Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Unheilige Nacht: Liaber boarisch sterbm ois kaiserlich verderbm

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Update zu Peregrini Bavarici:

Gerci Beck, Schmied von Kochel, 1. März 2010

Über die Sendlinger Mordweihnacht von 1705 merken wir uns sinnvollerweise:

  1. Sie beendete zusammen mit der Schlacht von Aidenbach am 8. Januar 1706
  2. die Bayerische Volkserhebung, vulgo Oberländer Bauernaufstand,
  3. innerhalb des Spanischen Erbfolgekrieges 1701–1714
  4. mit dem Kurfürstentum Bayern auf der Seite von Frankreich;
  5. Sendling war noch kein dreiteiliger Münchner Stadtteil, sondern selbstständiges Dorf;
  6. der ungleiche Kampf bayerischer Bauern und Handwerker gegen die österreichische Kavallerie ergab
  7. etwa 10.000 sinnlose Todesopfer;
  8. bayerischer Herrscher war der Wittelsbacher Kurfürst Maximilian II. Emanuel, vulgo „Max Emanuel“ oder „Max Zwo“,
  9. gegnerischer Kaiser der Habsburger Joseph I.;
  10. im groben ging es um Widerstand gegen das unterdrückerische Besatzungsregime des deutschen Reiches,
  11. der aktuelle Bezug ist die Notwendigkeit, sich einerseits gegen Faschismus,
  12. andererseits gegen Hochverrat zu wehren;
  13. legendenträchtiger Volksheld der Herzoglich-Bayerischen war der der Schmied von Kochel, den es
  14. höchstwahrscheinlich nicht gab und
  15. dessen ungeachtet seiner Virtualität bis ins 21. Jahrhundert ungebrochen mit Hilfe von Denkmälern, Freilichttheaterstücken und sonstiger Folklore gedacht wird.

Anschauliche und lehrreiche Darstellungen bringen

  1. Dr. Michaela Karl: Wider der Besatzung: Lieber bayrisch sterben, als kaiserlich verderben: Der Bauernaufstand von 1705/06, Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek im Literatur-Portal Bayern;
  2. Birgit Magiera: Sendlinger Mordweihnacht als Kalenderblatt für de 24. Dezember 2013,
  3. Jan von Flocken: In der „Mordweihnacht“ starben Tausende Bayern, Die Welt, 25. Dezember 2015.

Zur besagten einschlägigen Folklore merken wir uns

  1. Karl Schillinger, Im Alten Südfriedhof in München steht dieses Denkmal an die Sendlinger Bauernschlacht von 1705, 23. September 2012den bäuerlichen Schlachtruf „Lieber bayrisch sterben als kaiserlich verderben!“;
  2. das Schmied-von-Kochel-Denkmal mit Brunnen in Sendling (Plastik: Carl Ebbinghaus, Architektur: Carl Sattler, Guß: Gießerei Noack) an der Einmündung von der Lindwurm- in die Plinganserstraße;
  3. das Schmied-von-Kochel-Denkmal in Kochel am See;
  4. die in unregelmäßigen Abständen aufgeführten Schmied-von-Kochel-Festspiele ebenda;
  5. die Münchner historische Gruppe „Schmied von Kochel“ e. V., die seit 1981 „alljährlich am Heiligabend um Mitternacht der Hunderten von niedergemetzelten Bauern“ gedenkt. Regelmäßige Treffen jeden zweiten Montag des Monats, 20 Uhr im Augustiner, Neuhauser Straße 27, 1. Stock im Vogelzimmer, Gäste willkommen.

Volkstümlich affirmative Lyrik stammt von

  1. N. N.: Trauerlied zur Gedächtnisfeyer der in der Sendlinger Schlacht gefallenen Gebirgs-Bewohner, Bayerische Landbötin. München 1831,
  2. Johann Carl Mielach: Die Sendlinger Schlacht: ein Oktoberfest-Lied, 1832;
  3. Johann Carl Mielach: Die Sendlinger-Schlacht: eine Ballade, Augsburg 1832;
  4. Sebastian Franz von Daxenberger: Die Sendlinger Schlacht am Christtage 1705: Romantisches Gedicht, München 1833.

Die hiesigen Buidln: stammen von

  1. Gerci Beck: Schmied von Kochel [der in Sendling], 1. März 2010,
  2. Karl Schillinger: Denkmal an die Sendlinger Bauernschlacht, Alter Südfriedhof München, 23. September 2012
  3. mir selber, mit besonders großem Dankeschön an Ralf samt seiner ausgeliehenen Zweitkamera Lexus NX 200, weil mein Akku wieder alle war: Sendlinger Mordweihnacht 1705, Votivtafel Kalvarienberg Lenggries, Schloss Hohenburg, 11. Februar 2014, Kapelle zum schmerzhaften Jesu am Kreuze. Das war mein erstes Wort, das ich je von einer „Sendlinger Mordweihnacht“ gehört hab, und dabei schon der zweite Kalvarienberg, den ich am selben Tag mit dem Ralf erklommen hab. Da fetzt es einen dann doch in die Fresse, wenn man so als tageswandernder Pilger auf einem Juwel der Volksfrömmigkeit lesen muss:

    Mit dieser Tafel haben sich vier unverheirathete Männer, zu dem schmerzhaften Jesu am Kreuze hieher verlobt, nehmlich Johann Schöfman, von dem untern Muerbach, Franz Propst vom Graben, Johann Hochenwiser und Georg Letner, aus der Pfarre von Lengrieß, wegen der großen Gefahr in welcher sie bey der Revolution vor München schwebten, weil sie glaubten daß es unmöglich wäre mit dem Leben mehr davon zu kommen. Aber durch Hülfe und Beystand des schmerzhaften Jesu am Kreuze, kamen sie glücklich wieder zurück. Gott dem Höchsten sey Dank gesagt, Amen.

Oder vereinfacht gesagt: Dann doch lieber nachts um zehne in die Christmette.

Wolf G., Sendlinger Mordweihnacht 1705, Votivtafel Kalvarienberg Lenggries, Schloss Hohenburg, 11. Februar 2014

Stille Nacht: Tom Waits: Silent Night, aus: SOS United, 1989:

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Written by Wolf

24. Dezember 2017 um 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

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