Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Oktober 2014

Lyrik zur Lage

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——— Erich Fried: Widerspiegelung, in: Lebensschatten, 1981:

Wenn die Gedichte
einfacher werden
so zeigt das
nicht immer an
dass das Leben
einfach geworden ist.

——— Theodor W. Adorno: Theorie der Halbbildung, 1979:

Wer noch weiß, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gutbezahlte Stellung als Texter finden.

——— Yael Naim: New Soul, 2008:

La la lá lalala,
la la lá lalala,
la la lá, la la lá,
la la la.

Israeli-French singer Yael Naim captured the world’s attention in 2008 when this winsome, enchanting single was picked up by Apple for the ad campaign for MacBook Air.

Written by Wolf

29. Oktober 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento

Zu Lolitas Verteidigung

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Update zu Cats in the Cradle and the Silver Spoon, Little Boy Blue and the Aufmerksamkeitsspanne:

Reihen mit unterschätzten Büchern gibt es genug, genau genommen sind wir selber eine. Also eröffnen wir eine Binnenreihe mit missverstandenen Büchern. Am Anfang jeder solchen Reihe kann nur die Lolita von Vladimir Nabokov stehen. Am Ende eigentlich auch.

In Tumblr, das die jungen Leute jetzt statt eines ordentlichen Weblogs benutzen, kann man andere Leute etwas fragen und bestehende Einträge kommentieren. Das kann man in WordPress auch, der Unterschied ist nur: In Tumblr wird es getan. So geschah es am 30. August 2014 beim Glimmering Darling:

Was genau soll denn an dieser Lolita so anbetungswürdig sein? Dolores Haze ist doch niemand, den man aufrichtig bewundern kann …

Lolita's Lipstick

Die Antwort einer lolitabegeisterten, ihrem eigenen Lolita-Alter knapp entwachsenen Engländerin (16) räumt dieses größte der Missverständnisse über die Figur Lolita aus. Das schaffen die wenigsten Literaturwissenschaftler, die sich zu sehr mit Lolitafiguren beschäftigen. Darüber soll sie im Schuljahr 2013/2014 ein Schulreferat gehalten haben, bedient sich also aktueller Forschung und vor allem authentischer Meinungen rezenter junger Menschen. Ich versuche ihre Antwort deshalb möglichst lebensnah zu übersetzen:

Uh, doch, ist sie wohl. Da haben wir ihn wieder, den Fluch von „Ich hab keine Ahnung, was ein unzuverlässiger Erzähler ist!“ und „Jeremy Irons als Humbert Humbert ist so traumhaft und Lolita so ein undankbares Luder!“

Dolores Haze ist zweifellos jemand, den man aufrichtig bewundern muss. Sie wurde von ihrer Mutter mit der Botschaft, dass ihr verstorbener Bruder am Leben sein sollte und nicht sie, seelisch misshandelt (auch körperlich? Ich weiß nicht mehr), bekommt zu kleine Kleider, um sie zu demütigen, und ist dabei ein glückliches, fröhliches kleines Mädchen geblieben. Und das war noch vor der Zeit mit diesem Fickfrosch Humbert Humbert.

Charlotte ist nicht einmal wütend, weil Humbert Dolores liebt. Sie ist wütend, weil er nicht sie selbst liebt! Es ist ihr scheißwurschtegal. So viel Liebe wird ihr zuteil, und sie ist immer noch ein wunderbares, temperamentvolles Kind.

Weiter im Text: Obwohl Humbert sie vergewaltigt und missbraucht, bleibt sie ein liebenswertes, intelligentes kleines Mädchen. Sie ist nicht mehr ganz so glücklich und wäre allzugern entkommen, aber der Schlüssel liegt in dem Satz: „Sie konnte nirgendwo anders hin.“ [„She had absolutely nowhere else to go“, hier ohne die gängige Übersetzung von Dieter Zimmer] Sie wäre ja weg von Humberts Schwanz, aber sie kann es nicht. Kein Geld, keine Familie, zwölfjährig irgendwo in Miami (oder so).

Und als sie schließlich ihren Misshandler verlässt und mit Quilty dasteht, der auch nicht viel besser ist, dreht sie ihr Leben um 180 Grad und gründet mit einem ehrbaren, gutherzigen Mann eine Familie. Sie lebt bescheiden und ist ein kluges Mädchen. Die Figur Dolores hat so viel Scheiße mitgemacht und dann ihr Leben herumgerissen. Sie will Humbert nur wiedersehen, damit sie sich ein besseres Leben für ihre Familie leisten kann.

So wie ich das sehe, heißt die Aussage „Dolores ist doch niemand, den man bewundern kann“ nichts anderes als „Ein Vergewaltigungs- und Missbrauchsopfer ist doch niemand, den man bewundern kann, weil es vergewaltigt und missbraucht wurde“. Und das ist scheiße. Dolores Haze hat nichts Falsches getan.

Ich wiederhole: Dolores Haze hat nichts Falsches getan.

Dolores! Haze! Hat! Nichts! Falsches! Getan!

Sie ist stark, intelligent, gescheit, witzig und charismatisch. Na bitte. Sie ist jemand, den man aufrichtig bewundern muss.

Chapeau! Ungestützt hätte ich einfach nur gesagt: Lolita ist in ihrer durchgehenden Unschuld der Sympathieträger des ganzen Buches, an dem der eigentliche Skandal nicht darin besteht, dass eine Elfjährige mit sexueller Erfahrung vorkommt, sondern dass der Ich-Erzähler Pädophilie, Kindesmissbrauch und Mord das Wort redet und einen mit seiner einnehmenden Eloquenz gar noch auf seine Seite bringt.

Und das ist wahrhaft teuflisch. Es ist der Trick, den nicht Satan, Luzifer oder Beelzebub, wohl aber Mephistopheles abziehen würde, der sich an die denkenden unter den verlorenen Seelen wendet.

Und dass die wirkliche Teufelei an dem Buch nur selten jemand merkt. Und dass sie in der Kriminalgeschichte, der Liebesgeschichte und dem Road-Movie, die bei Nabokov allesamt zu ihrem Recht kommen, virtuos ausgewalzt ist. Und dass die Verfilmung von 1997 um Klassen besser ist als die von 1962 vom weithin überchätzten Stanley Kubrick, weil 1962 als Filmskandal schon gereicht hat, wenn eine — für die Rolle zu „alte“ — Minderjährige (zur Drehzeit 14) barfuß im Nachthemd herumhupft. Und weil man Jeremy „Qualitätsmerkmal“ Irons eigentlich in jedem Film zuschauen kann, auch wenn die Minderjährige schon wieder für die Rolle zu „alt“ war (zur Drehzeit 16).

Das hätte ich gesagt, lauter verkopftes Zeug. Aber wo die Glimmering Darling recht hat, vielleicht weil sie aufgrund ihrer bloßen Beschaffenheit und Lebensumstände besser im Thema drinsteckt, hat sie recht. Encore une fois: Chapeau.

Dankenswerterweise veröffentlicht sie einiges Unterrichtsmaterial zu ihrem Referat: ihre selbst erstellten Powerpoint-Folien zur Einführung in den Lolita-Stoff — in der die Vorgeschichte mit Lola Montez fehlt, aber wir schielen hier in einen britischen Schulunterricht, keine europäische Kulturgeschichte.

Der Referentin lag nach eigenem Bekunden an Dolores Hazes Darstellung als Opfer, nicht als frühreifes „Nymphchen“. Ihren Versuch, das Thema lustig zu vermitteln, betrachtet sie selbst als gescheitert. Die schulische Bewertung überliefert sie nicht.

Glimmering Darling, Powerpoint-Folie zum Referat Lolita in Tumblr

Demnächst an dieser Stelle in unserer Reihe mit missverstandenen Büchern: Der kleine Prinz. Wenn mir nicht zu sehr graust.

Bilder: Dominique Swain mit Lolita’s Lipstick;
Diaries of a Nymphette mit Dominique Swain.

Written by Wolf

24. Oktober 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Wunderblatt 4: Kalanchoe not to be flora

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Wie unlängst dargestellt, geht es der ersten Versuchsanordnung von Kalanchoen weit unter mittelprächtig. Der Tubiflora, die bis heute noch den meisten Anlass zur Hoffnung übrig ließ, sind allenfalls noch die Sterbesakramente zu verabreichen; gute Erde, schlechte Erde, gar keine Erde, viel Wasser, wenig Wasser, viel Licht, Gesellschaft, Abgeschiedenheit und gutes Zureden sind schon versucht. Wenn Sie das lesen, ist der letzte der kleinen Österreicher vermutlich im Kompost. Mehr Hilfe war nicht aufzutreiben.

Kalanchoe tubiflora, welk

——— Johann Baptist van Helmont: Aufgang der Artzney-Kunst. Das ist: Noch nie erhörte Grund-Lehren von der Natur / zu einer neuen Beförderung der Artzney-Sachen / so wol Die Kranckheiten zu vertreiben / als Ein langes Leben zu erlangen, 1683,
übs. Freiherr Christian Knorr von Rosenroth:

Nicht zwar das eine solche Form eben sey eine lebendige Seele; Sondern nur / daß etwas lebhafftes an ihr ist / in dem sie einen gewissen Eingang in sich trägt zur sinnlichen und lebendigen Seelen. […] Denn die Seelen sind zwar etwas lebhafftes / aber doch nicht eigentlich lebendig: denn wenn ein Kraut verdorret / so vergehet mehreteils sein lebhafftes Liecht mit der Seele; doch also das die Krafft desselben Krautes übrig bleibet.

Gut zu wissen: Pflanzen sind nicht lebendig, nur lebhaft — worüber die Diskussion seit Anaxagoras allerdings bis heute anhält, wobei sie immer aktueller statt antiquierter wird. Sollten Pflanzen zu Empfindungen fähig sein, sieht’s in der allseits empfohlenen veganen Ernährungsweise nämlich langsam trist aus (Dickblattgewächse haben für unsereinen praktisch null Nährwert, mein Versuch sollte demnach auf jeden Fall ehrenwert gewesen sein). Wir werden also an dieser Stelle und an mehr anderen, als uns lieb sein wird, noch davon hören.

Gelernt hab ich jetzt: Wenn ich Pflanzen großziehen will, ist das eher eine Art Kompostbeschleunigung als Lebensspende. Übrigens hab ich keine Kinder. So hat alles seinen tiefen Sinn.

Bank Alter Südfriedhof, 15. Juni 2013

Bilder: im Hinterhof (21. Oktober 2014) und am Alten Südfriedhof (15. Juni 2013) selber gemacht.

Written by Wolf

21. Oktober 2014 at 14:23

Untergehn mit Faust und Maus und Ach! schrei’n (Typisch deutsch!)

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Update zum Einjährigen:

Der 200. Eintrag.

Pascal Adolphe Jean Dagnan-Bouveret, Marguerite au Sabbat, 1911Schnell ist es gegangen. Kaum besteht der Weblog zwei Jahre lang, begeht man auch schon den 200. Eintrag. Die „gefühlte“ Zeit verfliegt mit fortschreitendem Alter exponentiell immer schneller, nämlich alle zwanzig Jahre doppelt so schnell, das heißt: Die Lebensjahre von 20 bis 39 fühlen sich im Vergleich zur Bezugsgröße 0 bis 19 nur noch wie zehn Jahre an, die Jahre 40 bis bis 59 nur noch wie fünf; zwischen 60 und 79 trommelt man im eigenen Empfinden nicht mal mehr eine dreijährige Berufsausbildung durch, und wer ab 80 noch nicht zu sehr von der Demenz gebeutelt wird, ist genervt von dem andauernden Weihnachten.

Bestimmt ist das wieder eine besonders „deutsche“ Rechenweise, denn besonders „typisch deutsch“ ist: das Wort für die eigene Nation als Schimpfwort. Es erklärt aber, warum sich Leute wie Lessing, Goethe, Hoffmann, Heine oder Ringelnatz (unvollständig chronologisch) wie die eigenen Zeitgenossen anfühlen.

Ganz erschrocken bin ich bei der Entdeckung, dass einer der verbreitetsten Hausheiligen, Robert Gernhardt, dessen Zeitgenossen die meisten heute Lebenden wirklich waren, erst 1987 ein Gedicht namens Weheklag geschrieben hat. Auch er hadert darin mit dem Deutschtum, ohne es im Ernst aufgeben zu wollen, und gehört deshalb
unbedingt
genau
hierher.

——— Robert Gernhardt:

Weheklag

aus: Körper in Cafés, 1987,
cit. Gesammelte Gedichte: 1954–2006,
Fischer Klassik Plus, 2007:

Italiener sein, verflucht!
Ich hab‘ es oft und oft versucht —
es geht nicht.

Bin doch zu deutsch, bin schlicht zu tief —
wen’s auch schon zu den Müttern rief,
versteht mich.

Die Mütter sind so tief wie doof,
ich gäbe gerne Haus und Hof
fürs Flachsein.

Hab‘ weder Hof, hab‘ weder Haus,
muß untergehn mit Faust und Maus
und Ach! schrei’n.

Gretchen als Sonntagsmutter: Pascal Adolphe Jean Dagnan-Bouveret: Marguerite au Sabbat, 1911.

Thomas D vs. Bela B.: Mephistos Schlaflied aus: Faust vs. Mephisto, 2004.

Written by Wolf

17. Oktober 2014 at 00:01

Was tat der Eitele, ein Emo zu scheinen?

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Update zu Lessing aktuell:

——— Lessing: Der Hirsch, XXVIII.,
in: Fabeln. Drey Bücher. Nebst Abhandlungen mit dieser Dichtungsart verwandten Inhalts,
Voß, Berlin 1759, Drittes Buch:

Die Natur hatte einen Hirsch von mehr als gewöhnlicher Grösse gebildet, und an dem Halse hingen ihm lange Haare herab. Da dachte der Hirsch bey sich selbst: Du könntest dich ja wohl für ein Elend ansehen lassen. Und was that der Eitele, ein Elend zu scheinen? Er hing den Kopf traurig zur Erde, und stellte sich, sehr oft das böse Wesen zu haben.

So glaubt nicht selten ein witziger Geck, daß man ihn für keinen schönen Geist halten werde, wenn er nicht über Kopfweh und Hypochonder klage.

Lilly Yellow, Wrist Cutter Minus the Cuts, 28. August 2009

Emo-Pic: Lilly Yellow: Wrist Cutter (Minus the Cuts), 28. August (!) 2009:

This is Marisa.
It was raining.
I stuck the camera inside a plastic bag, with a hole for the lens.
It came out amazingly.
Our first shoot failed.

I really need a waterproof camera.

Written by Wolf

14. Oktober 2014 at 00:01

Frühstücks With Wolves

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Update zu Ein paar Stunden später stößt die Katze schreckliche Schreie aus:

Cover Mary Frances Kennedy Fisher, How to Cook a Wolf, 1942

——— Mary Frances Kennedy Fisher: How to Cook a Wolf, 1942:

One of the stupidest things in an earnest but stupid school of culinary thought is that each of the three daily meals should be „balanced.“ Of course, where countless humans are herded together, as in military camps or schools or prisons, it is necessary to strike what is ironically called the happy medium. In this case, what kills the least number with the most ease is the chosen way.

Kochanweisung & Beziehungsberatung: Laura Cahen: Mon Loup, 30. März 2012;
Cover: via Roy Peter Clark: Miss Lonelyhearts No More: Three Surprising Books of Advice, 30. März 2014.

Written by Wolf

10. Oktober 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

Wunderblatt 3: Hilft ja nix

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Und kennst du Besseres, teile mir freundlich es mit, wo nicht, benütze dies mit mir.

Horaz.

——— Harold Nicholson: People and Thinks. Wireless Talks, Constable, London 1931,
übs. Elsemarie Maletzke, cit. Julia Bachstein (Hg.): Vita Sackville-West und Harold Nicholson:
Sissinghurst. Portrait eines Gartens, Schöffling & Co., Frankfurt am Main 1997:

Ich erzählte diese Geschichte einer anderen, aufgeschlosseneren deutschen Dame, während wir in der Umgebung von Frankfurt am Main mit dem Auto unterwegs waren. „Dabei ist es so“, sagte ich, „daß nirgendwo anders als in England es Leute schaffen, einen Garten anzulegen, wo niemals zuvor einer gewesen war.“ In diesem Moment tauchte auf der Straßenseite ein großes Gebäude auf, das wie eine Kaserne aussah. Zu meinem großen Erstaunen sah ich, daß der ganze Platz zwischen der Kaserne und der Straße umgegraben und völlig bedeckt mit Goldregen und Löwenmäulchen war. „Naja, ich weiß nicht“, sagte sie, „nehmen Sie zum Beispiel diese Kasernen, hier leben einfache deutsche Soldaten …“ In diesem Moment passierten wir das Eingangstor, wo wir auf einer weißen Tafeldie Aufschrift British National Rhineland Army, Western Depôt, Horne barracks lesen konnten. Und tatsächlich kam gerade ein kleiner englischer Tommy mit einer roten Gießkanne aus dem Tor. Rasch wandte ich mich ab und wechselte das Thema. Ja, unser trockener Witz und unsere Liebe zu Blumen und Tieren sind wahrscheinlich unsere besten Eigenschaften.

In meinem zutiefst grundteutschen Haushalt sind die meisten der erstandenen Kalanchoen inzwischen den Raum alles Fleischlichen und Pflanzlichen gegangen. Als erstes hat sich die Neue Hybride verabschiedet, was mich noch eine gewisse Dekadenz zusammengemendelter Lebensformen glauben ließ. Houghtonii und rosei/serrata geht es gar nicht gut, laetivierens bekäme unter normalen Umständen alle Tage Treppenlift- und Rollator-Spam. Fedtschenkoi möchte ich quasi noch zum Parkinson-Training anmelden. Allein aus delagonensis/tubiflora könnte noch was werden, aus der ebenfalls ach so grundteutschen Lebensauffassung heraus: „Hilft ja nix.“

Johann Joseph Schmeller, Goethe seinem Schreiber John diktierend, 1831, DetailAufrecht leid tut es mir um die pinnata. Wegen der hab ich den Bauchladen aus acht Crassulaceen ja überhaupt erst aus dem Steyrer zauberhaften Hexengärtchen bestellt. Dass die zauberhafte Hexe Petra ihre Crassulaceen in einer Toffifee-Schachtel verschickt, finde ich ja putzig, dennoch sollte niemand leiden und gar sterben müssen, nur weil er angeblich eine Goethepflanze ist. Für seine Familiengeschichte kann doch niemand was.

So, wie Goethe es darstellt, sollten Kalanchoen denkbar einfach zu halten sein: „Flach auf guten Grund gelegt, merke wie es Wurzeln schlägt“ am Arsch! „Mäßig warm und mäßig feucht ist, was ihnen heilsam deucht“, und dann sind sie praktisch überhaupt nicht mehr einzudämmen — ja, wenn das so einfach wäre, Mosjö Geheimrat!

Nach modernen Erkenntnissen sind Kalanchoen gar nicht so unkompliziert, wie Weimaraner Großbürgerlöffel, die gärtnern lassen, ihren anderweitig verheirateten Altersliebchen über zwei Jahrhunderte hinweg weismachen wollen: Zuerst mal ist kein Gewächs, es mag auf Beinen, Tentakeln, Flossen, Wurzeln oder Rhizoiden einherschreiten, gern eine Woche lang in der mickrigen Toffifeeschachtel für 15 Stück unterwegs. Durch zu lange Dunkelphasen kann die Pflanze ihren inneren Winterschalter umlegen, oder sie hört, der Photosynthese entmächtigt, auf zu atmen.

Die Schwierigkeit ist eben, dass man sich eine wahre Goethepflanze schicken lassen muss, und Kisten sind innen immer so dunkel wie die Kanäle des Internets. Als Unkraut gelten sie dem Blumenhandel wohl weniger, weil sie so schwer zu bändigen wären, sondern weil sie out sind. Der Kollege Leopardtronics schlägt vor, in Altersheimen vorzusprechen, um an den dort vor sich hinwuchernden und deshalb regelmäßig zu entsorgenden Kalanchoentöpfen Anteil zu nehmen. Gute Idee, mit Altersheimschwestern sollte man sich ohnehin beizeiten gut stellen.

Wenn so ein zartes Kalanchöchen es dann glücklich durch Internet und finstere Kisten geschafft hat, rät Leopardtronics noch: Ausgewiesene Kaktuserde nehmen — und zusätzlich mit 50 Prozent Sand mischen, „damit das Wasser schnell durchläuft und die Wurzeln nicht faulen. Das funktioniert bei allen Pflanzen, die man so im Topf ziehen kann.“ Dieser Trick findet sich öfter, wenn man ihn sucht — wozu man ihn zuerst kennen muss. Glücklicherweise gibt es Leopardtronics, Sven Berhard und mich.

Der Sand sollte eher vom Baggersee als von einem Spielplatz stammen, weil der Sand für Sandkästen angeblich bestrahlt, sterilisiert, mit undurchsichtigem, aber unliebsamem Zeug versetzt oder sonstwie behandelt wird. Man steckt da nicht drin, sofern man keinen Einblick in die Produktionsabläufe der BayWa hat, und es soll auch schon mit Spielplatzsand funktioniert haben, aber wenn man schon mal an einem Baggersee vorbeikommt, kann man gleich mal eine Badehose voll für die Kalanchoe mitnehmen. Für normalen Haushaltsgebrauch sollte das legal sein.

Und die nächste pinnata sollte abermals aus Ebay stammen; meiner nächsten wünsche ich einen angewachsenen und fortbestehenden Kumpel namens tubiflora.

——— Harold Nicholson: a. a. O.:

Wenigstens bringt der Oktober etwas mit, auf das sich selbst die Griesgrämigsten unter uns freuen können. Er bringt uns das Blumenzwiebelstecken. Da hocken wir mit diesen harten Packpapiertüten und wühlen im Sägemehl, ob nicht doch noch eine Zwiebel darin versteckt ist, und wenn wir fertig sind, verstreuen wir das Sägemehl in der Hoffnung des Amateurs, daß die Holzpartikel die Erde auflockern werden. Ich gebe zu, daß wir uns mit dieser sorgsamen, oft wiederholten Geste der Illusion hingeben, den Dezember besiegt zu haben. Denn wir leben, wenn wir unsere Blumenzwiebeln pflanzen, auf eine Renaissance hin. Fest drücken wir die Zwiebeln in ihr Grab hinunter. „So!“, sagen wir, „das nächstemal, wenn wir beide uns wiedersehen, ist es schon fast April.“

Alejandra Baci, November 30th, 2011

Bilder: Johann Joseph Schmeller: Goethe seinem Schreiber John diktierend, 1831,
Detail mit einem Bryophyllum calycinum (Goethepflanze), rechts im Bild, neben einer Königin der Nacht;
Alejandra Baci, 30. November 2011.

Gartensoundtrack: Poor Old Shine: Weeds Or Wild Flowers, from Big Old Big One, 2013.

Written by Wolf

4. Oktober 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik