Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Dieses treffliche Märchen vom Schmidt

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Update zu Das kannst du, Knabe, nicht fassen (weniger zu Schlachtens):

Endlich mal ein Grimmsches Märchen, das ich nicht deshalb einrücken darf, weil es gar so grausig wäre, sondern weil es lustig ist. Auch ist Der Schmied und der Teufel insofern eine Rarität, als es nur in der Erstauflage von 1812 vorkam. Ab der zweiten Auflage ersetzte es der im weiteren Verlauf mit Märchensammlung und -einrichtung befasste Bruder Wilhelm Grimm durch Bruder Lustig — wie der Name nahelegt, bis heute noch lustiger, weil reich an Tempo und recht durchtriebenen Handlungsvolten — weil es außerdem reich an beispielhaften Motiven und Gelegenheiten zu volksnaher Dialoggestaltung ist.

Gegen die direkte Ablösung Bruder Lustig fällt Der Schmied — die einzige Referenzstelle schreibt: „Schmidt“, im Fließtext wiederholt „Schmid“ — und der Teufel zugegeben ab. Die Überlieferung durch Marie Hassenpflug fällt aber in eine Zeit, in welcher der breitärschige Schwank des Mittelalters, der bis weit in die Neuzeit der Belustigung diente, einer pointierteren Erzählweise wich. Deswegen ist das Ding ist einfach vorbildlich straff und witzig erzählt.

An den Märchen vom überlisteten Teufel finde ich seit jeher mein kindliches Vergnügen. Laut phylogenetischen Untersuchungen, die sehr wohl in wissenschaftlich stichhaltiger Methodik an Märchen vorgenommen werden, geht es Menschen seit mehreren Jahrtausenden so, allein dieser Stoff wird mündlich seit immerhin 2800 bis 4200 Jahren weitergetragen. Die Herkunft aus der Bronzezeit bedeutet, dass der Schmied nicht als antiquierter Handwerker aus der Verwandtschaft des dümmlichen Bäuerleins zu werten ist, sondern als moderner High-Tech-Experte.

Sie finden das Märchen nicht in Ihrem Kinderbuch, weil die meisten heutigen Grimm-Ausgaben späteren Auflagen folgen, die nur noch umfangreicher wurden; wenn in Ihrem Gutenachtgeschichtenwälzer Bruder Lustig drin ist, haben Sie schon Glück. Als Bonus für uns Besserwisser unter den Märchenfreunden gebe ich Grimms Anmerkungen bei, die ausführlicher als das straffe Primärchen sind.

——— Brüder Grimm:

81. Der Schmidt und der Teufel.

Bodleian Teufel via Albrecht Classen, The Epistemological Function of Monsters in the Middle Ages, 10. Februar 2013Es war einmal ein Schmidt, der lebte guter Dinge, verthat sein Geld, processirte viel und wie ein paar Jahr herum waren, hatte er keinen Heller mehr im Beutel. Was soll ich mich lang quälen auf der Welt, dachte er, ging hinaus in den Wald und wollt‘ sich da an einen Baum hängen. Wie er eben den Hals in die Schlinge steckte, kam ein Mann hinter dem Baum hervor mit einem langen weißen Bart und einem großen Buch in der Hand. „Hör Schmidt, sprach er, schreib deinen Namen da in das große Buch, so soll dirs wohlgehen zehn Jahre lang, aber darnach bist du mein, da hol ich Dich.“ – „Wer bist du?“ sprach der Schmid – „Ich bin der Teufel.“ – „Was kannst du“ – „Ich kann mich so groß machen als eine Tanne, und so klein als eine Maus“ – „So thus einmal, daß ichs sehe,“ sagte der Schmid, da machte sich der Teufel so groß wie eine Tanne und so klein wie eine Maus. „Es ist gut sprach der Schmid, gib das Buch her, ich will mich hineinschreiben“ – Als er sich unterschrieben sagte der Teufel: Geh nur nach Haus, du wirst Kisten und Kasten voll finden, und weil du keine lange Umstände gemacht hast, so will ich dich auch in der Zeit einmal besuchen. Der Schmid ging heim, da waren alle Taschen, Kasten und Kisten voll Ducaten, und er mogte soviel davon nehmen als er wollte, es ward nicht all, und auch nicht weniger; da fing er sein lustiges Leben von vorne an, lud seine Kameraden ein, und war der vergnügteste Kerl von der Welt. Ein paar Jahre darauf sprach der Teufel einmal bei ihm ein, als er verheißen, sah zu wie die Wirthschaft ging, und schenkte ihm beim Abschied einen ledernen Sack, wer da hinein sprang, der konnte nicht wieder heraus, bis ihn der Schmid selber wieder heraus holte; damit trieb dieser seinen Spaß. Nach den zehn Jahren aber kam der Teufel und sprach zum Schmidt „die Zeit ist herum, jetzt bist du mein, mach dich reisefertig.“ „Es ist gut,“ sprach der Schmidt, hing seinen ledernen Sack um den Rücken und ging mit dem Teufel fort; als sie in den Wald kamen, zu der Stelle wo er sich aufhängen wollte, sprach er zum Teufel: „ich muß auch gewiß wissen, daß du der Teufel bist, mach dich erst wieder so groß wie eine Tanne und so klein wie eine Maus.“ Der Teufel war bereit und thats, und wie er sich in eine Maus verwandelt hatte, packte ihn der Schmid und steckte ihn in den Sack, dann schnitt er sich einen Stock von dem nächsten Baum, warf den Sack hin und prügelte auf den Teufel los. Der Teufel schrie erbärmlich, lief in der Tasche hin und her, aber umsonst, er konnte nicht heraus. Endlich sagte der Schmid ich will dich loslassen, wenn du mir das Blatt aus deinem großen Buch wieder giebst, auf das ich meinen Namen geschrieben. Der Teufel wollte nicht, doch endlich mußt‘ er daran, da ward das Blatt herausgerissen und der Teufel ging heim in die Hölle, ärgerte sich, daß er betrogen und obendrein geprügelt war.

Der Schmid ging auch wieder zu seiner Schmiede und lebte vergnügt fort, so lang Gott wollte, endlich ward er krank und als er seinen Tod merkte, befahl er, man sollte ihm nur zwei gute, lange, spitze Nägel und einen Hammer mit in den Sarg geben. Das geschah auch. Wie er nun gestorben war und vor die Himmelsthür kam, klopfte er an, aber der Apostel Petrus wollt ihm nicht aufschließen, weil er mit dem Teufel im Bund gelebt hätte. Wie der Schmidt das hörte, dreht er sich um und ging zur Hölle. Der Teufel aber wollt ihn auch nicht einlassen, er begehre ihn nicht in der Hölle, da fange er doch nur Spectakel an. Der Schmidt ward bös und hub an vor dem Höllenthor Lärmen zu machen, ein Teufelchen ward neugierig und wollte sehen, was der Schmidt treibe, also machte es ein wenig das Thor auf, guckte heraus, der Schmid aber packte es geschwind bei der Nase und nagelte es an dieser mit dem einen Nagel, den er bei sich hatte, an das Höllenthor fest. Das Teufelchen fing an zu kreischen wie ein Krautlöwe, da ward noch ein anderes an das Thor gelockt, das steckte auch den Kopf heraus, aber der Schmid war nicht faul, kriegte es am Ohr und nagelte es mit diesem neben das erste. Da fingen nun beide ein solches entsetzliches Geschrei an, daß der alte Teufel selber gelaufen kam, und wie er die zwei Teufelchen festgenagelt sah, ward er bitterbös, daß er vor Bosheit anfing zu weinen, herumsprang, in den Himmel zum lieben Gott lief, und sagte, er müsse den Schmid in den Himmel nehmen, es möge gehen, wie es wolle, der nagle ihm die Teufel alle an den Nasen und Ohren an, und er sey nicht mehr Herr in der Hölle. Wollte nun der liebe Gott und der Apostel Petrus den Teufel los werden, so mußten sie den Schmid in den Himmel nehmen, da sitzt er nun in guter Ruh, wie aber die beiden Teufelchen losgekommen, das weiß ich nicht.

Anhang Band 1

Von dem Schmid und dem Teufel. No. 81.

The Hours of Catherine of Cleves. Produced in about 1440 by the anonymous Dutch artist known as the Master of Catherine of Cleves. It is one of the most lavishly illuminated manuscripts to survive from the 15th century.Dieses treffliche Märchen scheint eine weitverbreitete Volkssage zu seyn. Gewöhnlich erzählt man es von einem Schmid zu Jüterbock und ausgezeichnet gut dargestellt ist es in dem Deutschfranzos. der stellenweise überhaupt zu den lebendigsten Erzeugnissen der ersten Hälfte des 18. Jahrhund. gehört, befindlich. (Leipz. Ausg. v. 1736. S. 110-30. Nürnberger von 1772. S. 80-95.) Der fromme Schmied von Jüterbock trug einen schwarz und weißen Rock und hatte eines Abends einen heiligen Mann gern und freudig geherbergt, der ihm vor der Abreise gestattete drei Bitten zu thun. Er bat 1. daß sein Lieblingsstuhl hinter den Ofen die Kraft bekäme, jeden ungebetenen Gast auf sich festzuhalten, bis ihn der Schmied selbst loslasse. 2. daß sein Apfelbaum im Garten die daraufsteigenden gleicherweise nicht herunter lasse. 3. daß aus seinem Kohlensack keiner heraus käme, den er nicht selbst befreite. – Nach einiger Zeit kommt der Tod, geräth auf den Sessel und muß dem Schmied noch 10 Jahre Leben schenken, wenn er herunter will; nach 10 Jahren kehrt er wieder, steigt auf den Apfelbaum und der Schmied ruft seine Gesellen, die mit Stangen den Tod jämmerlich zerschlagen; diesmal wird er nur unter der Bedingung los, daß er den Schmied ewig leben lassen will. Betrübt glieder- und lendenlahm zieht der Tod ab, begegnet unterwegs dem Teufel und klagt dem sein Herzeleid, der ihn auslacht und meint mit dem Schmied bald fertig zu werden. Der Schmied verweigert aber dem Teufel Nachtlager wenigstens werde die Hausthür nicht mehr geöffnet, er müsse denn zum Schlüsselloch einfahren. Das ist dem Teufel ein leichtes, allein der Schmied hatte den Kohlensack vorgehalten, bindet ihn alsbald zu, wie der Teufel darin ist, und läßt auf dem Ambos wacker drauf zuschmieden. Als sie sich nach Herzenslust auf ihm müde geklopft und gehämmert, wird der bearbeitete arme Teufel zwar wieder befreit, muß aber zu demselben Loch hinaus seinen Weg nehmen, wodurch er hereingeschlüft war.

Aehnliche Sage geht vom Schmied zu Apolda, (vergl. Falk Grotesken 1806. S. 3-88.) der unsern Herrn sammt St. Petrus über Nacht bewirtet und drei Wünsche frei erhält. Die Wünsche, die er thut, sind: 1. daß dem, der in seiner Nägeltasche fahre, die Hand stecken bleibe, bis die Tasche zerfalle. 2. daß wer auf seinen Apfelbaum steige, darauf sitzen müsse, bis der Apfelbaum zerfalle. 3. desgleichen wer sich auf den Armstuhl setze, nicht eher aufstehen könne bis der Stuhl zerfalle. Nach und nach erschienen drei böse Engel, die den Schmied wegführen wollen und die er sämmtliche in die gestellten Fallen lockt, so daß sie von ihm ablassen müßen. Endlich aber kommt der Tod und zwingt ihn zum Mitgehen, doch erhält er die Gunst, daß sein Hammer in den Sarg gelegt wird. Als er sich der Himmelsthür naht, will sie Petrus nicht aufthun, da ist der Schmied her, geht in die Hölle und schmiedet da einen Schlüssel, verspricht auch im Himmel mit allerlei Arbeit nützlich an Hand zu gehen, St. Georgs Pferd zu beschlagen etc. und wird zuletzt eingelassen. – Findet sich nicht auch eine ähnliche Fabel bei Hans Sachs?

Zu unserem, aus mündlichen Erzählung gegebenen Text stimmt im Ganzen am meisten das gedruckte Volksbuch, betitelt: das bis an den jüngsten Tag währende Elend, das jedoch wie es scheint aus folgendem französischen übersetzt ist: histoire nouvelle et divertissement du bon homme Misere. Troyes etc. Garnier. 3. S. 8, wiederum aber deuten manche Umstände auf einen italienischen Ursprung des letzteren, oder wenigstens hat sie de la Riviere in Italien erzählen gehöre Peter und Paul gerathen bei schlimmem Wetter in ein Dorf, stoßen auf eine Wäscherin, die dem Himmel dankt, daß der Regen kein Wein, sonder Wasser sey, klopfen bei dem reichen Mann an, der sie stolz abweist, und kehren zu dem armen Elend ein. Dieses thut nur den einen Wunsch mit dem Birnbaum, den ihm gerade ein Dieb bestohlen hatte. Der Dieb wird gefangen und sogar noch andere Leute, die aus Neugierde aufsteigen um den Jammernden zu befreien. Endlich kommt der Tod und Elend bittet ihn, daß er ihm seine Sichel leihe, um sich noch eine der schönsten Birnen mit zu nehmen. Der Tod will sein Waffen nicht aus der Hand lassen, als ein guter Soldat und die Mühe selbst übernehmen. Elend befreit ihn nicht eher, bis er ihm zusagt, er wolle ihn bis zum jüngsten Tag in Ruhe lassen, und darum wohnt Elend noch immer fort in der Welt.

Damit stimmt wieder zum Theil der Schluß einer andern mündlichen Erzählung, die sonst ganz wie der Schmied von Apolda lautet. Als Elend gestorben ist und vor den Himmel kommt, wird er von St. Petrus nicht eingelassen, weil er sich von ihm nichts besseres ausgebeten hatte, nicht das Himmelreich, wie er erwartet. Elend geht also zur Hölle, aber der Teufel will ihn auch nicht, weil er ihn genarrt, da muß er wieder zurück auf die Welt und Elend ist so lange darauf als sie steht. – Durch diesen Schluß aber knüpft sich das Märchen an die Sage von den Landsknechten, die im Himmel kein Unterkommen finden können, und welche Frei in der Gartengesellschaft No. 44. und Kirchhof im Wendunmuth I. No 8. erzählen. Die Teufel wollen sie nicht, weil sie das rothe Kreuz in der Fahne führen, und der Apostel Petrus läßt sie auch nicht ein, weil sie Bluthunde, arme Leut Macher, und Gotteslästerer wären. Der Hauptmann wirft dem Petrus seine Verrätherei an dem Herrn vor, daß dieser schamroth wird und ihnen ein Dorf Beit ein Weil (wart ein Weil.) zwischen Himmel und Hölle anweist, wo sie sitzen spielen und zechen; mit welcher Sage dann wieder viele Andere von dem St. Petrus und den Landsknechte zusammenhängen. – Endlich ist noch zu bemerken, daß Coreb und Fabel in dem lustigen Teufel von Edmonton (Tieck altengl. Theater II.) offenbar die Personen unseres Märchens sind.

Das Reisen der wohlthätigen Männer durch das Dorf, wo sie von den Reichen verschmäht, von dem Armen aufgenommen werden, erinnert an die Sage von Lot und den Engeln, von Philemon und Baucis bis auf viele neuere Traditionen, z.B. von einem Zwerglein, daß im Berner Oberland im Unwetter bei einem Armen einkehrte und ihn und seine Hütte vor dem nahen Untergang des Dorfs rettete. – Wegen der Intrigue vom Groß- und Kleinmachen vergleiche man das Märchen vom Blaubart.

Anhang Band 2

Num. 81. (Schmidt und Teufel.) Sobald man sich unter dem Schmidt mit seinem Hammer den Thor, unter dem Tod und Teufel einen plumpen Riesen denkt, gewinnt das Ganze eine wohlgegründete alt nordische Ansicht.

Hans Memling, Triptychon von Tod, irdischer Eitelkeit und himmlischer Erlösung, ca. 1485

Bilder: Albrecht Classen: The Epistemological Function of Monsters in the Middle Ages, 10. Februar 2013,
via Marioland: Das hat dir der Teufel gesagt!, Marios Märchenstunde Teil 4, 22. März 2013;
Stundenbuch der Katharina von Kleve, ca. 1440, via Danse Macabre, Medieval Woodcuts and Engravings;
Hans Memling: Triptychon von Tod, irdischer Eitelkeit und himmlischer Erlösung, ca. 1485, via Danse Macabre.
Soundtrack: God knows how I adore life aus: Beth Gibbons & Rustin Man: Mysteries, in: Out of Season, 2002.

Written by Wolf

19. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Hölle

Totensonntag

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Update und Übersetzung zur bairischen Version:

[Vielleicht doch das Beste,was ich je geschrieben hab. Am Totensonntag 2011 stand es in Moby-Dick™ und dem freitag!-Logbuch, 2012 vorsichtig überarbeitet hier, aber weiterhin auf Bairisch.

Genau darüber häufen sich die Beschwerden. Deshalb erscheint es heuer endlich ins Hochdeutsche übersetzt, diesmal nicht zum Gedenken der Heiligen Katharina von Alexandrien, vielmehr zum Gedenktag des heiligen Korbinian, seiner Bestimmung und Berufung nach der erste Bischof von Freising — im Vergleich zu seiner Kollegin Katharina ein mit Patronaten eher unterforderter, dafür grundbayerischer Heiliger. Außerdem hat er einen Bären gezähmt und seitdem immer dabei.

Die Dialektversion konnte ich mir zur Überprüfung der Effekte und des Timings selbst halblaut vorlesen, für diesen Zweck funktioniert Bairisch genügend ähnlich wie mein angeborenes Fränkisch. Für die hochdeutsche Version bin ich auf „Dritte“ angewiesen, wobei ein durchschnittlich sauberes Deutsch vollauf reicht und eine leichte Färbung in egal welchem Dialekt sowieso immer wünschenswert ist.

Erforderlich sind weiterhin ein oder drei Sprecher (Erzähltext und Ich-Figur, Petrus, Jesus); nichts einzuwenden bleibt gegen einen Mädchensprechchor, der im Hintergrund dezent frohlockt. Die Aussage bleibt unverändert: ähnlich der von Lessings Ringparabel, bloß existenzieller.

Wie die bairische gebe auch die folgende Version frei zur Aufführung, bitte mit Quellenangabe. Wer eine Sound-Datei davon zugänglich macht, kriegt ein Buch von mir geschenkt. Ein schönes! — Fade in.]

~~~\~~~~~~~/~~~

Der Eingang sieht aus wie die Stufen zur Glyptothek. Nicht das, was man einladend nennt, oder was man normalerweise träumt. Aber einmal muss da jeder durch. Wenn schon nicht einmal im Leben, dann eben jetzt, wo ich gestorben bin. Jedenfalls vermute ich das.

Wie immer in solchen großklassizistischen Einschüchterungsbauten darf ich nicht durch eine Flügelpforte, die sich vor der Majestät meiner Person beiseite schiebt, sondern muss durch den unspektakulären Windfang hinter den Säulen. An einem marmornen Tisch, an dem man in der Glyptothek Eintritt bezahlen würde, sitzt ein Rauschebart in einer Art Bademantel und tippt zehnfingrig in einen Laptop. Kein Apple, stelle ich fachmännisch fest. Links daneben ein Stapel unausgefüllter Formulare, rechts ein Stapel ausgefüllter.

Joseph Sebastian Klauber & Johann Baptist Klauber, Der Heilige Korbinian segnend über der Stadt Freising, 1740--1750„Grüß Gott.“ Beim Reinkommen grüßt man. Schon rein vorsichtshalber.

„Grüß Sie Gott. Moment, ich mache noch schnell die Seele vor Ihnen fertig.“

Tipp, tipp, tipp. — Klack!

„So! Grüß Gott!“

„Ich soll hier anscheinend vorsprechen oder so.“

„Jaja, das hat schon seine Richtigkeit. Was führt Sie zu uns? Wissen Sie das, können Sie das sagen?“ Petrus nimmt ein Blatt vom unausgefüllten Stapel und einen Zimmermannsbleistift.

„Na, weil ich gestorben bin, nehm ich doch an.“

„Jaja, das ist die Voraussetzung dafür, dass Sie vorgelassen werden. Aber woran Sie gestorben sind, können Sie das auch sagen?“

„Ich glaub, ich hab einen Kalauer zuviel gerissen. Über die Namen von Gottfried Benn und Ben Cartwright.“

„Ach du heiliger Gott. Da können Sie von Glück sagen, dass Sie in so einem Fall überhaupt noch zu mir raufkommen. Normalerweise gehen solche Bestände gleich nahtlos zum Kollegen zwei Stockwerke tiefer, wenn Sie mir folgen können. Ohne lange Fegefeuerzuteilung.“

„Ich weiß es zu schätzen.“

„Das ist schon in Ordnung. Das kann nur daher kommen, dass Sie sowieso dran gewesn wären — wenn Sie noch von der Generation übrig sind, die Ben Cartwright kannte.“

„Ja … Was machen wir dann jetzt mit mir? Komm ich jetzt in den Himmel oder wofür genau hab ich mich die ganzen Jahrzehnte um die Ohren gehauen, Herr Petrus?“

„Da schauen wir jetzt, dann sehen wir’s gleich. Aber Petrus. Einfach Petrus. Ohne Herr oder Sir oder Sahib oder -san, wir legen hier oben keinen großen Wert auf Titel und Dienstgrade.“

„Dann könnten wir zur Not durchaus zusammenkommen …“

„Netter Versuch, Herr Dings. Aber Sie sind doch aus Europa, wenn ich Ihren Dialekt richtig einordne, stimmt’s? Irgendwas Nördliches bestimmt. Österreich, Irland, Lappland oder was da alles liegt.“

„Deutschland“, sag ich. „München, ursprünglich aber Nürnberg, bloß den Zungenschlag nie los geworden.“

„Ach, hören Sie mir bloß auf. Franken oder Frankreich, Wales oder Wallis, Galizien oder Gallizien, und das dritte von den zweien habt ihr schon wieder eingestampft, und euer München in der Oberpfalz ist nach sonstwas für einem Dingenskirchen eingemeindet.“

„Nach Hirschbach. Das kenn ich, da wollten sie mal eine Brauerei eröffnen. Die Geschäftsidee war: Münchner Bier aus der Oberpfalz, dass ich nicht lache. Für den Baugrund wollte der Investor fast noch Geld rauskriegen.“

„Aber Sie! In der Oberpfalz, da haben sie aber oft richtig feines Bier! Bei Etzelwang in der Nähe, da hab ich mal …“

„Ja, schon. Aber bei den zweieinhalb Hektolitern Ausstoß pro Jahr hält sich ja kein Brauer, der davon leben will. Als Logistik haben Sie da die B 14 aus Nürnberg nach Tschechien, die hat wahrscheinlich Brücken unter zwei Meter vierzig, und dann erst wieder die Amberger A 6. Das grenzt bei denen immer an Schwarzbrennerei als Hobby.“

„Manchmal bin ich direkt froh, dass ich nicht mehr so viel rauskomme. Bei euch kommt man schon mit dem Zuschauen nicht mehr nach.“

„Wo Sie Galizien erwähnen. Mein Urgroßvater war, soviel ich weiß, noch aus Czernowitz.“

„Ist das nicht neulich explodiert?“

„Nein, das war Tschernobyl, 1986, glaub ich. Czernowitz müsste schon noch irgendwo herumstehen.“

„Ach Gott ach Gott, was ihr andauernd für ein Durcheinander veranstaltet. Na Hauptsache, ihr selbst kennt euch aus.“

„Och, auch nicht so richtig.“

„Aber Deutschland, wo Sie herkommen, ist gut. De Deutschen kann man fast ganz ohne bürokratischen Aufwand von der einen auf die andere Autorität umgewöhnen, das haben wir anno 510, 820 und zuletzt 1945 mit euch probiert. Dankbares Publikum, da in Deutschland.“

„Und 1918?“

Petrus denkt nach. „Nein, das war kein echter Autoritätenwechsel. Da haben wir nur andere Titel verteilen lassen. Umgekehrt wie später 1989, verstehen Sie?“

„Ich glaub schon, so ungefähr.“

„Glauben ist auch gut, Glauben kann man gut brauchen im Himmel. München, München, München … Da seid ihr doch gern dieses katholisch und evangelisch und wie das alles bei euch heißt, oder?“ Petrus rudert mit den Händen nach den Wörtern und amüsiert sich ein Loch in die Toga.

„Ausgetreten, aber ich hab die katholische Grundausbildung“, knurre ich durchs Gebiss.

„Recht haben Sie, guter Mann, recht haben Sie! An Ihre Seligkeit glauben können Sie genausogut zuhause.“

„Also, das hätte ich jetzt als letztes geglaubt, dass aus der Kirche austreten bei Ihnen ein Bonus sein könnte.“

„Warum denn nicht? Was der Junior vor zweitausend Jahren in eurem Judäa da unten spaßeshalber für einen Fischerverein gegründet hat, das spielt heute keine so große Rolle mehr.“

„Jesus ist spaßeshalber am Kreuz gestorben?“

„Was dachten denn Sie? Der Mann ist ein Drittel Dreifaltigkeit, der ist allmächtig. Der lebt und stirbt, wann und wie er will.“

„Da haben Sie wieder recht.“

„Aber waren Sie bei einer parakirchlichen Vereinigung? Seien Sie bitteschön gleich ehrlich, in diesem Punkt werden Ihre Angaben leider überprüft. Scientology und Opus Dei wären jetzt schlecht, Freimaurer wären positiv. Ach, die Freimaurer, meine speziellen Freunde. Seit ein paar hundert Jahren werden die allerdings immer weniger.“

„Freimaurer? Um Gottes willen, ich war doch in keinem Geheimbund.“

„Die Freimaurer?“ Petrus ist aufrichtig erstaunt. „Wo sind die denn geheim, die Freimaurer, wenn ich fragen darf? Die missionieren bloß nicht, das rechnen wir hier durchaus an. Und die halten auch Friede auf Erden, das dient unserem Wohlgefallen, wenn Sie meine Redeweise gestatten.“

„O ja, ich kann schon folgen, Petrus.“

„Jaja, ich sehe gerade, Sie sind ein Gelehrter. Das hätten Sie bei den Freimaurern geltend machen können, das ist bei denen richtig erwünscht, sogar so kuriose Studienfächer wie Ihre, die Sie da betrieben haben. Aber wenn Sie nicht hin wollten … Ihre Entscheidung.“

„Kann ich ja nicht wissen.“

„Natürlich können Sie das nicht wissen, deswegen heißt es ja Glauben.“

„Wenn Sie das so sagen, klingt es auf einmal richtig logisch. Doch, ja, Freimaurer, wäre vielleicht was gewesen …“

„Wie haben Sie sich ernährt? Vegan, vegetarisch, zoophag, kannibalisch?“

„Ich bitte Sie, Petrus. Ich war aus Franken.“

„Ja, schon klar. Fragen muss ich eben danach. Da haben Sie sich bestimmt auch regelmäßig unter Drogen gesetzt?“

„Ach was. Ganz selten war ich mal besoffen. Und wenn, dann mit Bier, schlimmstenfalls eine, zwei Flaschen Schnaps.“

„Ach so? Ja, warum denn? Was meinen Sie denn, wofür der Senior das ganze Zeug wachsen lässt? Bier und Schnaps ist schon in Ordnung, und was ist mit all den anderen Gottesgaben? Haben Sie dann wenigstens jeden Tag anständig was weggevögelt?“

„Bitte??“

Tafelbild im Freisinger Dom St. Maria und St. Korbinian, Sanctus Corbinianus urso sarcinas imponit. Der Heilige Korbinian lädt dem Bären seine Lasst auf„Hatten Sie regelmäßig Geschlechtsverkehr?“

„Jetzt lappt’s aber eventuell ein bisschen ins Persönliche …“

„Ja. Und?“

„Eminenz, ich bin verheiratet. War.“

„Ach du lieber Gott …“ Petrus macht mit seinem Zimmermannsbleistift einen energischen Strich über ein ganzes Blatt.

„Ihnen ist schon klar, guter Mann: Für jeden Tag ohne Vögeln muß ich Ihnen … na, was sagen wir in Ihrem Fall … seien wir gnädig … sagen wir: fünfzig Jahre Fegefeuer zusätzlich berechnen.“

Ich schlucke. „Das werden Sie schon passend machen.“

„Lebt Ihre Frau noch, so als Witwe, die sich ab jetzt fröhlich an Ihre ehelichen Pflichten erinnern kann? Ja? Na, die muss leider dann später das gleiche, logisch …“

Petrus schreibt in meiner Akte herum, sucht im beistehenden Aktenreiter unter meinem Buchstaben eine weitere heraus, notiert vorne drauf herum, schaut wieder hoch zu mir und schüttelt betrübt das Haupt:

„Ach, ich kann Ihnen sagen: Das ist alles so eine sinnlose Verschwendung von Seligkeit.“

„Ein keuscher Lebenswandel zählt nichts?“

Langsam wird Petrus unwillig: „Keuscher Lebenswandel, keuscher Lebenswandel, gleich kann ich Ihnen ein paar Jährchen verschaffen von Ihrem keuschen Lebenswandel. Herrgott Sakrament, ich kann’s bald nicht mehr hören von euch christlichen Abendländern, mit eurer Keuschheit und Enthaltsamkeit und Monogamie und gar keine Gamie und Zölibat und Sublimierung und Filzläuse und hunderttausend wichtigere Sachen als das Vögeln! Das seid immer nur ihr, die ihre Frauen im Bett neben sich herumschimmeln lassen und die ganze Woche nicht anfassen! Ja, Kreuzteufel halleluja nochmal, die geschlechtliche Fortpflanzung, die war ein Geschenk! Unser größtes! Dafür haben wir lange an der Windbestäubung herumgeschraubt, bis wir das in der Evolution überhaupt möglich gemacht haben. Machen Sie sich eine Vorstellung, was das allein für eine logistische Konzeptarbeit für unsere Demiurgen war, von der spontanen Zellteilung aus gesehen, bis eure Balz das ganze Jahr lang durchdauert? Haben Sie das schon mal von einem anderen Tier gehört? Ein Privileg ist das! Ja, tut denn das Vögeln weh oder was?!“

„Da hab ich schon von Möglichkeiten gehört …“

„Jajaja, nichts da von wegen in dem Internetdings Bildchen von erlesenem Dekadenzkram anschauen. Ich rede davon, dass ihr endlich mit eurer Frau vögelt. Da hätten Sie Ihrer Frau zeigen können, wie lieb Sie sie haben, oder wie deutlich hätten Sie’s denn gebraucht? Da hätten Sie eine Möglichkeit gehabt, einen Ausdruck Ihrer Persönlichkeit zu finden, Sie Schreibhansel, Sie windiger.“

„‚WEnn ich mit Menschen vnd mit Engel zungen redet / vnd hette der Liebe nicht / So were ich ein donend Ertz oder eine klingende Schelle.‘ So war das gemeint?“

„Sehen Sie? Sie wissen doch alles! Und durchschauen es sogar, das können die wenigsten, die sich hier vor mich hinstellen. Und Sie nutzen es nicht. Sie entschuldigen, wenn ich da so drastisch werde, Sie können da persönlich wahrscheinlich nicht mal was dafür, aber das ist eben so allgemein geworden, die letzten zwei-, dreihundert Jahre.“

„Das tut mir ja dann auch leid, Petrus.“ Ich meine es ehrlich.

„Jaja, das glaub ich Ihnen sogar. Wissen Sie, in ein paar Jahren hab ich ja in diesem Job mein Zweitausendjähriges, das haben Sie als Kathole vielleicht mitgekriegt. Seitdem seh ich täglich tausend da hereinkommen, wo Sie hereingekommen sind, und davon sind neunhundert der festen Meinung, sie hätten im Leben alles richtig gemacht. Und wenn man einen fragt, ja was haben Sie denn so gemacht? Ich sag Ihnen, was sie gemacht haben: Nichts haben sie gemacht.“

„Das kenne ich aus meinem Job auch“, versuche ich zaghaft.

„Ja, genau das sagen alle, wenn man nachfragt. Einen Job hätten sie doch gehabt. Oder noch besser: eine Arbeit. Oder das Beste ist immer: einen Beruf. Wenn ich das immer schon höre. Berufen wird immer noch von uns.“

„Da versteh ich Sie gut. Da müssen Sie jetzt aber auch mal unsere Position einnehmen, Petrus. Das Vögeln kann falsch sein, auf einmal kann das Gegenteil genauso falsch sein. Das ist so mit allem, was man macht. Tun oder unterlassen, ruckzuck hat man sich schon wieder Schuld aufgeladen.“

„Ach, das mit der Schuld.“ Petrus winkt ab. „Was glauben Sie, wer wir sind? Ihr Kindermädchen, Ihr Religionslehrer an der Grundschule oder was? Wir sind doch auf Ihrer Seite. Wir erschaffen Sie doch nicht, nur damit Sie hinterher schuldbeladen durch Ihr Leben schleichen, da hätten wir doch selber keine Freude dran. Bei uns zählt gern schon der Versuch.“

„Das ist ja dann auch generös von Ihnen und erleichternd für uns und alles. Aber unter den eigenen Leuten und gerade bei der Arbeit und der eigenen Frau, da zählen doch oft die Resultate aus dem Versuch. Ich kann doch nicht hergehen und vögeln wollen, wenn die Beziehung nicht passt. Und die passt erst vom hundertsten Prozent an aufwärts.“

„Ach so? Und Sie glauben, Ihre Beziehung passt besser, wenn Sie einfach nicht vögeln?“

„Wenn Sie’s so hinstellen …“

„So leicht wär’s gewesen.“

„Aber Sie wissen schon auch: Dazu gehören zwei.“

„Oha! Gell? Oha! Nicht noch über Ihre Frau herziehen, gell? So viel kann ich Ihnen versprechen: Die entkommt uns sowenig wie Sie, Ihre Frau. Die hat nur vorerst noch ein paar Jahre, damit sie ihre evolutionäre Bestimmung einlösen kann.“

„Sollte mich das jetzt beruhigen?“

„Sie? Das müssen erstens Sie selber wissen, und zweitens haben Sie ab sofort andere Sorgen. Was haben Sie gemacht, solange Sie nicht gerade gearbeitet haben? Gern ein gutes Buch gelesen, hab ich recht?“

„Schon … Aber müssen wir gutes Buch dazu sagen?“

„Was für Lieblingsbücher?“

„Och, verschieden. Das übliche. Moby-Dick, Alice im Wunderland, aber wenn, dann mit den richtigen Illus, von Goethe die Werther-Leiden, den Faust, und dann auch gleich den Doktor Faustus vom Mann-Thomas … Vom Waechter das Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein, das hab ich gemocht.“

„O je, genau das mein ich. Diese ganzen hirnlastigen, humanistisch-idealistischen Fetzen, wo mit Sicherheit nirgends gevögelt wird. Und wenn, wo es lächerlich gemacht oder gleich mit Tod und Verderbnis bestraft wird.“

„Was Sie jetzt dauernd mit dem Vögeln haben.“

„Keine Angst, das haben wir hinter uns, ist schon abgehakt.“

„Musik war noch wichtig.“

„Tom Waits, wetten?“

„Ja, der. Leider fehlt mir die Stimme, um den nachzusingen.“

„Na, selber geschrieben haben Sie einige Liedchen, seh ich grade.“

„Jeder wie er kann.“

„Den Tom Waits, den mag ich auch. Hätten Sie sich doch ein Beispiel an dem genommen, der macht’s richtig. Auf den freu ich mich schon, wenn der zu uns kommt.“

„Dem haben Sie auch den Stimmapparat mitgegeben und die geistige Potenz.“

„Jetzt verrate ich Ihnen was, weil’s für Sie schon egal ist: Sie können heute alles im Leben erreichen — Sie dürfen es nur nicht wollen oder gar versuchen.“

„Ich hab gedacht, umgekehrt? Man müsste nur wollen, dann geht alles?“

„Ach — viele von diesen Hollywoodfilmen haben Sie dann bestimmt angeschaut, oder? Sehen Sie, von denen dauert ein einziger neunzig Minuten Minimum. In dieser Zeit hätten Sie besser feste gevögelt. Das kommt davon.“

Holzschnitt eines unbekannten Künstlers, wohl aus einer Chronik, 1489, Maria und das Jesuskind mit dem heiligen Korbinian und dem Burgunderkönig Sigismund, beiden Heiligenpatronen der Diözese Freising. St. Korbinian ist in Begleitung des Korbiniansbären.Durch den anliegenden Saal der Glyptothek haben sich hallende Schritte von Badeschlappen genähert. Seit einigen Augenblicken steht ein vollbärtiger Hippie in der gleichen Tracht wie Petrus neben dem Marmorschreibtisch.

„Grüß dich, mein Sohn“, sagt er beiläufig zu mir, und dann zu Petrus: „Und, alter Wetterfrosch, wie geht’s heute voran? Kannst du mit uns Mittag machen?“

„Ich hab noch gar nicht nachgeschaut, was gibt’s denn heute? Schüttelst du wieder deine fünftausend Fischsemmeln aus dem Ärmel?“

„Sowieso. Ungesäuert sind sie am besten!“ Übermütig lässt der Hippie die Fingerknöchel krachen. Zwei runde, verheilende Wundmale auf den Handrücken.

„Ja, ist recht. Ich verräum nur noch schnell die Seele da.“

„Den da?“ Der Hippie mustert mich milde. „Na, halleluja. Studierter humanistisch-idealistischer Agnostiker und Nichtvögler, stimmt’s? War er bei den Freimaurern?“

„Ach, woher. Gar nichts war der.“

„Aber dem Gesicht und dem Aufzug nach oversexed and underfucked, ja?“

„Ja, genau, aus Franken.“

„Wohnhaft in München“, blöke ich dazwischen.

„München, München, München … Das Kaff in der Oberpfalz, wo sie letzthin die Brauerei eröffnen wollten? Für den Baugrund wollte der Investor …“

„Nein, das andere.“

„Dann ist es doch das mit der Asamkirche neben dem kleinen Buchladen mit lauter freundlichen hübschen Buchhändlerinnen, oder? Das haben sie mir schön eingerichtet, meine Sterblichen, das mag ich eigentlich. Gut, dann sind wir doch mal gnädig, damit wir fertig werden.“

„Liegt am Nachmittag noch was Wichtiges an?“

„Ach ja, wo du’s sagst: Der Senior meint, wir brauchen langsam das Meeting fürs Weihnachtswetter. In dem stehst du obligatorisch drin.“

„Hab ich mir fast schon gedacht. November ist halt immer schwierig mit den ganzen Toten, und dann jedesmal gleich Weihnachten hintennach.“

„Selig sind die Schifahrer, wissen wir ja.“

„Was machen wir jetzt mit dem?“

„Ach, naja … Fegefeuer bis zum nächsten Zeitalter halt, oder was meinst du?“

„Ja, dachte ich mir auch so, um den Dreh. Oder lassen wir ihn zur Sicherheit bis zum übernächsten?“

Der Hippie überlegt. „Kommt drauf an. Zu wem käme er denn? Luzifer oder Beelzebub? Satan fände ich zu streng für den, oder hat er das TTIP mitbeschlossen, volkstümliche Schlager verbreitet oder so?“

„Ach wo, nicht mal das.“

Petrus sucht schon in seinem Laptop herum: „Mephisto hätte grade eine Kapazität frei, weil heute Sokrates aufsteigt. Den Platz von dem könnte er fliegend übernehmen. Damit er nicht kalt wird, haha.“

„Ach du je — der Mephisto, der macht den doch fertig, schon allein rhetorisch. Der Bub war verheiratet, wie ich ihn einschätze?“

„Grade deswegen hab ich ja geplant: bis zum übernächsten. Mit seiner ehelichen Pflicht sieht’s nämlich mau aus.“

„Ach komm, sei nicht so, dann ist er doch gestraft genug. Das hat der doch nicht aus Bosheit gemacht. Und vielleicht hat er Germanistik studiert, vielleicht hat er nie ein Auto besessen, vielleicht hat er einen hässlichen Hintern, vielleicht war er ein Blogger und Brillenträger ist er auch — dann ist doch klar, dass sich da nichts zusammenvögelt. Das muß man alles in Betracht ziehen.“

Petrus seufzt. „Also gut. Aber ich sag dir gleich, ich nehm ihn nicht, wenn er in dreihunderttausend Jahren schon wieder dasteht und frohlocken will. Dann nimmst ihn nämlich du.“

„Kein Problem. Die bei Mephisto waren, die werden hinterher der angenehmste Umgang. Harte Schule, der Alte. Ich hüte mich, mit ihm zu brechen.“

„Ganz der Vater.“

Jesus fragt mich: „Fürs restliche Zeitalter zu Mephisto. Wärst du damit einverstanden, mein Sohn?“

„Kann ich’s ändern?“

„Wahrlich, wahrlich. Na, bei dieser Einstellung wundert mich nichts. Mir sprechen uns dann am Jüngsten Tag. Gehe hin in Frieden.“

Er segnet mich, es scheppert, und dann nehmen mich zwei krokodilsköpfige Legionäre mit rotglühenden Hellebarden in ihre Mitte.

Und wer jetzt glaubt, es wäre ein Happy End, wenn ich jetzt aufwachte und es war alles nur ein Traum, der hat weder eine Ahnung vom Aufwachen noch vom Träumen.

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Diesmal erfordert das einen Soundtrack: Kanon und Gigue in D-Dur (Canon per 3 Violini e Basso) von Johann Pachelbel, zeitlich nicht exakt einzuordnen, nur derart zur Schnulze herunterstrapaziert, dass man nach einer genießbaren Version ganz schön suchen muss. Es gibt eine.

Bilder: Joseph Sebastian Klauber & Johann Baptist Klauber: Der Heilige Korbinian segnend über der Stadt Freising, 1740–1750;
Tafelbild im Freisinger Dom St. Maria und St. Korbinian: Sanctus Corbinianus urso sarcinas imponit (Der Heilige Korbinian lädt dem Bären seine Last auf);
Holzschnitt eines unbekannten Künstlers, wohl aus einer Chronik, 1489: Maria und das Jesuskind mit dem heiligen Korbinian und dem Burgunderkönig Sigismund, beiden Heiligenpatronen der Diözese Freising. St. Korbinian ist in Begleitung des Korbiniansbären.

Ein arger Gast in Trutz und Poch

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Update zu Weistu was so schweig:

Die Freiheit regiert also jetzt die Schönheit. Die Natur gab die Schönheit des Baues, die Seele gibt die Schönheit des Spiels. Und nun wissen wir auch, was wir unter Anmuth und Grazie zu verstehen haben. Anmuth ist die Schönheit der Gestalt unter dem Einfluß der Freiheit; die Schönheit derjenigen Erscheinungen, die die Person bestimmt. Die architektonische Schönheit macht dem Urheber der Natur, Anmuth und Grazie machen ihrem Besitzer Ehre. Jene ist ein Talent, diese ein persönliches Verdienst.

Schiller: Über Anmuth und Würde, Juni 1793.

Wie sich Verdienst und Glück verketten
Das fällt den Thoren niemals ein;
Wenn sie den Stein der Weisen hätten
Der Weise mangelte dem Stein.

Goethe: Mephisto in Faust, 2. Teil, Vers 5061 ff., ab 1825.

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Tod, Stiftsbibliothek AdmontDen Unterschied zwischen von der Natur oder sonst einer übergeordneten Instanz („Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ — Faust auf die Gretchenfrage) verliehenen Gaben gegenüber persönlichen Errungenschaften merken wir uns, um eine besonders brillante Stelle im Doktor Faustus von Thomas Mann zu verstehen.

Eigentlich ist es eine selbsterklärende, weil Thomas Mann dialogweise das meiste Material dazu liefert. Wir wollen es wieder genau wissen und blättern nach, wo er den Widerspruch her hat. Falls es einer ist.

Äußerlich hat Adrian Leverkühn im 10. Kapitel seiner fiktiven Biographie soeben das Abitur bestanden und wird von seinem Schulrektor persönlich ins Leben verabschiedet. Der macht sich Sorgen um seinen scheidenden Zögling und warnt ihn schon vor dem anstehenden Teufelspakt so konkret, wie man vernünftigerweise nur werden kann. Hierbei bemüht er ein Goethewort so versteckt, dass es nur ein so belesener Abiturient wie Adrian bemerken kann. Ihm fällt sogar die entgegengesetzte Auffassung zu Schiller auf.

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Jüngstes Gericht, Stiftsbibliothek AdmontBeider Auffassungen sind durch die zwei Zitate oben belegt. Die Goethe’schen „angeborenen“ oder „natürlichen“ Verdienste (1808) sind eine Contradictio in adiecto, die absichtlich pointiert gebraucht sein kann. Wenn nicht, wäre sie allerdings der Affront gegen Schiller (1793), den Adrian darin sieht, auch wenn keine Kontroverse darüber entstanden war. Kunststück: Der Faust-Tragödie erster Theil erschien 1808, genau als Goethe mit Dichtung und Wahrheit überhaupt erst anfing, dabei war Schiller schon 1805 gestorben.

Derselbe Widerspruch aus Gottesgaben und Eigenverdiensten hat Thomas Mann noch öfter beschäftigt, vor allem in seinen Essays Goethe und Tolstoi ab 1923, Phantasie über Goethe 1948 und Goethe und die Demokratie 1949; zum Vergleich: Doktor Faustus ist von 1947, die Beschäftigung an dieser Stelle am gründlichsten. Es tut wohl zu beobachten, dass ein Großmeister, „Zauberer“ gar, wie Thomas Mann mit Wasser kocht, will hier heißen: seine Lieblingsstellen von Größeren ausschlachtet.

Das Brillanteste an Thomas Manns kurzer, für seine Romanhandlung bedeutsamer Aufarbeitung ist die Sprache des Rektors. Dessen schönste Formulierungen stammen aus dem Simplicissimus von Grimmelshausen 1668, wo nicht gar aus der Luther-Bibel 1545, besonders dem 1. Petrusbrief, und Ulrich von Hutten. Urwüchsig barockes Reformationsdeutsch, das Goethe gegen Schiller ausspielt — eine „deutschere“ Romanstelle kann es kaum geben.

——— Thomas Mann:

Doktor Faustus

Kapitel X, Bermann-Fischer, Stockholm 1947:

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Hölle, Stiftsbibliothek AdmontEr war, sage ich, sehr aufgeräumt damals, und wie denn nicht! Vom mündlichen Examen auf Grund der Reife seiner schriftlichen Arbeiten dispensiert, hatte er sich mit Dank für alle Förderung von seinen Lehrern verabschiedet, bei denen der Respekt vor der Fakultät, die er erwählt, die geheime Kränkung zurückdrängte, die seine geringschätzige Mühelosigkeit ihnen immer zugefügt hatte. Immerhin hatte der würdige Direktor der Gelehrten Schule der Brüder vom gemeinen Leben, ein Pommer namens Dr. Stoientin, der sein Professor im Griechischen, Mittelhochdeutschen und Hebräischen gewesen war, es bei der privaten Abschiedsaudienz an einem Mahnwort in dieser Richtung nicht fehlen lassen.

„Vale“, hatte er gesagt, „und Gott mit Ihnen, Leverkühn! — Der Segensspruch kommt mir vom Herzen, und ob nun Sie dieser Meinung sind oder nicht, ich fühle, daß Sie ihn brauchen können. Sie sind ein Mensch von reichen Gaben, und Sie wissen es — wie sollten Sie es nicht wissen? Sie wissen auch, daß Der dort oben, von dem alles kommt, sie Ihnen anvertraute, denn ihm wollen Sie sie ja darbringen. Sie haben recht: Natürliche Verdienste sind Verdienste Gottes um uns, nicht unsere eigenen. Sein Widerpartner ist es, durch Hochmut zu Falle gekommen er selbst, der trachtet, es uns vergessen zu lassen. Das ist ein arger Gast und brüllender Löwe, der geht und sucht, welchen er verschlinge. Sie sind von denen, die allen Grund haben, vor seinen Schlichen auf der Hut zu sein. Es ist ein Kompliment, das ich Ihnen da mache, nämlich dem, was Sie von Gottes wegen sind. Seien Sie’s in Demut, mein Freund, nicht in Trutz und Poch; und bleiben Sie eingedenk, daß Selbstgenüge dem Abfall gleichkommt und dem Undank gegen den Spender aller Gnaden!“

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Himmel, Stiftsbibliothek AdmontSo der wackere Schulmann, unter dem ich später noch an dem Gymnasium Lehrdienst versah. Adrian berichtete mir lächelnd von der Kommunikation auf einemder vielen Feld- und Waldspaziergänge, die wir in jener Osterzeit vom Hofe Buchel aus machten. Denn dort verbrachte er nach dem Abitur einige Wochen der Freiheit,und mich hatten seine guten Eltern zu seiner Gesellschaft mit eingeladen. Ich erinnere mich wohl des Gesprächs, das wir damals im Schlendern über Stoientins Mahnworte führten, besonders über die Redensart „Natürliche Verdienste“, deren er sich bei seiner Handschlagrede bedient hatte. Adrian wies nach, daß er sie von Goethe entlehnt übernommen habe, der sie gern gebraucht oder auch häufig von „angeborenen Verdiensten“ spreche, indem er durch die paradoxe Verbindung dem Wort „Verdienst“ seinen moralischen Charakter zu nehmen und, umgekehrt, das Natürlich-Angeborene zu einem außer-moralisch-aristokratischen Verdienst zu erheben suche. Darum habe er sich gegen die Forderung der Bescheidenheit gewandt, die immer von den Natürlich-Benachteiligten komme, und erklärt: „Nur die Lumpe sind bescheiden„. Direktor Stoientin aber habe das Goethe’sche Wort vielmehr im Geiste Schillers gebraucht, dem an der Freiheit alles gelegen gewesen sei, und der darum zwischen Talent und persönlichem Verienst moralisch unterschieden, Verdienst und Glück, die Goethe untrennbar verschränkt sehe, scharf voneinander getrennt habe. Das tue auch der Direktor, wenn er die Natur Gott nenne und angeborene Talente als die Verdienste Gottes um uns bezeichne, die wir in Demut zu tragen hätten.

„Die Deutschen“, sagte der neugebackene Student, einen Grashalm im Munde, „haben eine doppelgeleisige und unerlaubt kombinatorische Art des Denkens, sie wollen immer eins und das andere, sie wollen alles haben. Sie sind imstande, antithetische Denk- und Daseinsprinzipien in großen Persönlichkeiten kühn herauszustellen. Aber dann vermantschen sie sie, gebrauchen die Prägungen der einen im Sinn der andern, bringen alles durcheinander und meinen, sie können Freiheit und Vornehmheit, Idealismus und Naturkindlichkeit unter einen Hut bringen. Das geht aber wahrscheinlich nicht.“

„Sie haben es eben beides in sich“, erwiderte ich, „sonst hätten sie’s in jenen Beiden nicht herausstellen können. Ein reiches Volk.“

„Ein konfuses Volk“, beharrte er, „und für die andern verwirrend.“

Als Kuriosität ein hypothetisches Flickwerk aus den Informationen in der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe des Doktor Faustus, S. Fischer Verlag auf dem Stand von 2007: Nach allen Vorstufen und Verbesserungen in seiner Rede zu schließen, hätte Direktor Stoientin schlimmstenfalls sagen können:

Seid nüchtern und wachet, denn das ist ein arger Gast und Wendenschimpf, der mit der Leimstange geht wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er bescheiße. Der hat schon manchen, mit dem es in floribus herging, über den Tölpel geworfen und ihn am goldnen Seil der Hoffart in die Patsche gelockt.

Ist das nicht eine herrliche Pracht? Jedes Wort davon wäre zu begründen, steht aber hier nur zur Kurzweil — und keinesfalls in eurer Deutsch-Hausarbeit, liebe Kinder.

Vier letzte Dinge: Josef Stammel für die Stiftsbibliothek Admont:

Stiftsbildhauer Josef Stammel (1695–1765) hat die umfangreichen, in Lindenholz geschnitzten bildhauerischen Kunstwerke des Prunksaales geschaffen. Besonders beeindruckend sind die Vier letzten Dinge, eine Gruppe von vier überlebensgroßen Darstellungen von Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Sie sind allerdings früher als die Bibliothek entstanden und stehen im Kontrast zum aufgeklärten Konzept des Architekten.

Written by Wolf

13. November 2015 at 00:01

Weistu was so schweig

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Das moderne Bundesland Bayern, sonst in allen Dingen das erste, ist das letzte, das seine Schulferien beendet — mit der Begründung: weil die Kinder bis jetzt auf dem Feld gebraucht werden.

Sie wären keine Kinder, wenn sie die Schule nicht schwänzen wollten. Eine Tradition, seit es Schule gibt.

——— Das Volksbuch von Dr. Faust: 1. Anfanng Leben vnd Historj D: Faustj, ca. 1587:

Hannes Trapp, Old School, 2. April 2007Daneben so hat Er auch ein thummen Vnsynnigen vnd hofferttigen kopff wie man jn dann allzeit den SPeculierer genannt / jst zu der boesten gesellschafft gerathen / hat die Haylig Schrift ein weil hinder die Thur/ vnnd vnder Die Bannckh gesteckht / Das wortt Gottes nit Lieb gehalten/ sonnder hat Roch vnnd Gottloß jnn Fullerey / vnnd Vnzucht gelebt (.wie dann dise Historj hernach genuegsam zeugnus gibt.) Aber es ist ein War sprichtwort / Was zum Teuffel will / last sich nit aufhalten/

Wir wissen, wie böse Doktor Faustus endete — in allen Versionen, da war das Schuleschwänzen nur der kindliche Anfang. Allein bei Thomas Mann bleibt Fausti Schicksal nicht individuell, sondern ein Exempel für alle Deutschen. Insofern erschreckend und erstaunlich, weil Doktor Faustus im 20. Jahrhundert spielt, wo alles und jeder nach Individualität drängte. Offenbar erst nach der Katastrophe, die erst den Faust, dann mit ihm alle Deutschen und schließlich die ganze Welt erfasst.

Die neuzeitliche Fassung des Doktors Teufelsverführung entspringt bis in EInzelheiten des Wortlauts dem Volksbuch:

——— Thomas Mann: Doktor Faustus: Kapitel XXV:

Meinst du mit Wer ich bin: Wie ich heiße? Aber du hast ja all die skurrilen Necknämchen noch von der Hohen Schulen her im Gedächtnis, von deinem ersten Studium her, als du noch nicht die hl. Geschrift vor die Tür und unter die Bank gelegt hattest.

Das ist aus dem großen „Teufelsgespräch“; man bekommt schon von diesem einen Satz einen Begriff, wie verführerisch das ist.

Hört nicht hin, Kinder. Besucht euren Unterricht und schweigt fein stille, bis ihr gefragt werdet.

Bild: Hannes Trapp: Old School, 2. April 2007.

Written by Wolf

12. September 2012 at 00:01

Der Mensch ist gut: Sein Geist strebt nach der Wahrheit!

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Zur Einstimmung in einen jungen Weblog muten wir uns die 106 Minuten Faust — eine deutsche Volkssage von 1926 zu.

Für diese Zeit war das eine außerordentliche Filmdauer. Als Vergleich sind uns Heutigen amerikanische Komödien von Charlie Chaplin oder Buster Keaton geläufig, die meisten in Sketchlänge.

Friedrich Wilhelm Murnau unterschrieb schon auf seiner ersten Amerikareise einen Arbeitsvertrag mit dem Filmproduzenten William Fox. Bevor Murnau endgültig nach Kalifornien auswanderte, drehte er als letzten Film in Deutschland den Faust.

Murnaus Vermächtnis in und für Deutschland ist angefüllt mit einer Ausstattung und technischen Finessen, die in ganz erstaunlicher Weise state of the art gewesen sein müssen. Die Kulissen erreichen nur aus dramaturgischen Gründen nicht die Opulenz wie die in Fritz Langs Nibelungen (1924) oder Metropolis (1927), weil sie (ähnlich wie in seinem eigenen Nosferatu) durch eine ungefähre mittelalterliche Glaubwürdigkeit wirken müssen — dafür arbeitete Murnau mit Doppelbelichtungen. Bis vor wenigen Jahren, seit praktisch alle Großproduktionen wie eine Art animierte Excel-Tortengraphik gebaut werden („cgi-ed“), war das die Methode der Wahl, um Geisterwelten darzustellen.

Murnaus größtes Kapital für den Film war vermutlich Emil Jannings als Mephistopheles. Jannings muss zu seiner Zeit in Deutschland das gewesen sein, was heute Brad Pitt für alle und Rudolph Valentino für Amerika war. Damals durften Filmstars der Oberklasse dick und hässlich sein, und Drehbücher für Blockbuster durften in Untergang und Verderbnis enden — heute ein Privileg für Charakterchargen und Independent-Produktionen mit no budget.

Wie der volle Filmtitel sagt, orientiert sich Murnau weit mehr am originalen Volksbuch Historia von Doktor Johann Fausten – dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler von 1587 als an den durchgesetzten Bearbeitungen von Christopher „Kid“ Marlowe und — viel später — Goethe.

Wer diesen Film heute noch kennt, kann nicht weit unter 40 sein. Und dann kennt er ihn vermutlich aus der ZDF-Matinee, die einst von Gymnasiasten nach der Sendung mit der Maus geguckt wurde; in der Heavy Rotation der Fernsehwiederholungen findet er sich nicht, im Kino allenfalls in den wenigen Filmmuseen und Specials von Programmhäusern, Saal 7, der vorher der Kartoffelkeller war, gerne mit Live-Piano. Fritz Murnau und Emil Jannings bekommen die Specials, der Hauptdarsteller Gösta Ekman mit seiner beeindruckenden Wandlungsfähigkeit vom rauschebärtigen Gelehrten zum jugendlichen Liebhaber (nicht umgekehrt) ist weitgehend vergessen. Auf Chaplin- und Maus-Fans wirkt sich dieser Teil des frühen Filmschaffens enorm bildend aus.

Ich dachte jahrelang, „Wunderbar sind alle Dinge des Himmels und der Erde! Doch der Wunder Grösstes ist die Freiheit des Menschen: Zu wählen zwischen Gut und Böse!“ in Minute 2:51 sei aus dem Faust von Goethe.

Amerikanisches Filmplakat F.W. Murnau, Faust -- eine deutsche Volkssage via Cinemalane

Amerikanisches Filmplakat via Zoë Walker: The Big Parade, 19. Januar 2010.