Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for August 2013

Weekly Wanderer 0016

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Nicht recht einig werde ich mit mir, was das sein soll: Volksgut um 1960 (was es faktisch ohnehin ist), das sich unbefangen wie der Sperber der Fränkischen Alb in die Höhen der Bildung erhebt — oder ein halbbildungshuberndes Gstanzl , das sich zu foin für eine schmissige Bauerntanzmelodie ist.

Dann versöhnt mich doch wieder, dass die unorthodoxe Zusammenstellung hier einen ganz ähnlichen Effekt erzielt wie die Erzeugnisse von Robert Gernhardt und Peter Knorr, und das aus gleichen Gründen. Wahrscheinlich sogar unter Einfluss nahe verwandter legaler Drogen.

Und der Pfarrer von Roth
Ist auch schon lang tot.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Katholische Stadtpfarrkirche Roth bei Nürnberg, Hochaltar 1913, Katholische Pfarrei Roth Maria Aufnahme in den Himmel

Bild: Katholische Stadtpfarrkirche Roth bei Nürnberg: Neugotischer Hochaltar, errichtet 1913.

Written by Wolf

31. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Klassik

Eine aufbrechende Knospe des ältesten Baumes als eine einjährige Pflanze

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Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt, das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie, besteht heute ein Jahr. Nicht schlecht für einen Weblog, der alles unternimmt, jegliche Leser fernzuhalten.

Bislang blicken wir auf 97 Beiträge. Meinen Ehrgeiz hätte ich demnach darein setzen können, das Hundert vollzumachen — aber wozu Ehrgeiz in einer Präsenz, die weit offensichtlicher und tiefer eingewurzelt als vergleichbare Präsenzen vom Scheitern handelt?

Klassik Stiftung Weimar, Collage unter Verwendung einer Fotografie von Jens Hauspurg, 2013Wäre es im besonderen Fall von Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt nicht noch verfehlter als in allen anderen Fällen, sich eines Sieger-Wortschatzes aus „Chancen ergreifen“ und „Durchstarten“ zu bedienen, so könnte ich vom „Launch“ im letzten Jahr berichten. In Wirklichkeit (was immer das ist) habe ich einfach einen der unauffälligeren Goethegeburtstage — den 263. — abgewartet und mit einem Eichendorff-Gedicht angefangen. Sinnig erschien mir das mit dem Wolf. Mittlerweile ist klar, dass Beiträge aus dem jeweils letzten Monat auf praktisch keinen Leser mehr treffen.

Auftrag und Wesen des Habe-nun-Achs war und bleibt, sich über dergleichen nicht zu beschweren. Vielmehr gilt es sich damit abzufinden. Es gibt nichts darüber zu jammern, dass unsere vorliegende Welt nur die beste aller möglichen darstellt; darin liegt ihr Auftrag und Wesen. Geduldiges Hinnehmen ist das, was statt Glück möglich ist.

Sollen wir einen Ausblick auf das folgende Jahr wagen, unerachtet Aussagen über die Zukunft eine Vermessenheit sind, die unter Umständen bis in alle Ewigkeit geahndet werden kann? — Ja, wir dürfen, weil wir gerade so lustig feiern: Es soll mehr Faust geben, mehr Weheklag, mehr Höllenfahrt, mehr Romantik in ihrer schwarzen Ausprägung, mehr Hausaufgabenhilfe für eher naturwissenschaftlich oder körperlich orientierte Gymnasiasten, mehr Bilder von leicht geschürzten Frauenspersonen und nicht zuletzt mehr Eigenarbeiten von mir statt der ewigen, nach Möglichkeit zuverlässigsten, wenigstens nachweisbaren Zitate, die das Internet hergibt. Die internen Richtlinien musste ich nie ändern. Weitere, gern diametral anderslautende Wünsche nehme ich willig entgegen, aber erstens: Von wem denn schon, und zweitens: Wundern Sie sich nachher nicht. — Schön, dass Sie da sind.

——— Goethe: 17. Linnés Theorie von der Antizipation,
in: Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, 1790:

110. Wir sind dagegen zuerst dem Wachstum der einjährigen Pflanze gefolgt; nun läßt sich die Anwendung auf die daurenden Gewächse leicht machen, da eine aufbrechende Knospe des ältesten Baumes als eine einjährige Pflanze anzusehen ist, ob sie sich gleich aus einem schon lange bestehenden Stamme entwickelt und selbst eine längere Dauer haben kann.

In diesem Sinne: Viel Spaß weiterhin.

Luis Ricardo Falero, La Vision de Faust, 1878

Bilder: Klassik Stiftung Weimar: Collage unter Verwendung einer Fotografie von Jens Hauspurg, 2013;
Luis Ricardo Falero: La Vision de Faust, 1878.

Written by Wolf

28. August 2013 at 00:01

Weekly Wanderer 0015

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Mit dieser Folge nähern wir uns der Entstehung von unserem Lieblingsgedicht seit Wochen, wohin niemand zuverlässiger führen kann denn die Neue Frankfurter Schule. Nähern, sagte ich. Nicht ankommen bei.

——— Robert Gernhardt: Goethe und die Schlegel-Brüder II
aus: Welt im Spiegel, 1965:

„Wanderers Nachtlied“, wohl das schönste und schwebendste Gedicht Goethes, entstand bekanntlich in einer Jagdhütte auf dem Kickelhahn bei Weimar. Weniger bekannt sind die näheren Umstände. Goethe hatte gerade das „Über allen Gipfeln ist Ruh'“ auf die Wand der Hütte geschrieben, als er ein lautes „Juvivallera“ hörte. Er shaute hinaus und sag die Gebrüder Schlegel, die wieder einmal eins über den Durst getrunken hatten.

Über allen Wipfeln spürst du
kaum einen Hauch“
,

dichtete er unbeirrt weiter. „Huhuuu“, erscholl es von draußen.

„Die Vöglein schweigen im Walde …“

„Tirili“, schrien die Schlegels.

„Warte nur, balde
ruhest du auch“
,

schloß der Dichterfürst mit lauter Stimme sein Gedicht.

„Das ist noch nicht raus“, erscholl es als Antwort, doch nach einigem Randalieren trollte sich das Brüderpaar.

Unerfindlich bleibt es jedoch, wie sie später behaupten konnten, sie hätten wesentlichen Anteil an der Entstehung des Gedichts gehabt. Das Gegenteil ist wahr. Es ist trotz ihres Wirkens entstanden.

Baumeister Biber hat hier schon etliche Bäume gekappt. Wir schützen Baum und Biber. Nürnberg, Wöhrder Wiesen, Insel Schütt, März 2011

Bild: Nürnberg, Wöhrder Wiesen hinter der Insel Schütt, März 2011. Danke fürs Mitlachen, Andrea!

Written by Wolf

24. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0014

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Gerhard Richter, Betty, 1988, Saint Louis Art Museum, Saint Louis, USADergleichen konnte ich als Kind gut, weil für mein von Anfang an verschrobenes Hirn Texte und Bilder nie etwas kategorial Unterschiedliches waren; deswegen übrigens sieht unser Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie aus wie ein therapeutischer Motivationsweblog für Legastheniker, die sich Wörter als Buchstabenbilder vorstellen sollen.

Aufgegeben habe ich es, als ich feststellte, dass es im Vortrag nichts nützt, Buchstaben wortweise rückwärts herzusagen, weil der natürliche Effekt phonetisch funktioniert, und vor allem dass andere Leute das mit vollständigen Sätzen draufhaben, die ich mir nie so weit im Voraus zurechtformulieren konnte. Ein Wort wie „Nielegöv“ ist allerdings eine Entdeckung, die das Sprachexperiment lohnt, tim Bualrev.

——— Brigitte Schulze: Rückwärts A
aus: Wipfelruh, Pa-Ra-Bü 17, 1979:

Rebü nella Nlefpig
tsi Hur,
ni nella Nlefpiw
tserüps ud
muak nenie Hcuah.
Eid Nielegöv negiewhcs mi Edlaw.
Etraw run: edlab
tsehur ud hcua.

Rückwärtsbild: Gerhard Richter: Betty, 1988, Saint Louis Art Museum, Saint Louis, USA. Das kann ich übrigens auch besonders gut: So sehen so ziemlich alle meine Fotos von Frauen aus. Wollen Sie eins, billiger als von Gerhard Richter?

Written by Wolf

17. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0013

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Folge 13:

——— Carl Barks/Dr. Erika Fuchs: Ruhelos, i.e.: Quietly Floats The Don, in: Micky Maus, Heft 35, 1986, Seite 4:

Carl Barks, Dr. Erika Fuchs, Donald Duck in Ruhelos, Micky Maus 35, 1986

{Endlich äußere Stille und innere Harmonie ..}

„Über allen Wipfeln ist Ruh‘, du spürst irgendwo einen Hauch …“ oder so ähnlich. Tja, der verstorbene Goethe! Der verstand zu genießen.

Bild: via Dr. Erika Fuchs Stiftung, Schwarzenbach an der Saale.

Written by Wolf

10. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Es ist

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Es ist der Schnaps,
es sind die Mädchen,
es sind die Bücher, ist das Meer,
die dich begreifen machen, einer hab’s
viel besser als du selbst begriffen.
Es ist der Wind auf Segelschiffen,
es ist ein Münchner Tabaklädchen,
das Gras. Der Ginster (ja! Warum denn nicht der?).

Es ist der Alk,
es sind die Frauen,
oft sind es Kerle, dann wieder ein Kind,
die dir das Herz in Muschelkalk
bergen, verschließen, dann öffnen und heben.
Es sind meistens die ärmsten Gewächse im Leben,
die dich lehren, die Schönheit zu schauen,
und was wir für Schurken und Heilige sind.

Es ist alles nicht wahr:
Es sind nie Gegenstände.
Es bist nur du selber und manchmal dein Schatz,
der dich versteht. Und dann kommt einmal ein Jahr,
in dem wird ein Mensch so still hundertdreißig,
dass keiner es merkt — doch der, soviel weiß ich,
solchen Krauskopfkram einwandfrei logisch fände.
Alles Gute, Ringelnatz.

Familienfoto Joachim Ringelnatz 1897

Bild: ringelnatz.net: Unbekanntes Ringelnatz-Foto entdeckt, 1897/5. Oktober 2012 (?):

Historikerglück: Dieses (vermutlich) bislang unbekannte Jugendfoto von Joachim Ringelnatz (bürgerlich: Hans Bötticher) habe ich in der Fotothek des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig entdeckt! Es zeigt Ringelnatz (2. v. r.) im Sommer 1897 im Kreise seiner Familie im “Bötticher’schen Garten”. Er befand sich in der Poniatowskistr. 12, heute Gottschedstraße.

Die Sensation ist irgendwie ausgeblieben.

Written by Wolf

7. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Weisheit & Sophisterei, ~ Weheklag ~

Du aber bist beim Amtsgericht

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Newsflash: Wegen Inkrafttreten des neuen Leistungsschutzgesetzes am 1. August 2013, bekannter Praktiken des Lappan Verlags und der Preisentwicklung fürs Zitieren steht der Beitrag über Heinz Erhardt ab sofort nur noch für mich selbst aufrufbar auf Privat.

Ich selbst habe für die Zitatvorlage bezahlt, eine Weitergabe findet nicht statt. Einen Link zu legalen Zitatquellen werde ich aus gleichen Gründen ebenfalls nicht setzen.

Obwohl ich nicht verstehe, warum Lappan ein Presseverlag sein soll, was allerdings mein persönliches Problem ist, werde ich ebensowenig empfehlen, nach Texten von Heinz Erhardt, für die der Lappan Verlag offenbar die Kosten wieder reinbringen muss, über digitale Suchmaschinen zu suchen, und warne vielmehr davor, derart brandgefährliche Materialien auswendig zu lernen.

Written by Wolf

6. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, ~ Weheklag ~