Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Oktober 2013

Das gotische Mahl-Stüblein

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Ein teutscheres Buch gibt’s gar nicht. Einzig schade, dass der Wechsel vom Mittel- zum Frühneuhochdeutschen dem Sprachstand von 1946 angeglichen ist; jetzt liest es sich streckenweise wie die Speisekarte einer Nürnberger Spezialitätenbude auf dem Altstadtfest. Nur dass es bei ungefähr gleich hohem Verhältnis von dokumentarischer zu unfreiwilliger Komik mehr Spaß macht.

Vergriffen wäre untertrieben, treffender ist es auf dem Weg vom Antiquarium zur Antiquität. Obwohl der materielle Wert ein Witz ist (gegenwärtig 2,38 Euro plus 3 Euro Porto und Verpackung), würde ich jeden verstehen, der mir das Stück stehlen will. Ich werde hier niemanden zu Straftaten auffordern, aber tun Sie das bitte bei jemand anders.

——— N. N.: Künstlerklagen, 1493 bis 16. Jahrhundert,
aus: Heinz Thiele (Hg.): Leben in der Gotik. Zeugnisse von den Daseinskräften eines Stiles in Texten und Bildern, gesammelt und mit Zwischentexten versehen, Published under Military Government Information Control, License No. US-E-101, Office of Military Government for Bavaria, Information Control Division US-Army, Verlag Kurt Desch München, Copyright 1946, 1. bis 8. Tausend gedruckt 1948, Abschnitt Vom Kunstwerk und vom Künstler, Seite 61 f.:

bitt gott für hannsen multscheren.

(Wurzacher Altar.)

Michel erhart pildhauer 1493 hanns holbein
maler, o mater, miserere nobis.

(Weingartner Altar.)

Mancher zur Meisterschaft sich kehrt,
Der nie das Handwerk hat gelehrt.

Kein Handwerk hat mehr seinen Wert,
Es ist mit großer Not beschwert …
Einer dem andern schafft zum Leid,
Betrügt sich selber mit der Zeit,
Keiner tut mehr, was er soll:
Man sudelt jetzt bei jedem Ding,
Nur damit der Preis gering.

Die Bilderpreise hochgetrieben,
Und die Farben schlecht gerieben,
Daß sie springen bald.
Alles schimmert ganz
In einem falschen Glanz.
Der Grund wird schlecht bereitet,
Verdammt, wer so arbeitet.
Die Welt wird so betrogen.

——— Peter Flötner, 16. Jahrhundert, ebenda:

Viel schöne Bild hab ich geschnitten
Künstlich auf welsch und deutschen Sitten,
Wiewol die Kunst jetzt nimmer gilt.
Ich künnt dann schnitzen schöne Bild
Nacket und die doch leben thäten,
Die wären veil in Mark und Städten.
So aber ich dasselb nit kann,
Muß ich ein anders fahen an
Und will mit meinen Hellenbarten
Eins großmächtigen Fürsten warten.

——— Joachim Sandrart: Teutsche Academie, 1675:

Es haben viel unserer Vorfahren, auch die meisten und berühmtesten deutschen Kunstmaler den Fehler gemacht, daß sie in allzu kleinen und überall mit Licht und Sonnenschein erfüllten Malstüblein gearbeitet haben: wodurch ihnen der Platz und die nötige Distanz fehlte, um von ihrem Modell und ihrer Tafel weit genug zurücktreten zu können, um ihre Arbeit von weitem zu besichtigen und zu beurteilen. So fehlte es ihnen an der richtigen einfallenden Lichtstärke, und die natürlichen Werte der Farben wurden beschränkt und verfälscht. Wären sie in einem anständigen Malzimmer gewesen, würden sie ihren trefflichen Werken viel mehr Leben, Kraft und Wahrheit gegeben haben.

Fachliteratur: Virginia Woolf: A Room of One’s Own, Hogarth Press, Richmond 24. Oktober 1929.

Doppelseite Heinz Thiele, Leben in der Gotik, 1946

Pilt: Die Nonne Marcia als Bildhauerin und Malerin. Holzschnitt aus: Boccaccio: Buch von den berühmten Frauen, Ulm 1475, postgotische Abfotografiertechnik aus: Thiele a.a.O.
Schönerer alternate take.

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Written by Wolf

30. Oktober 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Spätmittelalter

Nachtstück 0002

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Update zum Nachtstück 0001:

Maximilián Pirner, Die Nachtwandlerinm, 1878Neulich im Bus 62:

I drink ja nie koan Schnaps net.

Einem tautologischen Pleonasmus hat es noch nie an keiner Redundanz gefehlt.

Stück Nacht: Maxilimilián Pirner:
Die Nachtwandlerin, 1878.

Written by Wolf

26. Oktober 2013 at 12:31

Veröffentlicht in Weisheit & Sophisterei, ~ Weheklag ~

Schwarze Butter (eine reizende, ursprüngliche Landkonfitüre, um altes Zeug aus dem Kühlschrank aufzubrauchen)

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Update zu Erdäpfelgulasch und Zwetschgenzeit:

Die Romane von Jane Austen gelten seit jeher als Mädchenbücher, erstens weil es so schön übersichtlich wenige sind, zweitens weil in ihnen die Romantik in der Liebe unter zwei gegenschlechtlichen Menschen keinen Raum hat, sondern drittens auf möglichst direktem — das heißt: doch ziemlich verschlungenem — Wege in eine wirtschaftlich angemessene Ehe zu münden hat, dem viertens kein normaler Mensch folgen kann.

Obwohl das gerade das Luzideste war, was ich je über Jane Austen geschrieben und vielleicht sogar gelesen habe, sind keine Kochbücher darunter. Für die Kochrezepte des Hauses Austen muss man in den Briefwechsel hinabsteigen. Eins von bestechender Einfachheit und verlockendem Nutzen findet sich in der Abteilung Frühstück und Fünf-Uhr-Tee. Keine Angst davor, nur weil es Schwarze Butter heißt:

——— Jane Austen to Cassandra about Black Butter, Castlesquare, December 27th, 1808:

The last hour, spent in yawning and shivering in a wide circle round the fire, was dull enough, but the tray had admirable success. The widgeon and the preserved ginger were as delicious as one could wish. But as to our black butter, do not decoy anybody to Southampton by such a lure, for it is all gone. The first pot was opened when Frank and Mary were here, and proved not at all what it ought to be; it was neither solid nor entirely sweet, and on seeing it Eliza remembered that Miss Austen had said she did not think it had been boiled enough. It was made, you know, when we were absent. Such being the event of the first pot, I would not save the second, and we therefore ate it in unpretending privacy; and though not what it ought to be, part of it was very good.

Das wie niemand anders zu dergleichen berufene Jane Austen Centre erschließt uns späten Anhängern des Merry Old England eine praktikable Version:

Take 4 pounds of full ripe apples, and peel and core them. Meanwhile put into a pan 2 pints of sweet cider, and boil until it reduces by half. Put the apples, chopped small, to the cider. Cook slowly stirring frequently, until the fruit is tender, as you can crush beneath the back of a spoon. Then work the apple through a sieve, and return to the pan adding 1lb beaten (granulated) sugar and spices as following, 1 teaspoon clove well ground, 2 teaspoons cinnamon well ground, 1 saltspoon allspice well ground. Cook over low fire for about ¾ hour, stirring until mixture thickens and turns a rich brown. Pour the butter into into small clean jars, and cover with clarified butter when cold. Seal and keep for three months before using. By this time the butter will have turned almost black, and have a most delicious flavour.

In Deutschland sind solche Delikatessen der berüchtigten englischen Küche im Jane Austen Kochbuch erreichbar — selbst bei immerhin Reclam ohne Bindestriche, aber so eingehend recherchiert, kundig kommentiert, stimmungsvoll illustriert und vom Übersetzer Lutz Walther nicht einfach übertragen, sondern für einen gedeihlichen deutschen Hausgebrauch eingerichtet, dass man eigentlich gar nichts mehr nachkochen muss — was gerade bei der Ernährungsweise des kronenglischen Inselvolks ein Vorteil sein kann.

Das gute Stück, mein persönliches Kochbuch des Jahres, ist seit März 2013 schon im Juli ins Moderne Antiquariat abgewandert — wahrscheinlich weil sie sich bei Hugendubel nicht einigen konnten, ob sie es unter Klassiker oder Kochbücher einsortieren sollten: Von sowas hängt Kultur ab. Die Schwarze Butter findet sich unter Speisekammerkünste:

——— Maggie Black, Deirdre Le Faye, übs. Lutz Walther:

Schwarze Butter

(Für Kinder; eine preiswerte Konfitüre),
in: Das Jane Austen Kochbuch, Reclam, März 2013:

Maggie Black, Deirdre Le Faye, übs. Lutz Walther, Das Jane Austen Kochbuch, Reclam 2013 in Amazon.deJohannisbeeren, Stachelbeeren, Erdbeeren, oder was immer zur Hand ist, pflücken: auf je zwei Pfund Früchte nimmt man ein Pfund Zucker und koche es so lange, bis es um einiges reduziert ist.

Für die Zubereitung heute lässt sich eine Mischung aus allen oder einigen der oben genannten Obstsorten verwenden. Für je 1 kg Früchte benötigt man 450 g weißen Zucker. Alle Früchte entstielen und abspülen, schimmelige Stellen entfernen. Alles vermischen und schonend in einem Topf erhitzen, bis Flüssigkeit austritt. Den Zucker einrühren, bis er sich auflöst, und dick einkochen lassen. In kleine heiße Gläser füllen und wie Konfitüre verschließen.

Dies ist eine reizende, ursprüngliche Landkonfitüre, fast unverändert, dafür von der Weisheit Mary Norwaks geprägt. Sie sagt, sie sei ideal, um altes Zeug aus dem Kühlschrank aufzubrauchen.

Es läuft darauf hinaus, Kühlschrankreste unter fleißigem Zuckern zu Matsch zu kochen. Die Übersetzung lässt den Cider, die Gewürze, den Überzug aus Butterschmalz und die drei Monate Ruhezeit weg, einen Versuch ist alles wert — vor allem der Zimt; den Cider kriegt man wieder nur im abgelegensten Fachhandel. Das wird seinen kulinarischen Grund haben, verfehlt aber den Sinn der Resteverwertung.

Besonders Austenesque wären Stachelbeeren, die hat Miss Austen sehr gemocht und im eigenen Garten gezogen. Ich empfehle nicht mehr als drei Obstsorten: Vierfruchtmarmelade ist die minderwertige Schlonze aus dem „Super“markt; außerdem hat, wer mehr als drei Sorten vergammeln lässt, ein grundsätzlicheres Problem als ein Pfund angedätschtes Obst.

Ein Vorteil des Rezeptes ist, dass es normalen Zucker vorsieht, keinen Gelierzucker, den man hinterher für nichts anderes hernehmen kann und seinerseits rumstauben hat. Ein Vorteil der Übertragung ist, dass man in Deutschland, wenn man weiß, wo, Brot auftreiben kann. Viel Brot! Dicke Scheiben! Nicht die durschscheinbaren Läppchen, die Brotschneidemaschinen hergeben! Aber echter englischer Tee dazu ist okay. Kommt ja aus Indien.

Die Wölfin meint: „Da hat das ganze Häubchen-DVD-Geglotze endlich mal einen Wert.“

Rebecca Alejandra für Ars Antigua, The Apple Picker, 15. September 2011

Bilder: Maggie Black, Deirdre Le Faye, übs. Lutz Walther: Das Jane Austen Kochbuch, Reclam 2013;
Rebecca Alejandra für Ars Antigua: The Apple Picker, 15. September 2011.

Written by Wolf

23. Oktober 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Nahrung & Völlerei

Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. (Kartoffeln schmälzen)

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Unseins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt, ich glaub wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.

Woyzeck, 1836.

——— Wilhelm Büchner: Erinnerung an meinen Bruder Georg! Pfungstadt, Juni 1875, Nachlass:

Das blaue Aug, sein lockig Haar,
Die kühne Stirn mit dem Apollo-Bogen,
Ein schlanker, großer junger Mann,
geziert mit roter Jakobiner-Mütze,
Im Polen-Rock, schritt stolz er durch die Straßen
Der Residenz, die Augenweide seiner Freunde!

Es sind immer die Revoluzzer unter den Dichtern, über die zu den Jubiläen verbreitet wird, sie hätten uns „heute noch viel zu sagen“. Leider ist über den ganzen Feierlichkeiten zu Jean Paul, Richard Wagner und Giuseppe Verdi ein Georg-Büchner-Jahr gar nicht groß ausgerufen worden. So geht es einem Revolutionär, der hinterlässt: „Ruhm will ich davon haben, nicht Brod“: dass am Ende nur noch sein Bruder ihn mag.

——— Karl Vogt: Aus meinem Leben, Stuttgart 1896:

Offen gestanden, dieser Georg Büchner war uns nicht sympathisch. Er trug einen hohen Zylinderhut, der ihm immer tief unten im Nacken saß, machte beständig ein Gesicht wie eine Katze, wenn’s donnert, hielt sich gänzlich abseits, verkehrte nur mit einem etwas verlotterten und verlumpten Genie, August Becker, gewöhnlich nur der „rote August“ genannt. Seine Zurückgezogenheit wurde für Hochmut ausgelegt, und da er offenbar mit politischen Umtrieben zu tun hatte, ein- oder zweimal auch revolutionäre Äußerungen hate fallen lassen, so geschah es nicht selten, daß man abends, von der Kneipe kommend, vor seiner Wohnung still hielt und ihm ein ironisches Vivat brachte: „Der Erhalter des europäischen Gleichgewichtes, der Abschaffer des Sklavenhandels, Georg Büchner, er lebe hoch!“ — Er tat, als höre er das Gejohle nicht, obgleich seine Lampe brannte und zeigte, daß er zu Hause sei. In Wernekincks Privatissimum war er sehr eifrig, und seine Diskussionen mit dem Professor zeigten uns andern bald, daß er gründliche Kenntnisse besitze, welche uns Respekt einflößten. Zu einer Annäherung kam es aber nicht; sein schroffes, in sich abgeschlossenes Wesen stieß uns immer wieder ab.

Steckbrief Georg Büchner, 1835Sein Gesamtwerk, das auf 200 Seiten Reclamheftgröße passt, hat gerade erst im Sommer seine erste bahnbrechende historisch-kritische Ausgabe seit 1972 erlebt; die Theaterspielpläne bersten nicht gerade vor Neuinterpretationen seiner Dramen, drei an der Zahl; seine einzige Erzählung Lenz über dengleichnamigen Stürmer und Dränger qualifizierte ihn fürs Junge Deutschland, zu dem er partout nicht gehören wollte, solange die Kategorie Vormärz noch nicht erfunden war; seine paar Übersetzungen französischer Dramen werden in den gängigen Ausgaben aus Platz- und Relevanzgründen unterschlagen; Lyrik konnte er gar nicht; vor seinem politischen Verdienst, dem Hessischen Landboten, ist er schon zu Lebzeiten bis Straßburg und Zürich davongerannt — als klar wurde, dass eine verständnislose Bauernschaft sich für das Verteilen von 1500 Exemplaren selber an die Obrigkeit wandte, vor der sie gerettet werden sollte, und das im Deutschland der Karlsbader Beschlüsse für die Todesstrafe reichte — und forschte den Rest seines anrührend kurzen Lebens über die Schädelnerven von Rotbarben. — Von seinen Reden, „der materielle Druck, unter welchem ein großer Teil Deutschlands liege, sei eben so traurig und schimpflich, als der geistige; und es sei in seinen Augen bei weitem nicht so betrübend, daß dieser oder jener Liberale seine Gedanken nicht drucken lassen dürfe, als daß viele tausend Familien nicht im Stande wären, ihre Kartoffeln zu schmälzen u. s. w.“ (August Becker: aus Georg Büchners Verhör, posthum veröffentlicht 1. September 1837) ist er deswegen noch lange keinen hessischen Zollbreit abgerückt.

Zwischen den vorhergesehenen Gedenktagen für seinen 175. Todes- und 200. Geburtstag ließ sich der Weltgeist in Gestalt von Prof. em. Dr. Günter Oesterle gerade einmal herbei, auf einem Gießener Dachboden eine mutmaßlich neue, bis ausgerechnet jetzt verschollene Portraitzeichnung von ihm ans öffentliche Licht zu heben. Ob Georg Büchner oder seinen kleinen Bruder Wilhelm abbilden sollte, was frappierend wie Georg Büchner oder der junge Erroll Flynn aussieht, wird noch diskutiert.

Genau das trägt uns zu dem, was er uns „heute noch zu sagen“ hat: Ob es betrübender ist, dass dieser oder jener Internet-Nutzer seine Gedanken der Regierung übermittelt, oder dass viele tausend Familien Pfandflaschen aufsammeln gehen müssen, um ihre Kartoffeln zu schmälzen, bleibt ein eher gradueller Unterschied — und dabei immer noch unverhohlen der politische Wille. Nur dass beides heute nicht mehr im Namen des Feudalismus, sondern der Demokratie geschieht.

Wie feiert man so jemanden? — Indem man ein anständiger Mensch bleibt, egal ob einen hinterher noch einer mag. Wenigstens mal einen Tag lang, wäre das ein Vorschlag? Der Typhus kann einen ja schon mit 23 holen, darum ist heute ein guter Tag dafür. Genau wie morgen.

——— Georg Büchner: Stammbuchblatt für Heinrich Ferber, 3. September 1835,
nach dem Schinderhanneslied (Schluss), wiederverwendet in Dantons Tod, 1835:

Die da liegen in der Erden
Von de Würm gefresse werden,
Besser hangen in der Luft,
Als verfaulen in der Gruft.

Mutmaßlich Georg Büchner 1833

Bilder: Steckbrief Georg Büchner, 1835 via Silvae, 17. Okotber 2013;
August Hoffmann via Volker Breidecker:
Errol Flynn für Germanisten. Mutmaßliches Georg-Büchner-Bildnis entdeckt,
Süddeutsche Zeitung 27. Mai 2013, 30 cm x 20 cm, 1833.

Soundtrack: Hannes Wader: Trotz alledem, aus: Volkssänger, 1975.
Zitate nach der Münchner Ausgabe, hg. Karl Pörnbacher, Gerhard Schaub, Hans-Joachim Simm, Edda Ziegler, Hanser 1988.

Written by Wolf

17. Oktober 2013 at 00:01

Zwetschgenzeit (Du bist gemeint)

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Update zu Willkomm und dervoo:

William Carlos Williams:
This Is Just To Say,
1962:

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold

     

Hans Magnus Enzensberger:
Nur damit du Bescheid weißt,
1991:

Ich habe die Pflaumen
gegessen
die im Eisschrank
waren

du wolltest
sie sicher
fürs Frühstück
aufheben

Verzeih mir
sie waren herrlich
so süß
und so kalt

     

Helmut Haberkamm:
Bloß daßders waßd,
September 1992:

Iech hobb fei
denn Keeskuung
oogessn aufm Blech
drauß in der Speis

denn wusd
fiern Sunndooch
baggn un aufkoom
kadd hasd

Seimer nedd bees obber
der woor so saumäßi
guud nu warm so äsi
so safdi so waach

Wiliiam Carlos Williams, Please Read.

Bild: Married to Theresa via The Bibliophile Files, 8. Oktober 2013.

Written by Wolf

13. Oktober 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

Dann, Engel, blas Posaune

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Das hab ich in den 1980er Jahren im Hüttenbuch der Albert-Gollwitzer-Hütte in Rehberg im Oberpfälzer Wald gefunden. Es war ein gedrucktes, ausgerissenes und mit Uhu eingeklebtes Blatt aus einer Zeitschrift, schon leicht gilbendes Hochglanzpapier, also aus keiner Zeitung, ich tippe ungefähr auf die tina. Weil man auch mit 15 soviel Anstand haben kann, keine Seiten aus Gästebüchern zu fetzen, musste ich es von Hand abschreiben. Das Blatt ist längst verloren, das Gedicht konnte ich so unzuverlässig auswendig, wie Gedächtniszitate sind.

Nicht einmal der Verfasser Anton Petzold war mir bewusst — erst jetzt, nach einer neuerlichen Internetsuche, die ich seit 1997 unregelmäßig danach unternehme. Der Text stand in stark verderbtem Zustand in einem Forum für Schachspieler. Hier ist es in eine glaubhafte, immerhin korrekte Form gebracht und nach meinen jahrzehntealten Erinnerungen behutsam verbessert. Sollten Sie von Abweichungen und Emendationen wissen: Ich werde sie dankbar einarbeiten.

Der Stil erinnert an ehrgeizige, allzuoft unbedarfte Lyrik pensionierter Studienräte. Also zeigen wir ein Minimum an Respekt und Wertschätzung für Eisenbahnerpensionäre in storchenroten Bundhosenstrümpfen und trabifarbenen Rentneranoraks, die Spaß daran haben, Volkslieder zu singen und die Kräuterschnapssorten des Oberpfälzer Waldes zu unterscheiden — gerne beides gleichzeitig: Wir dürfen uns glücklich preisen, wenn wir selber mal solche werden.

Offenbar steht das Gedicht dem recht nahe, was ich mit 15 selber gern fabriziert hätte; ein Gedicht von 48 Versen anzufertigen muss mir damals titanisch erschienen sein. Gereimt ist es blitzsauber (außer dem lässlichen „Beschlag“ auf „Schlag“ und dem etwas stammtischhumorigen „verdorschten“) — der souveräne Wechsel zwischen Kreuz- und Paarreim aber verleiht der Geschichte eine echt musikalische Dynamik.

Albert-Gollwitzer-Hütte

——— Anton Petzold: Die Schachpartie
aus: Gunter Müller (Hg.): Polygamie auf dem Schachbrett, Schachverlag Manfred Mädler, Düsseldorf 1981:

Das war im Restaurant „Modern“
am Tisch im Seitengange,
da spielten Schach zwei junge Herrn,
sie spielten gut und lange.
War eine Stunde um im Flug,
tat einer manchmal einen Zug,
denn jegliche Bewegung
im Schach braucht Überlegung.

Die Schar der Gäste ging nach Haus
beim Schall der Mittnachtsglocken.
Der Gastwirt dreht die Lichter aus,
die Spieler blieben hocken.
Bei einem Streichholz spielten sie
an ihrer langen Schachpartie.
So alle zwei, drei Stunden
ein Zug hat stattgefunden.

Sie spielten Tag um Tag fürwahr,
schon kam das Wochenende.
Der Mond verfloß, es schwand das Jahr,
das Spiel ging nicht zu Ende.
Sie sagten nichts, sie sprachen nichts,
nur manchmal blassen Angesichts
sie nach dem Kellner forschten,
damit sie nicht verdorschten.

Ihr Haar ward weiß, dann fiel es aus,
die Zähne sah man scheiden.
Großväter wurden sie zu Haus,
doch wußten’s nicht die beiden.
Das Ohr ward taub, das Aug‘ ward schwach,
nur manchmal schrie der eine: „Schach!“
Dann zog der andre Streiter,
und die Partie ging weiter.

Es traf sie eines Tags der Schlag
von hohen Alters wegen.
Gott nahm den einen in Beschlag,
der Satan den Kollegen.
Ein Engel fliegt hinab, hinauf,
dem tragen sie die Züge auf,
die sie sich ausgesonnen
in Qualen und in Wonnen.

Und Gott, der ew’ge Langmut hat,
er spricht mit guter Laune:
„Wenn diese Schachpartie einst matt,
dann, Engel, blas Posaune!
Dann, Petrus, naht der jüngste Tag!
Wann glaubst du, daß er kommen mag?“
Sankt Petrus sprach mit Beben:
„Glaub‘ nicht, daß wir’s erleben.“

Neuenhammer, Georgenberg, Rehberg, Pfifferlingstiel und Umgebung in Luftbild Oberpfalz

Bilder: Stiftung Bahn-Sozialwerk BSW; Luftbild Oberpfalz.

Written by Wolf

10. Oktober 2013 at 00:01

Die Zueignung der Zuneigung

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Beiträge zur deutsch-italienischen Freundschaft.

Friedrich Overbeck: Italia und Germania, 1828. Öl auf Leinwand, 94,4 cm × 104,7 cm, Neue Pinakothek München

Friedrich Overbeck: Italia und Germania, 1828.
Öl auf Leinwand, 94,4 cm × 104,7 cm, Neue Pinakothek München.

Emlan: Italia und Germania. Paraphrase of a painting with the same name by Johann Friedrich Overbeck, 4. März 2013

Emlan: Italia und Germania, 4. März 2013.
Paraphrase of a painting with the same name by Johann Friedrich Overbeck.

Bitstrips Photos, Katrina and Federica Start Reading Goethe's Faust, 2. Oktober 2013

Bitstrips Photos: Katrina and Federica Start Reading Goethe’s Faust, 2. Oktober 2013,
ruoli principali Federica Ligarò e Katrina Clara Liszt.

Zur Orientierung: Italien ist links, Deutschland ist rechts. In allen drei Bildern. Muss ja nichts heißen.

Written by Wolf

4. Oktober 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Handel & Wandel