Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for August 2012

Kätzische Beiträge zur Konstitution einer Angewandten Poesie

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——— E.T.A. Hoffmann: Lebensansichten des Katers Murr: Vorwort des Herausgebers, 1819:

Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger, als gegenwärtigem, da es, wird nicht erklärt, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefügt hat, als ein zusammengewürfeltes Durcheinander erscheinen dürfte.

——— Ebenda: Vorwort. Unterdrücktes des Autors:

Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe ich der Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum großen Kater bildet, meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich liebe, schätze, ehre, bewundere und ein wenig anbete.

Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt und scharfe Krallen.

Kater Murr. Handzeichnung von König Ferdinand von Portugal, 1859„Murr“, sagt Moritz.

„Was ist dir, o beste aller Katzen?“ frage ich.

„Langweilig ist mir, o bester aller Dosenöffner.“

„Als ob das was Neues wäre, o …“

„Ist gut, sprich ruhig bequem. Im Gegensatz zu dir jedenfalls, stimmt’s?“

„Wenn ich über irgendwas nicht klagen kann, dann ja wohl über Langeweile.“

„Hab schon gesehen. Du hast schon wieder einen neuen Weblog eröffnet.“

„Was heißt ’schon wieder‘. Das ist mein erster eigener.“

„Also dein Dings mit den Fischen und den Schiffen hat mir besser gefallen.“

Moby-Dick™? Das ist ein Gemeinschaftsprojekt. Und von dem musst du gar nicht in der Vergangenheit reden.“

„Und Wale sind keine Fische, wolltest du sagen.“

„Ich vergaß.“

„Aber du brauchst unbedingt was Eigenes, ja?“

„Ei freilich. Dabei müsstest du als Miez das gerade gut verstehen. Du hast es doch mit Revieren.“

„Und Bibliotheken. Und gelahrten Späßen.“

„Siehst du?“

„Kommt drauf an, was du damit vor hast.“

„Steht doch groß und breit auf der Pforte.“

„Da kannst du viel draufschreiben. Und dann wird’s doch wieder ein nach nix und wieder nix geordnetes Nachschlagewerk mit Ausreden für Bildchen von leicht geschürzten Mädchen.“

„Klingt doch gar nicht so schlecht.“

„Meister, Meister, Meister ….“

„Die Beschwerden über mein Verhalten häufen sich.“

„Dann erklär Er sich.“

„Ach, was wird‘ denn schon werden, wenn’s an Goethes Geburtstag losgeht, und zwei Beispiele stehen auch schon drin. Da, schau, unter dir.“

„Erwartest du, dass jemand im Internet etwas liest, das älter als einen Tag ist? Alter, wo lebst du denn? Im Web 2.0?“

„Genau das erwarte ich. Aufmerksamkeitsspanne ist das nächste große Ding.“

„O ja. Und holpernde Sonette von obskuren Viktorianerinnen, die 1840 die Restauflage ihres ersten Gedichtbändchens selbst vom Verleger aufkaufen mussten, die seitdem in einer ostdeutschen Universitätsbibliothek darauf warten, dass …“

„Wenn dir sowas auffällt, lass es mich bitte, bitte um Gottes willen sofort wissen!“

„Versprochen, Meister.“

„In dem Regal, in das du deine Mäuse zu scheuchen pflegst, müsste schon einiges davon rumgilben.“

„Die armen Mäuse.“

„Richtig. Und selber gedenke ich auch einiges in diesem Geiste beizutragen.“

„Au weh. Wünschst du darauf eine Antwort?“

„Geschenkt. Woran ich mich halten werde, steht oben.“

„Weheklagen und zur Hölle fahren?!“

„Nein. Angewandte Poesie.“

„Da bin ich mal neugierig, worauf du die anwenden willst.“

„Gelle?“

„Sag schon.“

„Schau, Katze. Jeder Mensch trägt ab einem gewissen Alter einen ganzen Dachboden voller Gerümpel in seinem Hirn spazieren.“

„Von einer so trüben Funzel erhellt, dass man gerade mal so erkennt, was für ein Durcheinander herrscht und dass man mit Sicherheit nichts finden wird, was man sucht.“

„Spotte nur. Wenn du mal so alt bist wie ich, wirst du das verstehen.“

„Ich versteh schon. Du kannst dein ganzes zusammengelesenes Kreuzworträtselwissen nicht wegschmeißen, darum willst du es für irgendwas verwenden.“

„Höre ich da eine gewisse leise Geringschätzung heraus?“

„Kommt aber schon hin, hm?“

„Doch, schon.“

„Ihr Senkrechtgeher seid so durchschaubar. Wie lange kennen wir uns jetzt?“

„Länger als du dich erinnern kannst, nicht so lange wie ich den Kater Murr kenne.“

„Der kommt auch vor??“

„Versprochen, Katze, versprochen.“

„Vielleicht wird dein Weblog doch noch zu was gut.“

„Angewandte Poesie!“

„Weck mich, wenn ich was beitragen kann“, sagt Moritz, knetet sich mit den Vorderproten mein Kopfkissen zurecht, rollt sich umständlich ein und pooft innerhalb fünf Atemzügen weg.

Über seine Loyalität und vor allem seine Arbeitsmoral kann man diskutieren, aber er ist das flauschigste Mädchen der Welt.

Moritz am Fenster

Bilder: König Ferdinand von Portugal: Kater Murr, Handzeichnung 1859;
Moritz von hinten, 5. Januar 2012.

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Written by Wolf

30. August 2012 at 13:42

Veröffentlicht in Das Tier & wir, ~ Weheklag ~

Die west-östlichen Sofata

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Nein, das heißt nicht richtig „Sofata“. Wenn Sie beim Einkaufen im Bahnhofsviertel Goethe treffen, geben Sie sich auch nicht mehr mit halbherzigen Hyperkorrektismen wie „Sofae“ zufrieden.

Überhaupt ist es ein ganz anderes Einkaufserlebnis in der Münchner Goethestraße, als wenn man immer nur die Filialen der Rewe-Kette aufsucht, in denen man sich deutschlandweit sofort auskennt. In der Türkei bestimmt auch, falls sie dort agieren. Agieren sagt man doch, oder?

Überhaupt die Wörter; von einer Goethestraße erwartet man ja nichts anderes. Hätten Sie je geahnt, dass Birnen auf Türkisch Armut heißen?

Die Dame aus dem Film war gerade ausgegangen, Ginkgo biloba war noch da.

——— Goethe: West-östlicher Divan: Buch des Unmuts, handschriftlich 26. Juli 1814:

Keinen Reimer wird man finden,
Der sich nicht den besten hielte,
Keinen Fiedler, der nicht lieber
Eigne Melodien spielte.

Und ich konnte sie nicht tadeln;
Wenn wir andern Ehre geben,
Müssen wir uns selbst entadeln;
Lebt man denn, wenn andre leben?

Und so fand ich’s denn auch juste
In gewissen Antichambern,
Wo man nicht zu sondern wußte
Mäusedreck von Koriandern.

Das Gewesne wollte hassen
Solche rüstige neue Besen,
Diese dann nicht gelten lassen,
Was sonst Besen war gewesen.

Und wo sich die Völker trennen
Gegenseitig im Verachten,
Keins von beiden wird bekennen,
Daß sie nach demselben trachten.

Und das grobe Selbstempfinden
Haben Leute hart gescholten,
Die am wenigsten verwinden,
Wenn die andern was gegolten.

Hotel Goethe München

Bild: Hotel Goethe, München;
Film: Nil Ausländer, 28. Mai 2010.

Written by Wolf

29. August 2012 at 06:05

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

Schwatzen nach der Welt Gebrauch

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——— Joseph Freiherr von Eichendorff:

Der Isegrim

1837:

Aktenstöße nachts verschlingen,
Schwatzen nach der Welt Gebrauch,
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.

Aber glauben, daß der Plunder
Eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr.

Aber andre überwitzen,
Daß ich mit dem Federkiel
Könnt den morschen Weltbau stützen,
Schien mir immer Narrenspiel.

Und so, weil ich in dem Drehen
Da steh oft wie ein Pasquill,
Läßt die Welt mich eben stehen –
Mag sie’s halten, wie sie will!

Ab 1837 scheint dieser zitathaltige Schatz aus Eichendorffs erster Gedichtsammlung (Gedichte von Joseph Freiherr von Eichendorff, Duncker & Humblot, Berlin 1837) in seinem Freundeskreis sehr beliebt geworden. Jahrelang erwartet Eichendorff mit einem Eigenzitat verstanden zu werden: An Theodor von Schön schreibt er noch am 24. Juni 1840: „Sodann muß ich eben jetzt wieder einmal Aktenstöße nachts verschlingen, indem mehrere Räte verreist sind, die ich de more solito zu vertreten habe.“

Derselbe Theodor von Schön weiß noch am 17. November 1842 auswendig: „Unsere Landschaften stehen jetzt, um mit Eichendorff zu sagen, wie ein Pasquill da.“ (Briefe zitiert nach der Winkler-Ausgabe, dort übernommen aus der Historisch-Kritischen Ausgabe.)

Johanna Siegmann, Red Riding Hood, Updated, 31. Oktober 2011

Isegrimbild: Johanna Siegmann: Red Riding Hood, Updated, 31. Oktober 2011.

Das schwarzhaarige Rotkäppchen ist Paula Ficara; der noch viel schwärzerhaarige Wolf ist deren Pflegewolfshund namens Taboo. Der Witz an dieser Interpretation ist, dass Rotkäppchen und der Wolf befreundet sind.

Written by Wolf

28. August 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik