Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for März 2013

Streckvers 1

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Das NDL-Latein zuerst, damit wir’s hinter uns haben:

——— Hermann Meyer: Jean Pauls „Flegeljahre“. Äther der Einbildung und Entzauberung.
Erstdruck in Benno von Wiese (Hg.): Der deutsche Roman vom Barock bis zur Gegenwart, Band 1, 1963, Seite 210 bis 251:

Eine noch barockere Steigerung finden wir in Walts Gesang an Wina, der den Schluß des Kapitels „Träume aus Träumen“ bildet und zu Jean Pauls bekanntesten und am meisten vertonten Polymetern gehört. […] Während die drei ersten schmachtenden Wünsche noch im Bereich der normalen lyrischen Bildlichkeit bleiben, wird in den beiden letzten Wünschen die Bildlichkeit ins völlig Unvorstellbare gesteigert. Als Ausdruck höchster lyrischer Ekstase wird man dies immerhin willig hinnehmen. Der Schlußsatz des Kapitels überbietet dann aber noch diese Unvorstellbarkeit durch Hinzufügung einer neuen Dimension: der Wunsch, Winas Traum zu sein, wird zum möglichen Inhalt von Walts Traum gemacht. […] Auch der willigste Leser wird diese überschwengliche Potenzierung kaum nachvollziehen können und wird sich fragen, ob sie nicht letztlich bloß verbaler Art sei.

O ja: Ob nicht die ganzen Romane vom Barock bis zur Gegenwart samt ihren Interpretationen nicht letztlich bloß verbaler Art sind? Alle Arten von Ekstasen habe ich immer willig hingenommen, deshalb lerne ich als überschwengliche Potenzierung: Holla, die Polymeter von Jen Paul sind vertont, gar mehrfach?

YouTube, das auch sonst seiner Ausrichtung zur Quelle von Ärgernis mehr als von Information täglich näher kommt, gibt natürlich in dieser Richtung wieder nichts her; recht so: Musikhören ist das neue Rauchen. Hören wir also in die drei ersten schmachtenden Wünsche samt völlig unvorstellbaren Bildlichkeiten ins Original rein:

——— Jean Paul: Nro. 36: Kompaßmuschel. Träume aus Träumen
in: Flegeljahre, Drittes Bändchen, Schluss des Kapitels, 1804:

Er ging die Gasse herab, an Zablockis Haus. Alle Lichter waren ausgelöscht. Eine kernschwarze Wolke hing sich über das Dach, er hätte sie gern herabgerissen. Alles war so still, daß er die Wanduhren gehen hörte. Der Mond schüttete seinen fremden Tag in die Fenster des dritten Stockwerks. „O wär‘ ich ein Stern,“ – so sang es in ihm, und er hörte nur zu – „ich wollte ihr leuchten; – wär‘ ich eine Rose, ich wollte ihr blühen; – wär‘ ich ein Ton, ich dräng‘ in ihr Herz; – wär‘ ich die Liebe, die glücklichste, ich bliebe darin; – ja wär‘ ich nur der Traum, ich wollt‘ in ihren Schlummer ziehen und der Stern und die Rose und die Liebe und alles sein und gern verschwinden, wenn sie erwachte.“

Er ging nach Hause zum ernsten Schlaf und hoffte, daß ihm vielleicht träume, er sei der Traum.

Und dann immerhin noch ein Frühwerk — opus 2 — von Robert Schumann, das immerhin an die Flegeljahre — von Jean Paul, nicht Schumanns eigene — angelehnt ist: Papillons zum Mitlesen. Da sollten also auch alle Polymeter drin aufgegangen sein:

Schon klasse. Wenn ich Stanka nicht hätte, hinge das heute noch in meinem alten Skizzenheft fest.

Stankas Flegeljahre

Bild: Die bezaubernde Stanka featuring die respektgebietende Anne van der B.,
Nijmegen 2009/München 27. März 2013.

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Written by Wolf

29. März 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Frühlingsgewinnspiel: Wer aber alles gekrönt wird

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Der 250. Geburtstag von Jean Paul wurde im Hause Wolf gefeiert, indem wir die DVD Die Ritter der Kokosnuß geguckt haben.

Stephan Klenner-Otto, Jean Paul, Bleistiftzeicznung 2010 via Staatsbibliothek BambergVornehmlich klingt das nicht nach einer Ehrung für einen Autor der von Weimar ausgehenden deutschen Klassik, der weder ein Klassiker noch ein Romantiker und schon gar kein Aufklärer ist — wohl aber für einen Provinzfranken, der aus Skurrilitäten und Abschweifungen, meistens aus Mixturen von beidem, geradezu besteht. Am 21. März, genau 250 Jahre nach der Geburt vdes schreibbesessenen Richters-Fritz, der sich nach seinem ersten Buch, das umwälzend viele Leute lesen wollten, den Neigungen der Zeit und seiner selbst folgend Jean Paul nannte, lief in einem Haushalt, der ihn als unverzichtbare Heiligenfigur hochhält, ein Spielfilm, der sich aus Skurrilitäten und Abschweifungen, meistens aus Mixturen von beidem aus noch älter vorvergangenen Zeiten, zusammensetzt.

Jean Paul, soviel lässt sich nachweisen, kannte diesen Film nicht, noch weniger war er an ihm beteiligt; er hätte ihn jedoch für die richtige Auseinandersetzung mit der zu seiner Zeit aufkommenden Mittelalterromantik gehalten. Wer das unangemessen findet, feiert im Oktober wahrscheinlich auch 200 Jahre Georg Büchner, indem er pflichtschuldig irgendwo „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ hinschreibt. Ja, passt schon, das wäre angemessen, gähn.

Mich hat gefreut, ja mitgerissen, was sich einige wenige, aber freundliche und blitzkluge Weheklag-Leser ausgedacht haben, um es Jean Paul zum Geburtstag zu schenken — was meine Frage fürs hiesige Frühlingsgewinnspiel war. So interaktiv darf der Diskurs über anerkannt verstaubte, bei näherem Besehen dann doch so reichhaltige wie bereichernde Literatur ruhig sein, und ein Weblog erst recht. — In zeitlicher Reihenfolge unterbreiteten ihre Ideen:

——— Chris:

Der Jean Paul kriegt von mir endlich wieder einen vernünftigen Nachnamen, den ein jeder dichter Großer brauchen tut. Seiner frankophilen Bewunderung gegenüber eines gewissen Schonschaks genüge tragend möge dieser lauten: “Du Pont”! Zusammen ergibt dies die reiz- und klangvolle Namenskomposition: “Jean Paul Du Pont” (sprich: Schonnpoldüpo). Bitte, gern geschehen. Bon anniversaire.

——— Elke:

Mein Geschenk. Und noch eins: 30 Zentimeter.

——— Hannah:

  1. Ich hab nicht mal Zeit, mir eine Zeitzone zu suchen, in der noch gestern wäre.
  2. Ich bin ja keine Literaturwissenschaftlerin. Kenne deshalb von Jean Paul bisher nur den Namen. Der wikipedia-Eintrag verrät mir, er soll bisweilen ein fast kindliches Gemüt gehabt und sich sehr für Astrononie interessiert haben – da schwebte mir zuerst ein Schlummerlicht mit bunter Sternenhimmelprojektion vor (die Dinger gibt es in mannigfaltigen Ausführungen im Babyfachhandel Ihres Vertrauens).
  3. Ich bin ja keine Literaturwissenschaftlerin. Und da Jean Paul irgendwie immer untergeht zwischen den anderen KLASSIKERN, die man gelesen haben MUSS, zumindest bei mir, würde ich ihm etwas schenken, dass ihn bekannter macht, cooler macht, mich seine Existenz nie mehr vergessen lässt, auch wenn er schon lange tot ist. Was wäre dafür besser geeignet, als EIN DINOSAURIER?! Und mal ehrlich, Jeanpaulosaurus klingt einfach hammergeil.

    Und wenn ich mal zu viel Geld über hab, setz ich das tatsächlich um. Und hab auch schon ein Geburtstagsgeschenk für meine Literaturwissenschaftlerfreunde mit bisweilen kindlichem Gemüt parat.

  4. Jetzt hab ich schon wieder viel bessere Laune als ich bei Punkt 1 noch hatte. Jeanpaulosaurus. Der Hammer.

Haben sie sich nicht alle in ganz liebenswerter Weise Gedanken gemacht? Handeln sie nicht im Geiste der Aufklärung, Klassik und Romantik auf einmal, zu denen allen Jean Paul gehört und doch zu keiner? Schweifen sie nicht jeder nach seiner eigenen Art wieder davon ab und lappen unverschämt genug ins Skurrile, dass man unbedingt wissen muss, was daraus noch werden kann? Hätten sie nicht alle Jean Paul eine fetzige Freude gemacht? Und ist das nicht der Esprit, mit dem wir alle dereinst unseren 250. Geburtstag begehen wollen?

Und ob. Darum liegt der ausgesetzte Bücherstapel in nicht sehr gleichmäßige, aber meiner selbstgerechten Willkür schmeichelnde Drittel aufgeteilt und aufs Versandfertigste verpackt, verschnürt, verklebt — und verdammt schwer — neben mir und wird morgen von einem jeanpaulesk ärmlichen Stubengelehrten aus der fränkischen Provinz zur Post geschleppt, damit ihr möglichst noch Ostern (2013) was davon habt. Und wenn nicht, mach ich’s halt selber.

Was denn dann ich dem Manne schenke? Och … ganz vergessen vor lauter Spannung, was wohl von den anderen kommt. Nehmen wir den Bücherstapel, außerdem zählt ganz 2013 als Jean-Paul-Jahr, da fällt mir bestimmt noch einiges ein, wenn ich am wenigsten drüber nachdenke. Jean Paul musste in seiner Rollwenzelei mit solchen Sachen auch immer warten, bis die Wirtin mit dem Biernachschub mal wieder nach ihm schaute.

Danke, Leute, ihr wart klasse — ach was: Ihr seid es.

Bild: Stephan Klenner-Otto: Jean Paul, Buntstiftzeichnung 2010.

Written by Wolf

25. März 2013 at 17:53

Veröffentlicht in ~ Weheklag ~

Neulich in München

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… steht einfach so die Ausgabe letzter Hand in der Schellingstraße rum.

Update zu Der kluge Narr flüchtet vor der Inflation in die Sachwerte:

Antiquariat Hauser Schellingstraße München, Goethe Vollständige Ausgabe letzter Hand 1827–1830

Schau ich den Goethe an. Schaut der Goethe mich an.

„Gott zum Gruße, Herr Geheimrat“, sag ich, „wie ist das Leben?“

„Grüß auch Ihn Sein höher Wesen“, sagt der Goethe, der alte Pantheist, „nur muss Er Uns nicht zum Besten haben.“

„Wie belieben Herr Geheimrat? Lag doch nichts dergleichen in meinen Absichten.“

„Es ist gut, junger Studiosus, Er meint’s gewiss nicht bös. Was spricht Er Uns auch von Leben, so bald vor Unserm Todestag.“

„Todestag, Meister? Schon wieder?“

„Ei gewiss. Am 22. Martii, wann Er sich entsinnen mag. Unser 181., nicht der gerädeste, auf dass sich auch ja keine Buchhändlerseele drum bekümmere.“

„Stimmt, wo Sie’s sagen, Herr Geheimrat, ich weiß es ja.“

„Das ist freundlich von Ihm. Und es ist das, was Uns vom Leben bleibt.“

„Mit Verlaub, wollen Herr Geheimrat Herrn Geheimrat doch nicht so undankbar bezeigen. Bequemen Sie sich doch zu schauen, wie Sie da stehen: mit Ihrer Gesamtausgabe eigener letzter Hand an prominenter Stelle im Schaufenster eines marktwirtschaftlich orientierten Unternehmens im Universitätsviertel einer bedeutenden Großstadt. So weit möcht’s mancher nicht leicht bringen, 181 Jahre nach seinem Abscheiden.“

„Wahr spricht Er, Studiosus. Und doch — hat Er getreulich nachgezählt? 28 Bände sind’s, mit denen ich feil stehe. Unsere letzte Hand, die Er anspricht, reichte 60 Bände weit.“

„60? Mit all meinem Respekt, Herr Geheimrat, waren es nicht 40?“

„Seine Kenntnisse reichen tief für einen von euch Heutigen. Ja, 60 zu 40 gebunden. Er kennt ja die Buchbinder mit ihrem Krämerwesen, das sie bis in die Bibliotheken tragen.“

„So schlecht ist das nicht. Ich hab Ihre Hamburger Ausgabe, die misst 14 Bände und soll gleichermaßen vollständig sein.“

„Ach, der gelehrte Erich Trunz. Die hat Er zu Hause? Ist Er so ein braver Studiosus?“

„Wo denn nicht, Herr Geheimrat. Die hat aber auch mehr Seiten pro Band. Sie kennen ja die Buchbinder mit ihrem Krämerwesen, das sie über die Zeiten immer mehr in einen Band pressen heißt.“

„Und ein Sophiste ist Er. Hat doch die Forschung über Unsere Person und Werke seither auch nie halt gemacht, wie Wir vernehmen. Der gelehrte Trunz hat Uns gewiss auch mit genugsamen Anmerkungen versehen?“

„Worauf Sie wetten können.“

„Der Hasard war Unsere Sache nie, Wir wollen Ihm ohnedies glauben.“

„Eigentlich bedürfen inzwischen die erläuternden Anmerkungen ihrerseits erläuternder Anmerkungen. Trunz ist lange her, Herr Geheimrat höchstderoselbst nicht minder, und die Leute werden durch die Menschenalter nicht klüger.“

„Wem sagt Er das, Studiosus, wem sagt Er das!“

„Sehen Sie? Ihre eigene letzte Hand konnte noch für sich selbst schreiben, und selbst da wurden aus den 40 Bänden schon 60. Wenn ein berufener Erbe von Trunz heute aus den 14 Bänden, sagen wir: 28 macht …“

„… sind wir schon bei der Anzahl, mit denen Er soeben im Schaufenster redet.“

„Ich weiß, wie wohl Herr Geheimrat sich immer auch auf die Ökonomie verstand.“

„Man musste zu allen Zeiten sehen, wo man bleibt mit der Wohlfahrt, die man sich mit eigener Hand erarbeitet — und sei es die letzte. Es war auch ein gar zu arges Unwesen mit den Raubdrucken, aus denen allein der Verleger sein Brot gewann, der Kunstschaffende aber gar nichts.“

„Herr Geheimrat! Und Sie sagen, Sie hätten im Leben der Heutigen nichts mehr zu schaffen!“

„Was bedeutet Er Uns da? Ist dieser Übelstand noch nicht aus der Welt?“

„Der wird sogar jedes Jahr übler, der Übelstand. Was sag ich — jede Woche.“

„Es ist doch wahrlich ein Ding um das Menschengeschlecht … Ihr Heutigen leidet keine weltliche Not, soviel Wir hier aus Unserem Schaufenster erkennen. Die Studenten gehen einher wie die Herren, die Weiber jeglichen Standes kleiden sich wie die Kurtisanen, und drüben im Schall & Rauch zechen sie alle Abend, wie Unsereins zu hohen Feiertagen nicht.“

„Das bemerken Herr Geheimrat etwas aus der Zeit geraten, aber durchaus treffend, wenn Sie gnädig mein Urteil annehmen wollen.“

„Gewiss, junger Freund. Und könnt ihr da nicht einfach eure Künstler nach Gebühr bezahlen und glücklich werden?“

„Gell, Herr Geheimrat, so einfach wär’s …“

„Er ist ein kluger und gewitzigter Bursche, dem sein Deutsch geläufig von der Zunge geht. Trag Er Sein Wissen einfach an die Verleger weiter, dazu ist Ihm Sein Schreibtalent gegeben. Vergeude Er’s nicht, hört Er wohl! Das wäre Seine einzige Schande, die nicht verziehen wird.“

„Sie haben Recht wie immer, Herr Geheimrat. Wir Heutigen brauchen’s halt manchmal etwas deutlicher.“

„Ihr seid Menschen und fehlbar wie Wir. Und was verschlägt’s? Umfasst doch Unsere Leipziger Insel-Ausgabe 6 Bände, die Weimaraner gar 143 zu 133 gebunden, und beide Unser vollständiges Werk, und steckt in den 28 Bänden, die Er mit wachem Auge schaut, auf jeder einzelnen Seite Unser ganzes Wesen.“

„Danke für Ihre Weisheit, Meister.“

„So geh Er hin und tue Gutes damit.“

„Und schönes Weiterleben noch.“

„Und Ihm, junger Freund.“

Schau ich den Goethe an. Schaut der Goethe mich an. Wir lächelten.

Antiquariat Hauser Schellingstraße München, Goethe Vollständige Ausgabe letzter Hand 1827–1830

Written by Wolf

22. März 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Frühlingsgewinnspiel: Was aber alles krönt

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0. Vorrede, obligate, von Jean Pauls Hand.
*

——— Jean Paul: Wahrheit aus Jean Paul’s Leben/Selberlebensbeschreibung,
posthum bei Joseph Max, Breslau 1826—1833, zitiert nach der Erstausgabe:

Erste Vorlesung.

Wonsiedel — Geburt — Großvater.

Geneigteste Freunde und Freundinnen.

Es war im Jahr 1763, wo der Hubertsburger Friede am 15. Februar zur Welt kam und nach ihm gegenwärtiger Professor der Geschichte von sich; — und zwar in dem Monate, wo mit ihm noch die gelbe und graue Bachstelze, das Rothkehlchen, der Kranich, der Rohrammer, und mehre Schnepfen und Sumpfvögel anlangten, nämlich im März; — und zwar an dem Monattage, wo, falls man Blüten auf seine Wiege streuen wollte, gerade dazu das Scharbock= oder Löffelkraut und die Zitterpappel in Blüte traten, deßgleichen der Ackerährenpreis oder Hühnerbißdarm, nämlich am 21. März; — und zwar in der frühesten frischesten Tagzeit, nämlich am Morgen um 1½ Uhr; was aber alles krönt, war, daß der Anfang seines Lebens zugleich der des damaligen Lenzes war.

1. Erster Hundsposttag.
*

Newsflash: Michael Krüger vom Hanser Verlag verkauft bis heute 9 bis 10 Exemplare seiner bestimmt engagiertesten Gesamtausgabe. 6:02 Minuten zum 250. Geburtstag von Jean Paul:

Neun bis zehn im Jahr. Das ist fast jeden Monat ein Exemplar eines zehnbändigen Möbels von akademischer Gesamtausgabe, das Norbert Miller und Walter Höllerer anno 1959 angefangen haben; die ganz große historisch-kritische, die ihr nachfolgen soll, ist nämlich gerade erst in Arbeit (und das auch noch in Berlin). Mit Verlaub, Herr Verleger, so wenig finde ich das gar nicht.

Es ist eine Gesamtausgabe, keine ausgewählten Leckerbisschen, kein Roman — sondern viele davon, kaum einer unter 500 Seiten. Darum herum Jugendwerke, Tagesschriften, aus gutem Grund Verworfenes und Fragmente — an eine Leserschaft mit einer Aufmerksamkeitsspanne von unter fünf Minuten.

Wer sowas dann kaufen soll? — Menschen, die Bücher immer noch nicht für reines „Totholz“ halten (cit. Weisband, Marina, 2013), die kauzigen Studienräte und sonstigen stadtbekannten Sonderlinge, die inzwischen auf compulsive hoarding behandelt werden, und einige Universitätsbibliotheken, die sich dergleichen noch leisten können, sollten also versorgt sein. Mein eigenes Exemplar zählt nicht, das ist Aberjahre alt und war damals schon antiquarisch.

Zweiter Einwand gegen die o.a. 6:02 Minuten des Verlegers Krüger, und dann will ich’s gut sein lassen, weil sonst ganz untergehen könnte, dass ich seine Reden und besonders die angeführte in Wirklichkeit ganz gut finde — zweiter und letzter Einwand also: Dass Jean Paul mehr Leser braucht oder jedenfalls bekommen könnte, halte ich entweder für eine Binse oder so wenig durchsetzbar, dass man es gar nicht erst groß wünschen muss. Der Mann wird nicht geheim gehalten und lässt sich finden, und seine einnehmend skurrilen Büchertitel — Flegeljahre, Siebenkäs und wie sie alle heißen — mögen einer nach Sinnenkitzel hungernden Jugend ein weiterer Anreiz sein, sich auf ihn einzulassen.

Natürlich kann er theoretisch jederzeit mehr Leser haben, solange die Weltbevölkerung noch nicht ausgeschöpft ist. Und wer sich für abseitige Literaten interessiert, wird beizeiten auf Jean Paul stoßen. Reich-Ranicki höchstselbst hat ihn einst ausdrücklich aus dem literarischen Pflichtkanon des Bildungsbürgers ausgenommen, das erhebt ihn schon fast in den Underground (o ja, ganz recht: Dorthin kann man „erhoben“ werden). Bücherlesen ist heute eine preiswerte und zugängliche, zu Marketingdeutsch: niederschwellige Beschäftigung. Das Jean-Paul-Möbelstück zum Beispiel kursierte, als ich zuletzt nachgeschaut habe, um die 70 Euro. Anspieltipp: Dr. Katzenbergers Badereise, die rockt voll, oder noch kürzer: Hinten im Titan zuerst den Anhang Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch lesen.

Immerhin danke, Herr Verleger, dass Ihr verdienstreiches Möbelstück mit Jean Paul immer noch vorhalten — und auch dem Insel Verlag für die Einzelausgaben für uns Minderverdiener.

2. Zweite Jobelperiode.
*

Jean Paul PortraitAm 21. März wird Jean Paul 250. Was schenkt man jemandem, der 250 wird und schon alles hat — Brillanz, enzyklopädisches Wissen, Herzensbildung, Menschenliebe, ein eigenes Schreibzimmer in seiner Stammkneipe, einen Bestseller avant la lettre nach dem anderen — und wie wir gesehen haben, nach Jahrhunderten immer noch Fans?

Ich verlose einen großen Stapel Bücher für Ihren Vorschlag:

Was würden Sie Jean Paul schenken?

Sie können Ihren Vorschlag natürlich dann auch umsetzen. Müssen aber nicht.

Zu gewinnen gibt es Bücher von Jean Paul (klar. Darunter einige vergriffene!), Schiller (Gedichte, Dramen), Karl Philipp Moritz (Anton Reiser, was sonst), Cervantes (Don Quixote in der Übersetzung von Ludwig Tieck mit den Illustrationen von Gustave Doré), Jules Verne (viele!), Hélène Grimaud, Herman Melville, Stephen Chbosky, noch ein paar anderen, und außerdem eine LP von Stephan Remmler.

Die Auswahl der Gewinner unterliegt meiner ausgesucht wohlwollenden Willkür, weil Jean Paul eine alte Jugendliebe von mir ist, die geehrt werden muss. Und Sie dürfen aussuchen helfen. Für den zu erwartenden Ansturm von Einreichungen ist genug für alle da.

Schreiben Sie Ihren Vorschlag hier in den Kommentar — bis Samstag, den 23. März 2013 um Mitternacht. Da haben Sie noch Zeit, nachträglich zu gratulieren, wir müssen dem Schreiberkollegen Goethe nicht mit Jubelbotschaften in den Todestag hineinfunken, und Sie kriegen Ihren Preis mit etwas Glück noch rechtzeitig zum Osterhasen.

Die Feierlichkeiten laufen ohnehin noch das ganze Jahr. Veranstaltungstipp: Das Münchner Residentheater macht vom 21. bis 24. März 2013 sein eigenes Jean-Paul-Festival. Kommt jemand mit?

Bild via Lexikus: Die Deutsche Literatur und die Juden: [Ludwig] Börne.

Written by Wolf

14. März 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Himmel

Des eigenen Herzens süße Melodie

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Update zu Schwatzen nach der Welt Gebrauch:

Eichendorff ist 225. Herzlichen Glückwunsch, Freiherr. Ich konnte leider nicht feststellen, dass der Buchhandel sich über lauter Feierlichkeiten zu 250 Jahren Jean Paul wegen Ihres halbrunden Geburtstags einen Arm ausgekugelt hätte, aber Sie waren noch einer der Adligen, ohne die etwas fehlen würde. Danke für alles.

——— Joseph Freiherr von Eichendorff: Mandelkerngedicht.
In einem geselligen Kreis bei Gelegenheit einer verlorenen Wette.
Aus: Gedichte von Joseph Freiherr von Eichendorff, Duncker & Humblot, Berlin 1837, II. Sängerleben.
Zitiert nach der Eichendorff-Edition von Hartwig Schultz im Deutschen Klassiker Verlag:

Postkarte Eichendorff-Denkmal zu Ratibor, 1909Zwischen Akten, dunkeln Wänden
Bannt mich, Freiheitbegehrenden
Nun des Lebens strenge Pflicht,
Und aus Schränken, Akten-Schichten
Lachen mir die beleidigten
Musen in das Amts-Gesicht.

Als an Lenz und Morgenröte
Noch das Herz sich erlabete,
O du stilles, heit’res Glück!
Wie ich auch nun heiß mich sehne.
Ach, aus dieser Sandebene
Führt kein Weg dahin zurück.

Als der letzte Balkentreter
Steh‘ ich armer Enterbeter
In des Staates Symphonie,
Ach, in diesem Schwall von Tönen
Wo fänd ich da des eigenen
Herzens süße Melodie?

Ein Gedicht soll ich euch spenden:
Nun, so geht mit dem Leidenden
Nicht zu strenge ins Gericht!
Nehmt den Willen für Gewährung,
Kühnen Reim für Begeisterung,
Diesen Unsinn als Gedicht!

Die Rechtschreibung wurde gegenüber den online kursierenden Versionen, die offenbar eine von der anderen abkopiert sind, verbessert: Die Verse fangen alle mit Großbuchstaben an, wie meistens bei Eichendorff; die kursiv gesetzten Sonderbetonungen sind in der Winkler-Ausgabe in Sperrdruck gelöst, was sich wahrscheinlich näher an Eichendorffs Handschrift und den Erstdruck hält. Kursiv nach der Eichendorff-Edition beizubehalten erschien lesbarer.

Worum die Wette handelte und ob Eichendorff sie gewonnen oder verloren hat, ist weder in der Eichendorff-Edition noch bei Artemis/Winkler überliefert. Weiß jemand etwas darüber?

Alter Botanischer Garten, Sommer 2011

Eichendorff-Denkmal zu Ratibor: Postkarte, 1909. Denkmal im Sockel signiert: J[ohannes] Boese fec[it] 1909. Enthüllt im 75. Jahre des Bestehens des M. G. V. Liedertafel, 26. September 1909,
via Prof. Dr. Georg Jäger.
Es war, als hätt‘ der Himmel die Erde still geküsst: Alter Botanischer Garten, Frühling 2011.

Written by Wolf

10. März 2013 at 15:36

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Flög

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Update zu Jug:

——— Johann Gottfried Herder: 12. Der Flug der Liebe, Deutsch.
aus: Stimmen der Völker in Liedern, Erster Theil, Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung 1778:

Die Melodie ist dem Inhalt angemessen, leicht und sehnend.

Wenn ich ein Vöglein wär,
Und auch zwey Flüglein hätt‘,
Flög ich zu dir;
Weil es aber nicht kann seyn,
Bleib ich allhier.

Bin ich gleich weit von dir,
Bin ich doch im Schlaf bey dir,
Und red‘ mit dir:
Wenn ich erwachen thu,
Bin ich allein.

Es vergeht keine Stund‘ in der Nacht,
Da mein Herze nicht erwacht,
Und an dich gedenkt,
Daß du mir viel tausendmal
Dein Herz geschenkt.

——— Achim von Arnim und Clemens Brentano (Hg.): Des Knaben Wunderhorn:
Wenn ich ein Vöglein wär. Herders Volkslieder I.B.S. 67., Kommentar:

Unter der Überschrift Der Flug der Liebe. Deutsch ist der Text in Herders Volksliedersammlung (1778; Buch 1, Nr. 12, S. 67 F.) enthalten. Der Eingangsvers war bald sprichwortartig verbreitet. — Goethe verwendet ihn z. B. im Faust-Fragment von 1790 (V. 3318) — und wurde deshalb im Wh an die Stelle des ursprünglichen Titels gesetzt. Zwei geringfügige Wortänderungen aus metrischen Erwägungen sind die einzigen weiteren Eingriffe.

Nach der Veröffentlichung im Wh häufen sich die Anspielungen auf das Lied unübersehbar; Kerner etwa nennt es in seinem Roman Die Reiseschatten (IV,5) als Fl. Bl.; Eichendorff legt seinem Taugenichts (Kap. 7) eine Umdichtung der ersten Strophe in den Mund; Heine zitiert den Liedeingang zweimal (Lyrisches Intermezzo, Nr. 53, und Romanzero, Der weiße Elefant) und parodiert ihn schon im Buch der Lieder: „Wenn ich ein Gimpel wär„. Ausführlich bietet er den Text in seiner Romantischen Schule. „Einzig schön und wahr“ ist das Lied auch in Goethes Augen.

Melodie: Stockmann, S. 56.
Vertonungen: Friedlaender (II, S. 150–162) weist u.a. Kompositionen von Beethoven (1816), Carl Maria von Weber (1818) und Robert Schumann (1840) nach. Ferner: Max Reger (1899).

Lied: Wenn ich ein Vöglein wär, aus: Katja von Garnier: Bandits, 1997. Die Bandits waren:

  • Jasmin Tabatabai (Luna): Vocals, Guitar;
  • Nicolette Krebitz (Angel): Guitar;
  • Jutta Hoffmann (Marie): Bass;
  • Katja Riemann (Emma): Drums.

Bebildert mit Giulia Boarino von Davide Lauriola Photography: Lady Volture
in Casalborgone/Turin, 31. März 2012.

Das Bild The Raven von Whitney Strobel wäre für den Direktvergleich der Raben zu Poes Geburtstag ebenso passend gewesen; die Raben reichen jedenfalls. Leider ist es erst über einen Monat später entstanden. Jetzt unterstützt es die eiskalte Seite des Volksliedes, dessen herzerwärmende Seite vorhanden ist, aber anderwärts schon genug unterstützt wird.

Whitney Shoots Photography, The Raven, 22. Februar 2013

Written by Wolf

7. März 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Meteorologischer Frühlingsbeginn

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——— Carl Barks, übs. Dr. Erika Fuchs: Unvergeßliches Picknick,
Barks Library 10/3, auch Micky Maus Nr. 31, 1977:

Komm, holder Lenz und gieße
das Füllhorn Deiner Lust
auf diese Blumenwiese
dem Dichter auf die Brust!

Komm, goldne Frühlingssonne,
mit Deinem sanften Scheine
und fülle mir mit Wonne
die schlotternden Gebeine!

Erheb‘ das trunkne Auge
zum strahlenden Azur,
beug‘ nieder Dich und sauge
den Duft — hatschi — der Flur!

Spring auf, mein Herz, genieße
— hatschi, hatschi — dein Glück!
Flieg über Wald und Wiese
— hatschi, hatschi — zurück!

Carl Barks, Erika Fuchs  Unvergessliches Picknick, Micky Maus 31, 1977

Komm holder Lenz. Joseph Haydn: Die Jahreszeiten, 1801.
Text: Gottfried Freiherr van Swieten.

Written by Wolf

1. März 2013 at 11:07

Veröffentlicht in Klassik, Land & See