Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Spätmittelalter’ Category

In dich hoff ich ganz festiklich

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Update zur Bach-Passionen-Sammlung Zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist!:

Schaut die Mutter voller Schmerzen,
wie sie mit zerrißnem Herzen
unterm Kreuz des Sohnes steht:
Ach! wie bangt ihr Herz, wie bricht es,
da das Schwerdt des Weltgerichtes
tief durch ihre Seele geht!

Anonym: Stabat mater, ca. 1180–1306, Anfang,
Übersetzung: Christoph Martin Wieland, 1779.

Zum schwersten aller Feiertage muss ich doch endlich die Hausmadonnen feierlich unters Volk werfen, die ich kurz nach Mariä Lichtmess, also am Zweiten eines verflossenen Februars zu Nürnberg eingefangen hab. Da war mir nicht klar, dass die schon ziemlich flächendeckend dokumentiert sind. Nächstes Mal geh ich halt mehr auf die Details, die sind stellenweise richtig vogelwild.

Die Bilder sind frühmorgens gemacht, so früh es eben im Februar schon so hell wird, kurz bevor ich zu meinen Eltern, lang sollen sie leben, Richtung Lauf weiter musste, und sind allesamt um den Obstmarkt herum einsehbar. Der Text stammt ebenfalls aus Nürnberg und aus der gleichen Zeit wie die Mariä. Die Musik ist nicht fränkisch, von den Aufführenden und dem Aufführungsort her allenfalls französisch, ansonsten genuin italienisch und schon neuzeitlich, aber gerade karfreitags ein Trost für Christ und Jud und Heid.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016

——— Hans Sachs:

Das liet Maria zart

verendert und cristlich corrigirt.

1524.

1.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu zart, götlicher art,
ein ros on alle doren,
Du hast aus macht herwider bracht
das vor lang was verloren
Durch Adams fal; dir wart die wal
von got vatter versprochen;
auf das nit würt gerochen
mein sünt und schult, erwarbstu hult;
wan kein trost ist, wa du nit bist
barmherzikeit erwerben;
wer dich nit hat und dein genat,
der muß ewiklich sterben.

2.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste milt, du hast gestilt
der altvätter verlangen,
Die jar und tag in we und klag
die vorhell het umfangen,
Senlicher not ruften: „o got,
zureiß des himels pfarten
und send uns, des wir warten,
den messiem, der uns abnem
die senlich pein.“ das ist durch dein
vilfaltig blutverreren
ganz abgestelt, darum dich zelt
all welt Cristum den heren.

3.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu rein, du bist allein
der sünder trost auf erden;
Darum dich hat der ewig rat
erwelet, mensch zu werden;
Uns all zu heil darum urteil,
am jüngsten tag wirst richten,
die dir glauben, mit nichten.
o werte frucht, all mein zuflucht
han ich zu dir; ich glaub, hast mir
erworben ewig leben;
in dich hoff ich ganz festiklich,
weil du mir gnad tust geben.

4.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste groß, du edle ros,
gütig an allen enden,
Wie gar gütlich, her, hast du mich
wider zu dir lan wenden
Mit deinem wort! mein sel leit mort
bei den falschen profeten,
die mich verfüret heten:
auf mancherlei ir gleisnerei,
auf werk ich hoft und meinet oft,
genad mir zu erwerben;
verliße dich; o her! nit rich
mein unwissent verderben.

5.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu fein, dein wort gibt schein,
licht, klar als der karfunkel.
Es hilft aus pein den armen dein,
die sitzen in der dunkel;
Kein ru noch rast haben sie fast
wol in der menschen lere;
reich in dein wort, mit gere
hilf in darvan auf rechte ban
und sie selb tröst, seit du erlöst
hast alle welt gemeine,
das sie in dich hoffen einig,
nit in ir werk unreine.

6.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste wert, so dein wort kert
von mir und sich derscheite,
So kum zu mir, beschütz mich schir,
auf das mich nit verleite
Die menschenler, die gleißet ser,
wer kan ir list erkennen?
sie tut sich heilig nennen,
ist doch entwicht und lebet nicht;
allein dein wort, das ist der hort,
darin das leben iste;
da speis mich mit (entzeuch mirs nit!)
zu ewiklicher friste!

7.

O Jesu Crist, war got du bist;
in dir ist kein gebrechen.
Es ist kein man, der mag und kan
dein glori groß aussprechen;
Dein hohes lob schwebt ewig ob,
dir ist als übergeben
was ie gewan das leben,
all creatur. o könig pur,
wens darzu kumt, das mein mut stumt,
leiblich den tot muß leiden,
dan hilf du mir, das ich mit gir
in deim wort müg abscheiden.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016

Giovanni Battista Pergolesi: Stabat mater, Konzert in f-Moll mit Philippe Jaroussky, Countertenor, und Emöke Barath, Sopran, Kammerorchester Orfeo 55 unter Nathalie Stutzmann, Chapelle de la Trinité, Château de Fontainebleau, April 2014:

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Written by Wolf

14. April 2017 at 00:01

Touristengeheimtipp mit Gewinnspiel (geschlossen): Meide das Oktoberfest!

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Update zu Große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen gleichen,
Nur die Wurst hat zwei und
Isarathen ist die nördlichste Stadt Italiens:

Bayerische Staatsbibliothek, Plakat Bilderwelten 2016, DetailAch Gott, schon wieder Oktoberfest. Nachdem meiner bescheidenen, weil sehr eingeschränkten Wahrnehmung nach da wirklich jeder in München ist, muss ich mal eine Lanze brechen: München hat auch schöne Ecken.

Die grundsätzlich wunderschönen Ausstellungen der Bayerischen Staatsbibliothek, die sehr viel mehr wert wären als den freien Eintritt, sind ab sofort als App erreichbar. Weil ich ein altmodischer Mensch bin, der davon abrät, mehrere Jahrhunderte alte Bücher im Gegenwert eines Münchner Vororts auf der Größe eines womöglich noch gesprungenen Telefons anzuschauen, empfehle ich vielmehr allen meist nicht weniger altmodischen Menschen, persönlich zur Ausstellung Bilderwelten 2016. Buchmalerei zwischen Mittelalter und Neuzeit zu kommen.

Die Ausstellung hat drei Teile, die nicht räumlich, sondern zeitlich getrennt liegen: Vom 13. April bis 15. Juli war die Eröffnungsausstellung Luxusbücher, seit 25. Juli noch bis 6. November herrscht Ewiges und Irdisches. Mitteleuropäische Buchmalerei 1400–1540, und Aufbruch zu neuen Ufern kommt ab 14. November 2016 bis 24. Februar 2017. Sie können also dreimal hin, bis jetzt noch zweimal, was gar nicht so schlecht ist. Die Stabi liegt angenehm zentral, wird im Sommer gekühlt und im Winter geheizt, zur Ausstellung — in den Schatzkammern — geht’s einmal die Treppe rauf und zweimal rechts, und wenn Sie wieder rauskommen, entfaltet sich schon am Ausgang der Kneipenreichtum der Schellingstraße. Wer da noch zögern wollte.

Öffnungszeiten: Montag–Freitag 10:00–17:00 Uhr, Donnerstag 10:00–20:00 Uhr sowie am 1. Sonntag im Monat 13:00–17:00 Uhr. Der Eintritt ist frei. Kostenlose öffentliche Führungen jeweils donnerstags um 16:30 Uhr sowie jeden 1. Sonntag im Monat um 14:00 Uhr.

Wer schryben kan
der sol schryben
wer mâlen kan
der sol belîben
och damit
Ain ieglicher sol
begen daz er kome wol.

Von den gemalten
bilden sint
die geburen
und die kint
gevreuwet oft.
Wer nit enkan
versten
waz ein bider man
an der geschrift
versten sol
dem sy
mit den bilden wol.

Der pfaffe sehe
die schrift an
so sol
der ungelernte man
die bilde sehen
sit im nicht
die schrift
zerkennen geschickt.

Der Paffe soll
die Schriften lesen
jedoch
das ungelehrte Wesen
schau bei Bildern
sehr gut hin
und erkenne
so den Sinn.

Diese drei Verslein und wenigen Bilder hab ich von meinem Besuch der Luxusbücher mitgebracht. Ich verschweige absichtsvoll deren Quelle, die man nicht online findet, sondern nur auf den Plakaten im 1. Stock der Bayerischen Staatsbibliothek, auf dem Zugang zu den Ausstellungen in den Schatzkammern. Wer mir in den Kommentar schreiben kann, wo das her ist, muss dort gewesen sein und wird von mir belohnt: Der, sie oder es kriegt von mir ein schönes, eigens angekauftes Buch geschenkt, wird hier im Weblog sehr lobend erwähnt und darf schamlos für etwas werben, das ihm am Herzen liegt. Mein Angebot gilt bis zum Ausstellungsende am 24. Februar 2017.

Bayerische Staatsbibliothek, Plakat Bilderwelten 2016, Detail

Bilder: 1.: Detail aus dem Plakat für die besprochene Ausstellung;
2: Detail aus dem Detail aus dem Plakat für die besprochene Ausstellung, weil mir jemand mit ganz ähnlich abgemagerten Gummizehen einst recht nahe stand;
3.: Berthold Furtmeyr: Baum des Todes und des Lebens aus dem Salzburger Missale, vulgo Furtmeyr-Bibel, vor 1481, via Bayerische Staatszeitung vom 16. April 2016, erklärt siehe Eule der Minerva und in der besprochenen Ausstellung aufgeblättert.

Berthold Furtmayr, Baum des Todes und des Lebens, Salzburger Missale, vor 1481

Soundtrack: F.S.K.: Diesel Oktoberfest aus: The Sound of Music, 1993;
in: Franz Dobler: Wo Ist Zu Hause Mama, Trikont, München 1995:

Written by Wolf

16. September 2016 at 00:34

2. Katzvent: Confundatus cattus. Schande über den Kater.

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——— Kölner Mönch, 1418:

Hic non defectus est, sed cattus minxit desuper nocte quadam. Confundatus cattus. Confundatur pessimus cattus qui minxit super librum in nocte Daventrie, et similiter omnes alii propter illum; et cavendum, ne permittantur libri aperti per noctem, ubi catti venire possunt.

Übersetzung in Wolfgang Herborn: Hund und Katze im städtischen und ländlichen Leben im Raum um Köln während des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit, in: G. Hirschfelder, D. Schell, A. Schrutka-Rechtenstamm (Hrsg.): Kulturen — Sprachen — Übergänge. Festschrift für H. L. Cox zum 65. Geburtstag, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2000, Seite 397–413:

Hier fehlt nichts, sondern der Kater hat eines Nachts darüber gepinkelt. Schande über den Kater. Schande über den schlimmen Kater, der gepisst hat über dieses Buch nachts in Deventer, und ebenso über alle übrigen Kater um seinetwillen; und man hüte sich sehr, Bücher während der Nacht offen liegen zu lassen, wo Kater hinkommen können.

Cats -- walking all over your stuff since the 15th century. 500 years ago a cat walked on a manuscript leaving some inky paw prints, Reddit 2014

Bild: Cats — walking all over your stuff since the 15th century: 500 years ago a cat walked on a manuscript leaving some inky paw prints, 2014.

Sainsbury’s official Christmas Advert 2015: Mog’s Christmas Calamity.

Written by Wolf

4. Dezember 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Spätmittelalter

Christen haben alle Stunden ihre Qual und ihren Feind, doch ihr Trost sind Christi Wunden.

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Update zu Den Bach runter, Ein schön Exempel Quasimodogeniti und Lieblingsbiber:

Zahnwehherrgott am Eingang zur Krypta der Asamkirche München, Karwoche 2013Katholische Fortbildung: Das ist, wenn überhaupt, kein Zahnwehgott, sondern ein Zahnwehherrgott. Ein „Zahnwehgott“, den es nach keiner Definition und in keiner Glaubensrichtung gibt, wäre eine populär-polytheistische Ausweitung eines Pandämoniums, das nur eine Dreifaltigkeit kennt — so wie „Fußballgott“ und „Wettergott“, eine fiese Gedankenlosigkeit, meistens von medialen Dampfquasslern — die man speziell modernen, weltlich orientierten, aber in der Lebensführung nur lässlich zu tadelnden Schäfchen nachsehen will; Zahnwehherrgott beschriebe dagegen eine Erscheinungsform des all-einigen und alleinigen Herrgotts, der mit Zahnweh dargestellt wird. Das wäre dann auch keine Vielgötterei, wie sie dem Christentum fälschlich vom Islam vorgeworfen wird, sondern ein Topos, vergleichbar der Schmerzhaften Mutter — wie überhaupt Maria besonders oft in ihren verschiedenen Lebenslagen dargestellt wird.

Auf mehreren Ebenen typisch für Wien: Der Stephansdom beherbergt gleich zwei Zahnwehherrgötter.

Zahnwehherrgott Seitenkapelle der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt Bad Tölz, 27. März 2012Fachliteratur: Axel Bergstedt: Die Kantaten Johann Sebastian Bachs zum Sonntag Jubilate. Eine vegleichende Darstellung. Diplomarbeit an der Hochschule für Musik und Theater, Hamburg 1995.

Zahnwehherrgötter: Eingang zur Krypta der Asamkirche Sankt Johann Nepomuk München, Karwoche 2013;
Seitenkapelle der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt Bad Tölz, 27. März 2012;
noch zwei ursrpünglichere, gotische im Stephansdom Wien.

Johann Sebastian Bach zum Sonntag Jubilate: Kantate Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, BWV 12, Uraufführung 22. April 1714.

Written by Wolf

16. Mai 2014 at 00:01

Dein pöschelochter roter mund

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Update zu Frühlingsreigen Buranum:

Postkoital krabbelt die Wölfin auf einen weichen Wiesenflecken, lehnt sich an unseren Baumstamm, stopft sich zum gemütlicheren Sitzen eine Handvoll erreichbar herumliegender Unterwäsche unter den Hintern, schlingt sich die Arme um die Knie und knipst von innen ihr „Tu’s doch“ auf den Rückseiten ihrer Augäpfel an.

„Du wolltest mir was singen“, beschließt sie.

„Ach“, sag ich.

„Dochdoch, glaub schon.“

„Was genau wollte ich gleich wieder singen?“

„Bloß nicht das Under der linden-Tandaradei, bloß weil wir grade …“ Sie deutet in die Baumkrone.

„Gut. Sondern?“

„Was Neueres.“

„Neuer als der Vogelweide. Ganz klar – der Wolkensteiner.“

Sie sackt zusammen. „Man wird so bescheiden, wenn man immer nur nehmen kann, was man kriegt.“

„Danke, du warst auch gut, Schatz.“

——— Oswald von Wolkenstein: Fröhlich / zärtlich, um 1411,
Urtext nach dem Innsbrucker Codex „Handschrift B“, 1432,
in: Klaus J. Schönmetzler: Oswald von Wolkenstein. Die Lieder mittelhochdeutsch–deutsch, Phaidon, Essen 1979, 21990:

Tenor

FRölich / zärtlich / lieplich / und klärlich / lustlich / stille / leyse / jnsenffter / süsser / keusch‘ /sainer weyse / wach du mīnikliches schönes weib / reck / streck / breys dein zarten stolczen leib /

2a pars

Sleuss auf dein uil liechte öglin klar / taugenlich nym war / wie sich uerschart / der sterne gart / jnn der schönen / hayttren / klaren / sunne glancz / wol auff zu dem tancz / machen einen schönen krancz / uon schawnen / prawnen / plawen / grawen / gel / rot weyss / viol plümlin sprancz /

LÜnczlot / münczlot / klünczlot / und zysplot / wysplot freuntlich sprachen / auss waidelichen / güten / rainen / sachen / sol dein pösschelochter / rotter mund / der ser mein hercz lieplich hat erzunt / Vnd mich fürwar tausent mal erweckt / freuntlichen erschreckt / auss slauffes träm / so ich ergäm / ain so wolgezierte rotte engespalt / lächerlich gestalt / zendlin weyss dorjn gezalt / trielisch / mielisch / vöslocht / röslocht / hel/ zu vleiss waidelich gemalt /

WOlt sy / solt sy / tät sy / und käm sy / näm sy / meinem hertzen / den seniklichen grossen hertten / smertzen / und ein brüstlin weyss darauff gedruckt / secht / slecht / so w&eeml;r mein trauren gar verruckt / Wie möcht ein zart seuberliche diern / lustlicher geziern / das hercze mein / an argen pein / mit so wunniklichem zarten rainen lust / mund mündlin gekusst / zung an zünglin / brüstlin an brust / bauch an beuchlin / rauch an reuchlin / snel / zu fleiss / allczeit frisch getusst /     Amen –

„Um Gottes willen“, entsetzt sich die Wölfin in ihrer sagenhaften sonnenbeschienenen Nacktheit, „hat das schon mal jemand verstanden?“

„Gegen anno 1411 noch ad multos annos. Das soll sogar beliebt sein.“

„Warum?“

„Die Variante eines Tagelieds„, erkläre ich, „ist laut Schönmetzler

eine zweistimmige Kontrafaktur des ursprünglich dreistimmigen Rondeaus „En tres doulz flans„. Beide Handschriften [das sind Wiener Handschrift „A“ und Innsbrucker Codex „B“] weisen gravierende Schlüsselfehler auf. Nur der Tenor von Hs.A gibt den korrekten lydischen Modus an. Die Übertragung [der Notenschrift] folgt Hs.B und gleicht die dortige Terzierung durch Akzidenz aus.

Eine Darstellung des Liedes in rekonstruierter Dreistimmigkeit findet sich bei Ganser/Herpichböhm.

Klar, oder?“

„Klar wie Eisengallustinte. Was für Ganserherpichböhm?“

„Hans Ganser und Rainer Herpichböhm: Oswald von Wolkenstein-Liederbuch. Eine Auswahl von Melodien, Göppinger Arbeiten zur Germanistik 240, Göppingen 1978. Nicht so richtig im Handel zur Zeit, aber Fernleihe ist immer mal einen Versuch wert.“

„Ja dann!“

Laura Clarke, Midsummer Dreaming, 30. April 2013

„Schön, dich so befriedigt zu haben. Normalerweise singe ich nur zur Schalmei.“

„Das war nicht gesungen. Das war doziert. Sing für mich, Page!“

„Das gleiche nochmal auf Verständlich?“

„Hab ich’s nicht geahnt, dass du das kannst?“

——— Oswald von Wolkenstein: Frölich, zärtlich, um 1411:

Frölich, zärtlich, lieplich und klärlich,
lustlich, stille, leise
in senfter, süesser, keuscher, sainer weise
wach, du minnikliches, schönes weib
reck,   streck,   preis dein zarten, stolzen leip!
Sleuss auf dein vil liechte euglin klar!
taugenlich nim war,
wie sich verschart   der sterne gart
in der schönen, haitren, claren sunnen glanz!
Wol auf zue dem tanz!
machen einen schönen kranz
von schaunen,   praunen,   plauwen,    grauwen,
gel,   rot, weiss,   viol plüemblin spranz!

Lünzlocht, münzlocht, klünzlocht und zisplocht,
wisplocht, freuntlich sprachen
auss waidelichen, gueten, rainen sachen
sol dein pöschelochter roter munt,
der   ser   mein herz tiefflich hat erzunt
Und mich fürwar tausend mal erweckt,
freuntlichen erschreckt
auss slaffes traum,    so ich ergaum
ain so wol gezierte rote enge spalt,
Lächerlich gestalt,
zendlin weiss darin gezalt,
trielisch,    mielisch,    vöslocht,    röslocht,
hel   zu fleiss   waidelich gemalt.

Wolt si, solt si, tät si und käm si,
näm si meinem herzen
den senikleichen, grossen, herten smerzen,
und ein brüstlin weiss darauf gesmuckt,
secht,   slecht   wer mein trauren da verruckt.
Wie möcht ain zart seuberliche diern
tröstlicher geziern
das herze mein   an allen pein
mit so wunniklichem, lieben, rainen lust?
Mund mündlin gekusst,
zung an zünglin, prüstlin an prust,
pauch   an peuchlin,   rauch   an reuchlin
snell   zu fleiss   allzeit frisch getusst.

——— Oswald von Wolkenstein: Fröhlich, zärtlich, um 1411:

Fröhlich, zärtlich,anmutig und hell,
lustvoll, still und sanft,
ruhig, süß, rein und gemächlich:
so wache auf, du liebenswerte schöne Frau!
Reck, streck, schmücke deinen feinen, herrlichen Leib!
Öffne deine strahlend blanken Äuglein!
Nimm verstohlen wahr,
wie sich auflöst der Sternengarten
im Glanz der schönen, heiteren, klaren Sonne!
Auf zum Tanz!
Machen wir einen schönen Kranz
Aus dem Schimmer beiger, brauner, blauer, grauer,
gelber, roter, weißer, violetter Blüten!

Schlaflich, küßlich, schmeichlerisch und flüsterlich,
wisperlich, herzlich reden
aus köstlichem, gutem, schönem Grund
soll dein üppiger roter Mund,
der mein Herz tief drin heftig entzündet hat
und mich wahrlich tausendmal aufweckt,
liebevoll aufgeschreckt
aus Schlaf und Traum, wenn ich erblicke
eine so schön geformte rote, feine Spalte,
zum Lächeln geschaffen,
Zähnlein weiß darin in Reihe,
lippenschön, lächelnd, blühend, rosig,
leuchtend, ein trefflich gemaltes Bild.

Wollt sie, würd sie, tät sie’s und käm sie,
nähm sie mir vom Herzen
den schweren, bitteren Sehnsuchtsschmerz
und ein weißes Brüstlein drauf gedrückt –
schaut, da wär mein Leid geglättet.
Wie könnte ein zartes, hübsches Mädchen
mein Herz heilsamer schmücken,
vom Schmerz befreien,
als mit so süßer, wonniger, reiner Lust?
Mund Mündlein geküßt,
Zung an Zünglein, Brüstlein an Brust,
Bauch an Bäuchlein, Pelz an Pelzlein,
frisch und eifrig, nimmermüd gestoßen.

„Horch an. Woher hast du das so plötzlich?“

Die neuere Schreibung mit der Umverteilung auf Strophen müsste beizeiten angefangen haben und ist ganz üblich, Fassungen gibt’s fast so viele wie Abschriften. Ich hab ja selber grade eine neue eingeführt: In dem Urtext sollte das ‚LÜnczlot‘ statt des großen Ü ein großes V mit Trema haben.“

„Ein Pünktchen-V?“

„Einen V-Umlaut, genau. Das &Vuml; wird aber in HTML nicht genommen, ist also nicht zu bloggen, und schon ist eine Textvariante in die Welt gesetzt. Meine Übertragungen hab ich aus der Deutschen Lyrik des späten Mittelalters – weißt schon, die grandiosen weißen Taschenbücher nach der Bibliothek Deutscher Klassiker. Die Übersetzung wäre damit von Burghart Wachinger.“

„Aber schön!“

„Jaja. Man wird so bescheiden, wenn man immer nur nehmen kann, was man kriegt.“

„Ach hör auf.“

Die Zehennägel der Wölfin haben den gleichen rosigen Farbverlauf wie der innere Ring der Gänseblümchen, zwischen denen sie stehen. Eins davon wächst durch das Guckloch zwischen ihren Zehen Nummer 1 und 2 links. Sie hat ihre Knie losgelassen, äugt in die Runde und klaubt noch mehr umherliegende Wäsche unter ihren allzeit frisch getussten Hintern.

Lotterbett,

Jnn der schönen hayttren klaren sunne glancz: Laura Clarke: Midsummer Dreaming, 30. April 2013;
lünczlot münczlot klünczlot und zysplot: Lotterbett, Sommer 2011, Graphit und Rötel, gemeinfrei.
Die Vorführung des Wiener Ensemble Unicorn (Leitung: Michael Posch, Altus: Markus Forster): Oswald von Wolkenstein. Liebeslieder, Raumklang, Goseck 2011 gilt dem bisher einzigen Laienrezensenten auf Amazon.de schon als „musikalisch überzeugend, mit Schwung und Gefühl interpretiert“, ein viersprachig seitengeschundenes Booklet als „sehr informativ“. Man wird so bescheiden, wenn man immer nur nehmen kann, was man kriegt.

Written by Wolf

1. Mai 2014 at 00:01

Das gotische Mahl-Stüblein

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Ein teutscheres Buch gibt’s gar nicht. Einzig schade, dass der Wechsel vom Mittel- zum Frühneuhochdeutschen dem Sprachstand von 1946 angeglichen ist; jetzt liest es sich streckenweise wie die Speisekarte einer Nürnberger Spezialitätenbude auf dem Altstadtfest. Nur dass es bei ungefähr gleich hohem Verhältnis von dokumentarischer zu unfreiwilliger Komik mehr Spaß macht.

Vergriffen wäre untertrieben, treffender ist es auf dem Weg vom Antiquarium zur Antiquität. Obwohl der materielle Wert ein Witz ist (gegenwärtig 2,38 Euro plus 3 Euro Porto und Verpackung), würde ich jeden verstehen, der mir das Stück stehlen will. Ich werde hier niemanden zu Straftaten auffordern, aber tun Sie das bitte bei jemand anders.

——— N. N.: Künstlerklagen, 1493 bis 16. Jahrhundert,
aus: Heinz Thiele (Hg.): Leben in der Gotik. Zeugnisse von den Daseinskräften eines Stiles in Texten und Bildern, gesammelt und mit Zwischentexten versehen, Published under Military Government Information Control, License No. US-E-101, Office of Military Government for Bavaria, Information Control Division US-Army, Verlag Kurt Desch München, Copyright 1946, 1. bis 8. Tausend gedruckt 1948, Abschnitt Vom Kunstwerk und vom Künstler, Seite 61 f.:

bitt gott für hannsen multscheren.

(Wurzacher Altar.)

Michel erhart pildhauer 1493 hanns holbein
maler, o mater, miserere nobis.

(Weingartner Altar.)

Mancher zur Meisterschaft sich kehrt,
Der nie das Handwerk hat gelehrt.

Kein Handwerk hat mehr seinen Wert,
Es ist mit großer Not beschwert …
Einer dem andern schafft zum Leid,
Betrügt sich selber mit der Zeit,
Keiner tut mehr, was er soll:
Man sudelt jetzt bei jedem Ding,
Nur damit der Preis gering.

Die Bilderpreise hochgetrieben,
Und die Farben schlecht gerieben,
Daß sie springen bald.
Alles schimmert ganz
In einem falschen Glanz.
Der Grund wird schlecht bereitet,
Verdammt, wer so arbeitet.
Die Welt wird so betrogen.

——— Peter Flötner, 16. Jahrhundert, ebenda:

Viel schöne Bild hab ich geschnitten
Künstlich auf welsch und deutschen Sitten,
Wiewol die Kunst jetzt nimmer gilt.
Ich künnt dann schnitzen schöne Bild
Nacket und die doch leben thäten,
Die wären veil in Mark und Städten.
So aber ich dasselb nit kann,
Muß ich ein anders fahen an
Und will mit meinen Hellenbarten
Eins großmächtigen Fürsten warten.

——— Joachim Sandrart: Teutsche Academie, 1675:

Es haben viel unserer Vorfahren, auch die meisten und berühmtesten deutschen Kunstmaler den Fehler gemacht, daß sie in allzu kleinen und überall mit Licht und Sonnenschein erfüllten Malstüblein gearbeitet haben: wodurch ihnen der Platz und die nötige Distanz fehlte, um von ihrem Modell und ihrer Tafel weit genug zurücktreten zu können, um ihre Arbeit von weitem zu besichtigen und zu beurteilen. So fehlte es ihnen an der richtigen einfallenden Lichtstärke, und die natürlichen Werte der Farben wurden beschränkt und verfälscht. Wären sie in einem anständigen Malzimmer gewesen, würden sie ihren trefflichen Werken viel mehr Leben, Kraft und Wahrheit gegeben haben.

Fachliteratur: Virginia Woolf: A Room of One’s Own, Hogarth Press, Richmond 24. Oktober 1929.

Doppelseite Heinz Thiele, Leben in der Gotik, 1946

Pilt: Die Nonne Marcia als Bildhauerin und Malerin. Holzschnitt aus: Boccaccio: Buch von den berühmten Frauen, Ulm 1475, postgotische Abfotografiertechnik aus: Thiele a.a.O.
Schönerer alternate take.

Written by Wolf

30. Oktober 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Spätmittelalter