Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for November 2018

1. Katzvent: In der Dämmrung heil’gen Schatten

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Update zu Kater Murr und der dramatisierte Magnetismus:

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

Besonders freut es mich, mit einem siebenzeiligen Gedicht anzufangen; wie wiederholt bekannt gemacht, sammle ich die. Die Gedichte von Karl Philipp Moritz stehen in keiner seiner zwei Gesamtausgaben, die für den Kauf seitens atmender Menschen und nicht für die Forschung vom Hauptseminar aufwärts vorgesehen sind. Jedenfalls stehen sie dort nur in andeutenden Auswahlen; für den verlegerischen Ehrgeiz der Vollständigkeit wende man sich ans viel zu Kleine Archiv des achtzehnten Jahrhunderts.

So kurz es ist, passt das Gedicht in gleich zwei hiesige Sammlungen; man merkt die Nähe von Weihnachten. Die Nähe zur Anakreontik merkt man dem Gedicht an der Personifizierung einer „Selinde“ an. Meistens heißen anakreontische Frauenfiguren Chloe, Chloris, Daphne, Dorinde, Doris, Melinde, Phyllis oder ähnlich floral, denn „die Namen der Geliebten wie die des Liebhabers stammen, mit wenigen Ausnahmen, teils aus der antiken Idyllendichtung, teils aus der französischen Schäferpoesie“, wie Friedrich Ausfeld: Die deutsche anakreontische Dichtung des 18. Jahrhunderts: Ihre Beziehungen zur französischen und zur antiken Lyrik, Karl J. Trübner, Strassburg 1907, beobachtet. Und meistens sind die Anakreontika Jugendwerke; 1779 war Moritz 23. Sehen wir ihm also nach, wie er die Trauer um eine verstorbene Katze leichtfertig ins Lächerliche zieht, seine Spitze sollte sich ohnehin eher gegen die Tendenz der Empfindsamkeit richten.

——— Karl Philipp Moritz:

Die empfindsame Schöne.

in: Christian Heinrich Schmid, Hrsg.: Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1779,
Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung, Seite 280,
cit. Christof Wingertszahn, Hrsg.: Karl Philipp Moritz: Gedichte,
Kleines Archiv des achtzehnten Jahrhunderts, Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 1999, Seite 10:

Dort, wo in der Dämmrung heil’gen Schatten,
Sich holde Phantasieen gatten,
Sanft traurender Melancholie;
An jenem schauervollen Platze,
Wo einsam unterm silbern Mond
Die feierliche Stille wohnt,
Beweint Selinde — ihre Katze.

Théodore Géricault, Le chat mort, ca. 1820

Bild: Théodore Géricault: Le chat mort, ca. 1820, Musée du Louvre, Paris.

Now you know your cat has nine lives: John Lennon: Crippled Inside, aus: Imagine, 1971:

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Written by Wolf

30. November 2018 at 00:01

So offenbare sich der dichtende Gott

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Update zu In lieblicher Bläue und
Die junge Gräfin (erzählt neben einem Paar nachbarlichen Würsten):

Rollen wir den Zeitstrahl der Einfachheit halber von hinten auf: 1840 veröffentliche Bettine von Arnim ihren Briefroman Die Günderode (mit einfachem r), den sie aus dem Briefwechsel mit der schon 1806 von eigener Hand erdolchten Karoline von Günderrode (mit Doppel-r) zurechtfrisierte. Wichtige Stellen in den Briefen wie im Roman betreffen Friedrich Hölderlin, dessen „Hypochondrie“ spätestens 1805 über ein Stadium des Wahnsinns in „Raserei“ — aus heutiger Sicht: Schizophrenie — übergegangen war.

Giovanni Baglione, Erato, Muse der LyrikUngefähr im Sommer 1804 besuchte sein Studienfreund und tatkräftiger Gönner Isaac von Sinclair den schon als wahnsinnig geltenden Hölderlin in Homburg, wo er selbst ihn als Hofbibliothekar untergebracht hatte und aus eigener Tasche bezahlte. Unter dem Spitznamen „St. Clair“ stand Sinclair in Kontakt mit der Familie Brentano, deren Haustochter Bettine, die nachmalige von Arnim, ebenfalls gern Hölderlin besucht hätte — was der 19-Jährigen wegen einer gewissen Neigung zur Überspanntheit, die ihr heute als liebenswerte Exaltation und ihre eigentliche Persönlichkeit ausgelegt wird, familiär untersagt wurde, auf dass sie sich nicht von dem gefährlich Kranken die Hypochondrie und Schlimmeres zuziehe.

Der fünf Jahre älteren und noch viel überspannteren Freundin, dem „Günderödchen“, hinterbringt sie am 17. eines Monats vermutlich im Sommer oder frühen Herbst 1804, was St. Clair ihr von einem einwöchigen Besuch beim verehrten Hölderlin hinterbringt: seine Ansichten zur Entstehung von Poesie.

Die Entsprechungen zu einer äußeren Wirklichkeit sind wie bei allem, was Bettine von Arnim veröffentlicht, gelinde gesagt unsicher, aber aufschlussreich. Was glaubwürdig erscheint, ist Hölderlins referierte Dichtungstheorie, die auf die gesamte Poesie ausweitet, was Herder ab 1771 zur Entstehung von Volksliedern vermutet: dass „wahre“ Dichtung in der Natur, ja einem göttlichen Element, von selbst vorhanden sei, um sich zu gereifter Zeit durch jemanden, der sich dann – und erst dann und deswegen – Dichter nennen darf, durch natürliche oder eben göttliche Einwirkung zu manifestieren. Volkslieder – bei Hölderlin: die gesamte Poesie – quasi als Dichtung, die auf den Bäumen wächst.

Glaubwürdig daran ist, dass Hölderlin dergleichen Theorien vertrat. Schon problematischer ist, dass er dann laut St. Clairs durch Bettines dritte Hand überkommenen Urlaubsbericht – auf ein hochstehendes und hoch anerkanntes Werk zurückblickend und nicht ohne Hinweis auf einen (drunter macht er’s nicht) „heiligen“ Wahnsinn des Dichters – nur noch einer Art göttlicher Eingebung „sich schmiegen“ will. So abfällig Hölderlin sich über erfundene Rhythmen äußert, wollen wir uns doch daran erinnern, dass der Mann zu lichten Zeiten Versmaße erfand, die zumindest für seine eigene Produktion von Oden verbindlich gemeint waren und sich als poetisch höchst leistungsfähig erwiesen. Einen Widerspruch erkenne ich darin, dass Hölderlin erst derart solides Handwerkszeug bereitstellen kann und dann angeblich selbst das Werkzeug in der Hand Gottes sein will.

Dennoch bleiben dieses „Undenkbare“ wie die „Athletentugend“ – siehe unten – schöne Gedanken und deren Vereinbarkeit schon wieder eine poetische Leistung für sich. – Korrigiert nach der Ausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker, 2006:

——— Bettine von Arnim:

17ten

aus: Die Günderode, Erster Teil, 1840:

Gewiß ist mir doch bei diesem Hölderlin als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluten ihn überströmt haben, und zwar die Sprache, in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überflutend, und diese darin ertränkend; und als die Strömungen verlaufen sich hatten, da waren die Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertötet. – Und St. Clair sagt: ja so ist’s – und er sagt noch: aber ihm zuhören, sei grade, als wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche, denn er brause immer in Hymnen dahin die abbrechen wie wenn der Wind sich dreht, – und dann ergreife ihn wie ein tieferes Wissen, wobei einem die Idee daß er wahnsinnig sei ganz verschwinde, und daß sich anhöre was er über die Verse und über die Sprache sage, wie wenn er nah dran sei das göttliche Geheimnis der Sprache zu erleuchten, und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel, und dann ermatte er in der Verwirrung, und meine es werde ihm nicht gelingen begreiflich sich zu machen; und die Sprache bilde alles Denken, denn sie sei größer wie der Menschengeist, der sei ein Sklave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommne, als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe. Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch, das fühle sich in der Sprache, sie werfe das Netz über den Geist, in dem gefangen, er das Göttliche aussprechen müsse, und so lange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht vom Rhythmus fortgerissen werde, so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit, denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen, an dem kein tieferer Geist Gefallen haben könne, sondern das sei Poesie: daß eben der Geist nur sich rhythmisch ausdrücken könne, daß nur im Rhythmus seine Sprache liege, während das poesielose auch geistlos, mithin unrhythmisch sei – und ob es denn der Mühe lohne mit so sprachgeistarmen Worten Gefühle in Reime zwingen zu wollen, wo nichts mehr übrig bleibe, als das mühselig gesuchte Kunststück zu reimen, das dem Geist die Kehle zuschnüre. Nur der Geist sei Poesie, der das Geheimnis eines ihm eingebornen Rhythmus in sich trage, und nur mit diesem Rhythmus könne er lebendig und sichtbar werden, denn dieser sei seine Seele, aber die Gedichte seien lauter Schemen, keine Geister mit Seelen. –

Es gebe höhere Gesetze für die Poesie, jede Gefühlsregung entwickle sich nach neuen Gesetzen die sich nicht anwenden lassen auf andre, denn alles Wahre sei prophetisch und überströme seine Zeit mit Licht, und der Poesie allein sei anheimgegeben dies Licht zu verbreiten, drum müsse der Geist, und könne nur, durch sie hervorgehen. Geist gehe nur durch Begeistrung hervor. – Nur allein Dem füge sich der Rhythmus, in dem der Geist lebendig werde! – wieder: –

Gustave Moreau, Hesiod und seine Muse„Wer erzogen werde zur Poesie in göttlichem Sinn, der müsse den Geist des Höchsten für gesetzlos anerkennen über sich, und müsse das Gesetz ihm preisgeben; Nicht wie ich will, sondern wie du willt! – und so müsse er sich kein Gesetz bauen, denn die Poesie werde sich nimmer einzwängen lassen, sondern der Versbau werde ewig ein leeres Haus bleiben, in dem nur Poltergeister sich aufhalten. Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue, könne er die Poesie als Gott nicht fassen. – Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt, der Geist müsse sich in dieser bewegen, und nicht ihr in den Weg treten, Gesetz was der Mensch dem Göttlichen anbilden wolle, ertöte die Ideengestalt, und so könne das Göttliche sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bilden. Der Leib sei die Poesie, die Ideengestalt, und dieser, sei er ergriffen vom Tragischen, werde tödlich faktisch, denn das Göttliche ströme den Mord aus Worten, die Ideengestalt, die der Leib sei der Poesie, die morde, – so sei aber ein Tragisches was Leben ausströme in der Ideengestalt, – (Poesie) denn alles sei Tragisch. – Denn das Leben im Wort (im Leib) sei Auferstehung, (lebendig faktisch) die bloß aus dem Gemordeten hervorgehe. – Der Tod sei der Ursprung des Lebendigen. –

Die Poesie gefangen nehmen wollen im Gesetz, das sei nur damit der Geist sich schaukle an zwei Seilen sich haltend, und gebe die Anschauung als ob er fliege. Aber ein Adler der seinen Flug nicht abmesse – obschon die eifersüchtige Sonne ihn niederdrücke – mit geheim arbeitender Seele im höchsten Bewußtsein dem Bewußtsein ausweiche, und so die heilige lebende Möglichkeit des Geistes erhalte, in dem brüte der Geist sich selber aus, und fliege – vom heiligen Rhythmus hingerissen oft, dann getragen dann geschwungen sich auf und ab in heiligem Wahnsinn, dem Göttlichen hingegeben, denn innerlich sei dies Eine nur: die Bewegung zur Sonne, die halte am Rhythmus sich fest. –

Dann sagte er am andern Tag wieder: Es seien zwei Kunstgestalten oder zu berechnende Gesetze, die eine zeige sich auf der gottgleichen Höhe im Anfang eines Kunstwerks, und neige sich gegen das Ende; die andre, wie ein freier Sonnenstrahl, der vom göttlichen Licht ab, sich einen Ruhepunkt auf dem menschlichen Geist gewähre, neige ihr Gleichgewicht vom Ende zum Anfang. Da steige der Geist hinauf aus der Verzweiflung in den heiligen Wahnsinn, insofern Der höchste menschliche Erscheinung sei, wo die Seele alle Sprachäußerung übertreffe, und führe der dichtende Gott sie ins Licht; die sei geblendet dann, und ganz getränkt vom Licht, und es erdürre ihre ursprüngliche üppige Fruchtbarkeit vom starken Sonnenlicht; aber ein so durchgebrannter Boden sei im Auferstehen begriffen, er sei eine Vorbereitung zum Übermenschlichen. Und nur die Poesie verwandle aus einem Leben ins andre, die freie nämlich. – Und es sei Schicksal der schuldlosen Geistesnatur, sich ins Organische zu bilden, im regsam Heroischen, wie im leidenden Verhalten. – Und jedes Kunstwerk sei Ein Rhythmus nur, wo die Zäsur einen Moment des Besinnens gebe, des Widerstemmens im Geist, und dann schnell vom Göttlichen dahingerissen, sich zum End schwinge. So offenbare sich der dichtende Gott. Die Zäsur sei eben jener lebendige Schwebepunkt des Menschengeistes, auf dem der göttliche Strahl ruhe. – Die Begeistrung welche durch Berührung mit dem Strahl entstehe, bewege ihn, bringe ihn ins Schwanken; und das sei die Poesie die aus dem Urlicht schöpfe und hinabströme den ganzen Rhythmus in Übermacht über den Geist der Zeit und Natur, der ihm das Sinnliche – den Gegenstand – entgegentrage, wo dann die Begeistrung bei der Berührung des Himmlischen mächtig erwache im Schwebepunkt, (Menschengeist), und diesen Augenblick müsse der Dichtergeist festhalten und müsse ganz offen, ohne Hinterhalt seines Charakters sich ihm hingeben, – und so begleite diesen Hauptstrahl des göttlichen Dichtens immer noch die eigentümliche Menschennatur des Dichters, bald das tragisch Ermattende, bald das von göttlichem Heroismus angeregte Feuer schonungslos durchzugreifen, wie die ewig noch ungeschriebene Totenwelt, die durch das innere Gesetz des Geistes ihren Umschwung erhalte, bald auch eine träumerisch naive Hingebung an den göttlichen Dichtergeist, oder die liebenswürdige Gefaßtheit im Unglück; – und dies objektiviere die Originalnatur des Dichters mit in das Superlative der heroischen Virtuosität des Göttlichen hinein. –

So könnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem was sich St. Clair in den acht Tagen aus den Reden des Hölderlin aufgeschrieben hat in abgebrochnen Sätzen, denn ich lese dies alles darin, mit dem zusammen was St. Clair noch mündlich hinzufügte. Einmal sagte Hölderlin, Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei, und alles schwinge sich von den Dichterlippen des Gottes, und wo der Menschengeist dem sich füge, das seien die verklärten Schicksale, in denen der Genius sich zeige, und das Dichten sei ein Streiten um die Wahrheit, und bald sei es in plastischem Geist, bald in athletischem, wo das Wort den Körper (Dichtungsform) ergreife, bald auch im hesperischen, das sei der Geist der Beobachtungen und erzeuge die Dichterwonnen, wo unter freudiger Sohle der Dichterklang erschalle, während die Sinne versunken seien in die notwendigen Ideengestaltungen der Geistesgewalt, die in der Zeit sei. – Diese letzte Dichtungsform sei eine hochzeitliche feierliche Vermählungsbegeisterung, und bald tauche sie sich in die Nacht und werde im Dunkel hellsehend, bald auch ströme sie im Tageslicht über alles was dieses beleuchte. – Der gegenüber, als der humanen Zeit, stehe die furchtbare Muse der tragischen Zeit; – und wer dies nicht verstehe meinte er, der könne nimmer zum Verständnis der hohen griechischen Kunstwerke kommen, deren Bau ein göttlich organischer sei, der nicht könne aus des Menschen Verstand hervorgehen, sondern der habe sich Undenkbarem geweiht. – Und so habe den Dichter der Gott gebraucht als Pfeil seinen Rhythmus vom Bogen zu schnellen, und wer dies nicht empfinde und sich dem schmiege, der werde nie, weder Geschick noch Athletentugend haben zum Dichter, und zu schwach sei ein solcher, als daß er sich fassen könne, weder im Stoff, noch in der Weltansicht der früheren, noch in der späteren Vorstellungsart unsrer Tendenzen, und keine poetischen Formen werden sich ihm offenbaren. Dichter die sich in gegebene Formen einstudieren, die können auch nur den einmal gegebenen Geist wiederholen, sie setzen sich wie Vögel auf einen Ast des Sprachbaumes und wiegen sich auf dem, nach dem Urrhythmus der in seiner Wurzel liege, nicht aber fliege ein solcher auf als der Geistesadler von dem lebendigen Geist der Sprache ausgebrütet.

Ich verstehe alles, obschon mir vieles fremd drin ist was die Dichtkunst belangt, wovon ich keine klare oder auch gar keine Vorstellung habe, aber ich hab besser durch diese Anschauungen des Hölderlin den Geist gefaßt, als durch das wie mich St. Clair darüber belehrte. – Dir muß dies alles heilig und wichtig sein. –

Luis Ricardo Falero, Allegorie der Kunst, 1892

Fachliteratur: Hans Ulrich Gumbrecht: Die süße Ruhe im Wahnsinn: über ein spätes Gedicht von Friedrich Hölderlin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. November 2014.

Göttlich organischer Bau: Giovanni Baglione: Erato, Muse der Lyrik, via Lou Margi, 5. Augut 2016;
Gustave Moreau: Hesiod und seine Muse, via Lou Margi, 6. Mai 2016;
Luis Ricardo Falero: Allegorie der Kunst, 1892, via Books and Art, 6. Februar 2018.

Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei: von den fast gleichnamigen Krautrockern Hoelderlin gleich die ganze LP Hölderlins Traum, 1972:

Written by Wolf

23. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Wie Hippo und ich uns einmal Siegfried Lenz geschenkt haben (Träum die nächsten hundert Jahre)

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave
und Rotkäppchen und der Penishase:

Vor Zeiten hatte ich eine Brieffreundin. Sie hieß — nicht standesamtlich, nur im richtigen Leben — Hippo und war die Herbergstochter des Hauses Evangelische Jugend-, Freizeit- und Bildungsstätte Koppelsberg in Plön. Zu der war ich durch die Vermittlung eines Baums gekommen, namentlich der Bräutigamseiche im Dodauer Forst, der sich bei Eutin unweit von Plön erstreckt.

Hippo von hinten, ca. Juni 1994

Hippo und ich hatten viel Freude miteinander. Um 1990 war es niemandes Vorsatz, je zu heiraten, obwohl Hippo mich aus dem Astloch einer Bräutigamseiche gefischt hatte, aber sie war meine längste Brieffreundschaft — und ich hatte viele, um unter dem Vorwand des Schreibens an einsamen Samstagabenden die Nürnberger Kneipen leerzusaufen und vollzuqualmen, was seinerzeit eine erschwingliche und gesellschaftlich voll akzeptierte Beschäftigung für einen Studenten war.

Ein Wochenende lang war ich sogar zu Gast in Hippos Jugend-, Freizeit- und Bildungsstätte Koppelsberg. Dort wurde ich als Umzugshilfe und zum Pastinakenschälen eingespannt und zu Yogi-Tee, dem Bio-Bier einer norddeutschen Kleinbrauerei, das heute als Hipsterbrühe durchginge, und zum spätherbstlichen Barfußlaufen am nächtlichen, windgepeitschten, grobkieseligen Ostseestand eingeladen und war noch wochenlang illuminiert von der Freundlichkeit und dem schönen, ungetrübten Deutsch der Menschen.

Hippo machte „was mit Jugendlichen“, ich studierte irgendwas mit Lesen und Schreiben ohne jegliche Aussicht auf eine bezahlte Anschlussverwendung. Von ihr gab es zu lernen, dass man für soziale Berufe nicht allein ein Praktikum, sondern gar ein Vorpraktikum braucht, gegen eine Bezahlung, die an offene Verhöhnung arbeitender Menschen grenzt; von mir, wie viel Bier in einen schlaksigen Studenten von 1,96 Metern lichter Höhe passt. Sie war zuverlässig jeden neuen Monat in einen anderen jungen Mann aus ihrem ehemaligen schulischen oder ihrem jetzigen sozialen Umfeld verliebt, und ich versuchte immer noch zum ersten Mal, mit meinem Liebesleben abzuschließen. Ihr verwies ich, allzuoft zu behaupten, ihr sei langweilig, weil mir das Hinfortwünschen von Zeit blasphemisch und somit einer Geistlichentochter unwürdig vorkommt, und sie mir, ständig mehrere A4-Seiten lang über Bücher zu quatschen, denn ich hatte mir eine portofreundlich kleine Handschrift antrainiert, die ich bis in hohe Promillebereiche gestochen leserlich halten konnte, und Weblogs waren Science-Fiction.

Cover Siegfried Lenz, So zärtlich war Suleyken, 1955, Auflage 1986„Ich mag Lakritze“, schrieb sie einmal, „magst du auch Lakritze?“

„Das heißt Bärendreck“, schrieb ich zurück, „und ist aus ‚So zärtlich war Suleyken‚.“

„Nein, es heißt: ‚Willst noch Lakritz?'“, schrieb sie wieder, „hab ich in der Sendung mit der Maus gesehen. Ha! Und deine ewigen Bücher kenn ich nicht.“

„Sehr richtig“, schrieb ich, und es sagt der Joseph Waldemar Gritzan am Schluss von ‚Die achtzehnte der Masurischen Geschichten: Eine Liebesgeschichte‘. Und ob das ein ewiges Buch ist, das uns alle überleben wird. Und wenn du’s nicht kennst, siehe das beiliegende Angebinde.“

Das ließ ich mir nie nehmen, ihr gelegentlich ein Buch zu schenken, wenn sie wieder von meinem Auslassungen darüber besonders genervt war. Ich hatte nämlich bis kurz zuvor eine Buchhändlerin gekannt, die mir am Rande der Legalität ihren Buchhandelsrabatt weiterreichte, und rechnete aus Gewohnheit immer noch die verbleibenden 60 Prozent meiner Erwerbungen, die in den jeweils folgenden Wochen fällig wurden, in meine Kneipenzechen mit ein. Ein verlagsfrisches So zärtlich war Suleyken war damals für 6,80 D-Mark zu haben. Das sind, liebe Kinder, ungefähr 3,48 Euro, weniger als heute ein Bier in München, und was das abzüglich 40 Prozent für den Buchhandel macht, könnt ihr millennialen Bologna-Opfer gefälligst selber im Kopf, und Briefe waren eine Art Low-time-Chat, der einem Zeit ließ, bis zur nächsten Antwort ein ganzes Buch zu kaufen. Bis zum nächsten Werktag waren die auch vor dem Internet schon im zuständigen Buchladen, wie sie das auch immer gemacht haben.

„Du mit deinen ewigen Büchern“, schrieb sie gegen Ende der nächsten Woche, „jetzt hab ich dir auch eins geschickt.“

„Was sagt dir,“ fragte ich brieflich an, als ich am selben Tag, da Hippo ihre Büchersendung mit dem Suleyken im Briefkasten finden musste, eine Büchersendung von Hippo mit einer älteren Ausgabe davon in meinem Briefkasten fand, „was“, schrieb ich, „sagt dir, dass ich das noch nicht hab, wenn ich sogar weiß, wer ‚Willst noch Lakritz?‘ sagt?“

„Weil du sowas halt weißt“, schrieb Hippo, „und weil die Sendung mit der Maus nicht lügt. Außerdem war klar, dass du mir sofort eins schickst, und ich nicht zulassen kann, dass du keins mehr hast.“

So war Hippo: klein, knuffig und klug und eine große Barfußmädchenseele (Ringelnatz, 1929).

A, B, C. Annika, Beate, Claudia, ca. 1991

Dieser Tage ist mir ein alles Lesezeichen in die Finger gefallen: eine Karte von der grundguten Hippo aus Plön, deren Wege und Tage der evangelische und der katholische und der weltgeistliche Herr schirmen mögen. Offenbar hatten wir’s wieder mal über Gedichte und Märchen und ihre Liebesgeschichten gehabt, und sie verwendete eigene Fotoabzüge als Ansichtskarten.

Das Gedicht, das Hippo im April 1995 aus dem Gedächtnis zitierte, habe ich lange nicht nachverfolgt: Ich kannte es von Hippo und fertig. Erst jetzt, wo ich es verbloggen will, erhellt, was für eine Rarität das ist. Der Dichter Josef Wittmann ist allem Anschein nach derselbe, der unter einer österreichischen Domain im bayerischen Tittmoning an der Salzach, also Österreich gegenüber wohnt — das ist ganz gegen Hippos sonstige nordische Art und Gewohnheiten.

Es war auch nicht einfach, den korrekten Text herbeizuschaffen: Das von Hippo erwähnte Daumesbreit („oder so ähnlich“) ist nicht nachweisbar, schon gar nichts, worüber man absichtslos im internetfreien Finnland des späten 20. Jahrhunderts gestolpert wäre. Eine Version davon steht in der dänischen Bearbeitung eines schwedischen Lesebuchs für Deutschlernende, das bairische Original dieses Originals nur in einem — mit Verlaub — nicht gerade maßgebenden Weblog. Hippo macht ja — so jedenfalls mein letzter Stand über ihre Lebenswege — „was mit Jugendlichen“ und würde verstehen oder wenigstens hinnehmen, dass ich in ihre extemporierte Ansichtskarte unbefugt zwei annäherungsweise korrigierte Gedichttexte einflicke.

——— Hippo, Anfang April 1995:

Kartentext von Hippo, April 1995

Du siehst, Wolfgang, ich muß dich enttäuschen, das Gedicht ist nicht von mir — aber immerhin kann ich Dir die Ergänzung (fehlende Fototeile) anbieten. Ich habe es in Finnland im Buch „DAUMESBREIT“ (oder so ähnlich) gefunden + es hat mich — PENG — total angesprochen. Komischer Weise: Als ich aus dem Urlaub wiederkam, war’s aus mit Florian — ich habe ihm dann das Gedicht (auf Post-It-Zettel notiert) zu lesen gegeben. Er: „Ja.“ Alles ziemlich komplex. Fortsetzung folgt, irgendwann.

——— Josef Wittmann:

Dornröschen

aus: Grimms Märchen — modern,
Philipp Reclam Jun., 1979,
cit. nach: Karen Dollerup, Lotte Nielsen (Hrsg.): Alles klappt! im neuen Jahrtausend. Tekstbog 3, 1991; Dansk udgave: Gyldendalske Boghandel, Nordisk forlag A/S, Kopenhagen 1994,
2. udgave, 4. oplag 2010:

Schlaf weiter:

Ich bin kein Prinz,
ich hab kein Schwert
und keine Zeit
zum Heckenschneiden
Mauerkraxeln
Küsschengeben
und Heiraten …

Morgen früh
muss ich zur Arbeit gehen
(sonst flieg ich raus)

Ich muss zum Träumen
auf den Sonntag warten

und zum Denken auf den Urlaub

Schlaf weiter
und träum die nächsten hundert Jahre
vom Richtigen …

——— Josef Wittmann:

dornresal

möglicherweise aus:
Hansl, Grädl & Co.
Märchen in bairischer Mundart,
Friedl Brehm Verlag, Feldafing 1977,
cit. nach: Ironical Life:
Ein neues Gedicht :-),
19. August 2007:

schlaf zua:

i bin koa brinz
i hob koa schweat
& hob koa zeid
zum heggnschneidn
mauergraxln
busslgeem
& heiradn …..

i muas moang fruah
in d arward geh
(sunsd fliage naus)

i muas zum dramma
aufn sonndog wartn
& zum denga aufn urlaub

schlaf zua
& draam de näxdn
hundad johr
vom richdign

P.S.: Bist Du jeden Samstag im Bela Lugosi? Wer ist dieser Kneipenstammtisch?

P.P.S.: Habe gerade Antwortkarte an Florian geschrieben — ich glaube ich liebe Karsten.

(JANOSCH:)
— „Stellt der erste Flaum sich ein,
— Soll der Bauer ein Mädel frein.“

Titelbild: Barfuß-Ex-Claudi

Schöne Grüße,
HIPPO

Claudi, Plön, April 1995

Im übrigen würde Hippo sich kaputtlachen, dass sie einst von einem bairischen — das ist doch in Süddeutschland! — Gedicht so weggeweht wurde. Und nein, Bärendreck ist nicht so meins, ich war nicht jeden Samstag im Bela Lugosi, weil ich manchmal auch die Weißgerbergasse abklappern musste (alle Unternehmen erloschen), Bestandteil eines Stammtisches war ich nie. Und nach einer Barfuß-Ex-Claudi zu googeln, fang ich vorsichtshalber gar nicht erst an.

Brieffreundschaften sind nie fürs ganze Leben, im Idealfall sind sie eine bereichernde Lebensabschnittsbegleitung. Irgendwann hören sie auf, und niemand weiß mehr zu sagen, wer als erstes nicht mehr zurückgeschrieben hat. Von Hippo aus dem Astloch gefischt zu werden, war ein großer Zufall, ein Segen und ein Privileg. Wer auch mal sowas will: An die Postadresse

Bräutigamseiche
Dodauer Forst
23701 Eutin

wird ungebrochen Montag mit Samstag ausgeliefert.

Hippo kopfüber, Juni 1994

Bilder: Hippo, Juni 1994 bis April 1995, featuring ABC (Annika, Beate, Claudia) ca. 1991. Meine damalige Adresse ist nicht missbrauchbar: Das ist die vom Bahnhof Röthenbach an der Pegnitz, in dem schon lange keiner mehr drin wohnt;
Siegfried Lenz: So zärtlich war Suleyken, 1955, Auflage 1986 (meine), via Tauschgnom, 25. Juli 2017.

Soundtracks:

  1. Eins, das ich von Hippo gelernt hab. Das ist bei meinem einzigen Besuch bei ihr auf dem Weg zum Ostseestrand in ihrem Auto auf Kassette gelaufen:
    They Might Be Giants: I Hope That I Get Old Before I Die,
    aus: They Might Be Giants, The Pink Album, 1986:

  2. Eins, das Hippo von mir gelernt hat. Das müsste immer noch ein Lieblingslied von ihr sein,
    sowas geht nicht weg:
    Marius Müller-Westernhagen: Wir waren noch Kinder, aus: Das erste Mal, 1975:

Written by Wolf

16. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

The incredible Gewinnspiel: Das Rätsel des November-Pantheons! (Geschlossen)

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Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist‘ ich nach Deutschland hinüber.

Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen, Caput I, Januar 1844, Anfang.

Es folgt ein Gastartikel vom K. „H.“ vom SSSP, falls den wer kennt.

Er schenkt uns nichts, der K. „H.“ vom SSSP. Dabei sieht alles so leicht aus: Sie kennen die Zitate und schreiben in den Kommentar, von wem und woher das ist. Und wenn ich preiswürdiges Literaturverständnis oder wenigstens einen gewissen guten Willen erkenne – und Ihre Adresse weiß –, haben Sie was gewonnen.

Die Geschenke kommen also von mir — typischerweise Bücher und musikalische Tonträger. Eine vorläufige Auswahl schauen Sie auf dem Katzenbild ganz unten, es können jeden Moment noch welche dazukommen. Das heitere Zitateraten geht als Novemberrätsel bis einschließlich

Samstag, den 1. Dezember 2018, 23.59 Uhr

, danach ist Advent. Die Preisverteilung unterliegt in dieser privatesten aller Veranstaltungen meiner hellgrünen Willkür, von Rechtsweg kann keine Rede sein. Von der Teilnahme ausgeschlossen ist der K. „H.“ vom SSSP (aber auch der kriegt was).

K. „H.“ vom SSSP hat nur Leute genommen, die er schon gelesen hat. Die Rätsel will er auch als Spiegel seiner selbst verstanden wissen. Es ist ein Panoptikum dessen, was er ist: ein Kind der Aufklärung, des Humanismus, des Legalismus, des Libertarismus und der Menschlichkeit.

Es gibt Literatur – und als einziger Tipp: auch Musik – so ziemlich aller abendländischen Epochen. Ich hab das nur abkopiert und garantiere entgegen meiner hiesigen Gewohnheit nicht für Tippfehler. Zehn oder dreißig Zitate hätte ich bei großer Langeweile noch in eine inhaltliche oder chronologische Reihenfolge gebracht, fünfzig schon nicht mehr. In der angefallenen Masse entspricht die Reihenfolge meinem Outlook-Posteingang, also nichts Bestimmtem. Übrigens hab ich mit oder ohne Googeln das allerwenigste gewusst.

Nach der ersten Musik geht’s los. Gelöste Zitate werden laufend eineditiert.

Fröhlichen Restnovember mit viel Ratespaß wünsch ich.

  1. Jeden 27. November verehren sie den Buddha Gautama als Kirchenheiligen,
    denn die Baarlamsgeschichte ist ja weiter nichts,
    als eine Übersetzung der Lailitavistara.
    Aber er meckerte nur angeregt

    Bei Nova denkt Liam nur an Champagner Nova,
    so gestellt, der in Gefahr läuft „gemüht“ zu werden.“
    Bei Nova denkt Liam nur an Champagner Nova,
    so gestellt, der in Gefahr läuft „gemüht“ zu werden.

    [Gelöst: Arno Schmidt.]

  2. Am Tage Allerheiligen traf in Ruppin die Nachricht ein,
    das die Franzosen am Anzuge seien. Was tun ?

    Champagner kalt stellen, Ohrstöpsel suchen, Fahrradständer verstecken,
    und sich die Ataraxie nicht aus der Mark jagen lassen.

    [Gelöst: Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Band 4: Das Spreeland.]

  3. luden sie mich ein, diese Chrysanthemen, trotz all der Trauer in mir,
    diese eine Teestunde lang die flüchtigen Novemberfreuden gierig zu genießen,
    deren innigen geheimnisvollen Glanz sie vor mir aufflammen ließen.

    Madeleines zum Nachmittag sind der Konzentration einfach abträglich,
    da lob ich mir doch den gemütlichen Hopfentee zum Abend hin.

    [Gelöst: Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.]

  4. November 1921
    Unentrinnbare Verpflichtung zur Selbstbeobachtung;
    Werde ich von jemanden beobachtet,
    muß ich mich natürlich auch beobachten, …

    Bei so viel Paranoia, Neudeutsch Instagram ist das Urteil klar,
    wer braucht da noch einen Proceß,
    selbst Amerika verliert seinen Glanz vom Ruf der Freiheit.

    [Gelöst: Franz Kafka: Tagebuch.]

  5. In dull November,
    and their chancel vault,
    The heaven itself, is blinden throughout night.

    Auf dem Papier finden sich viele Namen,
    auch akustisch hört man manchen Namen,
    doch nur ein Name war in Wasser geschrieben.

  6. Ich heftete den Pappdeckel im November an mein Bett an,
    und ehe ich den Nagel noch herauszog,
    war mein vortrefflicher Freund Schernhagen in Hannover,
    und eins meiner Kinder gestorben, und die italienische Reise zu Wasser geworden.

    Hersche über deine Bücher und lasse Sie nicht deine Herren sein,
    sonst sudelst du dich nur im semantischen Schlamm.

  7. Da dachte ich zum ersten Male recht lebhaft an euch Elenden,
    die ihr in einer armseligen Hütte dem Mangel und dem Froste preisgegeben seid,
    die ihr in der kalten Novembernacht ungeduldig den Aufgang der Sonne erwartet,
    und ängstlich die Tage abzählt, in welchen ihr die strengere Kälte fürchtet;
    die ihr mit einem Schrei des Erschreckens den ersten Schnee wahrnehmt,
    indes der Reiche schon in Gedanken die bunten Schlitten sieht
    und das Geklingle der muntern Pferde hört.

    Einen Asteroid findet man nicht im Felde B G1,
    Den Windmühlen nicht abgeneigt,
    über low und vell bis nach London und nach Jena,
    verblieb er doch in Berlin.

  8. Ich mache dann in den Novembertagen
    Von da wohl einen kleinen Flug
    Nach Rom, vielleicht auch nach Venedig
    Aufs Carneval. – Nur ist nicht Gold genug.

    Mit Hanna Grau kam der Wandel,
    raus das dem kleinen engen …,
    Dr. Kittel und der Onkel Tobias waren ihm dann nicht mehr fremd.
    Nun liegt ein Stein über dem Vergänglichen.

  9. Der Wohlfahrt nur,
    die du so fein erdachte Satzungen machst,
    daß bis Novembers Mitte nicht reicht,
    was im Oktober du gesponnen hast.

    Der Fisch velariert in der Guelle,
    sieben Quadrate passen nicht durch die Form.
    Ein Hundert raten zur Verurteilung
    Im Feuer befinden sich Wohnungen,
    deren Bewohnerin historisch oder literarisch sein könnte.

  10. Ich wollt‘ ich verstände den Brief nicht —
    Ach es wäre dann eine unvergeßliche Novemberstunde nie in mein Leben getreten,
    die nachdem so viele andere Stunden bei mir vorübergegangen,
    bei mir stehen bleibt und mich immerfort ansieht.

    Für Besäufnisse mit Punsch gab es noch Doktortitel,
    der olle Künnecke mochte auch Richter,
    besonders die Rowdiezeit.
    14365 ist seine himmlische Anschrift.

  11. Da binde ich mir eine Schürze um
    Und den Eltern gebe ich patzige Antworten
    Zum Dampfablassen,
    und den ganzen Winter igle ich mich ein.
    Auf dem Land ist November ein schöner Monat im Jahr.“

    Im Gegensatz zu Chet Baker sprang er nicht aus dem Fenster,
    aber auch er checkte mit den Füßen voran aus.
    Das weibliche Geschlecht war ihm sein unheilbringender Gegner.
    Herman, James, Walt und William half er über die Alpen.

  12. Wie mancher führt im Mai ein Lasterleben
    Und der November nimmt ihn auf in eines Klosters Hut.
    Dort fliegen Engel ein und aus.
    Als wars ein Tauben oder Hurenhaus.

    An einem fünften Januar war ihm Gnade zuteil,
    vom Roten Tor zum Roten Tor.
    Frank Rjkards gab es für ihn viele,
    nur der wilde Klaus,
    der stopfte lieber Erdbeeren ins Maul einer Mäusefrau.

  13. Es war wirklich ein mieses Spiel gewesen
    und dazu hatte es unaufhörlich geregnet
    So ein mieser Novembernieselregen
    und jetzt riefen sie Aufhören! Schiebung!
    aber sie hatten keinen Schwung mehr
    genau wie die auf dem Rasen, 500 von den 700 hatten
    noch ihren Hangover vom Samstagabend, und nach
    fast zwei Stunden in der Kälte brachten sie
    keine Wut mehr zusammen, nur noch gehässigen
    Ärger und Selbstmitleid.

    Deutsche Autobahnen sind der Gesundheit von Dichtern nicht zuträglich.
    Da bleibt doch besser der Mann im Schnee,
    oder trifft im September in den USA den Mann aus Andernach,
    der ihm ein Gedicht schrieb,
    für den spielenden Jungen.

  14. Der Glaube!
    Sein Kuß hat sich mit Grauen abgewandt von diesem neuen Kalvarienberg.
    Wie könnte sein Arm unseren Kopf offen halten,
    er, der von der Barmherzigkeit eines ungenauen Türschlosses lebt,
    abgeschnitten von den Früchten seines Nächsten ?
    Der äußerste Ekel,
    der, dem sogar der Tod seinen letzten Rausch verweigert,
    zieht sich zurück, verkleidet als Herr.

    Schweigen und Zweifel provozieren durch Wort und Lyrik.
    Da wo er geboren wurde ist in großer Helligkeit die Sonne manchmal dunkel.
    Mit Paul und André war er Teil des Kreises,
    wo Uhren selbst laufen und dem Abort gehuldigt wird.
    Zeit: 55 Paris da sein mit Martin.

  15. Es war Anfang November. Wir hatten elf Grad Kälte und damit auch Glatteis.
    Auf die gefrorene Erde war in der Nacht etwas trockener Schnee gefallen,
    und der trockene scharfe Wind hob ihn auf und fegte ihn durch die langweiligen
    Straßen unseres Städtchens, besonders über den Marktplatz.

    Der Schichtl von der Wiesn wäre sicher nicht sein liebster Stand gewesen.
    Henriade hieß seine Französischlehrerin.
    In den Sternstunden wurde der Wendepunkt zur Poesie.
    Sukkubi und Familiendramen waren ihm nicht fremd.

  16. Er greift in die rückwärtige Tasche und holt einen Armeerevolver heraus.
    Die Novembersonne springt auf den blanken Lauf und er leuchtet auf.
    Gar nicht schreckhaft schein ihr die Waffe.

    Auf einem Eiland war er Geburtshelfer für eine Bücherei,
    doch der Palmen war bald überdrüssig,
    mit Wehmut gedachte er des Gestern.

    [Gelöst: Stefan Zweig.]

  17. Der Einfluss des F. war indessen bald beendigt, als derselbe, ich glaube im November, Paris verließ.

    Mit seinem Geburtsvornamen wäre er weder in den Generalstaaten noch in den USA aufgefallen,
    aber es wurde dann später ein deutscher Name,
    kam zusammen mit der Insomnia.

  18. Zum siebzehnten November
    Heute kommen deine 4
    Um Glück zu wünschen dir
    Zum Tag der dich gebar
    Sechs waren es vorm Jahr.

    Gedichte brachte er in Rüstung,
    vierundvierzig Zungen waren ihm zu eigen,
    Gustav, Robert, Clara, Johannes und viele mehr haben bei ihm geplündert.

  19. Am 1.November 1816, am Allerheiligenfeste morgens um neun Uhr,
    lichteten wir die Anker, während unsere Freunde in der Kirche waren.

    Auf dem Trottoir sitzt einer und kotzt sich die Seele aus dem Magen raus,
    München bei Nacht, wie es leuchtet in den Pfützen mit den Brocken.
    Den Parka brachte er nach Deutschland,
    nur sein Name blieb in Alaska.

    [Gelöst: Adelbert von Chamisso.]

  20. März und November sind die Ausziehzeiten
    für jenen Hausherrn, dem der Mieter kündigt
    beim Weltgericht.
    und leider geht’s nicht ohne Streitigkeiten
    und ohne daß man blutig sich versündigt
    geht’s leider nicht.

    Aus Pech und Holz kommt die Flamme,
    um zu künden vom Finale der Gattung der Homiden.

  21. Sie war so blaß, sie flatterte
    Wie lose Blätter braun
    Als packte sie sich selbst der Wind
    Und im Novembergraun

    Als der große Krieg sich dem Ende neigte erschien das einzige Buch zu Lebzeiten,
    der Rest war eine Stimme aus dem Grab.
    Grade ein paar Tage und drei Monate fehlten zur Vollendung des Jahrhunderts.

  22. Zur Erinnerung an den 9. November 1843
    Es bilden Leid, Geduld und Liebe
    Der schönen Seele Harmonie,
    aus Tränen nähren sich die Triebe
    der Götterblumen Phantasie.

    Rom, Buenos Aires und Washington D.C. haben eine Spur von ihm,
    München und Berlin keine von den 1384 Spuren in 35 Ländern
    Ein Krater, ein Berg, eine Bucht und ein Asteroid tragen seinen Namen.

  23. Jeden 27. November verehren sie den Buddha Gautama als Kirchenheiligen,
    denn die Baarlamsgeschichte ist ja weiter nichts,
    als eine Übersetzung der Lailitavistara.
    Aber er meckerte nur angeregt.

    Die Bildung der Gottlosen lag ihm.
    Beim Herz war ihm das Fleisch zu schwach,
    der 16. Juni war im wichtig.

  24. ER besuchte den 1. November einen von seinen beschädigten Kameraden / der klagte /
    daß ihm die Zeit so trefflich lang würde;
    Er antwortet / das lasse dich nicht wundern /
    dann heute ist Allerheiligen Tag /
    bis nun jeder ein wenig davon hat /
    so muss er sich weit hinaus erstrecken.

    Jahrzehnte drei, das war sein Rahmen,
    mit Namen spielte er.
    Zwischen Knan findet sich Lengfels und Hartenheim,
    Sternfort, Schleifdorf und Hugenheim finden sich vor Meuder.

  25. Noch im November jammerte er darüber,
    „auch nicht den Saum des Kleides einer Muse erblickt zu haben, ja selbst zur Prosa sich untüchtig zu befinden.“

    Zwei auf einen Streich,
    mit dem einen werden noch heute junge Menschen gequält,
    den anderen fand man bis noch vor kurzen in vielen Kinderzimmern,
    früher in so gut wie jeden Haushalt,
    der eine schon fast vergessen,
    steht der andere in Bronze zusammen auf einem Platz
    unmotiviert seit über 150 Jahren rum.

  26. Ohne Anstoß werden die Sonnenfinsternisse, Zensuszahlen, Geschlechtsregister, Triumphe
    vom laufenden Jahre bis auf Anno eins rückwärts geführt;
    es steht geschrieben zu lesen, in welchem Jahr, Monat und Tag König Romulus gen Himmel gefahren ist
    und wie König Servius Tullius zuerst am 25. November 183 (571) und wieder am 25. Mai 187 (567) über die Etrusker triumphiert hat.

    Im ersten Jahr hatte er noch kein Glück bei der Preisverleihung,
    aber im zweiten Jahr klappte es.
    Seine preiswürdige Arbeit, ist noch heute recht brauchbar,
    nach all der Zeit.

  27. Es war der 18. November des Jahres 1905 p. Chr.
    Mikamura hatte alle Damen und Herren der Umgegend eingeladen,
    Vorträgen des Barons von Münchhausen zuzuhören.

    Ein Böttcher war er nicht, auch wenn er den Namen verwendete,
    beim Kater dachte er zumeist nicht an vier Beine,
    eher an den Morgen danach.

  28. Es war an einem Novemberabende. Noch lag kein Schnee, aber der Winter hatte seine Nähe schon längst durch starke Nachtfröste verkündigt,
    und wen nach eingebrochener Dunkelheit nicht die Notwendigkeit hinaus ins Freie trieb, der zog es vor, in der wohlerwärmten Stube zu bleiben.

    Knackis sind gut im Erzählen,
    hier was aufgeschnappt, dort was gehört
    und schon spinnt man sein eigenes Garn,
    wird für Generationen ein stehender Begriff
    und prägt die Vorstellung von so manchem.

  29. Das ganze Jahr mag ich leise treten im Walde und gehe um die trockenen Blätter herum,
    aber im November suche ich sie, und wo sie am dicksten liegen, gehe ich am liebsten.

    Den meisten ist sein Name heute völlig fremd,
    zu seiner Zeit war seine krankhafter Wandertrieb und sein Trunksucht in Perioden geteilt recht weit bekannt.
    Große Klappe hatte er auch immer, nicht immer was man heute noch so sagen würde,
    doch auch der Humor war ihm nicht fremd,
    ein Kind seiner Zeit und davon manchmal auch zuviel.
    Mümmelmann ruhe sanft.

  30. Denn Julizeit oder Weihnachten könnten schon den deutschen Heiden für den keltischen November gegolten haben.

    Bruder und Bruder
    sammelten fleißig,
    Walt klaute einiges.
    Ihr Antlitz war mal eine vierstellige Summe wert.

  31. Haben wir’s eingeteilt. Und zwar:
    Die Schaukel selbst für November,
    Kopf und Beine Dezember,
    Rumpf mit Sattel für Januar.

    Ein Tattoo kann schon mal einen Schulverweis bedeuten.
    Die Kathi zahlte ihm nur ein Bier, später gab es noch 2 Mark dazu,
    zu wenig für ihn.
    12-D-21 lautet heute seine Anschrift.

  32. Ein dritter innerer Komet von kurzer Umlaufszeit ist der im vorigen Jahre (22. November 1843) auf der Pariser Sternwarte von Faye entdeckte. Seine elliptische Bahn kommt der kreisförmigen weit näher als die irgend eines bisher bekannten Kometen. Sie ist eingeschlossen zwischen den Bahnen von Mars und Saturn.

    Im südlichen Amerika bekannter und beliebter als bei uns,
    auch wenn es Kreise gibt die ihn noch schätzen,
    so hat sein Bruder mehr spürbare Spuren in Deutschland hinterlassen.
    Georgs Reise mit James hat ihn selbst Pläne schieden lassen
    Und er wurde ein Hans Dampf in allen seiner Gassen.

    [Gelöst: Alexander von Humboldt: Kosmos, Erster Band, 1845–1858.]

  33. Die Äpfel waren in
    8 Jahre altes blondes Haar gewickelt
    Frierend und verdreckt
    Tauchte die Tochter des Hausmeisters
    Nie auf im November
    Und pißte aus ihren süßen Spalt
    Auf den Kies.

    Goethe wollte mehr Licht,
    er verstand nur dass es dunkler werde,
    als töteten Sie die Flamme
    und er verließ den Tisch im Chelsea Hotel.

  34. Es ist der zwölfte November 1970 am Morgen
    18 Grad Aussentemperatur
    Drei Briefe und eine Karte im Kasten
    Zum erstenmal seit Wochen
    Ist die Sonne wieder da.

    Vor der Antwort auf die Frage nach dem Universum, dem Leben und dem ganzen Rest war Ende,
    keine Fälschung half da mehr.
    Den Willen zu schönen Gedichte hatte
    und zu seiner eigenen Überraschung gelangen ihm manchmal welche.

  35. „So bin ich ja eigentlich stärker als er.“ –
    Der Offizier hütete sich, eine andere Ansicht auszusprechen und so schritt der König am Mittag des 30. Novembers 1700 zum Angriff auf die Russen.

    Er war der erste seiner Art und als er einem anderen erklärte, dass er der letzte seiner Art ist,
    gab es eine ordentliche Tracht Prügel.
    Mit dem einen Großen war er persönlich,
    mit der Großen bevorzugte er den Briefwechsel,
    wobei auch bei Papieren Wechsel häufig waren.
    Bei Leonard gab es dann eine Operette mit 2 Akten.

    [Gelöst: Voltaire: Die Geschichte Karls XII., König von Schweden.]

  36. Seit dem November, da die Villeggiatur aufgehört hat, gehört auch die Römische große Welt dazu,
    in der ich gar, bloß um der Kürze der Formel willen, für den Vescovo di Weimar gelte;
    E. D. können mir also künftig keinen geringern Titel geben,
    als den mir die Hauptstadt der christlichen Welt mit tausend Komplimenten gibt:
    denn ich passiere hier für einen sehr großen Gelehrten.

    Seine Reisen finanzierte er dadurch,
    das er blauen Jungs Bildung und Flötentöne beibrachte.
    Auch anderen Jungspunden zeigte er,
    wo im europäischen Archiv die wahren Hämmer hingen.

    [Gelöst: Johann Gottfried Herder an Herzog Carl August, 29. November 1788.]

  37. Wir bewaffneten uns mit unseren schärfsten Taschenmessern
    und begaben uns eines trüben Novembermorgens zu der Buche bei der Svatá Anna.

    Spiegelgasse war die Endstation,
    ein Schloß der Anfang.
    Das sie Uhrmacherin war,
    ist nicht so bekannt, aber einzelne Gedanken machten Sie bekannt.

  38. Als ich nun eines Abends, Ende November, kurz nach zehn, noch ins Café wollte,
    trat auf mein Klingeln an der Wohnung des Portiers statt des alten gichtbrüchigen Mannes ein Mädchen in den Torweg.

    Als Jude aus Galizien machte seine Liebe zur deutschen Aufklärung
    Ihn zum Deutsch-Nationalen,
    doch den patriotischen Chauvinismus,
    den er in Berlin erlebte war ihm zuwider.
    Heute ist er eher dafür bekannt,
    das er beim Lesen yz mit zz verwechselt hat.

    [Gelöst: Karl Emil Franzos: Das Kind der Sühne, in: Die Juden von Barnow, 1877.]

  39. Nu hätt‘ en andrer sich gegrämt, grad in so schlechter Zeit herkommen zu sein!
    aber i dacht, ’s wird sich schon hinziehen, und richtig, ’s hat sich bis zum November hingezogen!

    Nekrophile Korrespondenz machte ihn zu seiner Zeit bekannt,
    heute ist eher sein Daumen
    und sein Name aus dem Supermarkt bei den kalten süßen Sachen bekannt.

    [Gelöst: Hermann Fürst von Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen, Einundzwanzigster Brief, 1828.]

  40. Zur Erkenntlichkeit wollen wir Ihnen an jedem Sankt Martinstage neun fette Gänse und ein Stückfaß voll Schnaps schicken.

    Sohn eines Schließers,
    den Freuden des Bacchus sehr zugetan.
    Mit W.A. und J.W. legte er sich gleichzeitig an,
    Soeren hat es gefallen.

  41. Was für’n hübscher Monat zur Hochzeit November.
    November, der ist mein Leibmonat, ist so kalt – bitter kalt dann.
    Na! Guten Tag. Guten Tag.

    Schönen Gruß an Arno Schmidt,
    und Gerstäcker hat ihn auch mal übersetzt,
    immer diese Parlamentarier.

  42. Ich weiß nicht, ob die Leute des Palastes heute,
    am Allerheiligentage und morgen, am Allerseelentage, zum Ausfegen kommen werden.

    Fehlen darf er nicht der Meister der Promiskuität,
    ließ ja auch keinen Tag aus,
    wenn man seinen eigenen Worten glauben darf.

    [Gelöst: Casanova: Memoiren Band 2, übs. Heinrich Konrad Müller.]

  43. Der erste Tag Ihrer Suspendierung wird der 17. November
    1969 sein, der letzte Tag Ihrer Suspendierung wird der
    19. November 1969 sein.

    Seine Treue zu den Katzen hielt bis zum Tod.
    Er machte keinen Pakt mit dem Teufel,
    sondern bekam ein Viertel vom Verdienst eines Anderen,
    bis zum Lebensende.

    [Gelöst: Charles Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche, KiWi-Ausgabe 1992, Seite 150.]

  44. Am Nachmittag des 12. Novembers 1855 in der Horseferry Road, Bild aufgenommen von
    A.G.S. Hullcoop von der Abteilung der forensischen Anthropologie.

    Traum des Schriftstellers,
    neue Worte und Begriffe eingeführt,
    der andere gab den Andre Breton der Bewegung,
    beide noch putzfidel.

  45. Im November behauptete Mae Brüssel über Radio Berkeley, daß Jesus Opfer eines CIA-Komplotts gewesen war.

    Man braucht schon Eier für ein 10-Stunden-Theaterstück,
    was auch gespielt wurde.
    Paranoiker waren ihm lieb
    und den Unterschied zwischen Gott und Drogen hat ihm nie
    jemand schlüssig erklären können.

  46. I figure I’m gonna work a couple of months—November and part of December,” said Jones. “Makes it nice to have money around Christmas. We could cook a turkey this year.

    Misogynie konnte man ihm nie vorwerfen,
    zu sehr mochte er die Menschen,
    besonders die, die sonst keines Blickes gewürdigt worden sind.

  47. It was a chill November evening of the old-fashioned type.
    The moon looked pale and wan, as if it shouldn’t be up on a night like this.

    Eine Zahl als Endpunkt und Logikerinsiderwitz,
    Manische Depression war bei ihm nicht nur auf Menschen beschränkt,
    Ein Werk hat es sogar zu einem weltweiten Gedenktag gebracht.

    [Gelöst: Douglas Adams: Dick Gently’s Holistic Detective Agency, 1987, Chapter 4.]

  48. Es war eine trostlose Novembernacht, als ich mein Werk fertig vor mir liegen sah.

    Im Jahr ohne Sommer entstanden,
    im Kreis großer anderer Namen,
    zum Zeitvertreib.

  49. Es war November; doch nicht so genau
    Kennt man den Tag. Der Himmel war schon grau.

    Biologisch kann man ihn
    den Vater der modernen Informatik nennen.
    Eine schwarze Barke holte ihn aus seinem Griechenland zurück.

  50. November und mehr, als ich auf das Ergebnis warte
    Sie sagen mir, dass Vergebung der Schlüssel zu jeder Tür ist.

    Onkel Johannes Truppe auf einer langen seltsamen Reise,
    Hotel auf dem Mars,
    und das nur wegen dem tibetischen Totenbuch.

  51. His cold and wornanless nights, the card and chess games, the all-male beer-drinking sessions, the nightmares he had to find his own way up out of because there was no other hand now to shake him awake, nobody to hold him when the shadows came on the window shade—all caught up with him that November, and maybe he allowed it to.

    Postämter. Postämter, Postämter und Paranoia.

  52. This bag, however, never seemed to disappear. „Well, once we finish this bag we can straighten out…“ Let’s put it this way: it lasted from June to November, and we still left some behind.

    Sein Gesicht kann mehr Geschichten erzählen,
    als viele Bücher,
    er selbst hat sich mal als der beste „schlechte“ seine Zunft bezeichnet.
    Verwechselbar ist er kaum,
    ob von Palmen oder Bücherregalen,
    er fällt gerne mal.

  53. Now we pointed our rattle snout south and headed for Castle Rock, Colorado, as the sun turned red and the rock of the mountains to the west looked like a Brooklyn brewery in November dusks.

    Seine Texte auf Toilettenpapier zu schreiben ist schon eigenwillig,
    Berühmt wurde der Text trotzdem,
    auch wenn nur noch der Titel heute den Jüngeren etwas sagt.

    [Gelöst: Jack Kerouac: On the Road, Part 5, Chapter 3, Seite 564, Penguin Books, 1976.]

  54. I complied at last, finding I could not do better.
    I left Lisbon the 24th day of November, in an English merchantman,
    But who was the master I never inquired.

    Groß oder klein,
    kann man alles ausprobieren,
    will man was aufs Korn nehmen.
    Er hat nur den Doktoren Essen, Ruhe und Fröhlich vertraut.

  55. One thousand, twice four hundred and fourteen Year of our Lord – and the month November, the fifteenth day, if I do remember.

    Ein alter Seemann und Dichter am See,
    auch wenn man die Prämissen nicht selber anerkennt,
    kann man von ihnen aus weiterführen.

  56. Was mich darauf bringt ist, daß im Kirchenbuch zu Touars die Zahl der im Oktober
    Und November geborenen Kinder größer als der zehn andern Monat des Jahres ist,
    die mithin, wenn man rückwärts zählt, alle in den Fasten gemacht, gezeugt und empfangen sind!

    Wille, Wollen, Tun und Du
    Wharton hat bei ihm geklaut
    und ein anderer hat gleich ein Gesetz daraus gemacht.

  57. Im Novembermonat dieses Jahres starb Prinz Rupert, in seinem dreiundsechzigsten Lebensjahr.

    Mit der Rennbahn hat er Gewissheiten bis heute erschüttert,
    ganze Wissenschaften hat er begründet
    und als guter Mensch wurde er beerdigt.

  58. Cold and deary was the night:
    November’s blast had chilled the air.

    Seine Frau wird von Hollywood mehr geliebt als er,
    das Jahr ohne Sommer hat er mit Freunden und Frau verbracht.

  59. Spring in the world of Fairy, being November with us.

    Die Mitte ist gefallen,
    und er hat Zeit seines Lebens versucht das auszudrücken.
    Die erste Gesamtausgabe der Werke von William Blake gehen auf sein Konto.

  60. Dr. Price had preached a sermon on the 4th of November, 1789, being the anniversary of what is called in England the Revolution, which took place 1688.

    Berühmt berüchtigt,
    als versoffen, verlogen und hemmungsloser Ungläubiger tituliert,
    gab er trotzdem einem jungen Land seinen Namen.

  61. It was a beautiful morning at the end of November. During the night it had snowed, but only a little, and the earth was covered with a cool blanket no more than three fingers high.

    Krimitime im Louvre und im Kloster,
    überall Zeichen und Signale.

  62. Keeps making November difficult
    Till I who was almost bold
    Lose my way like a little Child
    And perish of the cold.

    In weiß gekleidet,
    zumeist in ihrem Zimmer,
    wartete sie auf das Aufsteigen des Nebels.

  63. And where, my soul, is thy pleasant hue?
    With the music of all thy voices, dumb
    In life’s November too!

    Auf der Rückseite des Grabsteins eines Polarforschers steht sein Gedicht,
    In einer Ecke wurde er beerdigt.
    Spasmodische Krankheit wurde einem Text auch attestiert.

  64. The skaters and water-bugs finally disappear in the latter part of October, when the severe frosts have come; and then and in November, usually, in a calm day, there is absolutely nothing to ripple the surface.

    Mittendrin im Samstagsverein,
    das Zifferblatt vereinte ihn mit Ralf.

  65. „And Yale is November, crisp and energetic,“ finished Monsignor.

    120 Ablehnungsschreiben hatte er an die Wand geklebt,
    er starb im Glauben gescheitert zu sein,
    heute kennen sogar einige Junge noch Werke von ihm.

  66. Novemberlied

    Dem Schützen, doch dem alten nicht,
    Zu dem die Sonne flieht,
    Der uns ihr fernes Angesicht
    Mit Wolken überzieht;

    Dem Knaben sei dies Lied geweiht,
    Der zwischen Rosen spielt,
    Uns höret und zur rechten Zeit
    Nach schönen Herzen zielt.

    Durch ihn hat uns des Winters Nacht,
    So häßlich sonst und rauh,
    Gar manchen werten Freund gebracht
    Und manche liebe Frau.

    Von nun an soll sein schönes Bild
    Am Sternenhimmel stehn,
    Und er soll ewig, hold und mild,
    Uns auf- und untergehn.

    Das war leicht.

Merlin im Hof. Cats on Books 4, 6. November 2018

Buidl: Merlin proudly presents die Preise: Cats on Books 4/4, 6. November 2018, selber gemacht.

Soundtrack: Guns N’ Roses: November Rain, aus: Use Your Illusion I, 1991:

Written by Wolf

9. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Weisheit & Sophisterei

Moritz Under Ground

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Update zu Morgenschillern oder Warum die Freiheit des Menschen in Deutschland wohnt,
Der Goethe wor fei aa do (It’s a nice-a place)
und Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!:

Es ist nicht ganz klar, wo sich Karl Philipp Moritz am Allerseelentag 1786 aufgehalten hat. Das lässt die meisten von uns ruhig schlafen, und wen nicht, dem genügt die Ortsangabe „Rom“.

Und sie genügt sogar der einen, verbreiteteren Moritz-Gesamtausgabe — der bei Insel von 1981, die seit kurzem bei mir wohnt. Da ist, wie sich das gehört, der vollständige Bericht Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788 abgedruckt und kommentiert. Zu dem Teil, der unten folgt und einiger touristischer Erklärungen bedarf, schweigt sie sich aus.

Fresko San Clemente, RomDas wollen wir natürlich wie immer genauer wissen. In Frage kommen daher noch die andere, entschieden teurere Moritz-Gesamtausgabe, die beim Deutschen Klassiker Verlag 1997, und die bunte, so reich wie modern illustrierte Einzelausgabe bei der Anderen Bibliothek 2013.

Von der bunten muss trotz Erscheinen in der Anderen Bibliothek ausnahmsweise abgeraten werden: Die erschöpft sich in typographischer Selbstverwirklichung, bringt aber keinen Mehrwert. Die Idee, den vorklassischen Text der postmodernen Großstadtphotographie gegenüberzustellen, war richtig gut, bleibt aber so nichtssagend wie das Nachwort und so protzig wie das glitschige Volumenpapier. Nichts, wofür man 40 Euro ausgeben möchte, solange der Volltext gratis online steht. Die Hoffnung, dass sie wenigstens ein paar erhellende Anmerkungen zu den Örtlichkeiten „damals und jetzt“ dazugestellt haben, wird deshalb obsolet, sobald das einzige Exemplar der Stadtbibliothek auf Wochen bis nach einem Veröffentlichungstermin (hier: Allerseelen) ausgeliehen ist.

Von der Gesamtausgabe des Deutschen Klassiker Verlags ist leider nur der erste Band jemals ins Taschenbuch übergegangen, weil der darin enthaltene Anton Reiser noch halbwegs verkäuflich klingt, der zweite Band kostet einzeln 92 Euro. Tipp für Sparfüchse: Der Doppelpack kostet nicht zweimal 92, sondern gerade mal 98 Euro, das ist weniger Aufpreis, als wenn man das Taschenbuch dazukauft. Immerhin ist das eine Anschaffung, für die man sich nicht vor sich selber genieren muss — aber nicht, wenn man vor keinem Vierteljahr die Insel-Ausgabe gekauft hat.

Also weiter: Die Stadtbibliothek führt den zweiten Band nicht einmal als Magazinbestellung. In der Bibliothek des Münchner Instituts für Germanistik kommt Karl Philipp Moritz nicht, schandbar genug, im Alphabet vor, die wirklich freundliche studentische Hilfskraft an der Aufsicht (blond) liest unverhohlen Sebastian Fitzek und unterstützt meinen eigenen Vorshchlag, dass ich dann doch „rüber in die Stabi“ muss. Die Bayerische Staatsbibliothek zu München führt Karl Philipp Moritz. Ich hab auf einer richtigen Uni studiert, mir aber trotzdem mal einen Bibliotheksausweis ausstellen lassen: Besser man hat ihn und braucht ihn nicht, als man braucht ihn und hat ihn nicht. Der Band ist entleihbar, aber „nur in den Allgemeinen Lesesaal“ — was klar geht, weil ich ja nur eine einzige Anmerkung auf einer der 1333 Seiten nachlesen will. Klick: Das Buch wird für mich „voraussichtlich“ in einer Woche an der Ausleihe im Allgemeinen Lesesaal bereitgestellt. Was die Stadtbücherei für innerhalb 30 Minuten verspricht und meistens in zehn schafft, eine Magazinbestellung, dauert in der Stabi eine Woche, und die Leute wundern sich, dass die Gymnasiallehrer nicht lesen und schreiben können.

Egal was ich bei wem ausleihen kann, wird, falls überhaupt, nach Allerseelen aufzutreiben sein, und das nur, weil in einem dieser erschütternd mies erreichbaren Bücher eventuell eine mindere Anmerkung stehen könnte, die ich für einen nichtkommerziellen Weblog brauche, dessen Leser mir persönlich bekannt sind — zu deutsch: Vergiss es. Bis ich — Lieferung in jede Buchhandlung zum nächsten Werktag — 98 Euro zum Verfeuern hab, erscheint an dieser Stelle Bildmaterial zu der Kirche, die der von Moritz bechriebenen am nächsten kommt: der dominikanischen Basilica minor San Clemente al Laterano.

In Rom soll sie stehen, nicht allzuweit vom Tiber-Ufer, und jedenfalls auf dem Stand von 1786 einen lebhaften Spendeneinnahmebetrieb aufweisen, und zwar, das ist der Trick: unterirdisch. Zu googeln, wie dieser Kirchenkeller anlässlich der novemberlichen Totenfeiertage — siehe unten — geschmückt gewesen sein mochte, bleibt aussichtslos; die typischen Suchergebnisse führen zuverlässig in die römischen Katakomben. Eine mindestens teilweise unterirdische „Kirche, die von den Todten, denen sie geweiht ist, ihren Nahmen führt“, kann ich auf der vorliegenden Basis nicht zuverlässig dingfest machen.

Allein die San Clemente besteht aus einem Fundament römischer Gebäudereste des 1. bis 3. Jahrhunderts mit einem Mithräum von etwa anno 240, darüber einer „Unterkirche“, die mich hoffen heißt: Immer noch unterirdisch liegen dort antike Räume als frühchristliche Basilika namens Titulus Clementis um 384, wiederum darüber der sichtbaren „Oberkirche“ ab 1108. Den Bildern aus dem Titulus Clementis nach wäre dort immerhin theoretisch Platz für drei dicke Priester, die an Tischen die reichlich hereinströmenden Spendengelder zählen.

Kirche goes Underground. Halloween, gedacht als Vorabend zu Allerheiligen, ist nichts als das neue Allerseelen.

——— Karl Philipp Moritz:

Rom, den 5. November.

aus: Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788. In Briefen von Karl Philipp Moritz,
Erster Theil, Friedrich Maurer, Berlin 1792:

In den ersten Tagen meiner Ankunft in Rom, zu Ende des vorigen Monaths, war der Himmel heiter, und die Luft ziemlich kalt und schneidend, so daß die Leute selbst im Gehen auf den Straßen sich schon an Kohlentöpfen wärmten, welches um so mehr auffält, je sanfter und milder man das italiänische Klima sich gedacht hat.

Mit dem Feste aller Seelen aber, im Anfange dieses Monathes, trat wieder wieder laues, trübes und regnigtes Wetter ein, und das Traurige und Grauenvolle bei der Feier jenes melancholischen Festes, bekam nun noch ein desto düsterers Ansehen.

Fresko San Clemente, RomDie Kirchen waren inwendig und zum Theil auch auswendig schwarz bekleidete, und mit den Abbildungen von Schädeln und Todtenbeinen ausgeschmückt. Und allenthalben ertönte auf den Straßen das Geschrei der Kläglichbittenden um ein Allmosen zu einer Todtenmesse für die armen Seelen im Reinigungsfeuer, (per le povere anime del purgatorio!)

Am grauenvollsten war der Anblick einer unterirrdischen den Todten geweihten Kirche, am Ufer der Tiber, die ich in der Dämmerung des Abends auf einer meiner ersten Wanderungen in Rom besuchte.

Auf dem Wege dahin begegnete mit zum erstenmal eine Prozession von Kindern, welche in weisse Tracht gehüllt, mit Wachslichtern in den Händen, paarweise einem offnen Sarge folgten, worin man einen ihrer Gespielen zu Grabe trug; ein Anblick der äußerst überraschend und rührend für mich war!

Ich kam nun in die Kirche, die von den Todten, denen sie geweiht ist, ihren Nahmen führt, und wo von einer Todtenbrüderschaft für die Armen, welche auf dem Felde gestorben (per gli poveri morti in campagna) zu Todtenmessen gesammlet ward.

Ich stieg nun einige Stufen hinab, und gleich am Eingange an einem Tische saßen drei schwarzgekleidete Männer, wie Höllenrichter, wovon zwei die Summe des eingenommenen Todtenlösegeldes in große Bücher verzeichneten, und einer mit dem dumpftönenden Ausruf: i poveri morti in campagna! eine große eherne Büchse, in welcher die Allmosen gesammlet wurden, gegen die Ankommenden schüttelte.

Und welch ein Anblick erfolgte nun beim Eintritt in diese unterirrdische Kapelle, deren Wände von oben bis unten mit würklichen Todtenschädeln und Todtenbeinen, die äußerst zierlich übereinandergelegt waren, ausgeschmückt, gleichsam mit dem ganzen verborgenen Schatze der grauenvollen Zerstörung prangten.

Und, was noch dieß alles übertraf, so waren große Nischen in den Wänden, worin die zusammengetrockneten Körper einiger unter freiem Himmel gestorbenen Armen, leibhaftig, und sogar noch mit ihren Lumpen bedeckt, und Stäbe in den knöchernen haltend, aufgestellt, ein fürchterliches Schreckbild waren.

Dazwischen war hin und wieder an den Wänden eine transparente Inschrift in Versen angebracht, wo die Jugend und die Schönheit an ihr Ende, die Pracht an ihre Vergänglichkeit, und der Stolz an seine Thorheit, mit Flammenschrift erinnert wurde, welche zugleich die einzige Erleuchtung dieses dunkeln Behältnisses war.

Zur Rechten stieg man wieder einige Stufen hinaus, und hier war eine Art von theatralischer Dekoration, wie eine waldigte Gegend, wo, nach einer Erzählung im alten Testamente, ein Esel und ein Löwe bei einem menschlichen Leichnam sich zusammen finden; welches also auch Beziehung auf den Endzweck hat, wozu diese ganze fürchterliche Scene veranstaltet wird; um nehmlich durch den sinnlichen Eindruck das Mitleid für die Todten zu erwecken, welches sich in milden Almosen äußert, wovon sich die Lebenden gütlich thun.

Fresko San Clemente, RomWenn irgend etwas in die Idee der Alten eingreift, daß die Seelen der Todten, deren Körper unbegraben liegen bleiben, von dem rauhen Fährmann zurückgewiesen, nicht an das jenseitige Ufer des Styx gelangen können, sondern vergebens dahin ihre Arme ausstrecken; so ist es diese Allmosensammlung und Fürbitte für die Seelen derer, die verlassen von aller menschlichen Hülfe und Beistand, auf den Feldern gestorben sind, und niemanden haben, der für den armen gequälten Schatten ein Todtenopfer darbringt.

Zugleich aber dringt sich einem auch die Vorstellung von dem fürchterlichen Elende auf, welches hier so manchen hülfloß unter freiem Himmel verschmachten läßt, der demohngeachtet selbst durch dieses unbeschreibliche Elend, nach seinem Tode noch wie ein Scheusal ausgestellt, der allesverschlingenden Priesterschaft, die für die Ruhe der Seelen Gebete murmelt, Allmosen und reichen Gewinn verschaft.

Auf einigen Stufen stieg man nun zu der ordentlichen Kirche hinauf, die über dieser Gruft erbaut, und mit unzählichen Wachskerzen erleuchtet, aber ebenfalls mit schwarzem Tuch run umher ausgeschlagen war.

Hier kniete eine Menge von Menschen, die kaum nebeneinander Platz hatten, und in ihrer Mitte stand ein Ordensgeistlicher mit vollem Gesicht und blühenden Wangen, der die Qualen des Fegefeuers mit den lebhaftesten Farben schilderte, und seinen Zuhörern zu erwägen gab, wie viele Lindrung sie dem gequälten Geiste schon für einen einzigen Paul (eine Summe ohngefähr von vier Groschen) wofür sie eine Todtenmesse lesen ließen, verschaffen könnten.

Diese Kirche erweckt wieder die Idee von dem mundus patens der Alten; ein düsteres Fest, wo man sich die Schlünde der Unterwelt, auf eine zeitlang eröfnet, und die Scheidewand zwischen den Lebenden und Todten hinweggerückt dachte, und durch eine kurze Hemmung der Geschäfte und Gewerbe des Lebens den unterirrdischen Mächten gleichsam ein Opfer brachte, und den ihnen schuldigen Tribut bezahlte.

Alles bekömmt auch hier in diesen Tagen ein melancholisches Ansehen. — Ich besuchte auf einer meiner Wanderungen das alte römische Forum, das von prächtigen Ruinen auf allen Seiten eingeschlossen, jetzt ein einsamer Spaziergang ist, wo eine kleine Allee zur stillen Betrachtung, und zum ruhigen Nachdenken den staunenden Fremdling einladet.

Fresko San Clemente, Rom

Bilder: Basilica San Clemente al Laterano: Fresken 6. bis 11. Jahrhundert:
Soundtrack: Emilie Autumn: Arcangelo Corelli: La Folia, aus: Laced/Unlaced, 2007:

Written by Wolf

2. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Sturm & Drang