Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Vier letzte Dinge: Tod’ Category

In dürren Blättern säuselt der Wind

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile
und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

Ernst Kutzer, Postkarte Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten, gelaufen. Datiert und Poststempel 1914, GoethezeitportalSeriöse Bestandsaufnahmen der Vertonungen von Goethes Erlkönig von 1782 kommen regelmäßig auf etwas um 30 Versionen. Nicht alle davon sind sinnvoll als Tonaufnahme oder auch nur als Partitur aufzutreiben. Während sich die Kompositionen bis tief in die deutsche Romantik hinein gegenseitig überholen und geradezu überdecken, ist die Schaffenspause zwischen 1865 und der Postmoderne 1999 umso auffallender.

Zugegeben hat mich persönlich Goethes Original (das er bei Herder gelernt hat) nie sonderlich beeindruckt, später hat er ganz objektiv bessere gebracht: zu gewollt, zu fremd, erwartbare Pointe, und wenn man zu genau hinschaut, glatte Verharmlosung der Kindesmisshandlung mit Todesfolge, wenn nicht gar, bei boshafter Auslegung, Verherrlichung von Pädophilie.

Aus den e-musikalischen Vertonungen lässt mich allerdings der instrumentale Geigenmuckel von Heinrich Wilhelm Ernst offenen Mundes staunen, dass sowas schon mal ein Mensch gestemmt hat, auch wenn sich allein innerhalb YouTube überraschend viele Teufelsgeiger (und -geigerinnen!) finden, die sich wacker schlagen. Aus der Postmoderne mag ich Falkenstein aus Urdarbrunnen am liebsten: Die respektieren die Vorlage, ohne daran herumzumodernisieren, und kommen ohne Ausdruckstanz in Lack- und Lederbikinis aus. Alles, was sonst schon Schlagzeug verwendet, ist zur Not dem Gothic zuzuordnen und in der Affigkeit allenfalls graduell unterschiedlich.

Erlkönig Kinderfahrrad, 1. April 2015

  1. Corona Schröter: Erlkönig, 1782. Kevin bemerkt in seiner Hausarbeit Vertonungen des Erlkönigs sehr hellsichtig:

    Sie komponierte ein durchgängiges Strophenlied zu dem Text Goethes. Dabei hält sie die Melodie recht einfach, was man beispielsweise daran erkennt, dass der Ambitus mit einer Oktav und einer Sekund geringer ist als bei den übrigen Vertonungen. Der Hörer legt durch die einfache Melodie das Augenmerk vor allem auf den Text. Außerdem hält sich Schröter an den Rhythmus im „Erlkönig“ und schreibt ihr Lied im ungeraden Takt. Dies könnten Gründe dafür sein, dass Goethe das Werk gefallen hat.

    Kritisieren kann man, dass die Melodie zum Beispiel beim Tod des Jungen viel zu fröhlich klingt. Das Problem kommt dadurch zu Stande, dass das Lied ein Strophenlied ist und es so eine Einheitsmelodie für alle Strophen gibt.

  2. Andreas Romberg: Erlkönig, 1793.
  3. Johann Friedrich Reichardt: Erlkönig, 1794.

  4. Carl Friedrich Zelter: Erlkönig, 1797.

  5. Gottlob Bachmann: Erlkönig, 1798/1799.

  6. Friedrich Methfessel: Erlkönig, 1805.
  7. Bernhard Klein: Erlkönig, 1815/1816.
  8. Postkarte Wer reitet so spät durch Nacht und Wind. Mit Noten, Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen, ca. 1920, GoethezeitportalFranz Schubert: Erlkönig, Opus 1, Deutsch-Verzeichnis 328, 1815, Uraufführung 7. März 1821 in Wien.

    Das ist bis heute die bekannteste Vertonung geblieben. Goethe kannte sie. Er mochte sie nicht. — Erneut Kevin:

    Erst Franz Schubert löst sich vom Strophenlied und dem Rhythmus des Erlkönigs. Bei ihm steht nicht mehr länger der Text, sondern die Melodie im Vordergrund. Diese ist kunstvoll gestaltet, worauf der große Ambitus und zahlreiche Crescendi bzw. Decrescendi hinweisen. Schubert verfasst ein ausgedehntes Vorspiel, einige Zwischenspiele und ein, wenn auch kurzes, Nachspiel. Neben dem Tonartwechsel hat vor allem die Begleitung große Beachtung verdient. Die Singstimme wird ostinat mit Triolen begleitet, die erst beim Tod des Knaben verstummen. Das Trauermotiv kurz vor Ende verstärkt die Intention.

    Dietrich Fischer-Dieskau, Klavier: Gerald Moore, 1951:

  9. Carl Loewe: 3 Balladen, Opus 1, 1.: Erlkönig, 1824.

    Goethe kannte sie. Er mochte sie.

    ——— Carl Ludwig Schleich: Besonnte Vergangenheit, 1920,
    Kapitel 20: Erinnerungen an Richard Dehmel:

    Dehmel liebte die Musik über alles, und ich habe ihn oft erfreuen können mit dem Vortrag Löwescher Balladen, von denen der „Edward“ ihn oft zur hellen Begeisterung fortriß. Conrad Ansorge begleitete mich meisterhaft. Er stellte Löwes „Erlköni“«, wie so viele, weit über den Schuberts und behauptete, Schubert habe den dämonischen Trieb zur Knabenliebe, den Goethe gestalten wollte, gar nicht verstanden, ihm fehle das unheimlich Sadistische in der Musik, wie denn auch Schuberts „Ganymed“ aus dem gleichen Grunde völlig mißverstanden sei. Erst Hugo Wolf habe diese naive, griechische Dämonie des Jupiter richtig erfaßt und vertont. Was waren das schöne Abende im Hause seines späteren Schwiegervaters mit seiner sehr klugen und grundgütigen Gattin, die sonderbarerweise nie recht an den Stern Dehmels glauben wollte.

    Hans Hotter, Klavier: Gerald Moore, 1957:

  10. Max Eberwein: Erlkönig, 1826.
  11. Anselm Hüttenbrenner: Erlkönig-Walzer, 1829.

    Cyprien Katsaris:

  12. Louis Spohr: Erlkönig, Opus 154, Nummer 4, 1856.

    Einzige Bearbeitung für Klavier und Violine und in Viertel- statt Achteltakt, also getragener als alle anderen in Allegro non troppo.

    Die sechs Lieder op. 154 sind in dem Zeitraum April bis August 1856 in Kassel komponiert worden und in Louis Spohrs eigenem Werkverzeichnis mit der Nr. 260 notiert. Op. 154 ist Spohrs letztes Liederheft, bei dem er noch einmal „sein Instrument“, die Violine, wirkungsvoll als Soloinstrument einsetzt.

    Dietrich Fischer-Dieskau, Bariton; Hartmut Höll, Klavier; Dmitry Sitkowetsky, Violine:

  13. Heinrich Wilhelm Ernst: Caprice für Violine allein, Opus 26, ca. 1865.

    Transkription des Schubert-Liedes für Solo-Violine. Extrem schwierig zu spielen, weil tatsächlich jeder der vier vorhandenen Geigensaiten eine vollwertige Stimme zugeordnet ist: Man spielt quasi alleine ein Streichquartett.

    Hillary Hahn:


    Und als Zuckerl für die Notenleser unter uns: das Versprechen, dass man auch ohne so sportliche Fingerübungen ein erfülltes Musikleben führen kann:

  14. Hypnotic Grooves featuring Jo Van Nelsen: Der Erlkönig, aus: Rosebud: Songs of Goethe and Nietzsche, 1999:

  15. Forseti: Erlkönig, aus: Jenzig, 1999:

  16. Daniel Bill: Erlkönig, aus: Screaming in the Night, 2000:

  17. Achim Reichel: Erlkönig, aus: Wilder Wassermann, 2002:

  18. Scarecrow featuring Stefan „Das Ich“ Ackermann und Mike Oldfield: Tubular Bells, 1973, in: Erlkönig, 2003, aus: Outcry, 2002. Regie: Patrick v. Ollrath, Avantgarde Films 2004, 3. Platz auf der Visionale Frankfurt 2003.

    2003 lag es offenbar nahe, seinen Erlkönig als Ophelia-Figur zu gestalten, weil jedem noch The Ring von 2002 in den Knochen steckte. Die Hauptfigur Samara Morgan (Daveigh Chase, übrigens die Samantha aus Donnie Darko) trug die Haare ebenso derangiert übers Gesicht gekämmt, und der Psychohorror über den ganzen Film gilt als besonders wirkungsvoll (der aus dem Exorzist von 1973 auch, der wiederum — nächste Parallele — ebenfalls Tubular Bells von Mike Oldfield als Filmmusik verwendet). Als Regiedebüt für einen deutschen Kurzfilmer geht diese Version also klar. Seitdem hat er offenbar viel dazugelernt: Für seinen Alles wird gut ist die Liste von Auszeichnungen länger als die Inhaltsangabe und schließt eine Oscar-Nominierung 2016 als bester Kurzfilm ein.

  19. Rammstein: Dalai Lama, aus: Reise, Reise, 2004:

  20. Josh Ritter: The Oak Tree King, live auf dem Verbier Festival 2007:

  21. Falkenstein: Erlkönig, aus: Urdarbrunnen, 2008;

  22. Dracul: Erlkönig, aus: Follow Me, 2009:

  23. Leichenwetter: Erlkönig, aus: Legende, 2010:

  24. Hope Lies Within: Der Erlkönig, 2012:

    Auch in englischer Version:

  25. Maybebop: Erlkönig, 2013. A-cappella-Version über Schubert:

  26. Minotaurus: Erlkönig, eHrlebnisfilm 2013.

  27. The Band D: Erlkönig, Live-Performance für SNEAKY BLACK Turntable Stories, November 2016:

Wer reitet so spät pp.:

  1. Ernst Kutzer: Postkarte Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten, gelaufen. Datiert und Poststempel 1914;
  2. Postkarte Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Mit Noten, Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen, ca. 1920,

via Jutta Assel/Georg Jäger: Goethe-Motive auf Postkarten und in der bildenden Kunst. Eine Dokumentation, April 2016.

Erlkönig extreme bike Logo, 1. April 2015

Der Knabe lebt, das Pferd ist tot: Erlkönig Kinderfahrrad, gestreetarted in München, 1. April 2015.

Written by Wolf

28. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

In dich hoff ich ganz festiklich

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Update zur Bach-Passionen-Sammlung Zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist!:

Schaut die Mutter voller Schmerzen,
wie sie mit zerrißnem Herzen
unterm Kreuz des Sohnes steht:
Ach! wie bangt ihr Herz, wie bricht es,
da das Schwerdt des Weltgerichtes
tief durch ihre Seele geht!

Anonym: Stabat mater, ca. 1180–1306, Anfang,
Übersetzung: Christoph Martin Wieland, 1779.

Zum schwersten aller Feiertage muss ich doch endlich die Hausmadonnen feierlich unters Volk werfen, die ich kurz nach Mariä Lichtmess, also am Zweiten eines verflossenen Februars zu Nürnberg eingefangen hab. Da war mir nicht klar, dass die schon ziemlich flächendeckend dokumentiert sind. Nächstes Mal geh ich halt mehr auf die Details, die sind stellenweise richtig vogelwild.

Die Bilder sind frühmorgens gemacht, so früh es eben im Februar schon so hell wird, kurz bevor ich zu meinen Eltern, lang sollen sie leben, Richtung Lauf weiter musste, und sind allesamt um den Obstmarkt herum einsehbar. Der Text stammt ebenfalls aus Nürnberg und aus der gleichen Zeit wie die Mariä. Die Musik ist nicht fränkisch, von den Aufführenden und dem Aufführungsort her allenfalls französisch, ansonsten genuin italienisch und schon neuzeitlich, aber gerade karfreitags ein Trost für Christ und Jud und Heid.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016

——— Hans Sachs:

Das liet Maria zart

verendert und cristlich corrigirt.

1524.

1.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu zart, götlicher art,
ein ros on alle doren,
Du hast aus macht herwider bracht
das vor lang was verloren
Durch Adams fal; dir wart die wal
von got vatter versprochen;
auf das nit würt gerochen
mein sünt und schult, erwarbstu hult;
wan kein trost ist, wa du nit bist
barmherzikeit erwerben;
wer dich nit hat und dein genat,
der muß ewiklich sterben.

2.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste milt, du hast gestilt
der altvätter verlangen,
Die jar und tag in we und klag
die vorhell het umfangen,
Senlicher not ruften: „o got,
zureiß des himels pfarten
und send uns, des wir warten,
den messiem, der uns abnem
die senlich pein.“ das ist durch dein
vilfaltig blutverreren
ganz abgestelt, darum dich zelt
all welt Cristum den heren.

3.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu rein, du bist allein
der sünder trost auf erden;
Darum dich hat der ewig rat
erwelet, mensch zu werden;
Uns all zu heil darum urteil,
am jüngsten tag wirst richten,
die dir glauben, mit nichten.
o werte frucht, all mein zuflucht
han ich zu dir; ich glaub, hast mir
erworben ewig leben;
in dich hoff ich ganz festiklich,
weil du mir gnad tust geben.

4.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste groß, du edle ros,
gütig an allen enden,
Wie gar gütlich, her, hast du mich
wider zu dir lan wenden
Mit deinem wort! mein sel leit mort
bei den falschen profeten,
die mich verfüret heten:
auf mancherlei ir gleisnerei,
auf werk ich hoft und meinet oft,
genad mir zu erwerben;
verliße dich; o her! nit rich
mein unwissent verderben.

5.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu fein, dein wort gibt schein,
licht, klar als der karfunkel.
Es hilft aus pein den armen dein,
die sitzen in der dunkel;
Kein ru noch rast haben sie fast
wol in der menschen lere;
reich in dein wort, mit gere
hilf in darvan auf rechte ban
und sie selb tröst, seit du erlöst
hast alle welt gemeine,
das sie in dich hoffen einig,
nit in ir werk unreine.

6.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste wert, so dein wort kert
von mir und sich derscheite,
So kum zu mir, beschütz mich schir,
auf das mich nit verleite
Die menschenler, die gleißet ser,
wer kan ir list erkennen?
sie tut sich heilig nennen,
ist doch entwicht und lebet nicht;
allein dein wort, das ist der hort,
darin das leben iste;
da speis mich mit (entzeuch mirs nit!)
zu ewiklicher friste!

7.

O Jesu Crist, war got du bist;
in dir ist kein gebrechen.
Es ist kein man, der mag und kan
dein glori groß aussprechen;
Dein hohes lob schwebt ewig ob,
dir ist als übergeben
was ie gewan das leben,
all creatur. o könig pur,
wens darzu kumt, das mein mut stumt,
leiblich den tot muß leiden,
dan hilf du mir, das ich mit gir
in deim wort müg abscheiden.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016

Giovanni Battista Pergolesi: Stabat mater, Konzert in f-Moll mit Philippe Jaroussky, Countertenor, und Emöke Barath, Sopran, Kammerorchester Orfeo 55 unter Nathalie Stutzmann, Chapelle de la Trinité, Château de Fontainebleau, April 2014:

Written by Wolf

14. April 2017 at 00:01

I’m half-sick of shadows

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Update zu Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt:

The Lady of Shalott von Lord Alfred Tennyson, 1. Baron Tennyson wurde schon lange nicht mehr ordentlich übersetzt. Dabei ließ sich die deutschsprachige Reproduktion zuerst so lebhaft an; unter anderem gibt es:

Empfohlen wird natürlich die erste, die von Freiligrath, die auch in recht leserlich gestochener Fraktur daherkommt.

Persönlich greifen mir Geschichten von Mädchen und viel zu schönen Frauen, die sich zu Tode singen, ganz unverhältnismäßig ans Herze, das ist eine körperliche Reaktion bei mir, fast noch sicherer und heftiger als das Orpheus-Eurydike-Thema, weil es persönlicher und damit unmittelbarer wirkt. Das geht so, seit ich zu früh im Leben A Fight to the Finish 1947 mit Oskar Supermaus gesehen hab, Paradebeispiel ist die Antonie aus dem Rat Krespel 1818 von E.T.A. Hoffmann, die Jacques Offenbach sangeswirksam als dritten Akt von Hoffmanns Erzählungen 1881 ausgebaut hat. In der schlimmen Heimatschnulze Das Donkosakenlied 1956 ist es ein kleiner Junge, der das Singen nicht lassen kann, und in Noch einmal mit Gefühl 2001 ist gleich eine ganze Stadt vom Totsingen bedroht, da waltet aber um die Vampirjägerin Buffy und ihre von Dämonen Mitverfolgten wenigstens die nötige Selbstironie. — Wenn jemand noch was weiß? Die Kommentarfunktion ist immer offen.

Seltsamerweise hab ich auf die Lady of Shalott nie so angesprochen, obwohl da eine Vorläuferin der Ophelia sich sehenden Auges malerisch in ein Boot legt und darin singend auf ein Schloss zutreibt, in dem sie als Leiche ankommen wird. Schieben wir es darauf, dass man dieses ausgebaute Genre der Lady of the Lake immer nicht als die faszinierend schillernde Elaine kennenlernt, sondern als einschläfernden Loop über 11:34 Minuten von einer Meditations-CD fürs Zahnarztwartezimmer.

Zur Interpretation abseits des Wikipedia-Artikels: Die Besonderheiten am Shalott’schen Topos sind, dass die Lady 1. nicht weiß, worin eigentlich ihr Fluch besteht, 2. Bilder webt, die sie indirekt in einem Spiegel sieht, und 3. bereitwillig für ihre erste Liebe auf den ersten Blick, die gleich ihre große ist, stirbt. Schuld und Sühne sind also definiert wie bei Kafka: in höchst willkürlicher Weise überhaupt nicht — und das von einer fadenscheinigen, rächenden Instanz, „Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ (Faust). Aus feministischer Sicht ist das reichlich fragwürdig, aus einfach nur menschlicher Sicht nicht minder: Eine namenlose Edelfrau darf ihren Elfenbeinturm weder mit ihrer Erkenntnis noch gar mit ihren unbefugten Füßen (siehe den Bonus Track unten) überschreiten, und wenn der wunder-schöne, stolze Ritter kommt, darf sie ihm gerade noch hinterherreisen und ihr letztes Lied dabei singen. Gnade vor dem ritterlichen Hof findet sie nicht für ihre künstlerischen oder hausfraulichen Leistungen oder auch nur für ihre Hingabe, sondern ausdrücklich für ihr hübsches Gesicht. Wer sich als Feminist*in versteht, darf an dieser Stelle einige berechtigte Einwände erheben, sich dabei nur nicht so anstellen wie die ewige Gothic Lolita Emilie Autumn in ihrer Kontrafaktur Shalott 2006 auf Opheliac. Klar, dass diese Auffassung aus dem Frühmittelalter stammt — weil sie nämlich als Nebenstrang der Artus-Sage aus dem Frühmittelalter stammt.

Daher ist es gar nicht so schlimm, wenn ich hier nur Tennysons zwei Fassungen in parallele Übersicht setzen kann. Ich hätte lieber noch eine dritte Spalte mit dem gedichtnahen Schlagertext von Loreena McKennitt dazugequetscht, aber ich hab dieses enge WordPress-Theme nicht gebaut. McKennitt darf erst darunter, was künstlerisch nicht ganz unpassend erscheint.

Tennysons Gedicht bleibt eine der schönsten Balladen überhaupt, die einen Spannungsbogen mit Handlungsauflösung verwenden, und eine Empfehlung für das englische Lesepublikum, in dem Gedichte so cantabile marschieren und trotzdem klassisch werden dürfen.

John William Waterhouse, The Lady of Shalott, 1888

——— Lord Alfred Tennyson:

The Lady of Shalott

1833 edition:

***

1842 edition:

***

Part the First.

*

Part I.

*

On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky.
And thro‘ the field the road runs by
               To manytowered Camelot.
The yellowleavèd waterlily,
The greensheathèd daffodilly,
Tremble in the water chilly,
               Round about Shalott.

*

On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky;
And thro‘ the field the road runs by
               To many-tower’d Camelot;
And up and down the people go,
Gazing where the lilies blow
Round an island there below,
               The island of Shalott.

*

Willows whiten, aspens shiver,
The sunbeam-showers break and quiver
In the stream that runneth ever
By the island in the river,
               Flowing down to Camelot.
Four gray walls and four gray towers
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

*

Willows whiten, aspens quiver,
Little breezes dusk and shiver
Thro‘ the wave that runs for ever
By the island in the river
               Flowing down to Camelot.
Four gray walls, and four gray towers,
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

*

Underneath the bearded barley,
The reaper, reaping late and early,
Hears her ever chanting cheerly,
Like an angel, singing clearly,
               O’er the stream of Camelot.
Piling the sheaves in furrows airy,
Beneath the moon, the reaper weary
Listening whispers, „‚tis the fairy
               Lady of Shalott.“

*

By the margin, willow-veil’d
Slide the heavy barges trail’d
By slow horses; and unhail’d
The shallop flitteth silken-sail’d
               Skimming down to Camelot:
But who hath seen her wave her hand?
Or at the casement seen her stand?
Or is she known in all the land,
               The Lady of Shalott?

*

The little isle is all inrailed
With a rose-fence, and overtrailed
With roses: by the marge unhailed
The shallop flitteth silkensailed,
               Skimming down to Camelot.
A pearlgarland winds her head:
She leaneth on a velvet bed,
Full royally apparellèd
               The Lady of Shalott.

*

Only reapers, reaping early
In among the bearded barley,
Hear a song that echoes cheerly
From the river winding clearly,
               Down to tower’d Camelot.
And by the moon the reaper weary,
Piling sheaves in uplands airy,
Listening, whispers „‚Tis the fairy
               Lady of Shalott.“

*

Part the Second.

*

Part II.

*

No time hath she to sport and play:
A charmèd web she weaves alway.
A curse is on her, if she stay
Her weaving, either night or day,
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be;
Therefore she weaveth steadily,
Therefore no other care hath she,
               The Lady of Shalott.

*

There she weaves by night and day
A magic web with colours gay.
She has heard a whisper say,
A curse is on her if she stay
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be,
And so she weaveth steadily,
And little other care hath she,
               The Lady of Shalott.

*

She lives with little joy or fear.
Over the water, running near,
The sheepbell tinkles in her ear.
Before her hangs a mirror clear,
               Reflecting towered Camelot.
And, as the mazy web she whirls,
She sees the surly village-churls,
And the red cloaks of market-girls,
               Pass onward from Shalott.

*

And moving thro‘ a mirror clear
That hangs before her all the year,
Shadows of the world appear.
There she sees the highway near
               Winding down to Camelot:
There the river eddy whirls,
And there the surly village-churls,
And the red cloaks of market girls,
               Pass onward from Shalott.

*

Sometimes a troop of damsels glad,
An abbot on an ambling pad,
Sometimes a curly shepherd lad,
Or longhaired page, in crimson clad,
               Goes by to towered Camelot.
And sometimes thro‘ the mirror blue,
The knights come riding, two and two.
She hath no loyal knight and true
               The Lady of Shalott.

*

Sometimes a troop of damsels glad,
An abbot on an ambling pad,
Sometimes a curly shepherd-lad,
Or long-hair’d page in crimson clad,
               Goes by to tower’d Camelot;
And sometimes thro‘ the mirror blue
The knights come riding two and two:
She hath no loyal knight and true,
               The Lady of Shalott.

*

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights:
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and lights
               And music, came from Camelot.
Or, when the moon was overhead,
Came two young lovers, lately wed:
„I am half-sick of shadows,“ said
               The Lady of Shalott.

*

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights,
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and lights
               And music, went to Camelot:
Or when the moon was overhead,
Came two young lovers lately wed;
„I am half-sick of shadows,“ said
               The Lady of Shalott.

*

Part the Third.

*

Part III.

*

A bowshot from her bower-eaves.
He rode between the barleysheaves:
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves
               Of bold Sir Launcelot.
A redcross knight for ever kneeled
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

*

A bow-shot from her bower-eaves,
He rode between the barley-sheaves,
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves
               Of bold Sir Lancelot.
A redcross knight for ever kneel’d
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

*

The gemmy bridle glittered free,
Like to some branch of stars we see
Hung in the golden galaxy.
The bridle-bells rang merrily,
               As he rode down from Camelot.
And, from his blazoned baldric slung,
A mighty silver bugle hung,
And, as he rode, his armour rung,
               Beside remote Shalott.

*

The gemmy bridle glitter’d free,
Like to some branch of stars we see
Hung in the golden Galaxy.
The bridle-bells rang merrily
               As he rode down to Camelot:
And from his blazon’d baldric slung
A mighty silver bugle hung,
And as he rode his armour rung,
               Beside remote Shalott.

*

All in the blue unclouded weather,
Thickjewelled shone the saddle-leather.
The helmet, and the helmet-feather
Burned like one burning flame together,
               As he rode down from Camelot.
As often thro‘ the purple night,
Below the starry clusters bright,
Some bearded meteor, trailing light,
               Moves over green Shalott.

*

All in the blue unclouded weather
Thick-jewell’d shone the saddle-leather,
The helmet and the helmet-feather
Burn’d like one burning flame together,
               As he rode down to Camelot.
As often thro‘ the purple night,
Below the starry clusters bright,
Some bearded meteor, trailing light,
               Moves over still Shalott.

*

His broad clear brow in sunlight glowed.
On burnished hooves his warhorse trode.
From underneath his helmet flowed
His coalblack curls, as on he rode,
               As he rode down from Camelot.
From the bank, and from the river,
He flashed into the crystal mirror,
„Tirra lirra, tirra lirra,“
               Sang Sir Launcelot.

*

His broad clear brow in sunlight glow’d;
On burnish’d hooves his war-horse trode;
From underneath his helmet flow’d
His coal-black curls as on he rode,
               As he rode down to Camelot.
From the bank and from the river
He flash’d into the crystal mirror,
„Tirra lirra,“ by the river
               Sang Sir Lancelot.

*

She left the web: she left the loom:
She made three paces thro‘ the room:
She saw the waterflower bloom:
She saw the helmet and the plume:
               She looked down to Camelot.
Out flew the web, and floated wide,
The mirror cracked from side to side,
‚The curse is come upon me,“ cried
               The Lady of Shalott.

*

She left the web, she left the loom,
She made three paces thro‘ the room,
She saw the water-lily bloom,
She saw the helmet and the plume:
               She look’d down to Camelot.
Out flew the web and floated wide;
The mirror crack’d from side to side;
„The curse is come upon me,“ cried
               The Lady of Shalott.

*

Part the Fourth.

*

Part IV.

*

In the stormy eastwind straining
The pale-yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining,
Heavily the low sky raining
               Over towered Camelot:
Outside the isle a shallow boat
Beneath a willow lay afloat,
Below the carven stern she wrote,
               THE LADY OF SHALOTT.

*

In the stormy east-wind straining,
The pale-yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining,
Heavily the low sky raining
               Over tower’d Camelot;
Down she came and found a boat
Beneath a willow left afloat,
And round about the prow she wrote
               The Lady of Shalott.

*

A cloudwhite crown of pearl she dight.
All raimented in snowy white
That loosely flew, (her zone in sight,
Clasped with one blinding diamond bright,)
               Her wide eyes fixed on Camelot,
Though the squally eastwind keenly
Blew, with folded arms serenely
By the water stood the queenly
               Lady of Shalott.

*

 

With a steady, stony glance—
Like some bold seer in a trance,
Beholding all his own mischance,
Mute, with a glassy countenance—
               She looked down to Camelot.
It was the closing of the day,
She loosed the chain, and down she lay,
The broad stream bore her far away,
               The Lady of Shalott.

*

And down the river’s dim expanse—
Like some bold seër in a trance,
Seeing all his own mischance—
With a glassy countenance
               Did she look to Camelot.
And at the closing of the day
She loosed the chain, and down she lay;
The broad stream bore her far away,
               The Lady of Shalott.

*

As when to sailors while they roam,
By creeks and outfalls far from home,
Rising and dropping with the foam,
From dying swans wild warblings come,
               Blown shoreward; so to Camelot
Still as the boathead wound along
The willowy hills and fields among,
They heard her chanting her deathsong,
               The Lady of Shalott.

*

Lying, robed in snowy white
That loosely flew to left and right—
The leaves upon her falling light—
Thro‘ the noises of the night
               She floated down to Camelot:
And as the boat-head wound along
The willowy hills and fields among,
They heard her singing her last song,
               The Lady of Shalott.

*

A longdrawn carol, mournful, holy,
She chanted loudly, chanted lowly,
Till her eyes were darkened wholly,
And her smooth face sharpened slowly
               Turned to towered Camelot:
For ere she reached upon the tide
The first house by the waterside,
Singing in her song she died,
               The Lady of Shalott.

*

Heard a carol, mournful, holy,
Chanted loudly, chanted lowly,
Till her blood was frozen slowly,
And her eyes were darken’d wholly,
               Turn’d to tower’d Camelot;
For ere she reach’d upon the tide
The first house by the water-side,
Singing in her song she died,
               The Lady of Shalott.

*

Under tower and balcony,
By gardenwall and gallery,
A pale, pale corpse she floated by,
Deadcold, between the houses high,
               Dead into towered Camelot.
Knight and burgher, lord and dame,
To the plankèd wharfage came:
Below the stern they read her name,
               „The Lady of Shalott.“

*

Under tower and balcony,
By garden-wall and gallery,
A gleaming shape she floated by,
A corse between the houses high,
               Silent into Camelot.
Out upon the wharfs they came,
Knight and burgher, lord and dame,
And round the prow they read her name,
               The Lady of Shalott.

*

They crossed themselves, their stars they blest,
Knight, minstrel, abbot, squire and guest.
There lay a parchment on her breast,
That puzzled more than all the rest,
               The wellfed wits at Camelot.
„The web was woven curiously
The charm is broken utterly,
Draw near and fear not – this is I,
               The Lady of Shalott.
Who is this? and what is here?
And in the lighted palace near
Died the sound of royal cheer;
And they cross’d themselves for fear,
               All the knights at Camelot:
But Lancelot mused a little space;
He said, „She has a lovely face;
God in his mercy lend her grace,
               The Lady of Shalott.“

William Maw Egley, The Lady of Shalott, 1858

——— Loreena McKennitt:

The Lady of Shalott

from: The Visit, 1991.
Lyrics by Alfred Lord Tennyson adapted by Loreena McKennitt, music by Loreena McKennit:

William Holman Hunt, The Lady of Shalott, 1905On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky;
And thro‘ the field the road run by
               To many-towered Camelot;
And up and down the people go,
Gazing where the lilies blow
Round an island there below,
               The island of Shalott.

Willows whiten, aspens quiver,
Little breezes disk and shiver
Thro‘ the wave that runs for ever
By the island in the river
               Flowing down to Camelot.
Four grey walls, and four grey towers,
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

Only reapers, reaping early,
In among the beared barley
Hear a song that echoes cheerly
From the river winding clearly,
               Down to tower’d Camelot;
And by the moon the reaper weary,
Piling sheaves in uplands airy,
Listing, whispers „‚tis the fairy
               The Lady of Shalott.“

There she weaves by night and day
A magic web with colours gay.
She has heard a whisper say,
A curse is on her if she stay
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be,
And so she weaveth steadily,
And little other care hath she,
               The Lady of Shalott.

And moving through a mirror clear
That hangs before her all the year,
Shadows of the world appear.
There she sees the highway near
               Winding down to Camelot;
And sometimes thro‘ the mirror blue
The Knights come riding two and two.
She hath no loyal Knight and true,
               The Lady of Shalott.

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights,
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and with lights
               And music, went to Camelot;
Or when the Moon was overhead,
Came two young lovers lately wed.
„I am, half sick of shadow,“ she said,
               The Lady of Shalott.

A bow-shot from her bower-eaves,
He rode between the barley sheaves,
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves,
               Of bold Sir Lancelot.
A red-cross knight for ever kneel’d
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

William Edward Frank Britten, The Lady of Shalott, 1901His broad clear brow in sunlight glow’d;
On burnish’d hooves his war-horse trode;
From underneath his helmet flow’d
His coal-black curls as on he rode,
               As he rode down to Camelot.
And from the bank and from the river
He flashed into the crystal mirror,
„Tirra lirra,“ by the river
               Sang Sir Lancelot.

She left the web, she left the loom,
She made three paces thro‘ the room,
She saw the water-lily bloom,
She saw the helmet and the plume,
          She look’d down to Camelot.
Out flew the web and floated wide;
The mirror crack’d from side to side;
„The curse is come upon me,“ cried
          The Lady of Shalott.

In the stormy east-wind straining,
The pale yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining.
Heavily the low sky raining
          Over tower’d Camelot;
Down she cam and found a boat
Beneath a willow left afloat,
And round the prow she wrote
          The Lady of Shalott.

Down the river’s dim expanse
Like some bold seer in a trance,
Seeing all his own mischance —
With a glassy countenance
          She looked to Camelot.
And at the closing of the day
She loosed the chain, and shown she lay;
The broad stream bore her far away,
          The Lady of Shalott.

Heard a carol, mournful, holy,
Chanted loudly, chanted slowly,
Till her blood was frozen slowly,
And her eyes were darkened wholly,
          Turn’d to tower’d Camelot.
For ere she reach’d upon the tide
The first house by the water-side,
Singing in her song she died,
          The Lady of Shalott.

Under tower and balcony,
By garden-wall and gallery,
A gleaming shape she floated by,
Dead-pale between the houses high,
               Silent into Camelot.
And out upon the wharfs they came,
Knight and Burgher, Lord and Dame,
And round the prow they read her name,
               The Lady of Shalott.

Who is this? And what is here?
And in the lighted palace near
Died the sound of royal cheer;
They crossed themselves for fear,
               The Knights at Camelot;
But Lancelot mused a little space
He said, „she has a lovely face;
God in his mercy lend her grace,
               The Lady of Shalott.

                         But who hath seen her wave her hand?
                         Or at the casement seen her stand?
                         Or is she known in all the land,
                         The Lady of Shalott?

Ladies of Shalott: 2 webende, 2 schippernde, 2 Querformate, 2 Hochformate, 4 von Malern namens William = 4 Bilder, die 4 deutschen Übersetzungen des 19. Jahrhunderts entsprechen:

  1. John William Waterhouse: The Lady of Shalott, 1888;
  2. William Maw Egley: The Lady of Shalott, 1858;
  3. William Holman Hunt: The Lady of Shalott, 1905;
  4. William Edward Frank Britten: The Early Poems of Alfred, Lord Tennyson, Edited with a Critical Introduction, Commentaries and Notes, together with the Various Readings, a Transcript of the Poems Temporarily and Finally Suppressed and a Bibliography by John Churton Collins. With ten illustrations in Photogravure by W. E. F. Britten. Methuen & Co. 36 Essex Street W. C. London, 1901,

alle via Jones’s Celtic Enyclopedia: Elaine of Astolat/The Lady of Shalott.

Bonus Track: Teilrezitation des Revolving Doors Theatre als Trailer für Pelleas & The Lady of Shalott in den Arthurian plays im Blue Elephant Theatre in Camberwell, London, 20. November bis 8. Dezember 2007:

Written by Wolf

1. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

2. Katzvent: „Ich mag euch nicht“, wird die Katze denken

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

„Auf die Idee der sprechenden Katze war Liam Gillick nach monatelangen Vorbereitungen in seiner eigenen Küche gekommen, wo er von der Katze seines Sohnes umschlichen und bei der Arbeit gestört wurde“, berichtet Kater Paul. Gut, auf die Idee kann man draufkommen, so als Katze.

Leider überliefern weder ihr Mitarbeiter Herr Gillick noch „die Küchenkatze“ selbst den Namen der Künstlerin. Ihre eigentliche Kunst bestand wohl hauptsächlich darin, mit dem mit Zeitungspapier gestopften Maul zu sprechen. Entfernen, was sie unter normalen Umständen als erstes getan hätte, konnte sie ihre Maulsperre nicht, weil sie leider schon ausgestopft war.

Eine süße Miezekatze, die sprechen kann, oben auf dem Küchenschrank mit einem süßen roten Halsband, und dann noch als Installation von einem süßen Engländer, der als erster nicht-deutscher Muttersprachler den Deutschen Pavillon eröffnen darf! Und dann lassen sie die Leute ratlos in ihren aseptischen Spanplattenreihen herumtapsen und machen nichts aus ihrer selbst gebauten Steilvorlage des Cat Contents.

Das war nicht auf britische Weise schwarzhumorig. Das war morbid. Bei Ikea ist’s lustiger. Schade, da wäre mehr drin gewesen.

Liam Gillick’s How Are You Going To Behave. A Kitchen Cat Speaks for the German Pavillion, Giardini, Venice Biennale, 2009, via Your Studio, Modern Treasures from the Venice Biennale, June 9th, 2009

——— Liam Gillick:

Wie würden Sie sich verhalten? Eine Küchenkatze spricht

How are you going to behave? A kitchen cat speaks,
Installation im Deutschen Pavillon der Biennale di Venezia 53, Internazionale d’Art, Venedig, 2009,
Übersetzung via Deutscher Pavillon, 10. Oktober 2009 bis 10. Januar 2010:

Es wird eine sprechende Katze geben. Alle Menschen des Ortes werden sehr stolz auf ihre sprechende Katze sein.

Die Menschen werden täglich kommen um zu hören, was sie zu sagen hat.

Sie wird sehr zynisch sein, aber nicht bösartig.

Sie wird alles sehen und alles verstehen.

Nach einer Weile werden die Leute nur am Wochenende kommen oder auf dem Heimweg von der Arbeit oder der Schule vorbeischauen.

In ruhigen Zeiten werden sie kommen und der Katze aus der Zeitung vorlesen oder im Internet surfen und gute Geschichten über das Weltgeschehen, die von Interesse sein könnten, auftreiben.

Eines Morgens wird es regnen.

Die Dinge in der Welt werden sehr ruhig gewesen sein und die Katze wird nichts zu sagen haben. Man könnte sogar denken, sie sei leicht depressiv.

Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen werden kommen, um die Katze auf ihrem Weg zur Schule zu besuchen. Diese Art von Dingen wird die Katze nervös machen.

Sie wird raffiniert sein, aber ihre Gefühle durch Bewegungen ihres Schwanzes verraten. Die Katze wird ein gewisses Maß an ordnung verlangen. Sie wird das als „natürliche Ordnung“ bezeichnen – etwas, das davon ausgeht, dass man den Menschen vertrauen kann, dass sie das Richtige tun.

Und die Katze auf dem Weg zur Schule zu besuchen wird nicht immer das Richtige sein, denn es wird bedeuten, dass die Kinder zu spät kommen werden.

Wie wir jedoch herausfinden werden, wird die Katze leicht depressiv sein, da sie unter Langeweile leidet und auch unter ihrer Rolle als einzig sprechender Katze auf der ganzen Welt.

Die Katze wird wissen wollen, was los ist.

Nur durch das Füttern mit Information wird sie weise, interessant oder sogar witzig sein. Aber an diesem Tage wird sie keine neuen Geschichten parat haben.

Sie wird hoffen, dass die Kinder Google News oder sogar Le Monde Diplomatique lesen und ihr überraschend agiles Gehirn füttern.

Aber die Kinder werden nur im Gang herumstehen. Sie werden ein wenig Angst vor der sprechenden Katze haben.

Irgendetwas an ihr wird sie nervös machen.

Irgendetwas tief in ihrer Psyche wird wissen, dass da etwas Böses in dem Gebäude ist.

Aber sie werden es mögen, wenn die Katze hustet.

Sie werden es süß finden, wenn die Katze lacht.

Aber wenn sie weint, werden sie tagelang Albträume haben – schlimme Albträume, die sie nicht werden kontrollieren können und die zu den schlimmsten Zeitpunkten auftreten.

Albträume, die sie aufwecken werden und sie an Maschinen in der Wüste denken lassen, die schreckliche Dinge tun.

Daher werden die Kinder nur im Gang herumstehen.

Unbeweglich.

Und die Katze wird oben auf den Küchenschränken sitzen bleiben.

Die Katze wird nicht sprechen.

Die Kinder werden nicht sprechen.

Die Katze wird in der Küche sein und die Kinder werden in der Küche sein.

Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, wird die Katze husten und ihren Kopf bewegen.

Sie wird sprechen, aber anders als andere Katzen wird sie nicht mehr lächeln.

„Na, was macht ihr da?“

Wird die Katze sagen.

Sie wird ein paar Tage lang nicht gesprochen haben, und wann immer das passiert, wird sie ihren Akzent und ihre Klarheit verloren haben, und sie wird beginnen, mit einem Katzenakzent zu sprechen.

Die Kinder werden so etwas hören wie

„Naaa, waaas maaacht eeeer daaar?“

Sie werden näher herankommen. In der Hoffnung, klarer zu verstehen.

„Was hat sie gesagt?“ Wird das Mädchen zu dem Jungen sagen.

„Etwas von Wasser und Gefahr“, wird der Junge sagen.

„Ich glaube nicht.“ Wird das Mädchen sagen.

Die Katze wird versuchen zu lächeln, aber sie wird das Gesicht nur zu einer hässlichen Grimasse verziehen.

„Ich mag sie nicht“, wird der Junge sagen.

„Ich mag sie nicht“, wird das Mädchen sagen.

„Ich mag euch nicht“, wird die Katze denken.

„Bitte kommt und erzählt mir was“, wird die Katze sagen.

Der Junge und das Mädchen werden noch näher kommen.

Sie werden neugierig sein, wie sich das Fell der Katze anfühlt und herausfinden wollen, ob sie gerne gestreichelt wird. Wenn sie einmal anfängt zu sprechen, werden die Leute sie eher respektieren als lieben.

Aber sie werden auch aufhören, die Katze anzufassen.

Es wird einen Zeitpunkt gegeben haben, als die Leute sie anfassten, liebten und mit ihr spielten.

Aber jetzt wollen alle ihre Meinung hören zur Geschichte totalitärer Architektur oder zur Kreditrestriktion im Zusammenhang gescheiterter Modelle von Globalisierung.

An diesem Morgen, nach all dem Regen und der leichten Depression wird die Katze spüren, wie ihr Katzensein zurückkehrt.

Sie wird jemanden haben wollen, der ihr vorliest, aber mehr noch, sie wird wollen, dass diese beiden Kinder mit ihr spielen.

Der Junge wird dem Mädchen seine Hand reichen.

Sie wird seine Hand in ihre nehmen.

Sie werden ganz langsam auf die Katze zulaufen.

„Guten Morgen, sprechende Katze“, wird das Mädchen sagen, denn es ist sehr mutig in komplizerten sozialen Situationen.

„Morgen“, wird die Katze sagen und sich bemühen, ihre Stimme zurückzugewinnen und so deutlich wie ein Mensch zu sprechen.

„Wenn es euch nicht zu viel ausmacht“, wird die Katze sagen, „könntet ihr mich über das Weltgeschehen auf dem Laufenden halten. Ich würde mich freuen, wenn ihr ein paar News Aggregatoren für mich im Internet durchseht.“

Die Kinder werden verwirrt aussehen. Sie werden nicht wissen, was ein News Aggregator ist.

Diese Katze wird mit der Zeit ein wenig prätentiös geworden sein.

„Wir hatten gehofft, du würdest uns was erzählen“, wird der Junge sagen.

„Wir haben heute schulfrei“, wird das Mädchen lügen.

Der Junge wird nervös schauen.

Die Katze wird klug sein und die Schulzeiten kennen.

Die Katze wird wissen, dass die Schule in fünf Minuten anfängt und die Kinder auf jeden Fall zu spät kommen werden.

Aber ausgerechnet heute wird es ihr nichts ausmachen.

Es wird sie nicht kümmern, dass die Kinder ihren Unterricht oder ihre große Pause verpassen.

Es wird sie nicht kümmern, dass sie das Mittagessen oder die freie Zeit in der Bücherei verpassen.

Alles, was ihr wichtig ist, ist, dass jemand hier ist an einem dunklen Tag in einem dunklen Gebäude.

Sie wird schniefen.

Der Atem der Kinder wird nahe sein.

Sie wird gelernt haben, dass die Menschen wissen, dass Katzen ihren Atem stehlen.

Die Katze wird gelernt haben, dass das Blödsinn ist.

Es sind Gebäude wie dieses, die den Menschen den Atem stehlen.

Wie auch immer. Was ist schon dabei, sich für eine Weile den Atmen eines Kindes auszuleihen?

Alles, was Katzen wissen, ist, dass er süß riecht und voller Intelligenz ist, Güte und Spaß.

Sie wird einen tiefen verstohlenen Zug aus dem Atem der Kinder nehmen und während sie taumeln und in Ohnmacht fallen, davonschweben und träumen, wird sie beginnen, ihnen eine wahre Geschichte über die Weisheit einer Küchenkatze zu erzählen…

Liam Gillick's Wie würden Sie sich verhalten. Eine Küchenkatze spricht. How are you going to behave. A kitchen cat speaks, 2009. Installation view in the German Pavilion at La Biennale di Venezia 53, Internazionale d'Art, Venice, 2009. Photo courtesy the artist, via Walker Art Center, 9 Artists. Bartholomew Ryan on Liam Gillick, Walker Art Center, 24. Juni 2014

Fachliteratur: Liam Gillick: Der Katalog bei Sternberg Press, einsehbar bei les presses du réel, 2009;
Simon Bond: Was tun mit toten Katzen?, Rowohlt, 1982.

Bilder: Liam Gillick’s ‚How Are You Going To Behave? A Kitchen Cat Speaks‘ for the German Pavillion, Giardini, Venice Biennale, 2009, via Your Studio: Modern Treasures from the Venice Biennale, 9. Juni 2009;
Liam Gillick’s Wie würden Sie sich verhalten? Eine Küchenkatze spricht (How are you going to behave? A kitchen cat speaks) 2009. Installation view in the German Pavilion at La Biennale di Venezia 53, Internazionale d’Art, Venice, 2009. Photo courtesy the artist, via Walker Art Center: 9 Artists: Bartholomew Ryan on Liam Gillick, 24. Juni 2014.

Als Bonus Track eins von den kinderfreundlichen Liedern, die bei Neunziger-Retrospektiven dauernd übergangen werden, aber das musikvisuelle Schaffen der Neunziger recht gut zusammenfassen: Ugly Kid Joe: Cat’s in the Cradle aus: America’s Least Wanted, 1992:

Written by Wolf

9. Dezember 2016 at 00:01

Vincent’s favorite author

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Best moment in Vincent is when Vincent Price says: „You’re not Vincent Price.“

——— Tim Burton:

Vincent

1982:

Vincent Malloy is seven years old,
He’s always polite and does what he’s told.
For a boy his age he’s considerate and nice,
But he wants to be just like Vincent Price.
He doesn’t mind living with his sister, dog and cat,
Though he’d rather share a home with spiders and bats.
There he could reflect on the horrors he’s invented,
And wander dark hallways alone and tormented.
Vincent is nice when his aunt comes to see him,
But imagines dipping her in wax for his wax museum.
He likes to experiment on his dog Abercrombie,
In the hopes of creating a horrible zombie.
So he and his horrible zombie dog,
Could go searching for victims in the London fog.
His thoughts aren’t only of ghoulish crime,
He likes to paint and read to pass the time.
While other kids read books like Go Jane Go,
Vincent’s favorite author is Edgar Allen Poe.
One night while reading a gruesome tale,
He read a passage that made him turn pale.
Such horrible news he could not survive,
For his beautiful wife had been buried alive.
He dug out her grave to make sure she was dead,
Unaware that her grave was his mother’s flower bed.
His mother sent Vincent off to his room,
He knew he’d been banished to the tower of doom.
Where he was sentenced to spend the rest of his life,
Alone with a portrait of his beautiful wife.
While alone and insane, encased in his tomb,
Vincent’s mother suddenly burst into the room.
„If you want to you can go outside and play.
It’s sunny outside and a beautiful day.“
Vincent tried to talk, but he just couldn’t speak,
The years of isolation had made him quite weak.
So he took out some paper, and scrawled with a pen,
„I am possessed by this house, and can never leave it again.“
His mother said, „You’re not possessed, and you’re not almost dead.
These games that you play are all in your head.
You’re not Vincent Price, you’re Vincent Malloy.
You’re not tormented or insane, you’re just a young boy.“
„You’re seven years old, and you’re my son,
I want you to get outside and have some real fun.“
Her anger now spent, she walked out through the hall,
While Vincent backed slowly against the wall.
The room started to sway, to shiver and creak.
His horrid insanity had reached its peak.
He saw Abercrombie his zombie slave,
And heard his wife call from beyond the grave.
She spoke from her coffin, and made ghoulish demands.
While through cracking walls reached skeleton hands.
Every horror in his life that had crept through his dreams,
Swept his mad laugh to terrified screams.
To escape the madness, he reached for the door,
But fell limp and lifeless down on the floor.
His voice was soft and very slow,
As he quoted The Raven from Edgar Allen Poe,
„And my soul from out that shadow that lies floating on the floor,
Shall be lifted—nevermore!“

——— Tim Burton:

Vincent

1982:

Vincent Malloy ist sieben Jahre alt,
Ein höflicher Junge, der tut was man sagt.
Man lobt sein Benehmen und rühmt seinen Fleiß,
Doch am liebsten wär er wie Vincent Price.
Mit Schwester, Hund und Katzen zu leben macht ihm nichts aus,
Doch lieber lebt er zusammen mit Spinne und Fledermaus.
Ungestört könnt er dann neue Monster entdecken,
Und wandeln in dunklen Gängen und finstren Ecken.
Zu seiner Tante ist Vincent immer sehr nett,
Doch im Geist taucht er sie in Wachs, für sein Figurenkabinett.
Er experimentiert mit seinem Hund Abercrombie,
In der Hoffnung, ihm gelänge ein furchtbarer Zombie.
So manches Opfer müsste erbleichen,
Sähe es beide durch Londons Nebel schleichen.
Er hat jedoch nicht nur Schauriges im Sinn,
manche Stunde sieht man beim Malen und Lesen ihn.
Andere Kinder macht man mit Märchen froh,
Doch Vincent bevorzugt Geschichten von Edgar Allan Poe.
Eines Nachts hat er wieder eine Gruselgeschichte gelesen
und ist dann vor Schrecken ganz blass gewesen:
Was er da las, konnt er unmöglich ertragen,
Denn man hatte seine schöne Frau lebendig begraben.
Vielleicht konnt er sie retten, noch war nichts zu spät,
Er merkte es nicht, ihr Grab war Mutters Blumenbeet.
Die Mutter bestrafte ihn mit Hausarrest,
Und Vincent wusste, er saß im Turm der Verdammnis fest.
Für den Rest seines Lebens im Verlies,
Mit dem Bild seiner Frau ihn alleine ließ.
Vor Qual und Gram verlor er fast den Verstand,
Als Vincents Mutter plötzlich im Zimmer stand.
Sie sagte: „Wenn du willst, kannst du zum Spielen rausgehn,
Die Sonne scheint, der Tag ist wunderschön.“
Vincent wollte sprechen, doch er war zu geschwächt,
Nach den Jahren der Haft ging es ihm wirklich schlecht.
Er fand einen Zettel und nahm einen Stift,
„Dies Haus hält mich gefangen“, schrieb er in krakliger Schrift.
Seine Mutter sagte: „Du bist nicht gefangen und stumm warst du nie,
All diese Spiele sind nur Fantasie.
Du bist nicht Vincent Price, wer hat dir das erzählt?
Du bist Vincent Malloy, und du wirst nicht gequält.
Du bist sieben Jahre alt, und du bist mein Sohn,
Geh raus und amüsier dich, die andern warten schon.“
Sie war nicht mehr böse und ließ ihn allein,
Doch das sollte Vincents Untergang sein.
Denn plötzlich bebte und schwankte das Zimmer,
Sein schrecklicher Wahn, der wurd immer schlimmer!
Ihm erschien sein Zombiehund Abercrombie,
Derweil seine Frau aus dem Grab nach ihm schrie.
Sie schrie aus dem Jenseits, und aus krachenden Wänden
Griff man nach Vincent mit Knochenhänden!
Jeder Schrecken, den er in seinen Träumen erdacht,
Suchte ihn heim mit aller Macht.
Er griff nach der Tür, um dem Wahn zu entkommen,
Doch fiel er zu Boden, kraftlos und benommen.
Und mit sterbender Stimme zitiert dort der Knabe,
Aus Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe“:
„Doch vom Boden erheben wird sich aus dem Schatten schwer,
Meine Seele — nimmermehr.“

Image via Odd Film Stills, 2014.

Tim Burton, Vincent, 1982, opening credit

Written by Wolf

1. November 2016 at 01:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

And all I got’s a pocketful of flowers on my grave

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Update zu The Raven und der Rabe,
was übrig blieb von grünem leben und
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

EJN jglichs hat seine zeit / Vnd alles fürnemen vnter dem Himel hat seine stund. Geborn werden / Sterben / Pflantzen / Ausrotten das gepflantzt ist / Würgen / Heilen / Brechen / Bawen Weinen / Lachen / Klagen / Tantzen Stein zestrewen / Stein samlen / Hertzen / Fernen von hertzen Suchen / Verlieren / Behalten /Wegwerffen / Zureissen / Zuneen / Schweigen / Reden / Lieben / Hassen / Streit / Fried / hat seine zeit. MAN erbeit wie man wil / So kan man nicht mehr ausrichten / Wenn das stündlin nicht da ist / so richt man nichts aus / man thu wie man wil / Wens nicht sein sol / so wird nichts draus.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993, VerlagswerbungDu bist ein Schatten am Tage,
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Wo ich mein Zelt aufschlage,
Da wohnst du bei mir dicht;
Du bist mein Schatten am Tage,
Und in der Nacht mein Licht.

Wo ich auch nach dir frage,
Find‘ ich von dir Bericht,
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Du bist ein Schatten am Tage,
Doch in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Annemarie „Barfuß“ Srb, * 20. April 1962, † 8. Oktober 1993,
am Samstag, 14. oder 21. August 1993, im Erlanger Schlossgarten.

Annemarie hat mir viel gezeigt. Das fängt mit ihrer unsäglich verkrakelten Handschrift an und hört mit der Demo-Kassette von Fiddler’s Green 1991 noch lange nicht auf.

Fiddler’s Green leben noch und sind aus Erlangen, wo Annemarie in der mittlerweile erloschenen Buchhandlung Theodor Krische Wissenschaftliche Buchhändlerin war und ich studiert hab. Nebenbei hat sich Annemarie als Photomodell für die Kurse an der Erlanger Volkshochschule verdingt. Ein Model war mal Fan von mir, eigentlich kann ich beruhigt sterben. In dem Tag, an dem wir uns 30 Stunden Zeit füreinander nahmen, wollten wir alles unterbringen, was wir wollten. Ich wollte ihr das Buch überreichen, das ich ihr geschrieben hatte, sie als Lesende portraitieren und hinterher feste einen heben. Etwas wesentlich anderes wollte sie auch nicht.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993Zur Lesenden hab ich ihr nicht das Buch von mir, sondern meine einbändige englische Poe-Ausgabe in die Hand gedrückt. Erst war sie nach vielen Jahren wieder hin und weg, wie gut The Raven überhaupt ist, dann fiel uns ein, dass unlängst Fiddler’s Green auf ihrer ersten CD — 1993 einem noch recht frischen Medium — das letzte Gedicht von Poe, die Annabel Lee vertont hatten. Mit verhunztem Text, damit er auf die Melodie passt, aber wer auf seinem ersten Auftritt am Heiligabend von null auf hundert den Nürnberger Kunstverein dermaßen rocken kann, hat sogar Poe gegenüber ein paar Freiheiten gut.

Die Demo-Kassette der Fiddlers war uns in exklusiver Weise frühzeitig bekannt geworden, weil die damalige Musikszene der Metropolregion Nürnberg praktisch geschlossen in Erlangen studierte und bei Annemarie Stammkundschaft war (wie ich ja behaupte, dass J.B.O. ihr „Nilschwein„, verwendet seit 1996 auf Explizite Lyrik, nach dem Holzspielzeug-Viech auf Annemariens Dienstschreibtisch benannt haben). Eine vorläufige Unplugged-Version von ihrer Annabel Lee war da schon drauf. Und: Ja: Es war mir aufgefallen, dass „Annabel Lee“ ohne metrischen oder inhaltlichen Verlust durch „Annemarie“ substituierbar ist.

Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, eine autorisierte Version freizugeben, hat Poe von seinem letzten großen Gedicht Annabel Lee Manuskripte in verschiedenen Versionen in Umlauf gebracht, was die Veröffentlichungsgeschichte nicht gerade vereinfacht. So wichtig war ihm sein ahnungsvolles letztes Gedicht. Ich bringe eine der Versionen, die das Komma in „For the moon never beams without bringing me dreams“, das ich für ein Unding halte, weglässt und mit „In her tomb by the side of the sea“ statt „In her tomb by the sounding sea“ endet, weil Hans Wollschläger in seiner einzig wahren Übersetzung das erstere verwendet. Als Internet-Premiere folgt der zuverlässige Text, nach der Gesamtausgabe korrigiert — wie im Fall von The Raven sinnvollerweise verkleinert, damit der Direktvergleich in die Weblog-Spalte passt.

Nach unseren 30 Sonnenstunden hatte Annemarie keine zwei Monate mehr zu leben.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

——— Edgar Allan Poe:

Annabel Lee

in: New York Daily Tribune, 9. Oktober 1849:

It was many and many a year ago,
     In a kingdom by the sea,
That a maiden there lived whom you may know
     By the name of Annabel Lee;
And this maiden she lived with no other thought
     Than to love and be loved by me.

I was a child and she was a child,
     In this kingdom by the sea,
But we loved with a love that was more than love—
     I and my Annabel Lee—
With a love that the wingèd seraphs of Heaven
     Coveted her and me.

And this was the reason that, long ago,
     In this kingdom by the sea,
A wind blew out of a cloud, chilling
     My beautiful Annabel Lee;
So that her highborn kinsmen came
     And bore her away from me,
To shut her up in a sepulchre
     In this kingdom by the sea.

The angels, not half so happy in Heaven,
     Went envying her and me—
Yes!—that was the reason (as all men know,
     In this kingdom by the sea)
That the wind came out of the cloud by night,
     Chilling and killing my Annabel Lee.

But our love it was stronger by far than the love
     Of those who were older than we—
     Of many far wiser than we—
And neither the angels in Heaven above
     Nor the demons down under the sea
Can ever dissever my soul from the soul
     Of the beautiful Annabel Lee;

For the moon never beams without bringing me dreams
     Of the beautiful Annabel Lee;
And the stars never rise, but I feel the bright eyes
     Of the beautiful Annabel Lee;
And so, all the night-tide, I lie down by the side
     Of my darling—my darling—my life and my bride,
     In her sepulchre there by the sea—
     In her tomb by the side of the sea.

——— Edgar Allan Poe:

Annabel Lee

deutsch von Hans Wollschläger in: Werke IV, Walter Verlag 1973:

Es war vor so manchem und manchem Jahr
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
daß ein Mädchen dort lebte, wunderbar,
     mit Namen Annabel Lee: –
und dies Mädchen, es lebte dem einzigen Sinn,
     mich zu lieben, wie ich liebte sie.

Sie war ein Kind und ich war ein Kind
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
doch uns einte, was mehr noch als Liebe war, –
     mich und lieb Annabel Lee –
und so blickten am Ende die Seraphim selber
     begehrlich auf mich und sie.

Und dies war der Grund, daß vor langer Zeit
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
ein Windschauer gellte aus Wolken bei Nacht
     und traf meine Annabel Lee;
so daß die erlauchte Verwandtschaft kam
     und trug hinweg mir sie,
zu schließen sie tief in ein Grabgemach
     in dem Seereich, nicht weit von hie.

Die Engel, nicht halb so glücklich im Himmel,
     warn neidisch auf mich und sie: –
Ja! das war der Grund (wie ein jeder weiß
     in dem Seereich, nicht weit von hie),
daß bei Nacht aus den Wolken der Windschauer gellend
     entseelt‘ meine Annabel Lee.

Unsre Liebe aber war stärker noch
     als die Liebe der Älteren, die
     viel weiser immer denn ich und sie, –
und nimmer solln Engel im Himmel hoch
     noch Dämonen darunten hie
abtrennen können mein Seel‘ von der Seel‘
     meiner lieblichen Annabel Lee.

Denn der Mond mir nicht blinkt, ohn‘ dass Träume er bringt
     von der lieblichen Annabel Lee;
in den Sternen gewahr ich die Augen klar
     meiner lieblichen Annabel Lee;
und so lieg alle Nachtzeit ich wachend zur Seit‘
meiner Lieb‘, der ich lebte, die einst ich gefreit,
     in dem Grabe, nicht weit von hie –
     in der Gruft, nicht weit von hie.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Vertonung mit angeglichenem Text: Fiddler’s Green auf: Fiddler’s Green, 1992:

Bonus Track: Hubert von Goisern und die Original Alpinkatzen: Weit, weit weg, aus: Aufgeigen stått niederschiassen, 1992, damals noch featuring die unschlagbare Alpine Sabine und Reinhard Stranzinger mit einem der Gitarrensoli des 20. Jahrhunderts, die überleben werden, live in der Kaltenberg-Arena 1994:

Übrigens waren wir gar nicht bei den Fiddlers am Heiligabend im Kunstverein. Annemarie hat mir viel gezeigt, für noch mehr war keine Zeit; seitdem unterteile ich die Zeitrechnung in vor und nach dem 8. Oktober 1993. Bei Hubert von Goisern in Kaltenberg war sie schon tot.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Written by Wolf

7. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Der Arzt von Münster in Salzkotten

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Update zu Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Tja, Münsterland ist stockkatholisch, historisch bedingt, (und Immermanns Oberhof für den Kenner sozialer Verhältnisse ein schlechter Witz. Anderes Thema.)

Arno Schmidt: Seelandschaft mit Pocahontas, 1953, Kapitel iv.

Das muss wirklich einer der am sträflichsten unterschätzten Romane der Romantik und des Biedermeiers zusammengerechnet sein: In Die Epigonen. Familienmemoiren in neun Büchern 1823–1835 von 1836 nimmt sich Karl Immerman alle Zeit, die er braucht, weil er etwas zu sagen hat; es war eine Zeit, in der man sich nicht mit einem Exposé bei allen in Frage kommenden Verlagen und noch einigen mehr verzweifelt um Veröffentlichung bewarb, sondern sein Ding „zum Druck beförderte“. Bis heute ist genau 1 ernstzunehmende Ausgabe davon in Umlauf: die von Peter Hasubek, und die ist von 1981, dafür bei Winkler.

Letzteres bedeutet blitzsaubere Verlagsarbeit, in diesem Fall leider auch eine bilderlose Textwüste. Bei meinem letzten Abruf auf Amazon.de gab’s die für 13,64 Euro für einen „guten“ Zustand bei „leichten Gebrauchsspuren“, als Geldausgabe ist das lächerlich. Alle 640 Seiten des Primärtextes — der Rest der 823 Seiten ist Kommentar — funkeln bunt und quicklebendig, ungefähr wie ein Bollywood-Film, der in der deutschen Provinz des Biedermeiers spielt, falls man sich das ungelesen vorstellen kann.

An manchen Stellen brechen die Figuren sogar in dramaturgisch nicht näher gerechtfertigten Gesang aus. Nein, es sind keine Gedichte eingeflochten, wie das kurz zuvor Eichendorff zum Wohle des Gesamtkunstwerks versucht hat; vielmehr hat Immermann, wie erwähnt, etwas zu sagen, und überlässt das seinen Figuren, die deshalb schon mal ein Kapitel ohne Unterbrechung übernehmen. Das bunteste und quicklebendigste Beispiel dafür bringe ich unten ungekürzt. Ich mag das sowieso immer, wenn ein Film, ein Lied oder eben: ein Roman ausreden darf. — In diesem Sinne zur Literaturgeschichte:

Rainer V., Brünnekenkapelle, Verne, SalzkottenPeter Hasubek verortet im Kommentar das erste Buch Klugheit und Irrtum mit Benno von Wiese: Karl Immermann. Sein Werk und sein Leben, Gehlen Verlag, Bad Homburg, Berlin, Zürich 1969:

B. v. Wiese (II, S. 660 f.) weist mit einiger Wahrscheinlichkeit nach, daß es sich dabei um die Brünnekenkapelle in der Nähe von Verne in Westfalen handelt. Für diese Annahme sprechen sowohl einzelne erwähnte Merkmale der Kapelle als auch die umgebende Landschaft. Drei Kilometer entfernt davon liegt der Ort Salzkotten an dem „Großen Heerweg“ […]. Sonach wäre Salzkotten der Handlungsort des ersten Buches der „Epigonen“.

Dieses Buch von Benno von Wiese existiert und ist für schmales Geld antiquarisch erhältlich. Gegen Hasubeks Nachweis spricht jetzt noch, dass es gar keine 660 und mehr, sondern nur 357 Seiten hat; für Berichtigungen von außen aller Angaben und Annahmen, besonders meiner eigenen, bin ich deshalb wie immer dankbar. — Alle handelnden Personen in Haupt-, Rahmen- und Binnenhandlung einschließlich des erzählenden Arztes wären somit als Ostwestfalen, gemäß der Aufteilung durch den Wiener Kongress als Musspreußen zu denken, die anfangs erwähnte Hauptstadt wäre Münster.

Das Bildmaterial stammt deshalb von Rainer V., der die netzweit schönste und dokumentarisch aufschlussreichste Sammlung über den zutiefst teutschen Regierungsbezirk Detmold, in dem Salzkotten heute liegt, beherbergt und vermutlich noch weiter aufstocken wird. Man ist dort überwiegend katholisch, daher scheint diese Gegend über einen besonderen Reichtum an Wegkreuzen aller Bauarten und Widmungszwecke zu verfügen.

——— Karl Immermann:

Zweites Kapitel

aus: Die Epigonen, Zweites Buch. Das Schloß des Standesherrn, 1836:

Der Arzt zog am runden Tische sein Büchelchen hervor, und las:

Der Lieutenant und das Fräulein

Anekdote aus meiner Praxis

Als ich in der Hauptstadt meinen Kursus machte, lernte ich einen Offizier von der Garnison kennen, der mir wegen seines gesetzten Wesens sehr zusagte, und von allen seinen Kamaraden als ein ruhiger Charakter bezeichnet wurde.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenDieser ruhige Charakter war schon seit einigen Jahren mit einem Frauenzimmer von desto unruhigerer Gemütsart verlobt. Fräulein Ida hatte alles Feuer zugeteilt bekommen, welches die Natur bei der Erschaffung des Lieutenants Fabian erspart hatte. Lebendig, galt sie bei ihren Tänzern für geistreich, und konnte allerliebst sein, wenn ihre Partien auf vierzehn Tage hinaus versichert waren. Anfangs spielte sich das Verhältnis überaus artig fort, er wurde von ihrer Beweglichkeit in Bewegung gesetzt, sie gewann durch seinen Ernst mehr Haltung, woran es ihr früherhin zu ihrem Nachteile bisweilen gebrochen hatte. Das Unpassende, was das Publikum sonst wohl in Lieutenantsverlobungen findet, fiel hier weg, da die Braut ein artiges Vermögen besaß, und nur der Eigensinn der Mutter die Heirat bis zu dem Zeitpunkte verschob, wo der Schwiegersohn einen höheren Rang, und die Kompanie erlangt haben würde.

Indessen mußte der Monarch wohl noch eine große Anzahl verdienstvollerer oder älterer Lieutenants besitzen. Das Patent blieb länger aus, als man gedacht hatte, und da die Mutter ihre Tochter durchaus nicht ohne einen klingenden Titel von ihrem Herzen weggeben wollte, so dehnten sich die Tage der Hoffnung zu Jahren der Erwartung aus. Ein zu langwieriger Brautstand hat aber die bedeutendsten Unannehmlichkeiten. Die Liebe ist für Stunden, die Ruhe für das Leben; wer kann aber der Ruhe genießen, solange die Früchte noch auf dem Halme stehn? Das Gefühl gleicht nach so gedehntem Harren einem schönen Weine, den man im offnen Glase hat fade und abschmeckend werden lassen.

Grade kurz vor der Zeit, wo dieser bedenkliche Mangel an Geschmack im Verhältnisse der Liebenden eintrat, lernte ich den Lieutenant kennen, und ward durch ihn im Hause seiner zukünftigen Schwiegermutter eingeführt. Ich sah noch die letzten Sommertage der Zärtlichkeit, bald aber nahm ich eine gewisse Kälte zwischen den Brautleuten wahr, die nur mit einem unangenehmfeurigen Wesen abwechselte. Sie ließ sich wohl, wenn er dicht bei ihr stand, durch einen andern den Mantel holen, und betonte den Befehl; er rannte mitunter in der zierlichsten Gesellschaft nach heimlich-raschem Zwiegespräch in die Ecke, wo sein Hut und Degen sich befand, und nur meine Zuredungen konnten ihn alsdann bewegen, Aufsehn zu vermeiden und zu bleiben. Denn schon war ich sein Vertrauter geworden. Als junger Arzt mußte ich mir auf jede Weise zu helfen suchen. Ich machte damals in Herzenssachen den Rat und Beistand, um stärkere Praxis zu bekommen.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenDer Lieutenant bekannte mir seinen ganzen Kummer. Er könne seiner Geliebten nichts mehr recht machen. Jede Laune werde an ihm ausgelassen. Bald solle er erkaltet sein, bald sich ohne Gemüt betragen haben, neulich habe sie ihm vorgeworfen, er verstehe sie nie. Er sei wirklich noch ganz und gar der alte, gehe im Frühlinge mit dem ersten Märzenveilchen zu ihr, im Junius komme der Rosenstock, im Herbst ein Almanach an die Reihe der Geschenke, wie sonst; zum Geburtstag mache er seinen Vers, die Weihnachtsbonbonnière fehle nimmer. Aber alles werde jetzt kaltsinnig oder schnöde aufgenommen. Was er denn nur in dieser Not beginnen solle?

Ich konnte ihm freilich als einziges Mittel nur die Heirat nennen. Er versetzte, dieses stehe nicht in seiner Gewalt. Sich selber könne er nicht avancieren, und das Kriegsdepartement wolle es noch nicht.

Indessen sind solche ruhige Charaktere nur bis auf einen gewissen Punkt zu treiben, und dieser fand seinen Gleichmut wieder, als er vor seinem Gewissen sicher war, im Dienste der Liebe nicht lässig geworden zu sein. Nun verwies er seine Braut, wenn sie ohne Grund klagte, an die Vernunft. Von dieser wollte sie nichts hören. Darauf kam er mit der Notwendigkeit hervor, sich zufriedenzugeben, wenn die Dinge einmal nicht anders gehn wollten. Worauf sie ihm sagte, er sei unausstehlich. Endlich, da alle Trostgründe niedrer Schicht nichts helfen wollten, wählte er als letzte Arznei die Fügungen des Himmels. Wenn sie über ein Fältchen zuviel oder zuwenig im Kleide sich ungebärdig anstellte, sprach er, man könne nicht wissen, wozu ein Mißgeschick fromme. Wenn der Regen eine Spazierfahrt vereitelte, lehrte er, die Vorsehung lasse Tropfen fallen, damit die Sonne nachher um so herrlicher scheine. Und als sie einst weinend auf ihrem Stuhle saß, weil man den Gesang einer Mitschwester stärker beklatscht hatte, als den ihren, gab er, zu ihr tretend, den Spruch zu vernehmen: „Wen der Herr liebt, den züchtiget er!“ Er war ein ordentlicher Kirchengänger, und hatte wirklich den Glauben, daß dem Geduldigen alle üblen Sachen zum Heile ausschlagen müssen.

Zuerst war ihr dieser Ton neu, und es vergingen einige Wochen unter solchen Tröstungen ganz leidlich. Indessen wollte das Gute, zu welchem nach ihrer Meinung das Schlechte führen mußte, nämlich das Avancement, immer noch nicht erscheinen. Da ward sie böser als je, und der arme Phlegmatikus geriet in ein Fegefeuer, welches nicht läuternder sein konnte. Zu gleicher Zeit begann ein Einfluß auf sie zu wirken, welcher den Frieden zwischen beiden bald ganz aufhob.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenEine jener alten Jungfraun, welche, weil sie sitzengeblieben sind, es gern sähen, wenn das Heiraten abkäme, hatte sich des verdüsterten Sinns unsrer schönen Ärgerlichen bemächtigt. Sie ließ in ihre Gespräche einfließen, daß sie schon längst mit Kummer bemerkt, wie der Lieutenant immer gleichgültiger geworden sei, wie seine Neigung wohl keine Probe bestehen werde, und was dergleichen mehr war. Diese bösartigen Worte fanden ein offnes Ohr. Verdrießlich, von Mißstimmungen geplagt, ließ sich die Getäuschte zu dem Schritte hinreißen, dessen gefährliche Albernheit schon so viele beklagt haben. Sie wollte den Sinn ihres Liebhabers prüfen.

Eines Morgens wurde ich an das Krankenlager des Fräuleins berufen. Sie lag, anmutig gekleidet, allerdings im Bette, und klagte fast über jegliches, was den Menschen schmerzen kann. Die Mutter stand untröstlich daneben, sie liebte das Kind, vielleicht zu sehr. Man kann denken, daß mir, als jungem Arzte, eine Krankheit in einem geachteten Hause, welches selbst einigermaßen in der Mode war, höchst angenehm sein mußte, ich strengte daher die ganze Kraft meiner Diagnose, deren Feinheit man stets auf der Klinik gerühmt hatte, an, um die Natur des Übels zu entdecken. Aber der Puls ging vortrefflich, die Augen strahlten vom gesundesten Feuer, die Wangen lachten im reinen Rote der Jugend, die Zunge war unbelegt, alles, ohne Ausnahme alles befand sich leider im wünschenswertesten Zustande. Ich entschied mich, daß hier Verstellung sei, verordnete die unschuldigen Mittel, welche Hippokrates uns für einen solchen Fall an die Hand gegeben hat, äußerte indessen natürlich meine wahre Meinung nicht, sondern sagte der Mutter draußen, auf ihre ängstliche Frage: ob es auch keine Gefahr habe? mit Ernst und Nachdruck, daß man noch grade zur rechten Zeit nach mir geschickt habe, und daß eine Stunde später für nichts mehr zu stehn gewesen sei.

„Sie glauben nicht, welches Zutrauen sie zu Ihnen hat“, sagte die Mutter. „Den Geheimen Rat durfte ich nicht holen lassen.“ – „Nein“, dachte ich. „Der alte grobe Heros würde wenig Umstände gemacht haben, meine blöde Jugend ist für dergleichen Leiden geeigneter.“

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenAuf der Straße fand ich den Liebhaber, dem man schon durch die dritte Hand dieses Siechtum zu wissen getan hatte. Er war so bestürzt, wie es einem Seladon geziemt, und in Verzweiflung, daß er nicht gleich nach dem Hause seiner Braut eilen könne, aber er müsse auf die Parade. Ich beruhigte ihn, und verpfändete mein Ehrenwort, daß die Sache nichts weiter sei, als ein kleiner Schnupfen.

Gegen Abend fand ich mich wieder bei der verstellten Kranken ein, denn ich war neugierig, wohin diese Komödie führen werde. „Treuer, sorgsamer Freund!“ sagte die Mutter, welche von meinem Eifer gerührt war. In bescheidner Entfernung vom Krankenbette saß der Lieutenant, wie es schien, zerstreut und verlegen.

„Es ist doch ein großes Glück um einen gleichmütigen Sinn“, stichelte die Mutter. „Man versäumt dann nichts Notwendiges, und macht die Geschäfte erst ab, bevor man dem Herzen folgt.“

„Er will es nicht glauben, daß ich so krank bin, Doktor“, seufzte Fräulein Ida, deren hochrotes Antlitz von großer Bewegung zeugte. Die alte Jungfer saß im Fenster und strickte für die Armen.

Diesmal erriet meine Diagnose die Krankheit. Mich gelüstete nach der Krisis, und da ich als junger Arzt, traurig für mich, überflüssige Zeit hatte, setzte ich mich zu den gesunden Damen, und knüpfte mit ihnen eins der Gespräche an, aus welchem man noch immer mit Geistesfreiheit nach etwas andrem hinzuhören vermag.

„Wenn ich sterbe, Fabian …“ lispelte das Fräulein. „Teure Ida, an einem Schnupfen stirbt man ja nicht“, versetzte freundlich aber gefaßt der Lieutenant.

Sie begann immer heftiger und weinerlicher zu reden, kam in den Ton der Jean Paulischen Liane, sagte, im Traume sei ihr ihre selige Caroline erschienen, und sprach viel von Ahnung und Vorgefühl.

Ich saß so, daß ich im Spiegel die Szene beobachten konnte. Je pathetischer das Fräulein wurde, desto mehr nahm das Gesicht des Bräutigams den Ausdruck der Abwesenheit an, er half sich fast nur noch mit Interjektionen, als: „Hm! So! Ei bewahre!“ Nachmals hat er mir gestanden, daß er an dem Tage einen Verdruß mit seinem Obersten gehabt habe, und daß seine Gedanken freilich mehr bei dem ungerechten Vorgesetzten, als bei dem Schnupfen des Fräuleins gewesen seien.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenIn einem solchen Zustande laufen einem gewisse Redensarten, die man häufig im Munde führt, ohne Sinn und Verstand über die Lippen. Daher geschah es, daß, als das Fräulein, welche über die Fassung ihres Geliebten immer mehr aus der Fassung geriet, mit unterdrücktem Weinen sagte: „Ja, ich empfinde ein gewisses Etwas in mir, ein Weben der Auflösung, die schwarzen Männer werden mich gewiß wegtragen“ – der Lieutenant, der schon lange nicht mehr wußte, wovon die Rede war, zerstreut und feierlich ausrief: „Wie Gott will! Der Wille des Herrn geschehe!“

Schrecklich war die Wirkung dieser Worte. Das Fräulein, entrüstet über eine solche Ergebung in die Fügungen des Himmels, die doch gar zu weit ging, warf meine unschuldige Medizinflasche zu Boden, daß die Scherben umherflogen, und rief:

„Aus meinen Augen! Ich habe dich durchschaut! Fort! Wir sind für immer geschieden!“ – „Wenn meine Tochter stirbt, sind Sie ihr Mörder“, wehklagte die Mutter. Die alte Jungfer hatte ihr Strickzeug in den Schoß sinken lassen, und äußerte so mit Salbung: daß derjenige zu beneiden sei, der so früh, wie Ida, die Einsicht in die Nichtigkeit aller Erdenlust gewinne.

„Erlauben Sie mir nur einige Worte zu meiner Verteidigung …“ stammelte der arme Fabian. „Es ist jetzt nicht Zeit dazu, machen Sie, daß Sie fortkommen“, raunte ich ihm zu.

Ich war mit den Damen allein. „Ida! meine Ida!“ seufzte die Mutter. „Diese Gemütserschütterung in deinen Leiden! Erhole dich, mein Kind, denke nicht mehr an den Abscheulichen.“ – Ich beschloß, die kleine Heuchlerin zu strafen, und die alte Jungfer dazu. Und so ist es gekommen. Ich erklärte den Zustand des Fräuleins für verschlimmert, ich ernannte die bejahrte Freundin zur nächtlichen Wächterin, da die Mutter eine solche Anstrengung nicht aushalten könne. Drei Tage mußte die gesunde Kranke im Bett zubringen, drei Nächte hatte die Friedensstörerin auf dem Wächterstuhl zu versitzen. Endlich erklärte jene sich mit Gewalt für hergestellt, zuletzt lief diese aus dem Hause und verschwor, es wieder zu betreten, wenn ich dort aufgenommen bleibe. Darüber bekam sie mit der Mutter Streit und Feindschaft, die mich einen seltnen Menschen nannte. Kurz, der böse Feind hatte sich diesmal die Grube selbst gegraben.

Rainer V., Wegkreuz, Salzkotten. DankkreuzMehrere Wochen vergingen, in denen ich nichts von meinen Liebesleuten hörte. Einige wirkliche und zwar sehr ernste Krankheiten hatten meine ganze Zeit in Anspruch genommen.

An einem schönen Märztage wanderte ich über den neuen Kirchhof, wo alle Sträucher in dem ungewöhnlich frühwarmen Wetter schon die Knospenaugen aufschlugen. Ich wollte die neuen Einrichtungen im Leichenhause besichtigen, welche zur Rettung der Scheintoten angebracht worden waren. Soeben mit dem Meisterdiplom versehen, hatte ich, die Obsorge über jene Anstalten zu führen, von der Stadt den Auftrag bekommen. Als ich durch die gewundenen, mit Kies reinlich gefesteten Wege des parkartigen Gottesackers ging, und das im gefälligen Stil erbaute Leichenhaus hinter einem Rasenplatze liegen sah, sagte ich: „Es ist kein Wunder, daß die Menschen jetzt mit dem Leben unzufrieden sind, man macht die Sterbehäuser und Grabstätten zu anlockend.“

Auf einem freien Platze fand ich unvermutet meinen Phlegmatikus. Er stand bei einem Sträußermädchen, die ihren Korb voll Frühlingsblumen ihm vorhielt. Er wählte und suchte sich das Schönste, was sie an Veilchen, Primeln und Aurikeln hatte, zusammen. „Für wen der Strauß?“ fragte ich. „Für Ida“, versetzte er.

„Gottlob! So seid ihr versöhnt?“

„Ach nein! Ich habe sie nicht wiedergesehn. Aber es ist heute ihr Geburtstag. Ich will den Strauß unter ihrem Porträt in Wasser setzen.“

Er sprach diese Worte ruhig, ja kalt. Aber seine Augen waren erloschen, und die Wangen bleich. Ich muß gestehn, daß mich die stummen, geduldigen Patienten immer am meisten zur Teilnahme bewegt haben. Ich sah meinen armen Verstoßnen an, ich überlegte hin und her, ob hier nicht mit einem raschen Streiche zu helfen sei? Die Natur der Leidenschaften, insbesondre der Liebe, kannte ich aus der Seelenlehre, das Fräulein war mit der Mutter in der Stadt, das wußte ich. Ich war jung, verwegen! Ohne an die möglichen Folgen eines tollen Einfalls zu denken, lud ich den Lieutenant ein, sich von mir in die Rettungsanstalten zeigen zu lassen. Das Sträußermädchen wies ich an, vor der Türe zu warten.

Rainer V., Wegkreuz, Salzkotten. HofkreuzDer Wächter war ausgegangen; alles begünstigte meinen Plan. Ich öffnete mit dem Hauptschlüssel, wir waren allein im leeren, schallenden Hause. Ich erklärte meinem Begleiter jedes Ding: die Einrichtung und Verbindung der Gemächer, die leicht zu bewegenden Glockenzüge, die Wärmmaschinen, die Frottierzeuge, die Bürsten, den Elixier- und Essenzenapparat des Wächters für die ersten Augenblicke des Erwachens aus dem furchtbaren Schlummer. Er fragte, ernst und wissenschaftlich gesinnt, verständig nach allem, und keine empfindsame Betrachtung kam in diesem Hause des Todes über seine Lippen. Endlich sagte er scherzend: „Diese reinlichen schimmernden Wände, die bronzenen Lampen, die blinkenden Stahlgriffe, die schönen Teppiche und Matratzen zeigen, wie jetzt alles auch bei den schrecklichsten Dingen zum Bequemen und Geschmückten strebt. Es fehlen nur noch die Tische mit den Journalen, um den Geretteten Unterhaltung zu bereiten, bis die Ihrigen sie wieder abholen.“

Ich bat mir seinen Verlobungsring aus. Er stutzte, wußte nicht, was ich wollte. Ich erklärte ihm trocken, daß ich gesonnen sei, noch heute zwischen ihm und seiner Braut dauerhaften Frieden zu stiften, aber dazu des Ringes bedürfe, nahm ihn bei der Hand, und streifte mit freundschaftlicher Gewalt ihm den Ring vom Finger. Er, in plötzlich auflodernder Hoffnung und Freude, rief: ob ich verwirrt sei? Ich, ohne zu antworten, schrieb mit Bleifeder auf ein ausgerißnes Blättchen meines Portefeuilles ein paar Zeilen an die Schwiegermutter, legte den Ring bei, verschloß das Billet mit Oblate, eilte zum Mädchen hinaus, sagte ihr, den Herrn habe ein Nervenschlag betroffen, sie sollte das Briefchen auf der Stelle da und da hintragen.

Mein bestürzter Freund war bis auf den Flur gefolgt, und hatte die Bestellung gehört. Ich nötigte ihn in eine der angenehmsten Sterbekammern zurück. „Um Gotteswillen!“ rief er, „was treiben Sie? was machen Sie aus mir?“ – „Einen Scheintoten“, versetzte ich. Er sah mich an, wie einen, von dem man glaubt, er habe den Verstand verloren. „Idas Krankheit“, sagte ich, „führte den Bruch herbei. Ihr Tod soll das Bündnis herstellen; das nennt man einen Klimax, welcher zu den wirksamsten Redefiguren gehört. Sie haben die Wahl, entweder mich zuschanden zu machen und sich jede Aussicht zu verbaun, oder folgsam zu sein, und Ihr Glück im letzten Akt einer Posse zu empfangen.“ Er stand anfangs starr, dann verwünschte er meine Torheit, und überschüttete mich mit Vorwürfen. Ich behielt indessen Geistesgegenwart, kramte Schnepper und Bindzeug aus, setzte eine Menge Flaschen auf den Tisch, ließ den Essigäther duften, verbrannte Federn, kurz, ich richtete das Zimmer so zu, daß es ganz medizinisch aussah und roch. Er, über meine Kaltblütigkeit in Verzweiflung, warf sich auf eine Matratze. Ich erklärte ihm, da könne er liegenbleiben, denn dahin gehöre er in seinem jetzigen Zustande. Ich löste seine Halsbinde, knöpfte die Uniform und Weste auf, und machte mir immerfort zu schaffen, um meine Unruhe zu verbergen, die sich mit dem Nachdenken doch allmählich bei mir einzustellen begann.

Nach einiger Zeit sprang er auf, und rief: „Ich muß fort, ich bin an diesen Dingen unschuldig! Sehen Sie zu, wie Sie aus der Verlegenheit kommen, die Sie angerichtet haben.“

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenEin Wagen fuhr sturmschnell vor. „Sie kommen“, rief ich, „ich wußte das ja!“ und ging ihnen entgegen. Sie waren es, Ida und ihre Mutter, meine Berechnung war richtig gewesen. Aus dem Schlage stürzte das Fräulein entgeistert, blaß, die Augen voll Tränen, und rief: „Wo ist seine Leiche?“ – „Er lebt, beruhigen Sie sich, er ist erwacht, meine Furcht war zu voreilig!“ rief ich ihr hastig zu. „Wo? Wo?“ stammelte sie, flog in das Haus, und wie durch Instinkt geleitet, in das rechte Zimmer.

Ich half der Mutter aus dem Wagen. Sie wußte sich in diesen Wechsel von Trauer und Freude nicht zu finden. „Teuerster, warum erschreckten Sie uns? Man muß bei dergleichen doch erst das Ende abwarten“, sagte sie. Ich bat um Verzeihung, ich hätte ganz den Kopf verloren gehabt, sie möchte einem jungen unerfahrnen Manne um des glücklichen Ausgangs willen nicht zürnen.

Wir traten in die Sterbekammer. Da war die Liebe von den Toten auferstanden. Fabian und Ida lagen einander in den Armen. Sie herzten sich und küßten sich, und wußten beide nicht, was sie taten. Sie wollte von ihm wissen, wie ihm zumute gewesen sei? er erwiderte, in diesem Punkte besonnen, er wisse von nichts, sie müsse den Doktor fragen.

Ich verbot alle Erklärungen, und riet ihnen, sich des Lebens zu freun. Die Mutter trat hinzu, gab ihm die Hand, und sagte sehr freundlich: „Lieber Sohn, Sie machen uns schöne Streiche. Mein Gott, wie das hier aussieht und riecht, es fällt mir auf die Nerven. Verlassen wir den leidigen Ort.“ Ich benutzte den Augenblick, küßte ihr ehrerbietig die Hand, und sagte bescheiden: „Edle Frau! Ida ist vor Liebe krank geworden, Fabian wäre beinahe daran gestorben; sollen Ihre Kinder noch länger schmachten?“

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenDie Gewalt dieser Auftritte hatte sie erweicht. Sie gab die Zustimmung zu dem, was die Verlobten wünschten. Es folgte ein neuer Sturm von Liebkosungen und Umarmungen, in dem ich ebenfalls zuletzt von ohngefähr mehrere Küsse bekam.

Indessen waren die Fügungen des Himmels auch tätig gewesen. Denn als wir eben aus dem seltsamsten aller Boudoire aufzubrechen im Begriff standen, nahte sich der Bursche Fabians mit der in gemeßner Haltung vorgebrachten Meldung, daß der Oberst schon dreimal nach ihm geschickt habe, indem das ersehnte Patent nun endlich eingetroffen sei.

So führte Ida statt eines erblichnen Lieutenants, nach dem sie ausgefahren war, einen lebendigen Capitain nach Hause. – Sie leben sehr glücklich miteinander, manche Szene, die sonst in die Ehe fällt, haben sie vorher schon unter sich abgetan, dazu ist wenigstens der lange Brautstand dienlich gewesen.

Mir brachte die sorgsame Behandlung des Fräuleins während jener drei Tage und die Rettung des Bräutigams große Gunst in den vielen mit dem Hause verbundnen Familien zuwege. Einer lobte mich immer noch mehr als der andre, so entstand mir bald ein Ruf, den mir so manche an armen Leuten im Verborgnen geübte saure Mühe nicht erworben hatte. Zuerst schlug mich das Gewissen etwas, nachher beruhigte ich mich durch den Anblick der allgemeinen Scharlatanerie, die in der Welt herrscht, über die meinige, die wenigstens niemand geschadet, vielmehr eine zufriedne Ehe gestiftet hat.

Bilder: Rainer V.: Salzkotten, ca. 2011 bis 2015.

Der Soundtrack ist Blast, Musikanten (Epistel 4) aus der dem Thema entsprechenden CD Liebe, Schnaps, Tod – Wader singt Bellman von dem bekannten Ostwestfalen Hannes Wader (gebürtig aus Bielefeld-Gadderbaum), 1996. Die Lieder sind, wie der Untertitel sagt, nicht von Wader selbst, sondern dem verstorbenen Schweden Carl Michael Bellman (1740 bis 1795), haben in Waders gesammelter Aufbereitung aber das Zeug zur Lieblings-CD. Waders eigene Übersetzung von Hej Musikanter ge Valdthornen väder wurde unterstützt von Reinhard Mey und Klaus Hoffmann.

Written by Wolf

9. September 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Vier letzte Dinge: Tod