Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Vier letzte Dinge: Tod’ Category

Sonntag 6 von 7: Das reflektierende Veilchen (sang oder sank)

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile und
und Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

6. Sonntag nach Ostern: Exaudi

Exaudi, Domine, vocem meam, qua clamavi ad te.

HERR höre meine stim wenn ich ruffe / Sey mir gnedig vnd erhöre mich.

Psalm 27,7.

Mori-Kei, In the Forest, Tumblr 2018Der Sonntag Exaudi weist als letzter Sonntag vor Pfingsten schon eher auf das anstehende Hochfest voraus denn auf das zurückliegende Ostern zurück. — Viola riviniana, eine ausdauernde krautige Halbrosettenpflanze, blüht von April bis Juni in Laubwäldern.

Das „sang“ in der letzten Strophe von Goethes Veilchen könnte laut der Weimarer Ausgabe ein durch die relevanten Druckvorlagen verschleppter Druckfehler sein; Goethes eigene Zweitverwendung für das Singspiel Erwin und Elmire von 1775, eine frühe Abschrift von Lotte Jacobi (nicht verwandt, aber spärlich belegt), nicht zuletzt die gleichnamige Mozart-Vertonung KV 476 von 1785 sowie rezente populäre Zitate verwenden wie selbstverständlich das sinnvoll erscheinende „sank“. Karl Eibl vermutet in der Frankfurter Ausgabe:

Unmöglich aber ist „sang“ nicht, da das Veilchen danach noch als reflektierend, wenn nicht redend, dargestellt wird.

Was weder Karl Eibl in der maßgeblichen Frankfurter Ausgabe noch Wikipedia auf dem Stand vom 15. April 2019 berücksichtigt, ist die Einschätzung von Heinrich Viehoff 1869:

Da Lotte Jacobi das Gedicht bereits im Januar 1773 besaß, so gehört es wohl spätestens dem Ende 1772 an.

——— Johann Wolfgang Goethe:

Das Veilchen

Ende 1772 oder Anfang 1774, in: Iris. Vierteljahresschrift für Frauenzimmer, März 1775,
cit. die sperrig orthographierte Version der Weimarer Ausgabe, daher mit „sank“:

Mori-Kei, In the Forest, Tumblr 2018

Ein Veilchen auf der Wiese stand
Gebückt in sich und unbekandt,
Es war ein herzigs Veilchen.
Da kam eine iunge Schäferin,
mit leichtem Schritt und munterm Sinn,
Daher! Daher!
Die Wiese her, und sang.

Ach denkt, das Veilchen wär ich nur,
Die schönste Blume der Natur,
Ach! nur ein kleines Weilchen.
Bis mich das Liebchen abgepflückt,
Und an dem Busen matt gedrückt,
Ach nur! Ach nur!
Ein Viertelstündchen lang.

Ach aber, ach! das Mädchen kam,
Und nicht in Acht das Veilchen nahm,
Ertrat das arme Veilchen.
Und sank und starb und freut sich noch,
Und sterb ich denn, so sterb ich doch
Durch sie! durch sie
Zu ihren Füßen doch!

Mori-Kei, In the Forest, Tumblr 2018Zu ihren Füßen doch: Die junge Mori-Kei scheint, so von weitem betrachtet, ein grundgutes, jedenfalls sehr ernsthaftes und fleißiges Mädchen, eine „zum Heiraten“. Sie wählt ihre Mode besonders ökologisch, züchtig und zweckmäßig und kauft sie gebraucht; den Rest näht sie selbst. Na gut, außer ihren Schuhen, weil sie in den Monaten April bis September — das ist: die Blütezeit der gängigsten Viola-Arten — ihre Gardobe auf hippieske Weise barfuß als vollständig ansieht:

  1. Listen, 29. Mai 2018:

    • Sweater — Thrifted
    • Dress — Dresslily
    • Green Skirt — Krisp
    • Brown Skirt — Thrifted
  2. The Words of the Woods, 14. August 2018
    :

  3. All Thrifted ^_^
  4. Waiting, 27. Mai 2018:

  5. Dress — Aliexpress (MoriAlice)
  6. Skirt — Krisp
  7. T-shirt — Samansa Mos2
  8. Short Sleeve Cardigan — Thrifted

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Exaudi:
Sie werden euch in den Bann tun, BWV 44, 1724;
Sie werden euch in den Bann tun, BWV 183, 1725:


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Written by Wolf

31. Mai 2019 at 00:01

2. Katzvent: Über ein kleines werden wir alle tot sein

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Update zu 1. Katzvent: I should be stronger than weeping alone (und mit pragmatischen Messingdrähten zum Skelett zusammengeworfelt):

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

Was Ihren abschließenden Grußwunsch „Glückliche Mäusejagd!“ betrifft, so können Sie bei seiner Niederschrift nicht ganz nüchtern gewesen sein. Katzen meines Geblüts jagen keine Mäuse.

Taki Chandler an Mike Gibbud, Esq., einen Siam-Kater nicht ganz reiner Blutlinie:
Antwort auf einen überraschend erhaltenen Weihnachtsglückwunsch,
Weihnachten 1948, a. a. O.

Raymond Chandler, Die simple Kunst des Mordes, Diogenes Verlag, Zürich 1975, via Schlei-Buch Kappeln, Booklooker, 3. Juli 2018Die simple Kunst des Mordes von Raymond Chandler wollte ich mir schon kurz nach seiner Neuveröffentlichung 1975 von meiner Frau Mutter, lang soll sie leben, spendieren lassen, was sie mir aus pädagogischen Gründen bis heute versagt. Heute, wo man sich das Ding aus dem Magazin der großen Stadtbüchereifiliale etwas umständlich, aber gratis herauskramen lassen kann, erhellt, dass der Siebenjährige, der ich einst war, damit ohnehin nicht viel hätte anfangen können.

Die deutsche Erstausgabe, auch damals schon bei Diogenes, hieß noch Chandler über Chandler, neu waren 1975 (außer der Übersetzung von Hans Wollschläger, die wohl als eine Art Fingerübung praktisch gleichzeitig mit seiner Ulysses-Übersetzung erschien) die Teilsammlungen Chandler über berühmte Verbrechen — und Chandler über Katzen.

Zu den Briefadressaten: Charles W. Morton war als Herausgeber des Atlantic Monthly Chandlers New Yorker Verleger; James „Hamish“ Hamilton war in ähnlicher Funktion bei der Hamish Hamilton Limited Chandlers Buchverleger und Freund; H. N. Swanson war Chandlers Literaturagent in Hollywood; James Sandoe war Kriminalromankritiker der New York Herald Tribune und Professor für Klassische Literatur und Bibliographie an der University of Colorado.

——— Raymond Chandler:

19. März 1945
An Charles W. Morton

in: Die simple Kunst des Mordes. Briefe, Essays, Notizen, eine Geschichte und ein Romanfragment. Herausgegeben von Dorothy Gardiner und Katherine Sorley Walker [als Raymond Chandler Speaking, Helga Greene Literary Agency 1962]. Neu übersetzt von Hans Wollschläger, Diogenes 1975:

Raymond Chandler mit Angorakatze Taki, ca. 1945… Ein Mann namens Engstead hat vor einiger Zeit für Harper’s Bazaar ein paar Fotos von mir aufgenommen (warum, ist mir bis heute schleierhaft), und eins davon, das mich mit meiner Sekretärin auf dem Schoß zeigt, ist wirklich gut gelungen. Wenn das Dutzend Abzüge da ist, das ich bestellt habe, bekommen Sie einen. Die besagte Sekretärin, das sollte ich vielleicht hinzufügen, ist eine schwarze Angorakatze, 14 Jahre alt, und ich nenne sie so, weil sie, seit ich mit dem Schreiben angefangen habe, um mich gewesen ist. Gewöhnlich saß sie auf dem Papier, das ich grad benutzen wollte, oder auf dem Manuskript, das ich überarbeiten wollte; manchmal lehnte sie sich an die Schreibmaschine, und manchmal blickte sie auch nur ruhig von einer Ecke des Tisches aus dem Fenster, so als wollte sie sagen: „Das Zeug, was du da machst, ist reine Zeitverschwendung, mein LIeber.“

Sie heißt Taki (ursprünglich Take, aber wir kriegten es satt, immer wieder zu erklären, daß das ein japanisches Wort sei, das Bambus bedeutete und zweisilbig gesprochen werden müßte), und sie hat ein Gedächtnis, wie es sich noch kein Elefant auch nur erträumt hat. Sie ist gewöhnlich höflich distanziert, aber von Zeit zu Zeit hat sie einen polemischen Anfall, und dann kriegt man geschlagene zehn Minuten lang was zu hören. Ich gäbe einiges drum, wenn ich wüßte, was sie einem dann alles sagen will, aber ich fürchte, es läuft am Ende alles auf eine sehr sarkastische Version des Satzes „Das hätte ich nicht von dir gedacht!“ hinaus.</p

Ich bin mein Leben lang ein Katzenliebhaber gewesen (ohne damit etwas gegen Hunde zu haben, außer daß sie soviel Unterhaltung beanspruchen), und doch war ich nie richtig imstande, sie zu verstehen. Taki ist ein vollkommen ausgeglichenes Wesen und weiß immer, wer Katzen mag; mag einer sie nicht, so kommt sie nie auch nur in seine Nähe, und mag sie einer wirklich, so geht sie stracks auf ihn zu, ganz gleich ob sie ihn erst seit kurzem kennt oder gar überhaupt nicht … Sie hat noch eine andere sonderbare Eigenart (die selten sein mag oder auch nicht), die nämlich, daß sie niemals etwas tötet. Sie bringt, was sie gefangen hat, lebendig an und läßt es sich dann wegnehmen. Sie hat schon mehrmals Tiere ins Haus gebracht, eine Taube etwa, einen blauen Sittich und einen großen Schmetterling. Der Schmetterling und der Sittich waren völlig unverletzt geblieben und flogen alsbald weiter, wie wenn gar nichts geschehen wäre. Die Taube hatte ihr ein bißchen Schwierigkeiten gemacht und infolgedessen einen kleinen Blutfleck auf der Brust, aber wir brachten sie zu einem Vogelmenschen, und schon ganz bald ging es ihr wieder gut. Bloß ein bißchen gedemütigt wirkte sie. Mäuse findet Taki langweilig, aber sie fängt sie, wenn sie’s denn partout nicht anders wollen, und dann muß ich sie umbringen. Ein gewisses müdes Interesse bringt sie Goffern entgegen, und ein Gofferloch nötigt ihr durchaus einige Aufmerksamkeit ab, aber Goffer beißen, und wer, zum Teufel, will schließlich überhaupt einen Goffer haben? Also gibt sie sich einfach nur den Anschein, als könnte sie jederzeit einen fangen, wenn ihr danach wäre.

Wenn wir eine Reise machen, geht sie immer mit, egal wohin, behält alle Orte, an denen sie schon gewesen ist, im Gedächtnis und fühlt sich normalerweise überall wie zu Hause. Nur ein oder zwei gehen ihr gegen den Strich — ich weiß nicht, wieso. Sie hat sich da einfach nie eingewöhnen wollen. Nach einiger Zeit wußten wir genug, um den Wink zu verstehen. Es besteht die Möglichkeit, daß da einmal ein Axtmord verübt worden ist, und wir wären anderswo viel besser aufgehoben. Der Kerl könnte wiederkommen. Manchmal sieht sie mich mit einem ganz eigenartigen Ausdruck an (sie ist die einzige Katze meines Bekanntenkreises, die einem gerade und offen in die Augen sieht), und dann habe ich den Verdacht, daß sie ein Tagebuch führt, weil der Ausdruck zu besagen scheint: „Bruder, du glaubst wohl, du bist die meiste Zeit ziemlich gut, was? Ich überlege, wie dir wohl zumute wäre, wenn ich mich entschlösse, mal was von dem Zeug zu veröffentlichen, das ich so gelegentlich zu Papier gebracht habe.“ Zu bestimmten Zeiten hat sie die Angewohnheit, eine Pfote locker in die Höhe zu halten und sie grübelnd zu betrachten. Meine Frau glaubt, sie will uns damit zu verstehen geben, daß sie eine Armbanduhr haben möchte; zwar hat sie die praktisch nicht nötig — ihr Zeitgefühl ist besser als meins — aber schließlich muß man ja auch etwas Schmuck haben.

Ich weiß gar nicht, wieso ich das alles hier schreibe. Es muß wohl daran liegen, daß ich im Moment an schlechthin nichts anderes denken konnte, oder — also jetzt wird die Sache doch unheimlich — bin überhaupt nicht ich es, der es schreibt? Könnte es sein, daß — nein, es muß doch ich sein. Sagen Sie, daß ich es bin. Mir wird bange.

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26. Januar 1950
An Hamish Hamilton

Raymond Chandler mit Angorakatze Taki, ca. 1945Ich habe da wohl irgendwas gesagt, was Dich auf den Gedanken gebracht hat, Katzen seien mir verhaßt. Aber um Gott, Sir, einen so fanatischen Katzenliebhaber wie mich gibt es in der ganzen Branche nicht wieder! Wenn sie Dir verhaßt sind, werde ich unter Umständen Dich hassen lernen. Falls Deine Allergien daran schuld sind, will ich die Situation, so gut ich’s kann, tolerieren. Wir haben eine schwarze Angorakatze, die jetzt fast 19 Jahre alt ist und die wir nicht für einen der riesigen Türme von Manhattan hergeben würden.

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15. Dezember 1950
An H. N. Swanson

Unsere kleine schwarze Katze mußte gestern morgen eingeschläfert werden. Wir sind ganz gebrochen davon. Sie war fast 20 Jahre alt. Wir sahen es kommen, natürlich, hofften aber immer noch, sie könnte neue Kraft finden. Aber als sie zu schwach wurde, um sich noch auf den Beinen zu halten, und praktisch aufhörte zu essen, blieb nichts anderes mehr pbrig. Man macht das jetzt auf eine wunderbare Art. In eine Vene des Vorderlaufs wird Nembutal injiziert, und das Tier ist einfach nicht mehr da. Es schläft in zehn Sekunden ein. Schade, daß man es mit Menschen nicht ebenso machen kann.

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9. Januar 1951
An Hamish Hamilton

… Unser Weihnachten war nicht besonders froh, da wir unsere schwarze Angorakatze verloren haben, die fast zwanzig Jahre bei uns gewesen war und so zu unserem Leben gehörte, daß wir uns jetzt geradezu fürchten, in das stille leere Haus zu kommen, wenn wir abends fort waren. Zufälltig traf es sich, daß Elmer Davis, den Du vielleicht kennst, kurz vorher seine weiße Angorakatze verlor, General Gray. Und ich konnte mich so gut in ihn hineinfühlen (obwohl Taki damals gar nicht so krank war, daß wir uns wirkliche Sorgen um sie machten), daß ich ihm schreiben und mein Mitgefühl ausdrücken mußte. Ich habe mein Leben lang Katzen gehabt und immer gefunden, daß sie fast so unterschiedlich sind wie die Menschen auch und daß sie, ganz wie Kinder, großenteils so werden, wie man sie behandelt, höchstens daß es hier und da ein paar wenige gibt, die nicht verzogen werden können. Aber vielleicht gilt das für Kinder ebenso. Taki war von absoluter Ausgeglichenheit, was bei Tieren wie bei Menschen eine seltene Eigenschaft ist. Und sie war völlig frei von Grausamkeit, was noch seltener ist bei Tieren. Ich habe nie Leute gemocht, die keine Katzen mochten, weil in ihrer Gemütsanlage immer ein Element greller Selbstsucht zu finden war. Zugegeben, eine Katze bringt einem nicht die Art Liebe entgegen, die ein Hund einem schenkt. Eine Katze führt sich nie so auf, als ob man der einzige Lichtblick in ihrem sonst ganz trüben Dasein wäre. Aber damit ist nur auf andere Weise gesagt, daß die Katze kein sentimentales Wesen ist, was keineswegs bedeutet, daß sie etwa keine herzlichen Gefühle hätte.

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10. Januar 1951
An James Sandoe

Raymond Chandler mit Angorakatze Taki, ca. 1945Dank für Ihren Brief und die Weihnachtskarte. Ich habe in diesem Jahr nichts verschickt. Wir waren ein bißchen mitgenommen vom Tod unserer schwarzen Angorakatze. Wenn ich sage, ein bißchen mitgenommen, dann ist das konventionelle Distanz. In Wirklichkeit war es eine Tragödie für uns …

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5. Februar 1951
An Hamish Hamilton

Danke für alles, was Du über Katzen geschrieben hast und über Deine Freunde, die Katzenliebhaber sind. Nach einer Weile werden wir uns, denke ich, eine neue Katze zulegen oder lieber noch gleich zwei. Elmer Davis sagt, seine Frau und er haben sich entschlossen, keine neue mehr zu nehmen, weil sie wahrscheinlich länger leben würde als sie beide. Das scheint mir doch ein wunderlicher Gesichtspunkt zu sein. Er muß sich recht alt fühlen. Wenn es danach ginge, dürften Kinder nie Eltern haben, Frauen nie Männer heiraten, die zehn Jahre älter sind als sie selbst, niemand dürfte dem Wunsch nachgeben, ein Pferd zu besitzen oder überhaupt irgendwas, von dem ihm eines Tages Verlust droht. Wehe, wehe, wehe (ich glaube, ich zitiere da mehr oder weniger Ezra Pound), über ein kleines werden wir alle tot sein. Lasset uns deshalb so tun und handeln, als wären wir’s bereits.

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31. Oktober 1951
An James Sandoe

… Wie geht’s denn Ihren sämtlichen Katzen? Wir haben eine neue schwarze Angora, die genau so aussieht wie unsere letzte, so aufs Haar genau, daß wir ihr auch denselben Namen gegeben haben, Taki. Er — denn es ist diesmal ein Er — wird ein großer Bursche werden, glaube ich, wenn er voll ausgewachsen ist, denn er wiegt schon jetzt mit sieben Monaten acht Pfund. Ich hatte vorher eine Zeitlang ein Siam-Kätzchen, aber der kleine Kerl krallte und biß alles in Fetzen, und seine Behandlung brachte soviel Schwierigkeiten mit sich, daß ich ihn dem Züchter zurückbringen mußte. Mir war dabei ziemlich schlimm zumute, denn er war ein liebevoller kleiner Teufel und steckte voller Leben. Aber er zerriß mir die Anzüge und hätte am Ende wohl noch die gesamte Einrichtung ruiniert. Wir konnten ihn einfach nicht frei herumlaufen lassen, und eine Katze, die nicht frei laufen kann in unserm Haus, ist darin fehl am Platze. Auf der Straße lassen wir sie nie frei laufen, aber im Haus gehört ihnen alles.

Raymond Chandler, ca. 1945

Bilder: Raymond Chandler: Die simple Kunst des Mordes, Diogenes Verlag, Zürich 1975,
via Schlei-Buch, 24376 Kappeln, in Booklooker, 3. Juli 2018;
„Ein Mann namens Engstead“: für Harper’s Bazaar, ca. 1945.

Soundtrack: Exposition zu Robert Altman: The Long Goodbye, 1973,
nach Raymond Chandler: The Long Goodbye, 1953:

Written by Wolf

7. Dezember 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

1. Katzvent: In der Dämmrung heil’gen Schatten

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Update zu Kater Murr und der dramatisierte Magnetismus:

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

Besonders freut es mich, mit einem siebenzeiligen Gedicht anzufangen; wie wiederholt bekannt gemacht, sammle ich die. Die Gedichte von Karl Philipp Moritz stehen in keiner seiner zwei Gesamtausgaben, die für den Kauf seitens atmender Menschen und nicht für die Forschung vom Hauptseminar aufwärts vorgesehen sind. Jedenfalls stehen sie dort nur in andeutenden Auswahlen; für den verlegerischen Ehrgeiz der Vollständigkeit wende man sich ans viel zu Kleine Archiv des achtzehnten Jahrhunderts.

So kurz es ist, passt das Gedicht in gleich zwei hiesige Sammlungen; man merkt die Nähe von Weihnachten. Die Nähe zur Anakreontik merkt man dem Gedicht an der Personifizierung einer „Selinde“ an. Meistens heißen anakreontische Frauenfiguren Chloe, Chloris, Daphne, Dorinde, Doris, Melinde, Phyllis oder ähnlich floral, denn „die Namen der Geliebten wie die des Liebhabers stammen, mit wenigen Ausnahmen, teils aus der antiken Idyllendichtung, teils aus der französischen Schäferpoesie“, wie Friedrich Ausfeld: Die deutsche anakreontische Dichtung des 18. Jahrhunderts: Ihre Beziehungen zur französischen und zur antiken Lyrik, Karl J. Trübner, Strassburg 1907, beobachtet. Und meistens sind die Anakreontika Jugendwerke; 1779 war Moritz 23. Sehen wir ihm also nach, wie er die Trauer um eine verstorbene Katze leichtfertig ins Lächerliche zieht, seine Spitze sollte sich ohnehin eher gegen die Tendenz der Empfindsamkeit richten.

——— Karl Philipp Moritz:

Die empfindsame Schöne.

in: Christian Heinrich Schmid, Hrsg.: Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1779,
Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung, Seite 280,
cit. Christof Wingertszahn, Hrsg.: Karl Philipp Moritz: Gedichte,
Kleines Archiv des achtzehnten Jahrhunderts, Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 1999, Seite 10:

Dort, wo in der Dämmrung heil’gen Schatten,
Sich holde Phantasieen gatten,
Sanft traurender Melancholie;
An jenem schauervollen Platze,
Wo einsam unterm silbern Mond
Die feierliche Stille wohnt,
Beweint Selinde — ihre Katze.

Théodore Géricault, Le chat mort, ca. 1820

Bild: Théodore Géricault: Le chat mort, ca. 1820, Musée du Louvre, Paris.

Now you know your cat has nine lives: John Lennon: Crippled Inside, aus: Imagine, 1971:

Written by Wolf

30. November 2018 at 00:01

Das Angedenken der Zuckerlust

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Update zu Du Uhu du:

Auf die Gefahr hin zu nerven, falls es nicht bis in die letzten Winkel vorgedrungen sein sollte: Ich sammle Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemandem eins auffällt, mag er es mir bitte nicht verschweigen.

Mein bisher ältestes ist aus dem Minnesang, das jüngste von 1932. Falls das nicht gleichzeitig das liebste ist, nehm ich die 1797er Braut von Korinth, weil Goethe durchaus seine Momente haben konnte.

Dieser Tage hab ich eins aus dem Barock gefunden. Memento mori macht Spaß:

——— Christian Hofmann von Hoffmannswaldau:

Wo sind die stunden

1658, aus: Deutsche Vbersetzungen vnd Getichte, Jesaja Fellgiebel, Breslau 1679–1727,
in: Herrn von Hoffmannswaldau und anderer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte erster theil / nebenst einer vorrede von der deutschen Poesie, bey Thomas Fritsch, Leipzig 1697:

Pavel Kiselev, Strawberry Portrait, 15. Juni 2017Wo sind die stunden
Der süssen zeit /
Da ich zu erst empfunden /
Wie deine lieblichkeit
Mich dir verbunden?
Sie sind verrauscht / es bleibet doch dabey /
Daß alle lust vergänglich sey.

Das reine scherzen /
So mich ergetzt /
Und in dem tieffen herzen
Sein merckmal eingesetzt /
Läst mich in schmerzen /
Du hast mir mehr als deutlich kund gethan /
Daß freundlichkeit nicht anckern kan.

Das angedencken
Der zucker-lust /
Will mich in angst versencken.
Es will verdammte kost
Uns zeitlich kräncken /
Was man geschmeckt / und nicht mehr schmecken soll /
Ist freuden-leer und jammer-voll.

Olivia Frolich, Frida Gustavsson, Eurowoman Denmark, Juni 2016Empfangne küsse /
Ambrirter safft /
Verbleibt nicht lange süsse /
Und kommt von aller krafft;
Verrauschte flüsse
Erquicken nicht. Was unsern geist erfreut /
Entspringt aus gegenwärtigkeit.

Ich schwamm in freude /
Der liebe hand
Spann mir ein kleid von seide /
Das blat hat sich gewand /
Ich geh‘ im leide /
Ich wein‘ itzund / daß lieb und sonnenschein
Stets voller angst und wolcken seyn.

Vertonungen: Hans Gál: Vergängliches. Fünf Lieder, opus 33 Nr. 1, 1921, veröffentlicht bei N. Simrock, Berlin 1929;
Franz Krause: Wo sind die Stunden, aus: Gedichte aus alter Zeit, opus 51 Nr. 1, 1972.

Der Sommer war sehr groß: Pavel Kiselev: Strawberry Portrait, via j’ai envie de toi, 15. Juni 2017;
Olivia Frolich: Forever, featuring Frida Gustavsson für Eurowoman Denmark, Juni 2016.

Soundtrack: R.E.M.: Imitation of Life, aus: Reveal, 2001:

Written by Wolf

24. August 2018 at 00:01

Du Uhu du

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Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten,
Des Maies Wonneschlingen,
Schön siebenzeilig Lurley,
Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt
und Am selben Tag, da ich erfuhr, man habe mich entmündigt:

Dass ich mich nicht ernst genommen fühle, ist Default-Einstellung und wird seine Gründe haben. Deshalb muss ich in den verschiedensten Bewusstseinszuständen — damit mir geglaubt wird — wiederholen:

Ich sammle Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemandem eins auffällt, mag er es mir um Himmels willen nicht verschweigen.

Die schiere Anzahl der Verse legt noch keine definierte Strophenform fest, und genau das ist das Schöne: Siebenzeilige Formen bleiben immer auf die eine oder Weise schwebend offen, ähnlich wie Melodien, die bezeichnenderweise mit einem Septakkord enden. Es ist nichts ausgesagt über das Reimschema: Da ist von AAAAAAA über erweiterte Limericks bis zum Klangreim alles drin.

Einige der besten und süffigsten Gedichte aller Epochen sind siebenzeilig: Erinnern wir uns an die Gemeinsamkeiten so unterschiedlicher Gedichte wie des überraschend raffinierten Frühlingsliedes Swie diu zît sich wil verkêren Sêren des Minnesängers Walther von Klingen, des übermütig makabren Gothic-Spaßes der Braut von Korinth von Goethe, der Bürgschaft von Schiller, der 1838er Version der Loreley von Friedrich Förster oder des ergreifenden Meisterstücks vom Mädchen mit dem Muttermal von Ringelnatz: Sie bestehen aus Strophen von je sieben Versen.

Den Liliencron kenne ich aus meinem Schullesebuch der 6. Klasse. Das Reimschema ist AAABAAB — in seiner strophenweisen Gleichförmigkeit schon fast meditativ und damit gerade passend für eine Schnurre über energische, lebenshungrige alte Männer.

——— Detlev von Liliencron.

Ballade in U-Dur

aus: Bunte Beute, Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig 1903:

Es lebte Herr Kunz von Karfunkel
mit seiner verrunzelten Kunkel
auf seinem Schlosse Punkpunkel
in Stille und Sturm.
Seine Lebensgeschichte war dunkel,
es murmelte manch Gemunkel
um seinen Turm.

Täglich ließ er sich sehen
beim Auf- und Niedergehen
in den herrlichen Ulmenalleen
seines adlichen Guts.
Zuweilen blieb er stehen
und ließ die Federn wehen
seines Freiherrnhuts.

Er war just hundert Jahre,
hatte schneeschlohweiße Haare
und kam mit sich ins klare:
Ich sterbe nicht.
Weg mit der verfluchten Bahre
und ähnlicher Leichenware!
Hol‘ sie die Gicht!

Werd‘ ich, neugiertrunken
ins Gartengras hingesunken,
entdeckt von dem alten Halunken,
dann grunzt er plump:
Töw Sumpfhuhn, ick wil di glieks tunken
in den Uhlenpfuhl zu den Unken,
du schrumpliger Lump!

Einst lag ich im Verstecke
im Park an der Rosenhecke,
da kam auf der Ulmenstrecke
etwas angemufft.
Ich bebe, ich erschrecke:
Ohne Sense kommt mit Geblecke
der Tod, der Schuft.

Und von der andern Seite,
mit dem Krückstock als Geleite,
in knurrigem Geschreite,
kommt auch einer her.
Der sieht nicht in die Weite,
der sieht nicht in die Breite,
geht gedankenschwer.

Hallo, du kleine Mücke,
meckert der Tod voll Tücke,
hier ist eine Gräberlücke,
hinunter ins Loch!
Erlaube, daß ich dich pflücke,
sonst hau‘ ich dir auf die Perücke,
oller Knasterknoch.

Der alte Herr, mit Grimassen,
tut seinen Krückstock festfassen:
Was hast du hier aufzupassen,
du Uhu du!
Weg da aus meinen Gassen,
sonst will ich dich abschrammen lassen
zur Uriansruh‘!

Sein Krückstock saust behende
auf die dürren, gierigen Hände,
die Knöchel- und Knochenverbände:
Knicksknucksknacks.
Freund Hein schreit: Au, mach ein Ende!
Au, au, ich lauf ins Gelände
nach Haus schnurstracks.

Noch heut lebt Herr Kunz von Karfunkel
mit seiner verrunzelten Kunkel
auf seinem Schlosse Punkpunkel
in Stille und Sturm.
Seine Lebensgeschichte ist dunkel,
es murmelt und raunt manch Gemunkel
um seinen Turm.

Mit seiner verrunzelten Kunkel: The Consecrated Eminence. The Archives & Special Collections at Amherst College: Bloom Ephemera: Backcover Artwork in Real Free Press Illustratie Nr. 1, Antwerpen, undatiert,
2. Mai 2014, via Chris Goes Rock’s Music Site: Dancing Hippies, 30. Mai 2013.

Soundtrack: Gogolala Jubilee Jugband: Ich bin mein Opa,
aus: The Muppet Show, Staffel 1, Folge 113, 6. Dezember 1976:

Bonus Tracks: Jerome Potma: The Muppet Show Song Compilation, Staffeln 1 bis 5:

Written by Wolf

13. Juli 2018 at 00:01

Nachtstück 0014: Nun kommt der Frühling (Daß ich weine!)

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Update zu Zwetschgenzeit (Du bist gemeint),
Grabesdunstwitterlich,
Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg
und Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht!
O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!
:

Helmut Sembdner, der nachzuweisen versucht hat, daß Kleist der Autor dieses Scherzrätsels ist, hat das Gedicht in seinem Aufsatz „Neuentdeckte Schriften Heinrich von Kleists“ als „anspruchslosen Lückenbüßer“ bezeichnet und dieses Verdikt auch im Stellenkommentar seiner Ausgabe wiederholt, wo es nun wirklich nichts verloren hat.

Walter Hettche: Die journalistische Funktion der Gedichte
in Kleists „Berliner Abendblättern“
, 26. Oktober 2011.

——— Heinrich von Kleist:

Kleine Gelegenheitsgedichte

aus: Phöbus, September/Oktober 1808:

Jünglingsklage

Winter, so weichst du,
Lieblicher Greis,
Der die Gefühle
Ruhigt zu Eis.
Nun unter Frühlings
Üppigem Hauch
Schmelzen die Ströme –
Busen, du auch!

Mädchenrätsel

Träumt er zur Erde, wen
Sagt mir, wen meint er?
Schwillt ihm die Träne, was,
Götter, was weint er?
Bebt er, ihr Schwestern, was,
Redet, erschrickt ihn?
Jauchzt er, o Himmel, was
Ists, was beglückt ihn?

Katharina von Frankreich

(als der schwarze Prinz
um sie warb)

Man sollt ihm Maine und Anjou
Übergeben.
Was weiß ich, was er alles
Mocht erstreben.
Und jetzt begehrt er nichts mehr,
Als die eine –
Ihr Menschen, eine Brust her,
Daß ich weine!

Alex & Erwan in La fille renne, Intimity, Proximity, Januar, 12. März 2015

Floris Neusüss, Schrankpaar, 1959

Noir Division, Va-t'en, 6. April 2017

Jünglingsklage

1808, nach verschollener Handschrift
in: Wilhelm Neumann (Hrsg.): Die Musen. Norddeutsche Zeitschrift, 1814, ohne Überschrift:

Zero Focus, Self Portrait. 44 Irving St. Cambridge, Massachusetts, 1971Winter so weichst du,
Pfleger der Welt
Der die Gefühle
Ruhig erhält.
Nun kommt der Frühling,
Thymianhauch,
Nachtigallnlauben,
Wehmut, du auch!

Bilder:

  1. Alex & Erwan in: La fille renne: Intimity/Proximity, Januar/12. März 2015:

    This new photographic project plays with different variations of intimity and proximity. The intimity of someone alone or his intimacy with another people, the proximity between two people or with the photographer, which is like a intrusion. The intimity is warped by the presence of the photographer, but it’s the game.

  2. Floris Neusüss: Schrankpaar, 1959;
  3. Noir Division: Va-t’en, 6. April 2017;
  4. Susan Meiselas: Self Portrait. 44 Irving St. Cambridge, Massachusetts, 1971,
    via Zero Focus, 21. Januar 2018.

Soundtrack: Elastica: Stutter, 1993, aus: Elastica, 1995:

Written by Wolf

1. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

So singet laut den Pillalu (Och orro orro ollalu)

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Seit Herder einen Begriff von der Volksmusik und kurz darauf Goethe einen Begriff von der Weltliteratur gefunden, erläutert und mit Inhalten gefüllt haben, ist die Freude über neu kennen gelernte Lieder fremder Völker groß. Vielleicht das Dankenswerteste, was Goethe je geleistet hat, aber das diskutieren wir ein andermal.

Eliza H. Trotter, Lady Caroline Lamb, ca. 1811--1814Immerhin trieb die Sammlerfreude den jungen Goethe in Herders Gefolge ins Elsass, den alten dazu, aktuelle Romane zu lesen, die ihm absehbar nicht gefallen konnten. Zum Beispiel: Glenarvon von Lady Caroline Lamb, Viscountess Melbourn, 1816 — der abrechnende Schlüsselroman einer Geliebten über Lord Byron, den Goethe wiederum sehr wohl mochte.

Aber Goethe war auch nicht geradezu von Byron besessen, wurde nicht aufgrund etwelcher Affären mit ihm von seiner Frau verlassen, und er starb auch nicht nach Ausstoß einiger Schauerromane mit 42 Jahren an Suff, multiplem Drogenmissbrauch und Folgebeschwerden der Erotomanie. Vielmehr sah Goethe über diese ganze Verwicklung menschlicher Tragödien und literarischer Ressentiments, von denen er laut den Tag- und Jahresheften von 1817 wusste, großzügig darüber hinweg, dass es in Glenarvon überhaupt Parteien für ihn zu ergreifen gab: Der Roman erschien, weil von weiblicher Hand verfasst, wie üblich anonym, und

sollte uns über manches Liebesabenteuer desselben [Lord Byrons] Aufschlüsse geben; allein das voluminöse Werk war an Interesse seiner Masse nicht gleich, es wiederholte sich in Situationen, besonders in unerträglichen; man mußte ihm einen gewissen Werth zugestehen, den man aber mit mehr Freude bekannt hätte, wenn er uns in zwei mäßigen Bänden wäre dargereicht worden.

Laut allen heutigen Quellen ist Glenarvon nicht in zwei, sondern sogar drei Bänden erschienen, die Goethe nicht zwingend zu Ende gelesen haben muss. Aber es ist gut, wie es ist, denn gleich anfangs des ersten Bandes findet sich ein Keening, das ist: das Klagelied über das verstorbene Kind des Gutsherrn über das lyrische Ich, das hier ein „lyrisches Wir“ ist, das Goethe umgehend in sein Tagebuch übersetzen musste.

Mathias Mayer scheint für seinen Beitrag zur Frankfurter Anthologie: Johann Wolfgang Goethe: „Klaggesang. Irisch“ in der FAZ vom 26. November 2017, wie es nahe liegt und auch von mir empfohlen wird, die richtige Goethe-Ausgabe benutzt zu haben — nämlich die, mit der man am meisten inhaltlischen Spaß hat: die Frankfurter. In derselben kommt Goethes Klaggesang. Irisch gleich zweimal vor: einmal innerhalb der Gedichte, einmal in einem Band, den man meistens nur in größeren Präsenzbibliiotheken erreicht: Hans-Georg Dewitz, Hrsg.: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band 12: Bezüge nach außen. Übersetzungen II. Bearbeitungen, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999. Den will sich privat niemand leisten, die Gedichte in zwei Bänden, hrsg. Karl Eibl schon eher; die gibt’s gerne als Doppelpack für 15 Euro im Modernen Antiquariat und bietet mehr und erhellenderen Kommentar als alle anderen.

Worauf ich hinauswollte: Frankfurter Anthologie wie Frankfurter Augabe — jedenfalls Eibls Gedichtkommentar — merken sachte missbilligend Goethes Umgang mit der Übersetzung von Ortsnamen an — siehe unten die Gegenüberstellung, spezielles Augenmerk auf die sechste Strophe. Aus eigener Übersetzertätigkeit heraus finde ich Goethes Lösung durchaus zulässig: Um einen fremden bis fremdartigen Text möglichst weitreichend deutschen Lesern zu vermitteln, kann es höchst sinnvoll sein, Orte bei ihrer verallgemeinernden Bezeichnung statt bei ihrem Toponym zu nennen.

Wenn ich allerdings selbst die Texte mit ihrem Sekundärmaterial vergleiche, fällt mir viel eher auf: Irisch ist mitnichten Schottisch, auch nicht in ihren alten Vorstufen, trivialer Schauerroman hin oder her. Sind Keltologen anwesend, die Freude daran haben, Old Goethe samt seinen Exegeten bei Unsauberkeiten zu ertappen, und etwas Kluges beisteuern können?

Thomas Philliops, Lady Caroline Lamb, ca. 1813Die Übersetzung als „Klaggesang“ war von Goethe wirklich als Lied im Sinne von musikalischer Aufführung gemeint und wurde auch unmittelbar so eingerichtet: von Carl Friedrich Zelter. Der mit Goethe befreundete Komponist erklärt brieflich am 8. Januar 1819 dazu:

Hier erfolgt denn auch der Pillalu in den ich mich leichter gefunden habe als ich Anfangs dachte, wie Du an der Musik merken wirst. Doch wünschte ich etwas von Dir darüber zu vernehmen, da es eine ganz leichte Melodie ist. Es ist eigentlich ein Todtenmarsch: Harfen, Posaunen und gedämpfte Pauken (großer Art) gehören dazu. Der Refrain wird vom Chore, jung und alt, in Unisono gesungen.

In der zweyten Strophe habe ich, einer Doppelsylbe wegen, eine Veränderung gemacht und in der letzten Zeile der letzten Strophe die Worte umgestellt, des Accentes wegen. Ist es Dir so nicht recht, so laß mich’s wissen und ich richte es ein wie es gehn will.

Man wird sich geeinigt haben; es ist ja schon zurvorkommend von einem Künstler, sich so ausdrücklich nach der Arbeit eines Kollegen in einem anderen Medium richten zu wollen. Noch am 16. Juni 1827 erinnerte sich Zelter an Goethe, wieder brieflich:

Das Altschottisch ist ein prächtiges Stück; dem Metro nach ganz behandlich; der Ton des Ganzen möchte nicht so leicht gefunden seyn. Es ist ganz eigen damit, sogar Deine eigene Handschrift ist mir dabey von Bedeutung. Ein Aehnliches ward mir mit dem Pillalu, der wenn ich nicht ganz irre ganz gelungen ist, indem ich so glücklich war auf diese Art den rechten Trauerton des Todtenmarsches zu finden, dessen Metrum mir im Kopfe umher schritt. Man hat von solcher Arbeit hinterher keinen Begriff und doch, wie wüßte man denn ob’s getroffen ist wenn es kein Bild dafür gäbe? Im Pillalu seh‘ ich den ganzen Zug an mir vorüberschreiten.

Heute ist diese 1819er Zelter-Vertonung leider nur noch theoretisch dokumentiert, praktisch nicht — was auf derzeitigem Stand der Technik heißt: weder in YouTube, Vimeo noch Dailymotion vorhanden. Das ist sehr schade, denn die bildliche Vorstellung einer Gruppe mutiger, für die kunstsinnige Zusammenkunft im Salon zurechtgemachter junger Frauen, die sich im Wohnzimmer neben dem Piano zusammenstellen und im Chor „jung und alt, in Unisono“ und auf Küchenterz mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit „Och orro orro ollalu“ singen, die bildliche Vorstellung, sagte ich, hat Größe.

——— Lady Caroline Lamb:

Glenarvon

in three volumes. Published by Henry Colburn, London 1816, Chapter V., Schluss:

The tenants and peasantry were, according to ancient custom, admitted to sing the song of sorrow over the body of the child: but no hired mourners were required on this occasion; for the hearts of all deeply shared in the affliction of their master’s house, and wept, in bitter woe, the untimely loss of their infant Lord. — It was thus they sung, ever repeating the same monotonous and melancholy strain.

Oh loudly sing the Pillalu,
     And many a tear of sorrow shed;
Och orro, orro, Olalu;
     Mourn, for the master’s child is dead,

At morn, along the eastern sky.
     We marked an owl, with heavy wing;
At eve, we heard the benshees cry;
     And now the song of death we sing;
Och orro, orro, Olalu.

Ah! wherefore, wherefore would ye die;
     Why would ye leave your parents dear:
Why leave your sorrowing kinsmen here,
     Nor listen to your people’s cry!

How will thy mother bear to part
     With one so tender, fair, and sweet!
Thou wast the jewel of her heart,
     The pulse, the life that made it beat.

How sad it is to leave her boy.
     That tender flow’ret all alone:
To see no more his face of joy,
     And soothe no more his infant moan!

But see along the mountain’s side.
     And by the pleasant banks of Larney,
Straight o’er the plains, and woodlands wide,
     By Castle Brae, and Lock Macharney;

See how the sorrowing neighbours throng,
     With haggard looks and faultering breath;
And as they slowly wind along,
     They sing the mournful song of death!

O loudly sing the Pillalu,
     And many a tear of sorrow shed;
Och orro, orro, Olalu!
     Mourn, for the master’s child is dead.

Thus singing, they approached the castle, and thus, amidst cries and lamentations, was Sidney Albert, Marquis of Delaval, borne for ever from its gates, and entombed with his ancestors in the vault of the ancient church, which, for many hundred years, had received beneath its pavement the successive generations of the family of Altamonte. Heart-felt tears, more honourable to the dead than all the grandeur which his rank demanded, were shed over his untimely grave; while a long mourning and entire seclusion from the world, proved that the sorrow thus felt was not momentary, but lasting as the cause which had occasioned it was great.

——— Goethe:

Klaggesang.

Irisch.

entstanden 22. Oktober 1817 im Tagebuch, zitiert nach der Erstveröffentlichung in: Kunst und Alterthum, Band IV, 1823, Seite 108 bis 110:

So singet laut den Pillalu
Zu mancher Thräne Sorg‘ und Noth:
Och orro orro ollalu,
O weh des Herren Kind ist todt!

Zu Morgen, als es tagen wollt‘,
Die Eule kam vorbey geschwingt,
Rohrdommel Abends tönt im Rohr.
Ihr nun die Todtensänge singt:
     Och orro orro ollalu.

Und sterben du? warum, warum,
Verlassen deiner Eltern Lieb‘?
Verwandten Stammes weiten Kreis?
Den Schrey des Volkes hörst du nicht:
     Och orro orro ollalu.

Und scheiden soll die Mutter, wie,
Von ihrem Liebchen schön und süß?
Warst du nicht ihres Herzens Herz,
Der Puls der ihm das Leben gab?
     Och orro orro ollalu.

Den Knaben läßt sie weg von sich,
Der bleibt und wes’t für sich allein,
Das Frohgesicht, sie sieht’s nicht mehr;
Sie saugt nicht mehr den Jugendhauch.

Och orro orro ollalu.

Da sehet hin an Berg und Steg,
Den Uferkreis am reinen See,
Von Waldesecke, Saatenland,
Bis nah heran zu Schloß und Wall
     Och orro orro ollalu.

Die Jammer-Nachbarn dringen her,
Mit hohlem Blick und Athem schwer;
Sie halten an und schlängeln fort
Und singen Tod im Todtenwort
     Och orro orro ollalu.

So singet laut den Pillalu
Und weinet, was ihr weinen wollt!
Och orro orro ollalu,
Des Herren einziger Sohn ist fort.

Special thanks an Hank für sein Tag und Nacht waches Auge.

Eliza H. Trotter, Lady Caroline Lamb, ca. 1811--1814

Bilder: Sir Thomas Lawrence: Portrait of Lady Caroline Lamb, ca. 1805;
Thomas Phillips: Lady Caroline Lamb, ca. 1813,
via Making History Tart & Titillating: Lady Caro Crops Her Hair;
Eliza H. Trotter: Lady Caroline Lamb, ca. 1811–1814, National Portrait Gallery, London.

Soundtrack: Ossian: Oidhche Mhath Leibh, aus: Ossian, 1977:

Written by Wolf

23. Februar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod