Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Dezember 2014

Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich

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Update zu Willkomm und dervoo und Totensonntag:

Als letzte Geschichte des Jahres bringt Jean Paul eine meiner eigenen Jugenderinnerungen, die er schon Ende Dezember 1818 niedergeschrieben haben muss, 170 Jahre vor meiner.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleIm Textteil unten beschreibt er seine Verliebtheit als blatternarbig – eine damals verbreitete Spur meist kindlicher Erfahrungen, mit der er sich an seinen Verliebtheiten nach wiederholtem Bekunden öfter und nicht ungern auseinandersetzte –, meine war sommersprossig – eine viel zu wenig verbreitete Spur segnender Berührungen der Engel, mit der man sich gar nicht genug auseinandersetzen kann. Im dazwischengeflochtenen Bildteil dokumentiere ich deshalb eine junge Dame, die der Erinnerung an meine Verliebtheit erschreckend nahekommt. Jean Pauls Text bleibt im Vergleich zu Luca Hollestelle von Agata Serge in seinen Abweichungen von meiner Lebenswirklichkeit angenehm diskret.

Der literaturwissenschaftliche Absatz: Eine Selberlebensbeschreibung, wie die Autobiographie eines so grundteutschen, nämlich fränkischen Schreibers heißen sollte, plante Jean Paul als Schlüssel zu seinen „opera omnia“, wie die gesammelten Werke eines sehr belesenen Schreibers heißen sollten, ab etwa 1800 als erklärten Lieblingsgedanken. Ein Versuch 1781, als er 18 war, war mangels verbrachtem Leben gescheitert. Viel wurde auch mit 37 bis 55 Jahren nicht daraus, denn „er sei durch seine Romane so sehr ans Lügen gewöhnt, daß er zehnmal lieber jedes andere Leben beschriebe als sein eigenes“ (3. August 1818 nach der Hanser-Gesamtausgabe Band 6, Seite 1312). Nach drei „Vorlesungen“ brach er die Arbeit am 22. Januar 1819 zugunsten mehrversprechender Alterswerke ab, die ausgearbeiteten Teile des Manuskripts wurden posthum von seinem Freund Christian Otto im ersten „Heftlein“ von Wahrheit aus Jean Pauls Leben bei Joseph Max in Breslau 1826 herausgegeben. Auf diese Bearbeitung in einer abgelegenen Nebenveröffentlichung gehen alle folgenden Ausgaben zurück; die Hanser-Ausgabe folgt der Kritischen Ausgabe, die sich ihrerseits auf Christian Otto bezieht. Ende des literaturwissenschaftlichen Absatzes.

In meiner Biographie war es Winter, zwischen den Jahren 1988 und 1989, im Pêle Mêle, einer Kneipe direkt am Ufer der Pegnitz im Nürnberger Stadtteil Sankt Johannis. Damals war es üblich, dass um Weihnachten und Silvester in deutschen Städten Schnee fiel, Nürnberg nicht ausgenommen, und dass Menschen in Gaststätten öffentlich Zigaretten rauchten, sogar selbstgedrehte. Beides wurde als harmlos bis normal, ja wünschenswert angesehen. Das Pêle Mêle sollte erst 2008 als die erste Kneipe in Bayern hervortreten, die wegen eines erzwungenen Tabakrauchverbots schließen musste. Und das Wetter war früher auch besser.

Ich probierte gerade neue Kneipen aus, wobei meine Kriterien für eine Lieblingskneipe waren: freundliche Bedienung, große Tische, damit man daran auf DIN A4 schreiben konnte, freundliche Bedienung, 0,5 Liter Bier für 2,60, keinesfalls über 3,50 Mark, freundliche Bedienung, andere Musik als Radio Gong, vorzugsweise ohne falsche Scheu vor Blues, der ein umgänglicher Gast schon mal eine eigene Platte beisteuern durfte, freundliche Bedienung, ein Publikumsschwerpunkt, der etwas anderes als BWL studierte, und freundliche Bedienung.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleDie Bedienung im Pêle Mêle war nicht weniger rothaarig und sommersprossig als die auf den Bildern, eher noch hübscher, falls das geht, stellte mir spätestens das dritte Bier (2,80 Mark, damit jeder wusste, wieviel Trinkgeld er geben musste) nach weniger als einer Zigarettenlänge unaufgefordert hin, drehte die LPs (wir sprechen von 1988), die sie mit aus Rotbuche geschnitzten Fingern fast liebevoll nur am Rand anfasste, immer sofort um, besaß zwei kaum verschiedene, wahrscheinlich selbstgestrickte Pullover in allen Farben auf einmal, in denen sie größtenteils verschwand, und nahm sich viel Zeit zum Quatschen an den Tischen, deren das Pêle Mêle Stücker vier zählte. Folglich kam ich zweimal die Woche.

Ich schaute von meinem DIN-A4-Blätterhaufen auf, drehte den Kolbenfüller nach und überlegte in die Luft.

„Was schaust?“ lächelte die Bedienung. Ich merkte erst jetzt, dass ich seit Wochen in sie verliebt war, weil sie mich damit so entwaffnen konnte.

„Lass mich halt schauen.“ Diese Art von Schlagfertigkeit erwirbt sich nur durch jahrelanges Training in knallharten sozialen Situationen.

Sie lachte hell und schätzte kurz ab, ob sie schon mein Bier nachschenken sollte. – „Ja“, schoss ich vorsorglich nach.

Diesen Abend zwischen den Jahren brach ein Schneesturm über der Pegnitz los. Aus den raumhohen Schaufenstern vom Pêle Mêle sah es jedenfalls aus wie ein Schneesturm, weil Freitag war und sich niemand ernsthaft darum riss, das Lokal vor Sperrstunde zu verlassen. Das Flockengestöber über der Großweidenmühle bei Nacht sah dermaßen gut aus, dass ich kaum zum Schreiben kam. Das Pêle Mêle war voll, das heißt, an jedem der vier Tische saß jemand, alle folgten wir dem Naturschauspiel, und die Bedienung hatte kraft ihrer Autorität über den Plattenspieler ein Special mit den schnulzigeren Werken von Tom Waits beschlossen. Das klingt immer noch weihnachtlich und wirkt gegen die Übelkeit von zuviel vorausgegangenem Gänsefett.

„Lieber im Pêle Mêle hocken“, erhob jemand in einer Musikpause seine trunkene Stimme, „lieber im Pêle Mêle hocken und da drüben die Lichter von der Erler-Klinik anschauen, als in der Erler-Klinik hocken und da herüben das Licht vom Pêle Mêle anschauen.“

Niemand wagte zu lachen ob so geballter Weisheit.

„So ein Schmarrn“, erhob sich eine andere trunkene Stimme, „das Pêle Mêle sieht man von der Erler-Klinik aus gar nicht. So ein Schmarrn.“

„Ist doch wurscht.“

„Wieso? Warst du da schon?“ Eine dritte Stimme.

„In der Erler-Klinik? Freilich, da bin ich drin geboren.“

„Schön schaut’s aus.“

„Auch wieder wahr.“

Wenn jetzt nicht ins unterdrückte Losprusten der Bedienung hinein A Sight for Sore Eyes losgegangen wäre, hätten wir womöglich gemeinsam Stille Nacht gesungen. Ab hier verschwimmt meine Erinnerung, weil die Bedienung mir das siebte und keineswegs letzte Bier des Abends hinstellte.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleMeine Erinnerung setzt wieder am selben Abend ein, als die Bedienung mich anlächelte: „Was schaust?“

„Auf deine Hosen.“ Ich musste jedesmal etwas anderes antworten, damit sie nie aufhörte zu fragen. Außerdem stimmte es.

„Was soll sein mit meinen Hosen?“

„Durch dein Loch in der Jeans schaut die schwarze Strumpfhose durch. Durch dein Loch im Socken schaut der blanke Zeh durch. Da fragt sich halt: Was sollen das für Strumpfhosen sein?“

Sie schaute auf ihre offenen Birkenstocksandalen, in die sie auch winters zur Arbeit wechselte: „Sehr aufmerksam, Schlauberger. Das nennt man Leggings.“

„Sag bloß, ich bin der einzige, dem das auffällt.“

„Ist ja sonst keiner mehr da.“

„Warum sagt einem überhaupt keiner, dass ich schon der Letzte bin?“

„Weil du bloß schaust und nicht hörst. Zweimal hab ich dich gefragt.“

„Echt?“

„Ja, echt. Also – noch ein letztes Seidel?“

„Gern auch ein vorletztes.“

„Nix da. Das mein ich schon so, mit dem letzten. Ich hör heut auf.“

„…“

„Ja, so richtig. Ich hab längst meinen letzten Feierabend.“

„Wie soll das gehen?“

„Ganz einfach geht das. Ich hab ein Stipendium an der Uni Cardiff.“

„Und die Kneipe …“

„… findet bestimmt eine andere Bedienung. Ab morgen bedient erst mal der Wirt persönlich. Er kocht auch nicht, hat er versprochen.“

„Aber eine Bedienung ohne Sommersprossen ist doch …“

„… wie eine Nacht ohne Sterne, weiß schon.“

„Und ohne Schneegestöber“, sagte ich mit einem Blick über die Pegnitz. Vor mir stand wie aus der Theke gewachsen ein Seidel.

„Das werd ich jetzt öfter haben, so ein malerisches Sauwetter.“ Ihr Blick fing an zu leuchten. „Cardiff, ist dir das klar? Uralte gälische Unistadt. Vorne dran das Meer, hinten dran die rolling Hills. Büchereien, Pubs, kauzige Profs, einfach jeder, jeder, jeder kann lesen und schreiben und Geschichten erzählen und Musik machen, und sie haben mich sofort genommen und ich fahr hin und treib Gaelic Studies. Und hinter jeder Mauer und jedem Grashügel eine Feenwohnung.“

„Da gehörst du hin.“

„Schön, dass du’s einsiehst.“

„So plötzlich? Fängt denn da jetzt ein Semester an?“

„Trimester haben die. Außerdem hab ich auch schon einen Kneipenjob. Silvester bedien ich schon die Elfen und Trolle.“

„Ein Laden, den man kennt?“

„Die richtigen Leute schon. Heißt aber kymrisch, kann außerhalb Wales kein Mensch aussprechen oder schreiben.“

„Gibst du mir was mit?“

„Na, was denn?“

„Sag ich dir gleich, wenn du mir aufsperrst.“ Bis heute bin ich stolz, dass ich die Würde aufbrachte, das selber zu sagen.

„Ist recht. Trink aus, wir wollen ins Bett.“

„…“

„Jeder in seins, du Dings. Hinterzimmer hab ich hier keins.“

„Hast du gewusst, dass Jean Paul in seiner Stammkneipe ein eigenes Schreibzimmer eingerichtet hat? Im ersten Stock, und die Bedienung hat ihm immer seinen Biernachschub gebracht?“

„Das könnte dir so passen.“

„Den fünften Tisch schaffst du auch noch.“

„Jean Paul? Der von Bayreuth?“

„Wunsiedel, Joditz, Schwarzenbach an der Saale, Hof, Meiningen, Coburg, Bayreuth. Ganz kurz in Weimar und Berlin.“

„Ein Mann von Welt.“

„Ein Mann von Oberfranken.“

„Da war ich noch nie.“

„Dafür in Cardiff.“ Ich trank aus.

„Du wirst lachen, nicht mal da. Erst morgen.“

„Was zahl ich?“

„Du zahlst nix, ich hab dich schon abgerechnet. Das geht auf, so oder so.“

„Dann nimmst du zwanzig, damit man den guten Willen sieht, und wir reden nicht mehr drüber.“

Diolch yn fawr.“

„Eich bod yn croesawu.“

Dann standen wir an der Tür. Sie war fast so groß wie ich, was mir gar nie aufgefallen war, solange ich an der Theke saß. Sie sperrte auf, um mich heimzuschicken.

„Was schaust?“ lächelte sie.

„Dich an. Weißt du, was du bist?“

„Eine walisische Elfe?“

„Ein Mädchen, das Glück bringt.“

„Ich weiß.“

„Und ein kluges Mädchen.“

„Deswegen hab ich auch ein Stipendium.“

„Wenn ich groß bin, will ich auch ein Stipendium.“

„Groß bist du schon. Kannst sitzen und sprechen.“

„Und lesen und schreiben.“

„Dann lernst du jetzt noch weniger zu lallen und mehr zu verstehen, was man dir sagt, dann wird das auch was mit dem Stipendium.“

„Ich hab dich schon verstanden.“

„Du wolltest was mithaben.“

„Ich weiß.“

„Ich auch. Also halt den Mund.“

Dann nahm sie mich in den Arm und küsste mich.

„Man sieht sich immer zweimal im Leben.“

„Wenn nicht zweimal die Woche.“

„Mach’s gut.“

„Mach ich.“

Draußen war wieder Winter.

Dass die Bedienung wie Jean Pauls erste Liebe tatsächlich Katharina hieß, glaubt mir jetzt sowieso kein Mensch mehr.

— Pausenlied. Drunter geht’s weiter mit dem Primärtext Jean Paul und mehr Bildern von Luca Hollestelle.

~~~\~~~~~~~/~~~

——— Jean Paul:

Kuß

aus: Selberlebensbeschreibung, Dritte Vorlesung. Schwarzenbach an der Saale, 1818:

Agata Serge Photography, Luca HollestelleWie früher dem Kirchenstuhl gegenüber, so konnt‘ ich nicht anders als zur erhöhten Schulbank hinauf – denn sie saß ganz oben, die Katharina Bärin – mich verlieben, in ihr niedliches rundes rotes blatternarbiges Gesichtchen mit blitzenden Augen und in ihre artige Hastigkeit, womit sie sprach und davonlief. Am Schulkarneval, das den ganzen Fastnachtvormittag einnahm und in Tänzen und Spielen bestand, hatt‘ ich die Freude, mit ihr den unregelmäßigen Hopstanz zu machen und so dem regelrechten gleichsam vorzuarbeiten und vorzutanzen. Ja bei dem Spiele „wie gefällt dir dein Nachbar“ – wo man auf das Bejahen des Gefallens zu küssen befehligt wird und auf das Verneinen einem Hergerufnen unter einigen Ritterschlägen des Klumpsackes laufend Platz zu machen hat – trug ich letzte häufig neben ihr davon; eine Goldschlägerei, durch die meine Liebe wie das edelste Metall größer wurde, und ein unterhaltendes Abwechseln wie sie mir immer den Hof verbot und ich sie immer an den Hof rief, waltete ob.

Alle diese böslichen Verlassungen (desertio malitiosa) konnten mir die Seligkeit nicht abschneiden, ihr täglich zu begegnen, wenn sie mit ihrem schneeweißen Schürzchen und Häubchen über die lange Brücke dem Pfarrhause entgegenlief, aus dessen Fenster ich schauete. Sie freilich zu erwischen, um ihr etwas Süßes nicht sowohl zu sagen, als zu geben, z.B. einen Mundvoll Obst – dies war ich, so schnell ich auch durch den Pfarrhof eine kleine Treppe hinablief, um die Vorbeilaufende unten im Fluge zu empfangen, meines Wissens nie imstande. Aber ich genoß genug, daß ich sie vom Fenster aus auf der Brücke lieben konnte, was, hoff‘ ich, für mich nahe genug war, da ich gewöhnlich immer hinter langen Seh- und Hörröhren mit meinem Herzen und Munde stand. Ferne schadet der rechten Liebe weniger als Nähe. Wäre mir auf der Venus eine Venus zu Gesicht gekommen: ich hätte das himmlische Wesen mit seinen in solcher Ferne so sehr bezaubernden Reizen warm geliebt und es ohne Umstände zu meinem Morgen- und Abendstern erwählt zum Verehren.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleInzwischen hab‘ ich das Vergnügen, alle, welche in Schwarzenbach bloß ein wiederholtes Joditz der Liebe erwarten, aus ihrem Irrtum zu ziehen und ihnen zu melden, daß ich es zu etwas brachte. An einem Winterabende, wo ich meine Prinzessinsteuer von Süßigkeiten schon vorrätig hatte, der gewöhnlich nur die Einnehmerin fehlte, beredete der Pfarrsohn, der unter allen meinen Schulkameraden der schlechteste war, mich zum verbotenen Wagstücke, während ein Besuch des Kaplans meinen Vater beschäftigte, im Finstern das Pfarrhaus zu verlassen, die Brücke zu passieren und geradezu (was ich noch nie gewagt) in das Haus, wo die Geliebte mit ihrer armen Mutter oben in einem Eckzimmerchen wohnte, zu marschieren und unten in eine Art von Schenkstube einzudringen. Ob Katharina aber zufällig da war und wieder hinaufging, oder ob sie der Schelm mit seiner Bedientenanlage unter einem Vorwande herunterlockte, auf die Mitte der Treppe; oder kurz wie es dahinkam, daß ich sie auf der Mitte fand: dies ist mir alles nur zu einer träumerischen Erinnerung auseinandergeronnen; denn eine plötzlich aufblitzende Gegenwart verdunkelt dem Erinnern alles was hinter ihr ging. So stürmisch wie ein Räuber war ich zuerst der Geber meiner Eßgeschenke, und dann drückt‘ ich – der ich in Joditz nie in den Himmel des ersten Kusses kommen konnte, und der nie die geliebte Hand berühren durfte – zum ersten Male ein lange geliebtes Wesen an Brust und Mund. Weiter wüßt‘ ich auch nichts zu sagen, es war eine Einzigperle von Minute, etwas, das nie da war, nie wiederkam; eine ganze sehnsüchtige Vergangenheit und Zukunft-Traum war in einen Augenblick zusammen eingepreßt; – und im Finstern hinter den geschloßnen Augen entfaltete sich das Feuerwerk des Lebens für einen Blick und war dahin. Aber ich hab‘ es doch nicht vergessen, das Unvergeßliche.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleIch kehre wie eine Hellseherin aus dem Himmel auf die Erde zurück und bemerke nur, daß diesem zweiten Weihnachtfest der Ruprecht, da er ihm nicht vorlief, nachlief und ich nach Hause kommend schon unterwegs den Boten fand und zu Hause stark gescholten wurde über mein Auslaufen. Gewöhnlich fällt immer nach zu heißen Silberblicken der Glücksonne ein solcher Schlossen- und Schlackenguß. Was tat es mir? Mein Paradies war durch nichts zu ersäufen; denn blüht es nicht noch heute fort bis an diese Feder heran?

Es war, wie gesagt, der erste Kuß, und zugleich, wie ich glaube, der letzte dazu, wenn ich nicht absichtlich, da sie noch lebt, nach Schwarzenbach fahren und da einen zweiten geben will. Wie gewöhnlich nahm ich während meines ganzen Schwarzenbacher Lebens mit meiner telegraphischen Liebe vorlieb, welche noch dazu ohne einen antwortenden Telegraphen sich erhalten und beantworten mußte. Aber wahrlich, niemand tadelt die Gute weniger als ich, wenn sie damals schwieg oder jetzo noch – nach ihres Mannes Tode –; denn ich mußte mich später in fremdes Lieben und Herz immer erst langsam hineinreden; es half mir nichts, daß ich sogleich mit fertigem Gesicht und allem Außen schon dastand; allen diesen körperlichen Reizen mußte später erst die Folie der geistigen von mir unterlegt werden, bevor sie genugsam glänzten und blendeten und zündeten. Aber dies war eben das Fehlerhafte in meiner unschuldigen Liebezeit, daß ich, ohne Umgang mit der Geliebten, ohne Gespräche und Einleitung, ihr bei meiner dürren Außenseite die ganze Liebe auf einmal hervorgefahren zeigte und kurz daß ich ordentlich als der Judenbaum vor ihr stand, der ohne den Umschweif von Ästen und Blättern die weiche feine Blüte aus der unansehnlichen Rinde hervortreibt.

Bilder: Agata Serge: Luca Hollestelle,
Tracklist: Deke Dickerson and the EccoFonics: Redheaded Woman,
live in Sagebrush Boogie aus den WRFG FM 89.3 Studios in Atlanta, Georgia, 10. Februar 2000;
Tom Waits: A Sight for Sore Eyes, aus: Foreign Affairs, 1977,
als letztes Lied des Jahres:

Alles Gute für 2015.

Written by Wolf

30. Dezember 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Gar kein Advent mehr: Das Männlein in der Gans

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Update zum Spielmann:

Zu Weihnachten 1813 schenkte der 25-jährige Friedrich Rückert seiner kleinsten, damals dreijährigen Schwester Maria eine Sammlung aus fünf selbstgemachten Gedichten, die er innerhalb einer einzigen Nacht ausgearbeitet und niedergeschrieben hatte. Maria starb 1835, als sie ihrerseits 25 war.

——— Friedrich Rückert:

Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein.

Zum Christtag 1813:

5 von 5

Das Männlein in der Gans

Ludwig Richter, Die Mutter am ChristabendDas Männlein ging spazieren einmal
   Auf dem Dach, ei seht doch!
   Das Männlein ist hurtig, das Dach ist schmal,
   Gib acht, es fällt noch.
   Eh‘ sich’s versieht, fällt’s vom Dach herunter
   Und bricht den Hals nicht, das ist ein Wunder.

Unter dem Dach steht ein Wasserzuber,
   Hineinfällt’s nicht schlecht;
   Da wird es naß über und über,
   Ei, das geschieht ihm recht.
   Da kommt die Gans gelaufen,
   Die wird’s Männlein saufen.

Die Gans hat’s Männlein ’nuntergeschluckt,
   Sie hat einen guten Magen;
   Aber das Männlein hat sie doch gedruckt,
   Das wollt‘ ich sagen.
   Da schreit die Gans ganz jämmerlich;
   Das ist der Köchin ärgerlich.

Die Köchin wetzt das Messer,
   Sonst schneidt’s ja nicht:
   Die Gans schreit so, es ist nicht besser,
   Als daß man sie sticht;
   Wir wollen sie nehmen und schlachten
   Zum Braten auf Weihnachten.

Sie rupft die Gans und nimmt sie aus,
   Und brät sie,
   Aber das Männlein darf nicht ‚raus,
   Versteht sich.
   Die Gans wird eben gebraten;
   Was kann’s dem Männlein schaden?

Weihnachten kommt die Gans auf den Tisch
   Im Pfännlein;
   Der Vater tut sie ‚raus und zerschneid’t sie frisch.
   Und das Männlein?
   Wie die Gans ist zerschnitten,
   Kriecht’s Männlein aus der Mitten.

Da springt der Vater vom Tisch auf,
   Da wird der Stuhl leer;
   Da setzt das Männlein sich drauf,
   Und macht sich über die Gans her.
   Es sagt: „Du hast mich gefressen,
   Jetzt will ich dafür dich essen.“

Da ißt das Männlein gewaltig drauf los,
   Als wären’s seiner sieben;
   Da essen wir alle dem Männlein zum Trotz,
   Da ist nichts übriggeblieben
   Von der ganzen Gans, als ein Tätzlein,
   Das kriegen dort hinten die Kätzlein.

Nichts kriegt die Maus,
   Das Märlein ist aus.

Das Kind fragt:

   Was ist denn das?

Antwort:

   Ein Weihnachts-Spaß;
   Aufs Neujahr lernst
   Du, was?
   Den Ernst.

Daniel Chodowiecki, Hausliches Fest am Weihnachts Abend, 1799

Bilder: Ludwig Richter: Die Mutter am Christabend, Holzstich. In mehreren Ausgaben nachgedruckt, hier nach: Johann Peter Hebel: Werke. Hrsg. von Paul Alverdes. München: Carl Hanser o.J., S. 364
via Goethezeitportal;
Daniel Chodowiecki: Hausliches Fest am Weihnachts Abend, 1799.

Written by Wolf

26. Dezember 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Nahrung & Völlerei

Das Gezänk der Weisen

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Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten und Naseweise Weihnachten:

But in a last word to the wise of these days let it be said that of all who give gifts these two were the wisest. Of all who give and receive gifts, such as they are wisest. Everywhere they are wisest. They are the magi.

O. Henry: The Gift of the Magi, 1906.

Die schönste von allen bekannten Tausenden Versionen Stille Nacht ist zweifellos eine englische – Silent Night –, nämlich die von die von Tom Waits. Sie ist nie auf einer Original-CD von ihm erschienen, insofern eine Rarität, nur auf SOS United, 1989 – eine Stiftung von Tom Waits für die SOS-Kinderdörfer. Der teilhabende Kinderchor bleibt unbekannt, weil ungenannt.
Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Heuer schenken wir uns nichts. Uns schenkt auch keiner was, und wer hat schon was zu verschenken. Heuer schmeißen wir lieber mal Sachen raus, die uns vom Wesentlichen abhalten. Als erstes sparen wir uns das Merchandising zum Thema Lebensvereinfachung, zumal ich den Thoreau vor Jahren für eine Mark (und nicht etwa einen Euro) auf dem Ramsch erwischt hab, von dem haben noch unsere Enkel was.

Leonardo da Vinci, Studienblatt mit Katzen und Drachen, 1513--1515Gewinner der Weihnacht 2014 ist wie immer Moritz: Ich werde ihm endlich die Ecke freiräumen, die er für seine Janosch-Decke braucht und die bislang von meinem Plattenspieler belegt wird. „Auf modern machen und dann mit LPs hantieren“, mault Moritz, „ist auf deinen Youtube-Kapellen jetzt auch schon Abspielschutz drauf?“

„Katzen sind ja so gemütlich und romantisch“, maule ich zurück.

„Deine passiv-aggressive Argumentationsweise kannst du dir für deine Frau aufheben“, schließt Moritz ab und bestellt noch Brathendl mit Reis an Sahnesauce.

Dass ich anno 1990 der letzte Mensch in Nordbayern war, der von LP auf CD umgestellt hat, zählt heute nicht mehr als Romantik und Loyalität zur wichtigen Musik, sondern als Rückständigkeit in selbstverletzerischem Ausmaß. Dabei hab ich es in all den Jahren nie geschafft, auch nur die Skirl o’Carson von meinen alten Nürnberger Lieblingsiren Carson Sage aufzutreiben: 1991 bei den Fürther Musical Tragedies in einmaliger Auflage von tausend Stück gepresst, nie als CD erschienen, schon auf den ersten paar Konzerten rettungslos vergriffen, während ich für die Uni gelernt hab. Das Leben besteht aus verpassten Gelegenheiten. Doch, meins schon.

In der Nacht vor Heiligabend lagere ich meinen Technics-Turm an einem stillen Waldstück zwischen, an dem es nicht so drauf ankommt. Mir blutete das Herz, wenn nicht so ein schneidendes Sauwetter wäre.

Leonardo da Vinci, Studie zu einer Madonna mit Katze, 1481--1483Am Heiligabend selbst sorge ich für die nötige Weihnachtsstimmung, indem ich ein paar Youtube-Videos mit Weihnachtsliedern bookmarke, damit ich sie nacheinander aufrufen kann. Schon praktisch: Die Spieldauer hält viel länger vor als eine LP, wenn man sie alle drei Minuten anklickt, die Sounddateien knacksen nicht und wiegen keine fünf Tonnen, die man vor und nach jedem Anhören abstauben muss. Wenn es kein DSL gäbe, die Hardcore-Romantiker unter uns müssten es erfinden. Moritzens neuer Schlafplatz mit seiner Janosch-Decke erstrahlt nicht gerade in weihnachtlichem Glanze, aber immerhin abgestaubt; Weihnachten ist ja die wenigste Zeit des Jahres.

Als Moritz die Zeit für die Weihnachtsbescherung geeignet hält, springt er mir mit allen vier Pfoten auf den Bauch und schiebt sich vors Buch. „Hier wird nicht auf urbane Konsumverweigerung gemacht“, schnarrt er, „es ist der Heilige Abend, die Nacht, in der Tiere Musik verstehen.“

„Sie verstehen Musik? Und das ist jedes Jahr?“

„Meister, man könnte glauben, es ist dein erstes Weihnachten.“

„Nein, aber Musikverständnis ist mir bisher noch selten bei anderen Viechern außer mir aufgefallen.“

Moritz, unwillig zu wohlfeilen Sophistereyen, lotst mich ins Bescherungszimmer. Dass er eigenmächtig Türen öffnen kann, hinter die er nicht soll, wusste ich. Auf meinem abgestaubten Janosch-Deckenplatz prangt groß und bunt: die Skirl o’Carson.

Leonardo da Vinci, Studie zu einer Madonna mit Katze, 1481--1483„Moritz, mein Moritz“, sag ich, „das ist der Platz für deine Decke!“

„Die Janosch-Decke? Vergiss die. Hab ich für deine Carson-Platte eingetauscht. Ein Blogkumpel war so freundlich, der hat die seit 1992 nie angehört und ist inzwischen sowieso eher im Alter für Jazz.“

„Du hast … deine Janosch-Decke hergegeben?“

„Für dich, o mein Meister der Dosenöffner.“

„Und dich gar nicht gewundert, wo mein Plattenspieler hin ist?“

„Doch, schon irgendwie. Und was mich deine Renovierungsanfälle interessieren, ist dir bekannt.“

„Stellen wir die Platte halt jetzt schön vor die anderen. Ist ja ein schönes Bild drauf. Das können die wenigsten Youtubes ersetzen.“

„Und ich schlaf jetzt immer bei dir im Bett.“

„Halleluja.“

„Frohe Weihnachten, Meister.“

Es gab dann noch Brathendl mit Reis an Sahnesauce.

~~~\~~~~~~~/~~~

An dem alten Tränendrüsentorpedo (sprechen Sie das mal auf Fränkisch aus …) „Das Geschenk der Weisen“ hat mich dramaturgisch immer gestört, dass Della sich die Haare ohne weiteren Aufwand wieder wachsen lassen kann („Es wird wieder wachsen — du nimmst es nicht tragisch, nicht wahr? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst unheimlich schnell.„), aber Jim seine goldene Uhr nicht.

Für mich bitte nichts Selbstgemachtes und keine Aktien. Am sichersten sind Überweisungen. Unter meiner bekannten Münchner Adresse werden Geschenkgutscheine und Bargeld entgegengenommen. Am besten in großen Scheinen, das spart Porto.

xkcd, Theft of the Magi, December 2008

Bilder: Leonardo da Vinci: Studienblatt mit Katzen und Drachen, 1513–1515;
Studien zu einer Madonna mit Katze, 1481–1483;
Randall Munroe: Theft of the Magi, Dezember 2008.

Written by Wolf

24. Dezember 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, ~ Weheklag ~

4. Advent: Der Spielmann

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Update zum Bäumlein, das spazieren ging:

Zu Weihnachten 1813 schenkte der 25-jährige Friedrich Rückert seiner kleinsten, damals dreijährigen Schwester Maria eine Sammlung aus fünf selbstgemachten Gedichten, die er innerhalb einer einzigen Nacht ausgearbeitet und niedergeschrieben hatte. Maria starb 1835, als sie ihrerseits 25 war.

——— Friedrich Rückert:

Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein.

Zum Christtag 1813:

4 von 5

Der Spielmann

Frances Benjamin Johnston, Miss Apperson Playing Banjo, 1895 via Berry-Flavored FrescaDer Spielmann stimmt seine Geigen
Und spricht zu ihr:
„Du sollst dein Kunststück zeigen,
Komm, geh mit mir!“
Der Spielmann geht mit ihr vor ein Schloß;
’s ist Nacht, der Spielmann fiedelt drauf los.
Der Spielmann sagt: „’s ist nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Vor dem Schloß ist ein Garten,
Mit Bäum‘ und Pflanzen;
Die können die Zeit nicht erwarten,
Zu tanzen.
Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß,
Die Bäume tanzen alle drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Im Garten ist ein Weiher,
Darin sind Fisch‘;
Die hören auch das Geleier
Und tanzen frisch.
Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß,
Die Bäum‘ und die Fische tanzen drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Im Schlosse drin sind Mäuse,
Der Spielmann spielt auf;
Die Mäuse hören leise,
Sie wachen auf.
Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß;
Bäume, Fisch‘ und Mäuse tanzen drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Im Schloß sind Tisch‘ und Bänke,
Die werden wach,
Sie kommen aus dem Gelenke
Und tanzen nach.
Der Spielmann fiedelt vor dem Schloß;
Bäume, Fische, Mäuse, Bänke tanzen drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Sind denn keine Menschen vorhanden?
Der Spielmann spricht:
„Ich spiele mich schier zu schanden,
Sie hören nicht.“
Bäume, Fische, Mäuse, Bänke tanzen drauf los;
Wollen die Menschen nicht aus dem Schloß?
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Da wird das Schloß auf einmal ganz
Lebendig,
Es stellt sich auf die Spitz‘ und tanzt
Unbändig.
Der Spielmann spielt, es tanzt das Schloß,
Die Menschen schlafen noch immer drauf los.
Der Spielmann spricht: „’s ist noch nicht genug,
Ich muß fiedeln noch einen Zug.“

Da tanzt das Schloß bis in Stücken es geht
Mit Krachen;
Nun hören es endlich die Menschen im Bett
Und erwachen;
Sie hören den Spielmann spielen vorm Schloß
Und tanzen nun auch mit dem andern Troß.
Der Spielmann spricht: „Nun ist es genug;
Doch will ich fiedeln noch einen Zug.“

Das Kind fragt:

Warum denn noch einen?

Antwort:

Wegen des Männleins in der Gans.

Das Kind fragt:

Muß das auch an den Tanz?

Das Kind fragt:

Wird gleich erscheinen.

Bild: Frances Benjamin Johnston: Miss Apperson Playing Banjo, 1895;
Spielleute: Hilary Hahn auf Heinrich Wilhelm Ernst: Grand Caprice für Violine allein: Der Erkönig, op. 26;
Rhonda Vincent & the Rage auf Ervin T. Rouse: Orange Blossom Special, 1938/2011.

Written by Wolf

21. Dezember 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Schall & Getöse

3. Advent: Vom Bäumlein, das spazieren ging

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Update zum Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt:

Zu Weihnachten 1813 schenkte der 25-jährige Friedrich Rückert seiner kleinsten, damals dreijährigen Schwester Maria eine Sammlung aus fünf selbstgemachten Gedichten, die er innerhalb einer einzigen Nacht ausgearbeitet und niedergeschrieben hatte. Maria starb 1835, als sie ihrerseits 25 war.

——— Friedrich Rückert:

Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein.

Zum Christtag 1813:

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Vom Bäumlein, das spazieren ging

Daniel Chodowiecki in Hg. Olga Amberger, Zeitgenossen Chodowieckis. Lose Blätter schweizerischer Buchkunst, Rhein-Verlag, Basel 1921, Seite 45Das Bäumlein stand im Wald
In gutem Aufenthalt;
Da standen Busch und Strauch
Und andre Bäumlein auch;
Die standen dicht und enge,
Es war ein recht’s Gedränge;
Das Bäumlein mußt‘ sich bücken
Und sich zusammen drücken;
Da hat das Bäumlein gedacht
Und mit sich ausgemacht:
„Hier mag ich nicht mehr stehn,
Ich will wo anders gehn
Und mir ein Örtlein suchen,
Wo weder Birk‘ noch Buchen,
Wo weder Tann‘ noch Eichen
Und gar nichts desgleichen;
Da will ich allein mich pflanzen
Und tanzen.“

Das Bäumlein das geht nun fort
Und kommt an einen Ort,
In ein Wiesenland,
Wo nie ein Bäumlein stand,
Da hat sich’s hingepflanzt
Und hat getanzt.

Dem Bäumlein hat’s vor allen
An dem Örtlein gefallen;
Ein gar schöner Bronnen
Kam zum Bäumlein geronnen;
War’s dem Bäumlein zu heiß,
Kühlt’s Brünnlein seinen Schweiß.
Schönes Sonnenlicht
War ihm auch zugericht‘;
War’s dem Bäumlein zu kalt,
Wärmt‘ die Sonn‘ es bald.
Auch ein guter Wind
War ihm hold gesinnt,
Der half mit seinem Blasen
Ihm tanzen auf dem Rasen.

Das Bäumlein tanzt‘ und sprang
Den ganzen Sommer lang;
Bis es vor lauter Tanz
Hat verloren den Kranz.
Der Kranz mit den Blättlein allen
Ist ihm vom Kopf gefallen;
Die Blättlein lagen umher,
Das Bäumlein hat keines mehr;
Die einen lagen im Bronnen,
Die andern in der Sonnen,
Die andern Blättlein geschwind
Flogen umher im Wind.

Wie’s Herbst nun war und kalt,
Da fror’s das Bäumlein bald;
Es rief zum Brunnen nieder:
„Gib meine Blättlein mir wieder,
Damit ich doch ein Kleid
Habe zur Winterszeit.“
Das Brünnlein sprach: „Ich kann eben
Die Blättlein dir nicht geben;
Ich habe sie alle getrunken,
Sie sind in mich versunken.“

Da kehrte von dem Bronnen
Das Bäumlein sich zur Sonnen:
„Gib mir die Blättlein wieder,
Es friert mich an die Glieder.“
Die Sonne sprach: „Nun eben
Kann ich sie dir nicht geben;
Die Blättlein sind längst verbrannt
In meiner heißen Hand.“

Da sprach das Bäumlein geschwind
Zum Wind:
„Gib mir die Blättlein wieder,
Sonst fall‘ ich tot darnieder.“
Der Wind sprach: „Ich eben
Kann dir die Blättlein nicht geben;
Ich hab‘ sie über die Hügel
Geweht mit meinem Flügel.“
Da sprach das Bäumlein ganz still:
„Nun weiß ich, was ich will;
Da haußen ist mir’s zu kalt,
Ich geh‘ in meinen Wald,
Da will ich unter die Hecken
Und Bäume mich verstecken.“

Da macht sich’s Bäumlein auf
Und kommt im vollen Lauf
Zum Wald zurück gelaufen,
Und will sich stell’n in den Haufen.
’s fragt gleich beim ersten Baum:
„Hast du keinen Raum?“
Der sagt: „Ich habe keinen!“
Da fragt das Bäumlein noch einen,
Der hat wieder keinen;
Da fragt das Bäumlein noch einen:
Es fragt von Baum zu Baum,
Aber kein einz’ger hat Raum.
Sie standen schon im Sommer
Eng in ihrer Kammer;
Jetzt im kalten Winter
Stehn sie noch enger dahinter.
Dem Bäumchen kann nichts frommen,
Es kann nicht unterkommen.

Da geht es traurig weiter
Und friert, denn es hat keine Kleider;
Da kommt mittlerweile
Ein Mann mit einem Beile,
Der reibt die Hände sehr,
Tut auch, als ob’s ihn frör‘.
Da denkt das Bäumlein wacker:
„Das ist ein Holzhacker;
Der kann den besten Trost
Mir geben für meinen Frost.“

Das Bäumlein spricht schnell
Zum Holzhacker: „Gesell,
Dich friert’s so sehr wie mich
Und mich so sehr wie dich.
Vielleicht kannst du mir
Helfen und ich dir.
Komm, hau‘ mich um
Und trag‘ mich in deine Stub’n,
Schür‘ ein Feuer an,
Und leg‘ mich dran;
So wärmst du mich
Und ich dich.“

Das deucht dem Holzhacker nicht schlecht,
Er nimmt sein Beil zurecht;
Haut’s Bäumlein in die Wurzel,
Umfällt’s mit Gepurzel;
Nun hackt er’s klein und kraus
Und trägt das Holz nach Haus
Und legt von Zeit zu Zeit
In den Ofen ein Scheit.

Das größte Scheit von allen
Ist uns fürs Haus gefallen;
Das soll die Magd uns holen,
So legen wir’s auf die Kohlen;
Das soll die ganze Wochen
Uns unsre Suppen kochen.
Oder willst du lieber Brei?

Das Kind sagt:

Das ist mir einerlei.

btrachtn

Bilder: Daniel Chodowiecki in Olga Amberger (Hg.):
Zeitgenossen Chodowieckis. Lose Blätter schweizerischer Buchkunst; Rhein-Verlag, Basel 1921, Seite 45;
Btrachtn.

Written by Wolf

14. Dezember 2014 at 00:01

2. Advent: Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt

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Update zum Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen:

Zu Weihnachten 1813 schenkte der 25-jährige Friedrich Rückert seiner kleinsten, damals dreijährigen Schwester Maria eine Sammlung aus fünf selbstgemachten Gedichten, die er innerhalb einer einzigen Nacht ausgearbeitet und niedergeschrieben hatte. Maria starb 1835, als sie ihrerseits 25 war.

Marlene Depetri, Autorretrato, September 20th, 2014

——— Friedrich Rückert:

Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein.

Zum Christtag 1813:

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Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt

Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald
In gutem und schlechtem Wetter;
Das hat von unten bis oben
Nur Nadeln gehabt statt Blätter;
Die Nadeln, die haben gestochen,
Das Bäumlein, das hat gesprochen:

„Alle meine Kameraden
Haben schöne Blätter an,
Und ich habe nur Nadeln,
Niemand rührt mich an;
Dürft‘ ich wünschen, wie ich wollt‘,
Wünscht‘ ich mir Blätter von lauter Gold.“

Wie’s Nacht ist, schläft das Bäumlein ein,
Und früh ist’s aufgewacht;
Da hatt‘ es goldene Blätter fein,
Das war eine Pracht!
Das Bäumlein spricht: „Nun bin ich stolz;
Goldene Blätter hat kein Baum im Holz.“

Aber wie es Abend ward,
Ging der Jude durch den Wald
Mit großem Sack und großem Bart,
Der sieht die goldnen Blätter bald;
Er steckt sie ein, geht eilends fort
Und läßt das leere Bäumlein dort.

Das Bäumlein spricht mit Grämen:
„Die goldnen Blättlein dauern mich,
Ich muß vor den andern mich schämen,
Sie tragen so schönes Laub an sich.
Dürft‘ ich mir wünschen noch etwas,
So wünscht‘ ich mir Blätter von hellem Glas.“

Da schlief das Bäumlein wieder ein,
Und früh ist’s wieder aufgewacht;
Da hatt‘ es glasene Blätter fein,
Das war eine Pracht!
Das Bäumchen sprach: „Nun bin ich froh;
Kein Baum im Walde glitzert so.“

Da kam ein großer Wirbelwind
Mit einem argen Wetter,
Der fährt durch alle Bäume geschwind
Und kommt an die gläsernen Blätter;
Da lagen die Blätter von Glase
Zerbrochen in dem Grase.

Das Bäumlein spricht mit Trauern:
„Mein Glas liegt in dem Staub;
Die anderen Bäume dauern
Mit ihrem grünen Laub.
Wenn ich mir noch was wünschen soll,
Wünsch‘ ich mir grüne Blätter wohl.“

Da schlief das Bäumlein wieder ein,
Und wieder früh ist’s aufgewacht;
Da hatt‘ es grüne Blätter fein.
Das Bäumlein lacht
Und spricht: „Nun hab‘ ich doch Blätter auch,
Daß ich mich nicht zu schämen brauch‘.“

Da kommt mit vollem Euter
Die alte Geiß gesprungen;
Sie sucht sich Gras und Kräuter
Für ihre Jungen;
Sie sieht das Laub und fragt nicht viel,
Sie frißt es ab mit Stumpf und Stiel.

Da war das Bäumchen wieder leer,
Es sprach nun zu sich selber:
„Ich begehre nun keine Blätter mehr,
Weder grüner, noch roter, noch gelber!
Hätt‘ ich nur meine Nadeln,
Ich wollte sie nicht tadeln.“

Und traurig schlief das Bäumlein ein,
Und traurig ist es aufgewacht;
Da besieht es sich im Sonnenschein
Und lacht und lacht!
Alle Bäume lachen’s aus;
Das Bäumlein macht sich aber nichts daraus.

Warum hat’s Bäumlein denn gelacht,
Und warum denn seine Kameraden?
Es hat bekommen in der Nacht
Wieder alle seine Nadeln,
Daß jedermann es sehen kann.
Geh‘ ’naus, sieh’s selbst, doch rühr’s nicht an!

Das Kind fragt:

Warum denn nicht?

Antwort:

Weil’s sticht.

Marlene Depetri, Ser, October 18th, 2014

Bilder von Baum und Busch: Marlene Depetri:
Autorretrato, 20. September 2014; Ser, 18. Oktober 2014.

Written by Wolf

7. Dezember 2014 at 00:01

Wenn es Ihnen versagt würde to translate

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Update zu And Rilke says to this guy:

Bei dem Thema von Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt, falls es eins hat, kommt selten ein direkter Kontakt mit den zitierten Schreibern zustande, weil kaum einer seit weniger als hundert Jahren tot ist. Anders verhält es sich mit Christian Meurer, der gesund ist und im März 2005 für die Titanic einen dermaßen dankenswert aufschlussreichen Artikel geschrieben hat, dass er einfach hier unterkommen musste — übrigens mit ausdrücklich eingeholtem Einverständnis der Titanic. Der Titanic etwas recht machen, das kriegt nicht gleich jeder hin.

Das freut sogar Herrn Meurer selbst. Dieser Tage, etwa eineinhalb Jahre, nachdem ich seinen Artikel fürs Internet gerettet habe, hat er erfreut kommentiert (hier gekürzt und angeglichen):

Das freut mich ja sehr, dass mein alter Artikel zumindest im Netz noch weiterlebt. Eine sehr interessante Tatsache war mir damals noch nicht bekannt, darum sei sie hier nachgetragen: Lady Gaga ist ebenfalls ein Kappus-Fan, wie vielen Artikeln über sie im Netz zu entnehmen ist, hat sie sich ein Zitat aus den Rilke-Briefen an ihn auf deutsch auf den linken Arm tätowieren lassen […].

Besten Gruß,

Christian Meurer

Da hat der Experte natürlich recht. Tatsächlich trägt die New Yorker Unterhalterin Stefani Joanne Angelina Germanotta, die leider seit längerem unverhältnismäßig prominent als „Lady Gaga“ auftritt, seit 6. August 2009 eine kalligraphierte Tätowierung auf der Innenseite ihres linken Unterarms.

Lady Gaga zeigt ihr Rilke-Tattoo

Links, das musste sein, weil sie allein ihre linke Körperseite, die sie deswegen ihre „Iggy-Pop-Seite“ nennt, für Tätowierungen vorgesehen hat. Ihre rechte Körperseite, die deswegen „Marilyn-Monroe-Seite“ heißt, gestaltet sie ihrem Vater zu Gefallen nur mit abwaschbaren Mitteln und Weißraum.

Inhalt der Kalligraphie ist eine Stelle aus dem ersten der Briefe an einen jungen Dichter vom 17. Februar 1903 — und zwar für eine Amerikanerin, die sich bei Three Tides Tattoo im japanischen Osaka tätowieren lässt, erstaunlich genug im deutschen Original (Zeilenumbrüche wie in der Tätowierung):

Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres
Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen
Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen
versagt würde zu schreiben. Muss ich schreiben?

Lady Gagas Rilke-Tattoo

Frau „Gaga“ erklärt — möglicherweise auf dem oberen Bild — den Sinn ihrer Körperzier damit, dass Rainer Maria Rilke ihr „Lieblingsphilosph“ (favourite philosopher) sei und dessen „Lebensanschauung der Einsamkeit“ (philosophy of solitude) in besonderem Maße zu ihr spreche. Jedenfalls ist es eine Stelle, auf die eine junge Amerikanierin innerhalb der Populärkultur in Sister Act (1992) stoßen kann, wie von Christian Meurer dargestellt.

Zwischen den Text gepresst steht noch auf Frau „Gaga“: „12/18/1974“ — ein Datum, das zwölf Jahre vor ihrer Geburt liegt und von der ergiebigsten Informationsquelle in diesem Belang — Gagapedia — bisher unerläutert bleibt: Was geschah am 18. Dezember 1974, das Lady Gaga für so bedeutsam für ihr Leben hält, dass sie sich eine stete Erinnerung daran eintätowieren ließ?

Laut der zweitsprudelndsten Quelle How to Tattoo ist es das Todesdatum ihrer Tante Joanne, für deren Wiedergeburt die junge Stefani Joanne Angelina sich zumindest im August 2009 hielt. In Gagapedia aber, was schwerer wiegt und weiter führt, wird Rilke mit dem Wortlaut übersetzt:

In the deepest hour of the night, confess to yourself that you would die if you were forbidden to write. And look deep into your heart where it spreads its roots, the answer, and ask yourself, must I write?

Rilkes Text von Lady Gagas Tattoo

Welcher Übersetzer „in der tiefsten Stelle Ihres Herzens“ mit „in the deepest hour of the night“ wiedergibt, will ich dann schon gar nicht mehr wissen. Das ist nur das erste Beispiel aus der Errata-Liste für zwei nicht sehr verwickelte Sätze, auf die übrigen kommt man schon mit gängigem Schulenglisch. Wenn englische Rilke-Übersetzungen diese Qualität durchhalten, wundert mich auch der Welterfolg einer „Lady Gaga“ nicht — die wenigstens schlau genug war, sich bei Three Tides Tattoo den deutschen Originaltext stechen zu lassen.

Dafür und dass sie so brav auf ihren Herrn Daddy hört, verdient sie Respekt. — And thanks to Christian Meurer for caring and sharing!

Bilder: Tattoo Donkey;
How to Tattoo: Lady Gaga’s New Tattoo:

5) The Rilke Tattoo
Written in German, is a quote from “Letters to a Young Poet” by Rainer Maria Rilke, Gaga’s favorite philosopher, along with the death-date of Gaga’s aunt, Joanne, 12/18/1974, whom Gaga thinks she is a reincarnation of.

Als Bonus-Track diene uns ein Lied aus Lady Gagas erster Schallplatte, nachdem sie ihre Tätowierung mitgebracht hatte: Born This Way, 2011. Es bezeugt, was genau die „Künstlerin“ (Selbstauskunft) mit der deutschen Sprache verbindet. Außer Rilke natürlich.

Written by Wolf

3. Dezember 2014 at 15:25

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse