Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wenn andere bluten

with 6 comments

Update zu Mephisto ist ein mieser Verräter:

Faust.
Auch was geschriebnes forderst du Pedant?
Hast du noch keinen Mann, nicht Mannes-Wort gekannt?
Ist’s nicht genug, daß mein gesprochnes Wort
Auf ewig soll mit meinen Tagen schalten?
Ras’t nicht die Welt in allen Strömen fort,
Und mich soll ein Versprechen halten?
Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt,
Wer mag sich gern davon befreyen?
Beglückt, wer Treue rein im Busen trägt,
Kein Opfer wird ihn je gereuen!
Allein ein Pergament, beschrieben und beprägt,
Ist ein Gespenst vor dem sich alle scheuen.
Das Wort erstirbt schon in der Feder,
Die Herrschaft führen Wachs und Leder.
Was willst du böser Geist von mir?
Erz, Marmor, Pergament, Papier?
Soll ich mit Griffel, Meißel, Feder schreiben?
Ich gebe jede Wahl dir frey.

Mephistopheles.
Wie magst du deine Rednerey
Nur gleich so hitzig übertreiben?
Ist doch ein jedes Blättchen gut.
Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.

Faust.
Wenn dieß dir völlig G’nüge thut,
So mag es bey der Fratze bleiben.

Mephistopheles.
Blut ist ein ganz besondrer Saft.

Faust.
Nur keine Furcht, daß ich dieß Bündniß breche!
Das Streben meiner ganzen Kraft
Ist g’rade das was ich verspreche.

Studirzimmer.

Meine erste Ausweisnummer in der Stadtbibliothek meiner Kindheit, derjenigen in – voller Ortsname –: Röthenbach an der Pegnitz, war 3316.

Das hat sich über die Jahrzehnte hinweg leicht gemerkt, weil man fern des EDV-Zeitalters seine Ausweisnummer jedesmal mit einem angeketten Kugelschreiber auf die Karte hinten in den Büchern, die noch nicht „Medien“ hießen, eintragen musste. Und wie der leitende Bibliothekar einzuschätzen ist (jawoll, der macht den Job bis heute!), war er der letzte in Bayern, der seinen Laden auf Computer umgestellt hat. Dabei konnte ich mich bei meinem Ausleihvolumen noch glücklich schätzen, so zeitig beigetreten zu sein, dass meine Nummer nur vierstellig war.

Den Faust musste ich dort nie entleihen, weil mir die bei meinen Eltern herumgilbende unkommentierte Ausgabe genügte, die fast so schön gereimt war wie Wilhelm Busch. Dennoch hat sich mir bis heute die Zahl 3316 mit allem verbunden, „was man gelesen haben muss“ — unter anderem mit jener „einzige[n] Phiole! Die ich mit Andacht nun herunterhole“, und in der Faust einen „Saft“ sucht, mit dem er sich zu entleiben gedenkt. Wie man sich erinnert, scheitert das Vorhaben am ostersonntäglichen Sonnenaufgang — aber dass „Saft“ an späterer Stelle außer für Gift auch noch für Blut steht, fand schon der 14-jährige Welpe, damals durchaus vertraut mit Gedanken an die eigene Endlichkeit, Saft und Herunterholen, dramaturgisch etwas gewagt.

Sehr viel später trat das Internet in mein Leben. Alsbald wurde klar, dass es seine Kernkompetenzen in genau dieser erwähnten Gedankenwelt fand. Von den herkömmlichen Formen der Pornographie war ich schon mit 14 teils über- und teils unterfordert, erst im Internet schloss ich Beautiful Agony aus einer Art soziologischem Interesse spontan ins Herz.

Aus solchen gedanklichen Verbindungen, die alle Ebenen des menschlichen Erlebens gleichermaßen einbeziehen, hab ich lange auf Beatiful-Agony-Artist Nummer 3316 gewartet. Und siehe: Sie spricht von Blut.

3316 auf Beautiful Agony

——— Artist 3316 auf Beautiful Agony:

„I always thought blood was really, really attractive and sexy. I like it when other people bleed, and I like it when I bleed. I think I’m one the only person I know that actually likes being on her period!“

In eigener Übersetzung:

„Ich finde Blut schon immer wirklich und ehrlich attraktiv und sexy. Ich mag es, wenn andere bluten, und ich mag, wenn ich selbst blute. Jedenfalls bin ich die einzige, die ich kenne, die richtig gern ihre Periode hat!“

Die junge Dame, wie die meisten Beatiful-Agony-Artists vermutlich aus Amerika, breitet hier in der ihre Vorstellung vertiefenden Befragung, die im Projekt Beautiful Agony confession heißt, also etwas betont Persönliches, gar ein Geheimnis sein soll, ihre erotische Vorliebe aus, die bei einer so aufgeschlossenen Frau ihre besonders ausgeprägte Weiblichkeit und ihre Affinität zu urwüchsigen, gar hexenhaften und genderpolitischen Belangen ausdrückt.

Das Blut dagegen, mit dem Faust den endgültigen Vertrag unterschreibt, aus dem ihn in der Tragödie zweitem Theil kein allzu erwartbarer Sonnenaufgang mehr retten kann, hat als Mittel zur Unterschrift eine ehrwürdige Tradition, die Goethe dem Artikel Unterschrifft im nicht viel weniger ehrwürdigen 68-bändigen Universallexikon von Johann Heinrich Zedler entnehmen konnte:

——— Johann Heinrich Zedler:

Grosses vollständiges Universal Lexicon aller Wissenschafften und Künste : Welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden ; Darinnen so wohl die Geographisch-Politische Beschreibung des Erd-Creyses, nach allen Monarchien, Käyserthümern, samt der natürlichen Abhandlung von dem Reich der Natur, Als auch eine ausführliche Historisch-Genealogische Nachricht von den berühmtesten Geschlechtern in der Welt, Ingleichen von allen Staats- Kriegs- Rechts- Policey und Haußhaltungs-Geschäfften des Adelichen und bürgerlichen Standes, Wie nicht weniger die völlige Vorstellung aller in den Kirchen-Geschichten berühmten Alt-Väter, Propheten, Apostel, Päbste, Cardinäle, Endlich auch ein vollkommener Inbegriff der allergelehrtesten Männer, berühmter Universitäten enthalten ist

64 Bände und 4 Supplement-Bände, Halle und Leipzig 1731–1754:

Nicht weniger von denen mit fremden oder eigenem Blute oder aus dem Kelch des Heil. Abendmahls in die Feder genommenen Sacrament gemachten Unterschrifften, und Dero absonderlichen Verbindung gehandelt. Denn gleichwie im alten Heydenthum die Bündnisse mit Menschen-Blute bestätiget worden ; also hat der Aberglaube auch unter den Christen sich vielfältig geäussert. Etliche haben die Bann-Brieffe wieder die Ketzer mit dem Blute CHristi aus dem gesegneten Kelche, ihrer Meynung nach, geschrieben ; andere in Gebet-Büchern sich CHristo Mit ihrem eigenen Blute verschrieben. Gar viele Exempel hat man auch, da der Satan melancholische oder gottlosse Leute beredet, ihre Handschrifften von ihrem eigenen Blute zu geben. Endlich so pflegen auch Verliebte einander die Liebe und künfftige Ehe mit dergleichen zu versichern. Von welchen allen auch Herr D. Georg Heinrich Götze in seiner Eccloga Historico Theologica de Subscriptionibus sanguine humano firmatis, Lübeck und Leipzig 1724 in 4 seine Gedancken mittheilet.

Erwähnten Dr. Götzes Gedanken über Verliebte in seiner Eccloga Historico Theologica sind nicht so leicht erreichbar überliefert – was heute bedeutet: sie stehen nicht online –, aber gewiss auf Exodus 24,6–8 gestützt:

VND Mose nam die helffte des Bluts / vnd thets in ein becken / Die an der helfft sprenget er auff den Altar. Vnd nam das buch des Bunds / vnd las es fur den ohren des volcks / Vnd da sie sprachen / Alles was der HERR gesagt hat / wollen wir thun vnd gehorchen / Da nam Mose das Blut vnd sprenget das Volck damit / vnd sprach / Sehet / Das ist blut des Bunds / den der HERR mit euch macht / vber allen diesen worten.

Allein diese alttestamentarische Stelle begründet weder – nach Zedler – die eheliche noch – nach Beautiful Agony – die körperliche Eigenliebe, wohl aber als älteste und maßgeblichste Autorität die kultische Verwendung von Blut, die Identität stiften und einen Vertrag besiegeln kann. Und Goethe hatte nachweislich Einblick in Zedlers Universallexikon und in die Bibel (in Beautiful Agony, das er missbilligt hätte, nicht).

Wenn sie das in der Stadtbücherei geahnt hätten, sie hätten den Faust samt der Bibel diskret, aber mit ihrem Stempelkissen in der Farbe arteriellen Blutes „Ab 18!“ ausgewiesen und es besonders bei der Ausweisnummer 3316 auch so gemeint.

3316 auf Beautiful Agony

Bilder: Beautiful Agony, Frühjahr 2015;
Soundtrack: Type O Negative: Wolf Moon, aus October Rust, 1996,
mit speziellem Dank an Hannah.

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Written by Wolf

11. September 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

6 Antworten

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  1. ALTER! DU KANNST HIER DOCH NICHT BLUTENGEL HINTUN! BLUTENGEL!!! DIE NEMESIS EINES JEDEN GOTHS MIT EINEM REST SELBSTACHTUNG!!!
    (Bitte entschuldige meinen Ausbruch.)
    CHRIS POHL! WENN ICH DEN SCHON SEHE UND HÖREN MUSS; WIE DER MIT SEINEM WEIBERELEKTRO DIE LANDSCHAFT VERSCHANDELT!

    Hannah

    11. September 2015 at 12:14

    • Schön zu beobachten, wie hier in letzter Zeit kontrovers diskutiert wird :o)

      Über dieses Blut-Humba-Tätera wusste ich nix, aber ich höre auf konstruktive Vorschläge zu einem alternativen Soundtrack. Mach ich!

      Wolf

      11. September 2015 at 12:20

      • Again: Wolf Moon von Type O ist der Klassiker über neopagane Mentruationsmythologie. Und von einem meiner Lieblingsalben. Fällt jetzt natürlich eher in Kategorie Gothic Rock statt Disko-Electroscheiß (oder was auch immer Blutengel für ein Genre darstellt). Wenn du was mit mehr Synthesizer möchtest, gehe ich gerne nochmal meine Musiksammlung durch. :D

        Hannah

        11. September 2015 at 12:28

        • Juhu, solche Leser brauch ich. You had me at „Wolf“ already :o)

          Puh, ich wusste ja nicht, dass es eine neopagane Mentruationsmythologie gibt. Geschweige, dass sie Klassiker hat. Sapere aude.

          Wolf

          11. September 2015 at 12:36

          • Oh, das ist viel schöner jetzt. :) Mann, ich muss den Song wieder mal öfter hören!

            Hannah

            11. September 2015 at 13:24

            • Meiomei, da wälzt man zwei ausgewachsene Arbeitstage lang Lexika, die es eigentlich gar nicht mehr gibt, und setzt sie in originaler Rechtschreibung in Beziehung zu den relevanten Neuzeitlichkeiten, zu denen man eigentlich keinen Zugang hat, und die Leute rasten noch ruhen nicht, bis das Nachspannliedchen sitzt .ò)

              Wolf

              12. September 2015 at 09:51


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