Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Ach! wie ists erhebend sich zu freuen

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Update zu Denkst du denn nicht an den Loup Garou?:

Diese Woche hab ich mir endlich die Insel-Gesamtausgabe von der Droste angeschafft, meine ersten nicht-antiquarischen Bücher seit ungefähr einem Jahrzehnt. Erstens weil die textgleich mit der in der Bibliothek Deutscher Klassiker ist, also Gott, und man mit den zwei handlichen Bänden etwas Neues auf den Weg der fata setzt, den alle libelli habent, wenn dermaleinst der Urenkel nichts mehr von dergleichen wissen will. Das kostet keinen Fünfziger, also ungefähr ein Viertel vom Original beim Deutschen Klassiker Verlag, und ist immer noch Dünndruck, insgesamt ziemlich genau 2000 Seiten in Leineneinband plus durchsichtigem Plastik im bombig festen Schuber. Goldene Lesebändchen, geliebte Freunde.

See-Worthy, technicolor pin-up print, 1955Zweitens weil das alles Ausreden sind, ich am Sonntag in Meersburg (das am Bodensee, nicht das Merseburg mit den Zaubersprüchen) einbestellt bin, um den 70. Geburtstag meiner Mutter — lange soll sie leben — nachzufeiern, und wenn ich da schon mal hin muss, schlecht wieder gehen kann, ohne mich durchs Fürstenhäusle der Freifrau von Droste zu Hülshoff führen zu lassen, wie selbst meine Herren Eltern — lange sollen sie leben — einsehen werden. Irgendwie muss der Tag ja rumgehen, und warum soll man sich um den Preis für eine Zugfahrt sinnlos um seine erreichten vs. seine, sagen wir: erst noch zu erreichenden Lebensziele herumstreiten, wenn man buchstäblich das Zeug für eine literarische Touristenführung mitbringt — frisch über den örtlichen Buchhandel erworben — gegen die nicht mal Eltern was haben können? — Und warum es so kommen würde? Lange Geschichte.

Die historisch-kritische Gesamtausgabe der Briefe, herausgegeben von Winfried Woesler, wenn ich schon drüber bin, ist das feine dicke dtv-Taschenbuch, nach dem sich das gar nicht genug zu lobende Unternehmen Annette von Droste-Hülshoff in Briefen richtet, aber leider im Buchhandel vergriffen, weswegen ich die hoffentlich gerade noch rechtzeitig im Briefkasten hab, bevor ich mich nach Meersburg aufmachen muss.

Im Fall der Briefausgabe könnte es eventuell dem Frieden dienen, wenn ich sie nicht mitnehmen kann, weil ich den Fremdenführer unfehlbar fragen werde, warum überall, wo es um Tourismus geht, verbreitet wird, die Droste hätte sich ihr schmuckes Fürstenhäusle von 400 Talern Honorarvorschuss für Die Judenbuche gekauft, und überall, wo es um Literaturgeschichte geht, „im Vorgriff auf das in Aussicht gestellte Honorar für 400 Taler“ für ihre zweite Gedichtsammlung. Es ist aber schon wurscht, weil auch in der Insel-Ausgabe, übrigens herausgegeben von Bodo Plachta und genau demselben Winfried Woesler, die ich schon hab und mitzuführen gedenke, das mit der Gedichtsammlung drinsteht, Anmerkungsteil Seite 699. Man will ja nicht klugscheißen, und ob es gedeihlicher ist, sich mit seinen Eltern herumzustreiten oder mit einem Fremdenführer, der am Ende noch befugt ist, einen höflich aus seiner Fremdenführung zu entfernen, will ich gar nicht wissen.

Exclusively Yours, technicolor pin-up print of Diane Webber, 1950sWeiter mit Inhalt. Warum die einzige anständige Briefausgabe der Droste eine einzige Besprechung auf Amazon.de hat (5 Sterne) und Der Schwarm von Frank Schätzing deren 1321, weiß ich auch nicht, aber es beschleunigt die Meinungsbildung ungemein. Es rezensiert der evangelische Pfarrer in Kreis Soest, Christoph Fleischer:

Gerade diese vollständige Briefausgabe ist von unschätzbarem Wert. Wie eine große Muschel enthält sie eine Perle, das Gedicht „Unruhe“, das die fast noch jugendliche Annette von Droste-Hülshoff ihrem Förderer Prof. Sprickmann nach Breslau hinterher schreibt. Das sollen zwei Zitate zeigen:
Rastlos treibts mich um im engen Leben
Und zu Boden drücken Raum und Zeit
Freyheit heißt der Seele banges Streben
Und im Busen tönts Unendlichkeit.
Während dieser Vers noch vom Freiheitsgedanken z. B. eines Friedrich Schiller kündet, zeigt der nächste eine anfänglich feministische Spur:
Fesseln will man uns am eignen Heerde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum.
Die Briefe sind eine gute Ergänzung zur Lektüre einer Biografie wie z. B. die der Barbara Beuys. In kurzen biografischen Skizzen werden die Briefempfänger im Anhang porträtiert, und alle in den Texten genannten Personen werden im Stichwortverzeichnis aufgeführt.

Water Nymphs by John Bradshaw Crandell, 1938Überhaupt ist der Vorteil der Briefausgabe — die ich, lieber Medimops, jeden Moment erwarte — in ihrer Eigenschaft als historisch-kritische, dass sie die Briefe in der originalen Rechtschreibung mit allen -th- und -ey- belässt. Der erwähnte Professor Anton Matthias Sprickmann war offenbar zwischen 1812 und 1819 der Droste literarischer Mentor und bringt mich auf einen zu Recht verborgenen Schatz des Internets: ihre Kurzbiographie, möglicherweise für Schulzwecke. Der umgebende Brief an Sprickmann stammt von Ende Februar 1816, das Gedicht mithin vom Januar oder Februar 1816, als die „fast jugendliche“ Droste 19 war. In der Gesamtausgabe steht es deshalb unter den Gedichten aus dem Nachlass. Briefauszug:

Ich schicke ihnen hierbey ein kleines Gedicht was ich vor einigen Wochen verfertigt habe, nehmen sie es gütig auf, es mahlt den damaligen, und eigentlich auch den jetzigen Zustand meiner Seele vollkommen, obschon diese fast fieberhafte Unruhe, mit Verschwinden meines Uebelbefindens einigermaßen sich gelegt hat.

Erst am 2. April 1817, nach über einem Jahr, kommt Sprickmann darauf zurück:

Ueber die „Unruhe„, mit der Sie mir ein so theures Geschenk gemacht haben, kann ich Ihnen in diesem Augenblick nichts sagen, weil sie schon unter meinen übrigen Heiligthümern tief im Koffer liegt. Aber das kann ich Ihnen doch von dem Eindruck, den auch dieses Gedicht von Ihnen auf mich gemacht hat, sagen, daß ich es dem Besten, was ich von Ihnen kenne, gleich setze.

Kurz: Eigentlich scheint es zu gut, um im Nachlass zu schlummern — so wie sich überhaupt nach einer Woche mit der Gesamtausgabe abzeichnet, dass die Sachen von der Droste, die zu ihren Lebzeiten kein Publikum erlebt haben, so wie eben der Nachlass und die Briefe, viel mehr Spaß machen als ihre Veröffentlichungen. Darum jetzt endlich weiter mit dem richtigen Inhalt: dem Gedicht selbst, mit aller fieberhaften Unruhe, Sehnsucht und Seemannsromantik, in seinem freiheitskämpferischen und protofeministischen Kontext und original belassener Rechtschreibung.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Unruhe

Januar/Februar 1816,
Erstdruck in Hermann Hüffer: Annette von Droste-Hülshoff, in: Deutsche Rundschau 7,
Februar/März 1881, Band 26, Heft 5 und 6, Seite 208–228, 421–446,
Gedichttext Seite 217:

Duane Bryers: HildaLaß uns hier ein wenig ruhn am Strande
FOIBOS Stralen spielen auf dem Meere
Siehst du dort der Wimpel weiße Heere
Reisge Schiffe ziehn zum fernen Lande

Ach! wie ists erhebend sich zu freuen
An des Ozeans Unendlichkeit
Kein Gedanke mehr an Maaß und Räume
Ist, ein Ziel, gesteckt für unsre Träume
Ihn zu wähnen dürfen wir nicht scheuen
Unermeßlich wie die Ewigkeit.

Wer hat ergründet
Des Meeres Gränzen
Wie fern die schäumende Woge es treibt
Wer seine Tiefe
Wenn muthlos kehret
Des Senkbley’s Schwere
Im wilden Meere
Des Ankers Rettung vergeblich bleibt.

Möchtest du nicht mit den wagenden Seglern
Kreisen auf dem unendlichen Plan?
O! ich möchte wie ein Vogel fliehen
Mit den hellen Wimpeln möcht ich ziehen
Weit, o weit wo noch kein Fußtritt schallte
Keines Menschen Stimme wiederhallte
Noch kein Schiff durchschnitt die flüchtge Bahn

Und noch weiter, endlos ewig neu
Mich durch fremde Schöpfungen, voll Lust
Hinzuschwingen fessellos und frey,
O! das pocht das glüht in meiner Brust
Rastlos treibts mich um im engen Leben
Und zu Boden drücken Raum und Zeit
Freyheit heißt der Seele banges Streben
Und im Busen tönts Unendlichkeit!

Stille, stille, mein thörichtes Herz
Willst du denn ewig vergebens dich sehnen?
Mit der Unmöglichkeit hadernde Trähnen
Ewig vergießen in fruchtlosem Schmerz?

So manche Lust kann ja die Erde geben
So liebe Freuden jeder Augenblick
Dort stille Herz dein glühendheißes Beben
Es giebt des Holden ja so viel im Leben
So süße Lust und, ach! so seltnes Glück!

Denn selten nur genießt der Mensch die Freuden
Die ihn umblühn sie schwinden ungefühlt
Sey ruhig, Herz, und lerne dich bescheiden
Giebt FOIBOS heller Strahl dir keine Freuden
Der freundlich schimmernd auf der Welle spielt?

Laß uns heim vom feuchten Strande kehren
Hier zu weilen, Freund, es thut nicht wohl,
Meine Träume drücken schwer mich nieder
Aus der Ferne klingts wie Heymathslieder
Und die alte Unruh‘ kehret wieder
Laß uns heim vom feuchten Strande kehren
Wandrer auf den Wogen, fahret wohl!

Fesseln will man uns am eignen Heerde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

Natürlich freu ich mich auf Meersburg und meine Eltern, jedenfalls werde ich ihnen nichts anderes erzählen. Damit bin ich noch am besten beraten, weil mein Vater nächsthin 80 wird. „Ach! wie ists erhebend sich zu freuen“.

Paul Albert Laurens: Catching Waves

Bilder, weil die Droste-Portraits schon recht verbreitet sind:
Sea-Worthy!, technicolor pin-up print, 1955;
Exclusively Yours, technicolor pin-up print of Diane Webber, 1950s;
John Bradshaw Crandell: Water Nymphs, 1938;
Duane Bryers: Hilda,
Paul Albert Laurens: Catching Waves,
via Grapefruit Moon Gallery.

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Written by Wolf

1. September 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

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