Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Klassik’ Category

Flucht aus der gebornen Ruine

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Update zu Über den Kirchplatz mit Lancelot: Die namenlosen Religionen zu Coburg
und Wunder im Gehirn. Vier Bier und ein Buch de cerevisiis:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Verschollene Bücher gibt’s fast so viele wie Bücher, die überhaupt nicht geschrieben wurden. Dergleichen zu rekonstruieren, bleibt naturgemäß meistens Spekulation. Wie ich das überblicke, sammeln Englischsprachige viel fleißiger ihre Bücher, die es gar nicht gibt; jedenfalls ist die Wikipedia-Liste mit Lost works ein Vielfaches länger als die mit verschollenen Büchern. Im Idealfall läuft es wie bei Isle of the Cross von Herman Melville, das lange vor 2007 schon einmal von von dem engagierten Laien Stephen Scott Norsworthy in seinen Melvilliana als Umarbeitung zu Norfolk Isle and the Chola Widow, der Sketch Eighth aus The Encantadas verortet wurde: A Note on „Isle of the Cross“. Am 28. April 2018 bleibt Allison McNearney mit Bezug auf die Melville-Biographie von Hershel Parker, immerhin schon von 2012, in ihrer Verwunderung stecken, aber das immerhin dem breiten interessierten Publikum des Daily Beast gegenüber: Whatever Happened to the Book Herman Melville Wrote After ‚Moby-Dick‘? Von der Library of the Dreaming aus den Sandman-Comics — „a collection of every book that has ever been imagined–even if that book was never published or even written“, der mein Alter Ego Lucien vorsteht — fangen wir vorsichtshalber an dieser Stelle nicht an, sonst sind wir bis auf weiteres beschäftigt.

Frank Piontek, Literaturportal BayernDas Bewusstsein für verschollene Werke der Deutschsprachigen, die offenbar nicht vermissen, was sie sowieso nicht haben, beschränkt sich meist auf die gleich zwei Brände der Bibliothek von Alexandria, von denen keiner stattgefunden hat, und das halbherzige Bedauern darüber, dass hin und wieder ein umnachteter Schreiberling — wahrscheinlich aus Gründen — seine Tagebücher verbrennt; nur dass Adolf Hitler von seinem Plan zu einer Oper „Dietrich von Bern“ Wagnerianischen Stils, die wohl nicht flächendeckend herbeigeseht wird und in den unteren Schichten von Luciens Beständen im Dreaming schlummern müsste, dann doch noch abgerückt ist, mag rein vom Hitlerschen Zeitbudget her ein Unglück für die ganze Welt bedeuten.

Umso erfreulicher ist es, von einem still vor sich hin glimmenden Gelehrtenstreit darüber zu hören, dass die zwei ersten Bücher von Jean Paul — Die unsichtbare Loge bei Karl Matzdorff, Berlin 1793 und Hesperus oder 54 Hundposttage, wieder bei Karl Matzdorff, Berlin 1795, erweitert 1798, 3. Auflage 1819 — möglicherweise ein und dasselbe Buch sind.

Nun ist Jean Paul die unsichtbare Loge, ein ursprünglich dreibändig geplantes, heute etwa 500-seitiges Fragment, für das er noch bis zur letzten Auflage zu eigenen Lebzeiten 1825 den dritten Band als Abschluss ankündigte, nicht unversehens aus der Schreibtischplatte gewachsen; die notdürftig angeklebte Dreingabe des Schulmeisterlein Wutz zählt nicht. Vielmehr war der seinerzeit Dreißgjährige mit zwei Satirensammlungen Auswahl aus des Teufels Papieren von 1789 und Grönländische Prozesse von 1793 f. schon ein veröffentlichter Autor (und mit der Briefromanschnulze Abelard und Heloise von 1781 ein unveröffentlichter). Die Zählung der unsichtbaren Loge als Erstling hat sich spätestens seit 1959 verfestigt, will sagen: seit der nächst der historisch-kritischen ab 1927 größten und besten realistisch erreichbaren Gesamtausgabe von Norbert Miller und Walter Höllerer bei Hanser, weil die alles vor der unsichtbaren Loge zwar chronologisch, aber erst in einer zweiten Abteilung „Jugendwerke“ ab dem 7. Band bringt. Man kann das als willkürlich bemängeln oder gleich mir im Gebrauch der Zusammenstellungen recht handlich finden.

Gleich mit derselben Hanser-Ausgabe hat Walter Höllerer in seinem Nachwort zu Band 1, der die unsichtbare Loge und den Hesperus versammelt, den Gelehrtenstreit angezettelt. Zitiert wird Norbert Miller (Hrsg.): Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung. Mumien. in: Jean Paul: Sämtliche Werke. Abteilung I. Erster Band, Seite 7–469. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Lizenzausgabe 2000, Copyright Carl Hanser München Wien 1960, 5., korrigierte Auflage 1989, 1359 Seiten, mit einem Nachwort von Walter Höllerer (Seite 1313–1338), darin der Anfang Abschnitt II, Seite 1319:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Den Roman ‚Die unsichtbare Loge‘ bezeichnet Jean Paul 1825 in seiner „Entschuldigung bei den Lesern der sämtlichen Werke in Beziehung auf die unsichtbare Loge“ als eine „geborne Ruine“. In seiner Vorrede zur zweiten Auflage, 1821, versprach Jean Paul noch eine Beendigung des Fragments: Der Titel „soll etwas aussprechen, was sich auf eine verborgene Gesellschaft bezieht, die aber freilich so lange im Verborgenen bleibt, bis ich den dritten oder Schlußband an den Tag oder in die Welt bringe“. — Aus dieser versprochenen Fortsetzung wird nichts, und das das ist verständlich. Jean Paul brach seinen ersten Roman ab, um ihn, mit ähnlichem Vorwurf, aber mit neuen Aufbauplänen, mit schärferen Umrissen für die höfische Welt und die revolutionären Tendenzen und mit verbesserten stilistischen Mitteln noch einmal zu schreiben: in der Gestalt des ‚Hesperus‘! Ob er sich selber über diesen in der Literaturgeschichte einmaligen Vorgang ganz klar war, bleibt dahingestellt. Jedenfalls bewegten ihn Überlegungen in ähnlicher Richtung, als er in einem Begleitbrief zur ersten Niederschrift der ‚Unsichtbaren Loge‘ an Otto schreibt: „Übrigens ist dieses Pak ein corpus vile, an dem ich das Romanenmachen lernte; ich habe jetzt etwas besseres im Kopfe!“

Das geschieht merklich so beiläufig, dass es ein Versehen sein kann, zumal Höllerer mit Absicht wohl nicht ausgerechnet in einer abschließend gemeinten Gesamtausgabe einen Gelehrtenstreit aufgebracht hätte. Die gar nicht genug zu lobende Jean-Paul-Biographie von Günter de Bruyn Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter ist zuerst 1975 erschienen — zu Halle an der Saale, also DDR-Ware. Zumindest in der Überarbeitung für Fischer ab 1991 stützt sich de Bruyn außer auf die historisch-kritische auch auf die Hanser-Ausgabe, kennt also sehr wahrscheinlich Höllerers Nachwort. Falls nicht, kommt er jedenfalls auf die gleiche Idee, um sie höchst einfühlsam auszubreiten — nachstehend zitiert mit dem Eingriff noch einmal abgesetzter Primärzitate:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

——— Günter de Bruyn:

17. Revolution und Schlafmütze

aus: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Eine Biographie,
Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale, 1975,
Fischer Taschenbuch Verlag, 1991, 7. Auflage Dezember 2011, Seite 117 bis 119:

Auch das Fragmentarische des Romans scheint programmatisch. Sechs Romane wird er in seinem Leben schreiben, drei davon werden unvollendet bleiben. Als vom ersten, kurz vor Jean Pauls Tod, eine zweite Auflage gemacht wird, entschuldigt er sich beim Leser für diese „geborene Ruine“ mit Argumenten, die nur jemandem einfallen können, der ganz auf Realismus und Gegenwart eingeschworen ist und dem die Fabeln seiner Romane wenig bedeuten:

Wenn man nun fragt, warum ein Werk nicht vollendet worden, so ist es noch gut, wenn man nun nicht fragt, warum es angefangen. Welches Leben in der Welt sehen wir denn nicht unterbrochen? Und wenn wir uns beklagen, daß ein unvollendet gebliebener Roman uns gar nicht berichtet, was aus Kunzens zweiter Liebschaft und Elsens Verzweiflung darüber geworden, und wie sich Hans aus den Klauen des Landrichters und Faust aus den Klauen des Mephistopheles gerettet hat — so tröste man sich damit, daß der Mensch rundherum in seiner Gegenwart nichts sieht als Knoten, — und erst hinter seinem Grabe liegen die Auflösungen; — und die Weltgeschichte ist ihm ein unvollendeter Roman.

Nun sind bekanntlich Literatutheorien von Literaten meist nichts als Versuche, das, was man kann, als das auszugeben, was man will, und insofern vom Biographen zwar ernst, aber nicht als Wahrheit zu nehmen, was für die „Unsichtbare Loge“ bedeutet: Sie bleibt nicht unvollendet, weil Leben und Weltgeschichte es bleiben, sondern weil der Autor aus seinem ersten Roman in den zweiten, ähnlichen, flieht. Vielleicht kann er die Unzahl der Fäden, an die er die Lebensgeschichte seines Helden knüpfte, selbst nicht mehr entwirren, vielleicht erkennt er, daß die geplante Weiterführung seine Kräfte übersteigt. Gustav, der Hauptheld, sitzt im Gefängnis; er ist der Mitgliedschaft in der geheimnisvollen Loge angeklagt, von der der Leser nicht viel weiß. Durch die Welt, die Jean Paul kennt (die des kleinformatigen Fürstentums) und ein wenig darüber hinaus (die des Hofes), hat er den Leser geführt; die Erlebnisse, die er hatte (Freundschaft, die mit Tod endet, Liebe, Eifersucht, Unterdrückung, Unrecht, Naturschwärmerei), hat er ihn nacherleben lassen — jetzt merkt der Autor, wie er es besser machen kann. Statt eines schlechten Schlusses gibt er keinen, aber er gibt nicht auf: Er beginnt von vorn, versucht es noch einmal.

Im Februar 1792 schickt er, aus Schwarzenbach, dem Freund Christian Otto in Hof das Manuskript:

Endlich ist nach einem Jahr die konvulsivische Geburtszeit meines Romans vorbei … Wie ein Vieh hab ich dies Woche geschrieben — der Appetit ist längst fort, — je näher man dem Ende kömmt, desto krampfhafter schreibt man.

Kein Wort darüber, daß das Ende keins ist, daß Gustav ewig im Gefängnis schmachten muß. Statt dessen, im gleichen Brief, die Bemerkung, daß er an diesem Buch

das Romanmachen lernte: ich habe jetzt etwas bessers im Kopfe.

Den „Hesperus“ nämlich, der einen Schluß haben wird, wenn auch einen wie in Hast hingeschriebenen.

Aber da hat er schon zum drittenmal ausgeholt, noch weiter, noch größer und großartiger, zum „Titan„, und diesmal gelingt es.

Das Beste an diesem Erkenntnisgewinn ist die beruhigende Einsicht, dass man sich fortan nicht weiter zu genieren braucht, wenn man sich im Gang der Handlung der unsichtbaren Loge verheddert, um erst ganze Stunden lang immer wieder nur den einen Absatz zu lesen, ohne ein Wort zu verstehen, und dann gedemütigt das Buch „zu den anderen“ zu legen: Wenn selbst der eine, der es geschrieben hat, noch nach mehreren hundert Seiten entsetzt vor all der Wirrsal flieht, kann das keine Schande sein.

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Bilder: Stechbahn und Zimmerstraße in Berlin via Frank Piontek: Letzter Anhang. Schluss des Schlusses: Matzdorff oder Der Verleger, Literaturportal Bayern, 22. Dezember 2004;
Buch & Bier via derselbe: Heimstätten. Joditziana IV, Literaturportal Bayern, 26. Juni 2013.

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Soundtrack sei am Ende einer nicht mehr als zweigliedrigen Assoziationskette das Video, das zweimal gedreht werden musste: einmal 1998 von Anton Corbijn, einmal 1999 von James & Alex — das eine Mal nichtssagender als das andere, aber das Lied selbst muss ein Engel versprüht haben; deshalb hier mit dem dritten und inoffiziellen, aber einzigen Video, das etwas taugt: einer Fan-Arbeit, 2009 von Harriet Bennett im Stil von Watership Down:
Mercury Rev: Goddess on a Hiway aus: Deserter’s Songs, 1998:

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Written by Wolf

1. Juni 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind

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Update zu Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen):

Das letzte Wunderblatt ist ja auch schon gleich ein Jahr her (Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland), das letzte, für das die Kategorie überhaupt eingerichtet wurde (Wunderblatt 6: Die Reimer und die Dichter), vom November 2014; so weit kann gar kein Mensch im Kopf zurückrechnen.

Das hat den kühlen Grund, dass mir das einst zugerüstete Wunderblatt samt dem zugesellten Brutblatt mit einer Zielstrebigkeit eingegangen ist, die an Trotz grenzt, und wenn mir schon das madegassische Wüstenunkraut unter den Fingern verreckt, trau ich mich nicht mehr.

Kalanchoen, 28. April 2018

——— Hendrik Hölzemann:

Nichts bereuen

2002. Film-Drehbuch nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin Quabeck,
Regie: derselbe, Traumsequenz gesprochen von Sebastian Rüger:

Jaja, wir haben’s alle nicht leicht. Den ganzen Tag bist du nur von Abschaum umgeben. Es ist jeden Tag die gleiche Leier: Keiner ist es gewesen, keiner hat es gewollt, und wer ist schuld? Die Eltern, die anderen, der eisige Westwind. Und du bist also am Arsch, ja? Ich sag dir was, Junge: Die ganze Welt besteht nur noch aus Umfallern.

Kalanchoen, 28. April 2018Mythologisch heißt der Westwind Zephyr und steht für frühlingshaft feuchtes, den Saaten zuträgliches Wetter. Das Zitat aus NIchts bereuen wäre demnach mehr der Coolness denn der Mythologie verpflichtet, weil eher der Nordwind Boreas der Eisige von den Brüdern ist — was für so eine surreale Alptraumsequenz in Ordnung geht. In der orientalischen Poesie tritt der Westwind, im Falle des Divan nicht unerheblich, als Liebesbote auf.

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich herumgesprochen, dass Goethe weite Teile seines West-östlichen Divan, der ohnehin nie zu seinen Bestsellern zählte, von Marianne von Willemer übernommen hat. Mit dieser schönen Müllerin des Jahrgangs 1784 — das sind 35 Jahre jünger als Herr Geheimrat — verband ihn eine Brieffreundschaft, die nach einem gemeinsam verbrachten Sommer ihre erotische Komponente nicht mehr ganz abschütteln konnte. Der Briefwechsel umfasst auch eine Art Poesie-Ping-Pong, dessen Dialogspiele dem Dichterfürsten vor allem für das Buch Suleika im Divan mit eher vorsichtigen Retuschen recht zupass kamen.

1815 waren noch nicht die Kalanchoen pinnata und daigremontiana die Goethepflanzen, vielmehr verglich Goethe seine Person noch mit dem Ginkgo biloba, siehe sein Gedicht Gingo biloba — am 15. September 1815 eben an Marianne von Willemer gerichtet, von der er nach der Sommerfrische noch kaum getrennt war:

Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?

Die lyrischen Spielzüge fielen sehr dicht in diesem September 1815: Mariannes Gedicht an den Ostwind, schon von 23. September, war nicht die erste direkte Antwort darauf, und am 25. d. M. schrieb sie schon ihr Gedicht an den Westwind in erster Fassung.

Das direkte Vorbild dafür war der Vierzeiler Vierzeiler von Hafis, an dessen erste deutsche Übersetzung (Joseph von Hammer, 1813) sie heranzuführen Goethe den Sommer lang sicher ausreichend Zeit gefunden hatte:

Ostwind sag‘, ich bitte dich, ihm ganz heimlich die Kunde
Hundertfache Zung‘ spreche den Herzensbrand aus,
Sprich es nicht traurig, um ihn nicht auch zur Trauer zu stimmen,
Sage zwar das Wort, aber du sag’s mit Bedacht.

Kalanchoen, 28. April 2018Und das ist jetzt interessant, wie ein altarabischer Vierzeiler unter Mariannens Händen zu fünf Schenkenstrophen heranwächst, ohne dass man auf Anhieb zu sagen wüsste, wo genau der Zuwachs an Beduetung liegt — was gar nicht gegen Frau von Willemer spricht, allenfalls für Hafis — abgesehen allein davon, dass sie Hafis‘ Original, das den Ostwind anspricht, an den Westwind umgewidmet hat, wahrscheinlich weil bei ihr der Ostwind ja erst vorgestern dran war.

So historisch jung die Begriffe des Urheber- und Autorenrechts sind, hätte Goethe bei der zielgerichteten Unverfrorenheit, mit der er eine verheiratete Frau unter den Augen ihres Ehemannes und des Neben-Hausfreundes als liebende Suleika gegenüber seiner eigenen Rolle als schmachtender Liebhaber verhaftete, wenigstens als Mitautorin benennen müssen — nicht als Frage eines wie auch immer aufgefassten Anstands, sondern der Pflicht, weil es nicht mehr um eine „Volksliedbearbeitung“ geht wie beim Heideröslein, das er dankbar seinem Freund Herder abgenommen hatte.

Umso mehr, als man nicht damit allein steht, wenn man Goethes Endfassung gelungen finden will: Der treue Eckermann meint 1824 in Beyträge zur Poesie, mit besonderer Hinweisung auf Goethe, Seite 278 f.:

Ist der Geist eines Gedichts frisch wie die anwehende Morgenluft, so ist es auch der Klang der Sprache:

Einer sitzt auch wohl gestängelt
Auf den Ästen der Zypresse,
Wo der laue Wind ihn gängelt
Bis zu Thaues luft’ger Nässe.

Solche Musterstellen geben uns eine Idee, wie der Character des Geistes bis auf Wort und Klang ausgeprägt werden müsse. Aber so etwas muß sich wie von selbst machen, die Leichtigkeit und Natur der Verse muß nicht darunter leiden, das Streben nach solcher Vollkommenheit muß nicht in Künsteley ausarten; vielmehr muß auch hier die Kusnt so erscheinen, daß sie kaum als Kunst bemerkt werde.

Auch bey Goethen finden wir solche Stellen nur selten, er scheint nie danach gestrebt zu haben.

In folgendem schönen Gedicht finden wir den milden Character durch und durch in Bewegung und Worten: […]

Kalanchoen, 28. April 2018Woraufhin Eckermann „Ach! um deine feuchten Schwingen“ Suleika anführt — also das Gedicht der Willemer mit den zarten Retuschen für den Divan: Eckermann, der Goethes Leben und Werk so unmittelbar und tiefgehend kannte wie sonst niemand, hielt diesen milden Character für eine genuine Goethe-Schöpfung. Der Meister selbst kannte die Beyträge zur Poesie von 1824 schon 1823 im Manuskript. Seine Entschuldigung an Frau Willemer lautete — unter der schon wieder genügend unverfrorenen Überschrift Auf ein in Liebe und Dichtung wetteiferndes Paar am 18. Oktober 1823:

Myrt‘ und Lorbeer hatten sich verbunden;
Mögen sie vielleicht getrennt erscheinen,
Wollen sie, gedenkend sel’ger Stunden,
Hoffnungsvoll sich abermals vereinen.

Sein Unrechtsbewusstsein scheint ein zu vernachlässigendes. Brieflich setzt er am 9. Mai 1824 sogar noch einen drauf:

Als ich des guten Eckermanns Büchlein aufschlug, fiel mir S. 279 zuerst in die Augen; wie oft hab ich nicht das Lied singen hören, wie oft dessen Lob vernommen und in der Stille mir lächelnd angeeignet, was denn auch wohl im schönsten Sinne mein eigen genannt werden durfte.

Lassen wir also mit unserem heutigen Wissen die Leistung für das schöne Stück, vor denen der West-östliche Divan, mit Verlaub, nicht gerade überquillt, bei Marianne von Willemer. Was Goethe hinzugefügt hat, ist in der Summe ein verschwindendes Maß: Als tiefsten Eingriff geht es um die Überschrift „Suleika“ — die gleiche wie für die meisten Rollengedichte innerhalb des Suleika Nameh auch.

——— Marianne von Willemer:

Westwind

26. September 1815:

Ach, um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide,
Denn du kannst ihm Kunde bringen,
Was ich in der Trennung leide.

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bei deinem Hauch in Thränen.

Doch dein mildes, sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt ich vergehen,
Hofft ich nicht zu sehn ihn wieder.

Gehe denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen,
Doch vermeid, ihn zu betrüben
Und verschweig ihm meine Schmerzen.

Sag ihm nur, doch sags bescheiden,
Seine Liebe sei mein Leben,
Freudiges Gefühl von beiden
Wird mir seine Nähe geben.

——— Goethe:

Suleika

aus: West-östlicher Divan, ab 1819, Seite 166:

Ach! um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide:
Denn du kannst ihm Kunde bringen
Was ich in der Trennung leide.

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bey deinem Hauch in Thränen.

Doch dein mildes sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt‘ ich vergehen,
Hofft‘ ich nicht zu sehn ihn wieder.

Eile denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen;
Doch vermeid‘ ihn zu betrüben
Und verbirg ihm meine Schmerzen.

Sag‘ ihm, aber sag’s bescheiden:
Seine Liebe sey mein Leben,
Freudiges Gefühl von beyden
Wird mir seine Nähe geben.

Das Bildmaterial dokumentiert meinen zweiten Versuch der Kalanchoenzucht auf dem Stand vom 28. April 2018, bevor mir die Dinger wie 2014 wieder in sich zusammensacken.

Kalanchoen, 28. April 2018

Lied an den Westwind: Claudio Monteverdi: Zefiro torna, 1632,
in der lustigsten Einspielung von F# Portraits, 2013:

Written by Wolf

18. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)

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Update zu Leise retardierende, ungläubig fragende Zurücknahme der Meldung
und Nun könnte ich nach Hause gehen: Hoffmanns Bamberger Wirklichkeit
und verschollene Klaviersonaten
:

——— Goethe:

Lesebuch

aus: Uschk Nameh — Buch der Liebe, West-östlicher Divan, 1819 ff.:

Seite aus Beethovens Handexemplar von Goethes West-östlichem Divan mit eigenhändigen AnstreichungenWunderlichstes Buch der Bücher
Ist das Buch der Liebe;
Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen:
Wenig Blätter Freuden,
Ganze Hefte Leiden,
Einen Abschnitt macht die Trennung.
Wiedersehn! ein klein Capitel
Fragmentarisch. Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos, ohne Maß.
O! Nisami! – doch am Ende
Hast den rechten Weg gefunden;
Unauflösliches wer löst es?
Liebende sich wieder findend.

Gustav Seibt, der bei der Süddeutschen Zeitung für den angestaubten Goethekram zuständig ist und dessen Schaffen als Historiker, Literaturkritiker, Essayist und Journalist quasi ein einziges Habe-nun-Ach darstellt, hatte unlängst, am 10. März, Geburtstag, wie man in Facebook, dem sozialen Medium für angestaubte Sozialmediävisten, bemerken konnte, sofern man dort mit ihm „befreundet“ ist.

Als Geschenk erhielt er — wünschen wir ihm, nicht als einziges — eine „Seite aus Beethovens Handexemplar von Goethes West-östlichem Divan mit eigenhändigen Anstreichungen“ und bemerkte dazu am folgenden 11. d. M.:

Interessant, dass Beethoven als Wiener nicht die kostbare Antiqua-Ausgabe verwendet, auf die Goethe so viel Mühe verwandte, sondern den billigen Frakturnachdruck des Hauses Armbruster. Urheberrecht! Die Antiqua-Erstausgabe war noch um 1910 lieferbar – nicht ausverkauft. Wie damals Hofmannsthal bekannt machte, was zum raschen Ausverkauf führte. So viel zu Popularität des späten Goethe.

Das extemporiert der Mann einfach so, als Dankeschön für ein digitales Geburtstagsgeschenk. Wer das kann, ist meiner Bewunderung auf ewig sicher (und darf sich soviel Schokolade davon kaufen, wie er kriegen kann). — Schauen wir für unseren Laiengebrauch einmal die Fakten nach.

Die „kostbare Antiqua-Ausgabe„, auf der Goethes herausgeberische Hand offenbar höchstselbst ruhte, stammt von 1819, dem Jahr, das überall als Ersterscheinung seines Divans angegegen wird, in seinem Stammverlag J. G. Cotta in Stuttgart; der „Frakturnachdruck des Hauses Armbruster“ schon 1820 in Beethovens Wien.

Beethoven wird sich also, seinem „Handexemplar“ nach zu schließen, ab 1820 mehr oder weniger eingehend mit dem Divan beschäftigt haben. Die heute wohl wertsteigernde „eigenhändige Anstreichung“ besteht aus nonverbalen Satzzeichen und liest sich wie ein einziges modernes „WTF„. Genau hingelesen, kann man wohl jeden gut verstehen, der sich von solchem Gewölk nur die Billigausgabe leisten will, und dem sich nicht ohne weiteres erschließen mag, wieso ausgerechnet sich wiederfindende Liebende unauflösliche Dinge lösen können sollten.

Was Beethovens Biographie anbelangt, ist 1820 zuallererst das Jahr, in dem er die Missa solemnis über seinen drei letzten Klaviersonaten opera 109, 110 und 111 verschleppte. Im weiteren Verlauf hat er sich offenbar lieber nicht auf Goethes, sondern Schillers Seite geschlagen, den er 1824 in seiner neunten und letzten Symphonie geradezu als posthumen Mitarbeiter heranzog.

Die Schauspielmusik zu Egmont war schon opus 84 von 1809, das einzige persönliche Treffen 1812, Meeresstille und glückliche Fahrt, opus 112 von 1815 und diverse Goethe-Lieder, die seinerzeit zum guten Ton der meisten Komponisten gehörten, größtenteils noch vorher: Maigesang opus 52,4; Marmotte opus 52,7; Erlkönig WoO 131; Sehnsucht (Mignons Lied, vier Vertonungen) WoO 134 als opus 83,2; Kennst du das Land opus 75,1; Neue Liebe, neues Leben (zwei Fassungen) opus 75,2; Aus Goethes Faust (Flohlied) opus 75,3; Wonne der Wehmut (zwei Fassungen) opus 83,1; Mit einem gemalten Band opus 83,3; Freudvoll und leidvoll opus 84,4; Bundeslied opus 122 und als einziges erst von 1825.

Eustache Le Sueur, Allégorie de la poésie, ca. 1640--1642Als Hugo von Hofmannsthals „Bekanntmachungen“ kommen mindestens zwei Aufsätze in Frage:

  • Über den ‚West-östlichen Diwan‘, in: Neue Freie Presse, Nr. 17721, Wien, Donnerstag, 25. Dezember 1913, Seite 126–127, und
  • Goethes ‚West-östlicher Divan‘, in: Das Inselschiff. Eine Zeitschrift für die Freunde des Insel-Verlages. Zweiter Jahrgang. Sechstes Heft, Insel-Verlag Leipzig, August 1921, Seite 275 bis 280.

Das war alles gegoogelt. Was einem einer wie Gustav Seibt darüber hinaus in Fakten- und Transferwissen entwickeln könnte, ist überhaupt nicht zu ermessen. Wie Goethe in seinem Uschk Nameh beschreibt, was ja in all dem Gewölk schon wieder schön klingt:

Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos, ohne Maß.

Bilder: Elias Torra via Facebook, 10. März 2018;
Eustache Le Sueur: Allégorie de la poésie, ca. 1640–1642, via Books and Art:

The painting was found to have hung at the celebrated Hôtel Lambert in the 18th century, and was likely commissioned directly from Le Sueur by the Lambert family to decorate their residence.

Soundtrack: Dietrich Fischer-Dieskau & Jörg Demus: Beethoven: Aus Goethes Faust, opus 75, 1810:

Bonus Track (WTF??!!!): 2Cellos: Whole Lotta Love vs. Beethoven 5th Symphony, 2016:

Written by Wolf

6. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Nachtstück 0014: Nun kommt der Frühling (Daß ich weine!)

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Update zu Zwetschgenzeit (Du bist gemeint),
Grabesdunstwitterlich,
Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg
und Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht!
O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!
:

Helmut Sembdner, der nachzuweisen versucht hat, daß Kleist der Autor dieses Scherzrätsels ist, hat das Gedicht in seinem Aufsatz „Neuentdeckte Schriften Heinrich von Kleists“ als „anspruchslosen Lückenbüßer“ bezeichnet und dieses Verdikt auch im Stellenkommentar seiner Ausgabe wiederholt, wo es nun wirklich nichts verloren hat.

Walter Hettche: Die journalistische Funktion der Gedichte
in Kleists „Berliner Abendblättern“
, 26. Oktober 2011.

——— Heinrich von Kleist:

Kleine Gelegenheitsgedichte

aus: Phöbus, September/Oktober 1808:

Jünglingsklage

Winter, so weichst du,
Lieblicher Greis,
Der die Gefühle
Ruhigt zu Eis.
Nun unter Frühlings
Üppigem Hauch
Schmelzen die Ströme –
Busen, du auch!

Mädchenrätsel

Träumt er zur Erde, wen
Sagt mir, wen meint er?
Schwillt ihm die Träne, was,
Götter, was weint er?
Bebt er, ihr Schwestern, was,
Redet, erschrickt ihn?
Jauchzt er, o Himmel, was
Ists, was beglückt ihn?

Katharina von Frankreich

(als der schwarze Prinz
um sie warb)

Man sollt ihm Maine und Anjou
Übergeben.
Was weiß ich, was er alles
Mocht erstreben.
Und jetzt begehrt er nichts mehr,
Als die eine –
Ihr Menschen, eine Brust her,
Daß ich weine!

Alex & Erwan in La fille renne, Intimity, Proximity, Januar, 12. März 2015

Floris Neusüss, Schrankpaar, 1959

Noir Division, Va-t'en, 6. April 2017

Jünglingsklage

1808, nach verschollener Handschrift
in: Wilhelm Neumann (Hrsg.): Die Musen. Norddeutsche Zeitschrift, 1814, ohne Überschrift:

Zero Focus, Self Portrait. 44 Irving St. Cambridge, Massachusetts, 1971Winter so weichst du,
Pfleger der Welt
Der die Gefühle
Ruhig erhält.
Nun kommt der Frühling,
Thymianhauch,
Nachtigallnlauben,
Wehmut, du auch!

Bilder:

  1. Alex & Erwan in: La fille renne: Intimity/Proximity, Januar/12. März 2015:

    This new photographic project plays with different variations of intimity and proximity. The intimity of someone alone or his intimacy with another people, the proximity between two people or with the photographer, which is like a intrusion. The intimity is warped by the presence of the photographer, but it’s the game.

  2. Floris Neusüss: Schrankpaar, 1959;
  3. Noir Division: Va-t’en, 6. April 2017;
  4. Susan Meiselas: Self Portrait. 44 Irving St. Cambridge, Massachusetts, 1971,
    via Zero Focus, 21. Januar 2018.

Soundtrack: Elastica: Stutter, 1993, aus: Elastica, 1995:

Written by Wolf

1. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Wunder im Gehirn. Vier Bier und ein Buch de cerevisiis

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Update zu Das Beste sind die Kartoffeln und
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

Das Elend mit der Hanserschen Jean-Paul-Gesamtausgabe von Norbert Miller mit den Kommentaren von Walter Höllerer ist ja, dass die Herren die Nahrungsmittel nicht erklären. Nun war es am 21. März auch schon wieder fünf Jahre her, dass Jean Paul 250 Jahre alt wurde. Der Mann ist also jetzt 255 und kann gewiss einige Hilfe gebrauchen, auch beim Feiern. Selber werd ich bald zarte 50 und vertrag schon nix mehr.

——— Jean Paul:

Die unsichtbare Loge.
Eine Lebensbeschreibung.
Mumien

Karl Matzdorffs Buchhandlung, Berlin 1793,
aus: Zweiter Sektor oder Ausschnitt: Ahnen-Preiskurant des Ahnen-Grossierers – der Beschäler und Adelbrief:

Darauf fußte der Urgroßvater, der ihm sein Adeldiplom abzufluchen und abzubetteln suchte, um es für sein eignes auszugeben: „Denn wer Teufel weiß es,“ sagte er, „dir hilft es nichts, und ich heft‘ es an meines.“ Ja der Ahnen-Kompilator, der Urgroßvater, wollte christlich handeln und bot dem Roß- und Ahnentäuscher für den Brief einen unnatürlich schönen Beschäler an, einen solchen Großsultan und Ehevogt eines benachbarten Roß-Harems, wie man noch wenige gesehen. Aber der Stammhalter drehte langsam den Kopf hin und her und sagte kalt „ich mag nicht“ und trank Zerbster Flaschenbier. Da er ein paar Gläser von Quedlinburger Gose bloß versucht hatte, fing er schon an, über das Ansinnen zu fluchen und zu wettern; was schon etwas versprach. Da er etwas Königslutterischen Duckstein, denk‘ ich, daraufgesetzt hatte (denn Falkenberg hatte einen ganzen Meibomium de cerevisiis, nämlich seine Biere, auf dem Lager): so ging er gar mit einigen Gründen seines Abschlagens hervor, und die Hoffnung wuchs sehr.

Als er endlich den Breslauer Scheps im Glase oder in seinem Kopfe so schön milchen fand: so befahl er, das Luder von einem elenden Beschäler in den Hof zu führen – – und da er ihn etwa zwei- oder dreimal mochte haben springen sehen: so gab er dem Urgroßvater die Hand und zugleich die 128 Ahnen darin.

Auf so engem Raum so viel zu trinken. Man merkt, dass Jean Paul fränkische Kneipen gewohnt war, und sein bevorzugtes „bitteres, braunes [Bayreuther] Bier“ (brieflich) ist noch nicht einmal dabei (historisch möglich wäre Becher-Bräu). Für die tiefreichende Tradition des Brauereigewerbes spricht, dass so zufällig wie beiläufig erwähnte Biersorten in einer fiktiven Biographie aus dem 18. Jahrhundert noch anno 2018 florieren.

  1. Zerbster Flaschenbier:

    ——— Alt-Zerbst: Das Zerbster Bier:

    Den Hunger stillt die Brägenwurst;
    Das Bitterbier, es löscht den Durst.

    In den Zerbster Bitterbierstuben, welche meist Fleischerei und Gastwirtschaft miteinander vereinten, konnte man einem nur schwer wiederstehen:

    die nach Zwiebeln riechende köstliche und ziemlich fette Zerbster Brägenwurst!

    Das Zerbster Bitterbier war wohl der bekannteste Exportschlager seit dem Mittelalter den Zerbst zu bieten hatte.

    Bereits 1375 hatten sich schon die Brauer zu einer Innung zusammen geschlossen.

    Der letzte bekannte Brauort des beliebten Bieres war die Ratsbrauerei (später Friedrichs) auf der Schleibank.

    Zerbster Scherzfrage

    Nenne ein ehemaliges Zerbster Erzeugnis, in dem jeder in dem Wort enthaltene Buchstabe zweimal vertreten ist???

    „Bitterbier“

    Prosit aus Zerbst

    ~~~\~~~~~~~/~~~

  2. Quedlinburger Gose:

    ——— Gose: Geschichte der Gose:

    Unbestätigten Überlieferungen zufolge soll der römisch-deutsche König und spätere Kaiser Otto III. bereits um das Jahr 1000 ein Liebhaber der Gose gewesen sein, die er bei Besuchen seiner Schwester Adelheid im Stift Quedlinburg trank.

    ~~~\~~~~~~~/~~~

  3. Königslutterisches Duckstein:

    Duckstein Bier Beschreibung 1723Duckstein Bier ist mir persönlich bekannt, weil das die Donaldisten gern auf ihren Zusammenkünften — Kongresse, Zwischenzeremonien, Mairennen und, wenn’s geht, den Stammtischen — verwenden. Natürlich wegen des Namens, aber der Stoff ist auch sonst uneingeschränkt zu empfehlen. Er schmeckt, sagen wir, diamanten. Glauben Sie mir, die Jungs — es sind eher wenige Mädels — verstehen zu leben. Auf der Bierseite erfahren wir von den Brauern und Mälzern selbst:

    ——— Duckstein Bier: Markenwelt. Tradition:

    Die Geschichte von Duckstein beginnt in der Domstadt Königslutter am Elm. Das hier gebraute Bier wurde zunächst „Luttersches Bier“ genannt, aber nach und nach setzte sich der Name „Duckstein“ durch, der sich von „Tuffstein“ ableitet, der mächtigen Kalksinterschicht, auf der die Stadt erbaut ist.

    Urkundliche Erwähnung fand Duckstein erstmalig in einem Gildebrief aus dem Jahre 1640. Innerhalb kürzester Zeit schaffte es die Bierspezialität in die besten Kreise: 1713 galt es als das Lieblingsbier des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. und fand im berühmten Tabakkollegium zahlreiche Liebhaber.

    Bald darauf erfreute sich das rotblonde Bier auch überregional immer größerer Beliebtheit. Kein Wunder! Denn früher wie heute wird ein Duckstein nur mit erlesenen Zutaten gebraut und besitzt einen unvergleichbaren Geschmack.

    ——— Duckstein (Bier): Geschichte des Duckstein-Biers:

    Duckstein-Bier wurde seit dem 17. Jahrhundert in Königslutter am Elm von bis zu 73 berechtigten Brauhäusern in der Stadt als obergäriges Weizenbier gebraut. Das Bier war von gelblicher Farbe, schmeckte süßlich und soll gegen vielerlei Krankheiten gut gewesen sein. Zutaten waren Weizen, etwas Hopfen und das Wasser des Baches Lutter, der mitten durch Königslutter fließt. Das harte Wasser der naheliegenden Lutter-Quelle am Elm eignete sich zum Brauen dieses Bieres besonders wegen seines hohen Mineralstoffgehaltes (Calcium- und Hydrogencarbonat). Der Bach entspringt dem größtenteils aus Kalkgestein aufgebauten Höhenzug Elm und schied im Bachbett in jüngeren geologischen Zeiten Kalktuff (Travertin) ab. Das gesteinsähnliche Material wird auch als „Duckstein“ bezeichnet und gab der Biermarke den Namen. […]

    Das heute unter der Marke Duckstein angebotene Bier wird nicht mehr in Königslutter gebraut.

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  4. Breslauer Scheps:

    ———- Kölner Bierhistoriker e. V.:
    … auf den Spuren (fast) vergessener Bierrezepturen und Brautraditionen …:

    Breslauer Scheps

    Einleitung

    Das Breslauer (weiße) „Scheps“ oder vielfach auch „Schöps“ geschrieben, war vermutlich ein nicht-saurer Weizenbock. Der Name bedeutet vermutlich „kastriertes Hausschaf“, also Hammel, vom slawischen Lehnwort „skopez“ stammend. Es wurde auch „toller Wrangel“ oder lateinisch „Cerevisia Uratislaviensis“ genannt. Von Julius Ludwig Gumbinnen (1846) wird es zu den böhmischen und obersächsischen Bieren gezählt.

    Gedichte

    Scheps steiget ins Gesicht,
    braucht keine Leiter nicht;
    Er sitzet in der Stirn,
    wirkt Wunder im Gehirn.

    Sie brauchen keinen welschen Wein,
    nichts von Bacharach am Rhein,
    Ihren Hals zu netzen,
    auch nichts vom Kretenser Saft,
    Schöps kann schon mit seiner Kraft
    sie genug ergötzen.
    Hier zu Bressel in der Stadt
    dieser Trunk den Ursprung hat.
    Von drei guten Sachen:
    Hopfensamen, Weizengetreid,
    wohl Wasser abgebräut,
    solch Getränke machen.

    Rezepte

    >>> Die Seite wird aktuell überarbeitet <<<

    Literatur

    Annemüller, Gerolf; Manger, Hans J.; Lietz, Peter: Die Berliner Weiße. Ein Stück Berliner Geschichte. 1. Aufl. Berlin: VLB Berlin, 2008

    Gumbinnen, Julius Ludwig: Handbuch der praktischen Bierbrauerei. 2. Band, Stuhr’sche Buchhandlung Berlin, 1846, unveränderter Nachdruck

    ——— Die Breslauer Bier-Legende: Über die Schöps-Biere:

    Was ist über den „Breslauer Schöps“ im Wesentlichen zu sagen?

    Eindeutig belegt sind zwei obergärige Varianten.

    Das ist einmal der „Schwarze Schöps“, welcher den sogenannte „Ur-Schöps“ darstellt, also die Variante die zuerst gebraut wurde und die auch für die Namensgebung verantwortlich ist.

    In allen Beschreibungen und Überlieferungen wird deutlich, daß es sich hierbei um ein dunkles, starkes, sowie nahrhaftes und sehr süffiges Weizenbier handelte, das aufgrund seiner Eigenschaften sehr beliebt war und wegen dieser Tatsachen von den damaligen Ärzten auch gerne als unterstützende Maßnahme beim Heilungsprozess mitverordnet wurde. Schon aus den verschiedenen Beschreibungen ist zu erkennen, daß es wohl vom Stammwürzegehalt höher, dehalb alkoholhaltiger und somit auch restzuckerhaltiger (deswegen süßer) und somit auch süffiger war, als andere Biere. Und süffigere Biere hatten schon immer den Vorteil, daß sie von der Mehrheit des Publikums bevozugt wurden. Deshalb wohl auch der große Erfolg des „Schwarzen Schöps“ über Jahrhunderte hinweg. All dieses und natürlich die Braukunst der Breslauer Brauer haben letztlich zur Erfolgsgeschichte des „Schöps“ beigetragen.

    Später, im 18. Jahrhundert, kam dann auch der „Weiße Schöps“ (ein helles Hefeweizen mit ähnlichen Eigenschaften wie der „Schwarze Schöps“) auf, der alsbald aber dem „Schwarzen Schöps“ den Rang ablief. Das lag wohl an der damaligen Zeit und dem sich damals geänderten Geschmack des Publikums, welches, wie anderswo auch, halt immer mehr zum „Weissbier“ tendierte. Und auch diese helle Schöps-Variante war überaus erfolgreich und wurde von den Breslauer Kretschmern (Hausbrauern) bis ins 19. Jahrhundert hinein gebraut und geschänkt, während sich die normalen Brauereien schon früher vom Schöps lossagten und immer mehr untergäriges Braunbier nach „Münchner Art“ herstellten.

    Und auch dieses wurde noch lange Zeit „Schöps“ genannt, woraus zu schließen ist, daß der Name „Schöps“ irgendwann schlechthin als Synonym für gute Schlesische Biere, insbesondere für solche aus Breslau benutzt wurde.

    Bevor der „Schöps“ aufkam dominierte das „Schweidnitzer Bier“ in Breslau und in Schlesien, wurde aber dann vom „Breslauer Schöps“ verdrängt. Manchmal wird auch vom „Schweidnitzer Schöps“ gesprochen, was aber so nicht richtig ist. In diesem Fall steht „Schöps“ lediglich für „gut und beliebt“. Die Schweidnitzer wollten trotzdem noch einmal an die Hoch-Zeit ihrer Biere anknüpfen und nannten ihr Gebräu zeitweise wohl auch „Schöps“. Weil es aber nie die Qualität und Beliebtheit des „Breslauer Schöps“ erlangte, wurde es von der Bevölkerung spottenderweise nur „Stähr“ (Widder) genannt. […]

    ~~~\~~~~~~~/~~~

Fatal Women, 7. Oktober 2017Soweit war ich, als ich bemerkte, wie viel mehr Spaß es macht, über Bier zu reden, als nach Bildern davon zu suchen: Bier als — siehe oben — traditionsreiche Einrichtung entspringt sozialen und kommunikativen Bedürfnissen. Daher begreift es als seinen Job, von echten Leuten getrunken, nicht abgebildet zu werden. In den Geschichten der echten Leute fortzuleben, scheint ihm in Ordnung. Jean Paul kannte mehr als die vier gerade abgehandelten Biersorten, hat von allen gern erzählt und mehr als einmal seinen Wohnort nach seinen liebsten ausgesucht. Nicht auszudenken, was er von den heute üblichen zu Tode ausgeleuchteten Bildern von Bier gehalten hätte. Ebenso beiläufig wie das Bier erwähnt er das Fachbuch dazu:

Falkenbergs Meibomium de cerevisiis ist Johann Heinrich Meibom (1590 bis 1655): laut Kommentar der Gesamtausgabe von Walter Höllerer: Librum de vino et cerevisiis, posthum erschienen; anderweitig nachweisbar — in Pierer’s Universal-Lexikon und Johann Traugott Leberecht Danz: Versuch einer allgemeinen Geschichte der menschlichen Nahrungsmittel, Band 1 — als: De Cerevisiis poibusque et inebriaminibus extra vinum aliis, Helmstedt 1668.

Ein 125 Jahre altes Buch über Wein und Bier, das noch gilt. Ein lateinisches. Nein, da muss man sich heute auch nicht verschroben dabei vorkommen, einen 255. Geburtstag zu feiern. Falls gerade kein Becher-Bräu zur Hand ist, wäre wohl extrabitteres Pils passend oder alles aus Franken. Damit kann man nichts falsch machen.

Bilder: Das Zerbster Bier; Duckstein Bier; Fatal Women, 7. Oktober 2017.

Soundtrack, weil mir bei der bloßen Erwähnung der Stadt Zerbst unweigerlich Insterburg & Co. einfallen, und von denen ihr unsterbliches Meisterwerk Ich liebte ein Mädchen, aus: Laßt uns unsern Apfelbaum und andere brandneue Ladenhüter, 1970, als Single erst 1974 ein Hit, das ich mal zur Klampfe auswendig hersingen konnte:

Ich liebte ein Mädchen in Meißen,
die tat mir die Hose zerreißen,
ich liebte ein Mädchen im schönen Zerbst,
da hielt die Hose bis zum Herbst.

Wie schön, nach so vielen Jahren mal wieder das Lied aufzusuchen, um zu erfahren, dass es einen Extended Remix von 1995 gibt. In dem Zerbst gar nicht mehr vorkommt. Irgendwas ist ja immer:

Written by Wolf

23. März 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

So singet laut den Pillalu (Och orro orro ollalu)

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Seit Herder einen Begriff von der Volksmusik und kurz darauf Goethe einen Begriff von der Weltliteratur gefunden, erläutert und mit Inhalten gefüllt haben, ist die Freude über neu kennen gelernte Lieder fremder Völker groß. Vielleicht das Dankenswerteste, was Goethe je geleistet hat, aber das diskutieren wir ein andermal.

Eliza H. Trotter, Lady Caroline Lamb, ca. 1811--1814Immerhin trieb die Sammlerfreude den jungen Goethe in Herders Gefolge ins Elsass, den alten dazu, aktuelle Romane zu lesen, die ihm absehbar nicht gefallen konnten. Zum Beispiel: Glenarvon von Lady Caroline Lamb, Viscountess Melbourn, 1816 — der abrechnende Schlüsselroman einer Geliebten über Lord Byron, den Goethe wiederum sehr wohl mochte.

Aber Goethe war auch nicht geradezu von Byron besessen, wurde nicht aufgrund etwelcher Affären mit ihm von seiner Frau verlassen, und er starb auch nicht nach Ausstoß einiger Schauerromane mit 42 Jahren an Suff, multiplem Drogenmissbrauch und Folgebeschwerden der Erotomanie. Vielmehr sah Goethe über diese ganze Verwicklung menschlicher Tragödien und literarischer Ressentiments, von denen er laut den Tag- und Jahresheften von 1817 wusste, großzügig darüber hinweg, dass es in Glenarvon überhaupt Parteien für ihn zu ergreifen gab: Der Roman erschien, weil von weiblicher Hand verfasst, wie üblich anonym, und

sollte uns über manches Liebesabenteuer desselben [Lord Byrons] Aufschlüsse geben; allein das voluminöse Werk war an Interesse seiner Masse nicht gleich, es wiederholte sich in Situationen, besonders in unerträglichen; man mußte ihm einen gewissen Werth zugestehen, den man aber mit mehr Freude bekannt hätte, wenn er uns in zwei mäßigen Bänden wäre dargereicht worden.

Laut allen heutigen Quellen ist Glenarvon nicht in zwei, sondern sogar drei Bänden erschienen, die Goethe nicht zwingend zu Ende gelesen haben muss. Aber es ist gut, wie es ist, denn gleich anfangs des ersten Bandes findet sich ein Keening, das ist: das Klagelied über das verstorbene Kind des Gutsherrn über das lyrische Ich, das hier ein „lyrisches Wir“ ist, das Goethe umgehend in sein Tagebuch übersetzen musste.

Mathias Mayer scheint für seinen Beitrag zur Frankfurter Anthologie: Johann Wolfgang Goethe: „Klaggesang. Irisch“ in der FAZ vom 26. November 2017, wie es nahe liegt und auch von mir empfohlen wird, die richtige Goethe-Ausgabe benutzt zu haben — nämlich die, mit der man am meisten inhaltlischen Spaß hat: die Frankfurter. In derselben kommt Goethes Klaggesang. Irisch gleich zweimal vor: einmal innerhalb der Gedichte, einmal in einem Band, den man meistens nur in größeren Präsenzbibliiotheken erreicht: Hans-Georg Dewitz, Hrsg.: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band 12: Bezüge nach außen. Übersetzungen II. Bearbeitungen, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999. Den will sich privat niemand leisten, die Gedichte in zwei Bänden, hrsg. Karl Eibl schon eher; die gibt’s gerne als Doppelpack für 15 Euro im Modernen Antiquariat und bietet mehr und erhellenderen Kommentar als alle anderen.

Worauf ich hinauswollte: Frankfurter Anthologie wie Frankfurter Augabe — jedenfalls Eibls Gedichtkommentar — merken sachte missbilligend Goethes Umgang mit der Übersetzung von Ortsnamen an — siehe unten die Gegenüberstellung, spezielles Augenmerk auf die sechste Strophe. Aus eigener Übersetzertätigkeit heraus finde ich Goethes Lösung durchaus zulässig: Um einen fremden bis fremdartigen Text möglichst weitreichend deutschen Lesern zu vermitteln, kann es höchst sinnvoll sein, Orte bei ihrer verallgemeinernden Bezeichnung statt bei ihrem Toponym zu nennen.

Wenn ich allerdings selbst die Texte mit ihrem Sekundärmaterial vergleiche, fällt mir viel eher auf: Irisch ist mitnichten Schottisch, auch nicht in ihren alten Vorstufen, trivialer Schauerroman hin oder her. Sind Keltologen anwesend, die Freude daran haben, Old Goethe samt seinen Exegeten bei Unsauberkeiten zu ertappen, und etwas Kluges beisteuern können?

Thomas Philliops, Lady Caroline Lamb, ca. 1813Die Übersetzung als „Klaggesang“ war von Goethe wirklich als Lied im Sinne von musikalischer Aufführung gemeint und wurde auch unmittelbar so eingerichtet: von Carl Friedrich Zelter. Der mit Goethe befreundete Komponist erklärt brieflich am 8. Januar 1819 dazu:

Hier erfolgt denn auch der Pillalu in den ich mich leichter gefunden habe als ich Anfangs dachte, wie Du an der Musik merken wirst. Doch wünschte ich etwas von Dir darüber zu vernehmen, da es eine ganz leichte Melodie ist. Es ist eigentlich ein Todtenmarsch: Harfen, Posaunen und gedämpfte Pauken (großer Art) gehören dazu. Der Refrain wird vom Chore, jung und alt, in Unisono gesungen.

In der zweyten Strophe habe ich, einer Doppelsylbe wegen, eine Veränderung gemacht und in der letzten Zeile der letzten Strophe die Worte umgestellt, des Accentes wegen. Ist es Dir so nicht recht, so laß mich’s wissen und ich richte es ein wie es gehn will.

Man wird sich geeinigt haben; es ist ja schon zurvorkommend von einem Künstler, sich so ausdrücklich nach der Arbeit eines Kollegen in einem anderen Medium richten zu wollen. Noch am 16. Juni 1827 erinnerte sich Zelter an Goethe, wieder brieflich:

Das Altschottisch ist ein prächtiges Stück; dem Metro nach ganz behandlich; der Ton des Ganzen möchte nicht so leicht gefunden seyn. Es ist ganz eigen damit, sogar Deine eigene Handschrift ist mir dabey von Bedeutung. Ein Aehnliches ward mir mit dem Pillalu, der wenn ich nicht ganz irre ganz gelungen ist, indem ich so glücklich war auf diese Art den rechten Trauerton des Todtenmarsches zu finden, dessen Metrum mir im Kopfe umher schritt. Man hat von solcher Arbeit hinterher keinen Begriff und doch, wie wüßte man denn ob’s getroffen ist wenn es kein Bild dafür gäbe? Im Pillalu seh‘ ich den ganzen Zug an mir vorüberschreiten.

Heute ist diese 1819er Zelter-Vertonung leider nur noch theoretisch dokumentiert, praktisch nicht — was auf derzeitigem Stand der Technik heißt: weder in YouTube, Vimeo noch Dailymotion vorhanden. Das ist sehr schade, denn die bildliche Vorstellung einer Gruppe mutiger, für die kunstsinnige Zusammenkunft im Salon zurechtgemachter junger Frauen, die sich im Wohnzimmer neben dem Piano zusammenstellen und im Chor „jung und alt, in Unisono“ und auf Küchenterz mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit „Och orro orro ollalu“ singen, die bildliche Vorstellung, sagte ich, hat Größe.

——— Lady Caroline Lamb:

Glenarvon

in three volumes. Published by Henry Colburn, London 1816, Chapter V., Schluss:

The tenants and peasantry were, according to ancient custom, admitted to sing the song of sorrow over the body of the child: but no hired mourners were required on this occasion; for the hearts of all deeply shared in the affliction of their master’s house, and wept, in bitter woe, the untimely loss of their infant Lord. — It was thus they sung, ever repeating the same monotonous and melancholy strain.

Oh loudly sing the Pillalu,
     And many a tear of sorrow shed;
Och orro, orro, Olalu;
     Mourn, for the master’s child is dead,

At morn, along the eastern sky.
     We marked an owl, with heavy wing;
At eve, we heard the benshees cry;
     And now the song of death we sing;
Och orro, orro, Olalu.

Ah! wherefore, wherefore would ye die;
     Why would ye leave your parents dear:
Why leave your sorrowing kinsmen here,
     Nor listen to your people’s cry!

How will thy mother bear to part
     With one so tender, fair, and sweet!
Thou wast the jewel of her heart,
     The pulse, the life that made it beat.

How sad it is to leave her boy.
     That tender flow’ret all alone:
To see no more his face of joy,
     And soothe no more his infant moan!

But see along the mountain’s side.
     And by the pleasant banks of Larney,
Straight o’er the plains, and woodlands wide,
     By Castle Brae, and Lock Macharney;

See how the sorrowing neighbours throng,
     With haggard looks and faultering breath;
And as they slowly wind along,
     They sing the mournful song of death!

O loudly sing the Pillalu,
     And many a tear of sorrow shed;
Och orro, orro, Olalu!
     Mourn, for the master’s child is dead.

Thus singing, they approached the castle, and thus, amidst cries and lamentations, was Sidney Albert, Marquis of Delaval, borne for ever from its gates, and entombed with his ancestors in the vault of the ancient church, which, for many hundred years, had received beneath its pavement the successive generations of the family of Altamonte. Heart-felt tears, more honourable to the dead than all the grandeur which his rank demanded, were shed over his untimely grave; while a long mourning and entire seclusion from the world, proved that the sorrow thus felt was not momentary, but lasting as the cause which had occasioned it was great.

——— Goethe:

Klaggesang.

Irisch.

entstanden 22. Oktober 1817 im Tagebuch, zitiert nach der Erstveröffentlichung in: Kunst und Alterthum, Band IV, 1823, Seite 108 bis 110:

So singet laut den Pillalu
Zu mancher Thräne Sorg‘ und Noth:
Och orro orro ollalu,
O weh des Herren Kind ist todt!

Zu Morgen, als es tagen wollt‘,
Die Eule kam vorbey geschwingt,
Rohrdommel Abends tönt im Rohr.
Ihr nun die Todtensänge singt:
     Och orro orro ollalu.

Und sterben du? warum, warum,
Verlassen deiner Eltern Lieb‘?
Verwandten Stammes weiten Kreis?
Den Schrey des Volkes hörst du nicht:
     Och orro orro ollalu.

Und scheiden soll die Mutter, wie,
Von ihrem Liebchen schön und süß?
Warst du nicht ihres Herzens Herz,
Der Puls der ihm das Leben gab?
     Och orro orro ollalu.

Den Knaben läßt sie weg von sich,
Der bleibt und wes’t für sich allein,
Das Frohgesicht, sie sieht’s nicht mehr;
Sie saugt nicht mehr den Jugendhauch.

Och orro orro ollalu.

Da sehet hin an Berg und Steg,
Den Uferkreis am reinen See,
Von Waldesecke, Saatenland,
Bis nah heran zu Schloß und Wall
     Och orro orro ollalu.

Die Jammer-Nachbarn dringen her,
Mit hohlem Blick und Athem schwer;
Sie halten an und schlängeln fort
Und singen Tod im Todtenwort
     Och orro orro ollalu.

So singet laut den Pillalu
Und weinet, was ihr weinen wollt!
Och orro orro ollalu,
Des Herren einziger Sohn ist fort.

Special thanks an Hank für sein Tag und Nacht waches Auge.

Eliza H. Trotter, Lady Caroline Lamb, ca. 1811--1814

Bilder: Sir Thomas Lawrence: Portrait of Lady Caroline Lamb, ca. 1805;
Thomas Phillips: Lady Caroline Lamb, ca. 1813,
via Making History Tart & Titillating: Lady Caro Crops Her Hair;
Eliza H. Trotter: Lady Caroline Lamb, ca. 1811–1814, National Portrait Gallery, London.

Soundtrack: Ossian: Oidhche Mhath Leibh, aus: Ossian, 1977:

Written by Wolf

23. Februar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Geburtstagsgewinnspiel (geschlossen): Warum ich?

with 10 comments

Nein, nicht mein Geburtstag. Der von Goethe, der merkt sich leichter: Am kommenden Montag, den 28. August, werden Exzellenz 268.

Der zuständige Buchhandel feiert derart krumme Sachen nicht; wir schon. Nachdem ich ja nie müde werde, den 150.-Todestag-Wälzer Unser Goethe. Ein Lesebuch der nationalheiligen Gaudifachkräfte Eckhard Henscheid und F. W. Bernstein bei Diogenes 1982 zu empfehlen, aber sich noch nie jemand für mich merklich diesen Gegenstand ins Haus geholt hat, verlose ich den jetzt. Und zwar gleich dreimal.

3mal Unser Goethe

Wer eine dieser drei in Jahrzehnten nicht versiegenden (hey: 1158 Seiten!) Quellen der Lebensfreude haben will, schreibt mir bitte in den Kommentar, warum ich ihm — oder natürlich ihr — so eine schenken soll. Wir reden hier von top erhaltenen Hardcovers, ungelesen, ohne Anstreichungen, Eselsohren oder dergleichen, mit sauberen Schutzumschlägen, noch nicht mal auf dem Schnitt als „Preisreduziertes Mängelexemplar“ (gibt’s den Spruch eigentlich als T-Shirt …?) gestempelt und allemal als Geschenk für die ganze Familie geeignet, für das man nicht mit diesem typischen säuerlich-mitleidigen Lächeln angeschaut wird. Die Originalausgabe bei Diogenes ist die Originalausgabe, die zwei Lizenzausgaben bei Zweitausendeins haben Lesebändchen. Kurz: Ich muss einen Sprung haben, das auf Zuruf zu verschenken.

Bei dem zu erwartenden Ansturm verteile ich zusätzlich weheklag-affine Sachen, die ich gerne in gebildeten Haushalten wissen will — zum Beispiel eine einwandfrei erhaltene dreibändige Auswahlausgabe Lessing bei dtv, sogar noch im Schuber, das Beethoven-Violinkonzert mit Anne-Sophie Mutter unter Vater Karajan 1980 und eine sehr alte Live-Aufnahme vom Gounod-Faust mit dem original belassenen Radiorauschen und Tonbandleiern, wie wär’s? — und bei dem reichlich vorhandenen Dotationsmaterial muss ich das Losverfahren nicht komplizierter machen. Die Kommentarfunktion da unten steht freundlichen Menschen wie immer weit offen.

Übrigens bin ich ein denkbar schlichtes Gemüt und leicht zu beeinflussen durch gute Laune, gereimte Gedichte (vor allem welche mit siebenzeiligen Strophen), hübsche Mädchen (vor allem rothaarige und große blonde), eine gewisse Brillanz im Ausdruck und bestimmt noch einigen Sachen, die mir bloß nicht ständig einfallen.

Wer will — und warum? Sagen Sie’s mir ab sofort bis nächste Woche, 1. September 2017, 23.59 Uhr, so lange muss reichen für die Feierlichkeiten. Bei überhand nehmenden Ansprüchen entscheidet über die Gewinne ein ergreifend barfüßiges Halbwaisenmädchen, dem einfach niemand widersprechen kann. Am besten meine Frau.

Eine Versandadresse werde ich brauchen, das Porto für eine Büchersendung geht auf mich. Dies ist meine persönliche Privatveranstaltung, die allein meiner selbstherrlichen Willkür unterliegt; von einem Rechtsweg kann darob keine Rede sein.

3mal Unser Goethe

Fachliteratur:

Moritz von Schwind, Die Geburt Goethes, 1844

Buidln:

Soundtrack: Angemessenerweise die bezaubernde Hilary Hahn, wie sie dem noch nicht abgedankten, dafür entgegen aller Feuerschutzbestimmungen mitten im Fluchtweg herumthronenden Papst Ratzinger zum 80. Geburtstag Mozarts drittes Violinkonzert G-Dur, KV 216 von 1775 aufgeigt, was nach einer einfachen Rechnung am 16. April 2007 (und einer noch einfacheren Google-Anfrage nach in der Aula Paolo VI im Vatikan) vorgefallen sein muss. — „Wenn es ein Wunder in Mozarts Schaffen gibt, so ist es die Entstehung dieses Konzertes.“ (Alfred Einstein, 1945):

Written by Wolf

25. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik