Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Hochmittelalter’ Category

Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!

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Update zu Peregrini Bavarici,
Ein ewig Weißwurschten,
Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her
und Einigen wir uns auf Unentschieden:

Die professionelle „Altherrengermanistik“ indes dürfte vor Schreck in die dritte Lautverschiebung fallen, wenn sie gewahrt, was da mit ihrem „mikrophilologisch“ gehegten Minnesänger angestellt wird.

Rühmkorf erzählt das unordentliche Leben des Herrn Walther, das „der deutschnationale Ideologie-Unterricht des 19. Jahrhunderts zu einer rosenseligen Cavalierstour umlügen mußte“, als Tournee der Eitelkeiten, auf der „der Lohn die Musik“ machte.

Jürgen Kolbe: Graziös in Gefahr, in: Der Spiegel, 5. Januar 1976
über Peter Rühmkorf, * 25. Oktober 1929, † 8. Juni 2008.

Jost Amann für Philipp Apian, Kloster Tegernsee, erste bekannte Abbildung um 1560, Landtafeln. Sixtus Lampl, Die Klosterkirche Tegernsee, Oberbayerisches Archiv, Band 100, München, 1975, Band 2, Abbildung 1

Ist eigentlich Wallstein die Lindt-Schokolade unter den Verlagen oder Lindt der Wallstein Verlag unter den Chocolatiers? Egal, wenn mich schon mal eine Buchneuerscheinung interessiert – sagen wir zum Beispiel: Stephan Opitz, Christoph Hilse (Hrsg.): Peter Rühmkorf, Peter Wapneski: Des Reiches genialste Schandschnauze: Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide, Wallstein Verlag, Göttingen, Februar 2017 –, wird sie unfehlbar von Hans Mentz in seiner TitanicHumorkritik besprochen. Auf den Mann ist Verlass.

Abb. 3 Kupferstich aus P. Karl Stengel, Monasteriologia I, 1619

——— Hans Mentz:

Reanimierter Walther

aus: Humorkritik, in: Titanic, September 2017, Seite 48 f.:

Wenn ein gewitzter und temperamentvoller Dichter wie Peter Rühmkorf und ein kunstsinniger Mediävist wie Peter Wapnewski einen Briefwechsel über Walther von der Vogelweide führen, dann können auch Dritte davon profitieren – wir Leser, denen diese Korrespondenz jetzt in einer von Stephan Opitz und Christoph Hilse edierten Buchfassung vorliegt, vermehrt um thematisch verwandte Aufsätze, Rühmkorfs neuhochdeutsche Übertragungen der Gedichte Walthers und ein ausführliches Nachwort („Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide“, Wallstein Verlag). Aus humorkritischer Perspektive sind jene Briefe am ergiebigsten, die Rühmkorf angetrunken verfaßt zu haben scheint; da verliert er mitunter die Contenance und rüffelt Wapnewski für dessen Einwände gegen die mitunter sehr freien Übertragungen (aus einem Brief vom 27. Juli 1975): „Aber PPPPP! WWWWW!: Du kannst doch nicht eine wahrhaftige Erfindung: ‚Man schenkte Sprudel / und begossen wie ein Pudel‘ für ‚ich nahm dâ wazzer / alsô nazzer‘ (ein Problem, an dem die gesamte Philologie nun schon über hundert Jahre lang ergebnislos herumrätselt) als Fehler ankreiden! Einen Jahrhundertfund, der wirklich nur mittels Poesie lösbar scheint, bekrak-mäkeln!“

Ein sehr amüsantes Buch; es gibt nichts daran zu bekrak-mäkeln.

Stahlstich für Eduard Duller, Die Donau, Kapitel 5. Von Regensburg bis Deggendorf, 1840

Das interessiert uns natürlich näher. Rühmkorfs großer Aufsatz und den von der Vogelweide, seine Übersetzung von 36 seiner Gedichte und die Korrespondenz mit Wapnewski müssen 1975 entstanden sein, weil die Grundlage für den 2017er Sammelband von Opitz und Hilse, Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich, ein liebenswertes schmales Rowohlt von Anfang 1976 war — Das neue Buch 65 — und außerdem von Hans Mentz oben eingeordnet wird. In beiden Sammlungen finden wir Rühmkorfs Ausgangstext und endgültiges Ergebnis. Es ist Walthers „Tegernseespruch“, Lachmann 104,23–32 aus dem Kloster Tegernsee, ca. 1212.

Man seit mir ie von Tegersê,
wie wol daz hûs mit êren stê,
dar kêrte ich mêr dan eine mîle von der strâze.
ich bin ein wunderlîcher man,
daz ich mich selben niht enkan
entstân und mich sô vil an frömede liute lâze.
     ich schilte sîn niht, wan got genâde uns beiden:
     ich nam dâ wazzer!
     alsô nazzer
     muost ich von des münches tische scheiden.

Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!
Wie weit das Tor dort offensteh —
Ich machte mir den Umweg — über eine Meile.
Man ist schon ein verrücktes Haus;
da denkt man sich, man kennt sich aus
und teilt nur andrer Leute Vorurteile.
Ich will nicht lästern; Gott vergelt es beiden:
Man schenkte Sprudel
und begossen wie ein Pudel
mußt ich vom Tische dieses Mönches scheiden.

Was ist los am Tegernsee, Herbst, ca. 2016

In Tegernsee, da war ich schon mal. Muss man nicht hin. Der See kann nichts dafür, aber ich empfinde den Ort als hässliches Drachenauge eines sich selbst verleugnenden, eben dadurch umso gnadenloseren Kapitalismus inmitten einer gottgesegneten Landschaft. Allerdings hab ich da nicht das Kloster Tegernsee besucht, gegen dessen Brauerei nichts vorliegt — und die um 1212, als der von der Vogelweide zu Besuch kam, längst bestand. Das Kloster selbst ist frühmittelalterliches Urgestein seit anno 746.

Nun ist man zur Rekonstruktion von Walthers Biographie, der sich als bettelarmer, landstreichender Minnesänger darstellt, rein auf Andeutungen aus seinem eigenen Werk angewiesen. Aus den Angaben im Tegernseespruch wurde schon versucht, Walthers Herkunft aus Südtirol herzuleiten, was nach aktuellem wissenschaftlichen Stand nicht stimmt. Wohl besaß Kloster Tegernsee, traditionell eine bayerntypisch reiche Benediktinerabtei von europaweitem Einfluss, Weingärten bei Bozen, aber seit 1050 auch die heute noch bestehende, ja zunehmend hippe Brauerei. Für wahrscheinlich halte ich daher, dass Walther sich nur halb im Spaß nicht darüber beschwert, keinen — vorzugsweise Südtiroler — Wein erwischt zu haben, sondern: kein Bier. Das liegt schon deshalb näher, weil man von dem ultramontanen Weinanbau erst einmal theoretisch unterrichtet sein musste, eine Gegend, in der eine Brauerei wirkt, dagegen bis tief ins 20. Jahrhundert hinein höchst unmittelbar und charakteristisch nach gärender Maische stank; ich selbst habe das noch sinnlich erlebt.

Besonders schandbar ist es von einem Orden wie den der Benediktiner, in deren Statuten die Gastfreundschaft eine hohe Priorität einnimmt, den fahrenden Sänger gerade einmal die Hände waschen zu lassen und nüchtern von der Schwelle zu weisen. Das hat sich stark geändert: Heute kann man sich in Tegernsee gar nicht mehr retten vor der ganzen Gastlichkeit. Mit der abermaligen Einschränkung: Ich bin dort nicht unangemeldet als sangesfreudiger Penner aufgetreten.

Was ist los am Tegernsee, Trachten, ca. 2016

Nach Peter Rühmkorf hat der gleichnamige Briefpartner, Kollege und führende Mediävist und Herausgeber Wapnewski seinerseits einen Übersetzungsvorschlag für den Tegernseespruch vorgelegt — in Walther von der Vogelweide: Gedichte: Mittelhochdeutscher Text und Übertragung, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 1982:

Man erzählt mir dauernd von Tegernsee,
wie sehr das Haus auf Gastfreundschaft bedacht sei.
Dorthin wandte ich mich mit einem Umweg von mehr als einer Meile.
Ich bin doch ein seltsamer Mensch,
daß ich mich selbst nicht zu verstehn vermag
und mich so viel mit anderen Leuten einlasse.
Ich schelte die Tegernseer nicht, aber Gott sei uns beiden gnädig:
Man gab mir dort Wasser,
und solchermaßen
mußte ich von des Mönches Tisch scheiden.

Über Rühmkorfs Reaktion darauf finde ich bislang nichts. „Man gab mir dort Wasser, / und solchermaßen“, keinerlei Ansatz zum Übernehmen der Endreime. Naja. Meine laienhafte Bekrak-Mäkelei: Nach der kollegialen Vorlage sieben Jahre zuvor ist das auch nicht zündender als die Lösung „Man schenkte Sprudel / und begossen wie ein Pudel“.

Bilder: chronologisch:

  1. Jost Amann für Philipp Apian: Kloster Tegernsee, erste bekannte Abbildung — geschlagene 814 Jahre nach Klostergründung — um 1560, Holzschnitt in den Landtafeln des Philipp Apian. Sixtus Lampl: Die Klosterkirche Tegernsee, Oberbayerisches Archiv, Band 100, München, 1975, Band 2, Abbildung 1;
  2. P. Karl Stengel: Kupferstich aus Monasteriologia I, Abb. 3, 1619;
  3. Stahlstich für Eduard Duller: Die Donau, Kapitel 5: Von Regensburg bis Deggendorf, 1840;
  4. und zwei aus Was ist los am Tegernsee?, Gesellschafts- und Kulturwebseite, ca. 2016.

Soundtrack: Ilse Neubauer und die Fischbachauer Sängerinnen für Walther von der Vogelweide: Tandaradei unter Wolf Euba: Die Fernsehtruhe, Bayerischer Rundfunk 1968:

Bonus Track: die erste LP von Ougenweide: Ougenweide, 1973:

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Written by Wolf

20. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Land & See

Lache, liebez frowelîn

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Update zum weiland Weekly Wanderer 4:
Anneliese Braun: Goethe auf dem Kickelhahn bei Ilmenau:

——— Des Minnesangs Frühling 6,14; 6,20; 6,26,
Männerlied um 1200, falsche Zuschreibung an Walter von Mezze, anonym:

Der walt in grüener varwe stât

Der walt in grüener varwe stât.
wol der wunneclîchen zît!
mîner sorgen wirdet rât.
sælic sî daz beste wîp,
diu mich trœstet sunder spot.
ich bin frô, dêst ir gebot.

Ein winken und ein umbesehen
wart mir, dô ich si nâhest sach.
dâ moht anders niht geschehen,
wan daz so minneclîche sprach:
„vriunt, du wis vil hôchgemuot!“
wie sanfte daz mînem herzen tuot!

„Ich wil weinen von dir hân“,
sprach daz aller beste wîp,
„schiere soltu mich enpfân
unde trôsten mînen lîp.“
swie du wilt, sô wil ich sîn,
lache, liebez frowelîn.

Der Wald ist grün geworden

Der Wald ist grün geworden.
Oh, welch herrliche Zeit!
Von meinem Leid werd‘ ich befreit.
Gesegnet sei die beste der Frauen,
die mich wirklich tröstet.
Ich bin froh. Sie will es so.

Sie winkte und schaute zurück:
Das geschah, als ich sie jüngst sah.
Da konnte es nicht anders sein,
als daß sie liebevoll sagte:
„Liebster, sei du ganz hoffnungsfroh!“
Wie wohl das meinem Herzen tut!

„Ich will deinetwegen weinen“,
sagte die allerbeste Frau,
„damit du mich schnell in die Arme nehmen
und mich trösten kannst.“
Wie du es willst, so will ich sein,
lache, liebe kleine Frau.

Franziska meint: „Hui, das ist ja echt schön, Mensch. Wirklich Hochmittelalter?“

„Aber hallo. Kreuzgereimt mit Paarreim am Ende, wie als Refrain, dreimal durchgehalten. Richtig elaboriert. Du hast recht, so eine Stringenz wäre eigentlich erst kurz nachher ab Reinmar dem Alten dran.“

„Reinmar, Reinmar … Schon gehört, oder?“

„Nein, nicht der von Zweter. Übrigens auch nicht der von Brennenberg.“

„So wie Richard Wagner nicht gleich Richard Wagner ist.“

„Verachtet mir die Meister nicht und lobt mir ihre Werke.“

„Das ist schon Neuzeit.“

„Und erst in der Romantik formuliert und vertont.“

„Und außerdem falsch zitiert.“

„Sag bloß.“

„Verachtet mir die Meister nicht und ehrt mir ihre Kunst, wenn schon.“

„Kluges Kind.“

„Mediävist.“

„Vorsicht.“

Frances McClain, candid, mid-laugh, 21. Februar 2012

Lachendes Frowelîn: Frances McClain: Hey Look, I’m Laughing (candid, mid-laugh), 13-, aber mit Mutterns Lippenstift so gut wie volljährig, nach ihren Angaben ein echter Schnappschuss, 21. Februar 2012;
Soundtrack: Richard Wagner featuring Bernd Weikl: Die Meistersinger von Nürnberg, 1868,
Finale, Bayreuther Festspiele 1984:

Bonus Track mit mehr walt in grüener varwe: Faun: Federkleid, aus: Midgard, 2016
(natürlich schlimmer Mittelalterkitsch, aber wer mir von weitem eine Drehleier zeigt, kann mir alles vorspielen):

Written by Wolf

23. März 2017 at 00:01

Diu minne minnesam und die lieben passiv-aggressiven Lieben

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Update zu Dein pöschelochter roter mund:

——— Des Minnesangs Frühling 3,17,
Handschrift C (Codex Manesse), frühe Frauenstrophe, ca. 1160:

Mich dunket niht sô guotes

Mich dunket niht sô guotes     noch sô lobesam
sô diu liehte rôse     und diu minne minnesam.
diu kleinen vogellîn
diu singent in dem walde,     dêst manigem herzen liep.
mir enkome mîn holder geselle,     in hân der sumer wunne niet.

Mir scheint nichts so gut

Mir scheint nichts so gut     noch so des Lobes wert
wie die leuchtende Rose     und die liebe Liebe.
Die kleinen Vögel,
die singen im Wald,     das erfreut viele Herzen.
Wenn nicht mein Liebster kommt,     habe ich nicht teil an der Sommerfreude.

Katelyn by Sarah Lillian, Ankle Deep in Spring, 27. April 2011Katelyn meint: „Dauert das noch? Ich sitz hier knietief in Winterstiefeln zu deinem Frühlingskleidchen von der Vogelweide.“

„Zieh doch aus.“

„Ja, sofort. Witzig. Erzähl noch einen.“

„Später vielleicht. Der Bildausschnitt auf die Entfernung is‘ kein Kränzchenwinden.“

„Modellsitzen auch nicht.“

„Kannst du mal eine hundertfünfundzwanzigstel Sekunde lang so tun, als ob dir das Buch gefällt?“

„Die muffige Schwarte? Müsste es?“

„Wär besser für dich, das wird dein Honorar.“

„Aha. Heißt das, ich darf wenigstens umblättern?“

*

Lydia, 9. April 2011Lydia meint: „Dauert das noch?“

„Schon steifgesessen?“

„Ich hab dir die Idee geschenkt und zieh das jetzt durch mit dir, aber in echt ist das noch gar kein Wetter zum Barfußlaufen, sag mal selber.“

„Ich merk’s. Sei du froh, dass du so nicht rumrennen musst. Ich muss ja, aber die einzelnen Steinchen pieksen elendig. Und schau dir mal meinen T-Shirtbauch an.“

„Eine Runde Mitleid. Darf ich wenigstens umblättern?“

„Models. Nächstes Mal knips ich wieder Sukkulenten.“

„Au ja, aber diesmal lustige.“

*

BIlder: Katelyn by Sarah Lillian: Ankle Deep in Spring 27. April 2011;
Lydia, 9. April 2011.

Soundtrack 1: diu minne minnesam: Ougenweide: Willkommen, live 1976,
nach Walther von der Vogelweide: Ir sult sprechen willekomen, Ende 13. Jahrhundert:

Soundtrack 2: diu liehte rôse:

Carson Sage & the Black Riders: Red is the Rose,
aus: Skirl o’Carson, 1991; Walk With an Erection, 1993:

Written by Wolf

16. März 2017 at 00:01

Schlüsselein

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——— Kloster Tegernsee:

Tegernseer Liebesgruß

Ludus de aventu et interitu Antichristi. Literae multae et alia excerpta ex Ottonis Frisingensis Gestis Imperatoris Friderici, Anfang 12. Jahrhundert:

Du pist min ih bin din.
des solt du gewis sin.
Du bist beslossen in minem herzen.
verlorn ist daz sluzzelin.
du muost och immer darinne sin.

Die Tegernseer Handschrift — Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 19411, hier: Blatt 114 verso = Seite 230 — versammelt lateinische Briefe; das Gedicht ist eine Zusammenfassung des vorhergehenden Briefes, die übliche Zuschreibung an Walther von der Vogelweide also hinfällig. Die Zugehörigkeit eines Menschen zu einem anderen auf Gegenseitigkeit wird in der mittlalterlichen Literatur variantenreich formuliert, das Bild des Herzensschlüssels ist seit der Antike nachweisbar und setzt sich über Dante und Petrarca ins Volkslied fort. Die Briefschreiberin, mutmaßlich eine anonym gebliebene Benediktinernonne, verbindet wahrscheinlich selbstständig beide Topoi und zitiert eben nicht ein schon bestehendes Volkslied, weil der Inhalt des lateinischen Briefes und die deutschen Verse eng zusammenhängen. Möglicherweise sind es gar keine Verse, sondern Reimprosa, worauf das Layout der Handschrift deutet.

Bild & Text: Bayerische Staatsbibliothek/Bavarikon.

Fachliteratur: Ingrid Kasten (Hrsg.): Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters, Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 6, Frankfurt am Main 2005, Kommentar Seite 575 f.

Written by Wolf

14. Februar 2017 at 15:38

Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

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Update zu Touristengeheimtipp mit Gewinnspiel: Meide das Oktoberfest!:

Zu Cöllen kam ich spät Abends an,
Da hörte ich rauschen den Rheinfluß,
Da fächelte mich schon deutsche Luft,
Da fühlt‘ ich ihren Einfluß –

Auf meinen Appetit. Ich aß
Dort Eierkuchen mit Schinken,
Und da er sehr gesalzen war
Mußt ich auch Rheinwein trinken.

Der Rheinwein glänzt noch immer wie Gold
Im grünen Römerglase,
Und trinkst du etwelche Schoppen zu viel,
So steigt er dir in die Nase.

Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermährchen, Caput IV, Anfang, 1844.

Zwischen Bergen im Sonnenschein
liegt am Fluss das Städtchen.

Hier oben von meinem Meilenstein seh ich über alle Dächer.

Kerzengrade steigt der Rauch.

Durch einen blühenden Hollunderbusch
unterscheide ich deutlich,
unter der alten Grünspankuppel,
die Thurmuhr.

Ein himmelblaues Zifferblatt mit weissen Zahlen.

Noch drei kleine Striche,
und die gesammte Bürgerschaft
setzt sich pünktlich zu Mittag.

Zwölf!

Es ist heute Sonnabend, es giebt also überall Eierkuchen.

Ich köpfe vergnügt eine Distel
und wandre weiter.

Arno Holz: Phantasus, Heft 1, 1898.

Ich bin eine alte Kommode.
Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;
Manchmal mit Fußtritten geschlossen.
Der wird kichern, der nach meinem Tode
Mein Geheimfach entdeckt. –
Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

Joachim Ringelnatz: Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument, aus: Kuttel-Daddeldu, 1924.

Thomasîn von Zerclaere, Der Wälsche Gast, 1215--1216, 6th Book, Verse 7443--7474. Seite aus der Heidelberger Handschrift CPG 389, fol. 116r, Mitte 13. JahrhundertHab ich’s nicht immer geahnt, dass jemand außer mir meine fast wöchentlichen Herzensergießungen lesen muss. Der Beweis ereilt uns nach ziemlich genau einem Monat nach meinem Aufruf, das verflossene Oktoberfest zu meiden und statt dessen lieber die Ausstellung Bilderwelten 2016. Buchmalerei zwischen Mittelalter und Neuzeit in der Bayerischen Staatsbibliothek zu München aufzusuchen:

Sebastian Keller war dort und kann es beweisen. Wie aufgefordert kommentiert er unter den richtigen Eintrag:

Laut Plakaten (ich nehme mal an, dass die in diesem Zusammenhang als zitierfähige Quelle dienen können) stammt das aus „Der Welsche Gast“.

Alles was recht ist, stimmt das natürlich und ist kaum woanders her zu erfahren als im Eingangsbereich der Ausstellung im ersten Stock. Erst wenn man soviel weiß, kann man weiterverfolgen, dass ein gewisser Thomasîn von Zerclaere der Verfasser des ersten monumentalen deutschsprachigen „Lehrgedicht des Mittelalters, Der wälsche Gast ([mittelhochdeutsches] Original: Der welhische Gast)“ (Wikipedia) war, und das Gedicht seinerseits im Handschriftencensus des Marburger Repertoriums und als Volltext in der Bibliotheca Augustana ausschöpfen. Zum Beispiel entstand das Monument anno 1215 bis 1216, ist also durchaus eine Jubiläumsfeier wert.

Vorerst feiern wir Sebastian Keller, der da gewesen ist.

Hurra!

Ich freue mich, dass es mir die noble Zurückhaltung meiner Mitbewerber erlaubt hat, diesen Wettbewerb für mich zu entscheiden.

Verehrte An- oder Abwesende, hohes Haus, ich nehme die Wahl an und möchte mich bei den Mitgliedern der Akademie, meinem Agenten und meiner Mutter bedanken, ohne deren unermüdliche Hilfe … etc. pp.

Die Versandadresse (mit der Bitte um Gelegenheit mich auf gleiche Weise erkenntlich zu zeigen) ist [hier folgt seine Adresse].

Da der Lobgesang auf Leobowitz schon andernorts gesungen wurde, auch Zé do Rock schon Erwähnung fand und ein Hinweis auf Richard Adams leicht zu einem Nachruf werden könnte, bleibt als Gegenstand der Minne nur die unverfängliche Perfektion aus Mehl, Milch und Ei gebacken: der gewöhnliche Pfannkuchen, auch als Eierkuchen oder Pfannafleck’l bekannt. Natürlich unter Berücksichtigung von Crepe, Palatschinken, Bliny und Artgenossen.

Auch wenn ich bei meiner Ausschreibung an eine eigene Internet-Präsenz für eine nicht vollends verwerfliche Geschäftsidee oder einen auf irgend eine Weise guten Zweck in der Richtung von Amnesty International oder Strahlemännchen dachte, sagt mir die Idee, für Pfannkuchen zu werben, doch sehr zu; außerdem wollte ich schon immer mal mein Lieblingszitat „Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!“ sinnvoll als Überschrift verwenden. Dabei gibt seine eigene Internet-Präsenz genug her, das man womöglich sogar mal hier brauchen kann, dass ich sie in die Linkrolle nebenan aufzunehmen nicht anstehe. — Schamlos beworben werden also: Pfannkuchen.

Leute, esst mehr Pfannkuchen! Gewöhnliche Pfannkuchen, auch als Eierkuchen oder Pfannafleck’l bekannt, Crêpes, Palatschinken, Bliny und Artgenossen! Sie sind die unverfängliche Perfektion aus Mehl, Milch und Ei gebacken! Dazu unbestritten wohlschmeckend, äußerst nahrhaft, leicht und variantenreich herzustellen und bestimmt gesund für irgendwas! A pancake a day keeps McDonald’s away!

Der Buchpreis ist praktisch unterwegs und wird expediert, sobald mir die Post sagt, ob die Büchersendung 1 oder 1,65 Euro kosten soll. Glückwunsch und danke fürs Mitmachen!

Bild: Seite aus Der wälsche Gast, Heidelberger Handschrift CPG 389, fol. 116r, Mitte 13. Jahrhundert.

Soundtrack: I’m a Crêpe (oder so ähnlich …) von Radiohead aus: Pablo Honey, 1993, auf verstimmter Kinderukulele zelebriert von der hinreißenden Amanda Palmer, Red Peters‘ Oddville im Cutler Majestic Theatre in Boston, 7. Juni 2008:

Zu zurückgenommen? Dann noch das Original, solange es auf YouTube erlaubt ist — aber alle Regler nach rechts, wenn’s geht, damit sich hinterher die Pfannafleckln rentieren.

Written by Wolf

16. Oktober 2016 at 01:31

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Nahrung & Völlerei

Amy and Hir Nether Ye

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Get smart by watching TV: I liked Dr. Amy Farrah Fowler, played by real-life neuroscience Ph. D. Mayim Bialik, from the beginning, which was in the final episode of season 3, The Lunar Excitation from May 24th, 2010.

Chaucer has been fun since 2001 A Knight’s Tale, with Paul Bettany prancing around naked and doing his stirring declamations for Sir Ulrich Von Lichtenstein (who does exist). By reciting The Miller’s Tale on a casual basis, Mayim Bialik gives the heteronormal male nerd something to fall in love with. And everybody else into smart big girls, of course.

——— Geoffrey Chaucer:

The Miller’s Tale

end: verse 3850–3854, c. 1385:

Thus swyved was this carpenteris wyf,
For al his kepyng and his jalousye;
And Absolon hath kist hir nether ye;
And Nicholas is scalded in the towte.
This tale is doon, and God save al the rowte!

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

In language …:

And that is how the carpenter’s wife was screwed, for all the carpenter’s watchfulness and paranoia; how Absolom kissed her nether eye; and how Nicholas got his ass burned. Thank you, and God bless every one of us!

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

… and explained …:

This passage, the rhyming conclusion to the Miller’s Tale, neatly resolves the story by offering a reckoning of accounts. Everyone in the story has learned his or her lesson and gotten the physical punishment he or she deserves. The carpenter’s wife, Alisoun, was “swyved,” or possessed in bed by another man, in this case, Nicholas. John, the ignorant and jealous carpenter, has been made a cuckold, despite his watchful and possessive eye. Absolon, the foolish and foppish parish clerk, has kissed Alisoun’s behind, fair punishment for evading his clerical duties. Nicholas, the smart-alecky student who cheated on the carpenter with Alisoun, has been burned on his bottom with a red-hot poker as payback for farting in Absolon’s face. Still, the distribution of punishments is not entirely equal. John is dealt the worst lot—he ends up with a broken arm and the whole town believing he has gone insane. Alisoun’s “swyving” is a double punishment for John, while Alisoun herself escapes unscathed.

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

… and in heavy use on girls‘ night as in The Big bang Theory, season 4, episode 8: The 21-Second Excitation, November 11th, 2010:

Amy: „And Absolon hath kist hir nether ye;
And Nicholas is scalded in the towte.
This tale is doon, and God save al the rowte!“

Penny: What the hell was that?

Amy: Bernadette dared me to tell a dirty story. The Miller’s Tale by Chaucer is the dirtiest story I know. It would have been hidden in sock drawers if people in the 14th century had worn socks.

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

HERE ENDETH THE MILLERE HIS TALE.

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

Images: Quirks and All, December 28th, 2013.

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

Written by Wolf

30. September 2016 at 00:01

Damals gab es keine

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Update zu Das gotische Mahl-Stüblein:

Offiziell bin ich zugereister Frankenbeutel immer noch in der Communitas Monacensis e. V.; jedenfalls wurde ich nach immer noch keiner Mitgliederversammlung, ordentlich oder außerordentlich, rausgeschmissen. Voraussichtlich werde ich austreten müssen, wenn ich endlich die aufgelaufenen Jahresbeiträge nachbegleichen soll – es heißt nicht „Jahrzehntbeitrag“ –, aber bis jetzt lassen sie mich, weil ich meine klandestine Mitgliedschaft nie missbrauche, um mir freien Eintritt zu den üblichen Mittelaltermärkten zu ergaunern.

Sooft ich auf unseren Reenactments dabei war, hab ich nur die besten Erinnerungen davongetragen. „Erlebte Geschichte von 1158 bis 1330, die Spaß macht. Mit uns kann man das hochmittelalterliche München noch einmal in seiner gesamten Pracht erleben“, steht in der Eigendarstellung des Vereins. Die Hauptsache waren mir aber immer die freundlichen, ganz und gar grundguten Menschen, die es in einen Mittelalterverein treibt, der seine authentische Darstellungsweise dermaßen hochhält, dass er vor lauter A nicht mal mehr zum Münchner Stadtfest, dem Hochfest des Hochmittelalters in der eigentlichen Communitas Monacensis, eingeladen wird und es nicht bedauert: Solche sind Dickbrettbohrer. Einer hat sich mal dafür entschuldigt, dass er die Holznadel, mit der er seine Gewandung genäht hat, leider nur mit einem industriell gefertigten Messer schnitzen konnte.

Die Wölfin hat sich immer geweigert beizutreten, weil sie selbstständig schafft und praktisch keine Wochenenden hat – und weil sie das Mittelalter missbilligt – jawohl, alle elfhundert Jahre –, seit sie gehört hat, dass es damals keine Tampons gab.

Wie ja überhaupt die meisten Sätze, mit denen der verarmte Schreiber, den ich aus Gründen darzustellen beliebe (ungefähr so einen wie Paul Bettany als Geoffrey Chaucer in A Knight’s Tale von 2001, bloß nicht so laut), Marktbesuchern das Mittelalter und vor allem die eigenen Vereinsaktivitäten erklären muss, anfangen mit: „Damals gab es kein/-e/-n“ – Zutreffendes einsetzen, das eigentlich beliebig ist: Geglaubt wird einem Gewandeten an dieser Stelle alles.

Meine Lieblingsfragen waren von Anfang an: „Ist das Essen echt?“ und „Brennt das Feuer wirklich?“ Gerade wegen der touristischen Leichtgläubigkeit wird der verantwortungsvolle Gewandete mit seinem Bildungsauftrag in einem gemeinnützigen Verein davon Abstand nehmen, Irrtum und Unwissenheit unter den Besuchern aus Zores noch zu befördern. Darum sagt man nicht: Nö, rohen Stangensellerie kann man doch nicht essen und was wie Apfelschorle aussieht, ist natürlich eine Simulation auf Bierbasis, rülps, oder: Nein, damals gab es noch kein richtiges Feuer, das musste man immer ganz, ganz umständlich holographisch erzeugen, sondern: Ja, aus gemahlenem Getreide kann man richtiges Brot machen und es hinterher essen, und das Feuer brennt in echt, nicht mit dem Finger hineinstochern, und in meine Tintenfässer bitte auch nicht, schönen Tag noch.

Die wenigsten Gegenstände, die es zwischen Frühmittelalter und Spätmoderne nicht gab, waren jemals ein Verlust.

Kurt Tucholsky, Living History, 13. Juli 2015

——— Peter Panter, i. e. Kurt Tucholsky:

Schnipsel

in: Die Weltbühne Nr. 25, 21. Juni 1932, Seite 937:

Die Leute blicken immer so verächtlich auf vergangene Zeiten, weil die dies und jenes „noch“ nicht besaßen, was wir heute besitzen. Aber dabei setzen sie stillschweigend voraus, dass die neuere Epoche alles das habe, was man früher gehabt hat, plus dem Neuen. Das ist ein Denkfehler.

Es ist nicht nur vieles hinzugekommen. Es ist auch vieles verloren gegangen, im guten und im bösen. Die von damals hatten vieles noch nicht. Aber wir haben vieles nicht mehr.

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Mariano Vargas, Soltanto Madonne, 2012

Blumenmädchen: Living History, 13. Juli 2015;
Moderne Mädchen: Mariano Vargas: Soltanto Madonne, 2012.

Written by Wolf

14. August 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Hochmittelalter