Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Vier letzte Dinge: Tod’ Category

Du Uhu du

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Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten,
Des Maies Wonneschlingen,
Schön siebenzeilig Lurley,
Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt
und Am selben Tag, da ich erfuhr, man habe mich entmündigt:

Dass ich mich nicht ernst genommen fühle, ist Default-Einstellung und wird seine Gründe haben. Deshalb muss ich in den verschiedensten Bewusstseinszuständen — damit mir geglaubt wird — wiederholen:

Ich sammle Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemandem eins auffällt, mag er es mir bitte nicht verschweigen.

Die schiere Anzahl der Verse legt noch keine definierte Strophenform fest, und genau das ist das Schöne: Siebenzeilige Formen bleiben immer auf die eine oder Weise schwebend offen, ähnlich wie Melodien, die bezeichnenderweise mit einem Septakkord enden. Es ist nichts ausgesagt über das Reimschema: Da ist von AAAAAAA über erweiterte Limericks bis zum Klangreim alles drin.

Einige der besten und süffigsten Gedichte aller Epochen sind siebenzeilig: Erinnern wir uns an die Gemeinsamkeiten so unterschiedlicher Gedichte wie des überraschend raffinierten Frühlingsliedes Swie diu zît sich wil verkêren Sêren des Minnesängers Walther von Klingen, des übermütig makabren Gothic-Spaßes der Braut von Korinth von Goethe, der Bürgschaft von Schiller, der 1838er Version der Loreley von Friedrich Förster oder des ergreifenden Meisterstücks vom Mädchen mit dem Muttermal von Ringelnatz: Sie bestehen aus Strophen von je sieben Versen.

Den Liliencron kenne ich aus meinem Schullesebuch der 6. Klasse. Das Reimschema ist AAABAAB — in seiner strophenweisen Gleichförmigkeit schon fast meditativ und damit gerade passend für eine Schnurre über energische, lebenshungrige alte Männer.

——— Detlev von Liliencron.

Ballade in U-Dur

aus: Bunte Beute, Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig 1903:

Es lebte Herr Kunz von Karfunkel
mit seiner verrunzelten Kunkel
auf seinem Schlosse Punkpunkel
in Stille und Sturm.
Seine Lebensgeschichte war dunkel,
es murmelte manch Gemunkel
um seinen Turm.

Täglich ließ er sich sehen
beim Auf- und Niedergehen
in den herrlichen Ulmenalleen
seines adlichen Guts.
Zuweilen blieb er stehen
und ließ die Federn wehen
seines Freiherrnhuts.

Er war just hundert Jahre,
hatte schneeschlohweiße Haare
und kam mit sich ins klare:
Ich sterbe nicht.
Weg mit der verfluchten Bahre
und ähnlicher Leichenware!
Hol‘ sie die Gicht!

Werd‘ ich, neugiertrunken
ins Gartengras hingesunken,
entdeckt von dem alten Halunken,
dann grunzt er plump:
Töw Sumpfhuhn, ick wil di glieks tunken
in den Uhlenpfuhl zu den Unken,
du schrumpliger Lump!

Einst lag ich im Verstecke
im Park an der Rosenhecke,
da kam auf der Ulmenstrecke
etwas angemufft.
Ich bebe, ich erschrecke:
Ohne Sense kommt mit Geblecke
der Tod, der Schuft.

Und von der andern Seite,
mit dem Krückstock als Geleite,
in knurrigem Geschreite,
kommt auch einer her.
Der sieht nicht in die Weite,
der sieht nicht in die Breite,
geht gedankenschwer.

Hallo, du kleine Mücke,
meckert der Tod voll Tücke,
hier ist eine Gräberlücke,
hinunter ins Loch!
Erlaube, daß ich dich pflücke,
sonst hau‘ ich dir auf die Perücke,
oller Knasterknoch.

Der alte Herr, mit Grimassen,
tut seinen Krückstock festfassen:
Was hast du hier aufzupassen,
du Uhu du!
Weg da aus meinen Gassen,
sonst will ich dich abschrammen lassen
zur Uriansruh‘!

Sein Krückstock saust behende
auf die dürren, gierigen Hände,
die Knöchel- und Knochenverbände:
Knicksknucksknacks.
Freund Hein schreit: Au, mach ein Ende!
Au, au, ich lauf ins Gelände
nach Haus schnurstracks.

Noch heut lebt Herr Kunz von Karfunkel
mit seiner verrunzelten Kunkel
auf seinem Schlosse Punkpunkel
in Stille und Sturm.
Seine Lebensgeschichte ist dunkel,
es murmelt und raunt manch Gemunkel
um seinen Turm.

Mit seiner verrunzelten Kunkel: The Consecrated Eminence. The Archives & Special Collections at Amherst College: Bloom Ephemera: Backcover Artwork in Real Free Press Illustratie Nr. 1, Antwerpen, undatiert,
2. Mai 2014, via Chris Goes Rock’s Music Site: Dancing Hippies, 30. Mai 2013.

Soundtrack: Gogolala Jubilee Jugband: Ich bin mein Opa,
aus: The Muppet Show, Staffel 1, Folge 113, 6. Dezember 1976:

Bonus Tracks: Jerome Potma: The Muppet Show Song Compilation, Staffeln 1 bis 5:

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Written by Wolf

13. Juli 2018 at 00:01

Nachtstück 0014: Nun kommt der Frühling (Daß ich weine!)

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Update zu Zwetschgenzeit (Du bist gemeint),
Grabesdunstwitterlich,
Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg
und Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht!
O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!
:

Helmut Sembdner, der nachzuweisen versucht hat, daß Kleist der Autor dieses Scherzrätsels ist, hat das Gedicht in seinem Aufsatz „Neuentdeckte Schriften Heinrich von Kleists“ als „anspruchslosen Lückenbüßer“ bezeichnet und dieses Verdikt auch im Stellenkommentar seiner Ausgabe wiederholt, wo es nun wirklich nichts verloren hat.

Walter Hettche: Die journalistische Funktion der Gedichte
in Kleists „Berliner Abendblättern“
, 26. Oktober 2011.

——— Heinrich von Kleist:

Kleine Gelegenheitsgedichte

aus: Phöbus, September/Oktober 1808:

Jünglingsklage

Winter, so weichst du,
Lieblicher Greis,
Der die Gefühle
Ruhigt zu Eis.
Nun unter Frühlings
Üppigem Hauch
Schmelzen die Ströme –
Busen, du auch!

Mädchenrätsel

Träumt er zur Erde, wen
Sagt mir, wen meint er?
Schwillt ihm die Träne, was,
Götter, was weint er?
Bebt er, ihr Schwestern, was,
Redet, erschrickt ihn?
Jauchzt er, o Himmel, was
Ists, was beglückt ihn?

Katharina von Frankreich

(als der schwarze Prinz
um sie warb)

Man sollt ihm Maine und Anjou
Übergeben.
Was weiß ich, was er alles
Mocht erstreben.
Und jetzt begehrt er nichts mehr,
Als die eine –
Ihr Menschen, eine Brust her,
Daß ich weine!

Alex & Erwan in La fille renne, Intimity, Proximity, Januar, 12. März 2015

Floris Neusüss, Schrankpaar, 1959

Noir Division, Va-t'en, 6. April 2017

Jünglingsklage

1808, nach verschollener Handschrift
in: Wilhelm Neumann (Hrsg.): Die Musen. Norddeutsche Zeitschrift, 1814, ohne Überschrift:

Zero Focus, Self Portrait. 44 Irving St. Cambridge, Massachusetts, 1971Winter so weichst du,
Pfleger der Welt
Der die Gefühle
Ruhig erhält.
Nun kommt der Frühling,
Thymianhauch,
Nachtigallnlauben,
Wehmut, du auch!

Bilder:

  1. Alex & Erwan in: La fille renne: Intimity/Proximity, Januar/12. März 2015:

    This new photographic project plays with different variations of intimity and proximity. The intimity of someone alone or his intimacy with another people, the proximity between two people or with the photographer, which is like a intrusion. The intimity is warped by the presence of the photographer, but it’s the game.

  2. Floris Neusüss: Schrankpaar, 1959;
  3. Noir Division: Va-t’en, 6. April 2017;
  4. Susan Meiselas: Self Portrait. 44 Irving St. Cambridge, Massachusetts, 1971,
    via Zero Focus, 21. Januar 2018.

Soundtrack: Elastica: Stutter, 1993, aus: Elastica, 1995:

Written by Wolf

1. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

So singet laut den Pillalu (Och orro orro ollalu)

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Seit Herder einen Begriff von der Volksmusik und kurz darauf Goethe einen Begriff von der Weltliteratur gefunden, erläutert und mit Inhalten gefüllt haben, ist die Freude über neu kennen gelernte Lieder fremder Völker groß. Vielleicht das Dankenswerteste, was Goethe je geleistet hat, aber das diskutieren wir ein andermal.

Eliza H. Trotter, Lady Caroline Lamb, ca. 1811--1814Immerhin trieb die Sammlerfreude den jungen Goethe in Herders Gefolge ins Elsass, den alten dazu, aktuelle Romane zu lesen, die ihm absehbar nicht gefallen konnten. Zum Beispiel: Glenarvon von Lady Caroline Lamb, Viscountess Melbourn, 1816 — der abrechnende Schlüsselroman einer Geliebten über Lord Byron, den Goethe wiederum sehr wohl mochte.

Aber Goethe war auch nicht geradezu von Byron besessen, wurde nicht aufgrund etwelcher Affären mit ihm von seiner Frau verlassen, und er starb auch nicht nach Ausstoß einiger Schauerromane mit 42 Jahren an Suff, multiplem Drogenmissbrauch und Folgebeschwerden der Erotomanie. Vielmehr sah Goethe über diese ganze Verwicklung menschlicher Tragödien und literarischer Ressentiments, von denen er laut den Tag- und Jahresheften von 1817 wusste, großzügig darüber hinweg, dass es in Glenarvon überhaupt Parteien für ihn zu ergreifen gab: Der Roman erschien, weil von weiblicher Hand verfasst, wie üblich anonym, und

sollte uns über manches Liebesabenteuer desselben [Lord Byrons] Aufschlüsse geben; allein das voluminöse Werk war an Interesse seiner Masse nicht gleich, es wiederholte sich in Situationen, besonders in unerträglichen; man mußte ihm einen gewissen Werth zugestehen, den man aber mit mehr Freude bekannt hätte, wenn er uns in zwei mäßigen Bänden wäre dargereicht worden.

Laut allen heutigen Quellen ist Glenarvon nicht in zwei, sondern sogar drei Bänden erschienen, die Goethe nicht zwingend zu Ende gelesen haben muss. Aber es ist gut, wie es ist, denn gleich anfangs des ersten Bandes findet sich ein Keening, das ist: das Klagelied über das verstorbene Kind des Gutsherrn über das lyrische Ich, das hier ein „lyrisches Wir“ ist, das Goethe umgehend in sein Tagebuch übersetzen musste.

Mathias Mayer scheint für seinen Beitrag zur Frankfurter Anthologie: Johann Wolfgang Goethe: „Klaggesang. Irisch“ in der FAZ vom 26. November 2017, wie es nahe liegt und auch von mir empfohlen wird, die richtige Goethe-Ausgabe benutzt zu haben — nämlich die, mit der man am meisten inhaltlischen Spaß hat: die Frankfurter. In derselben kommt Goethes Klaggesang. Irisch gleich zweimal vor: einmal innerhalb der Gedichte, einmal in einem Band, den man meistens nur in größeren Präsenzbibliiotheken erreicht: Hans-Georg Dewitz, Hrsg.: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band 12: Bezüge nach außen. Übersetzungen II. Bearbeitungen, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999. Den will sich privat niemand leisten, die Gedichte in zwei Bänden, hrsg. Karl Eibl schon eher; die gibt’s gerne als Doppelpack für 15 Euro im Modernen Antiquariat und bietet mehr und erhellenderen Kommentar als alle anderen.

Worauf ich hinauswollte: Frankfurter Anthologie wie Frankfurter Augabe — jedenfalls Eibls Gedichtkommentar — merken sachte missbilligend Goethes Umgang mit der Übersetzung von Ortsnamen an — siehe unten die Gegenüberstellung, spezielles Augenmerk auf die sechste Strophe. Aus eigener Übersetzertätigkeit heraus finde ich Goethes Lösung durchaus zulässig: Um einen fremden bis fremdartigen Text möglichst weitreichend deutschen Lesern zu vermitteln, kann es höchst sinnvoll sein, Orte bei ihrer verallgemeinernden Bezeichnung statt bei ihrem Toponym zu nennen.

Wenn ich allerdings selbst die Texte mit ihrem Sekundärmaterial vergleiche, fällt mir viel eher auf: Irisch ist mitnichten Schottisch, auch nicht in ihren alten Vorstufen, trivialer Schauerroman hin oder her. Sind Keltologen anwesend, die Freude daran haben, Old Goethe samt seinen Exegeten bei Unsauberkeiten zu ertappen, und etwas Kluges beisteuern können?

Thomas Philliops, Lady Caroline Lamb, ca. 1813Die Übersetzung als „Klaggesang“ war von Goethe wirklich als Lied im Sinne von musikalischer Aufführung gemeint und wurde auch unmittelbar so eingerichtet: von Carl Friedrich Zelter. Der mit Goethe befreundete Komponist erklärt brieflich am 8. Januar 1819 dazu:

Hier erfolgt denn auch der Pillalu in den ich mich leichter gefunden habe als ich Anfangs dachte, wie Du an der Musik merken wirst. Doch wünschte ich etwas von Dir darüber zu vernehmen, da es eine ganz leichte Melodie ist. Es ist eigentlich ein Todtenmarsch: Harfen, Posaunen und gedämpfte Pauken (großer Art) gehören dazu. Der Refrain wird vom Chore, jung und alt, in Unisono gesungen.

In der zweyten Strophe habe ich, einer Doppelsylbe wegen, eine Veränderung gemacht und in der letzten Zeile der letzten Strophe die Worte umgestellt, des Accentes wegen. Ist es Dir so nicht recht, so laß mich’s wissen und ich richte es ein wie es gehn will.

Man wird sich geeinigt haben; es ist ja schon zurvorkommend von einem Künstler, sich so ausdrücklich nach der Arbeit eines Kollegen in einem anderen Medium richten zu wollen. Noch am 16. Juni 1827 erinnerte sich Zelter an Goethe, wieder brieflich:

Das Altschottisch ist ein prächtiges Stück; dem Metro nach ganz behandlich; der Ton des Ganzen möchte nicht so leicht gefunden seyn. Es ist ganz eigen damit, sogar Deine eigene Handschrift ist mir dabey von Bedeutung. Ein Aehnliches ward mir mit dem Pillalu, der wenn ich nicht ganz irre ganz gelungen ist, indem ich so glücklich war auf diese Art den rechten Trauerton des Todtenmarsches zu finden, dessen Metrum mir im Kopfe umher schritt. Man hat von solcher Arbeit hinterher keinen Begriff und doch, wie wüßte man denn ob’s getroffen ist wenn es kein Bild dafür gäbe? Im Pillalu seh‘ ich den ganzen Zug an mir vorüberschreiten.

Heute ist diese 1819er Zelter-Vertonung leider nur noch theoretisch dokumentiert, praktisch nicht — was auf derzeitigem Stand der Technik heißt: weder in YouTube, Vimeo noch Dailymotion vorhanden. Das ist sehr schade, denn die bildliche Vorstellung einer Gruppe mutiger, für die kunstsinnige Zusammenkunft im Salon zurechtgemachter junger Frauen, die sich im Wohnzimmer neben dem Piano zusammenstellen und im Chor „jung und alt, in Unisono“ und auf Küchenterz mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit „Och orro orro ollalu“ singen, die bildliche Vorstellung, sagte ich, hat Größe.

——— Lady Caroline Lamb:

Glenarvon

in three volumes. Published by Henry Colburn, London 1816, Chapter V., Schluss:

The tenants and peasantry were, according to ancient custom, admitted to sing the song of sorrow over the body of the child: but no hired mourners were required on this occasion; for the hearts of all deeply shared in the affliction of their master’s house, and wept, in bitter woe, the untimely loss of their infant Lord. — It was thus they sung, ever repeating the same monotonous and melancholy strain.

Oh loudly sing the Pillalu,
     And many a tear of sorrow shed;
Och orro, orro, Olalu;
     Mourn, for the master’s child is dead,

At morn, along the eastern sky.
     We marked an owl, with heavy wing;
At eve, we heard the benshees cry;
     And now the song of death we sing;
Och orro, orro, Olalu.

Ah! wherefore, wherefore would ye die;
     Why would ye leave your parents dear:
Why leave your sorrowing kinsmen here,
     Nor listen to your people’s cry!

How will thy mother bear to part
     With one so tender, fair, and sweet!
Thou wast the jewel of her heart,
     The pulse, the life that made it beat.

How sad it is to leave her boy.
     That tender flow’ret all alone:
To see no more his face of joy,
     And soothe no more his infant moan!

But see along the mountain’s side.
     And by the pleasant banks of Larney,
Straight o’er the plains, and woodlands wide,
     By Castle Brae, and Lock Macharney;

See how the sorrowing neighbours throng,
     With haggard looks and faultering breath;
And as they slowly wind along,
     They sing the mournful song of death!

O loudly sing the Pillalu,
     And many a tear of sorrow shed;
Och orro, orro, Olalu!
     Mourn, for the master’s child is dead.

Thus singing, they approached the castle, and thus, amidst cries and lamentations, was Sidney Albert, Marquis of Delaval, borne for ever from its gates, and entombed with his ancestors in the vault of the ancient church, which, for many hundred years, had received beneath its pavement the successive generations of the family of Altamonte. Heart-felt tears, more honourable to the dead than all the grandeur which his rank demanded, were shed over his untimely grave; while a long mourning and entire seclusion from the world, proved that the sorrow thus felt was not momentary, but lasting as the cause which had occasioned it was great.

——— Goethe:

Klaggesang.

Irisch.

entstanden 22. Oktober 1817 im Tagebuch, zitiert nach der Erstveröffentlichung in: Kunst und Alterthum, Band IV, 1823, Seite 108 bis 110:

So singet laut den Pillalu
Zu mancher Thräne Sorg‘ und Noth:
Och orro orro ollalu,
O weh des Herren Kind ist todt!

Zu Morgen, als es tagen wollt‘,
Die Eule kam vorbey geschwingt,
Rohrdommel Abends tönt im Rohr.
Ihr nun die Todtensänge singt:
     Och orro orro ollalu.

Und sterben du? warum, warum,
Verlassen deiner Eltern Lieb‘?
Verwandten Stammes weiten Kreis?
Den Schrey des Volkes hörst du nicht:
     Och orro orro ollalu.

Und scheiden soll die Mutter, wie,
Von ihrem Liebchen schön und süß?
Warst du nicht ihres Herzens Herz,
Der Puls der ihm das Leben gab?
     Och orro orro ollalu.

Den Knaben läßt sie weg von sich,
Der bleibt und wes’t für sich allein,
Das Frohgesicht, sie sieht’s nicht mehr;
Sie saugt nicht mehr den Jugendhauch.

Och orro orro ollalu.

Da sehet hin an Berg und Steg,
Den Uferkreis am reinen See,
Von Waldesecke, Saatenland,
Bis nah heran zu Schloß und Wall
     Och orro orro ollalu.

Die Jammer-Nachbarn dringen her,
Mit hohlem Blick und Athem schwer;
Sie halten an und schlängeln fort
Und singen Tod im Todtenwort
     Och orro orro ollalu.

So singet laut den Pillalu
Und weinet, was ihr weinen wollt!
Och orro orro ollalu,
Des Herren einziger Sohn ist fort.

Special thanks an Hank für sein Tag und Nacht waches Auge.

Eliza H. Trotter, Lady Caroline Lamb, ca. 1811--1814

Bilder: Sir Thomas Lawrence: Portrait of Lady Caroline Lamb, ca. 1805;
Thomas Phillips: Lady Caroline Lamb, ca. 1813,
via Making History Tart & Titillating: Lady Caro Crops Her Hair;
Eliza H. Trotter: Lady Caroline Lamb, ca. 1811–1814, National Portrait Gallery, London.

Soundtrack: Ossian: Oidhche Mhath Leibh, aus: Ossian, 1977:

Written by Wolf

23. Februar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Ich sing euch von dem Mörder, der sich selbst hat entleibt

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Update zu Wenn man etwas Bildung hat (Die Moritat vom jungen Friedrich Kolbe):

Eine entsetzliche Mordgeschichte von dem jungen Werther, wie sich derselbe den 21. December durch einen Pistolenschuß eigenmächtig ums Leben gebracht. Allen jungen Leuten zur Warnung in ein Lied gebracht, auch den Alten fast nutzlich zu lesen. Im Thon Hört zu ihr lieben Christen etc. 1776.Anno 1774 und danach setzte die Parodienbildung um Goethes Über-Best- und Longseller Die Leiden des jungen Werthers — erst ab der überarbeiteten Fassung 1787 ohne Genitiv-s — praktisch sofot ein und riss bis heute noch nicht wieder ab. Johann Heinrich Gottfried von Bretschneider wird heute als Bibliothekar und Kunstsammler aus dem Thüringischen geführt, von seinem Regiment allerdings schon als bücheraffiner Offizier, zur Zeit seines hauptsächlichen Wirkens im Range eines Gubernialrats, und etwas inoffizieller als Satiriker. Das heißt unter vielem anderen, er neigte zum Verfertigen von Bänkelsang.

Mit seiner Wertheriade von 1775 kommt Bretschneider in der wichtigen Anthologie von Bänkellieder Musenklänge aus Deutschlands Leierkasten, Verlag von Hernhard Schlicke, Leipzig 1867, an breitenwirksamer Stelle vor — geadelt durch einen ganzen Satz Illsutrationen von Ludwig Richter.

Erstveröffentlichung war schon 1776 als Einzelheft, was bedeutet: mit Aussicht auf größere Verbreitung, allerdings anonym und ohne Angabe des Verlagsorts. Dafür lässt sie prominentere Veröffentlichung in den Musenklängen die Strophe mit „Er sah, beklebt mit Rotze“ weg. Die Melodie ist ein seinerzeit bekanntes Kirchenlied und kann den einfachen Noten im .pdf der Urfassung entnommen werden, der vollständige Text — hier mit Richters Illustrationen — lautet:

——— Heinrich Gottfried von Bretschneider:

Eine entsetzliche Mordgeschichte
von dem jungen Werther,

wie sich derselbe den 21. December durch einen Pistolenschuß eigenmächtig ums Leben gebracht.
Allen jungen Leuten zur Warnung in ein Lied gebracht,
auch den Alten fast nutzlich zu lesen

Im Thon: Hört zu ihr lieben Christen etc.

1776:

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Hört zu, ihr Junggesellen
Und ihr Jungfräulein zart,
Damit ihr nicht zur Höllen
Aus lauter Liebe fahrt.

Die Liebe, traute Kinder!
Bringt hier auf dieser Welt
Den Heil’gen wie den Sünder
Um Leben, Gut und Geld.

Ich sing‘ euch von dem Mörder,
Der sich selbst hat entleibt,
Er hieß: der junge Werther,
Wie Doctor Göthe schreibt.

So witzig, so verständig,
So zärtlich als wie er,
Im Lieben so beständig
War noch kein Sekretair.

Ein Pfeil vom Liebesgotte
Fuhr ihm durch’s Herz geschwind.
Ein Mädchen, sie hieß Lotte,
War eines Amtmanns Kind.

Die stand als Vice-Mutter
Geschwistern treulich vor,
Die schmierte Brod mit Butter
Dem Fritz und Theodor,

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Dem Liesgen und dem Kätgen —
So traf sie Werther an
Und liebte gleich das Mädchen
Als wär’s ihm angethan.

Wie in der Kinder Mitte
Sie da mit munterm Scherz
Die Butterahmen schnitte —
Da raubt‘ sie ihm das Herz.

Er sah, beklebt mit Rotze
Ein feines Brüderlein
Und küßt‘ dem Rotz zum Trotze
An ihm, die Schwester sein.

Fuhr aus, mit ihr zu tanzen
Wohl eine ganze Nacht,
Schnitt Menuets der Franzen
Und walzte, daß es kracht‘.

Sein Freund kam angestochen
Blies ihm ins Ohr hinein:
Das Mädchen ist versprochen
Und wird den Albert freyn.

Da wollt‘ er fast vergehen,
Spart‘ weder Wunsch noch Fluch,
Wie alles schön zu sehen
In Doctor Göthes Buch.

Kühn ging er, zu verspotten
Geschick und seinen Herrn,
Fast täglich nun zu Lotten,
Und Lotte sah ihn gern.

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Er bracht den lieben Kindern
Lebkuchen, Marcipan,
Doch alles konnt’s nicht hindern,
Der Albert wurd ihr Mann.

Des Werthers Angstgewinsel
Ob diesem schlimmen Streich
Mahlt Doctor Göthes Pinsel
Und keiner thut’s ihm gleich.

Doch wollt er noch nicht wanken
Und stets bei Lotten seyn,
Dem Albert macht’s Gedanken,
Ihm träumte von Geweyhn.

Herr Albert schaute bitter
Auf die Frau Albertin —
Da bat sie ihren Ritter:
„Schlag mich dir aus dem Sinn.

Geh fort, zieh in die Fremde,
Es giebt der Mädchen mehr –“
Er schwur beim letzten Hemde,
Daß sie die einz’ge wär.

Als Albert einst verreiste
Sprach Lotte: „bleib von mir!“
Doch Werther flog ganz dreiste
In Alberts Haus zu ihr.

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Da schickte sie nach Frauen
Und leider keine kam, —
Nun hört mit Furcht und Grauen,
Welch Ende alles nahm.

Der Werther las der Lotte
Aus einem Buche lang,
Was einst ein alter Schotte
Vor tausend Jahren sang.

Es war gar herzbeweglich,
Er fiel auf seine Knie
Und Lottens Auge kläglich
Belohnt ihm seine Müh.

Sie strich mit ihrer Nase
Vorbey an Werthers Mund,
Sprang auf als wie ein Hase
Und heulte wie ein Hund.

Lief in die nahe Kammer,
Verriegelte die Thür
Und rief mit großem Jammer:
„Ach, Werther, geh von mir!“

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Der Arme mußte weichen,
Alberten, dem’s verdroß,
Konnt’s Lotte nicht verschweigen,
Da war der Teufel los!

Kein Werther konnt‘ sie schützen,
Der suchte Trost und Muth
Auf hoher Felsen Spitzen
Und kam um seinen Hut.

Zuletzt ließ er Pistolen
Im Fall es nöthig wär
Vom Schwager Albert holen,
Und Lotte gab sie her.

Weil’s Albert so wollt‘ haben,
Nahm sie sie von der Wand
Und gab sie selbst dem Knaben
Mit Zittern in die Hand.

Nun konnt er sich mit Ehre
Nicht aus dem Handel ziehn,
Ach Lotte! die Gewehre
Warum gabst du sie hin ?

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Alberten recht zum Possen
Und Lotten zum Verdruß,
Fand man ihn früh erschossen,
Im Haupte stack der Schuß.

Es lag, und das war’s beste,
Auf seinem Tisch ein Buch,
Gelb war des Todten Weste
Und blau sein Rock, von Tuch.

Als man ihn hingetragen
Zur Ruh‘ bis jenen Tag,
Begleit’n ihn kein Kragen
Und auch kein Ueberschlag.

Man grub ihn nicht in Tempel,
Man brennte ihm kein Licht,
Mensch, nimm dir ein Exempel
An dieser Mordgeschicht!

Bänkelsänger, nach einer Radierung von J. W. Meil, 1765

Bilder: Ludwig Richter, 1848, nach Fritz Breucker: Ludwig Richter und Goethe, G. Teubner, Leipzig 1926,
via Goethezeitportal, Mai 2015.

Soundtrack: The Dead South: In Hell I’ll Be In Good Company, aus: Good Company, 2014:

Dead Love couldn’t go no further
Proud of and disgusted by her
Push shove, a little bruised and battered
Oh Lord I ain’t coming home with you.

Written by Wolf

6. Januar 2018 at 00:48

Wir rechnen jahr auff jahre / in dessen wirdt die bahre vns für die thüre bracht

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Update zu Zwischenmaschine:

Ich war im Stillen herzlich erfreut gestern Abend mit Ihnen das Jahr und da wir einmal Neunundneunziger sind auch das Jahrhundert zu schließen. Lassen Sie den Anfang wie das Ende sein und das künftige wie das vergangene.

Goethe an Schiller, Weimar am 1. Januar 1800.

Zweifarbig lackiertDamit das Jahr anfängt, wie es aufgehört hat, musste man sich sich auf die alte Tugend der Wollust besinnen, die Wölfin hat sich die Zehennägel gleich zweifarbig lackiert und wurde während einiger freundlicher Begegnungen zu Bette unversehens dermaßen laut, dass unser einst liebgewordener Spanner uns am Erdgeschoßfenster wiederenteckt hat, und Sie hätten mir jetzt fast geglaubt:

Das süsse jubiliren /
Das hohe triumphiren
Wirdt oft in hohn vnd schmach verkehrt.

Siehe unten: Wir unterscheiden nach Prediger Salomos tautologischem Spruch vanitas vanitatum et omnia vanitas (Kohelet 1,2) Andreas Gryphius‘ Sonett Es ist alles eitel, 1637 in Alexandrinern, von dessen späterer Ode Vanitas! Vanitatum Vanitas!, 1643 in dreihebigen Jamben — also in einer Art aufgeteilten und aufgelockerten Alexandrinern mit vierhebiger Variation in den letzten Strophenversen, die gleich wesentlich mehr Rock’n’Roll ins Metrum tragen. Goethe bezieht sich in seinem Gedicht Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt 1806 qua Überschrift und Metrum eindeutig auf Gryphius‘ Ode, parodiert aber inhaltlich Adam Reusner: Ich hab mein Sach Gott heimgestellt, 1533 in der Melodie von Johann Leon, 1589.

Theoretisch passen auf den Text die Melodien von Innsbruck, ich muss dich lassen und Der Mond ist aufgegangen. — Theoretisch, hab ich gesagt.

Gesegnetes 2018.

Titti Garelli, Vanitas

——— Andreas Gryphius:

Vanitas! Vanitatum Vanitas!

Ode, 1643:

Die Herrlikeit der Erden
Mus rauch undt aschen werden /
Kein fels / kein ärtz kan stehn.
Dis was vns kan ergetzen /
Was wir für ewig schätzen /
Wirdt als ein leichter traum vergehn.

Was sindt doch alle sachen /
Die vns ein hertze machen /
Als schlechte nichtikeit?
Waß ist der Menschen leben /
Der immer vmb mus schweben /
Als eine phantasie der zeit.

Der ruhm nach dem wir trachten /
Den wir vnsterblich achten /
Ist nur ein falscher wahn.
So baldt der geist gewichen:
Vnd dieser mundt erblichen:
Fragt keiner / was man hier gethan.

Es hilfft kein weises wissen /
Wir werden hingerissen /
Ohn einen vnterscheidt /
Was nützt der schlösser menge /
Dem hie die Welt zu enge /
Dem wird ein enges grab zu weitt.

Dis alles wirdt zerrinnen /
Was müh‘ vnd fleis gewinnen
Vndt sawrer schweis erwirbt:
Was Menschen hier besitzen /
Kan für den todt nicht nützen /
Dis alles stirbt vns / wen man stirbt.

Was sindt die kurtzen frewden /
Die stets / ach! leidt / vnd leiden /
Vnd hertzens angst beschwert.
Das süsse jubiliren /
Das hohe triumphiren
Wirdt oft in hohn vnd schmach verkehrt.

Du must vom ehre throne
Weill keine macht noch krone
Kan vnvergänglich sein.
Es mag vom Todten reyen /
Kein Scepter dich befreyen.
Kein purpur / gold / noch edler stein.

Wie eine Rose blühet /
Wen man die Sonne sihet /
Begrüssen diese Welt:
Die ehr der tag sich neiget /
Ehr sich der abendt zeiget /
Verwelckt / vnd vnversehns abfält.

So wachsen wir auff erden
Vnd dencken gros zu werden /
Vnd schmertz / vnd sorgenfrey.
Doch ehr wir zugenommen /
Vnd recht zur blütte kommen /
Bricht vns des todes sturm entzwey.

Wir rechnen jahr auff jahre /
In dessen wirdt die bahre
Vns für die thüre bracht:
Drauff müssen wir von hinnen /
Vnd ehr wir vns besinnen
Der erden sagen gutte nacht.

Weil uns die lust ergetzet:
Vnd stärcke freye schätzet;
Vnd jugendt sicher macht /
Hatt vns der todt gefangen /
Vnd jugendt / stärck vnd prangen /
Vndt standt / vndt kunst / vndt gunst verlacht!

Wie viel sindt schon vergangen /
Wie viell lieb-reicher wangen /
Sindt diesen tag erblast?
Die lange räitung machten /
Vnd nicht einmahl bedachten /
Das ihn ihr recht so kurtz verfast.

Wach‘ auff mein Hertz vndt dencke;
Das dieser zeitt geschencke /
Sey kaum ein augenblick /
Was du zu vor genossen /
Ist als ein strom verschossen
Der keinmahl wider fält zu rück.

Verlache welt vnd ehre.
Furcht / hoffen / gunst vndt lehre /
Vndt fleuch den Herren an /v
Der immer könig bleibet:
Den keine zeitt vertreibet:
Der einig ewig machen kan.

Woll dem der auff ihn trawett!
Er hat recht fest gebawett/
Vndt ob er hier gleich fält:
Wirdt er doch dort bestehen
Vndt nimmermehr vergehen
Weil ihn die stärcke selbst erhält.

Burgfräulein von Strechau, 17. Jahrhundert

Bilder: Titti Garelli: Vanitas, Acryl auf Holz, verkauft;
N. N.: Burgfräulein von Strechau, Ölgemälde, 17. Jahrhundert,
Kunsthistorisches Museum Benediktinerstift Admont.
Sie soll rotblond gewesen sein.

Die Wölfin so: „Deine Creative-Writing-Kundschaft glaubt hoffentlich nicht alles, was geschrieben steht?“ Ich so: „Meine umfassend gebildete Zielgruppe glaubt Bilder.“ Die Wölfin so: „Um Gottes willen, dass du einen Sprung hast. Nimm das sofort raus, du Familiensparhengst.“ Ich so: „Jahahaha.“

Soundtrack: Element of Crime: Der weiße Hai, aus: Immer da wo du bist bin ich nie, 2009:

Written by Wolf

2. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Tod

Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Internet-Premiere: Heine in der Werkstatt beim Skizzieren und Auspinseln seiner Reisebilder. Diese Versuche stehen in der historisch-kritischen Düsseldorfer und der zugänglicheren Hanser-Ausgabe und dann noch in einem Google-Book in Fraktur und verheerendem Zustand. Dazu erklärt Günter Häntzschel bei Hanser 1976:

Aus einer Handschrift Heines der „Reise von München nach Genua“ […] veröffentlichte Adolf Strodtmann in dem Supplementband zu seiner Heine-Ausgabe: Letzte Gedichte und Gedanken. Hamburg 1869, S. 273–305 diese Zusätze als „Nachträge zu den ‚Reisebildern'“. Die Skizzen wurden von Heine für die Druckvorlage der „Reise von München nach Genua“ ausgeschieden und sind teilweise später in veränderter Gestalt in „Die Bäder von Lucca“ und in „Die Stadt Lucca“ eingegangen. Strodtmann hat diese Zusätze den thematisch entsprechenden Stellen in den italienischen „Reisebildern“ zugeordnet; an diese Einordnung lehnen sich auch die Elstersche und die Walzelsche Ausgabe an. Die endgültigen Handschriftenverhältnisse dieser Stücke wird erst die historisch-kritische Ausgabe klären können.

Deswegen bestehe ich immer auf die großen, anständig kommentierten und möblierten Ausgaben. Durch die tastenden Wiederholungen innerhalb einer Traumsequenz gewinnt Heines Prosa etwas Lyrisches. Die freigegebene Endfassung der Reisebilder atmet nirgends mehr diesen Charme des Unfertigen.

——— Heinrich Heine:

Skizzen zu „Reise von München nach Genua“

zu: Reisebilder. Dritter Theil. Italien. 1828, Reise von München nach Genua, 1830,
in: Klaus Briegleb, Hrsg.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften,
Zweiter Band, herausgegeben von Günter Häntzschel, Carl Hanser Verlag, München 1976,
Nachlese, Seite 615 bis 620, hier ungekürzt:

Ich liebe keine Republiken — (ich habe einige Zeit in Hamburg, Bremen und Frankfurt gelebt) — ich liebe das Königtum — (ich habe Ludwig von Baiern gesehen) — außerdem werde ich als Poet eher bestochen von Taten der Treue, als von Taten der Freiheit, die minder Poetisch sind, da jene im dämmernden Gemüte, diese im mathematisch lichten Gedanken ihre Wurzel haben. Dennoch liebe ich die Schweizer mehr, als die Tiroler. Jene fühlen mehr die Würde der Persönlichkeit.

*

Albrecht Dürer, Das Schloss von Trient, 1495

Du willst wissen, lieber Leser, was diese närrischen Gedanken zu bedeuten haben, und ich muß Dir bei Deinem Eintritt in das sommerliche Italien noch nachträglich eine deutsche Geschichte erzählen, die an einem kalten Winterabende passiert ist, bei scharfem Nordwind und Schneegestöber. Aber das Gemach, worin sie passierte und worin ich mich mit Marien allein befand, war traulich und dämmernd, und der Kamin knisterte und flüsterte so voller Behagen. Sie saß am Flügel und spielte eine alte italienische Melodie. Ihr Haupt war niedergebeugt, und das Licht, das vor ihr stand, warf eine gar süßen auf ihre kleine Hand, jedes Grübchen, jedes Geäder der Hand, und unterdessen zogen die Töne so rührend und innig in mein Herz, und ich stand und träumte einen Traumvon unaussprechlicher Seligkeit. Und die Töne wurden immer siegend gewaltiger, dann wieder hinabschmelzend in besiegter Hingebung, ich starb, ich lebte, und starb wieder, Ewigkeiten rauschten an mir vorüber, und wie ich erwachte, stand sie milde vor mir und bat mich mit schaudernder Stimme, daß ich ihr die Ringe, die sie wegen des Klavierspiels abgelegt hatte, wieder an die Finger stecken möchte, und ich tat es und drückte ihre Hand an meine Lippen und …… warum, sprach ich, haben Sie mich gestern so hart behandelt? und sie antwortete: „Verzeihen Sie mir, ich war sehr unartig.“

Was ich Dir, lieber Leser, hier erzählt, das ist kein Ereignis von gestern und vorgestern, es ist eine uralte Geschichte, und Jahrtausende, viele Jahrtausende werden dahinrollen, ehe sie ihren Schluß erhält, einen guten Schluß. Wisse, die Zeit ist unendlich, aber die Dinge in dieser Zeit sind endlich; sie können zwar in die kleinsten Teilchen zerstieben, doch diese Teilchen, die Atome, haben ihre bestimmte Zahl, und bestimmt ist auch die Zahl der Gestalten, die sich, Gott selbst, aus ihnen hervorbilden; und wenn auch noch so lange Zeit darüber hingeht, so müssen, nach den ewigen Kombinationsgesetzen dieses ewigen Wiederholungsspieles, alle Gestalten, die auf dieser Erde schon gewesen, wieder zum Vorschein klmmen, sich wieder begegnen, anziehen, abstoßen, küssen verderben, vor wie nach. — Und so wird es einst geschehen, daß wieder ein Mann geborenwird, ganz wie ich, und ein Weib geboren wird, ganz wie Maria, nur daß hoffentlich der Kopf des Mannes etwas weniger Torheit, als jetzt der meinige, und das Herz des Weibes etwas mehr Liebe, als das ihrige enthalten mag, und in einem besseren Lande werden sich beide begegnen und lange betrachten, und das Weib wird endlich dem Manne die Hand reichen und mit weicher Stimme sprechen: „Verzeihen Sie mir, ich war sehr unartig.“

*

Albrecht Dürer, Trintperg. Der Dosso von Trient, 1495

Die Kleine mochte wohl bemerkt haben, daß ich, während sie sang und spielte, mehrmals nach ihrer Rose hingesehen, und sie lächelte mit schlauem Blick, als ich hernach ein nicht allzu kleines Geldstück auf den zinnernen Teller warf, womit sie ihr Honorar einsammelte.

Die Nacht war unterdessen hereingebrochen, und das Dunkel brachte Einheit in meine Gefühle. Die Straße wurde leer, und der Himmel füllte sich mit Sternen. Diese blickten herab so durftig, so keusch, so rein, daß mir selbst zu Mute wurde wie einem reinen Stern. Da nahte sich mir unversehens die kleine Harfenistin, und halb schüchtern, halb keck frug sie: ob ich ihre Rose haben wolle.

Ich war gestimmt wie ein reiner Stern, und ich antwortete Nein. Die Rose aber wurde bleich, das Mädchen errötete, aus der Harfe erklang ein leiser, ein einzelner Ton, so schmerzlich wie aus der Tiefe einer todwunden Seele — und ich hatte schon einmal diesen Ton gehört, eben so vorwurfsvoll. Eine traurige Erinnerung überschauerte mich plötzlich. Es war wieder die dämmernd braune Stube, die Lampe flimmerte wieder so ängstlich, ich hob die blau gesteifte Gardine von dem stillen Bette, küßte die Lippen der toten Maria, und aus ihrem Winkel ertönte von selber die verlassene Harfe, und es war derselbe Ton —

Erschrocken sprach ich zu der kleinen Harfenistin: Na, na! liebes Kind, gib mir deine Rose. Wenn sie auch schon zur Welklichkeit übergegangen und nicht mehr ganz so frisch duftet, und wenn auch eine Rose ohne Duft einem Weibe ohne Keuschheit zu vergleichen ist, so hat das doch nichts zu sagen bei einem Manne, der schon seit Jahren den Stockschnupfen hat.

Da lachte die Kleine und gab mir ihre Rose, und das geschah auf der Straße zu Trient, vor der Botega, der Albergo della Grande Europa gegenüber, im Angesicht von vielen tausend entdeckten und noch mehreren unentdeckten Sternen, die mir alle bezeugen müssen, daß die Geschichte nicht auf meinem Zimmer passiert und keine Allegorie ist.

Ja, denk dir nichts Böses, teurer Leser — die Sterne sahen so hell und keusch vom Himmel herab, und schienen mir so tief ins Herz. Im Herzen selbst aber zitterte die Erinnerung an die tote Maria. Ich hatte lange nicht an sie gedacht, und jetzt in Trient, wo ich eben den Fuß auf italienischen Boden gesetzt, tauchte ihr Bild, mit wundersamem Schauer, in meiner Seele wieder hervor, und es war mir, als als träte sie leibhaftig vor mich hin und spräche: „Warum haben Sie mich nicht mitgenommen nach Italien, wie Sie mir einst versprachen?“ — Liebes Kind, Sie sind ja tot, sprach ich träumend. — „Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten.“ — Aber wie kommen Sie hierher? Ich glaubte erst nach vielem Millionen Jahren das Vegnügen zu haben, Sie wieder zu sehen. Oder sind diese vielen Jahre schon verflossen? Gott, wie vergeht die Zeit! —

Ach nein, lieber Leser, es war nicht Maria selber, die im Dome gebeichtet; ich bin nicht so abergläubisch, als daß ich glauben könnte, die Toten stiegen aus den Gräbern, um die letzten geringen Liebessünden, die sie nicht einmal selbst verschuldet, abzubeichten. Auf jeden Fall aber ist es sonderbar, daß deutsche Liebe selbst dem vernünftigsten Menschen bis in Italien nachspukt, und daß ich eben, lieber Leser, gleich bei meiner Ankunft im warmen, blühenden Italien dir eine Geschichte erzählen muß, die an einem deutschen Winterabend passiert, wo kalter Nordwind im Schornstein pfiff und Schneegestöber an die Fenster schlug. Aber das Gemach, worin die Geschichte passiert und worin ich mich allein mit Maria befand, ach! da war es duftig warm, der Kamin flackerte traulich, dämmernde Blumenköpfe ragten aus blanken Vasen, nickende Heiligenbilder bedeckten die Wände, Maria aber saß am Flügel und spielte eine altitalienische Melodie. Ihr Haupt war niedergebeugt, das Licht, das vor ihr stand, warf einen gar süßen Schein auf ihre kleine Hand, und ich stand ihr gegenüber, betrachtete die bewegte Hand, jedes Grübhcne, jedes Geäder der Hand — Unterdessen zogen die Töne so warm und innig in mein Herz, ich stand und träumte einen Traum von unaussprech.icher Seligkeit, die Töne wurden immer siegend gewaltiger, dann und wann wieder hinab schmelzend in besiegter Hingebung, ich starb, ich lebte und starb wieder, Ewigkeiten rauschten vorüber, und als ich erwachte, stand sie milde vor mir und bat mich mit schaudernder Stimme, daß ich ihr die Ringe, die sie wegen des Klavierspielens abgelegt hatte, wieder an die Finger stecken möchte. Ich tat es, und sagte ihr ein Denkwort bei jedem Ring. Bei dem Rubinring sagte ich: Lieben Sie mich nur unbedingt; bei dem Saphir sagte ich: Sein Sie mir nur immer treu; bei dem Diamanten sagte ich: Sein Sie mir nur immer rein wie jetzt, und endlich drückte ich die ganze Hand an meine Lippen und sprach: Maria, warum sind Sie mir gestern im Konzerte beständig ausgewichen, und haben nie nach mir hingesehen? Und sie antwortete mit weicher Stimme: „Laßt uns gute Freunde sein.“

Was ich dir aber, lieber Leser, hier erzählt, das ist kein Ereignis von gestern und vorgestern, und Jahrtausende, viele tausend Jahrtausende werden dahin rollen, ehe sie ihren Schluß erhalten, einen gewiß guten Schluß! Denn wisse, die Zeit ist unendlich, aber die Dinge in dieser Zeit, die faßlichen Körper, sind endlich; sie können zwar in die kleinsten Teilchen zerstieben, doch diese Teilchen, die Atome, haben ihre bestimmte Zahl, und bestimmt ist auch die Zahl der Gestaltungen, die sich gottselbst aus ihnen hervor bilden; und wenn auch noch so lange Zeit darüber hingeht, so müssen doch, nach den ewigen Kombinationsgesetzen dieses ewigen Wiederholungsspiels, alle Gestaltungen, die auf dieser Erde schon gewesen sind, sich wieder begegnen, anziehen, abstoßen, küssen, verderben, vor wie nach. — Und so wird es einst geschehen, daß wieder ein Mann geboren wird, ganz wie ich, und ein Weib geboren wird, ganz wie Maria, nur daß hoffentlich der Kopf des Mannes etwas weniger Torheit enthalten mag, und in einem besseren Lande werden sie sich Beide begegnen, und sich lang betrachten, und das Weib wird endlich dem Manne die Hand reichen und mit weicher Stimme sprechen: „Laßt uns gute Freunde sein.“

Aber ach! es geht doch dabei viel Zeit verloren, dacht ich schon damals, als ich vor dem Bette stand, worauf die tote Maria lag, der schöne, blasse Leib, die sanften, stillen Lippen. Ich bat die alte Frau, die bei der Leiche wachen sollte, sich im Nebenzimmer schlafen zu legen, und mir unterdessen ihr Amt zu überlassen; denn es war schon über Mitternacht, und so eine alte Frau mit roten Augenlidern bedarf der Ruhe. Ich weiß nicht, was der Seitenblick bedeutete, den sie mir zuwarf, als sie zur Tür hinaus ging; aber ich erschrak darob im tiefsten Herzen. Die kleine Flamme der Lampe zitterte, die Nachtviolen, die auf dem Tische im Glase standen, dufteten immer ängstlicher —

Ich muß mich heut durchaus dazu bequemen, ein Materialist zu sein; denn sollte ich anfangen zu denken, daß die Toten nicht so viel Millionen Jahre nötig haben, ehe sie wieder kommen können, und daß sie uns schon in diesem Leben nachreisen, und daß es wirklich die tote Maria war, die im Dome zu Trient die letzte Sünde gebeichtet — Genug davon! ich will ein neu Kapitel anfangen und dir erzählen, was ich noch außerdem in Trient geträumt habe.

*

Albrecht Dürer, Ansicht von Trient vom Norden, 1495

Bilder: Albrecht Dürer: Erste Italienreise gen Venedig: seine drei überlieferten Ansichten vom Ort der Handlung Trient, 1495:

  1. Das Schloß von Trient, British Museum, London;
  2. Trintperg (Der Doss Triento bei Trient), Museum für Kunst und Landesgeschichte Hannover;
  3. Ansicht von Trient vom Norden, Kunsthalle Bremen, seit 1945 verschollen.

Soundtrack: Heilige Messe in der Cattedrale di San Vigilio zu Trient, 4. November 2012:

Bonus Track: Shakespears Sister: Hello (Turn Your Radio On), aus: Hormonally Yours, 1992. Das ist weder besonders südtirolerisch noch sonst gebirgig, noch heißt eine der Schwestern Maria — es lohnt sich aber, nach all den Jahren einmal dezidiert der Klavierstimme zuzuhören, und natürlich wie schon all die Jahre, der blasseren Schwester beim Bildschirmputzen zuzuschauen. Also bitte volle Lautstärke und wegen der üppigen Videodetails Vollbild:

And if I taste the honey, is it really sweet,
And do I eat it with my hands or with my feet?
Does anybody really listen when I speak,
Or will I have to say it all again next week?

Written by Wolf

1. November 2017 at 00:01

Nachtstück 0011: Weiß ich nur, wer ich bin

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Update zu Schwatzen nach der Welt Gebrauch
und Was tat der Eitele, ein Emo zu scheinen?:

——— Gotthold Ephraim Lessing:

Ich

Stammbuch, unterschrieben „Wittenberg den 11. Oct. 1752. Gotthold Ephraim Lessing.“ [23-jährig];
Erstdruck in: Obersächsische Provinzialblätter, 15. Band, Altenburg 1804:

Die Ehre hat mich nie gesucht;
Sie hätte mich auch nie gefunden.
Wählt man, in zugezählten Stunden,
Ein prächtig Feierkleid zur Flucht?

Auch Schätze hab ich nie begehrt.
Was hilft es sie auf kurzen Wegen
Für Diebe mehr als sich zu hegen,
Wo man das wenigste verzehrt?

Wie lange währts, so bin ich hin,
Und einer Nachwelt untern Füßen?
Was braucht sie wen sie tritt zu wissen?
Weiß ich nur wer ich bin.

Beim Erstdruck war Lessings Gedicht eingeleitet:

Er improvisirte oft (in Wittenberg) an geselligen Abenden in Versen, und schrieb stehenden Fußes seinen Freunden ein Andenken in die Bücher, wie es ihm eben die augenblickliche Stimmung aus der Seele lockte. Folgendes leichtmüthige Lebensgnomon gab er so in das Stammbuch eines seiner Wittenberger Universitätsbekannten (des verstorbenen OK. H. zu L. in Thüringen), welches Ich zur Aufschrift hat, und mit so äußerst flüchtigem Federzuge hingeworfen ist, daß man selbst einige Interpunctionszeichen vergessen oder unrichtig gesetzt findet (auch im 2. Verse der 2. Strophe das Wörtchen sie wie die gelesen werden kann, weil es ein s und d zugleich ist).

Reading Girl, Lomo LC-A, 9. April 2006

Weiß sie nur wer sie ist: Reading Girl, mit der Lomo LC-A, 9. April 2006;
Soundtrack: Polina Tschischik in Tom Waits: Watch Her Disappear aus: Alice, 2002:

Written by Wolf

6. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Vier letzte Dinge: Tod