mehr, sondern nur das Aufleuchten einzelner bedeutender Persönlichkeiten, die eben deshalb wohl ihre Namen, nicht aber den Geist des Ganzen unsterblich machen konnten. Auch hier gibt schon das Kostüm, das niemals willkürlich oder zufällig ist, ein charakteristisches Signalement dieses neuen Ritters. Die Eisenrüstung war ihm allmählich zum Küraß, der Küraß zum bloßen Brustharnisch und dieser endlich gar zu einem handbreiten Blechschildchen zusammengeschrumpft, das er gleichsam zum Andenken an die entschwundene Rüstung wie etwa jetzt der Orden zweiter Klasse, dicht unter dem Halse trug, die Rechte, der die Manschette nicht fehlen durfte, ruhte auf einem stattlichen spanischen Rohr, das gepuderte Haupt umschwebten zu beiden Seiten, anstatt der alten Geierflügel, zwei wurfähnlich aufgerollte Locken und „der Zopf der hing ihm hinten“. Ein Ritter mit dem Zopf ist aber durchaus eine undenkbare Mißgeburt, was die armen Bildhauer, welche die Helden des Siebenjährigen Krieges darstellen sollen, am schmerzlichsten empfinden. Und dieser fatale Zopf war in der Tat das mystische Symbol der verwandelten Zeit: alles Naturwüchsige, als störend und abgemacht, hinter sich geworfen und mumienhaft zusammengewickelt, bedeutete er zugleich den Stock, die damalige Zentripetalkraft der Heere.

Die jungen Kavaliere jener Zeit dienten in der Regel nicht um einen Krieg, sondern um einen galanten Feldzug gegen die Damen so lange mitzumachen, bis sie die Verwaltung ihrer Güter antreten konnten, oder, wenn sie keine hatten, bis sie mit der glänzenden Uniform eine Schöne oder auch Häßliche erobert, die ihre vielen Schulden zu bezahlen bereit und imstande war. Vom Ritterwesen hatten sie einige verworrene Reminiszenzen ererbt und auf ihre Weise sich zurechtgemacht: vom ehemaligen Frauendienst die fade Liebelei, von der altdeutschen Ehre einen französischen, höchst kapriziösen point d’honneur, vom strengen Lehnsverbande einen kapriziösen Esprit de corps, der nur selten über den ordinärsten Standesegoismus hinauslangte. Es war die hohe Schule des Junkertums, an die selbst Fouqués Recken mit ihren Gardereiterpositionen und ausbündig galanten Redensarten noch zuweilen erinnern.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Der Adel überhaupt aber zerfiel damals in drei sehr verschiedene Hauptrichtungen. Die zahlreichste, gesündeste und bei weitem ergötzlichste Gruppe bildeten die, von den großen Städten abgelegenen kleineren Gutsbesitzer in ihrer fast insularischen Abgeschiedenheit, von der man sich heutzutage, wo Chausseen und Eisenbahnen Menschen und Länder zusammengerückt haben und zahllose Journale wie Schmetterlinge, den Blütenstaub der Zivilisation in alle Welt vertragen, kaum mehr eine deutliche Vorstellung machen kann. Die fernen blauen Berge über den Waldesgipfeln waren damals wirklich noch ein unerreichbarer Gegenstand der Sehnsucht und Neugier, das Leben der großen Welt, von der wohl zuweilen die Zeitungen Nachricht brachten, erschien wie ein wunderbares Märchen. Die große Einförmigkeit wurde nur durch häufige Jagden, die gewöhnlich mit ungeheurem Lärm, Freudenschüssen und abenteuerlichen Jägerlügen endigten, sowie durch die unvermeidlichen Fahrten zum Jahrmarkt der nächsten Landstadt unterbrochen. Die letzteren insbesondere waren seltsam genug und könnten sich jetzt wohl in einem Karnevalszuge mit Glück sehen lassen. Vorauf fuhren die Damen im besten Sonntagsstaate, bei den schlechten Wegen nicht ohne Lebensgefahr, unter beständigem Peitschenknall in einer mit vier dicken Rappen bespannten altmodischen Karosse, die über dem unförmlichen Balkengestell in ledernen Riemen hängend, bedenklich hin und her schwankte. – Die Herren dagegen folgten auf einer sogenannten „Wurst“, einem langen gepolsterten Koffer, auf welchem diese Haimonskinder dicht hintereinander und einer dem andern auf den Zopf sehend, rittlings balancierten. – Am liebenswürdigsten aber waren sie unstreitig auf ihren Winterbällen, die die Nachbarn auf ihren verschneiten Landsitzen wechselweise einander ausrichteten. Hier zeigte es sich, wie wenig Apparat zur Lust gehört, die überall am liebsten improvisiert sein will und jetzt so häufig von lauter Anstalten dazu erdrückt wird. Das größte, schnell ausgeräumte Wohnzimmer mit oft bedrohlich elastischem Fußboden stellte den Saal vor, der Schulmeister mit seiner Bande das Orchester, wenige Lichter in den verschiedenartigsten Leuchtern warfen eine ungewisse Dämmerung in die entfernteren Winkel umher, und über die Gruppe von Verwalter- und Jägerfrauen, die in der offenen Nebentüre Kopf an Kopf dem Tanze der Herrschaften ehrerbietig zusahen. Desto strahlender aber leuchteten die frischen Augen der vergnügten Landfräulein, die beständig untereinander etwas zu flüstern, zu kichern und zu necken hatten. Ihre unschuldige Koketterie wußte noch nichts von jener fatalen Prüderie, die immer nur ein Symptom von sittlicher Befangenheit ist. Man konnte sie füglich mit jungen Kätzchen vergleichen, die sorglos in wilden und doch graziös-anmutigen Sprüngen und Windungen im Frühlingssonnenscheine spielen. Denn hübsch waren sie meist, bis auf wenige dunkelrote Exemplare, die in ihrem knappen Festkleide, wie Päonien, von allzu massiver Gesundheit strotzten. – Der Ball wurde jederzeit noch mit dem herkömmlichen Initialschnörkel einer ziemlich ungeschickt aus geführten Menuett eröffnet, und gleichsam parodisch mit dem graden Gegenteil, dem tollen „Kehraus“ beschlossen. Ein besonders gutgeschultes Paar gab wohl auch, von einem Kreise bewundernder Zuschauer umringt, den „Kosakischen“ zum besten, wo nur ein Herr und eine Dame ohne alle Touren, sie in heiter zierlichen Bewegungen, er mit grotesker Kühnheit wie ein am Schnürchen gezogener Hampelmann abwechselnd gegeneinander tanzten. Überhaupt wurde damals, weil mit Leib und Seele, noch mit einer aufopfernden Todesverachtung und Kunstbeflissenheit getanzt, gegen die das heutige vornehm nachlässige Schlendern ein ermüdendes Bild allgemeiner Blasiertheit darbietet. Dabei schwirrten die Geigen und schmetterten die Trompeten und klirrten unaufhörlich die Gläser im Nebengemach, ja zuweilen, wenn der Punsch stark genug gewesen, stürzten selbst die alten Herren, zum sichtbaren Verdruß ihrer Ehefrauen, sich mit den ungeheuerlichsten Kapriolen mit in den Tanz; es war eine wahrhaft ansteckende Lustigkeit. Und zuletzt dann noch auf der nächtlichen Heimfahrt durch die gespensterhafte Stille der Winterlandschaft unter dem klaren Sternenhimmel das selige Nachträumen der schönen Kinder.

Die Glücklichen hausten mit genügsamem Behagen großenteils in ganz unansehnlichen Häusern (unvermeidlich „Schlösser“ geheißen), die selbst in der reizendsten Gegend nicht etwa nach ästhetischem Bedürfnis schöner Fernsichten angelegt waren, sondern um aus allen Fenstern Ställe und Scheunen bequem überschauen zu können. Denn ein guter Ökonom war das Ideal der Herren, der Ruf einer „Kernwirtin“ der Stolz der Dame. Sie hatten weder Zeit noch Sinn für die Schönheit der Natur, sie waren selbst noch Naturprodukte. Das bißchen Poesie des Lebens war als nutzloser Luxus lediglich den jungen Töchtern überlassen, die denn auch nicht verfehlten, in den wenigen müßigen Stunden längst veraltete Arien und Sonaten auf einem schlechten Klaviere zu klimpern und den hinter dem Hause gelegenen Obst- und Gemüsegarten mit auserlesenen Blumenbeeten zu schmücken. Gleich mit Tagesanbruch entstand ein gewaltiges Rumoren in Haus und Hof, vor dem der erschrockene Fremde, um nicht etwa umgerannt zu werden, eilig in den Garten zu flüchten suchte. Da flogen überall die Türen krachend auf und zu, da wurde unter vielem Gezänk und vergeblichem Rufen gefegt, gemolken, und gebuttert, und die Schwalben, als ob sie bei der Wirtschaft mit beteiligt wären, kreuzten jubelnd über dem Gewirr, und durch die offenen Fenster schien die Morgensonne so heiter durchs ganze Haus über die vergilbten Familienbilder und die Messingbeschläge der alten Möbel, die jetzt als Rokoko wieder für jung gelten würden. An schönen Sommernachmittagen aber kam häufig Besuch aus der Nachbarschaft. Nach den geräuschvollen Empfangskomplimenten und höflichen Fragen nach dem werten Befinden, ließ man sich dann gewöhnlich in der desolaten Gartenlaube nieder, auf deren Schindeldache der buntübermalte hölzerne Cupido bereits Pfeil und Bogen eingebüßt hatte. Hier wurde mit hergebrachten Späßen und Neckereien gegen die Damen scharmütziert, hier wurde viel Kaffee getrunken, sehr viel Tabak verraucht, und dabei von den Getreidepreisen, von dem zu verhoffenden Erntewetter, von Prozessen und schweren Abgaben verhandelt; während die ungezogenen kleinen Schloßjunker auf dem Kirschbaum saßen und mit den Kernen nach ihren gelangweilten Schwestern feuerten, die über den Gartenzaun ins Land schauten, ob nicht der Federbusch eines insgeheim erwarteten Reiteroffiziers der nahen Garnison aus dem fernen Grün emportauche. Und dazwischen tönte vom Hofe herüber immerfort der Lärm der Sperlinge, die sich in der Linde tummelten, das Gollern der Truthähne, der einförmige Takt der Drescher und all jene wunderliche Musik des ländlichen Stillebens, die den Landbürtigen in der Fremde, wie das Alphorn den Schweizer oft unversehens in Heimweh versenkt. In den Tälern unten aber schlugen die Kornfelder leise Wellen, überall eine fast unheimlich schwüle Gewitterstille, und niemand merkte oder beachtete es, daß das Wetter von Westen bereits aufstieg und einzelne Blitze schon über dem dunklen Waldeskranze prophetisch hin und her zuckten.

Man sieht, das Ganze war ein etwas ins Derbe gefertigtes Idyll, nicht von Geßner, sondern etwa wie das „Nußkernen“ vom Maler Müller. Da fehlte es nicht an manchem höchst ergötzlichen Junker Tobias oder Junker Christoph von Bleichenwang, aber ebensowenig auch an tüchtigen Charakteren und patriarchalischen Zügen. Denn diese Edelleute standen in der Bildung nur wenig über ihren „Untertanen“, sie verstanden daher noch das Volk und wurden vom Volke wieder begriffen. Es war zugleich der eigentliche Tummelplatz der jetzt völlig ausgestorbenen Originale, jener halb eigensinnigen, halb humoristischen Ausnahmenaturen, die den stagnierenden Strom des alltäglichen Philisteriums mit großem Geräusch in Bewegung setzten, indem sie, gleich wilden Hummeln, das konventionelle Spinnengewebe beständig durchbrachen. Unter ihnen sah man noch häufig bramarbasierende Haudegen des Siebenjährigen Krieges und wieder andre, die mit einer unnachahmlich lächerlichen Manneswürde von einer gewissen Biederbigkeit Profession machten. Die fruchtbarsten in diesem Genre aber waren die sogenannten „Krippenreiter„, ganz verarmte und verkommene Edelleute, die, wie die alten Schalksnarren, von Schloß zu Schloß ritten und, als Erholung von dem ewigen Einerlei, überall willkommen waren. Sie waren zugleich Urheber und Zielscheibe der tollsten Schwänke, Maskeraden und Mystifikationen, denn sie hatten, wie Falstaff, die Gabe, nicht nur selbst witzig zu sein, sondern auch bei anderen Witz zu erzeugen.

Unser deutscher Lafontaine ist, bei aller sentimentalen Abschwächung, nicht ohne einige historische Bedeutung, indem er uns oft einen recht anschaulichen Prospekt in jene gute alte Zeit eröffnet, deren adeliger Zopf sich noch fühlbar durch alle seine Romane hindurchzieht.

In der zweiten Reihe des Adels dagegen standen die Exklusiven, Prätentiösen, die sich und andere mit übermäßigem Anstande langweilten. Sie verachteten die erstere Gruppe und wurden von dieser ebenso gründlich verachtet; beides sehr natürlich, denn diese hatten die frischere Lebenskraft, die jene als plebejisches Krautjunkertum bemitleideten, die Exklusiven aber eine zeitgemäßere Bildung voraus, welche von ersteren nicht verstanden oder als affektierte Vornehmtuerei zurückgewiesen wurde. Bei diesen Vornehmen war nun die ganze Szenerie eine andere. Sie bewohnten wirkliche Schlösser, der Wirtschaftshof, dessen gemeine Atmosphäre besonders den Damen ganz unerträglich schien, war in möglichste Ferne zurückgeschoben, der Garten trat unmittelbar in den Vordergrund. Und diese Gärten müssen wir uns hier notwendig etwas genauer ansehen. Denn diese Adelsklasse, wie bereits erwähnt, ambitionierte sich durchaus, mit der Zeitbildung fortzuschreiten; und obgleich sie in der Regel nichts weniger als Literaten waren, so konnten sie doch nicht umhin, den Geist der jedesmaligen Literatur wenigstens äußerlich, als Mode, in ihrem Luxus abzuspiegeln. Die Gartenkunst aber, wie alle Künste untereinander, hängt mit den wechselnden Phasen namentlich der eben herrschenden poetischen Literatur jederzeit wesentlich zusammen.

Es ist leider hinreichend bekannt, daß wir einst das große poetische Pensum, das uns der Himmel aufgegeben, ungeschickterweise vergessen hatten und daher zu gerechter Strafe lange Zeit in der französischen Schule nachsitzen mußten, wo die Muse, sie mochte nun mutwillig oder tragisch sein, nur in Schnürleib und Reifrock erscheinen durfte. Und der abgemessenen Architektonik dieser Schule entspricht denn auch zunächst der feierliche Kurialstil unserer damaligen geradlinigen Ziergärten:

Es glänzt der Tulpenflor, durchschnitten von Alleen,
Wo zwischen Taxus still die weißen Statuen stehen,
Mit goldnen Kugeln spielt die Wasserkunst im Becken,
Im Laube lauert Sphinx, anmutig zu erschrecken.

Die schöne Chloe da spazieret in dem Garten,
Zur Seit ein Kavalier, ihr höflich aufzuwarten,
Und hinter ihnen leis Cupido kommt gezogen,
Bald duckend sich im Grün, bald zielend mit dem Bogen.

Es neigt der Kavalier sich in galantem Kosen,
Mit ihrem Fächer schlägt sie manchmal nach dem Losen,
Es rauscht der taftne Rock, es blitzen seine Schnallen,
Dazwischen hört man oft ein art’ges Lachen schallen.

Jetzt aber hebt vom Schloß, da sich’s im West will röten
Die Spieluhr schmachtend an, ein Menuett zu flöten.
Die Laube ist so still, er wirft sein Tuch zur Erde
Und stürzet auf ein Knie mit zärtlicher Gebärde.

„Wie wird mir, ach, ach, ach, es fängt schon an zu dunkeln –“
„So angenehmer nur seh ich zwei Sterne funkeln – –“
„Verwegner Kavalier!“ – „Ha, Chloe, darf ich hoffen? –“
Da schießt Cupido los und hat sie gut getroffen.

So ungefähr sind uns diese, ganz bezeichnend französisch benannten, Lust- und Ziergärten jederzeit vorgekommen. Wir konnten uns dieselben niemals ohne solche Staffage, diese Chloes und galanten Kavaliere nicht ohne solchen Garten denken; und insofern hatten diese Paradegärten allerdings ihre vollkommene Berechtigung und Bedeutung: Sie sollten eben nur eine Fortsetzung und Erweiterung des Konversationssalons vorstellen. Daher mußte die zudringlich störende Natur durch hohe Laubwände und Bogengänge in einer gewissen ehrerbietigen Form gehalten werden, daher mußten Götterbilder in Allongeperücken überall an den Salon und die französierte Antike erinnern; und es ist nicht zu leugnen, daß in dieser exklusiven Einsamkeit, wo anstatt der gemeinen Waldvögel nur der Pfau courfähig war, die einzigen Naturlaute: die Tag und Nacht einförmig fortrauschenden Wasserkünste, einen um so gewaltigeren, fast tragischen Eindruck machten. Allein solche wesentlich architektonische Effekte sind immer nur durch große würdige Dimensionen erreichbar, wozu es bei den deutschen Landschlössern gewöhnlich an Raum und Mitteln fehlte. Überdies war das Ganze im Grunde nichts weniger als national, sondern nur eine Nachahmung der Versailler Gartenpracht; jede Nachahmung aber, weil sie denn doch immer etwas Neues und Apartes aufweisen will, gerät unfehlbar in das Übertreiben und Überbieten des Vorbildes. Und so erblicken wir denn auch hier, besonders von Holland her, sehr bald und nicht ohne Entsetzen die Mosaikbeete von bunten Scherben, die Pyramiden und abgeschmackten Tiergestalten von Buxbaum, die vielen schlechten, zum Teil hölzernen Götterbilder, mit einem Wort: die Karikatur; und auf diesen Plätzen promenierte der alte Gottsched als Prinz Rokoko mit seinem Gefolge.

Aber dem feierlichen Professor trat fast schon auf die Ferse die bekannte literarische Rebellion gegen das französische Regime, zum Teil durch Franzosen selbst. Rousseau, Diderot, Lessing, jeder in seiner Art, vindizierten der Natur wieder ihr angeborenes Recht. Da brach auf einmal auch das Prachtgerüste jener alten Gärten zusammen, die lang abgesperrte Wildnis kletterte hurtig von allen Seiten über die Buxwände und Scherbenbeete herein, die Natur selbst war ihnen noch nicht natürlich genug, man wollte womöglich bis in den Urwald zurück, und ein wüstes Gehölz mit wenigen Blumen und vielen ärgerlichen Schlangenpfaden, auf denen man nicht vom Fleck und zum Ziele gelangen konnte, mußte den neuen Park bedeuten. Dazu kam noch die in Deutschland unsterbliche Sentimentalität, in beständigem Handgemenge mit dem Terrorismus einer groben Vaterländerei, Lafontaine und Iffland gegen Spieß und Cramer, und über alle hinweg schritt der stolze, kein Vaterland anerkennende Kosmopolitismus. Und sofort finden wir denn dieselbe Anarchie auch in dem neuen Garten wieder: idyllische Hütten und Tränenurnen für imaginäre Tote neben schauerlichen Burgruinen, Heiligenkapellen neben japanischen Tempeln und chinesischen Kiosks; und damit in der totalen Konfusion doch jeder wisse, wie und was er eigentlich zu empfinden habe, wurden an den Bäumen als gefühlvolle Wegweiser, Tafeln mit Sprüchen und sogenannten schönen Stellen aus Dichtern und Philosophen ausgehängt. – Jeder wahre Garten aber, sagt Tieck irgendwo ganz richtig, ist von seiner eigentümlichen Lage und Umgebung bedingt, er muß ein schönes Individuum sein, und kann also nur einmal existieren.

Und eben dies war auch das Geschick oder vielmehr Ungeschick der damaligen Bewohner jener Schlösser. Sie waren, wie ihre Gärten, nicht eigentümlich ausgeprägte Individuen, hatten auch keine Nationalgesichter, sondern nur eine ganz allgemeine Standesphysiognomie; überall bis zur tödlichsten Langweiligkeit, dieselbe Courtoisie, dieselben banalen Redensarten, Liebhabereien und Abneigungen. Sie waren die Akteurs der großen Weltbühne, die nicht den Zeitgeist machten, sondern den Zeitgeist spielten; das Dekorationswesen der Repräsentation war daher ihr eigentliches Fach und Studium, und bühnengerecht zu sein ihr Stolz. Die alten Kavaliere nebst Haarbeutel und Stahldegen waren nun freilich von der Bühne verschwunden, die neuen hatten aber von ihnen die pedantische Kultur des Anstandes als heiligstes Familienerbstück überkommen. Allein der an sich löbliche Anstand ist doch nur der Schein dessen, was er eigentlich bedeuten soll, und so ging ihnen denn auch ihr Dasein lediglich in einer traditionellen Ästhetik des Lebens auf. Ihre Ställe verwandelten sich in Prachttempel, wo mit schönen Pferden und glänzenden Schweizerkühen ein fast abgöttischer Kultus getrieben wurde, im Innern des Schlosses schillerte ein blendender Dilettantismus in allen Künsten und Farben, die Fräuleins musizierten, malten oder spielten mit theatralischer Grazie Federball, die Hausfrau fütterte seltene Hühner und Tauben oder zupfte Goldborten, und alle taten eigentlich gar nichts. Sie hatten sich gleichsam die Prosa des Lebensdramas in ein prächtiges Metrum transferiert, und das ist ihre große negative Bedeutsamkeit, daß sie dadurch allerdings langehin das absolut Gemeine und Rohe unterdrückten und abwehrten. Aber Metrik ist noch keine Poesie, und den Gehalt des Lebens konnten sie dadurch nicht veredeln.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Die dritte und bei weitem brillanteste Gruppe endlich war die extreme. Hier figurierten die ganz gedankenlosen Verschwender, jene „im Irrgarten der Liebe herumtaumelnden Kavaliere„, welche ziemlich den Zug frivoler Libertinage repräsentierten, der sich wie eine narkotische Liane durch die damalige Literatur schlang. Zu diesem Berufe wurden die jungen Herren schon frühzeitig mit der sogenannten „guten Konduite“ ausgerüstet, d.h. sie mußten bei meist sehr zweideutigen und abenteuernden Strolchen tanzen, fechten, reiten und Französisch sprechen lernen. Die Eltern hatten vor lauter feiner Lebensart und gesellschaftlichen Pflichten weder Zeit noch Lust, sich um die langweilige Pädagogik zu kümmern, die eigentliche Erziehung war vielmehr gewöhnlich gewissenlosen oder unwissenden Ausländern von armer und geringer „Extraktion“ überlassen; die natürlich von ihren vornehmen Zöglingen in aller Weise düpiert wurden. Eine Anekdote aus dem Leben mag vielleicht am anschaulichsten andeuten, wie cavalièrement sich dieses Verhältnis oft gestaltete. Einer dieser Jünglinge hatte einen zwar gewissenhaften, aber sehr pedantischen Mentor, der wohl nicht ohne Grund nächtliche Ausflüge argwöhnen mochte und daher, wenn er, nachts im Garten eine ungewöhnliche Bewegung wahrnahm, jedesmal sich vorsichtig zum Fenster hinauszulehnen pflegte, um seinen Zögling zu belauern. Das war dem letztern schon längst störend und verdrießlich gewesen; er machte daher einmal in seinem nächtlichen Versteck absichtlich ein verdächtiges Geräusch. Kaum aber hatte der Mentor den Kopf wieder aus dem Fenster gestreckt, als zwei unten bereitstehende, als Spukgeister vermummte Lakaien ihm ihrer Instruktion gemäß einen hölzernen Bogen über den Nacken warfen und den Erschrockenen damit am Fensterbrett festklemmten, während ein dritter ihm, zum großen Ergötzen der Schalke, mit einem langen Pinsel das ganze Gesicht einseifte.

Nach dergleichen Studien wurden dann die „jungen Herrschaften“ mit ihrem autonomen Hofmeister auf Reisen geschickt, um insbesondere auf der hohen Schule zu Paris sich in der Praxis der Galanterie zu vervollkommnen. Da sie jedoch, bei Strafe der sozialen Exkommunikation, nirgends mit dem Volke, sondern wieder nur in den Kreisen von ihresgleichen verkehren durften, die sich damals überall zum Erschrecken ähnlich sahen, so ist es leicht begreiflich, daß sie auf allen ihren Fahrten nichts erfuhren und lernten, und regelmäßig ziemlich blasiert zurückkehrten. Und ebenso natürlich machten sie nun zu Hause, um nur die unerträgliche Langeweile loszuwerden, die verzweifeltsten Anstrengungen, fuhren mit Heiducken, Laufern und Kammerhusaren zum Besuch, rissen ihre alten Schlösser ein und bauten sich lustig moderne Trianons. Allein das forcierte Lustspiel nahm gewöhnlich ein tragisches Ende, dem kurzen Rausche folgte der moralische und finanzielle Katzenjammer. So ein Lebenslauf verpuffte rasch wie ein prächtiges Feuerwerk mit Geprassel, leuchtenden Raketen und sprühenden Feuerrädern, bis zuletzt plötzlich nur noch die halbverbrannten dunklen Gerüste dastanden; und das verblüffte Volk rieb sich die Blendung aus den Augen und lachte auseinanderlaufend über den närrischen Spaß. – Der Spaß hatte jedoch auch seine ernste Kehrseite, und grade diese Gruppe hat dem Adel am empfindlichsten geschadet, wie denn überall liebenswürdiger Leichtsinn und Unverstand gefährlicher ist als abstoßende Bosheit. Denn sie waren es vorzüglich, die nicht nur ihren eigenen Stand in schlimmen Ruf brachten, sondern auch in den unteren Schichten der Gesellschaft, die damals noch gläubig und bewundernd zum Adel aufblickten, die Seuche der Glanz und Genußsucht verbreiteten. Sie haben zuerst die schöne Pietät des von Generation zu Generation fortgeerbten Grundbesitzes untergraben, indem sie denselben in ihrer beständigen Geldnot durch verzweifelte Güterspekulationen zur gemeinen Ware machten. Und so legten sie unwillkürlich mit ihrem eigenen Erbe den Goldgrund zu der von ihnen höchst verachteten Geldaristokratie, die sie verschlang und ihre Trianons in Fabriken verwandelte.

Glücklicherweise aber läßt sich das menschliche Walten nicht in einzelne Kapitel und Paragraphen einfangen. Es versteht sich daher von selbst, daß die Grenzen aller jener Gruppen, die hier nur des klareren Überblicks wegen so konzentriert und scharf gesondert wurden, im Leben häufig ineinanderliefen. Am isoliertesten standen wohl die Prätentiösen durch ihre außerordentliche Langweiligkeit, die sie aller Welt als guten Geschmack aufdringen wollten. Am leichtesten dagegen sympathisierten die erste und dritte Gruppe miteinander, denn die unbefangenen Landjunker besaßen eben noch hinreichenden Humor, um sich an dem Mutwillen und den tollen Luftsprüngen ihrer extremen Standesgenossen zu ergötzen, während die letzteren beständig das Bedürfnis immer neuer und frappanterer Amüsements verspürten, und sich von dem ewigen Nektar nach derberer Hausmannskost sehnten; es bestand zwischen beiden ein stillschweigender Pakt wechselseitiger Erfrischung. In allen Klassen aber gab es noch Familien genug, die gleichsam mit einem traditionellen Instinkt, den alten Stammbaum frommer Zucht und Ehrenhaftigkeit in den Stürmen und Staubwirbeln der neuen Überbildung, wenn auch nicht zu regenerieren, doch wacker aufrechtzuhalten wußten; sowie einzelne merkwürdige und alle Standesschranken hoch überragende Charaktere, auf die wir weiterhin noch besonders zurückkommen wollen.

So ungefähr standen die Sachen in den letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts. Es brütete, wie schon gesagt, eine unheimliche Gewitterluft über dem ganzen Lande, jeder fühlte, daß irgend etwas Großes im Anzuge sei, ein unausgesprochenes, banges Erwarten, man wußte nicht von was, hatte mehr oder minder alle Gemüter beschlichen. In dieser Schwüle erschienen, wie immer vor nahenden Katastrophen, seltsame Gestalten und unerhörte Abenteurer, wie der Graf St. Germain, Cagliostro u.a., gleichsam als Emissäre der Zukunft. Die ungewisse Unruhe, da sie nach außen nichts zu tun und zu bilden fand, fraß immer weiter und tiefer nach innen; es kamen die Rosenkreuzer, die Illuminaten, man improvisierte allerlei private Geheimbünde für Beglückung und Erziehung der Menschheit, wie wir sie z.B. in Goethes „Wilhelm Meister“ auf Lotharios Schlosse sehen; albern und kindisch, aber als Symptome der Zeit von prophetischer Vorbedeutung. Denn der Boden war längst von heimlichen Minen, welche die Vergangenheit und Gegenwart in die Luft sprengen sollten, gründlich unterwühlt, man hörte überall ein spukhaftes unterirdisches Hämmern und Klopfen, darüber aber wuchs noch lustig der Rasen, auf dem die fetten Herden ruhig weideten. Vorsichtige Grübler wollten zwar schon manchmal gelinde Erdstöße verspürt haben, ja die Kirchen bekamen hin und wieder bedenkliche Risse, allein die Nachbarn, da ihre Häuser und Krämerbuden noch ganz unversehrt standen, lachten darüber, den guten Leuten im „Faust“ vergleichbar, die beim Glase Bier vom fernen Kriege, weit draußen in der Türkei behaglich diskurrieren.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Man kann sich daher heutzutage schwer noch einen Begriff machen von dem Schreck und der ungeheueren Verwirrung, die der plötzliche Knalleffekt durch das ganze Philisterium verbreitete, als nun die Mine in Frankreich wirklich explodierte. Die Landjunker wollten gleich aus der Haut fahren und den Pariser Drachen ohne Barmherzigkeit spießen und hängen. Die Prätentiösen lächelten vornehm und ungläubig und ignorierten den impertinenten Pöbelversuch, Weltgeschichte machen zu wollen; ja es galt eine geraume Zeit unter ihnen für plebejisch, nur davon zu sprechen. Die Extremen dagegen, die ohnedem zu Hause damals nicht viel mehr zu verlieren hatten, erfaßten die Revolution als ein ganz neues und höchst pikantes Amüsement und stürzten sich häufig kopfüber in den flammenden Krater. – Es ist überhaupt ein Irrtum, wenn man den Adel jener Zeit als die ausschließlich konservative Partei bezeichnen will. Er hatte, wie wir gesehen, damals nur noch ein schwaches Gefühl und Bewußtsein seiner ursprünglichen Bedeutung und Bestimmung, eigentlich nur noch eine vage Tradition zufälliger Äußerlichkeiten und folglich selbst keinen rechten Glauben mehr daran. Überdies war das Neue in Deutschland noch keineswegs bis zum Volke gedrungen, es war lediglich eine Geheimwissenschaft der sogenannten gebildeten Klassen, und daher häufig von Adeligen vertreten. Unter ihnen befanden sich viele ernste und hochgestimmte Naturen, die überall zuletzt den Ausschlag geben; aber grade diese, da sie die Unrettbarkeit des Alten einsahen, waren dem Neuen zugewandt. Und diese hatten den schlimmsten Stand. Den Landjunkern waren sie zu gelehrt und durchaus unverständlich, den Prätentiösen zu bürgerlich, den Extremen zu schulmeisterlich; sie wurden von allen ihren Standesgenossen als Renegaten desavouiert, was sie denn freilich in gewissem Sinne auch wirklich waren. Aus diesen Sonderbündlern sind später, als die Revolution zur Tat geworden, einige höchst denkwürdige Charaktere hervorgegangen. So der rastlos unruhige Freiheitsfanatiker Baron Grimm, unablässig wie der Sturmwind die Flammen schürend und wendend, bis sie über ihm zusammenschlugen und ihn selbst verzehrten. So auch der berühmte Pariser Einsiedler Graf Schlabrendorf, der in seiner Klause die ganze soziale Umwälzung wie eine große Welttragödie unangefochten, betrachtend, richtend und häufig lenkend, an sich vorübergehen ließ. Denn er stand so hoch über allen Parteien, daß er Sinn und Gang der Geisterschlacht jederzeit klar überschauen konnte, ohne von ihrem wirren Lärm erreicht zu werden. Dieser prophetische Magier trat noch jugendlich vor die große Bühne, und als kaum die Katastrophe abgelaufen, war ihm der greise Bart bis an den Gürtel gewachsen.

Wenn auf den unwirtbaren Eisgipfeln der Theorie die Lawine fertig und gehörig unterwaschen ist, so reicht der Flug eines Vogels, der Schall eines Wortes hin, um, Felsen und Wälder entwurzelnd, das Land zu verschütten; und dieses Wort hieß: Freiheit und Gleichheit. Das Alte war in der allgemeinen Meinung auf einmal zertrümmert, der goldene Faden aus der Vergangenheit gewaltsam abgerissen. Aber unter Trümmern kann niemand wohnen, es mußte notwendig auf anderen Fundamenten neu gebaut werden, und von da ab begann das verzweifelte Experimentieren der vermeintlichen Staatskünstler, das noch bis heut die Gesellschaft in beständiger fieberhafter Bewegung erhält. Es wiederholte sich abermals der uralte Bau des Babylonischen Turmes mit seiner ungeheueren Sprachenverwirrung, und die Menschheit ging fortan in die verschiedenen Stämme der Konservativen, Liberalen und Radikalen auseinander. Es waren aber vorerst eigentlich nur die Leidenschaften, die unter der Maske der Philosophie, Humanität oder sogenannten Untertanentreue, wie Drachen mit Lindwürmen auf Tod und Leben gegeneinander kämpften; denn die Ideen waren plötzlich Fleisch geworden und wußten sich in dem ungeschlachten Leibe durchaus noch nicht zurechtzufinden.

Fassen wir jedoch diesen Kampf der entfesselten und gärenden Elemente schärfer ins Auge, so bemerken wir den der Religion gegen die Freigeisterei, als das eigentlich bewegende Grundprinzip, offenbar im Vordertreffen, denn die Veränderungen der religiösen Weltansicht machen überall die Geschichte. Hier aber war der Kampf zunächst ein sehr ungleicher. Der kleine Landadel trieb großenteils die Religion nur noch wie ein löbliches Handwerk, und blamierte sich damit nicht wenig vor den weit ausgreifenden Fortschrittsmännern. Die vermeintlich gebildeteren Adelsklassen dagegen, denen die Lächerlichkeit jederzeit als die unverzeihlichste Todsünde erschien, hatten, schon längst mit den freigeisterischen französischen Autoren heimlich fraternisierend, die neue Aufklärung als notwendige Mode- und Anstandssache, gleichsam als moderne Gasbeleuchtung ihrer Salons stillschweigend bei sich aufgenommen, und erschraken jetzt zu spät vor den ganz unanständigen Konsequenzen, da ihre Franzosen plötzlich Gott abschafften und die nackte Vernunft leibhaftig auf den Altar stellten. Wie aber sollten sie so halbherzig und nachdem sie die rechte Waffe selbst aus der Hand gegeben, sich nun den ungestümen Drängern entgegenstemmen? Es konnte nicht anders sein: die neue Welt schritt über ihre ganz verblüfften Köpfe hinweg, ohne nach ihnen zu fragen. Christus galt fortan für einen ganz guten, nur leider etwas überspannten Mann, dem sich jeder Gebildete wenigstens vollkommen ebenbürtig dünkte. Es war eine allgemeine Seligsprechung der Menschheit, die durch ihre eigene Kraft und Geistreichigkeit kurzweg sich selbst zu erlösen unternahm; mit einem Wort: der vor lauter Hochmut endlich toll gewordene Rationalismus, welcher in seiner praktischen Anwendung eine Religion des Egoismus proklamierte.

Hatte man aber hiermit alles auf die subjektive Eigenmacht gestellt, so kam es natürlich nun darauf an, diese Eigenmacht auch wirklich zu einer Weltkraft zu entwickeln; und daraus folgte von selbst der gewaltige Stoß der neuen Pädagogik gegen die alte Edukation. Diese war bisher wesentlich eine partikuläre Standeserziehung gewesen, das Individuum ging in seinem bestimmten Stande, alle Stände aber in der allgemeinen Idee des Christentums auf. Jetzt dagegen sollte auch hier die bloße Natur frei walten, jeder Knabe sollte seine subjektive Art oder Unart ungeniert herausbilden, gleichsam spielend sich selbst erziehn, man wollte lauter Rousseausche Emile, das Endziel war der „starke Mensch“. Diese Emanzipation der Jugend vom alten Schulzwange hatte zunächst Basedow in die derbe Faust genommen, von dessen Dessauer Philantropie Herder sagte: „Mir kommt alles schrecklich vor; man erzählte mir neulich von einer Methode, Eichwälder in zehn Jahren zu machen; wenn man den jungen Eichen unter der Erde die Herzwurzeln nähme, so schieße alles über der Erde in Stamm und Äste. Das ganze Arkanum Basedows liegt, glaub ich, darin, und ihm möchte ich keine Kälber zu erziehen geben, geschweige Menschen.“ – Basedow war ein revolutionärer Renommist, sein Nachfolger Campe ein zahmer Philister; jener hat diesen Realismus aufgebracht, Campe hat ihn für die Gebildeten zurechtgemacht und Goethe das ganze Treiben in seinen „Wanderjahren“ köstlich parodiert.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Allein solcher Umschwung macht sich nirgend so plötzlich, als die sich überstürzenden Pädagogen es wollten und erwarteten. Namentlich die Gymnasien waren noch keineswegs nach der neuen Schablone zugeschnitten, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe hier der moderne Realismus, neben dem alten Klassizismus freundnachbarlich Platz nehmen konnte. Sie waren noch weit davon entfernt, jene Musterkarte von Vielwisserei zu bieten, die nur das eingebildete Halbwissen erzeugt, indem sie das fröhliche Argonautenschiff der Jugend über seine natürliche Tragfähigkeit, mit einer ganz disparaten Ausrüstung belastet, von der dann gewöhnlich die Hälfte als unnützer Ballast wieder über Bord geworfen wird. Die protestantischen Gymnasien jener Zeit basierten noch wesentlich auf der Reformation, welche die Philologie als eine Weltmacht hingestellt hatte. Sie litten daher allerdings an einer, fast nur für künftige Professoren oder Theologen berechneten philologischen Starrheit; haben aber in dieser einseitigen Gründlichkeit Außerordentliches geleistet und eine Menge namhafter Gelehrten in die Welt gesandt. – Dasselbe kann man von den damaligen katholischen Gymnasien nicht rühmen. Diese befanden sich früher größtenteils in den Händen der Jesuiten, die eine mehr allgemeine Bildung mit einer gewissen klösterlichen Zucht und Strenge gar wohl zu vereinigen wußten. Jetzt aber, nach Aufhebung des Ordens, sahen sie sich plötzlich von allen Seiten den Anfechtungen des tumultuarischen Zeitgeistes, und zwar wehrlos, ausgesetzt. Denn die übriggebliebenen Exjesuiten und mit ihnen ihre alten Erziehungstraditionen waren allmählich ausgestorben, und die neuen Lehrkräfte, wie sie die veränderte Zeit durchaus erforderte, noch keineswegs herangebildet. Es entstand aber, bevor man sich nur erst einigermaßen orientiert hatte, notwendig ein augenblicklicher Stillstand, eine sehr fühlbare hin und her schwankende Unsicherheit und schüchterne Nachahmung des protestantischen Wesens, die natürlich anfangs ziemlich ungeschickt ausfallen mußte. Nur das fortdauernde Bedürfnis eines feierlichen Gottesdienstes erhielt hier noch lange Zeit eine ernste und gründliche musikalische Schule, aus der mancher berühmte Künstler hervorgegangen ist. Die Schüler veranstalteten zwar noch immer zur Weihnachtszeit theatralische Vorstellungen, aber statt der früheren, mit aller würdigen Pracht ausgestatteten Aufführung geistlicher Schauspiele, wo man nicht selten kühn auf die Meisterwerke Calderons zurückgegriffen hatte, wurden jetzt alberne Stücke aus dem „Kinderfreund“, ja sogar Kotzebueaden gegeben. Auch ihre sogenannten Konvikte bestanden noch, wirkten jedoch häufig störend durch den aristokratischen Unterschied zwischen den armen Freischülern (Fundatisten) und den reichen Pensionärs, die fast ausschließlich dem Adel angehörten. Denn auch der Adel mußte nun, wenn er nicht von der Zukunft exkludiert sein wollte, dem allgemeinen Zuge folgen. Das nach dem neuen Maßstabe durchaus unzureichende Hauslehrerunwesen, sowie die Pariser Reisestudien hatten fast ganz aufgehört, der Offiziersdienst reduzierte sich immer mehr erblich von Generation zu Generation auf bestimmte unbegüterte Militärfamilien, die jungen Kavaliere gingen auf die Gymnasien wie die andern. Ihre Erziehung war also keine spezifisch adelige mehr, sondern mehr oder minder in die Volksschule aufgegangen.

Fast noch unmittelbarer berührte jedoch den Adel der gleichzeitig zur Herrschaft gelangte Kosmopolitismus, jener seltsame „Überall und Nirgends„, der in aller Welt und also recht eigentlich nirgend zu Hause war. Aus allen möglichen und unmöglichen Tugenden hatte man für das gesamte Menschengeschlecht eine prächtige Bürgerkrone verfertiget, die auf alle Köpfe passen sollte, als sei die Menschheit ein bloßes Abstraktum und nicht vielmehr ein lebendiger Föderativstaat der verschiedensten Völkerindividuen. Alle Geschichte, alles Nationale und Eigentümliche wurde sorgfältigst verwischt, die Schulbücher, die Romane und Schauspiele predigten davon; was Wunder, daß die Welt es endlich glaubte! Der Adel aber war durchaus historisch, seine Stammbäume wurzelten grade in dem Boden ihres speziellen Vaterlandes, der ihnen nun plötzlich unter den Füßen hinwegphilosophiert wurde. Diese barbarische Gleichmacherei, dieses Verschneiden des frischen Lebensbaumes nach einem eingebildeten Maße war die größte Sklaverei; denn was wäre denn die Freiheit anderes, als eben die möglichst ungehinderte Entwickelung der geistigen Eigentümlichkeit?

Hiermit hing wesentlich auch das politische Dogma zusammen, wonach alle Laster, wie etwa jetzt den Jesuiten, dem Adel, alle Tugenden den niederen Ständen zugewiesen wurden. Wer erinnert sich nicht noch aus den damaligen Leihbibliotheken und Theatern der falschen Minister, der abgefeimten Kammerherren, der Scharen unglücklicher Liebender, die vom Ahnenstolz unbarmherzig unter die Füße getreten werden, sowie andrerseits der edelmütigen Essighändler, biederen Förster usw., wovon z.B. Schillers „Kabale und Liebe“ ein geistreiches Resumee gibt. Allein in der Wirklichkeit verhielt es sich anders als in den Leihbibliotheken; es war, nur unter verschiedenen Formen und Richtungen, der eine eben nicht besser und nicht schlimmer als der andre. Der Bauernstolz ist sprichwörtlich geworden, und die Bauern sind noch heutzutage die letzten Aristokraten vom alten Stil. Der Bürgerstand aber hatte längst dieselbe retrograde Bewegung gemacht, wie der Adel. Seine ursprüngliche Bedeutung und Aufgabe war die Wiederbelebung der allmählich stagnierenden Gesellschaft durch neue bewegende Elemente, mit einem Wort: die Opposition gegen den verknöcherten Aristokratismus. In seiner frischen Jugend daher, da er noch mit dem Rittertum um die Weltherrschaft gerungen, atmete er wesentlich einen republikanischen Geist. Die Städte regierten und verteidigten sich selbst, ihre streng gegliederten Handwerkerinnungen waren zugleich eine kriegerische Verbrüderung zu Schutz und Trutz, und die Handelsfahrten in die ferne Fremde erweiterten ihr geistiges Gebiet weit über den beschränkten Gesichtskreis der einsam lebenden Ritter hinaus. Da war überall ein rüstiges Treiben, Erfinden, Wagen, Bauen und Bilden, wovon ihre Münster, sowie ihre welthistorische Hansa ein ewig denkwürdiges Zeugnis geben. Nachdem aber draußen die Burgen gebrochen und somit die bewegenden Ideen der zu erobernden Reichsfreiheit abgenutzt und verbraucht waren, fingen sie nach menschlicher Weise an, die materiellen Mittel, womit ihre jugendliche Begeisterung so Großes geleistet, als Selbstzweck zu betrachten; gleichwie sie ja auch in der Kunst nun die handwerksmäßigen Reimtabulaturen ihres Meistergesanges für Poesie nahmen. Und mit dieser gemeinen Herabstimmung hatten sie auch sich selbst schon aufgegeben, denn ihre Stärke war die Korporation, die Korporation aber ist nur stark durch den beseelenden Geist, der alle dem Ganzen unterordnet und keinen Egoismus duldet. Da aber, wie gesagt, dieser strenge Geist ihnen im Siegesrausch abhanden gekommen, so mußten nun wohl ihre großartigen Vereine in ihre einzelnen Bestandteile auseinanderfallen und jeder Teil in seinen bloßen Schein umschlagen; von ihrer lebendigen Gliederung blieb nur die pedantische Schablone, von ihrem fröhlichen Volksliede nur die Reimtabulatur übrig, ihre Stadtwehr wurde zur geputzten Schützengilde, die nach gemalten Feinden schoß, der alte Welthandel zur Kleinkrämerei. In ihrer schönen Jugendzeit hatten sie die Buchdruckerkunst um der Wissenschaft willen ersonnen und um Gottes willen Kirchen gebaut, an deren kühnen Pfeilern und Türmen die heutigen Geschlechter schwindelnd emporschauen. Jetzt bauten sie Fabriken und Arbeiterkasernen, erfanden klappernde Maschinen zum Spinnen und Weben, und es ist offenbar, die Industrie wuchs zusehends weit und breit. Aber wir dürfen uns keine Illusionen machen. Die Industrie an sich ist eine ganz gleichgültige Sache, sie erhält nur durch die Art ihrer Verwendung und Beziehung auf höhere Lebenszwecke Wert und Bedeutung.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021So hatte also der Bürgerstand – dessen Seele die geistige Bewegung, oder wie wir es jetzt nennen würden: das Prinzip des beständigen Fortschritts war – sich kampfesmüde auf den goldenen Boden des Handwerks gelegt, und die Städte waren allmählich aus einer Weltmacht eine Geldmacht geworden. Allein hierin war ihnen der Adel im allgemeinen durch seinen großen Landbesitz noch immer bedeutend überlegen; sie hatten sich mit ihm auf denselben materiellen Boden gestellt, auf dem sie ihn unmöglich innerlich bewältigen konnten. Sie suchten daher nun äußerlich mit ihm zu rivalisieren, sie wollten nicht bloß frei und reich, sondern auch vornehm sein. Das ist aber jederzeit ein höchst mißliches Unternehmen, denn um vornehm zu erscheinen, muß man, wie Goethe irgendwo sagt, wirklich vornehm, d.h. durch die allgemeine Meinung irgendwie bereits geadelt sein. Das forcierte Vornehmtun macht gerade den entgegengesetzten Effekt: „man merkt die Absicht und ist verstimmt„; wogegen das wirklich Vornehme sich durchaus bequem und passiv zeigt, als ein natürliches bloßes Ablehnen des Gemeinen bei völliger Unbekümmertheit um eine höhere Geltung, die sich ja schon ganz von selbst versteht. Es ist demnach sehr begreiflich, daß jene kleinliche Rivalität der Bürgerlichen, da sie auf der neuen Bühne die ihnen noch mangelnde Routine durch feierlichen Pathos zu ersetzen strebten, anfangs noch ziemlich ungeschickt ausfallen mußte, und daß der Adel seinerseits diese gewaltsamen und pompösen Anstrengungen der „Ellenreiter“ mit einer gewissen Schadenfreude belächelte.

Beides indes, dieses Lächeln sowie jenes Großtun, nahm plötzlich ein Ende mit Schrecken, als gegen Schluß des vorigen Jahrhunderts auf einmal die ganze Aufklärung, die echte und die falsche, aus den Bücherschränken in alle Welt ausgefahren. Es handelte sich nun nicht mehr um dies und jenes, sondern um die gesamte Existenz, Satan sollte durch Beelzebub ausgetrieben werden, es war ein Krieg aller gegen alle. Der grobe Materialismus rang mit körperlosen Abstrakten, die zärtliche Humanität fraternisierte mit der Bestialität des Freiheitspöbels, die dickköpfige Menschheit wurde mit Bluthunden zu ihrer neuen Glückseligkeit gehetzt, und Philosophie und Aberglauben und Atheismus rannten wild gegeneinander, so daß zuletzt in dem rasenden Getümmel niemand mehr wußte, wer Freund oder Feind. – Und in dieser ungeheueren Konfusion tat der Adel grade das Allerungeschickteste. Anstatt die im Sturm umher flatternden Zügel kraft höherer Intelligenz kühn zu erfassen, isolierte er sich stolz grollend und meinte durch Haß und Verachtung die eilfertige Zeit zu bezwingen, die ihn natürlich in seinem Schmollwinkel sitzenließ. Aber nur die völlige Barbarei kann ohne Adel bestehen. In jedem Stadium der Zivilisation wird es, gleichviel unter welchen Namen und Formen, immer wieder Aristokraten geben, d.h. eine bevorzugte Klasse, die sich über die Massen erhebt, um sie zu lenken. Denn der Adel (um ihn bei dem einmal traditionell gewordenen Namen zu nennen) ist seiner unvergänglichen Natur nach das ideale Element der Gesellschaft; er hat die Aufgabe, alles Große, Edle und Schöne, wie und wo es auch im Volke auftauchen mag, ritterlich zu wahren, das ewig wandelbare Neue mit dem ewig Bestehenden zu vermitteln und somit erst wirklich lebensfähig zu machen. Mit romantischen Illusionen und dem bloßen eigensinnigen Festhalten des längst Verjährten ist also hierbei gar nichts getan. Dahin aber scheint der heutige Aristokratismus allerdings zu ziehen, dem wir daher zum Valet wohl meinend zurufen möchten:

Prinz Rokoko, hast dir Gassen
Abgezirkelt fein von Bäumen
Und die Bäume scheren lassen,
Daß sie nicht vom Wald mehr träumen.

Wo sonst nur gemein Gefieder
Ließ sein bäurisch Lied erschallen,
Muß ein Papagei jetzt bieder:
„Vivat Prinz Rokoko!“ lallen.

Quellen, die sich unterfingen,
Durch die Waldesnacht zu tosen,
Läßt du als Fontänen springen
Und mit goldnen Bällen kosen.

Und bei ihrem sanften Rauschen
Geht Damöt bebändert flöten
Und in Rosenhecken lauschen
Daphnen fromm entzückt Damöten.

Prinz Rokoko, Prinz Rokoko,
Laß dir raten, sei nicht dumm!
In den Bäumen, wie in Träumen,
Gehen Frühlingsstimmen um.

Springbrunn in dem Marmorbecken
Singt ein wunderbares Lied,
Deine Taxusbäume recken
Sehnend sich aus Reih und Glied.

Daphne will nicht weiter schweifen
Und Damöt erschrocken schmält,
Können beide nicht begreifen,
Was sich da der Wald erzählt.

Laß die Wälder ungeschoren,
Anders rauscht’s, als du gedacht
Sie sind mit dem Lenz verschworen,
Und der Lenz kommt über Nacht.

Bilder: via Frank T. Zumbach: Long Gone, Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6, alle 4. August 2021.

Soundtrack: François-Adrien Boieldieu: Concerto für Klavier in F-Dur, 1792;
Innsbrucker Symphonieorchester unter Robert Wagner, Klavier: Martin Galling, 1994:

Written by Wolf

8. Oktober 2021 at 00:01

Filetstück 0003, 1 von 3: Europamüde vor Langerweile (Vorwort)

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Update zu Des eigenen Herzens süße Melodie,
Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen: Regensburg bis Grein,
Ahnung und Gegenwart. Jeune femme assise. Wie sie ist
und Eichendorffs Märchen:

Freunde hatten mich längst aufgefordert, meine Memoiren zu schreiben, ohne daß ich mich dazu bisher zu entschließen vermochte. Nun der Abend meines Lebens aber immer tiefer hereindunkelt, fühle ich selbst ein Bedürfniß, im scharfen Abendroth noch einmal mein Leben zu überschauen, bevor die Sonne ganz versunken. Ich will jedoch weniger meinen Lebenslauf schildern, als die Zeit, in der ich gelebt, mit einem Wort: Erlebtes im weitesten Sinne. Wenn dennoch meine Person vorkommt, so soll sie eben nur der Reverbère sein, um die Bilder und Ereignisse schärfer zu beleuchten. Man tadelt an den Memoiren häufig, daß sie entweder die Sentimentalität oder die Reflexion zu sehr vorwalten lassen. Mir scheint, wer die eine oder die andere absichtlich sucht, fehlt ebenso, als wer sie ängstlich vermeidet. Sie wechseln beide nothwendig im Leben, und so will ich denn schreiben, wie sich’s eben schicken und fügen will. Und wenn auch immerhin weder meine Persönlichkeit noch meine Schicksale ein allgemeineres Interesse ansprechen, so dürften doch vielleicht manche Streiflichter dabei auch eine Zeit erhellen, die uns so fremd geworden ist.

Soweit Eichendorff in seinem Todesjahr 1857, überliefert von seinem Sohn Hermann, zugleich Herausgeber seiner ersten Sämmtlichen Werke, 1864 in der Biographischen Einleitung zum 1. Band mit den Gedichten, Seite 212. Leider schaffte er nur noch die ersten beiden Kapitel zu seinen Memoiren auszuführen, die hier als dreiteiliges „Filetstück“ erscheinen.

Das Vorwort dazu druckt Ansgar Hillach noch 1970 in der Gesamtausgabe bei Winkler eben als Vorwort dazu ab — ausdrücklich

trotz erheblicher Bedenken an dieser Stelle belassen, nicht um Koschs kaum begründete Plazierung zu rechtfertigen, sondern um Erlebtes, als ein Fragment, sichtbar in den Zusammenhang der E’schen Bemühungen um eine autobiographische Dichtung zu stellen.

1980 im vierten Band mit Nachlese der Gedichte, Erzählerische und dramatische Fragmente, Tagebücher 1798–1815) wird die Stelle als Vorwort zu den Memoiren als „irrtümlich“ eingestuft und als Entwurf einer Rahmenhandlung zur Einsiedler-Novelle. Tröst-Einsamkeit berichtigt und nach zehn Jahren innerhalb derselben Ausgabe zum zweiten Mal abgedruckt.

Soll noch einer behaupten, Literatur-Wissenschaft wäre keine Wissenschaft.

——— Joseph von Eichendorff:

Erlebtes

1857, gedruckt posthum in Hermann von Eichendorff, Hrsg.:
Aus dem literarischen Nachlasse Joseph Freiherrn von Eichendorffs, Paderborn 1866,
als Erlebtes. Deutsches Adelsleben am Schlusse des vorigen Jahrhunderts; Halle und Heidelberg:

Vorwort

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021An einem schönen warmen Herbstmorgen kam ich auf der Eisenbahn vom andern Ende Deutschlands mit einer Vehemenz dahergefahren, als käme es bei Lebensstrafe darauf an, dem Reisen, das doch mein alleiniger Zweck war, auf das allerschleunigste ein Ende zu machen. Diese Dampffahrten rütteln die Welt, die eigentlich nur noch aus Bahnhöfen besteht, unermüdlich durcheinander wie ein Kaleidoskop, wo die vorüberjagenden Landschaften, ehe man noch irgendeine Physiognomie gefaßt, immer neue Gesichter schneiden, der fliegende Salon immer andere Sozietäten bildet, bevor man noch die alten recht überwunden. Diesmal blieb indessen eine Ruine rechts überm Walde ganz ungewöhnlich lange in Sicht. Europamüde vor Langerweile fragte ich, ohne daß es mir grade um eine Antwort sonderlich zu tun gewesen wäre, nach Namen, Herkunft und Bedeutung des alten Baues; erfuhr aber zu meiner größten Verwunderung weiter nichts als gerade das Unerwartetste, daß nämlich dort oben ein Einsiedler hause. – „Was! so ein wirklicher Eremit mit langem Bart, Rosenkranz, Kutte und Sandalen?“ – Keiner von der Gesellschaft im fliegenden Kasten konnte mir jedoch über diesen impertinenten Rückschritt genügende Auskunft erteilen, niemand hatte den Einsiedel selbst gesehen. Einer der Herren erklärte ihn schlechtweg für einen hochmütigen Sonderling, da er, wie er erfahren, bei der gebildeten Nachbarschaft nirgends Besuch gemacht, ja nicht einmal Visitenkarten umhergeschickt habe. Ein zweiter meinte, da stecke wohl etwas ganz anderes, eine dunkle Tat, ein großes politisches Verbrechen dahinter. – „Ja, diese heimlichen Jesuiten!“ fiel ihm da ein dritter mit einem wichtigen Augenzwick in die Rede, und sprach nichts weiter. Eine Berliner Dame dagegen, die eben ihre Zigarre angeraucht, versicherte lachend, das sei ohne Zweifel der letzte Romantiker, der sich vor dem Fortschritt der wachsenden Bildung in den mittelalterlichen Urwald geflüchtet. Alle stimmten endlich darin überein, daß besagter Einsiedler etwas verdreht im Kopfe sein müsse.

Diese Notwendigkeit wollte mir zwar keineswegs so unbedingt einleuchten, doch war das wenige, das ich gehört, abenteuerlich genug, um mich neugierig zu machen. Ich beschloß daher, auf der nächsten Station zurückzubleiben, und den seltsamen Kauz womöglich in seinem eignen Neste aufzusuchen.

Das war aber nicht so leicht, wie ich’s mir vorgestellt hatte. In den Bahnhöfen ist eine so große Eilfertigkeit, daß man vor lauter Eile mit nichts fertig werden kann. Die Leute wußten genau, in welcher Stunde und Minute ich in Paris oder Triest oder Königsberg, wohin ich nicht wollte, sein könne, über Zugang und Entfernung des geheimnisvollen Waldes aber, wohin ich eben wollte, konnte ich nichts Gewisses erfahren; ja der Befragte blickte verwundert nach der bezeichneten Richtung hin, ich glaube, er hatte die Ruine bisher noch gar nicht bemerkt. Desto besser! dachte ich, schnürte mein Ränzel und schritt wieder einmal mit lang entbehrter Reiselust in die unbestimmte Abenteuerlichkeit des altmodischen Wanderlebens hinein.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Schon war die Rauchschlange des Bahnzuges weit hinter mir in den versinkenden Tälern verschlüpft, statt der Lokomotive pfiffen die Waldvögel grade ebenso wie vor vielen, vielen Jahren, da ich mir als Student zum erstenmal die Welt besehen, als wollten sie fragen, wo ich denn so lange gewesen? So kletterte ich unter dem feierlichen Waldesrauschen auf dem steilen Fußsteig, den mir die Hirten verraten, an einsamen Wiesen vorüber, wo die weidenden Kühe scheu und neugierig nach mir aufsahen, zwischen Weißdorn und Berberitzen, die im vollen Blütenstaat jugendlichen Übermuts auf meine grauen Haare und abgetragene Wandertasche stichelten, siegreich immer höher und höher hinan, bis ich mich endlich durch das Dickicht auf die letzte Höhe herausgearbeitet hatte.

Da lag plötzlich, wie in einem Nest von hohem Gras und Unkraut und die Tatzen weit nach mir vorgestreckt, eine riesenhafte Sphinx neben mir, die mich mit ihren steinernen Augen fragend anglotzte. Und in der Tat, das unverhoffte Ungeheuer gab mir ein Rätsel auf, das mich ganz verwirrte. Denn statt der erwarteten Klüfte, wilden Quellen und Felsenklausen nebst Zubehör erblickte ich einen, freilich arg verwilderten, altfranzösischen Garten: hohe Alleen und gradlinige Kiesgänge; rechts und links einzelne Päonien und Kaiserkronen, über denen bunte Schmetterlinge wie verwehte Blüten dahinschwebten, und in der Mitte eine Fontäne, die einförmig fortplätscherte in der großen Stille; nur ein Pfau spazierte stolz zwischen den Kaiserkronen. Es war aber eben Mittagszeit und eine fast gespenstische Beleuchtung ohne Schatten, die Sonne brannte, die Vögel schwiegen, der Wald rauschte kaum noch wie im Traume. Mir war’s, als ginge ich durch irgendeine Verzauberung mitten in die gute alte Zeit, ich schüttelte mehrmal mit dem Kopf, ob mir nicht etwa unversehens ein Haarbeutel im Nacken gewachsen.

So kam ich an die Ruine, oder vielmehr an ein Schloß, das allerdings ruiniert genug war, aber offenbar weniger durch sein Alter, als durch einen gewaltsamen Brand. Der eine Teil lag malerisch verfallen, und fraternisierte längst mit dem Frühling, der mit seinen blühenden Ranken überall an Pfeilern und Wänden lustig hinaufkletterte. Nur der nach dem Garten hin gelegene Flügel, alle Fenster künstlich umschnörkelt und durch steinerne Blumengirlanden miteinander verbunden, sah noch sehr vornehm aus, wie eine Residenz des Prinzen Rokoko. Ein Fenster unten stand offen. Ich blickte hinein und übersah eine lange Reihe großer und hoher Gemächer mit reichen Tapeten, parkettierten Fußböden und prächtigen Stuckverzierungen an den Decken, überall samtene Kanapees und Sessel, die Lehnen weißlackiert mit goldenen Leisten, große Spiegel und Marmortische darunter. Es war so kühl da drinnen in der feierlichen Einsamkeit, aus einem der entfernteren Gemächer flötete soeben eine unsichtbare Spieluhr eine Menuett herüber, die ich noch aus meiner Kindheit zu kennen glaubte.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Jetzt hörte ich kleine, feine Stimmen hinter mir: es war ein Knabe und ein Mädchen, die einander gejagt hatten und stutzig stillstanden, da sie mich erblickten. „Wo ist der Zauberer – der Herr Einsiedler?“ fragte ich, mich selbst verbessernd. Der erhitzte Knabe schüttelte die Locken aus dem hübschen Gesichtchen und sah mich schweigend und fast trotzig an. Das etwas ältere Mädchen aber wies nach einer Laube hin und sagte mit einem zierlichen Knicks: „Er betet.“ – Also am Ende doch wirklich ein Eremit im alten Stil, dachte ich und eilte der bezeichneten Geißblattlaube zu. Dort saß ein Mann, den Rücken nach mir gekehrt und, wie es schien, eifrig in einen schweinsledernen Quartanten vertieft, der auf dem steinernen Tische vor ihm lag. Auf einmal aber, als ich schon ziemlich nahe war, fuhr ein zahmer Storch, den ich bisher gar nicht bemerkt hatte, erschrocken neben mir aus seinen Gedanken, legte den Hals hintenüber, sperrte den langen Schnabel weit auf und klapperte aus Leibeskräften. Da wandte sich der Einsiedler. – „Arthur!“ rief ich ganz erstaunt – es war mein liebster Kriegskamerad vom Lützowschen Korps!

„Um des Himmels willen, was machst denn du hier?“ – „Ich lese Calderons Autos“ – „Aber just in dieser seltsamen Abgeschiedenheit!“ – „Das sind die Trümmer meiner Heimat“, entgegnete er ruhig, „und das dort die Enkel meiner Spielgesellen aus der Kinderzeit“, fügte er lächelnd hinzu, auf die beiden Kinder weisend, die unterdes neugierig mir gefolgt waren.

Er hatte sich inzwischen hoch aufgerichtet. Er trug nichts weniger als eine korrekte Einsiedleruniform, sondern einen grünen kurzen Jagdrock und nur einen schönen vollen Bart, wie ihn unsere modernen Einsiedler in den Kaffeehäusern und Lesekabinetten tragen. Wir hatten uns seit den Kriegsjahren nicht mehr gesehen; nun beschauten wir einander eine Zeitlang stillschweigend, bis wir zuletzt beide in ein lautes Lachen ausbrachen: so uralt und ehrwürdig waren wir beide seitdem geworden; nur seine Augen waren noch immer die alten, treuen, ich hatte ihn sogleich an dem ganz eigentümlichen Blicke wiedererkannt.

Bilder: via Frank T. Zumbach: Long Gone, Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6, alle 4. August 2021.

Fachfilm: Landsmannschaft der Oberschlesier e.V.: Schläft ein Lied in allen Dingen …,
Aladin-Filmproduktion im Auftrag des Bayerischen Rundfunks, 1981:

Soundtrack: Carl Maria von Weber: Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur opus 11, 1810;
Klavier: Eduard Erdmann, live 16. November 1952:

Written by Wolf

1. Oktober 2021 at 00:01

Der brennende Schmerz schwand und die Wunde ward heil

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Update zu Das Beste sind die Kartoffeln:

Die „wohl bedeutendste Privatsammlung zu Jean Paul“ ist laut Eigenauskunft das Jean-Paul-Museum der Stadt Bayreuth, eröffnet 1980, erweitert 1994 und vollständig neu gestaltet anlässlich des 250. Geburtstags 2013. Mein Exemplar des Katalogs der dortigen ständigen Ausstellung stammt von 2000, lange vor der Wiedereröffnung — was nützlicher ist gar kein Exemplar, weil das Bayreuther Museum im Gegensatz zum kleineren in Joditz — laut Eigenauskunft „das ‚jeanpaulste‘ aller Museen für den Dichter“ — keine eigene Webpräsenz als eine Unterseite innerhalb bayreuth-tourismus.de hat. Dafür bringt Joditz das entschieden bessere Bildmaterial, das deshalb etwas unpassender Weise hier verwendet wird.

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

Anno 2000 führt besagter Katalog ohne Abbildung das Exponat eines Buches von Justus Friedrich Zehelein: Vermischte Gedichte, 1789. Seite 21 unten, über den Museumssaal 4: Die Reise nach Weimar. 1796. Die Titaniden.:

Der Justizamtmann aus Neustadt am Kulm hat seine Gedichte „in Commission“ erscheinen lassen. Das Gedicht „Bienenstich“ hieraus hat sich der oft in Bayreuth bei seinen Nichten und Jean Paul weilende Karl Ludwig von Knebel abgeschrieben und in Weimar Goethe gezeigt. Durch dessen Abschrift ist es schließlich moduliert in die Nachgelassenen Gedichte der „Sophien-Ausgabe“ geraten.

Kindlich enttäuscht war ich bei der Recherche allein darüber, dass ein Gedicht namens „Bienenstich“ tatsächlich von einem wörtlich verstandenen Insektenstich und nicht von Kuchen handelte. Wie zum Trost steht es in beiden Versionen im Versmaß des Distichons, was es umso erstaunlicher macht, dass es metrisch als Lied funktioniert.

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

——— Justus Friedrich Zehelein:

Der Bienenstich.

in: Vermischte Gedichte von Just. Friedrich Zehelein,
Baireuth, im Verlag der Zeitungsdrukerei und in Kommission bei J. A. Lübecks Erben, 1789, Seite 226:

Als ich, Sami! mit Dir Blumen jüngst brach in dem Garten
Da verwundete heiß, mir ein Bienchen die Hand,

Und Du riethest mir weise, mit Erde zu kühlen die Wunde
Und der brennende Schmerz schwand und die Wunde ward heil.

Sami! wird auch die Wunde, die in dem Herzen mir blutet,
Dann erst gekühlet und heil, wenn sie die Erde bedekt?

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

Die in dem Katalog erwähnten Modulationen seitens Knebel — oder, später in Weimar, Goethe — betreffen die Überschrift und die Umstellung von der Ich-Form auf die 3. Person:

——— Johann Wolfgang Goethe:

An Sami

Indisches Gedicht

in: Sophienausgabe, Erste Abtheilung, Band 5, Hermann Böhlau, Weimar 1893, Seite 49:

Als er, Sami, mit dir jüngst Blumen brach in dem Garten,
Stach ihn ein Bienchen, und heiß schmerzte die blutende Hand.
Weise rietest du ihm mit Erde zu kühlen die Wunde,
Und der brennende Schmerz schwand, und die Wunde ward heil.
Sami, wird auch die Wunde, die in dem Herzen ihm blutet,
Dann erst gekühlet und heil, wenn sie die Erde bedeckt?

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

An Vertonungen sind bekannt: eine von Johann Xaver Sterkel, eine von Carl Blum, 1818
und eine von Carl Loewe, aus: 3 Gedichte, opus 104 Nr. 2, 1844,
samt deren Einspielung mit Elisabeth Schwarzkopf, Klavier Michael Raucheisen, ca. 1941–1943:

Bilder: Jean-Paul Museum Joditz: Impressionen:

Eberhard Schmidt, Bilder wurden teilweise von Besuchern zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

Bonus Track: David Olney & Anana Kaye: My Favorite Goodbye, aus: Whispers and Sighs, 2021:

Written by Wolf

24. September 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Klassik

Stone walls do not a prison make, nor iron bars a cage

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Update zu Your open hand but shows our loss,
Nachtstück 0024: I wish you were dead, my dear
und Sylvia Spinster:

Yet each man kills the thing he loves
     By each let this be heard.
Some do it with a bitter look,
     Some with a flattering word.
The coward does it with a kiss,
     The brave man with a sword!

Oscar Wilde: The Ballad of Reading Gaol, 1897.

Wenceslaus Hollar, Lucasta. Posthume Poems of Richard Lovelace, 1660Bei englischer Bekenntnislyrik von Inhaftierten in englischen Gefängnissen fällt unsereinem als erstes Oscar Wilde ein.

Wie immer sind gewissenhafte Hörer von Fairport Convention im Vorteil. Aus dem Album Nine, 1973 stammt die Vertonung von To Althea, from Prison — das Richard Lovelace während seiner ersten Inhaftierung wegen Unterstützung unerwünschter Umtriebe, nämlich dem Versuch, den Clergy Act von 1640 annullieren zu lassen, zwischen dem 30. April und 21. Juni 1642 geschrieben haben muss.

Mit ihrer vollständigen Vertonung des Gedichts sind die Fairport Convention in gut fünf Minuten fertig, wohingegen Oscar Wilde seine zwei Jahre Einzelhaft in verschiedenen Zuchthäusern bei schwerer Zwangsarbeit wegen unerwünschter sexueller Orientierung, nämlich gross indecency für einen sehr ausführlichen Brief an seinen Liebhaber nutzte, der seinen Adressaten nie erreichte und 1962 zu einer gewissen Druckreife rekonstruiert werden musste. Das einzige, was er nach seiner Entlassung im Zustand dauerhafter Zerrüttung seiner Gesundheit noch schrieb, war die angeführte Ballad of Reading Gaol — die durchaus mehrmals vertont und auch sonst künstlerisch verwertet wurde, deren Lesung aber bei ihrem Umfang von über viertausend Wörtern weit mehr als fünf Minuten bräuchte.

Beschränken wir uns daher auf den Bezug zwischen Richard Lovelace 1642 und Fairport Convention 1973:

——— Richard Lovelace:

To Althea, from Prison

1642, collected in Dudley Lovelace, ed.: Lucasta. Posthume Poems of Richard Lovelace, 1660:

Ripple Factor, 2019When Love with unconfinèd wings
     Hovers within my Gates,
And my divine Althea brings
     To whisper at the Grates;
When I lie tangled in her hair
     And fettered to her eye,
The Gods that wanton in the Air
     Know no such Liberty.

When flowing Cups run swiftly round,
     With no allaying Thames,
Our careless heads with Roses bound,
     Our hearts with Loyal Flames;
When thirsty grief in Wine we steep,
     When Healths and draughts go free,
Fishes that tipple in the Deep
     Know no such Liberty.

When (like committed linnets) I
     With shriller throat shall sing
The sweetness, Mercy, Majesty,
     And glories of my King;
When I shall voice aloud how good
     He is, how Great should be,
Enlargèd Winds, that curl the Flood,
     Know no such Liberty.

Stone Walls do not a Prison make,
     Nor Iron bars a Cage;
Minds innocent and quiet take
     That for an Hermitage.
If I have freedom in my Love,
     And in my soul am free,
Angels alone, that soar above,
     Enjoy such Liberty.

Mehr Vertonungen:

  • Thomas Avinger: To Althea, from Prison, for tenor and instrumental ensemble,
    aus: Lucasta Et Cetera, 1960;
  • Grateful Dead: Althea, aus: Go to Heaven, 1980;;
  • Three Pressed Men: To Althea, from Prison, aus: Daddy Fox, Mai 1998:
    Debut-CD in 150 vergriffenen Exemplaren;
  • Jane and Amanda Threlfall: To Althea, from Prison, aus: Morning Tempest, 2000;
  • Churchfitters: To Althea from Prison, aus: New Tales for Old, 2005.

Just Being, 2021

Bilder: Wenceslaus Hollar: Cover zu Lucasta. Posthume Poems of Richard Lovelace, 1660,
aus: University of Toronto Wenceslaus Hollar Digital Collection;
Ripple Factor, 21. September 2019;
Just Being, 26. April 2021.

Ein Bonus Track mit Richards Namensbase Linda (1949 bis 2002) erübrigt sich;
daher nur einer, der Lovelace zitiert: Jim Croce: Stone Walls, aus: The Faces I’ve Been, 1975:

Written by Wolf

17. September 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

Puschkins Faust 2 von 2: Sag mir, durch welche Zaubersprüche bekomme ich Macht über dich?

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Update zu Doktor Faust thu dich bekehren
und natürlich zu allen aus dem ersten Teil:

Zweimal hat der Vater der russischen Literatur — Puschkin — sich 1825 am urdeutschen Faust-Stoff versucht: einmal in Form einer ausgearbeiteten Szene, einmal in Form dreier kurzer dramatischer Fragmente. Beenden wir unsere zweiteilige Serie mit letzteren. Das Bildmaterial sei uns wenig faustisch, vielmehr Petersburgisch.

Es verlautet das Erreichbare: Vorläufiges zu Gerhard Dudeks eigener Studie Metamorphosen von Mephistopheles und Faust bei Puschkin 1991, seiner Akademie jahrs zuvor als Plenarvortrag unter gleicher Überschrift umrissen und in Aussicht gestellt — gefolgt von Puschkins Primärmaterial, vormals Fausts Höllenfahrt oder Höllenpoem, nach der DDR-Ausgabe von 1973:

——— Gerhard Dudek:

Metamorphosen von Mephistopheles und Faust bei Puschkin

Plenarvortrag an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, 12. Oktober 1990:

Die Beziehungen Puschkins zu Goethe sowie zu dessen „Faust“ sind seit H. Koenigs „Litterarischen Bildern aus Rußland“ (1837) und K. A. Varnhagen von Enses Puschkin-Aufsatz (1938) Gegenstand zahlreicher Untersuchungen von Literaturkritikern, Slawisten und Germanisten. Dennoch weist dieses Forschungsfeld immer noch Lücken auf. Dazu gehört eine das Gesamtschaffen Puschkins berücksichtigende Darstellung der Rezeption und schöpferischen Umsetzung der Faustsage durch den Autor des „Eugen Onegin“.

Natascha Buzina, Sankt Petersburg, 2016In unserer Studie gehen wir davon aus, daß Puschkin Kenntnis vom Volksbuch über Faust, von Fr. M. Klingers Roman „Fausts Leben, Taten und Höllenfahrt“ sowie Goethes „Faust“ (Erster Teil) erhalten hat, sei es aus mündlichen Berichten bzw. französischen Übersetzungen und deutschen Originalen. Unter dem Eindruck des Faust-Kapitels in Mme. de Staëls „De l’Allemagne“ gewann Goethes Mephistopheles für Puschkin besondere Bedeutung, da diese Gestalt seiner geistigen Haltung um 1820 entgegenkam und ihn auch später immer wieder zur Darstellung reizte. Dies belegen wir zunächst damit, daß Puschkin wahrscheinlich bereits 1821 Mephistopheles – allerdings noch in der Figur des Teufels der christlichen Dämonologie – reflektiert hat. Dafür spricht, daß der Dichter auf dem Blatt mit dem Plan für das Poem „Gabrieliade“ ein Porträt zeichnete, das von M. A. Zjawlowski als das Goethes angesehen wird. Das zeigt sich ferner an den Fragmenten des Poems „Der verliebte Teufel“ (1821) sowie den zu diesem Sujet entworfenen „Höllenzeichnungen“, zu denen Puschkin offenbar durch Szenen aus Klingers Faust-Roman angeregt worden ist.

Die Metamorphose des religiösen Teufels zu einer weltlichen Gestalt philosophisch­politischen Inhalts postulieren wir – Beobachtungen D. Gerhardts folgend – für einen Zyklus von sieben Gedichten und Versfragmenten, die vornehmlich Ende 1823 in Odessa entstanden sind. Mit der Figur des Dämon in dem gleichnamigen Gedicht vom Oktober/November 1823 schuf Puschkin eine eigenständige Variante zu Goethes Mephistopheles, die für die russische Literatur ebenso bedeutsam werden sollte wie Goethes Schöpfung für die deutsche. In Puschkins eigener Deutung seines „Dämon“ als „Geist der Verneinung“ sehen wir allerdings aus chronologischen Gründen einen nachträglich hergestellten Bezug zu Goethes Mephisto.

Den Schwerpunkt unserer Untersuchung bilden Puschkins „Szene aus dem Faust“ sowie die fragmentarischen „Skizzen zu einem ,Faust‘“, die 1825/26 in Michailowskoje verfaßt worden sind. Das Versfragment „Sag mir, durch welche Zaubersprüche“ wird von uns als selbständiger Entwurf und als Vorstufe zur „Szene aus dem Faust“ betrachtet. Mit der Analyse dieser „Szene“ erhellen wir die Wandlungen von Mephistopheles, der tragenden Gestalt des Werkes, vom Philosophen der Langeweile über den Psychologen und Moralisten zum Tatmenschen, der Fausts Befehl vollstreckt. In Puschkins Faust sehen wir dagegen mehr eine Folie für Mephistos Metamorphosen, von der sich die Phänomene der existentiellen Langeweile und eines für die russische Literatur charakteristischen ethischen Maximalismus deutlicher abheben. Das Schlußbild der „Szene“ wird von uns als Ansatz zu einem historischen Verständnis der Faustgestalt durch Puschkin gedeutet. Puschkins „Szene aus dem Faust“ als Ganzes genommen wird insofern als eigenständige Variante des Faust-Stoffes gewertet, als Faust darin anders als sonst motiviert erscheint – nicht durch Wissensdurst und Lebenshunger, sondern durch ständiges Unbefriedigtsein mit allen Verlockungen und Genüssen des Lebens, das in der menschlichen ratio seine tiefste Wurzel besitzt.

In einem Exkurs erörtern wir die Frage, ob Goethe von Puschkins „Szene aus dem Faust“ gewußt hat und ob ein Zusammenhang zwischen dem Schluß dieser „Szene“ und dem V. Akt von Goethes „Faust II“ besteht. Die „Skizzen zu einem ,Faust‘“ werden von uns als extravertierter, im Ansatz gesellschafts­bezogener Gegenentwurf zur introvertierten „Szene aus dem Faust“ interpretiert. Ihre möglichen Bezüge zu Goethes „Walpurgisnacht“, Dantes „Hölle“ und zum Volksbuch über Faust werden kritisch beleuchtet. Nach 1826, so zeigen wir, reflektierte Puschkin Goethes Tragödie in seinen literaturkriti­schen Äußerungen vor allem als literaturhistorische, maßstabsetzende Erscheinung. Faust und Mephistopheles erhielten in seinem dichterischen Schaffen nur noch Zeichenfunktion, sei es unter psychologischem („Pique Dame“) oder sozialhistorischem Aspekt („Szenen aus der Ritterzeit“).

Puschkins Darstellungen von Mephistopheles und Faust werden als eigenständiger Beitrag zur philosophisch-existentiellen bzw. volkstümlich-gesellschaftskritischen Linie in der europäischen Faust-Literatur gewertet. Mit ihnen eröffnete er die Reihe der russischen Fausts bei W. Odojewski, Turgenjew, Dostojewski, Gorki, Lunatscharski, Lewada u.a. sowie andererseits die Hypostasierungen des „philosophischen Teufels“ – sei es als Dämon oder Mephistopheles – bei Lermontow, Dostojewski, F. Sologub, Bulgakow u.a.

Natascha Buzina, Sankt Petersburg, 2016

——— Alexander Sergejewitsch Puschkin:

Skizzen zu einem „Faust“

1825, übs. Lieselotte Remané 1968:

1

„Sag mir, durch welche Zaubersprüche
Bekomme ich Macht über dich?“
„’s ist gleich! Ich laß dich nicht im Stiche!
Prompt wie vom Himmel falle ich.
Dein Wunsch genügt, ich kann ihn ahnen,
Pfeif, läute, alles ist mir recht,
Klatsch in die Hände wie Osmanan,
Schon steht vor dir dein treuer Knecht.
Ich dien euch nur — was soll ich machen!
Muß stets — es ist ein hartes Joch —
Wie eine Amme euch bewachen,
Belauschen selbst durchs Schlüsselloch.“

2

„Hier ist der Kozytos und dort der Acheron,
Und da der Flammefluß, der Phlegeton.
Mut, Doktor Faust, vorangeschritten,
Dort wird es lustig! Darf ich bitten!“
„Wo ist die Brücke?“ — „Auf meinen Schwanz!
Los geht’s zum Tanz!“

Wer kommt denn da?“ — „In Reih und Glied
Soldaten im Paradeschritt.
Dies ist der Oberkorporal
Und der — der Unter-General.“
„Was brodelt dort?
Was braut man da?“
„Fischsuppe, Doktor.
Ha, ha, ha!
Schau, Könige dort!
Ja, kocht und schmort!“

3

Ein Ball ist heut beim Satanas,
Wir sind zum Namenstag geladen.
Schau, die zwei Teufelchen … ein Spaß
Zu sehn, wie sie das Ferkel braten!
Wie artig hat der andre dort
Den Besen jetzt zur Hand genommen,
Fegt Knochen, Staub und Späne fort …“
„Müßten nicht bald die Gäste kommen?“

So treibt man aus die Erdenkinder?
Kein Durcheinander, Lärmen, Schrein!
Welch imposante Säulenreihn!
Wo aber röstet man die Sünder?“
„Da müssen wir noch weiter gehn.
Von hier aus kann man das nicht sehn!“

„Cœur ist jetzt Trumpf!“ — „Ich spiele aus!“
„Ich steche!“ — „Könnt ihr denn nicht warten!“
„Ich nehme!“ — „Na, dann bin ich raus!“
„He, Tod, du spielst mit falschen Karten,
Du mogelst ja!“ — „Schweig, du bist dumm!
Mich kriegst du nicht! Hör auf zu singen!
Geht dir’s ums Geld? Mir geht’s darum,
Die Ewigkeit nur zu verbringen!“

„Wer kommt denn da?“ — „Gegrüßt, ihr Herrn!
Der neue Gast an meiner Seite
Ist Doktor Faust vom Erdenstern.“
„Ein Lebender?“ — „Ganz gleich, ob heute,
Ob er erst morgen unser ist.“
„Ob einer tot ist, ob am Leben,
Entscheide ich, wie ihr wohl wißt.
Doch will ich Einspruch nicht erheben.
Bei Freunden bin ich jederzeit
Zu Zugeständnissen bereit.“
„Ich spiel die Dame aus …“ — „Und ich
Stech mit dem As und sage: ‚Stich!'“
„Das ist ja Trumpf!“ — „Läßt du ihn mir?“
„Na, meinetwegen, gehen wir!“

Natascha Buzina, Sankt Petersburg, 2017

Bilder: Наташа Бузина:

  1. Александр Сергеевич, Mai 2016;
  2. Вечерний вид на Петропавловскую крепость, November 2016;
  3. März 2017,

aus: Санкт-Петербург, ab 2016.

Soundtrack: Отава Ё: Яблочко, aus: Что за песни, 2013:

Written by Wolf

10. September 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Hölle

Puschkins Faust 1 von 2: Es gähnt das Grab, das man euch gräbt

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Update zu Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht),
Indessen Pasternak und
Gefühl kann man zu Markt nicht bringen, doch Manuskripte jederzeit:

Natascha Buzina, Sankt Petersburg, 2019

Zweimal hat der Vater der russischen Literatur — Puschkin — sich 1825 am urdeutschen Faust-Stoff versucht: einmal in Form einer ausgearbeiteten Szene, einmal in Form dreier kurzer dramatischer Fragmente. Fangen wir unsere zweiteilige Serie an mit ersterer. Das Bildmaterial sei uns wenig faustisch, vielmehr Petersburgisch.

Wir treffen Faust und Mephisto am Strand — schon recht vertraut mitsammen.

Natascha Buzina, Sankt Petersburg, 2016

——— Александр Сергеевич Пушкин:

Сцена из Фауста

1825,
первая печать 1828:

Берег моря.

Фауст и Мефистофель.

Фауст
Мне скучно, бес.

Мефистофель
          Что делать, Фауст?
Таков вам положен предел,
Его ж никто не преступает.
Вся тварь разумная скучает:
Иной от лени, тот от дел;
Кто верит, кто утратил веру;
Тот насладиться не успел,
Тот насладился через меру,
И всяк зевает да живет —
И всех вас гроб, зевая, ждет.
Зевай и ты.

Фауст
          Сухая шутка!
Найди мне способ как-нибудь
Рассеяться.

Мефистофель
     Доволен будь
Ты доказательством рассудка.
В своем альбоме запиши:
Fastidium est quies — скука
Отдохновение души.
Я психолог… о вот наука!..
Скажи, когда ты не скучал?
Подумай, поищи. Тогда ли,
Как над Виргилием дремал,
А розги ум твой возбуждали?
Тогда ль, как розами венчал
Ты благосклонных дев веселья
И в буйстве шумном посвящал
Им пыл вечернего похмелья?
Тогда ль, как погрузился ты
В великодушные мечты,
В пучину темную науки?
Но — помнится — тогда со скуки,
Как арлекина, из огня
Ты вызвал наконец меня.
Я мелким бесом извивался,
Развеселить тебя старался,
Возил и к ведьмам и к духам,
И что же? всё по пустякам.
Желал ты славы — и добился, —
Хотел влюбиться — и влюбился.
Ты с жизни взял возможну дань,
А был ли счастлив?

Фауст
          Перестань,
Не растравляй мне язвы тайной.
В глубоком знанье жизни нет —
Я проклял знаний ложный свет,
А слава… луч ее случайный
Неуловим. Мирская честь
Бессмысленна, как сон… Но есть
Прямое благо: сочетанье
Двух душ…

Мефистофель
     И первое свиданье,
Не правда ль? Но нельзя ль узнать
Кого изволишь поминать,
Не Гретхен ли?

Фауст
          О сон чудесный!
О пламя чистое любви!
Там, там — где тень, где шум древесный,
Где сладко-звонкие струи —
Там, на груди ее прелестной
Покоя томную главу,
Я счастлив был…

Мефистофель
          Творец небесный!
Ты бредишь, Фауст, наяву!
Услужливым воспоминаньем
Себя обманываешь ты.
Не я ль тебе своим стараньем
Доставил чудо красоты?
И в час полуночи глубокой
С тобою свел ее? Тогда
Плодами своего труда
Я забавлялся одинокой,
Как вы вдвоем — все помню я.
Когда красавица твоя
Была в восторге, в упоенье,
Ты беспокойною душой
Уж погружался в размышленье
(А доказали мы с тобой,
Что размышленье — скуки семя).
И знаешь ли, философ мой,
Что́ думал ты в такое время,
Когда не думает никто?
Сказать ли?

Фауст
          Говори. Ну, что?

Мефистофель
Ты думал: агнец мой послушный!
Как жадно я тебя желал!
Как хитро в деве простодушной
Я грезы сердца возмущал! —
Любви невольной, бескорыстной
Невинно предалась она…
Что ж грудь моя теперь полна
Тоской и скукой ненавистной?..
На жертву прихоти моей
Гляжу, упившись наслажденьем,
С неодолимым отвращеньем:
Так безрасчетный дуралей,
Вотще решась на злое дело,
Зарезав нищего в лесу,
Бранит ободранное тело; —
Так на продажную красу,
Насытясь ею торопливо,
Разврат косится боязливо…
Потом из этого всего
Одно ты вывел заключенье…

Фауст
Сокройся, адское творенье!
Беги от взора моего!

Мефистофель
Изволь. Задай лишь мне задачу:
Без дела, знаешь, от тебя
Не смею отлучаться я —
Я даром времени не трачу.

Фауст
Что там белеет? говори.

Мефистофель
Корабль испанский трехмачтовый,
Пристать в Голландию готовый:
На нем мерзавцев сотни три,
Две обезьяны, бочки злата,
Да груз богатый шоколата,
Да модная болезнь: она
Недавно вам подарена.

Фауст
Всё утопить.

Мефистофель
          Сейчас.

(Исчезает.)

——— Alexander Sergejewitsch Puschkin:

Szene aus dem „Faust“

1825, gedruckt 1828,
übs. Homunculus, i. e. Sigismund von Radecki 1940:

Meeresufer

Faust und Mephistopheles

Faust
Ich öd mich, du.

Mephistopheles
     Was macht man, Faust!
Ihr müßt euch dies als Grenze ziehen,
Und keiner übertritt den Strich —
Alles Lebendige langweilt sich:
Vor Faulheit der, und der voll Mühen,
Im Zweifeln der, der wenn er glaubt,
Genuß will jedem stets entfliehen,
Den hat sein Übermaß beraubt,
Und jeder gähnt und jeder lebt,
Es gähnt das Grab, das man euch gräbt,
So gähn auch du.

Faust
          Fort mit den Witzen!
So spür was aus, das irgendwie
Zerstreuung schafft.

Mephistopheles
     Kann dir denn nie
Verständige Beweiskraft nützen?
So schreib dir ins Notizbuch nieder:
Fastidium est quies — merke:
Man langweilt und man stärkt sich wieder.
Psychologie ist meine Stärke! …
Wann langweiltest du dich denn nicht?
Denk einmal nach! Wenn wir’s entdeckten!
Als auf Vergil sank dein Gesicht
Und Prügel deine Geister weckten?
Vielleicht wohl, als du Rosen streutest
Auf leicht gewillter Mädchen Brust
Und ihnen beinah wütend weihtest
Den rausch der abendlichen Lust?
Oder vielleicht, als dir versanken
Zu edlem Grübeln die Gedanken.
Zu dunklem Forschen dunkler Zeile —
Doch nein, ich weiß, vor Langerweile
Zitiertest du aus Feuersglühn
Mich her als deinen Harlekin.
Da mußt ich mich verteufelt winden,
Dir zur Erheitrung was zu finden:
Zu Hexen ging es, Hexenmeistern …
Was half’s? Dich konnte nichts begeistern.
Du wolltest Ruhm — nun denn, ihn gibt es,
Du wolltest lieben — nun, du liebtest.
Vom Leben nahmst du den Tribut,
Doch warst du glücklich?

Faust
          Sei so gut
Und laß die Finger von der Wunde!
Weil Wissen steigt, wenn Leben fällt,
Fluch ich dem Wähnen dieser Welt,
Und Ruhm — ein Strahl zur Zufallsstunde,
Zu haschen nicht … und alle Ehre
Ist Traum und sinnlos … Eines wäre
Mir Glück: das innige zu Zwein
Der Seelen …

Mephistopheles
     Und ein Stelldichein,
Nicht wahr? Ich tret wohl nicht zu nah —
An wen erinnerst du dich da?
Doch nicht an Gretchen?

Faust
          Oh, ich sehe!
O heiße Liebesflammenhelle!
Dort — in der tiefsten Waldesnähe,
Beim kleinen Klingen einer Quelle,
Sank mir die Stirn durchs Blattgewimmel
Herab auf ihre schöne Brust
Und fühlte Glück …

Mephistopheles
          Herrgott im Himmel,
Daß du stets phantasieren mußt!
Erinnrung ist dir schnell zu Diensten,
Schon sitzt du, in dich selbst vergafft —
Hab ich denn nicht mit meinen Künsten
Der Schönheit Wunder dir verschafft,
Und sie in keuscher Schlafenszeit
Dir zugeführt? In aller Frühe
Hab ich der Früchte meiner Mühe
Mich dann im stillen recht gefreut:
Wie ihr da beide … Oh, ich weiß!
Als damals deine Schöne heiß
In Lust erbebt‘, in trunknem Schenken —
Ward dir der Kopf unruhig wach
Und schon verfielst du deinem Denken.
(Doch vorher wiesen wir ja nach:
Im Denken — stiert schon Langeweile!)
Weißt du auch, Philosoph von Fach,
Was du in jener Wonneneile
Dachtest, wo sonst wohl niemand denkt?
Sag ich’s?

Faust
          So sprich, wenn es dich drängt!

Mephistopheles
Du dachtest: Lämmchen mein, du Gute,
Wie hab ich mich nach dir verzehrt!
Wie hab ich klug im jungen Blute
Die Herzenswünsche wachgestört!
Und ohne Hinblick, ohne Willen
Gab sie sich ihrer Liebe hin …
Warum muß grade meinen Sinn
Jetzt Scham und Langeweil‘ erfüllen? …
Aufs Opfer meiner Liebesglut
Blick ich nun, satt von dem Genusse,
Mit unverhohlnem Überdrusse:
So wie ein junger Tunichtgut,
Dem flugs das Messer alles gilt,
Im dunklen Wald den Bettler schlachtet,
Und nun den lumpigen Leichnam schilt;
So wie der Käufer seine Schöne,
Nach schnell gestilltem Lustgestöhne,
In Furcht mit scheelem Blick betrachtet …
Aus allem diesen ward dir drauf
Sogleich der eine Schluß zur Stelle …

Faust
Verschwinde, Ausgeburt der Hölle!
Mir aus den Augen! Schneller — lauf!

Mephistopheles
Gewiß. Doch gib mir was zu tun;
Du weißt, so ohne Auftrag gehe
Ich niemals gern aus deiner Nähe —
Ich mag nun mal nicht müßig ruhn.

Faust
Was zieht dort Weißes? — Sag es auf.

Mephistopheles
Ein Spanier-Klipper hart am Winde,
Nach Holland steuert er geschwinde,
Dreihundert Töpfe sitzen drauf,
Zwei Meerkatzen, ein Haufen Gold,
Zehn Zentner Kaffee; unverzollt
Noch eine Krankheit, streng modern,
Das Neueste für Damen und Herrn.

Faust
Alles versenken!

Mephistopheles
          Ja? … sofort!

(verschwindet)

Bilder: Наташа Бузина:

  1. Стихи, August 2019;
  2. Павловск, September 2016;
  3. Львиный мостик ночью, 2016,

aus: Санкт-Петербург, ab 2016.

Natascha Buzina, Sankt Petersburg, 2016

Soundtrack: Julia Vorontsova: Pushkin, aus: From St. Petersburg With Love, 2014:

Written by Wolf

3. September 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Die Wonnen des Fuchsjägers: 4 fundamentale Voraussetzungen eines seligen Lebens

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Update zu Weil er ihn für einen völligen Toren hielt,
Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen und
Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!:

René Magritte, Le domaine d'Arnheim, 1962Das Krächzen der Raben
ist auch ein Stück –
dumm sein und Arbeit haben:
das ist das Glück.

Gottfried Benn: Eure Etüden, 1955.

So einfach könnt’s sein. Auf welchen verschlungenen Wegen der Mensch jedoch zu seinem persönlichen irdischen Glück gelangen kann, drängt sich durch alle Epochen immer wieder als Gegenstand der Philosophie für Fortgeschrittene auf. Schopenhauer darf man nicht ausgerechnet dazu befragen, der meint:

Es gibt nur einen angeborenen Fehler, und das ist die Vorstellung, dass wir existieren, um glücklich zu sein.

Edgar Allan Poe, diametral entgegengesetzt, meint:

Es ist aber doch eine Binsenweisheit, daß wir existieren, um glücklich zu sein.

Im Zusammenhang aus Poes Kritik über Henry Cockton 1842:

But it is a truism that the end of our existence is happiness. If so, the end of every separate aim of our existence — of everything connected with our existence, should be still — happiness. Therefore, the end of instruction should be happiness — and happiness, what is it but the extent or duration of pleasure? — therefore, the end of instruction should be pleasure.

Es ist aber doch eine Binsenweisheit, daß wir existieren, um glücklich zu sein. Wenn das stimmt, dann müßte auch jeder einzelne Bereich unserer Existenz, alles, was überhaupt mit unserer Existenz verbunden ist, das Glück zum Ziel haben. Das Ziel der Belehrung sollte daher Glück sein — und was ist Glück anders als umfassendes und dauerndes Vergnügen? —, weshalb denn auch das Ziel der Belehrung Glück sein sollte.

Nach den Rezepten zur Glückseligkeit von Solon via Herodot (beide nach ruhmreichen Karrieren unbekannt verstorben) und Heinrich von Kleist (erweiterter Selbstmord) hören wir heute auf die Handreichung aus The Domain of Arnheim in verschiedenen Fassungen zwischen 1842 und 1847 von Edgar Allan Poe (im Delirium tremens in einem Baltimorer Rinnstein aufgefunden, den Folgen der Trunksucht erlegen):

———- Edgar Allan Poe:

The Domain of Arnheim

The Columbian Lady’s and Gentleman’s Magazine, March 1847:

The ideas of my friend may be summed up in a few words. He admitted but four elementary principles, or, more strictly, conditions, of bliss. That which he considered chief was (strange to say!) the simple and purely physical one of free exercise in the open air. “The health,” he said, “attainable by other means is scarcely worth the name.” He instanced the ecstacies of the fox-hunter, and pointed to the tillers of the earth, the only people who, as a class, can be fairly considered happier than others. His second condition was the love of woman. His third, and most difficult of realization, was the contempt of ambition. His fourth was an object of unceasing pursuit; and he held that, other things being equal, the extent of attainable happiness was in proportion to the spirituality of this object.

———- Edgar Allan Poe:

Der Park von Arnheim

März 1847, Übersetzung Arno Schmidt, Werke II, Walter-Verlag 1967, Seite 598 f.:

Aber es ist schließlich nicht meine Absicht, einen Essay über Glückseligkeit zu Papier zu bringen. Die Ideen meines Freundes lassen sich in wenigen Worten zusammenfassen. Er ließ nicht mehr als 4 fundamentale Grundlagen, oder, korrekter, Voraussetzungen, eines seligen Lebens gelten. Diejenige, die er als das Wichtigste betrachtete, war (merkwürdigerweise!) eine simple & rein physische, nämlich körperliche Bewegung in freier Luft. „Die Gesundheit, wie man sie durch andere Mittel erzielt,“ pflegte er zu sagen, „ist kaum desselben Namens würdig.“ Als Beleg für sich führte er die Wonnen des Fuchsjägers an; und verwies auf den Pflüger im Erdenschoß als den Einzigen, der, als Klasse betrachtet, mit Recht für glücklicher angesehen werden kann, denn Andere. Seine zweite Voraussetzung war die Liebe des Weibes. Die dritte (und am schwierigsten einzuhaltende) bestand in der Verachtung jeglichen Ehrgeizes. Die vierte war, daß ein Gegenstand unablässigen Trachtens vorhanden sei; und er behauptete, daß, wenn auch alles andre noch gleichmäßig verteilt wäre, das Ausmaß des ereichbaren Erdenglücks genau proportional sei der Vergeistigtheit eben dieses Trachtens.

René Magritte, Le domaine d'Arnheim, 1938, Amy's Art Gallery

Bilder: René Magritte: Le domaine d’Arnheim, 1938, via Amy’s Art Gallery,
und 1962 via Rene Magritte. Biography, Paintings, and Quotes.

Soundtrack: Hurray for the Riff Raff: Pa’lante, aus: The Navigator, 2017:

Oh I just wanna go to work,
And get back home, and be something.
I just wanna fall and lie,
And do my time, and be something.

Written by Wolf

27. August 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Wie Champagnerschaum das wilde Gelächter (deine Erdbeer- und Himbeerdüfte)

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Update zu Und wenn es hundert schönere gibt,
O süßes Lied und
La feuille s’émeut comme l’aile dans les noirs taillis frémissants:

Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt.

(Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt, in: Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm, 1931.

Sehr richtig, Herr Verleger: Die Leute sollten sich gegenseitig viel mehr Gedichte schenken. Daher kommt heute der literaturwissenschaftliche Teil erst hinterher.

Rimbaud schrieb Les réparties de Nina im Alter von 15 Jahren als 9. Gedicht in seinem 1. Cahier de Douai, die erste Veröffentlichung war in Le Reliquaire 1891. Zitiert wird nach: Arthur Rimbaud: Sämtliche Werke. Französisch und deutsch, übertragen von Sigmar Löffler und Dieter Tauchmann. Mit Erläuterungen zum Werk und einer Chronologie zum Leben Arthur Rimbauds, neu durchgesehen von Thomas Keck, Insel-Verlag Anton Kippenberg, Leipzig 1976, Seite 52 bis 61:

——— Arthur Rimbaud:

Ninas Antwort

15. August 1870:

Er:

Deine Hüfte an meiner Hüfte,
     Na, gehen wir mal,
Die Nasenlöcher voller Düfte,
     Beim frischen Strahl

Der blauen Früh, da uns umflutet
     Tagwein ringsum? …
Dann, wenn der Wald erschauernd blutet,
     Vor Liebe stumm,

Aus jedem Ast als grüne Tropfen
     Den Knospenschwarm!
Man fühlt’s aus allen Poren klopfen
     Wie Fleisch so warm:

Den Morgenrock in der Luzerne
     Gehst du dahin,
Daß rosig sich die Augensterne,
     Statt blau, umziehn.

Verliebt ins grüne Gefilde,
     Säst rundhinaus
Du wie Champagnerschaum das wilde
     Gelächter aus:

Lachst über mich, den ganz Bezechten,
     Der roh dich zwingt,
So, siehst du wohl! – die schönen Flechten,
     Oh! – mich, der trinkt

Deine Erdbeer- und Himbeerdüfte,
     O welch Genuß!
Lachst über die diebischen Lüfte
     Und ihren Kuß,

Über die liebe Heckenrose,
     Die Ärger gibt,
Lachst meistens über ihn, du Lose,
     Der dich so liebt! …

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Oh, siebzehn Jahr! Das wird ein Leben!
     Vom Wiesenkranz,
Vom liebestrunknen Land umgeben!
     – Komm! näher! ganz! …

Deine Hüfte an meiner Hüfte,
     Im Zwiegesang
Erreichen wir langsam die Klüfte
     Am Waldeshang! …

Dann, grad als ob du stürbst, du Tolle,
     Vor Herzenspein,
Sagst du, daß ich dich tragen solle,
     Und blinzelst fein …

Ich trag dich – wie dein Herz klopft, Schöne! –
     Auf schmalem Steig;
Der Vogel spinnt Andantetöne:
     Im Haselzweig

Ich sprech in deine Lippen leise
     Ich drück dich gut
Und wieg dich Kind nach Ammenweise,
     Berauscht vom Blut,

Das färbt die weiße Haut der Glieder
     Mit Rosenton,
Und spreche dann ganz freiweg wieder …
     Na, – du weißt schon …

Die Wälder sind vom Safte trunken;
     Der Sonnenschein
Streut in den Purpurtraum wie Funken
     Sein Gold hinein.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Abends? … Nach Haus die weißen Wege,
     Die schlängelnd gehen
Wie Weisetiere, die sich träge
     Im Kreise drehn.

Die Apfelbäume, Zeil an Zeile,
     Im blauen Gras,
Man riecht sie über eine Meile,
     Wie gut ist das!

Zurück ins Dorf, wo schon die Gasse
     Einschläft; der Duft
Von frischer Milch durchzieht die blasse
     Nächtliche Luft.

Es riecht nach dampfend warmen Haufen
     Des Mists im Stall,
Durch welchen zieht das lange Schnaufen
     Der Leiber all,

Die bleichen im Laternenscheine;
     Und voller Ruh
Bedreckt sich stolz die Hinterbeine
     Die letzte Kuh …

– Großmutters Nase, die andächtig
     Die Brillenlast
Ins Meßbuch tunkt; der Bierkrug, prächtig
     In Blei gefaßt,

Der schäumt, dieweil die Pfeifen rauchen,
     Wenn schmatzend sie
Gräßliche Hängelippen schmauchen,
     Die dennoch nie

Aufhören, Schinken zu verschlingen,
     Mehr! immerzu!
Das Feuer, dessen Lichter springen
     Um Licht und Truh,

Das blanke Hinterteil des Knaben,
     Der rosigrund
Kniet, ’s weiße Mäulchen tief vergraben
     Im Tassengrund,

Indes sich knurrend, stupsend eine
     Schnauze aufreckt
Und liebevoll das dicke, kleine
     Gesicht ableckt …

Die starre Alte auf dem Stuhle,
     Die finster sinnt,
Schwarz vor der Glut, und auf die Spule
     Den Faden spinnt;

Was man alles in solchen Katen
     Zu sehen kriegt,
Wenn auf den grauen Steinquadraten
     Der Herdschein liegt! …

– Dann klein und duftend unsre Bleibe
     In frischer Nacht
Des Flieders: die verhängte Scheibe,
     Die drunter lacht …

Du kommst, du kommst, nicht wahr, wir wandern?
     Ich freu mich so!
Du kommst, mein Lieb? Und was die andern …

Sie:

Und mein Büro?

——— Arthur Rimbaud:

Les réparties de Nina

15 août 1870:

Lui.

Ta poitrine sur ma poitrine,
     Hein ? nous irions,
Ayant de l’air plein la narine,
     Aux frais rayons

Du bon matin bleu, qui vous baigne
     Du vin de jour ?…
Quand tout le bois frissonnant saigne
     Muet d’amour

De chaque branche, gouttes vertes,
     Des bourgeons clairs,
On sent dans les choses ouvertes
     Frémir des chairs :

Tu plongerais dans la luzerne
     Ton blanc peignoir,
Rosant à l’air ce bleu qui cerne
     Ton grand oeil noir,

Amoureuse de la campagne,
     Semant partout,
Comme une mousse de champagne,
     Ton rire fou :

Riant à moi, brutal d’ivresse,
     Qui te prendrais
Comme cela, – la belle tresse,
     Oh ! – qui boirais

Ton goût de framboise et de fraise,
     O chair de fleur !
Riant au vent vif qui te baise
     Comme un voleur,

Au rose églantier qui t’embête
     Aimablement:
Riant surtout, ô folle tête,
     A ton amant !….

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

– Ta poitrine sur ma poitrine,
     Mêlant nos voix
Lents, nous gagnerions la ravine,
     Puis les grands bois !…

Puis, comme une petite morte,
     Le cœur pâmé,
Tu me dirais que je te porte,
     L’œil mi fermé…

Je te porterais, palpitante,
     Dans le sentier :
L’oiseau filerait son andante :
     Au Noisetier

Je te parlerais dans ta bouche:
     J’irais, pressant
Ton corps, comme une enfant qu’on couche,
     Ivre du sang

Qui coule, bleu, sous ta peau blanche
     Aux tons rosés:
Et te parlant la langue franche…
     Tiens !… – que tu sais…

Nos grands bois sentiraient la sève
     Et le soleil
Sablerait d’or fin leur grand rêve
     Vert et vermeil.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Le soir ?… Nous reprendrons la route
     Blanche qui court
Flânant, comme un troupeau qui broute,
     Tout à l’entour

Les bons vergers à l’herbe bleue
     Aux pommiers tors !
Comme on les sent tout une lieue
     Leurs parfums forts !

Nous regagnerons le village
     Au ciel mi-noir ;
Et ça sentira le laitage
     Dans l’air du soir ;

Ça sentira l’étable, pleine
     De fumiers chauds,
Pleine d’un lent rhythme d’haleine,
     Et de grands dos

Blanchissant sous quelque lumière ;
     Et, tout là-bas,
Une vache fientera, fière,
     À chaque pas…

– Les lunettes de la grand’mère
     Et son nez long
Dans son missel : le pot de bière
     – Cerclé de plomb,

Moussant entre les larges pipes
     Qui, crânement,
Fument: les effroyables lippes
     Qui, tout fumant,

Happent le jambon aux fourchettes
     Tant, tant et plus :
Le feu qui claire les couchettes
     Et les bahuts.

Les fesses luisantes et grasses
     D’un gros enfant
Qui fourre, à genoux, dans les tasses,
     Son museau blanc

Frôlé par un mufle qui gronde
     D’un ton gentil,
Et pourlèche la face ronde
     Du cher petit…..

Que de choses verrons-nous, chère,
     Dans ces taudis,
Quand la flamme illumine, claire
     Les carreaux gris !…

– Puis, petite et toute nichée
     Dans les lilas
Noirs et frais : la vitre cachée,
     Qui rit là-bas….

Tu viendras, tu viendras, je t’aime !
     Ce sera beau.
Tu viendras, n’est-ce pas, et même…

Elle.

Et mon bureau ?

Rimbaud suites, 13. Oktober 2018

Die gedachte Landschaft in Rimbauds, des Ardennensohns, Gedicht dürfen wir uns um Chuffilly-Roche (Stand 2018: 73 Seelen) bei Charleville-Mézières vorstellen: um das Nachfolgeanwesen von Rimbauds Mutter herum — das übrigens 2017 von Patti Smith erworben wurde: als waldiges Mittelgebirge ohne Extreme, aber mit viel Idylle:

Auf Rimbauds Manuskript hieß das Gedicht noch Ce qui retient Nina, das ist: Was Nina zurückhält. Die Insel-Ausgabe von Sigmar Löffler und Dieter Tauchmann 1976 lehrt dazu, Seite 416 f.:

Rimbaud suites, 13. Oktober 2018Aufschlußreich ist das Gedicht in vielerlei Hinsicht: Obwohl das Thema, die Einladung eines Mädchens zum Spaziergang, in der zeitgenössischen Dichtung oft strapaziert war, ist doch die realistische Beschreibung, besonders des Bauernhauses in den Ardennen, poetisch außerordentlich gelungen. Am bedeutsamsten jedoch sind die hier gebrauchten Effekte, das Bemühen nämlich, neue kühne Wortschöpfungen zu finden, wenn z. B. das Gras unter dem Schatten der Bäume blau erscheint. Damit leitet sich eine Entwicklung ein, die im ‚Bateau ivre‚ und in der poetischen Prosa der ‚Illuminations‚ gipfelt.

Und noch etwas ist in diesem Stück bedeutsam! Die am Schluß frappierende Antwort des Mädchens: ‚Et mon bureau?‘ Die herbe Desillusionierung eines schwärmerischen poetischen Aufschwungs des lyrischen Ich durch das profane Nützlichkeitsdenken eines weiblichen Gegenübers erinnert an ähnliche Effekte in Texten Baudelaires (z. B. ‚La Soupe et les nuages‘ aus den ‚Petits Poèmes en Prose‚). In Rimbauds poetischer Terminologie ist ‚Bureau‘ ein symbolkräftiger Schlüsselbegriff für geistige Stupidität. In ‚À la musique‘ charakterisiert er die Bourgeois als ‚gros bureaux bouffis‘, in ‚Les Assis‘ spricht er von ‚fiers bureaux‘.

Images: Rimbaud expliqué, 5. Juni 2021;
Rimbaud suites, 13. Oktober 2018.

Bande sonore: Adaption musicale par Richard Ankri, 2019:

Bonus Track: das vollständige Lied von oben:
Patti Smith: Dancing Barefoot, aus: Wave, 1979:

Written by Wolf

20. August 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Land & See

Unvorworm is alderbest

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Update zu Jug und
Wie Hippo und ich uns einmal Siegfried Lenz geschenkt haben (Träum die nächsten hundert Jahre):

Die schulische Bildung im Nordbayerischen schließt ein oder mehrere Male immer einen Schulausflug auf die Nürnberger Kaiser- samt Burggrafenburg ein. Von der Verbindungamauer zwischen beiden soll etwa anno 1375 der Raubritter Apollonius „Eppelein“ von Gailingen durch einen sagenhaft beherzten Sprung zu Pferde seiner Hinrichtung entkommen sein. Die historische Quellenlage zu einem absichtsvollen Sturz von Ross und Reiter über eine nie genau verzeichnete, aber allemal schwindelerregende Höhe in den Burggraben ist spärlich, allenfalls werden zwei — ebenfalls nie genau datierte — Hufabdrücke in der Brüstung gezeigt, die auf einen derartigen Stunt hin-, ihn jedoch nicht beweisen; vermutlich eine touristisch motivierte Stgeinmetzarbeit. Viel zu gut belegt sind dafür das Sprichwort „Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn zuvor“ und ein Erschauern ganzer Schulklassen vor den Hufabdrücken im direkten Sichtvergleich zur Höhe, nein: Tiefe der nach Norden weisenden Burgmauer. Eppeleins sonstiger Wirkungskreis zwischen Gunzenhausen, Neumarkt, Postbauer-Heng und Burgthann, in den er auf seinem Pferd — offenbar ohne gebrochene Beine — geflohen sein soll, liegt übrigens von Nürnberg aus im Süden; seine angebliche Burg über Trainmeusel in der Fränkischen Schweiz wäre nördlich, bleibt aber hypothetisch.

Das macht aber alles nichts, solange die besuchenden Schulkinder hinterher ein Eis kriegen und die Lochgefängnisse mit Folterkammern auf dem Abstieg noch viel schauderhafter, anschaulicher und historisch unwidersprechlich belegt sind: Von Lübeck aus gesehen liegt Nürnberg offenkundig am Main (für Nordlichter: Nürnberg liegt an der mäanderreichen, über jeden einzelnen ihrer über hundert Kilometer idyllischen Pegnitz), jedenfalls noch auf den dortigen Flugblättern des ausgehenden Spätmittelalters bis der anbrechenden Frühneuzeit, je nachdem, wie man es eingrenzen will.

Ungewohnt ist außerdem das Lübecker Platt, das sich geradezu gesucht weit vom üblichen Nürnberger Oberostfränkisch entfernt, in dessen vulgären Ausprägungen als Prolog ledergebundener Speisekarten man die Sage vom „Epp“ immer noch antrifft, wenn man den Schulausflügen entwachsen ist.

——— Jacob und Wilhelm Grimm, Hrsg.:

30./31. Eyn hübsch nye ledt, de Eppele van Geillingen is he geanth, im thone, jdt was ein frisscher frier

Volksblatt gedruckt zu Lübeck um 1550.

(ein ritter zu pferdt in holzschnitt, neben die worte: unvorworm is alderbest, so si he och de dit lest)

Flugblatt, Lübeck ca. 1548, von Jacob Grimm angegeben und hs. überliefert, Quelle nicht ermittelt:

Eppelein von Geillingen 1548Jdt was ein frisscher frier riddersch man
de Eppele van Geilligen is he genant.
   He redt to Nürnberg uth und in
is der van Nürnberg affgesechte viendt.
   hör leve smidt tridt to my heruth.
   Hör leve smidt nu lath di sagen
Du schalt my meym ross veer ysern upslagen.
   Besla my se wol und gesla my se even
jck wil di ein gulden loen darüm geven.
   Do grep he in de taschen syn
he gaff ehm roder gülden neün
   Lever smidt du schalt nicht vel darvan sagen
die hern de motent mirs wol betalen.
   He redt wol vor das wesselhus
he nam den van Nürnberg ein sülvern vögelhuss.
   He redt wol up den Geierssberg
he mäckde den van Nürnberg ehr vögelhuss leer.
   Se schickden em einen baden henna
wor de Eppel van Geillingen wolde liggen de nacht
   Hör lever bader so ick di moth fragen
wat hörste vam Eppele van Geillingen sagen.
   Dat machste wol vor eine warheit yhehen
du heffst en mit dinen ogen gesehen
   Do redt he under dat frouwen doer
dar hengte ein paer rüterstevel vör.
   Doerwechter leve doerwechter myn
wem mögen dit paer rüterstevel syn
   de syn eyns fryen riddersman
de Eppele van Geillingen is he genanth
Eppelein von Geilingen 1852   He nam de stevel up sinen guel
und sloechs dem doerwechter um dat muel
   Sü doerwechter dar heffste din loen
dat segge dinen hern van Nürnberg an.
   De doerwechter was ein behende man
und segts synen hern und der gantzen gemein
   Se schickden twe und ssöventich rüter aengefer
wor de Eppele van Geillingen hen kamen weer.
   Gi söldener yuwe gevangen wil ick nicht syn
sint yuwer twe und ssöventich bin ick men allein.
   Se dreven ehn hindersick up eynen hogen steyn
de Eppele van Geillingen sprinckt in den Meyn.
   Gi Nürnberger söldner synt nicht eerenwerth
juwer neiner hefft kein gudt rüterschpert
   Wo bald he sick uth dem ssadel swanck
und toch dat nige paer stevel an
   Do redt he aver eyn avwe was grön
dar begegnend em eyn koepman dücht sick kön.
   Hör lever koepman nu lath di sagen
wi willen einander um de tasschen slagen
   De koepman was ein behende man
he görde dem Eppele van Geillingen syn tasschen an
   Des koepmans he gantz wol vornam
ein bürin ehm ock up der straten bekam
   De bürinnen he fragde up der stede
wat men vam Eppele van Geillingen seggen dede
   De bürin ehm ein antwert gab
de Eppele van Geillingen weer eyn eyn näckder knäb
   So segge my leve bürin schan,
war hefft di de Eppele van Geillingen gedan
Eppelein von Gailingens Flucht aus Nürnberg, Die Gartenlaube, 1899   De Eppel van Geillingen sick balde bedacht
wo balde he dar ein vür affmacht.
   He nam dat smoldt und mäckd ydt warm
und stöth ehr de hende hevin beth an de arm
   Sü dar so heffste dinen loen
und segge de Eppele van Geillingen hebt dirs gedan.
   He schickde syn Knecht na Farnbach henaff
men scholde em bereden ein gudes mäl.
   Do quam de Eppele van Geillingen in
dho gaff men ehm den kolden win
   De Eppel van Geillingen lügt thom finster henuth
do schoff men em vel wagen vort huss
   Lever werdt do my de dören up
und lath my springen aver uth.
   Do sprank he aver de achte wagen uth
aver den megden gaff he den gevel up
   So licht myn moder am Rin is dodt
darüm moth ick lyden grote nodt.
   Dho toech he uth syn gude rüterschperdt
   Eppele van Geillingen heddest dus nicht gedan
bi dem levende wolden wi di laen
   Den Eppele van Geillingen nemen se an
und bröchten den van Nürnberg den gevangen man.
   Darna förden so en up den ravenstein
man lede ehm den Kop twisschen de Been.

Eppelein-Sprung 2016

Empfohlene, gut erzählte und kompetent illustrierte Fachliteratur: Monisto: Нюрнберг и его легенды. Часть 3. Эппеляйн фон Гайлинген, Монетки на нитке — russisch, daher gern erst durch den Translator gescheucht als: Nürnberg und seine Legenden. Teil 3. Eppelein von Geilingen, Münzen an einer Schnur, 2. April 2017.

Bilder:

Soundtrack: Colin Wilkie & Shirley Hart: Eppelein von Gailingen, aus: Morning, Gatefold Records 1972, und aus britischer Sicht mit abweichender historischer Auffassung:

1.: It was on the road to Nuremberg
a mighty battle I did see,
it took above one hundred men
to bring a fierce knight down.
They fought throughout the afternoon
‚til force of arms it did prevail:
Eppelein von Gailingen
in iron chains was bound.

Chorus: Eppelein,
will not hang in Nuremberg,
will not dance on the gallows tree
nor pay no hangman’s fee.

2.: The soldiers brought him to the town
the Nuremberg judge said: „You must die.“
He laughed at the right scornfully
and this was his reply:
„You may build your gallows high
to the tower above the castle wall,
Eppelein von Gailingen
he will outlive you all.“

3.: The judge he said: „Your death is near,
tomorrow morning you will hang,
a final wish we’ll grant to thee,
before you face the tree.“
„Sit me once upon my horse
that faithfully has carried me,
put the reins into my hands
once more before I die.“

4.: They sat him on his faithful mare
and put the reins into his hands,
he dug the heels into her side,
she answered his command.
One leap, she’s cleared the castle wall,
like the wind raced through the town,
they heard him laugh as he rode away:
„I always shall be free.“

Bonus Track: Die jahrzehntelang unterschätzten Nürnberger Krautrockpioniere
Ihre Kinder: Leere Hände, aus: Leere Hände, Kuckuck Schallplatten 1970:

Written by Wolf

6. August 2021 at 00:01

Und überall die Bitternis in jedem Kerne

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Update zu Die Mondfrau sang im Boote:

Mit Theben meinte Else Lasker-Schüler nicht die „siebentorige“ Stadt in Böotien, die heute Thiva heißt, sondern die „hunderttorige“ in Oberägypten, die es überhaupt nicht mehr gibt; ihr alter ego ist der dortige Prinz — keine Prinzessin — Jussuf. Ihr gleichnamiges Buch ist 2002 neu aufgelegt. Aus der Druckauflage von 250 Stück hat die Lasker 50 Stück wertsteigernd handkoloriert und nummeriert, wobei das Exemplar 6 als „farbig besonders liebevoll gestaltet und gut erhalten“ der Herausgeberin Ricarda Dick für den Berliner Jüdischen Verlag zur Vorlage diente. Ernsthaft erschwinglich war das farbige Faksimile — 124 Euro für 64 Seiten — von Anfang an nicht, dafür schön luxuriös, transkribiert und mit Nachwort.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923Wir tun mal wieder, was wir können, indem wir das Exemplar 58 — also schon keins der kolorierten Unikate mehr — aus einer Wiedergabe lange vor der dankenswerten Neuausgabe von 2002 zugänglich machen. Die Transkriptionen sind übliche Fassungen, nicht zeichengenau die Fassung aus dem neuem, faszinierenden Ganzen, den der Text-Bild-Zyklus Theben bilden soll — aber sie helfen die eher geringfügigen Unterschiede entziffern.

Lasker-Schülers Originalzeichnungen und -handschriften sind auf gelblichem Telegrammpapier verfertigt, das man seinerzeit bei der Post gratis mitnehmen konnte. Es rückt meine Fotos also umso näher an die ursprüngliche Anmutung, wenn meine Vorlage von 1966 ihrerseits in Ehren vergilbt ist.

Danke an Hank Nagler für die Bereitstellung!

(Übrigens suche ich immer noch, wie Sie aus den Fotos schließen können, ein Hand-Model. Vorzugsweise weiblich, mindestens 18 — damit sich irgendwelche Zustimmungen von Erziehungsberechigten erübrigen — bis um die 40 Jahre, Raum München, und nicht, was Sie jetzt denken. Können auch mal andere Körperteile sein, aber keine, die Sie nicht freiwillig Ihrer Großmutter zeigen würden. Von mir aus kann Ihr „Freund“ oder Ihre Anstandsdame zuschauen oder am besten meine Frau, die war sogar mal in einem Fotografieseminar. Es winken belustigende kontaktarme Zusammentreffen mit schönen Büchern und meiner möglichst wenig herumstörenden Person sowie haufenweise lobende Erswähnungen. Als Model-Honorar geht vielleicht sogar mal ein Seidel Bier auf mich.)

——— Else Lasker-Schüler:

Theben

Gedichte und Lithographien

Querschnitt-Verlag, Frankfurt am Main/Berlin 1923, als 24. Flechtheim-Druck in einer Auflage von 250 Exemplaren,
cit nach: Friedhelm Kemp, Hrsg.: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte.
Einmalige Sonderausgabe: Band 134 der Reihe Die Bücher der Neunzehn, Februar 1966, Kösel-Verlag München,
Seite 263 bis 288:

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Gebet

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen grossen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht …
Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Dass blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schliess um mich deinen Mantel fest;
Ich weiss, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Meine Mutter

War sie der große Engel,
Der neben mir ging?

Oder liegt meine Mutter begraben
Unter dem Himmel von Rauch –
Nie blüht es blau über ihrem Tode.

Wenn meine Augen doch hell schienen
Und ihr Licht brächten.

Wäre mein Lächeln nicht versunken im Antlitz,
Ich würde es über ihr Grab hängen.

Aber ich weiß einen Stern,
Auf dem immer Tag ist;
Den will ich über ihre Erde tragen.

Ich werde jetzt immer ganz allein sein
Wie der große Engel,
Der neben mir ging.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Versöhnung

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …
Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht –
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Mein Volk

Der Fels wird morsch,
Dem ich entspringe
Und meine Gotteslieder singe…
Jäh stürz ich vom Weg
Und riesele ganz in mir
Fernab, allein über Klagegestein
Dem Meer zu.

Hab mich so abgeströmt
Von meines Blutes
Mostvergorenheit.
Und immer, immer noch der Widerhall
In mir,
Wenn schauerlich gen Ost
Das morsche Felsgebein,
Mein Volk,
Zu Gott schreit!

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Senna Hoy
(Sascha)

Seit du begraben liegst auf dem Hügel
Ist die Erde süß.

Wo ich hingehe nun auf Zehen,
Wandele ich über reine Wege.

O, deines Blutes Rosen
Durchtränken sanft den Tod.

Ich habe keine Furcht mehr
Vor dem Sterben.

Auf deinem Hügel blühe ich schon
Mit den Blumen der Schlingpflanzen.

Deine Lippen haben mich immer gerufen,
Nun weiß mein Name nicht mehr zurück.

Jede Schaufel Erde, die dich barg,
Verschüttete auch mich.

Darum ist immer Nacht an mir
Und Sterne schon in der Dämmerung.

Und ich bin unbegreiflich unseren Freunden
Und ganz fremd geworden.

Aber du stehst am Tor der stillsten Stadt
Und wartest auf mich, du Großengel.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Marie von Nazareth

Träume, säume, Marienmädchen –
Überall löscht der Rosenwind
Die schwarzen Sterne aus.
Wiege im Arme dein Seelchen.

Alle Kinder kommen auf Lämmern
Zottehotte geritten
Gottlingchen sehen

Und die vielen Schimmerblumen
An den Hecken
Und den großen Himmel da
Im kurzen Blaukleide!

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ein Lied

Hinter meinen Augen stehen Wasser,
Die muß ich alle weinen.

Immer möcht ich auffliegen,
Mit den Zugvögeln fort;

Buntatmen mit den Winden
In der großen Luft.

O ich bin so traurig – – – –
Das Gesicht im Mond weiß es.

Drum ist viel sammtne Andacht
Und nahender Frühmorgen um mich.

Als an deinem steinernen Herzen
Meine Flügel brachen,

Fielen die Amseln wie Trauerrosen
Hoch vom blauen Gebüsch.

Alles verhaltene Gezwitscher
Will wieder jubeln

Und ich möchte auffliegen
Mit den Zugvögeln fort.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Joseph wird verkauft

Die Winde spielten müde mit den Palmen noch
So dunkel war es schon um Mittag in der Wüste,
Und Joseph sah den Engel nicht, der ihn vom Himmel grüßte
Und weinte, da er für des Vaters Liebe büßte
Und suchte nach dem Cocos seines schattigen Herzens doch.

Der bunte Brüderschwarm zog wieder nach Gottosten
Und er bereute seine schwere Untat schon
Und auf den Sandweg fiel der schnöde Silberlohn.
Die fremden Männer aber ketteten des Jakobs Sohn
Bis ihm die Häute drohten mit dem Eisen zu verrosten.

So oft sprach Jakob inbrünstig zu seinem Herrn,
Sie trugen gleiche Bärte, Schaum von einer Eselin gemolken
Und Joseph glaubte jedesmal sein Vater blicke aus den Wolken
Und eilte über heilige Bergeshöhn, ihm nachzufolgen
Bis er dann ratlos einschlief unter einem Stern.

Die Käufer lauschten dem entrückten Knaben,
Des Vaters Andacht atmete aus seinem Haare;
Und sie entfesselten die edelblütige Ware
Und drängten sich zu tragen, Canaans Prophet in einer Bahre,
Wie die bebürdeten Kameele durch den Sand zu traben.

Egypten glänzte feierlich in goldenen Mantelfarben
Da dieses Jahr die Ernte auf den Salbtag fiel.
Die kleine Karawane, endlich nahte sie dem Ziel.
Sie trugen Joseph in das Haus des Potiphars am Nil.
An seinem Traume hingen aller Deutung Garben.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Gott hör ….

Um meine Augen zieht die Nacht sich
Wie ein Ring zusammen.
Mein Puls verwandelte das Blut in Flammen
Und doch war alles grau und kalt um mich.

O Gott und bei lebendigem Tage,
Träum ich vom Tod.
Im Wasser trink ich ihn und würge ihn im Brot.
Für meine Traurigkeit gibt es kein Maß auf deiner Waage.

Gott hör … In deiner blauen Lieblingsfarbe
Sang ich das Lied von deines Himmels Dach –
Und weckte doch in deinem ewigen Hauche nicht den Tag.
Mein Herz schämt sich vor dir fast seiner tauben Narbe.

Wo ende ich? – 0 Gott!! Denn in die Sterne,
Auch in den Mond sah ich, in alle deiner Früchte Tal.
Der rote Wein wird schon in seiner Beere schal …
Und überall – die Bitternis – in jedem Kerne.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ich schrieb die Verse dieses Buches und zeichnete die Bilder dazu auf den Stein bei A. Ruckenbrod in Berlin, der das Buch in 250 Exemplaren für die Querschnitt-Verlags Aktiengesellschaft in Frankfurt am Main druckte. Die Zeichnungen der ersten 50 Bücher colorierte ich mit der Hand. Das Buch erscheint als 24. Flechtheim Druck.

Dieses Buch trägt die Nummer
58

Else Lasker-Schüler

Soundtrack: 17 Hippies: Frau von Ungefähr, aus: Ifni, 2004:

Written by Wolf

30. Juli 2021 at 00:01

Die Mütter sind es! Mütter!

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Update zu Untergehn mit Faust und Maus und Ach! schrei’n (Typisch deutsch!)
und Was hilft euch Schönheit, junges Blut?:

Den Müttern! Trifft’s mich immer wie ein Schlag!
Was ist das Wort das ich nicht hören mag?

Faust (schaudernd), Finstere Gallerie.

Wer zu den Müttern sich gewagt
Hat weiter nichts zu überstehen.

Homunculus, Classische Walpurgisnacht. Pharsalische Felder, Finserniß.

Als ich lange vor meiner notwendigen sittlichen Reife, im Alter von etwa zwölf Jahren, zum ersten Mal im Faust las, verliebte ich mich umgehend in den ersten Teil, weil er sich so schön reimte, der zweite Teil verschließt sich mir bis heute so hermetisch wie allen anderen Leuten auch.

Evelyn De Morgan, Helen of Troy, 1898Am auffälligsten erschien dem Welpen, der ich einst war, der Begriff der „Mütter“, zu denen Faust aus Gründen, die weder ein Zwölf- noch ein 24- noch 120-Jähriger ohne weiteres einzusehen vermag, „hinabsteigen“ muss. Aus dem schieren Wort, das von Assoziationen, nun ja: schwanger ist wie wenige andere, erheben sich umgehend Fragen wie: Warum gleich mehrere Mütter? Wie viele genau? Warum sind sie irgendwo unten? Doch nicht etwa in der Hölle? Und wenn, dann als Insassinnen oder als ein verschobener Verwandtschaftsgrad von des Teufels Großmüttern? Wer sind ihre Kinder?

Es sind drei, in Goethes eigenwilliger Auslegung griechischer Mythologie vermutlich Rhea, Demeter und Persephone. Sie sind die Weltenmütter, zu denen Faust sich gleichwie in sein Unterbewusstsein begeben muss, um den magischen Schlüssel dafür zu beschaffen, den kaiserlichen Hofstaat, nachdem er ihn materiell bereichert hat, auch noch durch die Vorführung der Schönen Helena persönlich samt ihrem Prinzen Paris zu amüsieren. Das gehört zu den wenigen Dingen, die sein dienstbarer Geist Mephisto ihm nicht unmittelbar leisten kann, worin eine mystisch umwaberte, aber eindeutige Kapitalismuskritik liegt. Entgegen der Erwartung an eine so tiefgreifende Unternehmung nimmt Faustens Gang zu den Müttern keinen ganzen Akt ein, sondern ist in wenigen Dialogwechseln teichoskopisch abgehandelt, was auch das spärliche Illustrationsmaterial dazu erklärt. Beruhigender Weise orientieren sich bisherige Interpretationen sehr viel eher an den Orphikern als an Ödipus.

Am tiefschürfendsten erfahren wir in der anthroposophischen Wikipdia, was Faust als Sprachrohr von Goethe unter „Müttern“ versteht, und finden eine thematisch früher einsetzende, wenngleich erst zwei Jahre spätere Erklärung für Rudolf Steiners Vortrag übers Reich derselben: aus dem Vortrag Faust und die Mütter, gehalten am 2. November 1917 in Dornach, nach einer szenischen Darstellung aus „Faust II“: „Finstere Galerie“, „Am Kaiserhof“:

Persönlich ist Goethe dieses ganze Verhältnis zu den Müttern vor die Seele getreten aus der Lektüre des Plutarch. Plutarch, der griechische Schriftsteller, den Goethe gelesen hat, spricht von den Müttern. Insbesondere eine Szene im Plutarch scheint auf Goethe dem Gemüte nach einen tiefen Eindruck gemacht zu haben: Die Römer sind mit den Karthagern im Kriege. Nikias ist römisch gesinnt, und er will die Stadt Engyion den Karthagern entreißen. Er soll an die Karthager deshalb ausgeliefert werden. Da stellt er sich wahnsinnig und läuft auf den Straßen herum und ruft: Die Mütter, die Mütter verfolgen mich! – Sie sehen daraus, daß in der Zeit, von der Plutarch spricht, man diese Verwandtschaft der Mütter nicht mit dem gewöhnlichen sinnlichen Verstände, sondern mit einem Zustand des Menschen, wo dieser sinnliche Verstand nicht da ist, in Zusammenhang bringt. Zweifellos hat alles dasjenige, was Goethe im Plutarch gelesen hat, ihm die Anregung gegeben, den Ausdruck, die Idee der Mütter einzuführen in den Faust.

Fachliteratur ist außer Rudolf Steiner, diesmal kmit tiefenpsycholgischem Ansatz, Simone Ehrhardt: Die Rolle der Mütter in Goethes Faust I ünd II, Magister-Abschlussprüfung (8 Seiten) an der Uni Mannheim 2000, Fassung von 2017. Die Coverage über die Mütter aus Faust II bildet der Absatz:

Der Gang zu den Müttern

Das nächste bedeutende Erlebnis ist Fausts Gang zu den Müttern. (Davor wird er durch besagte negative Mutter, die zu ihrer Tochter redet, noch einmal mit dem konfrontiert, was seine ursprüngliche Einschätzung Gretes war.) Der Gang zu den Müttern führt ihn auf eine Ebene, wohin Mephisto ihm nicht folgen kann. Der Anlass dafür ist, Helena zu finden, die Frau, die er schon im Spiegel gesehen hat und die in seinem Inneren wohnt. Der Gang zu den Müttern ist also ein Versinken in sein Unterbewusstsein. Wenn man Wilhelm Resenhöffts Argumentation folgt, der in Mephisto die Verkörperung des Faustschen Verstandes sieht, dann ist klar, warum Mephisto nicht dorthin kommen kann. Der Verstand kann dem Unter-bewusstsein nicht begegnen, das wäre paradox.

Faust begegnet bei den Müttern dem Urbild der Mutter, der Weiblichkeit, dem Weiblichen in sich selbst und stellt sich dem zum ersten Mal gewollt. Was er dort bzw. dadurch lernt, ist, dass es des Männlichen und des Weiblichen bedarf, um Leben zu schaffen (symbolisch dargestellt durch den Schlüssel und den Dreifuß) – ein Motiv, das später in Bezug auf Homunculus wiederholt wird.

Faust schafft es, Helena und Paris erscheinen zu lassen, aber das krampfhafte Festhaltenwollen an Helena lässt alles in Rauch aufgehen und Faust in einer Ohnmacht versinken. Wollte man Freud bemühen, könnte man auch sagen, dass Faust hier das Bild von Mutter und Vater erstehen lässt, durch seinen Vernichtungswunsch dem gleichgeschlechtlichen Rivalen gegenüber aber alles zerstört. In Helena könnte man das idealisierte Bild von Fausts Mutter sehen, in seiner Verbindung mit ihr denrealisierten Wunsch des Sohnes der Mutter gegenüber. Da dies aber vom Über-Ich verboten ist, kann diese Verbindung keinen Bestand haben.

Ich mache mir Rudolf Steiners Ansichten nicht zu eigen. Rein zur Dokumentation zitiere ich aus seiner gesamten Vortragsreihe, dem Band II aus Das Faust-Problem. Die romantische und die klassische Walpurgisnacht. Geisteswissenschaftliche Erläuterungen zu Goethes „Faust“. Zwölf Vorträge, gehalten in Dornach vom 30. September 1916 bis 19. Januar 1919, ein öffentlicher Vortrag in Prag am 12. Juni 1918 ungekürzt:

——— Rudolf Steiner:

Das Reich der Mütter. Die Mater gloriosa

Vortrag über Kunst, Reihe Faust, der strebende Mensch,
Dornach, 16. August 1915:

Blicken wir zurück in eine frühere Szene des zweiten Teiles von Goethes «Faust», in die Szene, die ich in manchem Zusammenhange schon öfters erwähnt habe, wo es Faust möglich gemacht werden soll, mit Helena sich zu vereinigen. Wie wird innerhalb der ganzen Faust-Dichtung diese Möglichkeit der Vereinigung des Faust mit Helena dargestellt?

Franz Xaver Simm, Helena 1899 via GoethezeitportalWir wissen, daß Faust sich zunächst, um die Vereinigung mit der Helena vollziehen zu können, in jene Region zu begeben hat, in die selbst Mephistopheles nicht hinein kann, in das Reich, das genannt wird «das Reich der Mütter». Wir haben es öfter hervorgehoben, daß Mephistopheles-Ahriman nur in der Lage ist, Faust den Schlüssel zum Reiche des «Unbetretenen, nicht zu Betretenden» zu reichen. Wir haben es auch erwähnt, wie in diesem Reiche der Mütter dasjenige zu finden ist, was das Ewige iSt an Helena, und wir haben erwähnt, wie Goethe versucht hat, das Geheimnis des Wiedereintretens der Helena in die Erdenwelt zu lösen. Wir haben dieses Geheimnis von Goethe ausgesprochen ge­funden dadurch, daß er den Homunkulus entstehen läßt, daß der Ho­munkulus durchgeht durch die Evolution der Erdenentwickelung, diese Evolution der Erdenentwickelung gleichsam nachholt, und daß dann der Homunkulus, indem er sich auflöst in den Elementen, übergeht in die elementarische geistige Welt so, daß er, indem er sich vereinigt mit dem Urbild der Helena, welches Faust von den Müttern holt, gewissermaßen die Wiederverkörperung gibt, mit der nun Faust sich verbinden kann. Faust ist gewissermaßen auf den großen Schauplatz der Geschichte er­hoben, er sucht Helena. Was braucht er, um Helena zu suchen? Helena, der Typus der griechischen Schönheit, Helena, das Weib, das so viel Verderben in die Griechenwelt gebracht hat, das aber Goethe doch so darstellt, daß es uns ebenfalls – ich sage dies mit Bezug auf das Gretchen – in griechischem Sinne unschuldig schuldig erscheint. Denn so tritt Helena am Beginn des dritten Aktes auf: unschuldig schuldig. Durch ihre Tat ist viel Schuld bewirkt worden. Allein Goethe sucht in jeder Menschennatur das Ewige und kann nicht rechnen da, wo er die Evolution der Menschheit im höheren Sinne darstellen will, mit der Schuld, sondern er kann nur rechnen mit der Notwendigkeit.

Wenn wir uns nun fragen, wodurch wird Faust in die Lage versetzt, in jene geistigen Reiche zu steigen, in denen er die Helena finden kann, da klingt es uns entgegen:

Die Mütter sind es! Mütter!

Und Mephistopheles reicht ihm den Schlüssel zu den Müttern. In charakteristischer Weise wird uns auseinandergesetzt, daß Faust hinabsteigen soll zu den Müttern, man könnte ebensogut sagen hinaufsteigen, denn in diesem Reich kommt es nicht darauf an, in physischem Sinne das Hinab und Hinauf voneinander zu unterscheiden.

Die Mütter! Mütter! – ’s klingt so wunderlich!

Wir hören das Wort aus dem «Faust». Und wenn wir uns erinnern, wie dies Reich der Mütter beschrieben wird, wie sie sitzen um den goldenen Dreifuß, wenn wir die ganze Szenerie des Reiches der Mütter ins Auge fassen, wie könnte dieses Sich-Begeben des Faust ins Reich der Mütter ausgedrückt werden? Was sind sie, die Mütter, die ewig walten, aber – weiblich dargestellt – die Kräfte darstellen, von denen Faust hervorgeholt hat das Ewige, das Unsterbliche der Helena? Wollte man an der Stelle, wo Faust zu Helena geschickt wird, die ganze Tatsache ausdrücken, so müßte man sagen: Faust wird seinen Drang zu Helena und zu den Müttern auszudrücken haben dadurch, daß er sagt: Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan oder hinab – darauf kommt es jetzt nicht an. Wir könnten ebensogut dieses letzte Motiv, das uns am Schlusse des «Faust» entgegentritt, angewendet wissen da, wo Faust zu den Müttern hinuntersteigt. Aber wir stehen mit dem Faust bei seinem Gang zu den Müttern und zu Helena auf dem Boden der alten heidnischen Welt, der vorchristlichen Welt, der Welt, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen ist. Und am Schlusse des «Faust»? Wir stehen einem ähnlichen Gange des Faust gegenüber, dem Gange des liebenden Faust, der sich Gretchens Seele nähern will, aber wir stehen jetzt mit ihm auf dem Boden der Evolution nach dem Mysterium von Golgatha. Und nach was strebt er jetzt? Noch nach den Müttern? Nach der Dreizahl der Mütter nicht mehr. Nach der einen Mutter, nach der Mater gloriosa, die ihm den «Weg ins Unbetretene, nicht zu Betretende», wo Gretchens Seele weilt, ebnen soll. Die Mütter, auch ein Ewig-Weibliches, sind in der Dreizahl. Die Mutter, die Mater gloriosa, sie ist in der Einzahl. Und das Streben zu den Müttern, indem es uns versetzt in die Zeit der Evolution vor dem Mysterium von Golgatha, und das Streben zu der Mutter, zu der Mater gloriosa, indem es uns versetzt in die Evolution nach dem Myste­rium von Golgatha – zeigt es uns nicht in einer wunderbaren Weise, dichterisch großartig, überwältigend großartig dasjenige, was das Mysterium von Golgatha der Menschheit gebracht hat? Aus der Dreiheit des noch astralischen Denkens, Fühlens und Wollens strebt hinauf die Menschheit im «Faust» nach der Dreigliedrigkeit des Ewig-Weiblichen. Wir haben es oft charakterisiert, wie die Einheit des menschlichen Inne­ren in dem Ich über die Menschheit gekommen ist durch das Mysterium von Golgatha. Aus den drei Müttern wird die eine Mutter, die Mater gloriosa, dadurch, daß der Mensch in der uns bekannten Weise zu der innerlichen Durchdringung mit dem Ich fortgeschritten ist.

In der Faust-Dichtung ist verkörpert das ganze Geheimnis des Überganges der Menschheit vor dem Mysterium von Golgatha. Und dieses von dem Ewig-Weiblichen der Dreiheit zu dem Ewig-Weiblichen der Einheit ist eine der größten, der wunderbarsten, schönsten Steigerungen nun in der künstlerischen Ausgestaltung, die sich in diesem zweiten Teil des «Faust» befindet. Aber wie tief wir auch in die Geheimnisse des «Faust» hineinsehen, überall finden wir das, was ich pedantisch aus­gesprochen, aber nicht pedantisch gemeint habe, indem ich gesagt habe:

Alles klingt so sach- und fachgemäß.

Ich habe schon früher darauf aufmerksam gemacht, wie wir, wenn wir vollständig den menschlichen Zusammenh ang begreifen wollen, dar­auf hinweisen müssen, daß der Mensch zunächst als ganzer Mensch mit dem Makrokosmos zusammenhängt, wie im Menschen sich der Makrokosmos abbildlich als im Mikrokosmos findet. Nur müssen wir uns er­innern, daß des Menschen Erdenentwickelung unverständlich bleibt, wenn man nicht weiß, daß der Mensch in seinem Inneren dasjenige trägt, was zunächst für diese Erdenentwickelung ein Vergängliches ist, was aber für des Menschen Entwickelung ein Dauerndes ist, was sich hineinentwickelt hat in die menschliche Natur beim Durchgang durch die alte Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung. Wir wissen, daß des Menschen physischer Leib sich in der ersten Anlage schon während der alten Saturnentwickelung gebildet hat. Wir wissen, daß er sich da­mals immer weiter und weiter gebildet hat durch Sonnen- und durch Mondenentwickelung bis zur Erdenentwickelung herüber. In verschiede­ner Weise – darauf habe ich früher schon hingewiesen – ist nun eingegangen in die äußere irdische Bildung des Menschen das, was in den drei Vorstufen der Evolution, der vorirdischen Evolution, mit dem Menschen sich vereinigte.

Ich konnte den Teil, der früher über die Sache zu sagen war, nur flüchtig andeuten, und bei diesem flüchtigen Andeuten muß es auch bleiben. Ich habe gesagt: Wir berühren dabei den Saum eines bedeut­samen Geheimnisses. – Und es ist sehr natürlich, daß diese Dinge nur angedeutet werden können. Wer sie weiter verfolgen will, muß über das Angedeutete eine Meditation anstellen. Er wird dann schon das, was ihm noch wünschenswert ist, finden, wenn es vielleicht auch etwas lange dauert.

Wir aber müssen uns klarmachen, daß der Mensch, indem die Mondenentwickelung sich abgeschlossen hat, die Erdenentwickelung begonnen hat, gewissermaßen in diesem Übergang von der Mondenentwickelung zur Erdenentwickelung durchgegangen ist durch eine Art von Auflösung, Vergeistigung, durch eine Weltennacht, und erst wiederum sich hereingebildet hat ins Materielle. Gewiß, die Anlagen, die er sich durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung gebildet hat, sind ihm geblieben, auch die Anlagen zum physischen Leibe. Aber er hat sie auch aufgenommen in das Geistige und hat sie dann wieder herausgebildet aus dem Geistigen, so daß wir uns während der Erdenentwickelung eine Zeit denken mussen, in welcher der Mensch noch nicht physisch war.

Wenn wir von allem übrigen absehen, was teil hat an der Entwickelung der Tatsache, daß der Mensch sich in seinem physischen Erdendasein männlich und weiblich bildet, so können wir im allgemeinen sagen: So wie der Mensch überhaupt hereingekommen ist, ist er zunächst als ätherischer Mensch hereingekommen. – Gewiß, in diesem ätherischen Menschen waren schon die Anlagen zum physischen Menschen, die wäh­rend der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit sich entwickelt haben, aber dennoch, sie waren im Ätherischen ausgebildet. Ich habe das schon in der «Geheimwissenschaft im Umriß» genauer angedeutet. Und es muß sich das Physische erst wiederum aus dem Ätherischen heraus entwickeln. Aber an diesem ganzen Prozeß des Herausentwickelns haben Luzifer und Ahriman ihren Anteil. Denn Luzifer und Ahriman greifen schon vorher, wenn sich auch ihr Einfluß während der Erdenentwickelung wiederholt, während der Mondenentwickelung und schon während der Entwickelung hin zum Mond in die ganze Entwickelung der Menschheit ein.

Franz Xaver Simm, Helena 1899 via GoethezeitportalNun habe ich hier etwas zu sagen, was schwer verständlich ist – weniger schwer verständlich für den menschlichen Verstand als schwer ver­ständlich, glaube ich, für das ganze menschliche Gemüt –, aber was doch auch einmal wirklich verstanden werden muß. Stellen wir uns vor: der Mensch war also einmal im Erdenlauf, bevor er sich seit der lemurischen und atlantischen Zeit physisch allmählich gebildet hat, ätherisch, und – ich will das schematisch andeuten – aus diesem Ätherischen habe sich herausgebildet allmählich sein Physisches. Also der Mensch war äthe­risch. Nun wissen wir, daß das Ätherische ein viergliedriges ist. Wir kennen den Äther als eine gewissermaßen viergliedrige Wesenheit. Wenn wir von unten nach oben steigen, so kennen wir den Äther als: Wärmeäther; Lichtäther; den Äther mit stofflicher Natur oder auch chemischen Äther, der aber seine stoffliche Natur dadurch hat, daß der Stoff inner­lich noch den Ton füllt, die Weltenharmonie, die Sphärenharmonie, denn Stoffe sind dadurch Stoffe, daß sie Ausdruck sind für die Weltenharmonie. Zunächst haben wir uns die Welt harmonisch vorzustellen. Der eine Ton bedingt, indem er hinklingt durch die Welt, sagen wir, Gold, der andere Ton bedingt Silber, der dritte Ton bedingt Kupfer und so weiter. Jeder Stoff ist der Ausdruck eines gewissen Tones, so daß wir natürlich auch sagen können Tonäther, nur dürfen wir nicht den Äther so darstellen, daß er irdisch wahrnehmbar ist, sondern als noch in der Äther-Geistsphäre verklingenden Ton. Und der letzte Äther ist der Lebensäther. So daß der Mensch, wenn wir ihn uns noch als ätherisch vorstellen, ätherisch dadurch gebildet ist, daß diese vier Ätherarten in­einandergreifen. Wir können also sagen: Der Mensch erscheint da, wo die Erdenentwickelung sich anschickt, aus dem Äthermenschen allmählich den physischen Menschen hervorgehen zu lassen, als ein Ätherorganismus vor seinem Physischwerden, wo durcheinander organisiert ist Wärmeäther, Lichtäther, stofflicher oder Tonäther und Lebensäther.

Nun nehmen an diesem ganzen Prozeß des Physischwerdens des Men­schen teil Luzifer und Ahriman. Sie sind immer dabei. Sie nehmen teil an dieser ganzen Evolution. Sie üben ihren Einfluß aus. Natürlich gibt es besondere Punkte, wo sie diesen Einfluß ziemlich stark ausüben, aber immer sind sie da, diese besonderen Punkte, das finden Sie ja in der «Geheimwissenschaft» hervorgehoben. So wie, ich möchte sagen, die ganze pflanzliche Kraft immer in der Pflanze ist, aber einmal sich als grünes Laubblatt, einmal sich als Blüte geltend macht, so sind auch Luzifer und Ahriman immer dagewesen, während sich der Mensch hindurchent­wickelt hat durch die verschiedenen Epochen der Erdenentwickelung, sind sie gewissermaßen bei allem dabei.

Wenn Sie nun von allem übrigen absehen, man kann ja nicht immer alles aufzählen, so können Sie sich ungefähr dieses aus der ätherischen Organisation heraus entstehende Physische des Menschen so vorstellen – alles übrige eingerechnet, was ich in der «Geheimwissenschaft» und sonst natürlich dargestellt habe –, daß weibliche Gestalt und männliche Gestalt entsteht. Was sonst mitwirkt, davon sehen wir jetzt ab, aber es entsteht weibliche und männliche Gestalt. Hätten Luzifer und Ahriman nicht mitgewirkt, so wäre nicht weibliche und männliche Gestalt entstanden, sondern das, was ich einmal in München beschrieben habe: ein Mittleres. So daß wir wirklich sagen können: Luzifer und Ahriman ist es zuzuschreiben, daß die Menschengestalt auf Erden differenziert wurde in eine männliche und weibliche Gestalt. – Und zwar, wenn wir uns nun schon vorstellen den Zustand, wie sich der Mensch der Erde nähert, die sich allmählich durch das mineralische Reich verfestigt, wenn wir uns dazu noch vorstellen, daß sich der Erdenplanet bildet, physisch verfestigt, daß sich im Umkreise der Erde der auch die Erde durchdringende Äther befindet, so können wir uns vorstellen, daß der Mensch sich aus dem Äther der ganzen Erde herausbildet und damit sich in seinem Charakter auch nähert dem Physischen der Erde, daß sich in ihm gleichsam das Ätherisch-Mineralisch-Physische begegnet mit dem Mineralisch-Physischen der Erde. Aber Luzifer und Ahriman sind dabei, sind richtig dabei wirksam. Viele Mittel haben sie, um ihren Einfluß auf die Evolution der Menschheit geltend zu machen. Und dieser verschiedenen Mittel bedienen sie sich zu diesen oder jenen Vorgängen, die sie hervorrufen.

Luzifer hat vor allen Dingen die Tendenz, den Geist des Leichten zu entwickeln; er möchte eigentlich immer den Menschen nicht recht irdisch werden lassen, möchte ihn gar nicht so völlig auf die Erde herabkommen lassen. Luzifer ist ja bei der Mondenentwickelung zurück­geblieben, und er möchte den Menschen für sich gewinnen, ihn nicht hereinlassen in die Erdenentwickelung. Das strebt er auf die Weise an, daß er sich vor allen Dingen der Kräfte des Wärmeäthers und des Lichtäthers bemächtigt. Diese Kräfte verwendet er auf seine Art in den Vorgängen, die jetzt geschehen bei dem Physischwerden des Menschen. Luzi­fer hat hauptsächlich Macht über den Wärmeäther und den Lichtäther, die beherrscht er vorzugsweise. Dazu hat er sich schon während der Mondenentwickelung gut vorbereitet, die organisiert er auf seine Art. Dadurch kann er in einer andern Weise die Menschwerdung beeinflussen. Indem er aus dem Äther heraus den Menschen physisch werden läßt, kann er dadurch, daß er gerade über Wärme- und Lichtäther sich hermacht und darin seine Gewalt geltend macht in einer andern Weise, als es sonst ohne diese geschehen wäre, die menschliche Gestalt bewirken. So wie er nun im Wärme-Lichtäther waltet und webt, wird durch dieses Walten und Weben nicht der Mittelmensch, der sonst entstehen würde, sondern die weibliche Gestalt des Menschen. Die weibliche Gestalt des Menschen wäre nie ohne Luzifer zustande gekommen. Sie ist schon der Ausdruck des Hervorgehens aus dem Äther, indem Luzifer sich gerade des Wärme-Lichtäthers bemächtigt.

Über den Ton- und Lebensäther hat besonders Ahriman seine Gewalt. Ahriman ist zugleich der Geist der Schwere. Ahriman hat das Bestreben, Luzifer entgegenzuwirken. Dadurch wird in einer gewissen Weise wesentlich das Gleichgewicht bewirkt, daß von den weise wirkenden, fortschreitenden Göttern der luziferischen Gewalt, die den Menschen hinausheben will über das Irdische, entgegengestellt wird die ahrimanische Gewalt. Ahriman will nun den Menschen eigentlich herunterziehen ins Physische. Er will ihn mehr physisch machen, als er sonst würde als Mittelmensch. Dazu ist Ahriman dadurch vorbereitet, daß er besonders Gewalt hat über den Ton- und Lebensäther. Und in Ton- und Lebensäther wirkt er und webt er, der Ahriman. Und dadurch wird nun die menschliche physische Gestalt, indem sie aus dem Äther herausgeht ins Physische hinein, in einer andern Weise physisch, als sie geworden wäre durch die bloß fortschreitenden Götter, zur männlichen Gestalt. Die männliche Gestalt wäre ohne den Einfluß Ahrimans gar nicht denk­bar, gar nicht möglich. So daß man sagen kann: Die weibliche Gestalt ist herausgewoben durch Luzifer aus dem Wärme- und Lichtäther, in­dem Luzifer dieser Gestalt ätherisch ein gewisses Streben nach oben ein­flößt. Die männliche Gestalt wird von Ahriman so geformt, daß ihr ein gewisses Streben zur Erde hin eingepflanzt wird.

Dies, was so gleichsam jetzt aus dem Makrokosmischen der Weltenevolution heraus gewollt ist, können wir im Menschen wirklich geisteswissenschaftlich beobachten. Nehmen wir einmal die weibliche Gestalt, schematisch gezeichnet, so müssen wir also sagen: Da ist ätherisch hin­einverwoben von Luzifer Wärme und Licht in seiner Art. – Es ist also die physisch-weibliche Gestalt so gewoben, daß im Licht- und Wärmeäther nicht nur die gleichmäßig fortschreitenden Götter ihre Kräfte entwickelt haben, sondern daß luziferische Kräfte in diesen weiblichen Ätherleib hineinverwoben sind. Nehmen wir nun an, es werde in diesem weiblichen Ätherleib dasjenige, was die Erde besonders gegeben hat, das Ich-Bewußtsein, das zusammenhaltende Bewußtsein herabgestimmt, es trete eine Art herabgestimmtes Bewußtsein ein, was manche Leute schon «Hellsehen» nennen, eine Art des traumhaften, trancehaften Schauens, dann tritt in einem solchen Falle dasjenige, was Luzifer in Licht- und Wärmeäther verwoben hat, in einer Art von Aura heraus, so daß, wenn Visionärinnen in ihren Visionszuständen sind, sie von einer Aura umgeben sind, welche luziferische Kräfte in sich hat, nämlich die des Wärme- und Lichtäthers. Nun handelt es sich darum, daß diese Aura, die nun den weiblichen Leib umgibt, wenn Visionszustände ein­treten auf mediale Art, als solche nicht geschaut wird. Denn selbstverständlich wenn nun der weibliche Leib inmitten dieser Aura ist (es wird gezeichnet), dann sieht der weibliche Organismus in diese Aura hinein, und er projiziert ringsherum das, was er in dieser Aura sieht. Er sieht das, was in seiner eigenen Aura ist. Der objektive Betrachter sieht etwas, was er nennen kann: der Mensch strahlt Imaginationen aus, er hat eine Aura, die aus Imaginationen gebildet ist, an sich. Das ist ein objektiver Vorgang, der dem, der ihn betrachtet, nichts macht. Das heißt, wird diese imaginative Aura von außen betrachtet, durch einen andern betrachtet, so wird einfach eine Aura objektiv gesehen, wie etwas anderes gesehen wird; wird aber diese Aura von innen, von der Visionärin selber durchschaut, so sieht sie nur das, was in ihr selber Luzifer ausbreitet. Es ist ein großer Unterschied, ob man etwas selber sieht, oder ob es von andern gesehen wird. Ein gewaltiger Unterschied!

Mit diesem hängt es zusammen, daß bei dem Eintritt des visionären Hellsehens bei der Frau die große Gefahr dann vorhanden ist, wenn dieses visionäre Hellsehen in Form von Imaginationen auftritt. Da ist von seiten der Frau ganz besondere Vorsicht nötig. Und es ist immer das vorauszusetzen, daß die Entwickelung scharf in die Hand genommen werden muß, daß sie eine gesunde ist. Nicht stehenbleiben bei alledem, was man sieht, nicht wahr, denn das kann einfach die eigentlich luziferische Aura sein, von innen angeschaut, die nötig war, um den weiblichen Leib zu bilden. Und manches, was Visionärinnen beschreiben, ist aus einem ganz andern Grunde interessant als aus dem Grunde, aus dem es die weiblichen Visionärinnen für interessant halten. Wenn sie es so beschreiben oder ansehen, als ob es eine interessante objektive Welt wäre, so haben sie ganz unrecht, so sind sie ganz im Irrtum. Wenn aber diese entsprechende Aura von außen gesehen wird, dann ist es das, was aus dem Äther heraus die weibliche Gestalt gerade möglich gemacht hat in der Erdenentwickelung. So daß wir sagen können: Die Frau hat besondere Vorsicht anzuwenden, wenn bei ihr das Visionäre, das imaginative Hellsehen beginnt oder sich zeigt, denn da kann sehr leicht eine Gefahr lauern, die Gefahr, in Irrtum zu verfallen.

Der männliche Organismus ist nun anders. Wenn wir den männlichen Organismus ins Auge fassen, so hat in seine Aura hinein Ahriman seine Kraft, aber jetzt in den Ton- und Lebensäther gewoben. Und wie es bei der Frau vorzugsweise der Wärmeäther ist, so ist es beim Manne vor­zugsweise der Lebensäther. Bei der Frau ist es vorzugsweise der Wärmeäther, in dem Luzifer wirkt, und beim Manne der Lebensäther, in dem Ahriman wirkt. Wenn der Mann nun aus seinem Bewußtsein heraus­kommt, wenn der Zusammenhalt, der sich in ihm als Ich-Bewußtsein ausdrückt, herabgedämpft wird, wenn eine Art passiver Zustand bei dem Manne eintritt, dann ist es so, daß man wiederum sehen kann, wie die Aura sich um ihn geltend macht, die Aura, in der Ahriman seine Gewalt darinnen hat.

Aber es ist jetzt eine Aura, die vorzugsweise Lebensäther und Tonäther in sich enthält. Da ist vibrierender Ton drinnen, so daß man eigentlich diese Aura des Mannes nicht so unmittelbar imaginativ sieht. Es ist keine imaginative Aura, sondern es ist etwas von vibrierendem geistigem Ton, das den Mann umgibt. Das alles hat zu tun mit der Gestalt, nicht mit der Seele natürlich; das hat mit dem Manne zu tun, insofern er physisch ist. So daß derjenige, der diese Gestalt von außen betrachtet, sehen kann: der Mensch strahlt – kann man jetzt sagen – Intuitionen aus. Das sind dieselben Intuitionen, aus denen eigentlich seine Gestalt gebildet worden ist, durch die er da ist als der Mann in der Welt. Da tönt es von lebendig-vibrierendem Ton um einen herum. Da­her ist beim Manne eine andere Gefahr vorhanden, wenn das Bewußt­sein zur Passivität herabgedämpft wird, die Gefahr, diese eigene Aura nur zu hören, innerlich zu hören. Der Mann muß besonders achtgeben, daß er nicht sich gehen läßt, wenn er diese eigene Aura geistig hört, denn da hört er den in ihm waltenden Ahriman. Denn der muß da sein.

Franz Xaver Simm, Helena 1899 via GoethezeitportalSie sehen jetzt, wie auf der Erde nicht das Männliche und Weibliche in der Menschheit wäre, wenn nicht Luzifer und Ahriman gewirkt hätten. Ich möchte wissen, wie die Frau dem Luzifer entfliehen könnte, wie der Mann dem Ahriman entfliehen könnte! Die Predigt: man soll ihnen entfliehen, diesen Gewalten – ich habe es oft betont –, ist ganz töricht, denn sie gehören zu dem, was in der Evolution lebt, nachdem die Evolution schon einmal so ist, wie sie ist.

Aber wir können jetzt sagen: Ja, indem der Mann also auf der Erde als Mann steht, in einer männlichen Inkarnation, geht er durch sein Leben, und das, was er als Mann ist, was er als Mann erfahren kann, was gewissermaßen die männliche Erfahrung ist, hat er davon, daß dieser tönende Lebensäther in ihm ist, daß er gewissermaßen illimer in sich, allerdings von Ahriman gemischte Lebechöre hat, die eigentlich seine männliche Gestalt aufbauen. Lebechöre hat er um sich, in sich, die nur, wenn er medial wird, um ihn herum sichtbar, hörbar werden.

Nehmen wir nun an, wir hätten es mit bei der Geburt gleich Gestor­benen zu tun, die ausdrücken wollen, daß sie nicht «Mann» geworden sind hier während ihrer Inkarnation. Was würden denn die sagen? Die würden sagen, daß dies bei ihrer Geburt nicht gewirkt hat, daß sie zwar die Anlagen gehabt haben, in dieser Inkarnation Männer zu werden, aber es hat das, was den Mann zum Mann macht, nicht gewirkt. Sie sind entfernt worden gleich von dem, was sie in der physischen Inkarnation zu Männern gemacht hätte. Kurz, sie werden sagen:

Wir wurden früh entfernt
Von Lebechören.

Das sagen die seligen Knaben.

Wir wurden früh entfernt
Von Lebechören;
Doch dieser hat gelernt,

das heißt: der hat die Erfahrung durchgemacht, der Faust. Der ist durch das lange Leben gegangen, durch das lange Erdenleben. Der kann uns etwas übermitteln von diesem Erdenleben.

Er wird uns lehren.

So müssen wir gewissermaßen in die tiefsten Tiefen des okkulten Erkennens hineinschauen, wenn wir verstehen wollen, warum das eine oder andere Wort gerade in dieser Dichtung steht. Der Kommentator kommt dann und sagt: Nun ja, der Dichter wählt so ein Wort: Lebe­chöre und so weiter. – Dem ist alles recht, wenn er nur nicht nötig hat, sich der Unbequemlichkeit zu unterwerfen, etwas zu lernen. Durch solche Dinge möchte ich Sie hinweisen darauf, wie sach- und fachgemäß im Sinne der geistigen Weltauffassung diese Goethesche Dichtung ist, was in dieser Goetheschen Dichtung eigentlich ruht.

Nun habe ich Ihnen vielleicht – ich sagte es gleich: es hat etwas für das Menschengemüt schwer Verständliches – nach der einen oder andern Richtung hin das Herz schwergemacht, indem ich wiederum einmal auf charakteristische Punkte hingewiesen habe, wo Ahriman und Luzifer so in der Welt wirken, daß wir ihnen schon nicht entkommen können. Denn, wir mögen es anstellen, wie wir wollen, wenn wir uns zu einer Inkarnation anschicken – in eine männliche oder in eine weibliche Inkarnation müssen wir ja hinein –: ist in ihr nicht Luzifer, so ist Ahriman in ihr. Also es geht wirklich nicht, die Sache so weit zu treiben, daß man sagt: Man muß beiden entfliehen. — Nicht wahr, ich habe Ihnen gewissermaßen auch noch dadurch ein schweres Herz gemacht, daß ich Ihnen gezeigt habe, daß es eine gewisse Gefahr bedeutet, die eigene Aura zu beobachten, gleichsam in diese eigene Aura hineinzuschauen. Aber darin besteht gerade die unendliche Weisheit der Welt, daß das Leben nicht so ist, daß es ein ruhendes Pendel ist, sondern daß es ausschlägt. Und wie das Pendel nach rechts und nach links ausschlägt, so schlägt das Leben nicht nur der Menschheit, sondern der ganzen Welt nach ahrimanischer und luziferischer Seite aus. Und nur dadurch, daß das Leben zwischen ahrimanischen und luziferischen Einflüssen hin und her pendelt und dazwischen das Gleichgewicht hält und die Kraft dieses Gleichgewichtes hat, ist dieses Leben möglich. Daher wird auch diesem, was ich jetzt als Gefährliches geschildert habe, etwas entgegengesetzt. Ist es ein Luziferisches: das Ahrimanische. Ist es ein Ahrimanisches: das Luziferische.

Also nehmen wir noch einmal den weiblichen Organismus. Er strahlt aus gewissermaßen eine luziferische Aura. Aber dadurch, daß er sie ausstrahlt, schiebt er zurück den Lebens- oder Tonäther, dadurch bildet sich um den weiblichen Organismus herum eine Art ahrimanische Aura, so daß dann der weibliche Organismus in der Mitte die luziferische Aura hat, weiter draußen die ahrimanische. Aber dieser weibliche Orga­nismus kann jetzt, wenn er nicht so untätig ist, daß er bei seinem Schauen der eigenen Aura stehenbleibt, sich weiterentwickeln. Und das ist gerade das, worauf es ankommt, daß man nicht in ungesunder Weise bei den erstgebildeten Imaginationen bleibt, sondern daß man gerade alles Willensmäßige mächtig anwendet, um durchzudringen durch diese Imaginationen.

Denn man muß zuletzt es so weit bringen, daß einem nicht die eigene Aura erscheint, sondern daß zurückgespiegelt gleichsam von einer Spiegelplatte, die jetzt eine ahrimanische Aura ist, das erscheint. Man darf nicht in die eigene Aura hineinschauen, sondern man muß von der äußeren Aura zurückgespiegelt das haben, was in der eigenen Aura ist. Dadurch sehen Sie, ist es für den weiblichen Organismus so, daß er das Luziferische vom Ahrimanischen zurückgespiegelt erhält und dadurch neutralisiert, dadurch gerade ins Gleichgewicht gebracht wird. Dadurch ist es nun weder ahrimanisch noch luziferisch, aber es wird entweiblicht, es wird allgemeinmenschlich. Wirklich, es wird allgemeinmenschlich.

Ich bitte Sie nur, das so recht zu fühlen, wie der Mensch wirklich, in­dem er ins Geistige aufsteigt, dadurch daß er, sei es der luziferischen, sei es der ahrimanischen Gewalt der eigenen Aura entgeht, gerade ins Luziferische oder Ahrimanische nicht hineinschaut, sondern das eine sich spiegeln läßt und dadurch es zurückempfängt, asexuell, ohne daß es männlich oder weiblich ist. Das Weibliche wird neutralisiert zum Männlichen am Ahrimanischen, das Männnliche wird neutralisiert zum Weiblichen am Luziferischen. Denn ebenso, wie sich die weiblich-luziferische Aura umgibt mit der ahrimanischen Aura, so umgibt sich die männlich-ahrimanische Aura mit der luziferischen Aura, und es strahlt sich da ebenso dasjenige zurück, was man in sich hat wie bei der weib­lichen. Man sieht es als Spiegelbild.

Nehmen wir nun an, es wollte diesen Vorgang jemand schildern. Wann könnte er denn in die Lage kommen, ihn zu schildern? Nun, dasjenige, was beim Hellsehen eintritt, tritt doch auch nach dem Tode ein. Der Mensch ist in derselben Lage. Beim Hellsehen muß sich neutralisieren das Weibliche ins Männliche hinein, das Männliche in das Weibliche hinein. Das ist wiederum so der Fall nach dem Tode. Was müssen sich denn da für Vorstellungen herausstellen? Nun, nehmen wir einmal an, eine Seele, die in einem weiblichen Organismus gewesen ist, wäre durch den Tod gegangen, hätte nach dem Tode mancherlei durchzu­machen, was ein Ausgleich sein soll gegenüber irdischer Schuld. Eine solche Seele wird dann langsam streben aus dem, woran sie auf der Erde gebunden war, nach Neutralisierung. Es wird gleichsam das Weibliche nach Neutralisierung durch das Männliche streben. Es soll die Neutralisierung das sein, daß für sie eine Erlösung ist, nach dem höchsten Männ­lichen zu streben. Werden wir Büßerinnen finden nach dem Tode, so wird für sie charakteristisch sein müssen, daß ihre Sehnsucht in der geistigen Welt etwas ist voll Hinstreben nach dem Männlich-Ausgleichenden. Die drei Büßerinnen — die Magna peccatrix, die Mulier Samaritana, die Maria Aegyptiaca — sind allerdings im Gefolge der Mater gloriosa, aber sie sollen nach Neutralisierung, nach Ausgleich streben. Daher wirkt die Mater gloriosa zwar in der Aura; das wird uns sehr deutlich ausgedrückt, daß die Mater gloriosa in ihrer Aura wirken kann, ihre eigene Aura hat. Man höre nur:

Um sie verschlingen
Sich leichte Wölkchen,
Sind Büßerinnen,
Ein zartes Völkchen,
Um Ihre Kniee
Den Äther schlürfend,
Gnade bedürfend.

Dir, der Unberührbaren,
Ist es nicht benommen,
Daß die leicht Verführbaren
Traulich zu dir kommen.

Aber das werden sie nur so als ein Bewußtsein gewahr. Das tritt ihnen nicht entgegen wie etwas, was ihnen wie das Hohe des Lebens entgegentönt. Das tönt ihnen entgegen, was sie im Zusammenhang mit der Mater gloriosa durch den Christus erfahren sollen. Daher sehen wir überall die Reden der drei Büßerinnen nach dem Männlichen, Christus, hin gerichtet:

Bei der Liebe, die den Füßen
Deines gottverklärten Sohnes …

Und bei der Samariterin, der Maria:

Bei dem Bronn, zu dem schon weiland
Abram ließ die Herde führen …

Und hier vergeistigt:

Bei der reinen, reichen Quelle,
Die nun dorther sich ergießet …

Der Christus nennt sich ja selbst der Samariterin gegenüber: das rechte Wasser.

Und bei der Maria Aegyptiaca haben wir es schon zu tun mit der Grablegung:

Bei dem hochgeweihten Orte,
Wo den Herrn man niederließ …

Wir sehen, wie in den dreien das darinnen lebt, was aus der eigenen Aura heraus will zu dem, was sich neutralisiert.

Und fragen wir, was denn der Mann nun findet als dasjenige, was ihn neutralisiert, was ihn aus der Männlichkeit heraushebt, dann ist es die Sehnsucht nach dem Weiblichen, das die Welt durchwallt.

Hier ist die Aussicht frei,
Der Geist erhoben.
Dort ziehen Fraun vorbei,
Schwebend nach oben;
Die Herrliche mitteninn
Im Sternenkranze,
Die Himmelskönigin,
Ich seh’s am Glanze.

Er wird nicht so wie die Büßerinnen angezogen unmittelbar durch das Christus-Männliche, sondern er wird durch dasjenige, was zum Christus gehört als das Weibliche, zunächst angezogen. Und das führt ihn wie­derum zu dem mit ihm karmisch Verbundenen der Gretchen-Seele hin, wiederum zu dem Weibe. Da sehen Sie zart hineinverwoben in die Dichtung dieses tiefe Mysterium von dem Stehen des Menschen zur geistigen Welt. Denn wie sollte es nicht, ich möchte sagen, bestürzend tief empfunden werden, wenn uns der okkulte Tatbestand vor Augen tritt: die entkörperte Seele, die noch die Elemente in sich hat — Natur, die erst getrennt werden muß –, die sich neutralisieren muß durch das Weibliche. Und wir sehen, wie im Aufstreben zu der Neutralisierung, weil wir es mit dem Männlichen, Faust, zu tun haben, das Weibliche als das «Heranziehen» sich geltend machen muß. Es ist etwas ganz Wunderbares in dieser Dichtung dargestellt. Und klar und deutlich wird uns angedeutet, daß es darin sein soll. Faust wird also streben durch den Mund des Doctor Marianus dem Weiblichen, das heißt dem geistigen Ewig-Weiblichen entgegen, aber dem Geheimnis, dem Mysterium. Als er geistig ansichtig wird der Mater gloriosa, da sagt er:

Höchste Herrscherin der Welt!
Lasse mich im blauen,
Ausgespannten Himmelszelt
Dein Geheimnis schauen.

Nun stellen wir uns also vor: Faust nach der geistigen Welt strebend, verlangend, das Geheimnis des Weiblichen zu schauen in der Mater gloriosa. Wie wird es denn sein können? Nun, es wird so sein können, daß das Licht durch seine Gegenstrahlung neutralisiert wird, das heißt, daß auftritt die weibliche Licht- und Wärmeaura, aber entgegengestrahlt, nicht wie sie unmittelbar ausfließt. Das muß neutralisiert sein, muß verbunden sein damit, daß dieses Licht eine Gegenstrahlung hat. Im ausgespannten Himmelszelt wird geschaut das Geheimnis: das Weib mit der Aura, mit der Sonne. Wenn das Licht zurückgestrahlt wird vom Monde: das Weib auf dem Monde stehend. Sie kennen dieses Bild, es sollte wenigstens bekannt sein. So sehen wir Faust Verlangen tragend, im ausgespannten Himmelszeit zuletzt zu schauen das Mysterium:
Maria, das Weib, mit der Sonne bekleidet, den Mond zu Füßen, der zurückstrahlt. Und zusammen bildet das, was er sonst weiß von der Mater gloriosa, mit diesem Geheimnis, mit diesem Mysterium im aus­gespannten Himmelszelt dann den Gefühls- und Empfindungsgehalt des Chorus mysticus. Denn auch das, was noch menschliche Gestalt an der Mater gloriosa ist, ist ein Gleichnis, denn das ist das Vergängliche, was an ihr an menschlicher Gestalt ist, und alles das ist ein Gleichnis. Das Unzulängliche, das heißt das in der menschlichen Sehnsucht Unzu­längliche, hier wird es erst Erreichnis. Hier erhält man das Schauen der Aura-Strahlung sonnenhaft, deren Licht vom Monde zurückwirkt, zurückleuchtet: das Unbeschreibliche, hier ist es getan. Dasjenige, was im physischen Leben nicht begriffen werden kann, — daß gesucht wird das, was aus dem Selbst ausstrahlt in der selbstlosen Zurückerstrahlung: hier ist es getan. — Dann empfindungsgemäß das ganze aus Mannesmund gesagt oder für Mannesohren gesagt:

Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

Man muß schon sagen: Den «Faust» auf sich wirken lassen, bedeutet wirklich in bezug auf viele Parteien dieses «Faust» ein direktes Sich-Hineinbegehen in eine okkulte Atmosphäre. — Und wollte ich Ihnen alles sagen, was in bezug auf den «Faust» in okkulter Beziehung zu sagen wäre, dann müßten wir noch lange zusammenbleiben. Sie müßten viele Vorträge darüber hören. Aber das ist zunächst gar nicht notwendig, denn es kommt nicht so sehr darauf an, daß man möglichst viele Begriffe und Ideen aufnimmt, sondern zunächst kommt es wirklich bei uns ganz stark darauf an, daß unsere Gefühle sich vertiefen. Und wenn wir unsere Gefühle und Empfindungen gegenüber dieser Weltdichtung so vertiefen, daß wir eine tiefe Ehrfurcht haben vor dem Walten des Genius auf Erden, in dessen Tun und Schaffen wirklich Okkultes gegenwärtig ist, dann tun wir der Welt und uns ein Gutes an. Wenn wir empfinden können dem Geistig-Großen gegenüber in der richtigen ehrfürchtigen Weise, dann ist das ein bedeutungsvoller Weg zum Tore der Geisteswissenschaft.

Noch einmal sei es gesagt: Weniger um das Spintisieren handelt es sich, als um das Vertiefen der Gefühle. — Und ich möchte wenig darum geben, daß ich Ihnen zum Beispiel sagen durfte, daß der Ausspruch der seligen Knaben von dem Hinweggerissensein von Lebechören in solch okkulte Tiefen führt, ich möchte wenig darum geben um dieser bloßen Ideen willen, wenn ich nur wissen dürfte, daß Ihr Herz, Ihr Gemüt, Ihr innerer Sinn bei dem Aussprechen einer solchen Wahrheit so ergriffen wird, daß Sie etwas von den heilig tiefen Kräften verspüren, die in der Welt leben, die sich in das menschliche Schaffen ergießen, wenn dieses menschliche Schaffen wirklich mit den Weltgeheimnissen verknüpft ist. Wenn man erschauern kann bei einer solchen Tatsache, daß so Tiefes in einer Dichtung liegen kann, so ist dieses Erschauern, das einmal unsere Seele, unser Gemüt, unser Herz durchgemacht hat, viel mehr wert als das bloße Wissen, daß die seligen Knaben sagen, sie wären nicht mit Lebechören vereinigt. Nicht das Freuen an dem Geistreichen der Idee soll es sein, das uns ergreift, sondern das Erfreuen, daß die Welt so aus dem Geistigen herausgewoben ist, daß im Menschenherzen des Geistes Walten so hereinwirkt, daß solches Schaffen in der geistigen Entwickelung der Menschheit leben kann.

BIlder: Evelyn De Morgan: Helen of Troy, 1898;
Franz Xaver Simm 1899: Paris und Helena auf der Bühne vor einem Tempel,
Faust mit Lynceus vor Helena,
Faust und Helena, via Jutta Assel/Georg Jäger: Franz Xaver Simm. Illustrationen zu Goethes Faust, Goethezeitportal November 2012.

Soundtrack: Orchestral Manoeuvres in the Dark: Helen of Troy, aus: English Electric, 2013:

Written by Wolf

23. Juli 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Vater, verlass mich nicht, wenn das Glöckchen läutet

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Update zum Blumenstück 001: Streckvers bei Nacht,
Der Widersacher. Ästhetischer Gaukler vs. unnahbarer Eispalast. Braucht die Welt
noch Dichterfürsten im Krähwinkel. Alles ist erlaubt und willkommen. Keine 30 Prozent der Quellen
,
Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten: denn Er ist nicht!
und Blumenstück 003: Holdselige Ranunkel:

Anlass & Anliegen, wieso man bei der ersten eingehenderen Beschäftigung mit dem Kometen von Jean Paul 1820 ff. am liebsten ausgerechnet mit dem Schluss, was man ja – Spoiler! Spoiler! – eigentlich nicht soll, anfangen möchte, liefert Armin Elhardt im Stuttgarter Mephisto-Projekt, wie ich es nicht besser sagen könnte (eher im Gegenteil). Und das Bildermaterial gleich mit dazu:

Ines Scheppach, Ledermensch, 2019

——— Armin Elhardt:

Der Ledermensch Kain in Jean Pauls Roman „Der Komet“.

Eine Skizze in Worten

aus: mephisto?mephisto! Ein Denkansatz, in: Das Mephisto-Projekt, Galerie Interarts,
Union freischaffender Künstler und Kunstfreunde e. V. Stuttgart:

Goethe musste zwischen 1798 und 1800 seinen Wohnort Weimar (sprich Rom) mit einem Chinesen (sprich Jean Paul) teilen. Nicht frei von Missgunst und Neid auf den Erfolg* des jungen Erzählgenies verfasste der Dichter aus dem Haus am Frauenplan ein zehnzeiliges Schmähgedicht:

Der Chinese in Rom

Einen Chinesen sah ich in Rom; die gesamten Gebäude
Alter und neuerer Zeit schienen ihm lästig und schwer.
„Ach!“ so seufzt‘ er, „die Armen! ich hoffe, sie sollen begreifen,
Wie erst Säulchen von Holz tragen des Daches Gezelt,
Daß an Latten und Pappen, Geschnitz und bunter Vergoldung
Sich des gebildeten Aug’s feinerer Sinn nur erfreut.“
Siehe, da glaubt ich, im Bilde so manchen Schwärmer zu schauen,
Der sein luftig Gespinst mit der soliden Natur
Ewigem Teppich vergleicht, den echten, reinen Gesunden
Krank nennt, daß ja nur er heiße, der Kranke, gesund.

Goethe hatte damals schon Faust und Mephisto im Kopf, aber keine Ahnung davon, dass auf der literarischen Bühne seine dramatische Mephistofigur einen epischen Mitspieler erhalten würde. Und zwar im letzten Roman des erzählerischen Überfliegers und Konkurrenten Jean Paul: „Der Komet oder Nikolaus Marggraf. Eine komische Geschichte“, die das Mephistophelische in der Zerrissenheit des Ledermenschen Kain komplex und ernsthaft aufzeigt.

Ulla Haug-Rößler, Kain im KaminDie Titelfigur Marggraf hält sich in einem närrischen, wahnähnlichen Zustand für den Sohn eines Fürsten und begibt sich unter Pseudonym nach Rom, einer Stadt in Kleindeutschland, deren Bewohner sich nicht Römer heißen, sondern Romer. Dort will Marggraf den fürstlichen Vater suchen. Aber! Der psychisch Malträtierte a la Don Quixote wird bedroht von einem anderen, sehr seltsamen Mann: dem Ledermenschen, so genannt, weil er sich vollständig in Leder kleidet. Auf der Stirn trägt er das Zeichen Kains, eine rote Schlange. Gerät er in Wut, stehen ihm die Haare zu Berge und sträuben sich zu Hörnern. Tagsüber taucht er meist im Nebel auf, spricht Gutes zu den Frauen („Nur ihr seid schön“) und verschwindet wieder im Nebel. Die Stadtmenschen nennen ihn den ewigen Juden. Nach Walter Harich handelt es sich um „einen Wahnsinnigen, der in dem Teufel den Herrn der Welt sieht und seine Macht verkündet. Niemand hat den Ledermann essen und trinken sehen. Nachts dringt er durch Dach und Schornstein in die Häuser ein und nährt sich aus fremden Küchen. Besonders hat er es auf Fürsten abgesehen. Heilig sind ihm nur die Frauen, denen er nichts tut und zu denen er mit liebreicher Stimme spricht.“**

Der Roman bricht ab mit einer großen Rede dieser Mephisto ähnlichen Figur. Der Ledermensch spricht von seiner Sehnsucht, in die Hölle zu kommen, denn dort sind seine Verwandten, die Tierseelen, zu Hause. Den Menschen gibt er zu bedenken: »Rechnet einmal eure Nächte in Einem Jahr zusammen und seht in der 365sten nach, was euch von den langen Traumaffären auf dem Kopfkissen, von den Schlachten, den Lustbarkeiten, den Menschengesellschaften und Gesprächen und den langen, bangen Geschichten zurückgeblieben? Kein Federchen und kein Lüftchen; – und nun rechnet noch euere 365 Tage dazu: so habt ihr eben so viel, und der Teufel lacht und herrscht in euern Nächten und in euern Tagen; aber ihr wisst es nicht. […] Es ist närrisch auf der Erde« sagt er, »soeben entschlaf‘ ich***«, worauf er in den Kamin des Zimmers steigt und diesen von innen hochklettert. Den Anwesenden erklingt seine Stimme nun völlig verändert: lieblich und herzlich, sanft und mild. Man möge ihm vergeben, dass er den Anblick der guten Menschen nicht ertrage. „In seiner Studierstube wäre er alles Böse durch Denken gewesen: Mordbrenner, Giftmischer, Gottleugner, vertretender Herrscher über alle Länder und alle Geister, innerer Schauspieler von Satansrollen. Für diese Sünden werde er jetzt bestraft.“ (Harich)

Die letzten Worte im Roman gehören dem Ledermenschen Kain: „Jetzo lieb‘ ich euch Sterbliche alle so herzlich und kindlich und hasse niemand auf der Welt. – Ich habe in meinem Herzen dich, unendlicher Gott der Liebe, wieder, der in alle tausend tiefen Wunden der Menschen wärmend niedersieht und endlich die Wunde nimmt oder den Verwundeten. O Gott der Liebe, lasse dich fortlieben von mir, wenn ich erwache. Die schreckliche Stunde steht schon nahe, trägt mir meine Furienmaske entgegen und deckt sie auf mein Gesicht! – Vater der Menschen, ich bin ja auch dein Sohn und will dir ewig gehorchen; Vater, verlaß mich nicht, wenn das Glöckchen läutet« …..

Eben schlug es drei Uhr, und man hörte nur noch sein Weinen, und jede Seele weinte innerlich mit. Plötzlich erklang das Kindtaufglöckchen, und der Unglückliche stürzte aufgewacht herab. Gesicht und Hände waren geschwärzt, die Haarbüschel sträubten sich zornig empor, auf der geschwollnen Stirnhaut ringelte sich die rote Schlange wie zum Sprunge, und er rief freudig: »Vater Beelzebub, ich bin wieder bei dir; warum hattest du mich verlassen?«

Alle traten weit von ihm hinweg, nicht aus Furcht, sondern vor Entsetzen.

Ende des Romans. Sein Verfasser der „Chinese in Rom“? Aber nein doch, verfasst hat es Johann Paul Friedrich Richter, genannt Jean Paul. Nach dem Tod seines Sohnes fehlte ihm die Kraft für das Komische. Das 473-seitige Werk blieb Fragment.

* Jean Pauls Roman Hesperus schlug heftiger ein als Goethes Werther und machte seinen Verfasser zum beliebtesten Schriftsteller seiner Zeit

** Walther Harich: Jean Paul. Eine Biographie, Leipzig 1925

*** Jean Paul, Sämtliche Werke, Abteilung I, Band 6, Der Komet oder Nikolaus Marggraf. Eine komische Geschichte, Zweitausendeins (Lizenzausgabe 1996), © 1963 Carl Hanser Verlag München

Der besagte, im Verlauf eines Schreiberlebens galiig gewordene Schluss – zugegeben abzüglich der Jean-Paul-typisch benachwortenden zwanzig Enklaven – im Zusammenhang:

——— Jean Paul:

Einundzwanzigstes Kapitel in einem Gange,

worin jeder immer mehr erstaunt und erschrickt

Der Gang

Vorfälle und Vorträge auf der Gasse – seltsame Verwanlungen vorwärts und rückwärts

aus: Der Komet oder Nikolaus Marggraf, Georg Reimer, Berlin 1822, Schluss:

[…] Unter allen Umständen konnten Hacencoppen und Gefolge nichts anders tun, als so kühn zu sein wie Libette und dem Feinde die Festung zu öffnen, bei solcher Besatzung. Kain ging ruhig und stumm auf die Gesellschaft zu und antwortete Libettens Scherzen mit nichts. Ebenso mild und ruhig ging er vor dem Reiter zu Fuß vorüber und die Treppe hinauf. Sobald er aber in des Grafen Zimmer gekommen war: so bewegten sich seine härnen Hörner, und am Kopfe zuckten Ohren und Nase. Er hatte mit der gewöhnlichen Verschlagenheit der Tollen seine Ausbrüche aufgehoben. »So hab‘ ich euch denn«, fing er an, »lebendig zwischen vier Wänden vor mir, und ihr müßt mir alle zuhören. Bin ich fertig, so könnt ihr gehen; wer eher geht, fährt ab. Mich tötet keiner, ich aber einen und den andern. Ihr wollt meine Reichskinder, die Affen, nachäffen, ihr Unteraffen; aber ihr versteht es schlecht – ihr seid vom Antichristus abgefallen und macht euch der Hölle unwürdig durch euere feige Frömmigkeit und euer Dummbleiben mitten unter tausendjährigen Erfahrungen. Meine Affen sind klüger und lassen sich nicht, wie ihr, von euch regieren, nicht einmal von ihresgleichen. Bildet euch nicht ein, weil ihr einigen von ihnen mit manchen Gliedern ähnlich seht, vollständige Affen zu sein; auch der Hund, der Löwe, das Schwein sehen wie manche Affen aus, sind aber gar keineDer Hundaffe, der Schwein- und der Löwenaffe, der Bärenpavian, die Meerkatze erinnern durch die Tierähnlichkeiten, die ihre Menschähnlichkeit durchziehen, an den physiologischen Satz, daß der Mensch Auszug und Gipfelblüte des Tierreichs sei. und der Waldmensch betrübt sich über seine Verwandtschaft mit euchDer Urangutang ist bekanntlich im Gegensatze der anderen Affen ernst und trübe.. – Helvetius‘ Menschenstolz auf zwei Hände beschämt der Affe mit vier Händen, und euere sogenannte hohe Gestalt bückt und bricht mitten unter ihrer Aufrichtung durch euern Horaz und Herder vor der Eden- und Riesenschlange, wenn sie aufrecht wandelt und über Türme schaut.

Günther Sommer, JP blau mit LedermenschSchälet einmal euere Haut ab und seht euch aufgedeckt und aufgemacht an: so hängen statt euerer Reize und Menschenmienen Gehirnkugeln und Herzklumpen und Magensäcke und Därme vor euch da und würmeln; darum breitet ihr noch Häute vom Tier auf euere Füße und Hände, und Haare vom Tier auf euere dünnen Haare, und prangt mit schwarzen Beinen und Köpfen und mit bunten Überziehleibern eurer kahlen abgerupften Unterziehleiber.

Und nun kommt gar euer ewiges erbärmliches Sterben dazu, daß ihr nicht einmal so lange lebt wie eine Kröte im Marmor, geschweige wie ich aus euerm Paradies. Seid ihr denn nicht sämtlich bloß Luftfarbenleute und nicht einmal hölzerne, mir luftige Marionetten, wie sie der Buchhändler Nicolai in Berlin vor kurzem so lange um sich tanzen und reden sah, bis er ein Hausschlachten dieser Menschheit um sich her vornahm und unter die Gestalten seine Steiß-Blutigel als Würgengel schickte, womit er die ganze Stube ausholzte und lichtete, bis bloß auf sich selber, welchen Menschen dieser Nicolai nicht den Tieren oder Würmern vorwarf, was erst sein Tod tun wird?« – –

Ganz gewiß spann der Ledermann die Vergleichung bloß wegen des Gleichnamens Nicolai und Nikolaus so lange fort. Aber in seinen reißenden Redestrom war mit keiner Gegenrede zu springen, und das Reißen war ganz unerwartet, da der gelassene Zuchthausprediger immer seine früheren Reden nur breit und lange und den Strom nur als Sumpf nach Hause gebracht.

»Rechnet einmal euere Nächte in einem Jahre zusammen und seht in der 365ten nach, was euch von den langen Traumaffären auf dem Kopfkissen, von den Schlachten, den Lustbarkeiten, den Menschengesellschaften und Gesprächen und den langen bangen Geschichten, zurückgeblieben! Kein Federchen, kein Lüftchen; – und nun rechnet noch euere 365 Tage dazu: so habt ihr ebensoviel und der Teufel lacht und herrscht in euern Nächten und in euern Tagen; aber ihr wißt es nicht.

Und doch wollt ihr euch lieber von den matten, dünnen, durchsichtigen Menschen regieren lassen als vom Teufel, der tausendmal mehr Verstand und Leben hat als ihr alle, und der bloß aus Mitleid euere Herrscher beherrscht. – Was seid ihr denn für Wesen und Leute? Euere Mutter gebiert euere Religion und macht euch entweder zu Juden oder zu Christen oder zu Türken oder zu Heiden; der Mutterkuchen ist die Propaganda, die Töpferscheibe eueres Glaubens. – Thronen sind auf Geburtstühle gebaut, und welchen ihr anzubeten habt als einen Herrscher, oder zu begnadigen als einen Untertan, entscheidet ein delphisches Mutterorakel. Ein Knabe von 5 Jahren und 7 Monaten, Louis XV., ernennt vor dem Parlament den Herzog von Orleans zum Regenten während seiner MinderjährigkeitDie Memoiren des Herzogs von Richelieu. B. 1., und der Herzog trägt dem Knaben alle Staatbeschlüsse zur höchsten Genehmigung vor; und sein unmündiger Vorfahrer, der Vierzehnte, befiehlt dem Parlament, ihn selber auf der Stelle für mündig anzusehen und ihm zu gehorchen. – Zwei Kronschufte, die Gebrüder Caracalla, wovon keiner nur zu einem römischen Sklaven taugte, aber jeder den Freien und Sklaven zweier Weltteile die Gebote gab, wollten in das damalige All sich teilen und der eine bloß über Europa, der andere bloß über Asia schalten und Aufsicht führen.Herodian. c. 4. So waret ihr von jeher, und die Zeit macht euch nur bleich aus Angst und schwarz aus Bosheit, und erst hintennach rot aus Scham. Und euere Generationen werden durch nichts reif als durch die Würmer-Kaprifikation unter der Erde, und ihr legt, da keine Zeit euch weiter bringt und treibt, euern Soldatenleichen Sporen an den Stiefeln an, die eben auf der Bahre liegen. – – Tötet euch nur öfter ….. gehorcht ihnen jedesmal, wenn sie euch in das Schlachtfeld beordern ….. tut etwas noch darüber, sterbt wenigstens, wenn ihr nicht umbringt ….. Was hindert mich jetzt im Reden? Ich spür‘ etwas, die Augenlider fallen mir nieder – ich mag auch nicht lange mehr sehen auf der dummen, trüben Erde, die Hölle ist heller.« –

Allerdings fühlte der Ledermann etwas, denn Worble hatte ihn bisher im Rücken mit allen seinen magnetischen Fingerhebeln aus dem Wachen in den Schlaf umzulegen gestrebt und dabei eine Masse von Wollen aufgeboten, womit er ein weibliches Krankenheer würde erlegt und eingeschläfert haben. Nur wurd‘ es ihm schwer, den Strom Kains mit seinem Gegenstrom aufzuhalten und rückwärts zu drängen; das Feuer gegen alle mit dem Feuer für einige zu bändigen.

Kain fuhr fort: »Ich bin gewiß schon sehr lange aus der Ewigkeit heraus und muß durch die dünnen Augenblicke der Zeitlichkeit schwimmen und sterben sehen – – Es ist närrisch auf der Erde – soeben entschlaf‘ ich.«

Worble hatte ihn gerade am Hinterkopfe mit zusammengelegten Fingern wie mit einem elektrischen Feuerbüschel berührt und blitzartig getroffen und ihn plötzlich in die höchste Magnetkrise emporgetrieben. Wie sonst als Nachtwandler, versuchte der Kranke das AufkletternBekannt und erwiesen ist die Fertigkeit mehrer Somnambülen, an den Wänden und überall wie Tiere durch kleine Hülfen sich in die Höhe heben. mit geschloßnen Augen und drang in den nahen Kamin und an äußern kleinen Anhaltpunkten leicht darin hinauf.

Aber alle wurden bestürzt über eine fremde, liebliche, herzliche Stimme, welche jetzo verborgen zu ihnen sprach: »Ihr teuern, lieben Menschen, vergebt es mir, daß ich geflohen bin, ich ertrage vor euern Augen meine Schuld und euere Güte nicht; ich seh‘ euch aber alle. O, Dank habe du vor allen, der du mir den schwarzen Äther blau und licht gemacht und mich aus meiner brennenden Wüste auf einige Minuten in das kühle Land des Abendrots geführt. O wie ist mein trübes, flutendes Herz jetzt still und hell und rein! Und ich liebe nun die ganze Welt, als wär‘ ich ein Kind. Ich will euch mit Freuden alles von mir sagen, lauter Wahrheit.

Horst Peter Schlotter, Studie Ledermensch 1In den Nächten ging ich bisher als Nachtwandler mit düstern zugeschloßnen Sinnen ergrimmt umher und irrte über die Dächer hin, aber ich stieg überall ein, um mich zu nähren und zu tränken; und überall tat ich es im Wandelschlaf, um mich zu erhalten. Aber sobald ich erwachte, wußt‘ ich von meinem Stehlen und Nähren nichts mehr, ich sah mich fort für den unzerstörlichen Kain an und fiel wieder ab, von Menschen und von Gott. Denn ich soll gestraft werden für meine tausend Sünden, lauter Sünden in der Einsamkeit; auf meiner Studierstube war ich alles Böse durch Denken – Mordbrenner – Giftmischer – Gottleugner – ertretender Herrscher über alle Länder und alle Geister – Ehebrecher – innerer Schauspieler von Satansrollen und am meisten von Wahnwitzigen, in welche ich mich hineindachte, oft mit Gefühlen, nicht herauszukönnen. – So werd‘ ich denn gestraft und fortgestraft durch Gedanken für Gedanken, und ich muß noch viel leiden. – Ach, ihr Glücklichen um mich her, ihr könnt den Unendlichen lieben, aber ich muß ihn lästern, wenn ich erwache; und um drei Uhr, mit dem ersten Anschlage des Kindtaufglöckchens, werd‘ ich wieder wach und teuflisch; dann hütet euch vor dem Unglücklichen; denn meine Hölle wird heißer stechen und brennen, wenn sie hinter dieser kühlen Himmelwolke wieder hervortritt, die Schlange auf meiner Stirn wird giftiger glühen, und kann ich nach dem Waffenstillstand der bösen Natur morden, so tu‘ ichs; – besonders scheue du mich, sanfter Marggraf, wenn dein Heiligenschein dein Haupt umgibt. Ich habe einmal um Mitternacht, auf einem Dache stehend, dich mit einem gesehen und innig gehaßt; aber sobald ich erwache, wird er durch deine bewegte Seele wieder um dich schimmern und mich entrüsten.

Jetzo lieb‘ ich euch Sterbliche alle so herzlich und kindlich und hasse niemand auf der Welt. – Ich habe in meinem Herzen dich, unendlicher Gott der Liebe, wieder, der in alle tausend tiefen Wunden der Menschen wärmend niedersieht und endlich die Wunde nimmt oder den Verwundeten. O Gott der Liebe, lasse dich fortlieben von mir, wenn ich erwache. Die schreckliche Stunde steht schon nahe, trägt mir meine Furienmaske entgegen und deckt sie auf mein Gesicht! – Vater der Menschen, ich bin ja auch dein Sohn und will dir ewig gehorchen; Vater, verlaß mich nicht, wenn das Glöckchen läutet« …..

Eben schlug es drei Uhr, und man hörte nur noch sein Weinen, und jede Seele weinte innerlich mit. Plötzlich erklang das Kindtaufglöckchen, und der Unglückliche stürzte aufgewacht herab. Gesicht und Hände waren geschwärzt, die Haarbüschel sträubten sich zornig empor, auf der geschwollnen Stirnhaut ringelte sich die rote Schlange wie zum Sprunge, und er rief freudig: »Vater Beelzebub, ich bin wieder bei dir; warum hattest du mich verlassen?«

Alle traten weit von ihm hinweg, nicht aus Furcht, sondern vor Entsetzen.

Bilder:

  1. Ines Scheppach: Ledermensch, 2019;
  2. Ulla Haug-Rößler: Kain im Kamin;
  3. Günther Sommer: JP blau mit Ledermensch;
  4. Horst Peter Schlotter: Studie Ledermensch 1,

via Armin Elhardt: Der Ledermensch Kain in Jean Pauls Roman „Der Komet“. Eine Skizze in Worten,
aus: mephisto?mephisto! Ein Denkansatz, in: Das Mephisto-Projekt, Galerie Interarts,
Union freischaffender Künstler und Kunstfreunde e. V. Stuttgart.

Lederstrumpf: Mandolin Orange: Boots of Spanish Leather, live bei Audiotree, 15. April 2014:

Written by Wolf

16. Juli 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Hölle

Liebchen öffne deinen Schoos

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Update zu Weihnachtsengel 3: Lasst mich scheinen, bis ich werde
(Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht)
,
Zu Lolitas Verteidigung,
Babes With Guns,
Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht
und But little girls grow up, my friend:

Damit nicht verloren geht, dass wir hier unter anderem eine Sammelstelle für siebenzeilige Gediche sind, folgt ein Lied aus dem Faust 2, das Goethe im Gegensatz zu manchen frivolen Neckereien unter erwachsenen Leuten, auch wenn sie phantastische Figuren sind, auffallender Weise nicht den „Outtakes“ anheimsortiert hat. Hans Arens in seinem Kommentar zu Goethes Faust II 1989 (ca. 1100 Seiten) wiegelt ab:

Es ist ausgeschlossen, daß 5197/5198 meinen, was sie wörtlich besagen; es kann nur etwa heißen: Sei bereit!

Na dann. Das Reimschema ist ABABCCB und schnappt in allen Strophen souverän ins Schloss — keine Selbstverständlichkeit beim Verfertigen von Siebenzeilern — und tanzt schön passend zur (bei Goethe noch Femininum) Mummenschanz.

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Weitläufiger Saal, mit Nebengemächern, verziert und aufgeputzt zur Mummenschanz.

aus: Faust. Der Tragödie zweyter Theil, Erster Act, Vers 5178 bis 5198:

Undated family photograph of Florence Sally Horner, 1948, Wikimedia CommonsMutter und Tochter.

Mutter.
Mädchen als du kamst an’s Licht
Schmückt ich dich im Häubchen,
Warst so lieblich von Gesicht,
Und so zart am Leibchen.
Dachte dich sogleich als Braut,
Gleich dem Reichsten angetraut,
Dachte dich als Weibchen.

Ach! nun ist schon manches Jahr
Ungenützt verflogen,
Der Sponsirer bunte Schaar
Schnell vorbei gezogen;
Tanztest mit dem Einen flink,
Gabst dem Andern stillen Wink
Mit dem Ellenbogen.

Welches Fest man auch ersann,
Ward umsonst begangen;
Pfänderspiel und dritter Mann
Wollten nicht verfangen;
Heute sind die Narren los,
Liebchen öffne deinen Schoos,
Bleibt wohl einer hangen.

Gespielinnen
(jung und schön gesellen sich hinzu, ein vertrauliches Geplauder wird laut).

Bild: Florence Sally Horner, ca. 1948,
für: Sarah Weinman: The story of 11-year-old Sally Horner’s abduction changed the course of 20th-century literature. She just never got to tell it herself, Hazlitt, 20. November 2014,
via dieselbe: The real Lolita: Tragic girl, 11, was kidnapped and raped for months — and inspired Nabokov’s scandalous novel, The Mirror, 18. September 2018.

Soundtrack:Neil Diamond: Girl, You’ll Be a Woman Soon, aus: Just for You, 1967:

Girl, you’ll be a woman soon,
Please, come take my hand
Girl, you’ll be a woman soon,
Soon, you’ll need a man

in der Wiedergabe von Urge Overkill auf Stull, 1992, in: Pulp Fiction, 1994:

Written by Wolf

9. Juli 2021 at 00:01

Und vierzehn Gräser formen ein Sonett

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Update zu Nachtstück 0026: Heut hat der Sommer Schnaps gesoffen
und Das Beste sind die Kartoffeln:

Das Sonett von Klaus Modick steht erst- und letztmals als „Erstdruck aus einem größeren lyrischen Werk“ in der 1989er Ausgabe in der jährlichen Anthologie Von Büchern & Menschen der Frankfurter Verlagsanstalt; die hat mir mal meine Lieblingsbuchhändlerin geschenkt. Die Fünfheber verleihen ihm eine deutliche Rilke-Note.

——— Klaus Modick:

Sonett

aus: Von Büchern & Menschen, Frankfurter Verlagsanstalt 1989:

Der Sommer gähnt. Die Kronen werden lichter.
Der Wind hat sich zu einem Schlaf gelegt.
Im Gras liegt regungslos ein müder Dichter,
der nichts mehr schreibt und den nichts mehr bewegt.

Der Dichter hat die Worte freigelassen,
als Seifenblasen sind sie fortgeweht.
Er muß sich endlich nicht mehr selber hassen,
Er lächelt, spricht ein sprachloses Gebet.

De Dichter lebt sein Leben vor dem Tode.
Drei Wolken tanzen anmutig Terzett.
Der Himmel ist so blau wie eine Ode.
Und vierzehn Gräser formen ein Sonett.

Käm jetzt kein Wort mehr, würd er das genießen.
Käm doch noch eins, er würde es begrüßen.

Ernst Förster: Jean Paul, 1826, Bleistift

Bild: Ernst Förster: Jean Paul, 1826 — also posthum:

In Gras u. Blumen lieg ich gern

via Jean-Paul-Gesellschaft Bayreuth.

Soundtrack: Fairport Convention: Book Song, aus: What We Did on Our Holidays, 1969:

Written by Wolf

2. Juli 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Nachtstück 0028: Du siehst, man muß nur etwas aus sich machen (daß es denn doch um die Dauer der Menschheit noch nicht so gar schlecht stehe)

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Update zu Der Mensch ist ein einfaches Wesen. Und wie reich, mannigfaltig und unergründlich er auch sein mag, so ist doch der Kreis seiner Zustände bald durchlaufen,
Du hast mir mein Gerät verstellt und verschoben
und Einige Reste Wein:

Im Thema Body-switch wussten die alten weißen Männer der deutschen Klassik mal wieder selbst am wenigsten davon, wie privilegiert sie waren.

1. Aus Frauensicht:

——— Emma. 25. Very Bad Catholic. Wife and mom:

Swimsuit shopping, a dialogue

aus: The Daily Plod, 21. April 2018:

Duane Bryers, Hilda, Bored PandaMe: All I’m looking for is a cute, modest swimsuit that has a good design and a reasonable price

Swimsuit designers: Let’s make all the one pieces have plunging necklines this year!

Me: Well that’s great if you have a small chest but I need good suppo-

Swimsuit designers: Let’s make the front of this high-waisted two piece modest in the front…

Me: Great!

Swimsuit designers: AND THEN let’s make it all strappy and cheeky in the back!

Me: Do not

Swimsuit designers: Let’s make all the modest swimsuits frumpy with ugly patterns and really expensive!

Me: Why-

Swimsuit designers: …And make all the strappy, revealing bikinis dirt cheap!

Me:

Me: Look! Finally, a cute, modest swimsuit in the front and back with a good design and a lovely pattern! It’s EXACTLY what I’ve been looking for! Good job guys-

Swimsuit designers: We have decided to make this swimsuit that has every single quality you want absurdly expensive and out of your price range!

Me: Well….this other one is pretty cute and reasonably priced. I’d settle for it at least

Swimsuit designers: We know that women love swimsuits with good coverage and good design with a reasonable price

Me: Thank you.

Swimsuit designers: That’s why this particular swimsuit you’d settle for is all sold out in your size

Me: WHY DO YOU HATE ME AND ALL WOMANKIND

2. Aus Männersicht:

——— Johann Peter Eckermann:

Mittwoch, den 12. März 1828

aus: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Brockhaus, Leipzig 1836:

Nachdem ich Goethe gestern Abend verlassen hatte, lag mir das mit ihm geführte bedeutende Gespräch fortwährend im Sinne.

Auch von den Kräften des Meeres und der Seeluft war die Rede gewesen, wo denn Goethe die Meinung äußerte, daß er alle Insulaner und Meeranwohner des gemäßigten Klimas bei weitem für productiver und thatkräftiger halte als die Völker im Innern großer Continente.

War es nun daß ich mit diesen Gedanken und mit einer gewissen Sehnsucht nach den belebenden Kräften des Meeres einschlief, genug, ich hatte in der Nacht folgenden anmuthigen und mir sehr merkwürdigen Traum.

Duane Bryers, Hilda, Bored PandaIch sah mich nämlich in einer unbekannten Gegend unter fremden Menschen überaus heiter und glücklich. Der schönste Sommertag umgab mich in einer reizenden Natur, wie es etwa an der Küste des Mittelländischen Meeres im südlichen Spanien oder Frankreich oder in der Nähe von Genua sein möchte. Wir hatten mittags an einer lustigen Tafel gezecht, und ich ging mit andern, etwas jüngern Leuten, um eine weitere Nachmittagspartie zu machen. Wir waren durch buschige angenehme Niederungen geschlendert, als wir uns mit einem Male im Meere auf der kleinsten Insel sahen, auf einem herausragenden Felsstück, wo kaum fünf bis sechs Menschen Platz hatten und wo man sich nicht rühren konnte ohne Furcht, ins Wasser zu gleiten. Rückwärts, wo wir hergekommen waren, erblickte man nichts als die See, vor uns aber lag die Küste in der Entfernung einer Viertelstunde auf das einladendste ausgebreitet. Das Ufer war an einigen Stellen flach, an andern felsig und mäßig erhöht, und man erblickte zwischen grünen Lauben und weißen Zelten ein Gewimmel lustiger Menschen in hellfarbigen Kleidern, die sich bei schöner Musik, die aus den Zelten herübertönte, einen guten Tag machten. „Da ist nun weiter nichts zu thun,“ sagte einer zum andern, „wir müssen uns entkleiden und hinüberschwimmen.“ – „Ihr habt gut reden,“ sagte ich, „ihr seid jung und schön und überdies gute Schwimmer. Ich aber schwimme schlecht und es fehlt mir die ansehnliche Gestalt, um mit Lust und Behagen vor den fremden Leuten am Ufer zu erscheinen.“ – „Du bist ein Thor,“ sagte einer der schönsten; „entkleide dich nur und gieb mir deine Gestalt, du sollst indeß die meinige haben.“ Auf dieses Wort entkleidete ich mich schnell und war im Wasser und fühlte mich im Körper des andern sofort als einen kräftigen Schwimmer. Ich hatte bald die Küste erreicht und trat mit dem heitersten Vertrauen nackt und triefend unter die Menschen. Ich war glücklich im Gefühl dieser schönen Glieder, mein Benehmen war ohne Zwang, und ich war sogleich vertraut mit den Fremden vor einer Laube an einem Tische, wo es lustig herging. Meine Kameraden waren auch nach und nach ans Land gekommen und hatten sich zu uns gesellt, und es fehlte nur noch der Jüngling mit meiner Gestalt, in dessen Gliedern ich mich so wohl fühlte. Endlich kam auch er in die Nähe des Ufers, und man fragte mich, ob ich denn nicht Lust habe, mein früheres Ich zu sehen. Bei diesen Worten wandelte mich ein gewisses Unbehagen an, theils weil ich keine große Freude an mir selber zu haben glaubte, theils auch weil ich fürchtete, jener Freund möchte seinen eigenen Körper sogleich zurückverlangen. Dennoch wandte ich mich zum Wasser und sah mein zweites Selbst ganz nahe heranschwimmen und, indem er den Kopf etwas seitwärts wandte, lachend zu mir heraufblicken. „Es steckt keine Schwimmkraft in deinen Gliedern,“ rief er mir zu; „ich habe gegen Wellen und Brandung gut zu kämpfen gehabt, und es ist nicht zu verwundern, daß ich so spät komme und von allen der letzte bin.“ Ich erkannte sogleich das Gesicht, es war das meinige, aber verjüngt und etwas voller und breiter und von der frischesten Farbe. Jetzt trat er ans Land, und indem er, sich aufrichtend, auf dem Sande die ersten Schritte that, hatte ich den Überblick seines Rückens und seiner Schenkel und freute mich über die Vollkommenheit dieser Gestalt. Er kam das Felsufer herauf zu uns andern, und als er neben mich trat, hatte er vollkommen meine neue Größe. Wie ist doch, dachte ich bei mir selbst, dein kleiner Körper so schön herangewachsen! Haben die Urkräfte des Meeres so wunderbar auf ihn gewirkt, oder ist es weil der jugendliche Geist des Freundes die Glieder durchdrungen hat? Indem wir darauf eine gute Weile vergnügt beisammen gewesen, wunderte ich mich imstillen, daß der Freund nicht that als ob er seinen eigenen Körper einzutauschen Neigung habe. Wirklich, dachte ich, sieht er auch so recht stattlich aus, und es könnte ihm im Grunde einerlei sein; mir aber ist es nicht einerlei, denn ich bin nicht sicher, ob ich in jenem Leibe nicht wieder zusammengehe und nicht wieder so klein werde wie zuvor. Um über diese Angelegenheit ins Gewisse zu kommen, nahm ich meinen Freund auf die Seite und fragte ihn, wie er sich in meinen Gliedern fühle. „Vollkommen gut,“ sagte er; „ich habe dieselbe Empfindung meines Wesens und meiner Kraft wie sonst. Ich weiß nicht was du gegen deine Glieder hast, sie sind mir völlig recht, und du siehst, man muß nur etwas aus sich machen. Bleibe in meinem Körper so lange du Lust hast; denn ich bin vollkommen zufrieden, für alle Zukunft in dem deinigen zu verharren.“ Über diese Erklärung war ich sehr froh, und indem auch ich in allen meinen Empfindungen, Gedanken und Erinnerungen mich völlig wie sonst fühlte, kam mir im Traum der Eindruck einer vollkommenen Unabhängigkeit unserer Seele und der Möglichkeit einer künftigen Existenz in einem andern Leibe.

Duane Bryers, Hilda, Bored Panda„Ihr Traum ist sehr artig,“ sagte Goethe, als ich ihm heute nach Tische die Hauptzüge davon mittheilte. „Man sieht,“ fuhr er fort, „daß die Musen Sie auch im Schlaf besuchen, und zwar mit besonderer Gunst; denn Sie werden gestehen, daß es Ihnen im wachen Zustande schwer werden würde, etwas so Eigenthümliches und Hübsches zu erfinden.“

„Ich begreife kaum, wie ich dazu gekommen bin,“ erwiederte ich; „denn ich fühlte mich alle die Tage her so niedergeschlagenen Geistes, daß die Anschauung eines so frischen Lebens mir sehr fern stand.“

„Es liegen in der menschlichen Natur wunderbare Kräfte,“ erwiederte Goethe, „und eben wenn wir es am wenigsten hoffen, hat sie etwas Gutes für uns in Bereitschaft. Ich habe in meinem Leben Zeiten gehabt, wo ich mit Thränen einschlief, aber in meinen Träumen kamen nun die lieblichsten Gestalten, mich zu trösten und zu beglücken, und ich stand am andern Morgen wieder frisch und froh auf den Füßen.

Duane Bryers, Hilda, Bored PandaEs geht uns alten Europäern übrigens mehr oder weniger allen herzlich schlecht; unsere Zustände sind viel zu künstlich und complicirt, unsere Nahrung und Lebensweise ist ohne die rechte Natur, und unser geselliger Verkehr ohne eigentliche Liebe und Wohlwollen. Jedermann ist fein und höflich, aber niemand hat den Muth, gemüthlich und wahr zu sein, sodaß ein redlicher Mensch mit natürlicher Neigung und Gesinnung einen recht bösen Stand hat. Man sollte oft wünschen, auf einer der Südseeinseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal das menschliche Dasein ohne falschen Beigeschmack, durchaus rein zu genießen.

Denkt man sich bei deprimirter Stimmung recht tief in das Elend unserer Zeit hinein, so kommt es einem oft vor als wäre die Welt nach und nach zum Jüngsten Tage reif. Und das Übel häuft sich von Generation zu Generation! Denn nicht genug, daß wir an den Sünden unserer Väter zu leiden haben, sondern wir überliefern auch diese geerbten Gebrechen, mit unsern eigenen vermehrt, unsern Nachkommen.“

„Mir gehen oft ähnliche Gedanken durch den Kopf,“ versetzte ich; „allein wenn ich sodann irgend ein Regiment deutscher Dragoner an mir vorüberreiten sehe und die Schönheit und Kraft der jungen Leute erwäge, so schöpfe ich wieder einigen Trost, und ich sage mir, daß es denn doch um die Dauer der Menschheit noch nicht so gar schlecht stehe.“

Bilder: Duane Bryers: Hilda, „from around the 1950s to the 1980s“,
via Greta Jaruševičiūtė: Hilda: The Forgotten Plus-Size Pin-Up Girl From The 1950s, 2017.

Soundtrack: Baby Gramps: Old Man of the Sea,
aus: Rogues Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, ANTI- 2006:

Written by Wolf

25. Juni 2021 at 00:01

The Widow of the Cross

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Update for Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer,
Archegonus aus der Unterwelt: Tiefer verankert als derzeit absehbar,
and Filetstück 0001: Vielleicht bis zum Meer:

So forget Isle of the Cross, the „lost“ work that Melville wrote after Pierre (1852). Better yet, consider it found and read it in „Norfolk Isle and the Chola Widow„, the eighth sketch of The Encantadas. Melville’s tale of a grief-struck lady named Hunilla has „Island“ and „Cross“ stamped all over it.

Melvilliana: Dragooned!: Ten Traces of Herman Melville
in „Scenes Beyond the Western Border“ (1851–1853)

The following text first appeared in — and is copyrighted by — the most inspiring Melvilliana site by Stephen Scott Norsworthy. With his explicit and friendly permission, we recovered this utterly enlightening and entertaining piece of science from the Google cache for Moby-Dick™. Now that the Melvilliana site seems defunct, it might not be a fault to save the same text to this supplementary place, this time with decent illsutrations.

Emphases, spellings and (lacking) links appear as given in the primary text.

A German translation will be most welcome!

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——— Stephen Scott Norsworthy:

A Note on „Isle of the Cross“

from: Melvilliana, before 2006:

Alberich Matthews, And at Her Feet She Found a Trampled Rose, July 27th, 2019Following the publication of Pierre in August 1852, Herman Melville worked slavishly on one or more writing projects for the rest of 1852 and the early months of 1853. On 20 April 1853, Melville’s mother Maria alluded to a „new work, now nearly ready for the press“ (Letter to Peter Gansevoort; quoted in Parker, V2.154). Other letters from family members and a late biographical note by his wife describe a period of intense activity ending nearly in mental breakdown. Elizabeth Melville never forgot that the whole family „felt anxious about the strain on his health in Spring of 1853“ (quoted in Parker, V2.161).

Surviving letters from Melville to Hawthorne in 1852 document Melville’s interest in what has come to be known as the „story of Agatha.“ The true tale of a woman deceived and abandoned by her unfaithful sailor-lover came to Melville’s attention in July 1852, while visiting Nantucket. In August 1852, Melville passed the account on to his friend and former neighbor, urging Nathaniel Hawthorne to make a fiction of the dramatic details. Hawthorne demurred, and after a visit to Concord, Melville decided in December 1852 to write the thing himself. The last surviving „Agatha“ letter to Hawthorne, written from Boston between 3 and 13 December, identifies Melville’s working title for the project, „Isle of Shoals,“ a title suggested by Hawthorne (Correspondence, 242).

Hershel Parker discovered references to „Isle of the Cross“ in two 1853 letters from Melville’s cousin Priscilla to his sister Augusta. We do not have Augusta’s letters, but from the replies of Priscilla Melvill it is clear that Augusta informed their cousin of a forthcoming work by Herman called „Isle of the Cross.“ On 22 May 1853, Priscilla wondered: „When will the ‚Isle of the Cross‘ make its appearance? I am constantly looking in the journals & magazines that come in my way, for notices of it.“ In reply, Augusta told Priscilla that Herman had finished „Isle of the Cross“ and that Lizzie had given birth to the couple’s third child (first daughter) on 22 May 1853. Priscilla wrote back on 12 June: „the ‚Isle of the Cross‘ is almost a twin sister of the little one & I think she should be nam’d for the heroine—if there is such a personage—the advent of the two are singularly near together“ (Parker, V2.155).

Parker logically and persuasively connects the working title of the „Agatha“ project in December 1852, „Isle of Shoals,“ with the new title mentioned in Priscilla’s 1853 letters to Augusta, „Isle of the Cross.“ Around the time of the birth of Elizabeth (Bessie) on 22 May 1853, Melville completed work on a tale almost certainly inspired by the account of Agatha Hatch that he first heard about in Nantucket the previous summer.

In the second volume of his masterful biography (and before that, in a 1990 article in American Literature), Parker unhesitatingly equates „Isle of the Cross“ with the unnamed „work“ that Melville brought to New York in June 1853 and was inexplicably „prevented from printing.“ Other distinguished Melville scholars before Parker, notably Harrison Hayford, Merton Sealts, and Walter Bezanson, had likewise suspected that the work Melville tried and failed to publish in 1853 was probably a version of the Agatha story. Parker’s discovery of Priscilla’s references to a completed work entitled „Isle of the Cross“ seemed to clinch the argument, which hangs nonetheless on a tempting yet unproved and rarely examined assumption.

Alberich Matthews, Pyrate Penelope Sometimes Wondered ..., August 19th, 2018The logical flaw behind any unqualified identification of „Isle of the Cross“ with the book Melville „was prevented from printing“ is the ancient one known as post hoc, ergo propter hoc (‚after this, therefore because of this‘). Melville’s New York trip in June chronologically followed his completion of „Isle of the Cross“ in May, but it does not follow necessarily that the publication he meant to „superintend“ was „Isle of the Cross.“

The month of Melville’s trip to New York is confirmed by newspaper reports of 11 June 1853 (in the Springfield Daily Republican) and 14 June (Boston Daily Evening Transcript): „Herman Melville has gone to New York to superintend the issue of a new work.“ The rejection of the work by a New York publisher—a provisional rejection, evidently—is known from Melville’s letter of 24 November 1853 to Harper & Brothers:

In addition to the work which I took to New York last Spring, but which I was prevented from printing at that time; I have now in hand, and pretty well on towards completion, another book—300 pages, say—partly of nautical adventure, and partly—or, rather, chiefly, of Tortoise Hunting Adventure.

(Correspondence 250)

The fact is, Melville does not say the name of the work declined by the Harpers. Nor does he explain why he „was prevented from printing“ the unidentified book „at that time.“ We can be reasonably certain that it was a book-length work, since Melville refers immediately to „another book“ (emphasis mine), and since he would not have made the journey merely to, in the words of the contemporary newspaper reports, „superintend the issue“ of a single magazine piece.

Basem L. Ra’ad has called attention to good textual evidence suggesting that Melville’s reworking of the Agatha story, in some version or other, may eventually have been published as the story of Hunilla in the eighth sketch of „The Encantadas.“ If „Isle of the Cross“ contains Melville’s artistic transformation of the „story of Agatha,“ and the Agatha story became the Hunilla story, then „Isle of the Cross“ is simply an earlier incarnation of the Hunilla story as we have it in „Norfolk Isle and the Chola Widow.“ In the 1960’s, decades before the discovery of Priscilla’s correspondence in which Parker located two „Isle of the Cross“ allusions, Reidar Eknar and Charles N. Watson, Jr. independently adduced textual links between the Hunilla and Agatha stories. Then in 1978, Robert Sattelmeyer and James Barbour identified a newspaper sketch about a „Female Robinson Crusoe“ as another likely source for Melville’s tale of Hunilla. Sattelmeyer and Barbour found two printings of the sketch in November 1853, but it had been around for years. In March 1847, a Boston magazine that Melville knew, and apparently interested himself in during that very month and year (see Sealts 327 in Melville’s Reading), Littell’s Living Age (27 March 1847: 594-595), reprinted the story of „A Female Crusoe“ from the Boston Atlas.

Alberich Matthews, Den lille havfrue, June 21st, 2014The impressive textual parallels between the Agatha and Hunilla stories, independently noticed by careful readers, along with the undeniable influence of the „Female Crusoe“ article on „Norfolk Isle and the Chola Widow,“ allow for a reasonable alternative to the over-easy equation of „Isle of the Cross“ and the „work“ that Melville „was prevented from printing“ in June 1853. The alternative embraces all the evidence, textual as well as archival and biographical, and thus allows for the organic, artistic development of a basic premise or idea during the writing process.

The existence of an earlier printing of the „Female Crusoe“ sketch in March 1847 means that the version of the Agatha story completed in May 1853 under the title „Isle of the Cross“ may already have fused the story of Agatha and that of the female Robinson Crusoe in imaginative and unpredictable ways. Given the numerous and frequently observed parallels between the stories of Agatha and Hunilla, it is very possible that at some point, early or late, Melville dramatically set „Isle of the Cross“ on one of the Galápagos islands, the setting of the Hunilla sketch. Hunilla goes to Norfolk Isle in the first place to hunt tortoises. Further possibilities, suggested by the idea of tortoise hunting on lonely, otherworldly islands, might then have prompted Melville either to make a book of his shorter fiction, or make a different book of the one he had. Melville’s November 1853 letter to the Harpers characterizes the „Tortoise Hunting Adventure“ as „another book“; in other words, not the one he had unsuccessfully tried to publish in June. Perhaps „Isle of the Cross“ did not get published in 1853 because Melville elected to revise and expand it into something like what we find in „The Encantadas,“ serially published in Putnam’s Monthly Magazine in 1854. The simplest and most satisfying reading of all the available evidence is that „Isle of the Cross,“ „Tortoise Hunting Adventure,“ and „The Encantadas“ are creative permutations of one and the same work.

Melville’s probable involvement in the writing or „ghostwriting“ of Scenes and Adventures in the Army supplies a new candidate for the unnamed work that Melville unsuccessfully tried to publish in June 1853. The army memoir of Philip St. George Cooke comprises two different series, published a decade apart (1842-1843; and 1851-1853) in the Southern Literary Messenger. Although the last installment of the second series, „Scenes Beyond the Western Border“ appeared in August 1853, the manuscript of that installment must have been finished by June, or early July at the latest. Everything but the last number was in print by May 1853. The cryptic phrases in Melville’s letter of 24 November 1853, „prevented from printing“ and „at that time,“ are more obviously applicable to the work that became Scenes and Adventures in the Army than to „Isle of the Cross.“

Alberich Matthews, Precision Milling, July 28th, 2014Possibly, then, Melville went to New York in June 1853 with the modest idea of „superintending“ the re-publication of the two Southern Literary Messenger series in one volume. In those days a previously serialized rip-off of somebody else’s narrative might be counted a „new work,“ as 1855 advertisements for Israel Potter as „Melville’s New Work“ demonstrate. Nevertheless, publishers and their lawyers invariably want to settle questions of authorship and copyright. Such vexed questions as „Whose book is this, anyway?“ might have been anticipated as a potential stumbling block, but Melville was not well and financially desperate, by all accounts. Suggestive evidence of a lesson learned the hard way appears in February 1854, when Herman’s brother Allan instructed Augusta (in connection with the planned serialization of „The Encantadas“ in Putnam’s Monthly) to „Say to Herman that he ought to reserve to himself the right to publish his magazine matter in book form. It might be desirable & could probably be secured by agreement made at the beginning“ (quoted in Parker, V2.211).

Perhaps John R. Thompson, editor of the Southern Literary Messenger, intervened to assert a claim of copyright, or perhaps Cooke himself claimed authorship and thereby „prevented“ the Harpers from printing the volume as originally planned. Alternatively, the Harpers may simply have advised Melville in June 1853 not to proceed further without first obtaining written consent from Cooke and the Southern Literary Messenger, or other proofs of legal copyright. At any rate, five months later, Melville plainly believed his unnamed project was only delayed, temporarily („at that time“), rather than crushed, forever.

In May 1854, Cooke or his silent partner finished a major effort of revision, incorporating changes to both the 1842-1843 and 1851-1853 series (Letter dated 11 February 1856 to John Esten Cooke in the Cooke papers, Duke University Rare Book, Manuscript, and Special Collections Library, Durham, North Carolina). In January 1855, Cooke himself was still trying (vainly) to interest New York publishers, including the Harpers, in the proposed volume, then called „Fragments of a Military Life“ (Letter to John Pendleton Kennedy, 14 March 1855; Microfilm of the John Pendleton Kennedy Papers, ed. John B. Boles, Maryland Historical Society, 1972). In time, possibly with the aid of a literary nephew (the prolific Virginia novelist John Esten Cooke, a correspondent of Evert Duyckinck’s before and after the Civil War), the Melvillean memoir of Philip St. George Cooke finally was published by Lindsay & Blakiston as Scenes and Adventures in the Army: Or, Romance of Military Life (Philadelphia, 1857).

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Works Cited

  • Ekner, Reidar. „The Encantadas and Benito Cereno—On Sources and Imagination in Melville.“ Moderna Språk 60 (1966): 258–273.
  • Hayford, Harrison. „The Significance of Melville’s ‚Agatha‘ Letters.“ ELH, A Journal of English Literary History 13 (December 1946): 299–310.
  • Melville, Herman. Correspondence. Ed. Lynn Horth. Evanston and Chicago: Northwestern University Press and The Newberry Library, 1993.
  • Parker, Hershel. Herman Melville’s The Isle of the Cross: A Survey and a Chronology. American Literature 62 (March 1990): 1–16.
  • __________. Herman Melville: A Biography. Volume 2, 1851–1891. Baltimore: Johns Hopkins University Press, 2002.
  • Ra’ad, Basem L. „‚The Encantadas‘ and ‚The Isle of the Cross‘: Melvillean Dubieties, 1853-54.“ American Literature 63 (June 1991): 316–323.
  • Sattelmeyer, Robert, and James Barbour. „The Sources and Genesis of Melville’s ‚Norfolk Isle and the Chola Widow.'“ American Literature 50 (November 1978): 398–417.
  • Sealts, Merton M., Jr. „The Chronology of Melville’s Short Fiction, 1853–1856.“ Harvard Library Bulletin 28 (1980): 391–403. Rpt. Pursuing Melville 1940–1980. Madison: University of Wisconsin Press, 1982, pp. 221–31.
  • __________. Melville’s Reading. Columbia: University of South Carolina Press, 1988.
  • Watson, Charles N., Jr. „Melville’s Agatha and Hunilla: A Literary Reincarnation.“ English Language Notes 6 (December 1968): 114–118.

Alberich Matthews, Salamander's Repose, July 3rd, 2016

Images: all by Alberich Matthews (who used to illuminate
our Laß mich die Aschengruttel sein in deinem Märchen); featuring models:

  1. Miranda: And at Her Feet She Found a Trampled Rose, July 27th, 2019;
  2. Penelope: Pyrate Penelope Sometimes Wondered …, August 19th, 2018;
  3. Den lille havfrue, June 21st, 2014;
  4. Lily: Precision Milling, July 28th, 2014;
  5. 妖怪: Salamander’s Repose, July 3rd, 2016.

Soundtrack: Sierra Ferrell: The Sea: from: Long Time Coming, released on August 20th, 2021:

Bonus Track: same, same, preliminary practice for her debut album 2019:

Written by Wolf

18. Juni 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Fruchtstück 0004: Der heil’ge Rhythmus in Verselein und Rimelein

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Update zu Der unverzichtbare Buchstabe e
und The Metrum is the Message:

Über Sinn oder Unsinn der Poesie, Literatur und/oder gar Kunst lässt sich in den Zeiten des gerade erst zu seinen optimierten Vernichtungsschlägen ausholenden Neoliberalismus nicht mehr sinnvoll diskutieren. Über den Sinn von Formgebung in der Lyrik offenbar schon.

——— August von Platen:
1825:

Was stets und aller Orten
Sich ewig jung erweist,
Ist in gebundnen Worten
Ein ungebundner Geist
.

I

Entled’ge dich von jenen Ketten allen,
Die gutgemutet du bisher getragen,
Und wolle nicht, mit kindischem Verzagen,
Der schnöden Mittelmäßigkeit gefallen!

Und mag die Bosheit auch die Fäuste ballen,
Noch atmen Seelen, welche keck es wagen,
Lebendig, wie die deinige, zu schlagen,
Drum laß die frischen Lieder nur erschallen!

Geschwätz’gen Krittlern gönne du die Kleinheit,
Bald dies und das zu tadeln und zu loben,
Und nie zu fassen eines Geistes Einheit.

Ihr kurzer Groll wird allgemach vertoben,
Du aber schüttelst ab des Tags Gemeinheit,
Wenn dich der heil’ge Rhythmus trägt nach oben.

Abbie Cornish mit Topper, Bright Star, 2009

——— Thomas Mann:

Der Erwählte

1951, 1. Kapitel: Wer läutet?, Schluss,
Rolle Mönch Clemens der Ire, vormals Morhold, im Kloster Sankt Gallen als Der Geist der Erzählung:

Eines ist gewiß, nämlich, daß ich Prosa schreibe und nicht Verselein, für die ich im ganzen keine übertriebene Achtung hege. Vielmehr stehe ich diesbezüglich in der Überlieferung Kaisers Caroli, der nicht nur ein großer Gesetzgeber und Richter der Völker, sondern auch der Schutzherr der Grammatik und der beflissene Gönner richtiger und reiner Prosa war. Ich höre zwar sagen, daß erst Metrum und Reim eine strenge Form abgeben, aber ich möchte wohl wissen, warum das Gehüpf auf drei, vier jambischen Füßen, wobei es obendrein alle Augenblicke zu allerlei daktylischem und anapästischem Gestolper kommt, und ein bißchen spaßige Assonanz der Endwörter die strengere Form darstellen sollten gegen eine wohlgefügte Prosa mit ihren so viel feineren und geheimeren rhythmischen Verpflichtungen, und wenn ich anheben wollte:

Es war ein Fürst, nommé Grimald,
Der Tannewetzel macht‘ ihn kalt.
Der ließ zurück zween Kinder klar,
Ahî, war das ein Sünderpaar!

oder in dieser Art, – ob das eine strengere Form wäre als die grammatisch gediegene Prosa, in der ich jetzt sogleich meine Gnadenmär vortragen und sie so musterhaft ausgestalten und gültig darstellen werde, daß viele Spätere noch, Franzosen, Angeln und Deutsche, daraus schöpfen und ihre Rimelein darauf machen mögen.

Abbie Cornish mit Topper, Bright Star, 2009

——— König Friedrich Wilhelm III:
September 1811, zu August Neidhardt von Gneisenaus Hinweis auf die „tapferen österreichischen Milizen im letzten Kriege, die, fest zusammengeschlossen, dem Anfall der französischen Reiterei muthvoll widerstanden“:

Als Poesie gut.

——— August Neidhardt von Gneisenau:
September 1811:

Ew. Majestät werden mir, indem ich dieses sage, abermals Poesie Schuld geben, und ich will mich gern hiezu bekennen. Religion, Gebet, Liebe zum Regenten, zum Vaterland sind nichts anderes als Poesie, keine Herzenserhebung ohne poetischen Schwung. Wer nur nach kalter Berechnung handelt, wird ein starrer Egoist. Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet. Wie so mancher von uns, die wir mit Bekümmernis auf den wankenden Thron blicken, würde eine ruhige, glückliche Lage in stiller Eingezogenheit finden können, wie mancher selbst eine glänzende erwarten dürfen, wenn er statt zu fühlen nur berechnen wollte. Jeder Herrscher ist ihm dann gleichgültig. Aber die Bande der Geburt, der Zuneigung, der Dankbarkeit, des Hasses gegen die Fremdlinge fesseln ihn an seinen alten Herrn, mit ihm will er leben und fallen, für ihn entsagt er den Familienfreuden, für ihn gibt er Leben und Gut ungewisser Zukunft preis. Dies ist Poesie, und zwar der edelsten Art. An ihr will ich mich aufrichten mein lebelang, und zur Ehre will ich mir es rechnen, der Schar jener Begeisterten anzugehören, die alles daran setzen, um Ew. Majestät alles zu retten, denn wahrlich, zu einem solchen Entschluss gehört Begeisterung, die jede selbstsüchtige Berechnung verschmäht. Viel sind der Männer, die so denken, und weit siehe ich ihnen an Adel der Gesinnungen nach, aber ich will mich bestreben, ihnen ähnlich zu werden.

Abbie Cornish mit Topper, Bright Star, 2009

——— Joseph von Eichendorff:

Ahnung und Gegenwart

1815, Zweites Buch, Sechszehntes Kapitel:

„Warum fürchten Sie sich?“ sagte Friedrich hastig, denn ihm war, als sähe ihn das stille, weiße Bild wie in der Kirche wieder an, „wenn Sie den Mut hatten, das hinzuschreiben, warum erschrecken Sie, wenn es auf einmal Ernst wird und die Worte sich rühren und lebendig werden? Ich möchte nicht dichten, wenn es nur Spaß wäre, denn wo dürfen wir jetzt noch redlich und wahrhaft sein, wenn es nicht im Gedichte ist? Haben Sie den rechten Mut, besser zu werden, so geh’n Sie in die Kirche und bitten Sie Gott inbrünstig um seine Kraft und Gnade. Ist aber das Beten und alle unsere schönen Gedanken um des Reimes willen auf dem Papiere, so hol‘ der Teufel auf ewig den Reim samt den Gedanken!“ –

Hier fiel der Prinz Friedrich’n ungestüm um den Hals.

Abbie Cornish mit Topper, Bright Star, 2009

Bilder: Abbie Cornish featuring Topper, in: Bright Star, 2009.

Soundtrack von hohem metrischen Gestaltungswillen in the merry month of June mit dem luziden Kommentar des YouTübners smokelet’sgo von 2017:

Shane sings 503 words in this song in 2 miutes 13 seconds (lyrics start at 1:00 in the song). 226 words per minute, 3.77 words per second. All from a man who abused his body beyond the comprehension of most human beings, basically he shouldn’t be alive today. Simply amazing.

The Pogues: Rocky Road to Dublin:

Written by Wolf

11. Juni 2021 at 00:01

La feuille s’émeut comme l’aile dans les noirs taillis frémissants

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Mise à jour à Paris Faustiens,
Nachtstück 0009: Dieselben Finger,
et Eichendorffs Märchen:

Photograph argentique Jean-Marc utilisait le poème Danger d’aller dans les bois par Victor Hugo même deux fois pour illustrer ses propres photos.

Quand Victor Hugo a écrit ça reste incertain, ses Œuvres complètes n’indiquent que la date de 2 juin sans un an, même pas sur le fac-similé à leur page 521. Le poème inédit se retrouve soudainement dans Toute la lyre, publié à titre posthume en 1888 et suivants. Marva A. Barnett dans Victor Hugo on Things That Matter: A Reader de 2010 le décrit comme ludique. C’est vrai.

Jean-Marc, Ne te figure pas, ma belle, que les bois soient pleins d'innocents, 7. November 2013, Flickr

——— Victor Hugo:

Danger d’aller dans les bois

2 juin, uncertain an:

Ne te figure pas, ma belle,
Que les bois soient pleins d’innocents.
La feuille s’émeut comme l’aile
Dans les noirs taillis frémissants ;

L’innocence que tu supposes
Aux chers petits oiseaux bénis
N’empêche pas les douces choses
Que Dieu veut et que font les nids.

Les imiter serait mon rêve ;
Je baise en songe ton bras blanc ;
Commence ! dit l’Aurore. — Achève !
Dit l’étoile. Et je suis tremblant.

Toutes les mauvaises pensées,
Les oiseaux les ont, je les ai,
Et par les forêts insensées
Notre coeur n’est point apaisé.

Quand je dis mauvaises pensées
Tu souris… – L’ombre est pleine d’yeux,
Vois, les fleurs semblent caressées
Par quelqu’un dans les bois joyeux. –

Viens ! l’heure passe. Aimons-nous vite !
Ton coeur, à qui l’amour fait peur,
Ne sait s’il cherche ou s’il évite
Ce démon dupe, ange trompeur.

En attendant, viens au bois sombre.
Soit. N’accorde aucune faveur.
Derrière toi, marchant dans l’ombre,
Le poëte sera rêveur ;

Et le faune, qui se dérobe,
Regardera du fond des eaux
Quand tu relèveras ta robe
Pour enjamber les clairs ruisseaux.

Jean-Marc, Doriana en La feuille s'émeut comme l'aile dans les noirs taillis frémissants, 26. Oktober 2014, Flickr

Images: Jean-Marc de Nice, par son Hasselblad:
Ne te figure pas, ma belle, que les bois soient pleins d’innocents, Novembre 7ème, 2013;
La feuille s’émeut comme l’aile dans les noirs taillis frémissants, October 26ème, 2014,
de Changing of the Seasons.

Bande sonore: le mème, mise en musique par André, juin 11ème, 2020:

Titre bonus: Bénabar: La forêt, dans: Inspiré de faits réels, 2014:

Written by Wolf

4. Juni 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Freundlicher Zuruf/Unwilliger Ausruf (Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist)

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Update zu In einem anderen hochgewölbten, engen gotischen Zimmer und
Die Sonne zeugt das Licht und hat doch selber Flecken (wie viel uns fehlt, wie nichts man weiß!):

Der Eingangsmonolg des Goethischen Doktor Faust übernimmt, sagten wir, Wendungen wie „Zwar bin ich gescheidter als alle die Laffen“ pp. oder „was die Welt im Innersten zusammenhält“ textnah bis wörtlich das „Er kennet von der Welt / was aussen sich bewegt [/] Und nicht die inn’re Kraft / die heimlich alles regt“ aus Albrecht von Hallers Die Falschheit menschlicher Tugenden 1730.

An unserer Stelle hat es damit drei Teile gebraucht, bis bewiesen war, was Albrecht Schöne im Kommentar zur Frankfurter Faust-Ausgabe verkündet, Seite 211:

So hat Goethe durch intertextuelle Verweise die von Haller vorgezeichnete Rolle Newtons auf seinen Protagonisten übertragen: Mit den Eingangsversen des Faust-Spiels tritt der Begründer der neuzeitlichen Naturwissenschaft ins Spiel.

Wäre es zu weit gesprungen zu behaupten, Goethe musste seiner Faust-Figur von Anfang an ein schlimmes Ende zudenken, weil er den ungeliebten Isaac Newton qua Farbenlehre widerlegt haben wollte? — Ja, wahrscheinlich schon, endet Faust ja auch in allen vorhergehenden Bearbeitungen in Tod, Hölle und Verderben; ein Fauststoff mit Happy End steht bis heute noch aus. So weit geht Goethe allerdings noch 1820 — zwölf Jahre nach der Tragödie erstem Theil, aber immer noch ungefähr ebensolange über den Arbeiten an deren zweyten — um in einem Altersgedicht, dem Nebenprodukt seiner morphologischen Forschungen, die Hallerschen Affirmationen Newtons im Wortlaut zurückzuweisen.

So äußert sich diese lebenslange Sturheit als poetischer Anhang zur Morphologie:

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Freundlicher Zuruf

aus: Zur Morphologie I 3, 1820:

Eine mir in diesen Tagen wiederholt sich zudringende Freude kann ich am Schlusse nicht verbergen. Ich fühle mich mit nahen und fernen, ernsten, tätigen Forschern glücklich im Einklang. Sie gestehen und behaupten, man solle ein Unerforschliches voraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher selbst keine Grenzlinie ziehen. – Muß ich mich denn nicht selbst zugeben und voraussetzen, ohne jemals zu wissen, wie es eigentlich mit mir beschaffen sei; studiere ich mich nicht immer fort, ohne mich jemals zu begreifen, mich und andere, und doch kommt man fröhlich immer weiter und weiter. – So auch mit der Welt! Liege sie anfang- und endelos vor uns, unbegrenzt sei die Ferne, undurchdringlich die Nähe – es sei so! Aber wie weit und wie tief der Menschengeist in seine und ihre Geheimnisse zu dringen vermöchte, werde nie bestimmt noch abgeschlossen. – Möge nachstehendes heitere Reimstück in diesem Sinne aufgenommen und gedeutet werden!

Unmittelbar folgt das nachmals selbstständig ausgegliederte Gedicht Allerdings. Das darin eingewobene Zitat ist aus Albrecht von Hallers Lehrgedicht Die Falschheit menschlicher Tugenden von 1730. Dieser Erstdruck trägt noch keine Überschrift, das „heitere Reimstück“, das dem Freundlichen Zuruf folgt, wird nur in Inhaltsverzeichnis als Unwilliger Ausruf ausgewiesen:

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Allerdings

Dem Physiker

ca. 1. Oktober 1820:

Jules Chéret, Poster Faust 1896, Books and Art„Ins Innre der Natur –“
O du Philister! –
„Dringt kein erschaffner Geist.“
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern:
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
„Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist!“

Das hör‘ ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.

Alle die Laffen: Jules Chéret: Plakat für Faust!
mit Lydia Thompson, der europäisch-amerikanischen Burlesque-Ikone des 19. Jahrhunderts, 1896,
Lithographie, Musée des Arts Décoratifs,
via Books and Art, 20. Januar 2021.

Burlesquer europäisch-amerikanischer Soundtrack:
Liza Minnelli: Mein Herr, aus: Cabaret, 1972:

Written by Wolf

28. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

And to watch it dwindle gave him Kugelkopfschwindel

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Update zu Der Fluch des Albatros und
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire:

Damit Hans Wollschläger vor einer Übersetzung zurückschreckt, musste wohl einiges kommen: Der Mann hat eine der wenigen legendär gewordenen Großübersetzungen des 20. Jahrhunderts — dem Ulysses von James Joyce für Suhrkamp 1975 — geliefert, und dann erscheint in derselben Reihe der Gesammelten Gedichte samt Anna Livia Plurabelle 1981 in der Nachbemerkung durch die Joyce-Koryphäen „K. R., F. S.“, was wir sinnvoll als Klaus Reichert und Fritz Senn auflösen dürfen:

Der vorliegende Band bringt fast sämtliche Gedichte von James Joyce, also sowohl die von ihm selbst publizierten wie die zu Lebzeiten nichtpublizierten. Ganz wenige, unerhebliche Stücke sind weggelassen. Bedauerlich ist höchstens das Fehlen eines Gedichts – ‚A Portrait of the Artist as an Ancient Mariner‘ (1932). Dieses fast unverständliche Gedicht hat zum Thema einige Tücken der Ulysses-Publikation wie etwa die Piratendrucke; es hat als formales Gerüst Coleridges ‚Rime of the Ancient Mariner‚. Bis ins kleinste entwirren ließ das Gedicht sich nicht, und die formale Strukturierung wäre für deutsche Leser ohnehin nicht erkennbar. Der Arbeitsaufwand hätte in gar keinem Verhältnis gestanden zu einem irgendwie akzeptablen Resultat.

Den Scan eines Schreibmaschinendurchschlags mit — die Älteren entsinnen sich — Kohlepapier liefert uns heute im Gegensatz zu 1981 die National Library of Ireland, die James Joyce Collection der University at Buffalo merkt zusätzlich an:

Joyce gave this manuscript to Sylvia Beach (see Buffalo MS X.C.244; Joyce to Beach; 30 October 1932; JJSB, p. 185). There is carbon copy of this typescript, without corrections, and two further, different typescript copies in the Zurich James Joyce Foundation as part of the Jahnke Bequest.

There is a note with the manuscript in Sylvia Beach’s hand in blue ink that reads: „referring to the Albatross Press | edition of Ulysses“. The manuscript was folded twice horizontally and once vertically.

Indem wir weit von allen Situationen entfernt sind, in denen wir uns mit Hans Wollschläger messen können, die Suhrkamp-Ausgabe aber zweisprachig ist, tun wir das Unsrige zur Vollständigkeit und machen immerhin Joyces Original zugänglich, das nach den herausgeberischen Drohungen überraschend viel unbefangenen Spaß macht. Korrigiert nach der besagten carbon copy:

——— James Joyce:

A Portrait of the Artist an an Ancient Mariner

Oktober 1932:

James Joyce, A Portrait of the Artist an an Ancient Mariner, 1932, via James Joyce Gazette, 19. April 2020

1) I met with an ancient scribelleer
    As I scoured the pirates‘ sea
    His sailes were alullt at nought coma null
    Not raise the wind could be.

2) The bann of Bull, the sign of Sam
    Burned crimson of his brow.
    And I rocked at the rig of his bricabrac brig
    With K.O. 11 on his prow.

3) Shakesfears & Coy danced poor old joy
    And some of their steps were corkers
    As they shook the last shekels like phantom freckels
    His pearls that had poisom porkers.

4) The gnome Norbert read rich bills of fare
    The ghosts of his deep debauches
    But there was no bibber to slip that scribber
    The price of a box of matches

5) For all cried, Schuft ! He has lost the Luft
    That made his U boat go
    And what a weird leer wore that scribeleer
    As his wan eye winked with woe.

6) He dreamed of the goldest sands uprolled
    By the silviest Beach of Beaches
    And to watch it dwindle gave him Kugelkopfschwindel
    Till his eyeboules bust their stitches.

7) His hold shipped seas with a drunkard’s ease
    And its deadweight grew and grew
    While the witless wag still waved his flag
    Jemmyrend’s white and partir’s blue.

8) His tongue stuck out with a dragon’s drouth
    For a sluice of schweppes and brandy
    And but for the glows on his roseate nose
    You’d have staked your goat he was Gandhi.

9) For the Yanks and Japs had made off with his traps
    So that stripped to the stern he clung
    While increase of a cross, an Albatross
    Abaft his nape was hung.

Die Nachbemerkung von Reichert und Senn fährt an der angegebenen Stelle fort:

Das gleiche gilt leider auch für das Pamphlet ‚From a Banned Writer to a Banned Singer‘: die zahllosen notwendigen Annotationen zu einer völlig ephemeren Geschichte und deren Verarbeitung in den Text hätten kaum die Doppelanstrengung des Übersetzens und des Lesens gerechtfertigt.

Wir müssen also später nochmal dran.

Ottocaro Weiss, James Joyce, Zürich 1915

Bilder: James Joyces Typed carbon copy, via James Joyce Gazette, 19. April 2020;
Ottocaro Weiss: James Joyce in Zürich, 1915,
via Frank Delaney: Seeing Joyce, Public Domain Review, 12. Juni 2012.

Soundtrack: Fran O’Rourke & John Feeley: The Long Farewell,
auf Joyces frisch restaurierter Gitarre, Joyce’s Tower in Sandycove, Dublin, Juni 2013:

Bonus Tracks: BBC Radio 4: James Joyce’s Playlist, Juni 2012:

Written by Wolf

21. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Expressionismus, Handel & Wandel

Morgenstern über Greifswald (und keiner schaut hin)

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Update zu O selige Epoche,
Flintenwerfen und
Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10:

Es hätte ein so schönes Leben sein können: Da wird einer pünktlich erst nach dem einen Krieg geboren und stirbt pünktlich vor dem anderen — da kämpft er den größten Teil seiner Erdenzeit gegen eine lebenseinschränkende bis -bedrohliche Tuberkulose; da schafft er in seiner schönsten Phase mit seinen besten Kumpanen den zeitlosen Klassiker der Galgenlieder — und muss sich in der Folge lebelang ärgern, auf seine Studentenscherze reduziert zu werden. Irgendwas ist immer.

Leicht gemacht hat er sich’s, was vor diesem Hintergrund niemanden wundern muss, mit seinem „bürgerlichen Drama“ Ecce Civis. Verständlich, aber schade, dass dieses kurze, aber im Live-Betrieb beliebig zu erweiternde Stück so obskur ist und offenbar erst entschieden posthum um 1976 uraufgeführt wurde: Gerade Stellen wie „Das gesamte Tischgerät entwickelt eine lustige Musik“ (erster Akt), „Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann“ (zweiter Akt) und „Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab“ (dritter Akt) bieten den Darstellenden unschlagbare Möglichkeiten zum Herumbrillieren. Von der Maskenbildnerei ganz zu schweigen.

——— Lyrikzeitung:

Literarisches Greifswald (1)

in: Lyrikzeitung & Poetry News, 15. November 2015:

Wanderer, kommst du nach Spa-, nach Greifswald.

Greifswald liegt am Rand, aber es hat doch dies und das, sogar Literarisches. Vielleicht mache ich eine Folge. Ich beginne mit Christian Morgenstern. Mir sind keine Aufenthalte M.s in Greifswald bekannt. Geboren in München, gestorben in Meran, verbrachte das halbe Leben in Sanatorien, etwa in Birkenwerder. Wenn er an die See fuhr, so war es Helgoland, Sylt oder Föhr, oder gleich Norwegen.

Trotzdem steht sein Name an einer Hauswand in Greifswald:

Kapaunenstraße Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015
„In diesem Hause fand die
Erstaufführung von
Chr. Morgensterns Ecce Civis
unter der Leitung I.Sulks statt.“

Die Tafel wurde wahrscheinlich in den siebziger Jahren angebracht. Tatsächlich hing sie nicht an diesem Haus, das ein Neubau aus den End-80ern oder Früh-90ern ist. An dieser Stelle standen 2 Häuser, in einem ein Milchladen und im andern ein Zeitschriftenladen. Sie fielen der Tabula-Rasa-Abrißsanierung in den letzten DDR-Jahren zum Opfer. Die Tafel war dann längere Zeit verschwunden, erst vor Monaten fiel sie mir wieder auf. Sie hing damals nicht in der Kapaunenstraße, sondern vorn in der Langen Straße, die damals „Straße der Freundschaft“ hieß, vom Volksmund auf F-Straße verkürzt. Auch will mir die Erinnerung einreden, daß früher das Datum der Uraufführung auf der Tafel stand, irgendein Jahr in den 70ern, vielleicht 1976? Aber ich habe keine Fotos, einziges Indiz der gute Erhaltungszustand der also wohl neuen Tafel.

In einer DDR-Zeitschrift, „Das Magazin„, stand damals ein Artikel über die Tafel. Ich weiß nur noch, der Verfasser hielt das für einen Scherz, einen Ulk, er meinte, I. Sulk müsse „Is Ulk“ gelesen werden. Aber das stimmt nicht, der Herr Sulk war ein dort lebender Greifswalder.

Demnach hatte der Autor nicht recherchiert, sondern nur auf der Durchreise das Schild fotografiert und den Rest zusammenspekuliert. Es gibt gute Gründe, einen Ulk zu vermuten. Ein Blick auf das Personenverzeichnis des Kurzdramas zeigt das:

Personenverzichnis Ecce Civis, Christian Morgenstern. Ausgewählte Werke, Seite 455, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015

Ein hübsches Junggesellenzimmer mag auch der Ort der Erstaufführung gewesen sein. Aber wieso Ulk? Ich sehe es vor mir. Erste Zigarre: läßt Ringel zur Decke steigen. Mehrere Teller: klappern. Gabeln: klirren. Eine Zigarette: fängt an zu brennen. Der erste Akt endet so: „DAS GESAMTE TISCHGERÄT entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.“ Lange vor der bruitistischen Musik der Futuristen und dem bruitistischen Krippenspiel des Hugo Ball hat Christian Morgenstern die Chose erfunden. Und erstaufgeführt wurde es in Greifswald, Straße der Freundschaft.

Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015
Das jetzige Haus von vorn

Soweit die Informationen — oder vielmehr der Mangel daran — über Morgensterns Spuren in Greifswald. Ausführlicher wird seine literarische Nachwirkung vom vermutlich selben, nur diesmal namentlich ausgewiesenen Autor Dr. phil. Michael Gratz unter Morgenstern in der DDR — der an dieser Stelle warm zur Kenntnisnahme über persönlich nähergebrachte deutsch-deutsche Literaturgeschichte und Grenzverkehr empfohlen sei! — fürs L&Poe Journal 1 (2021), die Ausgabe zu Morgensterns 150. Geburtstag am 6. Mai beschrieben. Ein prominenter Greifswalder Bürger namens I. Sulk, dessen Name möglicherweise nur „Ulk is“, kann auch dort nicht nachgewiesen werden. An unserer Stelle erscheint so oder so der Volltext des Dramas sinnvoller:

——— Christian Morgenstern:

ECCE CIVIS

Ein bürgerliches Drama

um 1898, in: Klaus Schuhmann: Christian Morgenstern. Ausgewählte Werke,
Insel, Leipzig 1975, Seite 455–457,
cit. nach L&Poe Journal 1 (2021), 15. Februar 2021:

HANDELNDE

Eine Kiste Zigarren
Eine Schachtel Zigaretten
Ein mit zwei Kuverts gedeckter Esstisch
Eine grosse gedeckte Gesellschaftstafel
Ein Tablett mit Kaffeegeschirr
Ein Tablett mit Wein
Ein Tablett mit Bier

Parfümflaschen, Tüten mit Konfekt, Löffel, Messer, Gabeln, Kohlenschaufeln, Schmapsservice, große und kleine Brotkörbe, Ausguß, Wasserhähne, Putzlappen, Korkzieher, Zuckerdose usw. usw. nach Bedarf und Belieben.
Dazugehörige Personen.

Erster Akt

Ein hübsches Junggesellenzimmer.

Erste Zigarre läßt Ringel zur Decke steigen. Der dazugehörige Herr sagt etwa: Wo nur die Fanny heut so lang bleibt! Läßt sich vom Zimmer zu schaffen machen.

Mehrere Teller klappern.

Gabln klirren.

Eine Tüte mit Datteln

wird irgendwo versteckt.

Eine Flasche Sekt knallt. Der dazugehörige Diener sagt etwa: Bleibt heut das Fräulein aber lang!

     Nach einer Weile klopft es, und die Erwartete kommt.

Eine Zigarette fängt an zu brennen. Der dazugehörige weibliche Mund sagt etwa: Du hast wohl heut etwas warten müssen, Fredi.

Die Zigarre: Du machst dir eben nichts aus mir.

Die Zigarette: Ach geh, was du dir auch immer einbildst; Komm, eß mer. Man setzt sich zu Tisch.

Das gesamte Tischgerät entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt Bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.

Zweiter Akt

Ein Salon.

Eine Menge Zigarren und Zigaretten mit dazugehörigen Personen beiderlei Geschlechts kommt aus dem im Hintergrund durch eine breite Flügeltür sichtbaren Speisesaal, nicht jedoch ohne des öftern dahin zurückzukehren, ein Glas Wein, ein Stück Torte zu sich zu nehmen, einen Toast auszubringen oder dergleichen.

Erste Zigarre: Das mit der Huber soll also wirklich wahr Sein?

Zweite Zigarre: Meine Frau hat die zwei mit eignen Augen –

Eine Zigarette: Mit eignen Augen!

Ein Stück Torte: Um Gottes willen, seid still! Dort kommt er!

Mehrere Zigarren und Zigarette: Pst! pst! pst!

Dritte Zigarre in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Guten Abend, meine Damen und Herren!

Sämtliche Zigarren und Zigaretten: Guten Abend, Herr Müller.

Zweite Zigarre und dritte Zigarette zugleich: Bitte, meine Herrschaften, der Kaffee!

Ein Tablett mit Kaffeetassen beherrscht auf längere Zeit die Situation.

Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann.

Dritter Akt

Ärmliche Giebelstube.

Eine Zigarette sitzt mit dem dazugehörigen Fräulein Fanny vor einem Tisch.

Löffel, Messer, Gabeln lassen sich von ihr putzen und führen eine Weile das Wort.

Eine Zigarre in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Grüß dich Gott, Fanny!

Die Zigarette: Jessas, Fredi, wo kommst denn du jetzt her?

Die Zigarre: Es mußte sein. Aber erst schaff mir was zu trinken, ich bin wie ausgedorrt.

Die Zigarette: Ich hab bloß Bier da.

Die Zigarre: Schadt nichts. Gib nur her! Fanny – zwischen uns muß Es aus sein. Schenkt Bier ein.

Die Zigarette zitternd: Ich hab mir’s ja gedacht.

Die Zigarre paFFend: Also machen wir’s kurz.

Die Zigarette liegt mit dem Kopf auf dem Tisch.

Das Bierglas trommelt.

Die Löffel, Messer und Gabeln machen einen nervösen Lärm. Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab, an deren Schluß das Ende des Stückes steht.

Die Zigarre mit Zubehör verschwindet von der Bühne.

Die Zigarette erlischt.

Der Vorhang fällt.

Ende.

Greifswald, Ecke Lange Straße und Kapaunenstraße Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015

Bilder: Lyrikzeitung: Literarisches Greifswald (1), 15. November 2015;
Michael Gratz: Morgenstern in der DDR, in: L&Poe Journal 1 (2021), 15. Februar 2021 .

Soundtrack bruitistischer Musik: Luigi Russolo: Serenata per intonarumori e strumenti, 1924:

Bonus Track: The Art of Noise featuring Duane Eddy: Peter Gunn, aus: In Visible Silence, 1986:

Written by Wolf

7. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Schall & Getöse

Die Fahne der Arbeitnehmerschaft

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Update zu Trotzki, Fauser und die Goetheforschung,
Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?) und
Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge:

Ergreife die Macht, du Hurensohn, wenn man sie dir gibt!

Anonymer Arbeiter zu Виктор Михайлович Чернов, 4. Juli 1917.

Während des Juliaufstands 1917 meuterten die Kronstädter Matrosen mit Roten Garden gegen die Kaiserlich Russische Marine:

Der ausgerufene Generalstreik scheiterte jedoch ebenso wie eine schlecht koordinierte Erhebung der Kronstädter Matrosen und Roten Garden. Sie begleiteten eine Demonstration mit angeblich bis zu 500.000 Teilnehmern zum Taurischen Palais, dem Sitz sowohl der Petrograder Sowjets als auch der Staatsduma. Dort nahmen sie den sozialrevolutionären Landwirtschaftsminister Wiktor Michailowitsch Tschernow als Geisel, nachdem er sowohl seinen Rücktritt als auch eine Machtübergabe an die Sowjets verweigert hatte. Er wurde von Leo Trotzki befreit, der die Demonstranten mahnte, ihr Anliegen nicht zu „besudeln“. Am Newski-Prospekt kam es zu einem Schusswechsel, die Demonstranten flohen in Panik. Weitere Schießereien folgten, nach zwei Tagen waren 500 Tote und Verletzte zu beklagen.

——— Николай Николаевич Суханов:

Записок о революции — мемуаров о событиях 1917

Augenzeugenbericht der Russischen Revolution,
cit nach Danil Gaido: Die Julitage, Marx 200, 19. Oktober 2017:

Harry Rowohlt, Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, Edition Tiamat 2017Alle Arbeiter und Soldaten in Petersburg nahmen daran teil. Aber was war das politische Charakter der Demonstration? ‚Wieder Bolschewiki‘, merkte ich an, als ich die Parolen ansah, ‚und da hinten ist noch eine Kolonne der Bolschewiki.‘ ‚Alle Macht den Sowjets!‘ ‚Nieder mit den zehn Minister-Kapitalisten!‘ ‚Friede den Hütten, Krieg den Palästen!‘ Auf diese kräftige und gewichtige Weise brachte Arbeiter-Bauer-Petersburg, die Vorhut der russischen- und Weltrevolution, seinen Wille zum Ausdruck. […]

Der Pöbel befand sich in Aufruhr, wohin man auch blickte … Ganz Kronstadt kannte Trotzki und, so dachte man, vertraute ihm. Doch er begann seine Rede, und die Menge wich nicht zurück. Wäre in diesem Moment ein Schuss gefallen, als Provokation, es hätte ein fürchterliches Gemetzel stattfinden können, und wir alle, Trotzki eingeschlossen, wären vielleicht zerfetzt worden. Trotzki, in großer Erregung und unfähig, in dieser aufgeheizten Atmosphäre die richtigen Worte zu finden, konnte kaum die Aufmerksamkeit derer gewinnen, die ihm am nächsten standen. Als er sich Tschernow selbst zuwandte, geriet die Menge, die um den Wagen herumstand, in Wut. ‚Ihr seid gekommen, euren Willen zu bekunden und dem Sowjet zu zeigen, dass die Arbeiterklasse die Bourgeoisie nicht länger an der Macht sehen will [sprach Trotzki]. Aber warum wollt ihr eurer Sache schaden mit kleinlichen Gewaltakten gegen zweitrangige Individuen?‘ Trotzki streckte seine Hand einem Matrosen entgegen, der besonders heftig protestierte … Mir schien, der Matrose, der Trotzki bestimmt mehr als einmal in Kronstadt hatte sprechen hören, hätte nun das bestimmte Gefühl, dass Trotzki ein Verräter sei. Er erinnerte sich an seine früheren Reden und war verwirrt … Unschlüssig, was zu tun sei, ließen die Kronstädter Tschernow gehen.

Und jetzt alle:

——— Harry Rowohlt:

Matrosen von Kronstadt

Arbeiterlied, 1917, aus: Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, Edition Tiamat 2017:

Verronnen die Nacht
und der Morgen erwacht,
rote Flotte mit Volldampf voraus.
Durch Stürme und Tosen
die roten Matrosen,
wir fahren als Vorhut hinaus.

Vorwärts an Geschütze und Gewehre
auf Schiffen, in Fabriken und im Schacht.
Tragt über den Erdball, tragt über die Meere
die Fahne der Arbeitermacht.

Mag der Sturm uns zerzausen,
die Wellen, sie brausen,
die rote Flut, sie steigt an.
Vorwärts, Kommunisten,
zum Endkampf wir rüsten,
die rote Marine voran.

Vorwärts an Geschütze und Gewehre
auf Schiffen, in Fabriken und im Schacht.
Tragt über den Erdball, tragt über die Meere
die Fahne der Arbeitnehmerschaft.

BIld, weil historisches Material grundsätzlich nur über den
Kronstädter Matrosenaufstand 1921 aufzufinden war:
Harry Rowohlt: Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, 2017.

Bonus Track instrumentiert:

Written by Wolf

1. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Das glänzende Gold und der weibliche Schoos

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Update zu Frames in Zitaten (in Frames),
Bocksgestöhn und freche Lieder,
Wenn er vom Blocksberg kehrt und
Werkstattbericht: Da kann jeder gedenken, in was Schrecken und Forcht ich gesteckt:

WEnn aber des menschen son komen wird / in seiner Herrligkeit / vnd alle heilige Engel mit jm / Denn wird er sitzen auff dem stuel seiner Herrligkeit / vnd werden fur jm alle Völcker versamlet werden / Vnd er wird sie von einander scheiden / gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet / vnd wird die Schafe zu seiner Rechten stellen / vnd die Böcke zur Lincken.

Matthäus 25, 31 bis 33.

Goethe, Walpurgisnacht, Bleistiftzeichnung 1787

Keine populäre Anthologie über den vom Olymp herabgestiegenen, einst unter den Menschen wandelnden Goethe kommt ohne „Seid reinlich bei Tage und säuisch bei Nacht, so habt ihr’s auf Erden am weitsten gebracht“ am Lektorat vorbei. Weisen wir die Stelle doch mal nach.

Sie ist aus dem Faust und doch wieder nicht: Goethe hat sie nach fröhlichem Reimen und Dichten und Denken wieder aussortiert. Nicht anders denn fröhlich kann man sich Goethes immer wieder aufgenommene und liegengelassene Arbeit am Komplex über die Walpurgisnacht im Faust vorstellen; die „säuische“ Stelle stammt aus dem bedeutendsten Outtake, nein: Paralipomenon H P50, gesichert durch Albrecht Schöne in der Faust-Edition online und gut erreichbar gedruckt in seiner Faust-Ausgabe für die Bibliothek Deutscher Klassiker. Im Zusammenhang stehen da noch viel anzüglichere Sachen drin, übrigens nicht ohne Brillanz.

Allein die posthume Begründung, Goethes „Nuditäten und Cuditäten“ — so Riemer brieflich an von Müller erst 1836, bei Schöne im Kommentarband Seite 123 — in der Satansmesse auf dem Blocksberg für die Bühne auszuschließen, wohl aber für Gesamtausgaben zugänglich zu machen, liest sich nicht erst literaturwissenschaftlich recht süffig:

Johannes Praetorius, Blockes-Berges Verrichtung, 1668Unser Publicum, das zum größern Theil aus Frauen und Mädchen, Jünglingen und Knaben besteht, und unsre Zeit die den Heiligen die Zehen abfrißt, kann freylich durch solche Aristophanismen, ie sie die Blocksbergsscene darbietet, nicht erbaut sondern nur geärgert werden. Ich bin daher ursrprünglich und sponte nicht für die Veröffentlichung diese Scene gewesen.

Aber — ebenda Seite 122 f.:

Ein so bedeutendes, von de Volksmährchen selbst aufgenommenes und noch weiter ausgesponnenes Motiv, wie die Erscheinung des Satans auf dem Blocksberg, samt dem Hexenunfug — den sogar unsere keuschesten Künstler mit unaussprechlichen (inexpressibles!) Nuditäten ausschmückten — darf schon Künslerischer Hinsicht — gleichsam als Contrapunct und Gegenstück zu der Erscheinung [des HErrn] im [Prolog im] Himmel, nicht unbenutzt bleiben und muß wenigstens angedeutet werden; freylich, da das Ohr keuscher ist als das Auge, nicht mit den Nuditäten und Cuditäten, die sich vom bildenden Künstler eher verstecken und in den Hintergrund bringen lassen; aber das Scenario, die Angabe der Personen oder Figuren, mit abgerissenen Worten müßte allerdings beybehalten werden, damit ein Kunstverständiger, Dichter oder Bildner, sehe der Poet habe ein Wesentliches seiner Fabel nicht übersehen, sondern diese Partieen nur angedeutet und nichr detaillirt.

Vermutlich daher die ganzen zartfühlend zensierten Goethe-Ausgaben. Albrecht Schöne ist mit seiner historisch-kritischen Herangehensweise frühestens auf dem Stand von 2017 und schont uns nicht. Für uns ist das etwas zum Auswendiglernen und Angeben:

——— Johann Wolfgang Goethe:

Walpurgisnacht

Paralipomenon H P50, Arbeitsmedium eigenhändig, bis auf die Paginierung unbeschriebenes Blatt, mutmaßlich 1797,
cit. nach Albrecht Schöne, Hrsg.: Frankfurter Ausgabe, abschließender Stand 2017:

Gipfel Nacht
Feuer Koloss. nächste Umgebung
Massen, Gruppen. Rede.

Albrecht Dürer, Blocksberg, 1500, 1501       Satan.
Die Böcke zur rechten,
Die Ziegen zur lincken
Die Ziegen sie riechen
Die Bocke sie stincken
Und wenn auch die Böcke
Noch stinckiger wären
So kann doch die Ziege
Des Bocks nicht entbehren.

       Chor.
Aufs Angesicht nieder
Verehret den Herrn
Er lehret die Völcker
Und lehret sie gern
Vernehmet die Worte
Er zeigt euch die Spur
Des ewigen Lebens
Der tiefsten Natur.

       Satan rechts gewendet.
Euch giebt es zwey Dinge
So herrlich und groß
Das glänzende Gold
Und der weibliche Schoos.
Das eine verschaffet
Das andre verschlingt
Drum glücklich wer beyde
Zusammen erringt.

       Eine Stimme.
Was sagte der Herr denn? –
Entfernt von dem Orte
Vernahm ich nicht deutlich
Die köstlichen Worte
Mir bleibet noch dunckel
Die herrliche Spur
Nicht seh ich das Leben
Der tiefen Natur.

Hans Baldung Grien, Gruppe dreier wildbewegter Hexen, 1514       Satan lincks gewendet.
Für euch sind zwey Dinge
Von köstlichem Glanz
Das leuchtende Gold
Und ein glänzender Schwanz
Drum wißt euch ihr Weiber
Am Gold zu ergötzen
Und mehr als das Gold
Noch die Schwänze zu schätzen.

       Chor
Aufs Angesicht nieder
Am heiligen Ort.
O glücklich wer nah steht
Und höret das Wort.

       Eine Stimme
Ich stehe von ferne
Und stutze die Ohren
Doch hab ich schon manches
Der Worte verlohren
Wer sagt mir es deutlich
Wer zeigt mir die Spur
Des ewigen Lebens
Der tiefsten Natur.

       Meph zu einem jungen Mädchen.
Was weinst du? artger kleiner Schatz
Die Thränen sind hier nicht am Plaz
Du wirst in dem Gedräng wohl gar zu arg gestoßen?

       Mädchen.
Ach nein! der Herr dort spricht so gar kurios,
Von Gold u Schwanz von Gold u Schoos,
Und alles freut sich wie es scheint!
Doch das verstehn wohl nur die Großen?

       Meph.
Nein liebes Kind nur nicht geweint.
Denn willst du wissen was der Teufel meynt,
So greife nur dem Nachbar in die Hosen.

       Satan grad aus.
Ihr Mägdlein ihr stehet
Hier grad in der Mitten
Ich seh ihr kommt alle
auf Besmen geritten
Seyd reinlich bey Tage
Und säuisch bey Nacht
So habt ihrs auf Erden
Am weitsten gebracht.

Einzelne Audienzen.
Ceremonien Meister.

Matthäus Merian der Jüngere, Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626, Nürnberger Flugblatt

Bilder: Goethe: Walpurgisnacht, Bleistiftzeichnung 1797;
Johannes Praetorius: Blockes-Berges Verrichtung, Holzschnitt, Leipzig u. a. 1668,
Abb. in Bandini: Kleines Lexikon des Aberglaubens, München 1998;
Albrecht Dürer: Rückwärts reitende Hexe auf einem Ziegenbock. Kupferstich, um 1500,
Wiedergabe in Wikimedia Commons nach der Signatur in Photoshop gespiegelt;
Hans Baldung Grien: Gruppe dreier wildbewegter Hexen, Federzeichnung, 1514:
via Thomas Arnt: Goethes Faust I und die Magie, Hexen und Teufel in der Kunst, 1996/2014;
in der Frankfurter Goethe-Ausgabe von Albrecht Schöne angeführt: Matthäus Merian der Jüngere: Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626, Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, als Flugblatt Zaubereÿ, Nürnberg 1626, Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Einblattdruck mit der Signatur A II 10.

Soundtrack: Tautumeitas: Raganu Nakts (Hexennacht), aus: Tautumeitas, 2018:

Written by Wolf

30. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Wo mit Mais die Felder prangen

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Update zu Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg,
Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen: Regensburg bis Grein,
Dunkeldeutschland,
Moritz Under Ground,
Gräflein Du bist verrathen und
Zwei Klavier-Trios und zwei Violoncello-Sonaten:

Man soll nicht immerzu fragen, warum. Man verpasst genug im Leben über der Frage, warum nicht.

Zum Beispiel unterhält die Stadt Sulzbach an der Saar einen touristischen Karl-May-Weg mit sechs möglichen Eingängen und immerhin 40 Stationen auf 11,3 Kilometer Länge verteilt, ein Projekt der Zweckverbände Ruhbachtal und Brennender Berg, mit der Begründung laut Eurodistrict SaarMoselle:

Der Karl-May-Weg zeigt die schönsten Seiten der Wandergebiete Ruhbachtal und Brennender Berg und verbindet diese miteinander. Es erwartet Sie eine abwechslungsreiche Waldlandschaft, die sogar Karl May als Grundlage für seine abenteuerlichen „Weltreisen“ hätte dienen können.

Karl May war nie hier. Trotzdem ist ihm dieser Wanderweg gewidmet. Denn ihm war es wie keinem sonst gelungen, die Landschaft vor seiner Haustür so in die Fremde zu übertragen, dass sie als Grundlage für unglaubliche, angeblich selbst erlebte Abenteuer benutzt werden konnte.

Karl-May-Weg Eingang

Die Widmung muss im Konjunktiv stehen, weil ihr Gegenstand nie anwesend war, aber sie stehen dazu. Für ein Projekt aus der berüchtigten Disziplin des Stadt- und Regionalmarketings — Paradebeispiel sei die anliegende Stadt Sulzbach/Saar selbst, die seit 2017 den Claim „Wir sind das Salz“ zu benötigen glaubt — für ein Projekt der regionalen Imagewerbung, sagte ich, überrascht die Darstellung überaus angenehm: Der Geist von Auswahl und Präsentation entspricht sehr viel eher der eigenwilligen Besonnenheit von Arno Schmidt als einer Rabaukenparty auf den Bad Segeberger „Karl-May-Spielen“. Im Juli 1770 war vielmehr Goethe hier, wofür das Regionalmarketing eine angemessen sachliche Gedenktafel übrig hat.

Karl May, Auf fremden Pfaden, Buchcover vintageDie mit aller wünschbaren Belehrtheit recherchierten Stationsbeschreibungen für den Wanderweg stellen unter anderem eine Verbindung zwischen Karl May und Goethe her, noch interessanter und tiefgehender erscheint die Verbindung zwischen Karl May und Schiller an Station 38.

Das Sulzbacher Tourismarketing bezieht sich für seine durchaus luzid aufgefundenen Gemeinsamkeiten zwischen den Herren Carl Friedrich May und Johann Christoph Friedrich Schiller (vollständige Geburtsnamen) auf:

Während seiner Haft auf Schloss Osterstein (1865 – 1868) wird Karl May Betreuer der Anstaltsbibliothek; damit hat er Zugang zu über 4000 Büchern: „Zu den Herz- und Schmerzgeschichten, Ritterromanen und wüsten Räuberpistolen seiner frühen Lektüre in der Wirtshausleihbibliothek gesellt sich nun die Lektüre der deutschen Klassik – Schiller wird ihn lebenslang nicht mehr loslassen, …“

„Schiller war der von May am meisten bewunderte Dramatiker. Das ging so weit, dass er in einem Brief an Emma [Mays erste Ehefrau] ernsthaft behauptete, mit dessen Geist, der ihm gelegentlich auch die Feder führe, in spiritueller Verbindung zu stehen. Lesebiographisch ist interessant, dass bei vielen Karl-May-Begeisterten des zwanzigsten Jahrhunderts, z.B. bei Reich-Ranicki, auf die Winnetou-Euphorie eine nicht minder intensive Schiller-Phase folgte.“

Parallelen zwischen Schiller und Karl May:

  • „Um sich beim Produzieren wach zu halten, sind Schiller wie May maßlose Kaffee-Trinker und Tabak-Freunde. Damit geraten sie in zeitweiliges Trance-Schreiben, und so verwundert es nicht, dass beide manchmal ganz in die Welt ihrer Schöpfungen versanken.“
  • „Er [Schiller] stützte sich übrigens beim Schreiben, genau wie Karl May, fast ausschließlich auf seine Phantasie und Bücher. Schiller war nie in der Schweiz, in Spanien, Russland, Italien, England, Frankreich, obwohl seine Dramen dort spielen.
  • Und auch May reiste bis 1899 nur mit dem Finger auf der Landkarte durchs wilde Kurdistan, die Kordilleren oder den Llano Estacado.“
  • „Schiller und May mischten außerdem genial bereits vorhandene Motive, Gestalten und Themen neu, zitierten hemmungslos und schöpften ohne Bedenken aus zahlreichen Quellen.“
  • “ … an der Wirkung ihrer Werke [war ihnen] alles gelegen []. Also griffen sie tief hinein in die Trickkiste, um die Zuschauer und Leserherzen im Sturm zu nehmen. …“
  • Beide waren Ex-Verbrecher – „Schiller als Deserteur, May als Kleindieb und Trickbetrüger.“

Karl May, Auf fremden Pfaden, Buchcover PostmoderneSoweit das erste Beispiel des Karl May gewidmeten Wanderwegs, der bio-geographisch Schiller näher gelegen hätte. Zum zweiten Beispiel schrieb Schiller seine Nadowessische Totenklage am 3. Juli, obwohl sie keine Ballade ist, im „Balladenjahr“ 1797, folgerichtig für den „Balladenalmanach“ 1798. Abermals dankenswert wird sie vom Sulzbacher Tourismarketing angeführt, ich zitiere die Urfassung nach Wikisource.

Der von Schiller übernommene Stammesname der Nadowessier leitet sich ab vom französischen nadouessioux, einem alten Namen für die Dakota-Sioux. Für unser Bildmaterial ist sein Gedichtanfang „Seht! da sitzt er auf der Matte, aufrecht sitzt er da“ mit dem historischen Auftreten des Inbegrifffs der amerikanischen Ureinwohner in der Person von Sitting Bull zur Steilvorlage geworden. Der Mann mit dem sitzenden — oder, je nach Übersetzung, sich niedersetzenden — Namen war nämlich Stammeshäuptling und Medizinmann bei ebenjenen Hunkpapa-Lakota-Sioux in South Dakota. Eine Steilvorlage, die wir dankbar annehmen. Die restlichen Bilder dienen der Dokumentation der Buchcover-Motive, die seitens des Bamberger Karl-May-Verlags unverständlicher Weise bis heute in Gebrauch gehalten werden, und des Saarländischen Karl-May-Wanderwegs.

——— Friedrich von Schiller:

Nadoweßische Todtenklage 1.

3. Juli 1797, in: Musenalmanach für das Jahr 1798,
Tübingen, in der J. G. Cottaischen Buchhandlung, Seite 237 bis 239:

Orlando Scott Goff, Sitting Bull, 1881Seht! da sitzt er auf der Matte
     Aufrecht sitzt er da,
Mit dem Anstand den er hatte,
     Als er’s Licht noch sah.

Doch wo ist die Kraft der Fäuste,
     Wo des Athems Hauch,
Der noch jüngst zum großen Geiste
     Blies der Pfeife Rauch?

Wo die Augen, Falkenhelle,
     Die des Rennthiers Spur
Zählten auf des Grases Welle,
     Auf dem Thau der Flur.

Diese Schenkel, die behender
     Flohen durch den Schnee,
Als der Hirsch, der Zwanzigender
     Als des Berges Reh.

Diese Arme, die den Bogen
     Spannten streng und straff!
Seht, das Leben ist entflogen,
     Seht, sie hängen schlaff!

Wohl ihm! Er ist hingegangen,
     Wo kein Schnee mehr ist,
Wo mit Mays die Felder prangen
     Der von selber sprießt.

Wo mit Vögeln alle Sträuche,
     Wo der Wald mit Wild,
Wo mit Fischen alle Teiche
     Lustig sind gefüllt.

Mit den Geistern speißt er droben,
     Ließ uns hier allein,
Daß wir seine Thaten loben,
     Und ihn scharren ein.

Bringet her die letzten Gaben,
     Stimmt die Todtenklag‘!
Alles sey mit ihm begraben,
     Was ihn freuen mag.

Legt ihm unters Haupt die Beile
     Die er tapfer schwang,
Auch des Bären fette Keule,
     Denn der Weg ist lang.

Auch das Messer scharf geschliffen,
     Das vom Feindeskopf
Rasch mit drey geschickten Griffen
     Schälte Haut und Schopf.

Farben auch, den Leib zu mahlen
     Steckt ihm in die Hand,
Daß er röthlich möge strahlen
     In der Seelen Land.

SCHILLER

1. Nadoweßsier, ein Völkerstamm in Nordamerika.

Karl-May-Wg mit Sulzbach an der Saar von oben, Google Earth

Bilder: Durch das Leben von Karl May, Forum — Das Wochenmagazin, 23. November 2018;
Auf fremden Pfaden, ab 1913: Tom: Karl-May-Weg (Saarland), GPS Wanderatlas 2009–2021,
„Das aktuelle Titelbild“ Karl-May-Verlag Bamberg, via Karl-May-Wiki;
Seht! da sitzt er auf der Matte, aufrecht sitzt er da: Orlando Scott Goff: Sitting Bull, 1881;
Google Earth via Frank Polotzek: Auf fremden Pfaden/Karl-May-Wanderweg-Sulzbacher Schleife,
15. Juli 2020.

Soundtrack: Son of the Velvet Rat featuring Lucinda Williams: White Patch of Canvas,
aus: Red Chamber Music, 2011:

Written by Wolf

23. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Hesses alter Novalis

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Update zu Des Wallens willen wallen:

Einzelausgabe Hermann Hesse, Der Novalis, 1940Sagen wir’s mal so: Hermann Hesse war ein sehr ordentlicher, dem Expressionismus nahestehender Maler. Leider hat er alle schriftstellerische Schaffenskraft daran verschwendet, Thomas Mann sein zu wollen, der seinerseits alle Schaffens- und Lebenskraft daran verschwendet hat, Goethe sein zu wollen. 17 Jahre nach Thomas Mann hat Hesse dann doch noch seinen Literatur-Nobelpreis eingefahren, und wir wissen, was von Literatur-Nobelpreisträgern zu halten ist.

Nun mag an dieser Stelle schon öfter die eine oder andere Missbilligung an Inhalt und Form bei Hesse und Weltanschauung bei Novalis oder umgekehrt durchgeschimmert sein. Solche Kleinlichkeiten schimmern mit Recht sehr gedeckt, in Wirklichkeit sind ja beide Herren literaturhistorisch recht schätzbar, und besser hab ich’s selber nie geschafft. Ausnahmsweise werden wir also mit gut überwindlichen Schmerzen von einer Wiedergabe des primärliterarischen Volltextes absehen; er ist leicht in dem Band Hermann Hesse: Sämtliche Werke in 20 Bänden und einem Registerband: Band 6: Die Erzählungen 1. 1900–1906 im Suhrkamp-Verlag einsehbar. In dem Link steht er auf Seite 18 bis 36; einfach downloaden und hinscrollen oder noch einfacher: mit Strg+F nach „Bücherliebhabers“ suchen.

In meiner eigenen Ausgabe, dem erst 2009 in dieser Backsteinform gesammelten Suhrkamp Quarto mit den Erzählungen und Märchen, nimmt Der Novalis 20 von den 1840 Druckseiten ein. Und man muss zugeben, dass es eine der Geschichten von Hesse ist, die ungefiltert Spaß machen: kein Populärbuddhismus, kein esoterisches Geraune, keine uneingelösten Vorausweisungen, sondern eben: eine Geschichte im Sinne von Handlung mit Geschichte im Sinne von Historie, und dann über unser aller Lieblingsnischenthema: ein altes Buch. Unsere Hauptaussage ist: Das beschriebene Buch hat es wirklich gegeben:

——— Hermann Hesse:

Der Novalis. Aus den Papieren eines Bücherliebhabers

um 1900, in: März – Halbmonatsschrift für deutsche Kultur, München, März 1907.
Buchform: Ein altes Buch. Aus den Papieren eines Altmodischen, in: Sieben Schwaben. Ein neues Dichterbuch. Eingeleitet von Theodor Heuss.
Separatausgabe: als 6. Veröffentlichung der Oltener Bücherfreunde in 1221 numerierten Exemplaren, 1940:

Unter den verschiedenen Ausgaben des Novalis, die ich allmählich zusammengebracht habe, ist auch eine „vierte, vermehrte“ vom Jahre 1837, ein Stuttgarter Nachdruck auf Löschpapier in zwei Bänden.

Novalis, Werke, 1837, Antiquariat Ehbrecht

Unaufgelöst lässt Hesse, wonach die Ausgabe im — soviel ist herauszufinden — Stuttgarter Hausmann Verlag nachgedruckt sein soll. Laut einem Angebot des Antiquariats Ehbrecht umfassen die zwei betitelten Original-Halbledereinbände 339 und 315 Seiten mit Goldprägung. Es deutet also alles auf einen Nachdruck der ersten umfassenden Werkausgabe durch Novalis‘ persönliche Freunde Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel, begonnen 1802 kurz nach Novalis‘ frühem Tod, und fortgeführt eben 1837, was die beschriebene, zweibändig „vermehrte“ Ausgabe ergeben hätte. Ein dritter Band erschien erst 1846 in Berlin durch Tieck und Eduard von Bülow, liegt also nach Hesses handlungsstiftendem „Stuttgarter Nachdruck“. Seine neue Information, die in keiner der üblichen Beschreibungen erwähnt wird, ist das „Löschpapier“, also wahrscheinlich eher minderwertiges, auf den schnellen optischen Eindruck von Fülle im Buchhandel berechnetes Volumenpapier: ein herstellerischer Trick, der mit der marktwirtschaftlichen Orientierung des Buchhandels nie gealtert ist, und auf den 1837 längst verstorbenen Novalis als Erfolgsautor hinweist.

Weil wir damit nicht über Ramschreste des Modernen Antiquariats, sondern bibliophile Wertanlagen reden, lohnt sich das Kennenlernen von Hesses Jugendwerk anhand des Nachworts von Volker Michels im besagten Suhrkamp Quarto. Meinen sehr gelegentlichen Stichproben nach ist nicht einmal in der Gesamtausgabe mehr über den Novalis zu erfahren:

Einzelausgabe Hermann Hesse, Der Novalis, 1983Erzählungen wie Der Novalis und Eine Rarität wenden sich literarischen Themen zu. Der Novalis, die Geschichte eines Büchersammlers, ist wohl um die Jahrhundertwende in Basel entstanden und enthält gleichfalls autobiographische Elemente. Im Nachwort zu einer Einzelausgabe schrieb Hesse im Frühling 1940: „Ich habe mich [im ersten Kapitel] dieser Erzählung als einen Bibliophilen bezeichnet, der ich damals und noch lange nachher wirklich war, und habe mir damals … meine alten Tage als die eines einsamen Hagestolzes vorgestellt, dessen einzige Liebe und einziger Umgang die Bücher sind. Dies nun hat das Leben anders gefügt, und von den seltenen alten Büchern, von denen in der Einleitung meiner Erzählung die Rede ist, etwa von den Italienern der Renaissance in Aldus-Drucken, ist heute nichts mehr in meinem Besitz; ja, ich muß sogar bekennen, daß der zweibändige Novalis, den ich in Tübingen erwarb und von dem meine Erzählung handelt, längst nicht mehr mir gehört … mein Leben sieht nun ziemlich anders aus, als ich mir es damals phantasierend ausmalte. Wenn ich aber auch heute mich nicht mehr als einen eigentlichen Bibliophilen und in seine Bücher verliebten Sammler nennen darf, so kann ich doch meine jugendliche Bücherliebhaberei nicht belächeln, sie gehört unter den Leidenschaften, die ich im Leben kennen lernte, nicht nur zu den harmlosen und hübschen, sondern auch zu den fruchtbaren.“ In sechs Kapiteln wird der Weg, den diese Novalis-Ausgabe von 1837 bis zur Jahrhundertwende genommen hat, anhand der Lebensgeschichte ihrer sechs Besitzer geschildert, wobei jener Käufer der Ausgabe, der sich „seit kurzem teils durch Rezensionen, teils durch kleinere Zeitschriftenartikel am literarischen Leben beteiligt“, an den Verfasser erinnert. Denn zur Zeit der Niederschrift begann mit ersten Buchbesprechungen für die Basler „Allgemeine Zeitung“ Hesses lebenslange Rezensententätigkeit. Seine früheste, einem einzelnen Dichter gewidmete Würdigung vom 21.1.1900 galt tatsächlich Novalis und der ersten Gesamtausgabe dieses Dichters, die 1898 (herausgegeben von Carl Meißner) bei Eugen Diederichs in Leipzig erschienen war. Doch was das Autobiographische in dieser wie in den meisten von Hesses Erzählungen betrifft, ist zu bedenken, was der Dichter im September 1948 an seinen Sohn Heiner schrieb: „Übrigens wäre es natürlich unvorsichtig, das Ich des Erzählers mit meiner Person gleichzusetzen. Auch [Peter] Camenzind erzählt ja seine Geschichte selbst und [Josef] Knecht seine Lebensläufe, und an jedem bin ich beteiligt, aber keiner ist Ich“. Der Novalis ist einer der Texte, die Hesse in keinen seiner Erzählbände aufgenommen hat. Erst 1952 wurde diese Geschichte gemeinsam mit Eine Stunde hinter Mitternacht und Hermann Lauscher von ihm unter der Rubrik „Frühe Prosa“ in die geschlossene Ausgabe seiner Gesammelten Dichtungen und deren erweiterte Nachauflage Gesammelte Schriften (1957) einbezogen.

Nach Hesses zitiertem Nachwort 1940 hat seine Geschichte ein potenzielles siebtes Kapitel erhalten: Theoretisch, nein, viel besser: Praktisch muss es heute möglich sein, Hermann Hesses Exemplar antiquarisch zu erwerben. Die Frage ist, ob es zu erkennen wäre. Das achte Kapitel handelt dann davon, wie lange das siebte schon zurückliegt pp.

Fassen wir zusammen: Nach einer als milde Jugendsünde empfundenen Phase der Bibliophilie und dem feuilletonistischen Debut mit seinem Lieblingsdichter kann man immer noch seiner Bücher — freiwillig oder nicht — verlustig gehen, die eigene literarische Aufarbeitung davon halbherzig verwerfen und den Nobelpreis einfahren. Das muss das zeitlos Moderne an Hermann Hesse sein.

Bilder: Der Novalis. Aus den Papieren eines Altmodischen, Veröffentlichung der Vereinigung Oltner Bücherfreunde, 6., via avelibro Dinkelscherben, 13. Oktober 2019;
Hermann Hesse: Der Novalis, signiert und numeriert, Nr 140 von 250 signiert von Ernst Engel Presse Walter Stähle Handpressendruck, 1983, via Buchparadies Lonsee, 17. Juli 2019;
Antiquariat Ehbrecht, Ilsede.

Das 19. im 20. Jahrhundert: Schroeder spielt Beethoven: Klaviersonate 8 in c-Moll, opus 13,
„Grande Sonate Pathétique“, 2. Satz: Adagio cantabile As-Dur, 1798,
aus: A Boy Named Charlie Brown, 1969:

Written by Wolf

16. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Die Sonne zeugt das Licht und hat doch selber Flecken (wie viel uns fehlt, wie nichts man weiß!)

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Update zu In einem anderen hochgewölbten, engen gotischen Zimmer:

Das wichtigste Vorbild für Faustens Sinn stiftenden und Handlung setzenden Eingangsmonolog haben wir uns soeben klar gemacht: die Knittelverse in Gottscheds Poetik für Knittelverse — grundlegender könnte Faust sich nicht auf eine Reise „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“ (der Direktor im Vorspiel auf dem Theater, Vers 242) begeben; es liegt also nahe, dass durch den Zauberdoktor aus dem kindlich erlebten Puppenspiel der Autor Goethe selbst zu uns spricht — literaturwissenschaftlicher gesagt: die personale Erzählerrolle zu den Lesern.

Das mindestens zweitwichtigste Vorbild — wir sprechen immer noch von diesem speziellen einen Dramenmonolog — stammt von einem Schweizer naturwissenschaftlichen Universalgelehrten: Die Falschheit menschlicher Tugenden von Albrecht von Haller war bis nach der Aufklärung verbreitet genug, dass wir seine Kenntnis bei Goethe vorauszusetzen können — und Goethe damit rechnen durfte oder musste, dass Zitate daraus erkannt wurden.

Textnah bis wörtlich übernimmt der Faust-Monolog das „Er kennet von der Welt / was aussen sich bewegt [/] Und nicht die inn’re Kraft / die heimlich alles regt“ als „was die Welt im Innersten zusammenhält“, und „[s]chwingt ein erhobner Geist sich aus der Menschheit Schranken“, zieht Faust daraus die Selbsterkenntnis: „Zwar bin ich gescheidter als alle die Laffen“ pp.

„Warum die Sternen sich in eignen Gleisen halten ; [/] Wie bunte Farben sich aus lichten Strahlen spalten ; [/] Welch nimmer stiller Trieb der Welten Wirbel dreht ; [/] Welch Druk das grosse Meer zu gleichen Stunden bläht“ verweist schon anhand der Verbindung irdischer Mechanik mit Himmelsmechanik, der Brechung des weißen Lichtstrahls in ein Farbenspektrum und des universalen Gesetzes Gravitation auf Isaac Newton — den von Haller in einer seiner Anmerkungen (siehe unten) namentlich nennt und den Goethe nicht mochte, ja den er spätestens 1810 mit seiner Farbenlehre widerlegt haben wollte. Eigentlich qualifiziert sich der an so prominenter Stelle zitierte von Haller damit als Newtonist und Goethes Gegenspieler. Der Schweizer Berggelehrte mit seinem polyhistorischen Anspruch und einigen diskutierwürdigen Reimen, vor allem in seinem Monumentalwerk Die Alpen, wurde nach der Aufklärung folgerichtig eher zum Gegenstand der Lächerlichkeit. Nicht anders als späterhin Goethes Farbenlehre.

Dennoch erkennt Goethe mit seinen mehr oder weniger direkten Anklängen an Die Falschheit menschlicher Tugenden Newton weit genug an, um die Rolle eines die Neuzeit betretenden Naturwissenschaftlers auf den Doktor Faust zu übertragen: Faust ist damit kein spätmittelalterlicher Taschenspieler mehr, auf gotteslästerliche Weise hybrid bleibt er vorerst schon rein aus handlungsführenden Gründen.

Offensichtlich war einst eine Zeit, in der man auf schweizerdeutschem Gebiet ein ß schrieb. Zitiert wird die stilistisch gänderte und um einige Strophen erweiterte Fassung von 1732 – verlegt in Bern mit zahlreichen ß –, die seltener belegt ist als die Urfassung von 1730, dort noch mit dem Vorspruch in Prosa:

Der Ursprung dieses Gedichtes ist demjenigen gleich / der das fünfte veranlasst hat. Es ist auch eben in einer Krankheit gemacht worden / die mich eine Zeit lang von andern Arbeiten abhielt. Der Grund-Riß ist deutlicher / aber die Verse schwächer.

Vorsicht mit der Zählung: „Das fünfte“ ist in anderen Fassungen erst Nummer VI, Nummer VI ist wiederum auch die unten vollständig zitierte Nummer VII in der großen Ausgabe von 1882. – Für diejenigen unter uns, die wegen der Interpretation für den Deutschunterricht hier sind: Alle Fassungen stehen mitnichten im Knittelvers, sondern durchgehend im Alexandriner:

Tugendbrunnen Nürnberg aha

——— Albrecht von Haller:

VII. Falschheit menschlicher Tugenden.

An den Herrn Prof. Stähelin.

aus: Versuch Schweizerischer Gedichten,
bey Niclaus Emanuel Haller, Bern 1730, Fassung 1732:

Geschminkte Tugenden / ihr täuschet mich nicht mehr;
Scheint nur dem Pöbel schön / und sucht bey Thoren Ehr /
Bedekt schon euer Nichts die Larve der Gebärden /
Ich will ein Menschen-Feind / ein Swift / ein Hobbes werden /
Und biß ins Heiligthum / wo diese Gözen stehn /
Die Wahn und Tand bewacht / mit frechen Schritten gehn.

Ihr füllt / o Sterbliche! den Himmel fast mit Helden /
Doch laßt die Wahrheit nur von ihren Thaten melden /
Vor ihrem reinen Licht erblaßt der falsche Schein /
Und wo ein Held gewest wird izt ein Sclave seyn.

Wann Völker einen Mann sich einst zum Abgott wählen /
Da wird kein Laster sein / und keine Tugend fehlen /
Die Nachwelt bildet ihn der Gottheit Muster nach /
Und gräbet in Porphyr / was er im Scherze sprach.
Umsonst wird wider ihn sein eigen Leben sprechen /
Die Fehler werden schön / und Tugend strahlt aus Schwächen.
Was war ein Socrates? ein weiser Wollüstling;
Sein Sinn war wundergroß / die Tugend sehr gering.
Aus seinem Munde floß die reinste Sitten-Lehre /
Allein sein Herze gab den Lippen kein Gehöre.
Sein lüsternes Gemüht stund aller Wollust bloß /
Er lehnt das weiche Haupt auf schöner Knaben Schooß /
Tanzt wann sein Phädon tanzt / lehrt keusch zu sein und brennet /
Und diesen hat ein Gott den Weisesten genennet.

Zwar viele haben auch den frechen Leib gezähmt /
Und mancher hat sich gar ein Mensch zu seyn geschämt :
Ein frommer Simeon wurd alt auf einer Säulen /1
Sah‘ auf die Welt herab / und that noch mehr als Eulen.
Manch Caloyer verscherzt der Menschheit Eigenthum /2
Verbannt sein klügstes Glied / und wird aus Andacht stumm.
Assisens Engel löscht im Schnee die wilde Hize /3
Sein heisser Eifer tilgt biß in der Geilheit Size /
Des Ubels Werkzeug aus; und was an jedem Blat /
Für Thaten Surius mit roht bezeichnet hat.4

Allein was hilft es doch sich aus der Welt verbannen /
Umsonst o Stähelin wird man sich zum Tyrannen /
Wann Laster / die man haßt / vor grössern Lastern fliehn /
Und wo man Lolch getilgt / izt bittre Ratten blühn /
Wir meinen offt uns frey / wann wir nur Meister ändern /
Wir fluchen auf den Geiz / unn werden zu Verschwendern:
Der Mensch entflieht sich nicht / umsonst erhebt er sich /
Des Körpers schwere Last zieht stäts ihn unter sich.
So wann der rege Trieb in halb-bestrahlten Sternen /
Von ihrem Mittel-Punct sie zwingt sich zu entfernen /
Drükt sie ein innrer Zug vom Borte von dem Kreiß /
Mit ewiger Gewalt in ihr bestimmtes Gleiß.

Geht Menschen / schnizt nur selbst an euren Gözen-Bildern /
Laßt Gunst und Vorurtheil sie nach belieben schildern /
Erzehlt was sie gethan / und was sie nicht gethan /
Und was nur Ruhm verdient / das rechnet ihnen an /
Das Laster kennet sich auch in der Tugend Farben /
Wo Wunden zugeheilt / erkennt man doch die Narben.

Wo ist er? zeiget ihn / der Held / der Menschheit Pracht /
Den die Natur nicht kennt / und euer Hirn gemacht.
Erzehlt / wie soll er seyn? vollkommen / frey von Mängeln /
An Tugend gleicht er GOTT / und an Verstand den Engeln :
Sein Wunsch ist andrer Glük / und Wohlthun seine Raach /
Sich dämpffen / seine Lust / und beten seine Spraach:
Der Gottheit Siegel strahlt in ihm mit Wunder-Zeichen /
Ihm muß die Sonne stehn und ihm die Teuffel weichen :
Er sieht die ganze Welt / als eine Pilger-Bahn /
Den Tod als eine Thür zu neuem Leben an :
Die Wahrheit die ihn füllt / besiegelt er mit Blute /
Trozt seine Peiniger /besteigt mit frohem Muhte
Ein glühendes Gerüst / und glaubet sich verjüngt /
Wann nur sein laues Blut der Kirchen Aker düngt.

Sind diß die Heiligen von unbeflecktem Leben /
Die GOtt den Sterblichen zum Muster hat gegeben?
Viel Menschheit hänget noch den Kirchen-Engeln an /
Die Glauben zwar verdekt / Vernunft nicht dulden kan.
Traut nicht dem schlauen Blik / den Demuhts-vollen Minen /
Den Dienern aller Welt soll doch die Erde dienen.
War nicht ein Priester stäts des Eigensinnes Bild
Der Götter-Sprüche redt / und wenn er fleht / befiehlt?
Trennt nicht die Kirche sich von wegen dem Calender /
Des Abends Heiliger verbannt die Morgenländer /
Läßt Märtrer in den Streit auf andre Märtrer gehn /
Und Infuln in dem Feld vor Feindes Insuln stehn /5
Den Bann vom Nidergang zerblizt der Bann aus Norden.6
Die Kirche / Gottes Siz / ist offt ein Kampf-Plaz worden /
Wo Boßheit und Gewalt / Vernunfft und GOtt vertrieb /
Und mit der schwächern Blut des Zweyspalts Urtheil schrieb.
Grausamer Wüterich / verfluchter Kezer-Eifer !
Dich zeugte nicht die Höll‘ aus Cerbers gelbem Geifer /
Nein / Heil’ge zeugten dich / du stammst in Priester-Blut /
Sie lehren nichts als Lieb‘ und zeigen nichts als Wuht.
Eh‘ noch ein Pabst geherrscht / und sich ein Mensch vergöttert /
Hat schon der Priestern Zorn der Kezern Haupt zerschmettert;7
Wer hat Tholosens Schutt in seinem Blut ersäufft?
Und blutige Gebürg von Leichen aufgehäufft?
Den Bliz hat Dominic auf Albens Fürst erbeten;8
Und selbst mit Montforts Fuß der Kezern Haupt ertreten.

Doch vielleicht tadle ich und bin aus Vorsaz hart /
Und die Vollkommenheit ist nicht der Menschen Art :
Genug wann Fehler sich mit größrer Tugend deken /
Die Sonne zeugt das Licht / und hat doch selber Fleken.

Allein wie wann auch das / was ihren Ruhm erhöht /
Der Helden schöner Theil aus Wahn und Tand besteht ?
Wann der Verehrern Lob sich selbst auf Schwachheit gründet /
Und wo der Held soll seyn / man noch den Menschen findet ?
Stüzt ihren Tempel schon der Beyfall aller Welt /
Die Wahrheit stürzt den Bau / den eitler Wahn erhält.

Wie gut und böses sich durch enge Schranken trennen /
Was wahre Tugend ist / wird nie der Pöbel kennen.
Kaum Weise sehn die March / die beide Reiche schließt /
Weil ihre Gränze schwimmt / und in einander fließt.
Wie an dem bunden Tafft / auf dem sich Licht und Schatten /
So offt er sich bewegt / in andre Farben gatten /
Das Aug‘ sich widerspricht / sich selber niemal traut
Und bald das rohte blau / bald roth was blau war / schaut.
So irrt das Urtheil offt ; wo findet sich der Weise /
Der nie die Tugend haß‘ und nie das Laster preise ?
Der Sachen lange Reyh / der Umstand / Zwek und Grund
Bestimmt der Thaten wehrt / und macht ihr Wesen kund.
Der grösten Siegen Glanz macht ein Affect zu nichten;
Der Zeiten Unbestand verändert uns’re Pflichten /
Was heut noch rühmlich war / dient morgens uns zur Schmaach /
Ein Thor sagt lächerlich / was ein Held weislich sprach.
Diß weiß der Pöbel nicht / er wird es nimmer lernen /
Die Schaale hält ihn auf / er kommt nicht biß zum Kernen.
Er kennet von der Welt / was aussen sich bewegt /
Und nicht die inn’re Kraft / die heimlich alles regt.
Sein Urtheil baut auf Wahn / es ändert jede Stunde /
Er sieht durch andrer Aug‘ / und redt aus fremden Munde.
Wie ein gefärbtes Glas / dadurch die Heitre strahlt /
Des Auges Urtheil täuscht / und sich in allem mahlt /
So thut das Vorurtheil / es zeigt uns alle Sachen /
Nicht wie sie sind / nur so wie sie es will machen /
Legt den Begriffen selbst sein eigen wesen bey /
Heißt Gleißnen Frömmigkeit / und Andacht Heucheley.
Ja selbst des Vaters Wahn kan nicht mit ihm versterben /
Er läßt mit seinem Gut sein Vorurtheil den Erben /
Verehrung / Haß und Gunst flößt mit der Milch sich ein /
Des Ahnen Aberwiz wird auch des Enkels seyn.
So richt / so glaubt die Welt / so theilt man Schmaach und Ehre
Und dann o Stähelin gieb‘ ihrem Wahn gehöre !
Durch den erstaunten Ost geht Xaviers Wunder-Lauf /
Stürzt Japans Gözen um / und richtet seine auf;
Biß daß dem Amida noch Opfer zu erhalten /
Die frechen Bonzier des Heil’gen Haupt zerspalten :
Er stirbt / sein Glauben lebt / und unterbaut den Staat /
Der ihn aus Gnade nährt mit Aufruhr und Verraht.
Zulezt erwacht der Fürst / und lässt zu nassen Flammen /9
Die Feinde seines Reichs des Pabsts Schul verdammen;
Die meisten tauschen GOtt um Leben / Gold und Ruh /
Ein Mann von tausenden schließt seine Augen zu /
Stürzt sich in die Gefahr / geht muhtig in den Ketten /
Steift den gesezten Sinn / und stirbt zulezt im beten.
Sein Name wird noch blühn / wann längsten schon verweht
Die leichte Asche sich in Wirbel-Winden dreht.
Europa schmükt sein Bild auf schimmernden Altären /
Und mehrt mit ihm die Zahl von GOttes sel’gen Heeren.
Wann aber ein Huron im tiefen Schnee verirrt /
Bei Errie’s langem See zum Raub der Feinden wird /10
Wann dort sein Holz-Stoß glimmt / und schon von seinem Leben /
Des Weibes tödlich Wort den Ausspruch hat gegeben /
Wie stellt sich der Barbar? wie grüßt er seinen tod?
Er singt / wann man ihn quält / und lacht / wann man ihm droht :
Die aufgewölkte Stirn rümpft weder Angst noch Schmerzen /
Die Flamme / die ihn sängt / dient ihme nur zum Scherzen.
Wer stirbt hier würdiger? ein gleicher Helden-Muht /
Bestrahlet beyder Tod und wall’t in beider Blut;
Doch Tempel und Altar bezahlt des Märtrers Wunden /
Und Quebecs nakter Held / stirbt von dem Tod der Hunden :
So viel liegt es daran / daß wer zum Tode geht /
Geweyhte Worte spricht / wovon er nichts versteht.
Doch nein / der Outchipoue thut mehr als der bekehrte /11
Die Ursach von dem Tod‘ spricht selbst von seinem Wehrte.
Den Märtrer trifft der Lohn von seiner Ubelthat /
Wer seines Land’s Gesäz mit frechen Füssen trat /
Des Staates Ruh gestört / den Gottesdienst entweyhet /
Dem Kayser hat geflucht / der Aufruhr Saat gestreuet /
Stirbt weil er sterben soll / und ist dann der ein Held /
Der am verdienten Strick noch redt im Galgen-Feld?
Der aber der am Pfal der wilden Onontagen12
Den unerschroknen Geist bläs’t aus in tausend Plagen /
Stirbt weil sein Feind ihn töd’t / und nicht weil ers verschuldt /
Und in der Unschuld nur verehr‘ ich die Gedult.

Wann flüchtig vor dem Schwert ein Schwarm erscheuchter Christen /
In Thebens dürrem Sand in hole Felsen nisten ;
Ein Mönch die Welt verläßt / auf eignen Solen steht /
Von wilden Wurzeln lebt / in Haar und Sake geht :
Wann ein Bußfertiger / zerknirscht in hil’gn wehen /
Die Sünden / die er that / und die er wird begehen /
Mit scharfen Geisseln straft / mit Blut die Strik mahlt /
Und vor dem ganzen Volk mit seinen Streichen prahlt :
Da ruft man wunder aus / die Nachwelt wird noch sagen /
Was Lust sie sich versagt / was Schmerzen sie vertragen.
Alleine wann im Ost der reinliche Brachmann /
Mit Koht die Speisen würzt / und Wochen fasten kan;
Wann Ströme seines Bluts aus breiten Wunden fliessen /
Die seine Reu gemacht / und oft der Tod muß büssen /
Die Sünden / die Rom schenkt ; wann nakt und unbewegt /
Er Jahre lang die Hiz der hohen Sonne trägt /
Und den gestrupften Arm läßt ausgestreckt erstarren /
Wie heißen wir den Mann? Aufs beste einen Narren.

Wann in Iberien ein ewiges Gelübd /
Mit Ketten von Demant ein armes Kind umgiebt /
Wann die geweyhte Braut ihr Schwanen-Lied gesungen /
Und die gerühmte Zell die Beute hat verschlungen /
Wie jauchzet nicht das Volk / und ruft was rufen kan13
Das Weib hört auf zu seyn / der Engel fängt schon an.
Ja stoßt / es ist es wehrt / in thönende Trompeten /
Verbergt der Tempeln Wand mit Persischen Tapeten /
Euch ist ein Glük geschehn / dergleichen nie geschah /
Die Welt verjüngt sich schon / die güldne Zeit ist nah.
Gesezt / daß ohn Gefühl in ihr die Jugend blühet /
Und nur der Andacht Brand in ihren Adern glühet;
Daß kein verstohlner Blik in die verlaßne Welt
Mit sehnender Begierd zu spät zurüke fällt :
Daß immer die Vernunfft der Sinnen Feuer kühlet /
Und nur ihr eigner Arm die reine Brust befühlet :
Gesezt was niemals war / daß Tugend wird aus Zwang :
Was jauchzt das eitle Volk ? wen rühmt sein Lobgesang ?
Vielleicht / daß List und Geiz des Schöpfers Zwek verdrungen /
Was er zum Lieben schuf / zum Wittwen-Stand gezwungen /
Den vielleicht edlen Stamm / den Er ihr zugedacht /
Noch in der Blüht‘ erstekt / und Helden umgebracht ;
Daß ein verführtes Kind in dem erwählten Orden /
Sich selbst zum Uberlast / und andern unnüz worden.
O ihr / die die Natur auf beß’re Wege weist /
Was heißt der Himmel dann / wann er nicht lieben heißt ?
Ist ein Gesäz gerecht / das die Natur verdammet ?
Und ist der Brand nicht rein / wann sie uns angeflammet?
Was soll der Brüsten Schnee / der Gliedern holde Pracht ?
Ist alles nicht vor uns / und wir vor sie gemacht ?
Den Reiz / der Weise zwingt / dem nichts kan widerstreben /
Der Schönheit ewig Recht wer hat es ihr gegeben ?
Des Himmels erst Gebott hat keusche Brunst geweyht /
Und seines Zornes Pfand war die Unfruchtbarkeit:
Sind dann die Tugenden den Tugenden entgegen ?
Der alten Kirche Fluch wird bey der neuen Segen.

Fort / die Trompete schallt / der Feind bedekt das Feld /
Der Sieg ist / wo ich geh‘ / folgt Brüder! ruft ein Held.
Nicht forchtsam / wann vom Bliz zerschmetternder Metallen
Die blut’ge Erde bebt / und ganze Glieder fallen /
Er steht / wann wider ihn das ernste Schiksal ficht /
Fällt schon der Leib durchbohrt / so fällt der Held doch nicht.
Er acht ein tödlich Bley / als wie ein Freuden-Schiessen /
Und sieht mit gleichem Aug sein Blut und fremdes fliessen ;
Der Tod lähmt schon sein Herz / eh‘ daß sein Muht erliegt /
Er stirbet allzu gern / wann er im sterben siegt.
O Held / dein Muht ist groß / es soll was du gewesen /
Auf ewigem Porphyr die lezte Nachwelt lesen.
Alleine / wann im Harz / nun lang genug gequält /
Ein aufgebrachtes Schwein zulezt den Tod erwählt ;
Die diken Borsten sträubt / die starken Waffen wezet
Und wütend übern Schwarm entbauchter Hunden sezet ;
Oft endlich noch am Spieß / der ihm durchs Herze brach /
Den kühnen Feind erlegt / und Stirbt mit kaltr Raach :
Ist diß kein Helden-Muht ? wer baut dem Hauer Säulen ?
Die Jäger werden ihn mit ihren Hunden theilen.

Wer ist der weise Mann / der dort so einsam denkt?
Und den verscheuten Blik zur Erde forchtsam senkt?
Ein längst verschlissen Tuch umhüllt die rauhen Lenden
Ein Stük gebettelt Brod und Wasser aus den Händen /
Ist alles was er wünscht / und Armut sein Gewinn /
Er ist nicht vor die Welt / die Welt ist nichts vor ihn.
Nie hat ein glänzend Erzt ihm einen Blik entzogen /
Nie hat den gleichen Sinn ein Unfall überwogen /
Ihm wischt kein schönes Bild die Runzeln vom Gesicht /
An seinen Thaten beißt der Zahn der Mißgunst nicht.
Sein Sinn versenkt in GOtt / kan sonsten nichts betrachten /
Er kennt sein eigen Nichts was soll er andrer achten?
Der Tugend ernste Pflicht ist ihm ein Zeitvertreib /
Der Himmel hat den Sinn / die Erde nur den Leib.
O Heiliger / dein Ruhm geht billich an die Sterne /
Und zum Diogenes fehlt dir noch die Laterne! –
Ach kennte doch die Welt das Herze wie den Mund /
Wie wenig gleichen oft die Thaten ihrem Grund ?
Du beugst den Halß umsonst / die Ehre die du meidest /
Die Ehr‘ ist doch der GOtt vor den du alles leidest.14
Wie Surena den Sieg suchst du den Ruhm im fliehn /
Ein stärker Laster heißt dich schwächern dich entziehn /
Und wer sich vorgesezt ein halb-Gott einst zu werden /
Der baut ins künftige / und hat nichts mehr auf Erden;
Ihm zieht der eitle Ruhm der Tugend Larve an /
Was heischt der Himmel uns / das nicht ein Heuchler kan ?

Versenkt im tiefen Traum nachforschender Gedanken /
Schwingt ein erhobner Geist sich aus der Menschheit Schranken.
Seht den verwirrten Blik der stäts abwesend ist /
Und vielleicht izt den Raum von andern Welten mißt;
Sein stäts gespannter Sinn verzehrt der Jahren Blühte /
Schlaf / Ruh und Wollust fliehn sein himmlisches Gemühte.15
Wie durch unendlicher verborgner Zahlen Reyh
Ein krumm-geflochtner Zug gerad zu messen sey ;
Warum die Sternen sich in eignen Gleisen halten ;
Wie bunte Farben sich aus lichten Strahlen spalten ;
Welch nimmer stiller Trieb der Welten Wirbel dreht ;
Welch Druk das grosse Meer zu gleichen Stunden bläht ;
Diß alles weiß er schon ; die Nacht ist ihme Klarheit /
Er ist ein ewigs Quell von unerkannter Wahrheit.
Doch ach / es lischt in ihm des Lebens kurzer Tacht /
Den Müh und scharfer wiz zu heftig angefacht ;
Er stirbt von wissen satt / und einst wird in den Sternen /
Ein Kenner der Natur des weisen Nahmen lernen.
Erscheine grosser Geist / wann in dem tiefen Nichts
Der Welt Begriff dir bleibt / und die Begier des Lichts /
Und lasse von dem Wiz / den hundert Völker ehren /
Mein lehr-begierig Ohr die lezten Proben hören.
Wie unterscheidest du die Wahrheit von dem Traum?
Wie trennt im Wesen sich das feste von dem Raum?
Der Cörpern rauher Talg / wer schrankt ihn in Gestalten /
Die stäts verändert sind / und doch sich stäts erhalten?
Der Zug / der alles senkt / der Trieb / der alles dähnt /
Den Reiz in dem Magnet / wo nach der Stahl sich sehnt /
Des Lichtes schnelle Reis / die Erbschafft der Bewegung /
Der Theilen ewig Band / die Ursach neuer Regung /
Diß lehre grosser Geist / die schwache Sterblichkeit /
Worin dir niemand gleicht und alles dich bereut.
Doch suche nur im Riß von künstlichen Figuren /
Beym Licht der Ziffern-Kunst / der Wahrheit dunkle Spuren ;
Ins innre der Natur dringt kein erschafner Geist /
Zu glüklich / wenn sie noch die äußre Schaale weis’t ;
Du hast nach reiffer Müh / und nach durchschwizten Jahren /
Erst selbst wie viel uns fehlt / wie nichts man weiß / erfahren.

Die Welt die Cäsarn dient / ist meiner nicht mehr wehrt /
Ruft Cato / Roms sein Geist / und stürzt sich in sein Schwert.
Nie hat den festen Sinn das Ansehn großer Bürgern
Der Glanz von theurem Erzt / der Dolch erkaufter Würgern /
Von seines Landes Wohl / vom bessern Theil getrannt:
In ihme lebte Rom / er war das Vaterland.
Sein Sinn war ohn Begier / sein Herze sonder Schreken /
Sein Leben ohne Schuld / sein Nachruhm ohne Fleken /
In ihm verneute sich der alten Helden Muht /
Der alles vor sein Land / nichts vor sich selber thut ;
Ihn daurte nie die Wahl / wann Recht und Glüke kriegten /
Den Sieger schüzt GOtt / und Cato die Besiegten.
Doch vielleicht fällt auch hier die Tugend-Larve hin /
Und seine Großmuht ist ein stolzer Eigensinn.
Der nie in fremdem Joch den steiffen Naken schmieget /
Dem Schiksal selber trozt / und eher bricht als bieget.
Ein Sinn / dem nichts gefällt / den keine Sanftmuht kühlt /
Der sich selbst alles ist / und niemahls hat gefühlt.

Wie ? hat dann aus dem Sinn der Menschen ganz verdrungen /
Die scheue Tugend sich den Sternen zugeschwungen?
Verläßt des Himmels Aug das sterbliche Geschlecht?
Von so viel tausenden ist dann nicht einer ächt?
Nein / nein / der Himmel kan / was er erschuf / nicht hassen /
Er wird der Güte Werk dem Zorn nicht überlassen /
So vieler Weisen Wunsch / der Zwek so vieler Müh /
Die Tugend wohnt in uns / und niemand kennet sie;
Des Himmels schönstes Kind / die immer gleiche Tugend /
Blüht in der holden Pracht der angenehmsten Jugend /
Kein saurer Blick umwölkt der Augen heiter Licht /
Und wer die Tugend haßt / der kennt die Tugend nicht.
Laßt keinen Aristipp auf ihre Strengheit lästern /
Die Tugend und Natur sind allzuächte Schwestern ;
Nie fodert die Natur was uns die Tugend wehrt /
Die Tugend weigert nie / was die Natur begehrt.
Sie heischt von uns kein Blut zur Prob erwählter Lehre /
Sie tauscht das Leben nicht um leichten Rausch der Ehre /
Sie löscht den holden Brand von keuscher Brunst nicht aus /
Und sie vergräbt sich nicht in ihres Landes Grauß.
Sie will nicht / daß man sich aus eitlem Wahn zerseze /
Sie hinterhält uns nicht der Schöpfung reiche Schäze /
Sie heischt von Sterblichen nicht die Allwissenheit /
Was sie von uns verlangt / ist unsre Seligkeit.
Sie ist kein Wahl-Gesäz / das uns ein Weiser lehret /
Sie ist des Himmels Stimm / die nur das Herze höret;
Ihr innerlich Gefühl beurtheilt jede That /
Warnt / billigt / mahnet / wehrt / und ist des Himmels Raht.
Wer ihrem Winke folgt / wird niemals unrecht wählen /
Er wird der Tugend nie / noch ihm das Glüke fehlen;
Nie stört sein Gleichgewicht der Sinne gäher Sturm /
Nie untergräbt sein Herz bereuter Lastern Wurm;
Er wird kein künfftig Glük um würklich Elend kauffen /
Und nie durch kurze Lust in langes Unglük lauffen;
Er sieht Gold / Ehr und Lust / wie schöne Früchten an /
Da weiser Brauch erfrischt / zu viel verlezen kan.
Nie störet seine Lust die Forcht von späten Jahren /
Er sucht kein fernes Gut / und laßt kein jetzigs fahren;
Die Welt ist ihm zu Dienst / er aber nicht der Welt /
Er laßt den Thoren Müh und wählt was ihm gefällt;
Der Menschen lezte Forcht wird niemal ihn entfärben /
Er hätte gern gelebt / und wird nicht ungern sterben.

[1732 gekürzt:]

Von dir / selbst-ständigs Gut / unendlichs Gnaden-Meer /
Kommt dieser innre Zug / wie alles gute / her!
Das Herz folgt unbewusst der Würkung deiner Liebe /
Es meinet frei zu sein und folget deinem Triebe;
Unfruchtbar von Natur / bringt es auf den Altar
Die Frucht / die von dir selbst in uns gepflanzet war.
Was von dir stammt ist ächt und wird vor dir bestehen
Wann falsche Tugend wird / wie Blei im Test / vergehen
Und dort für manche That / die itzt auf äußern Schein
Die Welt mit Opfern zahlt / der Lohn wird Strafe sein!

Fußnoten:

1 Simeon Stylites / dessen wunderlichen vieljährigen Aufenthalt auf einer Säule der Aberglaube als etwas großes angesehen hat. Die Absicht des Mannes mag gut gewesen sein / aber sie streitet sowohl wider das Exempel der Apostel als wider ihr Gebot.

2 Griechische Priester / die oft aus einem Gelübde das Reden verschwören.

3 Franciscus von Assisio / der Bilder aus Schnee ballte und umarmte.

4 Einer von den Beschreibern der fabelhaften Leben römischer Heiligen.

5 Adversas aquilas et pila minantia pilis.

6 Pabst Victor hatte mit den asiatischen Kirchen einen Streit wegen des Oster-Fests. Wegen seines ärgerlichen Verbannens aber ließ Irenäus von Lion einen scharfen Brief an den römischen Bischof abgehen / worin er ihm mehrere Mäßigung anbefahl. Es geht übrigens die ganze Absicht dieses jugendlichen Eifers bloß auf die hitzigen Heiligen der verfolgenden Kirche und zielt auf die protestantische Geistlichkeit um so weniger / je gewisser es ist / daß sie ihr Ansehen und ihre Vorzüge bei der Glaubens-Verbesserung nicht nur willig / sondern aus eigenem Trieb und ohne der Laien Zumuthen nur allzu freigiebig von sich gegeben hat.

7 Hier mangeln etliche Zeilen / worin die allzu große Heftigkeit Justinians und anderer orientalischen Kaiser wider die Heiden / Arianer und andre Irrgläubige getadelt wird / und die eben nicht poetisch sind.

8 Die Geschichte der unterdrückten Albigenser und des unrechtmäßig seiner Lande entsetzten Raimunds von Toulouse wird jedermann bekannt sein.

9 Die gröste Pein / die man den Christen anthat / war eine überaus heiße Quelle / in welche man die Märtyrer so oft hinunter ließ / bis sie starben oder den Glauben verleugneten. Man muß im übrigen diese unwissenden Märtyrer einer nur halb dem Christenthume ähnlichen Lehre nicht mit den Blutzeugen Christi verwechseln.

10 Ein See / an dem die Irocker wohnen / der Huronen Erbfeinde.

11 Das tapferste der Nord-Amerikanischen Völker (La Hontan). Man giebt dem Gefangenen ein Weib von irgend einem Erschlagenen. Will sie ihn behalten / so ist öfters sein Leben gerettet / und er wird sogar unter das sieghafte Volk aufgenommen. Verurtheilt sie ihn zum Tode / so ists um ihn geschehen / und sie ist die erste / an seinen zerfleischten Glidern sich zu sättigen.

12 Eines der fünf Völker der Mohocks oder Iroquois. Ich rede nur von den Märtyrern einer mächtigen Kirche / die allerdings öfters mit einem unerschrockenen Muth die angenommene Lehre mit ihrem Tode versiegelt haben. Die gleichen Märtyrer aber / und zwar hauptsächlich in einem bekannten Orden / haben gegen die Protestanten solche unverantwortliche Maßregeln gerathen / gebraucht und gelehrt / daß es unmöglich ist / zu glauben / der Gott der Liebe brauche Menschen von solchen Grundsätzen zu Zeugen der Wahrheit. Das erste / was er befiehlt / ist Liebe. Das erste / was diese Leute lehren / ist Haß / Strafe / Mord / Inquisition / Bartholomäustage / Dragoner / Clements / Castelle und Ravaillake.

13 Worte des heiligen Hieronymi.

14 Feld-Herr der Parthen / wie sie das römische Heer unter dem unglücklichen Crassus schlugen.

15 Newton hat keine Weibsperson berührt.

Tugendbrunnen Nürnberg Tourismus

Bilder: Der Tugendbrunnen zu Nürnberg, der touristisch besser denn künstlerisch belegt ist
(in der Schweiz war, was nichts heißen muss, überhaupt kein Monument der Tugend aufzutreiben):

  • Nürnberg aha!: Tugendkult am Lorenzplatz:

    Volksfern gekleidete Gestalten in theatralischen Posen, 1584–1589 von Benedikt Wurzelbauer für den modernen Menschen von heute geschaffen. Die Tugendgestalten wollen in allegorischer Weise Politiker und deren Hintermänner darstellen, die gerecht und weise auf dem Gipfel der Darstellung (also ganz oben und von oben herab) zum besseren Nachforschen eigener Erinnerung sich eine Augenbinde umtun und sich die Ohrenöffnungen eisern verschließen. So wissen sie nichts von Schwarzgeldkoffern, illegalen Waffengeschäften, erinnern sich aber an Versprechen, die sie gegeben haben. Und die sind heilig und verdienen einen sechsfachen Posaunenstoß durch aufgeblasene Bengel. Wichtig: neben der Gerechtigkeit noch ein Kranich, Symbol der Wachsamkeit. Der hört und sieht alles.

    Die maßgebenden Tugenden Glaube mit Kreuz und Kelch, Liebe mit zwei Kindern, Hoffnung mit dem Anker, Tapferkeit mit Löwe, Mäßigung mit Krug und Geduld mit einem Lamm (!). Lammfromm, aufopferungsvoll und gebärfreudig usw. – alles Eigenschaften, die sich als männliche Attribute wenig eignen. Deshalb ist kein Mann im Figurenreigen zu sehen. Die unschuldigen Muttersöhnchen unter der Gerechtigkeit zählen noch nicht. Ungerecht!

    Tugendbrunnen
    Realisierung: Benedikt Wurzelbauer, 1584–89
    Auftraggeber: Rat von Nürnberg
    zuletzt gesehen am Lorenzplatz
    im Winter undurchsichtig umbrettert. Da schläft die Tugend.

    Tugendsam in Nürnberg ist
    wenns Wasser aus den Brüsten gisst.

  • Nürnberg Tourismus: Tugendbrunnen.

Tugendbrunnen Nürnberg Tourismus

Soundtrack von der Falschheit menschlicher Tugenden:
Theodor Shitstorm: Rock’n’Roll, aus: Sie werden dich lieben, 2018:

Written by Wolf

9. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Weisheit & Sophisterei

Dornenstück 0007: Non stabat pater dolorosus

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Update zu Des Frühlings beklommnes Herz,
Show me a guy that doesn’t want to come down off the cross,
Oh my, oh my, oh my, what if it was true? (O wolle nicht ergründen, was einmal unergründlich ist)
und Nachtstück 0027: Uns lieben Brüdern Wohlgefallen und ein recht gutes Jahr!:

Karfreitag in siebenzeiligen Strophen.

Krypta Asamkirche München

Im übrigen halte ich in der christlichen Ikonographie den Pater dolorosus, der Sankt Joseph einmal gewesen sein muss, für unterrepräsentiert. Zwei Jahrtausende haben nicht zu überliefern für nötig befunden, ob ein Mensch und Vater namens ܝܰܘܣܶܦܢܳܨ ܡܶܢ ܪܰܬ݂ bei Jesu Kreuzigung überhaupt zugegen war; dass er vorher etwa 63-jährig verstarb, muss man sich nach Kirchenvater Hieronymus umständlich herbeideduzieren.

Umso anrührender finde ich es von Matthias Claudius, dass er in der Totenklage um einen noch nicht zweijährigen Sohn ganz selbstverständlich dem Vater wie der Mutter die Hoffnung auf Auferstehung zuschreibt: Er muss wieder lebendig werden, sonst hätte doch das ganze Leben keinen Sinn.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, das ist das Perfide.

——— Matthias Claudius:

Die Mutter am Grabe

Auf den Tod des zweiten Sohnes, Matthias, geboren 6. Dezember 1786, gestorben 4. Juli 1788

aus: Asmus omnia sua secum portans, oder: Sämmtliche Werke des Wandsbecker Boten, Fünfter Theil,
Wandsbeck. Beim Verfasser, 1789, und in Comißion bey Carl Ernst Bohn in Hamburg, 1790:

Wenn man ihn auf immer hier begrübe,
          Und es wäre nun um ihn gescheh’n;
Wenn er ewig in dem Grabe bliebe,
          Und ich sollte ihn nicht wieder seh’n,
          Müßte ohne Hoffnung von dem Grabe geh’n –
Unser Vater, o du Gott der Liebe!
Laß ihn wieder aufersteh’n.

~~~\~~~~~~~/~~~

Der Vater

Er ist nicht auf immer hier begraben,
          Es ist nicht um ihn gescheh’n!
Armes Heimchen, Du darfst Hoffnung haben,
          Wirst gewiß ihn wieder seh’n
          Und kannst fröhlich von dem Grabe geh’n,
Denn die Gabe aller Gaben
Stirbt nicht, und muß aufersteh’n.

Krypta Asamkirche München

Bilder: Krypta der Asamkriche Sankt Johann Nepomuk in München,
Öffnungszeiten ausschließlich karfreitags und karsamstags mit Stillem Gebet 17 bis 20 Uhr,
selbergemacht am Karfreitag, 29. März 2013.

Soundtrack: Giovanni Battista Pergolesi: Stabat mater, 1736,
vermutlich einzige Einspielung mit dem deutschen Text von Christoph Martin Wieland, 1779,
in: Der Teutsche Merkur 1781, 1. Quartal, Seite 101 bis 106,
aufgenommen 2008 in der Peterskirche Oßmannstedt, als CD bei Naxos 8.551276, als Playlist:

Written by Wolf

2. April 2021 at 00:01

Was er wünscht, ist Licht, mehr Licht

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Update zu Neulich in München
und Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet:

Goethes 189. Todestag am 22. März 2021.

Stets des Lebens dunkler Seite
Abgewendet wie Apoll;
Daß er Licht um sich verbreite,
War der Ruf, der ihm erscholl.
Und so stand er jung im Streite
Bis in’s Alter würdevoll,
Gegen Drachen-Nachtgeleite,
Das aus allen Ecken schwoll,
Das er bald mit Scherz beiseite
Schob, bald niederschlug mit Groll.
Als er abtrat nun vom Streite,
War das letzte Wort, das quoll
Aus der Brust erhobner Weite:
Mehr Licht!“ Nun, o Vorhang, roll
Auf, daß er hinüber schreite,
Wo mehr Licht ihm werden soll!

Friedrich Rückert: Goethes letztes Wort, 1832.

——— Kai Sina:

Frances E. W. Harper: „Mehr Licht!“

aus: Frankfurter Anthologie, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Januar 2021:

Ob die Forderung nach „Mehr Licht“ tatsächlich Goethes letzte Worte waren, ist philologisch mehr als umstritten – und wohl auch nicht so wichtig. Entscheidender sind die Folgen der vermeintlichen Sterbeworte, und in dieser Hinsicht zählt das Gedicht von Frances Ellen Watkins Harper zu den literarhistorisch aufschlussreichsten Dokumenten: einerseits, weil es das Gedicht einer afroamerikanischen Autorin des neunzehnten Jahrhunderts ist, deren Bezugnahme auf Goethe zunächst alles andere als naheliegend erscheint; und andererseits, weil die deutschsprachige Übertragung von Stephan Hermlin ein frühes Zeugnis der sozialistischen Literaturpolitik in Deutschland ist. […]

Helmut Fricke, Kam durchs Schlafzimmerfenster nicht genug Licht, FAZ, 27. Dezember 2017Anders als viele seiner Anhänger, die das „Licht“ im Sinne der aufklärerischen Symbolik mit Erkenntnis übersetzten und so noch den Sterbenden zum Wahrheitssucher stilisierten, weist Harper eine derart überspannte Deutung ausdrücklich zurück: Nicht um „größere Geistesgaben“ habe Goethe in seinen letzten Atemzügen gebeten, nicht um „Gedankentiefe“, sondern buchstäblich um „die gütige Sonne“ und „einen Strom aus liebem Erdenlicht“. […]

Szenenwechsel ins Nachkriegsdeutschland, in die sowjetische Besatzungszone. Im neugegründeten Verlag Volk und Welt erscheint 1948 der Band „Auch ich bin Amerika. Dichtungen amerikanischer Neger„. Zusammenstellung und Übertragung der ausschließlich von Afroamerikanern und Afroamerikanerinnen verfassten Gedichte stammen von Stephan Hermlin. Dessen lebenslanges Bestreben, dem deutschen Lesepublikum „eine Tür zu literarischer Weltläufigkeit zu öffnen“ (Heinrich Detering), bestimmt das Anthologieprojekt ebenso wie die politische Indienstnahme der Literatur, hier vor allem in Gestalt der Amerika-Kritik und des Antikapitalismus. Die Sammlung versteht sich als aufklärerischer Gegenimpuls zu „geschickt geschriebenen Schmökern à la ‚Vom Winde verweht‘ und verlogenen Hollywoodprodukten“, in denen die „Neger“, ungeachtet ihrer „denkbar ungünstigen Lage“ in der Gesellschaft, vornehmlich als „folgsam“ und „komisch“ dargestellt würden – so liest man im Vorwort.

In der Anthologie findet sich auch Harpers Gedicht, dessen liedhafter Charakter – erzeugt durch ein alternierendes Versmaß, das Wechselspiel von Reimen und Assonanzen sowie die refrainartige Wiederholung des Ausrufs „Light! more light“ – in der deutschen Übertragung stark zur Geltung kommt. Zugleich mischen sich andere, eher abendländisch geprägte Motive ins lyrische Gesamtbild ein: das „düstre Nebeltal“ der Romantik (im Original: „dimly lighted valley“), der lutherdeutsche „Heiland“ (bei Harper: „Gracious Saviour“). Sicher tragen auch solche Anpassungen dazu bei, dass man den amerikanischen Ursprungstext hinter der deutschsprachigen Nachdichtung eigentlich nicht mehr wahrnimmt.

Aber welche Absicht steht hinter der Entscheidung, Harpers Goethe-Verse überhaupt in die Sammlung mit aufzunehmen? In ihrem Werk hätte es andere Gedichte gegeben, die viel besser mit dem politischen Anliegen der Anthologie vereinbar gewesen wären (das kämpferische „Bury Me in a Free Land“ etwa). Im Vorwort stellt Hermlin fest, es seien zwar „kleinbürgerliche Verse“, die Harper über Goethe geschrieben habe. In ihnen komme aber dennoch „ein großes und ergreifendes Gefühl“ zum Ausdruck. Die am Kommunismus geschulte Bewusstseinsprüfung („kleinbürgerlich“) und das Beharren auf der Würde des Individuums (in seinem „großen und ergreifenden Gefühl“) gehen in der Gedichtauswahl also miteinander einher. Hermlins Entscheidung für Harpers Gedicht zeugt damit gleichermaßen von politischer Anpassung und literarischem Eigensinn.

Stephan Hermlins Auswahl und Übersetzung waren weder die ersten noch einzigen ihrer Art: Populäre deutsche Anthologien des 20. Jahrhunderts kennen unter anderem:

  • Amerika singe auch ich. Dichtungen amerikanischer Neger. Zweisprachig. Herausgegeben und übertragen von Hanna Meuter, Paul Therstappen. Wolfgang Jess, Dresden 1932. Mit Kurzbiographien. Reihe: Der neue Neger. Die Stimme des erwachenden Afro-Amerika. Band 1, 1932. 108 Seiten; Neuausgabe ebenda 1959, oder
  • Meine dunklen Hände. Moderne Negerlyrik im Original und Nachdichtung. Herausgegeben und übertragen von Eva Hesse und Paridam von dem Knesebeck. Nymphenburger, München 1953. 92 Seiten.

Es folgen Harpers Original und Hermlins gleichermaßen politisch angepasste und literarisch eigensinnige Übersetzung im Direktvergleich. Offenbar könnten wir alle in vermehrtem Ausmaß Licht in egal welchem Sinne vertragen.

——— Frances Ellen Watkins Harper:

Let the Light Enter

The Dying Words of Goethe

from: Poems, 1871, Seite 71 f.:

„Light! more light! the shadows deepen,
       And my life is ebbing low,
Throw the windows widely open:
       Light! more light! before I go.

„Softly let the balmy sunshine
        Play around my dying bed,
E’er the dimly lighted valley
       I with lonely feet must tread.

„Light! more light! for Death is weaving
        Shadows ‘round my waning sight,
And I fain would gaze upon him
       Through a stream of earthly light.“

Not for greater gifts of genius;
        Not for thoughts more grandly bright,
All the dying poet whispers
       Is a prayer for light, more light.

Heeds he not the gathered laurels,
        Fading slowly from his sight;
All the poet’s aspirations
       Centre in that prayer for light.

Gracious Saviour, when life’s day-dreams
        Melt and vanish from the sight,
May our dim and longing vision
       Then be blessed with light, more light.

(Goethes letzte Worte)

Übs. Stephan Hermlin, in: Auch ich bin Amerika. Dichtungen amerikanischer Neger.
Aus dem Englischen von Stephan Hermlin. Verlag Volk und Welt, Berlin 1948. 144 Seiten, vergriffen:

„Licht! mehr Licht! Die Schatten sinken,
       Wie ich’s Leben sinken seh.
Öffnet weit mir alle Fenster:
       Licht! mehr Licht! bevor ich geh.

Daß die gütige Sonne scheine,
       Auf mein Sterbebette strahl,
Ehe ich hinziehe
       Durch das düstre Nebeltal.

Licht! mehr Licht! der Tod verbreitet
       Schleier auf vergehende Sicht,
Lieber säh ich ihn durch einen
       Strom aus liebem Erdenlicht.“

Nicht um größere Geistesgaben,
       Um Gedankentiefe nicht
Fleht der Dichter sterbend leise,
       Was er wünscht, ist Licht, mehr Licht.

Nicht mehr achtet er des Lorbeers,
       Der langsam in Staub zerbricht;
All des Dichters Wünsche gipfeln
       In dem einen Wunsch nach Licht.

Heiland, wenn des Lebens Träume
       Aufgelöst, verweht wie Gischt.
Segne unsern sehnsüchtigen
       Letzten Blick mit Licht, mehr Licht.

Helmut Fricke, Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Schlafzimmer, FAZ, 27. Dezember 2017

Bilder: Helmut Fricke: Kam durchs Schlafzimmerfenster nicht genug Licht?;
Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Schlafzimmer,
für Hubert Spiegel: Mehr Licht war nicht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Dezember 2017.

Der neue Neger, die Stimme des erwachenden Afroamerika: James Brown with Reverend James Cleveland Choir: Let Us Go Back to the Old Landmark/Can You See the Light, aus: The Blues Brothers, 1980:

Written by Wolf

26. März 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Zu seiner wahren Gestalt erheben

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Update zur Wanderwoche 03: 2 + 2 – 2 + 2 = 7 (Ist doch bloß ein Märchen):

——— Franz Kafka:

Der plötzliche Spaziergang

aus: Betrachtung, Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig, November 1912, ausgewiesen 1913:

Blick vom Prager Hradschin, Akademisches Lektorat via PinterestWenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchtetem Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgemäß schlafen geht, wenn draußen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, daß das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist, und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen erscheint, weggehen zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach der Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstür zuschlägt, mehr oder weniger Ärger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit beantworten, wenn man durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähigkeit in sich gesammelt fühlt, wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung erkennt, daß man ja mehr Kraft als Bedürfnis hat, die schnellste Veränderung leicht zu bewirken und zu ertragen, und wenn man so die langen Gassen hinläuft, — dann ist man für diesen Abend gänzlich aus seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenlose abschwenkt, während man selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, hinten die Schenkel schlagend, sich zu seiner wahren Gestalt erhebt.

Verstärkt wird alles noch, wenn man zu dieser späten Abendzeit einen Freund aufsucht, um nachzusehen, wie es ihm geht.

Zur Zeit von Niederschrift und Ersterscheinen von Der plötzliche Spaziergang war Kafka 29 und wohnte im Kreise seiner Ursprungsfamilie Juni 1907 bis November 1913 im neunten und obersten Stockwerk im Prager Haus Zum Schiff, Pařížská 36, damals Niklasstraße 36:

Prague 1913

Das Mietshaus „Zum Schiff“ war damals eines jener modernen Mietshäuser in Prag, die im Zuge der Sanierung des ehemaligen Ghettos hochgezogen wurden. Es gab einen Lift im Haus und die Wohnungen hatten auch ein Bad. Im Juni 1907 zog die Familie in das Haus und wohnte dort bis zum November 1913. Leider ist das Gebäude im Jahre 1945 zerstört worden. An seiner Stelle steht heute das Hotel Praha-Intercontinental.

Wer sich einen Eindruck verschaffen will, wie der Blick aus Kafkas Zimmer gewesen sein mag, kann der Empfehlung des Verlegers und Kafka-Biographen Klaus Wagenbach folgen, in das Restaurant im obersten Stockwerks des Hotels gehen und sich dort einen Fensterplatz suchen. Wem das zu umständlich ist, mag sich mit einer Tagebuchaufzeichnung Kafkas vom 29.09.1911 begnügen:

„Der Anblick von Stiegen ergreift mich heute so. Schon früh und mehrere Male seitdem freute ich mich an dem von meinem Fenster aus sichtbaren dreieckigen Ausschnitt des steinernen Geländers jener Treppe die rechts von Cechbrücke zum Quaiplateau hinunter führt. Sehr geneigt, als gebe sie nur eine rasche Andeutung. Und jetzt sehe ich drüben über dem Fluss eine Leitertreppe auf der Böschung die zum Wasser führt. Sie war seit jeher dort, ist aber nur im Herbst und Winter durch Wegnahme, der sonst vor ihr liegenden Schwimmschule enthüllt und liegt dort im dunklen Gras unter den braunen Bäumen im Spiel der Perspektive.“

[…] Kafka litt sehr unter der ungünstigen Aufteilung der Wohnung. Zwar besaß er ein eigenes Zimmer, das für damalige Verhältnisse eher ungewöhnlich war, dennoch hatte er kaum Rückzugsmöglichkeiten, da es das Durchgangszimmer zwischen Wohn- und Schlafzimmer der Eltern war. In der Erzählung „Grosser Lärm„, das er 1911 in sein Tagebuch schrieb und kaum ein Jahr später in einer Prager Literaturzeitschrift abdrucken ließ, beschrieb er — kaum verhüllt — den typischen Alltag in der Wohnung.

„Verstärkt wird alles noch,“ indem sich der Mann in einem Durchgangszimmer zwischen dem elterlichen Wohn- und Schlafzimmer in einem neunten Stockwerk mit Blick auf den Anlegeplatz für sein Ruderboot außerdem noch Das Urteil (in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912), Die Verwandlung (1912) und Der Verschollene (1911 bis 1914), wie der Textbruch ausgerechnet hat, abringen musste.

Wenn er also wie in seiner halb nur sich hin träumenden Prosaskizze spätabends „in einem plötzlichen Unbehagen“ „straßenmäßig angezogen“ „gänzlich aus seiner Familie ausgetreten“ wäre, so hätte er erst einmal entweder einen vermutlich gründerzeitgemäß rumpelnden Aufzug benutzen oder sich satte neun Stockwerke treppab bis auf Flussuferniveau hinabbegeben müssen. Da sieht die instagrammable Winteridylle am Hradschin natürlich um Klassen stimmungsvoller aus, aber es ist ja nicht gesagt, wo der auszusuchende Freund gewohnt hätte. Irgendwie geht’s.

Hotel InterContinental Praha

Bilder: Blick vom Hradschin, via Akademisches Lektorat, 14. Januar 2021;
Prague 1913, via My Old Days Saigon: Khí hậu ẩm ướt trong thế giới tiểu thuyết Nguyễn Đình Toàn;
Hotel InterContinental, Pařížská 30, via Kafka & Prag: Haus „Zum Schiff“.

Großer Lärm: Matěj Ptaszek und Lubos Bena na Karlově mostě, wo Kafka auf dem Heimweg sowieso vorbeigekommen wäre — wenn er nicht die bei My Old Days Saigon abgebildete Čechův most genommen hätte, die unmittelbar an seiner ungeliebten Pařížská liegt —: Music of the Mississippi River, Sommer 2008:

Written by Wolf

19. März 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

In einem anderen hochgewölbten, engen gotischen Zimmer

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Update zu The Metrum is the Message,
Doktor Faust thu dich bekehren
und Mit dem Faust im Ranzen:

Habe nun, ach! – :

Kilian Brustfleck (tritt auf)
Hab ich endlich mit allem Fleiß
Manchem moralisch politischem Schweiß
Meinen Mündel Hanswurst erzogen
Und ihn ziemlich zurechtgebogen.
Zwar seine tölpisch schlüfliche Art
So wenig als seinen kohlschwarzen Bart
Seine Lust in den Weg zu scheißen
Hab nicht können aus der Wurzel reißen.
Was ich nun nicht all kunnt bemeistern
Das wüßt ich weise zu überkleistern
Hab ihn gelehrt nach Pflichtgrundsätzen
Ein paar Stunden hintereinander schwätzen
Indes er sich am Arsche reibt
Und Wurstel immer Wurstel bleibt.

Goethe: Hanswursts Hochzeit oder der Lauf der Welt – Ein mikrokosmisches Drama, 1775.

Von sich selber klauen heißt nicht Plagiat, sondern Stil. Von Gottsched klauen ist — nun ja, so ähnlich. Bei diesem Vergleich kann einem auffallen, dass die oben zitierte Hanswursts Hochzeit stellte Goethe übrigens im gleichen Jahr fertig wie die Frühe Fassung von Faust — deren Bezeichnung als Urfaust aus überlieferungsgeschichtlichen Gründen überholt ist.

Rembrandt, Faust, StudierzimmerUnd es soll uns niemand erzählen, Goethe habe nun, ach! das Gratulationsgdicht an einen „zum Magister-Ampt“ Promovierten von Gottsched nicht gekannt, das im Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen 1730 steht. Darin konnte Goethe „von allen Dichtungsarten eine historische Kenntnis, sowie vom Rhythmus und den verschiedenen Bewegungen desselben; das poetische Genie ward vorausgesetzt!“ — so in: Dichtung und Wahrheit, Siebentes Buch — erlangen, unter anderem über den Knittelvers.

„Knittel“ — vom frühneuhochdeutschen knittel, was „Reim“ heißt, gern verunglimpft als „Knüttel“, was „Knüppel“ heißt — kannte und benutzte Goethe aus seiner Leipziger Studentenzeit 1763 bis 1768. Erst ab 1773 konnte er die strengere Form mit acht oder neun Silben von Hans Sachs her kennen, der bekannte Eingangsmonolog von Faust, der schon in der Frühen Fassung vorkommt — weswegen er gar nicht so zwingend zu Goethes frühesten Faust-Entwürfen zählt.

Gottscheds Poetiken waren für die angebrochene Zeit der Aufklärung die ersten allgemein verbindlichen, die nach dem überholt barocken Buch von der Deutschen Poeterey von Martin Opitz 1624 folgten, bei poetisch Beflissenen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts dürfen sie darum als bekannt vorausgesetzt werden. Wie Gottsched den Knittelvers am praktischen Exempel vor- und ausführt, nimmt den Faust-Monolog in Teilen recht deutlich vorweg, ist — sobald einer die wendige Füllungsfreiheit des Knittelverses nicht als unbegabtes Herumgeholze, sondern als naturwüchsig begreifen mag — gar kein so „schlecht Carmen“ und hat sogar ein paar charmante anzügliche Stellen.

——— Johann Christoph Gottsched:

Auf Hn. M. Stuͤbners Magister-Promotion.
Als Juncker Stuͤbnern wohlgemuth
Frau Pallas ziern und schmuͤcken thut,
Mit Lorber-Zweigen huͤbsch und fein,
Sang dieß ein treuer Bruder sein.
in fremdem Nahmen.

Des II Theils VII Capitel: Von Sinn- und Schertzgedichten
aus: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen; Darinnen erstlich die allgemeinen Regeln der Poesie, hernach alle besondere Gattungen der Gedichte, abgehandelt und mit Exempeln erläutert werden: Uberall aber gezeiget wird Daß das innere Wesen der Poesie in einer Nachahmung der Natur bestehe, Bernhard Christoph Breitkopf, Leipzig 1730, Seite 503 bis 507:

Georg Friedrich Kersting, Faust, StudierzimmerFRewndlicher liber Bruder mein
Dem die neun Musen alle gmein
Apollo und Pallas insgesampt
Erhebn thun zum Magister-Ampt
Zum Lehrer gmachet han allhie
Der Waisheit oder Philosofi
Weil sie von wegen deiner Gabn
Der Eer dich werthgeschetzet habn
Seitdem du wol, daß gibt dir Praiß
Studirt mit unverdroßnem Flaiß
Als wellichs heit zu Tage nun
Schier wenige mit Eyffer tuhn
Hier wuͤnscht dir zu deim newen Standt
Auf Unversteten wolbekandt
Dein alter guter Bruder vil Gluͤck
Vnnd erhebt das himmlisch Gschick
Daß dich jzunder traun aufs best
Zum Meistr der Weißhait kroͤnen lest.
So wirst du ein Philosofus
Bist gleich sonst ein Theologus
Wilst dermahleinst in Zuͤchtn vnnd Ehrn
Ein Gmein den Weg der Sehlgkeit leren
Tust auch die weltlich Weisen-Zunfft
Nicht spoͤttlich verachten mit Unvernunfft
Sagst nit sie mach nur Kaͤtzerey
Atheisten vnnd Deysterey
Vnnd glaubst vilmehr on allen Scheu
Daß sie der rechte Vorhoff sey
On den man heitigs Tages nie
Kan eingan zur Teology
Lachst all verkehrte Stuͤmper aus
Die sich ins liebe Gotes Hauß
Tringen mit unsaͤchlicher Gwalt
Suchen da nur ihrn Auffenthalt
Jhr Weip und Kind wolln sie erneern
Nit abr die Ruchlosen bekern
Wolln da andre Gots Weißhait leren
Moͤchtn selbst erst Menschen Weißhait hoͤren
Gleich wie auch andre Stuͤmper sunst
Strebn nur nach Advocaten-Kunst
Durchblaͤttern den Justinian
Lernen den Acten-Schlaͤndrian
Vnnd verstehn nit die geringste Spur
Vom ewgen Gsaͤtz in der Natur
Wollen große Juristen seyn
Bleibn alzeit am Verstand sehr klain
Jmgleichen in der Medicin
Siht man fast vile sich bemuͤhn
Nichts nit mit groͤßerm Eiffer treiben
Als die Kunst ein Recept z’verschreiben
Verstehn nit die Anatomy
Patology Phisiology
Semiotic Pharmacevtic
Higiene vnnd Botanic
Machen doch ein gewaltig Gschrey
Als obs Galenus selber sey
Koͤn’n nichts als schwitzen purgiren
Zur Aderlaßn vnnd Leut vexiren
Von solichen Stimpern allzumal
Welcher da ist ein große Zahl
Hastu Herr Bruder z’jeder Frist
Abscheu bezeigt on argelist
Jch b’sinn mich deiner Jugend zart
Wie fain die angewendet ward
Jn Bayreuth der weidlichen Stadt
Die uns zusamm’n erzogen hat
Da waren im Gimnasio
Wir beyd vnnd andre vilmals fro
Wenn wir beisammen spat vnnd fruh
Lateinisch Griechsch noch mehr dazu
Was man noch sonst guts lernen kan
Begirig mochten hoͤren an
Die Saat hast da schon ausgestrewt
Die izt so schoͤn nach Wunsch gedeyt
Hast da schon mit Verstand gehoͤrt
Was Leibnitz vnnd was Wolff uns glert
Zwen deutsche Philosofen b’kant
Jn Franckreich Welsch- vnnd Engeland
Mit wellichen sich kein ander Mann
Jn der Weltweißhait gleichen kan
Dieweil sie nemlich fix vnnd schoͤn
Die Mathematic tief verstehn
Wellichs man auch dem Cartesius
Und Stagiriten nachruͤmen muß
Daher denn folgen tuht der Satz
Dem jdermann muß geben Platz
Daß Philosofen insgemein
Die nicht auch Geometern sein
Gegn sie nur muͤßen schencken ein
Als du nun gar nach Leipzigck kamst
Sah man daß du noch baß zunahmst
Weil du den Anfang, dort gemacht
Hier zur Vollkommenhait gebracht
Die tieffe Lehr der Welt-Weißhait
Mit noch vil groͤßrer Schicklichkeit
Wie man sie loͤbelichst docirt
Nach Wolffs Manir scharpff ausstudirt
Hast nicht nur halbicht zugehoͤrt
Wie man dieselb vortraͤgt vnnd lehrt
Bist selbst daheimb noch weiter gangen
Hast zu lesen vil angefangen
Nit wie die Faulentzer getan
Die daran ihn’n begnuͤgen lan
Daß sie den cursum mit gemacht
Die dictata ins rein gebracht
Jn den Cuffer sie gschloßen ein
Als soltn sie da gefangen seyn
Moͤchten auch hernach zu ihrem Hohn
Jn seim schoͤnen Collegio
Daß er haͤtt abgeschrieben fro
Als ers zum drittenmahl gehoͤrt
Wies ein beruͤhmter Mann geleert
Zur Stund wolt man sein Buch gern sehn
Darauf es denn fuͤrwahr geschehn
Als ers wollt aus dem Cuffer holen
Daß ihm sein Weishait war gestohlen
Kein Dib hett ihm den Putz gemacht
Hett er sie ins Gehirn gebracht
Vor so verkehrter Weiß vnnd Art
Hat dich Minerva stets bewahrt
Herr Bruder dich mit Vorbedacht
Zum wurdigen Magister gmacht
Nit nur dem Nahmen nach zum Schein
Die sonst wohl nit ein Wildpret seyn
Doch darf ichs traun nur keck verschweigen
Du thust es uns bald selber zaigen
Wenn du auf dem Catheder frisch
Wirst stehn so steiff als im Harnisch
Dem offt die schaͤrffsten Opponenten
Mit hundert spitz’gen Argumenten
Wenn sie gleich all auf dich loßrennten
Mit nichten doch durchboren koͤnten
Da wird man sehn was du verstehst
Wie gruͤndlich du im Schliessen gehst
Vnnd vor des Wiedersachers stuͤrmen
Die arme Wahrheit kanst beschirmen
Den Zaͤnckern bald das Maul kanst stopffen
Daß ihn’n das Herz im Leib thut klopffen
Vnnd sollichs wird kein Wunder seyn
Du sprichst behend vnnd schoͤn Latein
Vnnd ergerst nit den Prißzian
Wie mancher vor der Zeit gethan
Wirst auch nicht furchtsam stecken bleiben
Die Dißputation zu schreiben
Wie andre die zwar Weißhaits voll
Wenn mans von ihnen fordern soll
Nit wissen weder aus noch ein
Obs Maͤdgen oder Buͤbgen seyn
Fragen viel nach allem dißputiren
Wenn sie nur ein groß M kan ziren
Carl Gustav Carus, Faust, StudierzimmerNun werther Bruder nimm vorlieb
Daß ich dir ein schlecht Carmen schrieb
Seyend noch von der alten Werlet
Die ihr Gesaͤnglein nicht beperlet
Rubint verguld’t versilbert schoͤn
Thu dich nit nach der Kunst erhoͤh’n
Hab auch kein Zoten angebracht
Von Fickgen der so lieben Magt
Die der Magister insgemein
Jhr Buhlschafft vnnd Gespons muß seyn
Wellichs wenn mancher es nicht wuͤst
Er ganz vnnd gar verstummen muͤst
Vnnd braͤcht auf den Magister-Schmauß
Nicht einen kalen Reim heraus
Sag dir auch nichts von deinem Krantz
Auch nichts von dem Magister-Tantz
Vielminder vom zu Bette gehn
Darbey offt garstig Fratzen stehn
Daß werden andre je und nun
An meiner statt schier weidlich tuhn
Vor mein Person hielt ichs vor baß
Zu wuͤuschen Gluͤck ohn unterlaß
Auf redlich Deutsch vnnd alt Manier
Daß dir Herr Bruder fuͤr und fuͤr
Aus deiner schoͤnen M’gister Zier
Viel Seegen Heil vnnd Trost erwachß
Vnnd mach den Schluß wie sonst Hans Sachß.

Bilder: Rembrandt van Rijn: Faust, ca. 1652;
Georg Friedrich Kersting: Faust im Studierzimmer, 1829;
Carl Gustav Carus: Faust in sinem Studierzimmer, 1852.

Soundtrack: Frank Watkinson an Mazzy Star: Fade Into You, aus: So Tonight That I Might See, 1993
(im Vergleich zum Original):

Written by Wolf

12. März 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Weisheit & Sophisterei

Fruchtstück 0003: Du und dein Gedächtnis 50+

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Update zu Unter sotanen Umständen und
Nachtstück 0019: Noch weit beunruhigendere Betrachtungen:

——— Arno Schmidt:

Heiliger Antropoff : tat mir der Rücken weh! (»Mitternacht ist vorüber : das Kreuz beginnt sich zu neigen.« hatten Humboldts Gauchos immer gesagt : demnach wärs also bestimmt 12. – Tembladores fielen mir ein, mit allen Geschichten und Widerlegungen, und die ganze voyage équinoxiale prozessionierte heran, so daß ich entrüstet an was anderes dachte : ein gußeisernes Gedächtnis ist eine Strafe ! !)

Brand’s Haide, 1951.

Vorm Bücherregal. Ich griff eins heraus, dessen Farbe mir leidlich ins Gesicht fiel; dunkelgrüner Lederrücken mit hellgrünem Schildchen : ‹J. A. E. Schmidt, Handwörterbuch der Französischen Sprache. 1855›. Ich schlug aufs geratewohl auf, Seite 33 : ‹Auget = Leitrinne, in welcher die Zündwurst liegt› – ich kniff mich in den Oberschenkel, um mich meiner Existenz zu vergewissern : Zündwurst ? ? ! ! (und dieses ‹auget› würde ich nun nie mehr in meinem Leben vergessen; ein gußeisernes Gedächtnis ist eine Strafe !). –

Sommermeteor, in: Trommler beim Zaren, 1966.

Und bloß nicht den Namen dieses Nachbardorfes einprägen; jetzt noch nicht; mit 55 muß man das Gedächtnis für’s Notwendigste reservieren.

Kühe in Halbtrauer, 1961.

Amrie Dashkova, Librarian, Moscow, March 4th, 2020

Bild: Marie Dashkova: Librarian, Moskau, 4. März 2020.

I hope we remember all the words („What’s the the next chorus to this song now? This is the one now I don’t know.“): Ella Fitzgerald (46-jährig): Mack the Knife, aus: Ella in Berlin: Mack the Knife,
live in der Deutschlandhalle, Berlin, 13. Februar 1960:

Written by Wolf

5. März 2021 at 00:01

Dieses fußkranke und wegmüde Denken, dieser Esprit von Nullhaftigkeit und Nihilism, dieses Charisma von Langweile

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Update zu Dreidreiviertel Arbeitstage oder Die CDs wechseln muss man schon,
Hipsteros und
Umgestülpte Teufel (und Kryptonit für Circe):

Der DDR-Lyriker rezensiert den Zigarettenerben, der seinerseits Wieland rezensiert. Alle Glieder der Kette leiden unter Überlänge, machen aber ungeahnten Spaß.

Das Aristipp-Buch von Reemtsma liegt seit 2000 als Taschenbuch bei dtv vor.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014

——— Peter Hacks:

Mehrerlei Langweile

Zu Jan Philipp Reemtsma:
»Das Buch vom Ich — Christoph Martin Wielands ›Aristipp und einige seiner Zeitgenossen‹«,
Haffmans 1993

in: TOPOS. Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie, herausgegeben von Hans Heinz Holz und Domenico Losurdo,
Heft 3: Epochenwandel, Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger, Bonn 1994:

Seinerzeit lebte in Griechenland ein langweiliger Philosoph, Aristipp. Diesen Aristipp machte der Dichter Wieland zum Helden eines langweiligen Romans; über den Roman hat jetzt der Philologe Jan Philipp Reemtsma eine langweilige Monographie geschrieben. Das ist die Lage, mit der ich befaßt bin. Ich kann mir unterhaltsamere Lagen vorstellen.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Besagter Aristipp war ein Hedoniker, ein »Genüßler« oder »Genußdenker«. Er ging davon aus, daß, wenn schon sonst nichts, jedenfalls die körperliche Lust ein Gut ist, unstrittig und mit höchster Gewißheit. Das Dumme an dem Ansatz ist, daß das nicht stimmt. Körperliche Lust hat viel Angenehmes — aber keinesfalls immer, nur unter Bedingungen. Wer hat nicht schon den Besitz eines schönhäutigen Geschlechtspartners mit Verdruß durchlitten, oder wem ist nicht schon die bestzubereitete Speise vorm Magen stehen geblieben, wenn ein allgemeineres, durchaus unkörperliches Mißvergnügen dem Vergnügen entgegenwirkte? Ich sage es ganz einfach. Eine Henkersmahlzeit kann das höchste Gut nicht sein.

Zugunsten des Aristipp läßt sich sagen, daß er die Lust für eine seiende Sache nimmt, für mehr als das bloße Schwinden oder Fehlen von Unlust. Aber offenkundig gehört er als Genußdenker neben die Bedürfnislosigkeitsprediger und die spätere Schule der Zweifelköpfe: zu den Rette-sich-wer-kann-Ratgebern, die in Verfallszeiten, in denen groß nicht mehr zu denken geht, noch ihre Rezepte, wie allenfalls sich durch die Welt helfen, anboten. Was ihr Wissen anlangt, ermüden sie ein wenig, aber am Ende hat auch keiner etwas gegen sie. Wenn sie nichtig sind, so sind sie doch auf eine erfrischende Weise nichtig. Natürlich sind uns die Überlebensphilosophen lieber als die Pfaffen, welche sonst aus dem Verfall ihren Zulauf haben.

Ich bin nicht breit, weil Wielands Aristipp mit dem echten oder für echt überlieferten Aristipp kaum mehr gemein hat als die Anekdote mit dem Rebhuhn zu fünfzig Drachmen. Er ist ein bißchen neugierig, ein bißchen gleichgültig, ein bißchen witzig, ein bißchen verliebt. Er verhält sich der Welt gegenüber vorsichtig und leidet ungern. Für die Lust interessiert er sich überhaupt nicht. Mehr als dem Aristipp ähnelt er dem Epikur und am genauesten dem Wieland.

Von dem Wielandschen Aristipp, dieser kurzweiligen und kurzatmigen Kunstfigur, erwartet Jan Philipp Reemtsma gewaltige Dinge und will sie an ihm finden und billigt sie ihm zu.

Wieland ist der erste Dramatiker, von dem ich in meinem Leben ein Stück bearbeitet habe. Es war die »Pandora« und trug bei mir den Untertitel »Von Arkadien nach Utopia«, ich war damals zwanzig. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich meinen Wieland einmal gegen übermäßiges Lob würde in Schutz nehmen müssen. Der Aristipp-Roman ist rundum erfreulich. Aber so gut, wie Reemtsma sagt, ist er nicht.

Ich möchte Ihnen die Fabel erzählen und überlege mir zu dem Zweck, was von dem Buch, falls einer vorhätte, es auf die Bühne zu bringen, auf die Bühne zu bringen ginge. Ich beginne damit, daß ich mir von dem Maler Hackert drei Prospekte malen lasse, einen von Weimar, einen von Osmannstedt, einen von Paris. — Weiter komme ich nicht. Handelnde Personen treten in dem Buch nicht auf.

Das ist wenig für immerhin elfhundert Seiten. (Ich zähle nach meiner Ausgabe, Reemtsma ist reicher als ich; er hat die Werkausgabe von 1794, ich bloß die von 1839).

Reemtsma ist entfernt davon, mir zu widersprechen. »Der Roman hat keine ›Story‹«, bekennt er, und der Held, bekennt er, hat »einen langweiligen Charakter«. Dann sagt er noch, daß der Held, aus Gattungsgründen, keinen »Charakter« brauche.

Was tut Aristipp das lange Buch über? Er verbringt seine Jugend auf einer Spazier- und Bildungsreise; hiernach läßt er sich in seinem Vaterland nieder und gründet einen Hausstand und ein Kulturhaus. Im Alter wird er sich in den Dienst eines Tyrannen begeben, was Wieland aber ungeschrieben läßt. Wir werden drauf zurückzukommen haben.

Drei Bestandteile im »Aristipp« ergötzen und verursachen Lesefreude.

Auf sie alle habe ich einzugehen vor. Es sind: Eine Nacherzählung, Parodie und Beschimpfung von Platons »Staat«, etliches Hörensagen aus der Welthauptstadt Syrakus, welche Paris meint, und die Marotten der Hetäre Lais, von der sich Aristipp an der Nase herumführen läßt, dergestalt, daß er sich zu einer noch längeren Verlobungszeit mit ihr versteht als das alte Brautpaar im »Leberecht Hühnchen«, bis er sich endlich besinnt und dann was Unbescholtenes heiratet.

Anders als der Held nämlich ist die Heldin ein Charakter, oder wenn sie kein Charakter ist, so hat sie doch eine Neurose. Reemtsma irrt, wenn er Lais »als Figur dem Aristipp ebenbürtig« und in dem Roman die »Gleichberechtigung der Geschlechter« verwirklicht findet; er ist eben auch nur ein Mann. Lais allein ist es, die die Hosen anhat. Ich zögere nur deshalb, den Roman einen Lais-Roman zu nennen, weil sie sich mitten im Buch, keiner weiß wie, aus der Handlung schleicht. Eben war sie noch da, plötzlich ist sie weg.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Lais ist eine Kokotte aus Kälte. Auch sie durchreist die griechische Welt, wobei sie ihren Bordellhaushalt immer mit sich führt. Als Männerhasserin lebt sie von Männern. Sie stirbt daran, daß sie vierzig wird; denn mit diesem Alter hört Frigidität auf, eine Frau automatisch unwiderstehlich zu machen.

Die Frage, ob Lais außer in der Mitteilung des Diogenes Laertius, Aristipp »pflegte auch Umgang mit der Buhlerin Lais«, auch in Wielands Leben einen Vorausgang habe, wird von Reemtsma als »literarischer Positivismus« abgetan. Anschließend wird sie mit einem Exkurs über Wielands sämtliche Weiberbekanntschaften behandelt und — nicht beantwortet; ich spreche davon, weil es Reemtsmas Weise bezeichnet, gleichzeitig viel und nichts zu sagen. Dabei ist es eine vernünftige und keine schwere Frage.

Wieland hatte zwei hauptsächliche Beziehungen: eine lebenslange Obsession zu der geistreichen, souveränen und nicht unfrivolen Gesellschaftsdame Sophie La Roche, der berühmten Schriftstellerin, und einen bürgerlichen Entschluß bei reiferen Jahren zu der hausbackenen Anna Dorothea Hillenbrand, die er ehelichte, der er Kinder machte und mit der er zufrieden war. Sein alter ego Aristipp hat dieselben zwei Beziehungen unter den Namen Lais und Kleone. Keiner bestreitet, daß die Kleone die Hillenbrand meint; so wird schon die Lais von der La Roche sich herleiten. Wie identisch muß denn ein künstlerisches Abbild mit seinem Urbild noch sein, damit ein Literaturwissenschaftler sich bequemt zuzugeben, daß es von ihm stamme?

Die Frau La Roche arbeitete, Lais arbeitet nicht. Sie rupft Männer und erzieht junge Huren. Sie beweist die Unvermeidlichkeit einer solchen Lebensführung mit einem soziologischen Kalkül. Der Zwang der Männerwelt, sagt sie, erlaubt einer Frau keine Wahl, außer der zwischen Ehesklaverei und Prostitution. Reemtsma findet diese Art, das Frauenrecht zu vertreten, »emanzipiert«. Mich meines Orts erinnert sie ganz merkwürdig an Meinungen von Wielands Hauptfeind Friedrich Schlegel.

Reemtsma nennt Lais die »Repräsentantin der Unabhängigkeit«. Goethe nennt Lais einen »problematischen Charakter«. Arno Schmidt nennt sie »ne Edelnutte«. — Drei Anmerkungen noch.

Erstens. Indem Lais ein Individualtyp Wielands ist, ist sie — die fast gesellschaftsfähige Kurtisane — gleichermaßen ein Zeittyp des Direktoriums und des Konsulats, in welchen Systemen Frauen auf unangefochtenere Weise lasterhaft waren als in der Regentschaft und im Rokoko. Emma Hamilton verglich sich gerne mit Lais, und wir liegen nicht falsch, wenn wir Lais mit Emma Hamilton vergleichen. Man mußte jetzt keine Herzogin mehr sein, um sich ungestraft wie eine Hure benehmen zu dürfen. Man durfte jetzt eine Hure sein und sich ungestraft wie eine Herzogin benehmen.

Zweitens. Wahrscheinlich ist die Arbeitsscheu der Lais gar nicht hauptsächlich als Beitrag zur Frauenfrage gemeint. Wielands Aristipp ist Wieland, aber der Unterschied ist auch hier, Wieland war ein Schwerarbeiter, Aristipp lebt immer nur vom Erben. »Aristipps Hedonik«, läßt Wieland eine seiner Sprachröhren, den Diogenes, sagen, »sollte die Lebensweisheit aller Begüterten sein«; wer mittellos sei, möge bei den Hundsphilosophen unterkommen. Ans Arbeiten jedenfalls ist für keinen gedacht, nicht für den Reichen und für den Armen nicht, und was Hegel an »Aristipps Schmarotzerphilosophie« stört, scheint Wieland nicht zu stören. Im Grunde redet er von der Klemme des bürgerlichen Autors, der von entfremdeter Arbeit nicht leben mag und von unentfremdeter nicht leben kann. So idyllisiert er für die gehobenen Stände das Liebhaberwesen, für die unvermögenden Schichten die Gammelei und für die Weiber eben den Strich. Aber die gemeinschaftliche arkadische Faulenzerei des sauberen Pärchens kommt mir — bei allem Verständnis — doch auch wieder ein bißchen kavaliersmäßig vor.

Drittens. Lais ist impotent und eine Maulhetäre. Aber nicht nur sie, auch Aristipps Gattin und der glückliche Aristipp selbst treiben die geschlechtliche Zurückhaltung bis zu einem Grade, der noch Gellerts »Schwedische Gräfin« mit Neid erfüllen kann. Es ist aber nicht, wie bei Gellert, tugendhaft gemeint, sondern tändelnd. Diese Liebesregel eines asexualen Erotismus ist nicht eben die Emanzipation des Fleisches; ich schlage aber nicht vor, sie ihrer Bescheidenheit wegen zu belächeln. In einer Zeit, wo wir Deutschen so verklemmt waren, daß kaum einer unserer Dichter mit einer anderen Frau sinnliche Einverständnisse unterhielt als mit seiner Schwester, gab es keine vorgeschrittenere. Wenn sie nicht sexual war, so war sie doch immer erotisch.

Ich habe mich in Einzelpunkten verloren. Ich kehre zum Roman zurück und zu dem Umstand, daß in ihm wenig geschieht.

Das Inhaltsverzeichnis der Reemtsmaschen Schrift verzeichnet eitel Inhaltlosigkeit. Ihre sechs Kapitel sind überschrieben: 1. Politeia, 2. Politik, 3. Philosophie, 4. Lais, 5. Ästhetik, 6. Symposion. Handelt man so über ein Kunstwerk? Reemtsma berichtet nicht, was in dem Buch sich ereignet, er berichtet, worüber in dem Buch geredet wird. Es liegt nicht an ihm, es liegt am Buch. Außer dem, was die Leute reden, geschieht in ihm nichts.

Reemtsma unterrichtet uns, daß Wieland gerüstet war, eine Geschichte der Sokratischen Schule zu verfassen. Arno Schmidt nimmt die Behauptung auf seine Kappe, der »Aristipp« sei der »einzige historische Roman« der deutschen Literatur. Zutrifft, daß Wieland in den griechischen Altertümern gut Bescheid weiß. Nicht zutrifft, daß ihm hierdurch Gattungserhebliches gelungen wäre.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Seine historischen Personen und Gegebenheiten sind weder genaue Nachahmungen derjenigen, die einstmals lebten oder sich begaben, noch sind sie genaue Anspielungen auf die Dinge der Jetzt-, will sagen der Entstehungszeit. »Aristipp« handelt in einem wunderlich verschwommenen Zwischenreich aus gewesener und seiender Wirklichkeit. Er ist weder ein Geschichts-, noch ein Schlüsselroman.

Was historische Literatur ist, lernt man bei Shakespeare. Er folgt seinen Gewährsleuten, dem Plutarch oder dem Holinshed, scheinbar Wort für Wort, so als ob er sie kaum bearbeitet habe; hierbei erreicht er, daß das entstandene Drama die elisabethanischen Läufte vollständig und mit äußerster Ähnlichkeit wiedergibt. Die Geschichte, wenn Kunst sie als Metapher einsetzt, ist das wie das: richtig als sie selbst und wahr, was die Gegenwart betrifft. Shakespeare ist Fleisch und ist Fisch. Dahn und Feuchtwanger, um Arno Schmidt zu entgegnen, sind beides. Wieland ist das eine nicht und nicht das andere.

Reemtsma verteidigt Wielands Stil. »Wieland schreibt lange Sätze«, teilt er mit, »aber keine langatmigen«. Kein Einspruch; der Stil ist an nichts schuld. Sobald es Wirklichkeit zu halten bekommt, ist Wielands Deutsch sehr gut. Ton und Stimmung des »Aristipp« sind von einer erlesenen Reinheit und Leichtigkeit des Geschmacks. Goethe lobt an ihm »das Zarte, Zierliche, Faßliche, das Natürlichelegante«. (Manchmal formuliert Goethe wie Thomas Mann, wenn er Goethe nachmacht.)

Auf diese langweilige Weise ist das Buch kein schlechter Zeitvertreib.

Wieland wird gelegentlich die eine oder andere Behauptung vortragen, der Sie nicht beifallen, aber nie eine, die Ihnen unangenehm ist. Man fühlt sich in seinem Dunstkreis immer wohl. Er ist vielleicht der sympathischste Autor aller Zeiten. Es ist unmöglich, ihn nicht gern zu haben. Leider ist es möglich, von ihm nicht gefesselt zu sein.

Ein Kunstwerk von der großen Gattung muß totalitär sein. Von ihm wird verlangt, daß es Totalität habe; es soll das Gesamt fassen, im Ernst groß sein. Der »Aristipp« läßt alle Philosophen der Welt philosophieren und alle Staatsvorkommnisse der Welt vorkommen — und wir greifen, wenn wir Gutes von ihm reden, zu Wörtern wie »überaus angenehm« und »klug« und »wohlgeraten«, Das sind nicht die Wörter, welche die Sprache für Höchstes bereitstellt. Da ist ein Unterschied zwischen einem Endlos-Feuilleton und einem Roman. Die Erscheinungshöhe, auf die der Stoff Anspruch erhebt, wird nicht durch Handlung beglaubigt.

Wielands »Aristipp«, will ich sagen, ist lang, nicht groß. Kommen wir auf Reemtsma.

Jan Philipp Reemtsma ist ein Philologe und verfügt folglich nicht über die Gabe, schlecht und gut in der Kunst auseinanderzuhalten, Es spricht für ihn, daß er sich dieses Unvermögens bewußt ist. Er hat auf Abhilfe gesonnen und beschlossen, sich allen Geschmacksurteilen von Arno Schmidt anzuschließen.

Damit hat er nun so viel Glück, wie er hat.

Arno Schmidts Urteile sind zur Hälfte begnadet, zur andern Hälfte toll und albern. Das Genie dieses großen Künstlers und unerschrockenen Autodidakten ist zu unerzogen, um zuverlässig beholfen zu sein. Zum Albernen an Arno Schmidts Wertungen gehört alles, was er über Goethe, und nicht wenig von dem, was er über Wieland sagt.

Ich erinnere an seinen Ausspruch über den »Aristipp« als unseren »einzigen historischen Roman«, im selben Atem versichert er noch, der »Aristipp« sei »der einzige ›Briefroman‹, den wir Deutschen besitzen, und mit Ehren vorzeigen können«. Auch das ist falsch. Er ist weder der einzige, noch der beste.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Und schließlich kann Schmidt sich gar nicht lassen über des »Aristipps« kunstvollen Aufbau. Er schwärmt vom »Fachwerk des großen Buches«, vom »Stahlskelett der Trägerkonstruktion«; er feiert Wieland als ungewürdigten »Berechner der äußeren Form«. Er gibt ihm hohe Titel, leider fehlt ihm dann der Platz, diese Titel zu begründen.

Reemtsma sagt das von der geschliffenen und kalkulierten Form auch. Er hätte den Platz, begründet es aber auch nicht.

Die Behauptung vom »einzigen Briefroman« begründet Schmidt. Reemtsma, wie ich sagte, schließt sich an. Schmidt kennt das »primitivste Kennzeichen eines Brief›wechsels‹«: »es müssen mindestens zwei gleichberechtigte Landschaften und zeitlich parallele Erlebnisreihen vorliegen!« Mir war nicht gegenwärtig, daß ein Roman aus Landschaften und Erlebnissen (»Gehirnvorgängen«) konstituiert ist; ich hätte vorgezogen, von Zweifaltigkeit zu reden, und hätte zu der die Mitwirkung der Post nicht gebraucht. Aber Schmidt beharrt auf seiner Bestimmung. Es gehe beim Briefroman, wiederholt er, um »zwei mächtige Landschafts- und Erlebnisgruppen«. Ich sage jetzt, worum es beim Briefroman geht.

Der Briefroman, das macht seine Gattungsschönheit, gibt den Romanpersonen Gelegenheit, ihre subjektive und meist irrige Sicht auf die Handlung vorzutragen. Höhepunkt ist gewöhnlich ein Auftritt, an welchem drei Leute — Spieler, Gegenspieler und Beobachter — das Vorgefallene auf unvereinbare Weise wahrgenommen haben und so zu Papier bringen. Es funktioniert wie im »Rashomon« — mit dem Unterschied, daß im Briefroman, nicht anders als im Drama, der Romanleser immer Bescheid weiß und immer klüger ist als der Briefleser.

So beschaffen sind Laclos’ »Gefährliche Liebschaften«. So beschaffen, wenn man es einheimisch will, ist das von Reemtsma so schnäppisch abgefertigte »Fräulein von Sternheim« unserer Bekannten La Roche. So nicht beschaffen ist der »Aristipp«.

Obgleich in Briefform verfaßt, bleibt der »Aristipp« unmißkennbar die Arbeit eines einzigen Gesamterzählers. Die Schreiber unterrichten einander wahrheitsgemäß und vertrauenswürdig über die Ereignisse, sind auch stets ziemlich einer Meinung. Ihr Äußerstes ist, daß sie gelegentlich eine Frage von bei den Seiten betrachten, so wie jeder leidlich aufgeweckte Mensch das täte, im Grunde sind sie austauschbar. Einmal ist in meiner Ausgabe eine Briefüberschrift verwechselt; ein Brief an Aristipp ist als Brief von Aristipp bezeichnet. Es schadet überhaupt nichts. Alle diese Briefe sind von Wieland an Wieland geschrieben. Es ist eine Korrespondenz Wielands mit sich selbst. Unter 142 Briefen ist nicht einer, der einen anderen bestreitet, so sehr geht alles aus einem Ton.

Es bedarf vielleicht einer gewissen schwer zugänglichen Leseerfahrung, bemerkt Reemtsma, »um die Polyphonie eines Romans wie des ›Aristipp‹ würdigen zu können«.

Anders als die ästhetischen sind Reemtsmas politische und philosophische Urteile ganz sein Eigentum. Um Wielands Schönheiten loben zu können, genügte, daß er ihn mißverstand. Um Wielands Politik und Philosophie loben zu können, muß Reemtsma Wieland ändern.

Aristipp nimmt an den öffentlichen Geschäften nicht teil. Zwar verfolgt er scharf hinblickend ihren Verlauf, aber er erweist ihnen nicht die Ehre, sein Herz an sie zu hängen; er begegnet dem Treiben der Parteien mit zergliedernder Wurstigkeit. Reemtsma nennt ihn richtig einen »politischen Unpolitischen«, ihm gefällt diese Haltung sehr, so auffallend sehr, daß man glauben könnte, Wieland sei unser Zeitgenosse und seine Haltungen gingen uns an.

Welche Gesellschaftszustände hatte Wieland im letzten Jahrdutzend von Frankreich vorgeführt bekommen? Den Absolutismus Ludwigs XVI. Den Sieg einer konterabsolutistischen Fronde, der zur Revolution führte. Die konstitutionelle Monarchie. Die demokratische Diktatur. Die liberale Oligarchie des Directoire. Die Tyrannis Bonapartes.

Zwei dieser Zustände hatten sich als nicht haltbar erwiesen: die Kleinbürgerherrschaft der Jakobiner und die Bourgeoisherrschaft der Direktorenrepublik. Alle anderen waren Mischzustände, bürgerlich-feudale Klassenkompromisse, nicht durchaus unähnlich dem, der in Deutschland auch bestand.

Der deutsche Absolutismus war vergleichsweise aufgeklärt. Es war mindestens so wichtig, das Erreichte nicht zu verschlechtern, wie es zu verbessern. Die französische Revolution ist dem deutschen. Absolutismus gegenüber nicht das Ganz-Andere. Keine unabweisbare Wer-wen-Frage erforderte ein Wer-wen-Denken.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ich versuche zu sagen, Politische Indolenz im Jahr 1800 ist eine andere Sache als politische Indolenz im Jahr 2000.

Wieland macht sich den Spaß, für Aristipps Vaterstadt Kyrene eine Verfassung auszudenken. Sie ist schlicht. Es gibt ein Oberhaus für den Adel und eine Volkskammer für die Bürger. Die Doppelherrschaft ist institutionalisiert; jemand muß sorgen, daß die Klassen das Gleichgewicht halten, hierfür ist ein Verfassungsausschuß vorgesehen. Die ersten zwei Vorsteher oder Konsuln tragen putzig-sinnige Namen. Es sind die Herren Demokles und Aristagoras.

Es ist auf Grundlage dieses Kuhhandels, daß Wieland tolerant war. Die richtige Klassenlage vorausgesetzt, sind ihm die Staatsformen gleichgültig, so wie sie Goethe, Hegel und meinem Freund Ascher gleichgültig sind. Einen rein bürgerlichen Staat würde er mit Mißtrauen betrachtet haben; (dem Bürgertum die Alleinmacht zu wünschen, war ja von den deutschen Dichtern allein Lessing instinktlos genug). Mit Groll betrachtet haben würde er eine Feudalmonarchie oder eine Adelsrepublik. Glücklicherweise waren diese Spielarten des Standestaats in Mitteleuropa obsolet.

Zwischen Bürgertum und Adel, das ist seit der Gotik, ist der Kompromiß die natürliche Weise des Zusammenlebens. Wieland zeigte in der Politik keinen Eifer, weil es nichts zu ereifern gab. Alles ging, wenn es nur ging. Für Varianten läßt man sich nicht hängen.

Aus der Tatsache, daß Wieland alles duldet, was geht, macht Reemtsma: Wieland duldet alles.

Nicht zum ersten Mal trage ich vor, daß Wieland hinsichtlich dessen, was ging, eine bestimmte Vorliebe hatte. Die Diktatur, meinte er, ist von allen Weisen des öffentlichen Pfuschs die am wenigsten pfuscherische. Seit 1798 war Wieland für Napoleon. Im »Aristipp« ist Wieland für Napoleon.

Da gibt es also die riesige Großstadt, die wir Griechen im Westen liegen haben, Syrakus; das Land, das sie beherrscht, ist Sizilien, Dort macht seit langem der Tyrann Dionysios seine Sache, und er macht seine Sache gut. Er rüstet endlich eine Flotte gegen den Dauerfeind Karthago, welches Sizilien seit hundert Jahren mit Überfällen von See behelligt.

Napoleons Landungsvorbereitungen gegen England in Boulogne fielen auf die Jahre 1801 bis 1803. Der »Aristipp« ist kein Schlüsselroman, aber selbst Reemtsma räumt ein, daß vom Ersten Konsul die Rede ist.

Die Frage, warum Wieland sich unter den antiken Philosophen ausgerechnet den Aristipp als Zweit-Ich aussuchte, der ihm so wenig ähnelt, und nicht beispielsweise den Demokrit, Leukipp, Epikur oder Lukrez, läßt eine überraschende Antwort zu: Weil Aristipp sein letztes Lebensdrittel am Hof des Dionys verbrachte. Aristipp war der Fürstenknecht, der, wie Diogenes ihn genannt haben soll, »königliche Hund«.

Ich kann und muß nicht nacherzählen, mit wie gespanntem Anteil der Roman ausgerechnet die »Syrakusischen und Sicilisehen Staatsverhältnisse« schildert, mit welchem Wohlwollen er ausgerechnet die Taten des »in Krieg und Frieden großen Fürsten«, des »sogenannten Tyrannen« Dionysios hersagt und mit welcher Ausführlichkeit der mögliche Nutzen ausgerechnet von Usurpatoren erwogen wird.

Platon gibt im »Staat« eine Rangordnung der Regierungsformen. Die allerbeste ist ihm ein ständisches Königtum. Am schlechten Ende der Liste steht als zweitschlechteste Regierungsform die Demokratie, als allerschlechteste die aus dieser notwendig hervorgehende Tyrannis. Wieland schmatzt vor Genuß, wenn er das berichtet. Ich schiebe ihm nichts unter, wenn ich meine, daß ihm genau diese Rangordnung sehr recht ist, wenn man sie auf die Füße stellt.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ein paar Seiten lang kriegt Reemtsma ordentlich Angst, Wieland könne in eine »Diktatur des Generals Bonaparte« eine »– wie immer irrende — Hoffnung« gesetzt haben. Aber es kommt dann so schlimm nicht. Die Gefahr geht vorüber, und zwar dadurch, daß neben den zweihundert Stellen für den Korsen auch zwei zu seinem Nachteil sich finden lassen.

Wieland ist kein Schleimer; er sagt über die Leute, denen er anhangt, nicht nur Gutes. Die vernünftigste Tyrannei bleibt eine Tyrannei. Es könne, sagt er beispielsweise, dem Tyrannen wohl zustoßen, daß er den Tyrannen etwas derber mit uns spielte, »als es unserer persönlichen Freyheit zuträglich seyn möchte«. Die Diktatur, sagt er, möge von ihm aus die ganze Welt überziehen, er selbst aber wolle dann lieber woanders wohnen.

Es ist Reemtsma ein bißchen peinlich, daß diese enorme Tyrannenschelte in einem Brief steht, der nicht vom Helden Aristipp unterzeichnet ist, sondern von dem Sophisten Hippias. Es muß ihm nicht peinlich sein. Alle Briefe sind von Wieland.

»Ich stehe nicht dafür«, faßt Wieland Hippias zusammen, »daß nicht auch einem Dionysius so etwas — tyrannisches — begegnen könnte«.

Und Reemtsma …

»Mit dieser Korrektur an Aristipps ›Es kommt auf die Verfassungen zum wenigsten an‹ kommt Wieland zum Endpunkt seiner politischen Schriftstellerei«, jubelt Reemtsma ganz erleichtert.

Wahrhaftig. Reemtsma ist fähig und legt aus und macht aus der einfachen Tatsache, daß Wieland weiß, was eine Tyrannei ist, folgende Unterstellung:

Wieland in seiner nachahmenswerten Indolens läßt alle Staatseinrichtungen gelten — ausgenommen die tyrannischen. Er hat sich, als herrsche in Christoph Martin Wielands Kopf keine minder grauenvolle Öde als in dem jener völkerbelehrenden Heideggerschülerin aus Princeton.

»Jede Regierung«, das schreibt nun Aristipp wirklich persönlich, ist »nur eine schwache Stellvertreterin der Vernunft, die in jedem Menschen regieren sollte«. Man könne, schreibt er, »nicht ernstlich genug daran arbeiten, die Menschen vernünftig und billig zu machen. Aber, wie die Machthaber hiervon überzeugen? Dies«, schreibt er, »ist noch immer das große unaufgelöste Problem. Wie kann man ihnen zumuten, daß sie mit Ernst und Eifer daran arbeiten sollen, sich selbst überflüssig zu machen?«

Diese Sätze aus dem ersten Viertel eines Romans, den Wieland mehr als zehn Jahre vor seinem Tod verfaßte, sind, stellt Reemtsma fest, »der Schlußpunkt, den Wieland am Ende einer fast ein halbes Jahrhundert währenden Tätigkeit als politischer Schriftsteller setzt.«

Ich fühle mich noch nicht richtig totgeschlagen, weder von dem Endpunkt, noch von dem Schlußpunkt.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Welchem Staatsmann, der seinen Verstand beisammen hat, wäre nicht an politischer Reife und sittlicher Bildung seiner Untertanen gelegen? Kein Mensch herrscht gern mehr, als er muß; ein unpoliziertes Staatsvolk ist ein großer Schrecken, und die Schuld an den sich nicht selber regierenden Völkern gibt, das weiß man doch, Wieland nie den Regierungen und allemal den Völkern. Aber Reemtsma redet mahnend und salbungsvoll, wie wenn die paar hingeworfenen Dialogrepliken Wielands politisches Testament wären und eine Antinomie von mindestens Kantischer Unerschütterlichkeit.

»Man bedenke«, so legt er es uns auf die Seele; »ob in diesem klassischen Einwand anarchistischer Provenienz gegen staatssozialistische Modelle nicht das Schicksal der Revolutionen des 20. Jahrhunderts in a nutshell« liege, nämlich, »der kurzfristige Erfolg ebendieser staatssozialistischen Modelle«.

Ich glaube nicht, daß Reemtsma den Lenin an dessen paar Haaren in den Kontext hereinzerrt, weil er bezweifelt, daß dem die nahe Zukunft gehört. Ich glaube, es verhält sich umgekehrt. Er tut es, denke ich, weil er es nicht bezweifelt.

Daß jedenfalls, weil »Machthaber« immer wieder einmal nicht selbstlos sind, der Sozialismus mit Notwendigkeit zu Grund gehen muß, war, wenn wir Reemtsma folgen, für Wieland abzusehen. (Streng genommen redet ja Wieland an dem fraglichen Ort noch nicht einmal über Napoleon. Er redet über die von ihm selbst entworfene kyrenische Mittelwegsverfassung und, erweiternd, über »alle bürgerlichen Gesellschaften«.)

Wielands Hellsichtigkeit ging bekanntlich so weit, daß er den Antritt Napoleons vorhersagte. Den Abtritt Napoleons hat er, soweit ich sehe, nicht vorhergesagt. Ist nicht ein Trost, daß er wenigstens über das Scheitern Ceausescus Bescheid wußte?

»Das«, erklärt Reemtsma, »ist keine unzulässige Aktualisierung«.

Das von der Politik. Was von der Philosophie?

Philosophen, sagte ich oben, kommen im Umfeld des Sokrates recht eigentlich nicht vor. Das ist es, wofür Reemtsma sich dem Sokrates verwandt weiß. Er hat selbst einen kleinen Popper im Knauf seines Spazierstocks.

Die Sokratiker sind lauter Dr. Hilfreichs, Streetworker, die sich um Natur und Gesellschaft, Logik und Erkenntnis erklärtermaßen nicht scheren und zufrieden sind, wenn sie sich und ihre Anhänger durch harte Zeiten so leidlich durchsteuern. Wieland läßt sie sein, was sie sind, gute Männer. Für den Alltagsgebrauch reicht der gesunde Verstand ja wirklich. Reemtsma, der sie alle ganz ernst nimmt, folgert aus Wielands Nachsicht, daß die Duldung und Neigung des Dichters einer Philosophie ebensowohl wie der anderen gehöre. Wie wenn überhaupt von Philosophie die Rede ginge.

Einem Philosophen indes gehört des Dichters Duldung und Neigung nicht, dem Platon. Platon ist Wieland/Aristipp ein Greuel. Die Abschweifung über Platons »Staat« zählt in ihrer vergifteten Sanftmut unter die großen Streitschriften unserer Literatur. Sie anerkennt, daß Platon, ungeachtet seines uneinladenden Denkstils und spitzfindigen Wesens, keineswegs dumm fragt, und daß er, wiewohl er immer tief tut, auf eine Weise doch immer auch tief ist. Nur gelegentlich läßt Wieland/Aristipp sich gehen und gibt zu verstehen, daß Platons Antworten natürlich insgesamt Quatsch sind.

Ich benutze für den Roman-Aristipp das gleichsetzende Wieland/Aristipp, auch Reemtsma verfährt so. Wir dürfen das. Es ist wirklich kein Spalt zwischen den Ansichten des Autors und denen seines Helden.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ich wollte aber, Reemtsma hätte sich aufgerafft, den Aristipp aus dem »Buch vom Ich« den Reemtsma/ Aristipp zu heißen. Vieles wäre klarer, wenn diese Unterscheidung gemacht wäre. Reemtsma läßt unseren liebenswürdigen Afrikaner Dinge denken, auf die er von Wielands wegen nie gekommen wäre.

Reemtsma/Aristipp nämlich wirft dem Platon nicht vor, daß seine Philosophie Quatsch ist, sondern daß sie Philosophie ist.

Reemtsma/Aristipp nämlich liebt an den Jungs des Sokrates, den Überlebensphilosophen von der idyllischen, elegischen und satirischen Sorte, eben das, was ihren Mangel ausmacht, daß sie nicht philosophieren können. Es gibt, verkündet er, gar keine Wissenschaft Philosophie. Es gibt nur Einzelwissenschaften. Eigentümlich philosophische Fragen, verkündet er, werden von keinem Gegenstand aufgeworfen, nur von den Philosophieprofessoren, die sich damit ihre Kolleggelder verdienen.

Ich wiederhole: nicht Wieland/Artstipp verkündet das alles. Ausschließlich Wielands Interpret schiebt es ihm in die Sandalen.

»Der Roman ›Aristipp‹ ist der Versuch zu zeigen, daß es keine Probleme gibt, die die besondere Eigenschaft haben, ›philosophisch‹ zu sein« (Reemtsma).

Aus Platons Phantasie vom »Philosophenkönig« wird — unter Reemtsmas, nicht Wielands Hand — der »herrscherliche Anspruch« der Philosophie. Reemtsma ist nicht nur ein Leugner alles Wissenkönnens. Er ist sogar ein Tadler alles Wissenwollens. Philosophie, sagt er, ist »im Grunde« Religion: ein »unnatürliches Trachten nach Gewißheit«.

Ich kann leben, ohne hierauf zu entgegnen. Es ist möglich, daß von den Denkschwierigkeiten der Philosophie nicht eine einzige besser als annäherungsweise gelöst ist, und es ist wahrscheinlich, daß die Behauptung, man habe die Lösung, oft schadet. Aber der größte Schaden auf dem Weg zur Menschwerdung ist Wissensverzicht.

Irgendwer sollte einmal einen Blick auf die Ergebnisse der Einzelwissenschaften werfen, etwa die vom Kosmos, vom Bewußtsein und von der Gesellschaft. Sind die weniger religiös? Oder weniger idiotisch? Ich versichere Ihnen: nur eine schier bedingungslose Hingabe. an die Philosophie kann uns vor dem Schwachsinn der Einzelwissenschaften retten.

Nun hat aber Reemtsma dem Text eine weitere verborgene Wahrheit entrissen. Mit dem Platon, offenbart er uns, meint Reemtsma/Aristipp den Kant. Am Kantschen System zeigt sich jener unerträgliche »Herrschaftsgestus der Philosophie«, den Aristipp von Kyrene, Christoph Martin Wieland und Jan Philipp Reemtsma so Arm in Arm in Arm bekämpfen.

Wir sehen ein, daß der Name Kant im alten Griechenland und also im »Aristipp« nicht auftauchen kann. Wir müssen Reemtsmas Wer-ist-wer-Behauptung, wenn sie zwar ein Fall von »literarischem Positivismus« ist, nach dem Prüfmaß prüfen, das wir haben, nach ihrer Beifallswürdigkeit, Annehmbarkeit und Gabe einzuleuchten.

Ich habe mich wohl schon verplappert. Sie leuchtet mir nicht ein.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Der Absolutismus ist die zeitweilige Synthese von Lehnswesen und Bürgertum. Kant ist die zeitweilige Synthese von Idealismus und Materialismus. So vollendete Kant den Überbau des aufgeklärten Absolutismus.

Darum und dann noch darum, weil er ein sehr gewissenhafter und genaudenkender Philosoph war, also eine große Leistung in dem Fach erbracht hat, von dem Reemtsma sagt, es gebe es nicht, ist die deutsche Philosophie durch Kant hindurchgegangen, so wie sie durch Adam Smith und die französische Revolution hindurchgegangen ist.

Wieland stand politisch eher links von Kant und philosophisch — als, sagen wir es ruhig mit Goethe, Mann Shaftesburys — eher hinter Kant. Es ist richtig, daß ihm Kants Denkart nicht besonders lag und daß er sich irgendwann sogar mit Herder gegen ihn zusammenrottete. Es ist ferner richtig, daß er den Platon verabscheute. Hieraus folgt nicht, daß sein Platon den Kant darstellt, jedenfalls nicht nach der Logik. Wenn Kant denn schon ein Idealist sein soll, aber sein Ding an sich hat mit einer Platonischen Idee so gut wie nichts zu tun.

Ein anderer Philosoph, den Wieland verabscheute, war Fichte. Die Übereinstimmungen zwischen Platons »Staat« und Fichtes »Reden an die deutsche Nation« liegen am Tag. Freilich sind Fichtes »Reden« erst von 1808, und Wieland hält sich, wie Reemtsma bemerkt, bei Platons politischen Dummheiten nicht sehr lang auf, weil sie die Jahre um 1800 noch kaum betrafen. Dieselben Dummheiten bei Meyern sind von 1787 bis 1791. Wieland, kann sich Reemtsma das nicht vorstellen, wußte, was zu seiner Zeit gedacht wurde.

Aber Reemtsma hat sich in den Kant verbissen. Er besteht darauf, daß der ganze »Aristipp« gegen Kant gehn muß. Warum? Weil sich Kant des Erzverbrechens schuldig gemacht hat anzunehmen, daß er im Recht sei.

Im Roman steht: Wieland/Aristipp hält eine Philosophie für nicht wahr, alle übrigen läßt er so hingehn.

Im »Buch vom Ich« steht: Reemtsma/Aristipp bekämpft den Wahrheitsanspruch der Philosophie als solcher und billigt das Nichtphilosophieren und will das Philosophieren aus der Welt.

»Philosophie als Lebensleistung, nicht als Denkleistung!« Diese Reemtsmasche Antithese ist schon schlagender ausgedrückt worden. »Das Ziel ist nichts, der Weg ist alles.«

So wie Wieland, wenn wir Reemtsma zu glauben vorhätten, schon ahnungsvoll den Sozialismus widerlegt hat, genau so hat er vorlaufend den Eduard Bernstein bestätigt. Ich bin gar nicht versessen darauf, dauernd mit dummen Scherzen zu dienen. Aber Reemtsma behandelt den Immanuel Kant wie einen Professor aus Kaliningrad.

Ich habe zu zeigen, daß Wielands Platon der Kant im Geringsten nicht ist.

Hören wir, was Wieland gegen Platon sagt. — Im Betreff der Kunst mißfällt ihm, daß dieser alle Gattungsrichtigkeit verfehlt. Ein Dialog habe seine Kunstregeln auch; der »Staat« hingegen sei ein unordentlicher Mischmasch von Unzusammengehörigem und »von einem auffallenden Mißverhältnis der Theile zum Ganzen« und »Überladung mit Nebensachen« nicht frei zu sprechen. Platon wolle Philosoph, Dichter und Redner zugleich sein; dieser »dreifache Charakter« verführe ihn, mit Analogien, Allegorien, Milesischen Märchen und all den »ammenhaften« Beimengungen zu arbeiten, die nun einmal ein — Gesamtkunstwerk so sprenkeln. Das Wort Gesamtkunstwerk fällt nicht. Es fällt uns nur ein. Das Unendliche mag Wieland als Ziel der Schönheit nicht nehmen. Wie kann, fragt er, schöngestalt sein, was unendlich ist?

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Im Betreff der Erkenntnis wirft er Platon vor, er habe seiner Bauchrednerpuppe, dem Sokrates, eine »subtile, schwärmerische, die Grenzen des Menschenverstandes überfliegende Philosophie« untergeschoben. »Unser Mystagoge«, so Wieland, erblicke die »neuentdeckte übersinnliche Sonne«, diejenige, die die rein geistigen Dinge erleuchtet. Sein heiliger Mann, der Universalmonarch, müsse sich »zum mystischen Anschauen des Unwesens aller Wesen erheben«.

Im Betreff der Politik endlich erzählt er, wie, dem Platon nach, die Klassen verschiedenwertig geboren seien, von »ungleichartigem Metall« nämlich, oder wie vielmehr die Behauptung aufgestellt und vermöge von Propaganda durchgesetzt werden müsse, sie seien es. Diese Theorie der Klassen als Geburtsstunde referiert Wieland mit Sorgfalt: Die Ungleichheit der Legierung ist nicht wahr, und demzutrotz denknotwendig. Die Zucht der jungen Brut erfolgt nach Art der Tierzucht; die Weiber wachsen männisch auf; Hauptsubordinierungshilfen sind Musik und Turnen. Der Dialog vom »Staat« läuft auf eine Begriffsbestimmung der Gerechtigkeit hinaus. Gerechtigkeit ist die ewige Dauer der ständischen Privilegien; das Mittel, das sie befestigt, ist die spartanisch-archaische Zwangserziehung.

Alle letzten Fragen aber werden nicht von der Philosophie entschieden, sondern von »den Priestern des Tempels zu Delphi«. Dieser Tempel untersteht Sparta, und kein Schelm, wer hier an Rom denkt.

Wer also soll mit dieser Wielandschen Beschreibung beschrieben sein?

Kant? Das ist, erstens, in jeder Faser das Gegenteil von Kant. Das ist zweitens das genaue Programm des »Athenäum«. — (Es geschah in demselben Jahr 1800, in dem Wieland den Platon auf so erledigende Weise drosch, daß Friedrich Schlegel Friedrich Schleiermacher beschwatzte, den Deutschen eine Übersetzung dieses Denkers vorzulegen).

Das »Athenäum«, die Zeitung der Schlegels, war seit 1798 erschienen und hatte sich bis 1800 geschleppt. Eine erklärte Absicht des »Athenäums« war die Auslöschung Wielands. Auch Wieland wollte der Romantik nicht nur wohl.

Sein Roman, gedruckt 1800 bis 1802, ist vom alleraktuellsten Bedürfnis.

Noch aktueller kann ein Roman auf seine Gegenwart nicht erwidern. Der »Aristipp« ist — auf seine salonmäßige, ja geckenhafte Weise unerbittlich ein Roman fürs Konsulat und gegen das »Athenäum«. Ich kann sehr wohl kurz sein, wenn Reemtsma mich ließe.

Daß diesem aufregenden Buch der Schlußteil fehlt, ist bedauerlich. Warum er fehlt, wollen die Gelehrten nicht begründen. Manche sagen, Wieland sei das verlorene Osmannstedt abgegangen, so als habe er in Weimar und in Tiefurt nicht ganz Ansehnliches zustande gebracht; auch habe ihn sonstiger Kummer betroffen. Ferner habe ihn der matte Widerhall der erschienenen Bände entmutigt. Warum übrigens war der Widerhall eines der besten Bücher eines Bestsellerautors matt?

Ich teile Reemtsmas Vermutung, daß ausgerechnet der Band, der mangelt, die Hauptsache enthalten hätte. Nicht einig sind wir darüber, was die Hauptsache sei. Ich weise einfach auf Gegenstände hin, die mit Sicherheit in ihm hätten müssen gestanden haben.

Aristipp wäre auf sein letztes Lebensdrittel in syrakusische, also französische Dienste getreten. Auch Platon wäre zum Dionys hingeeilt und aber abgeblitzt (hierin merkwürdig ähnlich dem Friedrich Schlegel und wie es dem mit dem Ersten Konsul erging).

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Aristipps Tochter Arete wäre herangereift und ihm als Kopf der kyrenischen Philosophen gefolgt. In der vorliegenden Romanfassung fällt Aretes Name — zum einzigen Mal, glaub ich — im vorletzten Satz. Aber diese Philosophin war so sehr keine Lais und so sehr eine arbeitende Person, daß das ihr nachfolgende Schulhaupt, ihr Sohn Aristipp, der Metrodidakt hieß, der Mutterlehrling.

Neben Dionysios II hätte eine andere Figuration Bonapartes sich abgezeichnet, Alexander von Makedonien. Von diesem Ausländer wird schon im unvollendeten Roman vorhergesagt, daß er die griechische Einheit ins Werk setzen und der Stadt Athen die Hoffnung eröffnen werde, einem Großreich einverleibt zu werden und durch diese Verumständung die Kulturhauptstadt zu bleiben. Die Vorhersage macht Wieland gut ein Jahr vor Hegel, sieben Jahre vor Ascher. Zusammen mit Alexander wäre der erste richtige Philosoph im Buch aufgetaucht, Aristoteles; der Erfinder des Anspruchs auf ein umfassendes philosophisches System.

Wahrscheinlich war sich Wieland nicht darüber klar, daß Hegel eben im Jahr 1801 in Jena anreiste, um eben diese Stelle einzunehmen, und daß sein Roman-Aristoteles nicht umhin würde gekonnt haben, den Hegel zu bedeuten. Aber diese drei Zutaten, Leben mit Bonaparte, eine mündige Frau und ein umfassender realistischer Denker hätten die Probe aufs antiromantische Exempel aushalten müssen, beim Dichter ebensowohl wie bei seinen Lesern. — Nichts, schließlich, verschreckt eine Zeit an einem Kunstwerk so wie Zeitnähe.

Wieland hatte sich schon mit den herausgekommenen, eher idyllischen und verspielten Bänden nichts als Ärger eingehandelt. Es gibt ein Alter, in dem auch stolze Menschen die Lust verlieren, sich hassen zu lassen.

Reemtsma läßt mich nicht kurz sein. Sie haben sich sicher schon gefragt, weshalb seine »Aristipp«-Auslegung den Titel »Das Buch vom Ich« trägt. Ich sage es Ihnen; denn Sie würden nicht drauf kommen.

Wieland, sagt Reemtsma, ist ein »radikaler Nominalist«, welcher weiß, daß es an der Welt nichts zu erkennen gibt als die Oberfläche. Er gehört (ebenso wie übrigens Shakespeare) in die seit jeher Recht habende Elite derer, die nichts für wahr und nichts für wirklich halten: in die »moderne Traditionslinie« der Anpassler ohne festen Standpunkt.

Wer aber kein Objekt hat, der hat, das soll aus dem folgen, ein Subjekt.

Der »Aristipp« ist das »Buch vom Ich«, weil er das Buch von der Weltlosigkeit ist.

Stimmen Sie mir bei, wenn ich die Art Überlegungen uninteressant finde?

Boten, die Unheil bringen, werden geköpft, und Berichterstatter, die Langweiliges melden, gelten für langweilig. Ich habe für beides volles Verständnis. Ich hätte über Jan Philipp Reemtsma und sein »Buch vom Ich« lieber nicht geschrieben.

Reemtsma hätte ohne weiteres seine Ruhe vor mir haben können. Aber aus einem bestimmten Grund, den wir an dieser Stelle noch nicht angeben können, mag er sich mit dem verdeckten Kampf gegen Wieland und das Menschengeschlecht nicht begnügen. Er steigert sich zu einer gleichsam paradoxen Langweile, einer Langweile, welche wütend und offensiv und nunmehr in der Tat unleidlich ist. Er erfrecht sich gegen Goethe.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Beispielsweise spricht er von »dem traurig niedrigen Verhalten Goethes bei der Inszenierung des ›Zerbrochenen Kruges‹«. Kein Wort hiervon stimmt, und nichts hieran gehört zum »Artstipp« oder in dessen Zusammenhang. Warum schreibt Reemtsma es hin? Ist es ihm nur zugestoßen, und er bereut es schon? Ist es Sensationsmacherei? Verlangt ihn nach Strafe? Wir werden sehen. Von vorn.

Goethe hat Wieland bei den Weimarischen Freimaurern die Totenrede gehalten. Sie gibt dem Verstorbenen seine Würdigung und seinen Ruhm. Es ist nicht möglich, sich über einen kleineren Zeitgenossen, den man hinter sich gelassen hat, gerechter und freundschaftlicher zu äußern, als Goethe über Wieland hat.

Die Weimarischen Freimaurer hatten die Wahl. Sie hätten auch einen anderen Redner nehmen können, irgendeinen Angestellten des Herzogs von Otranto oder des Herzogs von Rovigo, der ihnen gern würde bestätigt haben, der größte Dichter der Deutschen sei von ihnen gegangen. Von Goethe war nichts zu erhalten als die in aller Behutsamkeit endgültige und nie mehr umstößliche Einschätzung des zur Rede Stehenden. Besonnene Männer, die sie waren, hatten sie Goethe gewählt, — Goethe, sagt Reemtsma unerwarteter Weise, hat Wieland ermordet. Schauplatz des Verbrechens ist Wielands Sarg. Goethes Rede, sagt Reemtsma, ist »der Versuch eines Mordes übers Grab hinaus«.

Man kann das ja sagen. Man kann das nicht sagen, ohne Goethes Rede zu fälschen.

Goethe über Wieland, hoch ehrend: Er »hat sein Zeitalter sich zugebildet«. Reemtsma liest den Satz um in: Wieland war »ein Kind seiner Zeit«. Aus einem Urheber seiner Epoche macht Reemtsma (nicht Goethe) einen an seine Epoche Gefesselten. Kann man eine Aussage gegenteiliger lesen?

Goethe über Wieland, hoch ehrend: »Der geistreiche Mann spielte gern mit seinen Meinungen, aber niemals mit seinen Gesinnungen«. Reemtsma übersetzt: »Er mag geschrieben haben, was er will, doch war er im Grunde doch ein anständiger Kerl«. Wieland war, soll Goethe gesagt haben, vielmeinend, aber stets wohlmeinend.

Es verhält sich nur so, daß das Wort Gesinnung das Wort Meinung in ganz anderer Weise überschreitet, als Reemtsma ahnt. »Meinung«, aber das weiß er nicht, ist unter Gesitteten ein sehr abschätziges Wort; es ist das, wozu man in der von Reemtsma bewohnten Gesellschaft die Freiheit hat. »Gesinnung« bedeutet hiergegen so etwas wie geprüfte Grundsätze und Ansprüche an die Welt, an denen man festhält. »Gesinnung«, aber Reemtsma weiß es nicht, ist unter Gesitteten ein sehr hochkarätiges Wort. Ich zitiere.

Hegel (Geschichtsphilosophie): »Von Robespierre wurde das Prinzip der Tugend als das höchste aufgestellt, und man kann sagen, es sei diesem Menschen mit der Tugend ernst gewesen. Die Tugend ist hier ein einfaches Prinzip und unterscheidet nur solche, die in der Gesinnung sind, und solche, die es nicht sind. Die Gesinnung aber kann nur von der Gesinnung erkannt und beurteilt werden. Es herrscht somit der Verdacht«. Und: »Diese subjektive Tugend, die bloß von der Gesinnung aus regiert, bringt die fürchterlichste Tyrannei mit sich«.

Aber Goethe sagt, sagt Reemtsma, daß Wieland ein gutmütiger Opa war.

In Wahrheit redet Goethe von seiner und Wielands Parteilichkeit. Wieland war »für« die Revolution, Goethe »gegen« sie, und es gab in der Sache zwischen ihnen nie einen Streitpunkt. Die Gesinnung stimmte.

Es gab (ungefähr zu der Zeit, als Wieland am »Aristipp« schrieb) zwischen Goethe und Wieland Konflikte, solche, wie sie sich zwischen Künstlern von unterschiedlichem Rang ergeben. Der weniger Gute, auch wenn er so hochherzig fühlt wie Wieland, wird gelegentlich zänkisch. Wielands junge Männer konnten nicht immer den Schnabel halten. Der Goethe-Neider Herder und die Goethe-Schmeißfliege Kotzebue wurden von Wieland nicht immer streng genug zurückgewiesen, übrigens auch umgekehrt die Wieland-Heißer Schlegel von Goethe nicht. Es gab zu keiner Zeit einen Konflikt über das Weltwesen. Es gab ihn schon überhaupt nicht im Jahr 1813, als der eine Ritter der Ehrenlegion dem anderen Ritter der Ehrenlegion die Logenrede hielt.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Goethe sprach über Wieland so angemessen, wie die Klassik über die Aufklärung, deren größergewachsenes Kind sie ist, äußersten und freundwilligsten Falls sprechen kann. Heines Nachruf auf Nicolai klingt viel schnöder, ist aber genau so liebevoll. Unsere Klassiker sind keine Vatermörder. Sie stehen im Widerspruch zur Aufklärung insofern, als der Höhepunkt einer Sache im Widerspruch zu deren gewöhnlicher Seinsweise einmal stehen muß. Sie machen den Sprung, der sie von der Aufklärung trennt, deutlich und nehmen sie im übrigen gegen die gemeinsame Krätze, die Romantik, in Schutz.

Aber Reemtsma schmollt und läßt sich nicht mildstimmen.

Er nennt Goethes Achtungsbezeugung »eine erfolgreiche Strategie«, Wieland »aus dem literarischen Kanon auszuschließen« — jenem Kanon, der zu Reemtsmas aufrichtiger Verwunderung »um die Zentralfigur Goethes komponiert war«.

Wie alle Gleichmacher stellt Reemtsma sich duldsam, wie wenn es die anderen wären, die händelsüchtig sind. Er behauptet, Goethe habe angefangen. Er wälzt nun den von Goethe »vor Wielands Gruft gewälzten« Stein weg. Und aus der Gruft kommt: ein Schönerer als Goethe.

Der von Goethe uns aufgezwungene Kanon der deutschen Literatur nämlich, wenn wir Reemtsma folgen, hat unlängst endlich seine »Akzeptanz verloren«. Er hat zu gelten aufgehört, und zwar vermöge eines »Paradigmenwechsels«.

Goethe ist uns »ferne gerückt«, und »um das Maß seines Fernerwerdens« sind uns »interessanterweise Lessing, Wieland, Moritz, Hippel, Heinse nähergekommen«. Zum Verständnis erfreut uns Reemtsma mit einer Anekdote.

Einer namens Otto Conradi, erzählt er, habe die Meinung vertreten, man könne Germanist sein, ohne den »Faust« zu kennen; Marcel Reich-Ranicki habe sich hierüber sehr erregt. Auch er selbst, Reemtsma, beteuert er, ziehe solche vor, die den »Faust« gelesen haben. Andererseits wieder, gibt er zu bedenken, habe jener Conradi das Nichtlesen des »Faust« ja nicht gebilligt; er habe nur unverkrampft geschildert, was ist: den staugehabten Paradigmenwechsel eben. Das Reden von einer goethelosen Germanistik nennt Reemtsma »unverkrampft«.

(»Unverkrampft«! — nicht »unverfroren«).

Das Wort Paradigmen heißt was wie Leitwerte oder Rangmuster. Es gab eine Zeit, wo wir für dieselbe Sache ganz verständlich »Maßstäbe« oder »Maßgaben« sagten. Das Wort ist durch und durch Katheder, durch und durch Szene: eins jener pseudoakademischen Insiderwörter, die nicht zufällig an solchen Stellen gehäuft auftreten, deren Inhalt klar auszusprechen peinlich wäre. Nicht Goethe soll Vorbild sein, sondern Hippel? Wie klänge denn das?

Natürlich ändern sich die Musterhaftigkeiten in den Künsten, sind sie erst einmal festgestellt, nicht mehr. Ein Kunstwerk, das gut ist, bleibt gut.

Was mit den wechselnden Gesellschaftsformationen wechselt, ist höchstens noch, wie gut es begriffen wird.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ich frage mich, was unsere Autoren des 18. Jahrhunderts dem Reemtsma bloß zuleid getan haben. Ich habe doch wirklich nichts gegen Hippel. Er steht bei mir in einer Reihe mit Lawrence Sterne und Jean Paul unter den Dichtern, die ich nicht lesen kann. Was soll er nun sein? Ein gewechseltes Paradigma? Ein neues Muster? Mehr als Goethe?

Ich bitte alle Leser ausdrücklich: Lassen Sie sich durch derlei Narrheiten nicht verstören. Fahren Sie fort, Wieland hochzuhalten, behalten Sie Ehrfurcht, Wieland ist ein Klassiker zweiter Ordnung, aber ja doch ein Klassiker. Die Lusche, als die Reemtsma ihn hinstellt, ist er nicht. Er hat nicht verdient, nach Reemtsmas Bilde gelobt zu sein.

Wenn Sie einmal ein Bedürfnis nach spastischen Witzen haben, lesen Sie ruhig auch Hippel.

Reemtsma bedient sich auf diesen entsetzlichen Seiten 173 und 174 einer absichtsvollen Undeutlichkeit, die etwas Advokatisches hat. Er will, das meint man zu verstehen, Wieland nicht unter Goethe gestellt, aber doch auch nicht ausdrücklich über Goethe. Wohin will er ihn? Er will ihn, so verrückt ist er, statt Goethe. Ich stelle meine oben angekündigte Frage jetzt. Was hat der Mann?

Ist es nur die unbewußte Hinneigung des Philisters zum Nichtgroßen? Ist es nur die Wissenschaft der Dilettantik und Mediokrologie, in Richtung derer die Philologie die Ästhetik instinktiv immer hinrückt? Ich meine, es ist viel weniger unbewußt und keine Sache von Instinkten. Es ist nicht Psychologie, sondern Politik, und ist angeordnet.

Balzac sagt von der Restaurationszeit: »Es gab damals nur zwei Parteien, die Royalisten und die Liberalen, die Romantiker und die Klassiker, der gleiche Haß in zwei Formen.«

Es gibt auch heute »nur zwei Parteien«, die des Imperialismus und die des Sozialismus (und der Satz würde auch an dem Tag nicht aufhören, wahr zu sein, an welchem China, Kuba, Vietnam und Nordkorea ins Meer gesprengt oder der Weltbank unterstellt wären). Es gibt den »gleichen Haß« in einer zweiten Form, als der Haß zwischen der Partei gegen und der für Goethe.

Noch immer ist es die Klassik, die für den Fortschritt steht. Man kann das als eine reine Verabredung begreifen; man muß das aus keiner tieferen Ursache herleiten als das heraldische Bild, das auf einer Standarte gemalt ist. Man kann es geistesgeschichtlich begreifen. Wer Goethe sagt, muß Hegel sagen, und wer Hegel sagt, sagt Marx. Wahrscheinlich ist die Wahl des Feldzeichens beides, zugleich beliebig und eine Frage des Inhalts; wir reden ja vom Schlachtfeld Poesie.

Wie anders als feindlich soll sich der Imperialismus, bankrott und übellaunig, wie er dasteht, gegen den Goetheschen Willen verhalten, die Welt in ihrer Ganzheit zu erkennen und im Kunstwerk zu packen? Der Begriff des Gelingens ist ein antiimperialistischer Begriff. »Bin einer der letzten, vielleicht der letzte, der überhaupt weiß, was ein Werk ist«, schrieb Thomas Mann in sein Tagebuch, während er sich zu seiner zweiten Emigration entschloß, der aus Amerika, wo diese Reemtsmaschen Gedanken alle ausgedacht werden.

Des Politischen Philologen Reemtsma kleine Besonderheit ist darin zu finden, daß es bei ihm nicht, wie sonst, die Romantik ist, die gegen Goethe ins Feld muß, sondern, für Vernunftfreunde, die Aufklärung. Die Aufklärung, dies des Politischen Philologen kopernikanische Entdeckung, war gar nicht so vernünftig, wie Verleumder ihr nachreden. Wieland wird so ausnahmsweise nicht totgetadelt, sondern totgerühmt, das halte ich für keine Verbesserung. Ich denke nicht, daß Reemtsma besser als Beuys ist.

Das »Buch vom Ich« ist flüssig geschrieben. Der Autor besitzt Kenntnisse. Er hat Wieland mit Sorgfalt gelesen und hat über das, was er uns anmutet, nachgedacht. Er ist, wo Redlichkeit seine Zwecke nicht stört, redlich. Ich will mich nicht mit Lob aufhalten. Ich rede von Dingen, die mir mißfallen, ich rede von Langweile.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Die Langweiligkeit des Aristipp von Kyrene ist nahezu kindhaft; in jenen Tagen war noch die Verdorbenheit unschuldig.

Die Langweiligkeit Wielands ist ein noble ennui. Die Langweiligkeit Reemtsmas ist ein hanebüchener Ennui.

Hanebüchen ist der pyrrhonisch-menschewistische Denkplunder. Hanebüchen ist das Ausspielen ausgerechnet Wielands gegen alles Zusammenhängende, Behauptende, Realistische, die Schöpfung eines Paradigmas oder anleitenden Gespensts mit Namen Christoph Martin Wittgenstein.

Die Aufmerksamkeit, die ich ihm widme, beweist, daß das »Buch vom Ich« mich geärgert hat. Aber es allein hätte noch nicht vermocht, mich von meiner Arbeit abzuziehen.

Ein Mensch kann einen Menschen nur langweilen, wenn er die Macht hat, ihn zu langweilen. Die Macht hat Reemtsma bei Haffmans nicht. Es ist gleichgültig, wie langweilig die Bücher sind, die Reemtsma schreibt, weil keiner sie liest, der nicht dafür bezahlt wird. Ich vermute, die zwei einzigen Personen, die den Anti-»Aristipp« aus freiem Willen kennen, sind Reemtsma und ich. Sehr viel bedrohlicher breit macht er sich in der Zeitschrift »konkret«, jener Zeitschrift, die einmal für die Deutschen wichtig war.

Bis zu einem Grade ist sie es noch. Aber seit einigen Jahren finde ich ihre Seiten überzogen mit diesem fußkranken und wegmüden Denken, diesem Esprit von Nullhaftigkeit und Nihilism, diesem Charisma von Langweile — ganz ähnlich wie das Haus Usher mit seinem »zarten Mauerschwamm«, der ihm »als feines verworrenes Gespinst« über die Dachrinne hängt. »Irgendwie«, vermerkt Poe, schien hier »ein krasser Widerspruch zwischen der immer noch lückenlosen Oberfläche und der bröckligen Beschaffenheit des Einzelsteines« vorzuliegen; »außer dieser einen Andeutung auf weitgehenden Verfall jedoch wies der Bau kaum Male beginnender Zerstörung auf«.

Ich will ausdrücken: Jan Philipp Reemtsmas Zotten hängen Hermann L. Gremliza über die Dachrinne.

Ich ersuche die Verantwortlichen von »konkret«, sich zu erinnern, wie bald für das Haus Usher der Augenblick, »als die mächtigen Mauern zerbarsten«, auf den Pilzbefall folgte. »Da scholl ein langer verworrener Donnerruf, wie die Stimme von tausend Wassern, und der unergründliche dunkle Teich zu meinen Füßen schloß sich schweigend und finster über den Trümmern der Zeitschrift ›konkret‹«, ich rufe mich zur Ordnung: »den Trümmern des Hauses Usher«.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014

Bilder: Nikolai Endegor: Live Marble, 2014,
die komplette Serie mit mythologischen Erklärungen auf LensCulture und LiveJournal.
Die Motive III und XX fehlen, dafür haben VIII, XI, XIV, XVIII und XXII je eine zusätzliche Version.

Soundtrack: John Cale: Lazy Day, 2020:

Written by Wolf

26. Februar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Uns eine Drehorgel kaufen und unsere eigene Geschichte auf eine Leinwand malen lassen und ein Lied davon machen und es absingen auf allen Gassen des Vaterlandes!

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Update zu So mochte mir und dir, die wir nicht zu den Überschwenglichen
gehören, das Mädchen eben ganz recht sein.
,
Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten,
wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen

und Blumenstück 003: Holdselige Ranunkel:

Wilhelm Raabe war mein Versuch, etwas noch Langweiligeres als Adalbert Stifter zu lesen. Dem Namen und dem Ruf als exemplarischer Großlangweiler nach kannte ich den von Kindheit an und bin seitdem immer wieder um seine nie ganz zufriedenstellenden Gesamtausgaben herumgestrichen, wollte aber nie etwas lesen, das Die Chronik der Sperlingsgasse oder Der Schüdderump heißt, für einen Abu Telfan war ich noch von Karl May mit Orientgeschichten überversorgt; allein auf Stopfkuchen war ich nach einer ausführlichen, überzeugenden Rezension in einem Feuilleton meines Vertrauens ernsthaft neugierig.

Der Versuch mit der Langeweile war zwecklos: Abu Telfan ist alles mögliche, nur keine Orientgeschichte, und erinnert viel eher an Jean Paul mit gestraffter Handlung als an Stifters mineralisierte Prosabarbiturate. Das eigentlich hochmoderne Setting ist die Rückkehr eines elf Jahre lang — eben im sudanesischen Abu Telfan — Verschollenen in die spießbürgerliche Heimat, in der er keinen Platz mehr findet. Es ist ungefähr ein ausgehendes Biedermeier, das schon selbstironisch zu seiner eigenen Parodie wird, mit der Lebensnähe des späten Ludwig Tieck, wenn nicht gar schon Theodor Fontane.

Mit seiner Nikola von Einstein erwischt Wilhelm Raabe eine der plastischsten und glaubwürdigsten Frauengestalten überhaupt. Mit ihren zarten 27 Jahren muss sie sich von der eigenen Mutter als alte Jungfer verunglimpfen lassen, kann dem nicht einmal widersprechen — aber „immer noch“ in Schrift und Rede brillant sein. Im Laufe des Romans macht ihre Charakterisierung eine Wandlung ins Gegenteil durch; so ein literarischer Kniff war eigentlich erst postmodern bei T. C. Boyle dran.

Alexandra Bochkareva

——— Wilhelm Raabe:

Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge

Eduard Hallberger, Stuttgart 1867, Sechstes Kapitel:

Es war auch die letzte Fest- und Jubelnacht der Maikäfer, deren es in diesem gesegneten Jahre eine erkleckliche Anzahl gegeben hatte. Sie schienen zu wissen, daß ihre Zeit nunmehr um sei, hatten sich zum letztenmal im Tau und Duft der Nacht berauscht und schwärmten in nicht unberechtigtem Leichtsinn in die Unsterblichkeit hinüber. Sie summten durch die Luft und umtanzten Busch und Baum; in ihrer Trunkenheit gaben sie nicht im geringsten acht auf ihre Wege und flogen dem schier ebenso berauschten Leonhard gegen die Nase oder hingen sich ihm in Haar und Bart.

Alexandra Bochkareva„Hallo, Gesindel“, rief er, „seid ihr auch da? Recht so, hussa, tummelt euch, nehmt die Stunde, wie sie euch gegeben wird – lustig, lustig, surr, surr, so ist’s recht, und morgen ist’s doch vorbei. Beim Berge Kaf, vivat der Vetter Wassertreter!“

Er lachte abermals hellauf, brach aber schnell horchend ab. Seine wilde Lustigkeit hatte ein melodischeres Echo hinter den Büschen gefunden; ein lockiges Haupt erhob sich über die Hecke – der Genius dieser Mondscheinnacht des letzten Mais hätte sich nicht neckischer und vorteilhafter verkörpern können:

Fräulein Nikola von Einstein – siebenundzwanzig Jahre alt – Hofdame Ihrer Hoheit der Prinzeß Marianne – unverheiratet – – – ach! –

„Er ist es, Lina“, sagte das Fräulein, „nun weine nicht länger, Närrchen; er sieht keineswegs aus, als ob er mit Selbstmordgedanken umgehe; tröste dich, Herz, einer geknickten Lilie gleicht er noch lange nicht; guten Abend, unsträflicher Herr Äthiopier.“

Sie reichte dem Afrikaner die Hand über das Gezweig und rief:

„O Gott, wie indiskret! Aber auch welch ein Abend für alle Indiskretionen! Es freut mich in der Tat, Sie so heiter zu sehen, Herr Hagebucher; hier hab ich mit dem Schwesterchen in großer Sorge um Sie gesessen. Ist es zu indiskret, wenn ich Sie frage, was für einen Grund Ihnen die Welt für Ihre Heiterkeit seit Mondenaufgang gab?“

„Hören Sie, junge Dame“, sagte Leonhard, „man kann aus der Gefangenschaft bei den Heiden recht schwache Nerven heimbringen. Bedenken Sie, daß ich an solches allerliebste Auffahren aus Hagedorn und Heckenrosen durchaus nicht gewöhnt bin. Fühlen Sie meinen Puls.“

„Nein, nein, ich danke und glaube Ihnen auf Ihr Wort!“ lachte Nikola. „Aber dies ist die Grenze Von meines Onkels Reich, und das Recht, hier herüberzugucken, lasse ich mir nicht nehmen.“

„Ich auch nicht“, sprach der Afrikaner, sich Vorbeugend. „Lina, wo steckst du denn?“

Alexandra Bochkareva„Hier!“ klang weinerlich die Stimme des Schwesterchens, das auf der Bank saß, auf welcher das Hoffräulein stand. „Ach, Leonhard, ich bin so betrübt um dich, und ich habe mich so geärgert. O Gott, o Gott, laß mich mit dir wieder in die weite Welt laufen; wir wollen zusammenhalten, Leonhard, und die Mutter, weiß ich, wird auch zu uns stehen, und der Vater meint’s gewiß nicht so bös, und was geht uns die Tante Schnödler und das übrige alberne Volk an! O Gott, o Gott, wie habe ich mich geärgert –“

„Jaja, Herr Leonhard Hagebucher, und da ist sie hergelaufen und hat sich mir in die Arme gestürzt, grad als ich mit dem Haarbesen auf die Fledermausjagd gehen wollte. Nun weiß ich alles, was das Konzil gebrütet hat, und rate Ihnen recht sehr, doch ja Ihr Bestes zu bedenken und so schnell als möglich Ratsschreiber zu Nippenburg zu werden. Warten Sie, ich kenne zehn Schritte weiter abwärts ein Loch in der Hecke – komm, Lina.“

Das schöne Haupt der Sprecherin tauchte unter, zwei Sprünge brachten den Afrikaner zu dem besagten Loch; es rauschte im Gebüsch, ein schlaftrunkenes Vogelpärchen flatterte, aus dem schönsten Traum der Sommernacht geweckt, auf; mit dem Schwesterchen wand sich Fräulein Nikola von Einstein durch das Gezweig. Die drei standen auf dem schmalen Pfade nebeneinander, und Lina umschlang den Bruder und schluchzte:

„Sei nur still, sei nur ruhig; ich halte gewiß bei dir aus! Fürchte dich nicht, wir wollen, ja, wir wollen –“

Alexandra Bochkareva„Uns eine Drehorgel kaufen und unsere eigene Geschichte auf eine Leinwand malen lassen und ein Lied davon machen und es absingen auf allen Gassen des Vaterlandes!“ schloß das Hoffräulein den Satz. „Lustig, wir wollen unsere Sparbüchsen zusammenschütten, um die ersten Auslagen dieser Unternehmung zu decken. Vivat! Vivat! Herbei aus den Büschen, Oberon und Titania, Puck, Bohnenblüt, Spinnweb, Motte und Senfsamen! Herbei, ihr Elfen, zur Ratsversammlung; auch wir können unsere Köpfe zusammenstecken, auch wir können die Finger an die Nase legen. Laßt den Onkel Wassertreter aus der Schenke zum Goldenen Rad kommen, auf daß der Rat vollständig sei; – ich stimme für den Leierkasten und erbiete mich, das Orgellied in Musik zu setzen.“

Wie flüssiges Silber rann der Mondenschein durch die Natur, und in vollen Zügen atmete Leonhard den Zauber und das Leben dieser hellen Nacht ein. Es war wie eine Verzückung über ihn gekommen: er hätte sich die Seiten halten und immer lauter hinauslachen mögen; es war wie der Rausch eines Opiumessers, und er wußte es und wunderte sich im Innersten seiner vernünftigen Seele selbst über seinen Zustand. Vielleicht würde es ihm sehr wohlgetan haben, wenn er sich eine Viertelstunde lang auf den Kopf gestellt hätte, um in solcher Weise den Überschuß seiner Heiterkeit loszuwerden. Die Figuren, Gruppen, Meinungen und Vorgänge des Tages schlugen auf das närrischste Purzelbäume vor ihm; das Gleichgewicht aber stellte Fräulein Nikola von Einstein her, da sich Herr Leonhard Hagebucher nicht auf den Kopf stellte wie ein Baggaraneger oder sonst ein Exaltado aus dem Tumurkielande. Sie – Fräulein Nikola – legte ihm jetzt die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst:

Alexandra Bochkareva„Armer Freund, wir sollten eigentlich doch nicht so lachen, zumal bei diesem dummen Mondlicht. Am hellen Tage, im Sonnenschein läßt sich weniger dagegen einwenden. Ihre Geschichte ist recht, recht traurig, mein Freund. Auf dem Grenzsteine dort oder noch besser unter dem Wegweiser an der Landstraße wollen wir uns niedersetzen, die Taschentücher hervorziehen und nach denken über unser Schicksal und über den Weg, neben welchem wir stillsitzen. Heute am Nachmittag hab ich Ihnen auch mit Lachen von meinem närrischen Dasein erzählt; ach, jetzt hätte ich wohl Lust, Ihnen in einem andern Ton eine andere Geschichte von mir zu erzählen, wenn es mir oder Ihnen im geringsten nützlich wäre. Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich mir einen nobeln Krieg irgendwo in der Welt aufsuchen und darin etwas tun, was mir Freude machte oder nur Ruhe gäbe oder auch nur die Gelegenheit, mit Gleichmut zu verbluten. Ich hasse diesen Mondenschein, und ich fürchte mich vor diesen surrenden Käfern. Es sind Gespenster des Frühlings, der nicht mehr ist. Sie lügen sich das Leben nur noch vor, und ich bin wie sie und halte mich meiner Nerven wegen in Bumsdorf auf – Maikäfer, flieg, Maikäfer, flieg! Ach, Herr Leonhard Hagebucher, wir passen recht gut zueinander, Sie und ich; kommen Sie, wir wollen uns auf den Stein an die Landstraße setzen und warten – warten. Vielleicht lese ich Ihnen auch einmal im Sonnenschein aus dem Buche meines Lebens eine finstere Seite vor. Weine nicht, Lina, mein Herz, es ist doch eine schöne Nacht; auch für dich wird einst die Zeit kommen, wo du von der Gefangenschaft im heißen Lande Afrika wirst erzählen können. Lustig, lustig, höre nur den Frosch dort – welch ein Komiker! Satt, zufrieden und dankbar – den Burschen lob ich mir, und horch, wer ist das? Der Vetter Wassertreter! Den lob ich mir auch! Der Vetter Wassertreter! Vivat der Vetter Wassertreter!“

Welle auf Welle rollten die Fluten des neuen Lebens heran und umspülten wachsend und steigend das Herz des Afrikaners. In jedem Atemzuge fühlte er die Erstarkung über sich kommen; er hätte eine lange Rede halten müssen, um das in Worten auszudrücken, was in seiner Seele sich ereignete: ‚Halte den Mund, Mädchen, und schilt mir diese Nacht und diesen Mondenschein nicht! Du bist zu schön, um zu schelten, und weinen sollst du noch weniger. Wie schön du bist! Das Licht der Offenbarung ist mit dir aus dem Gebüsch emporgestiegen; ich war ein Verirrter, doch nun kenne ich meinen Pfad wieder. Was Trauer und Verdruß, was Grübeln und Grämen, was Zerschlagenheit und Apathie; wenn du mir hilfst, Mädchen, bin ich von neuem Herr in meinem Reich! Das Leben war mir zerbrochen, wie einem der rechte Arm zerbricht; ich habe ihn lange, lange in der Schlinge getragen, und jetzt prüfe ich von neuem seine Stärke. Mädchen, ich weiß wieder, in welchem Sinne ich mein Leben begann und wie ich es fortsetzen mag, ohne dem Wahnsinn zu verfallen gesegnet sei die Tante Schnödler, der deutsche Mond und du – du schöne, schöne Nikola von Einstein!‘

So oder ähnlich wäre es dem Afrikaner erlaubt gewesen, sich zu äußern: er hätte auch, wie folgt, sprechen können:

Alexandra Bochkareva‚Gnädiges Fräulein, Sie haben gleich bei unserer ersten Begegnung einen merkwürdigen Eindruck auf mich gemacht; denn Sie bedingen für mich einen merkwürdigen Gegensatz zu meiner bisherigen Existenz. Gnädiges Fräulein, einem Manne, welcher zehn Jahre in Abu Telfan im täglichen Verkehr mit Madam Kulla Gulla, ihren Freundinnen, Töchtern, Nichten und so weiter zubrachte, geht der Begriff des Vaterlandes in wundervoller Klarheit und Anmut auf, wenn es ihm auch nur vierzehn Tage hindurch vergönnt ist, täglich einige Male in Ihre Augen zu blicken. Fräulein von Einstein, die schönsten Illusionen der Jugend müssen sich mir notwendig in Ihnen verkörpern. Und was die Tante Schnödler anbetrifft, so bilden Sie auch zu dieser einen angenehmen Gegensatz, gnädiges Fräulein; und wenn einmal im deutschen Mondenschein, während dem letzten Maikäfergesumme des Jahres einem Menschen in meiner Situation das Tumurkieland und das Vaterland durcheinanderquirlen und das Lachen dem Elend das Beste abgewinnt, so wird jeder Einsichtige dieses der Gelegenheit des Orts, der Zeit und der Umstände vollkommen angemessen finden.‘

Herr Leonhard Hagebucher äußerte sich weder auf die eine noch die andere Art, er rief:

„Der Vetter Wassertreter! Wahrhaftig, es ist der Vetter Wassertreter!“

Alexandra Bochkareva

Bilder: Alexandra Bochkareva aus Taschkent, Usbekistan, wirkt in Sankt Petersburg:

  1. Through the Forest, 30. Juli 2018;
  2. FOXES, 11. September 2016;
  3. Sasha, 6. Juni 2017;
  4. Northern Forest Tales;
  5. Totems, 23. Juli 2020;
  6. Totems;
  7. Someone Like You, 23. Oktober 2018.

Soundtrack: Gazi „Dusty“ Simelane: Home, ca. März 2010:

Written by Wolf

19. Februar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Realismus

Durch die Mumie einer altägyptischen Prinzessin bereichert

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Update zu Halloween Lectures zu bibliothekarischen Aspekten
der Kulturwissenschaft des Morbiden

und Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her:

ich bin die liebe mumie
und aus ägypten kumm i e,
o kindlein treibt es nicht zu arg,
sonst steig ich aus dem sarkopharg,
hol euch ins pyramidenland,
eilf meter unterm wüstensand,
da habe ich mein trautes heim,
es ist mir süß wie honigseim,
dort, unter heißen winden,
wird keiner euch mehr finden.
o lauschet nur, mit trip und trap
husch ich die treppen auf und ab,
und hört ihrs einmal pochen,
so ists mein daumenknochen
an eurer zimmertür –
o kindlein, seht euch für!

H. C. Artmann, aus: allerleirausch. neue schöne kinderreime, 1967.

Liebe Kinder, der böse Märchenonkel Frank erzählt uns wieder eine Räuberpistole, die sich aus dem alten Ägypten bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert erstreckt. Eigentlich müsste sie stimmen, weil sie in der Zeitung stand. Die Zeitung existiert.

Dort, wo Onkel Franks nicht unspannende Grabräubepistole stehen sollte, steht sie aber nicht. So, wie er sie erzählt, kann sie dort auch nicht stehen, egal was Onkel Frank uns für Writers Tears ein- und vergießt. Wer merkt, warum?

Schreibt’s mir in die Kommentare und lasst mir ein Daumen-Hoch und ein Abo da! Folgt mir für mehr Räuberpistolen!

——— Frank T. Zumbach:

Späte Erklärung: Eine wahre Geschichte

aus: Frank T. Zumbachs Mysterious World, 11. Februar 2010:

In der Nummer 271 des Jahrgangs 1904 erzählen die Dresdner Nachrichten nach Mitteilungen der englischen Presse:

Movie poster The Mummy, Universal Pictures 1932Das Britische Museum zu London ist unlängst durch die Mumie einer altägyptischen Prinzessin bereichert worden. Aber mehr Aufsehen als die Mumie an sich erregt die Tatsache, dass allen, die mit ihr irgend zu tun hatten, unmittelbar nachher ein überaschendes Unglück zustieß, manche das Leben verloren. – Nach dem Katalog des Britischen Museums (I. 22 524) handelt es sich um die Mumie einer Ägypterin aus königlichem Geschlecht, die zugleich Priesterin am Tempel des Ammon-Ra war und um 1600 vor Christus zu Theben gelebt hat. Ein Mitglied der Expedition, dem die Auffindung der Mumie gelang, Mr. D., büßte einige Zeit später den rechten Arm dadurch ein, dass ein Gewehr auf unerklärliche Weise explodierte, als er es in die Hand nahm. Ein zweites Mitglied starb nach Verlust des gesamten Vermögens noch im selben Jahr, ein drittes Mitglied wurde, gleichfalls im selben Jahr, erschossen. Mr. W., der Besitzer der Mumie, musste unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Kairo die Entdeckung machen, dass er während seiner Abwesenheit bedeutende Vermögensverluste erlitten hatte. Bald darauf starb auch er. Nachdem die Mumie der Priesterin des Ammon-Ra auf den Dampfer gebracht worden war, der sie nach England überführen sollte, verlor ihr Auffinder, Mr. D., sie für längere Zeit aus den Augen. Nach der Ankunft der Mumie in England wurde sie zunächst zu einer verheirateten Schwester ihres ersten Besitzers, Mr. W., gebracht, der dieser sie geschenkt hatte. Von dem Tage ihres Eintreffens an wurde die Familie von einem Unglück nach dem anderen heimgesucht. Und als die Dame die Mumie zu einem bekannten Photographen in der Baker Street bringen ließ, der einige Aufnahmen von ihr machen sollte, erhielt sie ein paar Tage später den aufgeregten Besuch dieses Mannes: er habe die Aufnahmen persönlich gemacht und bürge dafür, dass niemand weder das Negativ noch die fertige Platte auch nur berührt habe. Gleichwohl zeige die Photographie nicht die Züge der Mumie, sondern die einer Lebenden mit boshaft leuchtenden Augen. Kurz nachher starb der Photograph eines schnellen und geheimnisvollen Todes.

Um diese Zeit begegnete Mr. D. Der Schwester des Mr. W. Nachdem er alles gehört hatte, beschwor er die Dame, die unheimliche Mumie dem Britischen Museum zu schenken, was dann auch geschah. Der Mann, der sie dorthin transportierte, starb in der folgenden Woche, einem zweiten, der beim Transport geholfen hatte, stieß ein böser Unfall zu. Gleich nach der Installierung der Mumie im Britischen Museum sollte wieder eine photographische Aufnahme von ihr gemacht werden, doch fanden der Photograph und sein Gehilfe die Beleuchtung ungünstig, weswegen verabredet wurde, dass sie später wiederkommen wollten. Auf der Heimfahrt wurde dem Photographen beim Verlassen des Kupees ein Daumen zerquetscht, und als sein Gehilfe zu Hause ankam, erfuhr er, dass eines seiner Kinder durch einen Sturz in eine Glasscheibe sich schwer verletzt hatte. Und nun meldeten sich immer wieder Leute mit der Behauptung, durch bloße Besichtigung der Mumie Schaden davongetragen zu haben. Der Premierminister Asquith, der völlig frei von Aberglauben sein soll, äußerte den Wunsch, diese gefährliche Mumie zu besehen. Aber alle seine Kollegen setzten der Ausführung dieser Absicht ihren Widerstand entgegen, denn sie glaubten, die Mumie würde dann den Sturz des Ministeriums herbeiführen.

Die Museumswärter fürchteten sich so sehr vor dem Mumiensarg, dass sie endlich das Ultimatum stellten, entweder diesen Sarg aus ihrem Bereich zu entfernen oder auf ihre weiteren Dienste zu verzichten. Die Museumsleitung ließ daraufhin die Mumie durch eine Nachbildung ersetzen und das Original in den Keller schaffen. Seitdem hörte alles Gerede auf.

Aber ein amerikanischer Ägyptologe entdeckte den Betrug. Die Museumsverwaltung sah sich dadurch genötigt, ihn ins Vertrauen zu ziehen, und zeigte ihm das im Keller verborgene Original. Er machte ihr ein Gebot, um die Mumie für Amerika zu erwerben, und das Gebot wurde angenommen. Die Mumie wurde dann an Bord der ‚Titanic‘ gebracht, mit der sie unterging…

Ray Seifenwerbung, Dresdner Neueste Nachrichten, Dienstag, 4. Oktober 1904, Seite 6

Bilder: Filmplakat The Mummy (Die Mumie), 1932;
Dresdner Neueste Nachrichten: Ray-Seifenwerbung, Dienstag, 4. Oktober 1904, Seite 6.

Soundtrack: Old Leatherstocking: O Death by Lloyd Chandler, after 1920, recorded Halloween 2020:

Written by Wolf

12. Februar 2021 at 00:01

Dornenstück 0006: Lyrik im Liegen

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Update zum Nachtstück 0022: Zu schweigen beginnen
und Frohnleichnamsfahnen wehen:

Alexandre Séon. La Pensée, o. J.Für einen Philosophen mittlerschwerer, in seinem Hauptwerk sehr schwerer Verständlichkeit hat Schopenhauer etliche Fans, und zwar die richtigen. Leider ist seine komplette Lyrik unter aller Sau.

Das Beste an Schopenhauers Gedichten ist, dass es auf eine Lebenszeit von 72 Jahren verteilt nur 39 geworden sind. Da sind die Stammbuchverse schon mitgerechnet. Einer von denen war ohne Reim und Rhythmus, aber im Alter von 70 Jahren doch noch sein lyrisches Highlight:

——— Arthur Schopenhauer: Stammbucheintrag,
8. April 1858, gesammelt in: Parerga und Paralimpomena, Band II,
cit. nach Arthur Hübscher, Hrsg.: Gedichte von an über Arthur Schopenhauer, Haffmans Verlag, Zürich 1994:

Sitzen ist besser, als stehen, u. liegen ist besser, als sitzen:
Besser, als liegen, ist schlafen, und besser, als schlafen, ist todt seyn.

Frankfurt a. M. d. 8ten April 1858

Arthur Schopenhauer.

Das Poesiealbum mit dem Original ist verloren. Schopenhauers Quelle ist wahrscheinlich Nicolas Chamfort: Maximes et pensées, caractères et anecdotes II, 1795:

Wenn behauptet wird, daß die Menschen, die am wenigsten empfinden, am glücklichsten sind, so muß ich immer an das indische Sprichwort denken: Sitzen ist besser als stehen, liegen besser als sitzen, aber das Beste ist tot sein.

Lebenslustige Franzosen: Chamfort sagt das noch, als ob’s was Befremdliches wäre.

Bild: Alexandre Séon: La Pensée, ohne Jahr.

Soundtrack: The Be Good Tanyas: The Littlest Birds (Sing the Prettiest Songs), aus: Blue Horse, 2000:

Written by Wolf

5. Februar 2021 at 00:01

Verdächtige Grübler, die Seligkeiten der Dummheit und daß die Leute besser lesen lernten

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
und Wie werde ich Schriftsteller? (Von den Exkrementen hirnloser Köpfe):

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Wieland zählt zu den paar Schreibern, von denen gleich zwei Gesamtausgaben unkündbar bei mir wohnen: die von 1853 ff., die auch Arno Schmidt benutzt hat, und die Hamburger von 1984, seit Jahren die 14 Bände plus Johann Gottfried Gruber: C. M. Wielands Leben für etwas um die 20 Euro — bei mir waren es 15 Euro versandkostenfrei —, die man lesen kann. In beiden fehlt der Aufsatz darüber, Wie man lies’t, weil das Korpus aus dem Teutschen Merkur selbst die Ausgabe von 36 in 18 Bänden von 1853 gesprengt hätte. Ich gebe den Aufsatz ungekürzt leserlich wieder und noch zwei themenverwandte Preziosen dazu:

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

——— Christoph Martin Wieland:

An Johann Jakob Bodmer in Zürich

Tübingen, den 1. April 1752:

Meine Landsleute sind von der Art, daß meine bisherigen Schriften mich, anstatt zu empfehlen, um allen Credit bringen. Einen Poeten hält man da für einen Zeitverderber und unnützen Menschen, und einen Philosophen für einen Schwätzer und verdächtigen Grübler; beyde Wissenschaften aber für brodlose Künste, mit denen sich kein kluger Mensch viel einläßt. […]

Ich finde daß ein Mensch, der wie ich denkt, nur in wenigen Fällen brauchbar ist. Man muß ein Thor oder ein Bösewicht seyn, um nach dem Geschmack der Welt zu seyn.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Der Schlüssel zur Abderitengeschichte

aus: Die Abderiten. Eine sehr wahrscheinliche Geschichte von Herrn Hofrath Wieland.
Zweiter Teil, der das vierte und fünfte Buch und den Schlüssel enthält,
in: Der Teutsche Merkur 1774 bis 1780 (Buchfassung Geschichte der Abderiten, 1781):

Es war (so lautet sein Bericht) – es war ein schöner Herbstabend im Jahr 177*; ich befand mich allein in dem obern Stockwerk meiner Wohnung und sah (warum sollt ich mich schämen zu bekennen wenn mir etwas menschliches begegnet?) vor langer Weile zum Fenster hinaus; denn schon seit vielen Wochen hatte mich mein Genius gänzlich verlassen. Ich konnte weder denken noch lesen. Alles Feuer meines Geistes schien erloschen, alle meine Laune, gleich einem flüchtigen Salze, verduftet. Ich war oder fühlte mich wenigstens dumm, aber ach! ohne an den Seligkeiten der Dummheit Teil zu haben, ohne einen einzigen Gran von dieser stolzen Zufriedenheit mit sich selbst, dieser unerschütterlichen Überzeugung, welche gewisse Leute versichert, daß alles, was sie denken, sagen, träumen und im Schlaf reden, wahr, witzig, weise, und in Marmor gegraben zu werden würdig sei – einer Überzeugung, die den echten Sohn der großen Göttin, wie ein Muttermal, kennbar und zum glücklichsten aller Menschen macht. Kurz, ich fühlte meinen Zustand, und er lag schwer auf mir; ich schüttelte mich vergebens; und es war (wie gesagt) so weit mit mir gekommen, daß ich durch ein ziemlich unbequemes kleines Fenster in die Welt hinaus guckte, ohne zu wissen was ich sah, oder etwas zu sehen, das des Wissens oder Sehens wert gewesen wäre.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Wie man lies’t

Eine Anekdote

in: Der Teutsche Merkur, 1781:

Es würde wenig helfen, dem Publicum eine Confidenz von meinen eignen Erfahrungen, wie man gelesen wird, zu machen; viele davon wurden hinlänglich seyn, den entschlossensten und harthäutigsten Autor auf ewig abzuschrecken — „Und haben euch gleichwohl nicht abgeschreckt,“ grinzt mir ein Satiro maligno zu. — Ich bekenne gerne, daß ich ihm lieber nichts antworten, als die Schuld auf das Schickfal schieben will. Aber dieser Tage las ich in einem Französischen Buche eine Anekdote diesen Artikel betreffend, womit ich — wie sich alles Gute gerne mittheilt — meine Leser, zu eignem beliebigen Nachdenken, regaliren will. Facta sind immer lehrreicher als Declamationen. Der Autor — sein Name thut nichts zur Sache, aber er ist, in meinem Sinne, noch einer von den besten, die sich jetzt zu Paris von der Bücherfabrik nähren — spricht von dem mannichfaltigen Ungemach, dem die Schriftsteller ausgesetzt sind, bis der Tod ihrem Leiden ein Ende macht, und die Zeit entweder ihre Werke in den Abgrund der Vergessenheit gestürzt, oder, zu spät für den armen Autor! mit Preis und Unsterblichkeit krönt. Das Unglück, obenhin, unverständig, ohne Geschmack, ohne Gefühl, mit Vorurtheilen, oder gar mit Schalksaugen und bösem Willen gelesen zu werden — oder, wie die meisten Leser, die nur zum Zeitvertreib in ein Buch gucken — oder zur Unzeit, wenn der Leser übel geschlafen, übel verdaut, oder unglücklich gespielt, oder sonst Mangel an Lebensgeistern hat — oder gelesen zu werden, wenn gerade dieses Buch, diese Art von Lecture unter allen möglichen sich am wenigsten für ihn schickt, und seine Sinnesart, Stimmung, Laune, mit des Autors seiner den vollkommensten Contrast macht — das Unglück, so gelesen zu werden, ist, nach der Meinung des besagten Autors, keines von den geringsten, welchen ein Schriftsteller (zumal in Zeiten, wie die unsrige, wo Lesen und Bücherschreiben einen Hauptartikel des Nationalluxus ausmacht) sich und die armen ausgesetzten Kinder seines Geistes täglich und unvermeidlich bloß gestellt fehen muß. Unter hundert Lesern kann man sicher rechnen von achtzig so gelesen zu werden; und man hat noch von Glück zu sagen, wenn unter den zwanzig übrigen etwan Einer ganz in der Verfassung ist, welche schlechterdings dazu gehört, um dem Werke das man lies’t (und wenn’s auch nur ein Madrigal ware) sein völliges Recht anzuthun. Was Wunder also, wenn den besten Werken in ihrer Art, und in einer sehr guten Art, oft so übel mitgespielt wird? Was Wunder, wenn die Leute in einem Buche finden, was gar nicht drin ist; oder Ärgerniß an Dingen nehmen, die, gleich einem gesunden Getränke in einem verdorbnen Gefäße, bloß dadurch ärgerlich werden, weil sie in dem schiefen Kopf oder der verdorbnen Einbildung des Lesers dazu gemacht werden? Was Wunder, wenn der Geist eines Werkes den meisten so lange, und fast immer unsichtbar bleibt? Was Wunder, wenn dem Verfasser oft Absichten, Grundsätze und Gesinnungen angedichtet werden, die er nicht hat, die er, vermöge seines Charakters, seiner ganzen Art zu existiren, gar nicht einmal haben kann? Die Art, wie die meisten lesen, ist der Schlüssel zu allen diesen Ereignissen, die in der literarischen Welt so gewöhnlich sind. Wer darauf Acht zu geben Lust oder innern Beruf hat, erlebt die erstaunlichsten Dinge in dieser Art. Die ungerechtesten Urtheile, die widersinnigsten Präventionen, die oft für eine lange Zeit zur gemeinen Sage werden, und zuletzt, ohne weitere Untersuchung, für eine abgeurthelte Sache passiren, wiewohl kein Mensch jemals daran gedacht hatte, die Sache gründlich und unparteiisch zu untersuchen — haben oft keine andre Quelle als diese. Der Autor und sein Buch werden, mit Urtheil und Recht, aber nach eben so seinen Grundsätzen, nach einer eben so tumultuarischen und albernen Art von Inquisition, kurz mit eben der Iniquität oder Sancta Simplicitas verdammt, wie ehemals — die Hexen verbrannt wurden. Hier ist das Exempelchen, womit wir diese kleine vorläufige und vergebliche Betrachtung krönen wollen.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016Rousseau’s neue Heloise war vor kurzem ans Licht getreten. In einer großen Gesellschaft behauptete jemand, Jean-Jacques hätte in diesem Buche den Selbstmord gepredigt. Man holte das Buch herbei; man las den Brief von St. Preux, wo die Rede davon ist. Alle Anwesenden schrien überlaut, man sollte ein solches Buch durch den Henker verbrennen lassen; und den Autor — es fehlte wenig, daß sie nicht auch den mit ins Feuer geworfen hatten. Indessen, da J. J. Rousseau gleichwohl für einen großen Mann passirt, so fanden sich einige, denen es billig dünken wollte, ehe man zur Execution schritte, die Sache näher zu untersuchen. Sie lasen den vorhergehenden Brief, und dann den folgenden: und da fand sich, daß gerade dieser Brief ganz entscheidende Gründe gegen den Selbstmord gab, und daß J. J. Rousseau über diesen Punkt ganz gesunde Begriffe hatte. Aber die Sage des Gegentheils hatte nun einmal überhand genommen; die Gansköpfe hielten fest, und fuhren fort mit ihrer eignen Dummdreistigkeit zu versichern, Jean-Jacques predige auf der und der Seite seines Buchs den Selbstmord, wiewohl er auf der und der Seite just das Gegentheil that.

„Was ist nun mit solchen Leuten anzufangen?“ Nichts.

Was soll ein Schriftsteller, der das Unglück hat in einen solchen Fall zu kommen, zu Rettung seiner Unschuld und Ehre sagen?“ Nichts.

Was håtte ihn davor bewahren können?“ Nichts.

„Sollte denn kein Mittel seyn?“ O ja, ich besinne mich — er håtte selbst ein Ganskopf seyn — oder auch gar nichts schreiben — oder, was das sicherste gewesen wäre, beim ersten Hineingucken in die Welt den Kopf gleich wieder zurüxkziehen und hingehen sollen, woher er gekommen war —

„Das sind Extrema —“ So denk ich auch.

Ja, freilich ist der Menschen kurzes Leben
Mit Noth beschwert, wie Avicenna spricht.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Mit den Autoren ist kein Mitleiden zu haben — und den Lesern ist nicht zu helfen. Aber gleichwohl wäre zu wünschen, daß die Leute besser lesen lernten.

Bilder: Magdalena „Nishe“ Lutek für Book of Dreams: I’m away with my imagination, 25. April 2016.

Soundtrack: Colter Wall: Ballad of a Law Abiding Sophisticate, aus: Imaginary Appalachia, 2015:

Written by Wolf

29. Januar 2021 at 00:01

All I lov’d — I lov’d alone

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Update for And all I got’s a pocketful of flowers on my grave
and Etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales:

A friend of mine (yes, I have a few) recently quoted me a line by Poe: „And all I loved I love alone“, allegedly from a poem named Alone. Looking it up, I neither found it in my English nor my German edition of Poe’s „complete“ works, the latter even bilingual, translated by Hans Wollschläger.

There is a reason for Alone, originally Original, remaining uncollected: it is a true bootleg.

Poe wrote this poem in the autograph album of Lucy Holmes, later Lucy Holmes Balderston. The poem was never printed during Poe’s lifetime. It was first published by E. L. Didier in Scribner’s Monthly for September of 1875, in the form of a facsimile. The facsimile, however, included the addition of a title and date not on the original manuscript. That title was “Alone,” which has remained. Doubts about its authenticity, in part inspired by this manipulation, have since been calmed. The poem is now seen as one of Poe’s most revealing works. The same album also contains a poem by Poe’s brother Henry.

The original manuscript bears the number 55 in the upper right hand corner, as a page number within the album.

The website of the Maryland Historical Society includes a photograph of the original manuscript.

Going there:

Though we don’t have a great deal of Edgar Allan Poe materials in our library, we do have a poem entitled “Original,” which was handwritten into a volume of poetry owned by a Baltimorean named Lucy Holmes. The poem was not published in Poe’s lifetime, but finally appeared under the title “Alone” in an 1875 issue of Scribner’s Monthly. Though the poem was penned by a 20-year-old Poe, it seemed to reveal some of the inner turmoil that was always within the author, as well as foreshadow his shortened life. Though the provenance is a little unclear, it was donated by a woman named Emma Welbourn in 1969, who was most likely a descendant of Ms. Holmes. Not a lot is known of Lucy Holmes, except that she was known to be active in the literary circles of Baltimore. She most likely had Poe write the poem in her ledger sometime in 1829. This was a time period in Poe’s life shortly after he left West Point and returned to Baltimore. The fact that he wrote this poem in the ledger of a wealthy socialite provides fairly strong evidence that he was not a homeless wanderer at this point in his life as some have suggested.

——— Edgar Allan Poe:

Original

undated manuscript, about 1829, published 1875:

From childhood’s hour I have not been
As others were — I have not seen
As others saw — I could not bring
My passions from a common spring —
From the same source I have not taken
My sorrow — I could not awaken
My heart to joy at the same tone —
And all I lov’d — I lov’d alone —
Then — in my childhood — in the dawn
Of a most stormy life — was drawn
From ev’ry depth of good and ill
The mystery which binds me still —
From the torrent, or the fountain —
From the red cliff of the mountain —
From the sun that ’round me roll’d
In its autumn tint of gold —
From the lightning in the sky
As it pass’d me flying by —
From the thunder, and the storm —
And the cloud that took the form
(When the rest of Heaven was blue)
Of a demon in my view —

E. A. Poe

Poe, Original, ca. 1829

Further:

Isaiah Balderston, FaksimileThough Poe’s poem is what truly makes this book unique, there are also approximately 100 other poems by Baltimore poets contained in its pages. The great majority of the poems seem to be written with the goal of pursuing courtship with Ms. Holmes. Poe’s poem stands out from the crowd by being autobiographical, dark, and depressing—pretty much the opposite tone of every other poem in the volume. It is not, however, the only poem in Edgar Allan Poe’s handwriting in the small book. At his brother W.H. Poe’s request, Edgar Allan copied one if his poems on the very next page. Once again it seems like another piece of literary sleaze with the purpose of impressing Lucy. The assumption that Lucy’s favor could be won with flattery was not completely baseless. One of the poets, „Isaiah“ (or „I… B….N“) who appears frequently in the ledger is most likely Isaiah Balderston, whom Lucy ended up marrying in 1830. If heavy handed love poems tickle your fancy then by all means come visit us at the H. Furlong Baldwin Library—we’d be happy to make this volume available for your perusal! (Eben Dennis)

This poem from I.. B…N may have been the very one that titillated young Lucy. I guess she wasn’t impressed by Edgar’s demons. MS 1796, MdHS

Sources and further reading:

Scribners Monthly „An Early Poem by Edgar Allan Poe“ September 1875

Ingram, John Henry. The complete poetical works of Edgar Allen Poe (New York : A. L. Burt Co., 1907) MP3.P743 1907, MdHS

Reilly, John E. The image of Poe in American poetry (Baltimore: Edgar Allan Poe Society, 1976) MP3.P743.R36, MdHS

Another source and even further reading: Edgar Allan Poe Society of Baltimore: Edgar Allan Poe — „Alone“ („From childhood’s hour . . .“), Reading and Reference Texts.

Special thanks to Frank T. Zumbach!

Images: Maryland Center for History and Culture: Poe and Alone.

Soundtrack: Lindi Ortega: Lived And Died Alone, from: Tin Star, 2013:

I guess I thought it couldn’t really hurt
To search for sweethearts underneath the dirt
Sure, they may be made of dust and bone
But I will take them home
from their lonely tombstone
To be with me
In the Dead Sea

Written by Wolf

22. Januar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Weh, gingst mir verloren, bliebst mein eigen nicht

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Update zu Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen:
Regensburg bis Grein

und Der Arzt von Münster in Salzkotten:

Die alte Frage: Wie ist eigentlich der idealtypische Roman der deutschen Romantik gebaut? Herder meint 1796 im 99. Brief zur Beförderung der Humanität, zitiert nach Monika Schmitz-Emans in der Revue internationale de philosophie 2009:

Keine Gattung der Poesie ist von weiterem Umfange, als der Roman; unter allen ist er auch der verschiedensten Bearbeitung fähig: denn er enthält oder kann enthalten nicht etwa nur Geschichte und Geographie, Philosophie und die Theorie fast aller Künste, sondern auch die Poesie aller Gattungen und Arten – in Prose. Was irgend den menschlichen Verstand und das Herz intereßiret, Leidenschaft und Charakter, Gestalt und Gegenstand, Kunst und Weisheit, was möglich und denkbar ist, ja das Unmögliche kann und darf in einen Roman gebracht werden […].

Herder, in seinem eigenen Wirken noch kein Angehöriger der Romantik, vielmehr ein Viertel des „Weimarer Viergestirns“ der Hochklassik, äußert sich da zur Zeit der einsetzeden Romantik recht optimistisch darüber, was die Form des Romans leisten könnte oder sollte. In der schöpferischen Praxis stellt es sich so dar:

Handlungsort ist eins der nicht im Detail nachvollziehbaren Duodez-Fürstentümer im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (bis 1806) um das Wartburgfest (1817) herum, Handlungszeit ist vor unvordenklichen Zeiten in einem zumindest nicht widerlegbaren Hoch- bis Spätmittelalter um Albrecht Dürer (1471 bis 1528). Am Anfang von Theil 1, Buch 1, Capitel 1 erscheint bei Sonnenaufgang ein Reiter auf einem Hügel, reitet in das idyllische Dorf aus Fachwerkhäusern im Tale und besucht seinen alten Freund aus Studienzeiten, die etwa zwei Jahre zurückliegen. Der Freund hat inzwischen eine ungefähr siebenjährige Tochter und einen so viel jüngeren lebenslustigen Knaben, dass die große Schwester schon an ihm herummutteln muss. Seine Frau war einst seine Jugendliebe und bewirtet den eingetroffenen Reiter mit Brot und Wein; der Gang der Handlung steht am frühen Vormittag.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020Die Studienkameraden geraten ohne Umschweife in eine Diskussion über die rechte Art zu leben: sesshaft auf einem eigenen Gut mit Weib und Kindern oder obdachlos mit einem Säckchen Dukaten ausgerüstet. In einem Nebensatz erfährt man, dass der einsame Reiter die ganze Zeit seines freien Umherchweifens ein Gefolge von der Stärke zwischen einem Knappen und vier „Berittenen“ mit sich herumschleppt, die sich offenbar von den Resten des Brotkantens ernähren und draußen auf ihren Gäulen schlafen. Abschließend nennt der sesshafte Freund die Grundsatzdiskussion einen Streit, wovon man ansonsten nichts bemerkt hätte, und umarmt den gutsituierten Vagabunden zum Abschied. Im weiteren Verlauf fährt er wahlweise auf dem Rhein oder der Donau ein paar landschaftlich reizvolle Duodez-Fürstentümer weiter, verirrt sich im Wald und verliebt sich an einem Schloss auf einer Waldlichtung in eine Vierzehnjährige, die zufällig aus dem Fenster schaut. Offensichtlich kann jeder, der zufällig vorbeigeritten kommt, in dem Schloss nach Belieben ein- und ausgehen. Der Reiter wird bewirtet, fragt nach der Tochter des Hauses, die kommt und züchtig die Augen niederschlägt, woraufhin auch sie als unsterblich in den Reiter verliebt gilt. Inzwischen ist es Abend, und der Reiter muss in die böse Stadt, an deren Stadtmauer er die Wächter wecken muss. Zielstrebig reitet er zu einem Palast, in dem unfehlbar ein Fest stattfindet, mischt sich unbehelligt unter die Gäste und säuft mit. Die Tochter aus dem Waldschloss ist schon da, erkennt ihn, redet aber nur mit den städtisch verkommenen niederen Adligen. Inzwischen dämmert der Morgen und noch hat niemand geschlafen.

Geschlafen wird vermutlich erst innerhalb der beiläufig fallengelassenen Adverbiale „nach mehreren Tagen“, die ungefähr nach dem schöpferischen Wochenpensum eines durchschnittlichen Originalgenies der deutschen Romantik auftritt, und in denen weitere Schlösser betreten, Feste gefeiert, Flüsse beschifft und Grundsatzdiskussionen geführt wurden. Danach gehen die Schilderungen wieder dermaßen ins Detail, dass keine Zeit für Nachtschlaf und Ernährung bleibt, nur für beziehungsreiche Landschaftsschilderungen, die an die große Liebe gemahnen — die Tochter aus dem Schloss, falls sich jemand erinnert. Unterwegs gewinnt der Reiter beim Frühstück unter einem Baum (Eiche oder Linde; es gibt wieder frühmorgens Wein) oder einer ausgesucht einsamen Waldhütte einen neuen Busenfreund, der seine Ansichten teilt, aber ihm etwas Neues darüber erzählen kann, worauf er selber hätte kommen können, wenn er Albertus Magnus oder Johann Gottlieb Fichte gelesen hätte, am besten beide. Wenn alles zu durcheinander geht und das Originalgenie nach seiner vereinbarten Anzahl Druckbogen zu einem Schluss gelangen will, ist der neue Busenfreund sein seit der Kindheit verschollener Bruder. Nachdem sie sich noch einmal in einer felsigen Gegend verlaufen haben, kommen sie wieder bei dem Studienkumpel vom Anfang an, die Schlosstochter kommt mit ihrem Vater, dem Großgrundbesitzer der Gegend, vorbei und heiratet den Reiter, die Tochter des Studienkumpels wird dem Busenbruder versprochen.

Wenn ein Lied zwischengeschaltet werden nuss, das dem Gedanken des Gesamtkunstwerks dient, hüpft ein Zehnjähriger nicht erklärbarer Herkunft herum, der vor allem nachts engelgleich singen und virtuos die Laute schlagen kann. Wenn gerade kein Lied anliegt, erschrickt er vor einem Schatten, der zu einem Räuber gehören könnte, und schwimmt panisch durchs Schilf davon. Auf einem Fest in einem Stadtpalais wird er unversehens als Page angetroffen und kann weiter durch die sprechenden Landschaften herumgezerrt werden. Am Schluss stellt sich heraus, dass er ein Mädchen ist.

Die knorrigen Sonderlinge in altdeutscher Tracht (schwarz, ohne Halstuch, lange Haare, ab 1819 wegen Demagogentums verboten) sind die Guten.

Das ist die Handlung beim Großteil von Eichendorff; Brentano war im Lauf seiner Schreiberkarriere sowieso immer offensichtlicher verrückt und ist in seinem erklärt „verwilderten Roman“ Godwi 1801 auf mehreren Ebenen darüber hinausgegangen; E.T.A. Hoffmann hat alles unternommen, um psychedelisch wirksam zu sein, und musste sich deswegen ständig etwas Neues einfallen lassen; Bestsellerlieferant Fouqué schlägt am ehesten diese Richtung ein.

Arno-Schmidt-Der-Alles-Weiß versäumt selten, Fouqué das Eptitheton „der Sänger der unsterblichen ‚Undine‚“ — die ist auch wirklich gut — hinterherzuschießen; noch deutlicher wird das beschriebene roman-romantische Vorgehen in seinem Alethes. Sein eigenes dort eingeflochtenes Gedicht Sollt‘ ich doch Dich missen fand Fouqué offenbar so gelungen, dass er es im selben Roman erst anzitieren, dann im Ersten Theil, Erstes Buch, Sechstes Kapitel vollständig wiedergeben wollte — und im unten angeführten Textbeispiel gleich noch einmal. Wie er in seinem Vorwort verrät, liegt zwischen diesen beiden Romanabschnitten eine neunjährige Schaffenspause, nach der er im letzten der vier Bücher „einen andern Geist“ eingeführt hatte — siehe den Volltext.

Das Bildmaterial beschreibt die Haidnischen Alterthümer, in denen die Einzelausgabe noch am ehesten erreichbar bleibt.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020

——— Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué:

Die wunderbaren Begebenheiten des Grafen ALETHES von LINDENSTEIN

bei Gerhard Fleischer dem Jüngern, Leipzig 1817,
Zweiter Theil, Zweites Buch, Achtes Kapitel
ungekürzt cit. nach dem „Haidnischen Alterthum“, Oktober 1980, Seite 330 bis 333:

Auf Lindenstein angekommen, hub Alethes in der feierlichen Herbstesabendstille wieder einmal in dem alten Büchlein zu blättern an, das ihm mit seinen einfachen Sprüchen nun schon so manchesmal Trost und Freude in die Seele geredet hatte. Er schlug folgende Worte auf:

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020„Wenn Gott Nein spricht zu irgend einem Wunsche, der Dir sehr lieb ist, so glaube nur, daß er noch tausendmal lieber Ja gesagt hätte, dafern es Dir irgend hätte taugen wollen. Und es kann auch wohl gar seyn, das er Dir Dein Geschenk nur blos aufhebt, um es Dir ein andermal zu geben, wenn es Dir noch viel, viel mehr Freude macht. Aber fußen mußt Du Dich darauf nicht etwa im Voraus; sonst thust Du eine Sünde, und es wird auch dann ganz gewiß nichts draus.“

Sehr hell und getröstet ging er zur Ruhe, und begann mit dem nächsten Morgen ein recht wirksames, frisches Leben. Schon früher pflegte er den Angelegenheiten seiner Unterthanen und seinen eignen mit ehrbarer Thätigkeit vorzustehn, aber es war ihm dabei zu Muth, wie etwa einem vertriebnen Heldenfürsten, der in Verkleidung und Unerkanntheit Schafe hütet. Die Träume künftiger großer Thaten und Tage redeten und weheten dazwischen, und mühsam verhaltne Seufzer der Ungeduld und Sehnsucht schwellten ihm den stolzen Busen. Jetzt fand er sich schon besser darin. Er hielt sich so ruhig im Innern, als es irgend anging, und wenn gar nichts mehr helfen wollte, half doch wohl jenes alte einfältige Buch. Dann mußte er oft lachen in Erinnerung des ehemaligen Hochmuthes, womit er vordem einen solchen unscheinbaren Helfer über die Seite geworfen haben würde.

Er hatte auf diese Weise schon einige Wochen verlebt, und die Stürme begannen wilder und schneidender durch die fast laublose Waldung zu heulen; da saß er eines Abends, von einem thätigen, mühevollen Tage anmuthig erschöpft, an der Flamme des hellen Kamines. Mit stiller, unbesiegbarer Gewalt stieg Emiliens Bild in seiner Seele auf. – „Wäre nun sie Deine Hausfrau geworden, dachte er, und säße in frommer Lieblichkeit an Deiner Seiten, und kredenzte Dir den Wein, oder rührte die Zither und sänge anmuthig dazu, so anmuthig wie letzthin im Gemäuer der Abtei –“

Die getrennten Strophen ihres Liedes umtönten ihn. Unwillkürlich nahm er seine längst schon ungebrauchte Laute von der Wand, stimmte, und phantasirte dann nach Emiliens Klängen umher. Da fügte sich ihm nach und nach auf eine seltsame Weise das Ganze wieder zusammen. Er wußte nun bestimmt, es war das Lied, das Erwin einst bei nächtlicher Weile dem argen Using vorsang in Paris, und das bisher in Alethes geschlafen zu haben schien, um jetzt in tiefer Wehmuth zu erwachen. Auch jedes Wortes, das damals von den Zweien gesprochen ward, erinnerte er sich wieder, und voll verwundender Süßigkeit ging es aus Allem hervor: seit dem ersten Erblicken auf dem Weiher hatte ihn Emiliens ganze Seele geliebt in holder Reinheit und schmerzlicher Entsagung. Mit fast überströmenden Thränen sang er zu der Laute:

„Sollt‘ ich doch Dich missen,
Ach, warum Dich schau’n?
Ach, warum zerrissen
Mir mein Dämm’rungsgrau’n?
Leis‘ und träumend lebt‘ ich
In der Still‘ Umfang,
Manchmal nur erbebt‘ ich,
Wenn Dein Name klang.

Doch auf Wassers Spiegel,
Tief in stiller Nacht,
Brach der Ferne Riegel
Vor geheimer Macht.
Wiegend schwamm auf Wogen
Mir Dein Bild heran,
Abwärts bald gezogen,
Königlicher Schwan!

Weh, gingst mir verloren,
Bliebst mein eigen nicht,
Hast Dir Gluth erkoren
Für das stille Licht!
Und mein Sinn, zerrissen,
Kann sich selbst nicht trau’n.
Sollt‘ ich doch Dich missen,
Ach, warum Dich schau’n!“

Die Thüre ging rasch auf, und herein trat, beinahe othemlos, der bei Emilien gebliebne Diener, ein gesiegeltes Blatt in der Hand. Fast eben so othemlos riß es der Graf zu sich, und las folgende Worte:

„Der Freiherr von Thurn weint nach seinem Organtin. Vergeblich ist mein Bemühen gewesen, all diese Zeit über, ihm seinen Traum auszureden. Wenn er sich auch für Augenblicke zur Ruhe gab, wachte ihm doch das heiße, schmerzliche Sehnen immer zerreißender wieder auf. Jetzt grade weint er so recht herzinnig. Mir ist, als könne ihm sein edles, krankes Herz darüber brechen. Eilt denn, Graf Alethes, eilt! Es kann und soll ja nun einmal nicht anders seyn.“

„Emilie.“

Und eilig rief Alethes nach seinem Rosse, und ungesäumt sprengte er in die sturmestosende Nacht hinaus.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020

Bliebst mein eigen nicht: Regine aus Fürth: Haidnische Alterthümer, unbenutzt, 30 €, Versand ausschließlich gegen Kostenübernahme. Die Bücher wurden lediglich zum Fotografieren heraus genommen,
Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020.

Soundtrack: Paul Hörbiger/Heinz Rühmann/Hans Holt: Wozu ist die Straße da?,
aus: Lumpacivagabundus, 1936:

Written by Wolf

15. Januar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet

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Update zu Der Goethe wor fei aa do (It’s a nice-a place):

„Zu Goethes Denkmal, was zahlst du jetzt?“
Fragt dieser, jener und der. –
Hätt ich mir nicht selbst ein Denkmal gesetzt,
Das Denkmal, wo käm es denn her?

Goethe: Zahme Xenien, VII. Buch, vorwiegend nach 1824 bis 1832.

Fassen wir als erstes zusammen, was wir nicht gefunden haben:

  1. ein Goethe-Denkmal mit folgenden Eigenschaften:
    1. in Wien,
    2. am Ring,
    3. am Ende des Volksgartens,
    4. als „alter Goethe“,
    5. sitzend,
    6. in einer Nische,
    7. aus Stein
    8. mit Kragen und Krawatte
  2. und eine Antwort in der zuständigen Facebook-Gruppe auf die Frage, ob dergleichen in Schrift und Bild nachweisbar sei.

Goethedenkmal WienVon ähnlicher Beschaffenheit ist das durchaus bekannte Wiener Goethedenkmal von Edmund von Hellmer 1900 Ecke Opernring und Goethegasse im „Aanser“ — was bedeutet: 1. Bezirk Innere Stadt — das zumindest den „alten Goethe“ am Ring unweit des Volksgartens zeigt — nur eben nicht in einer Nische und wenngleich auf einem Sockel aus Granit mit so hohem Urangehalt, dass er radioaktiv strahlt (und falsch geschriebener römischer Jahreszahl „MDCCCC“ auf der rückwärtigen Gedenktafel), schon gar nicht in Stein gehauen, sondern aus Bronze gegossen.

Egal wie Joseph Roth ihn beschrieben hat, was offensichtlich aus dem Anlass von Goethes 100. Todestages geschah: Es nähme doch sehr wunder, wenn in derartiger Nähe zu einem Denkmal, das keineswegs in eine Nische verräumt Moose und Flechten ansetzt, vielmehr freistehend, erst langfristig auf eine nachwachsende Begrünung durch drei Bäume angelegt und daher recht prominent das Stadtbild an einem wichtigen Straßenabschnitt mitbestimmt, und in Grußweite auf einer Sichtachse mit dem 24 Jahre zuvor errichteten, damit in freundschaftliche Beziehung gesetzten Schillerdenkmal gleich noch einmal derselbe Künstler geehrt würde, der in derselben Stadt dem ältesten, zugleich bis heute bestehenden Verein zum Gegenstand dient, aber doch kein Sohn der Stadt, ja nicht einmal des Landes ist, und auch sonst nirgends aufgeführt wird.

Immerhin sagt uns das Enthüllungsdatum 1900, dass Joseph Roth das Denkmal 1932 kennen konnte. Einigen wir uns darauf: Im Detail irrt Joseph Roth, aber insgesamt spricht er wahr.

Goethedenkmal Wien

——— Joseph Roth:

Das Denkmal (II)

in: Frankfurter Zeitung, 21. März 1932:

Das Goethe-Denkmal, von dem hier die Rede sein soll, steht am Wiener „Ring“, in einer halbrunden Nische, am Rande des „Volksgartens“. Der steinerne Goethe sitzt in einem steinernen Sessel. Goethe hat einen steinernen Rock an, einen steinernen Kragen und eine Art steinernes Plastron. Es ist der „alte Goethe“. Und Kenner der Denkmalskunst haben mir gesagt, das Denkmal sei „nicht gut“.

Goethedenkmal WienDamals war ich jung. Und die Wichtigkeit, die ich mir infolgedessen verlieh, vermochte ich in einer harmlosen, fast unschuldigen Weise mit der Pietät zu verbinden, die ich für Goethe empfand. Und wie ich als Knabe durch ein militärisches Salutieren vorbeikommende Offiziere zu grüßen versucht hatte, so etwa zog ich den Hut vor dem Denkmal Goethes, sooft ich daran vorbeikam. Und indem ich also dem Genie der Nation die lächerliche Reverenz eines Dummkopfs erwies, setzte ich mich gewissermaßen in eine private Beziehung zu Goethe. Und während ich die Frechheit, eine derartige Beziehung herzustellen, betrieb, bildete ich mir ein, mein Gruß sei der Ausdruck untertänigsten Respekts. Heute weiß ich, daß ich das Goethe-Denkmal lediglich aus Eitelkeit gegrüßt habe. Dennoch verzeihe ich mir diese Eitelkeit mit reinem Gewissen. Denn sie war, ohne Zweifel, sozusagen die leibliche Schwester meines Respekts. Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet.

Ich war etwa vierzehn Jahre alt, als ich das Goethe-Denkmal zu grüßen begann. Manchmal blieb ich, töricht und wichtig, vor dem Denkmal stehen, und die steinernen Züge des Unsterblichen schienen mir der wohlgelungene Ausdruck seiner Unsterblichkeit zu sein. Und mir war zuweilen, als wäre Goethe schon immer, und zu Lebzeiten, aus Stein gewesen. In dem großen Oval gewölbter Augen ruhte der steinerne Blick der steinernen Ewigkeit, die nichts anderes als sich selbst betrachtet. In den Zügen des Angesichts, in den Falten um Nase und Mund besonders, schlief der Atem der „olympischen“ Ruhe, von der die Lehrer sprachen, die Schulbücher, die Literaturgeschichte. Zuweilen fühlte ich mich durch die vorwitzige Amsel beleidigt, die sich auf Goethes Schädel gesetzt hatte und flötend ihre Notdurft verrichtete. Ich hätte sie zum Beispiel auf das Haupt Eichendorffs verwiesen, weil ich damals noch nicht wußte, daß der melodiöse Pfiff der Amsel nichts anderes im Erzeugnis der Natur war als das „olympische Genie“ und die Gedichte Eichendorffs. Ja, damals war ich jung! Damals anerkannte ich gehorsam die Rangunterschiede, die ein „Genie“ von einem „Talente“ trennten, und die göttliche Würde, die Goethe auszeichnete, schien mir verletzt, wenn sich eine vulgäre Kreatur auf seinen erhabenen Schädel setzte. Nicht nur dieses Denkmal war steinern! Auch der lebendige Goethe war es gewesen! Und indem ich ihn grüßte, glaubte ich die Respektlosigkeit der Amsel gewissermaßen ungültig zu machen, und ich ahnte nicht, daß es dem Geschmack des Unsterblichen eher entsprochen hätte, von einer Amsel ausgepfiffen als von mir gegrüßt zu werden …

Goethedenkmal WienUnd so blieb es: Der untertänige Hochmut, mit dem ich Goethe zu ehren glaubte, hielt mich lange in der Befangenheit eines kindischen Urteils, demzufolge „das Genie“ steinern gewesen war wie sein Denkmal. Allmählich aber – und besonders deutlich wurde es mir eines Tages, als ich aus dem Feld in Urlaub kam – erwärmte und verlebendigte sich der Stein, in dem Goethe gefangen war. Ich trug eine Uniform. Und als ich, einem gewissen Mechanismus des Gemüts gehorchend, die Hand zum gewohnten Gruß ansetzte, wirkte ihm jener andere, soldatische entgegen, der mir gebot zu salutieren. Und ich erkannte plötzlich, daß ich bis nun Goethe gegrüßt, wie ich vor viel längerer Zeit Offizieren immer salutiert hatte. Und auf einmal schien es mir auch, daß Goethe lächelte. Ja, sein Denkmal, das „nicht gut“ war, lächelte. In seinen ovalen und konkav gewölbten, steinernen Augen erwachte jener menschliche Blick, der nur den Göttern eigen ist: ein wissender und witziger Blick, und wäre in mir die Vorstellung vom „Olympier“ nicht noch so lebendig gewesen, so hätte ich gewagt zu denken: ein schelmischer. Aber es gab damals in meiner Begriffswelt noch keine schelmischen Olympier. Und ich bemerkte nur, daß Goethe lächelte …

Seit jener Stunde – es war ein heiterer Sommerabend, und die Amseln pfiffen – hörte Goethe auf, ein steinernes Genie zu sein, und ich habe ihn nie mehr gegrüßt. Vielleicht verändert sich auch an den Denkmälern noch der physiognomische Ausdruck. Vielleicht verändern sich in der Tat die steinernen Gesichter, für jeden von uns! Und ich könnte glauben, daß jenes erhabene Antlitz, das unbewegt jahrelang, beinahe jeden Tag, meinen kindischen Gruß vorüberwehen ließ, eines Tages wahrhaftig zu lächeln begann, weil ich reif genug geworden war, zu Göttern zu beten und dennoch die Menschen zu ehren. Ich bin kein Stein! sagte das Genie. Ich begann zu begreifen, daß es ein Mensch war.

Goethedenkmal Wien

Bilder: Jutta Assel/Georg Jäger: Goethe-Denkmäler. Eine Dokumentation.
Edmund von Hellmer: Wiener Goethe-Denkmal
, Oktober 2009;
Wikimedia Commons.

Soundtrack: Peter Alexander: Das hat ka Goethe g’schrieben,
aus: Peter Alexander serviert Spezialitäten aus Böhmen, Ungarn, Österreich, 1967:

Written by Wolf

8. Januar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Nachtstück 0027: Uns lieben Brüdern Wohlgefallen und ein recht gutes Jahr!

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Upate zu Naseweise Weihnachten und
Nachtstück 0025: Die Thurmuhr brummte Zwölf:

Anfang Januar bis Ende Februar 1777 redigierte Matthias Claudius das amtliche Organ der Landkommission Hessen-Darmstädtische privilegierte Landzeitung, das er, wie aus den ursprünglich darin erschienenen Görgeliana erkennbar, ähnlich führte wie zuvor 1770 bis 1775 seine vierte, feuilletonartig letzte Seite im Wandsbecker Boten. In alle Sammlungen des Boten und die Werkausgaben von Matthias Claudius wurde immer nur die folgende Auswahl aufgenommen.

„Görgel“ ist verbreitet mundartlich für „Georg“ oder „Jürgen“.
Das Bildmaterial ist unabhängig von Matthias Claudius.

Gedeihliches neues Jahr für alle!

——— Matthias Claudius:

Görgeliana

in: ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Dritter Theil, Wandsbeck, beym Verfasser, 1777, korrigiert nach der mit „1774“ bezeichneten Erstausgabe:

Vorbericht.

Diese Görgeliana schreiben sich von Görgeln her, und Görgel ist eigentlich ein alter lahmer Invalide, der sich in seinen alten Tagen noch auf die Feder applicirte, und würklich der Verfasser einer gewissen Druckschrift ward, die als disjecti membra poëtae ins Publikum herausgieng. Ich war mit ihm bekannt worden, und wie’s unter den Gelehrten ist, daß sie einander aushelfen, so half ich ihm, wenn er keine Zeit, oder Reissen im Bein hatte, nach meiner Wenigkeit auch aus, wie zum Theil folget, nicht ohne seine Erlaubnis.

Weiter wüßte ich nichts vorzuberichten, etwa noch daß die Tanne ein Wald von Tannen ist, etliche Stunden groß, darin sich’s im Jahr 1776 und 1777 recht gut spatziren ließ.

~~~\~~~~~~~/~~~

No. 1. Des alten lahmen Invaliden, Görgel, sein Neujahrswunsch.

Christoph Weiss, deutscher Comödie- und Raritäten-Zetteltrager, Kupferstich 1771, Goethezeitportal 2013Sie haben mich dazu beschieden,
     So bring‘ ichs denn auch dar:
Im Namen aller Invaliden
     Wünsch ich ein fröhlich Jahr

Zuerst dem lieben Bauernstande;
     Ich bin von Bauern her,
Und weiß, wie nöthig auf dem Lande
     Ein fröhlich Neujahr wär.

Gehn viele da gebückt, und welken
     In Elend und in Müh,
Und andre zerren dran und melken,
     Wie an dem lieben Vieh.

Und ist doch nicht zu defendiren,
     Und gar ein böser Brauch;
Die Bauern gehn ja nicht auf Vieren,
     Es sind doch Menschen auch;

Und sind zum Theil recht gute Seelen.
     Wenn nun ein solches Blut
Zu Gott seufzt, daß sie ihn so quälen;
     Das ist fürwahr nicht gut.

Ein fröhlich, fröhlich Jahr den Fürsten,
     Die nach Gerechtigkeit,
Nach Menschlichkeit und Wohlthun dürsten;
     Der Fürsten Ehrenkleid!

Sie sind in diesem Ehrenkleide
     Wie Gottes Engel schön!
Und haben selbst die meiste Freude;
     Sonst muß ichs nicht verstehn.

Ein fröhlich Jahr und Wohlbehagen
     Dem Fürsten unserm Herrn!
Der auch in unsern alten Tagen
     Nicht lässet, der noch gern

An alte Invaliden denket
     Auf seinem Fürstenthron,
Und uns des Lebens Pflege schenket!
     Dank ihm und Gotteslohn!

Und seinen Unterthanen allen,
     Wir sind ja Brüder gar,
Uns lieben Brüdern Wohlgefallen
     Und ein recht gutes Jahr!

„Und allen edeln Menschen Friede
     „Und Freud‘ auf ihrer Bahn!
„Ich segne sie in meinem Liede,
     „So viel ich segnen kann;

„Und fühl in diesem Augenblicke
     „Den lahmen Schenkel nicht,
„Und steh‘ und schwinge meine Krücke,
     „Und glühe im Gesicht.“

~~~\~~~~~~~/~~~

No. 4. Billet doux, von Görgel an seinen Herrn, den 10. Jan.

Es schneit noch immer, mein lieber Herr, als obs gar nicht wieder aufhören wolle.

Joseph Bergler, Neujahrswünsche für 1807, Goethezeitportal 2013Was doch für eine Menge Schnee in der Welt ist! hier so viel Schnee! und in der Pfalz so viel! und in Amerika! und in der Tanne! – ich pflege denn so meinen Gang nach der Tanne zu haben, weiß er wohl. Der grosse Wald ist von Natur mein Lustrevier, und die Tanne liegt mir so bequem, grade am Thor, und führt eine schöne lange Lindenallee dahin; denn sind auch immer so viele arme Leute darin, alt und jung, die Holz sammlen, und auf dem Kopf zu Hause tragen; und das seh ich so mit an, und gehe meinen Gang hin. Seit der viele Schnee gefallen ist, fehlt mir aber meine Gesellschaft; die armen Leute können nicht zu, und ich kann denken, daß sie sowohl hier, als überall wo so viel Schnee liegt, bey der Kälte übel daran sind. Mein Herr hat Gottlob einen warmen Rock und eine warme Stube, da merkt er’s nicht so; aber wenn [man nichts in und um den Leib hat und] denn kein Holz im Ofen ist, da friert’s einen gewaltig.

Am Nordpol, hinter Frankfurt, soll Sommer und Winter hoch Schnee liegen, sagen die Gelehrten, und in den Hundstagen treiben da Eisschollen in der See, die so groß sind als die ganze Herrschaft Epstein, und thauen ewig nicht auf! und doch hat der liebe Gott allerley Thiere da, und weiße Bären, die auf den Eisschollen herum gehen und guter Dinge sind, und große Wallfische spielen in dem kalten Wasser und sind frölich. Ja, und auf der andern Seite unter der Linie, über Heidelberg hinaus, brennt die Sonne das ganze Jahr hindurch, daß man sich die Fußsohlen am Boden sengt. Und hier bei uns ists bald Sommer und bald Winter. Nicht wahr, mein lieber Herr, das ist doch recht wunderbar! und der Mensch muß es sich heiß oder kalt um die Ohren wehen lassen, und kann nichts davon noch dazu thun, er sei Fürst oder Knecht, Bauer oder Edelmann. Wenn ich das so bedenke, so fällt’s mir immer ein, daß wir Menschen doch eigentlich nicht viel können, und daß wir nicht stolz und störrisch, sondern lieber hübsch bescheiden und demüthig sein sollten. Sieht auch besser aus, und man kommt weiter damit.

Nun Gott befohlen, eliber Herr, und wenn er n Stück Holz übrig hat, geb‘ ers hin, und denk‘ er, daß die armen Leute keine weiße Bären noch Wallfische sind.

Sein Diener Görgel

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No. 15. Schreiben von Görgel an seinen Herrn, d. d. 1777.

Ich komme morgen nicht zu Hause. „Warum nicht Görgel?“ Darum nicht, mein lieber Herr! ich komme nicht und kann nicht kommen.

Johann Adam Klein, Zum neuen Jahr 1820, Milano 1819, Goethezeitportal 2013’s wird ihm bekannt seyn, daß unser lieber Erbprinz sich morgen vermählt, und daß alle Leute im Lande, Vornehme und Geringe, so was machen und thun wollen, so ’n Carmina, oder Illumination, oder Musick, Tanz und dergleichen, ein jeder nach seiner Art, und wie ihm der Schnabel gewachsen ist, alles aber, damit der Erbprinz sehen soll, wie lieb sie ihn und seine Braut haben. Und da wollen wir alten Invaliden auch was thun, sieht er, mein lieber Herr! und da wollen unser etliche zusammen kommen in unsern Sonntagsröcken und mit weissen Vorermeln, und denn will ich vor ihnen hintreten und eine Rede halten.

Er kann leicht denken, was das für eine Rede werden, und daß es nicht gehauen und nicht gestochen seyn wird. Aber ’n jeder macht’s, so gut er kann, und kurz, ich werde ohngefähr so sagen: „Cam’raden, wir haben alle graue Haare und sollen bald sterben; hofieren und schmeicheln steht uns nicht an. Aller Welt Lust und Herrlichkeit ist eitel und vergänglich, und am Ende besteht nichts, als wenn man Gott fürchtet und recht thut! Cam’raden, auch die besten Fürsten sind Menschen, und darum muß man bey aller Gelegenheit für sie beten. Glückzu denn heute unserm geliebten Erbprinzen und seiner Braut! wenn sie der Pfarrer einseegnet und sie einander die Hände geben, so seegne sie Gott ein, und die Sonne scheine milde und freundlich vom Himmel herab! – Und wenn er einst, wir erlebens nicht, wir liegen dann alle schon im Grabe, aber wenn er einst die Regierung seines Landes übernimmt, so erfülle Gott unsre Hoffnung, und gebe, daß er ein guter Regent werde, damit er im Himmel zu uns komme.“

Wenn ich das sage, „daß er ein guter Regent werde etc.“, dann sollen alle Cam’raden die Hüte und Kappen abthun, und denn wollen wir ’n „Vater Unser“ beten, und hernach uns hinsetzen, und unsers gnädigen Herrn Landesfürsten, des Erbprinzen, der Erbprinzessin und aller F. Herrschaften, und des Herrn Präsidenten seine Gesundheit trinken, in 66iger wenn uns der Wirthsmann nicht betriegt. Addies lieber Herr, schreib er mir doch ’nmal, er hat mir so lange nicht geschrieben, und schenk‘ er mir einen krummen Kamm in meine Haare.

Sein Diener etc.
Görgel

~~~\~~~~~~~/~~~

No. 19. Beschluß-Nachricht von Görgel an seinen Herrn,
d. d. Gr. den 27sten Februar 1777.

Das Himmelszeichen ist auch hier zu sehen gewesen; ’s gieng grade über unser Invalidenhaus! und hat ausgesehn wie eine Ruthe! Es wird aber doch mit Gottes Hülfe nichts Böses bedeuten. Denn es war so schön weiß und helle, und man konnte die lieben Sternlein durchsehen.

Ende der GÖRGELIANA

Bilder: Christoph Weiss, deutscher Comödie- und Raritäten-Zetteltrager, Kupferstich 1771;
Joseph Bergler: Neujahrswünsche für 1807, 26 auf 21,5 cm;
Johann Adam Klein: Zum neuen Jahr 1820, Milano 1819, Platte 9,3 auf 7,5 cm;
via Jutta Assel/Georg Jäger: Neujahrswünsche auf Grafiken von Künstlern der Goethezeit, Neujahr 2013.

Soundtrack als zweiter Versuch für einen neuen Anfang:
Anti Cornettos: Korsakov Syndrom, aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Written by Wolf

1. Januar 2021 at 00:01

: »– : king !« –

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Update zu Cit. Schmidt, A.: Faust IV, 1960 und
Helmstedt-Marienborn (Mitternacht) — Arizona (noon).:

„Nennt mich Ismael.“ / „Ilsebill salzte nach.“ / „Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.“ — : Ich werde nicht enden, darüber zu trauern, dass Arno Schmidt ZETTEL’S TRAUM nicht mit einer catchy phrase, nein: mit einem zitierbaren Satz angefangen hat.

Sogar er selber hat das zuvor schon besser gemacht: „Nichts Niemand Nirgends Nie ! : Nichts Niemand Nirgends Nie ! : (die Dreschmaschine rüttelte schtändig dazwischen, wir konnten sagen & denken was wir wollten. Also lieber bloß zukukken.)“ Und in seinem erklärten magnum opus verschenkt er dann sehenden Auges und ach so wissenden Geistes die Chance, sein Monument im populär-kollektiven Gedächtnis zu errichten. Bei dem Anspruch, den er damit stellt, nämlich keinen geringeren — eher einen noch höheren — als sein altes Forschungsobjekt James Joyce mit Finnegans Wake, hätte es eine Entsprechung zu

A way a lone a last a loved a long the riverrun, past Eve and Adam’s, from swerve of shore to bend of bay, brings us by a commodius vicus of recirculation back to Howth Castle and Environs.

sein müssen: ein Satz, der nicht gleich so eingängig zum volkstümlichen Zitieren taugt, aber am Ende des Buches mittendrin aufhört und am Anfang weitergeht. Das wäre Futter für Interpretation, eine passende Hommage und ein motivierender Anlass für ein erstes Grinsen gewesen. Auf mich hört er ja nicht, der Prophet aus der Heide. So, wie es ist, konnte Dieter E. Zimmer nur anmerken:

»Groß« ist das Buch auf jeden Fall. Es könnte schon sein, daß in Zettel’s Traum das literarische Meisterwerk des Jahrhunderts steckt; es könnte sein, daß es sich um eine Art Streichholzeiffelturm in Originalgröße handelt, von einem Hobby-Berserker um den Preis seines Lebens erstellt. Vielleicht ist es auch beides.

Wo das steht? Laut Silvae, der in ähnlich enzyklopädischer Gelehrtheit „alles“ weiß wie Bonaventura, war es in der Zeit, kurz nach Erscheinen von Zettel’s Traum 1970. Hinterbracht wird es an exponierterer Stelle vom selben Bonaventura, der seit langem ganz zurecht nebenan in der Linkrolle steht, und der auch die Fliegenden Goethe-Blätter und den Prometheusfelsen betreibt. Nicht zuletzt hat er einst Zettel’s Traum lesen. Ein lektürebegleitendes Blog angefangen und leider nach wenigen Wochen liegen gelassen.

Was aus diesen Wochen Ende 2010 übrig bleibt und voraussichtlich nicht mehr viel anderes tun als im Mondlicht schimmern, folgt unten quasi als Sicherungskopie, weil es wichtig und sichernswert ist. Auch wenndie Forschung seitdem nicht stillstand: Fast auf den Tag zehn Jahre nach Bonaventuras Enträtselung der ersten Seite ist seit 26. Oktober 2020 das von Bernd Rauschenbach und Susanne Fischer herausgegeben Arno Schmidts Zettel’s Traum. Ein Lesebuch verlagsfrisch für 25 Euro erhältlich.

Das Motto

10. November 2010:

Das Motto zu ZT stammt bekanntlich aus dem Midsummer Night’s Dream von William Shakespeare. Es findet sich am Ende der ersten Szene des vierten Aufzugs und ist dem erwachenden Weber Bottom – bzw. bei Schlegel: Zettel – zugeschrieben. Schmidt bricht den Monolog vor dem Ende ab; ich setze das Zitat einmal ganz hierher und in der Fassung der Erstausgabe der Schlegelschen Übersetzung von 1797, da deren Orthographie der Schmidts nahe steht:

Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt. Ich hatte ’nen Traum – ’s geht über Menschenwitz zu sagen, was es für ein Traum war. Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen läßt, diesen Traum auszulegen. Mir war, als wär’ ich – kein Menschenkind kann sagen, was. Mir war, als wär’ ich, und mir war, als hätt’ ich – aber der Mensch ist nur ein lumpiger Hanswurst, wenn er sich unterfängt, zu sagen, was mir war, als hätt’ ich’s. Des Menschen Auge hat’s nicht gehört, des Menschen Ohr hat’s nicht gesehen; des Menschen Hand kann’s nicht schmecken, seine Zunge kann’s nicht begreifen, und sein Herz nicht wiedersagen, was mein Traum war. – Ich will den Peter Squenz dazu kriegen, mir von diesem Traum eine Ballade zu schreiben; sie soll Zettel’s Traum heißen, weil sie so seltsam angezettelt ist, und ich will sie gegen das Ende des Stücks vor dem Herzoge singen. Vielleicht, um sie noch anmuthiger zu machen, werde ich sie nach dem Tode singen.

Es ließe sich natürlich trefflich spekulieren, weswegen er die ausdrückliche Erwähnung des Titels Zettel’s Traum fortgelassen hat; noch trefflicher darüber, warum er das Singen der Ballade nach dem Tode weggelassen hat. Aber dazu ist es sicherlich noch zu früh.

Johann Heinrich Füssli, Titania liebkost den eselköpfigen BottomWichtiger ist, dass das Motto den Leser einstimmen soll: Im Midsummer Night’s Dream ist Bottom/Zettel ein ziemlich von sich selbst eingenommener Mensch, der Opfer einer Intrige der Geisterwelt wird. Ihm wird ein Eselskopf angezaubert (das äußerst rare Gesicht, das er gehabt hat) und die Elfenkönigin Titania wird verliebt in ihn gemacht, was seinem Selbstbild durchaus entgegenkommt. Nach seiner Rückverwandlung hält er das Geschehen für eben jenen Traum, den er für unausdeutbar hält und den er aufschreiben lassen will.

Bezeichnend scheint mir, dass sich bereits das Motto als vieldeutig erweist: Einerseits ist der Traum des Webers Zettel kein wirklicher Traum, sondern die fehlgedeutete Erinnerung an den Zusammenstoß mit der Geisterwelt (und Geister werden auch in ZT auftreten), andererseits weiß der Zuschauer von Shakespeares Stück, dass dem vorgeblichen Traum eine Realität zugrunde liegt, die aber selbst wieder durch den Titel und den gesamten Charakter des Stückes als Traum gekennzeichnet ist. Zettel’s Traum ist also ein Traum in einem Traum, der aber als Bericht von einem zauberhaften Erlebnis in einem Traum erscheint. Zudem ist es der Bericht von jemandem, der nicht nur selbstgefällig und -verliebt ist, sondern sich vor kurzem noch als ein ausgemachter Esel erwiesen hat. Was also soll der Leser ASs von Zettel’s Traum erwarten?

Die erste Seite (1)

16. November 2010:

Es war, wenn ich mich recht erinnere, Jörg Drews, der die erste Seite von ZT (ZT 11, TS 4) eine »mittelschwere Seite« genannt hat. Wir erkennen außerdem aus dem TS, dass AS diese Seite neu geschrieben hat, nachdem zumindest ein bedeutender Teil des Buches bereits geschrieben war, da die erste Seite mit jener Schreibmachine geschrieben worden ist, die erst ab Seite 575 des TS’ zum Einsatz gekommen ist. (Natürlich ebnet die gesetzte Ausgabe diese Differenz ein.)

Nun ist ZT ohnehin kein einfaches Buch, und es ergibt sich die Frage, was einen Schriftsteller dazu veranlasst, ein solches Buch dann auch noch mit einer mittelschweren Seite beginnen zu lassen, die dem naiven Leser, der nicht wie auch immer auf das Buch vorbereitet wurde, doch einen nicht unerheblichen Widerstand entgegensetzt.

Dazu ist zuerst einmal festzustellen, dass AS überhaupt eine Neigung dazu hatte, seine Bücher eher kryptisch beginnen zu lassen:

Auf die Sterne soll man nicht mit Fingern zeigen; in den Schnee nicht schreiben; beim Donner die Erde berühren: also spitzte ich eine Hand nach oben, splitterte mit umsponnenem Finger das ‹K› in den Silberschorf neben mir, (Gewitter fand grade keins statt, sonst hätt ich schon was gefunden!) (In der Aktentasche knistert das Butterbrotpapier).

Der kahle Mongolenschädel des Mondes schob sich mir näher. (Diskussionen haben lediglich diesen Wert: daß einem gute Gedanken hinterher einfallen).

»Aus dem Leben eines Fauns«

Oder:

In unserem Wassertropfen: Ein metallisch blauer Kegel kam mir entgegen; im Visierei 2 stumpfe Augenkerne.

Dann ein strohgelber: unter der trüben Plasmahaut schied man breite Zellen, Fangarme hingen; oben hatte es einen Wimpernkopf abgeschnürt, Romanoffskyfarbton; und zog naß tickend an mir vorbei. Volkswagen rädertierten. Nah hinten auf dem Platz trieb auch die Schirmqualle. (Genug nu!).

So hantierten wir im Stickstoff mit anaëroben Gebärden (eben machte Einer aus Armen ein schönes langes Beteuerungszeichen), wir, am Grunde unseres Luftteiches, und die Bäume schwankten wasserpflanzen. Mein linker Schuh betrachtete mich kühl aus seinen Lochreihen.

»Das steinerne Herz«

Beide Beispiele – gleichgültig, ob man auch sie mittelschwer findet oder nicht – machen deutlich, dass AS seinen Lesern zumutet, beim Lesen seiner Texte anfangs eine gewisse Orientierungslosigkeit ertragen zu müssen. Das ist sicherlich der Ausdruck eines elitären Kunstverständnisses, das AS mehrfach zum Ausdruck gebracht hat:

Kunst dem Volke?!: den Slogan lasse man Nazis und Kommunisten: umgekehrt ists: das Volk (Jeder!) hat sich gefälligst zur Kunst hin zu bemühen! – [BA I/1, 137]

Man kann nun in diesem Sinne die erste Seite mit dem »Distel=Drittel, field of horror« (ZT 12) des Schauerfelds identifizieren, als eine »gegen Camper !« (ebd.), also unbefugte Benutzer, gerichtete Maßnahme des Autors, der zu verhindern sucht, dass die falschen Leser den Zaun übersteigen, den er zu Anfang des Buches errichtet hat.

Tun wir es dennoch und schauen wir uns im Folgenden das Gestrüpp der ersten Seite etwas genauer an.

Die erste Seite (2)

16. November 2010:

Der hier versuchte Einzelstellenkommentar zur ersten Seite erhebt – genau wie der Rest der Texte hier – keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder Verbindlichkeit. Zum Wesen der Lektüre von ZT (wie auch der meisten anderen Bücher) gehört es, dass sie wesentlich vom Wissen und den Assoziationen des Leser geprägt ist. Dieser Versuch darf und soll also gerne in den Kommentaren ergänzt werden.

ZT beginnt in der mittleren Kolumne mit zwei Reihen von Xen, die den Stacheldrahtzaun zu Anfang des Schauerfelds darstellen. In der Mitte wird der Zaun auseinandergehalten, um – wie wir kurz darauf erschließen können – Wilma (W) das Durchschlüpfen zu ermöglichen.

AS hält seiner Frau den Stacheldraht auseinander.

Das erste Wort des Buches spricht Paul (P):

: »– : king !« –

Dazu findet sich am rechten Rand eine Assoziation Daniel Pagenstechers (DP):

(? : NOAH POKE ? (oder fu=))

Das Fragezeichen signalisiert, dass sich DP fragt, ob das »King!« Ps ein Zitat aus James Fenimore Coopers Roman »The Monikins« sei, in dem Kapitän Noah Poke seinem Erstaunen des öfteren mit diesem Ausruf Ausdruck verleiht, oder ob es sich um ein verkürztes »fucking!« handelt. Bei »The Monikins« handelt es sich um eine der anregenden Quellen für Edgar Allan Poes »Arthur Gordon Pym«. Darüber hinaus ist vielleicht erwähnenswert, dass king im Chinesischen Buch bedeutet; ASs chinesische Motive kommen allerdings erst in »Die Schule der Atheisten« so recht zum Tragen.

Am linken Rand steht dem gegenüber:

: ›Anna Muh=Muh !‹ –

Hierbei handelt es sich um eine eingedeutschte Schreibung eines der Wörter aus der Sprache von Tsalal, das sich gleich darunter auch in der Schreibung des Originals wiederfindet: »: ›Ana Moo=moo !‹« Tsalal ist die Insel, die in Poes »Arthur Gordon Pym« in der Nähe des Südpols entdeckt wird. Zugleich ist »Muh=Muh« natürlich auch eine onomatopoetische Wiedergabe des »Gestiers von JungStieren«, wie es gleich darauf in der mittleren Kolumne heißt.

Nach diesem Auftakt beginnt der erzählende Text:

Nebel schelmenzünftig.

ist ein Spiel mit dem Titel von Thomas Murners »Der schelmen zunfft«, dessen lateinische Übersetzung »Nebulo nebulonum«, also »Der Schelm der Schelme« lautet. Dies ist also nicht nur eine wortspielerische Beschreibung der Wetterlage, sondern auch eine Wiederaufnahme der bereits im Motto enthaltenen Warnung, alles folgende nicht zu ernst zu nehmen.

1 erster Dianenschlag; (LerchenPrikkel).

Dazu gibt der Pierer (Pierer’s Universal-Lexikon, 4. Auflage, 1857–1865):

Diana, […] 2) (Seew.), Tagwache von 4 Uhr bis 8 Uhr Morgens. Daher Dianaschuß, der Morgenschuß vom Admiralschiff; Dianaschlagen, Trommeln u. Pfeifen, welches die Schiffsmannschaft zur Morgenwache ruft. (Bd. 5, S. 108)

Statt der Trommeln muss auf dem Schauerfeld eine Lerche den Beginn der ersten Wache ankündigen.

Gestier von JungStieren. Und Dizzyköpfigstes schüttelt den Morgen aus. /

Beschreibung des Jungviehs, das sich auf der oder den Weiden rechts und links des Schauerfelds aufhält. Was AS mit «dizzyköpfig», also soviel wie »schwindelköpfig« meint, ist mir unklar. Vielleicht schütteln sich die Kälber selbst den Kopf schwindelig? Der Schrägstrich zeigt in ZT in der Regel an, dass nun eine andere Person spricht, oder auch, dass DP seine Rolle als Erzähler mit der als Protagonist bzw. vice versa vertauscht.

Am rechten Rand dazu der biografische Gedankensplitter DPs:

(Als Kind hab’Ich ›Euter‹ essn müssn : Meine Mutter usw. – (tz, Wahnsinn; &=Brrr…)

Es folgt die erste wörtliche Rede DPs:

: »Sie diesen Galathau, Wilma. Und wie Herr Teat’on mit Auroren dahlt :

Ob sich der Tippfehler »Sie« statt »Sieh« fruchtbar machen lässt, ist mir unklar. Das Wort »Galathau« ist ein Portmanteau-Wort aus »Tau« und »Galathea«. Tau wird offensichtlich zu dieser frühen Stunde einen der wesentlichen Eindrücke beim Betreten des Schauerfelds bilden; er wird außerdem wenige Zeilen später gebraucht, um eine »(sündije) Vision« DPs auszulösen.

Das Wort »Galathea« dagegen kann zur ersten Falltüre für den interpretatorischen Zugriff werden. In der Variante Galateia – eingedeutscht: die Milchweiße (was im Zusammenhang mit Poes »Arthur Gordon Pym« relevant ist, dessen Eingeborene auf Tsalal ja die weiße Farbe fürchten); in ASs Schreibung auch: die Milchgöttin – bezeichnet das Wort zuerst einmal eine Nymphe der griechischen Mythologie. Sie ist die Geliebte des Polyphem, also eines einäugigen Riesen. Der Hirte Akis, der sich in sie verliebt hatte, wurde von Polyphem aus Eifersucht getötet, und Galateia verwandelte den Blutstrom des Erschlagenen in einen Fluss. Dies kann als Vorverweis auf die am Fuß der Seite erfolgende Messung der Strömungsgeschwindigkeit des kleinen Bachs am Anfang des Schauerfelds gelesen werden. Auch das Motiv des Totschlags wird im ersten Buch von ZT noch einmal ausdrücklich aufgenommen werden.

Galatea ist aber auch der (nachantike) Name der Statue, die Pygmalion sich erschuf und der auf seine Bitten hin von den Göttern Leben gegeben wird. Hier kommt ein Motiv ins Spiel, das später in ZT noch ausführlich dargestellt wird: Franziska Jacobis (F) Verliebtheit in DP entspringt ganz wesentlich einem früheren Aufenthalt bei DP, der sie tief beeinflusst haben muss. Würde DP also dieser Verliebtheit Fs nachgeben, so hätte auch er sich seine Geliebte in gewissem Sinne selbst geschaffen.»Pygmalion und Galatea« ist auch der geläufige Titel eines Gemäldes von Bronzino. Es zeigt nicht nur den die lebendige Galatea anbetenden Pygmalion, sondern in der Bildmitte auch ein Stieropfer, was wiederum gut zum »Gestier von JungStieren« passt.

»Galatea« ist auch der Titel einer Schäferdichtung von Cervantes, die – witzigerweise – auf eine »Diana« Jorge de Montemayors zurückgeht. Der Roman ist unvollendet geblieben und spult im Großen und Ganzen das übliche Schema einer unglücklichen Liebe zu einer unerreichbaren Frau ab. Auch dies ist ein guter Resonanzraum für das Verhältnis bzw. Unverhältnis zischen DP und F.

Nicht zuletzt ist Galathea eine der größten Gruppen der Springkrebse, also eines Lebewesen mit einem harten Äußeren und einem weichen Kern, was als erste Charakterisierung DPs nicht schlecht passen dürfte. Ich bin sicher, dass sich weitere Assoziationen und Deutungen zu »Galathea« problemlos finden lassen.

Tithon – dem bei AS übrigens das h fehlt, das seine Galathea zuviel hat – und Aurora sind ein mythologisches Liebespaar: Die Göttin der Morgenröte Eos (Aurora) verliebt sich in den jungen Tithon, den sie entführt, um ihm dann von Zeus das Geschenk des ewigen Lebens zu erbitten. Leider vergisst sie aber, ihm auch ewige Jugend zu verschaffen, so dass er altert, während sie ewig jung bleibt. Thiton endet schließlich in der Metamorphose zu einer Zikade; ebenfalls ein Tier mit Exoskelett, wie auch der oben schon genannte Springkrebs. Auch hier wird das Liebesverhältnis zwischen DP und F angespielt: DP fürchtet sich natürlich davor, wie Thiton einer jugendlichen Geliebten auf Dauer nicht genügen zu können.

Zum Wort »dahlen« gibt Adelung folgende Auskunft:

Dahlen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, aber nur in der vertraulichen Sprechart der Obersachsen üblich ist, tändeln, kindische Dinge vornehmen, sich albern bezeigen

Viel von dem, was im Verlauf des Buches zwischen DP und F vorgehen wird, hat den klaren Charakter des Spielens und ist wesentlich die Fortsetzung des Verhältnisses zwischen den beiden, als F noch ein Kind war.

: jetzt ist die Zeit, voll itzt zu seyn !«. /

Wurde als Übersetzung des Satzes »Yet’s the time for being now, now, now.« aus Joyces »Finnegans Wake« (FW 250) gedeutet. Das mag so sein; es scheint mir aber auch zu genügen, es als eine schmidtsche Variante des »Carpe diem« zu lesen.

Wird fortgesetzt.

Die erste Seite (3)

23. November 2010:

Weiter im Text:

Aber Sie, noch vom vor=4 benomm’m, shudderDe mit den (echtn!) Bakk’n) : »Dän – Ich bin doch wirklich a woman, for whom the outside world exists. Aber verwichne Nacht …«; (brach ab; und musterDe Mich, / Den Ihr gefälligst den Draht aus’nander Haltndän : – ? – /

Es wird noch einmal explizit die Uhrzeit bestätigt, die die Formulierung „1 erster Dianenschlag“ angedeutet hatte. Zum niedersächsischen Wort „schuddern“ gibt Adelung folgendes:

Anm. Schüttern, Nieders. schuddern, Engl. to shudder, ist dem Ursprunge nach eine unmittelbare Nachahmung des Lautes, der Form nach aber ein Intensivum und Iterativum von schutten, schütten, welches ehedem dafür gebraucht wurde. Sih scutita thiu Erda, die Erde erschütterte, Ottfr. Thaz wazar er yrscutita, er erschütterte das Wasser, eben derselbe. Zittern und schaudern sind nahe damit verwandt, nur daß schüttern in Ansehung beyder ein Intensivum ist;

Bei der Phrase „a woman, for whom the outside world exists“ besteht natürlich der Verdacht, dass es sich um ein Zitat handelt; wer kann es identifizieren? [Vgl. unten den Kommentar 1.] [D. i.: Kommentar von Friedhelm Rathjen, Zettel’s Traum lesen, 23. November 2010: „Die Phrase „a woman, for whom the outside world exists“ ist in der Tat ein (leicht abgewandeltes) Zitat, nämlich von Theophile Gautier, der freilich der französischen und nicht der englischen Literatur zuzurechnen ist – daß Schmidt ihn dennoch englisch ‚benutzt‘, liegt daran, daß er das Zitat im „Oxford Dictionary of Quotations“ fand, einem Nachschlagewerk, das er ab den frühen 1960er Jahren so ausgiebig benutzt, daß man von diesem Zeitpunkt nicht automatisch davon ausgehen kann, Schmidt kenne die entlegenen Texte, aus denen er zitiert. Die Quelle hat Schmidt in diesem Fall vermerkt, allerdings nicht im Text, sondern auf einem der Zettel, die er für die erste Textseite von ZT benutzt hat: „FW / ‚I am a man, for whom the outside world exists‘ / Th. Gautier (Quot.)“.“] Weswegen Wilma hier abbricht, bleibt unklar; offenbar hatte sie in der Nacht eine Erscheinung, die über einen normalen Traum hinausgeht. Anschließend finden wir hier die Grundlage für die bereits vorgenommene Interpretation der beiden Reihen von Xen zu Anfang der Seite. Die Zeichenfolge „: – ? –“ bezeichnet in der Regel einen fragenden Blick oder eine fragende Geste, kann aber auch eine ausformulierte Frage ersetzen, die sich aus der Antwort selbst ergibt. Am rechten Rand findet sich eine weitere Assoziation DPs:

(: we’cher Hals! We’che Stimme!
(Der eine voll, die andre rauh : kein
Zug mehr wie früher, aber noch gans
dasselbe Gesicht …)

Dies ist der erste Hinweis darauf, dass sich die Eheleute Jacobi und DP schon länger kennen. Die Verschreibung „gans“ zeigt zudem an, dass DP von Ws Intellekt nicht die höchste Meinung hegt.

: »Singularly wild place – «; (hatte P indessn gemurmlt. Er ragte, obm wie untn, aus seiner WanderHose; Er, lang=dünn & haarich) /

Die Beschreibung Ps lässt sich als erster Hinweis darauf lesen, dass die Figurenkonstellation in ZT mehrfach überdeterminiert ist. So können die Figuren unter anderem den Instanzen der Schmidt-Freudschen Persönlichkeitstheorie zugeordnet werden: W repräsentiert das Über-Ich, P das Ich, F das Es und schließlich DP die von Schmidt hinzugefabelte 4. Instanz. P wird zudem gleich bei seinem ersten Auftreten als personifizierter Penis vorgestellt.

In der linken Kolumne findet sich auf Höhe dieses Textes:

: MUUHH! – (immer näher ad Zaun
: immer (B)Rahma=bullijer

Die erste Zeile ist einfach die Fortsetzung des schon erläuterten „Gestiers von JungStieren“ in derselben Spalte; die zweite eine Reaktion auf den rechten Rand:

(Goloka=Goloka; The World of
Cows; (+ Galaxy). (: ›La vaca,
la cabra y la oveja nos dan su leche‹;
sagde gleich Eins auf; (aus’m
DERNEHL=LAUDAN …

Goloka, die Welt der Kühe, ist im Hinduismus der ewige Wohnort Krishnas:

Mit seinem aus Sein, Intelligenz und Wonne (saccid-ânanda) bestehenden Leibe genießt Krishna an höchster Stätte in der »Welt der Kühe« (Goloka) mit Râdhâ ewige Wonnen als Widerschein des geistigen Liebesverhältnisses zwischen Seele und Gott. [RGG, 3. Aufl., Bd. 3, 347]

Auch hier wird also wieder ein Liebesverhältnis angespielt, diesmal mit ausdrücklicher Betonung der Spannung zwischen Körper und Geist. „Galaxy“ ist die Milchstraße (altgr. γαλαξίας), eine Verstärkung der Motive Milch und weiß einige Zeilen weiter oben im Text. „La vaca, la cabra y la oveja nos dan su leche“ ist Spanisch und bedeutet: „Die Kuh, die Ziege und das Schaf geben uns ihre Milch“ (vgl. auch unten Kommentar 5); der „DERNEHL=LAUDAN“ ist das Spanisch-Lehrbuch, nach dem AS in der Schulzeit Spanisch gelernt hat. Auch dies ist ein Hinweis darauf, dass die Bekanntschaft der drei Erwachsenen bereits aus ihrer Schulzeit herrührt.

Das „(B)Rahma“ des linken Randes ist also zuerst einmal mit der hinduistischen Welt der Kühe vom rechten Rand assoziiert; Brahma ist eine der drei hinduistischen Hauptgottheiten. Die Einklammerung des Buchstabens B lässt zudem das Wort „Rahma“ hervortreten; zusammen mit dem Wort „bullijer“ wurde hier von einem Deuter die Zote „Hast Du Rama auf der Stulle / kannst du vögeln wie ein Bulle“ assoziiert. Dazu mag sich jeder Leser stellen, wie er will.

Wird fortgesetzt.

Die erste Seite (4)

23. November 2010:

Weiter im Text:

: »HasDu überhaupt zugehört ? Was Ich gesagt hab’ ?« / (Vollkomm’ Wilma. Aber a) : »hatt’Ich eine (sündije) Vision zu bekämpfn …«/ (: »? ! –«) / (Galant) : »So im Stiel von ›Achab + Zedecias durch 2‹ : Dich; in einem Zuber voll Thau! – «; (dann hattn Wir Se, endlich, cnorpulend, hindurch. Und b) : »Hab’Ich den D=Zug, von Eschede, rumpln hör’n.

Achab und Zedekias (in der Schreibung Sedechias) sind in Sixtus Bircks Drama „Susanna“ (1532) die beiden, die die fromme und keusche Susanna im Bade beobachten. Die Fabel des Dramas geht auf das biblische Buch Daniel (13, 1 ff.) zurück; es handelt sich dabei um einen der Fälle, an dem sich Daniel als weiser und gerechter Richter beweist. Natürlich möchte auch DP als ein solch weiser und gerechter Richter, und sei es auch nur in Sachen Literatur, angesehen werden. Mit Material aus dem Buch Daniel spielt AS noch öfter; auch ist vermutet worden, dass die Seitenzahl des TS von ZT durch Daniel 12, 12 determiniert ist:

Wohl dem der durchhält und dreizehnhundertfünfunddreißig Tage erreicht!

Wir werden sehen.

DP hat die Vision von Achab und Zedekias nur „durch 2“, da er sie alleine hat; es mag aber auch sein, dass er W als nur halb so attraktiv imaginiert wie die biblische Susanna. Der „Zuber voll Thau“ ist natürlich assoziativ ausgelöst von dem zuvor bereits kommentierten Wort „Galathau“. Wichtig für den weiteren Verlauf des Romans ist aber, dass hier erstmals das Motiv des Voyeurs angespielt wird. Es werden wenige Zeilen später auch entsprechende Gerätschaften folgen.

Das Wort „cnorpulend“ ist wohl zusammengezogen aus korpulent, Knorpel und pulen: Man hat sich W, wie auch der bereits erwähnte ‚volle Hals‘ andeutete, als eher vollschlanke Frau vorzustellen; die Bandscheiben in ihrem Rücken werden beim Durchklettern des Stacheldrahtzauns beansprucht und offenbar führt alles dies dazu, dass sie von den beiden Herren eher sanft durch den Zaun hindurch gezogen (gepult) werden muss, als dass sie die Passage wirklich selbst bewältigt.

Eschede ist eine Kleinstadt in der Lüneburger Heide und den meisten heute wohl bekannt durch das ICE-Unglück im Juni 1998. Die Bahnstrecke durch Eschede führt von Celle nach Uelzen und ist Teil der Bahnstrecke zwischen Hannover und Hamburg. Sollte DP tatsächlich in der Lage sein, einen D-Zug auf dieser Strecke „rumpln“ zu hören, so liegt das fiktive Ödingen, in dem ZT hauptsächlich spielt, wahrscheinlich ein gutes Stück westlich von ASs Wohnort Bargfeld. Es mag auch sein, dass es in den 60er Jahren von Eschede aus noch eine direkte Verbindung zur Strecke zwischen Celle und Hankesbüttel gegeben hat (hier mögen bitte Ortskundige einspringen); diese Bahnstrecke verläuft südlich von Eldingen und liegt deutlich näher an Bargfeld, was die konkrete Lage von Ödingen wieder an Bargfeld annähern könnte.

Am rechten Rand findet sich auf Höhe des Satzes „dann hattn Wir Se, endlich, cnorpulend, hindurch“

(? – : b/cnuffDe’s nich? Bescheidnt-
lich; von hintn ? … / (›Die Gopis
(= KuhHirtinnen) waren rasend vor
Liebe zu Krischna/an : als er seine Flöte
spielde, kamen sie=Alle, mit ihm
zutanzn …‹). /

Die hier verwendeten Zeichengruppen „b/cn“ und „na/an“ sind, auch im Weiteren so verwendete, Notlösungen, um die Ramifikationen (Verästelungen) des Textes – hier Ramifikation 1 und Ramifikation 2– wiederzugeben. AS hatte diese typographische Spielerei bereits früher verwendet, ab ZT wird es aber zu einem wesentlichen Mittel seiner Schriftsprache. Während die dadurch erzeugten Wortvarianten an dieser Stelle nur einen spielerischen Charakter zu haben scheinen, werden sie im weiteren Text zum optischen Darstellungsmittel für die Unterwanderung der Wörter durch die von AS sogenannten Etyms. Was Etyms sind und wozu sie dienen, muss später an gegebener Stelle erörtert werden. Es sei hier nur nebenbei erwähnt, dass das Wort „Ramifikation“ selbst einen vortrefflichen Anlass für eine Etym-Analyse bietet.

Wer es ist, der DP bufft und knufft lässt sich nur vermuten, aber wahrscheinlich handelt es sich um F, die DP von seiner zu intensiven Beschäftigung mit ihrer Mutter ablenken möchte. Die Konkurrenz von Mutter und Tochter um die Sympathie und Aufmerksamkeit DPs wird eine bestimmende Konstante der Figurenkonstellation in ZT sein.

Woher das Zitat mit den Gopis genau stammt, wurde meines Wissens bislang nicht identifiziert. Es passt aber gut in nahezu jede beliebige Darstellung der Existenz Krishna im zuvor bereits erwähnten Reich Goloka. Natürlich ist sowohl das Spiel der Flöte als auch der Tanz der Gopis mit Krishna schon im Ursprung und nicht erst bei AS stark sexuell konnotiert.

Die Ramifikation Krischna/an ist wohl die schlichteste Art der Verweltlichung des Mythos, die möglich ist. Ob dabei auch eine Parallelität zwischen Krishna und Christus bzw. zwischen Hinduismus und Christentum (Krischan ist ja nur die norddeutsche Verschleifung den Namens Christian) mitgedacht werden soll, bleibt offen.

– (?) – : Nu ›Eintrübunc‹.«; (Vorkeime v Wolckn; Windwebm.) : »Was willsDú nehm’ Fränzel ? : ’s DopplGlas ? Oder die YASHIKA ?«. / (Sie griff stumm. Und der LederRiem’m teilde. (›Das ließ Ihr schön zu den dunkelblauen Augen‹. (Und dem Pleas’see=Rock; waid genoug für Zweie.))) /

Auf eine nicht ausformulierte Frage Fs hin, wendet sich DP nun ihr zu. Nach der Erklärung der meteorologischen Lage, werden nun die Werkzeuge des oben bereits ins Spiel gebrachten Voyeurs verteilt: Fernglas und Kamera. Zur Übereinstimmung meines Nachnamens mit dem in ZT häufig gebrachten Kosenamen Fs sei hier nur angemerkt, dass meine Schmidt-Lektüre erst mehrere Jahre nach dessen Tod begonnen hat. F greift sich wortlos eines der beiden Geräte und hängt es sich so um, dass der Lederriemen zwischen ihren Brüsten durchläuft; da sie im Gegensatz zu ihrer Mutter aber eher kleine Brüste hat, „teild“ der Lederriemen weich. Rechts findet sich dazu das Zitat:

: ›did diuide her daintie paps‹; SPENSER …

Also etwa: ‚Teilte ihre zierlichen Nippel‘; es handelt sich um ein Zitat aus Edmund Spensers „The Faerie Queene“ (1590–1596). ASs archaisch anmutende Schreibung „diuide“ scheint dem ursprünglichen Text Spensers zu entsprechen. „The Faerie Queene“ wird in ZT relativ häufig zitiert, was den phantastischen Tendenzen des Buchs gut entspricht. Bereits über die Assoziation mit dem Traum des Webers Bottom hatte Schmidt ZT als ein (auch) phantastisches Buch gekennzeichnet, und, wie bereits angedeutet, Geister und andere phantastische Erscheinungen spielen in ihm keine unwesentliche Rolle. Für die Liebhaber von Verschwörungstheorien sei hier angemerkt, dass Spenser ursprünglich geplant hatte, „The Faerie Queene“ in zwölf Büchern zu je zwölf Gesängen zu schreiben; aus dem Namen Daniel und der doppelten 12 ergibt sich dann unschwer die Notwendigkeit, dass ZT im TS 1335 Seiten haben musste. In die gleiche Kategorie gehört auch das von Zeit zu Zeit kolportierte Faktum, AS habe die 120.000 Zettel zu ZT (vgl. BA Suppl. 2, S. 33) in 12 Zettelkästen organisiert; auch hieraus ergeben sich sicherlich weitreichende Folgen.

Ob es sich bei „›Das ließ Ihr schön zu den dunkelblauen Augen‹“ tatsächlich um ein Zitat handelt, ist mir unklar. Jedenfalls haben unzählige literarische Heldinnen und Geliebte dunkelblaue Augen. [Siehe auch unten Kommentar 4.] [Kommentar von MF, Zettel’s Traum lesen, 26. November 2010: „Wie ich der Poe-Biografie von Zumbach (München: Winkler, 1986. S. 247) entnehme, hatte Poes Virginia „veilchenblaue Augen“.“] Beim „Pleas’see=Rock“ handelt es sich um eine weitere wichtige Technik von ASs Schriftsprache, dem systematischen Verschreiben von Wörtern, so dass eine zweite Bedeutung im klanglich identischen oder ähnlichen Material aufscheint. Hier ist das Beispiel relativ unverfänglich: F trägt einen Plissee-Rock, der außerdem nett aunzuschauen ist bzw. ihr gut steht. Die gleich darauf folgende Verschreibung „waid“ könnte den Waidmann anspielen (assoziativ ausgelöst durch das Doppelglas), es könnte aber auch die Waid-Pflanze assoziiert sein, einer wichtigen Farbstoff-Lieferantin des Mittelalters für blaue Farbe. Die Verschreibung „genoug“ hat sich mir bislang nicht erschlossen. [Vgl. dazu unten den Kommentar 2.] [Kommentar von MF, Zettel’s Traum lesen, 24. November 2010: „zu genoug: Bis Nougat war ich auch gekommen, fand aber keinen richtigen assoziativen Haken im Umfeld. Doch der Hinweis auf die Süßigkeit ist gut, denn damit läßt es sich an das „daintie“ aus der rechten Spalte anhängen, das nämlich auch lecker heißen kann.

zu Lama=Lama: Die Assoziation mag schon hinkommen, denn die JungStiere stehen sicherlich auch als Symbole der Fruchtbarkeit und Potenz da. Wichtiger aber ist, glaube wenigstens ich, dass AS später (ZT 35, TS 31) Lama via der Lautweiche Lahem als Fleisch übersetzen wird. (Ich war gestern nur zu faul, es noch herauszusuchen.) Gemeint ist also eher, dass es sich bei den Kälbern, die jetzt noch munter auf der Weide herumspringen, eigentlich schon um totes Fleisch handelt. Das „werdt’ ihr früh“ wäre dann durch ein (leckeres?) genoug zu ergänzen. Das gehört daher eher in die Reihe der Todesmotive, von denen die Impotenzklage allerdings auch eines ist. Es ist also nicht so weit auseinander.“]

Ungefähr auf der Höhe des letzten Zitates steht in der linken Spalte:

? – : »Lama=Lama!« – (: werdt’ ihr
früh. (Sie schüttltn auch die Ohren
so=oft …))

„Lama=Lama!“ ist ein Ausruf der Eingeborenen auf Tsalal. Es sind einige Versuche gemacht worden, diese Sprache, von der Edgar Allan Poe nur wenige Wörter und einen einzigen Satz mitteilt, zu übersetzen. Keiner dieser Versuche ist letztlich überzeugend. Wir werden noch sehen, was AS dazu entwickelt. Das Satzfragment „werdt’ ihr früh“ bleibt vorerst unverständlich. [Vgl. auch unten den Kommentar 2.]

Wird fortgesetzt.

Die erste Seite (5)

3. Dezember 2010:

Weiter im Text:

(? –) : »Ganz=winzij’n Moment nur … (: dreh langsam, 1 Mal, den Kopf in die Wunder einer anderen AtmoSfäre … (?) – : nu, ne Sonne von GoldPapier, mit roth’n Bakkn et=caetera ?)) – : verfolg ma das WasserlinsnBlättchin, Franziska=ja ? – (?) – : Ganz=recht; (Ch kuck aufdii Uhr). –«; (und knien; am WegeGrabm, zu Anfang des Schauerfeld’s) : »Ch wollt die StrömungsGeschwindichkeit ma wissn : Wir habm Zeit, individuell zu sein, gelt Fränzi?« « (Und erneut zu W, /

Der erste Satz scheint an W gerichtet zu sein, wie der Schluss der zitierten Passage und der rechte Rand klar machen:

(da W Uns, anschein’d n Ausputzer
gebm wollte. (: heut regier’Ich :
morgn fahrt Ihr wieder

Diese Marginalie enthält eine wichtige zeitlich Rahmenbedingung des Geschehens, die auch gleich darauf noch einmal betont werden wird: Der Tag, den ZT beschreibt, ist in vielerlei Hinsicht ein letzter Tag, ein Tag, der in sich abgeschlossen ist und etwas besonderes darstellt. Zum heute so nicht mehr gebräuchlichen Wort „Ausputzer“ schreibt Adelung:

Der Ausputzer, des -s, plur. ut nom. sing. der etwas ausputzet. Figürlich, im gemeinen Leben, ein scharfer Verweis. Einem einen derben Ausputzer geben.

Im obigen Zitat aus der Mittelkolumne ist wohl wichtig, dass DP W gegenüber für ein und denselben Sachverhalt zwei sehr unterschiedliche Formulierungen gebraucht: Die „die Wunder einer anderen AtmoSfäre“ können auch als „ne Sonne von GoldPapier, mit roth’n Bakkn et=caetera“ beschrieben werden. Hier kündigt sich DPs Methode der Interpretation an, die später im Text als „Etym=Methode“, „Etymkunde“, „Etym=Analyse“ oder auch explizit als „Etym=Theorie“ bezeichnet werden wird. Für diese Lesart von Texten wird es – besonders auch bei denen Edgar Allan Poes – charakteristisch sein, dass eine gravitätischen Formulierung mit eine ihre Erhabenheit entlarvende Deutung gegenübergestellt wird. Ich selbst habe mir in meiner Einführung zu Schmidts erzählerischem Werk erlaubt, diese Methode als „Etymmystik“ zu bezeichnen, da zumindest DP mit dieser Methode darauf abzuheben scheint, die oberflächliche Lektüre von Texten durch eine wahrere, unmittelbarere Lektüre zu ergänzen. Ich werde hier in im weiteren dei Abkürzung EM für diese Art des Textzugriffs verwenden, wobei sich jeder nach Belieben denken mag, ob dies für Etym-Methode oder Etymmystik stehen soll.

Der zweite Teil des obigen Zitats leitet eine Messung der Strömungsgeschwindigkeit des kleinen Bächleins im „WegeGrabm, zu Anfang des Schauerfeld’s“ ein. Dies im weiteren Roman wohl keine Rolle mehr spielende Detail könnte in zweierlei Hinsicht gedeutet werden: Zum einen ist für DP die ihn umgebende Welt nicht nur Anlass zur äußerlichen Betrachtung, sondern er objektiviert sie auch – die Welt wird nicht nur betrachtet, sondern auch vermessen; auch hier liegen, wie bereits oben thematisiert, zwei Zugriffe auf die Welt nebeneinander vor. Zum anderen kann das Knien „am WegeGrabm“ auch als eine religiöse Geste gedeutet werden. Hinweis darauf könnte das kurze Poe-Zitat am linken Rand sein:

(›watered by a beautiful stream,
which bears the name of ISIS, the
divinity of the Nile & the Ceres of
the egyptians‹. (REC.WALSH))

Das Bächlein wird also assoziiert mit der Isis, der Göttin des Nils und der Ceres der Ägypter, was zum einen eine erneute Aufnahme des Themas Fruchtbarkeit ist, für das auch schon die die linke Kolumne bisher beherrschenden Jungstiere stehen können, zum anderen aber eben für das Knien „am WegeGrabm“ ein religiöses Assoziationsfeld liefert. Vor wem oder was hier dann tatsächlich das Knie gebeugt würde, lässt sich wohl noch nicht erkennen.

F stimmt der Aussage DP, man „Zeit, individuell zu sein“ schweigend zu, wie der rechte Rand verrät:

(Sie nickde, schweignd …

Weiter in der mittleren Kolumne:

(Und erneut zu W, / (Die, irgndwie=gereizt, Paul just ein’n ›Altn Dämian‹ hieß : ! –) / : »Lieb=sein Wilmi. Villeicht sind Wa, an Unserm 1 Tag Fee’rij’n, ooch noch grawitätisch! –

Meine Lektüre des Hesseschen „Demian“ liegt zulange zurück – und ich möchte sie auch nicht auffrischen –, um noch beurteilen zu können, ob es sich bei „Dämian“ um ein spezifisches Schimpfwort handelt; der Dämlack dürfte bei der Schöpfung des Wortes Pate gestanden haben.

Auch hier wird, wie oben bereits gesagt, betont, dass es sich bei dem Tag, den ZT beschreibt, um einen besonderen Tag handelt. Das Wort gravitätisch wird natürlich mit „w“ geschrieben, weil es dann gravitätischer erscheint.

: Iss’oweit Friendsel?« – ; / – ; – / : »Jetz ! –« (versetzDe der GlocknRock nebm Mir : – (präziser die Bluse von schlankstim Ausschnitt, satinisch ainzuschau’n. Der RotMund voller SchneideZähne (aber unlächlnd). /

Diese zweite Beschreibung Fs wird rechts ergänzt durch die Marginalie:

((ein ›leidliches Lärvchin‹ ? (m=m ! :
reicht nich ganz ! …

[Die beiden „m“ in „m=m“ tragen im Buch einen Accent grave.]

Hier wird die spielerische Beschreibung der Kleidung Fs fortgesetzt: Die Bluse ist aus Satin und von „schlankstim Ausschnitt“ – durch das „i“ wird das Wort schlanker als in der Duden-Orthografie –, aber es ist wohl auch so, dass F an der Bluse einen Knopf zu viel offen gelassen hat, denn sie hat die satanische Absicht, DP in sich verliebt zu machen, und also kann er die Bluse auch ein wenig zu sehr hinainschauen.

Die Formulierung vom „leidlichen Lärvchen“ lässt sich zum Beispiel in Ludwig Ferdinand Hubers Lustspiel „Juliane“ wiederfinden, ohne dass ich behaupten möchte, dass dieser Text für ZT irgendeine Relevanz hat.

Ungefähr an dieser Stelle schließt der Text der erste Seite des TSs. Am Fuß der Seite findet sich eine Skizze des realen Schauerfeldes, jenes Bargfelder Grundstücks, das AS im April 1965 für 1.000 DM von Wilhelm Michels gekauft hat. Die Skizze ist mit Schrittmarken versehen, auf die im weiteren Text von ZT dann Bezug genommen wird. AS hat für viele Schauplätze seiner Texte solche Skizzen angelegt; in der ersten Buchausgabe der „Gelehrtenrepublik“ z. B. wurde seine Skizze der IRAS, der schwimmenden, stählernen Insel, auf der der zweite Teil des Romans spielt, auf den Vorsatz gedruckt.

Trenner

Es hat hier einigen Aufwand gebraucht, um der ersten Seite wenigstens einigermaßen Herr zu werden – wobei, das sei hier gern noch einmal betont, keinerlei Anspruch erhoben wird, diese erste Seite tatsächlich ausgeschöpft zu haben. Es hat sich gezeigt, dass zumindest einzelne Passagen von ZT an den Leser einigen Anspruch stellen, wenn er auch nur grundlegend erfassen will, was sich im Text abspielt. Von Lesen im klassischen Sinne kann in solchen Fällen kaum mehr die Rede sein, vielmehr ist der Leser gezwungen, vieles im Text unverstanden auf sich beruhen zu lassen – nicht die schlechteste Strategie im Umgang mit ZT – oder sich den Text zu erarbeiten bzw. – das dürfte der Absicht ASs mehr entsprechen – ihn zu enträtseln.

Arno Schmidt über seinen Zettelkästen mit Kater HintzeDass AS Spaß am Verrätseln und an seiner eigenen Schlauheit gehabt hat, ist für seine treuen Leser eine Konstante des Werks. ZT geht dabei in einigen Passagen weiter als die zuvor entstandenen Texte. Gerade bei der ersten Seite wurde hier schon die Möglichkeit angedacht, dass sie eine Abwehrgeste darstellt gegenüber unbefugten Lesern, also solchen, von denen der Autor glaubt, dass sie seinem eigenen Anspruch an eine gelungene Textrezeption nicht genügen können.

[…] ich habe Ihnen da entgegen zu halten, daß es ja leider im Verhältnis zu anderen Künsten, der Musik oder der Malerei zum Beispiel, der allgemein verbreitete Irrtum beim Leser ist, weil er lesen kann, könnte er auch jedes Buch lesen, sehen Sie, in der Musik wird das niemandem einfallen, wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege, wird er gern zugeben, daß er nichts, auch gar nichts davon versteht, aber bei einem Buch die Buchstaben sind jedem geläufig, auch einzelne Worte, und so meint jeder, daß er ohne weiteres lesen und vielleicht gar auch schreiben könne, das ist aber ein Irrtum, denn auch in diesem Falle hat sich eben der Fachmann so weit von dem rohen Laien entfernt, daß, das gebe ich Ihnen gerne zu, eine Annäherung da schwer möglich ist, […] [BA Supl. 2, S. 10]

Diese Äußerung stammt aus einem Rundfunk-Interview, das Martin Walser bereits im Jahr 1952 mit AS geführt hat. Die hier zum Ausdruck kommende elitäre Haltung des Autors seinen potentiellen Lesern gegenüber liegt wohl ganz wesentlich auch ZT zugrunde, und das, obwohl es ironischer Weise gerade dieses Buch war, das AS so bekannt gemacht hat wie keine seiner Veröffentlichungen zuvor.

Natürlich wird meine weitere Lektüre nicht durchgehend in dieser Ausführlichkeit annotiert werden können und müssen, wie dies hier für die erste Seite geschehen ist. Es wird sich zeigen, welches Gleichgewicht zwischen Lesen und Enträtseln sich einstellen bzw. wie weit das Lesen und Enträtseln überhaupt gelingen wird.

Stimmt.

Bilder: via Textquelle;
Norbert Barth: Arno Schmidt mit Kater Hintze über Zettelkästen, ca. 1955,
via Kater Paul: Arno Schmidt und seine Katzen, 2. Januar 2011.

Wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege:
The Dubliners: Barney’s Mozart, aus: Hometown!, 1972:

Written by Wolf

25. Dezember 2020 at 00:01

Coronadvent 5: The effects of Herod’s jealous general doom

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Update zur John-Donne-Serie in Moby-Dick™,
Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn)
und zum 4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung:

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Die schönste von allen bekannten Tausenden Versionen Stille Nacht ist zweifellos eine englische – Silent Night –, nämlich die von die von Tom Waits. Sie ist nie auf einer Original-CD von ihm erschienen, insofern eine Rarität, nur auf SOS United, 1989 – eine Stiftung von Tom Waits für die SOS-Kinderdörfer. Der teilhabende Kinderchor bleibt unbekannt, weil ungenannt.
Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Wir warten aufs Christkind, wenn wir in sotane Stimmung geraten sind, und lesen in alten Büchern: Ein regelrechter Sonettenkranz kann La Corona nicht sein, weil diese Form verbindlich erst im italienischen 18. Jahrhundert beschrieben wurde. In England kurz vor 1620 — das heißt: elisabethanisch und ab 1603 unter König James „Jakob“ I. — flocht John Donne trotzdem eine Krone — in petrarkischer Tradition auf italienisch: corona — aus nicht gerade fünfzehn, aber immerhin sieben Sonetten, die für dieses Zeitalter thematisch und formal höchst kunstvoll zusammenhängen.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Belege, gar Interpretationen über diese siebenzackige Krone sind fürs Englische so spärlich gesät wie fürs Deutsche. Am meisten, dafür gleich in befriedigender Tiefe, erfahren wir vom deutschen Silvae in: La Corona vom 24. Dezember 2011:

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

[…] Eigentlich, so sagt Helen Gardner, sind die sieben Sonette ein einziges Gedicht. Sie sind miteinander verknüpft, weil sie die Geschichte Jesu Christi erzählen — und weil die jeweils erste Zeile die letzte Zeile des vorhergehenden Gedicht aufnimmt. Die corona des Titels wird sofort in der ersten Zeile des ersten Sonetts aufgenommen: Deign at my hands this crown of prayer and praise. Das ist schon ein geistvolles Spiel. […]

La Corona gehört zu den frühesten religiösen Gedichten von John Donne, die Holy Sonnets werden wenige Zeit später folgen. Er schreibt jetzt religiöse Lyrik, er übt sich ein für seinen neuen Beruf. Wir kennen ihn sonst ja eher als Verfasser von Liebeslyrik. So gewagten Liebesgedichten wie die Elegy XX (To His Mistress Going to Bed). Für den Verfasser von Liebesgedichten bedeutet dear womb auch etwas anderes als es hier bedeutet. Aber er hat das Bild womb — prison nicht vergessen, er wird es zehn Jahre später noch einmal in einer Predigt gebrauchen: We are all conceived in close Prison; in our Mothers wombs, we are close Prisoners all; when we are borne, we are borne but to the liberty of the house; Prisoners still, though within larger walls; and then all our life is but a going out to the place of Execution, to death.

Es ist eine gefährliche Sache für John Donne, religiöse Lyrik zu schreiben. Katholiken sind unter James I nicht en vogue, auf jeden Fall nicht für Hof- und Staatsämter. Wann immer er auf Drängen des Königs dem katholischen Glauben abgeschworen hat, im Jahre 1615 wird er zum anglikanischen Priester geweiht. Und wird gleich Royal Chaplain. Sechs Jahre später ist er Dean der St. Paul’s Cathedral. Man muss sehr flexibel sein, in diesen Jahren. Wer hat da nicht in England seit den Tagen von Henry VIII seinen Kopf verloren? Die Bildlichkeit von La Corona ist, wie Helen Gardner gezeigt hat, noch von dem katholischen Glauben geprägt, mit dem John Donne aufgewachsen ist. Dem Dichter gelingt der Spagat zwischen Religiösem und Weltlichem, zwischen Rom und anglikanischer Staatskirche. Seine religiöse Lyrik benutzt die gleiche Symbolik wie seine Liebeslyrik. Und vice versa. Und dass La Corona eigentlich eine katholische Madonnenverehrung ist, das merken nur Dame Helen und John Carey (dessen Buch John Donne: Life, Mind and Art die beste Einführung in das Werk von John Donne ist). Und warum auch nicht? Was sollen die künstlichen Grenzen zwischen den Religionen? […]

Das Ende von Rückblicken sollte hoffnungsvoll sein.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

——— John Donne:

La Corona

vor 1620:

I. Deign at my hands this crown of prayer and praise,
   Weaved in my lone devout melancholy,
   Thou which of good hast, yea, art treasury,
   All changing unchanged Ancient of days.
   But do not with a vile crown of frail bays
   Reward my Muse’s white sincerity ;
   But what Thy thorny crown gain’d, that give me,
   A crown of glory, which doth flower always.
   The ends crown our works, but Thou crown’st our ends,
   For at our ends begins our endless rest.
   The first last end, now zealously possess’d,
   With a strong sober thirst my soul attends.
   ‚Tis time that heart and voice be lifted high ;
   Salvation to all that will is nigh.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Annunciation.

2. Salvation to all that will is nigh ;
   That All, which always is all everywhere,
   Which cannot sin, and yet all sins must bear,
   Which cannot die, yet cannot choose but die,
   Lo ! faithful Virgin, yields Himself to lie
   In prison, in thy womb ; and though He there
   Can take no sin, nor thou give, yet He’ll wear,
   Taken from thence, flesh, which death’s force may try.
   Ere by the spheres time was created thou
   Wast in His mind, who is thy Son, and Brother ;
   Whom thou conceivest, conceived ; yea, thou art now
   Thy Maker’s maker, and thy Father’s mother,
   Thou hast light in dark, and shutt’st in little room
   Immensity, cloister’d in thy dear womb.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Nativity.

3. Immensity, cloister’d in thy dear womb,
   Now leaves His well-beloved imprisonment.
   There he hath made himself to his intent
   Weak enough, now into our world to come.
   But O ! for thee, for Him, hath th‘ inn no room ?
   Yet lay Him in this stall, and from th‘ orient,
   Stars, and wise men will travel to prevent
   The effects of Herod’s jealous general doom.
   See’st thou, my soul, with thy faith’s eye, how He
   Which fills all place, yet none holds Him, doth lie ?
   Was not His pity towards thee wondrous high,
   That would have need to be pitied by thee ?
   Kiss Him, and with Him into Egypt go,
   With His kind mother, who partakes thy woe.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Temple.

4. With His kind mother, who partakes thy woe,
   Joseph, turn back ; see where your child doth sit,
   Blowing, yea blowing out those sparks of wit,
   Which Himself on the doctors did bestow.
   The Word but lately could not speak, and lo !
   It suddenly speaks wonders ; whence comes it,
   That all which was, and all which should be writ,
   A shallow seeming child should deeply know ?
   His Godhead was not soul to His manhood,
   Nor had time mellow’d Him to this ripeness ;
   But as for one which hath a long task, ‚tis good,
   With the sun to begin His business,
   He in His age’s morning thus began,
   By miracles exceeding power of man.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Crucyfying.

5. By miracles exceeding power of man,
   He faith in some, envy in some begat,
   For, what weak spirits admire, ambitious hate :
   In both affections many to Him ran.
   But O ! the worst are most, they will and can,
   Alas ! and do, unto th‘ Immaculate,
   Whose creature Fate is, now prescribe a fate,
   Measuring self-life’s infinity to span,
   Nay to an inch. Lo ! where condemned He
   Bears His own cross, with pain, yet by and by
   When it bears him, He must bear more and die.
   Now Thou art lifted up, draw me to Thee,
   And at Thy death giving such liberal dole,
   Moist with one drop of Thy blood my dry soul.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Resurrection.

6. Moist with one drop of Thy blood, my dry soul
   Shall—though she now be in extreme degree
   Too stony hard, and yet too fleshly—be
   Freed by that drop, from being starved, hard or foul,
   And life by this death abled shall control
   Death, whom Thy death slew ; nor shall to me
   Fear of first or last death bring misery,
   If in thy life-book my name thou enroll.
   Flesh in that long sleep is not putrified,
   But made that there, of which, and for which it was ;
   Nor can by other means be glorified.
   May then sin’s sleep and death soon from me pass,
   That waked from both, I again risen may
   Salute the last and everlasting day.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Ascension.

7. Salute the last and everlasting day,
   Joy at th‘ uprising of this Sun, and Son,
   Ye whose true tears, or tribulation
   Have purely wash’d, or burnt your drossy clay.
   Behold, the Highest, parting hence away,
   Lightens the dark clouds, which He treads upon ;
   Nor doth He by ascending show alone,
   But first He, and He first enters the way.
   O strong Ram, which hast batter’d heaven for me !
   Mild Lamb, which with Thy Blood hast mark’d the path !
   Bright Torch, which shinest, that I the way may see !
   O, with Thy own Blood quench Thy own just wrath ;
   And if Thy Holy Spirit my Muse did raise,
   Deign at my hands this crown of prayer and praise.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Bilder: Ane Lundeby: Winter, Norwegen, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Soundtrack: John Dowland: Now o Now I Needs Must Part,
aus: First Booke of Songes or Ayres of foure partes with Tableture for the Lute, London 1597;
Les Canards Chantants are trailed (or guided?) by a mysterious lutenist during a day out on a vintage steam train:

Bonus Track: The Coronas and Gabrielle Aplin: Lost in the Thick of It,
aus: True Love Waits, 2020:

Written by Wolf

24. Dezember 2020 at 00:01

Coronadvent 4: Und wirklich, wenn man die 11000 Zeilen überstanden hat, ist es des Oktavenklanges genug (Das Interessanteste am Epos ist die Gestalt der Heldin)

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Update zu Gräflein Du bist verrathen
und Drei Rosen, sang er, drei Rosen:

Corona hat schon besser ausgesehen als in seiner 2019er Erscheinung. 1814 war es eine charismatische Zauberin, das ist: Hexe, protagonistisch tätig in: Corona. Ein Rittergedicht in drei Büchern. Von Friedrich Baron de la Motte Fouqué. Stuttgart und Tübingen, in der J. W. Cotta’schen Buchhandlung, 1814. Und kaum hat Arno Schmidt kein Radioprogramm darüber ausformuliert, das es heute als CD — es ist nie ein Streaming — zu erwerben gibt, schon weiß man nichts mehr davon.

Nicht erschlossen, nicht einmal erschließbar scheint das Hexenbild, von dem Fouqué ausgeht, nicht einmal die Berliner Ausstellung im Kriegsjahr 1813, wo er es vorfand. Schmidt referiert ihn in seinen unveröffentlichten Essays zu wiederholten Malen. In seinem „Biographischen Versuch“ von 1958 Fouqué und einige seiner Zeitgenossen, besonders Bargfelder Ausgabe III,1, Seite 274, bezieht er sich auf Fouqués Autobiographie. Bei ihm selbst manifestiert sich die Zauberin Corona weiterhin ohne bildliche Darstellung, aber durchaus bildhaft:

——— Friedrich de la Motte Fouqué:

Lebensgeschichte des Baron Friedrich de La Motte Fouqué
Aufgezeichnet durch ihn selbst

E. A. Schwetschke und Sohn, Halle 1840:

Die Waffenruhe brachte mir einen Urlaub in die Heimath. –

Goldne Tage! Seelige Tage fast! – Solch ein Wiedersehn! Und eben der ernste Hintergrund, nach einigen Wochen mich wiederum hinaus in’s Feld des Kampfes und der Ehre winkend, hob die blumige Oasis der Gegenwart nur um so lieblicher hervor. Ist es ja doch mit dem ganzen Erdenleben just eben so. Was wär’s es darum, stände nicht an seinem Ziele der ernsteste aller Engel! Wir hienieden heißen ihn: Tod. –

Fouqué, Corona, 1814, TitelblattWährend jenes raschen Maifeldzuges hatte mir die Muse, zwischen den mir keck entklingenden, mannigfach von den Kameraden nachgesung’nen Kriegsliedern, auch noch ein gar wundersamliches Bild aufbewahrt. Zuerst war es mir in einer, kurz vor des Kampfes Beginn zu Berlin aufgestellten Gemäldegalerie erschienen: das Oelgemälde einer schönen, seltsam aussehenden Frau, ihre Tracht zwischen dem Europischen und Orientalischem mitten inne, ihr Blick anziehend und abstoßend, herb und mild. Aus der Altitalischen Schule schien das kleine Bild herzustammen, aber Niemand konnte den Meister nennen, oder überhaupt Näheres davon berichten. Auf mich machte es einen fast magischen Eindruck, so daß es die Freunde nur: »die Here« zu benennen pflegten, weil immer und immer wiederum davor sie mich antrafen, wie einen Gebannten, wie ich denn in der That von den andern vielgepriesnen Bildern dieser Ausstellung – bei meinem sonst eigenthümlich scharfem Gedächtniß, namentlich für Gegenstände der bildenden Kunst, – mich auch keines Einzigen mehr zu erinnern weiß. Die: »Here« dagegen, obgleich ich das Gemälde nie wiedersah, nicht einmal wissend, wohin es geschwunden ist, lebt noch jetzt vor meinem geistigen Auge, und hat sich nach und nach zur Corona gestaltet, der magischen Heldin meines unter diesem Namen bekannten Rittergedichtes. In der heimatlichen Ruhe begann ich an die Darstellung meiner Zauberin zu gehen. Stehe hier der Anfang des Liedes:

»Der ernste Krieg, der Fürst von Deutschlands Kriegen,
Der über Tod und Leben trägt Gewalt,
Nicht fragend nur, ob Fürst und Volk erliegen,
Nein, ob noch fürder Deutsche Zunge schallt,
Ob Nacht, ob Klarheit soll auf Erden siegen, –
Er macht für Wochen, still erwägend, Halt.
Und mild, als wie befriedet, hält umwunden
De Heimath mich in seegenreichen Stunden.

Da kommt die Muse grüßend hergegangen,
Und spricht zu mir von manch erhabnen Bildern,
Die, wenn Geschütze brüllten, Schwerdter klangen,
Mir ahnend wußten kühnen Trotz zu mildern.
Sie will, ich soll noch Dichterkränz‘ erlangen,
Soll, was sie ahnend haucht, in Worten schildern,
Und, wie zum Trotz den wild empörten Zeiten,
Erzählend greifen in die goldnen Saiten.

So sei es denn. Und ruhe jetzt, mein Schwerdt,
Bis Dich Trompetenklänge neu erwecken.
Die Muse winkt. Es scheint, als sei ihr werth,
Wer zu ihr aus der Schlachten blut’gen Schrecken [*]
Nicht ohne Sieg, nicht ohne Ruhm auch, kehrt.
Schwellt, meines Liedes Seegel! Wir entdecken
In kühner Fahrt durch manch ein zaubrisch Land
Wohl hoh’re Lust, als wir noch je gekannt.« –

[* Anm. Variante: „Wer zu ihr aus der Schlacht Begeistrungs-Schrecken“ u. s. w.]

Die Gesänge begannen und schlossen auf diese Weise stets mit irgend einem Gebilde der ernst bedeutungsvollen Gegenwart, so daß die phantastischen Erscheinungen gleichsam davon umwoben und umhegt wurden, wie von eben so vielen Rahmen. Für Jener eigentliches Thema und Centrum mogte die absichtlich wie derkehrende Schilderung der Zauberin Corona gelten:

»Schau‘ diese dunklen Brauen, finstren Locken,
Und dieser Augen mondlich trüben Schein,
Wie jeder Zug, als tönten Grabesglocken,
Sich hüllt in tiefe Todesnebel ein,
Daß bang‘ davor des Lebens Pulse stocken,
Und jedem Hoffen sich’s entgegnet: Nein!
Und doch, ein leises lindes Liebesthauen
Bebt ahnend nieder durch das strenge Grauen.«

Die Tage der freudigen Ruhe vergingen. Frischfreudig wiederum ging es in’s Feld. –

Wie aus den vom Dichter höchstselbst angeführten Textproben erhellt, ist seine Corona laut unserer Bildquelle 2 „in ‚ottave rime‚, dem epischen Versmaß der Italiener“ ein

„‚[großes] Stanzen-Epos, das einen Ausflug in das alte romantische Land des Kampfes zwischen Christen und Heiden, jedoch auf dem Hintergrund des Krieges 1813 gegen Napoleon und der persönlichen Verwicklung des Autors darin (darstellt)‘ (De Boor/Newald VII, 2, S. 418).“

Schmidts hauptsächliche Stelle lautet, gegenüber dem „elektronischen Findmittel“ der Bargfelder Ausgabe um die Fußnote ergänzt:

——— Arno Schmidt:

Fouqué und einige seiner Zeitgenossen
§ 37

Bläschke 1958; 2., verbesserte und beträchtlich vermehrte Auflage 1960,
Bargfelder Ausgabe III/1, Seite 293 bis 296:

Da ist zunächst die Arbeit an der »Corona«.

Die Anregung durch das Bild der »Hexe« ist bereits geschildert worden; (an Miltitz gibt er einmal Leonardo da Vinci als Meister an); Plan und Erfindung werden noch während des Waffenstillstandes rasch angelegt : 3 Bücher, jedes zu 12 Gesängen; der südlich=romantische Stoff fordert das alte italienische Versmaaß, die Oktave – für einen Schüler Schlegels keine Schwierigkeit. Es sei aber ausdrücklich bemerkt, daß Fouqué das anspruchsvolle Maaß frei und schon ganz souverän behandelt. Gewidmet ist es der Prinzessin Marianne.

Der Stoff ist in seiner gewohnten bunten Art erfunden :

Fouqué, Corona, 1814, Antiquariat VoersterCorona und Blanka, die Schwarze und die Weiße, von uralter Westgotenzeit her schuldhaft aneinandergekettet, und, immer wiedergeboren, sich immer wieder befehdend, jede mit ihrem farbigen Gefolge von Rittern und Anhängern. Auch die Schauplätze liegen sämtlich im »alten romantischen Land« : Italien, Norwegen, die Schluchten des Libanon und der persischen Gebirge oder der rhätischen Alpen; Meer, Wüste und Wald. Die Staffage bilden seine üblichen Ritter, Mohren, Zauberer, Priester, Assassinen, Geister – die ganze »Maschinerie« Ariostos und Tassos ist gekonnt beisammen. Schwebend gehen die Gestalten aus Shakespeares »Sturm« durch das Werk hin : Claribella von Tunis und Ascanio, Alonso und der Luftgeist Ariel – kurz, es ist ein versifizierter Ritterroman, nichts weiter, und Ziesemers Ansicht, daß es sich hier um eine sorgfältig ausgeführte Allegorie des Jahres 13 handele, ist völlig verfehlt : das ist die »Sängerliebe« nachher, nicht die »Corona«; und Keiner der vielen Zeitgenossen Fouqués, die sich, begeistert oder tadelnd, über das Werk ausgelassen haben, ist auch jemals auf den durchaus abwegigen Einfall gekommen, mehr darin zu sehen, als eben ein Rittergedicht. Fouqué hat auch selbst einmal dazu Stellung genommen; am 24.5.26 gibt er einem begeisterten Leser, dem Privatbibliothekar der beiden hannöverschen Könige, L. C. Nolte, (etwa 1790 bis 1870; auch ein Freiwilliger von 1813; später Oberrevisor beim Finanzministerium in Hannover, und Redakteur des dortigen »Intelligenz=Comtoirs« – leider ist über den interessanten Mann noch gar nichts bekannt*), diese Auskunft :

{Fußnote:] * Ich hatte seinerzeit meine Angaben lediglich aus den Hannoverschen Staatshandbüchern zusammengetragen; inzwischen habe ich die Familie im Bürgerlichen Geschlechterbuch II, S. 284 ff. gefunden. Danach ist Louis Carl Nolte am 13. 3. 1797 als Sohn eines Arztes in Hannover geboren; und dort auch als königlicher Oberbibliothekar am 12. 1. 1879 gestorben; mit seiner Frau, Charlotte Belleville (1796–1869) hatte er 6 Kinder.}

»Der Philostrat in der Corona ist mir beinahe so rätselhaft als Ihnen. In der Geschichte hat er keinen Platz, oder doch nur höchstens insofern, als Seinesgleichen : ein ritterlicher Priester, oder priesterlicher Ritter – wie schon Ihr Schreiben sehr richtig bemerkt – eben in jenen Tagen nicht zu den ungewöhnlichsten Dingen gehörte. Bilden ja die schönen geistlichen Ritterorden in ihrem ursprünglichen reinen Zustande ganze Blumengärten dieser Gattung …… Dies Alles aber ist mir in Bezug auf den Philostrat erst nach der Darstellung des Bildes aufgegangen, und ging mir zum Teil erst in diesem Augenblicke zutraulicher Mitteilung auf. Zuerst war mir Philostrat eben nur ein rätselhaft feierliches, aber irdisch existierendes Wesen, keineswegs etwa ein allegorisches ….. oder auch ebensowenig ein verhüllter Schutzengel, oder dergleichen sonst. Mir lebte und lebt eine Ahnung von den früheren Helden- und Pilgerbahnen dieses Philostrat in der Seele, die ihn eben zu diesem Standpunkte geführt hätten, und wohl dereinst durch mich oder einen Anderen in einem eigentümlichen Epos dargestellt werden könnten.« – Noch deutlicher kann er es ja nicht sagen, daß es sich hierbei um ein krauses absichtloses Produkt seiner Phantasie handelt. Gewiß, zu Beginn und am Ende jedes Gesanges, erwähnt der Dichter kurz die Zeitereignisse oder Erinnerungen, die sich im Augenblick der Niederschrift gerade darbieten; aber ohne jede Beziehung zum Inhalt, so daß diese »Einlagen« Manchem sogar störend vorkamen.

Uns sind sie aber biographisch durchaus von Wert; denn er setzt vielen der Freunde, den Lebenden und Gefallenen, ihre Denksteine, Zimietzki und Wilhelm von Massenbach, die Schlachten von Lützen und Haynau werden erwähnt, die Englandreise des Königs, und auch der »treue Gelbe«, sein Roß, das bei Lützen fiel, fehlt nicht im Erinnerungsreigen; so daß wir Schritt für Schritt die Entstehung verfolgen können – wozu nebenbei auch die Briefe schon ausreichen.

Das Urteil der Freunde ist überschwänglich günstig. Apel in Leipzig nennt es »ein geniales und glänzendes Werk, dem jeder Vorzug Ariosts und Tassos eigen ist«; Rückert, Truchseß, die Stolberge, und natürlich Franz Horn, der Wassermann, sind entzückt wie die Chézy und die Helvig; Friedrich Schlegel allerdings weiß schon, daß die »Corona« den »Zauberring« bei weitem nicht erreicht; und Jakob Grimms Abneigung ist so groß, daß er das Buch nicht einmal »anlesen« mag.

Und wirklich, wenn man die 11000 Zeilen überstanden hat, ist es des Oktavenklanges genug; wie ich denn überhaupt oft gefunden habe, daß gerade dieses Maaß Ohr und inneren Sinn ermüdet, wie kaum ein anderes. Ja, es ist mit großer Kunst und viel rhythmischem Geschick gehandhabt, und Fleiß und Feile von fast anderthalb Jahren sind unverkennbar; aber es ist letzten Endes doch weiter nichts geworden, als ein großer Haufen bunter Bilderkacheln, und gezierter Bilder noch dazu; erst nach mehrmaligem angespanntem Lesen findet man den ursprünglichen Plan, der aber in der Ausführung wieder mehrfach zerbröckelt ist, heraus. Friedrich Schlegel hat Recht : es ist gar kein Vergleich mit dem gewachsenen Chaos des »Zauberrings«, und wenn man die beiden, zeitlich einander doch so nahen, Werke zusammen hält, empfindet man recht eigentlich, um wieviel gute Prosa doch bester Verskunst überlegen ist. –

Das Interessanteste am Epos ist die Gestalt der Heldin. Mit aller Macht versucht er, auch die Gegenspielerin, die blonde Blanka, zu erhöhen; aber die bleibt stets im Schatten der Anderen, bleibt stets, – obwohl von Fouqué verzweifelt komplett mit all dem ausgestattet, was er als Kennzeichen »feiner weiblicher Bildung« sich abstrahiert hat – die blasse zweidimensionale Gestalt, zu der ihm leider allzuoft seine Heroinen entartet sind, und die auch, wie ebenfalls immer wieder bei ihm vorkommt, im Kloster endet. Corona dagegen, die temperamentvolle Dunkle – »Schau diese dunklen Brauen, finstern Locken« – ist ihm decouvrierend gut gelungen (soweit seine von Natur aus geringe Fähigkeit der Charakterschilderung dies überhaupt zuläßt); der Vamp war ihm doch wohl einmal eine angenehme Abwechslung zwischen all der ewigen höheren Weiblichkeit; leider schlägt zum Schluß wieder die Orthodoxie durch : sie (wie auch die ähnliche, obgleich blonde, Gerda des »Zauberrings«) wird zum Schluß mitleidslos »gerettet«, bekehrt : »Mein Freund, mein Romuald – kannst Du mich taufen?« – Schade.

Für die Freunde korrekter Texte sei noch hinzugefügt, daß auf S. 385 hinter Zeile 18 (»… Heilend jede Wunde,«) diese einzufügen ist : »Kommt die letzte Stunde,«; in seinem Briefe an Cotta beklagt sich Fouqué bitter über die entstellende Auslassung.

Denn bei Cotta ist die »Corona« erschienen; Fouqué hat jetzt auch den renommiertesten Verlag jener Zeit, bei dem die ganzen »Klassiker« herauskommen, gewonnen; der wird noch allerlei von ihm bringen.

Moritz Retzsch hat eine ganze Reihe von Zeichnungen zum Epos entworfen und gestochen; aber Cotta, dem Fouqué sie in einem Briefe vom 27.11. anbietet, hat sie nicht gebracht.

BIlder: Uwe Turszynski, Visual Storyteller: „Von wegen chinesische Wildtiermärkte oder Laboratorien. Die deutsche Romantik hat es eingeschleppt. Das weiß nur keiner. Wird von den Eliten verschwiegen. Jawoll!“, via Antiquariate + antiquarische Bücher, 6. Mai 2020;
J. Voerster, Antiquariat für Musik und Deutsche Literatur, Stuttgart: FOUQUÉ, Fr. de la Motte: Corona. Ein Rittergedicht in drei Büchern. Stuttgart und Tübingen J. G. Cotta 1814. XIV, 386 S., winziger Wurmgang, sonst schönes, frisches Exemplar. Lederband der Zeit mit Goldgirlanden auf den Deckeln, Ecken leicht bestoßen, 650,00 Euro.

Soundtrack: Some Rival, Traditional um 1656, aus: Storm Force Ten, 1977:

Here’s a health to all lovers that are loyal and just
Here’s confusion to the rival that lives in distrust
For it’s I’ll be as constant as a true turtle dove
And it’s never will I prove false to my love

Written by Wolf

18. Dezember 2020 at 00:01

Coronadvent 3: Da war keine Schranke mehr, nicht Götterfurcht, nicht Menschengesetz

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Update zu Weil er ihn für einen völligen Toren hielt,
Homerische Dark Fantasy
und Hipsteros:

Für das Jahr 2020 drängt sich nichts so sehr auf wie ein Rückblick auf vergangene Pandemien.
Es ist Advent. Gott steh uns bei.

Weder ist ein griechischer Originaltitel für die Geschichte des Peloponnesischen Krieges von Thukydides überliefert, noch ist zu erschließen, welcher Retrodiagnose die darin beschriebene Seuche folgt. Hypothesen über die nachmals so genannte Attische Seuche zwischen 430 und 426 vor Christus umfassen, sind aber nicht beschränkt auf Typhus, Fleckfieber, Milzbrand, Pest, Influenza, Fieber, Pocken, Lassafieber, Ebolafieber, Tuberkulose, Scharlach, Masern, Marburgfieber, Rifttalfieber, Krim-Kongo-Fieber, Kyasanur-Wald-Fieber, Rückfallfieber, Tularämie, Pferdeenzephalitis und Hämorrhagie.

Das Neuartige an Thukydides‘ so breit wie tief angelegter Schilderung der 27 Kriegsjahre 431 bis 404 vor Christus, deren Zeitzeuge er war, ist die knochentrockene, auf schmucklose Fakten reduzierte und darin bis heute stilsetzende Berichterstattung. Seiner Zeit weit voraus ist mit guter Begründung die Pestschilderung im 2. Buch: als Vorläufer eines Memento mori, das eigentlich erst im Barock dran war. Vor allem Abschnitt 53 erinnert fatal an Auffassungen des nachchristlichen Jahres 2020. Siehe unten, ungekürzt:

Michael Sweerts, Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652, Detail

——— Thukydides:

Das zweite Kriegsjahr

aus: Geschichte des Peloponnesischen Krieges, Abschnitt II,47 bis 53,
Übersetzung: Georg Peter Landmann, Artemis Verlag, Zürich 1960:

[47] So wurden die Toten beigesetzt in diesem Winter, und mit seinem Ende war das erste Jahr dieses Krieges abgelaufen. Gleich mit Beginn des Sommers fielen die Peloponnesier und ihre Verbündeten mit zwei Dritteln ihrer Macht, wie das erstemal, in Attika ein, geführt von Archidamos, Zeuxidamos‘ Sohn, König von Sparta, lagerten sich und verwüsteten das Land. Sie waren noch nicht viele Tage in Attika, als in Athen zum ersten Male die Seuche ausbrach. Es hieß, sie habe schon vorher mancherorts eingeschlagen, bei Lemnos und anderwärts, doch nirgends wurde eine solche Pest, ein solches Hinsterben der Menschen berichtet. Nicht nur die Ärzte waren mit ihrer Behandlung zunächst machtlos gegen die unbekannte Krankheit, ja, da sie am meisten damit zu tun hatten, starben sie am ehesten selbst, aber auch jede andere menschliche Kunst versagte: alle Bittgänge zu den Tempeln, Weissagungen und was sie dergleichen anwandten, half alles nichts, und schließlich ließen sie davon ab und ergaben sich in ihr Unglück. [48] Sie begann zuerst, so heißt es, in Äthiopien oberhalb Ägyptens und stieg dann nieder nach Ägypten, Libyen und in weite Teile von des Großkönigs Land. In die Stadt Athen brach sie plötzlich ein und ergriff zunächst die Menschen im Piräus, weshalb auch die Meinung aufkam, die Peloponnesier hätten Gift in die Brunnen geworfen (denn Quellwasser gab es dort damals noch nicht). Später gelangte sie auch in die obere Stadt, und da starben die Menschen nun erst recht dahin. Mag nun jeder darüber sagen, Arzt oder Laie, was seiner Meinung nach wahrscheinlich der Ursprung davon war und welchen Ursachen er eine Wirkung bis in solche Tiefe zutraut; ich will nur schildern, wie es war; nur die Merkmale, an denen man sie am ehesten wiedererkennen könnte, um dann Bescheid zu wissen, wenn sie je noch einmal hereinbrechen sollte, die will ich darstellen, der ich selbst krank war und selbst andere leiden sah.

Michael Sweerts, Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652, Detail[49] Es war jenes Jahr, wie allgemein festgestellt wurde, in bezug auf die anderen Krankheiten grade besonders gesund. Wer schon vorher ein Leiden hatte, dem ging es immer über in dieses, die andern aber befiel ohne irgendeinen Grundplötzlich aus heiler Haut zuerst eine starke Hitze im Kopf und Rötung und Entzündung der Augen, und innen war sogleich alles, Schlund und Zunge, blutigrot, und der Atem, derherauskam, war sonderbar und übelriechend. Dann entwickelte sich daraus ein Niesen und Heiserkeit, und ziemlich rasch stieg danach das Leiden in die Brust nieder mit starkem Husten. Wenn es sich sodann auf den Magen warf, drehte es ihn um, es folgten Entleerungen der Galle auf all die Arten, für die die Ärzte Namen haben, und zwar unter großen Qualen, und die meisten bekamen dann ein leeres Schlucken, verbunden mit einem heftigen Krampf, der bei einigen alsbald nachließ, bei anderen auch erst viel später. Wenn man von außen anfaßte, war der Körper nicht besonders heiß, noch auch bleich, sondern leicht gerötet, blutunterlaufen und bedeckt von einem dichten Flor kleiner Blasen und Geschwüre; aber innerlich war die Glut so stark, daß man selbst die allerdünnsten Kleider und Musselindecken abwarf und es nicht anders aushielt als nackt und sich am liebsten in kaltes Wasser gestürzt hätte. Viele von denen, die keine Pflege hatten, taten das auch, in die Brunnen, infolge des unstillbaren Durstes. Es war kein Unterschied, ob man viel oder wenig trank. Und die ganze Zeit quälte man sich in der hilflosen Unrast und Schlaflosigkeit. Solange die Krankheit auf ihrer Höhe stand, fiel auch der Körper nicht zusammen, sondern widerstand den Schmerzen über Erwarten. Entweder gingen daher die meisten am neunten oder siebten Tag zugrunde an der inneren Hitze, ohne ganz entkräftet zu sein, oder sie kamen darüber weg, und dann stieg das Leiden tiefer hinab in die Bauchhöhle und bewirkte dort starke Blähungen, wozu noch ein wäßriger Durchfall auftrat, so daß die meisten später an diesem starben, vor Erschöpfung. Denn das Übel durchlief von oben her, vom Kopfe, wo es sich zuerst festsetzte, den ganzen Körper, und hatte einer das Schlimmste überstanden, so zeigte sich das am Befall seiner Gliedmaßen: denn nun schlug es sich auf Schamteile, Finger und Zehen, und viele entrannen mit deren Verlust, manche auch mit dem der Augen. Andere hatten beim ersten Aufstehen rein alle Erinnerung verloren und kannten sich selbst und ihre Angehörigen nicht mehr. [50] Denn die unfaßbare Natur der Krankheit überfiel jeden mit einer Wucht über Menschenmaß, und insbesondere war dies ein klares Zeichen, daß sie etwas anderes war als alles Herkömmliche: die Vögel nämlich und die Tiere, die an Leichen gehn, rührten entweder die vielen Unbegrabenen nicht an, oder sie fraßen und gingen dann ein. Zum Beweis: es wurde ein deutliches Schwinden solcher Vögel beobachtet; man sah sie weder sonst noch bei irgendeinem Fraß, wogegen die Hunde Spürsinn zeigten für die Wirkungen wegen der Lebensgemeinschaft.

[51] So also war diese Seuche, von mancher Besonderheit abgesehen, worin der eine sie vielleicht etwas anders erfuhr als ein anderer, aber doch in ihrer Gesamtform. Sonst litt man zu jener Zeit an keiner von den gewöhnlichen Krankheiten, wenn aber doch eine vorkam, so endete sie immer in jene. Die einen starben, wenn man sie liegen ließ, die anderen auch bei der besten Pflege. Und ein sicheres Heilmittel wurde eigentlich nicht gefunden, das man zur Hilfe hätte anwenden müssen — was dem einen genützt hatte, das schadete einem andern — auch erwies sich keine Art von Körper nach seiner Kraft oder Schwäche als gefeit dagegen, sondern alle raffte es weg, auch die noch so gesund gelebt hatten. Das Allerärgste an dem Übel war die Mutlosigkeit, sobald sich einer krank fühlte (denn sie überließen sich sofort der Verzweiflung, so daß sie sich innerlich viel zu schnell selbst aufgaben und keinen Widerstand leisteten), und dann, daß sie bei der Pflege einer am anderen sich ansteckten und wie die Schafe hinsanken; daher kam hauptsächlich das große Sterben. Wenn sie nämlich in der Angst einander mieden, so verdarben sie in der Einsamkeit, und manches Haus wurde leer, da keiner zu pflegen kam; gingen sie aber hin, so holten sie sich den Tod, grad die, die Charakter zeigen wollten — diese hätten sich geschämt, sich zu schonen, und besuchten ihre Freunde; wurden doch schließlich sogar die Verwandten stumpf gegen den Jammer der Verscheidenden, vor der Übergewalt des Leides. Am meisten hatten immer noch die Geretteten Mitleid mit den Sterbenden und Leidenden, weil sie alles vorauswußten und selbst nichts zu fürchten hatten; denn zweimal packte es den gleichen nicht, wenigstens nicht tödlich. Diese wurden glücklich gepriesen vonden anderen und hatten auch selbst seit der Überfreude dieses Tages eine hoffnungsvolle Leichtigkeit für alle Zukunft, als könne sie keine andere Krankheit je mehr umbringen.

[52] Zu all dieser Not kam noch als größte Drangsal das Zusammenziehen von den Feldern in die Stadt, zumal für die Neugekommenen. Denn ohne Häuser, in stickigen Hütten wohnend in der Reife des Jahres, erlagen sie der Seuche ohne jede Ordnung: die Leichen lagen übereinander, sterbend wälzten sie sich auf den Straßen und halbtot um alle Brunnen, lechzend nach Wasser. Die Heiligtümer, in denen sie sich eingerichtet hatten, lagen voller Leichen der drin an geweihtem Ort Gestorbenen; denn die Menschen, völlig überwältigt vom Leid und ratlos, was aus ihnen werden sollte, wurden gleichgültig gegen Heiliges und Erlaubtes ohne Unterschied. Alle Bräuche verwirrten sich, die sie sonst bei der Bestattung beobachteten; jeder begrub, wie er konnte. Viele vergaßen alle Scham bei der Beisetzung, aus Mangel am Nötigsten, nachdem ihnen schon so viele vorher gestorben waren: die legten ihren Leichnam auf einen fremden Scheiterhaufen und zündeten ihn schnell an, bevor die wiederkamen, die ihn geschichtet hatten, andere warfen auf eine schon brennende Leiche die, die sie brachten, oben darüber und gingen wieder.

Michael Sweerts, Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652, Detail[53] Überhaupt kam in der Stadt die Sittenlosigkeit erst mit dieser Seuche richtig auf. Denn mancher wagte jetzt leichter seinem Gelüst zu folgen, das er bisher unterdrückte, da man in so enger Kehr die Reichen, plötzlich Sterbenden, tauschen sah mit den früher Besitzlosen, die miteins deren Gut zu eigen hatten, so daß sie sich im Recht fühlten, rasch jedem Genuß zu frönen und zu schwelgen, da Leib und Geld ja gleicherweise nur für den einen Tag seien. Sich vorauszuquälen um ein erwähltes Ziel war keiner mehr willig bei der Ungewißheit, ob man nicht, eh man es erreiche, umgekommen sei; aber alle Lust im Augenblick und was gleichviel woher, dafür Gewinn versprach, das hieß nun ehrenvoll und brauchbar. Da war keine Schranke mehr, nicht Götterfurcht, nicht Menschengesetz; für jenes kamen sie zum Schluß, es sei gleich, fromm zu sein oder nicht, nachdem sie ohne Unterschied so viele hinsterben sahen, und für seine Vergehen gedachte keiner den Prozeß noch zu erleben und die entsprechende Strafe zu zahlen; viel schwerer hänge die über ihnen, zu der sie bereits verurteilt seien, und bevor die auf sie niederfalle, sei es nur recht, vom Leben noch etwas zu genießen.

Michael Sweerts, Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652

Bilder: Details aus Michael Sweerts: Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652.

Soundtrack: Πέτρος Πανδής: Μαλλιά Σγουρά,
aus: Chants De La Résistance Grecque = Songs Of The Greek Resistance, 1974:

Εγώ Άη-Στράτη δε φοβάμαι
είναι κι αυτή μια Ελληνική γωνιά
τα μαύρα τα μαλλιά μας κι αν ασπρίσαν
δε μας τρομάζει η βαρυχειμωνιά.

Ich habe keine Angst vor Ai-Strati,
das ist auch eine griechische Ecke.
Unser schwarzes Haar, auch wenn es weiß wurde:
Wir haben keine Angst vor dem strengen Winter.

Written by Wolf

11. Dezember 2020 at 00:01

Coronadvent 2: In den blutbetauten Hallen ihres Schwelggelags

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Update zu Die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte
und Etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales:

Für das Jahr 2020 drängt sich nichts so sehr auf wie ein Rückblick auf vergangene Pandemien.
Es ist Advent. Gott steh uns bei.

Mit manchen Schreibern ist es gelinde gesagt erstaunlich, wie punktgenau sie auf postmoderne Ereignisse passen. Weniger gelinde gesagt ist es unfair bis geradenwegs widerlich. So hat unser aller Hausheiliger Edgar „The Divine“ Allan Poe 1842 mit The Masque of the Red Death (in der Urfassung ist die Schreibung noch Mask) die bis heute passende Parabel auf alle sozialdynamischen Prozesse während der Zeiten von Pest und sonstiger Epi- und Pandemien geliefert.

Allein kann versöhnen, dass selbst ein Poe auf seit Jahrhunderten reichlich sprudelnde literarische Quellen zurückgreifen musste: Im Falle des roten Todes sind das mit meist recht indirektem Einfluss Liebeszauber von Ludwig Tieck 1811, Der Sandmann und Klein Zaches genannt Zinnober von E.T.A. Hoffmann 1817 bzw. 1819 und nachweislich sogar Ahnung und Gegenwart von Eichendorff 1815 (siehe hierzu Franz K. Mohr: The Influence of Eichendorff’s Ahnung und Gegenwart on Poe’s Masque of the Red Death, in: Modern Language Quarterly X, 1949, pp. 3–15), sehr viel direkter die Beschreibungen des gesamteuropäisch verheerenden Schwarzen Todes zwischen 1346 und 1353 aus Italien, die es zu weltliterarischem Rang gebracht haben, allen voran Il Decamerone von Boccaccio, das noch mitten im Geschehen entstand und ohne das seitdem keine Erzählung unter Romanstärke auskommt. In Frage kommen auch die Pestschilderungen aus dem Dreißigjährigen Krieg in I Promessi Sposi von Alessandro Manzoni 1827 bis 1842 (siehe hierzu Cortell King Holsapple: The Masque of the Red Death and I Promessi Sposi, in: University of Texas Studies English, Nr. 18, 1838, pp. 137–139), Klosterheim, or, The Masque von Thomas de Quincey 1832, die reichhaltigen Darstellungen mehrer Jahrhunderte von Totentänzen, die an Poe sicher nicht unbemerkt vorbeigehen konnten — sowie höchst unmittelbar „ein Artikel im New Yorker Mirror vom 2. Juni 1832, in dem Nathaniel Parker Willis berichtet, bei einem Maskenball in Paris habe einer der Teilnehmer die Pest dargestellt“ (cit. die Anmerkung in der deutschen Gesamtausgabe). Ferner konnte Poe 1831 die Cholera in Baltimore beobachten — und aufpassen, nicht selbst erwischt zu werden. Aus dieser Zeitzeugenschaft war ihm 1835 schon König Pest entstanden, allerdings launig-makabrer, deutlicher historisch verankert, dafür mit weniger zeitübergreifender Relevanz.

Die Umfärbung des Schwarzen auf den „roten“ Tod scheint Poes eigene, bildhaft ausgebreitete Farbsymbolik, zugeschrieben dem festveranstaltenden Prinzen Prospero mit dem namentlichen Anklang an den Zauberer aus dem Sturm von Shakespeare 1611. Zeit und Ort der Handlung erinnern an Boccaccios decameronisches Florenz, werden aber nicht bezeichnet. — Der eindrucksvolle Schluss:

Harry Clarke, The Masque of the Red Death, 1923

——— Edgar Allan Poe:

The Mask of the Red Death. A Fantasy.

in: Graham’s Lady’s and Gentleman’s Magazine, vol. XX, no. 5, May 1842, Philadelphia, May 1842:

And now was acknowledged the presence of the Red Death. He had come like a thief in the night. And one by one dropped the revellers in the blood-bedewed halls of their revel, and died each in the despairing posture of his fall. And the life of the ebony clock went out with that of the last of the gay. And the flames of the tripods expired. And Darkness and Decay and the Red Death held illimitable dominion over all.

——— Edgar Allan Poe:

Die Maske des roten Todes

Übersetzung: Hans Wollschläger, 1966, Schluss:

Nun ward die Gegenwart des Roten Tods erkannt. Wie in der Nacht ein Dieb war er gekommen. Und einer nach dem andern sanken die Gäste nieder, hin in den blutbetauten Hallen ihres Schwelggelags, und starb ein jeglicher in seines Falls Verzweiflungshaltung. Und in der ebenholznen Uhr verlosch das Leben mit dem des letzten dieser Fröhlichen. Und die Flammen der Dreifüße verglommen. Und Finsternis und Verfall kam, und der Rote Tod hielt grenzenlose Herrschaft über allem.

Als ob solche Clairvoyance nicht reichen würde, hat Poe an unbekannterer Stelle auch noch den Klimawandel vorausgesagt. Wie anders ließe sich die Stelle aus dem Mittelstück von „Poe’s trilogy of dialogues of blessed spirits in Heaven“ sonst deuten? — Das Thema war Poe offenbar wichtig, wie man aus der Überarbeitung nach vier Jahren schließen darf:

——— Edgar Allan Poe:

The Colloquy of Monos and Una

May or June, 1841, in: Graham’s Lady’s and Gentleman’s Magazine, Philadelphia, August 1841;
version of 1845:

Meantime huge smoking cities arose, innumerable. Green leaves shrank before the hot breath of furnaces. The fair face of Nature was deformed as with the ravages of some loathsome disease. And methinks, sweet Una, even our slumbering sense of the forced and of the far-fetched might have arrested us here. But now it appears that we had worked out our own destruction in the perversion of our taste, or rather in the blind neglect of its culture in the schools. For, in truth, it was at this crisis that taste alone — that faculty which, holding a middle position between the pure intellect and the moral sense, could never safely have been disregarded — it was now that taste alone could have led us gently back to Beauty, to Nature, and to Life.

——— Edgar Allan Poe:

Zwiegespräch zwischen Monos und Una

1841 ff., Übersetzung: Hans Wollschläger, 1967:

Derweil erhoben sich ungeheuere qualmende Städte, schier ohne Zahl. Grünendes Laub verdorrte im heißen Atem der Schlote. Das schöne Gesicht der Natur ward entstellt, wie von den Verheerungen einer ekelhaften Krankheit. Und mich dünkt, süße Una, unser schlummernder Sinn für das Gewaltsame und das Weithergeholte hätte uns eigentlich hier Einhalt gebieten müssen. Doch nun erscheint es, dass wir mit der Pervertierung unseres Geschmacks oder vielmehr mit der blinden Vernachlässigung seiner Ausbildung in den Schulen nur unsern eignen Untergang herbeigeführt hatten. Denn wahrscheinlich, in diesem entscheidenden Krisenaugenblick war es allein der Geschmack – jene Fähigkeit, welche eine Mittel- und Mittlerposition zwischen dem reinen Intellekt und dem moralischen Empfinden innehat und niemals ungestraft missachtet wird – in diesem Augenblick war es einzig und allein der Geschmack, der uns sanft hätte zurückführen können zu Schönheit, Natur und Leben.

Mit dem Wissen über Poe stünden wir alleine da ohne die verdienstreiche, immer noch gültige Gesamtausgabe im Walter Verlag, Olten 1966 ff., und ohne die nicht weniger verdienstreiche, ebenfalls immer noch gültige Biographie im Winkler Verlag 1986 und das enzylopädische, freimütig mitgeteilte Wissen von Frank T. Zumbach.

——— Frank T. Zumbach:

Die phänomenale Wirkung des Edgar Allan Poe

25. April 2010:

Und wenn Schwachsinn und Medienverblödung nicht noch weiter um sich greifen, werden wir Mr. Poe nie wieder los, gottseidank.

Harry Clarke, The Masque of the Red Death, 1923

Bilder: Harry Clarke1916, in der teilkolorierten Fassung 1923, via

  1. Maya Phillips: The Rich Can’t Hide From a Plague. Just Ask Edgar Allan Poe.
    In „The Masque of the Red Death,“ the poor are sacrificed to disease so the rich can keep their comfortable lives. Sound familiar?, Slate, 26. März 2020, und
  2. Glenn Russell: I’ve always sensed a strong connection to Poe’s The Masque of the Red Death,
    goodreads 9. Februar 2014.

Soundtrack: Eric Burdon & The Animals: The Black Plague, aus: Winds of Change, 1967:

Written by Wolf

4. Dezember 2020 at 00:01

Coronadvent 1: Dornenstück 0005: Voilà le Choléra-morbus!

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten,
Nachtstück 0020: Im rauschenden Wellenschaumkleide (In dem düstern Poetenstübchen)
und Und der liebe Gott sitzt ernsthaft in seiner großen Loge und langweilt sich vielleicht:

Für das Jahr 2020 drängt sich nichts so sehr auf wie ein Rückblick auf vergangene Pandemien.
Es ist Advent. Gott steh uns bei.

Nach einer gnädigen Pause von zwei Jahresläufen erreichte eine zweite Cholera-Pandemie ab 1826 Frankreich über Mekka und Ägypten, die bis 1841 andauern sollte. Heinrich Heine war 1832 in Paris als Journalist zugegen und berichtete für die Augsburger Allgemeine Zeitung so Lebensnahes, dass er es für seine längerlebigen Französischen Zustände weiterverwenden konnte. Für seine gewohnt schonungslosen Begriffe in der Ausdrucksweise nimmt er sich hier sogar noch zurück. Was muss der alles gesehen haben.

Cholera-Opfer in Paris, 1832

——— Heinrich Heine:

Ich rede von der Cholera

für Außerordentliche Beilage zur Allgemeinen Zeitung, Nro. 164 und 165, Augsburg, 29. und 30. April 1832,
in: Französische Zustände, Schluss von Artikel VI, Julius Campe, Hamburg, Dezember 1832,
Historisch-kritische Gesamtausgabe, Band 12/1, Seite 133 bis 142:

Paris, 19. April 1832.

[…]

Ich rede von der Cholera, die seitdem hier herrscht, und zwar unumschränkt, und die, ohne Rücksicht auf Stand und Gesinnung, tausendweise ihre Opfer niederwirft.

Man hatte jener Pestilenz um so sorgloser entgegen gesehn, da aus London die Nachricht angelangt war, daß sie verhältnißmäßig nur wenige hingerafft. Es schien anfänglich sogar darauf abgesehen zu seyn, sie zu verhöhnen, und man meinte, die Cholera werde, eben so wenig wie jede andere große Reputazion, sich hier in Ansehn erhalten können. Da war es nun der guten Cholera nicht zu verdenken, daß sie, aus Furcht vor dem Ridikül, zu einem Mittel griff, welches schon Robespierre und Napoleon als probat befunden, daß sie nemlich, um sich in Respekt zu setzen, das Volk dezimirt. Bey dem großen Elende, das hier herrscht, bey der kolossalen Unsauberkeit, die nicht bloß bey den ärmern Klassen zu finden ist, bey der Reitzbarkeit des Volks überhaupt, bey seinem grenzenlosen Leichtsinne, bey dem gänzlichen Mangel an Vorkehrungen und Vorsichtsmaaßregeln, mußte die Cholera hier rascher und furchtbarer als anderswo um sich greifen. Ihre Ankunft war den 29. März offiziell bekannt gemacht worden, und da dieses der Tag des Mi-Carême und das Wetter sonnig und lieblich war, so tummelten sich die Pariser um so lustiger auf den Boulevards, wo man sogar Masken erblickte, die, in karikirter Mißfarbigkeit und Ungestalt, die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbst verspotteten. Desselben Abends waren die Redouten besuchter als jemals; übermüthiges Gelächter überjauchzte fast die lauteste Musik, man erhitzte sich beim Chahut, einem nicht sehr zweydeutigen Tanze, man schluckte dabey allerley Eis und sonstig kaltes Getrinke: als plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte, und die Maske abnahm, und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorscheine kam. Man merkte bald, daß solches kein Spaß sey, und das Gelächter verstummte, und mehrere Wagen voll Menschen fuhr man von der Redoute gleich nach dem Hotel-Dieu, dem Centralhospitale, wo sie, in ihren abentheuerlichen Maskenkleidern anlangend, gleich verschieden. Da man in der ersten Bestürzung an Ansteckung glaubte, und dieältern Gäste des Hotel-Dieu ein gräßliches Angstgeschrey erhoben, so sind jene Todten, wie man sagt, so schnell beerdigt worden, daß man ihnen nicht einmal die buntscheckigen Narrenkleider auszog, und lustig, wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe.

Le Cholera MorbusNichts gleicht der Verwirrung, womit jetzt plötzlich Sicherungsanstalten getroffen wurden. Es bildete sich eine Commission sanitaire, es wurden überall Bureaux de secours eingerichtet, und die Verordnung in Betreff der Salubrité publique sollte schleunigst in Wirksamkeit treten. Da kollidirte man zuerst mit den Interessen einiger tausend Menschen, die den öffentlichen Schmutz als ihre Domaine betrachten. Dieses sind die sogenannten Chiffonniers, die von dem Kehricht, der sich des Tags über vor den Häusern in den Kothwinkeln aufhäuft, ihren Lebensunterhalt ziehen. Mit großen Spitzkörben auf dem Rücken, und einem Hakenstock in der Hand, schlendern diese Menschen, bleiche Schmutzgestalten, durch die Straßen, und wissen mancherley, was noch brauchbar ist, aus dem Kehricht aufzugabeln und zu verkaufen. Als nun die Polizey, damit der Koth nicht lange auf den Straßen liegen bleibe, die Säuberung derselben in Entreprise gab, und der Kehricht, auf Karren verladen, unmittelbar zur Stadt hinaus gebracht ward, aufs freye Feld, wo es den Chiffonniers frey stehen sollte, nach Herzenslust darin herum zu fischen: da klagten diese Menschen, daß sie, wo nicht ganz brodlos, doch wenigstens in ihrem Erwerbe geschmälert worden, daß dieser Erwerb ein verjährtes Recht sey, gleichsam ein Eigenthum, dessen man sie nicht nach Willkühr berauben könne. Es ist sonderbar, daß die Beweisthümer, die sie, in dieser Hinsicht, vorbrachten, ganz dieselben sind, die auch unsere Krautjunker, Zunftherren, Gildemeister, Zehntenprediger, Fakultätsgenossen, und sonstige Vorrechtsbeflissene vorzubringen pflegen, wenn die alten Mißbräuche, wovon sie Nutzen ziehen, der Kehricht des Mittelalters, endlich fortgeräumt werden sollen, damit durch den verjährten Moder und Dunst unser jetziges Leben nicht verpestet werde. Als ihre Protestazionen nichts halfen, suchten die Chiffonniers gewaltthätig die Reinigungsreform zu hintertreiben; sie versuchten eine kleine Kontrerevoluzion, und zwar in Verbindung mit alten Weibern, den Revendeuses, denen man verboten hatte, das übelriechende Zeug, das sie größtentheils von den Chiffonniers erhandeln, längs den Kays zum Wiederverkaufe auszukramen. Da sahen wir nun die widerwärtigste Emeute: die neuen Reinigungskarren wurden zerschlagen und in die Seine geschmissen; die Chiffonniers barrikadirten sich bey der Porte St. Denis; mit ihren großen Regenschirmen fochten die alten Trödel-Weiber auf dem Chatelet; der Generalmarsch erscholl; Casimir Perier ließ seine Myrmidonen aus ihren Boutiquen heraustrommeln; der Bürgerthron zitterte; die Rente fiel; die Karlisten jauchzten. Letztere hatten endlich ihre natürlichsten Alliirten gefunden, Lumpensammler und alte Trödelweiber, die sich jetzt mit denselben Prinzipien geltend machten, als Verfechter des Herkömmlichen, der überlieferten Erbkehrichtsinteressen, der Verfaultheiten aller Art.

Als die Emeute der Chiffonniers durch bewaffnete Macht gedämpft worden, und die Cholera noch immer nicht so wüthend um sich griff, wie gewisse Leute es wünschten, die bey jeder Volksnoth und Volksaufregung, wenn auch nicht den Sieg ihrer eigenen Sache, doch wenigstens den Untergang der jetzigen Regierung erhoffen, da vernahm man plötzlich das Gerücht: die vielen Menschen, die so rasch zur Erde bestattet würden, stürben nicht durch eine Krankheit, sondern durch Gift. Gift, hieß es, habe man in alle Lebensmittel zu streuen gewußt, auf den Gemüsemärkten, bey den Bäckern, bey den Fleischern, bey den Weinhändlern. Je wunderlicher die Erzählungen lauteten, desto begieriger wurden sie vom Volke aufgegriffen, und selbst die kopfschüttelnden Zweifler mußten ihnen Glauben schenken, als des Polizeypräfekten Bekanntmachung erschien. Die Polizey, welcher hier, wie überall, weniger daran gelegen ist, die Verbrechen zu vereiteln, als vielmehr sie gewußt zu haben, wollte entweder mit ihrer allgemeinen Wissenschaft prahlen, oder sie gedachte, bey jenen Vergiftungsgerüchten, sie mögen wahr oder falsch seyn, wenigstens von der Regierung jeden Argwohn abzuwenden: genug, durch ihre unglückselige Bekanntmachung, worin sie ausdrücklich sagte, daß sie den Giftmischern auf der Spur sey, ward das böse Gerücht offiziell bestätigt, und ganz Paris gerieth in die grauenhafteste Todesbestürzung.

Das ist unerhört, schrieen die ältesten Leute, die selbst in den grimmigsten Revoluzionszeiten keine solche Frevel erfahren hatten. Franzosen, wir sind entehrt! riefen die Männer, und schlugen sich vor die Stirne. Die Weiber, mit ihren kleinen Kindern, die sie angstvoll an ihr Herz drückten, weinten bitterlich, und jammerten: daß die unschuldigen Würmchen in ihren Armen stürben. Die armen Leute wagten weder zu essen noch zu trinken, und rangen die Hände vor Schmerz und Wuth. Es war als ob die Welt unterginge. Besonders an den Straßenecken, wo die rothangestrichenen Weinläden stehen, sammelten und beriethen sich die Gruppen, und dort war es meistens, wo man die Menschen, die verdächtig aussahen, durchsuchte, und wehe ihnen, wenn man irgend etwas verdächtiges in ihren Taschen fand! Wie wilde Thiere, wie Rasende, fiel dann das Volk über sie her. Sehr viele retteten sich durch
Geistesgegenwart; viele wurden durch die Entschlossenheit der Kommunalgarden, die an jenem Tage überall herumpatrouillirten, der Gefahr entrissen; Andere wurden schwer verwundet und verstümmelt; sechs Menschen wurden aufs unbarmherzigste ermordet. Es giebt keinen gräßlichern Anblick, als solchen Volkszorn, wenn er nach Blut lechzt und seine wehrlosen Opfer hinwürgt. Dann wälzt sich durch die Straßen ein dunkles Menschenmeer, worin hie und da die Ouvriers in Hemdärmeln, wie weiße Sturzwellen, hervorschäumen, und das heult und braust, gnadenlos, heidnisch, dämonisch. An der Straße St. Denis hörte ich den altberühmten Ruf »à la lanterne!« und mit Wuth erzählten mir einige Stimmen, man hänge einen Giftmischer. Die Einen sagten, er sey ein Karlist, man habe ein brevet du lis in seiner Tasche gefunden; die Andern sagten, es sey ein Priester, ein solcher sey Alles fähig. Auf der Straße Vaugirard, wo man zwey Menschen, die ein weißes Pulver bey sich gehabt, ermordete, sah ich einen dieser Unglücklichen, als er noch etwas röchelte, und eben die alten Weiber ihre Holzschuhe von den Füßen zogen und ihn damit so lange auf den Kopf schlugen, bis er todt war. Er war ganz nackt, und blutrünstig zerschlagen und zerquetscht; nicht bloß die Kleider, sondern auch die Haare, die Scham, die Lippen und die Nase waren ihm abgerissen, und ein wüster Mensch band dem Leichname einen Strick um die Füße, und schleifte ihn damit durch die Straße, während er beständig schrie: voilà le Cholera-morbus! Ein wunderschönes, wuthblasses Weibsbild mit entblößten Brüsten und blutbedeckten Händen stand dabey, und gab dem Leichname, als er ihr nahe kam, noch einen Tritt mit dem Fuße. Sie lachte, und bat mich, ihrem zärtlichen Handwerke einige Franks zu zollen, damit sie sich dafür ein schwarzes Trauerkleid kaufe; denn ihre Mutter sey vor einigen Stunden gestorben, an Gift.

Des andern Tags ergab sich aus den öffentlichen Blättern, daß die unglücklichen Menschen, die man so grausam ermordet hatte, ganz unschuldig gewesen, daß die verdächtigen Pulver, die man bey ihnen gefunden, entweder aus Campher, oder Chlorüre, oder sonstigen Schutzmitteln gegen die Cholera bestanden, und daß die vorgeblich Vergifteten ganz natürlich an der herrschenden Seuche gestorben waren. Das hiesige Volk, das, wie das Volk überall, rasch in Leidenschaft gerathend, zu Gräueln verleitet werden kann, kehrt jedoch eben so rasch zur Milde zurück, und bereut mit rührendem Kummer seine Unthat, wenn es die Stimme der Besonnenheit vernimmt. Mit solcher Stimme haben die Journale gleich des andern Morgens das Volk zu beschwichtigen und zu besänftigen gewußt, und es mag als ein Triumph der Presse signalisirt werden, daß sie im Stande war, dem Unheile, welches die Polizey angerichtet, so schnell Einhalt zu thun. Rügen muß ich hier das Benehmen einiger Leute, die eben nicht zur untern Klasse gehören, und sich dochvom Unwillen so weit hinreißen ließen, daß sie die Parthey der Karlisten öffentlich der Giftmischerey bezüchtigten. So weit darf die Leidenschaft uns nie führen; wahrlich, ich würde mich sehr lange bedenken, ehe ich gegen meine giftigsten Feinde solche gräßliche Beschuldigung ausspräche. Mit Recht, in dieser Hinsicht, beklagten sich die Karlisten. Nur daß sie dabey so laut schimpfend sich gebärdeten, könnte mir Argwohn einflößen; das ist sonst nicht die Sprache der Unschuld. Aber es hat, nach der Ueberzeugung der Bestunterrichteten, gar keine Vergiftung statt gefunden. Man hat vielleicht Scheinvergiftungen angezettelt, man hat vielleicht wirklich einige Elende gedungen, die allerley unschädliche Pulver auf die Lebensmittel streuten, um das Volk in Unruhe zu setzen und aufzureitzen; war dieses letztere der Fall, so muß man dem Volke sein tumultuarisches Verfahren nicht zu hoch anrechnen, um so mehr, da es nicht aus Privathaß entstand, sondern, »im Interesse des allgemeinen Wohls, ganz nach den Prinzipien der Abschreckungstheorie.« Ja, die Karlisten waren vielleicht in die Grube gestürzt, die sie der Regierung gegraben; nicht dieser, noch viel weniger den Republikanern, wurden die Vergiftungen allgemein zugeschrieben, sondern jener Parthey, »die, immer durch die Waffen besiegt, durch feige Mittel sich immer wieder erhob, die immer nur durch das Unglück Frankreichs zu Glück und Macht gelangte, und die jetzt, die Hülfe der Kosaken entbehrend, wohl leichtlich zu gewöhnlichem Gifte ihre Zuflucht nehmen konnte.« So ungefähr äußerte sich der Constitutionnel.

Was ich selbst an dem Tage, wo jene Todtschläge statt fanden, an besonderer Einsicht gewann, das war die Ueberzeugung daß die Macht der ältern Bourbone nie und nimmermehr in Frankreich gedeihen wird.Ich hatte aus den verschiedenen Menschengruppen die merkwürdigsten Worte gehört; ich hatte tief hinabgeschaut in das Herz des Volkes; es kennt seine Leute.

Le Choléra à ParisSeitdem ist hier Alles ruhig; l’ordre règne à Paris, würde Horatius Sebastiani sagen. Eine Todtenstille herrscht in ganz Paris. Ein steinerner Ernst liegt auf allen Gesichtern. Mehrere Abende lang sah man sogar auf den Boulevards wenig Menschen, und diese eilten einander schnell vorüber, die Hand oder ein Tuch vor dem Munde. Die Theater sind wie ausgestorben. Wenn ich in einen Salon trete, sind die Leute verwundert, mich noch in Paris zu sehen, da ich doch hier keine nothwendigen Geschäfte habe. Die meisten Fremden, namentlich meine Landsleute, sind gleich abgereist. Gehorsame Eltern hatten von ihren Kindern Befehl erhalten, schleunigst nach Hause zu kommen. Gottesfürchtige Söhne erfüllten unverzüglich die zärtliche Bitte ihrer lieben Eltern, die ihre Rückkehr in die Heimath wünschten; ehre Vater und Mutter, damit du lange lebest auf Erden! Bey Andern erwachte plötzlich eine unendliche Sehnsucht nach dem theuern Vaterlande, nach den romantischen Gauen des ehrwürdigen Rheins, nach den geliebten Bergen, nach dem holdseligen Schwaben, dem Lande der frommen Minne, der Frauentreue, der gemüthlichen Lieder und der gesündern Luft. Man sagt, auf dem Hotel-de-Ville seyen seitdem über 120,000 Pässe ausgegeben worden. Obgleich die Cholera sichtbar zunächst die ärmere Klasse angriff, so haben doch die Reichen gleich die Flucht ergriffen. Gewissen Parvenüs war es nicht zu verdenken, daß sie flohen; denn sie dachten wohl, die Cholera, die weit her aus Asien komme, weiß nicht, daß wir in der letzten Zeit viel Geld an der Börse verdient haben, und sie hält uns vielleicht noch für einen armen Lump, und läßt uns ins Gras beißen. Hr. Aguado, einer der reichsten Banquiers und Ritter der Ehrenlegion, war Feldmarschall bey jener großen Retirade. Der Ritter soll beständig mit wahnsinniger Angst zum Kutschenfenster hinausgesehen, und seinen blauen Bedienten, der hinten aufstand, für den leibhaftigen Tod, den Cholera-morbus, gehalten haben.

Das Volk murrte bitter, als es sah, wie die Reichen flohen, und bepackt mit Aerzten und Apotheken sich nach gesündern Gegenden retteten. Mit Unmuth sah der Arme, daß das Geld auch ein Schutzmittel gegen den Tod geworden. Der größte Theil des Justemilieu und der haute Finance ist seitdem ebenfalls davon gegangen und lebt auf seinen Schlössern. Die eigentlichen Repräsentanten des Reichthums, die Herren v. Rothschild, sind jedoch ruhig in Paris geblieben, hierdurch beurkundend, daß sie nicht bloß in Geldgeschäften großartig und kühn sind. Auch Casimir Perier zeigte sich großartig und kühn, indem er nach dem Ausbruche der Cholera das Hotel-Dieu besuchte; sogar seine Gegner mußte es betrüben, daß er in der Folge dessen, bey seiner bekannten Reitzbarkeit, selbst von der Cholera ergriffen worden. Er ist ihr jedoch nicht unterlegen, denn er selber ist eine schlimmere Krankheit. Auch der junge Kronprinz, der Herzog von Orleans, welcher in Begleitung Periers das Hospital besuchte, verdient die schönste Anerkennung. Die ganze königliche Familie hat sich, in dieser trostlosen Zeit, ebenfalls rühmlich bewiesen. Beim Ausbruche der Cholera versammelte die gute Königinn ihre Freunde und Diener, und vertheilte unter ihnen Leibbinden von Flanell, die sie meistens selbst verfertigt hat. Die Sitten der alten Chevalerie sind nicht erloschen; sie sind nur ins Bürgerliche umgewandelt; hohe Damen versehen ihre Kämpen jetzt mit minder poetischen, aber gesündern Schärpen. Wir leben ja nicht mehr in den alten Helm- und Harnischzeiten des kriegerischen Ritterthums, sondern in der friedlichen Bürgerzeit der warmen Leibbinden und Unterjacken; wir leben nicht mehr im eisernen Zeitalter, sondern im flanellenen. Flanell ist wirklich jetzt der beste Panzer gegen die Angriffe des schlimmsten Feindes, gegen die Cholera. Venus würde heutzutage, sagt Figaro, einen Gürtel von Flanell tragen. Ich selbst stecke bis am Halse in Flanell, und dünke mich dadurch cholerafest. Auch der König trägt jetzt eine Leibbinde vom besten Bürgerflanell.

Ich darf nicht unerwähnt lassen, daß er, der Bürgerkönig, bey dem allgemeinen Unglücke viel Geld für die armen Bürger hergegeben und sich bürgerlich mitfühlend und edel benommen hat. – Da ich mahl im Zuge bin, will ich auch den Erzbischof von Paris loben, welcher ebenfalls im Hotel-Dieu, nachdem der Kronprinz und Perier dort ihren Besuch abgestattet, die Kranken zu trösten kam. Er hatte längst prophezeyt, daß Gott die Cholera als Strafgericht schicken werde um ein Volk zu züchtigen, »welches den allerchristlichsten König fortgejagt und das katholische Religionsprivilegium in der Charte abgeschafft hat.« Jetzt, wo der Zorn Gottes die Sünder heimsucht, will Hr. v. Quelen sein Gebet zum Himmel schicken und Gnade erflehen, wenigstens für die Unschuldigen; denn es sterben auch viele Karlisten. Außerdem hat Hr. v. Quelen, der Erzbischof, sein Schloß Conflans angeboten, zur Errichtung eines Hospitals. Die Regierung hat aber dieses Anerbieten abgelehnt, da dieses Schloß in wüstem, zerstörtem Zustande ist, und die Reparaturen zu viel kosten würden. Außerdem hatte der Erzbischof verlangt, daß man ihm in diesem Hospitale freye Hand lassen müsse. Man durfte aber die Seelen der armen Kranken, deren Leiber schon an einem schrecklichen Uebel litten, nicht den quälenden Rettungsversuchen aussetzen, die der Erzbischof und seine geistlichen Gehülfen beabsichtigten; man wollte die verstockten Revoluzionssünder lieber ohne Mahnung an ewige Verdammniß und Höllenqual, ohne Beicht und Oehlung, an der bloßen Cholera sterben lassen. Obgleich man behauptet, daß der Katholizismus eine passende Religion sey für so unglückliche Zeiten, wie die jetzigen, so wollen doch die Franzosen sich nicht mehr dazu bequemen, aus Furcht, sie würden diese Krankheitsreligion alsdann auch in glücklichen Tagen behalten müssen.

Es gehen jetzt viele verkleidete Priester im Volke herum, und behaupten, ein geweihter Rosenkranz sey ein Schutzmittel gegen die Cholera. Die Saint-Simonisten rechnen zu den Vorzügen ihrer Religion, daß kein Saint-Simonist an der herrschenden Krankheit sterben könne; denn da der fortschritt ein Naturgesetz sey, und der sociale Fortschritt im Saint-Simonismus liege, so dürfe, so lange die Zahl seiner Apostel noch unzureichend ist, keiner von denselben sterben. Die Bonapartisten behaupten: wenn man die Cholera an sich verspüre, so solle man gleich zur Vendomesäule hinaufschauen: man bleibe alsdann am Leben. So hat Jeder seinen Glauben in dieser Zeit der Noth. Was mich betrifft, ich glaube an Flanell. Gute Diät kann auch nicht schaden, nur muß man wieder nicht zu wenig essen, wie gewisse Leute, die des Nachts die Leibschmerzen des Hungers für Cholera halten. Es ist spaßhaft, wenn man sieht, mit welcher Poltronerie die Leute jetzt bey Tische sitzen, und die menschenfreundlichsten Gerichte mit Mißtrauen betrachten, und tiefseufzend die besten Bissen hinunterschlucken. Man soll, haben ihnen die Aerzte gesagt, keine Furcht haben und jeden Aerger vermeiden; nun aber fürchten sie, daß sie sich mahl unversehens ärgern möchten, und ärgern sich wieder, daß sie deßhalb Furcht hatten. Sie sind jetzt die Liebe selbst, und gebrauchen oft das Wort mon Dieu, und ihre Stimme ist hingehaucht milde, wie die einer Wöchnerinn. Dabey riechen sie wie ambulante Apotheken, fühlen sich oft nach dem Bauche, und mit zitternden Augen fragen sie, jede Stunde, nach der Zahl der Todten. Daß man diese Zahl nie genau wußte, oder vielmehr, daß man von der Unrichtigkeit der angegebenen Zahl überzeugt war, füllte die Gemüther mit vagem Schrecken und steigerte die Angst ins Unermeßliche. In der That, die Journale haben seitdem eingestanden, daß in Einem Tage, nemlich den zehnten April, an die zweytausend Menschen gestorben sind. Das Volk ließ sich nicht offiziell täuschen, und klagte beständig, daß mehr Menschen stürben, als man angebe. Mein Barbier erzählte mir, daß eine alte Frau auf dem Faubourg Mont-Martre die ganze Nacht am Fenster sitzen geblieben, um die Leichen zu zählen, die man vorbeytrüge; sie habe dreyhundert Leichen gezählt, worauf sie selbst, als der Morgen anbrach, von dem Froste und den Krämpfen der Cholera ergriffen ward und bald verschied. Wo man nur hinsah auf den Straßen, erblickte man Leichenzüge, oder, was noch melancholischer aussieht, Leichenwagen, denen Niemand folgte. Da die vorhandenen Leichenwagen nicht zureichten, mußte man allerley andere Fuhrwerke gebrauchen, die, mit schwarzem Tuch überzogen, abentheuerlich genug aussahen. Auch daran fehlte es zuletzt, und ich sah Särge in Fiackern fortbringen; man legte sie in die Mitte, so daß aus den offenen Seitenthüren die beiden Enden herausstanden. Widerwärtig war es anzuschauen, wenn die großen Möbelwagen, die man beim Ausziehen gebraucht, jetzt gleichsam als Todten-Omnibusse, als omnibus mortuis, herumfuhren, und sich in den verschiedenen Straßen die Särge aufladen ließen, und sie dutzendweise zur Ruhestätte brachten.

Honoré de Daumier, Souvenirs d Choléra-MorbusDie Nähe eines Kirchhofs, wo die Leichenzüge zusammentrafen, gewährte erst recht den trostlosesten Anblick. Als ich einen guten Bekannten besuchen wollte und eben zur rechten Zeit kam, wo man seine Leiche auflud, erfaßte mich die trübe Grille, eine Ehre, die er mir mahl erwiesen, zu erwiedern, und ich nahm eine Kutsche und begleitete ihn nach Père-la-Chaise. Hier nun, in der Nähe dieses Kirchhofs, hielt plötzlich mein Kutscher still, und als ich, aus meinen Träumen erwachend, mich umsah, erblickte ich nichts als Himmel und Särge. Ich war unter einige hundert Leichenwagen gerathen, die vor dem engen Kirchhofsthore gleichsam Queue machten, und in dieser schwarzen Umgebung, unfähig mich herauszuziehen, mußte ich einige Stunden ausdauern. Aus langer Weile frug ich den Kutscher nach dem Namen meiner Nachbarleiche, und, wehmüthiger Zufall! er nannte mir da eine junge Frau, deren Wagen einige Monathe vorher, als ich zu Lointier nach einem Balle fuhr, in ähnlicher Weise einige Zeit neben dem meinigen stille halten mußte. Nur daß die junge Frau damals mit ihrem hastigen Blumenköpfchen und lebhaften Mondscheingesichtchen öfters zum Kutschenfenster hinausblickte, und über die Verzögerung ihre holdeste Mißlaune ausdrückte. Jetzt war sie sehr still und vielleicht blau. Manchmal jedoch, wenn die Trauerpferde an den Leichenwagen sich schaudernd unruhig bewegten, wollte es mich bedünken, als regte sich die Ungeduld in den Todten selbst, als seyen sie des Wartens müde, als hätten sie Eile ins Grab zu kommen; und wie nun gar an dem Kirchhofsthore ein Kutscher dem andern vorauseilen wollte, und der Zug in Unordnung gerieth, die Gendarmen mit blanken Säbeln dazwischen fuhren, hie und da ein Schreyen und Fluchen entstand, einige Wagen umstürzten, die Särge aus einander fielen, die Leichen hervorkamen: da glaubte ich die entsetzlichste aller Emeuten zu sehen, eine Todtenemeute.

Ich will, um die Gemüther zu schonen, hier nicht erzählen, was ich auf dem Père-la-Chaise gesehen habe. Genug, gefesteter Mann wie ich bin, konnte ich mich doch des tiefsten Grauens nicht erwehren. Man kann an den Sterbebetten das Sterben lernen und nachher mit heiterer Ruhe den Tod erwarten; aber das Begrabenwerden, unter die Choleraleichen, in die Kalkgräber, das kann man nicht lernen. Ich rettete mich so rasch als möglich auf den höchsten Hügel des Kirchhofs, wo man die Stadt so schön vor sich liegen sieht. Eben war die Sonne untergegangen, ihre letzten Stralen schienen wehmüthig Abschied zu nehmen, die Nebel der Dämmerung umhüllten wie weiße Laken das kranke Paris, und ich weinte bitterlich über die unglückliche Stadt, die Stadt der Freyheit, der Begeisterung und des Martyrthums, die Heilandstadt, die für die weltliche Erlösung der Menschheit schon so viel gelitten!

Denis-Auguste-Marie Raffet, La Barbarie et Le Choléra-Morbus Entrant en Europe, 1831

Bilder:

  1. Darstellung eines Cholera-Opfers in Paris im Jahr 1832,
    via Thomas Zimmer: Das Zeitalter der Pandemien, Die Zeit, 14. Juli 2020;
  2. Le Cholera Morbus: zeitgenössische Karikatur, via Catherine J. Kudlick:
    Learning from cholera: medical and social responses to the first great Paris epidemic in 1832;
  3. J. Roze: Le choléra à Paris, Chardon ainè et fils, Paris 1832, und
  4. Honoré de Daumier: Souvenirs du Choléra-Morbus,
    in: Antoine François Hippolyte Fabre: Némésis médicale illustrée, recueil de satires,
    Bureau de la Némésis médicale, Paris 1840,
    via Cholera Online. A Modern Pandemic in Text and Images: Patients and Victims,
    U.S. National Library of Medicine;
  5. Denis-Auguste-Marie Raffet: La Barbarie et Le Choléra-Morbus Entrant en Europe.
    Les Polonais se battent, les puissances font des protocoles et la France, 1831.

Soundtrack: Lola Ngoma Kadogo: La chanson choléra, aus: Tout est possible, 2012:

Coronadvent 0: Wie Wein in den Muscheln

with one comment

Update zum Адвент 1: Über Nacht bin ich tot:

Versäumte Gedenktage: Zuerst im unseligen Jahr 2020 hatte Paul Celan (* 23. November 1920 im seinerzeit großrumänischen, inzwischen ukrainischen Czernowitz; † vermutlich 20. April 1970 in Paris) seinen 50. Todestag, „vermutlich“ sinnigerweise an Führers Geburtstag; und weil er da gerade einmal 50 Jahre alt war, hat er als letztes im unseligen Jahr 2020 seinen 100. Geburtstag.

מן השמים תנוחמו und מזל טוב!

——— Paul Celan:

Corona

für Ingeborg Bachmann,
aus: Mohn und Gedächtnis, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1952:

Ingeborg Bachmann und Paul Celan, via Thalia Theater, Hamburg 2009Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

Bild: Paul Celan und Ingeborg Bachmann, via Thalia Theater: Bachmann — Celan, Hamburg 2009.

Dankeschön an לאה זאננעכער!
— mit dem Bonus Track: ДахаБраха: Карпатський реп, aus: Light, 2010:

Written by Wolf

23. November 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Und du liegst armselig, krank und blaß

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Update zu Weihnachtsengel 1: Brecht (Über die Vergewaltigung von Frigiden)
und Du warst den Meeren mitternachts entstiegen:

Ich selbst möchte so gern auch produktiv sein, aber […] immer wenn ich etwas beginne, habe ich Angst, dass die Leute sagen werden, ich hätte es nicht selbst gemacht. Und deshalb höre ich wieder auf. Oder ich glaube, dass es nichts taugt.

So brieflich am 5. Juni 1940 Margarete Steffin, * 21. März 1908 in Rummelsburg, heute Berlin, † 4. Juni 1941 in Moskau, von Bertolt Brecht als Grete angesprochen und als nicht mehr als dessen engste Mitarbeiterin und Geliebte apostrophiert, sträflich unterschätzt.

Junge Margarete Steffin mit Zöpfen, Deutsche Liebeslyrik33-jährig auf dem Weg von Skandinavien nach Amerika in Moskau an ihrer chronischen Tuberkulose gestorben:

Im neunten Jahr der Flucht vor Hitler
Erschöpft von den Reisen
Der Kälte und dem Hunger des winterlichen Finnland
Und dem Warten auf den Paß in einen anderen Kontinent
Starb unsere Genossin Steffin
In der roten Stadt Moskau.

Für ihre Bedeutung spricht schon, dass Brecht sie als Co-Autorin nicht nur genutzt, sondern gar angeführt und ihr als Kumpanin und manches darüber hinaus schmerzlich hinterhergedichtet hat:

Mein General ist gefallen
Mein Soldat ist gefallen
Mein Schüler ist weggegangen
Mein Lehrer ist weg
Mein Pflegling ist weg…

Sie soll sich als einzige in Brechts heillosem Verhau von Manuskripten ausgekannt haben. Ihr eigenes Werk stand erst unter Verschluss des Ost-Berliner Brecht-Archivs, wurde erst im Laufe der 1960er Jahre bekannt und 1991 zu ihrem 50. Todestag erschlossen.

Seit du gestorben bist, kleine Lehrerin
Gehe ich blicklos herum, ruhelos
In einer grauen Welt staunend
Ohne Beschäftigung wie ein Entlassener.

Ohne sie stünden Brechts Gedichtsammlungen bis heute nicht in der geordneten Form, in der sie stehen. Das oben stückweise angeführte Nach dem Tod meiner Mitarbeiterin M.S., noch von 1941, war naturgemäß schon nicht mehr dabei.

Beim stand des populären Halbwissens über „Brecht und seine Weiber“ drängt sich nach einem ihrer eigenen Sonette in korrektem Blankvers der Gedanke auf: Na, mehr muss man ja wohl nicht wissen. Damit machte man es sich zu leicht. Muss man nämlich doch: Hartmut Reiber, Hrsg.: Grüß den Brecht. Das Leben der Margarete Steffin, Eulenspiegel Verlag, Berlin 2008. Die allesamt erst aus dem Nachlass geretteten Texte mit dokumentarischem Anhang gab 1991 Inge Gellert als Konfutse versteht nichts von Frauen heraus.

——— Margarete Steffin:

Stell dir vor

8. Juli 1933, aus: Konfutse versteht nichts von Frauen. Nachgelassene Texte, Rowohlt, Berlin 1991:

Stell dir vor: es kommen alle Frauen
Die du einmal hattest, an dein Bett.
Ach, die wenigsten sind jetzt noch nett.
Keine, denkst du, ist mehr anzuschauen.

Aber alle stehen streng und schweigend.
Eine jede will von dir heut nacht
Ihren Spaß. Und wenn du ihr’s gemacht
Tritt sie seitwärts, auf die nächste zeigend.

Gierig langen sie dich an. Verloren
Bist du. Die du einst zum Spaß erkoren
Treiben mit dir einen bösen Spaß.

Selbst seh ich mich in der Reihe stehen
Sehe mich ganz schamlos zu dir gehen.
Und du liegst armselig, krank und blaß.

Ruth Berlau, Margarete Steffin beim gemeinsamen Schachspiel mit Bert Brecht

Bilder: Portrait via Deutsche Liebeslyrik;
Ruth Berlau: Margarete Steffin beim Schachspiel mit Bertolt Brecht, via Pedro Hafermann, 9. Juni 2020.

Soundtrack: Fiona Apple: Not About Love, aus: Extraordinary Machine, 2005:

Written by Wolf

20. November 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Wer hätte da sich um Blumen bekümmert?

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Update zu Pflanzenähnlichkeit der Weiber:
Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel
:

Klar bleibt allein, dass der Begriff der Blauen Blume der deutschen Romantik von Novalis in die „hohe“ Literatur eingeführt wurde.

Allenfalls findet sich ein vager Hinweis auf „eine alte Volkssage, lange vor der Romantik“ in der „jemand zufällig eine blaue Wunderblume“ findet; „durch sie erlangt er Zugang zu verborgenen Schätzen“ — näher werden wir nicht zur Quelle geführt. Schlüssig nachweisbar ist nur Novalis‘ Roman Heinrich von Ofterdingen von 1800, posthum 1802 erschienen. Darin liegt „der Jüngling“ gleich zu Anfang des ersten Kapitels

unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn‘ ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken. So ist mir noch nie zu Muthe gewesen: es ist, als hätt‘ ich vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert, und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab‘ ich damals nie gehört.

Heinrich, würde man heute sagen, verarbeitet also im Halbschlaf seinen Tag. Nicht viel später im Text „träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden“:

Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewußt, schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloß. Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte, und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blüthenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in der elterlichen Stube fand, die schon die Morgensonne vergoldete.

Halten wir fest: Der romantisch verträumte Jüngling Heinrich erfährt in der Exposition unvermittelt durch einen nicht näher bezeichneten Fremden — vielleicht dem erst später auftretenden Klingsohr — von einer blauen Blume, die gleichfalls nicht genauer denn „lichtblau“ und impilzit von auffallender Schönheit beschrieben wird. Gegen Ende desselben ersten Kapitels tritt zutage, dass auch Heinrichs Vater einst von einer Blume geträumt hat, sich aber nicht an deren Farbe und sonstige Beschaffenheit erinnert:

Ach! liebster Vater, sagt mir doch, welche Farbe sie hatte, rief der Sohn mit heftiger Bewegung.

Das entsinne ich mich nicht mehr, so genau ich mir auch sonst alles eingeprägt habe.

War sie nicht blau?

Es kann seyn, fuhr der Alte fort, ohne auf Heinrichs seltsame Heftigkeit Achtung zu geben. Soviel weiß ich nur noch, daß mir ganz unaussprechlich zu Muthe war, und ich mich lange nicht nach meinem Begleiter umsah. Wie ich mich endlich zu ihm wandte, bemerkte ich, daß er mich aufmerksam betrachtete und mir mit inniger Freude zulächelte. Auf welche Art ich von diesem Orte wegkam, erinnere ich mir nicht mehr. Ich war wieder oben auf dem Berge. Mein Begleiter stand bey mir, und sagte: du hast das Wunder der Welt gesehn. Es steht bey dir, das glücklichste Wesen auf der Welt und noch über das ein berühmter Mann zu werden. Nimm wohl in Acht, was ich dir sage: wenn du am Tage Johannis gegen Abend wieder hieher kommst, und Gott herzlich um das Verständniß dieses Traumes bittest, so wird dir das höchste irdische Loos zu Theil werden; dann gieb nur acht, auf ein blaues Blümchen, was du hier oben finden wirst, brich es ab, und überlaß dich dann demüthig der himmlischen Führung. Ich war darauf im Traume unter den herrlichsten Gestalten und Menschen, und unendliche Zeiten gaukelten mit mannichfaltigen Veränderungen vor meinen Augen vorüber. Wie gelöst war meine Zunge, und was ich sprach, klang wie Musik. Darauf ward alles wieder dunkel und eng und gewöhnlich; ich sah deine Mutter mit freundlichem, verschämten Blick vor mir; sie hielt ein glänzendes Kind in den Armen, und reichte mir es hin, als auf einmal das Kind zusehends wuchs, immer heller und glänzender ward, und sich endlich mit blendendweißen Flügeln über uns erhob, uns beyde in seinen Arm nahm, und so hoch mit uns flog, daß die Erde nur wie eine goldene Schüssel mit dem saubersten Schnitzwerk aussah. Dann erinnere ich mir nur, daß wieder jene Blume und der Berg und der Greis vorkamen; aber ich erwachte bald darauf und fühlte mich von heftiger Liebe bewegt. Ich nahm Abschied von meinem gastfreyen Wirth, der mich bat, ihn oft wieder zu besuchen, was ich ihm zusagte, und auch Wort gehalten haben würde, wenn ich nicht bald darauf Rom verlassen hätte, und ungestüm nach Augsburg gereist wäre.

Der Verlust, ja die Missachtung der Erinnerung an die blaue Blume macht den Vater zu einem Vertreter der Klassik, die jener Romantik voranging, für deren Werte die Blume steht, jedenfalls zu einem nüchternen, strebsamen, der Welt zugewandten, nicht eben schlechten, aber doch prosaischen Menschen.

Ohne die eine oder andere Epoche auf- oder abzuwerten, habe ich es immer für einen Verlust in der Auslegung und Bewertung beider unbestreitbar wichtigen Epochen gehalten, dass niemand weiß: von was für einer Blume Novalis eigentlich redet, die er vielleicht aus einer „Volkssage, lange vor der Romantik“ oder vielleicht aus einem Bild seines Freundes Friedrich Schwedenstein herleiten mag — oder vielleicht auch nicht.

Am 2. Juni 2019 habe ich mich in dieser Angelegenheit an die Mitglieder der Facebook-Gruppe Deutsche Romantik gewandt, wo ich einige Experten für solche Belange vermutete:

Mal eine Frage, die geradezu in die Substanz der deutschen Romantik lappt: Was ist eigentlich die Blaue Blume für eine Blume?

Cicely Mary Barker, The Heliotrope Fairy, 1923, 1944Das klingt so trivial — aber was genau sollte man sich darunter bildlich vorstellen? In Wikipedia finde ich: „Als reale Vorbilder der blauen Blume werden oft heimische Pflanzen angesehen, in Mitteleuropa etwa die Kornblume oder die Wegwarte; Novalis spricht vom blauen Heliotrop.“

Und zwar finde ich das ausschließlich in Wikipedia. Deshalb hab ich mir die Mühe gemacht nachzuschauen, seit wann diese Zuschreibung des Heliotrops kursiert: Eingeführt hat das erst unter der alten Version ein Nutzer namens NikePelera am 7. Januar 2010 um 14:01 Uhr — verbessert aus seiner eigenen, genau 2 Minuten älteren Version mit dem noch nicht verlinkten „Heliothrop“.

Man wird also seit Anfang 2010 an den Heliotrop als Blaue Blume glauben, was man auch öfter so verbreitet findet. Allerdings beziehen sich nach meiner Einschätzung sämtliche Stellen, genannt oder ungenannt, auf diese Wikipedia-Erklärung von einem Nutzer, der nicht erreichbar ist. Das Wikipedia-Bild dazu zeigt eine Kornblume mit der unbelegten Vermutung in unbegründetem Konjunktiv: „Die Kornblume könnte Vorbild für das Symbol gewesen sein“.

Ohne dem unbekannt bleibenden NikePelera zu nahe treten zu wollen, finde ich das in dieser Verbindung wenig glaubwürdig. Dass Novalis von einem Heliotrop, von mir aus auch von der Sonnenwende (Heliotropium) spricht, stelle ich weder in meiner Gesamtausgabe noch irgendwo online fest — abgesehen davon, dass es laut dem Ofterdingen „eine hohe lichtblaue Blume“ sein soll, was ich aus der Zeit und der Stilebene als „hellblau“ übersetzen möchte, und Sonnenwenden eher dunkelblau gedeihen — allerdings auf heutigem Stand der Botanik: „Sowohl krautige Pflanzen, Halbsträucher als auch Bäume kommen vor“, sagt wiederum Wikipedia über die „rund 250 Arten“, was durchaus als „hohe“ Pflanze durchgehen kann, und na gut, dann kannte Novalis vielleicht ja auch hellblaue.

Und dann doch wieder: „Die Blüthenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte“ — wohingegen Sonnenwenden nicht breit, sondern mit doldenähnlichem Blütenstand blühen.

Kurz gesagt bin ich also unglücklich mit der Vorstellung der Blauen Blume als Heliotrop, weil ich mir das weder bildlich vorstellen noch aus der Primär- oder Sekundärliiteratur herleiten kann. Eine bessere Lösung weiß ich auch nicht.

Kann hier jemand sagen, ob ich was übersehen hab oder was denn die Blaue Blume sonst sein könnte?

Darauf erhielt ich noch am selben Tag die Antwort vom Gruppen-Administrator Michael D. Schmid:

Ja, an dem Artikel habe ich auch schon rumgebastelt. :) Zur botanischen Deutung der blauen Blume: Ich persönlich würde die Ansicht vertreten, dass eine allzu einengende Definition der träumerisch-rauschhaften Traumerzählung Heinrichs etwas zuwider läuft. Die Passage appelliert doch an die assoziative Phantasie, und das Symbol der blauen Blume als Inbegriff der Sehnsucht muss sich einer aufklärerisch-wissenschaftlichen Vermessung (Vermessung = Vermessenheit?) entziehen. Oder mit Novalis gesprochen: „Die Aussenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich.“ Ich für meinen Teil kann und will die Blaue Blume nicht erkennen, nur erahnen.

Das trug Herrn Schmid fünf Likes und ein „So ist es!“ ein, die wir ihm herzlich vergönnen wollen, allerdings auf seine durchdachte, engagierte und unbestreitbar wahre Antwort, die mir dennoch nicht genügen wollte:

Das gibt Sinn und entspricht wohl auch dem romantischen Geiste :) Ich würde die Blume gern auch benennen wollen. Der Heliotrop scheint mir dann doch aus der Luft gegriffen — und deshalb an einer Stelle, die so ziemlich jeder Interessierte als erstes ansteuern wird, zu vermeiden. Schon klar, Wiki-Artikel verbessern kann jeder, ich selber sogar unter registriertem Nutzernamen; da überlege ich gerade, ob das ersatzlos zu streichen ist, oder wodurch man’s denn verbessern sollte…

Bei meiner Unzufriedenheit mit der Forschung, ja Verderbtheit des allgemeinen Wissensstandes, ist es bis auf weiteres geblieben. Noch fünf Wochen danach wurde mein Facebook-Thread nach oben geholt durch den nicht vollends geistlosen Kalauer anderer Hand:

Ganz einfach: Es handelt sich um eine blûme in pla-tôn.

Ein konstruktiver Versuch wurde noch unternommen durch den ergänzenden Einwurf:

ich würde sagen, gustav mahler hat wie kein anderer die suche nach der blauen blume in musik umgesetzt, zumindest in seinen wunderhorn-symphonien 1-4.

Das war’s. Im übrigen sind wir geworfen auf Ricarda Huch: Die Romantik. Ausbreitung, Blütezeit und Verfall Blütezeit der Romantik: Erstdruck: Leipzig, Haessel, 1899. Ausbreitung und Verfall der Romantik: Erstdruck: ebenda, 1902.

Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.

Ja, genau:

Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Nahmen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsgluth.

Bild: Cicely Mary Barker: The Heliotrope Fairy, aus: Flower Fairies of the Garden; Blackie, 1944:

Heliotrope’s my name; and why
People call me „Cherry Pie“,
That I really do not know;
But perhaps they call me so,
’Cause I give them such a treat,
Just like something nice to eat.
For my scent—O come and smell it!

How can words describe or tell it?
And my buds and flowers, see,
Soft and rich and velvety—
Deepest purple first, that fades
To the palest lilac shades.
Well-beloved, I know, am I—
Heliotrope, or Cherry Pie!

Soundtrack: wie auf Facebook empfohlen, Gustav Mahler: 4. Sinfonie in G-Dur, 1901,
unter Leonard Bernstein, Mai 1972 im Wiener Musikvereinssaal; Sopran: Edith Mathis:

Bonus Track: Mazzy Star: Blue Flower, aus: She Hangs Brightly, 1990, live 9. Juli 1994:

Written by Wolf

13. November 2020 at 00:01

Vom Zwerg am Römerberg

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Update zu Vorbild und Nachbild: Nebelschleiern sich enthüllen,
Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10
und vor allem Du hast genug geflennt:

Bei – voller Titel: Die Wahrheit über Arnold Hau. Herausgegeben von Robert J. Gernhardt. F. W. Bernstein und F. K. Waechter bei Bärmeier & Nikel 1966 – bei Arnold Hau also weiß man nie, ob ein Beitrag von Gernhardt, Bernstein oder Waechter stammt. Wie der Dreierpack Die Drei – zusammen mit Besternte Ernte 1976 und Die Blusen des Böhmen 1977 – bei Zweitausendeins 1981 es ausdrückt:

1966 das erste Mal erschienen, alsbald verramscht und 1974 bei Zweitausendeins wiederauferstanden, hat das Buch mittlerweile eine Auflage von weit über sechzigtausend Exemplaren erreicht. Völlig zu Recht, denn wo gibt es das noch einmal: drei Autoren, die derart zusammenarbeiten, daß es ihnen heute schwerfällt, ihre Arbeiten von damals auseinanderzuhalten? Sind ja auch gar nicht ihre Arbeiten, ist alles von Arnold Hau, das ist die Wahrheit, jawohl.

Jawohl. Und sechzigtausend Exemplare sind ein Bestseller und ein siebenzeiliges Gedicht — mit dem nicht ganz unraffinierten Reimschema ABABCBC plus Binnenreim im Vorletzten — ist ein hypertrophierter Limerick.

Dankenswerter Weise wurde Arnold Hau nach 1966 nie wieder nennenswert erweitert oder verbessert oder sonstwie unkenntlich gemacht; sogar die 17. Auflage von 2005 bleibt noch seitengleich mit den drei Erstauflagen, indem sie dreimal von vorne zu zählen anfängt. Egal wo man egal welche Ausgabe in egal welcher Auflage erwischt, soll man sich auf sie stürzen und nie wieder hergeben. Jawohl.

——— Robert Gernhardt, F. W. Bernstein oder F. K. Waechter:

Der unerzogene Zwerg

aus: Die Wahrheit über Arnold Hau, Bärmeier & Nikel, 1966, Seite 147:

Einst tuschelte am Römerberg,
es war im Monat März,
ein feister untersetzter Zwerg
ins Ohr mir einen Scherz.
Der war so säuisch, war so fies,
daß ich den Zwerg am Römerberg
entrüstet stehen ließ.

Hei, wie sich an dieser Stelle anböte, einen nicht weniger säuischen denn fiesen Scherz weiterzutragen, und welch ein Jammer, dass ich dergleichen gar nicht kenne. Unweit vom besungenen Frankfurter Römerberg residiert jedoch seit 2008 das Caricatura Museum für Komische Kunst. Man wird also heutzutage zu Frankfurt ausreichend Gelegenheit finden, sich allerlei Scherze von feisten untersetzten Zwergen oder sonstwem eintuscheln zu lassen.

Rachael Robinson Elmer, Restoring the Lost Sense, featuring a dwarf, St. Nicholas Magazine, Abecedarian, October 4th, 2014

Bild: Rachael Robinson Elmer: Restoring the Lost Sense, aus: St. Nicholas Magazine, undatiert,
via Abecedarian, 4. Oktober 2014.

Soundtrack zur Heimatkunde: Ludwig van Beethoven: 5. Satz: Allegretto: Hirtengesang. Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm, aus: Pastorale, Symphonie 6, F-Dur, opus 68, 1807 f. Videomaterial vom Frankfurter Römerberg sichtlich von 2020:

Written by Wolf

6. November 2020 at 00:01

Makkaroni, Melonen und Feigen, musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion

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Update zu Fabel zur Senkung der Arbeitsmoral,
Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
And such a life I wish to live und
Ein Buch gibt keine Gelatinesuppe:

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

(§. 2). Hier ist nun aber unsere Untersuchung auf die beste Verfassung gerichtet, Dies aber ist diejenige, durch welche der Staat am meißten glückselig wird. Glückseligkeit endlich, so wurde vorhin bemerkt, ist ohne Tugend unmöglich, und hieraus ergiebt sich denn, daß in dem aufs Schönste verwalteten Staate, dessen Bürger gerechte Männer schlechthin und nicht bloß bedingungsweise sind, dieselben weder das Leben eines Handwerkers noch das eines Kaufmannes führen dürfen, denn ein solches ist unedel und der (wahren) Tugend und Tüchtigkeit zuwider, und daß auch Ackerbauer Die nicht sein dürfen, welche hier Bürger sein wollen, denn es bedarf voller Muße zur Ausbildung der Tugend und zur Besorgung der Staatsgeschäfte.

Aristioteles: Über die Politik. Griechisch und Deutsch,
herausgegeben von Prof. Franz Susemihl, Erster Theil, Text und Übersetzung,
Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig 1879, IV (VII), 9, Seite 417 f.

Die Arbeit kann uns lehren,
sie lehrte uns die Kraft,
den Reichtum zu vermehren,
der unsre Armut schafft.

Heinrich Eildermann: Lied der Jugend, 1907/1910.

Tja, eines der vielen großen Worte Alexander von Humboldt’s : ›Sie sind sämtlich faul, Majestät.‹, (als Fr. Wilhelm iv. ihn nach den großen allgemeinen Kennzeichen der Gattung Mensch fragte). / Naja; erhebt sich die Frage : ›Iss Fleiß ’ne Tugend?‹ / (Müßte man erst noch eine andre Frage davorschalten): ›Ist Fleiß für Menschen & Tiere eine einfache (Lebens)Notwendigkeit?‹

Arno Schmidt: Julia, oder die Gemälde. Scenen aus dem Novecento, 1979/1983,
Bargfelder Ausgabe Seite 141.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Eben wegen solcher unterschiedlich zweifelhafter, in manchen Fällen zu bekämpfender Einordnungen des Konstrukts der Arbeit in die eigenen Lebenswirklichkeiten reden Künstler seit jeher der Muße das Wort: jener in allen Wortsinnen freien Zeit, die der selbstbestimmter Gestaltung vorbehalten ist — nicht aber zu verwechseln mit der Todsünde der Acedia, die außer der lasterhaften Faulheit auch Feigheit, vorsätzliche Ignoranz, Überdruss und die Trägheit des Herzens einschließt.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Es liegt im Anliegen möglichst ausführlicher Mußezeiten selbst begründet, sich durch die Forderung nach möglichst wenig sicht- und messbarer Arbeit in der Außenwahrnehmung spätestens durch ihre Formulierung zu disqualifizieren. In Gesellschaften, in denen sämtliche Ausprägungen von Kunst nicht als unmittelbar lebensnotwendig begriffen werden, sind Künstler entbehrliche Mitglieder, die ihre Existenz erst plausibel machen, ja rechtfertigen müssen. Am wirksamsten tun sie das durch sicht- und messbare Arbeit, die ihrer Funktion als Künstler zuwiderläuft.

Konnte dem anerkannten Spaßmacher Karl Valentin noch eine so reine wie bittere Wahrheit erfolgreich zugeschrieben werden wie:

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

blieb er doch weiterhin ein Spaßmacher: der Hofnarr einer bürgerlichen Gesellschaft, den man köpfen müsste, wenn man ihn ernst nähme. Dagegen machte sich der oben in einer ganz anderen Tonart angespielte Arno Schmidt gerade unter seinesgleichen nachhaltig unbeliebt mit seiner Aussprache für die Arbeit. Und das in einer Dankadresse zum GoethePreis 1973:

Sei es noch so unzeitgemäß und unpopulär; aber ich weiß, als einzige Panacee, gegen Alles, immer nur ›Die Abeit‹ zu nennen; und was speziell das anbelangt, ist unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend, mit nichten überarbeitet, vielmehr typisch unterarbeitet : ich kann das Geschwafel von der ›40=Stunden=Woche‹ einfach nicht mehr hören : meine Woche hat immer 100 Stunden gehabt; und ›Zettels Traum‹ 25.000 erfordert ! — es war ein großer Tag, als er fertig war.

Das hätte so eine schöne Volte sein können: Der Inbegriff des erzdeutschen Schriftstellers, in der Bargfelder Heide eingehäuselt in einer betont anspruchslosen Fusion aus Dachsbau und Elfenbeinturm, wirft akkurat „den anderen“, der arbeitenden Bevölkerung, Faulheit vor und stellt sein Künstlertum als die wahre Maloche dar. Leider ist sie seinerzeit nach hinten losgegangen, weil die Vertretungen der Erwerbsarbeit 1973 schon eher nach 35, aber bestimmt nicht nach 100 Arbeitsstunden pro Woche schielten, und die Vertretungen des künstlerischen Schaffens noch zu sehr einem romantischen Geniebegriff anhingen, um „wahre Kunst“ als „Ware Kunst“ erworben zu sehen.

Dem angeführten valentinesken Bonmot steht die populäre Aufrechnung nahe, dass Kunst zu 10 Prozent aus Inspiration und zu 90 Prozent aus Transpiration bestehe. Die kolportierten Prozentsätze — und die Quellenzuschreibungen — wechseln, aber immer zugunsten der „Transpiration“ bis hin zur statistisch signifikanten Ausschließlichkeit. Eine Idee kann schnell entstanden sein. In so einem künstlerischen Schaffenprozess geht der Arbeitsfaktor Zeit nicht dahin, indem eine Idee innerhalb eines Ideenträgers — nennen wir ihn Künstler — herumgeistert, sondern indem sie zu Ende gedacht und schließlich anhand ihrer Materialien ausgeführt wird. Das erfordert einen vorerst nicht abzusehenden Aufwand an Zeit, der von anderweitiger Erwerbsarbeit zwangsläufig abgezogen werden, folglich aus irgendwelchen frei (!) verfügbaren Ressourcen herkommen muss.

Wir können uns deshalb darauf einigen: Faul waren Künstler nie — nicht solche, deren Werk dauerhaft überlebt hat. Praktische Beispiele aufzulisten wäre ebenso willkürlich wie uferlos.

Eine so relevante wie knappe Auswahl aus dem theoretischen Unterbau dagegen erscheint als Handhabe zur Argumentation unerlässlich. Vor allem, um das Bedürfnis nach bitter notwendiger Muße von dem Ruch des Schlawinertums zu befreien, die jeden nützlich arbeitenden Menschen „schon mal“ befallen kann, die aber als vorübergehende Schwäche weggelacht werden darf, ja sollte. Mit pointierter Ausdrucksweise ist einem Sachverhalt, nicht aber dessen gegnerischen Ansichten beizukommen. Dergleichen verkennt die politische, wirtschaftliche und soziale Dimension des Strebens nach Glück. Oder wenigstens Wohlbefinden. Oder wenigstens danach, dass es nicht die ganze Zeit ganz so weh tut, bis man endlich gnädig jämmerlich verrecken darf.

Schlimm genug, dass man im 21. Jahrhundert immer noch daran herumargumentieren muss, dass die Leute Freiheit brauchen, um wie Menschen zu leben. Und nochmal: Freiheit — gleichermaßen die Freiheit von wie die Freiheit zu etwas — bedeutet, eine Auswahl zu haben. Zum Beispiel zwischen Arbeiten oder Ruhen, körperlichem Ackern oder Kontemplieren, künstlerischem Schaffen oder Aufnehmen, oder Herumliegen und Mundhalten.