Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Das glänzende Gold und der weibliche Schoos

with 2 comments

Update zu Frames in Zitaten (in Frames),
Bocksgestöhn und freche Lieder,
Wenn er vom Blocksberg kehrt und
Werkstattbericht: Da kann jeder gedenken, in was Schrecken und Forcht ich gesteckt:

WEnn aber des menschen son komen wird / in seiner Herrligkeit / vnd alle heilige Engel mit jm / Denn wird er sitzen auff dem stuel seiner Herrligkeit / vnd werden fur jm alle Völcker versamlet werden / Vnd er wird sie von einander scheiden / gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet / vnd wird die Schafe zu seiner Rechten stellen / vnd die Böcke zur Lincken.

Matthäus 25, 31 bis 33.

Goethe, Walpurgisnacht, Bleistiftzeichnung 1787

Keine populäre Anthologie über den vom Olymp herabgestiegenen, einst unter den Menschen wandelnden Goethe kommt ohne „Seid reinlich bei Tage und säuisch bei Nacht, so habt ihr’s auf Erden am weitsten gebracht“ am Lektorat vorbei. Weisen wir die Stelle doch mal nach.

Sie ist aus dem Faust und doch wieder nicht: Goethe hat sie nach fröhlichem Reimen und Dichten und Denken wieder aussortiert. Nicht anders denn fröhlich kann man sich Goethes immer wieder aufgenommene und liegengelassene Arbeit am Komplex über die Walpurgisnacht im Faust vorstellen; die „säuische“ Stelle stammt aus dem bedeutendsten Outtake, nein: Paralipomenon H P50, gesichert durch Albrecht Schöne in der Faust-Edition online und gut erreichbar gedruckt in seiner Faust-Ausgabe für die Bibliothek Deutscher Klassiker. Im Zusammenhang stehen da noch viel anzüglichere Sachen drin, übrigens nicht ohne Brillanz.

Allein die posthume Begründung, Goethes „Nuditäten und Cuditäten“ — so Riemer brieflich an von Müller erst 1836, bei Schöne im Kommentarband Seite 123 — in der Satansmesse auf dem Blocksberg für die Bühne auszuschließen, wohl aber für Gesamtausgaben zugänglich zu machen, liest sich nicht erst literaturwissenschaftlich recht süffig:

Johannes Praetorius, Blockes-Berges Verrichtung, 1668Unser Publicum, das zum größern Theil aus Frauen und Mädchen, Jünglingen und Knaben besteht, und unsre Zeit die den Heiligen die Zehen abfrißt, kann freylich durch solche Aristophanismen, ie sie die Blocksbergsscene darbietet, nicht erbaut sondern nur geärgert werden. Ich bin daher ursrprünglich und sponte nicht für die Veröffentlichung diese Scene gewesen.

Aber — ebenda Seite 122 f.:

Ein so bedeutendes, von de Volksmährchen selbst aufgenommenes und noch weiter ausgesponnenes Motiv, wie die Erscheinung des Satans auf dem Blocksberg, samt dem Hexenunfug — den sogar unsere keuschesten Künstler mit unaussprechlichen (inexpressibles!) Nuditäten ausschmückten — darf schon Künslerischer Hinsicht — gleichsam als Contrapunct und Gegenstück zu der Erscheinung [des HErrn] im [Prolog im] Himmel, nicht unbenutzt bleiben und muß wenigstens angedeutet werden; freylich, da das Ohr keuscher ist als das Auge, nicht mit den Nuditäten und Cuditäten, die sich vom bildenden Künstler eher verstecken und in den Hintergrund bringen lassen; aber das Scenario, die Angabe der Personen oder Figuren, mit abgerissenen Worten müßte allerdings beybehalten werden, damit ein Kunstverständiger, Dichter oder Bildner, sehe der Poet habe ein Wesentliches seiner Fabel nicht übersehen, sondern diese Partieen nur angedeutet und nichr detaillirt.

Vermutlich daher die ganzen zartfühlend zensierten Goethe-Ausgaben. Albrecht Schöne ist mit seiner historisch-kritischen Herangehensweise frühestens auf dem Stand von 2017 und schont uns nicht. Für uns ist das etwas zum Auswendiglernen und Angeben:

——— Johann Wolfgang Goethe:

Walpurgisnacht

Paralipomenon H P50, Arbeitsmedium eigenhändig, bis auf die Paginierung unbeschriebenes Blatt, mutmaßlich 1797,
cit. nach Albrecht Schöne, Hrsg.: Frankfurter Ausgabe, abschließender Stand 2017:

Gipfel Nacht
Feuer Koloss. nächste Umgebung
Massen, Gruppen. Rede.

Albrecht Dürer, Blocksberg, 1500, 1501       Satan.
Die Böcke zur rechten,
Die Ziegen zur lincken
Die Ziegen sie riechen
Die Bocke sie stincken
Und wenn auch die Böcke
Noch stinckiger wären
So kann doch die Ziege
Des Bocks nicht entbehren.

       Chor.
Aufs Angesicht nieder
Verehret den Herrn
Er lehret die Völcker
Und lehret sie gern
Vernehmet die Worte
Er zeigt euch die Spur
Des ewigen Lebens
Der tiefsten Natur.

       Satan rechts gewendet.
Euch giebt es zwey Dinge
So herrlich und groß
Das glänzende Gold
Und der weibliche Schoos.
Das eine verschaffet
Das andre verschlingt
Drum glücklich wer beyde
Zusammen erringt.

       Eine Stimme.
Was sagte der Herr denn? –
Entfernt von dem Orte
Vernahm ich nicht deutlich
Die köstlichen Worte
Mir bleibet noch dunckel
Die herrliche Spur
Nicht seh ich das Leben
Der tiefen Natur.

Hans Baldung Grien, Gruppe dreier wildbewegter Hexen, 1514       Satan lincks gewendet.
Für euch sind zwey Dinge
Von köstlichem Glanz
Das leuchtende Gold
Und ein glänzender Schwanz
Drum wißt euch ihr Weiber
Am Gold zu ergötzen
Und mehr als das Gold
Noch die Schwänze zu schätzen.

       Chor
Aufs Angesicht nieder
Am heiligen Ort.
O glücklich wer nah steht
Und höret das Wort.

       Eine Stimme
Ich stehe von ferne
Und stutze die Ohren
Doch hab ich schon manches
Der Worte verlohren
Wer sagt mir es deutlich
Wer zeigt mir die Spur
Des ewigen Lebens
Der tiefsten Natur.

       Meph zu einem jungen Mädchen.
Was weinst du? artger kleiner Schatz
Die Thränen sind hier nicht am Plaz
Du wirst in dem Gedräng wohl gar zu arg gestoßen?

       Mädchen.
Ach nein! der Herr dort spricht so gar kurios,
Von Gold u Schwanz von Gold u Schoos,
Und alles freut sich wie es scheint!
Doch das verstehn wohl nur die Großen?

       Meph.
Nein liebes Kind nur nicht geweint.
Denn willst du wissen was der Teufel meynt,
So greife nur dem Nachbar in die Hosen.

       Satan grad aus.
Ihr Mägdlein ihr stehet
Hier grad in der Mitten
Ich seh ihr kommt alle
auf Besmen geritten
Seyd reinlich bey Tage
Und säuisch bey Nacht
So habt ihrs auf Erden
Am weitsten gebracht.

Einzelne Audienzen.
Ceremonien Meister.

Matthäus Merian der Jüngere, Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626, Nürnberger Flugblatt

Bilder: Goethe: Walpurgisnacht, Bleistiftzeichnung 1797;
Johannes Praetorius: Blockes-Berges Verrichtung, Holzschnitt, Leipzig u. a. 1668,
Abb. in Bandini: Kleines Lexikon des Aberglaubens, München 1998;
Albrecht Dürer: Rückwärts reitende Hexe auf einem Ziegenbock. Kupferstich, um 1500,
Wiedergabe in Wikimedia Commons nach der Signatur in Photoshop gespiegelt;
Hans Baldung Grien: Gruppe dreier wildbewegter Hexen, Federzeichnung, 1514:
via Thomas Arnt: Goethes Faust I und die Magie, Hexen und Teufel in der Kunst, 1996/2014;
in der Frankfurter Goethe-Ausgabe von Albrecht Schöne angeführt: Matthäus Merian der Jüngere: Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626, Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, als Flugblatt Zaubereÿ, Nürnberg 1626, Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Einblattdruck mit der Signatur A II 10.

Soundtrack: Tautumeitas: Raganu Nakts (Hexennacht), aus: Tautumeitas, 2018:

Written by Wolf

30. April 2021 um 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

2 Antworten

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  1. WOLLEN HEXEN DICH BEDIENEN
    MIT KAKAO UND APFELSINEN
    LASS SIE DOCH, ES MACHT SIE FROH
    HEXEN SIND JA GAR NICHT SO.

    gkazakou

    30. April 2021 at 11:46

    • Hexen sind vielmehr ganz andas.
      Lass mal meine dran, die kann das.

      Wolf

      30. April 2021 at 12:10


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