Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Vier letzte Dinge: Hölle’ Category

Indessen Pasternak

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Update zu Russika aus vier Jahren: O komm ein Engel und rette mich!,
Mephista,
Bei den Gebildeten ein gewisses Aufsehen (starke Beachtung in der Gelehrtenwelt)
und Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht):

Byti snamenitom nekrassiwo.
(Berühmtheit kann nichts Schönes bieten.)

Wo wssiom mne chotschetssa dojti.
(In allem möchte ich zutiefst den Kern ergründen.)

Boris Pasternak, deutsch: Mary von Holbeck, a. a. O.

Boris Leonidowitsch Pasternak ist möglicherweise der Russe, bestimmt aber der russische Künstler, der in Amerika beliebter war als in Russland. Wer schon mal die berüchtigte Verfilmung seines Doktor Schiwago von 1956 durch David Lean 1965 gesehen hat – also jeder –, weiß auch davon, dass Pasternak für seine Buchvorlage den Literatur-Nobelpreis 1958 hat, der gerne allzuschnell der Einfachheit halber zu den fünf Osacars für den Film dazugerechnet wird. Das ist für eine Reaktion der Nobelpreisstifter auf Literaturströmungen ungewohnt zügig. Pasternak bekam den Nobelpreis zugesprochen, musste ihn jedoch auf vielfachen und besonders nachdrücklich geäußerten Wunsch der russischen Regierung ablehnen.

Boris Pasternak, Gedichte, Erzählungen, Sicheres Geleit, Fischer Bücherei 271, März 1959Doktor Schiwago erschien nicht 1956 auf Russisch, wie es reibungslos geschehen wäre, sondern auf Italienisch 1957. Die russische Originalausgabe wurde – und das ist ungewohnt – von der CIA beim Den Haager Mouton Verlag gefördert.

Seinen trotz alledem und alledem selbst gewünschten Verbleib in der Sowjetunion verdiente sich Pasternak mit ungebrochener Disziplin in Dichtung und Übersetzung aus mehreren Sprachen – unter anderem aus dem Deutschen, wozu ihn ein Studium in Marburg im Übermaß qualifizierte: 1950 hatte er sich mit der seinerzeit noch regierungstreuen Literaturzeitschrift Nowy Mir angelegt, indem er angeblich Goethes progressive Implikationen im Faust zugunsten der reaktionären Theorie der reinen Kunst verzerrte, trotzdem lag 1952 der Tragödie zweiter Theil fertig vor.

Wobei die Jahreszahlen 1950 und 1952 Informationen der englischen Wikipedia in den Abschnitten „Translating Goethe“ und „Selected books“ sind; Die Zeit Nr. 44 vom 30. Oktober 1958 gibt, aktueller am Zeitgeschehen, erst 1957 an). Jedenfalls kam es in den 1950 Jahren für Pasternak ziemlich geballt: Herzinfarkt, starke Magenblutungen und dann noch einen Lungenkrebs im Anfangsstadium überlebte er am 30. Mai 1960 nicht mehr, da war er zarte 60.

Nach russischen Faust-Übersetzungen unter anderem von Shukowskij, Gribojedow, Tjutchew, A.K.Tolstoj, Huber, Fet und Brjussow war die von Pasternak keineswegs die erste, ist aber die beliebteste geblieben, sogar in Russland selbst: Nach seiner offiziellen Rehabilitation nebst Wiederaufnahme in den Schriftstellerverband der UdSSR am 23. Februar 1987 durfte er durch Vertretung seines Sohnes Jewgeni Pasternak 1989 sogar posthum den Nobelpreis noch annehmen und den Doktor Schiwago in Zeitungsform veröffentlichen.

An Pasternaks Vorarbeiten zu faustischen Themen finde ich nur ein denkbar obskures Gedicht aus einem frühen, noch typisch lebensfroh gestimmten Gedichtband in einem weitgehend verschollenen deutschen Auswahlbändchen. Die Anmerkungen darin beschränken sich auf vage zeitliche Einordnung und Übersetzernamen, in werkimmanenter Interpretationsweise ist dem Gedicht kaum beizukommen:

——— Boris Pasternak:

Mephistopheles

Mefistofel, aus: Themen und Variationen (Temy i wariaziji), 1917–1923,
deutsche Übersetzung: Christel Pesch,
cit.: Gedichte, Erzählungen, „Sicheres Geleit“, Fischer Bücherei 271, März 1959, Seite 29:

Leonid Pasternak, Boris Pasternak Writing, 1919Sie alle strömten aus den Massen
Von Staub am Sonntag vors Tor hinaus,
Indessen der Regen, alleine gelassen,
Durch Schlafzimmerfenster dringt in das Haus.

Bei allen wars üblich, zum Mittagessen
Als Nachtisch spätestens Regen zu nehmen,
Indessen — ein Veloziped — wie besessen
Windwirbel die Zimmerkommoden durchfegen.

Jetzt wurden dort bis an die Decke
Die Seidenvorhänge durchgerüttelt,
Indessen draußen, an Teichen und Hecken
Der Sturm die Philister zusammenrüttelt.

Als überlanger Zug von Kremsern
Gegen die Wälle sie heimwärts strebten,
Wo rosseschreckende Schattengespenster
Sich allabendlich neu belebten.

In Strümpfen aus Blut mit großen Schnallen,
– Troddeln, die an der Trommel hingen –
Hört man des Teufels Beine hallen,
Die über rotgoldne Wege gingen.

Es schien, daß der Hochmut des Federhuts,
Der durch das Laub Überheblichkeit
In Wellen strömte, in einem Nu
Die Welt hinwegfegt für alle Zeit.

Er grüßt sie nur lässig, die neben ihm zogen,
Und zählt sie wie Meilensteine aus.
Den Kopf im Lachen zurückgebogen,
Stapft er gleichmäßig dem Freund voraus.

Luis Ricardo Falero, Faust und Mephisto

Bilder: Gedichte, Erzählungen, „Sicheres Geleit“ via Siniamaus auf Ebay;
Leonid Pasternak: Boris Pasternak Writing, 1919,
Kreidezeichnung auf Papier, 318 mm x 260 mm, London Tate Gallery;
Luis Ricardo Falero: Faust und Mephisto, via The Laughing Heresiarch, 10. Mai 2015.

Jetzt bloß kein Lara Theme: Über dem Versuch zu unterscheiden, ob auf YouTube gerade der Erste oder Zweite Mephisto-Walzer erklingt – was, siehe unten, selbst in hochoffiziellen Einspielungen mit Katia Buniatishvili verwechselt wird –, ersteht die schöne Erkenntnis, dass Franz Liszt deren sogar vier komponiert hat. Darum als populäre Referenz gleich alle viere, allesamt von slawischer Seite interpretiert:




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Written by Wolf

18. Januar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Hölle

4. Katzvent: Hier liegt ein Kater der schönsten Art

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Update zu Im Bewusstsein seines Wertes sitzt der Kater auf dem Dach:

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

In dem parodistischen Epos, um nicht zu sagen: in der epischen Parodie Murner in der Hölle stirbt der Kater gleich am Anfang und kommt in die Hölle, läuft aber erst posthum in beiden Welten zu seiner Hochform auf. Und ich kann nur versprechen, dass mir diese ganze Unternehmung der deutschen Aufklärung erst Mitte 2018 und vor allem unabhängig von ihrer Neuveröffentlichung 2017 aufgefallen ist: herausgegeben von Matthias Wehry, nach der Erstauflage 1757 und mit den Kupfern von Johann Caspar Weinrauch aus dem Jahre 1794, Wehrhahn Verlag (Edition Wehrhahn, Band 21), Hannover 2017.

Außer dieser jederzeit erhältlichen Erstauflage von 1757 (64 Seiten verlagsfrisch gebunden 22,99 Euro, als Taschenbuch schon 12,99 Euro, zum Beispiel bei Amazon.de, besser aber in einem katzenkuschligen, kompetenten Sortimentsbuchladen Ihres Vertrauens) ist eine Wiener Almanachvariante 1794 nachzuweisen — aber nicht, wie tiefgreifend und worin genau sich diese Versionen unterscheiden. Am brauchbarsten erscheint wie so oft der Volltext auf Zeno.org, allerdings konnte ich bei Stichproben immerhin drei verschiedene Schlussvarianten feststellen. Unverständlich bleibt — jedenfalls mir — der unmotivierte Namenswechsel des Katers zwischen Cyper und Murner.

Jörn Münkner unterrichtet uns in der einzigen eingehenden Rezension des Wiederabdrucks — Poetischer Katzenjammer. Justus Friedrich Wilhelm Zachariae macht einem Kater den Garaus, in: Literaturkritik.de, Rezensionsforum, 17. Juli 2018 — über des Dichters Zachariae literarische Nachfolge von Alexander Pope, vor allem dessen mock heroic von 1712 The Rape of the Lock: An heroic-comical poem, das Zachariae bekannt sein konnte, weil 1744 von Luise Adelgunde Victorie Gottsched übersetzt. Als komisches Versepos und „Mixtur aus Adelssatire, Parodie des klassischen Epos mit burlesker Verhöhnung der antiken Mythologie und augenzwinkernder Moralkritik“ (Münkner, a. a. O.) fiel der Murner 1757 gerade unter eine Modegattung, 1898 entsetzt sich Carl Schüddekopf in der Allgemeinen Deutschen Biographie darüber, wie Zachariae den Alexandriner nur „in seinen späteren Epopöen mit einem lottrigen Hexameter vertauschen, vereinzelt sogar zur Prosa zurückkehren“ und den Murner damit in die „lange, abwärts führende Reihe von epischen Dichtungen“ stellen konnte.

Tatsache bleibt aber auch, dass selbst sein ach so lottriger Hexameter über eine längere Strecke im Deutschen dessen Gebrauch in der Odyssee-Übersetzung von Johann Heinrich Voß 1781 mit spielerischer Selbstverständlichkeit vorwegnimmt, und selbst die jahrhundertelang beispielgebende Leistung von Voß ist auf begründete Kritik gestoßen. Dabei wird sich nicht mehr belegen lassen, ob Zachariae seine „gewitzte Verkehrung der erwarteten Sprache und Metrik“ nicht sogar als atmosphärestiftendes Stilmittel gemeint hat. Jedenfalls macht der beherzte Kater heute noch mehr Spaß als die formale Perfektion mit nicht enden wollendem Kriegsgetümmel, Elend und moralischer Verworfenheit bei Homer. — Ungekürzt:

Black Cat via Abecedarian

——— Justus Friedrich Wilhelm Zachariae:

Murner in der Hölle.

Ein scherzhaftes Heldengedicht

bey Johann Christian Koppe, Rostock 1757:

Erster Gesang

Singe, scherzende Muse, die großen heroischen Thaten,
Und den kläglichen Tod von einem unsterblichen Kater;
Welcher den schwarzen Cocytus beschifft und seine Gebeine,
Gleich den Gebeinen der Helden, mit Marmor bedecket gesehen.

Du, o holde Rosaura, die du das Ende des Lieblings
Fast drei Stunden beweint; (wie öfters weinet so lang‘ nicht
Um den Tod des podagrischen Manns die buhl’rische Wittwe!)
Holde Rosaura, beseele dies Lied mit dem siegenden Auge,
Welches so viele Herzen entflammt, und lächle der Muse
Würdige Kühnheit in’s Herz, wenn sie die Stygischen Wasser
Unter sich brausen hört, und zu den traurigen Schaaren
Wandelnder Schatten sich mischt, die Charons Ueberfahrt fordern!

Mitten in einem veralteten Schloß am Ufer der Elbe
Wohnte der ehrliche Raban mit seiner Nichte Rosaura.
Artiger war kein Fräulein umher, als seine Rosaura;
Holder waren die Grazien nicht, und schöner nicht Venus,
Als sie, vom Schaume des Meers noch tröpfelnd, die Fluthen herausstieg,
Zärtlich liebte die Nichte den Onkel, und was sie nur wünschte,
War zu ihrem Befehl; doch wünschte das Fräulein nur wenig,
Welches d’rum mehr noch das Herz des häuslichen Alten ihr neigte.
Einsam im Zimmer, zufrieden mit sich, durchlebte sie Tage,
Nicht vom Neide getrübt, noch von dem Stolze verdunkelt.
Mit ihr wohnten in einem Gemach zwei gesellige Thiere,
Cyper, ein fleckiger Kater, und ein geschwätziges Papchen,
Welches über das Weltmeer kam, und seiner Gebiet’rin
Manche Stunde, so gut wie ein leerer Stutzer, verplaudert.

Eben hatte der weichende Winter von stürmischen Schwingen
Seine letzten Schauer von rieselndem Hagel geschüttelt;
Ueber sanft wallende bunte Tapeten und Veilchen und Tulpen
Fuhr im Triumph der Frühling daher; und Pandions Tochter
Stammelte schon gebrochene Versuche zu mächtigen Liedern
Unter halbgrünendem Laub; als an dem östlichen Himmel
Blutroth sich Aurora erhob, und schneidende Lüfte
Vor ihr her das einsame Schloß lautheulend umbrausten.
Daß die murrende Magd zum Vorrath des Holzes hinabstieg,
Und von Neuem wohlthätige Feuer die Ofen erhitzten.
Jetzt kam Cyper über das Dach. Er hatte die Nacht durch
Einsame Böden durchirrt, und Legionen von Ratten
Aus einander gejagt; mit ihrem rinnenden Blute
Seinen zähnvollen Rachen genetzt, und trunken von Siegen
Ueber die todten Leichname her sich brüllend gewälzet.
Leise schlüpft‘ er zum Zimmer hinein, als eben die Zofe
Brausendes Wasser geholt, mit sanftem Chinesischen Tranke
Ihre Gebiet’rin zu wecken. Doch als sie das gnädige Fräulein
Schlummernd noch fand, da fiel auf’s Neu‘ der rauschende Vorhang
Wieder über das seidne Bett, und schleichend verließ sie
Ihrer Fräulein Gemach. Von Abenteuern ermüdet,
Legte nun Cyper sich hin dicht an den glühenden Ofen;
Streckte die Löwenklauen von sich, und sank bald geruhig
In den süßesten Schlaf. Die phantasirenden Sinne
Schweiften in güldenen Träumen umher. Er sah die Gestalten
Schöner Katzen versammelt um sich, und hörte die Seufzer,
Welche vom moosigen Dach, von alten verwachs’nen Gemäuern,
In vertraulicher Nacht um seinetwegen erschollen,
Und dann dünkt‘ ihm, er läge Rosauren vertraulich im Schooße,
Würde von ihrer marmornen Hand liebkosend gestreichelt,
Und vom hölzernen Junker und zierlichen Fähndrich beneidet.
Eitle Gedanken! Er sollte nicht mehr die Höhlen der Ratten,
Noch die Geliebten, Minzchen, besuchen! er sollte nicht wieder,
In Rosaurens Armen gewiegt, sanftschnurrend entschlummern!
Eine der Furien, welche das Herz der wildesten Xanthippe
Mit der brennenden Fackel zum Zank mit dem Eh’mann entflammet;
Wollte die Oberwelt jetzt mit der finstern Hölle vertauschen,
Und flog, scheußlich und schwarz, auf einer stinkenden Wolke,
Bei Rosaurens Fenster vorbei. Ihr plauderndes Papchen
Saß im drähternen Haus, und rief laut schimpfend: Du Scheusal!
Als die schlangenhaarige Furie bei ihm vorbei flog.
Auch die Furien tragen den Stolz im scheußlichen Busen,
Schön zu seyn, zum Mindesten schön für der Hölle Bewohner.
Selbst Alekto war Dame genug, voll Zorn zu entbrennen,
Daß sie der Vogel für häßlich geschimpft. Wie leicht, o Verweg’ner,
(Sagte sie bei sich selbst) kann dich Alekto bestrafen!
Deinen verräth’rischen Hals könnt‘ ich im Zorne dir umdrehn,
Oder mit dieser höllischen Fackel zu Asche dich brennen!
Aber du bist zu klein für einer unsterblichen Göttin
Eigene Hand! Geh‘, schimpfe mich mehr im Magen des Katers,
Der hier schläft, und welchem ich dich zum Opfer bestimme!

Rasend für Wuth begab sich Alekto zum schlafenden Kater;
Hauchte mit Mordsucht ihn an, und sprach mit gleißenden Worten:
Ist es möglich? du schnarchst hier ruhig unter dem Ofen,
Edler Murner, du Zierde der Kater; und hast es vergessen,
Daß dich die Ehre zu herrlichen Thaten, zu Siegen gerufen,
Welche vor dir kein Kater erstritt? – Verwandter der Tiger,
Willst du die Schaaren allein der fliehenden Mäuse verfolgen,
Und mit tapferer Klau‘ langschwanzige Ratten nur würgen?
Durstet dich nicht nach edlerem Blut? O siehe, wie trotzig
Sitzt der Liebling Rosaurens in seinem güldenen Käfich,
Schimpft nach seinem Gefallen dich aus, und waget oft selber
Flüche wider die holde Rosaura, worüber sie lächelt,
Und ihn mit gütigem Blick und Schmeicheleien belohnet,
Da sie indeß dich, Cyper, vergißt. O leide nicht länger,
Da der geschwätzige Vogel die Gunst des Fräuleins dir raube,
Und den männlichen Laut von deiner Stimme verspotte,
Wenn er so oft dich lächerlich macht! Den Plauderer schützet
Nur sein Käfich umsonst! Wie mancher Canarienvogel
Ward von deinen tapferen Ahnen im Käfich zerrissen!
Würge denn du auch den plaudernden Spötter und streu‘ im Triumphe
Seine Federn, worauf er stolzirt, in alle vier Winde!

Also sagte die höllische Göttin. Der Kater erwachte,
Sah mit funkelnden Augen umher und brüllte nach Blute.
Wie ein Blitz sich vom hohen Olymp in die Felder hinabreißt
Und den blühenden Baum zerschmettert, worunter der Schäfer
Oft auf seinem harmonischen Horn die Auen ergötzet:
So riß Cyper sich auch, den Nebenbuhler zu tödten,
Unter dem Ofen hervor, und sprang so behend wie ein Panther
Auf den goldenen Käfich. Der Vogel sinket vor Schrecken
Auf den Boden des Käfichs; doch hätt‘ ihn Cyper unfehlbar
Voller Mordsucht gewürgt, wenn nicht der ehrliche Raban
Auf das wilde Geschrei dem Vogel zu Hülfe geeilet.
Eben hatte der häusliche Greis den knotigen Dornstock,
Seinen Feldstab, in zitternder Hand; kaum sah er den Kater
Ueber den Käfig geklammert, so schlug er mit männlichen Kräften
Seiner Nichte Liebling auf’s Haupt. Die grausame Parce
Schnitt sein neunfaches Leben entzwei, und Cyper, entseelet,
Fiel vom Käfich, der Käfich auf ihn, und über den Käfich
Stürzte der Alte; vom donnernden Lärm erbebte das Zimmer!

Aengstlich erwacht die holde Rosaura vom wüsten Getümmel;
Fliegt im leichten Gewand zu ihrem Gemache, worin sie
Mit erstarrendem Blick das blutige Trauerspiel wahrnimmt.
Dreimal klang mit ängstlichem Schall die silberne Schelle
Durch das hallende Schloß; doch eh‘ Lisette sich nahet,
Hilft das Fräulein dem Alten bereits in den sammeten Lehnstuhl.
Als er Athem geschöpft, erhub er zur weinenden Nichte,
Welche den Leichnam des Cypers erblickt, die donnernde Stimme:
Siehe, der Hund! Schon war er bereit, den Papen zu würgen!
Doch, potz Stern! ich habe noch Kraft in den Knochen! da liegt er
Todt der gierige Räuber! Er thut es nicht wieder, ich wette!
Also sprach er prahlend und stolz, und drohte noch dreimal
Mit dem knotigen Stock dem schon verblichenen Cyper.
Aber das Fräulein weinte laut; ihr Antlitz verbarg sich
Tief in ihr Schnupftuch, mit Thränen genetzt sie fiel in den Lehnstuhl.
Sage mir, Muse, die schmerzlichen Klagen des traurigen Fräuleins,
Und vergiß nicht das laute Geheul der Zofe Lisette,
Welche der Wiederhall ward von ihrem gnädigen Fräulein.
Armes Cyperchen! (seufzete laut die holde Rosaura)
Welch ein erbärmlicher Tod entreißet dich meiner Gesellschaft! –
So unrühmlich fällst du dahin in der Blüthe des Lebens,
Todtgeschlagen, mit einem Stock, unedel und grausam –
Todtgeschlagen von dem, der dich mir selber geschenket!
Regt kein Leben sich mehr in dir? Und haben auf ewig
Deine grünen funkelnden Augen für mich sich geschlossen?
Werd‘ ich dir nicht mehr den Knebelbart streichen und nicht mehr im Dunkeln
Feuer dem seidenen Haar entlocken? und wirst du mich nicht mehr
Mit dem krummen Buckel, mit scherzenden Sprüngen ergötzen?
Also Rosaura. – Die Zofe fuhr fort: Du Krone der Kater,
O, wie vornehm sahest du aus! Ganz anders, wie Kater
Niedrer Bauern im Dorf! Dein rothes, schimmerndes Halsband
Wurde von allen Katzen im ganzen Umkreis beneidet.
O, wie artig ließ es dir nicht! Nun sollst du vermodern
Und das schöne Halsband mit dir? das niedliche Halsband,
Nein! ich nehm‘ es für mich! es soll nicht mit dir vermodern!
O, wie rinnet dein purpurnes Blut nicht über dein Haupt her!
Ja, du bist todt! Du bist es auf ewig, du armer Cyper!

Als sie dies sprach, erhub sich von Neuem der Fräulein Gewinsel,
Und der Alte weinete selbst. Er faßte die Nichte
Bei der Hand und führte sie weg vom traurigen Zimmer.
Und die Zofe heulete lauter: Der arme Cyper!
Und das Fräulein antwortete schluchzend: Der arme Cyper!
Cyper! rufte die Wand, und Cyper! Cyper! der Pape,
Welcher dem Feind im Tode vergab. Die Furie sah es
Voller höllischen Fröhlichkeit an, und stürzte sich zischend
Durch die verdunkelte Luft, und sank in die Fluthen des Orkus.

Black Cat via Abecedarian

Zweyter Gesang

Kaum beherrschte Lisette nunmehr das einsame Zimmer
Unumschränkt und allein, so nahm sie die Maske der Trauer
Von dem Gesicht, und war nicht mehr der Seufzer Rosaurens
Stets gefälliges Echo. Sie warf auf den Leichnam des Katers,
Den sie so sehr im Leben gehaßt, zufriedene Blicke.
Also schaut der würgende Sieger zufrieden in’s Schlachtfeld;
Weidet die Augen am Blut der Erschlagenen; die wiehernden Rosse
Tragen ihn hoch auf Leichnamen her. – Indem die Posaune
Siegender Heerschaaren um ihn ertönt, so dünkt er ein Gott sich.
Höhnisch stieß die erbitterte Zofe den blutigen Leichnam
Mit dem Fuß, doch riß sie vorher mit entweihenden Händen
Von dem Halse den blendenden Purpur, mit silbernen Blumen,
Und mit Laubwerk gestickt; besah ihn mit geizigen Blicken,
Rollt ihn zusammen und sprach: Dem Himmel sey Dank, daß du endlich
Deinen verräth’rischen Hals gebrochen, verworf’nes Geschöpfe!
Wohl mir, daß ich dich todt, du falsche Bestie, sehe!
O, wie bin ich so sicher nunmehr, daß künftig mein Fräulein
In dem Schooße dich wiegt und dich aus Zärtlichkeit küsset.
Pfui! wie konnten die schönsten Lippen so zärtlich dich küssen,
Und wie konnte die weicheste Hand dein Fuchshaar so streicheln!
Geh‘ nun hin, du hungriger Räuber, und friß mir den Braten,
Oder das braune Ragout, das ich vom Munde mir sparte!
Geh‘ nun hin und würge dir Tauben, und hole dir ferner
Papageyen zum leckeren Fraß! es sey dir erlaubet!

Also spottete sie des armen getödteten Murners.
O, wie plötzlich ändern sich nicht die gleißenden Reden
Eines veränderten Hofs, der nichts mehr fürchtet und hoffet!
Jetzt eröffnete Lisette das Fenster; sie fasset den Körper
Bei dem hintersten Bein, und wirft ihn zum Fenster herunter
Auf den schimpflichen Mist. So stürzten die Statuen eh’mals
Eines Tyrannen herab; so ward das Schrecken der Römer,
Nun ein verstümmelter Rumpf, in faule Kanäle geschmissen.

Fern vom traurigen Zimmer befand sich indessen Rosaura
Bei dem gütigen Alten, der sie mit holden Gesprächen,
Von anmuthigen Reisen in’s Bad, zu trösten bemüht war,
Ihr Geschenke versprach von neuen, modischen Stoffen,
Und mit Soucis, und Lila, und Dauphine sie erfreute.
Muntrer kam sie zu ihrem Gemach; des Lieblings vergessend,
Denket sie nicht an sein Grab, und setzt zum Putze sich nieder.
Schachteln gingen da auf, und Büchsen wurden eröffnet;
Eisen glühten in schwarzen Vulkanen, und Wolken von Puder
Wälzten sich gegen den Tag; dann rollte die rasselnde Kutsche
Glänzender Fremden über den Hof. Es dampfte die Küche
Hohen Geruch von Braten, Pasteten und kräftigen Brühen.
Eine muntere Tafel, von leichten Scherzen umflattert,
Schmauste den langen Nachmittag durch; die hellen Pokale
Taumelten unter den Junkern herum, bis durch die Gewölke
Freundlich der Abendstern blinkte; da unterdessen das Fräulein,
Von der horchenden Schaar am silbernen Flügel umringet,
Mit dem holden Gesang die eilenden Stunden verkürzte.
So ward alles Leid und alle Trauer vergessen.

Und nun eilte bereits die murrende Seele des Katers
Zu der Hölle hinab. – Verzeiht es, Stygische Mächte
Ihr Beherrscher der Seelen, ihr einsamen Schatten; du, Chaos,
Phlegeton, und ihr öden Behausungen, daß ich es wage,
Vor der Lebenden Blick des Abgrunds Tiefen zu zeigen,
Murner wandelte fort durch dicke Cimmerische Nächte
Ueber Pluto’s finstre Gefilde. Der Vorhof der Hölle
Schlang ihn ein. Da wohnten die Klagen, die räch’rischen Sorgen,
Bleiche, tödtliche Seuchen, das traurige Alter, der Hunger,
Armuth und Furcht. Viel scheußliche Larven, der Krieg und die Zwietracht
Mit dem Schlangenhaar hauseten hier. In rauschenden Hainen
Dunkeler Ulmen flatterten da die schrecklichen Träume.
Schaarenweis gingen hier auch viel schreckende Ungeheuer,
Wilde Centauren, Gorgonen, Hyänen und schmutzige Harpyen.
Bang und zitternd eilete Murner durch diese Gestalten
Zu den Stygischen Ufern, und wallte verlassen und traurig
Am Gestade des dunkeln Cocytus. Es brausten die Wasser
Unaufhaltsam und wild zu den Pforten des Todes hinüber.
Durch sie fuhr der finstere Charon; ein schmutziger Alter,
Dessen grauer, verworrener Bart den Gürtel herabfloß.
Mürrisch saß er im Kahn und steuerte langsam sein Fahrzeug
Gegen die brausende Fluth zum Ufer, wo Schaaren von Seelen
Zum Gestade sich drängten. Hier gingen unter einander
Fürsten, Komödianten und Dichter, und Huren und Nonnen,
Goldmacher, Räuber und Prokuratoren, und Aerzte; mit ihnen
Todtengräber, nebst lachenden Erben. Auch gingen hier Seelen
Vornehmer Damen, mit Seelen von Hunden und Katzen, und Vögeln;
Da die Schatten indeß von ihren verachteten Kindern
Einsam an dem Gestade zur Mutter die Stimmen erhuben,
Welche sie vornehm verließ und lieber die Seele des Hündchens,
Ihres Vergnügens im Leben in Charons Nachen mit wegnahm,
Wie im Herbste der Nord die gelbgewordenen Wälder
Brausend durchfährt, und dicke Wolken von fallenden Blättern
Ueber die Thäler verstreut; und wie an Thulens Gestaden
Schreiende Schaaren von wandernden Vögeln die Wogen bedecken:
Also stürzten die Schatten zum Ufer, und streckten die Hände
Bittend zum Charon empor, der einige Bittende einnahm,
Aber andre mit schwankendem Ruder vom Kahne zurückhielt.
Denn der mürrische Greis führt keine verstorbenen Seelen
Ueber die Stygischen Wasser und hohen Cocytischen Fluthen,
Wenn nicht ihr Körper auf Erden die letzten Ehren erhalten
So ward auch der Schatten des Katers vom Fahrzeug entfernet.
Traurig ging er am Ufer herum, und hoffte vergebens
Ueber den Fluß zu kommen. Er sprang zuletzt in die Fluthen,
Und versuchte herüber zu schwimmen; doch Charon ergriff ihn
Mit dem mächtigen Ruder, und schlug ihn zum Ufer zurücke.
Voller Verzweiflung mischt‘ er sich d’rauf zu bleichen Gespenstern,
Welche zur Oberwelt eilten, und kam mit ihnen von Neuem
Zu dem Schlosse zurück, wo sein verachteter Leichnam
Auf dem Miste noch lag, dem Knecht und der Viehmagd zum Abscheu.

Black Cat via Abecedarian

Dritter Gesang

Lange schon hatte die finstre Nacht mit mächtigen Schwingen
Ueber die Welt und das Dorf sich verbreitet. Die furchtsame Schloßuhr
Schlug jetzt zwölf; die schreckliche Stunde, worin die Gespenster
Frei umhergehn, mit rasselnden Ketten, mit glühenden Augen,
Und mit scheußlichen Larven. Die tiefste Ruhe beherrschte
Das altvät’rische Schloß; der alte Raban, Rosaura,
Koch und Kutscher und Magd lag tief im Schlafe vergraben.
Nur Lisette stickete noch, bei nächtlicher Lampe,
Ihrem Geliebten, dem schwarzen Jäger, Manschetten, als plötzlich
Die gefürchtete Mitternachtstunde mit silberner Stimme
Durch das einsame Schloß erschallt; da fiel ihr die Nadel
Aus der zitternden Hand; im Augenblick nahm sie das Nachtlicht
Und ging bebend aus Angst zur schneckenförmigen Treppe.
Aber wie blind macht öfters die Furcht! Anstatt daß die Zofe
Zu dem niedern Gemach dicht an dem Dache hinaufstieg,
Kam sie in ihrer Bestürzung herab zur Thüre des Kellers.
Dieser war, schrecklich und wüst, schon lange die schwarze Behausung
Aller Gespenster gewesen. In bangen Mitternachtstunden
Hörte man oft ein Winseln darin, auch hatte der Kutscher
Blaue Lichter bei flimmernden Schätzen d’rin brennen gesehen.
Wie vom Donner gerührt stand jetzt die furchtsame Zofe
Vor dem Schlunde des Kellers; ein kalter panischer Schrecken
Sträubte der zitternden Nymphe das Haupthaar empor; mit Entsetzen
Stieg sie die Stufen von Neuem hinauf, und wollte nun sichrer
Ihre Kammerthür öffnen; da kam ihr der Schatten der Katze
Wild entgegen gebraust. Sie sahe die funkelnden Augen,
Und den zähnefletschenden Schlund, und stürzte sich schreiend
Tief in ihr Bette. Hier lag sie in Angst drei schreckliche Stunden,
Ohne den Kopf aus dem tiefen Gewühle der Federn zu wagen;
Bis sie der Schlaf mit dem Anbruch des Tags voll Mitleid besuchte.

Aber der Schatten des Katers begab sich zur Kammer des Alten,
Schnaubte Rache, sprang wild auf den Tisch, auf welchem ein Nachtlicht
Sterbende blaue Strahlen verstreute. Die zitternde Flamme
Fuhr in die Höh‘ und erlosch; d’rauf schallte durch’s einsame Zimmer
Murner’s Todtengeheul. Der Alte fuhr auf aus dem Schlafe,
Furchtsam und blaß; da sah er den Cyper mit glühenden Augen,
Welcher höllische Flammen aus seinem Nasenloch brauste.
Schrecklich riß er den Mund auf und schrie. Vom wilden Geheule
Schallte das Schloß, und endlich verschwand der spukende Murner.
Er flog jetzo mit weniger Schrecken zum Zimmer Rosaurens,
Und erschien ihr im Schlaf mit blassem, entstelltem Gesichte.
Schönste Rosaura, (so sprach zu ihr) vergib es der Seele
Deines getödteten Cypers, wofern er die süßeste Ruhe
Mit der blassen Erscheinung dir stört! vergib es der Seele,
Welche, sogar von den Ufern des dunkeln Cocytus gewiesen,
In der Irre sich quält, da unbegraben mein Leichnam
Auf dem Miste verachtet liegt, und meine Gebeine
Nicht einmal mit ein wenig Staub mitleidig bedeckt sind.
Ach, Rosaura! verdienet denn dies dein gewesener Liebling?
Hab‘ ich dir darum so oft im Leben die Hände geküsset,
Und die scharfen Klauen verborgen? und hab‘ ich dir darum
Deine widrigsten Feinde, die Ratten, so treulich gefangen,
Um nicht einmal ein Grab nach meinem Tode zu haben?
Ach! was kann ich dafür, daß einer Furie Listen
Mich auf deinen Vogel erhitzt? und kann ich die Triebe,
Welche die mächt’ge Natur zum Morden mir einblies, verändern?
Bin ich dafür nicht genug mit dem schmerzlichsten Tode bestrafet?
Göttliche Schöne, wenn anders dein Herz Erbarmen empfindet,
Wenn dein Cyper dir je in seinem Leben gefallen:
O, so lass‘ es nicht zu, daß sein verachteter Leichnam
Den gefräßigen Hunden und schnatternden Enten ein Raub sey!
Gib den armen Gebeinen ein Grab, und gönne die Ruhe
Seinem irrenden Schatten, daß ihm der mürrische Charon
Ueber die Stygische Fluth die Fahrt verstatte; daß nicht mehr
Sein gepeinigter Geist mit andern Gespenstern umhergeh‘,
Und in finsterer Nacht mit seiner Erscheinung erschrecke.
Also sagte der Schatten des Katers, und flog in die Lüfte.

Aengstlich erwachte Rosaura. Die Morgenröthe bedeckte
Die Gebirge mit Purpur. Es tönte vom blumigen Anger
Das erweckende Horn des Hirten. Die nützlichen Stiere
Gingen langsam am Pfluge zum Acker. Der frühe Verwalter
Trabte mit seinem wiehernden Fuchs durch Haiden und Felder;
Dreimal zog Rosaura mit Macht die tönende Schelle,
Welche mit hellem, scharfem Geläute Lisetten erweckte.
Sie erschien vom nächtlichen Schrecken noch blaß und entstellet,
Und das Fräulein red’te zu ihr mit geflügelten Worten:
Ach! wie haben wir’s denn vergessen, den armen Cyper
In die Erde zu scharren! Im Traum erschien mir sein Schatten,
Welcher herumirrt, weil wir ihn nicht mit Ehren bestattet.
Ich vergeb‘ es mir nie, ich Undankbare! Wie hast du
Mich nicht erinnert, Lisette! So lägen seine Gebeine
Nicht verachtet in freier Luft, den Thieren zum Raube!
Eile, befiehl dem Gärtner, sogleich vom Mist ihn zu nehmen,
Und ihm unter den Linden am Wasser ein Grab zu bereiten.
Also das Fräulein. Lisette versetzt‘: Noch beb‘ ich vor Schrecken,
Denn auch mir ist der Schatten des todten Cypers erschienen.
O, wie gräßlich drohte sein Blick, indem er wildheulend
Ueber den Weg mir lief! Wir wollen ihn schleunig begraben,
Daß er nicht wieder mit seiner Erscheinung die Nacht durch uns störe!
Als sie noch sprach, da kam auch der Alte mit zitternden Füßen,
Lehnte sich auf den Dornstock und sprach: Ihr Kinder, begrabet
Schleunig den Leichnam des Katers! Noch bin ich des Todes vor Schrecken!
Denn, potz Stern! ich hab‘ ihn gesehn! Wie glühten dem Teufel
Seine höllischen Augen! Wie schnaubte die grimmige Nase
Flammen umher – ich verlang‘ es nicht wieder noch einmal zu sehen!

Eilend begab sich die Iris des Fräuleins zum Gärtner und sagte:
Conrad, folge mir nach, und nimm vom Miste den Leichnam
Unsers verstorbenen Cypers. Am Wasser unter den Linden
Mach‘ ihm ein Grab, und leg‘ ihn darein; damit er nicht wieder
In dem Schlosse mit seiner Erscheinung die Lebenden schrecke.
Deine Mühe soll dir ein blanker Gulden belohnen,
Und ein Glas voll herrlichen Branntweins die Kehle dir netzen.

Also sprach sie. Ihr folgete Conrad, von Branntwein ermuntert,
Ging auf den Hof, und nahm auf den Spaten den Leichnam des Cypers,
Trug ihn unter die Linden, und legte die starren Gebeine
Tief in ein kühles Grab. Gleich flog sein irrender Schatten
Wieder zur Hölle hinab und mischte sich unter die Seelen,
Die zum schwankenden Kahn des alten Charons sich drängten.

Black Cat via Abecedarian

Vierter Gesang

Und nun waffne dein Herz mit Muth von Neuem, Rosaura,
Wenn du die Muse zur Hölle begleitest; zur Hölle, die oftmals
Dich im Schauspiel geschreckt, wenn Teufel mit seidenen Strümpfen
Und mit blitzenden Schuhen getanzt; wenn Flammen von Pulver
Ueber die bunten, papiernen Wände des Abgrunds sich wälzten,
Und Colophoniendampf aus tiefen Schlünden heraufschlug.
Strahlte nicht durch die Nacht mir dein Auge; wie könnt‘ ich es wagen,
Zu den finstern Gefilden des Erebus zweimal zu wandeln.
Doch damit du das Schicksal des Cypers vollendet erfahrest,
Soll ihn die kühnere Muse noch jenseits des Styxes begleiten.

Charon sah den Schatten des Katers dem Flusse sich nahen.
Weil er wußte, sein Leichnam sey zur Erde bestattet,
Rückt‘ er den Kahn an’s Ufer und nahm den Murner in’s Schiff ein.
Rauschend eilte der Kahn von selbst zum Ufer hinüber,
Wo an den Pforten des Orkus der grausame Cerberus wachte,
Als die Katze den Höllenhund sah, der seine drei Rachen
Fürchterlich aufriß und bellte: da fuhr sie erschrocken zurücke,
Krümmte den Buckel und schnaubte, daß selbst der finstere Charon!
Seine Runzeln zum Lächeln verzog. Doch setzt‘ er sie endlich
An das Ufer des Tartarus aus. Sie schlüpfte verstohlen
Bei dem Höllenhunde vorbei, und kam durch die Höhle
Zu den Gestaden des flammenden Phlegetons, welcher lautbrausend
Ueber die schallenden Felsen die feurigen Wogen verfolgte.
Hier erblickte der Cyper die hohen ehernen Mauern,
Und die demant’nen Pforten, die zu dem Qualenreich führten.
Auf der eisernen Warte, die hoch in die Lüfte sich hebet,
Sitzet die immer wache Tisiphone schrecklich am Eingang,
Peitschet mit Schlangen den Flüchtling zurück, der voller Verzweiflung
Aus den schwarzen Gefilden der Pein zu entwischen gedenket.
Schaudernd hörte der Cyper die brüllenden Seufzer, die Schläge,
Mit dem Geschwirre des Eisens und schwerer rasselnder Ketten,
Welche die Elenden zogen, die hier der höllische Richter,
Rhadamantus, zu langen und grausamen Martern verdammte.
Jetzo sprangen mit schrecklichem Schall die demant’nen Pforten
Aus den donnernden Angeln. Alekto mit brennender Fackel
Fuhr heraus und faßte den Cyper, und wollte schon scheltend
Vor den Richter ihn schleppen, als sie ihn plötzlich erkannte.
O, bist du es, (erhob sie die Stimme) du trauriges Opfer
Meiner Rache, die du gewagt, für mich zu vollbringen?
Dafür sollst du die Qualen nicht sehn, die räub’rische Thiere
Hier Jahrhunderte peitschen. Denn wisse! hier werden die Löwen,
Blutige Tiger und Panther, und alle die stolzen Erob’rer,
Eh’mals das Schrecken der klagenden Wälder, verschieden gemartert,
Wölfe werden allhier bei langsamem Feuer gebraten;
Räub’rische Füchse liegen gefesselt an feurigen Ketten,
Sehn die Hühner vor sich und können sie niemals erreichen.
O, was nützet es hier dem Adler, dem König der Vögel,
Daß er Monarch war, von allen Poeten und Rednern gepriesen!
Ewig sitzet er hier in einem glühenden Käfich,
Und verfluchet, daß man in ihm den Räuber vergöttert.
Aber wie könnt‘ ich dir, Murner, unzählbare Qualen beschreiben,
Welche das räub’rische Thier hier strafen, wofern es die Unschuld,
Oder die nützlichen Thiere gewürgt! Doch trifft nicht dies Urtheil
Dich, und alle die Thiere, die mit den räch’rischen Zähnen,
Oder mit scharfen Klauen und Schnäbeln das Ungeziefer,
Ratten und Mäuse, Schlangen und Eidechsen, Spinnen und Raupen
Zu verderben gesucht; die gehn in schattigen Hainen
Glücklich einher; doch müssen die Katzen nicht singende Vögel,
Oder unschuldige Hühner erwürgen, sonst werden sie gleichfalls
Mit den Wölfen gebraten und mit den Füchsen gepeinigt.
Wohl dir, daß dich dein Schicksal bewahrt! Verfolge nun ferner
Deinen Weg von diesem Flusse nach jenen Gefilden,
Wo die glücklichen Thiere wandeln – dir wird man auf Erden
Unter den Linden am Bach ein prächtiges Denkmal errichten,
Und bei dem Grabe weinen. – So sprach sie. Die Pforten
Sprangen hinter ihr zu, und über die ehernen Säulen
Schlug ein schwefliger Dampf, mit blauen Flammen vermischet.
D’rauf ging Murner mit muthiger’m Schritt durch dunkele Wege,
Bis er zu jenen glücklichen Wäldern und Auen gelangte,
Wo die milderen Thiere nach ihrem Tode spazieren.
Hier herrscht ewiger Lenz; hier fließen die Quellen des Aethers
Sanfter aus gütigen Sonnen; und über die lachenden Felder
Hat die güt’ge Natur ihr ganzes Füllhorn verschüttet.
Durch die blühenden Auen ergießt in gleißenden Wellen
Lethe den schlängelnden Strom. Hier trinken mit durstigen Zügen
Alle Thiere Vergessenheit ein, und ihre Naturen
Werden hier milder gemacht. Auch baden hier alle die Seelen,
Welche vom Schicksal zur Wand’rung in andre Leiber bestimmt sind.
Hier sah Cyper den Schatten des Hofhunds, welcher erwählt war,
Eines künftigen Harpagons Körper zur Wohnung zu haben.
Seelen von Papageyen, bestimmt, in Weise zu fahren,
Und in Dichter, welche für sich zu denken nicht wagen,
Gingen allhier; auch Seelen von Pfauen für eitele Damen,
Seelen von Raben für Richter, und Seelen von Füchsen für Schreiber.
Andere Seelen von besseren Thieren genossen hier Ruhe,
Freiheit und ewigen Lenz in ihren elysischen Feldern.
Hier ging munter das edle Roß auf grünenden Wiesen;
Frische Winde kräuselten ihm die fliegenden Mähnen,
Und es wieherte Freiheit. Auf holden blumigen Angern
Stand der nützliche Stier, auf ewig vom Joche befreiet.
Das unschuldige Schaf sprang auf dem lachenden Hügel
Scherzend einher, und erntete hier die süße Belohnung
Seiner Geduld und Nützlichkeit ein. Die blühenden Wälder
Schallten wieder von farbigen Sängern. Der Colibri Schaaren
Hingen wie Gold an den Aesten. Der holden Nachtigall Lieder
Drangen bis in der Seelen Gefild‘, wo zärtliche Dichter
Ihren Seufzern zuhörten. Die gold’nen Canarienvögel
Füllten die Luft mit Musik; der strahlende Vogel der Sonne
Machte die Ufer umher von seinen Gesängen ertönen.
Murner trank den Letheischen Fluß mit geizigen Zügen,
Und sein räub’risches Wesen ward bald in Sanftmuth verwandelt.
Als er freundlich im Sonnenschein saß, da kamen die Tauben
Zu ihm vertraulich herab, und scherzend spielt‘ er mit ihnen,
Er vergaß den schmerzlichen Tod, in stiller Erwartung,
Einst in einem edleren Körper in’s Leben zu kehren.

Black Cat via Abecedarian

Fünfter Gesang

Muse, lass‘ uns nunmehr aus unterirdischen Reichen
Wieder zur Oberwelt kehren! Und wenn du mit goldener Leier
Mir die einsamen Stunden versüßt, und wenn dich Rosaura
Mit holdseligem Beifall beehrt, so höre gelassen,
Was der tiefgelehrte Pedant, das spitzige Fräulein,
Oder der Duns in der Knotenperücke zum Hohne dir sagen.

Conrad hatte nunmehr das Mausoleum des Katers
Mit der letzten Erde bedeckt. Er hob nun den Spaten
Auf die breiten Schultern, und ging, stillschweigend und feiernd,
Ueber den Edelhof weg. So wenden sich Todtengräber
Langsam feierlich wieder zurück, wenn unter dem Beileid
Christlicher Juden und Wechsler ein reicher Geizhals verscharrt ist.
Ihn sah über den Hof Rosaura; da stiegen ihr Thränen
In die himmlischen Augen; sie rührten den ehrlichen Raban,
Und er begleitete sie mit seinem zärtlichen Mitleid.
Endlich brach Rosaura das traurige Schweigen und sagte:
Geh‘ nun hin, getreue Lisette, bezahle den Gärtner
Für den letzten dem Cyper erwiesenen Dienst, und befiehl ihm
Veilchen zu pflücken, damit ich sein Grab mit Blumen bestreue!

Also Rosaura; darauf nahm sie den Hut und stieg mit dem Onkel
Ueber den Hof. – Am Graben der Burg stehn heilige Linden
Mit den dicken waldigen Wipfeln bei zackigen Tannen.
Ihre Wurzeln waschen beständig die silbernen Wellen,
Und ein höheres Grün belebet die saftigen Zweige.
In der Mitte strecket ihr Haupt die größte von allen
Stolz zu den Wolken empor; es wohnen die Vögel des Himmels
Im ehrwürdigen Baum, der fast den Augen ein Wald scheint.
Ein erfrischender Balsamgeruch von Thymiansbüschen
Und Lavendel herrschet allhier; und über dem Rasen
Blitzen viel tausend gesternte Ranunkeln und schimmernde Blumen,
Welche die wilde Natur, die Kunst zu beschämen, hervorbringt.
Hier lag Murner am Fuß der großen Linde verscharret;
Angenehm war sein einsames Grab von Bäumen umschattet,
Gleich den Gräbern der Alten, die nicht mit Leichengerüchen
Ihre Tempel erfüllt, und todt noch Seuchen erweckten.
Bei dem Grabe standen Rosaura, der Onkel, mit ihnen
Conrad, Lisette, nebst Herrmann, dem Jäger. Die holde Rosaura
Nahm zwei Hände voll Veilchen, und streute sie über das Grabmal
Ihres geliebten Cypers. Da nahm der Jäger sein Jagdhorn,
Wie der gehörnete Mond gestaltet, von männlichen Schultern,
Und fing an mit kläglichem Ton in die Haine zu blasen,
Wie nach Jägers Gebrauch der todte Hase beklagt wird.
Alle Hunde wurden d’rauf laut; auch kamen die Katzen
Auf den Dächern des Schlosses zusammen, und heulten erbärmlich
Ueber den Tod des treuen Gefährten, da Ratten und Mäuse
Heimlich jauchzten und Festtage hielten, daß Cyper gefallen.
Endlich wandte Rosaura sich von dem Grabe; sie sprach noch,
Als sie ging: So ruhet denn sanft im Schatten der Linden,
Werthe Gebeine des Cypers! O, daß nicht die Musen die Stirne
Mir mit Lorbeer gekrönt, und daß nicht hier in dem Dorfe
Jemand die Sprache der Götter gelernt; sonst sollte dein Name,
Zu den Sternen erhöht, den spätesten Zeiten noch werth seyn.
So das Fräulein, und kehrte zurück nach ihren Gemächern.

Fama begab sich indeß mit ihrer hellen Posaune
Durch das Dorf, und ließ sich herab zum Hause des Küsters,
Welcher mit majestätischem Ernst die Jugend des Dorfes
Vor sich sah. Mit lautem Geschrei und stammelnder Zunge
Wiederholen sie oft die schweren Versuche zum Lesen.
Ihm naht sich die Göttin und spricht: Du Liebling Apollo’s,
Schweigst du jetzt bei’m Tode des Cypers des gnädigen Fräuleins
Und versäumst nachlässig, unsterblichen Ruhm zu erlangen?
Gab die Natur dir umsonst die Wundergabe zu reimen,
Neujahrswünsche zu machen, mit mancher poetischen Inschrift
Häuser und Scheuern zu zieren? Und jetzo wolltest du zaudern,
Einen klingenden Vers dem Cyper zu Ehren zu machen?
Also goß sie den dicht’rischen Trieb in die Seele des Küsters,
Der sich erhob vom krachenden Thron, aus Binsen geflochten.
Und sogleich der lärmenden Schule die Freiheit ertheilte.
Wie die Heerde geschwätziger Gänse, vom Schießhund gejaget,
Mit Geschrei über die Lüfte sich hebt, und über dem Dorfteich
In das sichre Schilf sich rettet, so drangen die Knaben
Jauchzend aus ihrem dumpfigen Kerker und liefen zum Spielplatz,
Wo mit Jubelgeschrei der elastische Ball in die Luft stieg.
Aber der Küster steckte die Fasces des wichtigen Lehramts,
Seine birkene Ruth‘ und den Stock, an das schwitzende Fenster.
Jetzo war er allein. Er nahm die zaub’rische Feder,
Zog an der Stirne schreckliche Runzeln, verkehrte die Augen,
Und fing an mit tiefen Gedanken auf Reime zu sinnen.
Dreimal schmiß er die Feder halb aufgefressen zur Erde,
Dreimal beschwor er die Muse und seinen getreuesten Hübner.
Endlich sprang er freudenvoll auf und las mit Entzücken
Den erstaunenden Wänden die herrliche Grabschrift der Katze.
Muse! dir ist nichts verhüllt, erzähle der Nachwelt die Grabschrift,
Wenn dein freierer Vers nicht vor den Reimen zurückbebt.
Also lautete sie:

Hier liegt ein Kater der schönsten Art,
Der Cyper von Fräulein Rosauren zart.
Zu seinen Ehr’n hat dieses gestellt
Der Küster Martin Schinkenfeld.

Als er nunmehr auf Papier, mit Todtenköpfen gezieret,
Diese Reime gemalet und seine Perücke gekämmet,
Ging er voll Hochmuth zum Schloß und überreichte Rosauren
Feierlich seine Geburt mit krummem, scharrendem Fuße.
Lächelnd nahm Rosaura die Grabschrift und sagte: Herr Küster,
Dieses werde dem Cyper zu Ehren in Marmor geätzet,
Als ein ewiges Denkmal sein frühes Grab zu bedecken.
Ihm, dem Dichter, sollen zwei Lüneburgische Rosse,
Welche, noch neu, im Silbergewölk die Nasen erheben,
Seine Mühe versüßen. So sprach sie, und schickte den Jäger
Nach dem Steinmetz, welcher die Grabschrift mit künstlichem Griffel
Auf den adrischen Marmor schrieb. Er liegt nun auf ewig
Ueber der Gruft; der gefällige Fremde betrachtet ihn oftmals;
Und der neugierige Wand’rer erzählt in fernen Provinzen
Von dem redenden Stein. So steigt der Name des Cypers
Zu den Sternen hinauf und reicht in die fernesten Zeiten.

[Alternativer Schluss: An die Sterne; die späteren Nachwelten werden ihn kennen.]

[Alternativer Schluss 2: An die Sterne; die späteste Zeit wird von ihm erschallen.]

Black Cat via Vantawan, 15. September 2015

Katzenbilder: — entgegen der Beschreibung des Protagonisten als „fleckiger Kater“ — mit schwarzen Katzen: Alle Zeichnungen via Abecedarian, meistens mit dem Hinweis:

Inexplicable images from generations ago invite us to restore the lost sense of immediacy. We follow the founder of the Theater of Spontaneity, Jacob Moreno, who proposed stringing together „now and then flashes“ to unfetter illusion and let imagination run free. The images we have collected for this series came at a tremendous price, which we explained previously.

Das Foto erreicht uns über Vantawan, 15. September 2015.

Soundtrack: Jack & Amanda Palmer: Wynken Blynken, & Nod, aus: You Got Me Singing, 2016:

Written by Wolf

21. Dezember 2018 at 00:01

Bitchy Lessing

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Sie wünschen ein deutsches Stück, das lauter solche Szenen hätte? Ich auch!

G. E. L., a. a. O., s. u.

Update zu Lessing aktuell (Das Vergnügen ist entbehrlich) und
Die Zueignung der Zuneigung:

Wo immer eine Lessing-Auswahl zusamengestellt wird, ist der 17. Literaturbrief dabei. Praktisch keine der Werkausgaben von Lessing ist vollständig, aber alle stehen angesichts des Meisters Produktionsmengen dazu — und ersparen sich (und uns) sogar noch seine umfangreiche Korrespondenz.

Wie viel Lessing zu sagen hatte, erschließt sich wenn schon nicht beweiskräftig, so doch hinweisartig aus der Atemlosigkeit, mit der er unterschiedliche Themen und Formen ins selbe Medium zusammenkleben konnte, wie sie ihm gerade wichtig vorkamen und heute in solcher Heterogenität in keiner Form des Journalismus mehr zu vertreten wären. Das zieht sich durchs ganze Werk bei ihm. Am 17. Literaturbrief zum Beispiel hängt am Schluss der größte Teil von Lessings — erhaltener — Beschäftigung mit dem Fauststoff dran. Der Rest kommt nächstes Jahr (nicht versprochen, aber wohlwollend geplant). Es fängt an:

Gotthold Ephraim Lessing, Briefe, die neueste Literatur betreffend, 17. Brief, 1759, Anfang

——— Gotthold Ephraim Lessing:

Briefe, die neueste Literatur betreffend

17. Brief, Erster Teil. VII. Den 16. Februar 1759:

French postcard, Witches Sabbat in Paris, ca. 1910„Niemand, sagen die Verfasser der Bibliothek, wird leugnen, dass die deutsche Schaubühne einen grossen Theil ihrer ersten Verbesserung dem Herrn Professer Gottsched zu danken habe.“

Ich bin dieser Niemand; ich leugne es gerade zu. Es wäre zu wünschen, dass sich Herr Gottsched niemals mit dem Theater vermengt hätte. Seine vermeinten Verbesserungen betreffen entweder entbehrliche Kleinigkeiten, oder sind wahre Verschlimmerungen.

Die eingangs erwähnte Bibliothek versteht sich allzu leicht als die Rezensionszeitschrift Allgemeine deutsche Bibliothek, die von Lessings engem Freund und Kollegen Friedrich Nicolai und herausgegeben wurde. Ein kurzer Datenabgleich ergibt aber, dass Lessings 17. Brief von 1759 stammt, die erste Ausgabe dieser Bibliothek aber erst von 1765. Lessing kann also viel eher die Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste meinen, ebenfalls unter Friedrich Nicolai zusammen mit Moses Mendelssohn, und als „Deutsche Zeitschrift zur Literatur und Ästhetik, insgesamt 9 Jahrgänge in 12 Bänden zu 24 Stücken und 2 Anhängen“ von 1757 bis 1765 als Vorgängerin der ersteren zu begreifen.

——— Hugh Barr Nisbet:

Lessing. Eine Biographie

Kapitel VIII: Berlin 1759–1760. Aus dem Englischen überssetzt von Karl S. Guthke, C. H. Beck, München 2009, Seite 336 ff.:

French postcard, Witches Sabbat in Paris, ca. 1910Der Witz und die Ironie dieses berühmten Auftakts sind nur dem ganz klar, der zweierlei erkennt: daß die zurückgewiesene Feststellung von dem mit Lessing eng befreundeten Nicolai stammt, dem Verleger eben der Zeitschrift, in der ihm hier widersprochen wird, und ferner daß Lesing selbst Gottscheds „unwidersprechliche Verdienste um das deutsche Theater“ etwa zehn Jahre zuvor ebenso begeistert gelobt hatte. Und bereichert wird die literarische Resonanz schließlich noch im letzten Satz durch das Echo der Antwort des listenreichen Odysseus auf die Frage des Polyphem, wer er sei. Das hat jedoch nicht verhindert, daß der siebzehnte Brief, dessen schelmischer Ton in diesen Zeilen angeschlagen wird, beinahe zwei Jahrhunderte lang ernster genommen wurde als fast alles sonst in Lessings nicht-dramatischen Schriften und eine Zeitlang sogar, wie ein Beurteiler es ausdrückt, „in einen Luthers fünfundneunzig Thesen vergleichbaren Rang“ erhoben wurde.

Oder einfacher:

——— Katrina Clara Liszt:

I love Lessing, he’s so bitchy.

Dabei kommt’s jetzt erst: Lessing schreibt Faust — als helle, schnelle Komödie. Oder jedenfalls als Fragment davon. Der vorgeschobene „Freund“ ist eine dramaturgisch gebrauchte Fiktion, das Fragment ist Lessings eigene Arbeit, vermutlich von wenigen Jahren zuvor. Für gewöhnlich — will sagen: zum Beispiel in der großen Hanser-Ausgabe — wird die Stelle getrennt vom Brief, nur mit gegenseitigem Verweis, als dramatisches Fragment geführt:

French postcard, Witches Sabbat in Paris, ca. 1910Daß aber unsre alten Stücke wirklich sehr viel Englisches gehabt haben, könnte ich Ihnen mit geringer Mühe weitläuftig beweisen. Nur das bekannteste derselben zu nennen; „Doctor Faust“ hat eine Menge Szenen, die nur ein Shakespearesches Genie zu denken vermögend gewesen. Und wie verliebt war Deutschland, und ist es zum Teil noch, in seinen „Doctor Faust“! Einer von meinen Freunden verwahret einen alten Entwurf dieses Trauerspiels, und er hat mir einen Auftritt daraus mitgeteilet, in welchem gewiß ungemein viel großes liegt. Sind Sie begierig ihn zu lesen? Hier ist er! – Faust verlangt den schnellsten Geist der Hölle zu seiner Bedienung. Er macht seine Beschwörungen; es erscheinen derselben sieben; und nun fängt sich die dritte Szene des zweiten Aufzugs an.

Faust und sieben Geister

Faust. Ihr? Ihr seid die schnellesten Geister der Hölle?

Die Geister alle. Wir.

Faust. Seid ihr alle sieben gleich schnell?

Die Geister alle. Nein.

Faust. Und welcher von euch ist der Schnelleste?

Die Geister alle. Der bin ich!

Faust. Ein Wunder! daß unter sieben Teufel nur sechs Lügner sind. – Ich muß euch näher kennen lernen.

French postcard, Witches Sabbat in Paris, ca. 1910Der erste Geist. Das wirst du! Einst!

Faust. Einst! Wie meinst du das? Predigen die Teufel auch Buße?

Der erste Geist. Ja wohl, den Verstockten. – Aber halte uns nicht auf.

Faust. Wie heißest du? Und wie schnell bist du?

Der erste Geist.. Du könntest eher eine Probe, als eine Antwort haben.

Faust. Nun wohl. Sieh her; was mache ich?

Der erste Geist. Du fährst mit deinem Finger schnell durch die Flamme des Lichts –

Faust. Und verbrenne mich nicht. So geh auch du, und fahre siebenmal eben so schnell durch die Flammen der Hölle, und verbrenne dich nicht. – Du verstummst? Du bleibst? – So prahlen auch die Teufel? Ja, ja; keine Sünde ist so klein, daß ihr sie euch nehmen ließet. – Zweiter, wie heißest du?

Der zweite Geist. Chil; das ist in eurer langweiligen Sprache: Pfeil der Pest.

Faust. Und wie schnell bist du?

Der zweite Geist. Denkest du, daß ich meinen Namen vergebens führe? – Wie die Pfeile der Pest.

Faust. Nun so geh, und diene einem Arzte! Für mich bist du viel zu langsam. – Du Dritter, wie heißest du?

Der dritte Geist. Ich heiße Dilla; denn mich tragen die Flügel der Winde.

Faust. Und du Vierter? –

Der vierte Geist. Mein Name ist Jutta, denn ich fahre auf den Strahlen des Lichts.

Faust. O ihr, deren Schnelligkeit in endlichen Zahlen auszudrücken, ihr Elenden –

Der fünfte Geist Würdige sie deines Unwillens nicht. Sie sind nur Satans Boten in der Körperwelt. Wir sind es in der Welt der Geister; uns wirst du schneller finden.

Faust. Und wie schnell bist du?

Der fünfte Geist. So schnell als die Gedanken des Menschen.

Faust. Das ist etwas! – Aber nicht immer sind die Gedanken des Menschen schnell. Nicht da, wenn Wahrheit und Tugend sie auffordern. Wie träge sind sie alsdenn! – Du kannst schnell sein, wenn du schnell sein willst: aber wer steht mir dafür, daß du es allezeit willst? Nein, dir werde ich so wenig trauen, als ich mir selbst hätte trauen sollen. Ach! – Zum sechsten Geiste. Sage du, wie schnell bist du? –

Der sechste Geist. So schnell als die Rache des Rächers.

Faust. Des Rächers? Welches Rächers?

French postcard, Witches Sabbat in Paris, ca. 1910Der sechste Geist. Des Gewaltigen, des Schrecklichen, der sich allein die Rache vorbehielt, weil ihn die Rache vergnügte. –

Faust. Teufel! du lästerst, denn ich sehe, du zitterst. – Schnell, sagst du, wie die Rache des – Bald hätte ich ihn genennt! Nein, er werde nicht unter uns genennt! – Schnell wäre seine Rache? Schnell? – Und ich lebe noch? Und ich sündige noch? –

Der sechste Geist. Daß er dich noch sündigen läßt, ist schon Rache!

Faust. Und daß ein Teufel mich dieses lehren muß! – Aber doch erst heute! Nein, seine Rache ist nicht schnell, und wenn du nicht schneller bist als seine Rache, so geh nur. (Zum siebenden Geiste) – Wie schnell bist du?

Der siebende Geist. Unzuvergnügender Sterbliche, wo auch ich dir nicht schnell genug bin – –

Faust. So sage; wie schnell?

Der siebende Geist. Nicht mehr und nicht weniger, als der Übergang vom Guten zum Bösen. –

Faust. Ha! du bist mein Teufel! So schnell als der Übergang vom Guten zum Bösen! – Ja, der ist schnell; schneller ist nichts als der! – Weg von hier, ihr Schnecken des Orcus! Weg! – Als der Übergang vom Guten zum Bösen! Ich habe es erfahren, wie schnell er ist! Ich habe es erfahren! etc. – –

Was sagen Sie zu dieser Szene? Sie wünschen ein deutsches Stück, das lauter solche Szenen hätte? Ich auch!

Fll.

Bilder: Katrina Clara Liszt: Lessing: 17. Brief, die neueste Literatur betreffend, 1759;
French postcard: Witches‘ Sabbat in Paris, ca. 1910, via Those Naughty Victorians, 31. Oktober 2013;
Soundtrack: Franz Liszt: Au Lac de Wallenstadt, aus: Années de pèlerinage, 1855
mit Tatia Pilieva: First Kiss Experiment, 2014:

Written by Wolf

16. Februar 2018 at 00:01

Doktor Faust thu dich bekehren

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Update zu Umfing ihn sein feins Liebchen: Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Den Faust hat Goethe, so die übergreifende Botschaft des gesamten Weblogs, nicht erfunden — was weder Faust noch Goethe an ihrer jeweiligen Existenz gehindert hat. Wo Goethe überall war, ist lang, breit und tief und im jungen Jahrtausend sogar interaktiv erforscht; wo Faust überall war, muss man bis heute fallweise nachlesen.

Das Flugblatt mit der Ballade über seine versuchte Bekehrung, dann aber doch weiter statthabende Verdammnis stammt aus Köln, und wenn es nicht vom Forscherteam Arnim & Brentano von dort in Des Knaben Wunderhorn eingesammelt worden wäre, wüsste man heute vermutlich gar nichts mehr davon. Das Wissen darüber ist werkimmanent: dass Faust laut dem Gang der Balladenhandlung unter anderem in Ingolstadt geweilt und Theologie studiert hat, und an den meisten seiner Fundstellen: dass über seine Entstehung praktisch nichts bekannt ist.

Der Fauststoff wird seit dem 16. Jahrhundert — seit dem historischen Faust in Vermischung mit Paracelsus — tradiert und variiert, Arnim und Brentano lag laut Heinz Röllekes Kommentar zur großen Wunderhorn-Ausgabe die Ballade

in Form eines metrisch holprigen und mannigfach verderbten Flugblatt-Textes vor, dessen Entstehung nach 1741 anzusetzen ist.

Goethe urteilt natürlich zurückhaltend:

Tiefe und gründliche Motive, könnten vielleicht besser dargestellt seyn.

Die Melodie wurde von W. Wiora: Die Melodien der Faustballade im Jahrbuch für Volksliedforschung 6, 1938 auf Seite 29 bis 31 sowie von Erich Stockmann: „Des Knaben Wunderhorn“ in de Weisen seiner Zeit in den Veröffentlichungen des Instituts ür deutsche Volkskunde 16 an der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1958 zur gesanglichen Aufführung tauglich festgelegt.

Bearbeitung des Faust-Stoffs von einem Christlich-Meynenden, 1726, Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar

Zum historischen Doktor Faust in Ingolstadt weiß, kurios genug, Abraham a Sancta Clara weiter:

——— Alexander Schöppner:

Sagen vom Benz und vom Doktor Faust zu Ingolstadt

in: Thomas Arnt: Faustsagen:

Benz oder Penz wurde ein Geist genannt, von dem P. Abraham erzählt: „Wann zu Ingolstadt in Bayren, die Studenten aus unartigem Muthwillen einige Ungelegenheit verursachen, und etwan auf der Gassen die Stain also wetzen, daß ihnen das Feuer zum Augen ausgehet, werden sie auf der Universität in die Keichen gesetzt, beklagen sich aber dazumahlen nicht mehrers als wegen eines Nachtgespensts, so sie insgemein den Pentzen nennen, welches gantz ohne Kopf ist, also soll wahrhaftig manches Orth, Statt, Gemain nichts mehrers schrecken, als wann sie ein Obrigkeit ohne Kopf haben.“

Noch ein anderer Geist als dieser hat auch eine Zeit in einem Haus der Harder Straße gewohnt. Das ist kein anderer als der hochberühmte Schwarzkünstler Doktor Faust selber gewesen. Er soll nämlich, wie die Sage meldet, in seinem sechzehnten Jahr zu Ingolstadt Theologie studiert haben.

Tatsächlich kennt man im Ingolstadt des dritten Jahrtausends domini einen Margarethenturm am Unteren Graben, Ecke Harderstraße und Johannesstraße, in dem ein Doctor Jorg Faust bis zu seiner Abschiebung durch den Magistrat am 17. Juni 1528, „daß er seinen Pfennig woanders verzehr“, zwielichtigen Wahrsagereien, Zeichendeutereien und anderem Hexenwerk nachgegangen ist, sowie eine Margarethenstraße, die gar in eine Fauststraße am Südfriedhof entlang mündet.

Bis 1528 sechzehnjährig Theologie studieren, das bringt uns auf ein Geburtsdatum von 1512, wogegen die meisten Quellen „um 1480“ angeben. Im Volksbuch heißt er auch viel entschiedener Johann denn Georg oder davon abgeleitet Jorg, und wie Goethe auf „Heinrich“ kam, kriegen wir später. Wie amtlich verlässlich müssen Augustinerpater und Volksballaden sich eigentlich äußern?

An gleichen Ort stellt Schöppner eine noch archaischer anmutende als die aus Köln überlieferte Wunderhorn-Version vor, auf welche dieselbe Melodie passt. Mir selbst sagt zu — und daher dieser ganze Aufwand — dass der Teufel seine Wette verliert, weil er bildlich gesprochen keine Pferde malen kann. — Die „metrisch holprige und mannigfach verderbte“ Volksballade im Direktvergleich:

Doktor Faust.

Fliegendes Blat aus Cöln.

aus: Des Knaben Wunderhorn, Band 1:

Hört ihr Christen mit Verlangen,
Nun was Neues ohne Graus,
Wie die eitle Welt thut prangen,
Mit Johann dem Doktor Faust
Von Anhalt war er geboren,
Er studirt mit allem Fleiß,
In der Hoffarth auferzogen,
Richtet sich nach aller Weiß.
Vierzig tausend Geister,
Thut er sich citiren,
Mit Gewalt aus der Höllen.
Unter diesen war nicht einer,
Der ihm könnt recht tauglich seyn,
Als der Mephistophiles geschwind,
Wie der Wind,
Gab er seinen Willen drein.
Geld viel tausend muß er schaffen,
Viel Pasteten und Confekt,
Gold und Silber was er wollt,
Und zu Straßburg schoß er dann,
Sehr vortreflich nach der Scheiben,
Daß er haben konnt sein Freud,
Er thät nach dem Teufel schieben,
Daß er vielmal laut aufschreit.
Wann er auf der Post thät reiten,
Hat er Geister recht geschoren,
Hinten, vorn, auf beiden Seiten,
Den Weg zu pflastern auserkohren;
Kegelschieben auf der Donau,
War zu Regensburg sein Freud,
Fische fangen nach Verlangen,
Ware sein Ergötzlichkeit.
Wie er auf den heiligen Karfreitag
Zu Jerusalem kam auf die Straß,
Wo Christus an dem Kreuzesstamm
Hänget ohne Unterlaß,
Dieses zeigt ihm an der Geist,
Daß er wär für uns gestorben,
Und das Heil uns hat erworben,
Und man ihm kein Dank erweißt.
Mephistophles geschwind, wie der Wind,
Mußte gleich so eilend fort,
Und ihm bringen drey Ehle Leinwand,
Von einem gewissen Ort.
Kaum da solches ausgeredt,
Waren sie schon wirklich da,
Welche so eilends brachte
Der geschwinde Mephistophila.
Die große Stadt Portugall,
Gleich soll abgemahlet sein;
Dieses geschahe auch geschwind,
Wie der Wind:
Dann er mahlt überall,
So gleichförmig,
Wie die schönste Stadt Portugall.
„Hör du sollst mir jetzt abmahlen,
Christus an dem heiligen Kreuz,
Was an ihm nur ist zu mahlen,
Darf nicht fehlen, ich sag es frei,
Daß du nicht fehlst an dem Titul,
Und dem heiligen Namen sein.“
Diesen konnt er nicht abmahlen,
Darum bitt er Faustum
Ganz inständig: „Schlag mir ab
Nicht mein Bitt, ich will dir wiederum
Geben dein zuvor gegebene Handschrift.
Dann ist es mir unmöglich,
Daß ich schreib: Herr Jesu Christ.“
Der Teufel fing an zu fragen:
„Herr, was gibst du für einen Lohn?
Häts das lieber bleiben lassen,
Bey Gott findst du kein Pardon.“
Doktor Faust thu dich bekehren,
Weil du Zeit hast noch ein Stund,
Gott will dir ja jetzt mittheilen
Die ewge wahre Huld,
Doktor Faust thu dich bekehren,
Halt du nur ja dieses aus.
„Nach Gott thu ich nichts fragen,
Und nach seinem himmlischen Haus!“
In derselben Viertelstunde
Kam ein Engel von Gott gesandt,
Der thät so fröhlich singen,
Mit einem englischen Lobgesang.
So lang der Engel da gewesen,
Wollt sich bekehren der Doktor Faust.
Er thäte sich alsbald umkehren,
Sehet an den Höllen Grauß;
Der Teufel hatte ihn verblendet,
Mahlt ihm ab ein Venus-Bild,
Die bösen Geister verschwunden,
Und führten ihn mit in die Höll.

Doctor Faust

Volksballade:

Hört ihr Christen mit Verlangen
etwas Neues ohne Graus:
Wie die eitle Welt tut prangen
mit Johann, dem Doctor Faust.

Zu Anhalt war er geboren,
er studiert mit allem Fleiß;
In der Hoffart auferzogen,
richtet sich nach alter Weis.

Vierzigtausend Geister er zitierte
mit Gewalt wohl aus der Höll,
Doch es war nicht einer drunter,
der ihm recht konnt tauglich sein.

Nur Mephisto, dem Geschwinden,
gab er seine Seele drein.
Denn sonst keiner in der Höllen,
welcher diesem gleich konnt sein.

Dafür muß er Geld ihm schaffen,
Gold und Silber, was er nur wollt,
Er hat auch zu allen Sachen
viele Geister hergeholt.

Zu Straßburg schoß er nach der Scheiben,
daß er haben konnt sein Freud;
tät oft nach dem Teufel schießen,
daß er vielmals laut aufschreit.

Kegelschieben auf der Donau
war zu Regensburg sein Freud;
Fisch zu fangen nach Verlangen
war seine Ergetzlichkeit.

Wie er an dem heiligen Karfreitag
nach Jerusalem kam auf die Straß,
allwo Christus am heiligen Kreuzstamm
hinge ohne Unterlaß.

Mephistophelus geschwinde
mußte gleich ganz eilen fort,
und ihm bringen drei Ellen Leinwand
von einem gewissen Ort.

„Satan, du sollst mir jetzt abmalen
Christus an dem heiligen Kreuz,
und dazu die fünf Wunden alle
gib nur Acht, daß dirs nicht leid;

daß du nicht fehlst an dem Titel,
an dem heiligen Namen sein!
Wirst du dieses recht abmalen,
sollst du mir nicht mehr dienstbar sein.“

„Dieses kann ich nicht abmalen,
bitt dich drum, o Doctor Faust!
Ich tat dir schon so großen Gefallen.
fordre nunmehr dies nicht auch.

Denn es ist ja ganz unmöglich,
daß ich schreib Herr Jesu Christ.
Weil ja in der Welt
Nichts heiliger zu finden ist.“

In derselben Viertelstunde
kam ein Engel von Gott gesandt,
der tät ja so fröhlich singen
mit einem englischen Lobgesang.

So lang der Engel dagewesen,
wollt sich bekehren Doctor Faust.
Als er fort, tät er sich abkehren;
sehet an den Höllengraus!

Der Teufel hatte ihn verblendet,
malt ein Venusbild an die Stell:
Die bösen Geister kamen eilends,
führten ihn mit in die Höll.

Quacksalber um 1600, Getty Images, für Hans-Ulrich Stoldt, Der Mogeldoktor, Der Spiegel 29. September 2009

Was an ihm nur ist zu mahlen: Bearbeitung des Faust-Stoffes „von einem Christlich-Meynenden“: Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar, 1726;
Quacksalber um 1600: „Faust rühmte sich, die Schwarzen Künste zu beherrschen, aus Handlinien, Wolken, Nebel und Vogelzügen sowie Feuer, Wasser und Rauch weissagen zu können“, Getty Images, für Hans-Ulrich Stoldt: Der Mogeldoktor: „Doktor Faust, das Vorbild berühmter Dramen, Opern und Romane, hat um 1500 gelebt. Aber wer war der legendäre Astrologe und Experimentator wirklich?“, Der Spiegel, 29. September 2009.

Soundtrack: Nils Koppruch: Den Teufel tun, aus: Den Teufel tun, 2007:

Written by Wolf

26. Januar 2018 at 00:01

The clock may stop, the hand be broken, then Time be finished unto me!

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Update zu Show me a guy that doesn’t want to come down off the cross
und Dieses treffliche Märchen vom Schmidt:

Werd‘ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grunde gehn!
Dann mag die Todtenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frey,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sey die Zeit für mich vorbey!

Faust I, Vers 1699 bis 1706.

Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möcht‘ ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Aeonen untergehn. –
Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß‘ ich jetzt den höchsten Augenblick./p>

Faust II, Vers 11574 bis 11586.

That Hell-Bound Train von Robert Bloch bedeutet Menschen seit 1958 etwas. Es ist die einzige genuin faustische amerikanische short story, die aufzutreiben war, dafür gleich eine der besten überhaupt. Nicht zwingend deswegen, weil der „Faust“ bei Bloch wörtlich ein Waisenknabe und kein unterforderter Unidozent ist und der „Mephisto“ immer noch mit einem einzigen ebenso durchschaubaren wie unausweichlichen Trick arbeitet — dafür wird auf kaum 20 Druckseiten sehr viel klarer als bei Goethe, wer gewonnen hat und warum.

Egal was der gestrenge Deutsche Brecht sagt, ist es immer wieder ein kulinarisches Vergnügen, einem ausgebufften Schreibhandwerker bei der Arbeit zuzuschauen. Robert Boch, das ist einer von den sattelfesten Haudegen, der einen Hitchchock so beeindruckt hat, dass er ihm die Vorlage für seinen Überklassiker Psycho (1960) abnahm. Das will einiges heißen und musste zuvor mit jahrelang lückenlos nachweisbarer Zuverlässigkeit bewiesen werden.

Zum Beispiel anhand That Hell-Bound Train, der annähernd gleichzeitig zu Blochs Romanvorlage Psycho (1959) den Hugo Award als beste Short Story 1959 gewann. Der Hugo Award ist vor allem den Science-Fiction-Fans unter uns ein Begriff, innerhalb der phantastischen Literatur fällt Blochs Story eher in die Kategorie Fantasy, wenn nicht gar eine moderne Form des Märchens: Die faustischen Anklänge im Teufelspakt sind so deutlich, dass sie wohl so beabsichtigt waren.

Die erste deutsche Übersetzung erschien erst 1982 als Der Zug zur Hölle von Irene Holicki in einer Anthologie der Hugo-Preisträger von Isaac Asimov (Hrsg.): Das Forschungsteam. Die Hugo-Gernsback-Preisträger 1955–1961 in der Bibliothek der Science Fiction Literatur bei Heyne und noch einmal 1985 in Terry Carr und Martin Harry Greenberg (Hrsg.): Traumreich der Magie: Höhepunkte der modernen Fantasy in derselben Reihe. Dergleichen fiel damals noch unter Schundheftchen, anerkannt seriöse Verbreitung erfuhr erst die Übersetzung von Kurt Bracharz als Expreß zur Hölle in der fünften Folge von Dolly Dolittle’s Crime Club bei Diogenes 1988. Die fünf Folgen Dolly Dolittle sind bis heute eine der erlesensten Sammlungen „schrecklicher Geschichten“ — so der Untertitel — die eine eigens erfundene Kunstfigur, die nur für diese fünf Bände Edelkrimigeschichten bei Diogenes auffindbar ist, auf Deutsch zusammengetragen hat. Von Anfang an hat die Sammlung stolz behauptet: „Alle Texte sind Erstveröffentlichungen oder erscheinen hier erstmals deutsch“. Entweder hat sie sich also schon immer als wegweisend begriffen, oder es kann damit nach den zwei Veröffentlichungen bei Heyne nur die Bracharz-Übersetzung gemeint sein.

Ab und zu trifft man sie noch vergilbenderweise in den Stadtbibliotheken des Landes, solange tätige Büchereileiter noch an ihr das Krimilesen gelernt haben. Diese Fassung liegt mir immer noch vor, weil sie mich als Welpe mindestens so vom Hocker geweht hat wie das Original einst Alfred Hitchcock, angesichts heutiger Übersetzerleistungen erspare ich sie uns (abgesehen davon, dass ich sie abtippen müsste). — Das Thema ist mit der Variation über den Fauststoff höchst traditionell, das Setting mit dem ländlichen Amerika wirksam und anschaulich modernisiert, der Gang der Handlung nahe an den besten Momenten von Poe. Aber der hat uns nie so eine herzerwärmende, wirklich unerwartete Schlusswendung gegönnt.

Kurioserweise ist das handlungstragende Lied aus der Story, das als traditioneller Folksong vorzustellen ist, nicht ausfindig zu machen. Mich tröstet allein, dass ich das nicht aus interkultureller Ignoranz nicht schaffe, weil auch der Muttersprachler RyallTime darüber klagt. Anscheinend gibt es keine musikalische Vorlage, nur einige Lieder in umgekehrter Anlehnung und als Hommagen an die Story.

Das Bildmaterial besteht, weil hochformatige Bilder von Eisenbahnen selten sind, aus PR-Footage von Dave Wachter zu einer Comic-Miniserie von Joe and John Lansdale von 2011, die im jungen Jahrtausend unerwartet eine getreue Comic-Umsetzung eines Fantasy-Reißers von 1958 bringt. Die Tonart der Bilder finde ich allerdings entschieden zu dämonisch für eine unmittelbare Umsetzung; Blochs Original klingt mir doch viel stärker nach leichtfüßigen Filmen wie Paper Moon (Peter Bogdanovich, 1973) oder O Brother, Where Art Thou? (Coen Brothers, 2000).

Lesedauer: ca. 28 Minuten:

——— Robert Bloch:

That Hell-Bound Train

in: The Magazine of Fantasy & Science Fiction, September 1958:

When Martin was a little boy, his daddy was a Railroad Man. Daddy never rode the high iron, but he walked the tracks for the CB&Q, and he was proud of his job. And every night when he got drunk, he sang this old song about That Hell-Bound Train.

Dave Wachter für Joe and John Lansdale, That Hell-Bound Train, Comic-Miniserie, Juni 2011 via RyallTime, 24. März 2011Martin didn’t quite remember any of the words, but he couldn’t forget the way his Daddy sang them out. And when Daddy made the mistake of getting drunk in the afternoon and got squeezed between a Pennsy tank-car and an AT&SF gondola, Martin sort of wondered why the Brotherhood didn’t sing the song at his funeral.

After that, things didn’t go so good for Martin, but somehow he always recalled Daddy’s song. When Mom up and ran off with a traveling salesman from Keokuk (Daddy must have turned over in his grave, knowing she’d done such a thing, and with a passenger, too!). Martin hummed the tune to himself every night in the Orphan Home. And after Martin himself ran away, he used to whistle the song softly at night in the jungles, after the other bindlestiffs were asleep.

Martin was on the road for four-five years before he realized he wasn’t getting anyplace. Of course he’d tried his hand at a lot of things — picking fruit in Oregon, washing dishes in a Montana hash-house, stealing hubcaps in Denver and tires in Oklahoma City — but by the time he’d put in six months on the chain gang down in Alabama he knew he had no future drifting around this way on his own.

So he tried to get on the railroad like his daddy had and they told him that times were bad. But Martin couldn’t keep away from the railroads. Wherever he traveled, he rode the rods; he’d rather hop a freight heading north in sub-zero weather than lift his thumb to hitch a ride with a Cadillac headed for Florida. Whenever he managed to get hold of a can of Sterno, he’d sit there under a nice warm culvert, think about the old days, and often as not he’d hum the song about That Hell-Bound Train. That was the train the drunks and the sinners rode — the gambling men and the grifters, the big-time spenders, the skirt-chasers, and all the jolly crew. It would be really fine to take a trip in such good company, but Martin didn’t like to think of what happened when that train finally pulled into the Depot Way Down Yonder. He didn’t figure on spending eternity stoking boilers in Hell, without even a Company Union to protect him. Still, it would be a lovely ride. If there was such a thing as a Hell-Bound Train. Which, of course, there wasn’t.

At least Martin didn’t think there was, until that evening when he found himself walking the tracks heading south, just outside of Appleton Junction. The night was cold and dark, the way November nights are in the Fox River Valley, and he knew he’d have to work his way down to New Orleans for the winter, or maybe even Texas. Somehow he didn’t much feel like going, even though he’d heard tell that a lot of those Texas automobiles had solid gold hub-caps.

No sir, he just wasn’t cut out for petty larceny. It was worse than a sin — it was unprofitable, too. Bad enough to do the Devil’s work, but then to get such miserable pay on top of it! Maybe he’d better let the Salvation Army convert him.

Martin trudged along humming Daddy’s song, waiting for a rattler to pull out of the Junction behind him. He’d have to catch it — there was nothing else for him to do.

Dave Wachter für Joe and John Lansdale, That Hell-Bound Train, Comic-Miniserie, Juni 2011 via RyallTime, 24. März 2011But the first train to come along came from the other direction, roaring toward him along the track from the south.

Martin peered ahead, but his eyes couldn’t match his ears, and so far all he could recognize was the sound. It was a train, though; he felt the steel shudder and sing beneath his feet.

And yet, how could it be? The next station south was Neenah-Menasha, and there was nothing due out of there for hours.

The clouds were thick overhead, and the field mists rolled like a cold fog in a November midnight. Even so, Martin should have been able to see the headlight as the train rushed on. But there was only the whistle, screaming out of the black throat of the night. Martin could recognize the equipment of just about any locomotive ever built, but he’d never heard a whistle that sounded like this one. It wasn’t signaling; it was screaming like a lost soul.

He stepped to one side, for the train was almost on top of him now. And suddenly there it was, looming along the tracks and grinding to a stop in less time than he’d believed possible. The wheels hadn’t been oiled, because they screamed too, screamed like the damned. But the train slid to a halt and the screams died away into a series of low, groaning sounds, and Martin looked up and saw that this was a passenger train. It was big and black, without a single light shining in the engine cab or any of the long string of cars; Martin couldn’t read any lettering on the sides, but he was pretty sure this train didn’t belong on the Northwestern Road.

He was even more sure when he saw the man clamber down out of the forward car. There was something wrong about the way he walked, as though one of his feet dragged, and about the lantern he carried. The lantern was dark, and the man held it up to his mouth and blew, and instantly it glowed redly. You don’t have to be a member of the Railway Brotherhood to know that this is a mighty peculiar way of lighting a lantern.

As the figure approached, Martin recognized the conductor’s cap perched on his head, and this made him feel a little better for a moment — until he noticed that it was worn a bit too high, as though there might be something sticking up on the forehead underneath it.

Still, Martin knew his manners, and when the man smiled at him, he said, „Good evening, Mr. Conductor.“

Dave Wachter für Joe and John Lansdale, That Hell-Bound Train, Comic-Miniserie, Juni 2011 via RyallTime, 24. März 2011„Good evening, Martin.“

„How did you know my name?“

The man shrugged. „How did you know I was the Conductor?“

„You are, aren’t you?“

„To you, yes. Although other people, in other walks of life, may recognize me in different roles. For instance, you ought to see what I look like to the folks out in Hollywood.“ The man grinned. „I travel a great deal,“ he explained.

„What brings you here?“ Martin asked.

„Why, you ought to know the answer to that, Martin. I came because you needed me. Tonight, I suddenly realized you were backsliding. Thinking of joining the Salvation Army, weren’t you?“

„Well — “ Martin hesitated.

„Don’t be ashamed. To err is human, as somebody-or-other-once said. Reader’s Digest, wasn’t it? Never mind. The point is, I felt you needed me. So I switched over and came your way.“

„What for?“

„Why, to offer you a ride, of course. Isn’t it better to travel comfortably by train than to march along the cold streets behind a Salvation Army band? Hard on the feet, they tell me, and even harder on the eardrums.“

„I’m not sure I’d care to ride your train, sir,“ Martin said. „Considering where I’m likely to end up.“

„Ah, yes. The old argument.“ The Conductor sighed. „I suppose you’d prefer some sort of bargain, is that it?“

„Exactly,“ Martin answered.

„Well, I’m afraid I’m all through with that sort of thing. There’s no shortage of prospective passengers anymore. Why should I offer you any special inducements?“

„You must want me, or else you wouldn’t have bothered to go out of your way to find me.“

The Conductor sighed again. „There you have a point. Pride was always my besetting weakness, I admit. And somehow I’d hate to lose you to the competition, after thinking of you as my own all these years.“ He hesitated. „Yes, I’m prepared to deal with you on your own terms, if you insist.“

„The terms?“ Martin asked.

„Standard proposition. Anything you want.“

„Ah,“ said Martin.

„But I warn you in advance, there’ll be no tricks. I’ll grant you any wish you can name — but in return, you must promise to ride the train when the time comes.“

„Suppose it never comes?“

„It will.“

„Suppose I’ve got the kind of a wish that will keep me off forever?“

„There is no such wish.“

„Don’t be too sure.“

„Let me worry about that,“ the Conductor told him. „No matter what you have in mind, I warn you that I’ll collect in the end. And there’ll be none of this last-minute hocus-pocus, either. No last-hour repentances, no blonde frauleins or fancy lawyers showing up to get you off. I offer a clean deal. That is to say, you’ll get what you want, and I’ll get what I want.“

„I’ve heard you trick people. They say you’re worse than a used-car salesman.“

„Now, wait a minute — „

„I apologize,“ Martin said, hastily. „But it is supposed to be a fact that you can’t be trusted.“

„I admit it. On the other hand, you seem to think you have found a way out.“

„A sure-fire proposition.“

„Sure-fire? Very funny!“ The man began to chuckle, then halted. „But we waste valuable time, Martin. Let’s get down to cases. What do you want from me?“

Martin took a deep breath. „I want to be able to stop Time.“

„Right now?“

„No. Not yet. And not for everybody. I realize that would be impossible, of course. But I want to be able to stop Time for myself. Just once, in the future. Whenever I get to a point where I know I’m happy and contented, that’s where I’d like to stop. So I can just keep on being happy forever.“

„That’s quite a proposition,“ the Conductor mused. „I’ve got to admit I’ve never heard anything just like it before — and believe me, I’ve listened to some lulus in my day.“ He grinned at Martin. „You’ve really been thinking about this, haven’t you?“

„For years,“ Martin admitted. Then he coughed. „Well, what do you say?“

„It’s not impossible, in terms of your own subjective time-sense,“ the Conductor murmured. „Yes, I think it could be arranged.“

„But I mean really to stop. Not for me just to imagine it.“

„I understand. And it can be done.“

„Then you’ll agree?“

„Why not? I promised you, didn’t I? Give me your hand.“

Martin hesitated. „Will it hurt very much? I mean, I don’t like the sight of blood, and — „

„Nonsense! You’ve been listening to a lot of poppycock. We already have made our bargain, my boy. I merely intend to put something into your hand. The ways and means of fulfilling your wish. After all, there’s no telling at just what moment you may decide to exercise the agreement, and I can’t drop everything and come running. So it’s better if you can regulate matters for yourself.“

„You’re going to give me a Time-stopper?“

„That’s the general idea. As soon as I can decide what would be practical.“ The Conductor hesitated. „Ah, the very thing! Here, take my watch.“

He pulled it out of his vest-pocket; a railroad watch in a silver case. He opened the back and made a delicate adjustment; Martin tried to see just exactly what he was doing, but the fingers moved in a blinding blur.

„There we are.“ The Conductor smiled. „It’s all set, now. When you finally decide where you’d like to call a halt, merely turn the stem in reverse and unwind the watch until it stops. When it stops, Time stops, for you. Simple enough?“ And the Conductor dropped the watch into Martin’s hand.

The young man closed his fingers tightly around the case. „That’s all there is to it, eh?“

„Absolutely. But remember — you can stop the watch only once. So you’d better make sure that you’re satisfied with the moment you choose to prolong. I caution you in all fairness; make very certain of your choice.“

„I will.“ Martin grinned. „And since you’ve been so fair about it, I’ll be fair, too. There’s one thing you seem to have forgotten. It doesn’t really matter what moment I choose. Because once I stop Time for myself, that means I stay where I am forever. I’ll never have to get any older. And if I don’t get any older, I’ll never die. And if I never die, then I’ll never have to take a ride on your train.“

Dave Wachter für Joe and John Lansdale, That Hell-Bound Train, Comic-Miniserie, Juni 2011 via RyallTime, 24. März 2011The Conductor turned away. His shoulders shook convulsively, and he may have been crying. „And you said I was worse than a used-car salesman,“ he gasped, in a strangled voice.

Then he wandered off into the fog, and the train-whistle gave an impatient shriek, and all at once it was moving swiftly down the track, rumbling out of sight in the darkness.

Martin stood there, blinking down at the silver watch in his hand. If it wasn’t that he could actually see it and feel it there, and if he couldn’t smell that peculiar odor, he might have thought he’d imagined the whole thing from start to finish — train, Conductor, bargain, and all.

But he had the watch, and he could recognize the scent left by the train as it departed, even though there aren’t many locomotives around that use sulphur and brimstone as fuel.

And he had no doubts about his bargain. That’s what came of thinking things through to a logical conclusion. Some fools would have settled for wealth, or power, or Kim Novak. Daddy might have sold out for a fifth of whiskey.

Martin knew that he’d made a better deal. Better? It was foolproof. All he needed to do now was choose his moment.

He put the watch in his pocket and started back down the railroad track. He hadn’t really had a destination in mind before, but he did now. He was going to find a moment of happiness…

*

Now young Martin wasn’t altogether a ninny. He realized perfectly well that happiness is a relative thing; there are conditions and degrees of contentment, and they vary with one’s lot in life. As a hobo, he was often satisfied with a warm handout, a double-length bench in the park, or a can of Sterno made in 1957 (a vintage year). Many a time he had reached a state of momentary bliss through such simple agencies, but he was aware that there were better things. Martin determined to seek them out.

Dave Wachter für Joe and John Lansdale, That Hell-Bound Train, Comic-Miniserie, Juni 2011 via RyallTime, 24. März 2011Within two days he was in the great city of Chicago. Quite naturally, he drifted over to West Madison Street, and there he took steps to elevate his role in life. He became a city bum, a panhandler, a moocher. Within a week he had risen to the point where happiness was a meal in a regular one-arm luncheon joint, a two-bit flop on a real army cot in a real flophouse, and a full fifth of muscatel.

There was a night, after enjoying all three of these luxuries to the full, when Martin thought of unwinding his watch at the pinnacle of intoxication. But he also thought of the faces of the honest johns he’d braced for a handout today. Sure, they were squares, but they were prosperous. They wore good clothes, held good jobs, drove nice cars. And for them, happiness was even more ecstatic — they ate dinner in fine hotels, they slept on innerspring mattresses, they drank blended whiskey.

Squares or no, they had something there. Martin fingered his watch, put aside the temptation to hock it for another bottle of muscatel, and went to sleep determined to get himself a job and improve his happiness-quotient.

When he awoke he had a hangover, but the determination was still with him. Before the month was out Martin was working for a general contractor over on the South Side, at one of the big rehabilitation projects. He hated the grind, but the pay was good, and pretty soon he got himself a one-room apartment out on Blue Island Avenue. He was accustomed to eating in decent restaurants now, and he bought himself a comfortable bed, and every Saturday night he went down to the corner tavern. It was all very pleasant, but —

The foreman liked his work and promised him a raise in a month. If he waited around, the raise would mean that he could afford a second-hand car. With a car, he could even start picking up a girl for a date now and then. Other fellows on the job did, and they seemed pretty happy.

So Martin kept on working, and the raise came through and the car came through and pretty soon a couple of girls came through.

The first time it happened, he wanted to unwind his watch immediately. Until he got to thinking about what some of the older men always said. There was a guy named Charlie, for example, who worked alongside him on the hoist. „When you’re young and don’t know the score, maybe you get a kick out of running around with those pigs. But after a while, you want something better. A nice girl of your own. That’s the ticket.“

Martin felt he owed it to himself to find out. If he didn’t like it better, he could always go back to what he had.

Almost six months went by before Martin met Lillian Gillis. By that time he’d had another promotion and was working inside, in the office. They made him go to night school to learn how to do simple bookkeeping, but it meant another fifteen bucks extra a week, and it was nicer working indoors.

And Lillian was a lot of fun. When she told him she’d marry him, Martin was almost sure that the time was now. Except that she was sort of — well, she was a nice girl, and she said they’d have to wait until they were married. Of course, Martin couldn’t expect to marry her until he had a little more money saved up, and another raise would help, too.

That took a year. Martin was patient, because he knew it was going to be worth it. Every time he had any doubts, he took out his watch and looked at it. But he never showed it to Lillian, or anybody else. Most of the other men wore expensive wristwatches and the old silver railroad watch looked just a little cheap.

Martin smiled as he gazed at the stem. Just a few twists and he’d have something none of these other poor working slobs would ever have. Permanent satisfaction, with his blushing bride — Only getting married turned out to be just the beginning. Sure, it was wonderful, but Lillian told him how much better things would be if they could move into a new place and fix it up. Martin wanted decent furniture, a TV set, a nice car.

So he started taking night courses and got a promotion to the front office. With the baby coming, he wanted to stick around and see his son arrive. And when it came, he realized he’d have to wait until it got a little older, started to walk and talk and develop a personality of its own.

About this time the company sent him out on the road as a trouble-shooter on some of those other jobs, and now he was eating at those good hotels, living high on the hog and the expense-account. More than once he was tempted to unwind his watch. This was the good life… Of course, it would be even better if he just didn’t have to work. Sooner or later, if he could cut in on one of the company deals, he could make a pile and retire. Then everything would be ideal. It happened, but it took time. Martin’s son was going to high school before he really got up there into the chips. Martin got a strong hunch that it was now or never, because he wasn’t exactly a kid anymore.

But right about then he met Sherry Westcott, and she didn’t seem to think he was middle-aged at all, in spite of the way he was losing hair and adding stomach. She taught him that a toupee could cover the bald spot and a cummerbund could cover the pot-gut. In fact, she taught him quite a lot and he so enjoyed learning that he actually took out his watch and prepared to unwind it.

Unfortunately, he chose the very moment that the private detectives broke down the door of the hotel room, and then there was a long stretch of time when Martin was so busy fighting the divorce action that he couldn’t honestly say he was enjoying any given moment.

When he made the final settlement with Lil he was broke again, and Sherry didn’t seem to think he was so young, after all. So he squared his shoulders and went back to work.

Dave Wachter für Joe and John Lansdale, That Hell-Bound Train, Comic-Miniserie, Juni 2011 via RyallTime, 24. März 2011He made his pile, eventually, but it took longer this time, and there wasn’t much chance to have fun along the way. The fancy dames in the fancy cocktail lounges didn’t seem to interest him anymore, and neither did the liquor. Besides, the Doc had warned him off that.

But there were other pleasures for a rich man to investigate. Travel, for instance — and not riding the rods from one hick burg to another, either. Martin went around the world by plane and luxury liner. For a while it seemed as though he would find his moment after all, visiting the Taj Mahal by moonlight. Martin pulled out the battered old watch-case, and got ready to unwind it. Nobody else was there to watch him —

And that’s why he hesitated. Sure, this was an enjoyable moment, but he was alone. Lil and the kid were gone, Sherry was gone, and somehow he’d never had time to make any friends. Maybe if he found new congenial people, he’d have the ultimate happiness. That must be the answer — it wasn’t just money or power or sex or seeing beautiful things. The real satisfaction lay in friendship.

So on the boat trip home, Martin tried to strike up a few acquaintances at the ship’s bar. But all these people were much younger, and Martin had nothing in common with them. Also they wanted to dance and drink, and Martin wasn’t in condition to appreciate such pastimes. Nevertheless, he tried.

Perhaps that’s why he had the little accident the day before they docked in San Francisco. „Little accident“ was the ship’s doctor’s way of describing it, but Martin noticed he looked very grave when he told him to stay in bed, and he’d called an ambulance to meet the liner at the dock and take the patient right to the hospital.

At the hospital, all the expensive treatment and the expensive smiles and the expensive words didn’t fool Martin any. He was an old man with a bad heart, and they thought he was going to die.

But he could fool them. He still had the watch. He found it in his coat when he put on his clothes and sneaked out of the hospital.

He didn’t have to die. He could cheat death with a single gesture — and he intended to do it as a free man, out there under a free sky.

That was the real secret of happiness. He understood it now. Not even friendship meant as much as freedom. This was the best thing of all — to be free of friends or family or the furies of the flesh.

Martin walked slowly beside the embankment under the night sky. Come to think of it, he was just about back where he’d started, so many years ago. But the moment was good, good enough to prolong forever. Once a bum, always a bum.

He smiled as he thought about it, and then the smile twisted sharply and suddenly, like the pain twisting sharply and suddenly in his chest. The world began to spin and he fell down on the side of the embankment.

He couldn’t see very well, but he was still conscious, and he knew what had happened. Another stroke, and a bad one. Maybe this was it. Except that he wouldn’t be a fool any longer. He wouldn’t wait to see what was still around the corner.

Dave Wachter für Joe and John Lansdale, That Hell-Bound Train, Comic-Miniserie, Juni 2011 via RyallTime, 24. März 2011Right now was his chance to use his power and save his life. And he was going to do it. He could still move, nothing could stop him. He groped in his pocket and pulled out the old silver watch, fumbling with the stem. A few twists and he’d cheat death, he’d never have to ride that Hell-Bound Train. He could go on forever. Forever.

Martin had never really considered the word before. To go on forever — but how? Did he want to go on forever, like this; a sick old man, lying helplessly here in the grass?

No. He couldn’t do it. He wouldn’t do it. And suddenly he wanted very much to cry, because he knew that somewhere along the line he’d outsmarted himself. And now it was too late. His eyes dimmed, there was a roaring in his ears…

He recognized the roaring, of course, and he wasn’t at all surprised to see the train come rushing out of the fog up there on the embankment. He wasn’t surprised when it stopped, either, or when the Conductor climbed off and walked slowly toward him.

The Conductor hadn’t changed a bit. Even his grin was still the same.

„Hello, Martin,“ he said. „All aboard.“

„I know,“ Martin whispered. „But you’ll have to carry me. I can’t walk. I’m not even really talking anymore, am I?“

„Yes you are,“ the Conductor said. „I can hear you fine. And you can walk, too.“ He leaned down and placed his hand on Martin’s chest. There was a moment of icy numbness, and then, sure enough, Martin could walk after all.

He got up and followed the Conductor along the slope, moving to the side of the train.

„In here?“ he asked.

„No, the next car,“ the Conductor murmured. „I guess you’re entitled to ride Pullman. After all, you’re quite a successful man. You’ve tasted the joys of wealth and position and prestige. You’ve known the pleasures of marriage and fatherhood. You’ve sampled the delights of dining and drinking and debauchery, too, and you traveled high, wide, and handsome. So let’s not have any last-minute recriminations.“

„All right,“ Martin sighed. „I can’t blame you for my mistakes. On the other hand, you can’t take credit for what happened, either. I worked for everything I got. I did it all on my own. I didn’t even need your watch.“

„So you didn’t,“ the Conductor said, smiling. „But would you mind giving it back to me now?“

„Need it for the next sucker, eh?“ Martin muttered.

„Perhaps.“

Dave Wachter für Joe and John Lansdale, That Hell-Bound Train, Comic-Miniserie, Juni 2011 via RyallTime, 24. März 2011Something about the way he said it made Martin look up. He tried to see the Conductor’s eyes, but the brim of his cap cast a shadow. So Martin looked down at the watch instead.

„Tell me something,“ he said, softly. „If I give you the watch, what will you do with it?“

„Why, throw it into the ditch,“ the Conductor told him. „That’s all I’ll do with it.“ And he held out his hand.

„What if somebody comes along and finds it? And twists the stem backward, and stops Time?“

„Nobody would do that,“ the Conductor murmured. „Even if they knew.“

„You mean, it was all a trick? This is only an ordinary, cheap watch?“

„I didn’t say that,“ whispered the Conductor. „I only said that no one has ever twisted the stem backward. They’ve all been like you, Martin — looking ahead to find that perfect happiness. Waiting for the moment that never comes.“

The Conductor held out his hand again.

Martin sighed and shook his head. „You cheated me after all.“

„You cheated yourself, Martin. And now you’re going to ride that Hell-Bound Train.“

He pushed Martin up the steps and into the car ahead. As he entered, the train began to move and the whistle screamed. And Martin stood there in the swaying Pullman, gazing down the aisle at the other passengers. He could see them sitting there, and somehow it didn’t seem strange at all.

Here they were; the drunks and the sinners, the gambling men and the grifters, the big-time spenders, the skirt-chasers, and all the jolly crew. They knew where they were going, of course, but they didn’t seem to give a damn. The blinds were drawn on the windows, yet it was light inside, and they were all living it up — singing and passing the bottle and roaring with laughter, throwing the dice and telling their jokes and bragging their big brags, just the way Daddy used to sing about them in the old song.

„Mighty nice traveling companions,“ Martin said. „Why, I’ve never seen such a pleasant bunch of people. I mean, they seem to be really enjoying themselves!“

Dave Wachter für Joe and John Lansdale, That Hell-Bound Train, Comic-Miniserie, Juni 2011 via RyallTime, 24. März 2011The Conductor shrugged. „I’m afraid things won’t be quite so jazzy when we pull into that Depot Way Down Yonder.“

For the third time, he held out his hand. „Now, before you sit down, if you’ll just give me that watch. A bargain’s a bargain—“

Martin smiled. „A bargain’s a bargain,“ he echoed. „I agreed to ride your train if I could stop Time when I found the right moment of happiness. And I think I’m about as happy right here as I’ve ever been.“

Very slowly, Martin took hold of the silver watch-stem.

„No!“ gasped the Conductor. „No!“

But the watch-stem turned.

„Do you realize what you’ve done?“ the Conductor yelled. „Now we’ll never reach the Depot! We’ll just go on riding, all of us — forever!“

Martin grinned. „I know,“ he said. „But the fun is in the trip, not the destination. You taught me that. And I’m looking forward to a wonderful trip. Look, maybe I can even help. If you were to find me another one of those caps, now, and let me keep this watch—“

And that’s the way it finally worked out. Wearing his cap and carrying his battered old silver watch, there’s no happier person in or out of this world — now and forever — than Martin. Martin, the new Brakeman on That Hellhound Train.

Bilder: Dave Wachter für Joe and John Lansdale: That Hell-Bound Train, Comic-Miniserie, Juni 2011,
via RyallTime, 24. März 2011.

Soundtrack: Johnny Cash: Wabash Cannonball, ca. 1882, Aufnahme 1966:

Written by Wolf

24. November 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Hölle

Dieses treffliche Märchen vom Schmidt

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Update zu Das kannst du, Knabe, nicht fassen (weniger zu Schlachtens):

Endlich mal ein Grimmsches Märchen, das ich nicht deshalb einrücken darf, weil es gar so grausig wäre, sondern weil es lustig ist. Auch ist Der Schmied und der Teufel insofern eine Rarität, als es nur in der Erstauflage von 1812 vorkam. Ab der zweiten Auflage ersetzte es der im weiteren Verlauf mit Märchensammlung und -einrichtung befasste Bruder Wilhelm Grimm durch Bruder Lustig — wie der Name nahelegt, bis heute noch lustiger, weil reich an Tempo und recht durchtriebenen Handlungsvolten — weil es außerdem reich an beispielhaften Motiven und Gelegenheiten zu volksnaher Dialoggestaltung ist.

Gegen die direkte Ablösung Bruder Lustig fällt Der Schmied — die einzige Referenzstelle schreibt: „Schmidt“, im Fließtext wiederholt „Schmid“ — und der Teufel zugegeben ab. Die Überlieferung durch Marie Hassenpflug fällt aber in eine Zeit, in welcher der breitärschige Schwank des Mittelalters, der bis weit in die Neuzeit der Belustigung diente, einer pointierteren Erzählweise wich. Deswegen ist das Ding ist einfach vorbildlich straff und witzig erzählt.

An den Märchen vom überlisteten Teufel finde ich seit jeher mein kindliches Vergnügen. Laut phylogenetischen Untersuchungen, die sehr wohl in wissenschaftlich stichhaltiger Methodik an Märchen vorgenommen werden, geht es Menschen seit mehreren Jahrtausenden so, allein dieser Stoff wird mündlich seit immerhin 2800 bis 4200 Jahren weitergetragen. Die Herkunft aus der Bronzezeit bedeutet, dass der Schmied nicht als antiquierter Handwerker aus der Verwandtschaft des dümmlichen Bäuerleins zu werten ist, sondern als moderner High-Tech-Experte.

Sie finden das Märchen nicht in Ihrem Kinderbuch, weil die meisten heutigen Grimm-Ausgaben späteren Auflagen folgen, die nur noch umfangreicher wurden; wenn in Ihrem Gutenachtgeschichtenwälzer Bruder Lustig drin ist, haben Sie schon Glück. Als Bonus für uns Besserwisser unter den Märchenfreunden gebe ich Grimms Anmerkungen bei, die ausführlicher als das straffe Primärchen sind.

——— Brüder Grimm:

81. Der Schmidt und der Teufel.

Bodleian Teufel via Albrecht Classen, The Epistemological Function of Monsters in the Middle Ages, 10. Februar 2013Es war einmal ein Schmidt, der lebte guter Dinge, verthat sein Geld, processirte viel und wie ein paar Jahr herum waren, hatte er keinen Heller mehr im Beutel. Was soll ich mich lang quälen auf der Welt, dachte er, ging hinaus in den Wald und wollt‘ sich da an einen Baum hängen. Wie er eben den Hals in die Schlinge steckte, kam ein Mann hinter dem Baum hervor mit einem langen weißen Bart und einem großen Buch in der Hand. „Hör Schmidt, sprach er, schreib deinen Namen da in das große Buch, so soll dirs wohlgehen zehn Jahre lang, aber darnach bist du mein, da hol ich Dich.“ – „Wer bist du?“ sprach der Schmid – „Ich bin der Teufel.“ – „Was kannst du“ – „Ich kann mich so groß machen als eine Tanne, und so klein als eine Maus“ – „So thus einmal, daß ichs sehe,“ sagte der Schmid, da machte sich der Teufel so groß wie eine Tanne und so klein wie eine Maus. „Es ist gut sprach der Schmid, gib das Buch her, ich will mich hineinschreiben“ – Als er sich unterschrieben sagte der Teufel: Geh nur nach Haus, du wirst Kisten und Kasten voll finden, und weil du keine lange Umstände gemacht hast, so will ich dich auch in der Zeit einmal besuchen. Der Schmid ging heim, da waren alle Taschen, Kasten und Kisten voll Ducaten, und er mogte soviel davon nehmen als er wollte, es ward nicht all, und auch nicht weniger; da fing er sein lustiges Leben von vorne an, lud seine Kameraden ein, und war der vergnügteste Kerl von der Welt. Ein paar Jahre darauf sprach der Teufel einmal bei ihm ein, als er verheißen, sah zu wie die Wirthschaft ging, und schenkte ihm beim Abschied einen ledernen Sack, wer da hinein sprang, der konnte nicht wieder heraus, bis ihn der Schmid selber wieder heraus holte; damit trieb dieser seinen Spaß. Nach den zehn Jahren aber kam der Teufel und sprach zum Schmidt „die Zeit ist herum, jetzt bist du mein, mach dich reisefertig.“ „Es ist gut,“ sprach der Schmidt, hing seinen ledernen Sack um den Rücken und ging mit dem Teufel fort; als sie in den Wald kamen, zu der Stelle wo er sich aufhängen wollte, sprach er zum Teufel: „ich muß auch gewiß wissen, daß du der Teufel bist, mach dich erst wieder so groß wie eine Tanne und so klein wie eine Maus.“ Der Teufel war bereit und thats, und wie er sich in eine Maus verwandelt hatte, packte ihn der Schmid und steckte ihn in den Sack, dann schnitt er sich einen Stock von dem nächsten Baum, warf den Sack hin und prügelte auf den Teufel los. Der Teufel schrie erbärmlich, lief in der Tasche hin und her, aber umsonst, er konnte nicht heraus. Endlich sagte der Schmid ich will dich loslassen, wenn du mir das Blatt aus deinem großen Buch wieder giebst, auf das ich meinen Namen geschrieben. Der Teufel wollte nicht, doch endlich mußt‘ er daran, da ward das Blatt herausgerissen und der Teufel ging heim in die Hölle, ärgerte sich, daß er betrogen und obendrein geprügelt war.

Der Schmid ging auch wieder zu seiner Schmiede und lebte vergnügt fort, so lang Gott wollte, endlich ward er krank und als er seinen Tod merkte, befahl er, man sollte ihm nur zwei gute, lange, spitze Nägel und einen Hammer mit in den Sarg geben. Das geschah auch. Wie er nun gestorben war und vor die Himmelsthür kam, klopfte er an, aber der Apostel Petrus wollt ihm nicht aufschließen, weil er mit dem Teufel im Bund gelebt hätte. Wie der Schmidt das hörte, dreht er sich um und ging zur Hölle. Der Teufel aber wollt ihn auch nicht einlassen, er begehre ihn nicht in der Hölle, da fange er doch nur Spectakel an. Der Schmidt ward bös und hub an vor dem Höllenthor Lärmen zu machen, ein Teufelchen ward neugierig und wollte sehen, was der Schmidt treibe, also machte es ein wenig das Thor auf, guckte heraus, der Schmid aber packte es geschwind bei der Nase und nagelte es an dieser mit dem einen Nagel, den er bei sich hatte, an das Höllenthor fest. Das Teufelchen fing an zu kreischen wie ein Krautlöwe, da ward noch ein anderes an das Thor gelockt, das steckte auch den Kopf heraus, aber der Schmid war nicht faul, kriegte es am Ohr und nagelte es mit diesem neben das erste. Da fingen nun beide ein solches entsetzliches Geschrei an, daß der alte Teufel selber gelaufen kam, und wie er die zwei Teufelchen festgenagelt sah, ward er bitterbös, daß er vor Bosheit anfing zu weinen, herumsprang, in den Himmel zum lieben Gott lief, und sagte, er müsse den Schmid in den Himmel nehmen, es möge gehen, wie es wolle, der nagle ihm die Teufel alle an den Nasen und Ohren an, und er sey nicht mehr Herr in der Hölle. Wollte nun der liebe Gott und der Apostel Petrus den Teufel los werden, so mußten sie den Schmid in den Himmel nehmen, da sitzt er nun in guter Ruh, wie aber die beiden Teufelchen losgekommen, das weiß ich nicht.

Anhang Band 1

Von dem Schmid und dem Teufel. No. 81.

The Hours of Catherine of Cleves. Produced in about 1440 by the anonymous Dutch artist known as the Master of Catherine of Cleves. It is one of the most lavishly illuminated manuscripts to survive from the 15th century.Dieses treffliche Märchen scheint eine weitverbreitete Volkssage zu seyn. Gewöhnlich erzählt man es von einem Schmid zu Jüterbock und ausgezeichnet gut dargestellt ist es in dem Deutschfranzos. der stellenweise überhaupt zu den lebendigsten Erzeugnissen der ersten Hälfte des 18. Jahrhund. gehört, befindlich. (Leipz. Ausg. v. 1736. S. 110-30. Nürnberger von 1772. S. 80-95.) Der fromme Schmied von Jüterbock trug einen schwarz und weißen Rock und hatte eines Abends einen heiligen Mann gern und freudig geherbergt, der ihm vor der Abreise gestattete drei Bitten zu thun. Er bat 1. daß sein Lieblingsstuhl hinter den Ofen die Kraft bekäme, jeden ungebetenen Gast auf sich festzuhalten, bis ihn der Schmied selbst loslasse. 2. daß sein Apfelbaum im Garten die daraufsteigenden gleicherweise nicht herunter lasse. 3. daß aus seinem Kohlensack keiner heraus käme, den er nicht selbst befreite. – Nach einiger Zeit kommt der Tod, geräth auf den Sessel und muß dem Schmied noch 10 Jahre Leben schenken, wenn er herunter will; nach 10 Jahren kehrt er wieder, steigt auf den Apfelbaum und der Schmied ruft seine Gesellen, die mit Stangen den Tod jämmerlich zerschlagen; diesmal wird er nur unter der Bedingung los, daß er den Schmied ewig leben lassen will. Betrübt glieder- und lendenlahm zieht der Tod ab, begegnet unterwegs dem Teufel und klagt dem sein Herzeleid, der ihn auslacht und meint mit dem Schmied bald fertig zu werden. Der Schmied verweigert aber dem Teufel Nachtlager wenigstens werde die Hausthür nicht mehr geöffnet, er müsse denn zum Schlüsselloch einfahren. Das ist dem Teufel ein leichtes, allein der Schmied hatte den Kohlensack vorgehalten, bindet ihn alsbald zu, wie der Teufel darin ist, und läßt auf dem Ambos wacker drauf zuschmieden. Als sie sich nach Herzenslust auf ihm müde geklopft und gehämmert, wird der bearbeitete arme Teufel zwar wieder befreit, muß aber zu demselben Loch hinaus seinen Weg nehmen, wodurch er hereingeschlüft war.

Aehnliche Sage geht vom Schmied zu Apolda, (vergl. Falk Grotesken 1806. S. 3-88.) der unsern Herrn sammt St. Petrus über Nacht bewirtet und drei Wünsche frei erhält. Die Wünsche, die er thut, sind: 1. daß dem, der in seiner Nägeltasche fahre, die Hand stecken bleibe, bis die Tasche zerfalle. 2. daß wer auf seinen Apfelbaum steige, darauf sitzen müsse, bis der Apfelbaum zerfalle. 3. desgleichen wer sich auf den Armstuhl setze, nicht eher aufstehen könne bis der Stuhl zerfalle. Nach und nach erschienen drei böse Engel, die den Schmied wegführen wollen und die er sämmtliche in die gestellten Fallen lockt, so daß sie von ihm ablassen müßen. Endlich aber kommt der Tod und zwingt ihn zum Mitgehen, doch erhält er die Gunst, daß sein Hammer in den Sarg gelegt wird. Als er sich der Himmelsthür naht, will sie Petrus nicht aufthun, da ist der Schmied her, geht in die Hölle und schmiedet da einen Schlüssel, verspricht auch im Himmel mit allerlei Arbeit nützlich an Hand zu gehen, St. Georgs Pferd zu beschlagen etc. und wird zuletzt eingelassen. – Findet sich nicht auch eine ähnliche Fabel bei Hans Sachs?

Zu unserem, aus mündlichen Erzählung gegebenen Text stimmt im Ganzen am meisten das gedruckte Volksbuch, betitelt: das bis an den jüngsten Tag währende Elend, das jedoch wie es scheint aus folgendem französischen übersetzt ist: histoire nouvelle et divertissement du bon homme Misere. Troyes etc. Garnier. 3. S. 8, wiederum aber deuten manche Umstände auf einen italienischen Ursprung des letzteren, oder wenigstens hat sie de la Riviere in Italien erzählen gehöre Peter und Paul gerathen bei schlimmem Wetter in ein Dorf, stoßen auf eine Wäscherin, die dem Himmel dankt, daß der Regen kein Wein, sonder Wasser sey, klopfen bei dem reichen Mann an, der sie stolz abweist, und kehren zu dem armen Elend ein. Dieses thut nur den einen Wunsch mit dem Birnbaum, den ihm gerade ein Dieb bestohlen hatte. Der Dieb wird gefangen und sogar noch andere Leute, die aus Neugierde aufsteigen um den Jammernden zu befreien. Endlich kommt der Tod und Elend bittet ihn, daß er ihm seine Sichel leihe, um sich noch eine der schönsten Birnen mit zu nehmen. Der Tod will sein Waffen nicht aus der Hand lassen, als ein guter Soldat und die Mühe selbst übernehmen. Elend befreit ihn nicht eher, bis er ihm zusagt, er wolle ihn bis zum jüngsten Tag in Ruhe lassen, und darum wohnt Elend noch immer fort in der Welt.

Damit stimmt wieder zum Theil der Schluß einer andern mündlichen Erzählung, die sonst ganz wie der Schmied von Apolda lautet. Als Elend gestorben ist und vor den Himmel kommt, wird er von St. Petrus nicht eingelassen, weil er sich von ihm nichts besseres ausgebeten hatte, nicht das Himmelreich, wie er erwartet. Elend geht also zur Hölle, aber der Teufel will ihn auch nicht, weil er ihn genarrt, da muß er wieder zurück auf die Welt und Elend ist so lange darauf als sie steht. – Durch diesen Schluß aber knüpft sich das Märchen an die Sage von den Landsknechten, die im Himmel kein Unterkommen finden können, und welche Frei in der Gartengesellschaft No. 44. und Kirchhof im Wendunmuth I. No 8. erzählen. Die Teufel wollen sie nicht, weil sie das rothe Kreuz in der Fahne führen, und der Apostel Petrus läßt sie auch nicht ein, weil sie Bluthunde, arme Leut Macher, und Gotteslästerer wären. Der Hauptmann wirft dem Petrus seine Verrätherei an dem Herrn vor, daß dieser schamroth wird und ihnen ein Dorf Beit ein Weil (wart ein Weil.) zwischen Himmel und Hölle anweist, wo sie sitzen spielen und zechen; mit welcher Sage dann wieder viele Andere von dem St. Petrus und den Landsknechte zusammenhängen. – Endlich ist noch zu bemerken, daß Coreb und Fabel in dem lustigen Teufel von Edmonton (Tieck altengl. Theater II.) offenbar die Personen unseres Märchens sind.

Das Reisen der wohlthätigen Männer durch das Dorf, wo sie von den Reichen verschmäht, von dem Armen aufgenommen werden, erinnert an die Sage von Lot und den Engeln, von Philemon und Baucis bis auf viele neuere Traditionen, z.B. von einem Zwerglein, daß im Berner Oberland im Unwetter bei einem Armen einkehrte und ihn und seine Hütte vor dem nahen Untergang des Dorfs rettete. – Wegen der Intrigue vom Groß- und Kleinmachen vergleiche man das Märchen vom Blaubart.

Anhang Band 2

Num. 81. (Schmidt und Teufel.) Sobald man sich unter dem Schmidt mit seinem Hammer den Thor, unter dem Tod und Teufel einen plumpen Riesen denkt, gewinnt das Ganze eine wohlgegründete alt nordische Ansicht.

Hans Memling, Triptychon von Tod, irdischer Eitelkeit und himmlischer Erlösung, ca. 1485

Bilder: Albrecht Classen: The Epistemological Function of Monsters in the Middle Ages, 10. Februar 2013,
via Marioland: Das hat dir der Teufel gesagt!, Marios Märchenstunde Teil 4, 22. März 2013;
Stundenbuch der Katharina von Kleve, ca. 1440, via Danse Macabre, Medieval Woodcuts and Engravings;
Hans Memling: Triptychon von Tod, irdischer Eitelkeit und himmlischer Erlösung, ca. 1485, via Danse Macabre.

Soundtrack: God knows how I adore life aus: Beth Gibbons & Rustin Man: Mysteries, in: Out of Season, 2002.

Written by Wolf

19. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Hölle

Totensonntag

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Update und Übersetzung zur bairischen Version:

[Vielleicht doch das Beste,was ich je geschrieben hab. Am Totensonntag 2011 stand es in Moby-Dick™ und dem freitag!-Logbuch, 2012 vorsichtig überarbeitet hier, aber weiterhin auf Bairisch.

Genau darüber häufen sich die Beschwerden. Deshalb erscheint es heuer endlich ins Hochdeutsche übersetzt, diesmal nicht zum Gedenken der Heiligen Katharina von Alexandrien, vielmehr zum Gedenktag des heiligen Korbinian, seiner Bestimmung und Berufung nach der erste Bischof von Freising — im Vergleich zu seiner Kollegin Katharina ein mit Patronaten eher unterforderter, dafür grundbayerischer Heiliger. Außerdem hat er einen Bären gezähmt und seitdem immer dabei.

Die Dialektversion konnte ich mir zur Überprüfung der Effekte und des Timings selbst halblaut vorlesen, für diesen Zweck funktioniert Bairisch genügend ähnlich wie mein angeborenes Fränkisch. Für die hochdeutsche Version bin ich auf „Dritte“ angewiesen, wobei ein durchschnittlich sauberes Deutsch vollauf reicht und eine leichte Färbung in egal welchem Dialekt sowieso immer wünschenswert ist.

Erforderlich sind weiterhin ein oder drei Sprecher (Erzähltext und Ich-Figur, Petrus, Jesus); nichts einzuwenden bleibt gegen einen Mädchensprechchor, der im Hintergrund dezent frohlockt. Die Aussage bleibt unverändert: ähnlich der von Lessings Ringparabel, bloß existenzieller.

Wie die bairische gebe auch die folgende Version frei zur Aufführung, bitte mit Quellenangabe. Wer eine Sound-Datei davon zugänglich macht, kriegt ein Buch von mir geschenkt. Ein schönes! — Fade in.]

~~~\~~~~~~~/~~~

Der Eingang sieht aus wie die Stufen zur Glyptothek. Nicht das, was man einladend nennt, oder was man normalerweise träumt. Aber einmal muss da jeder durch. Wenn schon nicht einmal im Leben, dann eben jetzt, wo ich gestorben bin. Jedenfalls vermute ich das.

Wie immer in solchen großklassizistischen Einschüchterungsbauten darf ich nicht durch eine Flügelpforte, die sich vor der Majestät meiner Person beiseite schiebt, sondern muss durch den unspektakulären Windfang hinter den Säulen. An einem marmornen Tisch, an dem man in der Glyptothek Eintritt bezahlen würde, sitzt ein Rauschebart in einer Art Bademantel und tippt zehnfingrig in einen Laptop. Kein Apple, stelle ich fachmännisch fest. Links daneben ein Stapel unausgefüllter Formulare, rechts ein Stapel ausgefüllter.

Joseph Sebastian Klauber & Johann Baptist Klauber, Der Heilige Korbinian segnend über der Stadt Freising, 1740--1750„Grüß Gott.“ Beim Reinkommen grüßt man. Schon rein vorsichtshalber.

„Grüß Sie Gott. Moment, ich mache noch schnell die Seele vor Ihnen fertig.“

Tipp, tipp, tipp. — Klack!

„So! Grüß Gott!“

„Ich soll hier anscheinend vorsprechen oder so.“

„Jaja, das hat schon seine Richtigkeit. Was führt Sie zu uns? Wissen Sie das, können Sie das sagen?“ Petrus nimmt ein Blatt vom unausgefüllten Stapel und einen Zimmermannsbleistift.

„Na, weil ich gestorben bin, nehm ich doch an.“

„Jaja, das ist die Voraussetzung dafür, dass Sie vorgelassen werden. Aber woran Sie gestorben sind, können Sie das auch sagen?“

„Ich glaub, ich hab einen Kalauer zuviel gerissen. Über die Namen von Gottfried Benn und Ben Cartwright.“

„Ach du heiliger Gott. Da können Sie von Glück sagen, dass Sie in so einem Fall überhaupt noch zu mir raufkommen. Normalerweise gehen solche Bestände gleich nahtlos zum Kollegen zwei Stockwerke tiefer, wenn Sie mir folgen können. Ohne lange Fegefeuerzuteilung.“

„Ich weiß es zu schätzen.“

„Das ist schon in Ordnung. Das kann nur daher kommen, dass Sie sowieso dran gewesn wären — wenn Sie noch von der Generation übrig sind, die Ben Cartwright kannte.“

„Ja … Was machen wir dann jetzt mit mir? Komm ich jetzt in den Himmel oder wofür genau hab ich mich die ganzen Jahrzehnte um die Ohren gehauen, Herr Petrus?“

„Da schauen wir jetzt, dann sehen wir’s gleich. Aber Petrus. Einfach Petrus. Ohne Herr oder Sir oder Sahib oder -san, wir legen hier oben keinen großen Wert auf Titel und Dienstgrade.“

„Dann könnten wir zur Not durchaus zusammenkommen …“

„Netter Versuch, Herr Dings. Aber Sie sind doch aus Europa, wenn ich Ihren Dialekt richtig einordne, stimmt’s? Irgendwas Nördliches bestimmt. Österreich, Irland, Lappland oder was da alles liegt.“

„Deutschland“, sag ich. „München, ursprünglich aber Nürnberg, bloß den Zungenschlag nie los geworden.“

„Ach, hören Sie mir bloß auf. Franken oder Frankreich, Wales oder Wallis, Galizien oder Gallizien, und das dritte von den zweien habt ihr schon wieder eingestampft, und euer München in der Oberpfalz ist nach sonstwas für einem Dingenskirchen eingemeindet.“

„Nach Hirschbach. Das kenn ich, da wollten sie mal eine Brauerei eröffnen. Die Geschäftsidee war: Münchner Bier aus der Oberpfalz, dass ich nicht lache. Für den Baugrund wollte der Investor fast noch Geld rauskriegen.“

„Aber Sie! In der Oberpfalz, da haben sie aber oft richtig feines Bier! Bei Etzelwang in der Nähe, da hab ich mal …“

„Ja, schon. Aber bei den zweieinhalb Hektolitern Ausstoß pro Jahr hält sich ja kein Brauer, der davon leben will. Als Logistik haben Sie da die B 14 aus Nürnberg nach Tschechien, die hat wahrscheinlich Brücken unter zwei Meter vierzig, und dann erst wieder die Amberger A 6. Das grenzt bei denen immer an Schwarzbrennerei als Hobby.“

„Manchmal bin ich direkt froh, dass ich nicht mehr so viel rauskomme. Bei euch kommt man schon mit dem Zuschauen nicht mehr nach.“

„Wo Sie Galizien erwähnen. Mein Urgroßvater war, soviel ich weiß, noch aus Czernowitz.“

„Ist das nicht neulich explodiert?“

„Nein, das war Tschernobyl, 1986, glaub ich. Czernowitz müsste schon noch irgendwo herumstehen.“

„Ach Gott ach Gott, was ihr andauernd für ein Durcheinander veranstaltet. Na Hauptsache, ihr selbst kennt euch aus.“

„Och, auch nicht so richtig.“

„Aber Deutschland, wo Sie herkommen, ist gut. De Deutschen kann man fast ganz ohne bürokratischen Aufwand von der einen auf die andere Autorität umgewöhnen, das haben wir anno 510, 820 und zuletzt 1945 mit euch probiert. Dankbares Publikum, da in Deutschland.“

„Und 1918?“

Petrus denkt nach. „Nein, das war kein echter Autoritätenwechsel. Da haben wir nur andere Titel verteilen lassen. Umgekehrt wie später 1989, verstehen Sie?“

„Ich glaub schon, so ungefähr.“

„Glauben ist auch gut, Glauben kann man gut brauchen im Himmel. München, München, München … Da seid ihr doch gern dieses katholisch und evangelisch und wie das alles bei euch heißt, oder?“ Petrus rudert mit den Händen nach den Wörtern und amüsiert sich ein Loch in die Toga.

„Ausgetreten, aber ich hab die katholische Grundausbildung“, knurre ich durchs Gebiss.

„Recht haben Sie, guter Mann, recht haben Sie! An Ihre Seligkeit glauben können Sie genausogut zuhause.“

„Also, das hätte ich jetzt als letztes geglaubt, dass aus der Kirche austreten bei Ihnen ein Bonus sein könnte.“

„Warum denn nicht? Was der Junior vor zweitausend Jahren in eurem Judäa da unten spaßeshalber für einen Fischerverein gegründet hat, das spielt heute keine so große Rolle mehr.“

„Jesus ist spaßeshalber am Kreuz gestorben?“

„Was dachten denn Sie? Der Mann ist ein Drittel Dreifaltigkeit, der ist allmächtig. Der lebt und stirbt, wann und wie er will.“

„Da haben Sie wieder recht.“

„Aber waren Sie bei einer parakirchlichen Vereinigung? Seien Sie bitteschön gleich ehrlich, in diesem Punkt werden Ihre Angaben leider überprüft. Scientology und Opus Dei wären jetzt schlecht, Freimaurer wären positiv. Ach, die Freimaurer, meine speziellen Freunde. Seit ein paar hundert Jahren werden die allerdings immer weniger.“

„Freimaurer? Um Gottes willen, ich war doch in keinem Geheimbund.“

„Die Freimaurer?“ Petrus ist aufrichtig erstaunt. „Wo sind die denn geheim, die Freimaurer, wenn ich fragen darf? Die missionieren bloß nicht, das rechnen wir hier durchaus an. Und die halten auch Friede auf Erden, das dient unserem Wohlgefallen, wenn Sie meine Redeweise gestatten.“

„O ja, ich kann schon folgen, Petrus.“

„Jaja, ich sehe gerade, Sie sind ein Gelehrter. Das hätten Sie bei den Freimaurern geltend machen können, das ist bei denen richtig erwünscht, sogar so kuriose Studienfächer wie Ihre, die Sie da betrieben haben. Aber wenn Sie nicht hin wollten … Ihre Entscheidung.“

„Kann ich ja nicht wissen.“

„Natürlich können Sie das nicht wissen, deswegen heißt es ja Glauben.“

„Wenn Sie das so sagen, klingt es auf einmal richtig logisch. Doch, ja, Freimaurer, wäre vielleicht was gewesen …“

„Wie haben Sie sich ernährt? Vegan, vegetarisch, zoophag, kannibalisch?“

„Ich bitte Sie, Petrus. Ich war aus Franken.“

„Ja, schon klar. Fragen muss ich eben danach. Da haben Sie sich bestimmt auch regelmäßig unter Drogen gesetzt?“

„Ach was. Ganz selten war ich mal besoffen. Und wenn, dann mit Bier, schlimmstenfalls eine, zwei Flaschen Schnaps.“

„Ach so? Ja, warum denn? Was meinen Sie denn, wofür der Senior das ganze Zeug wachsen lässt? Bier und Schnaps ist schon in Ordnung, und was ist mit all den anderen Gottesgaben? Haben Sie dann wenigstens jeden Tag anständig was weggevögelt?“

„Bitte??“

Tafelbild im Freisinger Dom St. Maria und St. Korbinian, Sanctus Corbinianus urso sarcinas imponit. Der Heilige Korbinian lädt dem Bären seine Lasst auf„Hatten Sie regelmäßig Geschlechtsverkehr?“

„Jetzt lappt’s aber eventuell ein bisschen ins Persönliche …“

„Ja. Und?“

„Eminenz, ich bin verheiratet. War.“

„Ach du lieber Gott …“ Petrus macht mit seinem Zimmermannsbleistift einen energischen Strich über ein ganzes Blatt.

„Ihnen ist schon klar, guter Mann: Für jeden Tag ohne Vögeln muß ich Ihnen … na, was sagen wir in Ihrem Fall … seien wir gnädig … sagen wir: fünfzig Jahre Fegefeuer zusätzlich berechnen.“

Ich schlucke. „Das werden Sie schon passend machen.“

„Lebt Ihre Frau noch, so als Witwe, die sich ab jetzt fröhlich an Ihre ehelichen Pflichten erinnern kann? Ja? Na, die muss leider dann später das gleiche, logisch …“

Petrus schreibt in meiner Akte herum, sucht im beistehenden Aktenreiter unter meinem Buchstaben eine weitere heraus, notiert vorne drauf herum, schaut wieder hoch zu mir und schüttelt betrübt das Haupt:

„Ach, ich kann Ihnen sagen: Das ist alles so eine sinnlose Verschwendung von Seligkeit.“

„Ein keuscher Lebenswandel zählt nichts?“

Langsam wird Petrus unwillig: „Keuscher Lebenswandel, keuscher Lebenswandel, gleich kann ich Ihnen ein paar Jährchen verschaffen von Ihrem keuschen Lebenswandel. Herrgott Sakrament, ich kann’s bald nicht mehr hören von euch christlichen Abendländern, mit eurer Keuschheit und Enthaltsamkeit und Monogamie und gar keine Gamie und Zölibat und Sublimierung und Filzläuse und hunderttausend wichtigere Sachen als das Vögeln! Das seid immer nur ihr, die ihre Frauen im Bett neben sich herumschimmeln lassen und die ganze Woche nicht anfassen! Ja, Kreuzteufel halleluja nochmal, die geschlechtliche Fortpflanzung, die war ein Geschenk! Unser größtes! Dafür haben wir lange an der Windbestäubung herumgeschraubt, bis wir das in der Evolution überhaupt möglich gemacht haben. Machen Sie sich eine Vorstellung, was das allein für eine logistische Konzeptarbeit für unsere Demiurgen war, von der spontanen Zellteilung aus gesehen, bis eure Balz das ganze Jahr lang durchdauert? Haben Sie das schon mal von einem anderen Tier gehört? Ein Privileg ist das! Ja, tut denn das Vögeln weh oder was?!“

„Da hab ich schon von Möglichkeiten gehört …“

„Jajaja, nichts da von wegen in dem Internetdings Bildchen von erlesenem Dekadenzkram anschauen. Ich rede davon, dass ihr endlich mit eurer Frau vögelt. Da hätten Sie Ihrer Frau zeigen können, wie lieb Sie sie haben, oder wie deutlich hätten Sie’s denn gebraucht? Da hätten Sie eine Möglichkeit gehabt, einen Ausdruck Ihrer Persönlichkeit zu finden, Sie Schreibhansel, Sie windiger.“

„‚WEnn ich mit Menschen vnd mit Engel zungen redet / vnd hette der Liebe nicht / So were ich ein donend Ertz oder eine klingende Schelle.‘ So war das gemeint?“

„Sehen Sie? Sie wissen doch alles! Und durchschauen es sogar, das können die wenigsten, die sich hier vor mich hinstellen. Und Sie nutzen es nicht. Sie entschuldigen, wenn ich da so drastisch werde, Sie können da persönlich wahrscheinlich nicht mal was dafür, aber das ist eben so allgemein geworden, die letzten zwei-, dreihundert Jahre.“

„Das tut mir ja dann auch leid, Petrus.“ Ich meine es ehrlich.

„Jaja, das glaub ich Ihnen sogar. Wissen Sie, in ein paar Jahren hab ich ja in diesem Job mein Zweitausendjähriges, das haben Sie als Kathole vielleicht mitgekriegt. Seitdem seh ich täglich tausend da hereinkommen, wo Sie hereingekommen sind, und davon sind neunhundert der festen Meinung, sie hätten im Leben alles richtig gemacht. Und wenn man einen fragt, ja was haben Sie denn so gemacht? Ich sag Ihnen, was sie gemacht haben: Nichts haben sie gemacht.“

„Das kenne ich aus meinem Job auch“, versuche ich zaghaft.

„Ja, genau das sagen alle, wenn man nachfragt. Einen Job hätten sie doch gehabt. Oder noch besser: eine Arbeit. Oder das Beste ist immer: einen Beruf. Wenn ich das immer schon höre. Berufen wird immer noch von uns.“

„Da versteh ich Sie gut. Da müssen Sie jetzt aber auch mal unsere Position einnehmen, Petrus. Das Vögeln kann falsch sein, auf einmal kann das Gegenteil genauso falsch sein. Das ist so mit allem, was man macht. Tun oder unterlassen, ruckzuck hat man sich schon wieder Schuld aufgeladen.“

„Ach, das mit der Schuld.“ Petrus winkt ab. „Was glauben Sie, wer wir sind? Ihr Kindermädchen, Ihr Religionslehrer an der Grundschule oder was? Wir sind doch auf Ihrer Seite. Wir erschaffen Sie doch nicht, nur damit Sie hinterher schuldbeladen durch Ihr Leben schleichen, da hätten wir doch selber keine Freude dran. Bei uns zählt gern schon der Versuch.“

„Das ist ja dann auch generös von Ihnen und erleichternd für uns und alles. Aber unter den eigenen Leuten und gerade bei der Arbeit und der eigenen Frau, da zählen doch oft die Resultate aus dem Versuch. Ich kann doch nicht hergehen und vögeln wollen, wenn die Beziehung nicht passt. Und die passt erst vom hundertsten Prozent an aufwärts.“

„Ach so? Und Sie glauben, Ihre Beziehung passt besser, wenn Sie einfach nicht vögeln?“

„Wenn Sie’s so hinstellen …“

„So leicht wär’s gewesen.“

„Aber Sie wissen schon auch: Dazu gehören zwei.“

„Oha! Gell? Oha! Nicht noch über Ihre Frau herziehen, gell? So viel kann ich Ihnen versprechen: Die entkommt uns sowenig wie Sie, Ihre Frau. Die hat nur vorerst noch ein paar Jahre, damit sie ihre evolutionäre Bestimmung einlösen kann.“

„Sollte mich das jetzt beruhigen?“

„Sie? Das müssen erstens Sie selber wissen, und zweitens haben Sie ab sofort andere Sorgen. Was haben Sie gemacht, solange Sie nicht gerade gearbeitet haben? Gern ein gutes Buch gelesen, hab ich recht?“

„Schon … Aber müssen wir gutes Buch dazu sagen?“

„Was für Lieblingsbücher?“

„Och, verschieden. Das übliche. Moby-Dick, Alice im Wunderland, aber wenn, dann mit den richtigen Illus, von Goethe die Werther-Leiden, den Faust, und dann auch gleich den Doktor Faustus vom Mann-Thomas … Vom Waechter das Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein, das hab ich gemocht.“

„O je, genau das mein ich. Diese ganzen hirnlastigen, humanistisch-idealistischen Fetzen, wo mit Sicherheit nirgends gevögelt wird. Und wenn, wo es lächerlich gemacht oder gleich mit Tod und Verderbnis bestraft wird.“

„Was Sie jetzt dauernd mit dem Vögeln haben.“

„Keine Angst, das haben wir hinter uns, ist schon abgehakt.“

„Musik war noch wichtig.“

„Tom Waits, wetten?“

„Ja, der. Leider fehlt mir die Stimme, um den nachzusingen.“

„Na, selber geschrieben haben Sie einige Liedchen, seh ich grade.“

„Jeder wie er kann.“

„Den Tom Waits, den mag ich auch. Hätten Sie sich doch ein Beispiel an dem genommen, der macht’s richtig. Auf den freu ich mich schon, wenn der zu uns kommt.“

„Dem haben Sie auch den Stimmapparat mitgegeben und die geistige Potenz.“

„Jetzt verrate ich Ihnen was, weil’s für Sie schon egal ist: Sie können heute alles im Leben erreichen — Sie dürfen es nur nicht wollen oder gar versuchen.“

„Ich hab gedacht, umgekehrt? Man müsste nur wollen, dann geht alles?“

„Ach — viele von diesen Hollywoodfilmen haben Sie dann bestimmt angeschaut, oder? Sehen Sie, von denen dauert ein einziger neunzig Minuten Minimum. In dieser Zeit hätten Sie besser feste gevögelt. Das kommt davon.“

Holzschnitt eines unbekannten Künstlers, wohl aus einer Chronik, 1489, Maria und das Jesuskind mit dem heiligen Korbinian und dem Burgunderkönig Sigismund, beiden Heiligenpatronen der Diözese Freising. St. Korbinian ist in Begleitung des Korbiniansbären.Durch den anliegenden Saal der Glyptothek haben sich hallende Schritte von Badeschlappen genähert. Seit einigen Augenblicken steht ein vollbärtiger Hippie in der gleichen Tracht wie Petrus neben dem Marmorschreibtisch.

„Grüß dich, mein Sohn“, sagt er beiläufig zu mir, und dann zu Petrus: „Und, alter Wetterfrosch, wie geht’s heute voran? Kannst du mit uns Mittag machen?“

„Ich hab noch gar nicht nachgeschaut, was gibt’s denn heute? Schüttelst du wieder deine fünftausend Fischsemmeln aus dem Ärmel?“

„Sowieso. Ungesäuert sind sie am besten!“ Übermütig lässt der Hippie die Fingerknöchel krachen. Zwei runde, verheilende Wundmale auf den Handrücken.

„Ja, ist recht. Ich verräum nur noch schnell die Seele da.“

„Den da?“ Der Hippie mustert mich milde. „Na, halleluja. Studierter humanistisch-idealistischer Agnostiker und Nichtvögler, stimmt’s? War er bei den Freimaurern?“

„Ach, woher. Gar nichts war der.“

„Aber dem Gesicht und dem Aufzug nach oversexed and underfucked, ja?“

„Ja, genau, aus Franken.“

„Wohnhaft in München“, blöke ich dazwischen.

„München, München, München … Das Kaff in der Oberpfalz, wo sie letzthin die Brauerei eröffnen wollten? Für den Baugrund wollte der Investor …“

„Nein, das andere.“

„Dann ist es doch das mit der Asamkirche neben dem kleinen Buchladen mit lauter freundlichen hübschen Buchhändlerinnen, oder? Das haben sie mir schön eingerichtet, meine Sterblichen, das mag ich eigentlich. Gut, dann sind wir doch mal gnädig, damit wir fertig werden.“

„Liegt am Nachmittag noch was Wichtiges an?“

„Ach ja, wo du’s sagst: Der Senior meint, wir brauchen langsam das Meeting fürs Weihnachtswetter. In dem stehst du obligatorisch drin.“

„Hab ich mir fast schon gedacht. November ist halt immer schwierig mit den ganzen Toten, und dann jedesmal gleich Weihnachten hintennach.“

„Selig sind die Schifahrer, wissen wir ja.“

„Was machen wir jetzt mit dem?“

„Ach, naja … Fegefeuer bis zum nächsten Zeitalter halt, oder was meinst du?“

„Ja, dachte ich mir auch so, um den Dreh. Oder lassen wir ihn zur Sicherheit bis zum übernächsten?“

Der Hippie überlegt. „Kommt drauf an. Zu wem käme er denn? Luzifer oder Beelzebub? Satan fände ich zu streng für den, oder hat er das TTIP mitbeschlossen, volkstümliche Schlager verbreitet oder so?“

„Ach wo, nicht mal das.“

Petrus sucht schon in seinem Laptop herum: „Mephisto hätte grade eine Kapazität frei, weil heute Sokrates aufsteigt. Den Platz von dem könnte er fliegend übernehmen. Damit er nicht kalt wird, haha.“

„Ach du je — der Mephisto, der macht den doch fertig, schon allein rhetorisch. Der Bub war verheiratet, wie ich ihn einschätze?“

„Grade deswegen hab ich ja geplant: bis zum übernächsten. Mit seiner ehelichen Pflicht sieht’s nämlich mau aus.“

„Ach komm, sei nicht so, dann ist er doch gestraft genug. Das hat der doch nicht aus Bosheit gemacht. Und vielleicht hat er Germanistik studiert, vielleicht hat er nie ein Auto besessen, vielleicht hat er einen hässlichen Hintern, vielleicht war er ein Blogger und Brillenträger ist er auch — dann ist doch klar, dass sich da nichts zusammenvögelt. Das muß man alles in Betracht ziehen.“

Petrus seufzt. „Also gut. Aber ich sag dir gleich, ich nehm ihn nicht, wenn er in dreihunderttausend Jahren schon wieder dasteht und frohlocken will. Dann nimmst ihn nämlich du.“

„Kein Problem. Die bei Mephisto waren, die werden hinterher der angenehmste Umgang. Harte Schule, der Alte. Ich hüte mich, mit ihm zu brechen.“

„Ganz der Vater.“

Jesus fragt mich: „Fürs restliche Zeitalter zu Mephisto. Wärst du damit einverstanden, mein Sohn?“

„Kann ich’s ändern?“

„Wahrlich, wahrlich. Na, bei dieser Einstellung wundert mich nichts. Mir sprechen uns dann am Jüngsten Tag. Gehe hin in Frieden.“

Er segnet mich, es scheppert, und dann nehmen mich zwei krokodilsköpfige Legionäre mit rotglühenden Hellebarden in ihre Mitte.

Und wer jetzt glaubt, es wäre ein Happy End, wenn ich jetzt aufwachte und es war alles nur ein Traum, der hat weder eine Ahnung vom Aufwachen noch vom Träumen.

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Diesmal erfordert das einen Soundtrack: Kanon und Gigue in D-Dur (Canon per 3 Violini e Basso) von Johann Pachelbel, zeitlich nicht exakt einzuordnen, nur derart zur Schnulze herunterstrapaziert, dass man nach einer genießbaren Version ganz schön suchen muss. Es gibt eine.

Bilder: Joseph Sebastian Klauber & Johann Baptist Klauber: Der Heilige Korbinian segnend über der Stadt Freising, 1740–1750;
Tafelbild im Freisinger Dom St. Maria und St. Korbinian: Sanctus Corbinianus urso sarcinas imponit (Der Heilige Korbinian lädt dem Bären seine Last auf);
Holzschnitt eines unbekannten Künstlers, wohl aus einer Chronik, 1489: Maria und das Jesuskind mit dem heiligen Korbinian und dem Burgunderkönig Sigismund, beiden Heiligenpatronen der Diözese Freising. St. Korbinian ist in Begleitung des Korbiniansbären.