Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Vier letzte Dinge: Tod’ Category

Der Tod, der alte Hodarsch

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Update zu Ein arger Gast in Trutz und Poch
Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme und
O Anfang sonder Ende (Nichts ist zu finden weit und breit so schrecklich als die Ewigkeit):

Eine meiner Lieblingskolleginnen schrieb mir vergangenen Spätwinter:

Mir träumte, du habest mir zwei Seiten aus einem sehr alten Band mit Essays und Gedichten von dir zukommen lassen, die ich in meinem kleinen Häuschen bei Sonnenschein lesen durfte. Der genaue Inhalt war nicht richtig klar, weil Traum — aber das Schriftbild der Seiten habe ich irgendwie vor Augen und es kamen darin mehrere doppelzeilige gereimte Spottanklagen vor. Die letzte war als eine Art Zwiegespräch mit dem Tod gedacht, den du im Gedicht einen „alten Hodarsch“ nanntest, und ich habe mich den Rest des Traums köstlich über dieses grandiose Schimpfwort amüsiert. Das war einer der schönsten Träume, die ich seit langem hatte.

Dergleichen erfreut das Herz des Schreibers, der die meisten seiner Fans persönlich kennt. So gab ich Antwort:

Lente Scura, Death and the Maiden„Das sieht mir sogar durchaus ähnlich. ‚Mit Essays und Gedichten von dir‘ heißt, die Essays und Gedichte waren von mir geschrieben, oder sind nur aus dem alten Band von mir zu dir gekommen? — Hodarsch, tss. Wenn du sowas magst, schau mal im Volksbuch vom Faust, im Doktor Faustus von Thomas Mann, in den Briefen — weniger den Tischreden, wo man immer zuerst sucht — von Luther, und im Grimmelshausen, der mehr als 1 Buch und das 1 Buch mehr als die ersten zween Capituln hat. Sollte man eh öfter.“

Es war absolut von dir geschrieben! Es klang auch alles so sehr nach dir, dass ich nach dem Aufwachen kurz überlegte, wo ich die Seiten hingelegt habe um das Gedicht nachzulesen!

„Wow. Erwähnte ich, dass ich derzeit viel mit Gedichten befasst bin? Ich will sie formal strenger haben, der Schreibkollege ist mehr für ungefiltertes Rausrotzen, mit keiner Zeit fürs Rumfrisieren. Was ich da traumweise im Vergleich zu den Metrikverächtern unter uns geschrieben haben soll, wäre da schon interessant.“

Es war formal nicht streng, eher unterstrich es das Thema des Essays — aber was da genau stand, das hat mein Gehirn mir vorenthalten. Ich bin ja überrascht, dass auf der Seite tatsächlich ein oder zwei Wörtern entzifferbar waren, angeblich geht das ja in Träumen eigentlich nicht!

„Och, das geht, das geht … Ich träume ja nicht viel, woran ich mich erinnere, aber es waren schon ausformulierte Texte dabei. Die Action bestand dabei in einer Art Kalligraphie mit etwas, das man eintunken muss, auf Blanko-Papier, und hinterher weiß ich noch, dass es Zusammenhang und einen gewissen Sinn ergibt. Manche Leute haben ja tatsächlich wie Allen Ginsberg ein Traumbuch neben dem Bett und benutzen es auch, bei mir rentiert sich das leider nicht. Jetzt versuch ich grad eine Gedicht- oder Essay-Idee aus deinem werten Tarum zu machen.“

Oh, das freut mich! Ich würde so gern irgendwann bei Sonnenschein dein Spottgedicht über den Tod, den alten Hodarsch, lesen!

„Zwei Zeilen war die Vorgabe? Hm… elegisches Distichon wollt ich mir eh schon immer mal draufschaffen — vor allem für mein Soloprojekt eines von Hand hingemurksten Gedichtbandes — und an dem Schimpfwort würd ich noch mal schrauben wollen. Hod heißt doch bestimmt nix Genaues, oder weißt du da was?“

Doch! Hod wie Hodenarsch! Ich wollte dich im Traum sogar fragen, ob das in Bayern ein übliches Schimpfwort ist, weil ich es so witzig und absurd fand!

„Ach so, Hoden, wer kommt denn da auch drauf … Nää, wenn ich das schümpfen wollte, dann eher als ‚Glocken-‚ oder weniger paarweise hergezeigt ‚Beutel-‚ oder ‚Sackarsch‘. Im Grimmschen Wörterbuch finde ich ‚Hode‘ ohne -n als ‚m., auch f., testiculus‘ — tatsächlich auch feminin. Die rein feminine Hode meint danach

HODE, f. schutz, hut, ein niederdeutsches, von Möser in seinen schriften oft gebrauchtes wort: andere aber, die auf den gründen eines schutzheiligen oder schutzherrn saszen, waren auch an dessen schutz gebunden, und man nannte sie nothfreie. ein solcher schutz heiszt bei uns hode oder hut, anderwärts aber hye, hege oder pflege. osnabr. gesch. 1, 70; die biesterfreiheit zwingt die leute zur hode, und hode redet wider den leibeigenthum. patr. phant. 3, 143.

oder ‚den bretternen kasten eines last- oder botenwagens, vielleicht auch diesen selbst. das wort, das in verwandtschaft zu dem sp. 572f. aufgeführten haudern und den daselbst genannten formen zu stehen scheint, wird gestützt und weiter beleuchtet durch eine reihe oberdeutscher verbal- und substantivbildungen: hodel- oder hudelwagen, wagen dessen kiefe oben mit ketten zusammengeraitelt werden, verschieden vom leiterwagen‘ pp. — also nichts, um es zu schimpfen.

Und ich brech ja ab: Bei Adelung ist ‚Hode‘ ausschließlich weiblich:

Die Hode, plur. die -n, die rundlichen aus vielen zusammen gewickelten Gefäßen bestehenden Samenbehältnisse bey dem männlichen Geschlechte der Menschen und Thiere; mit einem ungewöhnlichern Ausdrucke die Geilen, die Geburtsgeilen, in den niedrigen Sprecharten die Klöße, Lat. Testes, Testiculi. Einem Thiere die Hoden ausschneiden, es castriren.

Anm. Schon bey dem Raban Maurus im achten Jahrhunderte Hodon. Ihre leitet es von dem Schwed. Kudde, ein Sack, eine Tasche, her, welches zu unserm Kutte gehöret, S. dasselbe. Allein alsdann müßte der Hodensack, welcher im Schwed. Kudde heißt, eigentlich den Nahmen der Hode führen, welches doch nicht ist. Vermuthlich hat die erhabene rundliche Gestalt dieser Theile auch zu dieser, so wie zu den meisten übrigen Benennungen Anlaß gegeben, und da würde dieses Wort zu ha, hoch, Isländ. hatt, und Haupt, Nieders. Höd, gehören. Im Oberdeutschen ist dieses Wort männlichen Geschlechtes, der Hoden, des -s. Eben daselbst wurden sie ehedem auch Heckdrüsen genannt, S. dieses Wort, ingleichen Gleichlinge.

— wobei ‚Heckdrüsenarsch‘ sich trefflich in einen geschimpften Hexameter fügen könnte. Glaubt einem bloß wieder keiner.“

— und woraufhin besagte Kollegin vorerst verstummte, sei es, weil das Thema für sie dann ausgeschöpft war, oder sie selbst davon überfordert. Ist ja auch kein Thema, über das man’s über das linguistische Maß hinaus mit fremden Damen hat. Mein Epigramm im Elegeion geriet mir indessen so:

Spottlied auf den Tod

Meister aus Deutschland, Gesell aller Welt und stutzköpfigster
     Lehrling von allem was Leben heißt, pack deine Sense und stirb.
Wenn du auch das nicht kannst, findest du leicht ein paar müde Gestalten;
     nimm dir erst die und verfrachte den klapprichten Beinarsch zur Ruh.
Lass dir die Zeit, die du brauchst, um die Freude am Leben zu lernen:
     Mit deinen Knochen, Freund Hein, hau ich noch die Äpfel vom Baum.

Esao Andrews, Death and the Maiden

„Hodarsch“, erkärte ich dazu, war im Wachzustand nicht zu verantworten, klappricht musste er aus metrischen Gründen sein. Worauf sie abschloss:

Wundervoll! Ich werd es ausdrucken und eines Tages bei Sonnenschein in meiner Finca lesen, wie in meinem Traum.

„Mir träumte, du habest“ — so reden die Leute in ungeträumter Wirklichkeit mit mir. So muss das gehen mit der Lyrik.

Deaths and the Maidens: Lente Scura, Digital Art, via Before I Forget, 4. Juni 2018;
Esao Andrews, via Frank T. Zumbach, 13. November 2013.

Soundtrack vor der Finca: Chris Rodrigues & Abby die Löffeldame: I Done Died (Ich bin tot), 2018:

Written by Wolf

14. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Vier letzte Dinge: Tod, ~ Weheklag ~

Was er wünscht, ist Licht, mehr Licht

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Update zu Neulich in München
und Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet:

Goethes 189. Todestag am 22. März 2021.

Stets des Lebens dunkler Seite
Abgewendet wie Apoll;
Daß er Licht um sich verbreite,
War der Ruf, der ihm erscholl.
Und so stand er jung im Streite
Bis in’s Alter würdevoll,
Gegen Drachen-Nachtgeleite,
Das aus allen Ecken schwoll,
Das er bald mit Scherz beiseite
Schob, bald niederschlug mit Groll.
Als er abtrat nun vom Streite,
War das letzte Wort, das quoll
Aus der Brust erhobner Weite:
Mehr Licht!“ Nun, o Vorhang, roll
Auf, daß er hinüber schreite,
Wo mehr Licht ihm werden soll!

Friedrich Rückert: Goethes letztes Wort, 1832.

——— Kai Sina:

Frances E. W. Harper: „Mehr Licht!“

aus: Frankfurter Anthologie, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Januar 2021:

Ob die Forderung nach „Mehr Licht“ tatsächlich Goethes letzte Worte waren, ist philologisch mehr als umstritten – und wohl auch nicht so wichtig. Entscheidender sind die Folgen der vermeintlichen Sterbeworte, und in dieser Hinsicht zählt das Gedicht von Frances Ellen Watkins Harper zu den literarhistorisch aufschlussreichsten Dokumenten: einerseits, weil es das Gedicht einer afroamerikanischen Autorin des neunzehnten Jahrhunderts ist, deren Bezugnahme auf Goethe zunächst alles andere als naheliegend erscheint; und andererseits, weil die deutschsprachige Übertragung von Stephan Hermlin ein frühes Zeugnis der sozialistischen Literaturpolitik in Deutschland ist. […]

Helmut Fricke, Kam durchs Schlafzimmerfenster nicht genug Licht, FAZ, 27. Dezember 2017Anders als viele seiner Anhänger, die das „Licht“ im Sinne der aufklärerischen Symbolik mit Erkenntnis übersetzten und so noch den Sterbenden zum Wahrheitssucher stilisierten, weist Harper eine derart überspannte Deutung ausdrücklich zurück: Nicht um „größere Geistesgaben“ habe Goethe in seinen letzten Atemzügen gebeten, nicht um „Gedankentiefe“, sondern buchstäblich um „die gütige Sonne“ und „einen Strom aus liebem Erdenlicht“. […]

Szenenwechsel ins Nachkriegsdeutschland, in die sowjetische Besatzungszone. Im neugegründeten Verlag Volk und Welt erscheint 1948 der Band „Auch ich bin Amerika. Dichtungen amerikanischer Neger„. Zusammenstellung und Übertragung der ausschließlich von Afroamerikanern und Afroamerikanerinnen verfassten Gedichte stammen von Stephan Hermlin. Dessen lebenslanges Bestreben, dem deutschen Lesepublikum „eine Tür zu literarischer Weltläufigkeit zu öffnen“ (Heinrich Detering), bestimmt das Anthologieprojekt ebenso wie die politische Indienstnahme der Literatur, hier vor allem in Gestalt der Amerika-Kritik und des Antikapitalismus. Die Sammlung versteht sich als aufklärerischer Gegenimpuls zu „geschickt geschriebenen Schmökern à la ‚Vom Winde verweht‘ und verlogenen Hollywoodprodukten“, in denen die „Neger“, ungeachtet ihrer „denkbar ungünstigen Lage“ in der Gesellschaft, vornehmlich als „folgsam“ und „komisch“ dargestellt würden – so liest man im Vorwort.

In der Anthologie findet sich auch Harpers Gedicht, dessen liedhafter Charakter – erzeugt durch ein alternierendes Versmaß, das Wechselspiel von Reimen und Assonanzen sowie die refrainartige Wiederholung des Ausrufs „Light! more light“ – in der deutschen Übertragung stark zur Geltung kommt. Zugleich mischen sich andere, eher abendländisch geprägte Motive ins lyrische Gesamtbild ein: das „düstre Nebeltal“ der Romantik (im Original: „dimly lighted valley“), der lutherdeutsche „Heiland“ (bei Harper: „Gracious Saviour“). Sicher tragen auch solche Anpassungen dazu bei, dass man den amerikanischen Ursprungstext hinter der deutschsprachigen Nachdichtung eigentlich nicht mehr wahrnimmt.

Aber welche Absicht steht hinter der Entscheidung, Harpers Goethe-Verse überhaupt in die Sammlung mit aufzunehmen? In ihrem Werk hätte es andere Gedichte gegeben, die viel besser mit dem politischen Anliegen der Anthologie vereinbar gewesen wären (das kämpferische „Bury Me in a Free Land“ etwa). Im Vorwort stellt Hermlin fest, es seien zwar „kleinbürgerliche Verse“, die Harper über Goethe geschrieben habe. In ihnen komme aber dennoch „ein großes und ergreifendes Gefühl“ zum Ausdruck. Die am Kommunismus geschulte Bewusstseinsprüfung („kleinbürgerlich“) und das Beharren auf der Würde des Individuums (in seinem „großen und ergreifenden Gefühl“) gehen in der Gedichtauswahl also miteinander einher. Hermlins Entscheidung für Harpers Gedicht zeugt damit gleichermaßen von politischer Anpassung und literarischem Eigensinn.

Stephan Hermlins Auswahl und Übersetzung waren weder die ersten noch einzigen ihrer Art: Populäre deutsche Anthologien des 20. Jahrhunderts kennen unter anderem:

  • Amerika singe auch ich. Dichtungen amerikanischer Neger. Zweisprachig. Herausgegeben und übertragen von Hanna Meuter, Paul Therstappen. Wolfgang Jess, Dresden 1932. Mit Kurzbiographien. Reihe: Der neue Neger. Die Stimme des erwachenden Afro-Amerika. Band 1, 1932. 108 Seiten; Neuausgabe ebenda 1959, oder
  • Meine dunklen Hände. Moderne Negerlyrik im Original und Nachdichtung. Herausgegeben und übertragen von Eva Hesse und Paridam von dem Knesebeck. Nymphenburger, München 1953. 92 Seiten.

Es folgen Harpers Original und Hermlins gleichermaßen politisch angepasste und literarisch eigensinnige Übersetzung im Direktvergleich. Offenbar könnten wir alle in vermehrtem Ausmaß Licht in egal welchem Sinne vertragen.

——— Frances Ellen Watkins Harper:

Let the Light Enter

The Dying Words of Goethe

from: Poems, 1871, Seite 71 f.:

„Light! more light! the shadows deepen,
       And my life is ebbing low,
Throw the windows widely open:
       Light! more light! before I go.

„Softly let the balmy sunshine
        Play around my dying bed,
E’er the dimly lighted valley
       I with lonely feet must tread.

„Light! more light! for Death is weaving
        Shadows ‘round my waning sight,
And I fain would gaze upon him
       Through a stream of earthly light.“

Not for greater gifts of genius;
        Not for thoughts more grandly bright,
All the dying poet whispers
       Is a prayer for light, more light.

Heeds he not the gathered laurels,
        Fading slowly from his sight;
All the poet’s aspirations
       Centre in that prayer for light.

Gracious Saviour, when life’s day-dreams
        Melt and vanish from the sight,
May our dim and longing vision
       Then be blessed with light, more light.

(Goethes letzte Worte)

Übs. Stephan Hermlin, in: Auch ich bin Amerika. Dichtungen amerikanischer Neger.
Aus dem Englischen von Stephan Hermlin. Verlag Volk und Welt, Berlin 1948. 144 Seiten, vergriffen:

„Licht! mehr Licht! Die Schatten sinken,
       Wie ich’s Leben sinken seh.
Öffnet weit mir alle Fenster:
       Licht! mehr Licht! bevor ich geh.

Daß die gütige Sonne scheine,
       Auf mein Sterbebette strahl,
Ehe ich hinziehe
       Durch das düstre Nebeltal.

Licht! mehr Licht! der Tod verbreitet
       Schleier auf vergehende Sicht,
Lieber säh ich ihn durch einen
       Strom aus liebem Erdenlicht.“

Nicht um größere Geistesgaben,
       Um Gedankentiefe nicht
Fleht der Dichter sterbend leise,
       Was er wünscht, ist Licht, mehr Licht.

Nicht mehr achtet er des Lorbeers,
       Der langsam in Staub zerbricht;
All des Dichters Wünsche gipfeln
       In dem einen Wunsch nach Licht.

Heiland, wenn des Lebens Träume
       Aufgelöst, verweht wie Gischt.
Segne unsern sehnsüchtigen
       Letzten Blick mit Licht, mehr Licht.

Helmut Fricke, Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Schlafzimmer, FAZ, 27. Dezember 2017

Bilder: Helmut Fricke: Kam durchs Schlafzimmerfenster nicht genug Licht?;
Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Schlafzimmer,
für Hubert Spiegel: Mehr Licht war nicht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Dezember 2017.

Der neue Neger, die Stimme des erwachenden Afroamerika: James Brown with Reverend James Cleveland Choir: Let Us Go Back to the Old Landmark/Can You See the Light, aus: The Blues Brothers, 1980:

Written by Wolf

26. März 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Durch die Mumie einer altägyptischen Prinzessin bereichert

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Update zu Halloween Lectures zu bibliothekarischen Aspekten
der Kulturwissenschaft des Morbiden

und Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her:

ich bin die liebe mumie
und aus ägypten kumm i e,
o kindlein treibt es nicht zu arg,
sonst steig ich aus dem sarkopharg,
hol euch ins pyramidenland,
eilf meter unterm wüstensand,
da habe ich mein trautes heim,
es ist mir süß wie honigseim,
dort, unter heißen winden,
wird keiner euch mehr finden.
o lauschet nur, mit trip und trap
husch ich die treppen auf und ab,
und hört ihrs einmal pochen,
so ists mein daumenknochen
an eurer zimmertür –
o kindlein, seht euch für!

H. C. Artmann, aus: allerleirausch. neue schöne kinderreime, 1967.

Liebe Kinder, der böse Märchenonkel Frank erzählt uns wieder eine Räuberpistole, die sich aus dem alten Ägypten bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert erstreckt. Eigentlich müsste sie stimmen, weil sie in der Zeitung stand. Die Zeitung existiert.

Dort, wo Onkel Franks nicht unspannende Grabräubepistole stehen sollte, steht sie aber nicht. So, wie er sie erzählt, kann sie dort auch nicht stehen, egal was Onkel Frank uns für Writers Tears ein- und vergießt. Wer merkt, warum?

Schreibt’s mir in die Kommentare und lasst mir ein Daumen-Hoch und ein Abo da! Folgt mir für mehr Räuberpistolen!

——— Frank T. Zumbach:

Späte Erklärung: Eine wahre Geschichte

aus: Frank T. Zumbachs Mysterious World, 11. Februar 2010:

In der Nummer 271 des Jahrgangs 1904 erzählen die Dresdner Nachrichten nach Mitteilungen der englischen Presse:

Movie poster The Mummy, Universal Pictures 1932Das Britische Museum zu London ist unlängst durch die Mumie einer altägyptischen Prinzessin bereichert worden. Aber mehr Aufsehen als die Mumie an sich erregt die Tatsache, dass allen, die mit ihr irgend zu tun hatten, unmittelbar nachher ein überaschendes Unglück zustieß, manche das Leben verloren. – Nach dem Katalog des Britischen Museums (I. 22 524) handelt es sich um die Mumie einer Ägypterin aus königlichem Geschlecht, die zugleich Priesterin am Tempel des Ammon-Ra war und um 1600 vor Christus zu Theben gelebt hat. Ein Mitglied der Expedition, dem die Auffindung der Mumie gelang, Mr. D., büßte einige Zeit später den rechten Arm dadurch ein, dass ein Gewehr auf unerklärliche Weise explodierte, als er es in die Hand nahm. Ein zweites Mitglied starb nach Verlust des gesamten Vermögens noch im selben Jahr, ein drittes Mitglied wurde, gleichfalls im selben Jahr, erschossen. Mr. W., der Besitzer der Mumie, musste unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Kairo die Entdeckung machen, dass er während seiner Abwesenheit bedeutende Vermögensverluste erlitten hatte. Bald darauf starb auch er. Nachdem die Mumie der Priesterin des Ammon-Ra auf den Dampfer gebracht worden war, der sie nach England überführen sollte, verlor ihr Auffinder, Mr. D., sie für längere Zeit aus den Augen. Nach der Ankunft der Mumie in England wurde sie zunächst zu einer verheirateten Schwester ihres ersten Besitzers, Mr. W., gebracht, der dieser sie geschenkt hatte. Von dem Tage ihres Eintreffens an wurde die Familie von einem Unglück nach dem anderen heimgesucht. Und als die Dame die Mumie zu einem bekannten Photographen in der Baker Street bringen ließ, der einige Aufnahmen von ihr machen sollte, erhielt sie ein paar Tage später den aufgeregten Besuch dieses Mannes: er habe die Aufnahmen persönlich gemacht und bürge dafür, dass niemand weder das Negativ noch die fertige Platte auch nur berührt habe. Gleichwohl zeige die Photographie nicht die Züge der Mumie, sondern die einer Lebenden mit boshaft leuchtenden Augen. Kurz nachher starb der Photograph eines schnellen und geheimnisvollen Todes.

Um diese Zeit begegnete Mr. D. Der Schwester des Mr. W. Nachdem er alles gehört hatte, beschwor er die Dame, die unheimliche Mumie dem Britischen Museum zu schenken, was dann auch geschah. Der Mann, der sie dorthin transportierte, starb in der folgenden Woche, einem zweiten, der beim Transport geholfen hatte, stieß ein böser Unfall zu. Gleich nach der Installierung der Mumie im Britischen Museum sollte wieder eine photographische Aufnahme von ihr gemacht werden, doch fanden der Photograph und sein Gehilfe die Beleuchtung ungünstig, weswegen verabredet wurde, dass sie später wiederkommen wollten. Auf der Heimfahrt wurde dem Photographen beim Verlassen des Kupees ein Daumen zerquetscht, und als sein Gehilfe zu Hause ankam, erfuhr er, dass eines seiner Kinder durch einen Sturz in eine Glasscheibe sich schwer verletzt hatte. Und nun meldeten sich immer wieder Leute mit der Behauptung, durch bloße Besichtigung der Mumie Schaden davongetragen zu haben. Der Premierminister Asquith, der völlig frei von Aberglauben sein soll, äußerte den Wunsch, diese gefährliche Mumie zu besehen. Aber alle seine Kollegen setzten der Ausführung dieser Absicht ihren Widerstand entgegen, denn sie glaubten, die Mumie würde dann den Sturz des Ministeriums herbeiführen.

Die Museumswärter fürchteten sich so sehr vor dem Mumiensarg, dass sie endlich das Ultimatum stellten, entweder diesen Sarg aus ihrem Bereich zu entfernen oder auf ihre weiteren Dienste zu verzichten. Die Museumsleitung ließ daraufhin die Mumie durch eine Nachbildung ersetzen und das Original in den Keller schaffen. Seitdem hörte alles Gerede auf.

Aber ein amerikanischer Ägyptologe entdeckte den Betrug. Die Museumsverwaltung sah sich dadurch genötigt, ihn ins Vertrauen zu ziehen, und zeigte ihm das im Keller verborgene Original. Er machte ihr ein Gebot, um die Mumie für Amerika zu erwerben, und das Gebot wurde angenommen. Die Mumie wurde dann an Bord der ‚Titanic‘ gebracht, mit der sie unterging…

Ray Seifenwerbung, Dresdner Neueste Nachrichten, Dienstag, 4. Oktober 1904, Seite 6

Bilder: Filmplakat The Mummy (Die Mumie), 1932;
Dresdner Neueste Nachrichten: Ray-Seifenwerbung, Dienstag, 4. Oktober 1904, Seite 6.

Soundtrack: Old Leatherstocking: O Death by Lloyd Chandler, after 1920, recorded Halloween 2020:

Written by Wolf

12. Februar 2021 at 00:01

Dornenstück 0006: Lyrik im Liegen

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Update zum Nachtstück 0022: Zu schweigen beginnen
und Frohnleichnamsfahnen wehen:

Alexandre Séon. La Pensée, o. J.Für einen Philosophen mittlerschwerer, in seinem Hauptwerk sehr schwerer Verständlichkeit hat Schopenhauer etliche Fans, und zwar die richtigen. Leider ist seine komplette Lyrik unter aller Sau.

Das Beste an Schopenhauers Gedichten ist, dass es auf eine Lebenszeit von 72 Jahren verteilt nur 39 geworden sind. Da sind die Stammbuchverse schon mitgerechnet. Einer von denen war ohne Reim und Rhythmus, aber im Alter von 70 Jahren doch noch sein lyrisches Highlight:

——— Arthur Schopenhauer: Stammbucheintrag,
8. April 1858, gesammelt in: Parerga und Paralimpomena, Band II,
cit. nach Arthur Hübscher, Hrsg.: Gedichte von an über Arthur Schopenhauer, Haffmans Verlag, Zürich 1994:

Sitzen ist besser, als stehen, u. liegen ist besser, als sitzen:
Besser, als liegen, ist schlafen, und besser, als schlafen, ist todt seyn.

Frankfurt a. M. d. 8ten April 1858

Arthur Schopenhauer.

Das Poesiealbum mit dem Original ist verloren. Schopenhauers Quelle ist wahrscheinlich Nicolas Chamfort: Maximes et pensées, caractères et anecdotes II, 1795:

Wenn behauptet wird, daß die Menschen, die am wenigsten empfinden, am glücklichsten sind, so muß ich immer an das indische Sprichwort denken: Sitzen ist besser als stehen, liegen besser als sitzen, aber das Beste ist tot sein.

Lebenslustige Franzosen: Chamfort sagt das noch, als ob’s was Befremdliches wäre.

Bild: Alexandre Séon: La Pensée, ohne Jahr.

Soundtrack: The Be Good Tanyas: The Littlest Birds (Sing the Prettiest Songs), aus: Blue Horse, 2000:

Written by Wolf

5. Februar 2021 at 00:01

Dieß ward schon oft gesprochen, doch spricht man’s nie zu oft

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Update zum 2. Advent 2014: Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt
und Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?):

Friedrich de la Motte Fouqué, 12. Februar 1777 bis 23. Januar 1843, verlebte die Jahre 1803 bis 1831 auf Schloss Nennhausen im heutigen Landkreis Havelland als außergewöhnlich produktiver Modeschriftsteller.

1817 war der Glanz, zumal der finanzielle, seiner literarischen Meterware stark unterschiedlicher Qualität weitgehend verblasst. In demselben Jahr war Trost, das vermutlich schönste Gedicht des ausufernden Epikers, eine zur Veröffentlichung freigegebene Tatsache, schon im zweiten Band seiner gesammelten Gedichte. Wer dagegen wann und warum und unter welchen Umständen die Fouqué-Eiche im Nennhausener Schlosspark — wohl gegen 1550 — gepflanzt und — wohl gegen 1810 — benannt hat, bleibt über all den Berichten über ihren Zusammenbruch — am 17. April 2006 — ungewiss.

Stand Februar 2005:

Fouqué-Eiche, Baumjäger via Ostdeutsches Baumarchiv, Februar 2005Die Fouqué-Eiche (Quercus robur) in Nennhausen.

Text bei Fröhlich (1994): Ausgesprochen attraktive Stieleiche, deren mächtiger hohler Stamm leicht geneigt ist und eine große halbseitige Öffnung aufweist. Der obere Kronenbereich ist schon reduziert. Einseitig reichen die Äste tief herab. Bizarre Trockenäste. Sehenswert: Schloß Nennhausen. Die Eiche ist benannt nach dem Dichter und Freiheitskämpfer Friedrich de la Motte Fouque (1777-1843), der in Nennhausen seinen Roman „Undine“ geschrieben haben soll.

Daten bei Fröhlich (1994): 500–600 Jahre, Höhe 21 m, Umfang 805 cm, Krone 23 m.

Standort: Auf einer Wiese neben dem Schloß.

Landkreis: Havelland.

Besucht in den Jahren: 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2008, 2011, 2011, 2014, 2016, 2018.

Naturdenkmal: Ja.

Umfang 2005: 855 cm in 1,3 m Höhe.

Photo und Messung stammen aus Februar 2005, dem Jahr vor dem traurigen Ende dieser außergewöhnlichen Eiche. Schaut man sich das Bild an, den geneigten Wuchs des Stammes und die Form der Höhlung, so ist wahrscheinlich, dass es sich ihr einst um einen Tiefzwiesel, oder zweistämmigem Baum handelte, bei dem der eine Stamm vor langer Zeit ausbrach.

GPS-Koordinaten: 52.606540, 12.501861

Mai 2006:

Sie war ein mächtiges Baummonument mit Ihrem gewaltigem, geneigten und bis in die Krone hinauf vollkommen hohlen Stamm. Schon 1904 hieß es im Entwurf für das Forstbotanische Merkbuch der Provinz Brandenburg: In der Viehkoppel im Schloßpark eine alte Stieleiche, im Absterben begriffen, 6,50m U, 12-15m H, stark zerklüftet, des Haltes wegen mit Lehm und Stein ausgefüllt, von Epheu umsponnen.

Hundert Jahre später immer noch vital, bzw. mit wieder regenerierter Krone, schien sie, dem seinerzeit prophezeiten Schicksal trotzend, ewig leben zu wollen. Doch völlig unvermittelt, in den windstillen Morgenstunden des 17.04.2006, brach sie in sich zusammen.

Als wir dann, von dem Ereignis Kenntnis erhalten, drei Wochen später die Eiche besuchten, fanden wir sie, über die gesamte Krone, frisch austreibend vor, ein letztes Zeichen ihrer Vitalität. Der Torso lässt sich heute noch erleben, er wird jedoch immer mehr überwachsen.

Besucht in den Jahren: 1999, 2001, 2002, 2002, 2005, 2006, 2007, 2009, 2014, 2017.

Naturdenkmal: Ja, bis zu ihrem Zusammenbruch.

Die letzte Messung stammt aus Februar 2005, dem Jahr vor dem traurigen Ende dieser außergewöhnlichen Eiche. Das Photo ist aus Mai 2006, kurz nach ihrem Zusammenbruch. Sie strotzte immer noch so vor Kraft, dass aus den Ästen und Zweigen am abgebrochenem Stamm noch Blätter und Blüten austrieben.

Man hätte es ahnen können:

——— Friedrich de la Motte Fouqué:

Trost

aus: Gedichte, Zweiter Band, Gedichte aus dem Manns=Alter,
Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen 1817, Seite 75:

Wenn Alles eben käme,
Wie Du gewollt es hast,
Und Gott Dir gar nichts nähme,
Und gäb‘ Dir keine Last,
Wie wär’s da um Dein Sterben,
Du Menschenkind bestellt?
Du müßtest fast verderben,
So lieb wär‘ Dir die Welt!

Nun fällt — ein’s nach dem andern —
Manch süßes Band Dir ab,
Und weiter kannst Du wandern
Gen Himmel durch das Grab.
Dein Zagen ist gebrochen,
Und Deine Seele hofft; —
Dieß ward schon oft gesprochen,
Doch spricht man’s nie zu oft.

Fouqué-Eiche, Baumjäger via Ostdeutsches Baumarchiv, Mai 2006

Bilder: Baumjäger via Ostdeutsches Baumarchiv:

  1. Fröhlich — Wege zu alten Bäumen — Brandenburg — Nr 140 —
    Fouqué-Eiche in Nennhausen
    , Februar 2005;
  2. Fouque-Eiche in Nennhausen (Quercus robur), Umfang 8,55 m
    (2006 zusammengebrochen)
    , Mai 2006.

Soundtrack: Lisa Hannigan: Lille, aus: Sea Sew, 2008, live auf dem Baum 2011:

Written by Wolf

24. Januar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales

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Update zu Die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte:

Edgar Allan Poe, posthum 1853       But he lies in dust,
       And the stone is roll’d
Over his sepulcher dark and cold;
He has cancel’d all he has done, or said,
And gone to the dear and holy dead!
Let us forget the path he trod,
       And leave him now,
       With his Maker — God!

Richard H. Stoddard (zugeschrieben): Miserriums, aus: New York Tribune, in: EDGAR ALLAN POE, The National Magazine, März 1853;

Somewhat ironically, at the bottom of the last page on which this article was originally printed appears the following small bit of filler: „HARSH WORDS are like hailstones in summer, which, if melted, would fertilize the tender plant they batter down.“

Edgar Allan Poe — * 19. Januar 1809; † 7. Oktober 1849. Frank T. Zumbach lebt noch.

——— Frank T. Zumbach:

19. Januar 2020:

Der Text über Eddie stammt übrigens nicht von mir, es handelt sich lediglich um eine von mir übersetzte Cum-grano-salis-Anekdote, über deren Hintergründe ich hier noch endlos schwafeln könnte, immerhin halte ich sie für wahr, let that suffice.

Poe, Edgar Allan
(1809—1849)

aus: Der rasende Leichnam. Ein literarischer Befremdenführer.
Ausgewählt, mit einem Grußwort und biographischen Angaben versehen von Frank Tilman Zumbach,
Kleine Reihe Sachon, Band 3, Mindelheim 1986
,
letzte der Biographischen Angaben, Seite 171 f.:

John Alexander McDougall, Edgar Allan Poe, 1845Ein Zeitschriftenherausgeber aus Philadelphia, in seinen Reminiszenzen kurz ‚Tom‘ genannt, erinnerte sich daran, wie Poe einmal ebenso ’niedergeschlagen‘ wie ‚angeheitert‘ in seiner Redaktion erschien und drohte, hier, gleich und auf der Stelle, Selbstmord zu begehen: „Ich habe dieses Leben satt. Alles ekelt mich (hick) … ekelt mich an. Ich bin fertig. Ich will (hick) sterben.“ ‚Tom‘ machte den Vorschlag, er solle seinen Enschluß noch etwas hinauszögern, um ihn am gleichen Abend vor einem größeren Publikum in die Tat umzusetzen, einer öffentlichen Versammlung, die um 19 Uhr im städtischen Museum stattfinden würde. Dabei hätte er Gelegenheit, vor der ersten Festansprache gemessenen Schrittes zum Rednerpodium vorzugehen und von dort eine feierliche Abschlußrede zu halten: „Ich bin Edgar A. Poe — von meinen Freunden im Stich gelassen — von meinen Feinden verleumdet und verfolgt — von den Talentierten gefürchtet — unverstanden von der Welt — ohne jeden Rückhalt auf ein Gestirn verbannt, das ich verachte, von blödem Pöbel umgeben — nun seht! so fliegt ein Genius seiner Bestimmung zu!“ „Dann“, fuhr Tom fort, „schneiden Sie sich mutig vor der Masse die Kehle durch, und es wird in der gesamten Christenheit keine Zeitung geben, die über diesen Vorfall nicht detailliert berichten wird.“

„Beim Jupiter, Tom“, rief Poe aus, indem er aufsprang, „das ist eine fabelhafte Idee. Poetisch. Philosophisch. Entschieden römisch. Diese Todesart hätte wahrlich Stil. Es haftet ihr etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales an, Tom, etwas Besonderes, das nicht verfehlen wird, die Öffentlichkeit zu beeindrucken. Wie Lukretia, Tom, ne non procumbat honeste, etc.: ‚Ihr letzter Gedanke war’s, auf ehrbare Weise zu fallen.‘ So wird’s sein, Tom. Ihre Hand darauf. Die Versammlung findet um sieben statt, nicht wahr?“ Und er begab sich sogleich auf den Heimweg, um zuvor noch ein kleines Nickerchen zu halten. Dabei verschlief er den Termin.

Fachliteratur: Frank T. Zumbach: Edgar Allan Poe: Eine Biographie, Winkler, München 1986.

Jung-Edgar: Richard H. Stoddard: EDGAR ALLAN POE, The National Magazine, März 1853, Seite 193,
posthume Darstellung, via Edgar Allan Poe Society of Baltimore;
John Alexander McDougall: Edgar Allan Poe, 1845,
via AMERICAN GALLERY – 19th Century, 6. Juli 2017.

Soundtrack: Pink Martini: Que Sera, Sera (Whatever Will Be, Will Be), 1956,
aus: Sympathique, 1997, für: Mary and Max, 2009:

Written by Wolf

17. Januar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Ukraihnachtsgewinnspiel: Die Lichter brennen, Geigen klingen

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Веселого Різдва для всіх nochmal. Die mir bekannten Ukrainer, in der Mehrzahl Ukrainerinnen, die sich in diesen Tagen gerne für zusätzliche Schichten einteilen lassen, weil sie in einem eher zufällig sich ergebenden lückenlosen Anschluss erst nach unseren zwölf Raunächten das orthodoxe Weihnachtsfest zu begehen gedenken, die mir bekannten Ukrainer also, sagte ich, werden mir was dafür husten, dass ich auf Basis einer ukrainischen Weihnachtsserie was zu verschenken hab. Die gute Nachricht ist: Die sind Schlimmeres gewohnt.

Mykola Kornylovych Pymonenko, Різдвяні ворожіння, 1888Zu verschenken gibt es einmal Frank T. Zumbach: Galgenblüten, Haffmans 1996, ungelesen, altersbedingt angestaubt, als Mängelexemplar gekennzeichnet, aber einwandfrei benutzbar — oder wahlweise die Verwendung eines Vornamens Ihrer Wahl in meinem nächsten Liedtext. Ich hab nämlich einen drei- bis vierstrophigen Text plus Refrain für einen Blues im Ofen, in den ich noch einen menschlichen Eigennamen eintauschen kann. Voraussichtlich wird es ein ganz ordentliches Lied, und Sie dürfen sich wünschen, darin unsterblich zu werden. Für mich wäre es hilfreich, wenn Sie sich einen weiblichen Vornamen wünschen, das Buch kriegt jeder, der es haben will, weil mir das sagt, dass es dann schon in gute Hände kommen wird.

Eins von beiden dürfen Sie sich wünschen, wenn Sie mir den Originaltext zu einem Gedicht von Taras Schewtschenko beschaffen, das ich in deutscher Übersetzung von Alfred Kurella in der zweibändigen Auswahlausgabe Der Kobsar, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1951 gefunden hab. Weder mein bildschönes und blitzgescheites ukrainisches Gewährsmädchen noch Volltextsuchen konnten mir sagen, woraus das übersetzt ist.

Das ukraihnachtliche Gewinnspiel ist zeitlich nicht begrenzt, weil ich die Lösung auch in hundert Jahren noch wissen will. Sollten die Preise bis dahin nicht mehr zur Verfügung stehen, finden wir einen Ersatz, versprochen. Das ist eine private Veranstaltung rein zur Gaudi mit ausgeschlossenem Rechtsweg.

Die erwartbare Reaktion auf das Gedicht wäre anno 2019 ein trockenes „OK Boomer“ gewesen, im Russischen Kaiserreich des Jahres 1850 war die Klage um die verlorene Jugend eines 36-Jährigen berechtigt. — Шукаю оригінал:

——— Taras Schewtschenko zu Orenburg, 1. Halbjahr 1850, übs. Alfred Kurella:

Die Lichter brennen, Geigen klingen,
Zum Himmel klingt ein schluchzend Singen!
In heißer Diamantenglut
Erglänzen junge Augenpaare,
Und Freude nur und Hoffnung strahlen
Im frohen Blick. Du hast es gut,
Du sündenloses, junges Blut!
Und alle plaudern, lachen, drehn sich;
Nur ich allein seh freudlos zu;
Wie ein Verdammter abseits steh ich
Und weine, weine immerzu.
Was wein ich? Mir will scheinen heute,
Daß voller Leid und ohne Freude
Die Jugend mir verflog im Nu.

A scene from a traditional Ukrainian Christmas vertep, via Internet Encyclopedia of Ukraine

Soundtrack ist das in der ukrainischen Volksseele zutiefst verankerte Schtschedryk von Mykola Leontowytsch 1916. Aus einer langen Список українських колядок і щедрівок, das ist: Liste genuin ukrainischer Weihnachtslieder, ragt der Schtschedryk, das ist: abgeleitet von „Щедрий вечiр“ der reichhaltige Abend, in Beliebtheit und die Generationen verbindender Bedeutung heraus — was man vor allem daran erkennt, dass es, von Leontowytsch eigentlich gar nicht als Weihnachtslied geplant, ein Lieblingslied meines bildschönen und blitzgescheiten ukrainischen Gewährsmädchens ist.

In diesem Sinne ein großmächtiges Dankeschön an Olha für Insiderwissen und Geduld: Du darfst immer noch mitmachen!

Bilder: Mykola Kornylovych Pymonenko: Різдвяні ворожіння (Weihnachtliche Weissagung), 1888,
Russisches Museum Sankt Petersburg;
A scene from a traditional Ukrainian Christmas vertep, via Internet Encyclopedia of Ukraine.

Bonus Track: Tom Waits: Silent Night, aus: SOS United, 1989 – nur als Stiftung für die SOS-Kinderdörfer.
Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Written by Wolf

27. Dezember 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Адвент 1: Über Nacht bin ich tot

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Update zu Królowa nieba niezrównany (Himmels Königin ohne Gleichen):

Czernowitz, das waren Sonntage, die mit Schubert begannen und mit Pistolenduellen endeten. Czernowitz, auf halbem Weg zwischen Kiew und Bukarest, Krakau und Odessa, war die heimliche Hauptstadt Europas, in der die Metzgertöchter Koloratur sangen und die Fiakerkutscher über Karl Kraus stritten. Wo die Bürgersteige mit Rosensträuchern gefegt wurden und es mehr Buchhandlungen gab als Bäckereien. Czernowitz, das war ein immerwährender intellektueller Diskurs, der jeden Morgen eine neue ästhetische Theorie erfand, die am Abend schon wieder verworfen war. Wo die Hunde die Namen olympischer Götter trugen und die Hühner Hölderlin-Verse in den Boden kratzten. Czernowitz, das war ein Vergnügungsdampfer, der mit ukrainischer Mannschaft, deutschen Offizieren und jüdischen Passagieren unter österreichischer Flagge zwischen West und Ost kreuzte. Czernowitz war ein Traum. Die glückliche Ehe der Habsburger mit dem deutschsprachigen jüdischen Bürgertum, das diesen Außenposten der k. u. k. Donaumonarchie am Rande der bessarabischen Steppe zu einem ökonomischen und vor allem kulturellen Zentrum Osteuropas machte.

Georg Heinzen: Czernowitz, Rheinischer Merkur, 1. Februar 1991, Seite 18 f.,
cit. nach Ernst Hofbauer, Lisa Weidmann: Verwehte Spuren. Von Lemberg bis Czernowitz.
Ein Tümmerfeld der Erinnerungen, Wien 1999, Seite 139,
cit. nach Marion Tauschwitz: Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben.
Biografie und Gedichte. Mit einem Vorwort von Iris Berben,
zu Klampen Verlag, Springe 2014, Seite 16.

So. Und das ist wahrscheinlich der Schluß.
Der Regen weint und es weint die Nacht
und es weint mein Mund um einen Kuß
und weint, und weint — und lacht.

Selma Merbaum: Märchen, 7. März 1941, a. a. O., 1. von 6 Strophen.

Eine Lanze gilt’s zu brechen für die Ukraine, eines der ganz wenigen Länder mit dem bestimmten Artikel im Eigennamen und wenn schon, dann richtig, das größte Land in Europa. Nicht der EU, deren Teil die Ukraine nicht ist, sondern wenn schon, dann richtig: dem Kontinent. Da ist auch Wüstengebiet dabei, aber die 1610 Quadratkilometer der Oleschky-Sande von 603.700 Quadratkilometern Gesamtfläche reißen’s nicht raus. Zum Vergleich: Deutschland hat 357.111 Quadratkilometer. Für diese Dimension ist sogar schon egal, ob man die heiß umkämpfte Halbinsel Krim mit ihren 26.844 Quadratkilometern — das sind 4 % von der gesamten Ukraine — mitrechnet oder nicht.

Якщо говорити про Крим, werde ich mich durchweg tagespolitischer Aussagen enthalten. Ich habe gelernt, mit einigem Freimut zuzugeben, dass mir dergleichen zu schnell geht. Meine politische Meinung speist sich allenfalls aus monatlich erscheinenden Schriften, die sich Zeit nehmen konnten, zum größten Teil aus satirischen Organen, aber keinen Tageszeitungen und schon gar keinen überhasteten Newsflashes. Ich kann nicht mal richtig nachvollziehen, wo genau die umstrittene West-Ost-Grenze der Ukraine momentan verläuft, auch wenn ich das wohl googeln könnte; das wird mich interessieren, wenn zuständige Instanzen sich auf ein bis auf weiteres haltbares Resultat geeinigt haben. — Nur soviel: Da liegen Lemberg und Charkiw, ohne die der deutschen Kultur, als sie noch was getaugt hat, einiges fehlen würde — und, wofür nur sehr vereinzelte ukrainische Individuen etwas können, das fatal bewusstseinsstiftende Tschernobyl. Sie verschweigen taktvoll, dass die Weltsprache Russisch ein reduzierter ukrainischer Dialekt ist. Da liegt das russische Heartland: Die Kiewer Rus — benannt nach dem Warägerfürsten Rurik (830 bis 879), der schwedischen Provinz Roslagen, den aus Ruthenien stammenden Reußen, dem Dnjepr-Nebenfluss Ros, dem sarmatischen Stamm der Roxolanen oder auch der westslawischen Ranen (ich glaube aus alter persönlicher Neigung an eine Herkunft von den Russalken) — bestand nach unterschiedlich motivierten Darstellungen ungefähr ab anno 750, war auf jeden Fall Vorläufer der heutigen russischen Länder westlich des Kaukasus und besteht bis heute, wird mit anderen Mitteln fortgeführt oder ist anno 1240 ersatzlos zerfallen, je nachdem, ob man Ukrainer, Russen oder Weißrussen fragt; politische Tatsache bleibt, dass Kiew immer noch ukrainische Hauptstadt ist. Und sie haben Gogol, Gogol Bordello, Bulgakow, Los Colorados und die malerischen Saporoger Kosaken. Gegen so eine kulturelle und moralische Überlegenheit konnte sich das nordöstlicher gelegene Großrussland nur absetzen, indem es den angeblich nicht abwertend gemeinten Begriff Kleinrussland so lange auf die Gegend um Kiew und Nowgorod anwandte, bis ihn die Ukraine voller Stolz führte — auch dort, wo Kleinrussland nie gelegen hat.

Поклоніння пастухів, Anbetung der Hirten, Region Lemberg, Lwiw, 1650 bis 1700

Unter manch anderem hat die Ukraine Czernowitz, Tschernowitz, Chernovtsy oder Chernivtsi. Und die ukrainische Form der Weihnacht, die der mitteleuropäischen recht ähnlich sieht, natürlich abzüglich aller Unterschiede zu Ritualen der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats und zahlreicher anderer ansässiger Religionen, die sich allesamt — wir reden von Weihnachten — als christlich verstehen.

Der größte Unterschied des ukrainischen Weihnachtfestes zum deutschen ist der Feiertag: nach dem julianischen Kalender fällt er nicht auf den 24. Dezember, sondern auf den 6. Januar des Folgejahres. Gemeinsamkeiten bestehen in der Person des Gefeierten, im gemeinschaftlichen Absingen von Weihnachtsliedgut und Verzehr von eigens für Weihnachten erfundenen Speisen; sonstige Unterschiede am ehesten in graduellen, meist regional begründeten Variationen. Die Adventszeit östlicher Kirchen dauert von 28. November bis 6. Januar — die 40 Tage, die westliche Kirchen für eine Fastenzeit veranschlagen. 25. Dezember und 7. Januar sind offizielle Weihnachtsfeiertage. Darum lassen wir uns nicht nehmen, auf die Freitage vor den Adventssonntagen umzuschalten. Weihnachten soll ja auch Freude bereiten, da mach ich, was ich will.

Das erwähnte Liedgut und ein paar besonders spektakuläre Rezepte kriegen wir noch im Laufe des Advents, für heute sei an eine Czernowitzer Dichterin erinnert:

Selma Merbaum, via Hélène Berr, The Heaviest Weight of All – Holocaust Memorial Day 2015, Passing Time, 24. Januar 2015Die mottostiftende Selma Merbaum, die eben nie, wie seit 1976 gern kolportiert, den Doppelnamen Meerbaum-Eisinger trug, schon gar nicht mit Doppel-e, ist eine Art unbekanntere Anne Frank: 1924 im heute ukrainischen, damals großrumänischen Czernowitz jüdisch geborene Bukowinerin deutscher, wohl österreichisch gefärbter Zunge; 1942, also 18-jährig im transnistrischen Zwangsarbeitslager Michailowka gequält und entkräftet an Flecktyphus gestorben.

Davor, ungefähr ab dem Alter von 15 Jahren, fing Merbaum, die Cousine 2. Grades von Paul „Todesfuge“ Celan, mit dem Schreiben von Gedichten an. Ihre Vorbilder waren die üblichen Helden gutbürgerlicher mittelhoher Töchter: Heine, Rilke, Verlaine, Rabindranath Tagore; ihre Sprachen waren das „Mutterland Wort“ (Rose Ausländer) des Deutschen, das obrigkeitlich verordnete Rumänisch, Französisch als erste Fremdsprache in der Schule, Latein als zweite, und sie sprach und schrieb offenbar geläufig Jiddisch, das nicht etwa ein „jüdischer“ Dialekt, sondern eine ausgebildete Sprache mit hebräisch entlehnten Schriftzeichen ist; Ukrainisch zählte für das Czernowitzer Schulmädchen nicht dazu. Ihre einzige Lyriksammlung Blütenlese, zusammengefasst in einem aufwändig gestalteten Album als Widmung an ihre erste und einzige Liebe Leiser Fichman, umfasst 57 Gedichte — nach anderer Zählung 58; noch mehr sind es nicht mehr geworden. Marion Tauschwitz, die letzte Vertraute und Biographin von Hilde Domin, hat Selma Merbaum 2014 mit ihrer Biographie samt lyrischen Gesamtausgabe wiederentdeckt und -belebt. Zum ersten Mal war damit der zuverlässige Text sämtlicher Gedichte mit ausführlichen Hintergründen erreichbar — meine einzigen Einwände: ohne Stellenkommentar und Register.

Tauschwitz hat Merbaums Gedichte nach den Manuskripten neu editiert. Im Anschluss bringe ich drei Highlights nach Tauschwitz korrigiert, was bedeutet: als Internet-Premiere die zuverlässigsten Fassungen mit kleineren Abweichungen von allen anderen, die bisher online stehen, allesamt einmal mehr, einmal weniger verderbte Abschriften nach Gott weiß welchen Vorlagen: eins, weil es von einem 1. Weihnachtsfeiertag stammt und die Sammlung eröffnet; eins, weil ich die professionellste Vertonung dazu gefunden hab; eins, weil es als das längste einen eigenen Abschnitt einnimmt und einen wirklich umwehen kann.

Schon Wikipedia bescheinigt der jungen Merbaum „beachtliche Stilsicherheit“ und hat recht damit: Praktisch alle Gedichte gehen weit über eine gängige pubertäre Kleinmädchenproduktion hinaus, haben vielmehr eine recht eigenständige Energie. Man staunt viel öfter, wie plastisch das ausgedrückt ist, als man ihr milde ihr Anfängertum nachsehen muss. Man merkt die Ukrainerin, die sie gar nicht war; es scheint an der gedeihlichen Gegend zu liegen. — Chronologisch:

——— Selma Merbaum:

Lied

25. Dezember 1939, aus: Blütenlese, beendet 1942:

Marion Tauschwitz, Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben, zu Klampen Verlag, Springe 2014Heute tatest du mir weh.
Rings um uns war Schweigen nur,
Schweigen nur und Schnee.
Himmel war, nicht wie Azur,
blau jedoch und voll mit Sternen.
Windeslied erklang aus fernsten Fernen.

Heute warst du mir ein Schmerz.
Häuser waren da, so weiß verschneit,
alle in des Winters Kleid.
Ein Akkord in tiefer Terz
war in unsrer Schritte Klang.
Bahnsirenen heulten lang …

Heute war es wunderschön.
Schön wie tiefverschneite Höh’n,
eingetaucht im Abendglutenring.

Heute tatest du mir weh.
Heute sagtest du mir: geh.
Und ich — ging.

~~~\~~~~~~~/~~~

Ich bin der Regen

8. März 1941, ebenda, Abschitt Nachtschatten:

Ich bin der Regen und ich geh
barfuß einher, von Land zu Land.
In meinen Haaren spielt der Wind
mit seiner schlanken, braunen Hand.

Mein dünnes Kleid aus Spinngeweb
ist grauer als das graue Weh.
Ich bin allein. Nur hie und da,
spiel ich mit einem kranken Reh.

Ich halte Schnüre in der Hand
und’s sind auf ihnen aufgereiht
alle die Tränen welche je
ein blaßer Mädchenmund geweint.

Sie alle habe ich geraubt,
bei schlanken Mädchen, spät bei Nacht,
wenn mit der Sehnsucht Hand in Hand,
sie bang auf langem Weg gewacht.

Ich bin der Regen und ich geh
barfuß einher, von Land zu Land.
In meinen Haaren spielt der Wind
mit seiner schlanken, braunen Hand.

~~~\~~~~~~~/~~~

Poem

7. Juli 1941, ebenda, eigener Abschnitt:

Die Bäume sind von weichem Lichte übergoßen,
im Winde zitternd, glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig-blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau, vom Morgenwind vergoßen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschloßen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond auf’s Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.

Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie auf’s neue blühn.

*

Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glüh’n
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht die sich zieht durch mich und dich
Der Wind rauscht rufend durch den Wald
er sagt mir daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.
Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und haßen
und möchte den Himmel mit Händen faßen
und möchte frei sein und atmen und schrei’n.
Ich will nicht sterben. Nein:
Nein.

Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.

*

Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?

Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
Worauf?
Hauff um Hauff
sterben sie.
Steh’n nie auf.
Nie und nie. —
Ich will leben.
Bruder, du auch
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten.
Weshalb?
Aus tausend Flöten
weint Wald.

*

Der Mond ist lichtes Silber in Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann …
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
Tot.
Das Leben ist rot
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
Tot.

*

Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.
Ein
Leben.
Hauff um Hauff
sterben sie.
Steh’n nie auf.
Nie
und
Nie.

Bilder:

  1. Поклоніння пастухів (Anbetung der Hirten), Region Lemberg, 1650 bis 1700, 24,7 cm x 27,3 cm,
    via Google Art Project;
  2. Selma Merbaum, via Hélène Berr: The Heaviest Weight of All – Holocaust Memorial Day 2015,
    Passing Time, 24. Januar 2015: Detail eines Schnappschusses von einem
    Stadtbummel in Czernowitz, Sommer 1940;
  3. Marion Tauschwitz: Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben, zu Klampen Verlag, Springe 2014, via Marion Tauschwitz, Buchcover, 2014 ff.;
  4. Arnold Daghani: Der Tod von Selma Meerbaum-Eisinger, Lager Bershad, 1943, Bleistift auf Papier,
    via Wanderausstellung Lichtflecke – Frausein im Holocaust.

Arnold Daghani, Der Tod von Selma Meerbaum-Eisinger, Lager Bershad, 1943, Bleistift auf Papier, via Wanderausstellung Lichtflecke – Frausein im Holocaust

Soundtrack: Бог Предвічний народився (Ewiger Gott wurde geboren)
vom Studentenchor des griechisch-katholisch theologischen Seminars Ternopil, 2012:

Written by Wolf

29. November 2019 at 00:01

Halloween-Special: Zum Tanz, den sie schauderlich führen

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Update zu Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme und
Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt:

Auch der Künstler wird nie bezahlt, sondern der Handwerker. Chodowiecki der Künstler, den wir bewundern, äße schmale Bissen, aber Chodowiecki der Handwerker, der die elendsten Sudeleien mit seinen Kupfern illuminirt, wird bezahlt.

Goethe an Johann Friedrich Krafft, 9. September 1779.

Goethes Ballade Der Totentanz besteht aus siebenzeiligen Strophen, sieben an der Zahl — spontan und vor Ort komponiert auf einer Reise nach Teplitz nach einer Räuberpistole, die ihm der Kutscher erzählt hat. — Daniel Chodowieckis Zyklus Totentanz besteht aus zwölf Kupferstichen.

Damit versuchen wir mal was Formales: Zwischen die Strophen von Goethe (Reimschema ABABCCX) sind Chodowieckis Stiche, davor seine Beschreibungen, die er selbst in einem Brief vom 18. Juni 1791 an die Jäger’sche Buchhandlung in Frankfurt a.M. gegeben hat, und danach die Erklärungen im Kalender der Erstpublikation geflochten. — Goethe ist zitiert nach der Frankfurter Ausgabe, Chodowiecki nach nach dem Goethezeitportal.

Das tanzt ungemein.

——— Goethe:

Der Totentanz

21. April 1813:

Der Türmer der schaut zu Mitten der Nacht
Hinab auf die Gräber in Lage;
Der Mond der hat alles in’s Helle gebracht;
Der Kirchhof er liegt wie am Tage.
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann
In weißen und schleppenden Hemden.

Der König.

Beym König ist’s die Ambition und der Geitz die ihn abrufen im augeblick da er von seinen Unterthanen fußfallich angebethet wird.

Der Bettler.

Den Bettler zieht die Armuth so sehr er sich auch dagegen sperrt in die Grube.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Zittert Sterbliche! — oder freuet euch, ihr, die das Schicksal zum Gehorchen bestimmt hat! Selbst der Thron schützt nicht gegen die Allgewalt des Todes. Dies Loos haben die Mächtigsten der Erde, die Könige, mit euch gemein; sie die so viel vor euch voraus haben – noch mehr voraus zu haben wähnen! Kühn tritt Bruder Hein diesem Könige unter die Augen …. Doch nein! er kommt vielmehr rückwärts herbei geschlichen, und schickt seine Waffenträger, die Herrschsucht und den Geitz voran. Umgeben von diesen Werkzeugen des furchtbaren Weltbezwingers brüstet sich der stolze Monarch indem er sein Volk zu seinen Füßen erblickt; Und ungerührt von seinen Klagen, fühllos gegen seine Bitten, ahnet er nicht den Schlag der seiner Hoheit ein Ende, ihn selbst dem geringsten seiner Unterthanen gleich – zum Raube der Würmer macht. Unersättlicher noch als der habsüchtigste Eroberer ist der Tod; mit räuberischer Faust packt er sogar den Bettler an, er, der täglich so viele Reiche ohne Mühe in seine Gewalt bekommt. Aber auch nur an einem Bettler kann er seine eigene Kraft zeigen, weil ihm hier seine getreue Gehülfen, die mächtigen Leidenschaften, ihren Beistand versagen. Gleichwohl verläßt er sich nicht ganz auf die Stärke seiner Dürren Knochen; dann wer vermag dem Tode wirksamer zu widerstehen als ein Bettler dem die mächtigsten aller Tugenden, die Mäßigkeit, stets zur Seite steht? Bruder Hein nimmt also die List zu Hülfe; Er hüllt sich in Lumpen ein und hofte in dieser Maske unerkannt zu bleiben. Allein diese List ist fruchtlos. Der Bettler, von dem Triebe der Selbsterhaltung belebt und durch die Tugenden seines Standes gestärkt, thut so tapfern Widerstand daß der Tod mit minderer Mühe zehen Könige in seine Gewalt bekommen hätte.

Das reckt nun, es will sich ergetzen sogleich,
Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
So arm und so jung, und so alt und so reich;
Doch hindern die Schleppen am Tanze.
Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut,
Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut
Die Hemdelein über den Hügeln.

Der Ahnenstolze.

Der Ahnenstolze Edelmann wird von seinem Gegner mit einem Knochen seines Stammhalters Todgeschlagen.

Das Kind.

Das Kind das seine Wärterin im Schlaf zu stark gewiegt worden und herausgefallen war hascht der Tod und trägt es davon.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Habe Ehrfurcht für diesen Stammbaum! Sieh diesen Degen! er hat dir schon manche gute Beute in allen Arten rühmlicher Kämpfe verschaft! So ruft Herr von Ahnenstolz dem Herrn Dürrbein verzweiflend entgegen und scheint sein altes Ritterschwerdt gegen ihn gebrauchen zu wollen. Aber ganz gegen alle Regeln der Ritterschaft ergreift ihn dieser beim Kragen, und ohne ihn der Ehre den Degen gegen ihn zu ziehen zu würdigen, haut er mit einem alten Knochen auf ihn ein. Wie fein! Es ist der Knochen eines der hochadelichen Anherren des Herrn von Ahnenstolz! Wie könnte er diesem widerstehen? Hier hat der Künstler einen nicht geringen Theil der Größe seines Talents gezeigt. Ein gesundes Kind das von seinen sorgenfreyen Eltern der Pflege seiner Wärterin überlassen ist. Wie konnte der Tod sich dieses Kindes anders als durch einen Schelmenstreich bemächtigen? Auch wagt er es nicht mit seinen klappernden Knochen auf den Boden zu tretten. Er erhebt sich in die Luft und spähet auf den Augenblick wo durch eine maschinale Bewegung des Fuses der eingeschlafenen Wärterin das Kind aus der Wiege geworfen wird. Wer nicht die Stille der Nacht an den Fledermaus-Flügeln des diebischen Heins erkennt; wer nicht das Schnarchen der dicken Wärterin hört, dessen Einbildungskraft muß wohl in eben so dicken Fette begraben seyn.

Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
Gebärden da gibt es vertrackte;
Dann klippert’s und klappert’s mitunter hinein,
Als schlüg‘ man die Hölzlein zum Takte.
Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, in’s Ohr:
„Geh! hole dir einen der Laken.“

Die Schildwache.

Die Schildwache wird in einem feindlichen Ueberfall abgelöst.

Der General.

Der General stirbt im Krieg.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Muthvoll sezt sich der tapfere Grenadier zur Wehre. Er erkennt die feindliche Kokarde und Heins Feldgeschrei: Mit ins Grab, erinnert ihn seiner Pflicht; allein fruchtlos ist sein Muth, vergeblich sein Widerstand!

Ob man mit so dürren Beinen in so großen Stiefeln laufen kann? Bruder Hein kann’s; der flüchtigste Petitmaitre in Tanzschuen kann er ihm nicht entspringen.

Noch undankbarer als gegen den Arzt ist Herr Hein gegen den General, der ihm Freunde und Feinde ohne Zahl überliefert und gleichwohl seine Raubsucht nicht versöhnen kann. Er hält ihn unter dem Mantel der Ehre auf dem Schlachtfelde unter tausendfachen Gefahren und mähet ihn wie frisches Gras in der Blüthe seiner Jahre und seines Ruhms.

Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
Nun hinter geheiligte Türen.
Der Mond und noch immer er scheinet so hell
Zum Tanz, den sie schauderlich führen.
Doch endlich verlieret sich dieser und der,
Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher
Und husch ist es unter dem Rasen.

Das Freudenmädgen.

Das Freudenmädchen, der Tode geisselt es mit den franz: Lilien der Lustseuche, die Hausmutter sucht ihn umsonst mit dem Mercurius Flaschgen zu verscheuchen. Die Liebhaber laufen lamentirend davon.

Das Fischweib.

Das Fischweib stirbt in einer Zänkerey mit ihren Nachbarn vor Zorn.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

So hitzig als der feurigste Liebhaber greift Herr Klappers noch nach der Hand der Schönen; allein nicht aus Zärtlichkeit, sondern um sie dafür zu Geißeln, daß sie bei dem Genuße ihre[r] zügellosen Freuden sich seiner nie erinnert hatte. Vergeblich sucht ihn die garstige alte Kupplerinn mit ihrem Arzeneiglas zu verscheuen. Der Tod läßt seine Beute nicht, wohl aber entfliehen die beiden Wollüstlinge mit Abscheu. Dieser Nebenbuhler ist ihnen zu gefährlich — Glücklich wenn sie selbst seiner Geisel entrinnen! Welch ein Contrast zwischen dem dicken Fischweibe und Bruder Rapelbein! Der Anstrengung des leztern und der mit Furcht vermischten Wuth der ersten. Endigte nicht ein unausbleiblicher Steckfluß den Lebensfaden des rüstigen Weibes so würde Herr Rappelbein noch manchen kräftigen Hieb thun müssen, um auf ihr wohl verpanzertes Herz zu kommen.

Nur einer der trippelt und stolpert zuletzt
Und tappet und grapst an den Grüften;
Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt;
Er wittert das Tuch in den Lüften.
Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück,
Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück,
Sie blinkt von metallenen Kreuzen.

Der Pabst.

Dem Pabst tödtet der Aberglaube zur Zeit da einer seiner Untergebenen ihm den Pantofel küßt und andere ihm ihre devotion bezeugen. Der stehende Kardinal freut sich seiner Abfahrth, vielleicht kommt er an seine Stelle.

Die Königin.

Die Königinn stirbt vor Eifersucht.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Hier muß man sich einen Pabst der Vorwelt denken; denn der jetzige ist zu vernünftig als daß er von den Pfeilen des Unglaubens getödtet werden sollte. Wir wollen es daher den Lesern überlassen, das Original zu diesem Bilde in der Geschichte aufzusuchen. Ob es ihm leicht oder schwer seyn werde, es zu finden — wissen, wir nicht! Ruhig, ja mit sichtbarem Vergnügen sieht die schöne duldende Königin den Tod sich ihr nähern. Durch nagende Eifersucht deren Sinnbild er auf seinem Mantel trägt, hat er sich dieser kostbaren Beute in dem Frühling ihrer Jahre zu bemächtigen gewust. Eine eifersüchtige Königin! Wie wenig muß diese bedauernswürdige Fürstin mit den Standesgerechtsamen ihres Gemahls bekannt gewesen seyn; denn daß ihr nur dieser den Anlaß zu dieser verzehrenden Leidenschaft gegeben habe, dafür bürget ihr schuldloses Gesicht. Ganz anders sieht die alte Obersthofmeisterin den halb vermumten Knochenmann an. Sie berechnet die Folgen des Verlusts ihrer Gebietherin, den Verlust ihres einträglichen Einflusses. Sie kommt darüber in Wuth, packt den Tod am haarlosen Scheitel und sucht ihn durch ihr gellendes Geschrei wegzuscheuchen. Aber vergeblich! Ganz in der Manier empfindelnder Herzen, entreißt sich die junge Hofdame, oder Cammerfrau – denn der Unterschied der Stände ist von hinten noch schwerer zu bestimmen als von vornen — dem schauervollen Anblicke und — beweint den Verlust der guten Königin bis — die Garderobbe getheilt wird.

Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht,
Da gilt auch kein langes Besinnen,
Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht
Und klettert von Zinne zu Zinnen.
Nun ist’s um den armen, den Türmer getan!
Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,
Langbeinigen Spinnen vergleichbar.

Die Mutter.

Die Mutter stirbt in Wochen.

Der Arzt.

Der Artzt hat seinen Kranken das Leben abgesprochen, der Tod läßt den Kranken sitzen und holt den Artzt.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Wie grausam! Laß der Mutter den Säugling, den sie kaum gebohren hat! Erschrecke die armen Kleinen nicht! Solltest du es etwan jezt schon wissen, daß dies Kind dereinst seine Familie unglücklich machen würde? Sehet, Freund Hein wagt es nicht der schönen Mutter in die Augen zu sehen. Rühren kann ihn die Schönheit, aber nicht bewegen. Wie abscheulich! Undankbarer kann niemand seyn als der Tod! In dem Augenblicke da ihm sein dicker Freund, der Arzt, einen Kranken zu überliefern wie die neben ihm liegenden Gläser bewähren, die wirksamsten Anstalten gemacht hat, holt er ihn selbst. Er achtet nicht der Angst, der kummervollen Erwartung nicht womit der abgezehrte Patient dem Urtheile des Arztes über die Beschaffenheit seines Pulses entgegen sieht. Freilich hat der wohlbeleibte Arzt einen stärkern Reiz für Bruder Heins gefräßigen Gaumen als das entfleischte Gerippe des Kranken. Aber mag wohl die schwere Tugend der Mäßigkeit, die die Herren Aerzte so freigebig empfehlen, diesen dickbäuchigen Aeskulap so fett gemacht haben?

Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
Gern gäb‘ er ihn wieder, den Laken.
Da häckelt – jetzt hat er am längsten gelebt –
Den Zipfel ein eiserner Zacken.
Schon trübet der Mond sich, verschwindenden Scheins,
Die Glocke sie donnert ein mächtiges Eins
Und unten zerschellt das Gerippe.

Bilder: Daniel Chodowiecki: Totentanz, 1791, Königl. Grosbritannischen Historischen Genealogischen Calender für 1792 im Verlag von Berenberg in Lauenburg und der Jaegerischen Buchhandlung in Frankfurt am Main, via Jutta Assel/Georg Jäger: Daniel Nikolaus Chodowieckis „Totentanz“. Eine Kupferstichfolge, Goethezeitportal, Juli 2015.

Vertonungen geschahen unter anderem durch Carl Friedrich Zelter — und Carl Loewe:

Hörenswert ist die moderne, angemessen antikisierende Version von Lola Lindling,
die darin „absolut eine der coolsten Balladen überhaupt“ verarbeitet:

Tanz der Lebendigen: noch ein experimentell gemixtes, erstaunlich gut funktionierendes Mash-up:
zwischen Flogging Molly: Devil’s Dance Floor, aus: Swagger, 2000, und Pulp Fiction, 1994:

#gothiclyrik

Written by Wolf

1. November 2019 at 00:01

Nachtstück 0024: I wish you were dead, my dear

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Update zu Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal,
Grabesdunstwitterlich,
So singet laut den Pillalu (Och orro orro ollalu)
und Das Angedenken der Zuckerlust:

——— Algernon Charles Swinburne:

Satia te Sanguine

from: Laus Veneris, and Other Poems and Ballads,
Carleton, New York 1866:

IF YOU loved me ever so little,
     I could bear the bonds that gall,
I could dream the bonds were brittle;
     You do not love me at all.

O beautiful lips, O bosom
     More white than the moon’s and warm,
A sterile, a ruinous blossom
     Is blown your way in a storm.

As the lost white feverish limbs
     Of the Lesbian Sappho, adrift
In foam where the sea-weed swims,
     Swam loose for the streams to lift,

My heart swims blind in a sea
     That stuns me; swims to and fro,
And gathers to windward and lee
     Lamentation, and mourning, and woe.

A broken, an emptied boat,
     Sea saps it, winds blow apart,
Sick and adrift and afloat,
     The barren waif of a heart.

Where, when the gods would be cruel,
     Do they go for a torture? where
Plant thorns, set pain like a jewel?
     Ah, not in the flesh, not there!

The racks of earth and the rods
     Are weak as foam on the sands;
In the heart is the prey for gods,
     Who crucify hearts, not hands.

Mere pangs corrode and consume,
     Dead when life dies in the brain;
In the infinite spirit is room
     For the pulse of an infinite pain.

I wish you were dead, my dear;
     I would give you, had I to give,
Some death too bitter to fear;
     It is better to die than live.

I wish you were stricken of thunder
     And burnt with a bright flame through,
Consumed and cloven in sunder,
     I dead at your feet like you.

If I could but know after all,
     I might cease to hunger and ache,
Though your heart were ever so small,
     If it were not a stone or a snake.

You are crueller, you that we love,
     Than hatred, hunger, or death;
You have eyes and breasts like a dove,
     And you kill men’s hearts with a breath.

As plague in a poisonous city
     Insults and exults on her dead,
So you, when pallid for pity
     Comes love, and fawns to be fed.

As a tame beast writhes and wheedles,
     He fawns to be fed with wiles;
You carve him a cross of needles,
     And whet them sharp as your smiles.

He is patient of thorn and whip,
     He is dumb under axe or dart;
You suck with a sleepy red lip
     The wet red wounds in his heart.

You thrill as his pulses dwindle,
     You brighten and warm as he bleeds,
With insatiable eyes that kindle
     And insatiable mouth that feeds.

Your hands nailed love to the tree,
     You stript him, scourged him with rods,
And drowned him deep in the sea
     That hides the dead and their gods.

And for all this, die will he not;
     There is no man sees him but I;
You came and went and forgot;
     I hope he will some day die.

——— Algernon Charles Swinburne:

Satia te Sanguine

deutsche Nachdichtung:
Otto Hauser, 1910:

Wär‘ ich etwas dir nur, ich ertrüge
     Die Bande, die mir so schwer,
Doch daß du mich liebst, ist Lüge:
     Ich sprenge sie nimmermehr.

O schöne Lippen, o Brüste,
     Weiß wie kein Mond und warm,
Zutreibt im Sturm eurer Küste,
     Eine Blüte fruchtlos und arm.

Wie Sapphos fiebernde Glieder,
     Die, weiß umspielt von Tang,
Mit dem Seeschaum auf und nieder
     Sich wiegten im Wogengang —

Wird mein Herz dahingetragen
     Von wild mich betäubender See
Und gewinnt nur Seufzer und klagen,
     Nur Leid unter Wind und Lee,

Ein Nachen, leer und zerschmettert,
     Der irr mit den Wogen schifft,
Siech und umbraust und umwettert,
     Eines Herzens nutzlose Trift.

Wo wüten in grausamem Zorne
     Die Götter und bohren vorein
Wie Demantspitzen Dorne
     Und Qualen? Ins Fleisch? O nein!

Die Zepter, die Folterschmerzen
     Sind weich wie der Schaum auf der Flut,
Die Götter kreuzigen Herzen,
     Nicht Hände in grausamer Wut.

Jedem andern Schmerz wird Rast,
     Er stirbt im Hirn mit dem Sein —
Der unendliche Geist nur fast
     Den Puls unendlicher Pein.

Ich möcht den Tod dir geben
     So herb, daß die Furcht er vertrieb,
(Denn besser ist sterben als leben) —
     Ich wollt‘, du wärst tot, mein Lieb.

Ich wollte vom Blitz dich gefällt,
     Verzehrt in flammendem Nu,
Vom treffenden Strahl zerspellt,
     Mich tot dir zu Füßen wie du.

Doch könnte mich eines versöhnen:
     Wenn dein Herz, ob noch so klein,
Das hungern mich läßt und stöhnen,
     Nicht Schlange nur wär‘ oder Stein.

Haß Hunger und Tod gelüsten
     Nach Qual nicht mit solcher Gier;
Du bist Taube von Augen und Brüsten
     Und doch tötet ein Hauch von dir.

Wie die Pest in vergifteter Stadt
     Ob den Toten jauchzt, so du,
Bittet Liebe dich bleich und matt:
     Wirf einen Brocken mir zu.

Wie ein zahmes Tier will sie’s machen
     Und schmeichelt, doch erntet nur Hohn;
Aus Nadeln so scharf wie dein Lachen
     Erhöhst du ein Kreuz ihr zum Lohn.

Stumm duldet sie Dornen und Schwippen
     Und schweigend Pfeil und Erz;
Du saugst mit rotschläfrigen Lippen
     Ihr feuchtrote Wunden ins Herz.

Du glühst, wie ihr Blut bei dem Saugen
     Versiegt und sie sinkt auf den Grund,
Mit unersättlichen Augen
     Und unersättlichem Mund.

Du stäuptest sie, gabst den Spöttern
     Am Kreuze sie preis und riefst:
Zu den Toten und ihren Göttern
     Versenkt in das Meer sie zu tiefst.

Doch so voll du die Leiden ihr maßest,
     Sie stirbt nicht; ich sehe sie noch.
Du kamst und gingst und vergaßest,
     Ich hoffe: einst stirbt sie doch.

Paulus Pontius nach Peter Paul Rubens, The Head of Cyrus brought to Queen Tomyris, Satia te Sanguine quem semper sitisti, engraving 1630

Satia te Sanguine quem semper sitisti: und Cum priuilegijs Regis Christianissimi / Serenissimæ Infantis et Ordinum confoed. a.o 1630: Paulus Pontius nach Peter Paul Rubens: The Head of Cyrus brought to Queen Tomyris, Kupferstich auf Papier 1630, 58,9 cm auf 40,3 cm, The Trustees of the British Museum.

Sucker love is heaven sent: Placebo: Every You Every Me, aus: Without You I’m Nothing, 1998:

Like the naked leads the blind,
I know I’m selfish, I’m unkind.
Sucker love, I always find
Someone to bruise and leave behind.

#gothiclyrik

Written by Wolf

31. Oktober 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Dornenstück 0001: Jesus liebt euch alle

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Update zu Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten: denn Er ist nicht!:

Gestern haben wir den Günter († 52) begraben.

——— Günter „Jack“ Eckl:

J 16. 1 96

16. Januar 1996:

     Ich spiele gerade mit dem Gedanken,
     „Mein bestes Stück“ in Gips gießen zu lassen,
um der Nachwelt etwas zu hinterlassen,
     worauf sie stolz sein kann.
Erst dann dürft ihr mich
          in die Urne packen,
               und meine Asche anbeten.

Peter-Scheerbart-Vignette

J 16 1 96

16. Januar 1996:

Blauschimmernd thront der Morgen vor meinem Fenster,
     nicht unglücklich, nein, unnachgiebig,
          Zigarettenqualm entsteigt dem marmornen Aschenbecher,
               Starker, schwarzer Kaffee ergießt sich
                    in die Tasse…

Warum können Morgen
          nicht immer so ablaufen?

Im ganzen Haus ist es still,
     im Radio hört man leichte,
          unaufdringliche Musik
               ohne Ecken und Kanten,
                    einfach nur da,
                         um gespielt und im Vorbeigehen
                              gehört zu werden…

Warum können Morgen
          nicht immer so ablaufen?

Draußen auf den Straßen
                    begrüßen sich wildfremde Menschen,
               ein Selbstmord wird in diesen Stunden
                              nicht verübt,
junge Leute helfen Senioren über die Straße,
                    keine Vergewaltigungen, keine Morde,
                         keine Überfälle, keine ausländerfeindlichen Übergriffe,
                    keine willkürlichen Polizei-Einsätze, kein Ärger,
                         einfach nur…
                              ein blauschimmernd
                                        schöner Morgen…

Warum können Morgen
          nicht immer so ablaufen?

Peter-Scheerbart-Vignette

J 1 3. 96

13. Januar 1996:

Zuviel thront oben in der großen Schwärze,
               oder zu wenig…
          ich weiß es nicht
die Mischung stimmt einfach noch nicht,
          wie der Melitta-Mann jetzt sagen würde.
Meine Zahnbürste vereint sich mit Zahnweiß,
          meine verstorbene Tochter
                         braucht noch nicht mal mehr das,
          die Musik umarmt mich,
                    so gut sie kann,
          selbst Helmut trägt in diesen Zeiten
               Lack- oder Gummi-Unterwäsche,
was soll diese Welt noch?
               Wo stecken die Innovationen,
          Wo bleibt der letzte Kick?
Wer befreit die letzten Sklaven der Vernunft
                    endlich aus ihren notdürftig eingerichteten
Kapitalisten-Herbergen?
Wer fackelt endlich das Oktoberfest
                    pünktlich ab?
Wer buddelt wieder die Gräber zu
          die man für eine verstörte, verunsicherte
               zutief verängstigte Jugend
                    bereits ausgebuddelt hat?
Was soll diese Welt?
     Was soll diese Zeit?

                    Zerstört die Uhr der Zeit,
                         sie wirkt so unnatürlich
natürlich,
                    so billig,
                         so aufgesetzt, so inszeniert,
                              so plump, so aufgebläht.

EIn Ochsenfrosch
                              klatscht ins Wasser,
                              zu dick, unbeweglich und leer,
                         um untergehen zu können,
trockengelegte Regenwälder machen’s möglich.

Also keine Panik,
und vergeßt nicht:

Jesus liebt euch alle

Günter Jack 1967--2019

Buidl: Günter „Jack“ Eckl (* 13. Juli 1967; † 15. August 2019), Selbstportrait als Leonard Cohen;
Vignette: Paul Scheerbart.

Soundtrack: Leonard Cohen: You Want It Darker, aus: You Want It Darker, 2016:

A million candles burning
For the help that never came
You want it darker
We kill the flame.

Bonus Track 1: Johnny Cash: I Corinthians 15:55, aus: American VI: Ain’t No Grave, 2010:

Tod / wo ist deine Stachel? / Helle /wo ist dein Sieg?

Bonus Track 2: First Aid Kit: Ghost Town, aus: The Big Black and the Blue, 2010:

If you’ve got visions of the past,
let them follow you down
and they’ll come back to you someday.
And I found myself attached
to this railroad track,
but I’ll come back to you someday.

Written by Wolf

23. August 2019 at 00:01

Sonntag 6 von 7: Das reflektierende Veilchen (sang oder sank)

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile und
und Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

6. Sonntag nach Ostern: Exaudi

Exaudi, Domine, vocem meam, qua clamavi ad te.

HERR höre meine stim wenn ich ruffe / Sey mir gnedig vnd erhöre mich.

Psalm 27,7.

Mori-Kei, In the Forest, Tumblr 2018Der Sonntag Exaudi weist als letzter Sonntag vor Pfingsten schon eher auf das anstehende Hochfest voraus denn auf das zurückliegende Ostern zurück. — Viola riviniana, eine ausdauernde krautige Halbrosettenpflanze, blüht von April bis Juni in Laubwäldern.

Das „sang“ in der letzten Strophe von Goethes Veilchen könnte laut der Weimarer Ausgabe ein durch die relevanten Druckvorlagen verschleppter Druckfehler sein; Goethes eigene Zweitverwendung für das Singspiel Erwin und Elmire von 1775, eine frühe Abschrift von Lotte Jacobi (nicht verwandt, aber spärlich belegt), nicht zuletzt die gleichnamige Mozart-Vertonung KV 476 von 1785 sowie rezente populäre Zitate verwenden wie selbstverständlich das sinnvoll erscheinende „sank“. Karl Eibl vermutet in der Frankfurter Ausgabe:

Unmöglich aber ist „sang“ nicht, da das Veilchen danach noch als reflektierend, wenn nicht redend, dargestellt wird.

Was weder Karl Eibl in der maßgeblichen Frankfurter Ausgabe noch Wikipedia auf dem Stand vom 15. April 2019 berücksichtigt, ist die Einschätzung von Heinrich Viehoff 1869:

Da Lotte Jacobi das Gedicht bereits im Januar 1773 besaß, so gehört es wohl spätestens dem Ende 1772 an.

——— Johann Wolfgang Goethe:

Das Veilchen

Ende 1772 oder Anfang 1774, in: Iris. Vierteljahresschrift für Frauenzimmer, März 1775,
cit. die sperrig orthographierte Version der Weimarer Ausgabe, daher mit „sank“:

Mori-Kei, In the Forest, Tumblr 2018

Ein Veilchen auf der Wiese stand
Gebückt in sich und unbekandt,
Es war ein herzigs Veilchen.
Da kam eine iunge Schäferin,
mit leichtem Schritt und munterm Sinn,
Daher! Daher!
Die Wiese her, und sang.

Ach denkt, das Veilchen wär ich nur,
Die schönste Blume der Natur,
Ach! nur ein kleines Weilchen.
Bis mich das Liebchen abgepflückt,
Und an dem Busen matt gedrückt,
Ach nur! Ach nur!
Ein Viertelstündchen lang.

Ach aber, ach! das Mädchen kam,
Und nicht in Acht das Veilchen nahm,
Ertrat das arme Veilchen.
Und sank und starb und freut sich noch,
Und sterb ich denn, so sterb ich doch
Durch sie! durch sie
Zu ihren Füßen doch!

Mori-Kei, In the Forest, Tumblr 2018Zu ihren Füßen doch: Die junge Mori-Kei scheint, so von weitem betrachtet, ein grundgutes, jedenfalls sehr ernsthaftes und fleißiges Mädchen, eine „zum Heiraten“. Sie wählt ihre Mode besonders ökologisch, züchtig und zweckmäßig und kauft sie gebraucht; den Rest näht sie selbst. Na gut, außer ihren Schuhen, weil sie in den Monaten April bis September — das ist: die Blütezeit der gängigsten Viola-Arten — ihre Gardobe auf hippieske Weise barfuß als vollständig ansieht:

  1. Listen, 29. Mai 2018:

    • Sweater — Thrifted
    • Dress — Dresslily
    • Green Skirt — Krisp
    • Brown Skirt — Thrifted
  2. The Words of the Woods, 14. August 2018
    :

  3. All Thrifted ^_^
  4. Waiting, 27. Mai 2018:

  5. Dress — Aliexpress (MoriAlice)
  6. Skirt — Krisp
  7. T-shirt — Samansa Mos2
  8. Short Sleeve Cardigan — Thrifted

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Exaudi:
Sie werden euch in den Bann tun, BWV 44, 1724;
Sie werden euch in den Bann tun, BWV 183, 1725:


Written by Wolf

31. Mai 2019 at 00:01

2. Katzvent: Über ein kleines werden wir alle tot sein

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Update zu 1. Katzvent: I should be stronger than weeping alone (und mit pragmatischen Messingdrähten zum Skelett zusammengeworfelt):

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

Was Ihren abschließenden Grußwunsch „Glückliche Mäusejagd!“ betrifft, so können Sie bei seiner Niederschrift nicht ganz nüchtern gewesen sein. Katzen meines Geblüts jagen keine Mäuse.

Taki Chandler an Mike Gibbud, Esq., einen Siam-Kater nicht ganz reiner Blutlinie:
Antwort auf einen überraschend erhaltenen Weihnachtsglückwunsch,
Weihnachten 1948, a. a. O.

Raymond Chandler, Die simple Kunst des Mordes, Diogenes Verlag, Zürich 1975, via Schlei-Buch Kappeln, Booklooker, 3. Juli 2018Die simple Kunst des Mordes von Raymond Chandler wollte ich mir schon kurz nach seiner Neuveröffentlichung 1975 von meiner Frau Mutter, lang soll sie leben, spendieren lassen, was sie mir aus pädagogischen Gründen bis heute versagt. Heute, wo man sich das Ding aus dem Magazin der großen Stadtbüchereifiliale etwas umständlich, aber gratis herauskramen lassen kann, erhellt, dass der Siebenjährige, der ich einst war, damit ohnehin nicht viel hätte anfangen können.

Die deutsche Erstausgabe, auch damals schon bei Diogenes, hieß noch Chandler über Chandler, neu waren 1975 (außer der Übersetzung von Hans Wollschläger, die wohl als eine Art Fingerübung praktisch gleichzeitig mit seiner Ulysses-Übersetzung erschien) die Teilsammlungen Chandler über berühmte Verbrechen — und Chandler über Katzen.

Zu den Briefadressaten: Charles W. Morton war als Herausgeber des Atlantic Monthly Chandlers New Yorker Verleger; James „Hamish“ Hamilton war in ähnlicher Funktion bei der Hamish Hamilton Limited Chandlers Buchverleger und Freund; H. N. Swanson war Chandlers Literaturagent in Hollywood; James Sandoe war Kriminalromankritiker der New York Herald Tribune und Professor für Klassische Literatur und Bibliographie an der University of Colorado.

——— Raymond Chandler:

19. März 1945
An Charles W. Morton

in: Die simple Kunst des Mordes. Briefe, Essays, Notizen, eine Geschichte und ein Romanfragment. Herausgegeben von Dorothy Gardiner und Katherine Sorley Walker [als Raymond Chandler Speaking, Helga Greene Literary Agency 1962]. Neu übersetzt von Hans Wollschläger, Diogenes 1975:

Raymond Chandler mit Angorakatze Taki, ca. 1945… Ein Mann namens Engstead hat vor einiger Zeit für Harper’s Bazaar ein paar Fotos von mir aufgenommen (warum, ist mir bis heute schleierhaft), und eins davon, das mich mit meiner Sekretärin auf dem Schoß zeigt, ist wirklich gut gelungen. Wenn das Dutzend Abzüge da ist, das ich bestellt habe, bekommen Sie einen. Die besagte Sekretärin, das sollte ich vielleicht hinzufügen, ist eine schwarze Angorakatze, 14 Jahre alt, und ich nenne sie so, weil sie, seit ich mit dem Schreiben angefangen habe, um mich gewesen ist. Gewöhnlich saß sie auf dem Papier, das ich grad benutzen wollte, oder auf dem Manuskript, das ich überarbeiten wollte; manchmal lehnte sie sich an die Schreibmaschine, und manchmal blickte sie auch nur ruhig von einer Ecke des Tisches aus dem Fenster, so als wollte sie sagen: „Das Zeug, was du da machst, ist reine Zeitverschwendung, mein LIeber.“

Sie heißt Taki (ursprünglich Take, aber wir kriegten es satt, immer wieder zu erklären, daß das ein japanisches Wort sei, das Bambus bedeutete und zweisilbig gesprochen werden müßte), und sie hat ein Gedächtnis, wie es sich noch kein Elefant auch nur erträumt hat. Sie ist gewöhnlich höflich distanziert, aber von Zeit zu Zeit hat sie einen polemischen Anfall, und dann kriegt man geschlagene zehn Minuten lang was zu hören. Ich gäbe einiges drum, wenn ich wüßte, was sie einem dann alles sagen will, aber ich fürchte, es läuft am Ende alles auf eine sehr sarkastische Version des Satzes „Das hätte ich nicht von dir gedacht!“ hinaus.</p

Ich bin mein Leben lang ein Katzenliebhaber gewesen (ohne damit etwas gegen Hunde zu haben, außer daß sie soviel Unterhaltung beanspruchen), und doch war ich nie richtig imstande, sie zu verstehen. Taki ist ein vollkommen ausgeglichenes Wesen und weiß immer, wer Katzen mag; mag einer sie nicht, so kommt sie nie auch nur in seine Nähe, und mag sie einer wirklich, so geht sie stracks auf ihn zu, ganz gleich ob sie ihn erst seit kurzem kennt oder gar überhaupt nicht … Sie hat noch eine andere sonderbare Eigenart (die selten sein mag oder auch nicht), die nämlich, daß sie niemals etwas tötet. Sie bringt, was sie gefangen hat, lebendig an und läßt es sich dann wegnehmen. Sie hat schon mehrmals Tiere ins Haus gebracht, eine Taube etwa, einen blauen Sittich und einen großen Schmetterling. Der Schmetterling und der Sittich waren völlig unverletzt geblieben und flogen alsbald weiter, wie wenn gar nichts geschehen wäre. Die Taube hatte ihr ein bißchen Schwierigkeiten gemacht und infolgedessen einen kleinen Blutfleck auf der Brust, aber wir brachten sie zu einem Vogelmenschen, und schon ganz bald ging es ihr wieder gut. Bloß ein bißchen gedemütigt wirkte sie. Mäuse findet Taki langweilig, aber sie fängt sie, wenn sie’s denn partout nicht anders wollen, und dann muß ich sie umbringen. Ein gewisses müdes Interesse bringt sie Goffern entgegen, und ein Gofferloch nötigt ihr durchaus einige Aufmerksamkeit ab, aber Goffer beißen, und wer, zum Teufel, will schließlich überhaupt einen Goffer haben? Also gibt sie sich einfach nur den Anschein, als könnte sie jederzeit einen fangen, wenn ihr danach wäre.

Wenn wir eine Reise machen, geht sie immer mit, egal wohin, behält alle Orte, an denen sie schon gewesen ist, im Gedächtnis und fühlt sich normalerweise überall wie zu Hause. Nur ein oder zwei gehen ihr gegen den Strich — ich weiß nicht, wieso. Sie hat sich da einfach nie eingewöhnen wollen. Nach einiger Zeit wußten wir genug, um den Wink zu verstehen. Es besteht die Möglichkeit, daß da einmal ein Axtmord verübt worden ist, und wir wären anderswo viel besser aufgehoben. Der Kerl könnte wiederkommen. Manchmal sieht sie mich mit einem ganz eigenartigen Ausdruck an (sie ist die einzige Katze meines Bekanntenkreises, die einem gerade und offen in die Augen sieht), und dann habe ich den Verdacht, daß sie ein Tagebuch führt, weil der Ausdruck zu besagen scheint: „Bruder, du glaubst wohl, du bist die meiste Zeit ziemlich gut, was? Ich überlege, wie dir wohl zumute wäre, wenn ich mich entschlösse, mal was von dem Zeug zu veröffentlichen, das ich so gelegentlich zu Papier gebracht habe.“ Zu bestimmten Zeiten hat sie die Angewohnheit, eine Pfote locker in die Höhe zu halten und sie grübelnd zu betrachten. Meine Frau glaubt, sie will uns damit zu verstehen geben, daß sie eine Armbanduhr haben möchte; zwar hat sie die praktisch nicht nötig — ihr Zeitgefühl ist besser als meins — aber schließlich muß man ja auch etwas Schmuck haben.

Ich weiß gar nicht, wieso ich das alles hier schreibe. Es muß wohl daran liegen, daß ich im Moment an schlechthin nichts anderes denken konnte, oder — also jetzt wird die Sache doch unheimlich — bin überhaupt nicht ich es, der es schreibt? Könnte es sein, daß — nein, es muß doch ich sein. Sagen Sie, daß ich es bin. Mir wird bange.

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26. Januar 1950
An Hamish Hamilton

Raymond Chandler mit Angorakatze Taki, ca. 1945Ich habe da wohl irgendwas gesagt, was Dich auf den Gedanken gebracht hat, Katzen seien mir verhaßt. Aber um Gott, Sir, einen so fanatischen Katzenliebhaber wie mich gibt es in der ganzen Branche nicht wieder! Wenn sie Dir verhaßt sind, werde ich unter Umständen Dich hassen lernen. Falls Deine Allergien daran schuld sind, will ich die Situation, so gut ich’s kann, tolerieren. Wir haben eine schwarze Angorakatze, die jetzt fast 19 Jahre alt ist und die wir nicht für einen der riesigen Türme von Manhattan hergeben würden.

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15. Dezember 1950
An H. N. Swanson

Unsere kleine schwarze Katze mußte gestern morgen eingeschläfert werden. Wir sind ganz gebrochen davon. Sie war fast 20 Jahre alt. Wir sahen es kommen, natürlich, hofften aber immer noch, sie könnte neue Kraft finden. Aber als sie zu schwach wurde, um sich noch auf den Beinen zu halten, und praktisch aufhörte zu essen, blieb nichts anderes mehr pbrig. Man macht das jetzt auf eine wunderbare Art. In eine Vene des Vorderlaufs wird Nembutal injiziert, und das Tier ist einfach nicht mehr da. Es schläft in zehn Sekunden ein. Schade, daß man es mit Menschen nicht ebenso machen kann.

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9. Januar 1951
An Hamish Hamilton

… Unser Weihnachten war nicht besonders froh, da wir unsere schwarze Angorakatze verloren haben, die fast zwanzig Jahre bei uns gewesen war und so zu unserem Leben gehörte, daß wir uns jetzt geradezu fürchten, in das stille leere Haus zu kommen, wenn wir abends fort waren. Zufälltig traf es sich, daß Elmer Davis, den Du vielleicht kennst, kurz vorher seine weiße Angorakatze verlor, General Gray. Und ich konnte mich so gut in ihn hineinfühlen (obwohl Taki damals gar nicht so krank war, daß wir uns wirkliche Sorgen um sie machten), daß ich ihm schreiben und mein Mitgefühl ausdrücken mußte. Ich habe mein Leben lang Katzen gehabt und immer gefunden, daß sie fast so unterschiedlich sind wie die Menschen auch und daß sie, ganz wie Kinder, großenteils so werden, wie man sie behandelt, höchstens daß es hier und da ein paar wenige gibt, die nicht verzogen werden können. Aber vielleicht gilt das für Kinder ebenso. Taki war von absoluter Ausgeglichenheit, was bei Tieren wie bei Menschen eine seltene Eigenschaft ist. Und sie war völlig frei von Grausamkeit, was noch seltener ist bei Tieren. Ich habe nie Leute gemocht, die keine Katzen mochten, weil in ihrer Gemütsanlage immer ein Element greller Selbstsucht zu finden war. Zugegeben, eine Katze bringt einem nicht die Art Liebe entgegen, die ein Hund einem schenkt. Eine Katze führt sich nie so auf, als ob man der einzige Lichtblick in ihrem sonst ganz trüben Dasein wäre. Aber damit ist nur auf andere Weise gesagt, daß die Katze kein sentimentales Wesen ist, was keineswegs bedeutet, daß sie etwa keine herzlichen Gefühle hätte.

~~~\~~~~~~~/~~~

10. Januar 1951
An James Sandoe

Raymond Chandler mit Angorakatze Taki, ca. 1945Dank für Ihren Brief und die Weihnachtskarte. Ich habe in diesem Jahr nichts verschickt. Wir waren ein bißchen mitgenommen vom Tod unserer schwarzen Angorakatze. Wenn ich sage, ein bißchen mitgenommen, dann ist das konventionelle Distanz. In Wirklichkeit war es eine Tragödie für uns …

~~~\~~~~~~~/~~~

5. Februar 1951
An Hamish Hamilton

Danke für alles, was Du über Katzen geschrieben hast und über Deine Freunde, die Katzenliebhaber sind. Nach einer Weile werden wir uns, denke ich, eine neue Katze zulegen oder lieber noch gleich zwei. Elmer Davis sagt, seine Frau und er haben sich entschlossen, keine neue mehr zu nehmen, weil sie wahrscheinlich länger leben würde als sie beide. Das scheint mir doch ein wunderlicher Gesichtspunkt zu sein. Er muß sich recht alt fühlen. Wenn es danach ginge, dürften Kinder nie Eltern haben, Frauen nie Männer heiraten, die zehn Jahre älter sind als sie selbst, niemand dürfte dem Wunsch nachgeben, ein Pferd zu besitzen oder überhaupt irgendwas, von dem ihm eines Tages Verlust droht. Wehe, wehe, wehe (ich glaube, ich zitiere da mehr oder weniger Ezra Pound), über ein kleines werden wir alle tot sein. Lasset uns deshalb so tun und handeln, als wären wir’s bereits.

~~~\~~~~~~~/~~~

31. Oktober 1951
An James Sandoe

… Wie geht’s denn Ihren sämtlichen Katzen? Wir haben eine neue schwarze Angora, die genau so aussieht wie unsere letzte, so aufs Haar genau, daß wir ihr auch denselben Namen gegeben haben, Taki. Er — denn es ist diesmal ein Er — wird ein großer Bursche werden, glaube ich, wenn er voll ausgewachsen ist, denn er wiegt schon jetzt mit sieben Monaten acht Pfund. Ich hatte vorher eine Zeitlang ein Siam-Kätzchen, aber der kleine Kerl krallte und biß alles in Fetzen, und seine Behandlung brachte soviel Schwierigkeiten mit sich, daß ich ihn dem Züchter zurückbringen mußte. Mir war dabei ziemlich schlimm zumute, denn er war ein liebevoller kleiner Teufel und steckte voller Leben. Aber er zerriß mir die Anzüge und hätte am Ende wohl noch die gesamte Einrichtung ruiniert. Wir konnten ihn einfach nicht frei herumlaufen lassen, und eine Katze, die nicht frei laufen kann in unserm Haus, ist darin fehl am Platze. Auf der Straße lassen wir sie nie frei laufen, aber im Haus gehört ihnen alles.

Raymond Chandler, ca. 1945

Bilder: Raymond Chandler: Die simple Kunst des Mordes, Diogenes Verlag, Zürich 1975,
via Schlei-Buch, 24376 Kappeln, in Booklooker, 3. Juli 2018;
„Ein Mann namens Engstead“: für Harper’s Bazaar, ca. 1945.

Soundtrack: Exposition zu Robert Altman: The Long Goodbye, 1973,
nach Raymond Chandler: The Long Goodbye, 1953:

Written by Wolf

7. Dezember 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

1. Katzvent: In der Dämmrung heil’gen Schatten

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Update zu Kater Murr und der dramatisierte Magnetismus:

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

Besonders freut es mich, mit einem siebenzeiligen Gedicht anzufangen; wie wiederholt bekannt gemacht, sammle ich die. Die Gedichte von Karl Philipp Moritz stehen in keiner seiner zwei Gesamtausgaben, die für den Kauf seitens atmender Menschen und nicht für die Forschung vom Hauptseminar aufwärts vorgesehen sind. Jedenfalls stehen sie dort nur in andeutenden Auswahlen; für den verlegerischen Ehrgeiz der Vollständigkeit wende man sich ans viel zu Kleine Archiv des achtzehnten Jahrhunderts.

So kurz es ist, passt das Gedicht in gleich zwei hiesige Sammlungen; man merkt die Nähe von Weihnachten. Die Nähe zur Anakreontik merkt man dem Gedicht an der Personifizierung einer „Selinde“ an. Meistens heißen anakreontische Frauenfiguren Chloe, Chloris, Daphne, Dorinde, Doris, Melinde, Phyllis oder ähnlich floral, denn „die Namen der Geliebten wie die des Liebhabers stammen, mit wenigen Ausnahmen, teils aus der antiken Idyllendichtung, teils aus der französischen Schäferpoesie“, wie Friedrich Ausfeld: Die deutsche anakreontische Dichtung des 18. Jahrhunderts: Ihre Beziehungen zur französischen und zur antiken Lyrik, Karl J. Trübner, Strassburg 1907, beobachtet. Und meistens sind die Anakreontika Jugendwerke; 1779 war Moritz 23. Sehen wir ihm also nach, wie er die Trauer um eine verstorbene Katze leichtfertig ins Lächerliche zieht, seine Spitze sollte sich ohnehin eher gegen die Tendenz der Empfindsamkeit richten.

——— Karl Philipp Moritz:

Die empfindsame Schöne.

in: Christian Heinrich Schmid, Hrsg.: Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1779,
Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung, Seite 280,
cit. Christof Wingertszahn, Hrsg.: Karl Philipp Moritz: Gedichte,
Kleines Archiv des achtzehnten Jahrhunderts, Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 1999, Seite 10:

Dort, wo in der Dämmrung heil’gen Schatten,
Sich holde Phantasieen gatten,
Sanft traurender Melancholie;
An jenem schauervollen Platze,
Wo einsam unterm silbern Mond
Die feierliche Stille wohnt,
Beweint Selinde — ihre Katze.

Théodore Géricault, Le chat mort, ca. 1820

Bild: Théodore Géricault: Le chat mort, ca. 1820, Musée du Louvre, Paris.

Now you know your cat has nine lives: John Lennon: Crippled Inside, aus: Imagine, 1971:

Written by Wolf

30. November 2018 at 00:01

Das Angedenken der Zuckerlust

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Update zu Du Uhu du:

Auf die Gefahr hin zu nerven, falls es nicht bis in die letzten Winkel vorgedrungen sein sollte: Ich sammle Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemandem eins auffällt, mag er es mir bitte nicht verschweigen.

Mein bisher ältestes ist aus dem Minnesang, das jüngste von 1932. Falls das nicht gleichzeitig das liebste ist, nehm ich die 1797er Braut von Korinth, weil Goethe durchaus seine Momente haben konnte.

Dieser Tage hab ich eins aus dem Barock gefunden. Memento mori macht Spaß:

——— Christian Hofmann von Hoffmannswaldau:

Wo sind die stunden

1658, aus: Deutsche Vbersetzungen vnd Getichte, Jesaja Fellgiebel, Breslau 1679–1727,
in: Herrn von Hoffmannswaldau und anderer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte erster theil / nebenst einer vorrede von der deutschen Poesie, bey Thomas Fritsch, Leipzig 1697:

Pavel Kiselev, Strawberry Portrait, 15. Juni 2017Wo sind die stunden
Der süssen zeit /
Da ich zu erst empfunden /
Wie deine lieblichkeit
Mich dir verbunden?
Sie sind verrauscht / es bleibet doch dabey /
Daß alle lust vergänglich sey.

Das reine scherzen /
So mich ergetzt /
Und in dem tieffen herzen
Sein merckmal eingesetzt /
Läst mich in schmerzen /
Du hast mir mehr als deutlich kund gethan /
Daß freundlichkeit nicht anckern kan.

Das angedencken
Der zucker-lust /
Will mich in angst versencken.
Es will verdammte kost
Uns zeitlich kräncken /
Was man geschmeckt / und nicht mehr schmecken soll /
Ist freuden-leer und jammer-voll.

Olivia Frolich, Frida Gustavsson, Eurowoman Denmark, Juni 2016Empfangne küsse /
Ambrirter safft /
Verbleibt nicht lange süsse /
Und kommt von aller krafft;
Verrauschte flüsse
Erquicken nicht. Was unsern geist erfreut /
Entspringt aus gegenwärtigkeit.

Ich schwamm in freude /
Der liebe hand
Spann mir ein kleid von seide /
Das blat hat sich gewand /
Ich geh‘ im leide /
Ich wein‘ itzund / daß lieb und sonnenschein
Stets voller angst und wolcken seyn.

Vertonungen: Hans Gál: Vergängliches. Fünf Lieder, opus 33 Nr. 1, 1921, veröffentlicht bei N. Simrock, Berlin 1929;
Franz Krause: Wo sind die Stunden, aus: Gedichte aus alter Zeit, opus 51 Nr. 1, 1972.

Der Sommer war sehr groß: Pavel Kiselev: Strawberry Portrait, via j’ai envie de toi, 15. Juni 2017;
Olivia Frolich: Forever, featuring Frida Gustavsson für Eurowoman Denmark, Juni 2016.

Soundtrack: R.E.M.: Imitation of Life, aus: Reveal, 2001:

Written by Wolf

24. August 2018 at 00:01

Du Uhu du

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Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten,
Des Maies Wonneschlingen,
Schön siebenzeilig Lurley,
Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt
und Am selben Tag, da ich erfuhr, man habe mich entmündigt:

Dass ich mich nicht ernst genommen fühle, ist Default-Einstellung und wird seine Gründe haben. Deshalb muss ich in den verschiedensten Bewusstseinszuständen — damit mir geglaubt wird — wiederholen:

Ich sammle Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemandem eins auffällt, mag er es mir um Himmels willen nicht verschweigen.

Die schiere Anzahl der Verse legt noch keine definierte Strophenform fest, und genau das ist das Schöne: Siebenzeilige Formen bleiben immer auf die eine oder Weise schwebend offen, ähnlich wie Melodien, die bezeichnenderweise mit einem Septakkord enden. Es ist nichts ausgesagt über das Reimschema: Da ist von AAAAAAA über erweiterte Limericks bis zum Klangreim alles drin.

Einige der besten und süffigsten Gedichte aller Epochen sind siebenzeilig: Erinnern wir uns an die Gemeinsamkeiten so unterschiedlicher Gedichte wie des überraschend raffinierten Frühlingsliedes Swie diu zît sich wil verkêren Sêren des Minnesängers Walther von Klingen, des übermütig makabren Gothic-Spaßes der Braut von Korinth von Goethe, der Bürgschaft von Schiller, der 1838er Version der Loreley von Friedrich Förster oder des ergreifenden Meisterstücks vom Mädchen mit dem Muttermal von Ringelnatz: Sie bestehen aus Strophen von je sieben Versen.

Den Liliencron kenne ich aus meinem Schullesebuch der 6. Klasse. Das Reimschema ist AAABAAB — in seiner strophenweisen Gleichförmigkeit schon fast meditativ und damit gerade passend für eine Schnurre über energische, lebenshungrige alte Männer.

——— Detlev von Liliencron.

Ballade in U-Dur

aus: Bunte Beute, Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig 1903:

Es lebte Herr Kunz von Karfunkel
mit seiner verrunzelten Kunkel
auf seinem Schlosse Punkpunkel
in Stille und Sturm.
Seine Lebensgeschichte war dunkel,
es murmelte manch Gemunkel
um seinen Turm.

Täglich ließ er sich sehen
beim Auf- und Niedergehen
in den herrlichen Ulmenalleen
seines adlichen Guts.
Zuweilen blieb er stehen
und ließ die Federn wehen
seines Freiherrnhuts.

Er war just hundert Jahre,
hatte schneeschlohweiße Haare
und kam mit sich ins klare:
Ich sterbe nicht.
Weg mit der verfluchten Bahre
und ähnlicher Leichenware!
Hol‘ sie die Gicht!

Werd‘ ich, neugiertrunken
ins Gartengras hingesunken,
entdeckt von dem alten Halunken,
dann grunzt er plump:
Töw Sumpfhuhn, ick wil di glieks tunken
in den Uhlenpfuhl zu den Unken,
du schrumpliger Lump!

Einst lag ich im Verstecke
im Park an der Rosenhecke,
da kam auf der Ulmenstrecke
etwas angemufft.
Ich bebe, ich erschrecke:
Ohne Sense kommt mit Geblecke
der Tod, der Schuft.

Und von der andern Seite,
mit dem Krückstock als Geleite,
in knurrigem Geschreite,
kommt auch einer her.
Der sieht nicht in die Weite,
der sieht nicht in die Breite,
geht gedankenschwer.

Hallo, du kleine Mücke,
meckert der Tod voll Tücke,
hier ist eine Gräberlücke,
hinunter ins Loch!
Erlaube, daß ich dich pflücke,
sonst hau‘ ich dir auf die Perücke,
oller Knasterknoch.

Der alte Herr, mit Grimassen,
tut seinen Krückstock festfassen:
Was hast du hier aufzupassen,
du Uhu du!
Weg da aus meinen Gassen,
sonst will ich dich abschrammen lassen
zur Uriansruh‘!

Sein Krückstock saust behende
auf die dürren, gierigen Hände,
die Knöchel- und Knochenverbände:
Knicksknucksknacks.
Freund Hein schreit: Au, mach ein Ende!
Au, au, ich lauf ins Gelände
nach Haus schnurstracks.

Noch heut lebt Herr Kunz von Karfunkel
mit seiner verrunzelten Kunkel
auf seinem Schlosse Punkpunkel
in Stille und Sturm.
Seine Lebensgeschichte ist dunkel,
es murmelt und raunt manch Gemunkel
um seinen Turm.

Mit seiner verrunzelten Kunkel: The Consecrated Eminence. The Archives & Special Collections at Amherst College: Bloom Ephemera: Backcover Artwork in Real Free Press Illustratie Nr. 1, Antwerpen, undatiert,
2. Mai 2014, via Chris Goes Rock’s Music Site: Dancing Hippies, 30. Mai 2013.

Soundtrack: Gogolala Jubilee Jugband: Ich bin mein Opa,
aus: The Muppet Show, Staffel 1, Folge 113, 6. Dezember 1976:

Bonus Tracks: Jerome Potma: The Muppet Show Song Compilation, Staffeln 1 bis 5:

Written by Wolf

13. Juli 2018 at 00:01

Nachtstück 0014: Nun kommt der Frühling (Daß ich weine!)

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Update zu Zwetschgenzeit (Du bist gemeint),
Grabesdunstwitterlich,
Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg
und Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht!
O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!
:

Helmut Sembdner, der nachzuweisen versucht hat, daß Kleist der Autor dieses Scherzrätsels ist, hat das Gedicht in seinem Aufsatz „Neuentdeckte Schriften Heinrich von Kleists“ als „anspruchslosen Lückenbüßer“ bezeichnet und dieses Verdikt auch im Stellenkommentar seiner Ausgabe wiederholt, wo es nun wirklich nichts verloren hat.

Walter Hettche: Die journalistische Funktion der Gedichte
in Kleists „Berliner Abendblättern“
, 26. Oktober 2011.

——— Heinrich von Kleist:

Kleine Gelegenheitsgedichte

aus: Phöbus, September/Oktober 1808:

Jünglingsklage

Winter, so weichst du,
Lieblicher Greis,
Der die Gefühle
Ruhigt zu Eis.
Nun unter Frühlings
Üppigem Hauch
Schmelzen die Ströme –
Busen, du auch!

Mädchenrätsel

Träumt er zur Erde, wen
Sagt mir, wen meint er?
Schwillt ihm die Träne, was,
Götter, was weint er?
Bebt er, ihr Schwestern, was,
Redet, erschrickt ihn?
Jauchzt er, o Himmel, was
Ists, was beglückt ihn?

Katharina von Frankreich

(als der schwarze Prinz
um sie warb)

Man sollt ihm Maine und Anjou
Übergeben.
Was weiß ich, was er alles
Mocht erstreben.
Und jetzt begehrt er nichts mehr,
Als die eine –
Ihr Menschen, eine Brust her,
Daß ich weine!

Alex & Erwan in La fille renne, Intimity, Proximity, Januar, 12. März 2015

Floris Neusüss, Schrankpaar, 1959

Noir Division, Va-t'en, 6. April 2017

Jünglingsklage

1808, nach verschollener Handschrift
in: Wilhelm Neumann (Hrsg.): Die Musen. Norddeutsche Zeitschrift, 1814, ohne Überschrift:

Zero Focus, Self Portrait. 44 Irving St. Cambridge, Massachusetts, 1971Winter so weichst du,
Pfleger der Welt
Der die Gefühle
Ruhig erhält.
Nun kommt der Frühling,
Thymianhauch,
Nachtigallnlauben,
Wehmut, du auch!

Bilder:

  1. Alex & Erwan in: La fille renne: Intimity/Proximity, Januar/12. März 2015:

    This new photographic project plays with different variations of intimity and proximity. The intimity of someone alone or his intimacy with another people, the proximity between two people or with the photographer, which is like a intrusion. The intimity is warped by the presence of the photographer, but it’s the game.

  2. Floris Neusüss: Schrankpaar, 1959;
  3. Noir Division: Va-t’en, 6. April 2017;
  4. Susan Meiselas: Self Portrait. 44 Irving St. Cambridge, Massachusetts, 1971,
    via Zero Focus, 21. Januar 2018.

Soundtrack: Elastica: Stutter, 1993, aus: Elastica, 1995:

Written by Wolf

1. April 2018 at 00:01

So singet laut den Pillalu (Och orro orro ollalu)

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Seit Herder einen Begriff von der Volksmusik und kurz darauf Goethe einen Begriff von der Weltliteratur gefunden, erläutert und mit Inhalten gefüllt haben, ist die Freude über neu kennen gelernte Lieder fremder Völker groß. Vielleicht das Dankenswerteste, was Goethe je geleistet hat, aber das diskutieren wir ein andermal.

Eliza H. Trotter, Lady Caroline Lamb, ca. 1811--1814Immerhin trieb die Sammlerfreude den jungen Goethe in Herders Gefolge ins Elsass, den alten dazu, aktuelle Romane zu lesen, die ihm absehbar nicht gefallen konnten. Zum Beispiel: Glenarvon von Lady Caroline Lamb, Viscountess Melbourn, 1816 — der abrechnende Schlüsselroman einer Geliebten über Lord Byron, den Goethe wiederum sehr wohl mochte.

Aber Goethe war auch nicht geradezu von Byron besessen, wurde nicht aufgrund etwelcher Affären mit ihm von seiner Frau verlassen, und er starb auch nicht nach Ausstoß einiger Schauerromane mit 42 Jahren an Suff, multiplem Drogenmissbrauch und Folgebeschwerden der Erotomanie. Vielmehr sah Goethe über diese ganze Verwicklung menschlicher Tragödien und literarischer Ressentiments, von denen er laut den Tag- und Jahresheften von 1817 wusste, großzügig darüber hinweg, dass es in Glenarvon überhaupt Parteien für ihn zu ergreifen gab: Der Roman erschien, weil von weiblicher Hand verfasst, wie üblich anonym, und

sollte uns über manches Liebesabenteuer desselben [Lord Byrons] Aufschlüsse geben; allein das voluminöse Werk war an Interesse seiner Masse nicht gleich, es wiederholte sich in Situationen, besonders in unerträglichen; man mußte ihm einen gewissen Werth zugestehen, den man aber mit mehr Freude bekannt hätte, wenn er uns in zwei mäßigen Bänden wäre dargereicht worden.

Laut allen heutigen Quellen ist Glenarvon nicht in zwei, sondern sogar drei Bänden erschienen, die Goethe nicht zwingend zu Ende gelesen haben muss. Aber es ist gut, wie es ist, denn gleich anfangs des ersten Bandes findet sich ein Keening, das ist: das Klagelied über das verstorbene Kind des Gutsherrn über das lyrische Ich, das hier ein „lyrisches Wir“ ist, das Goethe umgehend in sein Tagebuch übersetzen musste.

Mathias Mayer scheint für seinen Beitrag zur Frankfurter Anthologie: Johann Wolfgang Goethe: „Klaggesang. Irisch“ in der FAZ vom 26. November 2017, wie es nahe liegt und auch von mir empfohlen wird, die richtige Goethe-Ausgabe benutzt zu haben — nämlich die, mit der man am meisten inhaltlischen Spaß hat: die Frankfurter. In derselben kommt Goethes Klaggesang. Irisch gleich zweimal vor: einmal innerhalb der Gedichte, einmal in einem Band, den man meistens nur in größeren Präsenzbibliiotheken erreicht: Hans-Georg Dewitz, Hrsg.: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band 12: Bezüge nach außen. Übersetzungen II. Bearbeitungen, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999. Den will sich privat niemand leisten, die Gedichte in zwei Bänden, hrsg. Karl Eibl schon eher; die gibt’s gerne als Doppelpack für 15 Euro im Modernen Antiquariat und bietet mehr und erhellenderen Kommentar als alle anderen.

Worauf ich hinauswollte: Frankfurter Anthologie wie Frankfurter Augabe — jedenfalls Eibls Gedichtkommentar — merken sachte missbilligend Goethes Umgang mit der Übersetzung von Ortsnamen an — siehe unten die Gegenüberstellung, spezielles Augenmerk auf die sechste Strophe. Aus eigener Übersetzertätigkeit heraus finde ich Goethes Lösung durchaus zulässig: Um einen fremden bis fremdartigen Text möglichst weitreichend deutschen Lesern zu vermitteln, kann es höchst sinnvoll sein, Orte bei ihrer verallgemeinernden Bezeichnung statt bei ihrem Toponym zu nennen.

Wenn ich allerdings selbst die Texte mit ihrem Sekundärmaterial vergleiche, fällt mir viel eher auf: Irisch ist mitnichten Schottisch, auch nicht in ihren alten Vorstufen, trivialer Schauerroman hin oder her. Sind Keltologen anwesend, die Freude daran haben, Old Goethe samt seinen Exegeten bei Unsauberkeiten zu ertappen, und etwas Kluges beisteuern können?

Thomas Philliops, Lady Caroline Lamb, ca. 1813Die Übersetzung als „Klaggesang“ war von Goethe wirklich als Lied im Sinne von musikalischer Aufführung gemeint und wurde auch unmittelbar so eingerichtet: von Carl Friedrich Zelter. Der mit Goethe befreundete Komponist erklärt brieflich am 8. Januar 1819 dazu:

Hier erfolgt denn auch der Pillalu in den ich mich leichter gefunden habe als ich Anfangs dachte, wie Du an der Musik merken wirst. Doch wünschte ich etwas von Dir darüber zu vernehmen, da es eine ganz leichte Melodie ist. Es ist eigentlich ein Todtenmarsch: Harfen, Posaunen und gedämpfte Pauken (großer Art) gehören dazu. Der Refrain wird vom Chore, jung und alt, in Unisono gesungen.

In der zweyten Strophe habe ich, einer Doppelsylbe wegen, eine Veränderung gemacht und in der letzten Zeile der letzten Strophe die Worte umgestellt, des Accentes wegen. Ist es Dir so nicht recht, so laß mich’s wissen und ich richte es ein wie es gehn will.

Man wird sich geeinigt haben; es ist ja schon zurvorkommend von einem Künstler, sich so ausdrücklich nach der Arbeit eines Kollegen in einem anderen Medium richten zu wollen. Noch am 16. Juni 1827 erinnerte sich Zelter an Goethe, wieder brieflich:

Das Altschottisch ist ein prächtiges Stück; dem Metro nach ganz behandlich; der Ton des Ganzen möchte nicht so leicht gefunden seyn. Es ist ganz eigen damit, sogar Deine eigene Handschrift ist mir dabey von Bedeutung. Ein Aehnliches ward mir mit dem Pillalu, der wenn ich nicht ganz irre ganz gelungen ist, indem ich so glücklich war auf diese Art den rechten Trauerton des Todtenmarsches zu finden, dessen Metrum mir im Kopfe umher schritt. Man hat von solcher Arbeit hinterher keinen Begriff und doch, wie wüßte man denn ob’s getroffen ist wenn es kein Bild dafür gäbe? Im Pillalu seh‘ ich den ganzen Zug an mir vorüberschreiten.

Heute ist diese 1819er Zelter-Vertonung leider nur noch theoretisch dokumentiert, praktisch nicht — was auf derzeitigem Stand der Technik heißt: weder in YouTube, Vimeo noch Dailymotion vorhanden. Das ist sehr schade, denn die bildliche Vorstellung einer Gruppe mutiger, für die kunstsinnige Zusammenkunft im Salon zurechtgemachter junger Frauen, die sich im Wohnzimmer neben dem Piano zusammenstellen und im Chor „jung und alt, in Unisono“ und auf Küchenterz mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit „Och orro orro ollalu“ singen, die bildliche Vorstellung, sagte ich, hat Größe.

——— Lady Caroline Lamb:

Glenarvon

in three volumes. Published by Henry Colburn, London 1816, Chapter V., Schluss:

The tenants and peasantry were, according to ancient custom, admitted to sing the song of sorrow over the body of the child: but no hired mourners were required on this occasion; for the hearts of all deeply shared in the affliction of their master’s house, and wept, in bitter woe, the untimely loss of their infant Lord. — It was thus they sung, ever repeating the same monotonous and melancholy strain.

Oh loudly sing the Pillalu,
     And many a tear of sorrow shed;
Och orro, orro, Olalu;
     Mourn, for the master’s child is dead,

At morn, along the eastern sky.
     We marked an owl, with heavy wing;
At eve, we heard the benshees cry;
     And now the song of death we sing;
Och orro, orro, Olalu.

Ah! wherefore, wherefore would ye die;
     Why would ye leave your parents dear:
Why leave your sorrowing kinsmen here,
     Nor listen to your people’s cry!

How will thy mother bear to part
     With one so tender, fair, and sweet!
Thou wast the jewel of her heart,
     The pulse, the life that made it beat.

How sad it is to leave her boy.
     That tender flow’ret all alone:
To see no more his face of joy,
     And soothe no more his infant moan!

But see along the mountain’s side.
     And by the pleasant banks of Larney,
Straight o’er the plains, and woodlands wide,
     By Castle Brae, and Lock Macharney;

See how the sorrowing neighbours throng,
     With haggard looks and faultering breath;
And as they slowly wind along,
     They sing the mournful song of death!

O loudly sing the Pillalu,
     And many a tear of sorrow shed;
Och orro, orro, Olalu!
     Mourn, for the master’s child is dead.

Thus singing, they approached the castle, and thus, amidst cries and lamentations, was Sidney Albert, Marquis of Delaval, borne for ever from its gates, and entombed with his ancestors in the vault of the ancient church, which, for many hundred years, had received beneath its pavement the successive generations of the family of Altamonte. Heart-felt tears, more honourable to the dead than all the grandeur which his rank demanded, were shed over his untimely grave; while a long mourning and entire seclusion from the world, proved that the sorrow thus felt was not momentary, but lasting as the cause which had occasioned it was great.

——— Goethe:

Klaggesang.

Irisch.

entstanden 22. Oktober 1817 im Tagebuch, zitiert nach der Erstveröffentlichung in: Kunst und Alterthum, Band IV, 1823, Seite 108 bis 110:

So singet laut den Pillalu
Zu mancher Thräne Sorg‘ und Noth:
Och orro orro ollalu,
O weh des Herren Kind ist todt!

Zu Morgen, als es tagen wollt‘,
Die Eule kam vorbey geschwingt,
Rohrdommel Abends tönt im Rohr.
Ihr nun die Todtensänge singt:
     Och orro orro ollalu.

Und sterben du? warum, warum,
Verlassen deiner Eltern Lieb‘?
Verwandten Stammes weiten Kreis?
Den Schrey des Volkes hörst du nicht:
     Och orro orro ollalu.

Und scheiden soll die Mutter, wie,
Von ihrem Liebchen schön und süß?
Warst du nicht ihres Herzens Herz,
Der Puls der ihm das Leben gab?
     Och orro orro ollalu.

Den Knaben läßt sie weg von sich,
Der bleibt und wes’t für sich allein,
Das Frohgesicht, sie sieht’s nicht mehr;
Sie saugt nicht mehr den Jugendhauch.

Och orro orro ollalu.

Da sehet hin an Berg und Steg,
Den Uferkreis am reinen See,
Von Waldesecke, Saatenland,
Bis nah heran zu Schloß und Wall
     Och orro orro ollalu.

Die Jammer-Nachbarn dringen her,
Mit hohlem Blick und Athem schwer;
Sie halten an und schlängeln fort
Und singen Tod im Todtenwort
     Och orro orro ollalu.

So singet laut den Pillalu
Und weinet, was ihr weinen wollt!
Och orro orro ollalu,
Des Herren einziger Sohn ist fort.

Special thanks an Hank für sein Tag und Nacht waches Auge.

Eliza H. Trotter, Lady Caroline Lamb, ca. 1811--1814

Bilder: Sir Thomas Lawrence: Portrait of Lady Caroline Lamb, ca. 1805;
Thomas Phillips: Lady Caroline Lamb, ca. 1813,
via Making History Tart & Titillating: Lady Caro Crops Her Hair;
Eliza H. Trotter: Lady Caroline Lamb, ca. 1811–1814, National Portrait Gallery, London.

Soundtrack: Ossian: Oidhche Mhath Leibh, aus: Ossian, 1977:

Written by Wolf

23. Februar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Ich sing euch von dem Mörder, der sich selbst hat entleibt

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Update zu Wenn man etwas Bildung hat (Die Moritat vom jungen Friedrich Kolbe):

Eine entsetzliche Mordgeschichte von dem jungen Werther, wie sich derselbe den 21. December durch einen Pistolenschuß eigenmächtig ums Leben gebracht. Allen jungen Leuten zur Warnung in ein Lied gebracht, auch den Alten fast nutzlich zu lesen. Im Thon Hört zu ihr lieben Christen etc. 1776.Anno 1774 und danach setzte die Parodienbildung um Goethes Über-Best- und Longseller Die Leiden des jungen Werthers — erst ab der überarbeiteten Fassung 1787 ohne Genitiv-s — praktisch sofot ein und riss bis heute noch nicht wieder ab. Johann Heinrich Gottfried von Bretschneider wird heute als Bibliothekar und Kunstsammler aus dem Thüringischen geführt, von seinem Regiment allerdings schon als bücheraffiner Offizier, zur Zeit seines hauptsächlichen Wirkens im Range eines Gubernialrats, und etwas inoffizieller als Satiriker. Das heißt unter vielem anderen, er neigte zum Verfertigen von Bänkelsang.

Mit seiner Wertheriade von 1775 kommt Bretschneider in der wichtigen Anthologie von Bänkellieder Musenklänge aus Deutschlands Leierkasten, Verlag von Hernhard Schlicke, Leipzig 1867, an breitenwirksamer Stelle vor — geadelt durch einen ganzen Satz Illsutrationen von Ludwig Richter.

Erstveröffentlichung war schon 1776 als Einzelheft, was bedeutet: mit Aussicht auf größere Verbreitung, allerdings anonym und ohne Angabe des Verlagsorts. Dafür lässt sie prominentere Veröffentlichung in den Musenklängen die Strophe mit „Er sah, beklebt mit Rotze“ weg. Die Melodie ist ein seinerzeit bekanntes Kirchenlied und kann den einfachen Noten im .pdf der Urfassung entnommen werden, der vollständige Text — hier mit Richters Illustrationen — lautet:

——— Heinrich Gottfried von Bretschneider:

Eine entsetzliche Mordgeschichte
von dem jungen Werther,

wie sich derselbe den 21. December durch einen Pistolenschuß eigenmächtig ums Leben gebracht.
Allen jungen Leuten zur Warnung in ein Lied gebracht,
auch den Alten fast nutzlich zu lesen

Im Thon: Hört zu ihr lieben Christen etc.

1776:

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Hört zu, ihr Junggesellen
Und ihr Jungfräulein zart,
Damit ihr nicht zur Höllen
Aus lauter Liebe fahrt.

Die Liebe, traute Kinder!
Bringt hier auf dieser Welt
Den Heil’gen wie den Sünder
Um Leben, Gut und Geld.

Ich sing‘ euch von dem Mörder,
Der sich selbst hat entleibt,
Er hieß: der junge Werther,
Wie Doctor Göthe schreibt.

So witzig, so verständig,
So zärtlich als wie er,
Im Lieben so beständig
War noch kein Sekretair.

Ein Pfeil vom Liebesgotte
Fuhr ihm durch’s Herz geschwind.
Ein Mädchen, sie hieß Lotte,
War eines Amtmanns Kind.

Die stand als Vice-Mutter
Geschwistern treulich vor,
Die schmierte Brod mit Butter
Dem Fritz und Theodor,

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Dem Liesgen und dem Kätgen —
So traf sie Werther an
Und liebte gleich das Mädchen
Als wär’s ihm angethan.

Wie in der Kinder Mitte
Sie da mit munterm Scherz
Die Butterahmen schnitte —
Da raubt‘ sie ihm das Herz.

Er sah, beklebt mit Rotze
Ein feines Brüderlein
Und küßt‘ dem Rotz zum Trotze
An ihm, die Schwester sein.

Fuhr aus, mit ihr zu tanzen
Wohl eine ganze Nacht,
Schnitt Menuets der Franzen
Und walzte, daß es kracht‘.

Sein Freund kam angestochen
Blies ihm ins Ohr hinein:
Das Mädchen ist versprochen
Und wird den Albert freyn.

Da wollt‘ er fast vergehen,
Spart‘ weder Wunsch noch Fluch,
Wie alles schön zu sehen
In Doctor Göthes Buch.

Kühn ging er, zu verspotten
Geschick und seinen Herrn,
Fast täglich nun zu Lotten,
Und Lotte sah ihn gern.

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Er bracht den lieben Kindern
Lebkuchen, Marcipan,
Doch alles konnt’s nicht hindern,
Der Albert wurd ihr Mann.

Des Werthers Angstgewinsel
Ob diesem schlimmen Streich
Mahlt Doctor Göthes Pinsel
Und keiner thut’s ihm gleich.

Doch wollt er noch nicht wanken
Und stets bei Lotten seyn,
Dem Albert macht’s Gedanken,
Ihm träumte von Geweyhn.

Herr Albert schaute bitter
Auf die Frau Albertin —
Da bat sie ihren Ritter:
„Schlag mich dir aus dem Sinn.

Geh fort, zieh in die Fremde,
Es giebt der Mädchen mehr –“
Er schwur beim letzten Hemde,
Daß sie die einz’ge wär.

Als Albert einst verreiste
Sprach Lotte: „bleib von mir!“
Doch Werther flog ganz dreiste
In Alberts Haus zu ihr.

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Da schickte sie nach Frauen
Und leider keine kam, —
Nun hört mit Furcht und Grauen,
Welch Ende alles nahm.

Der Werther las der Lotte
Aus einem Buche lang,
Was einst ein alter Schotte
Vor tausend Jahren sang.

Es war gar herzbeweglich,
Er fiel auf seine Knie
Und Lottens Auge kläglich
Belohnt ihm seine Müh.

Sie strich mit ihrer Nase
Vorbey an Werthers Mund,
Sprang auf als wie ein Hase
Und heulte wie ein Hund.

Lief in die nahe Kammer,
Verriegelte die Thür
Und rief mit großem Jammer:
„Ach, Werther, geh von mir!“

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Der Arme mußte weichen,
Alberten, dem’s verdroß,
Konnt’s Lotte nicht verschweigen,
Da war der Teufel los!

Kein Werther konnt‘ sie schützen,
Der suchte Trost und Muth
Auf hoher Felsen Spitzen
Und kam um seinen Hut.

Zuletzt ließ er Pistolen
Im Fall es nöthig wär
Vom Schwager Albert holen,
Und Lotte gab sie her.

Weil’s Albert so wollt‘ haben,
Nahm sie sie von der Wand
Und gab sie selbst dem Knaben
Mit Zittern in die Hand.

Nun konnt er sich mit Ehre
Nicht aus dem Handel ziehn,
Ach Lotte! die Gewehre
Warum gabst du sie hin ?

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Alberten recht zum Possen
Und Lotten zum Verdruß,
Fand man ihn früh erschossen,
Im Haupte stack der Schuß.

Es lag, und das war’s beste,
Auf seinem Tisch ein Buch,
Gelb war des Todten Weste
Und blau sein Rock, von Tuch.

Als man ihn hingetragen
Zur Ruh‘ bis jenen Tag,
Begleit’n ihn kein Kragen
Und auch kein Ueberschlag.

Man grub ihn nicht in Tempel,
Man brennte ihm kein Licht,
Mensch, nimm dir ein Exempel
An dieser Mordgeschicht!

Bänkelsänger, nach einer Radierung von J. W. Meil, 1765

Bilder: Ludwig Richter, 1848, nach Fritz Breucker: Ludwig Richter und Goethe, G. Teubner, Leipzig 1926,
via Goethezeitportal, Mai 2015.

Soundtrack: The Dead South: In Hell I’ll Be In Good Company, aus: Good Company, 2014:

Dead Love couldn’t go no further
Proud of and disgusted by her
Push shove, a little bruised and battered
Oh Lord I ain’t coming home with you.

Written by Wolf

6. Januar 2018 at 00:48

Wir rechnen jahr auff jahre / in dessen wirdt die bahre vns für die thüre bracht

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Update zu Zwischenmaschine:

Ich war im Stillen herzlich erfreut gestern Abend mit Ihnen das Jahr und da wir einmal Neunundneunziger sind auch das Jahrhundert zu schließen. Lassen Sie den Anfang wie das Ende sein und das künftige wie das vergangene.

Goethe an Schiller, Weimar am 1. Januar 1800.

Zweifarbig lackiertDamit das Jahr anfängt, wie es aufgehört hat, musste man sich sich auf die alte Tugend der Wollust besinnen, die Wölfin hat sich die Zehennägel gleich zweifarbig lackiert und wurde während einiger freundlicher Begegnungen zu Bette unversehens dermaßen laut, dass unser einst liebgewordener Spanner uns am Erdgeschoßfenster wiederenteckt hat, und Sie hätten mir jetzt fast geglaubt:

Das süsse jubiliren /
Das hohe triumphiren
Wirdt oft in hohn vnd schmach verkehrt.

Siehe unten: Wir unterscheiden nach Prediger Salomos tautologischem Spruch vanitas vanitatum et omnia vanitas (Kohelet 1,2) Andreas Gryphius‘ Sonett Es ist alles eitel, 1637 in Alexandrinern, von dessen späterer Ode Vanitas! Vanitatum Vanitas!, 1643 in dreihebigen Jamben — also in einer Art aufgeteilten und aufgelockerten Alexandrinern mit vierhebiger Variation in den letzten Strophenversen, die gleich wesentlich mehr Rock’n’Roll ins Metrum tragen. Goethe bezieht sich in seinem Gedicht Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt 1806 qua Überschrift und Metrum eindeutig auf Gryphius‘ Ode, parodiert aber inhaltlich Adam Reusner: Ich hab mein Sach Gott heimgestellt, 1533 in der Melodie von Johann Leon, 1589.

Theoretisch passen auf den Text die Melodien von Innsbruck, ich muss dich lassen und Der Mond ist aufgegangen. — Theoretisch, hab ich gesagt.

Gesegnetes 2018.

Titti Garelli, Vanitas

——— Andreas Gryphius:

Vanitas! Vanitatum Vanitas!

Ode, 1643:

Die Herrlikeit der Erden
Mus rauch undt aschen werden /
Kein fels / kein ärtz kan stehn.
Dis was vns kan ergetzen /
Was wir für ewig schätzen /
Wirdt als ein leichter traum vergehn.

Was sindt doch alle sachen /
Die vns ein hertze machen /
Als schlechte nichtikeit?
Waß ist der Menschen leben /
Der immer vmb mus schweben /
Als eine phantasie der zeit.

Der ruhm nach dem wir trachten /
Den wir vnsterblich achten /
Ist nur ein falscher wahn.
So baldt der geist gewichen:
Vnd dieser mundt erblichen:
Fragt keiner / was man hier gethan.

Es hilfft kein weises wissen /
Wir werden hingerissen /
Ohn einen vnterscheidt /
Was nützt der schlösser menge /
Dem hie die Welt zu enge /
Dem wird ein enges grab zu weitt.

Dis alles wirdt zerrinnen /
Was müh‘ vnd fleis gewinnen
Vndt sawrer schweis erwirbt:
Was Menschen hier besitzen /
Kan für den todt nicht nützen /
Dis alles stirbt vns / wen man stirbt.

Was sindt die kurtzen frewden /
Die stets / ach! leidt / vnd leiden /
Vnd hertzens angst beschwert.
Das süsse jubiliren /
Das hohe triumphiren
Wirdt oft in hohn vnd schmach verkehrt.

Du must vom ehre throne
Weill keine macht noch krone
Kan vnvergänglich sein.
Es mag vom Todten reyen /
Kein Scepter dich befreyen.
Kein purpur / gold / noch edler stein.

Wie eine Rose blühet /
Wen man die Sonne sihet /
Begrüssen diese Welt:
Die ehr der tag sich neiget /
Ehr sich der abendt zeiget /
Verwelckt / vnd vnversehns abfält.

So wachsen wir auff erden
Vnd dencken gros zu werden /
Vnd schmertz / vnd sorgenfrey.
Doch ehr wir zugenommen /
Vnd recht zur blütte kommen /
Bricht vns des todes sturm entzwey.

Wir rechnen jahr auff jahre /
In dessen wirdt die bahre
Vns für die thüre bracht:
Drauff müssen wir von hinnen /
Vnd ehr wir vns besinnen
Der erden sagen gutte nacht.

Weil uns die lust ergetzet:
Vnd stärcke freye schätzet;
Vnd jugendt sicher macht /
Hatt vns der todt gefangen /
Vnd jugendt / stärck vnd prangen /
Vndt standt / vndt kunst / vndt gunst verlacht!

Wie viel sindt schon vergangen /
Wie viell lieb-reicher wangen /
Sindt diesen tag erblast?
Die lange räitung machten /
Vnd nicht einmahl bedachten /
Das ihn ihr recht so kurtz verfast.

Wach‘ auff mein Hertz vndt dencke;
Das dieser zeitt geschencke /
Sey kaum ein augenblick /
Was du zu vor genossen /
Ist als ein strom verschossen
Der keinmahl wider fält zu rück.

Verlache welt vnd ehre.
Furcht / hoffen / gunst vndt lehre /
Vndt fleuch den Herren an /v
Der immer könig bleibet:
Den keine zeitt vertreibet:
Der einig ewig machen kan.

Woll dem der auff ihn trawett!
Er hat recht fest gebawett/
Vndt ob er hier gleich fält:
Wirdt er doch dort bestehen
Vndt nimmermehr vergehen
Weil ihn die stärcke selbst erhält.

Burgfräulein von Strechau, 17. Jahrhundert

Bilder: Titti Garelli: Vanitas, Acryl auf Holz, verkauft;
N. N.: Burgfräulein von Strechau, Ölgemälde, 17. Jahrhundert,
Kunsthistorisches Museum Benediktinerstift Admont.
Sie soll rotblond gewesen sein.

Die Wölfin so: „Deine Creative-Writing-Kundschaft glaubt hoffentlich nicht alles, was geschrieben steht?“ Ich so: „Meine umfassend gebildete Zielgruppe glaubt Bilder.“ Die Wölfin so: „Um Gottes willen, dass du einen Sprung hast. Nimm das sofort raus, du Familiensparhengst.“ Ich so: „Jahahaha.“

Soundtrack: Element of Crime: Der weiße Hai, aus: Immer da wo du bist bin ich nie, 2009:

Written by Wolf

2. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Tod

Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Internet-Premiere: Heine in der Werkstatt beim Skizzieren und Auspinseln seiner Reisebilder. Diese Versuche stehen in der historisch-kritischen Düsseldorfer und der zugänglicheren Hanser-Ausgabe und dann noch in einem Google-Book in Fraktur und verheerendem Zustand. Dazu erklärt Günter Häntzschel bei Hanser 1976:

Aus einer Handschrift Heines der „Reise von München nach Genua“ […] veröffentlichte Adolf Strodtmann in dem Supplementband zu seiner Heine-Ausgabe: Letzte Gedichte und Gedanken. Hamburg 1869, S. 273–305 diese Zusätze als „Nachträge zu den ‚Reisebildern'“. Die Skizzen wurden von Heine für die Druckvorlage der „Reise von München nach Genua“ ausgeschieden und sind teilweise später in veränderter Gestalt in „Die Bäder von Lucca“ und in „Die Stadt Lucca“ eingegangen. Strodtmann hat diese Zusätze den thematisch entsprechenden Stellen in den italienischen „Reisebildern“ zugeordnet; an diese Einordnung lehnen sich auch die Elstersche und die Walzelsche Ausgabe an. Die endgültigen Handschriftenverhältnisse dieser Stücke wird erst die historisch-kritische Ausgabe klären können.

Deswegen bestehe ich immer auf die großen, anständig kommentierten und möblierten Ausgaben. Durch die tastenden Wiederholungen innerhalb einer Traumsequenz gewinnt Heines Prosa etwas Lyrisches. Die freigegebene Endfassung der Reisebilder atmet nirgends mehr diesen Charme des Unfertigen.

——— Heinrich Heine:

Skizzen zu „Reise von München nach Genua“

zu: Reisebilder. Dritter Theil. Italien. 1828, Reise von München nach Genua, 1830,
in: Klaus Briegleb, Hrsg.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften,
Zweiter Band, herausgegeben von Günter Häntzschel, Carl Hanser Verlag, München 1976,
Nachlese, Seite 615 bis 620, hier ungekürzt:

Ich liebe keine Republiken — (ich habe einige Zeit in Hamburg, Bremen und Frankfurt gelebt) — ich liebe das Königtum — (ich habe Ludwig von Baiern gesehen) — außerdem werde ich als Poet eher bestochen von Taten der Treue, als von Taten der Freiheit, die minder Poetisch sind, da jene im dämmernden Gemüte, diese im mathematisch lichten Gedanken ihre Wurzel haben. Dennoch liebe ich die Schweizer mehr, als die Tiroler. Jene fühlen mehr die Würde der Persönlichkeit.

*

Albrecht Dürer, Das Schloss von Trient, 1495

Du willst wissen, lieber Leser, was diese närrischen Gedanken zu bedeuten haben, und ich muß Dir bei Deinem Eintritt in das sommerliche Italien noch nachträglich eine deutsche Geschichte erzählen, die an einem kalten Winterabende passiert ist, bei scharfem Nordwind und Schneegestöber. Aber das Gemach, worin sie passierte und worin ich mich mit Marien allein befand, war traulich und dämmernd, und der Kamin knisterte und flüsterte so voller Behagen. Sie saß am Flügel und spielte eine alte italienische Melodie. Ihr Haupt war niedergebeugt, und das Licht, das vor ihr stand, warf eine gar süßen auf ihre kleine Hand, jedes Grübchen, jedes Geäder der Hand, und unterdessen zogen die Töne so rührend und innig in mein Herz, und ich stand und träumte einen Traumvon unaussprechlicher Seligkeit. Und die Töne wurden immer siegend gewaltiger, dann wieder hinabschmelzend in besiegter Hingebung, ich starb, ich lebte, und starb wieder, Ewigkeiten rauschten an mir vorüber, und wie ich erwachte, stand sie milde vor mir und bat mich mit schaudernder Stimme, daß ich ihr die Ringe, die sie wegen des Klavierspiels abgelegt hatte, wieder an die Finger stecken möchte, und ich tat es und drückte ihre Hand an meine Lippen und …… warum, sprach ich, haben Sie mich gestern so hart behandelt? und sie antwortete: „Verzeihen Sie mir, ich war sehr unartig.“

Was ich Dir, lieber Leser, hier erzählt, das ist kein Ereignis von gestern und vorgestern, es ist eine uralte Geschichte, und Jahrtausende, viele Jahrtausende werden dahinrollen, ehe sie ihren Schluß erhält, einen guten Schluß. Wisse, die Zeit ist unendlich, aber die Dinge in dieser Zeit sind endlich; sie können zwar in die kleinsten Teilchen zerstieben, doch diese Teilchen, die Atome, haben ihre bestimmte Zahl, und bestimmt ist auch die Zahl der Gestalten, die sich, Gott selbst, aus ihnen hervorbilden; und wenn auch noch so lange Zeit darüber hingeht, so müssen, nach den ewigen Kombinationsgesetzen dieses ewigen Wiederholungsspieles, alle Gestalten, die auf dieser Erde schon gewesen, wieder zum Vorschein klmmen, sich wieder begegnen, anziehen, abstoßen, küssen verderben, vor wie nach. — Und so wird es einst geschehen, daß wieder ein Mann geborenwird, ganz wie ich, und ein Weib geboren wird, ganz wie Maria, nur daß hoffentlich der Kopf des Mannes etwas weniger Torheit, als jetzt der meinige, und das Herz des Weibes etwas mehr Liebe, als das ihrige enthalten mag, und in einem besseren Lande werden sich beide begegnen und lange betrachten, und das Weib wird endlich dem Manne die Hand reichen und mit weicher Stimme sprechen: „Verzeihen Sie mir, ich war sehr unartig.“

*

Albrecht Dürer, Trintperg. Der Dosso von Trient, 1495

Die Kleine mochte wohl bemerkt haben, daß ich, während sie sang und spielte, mehrmals nach ihrer Rose hingesehen, und sie lächelte mit schlauem Blick, als ich hernach ein nicht allzu kleines Geldstück auf den zinnernen Teller warf, womit sie ihr Honorar einsammelte.

Die Nacht war unterdessen hereingebrochen, und das Dunkel brachte Einheit in meine Gefühle. Die Straße wurde leer, und der Himmel füllte sich mit Sternen. Diese blickten herab so durftig, so keusch, so rein, daß mir selbst zu Mute wurde wie einem reinen Stern. Da nahte sich mir unversehens die kleine Harfenistin, und halb schüchtern, halb keck frug sie: ob ich ihre Rose haben wolle.

Ich war gestimmt wie ein reiner Stern, und ich antwortete Nein. Die Rose aber wurde bleich, das Mädchen errötete, aus der Harfe erklang ein leiser, ein einzelner Ton, so schmerzlich wie aus der Tiefe einer todwunden Seele — und ich hatte schon einmal diesen Ton gehört, eben so vorwurfsvoll. Eine traurige Erinnerung überschauerte mich plötzlich. Es war wieder die dämmernd braune Stube, die Lampe flimmerte wieder so ängstlich, ich hob die blau gesteifte Gardine von dem stillen Bette, küßte die Lippen der toten Maria, und aus ihrem Winkel ertönte von selber die verlassene Harfe, und es war derselbe Ton —

Erschrocken sprach ich zu der kleinen Harfenistin: Na, na! liebes Kind, gib mir deine Rose. Wenn sie auch schon zur Welklichkeit übergegangen und nicht mehr ganz so frisch duftet, und wenn auch eine Rose ohne Duft einem Weibe ohne Keuschheit zu vergleichen ist, so hat das doch nichts zu sagen bei einem Manne, der schon seit Jahren den Stockschnupfen hat.

Da lachte die Kleine und gab mir ihre Rose, und das geschah auf der Straße zu Trient, vor der Botega, der Albergo della Grande Europa gegenüber, im Angesicht von vielen tausend entdeckten und noch mehreren unentdeckten Sternen, die mir alle bezeugen müssen, daß die Geschichte nicht auf meinem Zimmer passiert und keine Allegorie ist.

Ja, denk dir nichts Böses, teurer Leser — die Sterne sahen so hell und keusch vom Himmel herab, und schienen mir so tief ins Herz. Im Herzen selbst aber zitterte die Erinnerung an die tote Maria. Ich hatte lange nicht an sie gedacht, und jetzt in Trient, wo ich eben den Fuß auf italienischen Boden gesetzt, tauchte ihr Bild, mit wundersamem Schauer, in meiner Seele wieder hervor, und es war mir, als als träte sie leibhaftig vor mich hin und spräche: „Warum haben Sie mich nicht mitgenommen nach Italien, wie Sie mir einst versprachen?“ — Liebes Kind, Sie sind ja tot, sprach ich träumend. — „Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten.“ — Aber wie kommen Sie hierher? Ich glaubte erst nach vielem Millionen Jahren das Vegnügen zu haben, Sie wieder zu sehen. Oder sind diese vielen Jahre schon verflossen? Gott, wie vergeht die Zeit! —

Ach nein, lieber Leser, es war nicht Maria selber, die im Dome gebeichtet; ich bin nicht so abergläubisch, als daß ich glauben könnte, die Toten stiegen aus den Gräbern, um die letzten geringen Liebessünden, die sie nicht einmal selbst verschuldet, abzubeichten. Auf jeden Fall aber ist es sonderbar, daß deutsche Liebe selbst dem vernünftigsten Menschen bis in Italien nachspukt, und daß ich eben, lieber Leser, gleich bei meiner Ankunft im warmen, blühenden Italien dir eine Geschichte erzählen muß, die an einem deutschen Winterabend passiert, wo kalter Nordwind im Schornstein pfiff und Schneegestöber an die Fenster schlug. Aber das Gemach, worin die Geschichte passiert und worin ich mich allein mit Maria befand, ach! da war es duftig warm, der Kamin flackerte traulich, dämmernde Blumenköpfe ragten aus blanken Vasen, nickende Heiligenbilder bedeckten die Wände, Maria aber saß am Flügel und spielte eine altitalienische Melodie. Ihr Haupt war niedergebeugt, das Licht, das vor ihr stand, warf einen gar süßen Schein auf ihre kleine Hand, und ich stand ihr gegenüber, betrachtete die bewegte Hand, jedes Grübhcne, jedes Geäder der Hand — Unterdessen zogen die Töne so warm und innig in mein Herz, ich stand und träumte einen Traum von unaussprech.icher Seligkeit, die Töne wurden immer siegend gewaltiger, dann und wann wieder hinab schmelzend in besiegter Hingebung, ich starb, ich lebte und starb wieder, Ewigkeiten rauschten vorüber, und als ich erwachte, stand sie milde vor mir und bat mich mit schaudernder Stimme, daß ich ihr die Ringe, die sie wegen des Klavierspielens abgelegt hatte, wieder an die Finger stecken möchte. Ich tat es, und sagte ihr ein Denkwort bei jedem Ring. Bei dem Rubinring sagte ich: Lieben Sie mich nur unbedingt; bei dem Saphir sagte ich: Sein Sie mir nur immer treu; bei dem Diamanten sagte ich: Sein Sie mir nur immer rein wie jetzt, und endlich drückte ich die ganze Hand an meine Lippen und sprach: Maria, warum sind Sie mir gestern im Konzerte beständig ausgewichen, und haben nie nach mir hingesehen? Und sie antwortete mit weicher Stimme: „Laßt uns gute Freunde sein.“

Was ich dir aber, lieber Leser, hier erzählt, das ist kein Ereignis von gestern und vorgestern, und Jahrtausende, viele tausend Jahrtausende werden dahin rollen, ehe sie ihren Schluß erhalten, einen gewiß guten Schluß! Denn wisse, die Zeit ist unendlich, aber die Dinge in dieser Zeit, die faßlichen Körper, sind endlich; sie können zwar in die kleinsten Teilchen zerstieben, doch diese Teilchen, die Atome, haben ihre bestimmte Zahl, und bestimmt ist auch die Zahl der Gestaltungen, die sich gottselbst aus ihnen hervor bilden; und wenn auch noch so lange Zeit darüber hingeht, so müssen doch, nach den ewigen Kombinationsgesetzen dieses ewigen Wiederholungsspiels, alle Gestaltungen, die auf dieser Erde schon gewesen sind, sich wieder begegnen, anziehen, abstoßen, küssen, verderben, vor wie nach. — Und so wird es einst geschehen, daß wieder ein Mann geboren wird, ganz wie ich, und ein Weib geboren wird, ganz wie Maria, nur daß hoffentlich der Kopf des Mannes etwas weniger Torheit enthalten mag, und in einem besseren Lande werden sie sich Beide begegnen, und sich lang betrachten, und das Weib wird endlich dem Manne die Hand reichen und mit weicher Stimme sprechen: „Laßt uns gute Freunde sein.“

Aber ach! es geht doch dabei viel Zeit verloren, dacht ich schon damals, als ich vor dem Bette stand, worauf die tote Maria lag, der schöne, blasse Leib, die sanften, stillen Lippen. Ich bat die alte Frau, die bei der Leiche wachen sollte, sich im Nebenzimmer schlafen zu legen, und mir unterdessen ihr Amt zu überlassen; denn es war schon über Mitternacht, und so eine alte Frau mit roten Augenlidern bedarf der Ruhe. Ich weiß nicht, was der Seitenblick bedeutete, den sie mir zuwarf, als sie zur Tür hinaus ging; aber ich erschrak darob im tiefsten Herzen. Die kleine Flamme der Lampe zitterte, die Nachtviolen, die auf dem Tische im Glase standen, dufteten immer ängstlicher —

Ich muß mich heut durchaus dazu bequemen, ein Materialist zu sein; denn sollte ich anfangen zu denken, daß die Toten nicht so viel Millionen Jahre nötig haben, ehe sie wieder kommen können, und daß sie uns schon in diesem Leben nachreisen, und daß es wirklich die tote Maria war, die im Dome zu Trient die letzte Sünde gebeichtet — Genug davon! ich will ein neu Kapitel anfangen und dir erzählen, was ich noch außerdem in Trient geträumt habe.

*

Albrecht Dürer, Ansicht von Trient vom Norden, 1495

Bilder: Albrecht Dürer: Erste Italienreise gen Venedig: seine drei überlieferten Ansichten vom Ort der Handlung Trient, 1495:

  1. Das Schloß von Trient, British Museum, London;
  2. Trintperg (Der Doss Triento bei Trient), Museum für Kunst und Landesgeschichte Hannover;
  3. Ansicht von Trient vom Norden, Kunsthalle Bremen, seit 1945 verschollen.

Soundtrack: Heilige Messe in der Cattedrale di San Vigilio zu Trient, 4. November 2012:

Bonus Track: Shakespears Sister: Hello (Turn Your Radio On), aus: Hormonally Yours, 1992. Das ist weder besonders südtirolerisch noch sonst gebirgig, noch heißt eine der Schwestern Maria — es lohnt sich aber, nach all den Jahren einmal dezidiert der Klavierstimme zuzuhören, und natürlich wie schon all die Jahre, der blasseren Schwester beim Bildschirmputzen zuzuschauen. Also bitte volle Lautstärke und wegen der üppigen Videodetails Vollbild:

And if I taste the honey, is it really sweet,
And do I eat it with my hands or with my feet?
Does anybody really listen when I speak,
Or will I have to say it all again next week?

Written by Wolf

1. November 2017 at 00:01

Nachtstück 0011: Weiß ich nur, wer ich bin

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Update zu Schwatzen nach der Welt Gebrauch
und Was tat der Eitele, ein Emo zu scheinen?:

——— Gotthold Ephraim Lessing:

Ich

Stammbuch, unterschrieben „Wittenberg den 11. Oct. 1752. Gotthold Ephraim Lessing.“ [23-jährig];
Erstdruck in: Obersächsische Provinzialblätter, 15. Band, Altenburg 1804:

Die Ehre hat mich nie gesucht;
Sie hätte mich auch nie gefunden.
Wählt man, in zugezählten Stunden,
Ein prächtig Feierkleid zur Flucht?

Auch Schätze hab ich nie begehrt.
Was hilft es sie auf kurzen Wegen
Für Diebe mehr als sich zu hegen,
Wo man das wenigste verzehrt?

Wie lange währts, so bin ich hin,
Und einer Nachwelt untern Füßen?
Was braucht sie wen sie tritt zu wissen?
Weiß ich nur wer ich bin.

Beim Erstdruck war Lessings Gedicht eingeleitet:

Er improvisirte oft (in Wittenberg) an geselligen Abenden in Versen, und schrieb stehenden Fußes seinen Freunden ein Andenken in die Bücher, wie es ihm eben die augenblickliche Stimmung aus der Seele lockte. Folgendes leichtmüthige Lebensgnomon gab er so in das Stammbuch eines seiner Wittenberger Universitätsbekannten (des verstorbenen OK. H. zu L. in Thüringen), welches Ich zur Aufschrift hat, und mit so äußerst flüchtigem Federzuge hingeworfen ist, daß man selbst einige Interpunctionszeichen vergessen oder unrichtig gesetzt findet (auch im 2. Verse der 2. Strophe das Wörtchen sie wie die gelesen werden kann, weil es ein s und d zugleich ist).

Reading Girl, Lomo LC-A, 9. April 2006

Weiß sie nur wer sie ist: Reading Girl, mit der Lomo LC-A, 9. April 2006;
Soundtrack: Polina Tschischik in Tom Waits: Watch Her Disappear aus: Alice, 2002:

Written by Wolf

6. Oktober 2017 at 00:01

Trauervokal

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Update zu Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt:

Effi aber, während sie die Tüte mitten auf die rasch zusammengeraffte Tischdecke legte, sagte: „Nun fassen wir alle vier an, jeder an einem Zipfel und singen was Trauriges.“

„Ja, das sagst Du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?“

„Irgend ‚was; es ist ganz gleich, es muß nur einen Reim auf ‚u‚ haben; ‚u‚ ist immer Trauervokal. Also singen wir:

Flut, Flut
Mach‘ alles wieder gut …“

und während Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle vier auf den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettelte Boot und ließen von diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tüte langsam in den Teich niedergleiten.

Theodor Fontane († 20. September 1898): Effi Briest, Berlin W, F. Fontane & Co. 1896.

——— Robert Gernhardt:

Lektor Lincke an Theodor Fontane

aus: Schreiben, die bleiben. Höhepunkte abendländischer Briefkultur,
in: Wörtersee. IV: Spaßmacher und Ernstmacher, 1981:

Sehr geehrter Herr von Tame,
war das nicht Ihr werter Name?
Vor mir liegt Ihr Buchvorschlag,
welcher — doch der Reihe nach.
Erstens ist er nicht zu brauchen —
eine Frage: Darf ich rauchen,
während ich hier weitermache?
Dankeschön. Doch nun zur Sache:
Das Manuskript, das Sie geschickt,
war in der Mitte eingeknickt,
sowie in Worten abgefaßt,
was nicht zu unserm Hause paßt.
Auch störten mich die vielen Us
in Ihrem Satz „Ulf ging zu Fuß.“
Ach ja — und Ihre Fragezeichen,
die sollten Sie wohl alle streichen.
Sie wirken derart krumm und rund,
so schlangenhaft und ungesund,
daß ich mich dauernd frage: Was
bezweckt, bewirkt und soll denn das?
Sodann Ihr Stil! Schon wenn man liest,
daß Ihre Heldin Effi briest,
ist Ihre Ignoranz erwiesen:
Die deutsche Sprache kennt kein „briesen“.
Doch nun was andres: Unser Haus
bringt grade eine Reihe raus,
die sich „So brummt der Deutsche“ nennt —
ich bin ganz sicher, so was könnt‘
durchaus in Ihre Richtung passen.
Woll’n Sie sich mal was einfall’n lassen?

in Erwartung Ihrer geschätzten Antwort ver-
bleibe ich
Mit frohem Gruß
Ihr Lektor Lincke

PS     Ist es erlaubt, wenn ich was trinke?

Übrigens kennt die deutsche Sprache in der tat kein „briesen“, die deutsche Literaturgeschichte dafür ein Adelsgeschlecht derer von Briest, dem unter anderem die sehr produktive Schreiberin Caroline Philippine von Briest entstammte, geboren 1773 in Fontanes Mark Brandenburg und ab 1803 schon in zweiter Ehe Baronesse de la Motte Fouqué, nämlich verheiratet an Arno Schmidts großen Biographiegegenstand, den gerade seit 1802 geschiedenen Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué, weil ihre erste Ehe mit Friedrich Ehrenreich Adolf Ludwig Rochus von Rochow allzu effi-briest-mäßig unglücklich verlaufen war, woraufhin sich der gescheiterte Ehemann — wegen „Spielschulden“ — kurz vor der Scheidung erschossen hatte.

Baronesse von Briest trug im weiteren Verlauf nicht solche gesellschaftlichen Schäden davon wie ihre fiktive Nachfahrin Effi — als welche sich Effi im achten Kapitel ausdrücklich bezeichnet —, sondern unterhielt, wie sich das für adlige Schreiberinnen dieser Epoche gehört, einen literarischen Salon in Berlin, um sich mit Größen wie Chamisso, Eichendorff, E.T.A. Hoffmann, August Wilhelm Schlegel und den Eheleuten Varnhagen von Ense (alphabetisch) zu umgeben.

Warum Effi Briest das nicht getan hat, um sich z. B. mit Theodor Fontane als Cameo-Figur in seinem eigenen Roman zu umgeben? — Das ist ein zu weites Feld.

Bild: Postmoderne Buchausgabe im Fischer Taschenbuch Verlag 2012, via Buchhexe.

Beste Filmfassung, Feel-Good-Movie: Jan „Neo Magazin Royale“ Böhmermann:
Letzte Stunde vor den Ferien: Effi Briest, 2017:

Soundtrack: Witt/Heppner: Die Flut, aus: bayreuth eins, 1998:

Written by Wolf

22. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Realismus, Vier letzte Dinge: Tod

Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!

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Update zu Das kannst du, Knabe, nicht fassen,
Inwendig Ochsenfleisch, auswendig Kuhhaut! Und so einer will Kind Gottes sein!
und Der Arzt von Münster in Salzkotten:

This is a four hour song and it will go on and on,
A moment in time traveling on even if it is too long.
I don’t care, I love to share, I love to sing along.
I know you do too, feel the same way so come along.
Sing your song, it’s all that you have to do.

Cat Power: Willie Deadwilder, aus: Speaking for Trees, 2004.

Rainer Lippert, Birnbaum am Madenhausener Weg bei Hesselbach, Üchtelhausen, 24. Mai 2009, regional bedeutsamer Baum in Unterfranken

Waren schon Die Epigonen von Karl Leberecht Immermann nicht genug zu empfehlen, hab ich mir wieder ein neues Buch gekauft: den Münchhausen vom selbigen, und schau an, was nicht gut möglich erschien: Der ist tatsächlich noch besser.

Es ist ungefähr der angelsachsenhumorige und jedermanns (der was taugt) Vorbild Tristram Shandy auf dem Weg zum grundteutschen Jean Paul, also ungefähr die formalen und inhaltlichen Purzelbäume von Brentano in seinen irrwitzigsten Momenten. Die zeitgebundene Satire muss man stellenweise mühsam nachschlagen, wenn man durchaus jeden größenwahnsinnigen Duodezfürsten und zu Recht verklungenen Lesefutterproduzenten beim Namen festnageln will, aber grundsätzlich ist das nicht allein historisch zu würdigen, sondern eine Mordsgaudi.

Die Epigonen sind von 1836, der Münchhausen schon von 1839. Auf seiner Umstellung vom Dramatiker und Theatermann hat Immermann also alles gegeben. Die Epigonen hat er noch in seine Arbeit als Düsseldorfer Theaterleiter 1834 bis 1837 dazwischengeschoben, nach dem Scheitern seines neuartigen künstlerischen Konzepts und des Budgets gab er die Leitung an seinen Vorgänger, Ex-Förderer und jetzigen schlimmsten Gegner zurück und schrieb sich an einer Neuinterpretation von Münchhausen aus.

Die Fingerübung mit den etwa 800 Seiten Epigonen hat sich gelohnt, liest sich aber, um nichts Boshaftes zu sagen, etwas heterogen, wie eine Sammlung von mehreren — der Einteilung in „Bücher“ nach zu schließen — neun Kurzromanen; im Münchhausen jagt immer noch eine Handlung die andere, die Hauptfigur ist sogar einer großen, ernsteren Sozialstudie — Der Oberhof — mehr oder weniger untergeordnet, aber es klingt alles viel eher nach Absicht: einem übermütigen System, weil eine vor sich hin strömende Prosa das ohne Rücksicht auf Aktfolgen und Schauspielerauftritte in dankenswerter Biegsamkeit möglich macht.

Nach diesen zwei Geniewürfen hätte Immermann noch ein grandioser Erzähler werden können, leider starb er schon 1840 mit zarten 44 Jahren. Uns Heutigen erwächst daraus die schöne Gewissheit, dass man mit gerade mal zwei Büchern eine relevante Immermann-Auswahlausgabe beisammen hat: Die Theaterstücke sind eher Zeitdokument, und die Briefausgabe von Hanser ist für die Institutsbibliothek der Germanisten. Bei mir waren die Epigonen ein Oxfam-Fund, den ich aufgelesen hab, weil ich für drei Euro nie wieder zu einer perfekt erhaltenen Winkler-Dünndruckausgabe mit intaktem Lesebändchen komme, und die Hanser-Ausgabe Münchhausen von 1977 war gerade beim Medimops für 99 Cents da; selbst mit Versandporto reicht das nicht mal für den Cappuccino, den Sie im Café dazu schlürfen müssen. Es geht auch gratis auf Zeno, aber damit verschwenden Sie ja nicht meine Freizeit. Nur so am Rande: Hanser 1977 ist recht ausführlich kommentiert und erklärt — wegen der Duodezfürsten und verklungenen Lesefutterproduzenten.

Wie lang darf ein Weblog-Eintrag technisch eigentlich sein? Für 800 Druckseiten Immermann reicht’s nicht, oder? Wie bei meinen bisherigen Anpreisungen dieses vernachlässigten Meisters muss ich mich auf ein Kabinettstück beschränken: Nehmen wir das abgeschlossene Märchen Die Wunder im Spessart.

Es ist kein Volks-, sondern ein Kunstmärchen, also vom Autor erfunden, nicht im Grimmschen Sinne von einem anonymen Volksmund überliefert, und dient daher als Beispiel für seine eigene Erzählweise. Gewisse Einwände könnte ich gegen die Darstellung der sprechenden Tiere erheben, die sich zu teleologisch auf die Märchenhandlung beziehen, aber wir reden hier von 1839 und sind aus echten Volksmärchen weit Holzigeres gewohnt. Wirklich raffiniert sind die streng durchgezogene aristotelische Einheit von Zeit, Raum und Handlung — die dann doch hinterrücks unterlaufen wird, freuen Sie sich drauf — und die Moral, die mir in einem Märchen so noch nie vorgekommen ist.

Für ein Märchen lässt sich die Handlung außergewöhnlich genau eingrenzen: Auf jeden Fall spielt sie an einem 29. Juni, dem Peter-und-Pauls-Tag, zwischen 1248, als Albertus Magnus sein Lehramt an der Kölner Klosterschule aufnahm, und 1280, als er starb. — Der Ort der Handlung, das Waldstück im Spessart, liegt an einer alten Heerstraße, die offenbar seit Immermann von einer Autobahn überbügelt wurde — oder wird der Eichhall von historischen Fernwegen gekreuzt? Wenn jemand etwas weiß, steht die Kommentarfunktion Tag und Nacht weit offen.

Gesegneten Peter und Paul.

——— Karl Leberecht Immermann:

Die Wunder im Spessart.

Waldmährchen.

in: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken, 1839, Schluss des 5. Buches (von 8):

Bist du wohl schon, Lisbeth, an einem klaren Sonnenmorgen durch einen schönen Wald gegangen, zu dem der blaue Himmel durch die grünen Kronen einblickte, wo dich der Othem der Bäume wie ein Hauch Gottes anwehte und dein Fuß von den Spitzen der Gräser tausend blitzende Perlen streifte?

Margaret Vanscheid, Frühjahr & Sommer im Spessart, PinterestWohl bin ich das, Oswald, erst noch neulich, als ich durch das Gebirg nach den Zinsen und Gülten ging. Es ist gar herrlich im grünen, frischen Wald; ich könnte Tagelang hindurchwandern, ohne einem Menschen zu begegnen, und fürchtete mich nicht. Der Rasen ist der Mantel Gottes, man ist von tausend Englein beschirmt, man stehe oder sitze darauf. Jetzt ein Hügel und dann eine Ecke; ich lief und lief, weil ich immer dachte, dahinter schwebe der Wundervogel mit blauen und rothen Schwingen und dem Goldkrönchen auf dem Haupte. Ich lief mich heiß und roth, und nicht müd; man wird nicht müde im Walde!

Und sahst du hinter Hügel und Hecke den Wundervogel nicht schweben, so standest du athmend still und hörtest weit, weit aus dem Eichenthal herauf den Schall der Axt, die Uhr des Forstes, die da ansagt, daß auch in solcher lieben Einöde dem Menschen seine Stunde rinne.

Oder weiterhin, Oswald, die freie Sicht den Hang hinauf zwischen dunkeln, runden Buchen und oben doch wieder der Kamm der Halde von hohen Stämmen beschlossen! Da weideten rothe Kühe und schwangen die Glöcklein, der Thau im Grase gab der Senkung im Sonnenlicht einen silbergrauen Schein, und die Schatten der Kühe und der Bäume spielten darauf Versteckens mit einander.

An einem solchen sonnenklaren Morgen begegneten vor vielen hundert Jahren zwei Jünglinge einander im Walde. Es war in dem großen Waldgebirge, der Spessart genannt, welches die Markscheide zwischen den lustigen rheinischen Gauen und dem gesegneten Frankenlande macht. Das ist dir ein Wald, liebe Lisbeth, der zehn Stunden in der Breite und zwanzig in der Länge, Ebenen und Berge, Thäler und Klüfte bedeckt.

Auf der großen Heerstraße, die querdurch vom Rheinlande nach Würzburg und Bamberg läuft, begegneten einander die Jünglinge. Der Eine kam von Abend, der Andere von Morgen. Ihre Thiere waren so verschieden als ihre Wege. Der vom Morgen saß auf einem gelben fröhlich tanzenden Rößlein und stolzirte gar stattlich im bunten Wappenrock unter rothem Sammetbarret, von welchem die Reiherfedern herabwallten; der vom Abend trug eine schwarze Kappe ohne Abzeichen, einen langen Schülermantel gleicher Farbe, und ritt auf einem bescheidenen Maulthiere.

Als der junge Ritter dem fahrenden Schüler sich auf Rosseslänge genähert hatte, hielt er seinen Gelben an, bot dem Andern freundlich die Zeit und sagte: Guter Gesell, ich wollte so eben absteigen und meinen Morgen-Imbiß halten. Da nun aber zur Minne, zum Spiele und zum Mahl Zwei gehören, wenn diese drei lustigen Dinge gehörig von Statten gehen sollen; so wollte ich Euch fragen, ob Ihr nicht auch absteigen und mein Partner seyn wollt? Eurem Grauen würde ein Maulvoll Gras nicht minder schmecken, als meinem Gelben. Der Tag wird heiß werden, und den Thieren ist einige Rast vonnöthen.

Der fahrende Schüler war mit dem Vorschlage zufrieden. Beide stiegen ab und setzten sich an der Straße auf dem wilden Thymian und Lavendel nieder, von welchem, wie sie sich setzten, eine ganze Wolke Wohlgeruchs emporstieg, und hundert Bienchen, die in ihrer Arbeit gestört wurden, sich summend erhoben. Ein Knapp, der mit einem schwerbeladenen Gaule dem jungen Ritter gefolgt war, nahm die beiden Thiere in Empfang, reichte seinem Herrn aus dem Schnappsack Flasche und Becher nebst Brod und Fleisch, kandarte die Thiere ab und ließ sie seitwärts vom Heerwege grasen.

Der fahrende Schüler faßte in die Seitentasche des Mantels, zog die Hand verdrießlich zurück und rief: O über meine ewige Zerstreuung! Hatte ich mir doch heute Morgen in der Herberge das Frühstück so sauber zurecht gelegt und eingewickelt, da muß mir etwas Anderes eingefallen seyn, und über diesen Gedanken habe ich meine Kost vergessen.

Wenn es weiter nichts ist, rief der junge Ritter, hier ist genug für Euch und mich! Er theilte Brod und Fleisch, schenkte den Becher voll und reichte Festes und Flüssiges dem Andern hin. Hiebei faßte er ihn schärfer in’s Auge, und so that der Andere auch, und da entfuhr ihnen Beiden ein Ausruf des Erstaunens. Seid Ihr nicht … Bist du nicht … riefen sie. Freilich bin ich der Konrad von Aufseß! rief der junge Ritter. Und ich Petrus von Stetten! der Andere. Sie umarmten einander und konnten sich vor Freude über dieses unvermuthete Wiedersehen kaum fassen.

Margaret Vanscheid, Frühjahr & Sommer im Spessart, PinterestEs waren Spielcameraden, die sich zufällig im grünen Spessart trafen. Die Väter hatten auch Freundschaft mit einander gehabt, die Söhne hatten zusammen Ball geschlagen, sich hundertmal des Tages gezankt und eben so oft versöhnt. Der junge Petrus war aber von jeher stiller und nachdenklicher gewesen als sein Gefährte, dem nichts im Kopfe sitzen blieb, als die Namen der Waffenstücke und des Reitzeugs. Endlich hatte Petrus dem Vater erklärt, er wolle gelahrt werden, und war gen Cöln gezogen, zu den Füßen des berühmten Albertus Magnus zu sitzen, der aller bekannten Wissenschaften Meister war, und von dem das Gerücht sagte, er sei auch in geheime Künste tief eingeweiht.

Eine geraume Zeit verfloß seitdem, in welchem Keiner etwas von dem Anderen hörte. Nachdem der erste Sturm der Freude sich jetzt gelegt hatte, und das Frühstück beseitigt worden war, fragte der Ritter den Schüler, wie es ihm denn gegangen sei?

Darauf, mein Freund, kann ich dir eine sehr kurze und müßte ich dir eine sehr lange Antwort geben, versetzte der Schüler. Eine kurze, wenn ich dir bloß die äußere Figur und Schaale meines zeitherigen Lebens vorzeichnen soll; eine lange, o eine unendlich lange, begehrst du, den inneren Kern aus dieser Schaale zu kosten!

Ei, Närrchen, rief der Ritter, was für schwere Reden führst du da! Gieb mir die Schaale und ein Stückchen vom Kern, wenn die ganze Nuß zu groß für eine Mahlzeit ist.

So wisse, erwiederte der Andere, daß mein sichtbares Leben zwischen engen Ufern rann. Ich wohnte in einem kleinen düsteren Gäßchen bei stillen Leuten, im Hinterhause. Mein Fenster ging auf den Garten hinaus, dessen Bäume und Stauden ihren ernsten Hintergrund von den Mauern des Tempelhauses erhielten. Ich hielt mich sehr einsam und für mich, knüpfte weder mit den Bürgern, noch mit den Schülern Umgang an. So ist es gekommen, daß ich von der großen Stadt nichts kennen gelernt habe, als die Straße von meinem Häuschen nach den Dominicanern, wo mein großer Meister lehrte.

Wenn ich nun in meine Klause zurückgekehrt war und die Mitternacht bei der Studirlampe herangewacht hatte, so blickte ich wohl aus dem Fenster, um die erhitzten Augen an dem dunkeln Sternenhimmel abzukühlen. Dann sah ich nicht selten in dem gegenüberliegenden Tempelhause Licht; bei dem Scheine rother Fackeln zogen die Ritter in ihren weißen Ordensmänteln wie Geister durch die Gallerien, verschwanden hinter den Pfeilern und kamen dann wieder zum Vorschein; im äußersten Eck des Flügels wurden vor den Fenstern Vorhänge niedergelassen, durch deren dünne Stellen aber ein wundersamer Schein drang, und hinter welchen sich Weisen vernehmen ließen, welche süß und schaurig wie verbotenes Gelüste durch die Nacht drangen.

So gingen meine Tage hin, unscheinbar von außen, innen aber ein glänzendes Fest aller Wunder. Albertus zeichnete mich bald vor den übrigen Schülern aus; nicht lange, so merkte ich, daß er gewisse Worte, die den Andern unbeachtet vorüberschlüpften, gegen mich mit einer besonderen Betonung zu wiederholen pflegte; Worte, die auf den geheimnißvollen Zusammenhang alles menschlichen Wissens und auf eine tief unten in dunkler Verschwiegenheit treibende gemeinsame Wurzel des großen Baumes hinwiesen, welcher da droben am Lichte seine gewaltigen Zweige als Grammatik, Dialectik, Redekunst, Zahlenlehre, Geometrie, Astronomie und Musik auseinanderlegte. – Sein Auge ruhte bei solchen Worten durchdringend auf mir, und meine Blicke ließen ihn erkennen, daß er eine tiefe Sehnsucht nach den letzten und größten Schätzen seines Geistes in mir entzündet hatte.

So kam es denn allgemach, daß ich der Vertraute seiner heimlichen Werkstatt und der Lehrling wurde, auf den er einen Theil seines Pfundes als kostbares Vermächtniß vererben wollte. – Es giebt nur ein Mark der Dinge, welches hier im Metall lastet und wieget, dort in der schwankenden Pflanze, im leichtsinnigen Vogel vom Urkern sich abzulösen ringt. Alles wandelt und verwandelt sich; Gott wirkt zwar in der Natur, aber die Natur wirkt auch für sich, und wer der rechten Kräfte Meister ist, der kann ihr eigenes und selbstständiges Leben hervorrufen, daß ihre sonst in Gott gebundenen Glieder sich zu ganz neuen Regungen entfalten. – Mein hoher Meister führte mich an sicherer Hand dem Brunnen zu, wo jenes Mark der Dinge quillt. Ich tauchte meinen Finger hinein, da wurden alle meine Sinne voll übermenschlichen Schauens. In der rußigen Schmelzküche saßen wir seitdem oft zusammen und schauten in die Gluthen des Ofens; er vorn auf niedrigem Schemel, ich hinter ihm kauernd, mich fest an ihn drückend und ihm die Kohlen oder die Erze darreichend, die er mit der Linken in den Tiegel warf, denn mit der Rechten hielt er mich liebreich gefaßt. Da wehrten sich die Metalle, die Salze und die Säuren prasselten, wie in einer festen Burg wollte sich der hohe König, der alle Welt regiert, inmitten scharfwinklichter Krystalle vertheidigen, zornig entbrannten die rothen, blauen und grünen Vasallen und streckten uns die glühenden Speere abwehrend entgegen, aber wir brachen die Werke und kämpften die Mannen danieder, und über Schlackentrümmer hinüber lieferte sich uns demüthig der glänzende Fürst aus. Das Gold an sich ist Nichts für den, der sein Herz nicht an Irdisches hängt, aber diese theuerste und köstlichste Gabe der Natur in Allem und Jedem, auch in dem Geringfügigsten und Unscheinbarsten zu erkennen, das gilt dem Weisen viel. Zu andern Stunden wiesen uns die Sterne ihre Kreise, die als Geschichte sich ablösten und zur Erde sanken, oder die innigen Verwandtschaften der Töne und der Zahlen wurden wach, und zeigten uns die Bündnisse, welche zu schildern kein Wort genügt, die sich vielmehr nur wieder in Zahl und Ton offenbaren. In allem diesem geheimen Wesen und Weben aber schwebte, daß es nicht wieder zu kalter klebriger Gestaltung gerinne, ewig verbindend und ewig lösend, sich in dem Hader nieverwelkender Jugendkraft in sich und an den Dingen entzweiend, das Große, Unergründliche; der dialectische Gedanke.

O selige, genügliche Zeit des erschlossenen Verstehens, des Wandelns durch die inneren Säle des Pallastes, an dessen metallener Pforte die Andern vergeblich anklopfen! Endlich – –

Margaret Vanscheid, Frühjahr & Sommer im Spessart, PinterestDer fahrende Schüler, dessen Lippen bei der Erzählung sich in einem dunkeln Rothe immer glühender gefärbt hatten, und dessen Augen von einem seltsamen Feuer blitzten, hielt hier, wie aus seiner Begeisterung plötzlich ernüchtert, inne. Der Ritter wartete vergeblich auf die Vollendung der Rede, dann sagte er zu seinem Freunde: Nun? Endlich –

Endlich, versetzte der Schüler mit einem gezwungen-gleichgültigen Tone, mußten wir uns doch trennen, wenn auch nur auf kurze Zeit. Mein hoher Meister schickt mich jetzt nach Regensburg, aus der Sakristei des Domes gewisse Schriften zu erbitten, die er als Bischof dort zurückgelassen hat. Ich bringe sie ihm und werde dann freilich meine Tage, wenn es angeht, bei ihm verleben.

Der junge Ritter tröpfelte den Rest des Weins in den Becher, sah hinein und trank den Wein bedächtiger als er früher gethan hatte. Du hast mir da wunderbare Sachen vertraut, hob er nach einigem Schweigen an, Sachen, in die ich mich nicht wohl zu finden weiß. Gottes Welt scheint mir so schön geputzt zu seyn, daß es mir kein Vergnügen machen würde, diese lieblichen Schleier abzustreifen, und, wie du sagst, in das Innere der Creatur zu schauen. Der Himmel blaut, die Sterne leuchten, der Wald rauscht, die Kräuterlein duften, und ist dieses Blauen, Leuchten, Rauschen und Duften nicht das Allerschönste, hinter welchem es kein Schöneres mehr giebt? Verzeihe mir; aber ich bin nicht neidisch auf deine geheime Wissenschaft. – Du Armer! Roth macht sie nicht, diese Wissenschaft. Deine Wangen sind ganz bleich und eingefallen.

Einem Jeden werden seine Pfade gewiesen, dem Einen dieser, dem Andern jener, versetzte der Schüler. Nicht der Sprung des Blutes macht das Leben aus; weiß ist der Marmor, und Marmorwände pflegen die Räume einzuschließen, in welchen Götterbilder aufgerichtet stehen. – Doch genug davon, und nun zu dir. Was hast du denn getrieben, seit wir uns nicht sahen?

Ach davon, rief der junge Ritter Konrad mit seiner ganzen Lustigkeit, ist wenig zu vermelden! Ich stieg zu Roß und stieg wieder herunter, fuhr an manchen guten Fürstenhöfen umher, verstach manchen Speer, gewann manchen Dank, misste manchen Dank, schaute in manches minniglichen Weibes Auge. Meinen Namen kann ich schreiben, meinen Degenknopf drücke ich daneben in Wachs ab, ein Lied kann ich reimen, wenn auch nicht so gut, wie Meister Gottfried von Straßburg. Schwertleite und Waffenwacht brachte ich hinter mich und empfing den Ritterschlag zu Forchheim, jetzt reite ich gen Maynz, wo der Kaiser das Turnier halten will, mich baß zu tummeln und des Lebens zu freuen.

Der Schüler sah nach dem Stande der Sonne und sagte: Es ist traurig, daß wir nach diesem herzlichen Treffen uns so bald wieder trennen sollen. Aber doch wird es, wenn wir unser Ziel heute zu erreichen wünschen, nothwendig seyn.

Komm mit gen Maynz! rief der Andere, indem er aufsprang und den Schüler in einer sonderbar gerührten Stimmung, die gleichwohl ein Lachen zuließ, ansah. Laß das finstere Regensburg und den Dom und die Sakristei; erheitere dein Antlitz unter fröhlichen Gesellen am runden Tisch in der Weinlaube und vor den Blumenfenstern lieblicher Mädchen, laß deine Ohren durch Flöten- und Schallmeienklang rein baden von den schauerlichen Vigilien der Tempelherren, die ja in der ganzen Christenheit für arge Ketzer und Baffometuspriester gelten. Komm mit gen Maynz, mein Petrus!

Die letzten Worte sprach er schon im Sattel. Er streckte dabei wie flehend seine Hand nach dem Freunde aus. Dieser wandte sich seitwärts ab und zog seinen Arm verweigernd zurück. Was fällt dir ein? rief er unwillig lächelnd. Ach, mein Konrad, hätte ich nicht vorher gesagt, daß Jedem seine Straße gewiesen sei, so würde ich dir zurufen: Kehre du um, du Leichtsinn, du Fahrlässiger! Die Jugend vergeht, der Scherz verklingt, das Lachen will eines Tages plötzlich nicht mehr gelingen, weil das Antlitz zu starr geworden ist, oder grinset widerwärtig aus welken Runzeln! Wehe dem, wessen Scheuren dann nicht voll, wessen Kammern nicht gerüstet sind! Ach! es muß etwas Trübes um so ein kahles, verarmtes Alter seyn, und das Sprichwort hat wohl Recht, welches sagt: Zu lustig am Morgen, schafft Abends Kummer und Sorgen. Wenn ich dich so ansehe, mein Jugendbruder, kann mir recht bange um dich werden, o wer weiß, wie verwandelt ich dich wieder treffe!

Der Ritter schüttelte dem ernsten Schüler herzlich die Hand und rief: Vielleicht bist du verwandelt, stoßen wir wieder auf einander, prunkst in Sammet und Seide, und thust’s uns Allen zuvor! – Er sprengte davon, und aus der Ferne hörte der Schüler ihn noch ein Lied singen, welches damals von Mund zu Munde ging und ungefähr so lautete;

Die schönste Rose, die da blüht,
Das ist der rosenfarbne Mund
Von wonniglichen Weiben;
Sie thut sich erst als Knospe kund,
In sich geschlossen, und bemüht,
So recht für sich zu bleiben!

Der Mai küßt alle Rosen wach,
Auf rosenfarbnen Mund der Kuß:
Die Lippe kommt zum Blühen;
Drum keine Lippe ohne Kuß,
Und jedem Kuß an seinem Tag
Der schönsten Lippen Glühen!

Margaret Vanscheid, Frühjahr & Sommer im Spessart, PinterestEin Schmetterling flog vor dem Schüler auf. Ist das Leben der meisten Menschen nicht dem Flattern dieses Falters zu vergleichen? sagte er. Bunt und leicht prunkt er dahin und doch sind seine Freuden so kurz und öde. Mit gewaltigen, großen Augen blickt er umher, aber die matten Spiegel empfinden nur eine leere Abwechselung von Licht und Schatten, nicht die volle Gestalt, die feste Farbe. – Der Wald sah ihn aus seinen grünen Tiefen mit unwiderstehlichem Blick an. Was thut’s, rief er, wenn mein geduldig Thier auf diesem Rasen eine Weile allein zurückbleibt! Es läuft mir nicht davon, ich spüre so eine innige Sehnsucht, ein Stündchen da hinein zu wandern, wie labend muß es da tief drinnen seyn!

Er schritt seitab von der Landstraße auf einem engen Pfade, der sich nach kurzem Gehen zwischen den hohen Stämmen zu Thale senkte, in den Wald, und war bald in einer völligen Einsamkeit, in der es um ihn her rauschte, flüsterte, schwirrte, und nur einzelne Sonnenlichter, grünlich gebrochen, wie Irrlichter ihn umspielten. Zuweilen war es ihm, als ob sein Name hinter ihm aus der Ferne gerufen werde, er wußte selbst nicht, der Ruf kam ihm widerwärtig und hassenswürdig vor, dann hielt er den Ton auch wohl wieder für eine Täuschung, aber er mochte dies oder das denken, fürbaß schritt er nur immer tiefer in den dunkeln Forst. Große knorrige Baumwurzeln lagen wie Schlangen quer über den Weg hin gespannt, daß der Schüler beinahe über sie gestolpert wäre, Hirschkäfer standen wie Edelwild im Moose. Aus kleinen Felsgrotten leuchtete der Pfittichglanz des Goldmooses. Der Schweiß stand ihm vor der Stirne, wie er so immer hastiger sich in das Dickicht hineinarbeitete und vor der lichten Sonnenwelt da draußen floh. Aber es war nicht bloß der Gang, der ihm heiß machte, auch sein Gemüth arbeitete unter der Last schwerer Erinnerungen. – Endlich kam er, nachdem ihm der Pfad längst unter den Füßen geschwunden war, auf einen schönen, glatten, dunkeln Platz unter mächtigen Eichen. Noch immer hörte er aus der Ferne seinen Namen rufen. Hier wird mich der rohe Laut von da draußen nicht mehr erreichen, sagte er, hier werde ich still geborgen seyn. Er sank an einem großen moosbedeckten Steine nieder, seine Brust wogte, er kämpfte mit einem gewaltigen Gelüste. Vergieb mir, hoher Meister, meinen Fürwitz, rief er; aber es giebt ein Wissen, dem die That folgen muß, sonst erdrückt es den Sterblichen! Hier, näher dem Herzen der großen Mutter, wo unter dem Sprießen und Wachsen schon vernehmlicher ihre Pulse klopfen, hier muß ich es aussprechen, das Zauberwort, welches ich von deinen schlafenden Lippen ablauschte, als du es im Traume sprachest; das Wort, auf dessen Ertönen die Creatur den Schleier hinwegwirft, die Kräfte sichtbar werden, die unter Rinde und Haut und im Kerne des Felsens arbeiten, und die Sprache des Vogels dem Ohre verständlich klingt.

Seine Lippen zuckten, das Wort zu sprechen, aber noch hielt er inne, denn vor sein Auge trat der kummervolle Blick, mit dem ihn sein großer Meister Albertus gebeten hatte, nach seinem Beispiele von der zufällig erlangten Kunde keinen Gebrauch zu machen, da schwere Dinge dem Menschen bevorständen, der mit Absicht das Zauberwort spräche.

Plötzlich jedoch rief er es, wie von dem Verbote und von der Furcht nur um so gewaltiger vorwärts gestoßen, laut in den Wald, indem er seine Rechte ausreckte.

Alsobald that es in ihm einen Schlag und einen Ruck, daß er meinte, der Blitzstrahl habe ihn getroffen. Seine Augen erblindeten, und es war ihm, als ob ihn ein reißender Wirbelwind im Kreise durch den unermeßlichen Raum schleudere. Als er entsetzt und schwindlicht mit den Händen umhergriff, fühlte er zwar den moosigen Stein, an dem er gestanden, und kam dadurch in seinem Innern wieder zur Erde zurück, aber nun geschah an ihm ein neues unheimliches Zeichen. Denn wie er vorher gleich einem Sandkorn durch das All geschleudert worden war, so kam es ihm nun vor, als ob sich sein Leib in das Unendliche ausdehne. Unter furchtbaren Schmerzen trieb die neue in ihm aufgewachte Kraft seine Gliedmaßen zu ungeheurer Größe, daß er meinte, er müsse an den Himmel rühren. Die Wände seines Hauptes und seiner Brust wurden tempelweit, in sein Ohr fielen Töne, fremd, zerreißend, himmlisch, und er sagte zu sich: Das ist der Gesang der Sterne in ihren goldenen Bahnen. Endlich machten die Schmerzen einer prickelnden Wollust Raum, in welcher er seinen Körper wieder zu gewöhnlichem Maaße zusammenschrumpfen fühlte, während die Riesengestalt wie eine äußere Schaale oder eine Art von Atmosphäre in luftigen Umrissen um ihn stehen blieb. Die Finsternisse wichen von seinen Augen, indem sich große, gelbglänzende Lichtflächen, wie bei dem Gefühle der Blendung, von den Aepfeln ablösten und in die Augenwinkel zogen, wo sie allmählig verschwanden.

Während er so wieder sehend wurde, sang ein feiner, süßstimmiger Chor um ihn her – er wußte nicht, waren es die Vögel allein, oder gaben auch Zweige, Stauden und Gräser ihren Beitrag? – ganz vernehmlich:

Wir dürfen’s ihm sagen,
Er muß es ertragen;
Gehört uns nun eigen,
Wird balde
Im Walde
Erkalten und schweigen.

In dem moosigen Felsblock murrte es leise aber hörbar, es war, als ob der Stein sich regen wollte und könnte es nicht, wie ein Scheintodter. Der Schüler blickte auf die Fläche des Steins, ach! da liefen die grünen und rothen Adern zu einem uralten Antlitz zusammen, welches ihn aus müden Augen so wehmüthig und hülfeflehend anschaute, daß er sich erschüttert abwandte und bei den Bäumen, Pflanzen und Vögeln Trost suchte.

Unter denen war auch Alles verwandelt. Wenn er auf das kleine braune Moos trat, so ächzte es und schrie über den unsanften Druck, und er sah, wie es die behaarten Händchen rang und die gelben oder grünen Häuptlein schüttelte. Die Stengel der Pflanzen und die Stämme der Bäume befanden sich in einer immerwährenden schraubenförmigen Bewegung, und zugleich ließ ihn die Rinde oder die äußere Haut in das Innere blicken, worin seine Geisterlein zartglänzende Tröpfchen in die Röhren schütteten. Dann stieg das klare Naß von Röhre zu Röhre, indem sich unaufhörlich Klappen öffneten und zuschlossen, bis es oben in den Haarröhrchen der Blätter zu einem grünen Dufte wurde. Leichte Verpuffungen und Feuer entzündeten sich nun in dem Geäder der Blätter; ein Aetherisches, Flammendes spieen unaufhörlich ihre fein-geschnittenen Lippen aus, während eben so unaufhörlich der schwerere Theil jener feurigen Erscheinungen in weichen Dampfwellen durch die Blätter hin und her schlich. In den blauen Glockenblumen, die auf dem feuchten Waldgrunde standen, war ein Klingen und Singen; sie trösteten mit einem schönen Liede das arme alte Antlitz im Stein und sagten, wenn sie nur vom Boden los könnten, so würden sie ihm herzlich gern die Erlösung bringen. Aus den Lüften blickten den Schüler sonderbare grüne, gelbe und rothe Zeichen an, die immer sich zum Bilde fügen wollten und dann wieder auseinanderbrachen, von allen Seiten kroch und schritt das Gewürm und Gekäfer an ihn heran und trug ihm verworrene Anliegen vor; der Eine wollte dies seyn, der Andere das, der Eine begehrte eine neue Flügeldecke, der Andere hatte sich den Rüssel abgebrochen; was in den Lüften zu schweben pflegte, bettelte um Sonnenschein, das Kriechende dagegen um die Feuchtigkeit. Dieses ganze Gesindel nannte ihn seinen Herrgott, so daß ihm fast wieder die Sinne zu schwanken begannen.

Auch bei den Vögeln war des Zwitscherns, Plapperns und Erzählens kein Ende. Ein Buntspecht kletterte an der Borke einer großen Eiche auf und nieder, hackte und pickte nach den Würmern und ward nicht müd’ zu schreien: Ich bin der Förster; ich muß für den Wald sorgen! – Der Zaunkönig sagte zum Finken: Es ist gar keine Freundschaft mehr unter uns; der Pfau will nicht leiden, daß auch ich ein Rad schlage, er meint, er habe allein das Recht dazu, und hat mich verklagt beim höchsten Gericht, und ich kann doch ein so schönes Rädlein schlagen mit meinem braunen Schwänzlein. – Der Fink versetzte: Laß mich zufrieden. Ich freß’ mein Korn und kümmere mich sonst um Nichts; ich hab’ ganz andere Sorgen, zu meinem Waldschlag lern’ ich die eigentlichen kunstmäßigen Weisen nur hinzu, wenn sie mich blenden; es ist aber schrecklich, daß aus Einem erst was Rechtes wird, wenn man so hart verstümmelt worden ist. – Von Diebstählen plauderten die Andern und von Mordthaten, die Niemand gesehen, als die Vögel:

Sie fliegen wohl über den Kreuzweg hin,
Schaut Keiner nach ihnen hin!

Margaret Vanscheid, Frühjahr & Sommer im Spessart, PinterestDann setzten sie sich auf den Zweigen straff zurecht, kuckten den Schüler spöttisch an und zwei freche Kohlmeisen riefen: Da steht der Zauberer und hört uns zu und weiß nicht, was mit ihm geschieht; nun, der wird Augen machen! – Der wird Augen machen! schrie der ganze Haufen und flog mit einem Gezwitscher davon, welches wie ein halbes Lachen klang.

Indem bekam der Schüler einen Wurf in das Gesicht, er blickte empor, da sah er ein ungeschliffenes Eichhorn, das hatte ihm die hohle Nuß auf die Stirne geworfen, lag platt auf seinem Aste auf dem Bauche, stierte ihm in’s Gesicht, und rief: Die hohle für dich, die volle für mich! – Ihr ungezogenes Gesindel, laßt den fremden Herrn doch zufrieden! rief eine schwarz und weiße Elster, die wackelnd durch das Gras herzugeschritten kam. Sie setzte sich dem Schüler auf die Schulter und sagte ihm in’s Ohr: Ihr müßt nicht uns Alle nach jenen unhöflichen Bestien beurtheilen, gelahrter Herr, es giebt auch unter uns wohlgezogene Leute. Da seht einmal durch die Oeffnung hindurch jenen weisen Mann, das Wildschwein, wie es ruhig steht und seine Eicheln verzehrt, und dabei im Stillen seine Gedanken hat. Herzlich gern will ich Euch Gesellschaft leisten und Euch erzählen, was ich nur weiß, das Reden ist mein Vergnügen, besonders mit alten Leuten.

Wenn das ist, so wirst du bei mir deine Rechnung nicht finden, ich bin noch jung, versetzte der Schüler.

Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können! rief die Elster und sah ganz gedankenvoll vor sich hin.

Indem war es dem Schüler, als höre er aus noch größerer Tiefe des Waldes ein Seufzen, dessen Ton ihm durch das Herz drang. Er fragte seine schwarz und weiß gesprenkelte Gesellschafterin nach der Ursache, die sagte ihm aber, sie wolle zwei Eidexen darum ausforschen, die dort ihr Morgenbrod äßen. Er ging nun mit der Elster auf der Schulter nach dem Orte, wo diese Thierchen sich befinden sollten. Da hatte er eine wunderhübsche Schau. Die beiden Eidexchen waren gewiß vornehme Fräulein, denn sie saßen unter einem großen Pilze, der wie ein prachtvolles Schirmzelt sein goldgelbes Dach über ihnen ausspannte. Dort saßen sie und schlürften mit den braunen Züngelchen den Thau vom Grase, dann wischten sie sich die Mäulchen an einem Hälmlein ab und gingen mit einander im anstoßenden Lusthain von Farrenkräutern spazieren, welcher vermuthlich der Einen zugehörte, die ihre Freundin bei sich zum Besuch hatte. Schack! Schack! rief die Elster; der Herr möchte gern wissen, wer geseufzt hat? Die Eidexchen hoben die Köpfchen empor, wedelten mit den Schwänzchen und riefen:

Prinzessin in der Laub’ am Bronnen,
Der Kanker hat sie eingesponnen.

Hm! Hm! sagte die Elster und wackelte mit dem Kopfe, daß man so vergeßlich seyn kann! Ja freilich, in der nahen Hainbuchenlaube schläft die schöne Prinzessin Doralice, die der böse König Kanker eingesponnen hat. O möchtet Ihr sie erretten, gelahrter Herr! – Den Schüler trieb das Herz, er fragte die Elster, wo die Laube sei? Der Vogel flog voran von Zweig zu Zweig, den Weg zu zeigen; so kamen sie an eine stille Wiese, rings eingeschlossen, durch welche ein Bächlein, aus einer Felsenspalte springend, floß, wo gar artige Läublein von Hainbuchen standen. Die Bäumchen hatten ihre Zweige zur Erde geschlagen, so daß sie den Boden wie ein Dach überwölbten, durch diese Dächer aber stachen die Fächerblätter des Farrenkrauts und schufen den Laubhäuslein die Lucken und Giebel. Die Elster sprang auf eins der Laubhäuslein, schaute durch eine Lucke und flüsterte geheimmßvoll: Hier schläft die Prinzessin. – Mit klopfendem Herzen trat der Schüler hinzu, kniete vor der Oeffnung der Laube nieder und blickte hinein – ach! da wurde ihm ein Anblick, der ihm Sinn und Seele in noch gewaltigeren Aufruhr jagte, als da er das Zauberwort aussprach. Auf dem Moose, welches wie ein Pfühl die schöne Last umquoll, ruhte die reizendste Jungfrau und schlummerte. Ihr Haupt lag etwas erhöht, den einen Arm hatte sie unter den Nacken geschoben, die weißen Finger leuchteten aus dem Goldbraun der Locken, welche in langen weichen Fluthen sich zärtlich um Hals und Busen schmiegten. Mit unsäglicher Wonne und Wehmuth schaute der Schüler in das herrliche Antlitz, auf den Purpur der Lippen, auf die Blüthe der Glieder, von denen ein verklärender Wiederschein auf das dunkele Mooslager fiel. Daß die Schläferin, wie von einem geheimen Drucke belastet, in süßer Angst zu athmen schien, machte sie in seinen Augen nur noch verlockender, er fühlte, daß sein Herz auf immerdar gefangen genommen sei, und nur an diesem Munde sein Lechzen stillen könne. Ist es nicht Schade, sagte die Elster, die durch die Lucke in die Laube gehüpft war, und sich der Schläferin auf den Arm setzte, daß eine so schöne Prinzessin sich hat müssen einspinnen lassen? – Wie? Einspinnen? fragte der Schüler; sie ruht ja, in ihren weißen Schleier gehüllt. O Thorheit! rief die Elster, ich sage, es sind Spinnweben und der König Kanker hat sie eingesponnen. – Wer ist der König Kanker?

Im menschlichen Zustande war er ein reicher Garnspinnerherr, versetzte die Elster, indem sie wohlgefällig mit dem Schwanze wippte. Er hatte seine Garnspinnerei nicht weit von hier, außer dem Walde, am Flüßchen, und an die hundert Arbeiter spannen unter ihm. Das Garn wuschen sie im Flüßchen. Darin wohnt aber der Nix, und der war ihnen schon lange bitterböse, weil sie mit der ekelhaften Wäsche seine klaren Fluthen trübten, und weil alle seine Kinder, die Schmerlen und die Forellen, von der Beize abstanden. Er wirrte das Garn untereinander, die Wellen mußten es über den Rand des Ufers schleudern, er trieb es abwärts in die Strudel, um den Spinnerherrn zu warnen, aber Alles war vergeblich. Endlich, am Johannistage, an welchem die Flußgeister Macht haben, zu schrecken und zu schaden, spritzte er der ganzen Garnwäscherzunft und ihrem Haupte, da sie eben wieder ihre Wäscherei recht frech und gewissenlos trieben, Feienwasser in das Antlitz, und, wie wilde und blutdürstige Menschen Währ-Wölfe und Währ-Kater werden können, so sind die Garner und ihr Haupt Währ-Kanker geworden. Sie liefen Alle vom Flüßchen zum Walde und hangen mit ihren Geweben überall an Bäumen und Sträuchen umher. Die Spinner sind gewöhnliche kleine Kanker geworden, fangen Fliegen und Mücken; ihr Herr aber hat fast seine frühere Größe behalten und heißt der Kanker-König. Er stellt den schönen Mädchen nach, umspinnt sie, betäubt sie mit seinem giftigen Dunste und saugt ihnen dann das Blut vom Herzen. Zuletzt hat er diese Prinzessin überwältigt, welche von ihrem Gefolge im Walde abgekommen war. Sieh dort – dort – dort regt er sich zwischen den Büschen.

Wirklich war es dem Schüler, als sehe er durch die Zweige gegenüber einen riesigen Spinnenleib schimmern, zwei haarige Füße, dick wie Menschenarme arbeiteten sich durch das Laub; eine entsetzliche Angst um die schöne Schläferin ergriff ihn, er wollte dem Ungeheuer entgegenstürzen. Umsonst! rief die Elster und schlug mit den Flügeln; alle verzauberte Menschen haben furchtbare Kräfte, das Ungethüm würde dich in der Umknotung ersticken, aber streue deiner Schönen Farrensaamen auf die Brust, der macht sie unsichtbar vor dem Kanker-König, und so lange nur ein Stäubchen davon liegt, dauert der Segen aus. Eiligst streifte der Schüler den braunen Staub von der unteren Fläche eines Farrenblattes ab und that, wie ihm der Vogel gesagt hatte. Indem er sich hiebei über die Schläferin beugte, rührte ihr Othem seine Wange. Verzückt rief er: Giebt es kein Mittel, dieses geliebte Bild zu befreien? Oh! schrie der Vogel und schoß wie toll in Zickzackflügen um den Schüler, wenn Ihr mich um so ein Mittel befragt, das giebt es wohl. Unser weiser Alter in der Kluft hat den Eibenbaum in Verwahr, wenn Ihr davon einen Zweig bekommt und mit demselben die Stirne der Schönen dreimal berührt, so weicht alle Fesselung von ihr,

Denn vor den Eiben
Die Zauber nicht bleiben;

sie wird in Eure Arme sinken und Euch, als ihrem Retter, angehören. In diesem Augenblicke war es, als ob die Schlafende die Reden des Vogels vernähme. Ihr schönes Gesicht wurde von einer zarten Röthe überzogen, ihre Züge nahmen den Ausdruck einer unendlichen Sehnsucht an. Führe mich zum weisen Alten! rief der Schüler halb von Sinnen.

Margaret Vanscheid, Frühjahr & Sommer im Spessart, PinterestDer Vogel sprang in die Büsche, der Schüler eilte ihm nach. Die Elster flatterte einen engen Felsenweg empor, der bald nur noch über Morast und wildumhergeworfene Steinblöcke gefährlich hinanleitete. Von Block zu Block mußte der Schüler klimmen, wollte er nicht im Sumpfe versinken. Seine Kniee zitterten, seine Brust keuchte, seine Schläfe bedeckte kalter Schweiß. Er rupfte in der Eile Blumen und Blätter ab und streute sie auf die Steine, damit er den Weg wiederfinden möchte. Endlich stand er auf bedeutender Höhe vor einem geräumigen Felsenportal, aus dessen dunkelem Schlunde ihm eine Eisluft entgegenstrich. Die Natur schien hier noch in der uralten Gährung zu seyn, so fürchterlich und zerrissen starrte das Gestein über, neben, vor der Höhle.

Hier wohnt unser Weiser! rief die Elster, indem sich ihre Federn vom Kopf bis zum Schweife sträubten und kraus’ten, so daß sie ein unheimliches und widerwärtiges Ansehen bekam. Ich will dich bei ihm anmelden und fragen, wie er über deinen Wunsch gesonnen ist? mit diesen Worten schlüpfte sie in die Kluft. Sie kam aber gleich wieder herausgesprungen und rief: Der Alte ist mürrisch und eigensinnig, er will nicht anders dir den Eibenzweig geben, als wenn du ihm alle Ritzen der Höhle verstopfest, denn er sagt, die Zugluft sei ihm empfindlich. Aber ehe du damit fertig wirst, kann manches Jahr vergehen. – Der Schüler raffte des Mooses und Krautes zusammen, so viel er fassen konnte, und ging nicht ohne Schauder in die Höhle. Drinnen sahen ihn von den Wänden Tropfsteinfratzen an, er wußte nicht, wohin er sein Auge vor den abscheulichen Gestalten retten sollte. Er wollte tiefer in den Felsgang dringen, da schnarchte es ihm aus der hintersten Ecke entgegen: Zurück! Störe mich nicht in meinen Forschungen, treibe da vorne dein Wesen! Er wollte entdecken, wer da spreche, sah aber nichts als ein Paar glührother Augen, die aus dem Dunkel leuchteten. Nun gab er sich an seine Arbeit, stopfte überall Moos und Kraut ein, wo er eine Spalte sah, durch welche ein Schimmer des Tageslichtes drang, aber das war ein schwieriges und, wie es schien, unendliches Werk. Denn, glaubte er mit einer Spalte fertig zu seyn und sich zu einer Anderen wenden zu können, so fiel das Eingestopfte wieder heraus und er mußte von vorn beginnen. Dazu schnarrte das Schnarchende im Hintergrunde der Höhle Töne und Laute ohne Sinn ab und ließ nur bisweilen verständliche Worte ausgehen, die so klangen, als ob es sich seiner tiefen Forschungen berühme.

Die Zeit schien dem Schüler im reißenden Fluge unter seiner verzweiflungsvollen Arbeit vorüber zu eilen. Tage, Wochen, Monate, Jahre kamen, so dünkte ihm, und schwanden, und dennoch spürte er weder Hunger noch Durst. Er glaubte sich dem Wahnwitze nahe und wiederholte sich still mit einer Art von rasender Leidenschaft die Jahreszahl und daß er am Tage Peter und Paul zu Walde gegangen sei, um nicht gar aus aller Zeit zu treten. Wie aus weiter Ferne sah ihn das Bild seiner geliebten Schlummernden an, er weinte vor Sehnsucht und Trauer und doch fühlte er keine Thräne über die Wangen rinnen. Auf einmal war es ihm, als sehe er eine bekannte Gestalt sich der Schläferin nähern, entzückt sie betrachten und sich dann wie zum Kusse über sie beugen. In diesem Augenblicke übermannten ihn Schmerz und Eifersucht, Alles um sich her vergessend stürzte er gegen den dunkeln Hintergrund der Höhle. Den Eibenzweig! rief er heftig. Da wächst er! antwortete das Glühende, Schnarchende, und zugleich fühlte er die Zweige eines Baumes in der Hand, der aus einer finsteren Spalte der Grotte emporstand. Er brach an einem Zweige, da that es ein Winseln um ihn her, das Glühende schnarchte stärker als jemals, die Höhle schwankte, schütterte, stürzte zusammen, Nacht wurde es vor den Augen des Schülers, und unwillkührlich rief es aus ihm hervor:

Vor den Eiben
Kein Zauber thut bleiben.

Als seine Augen wieder helle wurden, sah er sich um. Ein dürrer, sonderbar mißfarbiger Stecken lag in seiner Hand. Er stand zwischen Gestein, welches sich zu einer Kluft wölbte, die aber nicht eben mächtig war. In der Tiefe klangen schrillende, pfeifende Töne, wie sie die großen Eulen von sich zu geben pflegen. Die Gegend umher war wie verwandelt. Es war eine mäßige Anhöhe, kahl und ärmlich, mit unbedeutenden Steinen übersäet, zwischen denen auf der einen Seite nach der Tiefe zu durch feuchtes Erdreich der Weg hinableitete, den er heraufgekommen war. Von den großen Felsblöcken war keiner mehr zu erschauen. Ihn fror, obgleich die Sonne hoch am Himmel schien. Es bedünkte ihn, als habe sie denselben Stand, wie damals, als er ausgegangen war, den Zweig zu holen, der nun zum dürren Stecken in seiner Hand geworden war. Er ging den Pfad über die Steine hinab, das Wandern fiel ihm beschwerlich, er mußte sich auf den Stecken stützen, das Haupt hing auf die Brust hinab, er hörte seinen Othem, der mühsam aus ihr hervordrang. An einer schlüpfrichten Stelle des Pfades glitt er aus und mußte sich am Gebüsch halten. Dabei kam ihm seine Hand dicht vor das Auge, die sah grau und runzlicht aus. Herr Gott! rief er, von einem Schauder gepackt, bin ich denn so lange – –? Er wagte seinen eigenen Gedanken nicht auszusprechen. Nein, sagte er, sich gewaltsam beruhigend, es thut die kühle Waldluft, daß mich so friert, matt bin ich von der Anstrengung geworden, und das gebrochene fahlgrüne Licht, welches durch die Büsche fällt, giebt den Händen die seltsame Farbe. Er schritt weiter und sah auf den Steinen die wilden Blumen und Blätter liegen, welche er bei dem Hinaufklimmen dahin gestreut hatte, den Weg zu merken. Sie waren frisch, als seien sie eben hingelegt worden. Damit war ihm ein neues Räthsel gesetzt. Ein Köhler hockte seitwärts vom Wege im Gehölz und schnitt Aeste ab, den fragte er nach dem Tage. Ei Vater, versetzte der Köhler, seid Ihr ein so böser Christ, daß Ihr Apostelntag nicht kennt? Wir haben Peter und Paul, wo der Hirsch aus dem Wald ins Korn tritt. Ich will meinem Jungen da aus dem Maserast ein Spielwerk schneiden, sonst arbeit’ ich nicht an dem Tag, aber das ist zur Lust und Ergötzlichkeit, und die ist erlaubt, sagt der Caplan.

Ich bitte dich, Gesell, rief der Schüler, den das Grauen immer stärker durchrieselte, sag’ mir an, welche Jahrzahl schreibt Ihr in der Christenheit? Der Köhler, von dem auch die Feiertagswäsche den Ruß nicht hatte bringen mögen, hob sich mit seinen mächtigen Gliedern schwarz zwischen den grünen Büschen empor, und sprach nach einigem Besinnen die Jahreszahl aus. – O du mein Heiland! schrie der Schüler und stürzte, von seinem Stecken nicht gehalten, auf den Steinen zusammen. Dann schleuderte er den Stecken hinweg und kroch zitternd den Steinpfad hinab.

Verwundert trat der schwarze Köhler, den Maserast in der Hand, aus den Sträuchen auf die Steine, sah den Stecken liegen, bekreuzte sich und sprach: Der ist von der Eibe, die da droben wächst im Eulenstein, wo der Schuhu horstet. Sie sagen, sie schaffe den Zauber, und löse geschaffenen Zauber. Gott behüte uns! der Alte hatte böse Dinge auslaufen lassen. – Dann ging er in die Büsche zurück, seiner Hütte zu, um das Spielwerk für seinen Knaben zu schnitzen.

Unten auf der lustigen Waldwiese neben der Hainbuchenlaube, am klaren Wässerlein, welches dort seine Ränder zu einem breiten Becken auseinander gespült hatte, saßen der junge Ritter Konrad und die Schöne, welche er ohne magische Künste aus dem Schlummer geweckt hatte. Lieblich drängten sich rothe, blaue und gelbe Kelche aus den Gräsern um sie her, und das Paar blühte in Jugend und Schönheit, der Ritter in seinem bunten Schmuck, die Jungfrau in ihren silberglänzenden Schleiern, als die herrlichste Blume aus diesem Schmelz empor. Er hatte seinen Arm sanft um ihren Leib gelegt und sagte, ihr treu und zärtlich in das Auge sehend: Bei der Asche meiner lieben Mutter, und bei dem heiligen Zeichen auf dem Griffe dieses Schwerts, ich bin, der ich mich dir genannt habe, Herr meiner Schlösser und meiner Tage, und beschwöre dich nun, du holdseliges Wunder dieses Forstes, daß deine Lippen das Wort sprechen, welches mich auf ewig dir in den Besitz geben wird, den der Priester vor dem Altare weihen und segnen soll. –

Was für ein Wort begehrst du noch? sagte die Schöne leise, indem sie züchtig die Wimpern senkte. Hat nicht mein Auge, meine Wange, mein klopfender Busen Alles gesprochen? Minne ist eine gewaltige Königin; sie fährt daher unversehens und ergreift, den sie mag, ohne Widerstand zu dulden. Bringe mich, bevor der Tag sinkt, nach dem Kloster am Odenwald zur frommen Aebtissin, sie wird mich unter Schirm nehmen, dort will ich zwischen stillen Mauern harren, ob du kommen und mich heimführen willst. Sie wollte aufstehen, der junge Ritter hielt sie aber sanft zurück und sagte: Laß uns an diesem Platze, wo meine Seligkeit wie ein goldenes Mährchen emporsproßte, noch einige Augenblicke verweilen. Fürchte ich doch noch immer, daß du mir, gleich einer reizenden Waldnymphe verschwindest! Hilf mir, daß ich an dich glaube und an deine holde Sterblichkeit. Wie bist du hergekommen? Was war mit dir?

Ich war, versetzte die Schöne, heute Morgen zu Walde geflohen vor meinem Vormunde, dem Grafen Archimbald, dessen Absichten plötzlich, ich weiß nicht ob auf mich, oder auf meine Güter, bös und erschreckend hervorgetreten waren. Was hilft der Jugend und dem Weibe reiches Erbe? Es ist immerdar schutzlos und verlassen. Ich wollte mich zur Aebtissin flüchten, ich wollte den Kaiser in Maynz antreten, kaum wußte ich selbst, was ich wollte. So kam ich in diese grünen Baumhallen. Mein Herz war nicht auf den Helfer gerichtet, meine Gedanken haderten mit dem Himmel.

Margaret Vanscheid, Frühjahr & Sommer im Spessart, PinterestAuf einmal, wie ich diese Wiese schon vor mir liegen sah, war mir, als würde da drüben in den Büschen etwas gesprochen, worauf ich mich und Alles um mich her verwandelt fühlte. Ich kann dir das Wort, oder den Laut nicht beschreiben, mein Geliebter! Der Gesang der Nachtigall klingt heiser gegen seine Süßigkeit und das Rollen des Donners ist, mit ihm verglichen, nur ein schwaches Flüstern. Es war gewiß das Geheimste und Zwingendste, was es zwischen Himmel und Erde geben kann. Auch auf mich übte es eine unwiderstehliche Gewalt, da es in meinen fassungslosen Geist, in das Getümmel meiner Sinne fiel und kein Gedanke des Heils ihm in mir entgegentrat. Meine Augen schlossen sich und doch sah ich den Weg vor meinen Füßen, den die Füße, wie von unsichtbaren, weichen Händen gelenkt, wandeln mußten. Ich schlief und schlief doch nicht, es war ein unbeschreiblicher Zustand, in dem ich endlich unter jener Laube auf weichem Moose niedersank. Es sprach und sang Alles um mich her, in mir fühlte ich den Wogenschlag der jubelndsten Wonne, jeder Tropfen Blutes leuchtete und tanzte durch die Adern und doch saß mir im tiefsten Herzen das alleräußerste Grauen vor dieser Verfassung und die heißeste Bitte um Erweckung aus meinem Schlafe. Aber ich spürte, daß von dem Grauen nichts in mein Antlitz trat, wunderbarer Weise konnte ich mich selbst schauen und sah, daß meine Wangen von der Wonne lächelten, als würden mir himmlische Freudenlieder zugesungen. Immer weiter griff die Wonne in mein Herz, immer weiter drängte sie das Grauen zurück, eine furchtbare Angst befiel mich, daß dieses Pünctchen ganz aus mir getilgt und ich eitel Wonne werden würde.

In dieser Noth, und dem Verschwinden alles Bewußtseyns nahe, gelobte ich mich dem, der mich erwecken und befreien werde, zu eigen. Ich sah nun durch meine geschlossenen Augenlieder eine dunkele Gestalt sich über mich beugen. Das Antlitz war edel und groß, und doch fühlte ich einen tiefen Widerwillen gegen Diesen und es flog wie ein Schatten durch meine Empfindung, daß er es gewesen seyn möchte, der das verdammliche Wort gesprochen habe. Aber immer rief ich stumm in mir und doch laut für mich: Wenn er dich weckt und befreit, so mußt du ihm für diese überschwängliche Wohlthat angehören, denn du hast es gelobt. – Er hat mich nicht geweckt!

Ich, ich habe dich geweckt, mein theures Lieb, und nicht mit Zauberspruch und Segen, nein, mit heißem Kuß auf deine rothen Lippen! rief der junge Ritter entzückt und hielt die schöne Emma fest umschlungen. – Das sind wohl rechte Wunder im Spessart gewesen, die uns zusammengeführt haben. Ich hatte mich draußen am Heerweg von meinem geliebten Freunde Petrus getrennt nach seltsamen verfänglichen Gesprächen. Als ich einige hundert Schritte geritten war, überfiel mich noch einmal eine große Sorge um ihn, ich saß ab und wollte wiederholt ihm ans Herz legen, seine dunkelen Wege zu lassen und mit mir gen Maynz zu ziehen. Als ich mich wandte, sah ich ihn in den Wald schlüpfen. Ich rief seinen Namen, er aber hörte mich nicht. Die Sporen verhinderten mich am raschen Gehen; ich konnte ihm nur von Weitem folgen, doch ließ ich nicht ab, hinter ihm her zu rufen, was aber vergeblich blieb. Endlich verschwand mir sein schwarzer Mantel zwischen den Bäumen. Auch ich sah die schöne grüne Wiese schimmern und wollte mir den lichten Blumenschein besehen. So kam ich her, nachdem ich noch die Kreuz und Quer nach meinem Freunde gesucht hatte. Auch mich umgab es hier im Walde aus den Lüften wie ein Wühlen und Schwingen, das Gewürm war in einer Bewegung, die Vögel verführten ein so eigenes Flattern und Zirpen. – Weil ich aber an die helle gute Straße dachte, auf die ich den Petrus gern bringen wollte, so hat mir vermuthlich das Wesen nichts anhaben können. Als ich dich schlummernd fand, drang mir mit der Gewalt der süßesten Liebe ein ungeheures Mitleid um dich in das Herz, ich frohlockte und weinte doch Thränen, die heißesten, die je aus meinen munteren Augen gekommen. Ich glaube, daß mir vergönnt war, in den Winkel zu schauen, wo dir das Grauen wohnte. Schluchzend und lachend rief ich:

Die schönste Rose, die da blüht,
Das ist der rosenfarbne Mund
Von wonniglichen Weiben;
Am Kuß des Mai’n die Ros’ erglüht,
Es soll der schönste Rosenmund
Nicht ungeküsset bleiben!

und da boten meine Lippen in Gottes Namen den Deinen ihren Gruß…

Und die Fesseln fielen ab von mir, ich erwachte, und mein erster Blick traf in dein treues weinendes Auge, rief die schöne Emma. Ich dankte Gott, auf dessen Namen ich mich jetzt wieder besann, daß ich erlöset sei, und dann dankte ich ihm, daß du es gewesen, der mich befreiet habe, und nicht jener Dunkle.

Der junge Ritter war nachdenklich geworden. Ich fürchte, sagte er, alle diese geheimnißvollen Waldwunder stehen mit Petrus in Zusammenhang. Ich fürchte, daß ich an dem Tage, wo ich meine Liebe gewann, meinen Freund verloren habe. Wo mag er nur geblieben seyn?

Das Paar fuhr erschreckt auseinander, denn sie sahen in dem Wasser zu ihren Füßen zwischen ihren blühenden Häuptern ein eisgraues, greises abgespiegelt. Hier ist er, sagte ein zitternder, gebeugter, schneeweißer Alter, der hinter ihnen stand. Er trug den neuen, schwarzen Mantel des Schülers.

Ja, sagte der Alte mit schwacher, erloschener Stimme; ich bin dein Freund Petrus von Stetten. Ich stand schon lange hinter Euch und hörte Eure Reden, und die Geschicke sind klar geworden. Es ist noch der Peter- und Paulstag, an dem wir uns trafen und trennten draußen auf dem Heerwege, der kaum tausend Schritte weit von hier läuft und seit wir von einander gegangen sind, mag eine Stunde verstrichen seyn, denn der Schatten, den der Strauch da auf den Rasen wirft, ist nur um ein Geringes gewachsen. Wir waren vier und zwanzig Jahre alt vor dieser Stunde, du bist darin um sechszig Minuten, ich aber bin derweile um sechszig Jahre älter geworden. Ich habe vierundachtzig. – So sehen wir uns wieder; ich habe es freilich nicht gedacht.

Konrad und Emma waren aufgestanden. Sie schmiegte sich scheu an den Geliebten und sagte leise: Es ist ein armer Irrsinniger. – Nein, du schöne Emma, sagte der Alte, ich bin nicht irre. Dich habe ich geliebt, mein Zauber fiel auf dich, und ich hätte dich haben können, wäre es mir vergönnt gewesen, in Gottes Namen dir den rothen Mund zu küssen, was der einzige Segen ist, womit schöne Minne erweckt wird. Statt dessen mußte ich nach dem Eibenzweige gehen und dem Schuhu seine Klause vor Wind und Wetter verwahren helfen. Nun, wie es gekommen ist, so mußte es kommen. Er hat die Braut, und ich habe den Tod davon getragen.

Konrad hatte immerfort starr in das Gesicht des Alten gesehen, um durch die Runzeln und Falten hindurch ein früheres Lineament des Jugendfreundes zu entdecken. Endlich stammelte er: Ich beschwöre dich, Mensch, uns zu verkünden, wie diese Verwandlung hat zugehen können, damit uns nicht ein Schwindel faßt und zu schrecklichen Dingen treibt!

Wer Gott versucht und die Natur, über den stürzen Gesichte, an denen er rasch verwittert, antwortete der Alte. Dabei bleibt der Mensch, wenn er auch die Pflanzen wachsen sieht und die Reden der Vögel verstehen lernt, so einfältig wie zuvor, läßt sich von einer albernen Elster Fabeln von der Prinzessin und vom Kankerkönige aufbinden, und sieht Frauenschleier für Spinnweben an. Die Natur ist Hülle, kein Zauberwort streift sie von ihr ab, dich macht es nur zur grauen Fabel.

Er schlich langsam in die Waldgründe. Konrad wagte nicht, ihm zu folgen. Er leitete seine Emma aus dem Schatten der Bäume nach der heiteren Straße, wo das Licht in allen Farben um die Kronen der Stämme spielte.

Noch einige Zeit lang hörten die Wanderer im Spessart hinter Felsen und dichten Baumgruppen zuweilen mit einer hohlen und geisterhaften Stimme Reime sprechen, die dem Einen wie Unsinn, dem Anderen wie tiefe Weisheit klangen. Gingen sie dem Schalle nach, so fanden sie den Alten, der noch so wenige Jahre zählte, wie er, erloschenen Auges, die Hände auf die Kniee gestützt, starr in die Weite blickte und die Sprüche vor sich hinsagte, deren Keiner aufbehalten geblieben ist. Nicht lange aber, so wurden sie nicht mehr gehört, und auch den Leichnam des Alten fand man nicht.

Konrad freite seine Emma; sie gebar ihm schöne Kinder und er lebte bis zu späten Jahren mit ihr in großer Freude und Lust.

Rainer Lippert, Birne bei Eichenfürst, 27. Februar 2011, regional bedeutsamer Baum in Unterfranken

Bilder: Margaret Vanscheid: Pinnwand Frühjahr & Sommer im Spessart,
nicht genauer nachweisbar, aber ich nehme an, dass viel aus dem Eichhall dabei ist;
erstes und letztes: Rainer Lippert: Naturdenknal seit 1986 Birnbaum am Madenhausener Weg bei Hesselbach, Gemeinde Üchtelhausen, Landkreis Schweinfurt, Wildbirne (Pyrus pyraster), 100 bis 150 Jahre alt, Durchmesser der Krone: 13 Meter, Standort 50° 6′ 46.4“ N, 10° 19′ 0.07“ E, 50.112889°, 10.316686°, 24. Mai 2009:

Der Birnbaum steht außerhalb der Ortschaft am Rande eines Feldes. Der Stamm ist sehr kurz und befindet sich in gutem Zustand. In etwa einem Meter Höhe löst er sich in die Krone auf. Auf gleicher Höhe hat der Stamm auf einer Seite eine sehr große, runde Ausbuchtung, ein ungewöhnlicher Anblick. Die Krone ist sehr hochreichend und in gutem Zustand.

und Naturdenkmal Birne bei Eichenfürst, Gemeinde Marktheidenfeld, Landkreis Main-Spessart, möglicherweise eine Kultur-Birne (Pyrus communis), 150 bis 200 Jahre alt, Durchmesser der Krone: 17 Meter, Standort 49° 50′ 21.6“ N, 9° 34′ 11.3“ E, 49.839333°, 9.569817°, 27. Februar 2011, aus der Liste regional bedeutsamer Bäume in Unterfranken:

Der Birnbaum steht landschaftsprägend völlig frei auf einem Golfplatz. Von dem Baum aus sieht man weit ins Land hinein. Der Stammbereich ist von Rindenmulch umgeben. Die Birne befindet sich in einem guten Zustand und weist keinerlei Beeinträchtigungen auf. Der hochreichende Stamm hat mehrere knollenartige Ausbuchtungen. Die hoch angesetzte Krone löst sich in etwa fünf Meter Höhe in mehrere lange Äste auf, von denen einer fehlt.

Angemessene zwei Stunden Belohnungsmusik: Cat Power: Speaking for Trees: A Film by Mark Borthwick, 2004 — eine Echtzeit-Live-One-Woman-Show im Walde hinter West Kill Mountain, in der die auf allen Ebenen hinreißende Chan Marshall so lange barfüßigerweise alles herunterspielt, bis es wirklich reicht, die CD und die DVD voll sind und das Video zwiegeteilt werden muss, denn die Sonne wandert schnell:


Diese DVD ist ein Geschenk Gottes. Weil man Cat Power immer möglichst lange bei und um sich wissen will, als Bonus Track auch noch Willie Deadwilder aus: The Greatest, 2005. Fürs Bonusmaterial der Speaking for Trees spielte sie eine 18-Minuten Version:

Written by Wolf

29. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Vier letzte Dinge: Tod

In dürren Blättern säuselt der Wind

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile
und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

Ernst Kutzer, Postkarte Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten, gelaufen. Datiert und Poststempel 1914, GoethezeitportalSeriöse Bestandsaufnahmen der Vertonungen von Goethes Erlkönig von 1782 kommen regelmäßig auf etwas um 30 Versionen. Nicht alle davon sind sinnvoll als Tonaufnahme oder auch nur als Partitur aufzutreiben. Während sich die Kompositionen bis tief in die deutsche Romantik hinein gegenseitig überholen und geradezu überdecken, ist die Schaffenspause zwischen 1865 und der Postmoderne 1999 umso auffallender.

Zugegeben hat mich persönlich Goethes Original (das er bei Herder gelernt hat) nie sonderlich beeindruckt, später hat er ganz objektiv bessere gebracht: zu gewollt, zu fremd, erwartbare Pointe, und wenn man zu genau hinschaut, glatte Verharmlosung der Kindesmisshandlung mit Todesfolge, wenn nicht gar, bei boshafter Auslegung, Verherrlichung von Pädophilie.

Aus den e-musikalischen Vertonungen lässt mich allerdings der instrumentale Geigenmuckel von Heinrich Wilhelm Ernst offenen Mundes staunen, dass sowas schon mal ein Mensch gestemmt hat, auch wenn sich allein innerhalb YouTube überraschend viele Teufelsgeiger (und -geigerinnen!) finden, die sich wacker schlagen. Aus der Postmoderne mag ich Falkenstein aus Urdarbrunnen am liebsten: Die respektieren die Vorlage, ohne daran herumzumodernisieren, und kommen ohne Ausdruckstanz in Lack- und Lederbikinis aus. Alles, was sonst schon Schlagzeug verwendet, ist zur Not dem Gothic zuzuordnen und in der Affigkeit allenfalls graduell unterschiedlich.

Erlkönig Kinderfahrrad, 1. April 2015

  1. Corona Schröter: Erlkönig, 1782. Kevin bemerkt in seiner Hausarbeit Vertonungen des Erlkönigs sehr hellsichtig:

    Sie komponierte ein durchgängiges Strophenlied zu dem Text Goethes. Dabei hält sie die Melodie recht einfach, was man beispielsweise daran erkennt, dass der Ambitus mit einer Oktav und einer Sekund geringer ist als bei den übrigen Vertonungen. Der Hörer legt durch die einfache Melodie das Augenmerk vor allem auf den Text. Außerdem hält sich Schröter an den Rhythmus im „Erlkönig“ und schreibt ihr Lied im ungeraden Takt. Dies könnten Gründe dafür sein, dass Goethe das Werk gefallen hat.

    Kritisieren kann man, dass die Melodie zum Beispiel beim Tod des Jungen viel zu fröhlich klingt. Das Problem kommt dadurch zu Stande, dass das Lied ein Strophenlied ist und es so eine Einheitsmelodie für alle Strophen gibt.

  2. Andreas Romberg: Erlkönig, 1793.
  3. Johann Friedrich Reichardt: Erlkönig, 1794.

  4. Carl Friedrich Zelter: Erlkönig, 1797.

  5. Gottlob Bachmann: Erlkönig, 1798/1799.

  6. Friedrich Methfessel: Erlkönig, 1805.
  7. Bernhard Klein: Erlkönig, 1815/1816.
  8. Postkarte Wer reitet so spät durch Nacht und Wind. Mit Noten, Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen, ca. 1920, GoethezeitportalFranz Schubert: Erlkönig, Opus 1, Deutsch-Verzeichnis 328, 1815, Uraufführung 7. März 1821 in Wien.

    Das ist bis heute die bekannteste Vertonung geblieben. Goethe kannte sie. Er mochte sie nicht. — Erneut Kevin:

    Erst Franz Schubert löst sich vom Strophenlied und dem Rhythmus des Erlkönigs. Bei ihm steht nicht mehr länger der Text, sondern die Melodie im Vordergrund. Diese ist kunstvoll gestaltet, worauf der große Ambitus und zahlreiche Crescendi bzw. Decrescendi hinweisen. Schubert verfasst ein ausgedehntes Vorspiel, einige Zwischenspiele und ein, wenn auch kurzes, Nachspiel. Neben dem Tonartwechsel hat vor allem die Begleitung große Beachtung verdient. Die Singstimme wird ostinat mit Triolen begleitet, die erst beim Tod des Knaben verstummen. Das Trauermotiv kurz vor Ende verstärkt die Intention.

    Dietrich Fischer-Dieskau, Klavier: Gerald Moore, 1951:

  9. Carl Loewe: 3 Balladen, Opus 1, 1.: Erlkönig, 1824.

    Goethe kannte sie. Er mochte sie.

    ——— Carl Ludwig Schleich: Besonnte Vergangenheit, 1920,
    Kapitel 20: Erinnerungen an Richard Dehmel:

    Dehmel liebte die Musik über alles, und ich habe ihn oft erfreuen können mit dem Vortrag Löwescher Balladen, von denen der „Edward“ ihn oft zur hellen Begeisterung fortriß. Conrad Ansorge begleitete mich meisterhaft. Er stellte Löwes „Erlköni“«, wie so viele, weit über den Schuberts und behauptete, Schubert habe den dämonischen Trieb zur Knabenliebe, den Goethe gestalten wollte, gar nicht verstanden, ihm fehle das unheimlich Sadistische in der Musik, wie denn auch Schuberts „Ganymed“ aus dem gleichen Grunde völlig mißverstanden sei. Erst Hugo Wolf habe diese naive, griechische Dämonie des Jupiter richtig erfaßt und vertont. Was waren das schöne Abende im Hause seines späteren Schwiegervaters mit seiner sehr klugen und grundgütigen Gattin, die sonderbarerweise nie recht an den Stern Dehmels glauben wollte.

    Hans Hotter, Klavier: Gerald Moore, 1957:

  10. Max Eberwein: Erlkönig, 1826.
  11. Anselm Hüttenbrenner: Erlkönig-Walzer, 1829.

    Cyprien Katsaris:

  12. Louis Spohr: Erlkönig, Opus 154, Nummer 4, 1856.

    Einzige Bearbeitung für Klavier und Violine und in Viertel- statt Achteltakt, also getragener als alle anderen in Allegro non troppo.

    Die sechs Lieder op. 154 sind in dem Zeitraum April bis August 1856 in Kassel komponiert worden und in Louis Spohrs eigenem Werkverzeichnis mit der Nr. 260 notiert. Op. 154 ist Spohrs letztes Liederheft, bei dem er noch einmal „sein Instrument“, die Violine, wirkungsvoll als Soloinstrument einsetzt.

    Dietrich Fischer-Dieskau, Bariton; Hartmut Höll, Klavier; Dmitry Sitkowetsky, Violine:

  13. Heinrich Wilhelm Ernst: Caprice für Violine allein, Opus 26, ca. 1865.

    Transkription des Schubert-Liedes für Solo-Violine. Extrem schwierig zu spielen, weil tatsächlich jeder der vier vorhandenen Geigensaiten eine vollwertige Stimme zugeordnet ist: Man spielt quasi alleine ein Streichquartett.

    Hilary Hahn:


    Und als Zuckerl für die Notenleser unter uns: das Versprechen, dass man auch ohne so sportliche Fingerübungen ein erfülltes Musikleben führen kann:

  14. Hypnotic Grooves featuring Jo Van Nelsen: Der Erlkönig, aus: Rosebud: Songs of Goethe and Nietzsche, 1999:

  15. Forseti: Erlkönig, aus: Jenzig, 1999:

  16. Daniel Bill: Erlkönig, aus: Screaming in the Night, 2000:

  17. Achim Reichel: Erlkönig, aus: Wilder Wassermann, 2002:

  18. Scarecrow featuring Stefan „Das Ich“ Ackermann und Mike Oldfield: Tubular Bells, 1973, in: Erlkönig, 2003, aus: Outcry, 2002. Regie: Patrick v. Ollrath, Avantgarde Films 2004, 3. Platz auf der Visionale Frankfurt 2003.

    2003 lag es offenbar nahe, seinen Erlkönig als Ophelia-Figur zu gestalten, weil jedem noch The Ring von 2002 in den Knochen steckte. Die Hauptfigur Samara Morgan (Daveigh Chase, übrigens die Samantha aus Donnie Darko) trug die Haare ebenso derangiert übers Gesicht gekämmt, und der Psychohorror über den ganzen Film gilt als besonders wirkungsvoll (der aus dem Exorzist von 1973 auch, der wiederum — nächste Parallele — ebenfalls Tubular Bells von Mike Oldfield als Filmmusik verwendet). Als Regiedebüt für einen deutschen Kurzfilmer geht diese Version also klar. Seitdem hat er offenbar viel dazugelernt: Für seinen Alles wird gut ist die Liste von Auszeichnungen länger als die Inhaltsangabe und schließt eine Oscar-Nominierung 2016 als bester Kurzfilm ein.

  19. Rammstein: Dalai Lama, aus: Reise, Reise, 2004:

  20. Josh Ritter: The Oak Tree King, live auf dem Verbier Festival 2007:

  21. Falkenstein: Erlkönig, aus: Urdarbrunnen, 2008;

  22. Dracul: Erlkönig, aus: Follow Me, 2009:

  23. Leichenwetter: Erlkönig, aus: Legende, 2010:

  24. Hope Lies Within: Der Erlkönig, 2012:

    Auch in englischer Version:

  25. Maybebop: Erlkönig, 2013. A-cappella-Version über Schubert:

  26. Minotaurus: Erlkönig, eHrlebnisfilm 2013.

  27. The Band D: Erlkönig, Live-Performance für SNEAKY BLACK Turntable Stories, November 2016:

Wer reitet so spät pp.:

  1. Ernst Kutzer: Postkarte Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten, gelaufen. Datiert und Poststempel 1914;
  2. Postkarte Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Mit Noten, Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen, ca. 1920,

via Jutta Assel/Georg Jäger: Goethe-Motive auf Postkarten und in der bildenden Kunst. Eine Dokumentation, April 2016.

Erlkönig extreme bike Logo, 1. April 2015

Der Knabe lebt, das Pferd ist tot: Erlkönig Kinderfahrrad, gestreetarted in München, 1. April 2015.

Written by Wolf

28. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

In dich hoff ich ganz festiklich

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Update zur Bach-Passionen-Sammlung Zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist!:

Schaut die Mutter voller Schmerzen,
wie sie mit zerrißnem Herzen
unterm Kreuz des Sohnes steht:
Ach! wie bangt ihr Herz, wie bricht es,
da das Schwerdt des Weltgerichtes
tief durch ihre Seele geht!

Anonym: Stabat mater, ca. 1180–1306, Anfang,
Übersetzung: Christoph Martin Wieland, 1779.

Zum schwersten aller Feiertage muss ich doch endlich die Hausmadonnen feierlich unters Volk werfen, die ich kurz nach Mariä Lichtmess, also am Zweiten eines verflossenen Februars zu Nürnberg eingefangen hab. Da war mir nicht klar, dass die schon ziemlich flächendeckend dokumentiert sind. Nächstes Mal geh ich halt mehr auf die Details, die sind stellenweise richtig vogelwild.

Die Bilder sind frühmorgens gemacht, so früh es eben im Februar schon so hell wird, kurz bevor ich zu meinen Eltern, lang sollen sie leben, Richtung Lauf weiter musste, und sind allesamt um den Obstmarkt herum einsehbar. Der Text stammt ebenfalls aus Nürnberg und aus der gleichen Zeit wie die Mariä. Die Musik ist nicht fränkisch, von den Aufführenden und dem Aufführungsort her allenfalls französisch, ansonsten genuin italienisch und schon neuzeitlich, aber gerade karfreitags ein Trost für Christ und Jud und Heid.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016

——— Hans Sachs:

Das liet Maria zart

verendert und cristlich corrigirt.

1524.

1.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu zart, götlicher art,
ein ros on alle doren,
Du hast aus macht herwider bracht
das vor lang was verloren
Durch Adams fal; dir wart die wal
von got vatter versprochen;
auf das nit würt gerochen
mein sünt und schult, erwarbstu hult;
wan kein trost ist, wa du nit bist
barmherzikeit erwerben;
wer dich nit hat und dein genat,
der muß ewiklich sterben.

2.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste milt, du hast gestilt
der altvätter verlangen,
Die jar und tag in we und klag
die vorhell het umfangen,
Senlicher not ruften: „o got,
zureiß des himels pfarten
und send uns, des wir warten,
den messiem, der uns abnem
die senlich pein.“ das ist durch dein
vilfaltig blutverreren
ganz abgestelt, darum dich zelt
all welt Cristum den heren.

3.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu rein, du bist allein
der sünder trost auf erden;
Darum dich hat der ewig rat
erwelet, mensch zu werden;
Uns all zu heil darum urteil,
am jüngsten tag wirst richten,
die dir glauben, mit nichten.
o werte frucht, all mein zuflucht
han ich zu dir; ich glaub, hast mir
erworben ewig leben;
in dich hoff ich ganz festiklich,
weil du mir gnad tust geben.

4.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste groß, du edle ros,
gütig an allen enden,
Wie gar gütlich, her, hast du mich
wider zu dir lan wenden
Mit deinem wort! mein sel leit mort
bei den falschen profeten,
die mich verfüret heten:
auf mancherlei ir gleisnerei,
auf werk ich hoft und meinet oft,
genad mir zu erwerben;
verliße dich; o her! nit rich
mein unwissent verderben.

5.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu fein, dein wort gibt schein,
licht, klar als der karfunkel.
Es hilft aus pein den armen dein,
die sitzen in der dunkel;
Kein ru noch rast haben sie fast
wol in der menschen lere;
reich in dein wort, mit gere
hilf in darvan auf rechte ban
und sie selb tröst, seit du erlöst
hast alle welt gemeine,
das sie in dich hoffen einig,
nit in ir werk unreine.

6.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste wert, so dein wort kert
von mir und sich derscheite,
So kum zu mir, beschütz mich schir,
auf das mich nit verleite
Die menschenler, die gleißet ser,
wer kan ir list erkennen?
sie tut sich heilig nennen,
ist doch entwicht und lebet nicht;
allein dein wort, das ist der hort,
darin das leben iste;
da speis mich mit (entzeuch mirs nit!)
zu ewiklicher friste!

7.

O Jesu Crist, war got du bist;
in dir ist kein gebrechen.
Es ist kein man, der mag und kan
dein glori groß aussprechen;
Dein hohes lob schwebt ewig ob,
dir ist als übergeben
was ie gewan das leben,
all creatur. o könig pur,
wens darzu kumt, das mein mut stumt,
leiblich den tot muß leiden,
dan hilf du mir, das ich mit gir
in deim wort müg abscheiden.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016

Giovanni Battista Pergolesi: Stabat mater, Konzert in f-Moll mit Philippe Jaroussky, Countertenor, und Emöke Barath, Sopran, Kammerorchester Orfeo 55 unter Nathalie Stutzmann, Chapelle de la Trinité, Château de Fontainebleau, April 2014:

Written by Wolf

14. April 2017 at 00:01

I’m half-sick of shadows

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Update zu Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt:

The Lady of Shalott von Lord Alfred Tennyson, 1. Baron Tennyson wurde schon lange nicht mehr ordentlich übersetzt. Dabei ließ sich die deutschsprachige Reproduktion zuerst so lebhaft an; unter anderem gibt es:

Empfohlen wird natürlich die erste, die von Freiligrath, die auch in recht leserlich gestochener Fraktur daherkommt.

Persönlich greifen mir Geschichten von Mädchen und viel zu schönen Frauen, die sich zu Tode singen, ganz unverhältnismäßig ans Herze, das ist eine körperliche Reaktion bei mir, fast noch sicherer und heftiger als das Orpheus-Eurydike-Thema, weil es persönlicher und damit unmittelbarer wirkt. Das geht so, seit ich zu früh im Leben A Fight to the Finish 1947 mit Oskar Supermaus gesehen hab, Paradebeispiel ist die Antonie aus dem Rat Krespel 1818 von E.T.A. Hoffmann, die Jacques Offenbach sangeswirksam als dritten Akt von Hoffmanns Erzählungen 1881 ausgebaut hat. In der schlimmen Heimatschnulze Das Donkosakenlied 1956 ist es ein kleiner Junge, der das Singen nicht lassen kann, und in Noch einmal mit Gefühl 2001 ist gleich eine ganze Stadt vom Totsingen bedroht, da waltet aber um die Vampirjägerin Buffy und ihre von Dämonen Mitverfolgten wenigstens die nötige Selbstironie. — Wenn jemand noch was weiß? Die Kommentarfunktion ist immer offen.

Seltsamerweise hab ich auf die Lady of Shalott nie so angesprochen, obwohl da eine Vorläuferin der Ophelia sich sehenden Auges malerisch in ein Boot legt und darin singend auf ein Schloss zutreibt, in dem sie als Leiche ankommen wird. Schieben wir es darauf, dass man dieses ausgebaute Genre der Lady of the Lake immer nicht als die faszinierend schillernde Elaine kennenlernt, sondern als einschläfernden Loop über 11:34 Minuten von einer Meditations-CD fürs Zahnarztwartezimmer.

Zur Interpretation abseits des Wikipedia-Artikels: Die Besonderheiten am Shalott’schen Topos sind, dass die Lady 1. nicht weiß, worin eigentlich ihr Fluch besteht, 2. Bilder webt, die sie indirekt in einem Spiegel sieht, und 3. bereitwillig für ihre erste Liebe auf den ersten Blick, die gleich ihre große ist, stirbt. Schuld und Sühne sind also definiert wie bei Kafka: in höchst willkürlicher Weise überhaupt nicht — und das von einer fadenscheinigen, rächenden Instanz, „Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ (Faust). Aus feministischer Sicht ist das reichlich fragwürdig, aus einfach nur menschlicher Sicht nicht minder: Eine namenlose Edelfrau darf ihren Elfenbeinturm weder mit ihrer Erkenntnis noch gar mit ihren unbefugten Füßen (siehe den Bonus Track unten) überschreiten, und wenn der wunder-schöne, stolze Ritter kommt, darf sie ihm gerade noch hinterherreisen und ihr letztes Lied dabei singen. Gnade vor dem ritterlichen Hof findet sie nicht für ihre künstlerischen oder hausfraulichen Leistungen oder auch nur für ihre Hingabe, sondern ausdrücklich für ihr hübsches Gesicht. Wer sich als Feminist*in versteht, darf an dieser Stelle einige berechtigte Einwände erheben, sich dabei nur nicht so anstellen wie die ewige Gothic Lolita Emilie Autumn in ihrer Kontrafaktur Shalott 2006 auf Opheliac. Klar, dass diese Auffassung aus dem Frühmittelalter stammt — weil sie nämlich als Nebenstrang der Artus-Sage aus dem Frühmittelalter stammt.

Daher ist es gar nicht so schlimm, wenn ich hier nur Tennysons zwei Fassungen in parallele Übersicht setzen kann. Ich hätte lieber noch eine dritte Spalte mit dem gedichtnahen Schlagertext von Loreena McKennitt dazugequetscht, aber ich hab dieses enge WordPress-Theme nicht gebaut. McKennitt darf erst darunter, was künstlerisch nicht ganz unpassend erscheint.

Tennysons Gedicht bleibt eine der schönsten Balladen überhaupt, die einen Spannungsbogen mit Handlungsauflösung verwenden, und eine Empfehlung für das englische Lesepublikum, in dem Gedichte so cantabile marschieren und trotzdem klassisch werden dürfen.

John William Waterhouse, The Lady of Shalott, 1888

——— Lord Alfred Tennyson:

The Lady of Shalott

1833 edition:

***

1842 edition:

***

Part the First.

*

Part I.

*

On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky.
And thro‘ the field the road runs by
               To manytowered Camelot.
The yellowleavèd waterlily,
The greensheathèd daffodilly,
Tremble in the water chilly,
               Round about Shalott.

*

On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky;
And thro‘ the field the road runs by
               To many-tower’d Camelot;
And up and down the people go,
Gazing where the lilies blow
Round an island there below,
               The island of Shalott.

*

Willows whiten, aspens shiver,
The sunbeam-showers break and quiver
In the stream that runneth ever
By the island in the river,
               Flowing down to Camelot.
Four gray walls and four gray towers
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

*

Willows whiten, aspens quiver,
Little breezes dusk and shiver
Thro‘ the wave that runs for ever
By the island in the river
               Flowing down to Camelot.
Four gray walls, and four gray towers,
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

*

Underneath the bearded barley,
The reaper, reaping late and early,
Hears her ever chanting cheerly,
Like an angel, singing clearly,
               O’er the stream of Camelot.
Piling the sheaves in furrows airy,
Beneath the moon, the reaper weary
Listening whispers, „‚tis the fairy
               Lady of Shalott.“

*

By the margin, willow-veil’d
Slide the heavy barges trail’d
By slow horses; and unhail’d
The shallop flitteth silken-sail’d
               Skimming down to Camelot:
But who hath seen her wave her hand?
Or at the casement seen her stand?
Or is she known in all the land,
               The Lady of Shalott?

*

The little isle is all inrailed
With a rose-fence, and overtrailed
With roses: by the marge unhailed
The shallop flitteth silkensailed,
               Skimming down to Camelot.
A pearlgarland winds her head:
She leaneth on a velvet bed,
Full royally apparellèd
               The Lady of Shalott.

*

Only reapers, reaping early
In among the bearded barley,
Hear a song that echoes cheerly
From the river winding clearly,
               Down to tower’d Camelot.
And by the moon the reaper weary,
Piling sheaves in uplands airy,
Listening, whispers „‚Tis the fairy
               Lady of Shalott.“

*

Part the Second.

*

Part II.

*

No time hath she to sport and play:
A charmèd web she weaves alway.
A curse is on her, if she stay
Her weaving, either night or day,
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be;
Therefore she weaveth steadily,
Therefore no other care hath she,
               The Lady of Shalott.

*

There she weaves by night and day
A magic web with colours gay.
She has heard a whisper say,
A curse is on her if she stay
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be,
And so she weaveth steadily,
And little other care hath she,
               The Lady of Shalott.

*

She lives with little joy or fear.
Over the water, running near,
The sheepbell tinkles in her ear.
Before her hangs a mirror clear,
               Reflecting towered Camelot.
And, as the mazy web she whirls,
She sees the surly village-churls,
And the red cloaks of market-girls,
               Pass onward from Shalott.

*

And moving thro‘ a mirror clear
That hangs before her all the year,
Shadows of the world appear.
There she sees the highway near
               Winding down to Camelot:
There the river eddy whirls,
And there the surly village-churls,
And the red cloaks of market girls,
               Pass onward from Shalott.

*

Sometimes a troop of damsels glad,
An abbot on an ambling pad,
Sometimes a curly shepherd lad,
Or longhaired page, in crimson clad,
               Goes by to towered Camelot.
And sometimes thro‘ the mirror blue,
The knights come riding, two and two.
She hath no loyal knight and true
               The Lady of Shalott.

*

Sometimes a troop of damsels glad,
An abbot on an ambling pad,
Sometimes a curly shepherd-lad,
Or long-hair’d page in crimson clad,
               Goes by to tower’d Camelot;
And sometimes thro‘ the mirror blue
The knights come riding two and two:
She hath no loyal knight and true,
               The Lady of Shalott.

*

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights:
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and lights
               And music, came from Camelot.
Or, when the moon was overhead,
Came two young lovers, lately wed:
„I am half-sick of shadows,“ said
               The Lady of Shalott.

*

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights,
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and lights
               And music, went to Camelot:
Or when the moon was overhead,
Came two young lovers lately wed;
„I am half-sick of shadows,“ said
               The Lady of Shalott.

*

Part the Third.

*

Part III.

*

A bowshot from her bower-eaves.
He rode between the barleysheaves:
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves
               Of bold Sir Launcelot.
A redcross knight for ever kneeled
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

*

A bow-shot from her bower-eaves,
He rode between the barley-sheaves,
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves
               Of bold Sir Lancelot.
A redcross knight for ever kneel’d
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

*

The gemmy bridle glittered free,
Like to some branch of stars we see
Hung in the golden galaxy.
The bridle-bells rang merrily,
               As he rode down from Camelot.
And, from his blazoned baldric slung,
A mighty silver bugle hung,
And, as he rode, his armour rung,
               Beside remote Shalott.

*

The gemmy bridle glitter’d free,
Like to some branch of stars we see
Hung in the golden Galaxy.
The bridle-bells rang merrily
               As he rode down to Camelot:
And from his blazon’d baldric slung
A mighty silver bugle hung,
And as he rode his armour rung,
               Beside remote Shalott.

*

All in the blue unclouded weather,
Thickjewelled shone the saddle-leather.
The helmet, and the helmet-feather
Burned like one burning flame together,
               As he rode down from Camelot.
As often thro‘ the purple night,
Below the starry clusters bright,
Some bearded meteor, trailing light,
               Moves over green Shalott.

*

All in the blue unclouded weather
Thick-jewell’d shone the saddle-leather,
The helmet and the helmet-feather
Burn’d like one burning flame together,
               As he rode down to Camelot.
As often thro‘ the purple night,
Below the starry clusters bright,
Some bearded meteor, trailing light,
               Moves over still Shalott.

*

His broad clear brow in sunlight glowed.
On burnished hooves his warhorse trode.
From underneath his helmet flowed
His coalblack curls, as on he rode,
               As he rode down from Camelot.
From the bank, and from the river,
He flashed into the crystal mirror,
„Tirra lirra, tirra lirra,“
               Sang Sir Launcelot.

*

His broad clear brow in sunlight glow’d;
On burnish’d hooves his war-horse trode;
From underneath his helmet flow’d
His coal-black curls as on he rode,
               As he rode down to Camelot.
From the bank and from the river
He flash’d into the crystal mirror,
„Tirra lirra,“ by the river
               Sang Sir Lancelot.

*

She left the web: she left the loom:
She made three paces thro‘ the room:
She saw the waterflower bloom:
She saw the helmet and the plume:
               She looked down to Camelot.
Out flew the web, and floated wide,
The mirror cracked from side to side,
‚The curse is come upon me,“ cried
               The Lady of Shalott.

*

She left the web, she left the loom,
She made three paces thro‘ the room,
She saw the water-lily bloom,
She saw the helmet and the plume:
               She look’d down to Camelot.
Out flew the web and floated wide;
The mirror crack’d from side to side;
„The curse is come upon me,“ cried
               The Lady of Shalott.

*

Part the Fourth.

*

Part IV.

*

In the stormy eastwind straining
The pale-yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining,
Heavily the low sky raining
               Over towered Camelot:
Outside the isle a shallow boat
Beneath a willow lay afloat,
Below the carven stern she wrote,
               THE LADY OF SHALOTT.

*

In the stormy east-wind straining,
The pale-yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining,
Heavily the low sky raining
               Over tower’d Camelot;
Down she came and found a boat
Beneath a willow left afloat,
And round about the prow she wrote
               The Lady of Shalott.

*

A cloudwhite crown of pearl she dight.
All raimented in snowy white
That loosely flew, (her zone in sight,
Clasped with one blinding diamond bright,)
               Her wide eyes fixed on Camelot,
Though the squally eastwind keenly
Blew, with folded arms serenely
By the water stood the queenly
               Lady of Shalott.

*

 

With a steady, stony glance—
Like some bold seer in a trance,
Beholding all his own mischance,
Mute, with a glassy countenance—
               She looked down to Camelot.
It was the closing of the day,
She loosed the chain, and down she lay,
The broad stream bore her far away,
               The Lady of Shalott.

*

And down the river’s dim expanse—
Like some bold seër in a trance,
Seeing all his own mischance—
With a glassy countenance
               Did she look to Camelot.
And at the closing of the day
She loosed the chain, and down she lay;
The broad stream bore her far away,
               The Lady of Shalott.

*

As when to sailors while they roam,
By creeks and outfalls far from home,
Rising and dropping with the foam,
From dying swans wild warblings come,
               Blown shoreward; so to Camelot
Still as the boathead wound along
The willowy hills and fields among,
They heard her chanting her deathsong,
               The Lady of Shalott.

*

Lying, robed in snowy white
That loosely flew to left and right—
The leaves upon her falling light—
Thro‘ the noises of the night
               She floated down to Camelot:
And as the boat-head wound along
The willowy hills and fields among,
They heard her singing her last song,
               The Lady of Shalott.

*

A longdrawn carol, mournful, holy,
She chanted loudly, chanted lowly,
Till her eyes were darkened wholly,
And her smooth face sharpened slowly
               Turned to towered Camelot:
For ere she reached upon the tide
The first house by the waterside,
Singing in her song she died,
               The Lady of Shalott.

*

Heard a carol, mournful, holy,
Chanted loudly, chanted lowly,
Till her blood was frozen slowly,
And her eyes were darken’d wholly,
               Turn’d to tower’d Camelot;
For ere she reach’d upon the tide
The first house by the water-side,
Singing in her song she died,
               The Lady of Shalott.

*

Under tower and balcony,
By gardenwall and gallery,
A pale, pale corpse she floated by,
Deadcold, between the houses high,
               Dead into towered Camelot.
Knight and burgher, lord and dame,
To the plankèd wharfage came:
Below the stern they read her name,
               „The Lady of Shalott.“

*

Under tower and balcony,
By garden-wall and gallery,
A gleaming shape she floated by,
A corse between the houses high,
               Silent into Camelot.
Out upon the wharfs they came,
Knight and burgher, lord and dame,
And round the prow they read her name,
               The Lady of Shalott.

*

They crossed themselves, their stars they blest,
Knight, minstrel, abbot, squire and guest.
There lay a parchment on her breast,
That puzzled more than all the rest,
               The wellfed wits at Camelot.
„The web was woven curiously
The charm is broken utterly,
Draw near and fear not – this is I,
               The Lady of Shalott.
Who is this? and what is here?
And in the lighted palace near
Died the sound of royal cheer;
And they cross’d themselves for fear,
               All the knights at Camelot:
But Lancelot mused a little space;
He said, „She has a lovely face;
God in his mercy lend her grace,
               The Lady of Shalott.“

William Maw Egley, The Lady of Shalott, 1858

——— Loreena McKennitt:

The Lady of Shalott

from: The Visit, 1991.
Lyrics by Alfred Lord Tennyson adapted by Loreena McKennitt, music by Loreena McKennit:

William Holman Hunt, The Lady of Shalott, 1905On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky;
And thro‘ the field the road run by
               To many-towered Camelot;
And up and down the people go,
Gazing where the lilies blow
Round an island there below,
               The island of Shalott.

Willows whiten, aspens quiver,
Little breezes disk and shiver
Thro‘ the wave that runs for ever
By the island in the river
               Flowing down to Camelot.
Four grey walls, and four grey towers,
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

Only reapers, reaping early,
In among the beared barley
Hear a song that echoes cheerly
From the river winding clearly,
               Down to tower’d Camelot;
And by the moon the reaper weary,
Piling sheaves in uplands airy,
Listing, whispers „‚tis the fairy
               The Lady of Shalott.“

There she weaves by night and day
A magic web with colours gay.
She has heard a whisper say,
A curse is on her if she stay
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be,
And so she weaveth steadily,
And little other care hath she,
               The Lady of Shalott.

And moving through a mirror clear
That hangs before her all the year,
Shadows of the world appear.
There she sees the highway near
               Winding down to Camelot;
And sometimes thro‘ the mirror blue
The Knights come riding two and two.
She hath no loyal Knight and true,
               The Lady of Shalott.

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights,
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and with lights
               And music, went to Camelot;
Or when the Moon was overhead,
Came two young lovers lately wed.
„I am, half sick of shadow,“ she said,
               The Lady of Shalott.

A bow-shot from her bower-eaves,
He rode between the barley sheaves,
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves,
               Of bold Sir Lancelot.
A red-cross knight for ever kneel’d
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

William Edward Frank Britten, The Lady of Shalott, 1901His broad clear brow in sunlight glow’d;
On burnish’d hooves his war-horse trode;
From underneath his helmet flow’d
His coal-black curls as on he rode,
               As he rode down to Camelot.
And from the bank and from the river
He flashed into the crystal mirror,
„Tirra lirra,“ by the river
               Sang Sir Lancelot.

She left the web, she left the loom,
She made three paces thro‘ the room,
She saw the water-lily bloom,
She saw the helmet and the plume,
          She look’d down to Camelot.
Out flew the web and floated wide;
The mirror crack’d from side to side;
„The curse is come upon me,“ cried
          The Lady of Shalott.

In the stormy east-wind straining,
The pale yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining.
Heavily the low sky raining
          Over tower’d Camelot;
Down she cam and found a boat
Beneath a willow left afloat,
And round the prow she wrote
          The Lady of Shalott.

Down the river’s dim expanse
Like some bold seer in a trance,
Seeing all his own mischance —
With a glassy countenance
          She looked to Camelot.
And at the closing of the day
She loosed the chain, and shown she lay;
The broad stream bore her far away,
          The Lady of Shalott.

Heard a carol, mournful, holy,
Chanted loudly, chanted slowly,
Till her blood was frozen slowly,
And her eyes were darkened wholly,
          Turn’d to tower’d Camelot.
For ere she reach’d upon the tide
The first house by the water-side,
Singing in her song she died,
          The Lady of Shalott.

Under tower and balcony,
By garden-wall and gallery,
A gleaming shape she floated by,
Dead-pale between the houses high,
               Silent into Camelot.
And out upon the wharfs they came,
Knight and Burgher, Lord and Dame,
And round the prow they read her name,
               The Lady of Shalott.

Who is this? And what is here?
And in the lighted palace near
Died the sound of royal cheer;
They crossed themselves for fear,
               The Knights at Camelot;
But Lancelot mused a little space
He said, „she has a lovely face;
God in his mercy lend her grace,
               The Lady of Shalott.

                         But who hath seen her wave her hand?
                         Or at the casement seen her stand?
                         Or is she known in all the land,
                         The Lady of Shalott?

Ladies of Shalott: 2 webende, 2 schippernde, 2 Querformate, 2 Hochformate, 4 von Malern namens William = 4 Bilder, die 4 deutschen Übersetzungen des 19. Jahrhunderts entsprechen:

  1. John William Waterhouse: The Lady of Shalott, 1888;
  2. William Maw Egley: The Lady of Shalott, 1858;
  3. William Holman Hunt: The Lady of Shalott, 1905;
  4. William Edward Frank Britten: The Early Poems of Alfred, Lord Tennyson, Edited with a Critical Introduction, Commentaries and Notes, together with the Various Readings, a Transcript of the Poems Temporarily and Finally Suppressed and a Bibliography by John Churton Collins. With ten illustrations in Photogravure by W. E. F. Britten. Methuen & Co. 36 Essex Street W. C. London, 1901,

alle via Jones’s Celtic Enyclopedia: Elaine of Astolat/The Lady of Shalott.

Bonus Track: Teilrezitation des Revolving Doors Theatre als Trailer für Pelleas & The Lady of Shalott in den Arthurian plays im Blue Elephant Theatre in Camberwell, London, 20. November bis 8. Dezember 2007:

Written by Wolf

1. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

2. Katzvent: „Ich mag euch nicht“, wird die Katze denken

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

„Auf die Idee der sprechenden Katze war Liam Gillick nach monatelangen Vorbereitungen in seiner eigenen Küche gekommen, wo er von der Katze seines Sohnes umschlichen und bei der Arbeit gestört wurde“, berichtet Kater Paul. Gut, auf die Idee kann man draufkommen, so als Katze.

Leider überliefern weder ihr Mitarbeiter Herr Gillick noch „die Küchenkatze“ selbst den Namen der Künstlerin. Ihre eigentliche Kunst bestand wohl hauptsächlich darin, mit dem mit Zeitungspapier gestopften Maul zu sprechen. Entfernen, was sie unter normalen Umständen als erstes getan hätte, konnte sie ihre Maulsperre nicht, weil sie leider schon ausgestopft war.

Eine süße Miezekatze, die sprechen kann, oben auf dem Küchenschrank mit einem süßen roten Halsband, und dann noch als Installation von einem süßen Engländer, der als erster nicht-deutscher Muttersprachler den Deutschen Pavillon eröffnen darf! Und dann lassen sie die Leute ratlos in ihren aseptischen Spanplattenreihen herumtapsen und machen nichts aus ihrer selbst gebauten Steilvorlage des Cat Contents.

Das war nicht auf britische Weise schwarzhumorig. Das war morbid. Bei Ikea ist’s lustiger. Schade, da wäre mehr drin gewesen.

Liam Gillick’s How Are You Going To Behave. A Kitchen Cat Speaks for the German Pavillion, Giardini, Venice Biennale, 2009, via Your Studio, Modern Treasures from the Venice Biennale, June 9th, 2009

——— Liam Gillick:

Wie würden Sie sich verhalten? Eine Küchenkatze spricht

How are you going to behave? A kitchen cat speaks,
Installation im Deutschen Pavillon der Biennale di Venezia 53, Internazionale d’Art, Venedig, 2009,
Übersetzung via Deutscher Pavillon, 10. Oktober 2009 bis 10. Januar 2010:

Es wird eine sprechende Katze geben. Alle Menschen des Ortes werden sehr stolz auf ihre sprechende Katze sein.

Die Menschen werden täglich kommen um zu hören, was sie zu sagen hat.

Sie wird sehr zynisch sein, aber nicht bösartig.

Sie wird alles sehen und alles verstehen.

Nach einer Weile werden die Leute nur am Wochenende kommen oder auf dem Heimweg von der Arbeit oder der Schule vorbeischauen.

In ruhigen Zeiten werden sie kommen und der Katze aus der Zeitung vorlesen oder im Internet surfen und gute Geschichten über das Weltgeschehen, die von Interesse sein könnten, auftreiben.

Eines Morgens wird es regnen.

Die Dinge in der Welt werden sehr ruhig gewesen sein und die Katze wird nichts zu sagen haben. Man könnte sogar denken, sie sei leicht depressiv.

Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen werden kommen, um die Katze auf ihrem Weg zur Schule zu besuchen. Diese Art von Dingen wird die Katze nervös machen.

Sie wird raffiniert sein, aber ihre Gefühle durch Bewegungen ihres Schwanzes verraten. Die Katze wird ein gewisses Maß an ordnung verlangen. Sie wird das als „natürliche Ordnung“ bezeichnen – etwas, das davon ausgeht, dass man den Menschen vertrauen kann, dass sie das Richtige tun.

Und die Katze auf dem Weg zur Schule zu besuchen wird nicht immer das Richtige sein, denn es wird bedeuten, dass die Kinder zu spät kommen werden.

Wie wir jedoch herausfinden werden, wird die Katze leicht depressiv sein, da sie unter Langeweile leidet und auch unter ihrer Rolle als einzig sprechender Katze auf der ganzen Welt.

Die Katze wird wissen wollen, was los ist.

Nur durch das Füttern mit Information wird sie weise, interessant oder sogar witzig sein. Aber an diesem Tage wird sie keine neuen Geschichten parat haben.

Sie wird hoffen, dass die Kinder Google News oder sogar Le Monde Diplomatique lesen und ihr überraschend agiles Gehirn füttern.

Aber die Kinder werden nur im Gang herumstehen. Sie werden ein wenig Angst vor der sprechenden Katze haben.

Irgendetwas an ihr wird sie nervös machen.

Irgendetwas tief in ihrer Psyche wird wissen, dass da etwas Böses in dem Gebäude ist.

Aber sie werden es mögen, wenn die Katze hustet.

Sie werden es süß finden, wenn die Katze lacht.

Aber wenn sie weint, werden sie tagelang Albträume haben – schlimme Albträume, die sie nicht werden kontrollieren können und die zu den schlimmsten Zeitpunkten auftreten.

Albträume, die sie aufwecken werden und sie an Maschinen in der Wüste denken lassen, die schreckliche Dinge tun.

Daher werden die Kinder nur im Gang herumstehen.

Unbeweglich.

Und die Katze wird oben auf den Küchenschränken sitzen bleiben.

Die Katze wird nicht sprechen.

Die Kinder werden nicht sprechen.

Die Katze wird in der Küche sein und die Kinder werden in der Küche sein.

Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, wird die Katze husten und ihren Kopf bewegen.

Sie wird sprechen, aber anders als andere Katzen wird sie nicht mehr lächeln.

„Na, was macht ihr da?“

Wird die Katze sagen.

Sie wird ein paar Tage lang nicht gesprochen haben, und wann immer das passiert, wird sie ihren Akzent und ihre Klarheit verloren haben, und sie wird beginnen, mit einem Katzenakzent zu sprechen.

Die Kinder werden so etwas hören wie

„Naaa, waaas maaacht eeeer daaar?“

Sie werden näher herankommen. In der Hoffnung, klarer zu verstehen.

„Was hat sie gesagt?“ Wird das Mädchen zu dem Jungen sagen.

„Etwas von Wasser und Gefahr“, wird der Junge sagen.

„Ich glaube nicht.“ Wird das Mädchen sagen.

Die Katze wird versuchen zu lächeln, aber sie wird das Gesicht nur zu einer hässlichen Grimasse verziehen.

„Ich mag sie nicht“, wird der Junge sagen.

„Ich mag sie nicht“, wird das Mädchen sagen.

„Ich mag euch nicht“, wird die Katze denken.

„Bitte kommt und erzählt mir was“, wird die Katze sagen.

Der Junge und das Mädchen werden noch näher kommen.

Sie werden neugierig sein, wie sich das Fell der Katze anfühlt und herausfinden wollen, ob sie gerne gestreichelt wird. Wenn sie einmal anfängt zu sprechen, werden die Leute sie eher respektieren als lieben.

Aber sie werden auch aufhören, die Katze anzufassen.

Es wird einen Zeitpunkt gegeben haben, als die Leute sie anfassten, liebten und mit ihr spielten.

Aber jetzt wollen alle ihre Meinung hören zur Geschichte totalitärer Architektur oder zur Kreditrestriktion im Zusammenhang gescheiterter Modelle von Globalisierung.

An diesem Morgen, nach all dem Regen und der leichten Depression wird die Katze spüren, wie ihr Katzensein zurückkehrt.

Sie wird jemanden haben wollen, der ihr vorliest, aber mehr noch, sie wird wollen, dass diese beiden Kinder mit ihr spielen.

Der Junge wird dem Mädchen seine Hand reichen.

Sie wird seine Hand in ihre nehmen.

Sie werden ganz langsam auf die Katze zulaufen.

„Guten Morgen, sprechende Katze“, wird das Mädchen sagen, denn es ist sehr mutig in komplizerten sozialen Situationen.

„Morgen“, wird die Katze sagen und sich bemühen, ihre Stimme zurückzugewinnen und so deutlich wie ein Mensch zu sprechen.

„Wenn es euch nicht zu viel ausmacht“, wird die Katze sagen, „könntet ihr mich über das Weltgeschehen auf dem Laufenden halten. Ich würde mich freuen, wenn ihr ein paar News Aggregatoren für mich im Internet durchseht.“

Die Kinder werden verwirrt aussehen. Sie werden nicht wissen, was ein News Aggregator ist.

Diese Katze wird mit der Zeit ein wenig prätentiös geworden sein.

„Wir hatten gehofft, du würdest uns was erzählen“, wird der Junge sagen.

„Wir haben heute schulfrei“, wird das Mädchen lügen.

Der Junge wird nervös schauen.

Die Katze wird klug sein und die Schulzeiten kennen.

Die Katze wird wissen, dass die Schule in fünf Minuten anfängt und die Kinder auf jeden Fall zu spät kommen werden.

Aber ausgerechnet heute wird es ihr nichts ausmachen.

Es wird sie nicht kümmern, dass die Kinder ihren Unterricht oder ihre große Pause verpassen.

Es wird sie nicht kümmern, dass sie das Mittagessen oder die freie Zeit in der Bücherei verpassen.

Alles, was ihr wichtig ist, ist, dass jemand hier ist an einem dunklen Tag in einem dunklen Gebäude.

Sie wird schniefen.

Der Atem der Kinder wird nahe sein.

Sie wird gelernt haben, dass die Menschen wissen, dass Katzen ihren Atem stehlen.

Die Katze wird gelernt haben, dass das Blödsinn ist.

Es sind Gebäude wie dieses, die den Menschen den Atem stehlen.

Wie auch immer. Was ist schon dabei, sich für eine Weile den Atmen eines Kindes auszuleihen?

Alles, was Katzen wissen, ist, dass er süß riecht und voller Intelligenz ist, Güte und Spaß.

Sie wird einen tiefen verstohlenen Zug aus dem Atem der Kinder nehmen und während sie taumeln und in Ohnmacht fallen, davonschweben und träumen, wird sie beginnen, ihnen eine wahre Geschichte über die Weisheit einer Küchenkatze zu erzählen…

Liam Gillick's Wie würden Sie sich verhalten. Eine Küchenkatze spricht. How are you going to behave. A kitchen cat speaks, 2009. Installation view in the German Pavilion at La Biennale di Venezia 53, Internazionale d'Art, Venice, 2009. Photo courtesy the artist, via Walker Art Center, 9 Artists. Bartholomew Ryan on Liam Gillick, Walker Art Center, 24. Juni 2014

Fachliteratur: Liam Gillick: Der Katalog bei Sternberg Press, einsehbar bei les presses du réel, 2009;
Simon Bond: Was tun mit toten Katzen?, Rowohlt, 1982.

Bilder: Liam Gillick’s ‚How Are You Going To Behave? A Kitchen Cat Speaks‘ for the German Pavillion, Giardini, Venice Biennale, 2009, via Your Studio: Modern Treasures from the Venice Biennale, 9. Juni 2009;
Liam Gillick’s Wie würden Sie sich verhalten? Eine Küchenkatze spricht (How are you going to behave? A kitchen cat speaks) 2009. Installation view in the German Pavilion at La Biennale di Venezia 53, Internazionale d’Art, Venice, 2009. Photo courtesy the artist, via Walker Art Center: 9 Artists: Bartholomew Ryan on Liam Gillick, 24. Juni 2014.

Als Bonus Track eins von den kinderfreundlichen Liedern, die bei Neunziger-Retrospektiven dauernd übergangen werden, aber das musikvisuelle Schaffen der Neunziger recht gut zusammenfassen: Ugly Kid Joe: Cat’s in the Cradle aus: America’s Least Wanted, 1992:

Written by Wolf

9. Dezember 2016 at 00:01

Vincent’s favorite author

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Best moment in Vincent is when Vincent Price says: „You’re not Vincent Price.“

——— Tim Burton:

Vincent

1982:

Vincent Malloy is seven years old,
He’s always polite and does what he’s told.
For a boy his age he’s considerate and nice,
But he wants to be just like Vincent Price.
He doesn’t mind living with his sister, dog and cat,
Though he’d rather share a home with spiders and bats.
There he could reflect on the horrors he’s invented,
And wander dark hallways alone and tormented.
Vincent is nice when his aunt comes to see him,
But imagines dipping her in wax for his wax museum.
He likes to experiment on his dog Abercrombie,
In the hopes of creating a horrible zombie.
So he and his horrible zombie dog,
Could go searching for victims in the London fog.
His thoughts aren’t only of ghoulish crime,
He likes to paint and read to pass the time.
While other kids read books like Go Jane Go,
Vincent’s favorite author is Edgar Allen Poe.
One night while reading a gruesome tale,
He read a passage that made him turn pale.
Such horrible news he could not survive,
For his beautiful wife had been buried alive.
He dug out her grave to make sure she was dead,
Unaware that her grave was his mother’s flower bed.
His mother sent Vincent off to his room,
He knew he’d been banished to the tower of doom.
Where he was sentenced to spend the rest of his life,
Alone with a portrait of his beautiful wife.
While alone and insane, encased in his tomb,
Vincent’s mother suddenly burst into the room.
„If you want to you can go outside and play.
It’s sunny outside and a beautiful day.“
Vincent tried to talk, but he just couldn’t speak,
The years of isolation had made him quite weak.
So he took out some paper, and scrawled with a pen,
„I am possessed by this house, and can never leave it again.“
His mother said, „You’re not possessed, and you’re not almost dead.
These games that you play are all in your head.
You’re not Vincent Price, you’re Vincent Malloy.
You’re not tormented or insane, you’re just a young boy.“
„You’re seven years old, and you’re my son,
I want you to get outside and have some real fun.“
Her anger now spent, she walked out through the hall,
While Vincent backed slowly against the wall.
The room started to sway, to shiver and creak.
His horrid insanity had reached its peak.
He saw Abercrombie his zombie slave,
And heard his wife call from beyond the grave.
She spoke from her coffin, and made ghoulish demands.
While through cracking walls reached skeleton hands.
Every horror in his life that had crept through his dreams,
Swept his mad laugh to terrified screams.
To escape the madness, he reached for the door,
But fell limp and lifeless down on the floor.
His voice was soft and very slow,
As he quoted The Raven from Edgar Allen Poe,
„And my soul from out that shadow that lies floating on the floor,
Shall be lifted—nevermore!“

——— Tim Burton:

Vincent

1982:

Vincent Malloy ist sieben Jahre alt,
Ein höflicher Junge, der tut was man sagt.
Man lobt sein Benehmen und rühmt seinen Fleiß,
Doch am liebsten wär er wie Vincent Price.
Mit Schwester, Hund und Katzen zu leben macht ihm nichts aus,
Doch lieber lebt er zusammen mit Spinne und Fledermaus.
Ungestört könnt er dann neue Monster entdecken,
Und wandeln in dunklen Gängen und finstren Ecken.
Zu seiner Tante ist Vincent immer sehr nett,
Doch im Geist taucht er sie in Wachs, für sein Figurenkabinett.
Er experimentiert mit seinem Hund Abercrombie,
In der Hoffnung, ihm gelänge ein furchtbarer Zombie.
So manches Opfer müsste erbleichen,
Sähe es beide durch Londons Nebel schleichen.
Er hat jedoch nicht nur Schauriges im Sinn,
manche Stunde sieht man beim Malen und Lesen ihn.
Andere Kinder macht man mit Märchen froh,
Doch Vincent bevorzugt Geschichten von Edgar Allan Poe.
Eines Nachts hat er wieder eine Gruselgeschichte gelesen
und ist dann vor Schrecken ganz blass gewesen:
Was er da las, konnt er unmöglich ertragen,
Denn man hatte seine schöne Frau lebendig begraben.
Vielleicht konnt er sie retten, noch war nichts zu spät,
Er merkte es nicht, ihr Grab war Mutters Blumenbeet.
Die Mutter bestrafte ihn mit Hausarrest,
Und Vincent wusste, er saß im Turm der Verdammnis fest.
Für den Rest seines Lebens im Verlies,
Mit dem Bild seiner Frau ihn alleine ließ.
Vor Qual und Gram verlor er fast den Verstand,
Als Vincents Mutter plötzlich im Zimmer stand.
Sie sagte: „Wenn du willst, kannst du zum Spielen rausgehn,
Die Sonne scheint, der Tag ist wunderschön.“
Vincent wollte sprechen, doch er war zu geschwächt,
Nach den Jahren der Haft ging es ihm wirklich schlecht.
Er fand einen Zettel und nahm einen Stift,
„Dies Haus hält mich gefangen“, schrieb er in krakliger Schrift.
Seine Mutter sagte: „Du bist nicht gefangen und stumm warst du nie,
All diese Spiele sind nur Fantasie.
Du bist nicht Vincent Price, wer hat dir das erzählt?
Du bist Vincent Malloy, und du wirst nicht gequält.
Du bist sieben Jahre alt, und du bist mein Sohn,
Geh raus und amüsier dich, die andern warten schon.“
Sie war nicht mehr böse und ließ ihn allein,
Doch das sollte Vincents Untergang sein.
Denn plötzlich bebte und schwankte das Zimmer,
Sein schrecklicher Wahn, der wurd immer schlimmer!
Ihm erschien sein Zombiehund Abercrombie,
Derweil seine Frau aus dem Grab nach ihm schrie.
Sie schrie aus dem Jenseits, und aus krachenden Wänden
Griff man nach Vincent mit Knochenhänden!
Jeder Schrecken, den er in seinen Träumen erdacht,
Suchte ihn heim mit aller Macht.
Er griff nach der Tür, um dem Wahn zu entkommen,
Doch fiel er zu Boden, kraftlos und benommen.
Und mit sterbender Stimme zitiert dort der Knabe,
Aus Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe“:
„Doch vom Boden erheben wird sich aus dem Schatten schwer,
Meine Seele — nimmermehr.“

Image via Odd Film Stills, 2014.

Tim Burton, Vincent, 1982, opening credit

Written by Wolf

1. November 2016 at 01:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

And all I got’s a pocketful of flowers on my grave

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Update zu The Raven und der Rabe,
was übrig blieb von grünem leben und
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

EJN jglichs hat seine zeit / Vnd alles fürnemen vnter dem Himel hat seine stund. Geborn werden / Sterben / Pflantzen / Ausrotten das gepflantzt ist / Würgen / Heilen / Brechen / Bawen Weinen / Lachen / Klagen / Tantzen Stein zestrewen / Stein samlen / Hertzen / Fernen von hertzen Suchen / Verlieren / Behalten /Wegwerffen / Zureissen / Zuneen / Schweigen / Reden / Lieben / Hassen / Streit / Fried / hat seine zeit. MAN erbeit wie man wil / So kan man nicht mehr ausrichten / Wenn das stündlin nicht da ist / so richt man nichts aus / man thu wie man wil / Wens nicht sein sol / so wird nichts draus.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993, VerlagswerbungDu bist ein Schatten am Tage,
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Wo ich mein Zelt aufschlage,
Da wohnst du bei mir dicht;
Du bist mein Schatten am Tage,
Und in der Nacht mein Licht.

Wo ich auch nach dir frage,
Find‘ ich von dir Bericht,
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Du bist ein Schatten am Tage,
Doch in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Annemarie „Barfuß“ Srb, * 20. April 1962, † 8. Oktober 1993,
am Samstag, 14. oder 21. August 1993, im Erlanger Schlossgarten.

Annemarie hat mir viel gezeigt. Das fängt mit ihrer unsäglich verkrakelten Handschrift an und hört mit der Demo-Kassette von Fiddler’s Green 1991 noch lange nicht auf.

Fiddler’s Green leben noch und sind aus Erlangen, wo Annemarie in der mittlerweile erloschenen Buchhandlung Theodor Krische Wissenschaftliche Buchhändlerin war und ich studiert hab. Nebenbei hat sich Annemarie als Photomodell für die Kurse an der Erlanger Volkshochschule verdingt. Ein Model war mal Fan von mir, eigentlich kann ich beruhigt sterben. In dem Tag, an dem wir uns 30 Stunden Zeit füreinander nahmen, wollten wir alles unterbringen, was wir wollten. Ich wollte ihr das Buch überreichen, das ich ihr geschrieben hatte, sie als Lesende portraitieren und hinterher feste einen heben. Etwas wesentlich anderes wollte sie auch nicht.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993Zur Lesenden hab ich ihr nicht das Buch von mir, sondern meine einbändige englische Poe-Ausgabe in die Hand gedrückt. Erst war sie nach vielen Jahren wieder hin und weg, wie gut The Raven überhaupt ist, dann fiel uns ein, dass unlängst Fiddler’s Green auf ihrer ersten CD — 1993 einem noch recht frischen Medium — das letzte Gedicht von Poe, die Annabel Lee vertont hatten. Mit verhunztem Text, damit er auf die Melodie passt, aber wer auf seinem ersten Auftritt am Heiligabend von null auf hundert den Nürnberger Kunstverein dermaßen rocken kann, hat sogar Poe gegenüber ein paar Freiheiten gut.

Die Demo-Kassette der Fiddlers war uns in exklusiver Weise frühzeitig bekannt geworden, weil die damalige Musikszene der Metropolregion Nürnberg praktisch geschlossen in Erlangen studierte und bei Annemarie Stammkundschaft war (wie ich ja behaupte, dass J.B.O. ihr „Nilschwein„, verwendet seit 1996 auf Explizite Lyrik, nach dem Holzspielzeug-Viech auf Annemariens Dienstschreibtisch benannt haben). Eine vorläufige Unplugged-Version von ihrer Annabel Lee war da schon drauf. Und: Ja: Es war mir aufgefallen, dass „Annabel Lee“ ohne metrischen oder inhaltlichen Verlust durch „Annemarie“ substituierbar ist.

Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, eine autorisierte Version freizugeben, hat Poe von seinem letzten großen Gedicht Annabel Lee Manuskripte in verschiedenen Versionen in Umlauf gebracht, was die Veröffentlichungsgeschichte nicht gerade vereinfacht. So wichtig war ihm sein ahnungsvolles letztes Gedicht. Ich bringe eine der Versionen, die das Komma in „For the moon never beams without bringing me dreams“, das ich für ein Unding halte, weglässt und mit „In her tomb by the side of the sea“ statt „In her tomb by the sounding sea“ endet, weil Hans Wollschläger in seiner einzig wahren Übersetzung das erstere verwendet. Als Internet-Premiere folgt der zuverlässige Text, nach der Gesamtausgabe korrigiert — wie im Fall von The Raven sinnvollerweise verkleinert, damit der Direktvergleich in die Weblog-Spalte passt.

Nach unseren 30 Sonnenstunden hatte Annemarie keine zwei Monate mehr zu leben.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

——— Edgar Allan Poe:

Annabel Lee

in: New York Daily Tribune, 9. Oktober 1849:

It was many and many a year ago,
     In a kingdom by the sea,
That a maiden there lived whom you may know
     By the name of Annabel Lee;
And this maiden she lived with no other thought
     Than to love and be loved by me.

I was a child and she was a child,
     In this kingdom by the sea,
But we loved with a love that was more than love—
     I and my Annabel Lee—
With a love that the wingèd seraphs of Heaven
     Coveted her and me.

And this was the reason that, long ago,
     In this kingdom by the sea,
A wind blew out of a cloud, chilling
     My beautiful Annabel Lee;
So that her highborn kinsmen came
     And bore her away from me,
To shut her up in a sepulchre
     In this kingdom by the sea.

The angels, not half so happy in Heaven,
     Went envying her and me—
Yes!—that was the reason (as all men know,
     In this kingdom by the sea)
That the wind came out of the cloud by night,
     Chilling and killing my Annabel Lee.

But our love it was stronger by far than the love
     Of those who were older than we—
     Of many far wiser than we—
And neither the angels in Heaven above
     Nor the demons down under the sea
Can ever dissever my soul from the soul
     Of the beautiful Annabel Lee;

For the moon never beams without bringing me dreams
     Of the beautiful Annabel Lee;
And the stars never rise, but I feel the bright eyes
     Of the beautiful Annabel Lee;
And so, all the night-tide, I lie down by the side
     Of my darling—my darling—my life and my bride,
     In her sepulchre there by the sea—
     In her tomb by the side of the sea.

——— Edgar Allan Poe:

Annabel Lee

deutsch von Hans Wollschläger in: Werke IV, Walter Verlag 1973:

Es war vor so manchem und manchem Jahr
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
daß ein Mädchen dort lebte, wunderbar,
     mit Namen Annabel Lee: –
und dies Mädchen, es lebte dem einzigen Sinn,
     mich zu lieben, wie ich liebte sie.

Sie war ein Kind und ich war ein Kind
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
doch uns einte, was mehr noch als Liebe war, –
     mich und lieb Annabel Lee –
und so blickten am Ende die Seraphim selber
     begehrlich auf mich und sie.

Und dies war der Grund, daß vor langer Zeit
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
ein Windschauer gellte aus Wolken bei Nacht
     und traf meine Annabel Lee;
so daß die erlauchte Verwandtschaft kam
     und trug hinweg mir sie,
zu schließen sie tief in ein Grabgemach
     in dem Seereich, nicht weit von hie.

Die Engel, nicht halb so glücklich im Himmel,
     warn neidisch auf mich und sie: –
Ja! das war der Grund (wie ein jeder weiß
     in dem Seereich, nicht weit von hie),
daß bei Nacht aus den Wolken der Windschauer gellend
     entseelt‘ meine Annabel Lee.

Unsre Liebe aber war stärker noch
     als die Liebe der Älteren, die
     viel weiser immer denn ich und sie, –
und nimmer solln Engel im Himmel hoch
     noch Dämonen darunten hie
abtrennen können mein Seel‘ von der Seel‘
     meiner lieblichen Annabel Lee.

Denn der Mond mir nicht blinkt, ohn‘ dass Träume er bringt
     von der lieblichen Annabel Lee;
in den Sternen gewahr ich die Augen klar
     meiner lieblichen Annabel Lee;
und so lieg alle Nachtzeit ich wachend zur Seit‘
meiner Lieb‘, der ich lebte, die einst ich gefreit,
     in dem Grabe, nicht weit von hie –
     in der Gruft, nicht weit von hie.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Vertonung mit angeglichenem Text: Fiddler’s Green auf: Fiddler’s Green, 1992:

Bonus Track: Hubert von Goisern und die Original Alpinkatzen: Weit, weit weg, aus: Aufgeigen stått niederschiassen, 1992, damals noch featuring die unschlagbare Alpine Sabine und Reinhard Stranzinger mit einem der Gitarrensoli des 20. Jahrhunderts, die überleben werden, live in der Kaltenberg-Arena 1994:

Übrigens waren wir gar nicht bei den Fiddlers am Heiligabend im Kunstverein. Annemarie hat mir viel gezeigt, für noch mehr war keine Zeit; seitdem unterteile ich die Zeitrechnung in vor und nach dem 8. Oktober 1993. Bei Hubert von Goisern in Kaltenberg war sie schon tot.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Written by Wolf

7. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Der Arzt von Münster in Salzkotten

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Update zu Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Tja, Münsterland ist stockkatholisch, historisch bedingt, (und Immermanns Oberhof für den Kenner sozialer Verhältnisse ein schlechter Witz. Anderes Thema.)

Arno Schmidt: Seelandschaft mit Pocahontas, 1953, Kapitel iv.

Das muss wirklich einer der am sträflichsten unterschätzten Romane der Romantik und des Biedermeiers zusammengerechnet sein: In Die Epigonen. Familienmemoiren in neun Büchern 1823–1835 von 1836 nimmt sich Karl Immerman alle Zeit, die er braucht, weil er etwas zu sagen hat; es war eine Zeit, in der man sich nicht mit einem Exposé bei allen in Frage kommenden Verlagen und noch einigen mehr verzweifelt um Veröffentlichung bewarb, sondern sein Ding „zum Druck beförderte“. Bis heute ist genau 1 ernstzunehmende Ausgabe davon in Umlauf: die von Peter Hasubek, und die ist von 1981, dafür bei Winkler.

Letzteres bedeutet blitzsaubere Verlagsarbeit, in diesem Fall leider auch eine bilderlose Textwüste. Bei meinem letzten Abruf auf Amazon.de gab’s die für 13,64 Euro für einen „guten“ Zustand bei „leichten Gebrauchsspuren“, als Geldausgabe ist das lächerlich. Alle 640 Seiten des Primärtextes — der Rest der 823 Seiten ist Kommentar — funkeln bunt und quicklebendig, ungefähr wie ein Bollywood-Film, der in der deutschen Provinz des Biedermeiers spielt, falls man sich das ungelesen vorstellen kann.

An manchen Stellen brechen die Figuren sogar in dramaturgisch nicht näher gerechtfertigten Gesang aus. Nein, es sind keine Gedichte eingeflochten, wie das kurz zuvor Eichendorff zum Wohle des Gesamtkunstwerks versucht hat; vielmehr hat Immermann, wie erwähnt, etwas zu sagen, und überlässt das seinen Figuren, die deshalb schon mal ein Kapitel ohne Unterbrechung übernehmen. Das bunteste und quicklebendigste Beispiel dafür bringe ich unten ungekürzt. Ich mag das sowieso immer, wenn ein Film, ein Lied oder eben: ein Roman ausreden darf. — In diesem Sinne zur Literaturgeschichte:

Rainer V., Brünnekenkapelle, Verne, SalzkottenPeter Hasubek verortet im Kommentar das erste Buch Klugheit und Irrtum mit Benno von Wiese: Karl Immermann. Sein Werk und sein Leben, Gehlen Verlag, Bad Homburg, Berlin, Zürich 1969:

B. v. Wiese (II, S. 660 f.) weist mit einiger Wahrscheinlichkeit nach, daß es sich dabei um die Brünnekenkapelle in der Nähe von Verne in Westfalen handelt. Für diese Annahme sprechen sowohl einzelne erwähnte Merkmale der Kapelle als auch die umgebende Landschaft. Drei Kilometer entfernt davon liegt der Ort Salzkotten an dem „Großen Heerweg“ […]. Sonach wäre Salzkotten der Handlungsort des ersten Buches der „Epigonen“.

Dieses Buch von Benno von Wiese existiert und ist für schmales Geld antiquarisch erhältlich. Gegen Hasubeks Nachweis spricht jetzt noch, dass es gar keine 660 und mehr, sondern nur 357 Seiten hat; für Berichtigungen von außen aller Angaben und Annahmen, besonders meiner eigenen, bin ich deshalb wie immer dankbar. — Alle handelnden Personen in Haupt-, Rahmen- und Binnenhandlung einschließlich des erzählenden Arztes wären somit als Ostwestfalen, gemäß der Aufteilung durch den Wiener Kongress als Musspreußen zu denken, die anfangs erwähnte Hauptstadt wäre Münster.

Das Bildmaterial stammt deshalb von Rainer V., der die netzweit schönste und dokumentarisch aufschlussreichste Sammlung über den zutiefst teutschen Regierungsbezirk Detmold, in dem Salzkotten heute liegt, beherbergt und vermutlich noch weiter aufstocken wird. Man ist dort überwiegend katholisch, daher scheint diese Gegend über einen besonderen Reichtum an Wegkreuzen aller Bauarten und Widmungszwecke zu verfügen.

——— Karl Immermann:

Zweites Kapitel

aus: Die Epigonen, Zweites Buch. Das Schloß des Standesherrn, 1836:

Der Arzt zog am runden Tische sein Büchelchen hervor, und las:

Der Lieutenant und das Fräulein

Anekdote aus meiner Praxis

Als ich in der Hauptstadt meinen Kursus machte, lernte ich einen Offizier von der Garnison kennen, der mir wegen seines gesetzten Wesens sehr zusagte, und von allen seinen Kamaraden als ein ruhiger Charakter bezeichnet wurde.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenDieser ruhige Charakter war schon seit einigen Jahren mit einem Frauenzimmer von desto unruhigerer Gemütsart verlobt. Fräulein Ida hatte alles Feuer zugeteilt bekommen, welches die Natur bei der Erschaffung des Lieutenants Fabian erspart hatte. Lebendig, galt sie bei ihren Tänzern für geistreich, und konnte allerliebst sein, wenn ihre Partien auf vierzehn Tage hinaus versichert waren. Anfangs spielte sich das Verhältnis überaus artig fort, er wurde von ihrer Beweglichkeit in Bewegung gesetzt, sie gewann durch seinen Ernst mehr Haltung, woran es ihr früherhin zu ihrem Nachteile bisweilen gebrochen hatte. Das Unpassende, was das Publikum sonst wohl in Lieutenantsverlobungen findet, fiel hier weg, da die Braut ein artiges Vermögen besaß, und nur der Eigensinn der Mutter die Heirat bis zu dem Zeitpunkte verschob, wo der Schwiegersohn einen höheren Rang, und die Kompanie erlangt haben würde.

Indessen mußte der Monarch wohl noch eine große Anzahl verdienstvollerer oder älterer Lieutenants besitzen. Das Patent blieb länger aus, als man gedacht hatte, und da die Mutter ihre Tochter durchaus nicht ohne einen klingenden Titel von ihrem Herzen weggeben wollte, so dehnten sich die Tage der Hoffnung zu Jahren der Erwartung aus. Ein zu langwieriger Brautstand hat aber die bedeutendsten Unannehmlichkeiten. Die Liebe ist für Stunden, die Ruhe für das Leben; wer kann aber der Ruhe genießen, solange die Früchte noch auf dem Halme stehn? Das Gefühl gleicht nach so gedehntem Harren einem schönen Weine, den man im offnen Glase hat fade und abschmeckend werden lassen.

Grade kurz vor der Zeit, wo dieser bedenkliche Mangel an Geschmack im Verhältnisse der Liebenden eintrat, lernte ich den Lieutenant kennen, und ward durch ihn im Hause seiner zukünftigen Schwiegermutter eingeführt. Ich sah noch die letzten Sommertage der Zärtlichkeit, bald aber nahm ich eine gewisse Kälte zwischen den Brautleuten wahr, die nur mit einem unangenehmfeurigen Wesen abwechselte. Sie ließ sich wohl, wenn er dicht bei ihr stand, durch einen andern den Mantel holen, und betonte den Befehl; er rannte mitunter in der zierlichsten Gesellschaft nach heimlich-raschem Zwiegespräch in die Ecke, wo sein Hut und Degen sich befand, und nur meine Zuredungen konnten ihn alsdann bewegen, Aufsehn zu vermeiden und zu bleiben. Denn schon war ich sein Vertrauter geworden. Als junger Arzt mußte ich mir auf jede Weise zu helfen suchen. Ich machte damals in Herzenssachen den Rat und Beistand, um stärkere Praxis zu bekommen.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenDer Lieutenant bekannte mir seinen ganzen Kummer. Er könne seiner Geliebten nichts mehr recht machen. Jede Laune werde an ihm ausgelassen. Bald solle er erkaltet sein, bald sich ohne Gemüt betragen haben, neulich habe sie ihm vorgeworfen, er verstehe sie nie. Er sei wirklich noch ganz und gar der alte, gehe im Frühlinge mit dem ersten Märzenveilchen zu ihr, im Junius komme der Rosenstock, im Herbst ein Almanach an die Reihe der Geschenke, wie sonst; zum Geburtstag mache er seinen Vers, die Weihnachtsbonbonnière fehle nimmer. Aber alles werde jetzt kaltsinnig oder schnöde aufgenommen. Was er denn nur in dieser Not beginnen solle?

Ich konnte ihm freilich als einziges Mittel nur die Heirat nennen. Er versetzte, dieses stehe nicht in seiner Gewalt. Sich selber könne er nicht avancieren, und das Kriegsdepartement wolle es noch nicht.

Indessen sind solche ruhige Charaktere nur bis auf einen gewissen Punkt zu treiben, und dieser fand seinen Gleichmut wieder, als er vor seinem Gewissen sicher war, im Dienste der Liebe nicht lässig geworden zu sein. Nun verwies er seine Braut, wenn sie ohne Grund klagte, an die Vernunft. Von dieser wollte sie nichts hören. Darauf kam er mit der Notwendigkeit hervor, sich zufriedenzugeben, wenn die Dinge einmal nicht anders gehn wollten. Worauf sie ihm sagte, er sei unausstehlich. Endlich, da alle Trostgründe niedrer Schicht nichts helfen wollten, wählte er als letzte Arznei die Fügungen des Himmels. Wenn sie über ein Fältchen zuviel oder zuwenig im Kleide sich ungebärdig anstellte, sprach er, man könne nicht wissen, wozu ein Mißgeschick fromme. Wenn der Regen eine Spazierfahrt vereitelte, lehrte er, die Vorsehung lasse Tropfen fallen, damit die Sonne nachher um so herrlicher scheine. Und als sie einst weinend auf ihrem Stuhle saß, weil man den Gesang einer Mitschwester stärker beklatscht hatte, als den ihren, gab er, zu ihr tretend, den Spruch zu vernehmen: „Wen der Herr liebt, den züchtiget er!“ Er war ein ordentlicher Kirchengänger, und hatte wirklich den Glauben, daß dem Geduldigen alle üblen Sachen zum Heile ausschlagen müssen.

Zuerst war ihr dieser Ton neu, und es vergingen einige Wochen unter solchen Tröstungen ganz leidlich. Indessen wollte das Gute, zu welchem nach ihrer Meinung das Schlechte führen mußte, nämlich das Avancement, immer noch nicht erscheinen. Da ward sie böser als je, und der arme Phlegmatikus geriet in ein Fegefeuer, welches nicht läuternder sein konnte. Zu gleicher Zeit begann ein Einfluß auf sie zu wirken, welcher den Frieden zwischen beiden bald ganz aufhob.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenEine jener alten Jungfraun, welche, weil sie sitzengeblieben sind, es gern sähen, wenn das Heiraten abkäme, hatte sich des verdüsterten Sinns unsrer schönen Ärgerlichen bemächtigt. Sie ließ in ihre Gespräche einfließen, daß sie schon längst mit Kummer bemerkt, wie der Lieutenant immer gleichgültiger geworden sei, wie seine Neigung wohl keine Probe bestehen werde, und was dergleichen mehr war. Diese bösartigen Worte fanden ein offnes Ohr. Verdrießlich, von Mißstimmungen geplagt, ließ sich die Getäuschte zu dem Schritte hinreißen, dessen gefährliche Albernheit schon so viele beklagt haben. Sie wollte den Sinn ihres Liebhabers prüfen.

Eines Morgens wurde ich an das Krankenlager des Fräuleins berufen. Sie lag, anmutig gekleidet, allerdings im Bette, und klagte fast über jegliches, was den Menschen schmerzen kann. Die Mutter stand untröstlich daneben, sie liebte das Kind, vielleicht zu sehr. Man kann denken, daß mir, als jungem Arzte, eine Krankheit in einem geachteten Hause, welches selbst einigermaßen in der Mode war, höchst angenehm sein mußte, ich strengte daher die ganze Kraft meiner Diagnose, deren Feinheit man stets auf der Klinik gerühmt hatte, an, um die Natur des Übels zu entdecken. Aber der Puls ging vortrefflich, die Augen strahlten vom gesundesten Feuer, die Wangen lachten im reinen Rote der Jugend, die Zunge war unbelegt, alles, ohne Ausnahme alles befand sich leider im wünschenswertesten Zustande. Ich entschied mich, daß hier Verstellung sei, verordnete die unschuldigen Mittel, welche Hippokrates uns für einen solchen Fall an die Hand gegeben hat, äußerte indessen natürlich meine wahre Meinung nicht, sondern sagte der Mutter draußen, auf ihre ängstliche Frage: ob es auch keine Gefahr habe? mit Ernst und Nachdruck, daß man noch grade zur rechten Zeit nach mir geschickt habe, und daß eine Stunde später für nichts mehr zu stehn gewesen sei.

„Sie glauben nicht, welches Zutrauen sie zu Ihnen hat“, sagte die Mutter. „Den Geheimen Rat durfte ich nicht holen lassen.“ – „Nein“, dachte ich. „Der alte grobe Heros würde wenig Umstände gemacht haben, meine blöde Jugend ist für dergleichen Leiden geeigneter.“

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenAuf der Straße fand ich den Liebhaber, dem man schon durch die dritte Hand dieses Siechtum zu wissen getan hatte. Er war so bestürzt, wie es einem Seladon geziemt, und in Verzweiflung, daß er nicht gleich nach dem Hause seiner Braut eilen könne, aber er müsse auf die Parade. Ich beruhigte ihn, und verpfändete mein Ehrenwort, daß die Sache nichts weiter sei, als ein kleiner Schnupfen.

Gegen Abend fand ich mich wieder bei der verstellten Kranken ein, denn ich war neugierig, wohin diese Komödie führen werde. „Treuer, sorgsamer Freund!“ sagte die Mutter, welche von meinem Eifer gerührt war. In bescheidner Entfernung vom Krankenbette saß der Lieutenant, wie es schien, zerstreut und verlegen.

„Es ist doch ein großes Glück um einen gleichmütigen Sinn“, stichelte die Mutter. „Man versäumt dann nichts Notwendiges, und macht die Geschäfte erst ab, bevor man dem Herzen folgt.“

„Er will es nicht glauben, daß ich so krank bin, Doktor“, seufzte Fräulein Ida, deren hochrotes Antlitz von großer Bewegung zeugte. Die alte Jungfer saß im Fenster und strickte für die Armen.

Diesmal erriet meine Diagnose die Krankheit. Mich gelüstete nach der Krisis, und da ich als junger Arzt, traurig für mich, überflüssige Zeit hatte, setzte ich mich zu den gesunden Damen, und knüpfte mit ihnen eins der Gespräche an, aus welchem man noch immer mit Geistesfreiheit nach etwas andrem hinzuhören vermag.

„Wenn ich sterbe, Fabian …“ lispelte das Fräulein. „Teure Ida, an einem Schnupfen stirbt man ja nicht“, versetzte freundlich aber gefaßt der Lieutenant.

Sie begann immer heftiger und weinerlicher zu reden, kam in den Ton der Jean Paulischen Liane, sagte, im Traume sei ihr ihre selige Caroline erschienen, und sprach viel von Ahnung und Vorgefühl.

Ich saß so, daß ich im Spiegel die Szene beobachten konnte. Je pathetischer das Fräulein wurde, desto mehr nahm das Gesicht des Bräutigams den Ausdruck der Abwesenheit an, er half sich fast nur noch mit Interjektionen, als: „Hm! So! Ei bewahre!“ Nachmals hat er mir gestanden, daß er an dem Tage einen Verdruß mit seinem Obersten gehabt habe, und daß seine Gedanken freilich mehr bei dem ungerechten Vorgesetzten, als bei dem Schnupfen des Fräuleins gewesen seien.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenIn einem solchen Zustande laufen einem gewisse Redensarten, die man häufig im Munde führt, ohne Sinn und Verstand über die Lippen. Daher geschah es, daß, als das Fräulein, welche über die Fassung ihres Geliebten immer mehr aus der Fassung geriet, mit unterdrücktem Weinen sagte: „Ja, ich empfinde ein gewisses Etwas in mir, ein Weben der Auflösung, die schwarzen Männer werden mich gewiß wegtragen“ – der Lieutenant, der schon lange nicht mehr wußte, wovon die Rede war, zerstreut und feierlich ausrief: „Wie Gott will! Der Wille des Herrn geschehe!“

Schrecklich war die Wirkung dieser Worte. Das Fräulein, entrüstet über eine solche Ergebung in die Fügungen des Himmels, die doch gar zu weit ging, warf meine unschuldige Medizinflasche zu Boden, daß die Scherben umherflogen, und rief:

„Aus meinen Augen! Ich habe dich durchschaut! Fort! Wir sind für immer geschieden!“ – „Wenn meine Tochter stirbt, sind Sie ihr Mörder“, wehklagte die Mutter. Die alte Jungfer hatte ihr Strickzeug in den Schoß sinken lassen, und äußerte so mit Salbung: daß derjenige zu beneiden sei, der so früh, wie Ida, die Einsicht in die Nichtigkeit aller Erdenlust gewinne.

„Erlauben Sie mir nur einige Worte zu meiner Verteidigung …“ stammelte der arme Fabian. „Es ist jetzt nicht Zeit dazu, machen Sie, daß Sie fortkommen“, raunte ich ihm zu.

Ich war mit den Damen allein. „Ida! meine Ida!“ seufzte die Mutter. „Diese Gemütserschütterung in deinen Leiden! Erhole dich, mein Kind, denke nicht mehr an den Abscheulichen.“ – Ich beschloß, die kleine Heuchlerin zu strafen, und die alte Jungfer dazu. Und so ist es gekommen. Ich erklärte den Zustand des Fräuleins für verschlimmert, ich ernannte die bejahrte Freundin zur nächtlichen Wächterin, da die Mutter eine solche Anstrengung nicht aushalten könne. Drei Tage mußte die gesunde Kranke im Bett zubringen, drei Nächte hatte die Friedensstörerin auf dem Wächterstuhl zu versitzen. Endlich erklärte jene sich mit Gewalt für hergestellt, zuletzt lief diese aus dem Hause und verschwor, es wieder zu betreten, wenn ich dort aufgenommen bleibe. Darüber bekam sie mit der Mutter Streit und Feindschaft, die mich einen seltnen Menschen nannte. Kurz, der böse Feind hatte sich diesmal die Grube selbst gegraben.

Rainer V., Wegkreuz, Salzkotten. DankkreuzMehrere Wochen vergingen, in denen ich nichts von meinen Liebesleuten hörte. Einige wirkliche und zwar sehr ernste Krankheiten hatten meine ganze Zeit in Anspruch genommen.

An einem schönen Märztage wanderte ich über den neuen Kirchhof, wo alle Sträucher in dem ungewöhnlich frühwarmen Wetter schon die Knospenaugen aufschlugen. Ich wollte die neuen Einrichtungen im Leichenhause besichtigen, welche zur Rettung der Scheintoten angebracht worden waren. Soeben mit dem Meisterdiplom versehen, hatte ich, die Obsorge über jene Anstalten zu führen, von der Stadt den Auftrag bekommen. Als ich durch die gewundenen, mit Kies reinlich gefesteten Wege des parkartigen Gottesackers ging, und das im gefälligen Stil erbaute Leichenhaus hinter einem Rasenplatze liegen sah, sagte ich: „Es ist kein Wunder, daß die Menschen jetzt mit dem Leben unzufrieden sind, man macht die Sterbehäuser und Grabstätten zu anlockend.“

Auf einem freien Platze fand ich unvermutet meinen Phlegmatikus. Er stand bei einem Sträußermädchen, die ihren Korb voll Frühlingsblumen ihm vorhielt. Er wählte und suchte sich das Schönste, was sie an Veilchen, Primeln und Aurikeln hatte, zusammen. „Für wen der Strauß?“ fragte ich. „Für Ida“, versetzte er.

„Gottlob! So seid ihr versöhnt?“

„Ach nein! Ich habe sie nicht wiedergesehn. Aber es ist heute ihr Geburtstag. Ich will den Strauß unter ihrem Porträt in Wasser setzen.“

Er sprach diese Worte ruhig, ja kalt. Aber seine Augen waren erloschen, und die Wangen bleich. Ich muß gestehn, daß mich die stummen, geduldigen Patienten immer am meisten zur Teilnahme bewegt haben. Ich sah meinen armen Verstoßnen an, ich überlegte hin und her, ob hier nicht mit einem raschen Streiche zu helfen sei? Die Natur der Leidenschaften, insbesondre der Liebe, kannte ich aus der Seelenlehre, das Fräulein war mit der Mutter in der Stadt, das wußte ich. Ich war jung, verwegen! Ohne an die möglichen Folgen eines tollen Einfalls zu denken, lud ich den Lieutenant ein, sich von mir in die Rettungsanstalten zeigen zu lassen. Das Sträußermädchen wies ich an, vor der Türe zu warten.

Rainer V., Wegkreuz, Salzkotten. HofkreuzDer Wächter war ausgegangen; alles begünstigte meinen Plan. Ich öffnete mit dem Hauptschlüssel, wir waren allein im leeren, schallenden Hause. Ich erklärte meinem Begleiter jedes Ding: die Einrichtung und Verbindung der Gemächer, die leicht zu bewegenden Glockenzüge, die Wärmmaschinen, die Frottierzeuge, die Bürsten, den Elixier- und Essenzenapparat des Wächters für die ersten Augenblicke des Erwachens aus dem furchtbaren Schlummer. Er fragte, ernst und wissenschaftlich gesinnt, verständig nach allem, und keine empfindsame Betrachtung kam in diesem Hause des Todes über seine Lippen. Endlich sagte er scherzend: „Diese reinlichen schimmernden Wände, die bronzenen Lampen, die blinkenden Stahlgriffe, die schönen Teppiche und Matratzen zeigen, wie jetzt alles auch bei den schrecklichsten Dingen zum Bequemen und Geschmückten strebt. Es fehlen nur noch die Tische mit den Journalen, um den Geretteten Unterhaltung zu bereiten, bis die Ihrigen sie wieder abholen.“

Ich bat mir seinen Verlobungsring aus. Er stutzte, wußte nicht, was ich wollte. Ich erklärte ihm trocken, daß ich gesonnen sei, noch heute zwischen ihm und seiner Braut dauerhaften Frieden zu stiften, aber dazu des Ringes bedürfe, nahm ihn bei der Hand, und streifte mit freundschaftlicher Gewalt ihm den Ring vom Finger. Er, in plötzlich auflodernder Hoffnung und Freude, rief: ob ich verwirrt sei? Ich, ohne zu antworten, schrieb mit Bleifeder auf ein ausgerißnes Blättchen meines Portefeuilles ein paar Zeilen an die Schwiegermutter, legte den Ring bei, verschloß das Billet mit Oblate, eilte zum Mädchen hinaus, sagte ihr, den Herrn habe ein Nervenschlag betroffen, sie sollte das Briefchen auf der Stelle da und da hintragen.

Mein bestürzter Freund war bis auf den Flur gefolgt, und hatte die Bestellung gehört. Ich nötigte ihn in eine der angenehmsten Sterbekammern zurück. „Um Gotteswillen!“ rief er, „was treiben Sie? was machen Sie aus mir?“ – „Einen Scheintoten“, versetzte ich. Er sah mich an, wie einen, von dem man glaubt, er habe den Verstand verloren. „Idas Krankheit“, sagte ich, „führte den Bruch herbei. Ihr Tod soll das Bündnis herstellen; das nennt man einen Klimax, welcher zu den wirksamsten Redefiguren gehört. Sie haben die Wahl, entweder mich zuschanden zu machen und sich jede Aussicht zu verbaun, oder folgsam zu sein, und Ihr Glück im letzten Akt einer Posse zu empfangen.“ Er stand anfangs starr, dann verwünschte er meine Torheit, und überschüttete mich mit Vorwürfen. Ich behielt indessen Geistesgegenwart, kramte Schnepper und Bindzeug aus, setzte eine Menge Flaschen auf den Tisch, ließ den Essigäther duften, verbrannte Federn, kurz, ich richtete das Zimmer so zu, daß es ganz medizinisch aussah und roch. Er, über meine Kaltblütigkeit in Verzweiflung, warf sich auf eine Matratze. Ich erklärte ihm, da könne er liegenbleiben, denn dahin gehöre er in seinem jetzigen Zustande. Ich löste seine Halsbinde, knöpfte die Uniform und Weste auf, und machte mir immerfort zu schaffen, um meine Unruhe zu verbergen, die sich mit dem Nachdenken doch allmählich bei mir einzustellen begann.

Nach einiger Zeit sprang er auf, und rief: „Ich muß fort, ich bin an diesen Dingen unschuldig! Sehen Sie zu, wie Sie aus der Verlegenheit kommen, die Sie angerichtet haben.“

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenEin Wagen fuhr sturmschnell vor. „Sie kommen“, rief ich, „ich wußte das ja!“ und ging ihnen entgegen. Sie waren es, Ida und ihre Mutter, meine Berechnung war richtig gewesen. Aus dem Schlage stürzte das Fräulein entgeistert, blaß, die Augen voll Tränen, und rief: „Wo ist seine Leiche?“ – „Er lebt, beruhigen Sie sich, er ist erwacht, meine Furcht war zu voreilig!“ rief ich ihr hastig zu. „Wo? Wo?“ stammelte sie, flog in das Haus, und wie durch Instinkt geleitet, in das rechte Zimmer.

Ich half der Mutter aus dem Wagen. Sie wußte sich in diesen Wechsel von Trauer und Freude nicht zu finden. „Teuerster, warum erschreckten Sie uns? Man muß bei dergleichen doch erst das Ende abwarten“, sagte sie. Ich bat um Verzeihung, ich hätte ganz den Kopf verloren gehabt, sie möchte einem jungen unerfahrnen Manne um des glücklichen Ausgangs willen nicht zürnen.

Wir traten in die Sterbekammer. Da war die Liebe von den Toten auferstanden. Fabian und Ida lagen einander in den Armen. Sie herzten sich und küßten sich, und wußten beide nicht, was sie taten. Sie wollte von ihm wissen, wie ihm zumute gewesen sei? er erwiderte, in diesem Punkte besonnen, er wisse von nichts, sie müsse den Doktor fragen.

Ich verbot alle Erklärungen, und riet ihnen, sich des Lebens zu freun. Die Mutter trat hinzu, gab ihm die Hand, und sagte sehr freundlich: „Lieber Sohn, Sie machen uns schöne Streiche. Mein Gott, wie das hier aussieht und riecht, es fällt mir auf die Nerven. Verlassen wir den leidigen Ort.“ Ich benutzte den Augenblick, küßte ihr ehrerbietig die Hand, und sagte bescheiden: „Edle Frau! Ida ist vor Liebe krank geworden, Fabian wäre beinahe daran gestorben; sollen Ihre Kinder noch länger schmachten?“

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenDie Gewalt dieser Auftritte hatte sie erweicht. Sie gab die Zustimmung zu dem, was die Verlobten wünschten. Es folgte ein neuer Sturm von Liebkosungen und Umarmungen, in dem ich ebenfalls zuletzt von ohngefähr mehrere Küsse bekam.

Indessen waren die Fügungen des Himmels auch tätig gewesen. Denn als wir eben aus dem seltsamsten aller Boudoire aufzubrechen im Begriff standen, nahte sich der Bursche Fabians mit der in gemeßner Haltung vorgebrachten Meldung, daß der Oberst schon dreimal nach ihm geschickt habe, indem das ersehnte Patent nun endlich eingetroffen sei.

So führte Ida statt eines erblichnen Lieutenants, nach dem sie ausgefahren war, einen lebendigen Capitain nach Hause. – Sie leben sehr glücklich miteinander, manche Szene, die sonst in die Ehe fällt, haben sie vorher schon unter sich abgetan, dazu ist wenigstens der lange Brautstand dienlich gewesen.

Mir brachte die sorgsame Behandlung des Fräuleins während jener drei Tage und die Rettung des Bräutigams große Gunst in den vielen mit dem Hause verbundnen Familien zuwege. Einer lobte mich immer noch mehr als der andre, so entstand mir bald ein Ruf, den mir so manche an armen Leuten im Verborgnen geübte saure Mühe nicht erworben hatte. Zuerst schlug mich das Gewissen etwas, nachher beruhigte ich mich durch den Anblick der allgemeinen Scharlatanerie, die in der Welt herrscht, über die meinige, die wenigstens niemand geschadet, vielmehr eine zufriedne Ehe gestiftet hat.

Bilder: Rainer V.: Salzkotten, ca. 2011 bis 2015.

Der Soundtrack ist Blast, Musikanten (Epistel 4) aus der dem Thema entsprechenden CD Liebe, Schnaps, Tod – Wader singt Bellman von dem bekannten Ostwestfalen Hannes Wader (gebürtig aus Bielefeld-Gadderbaum), 1996. Die Lieder sind, wie der Untertitel sagt, nicht von Wader selbst, sondern dem verstorbenen Schweden Carl Michael Bellman (1740 bis 1795), haben in Waders gesammelter Aufbereitung aber das Zeug zur Lieblings-CD. Waders eigene Übersetzung von Hej Musikanter ge Valdthornen väder wurde unterstützt von Reinhard Mey und Klaus Hoffmann.

Written by Wolf

9. September 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Vier letzte Dinge: Tod

Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme

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Update zu O komm ein Engel und rette mich!:

In unserer nicht enden wollenden Reihe „Unterschätzte Klassiker“ folgt der Romantiker Karl Leberecht Immermann. Bekannt durch seine Version von Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken 1838 f., saß er zuvor schon viel länger an Die Epigonen. Familienmemoiren in neun Büchern 1823–1835: 1823 bis zur Erscheinung 1836.

Danse macabre, Skeleton kissingWie oft Immermann seinen Roman in Teilen und zur Gänze umgeschrieben hat, steht am genauesten in der bis heute einzigen zurechnungsfähigen Ausgabe von Peter Hasubek bei Winkler 1981, die mit ihren 823 Seiten (davon Text: 640 Seiten) immer noch keinen historisch-kritischen Anspruch erheben kann.

Mir ist die beim Oxfam rein zufällig für lasche drei Euro zugelaufen; so viel schlägt, mit Verlaub, Amazon allein an Porto automatisch auf jede 1-Cent-Bestellung drauf. Ein echter alter Winkler aus Persia-Bibeldruckpapier, das so erotisch ist, dass sie meinethalben sogar den Witiko draufdrucken könnten (was sie leider seit 1949 auch tun), der Schutzumschlag leicht abgewetzt, für drei Steinchen? Mein Gott, in München ist der Cappuccino teurer, wird viel schneller kalt, und von der Bedienung schwach anreden muss man sich auch noch lassen, also nix wie mit. Wenn man sich dann an einen 200-jährigen obskuren Roman traut, entdeckt man eine ausufernde Schrulle auf dem Niveau der besten Momente bei Ludwig Tieck — und Tieck will bei mir was heißen. Ende des Angeberteils. — Ich verspreche mir noch viel Spaß von der Mignon-Figur „Flämmchen“, die so jemand zwischen der Goethischen Friederike Brion (nicht seiner Mignon, die wäre zu traurig) und Pippi Langstrumpf sein muss, aber wie immer steht das Interessanteste im Anhang.

Der ist ausführlich genug, um das Hin und Her der Versionen im Laufe der dreizehn Entstehungsjahre erahnen zu lassen, und bringt einige Outtakes, die, wie es oft so geht, gerne schon mal besser sind als die Endfassung. Wir kriegen den jetzt noch öfter, daher gibt’s heute nur eine aussortierte Neufassung des Schnitterlieds aus dem Wunderhorn, das in seiner bestechend volksliedhaften Kürze viel besser, abermals mit Verlaub: in die Fresse haut — und weil es von einem sinistren alten Weib gesungen wird. — Ich zitiere es in einem selbst konstruierten, aber sinnvollen Zusammenhang, der sonst nirgends so erscheint.

Short Tailed Snails: Es ist ein Schnitter heißt der Tod, „aufgenommen 2014 in unserem Kurzschwanzschneckenstudio (mit einem original Kurzschwanzschneckenstudioaufnahmegerät selbstverständlich)“.

——— Karl Immermann:

Die Epigonen

Erstes Buch: Klugheit und Irrtum, Neuntes Kapitel, 1836:

„Laß dein angelerntes Geschwätz! Alle diese konfusen Dinge gehören in einen Roman, und nicht in das Leben“, erwiderte Hermann. „Ich werde mich dadurch nicht abhalten lassen, einer Unglücklichen beizustehen. Vermutlich hast du, Betrügerin, die Not der Armen benutzt, ihr den letzten Pfennig abgenommen, und dafür ihr Gehirn mit aberwitzigen Dingen erfüllt.“

„Nur aus der Hand, auf der etwas Blankes liegt, läßt sich wahrsagen“, versetzte die Alte. „Sie hat bezahlen müssen, was Recht ist. Wer gibt Euch die Befugnis, mich auszuschelten?“

In diesem Augenblick trat der Mond hinter eine finstre Wolke, und bei der Dunkelheit, die hierdurch entstand, gewahrte Hermann durch die Bäume den Schimmer eines schwachen Lichts. Der Mondschein hatte vorher das spärliche Leuchten überstrahlt. Er schloß aus diesem Umstande auf die Nähe einer menschlichen Wohnung, und da er seiner Meinung nach von dem Städtchen weit verschlagen sein mußte, die Alte aber fest dabei verblieb, daß sie ihm den Ort, wohin sie Flämmchen geschickt, nicht bezeichnen könne, so entschloß er sich, auf den Schein loszugehn, und den guten Willen der Bewohner um ein Obdach anzusprechen.

Er verließ die Alte ohne Abschied. Diese hob, wir wissen nicht, ob zu ihrer Erbauung, oder zum Zeitvertreibe, ein holprichtes Lied an, und sang mit tiefer und rauher Stimme Strophen durch die Nacht, deren Worte Hermann nicht verstehen konnte.

Der größte Schnitter ist der Tod,
Denn seine Sense gab ihm Gott;
Die Ernte sind wir allesamt,
Was von dem ersten Paare stammt.

Auch junge Reiser schneidet er,
Ist hinter alten Dornen her,
Schwertlilien, Rittersporn er bricht,
Die Kaiserkrone schreckt ihn nicht.

Er hat sich nie zur Rast gesetzt,
Er hat die Sense nie gewetzt,
Die Sense mäht von Dorf zu Stadt,
Sie wird nicht stumpf, er wird nicht matt.

Bruno Héroux, Ein Totentanz. Und wenn der Teufel Hochzeit hält, so lad ich mich zu Gaste, 1939--1943, Stadtgeschichtliches Museum LeipzigDie Vorlage kannte Immermann vermutlich aus Des Knaben Wunderhorn, dem 1. Band schon von 1806. Lieder-Mitsammler Clemens Brentano hatte es schon 1801 im Godwi zitiert, aufgelesen in seinem Lieblingsbuch von Martin von Cochem: Allgemeines Gesang-Buch von 1705, dort Seite 354 bis 356. Die Kommentierte Gesamtausgabe des Wunderhorns, herausgegeben vom verdienstreichen deutschen Ober-Märchenonkel Heinz Rölleke bei Reclam 1987 (immer noch in verschiedenen Aggregatzuständen erhältlich!) führt aus:

Vor der Schlußstrophe sind drei Strophen ausgelassen; im übrigen beschränkt sich die Barbeitung fast ausschließlich auf metrische und sprachliche Verdeutlichungen. Der älteste deutsche Beleg dieses weit verbreiteten und bis heute bekannten Liedes ist ein Fliegendes Blatt aus dem Jahr 1638 mit der handschriftlichen Notiz: „Schnitterlied, gesungen zu Regenspurg da ein hochadelige junge Blumen ohnversehens abgebrochen im Jenner 1637, gedichtet im Jahr 1637“. Ausgangspunkt ist das im Alten Testament (Jer. 9,21) begegnende Bild vom Tod als Schnitter, dem auch die apartesten Blumen […] zum Opfer fallen.

Persönlich wundert mich erstens, dass der Urtext aus Regenburg stammen soll, nachdem mich spätestens der Reim „Liljen“ auf „austilgen“ nach Niederdeutschland verwiesen hätte.

Zweitens wundert mich die offenbar doch recht langlebige Verwendung als Kirchenlied. Es mag an mir liegen, aber eine Kirchengemeinde, die — vor allem zu Traueranlässen — andächtig aus ihrem Gesangbuch strophenweise Blumenarten absingt, ist mir eine skurrile bildliche Vorstellung. Hierzu noch einmal Röllekes Kommentar:

Goethes seltsam umschriebene Hochschätzung ist angesichts seiner sonstigen Ablehnung dieses Liedgenres besonders bemerkenswert: „Katholisches Kirchen-Todeslied. Verdiente protestantisch zu seyn.“

——— N. N.:

Erndtelied.

Katholisches Kirchenlied.

Volkslied, 17. Jahrhundert, Version Clemens Brentano für Des Knaben Wunderhorn, Mohr und Zimmer, Heidelberg 1806:

William Strang, Danse Macabre, ca. 1893, British Museum via Love Like CancerEs ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Hat Gewalt vom höchsten Gott,
Heut wezt er das Messer,
Es schneidt schon viel besser,
Bald wird er drein schneiden,
Wir müssens nur leiden.
Hüte dich schöns Blümelein!

Was heut noch grün und frisch da steht,
Wird morgen schon hinweggemäht:
Die edlen Narcissen,
Die Zierden der Wiesen,
Die schön‘ Hiazinten,
Die türkischen Binden.
Hüte dich schöns Blümelein!

Viel hundert tausend ungezählt,
Was nur unter die Sichel fällt,
Ihr Rosen, ihr Liljen,
Euch wird er austilgen,
Auch die Kaiser-Kronen,
Wird er nicht verschonen.
Hüte dich schöns Blümelein!

Das himmelfarbe Ehrenpreiß,
Die Tulipanen gelb und weiß,
Die silbernen Glocken,
Die goldenen Flocken,
Senkt alles zur Erden,
Was wird daraus werden?
Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr hübsch Lavendel, Roßmarein,
Ihr vielfärbige Röselein.
Ihr stolze Schwerdliljen,
Ihr krause Basiljen,
Ihr zarte Violen,
Man wird euch bald holen.
Hüte dich schöns Blümelein!

Trotz! Tod, komm her, ich fürcht dich nicht,
Trotz, eil daher in einem Schnitt.
Werd ich nur verletzet,
So werd ich versetzet
In den himmlischen Garten,
Auf den alle wir warten.
Freu‘ dich du schöns Blümelein.

Rudolf Bonvie. Danse macabre, 6. April 2014

Druck-Version: Der Bote: Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, 2007:

Hüte dich schöns Blümelein: Emily Hubbard: Crying for the Moon 3. Juni 2013;
Bruno Héroux: Ein Totentanz: „Und wenn der Teufel Hochzeit hält, so lad ich mich zu Gaste …“,
Radierung auf Papier, 1939 bis 1943, 25,5 cm x 19,7 cm, via Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inventarnummer H 424g;
William Strang: Danse macabre, ca. 1893, Radierung, British Museum, London;
Rudolf Bonvie: Danse macabre, 6. April 2014.

Written by Wolf

17. Juni 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Babes With Guns

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Update for Schwatzen nach der Welt Gebrauch,
Her Father Didn’t Like Me Anyway (Das Liebesleben der Hyäne),
Ad defensionem Lolitae,
and another one for Schlachtens:

Was darf die Satire?

Alles.

Kurt Tucholsky, German pacifist,
in: Berliner Tageblatt Nr. 36, January 27, 1919; English full text.

——— James Thurber:

The Little Girl and the Wolf

from: Fables for Our Time, in: The New Yorker, January 21, 1939:

Greg Pollowitz My, what a big center mass you have, wolf., January 14, 2016One afternoon a big wolf waited in a dark forest for a little girl to come along carrying a basket of food to her grandmother. Finally a little girl did come along and she was carrying a basket of food. „Are you carrying that basket to your grandmother?“ asked the wolf. The little girl said yes, she was. So the wolf asked her where her grandmother lived and the little girl told him and he disappeared into the wood.

When the little girl opened the door of her grandmother’s house she saw that there was somebody in bed with a nightcap and nightgown on. She had approached no nearer than twenty-five feet from the bed when she saw that it was not her grandmother but the wolf, for even in a nightcap a wolf does not look any more like your grandmother than the Metro-Goldwyn lion looks like Calvin Coolidge. So the little girl took an automatic out of her basket and shot the wolf dead.

Moral: It is not so easy to fool little girls nowadays as it used to be.

I am nor going to comment on this. Only that the honorable National Rifle Association in their Family department are taking it serious now. Totally to be on the safe side, in a perfectly responsible way, of course.

——— Amelia Hamilton:

Little Red Riding Hood (Has a Gun)

for NRA Family, Thursday, January 14, 2016:

Amy Hulse, Studio Coronado, for Amelia Hamilton, Little Red Riding Hood Has a Gun, NRA Family

Editor’s Note: Most of us probably grew up having fairy tales read to us as we drifted off to sleep. But how many times have you thought back and realized just how, well, grim some of them are? Did any of them ever make your rest a little bit uneasy? Have you ever wondered what those same fairy tales might sound like if the hapless Red Riding Hoods, Hansels and Gretels had been taught about gun safety and how to use firearms? The author of this piece, Amelia Hamilton has—and NRA Family is proud to announce that we’ve partnered with the author to present her twist on those classic tales. We hope you and your children enjoy this first installment!

Once upon a time, there was a young lady who lived with her parents at the edge of a wood. Her mother made her a riding cloak of red velvet, which she wore all winter long, so the people in her village called her Little Red Riding Hood.

One New Year’s day, Red awoke to learn that her grandmother wasn’t feeling well. She and her mother put together a basket of food to bring through the woods to her cottage, which lay on the other side.

Red loved the woods, and was happy to walk through them. Usually, there would only be the sunlight and the squirrels, but there was a dark side to the wood. There were shadows, there were beasts, and there could be danger. One birthday not long ago, Red was given her very own rifle and lessons on how to use it—just in case—to be sure that she would always be safe. So, with a kiss from her mother, rifle over her shoulder and a basket for her Grandmother in her hands, Red took a deep breath and entered the woods.

With a shiver, she burrowed into her cloak, her breath making clouds in the frozen air. Deep into the woods Red went, playing a game with herself to see how many animal footprints she could recognize in the snow. „Deer,“ she quietly said to herself, „squirrel.“ She turned as another set of footprints caught her eye, and gasped. Those footprints cast in snow were undeniably the tracks of a wolf. They were fresh, so Red knew the wolf couldn’t have gotten far. Red felt the reassuring weight of the rifle on her shoulder and continued down the path, scanning the trees, knowing that their shadows could provide a hiding place. She continued down the path step by cautious step until she saw him. Their eyes met. Red had known he was there but, seeing the glint in his eye and his terrible smile, her heart skipped a beat. This was the biggest, baddest wolf Red had ever seen. His wolfish smile disappeared for a moment when his eyes fell on her rifle. He stayed in the shelter of the trees as he called out to her.

„Hello there,“ he tried to sound friendly, but Red knew that this wolf could not be trusted. She responded with a polite „hello,“ and kept on her way, staying aware of his location, but never meeting his eyes.

„Where are you going all alone?“ The wolf tried to keep her talking, tried to convince her he was a friendly wolf, tried to get this young girl within the range of his snapping jaws.

„I don’t talk to strangers,“ Red replied, never straying from her path.

The wolf followed along, staying in the shelter of the trees, trying to get Red to respond. As she grew increasingly uncomfortable, she shifted her rifle so that it was in her hands and at the ready. The wolf became frightened and ran away.

As the time passed in the woods, Red began to relax, but stayed aware. She stopped in her favorite meadow to rest, where she took a long drink of water and wove together evergreen boughs to bring a winter bouquet to her grandmother. When she felt refreshed, Red continued down her snowy path.

While Red was resting in the forest meadow, her Grandmother was surprised by a knock at the door. Red must have gotten through the forest very quickly, she thought. But, when she opened the door, she found herself face to face with a wolf. The very Wolf that Red had met in the woods.

Grandma had heard of this wolf before; the hunters had spoken of him.

This was not just any wolf.

This was the most horrible wolf in the forest.

This was The Big Bad Wolf.

Taking Grandmother by surprise, the wolf easily pushed past her and into her cottage. Grandmother turned so she was face-to-face with the wolf inside her cottage.

„What big eyes you have,“ Grandma gasped as she backed away.

„The better to see you with,“ replied the wolf.

„What big ears you have,“ She turned, with her back to the door.

„The better to hear you with,“ the wolf said, coming ever closer.

„What big teeth you have!“ Grandma said, as his fierce jaws came near.

„The better to eat you with!“ the wolf threatened.

The wolf leaned in, jaws open wide, then stopped suddenly. Those big ears heard the unmistakable sound of a shotgun’s safety being clicked off. Those big eyes looked down and saw that grandma had a scattergun aimed right at him. He realized that Grandmother hadn’t been backing away from him; she had been moving towards her shotgun to protect herself and her home.

„I don’t think I’ll be eaten today,“ said Grandma, „and you won’t be eating anyone again.“ Grandma kept her gun trained on the wolf, who was too scared to move. Before long, he heard a familiar voice call „Grandmother, I’m here!“ Red peeked her head in the door. The wolf couldn’t believe his luck—he had come across two capable ladies in the same day, and they were related! Oh, how he hated when families learned how to protect themselves.

Red was as surprised as the wolf, for she had not thought she would see him again, and certainly not at her Grandmother’s house. „Grandmother!“ she cried, „Are you all right?“

„Of course, dear,“ Grandma replied, soothing her granddaughter, „Now, let’s get this wolf tied up.“

Red worked quickly, tying the wolf so that he could not harm them. As they finished their work, they heard the call of a huntsman outside. He had followed the tracks of the big bad wolf to Grandmother’s door, and had thought she might need to be rescued. Looking beyond Red into the cottage, he saw that they had already rescued themselves. The huntsman took the wolf away, leaving Red and her grandmother alone at last. They embraced, hugging each other tightly, relieved that the wolf was gone.

As they slowly began to feel calm, Red got her grandmother chicken soup and a cup of tea. They sat in companionable silence, happy in the security that comes with knowing they could defend themselves. That New Year’s day, Red and her Grandmother had enough excitement to last the year through.

And they all lived safely ever after (except the wolf, but that is a story for another day).

About the author: Amelia Hamilton, a conservative blogger and author of the Growing Patriots series of children’s books, is a lifelong writer and patriot. She has a master’s degree in both English and 18th-century history from the University of St. Andrews in Scotland, and a postgraduate diploma in fine and decorative arts from Christie’s London. Her labrador, Virgil, can usually be found at her side. You can visit her website here.

Illustration by Amy Hulse, Studio Coronado.

Red Riding Hood would have been a lot safer if she'd been carrying, March 26, 2016

Get ready for the fairy tales about

Hold on, these are no fairy tales? Okay, then leave it to Ms. Hamiltons re-told Hansel and Gretel (Have Guns), published one week after the Putnam County Kindergarten Mummy Shooting. Totally to be on the safe side, in a perfectly responsible way, of course.

Amelia Hamilton. Policy. Education. Politics. Culture.

Images: Greg Pollowitz: My, what a big center mass you have, wolf, January 14, 2016;
Amy Hulse for Studio Coronado;
Amelia Hammy: Red Riding Hood would have been a lot safer if she’d been carrying, March 26, 2016;
Amelia Hamilton: Hi. I’m Amelia. Policy. Education. Politics. Culture.
Soundtrack: Mrs. Greenbird: Shooting Stars & Fairy Tales, 2012 (pretentious hipster quatsch, but the guy has a beautiful dobro).

Bonus Track: Inside Edition: Gun Advocate Mom Gets Shot By Her 4-Year-Old Son, March 9, 2016.

Written by Wolf

1. April 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Wenn man etwas Bildung hat (Die Moritat vom jungen Friedrich Kolbe)

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Update zur Eskimojade:

Mein lyrisches Frühwerk hat sich immer wie Wilhelm Busch angehört, weshalb ich es heute nicht mehr eigens verbreiten muss. Besonders beeindruckt hat mich in den zwei Bänden Was beliebt, ist auch erlaubt und Und die Moral von der Geschicht, die es seit 1959 unverändert mit dem Vorwort von Theodor Heuss gibt, Trauriges Resultat einer vernachlässigten Erziehung, das ich zehnjährig für einen echten Krimi gehalten hab. Allein der Formulierung der Überschrift nach zu schließen, ist es aber eher die Parodie auf eine Moritat und tatsächlich auf so ziemlich jede Melodie cantabile. — Und was heißt hier überhaupt, die haben Sie nicht, die einzige Gesamtausgabe, die wirklich überall hingehört, wo jemand wohnt, der lesen kann? Klick und kaufen, aber zügig!

Wilhelm Busch hat sich durchgehend mit einiger Koketterie als Kauz und „eingefleischten Junggesellen“ — was zeitweise eine feine Umschreibung für „schwul“ war — dargestellt. Die Moritat schrieb er mit 28 Jahren, da klang er, man weiß nicht, mit wie viel Ironie, geradezu frühvergreist. Trotzdem ist sie deutlich ein Steinbruch an Motiven für das spätere Max und Moritz, 1865: Der Schneider heißt Böckel statt später Böck, wird aber ebenfalls mit „Meck, meck, meck“ gemobbt; Antiheld Fritzchen hat Pausbacken und Strubbelfrisur der späteren Max-Figur und die Hosen von Moritz, die hier allerdings eine handlungstragende Rolle spielen (siehe Gudrun Schury: Ich wollt, ich wär ein Eskimo. Das Leben des Wilhelm Busch. Aufbau Verlag, Berlin 2007, als Taschenbuch in: Aufbau-Taschenbücher Nr. 7071, Berlin 2010).

Die vermittelten moralischen Werte — weil „Moritat“ entweder von „Moralität“ oder „Mordtat“ kommt — erscheinen heute fragwürdig. Das ist ja gerade die Gaudi. Ich bringe den Text korrigiert nach der Erstveröffentlichung in den Fliegenden Blättern, die sich von den erhältlichen, gefällig geglätteten am stärksten in der Zeichensetzung unterscheidet.

——— Wilhelm Busch:

Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung

in: Fliegende Blätter 33.1860, Nr. 783—808, Seite 108 bis 111., 1860:

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergAch, wie oft kommt uns zu Ohren,
Daß ein Mensch was Böses that,
Was man sehr begreiflich findet,
Wenn man etwas Bildung hat.

Manche Eltern sieht man lesen
In der Zeitung früh bis spät ;
Aber was will dies bedeuten,
Wenn man nicht zur Kirche geht ?

Denn man braucht nur zu bemerken,
Wie ein solches Ehepaar
Oft sein eig’nes Kind erziehet,
Ach, das ist ja schauderbar !

Ja, zum In’stheatergehen,
Ja, zu so was hat man Zeit,
Abgeseh’n von and’ren Dingen,
Aber wo ist Frömmigkeit ?

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergZum Exempel, die Familie,
Die sich Johann Kolbe schrieb,
Hatt‘ es selbst sich zuzuschreiben,
Daß sie nicht lebendig blieb.

Einen Fritz von sieben Jahren
Hatten diese Leute blos,
Außerdem, obschon vermögend,
Waren sie ganz kinderlos.

Nun wird mancher wohl sich denken :
Fritz wird gut erzogen sein,
Weil ein Privatier sein Vater ;
Doch da tönt es leider : Nein !

Alles konnte Fritzchen kriegen,
Wenn er seine Eltern bat,
Äpfel=, Birnen=, Zwetschgenkuchen,
Aber niemals guten Rath.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergDas bewies der Schneider Böckel,
Wohnhaft Nr. 5 am Eck ;
Kaum, daß dieser Herr sich zeigte,
Gleich schrie Fritzchen : meck, meck, meck !

Oftmals, weil ihn dieses kränkte,
Kam er und beklagte sich,
Aber Fritzchens Vater sagte :
Dieses wäre lächerlich.

Wozu aber soll das führen,
Ganz besonders in der Stadt,
Wenn ein Kind von seinen Eltern
Weiter nichts gelernet hat ?

So was nimmt kein gutes Ende. —
Fast verging ein ganzes Jahr,
Bis der Zorn in diesem Schneider
Eine schwarze That gebar.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergUnter Vorwand eines Kuchens
Lockt er Fritzchen in sein Haus,
Und mit einer großen Scheere
Bläst er ihm das Leben aus.

Kaum hat Böckel dies verbrochen,
Als es ihn auch schon schenirt,
Darum nimmt er Fritzchens Kleider,
Welche grün und blau karirt.

Fritzchen wirft er schnell ins Wasser,
Daß es einen Plumpser thut,
Kehrt beruhigt dann nach Hause,
Denkend : So, das wäre gut !

Ja, es setzte dieser Schneider
An die Arbeit sich sogar,
Welche eines Tandlers Hose
Und auch sehr zerrissen war.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergDazu nahm er Fritzchens Kleider,
Weil er denkt : dich krieg‘ ich schon !
Aber ach ! ihr armen Eltern,
Wo ist Fritzchen, euer Sohn ?

In der Küche steht die Mutter,
Wo sie einen Fisch entleibt,
Und sie macht sich große Sorge :
Wo nur Fritzchen heute bleibt ?

Als sie nun den Fisch aufschneidet,
Da war Fritz in dessen Bauch. —
Todt fiel sie in’s Küchenmesser
Fritzchen war ihr letzter Hauch.

Wie erschrack der arme Vater,
Der g’rad‘ eine Prise nahm ;
Heftig fängt er an zu niesen,
Welches sonst nur selten kam.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergStolpern und durch’s Fenster stürzen,
Ach, wie bald ist das gescheh’n !
Ach ! und Fritzchens alte Tante
Muß auch g’rad‘ vorüber geh’n.

Dieser fällt man auf den Nacken,
Knacks ! da haben wir es schon !
Beiden theuren Anverwandten
Ist die Seele sanft entfloh’n.

D’rob erstaunten viele Leute
Und man munkelt allerlei,
Doch den wahren Grund der Sache
Fand die wack’re Polizei.

Nämlich Eins war gleich verdächtig :
Fritz hat keine Kleider an !
Und wie wäre so was möglich,
Wenn es dieser Fisch gethan ?

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergLange fand man keinen Thäter,
Bis man einen Tandler fing,
Der, es war ganz kurz nach Ostern,
Eben in die Kirche ging.

Ein Gensdarm, der auf der Lauer,
Hatte nämlich gleich verspürt,
Daß die Hose dieses Tandlers
Hinten grün und blau karirt.

Und es war ein dumpf‘ Gemurmel
Bei den Leuten in der Stadt,
Daß ’ne schwarze Tandlersseele
Dieses Kind geschlachtet hat.

Hochentzücket führt den Tandler
Man zur Exekution ;
Zwar er will noch immer mucksen,
Aber Wupp ! da hängt er schon. —

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergNun wird Mancher hier wohl fragen :
Wo bleibt die Gerechtigkeit ?
Denn dem Schneidermeister Böckel
Thut bis jetzt man nichts zu leid.

Aber in der Westentasche
Des verstorb’nen Tandlers fand
Man die Quittung seiner Hose
Und von Böckel’s eig’ner Hand.

Als man diese durchgelesen,
Schöpfte man sogleich Verdacht
Und man sprach zu den Gensdarmen:
Kinder, habt auf Böckel acht !

Einst geht Böckel in die Kirche.
Plötzlich fällt er um vor Schreck,
Denn ganz dicht an seinem Rücken
Schreit man plötzlich : Meck, meck, meck !

Dies geschah von einer Ziege ;
Doch für Böckel war’s genug,
Daß sein schuldiges Gewissen
Ihn damit zu Boden schlug.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergEin Gensdarm, der dies verspürte,
Kam aus dem Versteck herfür,
Und zu Böckel hingewendet
Sprach er : Böckel geh‘ mit mir !

Kaum noch zählt man 14 Tage,
Als man schon das Urtheil spricht :
Böckel sei auf’s Rad zu flechten.
Aber Böckel liebt dies nicht.

Ach ! die große Schneiderscheere
Ließ man leider ihm, und Schnapp !
Schnitt er sich mit eig’nen Händen
Seinen Lebensfaden ab.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergJa, so geht es bösen Menschen.
Schließlich kriegt man seinen Lohn.
Darum, o ihr lieben Eltern,
Gebt doch Acht auf Euern Sohn.

Bilder: Universitätsbibliothek Heidelberg: Heidelberger historische Bestände — digital. Abermals danke, danke, danke für dieses Projekt samt den sorgfältigen Scanner — den viereckigen wie den zweibeinigen — in einem anständigen Kontrast:

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek Heidelberg

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek Heidelberg

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek Heidelberg

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek Heidelberg

Soundtrack: Danse macabre auf Orchestrion, restauriert 2013.

Written by Wolf

4. März 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Vier letzte Dinge: Tod

Totensonntag

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Update und Übersetzung zur bairischen Version:

[Vielleicht doch das Beste,was ich je geschrieben hab. Am Totensonntag 2011 stand es in Moby-Dick™ und dem freitag!-Logbuch, 2012 vorsichtig überarbeitet hier, aber weiterhin auf Bairisch.

Genau darüber häufen sich die Beschwerden. Deshalb erscheint es heuer endlich ins Hochdeutsche übersetzt, diesmal nicht zum Gedenken der Heiligen Katharina von Alexandrien, vielmehr zum Gedenktag des heiligen Korbinian, seiner Bestimmung und Berufung nach der erste Bischof von Freising — im Vergleich zu seiner Kollegin Katharina ein mit Patronaten eher unterforderter, dafür grundbayerischer Heiliger. Außerdem hat er einen Bären gezähmt und seitdem immer dabei.

Die Dialektversion konnte ich mir zur Überprüfung der Effekte und des Timings selbst halblaut vorlesen, für diesen Zweck funktioniert Bairisch genügend ähnlich wie mein angeborenes Fränkisch. Für die hochdeutsche Version bin ich auf „Dritte“ angewiesen, wobei ein durchschnittlich sauberes Deutsch vollauf reicht und eine leichte Färbung in egal welchem Dialekt sowieso immer wünschenswert ist.

Erforderlich sind weiterhin ein oder drei Sprecher (Erzähltext und Ich-Figur, Petrus, Jesus); nichts einzuwenden bleibt gegen einen Mädchensprechchor, der im Hintergrund dezent frohlockt. Die Aussage bleibt unverändert: ähnlich der von Lessings Ringparabel, bloß existenzieller.

Wie die bairische gebe auch die folgende Version frei zur Aufführung, bitte mit Quellenangabe. Wer eine Sound-Datei davon zugänglich macht, kriegt ein Buch von mir geschenkt. Ein schönes! — Fade in.]

~~~\~~~~~~~/~~~

Der Eingang sieht aus wie die Stufen zur Glyptothek. Nicht das, was man einladend nennt, oder was man normalerweise träumt. Aber einmal muss da jeder durch. Wenn schon nicht einmal im Leben, dann eben jetzt, wo ich gestorben bin. Jedenfalls vermute ich das.

Wie immer in solchen großklassizistischen Einschüchterungsbauten darf ich nicht durch eine Flügelpforte, die sich vor der Majestät meiner Person beiseite schiebt, sondern muss durch den unspektakulären Windfang hinter den Säulen. An einem marmornen Tisch, an dem man in der Glyptothek Eintritt bezahlen würde, sitzt ein Rauschebart in einer Art Bademantel und tippt zehnfingrig in einen Laptop. Kein Apple, stelle ich fachmännisch fest. Links daneben ein Stapel unausgefüllter Formulare, rechts ein Stapel ausgefüllter.

Joseph Sebastian Klauber & Johann Baptist Klauber, Der Heilige Korbinian segnend über der Stadt Freising, 1740--1750„Grüß Gott.“ Beim Reinkommen grüßt man. Schon rein vorsichtshalber.

„Grüß Sie Gott. Moment, ich mache noch schnell die Seele vor Ihnen fertig.“

Tipp, tipp, tipp. — Klack!

„So! Grüß Gott!“

„Ich soll hier anscheinend vorsprechen oder so.“

„Jaja, das hat schon seine Richtigkeit. Was führt Sie zu uns? Wissen Sie das, können Sie das sagen?“ Petrus nimmt ein Blatt vom unausgefüllten Stapel und einen Zimmermannsbleistift.

„Na, weil ich gestorben bin, nehm ich doch an.“

„Jaja, das ist die Voraussetzung dafür, dass Sie vorgelassen werden. Aber woran Sie gestorben sind, können Sie das auch sagen?“

„Ich glaub, ich hab einen Kalauer zuviel gerissen. Über die Namen von Gottfried Benn und Ben Cartwright.“

„Ach du heiliger Gott. Da können Sie von Glück sagen, dass Sie in so einem Fall überhaupt noch zu mir raufkommen. Normalerweise gehen solche Bestände gleich nahtlos zum Kollegen zwei Stockwerke tiefer, wenn Sie mir folgen können. Ohne lange Fegefeuerzuteilung.“

„Ich weiß es zu schätzen.“

„Das ist schon in Ordnung. Das kann nur daher kommen, dass Sie sowieso dran gewesen wären — wenn Sie noch von der Generation übrig sind, die Ben Cartwright kannte.“

„Ja … Was machen wir dann jetzt mit mir? Komm ich jetzt in den Himmel oder wofür genau hab ich mich die ganzen Jahrzehnte um die Ohren gehauen, Herr Petrus?“

„Da schauen wir jetzt, dann sehen wir’s gleich. Aber Petrus. Einfach Petrus. Ohne Herr oder Sir oder Sahib oder -san, wir legen hier oben keinen großen Wert auf Titel und Dienstgrade.“

„Dann könnten wir zur Not durchaus zusammenkommen …“

„Netter Versuch, Herr Dings. Aber Sie sind doch aus Europa, wenn ich Ihren Dialekt richtig einordne, stimmt’s? Irgendwas Nördliches bestimmt. Österreich, Irland, Lappland oder was da alles liegt.“

„Deutschland“, sag ich. „München, ursprünglich aber Nürnberg, bloß den Zungenschlag nie los geworden.“

„Ach, hören Sie mir bloß auf. Franken oder Frankreich, Wales oder Wallis, Galizien oder Gallizien, und das dritte von den zweien habt ihr schon wieder eingestampft, und euer München in der Oberpfalz ist nach sonstwas für einem Dingenskirchen eingemeindet.“

„Nach Hirschbach. Das kenn ich, da wollten sie mal eine Brauerei eröffnen. Die Geschäftsidee war: Münchner Bier aus der Oberpfalz, dass ich nicht lache. Für den Baugrund wollte der Investor fast noch Geld rauskriegen.“

„Aber Sie! In der Oberpfalz, da haben sie aber oft richtig feines Bier! Bei Etzelwang in der Nähe, da hab ich mal …“

„Ja, schon. Aber bei den zweieinhalb Hektolitern Ausstoß pro Jahr hält sich ja kein Brauer, der davon leben will. Als Logistik haben Sie da die B 14 aus Nürnberg nach Tschechien, die hat wahrscheinlich Brücken unter zwei Meter vierzig, und dann erst wieder die Amberger A 6. Das grenzt bei denen immer an Schwarzbrennerei als Hobby.“

„Manchmal bin ich direkt froh, dass ich nicht mehr so viel rauskomme. Bei euch kommt man schon mit dem Zuschauen nicht mehr nach.“

„Wo Sie Galizien erwähnen. Mein Urgroßvater war, soviel ich weiß, noch aus Czernowitz.“

„Ist das nicht neulich explodiert?“

„Nein, das war Tschernobyl, 1986, glaub ich. Czernowitz müsste schon noch irgendwo herumstehen.“

„Ach Gott ach Gott, was ihr andauernd für ein Durcheinander veranstaltet. Na Hauptsache, ihr selbst kennt euch aus.“

„Och, auch nicht so richtig.“

„Aber Deutschland, wo Sie herkommen, ist gut. Die Deutschen kann man fast ganz ohne bürokratischen Aufwand von der einen auf die andere Autorität umgewöhnen, das haben wir anno 510, 820 und zuletzt 1945 mit euch probiert. Dankbares Publikum, da in Deutschland.“

„Und 1918?“

Petrus denkt nach. „Nein, das war kein echter Autoritätenwechsel. Da haben wir nur andere Titel verteilen lassen. Umgekehrt wie später 1989, verstehen Sie?“

„Ich glaub schon, so ungefähr.“

„Glauben ist auch gut, Glauben kann man gut brauchen im Himmel. München, München, München … Da seid ihr doch gern dieses katholisch und evangelisch und wie das alles bei euch heißt, oder?“ Petrus rudert mit den Händen nach den Wörtern und amüsiert sich ein Loch in die Toga.

„Ausgetreten, aber ich hab die katholische Grundausbildung“, knurre ich durchs Gebiss.

„Recht haben Sie, guter Mann, recht haben Sie! An Ihre Seligkeit glauben können Sie genausogut zuhause.“

„Also, das hätte ich jetzt als letztes geglaubt, dass aus der Kirche austreten bei Ihnen ein Bonus sein könnte.“

„Warum denn nicht? Was der Junior vor zweitausend Jahren in eurem Judäa da unten spaßeshalber für einen Fischerverein gegründet hat, das spielt heute keine so große Rolle mehr.“

„Jesus ist spaßeshalber am Kreuz gestorben?“

„Was dachten denn Sie? Der Mann ist ein Drittel Dreifaltigkeit, der ist allmächtig. Der lebt und stirbt, wann und wie er will.“

„Da haben Sie wieder recht.“

„Aber waren Sie bei einer parakirchlichen Vereinigung? Seien Sie bitteschön gleich ehrlich, in diesem Punkt werden Ihre Angaben leider überprüft. Scientology und Opus Dei wären jetzt schlecht, Freimaurer wären positiv. Ach, die Freimaurer, meine speziellen Freunde. Seit ein paar hundert Jahren werden die allerdings immer weniger.“

„Freimaurer? Um Gottes willen, ich war doch in keinem Geheimbund.“

„Die Freimaurer?“ Petrus ist aufrichtig erstaunt. „Wo sind die denn geheim, die Freimaurer, wenn ich fragen darf? Die missionieren bloß nicht, das rechnen wir hier durchaus an. Und die halten auch Friede auf Erden, das dient unserem Wohlgefallen, wenn Sie meine Redeweise gestatten.“

„O ja, ich kann schon folgen, Petrus.“

„Jaja, ich sehe gerade, Sie sind ein Gelehrter. Das hätten Sie bei den Freimaurern geltend machen können, das ist bei denen richtig erwünscht, sogar so kuriose Studienfächer wie Ihre, die Sie da betrieben haben. Aber wenn Sie nicht hin wollten … Ihre Entscheidung.“

„Kann ich ja nicht wissen.“

„Natürlich können Sie das nicht wissen, deswegen heißt es ja Glauben.“

„Wenn Sie das so sagen, klingt es auf einmal richtig logisch. Doch, ja, Freimaurer, wäre vielleicht was gewesen …“

„Wie haben Sie sich ernährt? Vegan, vegetarisch, zoophag, kannibalisch?“

„Ich bitte Sie, Petrus. Ich war aus Franken.“

„Ja, schon klar. Fragen muss ich eben danach. Da haben Sie sich bestimmt auch regelmäßig unter Drogen gesetzt?“

„Ach was. Ganz selten war ich mal besoffen. Und wenn, dann mit Bier, schlimmstenfalls eine, zwei Flaschen Schnaps.“

„Ach so? Ja, warum denn? Was meinen Sie denn, wofür der Senior das ganze Zeug wachsen lässt? Bier und Schnaps ist schon in Ordnung, und was ist mit all den anderen Gottesgaben? Haben Sie dann wenigstens jeden Tag anständig was weggevögelt?“

„Bitte??“

Tafelbild im Freisinger Dom St. Maria und St. Korbinian, Sanctus Corbinianus urso sarcinas imponit. Der Heilige Korbinian lädt dem Bären seine Lasst auf„Hatten Sie regelmäßig Geschlechtsverkehr?“

„Jetzt lappt’s aber eventuell ein bisschen ins Persönliche …“

„Ja. Und?“

„Eminenz, ich bin verheiratet. War.“

„Ach du lieber Gott …“ Petrus macht mit seinem Zimmermannsbleistift einen energischen Strich über ein ganzes Blatt.

„Ihnen ist schon klar, guter Mann: Für jeden Tag ohne Vögeln muß ich Ihnen … na, was sagen wir in Ihrem Fall … seien wir gnädig … sagen wir: fünfzig Jahre Fegefeuer zusätzlich berechnen.“

Ich schlucke. „Das werden Sie schon passend machen.“

„Lebt Ihre Frau noch, so als Witwe, die sich ab jetzt fröhlich an Ihre ehelichen Pflichten erinnern kann? Ja? Na, die muss leider dann später das gleiche, logisch …“

Petrus schreibt in meiner Akte herum, sucht im beistehenden Aktenreiter unter meinem Buchstaben eine weitere heraus, notiert vorne drauf herum, schaut wieder hoch zu mir und schüttelt betrübt das Haupt:

„Ach, ich kann Ihnen sagen: Das ist alles so eine sinnlose Verschwendung von Seligkeit.“

„Ein keuscher Lebenswandel zählt nichts?“

Langsam wird Petrus unwillig: „Keuscher Lebenswandel, keuscher Lebenswandel, gleich kann ich Ihnen ein paar Jährchen verschaffen von Ihrem keuschen Lebenswandel. Herrgott Sakrament, ich kann’s bald nicht mehr hören von euch christlichen Abendländern, mit eurer Keuschheit und Enthaltsamkeit und Monogamie und gar keine Gamie und Zölibat und Sublimierung und Filzläuse und hunderttausend wichtigere Sachen als das Vögeln! Das seid immer nur ihr, die ihre Frauen im Bett neben sich herumschimmeln lassen und die ganze Woche nicht anfassen! Ja, Kreuzteufel halleluja nochmal, die geschlechtliche Fortpflanzung, die war ein Geschenk! Unser größtes! Dafür haben wir lange an der Windbestäubung herumgeschraubt, bis wir das in der Evolution überhaupt möglich gemacht haben. Machen Sie sich eine Vorstellung, was das allein für eine logistische Konzeptarbeit für unsere Demiurgen war, von der spontanen Zellteilung aus gesehen, bis eure Balz das ganze Jahr lang durchdauert? Haben Sie das schon mal von einem anderen Tier gehört? Ein Privileg ist das! Ja, tut denn das Vögeln weh oder was?!“

„Da hab ich schon von Möglichkeiten gehört …“

„Jajaja, nichts da von wegen in dem Internetdings Bildchen von erlesenem Dekadenzkram anschauen. Ich rede davon, dass ihr endlich mit eurer Frau vögelt. Da hätten Sie Ihrer Frau zeigen können, wie lieb Sie sie haben, oder wie deutlich hätten Sie’s denn gebraucht? Da hätten Sie eine Möglichkeit gehabt, einen Ausdruck Ihrer Persönlichkeit zu finden, Sie Schreibhansel, Sie windiger.“

„‚WEnn ich mit Menschen vnd mit Engel zungen redet / vnd hette der Liebe nicht / So were ich ein donend Ertz oder eine klingende Schelle.‘ So war das gemeint?“

„Sehen Sie? Sie wissen doch alles! Und durchschauen es sogar, das können die wenigsten, die sich hier vor mich hinstellen. Und Sie nutzen es nicht. Sie entschuldigen, wenn ich da so drastisch werde, Sie können da persönlich wahrscheinlich nicht mal was dafür, aber das ist eben so allgemein geworden, die letzten zwei-, dreihundert Jahre.“

„Das tut mir ja dann auch leid, Petrus.“ Ich meine es ehrlich.

„Jaja, das glaub ich Ihnen sogar. Wissen Sie, in ein paar Jahren hab ich ja in diesem Job mein Zweitausendjähriges, das haben Sie als Kathole vielleicht mitgekriegt. Seitdem seh ich täglich tausend da hereinkommen, wo Sie hereingekommen sind, und davon sind neunhundert der festen Meinung, sie hätten im Leben alles richtig gemacht. Und wenn man einen fragt, ja was haben Sie denn so gemacht? Ich sag Ihnen, was sie gemacht haben: Nichts haben sie gemacht.“

„Das kenne ich aus meinem Job auch“, versuche ich zaghaft.

„Ja, genau das sagen alle, wenn man nachfragt. Einen Job hätten sie doch gehabt. Oder noch besser: eine Arbeit. Oder das Beste ist immer: einen Beruf. Wenn ich das immer schon höre. Berufen wird einer immer noch von uns.“

„Da versteh ich Sie gut. Da müssen Sie jetzt aber auch mal unsere Position einnehmen, Petrus. Das Vögeln kann falsch sein, auf einmal kann das Gegenteil genauso falsch sein. Das ist so mit allem, was man macht. Tun oder unterlassen, ruckzuck hat man sich schon wieder Schuld aufgeladen.“

„Ach, das mit der Schuld.“ Petrus winkt ab. „Was glauben Sie, wer wir sind? Ihr Kindermädchen, Ihr Religionslehrer an der Grundschule oder was? Wir sind doch auf Ihrer Seite. Wir erschaffen Sie doch nicht, nur damit Sie hinterher schuldbeladen durch Ihr Leben schleichen, da hätten wir doch selber keine Freude dran. Bei uns zählt gern schon der Versuch.“

„Das ist ja dann auch generös von Ihnen und erleichternd für uns und alles. Aber unter den eigenen Leuten und gerade bei der Arbeit und der eigenen Frau, da zählen doch oft die Resultate aus dem Versuch. Ich kann doch nicht hergehen und vögeln wollen, wenn die Beziehung nicht passt. Und die passt erst vom hundertsten Prozent an aufwärts.“

„Ach so? Und Sie glauben, Ihre Beziehung passt besser, wenn Sie einfach nicht vögeln?“

„Wenn Sie’s so hinstellen …“

„So leicht wär’s gewesen.“

„Aber Sie wissen schon auch: Dazu gehören zwei.“

„Oha! Gell? Oha! Nicht noch über Ihre Frau herziehen, gell? So viel kann ich Ihnen versprechen: Die entkommt uns sowenig wie Sie, Ihre Frau. Die hat nur vorerst noch ein paar Jahre, damit sie ihre evolutionäre Bestimmung einlösen kann.“

„Sollte mich das jetzt beruhigen?“

„Sie? Das müssen erstens Sie selber wissen, und zweitens haben Sie ab sofort andere Sorgen. Was haben Sie gemacht, solange Sie nicht gerade gearbeitet haben? Gern ein gutes Buch gelesen, hab ich recht?“

„Schon … Aber müssen wir gutes Buch dazu sagen?“

„Was für Lieblingsbücher?“

„Och, verschieden. Das übliche. Moby-Dick, Alice im Wunderland, aber wenn, dann mit den richtigen Illus, von Goethe die Werther-Leiden, den Faust, und dann auch gleich den Doktor Faustus vom Mann-Thomas … Vom Waechter das Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein, das hab ich gemocht.“

„O je, genau das mein ich. Diese ganzen hirnlastigen, humanistisch-idealistischen Fetzen, wo mit Sicherheit nirgends gevögelt wird. Und wenn, wo es lächerlich gemacht oder gleich mit Tod und Verderbnis bestraft wird.“

„Was Sie jetzt dauernd mit dem Vögeln haben.“

„Keine Angst, das haben wir hinter uns, ist schon abgehakt.“

„Musik war noch wichtig.“

„Tom Waits, wetten?“

„Ja, der. Leider fehlt mir die Stimme, um den nachzusingen.“

„Na, selber geschrieben haben Sie einige Liedchen, seh ich grade.“

„Jeder wie er kann.“

„Den Tom Waits, den mag ich auch. Hätten Sie sich doch ein Beispiel an dem genommen, der macht’s richtig. Auf den freu ich mich schon, wenn der zu uns kommt.“

„Dem haben Sie auch den Stimmapparat mitgegeben und die geistige Potenz.“

„Jetzt verrate ich Ihnen was, weil’s für Sie schon egal ist: Sie können heute alles im Leben erreichen — Sie dürfen es nur nicht wollen oder gar versuchen.“

„Ich hab gedacht, umgekehrt? Man müsste nur wollen, dann geht alles?“

„Ach — viele von diesen Hollywoodfilmen haben Sie dann bestimmt angeschaut, oder? Sehen Sie, von denen dauert ein einziger neunzig Minuten Minimum. In dieser Zeit hätten Sie besser feste gevögelt. Das kommt davon.“

Holzschnitt eines unbekannten Künstlers, wohl aus einer Chronik, 1489, Maria und das Jesuskind mit dem heiligen Korbinian und dem Burgunderkönig Sigismund, beiden Heiligenpatronen der Diözese Freising. St. Korbinian ist in Begleitung des Korbiniansbären.Durch den anliegenden Saal der Glyptothek haben sich hallende Schritte von Badeschlappen genähert. Seit einigen Augenblicken steht ein vollbärtiger Hippie in der gleichen Tracht wie Petrus neben dem Marmorschreibtisch.

„Grüß dich, mein Sohn“, sagt er beiläufig zu mir, und dann zu Petrus: „Und, alter Wetterfrosch, wie geht’s heute voran? Kannst du mit uns Mittag machen?“

„Ich hab noch gar nicht nachgeschaut, was gibt’s denn heute? Schüttelst du wieder deine fünftausend Fischsemmeln aus dem Ärmel?“

„Sowieso. Ungesäuert sind sie am besten!“ Übermütig lässt der Hippie die Fingerknöchel krachen. Zwei runde, verheilende Wundmale auf den Handrücken.

„Ja, ist recht. Ich verräum nur noch schnell die Seele da.“

„Den da?“ Der Hippie mustert mich milde. „Na, halleluja. Studierter humanistisch-idealistischer Agnostiker und Nichtvögler, stimmt’s? War er bei den Freimaurern?“

„Ach, woher. Gar nichts war der.“

„Aber dem Gesicht und dem Aufzug nach oversexed and underfucked, ja?“

„Ja, genau, aus Franken.“

„Wohnhaft in München“, blöke ich dazwischen.

„München, München, München … Das Kaff in der Oberpfalz, wo sie letzthin die Brauerei eröffnen wollten? Für den Baugrund wollte der Investor …“

„Nein, das andere.“

„Dann ist es doch das mit der Asamkirche neben dem kleinen Buchladen mit lauter freundlichen hübschen Buchhändlerinnen, oder? Das haben sie mir schön eingerichtet, meine Sterblichen, das mag ich eigentlich. Gut, dann sind wir doch mal gnädig, damit wir fertig werden.“

„Liegt am Nachmittag noch was Wichtiges an?“

„Ach ja, wo du’s sagst: Der Senior meint, wir brauchen langsam das Meeting fürs Weihnachtswetter. In dem stehst du obligatorisch drin.“

„Hab ich mir fast schon gedacht. November ist halt immer schwierig mit den ganzen Toten, und dann jedesmal gleich Weihnachten hintennach.“

„Selig sind die Schifahrer, wissen wir ja.“

„Was machen wir jetzt mit dem?“

„Ach, naja … Fegefeuer bis zum nächsten Zeitalter halt, oder was meinst du?“

„Ja, dachte ich mir auch so, um den Dreh. Oder lassen wir ihn zur Sicherheit bis zum übernächsten?“

Der Hippie überlegt. „Kommt drauf an. Zu wem käme er denn? Luzifer oder Beelzebub? Satan fände ich zu streng für den, oder hat er das TTIP mitbeschlossen, volkstümliche Schlager verbreitet oder so?“

„Ach wo, nicht mal das.“

Petrus sucht schon in seinem Laptop herum: „Mephisto hätte grade eine Kapazität frei, weil heute Sokrates aufsteigt. Den Platz von dem könnte er fliegend übernehmen. Damit er nicht kalt wird, haha.“

„Ach du je — der Mephisto, der macht den doch fertig, schon allein rhetorisch. Der Bub war verheiratet, wie ich ihn einschätze?“

„Grade deswegen hab ich ja geplant: bis zum übernächsten. Mit seiner ehelichen Pflicht sieht’s nämlich mau aus.“

„Ach komm, sei nicht so, dann ist er doch gestraft genug. Das hat der doch nicht aus Bosheit gemacht. Und vielleicht hat er Germanistik studiert, vielleicht hat er nie ein Auto besessen, vielleicht hat er einen hässlichen Hintern, vielleicht war er ein Blogger und Brillenträger ist er auch — dann ist doch klar, dass sich da nichts zusammenvögelt. Das muß man alles in Betracht ziehen.“

Petrus seufzt. „Also gut. Aber ich sag dir gleich, ich nehm ihn nicht, wenn er in dreihunderttausend Jahren schon wieder dasteht und frohlocken will. Dann nimmst ihn nämlich du.“

„Kein Problem. Die bei Mephisto waren, die werden hinterher der angenehmste Umgang. Harte Schule, der Alte. Ich hüte mich, mit ihm zu brechen.“

„Ganz der Vater.“

Jesus fragt mich: „Fürs restliche Zeitalter zu Mephisto. Wärst du damit einverstanden, mein Sohn?“

„Kann ich’s ändern?“

„Wahrlich, wahrlich. Na, bei dieser Einstellung wundert mich nichts. Mir sprechen uns dann am Jüngsten Tag. Gehe hin in Frieden.“

Er segnet mich, es scheppert, und dann nehmen mich zwei krokodilsköpfige Legionäre mit rotglühenden Hellebarden in ihre Mitte.

Und wer jetzt glaubt, es wäre ein Happy End, wenn ich jetzt aufwachte und es war alles nur ein Traum, der hat weder eine Ahnung vom Aufwachen noch vom Träumen.

~~~\~~~~~~~/~~~

Diesmal erfordert das einen Soundtrack: Kanon und Gigue in D-Dur (Canon per 3 Violini e Basso) von Johann Pachelbel, zeitlich nicht exakt einzuordnen, nur derart zur Schnulze herunterstrapaziert, dass man nach einer genießbaren Version ganz schön suchen muss. Es gibt eine.

Bilder: Joseph Sebastian Klauber & Johann Baptist Klauber: Der Heilige Korbinian segnend über der Stadt Freising, 1740–1750;
Tafelbild im Freisinger Dom St. Maria und St. Korbinian: Sanctus Corbinianus urso sarcinas imponit (Der Heilige Korbinian lädt dem Bären seine Last auf);
Holzschnitt eines unbekannten Künstlers, wohl aus einer Chronik, 1489: Maria und das Jesuskind mit dem heiligen Korbinian und dem Burgunderkönig Sigismund, beiden Heiligenpatronen der Diözese Freising. St. Korbinian ist in Begleitung des Korbiniansbären.

Grabesdunstwitterlich

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Update zu Was tat der Eitele, ein Emo zu scheinen?:

Vincent Serbin, Toward Omega, 1997

Eine gothic Auffassung der Trauer stand noch nie in gutem Ruf, weder 1759 bei Lessing noch ein Vierteljahrhundert später bei Musäus. Was sich Menschen, die sich der Vergänglichkeit allen Seins samt des damit verbundenen Schmerzes allzu bewusst sind, postmodern anhören müssen, gebe ich möglichweise in weiteren zweihundert Jahren in geeigneter Auwahl wieder.

Vincent Serbin, Toward Omega, 1997

——— Johann Karl August Musäus:

Liebestreue
(oder das Märchen à la Malbrouk)

in: Volksmärchen der Deutschen, Carl Wilhelm Ettinger, Gotha 1782–1786, 3. von 5 Bänden:

Unter allen Leidenschaften scheinet indessen das Schmerzensgefühl am wenigsten geneigt das Leben zu zerstören, absonderlich bei dem tränenreichen Geschlecht, das allen Kummer sich so leicht vom Herzen weint. Die tiefgebeugte Wittib unterlag also nicht ihren Schmerzen, so sehr sie auch wünschte des Leibes entledigt zu sein, damit ihr von Sehnsucht beflügelter Geist den geliebten Schatten ihres Gemahls noch auf dem Wege in die Ewigkeit einholen möchte. Doch diesmal war ihr Wunsch vergebens; es wär auch ungerecht gewesen, wenn ihre Seele die reizende Wohnung welche ihr zum Aufenthalt angewiesen war, so eilfertig hätte verlassen wollen. Denn ein niedliches bequemes Obdach zu verschmähen um unter freiem Himmel zu wohnen, ist eigentlich Übermut; ein anders ist’s wenn jemand in einer räuchrichen oder gebrechlichen Hütte hauset, die alle Augenblick den Einsturz droht, da ist der Wunsch zu emigrieren verzeihbar. Darum wenn eine Matrone bei der schon jeder Balken im Gesparre knackt sich nach ihrer Auflösung sehnet, so ist gegen ein so billiges Verlangen mit Grunde nichts einzuwenden; aber wenn junge frische Mädchen so grabesdunstwitterlich reden, wenn irgend eine empfindsame Saite in ihrem Gehirn verstimmt, oder eine Intrike gescheitert ist, so ist das eitel Ziererei. Die schöne Jutta wünschte mit ihrem Herrn zu sterben, wie die Gemahlin des weisen Seneca, die sich zur Gesellschaft mit ihm die Adern öffnen ließ. Da er aber früher ausgeblutet hatte, und der Tod bei ihr noch zögerte, folgte sie gutem Rat und ließ schnell zubinden, denn sie meinte sein entflohener Geist habe bereits einen zu weiten Vorsprung genommen, um ihn einzuholen.

Vincent Serbin, Toward Omega, 1997

Bilder: Vincent Serbin: Toward Omega, 1997.

Written by Wolf

16. Juli 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Vier letzte Dinge: Tod

Dass ich ihm doch das Leben schenken möchte (OK)

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Update zu Moritz war ein Mädchen:

——— Julius Eduard Hitzig:

E.T.A. Hoffmanns Leben und Nachlass.
Zehnter Abschnitt: Berlin 1814–1822

März 1823, vermehrte und verbesserte Fassung 1839;
mit Anmerkungen zum Text und einem Nachwort von Wolfgang Held, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1986;

and as an Update for We have come so far,
I am, I am, I am (your barefoot wench for a whole week),
Weder Schuh und weder Strümpf (und einen Striffel um den Hals)
and Zu Lolitas Verteidigung:

——— Flatsound:

You Said Okay

December 22nd, 2013, abridged; full text: see weblog:

Der erste Vorbote der Leiden, die ihm bevorstanden, war, — man lache nicht, — der Tod seines Katers.

Am 30. November 1821 erhielt der Herausgeber früh am Morgen folgende Karte:

„In der Nacht vom 29. zum 30. November entschlief nach kurzem, aber schwerem Leiden zu einem bessern Dasein mein geliebter Zögling, der Kater Murr, im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Alters, welches ich teilnehmenden Gönnern und Freunden ganz ergebenst anzuzeigen nicht ermangle. Wer den verewigten Jüngling kannte, wird meinen tiefen Schmerz gerecht finden und ihn — durch Schweigen ehren.      Hoffmann“

You Said Okay

Sometimes when I look up I see stars
that cut through the sky and fade quickly into nothingness
and I pray that you aren’t as fleeting

Dieser Spaß konnte dem auffallen, der Hoffmann nicht kannte, nicht ahndete, wie nahe oft bei ihm Scherz an Schmerz zu grenzen pflegte. Der Herausgeber wußte, wi er es zu nehmen hatte. Am Abende führte ihn ein Geschäft aus seinem Hause und an der Weinstube vorbei, in welcher Hoffmann seinen Wohnsitz aufgeschlagen. Wenige Schritte davon gewahrte er diesen, langsam und gebückten Hauptes einhergehend. Hoffmann ward auch seiner im Augenblicke ansichtig und „haben Sie meine Karte erhalten?“ fragte er mit Heftigkeit. Es wurde bejaht. „Nun, so tun Sie mir die einzige Liebe“, so fuhr er fort, „und treten mit mir in dies Kaffeehaus (vor dem sie eben standen), wir können da ungestört mit einander sprechen.“ Es geschah, wie er gesagt, er riß den Freund mit Ungestüm in ein Hinterzimmer, sah sich um, ab sie auch allein wären, und nun begann er, mit vorausgeschickter Bitte, ihn nicht zu verkennen; aber es sei doch nun einmal so, — das Bekenntnis, wie ihn der Tod des Tieres ergriffen, (welches zu retten, er Ärzte aus der Tierarzneischule hatte holen lassen), zugleich aber auch eine Schilderung der Qual des Sterbens, daß sich dem entsetzten Zuhörer die Haare in die Höhe richteten.

You Said Okay

and in that deafening silence
I asked if I could still call you my snowflake
and you said okay
you said okay

In der Nacht“, so erzählte er unter andern, „winselte der Murr gar zu erbärmlich, meine Frau schlief fest; ich stand sachte von ihrer Seite auf, schlich in die Kammer, wo er lag, hob die Decke auf, die über ihn gebreitet war, und nun sah er mich an, mit ordentlich menschlichen Blicken, wie bittend, daß ich ihm doch das Leben schenken möchte, und hörte für einen Augenblick auf zu jammern, als ob er Trost in meinen Mienen läse. Da konnte ich es nun nicht länger ertragen, ließ das Tuch wieder über ihn hinfallen, und kroch ins Bett zurück. Gegen Morgen starb er, und nun ist mir das Haus so leer und auch meiner Frau. Ich wollte heute früh gleich zu Fiocati und ihr einen sprechenden Papagei kaufen; aber sie will keinen Ersatz, und ich auch nicht. Nicht wahr, Freund, Sie halten auch nichts von Surrogaten für geliebte Gegenstände? u. s. w.“

You Said Okay

and it was then I realized you were not my world
you were my universe

Der Freund war so ergriffen von der Stimmung, in welcher er Hoffmann fand, und so gerührt von seinem Vertrauen, da er, der jeden Anstrich von Sentimentalität auf das höchste scheute, sich gewiß nur gegen ihn, den seit langen Jahren mit seinen innersten Gefühlen Bekannten, so auszusprechen wagte, daß er seine Hand ergriff und ihm sagte: „Ihre Karte liegt schon bei den Papieren, die ich über Sie gesammelt, und auch diese Herzensergießung soll unvergessen sein. Wenn ich Sie überlebe, so schreib ich Ihre Biographie, und beides soll darin nicht fehlen.“ „Ach! sie werden mich gewiß überleben“, erwiderte er wehmütig, und tief erschüttert schieden die Freunde.

You Said Okay

because I sit here wondering if anything you said was true
and who it was that taught you to speak bullets
without considering the exit wound.

Wie hätte es aber der Überlebende damals ahnen sollen, daß er sein Versprechen so bald werde zu lösen haben! Noch stand Hoffmann in völliger Kraft der Gesundheit vor ihm; aber bald darauf befiel ihn die Krankheit, die, eine gänzliche Erschöfpung der Lebenskraft und zuletzt eine Lähmung der Extremitäten herbeiführend, ihn in dem reifsten Mannesalter unerbittlich dahinraffte.

Images: Ice Water Veins: You Said Okay, May 28th, 2014.

Written by Wolf

19. Juni 2015 at 00:01

Moritz war ein Mädchen

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Update zu Der vortreffliche Kater Murr
und Carpe Mörchen:

Nicht erfaßt der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen;
Dem glänzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt‘ verzagen.
Bald kann dir die Stunde schlagen,
Die entreißt dich aller Not;
Zu vollbringen magst du wagen,
Was die ew’ge Macht gebot.

Kater Murr, 1821.

Wir trauern um Moritz (* Juli 1997 in Königstein; † 17. Mai 2015 in Haar bei München).

Wir wissen nicht viel über ihn, er alles über uns. Äußerlich war er eine „kluge, wohlunterrichtete, philosophische, dichterische“ (Hoffmann, a.a.O.) Katze, und selbst da haben wir ihn 1997 vom Sterilisieren zurückbekommen, als wir ihn zum Kastrieren gegeben haben. In Wirklichkeit war er am wahrscheinlichsten ein Engel, der jetzt zu einem anderen Einsatz zurückberufen wurde. Auf alle Fälle waren die Jahre mit ihm ein Geschenk.

Natürlich ist ein Leben ohne Katzen „möglich, aber sinnlos“ (Loriot über Möpse). Dass alles Leben sinnlos ist, liegt auf der Hand, bis jetzt ist aber nicht raus, ob eins ohne Moritz möglich ist. Er hat uns viel hinterlassen, nur das nicht. Immerhin müssen wir uns nicht vorwerfen, wir hätten zu wenig für ihn getan, es war nämlich alles — und eben am Ende doch nicht genug. Wenn artgerechte Haltung bedeutet, dass ein Tier freiwillig bleibt und zurückkommt, sind wir Moritz gerecht geworden. Man kann zuversichtlich annehmen, dass er uns gemocht hat.

Am schlimmsten war es, ihm nicht mehr gerecht zu werden, egal was wir noch tun konnten; drei Krankheiten gleichzeitig hat er noch geschafft, nur nicht mehr die bösartige Sau von Tumor, die sich feige hinter den dreien versteckt hielt. Moritz hat alles verdient, aber das bestimmt nicht. Niemand auf der Welt, und am wenigsten der. Nicht der, nicht Moritz, der beste Miez von allen, daran glaub ich.

Er war so gern auf der Welt. So sichtbar, spürbar lebensfreudig und selbstverständlich da: So geht ein Da-Sein. Es gab immer etwas zu tun, zu beaufsichtigen, ein Schälchen Milch zu schlecken, ein Schläfchen zu schlafen. Er hat doch niemandem etwas getan (außer einigen Mäusen und ganz wenigen heimischen Singvögeln). Er war stark, was man erst mit der Zeit spitz bekam, vielleicht das lebenstüchtigste und stärkste Wesen, das ich kennen gelernt hab. Und doch: Es reicht nie.

——— E.T.A. Hoffmann: Lithographierte Traueranzeige an seine Freunde, 1821:

In der Nacht vom [17. bis zum 18. Mai] d.J. entschlief, um zu einem beßern Dasein zu erwachen, [unser] theurer geliebter Zögling [die Katze Moritz] im [siebzehnten] Jahre [ihres] hoffnungsvollen Lebens. Wer den verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend und des Rechts, mißt [unseren] Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen. München d. 17. Mai 2015

E.T.A. Hoffmann, Todesanzeige Kater Murr. In der Nacht vom 29. bis zum 30. November d.J. entschlief, um zu einem beßern Dasein zu erwachen, mein theurer geliebter Zögling der Kater Murr im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Lebens. Wer den verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend und des Rechts, mißt meinen Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen. Berlin d. 1. Decbr. 1821 – Hoffmann, 1. Dezember 1821

Er spukt noch. Wir passen auf, ihm nirgends auf den Zapfenschwanz zu treten. Wenn man lange genug nicht hingeschaut hat, fehlt in seinen weiterhin frisch gefüllten Futternäpfen sein Tagesquantum, in den Wassernäpfen schnapsglasgenau mehr, als in der gleichen Zeitspanne verdunsten könnte. Über Nacht bleibt das Fenster zur Straße offen, damit seine zarte Seele, die bestimmt durch keine Glasscheibe kann, zu seinen Mauszeiten raus und rein kommt. Wenn man am wenigsten dran denkt, das Geräusch, wie er vom Fensterbrett auf den Boden ploppt; Pfotentapser; wie sein Halsglöckchen mit dem Adressanhänger beim Kontrollgang an die Näpfe klingelt; Krallenkratzen am Bett — und hops. Und dann seine Schnurrstimme wie aus dem Inneren des eigenen Kopfes:

„Na? Kommt ihr zurecht?“

„Moritz? Bist du das?“

„Nein, hier spricht die Telefonseelsorge, du Wunderkind. Klar bin ich’s. Wie geht’s euch ohne mich?“

„Willst du gar nicht wissen.“

„Ich weiß es trotzdem.“

„Du hast es immer gewusst.“

„Ihr seid leicht durchschaubar. Und jetzt müsst ihr tapfer sein, mein Großer.“

„Aufrecht gehen können wir ja.“

„Ja, das beruhigt mich. Und ihr müsst jetzt existieren.“

„Sonst nichts?“

„Das wird euch schwer genug fallen. Aber mehr ist da nicht. Und es ist schon das Wichtigste.“

„Existieren als Tätigkeit?“

„Genau. Oder was hab ich euch die letzten siebzehndreiviertel Jahre beigebracht und vorgelebt?“

„Wie man die Schnurrhaare immer fein sauber und genau in der Mitte zusammenhält.“

„So gefällst du mir. Und hört auf zu flennen, alle zwei. Es ist ja nicht mitanzusehen. So kann ich euch nicht allein lassen.“

„Mörchen, mein Mörchen. Du fehlst.“

„Tu ich doch gar nicht. Ich bin da, solang ihr mich braucht und lasst. Oder hab ich mich tot angefühlt in dem Karton, in dem ihr mich begraben habt?“

„Von wegen. Dein Fell hat geglänzt. Wie immer, wenn du geschlafen hast.“

„Eine Runde poofen muss ich jetzt auch. Der Krebs schlaucht, sag ich euch.“

„Du hattest den schönsten Pelz der Welt, hab ich dir das mal gesagt?“

„Jeden Tag seit 1997. So viele Komplimente wie mir machst du mal besser deiner Frau, ihr braucht euch jetzt.“

„Als ob wir’s nicht wüssten …“

„Ihr wisst alles Wichtige. Jetzt lebt.“

„Machen wir. Sonst hätten wir nichts von dir gelernt. Nasenstüber, Moritz.“

„Nasenstüber, Wölfchen. Gute Nacht, ihr zwei.“

„Gute Nacht, Moritz.“

Moritz

Soundtrack, weil Besitz, Abspielung und Kenntnis von Johnny Cash: I Corinthians 15:55 aus American VI: Ain’t No Grave, 2010 praktisch untersagt sind:
Flogging Molly: If I Ever Leave This World Alive, aus: Drunken Lullabies, 2002. Alle Regler nach rechts, Gläser in die Höhe und jetzt alle!

Bilder: Die Wölfin, 2007; 6. Mai 2015;
E.T.A. Hoffmann via Kater Paul, 18. Januar 2011.

Moritz, 6. Mai 2015

Written by Wolf

22. Mai 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

B

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Update zu 23!!!:

Kein Wort stimmt doch mit dem überein, was tatsächlich passiert.

R. D. B.

Brigitte Friedrich, Rolf Dieter Brinkmann und die Beine seiner Frau Maleen, ca. 1969Gute Sachen fangen ja oft gern mit B an: Bier, Bücher, man kann das gern an langweiligen Wochenenden fortführen.

Der 23. April ist Tag des Bieres und Tag des Buches. Letzteres ist der 23. April, weil er der Geburtstag von Shakespeare 1564 ist und gleichzeitig der Todestag von Cervantes 1616.

Zur 40. Wiederkehr erfahren wir auch, dass es der Todestag von Rolf Dieter Brinkmann 1975 ist, eines der unterschätztesten deutschen Schreiber. Soviel zu Sachen mit B.

Bild: Brigitte Friedrich: Rolf Dieter Brinkmann und die Beine seiner künftigen Witwe Maleen, ca. 1969.

Written by Wolf

23. April 2015 at 15:29

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

Show me a guy that doesn’t want to come down off the cross

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Update zu Freundliche Begegnungen: Zur Abwechslung mal Ernest Hemingway beschimpfen
und Der alte Mann und der Miez:

Zum Karfreitag graben wir eine unterschätzte und unterbelegte Short Story von Hemingway aus. Außerdem verzichten wir auf die lange Zeit einzige zugelassene Übersetzung von Annemarie „Horseshit“ Horschitz-Horst; auf der Welt wird ohnedies genug gelittten. Vielleicht ist die Geschichte derart dialoglastig geraten, dass Hemingway sie lieber gleich fürs Theater geformt hat; vielleicht wollte er die Dramenform schon im Konzept, und die Story wurde eher irrtümlich unter die Stories eingereiht. So wie sie ist, haut sie mit ihren zurückgenommenen, ja beiläufigen Mitteln für eins der größten Themen der Welt — mit Verlaub gesagt — in die Fresse.

——— Ernest Hemingway:

Today Is Friday

from: Men Without Women, Charles Scribner’s Sons, New York City 1927:

Three Roman soldiers are in a drinking-place at eleven o’clock at night. There are barrels around the wall. Behind the wooden counter is a Hebrew wine-seller. The three Roman soldiers are a little cock-eyed.

Hieronymus Bosch, Kreuzigung der Julia von Korsika, 1497--15051st Roman Soldier—You tried the red?

2d Soldier—No, I ain’t tried it.

1st Soldier—You better try it.

2d Soldier—All right, George, we’ll have a round of the red.

Hebrew Wine-seller—Here you are, gentlemen. You’ll like that. [He sets down an earthenware pitcher that he has filled from one of the casks.] That’s a nice little wine.

1st Soldier—Have a drink of it yourself. [He turns to the third Roman soldier who is leaning on a barrel.] What’s the matter with you?

3d Roman Soldier—I got a gut-ache.

2d Soldier—You’ve been drinking water.

1st Soldier—Try some of the red.

3d Soldier—I can’t drink the damn stuff. It makes my gut sour.

1st Soldier—You been out here too long.

3d Soldier—Hell, don’t I know it?

1st Soldier—Say, George, can’t you give this gentleman something to fix up his stomach?

Hebrew Wine-seller—I got it right here.

[The third Roman soldier tastes the cup that the wine-seller has mixed for him.]

3d Soldier—Hey, what you put in that, camel chips?

Wine-seller—You drink that right down, Lootenant. That’ll fix you up right.

3d Soldier—Well, I couldn’t feel any worse.

1st Soldier—Take a chance on it. George fixed me up fine the other day.

Wine-seller—You were in bad shape, Lootenant. I know what fixes up a bad stomach.

[The third Roman soldier drinks the cup down.]

Gabriel von Max, Kreuzigung der Julia von Korsika, 18663d Roman Soldier—Jesus Christ. [He makes a face.]

2d Soldier—That false alarm!

1st Soldier—Oh, I don’t know. He was pretty good in there today.

2d Soldier—Why didn’t he come down off the cross?

1st Soldier—He didn’t want to come down off the cross. That’s not his play.

2d Soldier—Show me a guy that doesn’t want to come down off the cross.

1st Soldier—Aw, hell, you don’t know anything about it. Ask George there. Did he want to come down off the cross, George?

Wine-seller—I’ll tell you, gentlemen, I wasn’t out there. It’s a thing I haven’t taken any interest in.

2d Soldier—Listen, I seen a lot of them—here and plenty of other places. Any time you show me one that doesn’t want to get down off the cross when the time comes—when the time comes, I mean—I’ll climb right up with him.

1st Soldier—I thought he was pretty good in there today.

3d Soldier—He was all right.

2d Roman Soldier—You guys don’t know what I’m talking about. I’m not saying whether he was good or not. What I mean is, when the time comes. When they first start nailing him, there isn’t none of them wouldn’t stop it if they could.

1st Soldier—Didn’t you follow it, George?

Wine-seller—No, I didn’t take any interest in it, Lootenant.

1st Soldier—I was surprised how he acted.

3d Soldier—The part I don’t like is the nailing them on. You know, that must get to you pretty bad.

2d Soldier—It isn’t that that’s so bad, as when they first lift ’em up. [He makes a lifting gesture with his two palms together.] When the weight starts to pull on ’em. That’s when it gets ’em.

3d Roman Soldier—It takes some of them pretty bad.

1st Soldier—Ain’t I seen ’em? I seen plenty of them. I tell you, he was pretty good in there today.

[The second Roman soldier smiles at the Hebrew wine-seller.]

2d Soldier—You’re a regular Christer, big boy.

1st Soldier—Sure, go on and kid him. But listen while I tell you something. He was pretty good in there today.

2d Soldier—What about some more wine?

[The wine-seller looks up expectantly. The third Roman soldier is sitting with his head down. He does not look well.]

3d Soldier—I don’t want any more.

2d Soldier—Just for two, George.

[The wine-seller puts out a pitcher of wine, a size smaller than the last one. He leans forward on the wooden counter.]

Evocation of Flesh, 10. Oktober 20141st Roman Soldier—You see his girl?

2d Soldier—Wasn’t I standing right by her?

1st Soldier—She’s a nice-looker.

2d Soldier—I knew her before he did. [He winks at the wine-seller.]

1st Soldier—I used to see her around the town.

2d Soldier—She used to have a lot of stuff. He never brought her no good luck.

1st Soldier—Oh, he ain’t lucky. But he looked pretty good to me in there today.

2d Soldier—What become of his gang?

1st Soldier—Oh, they faded out. Just the women stuck by him.

2d Roman Soldier—They were a pretty yellow crowd. When they seen him go up there they didn’t want any of it.

1st Soldier—The women stuck all right.

2d Soldier—Sure, they stuck all right.

1st Roman Soldier—You see me slip the old spear into him?

2d Roman Soldier—You’ll get into trouble doing that some day.

1st Soldier—It was the least I could do for him. I’ll tell you he looked pretty good to me in there today.

Hebrew Wine-seller—Gentlemen, you know I got to close.

1st Roman Soldier—We’ll have one more round.

2d Roman Soldier—What’s the use? This stuff don’t get you anywhere. Come on, let’s go.

1st Soldier—Just another round.

3d Roman Soldier—[Getting up from the barrel.] No, come on. Let’s go. I feel like hell tonight.

1st Soldier—Just one more.

2d Soldier—No, come on. We’re going to go. Good-night, George. Put it on the bill.

Wine-seller—Good-night, gentlemen. [He looks a little worried.] You couldn’t let me have a little something on account, Lootenant?

2d Roman Soldier—What the hell, George! Wednesday’s payday.

Wine-seller—It’s all right, Lootenant. Good-night, gentlemen.

[The three Roman soldiers go out the door into the street. Outside in the street.]

2d Roman Soldier—George is a kike just like all the rest of them.

1st Roman Soldier—Oh, George is a nice fella.

2d Soldier—Everybody’s a nice fella to you tonight.

3d Roman Soldier—Come on, let’s go up to the barracks. I feel like hell tonight.

2d Soldier—You been out here too long.

3d Roman Soldier—No, it ain’t just that. I feel like hell.

2d Soldier—You been out here too long. That’s all.

CURTAIN

Kreuzigungen: Julia von Korsika nach Hieronymus Bosch 1497–1505; Gabriel Cornelius Ritter von Max, 1866; Evocation of Flesh, 10. Oktober 2014;
Soundtrack: Bach: Christ lag in Todes Banden, BWV 4 (Frühwerk), Ostersonntag, evtl. Mühlhausen 1707–1713, beste Einspielung unter John Eliot Gardiner.

Written by Wolf

3. April 2015 at 00:01

Nunc dimittis mit Fried und Freud

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Update zu Christen haben alle Stunden ihre Qual und ihren Feind, doch ihr Trost sind Christi Wunden, Den Bach runter, Ein schön Exempel Quasimodogeniti, Lieblingsbiber und Barfußläufte (Shakespeare im Freibad):

Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre.

Sigmund Freud, * 1856.

Es ist was es ist.

Erich Fried, * 1921.

Heute vor 290 Jahren, am 2. Februar 1725, ließ Johann Sebastian Bach zu Unser Lieben Frauen Lichtweihe, vulgo Mariä Lichtmess, Mariä Reinigung (Purificatio Mariae), Jesu Opferung im Tempel (Praesentatio Jesu in Templo) oder Darstellung des Herrn, seine Kantate Mit Fried und Freud ich fahr dahin, BWV 125, in der Leipziger Thomaskirche uraufführen.

Goddess BrigidMartin Luthers Text mit der Urmelodie von 1524 nach Simeons Lobgesang im Lukas-Evangelium (Lk 2,29–32) ist ein Komplet-, also Abend- Sterbe- und Begräbnislied, bei den Anglikanern stellt er den Evensong. Nur bei den Protestanten ist er weiterhin dem 2. Februar zugeordnet — mit seinem Winteraustrieb, allerersten Frühlingserwachen, all den im Rest der Christenheit gefeierten Ahnungen von Aufbruch, Hoffnung, Fruchtbarkeit und Neuanfang.

So kann man’s nämlich auch hindrehen:

——— August Müller, 1685:

Bist du ein Christ? Du sagest ja. Hast du Jesum lieb? Du sagest auch ja. Hast du Jesum lieb / so hast du auch Lust bey ihm zu seyn. Wie gern ist eine Braut beym Bräutigamb / ein Kind bey der Mutter / ein Schaf beym Hirten: daß macht die Liebe. Ich frage weiter: Hast du denn nicht Lust zum sterben der Tod bringet dich ja zu deinem Jesu.

Es kann nur ein Lied von Deutschen sein: Sobald von ferne in egal welchem Kontext etwas mit Frieden und Freude vorkommt, reicht denen so eine Novemberstimmung allemal als Frühlingslied; Luther soll es im 1524er Frühjahr gedichtet und vertont haben. Wo ja Lichtmess überhaupt ein recht einnehmender Termin ist, der sich als Lieblingsfeiertag eignet, an dem man niemandem was schenken muss: Da ist es endlich warm genug, dass man gerade mal so wieder an die Luft — und per definitionem ans Licht — kann, und da werden die Dingverträge für die Dienstboten um ein Jahr verlängert — oder eben nicht, und weiter geht’s mit der Walz. Wer Lichtmess noch da ist, bleibt noch ein Jahr. Und Vater Bach, der latent depressive Thüringer, der da geboren wurde, wo Luther in Gefangenschaft das Neue Testament überackerte, nicht faul, walzt das Lutheraner Kirchenlied zu einer ausgewachsenen Lichtmess-Kantate aus. Typisch Evangelen.

Kein Zweifel, mit Fried und Freud lässt sich gut fahren. Haben Erich Fried und Sigmund Freud doch am selben Tag Geburtstag, wenngleich nicht am 2. Februar (Imbolg, Samhain oder Groundhog Day) und einige Jahre auseinander, sondern am 6. Mai — und ich selber dazu.

Wenn das kein Beweis ist! Aber wofür bloß?

Erich Fried, 18-jährigSigmund Freud 1885, 29-jährig

Fried & Freud: 18-jährig & 29-jährig.

Imbolc: Goddess Brigid bei Ginger Goddess Eleonora.

Written by Wolf

2. Februar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Tod

Break in college sick bay

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Ireland in the city: The subject of this poem is the death of Seamus Heaney’s younger brother Christopher, who was killed by a car at the age of four in 1963.

Ireland in the country: Nicole C. illustrated it with her forest picture in 2014.

——— Seamus Heaney:

Mid-Term Break

The Kilkenny Magazine, number 9, spring 1963:

I sat all morning in the college sick bay
Counting bells knelling classes to a close.
At two o’clock our neighbors drove me home.

In the porch I met my father crying–
He had always taken funerals in his stride–
And Big Jim Evans saying it was a hard blow.

The baby cooed and laughed and rocked the pram
When I came in, and I was embarrassed
By old men standing up to shake my hand

And tell me they were ’sorry for my trouble,‘
Whispers informed strangers I was the eldest,
Away at school, as my mother held my hand

In hers and coughed out angry tearless sighs.
At ten o’clock the ambulance arrived
With the corpse, stanched and bandaged by the nurses.

Next morning I went up into the room. Snowdrops
And candles soothed the bedside; I saw him
For the first time in six weeks. Paler now,

Wearing a poppy bruise on his left temple,
He lay in the four foot box as in his cot.
No gaudy scars, the bumper knocked him clear.

A four foot box, a foot for every year.

Nicole C., With Me, July 10th, 2014

Informed stranger. Nicole C.: With Me, 10. Juli 2014

Written by Wolf

29. Januar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

1. Advent: Vom Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen

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Weiteres Update zum unterschätzten Rückert:
Des Frühlings beklommnes Herz (diesmal richtig):

Frohes Weihnachtsfest, Berlin 1934

Zu Weihnachten 1813 schenkte der 25-jährige Friedrich Rückert seiner kleinsten, damals dreijährigen Schwester Maria eine Sammlung aus fünf selbstgemachten Gedichten, die er innerhalb einer einzigen Nacht ausgearbeitet und niedergeschrieben haben wollte, und die heute ein sträflich vernachlässiger Kinderklassiker ist.

Maria starb 1835, als sie ihrerseits 25 war — so wie Rückerts Leben allgemein viel zu voll von Todesfällen viel zu junger Menschen war. Über Mariechen ist wenig überliefert, aber durch diese Sammlung war ihr zerbrechliches Leben nicht ganz umsonst.

Rückerts Familie stammte aus Oberfranken, der Tonfall und manche Wort- und Satzbildungen sind daher unverkennbar fränkisch und eignen sich unschlagbar zum Vorlesen.

Der Erstveröffentlichung in Marias Todesjahr stellte Rückert einen Epitaph als Motto voran:

——— Friedrich Rückert:

Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein.

Zum Christtag 1813:

Einst hab‘ ich Märchen zum Einschläfern dir gesungen,
Nun haben dich in Schlaf gesungen Engelzungen.
Um zu erwachen dort, bist du hier eingeschlafen;
Fahr wohl! im Sturme sind wir noch, du bist im Hafen.

Johannis 1835.

1 von 5

Vom Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen

Bezirkslehrerverein München, Das Kaulbach-Güll Bilderbuch, München 1910, TitelDenk an! das Büblein ist einmal
Spazieren gangen im Wiesental;
Da wurd’s müd‘ gar sehr,
Und sagt: Ich kann nicht mehr;
Wenn nur was käme,
Und mich mitnähme!
Da ist das Bächlein geflossen kommen,
Und hat’s Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich auf’s Bächlein gesetzt,
Und hat gesagt: So gefällt mir’s jetzt.

Aber was meinst du? das Bächlein war kalt,
Das hat das Büblein gespürt gar bald;
Es hat’s gefroren gar sehr,
Es sagt: Ich kann nicht mehr;
Wenn nur was käme,
Und mich mitnähme!
Da ist das Schifflein geschwommen kommen.
Und hat’s Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich auf’s Schifflein gesetzt,
Und hat gesagt: Da gefällt mir’s jetzt.

Aber siehst du? das Schifflein war schmal,
Das Büblein denkt: Da fall‘ ich einmal;
Da fürcht‘ es sich gar sehr,
Und sagt: Ich mag nicht mehr;
Wenn nur was käme,
Und mich mitnähme!
Da ist die Schnecke gekrochen gekommen,
Und hat’s Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich in’s Schneckenhäuslein gesetzt,
Und hat gesagt: da gefällt mir’s jetzt.

Aber denk! die Schnecke war kein Gaul,
Sie war im Kriechen gar zu faul;
Dem Büblein ging’s langsam zu sehr;
Es sagt: Ich mag nicht mehr;
Wenn nur was käme,
Und mich mitnähme!
Da ist der Reiter geritten gekommen,
Der hat’s Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich hinten auf’s Pferd gesetzt,
Und hat gesagt: So gefällt mir’s jetzt.

Aber gib Acht! das ging wie der Wind,
Es ging dem Büblein gar zu geschwind;
Es hopst d’rauf hin und her,
Und schreit: ich kann nicht mehr;
Wenn nur was käme,
Und mich mitnähme!
Da ist ein Baum ihm in’s Haar gekommen,
Und hat das Büblein mitgenommen;
Er hat’s gehängt an einen Ast gar hoch,
Dort hängt das Büblein und zappelt noch.

Das Kind fragt:

Ist denn das Büblein gestorben?

Antwort:

Nein! es zappelt ja noch!
Morgen gehn wir ’naus und tun’s runter.

Gesegnete Weihnacht, Berlin ca. 1934

Bilder: Frohes Weihnachtsfest! Adressseite: „Meisteraufnahmen“. Echte Photographie.
„Ross“ Verlag, Berlin SW 68. Beschrieben, aber nicht gelaufen. Handschriftlich: 1934;
Bezirkslehrerverein München: Das Kaulbach-Güll Bilderbuch. Auswahl aus Friedrich Gülls Kinderheimat mit Bildern von Hermann Kaulbach, Verlag der Jugendblätter (Carl Schnell) München 1910, Titelillustration: Weihnachten;
Gesegnete Weihnacht. Adressseite: Amag [Albrecht & Meister AG, Berlin-Reinickendorf], gelaufen.
Poststempel unleserlich, ca. 1934,
alle via Goethezeitportal.

Written by Wolf

30. November 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Vier letzte Dinge: Tod

Ein Kreuzchen oder Stein

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Update zum unterschätzten Rückert: Des Frühlings beklommnes Herz:

——— Moritz Gottlieb Saphir: Allerseelen, 1838,
Text aus: Wilde Rosen an Hertha, in: Humoristische Damenbibliothek, Wien,
Musik: G. Preyer, 1844, veröffentlicht in Als der Großvater die Großmutter nahm, Insel Leipzig 1885:

Ruhestätte der Familie Banzer, Alter Südlicher Friedhof MünchenMöcht wissen, wann ich bald
begraben werde sein,
und auf meinem Grabe steht
ein Kreuzchen oder Stein.

Und man vor Riedgras kaum
das Grab zu sehn vermag,
ob sie wohl kommen wird
am Allerseelentag?

Ob sie den feuchten Blick
wohl senket niederwärts,
ob sie bei sich nicht denkt:
Hier ruht ein treues Herz.

Ob sie um meinen Stein
ein kleines Kränzchen flicht,
ob sie für meine Ruh
ein Vaterunser spricht?

Gewiß, sie wird wohl kommen,
zu beten bei dem Grab;
sie weiß, daß ich sonst keinen
für mich zum Beten hab.

Ruhestätte der Familie Banzer, Alter Südlicher Friedhof München

Die Magd vor dem Herrn: Ruhestätte der Familie Banzer auf dem Münchner Südfriedhof, 15. Juni 2013.

Written by Wolf

2. November 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Wunderblatt 4: Kalanchoe not to be flora

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Wie unlängst dargestellt, geht es der ersten Versuchsanordnung von Kalanchoen weit unter mittelprächtig. Der Tubiflora, die bis heute noch den meisten Anlass zur Hoffnung übrig ließ, sind allenfalls noch die Sterbesakramente zu verabreichen; gute Erde, schlechte Erde, gar keine Erde, viel Wasser, wenig Wasser, viel Licht, Gesellschaft, Abgeschiedenheit und gutes Zureden sind schon versucht. Wenn Sie das lesen, ist der letzte der kleinen Österreicher vermutlich im Kompost. Mehr Hilfe war nicht aufzutreiben.

Kalanchoe tubiflora, welk

——— Johann Baptist van Helmont: Aufgang der Artzney-Kunst. Das ist: Noch nie erhörte Grund-Lehren von der Natur / zu einer neuen Beförderung der Artzney-Sachen / so wol Die Kranckheiten zu vertreiben / als Ein langes Leben zu erlangen, 1683,
übs. Freiherr Christian Knorr von Rosenroth:

Nicht zwar das eine solche Form eben sey eine lebendige Seele; Sondern nur / daß etwas lebhafftes an ihr ist / in dem sie einen gewissen Eingang in sich trägt zur sinnlichen und lebendigen Seelen. […] Denn die Seelen sind zwar etwas lebhafftes / aber doch nicht eigentlich lebendig: denn wenn ein Kraut verdorret / so vergehet mehreteils sein lebhafftes Liecht mit der Seele; doch also das die Krafft desselben Krautes übrig bleibet.

Gut zu wissen: Pflanzen sind nicht lebendig, nur lebhaft — worüber die Diskussion seit Anaxagoras allerdings bis heute anhält, wobei sie immer aktueller statt antiquierter wird. Sollten Pflanzen zu Empfindungen fähig sein, sieht’s in der allseits empfohlenen veganen Ernährungsweise nämlich langsam trist aus (Dickblattgewächse haben für unsereinen praktisch null Nährwert, mein Versuch sollte demnach auf jeden Fall ehrenwert gewesen sein). Wir werden also an dieser Stelle und an mehr anderen, als uns lieb sein wird, noch davon hören.

Gelernt hab ich jetzt: Wenn ich Pflanzen großziehen will, ist das eher eine Art Kompostbeschleunigung als Lebensspende. Übrigens hab ich keine Kinder. So hat alles seinen tiefen Sinn.

Bank Alter Südfriedhof, 15. Juni 2013

Bilder: im Hinterhof (21. Oktober 2014) und am Alten Südfriedhof (15. Juni 2013) selber gemacht.

Written by Wolf

21. Oktober 2014 at 14:23

Frohnleichnamsfahnen wehen

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Als das Traurigste auf der Welt, was passieren kann, und was deshalb vom Schriftsteller oft und eindringlich beschrieben werden soll, hat Edgar Allan Poe das Sterben eines sehr jungen, sehr schönen Mädchens eingestuft. So muss man bei Poe tatsächlich eine Geschichte suchen, in der einmal kein junges schönes Mädchen stirbt oder wenigstens als tot vorausgesetzt wird, und weil Poe, der nachweisliche Fan von Tieck und Hoffmann, viel bei der deutschen Literatur gelernt hat, lohnt sich die Frage, was den womöglich noch trauriger wäre als ein verstorbenes junges schönes Mädchen. Die Gothic Novel samt ihren Derivaten, die sich bald aus der Literatur befreiten — siehe unter anderem: Gothic Rock, künstliche Ruinen, Vampirfilm (alphabetisch) — beruft sich ihrerseits an allen Ecken und Enden auf Poe; suchen wir also zeitlich davor.

Daryl Darko Barnett, Maenad, Cemetery Girl, Santa Cruz 9. Mai 2008Trauriger als Mädchensterben? — Klar: selber sterben.

Bei Arno Schmidt stoßen wir auf Samuel Christian Pape (1774–1817) und den gleichnamigen Essay mit dem Untertitel: Vergessene Dichtung aus Moor und Heide. Der letzte des Hainbundes; niedergeschrieben November 1955, überarbeitet 1959, Erstausgabe in: Die Ritter vom Geist, Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1965 — und darin auf dessen wahrhaft sturztrauriges Gedicht in lockerer Dialogform, in dem das tote Mädchen den Todeswunsch des Sprechers bedingt.

Auf so ein Thema kann man kommen, für heutige Begriffe wäre es schon wieder abgegriffen. Für 1821 war es nichts Schlimmeres als zeittypisch — auf der schwarzen Seite der Romantik, mit der entstehenden Tradition der Schauerliteratur als Hintergrund, anerkannten Vorläufern alles Gruftigen wie den Nachtgedanken von Edward Young und dem als Fälschung aufgeflogenen Ossian als Lieblingsbücher — aber eben nicht in Bezug auf, sondern parallel zu Poe.

Schmidt zitiert Pape in seinem Radioessay wie immer absichtsvoll geändert, um den Hörgewohnheiten eines Radiopublikums um 1960 zu dienen, per Regieanweisung lässt er die Redeanteile abwechselnd „dunkel, schwermütig“ (Strophen 1, 3, 5, 7, 8, und 9) und „hell und gleichgültig“ (Strophen 2, 4 und 6) lesen.

Im folgenden zitiere ich nicht nach Schmidt, sondern zeichengenau nach der frühesten erreichbaren Fassung von 1827. Schmidts sparsame — genau zwei verschiedene — Regieanweisungen funktionieren auch so. Das Strophenmuster erinnert an englische Limericks, behält also ein angenehmes Minimum an Selbstironie bei. Was man darin als inkonsequent bemängeln mag, kann man geradeso gut und gern als das Zeug zum Volkslied betrachten. Wie gothic avant la lettre geht’s denn noch?

——— Samuel Christian Pape:

Des Gefangenen Ahndung

1821, in: Braga: Vollständige Sammlung klassischer und volksthümlicher deutscher Gedichte
aus dem 18. und 19. Jahrhundert,
herausgegeben von Anton Dietrich. Mit einer Einleitung von Ludwig Tieck.
Zweites Bändchen. Dresden, in der Wagner’schen Buchhandlung 1827:

Daryl Darko Barnett, Wolfie, Cemetery Girl, 11. Juli 2010Auf Sanct Marien Kirchhof,
Da blick‘ ich still hinab;
Drey Männer stehn so traurig —
O Thürmer, wie so schaurig !
Ist wahrlich dort ein Grab !

„ich seh‘ drey Junggesellen
Mit Spaden in der Hand,
Sie pflanzen dort in Reihen
Am Kirchhof junge Maien
Wohl zur Kapellenwand.“

Auf Sanct Marien Kirchhof,
Da hör‘ ich Grabgesang;
Das hallt so dumpf und traurig —
O Thürmer, wie so schaurig !
Ist wahrlich Todtenklang !

„Ich hör‘ von ferne läuten
Durch Regen und durch Sturm;
Ich hör‘ die Jungfraun singen,
Die Feierglocken klingen
Wohl vom Kapellenthurm.“

Daryl Darko Barnett, Wintre, Cemetery Girl, 17. Oktober 2009Auf Sanct Marien Kirchhof,
Da weht ein schwarzes Tuch;
Die Menge wallt so traurig —
O Thürmer, wie so schaurig !
Ist wahrlich Leichenzug !

„Ich seh‘ den Pfaffen wallen,
Den Kirchensteig hervor;
Ich seh‘ die Menge gehen,
Frohnleichnamsfahnen wehen
Wohl am Kapellenthor !“

O nein, o nein ! sie senken
Den schwarzen Sarg hinab;
Die Sterbeglocken hallen,
Die Grabgesänge schallen —
Ist meines Liebchens Grab !

Wohl über wenig Tage,
Ein Tag ist bald vorbey,
Dann klagt nicht mehr der Ritter
am dunkeln Sclavengitter,
Dann bin ich los und frey !

Auf Sanct Marien Kirchhof,
Dan sehn‘ ich mich hinab;
Bald siehst du, Thürmer, traurig,
Von deiner Warte schaurig
Auch auf des Ritters Grab !

Peter Mioch, St. Marien, Oythen, Niedersachsen, 11. April 2011

Bilder: Daryl Darko Barnett: Cemetery Girls
Maenad, 9. Mai 2008;
Wintre, 17. Oktober 2009;
Wolfie, 11. Juli 2010;
Peter Mioch: Pfarrkirche St. Marien in Oythe, eine der letzten Findlingskirchen in Niedersachsen, 11. April 2011.

Written by Wolf

19. Juni 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Durchgezittert, durchempfunden

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Update zu Der Drang zum Sturm:

Lenz hat schon vor seinem Ableben vor 222 Jahren nicht mehr so richtig eingeschlagen, die Jubiläumsfeierlichkeiten zu Shakespeare sind abgeebbt — wahrscheinlich weil er uns ohnehin seit über vier Jahrhunderten „die Stücke schreibt“ (Heiner Müller). Wie sehr muss da erst ein Rollengedicht von Lenz über und sogar mit Shakespeare einschlagen.

Gar nicht, aber egal. Die hamleteske Illustration ist eine Show für sich, und das Gedicht seit Lenzens erster Gesamtausgabe von Ludwig Tieck (jawohl: dem Tieck) 1828 erst wieder 1987 von Sigrid Damm erschlossen.

Der erwähnte David Garrick war zu seiner Zeit eine Art Laurence Olivier, Orson Welles und Kenneth Branagh auf einmal: Wer Shakespeare nicht mit dem gesehen hatte, hat ihn überhaupt nicht gesehen. Die offizielle Begeisterung für ihn geht auf eine Schilderung von Georg Christoph Lichtenberg vom Juni 1776 zurück (die wir vielleicht an dieser Stelle noch drannehmen), von der Lenz unmittelbar angeregt sein könnte — aber im Sturm und Drang war sowieso jeder bildende und darstellende Künstler von Garrick pflichtgemäß begeistert, und von Shakespeare erst recht.

Unklar bleibt die Interpretation, über die sich selbst Sigrid Damm ausschweigt: Ist das eine aufrichtig gemeinte Huldigung oder eine wohlwollende Parodie? — Es folgt eine in originaler Schreibung belassene, typographisch lesbar gemachte Fassung nach Tieck.

——— Jakob Michael Reinhold Lenz:

Shakespeares Geist
ein Monologe
,

um 1776, Erstdruck in Ludwig Tieck (Hg.): Gesammelte Schriften von J. M. R. Lenz, G. Reimer, Berlin 1828,
danach in Karl Weinhold: Gedichte von J. M. R. Lenz. Mit Benutzung des Nachlasses Wendelins von Maltzahn, Berlin 1891,
Handschrift verschollen:

Der Schauplatz das Theater zu London. Die Coulissen mit einer Reyhe Bogen bemahlt, aus der eine unzähliche Menge Köpfe hervorguckt. Im Grunde die spielenden Personen der Gespensterscene in Hamlet. Garrick spielt. Shakespear tritt herein.

Wie? welche Menge? welche Stille?
Als wärens Geister. Welche Grille
Bezaubert diese tausend Köpfe?
                              Ich?
Mein Hamlet? Mein Stück!
Welch ein unerwartetes Glück!
Hamlet vor mir!
               Gott! – Schafft dein Schicksal
Menschen nach? Realisirt
Was ich in unvergeßlichen Stunden
Durchgezittert, durchempfunden
In meiner Seele aufgeführt?
O welch Herablassen! deinem Affen
Würdigst du Vater! nachzuerschaffen. –

Meine Shakespears! Ihr schenkt mich mir wiederum,
Liebes, liebes Publikum.
Guckt nur! bis ihr seht was ich sah
Als die Offenbarung mir geschah.
Bis Euer Puls so fliegt, euer Leeben erhitzt
So das Augenlied schwingt, bis euer Auge blitzt
Voll unaussprechlicher Verlangen
Die sich Luft machen auf den Wangen.
O ihr alle Shakespears an diesem Abend, alle
Meine Kinder! meine Wiederhalle!
Bleibt nur den Abend so – darnach laß ich euch loß,
Darnach werdt ihr wieder gewaltig und groß,
Seht hinaus über mich, könnt wieder mich schreyen
Könnt mir ins Angesicht speyen
Critik, Galle, Zorn,
Könnt, mich zu höhnen
Mich krönen
Mit Dorn,
Könnt ihr armen Ehrgeitzigen
Meinethalben mich kreutzigen:
Hatte mein Gott, dessen Erdenkloß
Ich nur bin doch kein beßer Looß,
Hat euch doch ewig seelig gemacht
Da ich euch nur um zwey Stunden gebracht.

Bleibt die zwey Stunden nur so – liebe Ichs
Liebe Shakespears! – Gott! wie beseeligt mich’s
Dis Dein Gefühl, Urquell aller Gaben!
Menschen mich mitgetheilt zu haben.

Diese zwey Stunden nur – genug! –
Nun zu Gott zurück mein Flug!

               Verschwindt.

Hamlet, E Morizat, 1947

Hamlet vor mir: E Morizat, 1947.

Where Have All the Flowers Gone?: Pete Seeger, 1955, deutsch von Max Colpet 1965.

Written by Wolf

6. Juni 2014 at 00:01

Christen haben alle Stunden ihre Qual und ihren Feind, doch ihr Trost sind Christi Wunden.

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Update zu Den Bach runter, Ein schön Exempel Quasimodogeniti und Lieblingsbiber:

Zahnwehherrgott am Eingang zur Krypta der Asamkirche München, Karwoche 2013Katholische Fortbildung: Das ist, wenn überhaupt, kein Zahnwehgott, sondern ein Zahnwehherrgott. Ein „Zahnwehgott“, den es nach keiner Definition und in keiner Glaubensrichtung gibt, wäre eine populär-polytheistische Ausweitung eines Pandämoniums, das nur eine Dreifaltigkeit kennt — so wie „Fußballgott“ und „Wettergott“, eine fiese Gedankenlosigkeit, meistens von medialen Dampfquasslern — die man speziell modernen, weltlich orientierten, aber in der Lebensführung nur lässlich zu tadelnden Schäfchen nachsehen will; Zahnwehherrgott beschriebe dagegen eine Erscheinungsform des all-einigen und alleinigen Herrgotts, der mit Zahnweh dargestellt wird. Das wäre dann auch keine Vielgötterei, wie sie dem Christentum fälschlich vom Islam vorgeworfen wird, sondern ein Topos, vergleichbar der Schmerzhaften Mutter — wie überhaupt Maria besonders oft in ihren verschiedenen Lebenslagen dargestellt wird.

Auf mehreren Ebenen typisch für Wien: Der Stephansdom beherbergt gleich zwei Zahnwehherrgötter.

Zahnwehherrgott Seitenkapelle der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt Bad Tölz, 27. März 2012Fachliteratur: Axel Bergstedt: Die Kantaten Johann Sebastian Bachs zum Sonntag Jubilate. Eine vegleichende Darstellung. Diplomarbeit an der Hochschule für Musik und Theater, Hamburg 1995.

Zahnwehherrgötter: Eingang zur Krypta der Asamkirche Sankt Johann Nepomuk München, Karwoche 2013;
Seitenkapelle der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt Bad Tölz, 27. März 2012;
noch zwei ursrpünglichere, gotische im Stephansdom Wien.

Johann Sebastian Bach zum Sonntag Jubilate: Kantate Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, BWV 12, Uraufführung 22. April 1714.

Written by Wolf

16. Mai 2014 at 00:01

Und beflügelt jedes Herz

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——— Max von Schenkendorf:

Ostern

1814:

Ostern, Ostern, Frühlingswehen!
Ostern, Ostern, Auferstehen
Aus der tiefen Grabesnacht!
Blumen sollen fröhlich blühen,
Herzen sollen heimlich glühen,
Denn der Heiland ist erwacht.

Trotz euch, höllische Gewalten!
Hättet ihn wohl gern behalten,
Der euch in den Abgrund zwang.
Konntet ihr das Leben binden?
Aus des Todes düstern Gründen
Dringt hinan sein ew’ger Gang.

Der im Grabe lag gebunden,
Hat den Satan überwunden –
Und der lange Kerker bricht.
Frühling spielet auf der Erden,
Frühling soll’s im Herzen werden,
Herrschen soll das ew’ge Licht.

Alle Schranken sind entriegelt,
Alle Hoffnung ist versiegelt,
Und beflügelt jedes Herz;
Und es klagt bei keiner Leiche
Nimmermehr der kalte, bleiche
Gottverlaßne Heidenschmerz.

Alle Gräber sind nun heilig,
Grabesträume schwinden eilig,
Seit im Grabe Jesus lag.
Jahre, Monde, Tage, Stunden,
Zeit und Raum, wie schnell verschwunden!
Und es scheint ein ew’ger Tag.

Lesende, St. Emmeramsmühle, 20. März 2014

Zeit und Raum, wie schnell verschwunden: St. Emmeramsmühle, 20. März 214.

Written by Wolf

20. April 2014 at 17:06

Des Frühlings beklommnes Herz

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Friedrich Rückert muss gedichtet und geschrieben haben, wo er ging und stand. Kein Wunder, dass viel Mist darunter war. Seine Kindertotenlieder allerdings hat Hans Wollschläger als „die größte Totenklage der Weltliteratur“ ausgegraben und in eine vorbildliche, vom Buchhandel schon wieder vergessene Ausgabe gefasst (als antiquarisches Schnäppchen bei Insel!).

Insgesamt ist Rückert eine unerschöpfliche Fundgrube für alle Qualitäten und vor allem für so ziemlich alle bekannten Formen der Lyrik, die jemals ausprobiert wurden, und einer der wenigen Gründe, aus denen ich so eine Art stolz bin, in Erlangen studiert zu haben: Rückert, Wollschläger und ich, wir alten Frankenbeutel, ha.

Das mit dem Wässerlein ist wahrhaft grandios: Formal ein Volkslied, sind die Bilder nacheinander tatsächlich wie ein Kranz ineinander geflochten — sogar ein geschlossener: Das Ende ist wieder der Anfang.

——— Friedrich Rückert:

Alle Wässerlein fließen

aus: Kindertodtenlieder, 1834:

William-Adolphe Bouguereau, Douleur d'amour, Elegy, 1899Alle Wässerlein fließen
In die grundlose See;
Alle Freuden ergießen
Sich ins trostlose Weh.

Alle Freuden ergießen
Sich ins endlose Leid;
Alle Blumen, die sprießen,
Sind des Todes Geschmeid.

Alle Blumen, die sprießen,
Sind ein lächelnder Schmerz;
Mit Lächeln will sich erschließen
Des Frühlings beklommnes Herz.

Mit Lächeln will sich erschließen
Das Herz, das beklommene;
Wie bald muß es verdrießen
Das Unternommene.

Wie bald muß es verdrießen,
Was süße Lust war vorher!
Alle Wässerlein fließen
In das bittere Meer.

Bild: William-Adolphe Bouguereau: Douleur d’amour, 1899. Besonders empfohlen werden dazu die Versionen, die so ein allgemeingültiges Thema offenbar anregt: bei Bougereau Remastered.

Written by Wolf

18. April 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

O selige Epoche

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Umschlag Christian Morgenstern, Galgenlieder, 1905, 3. Auflage 1908, Karl Walser via Digitales Christian-Morgenstern-ArchivChristian Morgenstern hab ich von Anfang an gemocht. Diese, obwohl sie’s andauernd mit Galgen, Sterben und Verwesen hat, um rein gar nichts bekümmerte Mischung aus Dada, Surrealismus, Im- und Expressionismus ging schon klar — das muss wohl so kommen, wenn einer Morgenstern heißt. Umso mehr, als ich gemerkt hab, dass der Mann am gleichen Tag wie ich Geburtstag hat. Seine Bücher werden meistens viel zu leichtfertig verlegt: Er wird gerade mal als Lieferant einiger „komischer“ Klassiker ernst genug genommen, die im kollektiven Bewusstsein spuken; die Stuttgarter Ausgabe erscheint bei Urachhaus seit 1987 und wurde nicht einmal zum 100. Todestag fertig, nur eine Jubiläumsausgabe der Lyrik. Wird schon noch.

„Es lenzet auch auf unserm Spahn, o selige Epoche“ fällt mir unweigerlich ein, wenn schönes Wetter ist.

——— Christian Morgenstern: Galgenbruders Frühlingslied
in: Galgenlieder, Verlag Bruno Cassirer, Berlin 1905:

Es lenzet auch auf unserm Spahn,
o selige Epoche!
Ein Hälmlein will zum Lichte nahn
aus einem Astwurmloche.

Es schaukelt bald im Winde hin
und schaukelt bald drin her.
Mir ist beinah, ich wäre wer,
der ich doch nicht mehr bin …

2. Vers, bessere Version: [1921]

Es strecket sich schon kecklings auf,
das wilde Galgengräslein.
Vergebens spähn nach ihm hinauf
hungrige Osterhäslein.

Für mein Verständnis leider zu tranig bekümmerte Vertonung:
Hanns Eisler, 1917, Mezzosopran Roswitha Trexler;
Umschlagbild von Karl Walser zur 3. veränderten und durch den Gingganz und anderes ums doppelte vermehrten Auflage, 1908 via DCMA.

Written by Wolf

31. März 2014 at 00:01

We have come so far

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Barfußwochen (Barefoot Weeks) in DFWuH, Folge 2 (episode 2):

——— Sylvia Plath: Edge, in: Ariel, posthumous 1974,
the last poem ever written by her, 1963:

The woman is perfected
Her dead

Body wears the smile of accomplishment,
The illusion of a Greek necessity

Flows in the scrolls of her toga,
Her bare

Feet seem to be saying:
We have come so far, it is over.

Each dead child coiled, a white serpent,
One at each little

Pitcher of milk, now empty
She has folded

Them back into her body as petals
Of a rose close when the garden

Stiffens and odors bleed
From the sweet, deep throats of the night flower.

The moon has nothing to be sad about,
Staring from her hood of bone.

She is used to this sort of thing.
Her blacks crackle and drag.

Personal tribute, for English class: Edge — Sylvia Plath, 22. November 2007;
A short film for the last poem ever written by Sylvia Plath: Edge — Sylvia Plath, 18. April 2011;
Bild: Courtney Bell: Oh, Sylvia!, 6. Mai 2009.

Courtney Bell, Oh, Sylvia, 6. Mai 2009

Written by Wolf

11. März 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

Eskimojade

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Nicht ganz ohne Stolz bringt DFWH den originalen Text der Eskimojade, die an zahlreichen Stellen in unwesentlich verschiedenen Versionen durchs Internet geistert, aber immer als „anonym“ oder mit „Verfasser unbekannt“. Ein schwer erträglicher Zustand.

Sogar Klaus Peter Denckers verdienstreiche Anthologie Deutsche Unsinnspoesie bei Reclam nennt die Fundstelle bei den Fliegenden Blättern bis in die Seitenzahl, aber den Verfasser — wohl zu Recht — anonym. Der betreffende Scan der Uni Heidelberg zeigt Illustrationen mit der leserlichen Signatur „Oberländer“, allerdings sind von Adolf Oberländer grafische Werke bekannt, keine Gedichte dazu — wie etwa bei Wilhelm Busch. Sollten weitere Quellen und Erkenntnisse auftauchen, bitte ich darum, mich zu benachrichtigen. An dem Gedicht liegt mir von Kindheit an etwas; wer es auswendig vor sich hersagen kann, trägt ein angenehm dämliches Grinsen spazieren.

——— Adolf Oberländer:

Eskimojade

in: Fliegende Blätter, Band XC, No. 2272, Seite 54 f., Verlag von Braun & Schneider, München 1889:

Es lebt‘ in dulici jubilo
In Grönland einst ein Eskimo.
Der liebt voll Liebeslust und Leid
Die allerschönste Eskimaid,
Und nennt im Garten sie und Haus
Bald Eskimiez, bald Eskimaus.
Im wunderschönen Eskimai,
Spazieren gingen froh die Zwei,
Geschminkt die Wangen purpurroth,
Wie’s mit sich bringt die Eskimod,
Und setzten sich ganz sorgenlos
In’s wunderweiche Eskimoos.
Still funkelte am Horizont
Der silberklare Eskimond.
Da schlich herbei aus dichtem Rohr,
Othello, Grönlands Eskimohr.
In schwarzer Hand hielt fest den Dolch
Der eifersücht’ge Eskimolch
Und stach zwei- dreimal zu voll Wuth
In frevelhaftem Eskimuth.
Vom Dolch getroffen alle Beid‘ —
Sank Eskimo und Eskimaid.
Da rannt‘ im Sprunge des Galopps
Herbei der treue Eskimops
Und biß mit seinen Zähnen stark
Den Mörder bis in’s Eskimark,
Der bald, zerfleischt vom treuen Hund,
Für immer schloß den Eskimund. — —
So ward — das ist der Schlußaccord,
Gerächt der blut’ge Eskimord!
Und schau’rig klingt vom Norden her
Noch heut’gen Tags die Eskimähr‘.

Adolf Oberländer, Eskimojade, Fliegende Blätter 1889, 1

Adolf Oberländer, Eskimojade, Fliegende Blätter 1889, 2

Seite 54 und 55: a.a.O. via Uni Heidelberg. Danke, danke, danke für dieses Projekt — und an den sorgfältigen Scanner — den viereckigen wie den zweibeinigen — in 300 dpi und anständigem Kontrast!

Written by Wolf

1. Januar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Realismus, Vier letzte Dinge: Tod

Grapefruit?

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I don’t mind if you don’t like my manners. I don’t like them myself. They’re pretty bad. I grieve over them long winter evenings.

Philip Marlowe

Lesen ist der Sex des armen Mannes. In unserer halbjährlich fortgesetzten Chronik des Verfalls werden wir uns daher schmerzlich bewusst, wie unvollständig man zwei der großen Momente der hard-boiled Detektivgeschichten auswendig kennt.

The Big Sleep von Raymond Chandler hieß als legendäres schwarz-gelbes Diogenes-Taschenbuch mit perfider Umschlagvignette von Tomi Ungerer Der große Schlaf und beeindruckte vierzehnjährige Buben, die sich nach der Karl-May-Phase nach etwas Erwachsenerem umschauten, durch zwei Besuche des zynischen coolen Knochens von Privatschnüffler in Buchhandlungen. Mit dem Wissen, was er dort suchte, konnte man nie Mädchen beeindrucken, weil Mädchen weder Raymond Chandler lesen noch die Verfilmungen mit Humphrey Bogart gucken, und wenn, dann strunzdooflangweilig finden.

Wenn man allerdings den Film kannte, der stark vom Buch abweichend Tote schlafen fest hieß, und der Samstagabends nach Rudi Carrell, den Lottozahlen und dem Wort zum Sonntag lief, wusste man, wie die Buchhändlerinnen aussahen, und auf einmal sollten echten Mädchen ruhig weiter die Schnulze aus La Boum zwitschern. Die erste Buchhändlerin, die schwarzhaarige Agnes, gespielt von einer gewissen Sonia Darrin, war noch nicht so toll, fachlich inkompetent, auf die falsche Art schnippisch und außerdem offensichtlich eine von den Bösen.

Die einen bei Sendeschluss in den frühen Sonntagmorgenstunden nicht schlafen ließ, war die zweite, hellere, auf die richtige Art kokette. Sie wurde gespielt von Dorothy Malone, geboren am 30. Januar 1925, in The Big Sleep also süße, seinerzeit gerade mal so volljährige 21, sollte sich 1957, elf Jahre nach The Big Sleep, als Marylee Hadley in Written on the Wind (nicht „in“ the Wind) den Oscar als beste weibliche Nebenrolle verdienen — und das Beste: lebt noch.

Dorothy Malone war der Beginn einer langen, tiefen, unausrottbaren Zuneigung zu Buchhändlerinnen, bestimmt nicht nur der meinigen. Ihre Figur der lieben, tollen, bildhübschen, blitzgescheiten und pornohaft zugänglichen Buchhändlerin bleibt mysteriöserweise namenlos.

Es gibt übrigens weder eine dritte Auflage Ben Hur von 1860 mit Druckfehler in Form einer doppelt gedruckten Zeile auf Seite 116 noch einen „Chevalier Audubon“, schon gar nicht von 1840. Dazu braucht man heute leider gar keine Buchhändlerin mehr.

Marlowe: Would you happen to have a Ben-Hur, 1860?

Agnes: A what?

Marlowe: I said, ‚Would you happen to have a Ben-Hur, 1860‘?

Agnes: Oh, a first edition?

Marlowe: No, no, no, no, no. The third. The third. The one with the erratum on page one-sixteen.

Agnes: I’m afraid not.

Marlowe: Uh, how about a Chevalier Audubon 1840 — a full set, of course?

Agnes: Not at the moment.

Marlowe: You do sell books? Hmm?

Agnes: What do those look like, grapefruit?

Marlowe: Well, from here, they look like books. Maybe I’d better see Mr. Geiger?

Clerk: Is there something I can do for you?

Marlowe: Would you do me a very small favor?

Clerk: I don’t know. It depends on the favor.

Marlowe: Do you know Geiger’s bookstore across the street?

Clerk: I think I may have passed it.

Marlowe: Do you know Geiger by sight?

Clerk: Well, I …

Marlowe: What does he look like?

Clerk: Wouldn’t it be easy enough to go across the street and ask to see him?

Marlowe: I’ve already done that … Do you know anything about rare books?

Clerk: You could try me.

Marlowe: Would you happen to have a Ben-Hur 1860, Third Edition with a duplicated line on page one-sixteen? Or a Chevalier Audubon 1840? [She searches her listings and bibliographies.]

Clerk: Nobody would. There isn’t one.

Marlowe: The girl in Geiger’s bookstore didn’t know that.

Clerk: Oh, I see. You begin to interest me — vaguely.

Marlowe: I’m a private dick on a case. Perhaps I’m asking too much, although it doesn’t seem too much to me somehow.

Clerk: Well, Geiger’s in his early forties, medium height, fattish, soft all over, Charlie Chan mustache, well-dressed, wears a black hat, affects a knowledge of antiques and hasn’t any, and, oh yes, I think his left eye is glass. [While describing Geiger, the Clerk openly ogles Marlowe as if to compare his body (favorably) with Geiger’s.]

Marlowe: You’d make a good cop.

Self mit Hut

Bild: Selber gemacht, Hut bezahlt;
Bookstore Scenes und Dialoge aus The Big Sleep, 1946, nach Filmsite.

Written by Wolf

6. November 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

Gewäsch über den Faust

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——— Christian Dietrich Grabbe (11. Dezember 1801 bis 12. September 1836):

Was ist das für ein Gewäsch über den Faust! Alles erbärmlich. Gebt mir jedes Jahr 3000 Thaler und ich will Euch einen Faust schreiben, daß Ihr die Pestilenz kriegt.

Mir zu Weihnachten Gegenstände schenken, die jemand „basteln“ musste, das darf nicht jeder. Wer meine begrenzte Aufmerksamkeit mit Tieren aus Pfeifenreinigern, Schneemännern aus Watte, Hamsterlaufröhren aus leeren Klopapierrollen oder mit Kalendern belastet, war schon immer gewarnt. Eigentlich darf das nur die Hannah, weil sie immerhin die Phrixuscoyotin ist, und … und dann muss ich schon langsam überlegen. — Noch 103 Tage bis Weihnachten.

Kalenderblatt September 2013

Nutzanwendung: Das Christian-Dietrich-Grabbe-Portal enthält die Werke und Briefe samt Kommentar in der Textfassung der Historisch-kritischen Gesamtausgabe (Hg. Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, bearb. Alfred Bergmann) sowie sämtliche überlieferten Handschriften im Faksimile.

Written by Wolf

12. September 2013 at 00:01

Stiefpilzin

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——— Friederike Kempner (1828 bis 1904):

Wie verschieden ist’s hienieden

cit. Horst Drescher (Hg.): Das Leben ist ein Gedichte,
Reclams Universal-Bibliothek Band 506 (100 Seiten, 1,50 M), Leipzig 1973,
4. Abteilung: Mensch und Tier in der bürgerlichen Gesellschaft:

Jedesmal, wenn frohe Stunden
Mir im Herzen stattgefunden,
Haben sich mir vorgestellt
Auch die Leiden dieser Welt.

Schon, daß gar so sehr verschieden
Uns’re Lose sind hienieden —
Goethe fand zwar nichts dabei,
Doch mir scheint’s nicht einwandfrei.

Pilz des Glücks ist dieser eine,
Jener Stiefpilz des Geschicks,
Einem sind als O die Beine,
Andern wuchsen sie als X.

Sorglos aalen sich die Reichen,
Andern sind die Gelder knapp,
Und noch ungestorb’ne Leichen
Senkt zum Orkus man hinab.

Wißt ihr nicht, wie weh das tut,
Wenn man wach im Grabe ruht?

John Austin, Kaitlin, 17. Dezember 2010

Andern wuchsen sie als X: John Austin: Kaitlin aus Spokane/Washington, 17. Dezember 2010.

Written by Wolf

16. Mai 2013 at 11:30

Veröffentlicht in Realismus, Vier letzte Dinge: Tod

Neulich in München

with 2 comments

… steht einfach so die Ausgabe letzter Hand in der Schellingstraße rum.

Update zu Der kluge Narr flüchtet vor der Inflation in die Sachwerte:

Antiquariat Hauser Schellingstraße München, Goethe Vollständige Ausgabe letzter Hand 1827–1830

Schau ich den Goethe an. Schaut der Goethe mich an.

„Gott zum Gruße, Herr Geheimrat“, sag ich, „wie ist das Leben?“

„Grüß auch Ihn Sein höher Wesen“, sagt der Goethe, der alte Pantheist, „nur muss Er Uns nicht zum Besten haben.“

„Wie belieben Herr Geheimrat? Lag doch nichts dergleichen in meinen Absichten.“

„Es ist gut, junger Studiosus, Er meint’s gewiss nicht bös. Was spricht Er Uns auch von Leben, so bald vor Unserm Todestag.“

„Todestag, Meister? Schon wieder?“

„Ei gewiss. Am 22. Martii, wann Er sich entsinnen mag. Unser 181., nicht der gerädeste, auf dass sich auch ja keine Buchhändlerseele drum bekümmere.“

„Stimmt, wo Sie’s sagen, Herr Geheimrat, ich weiß es ja.“

„Das ist freundlich von Ihm. Und es ist das, was Uns vom Leben bleibt.“

„Mit Verlaub, wollen Herr Geheimrat Herrn Geheimrat doch nicht so undankbar bezeigen. Bequemen Sie sich doch zu schauen, wie Sie da stehen: mit Ihrer Gesamtausgabe eigener letzter Hand an prominenter Stelle im Schaufenster eines marktwirtschaftlich orientierten Unternehmens im Universitätsviertel einer bedeutenden Großstadt. So weit möcht’s mancher nicht leicht bringen, 181 Jahre nach seinem Abscheiden.“

„Wahr spricht Er, Studiosus. Und doch — hat Er getreulich nachgezählt? 28 Bände sind’s, mit denen ich feil stehe. Unsere letzte Hand, die Er anspricht, reichte 60 Bände weit.“

„60? Mit all meinem Respekt, Herr Geheimrat, waren es nicht 40?“

„Seine Kenntnisse reichen tief für einen von euch Heutigen. Ja, 60 zu 40 gebunden. Er kennt ja die Buchbinder mit ihrem Krämerwesen, das sie bis in die Bibliotheken tragen.“

„So schlecht ist das nicht. Ich hab Ihre Hamburger Ausgabe, die misst 14 Bände und soll gleichermaßen vollständig sein.“

„Ach, der gelehrte Erich Trunz. Die hat Er zu Hause? Ist Er so ein braver Studiosus?“

„Wo denn nicht, Herr Geheimrat. Die hat aber auch mehr Seiten pro Band. Sie kennen ja die Buchbinder mit ihrem Krämerwesen, das sie über die Zeiten immer mehr in einen Band pressen heißt.“

„Und ein Sophiste ist Er. Hat doch die Forschung über Unsere Person und Werke seither auch nie halt gemacht, wie Wir vernehmen. Der gelehrte Trunz hat Uns gewiss auch mit genugsamen Anmerkungen versehen?“

„Worauf Sie wetten können.“

„Der Hasard war Unsere Sache nie, Wir wollen Ihm ohnedies glauben.“

„Eigentlich bedürfen inzwischen die erläuternden Anmerkungen ihrerseits erläuternder Anmerkungen. Trunz ist lange her, Herr Geheimrat höchstderoselbst nicht minder, und die Leute werden durch die Menschenalter nicht klüger.“

„Wem sagt Er das, Studiosus, wem sagt Er das!“

„Sehen Sie? Ihre eigene letzte Hand konnte noch für sich selbst schreiben, und selbst da wurden aus den 40 Bänden schon 60. Wenn ein berufener Erbe von Trunz heute aus den 14 Bänden, sagen wir: 28 macht …“

„… sind wir schon bei der Anzahl, mit denen Er soeben im Schaufenster redet.“

„Ich weiß, wie wohl Herr Geheimrat sich immer auch auf die Ökonomie verstand.“

„Man musste zu allen Zeiten sehen, wo man bleibt mit der Wohlfahrt, die man sich mit eigener Hand erarbeitet — und sei es die letzte. Es war auch ein gar zu arges Unwesen mit den Raubdrucken, aus denen allein der Verleger sein Brot gewann, der Kunstschaffende aber gar nichts.“

„Herr Geheimrat! Und Sie sagen, Sie hätten im Leben der Heutigen nichts mehr zu schaffen!“

„Was bedeutet Er Uns da? Ist dieser Übelstand noch nicht aus der Welt?“

„Der wird sogar jedes Jahr übler, der Übelstand. Was sag ich — jede Woche.“

„Es ist doch wahrlich ein Ding um das Menschengeschlecht … Ihr Heutigen leidet keine weltliche Not, soviel Wir hier aus Unserem Schaufenster erkennen. Die Studenten gehen einher wie die Herren, die Weiber jeglichen Standes kleiden sich wie die Kurtisanen, und drüben im Schall & Rauch zechen sie alle Abend, wie Unsereins zu hohen Feiertagen nicht.“

„Das bemerken Herr Geheimrat etwas aus der Zeit geraten, aber durchaus treffend, wenn Sie gnädig mein Urteil annehmen wollen.“

„Gewiss, junger Freund. Und könnt ihr da nicht einfach eure Künstler nach Gebühr bezahlen und glücklich werden?“

„Gell, Herr Geheimrat, so einfach wär’s …“

„Er ist ein kluger und gewitzigter Bursche, dem sein Deutsch geläufig von der Zunge geht. Trag Er Sein Wissen einfach an die Verleger weiter, dazu ist Ihm Sein Schreibtalent gegeben. Vergeude Er’s nicht, hört Er wohl! Das wäre Seine einzige Schande, die nicht verziehen wird.“

„Sie haben Recht wie immer, Herr Geheimrat. Wir Heutigen brauchen’s halt manchmal etwas deutlicher.“

„Ihr seid Menschen und fehlbar wie Wir. Und was verschlägt’s? Umfasst doch Unsere Leipziger Insel-Ausgabe 6 Bände, die Weimaraner gar 143 zu 133 gebunden, und beide Unser vollständiges Werk, und steckt in den 28 Bänden, die Er mit wachem Auge schaut, auf jeder einzelnen Seite Unser ganzes Wesen.“

„Danke für Ihre Weisheit, Meister.“

„So geh Er hin und tue Gutes damit.“

„Und schönes Weiterleben noch.“

„Und Ihm, junger Freund.“

Schau ich den Goethe an. Schaut der Goethe mich an. Wir lächelten.

Antiquariat Hauser Schellingstraße München, Goethe Vollständige Ausgabe letzter Hand 1827–1830

Written by Wolf

22. März 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Filius patri antevertens obiit

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Es gibt zwei Dinge, die wir unseren Kindern mitgeben sollten. Wurzeln und Flügel. inkognito.de

——— Hannah Phrixuscoyotenmutter, Facebook 3. Februar 2013:

Wenn ich mir das Schicksal von Goethes eigenem Sohn ansehe, beginne ich zu glauben, dass Goethe Senior das genau so gemeint hat…

inkognito.de

Bilder: Inkognito; Bertel Thorvaldsen, 2006.

Written by Wolf

4. Februar 2013 at 14:17

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Jug

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——— E.T.A. Hoffmann: Das Gelübde, das siebte von acht Nachtstücken, 1817, stark gekürzt:

In vollem Juchzen und Blasen jug der Postillion durch die Gassen zum Tore hinaus. […] Hermenegilda fing an auf eigne Weise zu kränkeln, sie klagte oft über eine seltsame Empfindung, die sie eben nicht Krankheit nennen könne, die aber ihr ganzes Wesen auf seltame Art durchbebe. Um diese Zeit kam Fürst Z. mit seiner Gemahlin. […] — „Wein! — Wein!“ schrie er, stürzte einige Gläser hinunter, warf sich dann erkräftigt aufs Pferd und jug davon.

——— Hartmut Steinecke/Gerhard Allroggen (Hg.): Nachtstücke,
Deutscher Klassiker Verlag Frankfurt am Main 1985:

Entstehung

Plakat Dominik Graf, Das Gelübde, 2008Über die Entstehung dieser Erzählung liegen keine Zeugnisse vor; es läßt sich also nur sagen, daß sie zwischen Ende 1816 und Sommer 1817 geschrieben wurde.

Nach Hitzigs Hoffmann-Biographie hat der Dichter die Anregung zu Das Gelübde durch einen Bericht seiner Frau Michalina über eine ähnliche Geschichte aus ihrer Vaterstadt Posen erhalten. Das Motiv läßt sich jedoch auch in der Literatur der Zeit öfter nachweisen; am bekanntesten ist Kleists Erzählung Die Marquise von O…

Wirkung

Die überlieferten Rezeptionszeugnisse zeigen nur ein geringes Echo der Erzählung. Für Schwenck ist sie „unter allen magnetischen Geschichten die widerlichste und abstoßendste“ (S. 113). Auch sonst findet sich kaum einmal ein positives Wort über diese Erzählung, die oft als eine schlechte Weiterführung des Kleistschen Motivs gilt. Die Geringschätzung setzt sich auch in der wissenschaftlichen Literatur fort, bis heute fand Das Gelübde kaum Beachtung in der Hoffmann-Forschung.

Struktur und Bedeutung

Die Erzählung gleicht im Bau vielen anderen Hoffmanns: Ein geheimnisvolles Geschehen wird im ersten Teil geschildert (eine unbekannte Frau trägt unter merkwürdigen Umständen ein Kind aus) und im zweiten Teil, der die Vorgeschichte aufdeckt, erklärt. […]

Die Fürstin, die als einzige Person der Umwelt Hermenegildas Zustand zu verstehen versucht, weiß, daß Xaver „wie der hämischte Geist der Hölle, den höchsten Moment ihres Lebens mit dem ungeheuersten Frevel vergiftete“ […]; als ein Engel ist der Heldin nicht Xaver, sondern Stanislaus erschienen und Xaver nur insofern, als er Stanislaus‘ Rolle übernommen hatte. So erklärt sich die Möglichkeit einer Verständigung und Versöhnung bei Kleist, ihre Unmöglichkeit bei Hoffmann.

Plakat: Verfilmung von Dominik Graf 2008 via Das Gelübde auf DVD günstig kaufen.

Written by Wolf

16. Dezember 2012 at 00:01

So herzerwärmend dreist

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Heinrich Heine, 13. Dezember 1797–17. Februar 1856: 215. Geburtstag.

„Ach du je“, meint die Wölfin, „und du musst es feiern, stimmt’s?“

„Was ein Mann tun muss“, sage ich entschlossen, „wenn es sonst niemand tut.“

Marc Charles Gabriel Gleyre, Der kranke Heinrich Heine, Bleistiftzeichnung 1851„Dann ist es ja gut, dass Heine dich hat.“

„Der Buchhandel tut’s jedenfalls nicht. Gernhardt hat’s getan, aber der ist inzwischen selber tot.“

„Gernhardt?“ überlegt die Wölfin, „den kenn ich. Auch eher aus der Zauselzunft, aber der hat doch immer gelebt?“

„Bis 2006. So schnell kann’s gehen.“

„Und der hat Heine gefeiert?“

„Sogar anhand eines Gedichts, das du auch kennst, Zur Teleologie.“

„Stimmt, hast du mir mal vorgelesen, weiß ich noch.“

„Seit wann erinnerst du dich an solche Zauselitäten?“

„War so schön süffig. Und ist ja dann noch ein recht schöner Abend geworden.“ Die Wölfin stemmt sich auf die Zehen, um mir einen Kuss auf den Mund heraufzureichen.

„Siehste. Gernhardt mag ihn auch.“

Hat ihn gemocht …“

„… und baut die Teleologie dermaßen um, dass man sogar noch was Neues lernt.“

„Sogar du?“

„Aber hallo. Mir war zet Be gar nicht klar, dass die Teleologie zur Matratzengruft zählt.“

„Mir schon, nachdem du’s vorgelesen hast …“

„So war das nicht gemeint.“

„Jetzt bin ich neugierig.“

——— Robert Gernhardt: XII. Er liest den späten Heine
in: Klappaltar, I. Linker Flügel: Lied der Bücher oder Juni mit Heine, 1998:

Robert Gernhardt, Klappaltar. Aufsteller Antikbuch24Augen hat uns zwei gegeben
Gott der Herr, daß wir erleben,
Wie das jahrelange Sterben
Heines Witz nicht konnt‘ verderben.
Augen gab uns Gott ein Paar,
Zu erkennen rein und klar:
Dieses Menschen Todesröcheln
Überstrahlte noch sein Lächeln.
Gott gab uns die Augen beide,
Daß wir schauen und begaffen,
Wie er jemanden erschaffen
Zu des Menschen Großhirnweide.
Jemand sonder Licht und Luft,
Der in der Matratzengruft
Lahm und leidend niederschrieb,
Was ihm noch zu sagen blieb.
Klagen, sicher, Flüche, freilich,
So verständlich wie verzeihlich,
Doch zugleich auch wunderbare,
Völlig losgelöste Sachen,
Teils zum Schaudern, meist zum Lachen,
Leichte Früchte schwerster Jahre:

„Gott gab uns nur einen Mund,
Weil zwei Mäuler ungesund“,
Schieb der Kranke unerschrocken
Und rät munter nachtarocken:
„Mit dem einen Maule schon
Schwätzt zuviel der Erdensohn.
Wenn er doppelmäulig wär,
Fräß und lög er auch noch mehr.
Har er jetzt das Maul voll Brei,
Muß er schweigen unterdessen,
Hätt er aber Mäuler zwei,
Löge er sogar beim Fressen.“

So was auf des Todes Schwelle
Hinzuschreiben auf die Schnelle
Ist so herzerwärmend dreist,
Weil es zweierlei beweist.
Erstens: Vor der letzten Nacht
Hat sich’s noch nicht ausgelacht.
Zweitens: Wahrer Dichtermund
Tut noch sterbend Wahrheit kund.
Heine bleibt dabei unfaßbar:
Spielt den Wachtmeister, den Kasper,
Spielt die Grete, spielt den Drachen,
Spielt den Starken, spielt den Schwachen,
Spielt den Herrgott, spielt den Teufel,
Macht in Glauben, macht in Zweifel,
Spielt und macht: So, wie er lebte,
Jauchzte, liebte, haßte, bebte,
Lachend litt und schreibend fühlte,
Also starb er. Nie erkühlte
Trotz der jahrelangen Leiden
Heines Doppelliebe. Beiden
Hielt er unbedingt die Treue
Ohne Zweifel, ohne Reue:
Den Geschwistern Witz und Wahrheit
Alias Helligkeit und Klarheit.
Heines Witz erhellt noch heute.
Heines Wahrheit klärt noch. Leute!
Diesen Mann zu ehren heißt,
Daß man eignen Witz beweist.

Gott gab uns zwar nur ein Hirn,
Doch dies Hirn beschützt die Stirn.
Ergo mangeln den Geschöpfen
Keine Bretter vor den Köpfen,
Und vor solchem Bretterwesen
Schützt verschärftes Heine-Lesen.
Jede Seite macht vom Brett
Einen Millimeter wett,
So daß auf dem Sterbebette
Der den vollen Durchblick hätte,
Der beizeit so klug gewesen,
Beispielsweise dies zu lesen:

„Was dem Menschen dient zum Seichen,
Damit schafft er seinesgleichen.
Auf demselben Dudelsack
Spielt dasselbe Lumpenpack.
Feine Pfote, derbe Patsche,
Fiddelt auf derselben Bratsche,
Durch dieselben Dämpfe, Räder
Springt und singt und gähnt ein jeder,
Und derselbe Omnibus
Fährt uns nach dem Tartarus.“

„Auf dem Sterbebett endlich den vollen Durchblick haben. Sehr erstrebenswert. Ist das so ein Männerding oder ein Symptom?“ fragt die Wölfin.

„Jeder wie er kann.“

„Lang soll er leben, der Heine“, sagt die Wölfin.

„Wollt ich auch sagen.“

Marguerite Gisele, Sleepy, 22. November 2012

Bilder: Marc Charles Gabriel Gleyre: Der kranke Heinrich Heine, Bleistiftzeichnung 1851,
erloschenes Angebot via Antikbuch24.

Matratzengruft: Marguerite Gisele: Rosarot, 22 November 2012.

Written by Wolf

13. Dezember 2012 at 00:01

Nachtstück 0001

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Die Ausrede, dass doch Wochenende ist, zieht nicht als Weigerungsgrund. Dass doch Wochenende ist, zieht als Grund. Du hast kein Wochenende, um arbeiten zu können, du arbeitest, um irgendwann Wochenende zu haben.

Die Arbeitswoche war lang genug: Die Serapionsbrüder wolltest du zuerst mit 12 am Stück lesen; wie lange das her ist, kann um diese Uhrzeit kein Mensch im Kopf. Reicht das als Arbeitswoche?

Licht an, noch so eine Arbeitswoche hältst du nicht durch. Noch so eine, dann bist du Mitte siebzig, da kannst du dir eine eigene Krankenschwester zum Vorlesen einstellen. Wenn du kannst. Hörbücher sind nämlich gern gekürzt. Oder schlimmer: Hörspiele.

Nachtstück: E.T.A. Hoffmann: Harfenquintett für Harfe, 2 Violinen, Viola und Violoncello c-Moll, AV 24, ca. 1807.

Written by Wolf

24. November 2012 at 05:43

Halloween Lectures zu bibliothekarischen Aspekten der Kulturwissenschaft des Morbiden

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Man muss das nicht bemerken, aber wenn einer mit Halloween sonst nix verbinden mag, kann er eventhalber immer noch zu Eric W. Steinhauer, Dezernent an der Universitätsbibliothek Hagen in die Vorlesungen zu bibliothekarischen Aspekten der Kulturwissenschaft des Morbiden. Davon macht der Mann genau eine pro Jahr, immer um Allerheiligen, und nennt sie deshalb Halloween Lectures.

Die Folge für 2012 heißt Der Tod liest mit. Seuchengeschichtliche Aspekte im Buch- und Bibliothekswesen, Am Dienstag, 6. November ab 18 Uhr im Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Mit einem nicht einzudämmenden Ansturm wird demnach wohl nicht gerechnet, Sie können beruhigt hin.

Als Buch gibt es seit kurzem im Hagener Eisenhutverlag die letztjährige Theorie und Praxis der Bibliotheksmumie. Überlegungen zur Eschatologie der Bibliothek. Darin werden Bücher mit menschlichen Mumien verglichen, vor allem mit der Einrichtung der Biblioitheksmumie. Laut dem Interview Friedhof der Datenträger hat der Mann etliche überraschend stichhaltige Argumente:

In Bibliotheken und auf Friedhöfen verwesen Sachen — worauf man noch ungestützt kommen kann. Steinhauer fährt fort — hier eigenmächtig gekürzt aus Urs Willmann in der Zeit:

Tobias Wimbauer, Eric Steinhauer, Halloween und die Kulturgeschichte des Morbiden, 24. Oktober 2012Die Arbeitsgänge in der Pathologie erscheinen mir sehr bibliothekarisch. Proben kommen an, erhalten Barcodes, werden aufbereitet, klassifiziert. Das machen wir genauso. Und wenn Sie frühe Bilder von Sektionen anschauen, sehen Sie die Leiche und daneben ein aufgeschlagenes Buch. In beidem wird gelesen. [Friedhöfe und Bibliotheken] sind Orte der Erinnerung. Und beide sind wahre Speicher. Aber wo sich erinnert wird, wird auch viel vergessen. Es vergammelt, wenn Sie so wollen. Uns Bibliothekaren ist daher die Metapher von der Bibliothek als Friedhof durchaus geläufig.

Bibliotheken und Museen haben einen gemeinsamen Vorläufer in der frühneuzeitlichen Wunderkammer. Man sammelte dort Bücher, Naturalien und andere kuriose Dinge. Einige Mumien sind in den Bibliotheken verblieben. Und ich stellte fest, dass dies kein Zufall war. Vielmehr ist eine gemeinsame ideelle Dynamik am Werk. Es geht darum, Sterblichkeit zu überwinden, sich der Endlichkeit durch Aufbewahrung entgegenzustellen.

Mumien sind Kulturgut, für sie gelten besondere Vorschriften [abweichend von der Bestattungspflicht]. Aber natürlich gibt es immer Debatten darüber, ob man Leichen oder Leichenteile zeigen darf. Speziell in Bibliotheken sind Einbände aus Menschenhaut kuriose Phänomene. Mit dem Nationalsozialismus hat das nichts zu tun, die Sachen sind älter. Bei diesen Objekten bilden Tod und Buch eine merkwürdige Symbiose: Leichenmaterial hilft, Gedanken aufzubewahren. Bibliophile nennen so etwas einen sprechenden Einband. Man kennt das von Kinderbüchern: Ein Teddybärbuch ist in ein Teddybärfell eingebunden. Genauso schützt manchen alten Anatomieatlas eine Menschenhaut. Genauso, wie wir bei Leichen sagen, da seien Persönlichkeitsrückstände drin, verbleibt im Buch ein Stück der Persönlichkeit des Autors. Wir sprechen ja auch von geistigem Eigentum des Autors. So kommen wir vom skurrilen Gedanken zur kulturwissenschaftlichen Perspektive: Wie gehe ich mit Verstorbenen um, wie mit Büchern?

Es gibt die Ansicht: Verbrennt man Bücher, verbrennt man bald auch Menschen. Der Gedanke ist nicht aus der Luft gegriffen. Man kennt Praktiken von Bücherbestattung. Im Judentum werden zerschlissene Thorarollen nicht weggeschmissen – sondern beigesetzt. Das Buch wird wie eine Person behandelt, ehrfürchtig. Es ist mehr als beschriebenes Papier. Daher auch die Betroffenheit, wenn eine Bibliothek brennt oder wenn Bücher weggeworfen werden. Wir Bibliothekare müssen ja unseren Bestand pflegen, ältere Exemplare und Doppelstücke aussortieren. Manche liegen 20 Jahre im Regal, staubbedeckt, keiner nutzt sie. Aber wenn wir sie in den Container werfen und die Öffentlichkeit kriegt es mit, herrscht Empörung: Das macht man doch nicht mit Büchern!

Als die Herzogin Anna Amalia Bibliothek brannte, waren Entsetzen und Trauer riesig. Als ob Menschen gestorben wären. Genauso beim Archiveinsturz in Köln. Obwohl die meisten, die geschockt waren, die Einrichtung und die Bestände nie genutzt hatten und sie auch nie benutzen würden.

In unserer Rechtsordnung findet man übrigens erstaunliche Parallelen zwischen Leiche und Buch. Es ist gesetzlich, dass wir Tote würdevoll bestatten und sie eine Zeit lang das Recht haben zu ruhen. Vielerorts ist die Totenruhezeit auf dem Friedhof nach 30 Jahren vorbei. Eine ähnliche Komponente haben wir im Urheberrecht: Es endet 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Als Rechtssubjekt bin ich also am längsten präsent in den Schriften. Insofern kann man sagen: Die Bibliothek ist der nachhaltigste Friedhof.

Wir schätzen das Individuum und legen auch bei Autoren, die 300 Jahre lang tot sind, großen Wert darauf, einen originalen Text in den Händen zu halten. Genauso bei den Mumien. Wir streben danach, das Individuum zu rekonstruieren. Schauen Sie sich den Ötzi an. Mit Röntgenstrahlen und Computertomografie holen wir so viel aus der Mumie heraus wie aus einem Datenträger. Dadurch lebt ein Individuum wieder auf. Wir schreiben Ötzis Krankheitsgeschichte, imaginieren seine Biografie. Reliquienverehrung funktioniert genauso. Das Recht ordnet zwar solchen Überresten längst keine Person mehr zu, aber kulturell bleibt diese darin lebendig.

Wie Petrarca würde ich vom dreifachen Tod sprechen. Zuerst stirbt man, später verliert man das Grab, und schließlich sind die Schriften weg. Was wir an kulturellem Gedächtnis betreiben, in Bibliotheken und Archiven, dient dazu, diesen dritten Tod aufzuhalten. Es ist faszinierend, Medienumbrüche in diesem Licht zu sehen. Vor dem Buchdruck existierten nur Handschriften – ein Unikat konnte schnell verloren gehen. Plötzlich aber gab es das Buch in Vielzahl. Man meinte, eine Art Ewigkeit geschaffen zu haben. Doch diese Freude wich bald einem Pessimismus: So viele Bücher! Man betrachtete die Bibliothek als Labyrinth, in dem man Dinge kaum findet.

Wollten Sie vor 30 Jahren einen Druck aus dem 17. Jahrhundert konsultieren, mussten sie zu ihm hinreisen und anfragen, ob sie ihn mit Baumwollhandschuhen anfassen dürfen.Heute laden Sie sich den Scan auf ihr iPad und lesen ihn im Park. Das Leben ist zurückgekehrt in das Werk.

Die ägyptische Mumie zieht dem frostigen Ambiente das trockene Buchklima vor. Meistens findet man bei ihr ein Totenbuch. Und viele Mumien sind in beschriftete Binden eingewickelt oder tragen Masken aus altem beschriebenem Papyrus – ein erstklassiges Bestattungsmaterial, das in dieser Form recycelt wurde. Sie sehen: Das ist eine ganz andere Qualität von Mumie. Als Text in Bibliotheken verfügbar zu bleiben, finde ich dagegen eine schöne Vorstellung. Ein Leser nimmt die Gedanken in seinen Kopf und haucht ihnen wieder Leben ein.

Die auf 7 Bände angelegte Kulturgeschichte des Morbiden von Eric W. Steinhauer in Halloween Lectures: Zwei Bände im Eisenhutverlag schon erschienen, der dritte vorbestellbar:

Peruanische Mumien sind in der Lissabonner Museumsbibliothek ausgestellt.

Bilder: Tobias Wimbauer: Eric Steinhauer, Halloween und die Kulturgeschichte des Morbiden,
Eisenhutverlag 24. Oktober 2012;
Sylvain Sonnet für Corbis: Peruanische Mumien sind in der Lissabonner Museumsbibliothek ausgestellt.

Written by Wolf

2. November 2012 at 00:01

Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal

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Die U-Comix haben wir immer gekauft, weil ComicStrips für Erwachsene draufstand. Die freundliche Oma im Kiosk schaute nicht so drauf, oder sie dachte sich, sechs Mark von einem Zwölfjährigen sind besser als gar keine sechs Mark, vor allem wenn man sonst um einen bestehenden Yps– und Nucki-Nuss-Kunden und einen Hot Prospect für die Titanic fürchten muss.

Sehr viel später trat ich den Donaldisten bei, falls mich meine Enkel mal fragen: „Was hast du für die Rettung des Abendlandes unternommen? Wo warst du da?“ und gewann bei meiner ersten Veranstaltung, dem Mairennen 1999 zu Speyer mit meinem Tandempiloten umgehend den ersten Preis. Nachdem meine Berühmtheit dafür etwas verebbt ist, darf ich heute verraten, dass dies nur geschehen konnte, weil der Mann damals schon ein Mobiltelefon besaß, mit dem er von unterwegs seine Freundin mit Zugriff auf die Primärquellen anrufen konnte. Außerdem ist derlei Einsatz moderner Technik zutiefst donaldisch: Es gibt keine Preise für Fair Play, zack.

Der erste Preis bestand in irgendwas für ihn — und etwa fünf Kilo alter U-Comix für seinen Schmiermaxe, also mich. Zu dieser Zeit hatte ich kein Mobiltelefon, wohl aber eine Website literarischer Ausrichtung, die ich von Anfang an nur widerwillig als Homepage verunglimpft wissen wollte; Homepages handelten von Hobbys, zeigten animierte .gif-Dateien von tanzenden Tomaten mit Sonnenbrillen und ermunterten fremde Menschen zu distanzlosem Tun.

Deshalb fing ich an, auf meiner Website Preisausschreiben auszurufen, bei denen es fünf Kilo U-Comix zu gewinnen gab. Daran hat sich leider nie ein alter Schwanz beteiligt, weshalb immer meine Co-Webmasterin und Strohfrau Christina Dichterliebchen gewann. Bis auf ein Mal, als jemand einen extemporierten Vierzeiler einreichte und ich ihm ein Schloß Gripsholm spendieren musste.

Noch später, als klar wurde, dass anstrengend zu unterhaltende Homepages zu dem gut sein mochten, was heute Facebook leistet, nicht aber, um Altpapier zu entsorgen, las ich meine Sammlung U-Comix wieder. Ein paar Hefte waren dabei, die mir bei den Eigenerwerbungen des Zwölfjährigen entgangen waren — Nummer 18 vom Februar 1982 zum Beispiel. Daraus eine Seite von einem ungenannten Collageur mit einem ebensolchen Mannequin für den National Lampoon. Ich bin immer noch jedes Mal hin und weg davon.

Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal, U-Comix 18, Februar 1982. Serie in 300 dpi

  • Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal,
  • Und mein Auge trüber blickt,
  • Lehn‘ ich den Kopf an eine Schulter, wandernd durch das Tal.
  • Und dann musst du mir versprechen was mir ach so teuer ist:
  • Dass du, wenn ich einst gealtert, immer treu noch bei mir bist.
  • […]
  • Des Lebens Morgen wird vergehen — doch wenn die Abendglocke schallt wird das Herz mir gleich nicht schwer sein liebst du mich noch, bin ich auch alt.

Bild & Lyrik: U-Comix 18, Februar 1982, nach National Lampoon.

Written by Wolf

18. Oktober 2012 at 11:45

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

Also, Volk: Singe mit, lerne auswendig und verbreite!

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——— Text: Simon Borowiak, Musik: Moritz Eggert: Heut‘ fahr ich zu mei’m Schätzelein!
Das neue deutsche Volkslied, in: Titanic, September 2012, Seite 36 f.:

Während einer Redaktionswanderung durch den Taunus wurde klar: Kaum einer unserer Jahrgänge kennt noch deutsches Liedgut. Schon gar nicht auswendig! Das deutsche Volkslied ist so gut wie tot! Dem will TITANIC entgegenwirken, und zwar mit einem aktuellen Liedgut-Service.

Ab jetzt wird jedem Heft ein nagelneues Volkslied beiliegen. Damit es auch unserer Generation beim geselligen Beisammensein, an Lagerfeuer und Twitter nicht an der passenden oder besinnlichen Melodei mangelt!

Die Verse sind von Simon „Wanderschuh“ Borowiak, für die Vertonung konnten wir den vielfach ausgezeichneten Komponisten Moritz „Klampfe“ Eggert gewinnen.

Und jetzt: Auswendig lernen! Denn am Ende des Quartals wird abgehört.

———

Emma Reid, Quadrophobia, 9. Mai 2011Die Lichtung liegt so grün und flach
wie beste Auslegware.
Genau so flach liegt auch mein Schatz,
zu dem ich nachher fahre. [Zwischenspiel]
Dem Schatz ist heute gar nicht wohl,
hat allen Grund zum Klagen:
Die Kalzium-Werte sind zu hoch
und ständig kneift der Magen.

Feinsliebchen hat auch Allergien,
zum Beispiel auf Laktose,
auf Hausstaub, Erdnuß, Wein und Bier
und Milben aus der Dose.
Dann hat es noch ADHS,
die Füße sind nachts hektisch.
E hat auch Pocken, Diphtherie
und ist stark anorektisch. [Zwischenspiel]

Oft hat mein Engel Depression,
noch öfter Gürtelrose,
viel Gicht und Rheuma in der Hand,
im Herzen die Stenose.
Die Buhle hat auch das Tourette FICKEN FICKEN ARSCHLOCH HITLER!!!
Und sehr sehr offne Beine.
Sie nimmt auch gerne Heroin,
läßt man sie mal alleine.

Zudem hat sie die Wassersucht
und einen Anus präter.
In einer Stunde geht mein Zug.
Ich glaub‘, ich fahr‘ doch später.

Multimorbides Bild: Emma Reid: Quadrophobia, 9. Mai 2011.

Written by Wolf

8. Oktober 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Und waiß nit, wann

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——— Grabspruch des Magisters Martinus von Bieberach zu Heilbronn, gestorben 1498 [widerlegt].
Aus: F. K. Waechter (3. November 1937–16. September 2005): Männer auf verlorenem Posten, 1983:

Ich leb und waiß nit, wie lang,
Ich stirb und waiß nit, wann,
Ich far und waiß nit, wahin,
Mich wundert, daß ich froelich bin.

F.K. Waechter, Mich wundert, daß ich froelich bin, aus Mich wundert, daß ich fröhlich bin, 1991

Written by Wolf

16. September 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Renaissance, Vier letzte Dinge: Tod

Der Mensch ist gut: Sein Geist strebt nach der Wahrheit!

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Zur Einstimmung in einen jungen Weblog muten wir uns die 106 Minuten Faust — eine deutsche Volkssage von 1926 zu.

Für diese Zeit war das eine außerordentliche Filmdauer. Als Vergleich sind uns Heutigen amerikanische Komödien von Charlie Chaplin oder Buster Keaton geläufig, die meisten in Sketchlänge.

Friedrich Wilhelm Murnau unterschrieb schon auf seiner ersten Amerikareise einen Arbeitsvertrag mit dem Filmproduzenten William Fox. Bevor Murnau endgültig nach Kalifornien auswanderte, drehte er als letzten Film in Deutschland den Faust.

Murnaus Vermächtnis in und für Deutschland ist angefüllt mit einer Ausstattung und technischen Finessen, die in ganz erstaunlicher Weise state of the art gewesen sein müssen. Die Kulissen erreichen nur aus dramaturgischen Gründen nicht die Opulenz wie die in Fritz Langs Nibelungen (1924) oder Metropolis (1927), weil sie (ähnlich wie in seinem eigenen Nosferatu) durch eine ungefähre mittelalterliche Glaubwürdigkeit wirken müssen — dafür arbeitete Murnau mit Doppelbelichtungen. Bis vor wenigen Jahren, seit praktisch alle Großproduktionen wie eine Art animierte Excel-Tortengraphik gebaut werden („cgi-ed“), war das die Methode der Wahl, um Geisterwelten darzustellen.

Murnaus größtes Kapital für den Film war vermutlich Emil Jannings als Mephistopheles. Jannings muss zu seiner Zeit in Deutschland das gewesen sein, was heute Brad Pitt für alle und Rudolph Valentino für Amerika war. Damals durften Filmstars der Oberklasse dick und hässlich sein, und Drehbücher für Blockbuster durften in Untergang und Verderbnis enden — heute ein Privileg für Charakterchargen und Independent-Produktionen mit no budget.

Wie der volle Filmtitel sagt, orientiert sich Murnau weit mehr am originalen Volksbuch Historia von Doktor Johann Fausten – dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler von 1587 als an den durchgesetzten Bearbeitungen von Christopher „Kid“ Marlowe und — viel später — Goethe.

Wer diesen Film heute noch kennt, kann nicht weit unter 40 sein. Und dann kennt er ihn vermutlich aus der ZDF-Matinee, die einst von Gymnasiasten nach der Sendung mit der Maus geguckt wurde; in der Heavy Rotation der Fernsehwiederholungen findet er sich nicht, im Kino allenfalls in den wenigen Filmmuseen und Specials von Programmhäusern, Saal 7, der vorher der Kartoffelkeller war, gerne mit Live-Piano. Fritz Murnau und Emil Jannings bekommen die Specials, der Hauptdarsteller Gösta Ekman mit seiner beeindruckenden Wandlungsfähigkeit vom rauschebärtigen Gelehrten zum jugendlichen Liebhaber (nicht umgekehrt) ist weitgehend vergessen. Auf Chaplin- und Maus-Fans wirkt sich dieser Teil des frühen Filmschaffens enorm bildend aus.

Ich dachte jahrelang, „Wunderbar sind alle Dinge des Himmels und der Erde! Doch der Wunder Grösstes ist die Freiheit des Menschen: Zu wählen zwischen Gut und Böse!“ in Minute 2:51 sei aus dem Faust von Goethe.

Amerikanisches Filmplakat F.W. Murnau, Faust -- eine deutsche Volkssage via Cinemalane

Amerikanisches Filmplakat via Zoë Walker: The Big Parade, 19. Januar 2010.