Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Blumenstück 007: Das Blümchen, das dem Tal entblüht (wenn Krampf dir durch die Nerven glüht)

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Update zu Blumenstück 005: Versprich du es auch:

Welchen Wert legen eigentlich die Verstorbenen auf Geschenke zu ihren Gedenktagen? Naturgemäß fällt ihnen deren Annahme schwer, sosehr manche Leute, an die man sich forterinnert, ein Geschenk verdient hätten: Sie haben genug gelitten. Es geht um Heinrich von Kleist, geboren nach eigener Angabe 10. oder laut Kirchenbuch 18. Oktober 1777 zu Frankfurt an der Oder — und 21. November 1811 erweiterter Selbstmord am Stolper Loch.

Von mir bekommt er zum unrunden Gbeurtstag nur seine eigene Mehrfachverwertung: 1808 ging das folgende Gedicht von Kleist an seine „liebe treffliche Freundlin“ (cit. Kleist, 18. November 1811) Sophie von Haza, ein Jahr später — wohl als eine Art Dokumentation eines Gelegenheitsgedichts — in sein Kunstjournal Phöbus, 203 Jahre später am 26. d. M. als Gedicht des Monats März 2011 vom Haus der deutschen Sprache an jeden, der es wissen will, heute müsste der Verfasser Kleist selber damit leben, wenn er nicht seit 210 Jahren am Kleinen Wannsee ruhte.

——— Heinrich von Kleist:

An S. v. H.

(als sie die Camille besungen wissen wollte.)

Albumblatt, Dresden 1808,
Druck in: Phöbus. Ein Journal für die Kunst. Erster Jahrgang. Neuntes und Zehntes Stück,
im Verlage der Waltherschen Hofbuchhandlung, Dresden, September und October 1808, Seite 89:

Das Blümchen, das, dem Thal entblüht,
Dir Ruhe giebt und Stille,
Wenn Krampf dir durch die Nerve glüht,
Das nennst du die Camille.

Du, die, wenn Krampf das Herz umstrikt,
O Freundin, aus der Fülle
Der Brust, mir so viel Stärkung schickt,
Du bist mir die Camille.

H. v. K.

Jean-Baptiste Greuze, La simplicité, 1759Die Gelegenheit zu diesem Einzelblatt — ausschließlich posthum als Faksimile im Jahrbuch der Kleist-Gesellschaft 1927/1928 erhalten — berichtet Sophiens Tochter Johanna von Haza am 26. November 1816 brieflich an Ludwig Tieck:

Hat Ihnen meine Mutter, ein Gedicht „an die Kamille“ und das „an den König“ geschickt, das für seinen im Frühjahr 1809 erwarteten Einzug bestimmt war? Beides waren nur Gelegenheitsgedichte, aber wie alles von ihm doch von Bedeutung; er dichtete das erste für meine Mutter, die sich einst über die Dichter beklagte, welche alle Blumen nur die Kamille nicht besängen, die doch denen so heilsam sey die, wie sie, an Krämpfen litten Ihr und meiner kleinen Person zu Ehren, wurden sie denn nebst den Vergißmeinnicht und Veilchen im Traum des Käthchen erwähnt.

Frau von Haza kolportiert hier die Gedichtüberschriften ungenau, was wir ihr ebenso formlos nachsehen wollen, wie sie sich äußert. Interessant ist ihr Verweis auf einen „Traum des Käthchen“ — in welchem eine Kamillenblume bei Kleist zum zweiten Mal als ausdrücklicher Gefallen für die ältere Frau von Haza vorkommt.

Stimmt und wird bis heute zahlreich aufgeführt. Heinrich von Kleist, Das Käthchen von Heilbronn, 1810, vierter Akt, zweiter Auftritt:

Graf vom Strahl. Wo bist du denn, mein Herzchen? Sag mir an.

Käthchen.
Auf einer schönen grünen Wiese bin ich,
Wo Alles bunt und voller Blumen ist.

Graf vom Strahl. Ach, die Vergißmeinnicht! Ach, die Kamillen!

Käthchen. Und hier die Veilchen; schau! ein ganzer Busch.

Brust, die so viel Stärkung schickt: Jean-Baptiste Greuze: La Simplicité, 1759,
Öl auf Leinwand, 71,1 cm auf 59,7 cm, Kimbell Art Museum, via Gartenbuch.

Soundtrack: Blitzen Trapper: Furr, aus: Furr, 2008:

Written by Wolf

22. Oktober 2021 at 00:01

Der brennende Schmerz schwand und die Wunde ward heil

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Update zu Das Beste sind die Kartoffeln:

Die „wohl bedeutendste Privatsammlung zu Jean Paul“ ist laut Eigenauskunft das Jean-Paul-Museum der Stadt Bayreuth, eröffnet 1980, erweitert 1994 und vollständig neu gestaltet anlässlich des 250. Geburtstags 2013. Mein Exemplar des Katalogs der dortigen ständigen Ausstellung stammt von 2000, lange vor der Wiedereröffnung — was nützlicher ist gar kein Exemplar, weil das Bayreuther Museum im Gegensatz zum kleineren in Joditz — laut Eigenauskunft „das ‚jeanpaulste‘ aller Museen für den Dichter“ — keine eigene Webpräsenz als eine Unterseite innerhalb bayreuth-tourismus.de hat. Dafür bringt Joditz das entschieden bessere Bildmaterial, das deshalb etwas unpassender Weise hier verwendet wird.

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

Anno 2000 führt besagter Katalog ohne Abbildung das Exponat eines Buches von Justus Friedrich Zehelein: Vermischte Gedichte, 1789. Seite 21 unten, über den Museumssaal 4: Die Reise nach Weimar. 1796. Die Titaniden.:

Der Justizamtmann aus Neustadt am Kulm hat seine Gedichte „in Commission“ erscheinen lassen. Das Gedicht „Bienenstich“ hieraus hat sich der oft in Bayreuth bei seinen Nichten und Jean Paul weilende Karl Ludwig von Knebel abgeschrieben und in Weimar Goethe gezeigt. Durch dessen Abschrift ist es schließlich moduliert in die Nachgelassenen Gedichte der „Sophien-Ausgabe“ geraten.

Kindlich enttäuscht war ich bei der Recherche allein darüber, dass ein Gedicht namens „Bienenstich“ tatsächlich von einem wörtlich verstandenen Insektenstich und nicht von Kuchen handelte. Wie zum Trost steht es in beiden Versionen im Versmaß des Distichons, was es umso erstaunlicher macht, dass es metrisch als Lied funktioniert.

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

——— Justus Friedrich Zehelein:

Der Bienenstich.

in: Vermischte Gedichte von Just. Friedrich Zehelein,
Baireuth, im Verlag der Zeitungsdrukerei und in Kommission bei J. A. Lübecks Erben, 1789, Seite 226:

Als ich, Sami! mit Dir Blumen jüngst brach in dem Garten
Da verwundete heiß, mir ein Bienchen die Hand,

Und Du riethest mir weise, mit Erde zu kühlen die Wunde
Und der brennende Schmerz schwand und die Wunde ward heil.

Sami! wird auch die Wunde, die in dem Herzen mir blutet,
Dann erst gekühlet und heil, wenn sie die Erde bedekt?

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

Die in dem Katalog erwähnten Modulationen seitens Knebel — oder, später in Weimar, Goethe — betreffen die Überschrift und die Umstellung von der Ich-Form auf die 3. Person:

——— Johann Wolfgang Goethe:

An Sami

Indisches Gedicht

in: Sophienausgabe, Erste Abtheilung, Band 5, Hermann Böhlau, Weimar 1893, Seite 49:

Als er, Sami, mit dir jüngst Blumen brach in dem Garten,
Stach ihn ein Bienchen, und heiß schmerzte die blutende Hand.
Weise rietest du ihm mit Erde zu kühlen die Wunde,
Und der brennende Schmerz schwand, und die Wunde ward heil.
Sami, wird auch die Wunde, die in dem Herzen ihm blutet,
Dann erst gekühlet und heil, wenn sie die Erde bedeckt?

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

An Vertonungen sind bekannt: eine von Johann Xaver Sterkel, eine von Carl Blum, 1818
und eine von Carl Loewe, aus: 3 Gedichte, opus 104 Nr. 2, 1844,
samt deren Einspielung mit Elisabeth Schwarzkopf, Klavier Michael Raucheisen, ca. 1941–1943:

Bilder: Jean-Paul Museum Joditz: Impressionen:

Eberhard Schmidt, Bilder wurden teilweise von Besuchern zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

Bonus Track: David Olney & Anana Kaye: My Favorite Goodbye, aus: Whispers and Sighs, 2021:

Written by Wolf

24. September 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Klassik

Die Mütter sind es! Mütter!

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Update zu Untergehn mit Faust und Maus und Ach! schrei’n (Typisch deutsch!)
und Was hilft euch Schönheit, junges Blut?:

Den Müttern! Trifft’s mich immer wie ein Schlag!
Was ist das Wort das ich nicht hören mag?

Faust (schaudernd), Finstere Gallerie.

Wer zu den Müttern sich gewagt
Hat weiter nichts zu überstehen.

Homunculus, Classische Walpurgisnacht. Pharsalische Felder, Finserniß.

Als ich lange vor meiner notwendigen sittlichen Reife, im Alter von etwa zwölf Jahren, zum ersten Mal im Faust las, verliebte ich mich umgehend in den ersten Teil, weil er sich so schön reimte, der zweite Teil verschließt sich mir bis heute so hermetisch wie allen anderen Leuten auch.

Evelyn De Morgan, Helen of Troy, 1898Am auffälligsten erschien dem Welpen, der ich einst war, der Begriff der „Mütter“, zu denen Faust aus Gründen, die weder ein Zwölf- noch ein 24- noch 120-Jähriger ohne weiteres einzusehen vermag, „hinabsteigen“ muss. Aus dem schieren Wort, das von Assoziationen, nun ja: schwanger ist wie wenige andere, erheben sich umgehend Fragen wie: Warum gleich mehrere Mütter? Wie viele genau? Warum sind sie irgendwo unten? Doch nicht etwa in der Hölle? Und wenn, dann als Insassinnen oder als ein verschobener Verwandtschaftsgrad von des Teufels Großmüttern? Wer sind ihre Kinder?

Es sind drei, in Goethes eigenwilliger Auslegung griechischer Mythologie vermutlich Rhea, Demeter und Persephone. Sie sind die Weltenmütter, zu denen Faust sich gleichwie in sein Unterbewusstsein begeben muss, um den magischen Schlüssel dafür zu beschaffen, den kaiserlichen Hofstaat, nachdem er ihn materiell bereichert hat, auch noch durch die Vorführung der Schönen Helena persönlich samt ihrem Prinzen Paris zu amüsieren. Das gehört zu den wenigen Dingen, die sein dienstbarer Geist Mephisto ihm nicht unmittelbar leisten kann, worin eine mystisch umwaberte, aber eindeutige Kapitalismuskritik liegt. Entgegen der Erwartung an eine so tiefgreifende Unternehmung nimmt Faustens Gang zu den Müttern keinen ganzen Akt ein, sondern ist in wenigen Dialogwechseln teichoskopisch abgehandelt, was auch das spärliche Illustrationsmaterial dazu erklärt. Beruhigender Weise orientieren sich bisherige Interpretationen sehr viel eher an den Orphikern als an Ödipus.

Am tiefschürfendsten erfahren wir in der anthroposophischen Wikipdia, was Faust als Sprachrohr von Goethe unter „Müttern“ versteht, und finden eine thematisch früher einsetzende, wenngleich erst zwei Jahre spätere Erklärung für Rudolf Steiners Vortrag übers Reich derselben: aus dem Vortrag Faust und die Mütter, gehalten am 2. November 1917 in Dornach, nach einer szenischen Darstellung aus „Faust II“: „Finstere Galerie“, „Am Kaiserhof“:

Persönlich ist Goethe dieses ganze Verhältnis zu den Müttern vor die Seele getreten aus der Lektüre des Plutarch. Plutarch, der griechische Schriftsteller, den Goethe gelesen hat, spricht von den Müttern. Insbesondere eine Szene im Plutarch scheint auf Goethe dem Gemüte nach einen tiefen Eindruck gemacht zu haben: Die Römer sind mit den Karthagern im Kriege. Nikias ist römisch gesinnt, und er will die Stadt Engyion den Karthagern entreißen. Er soll an die Karthager deshalb ausgeliefert werden. Da stellt er sich wahnsinnig und läuft auf den Straßen herum und ruft: Die Mütter, die Mütter verfolgen mich! – Sie sehen daraus, daß in der Zeit, von der Plutarch spricht, man diese Verwandtschaft der Mütter nicht mit dem gewöhnlichen sinnlichen Verstände, sondern mit einem Zustand des Menschen, wo dieser sinnliche Verstand nicht da ist, in Zusammenhang bringt. Zweifellos hat alles dasjenige, was Goethe im Plutarch gelesen hat, ihm die Anregung gegeben, den Ausdruck, die Idee der Mütter einzuführen in den Faust.

Fachliteratur ist außer Rudolf Steiner, diesmal kmit tiefenpsycholgischem Ansatz, Simone Ehrhardt: Die Rolle der Mütter in Goethes Faust I ünd II, Magister-Abschlussprüfung (8 Seiten) an der Uni Mannheim 2000, Fassung von 2017. Die Coverage über die Mütter aus Faust II bildet der Absatz:

Der Gang zu den Müttern

Das nächste bedeutende Erlebnis ist Fausts Gang zu den Müttern. (Davor wird er durch besagte negative Mutter, die zu ihrer Tochter redet, noch einmal mit dem konfrontiert, was seine ursprüngliche Einschätzung Gretes war.) Der Gang zu den Müttern führt ihn auf eine Ebene, wohin Mephisto ihm nicht folgen kann. Der Anlass dafür ist, Helena zu finden, die Frau, die er schon im Spiegel gesehen hat und die in seinem Inneren wohnt. Der Gang zu den Müttern ist also ein Versinken in sein Unterbewusstsein. Wenn man Wilhelm Resenhöffts Argumentation folgt, der in Mephisto die Verkörperung des Faustschen Verstandes sieht, dann ist klar, warum Mephisto nicht dorthin kommen kann. Der Verstand kann dem Unter-bewusstsein nicht begegnen, das wäre paradox.

Faust begegnet bei den Müttern dem Urbild der Mutter, der Weiblichkeit, dem Weiblichen in sich selbst und stellt sich dem zum ersten Mal gewollt. Was er dort bzw. dadurch lernt, ist, dass es des Männlichen und des Weiblichen bedarf, um Leben zu schaffen (symbolisch dargestellt durch den Schlüssel und den Dreifuß) – ein Motiv, das später in Bezug auf Homunculus wiederholt wird.

Faust schafft es, Helena und Paris erscheinen zu lassen, aber das krampfhafte Festhaltenwollen an Helena lässt alles in Rauch aufgehen und Faust in einer Ohnmacht versinken. Wollte man Freud bemühen, könnte man auch sagen, dass Faust hier das Bild von Mutter und Vater erstehen lässt, durch seinen Vernichtungswunsch dem gleichgeschlechtlichen Rivalen gegenüber aber alles zerstört. In Helena könnte man das idealisierte Bild von Fausts Mutter sehen, in seiner Verbindung mit ihr denrealisierten Wunsch des Sohnes der Mutter gegenüber. Da dies aber vom Über-Ich verboten ist, kann diese Verbindung keinen Bestand haben.

Ich mache mir Rudolf Steiners Ansichten nicht zu eigen. Rein zur Dokumentation zitiere ich aus seiner gesamten Vortragsreihe, dem Band II aus Das Faust-Problem. Die romantische und die klassische Walpurgisnacht. Geisteswissenschaftliche Erläuterungen zu Goethes „Faust“. Zwölf Vorträge, gehalten in Dornach vom 30. September 1916 bis 19. Januar 1919, ein öffentlicher Vortrag in Prag am 12. Juni 1918 ungekürzt:

——— Rudolf Steiner:

Das Reich der Mütter. Die Mater gloriosa

Vortrag über Kunst, Reihe Faust, der strebende Mensch,
Dornach, 16. August 1915:

Blicken wir zurück in eine frühere Szene des zweiten Teiles von Goethes «Faust», in die Szene, die ich in manchem Zusammenhange schon öfters erwähnt habe, wo es Faust möglich gemacht werden soll, mit Helena sich zu vereinigen. Wie wird innerhalb der ganzen Faust-Dichtung diese Möglichkeit der Vereinigung des Faust mit Helena dargestellt?

Franz Xaver Simm, Helena 1899 via GoethezeitportalWir wissen, daß Faust sich zunächst, um die Vereinigung mit der Helena vollziehen zu können, in jene Region zu begeben hat, in die selbst Mephistopheles nicht hinein kann, in das Reich, das genannt wird «das Reich der Mütter». Wir haben es öfter hervorgehoben, daß Mephistopheles-Ahriman nur in der Lage ist, Faust den Schlüssel zum Reiche des «Unbetretenen, nicht zu Betretenden» zu reichen. Wir haben es auch erwähnt, wie in diesem Reiche der Mütter dasjenige zu finden ist, was das Ewige iSt an Helena, und wir haben erwähnt, wie Goethe versucht hat, das Geheimnis des Wiedereintretens der Helena in die Erdenwelt zu lösen. Wir haben dieses Geheimnis von Goethe ausgesprochen ge­funden dadurch, daß er den Homunkulus entstehen läßt, daß der Ho­munkulus durchgeht durch die Evolution der Erdenentwickelung, diese Evolution der Erdenentwickelung gleichsam nachholt, und daß dann der Homunkulus, indem er sich auflöst in den Elementen, übergeht in die elementarische geistige Welt so, daß er, indem er sich vereinigt mit dem Urbild der Helena, welches Faust von den Müttern holt, gewissermaßen die Wiederverkörperung gibt, mit der nun Faust sich verbinden kann. Faust ist gewissermaßen auf den großen Schauplatz der Geschichte er­hoben, er sucht Helena. Was braucht er, um Helena zu suchen? Helena, der Typus der griechischen Schönheit, Helena, das Weib, das so viel Verderben in die Griechenwelt gebracht hat, das aber Goethe doch so darstellt, daß es uns ebenfalls – ich sage dies mit Bezug auf das Gretchen – in griechischem Sinne unschuldig schuldig erscheint. Denn so tritt Helena am Beginn des dritten Aktes auf: unschuldig schuldig. Durch ihre Tat ist viel Schuld bewirkt worden. Allein Goethe sucht in jeder Menschennatur das Ewige und kann nicht rechnen da, wo er die Evolution der Menschheit im höheren Sinne darstellen will, mit der Schuld, sondern er kann nur rechnen mit der Notwendigkeit.

Wenn wir uns nun fragen, wodurch wird Faust in die Lage versetzt, in jene geistigen Reiche zu steigen, in denen er die Helena finden kann, da klingt es uns entgegen:

Die Mütter sind es! Mütter!

Und Mephistopheles reicht ihm den Schlüssel zu den Müttern. In charakteristischer Weise wird uns auseinandergesetzt, daß Faust hinabsteigen soll zu den Müttern, man könnte ebensogut sagen hinaufsteigen, denn in diesem Reich kommt es nicht darauf an, in physischem Sinne das Hinab und Hinauf voneinander zu unterscheiden.

Die Mütter! Mütter! – ’s klingt so wunderlich!

Wir hören das Wort aus dem «Faust». Und wenn wir uns erinnern, wie dies Reich der Mütter beschrieben wird, wie sie sitzen um den goldenen Dreifuß, wenn wir die ganze Szenerie des Reiches der Mütter ins Auge fassen, wie könnte dieses Sich-Begeben des Faust ins Reich der Mütter ausgedrückt werden? Was sind sie, die Mütter, die ewig walten, aber – weiblich dargestellt – die Kräfte darstellen, von denen Faust hervorgeholt hat das Ewige, das Unsterbliche der Helena? Wollte man an der Stelle, wo Faust zu Helena geschickt wird, die ganze Tatsache ausdrücken, so müßte man sagen: Faust wird seinen Drang zu Helena und zu den Müttern auszudrücken haben dadurch, daß er sagt: Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan oder hinab – darauf kommt es jetzt nicht an. Wir könnten ebensogut dieses letzte Motiv, das uns am Schlusse des «Faust» entgegentritt, angewendet wissen da, wo Faust zu den Müttern hinuntersteigt. Aber wir stehen mit dem Faust bei seinem Gang zu den Müttern und zu Helena auf dem Boden der alten heidnischen Welt, der vorchristlichen Welt, der Welt, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen ist. Und am Schlusse des «Faust»? Wir stehen einem ähnlichen Gange des Faust gegenüber, dem Gange des liebenden Faust, der sich Gretchens Seele nähern will, aber wir stehen jetzt mit ihm auf dem Boden der Evolution nach dem Mysterium von Golgatha. Und nach was strebt er jetzt? Noch nach den Müttern? Nach der Dreizahl der Mütter nicht mehr. Nach der einen Mutter, nach der Mater gloriosa, die ihm den «Weg ins Unbetretene, nicht zu Betretende», wo Gretchens Seele weilt, ebnen soll. Die Mütter, auch ein Ewig-Weibliches, sind in der Dreizahl. Die Mutter, die Mater gloriosa, sie ist in der Einzahl. Und das Streben zu den Müttern, indem es uns versetzt in die Zeit der Evolution vor dem Mysterium von Golgatha, und das Streben zu der Mutter, zu der Mater gloriosa, indem es uns versetzt in die Evolution nach dem Myste­rium von Golgatha – zeigt es uns nicht in einer wunderbaren Weise, dichterisch großartig, überwältigend großartig dasjenige, was das Mysterium von Golgatha der Menschheit gebracht hat? Aus der Dreiheit des noch astralischen Denkens, Fühlens und Wollens strebt hinauf die Menschheit im «Faust» nach der Dreigliedrigkeit des Ewig-Weiblichen. Wir haben es oft charakterisiert, wie die Einheit des menschlichen Inne­ren in dem Ich über die Menschheit gekommen ist durch das Mysterium von Golgatha. Aus den drei Müttern wird die eine Mutter, die Mater gloriosa, dadurch, daß der Mensch in der uns bekannten Weise zu der innerlichen Durchdringung mit dem Ich fortgeschritten ist.

In der Faust-Dichtung ist verkörpert das ganze Geheimnis des Überganges der Menschheit vor dem Mysterium von Golgatha. Und dieses von dem Ewig-Weiblichen der Dreiheit zu dem Ewig-Weiblichen der Einheit ist eine der größten, der wunderbarsten, schönsten Steigerungen nun in der künstlerischen Ausgestaltung, die sich in diesem zweiten Teil des «Faust» befindet. Aber wie tief wir auch in die Geheimnisse des «Faust» hineinsehen, überall finden wir das, was ich pedantisch aus­gesprochen, aber nicht pedantisch gemeint habe, indem ich gesagt habe:

Alles klingt so sach- und fachgemäß.

Ich habe schon früher darauf aufmerksam gemacht, wie wir, wenn wir vollständig den menschlichen Zusammenh ang begreifen wollen, dar­auf hinweisen müssen, daß der Mensch zunächst als ganzer Mensch mit dem Makrokosmos zusammenhängt, wie im Menschen sich der Makrokosmos abbildlich als im Mikrokosmos findet. Nur müssen wir uns er­innern, daß des Menschen Erdenentwickelung unverständlich bleibt, wenn man nicht weiß, daß der Mensch in seinem Inneren dasjenige trägt, was zunächst für diese Erdenentwickelung ein Vergängliches ist, was aber für des Menschen Entwickelung ein Dauerndes ist, was sich hineinentwickelt hat in die menschliche Natur beim Durchgang durch die alte Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung. Wir wissen, daß des Menschen physischer Leib sich in der ersten Anlage schon während der alten Saturnentwickelung gebildet hat. Wir wissen, daß er sich da­mals immer weiter und weiter gebildet hat durch Sonnen- und durch Mondenentwickelung bis zur Erdenentwickelung herüber. In verschiede­ner Weise – darauf habe ich früher schon hingewiesen – ist nun eingegangen in die äußere irdische Bildung des Menschen das, was in den drei Vorstufen der Evolution, der vorirdischen Evolution, mit dem Menschen sich vereinigte.

Ich konnte den Teil, der früher über die Sache zu sagen war, nur flüchtig andeuten, und bei diesem flüchtigen Andeuten muß es auch bleiben. Ich habe gesagt: Wir berühren dabei den Saum eines bedeut­samen Geheimnisses. – Und es ist sehr natürlich, daß diese Dinge nur angedeutet werden können. Wer sie weiter verfolgen will, muß über das Angedeutete eine Meditation anstellen. Er wird dann schon das, was ihm noch wünschenswert ist, finden, wenn es vielleicht auch etwas lange dauert.

Wir aber müssen uns klarmachen, daß der Mensch, indem die Mondenentwickelung sich abgeschlossen hat, die Erdenentwickelung begonnen hat, gewissermaßen in diesem Übergang von der Mondenentwickelung zur Erdenentwickelung durchgegangen ist durch eine Art von Auflösung, Vergeistigung, durch eine Weltennacht, und erst wiederum sich hereingebildet hat ins Materielle. Gewiß, die Anlagen, die er sich durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung gebildet hat, sind ihm geblieben, auch die Anlagen zum physischen Leibe. Aber er hat sie auch aufgenommen in das Geistige und hat sie dann wieder herausgebildet aus dem Geistigen, so daß wir uns während der Erdenentwickelung eine Zeit denken mussen, in welcher der Mensch noch nicht physisch war.

Wenn wir von allem übrigen absehen, was teil hat an der Entwickelung der Tatsache, daß der Mensch sich in seinem physischen Erdendasein männlich und weiblich bildet, so können wir im allgemeinen sagen: So wie der Mensch überhaupt hereingekommen ist, ist er zunächst als ätherischer Mensch hereingekommen. – Gewiß, in diesem ätherischen Menschen waren schon die Anlagen zum physischen Menschen, die wäh­rend der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit sich entwickelt haben, aber dennoch, sie waren im Ätherischen ausgebildet. Ich habe das schon in der «Geheimwissenschaft im Umriß» genauer angedeutet. Und es muß sich das Physische erst wiederum aus dem Ätherischen heraus entwickeln. Aber an diesem ganzen Prozeß des Herausentwickelns haben Luzifer und Ahriman ihren Anteil. Denn Luzifer und Ahriman greifen schon vorher, wenn sich auch ihr Einfluß während der Erdenentwickelung wiederholt, während der Mondenentwickelung und schon während der Entwickelung hin zum Mond in die ganze Entwickelung der Menschheit ein.

Franz Xaver Simm, Helena 1899 via GoethezeitportalNun habe ich hier etwas zu sagen, was schwer verständlich ist – weniger schwer verständlich für den menschlichen Verstand als schwer ver­ständlich, glaube ich, für das ganze menschliche Gemüt –, aber was doch auch einmal wirklich verstanden werden muß. Stellen wir uns vor: der Mensch war also einmal im Erdenlauf, bevor er sich seit der lemurischen und atlantischen Zeit physisch allmählich gebildet hat, ätherisch, und – ich will das schematisch andeuten – aus diesem Ätherischen habe sich herausgebildet allmählich sein Physisches. Also der Mensch war äthe­risch. Nun wissen wir, daß das Ätherische ein viergliedriges ist. Wir kennen den Äther als eine gewissermaßen viergliedrige Wesenheit. Wenn wir von unten nach oben steigen, so kennen wir den Äther als: Wärmeäther; Lichtäther; den Äther mit stofflicher Natur oder auch chemischen Äther, der aber seine stoffliche Natur dadurch hat, daß der Stoff inner­lich noch den Ton füllt, die Weltenharmonie, die Sphärenharmonie, denn Stoffe sind dadurch Stoffe, daß sie Ausdruck sind für die Weltenharmonie. Zunächst haben wir uns die Welt harmonisch vorzustellen. Der eine Ton bedingt, indem er hinklingt durch die Welt, sagen wir, Gold, der andere Ton bedingt Silber, der dritte Ton bedingt Kupfer und so weiter. Jeder Stoff ist der Ausdruck eines gewissen Tones, so daß wir natürlich auch sagen können Tonäther, nur dürfen wir nicht den Äther so darstellen, daß er irdisch wahrnehmbar ist, sondern als noch in der Äther-Geistsphäre verklingenden Ton. Und der letzte Äther ist der Lebensäther. So daß der Mensch, wenn wir ihn uns noch als ätherisch vorstellen, ätherisch dadurch gebildet ist, daß diese vier Ätherarten in­einandergreifen. Wir können also sagen: Der Mensch erscheint da, wo die Erdenentwickelung sich anschickt, aus dem Äthermenschen allmählich den physischen Menschen hervorgehen zu lassen, als ein Ätherorganismus vor seinem Physischwerden, wo durcheinander organisiert ist Wärmeäther, Lichtäther, stofflicher oder Tonäther und Lebensäther.

Nun nehmen an diesem ganzen Prozeß des Physischwerdens des Men­schen teil Luzifer und Ahriman. Sie sind immer dabei. Sie nehmen teil an dieser ganzen Evolution. Sie üben ihren Einfluß aus. Natürlich gibt es besondere Punkte, wo sie diesen Einfluß ziemlich stark ausüben, aber immer sind sie da, diese besonderen Punkte, das finden Sie ja in der «Geheimwissenschaft» hervorgehoben. So wie, ich möchte sagen, die ganze pflanzliche Kraft immer in der Pflanze ist, aber einmal sich als grünes Laubblatt, einmal sich als Blüte geltend macht, so sind auch Luzifer und Ahriman immer dagewesen, während sich der Mensch hindurchent­wickelt hat durch die verschiedenen Epochen der Erdenentwickelung, sind sie gewissermaßen bei allem dabei.

Wenn Sie nun von allem übrigen absehen, man kann ja nicht immer alles aufzählen, so können Sie sich ungefähr dieses aus der ätherischen Organisation heraus entstehende Physische des Menschen so vorstellen – alles übrige eingerechnet, was ich in der «Geheimwissenschaft» und sonst natürlich dargestellt habe –, daß weibliche Gestalt und männliche Gestalt entsteht. Was sonst mitwirkt, davon sehen wir jetzt ab, aber es entsteht weibliche und männliche Gestalt. Hätten Luzifer und Ahriman nicht mitgewirkt, so wäre nicht weibliche und männliche Gestalt entstanden, sondern das, was ich einmal in München beschrieben habe: ein Mittleres. So daß wir wirklich sagen können: Luzifer und Ahriman ist es zuzuschreiben, daß die Menschengestalt auf Erden differenziert wurde in eine männliche und weibliche Gestalt. – Und zwar, wenn wir uns nun schon vorstellen den Zustand, wie sich der Mensch der Erde nähert, die sich allmählich durch das mineralische Reich verfestigt, wenn wir uns dazu noch vorstellen, daß sich der Erdenplanet bildet, physisch verfestigt, daß sich im Umkreise der Erde der auch die Erde durchdringende Äther befindet, so können wir uns vorstellen, daß der Mensch sich aus dem Äther der ganzen Erde herausbildet und damit sich in seinem Charakter auch nähert dem Physischen der Erde, daß sich in ihm gleichsam das Ätherisch-Mineralisch-Physische begegnet mit dem Mineralisch-Physischen der Erde. Aber Luzifer und Ahriman sind dabei, sind richtig dabei wirksam. Viele Mittel haben sie, um ihren Einfluß auf die Evolution der Menschheit geltend zu machen. Und dieser verschiedenen Mittel bedienen sie sich zu diesen oder jenen Vorgängen, die sie hervorrufen.

Luzifer hat vor allen Dingen die Tendenz, den Geist des Leichten zu entwickeln; er möchte eigentlich immer den Menschen nicht recht irdisch werden lassen, möchte ihn gar nicht so völlig auf die Erde herabkommen lassen. Luzifer ist ja bei der Mondenentwickelung zurück­geblieben, und er möchte den Menschen für sich gewinnen, ihn nicht hereinlassen in die Erdenentwickelung. Das strebt er auf die Weise an, daß er sich vor allen Dingen der Kräfte des Wärmeäthers und des Lichtäthers bemächtigt. Diese Kräfte verwendet er auf seine Art in den Vorgängen, die jetzt geschehen bei dem Physischwerden des Menschen. Luzi­fer hat hauptsächlich Macht über den Wärmeäther und den Lichtäther, die beherrscht er vorzugsweise. Dazu hat er sich schon während der Mondenentwickelung gut vorbereitet, die organisiert er auf seine Art. Dadurch kann er in einer andern Weise die Menschwerdung beeinflussen. Indem er aus dem Äther heraus den Menschen physisch werden läßt, kann er dadurch, daß er gerade über Wärme- und Lichtäther sich hermacht und darin seine Gewalt geltend macht in einer andern Weise, als es sonst ohne diese geschehen wäre, die menschliche Gestalt bewirken. So wie er nun im Wärme-Lichtäther waltet und webt, wird durch dieses Walten und Weben nicht der Mittelmensch, der sonst entstehen würde, sondern die weibliche Gestalt des Menschen. Die weibliche Gestalt des Menschen wäre nie ohne Luzifer zustande gekommen. Sie ist schon der Ausdruck des Hervorgehens aus dem Äther, indem Luzifer sich gerade des Wärme-Lichtäthers bemächtigt.

Über den Ton- und Lebensäther hat besonders Ahriman seine Gewalt. Ahriman ist zugleich der Geist der Schwere. Ahriman hat das Bestreben, Luzifer entgegenzuwirken. Dadurch wird in einer gewissen Weise wesentlich das Gleichgewicht bewirkt, daß von den weise wirkenden, fortschreitenden Göttern der luziferischen Gewalt, die den Menschen hinausheben will über das Irdische, entgegengestellt wird die ahrimanische Gewalt. Ahriman will nun den Menschen eigentlich herunterziehen ins Physische. Er will ihn mehr physisch machen, als er sonst würde als Mittelmensch. Dazu ist Ahriman dadurch vorbereitet, daß er besonders Gewalt hat über den Ton- und Lebensäther. Und in Ton- und Lebensäther wirkt er und webt er, der Ahriman. Und dadurch wird nun die menschliche physische Gestalt, indem sie aus dem Äther herausgeht ins Physische hinein, in einer andern Weise physisch, als sie geworden wäre durch die bloß fortschreitenden Götter, zur männlichen Gestalt. Die männliche Gestalt wäre ohne den Einfluß Ahrimans gar nicht denk­bar, gar nicht möglich. So daß man sagen kann: Die weibliche Gestalt ist herausgewoben durch Luzifer aus dem Wärme- und Lichtäther, in­dem Luzifer dieser Gestalt ätherisch ein gewisses Streben nach oben ein­flößt. Die männliche Gestalt wird von Ahriman so geformt, daß ihr ein gewisses Streben zur Erde hin eingepflanzt wird.

Dies, was so gleichsam jetzt aus dem Makrokosmischen der Weltenevolution heraus gewollt ist, können wir im Menschen wirklich geisteswissenschaftlich beobachten. Nehmen wir einmal die weibliche Gestalt, schematisch gezeichnet, so müssen wir also sagen: Da ist ätherisch hin­einverwoben von Luzifer Wärme und Licht in seiner Art. – Es ist also die physisch-weibliche Gestalt so gewoben, daß im Licht- und Wärmeäther nicht nur die gleichmäßig fortschreitenden Götter ihre Kräfte entwickelt haben, sondern daß luziferische Kräfte in diesen weiblichen Ätherleib hineinverwoben sind. Nehmen wir nun an, es werde in diesem weiblichen Ätherleib dasjenige, was die Erde besonders gegeben hat, das Ich-Bewußtsein, das zusammenhaltende Bewußtsein herabgestimmt, es trete eine Art herabgestimmtes Bewußtsein ein, was manche Leute schon «Hellsehen» nennen, eine Art des traumhaften, trancehaften Schauens, dann tritt in einem solchen Falle dasjenige, was Luzifer in Licht- und Wärmeäther verwoben hat, in einer Art von Aura heraus, so daß, wenn Visionärinnen in ihren Visionszuständen sind, sie von einer Aura umgeben sind, welche luziferische Kräfte in sich hat, nämlich die des Wärme- und Lichtäthers. Nun handelt es sich darum, daß diese Aura, die nun den weiblichen Leib umgibt, wenn Visionszustände ein­treten auf mediale Art, als solche nicht geschaut wird. Denn selbstverständlich wenn nun der weibliche Leib inmitten dieser Aura ist (es wird gezeichnet), dann sieht der weibliche Organismus in diese Aura hinein, und er projiziert ringsherum das, was er in dieser Aura sieht. Er sieht das, was in seiner eigenen Aura ist. Der objektive Betrachter sieht etwas, was er nennen kann: der Mensch strahlt Imaginationen aus, er hat eine Aura, die aus Imaginationen gebildet ist, an sich. Das ist ein objektiver Vorgang, der dem, der ihn betrachtet, nichts macht. Das heißt, wird diese imaginative Aura von außen betrachtet, durch einen andern betrachtet, so wird einfach eine Aura objektiv gesehen, wie etwas anderes gesehen wird; wird aber diese Aura von innen, von der Visionärin selber durchschaut, so sieht sie nur das, was in ihr selber Luzifer ausbreitet. Es ist ein großer Unterschied, ob man etwas selber sieht, oder ob es von andern gesehen wird. Ein gewaltiger Unterschied!

Mit diesem hängt es zusammen, daß bei dem Eintritt des visionären Hellsehens bei der Frau die große Gefahr dann vorhanden ist, wenn dieses visionäre Hellsehen in Form von Imaginationen auftritt. Da ist von seiten der Frau ganz besondere Vorsicht nötig. Und es ist immer das vorauszusetzen, daß die Entwickelung scharf in die Hand genommen werden muß, daß sie eine gesunde ist. Nicht stehenbleiben bei alledem, was man sieht, nicht wahr, denn das kann einfach die eigentlich luziferische Aura sein, von innen angeschaut, die nötig war, um den weiblichen Leib zu bilden. Und manches, was Visionärinnen beschreiben, ist aus einem ganz andern Grunde interessant als aus dem Grunde, aus dem es die weiblichen Visionärinnen für interessant halten. Wenn sie es so beschreiben oder ansehen, als ob es eine interessante objektive Welt wäre, so haben sie ganz unrecht, so sind sie ganz im Irrtum. Wenn aber diese entsprechende Aura von außen gesehen wird, dann ist es das, was aus dem Äther heraus die weibliche Gestalt gerade möglich gemacht hat in der Erdenentwickelung. So daß wir sagen können: Die Frau hat besondere Vorsicht anzuwenden, wenn bei ihr das Visionäre, das imaginative Hellsehen beginnt oder sich zeigt, denn da kann sehr leicht eine Gefahr lauern, die Gefahr, in Irrtum zu verfallen.

Der männliche Organismus ist nun anders. Wenn wir den männlichen Organismus ins Auge fassen, so hat in seine Aura hinein Ahriman seine Kraft, aber jetzt in den Ton- und Lebensäther gewoben. Und wie es bei der Frau vorzugsweise der Wärmeäther ist, so ist es beim Manne vor­zugsweise der Lebensäther. Bei der Frau ist es vorzugsweise der Wärmeäther, in dem Luzifer wirkt, und beim Manne der Lebensäther, in dem Ahriman wirkt. Wenn der Mann nun aus seinem Bewußtsein heraus­kommt, wenn der Zusammenhalt, der sich in ihm als Ich-Bewußtsein ausdrückt, herabgedämpft wird, wenn eine Art passiver Zustand bei dem Manne eintritt, dann ist es so, daß man wiederum sehen kann, wie die Aura sich um ihn geltend macht, die Aura, in der Ahriman seine Gewalt darinnen hat.

Aber es ist jetzt eine Aura, die vorzugsweise Lebensäther und Tonäther in sich enthält. Da ist vibrierender Ton drinnen, so daß man eigentlich diese Aura des Mannes nicht so unmittelbar imaginativ sieht. Es ist keine imaginative Aura, sondern es ist etwas von vibrierendem geistigem Ton, das den Mann umgibt. Das alles hat zu tun mit der Gestalt, nicht mit der Seele natürlich; das hat mit dem Manne zu tun, insofern er physisch ist. So daß derjenige, der diese Gestalt von außen betrachtet, sehen kann: der Mensch strahlt – kann man jetzt sagen – Intuitionen aus. Das sind dieselben Intuitionen, aus denen eigentlich seine Gestalt gebildet worden ist, durch die er da ist als der Mann in der Welt. Da tönt es von lebendig-vibrierendem Ton um einen herum. Da­her ist beim Manne eine andere Gefahr vorhanden, wenn das Bewußt­sein zur Passivität herabgedämpft wird, die Gefahr, diese eigene Aura nur zu hören, innerlich zu hören. Der Mann muß besonders achtgeben, daß er nicht sich gehen läßt, wenn er diese eigene Aura geistig hört, denn da hört er den in ihm waltenden Ahriman. Denn der muß da sein.

Franz Xaver Simm, Helena 1899 via GoethezeitportalSie sehen jetzt, wie auf der Erde nicht das Männliche und Weibliche in der Menschheit wäre, wenn nicht Luzifer und Ahriman gewirkt hätten. Ich möchte wissen, wie die Frau dem Luzifer entfliehen könnte, wie der Mann dem Ahriman entfliehen könnte! Die Predigt: man soll ihnen entfliehen, diesen Gewalten – ich habe es oft betont –, ist ganz töricht, denn sie gehören zu dem, was in der Evolution lebt, nachdem die Evolution schon einmal so ist, wie sie ist.

Aber wir können jetzt sagen: Ja, indem der Mann also auf der Erde als Mann steht, in einer männlichen Inkarnation, geht er durch sein Leben, und das, was er als Mann ist, was er als Mann erfahren kann, was gewissermaßen die männliche Erfahrung ist, hat er davon, daß dieser tönende Lebensäther in ihm ist, daß er gewissermaßen illimer in sich, allerdings von Ahriman gemischte Lebechöre hat, die eigentlich seine männliche Gestalt aufbauen. Lebechöre hat er um sich, in sich, die nur, wenn er medial wird, um ihn herum sichtbar, hörbar werden.

Nehmen wir nun an, wir hätten es mit bei der Geburt gleich Gestor­benen zu tun, die ausdrücken wollen, daß sie nicht «Mann» geworden sind hier während ihrer Inkarnation. Was würden denn die sagen? Die würden sagen, daß dies bei ihrer Geburt nicht gewirkt hat, daß sie zwar die Anlagen gehabt haben, in dieser Inkarnation Männer zu werden, aber es hat das, was den Mann zum Mann macht, nicht gewirkt. Sie sind entfernt worden gleich von dem, was sie in der physischen Inkarnation zu Männern gemacht hätte. Kurz, sie werden sagen:

Wir wurden früh entfernt
Von Lebechören.

Das sagen die seligen Knaben.

Wir wurden früh entfernt
Von Lebechören;
Doch dieser hat gelernt,

das heißt: der hat die Erfahrung durchgemacht, der Faust. Der ist durch das lange Leben gegangen, durch das lange Erdenleben. Der kann uns etwas übermitteln von diesem Erdenleben.

Er wird uns lehren.

So müssen wir gewissermaßen in die tiefsten Tiefen des okkulten Erkennens hineinschauen, wenn wir verstehen wollen, warum das eine oder andere Wort gerade in dieser Dichtung steht. Der Kommentator kommt dann und sagt: Nun ja, der Dichter wählt so ein Wort: Lebe­chöre und so weiter. – Dem ist alles recht, wenn er nur nicht nötig hat, sich der Unbequemlichkeit zu unterwerfen, etwas zu lernen. Durch solche Dinge möchte ich Sie hinweisen darauf, wie sach- und fachgemäß im Sinne der geistigen Weltauffassung diese Goethesche Dichtung ist, was in dieser Goetheschen Dichtung eigentlich ruht.

Nun habe ich Ihnen vielleicht – ich sagte es gleich: es hat etwas für das Menschengemüt schwer Verständliches – nach der einen oder andern Richtung hin das Herz schwergemacht, indem ich wiederum einmal auf charakteristische Punkte hingewiesen habe, wo Ahriman und Luzifer so in der Welt wirken, daß wir ihnen schon nicht entkommen können. Denn, wir mögen es anstellen, wie wir wollen, wenn wir uns zu einer Inkarnation anschicken – in eine männliche oder in eine weibliche Inkarnation müssen wir ja hinein –: ist in ihr nicht Luzifer, so ist Ahriman in ihr. Also es geht wirklich nicht, die Sache so weit zu treiben, daß man sagt: Man muß beiden entfliehen. — Nicht wahr, ich habe Ihnen gewissermaßen auch noch dadurch ein schweres Herz gemacht, daß ich Ihnen gezeigt habe, daß es eine gewisse Gefahr bedeutet, die eigene Aura zu beobachten, gleichsam in diese eigene Aura hineinzuschauen. Aber darin besteht gerade die unendliche Weisheit der Welt, daß das Leben nicht so ist, daß es ein ruhendes Pendel ist, sondern daß es ausschlägt. Und wie das Pendel nach rechts und nach links ausschlägt, so schlägt das Leben nicht nur der Menschheit, sondern der ganzen Welt nach ahrimanischer und luziferischer Seite aus. Und nur dadurch, daß das Leben zwischen ahrimanischen und luziferischen Einflüssen hin und her pendelt und dazwischen das Gleichgewicht hält und die Kraft dieses Gleichgewichtes hat, ist dieses Leben möglich. Daher wird auch diesem, was ich jetzt als Gefährliches geschildert habe, etwas entgegengesetzt. Ist es ein Luziferisches: das Ahrimanische. Ist es ein Ahrimanisches: das Luziferische.

Also nehmen wir noch einmal den weiblichen Organismus. Er strahlt aus gewissermaßen eine luziferische Aura. Aber dadurch, daß er sie ausstrahlt, schiebt er zurück den Lebens- oder Tonäther, dadurch bildet sich um den weiblichen Organismus herum eine Art ahrimanische Aura, so daß dann der weibliche Organismus in der Mitte die luziferische Aura hat, weiter draußen die ahrimanische. Aber dieser weibliche Orga­nismus kann jetzt, wenn er nicht so untätig ist, daß er bei seinem Schauen der eigenen Aura stehenbleibt, sich weiterentwickeln. Und das ist gerade das, worauf es ankommt, daß man nicht in ungesunder Weise bei den erstgebildeten Imaginationen bleibt, sondern daß man gerade alles Willensmäßige mächtig anwendet, um durchzudringen durch diese Imaginationen.

Denn man muß zuletzt es so weit bringen, daß einem nicht die eigene Aura erscheint, sondern daß zurückgespiegelt gleichsam von einer Spiegelplatte, die jetzt eine ahrimanische Aura ist, das erscheint. Man darf nicht in die eigene Aura hineinschauen, sondern man muß von der äußeren Aura zurückgespiegelt das haben, was in der eigenen Aura ist. Dadurch sehen Sie, ist es für den weiblichen Organismus so, daß er das Luziferische vom Ahrimanischen zurückgespiegelt erhält und dadurch neutralisiert, dadurch gerade ins Gleichgewicht gebracht wird. Dadurch ist es nun weder ahrimanisch noch luziferisch, aber es wird entweiblicht, es wird allgemeinmenschlich. Wirklich, es wird allgemeinmenschlich.

Ich bitte Sie nur, das so recht zu fühlen, wie der Mensch wirklich, in­dem er ins Geistige aufsteigt, dadurch daß er, sei es der luziferischen, sei es der ahrimanischen Gewalt der eigenen Aura entgeht, gerade ins Luziferische oder Ahrimanische nicht hineinschaut, sondern das eine sich spiegeln läßt und dadurch es zurückempfängt, asexuell, ohne daß es männlich oder weiblich ist. Das Weibliche wird neutralisiert zum Männlichen am Ahrimanischen, das Männnliche wird neutralisiert zum Weiblichen am Luziferischen. Denn ebenso, wie sich die weiblich-luziferische Aura umgibt mit der ahrimanischen Aura, so umgibt sich die männlich-ahrimanische Aura mit der luziferischen Aura, und es strahlt sich da ebenso dasjenige zurück, was man in sich hat wie bei der weib­lichen. Man sieht es als Spiegelbild.

Nehmen wir nun an, es wollte diesen Vorgang jemand schildern. Wann könnte er denn in die Lage kommen, ihn zu schildern? Nun, dasjenige, was beim Hellsehen eintritt, tritt doch auch nach dem Tode ein. Der Mensch ist in derselben Lage. Beim Hellsehen muß sich neutralisieren das Weibliche ins Männliche hinein, das Männliche in das Weibliche hinein. Das ist wiederum so der Fall nach dem Tode. Was müssen sich denn da für Vorstellungen herausstellen? Nun, nehmen wir einmal an, eine Seele, die in einem weiblichen Organismus gewesen ist, wäre durch den Tod gegangen, hätte nach dem Tode mancherlei durchzu­machen, was ein Ausgleich sein soll gegenüber irdischer Schuld. Eine solche Seele wird dann langsam streben aus dem, woran sie auf der Erde gebunden war, nach Neutralisierung. Es wird gleichsam das Weibliche nach Neutralisierung durch das Männliche streben. Es soll die Neutralisierung das sein, daß für sie eine Erlösung ist, nach dem höchsten Männ­lichen zu streben. Werden wir Büßerinnen finden nach dem Tode, so wird für sie charakteristisch sein müssen, daß ihre Sehnsucht in der geistigen Welt etwas ist voll Hinstreben nach dem Männlich-Ausgleichenden. Die drei Büßerinnen — die Magna peccatrix, die Mulier Samaritana, die Maria Aegyptiaca — sind allerdings im Gefolge der Mater gloriosa, aber sie sollen nach Neutralisierung, nach Ausgleich streben. Daher wirkt die Mater gloriosa zwar in der Aura; das wird uns sehr deutlich ausgedrückt, daß die Mater gloriosa in ihrer Aura wirken kann, ihre eigene Aura hat. Man höre nur:

Um sie verschlingen
Sich leichte Wölkchen,
Sind Büßerinnen,
Ein zartes Völkchen,
Um Ihre Kniee
Den Äther schlürfend,
Gnade bedürfend.

Dir, der Unberührbaren,
Ist es nicht benommen,
Daß die leicht Verführbaren
Traulich zu dir kommen.

Aber das werden sie nur so als ein Bewußtsein gewahr. Das tritt ihnen nicht entgegen wie etwas, was ihnen wie das Hohe des Lebens entgegentönt. Das tönt ihnen entgegen, was sie im Zusammenhang mit der Mater gloriosa durch den Christus erfahren sollen. Daher sehen wir überall die Reden der drei Büßerinnen nach dem Männlichen, Christus, hin gerichtet:

Bei der Liebe, die den Füßen
Deines gottverklärten Sohnes …

Und bei der Samariterin, der Maria:

Bei dem Bronn, zu dem schon weiland
Abram ließ die Herde führen …

Und hier vergeistigt:

Bei der reinen, reichen Quelle,
Die nun dorther sich ergießet …

Der Christus nennt sich ja selbst der Samariterin gegenüber: das rechte Wasser.

Und bei der Maria Aegyptiaca haben wir es schon zu tun mit der Grablegung:

Bei dem hochgeweihten Orte,
Wo den Herrn man niederließ …

Wir sehen, wie in den dreien das darinnen lebt, was aus der eigenen Aura heraus will zu dem, was sich neutralisiert.

Und fragen wir, was denn der Mann nun findet als dasjenige, was ihn neutralisiert, was ihn aus der Männlichkeit heraushebt, dann ist es die Sehnsucht nach dem Weiblichen, das die Welt durchwallt.

Hier ist die Aussicht frei,
Der Geist erhoben.
Dort ziehen Fraun vorbei,
Schwebend nach oben;
Die Herrliche mitteninn
Im Sternenkranze,
Die Himmelskönigin,
Ich seh’s am Glanze.

Er wird nicht so wie die Büßerinnen angezogen unmittelbar durch das Christus-Männliche, sondern er wird durch dasjenige, was zum Christus gehört als das Weibliche, zunächst angezogen. Und das führt ihn wie­derum zu dem mit ihm karmisch Verbundenen der Gretchen-Seele hin, wiederum zu dem Weibe. Da sehen Sie zart hineinverwoben in die Dichtung dieses tiefe Mysterium von dem Stehen des Menschen zur geistigen Welt. Denn wie sollte es nicht, ich möchte sagen, bestürzend tief empfunden werden, wenn uns der okkulte Tatbestand vor Augen tritt: die entkörperte Seele, die noch die Elemente in sich hat — Natur, die erst getrennt werden muß –, die sich neutralisieren muß durch das Weibliche. Und wir sehen, wie im Aufstreben zu der Neutralisierung, weil wir es mit dem Männlichen, Faust, zu tun haben, das Weibliche als das «Heranziehen» sich geltend machen muß. Es ist etwas ganz Wunderbares in dieser Dichtung dargestellt. Und klar und deutlich wird uns angedeutet, daß es darin sein soll. Faust wird also streben durch den Mund des Doctor Marianus dem Weiblichen, das heißt dem geistigen Ewig-Weiblichen entgegen, aber dem Geheimnis, dem Mysterium. Als er geistig ansichtig wird der Mater gloriosa, da sagt er:

Höchste Herrscherin der Welt!
Lasse mich im blauen,
Ausgespannten Himmelszelt
Dein Geheimnis schauen.

Nun stellen wir uns also vor: Faust nach der geistigen Welt strebend, verlangend, das Geheimnis des Weiblichen zu schauen in der Mater gloriosa. Wie wird es denn sein können? Nun, es wird so sein können, daß das Licht durch seine Gegenstrahlung neutralisiert wird, das heißt, daß auftritt die weibliche Licht- und Wärmeaura, aber entgegengestrahlt, nicht wie sie unmittelbar ausfließt. Das muß neutralisiert sein, muß verbunden sein damit, daß dieses Licht eine Gegenstrahlung hat. Im ausgespannten Himmelszelt wird geschaut das Geheimnis: das Weib mit der Aura, mit der Sonne. Wenn das Licht zurückgestrahlt wird vom Monde: das Weib auf dem Monde stehend. Sie kennen dieses Bild, es sollte wenigstens bekannt sein. So sehen wir Faust Verlangen tragend, im ausgespannten Himmelszeit zuletzt zu schauen das Mysterium:
Maria, das Weib, mit der Sonne bekleidet, den Mond zu Füßen, der zurückstrahlt. Und zusammen bildet das, was er sonst weiß von der Mater gloriosa, mit diesem Geheimnis, mit diesem Mysterium im aus­gespannten Himmelszelt dann den Gefühls- und Empfindungsgehalt des Chorus mysticus. Denn auch das, was noch menschliche Gestalt an der Mater gloriosa ist, ist ein Gleichnis, denn das ist das Vergängliche, was an ihr an menschlicher Gestalt ist, und alles das ist ein Gleichnis. Das Unzulängliche, das heißt das in der menschlichen Sehnsucht Unzu­längliche, hier wird es erst Erreichnis. Hier erhält man das Schauen der Aura-Strahlung sonnenhaft, deren Licht vom Monde zurückwirkt, zurückleuchtet: das Unbeschreibliche, hier ist es getan. Dasjenige, was im physischen Leben nicht begriffen werden kann, — daß gesucht wird das, was aus dem Selbst ausstrahlt in der selbstlosen Zurückerstrahlung: hier ist es getan. — Dann empfindungsgemäß das ganze aus Mannesmund gesagt oder für Mannesohren gesagt:

Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

Man muß schon sagen: Den «Faust» auf sich wirken lassen, bedeutet wirklich in bezug auf viele Parteien dieses «Faust» ein direktes Sich-Hineinbegehen in eine okkulte Atmosphäre. — Und wollte ich Ihnen alles sagen, was in bezug auf den «Faust» in okkulter Beziehung zu sagen wäre, dann müßten wir noch lange zusammenbleiben. Sie müßten viele Vorträge darüber hören. Aber das ist zunächst gar nicht notwendig, denn es kommt nicht so sehr darauf an, daß man möglichst viele Begriffe und Ideen aufnimmt, sondern zunächst kommt es wirklich bei uns ganz stark darauf an, daß unsere Gefühle sich vertiefen. Und wenn wir unsere Gefühle und Empfindungen gegenüber dieser Weltdichtung so vertiefen, daß wir eine tiefe Ehrfurcht haben vor dem Walten des Genius auf Erden, in dessen Tun und Schaffen wirklich Okkultes gegenwärtig ist, dann tun wir der Welt und uns ein Gutes an. Wenn wir empfinden können dem Geistig-Großen gegenüber in der richtigen ehrfürchtigen Weise, dann ist das ein bedeutungsvoller Weg zum Tore der Geisteswissenschaft.

Noch einmal sei es gesagt: Weniger um das Spintisieren handelt es sich, als um das Vertiefen der Gefühle. — Und ich möchte wenig darum geben, daß ich Ihnen zum Beispiel sagen durfte, daß der Ausspruch der seligen Knaben von dem Hinweggerissensein von Lebechören in solch okkulte Tiefen führt, ich möchte wenig darum geben um dieser bloßen Ideen willen, wenn ich nur wissen dürfte, daß Ihr Herz, Ihr Gemüt, Ihr innerer Sinn bei dem Aussprechen einer solchen Wahrheit so ergriffen wird, daß Sie etwas von den heilig tiefen Kräften verspüren, die in der Welt leben, die sich in das menschliche Schaffen ergießen, wenn dieses menschliche Schaffen wirklich mit den Weltgeheimnissen verknüpft ist. Wenn man erschauern kann bei einer solchen Tatsache, daß so Tiefes in einer Dichtung liegen kann, so ist dieses Erschauern, das einmal unsere Seele, unser Gemüt, unser Herz durchgemacht hat, viel mehr wert als das bloße Wissen, daß die seligen Knaben sagen, sie wären nicht mit Lebechören vereinigt. Nicht das Freuen an dem Geistreichen der Idee soll es sein, das uns ergreift, sondern das Erfreuen, daß die Welt so aus dem Geistigen herausgewoben ist, daß im Menschenherzen des Geistes Walten so hereinwirkt, daß solches Schaffen in der geistigen Entwickelung der Menschheit leben kann.

BIlder: Evelyn De Morgan: Helen of Troy, 1898;
Franz Xaver Simm 1899: Paris und Helena auf der Bühne vor einem Tempel,
Faust mit Lynceus vor Helena,
Faust und Helena, via Jutta Assel/Georg Jäger: Franz Xaver Simm. Illustrationen zu Goethes Faust, Goethezeitportal November 2012.

Soundtrack: Orchestral Manoeuvres in the Dark: Helen of Troy, aus: English Electric, 2013:

Written by Wolf

23. Juli 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Vater, verlass mich nicht, wenn das Glöckchen läutet

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Update zum Blumenstück 001: Streckvers bei Nacht,
Der Widersacher. Ästhetischer Gaukler vs. unnahbarer Eispalast. Braucht die Welt
noch Dichterfürsten im Krähwinkel. Alles ist erlaubt und willkommen. Keine 30 Prozent der Quellen
,
Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten: denn Er ist nicht!
und Blumenstück 003: Holdselige Ranunkel:

Anlass & Anliegen, wieso man bei der ersten eingehenderen Beschäftigung mit dem Kometen von Jean Paul 1820 ff. am liebsten ausgerechnet mit dem Schluss, was man ja – Spoiler! Spoiler! – eigentlich nicht soll, anfangen möchte, liefert Armin Elhardt im Stuttgarter Mephisto-Projekt, wie ich es nicht besser sagen könnte (eher im Gegenteil). Und das Bildermaterial gleich mit dazu:

Ines Scheppach, Ledermensch, 2019

——— Armin Elhardt:

Der Ledermensch Kain in Jean Pauls Roman „Der Komet“.

Eine Skizze in Worten

aus: mephisto?mephisto! Ein Denkansatz, in: Das Mephisto-Projekt, Galerie Interarts,
Union freischaffender Künstler und Kunstfreunde e. V. Stuttgart:

Goethe musste zwischen 1798 und 1800 seinen Wohnort Weimar (sprich Rom) mit einem Chinesen (sprich Jean Paul) teilen. Nicht frei von Missgunst und Neid auf den Erfolg* des jungen Erzählgenies verfasste der Dichter aus dem Haus am Frauenplan ein zehnzeiliges Schmähgedicht:

Der Chinese in Rom

Einen Chinesen sah ich in Rom; die gesamten Gebäude
Alter und neuerer Zeit schienen ihm lästig und schwer.
„Ach!“ so seufzt‘ er, „die Armen! ich hoffe, sie sollen begreifen,
Wie erst Säulchen von Holz tragen des Daches Gezelt,
Daß an Latten und Pappen, Geschnitz und bunter Vergoldung
Sich des gebildeten Aug’s feinerer Sinn nur erfreut.“
Siehe, da glaubt ich, im Bilde so manchen Schwärmer zu schauen,
Der sein luftig Gespinst mit der soliden Natur
Ewigem Teppich vergleicht, den echten, reinen Gesunden
Krank nennt, daß ja nur er heiße, der Kranke, gesund.

Goethe hatte damals schon Faust und Mephisto im Kopf, aber keine Ahnung davon, dass auf der literarischen Bühne seine dramatische Mephistofigur einen epischen Mitspieler erhalten würde. Und zwar im letzten Roman des erzählerischen Überfliegers und Konkurrenten Jean Paul: „Der Komet oder Nikolaus Marggraf. Eine komische Geschichte“, die das Mephistophelische in der Zerrissenheit des Ledermenschen Kain komplex und ernsthaft aufzeigt.

Ulla Haug-Rößler, Kain im KaminDie Titelfigur Marggraf hält sich in einem närrischen, wahnähnlichen Zustand für den Sohn eines Fürsten und begibt sich unter Pseudonym nach Rom, einer Stadt in Kleindeutschland, deren Bewohner sich nicht Römer heißen, sondern Romer. Dort will Marggraf den fürstlichen Vater suchen. Aber! Der psychisch Malträtierte a la Don Quixote wird bedroht von einem anderen, sehr seltsamen Mann: dem Ledermenschen, so genannt, weil er sich vollständig in Leder kleidet. Auf der Stirn trägt er das Zeichen Kains, eine rote Schlange. Gerät er in Wut, stehen ihm die Haare zu Berge und sträuben sich zu Hörnern. Tagsüber taucht er meist im Nebel auf, spricht Gutes zu den Frauen („Nur ihr seid schön“) und verschwindet wieder im Nebel. Die Stadtmenschen nennen ihn den ewigen Juden. Nach Walter Harich handelt es sich um „einen Wahnsinnigen, der in dem Teufel den Herrn der Welt sieht und seine Macht verkündet. Niemand hat den Ledermann essen und trinken sehen. Nachts dringt er durch Dach und Schornstein in die Häuser ein und nährt sich aus fremden Küchen. Besonders hat er es auf Fürsten abgesehen. Heilig sind ihm nur die Frauen, denen er nichts tut und zu denen er mit liebreicher Stimme spricht.“**

Der Roman bricht ab mit einer großen Rede dieser Mephisto ähnlichen Figur. Der Ledermensch spricht von seiner Sehnsucht, in die Hölle zu kommen, denn dort sind seine Verwandten, die Tierseelen, zu Hause. Den Menschen gibt er zu bedenken: »Rechnet einmal eure Nächte in Einem Jahr zusammen und seht in der 365sten nach, was euch von den langen Traumaffären auf dem Kopfkissen, von den Schlachten, den Lustbarkeiten, den Menschengesellschaften und Gesprächen und den langen, bangen Geschichten zurückgeblieben? Kein Federchen und kein Lüftchen; – und nun rechnet noch euere 365 Tage dazu: so habt ihr eben so viel, und der Teufel lacht und herrscht in euern Nächten und in euern Tagen; aber ihr wisst es nicht. […] Es ist närrisch auf der Erde« sagt er, »soeben entschlaf‘ ich***«, worauf er in den Kamin des Zimmers steigt und diesen von innen hochklettert. Den Anwesenden erklingt seine Stimme nun völlig verändert: lieblich und herzlich, sanft und mild. Man möge ihm vergeben, dass er den Anblick der guten Menschen nicht ertrage. „In seiner Studierstube wäre er alles Böse durch Denken gewesen: Mordbrenner, Giftmischer, Gottleugner, vertretender Herrscher über alle Länder und alle Geister, innerer Schauspieler von Satansrollen. Für diese Sünden werde er jetzt bestraft.“ (Harich)

Die letzten Worte im Roman gehören dem Ledermenschen Kain: „Jetzo lieb‘ ich euch Sterbliche alle so herzlich und kindlich und hasse niemand auf der Welt. – Ich habe in meinem Herzen dich, unendlicher Gott der Liebe, wieder, der in alle tausend tiefen Wunden der Menschen wärmend niedersieht und endlich die Wunde nimmt oder den Verwundeten. O Gott der Liebe, lasse dich fortlieben von mir, wenn ich erwache. Die schreckliche Stunde steht schon nahe, trägt mir meine Furienmaske entgegen und deckt sie auf mein Gesicht! – Vater der Menschen, ich bin ja auch dein Sohn und will dir ewig gehorchen; Vater, verlaß mich nicht, wenn das Glöckchen läutet« …..

Eben schlug es drei Uhr, und man hörte nur noch sein Weinen, und jede Seele weinte innerlich mit. Plötzlich erklang das Kindtaufglöckchen, und der Unglückliche stürzte aufgewacht herab. Gesicht und Hände waren geschwärzt, die Haarbüschel sträubten sich zornig empor, auf der geschwollnen Stirnhaut ringelte sich die rote Schlange wie zum Sprunge, und er rief freudig: »Vater Beelzebub, ich bin wieder bei dir; warum hattest du mich verlassen?«

Alle traten weit von ihm hinweg, nicht aus Furcht, sondern vor Entsetzen.

Ende des Romans. Sein Verfasser der „Chinese in Rom“? Aber nein doch, verfasst hat es Johann Paul Friedrich Richter, genannt Jean Paul. Nach dem Tod seines Sohnes fehlte ihm die Kraft für das Komische. Das 473-seitige Werk blieb Fragment.

* Jean Pauls Roman Hesperus schlug heftiger ein als Goethes Werther und machte seinen Verfasser zum beliebtesten Schriftsteller seiner Zeit

** Walther Harich: Jean Paul. Eine Biographie, Leipzig 1925

*** Jean Paul, Sämtliche Werke, Abteilung I, Band 6, Der Komet oder Nikolaus Marggraf. Eine komische Geschichte, Zweitausendeins (Lizenzausgabe 1996), © 1963 Carl Hanser Verlag München

Der besagte, im Verlauf eines Schreiberlebens galiig gewordene Schluss – zugegeben abzüglich der Jean-Paul-typisch benachwortenden zwanzig Enklaven – im Zusammenhang:

——— Jean Paul:

Einundzwanzigstes Kapitel in einem Gange,

worin jeder immer mehr erstaunt und erschrickt

Der Gang

Vorfälle und Vorträge auf der Gasse – seltsame Verwanlungen vorwärts und rückwärts

aus: Der Komet oder Nikolaus Marggraf, Georg Reimer, Berlin 1822, Schluss:

[…] Unter allen Umständen konnten Hacencoppen und Gefolge nichts anders tun, als so kühn zu sein wie Libette und dem Feinde die Festung zu öffnen, bei solcher Besatzung. Kain ging ruhig und stumm auf die Gesellschaft zu und antwortete Libettens Scherzen mit nichts. Ebenso mild und ruhig ging er vor dem Reiter zu Fuß vorüber und die Treppe hinauf. Sobald er aber in des Grafen Zimmer gekommen war: so bewegten sich seine härnen Hörner, und am Kopfe zuckten Ohren und Nase. Er hatte mit der gewöhnlichen Verschlagenheit der Tollen seine Ausbrüche aufgehoben. »So hab‘ ich euch denn«, fing er an, »lebendig zwischen vier Wänden vor mir, und ihr müßt mir alle zuhören. Bin ich fertig, so könnt ihr gehen; wer eher geht, fährt ab. Mich tötet keiner, ich aber einen und den andern. Ihr wollt meine Reichskinder, die Affen, nachäffen, ihr Unteraffen; aber ihr versteht es schlecht – ihr seid vom Antichristus abgefallen und macht euch der Hölle unwürdig durch euere feige Frömmigkeit und euer Dummbleiben mitten unter tausendjährigen Erfahrungen. Meine Affen sind klüger und lassen sich nicht, wie ihr, von euch regieren, nicht einmal von ihresgleichen. Bildet euch nicht ein, weil ihr einigen von ihnen mit manchen Gliedern ähnlich seht, vollständige Affen zu sein; auch der Hund, der Löwe, das Schwein sehen wie manche Affen aus, sind aber gar keineDer Hundaffe, der Schwein- und der Löwenaffe, der Bärenpavian, die Meerkatze erinnern durch die Tierähnlichkeiten, die ihre Menschähnlichkeit durchziehen, an den physiologischen Satz, daß der Mensch Auszug und Gipfelblüte des Tierreichs sei. und der Waldmensch betrübt sich über seine Verwandtschaft mit euchDer Urangutang ist bekanntlich im Gegensatze der anderen Affen ernst und trübe.. – Helvetius‘ Menschenstolz auf zwei Hände beschämt der Affe mit vier Händen, und euere sogenannte hohe Gestalt bückt und bricht mitten unter ihrer Aufrichtung durch euern Horaz und Herder vor der Eden- und Riesenschlange, wenn sie aufrecht wandelt und über Türme schaut.

Günther Sommer, JP blau mit LedermenschSchälet einmal euere Haut ab und seht euch aufgedeckt und aufgemacht an: so hängen statt euerer Reize und Menschenmienen Gehirnkugeln und Herzklumpen und Magensäcke und Därme vor euch da und würmeln; darum breitet ihr noch Häute vom Tier auf euere Füße und Hände, und Haare vom Tier auf euere dünnen Haare, und prangt mit schwarzen Beinen und Köpfen und mit bunten Überziehleibern eurer kahlen abgerupften Unterziehleiber.

Und nun kommt gar euer ewiges erbärmliches Sterben dazu, daß ihr nicht einmal so lange lebt wie eine Kröte im Marmor, geschweige wie ich aus euerm Paradies. Seid ihr denn nicht sämtlich bloß Luftfarbenleute und nicht einmal hölzerne, mir luftige Marionetten, wie sie der Buchhändler Nicolai in Berlin vor kurzem so lange um sich tanzen und reden sah, bis er ein Hausschlachten dieser Menschheit um sich her vornahm und unter die Gestalten seine Steiß-Blutigel als Würgengel schickte, womit er die ganze Stube ausholzte und lichtete, bis bloß auf sich selber, welchen Menschen dieser Nicolai nicht den Tieren oder Würmern vorwarf, was erst sein Tod tun wird?« – –

Ganz gewiß spann der Ledermann die Vergleichung bloß wegen des Gleichnamens Nicolai und Nikolaus so lange fort. Aber in seinen reißenden Redestrom war mit keiner Gegenrede zu springen, und das Reißen war ganz unerwartet, da der gelassene Zuchthausprediger immer seine früheren Reden nur breit und lange und den Strom nur als Sumpf nach Hause gebracht.

»Rechnet einmal euere Nächte in einem Jahre zusammen und seht in der 365ten nach, was euch von den langen Traumaffären auf dem Kopfkissen, von den Schlachten, den Lustbarkeiten, den Menschengesellschaften und Gesprächen und den langen bangen Geschichten, zurückgeblieben! Kein Federchen, kein Lüftchen; – und nun rechnet noch euere 365 Tage dazu: so habt ihr ebensoviel und der Teufel lacht und herrscht in euern Nächten und in euern Tagen; aber ihr wißt es nicht.

Und doch wollt ihr euch lieber von den matten, dünnen, durchsichtigen Menschen regieren lassen als vom Teufel, der tausendmal mehr Verstand und Leben hat als ihr alle, und der bloß aus Mitleid euere Herrscher beherrscht. – Was seid ihr denn für Wesen und Leute? Euere Mutter gebiert euere Religion und macht euch entweder zu Juden oder zu Christen oder zu Türken oder zu Heiden; der Mutterkuchen ist die Propaganda, die Töpferscheibe eueres Glaubens. – Thronen sind auf Geburtstühle gebaut, und welchen ihr anzubeten habt als einen Herrscher, oder zu begnadigen als einen Untertan, entscheidet ein delphisches Mutterorakel. Ein Knabe von 5 Jahren und 7 Monaten, Louis XV., ernennt vor dem Parlament den Herzog von Orleans zum Regenten während seiner MinderjährigkeitDie Memoiren des Herzogs von Richelieu. B. 1., und der Herzog trägt dem Knaben alle Staatbeschlüsse zur höchsten Genehmigung vor; und sein unmündiger Vorfahrer, der Vierzehnte, befiehlt dem Parlament, ihn selber auf der Stelle für mündig anzusehen und ihm zu gehorchen. – Zwei Kronschufte, die Gebrüder Caracalla, wovon keiner nur zu einem römischen Sklaven taugte, aber jeder den Freien und Sklaven zweier Weltteile die Gebote gab, wollten in das damalige All sich teilen und der eine bloß über Europa, der andere bloß über Asia schalten und Aufsicht führen.Herodian. c. 4. So waret ihr von jeher, und die Zeit macht euch nur bleich aus Angst und schwarz aus Bosheit, und erst hintennach rot aus Scham. Und euere Generationen werden durch nichts reif als durch die Würmer-Kaprifikation unter der Erde, und ihr legt, da keine Zeit euch weiter bringt und treibt, euern Soldatenleichen Sporen an den Stiefeln an, die eben auf der Bahre liegen. – – Tötet euch nur öfter ….. gehorcht ihnen jedesmal, wenn sie euch in das Schlachtfeld beordern ….. tut etwas noch darüber, sterbt wenigstens, wenn ihr nicht umbringt ….. Was hindert mich jetzt im Reden? Ich spür‘ etwas, die Augenlider fallen mir nieder – ich mag auch nicht lange mehr sehen auf der dummen, trüben Erde, die Hölle ist heller.« –

Allerdings fühlte der Ledermann etwas, denn Worble hatte ihn bisher im Rücken mit allen seinen magnetischen Fingerhebeln aus dem Wachen in den Schlaf umzulegen gestrebt und dabei eine Masse von Wollen aufgeboten, womit er ein weibliches Krankenheer würde erlegt und eingeschläfert haben. Nur wurd‘ es ihm schwer, den Strom Kains mit seinem Gegenstrom aufzuhalten und rückwärts zu drängen; das Feuer gegen alle mit dem Feuer für einige zu bändigen.

Kain fuhr fort: »Ich bin gewiß schon sehr lange aus der Ewigkeit heraus und muß durch die dünnen Augenblicke der Zeitlichkeit schwimmen und sterben sehen – – Es ist närrisch auf der Erde – soeben entschlaf‘ ich.«

Worble hatte ihn gerade am Hinterkopfe mit zusammengelegten Fingern wie mit einem elektrischen Feuerbüschel berührt und blitzartig getroffen und ihn plötzlich in die höchste Magnetkrise emporgetrieben. Wie sonst als Nachtwandler, versuchte der Kranke das AufkletternBekannt und erwiesen ist die Fertigkeit mehrer Somnambülen, an den Wänden und überall wie Tiere durch kleine Hülfen sich in die Höhe heben. mit geschloßnen Augen und drang in den nahen Kamin und an äußern kleinen Anhaltpunkten leicht darin hinauf.

Aber alle wurden bestürzt über eine fremde, liebliche, herzliche Stimme, welche jetzo verborgen zu ihnen sprach: »Ihr teuern, lieben Menschen, vergebt es mir, daß ich geflohen bin, ich ertrage vor euern Augen meine Schuld und euere Güte nicht; ich seh‘ euch aber alle. O, Dank habe du vor allen, der du mir den schwarzen Äther blau und licht gemacht und mich aus meiner brennenden Wüste auf einige Minuten in das kühle Land des Abendrots geführt. O wie ist mein trübes, flutendes Herz jetzt still und hell und rein! Und ich liebe nun die ganze Welt, als wär‘ ich ein Kind. Ich will euch mit Freuden alles von mir sagen, lauter Wahrheit.

Horst Peter Schlotter, Studie Ledermensch 1In den Nächten ging ich bisher als Nachtwandler mit düstern zugeschloßnen Sinnen ergrimmt umher und irrte über die Dächer hin, aber ich stieg überall ein, um mich zu nähren und zu tränken; und überall tat ich es im Wandelschlaf, um mich zu erhalten. Aber sobald ich erwachte, wußt‘ ich von meinem Stehlen und Nähren nichts mehr, ich sah mich fort für den unzerstörlichen Kain an und fiel wieder ab, von Menschen und von Gott. Denn ich soll gestraft werden für meine tausend Sünden, lauter Sünden in der Einsamkeit; auf meiner Studierstube war ich alles Böse durch Denken – Mordbrenner – Giftmischer – Gottleugner – ertretender Herrscher über alle Länder und alle Geister – Ehebrecher – innerer Schauspieler von Satansrollen und am meisten von Wahnwitzigen, in welche ich mich hineindachte, oft mit Gefühlen, nicht herauszukönnen. – So werd‘ ich denn gestraft und fortgestraft durch Gedanken für Gedanken, und ich muß noch viel leiden. – Ach, ihr Glücklichen um mich her, ihr könnt den Unendlichen lieben, aber ich muß ihn lästern, wenn ich erwache; und um drei Uhr, mit dem ersten Anschlage des Kindtaufglöckchens, werd‘ ich wieder wach und teuflisch; dann hütet euch vor dem Unglücklichen; denn meine Hölle wird heißer stechen und brennen, wenn sie hinter dieser kühlen Himmelwolke wieder hervortritt, die Schlange auf meiner Stirn wird giftiger glühen, und kann ich nach dem Waffenstillstand der bösen Natur morden, so tu‘ ichs; – besonders scheue du mich, sanfter Marggraf, wenn dein Heiligenschein dein Haupt umgibt. Ich habe einmal um Mitternacht, auf einem Dache stehend, dich mit einem gesehen und innig gehaßt; aber sobald ich erwache, wird er durch deine bewegte Seele wieder um dich schimmern und mich entrüsten.

Jetzo lieb‘ ich euch Sterbliche alle so herzlich und kindlich und hasse niemand auf der Welt. – Ich habe in meinem Herzen dich, unendlicher Gott der Liebe, wieder, der in alle tausend tiefen Wunden der Menschen wärmend niedersieht und endlich die Wunde nimmt oder den Verwundeten. O Gott der Liebe, lasse dich fortlieben von mir, wenn ich erwache. Die schreckliche Stunde steht schon nahe, trägt mir meine Furienmaske entgegen und deckt sie auf mein Gesicht! – Vater der Menschen, ich bin ja auch dein Sohn und will dir ewig gehorchen; Vater, verlaß mich nicht, wenn das Glöckchen läutet« …..

Eben schlug es drei Uhr, und man hörte nur noch sein Weinen, und jede Seele weinte innerlich mit. Plötzlich erklang das Kindtaufglöckchen, und der Unglückliche stürzte aufgewacht herab. Gesicht und Hände waren geschwärzt, die Haarbüschel sträubten sich zornig empor, auf der geschwollnen Stirnhaut ringelte sich die rote Schlange wie zum Sprunge, und er rief freudig: »Vater Beelzebub, ich bin wieder bei dir; warum hattest du mich verlassen?«

Alle traten weit von ihm hinweg, nicht aus Furcht, sondern vor Entsetzen.

Bilder:

  1. Ines Scheppach: Ledermensch, 2019;
  2. Ulla Haug-Rößler: Kain im Kamin;
  3. Günther Sommer: JP blau mit Ledermensch;
  4. Horst Peter Schlotter: Studie Ledermensch 1,

via Armin Elhardt: Der Ledermensch Kain in Jean Pauls Roman „Der Komet“. Eine Skizze in Worten,
aus: mephisto?mephisto! Ein Denkansatz, in: Das Mephisto-Projekt, Galerie Interarts,
Union freischaffender Künstler und Kunstfreunde e. V. Stuttgart.

Lederstrumpf: Mandolin Orange: Boots of Spanish Leather, live bei Audiotree, 15. April 2014:

Written by Wolf

16. Juli 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Hölle

Liebchen öffne deinen Schoos

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Update zu Weihnachtsengel 3: Lasst mich scheinen, bis ich werde
(Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht)
,
Zu Lolitas Verteidigung,
Babes With Guns,
Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht
und But little girls grow up, my friend:

Damit nicht verloren geht, dass wir hier unter anderem eine Sammelstelle für siebenzeilige Gediche sind, folgt ein Lied aus dem Faust 2, das Goethe im Gegensatz zu manchen frivolen Neckereien unter erwachsenen Leuten, auch wenn sie phantastische Figuren sind, auffallender Weise nicht den „Outtakes“ anheimsortiert hat. Hans Arens in seinem Kommentar zu Goethes Faust II 1989 (ca. 1100 Seiten) wiegelt ab:

Es ist ausgeschlossen, daß 5197/5198 meinen, was sie wörtlich besagen; es kann nur etwa heißen: Sei bereit!

Na dann. Das Reimschema ist ABABCCB und schnappt in allen Strophen souverän ins Schloss — keine Selbstverständlichkeit beim Verfertigen von Siebenzeilern — und tanzt schön passend zur (bei Goethe noch Femininum) Mummenschanz.

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Weitläufiger Saal, mit Nebengemächern, verziert und aufgeputzt zur Mummenschanz.

aus: Faust. Der Tragödie zweyter Theil, Erster Act, Vers 5178 bis 5198:

Undated family photograph of Florence Sally Horner, 1948, Wikimedia CommonsMutter und Tochter.

Mutter.
Mädchen als du kamst an’s Licht
Schmückt ich dich im Häubchen,
Warst so lieblich von Gesicht,
Und so zart am Leibchen.
Dachte dich sogleich als Braut,
Gleich dem Reichsten angetraut,
Dachte dich als Weibchen.

Ach! nun ist schon manches Jahr
Ungenützt verflogen,
Der Sponsirer bunte Schaar
Schnell vorbei gezogen;
Tanztest mit dem Einen flink,
Gabst dem Andern stillen Wink
Mit dem Ellenbogen.

Welches Fest man auch ersann,
Ward umsonst begangen;
Pfänderspiel und dritter Mann
Wollten nicht verfangen;
Heute sind die Narren los,
Liebchen öffne deinen Schoos,
Bleibt wohl einer hangen.

Gespielinnen
(jung und schön gesellen sich hinzu, ein vertrauliches Geplauder wird laut).

Bild: Florence Sally Horner, ca. 1948,
für: Sarah Weinman: The story of 11-year-old Sally Horner’s abduction changed the course of 20th-century literature. She just never got to tell it herself, Hazlitt, 20. November 2014,
via dieselbe: The real Lolita: Tragic girl, 11, was kidnapped and raped for months — and inspired Nabokov’s scandalous novel, The Mirror, 18. September 2018.

Soundtrack:Neil Diamond: Girl, You’ll Be a Woman Soon, aus: Just for You, 1967:

Girl, you’ll be a woman soon,
Please, come take my hand
Girl, you’ll be a woman soon,
Soon, you’ll need a man

in der Wiedergabe von Urge Overkill auf Stull, 1992, in: Pulp Fiction, 1994:

Written by Wolf

9. Juli 2021 at 00:01

Nachtstück 0028: Du siehst, man muß nur etwas aus sich machen (daß es denn doch um die Dauer der Menschheit noch nicht so gar schlecht stehe)

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Update zu Der Mensch ist ein einfaches Wesen. Und wie reich, mannigfaltig und unergründlich er auch sein mag, so ist doch der Kreis seiner Zustände bald durchlaufen,
Du hast mir mein Gerät verstellt und verschoben
und Einige Reste Wein:

Im Thema Body-switch wussten die alten weißen Männer der deutschen Klassik mal wieder selbst am wenigsten davon, wie privilegiert sie waren.

1. Aus Frauensicht:

——— Emma. 25. Very Bad Catholic. Wife and mom:

Swimsuit shopping, a dialogue

aus: The Daily Plod, 21. April 2018:

Duane Bryers, Hilda, Bored PandaMe: All I’m looking for is a cute, modest swimsuit that has a good design and a reasonable price

Swimsuit designers: Let’s make all the one pieces have plunging necklines this year!

Me: Well that’s great if you have a small chest but I need good suppo-

Swimsuit designers: Let’s make the front of this high-waisted two piece modest in the front…

Me: Great!

Swimsuit designers: AND THEN let’s make it all strappy and cheeky in the back!

Me: Do not

Swimsuit designers: Let’s make all the modest swimsuits frumpy with ugly patterns and really expensive!

Me: Why-

Swimsuit designers: …And make all the strappy, revealing bikinis dirt cheap!

Me:

Me: Look! Finally, a cute, modest swimsuit in the front and back with a good design and a lovely pattern! It’s EXACTLY what I’ve been looking for! Good job guys-

Swimsuit designers: We have decided to make this swimsuit that has every single quality you want absurdly expensive and out of your price range!

Me: Well….this other one is pretty cute and reasonably priced. I’d settle for it at least

Swimsuit designers: We know that women love swimsuits with good coverage and good design with a reasonable price

Me: Thank you.

Swimsuit designers: That’s why this particular swimsuit you’d settle for is all sold out in your size

Me: WHY DO YOU HATE ME AND ALL WOMANKIND

2. Aus Männersicht:

——— Johann Peter Eckermann:

Mittwoch, den 12. März 1828

aus: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Brockhaus, Leipzig 1836:

Nachdem ich Goethe gestern Abend verlassen hatte, lag mir das mit ihm geführte bedeutende Gespräch fortwährend im Sinne.

Auch von den Kräften des Meeres und der Seeluft war die Rede gewesen, wo denn Goethe die Meinung äußerte, daß er alle Insulaner und Meeranwohner des gemäßigten Klimas bei weitem für productiver und thatkräftiger halte als die Völker im Innern großer Continente.

War es nun daß ich mit diesen Gedanken und mit einer gewissen Sehnsucht nach den belebenden Kräften des Meeres einschlief, genug, ich hatte in der Nacht folgenden anmuthigen und mir sehr merkwürdigen Traum.

Duane Bryers, Hilda, Bored PandaIch sah mich nämlich in einer unbekannten Gegend unter fremden Menschen überaus heiter und glücklich. Der schönste Sommertag umgab mich in einer reizenden Natur, wie es etwa an der Küste des Mittelländischen Meeres im südlichen Spanien oder Frankreich oder in der Nähe von Genua sein möchte. Wir hatten mittags an einer lustigen Tafel gezecht, und ich ging mit andern, etwas jüngern Leuten, um eine weitere Nachmittagspartie zu machen. Wir waren durch buschige angenehme Niederungen geschlendert, als wir uns mit einem Male im Meere auf der kleinsten Insel sahen, auf einem herausragenden Felsstück, wo kaum fünf bis sechs Menschen Platz hatten und wo man sich nicht rühren konnte ohne Furcht, ins Wasser zu gleiten. Rückwärts, wo wir hergekommen waren, erblickte man nichts als die See, vor uns aber lag die Küste in der Entfernung einer Viertelstunde auf das einladendste ausgebreitet. Das Ufer war an einigen Stellen flach, an andern felsig und mäßig erhöht, und man erblickte zwischen grünen Lauben und weißen Zelten ein Gewimmel lustiger Menschen in hellfarbigen Kleidern, die sich bei schöner Musik, die aus den Zelten herübertönte, einen guten Tag machten. „Da ist nun weiter nichts zu thun,“ sagte einer zum andern, „wir müssen uns entkleiden und hinüberschwimmen.“ – „Ihr habt gut reden,“ sagte ich, „ihr seid jung und schön und überdies gute Schwimmer. Ich aber schwimme schlecht und es fehlt mir die ansehnliche Gestalt, um mit Lust und Behagen vor den fremden Leuten am Ufer zu erscheinen.“ – „Du bist ein Thor,“ sagte einer der schönsten; „entkleide dich nur und gieb mir deine Gestalt, du sollst indeß die meinige haben.“ Auf dieses Wort entkleidete ich mich schnell und war im Wasser und fühlte mich im Körper des andern sofort als einen kräftigen Schwimmer. Ich hatte bald die Küste erreicht und trat mit dem heitersten Vertrauen nackt und triefend unter die Menschen. Ich war glücklich im Gefühl dieser schönen Glieder, mein Benehmen war ohne Zwang, und ich war sogleich vertraut mit den Fremden vor einer Laube an einem Tische, wo es lustig herging. Meine Kameraden waren auch nach und nach ans Land gekommen und hatten sich zu uns gesellt, und es fehlte nur noch der Jüngling mit meiner Gestalt, in dessen Gliedern ich mich so wohl fühlte. Endlich kam auch er in die Nähe des Ufers, und man fragte mich, ob ich denn nicht Lust habe, mein früheres Ich zu sehen. Bei diesen Worten wandelte mich ein gewisses Unbehagen an, theils weil ich keine große Freude an mir selber zu haben glaubte, theils auch weil ich fürchtete, jener Freund möchte seinen eigenen Körper sogleich zurückverlangen. Dennoch wandte ich mich zum Wasser und sah mein zweites Selbst ganz nahe heranschwimmen und, indem er den Kopf etwas seitwärts wandte, lachend zu mir heraufblicken. „Es steckt keine Schwimmkraft in deinen Gliedern,“ rief er mir zu; „ich habe gegen Wellen und Brandung gut zu kämpfen gehabt, und es ist nicht zu verwundern, daß ich so spät komme und von allen der letzte bin.“ Ich erkannte sogleich das Gesicht, es war das meinige, aber verjüngt und etwas voller und breiter und von der frischesten Farbe. Jetzt trat er ans Land, und indem er, sich aufrichtend, auf dem Sande die ersten Schritte that, hatte ich den Überblick seines Rückens und seiner Schenkel und freute mich über die Vollkommenheit dieser Gestalt. Er kam das Felsufer herauf zu uns andern, und als er neben mich trat, hatte er vollkommen meine neue Größe. Wie ist doch, dachte ich bei mir selbst, dein kleiner Körper so schön herangewachsen! Haben die Urkräfte des Meeres so wunderbar auf ihn gewirkt, oder ist es weil der jugendliche Geist des Freundes die Glieder durchdrungen hat? Indem wir darauf eine gute Weile vergnügt beisammen gewesen, wunderte ich mich imstillen, daß der Freund nicht that als ob er seinen eigenen Körper einzutauschen Neigung habe. Wirklich, dachte ich, sieht er auch so recht stattlich aus, und es könnte ihm im Grunde einerlei sein; mir aber ist es nicht einerlei, denn ich bin nicht sicher, ob ich in jenem Leibe nicht wieder zusammengehe und nicht wieder so klein werde wie zuvor. Um über diese Angelegenheit ins Gewisse zu kommen, nahm ich meinen Freund auf die Seite und fragte ihn, wie er sich in meinen Gliedern fühle. „Vollkommen gut,“ sagte er; „ich habe dieselbe Empfindung meines Wesens und meiner Kraft wie sonst. Ich weiß nicht was du gegen deine Glieder hast, sie sind mir völlig recht, und du siehst, man muß nur etwas aus sich machen. Bleibe in meinem Körper so lange du Lust hast; denn ich bin vollkommen zufrieden, für alle Zukunft in dem deinigen zu verharren.“ Über diese Erklärung war ich sehr froh, und indem auch ich in allen meinen Empfindungen, Gedanken und Erinnerungen mich völlig wie sonst fühlte, kam mir im Traum der Eindruck einer vollkommenen Unabhängigkeit unserer Seele und der Möglichkeit einer künftigen Existenz in einem andern Leibe.

Duane Bryers, Hilda, Bored Panda„Ihr Traum ist sehr artig,“ sagte Goethe, als ich ihm heute nach Tische die Hauptzüge davon mittheilte. „Man sieht,“ fuhr er fort, „daß die Musen Sie auch im Schlaf besuchen, und zwar mit besonderer Gunst; denn Sie werden gestehen, daß es Ihnen im wachen Zustande schwer werden würde, etwas so Eigenthümliches und Hübsches zu erfinden.“

„Ich begreife kaum, wie ich dazu gekommen bin,“ erwiederte ich; „denn ich fühlte mich alle die Tage her so niedergeschlagenen Geistes, daß die Anschauung eines so frischen Lebens mir sehr fern stand.“

„Es liegen in der menschlichen Natur wunderbare Kräfte,“ erwiederte Goethe, „und eben wenn wir es am wenigsten hoffen, hat sie etwas Gutes für uns in Bereitschaft. Ich habe in meinem Leben Zeiten gehabt, wo ich mit Thränen einschlief, aber in meinen Träumen kamen nun die lieblichsten Gestalten, mich zu trösten und zu beglücken, und ich stand am andern Morgen wieder frisch und froh auf den Füßen.

Duane Bryers, Hilda, Bored PandaEs geht uns alten Europäern übrigens mehr oder weniger allen herzlich schlecht; unsere Zustände sind viel zu künstlich und complicirt, unsere Nahrung und Lebensweise ist ohne die rechte Natur, und unser geselliger Verkehr ohne eigentliche Liebe und Wohlwollen. Jedermann ist fein und höflich, aber niemand hat den Muth, gemüthlich und wahr zu sein, sodaß ein redlicher Mensch mit natürlicher Neigung und Gesinnung einen recht bösen Stand hat. Man sollte oft wünschen, auf einer der Südseeinseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal das menschliche Dasein ohne falschen Beigeschmack, durchaus rein zu genießen.

Denkt man sich bei deprimirter Stimmung recht tief in das Elend unserer Zeit hinein, so kommt es einem oft vor als wäre die Welt nach und nach zum Jüngsten Tage reif. Und das Übel häuft sich von Generation zu Generation! Denn nicht genug, daß wir an den Sünden unserer Väter zu leiden haben, sondern wir überliefern auch diese geerbten Gebrechen, mit unsern eigenen vermehrt, unsern Nachkommen.“

„Mir gehen oft ähnliche Gedanken durch den Kopf,“ versetzte ich; „allein wenn ich sodann irgend ein Regiment deutscher Dragoner an mir vorüberreiten sehe und die Schönheit und Kraft der jungen Leute erwäge, so schöpfe ich wieder einigen Trost, und ich sage mir, daß es denn doch um die Dauer der Menschheit noch nicht so gar schlecht stehe.“

Bilder: Duane Bryers: Hilda, „from around the 1950s to the 1980s“,
via Greta Jaruševičiūtė: Hilda: The Forgotten Plus-Size Pin-Up Girl From The 1950s, 2017.

Soundtrack: Baby Gramps: Old Man of the Sea,
aus: Rogues Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, ANTI- 2006:

Written by Wolf

25. Juni 2021 at 00:01

Freundlicher Zuruf/Unwilliger Ausruf (Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist)

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Update zu In einem anderen hochgewölbten, engen gotischen Zimmer und
Die Sonne zeugt das Licht und hat doch selber Flecken (wie viel uns fehlt, wie nichts man weiß!):

Der Eingangsmonolg des Goethischen Doktor Faust übernimmt, sagten wir, Wendungen wie „Zwar bin ich gescheidter als alle die Laffen“ pp. oder „was die Welt im Innersten zusammenhält“ textnah bis wörtlich das „Er kennet von der Welt / was aussen sich bewegt [/] Und nicht die inn’re Kraft / die heimlich alles regt“ aus Albrecht von Hallers Die Falschheit menschlicher Tugenden 1730.

An unserer Stelle hat es damit drei Teile gebraucht, bis bewiesen war, was Albrecht Schöne im Kommentar zur Frankfurter Faust-Ausgabe verkündet, Seite 211:

So hat Goethe durch intertextuelle Verweise die von Haller vorgezeichnete Rolle Newtons auf seinen Protagonisten übertragen: Mit den Eingangsversen des Faust-Spiels tritt der Begründer der neuzeitlichen Naturwissenschaft ins Spiel.

Wäre es zu weit gesprungen zu behaupten, Goethe musste seiner Faust-Figur von Anfang an ein schlimmes Ende zudenken, weil er den ungeliebten Isaac Newton qua Farbenlehre widerlegt haben wollte? — Ja, wahrscheinlich schon, endet Faust ja auch in allen vorhergehenden Bearbeitungen in Tod, Hölle und Verderben; ein Fauststoff mit Happy End steht bis heute noch aus. So weit geht Goethe allerdings noch 1820 — zwölf Jahre nach der Tragödie erstem Theil, aber immer noch ungefähr ebensolange über den Arbeiten an deren zweyten — um in einem Altersgedicht, dem Nebenprodukt seiner morphologischen Forschungen, die Hallerschen Affirmationen Newtons im Wortlaut zurückzuweisen.

So äußert sich diese lebenslange Sturheit als poetischer Anhang zur Morphologie:

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Freundlicher Zuruf

aus: Zur Morphologie I 3, 1820:

Eine mir in diesen Tagen wiederholt sich zudringende Freude kann ich am Schlusse nicht verbergen. Ich fühle mich mit nahen und fernen, ernsten, tätigen Forschern glücklich im Einklang. Sie gestehen und behaupten, man solle ein Unerforschliches voraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher selbst keine Grenzlinie ziehen. – Muß ich mich denn nicht selbst zugeben und voraussetzen, ohne jemals zu wissen, wie es eigentlich mit mir beschaffen sei; studiere ich mich nicht immer fort, ohne mich jemals zu begreifen, mich und andere, und doch kommt man fröhlich immer weiter und weiter. – So auch mit der Welt! Liege sie anfang- und endelos vor uns, unbegrenzt sei die Ferne, undurchdringlich die Nähe – es sei so! Aber wie weit und wie tief der Menschengeist in seine und ihre Geheimnisse zu dringen vermöchte, werde nie bestimmt noch abgeschlossen. – Möge nachstehendes heitere Reimstück in diesem Sinne aufgenommen und gedeutet werden!

Unmittelbar folgt das nachmals selbstständig ausgegliederte Gedicht Allerdings. Das darin eingewobene Zitat ist aus Albrecht von Hallers Lehrgedicht Die Falschheit menschlicher Tugenden von 1730. Dieser Erstdruck trägt noch keine Überschrift, das „heitere Reimstück“, das dem Freundlichen Zuruf folgt, wird nur in Inhaltsverzeichnis als Unwilliger Ausruf ausgewiesen:

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Allerdings

Dem Physiker

ca. 1. Oktober 1820:

Jules Chéret, Poster Faust 1896, Books and Art„Ins Innre der Natur –“
O du Philister! –
„Dringt kein erschaffner Geist.“
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern:
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
„Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist!“

Das hör‘ ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.

Alle die Laffen: Jules Chéret: Plakat für Faust!
mit Lydia Thompson, der europäisch-amerikanischen Burlesque-Ikone des 19. Jahrhunderts, 1896,
Lithographie, Musée des Arts Décoratifs,
via Books and Art, 20. Januar 2021.

Burlesquer europäisch-amerikanischer Soundtrack:
Liza Minnelli: Mein Herr, aus: Cabaret, 1972:

Written by Wolf

28. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Das glänzende Gold und der weibliche Schoos

with 2 comments

Update zu Frames in Zitaten (in Frames),
Bocksgestöhn und freche Lieder,
Wenn er vom Blocksberg kehrt und
Werkstattbericht: Da kann jeder gedenken, in was Schrecken und Forcht ich gesteckt:

WEnn aber des menschen son komen wird / in seiner Herrligkeit / vnd alle heilige Engel mit jm / Denn wird er sitzen auff dem stuel seiner Herrligkeit / vnd werden fur jm alle Völcker versamlet werden / Vnd er wird sie von einander scheiden / gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet / vnd wird die Schafe zu seiner Rechten stellen / vnd die Böcke zur Lincken.

Matthäus 25, 31 bis 33.

Goethe, Walpurgisnacht, Bleistiftzeichnung 1787

Keine populäre Anthologie über den vom Olymp herabgestiegenen, einst unter den Menschen wandelnden Goethe kommt ohne „Seid reinlich bei Tage und säuisch bei Nacht, so habt ihr’s auf Erden am weitsten gebracht“ am Lektorat vorbei. Weisen wir die Stelle doch mal nach.

Sie ist aus dem Faust und doch wieder nicht: Goethe hat sie nach fröhlichem Reimen und Dichten und Denken wieder aussortiert. Nicht anders denn fröhlich kann man sich Goethes immer wieder aufgenommene und liegengelassene Arbeit am Komplex über die Walpurgisnacht im Faust vorstellen; die „säuische“ Stelle stammt aus dem bedeutendsten Outtake, nein: Paralipomenon H P50, gesichert durch Albrecht Schöne in der Faust-Edition online und gut erreichbar gedruckt in seiner Faust-Ausgabe für die Bibliothek Deutscher Klassiker. Im Zusammenhang stehen da noch viel anzüglichere Sachen drin, übrigens nicht ohne Brillanz.

Allein die posthume Begründung, Goethes „Nuditäten und Cuditäten“ — so Riemer brieflich an von Müller erst 1836, bei Schöne im Kommentarband Seite 123 — in der Satansmesse auf dem Blocksberg für die Bühne auszuschließen, wohl aber für Gesamtausgaben zugänglich zu machen, liest sich nicht erst literaturwissenschaftlich recht süffig:

Johannes Praetorius, Blockes-Berges Verrichtung, 1668Unser Publicum, das zum größern Theil aus Frauen und Mädchen, Jünglingen und Knaben besteht, und unsre Zeit die den Heiligen die Zehen abfrißt, kann freylich durch solche Aristophanismen, ie sie die Blocksbergsscene darbietet, nicht erbaut sondern nur geärgert werden. Ich bin daher ursrprünglich und sponte nicht für die Veröffentlichung diese Scene gewesen.

Aber — ebenda Seite 122 f.:

Ein so bedeutendes, von de Volksmährchen selbst aufgenommenes und noch weiter ausgesponnenes Motiv, wie die Erscheinung des Satans auf dem Blocksberg, samt dem Hexenunfug — den sogar unsere keuschesten Künstler mit unaussprechlichen (inexpressibles!) Nuditäten ausschmückten — darf schon Künslerischer Hinsicht — gleichsam als Contrapunct und Gegenstück zu der Erscheinung [des HErrn] im [Prolog im] Himmel, nicht unbenutzt bleiben und muß wenigstens angedeutet werden; freylich, da das Ohr keuscher ist als das Auge, nicht mit den Nuditäten und Cuditäten, die sich vom bildenden Künstler eher verstecken und in den Hintergrund bringen lassen; aber das Scenario, die Angabe der Personen oder Figuren, mit abgerissenen Worten müßte allerdings beybehalten werden, damit ein Kunstverständiger, Dichter oder Bildner, sehe der Poet habe ein Wesentliches seiner Fabel nicht übersehen, sondern diese Partieen nur angedeutet und nichr detaillirt.

Vermutlich daher die ganzen zartfühlend zensierten Goethe-Ausgaben. Albrecht Schöne ist mit seiner historisch-kritischen Herangehensweise frühestens auf dem Stand von 2017 und schont uns nicht. Für uns ist das etwas zum Auswendiglernen und Angeben:

——— Johann Wolfgang Goethe:

Walpurgisnacht

Paralipomenon H P50, Arbeitsmedium eigenhändig, bis auf die Paginierung unbeschriebenes Blatt, mutmaßlich 1797,
cit. nach Albrecht Schöne, Hrsg.: Frankfurter Ausgabe, abschließender Stand 2017:

Gipfel Nacht
Feuer Koloss. nächste Umgebung
Massen, Gruppen. Rede.

Albrecht Dürer, Blocksberg, 1500, 1501       Satan.
Die Böcke zur rechten,
Die Ziegen zur lincken
Die Ziegen sie riechen
Die Bocke sie stincken
Und wenn auch die Böcke
Noch stinckiger wären
So kann doch die Ziege
Des Bocks nicht entbehren.

       Chor.
Aufs Angesicht nieder
Verehret den Herrn
Er lehret die Völcker
Und lehret sie gern
Vernehmet die Worte
Er zeigt euch die Spur
Des ewigen Lebens
Der tiefsten Natur.

       Satan rechts gewendet.
Euch giebt es zwey Dinge
So herrlich und groß
Das glänzende Gold
Und der weibliche Schoos.
Das eine verschaffet
Das andre verschlingt
Drum glücklich wer beyde
Zusammen erringt.

       Eine Stimme.
Was sagte der Herr denn? –
Entfernt von dem Orte
Vernahm ich nicht deutlich
Die köstlichen Worte
Mir bleibet noch dunckel
Die herrliche Spur
Nicht seh ich das Leben
Der tiefen Natur.

Hans Baldung Grien, Gruppe dreier wildbewegter Hexen, 1514       Satan lincks gewendet.
Für euch sind zwey Dinge
Von köstlichem Glanz
Das leuchtende Gold
Und ein glänzender Schwanz
Drum wißt euch ihr Weiber
Am Gold zu ergötzen
Und mehr als das Gold
Noch die Schwänze zu schätzen.

       Chor
Aufs Angesicht nieder
Am heiligen Ort.
O glücklich wer nah steht
Und höret das Wort.

       Eine Stimme
Ich stehe von ferne
Und stutze die Ohren
Doch hab ich schon manches
Der Worte verlohren
Wer sagt mir es deutlich
Wer zeigt mir die Spur
Des ewigen Lebens
Der tiefsten Natur.

       Meph zu einem jungen Mädchen.
Was weinst du? artger kleiner Schatz
Die Thränen sind hier nicht am Plaz
Du wirst in dem Gedräng wohl gar zu arg gestoßen?

       Mädchen.
Ach nein! der Herr dort spricht so gar kurios,
Von Gold u Schwanz von Gold u Schoos,
Und alles freut sich wie es scheint!
Doch das verstehn wohl nur die Großen?

       Meph.
Nein liebes Kind nur nicht geweint.
Denn willst du wissen was der Teufel meynt,
So greife nur dem Nachbar in die Hosen.

       Satan grad aus.
Ihr Mägdlein ihr stehet
Hier grad in der Mitten
Ich seh ihr kommt alle
auf Besmen geritten
Seyd reinlich bey Tage
Und säuisch bey Nacht
So habt ihrs auf Erden
Am weitsten gebracht.

Einzelne Audienzen.
Ceremonien Meister.

Matthäus Merian der Jüngere, Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626, Nürnberger Flugblatt

Bilder: Goethe: Walpurgisnacht, Bleistiftzeichnung 1797;
Johannes Praetorius: Blockes-Berges Verrichtung, Holzschnitt, Leipzig u. a. 1668,
Abb. in Bandini: Kleines Lexikon des Aberglaubens, München 1998;
Albrecht Dürer: Rückwärts reitende Hexe auf einem Ziegenbock. Kupferstich, um 1500,
Wiedergabe in Wikimedia Commons nach der Signatur in Photoshop gespiegelt;
Hans Baldung Grien: Gruppe dreier wildbewegter Hexen, Federzeichnung, 1514:
via Thomas Arnt: Goethes Faust I und die Magie, Hexen und Teufel in der Kunst, 1996/2014;
in der Frankfurter Goethe-Ausgabe von Albrecht Schöne angeführt: Matthäus Merian der Jüngere: Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626, Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, als Flugblatt Zaubereÿ, Nürnberg 1626, Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Einblattdruck mit der Signatur A II 10.

Soundtrack: Tautumeitas: Raganu Nakts (Hexennacht), aus: Tautumeitas, 2018:

Written by Wolf

30. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Wo mit Mais die Felder prangen

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Update zu Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg,
Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen: Regensburg bis Grein,
Dunkeldeutschland,
Moritz Under Ground,
Gräflein Du bist verrathen und
Zwei Klavier-Trios und zwei Violoncello-Sonaten:

Man soll nicht immerzu fragen, warum. Man verpasst genug im Leben über der Frage, warum nicht.

Zum Beispiel unterhält die Stadt Sulzbach an der Saar einen touristischen Karl-May-Weg mit sechs möglichen Eingängen und immerhin 40 Stationen auf 11,3 Kilometer Länge verteilt, ein Projekt der Zweckverbände Ruhbachtal und Brennender Berg, mit der Begründung laut Eurodistrict SaarMoselle:

Der Karl-May-Weg zeigt die schönsten Seiten der Wandergebiete Ruhbachtal und Brennender Berg und verbindet diese miteinander. Es erwartet Sie eine abwechslungsreiche Waldlandschaft, die sogar Karl May als Grundlage für seine abenteuerlichen „Weltreisen“ hätte dienen können.

Karl May war nie hier. Trotzdem ist ihm dieser Wanderweg gewidmet. Denn ihm war es wie keinem sonst gelungen, die Landschaft vor seiner Haustür so in die Fremde zu übertragen, dass sie als Grundlage für unglaubliche, angeblich selbst erlebte Abenteuer benutzt werden konnte.

Karl-May-Weg Eingang

Die Widmung muss im Konjunktiv stehen, weil ihr Gegenstand nie anwesend war, aber sie stehen dazu. Für ein Projekt aus der berüchtigten Disziplin des Stadt- und Regionalmarketings — Paradebeispiel sei die anliegende Stadt Sulzbach/Saar selbst, die seit 2017 den Claim „Wir sind das Salz“ zu benötigen glaubt — für ein Projekt der regionalen Imagewerbung, sagte ich, überrascht die Darstellung überaus angenehm: Der Geist von Auswahl und Präsentation entspricht sehr viel eher der eigenwilligen Besonnenheit von Arno Schmidt als einer Rabaukenparty auf den Bad Segeberger „Karl-May-Spielen“. Im Juli 1770 war vielmehr Goethe hier, wofür das Regionalmarketing eine angemessen sachliche Gedenktafel übrig hat.

Karl May, Auf fremden Pfaden, Buchcover vintageDie mit aller wünschbaren Belehrtheit recherchierten Stationsbeschreibungen für den Wanderweg stellen unter anderem eine Verbindung zwischen Karl May und Goethe her, noch interessanter und tiefgehender erscheint die Verbindung zwischen Karl May und Schiller an Station 38.

Das Sulzbacher Tourismarketing bezieht sich für seine durchaus luzid aufgefundenen Gemeinsamkeiten zwischen den Herren Carl Friedrich May und Johann Christoph Friedrich Schiller (vollständige Geburtsnamen) auf:

Während seiner Haft auf Schloss Osterstein (1865 – 1868) wird Karl May Betreuer der Anstaltsbibliothek; damit hat er Zugang zu über 4000 Büchern: „Zu den Herz- und Schmerzgeschichten, Ritterromanen und wüsten Räuberpistolen seiner frühen Lektüre in der Wirtshausleihbibliothek gesellt sich nun die Lektüre der deutschen Klassik – Schiller wird ihn lebenslang nicht mehr loslassen, …“

„Schiller war der von May am meisten bewunderte Dramatiker. Das ging so weit, dass er in einem Brief an Emma [Mays erste Ehefrau] ernsthaft behauptete, mit dessen Geist, der ihm gelegentlich auch die Feder führe, in spiritueller Verbindung zu stehen. Lesebiographisch ist interessant, dass bei vielen Karl-May-Begeisterten des zwanzigsten Jahrhunderts, z.B. bei Reich-Ranicki, auf die Winnetou-Euphorie eine nicht minder intensive Schiller-Phase folgte.“

Parallelen zwischen Schiller und Karl May:

  • „Um sich beim Produzieren wach zu halten, sind Schiller wie May maßlose Kaffee-Trinker und Tabak-Freunde. Damit geraten sie in zeitweiliges Trance-Schreiben, und so verwundert es nicht, dass beide manchmal ganz in die Welt ihrer Schöpfungen versanken.“
  • „Er [Schiller] stützte sich übrigens beim Schreiben, genau wie Karl May, fast ausschließlich auf seine Phantasie und Bücher. Schiller war nie in der Schweiz, in Spanien, Russland, Italien, England, Frankreich, obwohl seine Dramen dort spielen.
  • Und auch May reiste bis 1899 nur mit dem Finger auf der Landkarte durchs wilde Kurdistan, die Kordilleren oder den Llano Estacado.“
  • „Schiller und May mischten außerdem genial bereits vorhandene Motive, Gestalten und Themen neu, zitierten hemmungslos und schöpften ohne Bedenken aus zahlreichen Quellen.“
  • “ … an der Wirkung ihrer Werke [war ihnen] alles gelegen []. Also griffen sie tief hinein in die Trickkiste, um die Zuschauer und Leserherzen im Sturm zu nehmen. …“
  • Beide waren Ex-Verbrecher – „Schiller als Deserteur, May als Kleindieb und Trickbetrüger.“

Karl May, Auf fremden Pfaden, Buchcover PostmoderneSoweit das erste Beispiel des Karl May gewidmeten Wanderwegs, der bio-geographisch Schiller näher gelegen hätte. Zum zweiten Beispiel schrieb Schiller seine Nadowessische Totenklage am 3. Juli, obwohl sie keine Ballade ist, im „Balladenjahr“ 1797, folgerichtig für den „Balladenalmanach“ 1798. Abermals dankenswert wird sie vom Sulzbacher Tourismarketing angeführt, ich zitiere die Urfassung nach Wikisource.

Der von Schiller übernommene Stammesname der Nadowessier leitet sich ab vom französischen nadouessioux, einem alten Namen für die Dakota-Sioux. Für unser Bildmaterial ist sein Gedichtanfang „Seht! da sitzt er auf der Matte, aufrecht sitzt er da“ mit dem historischen Auftreten des Inbegrifffs der amerikanischen Ureinwohner in der Person von Sitting Bull zur Steilvorlage geworden. Der Mann mit dem sitzenden — oder, je nach Übersetzung, sich niedersetzenden — Namen war nämlich Stammeshäuptling und Medizinmann bei ebenjenen Hunkpapa-Lakota-Sioux in South Dakota. Eine Steilvorlage, die wir dankbar annehmen. Die restlichen Bilder dienen der Dokumentation der Buchcover-Motive, die seitens des Bamberger Karl-May-Verlags unverständlicher Weise bis heute in Gebrauch gehalten werden, und des Saarländischen Karl-May-Wanderwegs.

——— Friedrich von Schiller:

Nadoweßische Todtenklage 1.

3. Juli 1797, in: Musenalmanach für das Jahr 1798,
Tübingen, in der J. G. Cottaischen Buchhandlung, Seite 237 bis 239:

Orlando Scott Goff, Sitting Bull, 1881Seht! da sitzt er auf der Matte
     Aufrecht sitzt er da,
Mit dem Anstand den er hatte,
     Als er’s Licht noch sah.

Doch wo ist die Kraft der Fäuste,
     Wo des Athems Hauch,
Der noch jüngst zum großen Geiste
     Blies der Pfeife Rauch?

Wo die Augen, Falkenhelle,
     Die des Rennthiers Spur
Zählten auf des Grases Welle,
     Auf dem Thau der Flur.

Diese Schenkel, die behender
     Flohen durch den Schnee,
Als der Hirsch, der Zwanzigender
     Als des Berges Reh.

Diese Arme, die den Bogen
     Spannten streng und straff!
Seht, das Leben ist entflogen,
     Seht, sie hängen schlaff!

Wohl ihm! Er ist hingegangen,
     Wo kein Schnee mehr ist,
Wo mit Mays die Felder prangen
     Der von selber sprießt.

Wo mit Vögeln alle Sträuche,
     Wo der Wald mit Wild,
Wo mit Fischen alle Teiche
     Lustig sind gefüllt.

Mit den Geistern speißt er droben,
     Ließ uns hier allein,
Daß wir seine Thaten loben,
     Und ihn scharren ein.

Bringet her die letzten Gaben,
     Stimmt die Todtenklag‘!
Alles sey mit ihm begraben,
     Was ihn freuen mag.

Legt ihm unters Haupt die Beile
     Die er tapfer schwang,
Auch des Bären fette Keule,
     Denn der Weg ist lang.

Auch das Messer scharf geschliffen,
     Das vom Feindeskopf
Rasch mit drey geschickten Griffen
     Schälte Haut und Schopf.

Farben auch, den Leib zu mahlen
     Steckt ihm in die Hand,
Daß er röthlich möge strahlen
     In der Seelen Land.

SCHILLER

1. Nadoweßsier, ein Völkerstamm in Nordamerika.

Karl-May-Wg mit Sulzbach an der Saar von oben, Google Earth

Bilder: Durch das Leben von Karl May, Forum — Das Wochenmagazin, 23. November 2018;
Auf fremden Pfaden, ab 1913: Tom: Karl-May-Weg (Saarland), GPS Wanderatlas 2009–2021,
„Das aktuelle Titelbild“ Karl-May-Verlag Bamberg, via Karl-May-Wiki;
Seht! da sitzt er auf der Matte, aufrecht sitzt er da: Orlando Scott Goff: Sitting Bull, 1881;
Google Earth via Frank Polotzek: Auf fremden Pfaden/Karl-May-Wanderweg-Sulzbacher Schleife,
15. Juli 2020.

Soundtrack: Son of the Velvet Rat featuring Lucinda Williams: White Patch of Canvas,
aus: Red Chamber Music, 2011:

Written by Wolf

23. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Was er wünscht, ist Licht, mehr Licht

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Update zu Neulich in München
und Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet:

Goethes 189. Todestag am 22. März 2021.

Stets des Lebens dunkler Seite
Abgewendet wie Apoll;
Daß er Licht um sich verbreite,
War der Ruf, der ihm erscholl.
Und so stand er jung im Streite
Bis in’s Alter würdevoll,
Gegen Drachen-Nachtgeleite,
Das aus allen Ecken schwoll,
Das er bald mit Scherz beiseite
Schob, bald niederschlug mit Groll.
Als er abtrat nun vom Streite,
War das letzte Wort, das quoll
Aus der Brust erhobner Weite:
Mehr Licht!“ Nun, o Vorhang, roll
Auf, daß er hinüber schreite,
Wo mehr Licht ihm werden soll!

Friedrich Rückert: Goethes letztes Wort, 1832.

——— Kai Sina:

Frances E. W. Harper: „Mehr Licht!“

aus: Frankfurter Anthologie, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Januar 2021:

Ob die Forderung nach „Mehr Licht“ tatsächlich Goethes letzte Worte waren, ist philologisch mehr als umstritten – und wohl auch nicht so wichtig. Entscheidender sind die Folgen der vermeintlichen Sterbeworte, und in dieser Hinsicht zählt das Gedicht von Frances Ellen Watkins Harper zu den literarhistorisch aufschlussreichsten Dokumenten: einerseits, weil es das Gedicht einer afroamerikanischen Autorin des neunzehnten Jahrhunderts ist, deren Bezugnahme auf Goethe zunächst alles andere als naheliegend erscheint; und andererseits, weil die deutschsprachige Übertragung von Stephan Hermlin ein frühes Zeugnis der sozialistischen Literaturpolitik in Deutschland ist. […]

Helmut Fricke, Kam durchs Schlafzimmerfenster nicht genug Licht, FAZ, 27. Dezember 2017Anders als viele seiner Anhänger, die das „Licht“ im Sinne der aufklärerischen Symbolik mit Erkenntnis übersetzten und so noch den Sterbenden zum Wahrheitssucher stilisierten, weist Harper eine derart überspannte Deutung ausdrücklich zurück: Nicht um „größere Geistesgaben“ habe Goethe in seinen letzten Atemzügen gebeten, nicht um „Gedankentiefe“, sondern buchstäblich um „die gütige Sonne“ und „einen Strom aus liebem Erdenlicht“. […]

Szenenwechsel ins Nachkriegsdeutschland, in die sowjetische Besatzungszone. Im neugegründeten Verlag Volk und Welt erscheint 1948 der Band „Auch ich bin Amerika. Dichtungen amerikanischer Neger„. Zusammenstellung und Übertragung der ausschließlich von Afroamerikanern und Afroamerikanerinnen verfassten Gedichte stammen von Stephan Hermlin. Dessen lebenslanges Bestreben, dem deutschen Lesepublikum „eine Tür zu literarischer Weltläufigkeit zu öffnen“ (Heinrich Detering), bestimmt das Anthologieprojekt ebenso wie die politische Indienstnahme der Literatur, hier vor allem in Gestalt der Amerika-Kritik und des Antikapitalismus. Die Sammlung versteht sich als aufklärerischer Gegenimpuls zu „geschickt geschriebenen Schmökern à la ‚Vom Winde verweht‘ und verlogenen Hollywoodprodukten“, in denen die „Neger“, ungeachtet ihrer „denkbar ungünstigen Lage“ in der Gesellschaft, vornehmlich als „folgsam“ und „komisch“ dargestellt würden – so liest man im Vorwort.

In der Anthologie findet sich auch Harpers Gedicht, dessen liedhafter Charakter – erzeugt durch ein alternierendes Versmaß, das Wechselspiel von Reimen und Assonanzen sowie die refrainartige Wiederholung des Ausrufs „Light! more light“ – in der deutschen Übertragung stark zur Geltung kommt. Zugleich mischen sich andere, eher abendländisch geprägte Motive ins lyrische Gesamtbild ein: das „düstre Nebeltal“ der Romantik (im Original: „dimly lighted valley“), der lutherdeutsche „Heiland“ (bei Harper: „Gracious Saviour“). Sicher tragen auch solche Anpassungen dazu bei, dass man den amerikanischen Ursprungstext hinter der deutschsprachigen Nachdichtung eigentlich nicht mehr wahrnimmt.

Aber welche Absicht steht hinter der Entscheidung, Harpers Goethe-Verse überhaupt in die Sammlung mit aufzunehmen? In ihrem Werk hätte es andere Gedichte gegeben, die viel besser mit dem politischen Anliegen der Anthologie vereinbar gewesen wären (das kämpferische „Bury Me in a Free Land“ etwa). Im Vorwort stellt Hermlin fest, es seien zwar „kleinbürgerliche Verse“, die Harper über Goethe geschrieben habe. In ihnen komme aber dennoch „ein großes und ergreifendes Gefühl“ zum Ausdruck. Die am Kommunismus geschulte Bewusstseinsprüfung („kleinbürgerlich“) und das Beharren auf der Würde des Individuums (in seinem „großen und ergreifenden Gefühl“) gehen in der Gedichtauswahl also miteinander einher. Hermlins Entscheidung für Harpers Gedicht zeugt damit gleichermaßen von politischer Anpassung und literarischem Eigensinn.

Stephan Hermlins Auswahl und Übersetzung waren weder die ersten noch einzigen ihrer Art: Populäre deutsche Anthologien des 20. Jahrhunderts kennen unter anderem:

  • Amerika singe auch ich. Dichtungen amerikanischer Neger. Zweisprachig. Herausgegeben und übertragen von Hanna Meuter, Paul Therstappen. Wolfgang Jess, Dresden 1932. Mit Kurzbiographien. Reihe: Der neue Neger. Die Stimme des erwachenden Afro-Amerika. Band 1, 1932. 108 Seiten; Neuausgabe ebenda 1959, oder
  • Meine dunklen Hände. Moderne Negerlyrik im Original und Nachdichtung. Herausgegeben und übertragen von Eva Hesse und Paridam von dem Knesebeck. Nymphenburger, München 1953. 92 Seiten.

Es folgen Harpers Original und Hermlins gleichermaßen politisch angepasste und literarisch eigensinnige Übersetzung im Direktvergleich. Offenbar könnten wir alle in vermehrtem Ausmaß Licht in egal welchem Sinne vertragen.

——— Frances Ellen Watkins Harper:

Let the Light Enter

The Dying Words of Goethe

from: Poems, 1871, Seite 71 f.:

„Light! more light! the shadows deepen,
       And my life is ebbing low,
Throw the windows widely open:
       Light! more light! before I go.

„Softly let the balmy sunshine
        Play around my dying bed,
E’er the dimly lighted valley
       I with lonely feet must tread.

„Light! more light! for Death is weaving
        Shadows ‘round my waning sight,
And I fain would gaze upon him
       Through a stream of earthly light.“

Not for greater gifts of genius;
        Not for thoughts more grandly bright,
All the dying poet whispers
       Is a prayer for light, more light.

Heeds he not the gathered laurels,
        Fading slowly from his sight;
All the poet’s aspirations
       Centre in that prayer for light.

Gracious Saviour, when life’s day-dreams
        Melt and vanish from the sight,
May our dim and longing vision
       Then be blessed with light, more light.

(Goethes letzte Worte)

Übs. Stephan Hermlin, in: Auch ich bin Amerika. Dichtungen amerikanischer Neger.
Aus dem Englischen von Stephan Hermlin. Verlag Volk und Welt, Berlin 1948. 144 Seiten, vergriffen:

„Licht! mehr Licht! Die Schatten sinken,
       Wie ich’s Leben sinken seh.
Öffnet weit mir alle Fenster:
       Licht! mehr Licht! bevor ich geh.

Daß die gütige Sonne scheine,
       Auf mein Sterbebette strahl,
Ehe ich hinziehe
       Durch das düstre Nebeltal.

Licht! mehr Licht! der Tod verbreitet
       Schleier auf vergehende Sicht,
Lieber säh ich ihn durch einen
       Strom aus liebem Erdenlicht.“

Nicht um größere Geistesgaben,
       Um Gedankentiefe nicht
Fleht der Dichter sterbend leise,
       Was er wünscht, ist Licht, mehr Licht.

Nicht mehr achtet er des Lorbeers,
       Der langsam in Staub zerbricht;
All des Dichters Wünsche gipfeln
       In dem einen Wunsch nach Licht.

Heiland, wenn des Lebens Träume
       Aufgelöst, verweht wie Gischt.
Segne unsern sehnsüchtigen
       Letzten Blick mit Licht, mehr Licht.

Helmut Fricke, Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Schlafzimmer, FAZ, 27. Dezember 2017

Bilder: Helmut Fricke: Kam durchs Schlafzimmerfenster nicht genug Licht?;
Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Schlafzimmer,
für Hubert Spiegel: Mehr Licht war nicht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Dezember 2017.

Der neue Neger, die Stimme des erwachenden Afroamerika: James Brown with Reverend James Cleveland Choir: Let Us Go Back to the Old Landmark/Can You See the Light, aus: The Blues Brothers, 1980:

Written by Wolf

26. März 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Dieses fußkranke und wegmüde Denken, dieser Esprit von Nullhaftigkeit und Nihilism, dieses Charisma von Langweile

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Update zu Dreidreiviertel Arbeitstage oder Die CDs wechseln muss man schon,
Hipsteros und
Umgestülpte Teufel (und Kryptonit für Circe):

Der DDR-Lyriker rezensiert den Zigarettenerben, der seinerseits Wieland rezensiert. Alle Glieder der Kette leiden unter Überlänge, machen aber ungeahnten Spaß.

Das Aristipp-Buch von Reemtsma liegt seit 2000 als Taschenbuch bei dtv vor.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014

——— Peter Hacks:

Mehrerlei Langweile

Zu Jan Philipp Reemtsma:
»Das Buch vom Ich — Christoph Martin Wielands ›Aristipp und einige seiner Zeitgenossen‹«,
Haffmans 1993

in: TOPOS. Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie, herausgegeben von Hans Heinz Holz und Domenico Losurdo,
Heft 3: Epochenwandel, Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger, Bonn 1994:

Seinerzeit lebte in Griechenland ein langweiliger Philosoph, Aristipp. Diesen Aristipp machte der Dichter Wieland zum Helden eines langweiligen Romans; über den Roman hat jetzt der Philologe Jan Philipp Reemtsma eine langweilige Monographie geschrieben. Das ist die Lage, mit der ich befaßt bin. Ich kann mir unterhaltsamere Lagen vorstellen.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Besagter Aristipp war ein Hedoniker, ein »Genüßler« oder »Genußdenker«. Er ging davon aus, daß, wenn schon sonst nichts, jedenfalls die körperliche Lust ein Gut ist, unstrittig und mit höchster Gewißheit. Das Dumme an dem Ansatz ist, daß das nicht stimmt. Körperliche Lust hat viel Angenehmes — aber keinesfalls immer, nur unter Bedingungen. Wer hat nicht schon den Besitz eines schönhäutigen Geschlechtspartners mit Verdruß durchlitten, oder wem ist nicht schon die bestzubereitete Speise vorm Magen stehen geblieben, wenn ein allgemeineres, durchaus unkörperliches Mißvergnügen dem Vergnügen entgegenwirkte? Ich sage es ganz einfach. Eine Henkersmahlzeit kann das höchste Gut nicht sein.

Zugunsten des Aristipp läßt sich sagen, daß er die Lust für eine seiende Sache nimmt, für mehr als das bloße Schwinden oder Fehlen von Unlust. Aber offenkundig gehört er als Genußdenker neben die Bedürfnislosigkeitsprediger und die spätere Schule der Zweifelköpfe: zu den Rette-sich-wer-kann-Ratgebern, die in Verfallszeiten, in denen groß nicht mehr zu denken geht, noch ihre Rezepte, wie allenfalls sich durch die Welt helfen, anboten. Was ihr Wissen anlangt, ermüden sie ein wenig, aber am Ende hat auch keiner etwas gegen sie. Wenn sie nichtig sind, so sind sie doch auf eine erfrischende Weise nichtig. Natürlich sind uns die Überlebensphilosophen lieber als die Pfaffen, welche sonst aus dem Verfall ihren Zulauf haben.

Ich bin nicht breit, weil Wielands Aristipp mit dem echten oder für echt überlieferten Aristipp kaum mehr gemein hat als die Anekdote mit dem Rebhuhn zu fünfzig Drachmen. Er ist ein bißchen neugierig, ein bißchen gleichgültig, ein bißchen witzig, ein bißchen verliebt. Er verhält sich der Welt gegenüber vorsichtig und leidet ungern. Für die Lust interessiert er sich überhaupt nicht. Mehr als dem Aristipp ähnelt er dem Epikur und am genauesten dem Wieland.

Von dem Wielandschen Aristipp, dieser kurzweiligen und kurzatmigen Kunstfigur, erwartet Jan Philipp Reemtsma gewaltige Dinge und will sie an ihm finden und billigt sie ihm zu.

Wieland ist der erste Dramatiker, von dem ich in meinem Leben ein Stück bearbeitet habe. Es war die »Pandora« und trug bei mir den Untertitel »Von Arkadien nach Utopia«, ich war damals zwanzig. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich meinen Wieland einmal gegen übermäßiges Lob würde in Schutz nehmen müssen. Der Aristipp-Roman ist rundum erfreulich. Aber so gut, wie Reemtsma sagt, ist er nicht.

Ich möchte Ihnen die Fabel erzählen und überlege mir zu dem Zweck, was von dem Buch, falls einer vorhätte, es auf die Bühne zu bringen, auf die Bühne zu bringen ginge. Ich beginne damit, daß ich mir von dem Maler Hackert drei Prospekte malen lasse, einen von Weimar, einen von Osmannstedt, einen von Paris. — Weiter komme ich nicht. Handelnde Personen treten in dem Buch nicht auf.

Das ist wenig für immerhin elfhundert Seiten. (Ich zähle nach meiner Ausgabe, Reemtsma ist reicher als ich; er hat die Werkausgabe von 1794, ich bloß die von 1839).

Reemtsma ist entfernt davon, mir zu widersprechen. »Der Roman hat keine ›Story‹«, bekennt er, und der Held, bekennt er, hat »einen langweiligen Charakter«. Dann sagt er noch, daß der Held, aus Gattungsgründen, keinen »Charakter« brauche.

Was tut Aristipp das lange Buch über? Er verbringt seine Jugend auf einer Spazier- und Bildungsreise; hiernach läßt er sich in seinem Vaterland nieder und gründet einen Hausstand und ein Kulturhaus. Im Alter wird er sich in den Dienst eines Tyrannen begeben, was Wieland aber ungeschrieben läßt. Wir werden drauf zurückzukommen haben.

Drei Bestandteile im »Aristipp« ergötzen und verursachen Lesefreude.

Auf sie alle habe ich einzugehen vor. Es sind: Eine Nacherzählung, Parodie und Beschimpfung von Platons »Staat«, etliches Hörensagen aus der Welthauptstadt Syrakus, welche Paris meint, und die Marotten der Hetäre Lais, von der sich Aristipp an der Nase herumführen läßt, dergestalt, daß er sich zu einer noch längeren Verlobungszeit mit ihr versteht als das alte Brautpaar im »Leberecht Hühnchen«, bis er sich endlich besinnt und dann was Unbescholtenes heiratet.

Anders als der Held nämlich ist die Heldin ein Charakter, oder wenn sie kein Charakter ist, so hat sie doch eine Neurose. Reemtsma irrt, wenn er Lais »als Figur dem Aristipp ebenbürtig« und in dem Roman die »Gleichberechtigung der Geschlechter« verwirklicht findet; er ist eben auch nur ein Mann. Lais allein ist es, die die Hosen anhat. Ich zögere nur deshalb, den Roman einen Lais-Roman zu nennen, weil sie sich mitten im Buch, keiner weiß wie, aus der Handlung schleicht. Eben war sie noch da, plötzlich ist sie weg.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Lais ist eine Kokotte aus Kälte. Auch sie durchreist die griechische Welt, wobei sie ihren Bordellhaushalt immer mit sich führt. Als Männerhasserin lebt sie von Männern. Sie stirbt daran, daß sie vierzig wird; denn mit diesem Alter hört Frigidität auf, eine Frau automatisch unwiderstehlich zu machen.

Die Frage, ob Lais außer in der Mitteilung des Diogenes Laertius, Aristipp »pflegte auch Umgang mit der Buhlerin Lais«, auch in Wielands Leben einen Vorausgang habe, wird von Reemtsma als »literarischer Positivismus« abgetan. Anschließend wird sie mit einem Exkurs über Wielands sämtliche Weiberbekanntschaften behandelt und — nicht beantwortet; ich spreche davon, weil es Reemtsmas Weise bezeichnet, gleichzeitig viel und nichts zu sagen. Dabei ist es eine vernünftige und keine schwere Frage.

Wieland hatte zwei hauptsächliche Beziehungen: eine lebenslange Obsession zu der geistreichen, souveränen und nicht unfrivolen Gesellschaftsdame Sophie La Roche, der berühmten Schriftstellerin, und einen bürgerlichen Entschluß bei reiferen Jahren zu der hausbackenen Anna Dorothea Hillenbrand, die er ehelichte, der er Kinder machte und mit der er zufrieden war. Sein alter ego Aristipp hat dieselben zwei Beziehungen unter den Namen Lais und Kleone. Keiner bestreitet, daß die Kleone die Hillenbrand meint; so wird schon die Lais von der La Roche sich herleiten. Wie identisch muß denn ein künstlerisches Abbild mit seinem Urbild noch sein, damit ein Literaturwissenschaftler sich bequemt zuzugeben, daß es von ihm stamme?

Die Frau La Roche arbeitete, Lais arbeitet nicht. Sie rupft Männer und erzieht junge Huren. Sie beweist die Unvermeidlichkeit einer solchen Lebensführung mit einem soziologischen Kalkül. Der Zwang der Männerwelt, sagt sie, erlaubt einer Frau keine Wahl, außer der zwischen Ehesklaverei und Prostitution. Reemtsma findet diese Art, das Frauenrecht zu vertreten, »emanzipiert«. Mich meines Orts erinnert sie ganz merkwürdig an Meinungen von Wielands Hauptfeind Friedrich Schlegel.

Reemtsma nennt Lais die »Repräsentantin der Unabhängigkeit«. Goethe nennt Lais einen »problematischen Charakter«. Arno Schmidt nennt sie »ne Edelnutte«. — Drei Anmerkungen noch.

Erstens. Indem Lais ein Individualtyp Wielands ist, ist sie — die fast gesellschaftsfähige Kurtisane — gleichermaßen ein Zeittyp des Direktoriums und des Konsulats, in welchen Systemen Frauen auf unangefochtenere Weise lasterhaft waren als in der Regentschaft und im Rokoko. Emma Hamilton verglich sich gerne mit Lais, und wir liegen nicht falsch, wenn wir Lais mit Emma Hamilton vergleichen. Man mußte jetzt keine Herzogin mehr sein, um sich ungestraft wie eine Hure benehmen zu dürfen. Man durfte jetzt eine Hure sein und sich ungestraft wie eine Herzogin benehmen.

Zweitens. Wahrscheinlich ist die Arbeitsscheu der Lais gar nicht hauptsächlich als Beitrag zur Frauenfrage gemeint. Wielands Aristipp ist Wieland, aber der Unterschied ist auch hier, Wieland war ein Schwerarbeiter, Aristipp lebt immer nur vom Erben. »Aristipps Hedonik«, läßt Wieland eine seiner Sprachröhren, den Diogenes, sagen, »sollte die Lebensweisheit aller Begüterten sein«; wer mittellos sei, möge bei den Hundsphilosophen unterkommen. Ans Arbeiten jedenfalls ist für keinen gedacht, nicht für den Reichen und für den Armen nicht, und was Hegel an »Aristipps Schmarotzerphilosophie« stört, scheint Wieland nicht zu stören. Im Grunde redet er von der Klemme des bürgerlichen Autors, der von entfremdeter Arbeit nicht leben mag und von unentfremdeter nicht leben kann. So idyllisiert er für die gehobenen Stände das Liebhaberwesen, für die unvermögenden Schichten die Gammelei und für die Weiber eben den Strich. Aber die gemeinschaftliche arkadische Faulenzerei des sauberen Pärchens kommt mir — bei allem Verständnis — doch auch wieder ein bißchen kavaliersmäßig vor.

Drittens. Lais ist impotent und eine Maulhetäre. Aber nicht nur sie, auch Aristipps Gattin und der glückliche Aristipp selbst treiben die geschlechtliche Zurückhaltung bis zu einem Grade, der noch Gellerts »Schwedische Gräfin« mit Neid erfüllen kann. Es ist aber nicht, wie bei Gellert, tugendhaft gemeint, sondern tändelnd. Diese Liebesregel eines asexualen Erotismus ist nicht eben die Emanzipation des Fleisches; ich schlage aber nicht vor, sie ihrer Bescheidenheit wegen zu belächeln. In einer Zeit, wo wir Deutschen so verklemmt waren, daß kaum einer unserer Dichter mit einer anderen Frau sinnliche Einverständnisse unterhielt als mit seiner Schwester, gab es keine vorgeschrittenere. Wenn sie nicht sexual war, so war sie doch immer erotisch.

Ich habe mich in Einzelpunkten verloren. Ich kehre zum Roman zurück und zu dem Umstand, daß in ihm wenig geschieht.

Das Inhaltsverzeichnis der Reemtsmaschen Schrift verzeichnet eitel Inhaltlosigkeit. Ihre sechs Kapitel sind überschrieben: 1. Politeia, 2. Politik, 3. Philosophie, 4. Lais, 5. Ästhetik, 6. Symposion. Handelt man so über ein Kunstwerk? Reemtsma berichtet nicht, was in dem Buch sich ereignet, er berichtet, worüber in dem Buch geredet wird. Es liegt nicht an ihm, es liegt am Buch. Außer dem, was die Leute reden, geschieht in ihm nichts.

Reemtsma unterrichtet uns, daß Wieland gerüstet war, eine Geschichte der Sokratischen Schule zu verfassen. Arno Schmidt nimmt die Behauptung auf seine Kappe, der »Aristipp« sei der »einzige historische Roman« der deutschen Literatur. Zutrifft, daß Wieland in den griechischen Altertümern gut Bescheid weiß. Nicht zutrifft, daß ihm hierdurch Gattungserhebliches gelungen wäre.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Seine historischen Personen und Gegebenheiten sind weder genaue Nachahmungen derjenigen, die einstmals lebten oder sich begaben, noch sind sie genaue Anspielungen auf die Dinge der Jetzt-, will sagen der Entstehungszeit. »Aristipp« handelt in einem wunderlich verschwommenen Zwischenreich aus gewesener und seiender Wirklichkeit. Er ist weder ein Geschichts-, noch ein Schlüsselroman.

Was historische Literatur ist, lernt man bei Shakespeare. Er folgt seinen Gewährsleuten, dem Plutarch oder dem Holinshed, scheinbar Wort für Wort, so als ob er sie kaum bearbeitet habe; hierbei erreicht er, daß das entstandene Drama die elisabethanischen Läufte vollständig und mit äußerster Ähnlichkeit wiedergibt. Die Geschichte, wenn Kunst sie als Metapher einsetzt, ist das wie das: richtig als sie selbst und wahr, was die Gegenwart betrifft. Shakespeare ist Fleisch und ist Fisch. Dahn und Feuchtwanger, um Arno Schmidt zu entgegnen, sind beides. Wieland ist das eine nicht und nicht das andere.

Reemtsma verteidigt Wielands Stil. »Wieland schreibt lange Sätze«, teilt er mit, »aber keine langatmigen«. Kein Einspruch; der Stil ist an nichts schuld. Sobald es Wirklichkeit zu halten bekommt, ist Wielands Deutsch sehr gut. Ton und Stimmung des »Aristipp« sind von einer erlesenen Reinheit und Leichtigkeit des Geschmacks. Goethe lobt an ihm »das Zarte, Zierliche, Faßliche, das Natürlichelegante«. (Manchmal formuliert Goethe wie Thomas Mann, wenn er Goethe nachmacht.)

Auf diese langweilige Weise ist das Buch kein schlechter Zeitvertreib.

Wieland wird gelegentlich die eine oder andere Behauptung vortragen, der Sie nicht beifallen, aber nie eine, die Ihnen unangenehm ist. Man fühlt sich in seinem Dunstkreis immer wohl. Er ist vielleicht der sympathischste Autor aller Zeiten. Es ist unmöglich, ihn nicht gern zu haben. Leider ist es möglich, von ihm nicht gefesselt zu sein.

Ein Kunstwerk von der großen Gattung muß totalitär sein. Von ihm wird verlangt, daß es Totalität habe; es soll das Gesamt fassen, im Ernst groß sein. Der »Aristipp« läßt alle Philosophen der Welt philosophieren und alle Staatsvorkommnisse der Welt vorkommen — und wir greifen, wenn wir Gutes von ihm reden, zu Wörtern wie »überaus angenehm« und »klug« und »wohlgeraten«, Das sind nicht die Wörter, welche die Sprache für Höchstes bereitstellt. Da ist ein Unterschied zwischen einem Endlos-Feuilleton und einem Roman. Die Erscheinungshöhe, auf die der Stoff Anspruch erhebt, wird nicht durch Handlung beglaubigt.

Wielands »Aristipp«, will ich sagen, ist lang, nicht groß. Kommen wir auf Reemtsma.

Jan Philipp Reemtsma ist ein Philologe und verfügt folglich nicht über die Gabe, schlecht und gut in der Kunst auseinanderzuhalten, Es spricht für ihn, daß er sich dieses Unvermögens bewußt ist. Er hat auf Abhilfe gesonnen und beschlossen, sich allen Geschmacksurteilen von Arno Schmidt anzuschließen.

Damit hat er nun so viel Glück, wie er hat.

Arno Schmidts Urteile sind zur Hälfte begnadet, zur andern Hälfte toll und albern. Das Genie dieses großen Künstlers und unerschrockenen Autodidakten ist zu unerzogen, um zuverlässig beholfen zu sein. Zum Albernen an Arno Schmidts Wertungen gehört alles, was er über Goethe, und nicht wenig von dem, was er über Wieland sagt.

Ich erinnere an seinen Ausspruch über den »Aristipp« als unseren »einzigen historischen Roman«, im selben Atem versichert er noch, der »Aristipp« sei »der einzige ›Briefroman‹, den wir Deutschen besitzen, und mit Ehren vorzeigen können«. Auch das ist falsch. Er ist weder der einzige, noch der beste.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Und schließlich kann Schmidt sich gar nicht lassen über des »Aristipps« kunstvollen Aufbau. Er schwärmt vom »Fachwerk des großen Buches«, vom »Stahlskelett der Trägerkonstruktion«; er feiert Wieland als ungewürdigten »Berechner der äußeren Form«. Er gibt ihm hohe Titel, leider fehlt ihm dann der Platz, diese Titel zu begründen.

Reemtsma sagt das von der geschliffenen und kalkulierten Form auch. Er hätte den Platz, begründet es aber auch nicht.

Die Behauptung vom »einzigen Briefroman« begründet Schmidt. Reemtsma, wie ich sagte, schließt sich an. Schmidt kennt das »primitivste Kennzeichen eines Brief›wechsels‹«: »es müssen mindestens zwei gleichberechtigte Landschaften und zeitlich parallele Erlebnisreihen vorliegen!« Mir war nicht gegenwärtig, daß ein Roman aus Landschaften und Erlebnissen (»Gehirnvorgängen«) konstituiert ist; ich hätte vorgezogen, von Zweifaltigkeit zu reden, und hätte zu der die Mitwirkung der Post nicht gebraucht. Aber Schmidt beharrt auf seiner Bestimmung. Es gehe beim Briefroman, wiederholt er, um »zwei mächtige Landschafts- und Erlebnisgruppen«. Ich sage jetzt, worum es beim Briefroman geht.

Der Briefroman, das macht seine Gattungsschönheit, gibt den Romanpersonen Gelegenheit, ihre subjektive und meist irrige Sicht auf die Handlung vorzutragen. Höhepunkt ist gewöhnlich ein Auftritt, an welchem drei Leute — Spieler, Gegenspieler und Beobachter — das Vorgefallene auf unvereinbare Weise wahrgenommen haben und so zu Papier bringen. Es funktioniert wie im »Rashomon« — mit dem Unterschied, daß im Briefroman, nicht anders als im Drama, der Romanleser immer Bescheid weiß und immer klüger ist als der Briefleser.

So beschaffen sind Laclos’ »Gefährliche Liebschaften«. So beschaffen, wenn man es einheimisch will, ist das von Reemtsma so schnäppisch abgefertigte »Fräulein von Sternheim« unserer Bekannten La Roche. So nicht beschaffen ist der »Aristipp«.

Obgleich in Briefform verfaßt, bleibt der »Aristipp« unmißkennbar die Arbeit eines einzigen Gesamterzählers. Die Schreiber unterrichten einander wahrheitsgemäß und vertrauenswürdig über die Ereignisse, sind auch stets ziemlich einer Meinung. Ihr Äußerstes ist, daß sie gelegentlich eine Frage von bei den Seiten betrachten, so wie jeder leidlich aufgeweckte Mensch das täte, im Grunde sind sie austauschbar. Einmal ist in meiner Ausgabe eine Briefüberschrift verwechselt; ein Brief an Aristipp ist als Brief von Aristipp bezeichnet. Es schadet überhaupt nichts. Alle diese Briefe sind von Wieland an Wieland geschrieben. Es ist eine Korrespondenz Wielands mit sich selbst. Unter 142 Briefen ist nicht einer, der einen anderen bestreitet, so sehr geht alles aus einem Ton.

Es bedarf vielleicht einer gewissen schwer zugänglichen Leseerfahrung, bemerkt Reemtsma, »um die Polyphonie eines Romans wie des ›Aristipp‹ würdigen zu können«.

Anders als die ästhetischen sind Reemtsmas politische und philosophische Urteile ganz sein Eigentum. Um Wielands Schönheiten loben zu können, genügte, daß er ihn mißverstand. Um Wielands Politik und Philosophie loben zu können, muß Reemtsma Wieland ändern.

Aristipp nimmt an den öffentlichen Geschäften nicht teil. Zwar verfolgt er scharf hinblickend ihren Verlauf, aber er erweist ihnen nicht die Ehre, sein Herz an sie zu hängen; er begegnet dem Treiben der Parteien mit zergliedernder Wurstigkeit. Reemtsma nennt ihn richtig einen »politischen Unpolitischen«, ihm gefällt diese Haltung sehr, so auffallend sehr, daß man glauben könnte, Wieland sei unser Zeitgenosse und seine Haltungen gingen uns an.

Welche Gesellschaftszustände hatte Wieland im letzten Jahrdutzend von Frankreich vorgeführt bekommen? Den Absolutismus Ludwigs XVI. Den Sieg einer konterabsolutistischen Fronde, der zur Revolution führte. Die konstitutionelle Monarchie. Die demokratische Diktatur. Die liberale Oligarchie des Directoire. Die Tyrannis Bonapartes.

Zwei dieser Zustände hatten sich als nicht haltbar erwiesen: die Kleinbürgerherrschaft der Jakobiner und die Bourgeoisherrschaft der Direktorenrepublik. Alle anderen waren Mischzustände, bürgerlich-feudale Klassenkompromisse, nicht durchaus unähnlich dem, der in Deutschland auch bestand.

Der deutsche Absolutismus war vergleichsweise aufgeklärt. Es war mindestens so wichtig, das Erreichte nicht zu verschlechtern, wie es zu verbessern. Die französische Revolution ist dem deutschen. Absolutismus gegenüber nicht das Ganz-Andere. Keine unabweisbare Wer-wen-Frage erforderte ein Wer-wen-Denken.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ich versuche zu sagen, Politische Indolenz im Jahr 1800 ist eine andere Sache als politische Indolenz im Jahr 2000.

Wieland macht sich den Spaß, für Aristipps Vaterstadt Kyrene eine Verfassung auszudenken. Sie ist schlicht. Es gibt ein Oberhaus für den Adel und eine Volkskammer für die Bürger. Die Doppelherrschaft ist institutionalisiert; jemand muß sorgen, daß die Klassen das Gleichgewicht halten, hierfür ist ein Verfassungsausschuß vorgesehen. Die ersten zwei Vorsteher oder Konsuln tragen putzig-sinnige Namen. Es sind die Herren Demokles und Aristagoras.

Es ist auf Grundlage dieses Kuhhandels, daß Wieland tolerant war. Die richtige Klassenlage vorausgesetzt, sind ihm die Staatsformen gleichgültig, so wie sie Goethe, Hegel und meinem Freund Ascher gleichgültig sind. Einen rein bürgerlichen Staat würde er mit Mißtrauen betrachtet haben; (dem Bürgertum die Alleinmacht zu wünschen, war ja von den deutschen Dichtern allein Lessing instinktlos genug). Mit Groll betrachtet haben würde er eine Feudalmonarchie oder eine Adelsrepublik. Glücklicherweise waren diese Spielarten des Standestaats in Mitteleuropa obsolet.

Zwischen Bürgertum und Adel, das ist seit der Gotik, ist der Kompromiß die natürliche Weise des Zusammenlebens. Wieland zeigte in der Politik keinen Eifer, weil es nichts zu ereifern gab. Alles ging, wenn es nur ging. Für Varianten läßt man sich nicht hängen.

Aus der Tatsache, daß Wieland alles duldet, was geht, macht Reemtsma: Wieland duldet alles.

Nicht zum ersten Mal trage ich vor, daß Wieland hinsichtlich dessen, was ging, eine bestimmte Vorliebe hatte. Die Diktatur, meinte er, ist von allen Weisen des öffentlichen Pfuschs die am wenigsten pfuscherische. Seit 1798 war Wieland für Napoleon. Im »Aristipp« ist Wieland für Napoleon.

Da gibt es also die riesige Großstadt, die wir Griechen im Westen liegen haben, Syrakus; das Land, das sie beherrscht, ist Sizilien, Dort macht seit langem der Tyrann Dionysios seine Sache, und er macht seine Sache gut. Er rüstet endlich eine Flotte gegen den Dauerfeind Karthago, welches Sizilien seit hundert Jahren mit Überfällen von See behelligt.

Napoleons Landungsvorbereitungen gegen England in Boulogne fielen auf die Jahre 1801 bis 1803. Der »Aristipp« ist kein Schlüsselroman, aber selbst Reemtsma räumt ein, daß vom Ersten Konsul die Rede ist.

Die Frage, warum Wieland sich unter den antiken Philosophen ausgerechnet den Aristipp als Zweit-Ich aussuchte, der ihm so wenig ähnelt, und nicht beispielsweise den Demokrit, Leukipp, Epikur oder Lukrez, läßt eine überraschende Antwort zu: Weil Aristipp sein letztes Lebensdrittel am Hof des Dionys verbrachte. Aristipp war der Fürstenknecht, der, wie Diogenes ihn genannt haben soll, »königliche Hund«.

Ich kann und muß nicht nacherzählen, mit wie gespanntem Anteil der Roman ausgerechnet die »Syrakusischen und Sicilisehen Staatsverhältnisse« schildert, mit welchem Wohlwollen er ausgerechnet die Taten des »in Krieg und Frieden großen Fürsten«, des »sogenannten Tyrannen« Dionysios hersagt und mit welcher Ausführlichkeit der mögliche Nutzen ausgerechnet von Usurpatoren erwogen wird.

Platon gibt im »Staat« eine Rangordnung der Regierungsformen. Die allerbeste ist ihm ein ständisches Königtum. Am schlechten Ende der Liste steht als zweitschlechteste Regierungsform die Demokratie, als allerschlechteste die aus dieser notwendig hervorgehende Tyrannis. Wieland schmatzt vor Genuß, wenn er das berichtet. Ich schiebe ihm nichts unter, wenn ich meine, daß ihm genau diese Rangordnung sehr recht ist, wenn man sie auf die Füße stellt.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ein paar Seiten lang kriegt Reemtsma ordentlich Angst, Wieland könne in eine »Diktatur des Generals Bonaparte« eine »– wie immer irrende — Hoffnung« gesetzt haben. Aber es kommt dann so schlimm nicht. Die Gefahr geht vorüber, und zwar dadurch, daß neben den zweihundert Stellen für den Korsen auch zwei zu seinem Nachteil sich finden lassen.

Wieland ist kein Schleimer; er sagt über die Leute, denen er anhangt, nicht nur Gutes. Die vernünftigste Tyrannei bleibt eine Tyrannei. Es könne, sagt er beispielsweise, dem Tyrannen wohl zustoßen, daß er den Tyrannen etwas derber mit uns spielte, »als es unserer persönlichen Freyheit zuträglich seyn möchte«. Die Diktatur, sagt er, möge von ihm aus die ganze Welt überziehen, er selbst aber wolle dann lieber woanders wohnen.

Es ist Reemtsma ein bißchen peinlich, daß diese enorme Tyrannenschelte in einem Brief steht, der nicht vom Helden Aristipp unterzeichnet ist, sondern von dem Sophisten Hippias. Es muß ihm nicht peinlich sein. Alle Briefe sind von Wieland.

»Ich stehe nicht dafür«, faßt Wieland Hippias zusammen, »daß nicht auch einem Dionysius so etwas — tyrannisches — begegnen könnte«.

Und Reemtsma …

»Mit dieser Korrektur an Aristipps ›Es kommt auf die Verfassungen zum wenigsten an‹ kommt Wieland zum Endpunkt seiner politischen Schriftstellerei«, jubelt Reemtsma ganz erleichtert.

Wahrhaftig. Reemtsma ist fähig und legt aus und macht aus der einfachen Tatsache, daß Wieland weiß, was eine Tyrannei ist, folgende Unterstellung:

Wieland in seiner nachahmenswerten Indolens läßt alle Staatseinrichtungen gelten — ausgenommen die tyrannischen. Er hat sich, als herrsche in Christoph Martin Wielands Kopf keine minder grauenvolle Öde als in dem jener völkerbelehrenden Heideggerschülerin aus Princeton.

»Jede Regierung«, das schreibt nun Aristipp wirklich persönlich, ist »nur eine schwache Stellvertreterin der Vernunft, die in jedem Menschen regieren sollte«. Man könne, schreibt er, »nicht ernstlich genug daran arbeiten, die Menschen vernünftig und billig zu machen. Aber, wie die Machthaber hiervon überzeugen? Dies«, schreibt er, »ist noch immer das große unaufgelöste Problem. Wie kann man ihnen zumuten, daß sie mit Ernst und Eifer daran arbeiten sollen, sich selbst überflüssig zu machen?«

Diese Sätze aus dem ersten Viertel eines Romans, den Wieland mehr als zehn Jahre vor seinem Tod verfaßte, sind, stellt Reemtsma fest, »der Schlußpunkt, den Wieland am Ende einer fast ein halbes Jahrhundert währenden Tätigkeit als politischer Schriftsteller setzt.«

Ich fühle mich noch nicht richtig totgeschlagen, weder von dem Endpunkt, noch von dem Schlußpunkt.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Welchem Staatsmann, der seinen Verstand beisammen hat, wäre nicht an politischer Reife und sittlicher Bildung seiner Untertanen gelegen? Kein Mensch herrscht gern mehr, als er muß; ein unpoliziertes Staatsvolk ist ein großer Schrecken, und die Schuld an den sich nicht selber regierenden Völkern gibt, das weiß man doch, Wieland nie den Regierungen und allemal den Völkern. Aber Reemtsma redet mahnend und salbungsvoll, wie wenn die paar hingeworfenen Dialogrepliken Wielands politisches Testament wären und eine Antinomie von mindestens Kantischer Unerschütterlichkeit.

»Man bedenke«, so legt er es uns auf die Seele; »ob in diesem klassischen Einwand anarchistischer Provenienz gegen staatssozialistische Modelle nicht das Schicksal der Revolutionen des 20. Jahrhunderts in a nutshell« liege, nämlich, »der kurzfristige Erfolg ebendieser staatssozialistischen Modelle«.

Ich glaube nicht, daß Reemtsma den Lenin an dessen paar Haaren in den Kontext hereinzerrt, weil er bezweifelt, daß dem die nahe Zukunft gehört. Ich glaube, es verhält sich umgekehrt. Er tut es, denke ich, weil er es nicht bezweifelt.

Daß jedenfalls, weil »Machthaber« immer wieder einmal nicht selbstlos sind, der Sozialismus mit Notwendigkeit zu Grund gehen muß, war, wenn wir Reemtsma folgen, für Wieland abzusehen. (Streng genommen redet ja Wieland an dem fraglichen Ort noch nicht einmal über Napoleon. Er redet über die von ihm selbst entworfene kyrenische Mittelwegsverfassung und, erweiternd, über »alle bürgerlichen Gesellschaften«.)

Wielands Hellsichtigkeit ging bekanntlich so weit, daß er den Antritt Napoleons vorhersagte. Den Abtritt Napoleons hat er, soweit ich sehe, nicht vorhergesagt. Ist nicht ein Trost, daß er wenigstens über das Scheitern Ceausescus Bescheid wußte?

»Das«, erklärt Reemtsma, »ist keine unzulässige Aktualisierung«.

Das von der Politik. Was von der Philosophie?

Philosophen, sagte ich oben, kommen im Umfeld des Sokrates recht eigentlich nicht vor. Das ist es, wofür Reemtsma sich dem Sokrates verwandt weiß. Er hat selbst einen kleinen Popper im Knauf seines Spazierstocks.

Die Sokratiker sind lauter Dr. Hilfreichs, Streetworker, die sich um Natur und Gesellschaft, Logik und Erkenntnis erklärtermaßen nicht scheren und zufrieden sind, wenn sie sich und ihre Anhänger durch harte Zeiten so leidlich durchsteuern. Wieland läßt sie sein, was sie sind, gute Männer. Für den Alltagsgebrauch reicht der gesunde Verstand ja wirklich. Reemtsma, der sie alle ganz ernst nimmt, folgert aus Wielands Nachsicht, daß die Duldung und Neigung des Dichters einer Philosophie ebensowohl wie der anderen gehöre. Wie wenn überhaupt von Philosophie die Rede ginge.

Einem Philosophen indes gehört des Dichters Duldung und Neigung nicht, dem Platon. Platon ist Wieland/Aristipp ein Greuel. Die Abschweifung über Platons »Staat« zählt in ihrer vergifteten Sanftmut unter die großen Streitschriften unserer Literatur. Sie anerkennt, daß Platon, ungeachtet seines uneinladenden Denkstils und spitzfindigen Wesens, keineswegs dumm fragt, und daß er, wiewohl er immer tief tut, auf eine Weise doch immer auch tief ist. Nur gelegentlich läßt Wieland/Aristipp sich gehen und gibt zu verstehen, daß Platons Antworten natürlich insgesamt Quatsch sind.

Ich benutze für den Roman-Aristipp das gleichsetzende Wieland/Aristipp, auch Reemtsma verfährt so. Wir dürfen das. Es ist wirklich kein Spalt zwischen den Ansichten des Autors und denen seines Helden.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ich wollte aber, Reemtsma hätte sich aufgerafft, den Aristipp aus dem »Buch vom Ich« den Reemtsma/ Aristipp zu heißen. Vieles wäre klarer, wenn diese Unterscheidung gemacht wäre. Reemtsma läßt unseren liebenswürdigen Afrikaner Dinge denken, auf die er von Wielands wegen nie gekommen wäre.

Reemtsma/Aristipp nämlich wirft dem Platon nicht vor, daß seine Philosophie Quatsch ist, sondern daß sie Philosophie ist.

Reemtsma/Aristipp nämlich liebt an den Jungs des Sokrates, den Überlebensphilosophen von der idyllischen, elegischen und satirischen Sorte, eben das, was ihren Mangel ausmacht, daß sie nicht philosophieren können. Es gibt, verkündet er, gar keine Wissenschaft Philosophie. Es gibt nur Einzelwissenschaften. Eigentümlich philosophische Fragen, verkündet er, werden von keinem Gegenstand aufgeworfen, nur von den Philosophieprofessoren, die sich damit ihre Kolleggelder verdienen.

Ich wiederhole: nicht Wieland/Artstipp verkündet das alles. Ausschließlich Wielands Interpret schiebt es ihm in die Sandalen.

»Der Roman ›Aristipp‹ ist der Versuch zu zeigen, daß es keine Probleme gibt, die die besondere Eigenschaft haben, ›philosophisch‹ zu sein« (Reemtsma).

Aus Platons Phantasie vom »Philosophenkönig« wird — unter Reemtsmas, nicht Wielands Hand — der »herrscherliche Anspruch« der Philosophie. Reemtsma ist nicht nur ein Leugner alles Wissenkönnens. Er ist sogar ein Tadler alles Wissenwollens. Philosophie, sagt er, ist »im Grunde« Religion: ein »unnatürliches Trachten nach Gewißheit«.

Ich kann leben, ohne hierauf zu entgegnen. Es ist möglich, daß von den Denkschwierigkeiten der Philosophie nicht eine einzige besser als annäherungsweise gelöst ist, und es ist wahrscheinlich, daß die Behauptung, man habe die Lösung, oft schadet. Aber der größte Schaden auf dem Weg zur Menschwerdung ist Wissensverzicht.

Irgendwer sollte einmal einen Blick auf die Ergebnisse der Einzelwissenschaften werfen, etwa die vom Kosmos, vom Bewußtsein und von der Gesellschaft. Sind die weniger religiös? Oder weniger idiotisch? Ich versichere Ihnen: nur eine schier bedingungslose Hingabe. an die Philosophie kann uns vor dem Schwachsinn der Einzelwissenschaften retten.

Nun hat aber Reemtsma dem Text eine weitere verborgene Wahrheit entrissen. Mit dem Platon, offenbart er uns, meint Reemtsma/Aristipp den Kant. Am Kantschen System zeigt sich jener unerträgliche »Herrschaftsgestus der Philosophie«, den Aristipp von Kyrene, Christoph Martin Wieland und Jan Philipp Reemtsma so Arm in Arm in Arm bekämpfen.

Wir sehen ein, daß der Name Kant im alten Griechenland und also im »Aristipp« nicht auftauchen kann. Wir müssen Reemtsmas Wer-ist-wer-Behauptung, wenn sie zwar ein Fall von »literarischem Positivismus« ist, nach dem Prüfmaß prüfen, das wir haben, nach ihrer Beifallswürdigkeit, Annehmbarkeit und Gabe einzuleuchten.

Ich habe mich wohl schon verplappert. Sie leuchtet mir nicht ein.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Der Absolutismus ist die zeitweilige Synthese von Lehnswesen und Bürgertum. Kant ist die zeitweilige Synthese von Idealismus und Materialismus. So vollendete Kant den Überbau des aufgeklärten Absolutismus.

Darum und dann noch darum, weil er ein sehr gewissenhafter und genaudenkender Philosoph war, also eine große Leistung in dem Fach erbracht hat, von dem Reemtsma sagt, es gebe es nicht, ist die deutsche Philosophie durch Kant hindurchgegangen, so wie sie durch Adam Smith und die französische Revolution hindurchgegangen ist.

Wieland stand politisch eher links von Kant und philosophisch — als, sagen wir es ruhig mit Goethe, Mann Shaftesburys — eher hinter Kant. Es ist richtig, daß ihm Kants Denkart nicht besonders lag und daß er sich irgendwann sogar mit Herder gegen ihn zusammenrottete. Es ist ferner richtig, daß er den Platon verabscheute. Hieraus folgt nicht, daß sein Platon den Kant darstellt, jedenfalls nicht nach der Logik. Wenn Kant denn schon ein Idealist sein soll, aber sein Ding an sich hat mit einer Platonischen Idee so gut wie nichts zu tun.

Ein anderer Philosoph, den Wieland verabscheute, war Fichte. Die Übereinstimmungen zwischen Platons »Staat« und Fichtes »Reden an die deutsche Nation« liegen am Tag. Freilich sind Fichtes »Reden« erst von 1808, und Wieland hält sich, wie Reemtsma bemerkt, bei Platons politischen Dummheiten nicht sehr lang auf, weil sie die Jahre um 1800 noch kaum betrafen. Dieselben Dummheiten bei Meyern sind von 1787 bis 1791. Wieland, kann sich Reemtsma das nicht vorstellen, wußte, was zu seiner Zeit gedacht wurde.

Aber Reemtsma hat sich in den Kant verbissen. Er besteht darauf, daß der ganze »Aristipp« gegen Kant gehn muß. Warum? Weil sich Kant des Erzverbrechens schuldig gemacht hat anzunehmen, daß er im Recht sei.

Im Roman steht: Wieland/Aristipp hält eine Philosophie für nicht wahr, alle übrigen läßt er so hingehn.

Im »Buch vom Ich« steht: Reemtsma/Aristipp bekämpft den Wahrheitsanspruch der Philosophie als solcher und billigt das Nichtphilosophieren und will das Philosophieren aus der Welt.

»Philosophie als Lebensleistung, nicht als Denkleistung!« Diese Reemtsmasche Antithese ist schon schlagender ausgedrückt worden. »Das Ziel ist nichts, der Weg ist alles.«

So wie Wieland, wenn wir Reemtsma zu glauben vorhätten, schon ahnungsvoll den Sozialismus widerlegt hat, genau so hat er vorlaufend den Eduard Bernstein bestätigt. Ich bin gar nicht versessen darauf, dauernd mit dummen Scherzen zu dienen. Aber Reemtsma behandelt den Immanuel Kant wie einen Professor aus Kaliningrad.

Ich habe zu zeigen, daß Wielands Platon der Kant im Geringsten nicht ist.

Hören wir, was Wieland gegen Platon sagt. — Im Betreff der Kunst mißfällt ihm, daß dieser alle Gattungsrichtigkeit verfehlt. Ein Dialog habe seine Kunstregeln auch; der »Staat« hingegen sei ein unordentlicher Mischmasch von Unzusammengehörigem und »von einem auffallenden Mißverhältnis der Theile zum Ganzen« und »Überladung mit Nebensachen« nicht frei zu sprechen. Platon wolle Philosoph, Dichter und Redner zugleich sein; dieser »dreifache Charakter« verführe ihn, mit Analogien, Allegorien, Milesischen Märchen und all den »ammenhaften« Beimengungen zu arbeiten, die nun einmal ein — Gesamtkunstwerk so sprenkeln. Das Wort Gesamtkunstwerk fällt nicht. Es fällt uns nur ein. Das Unendliche mag Wieland als Ziel der Schönheit nicht nehmen. Wie kann, fragt er, schöngestalt sein, was unendlich ist?

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Im Betreff der Erkenntnis wirft er Platon vor, er habe seiner Bauchrednerpuppe, dem Sokrates, eine »subtile, schwärmerische, die Grenzen des Menschenverstandes überfliegende Philosophie« untergeschoben. »Unser Mystagoge«, so Wieland, erblicke die »neuentdeckte übersinnliche Sonne«, diejenige, die die rein geistigen Dinge erleuchtet. Sein heiliger Mann, der Universalmonarch, müsse sich »zum mystischen Anschauen des Unwesens aller Wesen erheben«.

Im Betreff der Politik endlich erzählt er, wie, dem Platon nach, die Klassen verschiedenwertig geboren seien, von »ungleichartigem Metall« nämlich, oder wie vielmehr die Behauptung aufgestellt und vermöge von Propaganda durchgesetzt werden müsse, sie seien es. Diese Theorie der Klassen als Geburtsstunde referiert Wieland mit Sorgfalt: Die Ungleichheit der Legierung ist nicht wahr, und demzutrotz denknotwendig. Die Zucht der jungen Brut erfolgt nach Art der Tierzucht; die Weiber wachsen männisch auf; Hauptsubordinierungshilfen sind Musik und Turnen. Der Dialog vom »Staat« läuft auf eine Begriffsbestimmung der Gerechtigkeit hinaus. Gerechtigkeit ist die ewige Dauer der ständischen Privilegien; das Mittel, das sie befestigt, ist die spartanisch-archaische Zwangserziehung.

Alle letzten Fragen aber werden nicht von der Philosophie entschieden, sondern von »den Priestern des Tempels zu Delphi«. Dieser Tempel untersteht Sparta, und kein Schelm, wer hier an Rom denkt.

Wer also soll mit dieser Wielandschen Beschreibung beschrieben sein?

Kant? Das ist, erstens, in jeder Faser das Gegenteil von Kant. Das ist zweitens das genaue Programm des »Athenäum«. — (Es geschah in demselben Jahr 1800, in dem Wieland den Platon auf so erledigende Weise drosch, daß Friedrich Schlegel Friedrich Schleiermacher beschwatzte, den Deutschen eine Übersetzung dieses Denkers vorzulegen).

Das »Athenäum«, die Zeitung der Schlegels, war seit 1798 erschienen und hatte sich bis 1800 geschleppt. Eine erklärte Absicht des »Athenäums« war die Auslöschung Wielands. Auch Wieland wollte der Romantik nicht nur wohl.

Sein Roman, gedruckt 1800 bis 1802, ist vom alleraktuellsten Bedürfnis.

Noch aktueller kann ein Roman auf seine Gegenwart nicht erwidern. Der »Aristipp« ist — auf seine salonmäßige, ja geckenhafte Weise unerbittlich ein Roman fürs Konsulat und gegen das »Athenäum«. Ich kann sehr wohl kurz sein, wenn Reemtsma mich ließe.

Daß diesem aufregenden Buch der Schlußteil fehlt, ist bedauerlich. Warum er fehlt, wollen die Gelehrten nicht begründen. Manche sagen, Wieland sei das verlorene Osmannstedt abgegangen, so als habe er in Weimar und in Tiefurt nicht ganz Ansehnliches zustande gebracht; auch habe ihn sonstiger Kummer betroffen. Ferner habe ihn der matte Widerhall der erschienenen Bände entmutigt. Warum übrigens war der Widerhall eines der besten Bücher eines Bestsellerautors matt?

Ich teile Reemtsmas Vermutung, daß ausgerechnet der Band, der mangelt, die Hauptsache enthalten hätte. Nicht einig sind wir darüber, was die Hauptsache sei. Ich weise einfach auf Gegenstände hin, die mit Sicherheit in ihm hätten müssen gestanden haben.

Aristipp wäre auf sein letztes Lebensdrittel in syrakusische, also französische Dienste getreten. Auch Platon wäre zum Dionys hingeeilt und aber abgeblitzt (hierin merkwürdig ähnlich dem Friedrich Schlegel und wie es dem mit dem Ersten Konsul erging).

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Aristipps Tochter Arete wäre herangereift und ihm als Kopf der kyrenischen Philosophen gefolgt. In der vorliegenden Romanfassung fällt Aretes Name — zum einzigen Mal, glaub ich — im vorletzten Satz. Aber diese Philosophin war so sehr keine Lais und so sehr eine arbeitende Person, daß das ihr nachfolgende Schulhaupt, ihr Sohn Aristipp, der Metrodidakt hieß, der Mutterlehrling.

Neben Dionysios II hätte eine andere Figuration Bonapartes sich abgezeichnet, Alexander von Makedonien. Von diesem Ausländer wird schon im unvollendeten Roman vorhergesagt, daß er die griechische Einheit ins Werk setzen und der Stadt Athen die Hoffnung eröffnen werde, einem Großreich einverleibt zu werden und durch diese Verumständung die Kulturhauptstadt zu bleiben. Die Vorhersage macht Wieland gut ein Jahr vor Hegel, sieben Jahre vor Ascher. Zusammen mit Alexander wäre der erste richtige Philosoph im Buch aufgetaucht, Aristoteles; der Erfinder des Anspruchs auf ein umfassendes philosophisches System.

Wahrscheinlich war sich Wieland nicht darüber klar, daß Hegel eben im Jahr 1801 in Jena anreiste, um eben diese Stelle einzunehmen, und daß sein Roman-Aristoteles nicht umhin würde gekonnt haben, den Hegel zu bedeuten. Aber diese drei Zutaten, Leben mit Bonaparte, eine mündige Frau und ein umfassender realistischer Denker hätten die Probe aufs antiromantische Exempel aushalten müssen, beim Dichter ebensowohl wie bei seinen Lesern. — Nichts, schließlich, verschreckt eine Zeit an einem Kunstwerk so wie Zeitnähe.

Wieland hatte sich schon mit den herausgekommenen, eher idyllischen und verspielten Bänden nichts als Ärger eingehandelt. Es gibt ein Alter, in dem auch stolze Menschen die Lust verlieren, sich hassen zu lassen.

Reemtsma läßt mich nicht kurz sein. Sie haben sich sicher schon gefragt, weshalb seine »Aristipp«-Auslegung den Titel »Das Buch vom Ich« trägt. Ich sage es Ihnen; denn Sie würden nicht drauf kommen.

Wieland, sagt Reemtsma, ist ein »radikaler Nominalist«, welcher weiß, daß es an der Welt nichts zu erkennen gibt als die Oberfläche. Er gehört (ebenso wie übrigens Shakespeare) in die seit jeher Recht habende Elite derer, die nichts für wahr und nichts für wirklich halten: in die »moderne Traditionslinie« der Anpassler ohne festen Standpunkt.

Wer aber kein Objekt hat, der hat, das soll aus dem folgen, ein Subjekt.

Der »Aristipp« ist das »Buch vom Ich«, weil er das Buch von der Weltlosigkeit ist.

Stimmen Sie mir bei, wenn ich die Art Überlegungen uninteressant finde?

Boten, die Unheil bringen, werden geköpft, und Berichterstatter, die Langweiliges melden, gelten für langweilig. Ich habe für beides volles Verständnis. Ich hätte über Jan Philipp Reemtsma und sein »Buch vom Ich« lieber nicht geschrieben.

Reemtsma hätte ohne weiteres seine Ruhe vor mir haben können. Aber aus einem bestimmten Grund, den wir an dieser Stelle noch nicht angeben können, mag er sich mit dem verdeckten Kampf gegen Wieland und das Menschengeschlecht nicht begnügen. Er steigert sich zu einer gleichsam paradoxen Langweile, einer Langweile, welche wütend und offensiv und nunmehr in der Tat unleidlich ist. Er erfrecht sich gegen Goethe.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Beispielsweise spricht er von »dem traurig niedrigen Verhalten Goethes bei der Inszenierung des ›Zerbrochenen Kruges‹«. Kein Wort hiervon stimmt, und nichts hieran gehört zum »Artstipp« oder in dessen Zusammenhang. Warum schreibt Reemtsma es hin? Ist es ihm nur zugestoßen, und er bereut es schon? Ist es Sensationsmacherei? Verlangt ihn nach Strafe? Wir werden sehen. Von vorn.

Goethe hat Wieland bei den Weimarischen Freimaurern die Totenrede gehalten. Sie gibt dem Verstorbenen seine Würdigung und seinen Ruhm. Es ist nicht möglich, sich über einen kleineren Zeitgenossen, den man hinter sich gelassen hat, gerechter und freundschaftlicher zu äußern, als Goethe über Wieland hat.

Die Weimarischen Freimaurer hatten die Wahl. Sie hätten auch einen anderen Redner nehmen können, irgendeinen Angestellten des Herzogs von Otranto oder des Herzogs von Rovigo, der ihnen gern würde bestätigt haben, der größte Dichter der Deutschen sei von ihnen gegangen. Von Goethe war nichts zu erhalten als die in aller Behutsamkeit endgültige und nie mehr umstößliche Einschätzung des zur Rede Stehenden. Besonnene Männer, die sie waren, hatten sie Goethe gewählt, — Goethe, sagt Reemtsma unerwarteter Weise, hat Wieland ermordet. Schauplatz des Verbrechens ist Wielands Sarg. Goethes Rede, sagt Reemtsma, ist »der Versuch eines Mordes übers Grab hinaus«.

Man kann das ja sagen. Man kann das nicht sagen, ohne Goethes Rede zu fälschen.

Goethe über Wieland, hoch ehrend: Er »hat sein Zeitalter sich zugebildet«. Reemtsma liest den Satz um in: Wieland war »ein Kind seiner Zeit«. Aus einem Urheber seiner Epoche macht Reemtsma (nicht Goethe) einen an seine Epoche Gefesselten. Kann man eine Aussage gegenteiliger lesen?

Goethe über Wieland, hoch ehrend: »Der geistreiche Mann spielte gern mit seinen Meinungen, aber niemals mit seinen Gesinnungen«. Reemtsma übersetzt: »Er mag geschrieben haben, was er will, doch war er im Grunde doch ein anständiger Kerl«. Wieland war, soll Goethe gesagt haben, vielmeinend, aber stets wohlmeinend.

Es verhält sich nur so, daß das Wort Gesinnung das Wort Meinung in ganz anderer Weise überschreitet, als Reemtsma ahnt. »Meinung«, aber das weiß er nicht, ist unter Gesitteten ein sehr abschätziges Wort; es ist das, wozu man in der von Reemtsma bewohnten Gesellschaft die Freiheit hat. »Gesinnung« bedeutet hiergegen so etwas wie geprüfte Grundsätze und Ansprüche an die Welt, an denen man festhält. »Gesinnung«, aber Reemtsma weiß es nicht, ist unter Gesitteten ein sehr hochkarätiges Wort. Ich zitiere.

Hegel (Geschichtsphilosophie): »Von Robespierre wurde das Prinzip der Tugend als das höchste aufgestellt, und man kann sagen, es sei diesem Menschen mit der Tugend ernst gewesen. Die Tugend ist hier ein einfaches Prinzip und unterscheidet nur solche, die in der Gesinnung sind, und solche, die es nicht sind. Die Gesinnung aber kann nur von der Gesinnung erkannt und beurteilt werden. Es herrscht somit der Verdacht«. Und: »Diese subjektive Tugend, die bloß von der Gesinnung aus regiert, bringt die fürchterlichste Tyrannei mit sich«.

Aber Goethe sagt, sagt Reemtsma, daß Wieland ein gutmütiger Opa war.

In Wahrheit redet Goethe von seiner und Wielands Parteilichkeit. Wieland war »für« die Revolution, Goethe »gegen« sie, und es gab in der Sache zwischen ihnen nie einen Streitpunkt. Die Gesinnung stimmte.

Es gab (ungefähr zu der Zeit, als Wieland am »Aristipp« schrieb) zwischen Goethe und Wieland Konflikte, solche, wie sie sich zwischen Künstlern von unterschiedlichem Rang ergeben. Der weniger Gute, auch wenn er so hochherzig fühlt wie Wieland, wird gelegentlich zänkisch. Wielands junge Männer konnten nicht immer den Schnabel halten. Der Goethe-Neider Herder und die Goethe-Schmeißfliege Kotzebue wurden von Wieland nicht immer streng genug zurückgewiesen, übrigens auch umgekehrt die Wieland-Heißer Schlegel von Goethe nicht. Es gab zu keiner Zeit einen Konflikt über das Weltwesen. Es gab ihn schon überhaupt nicht im Jahr 1813, als der eine Ritter der Ehrenlegion dem anderen Ritter der Ehrenlegion die Logenrede hielt.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Goethe sprach über Wieland so angemessen, wie die Klassik über die Aufklärung, deren größergewachsenes Kind sie ist, äußersten und freundwilligsten Falls sprechen kann. Heines Nachruf auf Nicolai klingt viel schnöder, ist aber genau so liebevoll. Unsere Klassiker sind keine Vatermörder. Sie stehen im Widerspruch zur Aufklärung insofern, als der Höhepunkt einer Sache im Widerspruch zu deren gewöhnlicher Seinsweise einmal stehen muß. Sie machen den Sprung, der sie von der Aufklärung trennt, deutlich und nehmen sie im übrigen gegen die gemeinsame Krätze, die Romantik, in Schutz.

Aber Reemtsma schmollt und läßt sich nicht mildstimmen.

Er nennt Goethes Achtungsbezeugung »eine erfolgreiche Strategie«, Wieland »aus dem literarischen Kanon auszuschließen« — jenem Kanon, der zu Reemtsmas aufrichtiger Verwunderung »um die Zentralfigur Goethes komponiert war«.

Wie alle Gleichmacher stellt Reemtsma sich duldsam, wie wenn es die anderen wären, die händelsüchtig sind. Er behauptet, Goethe habe angefangen. Er wälzt nun den von Goethe »vor Wielands Gruft gewälzten« Stein weg. Und aus der Gruft kommt: ein Schönerer als Goethe.

Der von Goethe uns aufgezwungene Kanon der deutschen Literatur nämlich, wenn wir Reemtsma folgen, hat unlängst endlich seine »Akzeptanz verloren«. Er hat zu gelten aufgehört, und zwar vermöge eines »Paradigmenwechsels«.

Goethe ist uns »ferne gerückt«, und »um das Maß seines Fernerwerdens« sind uns »interessanterweise Lessing, Wieland, Moritz, Hippel, Heinse nähergekommen«. Zum Verständnis erfreut uns Reemtsma mit einer Anekdote.

Einer namens Otto Conradi, erzählt er, habe die Meinung vertreten, man könne Germanist sein, ohne den »Faust« zu kennen; Marcel Reich-Ranicki habe sich hierüber sehr erregt. Auch er selbst, Reemtsma, beteuert er, ziehe solche vor, die den »Faust« gelesen haben. Andererseits wieder, gibt er zu bedenken, habe jener Conradi das Nichtlesen des »Faust« ja nicht gebilligt; er habe nur unverkrampft geschildert, was ist: den staugehabten Paradigmenwechsel eben. Das Reden von einer goethelosen Germanistik nennt Reemtsma »unverkrampft«.

(»Unverkrampft«! — nicht »unverfroren«).

Das Wort Paradigmen heißt was wie Leitwerte oder Rangmuster. Es gab eine Zeit, wo wir für dieselbe Sache ganz verständlich »Maßstäbe« oder »Maßgaben« sagten. Das Wort ist durch und durch Katheder, durch und durch Szene: eins jener pseudoakademischen Insiderwörter, die nicht zufällig an solchen Stellen gehäuft auftreten, deren Inhalt klar auszusprechen peinlich wäre. Nicht Goethe soll Vorbild sein, sondern Hippel? Wie klänge denn das?

Natürlich ändern sich die Musterhaftigkeiten in den Künsten, sind sie erst einmal festgestellt, nicht mehr. Ein Kunstwerk, das gut ist, bleibt gut.

Was mit den wechselnden Gesellschaftsformationen wechselt, ist höchstens noch, wie gut es begriffen wird.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Ich frage mich, was unsere Autoren des 18. Jahrhunderts dem Reemtsma bloß zuleid getan haben. Ich habe doch wirklich nichts gegen Hippel. Er steht bei mir in einer Reihe mit Lawrence Sterne und Jean Paul unter den Dichtern, die ich nicht lesen kann. Was soll er nun sein? Ein gewechseltes Paradigma? Ein neues Muster? Mehr als Goethe?

Ich bitte alle Leser ausdrücklich: Lassen Sie sich durch derlei Narrheiten nicht verstören. Fahren Sie fort, Wieland hochzuhalten, behalten Sie Ehrfurcht, Wieland ist ein Klassiker zweiter Ordnung, aber ja doch ein Klassiker. Die Lusche, als die Reemtsma ihn hinstellt, ist er nicht. Er hat nicht verdient, nach Reemtsmas Bilde gelobt zu sein.

Wenn Sie einmal ein Bedürfnis nach spastischen Witzen haben, lesen Sie ruhig auch Hippel.

Reemtsma bedient sich auf diesen entsetzlichen Seiten 173 und 174 einer absichtsvollen Undeutlichkeit, die etwas Advokatisches hat. Er will, das meint man zu verstehen, Wieland nicht unter Goethe gestellt, aber doch auch nicht ausdrücklich über Goethe. Wohin will er ihn? Er will ihn, so verrückt ist er, statt Goethe. Ich stelle meine oben angekündigte Frage jetzt. Was hat der Mann?

Ist es nur die unbewußte Hinneigung des Philisters zum Nichtgroßen? Ist es nur die Wissenschaft der Dilettantik und Mediokrologie, in Richtung derer die Philologie die Ästhetik instinktiv immer hinrückt? Ich meine, es ist viel weniger unbewußt und keine Sache von Instinkten. Es ist nicht Psychologie, sondern Politik, und ist angeordnet.

Balzac sagt von der Restaurationszeit: »Es gab damals nur zwei Parteien, die Royalisten und die Liberalen, die Romantiker und die Klassiker, der gleiche Haß in zwei Formen.«

Es gibt auch heute »nur zwei Parteien«, die des Imperialismus und die des Sozialismus (und der Satz würde auch an dem Tag nicht aufhören, wahr zu sein, an welchem China, Kuba, Vietnam und Nordkorea ins Meer gesprengt oder der Weltbank unterstellt wären). Es gibt den »gleichen Haß« in einer zweiten Form, als der Haß zwischen der Partei gegen und der für Goethe.

Noch immer ist es die Klassik, die für den Fortschritt steht. Man kann das als eine reine Verabredung begreifen; man muß das aus keiner tieferen Ursache herleiten als das heraldische Bild, das auf einer Standarte gemalt ist. Man kann es geistesgeschichtlich begreifen. Wer Goethe sagt, muß Hegel sagen, und wer Hegel sagt, sagt Marx. Wahrscheinlich ist die Wahl des Feldzeichens beides, zugleich beliebig und eine Frage des Inhalts; wir reden ja vom Schlachtfeld Poesie.

Wie anders als feindlich soll sich der Imperialismus, bankrott und übellaunig, wie er dasteht, gegen den Goetheschen Willen verhalten, die Welt in ihrer Ganzheit zu erkennen und im Kunstwerk zu packen? Der Begriff des Gelingens ist ein antiimperialistischer Begriff. »Bin einer der letzten, vielleicht der letzte, der überhaupt weiß, was ein Werk ist«, schrieb Thomas Mann in sein Tagebuch, während er sich zu seiner zweiten Emigration entschloß, der aus Amerika, wo diese Reemtsmaschen Gedanken alle ausgedacht werden.

Des Politischen Philologen Reemtsma kleine Besonderheit ist darin zu finden, daß es bei ihm nicht, wie sonst, die Romantik ist, die gegen Goethe ins Feld muß, sondern, für Vernunftfreunde, die Aufklärung. Die Aufklärung, dies des Politischen Philologen kopernikanische Entdeckung, war gar nicht so vernünftig, wie Verleumder ihr nachreden. Wieland wird so ausnahmsweise nicht totgetadelt, sondern totgerühmt, das halte ich für keine Verbesserung. Ich denke nicht, daß Reemtsma besser als Beuys ist.

Das »Buch vom Ich« ist flüssig geschrieben. Der Autor besitzt Kenntnisse. Er hat Wieland mit Sorgfalt gelesen und hat über das, was er uns anmutet, nachgedacht. Er ist, wo Redlichkeit seine Zwecke nicht stört, redlich. Ich will mich nicht mit Lob aufhalten. Ich rede von Dingen, die mir mißfallen, ich rede von Langweile.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014Die Langweiligkeit des Aristipp von Kyrene ist nahezu kindhaft; in jenen Tagen war noch die Verdorbenheit unschuldig.

Die Langweiligkeit Wielands ist ein noble ennui. Die Langweiligkeit Reemtsmas ist ein hanebüchener Ennui.

Hanebüchen ist der pyrrhonisch-menschewistische Denkplunder. Hanebüchen ist das Ausspielen ausgerechnet Wielands gegen alles Zusammenhängende, Behauptende, Realistische, die Schöpfung eines Paradigmas oder anleitenden Gespensts mit Namen Christoph Martin Wittgenstein.

Die Aufmerksamkeit, die ich ihm widme, beweist, daß das »Buch vom Ich« mich geärgert hat. Aber es allein hätte noch nicht vermocht, mich von meiner Arbeit abzuziehen.

Ein Mensch kann einen Menschen nur langweilen, wenn er die Macht hat, ihn zu langweilen. Die Macht hat Reemtsma bei Haffmans nicht. Es ist gleichgültig, wie langweilig die Bücher sind, die Reemtsma schreibt, weil keiner sie liest, der nicht dafür bezahlt wird. Ich vermute, die zwei einzigen Personen, die den Anti-»Aristipp« aus freiem Willen kennen, sind Reemtsma und ich. Sehr viel bedrohlicher breit macht er sich in der Zeitschrift »konkret«, jener Zeitschrift, die einmal für die Deutschen wichtig war.

Bis zu einem Grade ist sie es noch. Aber seit einigen Jahren finde ich ihre Seiten überzogen mit diesem fußkranken und wegmüden Denken, diesem Esprit von Nullhaftigkeit und Nihilism, diesem Charisma von Langweile — ganz ähnlich wie das Haus Usher mit seinem »zarten Mauerschwamm«, der ihm »als feines verworrenes Gespinst« über die Dachrinne hängt. »Irgendwie«, vermerkt Poe, schien hier »ein krasser Widerspruch zwischen der immer noch lückenlosen Oberfläche und der bröckligen Beschaffenheit des Einzelsteines« vorzuliegen; »außer dieser einen Andeutung auf weitgehenden Verfall jedoch wies der Bau kaum Male beginnender Zerstörung auf«.

Ich will ausdrücken: Jan Philipp Reemtsmas Zotten hängen Hermann L. Gremliza über die Dachrinne.

Ich ersuche die Verantwortlichen von »konkret«, sich zu erinnern, wie bald für das Haus Usher der Augenblick, »als die mächtigen Mauern zerbarsten«, auf den Pilzbefall folgte. »Da scholl ein langer verworrener Donnerruf, wie die Stimme von tausend Wassern, und der unergründliche dunkle Teich zu meinen Füßen schloß sich schweigend und finster über den Trümmern der Zeitschrift ›konkret‹«, ich rufe mich zur Ordnung: »den Trümmern des Hauses Usher«.

Nikolai Endegor, Live Marble, 2014

Bilder: Nikolai Endegor: Live Marble, 2014,
die komplette Serie mit mythologischen Erklärungen auf LensCulture und LiveJournal.
Die Motive III und XX fehlen, dafür haben VIII, XI, XIV, XVIII und XXII je eine zusätzliche Version.

Soundtrack: John Cale: Lazy Day, 2020:

Written by Wolf

26. Februar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet

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Update zu Der Goethe wor fei aa do (It’s a nice-a place):

„Zu Goethes Denkmal, was zahlst du jetzt?“
Fragt dieser, jener und der. –
Hätt ich mir nicht selbst ein Denkmal gesetzt,
Das Denkmal, wo käm es denn her?

Goethe: Zahme Xenien, VII. Buch, vorwiegend nach 1824 bis 1832.

Fassen wir als erstes zusammen, was wir nicht gefunden haben:

  1. ein Goethe-Denkmal mit folgenden Eigenschaften:
    1. in Wien,
    2. am Ring,
    3. am Ende des Volksgartens,
    4. als „alter Goethe“,
    5. sitzend,
    6. in einer Nische,
    7. aus Stein
    8. mit Kragen und Krawatte
  2. und eine Antwort in der zuständigen Facebook-Gruppe auf die Frage, ob dergleichen in Schrift und Bild nachweisbar sei.

Goethedenkmal WienVon ähnlicher Beschaffenheit ist das durchaus bekannte Wiener Goethedenkmal von Edmund von Hellmer 1900 Ecke Opernring und Goethegasse im „Aanser“ — was bedeutet: 1. Bezirk Innere Stadt — das zumindest den „alten Goethe“ am Ring unweit des Volksgartens zeigt — nur eben nicht in einer Nische und wenngleich auf einem Sockel aus Granit mit so hohem Urangehalt, dass er radioaktiv strahlt (und falsch geschriebener römischer Jahreszahl „MDCCCC“ auf der rückwärtigen Gedenktafel), schon gar nicht in Stein gehauen, sondern aus Bronze gegossen.

Egal wie Joseph Roth ihn beschrieben hat, was offensichtlich aus dem Anlass von Goethes 100. Todestages geschah: Es nähme doch sehr wunder, wenn in derartiger Nähe zu einem Denkmal, das keineswegs in eine Nische verräumt Moose und Flechten ansetzt, vielmehr freistehend, erst langfristig auf eine nachwachsende Begrünung durch drei Bäume angelegt und daher recht prominent das Stadtbild an einem wichtigen Straßenabschnitt mitbestimmt, und in Grußweite auf einer Sichtachse mit dem 24 Jahre zuvor errichteten, damit in freundschaftliche Beziehung gesetzten Schillerdenkmal gleich noch einmal derselbe Künstler geehrt würde, der in derselben Stadt dem ältesten, zugleich bis heute bestehenden Verein zum Gegenstand dient, aber doch kein Sohn der Stadt, ja nicht einmal des Landes ist, und auch sonst nirgends aufgeführt wird.

Immerhin sagt uns das Enthüllungsdatum 1900, dass Joseph Roth das Denkmal 1932 kennen konnte. Einigen wir uns darauf: Im Detail irrt Joseph Roth, aber insgesamt spricht er wahr.

Goethedenkmal Wien

——— Joseph Roth:

Das Denkmal (II)

in: Frankfurter Zeitung, 21. März 1932:

Das Goethe-Denkmal, von dem hier die Rede sein soll, steht am Wiener „Ring“, in einer halbrunden Nische, am Rande des „Volksgartens“. Der steinerne Goethe sitzt in einem steinernen Sessel. Goethe hat einen steinernen Rock an, einen steinernen Kragen und eine Art steinernes Plastron. Es ist der „alte Goethe“. Und Kenner der Denkmalskunst haben mir gesagt, das Denkmal sei „nicht gut“.

Goethedenkmal WienDamals war ich jung. Und die Wichtigkeit, die ich mir infolgedessen verlieh, vermochte ich in einer harmlosen, fast unschuldigen Weise mit der Pietät zu verbinden, die ich für Goethe empfand. Und wie ich als Knabe durch ein militärisches Salutieren vorbeikommende Offiziere zu grüßen versucht hatte, so etwa zog ich den Hut vor dem Denkmal Goethes, sooft ich daran vorbeikam. Und indem ich also dem Genie der Nation die lächerliche Reverenz eines Dummkopfs erwies, setzte ich mich gewissermaßen in eine private Beziehung zu Goethe. Und während ich die Frechheit, eine derartige Beziehung herzustellen, betrieb, bildete ich mir ein, mein Gruß sei der Ausdruck untertänigsten Respekts. Heute weiß ich, daß ich das Goethe-Denkmal lediglich aus Eitelkeit gegrüßt habe. Dennoch verzeihe ich mir diese Eitelkeit mit reinem Gewissen. Denn sie war, ohne Zweifel, sozusagen die leibliche Schwester meines Respekts. Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet.

Ich war etwa vierzehn Jahre alt, als ich das Goethe-Denkmal zu grüßen begann. Manchmal blieb ich, töricht und wichtig, vor dem Denkmal stehen, und die steinernen Züge des Unsterblichen schienen mir der wohlgelungene Ausdruck seiner Unsterblichkeit zu sein. Und mir war zuweilen, als wäre Goethe schon immer, und zu Lebzeiten, aus Stein gewesen. In dem großen Oval gewölbter Augen ruhte der steinerne Blick der steinernen Ewigkeit, die nichts anderes als sich selbst betrachtet. In den Zügen des Angesichts, in den Falten um Nase und Mund besonders, schlief der Atem der „olympischen“ Ruhe, von der die Lehrer sprachen, die Schulbücher, die Literaturgeschichte. Zuweilen fühlte ich mich durch die vorwitzige Amsel beleidigt, die sich auf Goethes Schädel gesetzt hatte und flötend ihre Notdurft verrichtete. Ich hätte sie zum Beispiel auf das Haupt Eichendorffs verwiesen, weil ich damals noch nicht wußte, daß der melodiöse Pfiff der Amsel nichts anderes im Erzeugnis der Natur war als das „olympische Genie“ und die Gedichte Eichendorffs. Ja, damals war ich jung! Damals anerkannte ich gehorsam die Rangunterschiede, die ein „Genie“ von einem „Talente“ trennten, und die göttliche Würde, die Goethe auszeichnete, schien mir verletzt, wenn sich eine vulgäre Kreatur auf seinen erhabenen Schädel setzte. Nicht nur dieses Denkmal war steinern! Auch der lebendige Goethe war es gewesen! Und indem ich ihn grüßte, glaubte ich die Respektlosigkeit der Amsel gewissermaßen ungültig zu machen, und ich ahnte nicht, daß es dem Geschmack des Unsterblichen eher entsprochen hätte, von einer Amsel ausgepfiffen als von mir gegrüßt zu werden …

Goethedenkmal WienUnd so blieb es: Der untertänige Hochmut, mit dem ich Goethe zu ehren glaubte, hielt mich lange in der Befangenheit eines kindischen Urteils, demzufolge „das Genie“ steinern gewesen war wie sein Denkmal. Allmählich aber – und besonders deutlich wurde es mir eines Tages, als ich aus dem Feld in Urlaub kam – erwärmte und verlebendigte sich der Stein, in dem Goethe gefangen war. Ich trug eine Uniform. Und als ich, einem gewissen Mechanismus des Gemüts gehorchend, die Hand zum gewohnten Gruß ansetzte, wirkte ihm jener andere, soldatische entgegen, der mir gebot zu salutieren. Und ich erkannte plötzlich, daß ich bis nun Goethe gegrüßt, wie ich vor viel längerer Zeit Offizieren immer salutiert hatte. Und auf einmal schien es mir auch, daß Goethe lächelte. Ja, sein Denkmal, das „nicht gut“ war, lächelte. In seinen ovalen und konkav gewölbten, steinernen Augen erwachte jener menschliche Blick, der nur den Göttern eigen ist: ein wissender und witziger Blick, und wäre in mir die Vorstellung vom „Olympier“ nicht noch so lebendig gewesen, so hätte ich gewagt zu denken: ein schelmischer. Aber es gab damals in meiner Begriffswelt noch keine schelmischen Olympier. Und ich bemerkte nur, daß Goethe lächelte …

Seit jener Stunde – es war ein heiterer Sommerabend, und die Amseln pfiffen – hörte Goethe auf, ein steinernes Genie zu sein, und ich habe ihn nie mehr gegrüßt. Vielleicht verändert sich auch an den Denkmälern noch der physiognomische Ausdruck. Vielleicht verändern sich in der Tat die steinernen Gesichter, für jeden von uns! Und ich könnte glauben, daß jenes erhabene Antlitz, das unbewegt jahrelang, beinahe jeden Tag, meinen kindischen Gruß vorüberwehen ließ, eines Tages wahrhaftig zu lächeln begann, weil ich reif genug geworden war, zu Göttern zu beten und dennoch die Menschen zu ehren. Ich bin kein Stein! sagte das Genie. Ich begann zu begreifen, daß es ein Mensch war.

Goethedenkmal Wien

Bilder: Jutta Assel/Georg Jäger: Goethe-Denkmäler. Eine Dokumentation.
Edmund von Hellmer: Wiener Goethe-Denkmal
, Oktober 2009;
Wikimedia Commons.

Soundtrack: Peter Alexander: Das hat ka Goethe g’schrieben,
aus: Peter Alexander serviert Spezialitäten aus Böhmen, Ungarn, Österreich, 1967:

Written by Wolf

8. Januar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Ermüdung und Verwirrung des Geistes, Eigendünkel, Unwissenheit und Hochmut (methinks, a million fools in choir are raving and will never tire)

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Update zu Zwischennetzsurferey und
Wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen:

Harry Clarke, Methinks, a million fools in choir Are raving and will never tire, 1925, Faust by Goethe, 1820, 1835, 1925, 2013Von jeher musste man sich mit Mephistopheles höchstselbst doch sehr wundern, was die Meerkatze und Meerkater in der Hexenküche für ein Gebaren an den Tag legen, wenn unerwartet vorgesetzter Besuch auftaucht. Genauer besehen müssen die Lakaien den Baron, wie er genannt werden will, noch weniger erkennen als die Hausherrin, die Hexe, die ihn auch schon länger nicht mehr getroffen hat. Derweil kochen sie weiter „breite Bettelsuppen“, lassen den Brey überlaufen, und die Hexe

mit seltsamen Geberden, zieht einen Kreis und stellt wunderbare Sachen hinein; indessen fangen die Gläser an zu klingen, die Kessel zu tönen, und machen Musik. Zuletzt bringt sie ein großes Buch, stellt die Meerkatzen in den Kreis, die ihr zum Pult dienen und die Fackel halten müssen. Sie winkt Fausten, zu ihr zu treten.

Faust spricht auf der Illustration von Harry Clarke, auch gleich in englischer Übersetzung von John Anster, 1820 ff.:

Was sagt sie uns für Unsinn vor?
Es wird mir gleich der Kopf zerbrechen.
Mich dünkt, ich hör‘ ein ganzes Chor
Von hundert tausend Narren sprechen.

This nonsense, so like meaning, splits
My skull. I soon would lose my wits:
Methinks, a million fools in choir
Are raving and will never tire.

Das ist Faustens Antwort auf die Erweiterung — „Die Hexe fährt fort“ — des Hexen-Einmal-Eins:

Die hohe Kraft
Der Wissenschaft,
Der ganzen Welt verborgen!
Und wer nicht denkt,
Dem wird sie geschenkt,
Er hat sie ohne Sorgen.

mithin eine Paraphrase über das unter Schülern gar so beliebte „Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber.“ Da scheint es, Faust drängt schon sehr vom Gelehrten- in den Gretchenteil; im Zauberspiegel hat er sich schon in Gretchens Bild versenkt, bevor die Hausherrin überhaupt zugegen war. Als sie Fausten seinen Verjüngungstrank endlich „mit vielen Ceremonien“ verabreicht hat, kann er sich schon gar nicht mehr losreißen: „Das Frauenbild war gar zu schön!“

Der Schlüssel für das Benehmen der äffischen, um nicht zu sagen: affigen Hausdienerschaft mag ich aus alter Neigung am liebsten in dem großen Buch erkennen, das von der Hexe — „mit großer Emphase fängt an aus dem Buche zu declamiren“ — angeschleppt und von Goethe recht beiläufig in zwei Regieanweisungen erwähnt wird: Während des besagten, denkbar irrwitzigen Hexen-Einmal-Eins dienen die Meerkatzen als Pult, werden also wortwörtlich von einem Buch geknechtet. Wenn Sie mich fragen: Süchtig sind die.

——— Illustriertes Hausbuch für christliche Familien:

1913, cit. nach Ralf Schneider: Die Suchtfibel: Wie Abhängigkeit entsteht und wie man sich daraus befreit. Informationen für Betroffene, Angehörige und Interessierte, Schneider Verlag, Hohengehren seit 1988, Seite 7:

Die Lesesucht, die im Lesen weder Maß noch Ziel kennt, ist eine traurige Krankheit unserer Zeit und zieht bei vielen Menschen, namentlich bei der Jugend, die schlimmsten Folgen nach sich.

Harry Clarke, Drest thus, I seem a different creature, 1925, Faust by Goethe, 1820, 1835, 1925, 20131. Die Lesesucht wirkt betörend auf die Gesundheit des Leibes und der Seele. Wer sich mit blinder Hast dem Lesen überantwortet, verzichtet häufig auf die nötige körperliche Bewegung in frischer Luft. Die Sucht zum Lesen steigert sich, und man will sich nur höchst ungern von dem Gegenstand der liebgewordenen Lesung trennen. Man gönnt sich deshalb kaum Zeit, seine Mahlzeiten zu halten, und verzichtet selbst auf manche Stunden der nächtlichen Ruhe. Dass dies die körperliche Gesundheit schädigen muss, leuchtet ein. Allein weit gefährlicher ist die fieberhafte Aufregung, die das hastige Lesen und Verschlingen von Büchern hervorbringt. Der Geist wird zu sehr angestrengt, die Nerven werden überreizt; dadurch wird aber die Verdauung gestört, der Blutumlauf gehemmt, und der Mensch büßt langsam seine leibliche und geistige Gesundheit.

2. Die Lesesucht verhindert auch die wahre Geistesbildung. Wie allzu vieles und gieriges Essen den Magen, so beschwert das viele Lesen den Geist, verwirrt den Kopf, verwildert das Herz und die Phantasie, fördert die Oberflächlichkeit und macht den Menschen untauglich zu ersprießlicher Tätigkeit. Wollte jemand glauben, er könne durch vieles und eiliges Lesen etwas lernen und seinen Geist bilden, so betrügt er sich; es ist eine unnütze, müßige, ja schädliche Arbeit. Das Verschlingen von Büchern erzeugt nur denkfaule Köpfe, halb gebildete, die zwar wähnen, sie verstehen alles, und über alles vorschnell urteilen, aber sich dabei nur lächerlich machen und ihre Geistesblöße darlegen. Es ist auch nicht anders möglich. Bei dem hastigen Lesen hat man nicht die Geduld, bei einem nützlichen Gedanken länger zu verweilen, über das Gelesene nachzudenken, es richtig aufzufassen und dem Gedächtnis einzuprägen. Die Blätter des Buches werden fast nur überflogen. Was bleibt da anderes zurück als eine dunkle Erinnerung, Ermüdung und Verwirrung des Geistes, Eigendünkel, Unwissenheit und Hochmut?

Bilder: Harry Clarke: Creatures Reading, über Vers 2573 bis 2576 in der Hexenküche,
Übersetzung John Anster, Blackwood’s Magazine 1820,
für Johann Wolfgang Goethe: Faust: A Dramatic Mystery. From the German by John Anster, 1835,
als Faust by Goethe, Nachdruck der Ausgabe bei George G. Harrap & Co., Ltd., London 1925,
Calla Editions, Mineola, New York 2013, via Leo Boudreau, 14. Dezember 2014.
Drest thus, I seem a different creature: Das Frauenbild war gar zu schön.

Soundtrack: Cat Clyde: Toaster, aus: Good Bones, 2020:

Well it’s the end of September and the sun is still shining bright
And there’s no whisky in the freezer, so I guess I’ll punch another bowl again
I’m smoking dirty cigarettes cause I can’t afford the ones I like
It keeps my attention now I can’t remember what I was just thinking

Written by Wolf

18. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Seemannsgarn & Wahrheit

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Update zu O Mädchen mein Mädchen und
Keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen:

RetrohoundAlles Gute zum 271., Herr Geheimrat.

Woran erinnern wir uns bei Ihrem Namen? Dass Sie’s sehr mit dem Weybervolck hatten, lieber eine brave Zeitlang weitab und gründlich untergetaucht sind, bevor Sie sich einem Problem stellten, und da am liebsten in die Provinz statt unter zu viele Ihresgleichen, die Ihnen den Rang als einsames Genie streitig machen könnten — damit verbunden Ihre Italienische Reise — ferner an Ihre Erfindung des Bestsellers in Gestalt des Werther und Götz von Berlichingen, an den Faust, der Tragödie ersten und zweyten Theil, Wanderers Nachtlied (das war wirklich gut!), Wilhelm Meister, die Lehr– und Wanderjahre sowie davor die Theatralische Sendung, die erlesenen Ferkeleien in den Venezianischen Epigrammen und Römischen Elegien, das Zurückzucken davor in sotanen Marienbader, die nur von Ihnen Höchstderoselbst allzu überschätzte, dabei ganz drogenfrei wundersam weggedriftete Farbenlehre, ein bisschen Grundschulstoff (Erlkönig, Zauberlehrling), ziemlich viel Dichtung, allerhand Wahrheit — und dann noch der Versuch einer Seemannsgeschichte.

Alles kann man ihm zutrauen, dem Goethe, nur keine Seefahrergeschichten, oder nicht? — Doch, es gibt eine. Reise der Söhne Megaprazons heißt sie, ist Fragment geblieben und spärlich dokumentiert. Die Textmenge, mit Nachweis eines früher entstandenen Kapitelschemas als umfangreicher Roman angelegt, umfasst 4652 Wörter, das entspricht einem neunseitigen Word-Dokument in durchschnittlich hässlicher Arial 12-Punkt, die Frankfurter Goethe-Gesamtausgabe braucht 15½ Druckseiten. In den meisten Gesamtausgaben fehlt sie; mir selbst liegt sie in der praktisch nur für große Bibliotheken erschwinglichen Frankfurter Ausgabe vor, und auch das nur, weil die inzwischen teilweise als Taschenbuch bei Insel gemacht wird: im Band TB 11: Die Leiden des jungen Werthers [beide Fassungen als Paralleldruck!]/Die Wahlverwandtschaften/Novelle/Kleine Prosa/Epen. Herausgegeben von Waltraud Wiethölter in Zusammenarbeit mit Christoph Brecht.

RetrohoundDas ist eine ganze Menge auf den 1245 Seiten, dazu noch wegweisend durchkommentiert. Und im Teil mit der Kleinen Prosa finden sich die Söhne Megaprazons. In der Sophienausgabe, der geradezu sprichwörtlich vollständigsten von allen, sind sie selbstverständlich enthalten; in der meinigen, der Hamburger, sind sie nicht. Online komme ich auf zwei ernstzunehmende Volltexte: im Gutenberg-Projekt und — die beste und handlichste: — im Scan der Sophienausgabe bei der Harvard University — und dann noch einige „mittelzuverlässige“ Scans für Google-Books. Wer weitere Fundstellen ausmacht — ich zähle eventuell auf die Münchner Ausgabe —, kann sie gern in den Kommentaren vermelden.

Goethe selbst hat sich ein einziges Mal zu seinem Seemannsversuch geäußert: in der Kampagne in Frankreich 1792, niedergeschrieben 1819 bis 1822:

Ich hatte seit der Revolution, mich von dem wilden Wesen einigermaßen zu zerstreuen, ein wunderbares Werk begonnen, eine Reise von sieben Brüdern verschiedener Art, jeder nach seiner Weise dem Bunde dienend, durchaus abenteuerlich und märchenhaft, verworren, Aussicht und Absicht verbergend, ein Gleichnis unseres eignen Zustandes. Man verlangte eine Vorlesung, ich ließ mich nicht viel bitten und rückte mit meinen Heften hervor; aber ich bedurfte auch nur wenig Zeit, um zu bemerken, daß niemand davon erbaut sei. Ich ließ daher meine wandernde Familie in irgend einem Hafen und mein weiteres Manuskript auf sich selbst beruhen.

Eine ganz ungewohnt selbstkritische Haltung Goethes: Auf der ersten Lesung hat sein jüngstes geistiges Kind nicht den erhofften Erfolg, und darum lässt er es absichtlich, ohne Not liegen. Die erhaltenen Fragmente von Goethes Manuskript stehen auf dem Papier einer Mühle unweit von Trarbach, wo Goethes Compagnie auf dem Weg in die Champagne durchkam. Demnach schrieb er es wohl im November 1792 — in Zelt- und Zivilstenquartieren auf dem Feldzug des Weimarer Herzogs. Auch im Falle eines privilegierten Weimarer Ministers, sonst nur Seidenkissen gewohnt ist, bleibt verständlich, dass sich unter solcherlei Erlebnissen manches relativiert.

RetrohoundWoher und zu welchem Ende nun eine Goethische Seegeschichte? Lesen wir dazu tiefer in den „dicht[en], bestechend[en] und rücksichtslos formuliert[en]“ (Süddeutsche Zeitung) Kommentar der Frankfurter Ausgabe hinein:

Wie mit zahlreichen anderen Werken der 1790er Jahre bemühte sich Goethe mit der Reise der Söhne Megaprazons um eine literarische Antwort auf die Französische Revolution, wobei sich das Genre des satirischen Reiseromans für ein solches Unternehmen durchaus anbot, hatten sich doch in der Gattungstradition sowohl Verfahren einer grotesken Transformation zeitgenössischer Konstellationen als auch Möglichkeiten einer Distanzierung vom unmittelbar politischen Anlaß herausgebildet. Beides, die Analyse des Geschehens und eine kritische Stellungnahme, ließ sich auf dem Wege allegorischer Verfremdung formulieren. Goethes Referenztext erwies sich als in dieser Hinsicht als besonders einschlägig: François Rabelais‘ (1483—1553) Romanwerk Gargantua et Pantagruel, erschienen in fünf separaten Büchern zwischen 1534 und 1564.

Halten wir fest: Es sollte ein Reiseroman werden — und zwar ein satirischer — und die Satire mit der Absicht, aus sicherer Distanz das Zeitgeschehen aufzuarbeiten. Und sofort sieht es Goethen viel ähnlicher: Das große Vorbild Rabelais war auch 1792 schon lange genug verstorben, um dem gegenwärtigen Universalgenie keinen Abbruch zu tun, und mit zeitkritischen Aussagen will man sicher bei niemandem anecken, solange man bequem bei Herzogs hausen darf.

Goethe kommt spürbar nicht richtig in die Gänge, das Gargantua-Remake kommt reichlich behäbig daher: Die Hauptfiguren heißen allen Ernstes Epistemon, Panurg, Euphemon, Alkides, Alciphron und Eutyches, von deren mythologisch nicht belegtem Vater, der Titetlfigur Megaprazon ganz zu schweigen. Was soll das werden? Ausweichen in eine aufgekochte Kritik an der jahrhundertealten Lutherischen Reformation statt an der brenzligen Franzosenrevolution? Mit Verlaub: Rabelais hätte diesem Breitarsch von Roman eines Feudalistenschätzchens ein ganzes saftstrotzendes Kapitel voller französischer Vokabeln eingeflochten, die bis heute nicht im Micro Robert vorkommen.

Leider sind Goethes satirisch gemeinte Zuweisungen weder dramaturgisch noch sachlich korrekt:

Ist schon die räumliche Koexistenz des reformatorischen mit dem revolutionären Streitfall nicht unbedingt historisch einleuchtend, so zeigt sich im weiteren auf das deutlichste, daß es der Allegorie aus strukturellen Gründen nicht gelingt, den ‚Ort‘ der Revolution im Europa des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu bestimmen. Die Insel der Monarchomanen habe sich „auf und davon gemahct“, heißt es. Tatsächlich ist dieses Land im Umsturz seiner alten Ordnung zu einem vagierenden, einem effektiv ortlosen Gebilde zerfallen. Zwar lassen sich, indem das alte Märchenmotiv der schwimmenden Insel allegorisiert wird, an dem dreigeteilten Territorium aktuelle politische Prozesse um den Interventionskrieg illustrieren: Die ’steile Küste‘ — der Adel — nähert sich gleich nach der Katastrophe dem Land der Papimanen, orinetiert sich dann aber doch „etwas mehr Nordwärts“, ohne — in der Orientierung auf Habsburg — „festen Stand gewinnen“ zu können; später zeigt sich noch einmal die ‚Residenz‘ und schließt sich beinahe wieder mit der ’steilen Küste‘ zusammen.

bezeichnend für Goethes Konstruktion ist allerdings, daß die „Ebene“ als der dem dritten Stand zugeordnete Landesteil ganz außer Sicht geraten und anscheinend verschollen ist. Gerade an diesem Bruchstück der alten Ordnung — dem nachrevolutionären Frankreich selbst — wäre jedoch zu studieren, ob es nicht auch ohne ‚Residenz‘ und ’steile Küste‘ geht. Der allegorische Modus der Übersetzung politischer Ereignisse in eine räumliche Topik widerstreitet ganz offensichtlich der politischen Geographie des zeitgenössischen Europa. Durch die Revolution war die staatliche Integrität des französischen Territoriums keineswegs angefochten — das hatte Goethe im Zuge der ‚Campagne in Frankreich‘ ja hinlänglich erfahren. […] Dieser Konsequenz seiner eigenen Konstruktion zu folgen, ist der Autor der Reise offensichtlich nicht bereit. Statt dessen setzt er sich dem Verdacht aus, er wolle den Mythos gottgegebener und zeitloser Herrschaft affirmieren.

RetrohoundWas einen desto wahrscheinlicher ankommt, wenn man weiß, wie dicke sich Goethe nachmals mit Napoleon vertragen sollte. Da unternimmt Kommentatorin Wiethölter einen Versuch, Goethe in Schutz zu nehmen, den ich ihr in seiner engagierten Ausgewogenheit hoch anrechnen möchte:

Es hieße die kargen Fragmente zu einer zweifellos umfänglich konzipierten Erzählung überfordern, wollte man jeden einzelnen Zug er Allegorie auf eine politische Konzeption hin durchleuchten. […] Man würde auch dem Fragment der Einleitung nicht gerecht, in dem dialogisch der Konnex zum Roman Rabelais‘ hergestellt wird. In beiden Textstücken dominiert das komödiantische Spiel mit dem Genre des Seeabenteuers über die satirische Absicht. […] Die Reise der Söhne Megaprazons scheitert vielmehr — auf instruktive Weise — an den strukturellen Prämissen der gewählten Gattung: Der Text ist als ein literarischer Kommentar zum Zeitgeschehen angelegt, aber zugleich ist er gegen diese Aktualität als Versuch einer poetischen ‚Zerstreuung‘ zu lesen. So fehlt dem Kommentar die Entschiedenheit der polemischen Stellungnahme, jene Eindeutigkeit, mit der die auf Rabelais‘ klarer Antithetik beruhende Allegorie politisch zu fundieren wäre. Daß sich Goethe dieser Nötigung entzogen hat, zeigt der Text in Form von Widersprüchen; so ist nur konsequent, daß kein Erzählfluß zustande kommt und das Projekt schließlich abgebrochen wurde.

Ja, eben: Alles kann man ihm zutrauen, dem Goethe: Bestseller, Longseller, Seefahrergeschichten, nur keine Satire. Selbst für seinen Kriegsbericht hat er sich den Kalauer „Campagne in der Champagne“, der sachlich stimmig gewesen wäre, fürnehm verkniffen. Auf gut teutsch: Da hat sich der Dichterfürst an der Satire verhoben.

Für solche philologischen Einsichten, ja: Höhenflüge wie Waltraud Wiethölters Kommentar hab ich die teuren Ausgaben der Dead White Males wirklich lieb und lasse die Kaufhofauswahlen leichten Herzens da, wo sie hingehören: bei den fehlerbehafteten, unmöblierten Plain-Text-Gratisdownloads für alles, was einen Bildschirm zum Wegwischen hat.

Kommt nun nicht der Einwand, Goethe beherrschte die Satire nicht, einem Vorwurf gleich, dass Mutter Theresa keine Pferde malen konnte oder die Usbeken nichts von Käse verstehen? Ein satirischer Seebärenroman, jetzt bitte mal. Ist Goethe vielleicht Melville? Stevenson? Conrad? Oder wenigstens Wilhelm Raabe? — Gut, er hat seinen Mangel eingesehen, das rettet ihn. „Aussicht und Absicht verbergend“, sagt er selbst, und legt den netten Versuch bereitwillig zu den Akten.

Wir, gnadenlos, wie wir sind, tun das nicht. Ungekürzt:

——— Johann Wolfgang vvon Goethe:

Reise der Söhne Megaprazons

Erstes Kapitel

Die Söhne Megaprazons überstehen eine harte Prüfung

RetrohoundDie Reise ging glücklich vonstatten, schon mehrere Tage schwellte ein günstiger Wind die Segel des kleinen wohlausgerüsteten Schiffes, und in der Hoffnung bald Land zu sehen beschäftigten sich die trefflichen Brüder ein jeder nach seiner Art. Die Sonne hatte den größten Teil ihres täglichen Laufes zurückgelegt; Epistemon saß an dem Steuerruder und betrachtete mit Aufmerksamkeit die Windrose und die Karten; Panurg strickte Netze mit denen er schmackhafte Fische aus dem Meere hervorzuziehen hoffte; Euphemon hielt seine Schreibtafel und schrieb, wahrscheinlich eine Rede, die er bei der ersten Landung zu halten gedachte; Alkides lauerte am Vorderteil, mit dem Wurfspieß in der Hand, Delphinen auf, die das Schiff von Zeit zu Zeit begleiteten; Alciphron trocknete Meerpflanzen, und Eutyches, der jüngste, lag auf einer Matte in sanftem Schlafe.

Wecket den Bruder! rief Epistemon, und versammelt euch bei mir; unterbrecht einen Augenblick eure Geschäfte, ich habe euch etwas Wichtiges vorzutragen. Eutyches erwache! Setzt euch nieder! Schließt einen Kreis!

Die Brüder gehorchten dem Worte des Ältesten und schlossen einen Kreis um ihn. Eutyches, der schöne, war schnell auf den Füßen, öffnete seine großen blauen Augen, schüttelte seine blonden Locken und setzte sich mit in die Reihe.

Der Kompaß und die Karte, fuhr Epistemon fort, deuten mir einen wichtigen Punkt unsrer Fahrt an; wir sind auf die Höhe gelangt, die unser Vater beim Abschied anzeichnete, und ich habe nun einen Auftrag auszurichten, den er mir damals anvertraute. – Wir sind neugierig zu hören, sagten die Geschwister untereinander.

Epistemon eröffnete den Busen seines Kleides und brachte ein zusammengefaltetes, buntes, seidnes Tuch hervor. Man konnte bemerken daß etwas darein gewickelt war, an allen Seiten hingen Schnüre und Fransen herunter, künstlich genug in viele Knoten geschlungen, farbig, prächtig und lieblich anzusehen.

Es eröffne jeder seinen Knoten, sagte Epistemon, wie es ihn der Vater gelehrt hat. Und so ließ er das Tuch herumgehen; jeder küßte es, jeder öffnete den Knoten, den er allein zu lösen verstand; der Älteste küßte es zuletzt, zog die letzte Schleife auseinander, entfaltete das Tuch und brachte einen Brief hervor, den er auseinander schlug und las.

RetrohoundMegaprazon an seine Söhne. Glück und Wohlfahrt, guten Mut und frohen Gebrauch eurer Kräfte! Die großen Güter, mit denen mich der Himmel gesegnet hat, würden mir nur eine Last sein, ohne die Kinder, die mich erst zum glücklichen Manne machen. Jeder von euch hat, durch den Einfluß eines eignen günstigen Gestirns, eigne Gaben von der Natur erhalten. Ich habe jeden nach seiner Art von Jugend auf gepflegt, ich habe es euch an nichts fehlen lassen, ich habe den Ältesten zur rechten Zeit eine Frau gegeben, ihr seid wackre und brave Leute geworden. Nun habe ich euch zu einer Wanderschaft ausgerüstet, die euch und eurem Hause Ehre bringen muß. Die merkwürdigen und schönen Inseln und Länder sind berühmt, die mein Urgroßvater Pantagruel teils besucht, teils entdeckt hat, als da ist die Insel der Papimanen, Papefiguen, die Laterneninsel und das Orakel der heiligen Flasche, daß ich von den übrigen Ländern und Völkern schweige. Denn sonderbar ist es: berühmt sind jene Länder, aber unbekannt, und scheinen jeden Tag mehr in Vergessenheit zu geraten. Alle Völker Europens schiffen aus Entdeckungsreisen zu machen, alle Gegenden des Ozeans sind durchsucht, und auf keiner Karte finde ich die Inseln bezeichnet, deren erste Kenntnis wir meinem unermüdlichen Urgroßvater schuldig sind; entweder also gelangten die berühmtesten neuen Seefahrer nicht in jene Gegenden, oder sie haben, uneingedenk jener ersten Entdeckungen, die Küsten mit neuen Namen belegt, die Inseln umgetauft, die Sitten der Völker nur obenhin betrachtet und die Spuren veränderter Zeiten unbemerkt gelassen. Euch ist es vorbehalten, meine Söhne, eine glänzende Nachlese zu halten, die Ehre eures Ältervaters wieder aufzufrischen und euch selbst einen unsterblichen Ruhm zu erwerben. Euer kleines, künstlich gebautes Schiff ist mit allem ausgerüstet, und euch selbst kann es an nichts fehlen: denn vor eurer Abreise gab ich einem jeden zu bedenken, daß man sich auf mancherlei Art in der Fremde angenehm machen, daß man sich die Gunst der Menschen auf verschiedenen Wegen erwerben könne; ich riet euch daher, wohl zu bedenken, womit ihr außer dem Proviant, der Munition, den Schiffsgerätschaften euer Fahrzeug beladen, was für Waren ihr mitnehmen, mit was für Hülfsmitteln ihr euch versehen wolltet. Ihr habt nachgedacht, ihr habt mehr als eine Kiste auf das Schiff getragen, ich habe nicht gefragt was sie enthalten. – Zuletzt verlangtet ihr Geld zur Reise, und ich ließ euch sechs Fäßchen einschiffen, ihr nahmt sie in Verwahrung und fuhrt unter meinen Segenswünschen, unter den Tränen eurer Mutter und eurer Frauen, in Hoffnung glücklicher Rückkehr, mit günstigem Winde davon.

RetrohoundIhr habt, hoffe ich, den langweiligsten Teil eurer Fahrt durch das hohe Meer glücklich zurückgelegt, ihr naht euch den Inseln, auf denen ich euch freundlichen Empfang, wie meinem Urgroßvater, wünsche.

Nun aber verzeiht mir, meine Kinder, wenn ich euch einen Augenblick betrübe – es ist zu eurem Besten.

Epistemon hielt inne, die Brüder horchten auf.

Daß ich euch nicht mit Ungewißheit quäle, so sei es gerade herausgesagt: Es ist kein Geld in den Fäßchen. – Kein Geld! riefen die Brüder wie mit einer Stimme. – Es ist kein Geld in den Fäßchen, wiederholte Epistemon mit halber Stimme und ließ das Blatt sinken. Stillschweigend sahen sie einander an, und jeder wiederholte in seinem eignen Akzente: Kein Geld! kein Geld?

Epistemon nahm das Blatt wieder auf und las weiter: Kein Geld! ruft ihr aus und kaum halten eure Lippen einen harten Tadel eures Vaters zurück. Faßt euch! Geht in euch und ihr werdet die Wohltat preisen die ich euch erzeige. Es steht Geld genug in meinen Gewölben, da mag es stehen, bis ihr zurückkommt und der Welt gezeigt habt, daß ihr der Reichtümer wert seid, die ich euch hinterlasse.

RetrohoundEpistemon las wohl noch eine halbe Stunde, denn der Brief war lang; er enthielt die trefflichsten Gedanken, die richtigsten Bemerkungen, die heilsamsten Ermahnungen, die schönsten Aussichten; aber nichts war im Stande die Aufmerksamkeit der Geschwister an die Worte des Vaters zu fesseln; die schöne Beredsamkeit ging verloren, jeder kehrte in sich selbst zurück, jeder überlegte was er zu tun, was er zu erwarten habe.

Die Vorlesung war noch nicht geendigt, als schon die Absicht des Vaters erfüllt war: jeder hatte schon bei sich die Schätze gemustert, womit ihn die Natur ausgerüstet, jeder fand sich reich genug, einige glaubten sich mit Waren und andern Hülfsmitteln wohl versehen; man bestimmte schon den Gebrauch voraus, und als nun Epistemon den Brief zusammenfaltete, ward das Gespräch laut und allgemein; man teilte einander Plane, Projekte mit, man widersprach, man fand Beifall, man erdachte Märchen, man ersann Gefahren und Verlegenheiten, man schwätzte bis tief in die Nacht, und eh‘ man sich niederlegte mußte man gestehen, daß man sich auf der ganzen Reise noch nicht so gut unterhalten hatte.

Zweites Kapitel

Man entdeckt zwei Inseln;
es entsteht ein Streit, der durch Mehrheit der Stimmen beigelegt wird

RetrohoundDes andern Morgens war Eutyches kaum erwacht und hatte seinen Brüdern einen guten Morgen geboten, als er ausrief: Ich sehe Land! – Wo? riefen die Geschwister. – Dort, sagte er, dort! und deutete mit dem Finger nach Nordosten. Der schöne Knabe war vor seinen Geschwistern, ja vor allen Menschen, mit scharfen Sinnen begabt und so machte er überall wo er war ein Fernrohr entbehrlich. Bruder, versetzte Epistemon, du siehst recht, erzähle uns weiter, was du gewahr wirst. – Ich sehe zwei Inseln, fuhr Eutyches fort, eine rechts, lang, flach, in der Mitte scheint sie gebirgig zu sein; die andre links zeigt sich schmäler und hat höhere Berge. – Richtig! sagte Epistemon und rief die übrigen Brüder an die Karte. Sehet, diese Insel rechter Hand ist die Insel der Papimanen, eines frommen wohltätigen Volkes. Möchten wir bei ihnen eine so gute Aufnahme als unser Altervater Pantagruel erleben. Nach unsers Vaters Befehl landen wir zuerst daselbst, erquicken uns mit frischem Obste, Feigen, Pfirsichen, Trauben, Pomeranzen, die zu jeder Jahrzeit daselbst wachsen; wir genießen des guten frischen Wassers, des köstlichen Weines; wir verbessern unsre Säfte durch schmackhafte Gemüse: Blumenkohl, Brokkoli, Artischocken und Karden; denn ihr müßt wissen, daß durch die Gnade des göttlichen Statthalters auf Erden nicht allein alle gute Frucht von Stunde zu Stunde reift, sondern daß auch Unkraut und Disteln eine zarte und säftige Speise werden. – Glückliches Land! riefen sie aus, wohlversorgtes, wohlbelohntes Volk! Glückliche Reisende die in diesem irdischen Paradiese eine gute Aufnahme finden! – Haben wir uns nun völlig erholt und wiederhergestellt, alsdann besuchen wir im Vorbeigehn die andre leider auf ewig verwünschte und unglückliche Insel der Papefiguen, wo wenig wächst und das wenige noch von bösen Geistern zerstört oder verzehrt wird. Sagt uns nichts von dieser Insel! rief Panurg, nichts von ihren Kohlrüben und Kohlrabis, nichts von ihren Weibern, ihr verderbt uns den Appetit, den ihr uns soeben erregt habt.

Und so lenkte sich das Gespräch wieder auf das selige Wohlleben, das sie auf der Insel der Papimanen zu finden hofften; sie lasen in den Tagebüchern ihres Ältervaters was ihm dort begegnet, wie er fast göttlich verehrt worden war, und schmeichelten sich ähnlicher glücklicher Begebenheiten.

Indessen hatte Eutyches von Zeit zu Zeit nach den Inseln hingeblickt, und als sie nun auch den andern Brüdern sichtbar waren, konnte er schon die Gegenstände genau und immer genauer darauf unterscheiden, je näher man ihnen kam. Nachdem er beide Inseln lange genau betrachtet und miteinander verglichen, rief er aus: Es muß ein Irrtum obwalten, meine Brüder. Die beiden Landstrecken, die ich vor mir sehe, kommen keineswegs mit der Beschreibung überein die Bruder Epistemon davon gemacht hat; vielmehr finde ich gerade das Umgekehrte, und mich dünkt, ich sehe gut.

Wie meinst du das, Bruder? sagte einer und der andere.

Die Insel zur rechten Seite auf die wir zuschiffen, fuhr Eutyches fort, ist ein langes flaches Land mit wenigen Hügeln und scheint mir gar nicht bewohnt; ich sehe weder Wälder auf den Höhen, noch Bäume in den Gründen; keine Dörfer, keine Gärten, keine Saaten, keine Herden an den Hügeln, die doch der Sonne so schön entgegen liegen.

Ich begreife das nicht, sagte Epistemon –

Eutyches fuhr fort: Hier und da seh‘ ich ungeheure Steinmassen, von denen ich mich nicht zu sagen unterfange, ob es Städte oder Felsenwände sind. Es tut mir herzlich leid, daß wir nach einer Küste fahren die so wenig verspricht.

Und jene Insel zur Linken? rief Alkides. – Sie scheint ein kleiner Himmel, ein Elysium, ein Wohnsitz der zierlichsten häuslichsten Götter. Alles ist grün, alles gebaut, jedes Eckchen und Winkelchen genutzt. Ihr solltet die Quellen sehen, die aus den Felsen sprudeln, Mühlen treiben, Wiesen wässern, Teiche bilden. Büsche auf den Felsen, Wälder auf den Bergrücken, Häuser in den Gründen, Gärten, Weinberge, Äcker und Ländereien in der Breite wie ich nur sehen und sehen mag.

Man stutzte, man zerbrach sich den Kopf. Endlich rief Panurg: Wie können sich ein Halbdutzend kluge Leute so lang bei einem Schreibefehler aufhalten! Weiter ist es nichts. Der Copiste hat die Namen der beiden Inseln auf der Karte verwechselt, jenes ist Papimanie, diese da ist Papefigue, und ohne das gute Gesicht unsers Bruders waren wir im Begriff einen schnöden Irrtum zu begehen. Wir verlangen nach der gesegneten Insel und nicht nach der verwünschten; laßt uns also den Lauf dahin richten wo uns Fülle und Fruchtbarkeit zu empfangen verspricht.

RetrohoundEpistemon wollte nicht sogleich seine Karten eines so großen Fehlers beschuldigen lassen, er brachte viel zum Beweise ihrer Genauigkeit vor; die Sache war aber den übrigen zu wichtig, es war die Sache des Gaumens und des Magens, die jeder verteidigte. Man bemerkte, daß man mit dem gegenwärtigen Winde noch bequem nach beiden Inseln kommen könne, daß man aber, wenn er anhielte, nur schwer von der ersten zur zweiten segeln würde. Man bestand darauf, daß man das Sichre für das Unsichre nehmen und nach der fruchtbaren Insel fahren müsse.

Epistemon gab der Mehrheit der Stimmen nach, ein Gesetz, das ihnen der Vater vorgeschrieben hatte.

Ich zweifle gar nicht, sagte Panurg, daß meine Meinung die richtige ist und daß man auf der Karte die Namen verwechselt hat. Laßt uns fröhlich sein! Wir schiffen nach der Insel der Papimanen. Laßt uns vorsichtig sein und die nötigen Anstalten treffen.

Er ging nach einem Kasten, den er öffnete und allerlei Kleidungsstücke daraus hervorholte. Die Brüder sahen ihm mit Verwunderung zu und konnten sich des Lachens nicht erwehren, als er sich auskleidete und, wie es schien, Anstalt zu einer Maskerade machte. Er zog ein Paar violettseidne Strümpfe an, und als er die Schuhe mit großen silbernen Schnallen geziert hatte, kleidete er sich übrigens ganz in schwarze Seide. Ein kleiner Mantel flog um seine Schultern, einen zusammengedrückten Hut mit einem violett- und goldnen Bande nahm er in die Hände, nachdem er seine Haare in runde Locken gekräuselt hatte. Er begrüßte die Gesellschaft ehrbietig, die in lautes Gelächter ausbrach.

Ohne sich aus der Fassung zu geben besuchte er den Kasten zum zweiten Male. Er brachte eine rote Uniform hervor mit weißen Kragen, Aufschlägen und Klappen; ein großes weißes Kreuz sah man auf der linken Brust. Er verlangte, Bruder Alkides solle diese Uniform anziehen, und da sich dieser weigerte, fing er folgendergestalt zu reden an: Ich weiß nicht was ihr übrigen in den Kasten gepackt und verwahrt haltet, die ihr von Hause mitnahmt, als der Vater unsrer Klugheit überließ, womit wir uns den Völkern angenehm machen wollten; so viel kann ich euch gegenwärtig sagen, daß meine Ladung vorzüglich in alten Kleidern besteht, die, hoffe ich, uns nicht geringe Dienste leisten sollen. Ich habe drei bankrotte Schauspielunternehmer, zwei aufgehobne Klöster, sechs Kammerdiener und sieben Trödler aufgekauft, und zwar habe ich mit den letzten nur getauscht und meine Doubletten weggegeben. Ich habe mit der größten Sorgfalt meine Garderobe komplettiert, ausgebessert, gereinigt und geräuchert –

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RetrohoundDie Brüder saßen friedlich beieinander, sie unterhielten sich von den neusten Begebenheiten die sie erlebt, von den neusten Geschichten, die sie erfahren hatten. Das Gespräch wandte sich auf einen seltsamen Krieg der Kraniche mit den Pygmäen; jeder machte eine Anmerkung über die Ursachen dieser Händel, und über die Folgen, welche aus der Hartnäckigkeit der Pygmäen entstehen könnten. Jeder ließ sich von seinem Eifer hinreißen, so daß in kurzer Zeit die Menschen, die wir bisher so einträchtig kannten, sich in zwei Parteien spalteten, die aufs heftigste gegeneinander zu Felde zogen. Alkides, Alciphron, Eutyches behaupteten: die Zwerge seien eben ein so häßliches als unverschämtes Geschöpf; es sei in der Natur doch einmal eins für das andere geschaffen: die Wiese bringe Gras und Kräuter hervor, damit sie der Stier genieße, und der Stier werde wie billig wieder vom edlern Menschen verzehrt. So sei es denn auch ganz wahrscheinlich, daß die Natur den Zwergen das Vermögen zum Heil des Kranichs hervorgebracht habe, welches sich um so weniger leugnen lasse, als der Kranich durch den Genuß des sogenannten eßbaren Goldes um so viel vollkommener werde.

Die andern Brüder dagegen behaupteten, daß solche Beweise, aus der Natur und von ihren Absichten hergenommen, sehr ein geringes Gewicht hätten, und daß deswegen ein Geschöpf nicht geradezu für das andere gemacht sei, weil eines bequem fände sich des andern zu bedienen.

Diese mäßigen Argumente wurden nicht lange gewechselt, als das Gespräch heftig zu werden anfing und man von beiden Seiten mit Scheingründen erst, dann mit anzüglichem bitterm Spott die Meinung zu verteidigen suchte, welcher man zugetan war. Ein wilder Schwindel ergriff die Brüder, von ihrer Sanftmut und Verträglichkeit erschien keine Spur mehr in ihrem Betragen; sie unterbrachen sich, erhuben die Stimmen, schlugen auf den Tisch, die Bitterkeit wuchs, man enthielt sich kaum jählicher Schimpfreden, und in wenigen Augenblicken mußte man fürchten das kleine Schiff als einen Schauplatz trauriger Feindseligkeiten zu erblicken.

Sie hatten in der Lebhaftigkeit ihres Wortwechsels nicht bemerkt, daß ein anderes Schiff, von der Größe des ihrigen, aber von ganz verschiedener Form, sich nahe an sie gelegt hatte; sie erschraken daher nicht wenig, als ihnen, wie mitten aus dem Meere, eine ernsthafte Stimme zurief: Was gibt’s, meine Herren? Wie können Männer, die in einem Schiffe wohnen, sich bis auf diesen Grad entzweien?

Ihre Streitsucht machte einen Augenblick Pause. Allein weder die seltsame Erscheinung noch die ehrwürdige Gestalt dieses Mannes konnte einen neuen Ausbruch verhindern. Man ernannte ihn zum Schiedsrichter, und jede Partei suchte schon eifrig ihn auf ihre Seite zu ziehen, noch ehe sie ihm die Streitsache selbst deutlich gemacht hatten. Er bat sie alsdann lächelnd um einen Augenblick Gehör, und sobald er es erlangt hatte, sagte er zu ihnen: Die Sache ist von der größten Wichtigkeit, und Sie werden mir erlauben, daß ich erst morgen früh meine Meinung darüber eröffne. Trinken Sie mit mir vor Schlafengehn noch eine Flasche Madeira, den ich sehr echt mit mir führe, und der Ihnen gewiß wohl bekommen wird. Die Brüder, ob sie gleich aus einer Familie waren, die den Wein nicht verschmähte, hätten dennoch lieber Wein und Schlaf und alles entbehrt, um die Materie nochmals von vorn durchzusprechen; allein der Fremde wußte ihnen seinen Wein so artig aufzudringen, daß sie sich unmöglich erwehren konnten ihm Bescheid zu tun. Kaum hatten sie die letzten Gläser von den Lippen gesetzt, als sie schon alle ein stilles Vergessen ihrer selbst ergriff, und eine angenehme Hinfälligkeit sie auf die unbereiteten Lager ausstreckte. Sie verschliefen das herrliche Schauspiel der aufgehenden Sonne und wurden endlich durch den Glanz und die Wärme ihrer Strahlen aus dem Schlaf geweckt. Sie sahen ihren Nachbar beschäftigt an seinem Schiffe etwas auszubessern, sie grüßten einander und er erinnerte sie lächelnd an den Streit des vorigen Abends. Sie wußten sich kaum noch darauf zu besinnen und schämten sich, als er in ihrem Gedächtnis die Umstände wie er sie gefunden nach und nach hervorrief. Ich will meiner Arzenei, fuhr er fort, nicht mehr Wert geben als sie hat, die ich Ihnen gestern in der Gestalt einiger Gläser Madeira beibrachte; aber Sie können von Glück sagen, daß Sie so schnell einer Sorge los geworden sind, von der so viele Menschen jetzt heftig, ja bis zum Wahnsinn angegriffen sind.

Sind wir krank gewesen? fragte einer, das ist doch sonderbar. – Ich kann Sie versichern, versetzte der fremde Schiffer, Sie waren vollkommen angesteckt, ich traf Sie in einer heftigen Krisis.

Und was für eine Krankheit wäre es denn gewesen? fragte Alciphron, ich verstehe mich doch auch ein wenig auf die Medizin.

RetrohoundEs ist das Zeitfieber, sagte der Fremde, das einige auch das Fieber der Zeit nennen und glauben sich noch bestimmter auszudrücken; andere nennen es das Zeitungsfieber, denen ich auch nicht entgegen sein will. Es ist eine böse ansteckende Krankheit, die sich sogar durch die Luft mitteilt, ich wollte wetten Sie haben sie gestern abend in der Atmosphäre der schwimmenden Inseln gefangen.

Was sind denn die Symptome dieses Übels? fragte Alciphron.

Sie sind sonderbar und traurig genug, versetzte der Fremde, der Mensch vergißt sogleich seine nächsten Verhältnisse, er mißkennt seine wahrsten, seine klarsten Vorteile, er opfert alles, ja seine Neigungen und Leidenschaften einer Meinung auf, die nun zur größten Leidenschaft wird. Kommt man nicht bald zu Hülfe, so hält es gewöhnlich sehr schwer, so setzt sich die Meinung im Kopfe fest und wird gleichsam die Achse um die sich der blinde Wahnsinn herumdreht. Nun vergißt der Mensch die Geschäfte die sonst den Seinigen und dem Staate nutzen, er sieht Vater und Mutter, Brüder und Schwestern nicht mehr. Ihr, die ihr so friedfertige, vernünftige Menschen schienet, ehe ihr in dem Falle waret – – –

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Der Papimane erzählt, was in ihrer Nachbarschaft vorgegangen

So sehr uns diese Übel quälten, schienen wir sie doch eine Zeitlang über die wunderbaren und schrecklichen Naturbegebenheiten zu vergessen, die sich in unserer Nachbarschaft zutrugen. Ihr habt von der großen und merkwürdigen Insel der Monarchomanen gehört, die eine Tagreise von uns nordwärts gelegen war.

Wir haben nichts davon gehört, sagte Epistemon, und es wundert mich um so mehr, als einer unserer Ahnherrn in diesem Meere auf Entdeckungen ausging. Erzählt uns von dieser Insel, was ihr wißt, damit wir beurteilen ob es der Mühe wert ist selbst hin zu segeln und uns nach ihr und ihrer Verfassung zu erkundigen.

Es wird schwer sein sie zu finden, versetzte der Papimane.

Ist sie versunken? fragte Alciphron.

Sie hat sich auf und davon gemacht, versetzte jener.

Wie ist das zugegangen? fragten die Brüder fast mit einer Stimme.

RetrohoundDie Insel der Monarchomanen, fuhr der Erzähler fort, war eine der schönsten, merkwürdigsten und berühmtesten Inseln unsers Archipelagos; man konnte sie füglich in drei Teile teilen, auch sprach man gewöhnlich nur von der Residenz, der steilen Küste und dem Lande. Die Residenz, ein Wunder der Welt, war auf dem Vorgebirge angelegt, und alle Künste hatten sich vereinigt dieses Gebäude zu verherrlichen. Sahet ihr seine Fundamente, so waret ihr zweifelhaft ob es auf Mauern oder auf Felsen stand: so oft und viel hatten Menschenhände der Natur nachgeholfen. Sahet ihr seine Gebäude, so glaubtet ihr alle Tempel der Götter wären hier symmetrisch zusammengestellt, um alle Völker zu einer Wallfahrt hierher einzuladen. Betrachtetet ihr seine Gipfel und Zinnen, so mußtet ihr denken, die Riesen hätten hier zum zweiten Mal Anstalt gemacht den Himmel zu ersteigen; man konnte es eine Stadt, ja man konnte es ein Reich nennen. Hier thronte der König in seiner Herrlichkeit, und niemand schien ihm auf der ganzen Erde gleich zu sein.

Nicht weit von da fing die steile Küste an sich zu erstrecken; auch hier war die Kunst der Natur mit unendlichen Bemühungen zu Hülfe gekommen, auch hier hatte man Felsen gebauet um Felsen zu verbinden, die ganze Höhe war terrassenweis eingeschnitten, man hatte fruchtbar Erdreich auf Maultieren hingeschafft. Alle Pflanzen, besonders der Wein, Zitronen und Pomeranzen, fanden ein glückliches Gedeihen, denn die Küste lag der Sonne wohl ausgesetzt. Hier wohnten die Vornehmen des Reichs und bauten Paläste; der Schiffer verstummte, der sich der Küste näherte.

Der dritte Teil und der größte war meistenteils Ebene und fruchtbarer Boden, diesen bearbeitete das Landvolk mit vieler Sorgfalt.

Es war ein altes Reichsgesetz, daß der Landmann für seine Mühe einen Teil der erzeugten Früchte wie billig genießen sollte; es war ihm aber bei schwerer Strafe untersagt sich satt zu essen, und so war diese Insel die glücklichste von der Welt. Der Landmann hatte immer Appetit und Lust zur Arbeit. Die Vornehmen, deren Magen sich meist in schlechten Umständen befanden, hatten Mittel genug ihren Gaumen zu reizen, und der König tat oder glaubte wenigstens immer zu tun was er wollte.

Diese paradiesische Glückseligkeit ward auf eine Weise gestört die höchst unerwartet war, ob man sie gleich längst hätte vermuten sollen. Es war den Naturforschern bekannt, daß die Insel vor alten Zeiten durch die Gewalt des unterirdischen Feuers sich aus dem Meer emporgehoben hatte. So viel Jahre auch vorüber sein mochten, fanden sich doch noch häufige Spuren ihres alten Zustandes: Schlacken, Bimsstein, warme Quellen und dergleichen Kennzeichen mehr; auch mußte die Insel von innerlichen Erschütterungen oft vieles leiden. Man sah hier und dort an der Erde bei Tage Dünste schweben, bei Nacht Feuer hüpfen, und der lebhafte Charakter der Einwohner ließ auf die feurigen Eigenschaften des Bodens ganz natürlich schließen.

RetrohoundEs sind nun einige Jahre, daß nach wiederholten Erdbeben an der Mittagsseite des Landes, zwischen der Ebene und der steilen Küste, ein gewaltsamer Vulkan ausbrach, der viele Monate die Nachbarschaft verwüstete, die Insel im Innersten erschütterte und sie ganz mit Asche bedeckte.

Wir konnten von unserm Ufer bei Tag den Rauch, bei Nacht die Flamme gewahr werden. Es war entsetzlich anzusehen, wenn in der Finsternis ein brennender Himmel über ihrem Horizont schwebte; das Meer war in ungewöhnlicher Bewegung und die Stürme sausten mit fürchterlicher Wut.

Ihr könnt euch die Größe unsers Erstaunens denken, als wir eines Morgens, nachdem wir in der Nacht ein entsetzliches Gepraß gehört und Himmel und Meer gleichsam in Feuer gesehen, ein großes Stück Land auf unsere Insel zuschwimmend erblickten. Es war, wie wir uns bald überzeugen konnten, die steile Küste selbst die auf uns zukam. Wir konnten bald ihre Paläste, Mauern und Gärten erkennen, und wir fürchteten daß sie an unsere Küste, die an jener Seite sehr sandig und untief ist, stranden und zu Grunde gehen möchten. Glücklicherweise erhub sich ein Wind und trieb sie etwas mehr nordwärts. Dort läßt sie sich, wie ein Schiffer erzählt, bald da bald dorten sehen, hat aber noch keinen festen Stand gewinnen können.

Wir erfuhren bald, daß in jener schrecklichen Nacht die Insel der Monarchomanen sich in drei Teile gespalten, daß sich diese Teile gewaltsam einander abgestoßen, und daß die beiden andern Teile, die Residenz und das Land, nun gleichfalls auf dem offenen Meere herumschwämmen, und von allen Stürmen wie ein Schiff ohne Steuer hin- und widergetrieben würden. Von dem Lande, wie man es nennt, haben wir nie etwas wieder gesehen; die Residenz aber konnten wir noch vor einigen Tagen im Nordosten sehr deutlich am Horizont erkennen.

RetrohoundEs läßt sich denken daß unsere Reisenden durch diese Erzählung sehr ins Feuer gesetzt wurden. Ein wichtiges Land, das ihr Ahnherr unentdeckt gelassen, ob er gleich so nahe vorbeigekommen, in dem sonderbarsten Zustande von der Welt stückweise aufzusuchen, war ein wichtiges Unternehmen, das ihnen von mehr als einer Seite Nutzen und Ehre versprach. Man zeigte ihnen von weitem die Residenz am Horizont als eine große blaue Masse, und zu ihrer größten Freude ließ sich westwärts in der Entfernung ein hohes Ufer sehen, welches die Papimanen sogleich für die steile Küste erkannten, die mit günstigem Wind, obgleich langsam, gegen die Residenz zu ihre Richtung zu nehmen schien. Man faßte daher den Schluß gleichfalls dahin zu steuern, zu sehen ob man nicht die schöne Küste unterwegs abschneiden und in ihrer Gesellschaft, oder wohl gar in einem der schönen Paläste, den Weg nach der Residenz vollenden könne. Man nahm von den Papimanen Abschied, hinterließ ihnen einige Rosenkränze, Skapuliere und Agnus Dei, die von ihnen, ob sie gleich deren genug hatten, mit großer Ehrfurcht und Dankbarkeit angenommen wurden. –

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Kaum befanden sich unsere Brüder in dem leidlichen Zustande in welchem wir sie gesehen haben, als sie bald empfanden, daß ihnen gerade noch das Beste fehlte um ihren Tag fröhlich hinzubringen und zu enden. Alkides erriet ihre Gesinnungen aus den seinigen und sagte: So wohl es uns auch geht, meine Brüder, besser als Reisende sich nur wünschen dürfen, so können wir doch nicht undankbar gegen das Schicksal und unsern Wirt genannt werden, wenn wir frei gestehen, daß wir in diesem königlichen Schlosse, an dieser üppigen Tafel, einen Mangel fühlen, der desto unleidlicher ist, je mehr uns die übrigen Umstände begünstigt haben. Auf Reisen, im Lager, bei Geschäften und Handelschaften und was sonst den unternehmenden Geist der Männer zu beschäftigen pflegt, vergessen wir eine Zeitlang der liebenswürdigen Gespielinnen unsres Lebens, und wir scheinen die unentbehrliche Gegenwart der Schönen einen Augenblick nicht zu vermissen. Haben wir aber nur wieder Grund und Boden erreicht, bedeckt uns ein Dach, schließt uns ein Saal in seine vier Wände, gleich entdecken wir was uns fehlt: ein freundliches Auge der Gebieterin, eine Hand die sich traulich mit der unsern zusammenschließt.

RetrohoundIch habe, sagte Panurg, den alten Wirt über diesen Punkt erst auf die feinste Weise sondiert, und da er nicht hören wollte, auf die gradeste Weise befragt, und ich habe nichts von ihm erfahren können. Er leugnet daß ein weibliches Geschöpf in dem Palaste sei. Die Geliebte des Königs sei mit ihm, ihre Frauen seien ihr gefolgt und die übrigen ermordet oder entflohen.

Er redet nicht wahr, versetzte Epistemon, die traurigen Reste, die uns den Eingang der Burg verwehrten, waren die Leichname tapfrer Männer, und er sagte ja selbst, daß noch niemand weggeschafft oder begraben sei.

Weit entfernt, sagte Panurg, seinen Worten zu trauen, habe ich das Schloß und seine vielen Flügel betrachtet und im Zusammenhange überlegt. Gegen die rechte Seite, wo die hohen Felsen senkrecht aus dem Meere hervorstehen, liegt ein Gebäude, das mir so prächtig als fest zu sein scheint, es hängt mit der Residenz durch einen Gang zusammen, der auf ungeheuern Bogen steht. Der Alte, der uns alles zu zeigen schien, hat uns immer von dieser Seite weggehalten, und ich wette, dort findet sich die Schatzkammer, an deren Eröffnung uns viel gelegen wäre.

Die Brüder wurden einig daß man den Weg dahin suchen solle. Um kein Aufsehen zu erregen ward Panurg und Alciphron abgesandt, die in weniger als einer Stunde mit glücklichen Nachrichten zurückkamen. Sie hatten nach jener Seite zu geheime Tapetentüren entdeckt, die ohne Schlüssel durch künstlich angewandten Druck sich eröffneten. Sie waren in einige große Vorzimmer gekommen, hatten aber Bedenken getragen weiter zu gehen, und kamen nun den Brüdern, was sie ausgerichtet, anzuzeigen.

Sollte ich’s vergessen haben zu erwähnen? — : Wanderers Nachtlied war dafür wirklich gut.

16 (eigentlich 18) Pin-up-Sailoretten via Retrohound, 1950er bis 1970er Jahre.

Soundtrack: Rose Polenzani with Session Americana: When the River Meets the Sea,
aus: When the River Meets the Sea, 2008:

Written by Wolf

28. August 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

In dieser versifften Hochglanzzombiewelt

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Update zu Flucht aus der gebornen Ruine,
Dornenstück 0001: Jesus liebt euch alle und
Nachtstück 0023: Watch out, the world’s behind you:

Johannes [verbessert aus: Jean] wird mit einem Becher dargestellt, Paulus mit einem Schwert.

Johann Paul Friedrich „Jean Paul“ Richter, * 21. März 1763; † 14. November 1825: Vita, 1807.

Statt J.P. = Pohl oder Schang oder Schang Pohl.

Vita, 1811.

Jean Saul — Saulus bewachte die Kleider der Steiniger Stephani.

Gedanken 8, 1812.

Wenn ihr wüßtet, wie wenig ich nach J.P.F. Richter frage; ein unbedeutender Wicht; aber ich wohne darin, im Wicht.

Merkblätter, 1818.

——— Hank Nagler:

Jean Paul

Originalfassung 6. Januar 1996 für Balan Street Suicide Pictures, 12. Januar 2020:

Hank Nagler, Jean Paul, OF, 6. Januar 1996

Wenn uns die Liebe verlassen, besucht uns doch die Musik (Jean Paul: Dichtungen 2, 1797):
Gustav Mahler: 1. Sinfonie in D-Dur, zeitweilig Titan, 1889,
New York Philharmonic Orchestra unter Leonard Bernstein, 1967:

Written by Wolf

20. März 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Halloween-Special: Zum Tanz, den sie schauderlich führen

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Update zu Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme und
Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt:

Auch der Künstler wird nie bezahlt, sondern der Handwerker. Chodowiecki der Künstler, den wir bewundern, äße schmale Bissen, aber Chodowiecki der Handwerker, der die elendsten Sudeleien mit seinen Kupfern illuminirt, wird bezahlt.

Goethe an Johann Friedrich Krafft, 9. September 1779.

Goethes Ballade Der Totentanz besteht aus siebenzeiligen Strophen, sieben an der Zahl — spontan und vor Ort komponiert auf einer Reise nach Teplitz nach einer Räuberpistole, die ihm der Kutscher erzählt hat. — Daniel Chodowieckis Zyklus Totentanz besteht aus zwölf Kupferstichen.

Damit versuchen wir mal was Formales: Zwischen die Strophen von Goethe (Reimschema ABABCCX) sind Chodowieckis Stiche, davor seine Beschreibungen, die er selbst in einem Brief vom 18. Juni 1791 an die Jäger’sche Buchhandlung in Frankfurt a.M. gegeben hat, und danach die Erklärungen im Kalender der Erstpublikation geflochten. — Goethe ist zitiert nach der Frankfurter Ausgabe, Chodowiecki nach nach dem Goethezeitportal.

Das tanzt ungemein.

——— Goethe:

Der Totentanz

21. April 1813:

Der Türmer der schaut zu Mitten der Nacht
Hinab auf die Gräber in Lage;
Der Mond der hat alles in’s Helle gebracht;
Der Kirchhof er liegt wie am Tage.
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann
In weißen und schleppenden Hemden.

Der König.

Beym König ist’s die Ambition und der Geitz die ihn abrufen im augeblick da er von seinen Unterthanen fußfallich angebethet wird.

Der Bettler.

Den Bettler zieht die Armuth so sehr er sich auch dagegen sperrt in die Grube.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Zittert Sterbliche! — oder freuet euch, ihr, die das Schicksal zum Gehorchen bestimmt hat! Selbst der Thron schützt nicht gegen die Allgewalt des Todes. Dies Loos haben die Mächtigsten der Erde, die Könige, mit euch gemein; sie die so viel vor euch voraus haben – noch mehr voraus zu haben wähnen! Kühn tritt Bruder Hein diesem Könige unter die Augen …. Doch nein! er kommt vielmehr rückwärts herbei geschlichen, und schickt seine Waffenträger, die Herrschsucht und den Geitz voran. Umgeben von diesen Werkzeugen des furchtbaren Weltbezwingers brüstet sich der stolze Monarch indem er sein Volk zu seinen Füßen erblickt; Und ungerührt von seinen Klagen, fühllos gegen seine Bitten, ahnet er nicht den Schlag der seiner Hoheit ein Ende, ihn selbst dem geringsten seiner Unterthanen gleich – zum Raube der Würmer macht. Unersättlicher noch als der habsüchtigste Eroberer ist der Tod; mit räuberischer Faust packt er sogar den Bettler an, er, der täglich so viele Reiche ohne Mühe in seine Gewalt bekommt. Aber auch nur an einem Bettler kann er seine eigene Kraft zeigen, weil ihm hier seine getreue Gehülfen, die mächtigen Leidenschaften, ihren Beistand versagen. Gleichwohl verläßt er sich nicht ganz auf die Stärke seiner Dürren Knochen; dann wer vermag dem Tode wirksamer zu widerstehen als ein Bettler dem die mächtigsten aller Tugenden, die Mäßigkeit, stets zur Seite steht? Bruder Hein nimmt also die List zu Hülfe; Er hüllt sich in Lumpen ein und hofte in dieser Maske unerkannt zu bleiben. Allein diese List ist fruchtlos. Der Bettler, von dem Triebe der Selbsterhaltung belebt und durch die Tugenden seines Standes gestärkt, thut so tapfern Widerstand daß der Tod mit minderer Mühe zehen Könige in seine Gewalt bekommen hätte.

Das reckt nun, es will sich ergetzen sogleich,
Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
So arm und so jung, und so alt und so reich;
Doch hindern die Schleppen am Tanze.
Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut,
Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut
Die Hemdelein über den Hügeln.

Der Ahnenstolze.

Der Ahnenstolze Edelmann wird von seinem Gegner mit einem Knochen seines Stammhalters Todgeschlagen.

Das Kind.

Das Kind das seine Wärterin im Schlaf zu stark gewiegt worden und herausgefallen war hascht der Tod und trägt es davon.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Habe Ehrfurcht für diesen Stammbaum! Sieh diesen Degen! er hat dir schon manche gute Beute in allen Arten rühmlicher Kämpfe verschaft! So ruft Herr von Ahnenstolz dem Herrn Dürrbein verzweiflend entgegen und scheint sein altes Ritterschwerdt gegen ihn gebrauchen zu wollen. Aber ganz gegen alle Regeln der Ritterschaft ergreift ihn dieser beim Kragen, und ohne ihn der Ehre den Degen gegen ihn zu ziehen zu würdigen, haut er mit einem alten Knochen auf ihn ein. Wie fein! Es ist der Knochen eines der hochadelichen Anherren des Herrn von Ahnenstolz! Wie könnte er diesem widerstehen? Hier hat der Künstler einen nicht geringen Theil der Größe seines Talents gezeigt. Ein gesundes Kind das von seinen sorgenfreyen Eltern der Pflege seiner Wärterin überlassen ist. Wie konnte der Tod sich dieses Kindes anders als durch einen Schelmenstreich bemächtigen? Auch wagt er es nicht mit seinen klappernden Knochen auf den Boden zu tretten. Er erhebt sich in die Luft und spähet auf den Augenblick wo durch eine maschinale Bewegung des Fuses der eingeschlafenen Wärterin das Kind aus der Wiege geworfen wird. Wer nicht die Stille der Nacht an den Fledermaus-Flügeln des diebischen Heins erkennt; wer nicht das Schnarchen der dicken Wärterin hört, dessen Einbildungskraft muß wohl in eben so dicken Fette begraben seyn.

Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
Gebärden da gibt es vertrackte;
Dann klippert’s und klappert’s mitunter hinein,
Als schlüg‘ man die Hölzlein zum Takte.
Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, in’s Ohr:
„Geh! hole dir einen der Laken.“

Die Schildwache.

Die Schildwache wird in einem feindlichen Ueberfall abgelöst.

Der General.

Der General stirbt im Krieg.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Muthvoll sezt sich der tapfere Grenadier zur Wehre. Er erkennt die feindliche Kokarde und Heins Feldgeschrei: Mit ins Grab, erinnert ihn seiner Pflicht; allein fruchtlos ist sein Muth, vergeblich sein Widerstand!

Ob man mit so dürren Beinen in so großen Stiefeln laufen kann? Bruder Hein kann’s; der flüchtigste Petitmaitre in Tanzschuen kann er ihm nicht entspringen.

Noch undankbarer als gegen den Arzt ist Herr Hein gegen den General, der ihm Freunde und Feinde ohne Zahl überliefert und gleichwohl seine Raubsucht nicht versöhnen kann. Er hält ihn unter dem Mantel der Ehre auf dem Schlachtfelde unter tausendfachen Gefahren und mähet ihn wie frisches Gras in der Blüthe seiner Jahre und seines Ruhms.

Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
Nun hinter geheiligte Türen.
Der Mond und noch immer er scheinet so hell
Zum Tanz, den sie schauderlich führen.
Doch endlich verlieret sich dieser und der,
Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher
Und husch ist es unter dem Rasen.

Das Freudenmädgen.

Das Freudenmädchen, der Tode geisselt es mit den franz: Lilien der Lustseuche, die Hausmutter sucht ihn umsonst mit dem Mercurius Flaschgen zu verscheuchen. Die Liebhaber laufen lamentirend davon.

Das Fischweib.

Das Fischweib stirbt in einer Zänkerey mit ihren Nachbarn vor Zorn.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

So hitzig als der feurigste Liebhaber greift Herr Klappers noch nach der Hand der Schönen; allein nicht aus Zärtlichkeit, sondern um sie dafür zu Geißeln, daß sie bei dem Genuße ihre[r] zügellosen Freuden sich seiner nie erinnert hatte. Vergeblich sucht ihn die garstige alte Kupplerinn mit ihrem Arzeneiglas zu verscheuen. Der Tod läßt seine Beute nicht, wohl aber entfliehen die beiden Wollüstlinge mit Abscheu. Dieser Nebenbuhler ist ihnen zu gefährlich — Glücklich wenn sie selbst seiner Geisel entrinnen! Welch ein Contrast zwischen dem dicken Fischweibe und Bruder Rapelbein! Der Anstrengung des leztern und der mit Furcht vermischten Wuth der ersten. Endigte nicht ein unausbleiblicher Steckfluß den Lebensfaden des rüstigen Weibes so würde Herr Rappelbein noch manchen kräftigen Hieb thun müssen, um auf ihr wohl verpanzertes Herz zu kommen.

Nur einer der trippelt und stolpert zuletzt
Und tappet und grapst an den Grüften;
Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt;
Er wittert das Tuch in den Lüften.
Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück,
Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück,
Sie blinkt von metallenen Kreuzen.

Der Pabst.

Dem Pabst tödtet der Aberglaube zur Zeit da einer seiner Untergebenen ihm den Pantofel küßt und andere ihm ihre devotion bezeugen. Der stehende Kardinal freut sich seiner Abfahrth, vielleicht kommt er an seine Stelle.

Die Königin.

Die Königinn stirbt vor Eifersucht.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Hier muß man sich einen Pabst der Vorwelt denken; denn der jetzige ist zu vernünftig als daß er von den Pfeilen des Unglaubens getödtet werden sollte. Wir wollen es daher den Lesern überlassen, das Original zu diesem Bilde in der Geschichte aufzusuchen. Ob es ihm leicht oder schwer seyn werde, es zu finden — wissen, wir nicht! Ruhig, ja mit sichtbarem Vergnügen sieht die schöne duldende Königin den Tod sich ihr nähern. Durch nagende Eifersucht deren Sinnbild er auf seinem Mantel trägt, hat er sich dieser kostbaren Beute in dem Frühling ihrer Jahre zu bemächtigen gewust. Eine eifersüchtige Königin! Wie wenig muß diese bedauernswürdige Fürstin mit den Standesgerechtsamen ihres Gemahls bekannt gewesen seyn; denn daß ihr nur dieser den Anlaß zu dieser verzehrenden Leidenschaft gegeben habe, dafür bürget ihr schuldloses Gesicht. Ganz anders sieht die alte Obersthofmeisterin den halb vermumten Knochenmann an. Sie berechnet die Folgen des Verlusts ihrer Gebietherin, den Verlust ihres einträglichen Einflusses. Sie kommt darüber in Wuth, packt den Tod am haarlosen Scheitel und sucht ihn durch ihr gellendes Geschrei wegzuscheuchen. Aber vergeblich! Ganz in der Manier empfindelnder Herzen, entreißt sich die junge Hofdame, oder Cammerfrau – denn der Unterschied der Stände ist von hinten noch schwerer zu bestimmen als von vornen — dem schauervollen Anblicke und — beweint den Verlust der guten Königin bis — die Garderobbe getheilt wird.

Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht,
Da gilt auch kein langes Besinnen,
Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht
Und klettert von Zinne zu Zinnen.
Nun ist’s um den armen, den Türmer getan!
Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,
Langbeinigen Spinnen vergleichbar.

Die Mutter.

Die Mutter stirbt in Wochen.

Der Arzt.

Der Artzt hat seinen Kranken das Leben abgesprochen, der Tod läßt den Kranken sitzen und holt den Artzt.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Wie grausam! Laß der Mutter den Säugling, den sie kaum gebohren hat! Erschrecke die armen Kleinen nicht! Solltest du es etwan jezt schon wissen, daß dies Kind dereinst seine Familie unglücklich machen würde? Sehet, Freund Hein wagt es nicht der schönen Mutter in die Augen zu sehen. Rühren kann ihn die Schönheit, aber nicht bewegen. Wie abscheulich! Undankbarer kann niemand seyn als der Tod! In dem Augenblicke da ihm sein dicker Freund, der Arzt, einen Kranken zu überliefern wie die neben ihm liegenden Gläser bewähren, die wirksamsten Anstalten gemacht hat, holt er ihn selbst. Er achtet nicht der Angst, der kummervollen Erwartung nicht womit der abgezehrte Patient dem Urtheile des Arztes über die Beschaffenheit seines Pulses entgegen sieht. Freilich hat der wohlbeleibte Arzt einen stärkern Reiz für Bruder Heins gefräßigen Gaumen als das entfleischte Gerippe des Kranken. Aber mag wohl die schwere Tugend der Mäßigkeit, die die Herren Aerzte so freigebig empfehlen, diesen dickbäuchigen Aeskulap so fett gemacht haben?

Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
Gern gäb‘ er ihn wieder, den Laken.
Da häckelt – jetzt hat er am längsten gelebt –
Den Zipfel ein eiserner Zacken.
Schon trübet der Mond sich, verschwindenden Scheins,
Die Glocke sie donnert ein mächtiges Eins
Und unten zerschellt das Gerippe.

Bilder: Daniel Chodowiecki: Totentanz, 1791, Königl. Grosbritannischen Historischen Genealogischen Calender für 1792 im Verlag von Berenberg in Lauenburg und der Jaegerischen Buchhandlung in Frankfurt am Main, via Jutta Assel/Georg Jäger: Daniel Nikolaus Chodowieckis „Totentanz“. Eine Kupferstichfolge, Goethezeitportal, Juli 2015.

Vertonungen geschahen unter anderem durch Carl Friedrich Zelter — und Carl Loewe:

Hörenswert ist die moderne, angemessen antikisierende Version von Lola Lindling,
die darin „absolut eine der coolsten Balladen überhaupt“ verarbeitet:

Tanz der Lebendigen: noch ein experimentell gemixtes, erstaunlich gut funktionierendes Mash-up:
zwischen Flogging Molly: Devil’s Dance Floor, aus: Swagger, 2000, und Pulp Fiction, 1994:

#gothiclyrik

Written by Wolf

1. November 2019 at 00:01

Ui. (Shut Up’N Play Yer Guitar)

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Update zu Dass ich ihm doch das Leben schenken möchte,
weil die Magie noch in den Menschen lebt:

Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntniß essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?

Allerdings, antwortete er; das ist das letzte Capitel von der Geschichte der Welt.

Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater, 1810, Schluss.

Wissen ist keine Schande. Es nützt halt nur nichts.

Sven Regener, 2009.

Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.

Kaiser Wilhelm II.

It’s fucking great to be alive.

Frank Zappa, 1940–1993.

Vielleicht hat schon einmal jemand das Radfahren verlernt. Aber niemand kann vor sich selbst so tun, als wüsste er nicht, von Fällen der Demenz abgesehen, dass er es einst konnte. Die Unschuld ist weg.

Es war eine Zeit, als die Jungs Gitarre lernten, um unbeholfene Orgienversuche mit House of the Rising Sun zu untermalen: a / C / D / F // a / C / E7. Die Schwierigkeit war das F, vor dem Barré hatte jeder einen Heidenrespekt. So lange, bis er ihn zum ersten Mal raushatte. Zehn Sekunden danach schüttelten sie die Köpfe über ihre einstige Angst, so wie über ihre Kindheit, als sie allen Ernstes glaubten, im Radio wohne ein kleinwüchsiges Symphonieorchester.

Meine eigene Not hatte ich im gedankenschnellen Umrechnen von Flageoletten, dafür kriegte ich bald spitz, was Powerakkorde sind, und grinste deshalb milde über Barrés. Was mir niemand sagte: dass man mit Gitarrespielen Mädchen beeindrucken kann, ich war immer nur auf „ein Bier für die Musik!“ aus. Das verschaffte mir einen unschlagbaren Sympathievorsprung, weil ich’s nicht drauf anlegte, und bei der gleichzeitig anhaltenden Arbeit mit Kopf und beiden Händen wurde man sowieso bis in den nächsten Vormittag hinein nie besoffen.

Als ich nach meiner Lagerfeuerkarriere erfuhr, dass ich statt den Freigetränken die Mädchen hätte haben können, war meine Jugend verspielt. Aber ich konnte nie wieder so tun, als ob ich nicht wüsste, was ich verpasst hatte.

Gitarrespielen ist wie Weihnachten: Es hilft nichts, das Ritual einzuhalten — du musst es gerne tun.

Gitarrespielen, um Mädchen zu gefallen, ist wie Weihnachten seine Eltern zu besuchen: Es hilft nichts, das Ritual einzuhalten — du kannst nur Fehler machen.

Gitarrespielen mit diesem Wissen ist wie die Erinnerung an Weihnachten in der Kindheit: Es hilft nichts, das Ritual einzuhalten — Kind warst du nur einmal.

Als ich mit Gitarre anfing, nahm ich mir vor aufzuhören, sobald ich den Karten Dippler Blues von Peter Horton oder Make Me a Pallet on Your Floor von Mississippi John Hurt konnte, je nachdem, was zuerst kam. Ein paar trainierte Wochen lang konnte ich sogar Tears in Heaven, aber das war sogar mir selber egal. Ich verstieg mich dazu, meine Bob-Dylan-Lieder selbst zu schreiben, und trieb es zu so viel Perfektion, dass kein Mensch mehr den Dylan heraushörte. Die von Mädchen und bezahltem Bier Trunkenen, denen ich meine Lieder stolz herzeigte, fanden es schade um die Zeit: Entweder war es Mist, dann gab es keine Entschuldigung, oder es war gut, dann wäre ja alles andere auch noch schöner.

Mädchen beeindrucken heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun — genau das muss Kaiser Wilhelm gemeint haben — und Gitarrespielen zur Unzeit — nach 22 Uhr oder über 22 Lebensjahren — ist wie karfreitags Weihnachten feiern, und Schluss ist mit Sympathievorschuss. Deshalb bedeutet einen Teil seines Lebens nicht ausgelebt zu haben Depression und liegt erschütternd nahe am Tod.

Gitarrespielen ist wie Weihnachten: Es hilft nichts, Fehler zu machen — du musst das Ritual einhalten. Und du kriegst nie ein Zauberpony, sondern immer einen Rollkragenpullover.

Gitarrespielen ist wie Weihnachten: unter Zwang ein Ärgernis, um seiner selbst willen dann doch zu selten. Der Sympathievorsprung ist kein Licht mehr, das man erwarten darf, wenn man den Lichtschalter bedient, sondern eine Kerze, die dir freundlicherweise hingestellt wird.

Wenn ein wohlwollendes Mädchen die Kerze bringt, hast du das größte Glück, das dir noch widerfahren kann. Sie ist eine in Jeans und Karohemd, die früher als schwiegermuttertauglich durchgegangen wäre. Und sie ist dir zugetan genug, um die Kerze über eine kurze nachtfinstere Strecke herbeizutragen. Barfuß tapst sie Schritt für Schritt heran, um auf keine Tannenzapfen zu treten, und schützt die Flamme mit der Hand vor dem sachten Wind. Das Kerzenlicht bewegt Schatten auf ihrem ernsten Gesicht. Das tut sie, um dich nicht beim Gitarreklimpern zu unterbrechen.

Wenn sie nichts Dringlicheres zu tun hat, setzt sie sich neben dich, um ein Weilchen zuzuhören. Hemdsärmel und Hosenbein an deine zu lehnen ist okay, das verbindet. Sie stellt die Kerze so zwischen euch, dass du in deinem Leitz-Ordner lesen kannst, und stützt Kinn und Wange in die Hand. Sie behält ihr ernstes Gesicht, lauscht und schweigt.

Wenn ein Lied zu Ende ist, stellt sie eine anteilnehmende Frage. Deiner Antwort hört sie geduldig zu und fragt nach. Sie lacht an der richtigen Stelle. Wenn du ihr eine Frage zurückreichst, gibt sie bereitwillig Auskunft. Ihre Haare kitzeln dich von schräg hinten am Ohr. Wie war es nur möglich zu vergessen, wie ein Mädchen nach dem Wald und nach Sommerwind riecht, wie lebendig ihr Wangenflaum im Gegenlicht aussieht, und wie schön es klingt, wenn man eine Zeitlang einträchtig die Klappe hält? Und wenn das Leben ein Sinn hätte, wäre es dann, einem hübschen Mädchen zuzuhören und ihr einvernehmlich was zu erzählen? Dem interessierten Blick ihrer glänzenden Augen standzuhalten, ihr Feuer für eine ihrer seltenen Zigaretten zu geben? — Nein. Erst, wenn sie eine Mundharmonika in der Hemdtasche hat. Dann versucht ihr mitsammen einen echten, dreckigen, kohlrabenschwarzen Delta-Blues, bis er in eurem eigenen Losprusten erstickt, denn das ist wie Weihnachten: Du kannst es nicht einfach bleiben lassen.

Ihr Lächeln wärmt mehr als die Kerze, und es ist echt. Wenn du dann etwas spielst, das ihr früher einmal gefallen hat, fühlst du sie an deiner Seite leise mitwiegen.

Einmal legt sie im Licht eurer Kerze den Finger auf eine Stelle im Text und sagt:

„Ui.“

Aber der Wind verheißt schon den Winter, die Kerze flackert bedenklich, und wenn sie wieder in die Wärme geht, ihre Kerze wieder einkassiert, darfst du sie nicht zurückhalten.

Was das war? Kein Verdienst, sondern eine Gnade.

Und besonders das ist wie Weihnachten: Dass es gerade das letzte Mal war, willst du gar nicht vorher wissen.

_camomilka_, Sometimes I wonder if I'm still like that girl in the past. I want to smile like that again, Sommer 2011, Instagram 1. Februar 2018

Buidl: K.: Sometimes I wonder if I’m still like that girl in the past (I want to smile like that again),
Sommer 2011/1. Februar 2018. Ich hab noch nie ein so glückliches Mädchen gesehen.

Soundtrack: Mississippi John Hurt: Make Me a Pallet on Your Floor, ca. 1928:

Written by Wolf

19. Juli 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse

Ich bin’s, bin Yung, bin deinesgleichen! (Mein Busen fängt mir an zu brennen. Ich bin handlungsfähig)

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Update zu So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Der Goethe wor fei aa do. It’s a nice-a place,
Hunderttausende erlebten Goethe, Schiller und Herrndorf! Schon beim Saisonauftakt waren alle tot. Dass Schiller nicht Wolfgang hieß, verblüffte alle
und Der erste Greis, den ich vernünftig fand:

SO frewe dich Jüngling in deiner Jugent / vnd las dein Hertz guter ding sein in deiner Jugent. Thu was dein Hertz lüstet / vnd deinen Augen gefelt / Vnd wisse / das dich Gott vmb dis alles wird fur Gericht füren.

Prediger Salomo 11,9.

Da kann ich den Faust zum Lebensthema haben, soviel ich will, aber ich bin nicht so der Theatertyp. Gut, dass es die Münchner Theater gibt, da fällt mir wenigstens immer wieder ein, warum das so ist.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner Kammerspiele

Okay, das war jetzt unfair. Andernorts ist es wahrscheinlich sogar viel schlimmer. Immerhin hat München 2018 in Gestalt der Kunsthalle und des Gasteigs samt über 200 „Partnern“ vom 23. Februar bis 29. Juli ganz München mit einem Faust-Festival namens Du bist Faust. Goethes Drama in der Kunst überzogen, obwohl es nicht hätte sein müssen. Geplant waren Küchenhandtuchstickereien wie:

„Faust“ ist aktuell, Faust ist der prototypische moderne Mensch – rastlos auf der Suche, jedoch nie am Ziel. Das Drama hinterfragt den Menschen noch immer in seiner Verführbarkeit, Moral und Gesellschaftsstruktur. Seine Fragen sind auch unsere großen Fragen heute.

Wo wollen wir hin in unserem Streben? Was ist unser Preis? Wie weit dürfen wir gehen? Was ist Glück? Die Reise beginnt …

Zu deutsch: Keiner weiß warum. Man verstehe mich recht: Das war ja dann auch ein feiner Zug von der Kunsthalle und dem Gasteig und den 200 Werbekunden. Wahrscheinlich musste es 2018 sein wegen des 210-jährigen Jubiläums der Erstveröffentlichung, wenn man das Faust-Fragment von 1790 nicht mitrechnet; der „Urfaust“ von ungefähr 1775 war schon immer ein Konstrukt, und spätestens seit der revolutionären Ausgabe von Albrecht Schöne 1994 ein überholtes dazu.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner KammerspieleIn München musste es wahrscheinlich sein wegen Goethes beherzter Flucht aus der Stadt nach seiner ersten, letzten und einzigen Nacht in einem Wirtshaus, das heute ein Hutgeschäft ist, und in dem er sich noch nicht mal besaufen mochte.

Das Maskottchen der Unternehmung war ein gezeichneter Pudel: der mit dem Kern, also Mephisto persönlich. Und er war ein Mädchen — wahrscheinlich wegen Bibiana Beglau, die seit 2014 den Mephisto am Residenztheater mit ganz unerhörter Brillanz spielen soll. Und sie hieß Luzi — die Pudeline, nicht die Beglau — welches Naming crowdgesourced war. Das kommt von Luzifer und soll wohl die Abkürzung von Mephistopheles sein. Vielleicht auch eine Reverenz an die Schauspielerin Lucie Lechner, die sich ihren Namen nicht ausgesucht hat, und wenn doch, dann nicht nach einer diabolisch missverstandenen Variation über die römische Venus, und die einmal als Sponsorin auftrat und immerhin dreimal als — nein, nicht als Mephistopheline, sondern als Fäustin. Bei Christopher Marlowe um 1588 war Mephisto noch eine Art Laufbursche von Luzifer, bei Goethe, auf den die Münchner Event-Ballung sich bezog, fragt er: „Ihr schönen Kinder laßt mich wissen: Seyd ihr nicht auch von Lucifers Geschlecht?“ — wenn auch erst im zweiten Teil, den bestimmt kein Mensch in München jemals bis zum Schluss durchgehalten hat — und das wiederum wahrscheinlich, weil zu arg des Geheimrats Rotweinlieferungen aus ihm sprechen und zu wenig gemütliche Bierseligkeit. Aber lass recht sein, „Luzi“ klingt ja schon besser als „Mephi“.

München halt: Hauptsache, man kann eine Sekt- und Biertränke daneben hinstellen. Sehen wir’s mal optimistisch: Angedroht und sicher auch durchgezogen waren über 500 Veranstaltungen. Die konnten ja schon rein statistisch nicht alle scheiße sein.

Wie gesagt, ist das alles 1. andernorts sogar noch schlimmer, 2. unfair, 3. der Stand von 2018 — und deshalb 4. inzwischen seinerseits Geschichte. Aktueller Stand 2019 ist, dass nicht nur Bibiana Beglau und alle anderen seit 2014 immer noch den Faust am Residenztheater in unregelmäßiger werdenden Abständen durchziehen, sondern daselbst auch noch FaustIn and Out von Elfriede „Nobelpreis“ Jelinek gegeben wird — weit regelmäßiger, zusätzlich bis gleichzeitig.

Und weil das nicht reicht, geben die Münchner Kammerspiele in fußläufiger Nachbarschaft YUNG FAUST, raten Sie mal, nach welchem klassischen Drama. — Seit 23. Januar 2019 in Kammer 2 der Münchner Kammerspiele:

Gabriela Neeb, Kammer 2, für Münchner Kammerspiele in München Online, ca. März 2019

YUNG FAUST
NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
Inszenierung: Leonie Böhm
Schauspiel

PR-Text, 2019:

„Erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält,“ will Faust und begibt sich auf die Suche: Rausch, Verjüngung, Sex und Zauberei. „Ich will in dieser Stunde mehr gewinnen als in des Jahres Einerlei.“ Faust lässt alle Vernunft fahren (oder versucht es zumindest), gibt Kontrolle ab und hofft im intensiven Leben die Welt endlich zu begreifen. Die Regisseurin Leonie Böhm sagt: „Ich bin Faust“ und legt zusammen mit den Schauspieler*innen Annette Paulmann, Julia Riedler und Benjamin Radjaipour die echten Gefühle im alten Faust-Text frei. So wie die Cloudrapper*innen der Gegenwart ihrem Künstlernamen ein „Yung“ hinzufügen und damit nicht nur buchstäbliche Jugend anzeigen, sondern auch ihren frischen Zugriff auf die Welt und die Beziehungen in ihr, will „Yung Faust“ den allzu viel gesprochenen Sätzen des mächtigen alten weißen Mannes (Goethe) eine verletzliche Unmittelbarkeit abgewinnen. Echte Zitate, echte Begegnungen: „Mein Busen fängt mir an zu brennen!“

Das offizielle Interview mit der Regisseurin Leonie Böhm verschweigt den Interviewer, geht aber noch weiter. Bis zum anschließenden Publikumsgespräch:

——— Münchner Kammerspiele:

Yung Faust

nach J. W. von Goethe,
in: Programmheft März 2019, nicht paginiert,
cit. München Online:

Warum inszenierst du Faust und wie? Haben die Kammerspiele Regisseurin Leonie Böhm gefragt. Ihre Antwort kam in der ihr liebsten Kommunikationsform, der Sprachnachricht.

Ich selbst bin Faust, denn ich komme in allen Theatertexten vor, die ich lese. Genauso wie ich mein Weltbild in die Gesellschaft hineinprojiziere. Deshalb ist es das Gleiche, ob ich über mich oder die Gesellschaft, über mich oder über Faust spreche. In meiner Rolle als Regisseurin, Künstlerin und Gestalterin bin ich eine ebenso wütige Person wie Faust. Ich bin verkopft, sinnsuchend, studiert und habe Sehnsucht mich selbst zu spüren. Lust zu gewinnen. Präsent zu sein und zum Augenblick zu sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Es geht mir darum, Gedanken und Gefühle zu einem Augenblick des Glücks zu verdichten, den ich unbedingt festhalten möchte. Allein fällt uns das schwer. Wir brauchen die Anderen, damit sie uns aus unseren festgefahrenen Denkstrukturen befreien.

Diesen Zustand versucht Faust mit allen Mitteln zu erreichen. Er will Liebe, Glück. Er will noch einmal ganz im Moment leben, im Hier und Jetzt, und dafür ist das Theater genau der richtige Ort. Faust sucht den Rausch, er will sich verjüngen, sich in der Ekstase verlieren, und das findet zum Beispiel im Cloud Rap statt. Viele Cloud Rap-Künstler provozieren mentalen Kontrollverlust und kreieren daraus einen Sound, der fragil und nah ist. Ihre Musik entspricht meiner Sehnsucht nach Intimität, deshalb gehört sie zu meiner Inszenierung. Zusammen mit einer Gruppe junger Menschen will ich zeigen, dass die Faust’sche Sehnsucht jetzt nicht mehr an Alter oder Geschlecht gebunden ist. Ich und viele andere sind Faust, weil wir eine bestimmte Macht haben, gebildet sind und uns in einer elitären Gesellschaft bewegen. Wir sind es gewohnt, uns ständig zu kontrollieren, zurückzuhalten und wünschen uns (selbst) zu lieben, auszubrechen, offener miteinander umzugehen. Ich wünsche mir, dass wir aus dem Abend rausgehen und denken: Ich bin handlungsfähig.


Inszenierung: Leonie Böhm
Bühne: Sören Gerhard
Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff
Dramaturgie: Tarun Kade

Anschl. Publikumsgespräch

München, Weltstadt der Herzen oder wie das heißt. Die gute Nachricht ist: Die Münchner Stadtbibliotheken haben ebenfalls seit Januar auch samstags geöffnet. Dafür montags geschlossen.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner Kammerspiele

Bilder: Münchner Kammerspiele, Januar 2019;
Gabriela Neeb: Kammer 2, für Münchner Kammerspiele in: München Online, ca. März 2019.

Soundtrack: Lena Meyer-Landrut: Wild & Free, aus: Only Love, L, 2015, für: Fack ju Göhte 2, 2015:

Written by Wolf

14. Juni 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Sonntag 6 von 7: Das reflektierende Veilchen (sang oder sank)

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile und
und Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

6. Sonntag nach Ostern: Exaudi

Exaudi, Domine, vocem meam, qua clamavi ad te.

HERR höre meine stim wenn ich ruffe / Sey mir gnedig vnd erhöre mich.

Psalm 27,7.

Mori-Kei, In the Forest, Tumblr 2018Der Sonntag Exaudi weist als letzter Sonntag vor Pfingsten schon eher auf das anstehende Hochfest voraus denn auf das zurückliegende Ostern zurück. — Viola riviniana, eine ausdauernde krautige Halbrosettenpflanze, blüht von April bis Juni in Laubwäldern.

Das „sang“ in der letzten Strophe von Goethes Veilchen könnte laut der Weimarer Ausgabe ein durch die relevanten Druckvorlagen verschleppter Druckfehler sein; Goethes eigene Zweitverwendung für das Singspiel Erwin und Elmire von 1775, eine frühe Abschrift von Lotte Jacobi (nicht verwandt, aber spärlich belegt), nicht zuletzt die gleichnamige Mozart-Vertonung KV 476 von 1785 sowie rezente populäre Zitate verwenden wie selbstverständlich das sinnvoll erscheinende „sank“. Karl Eibl vermutet in der Frankfurter Ausgabe:

Unmöglich aber ist „sang“ nicht, da das Veilchen danach noch als reflektierend, wenn nicht redend, dargestellt wird.

Was weder Karl Eibl in der maßgeblichen Frankfurter Ausgabe noch Wikipedia auf dem Stand vom 15. April 2019 berücksichtigt, ist die Einschätzung von Heinrich Viehoff 1869:

Da Lotte Jacobi das Gedicht bereits im Januar 1773 besaß, so gehört es wohl spätestens dem Ende 1772 an.

——— Johann Wolfgang Goethe:

Das Veilchen

Ende 1772 oder Anfang 1774, in: Iris. Vierteljahresschrift für Frauenzimmer, März 1775,
cit. die sperrig orthographierte Version der Weimarer Ausgabe, daher mit „sank“:

Mori-Kei, In the Forest, Tumblr 2018

Ein Veilchen auf der Wiese stand
Gebückt in sich und unbekandt,
Es war ein herzigs Veilchen.
Da kam eine iunge Schäferin,
mit leichtem Schritt und munterm Sinn,
Daher! Daher!
Die Wiese her, und sang.

Ach denkt, das Veilchen wär ich nur,
Die schönste Blume der Natur,
Ach! nur ein kleines Weilchen.
Bis mich das Liebchen abgepflückt,
Und an dem Busen matt gedrückt,
Ach nur! Ach nur!
Ein Viertelstündchen lang.

Ach aber, ach! das Mädchen kam,
Und nicht in Acht das Veilchen nahm,
Ertrat das arme Veilchen.
Und sank und starb und freut sich noch,
Und sterb ich denn, so sterb ich doch
Durch sie! durch sie
Zu ihren Füßen doch!

Mori-Kei, In the Forest, Tumblr 2018Zu ihren Füßen doch: Die junge Mori-Kei scheint, so von weitem betrachtet, ein grundgutes, jedenfalls sehr ernsthaftes und fleißiges Mädchen, eine „zum Heiraten“. Sie wählt ihre Mode besonders ökologisch, züchtig und zweckmäßig und kauft sie gebraucht; den Rest näht sie selbst. Na gut, außer ihren Schuhen, weil sie in den Monaten April bis September — das ist: die Blütezeit der gängigsten Viola-Arten — ihre Gardobe auf hippieske Weise barfuß als vollständig ansieht:

  1. Listen, 29. Mai 2018:

    • Sweater — Thrifted
    • Dress — Dresslily
    • Green Skirt — Krisp
    • Brown Skirt — Thrifted
  2. The Words of the Woods, 14. August 2018
    :

  3. All Thrifted ^_^
  4. Waiting, 27. Mai 2018:

  5. Dress — Aliexpress (MoriAlice)
  6. Skirt — Krisp
  7. T-shirt — Samansa Mos2
  8. Short Sleeve Cardigan — Thrifted

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Exaudi:
Sie werden euch in den Bann tun, BWV 44, 1724;
Sie werden euch in den Bann tun, BWV 183, 1725:


Written by Wolf

31. Mai 2019 at 00:01

Sonntag 2 von 7: Am End‘ war der Tyrann gar kein Tyrann

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Update zu Morgenschillern oder Warum die Freiheit des Menschen in Deutschland wohnt:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

2. Sonntag nach Ostern: Misericordias Domini:

Misericordias Domini in aeternum cantabo.

JCH wil singen von der Gnade des HERRN ewiglich / Vnd seine Warheit verkündigen mit meinem munde fur vnd fur.

Psalm 89,2.

Der Psalm zum Tage ist hingegen Psalm 23, der bekannteste mit „DER HERR ist mein Hirte / Mir wird nichts mangeln“, den viele von uns auswendig lernen mussten.

Das musste ich nicht. Bei mir war es Die Bürgschaft von Schiller 1798, mit der Begründung meines Deutschlehrers in der 7c: „Das machen wir jetzt.“ Dafür muss ich Herrn Fleischer bis heute dankbar sein: Mit einigem Spicken und Schummeln, some things never change, kann ich das Ding noch. Für die handwerkliche Sauberkeit des Dichtwerks spricht, dass mir jahrzehntelang nicht aufgefallen ist, dass die Strophen aus je sieben statt der einfacher zu handhabenden acht Verse bestehen.

Schiller hat nicht gerade einen brandneuen Stoff verwendet (geschweige denn erfunden): Die Geschichte der Freunde Damon und Phintias soll historisch ihrer eigenen Überlieferung ganz ähnlich vorgefallen sein und steht seit dem 4. Jahrhundert vor Christus beim Philosophen Aristoxenos. Bekannter wurde sie über den Geschichtsschreiber Diodorus Siculus durch die Genealogiae oder Fabulae von Gaius Iulius Hyginus von 257 – schon Anno Domini Nostri Iesu Christi–, aber noch weit eher heidnische Spätantike als chrsitliches Frühmittelalter, die Schillern 1798 als Leihgabe von Goethen vorlagen.

In diesem Hyginus Mythographus heißen die Freunde noch Moeros und Selinuntius, weswegen Schillers Held zuerst Mörus heißt. Nach der Version Damon und Phintias heißt er in den Nachdrucken Damon, der Freund bleibt in allen Bearbeitungen namenlos. Der Tyrann Dionys ist der historische Dionysios II. von Syrakus, was Schillers Balladenhandlung um 300 vor Christus nach Sizilien eingrenzt.

——— Friedrich von Schiller:

Die Bürgschaft.

Begonnen am 27. August, beendet am 30. August 1798,
in: Friedrich Schiller (Hrsg.): Musen-Almanach für das Jahr 1799,
J. G. Cotta, Tübingen 1798, Seite 176 bis 188:

     Zu Dionys dem Tirannen schlich
Möros, den Dolch im Gewande,
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!
Entgegnet ihm finster der Wütherich.
„Die Stadt vom Tyrannen befreien!“
Das sollst du am Kreutze bereuen.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Ich bin, spricht jener, zu sterben bereit,
Und bitte nicht um mein Leben,
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drey Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.

     Da lächelt der König mit arger List,
Und spricht nach kurzem Bedenken:
Drey Tage will ich dir schenken.
Doch wisse! Wenn sie verstrichen die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.

     Und er kommt zum Freunde: „der König gebeut,
Daß ich am Kreutz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben,
Doch will er mir gönnen drey Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande.

     Und schweigend umarmt ihn der treue Freund,
Und liefert sich aus dem Tyrannen,
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenroth scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.

     Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt an’s Ufer mit wanderndem Stab,
Da reisset die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.

     Und trostlos irrt er an Ufers Rand,
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket;
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

     Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne und wenn sie niedergeht,
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Doch wachsend erneut sich des Stromes Wuth,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet,
Da treibet die Angst ihn, da faßt er sich Muth
Und wirft sich hinein in die brausende Flut,
Und theilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

     Und gewinnt das Ufer und eilet fort,
Und danket dem rettenden Gotte,
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

     Was wollt ihr? ruft er für Schrecken bleich,
Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
Um des Freundes Willen erbarmet euch!
Und drey, mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Und die Sonne versendet glühenden Brand
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Knie:
O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!

     Und horch! da sprudelt es silberhell
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er zu lauschen,
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder,
Und erfrischet die brennenden Glieder.

     Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün,
Und mahlt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten,
Und zwey Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
Jetzt wird er ans Kreutz geschlagen.

     Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen,
Da schimmern in Abendroths Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:

     Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet‘ er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den muthigen Glauben
Der Hohn des Tirannen nicht rauben.

     Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Deß rühme der blutge Tirann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweye,
Und glaube an Liebe und Treue.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Und die Sonne geht unter, da steht er am Thor
Und sieht das Kreutz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet,
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
„Mich Henker! ruft er, erwürget,
Da bin ich, für den er gebürget!“

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide,
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge thränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermähr,
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen.

     Und blicket sie lange verwundert an,
Drauf spricht er: Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,
So nehmet auch mich zum Genossen an,
Ich sey, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

Gleich dem ersten Testleser Goethe fiel wenige Tage nach Entstehung des Manuskripts am 5. September 1798 der erste Fehler in der schlichten linearen Handlung auf:

In der Bürgschaft möchte es physiologisch nicht ganz zu passiren sein, daß einer, der sich an einem regnigen Tag aus dem Strome gerettet, vor Durst umkommen will, da er noch ganz nasse Kleider haben mag. Aber auch das wahre abgerechnet und ohne an die Resorption der Haut zu denken kommt der Phantasie und der Gemüthstimmung der Durst hier nicht ganz recht. Ein ander schickliches Motiv das aus dem Wandrer selbst hervorginge fällt mir freilich zum Ersatz nicht ein; die beiden andern von außen, durch eine Naturbegebenheit und Menschengewalt, sind recht gut gefunden.

Aus den Vertonungen ragt das Kunstlied Deutsch-Verzeichnis 246 von Franz Schubert 1815 heraus: Mit seinen in allen Aufnahmen über 16 Minuten ist es tatsächlich noch ein einzelnes Lied und nicht etwa identisch mit Schuberts Opernfragment Deutsch-Verzeichnis 435 vom Folgejahr 1816 — aber beide zusammen ein Zeichen, wie nachhaltig der Stoff Schubert beschäftigt hat:

Ebenso setzte die Parodienbildung praktisch sofort ein und hat unter den letzten Gebildeten immer noch nicht ganz aufgehört.

——— Wilhelm Busch:

Neue Lesart von der Bürgschaft.

1863, aus: Fliegende Blätter, 39.1863, Nr. 945, Seite 55 rechts unten:

WIlhelm Busch, Neue Lesart von der Bürgschaft, 1863

Zu Dionys dem Tyrannen schlich
Möros, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
„Was wolltest du mit dem Dolche, sprich?“
Entgegnet ihm finster der Wütherich.
„Na, dös wird doch dem Herrn Tyrannen nix verschlage,
Wenn ich mein Dolch will zum Schleifen trage!“

Dergleichen profansierende Wendungen liegen natürlich nahe. Einige zusätzliche Ebenen hat wie immer Brecht eingezogen:

——— Bertolt Brecht:

Über Schillers Gedicht „Die Bürgschaft“

1940:

O edle Zeit, o menschliches Gebaren!
Der eine ist dem andern etwas schuld.
Der ist tyrannisch, doch er zeigt Geduld
Und lässt den Schuldner auf die Hochzeit fahren.

Der Bürge bleibt. Der Schuldner ist heraus.
Es weist sich, dass natürlich die Natur
Ihm manche Ausflucht bietet, jedoch stur
Kehrt er zurück und löst den Bürgen aus.

Solch ein Gebaren macht Verträge heilig.
In solchen Zeiten kann man auch noch bürgen.
Und, hat’s der Schuldner mit dem Zahlen eilig

Braucht man ihn ja nicht allzustark zu würgen.
Und schließlich zeigte es sich ja auch dann:
Am End‘ war der Tyrann gar kein Tyrann!

Meine eigene erste Bekanntschaft mit der Bürgschaft geschah in Form der Parodie von Peter Frankenfeld, der die erste Strophe in einem Stottergewitter auf über zwei Minuten auswalzt. Davon sind Videoausschnitte aus dem Zeitalter „großen Samstagabendunterhaltung“ gut erreichbar, aber die rein akustische Studioversion mit künstlichem Gelächter hat eine wesentlich erhöhte Kalauerschlagzahl. Ich spreche heute noch mit Vorliebe: „Das sollst du mit Streuseln bestreuen.“

Bilder: Joseph Trentsensky:

Die Bürgschaft von F. von Schiller. Compositionen für die reifere Jugend, 1stes Heft No 1-6. Lithogr[aphiert] und zu haben bey J[oseph] Trentsensky in Wien. – 6 Lithographien, jeweils bezeichnet: „Lithogr. u. zu haben bey J. Trentsensky in Wien“ und wohl auch einzeln käuflich. Das Monogramm auf den einzelnen Kompositionen (JH = Johann Nepomuk Hoechle?) konnte nicht aufgelöst werden. Höhe ca. 24,5, Breite 34,7 cm. In rosafarbener Kartonage mit typographischem Deckelschild. Um 1825. — Vorliegende Ausgabe im Karlsruher Virtuellen Katalog nicht nachgewiesen (Stand 15.12.2011).

via Jutta Assel und Georg Jäger: Friedrich Schiller: Die Bürgschaft. Lithographiert von Joseph Trentsensky, Goethezeitportal Februar 2012;
Wilhelm Busch: Neue Lesart von der Bürgschaft, Fliegende Blätter 1863, via Wikimedia Commons.

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Misericordias Domini:
Ich bin ein guter Hirt, BWV 85, 1725;
Du Hirte Israel, höre, BWV 104, 1724;
Der Herr ist mein getreuer Hirt, BWV 112, 1731:



Written by Wolf

3. Mai 2019 at 00:01

Weil er bei den Mahlzeiten so entsetzlich isset

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Update zu Der Widersacher. Ästhetischer Gaukler vs. unnahbarer Eispalast: Braucht die Welt noch Dichterfürsten im Krähwinkel? Alles ist erlaubt und willkommen. Keine 30 Prozent der Quellen,
vor allem aber Das Beste sind die Kartoffeln und entfernt
Wunder im Gehirn. Vier Bier und ein Buch de cerevisiis:

Das Leben des Quintus Fixlein, aus funfzehn Zettelkästen gezogen, nebst einem Mustheil und einigen Jus de tablette, von Jean Paul, Verfasser der Mumien und Hundsposttage von 1794 bis 1795 ist ein Jean-Paul-typisch wildes Stückwerk, dafür dankenswert genau aufgeteilt: Das übliche Gestrüpp — „Blumenstrauß“ wäre für diesen Gebrauch auch nicht viel wohlwollender — aus Vorworten und Vor- und Nachworten zu Vor- und Nachworten hat diesmal besonders phantasievolle Überschriften — und so viele verschiedene.

Zu vermuten steht, dass Jean Paul (* 21. März 1763) zwischen seinem — wieder typisch: gleich zweiten — Erstling, der zwar nicht sein erstes Buch, dafür ein Bestseller war, Hesperus und dem Siebenkäs einiges angesammelte Material wegverwenden wollte, um das es dem immer noch aufstrebenden Schreibhandwerker sonst schade gewesen wäre.

Um einen Eindruck zu vermitteln, fächere ich die Bestandteile des Quintus Fixlein nachstehend auf, vollständig wiedergegeben ist darunter mein Lieblingsteil Des Amts-Vogts Josuah Freudel Klaglibell — wie ja überhaupt unser Vorteil bei diesem einnehmenden Konvolut darin besteht, dass es wesentlich unter Jean Pauls üblichen achthundert Seiten bleibt.

Lilli Hill via The Art of Obesity

——— Jean Paul:

Leben des Quintus Fixlein,
aus funfzehn Zettelkästen gezogen,
nebst einem Mußteil
und einigen Jus de tablette

[Billett an meine Freunde, anstatt der Vorrede;
Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein;
Die Mondfinsternis]

[I. Mußteil für Mädchen:
1. Der Tod eines Engels;
2. Der Mond]

[II. Des Quintus Fixlein Leben bis auf unsere Zeiten.
(Die ersten 14 Kapitel heißen „Zettelkasten“, das letzte Kapitel heißt „Letztes Kapitel“.)]

III. Einige Jus de tablette für Mannspersonen

[1. Über die natürliche Magie der EInbildungskraft]

2. Des Amts-Vogts Josuah Freudel Klaglibell
gegen seinen verfluchten Dämon

Dieses zierliche Klaglibell, worin ein zerstreueter Gelehrter ohne sein Wissen seine Zerstreuung schildert, kam durch die Güte des Herrn Pfarrers Fixlein in meine Hände, der in der Kirchenagende seiner Sakristei gefunden hatte. Ich glaube, ich kann das Libell ohne Diebstahl zu meinen Aufsätzen und Effekten schlagen, da Freudel hinten eine Arbeit von mir in seine einfügt; denn ich mache, da commixtio und confusio ein modus adquirendi ist, aus rechtlichen Gründen aufs Ganze Anspruch. Wenigstens gehören, da er das Papier dazu aus der Sakristei erhob, meinem Gevatter als Herrn des Prinzipale die darauf gesetzten Gedanken des Vogts als accessorium. Der Konzipient hatte sich aus Versehen am Bußtage in die Hukelumer Kirche sperren lassen; – um nun die Langweile sich so lange vom Leibe zu halten, bis ihn beim Gebetläuten jemand hinausließ, verschrieb er die Zeit bis dahin in diesen Klagen:

*

Lilli Hill via The Art of ObesityGewisser ist wohl nichts, als daß manchen Menschen ein tückischer Dämon verfolgt und ihm lange Sperrhaken ins Getriebe seines Lebens steckt, wenn es gerade am besten umläuft und eben ausschlagen will. Jeder muß Menschen kennen, die lauter Unglück im Spielen – Kriegen – Heiraten – in allem haben, so wie andere wieder lauter Glück. Bei mir wird gar Glück und Unglück mutschierungsweise neben und auf einander verpackt in eine Tonne, anstatt daß es Jupiter in zwei verfüllte. Ist vollends das Vergnügen, die Ehrenbezeugung, die rührende Empfindung, die ich habe, groß, sehr groß: so verlass‘ ich mich darauf, daß es nun der Dämon gewahr werden und mir alles hinterdrein gesegnen werde. So versalzet er mir gern schöne Lustfahrten durch einen häuslichen Hader; und ein Ehrenbogen ist für mich ein Regenbogen, der drei elende Tage ankündigt. So hat er mir heute in diese Kirche nachgesetzt, weil er voraussah, die blühende Predigt werde mir einiges Vergnügen reichen; und nun seh‘ ich mich seit der Vesperpredigt in das Gotteshaus inhaftiert, und das Schicksal weiß, wenn ich hinausgelassen werde. Denn ich kann weder Tür noch Fenster ausbrechen, und das größte Unglück ist, daß gerade heute Bußtag ist, wo keine Magd auf den Gottesacker geht; unter allen meinen dummen Schreibern hat ohnehin keiner so viel Verstand, daß er mich in der Sakristei aufsuchte. Diese Kirche ist mir überhaupt aufsätzig; ich habe darin schon ein Unglück gehabt, und es war heute nichts als der Widerschein eines alten, daß ich unter der Hand der ganzen Gemeinde abgefangen wurde, indem ich still und vergnügt in meinem Kirchenstuhle saß und meine ungedruckte Anweisung zu einem gerichtlich-blühenden Stil in Gedanken prüfte. Denn ich bin leider in viele Sättel gerecht, eben weil mich der Dämon immer aus jedem hebt.

Ich habe mich sonst mit Versen abgegeben – welches jetzt wenigstens meinem Stile zuschlägt – und nachher umgesattelt: denn ich wollte ein Pfarrer werden, und kein Amtsvogt. Die Geschichte ist im Grunde unterhaltend, obwohl auf meine Kosten. Ich wollte nämlich als Student in meinem Geburts-Dorfe (eben hier in der Kirche) mit einer Gastpredigt ausstehen und hatte deshalb eine große Perücke mit einem hohen Toupet-Gemäuer meiner Mutter zuliebe aufgesetzt. Gleich im Exordio stieß ich auf ein Abenteuer, indem ich die Nutzanwendung, die sich auch wie jenes mit: „teuerste etc. Zuhörer“ anhebt, unglücklich mit dem Eingange verwechselte; aber ich hielt – leicht und mit zweckmäßigen Veränderungen – den Zuhörern den Schwanz so in meiner Hand hin wie ein Endchen Kopf. Tausend andere hätten von der Kanzel gemußt; ich hingegen kam wohlbehalten vor dem Kanzelliede an und sagte: „Nun wollen wir ein andächtiges Lied miteinander singen“ und das war mein Unglück. Denn da ich mich – wie es auf den meisten Kanzeln Sitte ist – so mit dem Kopfe aufs Pult hinlegte und niederkrempte, daß ich nichts mehr sehen konnte als den Kanzel-Frack – so wie von mir auch nichts zu sehen war als mein Knauf, die Perücke mit dem Wall –: so mußt‘ ich (wollt‘ ich nicht dumm sein und ins Kanzeltuch hineinsingen) aus Mangel an Gesichtsempfindungen während dem Singen denken. – Ich suchte also auf dem Pulte den Eingang, womit ich schließen wollte, zur Nutzanwendung umzufärben – ich wurde von einer Subdivision auf die andere verschlagen – ich hatte mich wie ein Nachtwandler unter meine Gedanken verstiegen, als ich plötzlich mit Erstarren vermerkte, daß schon längst nichts mehr sänge und daß ich nachdächte, während die sämtliche Kirche auflauerte. Je länger ich erstaunte in meiner Perücke, desto mehr Zeit verlief, und ich überlegte, ob es noch schicklich sei, so spät das Toupet-Fallgatter aufzuheben und darunter den Kirchleuten wieder zu erscheinen. Jetzt war – denn der Kanzel-Uhrsand lief in einem fort – noch mehr Zeit verstrichen; die außerordentliche Windstille der Gemeinde lag ganz schwül auf meiner Brust, und ich konnte, so lächerlich mir zuletzt der ganze, Ohr und Fuß spitzende Kirchenhaufe vorkam und so sicher ich hinter meinem Haar-Stechhelm lag, doch leicht einsehen, daß ich weder ewig niedergestülpet bleiben noch mit Ehren in die Höhe kommen könnte. Ich hielts also für das Anständigste, mich zu hären und mit dem Kopfe langsam aus der Perücke wie aus einem Ei auszukriechen und mich heimlich mit bloßem Haupte in die an die Kanzeltreppe stoßende Sakristei hinunterzumachen. Ich tats und ließ die ausgekernte ausgeblasene Perücke droben vikarieren. Ich verhalt‘ es nicht: indes ich in der Sakristei mit dem unbefiederten Kopfe auf- und abging: so passete jetzt (denn mein brachliegender Adjunktus und Geschäftsträger schauete in einem fort schweigend auf die Seelen herunter als Anfang eines Seelenhirten), so passete, gesteh‘ ich, jetzt Groß und Klein, Mann und Weib darauf, daß der Kopf-Socken anfinge sich aufzurichten und ihnen vorzulesen und jeden so zu erbauen, wie ja homiletische Kollegien uns alle, hoff‘ ich, abrichten. Ich brauche den Lesern nicht zu sagen, daß die erledigte Perücke nicht aufstand, beraubt aller Inlage und ihres Einsatzes. Zum Glück stellte sich der Kantor auf die Fußzehen und sah in die Kanzel herein – er stieg sans façon herab und hinauf und zog meine Kapuze beim Schwanze in die Höhe und zeigte der Parochie, daß wenig oder nichts drinnen wäre, was erbauen könnte, kein Seelensorger – „die Fülle ist schon aus der Pastete heraus“, bemerkt‘ er öffentlich bei diesem Kopf-Hiatus und steckte meinen Vikarius zu sich. – Und seitdem hab‘ ich diese Kanzel nicht mehr gesehen, geschweige betreten …

Wahrlich ich schreib‘ ihr jetzt gerade gegenüber, und ich sah heute hinauf; ich wollt‘ aber, ich könnte hinaus, und ich muß schon lange geschrieben haben. Beiläufig! gerade diese Historie, die ich ausschweifungsweise beigebracht, dient mehr als eine, das Dasein eines Dämons, der den mit den besten Projekten schwangern Menschen in Ratten-Form unter die Füße schießet, zu beglaubigen – aber Muttermale sind die Nachwehen davon.

Ich schwamm wohl niemals mehr im Wonnemeer als einmal, da der hiesige regierende Bürgermeister zur Erde bestattet wurde – dennoch wußte mir mein Dämon Unrat in meine Leichensuppe zu schmeißen. Ich würde abkommen von dem Leichenbegängnis, wenn ich weitläuftig berichten wollte, wie wenig dieser Hausteufel darnach fragt, wenn er mich um eine Hinrichtung – um eine Krönung – um eine Sonnenfinsternis zu bringen vermag. Da diese Dinge leider keine Palingenesie, kein Ancora und keinen Refrain verstatten: so hab‘ ich dieses Trio von Dingen, das sonst wohl wenig Ähnlichkeit miteinander hat, niemals beschauen können – es war vorbei, eh‘ ich daran dachte, daß es komme.

Ich sollte Leichenmarschall beim Begräbnis sein und fing es auch an: der Bürgermeister, dem der Tod die Sanduhr in die Augen geschüttet hatte, war ein Mann, der verdiente, einen guten Leichenmarschall zu haben, einen gestabten Leichen-Turnier-Vogt; denn er war in der ganzen Gegend selber bei allen Leichen von Stand der allgemeine Undertaker, der Großkreuz des memento mori-Ordens gewesen, der maitre de plaisirs des Totentanzes. Er hätte – so gut fand er sich in die Charge – Leichen – Obermarschall in London bei der Beerdigung der magna charta sein können, wäre sie kein bloßer Spaß gewesen; und falls man den alten Publizisten Reichsherkommen in den Residenzstädten einmal im Ernste begrübe, so könnte der Bürgermeister den Sarg unterstützen, läg‘ er nicht selber darin.

Lilli Hill via The Art of ObesityIch muß noch vorher erzählen, daß ich abends vor der Bestattung, weil ich mit dem Bürgermeister einerlei Natur hatte, mir an ihm ein Beispiel nahm und meine Frühlingskur, nämlich 1½ Löffel echte Rhabarber gebrauchte. Ich wollte, ich hätte etwas von jenen Gelehrten an mir, die aus Zerstreuung eines über das andere vergessen: eine kleine Zerstreuung, worin ich über die Leiche die Kur vergessen hätte, würde mir den andern Tag zupasse gekommen sein. Ich sollte fast mich schämen, etwas so viele lesen zu lassen, was ich ohnehin so viele sehen ließ. Im Grunde wars wohl unvermeidlich und wahres splanchnologisches Fatum: denn ich trank im Trauerhause viel nach – mußte langsam neben der schleichenden Bahre waten und noch dazu einem lüftenden Wind entgegen, der den ehrwürdigsten Männern den Leichenmantel zu einem Fettschwanz aufflocht (den faltigen Bettzopf und Troddel steckt‘ er ihnen dann wie ein Stichblatt an die rechte Seite), und ich führte noch dazu die satanische Frühlingspurganz im Magen bei mir. – – Inzwischen mußte einer, der mir nachsah, wenn er nicht horndumm war, sogleich bemerken, daß ich lange genug meine physiologischen Verhältnisse zum Besten meiner Pflicht verbiß und verwand und hinter dem schwarzen fliegenden Sommer und Flor-Labarum des Huts und mit dem eingewindelten hohen Marschalls-Taktstock das sämtliche Leichenkondukt gut genug kommandierte und begleitete, obwohl ich im Wasser der Tränen und der Laxanz als ein gebrochener Stab erschien. – Denn mir tat es wehe, so viel (am Bürgermeister) verloren und so viel eingenommen zu haben. – – Meinetwegen! Unser Land kommt doch darhinter: kurz der mitsingende Wind mochte uns kaum bis an zehn Schritte vor die Kirchtüre geschoben haben, als ich wirklich und ohne freien Willen, gleich dem Kaiser Vespasian – und auch am nämlichen Orte –, meinen verbitterten Zepter fallen ließ ….

Viele lachten wohl.

In andern Fällen weiß ich mir gegen Arzneien zu helfen. Da ich z.B. einmal dem vorigen Obristforstmeister, mit dem ichs nicht verderben durfte, auf seinem Jagdhause am Martinitag zu essen brieflich versprochen hatte: so traf sichs zum Glück, daß ich an dem nämlichen Tage beim hiesigen Pfarrer zu speisen mündlich zugesagt hatte. Nun war ich vor Nachteil verwahret, da es am Martinitag nicht bloß in der Pfarre drunter und drüber ging, sondern auch in meinem Magen; bloß weil ich mich mit einem hübschen Brechmittel ausbürstete. – Denn als mir um zwölf Uhr der Pfarrer sagen ließ, „es würde alles kalt“: so wußt‘ ich recht gut, wie viel Uhr es geschlagen hatte, und nahm in der Stadt, in die ich in einer Viertelstunde lief, auf der Post ein Kurierpferd und kam beim Forstmeister gerade angesprengt, als die Suppe noch heißer rauchte wie mein Gaul.

Ich weiß gewiß, ich wollte dem Leser noch einen recht frappanten Kasus auftischen; aber er will mir jetzt durchaus nicht beifallen. – Andern Leuten muß es noch öfter so gehen: denn ich habe eine ganze ausgewählte Bibliothek durch Diebstahl gewonnen und eine verloren, weil die einen, die mir jene liehen, und die andern, die mir diese abborgten, vergessen hatten, mit wem sie zu tun gehabt – und dann kamen mir die Leute auch aus dem Kopfe.

Jetzt fället mir alles bei: es war so. Fatalien waren mir, da ich noch Advokat war, in jedem Prozesse Mißpickel und Rattenpulver, und meine Appellationen wollten (wie alle lang lebende Gewächse) nie schon in zehn Tagen zeitigen; dennoch erwiderte ich einen gut ausgedachten Streich des bösen Dämons mit einem bessern. Überhaupt sollten die Kollegien so gut Fatalien zu fürchten haben wie die Advokaten: ist nicht oft das Beste, was die Parteien verlieren können, Zeit? Und warum soll diese der schuldige und der unschuldige Teil zugleich verlieren? – Was helfen alle Läuferschuhe der Advokaten (und die Hetzpeitschen der Prozeßordnung dazu), wenn die höhern Kollegien, an die alle Akten indossieret werden, in Hemmschuhen und Hemmketten einherwaten? – Kurz die Advokaten und die höhern Instanzen (denn uns niedrigen zügelt man schon, und ich darf kaum mehr sprechen, so verlangen die Leute die Apostel) siechen an demselben Marasmus der Dilation, an derselben Frakturschrift der Schreiber, an derselben Geld- und Gesichterschneiderei … Ich schweife hier vielleicht ab; aber ich bekenne, ich fass‘ es niemals, wie ich im Schreiben von einem aufs andre komme, da ichs doch im Denken nicht tue.

Lilli Hill via The Art of ObesityAber wie gesagt, es war an meinem Hochzeittag; – er war schon ganz vorbei bis auf eine Viertelstunde. – Die finstere Hochzeitnacht war hereingebrochen – ich hatte meine Repetieruhr und mein Zopfband schon unter den Spiegel gehangen und das vor letzte Licht ausgetan und beim letzten drei Viertel auf zwölf Uhr gelesen und so feurig als wenige an meine liebe Braut, als Tür- und Wandnachbarin meiner Seele, gedacht, als ich im sogenannten Ehekalender, der neuerer Zeiten das Kirchenbuch und den Geburtsschein um dreiviertel Jahr antizipieret, nachschauete, um das heutige Datum zu unterlinieren: nun kam ich im Kalender, worin zugleich meine juristischen Fatalien und Termine stehen, zum Glücke mit darhinter, daß ich innerhalb zwei Tagen appellieren müßte, und daß der letzte Viertelhammer der zwölften Stunde den achten gar erschlüge. Ich raffte mich zusammen, beschnitt Papier (in Baiern wär’s unnötig) und legte stehendes Fußes die Appellation ein, die einzulegen war, und petschierte sie zusammen. „Ich habe nur“ – meldete ich ausgefroren der Braut „vom Judex a quo zum Judex ad quem appelliert; und du kannst dir denken, ob man es appellatischerseits werde erwartet haben.“ –

Da der Teufel eine eigne Liebhaberei für Zwiespalt hat: so sucht er mir gerade, wenn ich durch einen Ehrenbogen gehe, den Grimm meiner Freunde zuzuwenden. Ich erinnere mich, daß ich oft vermischten Gesellschaften mit der größten Deutlichkeit Lavaters Tierstücke aus seinem physiognomischen Schwabenspiegel repetierte und ihnen die Anwendung der Vieh- und Insektenköpfe auf die menschlichen so leicht machte, als ohne Kupferstiche möglich ist, ich erinnere mich, sag‘ ich, daß ich mich, wenn ich mich dann nach einiger Beistimmung umschauete, in einem Zirkel oder Trapezium von fatalen verdrüßlichen Gesichtern mit gekräuselten Nasen, faltigen Lippen, gestirnten überschriebnen Stirnen stehen sah – und wer mir aus der Gesellschaft die nächsten Wochen darauf ein Bein unterstellen konnte, der tats. Wenn ich nicht zuweilen in Gesellschaft einschliefe, so könnten alle nichts aufbringen, womit ich ihnen zu nahe träte: alles, was ich darin wage, ist, daß ich vor ihnen im Kopfe einige juristische Opuscula ausarbeite, anstatt daß Zimmermann ihnen im Kopfe gar seine philosophischen vorlieset. Newton sah den Finger einer Dame für einen Zwerghirschchen-Fuß an, den man zum Pfeifenstopfer nimmt; ich aber habe nichts auf mir, als daß ich einmal, da ich meine Pfeife ausklopfte, aus Höflichkeit einigemal rief: herein! weil ich dachte, man klopfe draußen an.

So werf‘ ichs mehr einem bösen Dämon als mir selber vor, daß ich in einem Jahre meinen Gevatter und meinen Beichtvater zugleich geärgert. Ich war sehr krank und ließ auf drei Sonntage eine Kirchenvorbitte für meine Genesung bestellen. Am dritten Sonntag saß ich während der Vorbitte selber mit unter den Leuten und schauete – während der Pfarrer oben an meiner Rekonvaleszenz arbeitete – unten aus meinem Gitterstuhl mit einem närrischen Gesichte genesen heraus. Ich wußt‘ aber am besten, warum ich mich als Rekonvaleszent öffentlich vorstelle: die Gemeinde sollte sehen, wie ihre Vorbitte angeschlagen, und zweitens sollte sie ermuntert werden zu Vorbitten gegen das Rezidiv.

Was meinen Gevatter, den Marschkommissar, anlangt, so ritt ich zu ihm bei der ersten Niederkunft meiner Frau und wollt‘ ihn, da er mein alter Universitäts-Jonathan und Orest ist und in der Nähe wohnt, zu Gevatter bitten, als er gerade reisefertig im Stalle auf den Durchmarsch der Ungarn paßte. Da sein erstes Wort war, ich möchte auf dem Pferde mit ihm reden und mitreiten: so verritt ich einen halben Tag, und erst vier Meilen vom Täufling macht‘ ich ihn bei einem Setzteiche zu meinem Gevatter in Beisein der Kompagnie. Den andern Tag erreichten ich und er mit zwei solchen Jagdpferden, wie wir reiten, leicht den Taufstein beizeiten.

Ich kann nicht erzählen, wie ich meinen Gevatter grimmig und zwieträchtig gemacht, wenn man mich nicht vorher über die Tücke meines Dämons abhört, der mir, solang‘ ich Geburtstage in meinem Leben antraf, noch keinen einzigen zu begehen erlaubte. Kurz vor, kurz nach den Geburtstagen veranstalt‘ ich viel und schaffe Vorreiter und Voressen an; ist aber einer von den Geburtstagen da, so merk‘ ich nichts von ihm, und ich kann ihn also nicht durchfeiern. Endlich dacht‘ ich, es würde zu etwas führen und gescheut sein, wenn ich satteln ließe und schon vier Wochen vorher meinen Gevatter auf Barnabas-Tag – da fiel meine Geburt – samt den sieben lieben Kleinen invitierte, mit mir vorlieb zu nehmen. Ich saß auf und überraschte und überredete den Marschkommissär, ohne ihm jedoch etwas vom Geburtsfeste zu entdecken: ich setzte nicht eher einen Fuß in den Steigbügel, als bis er – weil er kaum aus den Reisekleidern wegen der Durchmärsche kam, die halb-frankieret waren und nicht viel anderes Geld gaben als Fersengeld – doch in meinem Beisein ein viersitziges Fuhrwerk auf Barnabas bestanden hatte. Nun hatt‘ ich alles abgetan und brauchte nicht weiter daran zu denken: ich wußte, der Kommissär vergesse nichts. – Unter dieser Zeit ließ ich das schöne Bau-Wetter nicht wieder verstreichen, sondern machte mich einmal im Ernste über die Hauptreparatur und Reproduktion meines brüchigen Hauses her. Als nun am Barnabastermin bei früher Tageszeit der alte Marschkommissar samt seiner jungen Frau und sieben lebendigen, meinetwegen in Putz gesetzten, vergnügten Kindern wirklich unten vor meinem Hause gleich ihrem Fähr- und Fuhrmann, der schon vom Bocke war, freudig auszusteigen gesonnen waren: wars eine platte Unmöglichkeit, weil um das Haus mehrere Schutt-Kettengebirge umhersaßen und weil besonders die Beine und Pfahlwerke des Gerüstes die ganze Anfurt verschränkten. – Ich selber spazierte oben auf letzterem mit einem abgekürzten strangulierten gummierten Schlafrock herum, reine Luft zu schöpfen, und guckte staunend auf den großen Kutschkasten herunter, ungemein neugierig, was wohl aus dem Kasten springe. Aber der Fuhrmann schwang sich wieder über das Rad hinauf und fuhr die Familie vor einen wohlfeilen Gasthof, an dem ich erst, weil er meinem Gerüste gegenüber stand, beim Aussteigen und Hineinziehen meinen guten Gevatter und seine geputzte Familie leicht wie Dokumente rekognoszierte. Ich ließ sie erst drüben allein essen, weil ich nicht gern schmarutziere, und dann kam ich schleunig nach. Ich trat mit dem Scherze vor ihr Tischtuch, ich könne sie heute nicht in meinen vier Pfählen, sondern in meinen zwanzig Pfählen – aufs Gerüste wird angespielet – empfangen; „aber bei uns zu Hause“, setzt‘ ich hinzu, „kann sich kaum der Mauermeister mit dem Borstpinsel umkehren.“ – Ich bekenne mit Dank – so sehr mich jetzt mein Gevatter anfeindet –, dieser letzte Nachmittag, den ich bei ihm versaß, war einer meiner heitersten. Ich nötigte ihn, die Nacht dazubleiben; und ich hielt mich beim Kommissar von Vormitternacht bis ein wenig gegen den Morgen auf, weil er, ob er gleich so schläfrig war wie seine von der Apoplexie des Schlafes um ihn hingestreckten Kinder, doch aus Zerstreuung nicht merken mußte, welche Zeit es sei: denn der Mann hat einen außerordentlich zerstreueten Kopf, und seine Gehirnkammern sind bis an die Decke mit Marschreglements vollgeschlichtet … Ich hätte an so einem vergnügten Tage noch gar wissen sollen, daß es der meiner Geburt ist.

Lilli Hill via The Art of ObesityÜberhaupt aber war ich nie für ordentliche Freß-Gelage und erschien ungern darauf. Ich war ein einziges Mal bei einer Ratsmahlzeit, die ich als Amtsvogt mitessen mußte nach der Ratswahl: denn ich habe ja schon erzählt, daß der Vorfahrer des neuen Bürgermeisters begraben worden, als ich Leichenmarschall war. Ich würde mich von allem ausgeschlossen haben, wäre nicht in einem Marktflecken wie unserem, der Stadtgerechtigkeit begehrt, Bürgermeister und Rat viel: in Rom vertauschte der Diktator den Pflug gegen das Staatsruder; – hier bei uns hält man beide leicht in einer Hand, und wir besitzen Ratsherren, denen es einerlei ist, ob sie votieren oder gerben, mähen oder strafen, an- oder unterschreiben und also die Kreide oder die Feder führen.

Bloß der närrische Ratsherr und Lohgerber Ranz bringt dem Kollegio Nachteil, weil er bei den Mahlzeiten solcher Parlamentswahlen so entsetzlich isset. Es zirkuliert über die ganze Ratsmahlzeit, zu der ich mich ex officio mit setzen mußte, und besonders über diesen Lohgerber eine hübsche Satire, die ein Unbekannter im Manuskript herumschickt und die ich hier unkastriert einrücken kann:

„Zuerst muß die Phantasie des Lesers die konsularische Tischgenossenschaft nehmen und ihr alle menschliche Glieder abschneiden, abbeißen und wegstreifen, nur Schlund und Magen ausgenommen, die wir bei der Sache keine Minute entraten können. Hierauf müssen wir, ich und der Leser, die Mägen samt ihren angeschraubten Stechhebern von Schlünden um den Tisch, auf dem die Ratsmahlzeit raucht, die der jüngste zum Ratsherrn erwählte Magen kochen lassen, titularisch auf den Stühlen herumlegen und dann zuschauen und aufschreiben, wie diese einsaugende Gefäße sich einbeißen – wie sie eintunken – wie sie austrinken – wie sie schneiden – wie sie stechen – und was sie forttragen im Magen, Darmkanal und auf dem Teller. – Aber der Gerber-Meister Ranz wirft einen langen Schatten über die ganze Tafel und übermannt und überfrisset jeden, sich ausgenommen. Eh‘ ich protokolliere: so will ich vorher sechs Bierhähne wie Quellen gegen diesen Streckteich richten und den Weiher voll lassen und die Hechte unter – Bier setzen. Nun schwimmt! –

Was uns äußerst frappieret und äußerst interessieret, ist bloß der Ratsherr und Lohgerber Ranz, der gleich der Natur voll Wunder ist und sie nun anfängt zu tun … Er bringt, als Widerspiel eines Wasserscheuen, nichts Festes in seinen Leib, aber nicht weil sein Leib selber fest ist, und genießet, als Widerspiel eines Katholiken, dieses Abendmahl unter einerlei Gestalt, nämlich unter der flüssigen, aber nicht weil er glaubt, die feste stecke schon mit darin – er schöpfet mit dem Pumpenstiefel seiner Hand alles Feuchte auf und ziehet mit den Punschlöffeln seines Wasserrades alle Suppenschüsseln in seine Schlund-Gosse und ins Magenbassin ab, nicht weil er ein Abführungsmittel damit abführen will, womit er erst morgen das heutige abzuführen gedenkt – er wischet mit seinem Brotschwamm alle Brühen weg und hält seinen Gabel-Saugstachel über jede Senf- und Meerrettich-Lache, nicht um seine Magenhaut mit dieser Gerberslohe erst gar zu machen – er setzt sich wie Schimmel auf Brot und schlägt darauf mit seinem Gebisse Wurzel, nicht weil er ein Franzos oder sein Pferd ist und Brot liebt – er macht seinen inkommensurablen Magen zum zweiten Einmachglas eines jeden Eingemachten, zur Grummetpanse eines jeden Gemüses, zum Treibscherben eines jeden Salats, nicht weil er einen Bissen Fleisch dazu absägt – er mauert das Zorngefäß und den Schmelztiegel seines Magens mit Breien aus, aber nicht weil dieser Sprünge hat und die Velutierung braucht – –

Sondern er vollführt diese schöpferische Scheidung der Wasser vom Festen, er befestiget diese Kluft zwischen seinem Teller und seinem Magen, bloß um in beiden eine gleiche Masse aufzuschütten und wegzubringen, bloß um auf dem Zimmerplatz des Tellers mit dem Eßhandwerkszeug ein Fruchtmagazin und Speisegewölbe aus Fleisch-Quadern aufzuführen für sich und seine Kinder … Beim Himmel! er sollte noch sitzen und mauern hinter seinem Viktualien-Verhau aus Beinen, Gräten und Rinden, er sollte noch schweben wie ein dürres Jahr über der Tafel und jede nasse Stelle austrocknen: so wären wir imstande, mit ihm nach Hause zu gehen, wo sich das Messer dieses Schwertfisches gerade umgekehrt nur ans Fleischige ansetzt, sobald das aus den verlaufnen Wassern abgesetzte Viktualien-Flözgebirge nur anlangt. Der Meister – und der Gesell – und die Gerberin und die Gerbersbuben – und der Dachshund bohren sich jetzt in den gebrachten Berg bis an die Fersen hinein, und wir können sie nagen hören. Fresset zu! – Hat sich euer armer Ranz, dieses ätzende fressende Mittel, nicht genug gequält, um nicht wie Knochenfraß alles anzugreifen? Hat er nicht mit allen peristaltischen Bewegungen seines Schlundes den Magen-Luftballon bloß mit Windsbräuten aufgefüllet und gehoben und mit einer Wasserhose die Blase? – Aber sollt‘ ich einmal eines außerordentlichen Typus vonnöten haben, um damit ein außerordentliches Chaos zu erläutern und anzuleuchten, das Chaos und den Zank eines Nonnenklosters oder einer Theatertruppe oder eines heiligen deutschen römischen Reichs – so bring‘ ich bloß deinen aufgesteiften gespannten Magenglobus mit seinen Brühen und Luftarten getragen als Typus, Ranz!“ …

– Ei, ganz herrlich – lieblich – und recht erwünscht und verdammt! – Ich will mir aber den Schreib-Arm absägen lassen, wenn ich hier noch einen Buchstaben schreibe. Wahrlich der Kirchner ist dagewesen, und ich hab‘ ihn über den entsetzlichen Vielfraß verpasset …

Concep. z. Amtsvogt Freudel.

[3. Es gibt weder eine eigennützige Liebe noch eine Selbstliebe, sondern nur eigennützige Handlungen]

[4. Des Rektors Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg]

[5. Postskript]

Lilli Hill via The Art of Obesity

Bilder: Lilli Hill via The Art of Obesity.

Klagelied: Soggy Bottom Boys: I Am a Man of Constant Sorrow, Dick Burnett 1913,
in: O Brother, Where Art Thou?, 2000.

Written by Wolf

22. März 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

Das zum Werk gewordene Gefühl

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Joseph Karl Stieler, Johann Wolfgang von Goethe, 1828 via Neue PinakothekUpdate zu Und Beethoven so: WTF??!!!
(Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)

und Neulich in München:

Schock 1: Das Bild, das man von Goethe hauptsächlich kennt, quasi das Dichterfürst gewordene kollektive Gedächtnis, hängt in der Neuen Pinakothek zu München — das Museum gegründet von Ludwig I. von Bayern, das Gemälde praktischerweise lange vorher aus erster Künstlerhand angekauft.

Schock 2: Der Maler ist derselbe Joseph Karl Stieler, von dem non solum das mindestens so kollektiv bekannte acht Jahre ältere Beethoven-Portrait stammt, sed etiam fast die gesamte berüchtigte Schönheitengalerie desselben Ludwig I. im Schloss Nymphenburg:

„Schönes Fräulein, wenn Sie sich bitte hier in die Kutsche bequemen will, der König findet Gefallen an Ihr.“

„Bin weder Fräulein, weder schön …“

„Sie hat mich schon verstanden. Folgen.“

——— Neue Pinakothek:

Joseph Karl Stieler: Johann Wolfgang von Goethe, 1828

Öl auf Leinwand, 78,0 cm x 63,8 cm, 1828 durch König Ludwig I. vom Künstler erworben, Inv. Nr. WAF 1048,
in: Neue Pinakothek: Erläuterungen zu den ausgestellten Werken, München 1981, Seite 327:

Neue Pinakothek, München, 21. Dezember 2014Das Bildnis Goethes schuf Joseph Stieler im Auftrag König Ludwigs I. von Bayern. 1828 reiste der Künstler mit einem Empfehlungsschreiben des Königs nach Weimar, um dort die Vorarbeiten anzufertigen. Über den Aufenthalt Stielers in Weimar und die Porträtsitzungen geben die Tagebücher Goethes Auskunft. Drei dieser Vorstudien sind noch erhalten.

Stieler hat den Dichter und Gelehrten Goethe als Halbfigur an seinem Schreibtisch sitzend dargestellt. Der Oberkörper ist frontal dem Betrachter zugekehrt, während der Kopf nach rechts gewandt und der Blick seitlich aus dem Bild heraus gerichtet ist. Die statische Gefasstheit der Gesamtkomposition und die genaue Wiedergabe von Gesichtszügen und Kleidung werden somit gelockert und erhalten ein lebensnahes Element.

In seiner rechten Hand hält der Dichter ein Blatt Papier, auf dem die letzten Zeilen eines von Ludwig I. verfassten Gedichtes zu lesen sind. Der König war der Autor einer Vielzahl von schwärmerischer Begeisterung getragener Gedichte, die zumeist antikem Versmaß folgten. 28 seiner Distichen ließ er in den Münchner Hofgartenarkaden als Beschriftungen zu Carl Rottmanns Italienzyklus öffentlich anbringen. Mit dem Gedicht Ludwigs in Händen erweist Goethe — dessen Urteil in Kunstdingen besonderes Gewicht besaß — dem bayerischen König und dessen dichterischen Hervorbringungen seine Reverenz. Andere Zeitgenossen hielten sich mit Kritik und Spott über die meist ungelenken Verse Ludwigs weniger zurück.

Schock 3: Das heißt, auf seinem eigenen berühmtesten Bild hält Goethe ein Gedicht in der Hand, das nicht er selber geschrieben hat, sondern der Auftraggeber seines Malers. Schon bitter, sowas:

——— Ludwig I.:

An die Künstler

„Im Herbste 1818, Ludwig“:

Ja! Wie sich der Blume Flor erneuet,
Durch den Saamen den sie aus gestreuet,
Zieht ein Kunstwerk auch das andre nach,
Aus dem Leben keimet frisches Leben,
Das zum Werk gewordene Gefühl
Wird ein Neues künftig herrlich geben,
Selber nach Jahrtausenden im Gewühl.

Und dann feiert Goethe noch seit 22. März 1832 Todestag und muss sich heute von mir dergleichen ins Grab hinterherfeixen lassen. Der Beethoven von 1820 — Todestag: fünf Jahre früher und fünf Tage später, 27. März 1827 — darf wenigstens bis heute mit seiner eigenen Missa solemnis in der Hand posieren. Und die adligen wie bürgerlichen Jungfern in der Schönheitsgalerie von Ludwig I. sind noch ganz gut bedient: Sein durchgeschmorter Enkel Ludwig „Märchenkönig“ II. führte nebenan im Marstallmuseum dann schon eine Schönheitsgalerie der Pferde.

Bilder: Joseph Karl Stieler: Johann Wolfgang von Goethe, 1828, via Neue Pinakothek a. a. O.;
selber gemacht, Neue Pinakothek, München 21. Dezember 2014.

Soundtrack: K A R O L A: Women in Art (Joseph Karl Stieler), 3. November 2008,
featuring Ludwig van Beethoven: Bagatelle No. 25 in a-Moll, WoO 59, „Für Elise“, 1810:

Bonus Track, damit wenigstens einer der von Stieler Portraitierten zu seinem Recht kommt:
Beethoven, Missa Solemnis, opus 123, 1820, John Eliot Gardiner live im Lübecker Dom 1994:

Written by Wolf

15. März 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Der erste Greis, den ich vernünftig fand

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Update zu Der Mensch ist gut: Sein Geist strebt nach der Wahrheit!:

Ein Jammer, dass Schecks Kanon vom gleichnamigen Denis, der in der Welt seit 1. April 2017 läuft, nur auf hundert Folgen angelegt ist. Folge 85 können wir nicht ignorieren, weil die vom Faust handelt.

Das Erstaunliche ist, dass Faust erst an 85. Stelle kommt; das Erfreuliche an allen bisherigen Folgen ist, dass man Herrn Scheck ohne weiteres glaubt, dass er alle hundert Bücher wirklich gelesen hat. Ganz. Gerade den Faust zitiert er ausführlich nicht aus dem ersten, sondern dem sehr viel schwerer verdaulichen zweiten Teil, und er findet Begründugen für seine begeisterte Empfehlung, die er nicht aus dem nächstbesten Schulbuch hat. Und das in einer einzigen, eher schmalen Zeitungsspalte — „Lesedauer: 3 Minuten“.

Wenn wir alle hundert Folgen auf solche drei Minuten ansetzen, hätten wir fünf Stunden unseres Lebens auf Schecks Kanon verwendet und alle paar Minuten etwas Erhellendes gelernt. Das kann man ruhig so durchziehen.

Eigenmächtig und mit Ansage verfälsche ich das Vollzitat des Zeitungsartikels, indem ich Schecks Faust-Zitat — aus: Faust. Der Tragödie zweyter Theil in fünf Acten, Zweyter Act: Hochgewölbtes, enges, gothisches Zimmer, ehemals Faustens, unverändert, Verse 6758 bis 6810 — ohne Auslassungspunkte, dafür vervollständigt in Originalschreibweise wiedergebe, weil wir hier nicht von Anschlagszahlen beschränkt sind. Lesedauer: bis man fertig ist.

Gösta Ekman in F. W. Murnaus Faust-Verfilmung von 1926, Getty Images via Die Welt, 27. November 2018

——— Denis Scheck:

Was uns Goethes „Faust“ über Altersrassismus erzählt

Schecks Kanon 85, in: Die Welt, 27. November 2018:

Goethes Theaterstück ist – auch international – der deutsche Klassiker schlechthin. Mit vielen radikalen Botschaften: „Hat einer dreißig Jahr vorüber / So ist er schon so gut wie tot.“

Groß war die Verlockung, Goethe als Lyriker in meinen Kanon aufzunehmen: Wo finden sich auf engstem Raum so hoch verdichtete Gedankenkonzentrate kombiniert mit enormer Zärtlichkeit und Sprachgewalt? Auch der Autor des ersten modernen Beziehungsromans („Wahlverwandtschaften“), der fragt, wie man Leben und Liebe unter einen Hut bekommt, dürfte seinen Platz darin beanspruchen. Ja, selbst der Verfasser der „Italienischen Reise“.

Größer aber noch ist Goethes Bedeutung als Schöpfer des Dramas, das im Ausland zu Recht als das deutsche schlechthin gilt: „Faust“ ist das Stück, das man ein Leben lang neu und anders liest, in dem Goethe antike und mittelalterliche Mythen zu einem großen Neuen verschmilzt und von einem Bewusstsein erzählt, dessen Modernität darin liegt, dass es sich den bequemen Wahrheiten von althergebrachter Religion und Moral nicht mehr anvertrauen möchte, sondern seine Sache ganz auf sich stellt – und auf den Teufel.

Literaturgeschichte lässt sich immer auch erzählen als Aufstand der Jungen gegen die Alten, als Revolte der hungrigen Neuen gegen die fett im Warmen sitzenden Etablierten. Johann Wolfgang von Goethe hat das am eigenen Leib erfahren: als Autor des Weltbestsellers „Werther“, als Initiator der Dichterschulen von Sturm und Drang und deutscher Klassik – nicht zuletzt als Autor des „Faust“, dem er 27 Jahre nach dem ersten Teil von 1805 einen zweiten Teil folgen ließ.

In „Faust II“ macht er sich im Dialog des Mephisto mit dem vom Schüler aus „Faust I“ zum Bakkalaureus Avancierten lustig: Ein veritables Originalgenie der zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr an Boden gewinnenden harten Naturwissenschaft, ausgerüstet mit dem stählernen Selbstbewusstsein und dem Altersrassismus der Kulturrevolutionäre aller Zeiten, betritt da die Bühne. Und vor so viel Hybris muss selbst der Teufel weichen:

Baccalaureus.
Erfahrungswesen! Schaum und Dust!
Und mit dem Geist nicht ebenbürtig.
Gesteht! was man von je gewußt
Es ist durchaus nicht wissenswürdig.

Mephistopheles (nach einer Pause).
Mich däucht es längst. Ich war ein Thor,
Nun komm‘ ich mir recht schaal und albern vor.

Baccalaureus.
Das freut mich sehr! Da hör‘ ich doch Verstand;
Der erste Greis, den ich vernünftig fand!

Mephistopheles.
Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze,
Und schauerliche Kohlen trug ich fort.

Baccalaureus.
Gesteht nur, euer Schädel, eure Glatze
Ist nicht mehr werth als jene hohlen dort?

Mephistopheles (gemüthlich).
Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?

Baccalaureus.
Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.

Mephistopheles
(der mit seinem Rollstuhle immer näher in’s Proscenium rückt, zum Parterre).
Hier oben wird mir Licht und Luft benommen,
Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?

Baccalaureus.
Anmaßlich find‘ ich, daß zur schlechtsten Frist
Man etwas seyn will, wo man nichts mehr ist.
Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo
Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?
Das ist lebendig Blut in frischer Kraft,
Das neues Leben sich aus Leben schafft.
Da regt sich alles, da wird was gethan,
Das Schwache fällt, das Tüchtige tritt heran.
Indessen wir die halbe Welt gewonnen
Was habt ihr denn gethan? genickt, gesonnen,
Geträumt, erwogen, Plan und immer Plan.
Gewiß! das Alter ist ein kaltes Fieber
Im Frost von grillenhafter Noth;
Hat einer dreyßig Jahr‘ vorüber,
So ist er schon so gut wie todt.
Am besten wär’s, euch zeitig todtzuschlagen.

Mephistopheles.
Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.

Baccalaureus.
Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel seyn.

Mephistopheles (abseits).
Der Teufel stellt dir nächstens doch ein Bein.

Baccalaureus.
Dieß ist der Jugend edelster Beruf!
Die Welt sie war nicht eh‘ ich sie erschuf;
Die Sonne führt‘ ich aus dem Meer herauf;
Mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf;
Da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen,
Die Erde grünte, blühte mir entgegen.
Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht,
Entfaltete sich aller Sterne Pracht.
Wer, außer mir, entband euch aller Schranken
Philisterhaft einklemmender Gedanken?
Ich aber frei, wie mir’s im Geiste spricht,
Verfolge froh mein innerliches Licht,
Und wandle rasch, im eigensten Entzücken,
Das Helle vor mir, Finsterniß im Rücken.
(Ab.)

Mephistopheles.
Original fahr‘ hin in deiner Pracht! –
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? –

Die Amüsierlust der Mächtigen

Neben den Früchten seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Antike – schon Goethes Vater hatte in Frankfurt einen türkischstämmigen Sprachlehrer für Griechisch und Latein für ihn angeheuert – flossen in „Faust II“ insbesondere viele jener Kenntnisse ein, die sich Goethe während seiner Zeit als Superminister in Weimar angeeignet hatte: Die Amüsierlust der Mächtigen und ihre permanente Geldnot kannte er ebenso aus eigener Anschauung wie ihre Unlust zum Aktenstudium und ihre mangelnde Einsicht in Etatnotwendigkeiten.

Am meisten staunen macht mich bis heute der wahrhaft unersättliche Wissensdurst, das nie befriedigte Interesse dieses Menschen. Nichts ist dem Autor Goethe zu klein, zu abgelegen oder zu trivial. Goethe ist eine Neugiermaschine auf zwei Beinen. Ein Aktenfresser, Datenfex, Erfahrungssucher, Faktensammler und Wissensstaubsauger. Architektur und Kunst, Musik, Literatur finden ebenso Eingang in diese Dichtung wie die Frage nach den Folgen der Einführung einer nicht goldgedeckten Papierwährung, Bergbau, Straßenbau, Landgewinnung, Geologie und Landwirtschaft, Wasserbau, Religion, Mineralogie.

„Faust“ lesen, das ist eine Einladung zu einem Parcours durch die Wissenskreise, ein Ausloten unserer Anlagen zum Künstler, Wissenschaftler, Unternehmer – und nicht zuletzt ein Angriff auf unsere Lachmuskeln.

Emil Jannings in F. W. Murnaus Faust-Verfilmung von 1926

Im Artikel verwendetes Bild: „So spooky kann deutsche Klassik:
Gösta Ekman in F. W. Murnaus Faust-Verfilmung von 1926„, Getty Images via Die Welt;
noch nicht verwendetes Bild: Emil Jannings, ebenda.

Der Soundtrack, vor dem Emil Jannings als Mephisto in der Murnau-Verfilmung sich kurz vor Minute 55 die Ohren zuhält, ist je nach Untertitelfassung Lobe den Herren oder ein Te deum laudamus. Interessanter ist letztere Lösung: Es ist mit Sicherheit weder eine Fassung nach 1926 (logisch) noch die von Haydn oder Mozart, weil die beiden im unpassenden C-Dur stehen; etwas wahrscheinlicher wären Händel in D-Dur und Mendelssohn in A-Dur. Von Murnau gemeint war vermutlich der gregorianische Lob-, Dank- und Bittgesang aus dem 4. Jahrhundert — das eindeutig zur Spätantike und noch lange nicht einmal zur Vorromanik zählt —, und dessen elaborierte Melodie mitnichten von einer ungeübten Kirchengemeinde gesungen werden soll, aber Murnaus Bildsprache der gotischen Kathedrale in einem Stummfilm am ehesten entspricht:

Bonus Track: Tocotronic, „die deutschen Klassiker schlechthin“
(cit. Scheck, Denis, a. a. O. – naja, fast), die auch nicht jünger werden:
So jung kommen wir nicht mehr zusammen,
aus: Wir kommen um uns zu beschweren, 1996:

Written by Wolf

11. Januar 2019 at 00:01

Ist das wieder ein Silvester!

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Update zu Schnell – in dulci jubilo (denn es raucht sich schlecht entleibt)
und dass ihr mir auch Ein neues Stiefelpaar for what you really are nicht vergesst:

——— Reinhard Umbach:

Goethe sprach zu Schiller

1982, in: Eckhard Henscheid & F. W. Bernstein, Hrsgg.: Unser Goethe. Ein Lesebuch,
Diogenes 1982/Zweitausendeins 1986, Seite 945:

Ryan McGinley, Fireworks, 2002Goethe sprach zu Lessing:
„Dein Fahrrad ist aus Messing.“
Lessing drauf zu Goethen:
„Ich merke es beim Löten.“

Schiller sprach zu Goethe:
„Dein Knie zeigt langsam Röte.“
Goethe sprach zu Schiller:
„… und deines wird schon lila.“

Bürger sprach zu Schiller:
„Der Goethe ist ein Killer.“
Schiller drauf zu Bürger:
„Ich halt‘ ihn mehr für’n Würger.“
Und was meinte Hölderlin?
Könnt‘ ihr mal den Dolch rausziehn?“

„Grüß‘ euch, Goethe!“ — „Schiller, Bester,
ist das wieder ein Silvester!
Dies Feuerwerk und dann die Kracher
von Freund und Bruder Schleiermacher!“

Das Feuerwerk: Ryan McGinley: Fireworks, 2002.

Und dann die Kracher: Georg Friedrich Händel:
Music for the Royal Fireworks, „Feuerwerksmusik„,
Suite für Orchester in D-Dur, HWV 351, 1748 f.,
entgegen dem Briefing des Auftraggebers George II. mit Streichern,
NDR-Sinfonieorchester im Dom zu Lübeck unter — wenn schon, dann richtig — John Eliot Gardiner, 1989:

Written by Wolf

31. Dezember 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse

Mit dem Faust im Ranzen

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Update zu The Metrum is the Message
und Mephisto ist ein mieser Verräter
(So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus):

Faktum 1: Am Montag, den 10. September 2018 hat in Bayern, wie immer als dem letzten Bundesland, die Schule wieder angefangen. Faktum 2: Am 14. September 2018 erscheint die neue CD von LEA namens Zwischen meinen Zeilen, die ein Soundtrack-Lied für Das schönste Mädchen der Welt enthält.

——— Deutschlandfunk Kultur:

Germanistin über Umgang mit klassischer Literatur:
Vereinfachen ist der falsche Weg.
Beate Kennedy im Gespräch mit Dieter Kassel

Donnerstag, 6. September 2018:

Wie kann man Schüler für klassische Literaturstoffe interessieren? Ein Weg könnte radikale Vereinfachung sein – wie in der Filmkomödie „Das schönste Mädchen der Welt„, der aus Cyrano de Bergerac einen Rapper macht. […]

Aber ist es eigentlich ein sinnvoller Weg, einen klassischen Stoff aus einem Roman oder einem Theaterstück so stark modernisiert und vereinfacht zu präsentieren, zum Beispiel auch an Schulen, damit heutige Schülerinnen und Schüler das Ganze überhaupt noch verstehen?

Das wollen wir jetzt von Beate Kennedy wissen. […]

Beate Kennedy: Guten Morgen, Herr Kassel! […]

Kassel: Aber wenn wir ein in Deutschland an Berühmtheit nicht mehr zu übertreffendes Beispiel nehmen, Goethes „Faust“, dann ist es natürlich so, dieses Grundmotiv des Menschen, der seine Seele an den Teufel verkauft, dieses Grundmotiv war selbst zu Goethes Zeit schon sehr alt. Das hat er nicht erfunden, er hat nur dieses geniale Theaterstück daraus gemacht.

Wenn Sie nun sagen, ich möchte aber nicht die Grundidee des Seelenverkaufs allein thematisieren im Unterricht, sondern ich möchte diesen Text von Johann Wolfgang von Goethe vermitteln, heißt das ja, dann geht es nicht mehr um den Inhalt, sondern um die Sprache, oder?

Kennedy: Ja, ganz genau. Da geht es um die Sprache und eben um das, was wir als meisterhaft gelungene Form empfinden, wo wir eben sagen, da hat jemand ein Grundmotiv so auf den Punkt gebracht, dass es mustergültig ist und dass wir uns daran auch dann kreativ abarbeiten können.

Kreativ heißt, wir müssen es natürlich dann immer für uns selbst in seiner Bedeutung erschließen. Ein Beispiel jetzt aus meinem Unterricht. Wir haben hier Profiloberstufe, da wählen also die Schüler nach Neigung, und wo man Mathematiker hat, die logisch denken können, empfiehlt es sich vielleicht dann, die Annotationen von Goethe sich besonders anzuschauen oder die Entwicklung des Charakters anhand eines Zeitstrahls auch zu visualisieren, also viel mit dem Computer zu arbeiten, viel mit Listen zu arbeiten, mit logischen Verknüpfungen zu arbeiten, die es ja bei Goethe reichlich gibt. Also die Sprache systematisch, wie ein Philologe es eben auch macht, zu analysieren.

Oder in einer anderen Klasse, die vielleicht eher haptisch orientiert ist, also sich einfach an visuellen Bildern berauscht, ist es natürlich dann ganz empfehlenswert, gleich ins Theater zu gehen, wo die Theater sowieso heutzutage die sind, die die Stoffe noch mal für die heutige Jugend auch interessant und spannend präsentieren.

Das schönste Mädchen der Welt, Tobis Film 2018, IMDbMeine Rede seit Jahren: Der Faust ist berühmt und, nun ja, eben „klassisch“ aus mancherlei Gründen, aber bestimmt nicht wegen seiner dramaturgisch durchoptimierten, todspannenden Handlung mit wunder wie überraschenden Wendungen, vom Ende ganz zu schweigen: Die Expertendiskussion, ob jetzt eigentlich Gott oder der Teufel (oder Faust? oder gar Gretchen?) gewonnen hat, hält an.

Die bis auf weiteres gern kolportierte Tatsache, dass die Soldaten des Ersten Weltkriegs allesamt „mit dem Faust im Tornister“ ins Feld gezogen seien, den sie selbstverständlich bis dahin in der Kneipe gern mit verteilten Rollen gelesen hatten, ist keine „aus heutiger Sicht befremdliche Überzeugung“ — was ich langsam wirklich mal aus Wikipedia herauseditieren muss — hängt eben nur nicht mit dem Bildungshunger faustischer Existenzen zusammen, falls es im Schützengraben mal allzu langweilig hergehen sollte, sondern damit, dass der Kaiser auf Staatskosten die Reclamheftchen austeilen ließ. Das einzig Befremdliche daran ist, dass derselbe Kaiser für seinen Krieg tatsächlich die Schulbuben rekrutierte, die keinen Tornister, sondern einen Schulranzen tragen sollten.

Dann doch lieber nach Frau Dr. Kennedys Empfehlung die Entwicklung von Charakteren anhand eines Zeitstrahls visualisieren, wie immer das gehen soll. Um den Faust zu wertschätzen oder — was zulässig wäre — zu gegenteiligen Resultaten zu gelangen, bleibt also, wieder nach Dr. Kennedy, die Sprache dem Philologen gleich systematisch zu analysieren. Das gibt auch wirklich einiges her: The Metrum is the Message; das war einer meiner hiesigen Einträge mit dem höchsten Aufwand, von dessen Erkenntnissen ich bis heute persönlich zehre. Da kann es gut sein, dass ein Schüler, der nicht aus freien Stücken auf dergleichen verfallen wird, unter Anleitung was fürs Leben mitnimmt.

Die ebenfalls empfohlenen „Annotationen von Goethe“ finden sich übrigens in Buchform am besten in der aktualisierten Frankfurter Ausgabe als Taschenbuch oder in der Reclam-Studienausgabe; die historisch-kritische Faust-Edition ist zur Stund noch in der Beta-Phase, kommt aber noch.

In diesem Sinne noch die angenehm aufrichtige Moderatorenfrage vom Schluss des angeführten Interviews:

Kassel: Wir haben eigentlich keine Zeit mehr, aber ich kann es nicht lassen: Glauben Sie, wer Goethes „Faust“ versteht, versteht definitiv auch eine moderne Gebrauchsanleitung?

Kennedy: Ja, das ist möglich, wenn diejenigen, die diese Gebrauchsanleitung schreiben, daran denken, dass Menschen geführt werden wollen und eben auch das Fremde erklärt haben wollen. Und das Fremde nicht verklausulieren oder nur ansatzweise beschreiben.

Wichtig wäre mir eben, dass man da auch digital und analog immer nebenher hat. Mir geht es ja so, als promovierte Literaturwissenschaftlerin bin ich teilweise nicht in der Lage, die Gebrauchsanweisung meiner Aufnahmegeräte zu verstehen oder meines Autos — also eine Gebrauchsanweisung, wenn die eben nur digital verfügbar ist, ich aber im Auto ganz konkret, ganz analog auf der Straße stehe und gerade jetzt ein Problem habe, dann erwarte ich eigentlich, dass ich noch den gedruckten Text möglichst bebildert auch vor Augen habe.

Kassel: Das war, glaube ich jetzt ein schönes Beispiel für das Phänomen „Dumme Frage, kluge Antwort“. Frau Kennedy, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Kennedy: Ja, Danke auch, Herr Kassel, auf Wiederhören!

Kassel: Wiederhören. Beate Kennedy war das, Lehrerin und Literaturwissenschaftlerin, über Sinn und Unsinn von Vereinfachung und von Klassikern an der Schule.

Das schönste Mädchen der Welt, Tobis Film 2018, IMDb

Das schönste Mädchen der Welt: via IMDb, 2018.

Soundtrack — nämlich zu Das schönste Mädchen der Welt:
LEA & Cyril: Immer wenn wir uns sehn, aus: Zwischen meinen Zeilen, 2018:

Und weil das, wie fühlende Menschen bemerken werden, nicht mitanzuhören ist,
noch was wirklich Schönes als Bonus Track:
Miley Cyrus: Wildflowers von Tom Petty, aus: Wildflowers, 1994:

Written by Wolf

14. September 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Flucht aus der gebornen Ruine

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Update zu Über den Kirchplatz mit Lancelot: Die namenlosen Religionen zu Coburg
und Wunder im Gehirn. Vier Bier und ein Buch de cerevisiis:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Verschollene Bücher gibt’s fast so viele wie Bücher, die überhaupt nicht geschrieben wurden. Dergleichen zu rekonstruieren, bleibt naturgemäß meistens Spekulation. Wie ich das überblicke, sammeln Englischsprachige viel fleißiger ihre Bücher, die es gar nicht gibt; jedenfalls ist die Wikipedia-Liste mit Lost works ein Vielfaches länger als die mit verschollenen Büchern. Im Idealfall läuft es wie bei Isle of the Cross von Herman Melville, das lange vor 2007 schon einmal von von dem engagierten Laien Stephen Scott Norsworthy in seinen Melvilliana als Umarbeitung zu Norfolk Isle and the Chola Widow, der Sketch Eighth aus The Encantadas verortet wurde: A Note on „Isle of the Cross“. Am 28. April 2018 bleibt Allison McNearney mit Bezug auf die Melville-Biographie von Hershel Parker, immerhin schon von 2012, in ihrer Verwunderung stecken, aber das immerhin dem breiten interessierten Publikum des Daily Beast gegenüber: Whatever Happened to the Book Herman Melville Wrote After ‚Moby-Dick‘? Von der Library of the Dreaming aus den Sandman-Comics — „a collection of every book that has ever been imagined–even if that book was never published or even written“, der mein Alter Ego Lucien vorsteht — fangen wir vorsichtshalber an dieser Stelle nicht an, sonst sind wir bis auf weiteres beschäftigt.

Frank Piontek, Literaturportal BayernDas Bewusstsein für verschollene Werke der Deutschsprachigen, die offenbar nicht vermissen, was sie sowieso nicht haben, beschränkt sich meist auf die gleich zwei Brände der Bibliothek von Alexandria, von denen keiner stattgefunden hat, und das halbherzige Bedauern darüber, dass hin und wieder ein umnachteter Schreiberling — wahrscheinlich aus Gründen — seine Tagebücher verbrennt; nur dass Adolf Hitler von seinem Plan zu einer Oper „Dietrich von Bern“ Wagnerianischen Stils, die wohl nicht flächendeckend herbeigeseht wird und in den unteren Schichten von Luciens Beständen im Dreaming schlummern müsste, dann doch noch abgerückt ist, mag rein vom Hitlerschen Zeitbudget her ein Unglück für die ganze Welt bedeuten.

Umso erfreulicher ist es, von einem still vor sich hin glimmenden Gelehrtenstreit darüber zu hören, dass die zwei ersten Bücher von Jean Paul — Die unsichtbare Loge bei Karl Matzdorff, Berlin 1793 und Hesperus oder 54 Hundposttage, wieder bei Karl Matzdorff, Berlin 1795, erweitert 1798, 3. Auflage 1819 — möglicherweise ein und dasselbe Buch sind.

Nun ist Jean Paul die unsichtbare Loge, ein ursprünglich dreibändig geplantes, heute etwa 500-seitiges Fragment, für das er noch bis zur letzten Auflage zu eigenen Lebzeiten 1825 den dritten Band als Abschluss ankündigte, nicht unversehens aus der Schreibtischplatte gewachsen; die notdürftig angeklebte Dreingabe des Schulmeisterlein Wutz zählt nicht. Vielmehr war der seinerzeit Dreißgjährige mit zwei Satirensammlungen Auswahl aus des Teufels Papieren von 1789 und Grönländische Prozesse von 1793 f. schon ein veröffentlichter Autor (und mit der Briefromanschnulze Abelard und Heloise von 1781 ein unveröffentlichter). Die Zählung der unsichtbaren Loge als Erstling hat sich spätestens seit 1959 verfestigt, will sagen: seit der nächst der historisch-kritischen ab 1927 größten und besten realistisch erreichbaren Gesamtausgabe von Norbert Miller und Walter Höllerer bei Hanser, weil die alles vor der unsichtbaren Loge zwar chronologisch, aber erst in einer zweiten Abteilung „Jugendwerke“ ab dem 7. Band bringt. Man kann das als willkürlich bemängeln oder gleich mir im Gebrauch der Zusammenstellungen recht handlich finden.

Gleich mit derselben Hanser-Ausgabe hat Walter Höllerer in seinem Nachwort zu Band 1, der die unsichtbare Loge und den Hesperus versammelt, den Gelehrtenstreit angezettelt. Zitiert wird Norbert Miller (Hrsg.): Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung. Mumien. in: Jean Paul: Sämtliche Werke. Abteilung I. Erster Band, Seite 7–469. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Lizenzausgabe 2000, Copyright Carl Hanser München Wien 1960, 5., korrigierte Auflage 1989, 1359 Seiten, mit einem Nachwort von Walter Höllerer (Seite 1313–1338), darin der Anfang Abschnitt II, Seite 1319:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Den Roman ‚Die unsichtbare Loge‘ bezeichnet Jean Paul 1825 in seiner „Entschuldigung bei den Lesern der sämtlichen Werke in Beziehung auf die unsichtbare Loge“ als eine „geborne Ruine“. In seiner Vorrede zur zweiten Auflage, 1821, versprach Jean Paul noch eine Beendigung des Fragments: Der Titel „soll etwas aussprechen, was sich auf eine verborgene Gesellschaft bezieht, die aber freilich so lange im Verborgenen bleibt, bis ich den dritten oder Schlußband an den Tag oder in die Welt bringe“. — Aus dieser versprochenen Fortsetzung wird nichts, und das das ist verständlich. Jean Paul brach seinen ersten Roman ab, um ihn, mit ähnlichem Vorwurf, aber mit neuen Aufbauplänen, mit schärferen Umrissen für die höfische Welt und die revolutionären Tendenzen und mit verbesserten stilistischen Mitteln noch einmal zu schreiben: in der Gestalt des ‚Hesperus‘! Ob er sich selber über diesen in der Literaturgeschichte einmaligen Vorgang ganz klar war, bleibt dahingestellt. Jedenfalls bewegten ihn Überlegungen in ähnlicher Richtung, als er in einem Begleitbrief zur ersten Niederschrift der ‚Unsichtbaren Loge‘ an Otto schreibt: „Übrigens ist dieses Pak ein corpus vile, an dem ich das Romanenmachen lernte; ich habe jetzt etwas besseres im Kopfe!“

Das geschieht merklich so beiläufig, dass es ein Versehen sein kann, zumal Höllerer mit Absicht wohl nicht ausgerechnet in einer abschließend gemeinten Gesamtausgabe einen Gelehrtenstreit aufgebracht hätte. Die gar nicht genug zu lobende Jean-Paul-Biographie von Günter de Bruyn Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter ist zuerst 1975 erschienen — zu Halle an der Saale, also DDR-Ware. Zumindest in der Überarbeitung für Fischer ab 1991 stützt sich de Bruyn außer auf die historisch-kritische auch auf die Hanser-Ausgabe, kennt also sehr wahrscheinlich Höllerers Nachwort. Falls nicht, kommt er jedenfalls auf die gleiche Idee, um sie höchst einfühlsam auszubreiten — nachstehend zitiert mit dem Eingriff noch einmal abgesetzter Primärzitate:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

——— Günter de Bruyn:

17. Revolution und Schlafmütze

aus: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Eine Biographie,
Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale, 1975,
Fischer Taschenbuch Verlag, 1991, 7. Auflage Dezember 2011, Seite 117 bis 119:

Auch das Fragmentarische des Romans scheint programmatisch. Sechs Romane wird er in seinem Leben schreiben, drei davon werden unvollendet bleiben. Als vom ersten, kurz vor Jean Pauls Tod, eine zweite Auflage gemacht wird, entschuldigt er sich beim Leser für diese „geborene Ruine“ mit Argumenten, die nur jemandem einfallen können, der ganz auf Realismus und Gegenwart eingeschworen ist und dem die Fabeln seiner Romane wenig bedeuten:

Wenn man nun fragt, warum ein Werk nicht vollendet worden, so ist es noch gut, wenn man nun nicht fragt, warum es angefangen. Welches Leben in der Welt sehen wir denn nicht unterbrochen? Und wenn wir uns beklagen, daß ein unvollendet gebliebener Roman uns gar nicht berichtet, was aus Kunzens zweiter Liebschaft und Elsens Verzweiflung darüber geworden, und wie sich Hans aus den Klauen des Landrichters und Faust aus den Klauen des Mephistopheles gerettet hat — so tröste man sich damit, daß der Mensch rundherum in seiner Gegenwart nichts sieht als Knoten, — und erst hinter seinem Grabe liegen die Auflösungen; — und die Weltgeschichte ist ihm ein unvollendeter Roman.

Nun sind bekanntlich Literatutheorien von Literaten meist nichts als Versuche, das, was man kann, als das auszugeben, was man will, und insofern vom Biographen zwar ernst, aber nicht als Wahrheit zu nehmen, was für die „Unsichtbare Loge“ bedeutet: Sie bleibt nicht unvollendet, weil Leben und Weltgeschichte es bleiben, sondern weil der Autor aus seinem ersten Roman in den zweiten, ähnlichen, flieht. Vielleicht kann er die Unzahl der Fäden, an die er die Lebensgeschichte seines Helden knüpfte, selbst nicht mehr entwirren, vielleicht erkennt er, daß die geplante Weiterführung seine Kräfte übersteigt. Gustav, der Hauptheld, sitzt im Gefängnis; er ist der Mitgliedschaft in der geheimnisvollen Loge angeklagt, von der der Leser nicht viel weiß. Durch die Welt, die Jean Paul kennt (die des kleinformatigen Fürstentums) und ein wenig darüber hinaus (die des Hofes), hat er den Leser geführt; die Erlebnisse, die er hatte (Freundschaft, die mit Tod endet, Liebe, Eifersucht, Unterdrückung, Unrecht, Naturschwärmerei), hat er ihn nacherleben lassen — jetzt merkt der Autor, wie er es besser machen kann. Statt eines schlechten Schlusses gibt er keinen, aber er gibt nicht auf: Er beginnt von vorn, versucht es noch einmal.

Im Februar 1792 schickt er, aus Schwarzenbach, dem Freund Christian Otto in Hof das Manuskript:

Endlich ist nach einem Jahr die konvulsivische Geburtszeit meines Romans vorbei … Wie ein Vieh hab ich dies Woche geschrieben — der Appetit ist längst fort, — je näher man dem Ende kömmt, desto krampfhafter schreibt man.

Kein Wort darüber, daß das Ende keins ist, daß Gustav ewig im Gefängnis schmachten muß. Statt dessen, im gleichen Brief, die Bemerkung, daß er an diesem Buch

das Romanmachen lernte: ich habe jetzt etwas bessers im Kopfe.

Den „Hesperus“ nämlich, der einen Schluß haben wird, wenn auch einen wie in Hast hingeschriebenen.

Aber da hat er schon zum drittenmal ausgeholt, noch weiter, noch größer und großartiger, zum „Titan„, und diesmal gelingt es.

Das Beste an diesem Erkenntnisgewinn ist die beruhigende Einsicht, dass man sich fortan nicht weiter zu genieren braucht, wenn man sich im Gang der Handlung der unsichtbaren Loge verheddert, um erst ganze Stunden lang immer wieder nur den einen Absatz zu lesen, ohne ein Wort zu verstehen, und dann gedemütigt das Buch „zu den anderen“ zu legen: Wenn selbst der eine, der es geschrieben hat, noch nach mehreren hundert Seiten entsetzt vor all der Wirrsal flieht, kann das keine Schande sein.

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Bilder: Stechbahn und Zimmerstraße in Berlin via Frank Piontek: Letzter Anhang. Schluss des Schlusses: Matzdorff oder Der Verleger, Literaturportal Bayern, 22. Dezember 2004;
Buch & Bier via derselbe: Heimstätten. Joditziana IV, Literaturportal Bayern, 26. Juni 2013.

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Soundtrack sei am Ende einer nicht mehr als zweigliedrigen Assoziationskette das Video, das zweimal gedreht werden musste: einmal 1998 von Anton Corbijn, einmal 1999 von James & Alex — das eine Mal nichtssagender als das andere, aber das Lied selbst muss ein Engel versprüht haben; deshalb hier mit dem dritten und inoffiziellen, aber einzigen Video, das etwas taugt: einer Fan-Arbeit, 2009 von Harriet Bennett im Stil von Watership Down:
Mercury Rev: Goddess on a Hiway aus: Deserter’s Songs, 1998:

Written by Wolf

1. Juni 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind

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Update zu Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen):

Das letzte Wunderblatt ist ja auch schon gleich ein Jahr her (Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland), das letzte, für das die Kategorie überhaupt eingerichtet wurde (Wunderblatt 6: Die Reimer und die Dichter), vom November 2014; so weit kann gar kein Mensch im Kopf zurückrechnen.

Das hat den kühlen Grund, dass mir das einst zugerüstete Wunderblatt samt dem zugesellten Brutblatt mit einer Zielstrebigkeit eingegangen ist, die an Trotz grenzt, und wenn mir schon das madegassische Wüstenunkraut unter den Fingern verreckt, trau ich mich nicht mehr.

Kalanchoen, 28. April 2018

——— Hendrik Hölzemann:

Nichts bereuen

2002. Film-Drehbuch nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin Quabeck,
Regie: derselbe, Traumsequenz gesprochen von Sebastian Rüger:

Jaja, wir haben’s alle nicht leicht. Den ganzen Tag bist du nur von Abschaum umgeben. Es ist jeden Tag die gleiche Leier: Keiner ist es gewesen, keiner hat es gewollt, und wer ist schuld? Die Eltern, die anderen, der eisige Westwind. Und du bist also am Arsch, ja? Ich sag dir was, Junge: Die ganze Welt besteht nur noch aus Umfallern.

Kalanchoen, 28. April 2018Mythologisch heißt der Westwind Zephyr und steht für frühlingshaft feuchtes, den Saaten zuträgliches Wetter. Das Zitat aus NIchts bereuen wäre demnach mehr der Coolness denn der Mythologie verpflichtet, weil eher der Nordwind Boreas der Eisige von den Brüdern ist — was für so eine surreale Alptraumsequenz in Ordnung geht. In der orientalischen Poesie tritt der Westwind, im Falle des Divan nicht unerheblich, als Liebesbote auf.

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich herumgesprochen, dass Goethe weite Teile seines West-östlichen Divan, der ohnehin nie zu seinen Bestsellern zählte, von Marianne von Willemer übernommen hat. Mit dieser schönen Müllerin des Jahrgangs 1784 — das sind 35 Jahre jünger als Herr Geheimrat — verband ihn eine Brieffreundschaft, die nach einem gemeinsam verbrachten Sommer ihre erotische Komponente nicht mehr ganz abschütteln konnte. Der Briefwechsel umfasst auch eine Art Poesie-Ping-Pong, dessen Dialogspiele dem Dichterfürsten vor allem für das Buch Suleika im Divan mit eher vorsichtigen Retuschen recht zupass kamen.

1815 waren noch nicht die Kalanchoen pinnata und daigremontiana die Goethepflanzen, vielmehr verglich Goethe seine Person noch mit dem Ginkgo biloba, siehe sein Gedicht Gingo biloba — am 15. September 1815 eben an Marianne von Willemer gerichtet, von der er nach der Sommerfrische noch kaum getrennt war:

Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?

Die lyrischen Spielzüge fielen sehr dicht in diesem September 1815: Mariannes Gedicht an den Ostwind, schon von 23. September, war nicht die erste direkte Antwort darauf, und am 25. d. M. schrieb sie schon ihr Gedicht an den Westwind in erster Fassung.

Das direkte Vorbild dafür war der Vierzeiler Vierzeiler von Hafis, an dessen erste deutsche Übersetzung (Joseph von Hammer, 1813) sie heranzuführen Goethe den Sommer lang sicher ausreichend Zeit gefunden hatte:

Ostwind sag‘, ich bitte dich, ihm ganz heimlich die Kunde
Hundertfache Zung‘ spreche den Herzensbrand aus,
Sprich es nicht traurig, um ihn nicht auch zur Trauer zu stimmen,
Sage zwar das Wort, aber du sag’s mit Bedacht.

Kalanchoen, 28. April 2018Und das ist jetzt interessant, wie ein altarabischer Vierzeiler unter Mariannens Händen zu fünf Schenkenstrophen heranwächst, ohne dass man auf Anhieb zu sagen wüsste, wo genau der Zuwachs an Beduetung liegt — was gar nicht gegen Frau von Willemer spricht, allenfalls für Hafis — abgesehen allein davon, dass sie Hafis‘ Original, das den Ostwind anspricht, an den Westwind umgewidmet hat, wahrscheinlich weil bei ihr der Ostwind ja erst vorgestern dran war.

So historisch jung die Begriffe des Urheber- und Autorenrechts sind, hätte Goethe bei der zielgerichteten Unverfrorenheit, mit der er eine verheiratete Frau unter den Augen ihres Ehemannes und des Neben-Hausfreundes als liebende Suleika gegenüber seiner eigenen Rolle als schmachtender Liebhaber verhaftete, wenigstens als Mitautorin benennen müssen — nicht als Frage eines wie auch immer aufgefassten Anstands, sondern der Pflicht, weil es nicht mehr um eine „Volksliedbearbeitung“ geht wie beim Heideröslein, das er dankbar seinem Freund Herder abgenommen hatte.

Umso mehr, als man nicht damit allein steht, wenn man Goethes Endfassung gelungen finden will: Der treue Eckermann meint 1824 in Beyträge zur Poesie, mit besonderer Hinweisung auf Goethe, Seite 278 f.:

Ist der Geist eines Gedichts frisch wie die anwehende Morgenluft, so ist es auch der Klang der Sprache:

Einer sitzt auch wohl gestängelt
Auf den Ästen der Zypresse,
Wo der laue Wind ihn gängelt
Bis zu Thaues luft’ger Nässe.

Solche Musterstellen geben uns eine Idee, wie der Character des Geistes bis auf Wort und Klang ausgeprägt werden müsse. Aber so etwas muß sich wie von selbst machen, die Leichtigkeit und Natur der Verse muß nicht darunter leiden, das Streben nach solcher Vollkommenheit muß nicht in Künsteley ausarten; vielmehr muß auch hier die Kusnt so erscheinen, daß sie kaum als Kunst bemerkt werde.

Auch bey Goethen finden wir solche Stellen nur selten, er scheint nie danach gestrebt zu haben.

In folgendem schönen Gedicht finden wir den milden Character durch und durch in Bewegung und Worten: […]

Kalanchoen, 28. April 2018Woraufhin Eckermann „Ach! um deine feuchten Schwingen“ Suleika anführt — also das Gedicht der Willemer mit den zarten Retuschen für den Divan: Eckermann, der Goethes Leben und Werk so unmittelbar und tiefgehend kannte wie sonst niemand, hielt diesen milden Character für eine genuine Goethe-Schöpfung. Der Meister selbst kannte die Beyträge zur Poesie von 1824 schon 1823 im Manuskript. Seine Entschuldigung an Frau Willemer lautete — unter der schon wieder genügend unverfrorenen Überschrift Auf ein in Liebe und Dichtung wetteiferndes Paar am 18. Oktober 1823:

Myrt‘ und Lorbeer hatten sich verbunden;
Mögen sie vielleicht getrennt erscheinen,
Wollen sie, gedenkend sel’ger Stunden,
Hoffnungsvoll sich abermals vereinen.

Sein Unrechtsbewusstsein scheint ein zu vernachlässigendes. Brieflich setzt er am 9. Mai 1824 sogar noch einen drauf:

Als ich des guten Eckermanns Büchlein aufschlug, fiel mir S. 279 zuerst in die Augen; wie oft hab ich nicht das Lied singen hören, wie oft dessen Lob vernommen und in der Stille mir lächelnd angeeignet, was denn auch wohl im schönsten Sinne mein eigen genannt werden durfte.

Lassen wir also mit unserem heutigen Wissen die Leistung für das schöne Stück, vor denen der West-östliche Divan, mit Verlaub, nicht gerade überquillt, bei Marianne von Willemer. Was Goethe hinzugefügt hat, ist in der Summe ein verschwindendes Maß: Als tiefsten Eingriff geht es um die Überschrift „Suleika“ — die gleiche wie für die meisten Rollengedichte innerhalb des Suleika Nameh auch.

——— Marianne von Willemer:

Westwind

26. September 1815:

Ach, um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide,
Denn du kannst ihm Kunde bringen,
Was ich in der Trennung leide.

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bei deinem Hauch in Thränen.

Doch dein mildes, sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt ich vergehen,
Hofft ich nicht zu sehn ihn wieder.

Gehe denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen,
Doch vermeid, ihn zu betrüben
Und verschweig ihm meine Schmerzen.

Sag ihm nur, doch sags bescheiden,
Seine Liebe sei mein Leben,
Freudiges Gefühl von beiden
Wird mir seine Nähe geben.

——— Goethe:

Suleika

aus: West-östlicher Divan, ab 1819, Seite 166:

Ach! um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide:
Denn du kannst ihm Kunde bringen
Was ich in der Trennung leide.

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bey deinem Hauch in Thränen.

Doch dein mildes sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt‘ ich vergehen,
Hofft‘ ich nicht zu sehn ihn wieder.

Eile denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen;
Doch vermeid‘ ihn zu betrüben
Und verbirg ihm meine Schmerzen.

Sag‘ ihm, aber sag’s bescheiden:
Seine Liebe sey mein Leben,
Freudiges Gefühl von beyden
Wird mir seine Nähe geben.

Das Bildmaterial dokumentiert meinen zweiten Versuch der Kalanchoenzucht auf dem Stand vom 28. April 2018, bevor mir die Dinger wie 2014 wieder in sich zusammensacken.

Kalanchoen, 28. April 2018

Lied an den Westwind: Claudio Monteverdi: Zefiro torna, 1632,
in der lustigsten Einspielung von F# Portraits, 2013:

Written by Wolf

18. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)

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Update zu Leise retardierende, ungläubig fragende Zurücknahme der Meldung
und Nun könnte ich nach Hause gehen: Hoffmanns Bamberger Wirklichkeit
und verschollene Klaviersonaten
:

——— Goethe:

Lesebuch

aus: Uschk Nameh — Buch der Liebe, West-östlicher Divan, 1819 ff.:

Seite aus Beethovens Handexemplar von Goethes West-östlichem Divan mit eigenhändigen AnstreichungenWunderlichstes Buch der Bücher
Ist das Buch der Liebe;
Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen:
Wenig Blätter Freuden,
Ganze Hefte Leiden,
Einen Abschnitt macht die Trennung.
Wiedersehn! ein klein Capitel
Fragmentarisch. Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos, ohne Maß.
O! Nisami! – doch am Ende
Hast den rechten Weg gefunden;
Unauflösliches wer löst es?
Liebende sich wieder findend.

Gustav Seibt, der bei der Süddeutschen Zeitung für den angestaubten Goethekram zuständig ist und dessen Schaffen als Historiker, Literaturkritiker, Essayist und Journalist quasi ein einziges Habe-nun-Ach darstellt, hatte unlängst, am 10. März, Geburtstag, wie man in Facebook, dem sozialen Medium für angestaubte Sozialmediävisten, bemerken konnte, sofern man dort mit ihm „befreundet“ ist.

Als Geschenk erhielt er — wünschen wir ihm, nicht als einziges — eine „Seite aus Beethovens Handexemplar von Goethes West-östlichem Divan mit eigenhändigen Anstreichungen“ und bemerkte dazu am folgenden 11. d. M.:

Interessant, dass Beethoven als Wiener nicht die kostbare Antiqua-Ausgabe verwendet, auf die Goethe so viel Mühe verwandte, sondern den billigen Frakturnachdruck des Hauses Armbruster. Urheberrecht! Die Antiqua-Erstausgabe war noch um 1910 lieferbar – nicht ausverkauft. Wie damals Hofmannsthal bekannt machte, was zum raschen Ausverkauf führte. So viel zu Popularität des späten Goethe.

Das extemporiert der Mann einfach so, als Dankeschön für ein digitales Geburtstagsgeschenk. Wer das kann, ist meiner Bewunderung auf ewig sicher (und darf sich soviel Schokolade davon kaufen, wie er kriegen kann). — Schauen wir für unseren Laiengebrauch einmal die Fakten nach.

Die „kostbare Antiqua-Ausgabe„, auf der Goethes herausgeberische Hand offenbar höchstselbst ruhte, stammt von 1819, dem Jahr, das überall als Ersterscheinung seines Divans angegeben wird, in seinem Stammverlag J. G. Cotta in Stuttgart; der „Frakturnachdruck des Hauses Armbruster“ schon 1820 in Beethovens Wien.

Beethoven wird sich also, seinem „Handexemplar“ nach zu schließen, ab 1820 mehr oder weniger eingehend mit dem Divan beschäftigt haben. Die heute wohl wertsteigernde „eigenhändige Anstreichung“ besteht aus nonverbalen Satzzeichen und liest sich wie ein einziges modernes „WTF„. Genau hingelesen, kann man wohl jeden gut verstehen, der sich von solchem Gewölk nur die Billigausgabe leisten will, und dem sich nicht ohne weiteres erschließen mag, wieso ausgerechnet sich wiederfindende Liebende unauflösliche Dinge lösen können sollten.

Was Beethovens Biographie anbelangt, ist 1820 zuallererst das Jahr, in dem er die Missa solemnis über seinen drei letzten Klaviersonaten opera 109, 110 und 111 verschleppte. Im weiteren Verlauf hat er sich offenbar lieber nicht auf Goethes, sondern Schillers Seite geschlagen, den er 1824 in seiner neunten und letzten Symphonie geradezu als posthumen Mitarbeiter heranzog.

Die Schauspielmusik zu Egmont war schon opus 84 von 1809, das einzige persönliche Treffen 1812, Meeresstille und glückliche Fahrt, opus 112 von 1815 und diverse Goethe-Lieder, die seinerzeit zum guten Ton der meisten Komponisten gehörten, größtenteils noch vorher: Maigesang opus 52,4; Marmotte opus 52,7; Erlkönig WoO 131; Sehnsucht (Mignons Lied, vier Vertonungen) WoO 134 als opus 83,2; Kennst du das Land opus 75,1; Neue Liebe, neues Leben (zwei Fassungen) opus 75,2; Aus Goethes Faust (Flohlied) opus 75,3; Wonne der Wehmut (zwei Fassungen) opus 83,1; Mit einem gemalten Band opus 83,3; Freudvoll und leidvoll opus 84,4; Bundeslied opus 122 und als einziges erst von 1825.

Eustache Le Sueur, Allégorie de la poésie, ca. 1640--1642Als Hugo von Hofmannsthals „Bekanntmachungen“ kommen mindestens zwei Aufsätze in Frage:

  • Über den ‚West-östlichen Diwan‘, in: Neue Freie Presse, Nr. 17721, Wien, Donnerstag, 25. Dezember 1913, Seite 126–127, und
  • Goethes ‚West-östlicher Divan‘, in: Das Inselschiff. Eine Zeitschrift für die Freunde des Insel-Verlages. Zweiter Jahrgang. Sechstes Heft, Insel-Verlag Leipzig, August 1921, Seite 275 bis 280.

Das war alles gegoogelt. Was einem einer wie Gustav Seibt darüber hinaus in Fakten- und Transferwissen entwickeln könnte, ist überhaupt nicht zu ermessen. Wie Goethe in seinem Uschk Nameh beschreibt, was ja in all dem Gewölk schon wieder schön klingt:

Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos, ohne Maß.

Bilder: Elias Torra via Facebook, 10. März 2018;
Eustache Le Sueur: Allégorie de la poésie, ca. 1640–1642, via Books and Art:

The painting was found to have hung at the celebrated Hôtel Lambert in the 18th century, and was likely commissioned directly from Le Sueur by the Lambert family to decorate their residence.

Soundtrack: Dietrich Fischer-Dieskau & Jörg Demus: Beethoven: Aus Goethes Faust, opus 75, 1810:

Bonus Track (WTF??!!!): 2Cellos: Whole Lotta Love vs. Beethoven 5th Symphony, 2016:

Written by Wolf

6. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Nachtstück 0014: Nun kommt der Frühling (Daß ich weine!)

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Update zu Zwetschgenzeit (Du bist gemeint),
Grabesdunstwitterlich,
Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg
und Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht!
O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!
:

Helmut Sembdner, der nachzuweisen versucht hat, daß Kleist der Autor dieses Scherzrätsels ist, hat das Gedicht in seinem Aufsatz „Neuentdeckte Schriften Heinrich von Kleists“ als „anspruchslosen Lückenbüßer“ bezeichnet und dieses Verdikt auch im Stellenkommentar seiner Ausgabe wiederholt, wo es nun wirklich nichts verloren hat.

Walter Hettche: Die journalistische Funktion der Gedichte
in Kleists „Berliner Abendblättern“
, 26. Oktober 2011.

——— Heinrich von Kleist:

Kleine Gelegenheitsgedichte

aus: Phöbus, September/Oktober 1808:

Jünglingsklage

Winter, so weichst du,
Lieblicher Greis,
Der die Gefühle
Ruhigt zu Eis.
Nun unter Frühlings
Üppigem Hauch
Schmelzen die Ströme –
Busen, du auch!

Mädchenrätsel

Träumt er zur Erde, wen
Sagt mir, wen meint er?
Schwillt ihm die Träne, was,
Götter, was weint er?
Bebt er, ihr Schwestern, was,
Redet, erschrickt ihn?
Jauchzt er, o Himmel, was
Ists, was beglückt ihn?

Katharina von Frankreich

(als der schwarze Prinz
um sie warb)

Man sollt ihm Maine und Anjou
Übergeben.
Was weiß ich, was er alles
Mocht erstreben.
Und jetzt begehrt er nichts mehr,
Als die eine –
Ihr Menschen, eine Brust her,
Daß ich weine!

Alex & Erwan in La fille renne, Intimity, Proximity, Januar, 12. März 2015

Floris Neusüss, Schrankpaar, 1959

Noir Division, Va-t'en, 6. April 2017

Jünglingsklage

1808, nach verschollener Handschrift
in: Wilhelm Neumann (Hrsg.): Die Musen. Norddeutsche Zeitschrift, 1814, ohne Überschrift:

Zero Focus, Self Portrait. 44 Irving St. Cambridge, Massachusetts, 1971Winter so weichst du,
Pfleger der Welt
Der die Gefühle
Ruhig erhält.
Nun kommt der Frühling,
Thymianhauch,
Nachtigallnlauben,
Wehmut, du auch!

Bilder:

  1. Alex & Erwan in: La fille renne: Intimity/Proximity, Januar/12. März 2015:

    This new photographic project plays with different variations of intimity and proximity. The intimity of someone alone or his intimacy with another people, the proximity between two people or with the photographer, which is like a intrusion. The intimity is warped by the presence of the photographer, but it’s the game.

  2. Floris Neusüss: Schrankpaar, 1959;
  3. Noir Division: Va-t’en, 6. April 2017;
  4. Susan Meiselas: Self Portrait. 44 Irving St. Cambridge, Massachusetts, 1971,
    via Zero Focus, 21. Januar 2018.

Soundtrack: Elastica: Stutter, 1993, aus: Elastica, 1995:

Written by Wolf

1. April 2018 at 00:01

Wunder im Gehirn. Vier Bier und ein Buch de cerevisiis

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Update zu Das Beste sind die Kartoffeln und
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

Das Elend mit der Hanserschen Jean-Paul-Gesamtausgabe von Norbert Miller mit den Kommentaren von Walter Höllerer ist ja, dass die Herren die Nahrungsmittel nicht erklären. Nun war es am 21. März auch schon wieder fünf Jahre her, dass Jean Paul 250 Jahre alt wurde. Der Mann ist also jetzt 255 und kann gewiss einige Hilfe gebrauchen, auch beim Feiern. Selber werd ich bald zarte 50 und vertrag schon nix mehr.

——— Jean Paul:

Die unsichtbare Loge.
Eine Lebensbeschreibung.
Mumien

Karl Matzdorffs Buchhandlung, Berlin 1793,
aus: Zweiter Sektor oder Ausschnitt: Ahnen-Preiskurant des Ahnen-Grossierers – der Beschäler und Adelbrief:

Darauf fußte der Urgroßvater, der ihm sein Adeldiplom abzufluchen und abzubetteln suchte, um es für sein eignes auszugeben: „Denn wer Teufel weiß es,“ sagte er, „dir hilft es nichts, und ich heft‘ es an meines.“ Ja der Ahnen-Kompilator, der Urgroßvater, wollte christlich handeln und bot dem Roß- und Ahnentäuscher für den Brief einen unnatürlich schönen Beschäler an, einen solchen Großsultan und Ehevogt eines benachbarten Roß-Harems, wie man noch wenige gesehen. Aber der Stammhalter drehte langsam den Kopf hin und her und sagte kalt „ich mag nicht“ und trank Zerbster Flaschenbier. Da er ein paar Gläser von Quedlinburger Gose bloß versucht hatte, fing er schon an, über das Ansinnen zu fluchen und zu wettern; was schon etwas versprach. Da er etwas Königslutterischen Duckstein, denk‘ ich, daraufgesetzt hatte (denn Falkenberg hatte einen ganzen Meibomium de cerevisiis, nämlich seine Biere, auf dem Lager): so ging er gar mit einigen Gründen seines Abschlagens hervor, und die Hoffnung wuchs sehr.

Als er endlich den Breslauer Scheps im Glase oder in seinem Kopfe so schön milchen fand: so befahl er, das Luder von einem elenden Beschäler in den Hof zu führen – – und da er ihn etwa zwei- oder dreimal mochte haben springen sehen: so gab er dem Urgroßvater die Hand und zugleich die 128 Ahnen darin.

Auf so engem Raum so viel zu trinken. Man merkt, dass Jean Paul fränkische Kneipen gewohnt war, und sein bevorzugtes „bitteres, braunes [Bayreuther] Bier“ (brieflich) ist noch nicht einmal dabei (historisch möglich wäre Becher-Bräu). Für die tiefreichende Tradition des Brauereigewerbes spricht, dass so zufällig wie beiläufig erwähnte Biersorten in einer fiktiven Biographie aus dem 18. Jahrhundert noch anno 2018 florieren.

  1. Zerbster Flaschenbier:

    ——— Alt-Zerbst: Das Zerbster Bier:

    Den Hunger stillt die Brägenwurst;
    Das Bitterbier, es löscht den Durst.

    In den Zerbster Bitterbierstuben, welche meist Fleischerei und Gastwirtschaft miteinander vereinten, konnte man einem nur schwer wiederstehen:

    die nach Zwiebeln riechende köstliche und ziemlich fette Zerbster Brägenwurst!

    Das Zerbster Bitterbier war wohl der bekannteste Exportschlager seit dem Mittelalter den Zerbst zu bieten hatte.

    Bereits 1375 hatten sich schon die Brauer zu einer Innung zusammen geschlossen.

    Der letzte bekannte Brauort des beliebten Bieres war die Ratsbrauerei (später Friedrichs) auf der Schleibank.

    Zerbster Scherzfrage

    Nenne ein ehemaliges Zerbster Erzeugnis, in dem jeder in dem Wort enthaltene Buchstabe zweimal vertreten ist???

    „Bitterbier“

    Prosit aus Zerbst

    ~~~\~~~~~~~/~~~

  2. Quedlinburger Gose:

    ——— Gose: Geschichte der Gose:

    Unbestätigten Überlieferungen zufolge soll der römisch-deutsche König und spätere Kaiser Otto III. bereits um das Jahr 1000 ein Liebhaber der Gose gewesen sein, die er bei Besuchen seiner Schwester Adelheid im Stift Quedlinburg trank.

    ~~~\~~~~~~~/~~~

  3. Königslutterisches Duckstein:

    Duckstein Bier Beschreibung 1723Duckstein Bier ist mir persönlich bekannt, weil das die Donaldisten gern auf ihren Zusammenkünften — Kongresse, Zwischenzeremonien, Mairennen und, wenn’s geht, den Stammtischen — verwenden. Natürlich wegen des Namens, aber der Stoff ist auch sonst uneingeschränkt zu empfehlen. Er schmeckt, sagen wir, diamanten. Glauben Sie mir, die Jungs — es sind eher wenige Mädels — verstehen zu leben. Auf der Bierseite erfahren wir von den Brauern und Mälzern selbst:

    ——— Duckstein Bier: Markenwelt. Tradition:

    Die Geschichte von Duckstein beginnt in der Domstadt Königslutter am Elm. Das hier gebraute Bier wurde zunächst „Luttersches Bier“ genannt, aber nach und nach setzte sich der Name „Duckstein“ durch, der sich von „Tuffstein“ ableitet, der mächtigen Kalksinterschicht, auf der die Stadt erbaut ist.

    Urkundliche Erwähnung fand Duckstein erstmalig in einem Gildebrief aus dem Jahre 1640. Innerhalb kürzester Zeit schaffte es die Bierspezialität in die besten Kreise: 1713 galt es als das Lieblingsbier des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. und fand im berühmten Tabakkollegium zahlreiche Liebhaber.

    Bald darauf erfreute sich das rotblonde Bier auch überregional immer größerer Beliebtheit. Kein Wunder! Denn früher wie heute wird ein Duckstein nur mit erlesenen Zutaten gebraut und besitzt einen unvergleichbaren Geschmack.

    ——— Duckstein (Bier): Geschichte des Duckstein-Biers:

    Duckstein-Bier wurde seit dem 17. Jahrhundert in Königslutter am Elm von bis zu 73 berechtigten Brauhäusern in der Stadt als obergäriges Weizenbier gebraut. Das Bier war von gelblicher Farbe, schmeckte süßlich und soll gegen vielerlei Krankheiten gut gewesen sein. Zutaten waren Weizen, etwas Hopfen und das Wasser des Baches Lutter, der mitten durch Königslutter fließt. Das harte Wasser der naheliegenden Lutter-Quelle am Elm eignete sich zum Brauen dieses Bieres besonders wegen seines hohen Mineralstoffgehaltes (Calcium- und Hydrogencarbonat). Der Bach entspringt dem größtenteils aus Kalkgestein aufgebauten Höhenzug Elm und schied im Bachbett in jüngeren geologischen Zeiten Kalktuff (Travertin) ab. Das gesteinsähnliche Material wird auch als „Duckstein“ bezeichnet und gab der Biermarke den Namen. […]

    Das heute unter der Marke Duckstein angebotene Bier wird nicht mehr in Königslutter gebraut.

    ~~~\~~~~~~~/~~~

  4. Breslauer Scheps:

    ———- Kölner Bierhistoriker e. V.:
    … auf den Spuren (fast) vergessener Bierrezepturen und Brautraditionen …:

    Breslauer Scheps

    Einleitung

    Das Breslauer (weiße) „Scheps“ oder vielfach auch „Schöps“ geschrieben, war vermutlich ein nicht-saurer Weizenbock. Der Name bedeutet vermutlich „kastriertes Hausschaf“, also Hammel, vom slawischen Lehnwort „skopez“ stammend. Es wurde auch „toller Wrangel“ oder lateinisch „Cerevisia Uratislaviensis“ genannt. Von Julius Ludwig Gumbinnen (1846) wird es zu den böhmischen und obersächsischen Bieren gezählt.

    Gedichte

    Scheps steiget ins Gesicht,
    braucht keine Leiter nicht;
    Er sitzet in der Stirn,
    wirkt Wunder im Gehirn.

    Sie brauchen keinen welschen Wein,
    nichts von Bacharach am Rhein,
    Ihren Hals zu netzen,
    auch nichts vom Kretenser Saft,
    Schöps kann schon mit seiner Kraft
    sie genug ergötzen.
    Hier zu Bressel in der Stadt
    dieser Trunk den Ursprung hat.
    Von drei guten Sachen:
    Hopfensamen, Weizengetreid,
    wohl Wasser abgebräut,
    solch Getränke machen.

    Rezepte

    >>> Die Seite wird aktuell überarbeitet <<<

    Literatur

    Annemüller, Gerolf; Manger, Hans J.; Lietz, Peter: Die Berliner Weiße. Ein Stück Berliner Geschichte. 1. Aufl. Berlin: VLB Berlin, 2008

    Gumbinnen, Julius Ludwig: Handbuch der praktischen Bierbrauerei. 2. Band, Stuhr’sche Buchhandlung Berlin, 1846, unveränderter Nachdruck

    ——— Die Breslauer Bier-Legende: Über die Schöps-Biere:

    Was ist über den „Breslauer Schöps“ im Wesentlichen zu sagen?

    Eindeutig belegt sind zwei obergärige Varianten.

    Das ist einmal der „Schwarze Schöps“, welcher den sogenannte „Ur-Schöps“ darstellt, also die Variante die zuerst gebraut wurde und die auch für die Namensgebung verantwortlich ist.

    In allen Beschreibungen und Überlieferungen wird deutlich, daß es sich hierbei um ein dunkles, starkes, sowie nahrhaftes und sehr süffiges Weizenbier handelte, das aufgrund seiner Eigenschaften sehr beliebt war und wegen dieser Tatsachen von den damaligen Ärzten auch gerne als unterstützende Maßnahme beim Heilungsprozess mitverordnet wurde. Schon aus den verschiedenen Beschreibungen ist zu erkennen, daß es wohl vom Stammwürzegehalt höher, dehalb alkoholhaltiger und somit auch restzuckerhaltiger (deswegen süßer) und somit auch süffiger war, als andere Biere. Und süffigere Biere hatten schon immer den Vorteil, daß sie von der Mehrheit des Publikums bevozugt wurden. Deshalb wohl auch der große Erfolg des „Schwarzen Schöps“ über Jahrhunderte hinweg. All dieses und natürlich die Braukunst der Breslauer Brauer haben letztlich zur Erfolgsgeschichte des „Schöps“ beigetragen.

    Später, im 18. Jahrhundert, kam dann auch der „Weiße Schöps“ (ein helles Hefeweizen mit ähnlichen Eigenschaften wie der „Schwarze Schöps“) auf, der alsbald aber dem „Schwarzen Schöps“ den Rang ablief. Das lag wohl an der damaligen Zeit und dem sich damals geänderten Geschmack des Publikums, welches, wie anderswo auch, halt immer mehr zum „Weissbier“ tendierte. Und auch diese helle Schöps-Variante war überaus erfolgreich und wurde von den Breslauer Kretschmern (Hausbrauern) bis ins 19. Jahrhundert hinein gebraut und geschänkt, während sich die normalen Brauereien schon früher vom Schöps lossagten und immer mehr untergäriges Braunbier nach „Münchner Art“ herstellten.

    Und auch dieses wurde noch lange Zeit „Schöps“ genannt, woraus zu schließen ist, daß der Name „Schöps“ irgendwann schlechthin als Synonym für gute Schlesische Biere, insbesondere für solche aus Breslau benutzt wurde.

    Bevor der „Schöps“ aufkam dominierte das „Schweidnitzer Bier“ in Breslau und in Schlesien, wurde aber dann vom „Breslauer Schöps“ verdrängt. Manchmal wird auch vom „Schweidnitzer Schöps“ gesprochen, was aber so nicht richtig ist. In diesem Fall steht „Schöps“ lediglich für „gut und beliebt“. Die Schweidnitzer wollten trotzdem noch einmal an die Hoch-Zeit ihrer Biere anknüpfen und nannten ihr Gebräu zeitweise wohl auch „Schöps“. Weil es aber nie die Qualität und Beliebtheit des „Breslauer Schöps“ erlangte, wurde es von der Bevölkerung spottenderweise nur „Stähr“ (Widder) genannt. […]

    ~~~\~~~~~~~/~~~

Fatal Women, 7. Oktober 2017Soweit war ich, als ich bemerkte, wie viel mehr Spaß es macht, über Bier zu reden, als nach Bildern davon zu suchen: Bier als — siehe oben — traditionsreiche Einrichtung entspringt sozialen und kommunikativen Bedürfnissen. Daher begreift es als seinen Job, von echten Leuten getrunken, nicht abgebildet zu werden. In den Geschichten der echten Leute fortzuleben, scheint ihm in Ordnung. Jean Paul kannte mehr als die vier gerade abgehandelten Biersorten, hat von allen gern erzählt und mehr als einmal seinen Wohnort nach seinen liebsten ausgesucht. Nicht auszudenken, was er von den heute üblichen zu Tode ausgeleuchteten Bildern von Bier gehalten hätte. Ebenso beiläufig wie das Bier erwähnt er das Fachbuch dazu:

Falkenbergs Meibomium de cerevisiis ist Johann Heinrich Meibom (1590 bis 1655): laut Kommentar der Gesamtausgabe von Walter Höllerer: Librum de vino et cerevisiis, posthum erschienen; anderweitig nachweisbar — in Pierer’s Universal-Lexikon und Johann Traugott Leberecht Danz: Versuch einer allgemeinen Geschichte der menschlichen Nahrungsmittel, Band 1 — als: De Cerevisiis poibusque et inebriaminibus extra vinum aliis, Helmstedt 1668.

Ein 125 Jahre altes Buch über Wein und Bier, das noch gilt. Ein lateinisches. Nein, da muss man sich heute auch nicht verschroben dabei vorkommen, einen 255. Geburtstag zu feiern. Falls gerade kein Becher-Bräu zur Hand ist, wäre wohl extrabitteres Pils passend oder alles aus Franken. Damit kann man nichts falsch machen.

Bilder: Das Zerbster Bier; Duckstein Bier; Fatal Women, 7. Oktober 2017.

Soundtrack, weil mir bei der bloßen Erwähnung der Stadt Zerbst unweigerlich Insterburg & Co. einfallen, und von denen ihr unsterbliches Meisterwerk Ich liebte ein Mädchen, aus: Laßt uns unsern Apfelbaum und andere brandneue Ladenhüter, 1970, als Single erst 1974 ein Hit, das ich mal zur Klampfe auswendig hersingen konnte:

Ich liebte ein Mädchen in Meißen,
die tat mir die Hose zerreißen,
ich liebte ein Mädchen im schönen Zerbst,
da hielt die Hose bis zum Herbst.

Wie schön, nach so vielen Jahren mal wieder das Lied aufzusuchen, um zu erfahren, dass es einen Extended Remix von 1995 gibt. In dem Zerbst gar nicht mehr vorkommt. Irgendwas ist ja immer:

Written by Wolf

23. März 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

So singet laut den Pillalu (Och orro orro ollalu)

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Seit Herder einen Begriff von der Volksmusik und kurz darauf Goethe einen Begriff von der Weltliteratur gefunden, erläutert und mit Inhalten gefüllt haben, ist die Freude über neu kennen gelernte Lieder fremder Völker groß. Vielleicht das Dankenswerteste, was Goethe je geleistet hat, aber das diskutieren wir ein andermal.

Eliza H. Trotter, Lady Caroline Lamb, ca. 1811--1814Immerhin trieb die Sammlerfreude den jungen Goethe in Herders Gefolge ins Elsass, den alten dazu, aktuelle Romane zu lesen, die ihm absehbar nicht gefallen konnten. Zum Beispiel: Glenarvon von Lady Caroline Lamb, Viscountess Melbourn, 1816 — der abrechnende Schlüsselroman einer Geliebten über Lord Byron, den Goethe wiederum sehr wohl mochte.

Aber Goethe war auch nicht geradezu von Byron besessen, wurde nicht aufgrund etwelcher Affären mit ihm von seiner Frau verlassen, und er starb auch nicht nach Ausstoß einiger Schauerromane mit 42 Jahren an Suff, multiplem Drogenmissbrauch und Folgebeschwerden der Erotomanie. Vielmehr sah Goethe über diese ganze Verwicklung menschlicher Tragödien und literarischer Ressentiments, von denen er laut den Tag- und Jahresheften von 1817 wusste, großzügig darüber hinweg, dass es in Glenarvon überhaupt Parteien für ihn zu ergreifen gab: Der Roman erschien, weil von weiblicher Hand verfasst, wie üblich anonym, und

sollte uns über manches Liebesabenteuer desselben [Lord Byrons] Aufschlüsse geben; allein das voluminöse Werk war an Interesse seiner Masse nicht gleich, es wiederholte sich in Situationen, besonders in unerträglichen; man mußte ihm einen gewissen Werth zugestehen, den man aber mit mehr Freude bekannt hätte, wenn er uns in zwei mäßigen Bänden wäre dargereicht worden.

Laut allen heutigen Quellen ist Glenarvon nicht in zwei, sondern sogar drei Bänden erschienen, die Goethe nicht zwingend zu Ende gelesen haben muss. Aber es ist gut, wie es ist, denn gleich anfangs des ersten Bandes findet sich ein Keening, das ist: das Klagelied über das verstorbene Kind des Gutsherrn über das lyrische Ich, das hier ein „lyrisches Wir“ ist, das Goethe umgehend in sein Tagebuch übersetzen musste.

Mathias Mayer scheint für seinen Beitrag zur Frankfurter Anthologie: Johann Wolfgang Goethe: „Klaggesang. Irisch“ in der FAZ vom 26. November 2017, wie es nahe liegt und auch von mir empfohlen wird, die richtige Goethe-Ausgabe benutzt zu haben — nämlich die, mit der man am meisten inhaltlischen Spaß hat: die Frankfurter. In derselben kommt Goethes Klaggesang. Irisch gleich zweimal vor: einmal innerhalb der Gedichte, einmal in einem Band, den man meistens nur in größeren Präsenzbibliiotheken erreicht: Hans-Georg Dewitz, Hrsg.: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band 12: Bezüge nach außen. Übersetzungen II. Bearbeitungen, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999. Den will sich privat niemand leisten, die Gedichte in zwei Bänden, hrsg. Karl Eibl schon eher; die gibt’s gerne als Doppelpack für 15 Euro im Modernen Antiquariat und bietet mehr und erhellenderen Kommentar als alle anderen.

Worauf ich hinauswollte: Frankfurter Anthologie wie Frankfurter Augabe — jedenfalls Eibls Gedichtkommentar — merken sachte missbilligend Goethes Umgang mit der Übersetzung von Ortsnamen an — siehe unten die Gegenüberstellung, spezielles Augenmerk auf die sechste Strophe. Aus eigener Übersetzertätigkeit heraus finde ich Goethes Lösung durchaus zulässig: Um einen fremden bis fremdartigen Text möglichst weitreichend deutschen Lesern zu vermitteln, kann es höchst sinnvoll sein, Orte bei ihrer verallgemeinernden Bezeichnung statt bei ihrem Toponym zu nennen.

Wenn ich allerdings selbst die Texte mit ihrem Sekundärmaterial vergleiche, fällt mir viel eher auf: Irisch ist mitnichten Schottisch, auch nicht in ihren alten Vorstufen, trivialer Schauerroman hin oder her. Sind Keltologen anwesend, die Freude daran haben, Old Goethe samt seinen Exegeten bei Unsauberkeiten zu ertappen, und etwas Kluges beisteuern können?

Thomas Philliops, Lady Caroline Lamb, ca. 1813Die Übersetzung als „Klaggesang“ war von Goethe wirklich als Lied im Sinne von musikalischer Aufführung gemeint und wurde auch unmittelbar so eingerichtet: von Carl Friedrich Zelter. Der mit Goethe befreundete Komponist erklärt brieflich am 8. Januar 1819 dazu:

Hier erfolgt denn auch der Pillalu in den ich mich leichter gefunden habe als ich Anfangs dachte, wie Du an der Musik merken wirst. Doch wünschte ich etwas von Dir darüber zu vernehmen, da es eine ganz leichte Melodie ist. Es ist eigentlich ein Todtenmarsch: Harfen, Posaunen und gedämpfte Pauken (großer Art) gehören dazu. Der Refrain wird vom Chore, jung und alt, in Unisono gesungen.

In der zweyten Strophe habe ich, einer Doppelsylbe wegen, eine Veränderung gemacht und in der letzten Zeile der letzten Strophe die Worte umgestellt, des Accentes wegen. Ist es Dir so nicht recht, so laß mich’s wissen und ich richte es ein wie es gehn will.

Man wird sich geeinigt haben; es ist ja schon zurvorkommend von einem Künstler, sich so ausdrücklich nach der Arbeit eines Kollegen in einem anderen Medium richten zu wollen. Noch am 16. Juni 1827 erinnerte sich Zelter an Goethe, wieder brieflich:

Das Altschottisch ist ein prächtiges Stück; dem Metro nach ganz behandlich; der Ton des Ganzen möchte nicht so leicht gefunden seyn. Es ist ganz eigen damit, sogar Deine eigene Handschrift ist mir dabey von Bedeutung. Ein Aehnliches ward mir mit dem Pillalu, der wenn ich nicht ganz irre ganz gelungen ist, indem ich so glücklich war auf diese Art den rechten Trauerton des Todtenmarsches zu finden, dessen Metrum mir im Kopfe umher schritt. Man hat von solcher Arbeit hinterher keinen Begriff und doch, wie wüßte man denn ob’s getroffen ist wenn es kein Bild dafür gäbe? Im Pillalu seh‘ ich den ganzen Zug an mir vorüberschreiten.

Heute ist diese 1819er Zelter-Vertonung leider nur noch theoretisch dokumentiert, praktisch nicht — was auf derzeitigem Stand der Technik heißt: weder in YouTube, Vimeo noch Dailymotion vorhanden. Das ist sehr schade, denn die bildliche Vorstellung einer Gruppe mutiger, für die kunstsinnige Zusammenkunft im Salon zurechtgemachter junger Frauen, die sich im Wohnzimmer neben dem Piano zusammenstellen und im Chor „jung und alt, in Unisono“ und auf Küchenterz mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit „Och orro orro ollalu“ singen, die bildliche Vorstellung, sagte ich, hat Größe.

——— Lady Caroline Lamb:

Glenarvon

in three volumes. Published by Henry Colburn, London 1816, Chapter V., Schluss:

The tenants and peasantry were, according to ancient custom, admitted to sing the song of sorrow over the body of the child: but no hired mourners were required on this occasion; for the hearts of all deeply shared in the affliction of their master’s house, and wept, in bitter woe, the untimely loss of their infant Lord. — It was thus they sung, ever repeating the same monotonous and melancholy strain.

Oh loudly sing the Pillalu,
     And many a tear of sorrow shed;
Och orro, orro, Olalu;
     Mourn, for the master’s child is dead,

At morn, along the eastern sky.
     We marked an owl, with heavy wing;
At eve, we heard the benshees cry;
     And now the song of death we sing;
Och orro, orro, Olalu.

Ah! wherefore, wherefore would ye die;
     Why would ye leave your parents dear:
Why leave your sorrowing kinsmen here,
     Nor listen to your people’s cry!

How will thy mother bear to part
     With one so tender, fair, and sweet!
Thou wast the jewel of her heart,
     The pulse, the life that made it beat.

How sad it is to leave her boy.
     That tender flow’ret all alone:
To see no more his face of joy,
     And soothe no more his infant moan!

But see along the mountain’s side.
     And by the pleasant banks of Larney,
Straight o’er the plains, and woodlands wide,
     By Castle Brae, and Lock Macharney;

See how the sorrowing neighbours throng,
     With haggard looks and faultering breath;
And as they slowly wind along,
     They sing the mournful song of death!

O loudly sing the Pillalu,
     And many a tear of sorrow shed;
Och orro, orro, Olalu!
     Mourn, for the master’s child is dead.

Thus singing, they approached the castle, and thus, amidst cries and lamentations, was Sidney Albert, Marquis of Delaval, borne for ever from its gates, and entombed with his ancestors in the vault of the ancient church, which, for many hundred years, had received beneath its pavement the successive generations of the family of Altamonte. Heart-felt tears, more honourable to the dead than all the grandeur which his rank demanded, were shed over his untimely grave; while a long mourning and entire seclusion from the world, proved that the sorrow thus felt was not momentary, but lasting as the cause which had occasioned it was great.

——— Goethe:

Klaggesang.

Irisch.

entstanden 22. Oktober 1817 im Tagebuch, zitiert nach der Erstveröffentlichung in: Kunst und Alterthum, Band IV, 1823, Seite 108 bis 110:

So singet laut den Pillalu
Zu mancher Thräne Sorg‘ und Noth:
Och orro orro ollalu,
O weh des Herren Kind ist todt!

Zu Morgen, als es tagen wollt‘,
Die Eule kam vorbey geschwingt,
Rohrdommel Abends tönt im Rohr.
Ihr nun die Todtensänge singt:
     Och orro orro ollalu.

Und sterben du? warum, warum,
Verlassen deiner Eltern Lieb‘?
Verwandten Stammes weiten Kreis?
Den Schrey des Volkes hörst du nicht:
     Och orro orro ollalu.

Und scheiden soll die Mutter, wie,
Von ihrem Liebchen schön und süß?
Warst du nicht ihres Herzens Herz,
Der Puls der ihm das Leben gab?
     Och orro orro ollalu.

Den Knaben läßt sie weg von sich,
Der bleibt und wes’t für sich allein,
Das Frohgesicht, sie sieht’s nicht mehr;
Sie saugt nicht mehr den Jugendhauch.

Och orro orro ollalu.

Da sehet hin an Berg und Steg,
Den Uferkreis am reinen See,
Von Waldesecke, Saatenland,
Bis nah heran zu Schloß und Wall
     Och orro orro ollalu.

Die Jammer-Nachbarn dringen her,
Mit hohlem Blick und Athem schwer;
Sie halten an und schlängeln fort
Und singen Tod im Todtenwort
     Och orro orro ollalu.

So singet laut den Pillalu
Und weinet, was ihr weinen wollt!
Och orro orro ollalu,
Des Herren einziger Sohn ist fort.

Special thanks an Hank für sein Tag und Nacht waches Auge.

Eliza H. Trotter, Lady Caroline Lamb, ca. 1811--1814

Bilder: Sir Thomas Lawrence: Portrait of Lady Caroline Lamb, ca. 1805;
Thomas Phillips: Lady Caroline Lamb, ca. 1813,
via Making History Tart & Titillating: Lady Caro Crops Her Hair;
Eliza H. Trotter: Lady Caroline Lamb, ca. 1811–1814, National Portrait Gallery, London.

Soundtrack: Ossian: Oidhche Mhath Leibh, aus: Ossian, 1977:

Written by Wolf

23. Februar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Geburtstagsgewinnspiel (geschlossen): Warum ich?

with 10 comments

Nein, nicht mein Geburtstag. Der von Goethe, der merkt sich leichter: Am kommenden Montag, den 28. August, werden Exzellenz 268.

Der zuständige Buchhandel feiert derart krumme Sachen nicht; wir schon. Nachdem ich ja nie müde werde, den 150.-Todestag-Wälzer Unser Goethe. Ein Lesebuch der nationalheiligen Gaudifachkräfte Eckhard Henscheid und F. W. Bernstein bei Diogenes 1982 zu empfehlen, aber sich noch nie jemand für mich merklich diesen Gegenstand ins Haus geholt hat, verlose ich den jetzt. Und zwar gleich dreimal.

3mal Unser Goethe

Wer eine dieser drei in Jahrzehnten nicht versiegenden (hey: 1158 Seiten!) Quellen der Lebensfreude haben will, schreibt mir bitte in den Kommentar, warum ich ihm — oder natürlich ihr — so eine schenken soll. Wir reden hier von top erhaltenen Hardcovers, ungelesen, ohne Anstreichungen, Eselsohren oder dergleichen, mit sauberen Schutzumschlägen, noch nicht mal auf dem Schnitt als „Preisreduziertes Mängelexemplar“ (gibt’s den Spruch eigentlich als T-Shirt …?) gestempelt und allemal als Geschenk für die ganze Familie geeignet, für das man nicht mit diesem typischen säuerlich-mitleidigen Lächeln angeschaut wird. Die Originalausgabe bei Diogenes ist die Originalausgabe, die zwei Lizenzausgaben bei Zweitausendeins haben Lesebändchen. Kurz: Ich muss einen Sprung haben, das auf Zuruf zu verschenken.

Bei dem zu erwartenden Ansturm verteile ich zusätzlich weheklag-affine Sachen, die ich gerne in gebildeten Haushalten wissen will — zum Beispiel eine einwandfrei erhaltene dreibändige Auswahlausgabe Lessing bei dtv, sogar noch im Schuber, das Beethoven-Violinkonzert mit Anne-Sophie Mutter unter Vater Karajan 1980 und eine sehr alte Live-Aufnahme vom Gounod-Faust mit dem original belassenen Radiorauschen und Tonbandleiern, wie wär’s? — und bei dem reichlich vorhandenen Dotationsmaterial muss ich das Losverfahren nicht komplizierter machen. Die Kommentarfunktion da unten steht freundlichen Menschen wie immer weit offen.

Übrigens bin ich ein denkbar schlichtes Gemüt und leicht zu beeinflussen durch gute Laune, gereimte Gedichte (vor allem welche mit siebenzeiligen Strophen), hübsche Mädchen (vor allem rothaarige und große blonde), eine gewisse Brillanz im Ausdruck und bestimmt noch einigen Sachen, die mir bloß nicht ständig einfallen.

Wer will — und warum? Sagen Sie’s mir ab sofort bis nächste Woche, 1. September 2017, 23.59 Uhr, so lange muss reichen für die Feierlichkeiten. Bei überhand nehmenden Ansprüchen entscheidet über die Gewinne ein ergreifend barfüßiges Halbwaisenmädchen, dem einfach niemand widersprechen kann. Am besten meine Frau.

Eine Versandadresse werde ich brauchen, das Porto für eine Büchersendung geht auf mich. Dies ist meine persönliche Privatveranstaltung, die allein meiner selbstherrlichen Willkür unterliegt; von einem Rechtsweg kann darob keine Rede sein.

3mal Unser Goethe

Fachliteratur:

Moritz von Schwind, Die Geburt Goethes, 1844

Buidln:

Soundtrack: Angemessenerweise die bezaubernde Hilary Hahn, wie sie dem noch nicht abgedankten, dafür entgegen aller Feuerschutzbestimmungen mitten im Fluchtweg herumthronenden Papst Ratzinger zum 80. Geburtstag Mozarts drittes Violinkonzert G-Dur, KV 216 von 1775 aufgeigt, was nach einer einfachen Rechnung am 16. April 2007 (und einer noch einfacheren Google-Anfrage nach in der Aula Paolo VI im Vatikan) vorgefallen sein muss. — „Wenn es ein Wunder in Mozarts Schaffen gibt, so ist es die Entstehung dieses Konzertes.“ (Alfred Einstein, 1945):

Written by Wolf

25. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Das Beste sind die Kartoffeln

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Update zu Erdäpfelgulasch,
Schwarze Butter
und Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich
— und wegen erhöhter Wichtigkeit noch zu
Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. (Kartoffeln schmälzen):

Aus der Liebe will ich wie aus den Kartoffeln verschiedene Gerichte zubereiten.

Jean Paul: Titan, Zweiter Band, Dreizehnte Jobelperiode, 61. Zykel, 1801.

Das sind im Direktvergleich Jean Paul, 35-jährig im Gleimhaus zu Halberstadt 1798 von Heinrich Pfenninger gemalt, und noch einmal Jean Paul, 47-jährig 1810 von Friedrich Meier gemalt:

Heinrich Pfenninger, Jean Paul, 1798Friedrich Meier, Jean Paul, 1810

Carl Christian Vogel von Vogelstein, Jean Paul, 1822In den zwölf Jahren zwischen beiden Dichterportraits scheint also einiges vorgefallen. Weniger als in den zwölf Jahren darauf, denn das Jean-Paul-Portrait mit Bleistift, weiß gehöht, von Carl Christian Vogel von Vogelstein 1822 weist bei dem 59-Jährigen schon weit weniger zusätzliche Lebensspuren auf.

Die Wunsiedeler Diplom- und Food-Designerin Beate Roth hat eher spät in ihrem Leseleben Jean Paul kennen gelernt (das alte Lied: Warum ist der Mann kein Schulstoff?), sich aber umso spontaner in ihn verliebt. Vielleicht berufsbedingt hat sie alsbald bemerkt, dass es in seinen Büchern gerne was zu essen gibt, und veranstaltet seit 2011 Kochkurse nach seinen rekonstruierten Rezepten.

Wie beides zusammenhängt? — Am deutlichsten dadurch, dass es überhaupt möglich ist, Rezepte von Jean Paul zu rekonstruieren, und dass dabei doch eine ganze Fülle recht unterschiedlicher Ernährungsweisen herauskommt. Nach moderner Gebietsaufteilung wäre Jean Paul Franke — ja Oberfranke –, entstammt also einer kargen Gegend. Wunsiedel kenne ich: Da gibt’s nicht viel außer guter Luft und dem Grab von Rudolf Heß, da war Jean Paul mit seinen zahlreichen Umzügen innerhalb Deutschlands schon fast Jetset. Man mag mir ruhig glauben, dass dergleichen nicht gerade „typisch fränkisch“ ist. Nun kann es sein, dass so einer nach schmerzlich bewusst erlebten Hungerjahren erhöhten Wert auf gutes Essen legt; das ist einer von mehreren möglichen psychologischen Mechanismen.

Und siehe da, das Portrait von 1798 fällt in die Zeit nach seinem literarischen Durchbruch mit dem Hesperus 1795, die auffallende Veränderung also in die Zeit seiner Verfestigung als Erfolgsautor. Ausführlich nachweisen lässt sich auch, dass Jean Paul bei der häufig fälligen Wahl seiner Wohnorte immer auf die Qualität des lokal erhältlichen Biers geschaut hat: Stark und bitter sollte es sein, seine Briefwechsel sind voll davon, und an seinem letzten und ausdauerndsten Wohnort Bayreuth hat er sehr viel mehr Zeit in der Kneipe als zu Hause verbracht, siehe weiter unten. Seinen immer ehrwürdigeren Schwollkopf kann man deshalb auch der Sauferei zuschreiben. Ihn als langsam aufquellenden Schweralkoholiker anzusehen wäre demnach boshaft, aber korrekt. Und eine höchst plausible Erklärung.

Das Rezept für einen Humpen Bier beherrscht jeder, weil die Hauptarbeit schon von der Brauerei geleistet wurde. Den großen Rest, den Beate Roth aus Jean Pauls Ernährungsvorschlägen zusammengeklaubt hat, wurde 2013 zum 250. Geburtstag (nicht dem von Frau Roth) über den Bayerischen Rundfunk bekannt, als alle Medien „was mit Schangpaul machen“ mussten: Hoppelpoppel und Schnepfendreck, Bayerischer Rundfunk, Kultur Franken, 15. März 2013. Ich bringe im Anschluss alles, was bei Frau Roth selbst und im überlebenden Archivmaterial des Bayerischen Rundfunks aufzufinden war — und darunter noch einen Bonus, wie Sie’s von mir gewohnt sind. Persönlich nachgekocht hab ich noch nichts außer dem allerletzten Rezept, also viel Glück. Erfahrungsberichte sind im Kommentarteil natürlich gern gesehen.

Die Reihenfolge der Rezepte ist alphaetisch umgebaut wie ein Kochbuch, nicht chronologisch nach den fiktionalen Werken. Von Illustrationen der Gerichte sehe ich absichtsvoll ab, weil sogar die Food-Designerin Roth auf ihrer eigenen Präsenz nur die Rezepttexte anführt; wer gucken will, kann gerne beim Rundfunk reinblättern: Zum Nachkochen: Rezepte aus Jean Pauls Werken. Am wichtigsten ist aber: Die brauchbarsten Kochbücher sind immer die ohne Bilder.

  1. Als-ob-EssenJean Paul regt sich in der Vorschule der Ästhetik über die Kleriker auf, die in der Fastenzeit allerlei Tricks finden um die fleischlose Zeit zu umgehen. Die reichen Kirchenleute haben einfach alles was im Wasser lebt als Fisch bezeichnet, was mit Biber anfing und zuletzt mit Gansbraten gänzlich ausgeufert ist. Die Mönche mit weniger Geld und mehr Skrupel „konstruierten“ sich ihr von Jean Paul Als-ob-Essen genannt. Das war Fisch der irgendwie so verarbeitet wurde, dass er wie Fleisch aussah. (Fischwürste, Fischpressack, …)

    ——— Vorschule der Ästhetik, nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit, 1804:

    Leute, welche weder Begeisterung noch Kräfte, nicht einmal Sprache besitzen, ringen der letzten ein ausländisches Qualgedicht ab und legen uns diese Form, als sei sie poetisch gefüllt, auf den Tisch; so suchen die armen Kartäuser, denen Fleisch verboten ist, folglich auch Würste, sich damit etwas weiszumachen, daß sie Fische in Schweindärme füllen und dann laut von Würsten reden und speisen.

    Zutaten:

    • 250 g Lachsfilet
    • 150 g Rauchforelle
    • 250 g weißes Fischfilets
    • 150 g Räucherlachs
    • 10 Pfefferkörner
    • 2 Lorbeerblätter
    • Rosmarin, Thymian
    • 1 EL Sojasoße
    • 1 geröstete Zwiebel
    • 1 kleine Knoblauchzehe, zerdrückt
    • 1 Spritzer Balsamico
    • 600 ml Fischfond
    • 4 Blatt Gelatine (oder entsprechend Aspik)
    • 100 g knackig blanchierte Gemüsewürfel
    • 3 g Sepiafarbe

    Zubereitung:

    500 ml Fischfond mit allen Kräutern, Gewürzen, Sojasoße und Balsamico aufkochen und ca. 30 Minuten simmern lassen. Fischfilet und Lachs im restlichen Fond gar dünsten und zusammen mit der Forelle in Würfel schneiden oder reißen.

    Die eingeweichte Gelatine in 3 EL Fond auflösen, dann mit dem restlichen Fond vermischen. Würzig mit Salz und Balsamico abschmecken. Die Hälfte des Fonds mit Sepia schwarz färben. Kurz vor dem Gelieren die Gemüsewürfel und die Fischwürfel untermengen und in Gläschen oder Darm abfüllen. Über Nacht kalt stellen. Mit Sahne-Meerrettich und Feldsalat (Frühling an der Gabel) garnieren.

  2. Bergsuppe———Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf, 1799:

    Nicht ohne Angst, Neid zu entzünden, sah ich, wie ich gern bekenne, unser Suppen-Paar auftragen; der Hospitalprediger reichte eine Kerbelsuppe, ich hingegen als ein ziemlich berühmter Schriftsteller glaubte nicht zu viel zu tun, wenn ich mit einer Bergsuppe erschiene. Sie muß dir erinnerlich sein durch den Kegel von schwarzem Brot, mit Zimt und Zucker beschneiet, wovon sie den Namen führt. Die Weiber waren (vielleicht vom Geschlecht bestochen) nachsichtiger gegen uns, und unsere Suppen entkamen dem Neid; aber was half das mir?

    Zutaten:

    • 200 g Schwarzbrot, altbacken
    • 50 g Butter
    • 3 Eier, getrennt
    • 30 g Zucker
    • 1 Packung Vanillezucker
    • ½ TL Salz
    • 1 TL Thymian, getrocknet
    • 2 Zitronen, Schalenabrieb
    • 50 ml Milch
    • 1 TL Zimt oder Lebkuchengewürz
    • 4 grüne Äpfel
    • 650 ml Wasser
    • 4 cl Zitronensaft
    • 300 ml Holundersirup
    • 25 g Stärke, nach Belieben

    Zubereitung:

    Butter schaumig schlagen, geriebenes Schwarzbrot unterrühren. Eigelb, Zucker, Salz, Thymian, Milch, Zimt und abgeriebene Schale einer Zitrone schaumig schlagen, unter Schwarzbrotmasse mengen. Eiweiß sehr steif schlagen, vorsichtig unter die Masse heben. Teig in kegel- oder kuppelförmige Pralinenformen füllen. Im vorgeheizten Backofen bei 175° Celsius etwa 15 Minuten backen.

    Für die Suppe Äpfel nach Belieben schälen, Kerngehäuse entfernen, grob schneiden. Mit Hollersirup, Wasser und Zitronensaft in einen Kochtopf geben, zum Kochen bringen. Nach etwa fünf Minuten fein pürieren. Stärke mit etwas Wasser verrühren, in die kochende Apfelsuppe rühren.

    Die Kegel in die Suppe setzen und mit Puderzucker bestäuben.

  3. Einträgliche Gemüsgärtchen——— Der Komet, 1822:

    Alte und neue Staaten: Die neuen Staaten, weniger auf einem ethischen Wurzelgeflechte als Ganzes ruhend, verlangen tägliche Nachhülfen und Erinnerungen zum Gedeihen und sind einträgliche Gemüsgärten, die in jedem Jahre neu gepflanzt werden; aber die alten Staaten sind Obstgärten, die, einmal angelegt, von Jahr zu Jahr ohne neue Ansaat reichere Früchte geben und höchstens das Beschneiden bedürfen.

    Zutaten:

    • 1. Erde: 180g Mehl
    • 80 g Kathreiner Kaffee
    • 50 g gemahlene Haselnüsse
    • 25 g brauner Zucker
    • 80 g Zuckerrübensirup
    • 2.Erde: 50 g Mehl

    • 25 g Kathreiner Kaffee
    • 50 g gemahlene Haselnüsse
    • 70 g zerlaufenes Butterschmalz
    • Salz
    • Creme: 35 g Kräuter, fein gehackt (Estragon, Basilikum, …)
    • 150 g Joghurt
    • 100 g Creme fraîche
    • 5 g Instant-Gelatine
    • Salz, Pfeffer, Cayennepfeffer
    • 20 Stück Radieschen, Mini-Möhren, Mini-Rettich, … gewaschen, geputzt und mit Grün

    Zubereitung:

    Für die 1. Erde alle trockenen Zutaten in der Küchenmaschine fein schroten. Esslöffelweise den Sirup zugeben. Alles im Ofen bei 100° ca. 1,5 Std. trocknen und über Nacht am besten auf der Heizung nach trocknen lassen. Danach für die 2. Erde genauso verfahren, ebenfalls im Ofen ca. 1,5 Std. trocknen und danach mit der 1. Erde vermischen. Klumpen zwischen den Fingern zerbröseln.

    Alle Zutaten für die Creme gründlich vermischen. Die Hälfte in kleine Gläschen oder Blumentöpfe füllen.

    Das Gemüse in die restliche Creme tauchen und in die vorbereiteten Blumentöpfe „pflanzen“.

  4. Gebackener Katzendreck——— Der Komet, 1822:

    Es hätte wohl besser ausfallen können, ja zehntausendmal besser, und gern hätt‘ ich (ich darf es sagen) Bayonner Schinken aufgetischt und Straßburger Pasteten samt polnischem Salat, desgleichen gefüllte Zungen von Troyes und Kälber von Rouen und Hähne von Caux und Kapaunen von la Fleche und Rotkehlchen von Metz; mit Freuden, wie gesagt, hätt‘ ich damit bewirtet; aber die Sachen waren nicht zu haben: konnt‘ ich doch kaum in der Stadt Wien gebacknen Katzendreck auftreiben und sächsische Christscheit und abgetriebene Wespennester und boeuf à la mode und pommersche Gans. Indes war doch das Essen (dies beruhigt mich) gesund und leicht.

    Zutaten:

    • 2–3 rote Zwiebeln
    • 1 EL Butter
    • 30 g Zucker oder Honig
    • 50 ml Weißwein oder Wasser
    • 75 g geschälte und gut ausgekühlte Mandeln
    • 100 g Zucker
    • [weitere] 50 ml Wasser oder Weißwein
    • 50 g Mehl
    • 50 g Speisestärke
    • 10 g Backpulver
    • Schmalz
    • Puderzucker
    • Fruchtsoße (Erdbeere, Himbeere)

    Zubereitung:

    Die Zwiebel schälen und in kleine Stücke schneiden. Das Fett zerlassen, den Zucker darin auflösen und die Zwiebelstücke zugeben. Kurz anbraten, den Wein angießen und zugedeckt bei schwacher Hitze ca. 15–20 Minuten ziehen lassen. Auskühlen.

    Mandeln und Zwiebeln auf eine Schnur fädeln.

    Für den Tempurateig Mehl, Stärke und Backpulver in eine Schüssel sieben und mit soviel kaltem Wasser verrühren, dass ein grob flüssiger Backteig entsteht. Die Mandel/Zwiebelschnüre eintauchen und sofort im heißen Fett frittieren.

    Die Soße auf kleine Schälchen verteilen. Den Katzendreck vorsichtig über der Soße von den Schnüren ziehen und mit Puderzucker bestäuben.

  5. Hoppelpoppel——— Flegeljahre, 1805:

    Vult schlug „Flegeljahre“ vor; der Notar sagte offen heraus, wie ihm ein Titel widerstehe, der teils so auffallend sei, teils so wild. „Gut, so mag denn die Duplizität der Arbeit schon auf dem ersten Blatte bezeichnet werden, wie es auch ein neuerer beliebter Autor tut, etwan: Hoppelpoppel oder das Herz.“ Bei diesem Titel mußte es bleiben.

    Zutaten:

    • 375 ml Milch
    • 70 g Zucker
    • 2 Vanilleschoten
    • 2 Eigelb
    • 50 ml Rum
    • 5–6 Blatt Gelatine
    • 600 ml Sahne
    • 20 Mini-Schokobiskuitböden
    • Kakao mit Zimt
    • Pistazien
    • 125 ml Rum zum Tränken
    • 30 g Puderzucker
    • 250 ml frischer Orangensaft
    • [weitere] 3 Blatt Gelatine
    • Schokoladen-Dekoration

    Zubereitung:

    Eigelb und Zucker mit einer Prise Salz schaumig schlagen. Milch mit den Vanilleschoten aufkochen, Vanille auskratzen. Die Milch zur Eigelbmischung geben und über einem heißem Wasserbad abrühren, bis die Creme bindet. Eingeweichte Gelatine in die noch warme Eiermasse einrühren. Abkühlen lassen, dabei manchmal umrühren. Mit dem Rum kräftig abschmecken. Die geschlagene Sahne unterheben.

    Den Rum mit 2 EL Wasser und dem Puderzucker zum Kochen bringen und die Biskuitböden damit tränken. In Gläschen legen.

    Die Creme darauf geben und glatt streichen. Völlig auskühlen lassen.

    Die Gelatine im Orangensaft auflösen und ca. 2-3 mm dick auf die erkaltete Creme füllen. Je nach Geschmack können einige getränkte Löffelbiskuits in der Creme versenkt werden und/oder Orangenfilets auf der Creme verteilt und mit der Saft-Gelatine-Mischung übergossen werden.

    Mit Kakao bestäuben und mit Schoko-Ornamenten dekorieren.

  6. Kerbelsuppe———Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf, 1799:

    Die weiblichen Magenfieber vom Pickenick waren anfangs noch gelinde Schauer. Mit Vergnügen sah ich, wie schon gesagt, daß man Stiefels Kerbelsuppe und meine Bergsuppe ohne Neid aufnahm – Hedasch schlug sich mit seinen Hechtwürsten samt Hopfen von armen Rittern wohlbehalten durch – die dressierte Rinds-Pastete der Spezialin war schon schwerer zu verfechten – aber jetzt trat der farschierte Puter des Sechsers mit seinen Kartoffeln auf. Die Männer nicht, aber die Weiber spreizten und spannten alles, was sie von Puterfittichen und Schwanzrädern am innern Menschen hatten, jetzt auseinander und klappten auf und zu und wetzten und rauschten! – Gar aber nicht des farschierten Hahnes wegen, sondern weil Kartoffeln kamen.

    Zutaten:

    • 400 g Petersilienwurzel, geschält und gewürfelt
    • 3 Schalotten, gewürfelt
    • 1 EL Butter
    • 50 ml Noily Prat
    • 50 ml Sherry medium
    • 100 ml Weißwein
    • 500 ml Brühe
    • 400 ml Sahne
    • 1 TL Zitronensaft
    • 1 Prise Nelken
    • Salz
    • 1 Bund Kerbel
    • 100 ml Brühe

    Zubereitung:

    Die Schalotten in der Butter anschwitzen. Petersilienwurzeln zugeben und mit anschwitzen. Mit Weißwein, Noily Prat und Sherry aufgießen. Etwa 10 Minuten köcheln lassen. Die Brühe zugeben und nochmals aufkochen. Alles fein pürieren und mit der Sahne aufgießen. Mit Zitronensaft, Salz und Nelken abschmecken.

    Den Kerbel mit der Brühe fein pürieren und durch ein Sieb streichen. Zur heißen Suppe geben. Nicht mehr kochen!

    Der Kerbelsud kann mit 1 Blatt Gelatine angerührt und in Strohhalme gefüllt werden. Nach etwa 6 Stunden Kühlung als Infusion reichen.

  7. Sardellensuppe mit Himmelsbrot——— Der Komet, 1822:

    Jetzo ließ er eine köstliche Sardellensuppe auftragen und leerte zwei Teller davon mit solchem Wohlbehagen ab, daß die Professoren und die Schulmänner einstimmig versicherten, sie hätten zum ersten Male eine so feine Suppe geschmeckt, als er sie darüber fragte und ihnen die trocknen Suppenteller weggenommen wurden und andere vorgesetzt.

    Zutaten:

    • 2 Schalotten, gewürfelt
    • 40 g Butter
    • 350 g Kartoffeln, geschält und gewürfelt
    • 150 ml Weißwein
    • 40 ml Noilly Prat
    • 1 Limette, Saft und Schale (Zeste)
    • 4–8 Sardellen
    • 500 ml Gemüsebrühe
    • 300 ml Schlagsahne
    • 100 ml Sauerrahm
    • 30 g Butter
    • 100 g Soßenkuchen

    Zubereitung:

    Die Schalotten in der Butter anschwitzen, Kartoffeln zugeben, kurz mit anbraten. Mit Weißwein und Noily Prat abschrecken und aufkochen. Die Brühe, die Limettenschale und die Sardellen zugeben. 20 min köcheln lassen (Kartoffeln müssen weich sein).

    Kartoffeln mit der Brühe pürieren. Die Sahne zugeben und nochmals aufmixen. Kurz vor dem Servieren den Sauerrahm und die Butter unterrühren. Mit Limettensaft, Salz und Pfeffer (evtl. Muskatnuss) abschmecken.

    Den Soßenkuchen in dünne Scheiben schneiden, fein würfeln und in reichlich Butter rösten. Über die Suppe streuen.

  8. Schnepfendreck——— Dr. Katzenbergers Badereise, 1809:

    Da ich nun meinen Gästen gern Ausgesuchtes vorsetze: so bot ich einigen Leckermäulern darunter Schnepfendreck, wie gewöhnlich mit Butter auf Semmelscheiben geröstet, an, und zwar so wie ihn täglich meine beiden Schnepfen unmittelbar lieferten. Aber ich darf Sie als ehrlicher Mann versichern, meine Gnädige, auch kein einziger bezeigte statt einiger Lust etwas anderes als ordentlichen Abscheu vor dem vorgesetzten Dreck; und weshalb eigentlich? – Bloß deshalb – nun komm‘ ich auf unsern Punkt –, weil das Schnepfengedärm nicht mit auf die Semmelscheiben gestrichen war und die Gourmands nur bloßen Netto- und keinen Bruttodreck vor sich erblickten. Ich bitte aber hier jeden vernünftigen Mann zu urteilen, ob ich meine Sumpfvögel – da sie ganz die Kost erhielten (Regenwürmer, Schnecken und Kräuter), aus der Schnepfen von jeher den Liebhabern wieder eine Kost auf den ersten Wegen zugeführt – ob ich, sag‘ ich, solche etwan abschlachten sollte (wie jener seine Henne, die ihm täglich goldne Eier legte), um gleichsam die Legdärme aufzutischen.

    Zutaten:

    • 2 Auberginen
    • 100 ml Olivenöl
    • je 2 Zweige Rosmarin, Thymian, Estragon fein gehackt
    • 2 Knoblauchzehen, gepresst
    • 1 EL Orangenzesten, fein gehackt
    • 2 EL Tomatenmark
    • 125 g Sauerrahm
    • Balsamico, Cayennepfeffer
    • 1 Blatt Gelatine
    • 10 Scheiben Mehrkorn-Toast

    Zubereitung:

    Aubergine schälen und 0,5 x 0,5 cm groß würfeln. Mit Öl anschwitzen, salzen.

    Kräuter, Knoblauch und Orangenzesten zugeben, durch schwenken und mit Tomatenmark binden. Mit Balsamico abschmecken und abkühlen lassen.

    Sauerrahm mit Essig, Salz, Pfeffer und Gelatine glatt rühren.

    Toast mit Olivenöl bräunen und mit dem Sauerrahm bestreichen.

    Auberginen auf dem Toast platzieren, mit Thymian und Orangenzesten dekorieren

  9. Schweizer Bäckerei——— Palingenesien, 1798:

    Die kategorischen Imperatoren werden mit mir darüber reden und Händel suchen, daß ich in der blauen Glocke ein wahres Fürsten-Pickenick – Dinte und Wein waren nur die erste Foderung – von der Sagosuppe an bis zur Schweizerbäckerei für mich und den Meister aufsetzen ließ, bloß um der Universität zu zeigen, was wir verzehret hätten bei längerem Bleiben. Stuß mußte Petitknaster rauchen und Fidibus fodern und den Span wegwerfen. Ach die passabelsten Menschen – das beweiset mein Zorn-, nicht Liebes-Mahl – gleichen den breitesten reinsten Parisergassen: die dunkelsten häßlichsten Quergäßchen durchschneiden sie oft. Menschen und Bücher müssen in mehr als eine Korrektur gelangen, um die Errata zu verlieren.

    Zutaten:

    • Teig: 300 g Butter • 150 g Puderzucker • Salz • 400 g Mehl • 40 g Kakao • 2 cl Rum
    • Füllung dunkel: 100 ml Sahne • 150 g dunkle Kuvertüre, fein geschnitten • Johannisbeergelee, mit Creme de Cassis verrührt
    • Füllung hell: 75 ml Sahne • 150 g weiße Kuvertüre, fein geschnitten • Marzipan, abgezogene Mandeln in Zuckerguss und Zucker gewälzt

    Zubereitung:

    Für den Teig alle Zutaten außer Kakao und Rum zu einem glatten Teig verkneten. Den Teig halbieren. In ein Hälfte Kakao und Rum einarbeiten. Bei Teile in Folie packen und mindestens 1 Stunde kühl stellen, dünn ausrollen, Kreis ausstechen und in Tarteletteförmchen füllen. Mit Hülsenfrüchten blind backen.

    Für beide Füllungen die Sahne aufkochen und die Kuvertüre unterrühren. Mit dem Pürierstab homogenisieren.

    Die hellen Tartelettes mit einem Klecks Johannisbeergelee füllen. Die dunkle Creme einspritzen. Mit heller Kuvertüre garnieren. In die dunklen Tartelettes etwas Marzipan geben und die helle Creme einspritzen. Die abgezogenen Mandeln mit einem Klecks schwarzer Kuvertüre auf das Gebäck setzen.

  10. Virtuelle Rumfordsche SuppeDie überfettete Erbswurstsuppe erfand General Rumford für seine Soldaten. Bei Jean Paul kommt sie als Symbol für Sparsamkeit, ja Knausrigkeit vor. „Virtuell“ wurden die Bestandteile hier aufgespalten und verfeinert.

    ——— Vorschule der Ästhetik, nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit, 1804:

    Die beste Probe und Kontrolle (Widerrechnung) des Witzes ist eben sein Überfluß; ein Einfall, welcher allein geschimmert hätte, erblasset in glänzender Gesellschaft; folglich wird der Vorwurf matter und gesuchter Einfälle gerade den Witz-Verschwender treffen. Wenn ökonomische Schreiber den Leser lange durch nötige Hungerkuren und Fastenzeiten durchgezogen, und sie ihn eben nun, da er fürchtet, in einen Ugolinos-Hungerturm hinabzusteigen, plötzlich vor eine Suppenanstalt bringen: Himmel, wer beschreibt das Entzücken und den Genuß! – Wollte jemand hingegen dieselbe Rumfordsche Suppe an andern Orten mit unter dem Nachtisch und feinen Weinen herumgeben: so fiele der Effekt schwächer aus.

    Zutaten:

    • 200 g Erbsen
    • 50 ml Sahne
    • 50 ml Gemüsefonds
    • 3 Blatt Gelatine
    • 20 ml Martini dry
    • Zitronensaft
    • 50 g geschlagene Sahne
    • 50 g Perlgraupen
    • frische Minze
    • 1 EL Salatdressing
    • schwarze Oliven oder getrocknete Blutwurst zum Dekorieren

    Zubereitung:

    Erbsen blanchieren, circa 30 Gramm für die Dekoration nach dem ersten Aufkochen herausnehmen. Restliche Erbsen mit Sahne und Gemüsebrühe gründlich pürieren. Gelatine auflösen und unterrühren. Alles erkalten lassen. Danach mit dem Martini nochmals aufschlagen. Mit Zitronensaft und Salz abschmecken. Die geschlagene Sahne unterhegen. Masse auf ein Blech circa zwei Zentimeter dick aufstreichen, erkalten lassen.

    Graupen in 150 Milliliter Wasser aufkochen, leise köcheln lassen bis das Wasser eingezogen ist. Abkühlen. Danach mit gehackter Minze, Salz, Pfeffer und Salatdressing anmachen.

    Aus dem Erbsenmousse kleine Kreise ausstechen und auf dem Graupensalat platzieren. Mit Erbsen, Oliven etc. dekorieren.

  11. Wespennester [Jean-Paul-Zitat siehe oben, unter Gebackener Katzendreck]Zutaten:
    • 250 g Butterschmalz
    • 20 g zerlassene Butter zum Bestreichen
    • 4 Eier
    • 4 Eigelb
    • 150 g lauwarme Sahne
    • 1 Packung Hefe
    • 500 g Mehl
    • Zibeben (Jumbo-Rosinen)
    • Korinthen (auch Schokoladenstückchen, Zimt, Kakao)

    Zubereitung:

    Das Butterschmalz schaumig schlagen (altdeutsch abtreiben) und Eier und Eidotter einzeln dazurühren.Die Hefe in der lauwarmen Sahne auflösen und nach und nach zugeben. Zuletzt das Mehl zugeben und den Teig gut abschlagen. An einem warmen Ort gehen lassen. Teig auf einer bemehlten Fläche ca. 5 mm dick ausrollen. In 3 cm x 20 cm lange Streifen schneiden. Mit den Rosinen belegen und einrollen. In Backpapierstreifen einschlagen und nochmal gehen lassen.

    Bei mittlerer Hitze ca. 20 Minuten langsam backen.

  12. Zichorien-Mousse——— Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch, 1801:

    „Anlangend das Geld,“ (fuhr ich fort) „dieses Herz des innern Menschen, so bedaur‘ ich seit Jahren die Staaten, die es verfressen und versaufen. Die besten schneiden ihren Festungs-Sassen nur das Kaffeewasser ab; aber warum lassen sie zu, daß der Kaffee seine Repräsentanten ins Unterhaus schickt, Zichorien, Eicheln, Rüben und den Satan? Warum stopft man – dieselben Gründe schreien – der Glückseligkeitslehre nur eine Quelle zu? Warum wird Tee, Wein, Fleisch, Bier, Gebacknes so frei zugelassen? Desgleichen Obst, Gemüse und alles nur Leckerhafte, da gesundes Brot seinen Mann ernährt? – Mit alle diesem könnte ja gehandelt werden nach auswärts und ein hübscher Pfennig Geld ins Inland gespielt – alle Waren würden, wenn mans täte, wie bei den edeln Holländern die französischen Bücher, nur spediert und verlegt, ohne das geringste Konsumo – Ulrichsschlager! würde dann nicht das Staatsgebäude ein großer, blanker Silberschrank und alle Untertanen Preziosa für den Fürsten, die er angreifen könnte in der Not?“

    Zutaten:

    • 1 Ei
    • 1 Orange, Saft und Schale
    • 150 g dunkle Kuvertüre
    • 4 cl Creme de Cacao
    • 400 g geschlagene Sahne
    • 200 ml Milch
    • 30 g Kaffeebohnen
    • 10 g getrocknete Wegwartenwurzel (Apotheke)
    • 3 Eigelb
    • 4 cl Amaretto
    • 3 Blatt Gelatine
    • [weitere] 250 g geschlagene Sahne

    Zubereitung:

    Milch mit Kaffeebohnen und Wegwartenwurzeln aufkochen und 1 Stunde ziehen lassen. Durch ein Sieb streichen und erhitzen. Die Eigelb mit dem Zucker weiß schaumig schlagen. Kaffeemilch und Amaretto langsam einrühren. Im Wasserbad rühren, bis die Masse bindet. Ei, Orangensaft und -schale über dem Wasserbad schaumig schlagen. Mit dem Alkohol abschmecken. Die Kuvertüre verflüssigen und in die Eigelbmasse rühren. Sahne unterheben. In Gläschen füllen und abkühlen lassen. Die Blüten und die eingeweichte Gelatine einrühren und abkühlen lassen. Zuletzt vorsichtig die Sahne unterheben. Auf die Schokomousse füllen und auskühlen lassen. Vor dem Servieren mit frischen oder getrockneten Blüten garnieren.

Auf ihrer eigenen Präsenz bringt Beate Roth noch: Der Geschmack der Heimat. Jean Paul und die Kartoffel. Nicht vollends unpassend vergleicht sie darin Jean Paul — siehe weiter oben die Ausführungen zu seinen Portraits — mit der schwellenden Knolle, allerdings verwenden bezeichnenderweise nur 50 % der angeführten zwei Rezepte Kartoffeln.

  • Hesperus-Erdäpfelkäse——— Hesperus, Erstes Heftlein, 7. Hundposttag, 1795:

    Man setzte sich zum Gastmahl im Gartenhaus. Selten sind Schmäuse so wie dieser durch zwei außerordentliche Vorzüge gewürzt, durch Mangel an Essen und Mangel an Platz. Nichts reizt den Appetit so sehr als die Besorgnis, er finde nicht satt. Es war von Sebastian ausgesonnen, daß für jeden Gast nur das Leibgericht besorgt wurde – für den Pfarrer farcierte Krebse und Erdäpfelkäse – für Flamin Schinken – für den Helden das Gemüse vom guten Heinrich. – Jeder wollte jetzo das Leibgericht des andern, und jeder subhastierte seines. Sogar die Damen, die sonst wie die Fische essen und nicht essen, bissen an. Der zweite berauschende Bestandteil, den sie in ihren Freudenbecher geworfen hatten, war der Tisch samt Gartenstube, wovon jener die Kost, diese die Kostgänger nicht faßte.

    Zutaten:

    • 150 g Kartoffeln gekocht und durchgequetscht
    • 120 g Quark
    • 50 g saure Sahne
    • 30 g weiche Butter
    • Salz, Pfeffer
    • 4 EL fein geschnittene Schnittlauchröllchen
    • Rosa Pfeffer

    Zubereitung:

    Den Quark mit Sauerrahm und Butter verrühren. Danach Kartoffelschnee und Kräuter unterheben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und mit dem rosa Pfeffer garnieren.

  • Farcierte KrebseZutaten:
    • 250 g Krebsfleisch oder ausgelöste Garnelen (am besten TK-Ware)
    • 250 g Lachsfilet
    • 100 g Räucherlachs
    • 50 g Schinkenspeck nach Geschmack
    • 2 Eiweiß
    • Salz
    • 200 g Sahne
    • 50 g Crème fraîche
    • 1 Ei
    • 200 g fertig gekochte Krebse
    • 20 g Pistazien

    Zubereitung:

    Krebsfleisch, Lachsfilet, Räucherlachs und Speck am besten noch leicht gefroren im Mixer fein pürieren und das Eiweiß einarbeiten. Für 10 Minuten ins Gefrierfach stellen. Wenn die Masse nach dem Pürieren noch etwas grob ist, durch ein Sieb streichen.

    Sahne, Crème fraîche und das Ei kräftig unter die Krebsfarce rühren, salzen und pfeffern. Die Flusskrebse und die Pistazien vorsichtig unterkneten. Nochmals 10 Minuten kühlen.

    Eine Terrinenform mit Butter einfetten und die Farce einfüllen. Die geschlossene Form (Kuchenformen mit Alufolie abdecken) in eine mit heißem Wasser gefüllte Reine stellen und im vorgeheizten Ofen bei 150 Grad circa 50 Minuten garen. Gut auskühlen lassen.

  • Man ersieht eher aus dem Sekundärartikel von Frau Roth als aus ihren Rezepten nach dem Primärmaterial, wie grundlegend die Kartoffel für den Schreiber und Esser und Trinker Jean Paul war. Am eindeutigsten äußert er sich über die nahrhafte Hackfrucht noch in dem als „Kartoffel-Gastmahl“ bekannt gewordenen Abschnitt in Architektonik und Bauholz für die Vorrede zur zweiten Auflage des Hesperus 1798:

    Unser literarisches Küchenpersonale weiß uns dasselbe goutée unter dem Scheine sechs verschiedner Schüsseln auf das Tischtuch und in den Mund zu spielen, und belustigt uns zweimal im Jahr mit einer Nachahmung des berühmten Kartoffel-Gastmahls in Paris: anfangs kam blos eine Kartoffelsuppe – dann schon mit anderer Zubereitung wieder Kartoffeln – das dritte Gericht hingegen bestand aus umgearbeiteten Kartoffeln – auch das vierte – als fünftes konnte man nun wieder Kartoffeln servieren, sobald man nur zum sechsten neu brillantierte Kartoffeln bestimmte – und so ging es durch 14 Gerichte hindurch, wobei man noch von Glück zu sagen hatte, daß wenigstens Brod, Konfekt und Likör den Magen aufrichteten und aus Kartoffeln bestanden. – –

    „Umgearbeitet“ — aus so einer Angabe kann nicht einmal eine Food-Designerin ein Kochrezept destillieren, schon gar keine vierzehne. Das beste davon, das Jean Paul auch wirklich verzehrt hat, wird allerdings von der Wirtin seiner letzten Stammschreibstube zu Bayreuth Anna Dorothea Rollwenzel überliefert: Kartoffeln. — Wie Kartoffeln? — Na, Kartoffeln halt. — Kartoffeln mit was? — Kartoffeln mit zur Not einer Gabel. Einfach Kartoffeln. — Frau Rollwenzel über Jean Paul. Rede, gehalten in der Berliner Mittwochs-Gesellschaft zur Feier des Jean Paulschen Geburtstages, Dienstag am 21. März 1826, nach: Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz, 53stes Blatt, 3. April 1826:

    Sehen Sie, es vergeht fast kein Morgen, daß nicht der einzige Mann, dieser Jean Paul, zu mir heraus kommt mit seiner botanischen Kapsel; er grüßt mich, und dann geht er oben in sein Eckzimmer, das ich den Herren zeigen werde, und schreibt, oder draußen ins Freie. Ach und wie einfach ist sein Leben, das ist Alles nach der Regel! Plötzlich, wenn er schreibt, fällt ihm ein, daß er essen muß; dann verlangt er schnell nach seinem Lieblingsgericht. Und was ist das? — Denken Sie sich — Kartoffeln. Dieser einzige Mann ißt Kartoffeln. Wir kochen sie ihm schnell — wir wissen es ja. Ich bringe sie ihm, er sieht, wie ich sie hinstelle, er starrt mit der Feder in der Hand d’rauf hin, sehen Sie, und wenn ich nach ein Paar Stunden wiederkomme, stehen sie noch unberührt neben ihm. Nun will er essen, aber es ist kalt, das kann ich nicht zugeben und ich koche ihm von Neuem. Das weiß er auch wohl, und dem lieben einzigen Herrn thut es leid, daß ich so viel Mühe hätte — Gott, was thut man nicht für ihn! — und deshalb fordert er schon des Morgens früh sein Mittagbrod, daß wir Beide den Tag über Ruhe haben. Aber, du lieber Himmel, dadurch leidet denn auch sein Körper, wenn das nicht seine Zeit und Ordnung hat.

    Die Zutaten sind: Kartoffeln. Serviert wird zweimal täglich, vor allem wenn der hungernde Schreibende auf der Flucht vor Eheproblemen schon früh um sechs (sommers) bis acht (winters) im vier Kilometer von zu Hause entfernten Wirtshaus erscheint. Dazu muss immer dank der rührigen Rollwenzelin oder einer ihrer Stellvertreterinnen reichlich, vorzugsweise Bayreuther Bier auf dem Tisch stehen — und fakultativ ein Strauß Wiesenblumen, damit der Dichter der Vergänglichkeit dem Tod bei der Arbeit zuschauen kann.

    Das letzte überlieferte Portrait von Jean Paul ist denn auch das vom geringsten technischen Aufwand: Bleistift — und zeigt ihn in unentschiedener Pose, schon nicht mehr recht als er selbst kenntlich. Laut der Jean-Paul-Gesellschaft stammt es von Ernst Förster 1826, dem gleichen Jahr wie der obige Redeausschnitt der Rollwenzelin, und da war Jean Paul schon seit letztem Jahr tot.

    Ernst Förster, Jean Paul, 1826

    Soundtrack: Big Bill Broonzy & Washboard Sam: Diggin‘ My Potatoes,
    aus: Big Bill Broonzy and Washboard Sam, 1953:

    Written by Wolf

    7. Juli 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

    Nicht so übel scheint die Sonne

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    Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
    Man weiß nicht, was noch werden mag,
    Das Blühen will nicht enden.
    Es blüht das fernste, tiefste Tal:
    Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
    Nun muß sich alles, alles wenden.

    Ludwig Uhland: Frühlingsglaube, 1812.

    Bach-Kantate zum 1. Pfingsttag: Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!, BWV 172, Pfingstsonntag, 20. Mai 1714, Schlosskapelle Weimar:

    ——— Ludwig Uhland:

    8. Frühlingslied des Rezensenten

    aus: Ausgabe letzter Hand: Gedichte. Wohlfeile Ausgabe, 8. Auflage, Cotta, Stuttgart 1861,
    i. e. 42. Gesamtauflage der erstmals 1815 erschienenen Sammlung, Frühlingslieder:

    Frühling ist’s, ich laß es gelten,
    Und mich freut’s, ich muß gestehen,
    Daß man kann spazieren gehen,
    Ohne just sich zu erkälten.

    Störche kommen an und Schwalben,
    Nicht zu frühe, nicht zu frühe!
    Blühe nur, mein Bäumchen, blühe!
    Meinethalben, meinethalben!

    Ja! ich fühl ein wenig Wonne,
    Denn die Lerche singt erträglich,
    Philomele nicht alltäglich,
    Nicht so übel scheint die Sonne.

    Daß es keinen überrasche,
    Mich im grünen Feld zu sehen!
    Nicht verschmäh ich auszugehen,
    Kleistens Frühling in der Tasche.

    Pentecost, Jean II Restout, 1732

    Bild: Jean Restout II der Jüngere: Pfingsten, 1732, Öl af Leinwand, 465 x 778 cm, Louvre, Paris.

    Bonus Track: Mayer Hawthorne: Your Easy Lovin‘ Ain’t Pleasin‘ Nothin‘ aus: A Strange Arrangement, 2009. Das ohne hohen Anspruch, aber mit guter Laune komponierte Unterhaltungsstück leichter Machart vermittelt ein angemessen pfingstliches, neudeutsch gesagt, Bacardi-Feeling. Zugegeben erscheint die Vollbildfunktion bei dem Videoclip in One-Shot-Technik besonders lohnenswertd:

    Written by Wolf

    2. Juni 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Land & See

    Hier wäre also schon wieder der Ansatz zu einer neuen Sammlung, der Anfang einer „unendlichen“ Reihe

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    Update zu Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt,
    Impotence proved I’m superman
    und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

    Am tiefsten im kollektiven Bewusstsein verwurzelt ist Goethe im Zusammenhang mit Schiller — und umgekehrt — und jeder für sich mit den verständlicheren seiner Gedichte. Es ist kein Einzelwerk bekannt, das beiden zu gleichen Teilen zugeschrieben werden müsste, aber natürlich hat dieses vierbeinige Monument einer Männerfreundschaft wiederholt Gemeinschaftsprojekte — sie hätten gesagt: „ins Werk gesetzt“ (und danach „ans Licht gegeben“).

    Die erste solche Zusammenarbeit findet sich in praktischerweise von Schiller selbst herausgegebenen Musen-Almanach für das Jahr 1797, der „Xenien-Almanach“ heißt, weil darin die 676 Xenien von je 1 Distichon Länge stehen, deren genaue Urheberschaft sie im Nachhinein glaubhaft selbst nicht mehr auseinanderhalten konnten. Die zweite solche Zusammenarbeit steht ein Jahr später im so genannten Balladen-Almanach und interessiert uns hier.

    Vor allem für gequälte Schüler und Sonstige, die sich nicht freiwillig mit der Lyrik der deutschen Klassik auseinandersetzen, ist es ein befreiendes Wissen, dass die Xenien und die berühmtesten Balladen, mit denen Abergenerationen aus einer fragwürdig verstandenen Pädagogik heraus gezwiebelt wurden, wenig mehr als die Bieridee — oder genauer: eine absichtlich zusammengetragene Sammlung von Bierideen — zweier Kumpels sind. Wer will, hört beiden Gattungen noch das lausbübische Vergnügen an, mit dem sie geschrieben wurden. Das kommt aber, liebe Kinder, nicht in die Schulaufgabe, weil ihr in der Schule weder mit der Weimarer noch mit der Frankfurter Goethe-Ausgabe arbeitet, sondern frühestens wieder in die germanistische Proseminararbeit und muss mit Zweifeln, grano salis und davon ungebrochenem Respekt ausgesprochen und vor allem anhand Quellen begründet werden.

    Eine der nützlichsten Quellen folgt unten. Danach bringe ich möglichst vollständig alle Gedichte von Goethe und Schiller, die mit einigem guten Willen als Balladen durchgehen, chronologisch geordnet; Kriterium war, dass eine Handlung erzählt wird. Das meiste Material von beiden entstand geballt für den besagten Balladen-Almanach 1798, ich bringe aber um des Überblicks willen auch beider Balladen, die unabhängig voneinander entstanden, auch als Goethe und Schiller sich noch nicht kannten (vor 1794) und als Schiller schon gestorben war (nach 1805). Die Quelle, einer wesentlichsten Briefe von Schiller, konstitutiert den bis heute üblichen Begriff des Balladenjahrs, spricht von Freude an der gemeinsamen dichterischen Arbeit und kündigt sogar nach dem Xenien- und dem Balladen- ein Liederjahr an, aus dem leider nichts geworden ist: Die Glocke zum Beispiel ist a) von Schiller, b) von 1799 und c) wie der Name sagt, keine Ballade.

    Es schien unnötig, hier alle Volltexte zu wiederholen. Goethe- und Schiller-Balladen sind für mancher Leute Geschmack schon viel zu gut erreichbar, weshalb sie nur verlinkt sind; mit geeigneten Einzelgedichten haben wir uns hier schon beschäftigt und werden darin bei Gelegenheit fortfahren, weil uns niemand scheucht und wir rein dem Gaudium verhaftet sind. — Das Bildmaterial nähert sich mit der Münchner Glyptothek der klassizistischen Tonart vieler der erwähnten Balladen an.

    ——— Schiller an Goethe:

    Jena den 22. September 1797.

    Ihr Brief nebst seinem Anhang hat uns wieder große Freude gemacht. Das Lied ist voll heiterer Laune und Natur. Mir däucht, daß diese Gattung dem Poeten schon dadurch sehr günstig sein müsse, daß sie ihn aller belästigenden Beiwerke, dergleichen die Einleitungen, Uebergänge, Beschreibungen etc. sind, überhebt und ihm erlaubt, immer nur das Geistreiche und Bedeutende an seinem Gegenstand mit leichter Hand oben wegzuschöpfen.

    Hier wäre also schon wieder der Ansatz zu einer neuen Sammlung, der Anfang einer „unendlichen“ Reihe: denn dieses Gedicht hat, wie jede gute Poesie, ein ganzes Geschlecht in sich, durch die Stimmung die es gibt und durch die Form die es aufstellt.

    Ich wäre sehr begierig gewesen, den Eindruck, den Ihr Hermann auf meine Stuttgarter Freunde gemacht, zu beobachten. An einer gewissen Innigkeit des Empfangens hat es sicher nicht gefehlt, aber so wenige Menschen können das Nackende der menschlichen Natur ohne Störung genießen. Indessen zweifle ich gar nicht, daß Ihr Hermann schlechterdings über alle diese Subjectivitäten triumphiren wird, und dieses durch die schönste Eigenschaft bei einem poetischen Werk, nämlich durch sein Ganzes, durch die reine Klarheit seiner Form und durch den völlig erschöpften Kreis menschlicher Gefühle.

    Mein letzter Brief hat Ihnen schon gemeldet, daß ich die Glocke liegen lassen mußte. Ich gestehe daß mir dieses, da es einmal so sein mußte, nicht so ganz unlieb ist. Denn indem ich diesen Gegenstand noch ein Jahr mit mir herumtrage und warm halte, muß das Gedicht, welches wirklich keine kleine Aufgabe ist, erst seine wahre Reife erhalten. Auch ist dieses einmal das Balladenjahr, und das nächste hat schon ziemlich den Anschein das Liederjahr zu werden, zu welcher Classe auch die Glocke gehört.

    Indessen habe ich die letzten acht Tage doch für den Almanach nicht verloren. Der Zufall führte mir noch ein recht artiges Thema zu einer Ballade zu, die auch größtentheils fertig ist und den Almanach, wie ich glaube, nicht unwürdig beschließt. Sie besteht aus 24 achtzeiligen Strophen, und ist überschrieben: Der Gang nach dem Eisenhammer, woraus Sie sehen daß ich auch das Feuerelement mir vindicirt habe, nachdem ich Wasser und Luft bereist habe. Der nächste Posttag liefert es Ihnen, nebst dem ganzen Almanach, gedruckt.

    Ich wünsche nun sehr, daß die Kraniche in der Gestalt, worin Sie sie jetzt lesen, Ihnen Genüge thun mögen. Gewonnen haben sie ganz unstreitig durch die Idee, die Sie mir zu der Exposition gegeben. Auch denke ich hatte die neue Strophe, die ich den Furien noch gewidmet, zur genauen Bezeichnung derselben anfänglich noch gefehlt.

    Kants kleinen Tractat habe ich auch gelesen, und obgleich der Inhalt nichts eigentlich neues liefert, mich über seine trefflichen Einfälle gefreut. Es ist in diesem alten Herrn noch etwas so wahrhaft jugendliches, das man beinah ästhetisch nennen möchte, wenn einen nicht die greuliche Form, die man einen philosophischen Canzleistil nennen möchte, in Verlegenheit setzte. Mit Schlossern kann es sich zwar so verhalten, wie Sie meinen, indessen hat seine Stellung gegen die kritischen Philosophen so etwas bedenkliches, daß der Charakter kaum aus dem Spiele bleiben kann. Auch kann man, däucht mir, bei allen Streitigkeiten, wo der Supernaturalism von denkenden Köpfen gegen die Vernunft vertheidigt wird, in die Ehrlichkeit ein Mistrauen setzen: die Erfahrung ist gar zu alt und es läßt sich überdem auch gar wohl begreifen.

    Wir genießen jetzt hier sehr schöne Herbsttage; bei Ihnen mag wohl noch ein Rest von Sommer zu spüren sein. In meinem Garten werden schon große Anstalten gemacht, ihn für die künftigen Jahre recht zu verbessern. Uebrigens hatten wir keine schlechte Obstärnte, wobei Karl uns nicht wenig Spaß machte.

    Wir zweifeln, bei dem zweifelhaften Ansehen des Kriegs und Friedens, noch immer an der nahen Ausführung Ihrer italienischen Reise, und geben zuweilen der Hoffnung Raum, daß wir Sie früher als wir erwarten durften, wieder bei uns sehen könnten.

    Leben Sie recht wohl und Meyern sagen Sie die freundschaftlichsten Grüße von uns. Herzlich wünschen wir Ihnen Glück zu Ihrer Wiedervereinigung. Meine Frau grüßt Sie aufs beste.

    Sch.

    Ab hier bitte ich auch um die Aufmerksamkeit meiner Leser — das sind Sie. Korrekturen in der zeitlichen Einordnung und Gruppierung, zusätzliche Einträge und verbesserte Links kann ich ständig vornehmen, dann hat die folgende Liste das Zeug zum Masterpost für Goethe- und Schiller-Balladen.

    1. Goethe: Pygmalion, eine Romanze, 1767;
    2. Goethe. Heidenröslein, vor 1783;
    3. Goethe: Der König in Thule, um 1774;
    4. Goethe: Der untreue Knabe, um 1774;
    5. Goethe: Das Veilchen, 1775;
    6. Goethe: Vor Gericht, um 1775;
    7. Goethe: Klaggesang von der edlen Frauen des Asan Aga, aus dem Morlackischen, Nachdichtung aus dem Serbischen um 1775;
    8. Goethe: Der Fischer, um 1778;
    9. Goethe: Erlkönig, 1782;
    10. Schiller: Die Rache der Musen, eine Anekdote vom Helikon, 1782;
    11. Schiller: Wunderseltsame Historia des berühmten Feldzuges als welchen Hugo Sanherib, König von Assyrien, ins Land Juda unternehmen wollte aber unverrichteter Dinge wieder einstellen mußte. Aus einer alten Chronika gezogen und in schnakische Reimlein bracht von Simon Krebsauge, Baccalaur, 1782;
    12. Goethe: Mignon, um 1783;
    13. Goethe: Der Sänger, vermutlich 1783;
    14. Goethe: Die Spinnerin, 1795;
    15. Schiller: Das verschleierte Bild zu Sais, 1795;
    16. Goethe: Der Edelknabe und die Müllerin, 26. August 1797;
    17. Goethe: Der Junggesell und der Mühlbach, 4. September 1797;
    18. Goethe: Der Müllerin Reue, 7. September 1797;
    19. Goethe: Der Müllerin Verrath, Juni 1798;
    20. Musenalmanach für das Jahr 1798, herausgegeben von Schiller, Tübingen, in der J. G. Cottaischen Buchhandlung, 1797 („Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.“):

      1. Goethe: Der neue Pausias und sein Blumenmädchen (Seite 1);
      2. Schiller: Der Ring des Polykrates. Ballade (Seite 24);
      3. Goethe: Der Zauberlehrling. Romanze (Seite 32);
      4. Schiller: Der Handschuh. Erzählung (Seite 41);
      5. Goethe: Der Schatzgräber (Seite 46);
      6. Goethe: Die Braut von Corinth. Romanze (Seite 88);
      7. Schiller: Ritter Toggenburg. Ballade (Seite 105);
      8. Schiller: Elegie an Emma (Seite 115);
      9. Schiller: Der Taucher. Ballade (Seite 119);
      10. Schiller: Reiterlied aus dem Wallenstein (Seite 137);
      11. Goethe: Legende (Seite 144);
      12. Schiller: Die Urne und das Skelet (Seite 147);
      13. Schiller: Das Regiment (Seite 156);
      14. Goethe: An Mignon (Seite 179);
      15. Goethe: Der Gott und die Bajadere. Ind. Legende (Seite 188);
      16. Schiller: Die Worte des Glaubens (Seite 221);
      17. Goethe: Erinnerung (Seite 223);
      18. Schiller: Nadoweßische Todtenklage (Seite 237);
      19. Schiller: Der Obelisk u. s. w. (Seite 240);
      20. Goethe: Abschied (Seite 241);
      21. Schiller: Die Peterskirche (Seite 255);
      22. Schiller: Licht und Wärme (Seite 258);
      23. Schiller: Breite und Tiefe (Seite 263);
      24. Schiller: Die Kraniche des Ibycus. Ballade (Seite 267);
      25. Goethe: Der neue Amor (Seite 287);
      26. Schiller: Das Geheimniß (Seite 299);
      27. Schiller: Der Gang nach dem Eisenhammer. Ballade (Seite 306);
    21. Goethe: Das Blümlein Wunderschön. Lied des gefangnen Grafen, 16. Juni 1798;
    22. Schiller: Der Kampf mit dem Drachen, zweite Augusthälfte 1798;
    23. Schiller: Die Bürgschaft, Ende August 1798;
    24. Goethe: Die erste Walpurgisnacht, Mai 1799: als Ballade bezeichnet, als Vorlage für eine weltliche Kantate geplant, daher nur mit rudimentärer Handlung, vertont von Felix Mendelssohn Bartholdy, 1833;
    25. Goethe: Die erste Walpurgisnacht, 30. Juli 1799;
    26. Schiller: Hero und Leander, Juni 1801;
    27. Schiller: Kassandra, erste Jahreshälfte 1802;
    28. Goethe: Hochzeitlied, 1802;
    29. Goethe: Ritter Curts Brautfahrt, 1803;
    30. Goethe: Wandrer und Pächterin, 1803;
    31. Schiller:Der Graf von Habsburg, Frühjahr 1803;
    32. Schiller: Das Siegesfest, 1803;
    33. Goethe: Der Rattenfänger, Taschenbuch auf das Jahr 1804;
    34. Schiller: Der Alpenjäger, Mitte 1804;
    35. Goethe: Wirkung in die Ferne, 1808;
    36. Goethe: Johanna Sebus, 1809;
    37. Goethe: Das Tagebuch, 30. April 1810;
    38. Goethe: Der getreue Eckart, 17. April 1813;
    39. Goethe: Der Todtentanz, 21. April 1813;
    40. Goethe: Die wandelnde Glocke, 22. Mai 1813;
    41. Goethe: Ballade, 1813/1817;
    42. Goethe: Paria. Des Paria Gebet. Legende. Dank des Paria, 1821/1823.

    Goethe und Schiller, Liebigs Fleisch-Extract, ca. 1900, via Goethezeitportal

    Bild: Maggi-Sammeldoppelportrait: Berühmte Dichter. Deutschland: Liebig Company’s Fleisch-Extract,
    ca. 1900, via Dieter Borchmeyer: DuMont Schnellkurs Goethe. Goethes Allianz mit Schiller (1794-1805).

    Soundtrack: Lou Doillon featuring Cat Power: It’s You, aus: Soliloquy, 2019:

    Written by Wolf

    26. Mai 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

    In dürren Blättern säuselt der Wind

    with 2 comments

    Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile
    und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

    Ernst Kutzer, Postkarte Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten, gelaufen. Datiert und Poststempel 1914, GoethezeitportalSeriöse Bestandsaufnahmen der Vertonungen von Goethes Erlkönig von 1782 kommen regelmäßig auf etwas um 30 Versionen. Nicht alle davon sind sinnvoll als Tonaufnahme oder auch nur als Partitur aufzutreiben. Während sich die Kompositionen bis tief in die deutsche Romantik hinein gegenseitig überholen und geradezu überdecken, ist die Schaffenspause zwischen 1865 und der Postmoderne 1999 umso auffallender.

    Zugegeben hat mich persönlich Goethes Original (das er bei Herder gelernt hat) nie sonderlich beeindruckt, später hat er ganz objektiv bessere gebracht: zu gewollt, zu fremd, erwartbare Pointe, und wenn man zu genau hinschaut, glatte Verharmlosung der Kindesmisshandlung mit Todesfolge, wenn nicht gar, bei boshafter Auslegung, Verherrlichung von Pädophilie.

    Aus den e-musikalischen Vertonungen lässt mich allerdings der instrumentale Geigenmuckel von Heinrich Wilhelm Ernst offenen Mundes staunen, dass sowas schon mal ein Mensch gestemmt hat, auch wenn sich allein innerhalb YouTube überraschend viele Teufelsgeiger (und -geigerinnen!) finden, die sich wacker schlagen. Aus der Postmoderne mag ich Falkenstein aus Urdarbrunnen am liebsten: Die respektieren die Vorlage, ohne daran herumzumodernisieren, und kommen ohne Ausdruckstanz in Lack- und Lederbikinis aus. Alles, was sonst schon Schlagzeug verwendet, ist zur Not dem Gothic zuzuordnen und in der Affigkeit allenfalls graduell unterschiedlich.

    Erlkönig Kinderfahrrad, 1. April 2015

    1. Corona Schröter: Erlkönig, 1782. Kevin bemerkt in seiner Hausarbeit Vertonungen des Erlkönigs sehr hellsichtig:

      Sie komponierte ein durchgängiges Strophenlied zu dem Text Goethes. Dabei hält sie die Melodie recht einfach, was man beispielsweise daran erkennt, dass der Ambitus mit einer Oktav und einer Sekund geringer ist als bei den übrigen Vertonungen. Der Hörer legt durch die einfache Melodie das Augenmerk vor allem auf den Text. Außerdem hält sich Schröter an den Rhythmus im „Erlkönig“ und schreibt ihr Lied im ungeraden Takt. Dies könnten Gründe dafür sein, dass Goethe das Werk gefallen hat.

      Kritisieren kann man, dass die Melodie zum Beispiel beim Tod des Jungen viel zu fröhlich klingt. Das Problem kommt dadurch zu Stande, dass das Lied ein Strophenlied ist und es so eine Einheitsmelodie für alle Strophen gibt.

    2. Andreas Romberg: Erlkönig, 1793.
    3. Johann Friedrich Reichardt: Erlkönig, 1794.

    4. Carl Friedrich Zelter: Erlkönig, 1797.

    5. Gottlob Bachmann: Erlkönig, 1798/1799.

    6. Friedrich Methfessel: Erlkönig, 1805.
    7. Bernhard Klein: Erlkönig, 1815/1816.
    8. Postkarte Wer reitet so spät durch Nacht und Wind. Mit Noten, Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen, ca. 1920, GoethezeitportalFranz Schubert: Erlkönig, Opus 1, Deutsch-Verzeichnis 328, 1815, Uraufführung 7. März 1821 in Wien.

      Das ist bis heute die bekannteste Vertonung geblieben. Goethe kannte sie. Er mochte sie nicht. — Erneut Kevin:

      Erst Franz Schubert löst sich vom Strophenlied und dem Rhythmus des Erlkönigs. Bei ihm steht nicht mehr länger der Text, sondern die Melodie im Vordergrund. Diese ist kunstvoll gestaltet, worauf der große Ambitus und zahlreiche Crescendi bzw. Decrescendi hinweisen. Schubert verfasst ein ausgedehntes Vorspiel, einige Zwischenspiele und ein, wenn auch kurzes, Nachspiel. Neben dem Tonartwechsel hat vor allem die Begleitung große Beachtung verdient. Die Singstimme wird ostinat mit Triolen begleitet, die erst beim Tod des Knaben verstummen. Das Trauermotiv kurz vor Ende verstärkt die Intention.

      Dietrich Fischer-Dieskau, Klavier: Gerald Moore, 1951:

    9. Carl Loewe: 3 Balladen, Opus 1, 1.: Erlkönig, 1824.

      Goethe kannte sie. Er mochte sie.

      ——— Carl Ludwig Schleich: Besonnte Vergangenheit, 1920,
      Kapitel 20: Erinnerungen an Richard Dehmel:

      Dehmel liebte die Musik über alles, und ich habe ihn oft erfreuen können mit dem Vortrag Löwescher Balladen, von denen der „Edward“ ihn oft zur hellen Begeisterung fortriß. Conrad Ansorge begleitete mich meisterhaft. Er stellte Löwes „Erlköni“«, wie so viele, weit über den Schuberts und behauptete, Schubert habe den dämonischen Trieb zur Knabenliebe, den Goethe gestalten wollte, gar nicht verstanden, ihm fehle das unheimlich Sadistische in der Musik, wie denn auch Schuberts „Ganymed“ aus dem gleichen Grunde völlig mißverstanden sei. Erst Hugo Wolf habe diese naive, griechische Dämonie des Jupiter richtig erfaßt und vertont. Was waren das schöne Abende im Hause seines späteren Schwiegervaters mit seiner sehr klugen und grundgütigen Gattin, die sonderbarerweise nie recht an den Stern Dehmels glauben wollte.

      Hans Hotter, Klavier: Gerald Moore, 1957:

    10. Max Eberwein: Erlkönig, 1826.
    11. Anselm Hüttenbrenner: Erlkönig-Walzer, 1829.

      Cyprien Katsaris:

    12. Louis Spohr: Erlkönig, Opus 154, Nummer 4, 1856.

      Einzige Bearbeitung für Klavier und Violine und in Viertel- statt Achteltakt, also getragener als alle anderen in Allegro non troppo.

      Die sechs Lieder op. 154 sind in dem Zeitraum April bis August 1856 in Kassel komponiert worden und in Louis Spohrs eigenem Werkverzeichnis mit der Nr. 260 notiert. Op. 154 ist Spohrs letztes Liederheft, bei dem er noch einmal „sein Instrument“, die Violine, wirkungsvoll als Soloinstrument einsetzt.

      Dietrich Fischer-Dieskau, Bariton; Hartmut Höll, Klavier; Dmitry Sitkowetsky, Violine:

    13. Heinrich Wilhelm Ernst: Caprice für Violine allein, Opus 26, ca. 1865.

      Transkription des Schubert-Liedes für Solo-Violine. Extrem schwierig zu spielen, weil tatsächlich jeder der vier vorhandenen Geigensaiten eine vollwertige Stimme zugeordnet ist: Man spielt quasi alleine ein Streichquartett.

      Hilary Hahn:


      Und als Zuckerl für die Notenleser unter uns: das Versprechen, dass man auch ohne so sportliche Fingerübungen ein erfülltes Musikleben führen kann:

    14. Hypnotic Grooves featuring Jo Van Nelsen: Der Erlkönig, aus: Rosebud: Songs of Goethe and Nietzsche, 1999:

    15. Forseti: Erlkönig, aus: Jenzig, 1999:

    16. Daniel Bill: Erlkönig, aus: Screaming in the Night, 2000:

    17. Achim Reichel: Erlkönig, aus: Wilder Wassermann, 2002:

    18. Scarecrow featuring Stefan „Das Ich“ Ackermann und Mike Oldfield: Tubular Bells, 1973, in: Erlkönig, 2003, aus: Outcry, 2002. Regie: Patrick v. Ollrath, Avantgarde Films 2004, 3. Platz auf der Visionale Frankfurt 2003.

      2003 lag es offenbar nahe, seinen Erlkönig als Ophelia-Figur zu gestalten, weil jedem noch The Ring von 2002 in den Knochen steckte. Die Hauptfigur Samara Morgan (Daveigh Chase, übrigens die Samantha aus Donnie Darko) trug die Haare ebenso derangiert übers Gesicht gekämmt, und der Psychohorror über den ganzen Film gilt als besonders wirkungsvoll (der aus dem Exorzist von 1973 auch, der wiederum — nächste Parallele — ebenfalls Tubular Bells von Mike Oldfield als Filmmusik verwendet). Als Regiedebüt für einen deutschen Kurzfilmer geht diese Version also klar. Seitdem hat er offenbar viel dazugelernt: Für seinen Alles wird gut ist die Liste von Auszeichnungen länger als die Inhaltsangabe und schließt eine Oscar-Nominierung 2016 als bester Kurzfilm ein.

    19. Rammstein: Dalai Lama, aus: Reise, Reise, 2004:

    20. Josh Ritter: The Oak Tree King, live auf dem Verbier Festival 2007:

    21. Falkenstein: Erlkönig, aus: Urdarbrunnen, 2008;

    22. Dracul: Erlkönig, aus: Follow Me, 2009:

    23. Leichenwetter: Erlkönig, aus: Legende, 2010:

    24. Hope Lies Within: Der Erlkönig, 2012:

      Auch in englischer Version:

    25. Maybebop: Erlkönig, 2013. A-cappella-Version über Schubert:

    26. Minotaurus: Erlkönig, eHrlebnisfilm 2013.

    27. The Band D: Erlkönig, Live-Performance für SNEAKY BLACK Turntable Stories, November 2016:

    Wer reitet so spät pp.:

    1. Ernst Kutzer: Postkarte Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten, gelaufen. Datiert und Poststempel 1914;
    2. Postkarte Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Mit Noten, Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen, ca. 1920,

    via Jutta Assel/Georg Jäger: Goethe-Motive auf Postkarten und in der bildenden Kunst. Eine Dokumentation, April 2016.

    Erlkönig extreme bike Logo, 1. April 2015

    Der Knabe lebt, das Pferd ist tot: Erlkönig Kinderfahrrad, gestreetarted in München, 1. April 2015.

    Written by Wolf

    28. April 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

    Frankfurter Osterspaziergang

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    Update zu Die besten Saufbrüder sind gestorben:

    Lebenslust und Konsumfreude atmet der Faust nicht erst in Auerbachs Keller. Um Trunk und sonstige Annehmlichkeiten geht es schon kurz vor dem Osterspaziergang, der Faust mit seinem vorläufigen, auf längere Sicht unzureichenden Sidekick und Famulus Wagner unmittelbar Wagners Ablösung zuführen wird: Mephisto.

    Für heute bleiben wir im lebenslustigen, konsumfreudigen Teil. Laut Albrecht Schöne in der bis auf weiteres besten Faust-Ausgabe ist

    Bemerkenswert die für das Drama dieser Zeit ganz ungewöhnliche Reihung ihrer abgerissen unvollständigen Gesprächsfetzen […], die der Zuschauer/Leser wahrnimmt, als zögen diese Spaziergänger an ihm vorüber.

    Das erwähnte „Jägerhaus“, in das die Studenten streben, ist das Forsthaus bei Sachsenhausen, heute geführt als Oberschweinstiege:

    Das Restaurant Oberschweinstiege hat eine sehr lange Tradition. Der Name stammt von zwei Forstbezirken des Frankfurter Stadtwalds. Der zwischen Sachsenhausen und Neu-Isenburg gelegene Abschnitt wurde als „Oberwald“, der zwischen Schwanheim und dem heutigen Flughafen als „Unterwald“ bezeichnet. Vom 14. bis in 19. Jahrhundert wurden die Schweine der Frankfurter Bürger in diese Waldstücke getrieben, damit sie sich noch vor dem nahenden Winter an Eicheln satt fressen konnten. Erstmals erwähnt wurde die Oberschweinstiege im Jahr 1592, seit 1779 gab es ein Forsthaus. Nachdem der Förster eine Schankerlaubnis erhalten hatte, wurde die Oberschweinstiege schnell zum beliebten Frankfurter Ausflugsziel.

    Die „Mühle“ ist die Gerbermühle, die es noch gibt:

    Die Geschichte der Gerbermühle ist lang und ereignisreich. Im 14. Jahrhundert wurde auf dem malerischen Flecken Erde am linken Mainufer ein Lehngut erbaut. Damit wurde der Grundstein für eine lange und bewegte Geschichte gelegt, die die Gerbermühle zu einem historisch bedeutsamen Teil Frankfurts gemacht hat. Im 16 Jahrhundert wurde die Getreidemühle errichtet. Im 17. Jahrhundert wurde das Gebäude als Gerberei genutzt. Diese beiden ehemaligen Funktionen des einstigen Lehnguts gaben ihm den Namen Gerbermühle, der bis heute erhalten geblieben ist.

    Seine historische Bedeutung erhielt das Gebäude jedoch erst durch den Frankfurter Bankier Johann Jakob von Willemer, der die Gerbermühle im Jahre 1785 als privaten Sommersitz gepachtet und umgebaut hat. Willemer, der mit Goethe befreundet war, lud diesen erstmals im Jahre 1814 zu einem Besuch ein, bei dem Goethe die Bekanntschaft mit Marianne, der Ziehtochter Willemers, machte.

    Zwischen den beiden entwickelte sich eine innige Beziehung, die Goethe zu weiteren und ausgiebigeren Besuchen der Gerbermühle animierte. Im Jahre 1815 verweilte er fast einen ganzen Monat in der Gerbermühle, wo er auch seinen 66. Geburtstag feierte.

    Sowohl Marianne, als auch die pittoreske Landschaft inspirierten ihn zu seinem Gedicht „Ginkgo biloba“, dass [sic…] er Marianne, die von ihrem Ziehvater Johann Jakob von Willemer inzwischen geehelicht wurde, mit Ginkgo-Blättern verziert, zukommen ließ.

    Drei Lieder aus Goethes Werk „West-östlicher Diwan“ stammen aus Mariannes Feder, die der Dichter stillschweigend in seine Publikation aufnahm.

    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Gerbermühle von der Stadt Frankfurt saniert und als Ausflugslokal genutzt. Der 2. Weltkrieg verschonte leider auch die abgelegene Gastwirtschaft nicht. Bis auf die Grundmauern zerstört, wurde die Gerbermühle erst in den 70er Jahren erneut aufgebaut.

    2001 erwarb Werner Kindermann die baufällige Gerbermühle. Damit war der Weg frei für eine gründliche Sanierung und zahlreiche Um- und Ausbaumaßnahmen, deren Ergebnisse sich mehr als sehen lassen können. Die Gerbermühle ist wieder da und um eine Attraktion reicher. Das kleine aber edle Hotel macht aus der ehemaligen Sommerresidenz wieder einen Ort zum Verweilen.

    Außerdem zeigen sie jedem, der Wert auf dergleichen legt, „alle Spiele unserer Eintracht Frankfurt live in der Turmbar.“

    Der „Wasserhof“ stand unmittelbar neben der Gerbermühle und ist leider nur noch durch Wikipedia genauer belegt:

    Die als Wassermühle gebaute Gerbermühle gehörte zum Wasserhof, ein befestigter Gutshof im sumpfigen, von vielen Wasseradern durchzogenen Gelände zwischen dem Fluss Main im Norden und dem Dorf Oberrad im Süden. Die Ausstattung des Hofes mit einer Mühle deutet darauf hin, dass die zum Gutshof gehörenden Felder genügend Erträge erbrachten, um den Betrieb einer eigenen Getreidemühle zu rechtfertigen. Der Wasserhof war Teil eines Lehnguts, das ursprünglich im Jahr 1311 als „curia […] allodium sita in villa Roden prope Frankenvort“ (Hof beziehungsweise Allod, – freies Eigentum – gelegen im Dorf Rad bei Frankfurt) von Philipp von Falkenstein und Philipp von Münzenberg begründet wurde. Diese belehnten im selben Jahr eine Frankfurter Familie von Ovenbach (Offenbach) mit dem Hof. Die Besitzer dehnten das Erbrecht am Lehen auf weibliche Nachkommen der Lehnsnehmer aus („Frauenlehen“); die Erträge des Wasserhofes sicherten den Lebensunterhalt der unverheirateten Töchter der Lehensträger.

    „Burgdorf“ ist das Dorf Bergen, heute Frankfurts östlichster Stadtteil Bergen-Enkheim.

    Schöne bezieht sich bei seinen lokalen Zuordnungen auf Ernst Beutler: Goethe. Faust und Urfaust, erläutert von Ernst Beutler (zuerst 1939), zweite erneuerte Auflage, Leipzig 1940 u. ö. (Sammlung Dieterich, Band 25).

    Der ganze Teil Vor dem Tor samt Osterspaziergang fehlt noch im heute (schon gar nicht mehr) so genannten Urfaust und im Faust-Fragment; man darf also sagen, der alte Goethe hat in der Endfassung Faust. Eine Tragödie seiner — wie gesagt — lebensfrohen und konsumfreudigen Jugend ein Denkmal gesetzt. Unser Ausschnitt bricht dort ab, wo er selbstverständlich als auswendig bekannt vorausgesetzt werden darf. Danach kommt wieder Erdenschwere.

    Peter von Cornelius, Faust und Wagner unter den Spaziergängern vor dem Tore, 1826

    ——— Goethe:

    Faust I

    Vers 808 bis 903:

    Vor dem Thor.

    Spaziergänger aller Art ziehen hinaus.

    Einige Handwerksbursche.
    Warum denn dort hinaus?

    Andre.
    Wir gehn hinaus auf’s Jägerhaus.

    Die Ersten.
    Wir aber wollen nach der Mühle wandern.

    Ein Handwerksbursch.
    Ich rath’ euch nach dem Wasserhof zu gehn.

    Zweyter.
    Der Weg dahin ist gar nicht schön.

    Die Zweyten.
    Was thust denn du?

    Ein Dritter.
    Ich gehe mit den andern.

    Vierter.
    Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr
    Die schönsten Mädchen und das beste Bier,
    Und Händel von der ersten Sorte.

    Fünfter.
    Du überlustiger Gesell,
    Juckt dich zum drittenmal das Fell?
    Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte.

    Dienstmädchen.
    Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zurück.

    Andre.
    Wir finden ihn gewiß bey jenen Pappeln stehen.

    Erste.
    Das ist für mich kein großes Glück;
    Er wird an deiner Seite gehen,
    Mit dir nur tanzt er auf dem Plan.
    Was gehn mich deine Freuden an!

    Andre.
    Heut ist er sicher nicht allein,
    Der Krauskopf, sagt er, würde bey ihm seyn.

    Schüler.
    Blitz wie die wackern Dirnen schreiten!
    Herr Bruder komm! wir müssen sie begleiten.
    Ein starkes Bier, ein beizender Toback,
    Und eine Magd im Putz das ist nun mein Geschmack.

    Bürgermädchen.
    Da sieh mir nur die schönen Knaben!
    Es ist wahrhaftig eine Schmach,
    Gesellschaft könnten sie die allerbeste haben,
    Und laufen diesen Mägden nach!

    Zweyter Schüler zum ersten.
    Nicht so geschwind! dort hinten kommen zwey,
    Sie sind gar niedlich angezogen,
    ’s ist meine Nachbarin dabey;
    Ich bin dem Mädchen sehr gewogen.
    Sie gehen ihren stillen Schritt
    Und nehmen uns doch auch am Ende mit.

    Erster.
    Herr Bruder nein! Ich bin nicht gern genirt.
    Geschwind! daß wir das Wildpret nicht verlieren.
    Die Hand, die Samstags ihren Besen führt,
    Wird Sontags dich am besten caressiren.

    Bürger.
    Nein, er gefällt mir nicht der neue Burgemeister!
    Nun, da er’s ist, wird er nur täglich dreister.
    Und für die Stadt was thut denn er?
    Wird es nicht alle Tage schlimmer?
    Gehorchen soll man mehr als immer,
    Und zahlen mhr als je vorher.

    Bettler singt.
    Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen,
    So wohlgeputzt und backenroth,
    Belieb’ es euch mich anzuschauen,
    Und seht und mildert meine Noth!
    Laßt hier mich nicht vergebens leyern!
    Nur der ist froh, der geben mag.
    Ein Tag den alle Menschen feyern,
    Er sey für mich ein Aerndetag.

    Spaziergang am Ostersonntag. Holzstich nach dem Gemälde von J. Wichmann. Aus der Gartenlaube 1885. In Goethes Faust mit einer Einleitung von Max von Boehn. Berlin im Askanischen Verlag Carl Albert Kindle, 1924Andrer Bürger.
    Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feyertagen,
    Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrey,
    Wenn hinten, weit, in der Türkey,
    Die Völker auf einander schlagen.
    Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
    Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
    Dann kehrt man Abends froh nach Haus,
    Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.

    Dritter Bürger.
    Herr Nachbar, ja! so laß ich’s auch geschehn,
    Sie mögen sich die Köpfe spalten,
    Mag alles durch einander gehn;
    Doch nur zu Hause bleib’s beym Alten.

    Alte zu den Bürgermädchen.
    Ey! wie geputzt! das schöne junge Blut!
    Wer soll sich nicht in euch vergaffen? –
    Nur nicht so stolz! es ist schon gut!
    Und was ihr wünscht das wüßt’ ich wohl zu schaffen.

    Bürgermädchen.
    Agathe fort! ich nehme mich in Acht
    Mit solchen Hexen öffentlich zu gehen;
    Sie ließ mich zwar, in Sanct Andreas Nacht,
    Den künftgen Liebsten leiblich sehen.

    Die Andre.
    Mir zeigte sie ihn im Krystall,
    Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen;
    Ich seh’ mich um, ich such’ ihn überall,
    Allein mir will er nicht begegnen.

    Soldaten.
         Burgen mit hohen
         Mauern und Zinnen,
         Mädchen mit stolzen
         Höhnenden Sinnen
         Möcht’ ich gewinnen!
         Kühn ist das Mühen,
         Herrlich der Lohn!

         Und die Trompete
         Lassen wir werben,
         Wie zu der Freude,
         So zum Verderben.
         Das ist ein Stürmen!
         Das ist ein Leben!
         Mädchen und Burgen
         Müssen sich geben.
         Kühn ist das Mühen,
         Herrlich der Lohn!

         Und die Soldaten
         Ziehen davon.

    Faust und Wagner.

    Faust.
    Vom Eise befreyt sind Strom und Bäche, […]

    Breaking News: Helene „Mir doch wurscht, von wem das ist“ Hegemann:
    Wie hypermodern Goethes Osterspaziergang ist,
    in: Die Welt, 15. Apil 2017, Lesedauer: 4 Minuten.

    Franz Simm, Vor dem Thor, ca. 1900

    BIlder:

    1. Peter von Cornelius: Faust und Wagner unter den Spaziergängern vor dem Tore, 1826;
    2. Spaziergang am Ostersonntag. Holzstich nach dem Gemälde von J. Wichmann. Aus der Gartenlaube 1885. In: Goethes Faust mit einer Einleitung von Max von Boehn. Berlin im Askanischen Verlag Carl Albert Kindle, 1924;
    3. Franz Simm: Vor dem Thor, ca. 1900,

    alle via Jutta Assel/Georg Jäger: Illustrationen zu Szenen aus Goethes Faust: Vor dem Tor / Osterspaziergang, April 2011.

    Soundtrack: Irving Berlin as sung by Judy Garland and Fred Astaire:
    It Only Happens When I Dance With You,
    from: Easter Parade (deutsch: Osterspaziergang), 1948:

    Written by Wolf

    17. April 2017 at 01:21

    Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

    Nachtstück 0007: Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren (was niemand hören wollte)

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    Johann Heinrich Füssli, Der Nachtmahr, 1781, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

    Update zum Nachtstück 0006: Nachtstück 0006: Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu und zu den vier unbekannten Mengen
    nach Idee, Vorschlag und Motiven unseres Lesers Thomas Faulhaber

    mit Bildmaterial nach Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr, 1781:

    Borgman, Alex van Warmerdam, 2013, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

    ——— Faust 1, Zueignung, Vers 17 ff.:

    Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
    Die Seelen, denen ich die ersten sang;
    Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
    Verklungen ach! der erste Widerklang.
    Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,
    Ihr Beyfall selbst macht meinem Herzen bang,
    Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
    Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

    ——— Faust 2, Weitläufiger Saal, mit Nebengemächern, verziert und aufgeputzt zur Mummenschanz, Vers 5295 ff.:

    Satyriker.
    Wißt ihr was mich Poeten
    Erst recht erfreuen sollte?
    Dürft ich singen und reden
    Was niemand hören wollte.

    (Die Nacht- und Grabdichter lassen sich entschuldigen, weil sie so eben im interessantesten Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren begriffen seyen, woraus eine neue Dichtart sich vielleicht entwickeln könnte; der Herold muß es gelten lassen und ruft indessen die griechische Mythologie hervor, die, selbst in moderner Maske, weder Charakter noch Gefälliges verliert.)

    Vampyr, Carl Th. Dreyer, 1932, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

    Soundtrack: Anton Bruckner: Nullte Symphonie, WAB 100, 1869,
    besonders der 2. Satz: Andante:

    , Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

    Frischerstandene Vampyre:

    1. Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr, 1781;
    2. Alex van Warmerdam: Borgman, 2013;
    3. Carl Theodor Dreyer: Vampyr – Der Traum des Allan Gray, 1932;
    4. James Whale: Frankenstein, 1931;
    5. Ken Russell: Gothic, 1986.

    Ken Russell, Gorhic, 1986, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

    Written by Wolf

    30. März 2017 at 00:01

    Volksfaust 1 & 2

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    Update zu Die Litaneien des Körpers:

    Sybil Volks wurde 1965 geboren, lebt als freie Autorin und Lektorin in Berlin und kennt sich deshalb in Faust- und Gretchendingen aus.

    Ihr angenehm knapper Gedichtzyklus über Faust als Gretchen hätte seinen geeigneten Platz im nicht genug zu lobenden Unser Goethe der alten Haudegen F. W. Bernstein und Eckhard Henscheid gehabt, das aber zum 150. Todestag 1982 abgeschlossen war, und ergänzt jetzt als Original ähnlich passend das rar gewordene Liederlich! von Steffen Jacobs. Bitte kaufen, leihen oder entwenden Sie jemandem, der sowieso nix damit anzufangen weiß, umgehend beides und lesen Sie aufmerksam darin. Ich frage das nächstes Mal ab.

    Frau Volks wirkt als Autorin und Lektorin, versprochen.

    ——— Sybil Volks:

    Erstveröffentlichung in: Steffen Jacobs (Hg.):
    Liederlich! Die lüsterne Lyrik der Deutschen, Eichborn Berlin, 2008:

    Faust I

    Bin weder Mädchen, weder Mann,
    zieh heute andersrum mich an

    Das Kleid von feinster Schlangenhaut, das Haar
    von einer Höllenbraut, die Wimpern
    einer abgeschaut, der Arsch
    im Paradies gebaut

    Die Herren sinken auf die Knie, besamen
    sich die Hände, die Damen wissen
    auch nicht wie ihnen geschieht am Ende

    Bin zwar kein Mädchen, aber schön
    Kann ungefickt
    nicht nach Hause gehn

    *

    Faust II

    Ich halt um deine Hand an
    die Welt steht still
    Denn deine Hand liegt in mir
    und ja, ich will
    Du gibst mir alle Finger
    damit sich’s lohnt
    Behaust ist deine Faust und
    ich bin bewohnt

    *

    Stoya, Very Special Porn, 2016Stoya, Very Special Porn, 2016Stoya, Very Special Porn, 2016

    Nicht nach Hause gehn: Stoya für Very Special Porn, 2016;
    Soundtrack: Madonna (ja, ja, ich weiß …): Justify My Love, aus: The Immaculate Collection, 1990:

    Written by Wolf

    9. Februar 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

    Sie sollen und müssen gerettet sein!

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    Update zu Der den Wasserkothurn zu beseelen weiß:

    Die Geschichte der personifizierten Zivilcourage, die eine Minderjährige, zugleich die bis heute beliebteste Bewohnerin von Kleve, in Tod geführt hat, steht ausführlich im Portal Rheinische Geschichte. Daher kann ich mich kurz fassen:

    Obwohl dadurch die Überschrift des Gedichts mangels jeglicher Entsprechung mit seinem Inhalt kollidiert (ein typischer Anfängerfehler, Herr Geheimrat), heißt Johanna Sebus bei Goethe Suschen, sehr wahrscheinlich das s vom ch getrennt als Diminutiv von Susanne gesprochen, „weil ihm Hannchen nicht gefallen und Johanna wegen der von Orleans zu pathetisch gewesen“, so jedenfalls Louise Seidler brieflich im Juni 1809.

    Offenbar entstand das Gedicht, weil das Fräulein Sebus auf ihrem Weg zur Ortslegende durch ihren selbstlosen Mut Goethe stark beeindruckt hat. Persönlich heißt mich die Geschichte eher vor dem Gebrauch der Zivilcourage zurückschrecken, aber eben deshalb darf man genau das nicht.

    Freiheit zum Handeln bedeutet Verantwortung, Verantwortung bedeutet Schuld. Wenn ich also — mich selbst eingeschlossen — bitten darf, der jungen Johanna Sebus stets nachzueifern (außer darin, Mitte Januar barfuß im Rhein umherzuwaten).

    Johanna-Sebus-Denkmal Kleve

    ——— Günter Voldenberg (Kleve):

    Johanna Sebus (1791–1809), Lebensretterin

    in: Portal Rheinische Geschichte, 30. September 2010:

    Johanna Sebus aus dem niederrheinischen Brienen (heute Stadt Kleve) rettete bei der großen Flutkatastrophe im Januar 1809 zunächst ihre Mutter und kam anschließend bei dem Versuch, weitere Menschen zu retten, ums Leben. Literarischen Nachruhm bescherte ihr Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) mit seiner Ballade „Johanna Sebus“, die wiederum auf Komponisten und Schriftsteller anregend wirkte.

    Johanna Sebus, Arno Grimm, um 1900Johanna Sebus wurde am 28.12.1791 als sechstes Kind der Eheleute Jacob Sebus (1748-1795) und Helena van Bentum (1753–1812) in Brienen geboren. Bereits mit drei Jahren verlor sie ihren Vater. Johanna wuchs im Hause der Mutter in der Nähe des Deiches auf. Als die Mutter erkrankte, versorgte sie diese und bestritt den gemeinsamen Lebensunterhalt als Dienstmagd und Tagelöhnerin. Ihre Geschwister hatten das Haus bereits verlassen und waren in der näheren Umgebung in Anstellung gegangen.

    Die Menschen in der Niederung lebten seit Jahrhunderten mit dem jährlich wiederkehrenden Hochwasser des Rheins. Bedrohlich wurde es immer wieder dann, wenn das Hochwasser Höchststände erreichte und zusätzlich Eisgang für eine Stauung des Wassers sorgte. Diese Situation trat zu Beginn des Jahres 1809 ein. Seit dem 10. Januar war das Hochwasser außergewöhnlich gestiegen. Tag und Nacht wurden die Dämme bewacht und inspiziert, Hilfsmaterial und Kähne herbeigeschafft. Man war sich der bedrohlichen Lage nur allzu bewusst — zu präsent waren die Erinnerungen an die großen Deichbrüche und Überschwemmungen der Jahre 1784 und 1789. Auch waren die Schäden aus der Überschwemmung des Jahres 1800 noch nicht vollständig behoben.

    In der Frühe des 13.1.1809 wurden die Bewohner von Brienen, Wardhausen und Rindern aus dem Schlaf gerissen: Im Bereich der Schleuse war das Wasser durchgebrochen und ergoss sich bereits bis in die Innenstadt von Kleve. In kurzer Zeit folgten drei weitere Deichbrüche in Brienen. Johanna Sebus trug ihre kranke Mutter durch das steigende Wasser auf sicheren Boden, kehrte dann nochmals zu ihrer Nachbarin Johanna van Beek und deren Kinder zurück. Als man sie davon abbringen wollte, soll sie geantwortet haben, „Um Menschleben zu retten, lässt sich schon etwas wagen!“.Johanna, die Nachbarin und die Kinder konnten sich zunächst noch auf eine nahe gelegene Erhöhung retten, dann brach der Deich unmittelbar hinter der Kirche und eine Flutwelle ergoss sich über das gesamte Dorf. Johanna, die Nachbarin van Beek und die Kinder kamen in den Fluten um. Rettungsversuche blieben erfolglos, die Verunglückten tauchten nicht wieder auf — zu stark war die Strömung.

    Johanna Sebus, Friedrich Bury, 1809Die Strömung hatte auch die Fundamente der kleinen Kirche von Brienen unterspült, die schließlich zusammenstürzte und in den Fluten versank. Einige Menschen, die in der auf einer leichten Erhöhung liegenden Kirche Schutz gesucht hatten, konnten gerettet werden. Bei dem fünften Durchbruch in unmittelbarer Nähe der Kirche strömte das Wasser jedoch in die gesamte Niederung und begrub alles unter sich. Insgesamt kamen bei dieser Flutkatastrophe 22 Menschen ums Leben.

    Die Leiche von Johanna Sebus wurde erst drei Monate später, am 10.4.1809, in einem Graben zwischen Rindern und der nördlich davon liegenden Mühle gefunden; sie wurde auf dem Friedhof von Rindern beerdigt. Beim Bau einer neuen, größeren Kirche wurde das Grab 1872 in die Kirche integriert. Ein Gedenkstein im Chorraum erinnert an die Ereignisse von 1809. Außerdem wurde 1912 an der Außenseite des Südchores eine bronzene Gedenktafel angebracht.

    Der seinerzeitige Unterpräfekt in Kleve, Baron Karl Ludwig von Keverberg (1768–1841), hörte von der Heldentat der Johanna Sebus und pries sie in einem Bericht an seine vorgesetzte Behörde. Er schloss mit der Bitte, dass „ein einfaches und bescheidenes Denkmal der Nachwelt von der hohen Tat der Johanna Sebus künden“ möge. Die Anregung fiel bei der Regierung in Paris auf fruchtbaren Boden, und der Generaldirektor des Musée Napoléon, Dominique Vivant-Denon (1747–1825), wurde mit dem Entwurf eines Denkmals für Johanna Sebus beauftragt. Die Grundsteinlegung erfolgte am 9.6.1811 durch den Nachfolger des Barons Keverberg als Unterpräfekt in Kleve, Edmond Nicolas Gruat. Das Denkmal trägt auf der Vorderseite eine Inschrift in französischer Sprache und ein Marmor-Medaillon, das eine auf dem Wasser treibende Rose, eingefasst von zwölf Sternen, zeigt. 1953 wurde auf der Rückseite des Denkmals die Übersetzung in deutscher Sprache angebracht.

    Auch das Haus von Johannas Mutter wurde im Auftrag der französischen Regierung auf Staatskosten wieder aufgebaut, was eine Gedenktafel in einem nahe gelegenen Restaurant dokumentiert. Das Haus wurde allerdings erst 1812 fertig gestellt, als die Mutter schon nicht mehr lebte; viele Jahre wurde es von Johannas Bruder Reiner bewohnt.

    Neben seinem offiziellen Bericht an die vorgesetzte Behörde schrieb Keverberg an, Christiane von Vernejoul (geboren 1768), eine Bekannte von Goethe mit der Bitte, seinen Bericht dem Dichter weiterzuleiten. Frau von Vernejoul legte Goethe in einem Brief die „ausgezeichnete Handlung einer hiesigen Bäuerin, bei Gelegenheit der fürchterlichen Überschwemmung, welche vor einigen Wochen so viel Unglück in Holland, und unßerer Gegend angerichtet“ nahe. Sie fügte Keverbergs Bericht bei, der ihn noch mit weiteren Notizen zu der Heldentat der Johanna versehen hatte, und bat Goethe, „die rührende That in einer Ballade [zu] verewigen“. Goethe war von der Geschichte angetan und schrieb am 11. und 12.5.1809 die Ballade „Johanna Sebus“.

    Einen ersten Entwurf schickte er an seinen Freund Carl Friedrich Zelter (1758–1832) mit der Bitte, die Ballade zu vertonen. Dieser begann zwar unverzüglich mit der Vertonung, stellte sie aber erst Anfang 1810 fertig. Johann Friedrich Reichardt (1754–1814), der ebenfalls zum Freundeskreis Goethes zählte, komponierte ein Werk für Singstimme und Pianoforte, das 1811 uraufgeführt wurde. Auch Franz Schubert (1797–1828) beschäftigte sich mit der Ballade, beendete eine begonnene Arbeit aber im April 1821 unvollendet. 1887 vertonte sie der Kölner Musikprofessor Hermann Kipper (1826–1910), und der Musiker und Maler Béla Lajos (geboren 1929) komponierte eine Oper für Johanna Sebus.

    Zahlreiche weitere Künstler thematisierten die Heldentat der Johanna Sebus. So entstanden, wiederum basierend auf der Goetheschen Ballade, zahlreiche Zeichnungen und Bilder, ein Theaterstück und ein Roman. Anlässlich des 175. Todestages wurde im Jahr 1984 eine Johanna-Sebus-Medaille gestiftet, die an Personen oder Institutionen für „Hilfe in der Not“ verliehen wird. Ein Rosenzüchter aus Weinheim in der Pfalz gab 1894 einer Neuzüchtung den Namen „Johanna Sebus“; die Rose ging allerdings im Laufe der Zeit verloren. Zum 200. Todestag im Jahr 2009 wurde eine neue Rosenzüchtung nach Johanna Sebus benannt.

    ——— Die Gartenlaube, Heft 45, Seite 737, 1872:

    Johanna Sebus, R. Risse, Gartenlaube 45, 1872Goethe selbst hat es der Nachwelt verkündet, daß es am 13. Januar 1809 war, wo eine siebenzehnjährige Jungfrau, die schöne Johanna Sebus aus dem Dorfe Brienen, ein Opfer ihres Heldenmuthes und ihrer Menschenliebe geworden. Als zu den Schrecken des Eisgangs im Rhein auch noch das Verderben durch den Dammbruch bei Cleverham hinzukam riss, rettete Johanna die Unglücklichen aus der Wassersnoth, bis sie selbst darin umkam. Das ist der Gegenstand unseres Bildes, vor dem man wieder recht schmerzlich an die Verirrung so vieler unserer Maler erinnert wird, die noch heute lieber in das Nebelgebiet der Heiligenlegende, als in das lebensvolle Buch unserer Volksgeschichte greifen, um sich die Stoffe für ihre Darstellungen zu suchen. Um so mehr freuen wir uns, daß unser Künstler mit gesundem deutschen Geist seine Wahl traf und mit seinem Bilde ein Werk lieferte von ebenso vollendeter technischer Durchführung, als geistiger Bedeutsamkeit. Auch wer das Auge nur auf die beiden Gesichter der Hauptgruppe wendet, die der Mutter und der Tochter, muß in jenem den vollen Ausdruck der Angst wie in diesem die Ruhe des Gottvertrauens und des Muthes bewundern. Wir wünschen diesem Werk recht viele ebenbürtige Nachfolger.

    D. Red.

    ——— Goethe:

    Johanna Sebus

    Zum Andenken der siebzehnjährigen Schönen, Guten aus dem Dorfe Brienen, die am 13. Januar 1809 bei dem Eisgang des Rheins und dem großen Bruche des Dammes von Cleverham Hilfe reichend unterging.

    Tagebuch 11./12. Mai 1809, Einzeldruck 1809, rezitiert zum 1. Jahrestag des Ereignisses:

    Johanna Sebus, Frank Kirchbach, 1893     Der Damm zerreißt, das Feld erbraust,
         Die Fluthen spülen, die Fläche saust.

    „Ich trage Dich, Mutter, durch die Fluth,
    Noch reicht sie nicht hoch, ich wate gut.“
    „Auch uns bedenke, bedrängt wir sind,
    Die Hausgenossen, drei arme Kind!
    Die schwache Frau! … Du gehst davon.“ –
    Sie trägt die Mutter durch’s Wasser schon.
    „Zum Bühle da rettet euch! harret derweil;
    Gleich kehr‘ ich zurück, uns Allen ist Heil.
    Zum Bühl ist’s noch trocken und wenige Schritt;
    Doch nehmt auch mir meine Ziege mit!“

         Der Damm zerschmilzt, das Feld erbraust,
         Die Fluthen wühlen, die Fläche saust.

    Sie setzt die Mutter auf sichres Land;
    Schön Suschen gleich wieder zur Fluth gewandt.
    „Wohin? Wohin? die Breite schwoll;
    Des Wassers ist hüben und drüben voll.
    Verwegen in’s Tiefe willst Du hinein!“
    „Sie sollen und müssen gerettet sein!“

         Der Damm verschwindet, die Welle braust,
         Eine Meereswoge, sie schwankt und saust.

    Schön Suschen schreitet gewohnten Steg,
    Umströmt auch gleitet sie nicht vom Weg,
    Erreicht den Bühl und die Nachbarin;
    Doch der und den Kindern kein Gewinn!

         Der Damm verschwand, ein Meer erbraust’s,
         Den kleinen Hügel im Kreis umsaust’s.

    Da gähnet und wirbelt der schäumende Schlund
    Und ziehet die Frau mit den Kindern zu Grund;
    Das Horn der Ziege faßt das ein‘,
    So sollten sie Alle verloren sein!
    Schön Suschen steht noch strack und gut:
    Wer rettet das junge, das edelste Blut!
    Schön Suschen steht noch, wie ein Stern;
    Doch alle Werber sind alle fern.
    Rings um sie her ist Wasserbahn,
    Kein Schifflein schwimmet zu ihr heran.
    Noch einmal blickt sie zum Himmel hinauf,
    Da nehmen die schmeichelnden Fluthen sie auf.

         Kein Damm, kein Feld! Nur hier und dort
         Bezeichnet ein Baum, ein Thurm den Ort,

    Bedeckt ist Alles mit Wasserschwall;
    Doch Suschens Bild schwebt überall. –
    Das Wasser sinkt, das Land erscheint,
    Und überall wird schön Suschen beweint. –
    Und dem sei, wer’s nicht singt und sagt,
    Im Leben und Tod nicht nachgefragt!

    Bilder: Klevischer Verein für Kultur und Geschichte e.V.: Johanna Sebus ist immer noch Kleves populärste Frau, zur Ausstellung zum 200. Todestag im Haus Koekkoek, 2009;
    Arno Grimm: Johanna Sebus, Ausschnitt, um 1900, Privatbesitz Günter Voldenberg;
    Friedrich Bury, 1809, via Matthias Grass: Tod in den Fluten, RP Online, 16. Juli 2009;
    Nach seinem Oelgemälde auf Holz übergezeichnet von R. Risse in Düsseldorf,
    in: Die Gartenlaube, Heft 45, Seite 737, 1872;
    Frank Kirchbach: Johanna Sebus. Aus der Prachtausgabe von „Goethes Gedichten“,
    Verlag von Adolf Titze in Leipzig, 1893.

    Soundtrack: Grauzone: Eisbär, aus: Swiss Wave – The Album, 1980:

    Written by Wolf

    13. Januar 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Himmel

    Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne

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    Update zu Willkomm und dervoo und
    Keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen:

    Meine schönste Entdeckung 2016 war, woran ich nicht lange herumrelativieren will, Goethe’s Song von Colum Sands. Das ist schon von 1996, aber deswegen nicht weniger beeindruckend, im Gegenteil. Darauf gekommen bin ich auf der Suche nach einem „Soundtrack“ für den Beitrag über Daniel Kehlmann und durfte feststellen, dass offenbar die notorisch hochkulturkritischen F. W. Bernstein und Eckhard Henscheid Fans des Originals von 1795 ist — das haben sie nämlich 1982 für Unser Goethe (Kaufbefehl!) samt seinen Vorbildern und Parodien vorgestellt und fast heimlich als ironiefreien Rausschmeißer verwendet. Das heißt einiges, es scheint wirklich was dran zu sein.

    Alexander Fehlung und Miriam Stein, Goethe, 2010, Wiese

    Colum Sands bringt auf All My Winding Journeys eine zweisprachige und seiner Melodie angepasste Version, behält aber allen Respekt. Auf seinem eigenen, zu YouTube-Zeiten selbst gebauten Video erklärt er dazu:

    An English translation and setting to music of Goethe’s „Naehe des Geliebten“ that I attempted around 1996. Scarlett O‘ from Berlin sings the original German words. I’ve added photos taken on travels through Ireland and Germany.

    Alexander Fehling und Miriam Stein, Goethe, 2010, Kuss in der Ruine

    Die Gitarrengriffe für die ungeraden Strophen sind D / G / A–A7 / D // D / G / A–A7 / D, für die geraden Strophen A / G / D / e / D // D / G / A–A7 / D; nach der 4. Strophe bietet sich ein Solo über viermal den Teil D / G / A–A7 / D an, die Schwierigkeit liegt also im verspielten Zupf der rechten Hand. Natürlich empfehle ich es als gemischtes Duett zu singen. Wer keine so saubere Frauenstimme wie Scarlett O‘ hat, darf über die Männerstimme auf der Mundharmonika improvisieren. Es spielt sich ausgesprochen leicht, nur Mut.

    Ist ein engelschöneres Lied ausdenkbar? Heuer nicht mehr. Und: Ja, natürlich ist es Kitsch. Das gehört so.

    ——— Colum Sands & Scarlett O‘:

    Goethe’s Song

    aus: All My Winding Journeys, 1996:

    I watch the sun rise on another journey
    Away from you, away from you
    And when the moon paints midnight streams before me
    I’ll think of you, I’ll think of you.

    Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
    Vom Meere strahlt, vom Meere strahlt;
    Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
    In Quellen malt, in Quellen malt.

    And I see you on every road I travel
    On the laughing street, and down the lonely mile,
    Through the darkest nights of all my winding journeys
    I see your smile; I see your smile.

    Ich sehe dich, wenn auf den fernen Wege,
    Der Staub sich hebt, der Staub sich hebt;
    In tiefe Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
    Der Wandrer bebt, der Wandrer bebt.

    I hear your voice from the rustling leaves of morning
    Til the winds of evening knock my window pane
    And in the silence of the deepest forest
    I hear your name, I hear your name.

    Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
    Die Welle steigt, die Welle steigt.
    Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen,
    Wenn alles schweigt, wenn alles schweigt.

    You’re by my side, though distance stands between us
    I know you’re near, I know you’re near
    The sun goes down, but the stars will walk beside us
    Til you are here, til you are here.

    Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne,
    Du bist mir nah, Du bist mir nah.
    Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
    O wärst du da, o wärst du da.

    Miriam Stein, Goethe, 2010, Zuhören

    Um Colum Sands‘ Element der Kulturenverständigung zu entsprechen, folgt der Direktvergleich zwischen Übersetzung und Original:

    ——— Goethe:

    The Nearness of the Belovèd

    1795, translation by David Paley:

    I think of you when the gleam of sunlight
           Shines upon the sea;
    I think of you when the shimmer of the moon
           Is painted on the fountains.

    I see you when the dust is rising
           From the distant path;
    When in the deep of night upon the narrow way
           The wanderer trembles.

    I hear you when the muffled wave
           Is rising there.
    In the quiet grove I often go to listen
           When all is silent.

    I am with you. Be you yet so far away,
           You are near me.
    The sun declines, soon the stars will shine on me.
           O! If only you were there!

    ——— Goethe:

    Nähe des Geliebten

    1795, in: Musen-Almanach, 1796:

    Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
           Vom Meere strahlt;
    Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
           In Quellen malt.

    Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
           Der Staub sich hebt;
    In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
           Der Wandrer bebt.

    Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
           Die Welle steigt.
    Im stillen Haine geh‘ ich oft zu lauschen,
           Wenn alles schweigt.

    Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,
           Du bist mir nah!
    Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
           O, wärst du da!

    Miriam Stein, Goethe, 2010, Portrait mit Dekolleté

    BIlder: Miriam Stein und Alexander Fehling in Philipp Stölzl: Goethe!, 2010.

    Miriam Stein, Goethe, 2010, Regen

    Written by Wolf

    1. Januar 2017 at 00:01

    Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

    Impotence proved I’m superman

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    Update for Letzte Hand:

    This is not a kidding article, no satire, nor parody: Goethe’s poem Das Tagebuch (The Diary), finished by the author on April 30th, 1810, was first published in a translation from German language by John Frederick Nims, in December 1968 — in the US American Playboy magazine.

    For centuries, the poem was concealed in Goethe’s complete work editions, including the popular Hamburger and Jubiläumsausgabe; only the legendary 143-volume Weimarer Ausgabe has it „secreted“ into the appendices, for being an „obscenity“. It was not before September 23rd, 1920 that Kurt Tucholsky made it more public in a broader essay named Iste Goethe in Die Weltbühne. Today, German texts can be found in Projekt Gutenberg or Wikisource. Most versions are still illegible and full of flaws. For intense history and interpretation, consult the Frankfurter Ausgabe by Karl Eibl, the only reasonable — and availbale — edition of all of Goethe’s poems. Deep in the 21st century, scholars still have to stumble across it in old boys‘ jokes webpages (see here), the Frankfurter Ausgabe, Tucholsky’s Iste Goethe essay, or the American Playboy magazine.

    Germans traditionally tend to think of Americans as philistine.

    ——— Johann Wolfgang von Goethe:

    The Diary

    By JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
    for the first time in English, a verse rendering
    of a light yet tenderhearted poem
    from the pen of Germany’s greatest writer
    Ribald Classic

    in: Playboy USA, December 1968, page 212 to 213,
    collected in: John Frederick Nims: Sappho to Valéry: Poems in Translation, Rutgers University Press, 1971;
    ——— Translated by John Frederick Nims:

    Goethe, The Diary, Playboy December 1968, page 212Goethe, The Diary, Playboy December 1968, page 213

    [Motto, not translated for Playboy:]

    — aliam tenui, sed iam quum gaudia adirem,
    Admonuit dominae deseruitque Venus.

    I had another girl, but as I was getting close to the blissful moment,
    Venus reminded me about my true love, and went away.

    Tibullus, I, 5, 39/40.

    We’ve heard and heard, and finally believe:
    There’s no enigma like the heart of man.
    The things we do! No good to twist or weave —
    We’re human yet, in Rome as Turkistan,
    What’s my advice? Forget it. Maybe heave
    One sigh, and then live with it if you can.
    Also, when sins come nudging with that leer,
    Count on some Sturdy Virtue to appear.

    Once, when I left my love and had to travel
    Off on affairs a traveling man transacts,
    Collecting facts and figures to unravel
    (Thinking of her, her figure and its facts),
    As always, when the night spread, thick as gravel,
    Its load of stars, my mind went starry. Stacks
    Of paper (balanced on my solar plexus)
    Told of the day, in mostly Os and Xs.

    Finally I’m rolling homeward, when—you’d know it!—
    Cru-ungk! and the axle goes. So one less night
    Back in the bed I’m dreaming of—but stow it!
    There’s work now. Cross your fingers and sit tight.
    Two blacksmiths come. I’m grumpy, and I show it.
    Shrugging, the one spits left, the other right.
    „It’ll be done when done,“ they grunt, and batter.
    Whang! at the wheel. Sparks flying. Clang and clatter.

    Stuck in the sticks! With just an inn; The Star,
    It says outside. Looks bearable. I’m glad
    To see a girl with lantern there. So far
    So good. She lifts it higher and—not bad!—
    Beckons me in: nice lounge, a decent bar.
    The bedroom’s cozy as a travel ad.
    In such a place, where pleasant things all mingle,
    A married man begins to dream he’s single.

    I take the room, unpack, get candlelight
    And start to bring my diary up to date.
    I like to put my thoughts down every night:
    Once home again, I share them with my mate.
    But something makes me nervous, I can’t write.
    Impressions of my day evaporate.
    That girl again. She lays the table first,
    Hands deft and cool, nice manner. I’m immersed

    In studying her skirt, flung out and in,
    I talk, she answers. What a lovely sight
    To see her carve the chicken, slice the skin.
    Her pretty hands and fingers are so light
    I feel that certain sprouting up begin—
    And sudden I’m dizzy, drunken, tight;
    I’m up; I kick the chair; she’s in my arms,
    Pressed hard against me all those bouncy charms.

    She murmurs, „Mister, cut it out! My aunt,
    Old hatchet face, is listening all the time.
    She’s down there guessing what I can or can’t
    Be up to every minute. Next she’ll climb
    Up with that cane of hers, sniff, snuffle, pant!
    But look, don’t lock your door. At midnight I’m
    More on my own——“ Untwisting (it’s delicious!),
    She hurries out. And hurries back with dishes.

    Dishes—and warmer eyes. I’m in a blur,
    The heavens open and the angels sing.
    She sighs, and every sigh looks good on her:
    It makes the heaving breast a pretty thing.
    She loves me, I can tell: Such colors stir
    Deeper on neck and ear—she’s crimsoning!
    Then sad, „Well, dinner’s over, I suppose.“
    She goes. She doesn’t want to, but she goes.

    The chimes at midnight on the sleeping town!
    My double bed looks wider by the minute.
    „Leave half for her. That’s friendlier, you clown!“
    I say, and squiggle over. To begin it,
    We’ll leave the candles lit, I plan—when down
    The hall a rustle! Slinky silk—she’s in it!
    My eyes devour that fully blossomed flesh.
    She settles by me and our fingers mesh.

    Then sweet and low: „First tell me once or twice
    You love me as a person? Say you do.
    As girls around here go, I’m rather nice.
    Said no to every man, till I saw you.
    Why do you think they call me ‚Piece of Ice‘?
    Of ice, indeed! Feel here: I’m melting through,
    You did it to me, darling. So be good.
    And let’s be lovers, do as lovers should.

    „It’s my First time, remember. Make it sweet.
    Do anything you want to—I don’t care.“
    She pressed her cooler breasts against my heat
    As if she liked it and felt safer there.
    Lips linger on her lips; toes reach and meet,
    But—something funny happening elsewhere.
    What always used to play the conquering hero
    Now shrank like some beginner, down to zero,

    The girl seemed happy with a kiss, a word,
    Smiling as if she couldn’t ask for more.
    So pure a gaze—yet every limb concurred.
    So sweet a blossom, and not picked before.
    Oh, but she looked ecstatic when she stirred!
    And then lay back relaxing, to adore.
    Me, I lay back a bit and … beamed away.
    Nagged at my dragging actor, „Do the play!“

    I cursed the coward, cursed the situation,
    Raged at myself (but all this silently),
    Laughed like an idiot, without elation,
    And almost wept to watch how, sleeping, she
    Lay lovelier yet, a gilt-edged invitation.
    The lusty candle burned derisively.
    Girls who work hard to earn their little pay
    Bed down to sleep more often than to play.

    She dreamed—I’d swear, an angel—flushed and snug;
    Breathed easily, as if the bed were hers.
    I’m scrunched up by the wall—there’s that to hug!
    Can’t lift a finger. It’s like what occurs
    To thirsty travelers in the sands when—glug!—
    There’s water bubbling. But a rattler whirs!
    Her lips stir softly, talking to a dream.
    I hold my breath: O honeychild! And beam.

    Detached—for you couId call it that—I say.
    Well, it’s a new experience. Now you know
    Why bridegrooms in a panic start to pray
    They won’t get spooked and see their chances go.
    I’d rather be cut up in saberplay
    Than in a bind like this. It wasn’t so
    When first I saw my real love: from the gloom
    Stared at her, brilliant in the brilliant room.

    Ah, but my heart leaped then, and every sense,
    My whole man’s-shape a pulsing of delight.
    Lord, how I swept her off in a wild dance
    Light in my arms, her weight against me tight.
    You’d think I fought myself for her. One glance
    Would tell how I grew greater, gathered might
    For her sake, mind and body, heart and soul.
    That was the day my actor lived his role!

    Worship and lovely lust—with both in view
    I wooed her all that year, until the spring
    {Violins, maestro!), when the world was new
    And she outflowered, in June, the floweriest thing,
    The date was set. So great our passion grew
    That even in church (I blush) with heaven’s King
    Racked on His cross, before the priest and all,
    My impudent hero made his curtain call!

    And you, four-posters of the wedding night,
    You pillows, that were tossed and rumpled soon,
    You blankets, drawn around so our delight
    Was ours alone, through morning, afternoon;
    You parakeets in cages, rose and white,
    Whose twitter music perked our deeper tune—
    Could even you, who played your minor part,
    Tell which of us was which? Or end from start?

    The days of make-believe! The „Let’s pretend,
    Honey, we’re sexy tramps!“ I’d toss her there
    Laughing, among the cornstalks, or we’d band
    Reeds by the river, threshing who knows where?
    In public places, nearly. What a friend
    My sturdy plowboy then! He wouldn’t scare!
    But now, with all the virgin field to reap,
    Look at the lousy helper sound asleep.

    Or was. But now he’s rousing. Here’s the one!
    You can’t ignore him, and you can’t command.
    He’s suddenly himself. And like the sun,
    Is soaring full of splendor, Suave and bland.
    You mean the long thirst’s over with and done?
    The desert traveler’s at the promised land?
    I lean across to kiss my sleeping girl
    And—hey!—the glorious banner starts to furl!

    What made him tough and proud a moment? She,
    His only idol now, as long ago;
    The one he took in marriage fervidly.
    From worlds away it comes, that rosy glow,
    And, as before it worried him to be
    Meager, so now he’s vexed at swelling so
    With her afar. Soft, soft, he shrinks away
    Out of that magic circle, all dismay.

    That’s that. I’m up and scribbling, „Close to home,
    I almost thought I wouldn’t make it there.
    Honey, I’m yours, in Turkistan or Rome.
    I’m writing you in bed, and by a bare
    Chance—never mind. A riddle, honeycomb:
    Impotence proved I’m superman. I swear
    This diary says a lot you’ll reckon good.
    The best I wouldn’t tell you. If I could.“

    Then cock-a-doodle-doo! At once the girl’s
    Thrown off a bed sheet and thrown on a slip;
    She rubs her eyes, shakes out her tousled curls,
    Looks blushing at bare feet and bites her lip.
    Without a word she’s vanishing in swirls
    Of underpretties over breast and hip.
    She’s dear, I murmur—rushing from above
    Down to my coach. And on the road for love!

    I’ll tell you what, we writers like to bumble
    Onto a moral somewhere, ahing, ohing
    Over a Noble Truth. Some readers grumble
    Unless they feel improved, My moral’s showing:
    Look, it’s a crazy world. We slip and stumble,
    But two things, Love and Duty, keep us going.
    I couldn’t rightly call them hand in glove.
    Duty?—who really needs it? Trust your Love.

    US-Playboy December 1968, cover

    Soundtrack: Green Day: Good Riddance (Time of Your Life), from: Nimrod, 1997:

    It’s something unpredictable, but in the end it’s right —
    I hope you had the time of your life.

    Written by Wolf

    25. November 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

    Mehr nicht

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    Update zu Touristengeheimtipp mit Gewinnspiel: Meide das Oktoberfest! und
    Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!:

    „Jetzt schon an Weihnachten denken!“ wie Amazon.de sagt. Für mich zum Beispiel ist Weihnachten praktisch schon wieder rum. Ich war wie jedes Jahr der erste, der sich an Marzipan überfressen hat, sobald einem das Zeug in allen Supermärkten auflauert, und was mir geschenkt werden wird, wurde mir geschenkt. Nach Heiligabend muss ich noch eine Runde Erniedrigungen („Wird das jetzt bald was mit deiner ‚Arbeit‘?“) und emotionaler Erpressungen („Du warst ja bloß unser Einziger, unterhältst du dich da nicht gern mit uns?“) seitens meiner Herren Eltern, lange sollen sie leben, durchstehen, wenn ich Glück hab, ohne Übernachtung („damit du mal eine warme Mahlzeit hast“); kurz: Eigentlich können wir von mir aus gern mit dem Frühling weitermachen, das macht mehr Spaß als Schneeräumen und darauf zu warten, ob eine tourettekranke Gelbbauchunke in Amerika noch vor Weihnachten einen Atomkrieg anfängt — und Amazon.de kann aufhören, mir seine vier Sorten Strombücher anzudienen.

    Geschenkt wurden mir die ersten zwei Bände der Memphisto-Pentalogie von Sebastian Keller, und zwar von niemand Geringerem als Sebastian Keller.

    Zu fünft umfasst die Pentalogie:

    • Sex and Poetry, 2009;
    • Alice on Speed, 2009;
    • Times of Honor, 2010;
    • Amok Symphony, 2011;
    • Non serviamus, 2013,

    allesamt erschienen bei King of Fools in Birmigham, München und Ismaning, und nach dem Querlesen der ersten zwei Bände lässt sich sagen, dass es eine unfaire Unterstellung wäre zu meinen, hier versuche ein seiner Berufung entwachsener Schriftsteller auf dem Rückweg in die Realität seine Freiexemplare loszuwerden.

    Angemessen ist vielmehr zu sagen: Dankeschön! Freut mich, lese ich bestimmt sogar.

    Es riecht nämlich nach allerhand Stoff zum Weheklagen und Höllenfahren. Der „Memphisto“ ist nicht von mir vertippt, sondern schon richtig geschrieben, nach dem ägyptischen Memphis und am Ende sogar dem tenneseeischen Elvis-Memphis.

    Vorerst zitiere ich ungekürzt die Goethe-Biographie aus dem ersten Band. Die kann man ruhig auch mal so sehen.

    ——— Sebastian Keller jun.:

    Nachwort

    aus: Sex and Poetry oder Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit und Memphisto. Roman von Sebastian Keller jun. in Zusammenarbeit mit Johann Wolfgang Goethe. Die Memphisto-Pentalogie, Teil I, King of Fools, Birmigham/München/Ismaning, 1. Auflage 2013, Seite 198 f.:

    Sebastian Keller, KönigsportraitJohann Wolfgang Goethe traf im November 1775 in Weimar ein und wurde dort schnell zum Vertrauten des fast ein Jahrzehnt jüngeren Herzogs Karl August. Von diesem wurde ihm angetragen das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach mitzugestalten. Genauer gesagt, drückte man ihm das Wegebau-Ministerium und das Kriegsministerium aufs Auge.

    Immerhin wurde er dafür 1776 Geheimer Legationsrat. Weil er nun ein wichtiger, viel beschäftigter Mann war, verwarf er für einige Zeit seinen Plan, sich nur noch der Literatur zu widmen. Aber ganz konnte er das Schreiben nicht lassen und 1777 begann er den Roman „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ und schrieb 1779 die „Iphigenie“, bei deren Uraufführung er selbst den Orest gab.

    1780 trat er in die Freimaurerloge „Amalia“ ein. Als ehemaliges Mitglied des komischen Ritterordens von Frankfurt hatte er keine Probleme sich in die Rituale der Freimaurer einzufinden. Echte Magie war nun allerdings nicht im Spiel.

    1782 wurde Goethe Finanzminister und saß außerdem im Aufsichtsrat der Uni Jena. In der Zeit wurde er geadelt und man hängte ihm das „von“ an, damit man sich nicht länger mit einem Bürgerlichen abgeben musste. Aber seine Reformen am Hof kamen trotzdem nicht so recht voran.

    Bis 1786 begann er sich am Hof immer mehr Feinde zu machen und so machte Goethe Erholungsurlaub in Italien, was viele empfindsame Menschen bis in die heutige Zeit sehr toll finden. Goethe fand es auch ganz super, das kann man in seinen Reisebeschreibungen und den Römischen Elegien nachlesen. Was anderes darf man auch nicht erwarten, schließlich hat er sein Gehalt weiter bezahlt bekommen, das er gewinnbringend in die Künste mancher italienischen Artistin anlegte. Besonders Schlangenfrauen scheinen es ihm angetan zu haben, wie folgende Notiz zeigt:

    Was ich am meisten bewundre: Bettina wird immer geschickter,
    Immer beweglicher wird jegliches Gliedchen an ihr.
    Endlich bringt sie das Züngelchen noch ins zierliche Fötzchen,
    Spielt mit dem artigen Selbst, achtet die Männer nicht viel.

    Memphisto Inc. Logo1788 lernt er Friedrich Schiller kennen, erzählt ihm aber nie die Sache mit dessen Geist, den er in Berlin getroffen hatte und wahrscheinlich auch nichts von der gelenkigen Bettina. Stattdessen verhalf er ihm zu einer Professorenstelle in Jena. Bis zu Schillers Tdo 1805 verband die beiden eine produktive Feundschaft, es hätet aber mehr daraus werden können, wenn die beiden mal gemeinsam nach Italien gefahren wären.

    Aber Euch interessiert wahrscheinlich mehr, dass Charlotte von Stein auch nach Goethes Rückkehr nicht mehr viel von ihm wissen wollte und er — glückliche Fügung — sich mit der 23jährigen Christiane Vulpius austoben konnte. Die Rechnungen des Schlossers Spangenberg, der ständig Goethes Bett reparieren musste, sind erhalten.

    Bei so viel Fleiß ist es nicht verwunderlich, dass er das 16 Jahre jüngere Mädchen bald schwängerte. Das hielt ihn aber nicht davon ab 1790 Henriette von Lüttwitz einen Heiratsantrag zu machen. Daraus wurde aber nichts und da sich auch keine andere standesgemäße Dame fand, gab er schließlich 1806 Christiane das Ja-Wort. Ganz Weimar hatte sich jahrelnag über Goethes „H.“ (keiner wollte das Schimpfwort laut aussprechen) das Maul zerrissen. Durch die Heirat wurde es dann aber auch nicht besser, man hatte nur neuen Stoff zum Lästern.

    Immerhin muss man ihm aber auch zugute halten, dass er sich stets zu Christiane bekannte, auch wenn er deshalb mit ihr sein Häuschen am Frauenplan mitten im Weimar verlassen musste. Er konnte sich halt wie so oft nicht recht entscheiden und war zeitlebens an jungen Damen interessiert. 1807 bandelte er mit der 18-jährigen Minna Herzlieb an und noch 1823 wirbt er als alter Sack mit 74 Jahren um die 19-jährige Ulrike von Leveltzow.

    Am 22. März 1832 stirbt er in Weimar.

    Mehr nicht.

    Soundtrack: Das Beste an Memphis/Tennessee: Mystery Train von 1989, als man bei den Jim-Jarmusch-Filmen noch pausenlos durchgrinsen konnte:

    Und weil es nur der Trailer ist, noch das Wichtigste vom Besten an Memphis/Tennessee: die Ausrisse mit Screamin‘ Jay Hawkins und Cinqué Lee als unschlagbar coole Nachtportiers:

    Nicht dass eins davon irgendetwas mit Sebastian Kellers Memphisto-Pentalogie zu tun hätte.
    Trotzdem nochmal: Dankeschön!

    Written by Wolf

    18. November 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

    Löblich wird ein tolles Streben, wenn es kurz ist und mit Sinn

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    Update zu Tumultuantenharanguieren (sed iam satis) und Nur die Wurst hat zwei:

    Ob Seine Exzellenz, der Herr Geheimrat Goethe, wohl von seinen Jahrzehnte alten, wenngleich abschreckenden Erinnerungen an das Römische Karneval zehren musste, um 75-jährig eine spontane Auftragsarbeit für den Kölschen anzunehmen?

    Der Auftraggeber war Goethen schon bekannt und im Unterschied zu den flatterhaft spontanen Südländern als besonders verlässlich und sortiert aufgefallen. Vielleicht sollte man sich als Auftragsschreiber nach vorne in solche Kundschaft flüchten, die sich ausdrücklich der Narretei verschrieben hat.

    ——— Heinrich von Wittgenstein:

    Extrablatt

    bekannt gemacht im Auftrage des Karnevals=Comite’s.

    Köln den 9. Februar 1825.

    in: Kölnische Zeitung, 9. Februar 1825:

    Das festordnende Comite hatte es für seine Pflicht gehalten, dem Altvater der deutschen Dichtkunst Nachricht zu geben von dem, was es zu einer veredelten Feier des dießjährigen Karnevals unternommen, und dabei den Wunsch zu äussern, ihn bei dem Feste in unserer Mitte zu sehen. Wie von Göthe die Botschaft aufgenommen, beweist das den Festordnern am 3. Februar zugesandte Gedicht, welches diese durch Gegenwärtiges kund zu machen sich beeilen. In der beigefügten Erwiederung von Seiten eines vaterländischen Dichters wird jeder muntere Kölner sein eignes Gefühl ausgedrückt finden. —

    ——— Goethe:

    Der Kölner Mummenschanz

    Fastnacht 1825.

    Ebenda:

    Extrablatt Kölner Karneval, Goethe, Fastnacht 9. Februar 1825, VorderseiteDa das Alter, wie wir wissen,
    Nicht für Thorheit helfen kann;
    War es ein gefundner Bissen
    Einem heitern alten Mann,

    Daß am Rhein, dem vielbeschwomnen,
    Mummenschaar sich zum Gefecht
    Rüstet, gegen angekomnen
    Feind, zu sichern altes Recht.

    Auch dem Weisen fügt behäglich
    Sich das Irren wohl zur Hand,
    Und so ist es ganz verträglich
    Wenn man sich mit Euch verband.

    Löblich wird ein tolles Streben
    Wenn es kurz ist und mit Sinn;
    Daß noch Heiterkeit im Leben
    Giebt besonnenem Rausch Gewinn.

    Häufet nur an diesem Tage
    Kluger Thorheit Vollgewicht;
    Daß mit uns die Nachwelt sage:
    Jahre sind der Lieb und Pflicht.

    ——— Wilhelm Smets:

    Lied an Göthe,

    als derselbe durch ein Gedicht dem Kölnischen Karnevals=Comité seinen Beifall über die diesjährige Festanordnung zu erkennen gegeben hatte.

    Ebenda:

    Extrablatt Kölner Karneval, Wilhelm Smets, Fastnacht 9. Februar 1825, RückseiteGriesgram, Neidhard, Störefried,
    Düstere Gesellen,
    Euch zum Trotze soll dies Lied
    Meiner Brust entquellen.

    Steht ein Sänger weiß von Haar
    Auf dem alten Thurme,
    Hehr und männlich wunderbar
    In der Zeiten Sturme.

    Und er schlägt die Saiten frisch,
    Singet Welt und Leben,
    D’rob in gaukelndem Gemisch,
    Gnomen sich erheben.

    Pustend fiel zum Thurme ziehn,
    Werfen gift’ge Kuchen,
    Glower-Ritter gegen ihn
    Ihre Lanz‘ versuchen.

    Tiefen Schweigens bittrer Hohn
    Scheuchet sie von hinnen,
    Götterstark des Ruhmes Sohn
    Raget von den Zinnen.

    Und es naht ein neuer Troß:
    Siechthum, ihn zu äffen,
    Und des Todes herb Geschoß
    Soll den Heros treffen.

    Doch, er lächelt ob der Noth,
    Greift zum Zaubertranke,
    Gluth färbt ihm die Wangen roth
    Von Champagner’s Ranke.

    Und er schweigt zu jedem Drang,
    Läßt kein Lied ertönen;
    Das ist Pein wie Höllenzwang:
    Sängers ernst Verhöhnen.

    Da mit einmal: Tra, ra, ra!
    Kommt ein lustig Schreiben,
    Wie sie’s in Colonia
    Pudelnärrisch treiben,

    Wie die Freude ewig jung
    Sie im Geist bewahren,
    Und im raschen Jubelschwung
    Ernst mit Scherz verpaaren.

    Sieh, bedeutsam nun das Haupt
    Hebt der alte Sänger,
    Und die Harfe, reich umlaubt,
    Schweiget nun nicht länger.

    „Alter schützt vor Thorheit nicht,
    Freude freut noch innig;
    Spielt das lustige Gedicht,
    Spielt es kurz und sinnig!“

    Goethe im Karneval, Karikatur Extrablatt Fastnacht 9. Februar 1825

    Bilder: Scans vom Original in Thomas Stollenwerk: Goethe und der Kölner Karneval.

    Soundtrack: Marco Fornaciari in Niccolò Paganini:
    Il carnevale di „Mein Hut, der hat drei Löcher“ Venezia, Opus 10, 1829:

    Written by Wolf

    11. November 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

    Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt

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    Update zu Vampire Lilith: Obenauf mit 34:

    Lasse dich es nit wundern / lieber Machates / ich bin deines Wirths Tochter / und dieweil ich deine Zukunfft vernommen / bin ich in Ansehung deiner Vortrefflichkeit und Tugenden / vorlängst in Liebe gegen dir entzündet und bewegt worden / wiewohl es meinem weiblichen Geschlecht nicht wohl geziemen wollen / dich unterthänig zu ersuchen / daß du dich meiner Beywohnung nicht entziehen wollest / denn ich im wiedrigen Fall und dessen Verbleibung / nicht wegen deiner Unfreundlichkeit und bäurischen Grobheit füglich werde beklagen können / zu dem Ende aber unserer beyder Liebe desto füglicher zu genießen / habe ich diese bequeme Stunde zu unserem Beyschlaff ersehen in dem niemand mehr wachend / unnd beyde Eltern sich zu Bette allbereit verfüget haben.

    Die vor sechs Monaten verstorbene Tochter der Wirtsleute zum Gastfreund in: Phlegon aus Tralles nach Johannes Praetorius: Anthropodemus plutonicus, das ist Eine neue Weltbeschreibung von allerlei wunderbaren Menschen, Magdeburg 1666, Kapitel VII: Von gestorbenen Leuten oder Larvis, nach Albert Leitzmann (Hg.): Die Quellen von Schillers und Goethes Balladen, Bonn 1911, Seite 34 f., nach Karl Eibl (Hg.): Goethe: Gedichte 1756–1799, Frankfurter Ausgabe, Seite 1234.

    Ein Heidenjüngling mit seiner christlichen Braut, die als Gespenst zu ihm kommt und die er, eine kalte Leiche ohne Herz, zum warmen Leben priapisiert — das sind Heldenballaden!

    Herder, 5. August 1798.

    Tim Burton, Corpse Bride, 2005

    Wer mich, wie es in der Geschichte des 20. Jahrhunderts durchaus vorkam, kennen und verstehen lernen will, darf sich gerne zuerst vergegenwärtigen, dass ich siebenzeilige Strophen mag; das macht mich zu einem großen Teil aus. Was sich im ersten Moment befremdlich anhört, verhält sich wie mit dem bevorzugten Frauentyp: Dralle große Mädchen mit blonden Gretchenzöpfen sind sehr oft ganz wunderbare Menschen, und die jambische, kreuzgereimte Volksliedstrophe in vier Zeilen blickt auf die schätzbarsten Verdienste zurück. Echte Rothaarige und siebenzeilige Strophen aber sind für Gentlemen: separating the men from the boys.

    Tim Burton, Corpse Bride, 2005

    Seit ich von Goethes & Schillers Balladenjahr 1797 weiß, machen ihre scheinbar tiefernsten Balladen viel mehr Spaß. Die angeblichen Weimarer Giganten haben auch nur gespielt wie die Lausbuben — weil sie es in ihrer hochprivilegierten Stellung konnten — und endlich hat man was von diesen teuer gemieteten Dichtungshöflingen. Die aufkeimende Dichterfreundschaft äußerte sich zuerst und nächst dem persönlichen Briefwechsel am deutlichsten in dem kreativen Ping-Pong, den sie im Jahr darauf in Schillers Musenalmanach veröffentlichen konnten. Praktisch für alle Beteiligten und die davon wissen (müssen).

    Die Braut von Korinth war nie Schulstoff, wahrscheinlich weil sie von Anfang an mittleren Skandal erregte, wegen der Unzucht mit Leichen und laxen Umgangs mit dem Christentum, auch wenn beim besten Willen niemals jemand die technische Qualität bestreiten konnte. — August Böttiger am 18. Oktober 1798:

    Über nichts sind die Meinungen geteilter als über Goethes „Braut von Korinth“. Während die eine Partei sie die ekelhafteste aller Bordellszenen nennt und die Entweihung des Christentums hoch aufnimmt, nennen andere sie das vollendetste aller kleinen Kunstwerke Goethes.

    Wie immer stimmt beides, je nachdem, nach welcher Seite hin man übertreiben will. 1998 — genau zwei Jahrhunderte später — merkt sogar die Autorität Karl Eibl in der maßgeblichen Frankfurter Ausgabe zu den Balladen und Romanzen an (a.a.O. Seite 1220):

    Für die Rezeption sollte man immer bedenken, daß solche ‚Balladen‘, ihrer Tradition entsprechend, laut vorgetragen werden wollen und daß es dieser Tradition entspricht, wenn der Vortrag etwas ironisch die reißerische Art der Bänkelsänger imitiert.

    und zum Einzelgedicht (Seite 1235):

    Die Anknüpfung bei einem durchaus trivialen Stoff rechtfertigt Goethes Bezeichnung „Gespensterromanze“, reiht das Gedicht ein in das zeitgenössische Gespenster-Balladen-Wesen und gibt ihm eine leicht parodistische Note. […] Die hinzutretenden Motive der Brautschaft, der Konfrontation von Heidentum und naturwidrigem Christentum und des gemeinsamen Endes im Feuer jedoch geben geben ihm eine ernsthafte, esoterische Seite.

    Wir haben hier also nicht weniger als Goethes Vorgriff auf die Schwarze Romantik, die er nach ihrem „offiziellen“ Ausbruch missbilligen sollte, wenn nicht gar seinen Ausweis einer gothic Seele. Eine solche hätte er empört von sich gewiesen oder wenigstens fürnehm übergangen, ein vollwertiger Beitrag zur heutigen Form von Halloween ist es aber allemal. Ein Schatz.

    Die ach so priapische Gespensterballade ist das, wofür Goethe hätte gut sein können, wenn man ihn öfter gelassen hätte; besonderer Dank dafür geht deshalb auch an Schiller. Außerdem stelle ich mir die Braut automatisch als rothaarig vor, und das Ding hat geschlagene 28 (in Worten: achtundzwanzig!) siebenzeilige Strophen.

    Carl Mayer nach Alexander Simon, Die Braut von Korinth, um 1880

    ——— Goethe:

    Die Braut von Corinth.

    Romanze.

    Balladenjahr 1797, in: Schiller, Hg.: Musenalmanach für das Jahr 1798, Seite 88 bis 99:

         Nach Corinthus von Athen gezogen
    Kam ein Jüngling, dort noch unbekannt,
    Einen Bürger hofft er sich gewogen,
    Beyde Väter waren gastverwandt,
    Hatten frühe schon
    Töchterchen und Sohn
    Braut und Bräutigam, in Ernst, genannt.

         Aber wird er auch willkommen scheinen,
    Wenn er theuer nicht die Gunst erkauft?
    Er ist noch ein Heide mit den Seinen,
    Und sie sind schon Christen und getauft.
    Keimt ein Glaube neu,
    Wird oft Lieb und Treu
    Wie ein böses Unkraut ausgerauft.

         Und schon lag das ganze Haus im stillen,
    Vater, Töchter, nur die Mutter wacht,
    Sie empfängt den Gast mit bestem Willen,
    Gleich ins Prunkgemach wird er gebracht
    Wein und Essen prangt
    Eh er es verlangt,
    So versorgend wünscht sie gute Nacht.

         Aber bey dem wohlbestellten Essen
    Wird die Lust der Speise nicht erregt,
    Müdigkeit lässt Speis‘ und Trank vergessen,
    Dass er angekleidet sich aufs Bette legt,
    Und er schlummert fast,
    Als ein seltner Gast
    Sich zur offnen Thür hereinbewegt.

         Denn er sieht, bey seiner Lampe Schimmer
    Tritt mit weissem Schleyer und Gewand,
    Sittsam still ein Mädchen in das Zimmer
    Um die Stirn ein schwarz und goldnes Band.
    Wie sie ihn erblickt,
    Hebt sie, die erschrickt,
    Mit Erstaunen eine weisse Hand.

         Bin ich, rief sie aus, so fremd im Hause
    Dass ich von dem Gaste nicht vernahm?
    Ach! so hält man mich in meiner Klause!
    Und nun überfällt mich hier die Schaam.
    Ruhe nur so fort,
    Auf dem Lager dort
    Und ich gehe schnell so wie ich kam.

         Bleibe schönes Mädchen! ruft der Knabe,
    Rafft von seinem Lager sich geschwind,
    Hier ist Ceres, hier ist Bacchus Gabe
    Und du bringst den Amor liebes Kind.
    Bist vor Schrecken blass,
    Liebe komm und lass
    Lass uns sehn, wie froh die Götter sind.

         Ferne bleib, o Jüngling! bleibe stehen,
    Ich gehöre nicht den Freuden an
    Schon der letzte Schritt ist, ach! geschehen,
    Durch der guten Mutter kranken Wahn,
    Die genesend schwur:
    Jugend und Natur
    Sey dem Himmel künftig unterthan.

         Und der alten Götter bunt Gewimmel
    Hat sogleich das stille Haus geleert,
    Unsichtbar wird einer nur im Himmel,
    Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt;
    Opfer fallen hier,
    Weder Lamm noch Stier,
    Aber Menschenopfer unerhört.

         Und er fragt und wäget alle Worte,
    Deren keines seinem Geist entgeht,
    Ist es möglich? dass am stillen Orte
    Die geliebte Braut hier vor mir steht!
    Sey die meine nur!
    Unsrer Väter Schwur
    Hat vom Himmel Segen uns erfleht.

         Mich erhältst du nicht, du gute Seele,
    Meiner zweyten Schwester gönnt man dich,
    Wenn ich mich in stiller Klause quäle,
    Ach! in ihren Armen denk an mich,
    Die an dich nur denkt,
    Die sich liebend kränkt,
    In die Erde bald verbirgt sie sich.

         Nein! bey dieser Flamme seys geschworen,
    Gütig zeigt die Hymen uns voraus,
    Bist der Freude nicht und mir verlohren,
    Kommst mit mir in meines Vaters Haus.
    Liebchen bleibe hier,
    Feyre gleich mit mir
    Unerwartet unsern Hochzeitschmaus.

         Und schon wechseln sie der Treue Zeichen,
    Golden reicht sie ihm die Kette dar,
    Und er will ihr eine Schale reichen,
    Silbern, künstlich wie nicht eine war.
    Die ist nicht für mich,
    Doch ich bitte dich
    Eine Locke gieb von deinem Haar.

         Eben schlug die dumpfe Geisterstunde
    Und nun schien es ihr erst wohl zu seyn.
    Gierig schlürfte sie mit blassem Munde
    Nun den dunkel blutgefärbten Wein,
    Doch vom Weizenbrot
    Das er freundlich bot,
    Nahm sie nicht den kleinsten Bissen ein.

         Und dem Jüngling reichte sie die Schale,
    Der wie sie nun hastig lüstern trank,
    Liebe fordert er beym stillen Mahle,
    Ach! sein armes Herz war Liebekrank,
    Doch sie widersteht,
    Wie er immer fleht,
    Bis er weinend auf das Bette sank.

         Und sie kommt und wirft sich zu ihm nieder:
    Ach! wie ungern seh ich dich gequält!
    Aber ach! berührst du meine Glieder,
    Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt.
    Wie der Schnee so weiss,
    Aber kalt wie Eis
    Ist das Liebchen, das du dir erwählt.

         Heftig fasst er sie mit starken Armen,
    Von der Liebe Jugendkraft durchmannt:
    Hoffe doch bey mir noch zu erwarmen
    Wärst du selbst mir aus dem Grab gesandt!
    Wechselhauch und Kuss!
    Liebesüberfluss!
    Brennst du nicht und fühlest mich entbrannt?

         Liebe schliesset fester sie zusammen,
    Thränen mischen sich in ihre Lust,
    Gierig saugt sie seines Mundes Flammen
    Eins ist nur im andern sich bewusst;
    Seine Liebeswuth
    Wärmt ihr starres Blut,
    Doch es schlägt kein Herz in ihrer Brust.

         Unterdessen schleichet auf dem Gange
    Häuslich spät die Mutter noch vorbey,
    Horchet an der Thür und horchet lange,
    Welch ein sonderbarer Ton es sey?
    Klag und Wonne Laut,
    Bräutigams und Braut,
    Und des Liebestammelns Raserey.

         Unbeweglich bleibt sie an der Thüre
    Weil sie erst sich überzeugen muss,
    Und sie hört die höchsten Liebesschwure
    Lieb und Schmeichelworte mit Verdruss –
    Still der Hahn erwacht
    Aber Morgennacht
    Bist du wieder da? – Und Kuss auf Kuss.

         Länger hält die Mutter nicht das Zürnen
    Oeffnet das bekannte Schloss geschwind –
    Giebt es hier im Hause solche Dirnen
    Die dem Fremden gleich zu Willen sind? –
    So zur Thür hinein!
    Bey der Lampe Schein
    Sieht sie, Gott! sie sieht ihr eigen Kind.

         Und der Jüngling will im ersten Schrecken
    Mit des Mädchens eignem Schleierflor,
    Mit dem Teppich die Geliebte decken,
    Doch sie windet gleich sich selbst hervor;
    Wie mit Geists Gewalt
    Hebet die Gestalt,
    Lang und langsam sich im Bett’ empor.

         Mutter! Mutter! spricht sie hohle Worte,
    So missgönnt ihr mir die schöne Nacht!
    Ihr vertreibt mich von dem warmen Orte,
    Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht?
    Ists euch nicht genug;
    Dass ins Leichentuch
    Dass ihr früh mich in das Grab gebracht?

         Aber aus der schwerbedeckten Enge
    Treibet mich ein eigenes Gericht,
    Eurer Priester summende Gesänge,
    Und ihr Segen haben kein Gewicht;
    Salz und Wasser kühlt
    Nicht wo Jugend fühlt,
    Ach, die Erde kühlt die Liebe nicht.

         Dieser Jüngling war mir erst versprochen,
    Als noch Venus heitrer Tempel stand.
    Mutter habt ihr doch das Wort gebrochen
    Weil ein fremd, ein falsch Gelübd euch band!
    Doch kein Gott erhört,
    Wenn die Mutter schwört
    Zu versagen ihrer Tochter Hand.

         Aus dem Grabe werd ich ausgetrieben,
    Noch zu suchen das vermisste Gut,
    Noch den schon verlohrnen Mann zu lieben,
    Und zu saugen seines Herzens Blut.
    Ists um den geschehn,
    Muss nach andern gehn
    Und das junge Volk erliegt der Wuth.

         Schöner Jüngling, kannst nicht länger leben,
    Du versiechest nun an diesem Ort,
    Meine Kette hab‘ ich dir gegeben,
    Deine Locke nehm ich mit mir fort.
    Sieh sie an genau,
    Morgen bist du grau,
    Und nur braun erscheinst du wieder dort.

         Höre Mutter nun die letzte Bitte
    Einen Scheiterhaufen schichte du,
    Oefne meine bange kleine Hütte,
    Bring in Flammen Liebende zur Ruh.
    Wenn der Funke sprüht,
    Wenn die Asche glüht,
    Eilen wir den alten Göttern zu.

    Le Quichotte, La Fiancée de Corinthe, AUTOUR DE QUELQUES CARICATURES DE CHAM PAS TRÈS CHAMARRÉES

    Bilder: Stahlstich von Carl Mayer nach einer Zeichnung von Alexander Simon: Die Braut von Korinth, in: A. Schott (Hg.): Panorama der deutschen Klassiker, 2. Band, Verlag von Karl Göpel, Stuttgart o. J., um 1880, nach Seite 50, Berlin, Sammlung Archiv für Kunst und Geschichte via Wehrgang-Bücher;
    Le Quichotte: Autour de quelques caricatures de cham pas très chamarrées, 21 décembre 2014:

    Cette peinture fait référence à La Fiancée de Corinthe (Die Braut von Korinth), poème de Goethe de 1797. Nous sommes ici — eh, oui ! qui l’eut cru — au second siècle sur un argument de Phlégon, affranchi de l’empereur Hadrien, auteur du recueil Les Merveilles (mais plus connu pour ses Olympiades). Goethe aurait repris la trame de « l’histoire de vampire » contée par Phlégon : au milieu des affrontements entre paganisme et christianisme, et sur un fond érotique, le poème raconte l’histoire d’une jeune morte qui revient voir son fiancé. On peut trouver dans Le Roman de la Momie, et surtout dans La Morte Amoureuse de Théophile Gautier, l’exploitation d’un même fond très romantique;

    Tim Burton: Corpse Bride (deutsch: Hochzeit mit einer Leiche), 2005.

    Tim Burton, Corpse Bride, 2005

    Soundtrack: ebenda.

    Written by Wolf

    28. Oktober 2016 at 00:01

    Der Goethe wor fei aa do (It’s a nice-a place)

    with one comment

    Update zu Wanderwochen 01: Goethe guckt in die Ferne:

    Der Leser möge sich des weitern
    An Goethes Texten selbst erheitern,
    Denn trieb ich fort so, breit im Strom,
    So kämen wir ja nie bis Rom,

    Geschweige bis Sizilien gar.
    Wie fein heraus der Goethe war,
    Der an den Stätten, die ihm lieb,
    Rund anderthalb Jahre blieb.

    Das konnt er als Minister halt,
    Bei weiterlaufendem Gehalt.
    Und dann noch ein besonderes Glück:
    Als Klassiker kam er zurück!

    Eugen Roth.

    Heute vor 230 Jahren, am 6. September 1786, verbrachte Goethe seine erste, letzte und einzige Nacht in München.

    Das spricht nicht gegen München: Goethe mochte allgemein keine Großstädte, mit oder ohne Herz. Ausgewiesene Goethehäuser stehen heute in Artern an der Unstrut, Bensberg, Gabelbach, Holzappel, Ilmenau, Stützerbach und Volpertshausen, in Tübingen und auf dem Kickelhahn je ein Goethehäuschen, in Weimar waren mehrere Gedenkstätten wirklich nicht zu unterbinden, und in Frankfurt ist er geboren. Die Dependenzen in Rom und gar New York erinnern an Goethes Geist, nicht aber an seine Anwesenheit. Im Mittenwalder, unmittelbar verwandt mit München und der Italienische Reise, ist eine Apotheke drin. Kein Goethehaus steht zum Beispiel in Berlin, Hamburg, Köln oder eben München.

    Warum so kurz in München? — Weil er auf der Durchreise war, und das noch in Eile. Auf dem Weg von Weimar über Karlsbad nach Italien muss man früher oder später die Isar überqueren, das ist eine geographische Gegebenheit, gegen die auch kein Bestsellerautor auf dem Weg zum Dichterfürsten in der Midlife-Crisis ankommt. Goethe nahm die seinige kurz nach seinem 37. Geburtstag und stahl sich, man kann es nicht viel schmeichelhafter sagen, über Nacht aus seinen Weimaraner Amtsgeschäften und schriftstellerischen Projekten davon. „Bei weiterlaufendem Gehalt“ (Eugen Roth) von seinem persönlichen Saufkumpan Karl August kann sich das einer wenn schon nicht moralisch, so doch wenigstens finanziell leisten.

    Und wo war er da überhaupt, in München? — Schauen wir nach in seinem Tagebuch, gestaltet als Brief an Charlotte von Stein und zum Mitlesen freigegeben in seiner Italienischen Reise, Abschnitt Carlsbad auf den Brenner in Tyrol:

    Gasthof zum Schwarzen Adler, Kaufingerstraße 23, Stadtmuseum München

    Abends um sechse. nun ist mein Münchner Pensum auch absolvirt, diese Nacht will ich hier schlafen und Morgen früh weiter. Du siehst ich richte mich eilig ein, und will und muß nun einmal diese Manier versuchen, um von der alten hockenden und schleichenden ganz abzukommen.

    Ich habe die Bildergallerie gesehn und mein Auge wieder an Gemälde gewöhnt. Es sind treffliche Sachen da. Die Scizzen von Rubens zu der Luxenburger Gallerie sind herrlich. Das vornehme Spielwerck, die Colonna trajana im Modell, die Figuren verguldet Silber auf Lapis lazuli, |: ich glaube Archenholz spricht davon :| steht auch da. Es ist immer ein schön Stück Arbeit.

    Im Antiquario, oder AntikenCabinet, hab ich recht gesehen daß meine Augen auf diese Gegenstände nicht geübt sind, und ich wollte auch nicht verweilen und Zeit verderben. Vieles will mir gar nicht ein.

    Ein Drusus hat mich frappirt, die zwey Antoninen gefielen mir und so noch einiges. Sie stehen auch unglücklich, ob man gleich recht mit ihnen aufputzen wollen, und als Ganzes der Saal, oder vielmehr das Gewölbe, ein gutes Ansehn hätte, wenn es nur reinlicher und besser unterhalten wäre.

    Im Naturalienkabinet fand ich schöne Sachen aus Tyrol, die ich aber durch Knebeln schon kannte. Apropos von Knebeln! Ihm gefiel im Antikensaal ein Julius Cäsar so wohl, der, |: ich müßte mich entsetzlich betrügen :| gar nichts taugt, allein ich finde eine frappante Ähnlichkeit der Büste mit Knebeln selbst. Die Übereinstimmung des Charackters hat also den Mangel der Kunst ersetzt.

    Ich wohne auch hier in Knebels Wirthshaus, mag aber nicht nach ihm fragen, aus Furcht Verdacht zu erwecken oder dem Verdacht fortzuhelfen. Niemand hat mich erkannt und ich freue mich so unter ihnen herum zu gehen. Bey Kobelln war ich, fand ihn aber nicht zu Hause. Sonst hatt ich den Spas einige die ich dem Nahmen nach kannte, und ihr Betragen zu sehen.

    Überhaupt da ich nun weis wie es allen Ständen zu Muthe ist und niemand seinen Stand verbergen kann und will; so hab ich schon, das phisiognomische abgerechnet, einen grosen Vorsprung, und es ist unglaublich wie sich alles auszeichnet.

    Herder hat wohl recht zu sagen: daß ich ein groses Kind bin und bleibe, und ietzt ist mir es so wohl daß ich ohngestraft meinem kindischen Wesen folgen kann.

    Morgen geht es grad nach Inspruck!

    Ja, das ist die vollständige Coverage aus erster Hand zu Goethes Münchenaufenthalt, mehr haben wir nicht. Keine werkbeeinflussenden Funde und Begegnungen, kein spektakuläres Besäufnis, keine Weibergeschichten. Am selben Morgen war er aus Richtung Haimhausen durchs Schwabinger Tor gekommen, eilte durch die Sehenswürdigkeiten wie ein japanischer Tourist, schrieb um 18 Uhr sein Tagebuch und saß am nächsten Morgen um 5 Uhr schon wieder in der Postkutsche Richtung Isartal, Wolfratshausen, Benediktbeuern, Mittenwald, Innsbruck und Brenner.

    Mit Knebel ist Karl Ludwig von Knebel gemeint, und mit dessen Wirtshaus der damalige Schwarze Adler, Kaufingerstraße (nicht „Kaufinger Straße“) 23 — damals wie heute in Rufweite westlich des Marienplatzes, der sich gern für eine Art dritten magnetischen Pol hält. Noch zentraler in München kann man nicht wohnen. Heute ist die Kaufinger- mit ihrer westlichen Verlängerung Neuhauser Straße eine touristische Rennmeile voller H&M-Filialen wie jede andere Fußgängerzone in jeder Stadt über 100.000 Einwohner der Welt auch, zu Goethes Zeit war sie eine regelrechte Ballung gehobener Gasthäuser mit Unterkunft. Goethe — in seinem midlife-kritischen Unterfangen der nächste moralisch fragwürdige Zug — quartierte sich dort unter dem falschen Namen „Johann Philipp Möller, Kaufmann aus Leipzig“ ein und bezog eins der 38 Zimmer zum Preis von 24 Kreuzern für die Übernachtung.

    Anstehender Forschungsgegenstand: War das mit oder ohne Frühstück? — Ich behaupte: ohne — weil ich kein Münchner Servicepersonal so einschätze, dass es sich nachts um viere, halber fünfe aus den Federn quält, bloß weil der Möllers-Philipp aus Sachsen meint, er könnt für seine Handvoll Kreuzerl alles anschaffen, weil er selber sich um fünfe weiterschleicht und wahrscheinlich eh nie mehr wiederkommt.

    Gegenwärtig bestehen im Münchner Stadtgebiet noch drei Gaststätten, die Schwarzer Adler heißen: in der Amalienstraße 26 inmitten des Univiertels, in der Landsberger Straße 456 in Obermenzing und in der Plinganser Straße 63 unweit des Harras. Goethes oder genauer: Knebels Schwarzer Adler bestand unter dieser Wirtschaft seit 1755 und noch bis 1790.

    Seit 1918 ist unter der Adresse des Schwarzen Adlers: Kaufingerstraße 23–26 die Firma Breiter Hut und Mode belegt, gegründet 1863 und auf dorthin zum heutigen größten „Huthaus“ Europas expandierend.

    Wo einst Goethe übernachtete, werden Hüte verkauft. Das betreffende Stammhaus hat drei Stockwerke — bei seither weitgehend unverändertem Schnitt der denkmalgeschützten Immobilie müsste eins davon durchaus Möller-Goethes Fremdenzimmer abdecken. Das muss man erst einmal auf sich wirken lassen, aber nicht zwingend schlimm finden.

    Breiter Hut und Mode, Stammhaus Marienplatz, Kaufingerstraße 23--26, München

    Letztes Glied in unserer Assoziationskette: Wer an Goethe in Verbindung mit Hüten denkt, sieht unfehlbar vor seinem geistigen Auge das ikonische Bild Goethe in der Campagna von Tischbein, 1787. Und siehe da: Schon auf der Skizze, die in der Weimarpedia gezeigt wird, trägt Goethe souverän auf den Steinhaufen hingegossen seine zwei linken Schuhe, die es bis ins Original geschafft haben.

    Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Goethe in der Campagna, 1787, Skizze via Weimarpedia

    Die eigentliche Frage ist also: Warum war Goethe überhaupt in München? Es wurde offenbar wirklich Zeit, dass er sein Leben in Weimar fürs erste hinter sich ließ, um sich von Sturm und Drang zu befreien und in knapp zwei Jahren Italien (insgesamt waren es genau 1 Jahr, 9 Monate und 15 Tage) zum Klassiker zu reifen. Besonders in seiner aktuellen seelischen Verfassung hätte diesem krisengeschüttelten Sozialphobiker, der unbedingt „ohngestraft [seinem] kindischen Wesen folgen“ musste, eine Übernachtung in Freising oder Wolfratshausen bei weitem ähnlicher gesehen.

    Buidln: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek: Gasthof Schwarzer Adler, 1786,
    in: In Knebels Wirtshaus. Johann Wolfgang von Goethe über München;
    Breiter Hut & Mode, Stammhaus Marienplatz;
    Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in der Campagna, 1787, Skizze via Weimarpedia.
    Abgesehen wurde von Prof. Henner Herrmanns: Zeichnen in der Glyptothek, der am 6. September 2012 unter anderem die dortige Diana höchst lebendig zeichnete.

    Soundtrack: Joe Dolce (man beachte den Hut): Shaddap You Face, aus: Ain’t in No Hurry, 1980. Das bedeutet erstens den putzigsten — und übrigens siebenzeiligen — Ohrwurmalarm, den die Hitparade der 80er je ausgelöst hat, und zweitens, wenn man’s mal genau durchdenkt, erstaunlich viele Bezüge zu Goethes erster Italienreise — und deswegen, damit drittens die Jungfröschlein unter uns nicht tagelang immer nur das finale „Hey!“ mitsingen müssen:

    What’s-a matter you? (Hey!)
    Gotta no respect? (Hey!)
    What-a you think you do? (Hey!)
    Why you look-a so sad? (Hey!)
    It’s-a not so bad (Hey!)
    It’s a nice-a place (Hey!) —
    Ah, shaddap-a you face.

    Written by Wolf

    6. September 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Land & See

    Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!

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    Und gibt es keine Tugenden mehr unter ihnen, keine Gerechtigkeit, keine Wohltätigkeit, keine Bescheidenheit im Glücke, keine Größe und Standhaftigkeit im Unglück?

    Heinrich von Kleist: Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden, ca. 1799.

    Update zu Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein:

    Was man Kleist gar nicht zugetraut hätte:

    1. dass er nach einem so kompetenzstrotzenden Aufsatz noch erweiterten Selbstmord begehen könnte;
    2. dass er mit erstem Namen Bernd heißt.

    Es lohnt sich, den Aufsatz zur Gänze zu lesen: Er gibt in nicht gerade postmodern reißerischer, aber erfreulicher Dichte einige zitierbare Sentenzen und eigenständige Gedanken her, die einen bei der Stange halten können. Es wäre also wirklich schade darum, wenn er ein Brief an Kleists Kriegs- und Wanderkameraden Rühle von Lilienstern unter Ausschluss der Öffentlichkeit geblieben wäre; vom Schreiber der essayistischen Husarenstücke der Allmählichen Verfertigung und des Marionettentheaters hätte man nichts Nachlässigeres erwartet.

    Das Bildmaterial ist von jener Selbstliebe gezeichnet, mit der alle Menschenliebe beginnt, denn „wahrlich, mein Freund, es ist ohne Menschenliebe gewiß kein Glück möglich“. Bildnachweise am Schluss, die meisten bitte erst ab einem Alter von 18 Jahren verfolgen.

    ——— Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist:

    Aufsatz,
    den sichern Weg des Glücks zu finden,
    und ungestört,
    auch unter den größten Drangsalen
    des Lebens, ihn zu genießen!

    An Rühle.

    Entstanden um 1799, Erstdruck in: Theophil Zolling, Hg.: Sämtliche Werke, Stuttgart 1885:

    Wir sehen die Großen dieser Erde im Besitze der Güter dieser Welt. Sie leben in Herrlichkeit und Überfluß, die Schätze der Kunst und der Natur scheinen sich um sie und für sie zu versammeln, und darum nennt man sie Günstlinge des Glücks. Aber der Unmut trübt ihre Blicke, der Schmerz bleicht ihre Wangen, der Kummer spricht aus allen ihren Zügen.

    Dagegen sehen wir einen armen Tagelöhner, der im Schweiße seines Angesichts sein Brot erwirbt; Mangel und Armut umgeben ihn, sein ganzes Leben scheint ein ewiges Sorgen und Schaffen und Darben. Aber die Zufriedenheit blickt aus seinen Augen, die Freude lächelt auf seinem Antlitz, Frohsinn und Vergessenheit umschweben die ganze Gestalt.

    Distant Passion, Quédate hoy conmigo, vive conmigo un día y una..., Juni 2016Was die Menschen also Glück und Unglück nennen, das sehn Sie wohl, mein Freund, ist es nicht immer; denn bei allen Begünstigungen des äußern Glückes haben wir Tränen in den Augen des erstern, und bei allen Vernachlässigungen desselben, ein Lächeln auf dem Antlitz des andern gesehen.

    Wenn also die Regel des Glückes sich nur so unsicher auf äußere Dinge gründet, wo wird es sich denn sicher und unwandelbar gründen? Ich glaube da, mein Freund, wo es auch nur einzig genossen und entbehrt wird, im Innern.

    Irgendwo in der Schöpfung muß es sich gründen, der Inbegriff aller Dinge muß die Ursachen und die Bestandteile des Glückes enthalten, mein Freund, denn die Gottheit wird die Sehnsucht nach Glück nicht täuschen, die sie selbst unauslöschlich in unsrer Seele erweckt hat, wird die Hoffnung nicht betrügen, durch welche sie unverkennbar auf ein für uns mögliches Glück hindeutet. Denn glücklich zu sein, das ist ja der erste aller unsrer Wünsche, der laut und lebendig aus jeder Ader und jeder Nerve unsers Wesens spricht, der uns durch den ganzen Lauf unsers Lebens begleitet, der schon dunkel in dem ersten kindischen Gedanken unsrer Seele lag und den wir endlich als Greise mit in die Gruft nehmen werden. Und wo, mein Freund, kann dieser Wunsch erfüllt werden, wo kann das Glück besser sich gründen, als da, wo auch die Werkzeuge seines Genusses, unsre Sinne liegen, wohin die ganze Schöpfung sich bezieht, wo die Welt mit ihren unermeßlichen Reizungen im kleinen sich wiederholt?

    Da ist es ja auch allein nur unser Eigentum, es hangt von keinen äußeren Verhältnissen ab, kein Tyrann kann es uns rauben, kein Bösewicht kann es stören, wir tragen es mit in alle Weltteile umher.

    Wenn das Glück nur allein von äußeren Umständen, wenn es also vom Zufall abhinge, mein Freund, und wenn Sie mir auch davon tausend Beispiele aufführten; was mit der Güte und Weisheit Gottes streitet, kann nicht wahr sein. Der Gottheit liegen die Menschen alle gleich nahe am Herzen, nur der bei weiten kleinste Teil ist indes der vom Schicksal begünstigte, für den größten wären also die Genüsse des Glücks auf immer verloren. Nein, mein Freund, so ungerecht kann Gott nicht sein, es muß ein Glück geben, das sich von den äußeren Umständen trennen läßt, alle Menschen haben ja gleiche Ansprüche darauf, für alle muß es also in gleichem Grade möglich sein.

    Lassen Sie uns also das Glück nicht an äußere Umstände knüpfen, wo es immer nur wandelbar sein würde, wie die Stütze, auf welcher es ruht; lassen Sie es uns lieber als Belohnung und Ermunterung an die Tugend knüpfen, dann erscheint es in schönerer Gestalt und auf sicherem Boden. Diese Vorstellung scheint Ihnen in einzelnen Fällen und unter gewissen Umständen wahr, mein Freund, sie ist es in allen, und es freut mich in voraus, daß ich Sie davon überzeugen werde.

    Wenn ich Ihnen so das Glück als Belohnung der Tugend aufstelle, so erscheint zunächst freilich das erste als Zweck und das andere nur als Mittel. Dabei fühle ich, daß in diesem Sinne die Tugend auch nicht in ihrem höchsten und erhabensten Beruf erscheint, ohne darum angeben zu können, wie dieses Verhältnis zu ändern sei. Es ist möglich daß es das Eigentum einiger wenigen schönern Seelen ist, die Tugend allein um der Tugend selbst willen zu lieben, und zu üben. Aber mein Herz sagt mir, daß die Erwartung und Hoffnung auf ein menschliches Glück, und die Aussicht auf tugendhafte, wenn freilich nicht mehr ganz so reine Freuden, dennoch nicht strafbar und verbrecherisch sei. Wenn ein Eigennutz dabei zum Grunde liegt, so ist es der edelste der sich denken läßt, denn es ist der Eigennutz der Tugend selbst.

    Und dann, mein Freund, dienen und unterstützen sich doch diese beiden Gottheiten so wechselseitig, das Glück als Aufmunterung zur Tugend, die Tugend als Weg zum Glück, daß es dem Menschen wohl erlaubt sein kann, sie nebeneinander und ineinander zu denken. Es ist kein beßrer Sporn zur Tugend möglich, als die Aussicht auf ein nahes Glück, und kein schönerer und edlerer Weg zum Glücke denkbar, als der Weg der Tugend.

    Aber, mein Freund, er ist nicht allein der schönste und edelste, – wir vergessen ja, was wir erweisen wollten, daß er der einzige ist. Scheuen Sie sich also um so weniger die Tugend dafür zu halten, was sie ist, für die Führerin der Menschen auf dem Wege zum Glück. Ja mein Freund, die Tugend macht nur allein glücklich. Das was die Toren Glück nennen, ist kein Glück, es betäubt ihnen nur die Sehnsucht nach wahrem Glücke, es lehrt sie eigentlich nur ihres Unglücks vergessen. Folgen Sie dem Reichen und Geehrten nur in sein Kämmerlein, wenn er Orden und Band an sein Bette hängt und sich einmal als Mensch erblickt. Folgen Sie ihm nur in die Einsamkeit; das ist der Prüfstein des Glückes. Da werden Sie Tränen über bleiche Wangen rollen sehen, da werden Sie Seufzer sich aus der bewegten Brust emporheben hören. Nein, nein, mein Freund, die Tugend, und einzig allein nur die Tugend ist die Mutter des Glücks, und der Beste ist der Glücklichste.

    Sie hören mich so viel und so lebhaft von der Tugend sprechen, und doch weiß ich, daß Sie mit diesem Worte nur einen dunkeln Sinn verknüpfen; Lieber, es geht mir wie Ihnen, wenn ich gleich so viel davon rede. Es erscheint mir nur wie ein Hohes, Erhabenes, Unnennbares, für das ich vergebens ein Wort suche, um es durch die Sprache, vergebens eine Gestalt, um es durch ein Bild auszudrücken. Und dennoch strebe ich ihm mit der innigsten Innigkeit entgegen, als stünde es klar und deutlich vor meiner Seele. Alles was ich davon weiß, ist, daß es die unvollkommnen Vorstellungen, deren ich jetzt nur fähig bin, gewiß auch enthalten wird; aber ich ahnde noch mehr, noch etwas Höheres, noch etwas Erhabeneres, und das ist recht eigentlich, was ich nicht ausdrücken und formen kann.

    Mich tröstet indes die Rückerinnerung dessen, um wieviel noch dunkler, noch verworrener, als jetzt, in früheren Zeiten der Begriff der Tugend in meiner Seele lag, und wie nach und nach, seitdem ich denke, und an meiner Bildung arbeite, auch das Bild der Tugend für mich an Gestalt und Bildung gewonnen hat; daher hoffe und glaube ich, daß so wie es sich in meiner Seele nach und nach mehr aufklärt, auch dieses Bild sich in immer deutlicheren Umrissen mir darstellen, und je mehr es an Wahrheit gewinnt, meine Kräfte stärken und meinen Willen begeistern wird.

    Lady A. Dracula, Lilianne Sanguis, 31. Mai 2016Wenn ich Ihnen mit einigen Zügen die undeutliche Vorstellung bezeichnen soll, die mich als Ideal der Tugend im Bilde eines Weisen umschwebt, so würde ich nur die Eigenschaften, die ich hin und wieder bei einzelnen Menschen zerstreut finde und deren Anblick mich besonders rührt, z.B. Edelmut, Menschenliebe, Standhaftigkeit, Bescheidenheit, Genügsamkeit etc. zusammentragen können; aber, Lieber, ein Gemälde würde das immer nicht werden, ein Rätsel würde es Ihnen, wie mir, bleiben, dem immer das bedeutungsvolle Wort der Auflösung fehlt. Aber, es sei mit diesen wenigen Zügen genug, ich getraue mich, schon jetzt zu behaupten, daß wenn wir, bei der möglichst vollkommnen Ausbildung aller unser geistigen Kräfte, auch diese benannten Eigenschaften einst fest in unser Innerstes gründen, ich sage, wenn wir bei der Bildung unsers Urteils, bei der Erhöhung unseres Scharfsinns durch Erfahrungen und Studien aller Art, mit der Zeit die Grundsätze des Edelmuts, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe, der Standhaftigkeit, der Bescheidenheit, der Duldung, der Mäßigkeit, der Genügsamkeit usw. unerschütterlich und unauslöschlich in unsern Herzen verflochten, unter diesen Umständen behaupte ich, daß wir nie unglücklich sein werden.

    Ich nenne nämlich Glück nur die vollen und überschwenglichen Genüsse, die – um es mit einem Zuge Ihnen darzustellen – in dem erfreulichen Anschaun der moralischen Schönheit unseres eigenen Wesens liegen. Diese Genüsse, die Zufriedenheit unsrer selbst, das Bewußtsein guter Handlungen, das Gefühl unsrer durch alle Augenblicke unsers Lebens vielleicht gegen tausend Anfechtungen und Verführungen standhaft behaupteten Würde, sind fähig, unter allen äußern Umständen des Lebens, selbst unter den scheinbar traurigsten, ein sicheres tiefgefühltes und unzerstörbares Glück zu gründen.

    Ich weiß es, Sie halten diese Art zu denken für ein künstliches aber wohl glückliches Hülfsmittel, sich die trüben Wolken des Schicksals hinweg zu philosophieren, und mitten unter Sturm und Donner sich Sonnenschein zu erträumen. Das ist nun freilich doppelt übel, daß Sie so schlecht von dieser himmlischen Kraft der Seele denken, einmal, weil Sie unendlich viel dadurch entbehren, und zweitens, weil es schwer, ja unmöglich ist, Sie besser davon denken zu machen. Aber ich wünsche zu Ihrem Glücke und hoffe, daß die Zeit und Ihr Herz Ihnen die Empfindung dessen, ganz so wahr und innig schenken möge, wie sie mich in dem Augenblick jener Äußerung belebte.

    Die höchste nützlichste Wirkung, die Sie dieser Denkungsart, oder vielmehr (denn das ist sie eigentlich) Empfindungsweise, zuschreiben, ist, daß sie vielleicht dazu diene, den Menschen unter der Last niederdrückender Schicksale vor der Verzweiflung zu sichern; und Sie glauben, daß wenn auch wirklich Vernunft und Herz einen Menschen dahin bringen könnte, daß er selbst unter äußerlich unvorteilhaften Umständen sich glücklich fühlte, er doch immer in äußerlich vorteilhaften Verhältnissen glücklicher sein müßte.

    Dagegen, mein Freund, kann ich nichts anführen, weil es ein vergeblicher mißverstandner Streit sein würde. Das Glück, wovon ich sprach, hangt von keinen äußeren Umständen ab, es begleitet den, der es besitzt, mit gleicher Stärke in alle Verhältnisse seines Lebens, und die Gelegenheit, es in Genüssen zu entwickeln, findet sich in Kerkern so gut, wie auf Thronen.

    Ja, mein Freund, selbst in Ketten und Banden, in die Nacht des finstersten Kerkers gewiesen, – glauben und fühlen Sie nicht, daß es auch da überschwenglich entzückende Gefühle für den tugendhaften Weisen gibt? Ach es liegt in der Tugend eine geheime göttliche Kraft, die den Menschen über sein Schicksal erhebt, in ihren Tränen reifen höhere Freuden, in ihrem Kummer selbst liegt ein neues Glück. Sie ist der Sonne gleich, die nie so göttlich schön den Horizont mit Flammenröte malt, als wenn die Nächte des Ungewitters sie umlagern.

    Ach, mein Freund, ich suche und spähe umher nach Worten und Bildern, um Sie von dieser herrlichen beglückenden Wahrheit zu überzeugen. Lassen Sie uns bei dem Bilde des unschuldig Gefesselten verweilen, – oder besser noch, blicken Sie einmal zweitausend Jahre in die Vergangenheit zurück, auf jenen besten und edelsten der Menschen, der den Tod am Kreuze für die Menschheit starb, auf Christus. Er schlummerte unter seinen Mördern, er reichte seine Hände freiwillig zum Binden dar, die teuern Hände, deren Geschäft nur Wohl tun war, er fühlte sich ja doch frei, mehr als die Unmenschen, die ihn fesselten, seine Seele war so voll des Trostes, daß er dessen noch seinen Freunden mitteilen konnte, er vergab sterbend seinen Feinden, er lächelte liebreich seine Henker an, er sah dem furchtbar schrecklichen Tode ruhig und freudig entgegen, – ach die Unschuld wandelt ja heiter über sinkende Welten. In seiner Brust muß ein ganzer Himmel von Empfindungen gewohnet haben, denn „Unrecht leiden schmeichelt große Seelen“.

    Enemy of Furys, Orange Power, 19. Juli 2015

    Ich bin nun erschöpft, mein Freund, und was ich auch sagen könnte, würde matt und kraftlos neben diesem Bilde stehen. Daher will ich nun, mein lieber Freund, glauben Sie überzeugt zu haben, daß die Tugend den Tugendhaften selbst im Unglück glücklich macht; und wenn ich über diesen Gegenstand noch etwas sagen soll, so wollen wir einmal jenes äußere Glück mit der Fackel der Wahrheit beleuchten, für dessen Reibungen Sie einen so lebhaften Sinn zu haben scheinen.

    Nach dem Bilde des wahren innern Glückes zu urteilen, dessen Anblick uns soeben so lebhaft entzückt hat: verdient nun wohl Reichtum, Güter, Würden, und alle die zerbrechlichen Geschenke des Zufalls, den Namen Glück? So arm an Nüancen ist doch unsre deutsche Sprache nicht, vielmehr finde ich leicht ein paar Wörter, die das, was diese Güter bewirken, sehr passend und richtig ausdrücken, Vergnügen und Wohlbehagen. Um diese sehr angenehmen Genüsse sind Fortunens Günstlinge freilich reicher als ihre Stiefkinder, obgleich ihre vorzüglichsten Bestandteile in der Neuheit und Abwechselung liegen, und daher der Arme und Verlaßne auch nicht ganz davon ausgeschlossen ist.

    Ja ich bin sogar geneigt zu glauben, daß in dieser Rücksicht für ihn ein Vorteil über den Reichen und Geehrten möglich ist, indem dieser bei der zu häufigen Abwechselung leicht den Sinn zu genießen abstumpft oder wohl gar mit der Abwechselung endlich ans Ende kommt und dann auf Leeren und Lücken stößt, indes der andere mit mäßigen Genüssen haushält, selten, aber desto inniger den Reiz der Neuheit schmeckt, und mit seinen Abwechselungen nie ans Ende kommt, weil selbst in ihnen eine gewisse Einförmigkeit liegt.

    Aber es sei, die Großen dieser Erde mögen den Vorzug vor die Geringen haben, zu schwelgen und zu prassen, alle Güter der Welt mögen sich ihren nach Vergnügen lechzenden Sinnen darbieten, und sie mögen ihrer vorzugsweise genießen; nur, mein Freund, das Vorrecht glücklich zu sein, wollen wir ihnen nicht einräumen, mit Gold sollen sie den Kummer, wenn sie ihn verdienen, nicht aufwiegen können. Da waltet ein großes unerbittliches Gesetz über die ganze Menschheit, dem der Fürst wie der Bettler unterworfen ist. Der Tugend folgt die Belohnung, dem Laster die Strafe. Kein Gold besticht ein empörtes Gewissen, und wenn der lasterhafte Fürst auch alle Blicke und Mienen und Reden besticht, wenn er auch alle Künste des Leichtsinns herbeiruft, wie Medea alle Wohlgerüche Arabiens, um den häßlichen Mordgeruch von ihren Händen zu vertreiben – und wenn er auch Mahoms Paradies um sich versammelte, um sich zu zerstreun oder zu betäuben – umsonst! Ihn quält und ängstigt sein Gewissen, wie den Geringsten seiner Untertanen.

    Gegen dieses größte der Übel wollen wir uns schützen, mein Freund, dadurch schützen wir uns zugleich vor allen übrigen, und wenn wir bei der Sinnlichkeit unsrer Jugend uns nicht entbrechen können, neben den Genüssen des ersten und höchsten innern Glücks, uns auch die Genüsse des äußern zu wünschen, so lassen Sie uns wenigstens so bescheiden und begnügsam in diesen Wünschen sein, wie es Schülern für die Weisheit ansteht.

    Und nun, mein Freund, will ich Ihnen eine Lehre geben, von deren Wahrheit mein Geist zwar überzeugt ist, obgleich mein Herz ihr unaufhörlich widerspricht. Diese Lehre ist, von den Wegen die zwischen dem höchsten äußern Glück und Unglück liegen, grade nur auf der Mittelstraße zu wandern, und unsre Wünsche nie auf die schwindlichen Höhen zu richten. Sosehr ich jetzt noch die Mittelstraßen aller Art hasse, weil ein natürlich heftiger Trieb im Innern mich verführt, so ahnde ich dennoch, daß Zeit und Erfahrung mich einst davon überzeugen werden, daß sie dennoch die besten seien. Eine besonders wichtige Ursache uns nur ein mäßiges äußeres Glück zu wünschen, ist, daß dieses sich wirklich am häufigsten in der Welt findet, und wir daher am wenigsten fürchten dürfen getäuscht zu werden.

    Wie wenig beglückend der Standpunkt auf großen außerordentlichen Höhen ist, habe ich recht innig auf dem Brocken empfunden. Lächeln Sie nicht, mein Freund, es waltet ein gleiches Gesetz über die moralische wie über die physische Welt. Die Temperatur auf der Höhe des Thrones ist so rauh, so empfindlich und der Natur des Menschen so wenig angemessen, wie der Gipfel des Blocksbergs, und die Aussicht von dem einen so wenig beglückend wie von dem andern, weil der Standpunkt auf beidem zu hoch, und das Schöne und Reizende um beides zu tief liegt.

    Mit weit mehrerem Vergnügen gedenke ich dagegen der Aussicht auf der mittleren und mäßigen Höhe des Regensteins, wo kein trüber Schleier die Landschaft verdeckte, und der schöne Teppich im ganzen, wie das unendlich Mannigfaltige desselben im einzelnen klar vor meinen Augen lag. Die Luft war mäßig, nicht warm und nicht kalt, grade so wie sie nötig ist, um frei und leicht zu atmen. Ich werde Ihnen doch die bildliche Vorstellung Homers aufschreiben, die er sich von Glück und Unglück machte, ob ich Ihnen gleich schon einmal davon erzählt habe.

    Im Vorhofe des Olymp, erzählt er, stünden zwei große Behältnisse, das eine mit Genuß, das andere mit Entbehrung gefüllt. Wem die Götter, so spricht Homer, aus beiden Fässern mit gleichem Maße messen, der ist der Glücklichste; wem sie ungleich messen, der ist unglücklich, doch am unglücklichsten der, dem sie nur allein aus einem Fasse zumessen.

    Also entbehren und genießen, das wäre die Regel des äußeren Glücks, und der Weg, gleich weit entfernt von Reichtum und Armut, von Überfluß und Mangel, von Schimmer und Dunkelheit, die beglückende Mittelstraße, die wir wandern wollen.

    Jetzt freilich wanken wir noch auf regellosen Bahnen umher, aber, mein Freund, das ist uns als Jünglinge zu verzeihen. Die innere Gärung ineinander wirkender Kräfte, die uns in diesem Alter erfüllt, läßt keine Ruhe im Denken und Handeln zu. Wir kennen die Beschwörungsformel noch nicht, die Zeit allein führt sie mit sich, um die wunderbar ungleichartigen Gestalten, die in unserm Innern wühlen und durcheinandertreiben, zu besänftigen und zu beruhigen. Und alle Jünglinge, die wir um und neben uns sehen, teilen ja mit uns dieses Schicksal. Alle ihre Schritte und Bewegungen scheinen nur die Wirkung eines unfühlbaren aber gewaltigen Stoßes zu sein, der sie unwiderstehlich mit sich fortreißt. Sie erscheinen mir wie Kometen, die in regellosen Kreisen das Weltall durchschweifen, bis sie endlich eine Bahn und ein Gesetz der Bewegung finden.

    Bis dahin, mein Freund, wollen wir uns also aufs Warten und Hoffen legen, und nur wenigstens uns das zu erhalten streben, was schon jetzt in unsrer Seele Gutes und Schönes liegt. Besonders und aus mehr als dieser Rücksicht wird es gut für uns, und besonders für Sie sein, wenn wir die Hoffnung zu unsrer Göttin wählen, weil es scheint als ob uns der Genuß flieht.

    Petites Luxures, Interchapitre, 18. April 2016Denn eine von beiden Göttinnen, Lieber, lächelt dem Menschen doch immer zu, dem Frohen der Genuß, dem Traurigen die Hoffnung. Auch scheint es, als ob die Summe der glücklichen und der unglücklichen Zufälle im ganzen für jeden Menschen gleich bleibe; wer denkt bei dieser Betrachtung nicht an jenen Tyrann von Syrakus, Polykrates, den das Glück bei allen seinen Bewegungen begleitete, den nie ein Wunsch, nie eine Hoffnung betrog, dem der Zufall sogar den Ring wiedergab, den er, um dem Unglück ein freiwilliges Opfer zu bringen, ins Meer geworfen hatte. So hatte die Schale seines Glücks sich tief gesenkt; aber das Schicksal setzte es dafür auch mit einem Schlage wieder ins Gleichgewicht und ließ ihn am Galgen sterben. – Oft verpraßt indes ein Jüngling in ein paar Jugendjahren den Glücksvorrat seines ganzen Lebens, und darbt dann im Alter; und da Ihre Jugendjahre, mehr noch als die meinigen, so freudenleer verflossen sind, ob Sie gleich eine tiefgefühlte Sehnsucht nach Freude in sich tragen, so nähren und stärken Sie die Hoffnung auf schönere Zeiten, denn ich getraue mich, mit einiger, ja mit großer Gewißheit Ihnen eine frohe und freudenreiche Zukunft vorher zu kündigen. Denken Sie nur, mein Freund, an unsre schönen und herrlichen Pläne, an unsre Reisen. Wie vielen Genuß bieten sie uns dar, selbst den reichsten in den scheinbar ungünstigsten Zufällen, wenigstens doch nach ihnen, durch die Erinnerung. Oder blicken Sie über die Vollendung unsrer Reisen hin, und sehen Sie sich an, den an Kenntnissen bereicherten, an Herz und Geist durch Erfahrung und Tätigkeit gebildeten Mann. Denn Bildung muß der Zweck unsrer Reise sein und wir müssen ihn erreichen, oder der Entwurf ist so unsinnig wie die Ausführung ungeschickt.

    Dann, mein Freund, wird die Erde unser Vaterland, und alle Menschen unsre Landsleute sein. Wir werden uns stellen und wenden können wohin wir wollen, und immer glücklich sein. Ja wir werden unser Glück zum Teil in der Gründung des Glücks anderer finden, und andere bilden, wie wir bisher selbst gebildet worden sind.

    Wie viele Freuden gewährt nicht schon allein die wahre und richtige Wertschätzung der Dinge. Wie oft gründet sich das Unglück eines Menschen bloß darin, daß er den Dingen unmögliche Wirkungen zuschrieb, oder aus Verhältnissen falsche Resultate zog, und sich darinnen in seinen Erwartungen betrog. Wir werden uns seltner irren, mein Freund, wir durchschauen dann die Geheimnisse der physischen wie der moralischen Welt, bis dahin, versteht sich, wo der ewige Schleier über sie waltet, und was wir bei dem Scharfblick unsres Geistes von der Natur erwarten, das leistet sie gewiß. Ja es ist im richtigen Sinne sogar möglich, das Schicksal selbst zu leiten, und wenn uns dann auch das große allgewaltige Rad einmal mit sich fortreißt, so verlieren wir doch nie das Gefühl unsrer selbst, nie das Bewußtsein unseres Wertes.

    Selbst auf diesem Wege kann der Weise, wie jener Dichter sagt, Honig aus jeder Blume saugen. Er kennt den großen Kreislauf der Dinge, und freut sich daher der Vernichtung wie dem Segen, weil er weiß, daß in ihr wieder der Keim zu neuen und schöneren Bildungen liegt.

    Istvan Banyai, Engineers Are Aware of My Issues, Juli 2016Und nun, mein Freund, noch ein paar Worte über ein Übel, welches ich mit Mißvergnügen als Keim in Ihrer Seele zu entdecken glaube. Ohne, wie es scheint, gegründete, vielleicht Ihnen selbst unerklärbare Ursachen, ohne besonders üble Erfahrungen, ja vielleicht selbst ohne die Bekanntschaft eines einzigen durchaus bösen Menschen, scheint es, als ob Sie die Menschen hassen und scheuen.

    Lieber, in Ihrem Alter ist das besonders übel, weil es die Verknüpfung mit Menschen und die Unterstützung derselben noch so sehr nötig macht. Ich glaube nicht, mein Freund, daß diese Empfindung als Grundzug in Ihrer Seele liegt, weil sie die Hoffnung zu Ihrer vollkommnen Ausbildung, zu welcher Ihre übrigen Anlagen doch berechtigen, zerstören und Ihren Charakter unfehlbar entstellen würde. Daher glaube ich eher und lieber, worauf auch besonders Ihre Äußerungen hinzudeuten scheinen, daß es eine von jenen fremdartigen Empfindungen ist, die eigentlich keiner menschlichen Seele und besonders der Ihrigen nicht, eigentümlich sein sollte, und die Sie, von irgendeinem Geiste der Sonderbarkeit und des Widerspruchs getrieben, und von einem an Ihnen unverkennbaren Trieb der Auszeichnung verführt, nur durch Kunst und Bemühung in Ihrer Seele verpflanzt haben.

    Verpflanzungen, mein Freund, sind schon im allgemeinen Sinne nicht gut, weil sie immer die Schönheit des Einzelnen und die Ordnung des Ganzen stören. Südfrüchte in Nordländern zu verpflanzen, – das mag noch hingehen, der unfruchtbare Himmelsstrich mag die unglücklichen Bewohner und ihren Eingriff in die Ordnung der Dinge rechtfertigen; aber die kraft- und saftlosen verkrüppelten Erzeugnisse des Nordens in den üppigsten südlichen Himmelstrich zu verpflanzen, – Lieber, es dringt sich nur gleich die Frage auf, wozu? Also der mögliche Nutzen kann es nur rechtfertigen.

    Was ich aber auch denke und sinne, mein Freund, nicht ein einziger Nutzen tritt vor meine Seele, wohl aber Heere von Übeln.

    Ich weiß es und Sie haben es mir ja oft mitgeteilt, Sie fühlen in sich einen lebhaften Tätigkeitstrieb, Sie wünschen einst viel und im großen zu wirken. Das ist schön, mein Freund, und Ihres Geistes würdig, auch Ihr Wirkungskreis wird sich finden, und die relativen Begriffe von groß und klein wird die Zeit feststellen.

    Aber ich stoße hier gleich auf einen gewaltigen Widerspruch, den ich nicht anders zu Ihrer Ehre auflösen kann, als wenn ich die Empfindung des Menschenhasses geradezu aus Ihrer Seele wegstreiche. Denn wenn Sie wirken und schaffen wollen, wenn Sie Ihre Existenz für die Existenz andrer aufopfern und so Ihr Dasein gleichsam vertausendfachen wollen, Lieber, wenn Sie nur für andre sammeln, wenn Sie Kräfte, Zeit und Leben, nur für andre aufopfern wollen, – wem können Sie wohl dieses kostbare Opfer bringen, als dem, was Ihrem Herzen am teuersten ist, und am nächsten liegt?

    Ja, mein Freund, Tätigkeit verlangt ein Opfer, ein Opfer verlangt Liebe, und so muß sich die Tätigkeit auf wahre innige Menschenliebe gründen, sie müßte denn eigennützig sein, und nur für sich selbst schaffen wollen.

    Ich möchte hier schließen, mein Freund, denn das, was ich Ihnen zur Bekämpfung des Menschenhasses, wenn Sie wirklich so unglücklich wären ihn in Ihrer Brust zu verschließen, sagen könnte, wird mir durch die Vorstellung dieser häßlichen abscheulichen Empfindung, so widrig, daß es mein ganzes Wesen empört. Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!

    Porn 4 Ladies, Emily Age 20, reading and masturbating, 30. Mai 2014Und gibt es denn nichts Liebenswürdiges unter den Menschen mehr? Und gibt es keine Tugenden mehr unter ihnen, keine Gerechtigkeit, keine Wohltätigkeit, keine Bescheidenheit im Glücke, keine Größe und Standhaftigkeit im Unglück? Gibt es denn keine redlichen Väter, keine zärtlichen Mütter, keine frommen Töchter mehr? Rührt Sie denn der Anblick eines frommen Dulders, eines geheimen Wohltäters nicht? Nicht der Anblick einer schönen leidenden Unschuld? Nicht der Anblick einer triumphierenden Unschuld? Ach und wenn sich auch im ganzen Umkreis der Erde nur ein einziger Tugendhafter fände, dieser einzige wiegt ja eine ganze Hölle von Bösewichtern auf, um dieses einzigen willen – kann man ja die ganze Menschheit nicht hassen. Nein, lieber Freund, es stellt sich in unsrer gemeinen Lebensweise nur die Außenseite der Dinge dar, nur starke und heftige Wirkungen fesseln unsern Blick, die mäßigen entschlüpfen ihm in dem Tumult der Dinge. Wie mancher Vater darbt und sorgt für den Wohlstand seiner Kinder, wie manche Tochter betet und arbeitet für die armen und kranken Eltern, wie manches Opfer erzeugt und vollendet sich im Stillen, wie manche wohltätige Hand waltet im Dunkeln. Aber das Gute und Edle gibt nur sanfte Eindrücke, und doch liebt der Mensch die heftigen, er gefällt sich in der Bewunderung und Entzückung, und das Große und Ungeheure ist es eben, worin die Menschen nicht stark sind. Und wenn es doch nur gerade das Große und Ungeheure ist, nach dessen Eindrücken Sie sich am meisten sehnen, nun, mein Freund, auch für diese Genüsse läßt sich sorgen, auch dazu findet sich Stoff in dem Umkreis der Dinge. Ich rate Ihnen daher nochmals die Geschichte an, nicht als Studium, sondern als Lektüre. Vielleicht ist die große Überschwemmung von Romanen, die, nach Ihrer eignen Mitteilung, auch Ihre Phantasie einst unter Wasser gesetzt hat (verzeihn Sie mir diesen unedlen Ausdruck), aber vielleicht ist diese zu häufige Lektüre an der Empfindung des Menschenhasses schuld, die so ungleichartig und fremd neben Ihren andern Empfindungen steht. Ein gutes leichtsinniges Herz hebt sich so gern in diese erdichteten Welten empor, der Anblick so vollkommner Ideale entzückt es, und fliegt dann einmal ein Blick über das Buch hinweg, so verschwindet die Zauberin, die magere Wirklichkeit umgibt es, und statt seiner Ideale grinset ihn ein Alltagsgesicht an. Wir beschäftigen uns dann mit Plänen zur Realisierung dieser Träumereien, und oft um so inniger, je weniger wir durch Handel und Wandel selbst dazu beitragen, wir finden dann die Menschen zu ungeschickt für unsern Sinn, und so erzeugt sich die erste Empfindung der Gleichgültigkeit und Verachtung gegen sie.

    Aber wie ganz anders ist es mit der Geschichte, mein Freund! Sie ist die getreue Darstellung dessen, was sich zu allen Zeiten unter den Menschen zugetragen hat. Da hat keiner etwas hinzugesetzt, keiner etwas weggelassen, es finden sich keine phantastische Ideale, keine Dichtung, nichts als wahre trockne Geschichte. Und dennoch, mein Freund, finden sich darin schöne herrliche Charaktergemälde großer erhabner Menschen, Menschen wie Sokrates und Christus, deren ganzer Lebenslauf Tugend war, Taten, wie des Leonidas, des Regulus, und alle die unzähligen griechischen und römischen, die alles, was die Phantasie möglicherweise nur erdichten kann, erreichen und übertreffen. Und da, mein Freund, können wir wahrhaft sehn, auf welche Höhe der Mensch sich stellen, wie nah er an die Gottheit treten kann! Das darf und soll Sie mit Bewunderung und Entzückung füllen, aber, mein Freund, es soll Sie aber auch mit Liebe für das Geschlecht erfüllen, dessen Stolz sie waren, mit Liebe zu der großen Gattung, zu der sie gehören, und deren Wert sie durch ihre Erscheinung so unendlich erhöht und veredelt haben.

    Vielleicht sehn Sie sich um in diesem Augenblick unter den Völkern der Erde, und suchen und vermissen einen Sokrates, Christus, Leonidas, Regulus etc. Irren Sie sich nicht, mein Freund! Alle diese Männer waren große, seltne Menschen, aber daß wir das wissen, daß sie so berühmt geworden sind, haben sie dem Zufall zu danken, der ihre Verhältnisse so glücklich stellte, daß die Schönheit ihres Wesens wie eine Sonne daraus hervorstieg.

    Ohne den Melitus und ohne den Herodes würde Sokrates und Christus uns vielleicht unbekannt geblieben, und doch nicht minder groß und erhaben gewesen sein. Wenn sich Ihnen also in diesem Zeitpunkt kein so bewundrungswürdiges Wesen ankündigt, – – mein Freund, ich wünsche nur, daß Sie nicht etwa denken mögen, die Menschen seien von ihrer Höhe herabgesunken, vielmehr es scheint ein Gesetz über die Menschheit zu walten, daß sie sich im allgemeinen zu allen Zeiten gleichbleibt, wie oft auch immer die Völker mit Gestalt und Form wechseln mögen.

    Aus allen diesen Gründen, mein teurer Freund, verscheuchen Sie, wenn er wirklich in Ihrem Busen wohnt, den häßlich unglückseligen und, wie ich Sie überzeugt habe, selbst ungegründeten Haß der Menschen. Liebe und Wohlwollen müssen nur den Platz darin einnehmen. Ach es ist ja so öde und traurig zu hassen und zu fürchten, und es ist so süß und so freudig zu lieben und zu trauen. Ja, wahrlich, mein Freund, es ist ohne Menschenliebe gewiß kein Glück möglich, und ein so liebloses Wesen wie ein Menschenfeind ist auch keines wahren Glückes wert.

    Und dann noch eines, Lieber, ist denn auch ohne Menschenliebe jene Bildung möglich, der wir mit allen unsern Kräften entgegenstreben? Alle Tugenden beziehn sich ja auf die Menschen, und sie sind nur Tugenden insofern sie ihnen nützlich sind. Großmut, Bescheidenheit, Wohltätigkeit, bei allen diesen Tugenden fragt es sich, gegen wen? und für wen? und wozu? Und immer dringt sich die Antwort auf, für die Menschen, und zu ihrem Nutzen.

    Besonders dienlich wird unsre entworfne Reise sein, um Ihnen die Menschen gewiß von einer recht liebenswürdigen Seite zu zeigen. Tausend wohltätige Einflüsse erwarte und hoffe ich von ihr, aber besonders nur für Sie den ebenbenannten. Die Art unsrer Reise verschafft uns ein glückliches Verhältnis mit den Menschen. Sie erfüllen nur nicht gern, was man laut von ihnen verlangt, aber leisten desto lieber was man schweigend von sie hofft.

    Schon auf unsrer kleinen Harzwanderung haben wir häufig diese frohe Erfahrung gemacht. Wie oft, wenn wir ermüdet und erschöpft von der Reise in ein Haus traten, und den Nächsten um einen Trunk Wasser baten, wie oft reichten die ehrlichen Leute uns Bier oder Milch und weigerten sich Bezahlung anzunehmen. Oder sie ließen freiwillig Arbeit und Geschäft im Stiche, um uns Verirrte oft auf entfernte rechte Wege zu führen. Solche stillen Wünsche werden oft empfunden, und ohne Geräusch und Anspruch erfüllt, und mit Händedrücken bezahlt, weil die geselligen Tugenden gerade diejenigen sind, deren jeder in Zeit der Not bedarf. Aber freilich, große Opfer darf und soll man auch nicht verlangen.

    Poilue Sorry to Disappoint You, Me, Reading Eragon, 2013

    Bilder:

    1. Distant Passion: Quédate hoy conmigo, vive conmigo un día y una…, Juni 2016;
    2. Lady A. Dracula: Lilianne Sanguis, 31. Mai 2016;
    3. Enemy of Furys: Orange Power, 19. Juli 2015;
    4. Petites Luxures: Interchapitre, 18. April 2016;
    5. Istvan Banyai: Engineers Are Aware of My Issues, Juli 2016;
    6. Porn 4 Ladies: Emily Age 20, reading and masturbating, 30. Mai 2014,
    7. Poilue Sorry to Disappoint You: Me, Reading Eragon, 2013;
    8. Bibliophile Exhibitionism: When your book gets the best of you, 1. Januar 2016.

    Soundtrack, weil wir oben kurz — und nicht im Sinne des Tatbestands — von erweitertem Selbstmord gesprochen haben und wo Kleist, seine Suizidgefährtin Henriette Vogel nie weit ist: „This song’s for Henriette!“: Lake Street Dive: Henriette, aus: Lake Street Dive, 2011, live im Pickathon Pumphouse in Portland, Oregon, 2012. Bridget Kearney am Kontrabass:

    Wieder was gelernt vom Bernd.

    Hand in Pants via Bibliophile Exhibitionism, When your book gets the best of you, 1. Januar 2016

    Written by Wolf

    1. September 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

    Geheimrat Goethes geheimer Garten

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    Update zum 266. Geburtstag:
    Der sehr junge Goethe und sein Vorhangstoff:

    Ist Dichtung und Wahrheit eigentlich verfilmt? Meines Wissens nicht, außer man zählt die 2010er Klamotte Goethe! mit Alexander Fehling mit.

    Julian Mandel, Noyer StudiosVom geheimen Garten zählt man mindestens neun Verfilmungen, die erste von 1919 davon verschollen, dafür zusätzlich Theaterfassungen, ein Musical und eine Oper — was nichts über die Qualität aussagen muss. Über die Quantität schon. Zum Beispiel hat Goethe schon als Kind in gewohnter Frühreife und Klarsicht den Stoff von Frances Hodgson Burnett vorweggenommen.

    Als Kindheitswerk, als das Goethe es 60-jährig ausgibt, ist Der neue Paris nicht authentisch. Es wäre auch zu schön: all die Beschlagenheit in der griechischen Mythologie des zehnjährigen „Hätschelhans“ (cit. Mutter Goethe), die er in Vorahnungen zu seinem sehr viel späteren Wilhelm Meister umzusetzen versteht, dazu die Farbensymbolik aus seinem noch späteren eigenen Lieblingswerk der Farbenlehre — als ob ihm das jemals jemand geglaubt hätte. Nicht einmal sein ungefährer Zeitgenosse Klein-Mozart hat als Wunderkind auf dem Schulweg Frühversionen der Komtur-Arien vor sich hingepfiffen, das behaupte ich jetzt einfach.

    Beweise? –: Zur biographischen Einordnung hilft ausnahmsweise nicht die frischeste (abgeschlossen 1999, äußert sich eher zu psychologischen Aspekten) und dazu am ausführlichsten kommentierte der Goethe-Gesamtausgaben, die Frankfurter, weiter, sondern die schon etwas ältliche liebe Tante namens Hamburger Ausgabe, die nicht auf alles eine Antwort weiß, aber immer da ist und so ziemlich über alles gewinnbringend mit sich quatschen lässt:

    Julian Mandel, Noyer StudiosTagebuch, 3. Juli 1811: Der neue Paris, Knabenmärchen, diktiert. Ein Kunstmärchen, geschrieben im Alter; aber es besteht kein Grund, zu bezweifeln, daß Motive jugendlicher Phantasie darin nachwirken. Was im 2. Buch nicht als Bericht gesagt wird, ist hier im Symbol gesagt. Es hat Verwandtschaft mit dem Märchen in den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten […]: die klare Bildhaftigkeit; das Handlen nach Bedingungen; Gegestände, die in das Geschehen gehören und zugleich Symbole sind wie die Brücke. Auch zu dem dritten Märchen, der Neuen Melusine […], hat es Beziehungen: beide sind Kontrafaktur, dort wird das Melusinen- bzw. Raimond-Motiv, hier das Paris-Motiv neu gestaltet; beide sind in breite Prosawerke eingeflochten, ohne daß der tiefere Zusammenhang unmittelbar ausgesprochen wird. Die Überleitung hat leichten Klang […] und läßt das Bedeutende nur kurz einfließen. Der fast 62jährige hatte die Welt als Künstler und als LIebender erlebt und deutete aus solcher Erfahrung die Jugend. Das Märchen zeigt des Knaben Phantasiewelt und Formkraft, seine Überlegenheit dadurch gegenüber anderen Kindern, seine unbewußte Richtung im Künstlerischen und Erotischen. Beide Bereiche tauchen zugleich auf, eng verknüpft. Kein Wort über symbolische Bedeutung oder Folge. — [Für die Ausgabe benutzte Fachliteratur:] Curt Habicht, Findlinge zum Thema Goethe und die bildende Kunst. I. Der neue Paris. Monatshefte f. Kunstwiss. 11, 1918, S. 233–238. — Beutler in der Artemis-Gedenk-Ausgabe, Bd. 10, S. 905 ff. — Beutler-Rumpf, Text zu Abb. 21. — W. Schadewaldt, Goethestudien. 1963. S. 262–282.

    Heute würden wir sagen, Goethes Kunstmärchen — Typus Erlösungsmärchen — sei ein Fake aus der Sicht eines entschieden zu verwöhnten, selbstzufriedenen und siebengescheiten Fratzen, und ein englisches Kinderbuch samt seiner neun, darunter drei relevanten Verfilmungen zeige pro Druckseite und Filmminute mehr Einfühlung in eine Kinderseele als Goethe in seinem ganzen Lebenswerk, aber „heute“ sind wir auch nicht Erich Trunz, der 1955 die Hamburger Ausgabe kommentiert (5. Auflage 1964, textkritisch durchgesehen von Lieselotte Blumenthal). — Zwei Interpretationen nach Trunz führt dann doch wieder die Frankfurter Ausgabe an:

    Karl-Heinz Kausen, Goethes ‚Knabenmärchen‘ ‚Der neue Paris‘ — oder ‚Biographica und Ästhetica‘, in: Jb. d. dt. Schiller-Gesellschaft 24 [1980], S. 102–122; Ingrid Kreutzer, Strukturprinzipien in Goethes Märchen, in: Jb. d. dt. Schiller-Gesellschaft 21 [1977], S. 216–246.

    Eine ähnlich inspirierte mythologische Neufassung nach Der neue Paris kam von Goethe erst wieder in Gestalt der neuen Melusine im dritten Buch der Wanderjahre zwischen 1821 und 1829, also im Alterswerk. „Paris“ meint deshalb den auf der vorderen Silbe betonten altgriechischen Sohn von Hektor und Kassandra, der vor lauter Diplomatie und Verliebtheit den Trojanischen Krieg ausgelöst hat, nicht das hässliche überteuerte Häusermeer fünf Stunden hinter Freiburg im Breisgau.

    Rosengarten München, I thanked and she never knew what for, September 2015

    ——— Goethe:

    Der neue Paris

    in: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 1808 bis 1831, Zweites Buch, cit. Hamburger Ausgabe:

    Julian Mandel, Noyer StudiosDiesen so wie andre Wohlwollende konnte ich sehr glücklich machen, wenn ich ihnen Märchen erzählte, und besonders liebten sie, wenn ich in eigner Person sprach, und hatten eine große Freude, daß mir als ihrem Gespielen so wunderliche Dinge könnten begegnet sein, und dabei gar kein Arges, wie ich Zeit und Raum zu solchen Abenteuern finden können, da sie doch ziemlich wußten, wie ich beschäftigt war und wo ich aus und ein ging. Nicht weniger waren zu solchen Begebenheiten Lokalitäten, wo nicht aus einer andern Welt, doch gewiß aus einer andern Gegend nötig, und alles war doch erst heut oder gestern geschehen, sie mußten sich daher mehr selbst betrügen, als ich sie zum besten haben konnte. Und wenn ich nicht nach und nach, meinem Naturell gemäß, diese Luftgestalten und Windbeuteleien zu kunstmäßigen Darstellungen hätte verarbeiten lernen, so wären solche aufschneiderische Anfänge gewiß nicht ohne schlimme Folgen für mich geblieben.

    Betrachtet man diesen Trieb recht genau, so möchte man in ihm diejenige Anmaßung erkennen, womit der Dichter selbst das Unwahrscheinlichste gebieterisch ausspricht, und von einem jeden fordert, er solle dasjenige für wirklich erkennen, was ihm, dem Erfinder, auf irgend eine Weise als wahr erscheinen konnte.

    Was jedoch hier nur im allgemeinen und betrachtungsweise vorgetragen worden, wird vielleicht durch ein Beispiel, durch ein Musterstück angenehmer und anschaulicher werden. Ich füge daher ein solches Märchen bei, welches mir, da ich es meinen Gespielen oft wiederholen mußte, noch ganz wohl vor der Einbildungskraft und im Gedächtnis schwebt.

    Der neue Paris,

    Knabenmärchen

    Julian Mandel, Noyer Studio series 370 via Grandma DidMir träumte neulich in der Nacht vor Pfingstsonntag, als stünde ich vor einem Spiegel und beschäftigte mich mit den neuen Sommerkleidern, welche mir die lieben Eltern auf das Fest hatten machen lassen. Der Anzug bestand, wie ihr wißt, in Schuhen von sauberem Leder, mit großen silbernen Schnallen, feinen baumwollenen Strümpfen, schwarzen Unterkleidern von Sarsche, und einem Rock von grünem Berkan mit goldnen Balletten. Die Weste dazu, von Goldstoff, war aus meines Vaters Bräutigamsweste geschnitten. Ich war frisiert und gepudert, die Locken standen mir wie Flügelchen vom Kopfe; aber ich konnte mit dem Anziehen nicht fertig werden, weil ich immer die Kleidungsstücke verwechselte, und weil mir immer das erste vom Leibe fiel, wenn ich das zweite umzunehmen gedachte. In dieser großen Verlegenheit trat ein junger schöner Mann zu mir und begrüßte mich aufs freundlichste. „Ei, seid mir willkommen!“ sagte ich, „es ist mir ja gar lieb, daß ich Euch hier sehe.“ – „Kennt Ihr mich denn?“ versetzte jener lächelnd. – „Warum nicht?“ war meine gleichfalls lächelnde Antwort. „Ihr seid Merkur, und ich habe Euch oft genug abgebildet gesehen.“ – „Das bin ich“, sagte jener, „und von den Göttern mit einem wichtigen Auftrag an dich gesandt. Siehst du diese drei Äpfel?“ – Er reichte seine Hand her und zeigte mir drei Äpfel, die sie kaum fassen konnte, und die ebenso wundersam schön als groß waren, und zwar der eine von roter, der andere von gelber, der dritte von grüner Farbe. Man mußte sie für Edelsteine halten, denen man die Form von Früchten gegeben. Ich wollte darnach greifen; er aber zog zurück und sagte: „Du mußt erst wissen, daß sie nicht für dich sind. Du sollst sie den drei schönsten jungen Leuten von der Stadt geben, welche sodann, jeder nach seinem Lose, Gattinnen finden sollen, wie sie solche nur wünschen können. Nimm, und mach deine Sachen gut!“ sagte er scheidend, und gab mir die Äpfel in meine offnen Hände; sie schienen mir noch größer geworden zu sein. Ich hielt sie darauf in die Höhe, gegen das Licht, und fand sie ganz durchsichtig; aber gar bald zogen sie sich aufwärts in die Länge und wurden zu drei schönen, schönen Frauenzimmerchen in mäßiger Puppengröße, deren Kleider von der Farbe der vorherigen Äpfel waren. So gleiteten sie sacht an meinen Fingern hinauf, und als ich nach ihnen haschen wollte um wenigstens eine festzuhalten, schwebten sie schon weit in der Höhe und Ferne, daß ich nichts als das Nachsehen hatte. Ich stand ganz verwundert und versteinert da, hatte die Hände noch in der Höhe und beguckte meine Finger, als wäre daran etwas zu sehen gewesen. Aber mit einmal erblickte ich auf meinen Fingerspitzen ein allerliebstes Mädchen herumtanzen, kleiner als jene, aber gar niedlich und munter; und weil sie nicht wie die andern fortflog, sondern verweilte, und bald auf diese bald auf jene Fingerspitze tanzend hin und her trat, so sah ich ihr eine Zeitlang verwundert zu. Da sie mir aber gar so wohl gefiel, glaubte ich sie endlich haschen zu können und dachte geschickt genug zuzugreifen; allein in dem Augenblick fühlte ich einen Schlag an den Kopf, so daß ich ganz betäubt niederfiel, und aus dieser Betäubung nicht eher erwachte, als bis es Zeit war mich anzuziehen und in die Kirche zu gehen.

    Unter dem Gottesdienst wiederholte ich mir jene Bilder oft genug; auch am großelterlichen Tische, wo ich zu Mittag speiste. Nachmittags wollte ich einige Freunde besuchen, sowohl um mich in meiner neuen Kleidung, den Hut unter dem Arm und den Degen an der Seite, sehen zu lassen, als auch weil ich ihnen Besuche schuldig war. Ich fand niemanden zu Hause, und da ich hörte, daß sie in die Gärten gegangen, so gedachte ich ihnen zu folgen und den Abend vergnügt zuzubringen. Mein Weg führte mich den Zwinger hin, und ich kam in die Gegend, welche mit Recht den Namen „schlimme Mauer“ führt: denn es ist dort niemals ganz geheuer. Ich ging nur langsam und dachte an meine drei Göttinnen, besonders aber an die kleine Nymphe, und hielt meine Finger manchmal in die Höhe, in Hoffnung, sie würde so artig sein, wieder darauf zu balancieren. In diesen Gedanken vorwärts gehend erblickte ich, linker Hand, in der Mauer ein Pförtchen, das ich mich nicht erinnerte je gesehen zu haben. Es schien niedrig, aber der Spitzbogen drüber hätte den größten Mann hindurch gelassen. Bogen und Gewände waren aufs zierlichste vom Steinmetz und Bildhauer ausgemeißelt, die Türe selbst aber zog erst recht meine Aufmerksamkeit an sich. Braunes uraltes Holz, nur wenig verziert, war mit breiten, sowohl erhaben als vertieft gearbeiteten Bändern von Erz beschlagen, deren Laubwerk, worin die natürlichsten Vögel saßen, ich nicht genug bewundern konnte. Doch was mir das Merkwürdigste schien, kein Schlüsselloch war zu sehen, keine Klinke, kein Klopfer, und ich vermutete daraus, daß diese Türe nur von innen aufgemacht werde. Ich hatte mich nicht geirrt: denn als ich ihr näher trat, um die Zieraten zu befühlen, tat sie sich hineinwärts auf, und es erschien ein Mann, dessen Kleidung etwas Langes, Weites und Sonderbares hatte. Auch ein ehrwürdiger Bart umwölkte sein Kinn; daher ich ihn für einen Juden zu halten geneigt war. Er aber, eben als wenn er meine Gedanken erraten hätte, machte das Zeichen des heiligen Kreuzes, wodurch er mir zu erkennen gab, daß er ein guter katholischer Christ sei. – „Junger Herr, wie kommt Ihr hierher, und was macht Ihr da?“ sagte er mit freundlicher Stimme und Gebärde. – „Ich bewundre“, versetzte ich, „die Arbeit dieser Pforte: denn ich habe dergleichen noch niemals gesehen; es müßte denn sein auf kleinen Stücken in den Kunstsammlungen der Liebhaber.“ – „Es freut mich“, versetzte er darauf, „daß Ihr solche Arbeit liebt. Inwendig ist die Pforte noch viel schöner: tretet herein, wenn es Euch gefällt.“ Mir war bei der Sache nicht ganz wohl zu Mute. Die wunderliche Kleidung des Pförtners, die Abgelegenheit und ein sonst ich weiß nicht was, das in der Luft zu liegen schien, beklemmte mich. Ich verweilte daher, unter dem Vorwande, die Außenseite noch länger zu betrachten, und blickte dabei verstohlen in den Garten: denn ein Garten war es, der sich vor mir eröffnet hatte. Gleich hinter der Pforte sah ich einen großen beschatteten Platz; alte Linden, regelmäßig von einander abstehend, bedeckten ihn völlig mit ihren dicht in einander greifenden Ästen, so daß die zahlreichsten Gesellschaften in der größten Tageshitze sich darunter hätten erquicken können. Schon war ich auf die Schwelle getreten, und der Alte wußte mich immer um einen Schritt weiter zu locken. Ich widerstand auch eigentlich nicht: denn ich hatte jederzeit gehört, daß ein Prinz oder Sultan in solchem Falle niemals fragen müsse, ob Gefahr vorhanden sei. Hatte ich doch auch meinen Degen an der Seite; und sollte ich mit dem Alten nicht fertig werden, wenn er sich feindlich erweisen wollte? Ich trat also ganz gesichert hinein; der Pförtner drückte die Türe zu, die so leise einschnappte, daß ich es kaum spürte. Nun zeigte er mir die inwendig angebrachte, wirklich noch viel kunstreichere Arbeit, legte sie mir aus, und bewies mir dabei ein besonderes Wohlwollen. Hiedurch nun völlig beruhigt, ließ ich mich in dem belaubten Raume an der Mauer, die sich ins Runde zog, weiter führen, und fand manches an ihr zu bewundern. Nischen, mit Muscheln, Korallen und Metallstufen künstlich ausgeziert, gaben aus Tritonenmäulern reichliches Wasser in marmorne Becken; dazwischen waren Vogelhäuser angebracht und andre Vergitterungen, worin Eichhörnchen herumhüpften, Meerschweinchen hin und wider liefen, und was man nur sonst von artigen Geschöpfen wünschen kann. Die Vögel riefen und sangen uns an, wie wir vorschritten; die Stare besonders schwätzten das närrischste Zeug; der eine rief immer: „Paris, Paris“, und der andre: „Narziß, Narziß“, so deutlich, als es ein Schulknabe nur aussprechen kann. Der Alte schien mich immer ernsthaft anzusehen, indem die Vögel dieses riefen; ich tat aber nicht, als wenn ich’s merkte, und hatte auch wirklich nicht Zeit, auf ihn Acht zu geben: denn ich konnte wohl gewahr werden, daß wir in die Runde gingen, und daß dieser beschattete Raum eigentlich ein großer Kreis sei, der einen andern viel bedeutendern umschließe. Wir waren auch wirklich wieder bis ans Pförtchen gelangt, und es schien, als wenn der Alte mich hinauslassen wolle; allein meine Augen blieben auf ein goldnes Gitter gerichtet, welches die Mitte dieses wunderbaren Gartens zu umzäunen schien, und das ich auf unserm Gange hinlänglich zu beobachten Gelegenheit fand, ob mich der Alte gleich immer an der Mauer und also ziemlich entfernt von der Mitte zu halten wußte. Als er nun eben auf das Pförtchen losging, sagte ich zu ihm, mit einer Verbeugung: „Ihr seid so äußerst gefällig gegen mich gewesen, daß ich wohl noch eine Bitte wagen möchte, ehe ich von Euch scheide. Dürfte ich nicht jenes goldne Gitter näher besehen, das in einem sehr weiten Kreise das Innere des Gartens einzuschließen scheint?“ – „Recht gern“, versetzte jener; „aber sodann müßt Ihr Euch einigen Bedingungen unterwerfen.“ – „Worin bestehen sie?“ fragte ich hastig. – „Ihr müßt Euren Hut und Degen hier zurücklassen, und dürft mir nicht von der Hand, indem ich Euch begleite.“ – „Herzlich gern!“ erwiderte ich, und legte Hut und Degen auf die erste beste steinerne Bank. Sogleich ergriff er mit seiner Rechten meine Linke, hielt sie fest, und führte mich mit einiger Gewalt gerade vorwärts. Als wir ans Gitter kamen, verwandelte sich meine Verwunderung in Erstaunen: so etwas hatte ich nie gesehen. Auf einem hohen Sockel von Marmor standen unzählige Spieße und Partisanen neben einander gereiht, die durch ihre seltsam verzierten oberen Enden zusammenhingen und einen ganzen Kreis bildeten. Ich schaute durch die Zwischenräume, und sah gleich dahinter ein sanft fließendes Wasser, auf beiden Seiten mit Marmor eingefaßt, das in seinen klaren Tiefen eine große Anzahl von Gold- und Silberfischen sehen ließ, die sich bald sachte bald geschwind, bald einzeln bald zugweise hin und her bewegten. Nun hätte ich aber auch gern über den Kanal gesehen, um zu erfahren, wie es in dem Herzen des Gartens beschaffen sei; allein da fand ich zu meiner großen Betrübnis, daß an der Gegenseite das Wasser mit einem gleichen Gitter eingefaßt war, und zwar so künstlicher Weise, daß auf einen Zwischenraum diesseits gerade ein Spieß oder eine Partisane jenseits paßte, und man also, die übrigen Zieraten mitgerechnet, nicht hindurchsehen konnte, man mochte sich stellen, wie man wollte. Überdies hinderte mich der Alte, der mich noch immer festhielt, daß ich mich nicht frei bewegen konnte. Meine Neugier wuchs indes, nach allem, was ich gesehen, immer mehr, und ich nahm mir ein Herz, den Alten zu fragen, ob man nicht auch hinüber kommen könne. – „Warum nicht?“ versetzte jener; „aber auf neue Bedingungen.“ – Als ich nach diesen fragte, gab er mir zu erkennen, daß ich mich umkleiden müsse. Ich war es sehr zufrieden; er führte mich zurück nach der Mauer in einen kleinen reinlichen Saal, an dessen Wänden mancherlei Kleidungen hingen, die sich sämtlich dem orientalischen Kostüm zu nähern schienen. Ich war geschwind umgekleidet; er streifte meine gepuderten Haare unter ein buntes Netz, nachdem er sie zu meinem Entsetzen gewaltig ausgestäubt hatte. Nun fand ich mich vor einem großen Spiegel in meiner Vermummung gar hübsch, und gefiel mir besser als in meinem steifen Sonntagskleide. Ich machte einige Gebärden und Sprünge, wie ich sie von den Tänzern auf dem Meßtheater gesehen hatte. Unter diesem sah ich in den Spiegel und erblickte zufällig das Bild einer hinter mir befindlichen Nische. Auf ihrem weißen Grunde hingen drei grüne Strickchen, jedes in sich auf eine Weise verschlungen, die mir in der Ferne nicht deutlich werden wollte. Ich kehrte mich daher etwas hastig um, und fragte den Alten nach der Nische so wie nach den Strickchen. Er, ganz gefällig, holte eins herunter und zeigte es mir. Es war eine grünseidene Schnur von mäßiger Stärke, deren beide Enden, durch ein zwiefach durchschnittenes grünes Leder geschlungen, ihr das Ansehn gaben, als sei es ein Werkzeug zu einem eben nicht sehr erwünschten Gebrauch. Die Sache schien mir bedenklich, und ich fragte den Alten nach der Bedeutung. Er antwortete mir ganz gelassen und gütig: es sei dieses für diejenigen, welche das Vertrauen mißbrauchten, das man ihnen hier zu schenken bereit sei. Er hing die Schnur wieder an ihre Stelle und verlangte sogleich, daß ich ihm folgen solle: denn diesmal faßte er mich nicht an, und so ging ich frei neben ihm her.

    Julian Mandel, Noyer Studio series 370 via Grandma DidMeine größte Neugier war nunmehr, wo die Türe, wo die Brücke sein möchte, um durch das Gitter, um über den Kanal zu kommen: denn ich hatte dergleichen bis jetzt noch nicht ausfindig machen können. Ich betrachtete daher die goldene Umzäunung sehr genau, als wir darauf zueilten; allein augenblicklich verging mir das Gesicht: denn unerwartet begannen Spieße, Speere, Hellebarden, Partisanen sich zu rütteln und zu schütteln, und diese seltsame Bewegung endigte damit, daß die sämtlichen Spitzen sich gegen einander senkten, eben als wenn zwei altertümliche, mit Piken bewaffnete Heerhaufen gegen einander losgehen wollten. Die Verwirrung fürs Auge, das Geklirr für die Ohren war kaum zu ertragen, aber unendlich überraschend der Anblick, als sie völlig niedergelassen den Kreis des Kanals bedeckten und die herrlichste Brücke bildeten, die man sich denken kann: denn nun lag das bunteste Gartenparterre vor meinem Blick. Es war in verschlungene Beete geteilt, welche zusammen betrachtet ein Labyrinth von Zieraten bildeten; alle mit grünen Einfassungen von einer niedrigen, wollig wachsenden Pflanze, die ich nie gesehen; alle mit Blumen, jede Abteilung von verschiedener Farbe, die, ebenfalls niedrig und am Boden, den vorgezeichneten Grundriß leicht verfolgen ließen. Dieser köstliche Anblick, den ich in vollem Sonnenschein genoß, fesselte ganz meine Augen; aber ich wußte fast nicht, wo ich den Fuß hinsetzen sollte: denn die schlängelnden Wege waren aufs reinlichste von blauem Sande gezogen, der einen dunklern Himmel, oder einen Himmel im Wasser, an der Erde zu bilden schien; und so ging ich, die Augen auf den Boden gerichtet, eine Zeitlang neben meinem Führer, bis ich zuletzt gewahr ward, daß in der Mitte von diesem Beeten- und Blumenrund ein großer Kreis von Zypressen oder pappelartigen Bäumen stand, durch den man nicht hindurchsehen konnte, weil die untersten Zweige aus der Erde hervorzutreiben schienen. Mein Führer, ohne mich gerade auf den nächsten Weg zu drängen, leitete mich doch unmittelbar nach jener Mitte, und wie war ich überrascht, als ich, in den Kreis der hohen Bäume tretend, die Säulenhalle eines köstlichen Gartengebäudes vor mir sah, das nach den übrigen Seiten hin ähnliche Ansichten und Eingänge zu haben schien. Noch mehr aber als dieses Muster der Baukunst entzückte mich eine himmlische Musik, die aus dem Gebäude hervordrang. Bald glaubte ich eine Laute, bald eine Harfe, bald eine Zither zu hören, und bald noch etwas Klimperndes, das keinem von diesen drei Instrumenten gemäß war. Die Pforte, auf die wir zugingen, eröffnete sich bald nach einer leisen Berührung des Alten; aber wie erstaunt war ich, als die heraustretende Pförtnerin ganz vollkommen dem niedlichen Mädchen glich, das mir im Traume auf den Fingern getanzt hatte. Sie grüßte mich auch auf eine Weise, als wenn wir schon bekannt wären, und bat mich hereinzutreten. Der Alte blieb zurück, und ich ging mit ihr durch einen gewölbten und schön verzierten kurzen Gang nach dem Mittelsaal, dessen herrliche domartige Höhe beim Eintritt meinen Blick auf sich zog und mich in Verwunderung setzte. Doch konnte mein Auge nicht lange dort verweilen, denn es ward durch ein reizenderes Schauspiel herabgelockt. Auf einem Teppich, gerade unter der Mitte der Kuppel, saßen drei Frauenzimmer im Dreieck, in drei verschiedene Farben gekleidet, die eine rot, die andre gelb, die dritte grün; die Sessel waren vergoldet, und der Teppich ein vollkommenes Blumenbeet. In ihren Armen lagen die drei Instrumente, die ich draußen hatte unterscheiden können: denn durch meine Ankunft gestört, hatten sie mit Spielen inne gehalten. – „Seid uns willkommen!“ sagte die mittlere, die nämlich, welche mit dem Gesicht nach der Türe saß, im roten Kleide und mit der Harfe. „Setzt Euch zu Alerten und hört zu, wenn Ihr Liebhaber von der Musik seid.“ Nun sah ich erst, daß unten quervor ein ziemlich langes Bänkchen stand, worauf eine Mandoline lag. Das artige Mädchen nahm sie auf, setzte sich und zog mich an ihre Seite. Jetzt betrachtete ich auch die zweite Dame zu meiner Rechten; sie hatte das gelbe Kleid an, und eine Zither in der Hand; und wenn jene Harfenspielerin ansehnlich von Gestalt, groß von Gesichtszügen, und in ihrem Betragen majestätisch war, so konnte man der Zitherspielerin ein leicht anmutiges heitres Wesen anmerken. Sie war eine schlanke Blondine, da jene dunkelbraunes Haar schmückte. Die Mannigfaltigkeit und Übereinstimmung ihrer Musik konnte mich nicht abhalten, nun auch die dritte Schönheit im grünen Gewande zu betrachten, deren Lautenspiel etwas Rührendes und zugleich Auffallendes für mich hatte. Sie war diejenige, die am meisten auf mich Acht zu geben und ihr Spiel an mich zu richten schien; nur konnte ich aus ihr nicht klug werden: denn sie kam mir bald zärtlich, bald wunderlich, bald offen, bald eigensinnig vor, je nachdem sie die Mienen und ihr Spiel veränderte. Bald schien sie mich rühren, bald mich necken zu wollen. Doch mochte sie sich stellen wie sie wollte, so gewann sie mir wenig ab: denn meine kleine Nachbarin, mit der ich Ellbogen an Ellbogen saß, hatte mich ganz für sich eingenommen; und wenn ich in jenen drei Damen ganz deutlich die Sylphiden meines Traums und die Farben der Äpfel erblickte, so begriff ich wohl, daß ich keine Ursache hätte, sie festzuhalten. Die artige Kleine hätte ich lieber angepackt, wenn mir nur nicht der Schlag, den sie mir im Traume versetzt hatte, gar zu erinnerlich gewesen wäre. Sie hielt sich bisher mit ihrer Mandoline ganz ruhig; als aber ihre Gebieterinnen aufgehört hatten, so befahlen sie ihr, einige lustige Stückchen zum besten zu geben. Kaum hatte sie einige Tanzmelodien gar aufregend abgeklimpert, so sprang sie in die Höhe; ich tat das gleiche. Sie spielte und tanzte; ich ward hingerissen, ihre Schritte zu begleiten, und wir führten eine Art von kleinem Ballett auf, womit die Damen zufrieden zu sein schienen: denn sobald wir geendigt, befahlen sie der Kleinen, mich derweil mit etwas Gutem zu erquicken, bis das Nachtessen herankäme. Ich hatte freilich vergessen, daß außer diesem Paradiese noch etwas anderes in der Welt wäre. Alerte führte mich sogleich in den Gang zurück, durch den ich hereingekommen war. An der Seite hatte sie zwei wohleingerichtete Zimmer; in dem einen, wo sie wohnte, setzte sie mir Orangen, Feigen, Pfirschen und Trauben vor, und ich genoß sowohl die Früchte fremder Länder, als auch die der erst kommenden Monate mit großem Appetit. Zuckerwerk war im Überfluß; auch füllte sie einen Pokal von geschliffnem Kristall mit schäumendem Wein: doch zu trinken bedurfte ich nicht, denn ich hatte mich an den Früchten hinreichend gelabt. – „Nun wollen wir spielen“, sagte sie und führte mich in das andere Zimmer. Hier sah es nun aus wie auf einem Christmarkt; aber so kostbare und feine Sachen hat man niemals in einer Weihnachtsbude gesehen. Da waren alle Arten von Puppen, Puppenkleidern und Puppengerätschaften; Küchen, Wohnstuben und Läden; und einzelne Spielsachen in Unzahl. Sie führte mich an allen Glasschränken herum: denn in solchen waren diese künstlichen Arbeiten aufbewahrt. Die ersten Schränke verschloß sie aber bald wieder und sagte: „Das ist nichts für Euch, ich weiß es wohl. Hier aber“, sagte sie, „könnten wir Baumaterialien finden, Mauern und Türme, Häuser, Paläste, Kirchen, um eine große Stadt zusammenzustellen. Das unterhält mich aber nicht; wir wollen zu etwas anderem greifen, das für Euch und mich gleich vergnüglich ist.“ – Sie brachte darauf einige Kasten hervor, in denen ich kleines Kriegsvolk über einander geschichtet erblickte, von dem ich sogleich bekennen mußte, daß ich niemals so etwas Schönes gesehen hätte. Sie ließ mir die Zeit nicht, das einzelne näher zu betrachten, sondern nahm den einen Kasten unter den Arm, und ich packte den andern auf. „Wir wollen auf die goldne Brücke gehen“, sagte sie; „dort spielt sich’s am besten mit Soldaten: die Spieße geben gleich die Richtung, wie man die Armeen gegen einander zu stellen hat.“ Nun waren wir auf dem goldnen schwankenden Boden angelangt; unter mir hörte ich das Wasser rieseln und die Fische plätschern, indem ich niederkniete, meine Linien aufzustellen. Es war alles Reiterei, wie ich nunmehr sah. Sie rühmte sich, die Königin der Amazonen zum Führer ihres weiblichen Heeres zu besitzen; ich dagegen fand den Achill und eine sehr stattliche griechische Reiterei. Die Heere standen gegen einander, und man konnte nichts Schöneres sehen. Es waren nicht etwa flache bleierne Reiter, wie die unsrigen, sondern Mann und Pferd rund und körperlich, und auf das feinste gearbeitet; auch konnte man kaum begreifen, wie sie sich im Gleichgewicht hielten: denn sie standen für sich, ohne ein Fußbrettchen zu haben.

    Wir hatten nun jedes mit großer Selbstzufriedenheit unsere Heerhaufen beschaut, als sie mir den Angriff verkündigte. Wir hatten auch Geschütz in unsern Kästen gefunden; es waren nämlich Schachteln voll kleiner wohlpolierter Achatkugeln. Mit diesen sollten wir aus einer gewissen Entfernung gegen einander kämpfen, wobei jedoch ausdrücklich bedungen war, daß nicht stärker geworfen werde, als nötig sei, die Figuren umzustürzen: denn beschädigt sollte keine werden. Wechselseitig ging nun die Kanonade los, und im Anfang wirkte sie zu unser beider Zufriedenheit. Allein als meine Gegnerin bemerkte, daß ich doch besser zielte als sie, und zuletzt den Sieg, der von der Überzahl der Stehngebliebenen abhing, gewinnen möchte, trat sie näher, und ihr mädchenhaftes Werfen hatte denn auch den erwünschten Erfolg. Sie streckte mir eine Menge meiner besten Truppen nieder, und je mehr ich protestierte, desto eifriger warf sie. Dies verdroß mich zuletzt, und ich erklärte, daß ich ein gleiches tun würde. Ich trat auch wirklich nicht allein näher heran, sondern warf im Unmut viel heftiger, da es denn nicht lange währte, als ein paar ihrer kleinen Zentaurinnen in Stücke sprangen. In ihrem Eifer bemerkte sie es nicht gleich; aber ich stand versteinert, als die zerbrochnen Figürchen sich von selbst wieder zusammenfügten, Amazone und Pferd wieder ein Ganzes, auch zugleich völlig lebendig wurden, im Galopp von der goldnen Brücke unter die Linden setzten, und, in Karriere hin und wider rennend, sich endlich gegen die Mauer, ich weiß nicht wie, verloren. Meine schöne Gegnerin war das kaum gewahr worden, als sie in ein lautes Weinen und Jammern ausbrach und rief: daß ich ihr einen unersetzlichen Verlust zugefügt, der weit größer sei, als es sich aussprechen lasse. Ich aber, der ich schon erbost war, freute mich ihr etwas zu Leide zu tun, und warf noch ein paar mir übrig gebliebene Achatkugeln blindlings mit Gewalt unter ihren Heerhaufen. Unglücklicherweise traf ich die Königin, die bisher bei unserm regelmäßigen Spiel ausgenommen gewesen. Sie sprang in Stücken, und ihre nächsten Adjutanten wurden auch zerschmettert; aber schnell stellten sie sich wieder her und nahmen Reißaus wie die ersten, galoppierten sehr lustig unter den Linden herum und verloren sich gegen die Mauer.

    Julian Mandel, Noyer Studio series 370 via Grandma DidMeine Gegnerin schalt und schimpfte; ich aber, nun einmal im Gange, bückte mich, einige Achatkugeln aufzuheben, welche an den goldnen Spießen herumrollten. Mein ergrimmter Wunsch war, ihr ganzes Heer zu vernichten; sie dagegen, nicht faul, sprang auf mich los und gab mir eine Ohrfeige, daß der Kopf summte. Ich, der ich immer gehört hatte, auf die Ohrfeige eines Mädchens gehöre ein derber Kuß, faßte sie bei den Ohren und küßte sie zu wiederholten Malen. Sie aber tat einen solchen durchdringenden Schrei, der mich selbst erschreckte; ich ließ sie fahren, und das war mein Glück: denn in dem Augenblick wußte ich nicht, wie mir geschah. Der Boden unter mir fing an zu beben und zu rasseln; ich merkte geschwind, daß sich die Gitter wieder in Bewegung setzten: allein ich hatte nicht Zeit zu überlegen, noch konnte ich Fuß fassen, um zu fliehen. Ich fürchtete jeden Augenblick gespießt zu werden: denn die Partisanen und Lanzen, die sich aufrichteten, zerschlitzten mir schon die Kleider; genug, ich weiß nicht, wie mir geschah, mir verging Hören und Sehen, und ich erholte mich aus meiner Betäubung, von meinem Schrecken am Fuß einer Linde, wider den mich das aufschnellende Gitter geworfen hatte. Mit dem Erwachen erwachte auch meine Bosheit, die sich noch heftig vermehrte, als ich von drüben die Spottworte und das Gelächter meiner Gegnerin vernahm, die an der andern Seite, etwas gelinder als ich, mochte zur Erde gekommen sein. Daher sprang ich auf, und als ich rings um mich das kleine Heer nebst seinem Anführer Achill, welche das auffahrende Gitter mit mir herüber geschnellt hatte, zerstreut sah, ergriff ich den Helden zuerst und warf ihn wider einen Baum. Seine Wiederherstellung und seine Flucht gefielen mir nun doppelt, weil sich die Schadenfreude zu dem artigsten Anblick von der Welt gesellte, und ich war im Begriff, die sämtlichen Griechen ihm nachzuschicken, als auf einmal zischende Wasser von allen Seiten her, aus Steinen und Mauern, aus Boden und Zweigen hervorsprühten, und, wo ich mich hinwendete, kreuzweise auf mich lospeitschten. Mein leichtes Gewand war in kurzer Zeit völlig durchnäßt; zerschlitzt war es schon, und ich säumte nicht, es mir ganz vom Leibe zu reißen. Die Pantoffeln warf ich von mir, und so eine Hülle nach der andern; ja ich fand es endlich bei dem warmen Tage sehr angenehm, ein solches Strahlbad über mich ergehen zu lassen. Ganz nackt schritt ich nun gravitätisch zwischen diesen willkommnen Gewässern einher, und dachte, mich lange so wohl befinden zu können. Mein Zorn verkühlte sich, und ich wünschte nichts mehr als eine Versöhnung mit meiner kleinen Gegnerin. Doch in einem Nu schnappten die Wasser ab, und ich stand nun feucht auf einem durchnäßten Boden. Die Gegenwart des alten Mannes, der unvermutet vor mich trat, war mir keineswegs willkommen; ich hätte gewünscht, mich, wo nicht verbergen, doch wenigstens verhüllen zu können. Die Beschämung, der Frostschauer, das Bestreben, mich einigermaßen zu bedecken, ließen mich eine höchst erbärmliche Figur spielen; der Alte benutzte den Augenblick, um mir die größesten Vorwürfe zu machen. „Was hindert mich“, rief er aus, „daß ich nicht eine der grünen Schnuren ergreife und sie, wo nicht Eurem Hals, doch Eurem Rücken anmesse!“ Diese Drohung nahm ich höchst übel. „Hütet Euch“, rief ich aus, „vor solchen Worten, ja nur vor solchen Gedanken: denn sonst seid Ihr und Eure Gebieterinnen verloren!“ – „Wer bist denn du“, fragte er trutzig, „daß du so reden darfst?“ – „Ein Liebling der Götter“, sagte ich, „von dem es abhängt, ob jene Frauenzimmer würdige Gatten finden und ein glückliches Leben führen sollen, oder ob er sie will in ihrem Zauberkloster verschmachten und veralten lassen.“ – Der Alte trat einige Schritte zurück. „Wer hat dir das offenbart?“ fragte er erstaunt und bedenklich. – „Drei Äpfel“, sagte ich, „drei Juwelen.“ – „Und was verlangst du zum Lohn?“ rief er aus. – „Vor allen Dingen das kleine Geschöpf“, versetzte ich, „die mich in diesen verwünschten Zustand gebracht hat.“ – Der Alte warf sich vor mir nieder, ohne sich vor der noch feuchten und schlammigen Erde zu scheuen; dann stand er auf, ohne benetzt zu sein, nahm mich freundlich bei der Hand, führte mich in jenen Saal, kleidete mich behend wieder an, und bald war ich wieder sonntägig geputzt und frisiert wie vorher. Der Pförtner sprach kein Wort weiter aber ehe er mich über die Schwelle ließ, hielt er mich an, und deutete mir auf einige Gegenstände an der Mauer drüben über den Weg, indem er zugleich rückwärts auf das Pförtchen zeigte. Ich verstand ihn wohl, er wollte nämlich, daß ich mir die Gegenstände einprägen möchte, um das Pförtchen desto gewisser wieder zu finden, welches sich unversehens hinter mir zuschloß. Ich merkte mir nun wohl, was mir gegenüber stand. Über eine hohe Mauer ragten die Äste uralter Nußbäume herüber, und bedeckten zum Teil das Gesims, womit sie endigte. Die Zweige reichten bis an eine steinerne Tafel, deren verzierte Einfassung ich wohl erkennen, deren Inschrift ich aber nicht lesen konnte. Sie ruhte auf dem Kragstein einer Nische, in welcher ein künstlich gearbeiteter Brunnen, von Schale zu Schale, Wasser in ein großes Becken goß, das wie einen kleinen Teich bildete und sich in die Erde verlor. Brunnen, Inschrift, Nußbäume alles stand senkrecht über einander; ich wollte es malen, wie ich es gesehn habe.

    Nun läßt sich wohl denken, wie ich diesen Abend und manchen folgenden Tag zubrachte, und wie oft ich mir diese Geschichten, die ich kaum selbst glauben konnte, wiederholte. Sobald mir’s nur irgend möglich war, ging ich wieder zur „schlimmen Mauer“, um wenigstens jene Merkzeichen im Gedächtnis anzufrischen und das köstliche Pförtchen zu beschauen. Allein zu meinem größten Erstaunen fand ich alles verändert. Nußbäume ragten wohl über die Mauer, aber sie standen nicht unmittelbar neben einander. Eine Tafel war auch eingemauert, aber von den Bäumen weit rechts, ohne Verzierung, und mit einer leserlichen Inschrift. Eine Nische mit einem Brunnen findet sich weit links, der aber jenem, den ich gesehen, durchaus nicht zu vergleichen ist; so daß ich beinahe glauben muß, das zweite Abenteuer sei so gut als das erste ein Traum gewesen: denn von dem Pförtchen findet sich überhaupt gar keine Spur. Das einzige, was mich tröstet, ist die Bemerkung, daß jene drei Gegenstände stets den Ort zu verändern scheinen: denn bei wiederholtem Besuch jener Gegend glaube ich bemerkt zu haben, daß die Nußbäume etwas zusammenrücken, und daß Tafel und Brunnen sich ebenfalls zu nähern scheinen. Wahrscheinlich, wenn alles wieder zusammentrifft, wird auch die Pforte von neuem sichtbar sein, und ich werde mein mögliches tun, das Abenteuer wieder anzuknüpfen. Ob ich euch erzählen kann, was weiter begegnet, oder ob es mir ausdrücklich verboten wird, weiß ich nicht zu sagen.

    ~~~\~~~~~~~/~~~

    Modeling skills were not a requirement for the job, Grandma DidDieses Märchen, von dessen Wahrheit meine Gespielen sich leidenschaftlich zu überzeugen trachteten, erhielt großen Beifall. Sie besuchten, jeder allein, ohne es mir oder den andern zu vertrauen, den angedeuteten Ort, fanden die Nußbäume, die Tafel und den Brunnen, aber immer entfernt von einander: wie sie zuletzt bekannten, weil man in jenen Jahren nicht gern ein Geheimnis verschweigen mag. Hier ging aber der Streit erst an. Der eine versicherte: die Gegenstände rückten nicht vom Flecke und blieben immer in gleicher Entfernung unter einander. Der zweite behauptete: sie bewegten sich, aber sie entfernten sich von einander. Mit diesem war der dritte über den ersten Punkt der Bewegung einstimmig, doch schienen ihm Nußbäume, Tafel und Brunnen sich vielmehr zu nähern. Der vierte wollte noch was Merkwürdigeres gesehen haben: die Nußbäume nämlich in der Mitte, die Tafel aber und den Brunnen auf den entgegengesetzten Seiten, als ich angegeben. In Absicht auf die Spur des Pförtchens variierten sie auch. Und so gaben sie mir ein frühes Beispiel, wie die Menschen von einer ganz einfachen und leicht zu erörternden Sache die widersprechendsten Ansichten haben und behaupten können. Als ich die Fortsetzung meines Märchens hartnäckig verweigerte, ward dieser erste Teil öfters wieder begehrt. Ich hütete mich, an den Umständen viel zu verändern, und durch die Gleichförmigkeit meiner Erzählung verwandelte ich in den Gemütern meiner Zuhörer die Fabel in Wahrheit.

    Rosengarten München, I thanked her and she never knew what for, September 2015

    Geheime Gartenbilder: Julian Mandel: Noyer Studio series 370 via Grandma Did;
    Julian Mandel: andere Serien aus den Noyer Studios via Grandma Did;
    Rosengarten München: I thanked her and she never knew what for, Ende September 2015 —
    und eins meiner allerliebsten Bilder überhaupt:
    Modeling skills were not a requirement for the job via Grandma Did.

    Soundtrack: Linda Ronstadt: Winter Light, aus: Winter Light, 1993 — das Nachspannlied aus der Verfilmung von The Secret Garden von 1993. Das hätte sich der Herr Geheimrat auch nicht träumen lassen, dass er zum 267. Geburtstag mal ein Ständchen von einer inzwischen 70-jährigen arizonischen Country-Rockerin mit elf Grammys und einem Emmy (und Parkinson) kriegt.

    Bonus Track: Die Vollversion The Secret Garden von 1987, weil ich Gennie James so galoppierend putzig finde. 100 Minuten; Herr Geheimrat dürfen sich liebend gern dazugesellen, und die Geburtstagsfeier ist gerettet.

    Alles Gute zum 267., Exzellenz.

    Written by Wolf

    26. August 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

    In blonder Scheinheiligkeit

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    Update zu Untergehn mit Faust und Maus und Ach! schrei’n (Typisch deutsch!),
    Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
    und Der Frühling liebt das Flötenspiel, doch auch auf der Posaune:

    Faustische Momente finden sich überall.

    ——— Heinrich Spoerl:

    Die Feuerzangenbowle

    Ein Lausbüberei in der Kleinstadt. Der erste im Droste Verlag erschienene Roman,
    als Vorabdruck in Der Mittag, Düsseldorf 1933
    in der Bertelsmann-Ausgabe 1962 auf Seite 135:

    Harry Clarke, Faust by Goethe. From the German by John Anster, George G. Harrap & Co., London 1925Am nächsten Tag erschien ein eisgraues Männlein, stellte sich als Baurat vor und suchte die Ursache der Duftei zu ergründen. Er ergründete sie. Dann meldete er sich bei der Direktorin, um zu berichten. Die Direktorin gab Deutsch und war intensiv, aber nicht angenehm beschäftigt. In blonder Scheinheiligkeit hatte Eva die Frage aufgeworfen, warum Faust nicht um Gretchens Hand angehalten habe. Die Direktorin konnte nicht antworten. Diese Frage war in den Kommentaren unbehandelt geblieben, und nun tat sie, was jeder erfahrene Lehrer in solchen Fällen tut: Sie fragte die Klasse. Der Erfolg war entsprechend.

    „Faust wollte nicht. Weil Gretchen ein Kind hatte.“

    „Setzen. — Bitte?“

    Faust konnte nicht. Weil Gretchen schon verheiratet war.“

    „– ? –„

    „Natürlich. Denn sie hatte doch ein Kind.“

    Es klopfte im rechten Augenblick. Herr Baurat ließ bitten.

    So scheinheilig finde ich Evas Frage übrigens gar nicht, wenn man sie ernst nimmt. Ein alter Geschichtslehrer von mir, der mich nicht leiden konnte, hatte sich auf die unvermeidliche Frage: „Wie lange hat denn der Dreißigjährige Krieg gedauert?“ einen ausufernden, gar nicht mal so langweiligen Vortrag zurechtgelegt, der den Rest der Stunde retten konnte. Zusammengefasst lautete seine Antwort: netto ungefähr zwei, drei Jahre.

    Herrn Doktor Rossmeissls Umgang mit dummen Fragen folgend, blättere ich demnächst mal im etwa tausendseitigen Fanpaket-Kommentar von Albrecht Schöne nach, auf den die Direktorin anno 1933 noch über 60 Jahre warten musste, warum Faust Gretchen nicht einfach gefragt hat. Und ob sie angenommen hätte, und für wen das ein Gewinn gewesen wäre.

    Sollen wir schon mal raten?

    Hochzeitsbild: Faust by Goethe. From the German by John Anster, illustrated by Harry Clarke, George G. Harrap & Co., London 1925, via UW-Milwaukee Special Collections, 19. Mai 2016. Das ganze Buch zum Blättern in archive.org.

    Soundtrack: ADAM: Go to Go („All I really want to know is if you’re ever gonna show, ‚cause now we’re moving too slow. If you want to go, then go.“), auf einem Sybian (hoffentlich nicht dem selben), 2014:

    Written by Wolf

    1. August 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

    Was heißt das für ein Leben führen, sich und die Jungens ennuyiren?

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    In München, auch wenn sie das in Berlin immer nie glauben mögen, wohnen ungefähr 1,4 Millionen Leute. Die allermeisten von denen stehen höchstens einmal im Leben in der Zeitung, und da sind sie gestorben.

    Florian Peljak, Seit gut vier Jahren gibt es die WG, seitdem verwildert auch der Garten, Süddeutsche Zeitung, 15.--16. Juli 2016Manche schaffen es zweimal, ganz unauffällig. Leonhard Schülen hat es das zweite Mal allein durch die Tätigkeit des Wohnens geschafft:

    ——— Carolina Heberling:

    Eine gute Beziehungsbasis.
    So lebt es sich in einer Groß-WG

    in: Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag 15./16. Juli 2016:

    Es gibt eigentlich kein Thema, bei dem die Basis-Bewohner einer Meinung sind. Sie necken einander. Machen sich lustig darüber, wie einer der Mitbewohner immer die Klotür offen lässt. Erzählen, wie sie sich mal alle kollektiv die Haare abrasiert haben. Packen die Anekdote aus, wie Leo für zwei Kästen Bier den ganzen Faust auswendig lernte und in der U-Bahn vortrug.

    Zwei Kästen Bier? Da war doch was. Und es war 2012, es war innerhalb dieser unheil’gen Hallen, und es hat sogar 14 Kommentare: Mein Lied ertönt der unbekannten Menge, 27. September 2012 innerhalb des Weblogs.

    Seinen seltenen Fundstellen im Internet nach zu schließen ist der Leo eher so der technische Typ, und meinem wohlwollenden Stalking nach zu schließen (das sich ab sofort legen wird, versprochen) ein recht einnehmender Bursch. Schon die 14 Kommentare zu Zeiten, als in literarisch orientierten Weblogs noch aktiv diskutiert wurde, äußerten sich recht angetan von ihm, siehe a.a.O., und die paar überlebenden Archivartikel in Zeitungen, die sich nicht genug über jungische Physiker wundern können, die den Faust kennen, lassen eher ein „Weiter so!“ durchblicken als ein „So ein Schmarrn“.

    Ein paar Amazon-Rezensionen über mehrere Physikbücher und eine Espressomaschine, die Coverage über den Faust-Event, nichts aus dem Polizeibericht und keine Pegidageschichten. Mehr darf man von einem Persönlichkeits-Googeln über junge Menschen gar nicht erwarten. Und seine WG scheint in Thalkirchen zu hausen, einer angenehm unhippen Gegend in Tierparknähe. Sollte ich den Buben mal im Südstadt treffen, zahl ich ihm den ihm moralisch ja wohl mindestens noch zustehenden dritten Kasten, da kenn ich nix.

    Beide Bilder sind von Florian Peljak für den zitierten Artikel von Carolina Heberling: Eine gute Beziehungsbasis. So lebt es sich in einer Groß-WG in der Süddeutschen Zeitung, Samstag/Sonntag 15./16. Juli 2016, und heißen Seit gut vier Jahren gibt es die WG, seitdem verwildert auch der Garten. und Dienstag ist Putztag, und zum Abschluss schaut die ganze Runde dann „Game of Thrones“. Das erstere ist das schönste, und auf dem letzteren wird der Leo mit nachgewachsenen Haaren und zwei aus dem Hirn geschlafenen Kästen Bier (Physiker vertragen erfahrungsgemäß einiges) schon mit drauf sein, gell. Prost, Herr Schwager.

    Florian Peljak, Dienstag ist Putztag, und zum Abschluss schaut die ganze Runde dann Game of Thrones, Süddeutsche Zeitung, 15.--16. Juli 2016

    Und weil — gerade auch thematisch — noch Platz ist, gibt’s eins meiner mittelalten Lieblingslieder, das ich seinerzeit zum ersten Mal im Südstadt gehört hab. Natürlich wurde daraufhin der Abend noch lang, auch wenn am nächsten Tag dringend die CD her musste.

    Written by Wolf

    18. Juli 2016 at 03:22

    Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

    Keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen

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    Update zu Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind
    und dem eigentlichen Weekly Wanderer 0018 Es endet ohne Schlusspunkt.,
    zugleich eigentlicher Non-Weekly Wanderer 0019:

    Als erstes muss ich, obgleich ungern, von der Verfilmung abraten, obwohl sie vom sonst sehr achtbaren Detlev Buck stammt, aber leider bei allem spektakulären Aufwand in 3D zu flach geraten ist.

    Überhaupt soll man ja immer vorsichtig umgehen mit seiner Lebenszeit, um sie nicht an zu viele Bücher des 21. Jahrhunderts zu verschwenden. Bei der Vermessung der Welt hat sich’s gelohnt: Die atmet einen angenehm zurückhaltenden Humor.

    Das mit der fingierten Doppelbiographie — Kehlmann handelt über Gauß und Humboldt — in exotischem und historischem Ambiente hat 1982 T.C. Boyle in seinem Erstling Wassermusik schon ähnlich gemacht, sich aber sehr viel mehr Zeit und Raum gelassen, um zwei Figuren gegenläufig zueinander zu entwickeln. Kehlmanns Trick, die Figuren selbst die Handlung durch Dialoge tragen zu lassen, ohne auf den ganzen 300 Seiten eine einzige wörtliche Rede zu verwenden, vielmehr alles in indirekter Rede wiederzugeben, hält den Ton durchweg knochentrocken und verleiht dem Buch nicht nur die wahrscheinlich höchste Konjunktivdichte der Literaturgeschichte, sondern auch den verschmitzten Tonfall eines allwissenden Märchenonkels, der anscheinend bei allem dabei gewesen ist, aber allein durch das Berichten alle schuldhafte Beteiligung von sich weist. In dem recht lesenwerten Interview mit FAZ hat Kehlmann selbst seine ständige Indirektheit so erklärt:

    Wenn man zum ersten Mal darüber nachdenkt, einen historischen Roman zu schreiben, ist man zunächst eingeschüchtert von all den Trivial-Fallen, die da lauern. […] Ich denke, dieser Trivialitätspunkt, wo es sehr leicht ins Zurechtgemachte, Unglaubhafte und irgendwie Problematische kippt, ist die direkte Rede: „Hah“, sagte Napoleon, „wir greifen im Morgengrauen an.“ Sofort hat man ein ungutes Gefühl. […] Und dann habe ich mich gefragt: Wie machen Historiker das? Wieso wirken historische Romane trivial, aber wieso wirkt nicht trivial, was etwa Eric Hobsbawm schreibt? Es liegt daran, daß die erzählerische Distanz eine andere ist. Ein Fachhistoriker geht nicht zu nah ran an die Figuren, an das, was er berichtet, und — und das ist der entscheidende Punkt — er würde nicht behaupten zu wissen, was wörtlich gesagt wurde. Er würde keine wörtliche Rede verwenden, es sei denn, er hat Dokumente und Briefe, aus denen er zitiert. Ansonsten würde er berichten, was inhaltlich ungefähr so gesagt worden sein müßte, sein könnte. Er würde also die indirekte Rede verwenden. Und da dachte ich, das Experiment müßte eben darin liegen, ein Buch zu schreiben, das beginnt wie ein Sachbuch. Deshalb gibt es auch in der ersten Zeile des Romans eine Jahreszahl — und dann nie wieder. Es beginnt zwar wie ein historisches Sachbuch, bis es dann plötzlich kippt, weil natürlich Dinge berichtet werden, die überhaupt nicht mehr sachbuchhaft, sondern romanhaft und frei erfunden sind. Es sollte so klingen, wie ein seriöser Historiker es schreiben würde, wenn er plötzlich verrückt geworden wäre.

    Sparsame, auf Wesentliche reduzierte Prosa jedenfalls, die das Adjektiv meidet, kaum etwas ausschmückt und nichts zu Tode erklärt. Dass die ganze Handlung historisch hanebüchen ist, war nie anders vereinbart und vorher klar. Es ist alles sehr vergnüglich.

    Das große Thema des reisenden Froschens gegenüber der heimischen Geistesarbeit hätte schon in meinen ersten Weblog-Versuch gepasst, aber siehe da: An gleicher Stelle stuft Kehlmann zumindest die Hälfte seiner Doppelbiographie — natürlich nicht ausdrücklich — als der hiesigen Form der „Angewandten Poesie“ zugehörig ein:

    Ich habe in ihm [i. e. Humboldt] dann, bei aller Größe, sehr schnell eine komische Figur gesehen und war ganz überrascht, daß nie jemandem aufgefallen ist, wie sehr Humboldts Reisewerk von speziell deutschen, sehr komischen Situationen und Mißverständnissen strotzt. […] Diese ungewollte Komik ist aber keineswegs die Komik eines Kauzes. Es geht darum, daß solche Begebenheiten sehr viel darüber aussagen, was es heißt, deutsch zu sein. Wir haben es hier zu tun mit einem Weimarer Klassiker, der das ganz andere der Weimarer Klassik vertreten hat, der einzige Weimarer Klassiker, der wirklich ausgesandt wurde, die Weimarer Klassik hinauszutragen, und der mit diesem Weltbild Macondo bereist hat. Ich war zudem sehr beeindruckt von der südamerikanischen Literatur, und hatte gleichzeitig das Gefühl, daß mir als deutschem Autor vieles von dem, was diese Autoren an emotionalen und künstlerischen Möglichkeiten haben, nicht zu Gebote steht. Ich kann nicht wie Garcia Marquez eine schöne Frau beim Wäscheaufhängen davonfliegen lassen. […] Man merkt dann doch, daß man aus einer anderen Kultur kommt, daß einem zwar die Möglichkeit gegeben ist, mit diesen Dingen zu spielen, aber auf andere Art. Und da hatte ich plötzlich das Gefühl, Humboldt ist mein Schlüssel, denn er hat diese Welt betreten, aber er hat sie als Deutscher betreten. Das ist etwas, was ich erzählen kann, womit ich künstlerisch etwas anfangen kann, weil da beide Seiten etwas mit mir zu tun haben. Dann habe ich immer mehr über Humboldt gelesen und zufällig herausgefunden, daß Gauß 1828 bei einem Wissenschaftlerkongreß in Berlin bei Humboldt gewohnt hat. Und plötzlich sah ich diese Szene: die beiden alten Männer, der eine, der überall war, der andere, der nirgends war; der eine, der immer Deutschland mit sich getragen hat, der andere, der wirkliche geistige Freiheit verkörpert, ohne je irgendwohin gegangen zu sein. […] Eine satirische, spielerische Auseinandersetzung mit dem, was es heißt, deutsch zu sein — auch natürlich mit dem, was man, ganz unironisch, die große deutsche Kultur nennen kann. Für mich ist das eines der Hauptthemen des Romans, wie Andreas Maier so schön im Booklet des Hörbuchs geschrieben hat, „die große deutsche Geistesgeschichte, eine einzige Lebensuntauglichkeit“. In der breiten Rezeption ist dieses Thema dann merkwürdigerweise vernachlässigt worden.

    Hartmut Wewetzer im Tagesspiegel hingegen hält denselben Humboldt begründet für überschätzt und rechnet ihn nicht als Weimarer Klassiker, sondern „Romantiker der Goethezeit“, aber der musste ihn nicht als Romanfigur einsetzen zum Nachweis, was Deutschsein bedeutet. Eine der wenigen Stellen in der Vermessung mit Goethe — wieder indirekt, zum Selberdenken, ohne ihn beim Namen zu rufen — hat mir ein spontanes Prusten abverlangt.

    Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Urwaldhütte am Orinoco, Humboldt-Exponate der Staatsbibliothek Berlin

    ——— Daniel Kehlmann:

    Der Fluß

    aus: Die Vermessung der Welt, 2005;
    Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 6. Auflage November 2008, Seite 127 f.:

    Mario bat Humboldt, auch einmal etwas zu erzählen.

    Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.

    Alle sahen ihn an.

    Fertig, sagte Humboldt.

    Ja wie, fragte Bonpland.

    Humboldt griff nach dem Sextanten.

    Entschuldigung, sagte Julio. Das könne doch nicht alles gewesen sein.

    Es sei natürlich keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen, sagte Humboldt gereizt. Es komme keine Zauberei darin vor, niemand werde zu einer Pflanze, keiner könne fliegen oder esse einen anderen auf. Mit einer schnellen Bewegung packte er den Affen, der gerade versucht hatte, ihm die Schuhe zu öffnen, und steckte ihn in den Käfig. Der Kleine schrie, schnappte nach ihm, streckte die Zunge heraus, machte große Ohren und zeigte ihm sein Hinterteil. Und wenn er sich nicht irrte, sagte Humboldt, habe jeder auf diesem Boot Arbeit genug!

    Bei San Carlos überquerten sie den magnetischen Äquator. Humboldt betrachtete die Instrumente mit andächtiger Miene. Von diesem Ort hatte er als Kind geträumt.

    Postkarte Goethe als Greis auf dem Kickelhahn bei Ilmenau

    Was mich noch als Kuriosität interessiert hat: Wie würde wohl Ein Gleiches „frei ins Spanische übersetzt“ klingen, wenn es nicht gerade ein fiktiver, im menschlichen Umgang unbeholfener Humboldt unter sozialem Druck ins Reine spricht?

    Im spanischen Kulturerleben scheinen Goethegdichte nicht besonders präsent, nicht einmal das schönste von allen. Fündig wird man — was wohl meine erahnte Kuriosität darstellt — im Internetauftritt der Stadt Ilmenau: Die bringt das Ding gleich in 52 Sprachen (huch, so viele gibt’s …?) von Afrikaans bis Vietnamesisch, und zwar

    mit freundlicher Unterstützung der Klassik Stiftung Weimar, der Goethe-Gesellschaft und des Goethe-Instituts zusammengetragen. […]

    Am 21. August 1999 folgten die ausländischen Gäste einer Einladung nach Ilmenau und zum Kickelhahn, wo sie in den Nachmittagsstunden an historischer Stätte vor dem Goethehäuschen „Wandrers Nachtlied“, eine der schönsten lyrischen Schöpfungen des Dichters, in 21 Landessprachen vortrugen. 10 Neu- und Erstübersetzungen davon waren erst im Ergebnis der Konferenz entstanden.

    Es entstand die Idee, eine Auswahl der zahlreichen Übersetzungen der Öffentlichkeit im Goethehäuschen selbst vorzustellen. Am Samstag, dem 29.4.2000 wurden außer dem Gedicht in Deutsch 15 der Fremdsprachentexte, niedergeschrieben auf 3 Glastafeln, im Obergeschoss des Goethehäuschens für Besucher zugänglich gemacht. […]

    Sapere aude — ein weiterer Grund, mal den Kickelhahn zu bereisen. Die spanische Übersetzung lag im Goethejahr 1999 schon vor, die ist in der Ilmenauer Aktion ausgewiesen von Rafael Cansinos Assens, erschienen vermutlich 1944 in dessen Übersetzung von Goethes Obras Literarias oder 1950 in den Obras completas:

    En todas las cumbres
    la paz reina;
    por ninguna parte
    apenas si un soplo
    de vida se otea;
    en el bosque en calma
    nu un ave gorjea.
    Aguarda que, pronto,
    cesarán tus penas.

    Bilder: Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Urwaldhütte am Orinoco, via Staatsbibliothek Berlin, Künstler und Jahr nicht nachgewiesen:

    Bonpland schreibt in einem Brief kurz vor Antritt der Reise:

    Während einer einmonatigen Reise, die wir ins Innere der Provinz Neu-Andalusien gemacht haben, waren wir ständig mit Indianern zusammen und ihre Gesellschaft erschien uns so gut, dass wir uns aufmachen die zu besuchen, die noch nicht zivilisiert sind; …

    Postkarte Goethe als Greis auf dem Kickelhahn bei Ilmenau. Mit Text in deutscher Schrift. Verso: Heliocolorkarte von Ottmar Zieher, München. Datiert und Poststempel 1913, via Goethezeitportal, Januar 2015.

    Soundtrack: Colum Sands & Scarlett O‘: Goethe’s Song, aus: All My Winding Journeys, 1996:

    An English translation and setting to music of Goethe’s „Naehe des Geliebten“ that I attempted around 1996. Scarlett O‘ from Berlin sings the original German words. I’ve added photos taken on travels through Ireland and Germany.

    Written by Wolf

    27. Mai 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Land & See

    Geburtstagsgewinnspiel: Was ist das? Ich glaub, es hackt! Das ist doch kein Teufelspakt!

    with 6 comments

    Heute hab ich Geburtstag, und Sie kriegen was geschenkt.

    Erst wollte ich mir der Einfachheit halber selber — und Ihnen schon auch so nebenher mit — oder doch, eigentlich schon hauptsächlich Ihnen — eins von Otto schenken. Der war mir bis spät in die Kindheit, die in manchem Sinne bis heute anhält, der liebste.

    Opa erzählt vom Krieg: Die Otto Show kam immer genau einmal im Jahr. Was hat man sich monatelang auf diese eine knappe Dreiviertelstunde hingefreut. Und zu dieser Zeit konnte man noch nicht einmal mit einem Videogerät mitschneiden, darum wehe, wenn einer dreingequasselt hat. Das einmalige Anschauen musste sitzen, und tatsächlich konnte wirklich jeder ab dem nächsten Tag die Sendung größtenteils auswendig.

    Otto war verschrien als „Blödel-Barde“; das war ein halb gönnerhaftes, mildes Schimpfwort einer gutbürgerlichen Mittelschicht, die damals noch stolz darauf war, eine gewisse Menge an „guten Büchern“ zu besitzen und ein Goethe- von einem Schillerzitat unterscheiden zu können. Dergleichen galt als Bildung und Bildung als geistiger Wert. Otto zählte bestenfalls zur „leichten Muse“ und wurde eher verschämt geguckt.

    Da war noch nicht so weit bekannt, dass hinter den Texten dieses schamlos herumkalauernden Quecksilbers die versammelte Neue Frankfurter Schule stand — und wer es wusste, hängte es ebenfalls nicht an die große Glocke, weil man die Neufrankfurter lieber der fröhlichen, aber ernsthaft politisch gemeinten Anarchie in der pardon zuschlug, aus der nachmals immerhin die Titanic erwuchs.

    Otto war im Gegensatz zum Humor der pardon in einer Art kindlicher Totalverweigerung geradezu offensiv unpolitisch. Außerdem wurde er von den Neufrankfurtern um Robert Gernhardt als eine Art zweibeiniges Medium gebucht: wie die Bücher, Zeitschriften, Schallplatten, Filme, die sie sonst machten, dem sie auf den spillerigen Leib schrieben, was sonst nirgends unterzubringen — und vor allem von den verkopften, der Unsportlichkeit verdächtigen Herren in Jeans und Sakko nicht in dieser Weise darzustellen war.

    Robert Gernhardt, wohl der führende Kopf der Neuen Frankfurter Schule, war noch kein Alibi-Star der letzten hochliterarisch interessierten Randgruppe, der Toskana-Fraktion, die ungefähr ab 1980, als Hedonismus gesellschaftlich geduldet wurde, gut für Lyrik mit einer entspannten Selbstironie erreichbar war. Das war der Boden, auf dem man Otto langsam ungestraft gut finden durfte. War man bis dahin gehalten, dem enormen Bekanntheitsgrad des verdruckst belächelten Kindskopfs mit einer Faszination wie einem nicht sehr gefährlichen Monster gegenüber zu begegnen, konnte man sich endlich mit seinen Kindern auf die Otto Show freuen. 1983 kam schon die letzte in diesem technisch erweiterten Stand-up-Format auf Kleinbühnen, 1985 wechselte das Medium Otto ins Kino. — Was — der Gernhardt, dieser legitime Nachfolger von Heinrich Heine und Wilhelm Busch, schreibt für den Blödel-Otto? Dann hat er vielleicht doch noch eine Ebene, die man bisher nur nicht wahrgenommen hat.

    Nein, hat er nicht. Wenn die Zeilen etwas taugen, muss man nicht ständig zwischen ihnen lesen. Otto ist wertfreies Herumgealber um seiner selbst willen. Und das ist gut so.

    Bei der vierten Otto Show 1976 war Otto 28. Ich werde 48 und darf schon so viel Spaghettieis essen, Internet gucken und Bücher verschenken, wie ich will, und langsam wird von mir gesellschaftlich eine gewisse Verschrobenheit erwartet. Darum dürfen Sie auch eins haben.

    Zum Gewinnspiel: In dem Fäustchen-Video ist eine einzige vernuschelte Stelle, die ich nicht einmal mit Kopfhörern verstehe (Sennheiser) — ungefähr bei 3:10 Minuten. Zum konzentrierten Abhören ist es nützlich, in den Faust-Monolog bei 3:05 Minuten einzusetzen. Wer mir für den abgelauschten Otto-Text unten autorisert oder wenigstens plausibel sagen kann, wie der eine Vers zwischen „Donnerwetter, war die feurig, deshalb ist mein Gang so eirig“ und „muss mich schnell verjüngen lassen“ heißt, kriegt ein Buch von mir geschenkt. Ein schönes, versprochen. Und eine lobende Erwähnung mit einem Link, auf dem er, sie oder es schamlos bewerben darf, was er, sie oder es will.

    Das Angebot gilt entweder bis Sonntag, den 5. Juni 2016 um 23.59 Uhr oder bis ich nicht mehr mag (was erst lange nach dem gesetzten Datum geschehen wird). Die Kommentarfunktion ist offen, jeglicher Rechtsweg in dieser Privatveranstaltung ausgeschlossen.

    ——— Otto:

    Ottos Fäustchen

    Text: Eilert/Gernhardt/Knorr/Waalkes
    aus: Die Otto Show IV, WDR, 6. September 1976:

    Faust: Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Völlerei,
    doch leider auch Theologie studiert mit heißem Bemühn.
    Da steh ich nun, ich armer Tor,
    und hab doch heute noch viel vor.

    15 Uhr: Pakt mit dem Teufel schließen,
    Seele verkaufen,
    anschließende Verjüngung.
    15 Uhr 20: Gretchen verführen,
    15 Uhr 30: gemütliches Beisammensein in Auerbachs Keller.
    Ja, schaff ich’s denn? Was sagt die Uhr?
    Fast vier! Wo ist der Teufel nur?
    Mephisto! Mephisto! (Ab.)

    Mephistopheles: Aus allertiefstem Höllenschlund
    stieg ich empor, nicht ohne Grund,
    denn wenn der Faust hier unterschreibt,
    dann kann er sehen, wo er bleibt.
    Dann ist sein Seelenheil verloren,
    dann wird er in der Hölle schmoren.

    Ja — wo steckt der Schnarchsack eigentlich?
    Ist er im Bad und reinigt sich?
    Ich schau mal nach. (Er hinterlässt den Vertrag auf dem Stehpult. Ab.)

    Gretchen: Huhu! Huhu! Ich bin’s, Gretilein!
    Na, das fängt ja sauber an:
    Der ist überhaupt nicht da, der Mann.
    Lädt mich hier ein zum Rendezvous —
    jetzt bin ich hier, was mach ich nu?
    ist er überhaupt schon wach?
    Ich schau mal nach im Schlafgemach.
    Tirili, tirili. (Ab.)

    Faust: Mephisto! Verdammt noch mal, wo steckt das Schwein?
    Kann der Kerl denn nicht pünktlich sein? (Er erblickt den Vertrag auf dem Stehpult.)
    Oh, ich seh, er war schon da,
    da liegt ja das Formular.
    Nun, da setz ich munter
    meinen Friedrich Wilhelm drunter.
    Ach, das wird ja immer schlimmer:
    Der Kuli ist im Nebenzimmer. (Ab.)

    Mephistopheles: Hat er noch nicht unterschrieben?
    Wo ist denn der Faust geblieben?
    Da etwa? (Ab.)

    Gretchen: Faust? Ja, wo bleibst du nur?
    Wart, ich helf dir auf die Spur. (Sie hängt ein Schild an die Tür: „Hier findet’s statt!“ Ab.)

    Faust: (erblickt das Schild) „Hier findet’s statt!“? Wieso denn hier?
    Wer steckt denn hinter dieser Tür?
    Da fällt mir doch ein Mädchen ein —
    das wird doch wohl nicht Gretchen sein?
    Yabba dabba doo! (Ab.)

    Staubsaugervertreter: (führt seinen Staubsauger vor) Er gehört in jede Hand:
    Brummipol, der Saug-Gigant!
    Staubsympathisch, schmutzimmun! (Man vernimmt Gekicher hinter der Tür.)
    Oh, die Hausfrau hat zu tun.
    Also, auch Sie können diesen Staubsauger Elektro erwerben, zu günstigen Teilzahlungsbedingungen, Sie brauchen nur hier diesen Vertrag zu unterschreiben … (Er erblickt den Vertrag auf dem Stehpult.) Da liegt ja schon ein Vertag … (Er liest.) … mit dem Teufel. Das bringt mich auf eine Idee. (Er vertauscht den Vertrag auf dem Stehpult mit dem seinigen.)
    Listig, listig, trallala lala. (Ab.)

    Faust: (wankt umher) Donnerwetter, war die feurig,
    deshalb ist mein Gang so eirig.
    Darf nicht mit den Punkten prassen, [?]
    muss mich schnell verjüngen lassen. (Er unterschreibt den Vertag, der auf dem Stehpult liegt.)
    Also weg mit diesem Barte …
    Mephistopheles, ich warte! (Er liest genauer, was er unterschrieben hat.)
    Was ist das? Ich glaub, es hackt!
    Das ist doch kein Teufelspakt,
    dies Papier auf meinem Tisch.
    Wehe, wenn ich dich erwisch! (Ab.)

    Gretchen: So, der wäre flachgelegt,
    und nun wird der Raum gefegt.
    Oh, kein Besen! Welch ein Jammer!
    Vielleicht in der Besenkammer. (Ab.)

    Staubsaugervertreter: Oh! Der Vertrag ist unterschrieben!
    (zum Staubsauger) Na, Brummi, dann heißt es hiergeblieben.
    Der Hausherr strahlt, die Hausfrau lacht,
    der Brummi saugi-saugi macht. (Er nimmt den Vertag an sich. Ab.)

    Gretchen: (fegt fröhlich pfeifend mit dem Besen die Stube, erblickt den neuen Staubsauger) Oh! In die Ecke, Besen, Besen! (Sie wirft den Besen von sich und greift nach dem Staubsauger.)
    Mehr Zeit für den Abwasch: Brummipol, der Saug-Gigant mit den drei Schaltstufen. (Sie führt den Staubsauger vor.) Stufe 1! (Sie schaltet den Staubsauger um.) Stufe 2! (Sie schaltet den Staubsauger um.) Stufe 3! (Ab. Hinter der Tür explodiert der Staubsauger. Gretchen schreit.)

    Mephistopheles: (spricht zerfetzt den Epilog) Das Gretchen tot, die andern Leichen —
    das dürfte wohl fürs erste reichen. (Vorhang.)

    Bonus Track: Nochmal Otto Waalkes: Honey Pie, Die Otto Show II, WDR, 6. Juli 1974. Im Stand-up-Format auf der Kleinbühne, für Otto eine ganz ungewohnt zurückgenommene, stillvergnügte Aufführung. Von dem, was der Mann da allerdings zweimal mit seiner gesamten linken Körperseite macht, dass man nicht einmal mit den Augen mitkommt, träumen nicht nur die Lagerfeuerklampfisten von der Neuen Frankfurter Schule:

    Happy birthday to me, 1997 — wie heute vor drei Jahren anhand Goethens schon mal durchgenommen.

    Otto Waalkes als Gretchen in Ottos Fäustchen, Otto Show IV, 1976

    Written by Wolf

    6. Mai 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

    Saufspiele für Bücher-Geeks

    with 3 comments

    Drinking makes things happen.

    Charles Bukowski: Women, 1978.

    Francine van Hove

    Saufspiele allein:

    1. Anti-Komasaufen:

      Bei jedem Umblättern in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: ein Red Bull auf ex. Um wach zu bleiben.

      Einkaufsliste:

      • Eine Steige Red Bull;
      • die alte Suhrkamp-Übersetzung von Eva Rechel-Mertens gibt’s in letzter Zeit nachgeschmissen, weil bei Reclam eine neue erscheint. Es funktioniert auch mit den Gesamtwerken von Heinrich Böll, Peter Handke, Manfred Hausmann, Wolfgang Koeppen, Stephenie Meyer, Herta Müller oder Martin Walser.
    2. Dickensaufen:

      Jedesmal wenn Charles Dickens eine neue Figur einführt: zügig eine Flasche Bier leeren.

      Einkaufsliste:

      • Bier;
      • am besten Die Pickwickier, da kommen die meisten kauzigen Typen vor.
    3. Holzfällen:

      Wenn Thomas Bernhard eine Formulierung verwendet, die innerhalb der letzten zwei Seiten schon mal wörtlich vorgekommen ist: zügig eine Flasche Bier leeren. Wenn er einen ganzen Satz wiederholt: ein Schnaps hinterher.

      Einkaufsliste:

      • Österreichisches Bier: Gösser, Ottakringer, Puntigamer, Stiegl oder Zipfer, die sind alle gar nicht so schlecht;
      • als Schnaps vorzugsweise Zwetschganer;
      • irgendwas von Thomas Bernhard, am besten antiquarisch oder der vergilbte Suhrkamp-Bestand aus der Stadtbibliothek, der schon seit zwanzig Jahren von der Abschreibung bedroht ist, aber seine vorgesehene Anzahl von Ausleihen nie erreicht. Jedenfalls sollte das Buch nicht mehr gekostet haben als eine Flasche Gösser.

    Francine van Hove

    Saufspiele zu zweit:

    1. Apostokese (Kenn-ich-gar-nicht, Home-Version):

      Wenn ein Fremdwort vorkommt, das der andere nicht kennt, muss er einen Schnaps kippen. Wenn es ein deutsches Wort ist: zwei.

      Einkaufsliste:

      • ehrbarer deutscher Schnaps: Doornkaat, Jägermeister o.ä. Heißer Sauftipp: Racke rauchzart;
      • für die schnelle toxische Wirkung am besten das BGB. Mehr Lesespaß machen Philosphen des 20. Jahrhunderts. Eine spielerische Gelegenheit, endlich mal die Dialektik der Aufklärung oder was Feines von Wittgenstein durchzuackern. Dem Spielzweck dient, aber ideologisch abzulehnen ist Heidegger. Heißer Lesetipp: Theodor W. Adorno: Minima Moralia, 1951. Überraschend ergiebig ist Ephraim Kishon;
      • zur Kontrolle den Duden und den Wahrig.
    2. Kenn-ich-gar-nicht, Geländeversion:

      Jeder schmuggelt eine Flasche Schnaps in eine möglichst große öffentliche Bibliothek oder einen Buchladen. Dann zieht man abwechselnd ein Buch aus dem Regal, das man nicht kennt und sagt (zum Beispiel): „Fifty Shades of Grey kenn ich gar nicht.“ Wenn der andere das Buch kennt, nimmt er einen Zug aus seiner Schnapsflasche. Theoretisch ist das zu mehreren noch lustiger, grenzt dann aber an einen Flashmob. Bitte überall höflich bleiben: In der Stadtbücherei die Bibliothekarin wenigstens pro forma zum Mitspielen einladen, im Buchladen nicht geizig sein.

      Einkaufsliste:

      • Schnaps. Empfohlen wird Tullamore Dew, weil die Flasche flach und handlich ist und sich deshalb schnell hervorziehen und wieder körpernah und bruchsicher verstauen lässt;
      • noch keine Bücher, weil man die ja erst während des Spiels erstehen will.
    3. Kohlhaasen:

      Jeder liest abwechselnd einen Satz aus Michael Kohlhaas, und zwar ohne Luft zu holen. Wer vor einem Punkt, Frage- oder Ausrufezeichen Luft holt, muss einen Schnaps kippen.

      Einkaufsliste:

      • Brandenburger Obstbrand von Streuobstwiesen. Irgendein Obstler tut’s auch;
      • das Gesamtwerk von Kleist ist gut erreichbar. Gedruckte Einzelausgaben, meistens die gelben Reclamheftchen, sind gerne noch aus der Schulzeit übrig. Der Kohlhaas reicht für ein feuchtes Wochenende; um schnell etwas auszuknobeln, eignet sich besser Das Bettelweib von Locarno (3 Seiten).

    Francine van Hove

    Saufspiele zu mehreren (ab 3 Mitspielern):

    1. Glasglöckeln:

      Jeder liest der Reihe nach einen Satz aus Die Glasglocke vor. Wer anfängt zu weinen, wird sofort von jeglicher Alkoholzufuhr abgeschnitten. Sobald der zweite anfängt, können Gruppenumarmungen und sachtes Schaukeln aufgenommen werden.

      Einkaufsliste:

      • Weiche Mädchen-Alkoholika: Aperol, Beerenwein, Pfefferminzlikör o.ä.;
      • für die vorzeitigen Verlierer Mädchentee: Jasmin, Lavendel, Wohlfühl o.ä.;
      • ein Exemplar Sylvia Plath für alle muss genügen, um nicht unnötig die Verbreitung ihres Werks voranzutreiben. Außerdem verbindet das Weiterreichen.
    2. Shakes-Bier:

      Ein Shakespeare-Stück wird mit verteilten Rollen gelesen. Jedesmal wenn eine scherzhafte Anspielung auf Geschlechtskrankheiten, Geschlechterrollen oder geschlechtliche Beziehungen vorkommt, trinkt der Vortragende eine Flasche Bier ex.

      Einkaufsliste:

      • Ausreichend Sixpacks von irgendeinem englischen Ale, Porter oder Stout, zur Not geht Guinness oder Kilkenny aus Irland. Nehmt 0,33er-Flaschen, es wird rund gehen;
      • ein Shakespeare-Stück. Nicht immer bloß Hamlet, Macbeth, Romeo und Julia und die Materialschlacht von Sommernachtstraum — gerne eins von den Königsdramen, die im deutschen Sprachraum kein Mensch kennt, geschweige denn auseinanderhalten kann. Und möglichst nicht die Schlegel-Tieck-Übersetzung, weil die umschreibt, verschlüsselt und entschärft — lieber die letzte von Frank Günther, der erspart einem nichts.
    3. Sündigen:

      Aus der Bibel werden rundum zufällig aufgeschlagene Stellen vorgelesen. Sobald eine Sünde vorkommt, muss der jeweils nächste beichten, ob er sie schon einmal begangen hat. Wenn ja, muss er Reue zeigen und sie in Wein ertränken. Das passiert etwa bei jedem zweiten Satz. Vorsicht: In der Bibel zählen auch praktisch alle sexuellen Orientierungen, vorehelicher Körperkontakt, Onanie, Coitus interruptus, die Zugehörigkeit zu einer anderen Glaubensgemeinschaft als dem orthodoxen Judentum sowie Wirkungstrinken als Sünden. Bei Genesis anfangen, später im Neuen Testament wird eher mal etwas vergeben.

      Einkaufsliste:

      • Alter Wein in neuen Schläuchen, dem Anlass angemessen bitte keinen Fusel unter 4,99 Euro pro Flasche. Sinnig ist fürs Alte Testament einer aus der Bekaa-Ebene im Libanon, fürs Neue einer von den Golanhöhen: beides sehr geschichtsträchtig, sehr gut und sehr teuer. Als Kompromiss den Syrah vom Penny (2,49 Euro) und Teile der Ersparnis für Amnesty spenden;
      • eine Luther-Version vor 1912.

    Francine van Hove

    Bilder: Francine van Hove via Kai Fine Art.

    Francine van Hove

    Written by Wolf

    29. April 2016 at 00:01

    Busenalmanach

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    Update zu Also, Volk: Singe mit, lerne auswendig und verbreite!:

    Heute ist meteorologischer Frühlingsanfang, da mag ich ein bissel spaßigen Schweinkram machen.

    Wozu mir als erstes einfällt: Ich wusste gar nicht, dass wirklich schon mal jemand bildlich dargestellt hat, wie Säfte steigen; bisher dachte ich, das soll sich immer nur auf „Kräfte zeigen“ reimen.

    Was von Parodien in der Titanic zu halten ist, muss ich hier nicht ausbreiten, schließlich hab ich lauter selbstständig denkende Leser. Die unauffällige, weil dankenswerterweise nicht illustrierte Seite 54 in der Januar-Nummer 2016 bringt so geballt wertfreie Kalauer, präpubertäre Schweinigeleien und haltloses Herumgewitzel um des albernen Gekichers willen, dass es eine Freude ist. Das ausformulierte „Eichendorff“-Gedicht darunter ist leider in dem gedrängten Layout nur als Fließtext durch Schrägstriche unterteilt. Das musste ich mal als Lyrik anschauen. — Die unvollständigen Highlights:

    ——— Valentin Witt:

    Peinliche Pervers-Geheimnisse

    Die total versexte Welt der Literaten

    in: Titanic Nr. 1, Januar 2016, Seite 54:

    Die wahre Natur Joseph von Eichendorffs zeigt sich in diesen bislang verborgen gehaltenen Versen:

    An einem Mühlenrädchen
    Zum Abschied ganz bedrückt
    Hat mir mein liebes Mädchen
    Ein Ringlein angesteckt.

    Doch als in stiller Stunde
    Ich an dem Rade stand,
    Von ferne frohe Kunde
    Sich mir ums Herze wand.

    Da hat’s mir glatt beim Schiffen,
    Als ich dran dacht‘ zu lochen,
    Von Geilheit ganz ergriffen
    Das Cockringlein zerbrochen.

    Von dennoch profunden literaturgeschichtlichen Kenntnissen zeugt der Absatz über Schiller: Die Reste des Musen-Almanachs sind jedenfalls im Weimarer Friedrich-Schiller-Archiv geblieben, und den Kalauer mit den Horen hat 1788 schon Böttiger gebracht. Die Leserzahl dürfte grob hinkommen.

    Friedrich Schiller betätigte sich als Autor und Herausgeber der Zeitschriften „Busenalmanach“ und „Die Huren“, deren einziger Leser er selbst war und die er nach Gebrauch sofort wieder vernichtete.

    In so einem Sauhaufen darf auf keinen Fall die Arnim fehlen, die in jungen Jahren unbestritten die Hübscheste im ganzen Autorenlexikon war. Was man allerdings nicht sagen darf, weil sie unbestritten die einzige Hübsche war; siehe den letzten Fünf-Mark-Schein. Für mich ist die „Bettine“ in Damenstrumpfhosen nämlich gar keine so „perverse“ Vorstellung, sondern ein Typ für weiße, und zwar nicht über 30 Denier und ohne Zehenzwickel. Trotz ihres nachweislichen Sexuallebens kommt sie bei Witt ganz ungewohnt respektvoll weg.

    Eine exquisite Sammlung an Korsetts, Damenstrumpfhosen und Unterröcken besaß und trug regelmäßig — sogar in der Öffentlichkeit und vor Kindern — die Romantikerin Bettina von Arnim.

    Irgendwer bei der Titanic scheint irgendwas von der Droste (siehe auch den letzten 20-Mark-Schein) zu halten, worauf man nicht in einem Deutsch-Kurrikulum kommt: Ich trauere, wie erwähnt, immer noch der entweder Altmänner- oder genauso präpubertären Phantasie des Nacktbildes von der Freifrau hinterher und trau mich nicht die Künstler Greser & Lenz zu fragen, in welcher Nummer das war, wie sieht denn das aus.

    Der biederen Erscheinung zum Trotz war Annette von Droste-Hülshoff zwischen den Laken eine ganz schöne Wildkatze, ja eine richtige kleine Squirtmaschine.

    Und dann noch mein Zweitliebling cit. Witt:

    Viele haben sich an Goethe gerieben.

    Valentin Witt bringt a.a.O. noch Unerhörtes über Baudelaire, Beauvoir, Bernhard, Böll, de la Fontaine, Fontane, Kafka, Kehlmann, Thomas Mann, Herta Müller, Poe, Pirinçci, Wilde, Woolf („Virginia Woolf hatte Brüste, einen Po und eine Woolfa“, au weh) und Stefan Zweig; für unseren Zweck (welchen eigentlich?) sollte das vorerst reichen.

    Puss in Boots

    Katzenbild: Möglicherweise Kristen Stewart, rothaarig in Puss in Boots, 2015.

    Wenigstens jetzt keine Kalauer, bitte.

    Soundtrack: Placebo: Every You Every Me, aus: Without You I’m Nothing, 1999.

    Der Film war klasse.

    Written by Wolf

    1. März 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

    Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt

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    Update zu Die besten Saufbrüder sind gestorben,
    Wer weis, wie lang ich hier noch bin
    und Ich trinke ein Glas Burgunder!:

    Staub soll er fressen, und mit Lust.

    Mephisto, Prolog im Himmel, Vers 334.

    Ich muß dich nun vor allen Dingen
    In lustige Gesellschaft bringen,
    Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt.
    Dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest.
    Mit wenig Witz und viel Behagen
    Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz,
    Wie junge Katzen mit dem Schwanz.
    Wenn sie nicht über Kopfweh klagen,
    So lang‘ der Wirth nur weiter borgt,
    Sind sie vergnügt und unbesorgt.

    Mephisto, Auerbachs Keller in Leipzig. Zeche lustiger Gesellen, Vers 2158 ff.

    Fällt das wieder nur mir auf – oder ist das normal, dass in der Literatur an allen Ecken und Enden von Gaststätten aller Niveaus die Rede ist, aber kaum eins davon existiert? Mit Müh und Not konnte ich die folgenden dingfest machen, die allesamt einen Besuch wert sind.

    Ich bin– ebenso wie die Kommentarfunktion – weit für Hinweise geöffnet und gern bereit für einen zweiten Teil. Wenn also jemandem noch das eine oder andere auffiele? Aber nicht dass mir jetzt einer mit dem Milliways kommt.

    Die Bilder lehren, wenn schon sonst nichts, dass es aus Lipnitz an der Sasau, das sich heute selbst ein böhmisches Dorf namens Lipnice nad Sázavou ist, recht anständige Street-View-Aufnahmen gibt, aber weder aus Bamberg, Leipzig noch – halten Sie sich fest – Wien. Das Bilderformat lehrt, was ich für ein altmodischer Sack bin, der heute noch einen überbreiten Schwertransporter von Notebook benutzt. – Alphabetisch nach Wirtshausnamen:

    1. Albrecht-Dürer-Stube, Nürnberg, Albrecht-Dürer-Straße 6.Es freut mich, alphabetisch und heimatlich mit einer mir persönlich bekannten Kneipe und einer meiner liebsten Künstlerlegenden einsetzen zu dürfen:

      Wohl gegen 1497, als Albrecht Dürer sich als Maler selbstständig machen konnte, saß er in trauter Runde in eben jener Albrecht-Dürer-Stube, die wohl noch nicht nach ihm benannt war, aber unweit – keine fünf Minuten den Burgberg runter – seines Wohnhauses lag. Wie es mit frischen Start-uppern so geht, zogen ihn die Kollegen in dem Sinne auf, ob er denn überhaupt anständig malen könne. Und dann muss man sich diese künstlerische Chuzpe vorstellen, wie Dürer bei der Saaltochter ein Stück Kreide bestellte, wie sie in sehr alten Wirtshäusern zuverlässig – zum Ankreiden – vorhanden war. Unter den gespannten Augen der Mitzecher setzte Dürer mit der Kreide einen Punkt mitten auf die Tischplatte. Nahm kurz Augenmaß und malte einen perfekten Kreis außen herum. Und gab an: „Messt nur nach.“ Dann musste die Saaltochter auch noch einen Zirkel herbeischaffen, man maß nach – und der Kreis stimmte. Das hat mir immer mehr imponiert als seine drei Meisterstiche. Da hatten sie wohl in der Stube noch keine Tischdecken.

      Albrecht-Dürer-Stube, Nürnberg, Google Street View

    2. Auerbachs Keller, Leipzig, Mädler Passage, Grimmaische Straße 2–4:
      Historisches Restaurant im Herzen der Leipziger Altstadt.

      Dem Doktor Faust hat’s ja dort nicht so gefallen, wie man aus der Schule weiß.

      Leipzig, Auerbachs Keller, Google Maps

    3. Café Hawelka, Wien, Dorotheergasse 6.Die Mutter aller Wiener Kaffeehäuser kommt zweifellos auch in literarischen und musikalischen Texten vor, an denen man ausdrücklich davon wissen muss, um es zu bemerken. Die Öffnungszeiten, die auf der heutigen Website angegeben sind, waren entweder dereinst sehr viel großzügiger – oder werden bis heute nicht besonders penibel eingehalten. Bis Mitternacht, nur donnerstags bis sonntags bis 1 Uhr früh, das sind ländliche Verhältnisse, die noch lange kein Nachtcafé ausmachen, schon gar nicht in der Wiener Innenstadt. Im Gegenteil will hier schon so ziemlich jeder bis in die mittelspäten Morgenstunden durchgemacht haben, der im Entfernstesten mit einem Kulturbetrieb zu tun hat, weil es dort weder eine inakzeptable Schande ist, sich bei ordentlichem Benehmen in die Besinnungslosigkeit zu saufen, noch eine ganze Öffnungszeit lang an einem einzigen Kaffee zu nuckeln. Die Website selbst führt als Honoratioren an: Klaus Maria Brandauer, Elias Canetti, André Heller, Alfred Hrdlicka, Friedensreich Hundertwasser, Udo Jürgens, Hans Moser, Helmut Qualtinger, Peter Ustinov, Andy Warhol, die gesamte Wiener Gruppe einschließlich meines alten Lieblings H. C. Artmann – „u.v.m.“.

      Café Hawelka, Wien, Google Maps

    4. Hoffmanns, Bamberg, Schillerplatz 7:
      steak & fisch.

      Das für Bamberg sehr gehobene Haus hieß zu E.T.A. Hoffmanns Zeiten noch Zur Rose, ist aber im Unterschied zum Bamberger Hotel Wilde Rose und dem Wilde-Rose-Keller mit Bestimmtheit des zugereisten Kapellmeisters, musikalischen Leiters, Dramaturgen, Kartenabreißers, Kulissenmalers und Musiklehrers Laden, weil er am 1. Mai 1809 anlässlich seines Einzugs im heutigen E.T.A.-Hoffmann-Haus am Schillerplatz 26 im Tagebuch vermerkt: „Auch ein Poetenstübchen dabei„, was auf die anderen Häuser nicht zutrifft.

      Wer also mal in Bamberg auf Hoffmanns Spuren wandeln will: unbedingt dorthin. Das betone ich vor allem für mich selber mit solchem Nachdruck; aus persönlicher Neigung würde ich nämlich viel lieber mal wieder ins Schlenkerla, Rauchbier gurgeln.

      Hoffmanns Bamberg, Google Maps

    5. Hotel Elephant, Weimar, Markt 19:
      a Luxury Collection Hotel, Schiller & Goethe auf der Spur; mit Gourmetrestaurant Anna Amalia.

      Gegründet 1696, war das Elephant spätestens 1711 ein eher gehobenes Haus, das von Melissantes in seinem prominenten Reiseführer Das jetzt florirende Thüringen in seinen durchlauchtigsten und ruhmwürdigsten Häuptern / vorgestellt von Johann Gottfried Gregorii empfohlen wurde. Als Poststation erhielt der Laden ab 1741 eine wichtige internationale Funktion, und kurz darauf war er als Stammaufenthalt der Weimarer Klassikrecken stadtbekannt, weil angeblich die Wache am Stadttor alle auf das Elephant verwies, die nach Goethe, Herder oder Wieland fragten. Es scheint demnach, als fürstlich protegierter Literat im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach ließ sich gut leben.

      Bei Thomas Mann ist das Elephant Schauplatz der Rahmenhandlung von Lotte in Weimar von 1939, die 1816 angesetzt ist – 44 Jahre nach Goethes Liebschaft mit Charlotte „Lotte“ Kestner, geb. Buff, die Gegenstand in Die Leiden des jungen Werthers (nur echt mit dem Genitiv-s) war.

      Thomas Mann hat erst 1955 auf eigenen Wunsch im Elephant übernachtet, als er anlässlich der Verleihung des Schiller-Preises in Weimar zu tun hatte. Dabei war das Hotel 1945 bis 1955 als Gaufunkstelle im Hotel zur Außenstelle Weimar des Berliner Rundfunks (später: Landessender Weimar), Militärquartier und Internat umgewidmet, nur das Restaurant während der Schließung 1945 bis 1955 Elephantenkeller in gastronomischem Betrieb. Das Hotel wurde erst wieder ein Hotel, als Thomas Mann, der es in einem weltweit beachteten Roman zu neuem Ruhm geführt hatte, es bestelltermaßen selbst als Hotel nutzen wollte; jedenfalls ist er der erste Gästebucheintrag nach der Neueröffnung. Für seinen Roman hat er also eine fiktionale Version von dem realen Ort aufgebaut.

      Hotel Elephant, Weimar, Google Maps

    6. Lutter & Wegner, Berlin, Charlottenstraße 56, Stammhaus am Gendarmenmarkt.E.T.A. Hoffmann-GesellschaftE.T.A. Hoffmanns eigentliche Stammkneipe, lange nach seiner Bamberger Zeit, die auch noch als solche hochgehalten wird. Haben ja sonst nicht viel an Kultur, da in ihrem märkischen Ballungszentrum.

      Als Literat lief Hoffmann erst in seiner Berliner Zeit zu Hochform auf. So kommt es, dass sein poetisches Werk ab dem Erstling Fantasiestücke in Callots Manier 1814 bis zu Des Vetters Eckfenster 1822 – also zeitlich dicht gedrängt – mit dem Lutter & Wegner durchsetzt ist.

      In seiner Spätzeit war der umtriebige, skurrile, charismatische Bestsellerautor Hoffmann eine Attraktion des Restaurants, die unbegrenzt Freibier genoss. Das entsprach nicht nur in Augen des Wirts Hoffmanns Wesen so sehr, dass der Deutsch-Franzose Jacques Offenbach die Rahmenhandlung seiner Oper Les Contes d’Hoffmann (Hoffmanns Erzählungen, 1881) nirgend anders denn in einer Art Lutter & Wegner mit Bamberger Lokalkolorit ansiedeln musste.

      Die Biergärten und Cafés aus Der goldne Topf in Dresden, das Hoffmann als Einwohner kannte, sind in ähnlicher Weise von Hoffmann idealisierte Handlungsorte und zählen nicht als aufsuchbare Gastronomien.

      Lutter & Wegner, Berlin, Google Street View

    7. Schlappeseppel, Aschaffenburg, Schloßgasse 28:
      Brauereigaststätte seit 1631.

      Die Stammkneipe von Greser & Lenz, wegen der sie eigens nach Aschaffenburg umgezogen sein wollen. Wer die gastronomische Landschaft Hessens und des nördlichen Unterfrankens kennt, kann das nachvollziehen.

      Schlappeseppel, Aschaffenburg, Google Maps

    8. U České koruny , Lipnice nad Sázavou, č.p. 55:
      ubytování Vysočina.

      Zur böhmischen Krone in Lipnitz an der Sasau ist definitiv mein Liebling unter den Fundstücken auf meiner literarischen Kneipensuche. Stundenlang könnte ich sie auswendig lernen und zitieren, jedenfalls die deutsche Version:

      Familiepension mit Gaststätte liegt gerade unter Lipnice Burg in malerischem Bezirk von Böhmisch-mährische Bergländer.

      Lipnice ü./S. ist untrennbar verbunden mit dem Namen des Schriftstellers Jaroslav Hašek, Autors des weltberühmten Werks „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk„.

      Eben in diesem Gasthaus „Zur Tschechischen Krone“ hat Hašek wesentliche Passage des Werkes während seines Aufenthalts in Lipnice geschrieben. Die Pension ist dank der Rekonstruktion von Hašeks Nachkommen zur Rekreations-Aufenthalten ausgenützt, mit der Erkenntnis dieses Platzes verbundenen und zur angenehmer Verbringung der Freizeit genützt. Weiter ist auch zu verschiedenen Feiern, Hochzeiten, Seminaren und Firmenverhandlungen ausgenützt.

      Der Laden ist keinesfalls zu verwechseln mit dem Prager U kalicha, in dem sich der brave Soldat Schwejk so gern aufhielt, dass er sich für „nach dem Krieg um sechs im Kelch“ als erstes dort verabredet hat – vielmehr steht der – ebenfalls – real existierende Laden in Jaroslav Hašeks letztem, provinziellerem Wohnsitz, in dem er sein opus magnum nicht abgeschlossen hat.

      Was kein Wunder ist, weil seine Hauptbeschäftigung dort das Kartenspiel war; den Schwejk hat er nebenbei einem aufmerksamen Schreiber diktiert, der wohl nicht so viel vom Karteln hielt. Nach mitteleuropäischen Maßstäben muss Hašek als alkoholkrank gelten, das eigentliche Wunder dieser Kneipe ist also, dass 1920 bis 1923 überhaupt ein ziemliches dickes, wenngleich unvollendetes Buch darin entstand. Was in der Böhmischen Krone gezockt wurde und ob Hašek gewonnen hat, werde ich bestimmt vor Ort nachfragen, wenn ich mal vorbeikomme:

      Weiter können sie bestellen und verschmausen an Alt – böhmischen Speisen wie Entenbraten, Rauchfleisch Knie, gebackener Rippenstück. In Sommermonaten werden wir für Sie auf Bestellung einen Ferkel an der Terrasse braten oder das Fleisch grillen.

      Für Firmenfeiern bereiten wir Raut oder mittelalterlichen Festmahl an der Burg Lipnice vor.

      • Braten oder Grillen an der Terrasse
      • Hochzeitsfestmähler
      • Familienfeiern
      • Firmen Parties
      • Rauts an der Burg Lipnice oder im Restaurant

      Wir besorgen die Musik zum Sitzen und auch zum Tanzen.

      Kapazität des Restaurants: 55 Personen
      Sommerterrasse: 40 Personen
      Gotischer Keller: 20 Personen

      Verschmausen. Und Musik zum Sitzen. Ist das nicht hinreißend schnulli? – Ich empfehle zumindest eine virtuelle Ortbegehung.

       Hostinec a penzion U České koruny, Lipnice nad Sázavou, Gasthaus und Pension zur tschechschen Krone, Lipnitz an der Sasau, Google Street View

    9. Zum Jägerheim, Renzenhof, Altdorfer Straße 1, Ecke Hartmann-Schedel-Straße.Die Stammkneipe meiner Kindheit: Dahin haben, solange ich mich nicht wehren konnte, meine Eltern mich immer verschleppt, um Schäuferle für drei Personen („Für mich auch eins!“) zu verdrücken. Was weder meinen Eltern noch mir und mit größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit nicht einmal den Wirtsleuten bewusst war: dass vor 1493 im Nachbarhaus Hartmann Schedel vermutlich große Teile der Schedelschen Weltchronik geschrieben hat. Das Nachbarhaus ist ein seit 1362 nachgewiesener Herrensitz, und obwohl der asphaltierte Feldweg zwischen dem Gasthof und dem Herrenhaus Hartmann-Schedel-Straße heißt, ist letzteres im heutigen kollektiven Gedächtnis als „der spinnerte Renzenhofer Turm mit der Sonnenuhr“ verankert und privat bewohnt.

      Leider haben sich die Wirtsleute Mais anno 1995 aus schlecht verhohlener Trägheit erdreistet, meiner Mutter keinen Tisch für sechs Personen für ihren 50. Geburtstag zu reservieren, obwohl wir ihnen seit Jahren am Rande der Legalität als Endverteiler das Mineralwasser vom Bundesbahn-Sozialwerk für den Gastbetrieb verkauft haben. Seitdem gehen meine Eltern da nicht mehr hin, und ich komm auch nicht grade jeden Tag dran vorbei. Dabei ist die Familie Mais immerhin bis heute entweder so traditionell oder schon wieder so avantgardistisch eingestellt, um auf eine eigene Internetpräsenz zu verzichten.

      Es gibt also schon wieder eine Kneipe, in der ich vorsprechen muss. Da sieht man wieder, wovon Kultur abhängt.

      Satellitenbild Zum Jägerheim, Renzenhof, Röthenbach an der Pegnitz, Google Maps

    Bilder: Google Street View; Google Maps;
    BamBerger BonusBild bei Berlin: E.T.A.-Hoffmann-Gesellschaft im E.T.A.-Hoffmann-Haus:

    Die Haustür haben bereits Hoffmann und seine Frau geöffnet; damals noch zweigeteilt, konnten nicht nur Kleine und Schlanke den rechten Flügel bequem benützen. Rechts eine Steintafel von 1930 mit der Inschrift: „E.T.A. HOFFMANN WOHNUNG UND MUSEUM“ vom Verkehrs- und Verschönerungsverein Bamberg, der damals die Öffnung gewährleistete. Das Fenster links zeigt das Selbstbildnis Hoffmanns anstelle einer Unterschrift, dazu die Öffnungszeiten. Es bietet in einer Art Peep-Show-Effekt Einblick auf einen fiktiven Arbeitsplatz und macht neugierig auf den Raum dahinter, das Spiegelkabinett. Unser Bild wurde anlässlich einer Inszenierung des Bamberger E.T.A. Hoffmann-Theaters aufgenommen – Sie brauchen natürlich nicht die Schuhe auszuziehen, um hineinzukommen, auch der „Dolch im Gewande“ ist nicht nötig.

    Soundtrack: Laia Costa klavizimbelt virtuos in der Berliner Indie-Kneipe Franz Liszt:
    den 1. Mephisto-Walzer, in: Victoria, 2015, was denn sonst?

    Written by Wolf

    26. Februar 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

    Es endet ohne Schlusspunkt.

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    Update zum Weekly Wanderer 0017:

    Die Älteren mögen sich erinnern: 2013 wurden an dieser Stelle Versionen, Interpretationen und Parodien von Goethes Ein Gleiches durchdekliniert. Schon damals hab ich mir nicht im Ernst eingebildet, dass 17 Folgen reichen könnten.

    Tina Sosna

    ——— Erich Fried:

    Ein Ungleiches = Einige Leichen

    aus: Das Nahe suchen. Gedichte, Verlag Klaus Wagenbach: Quartheft 119, Berlin 1982:

    Tina SosnaWarte nur! Balde
    Ruhest du auch.
    Und zwar wie?
    Zwischengelagert? Entsorgt?
    Und warum du
    nicht Sie?

    Ich fange von vorne an
    Das klingt viel höflicher dann:

    Über allen Gipfeln
    ist Euphemie,
    In allen Wipfeln
    Spüren Sie
    kaum einen Hauch;
    Die Vögelein schweigen im Walde
    Bitte warten Sie! Balde
    Ruhen Sie auch.

    (Die Euphemie versteht sich von selbst bei Goethen:
    Er sagt ja auch Ruhen
    wenn er Sterben meint oder Töten)

    Oder lieber nicht ruhig Blut?
    Also gut, mit etwas mehr Wut:

    Unter allen Wipfeln
    fließt Blut,
    In allen Heuchlern
    spürest du

    kaum einen Jammerlaut!
    Die Vögelein menscheln im Walde.
    Gipfle nur! Balde
    watest du auch
    im Blut

    Soweit Erich Fried, zitiert nach seiner ersten Gesamtausgabe. Es gab tatsächlich eine nicht sehr lange zurückliegende Zeit, in der Fried als Dichter ernster als Goethe genommen wurde. Das war um 1980, und noch von 1999 findet sich eine ausführliche Interpretation über sein Ungleiches, in der ein Bertolt Brecht als richtig relevant erscheint und ein haltbares Dreieck aus Goethe, Brecht und Fried errichtet wird, und das Goethe-Originalgedicht sei sogar von „erkennbare[m] Materialwert“.

    Eine andere als alphabetische Rangfolge der Begriffe Brecht, Fressen, Fried, Goethe und Moral für 2016 will ich lieber nicht aufstellen müssen.

    Tina Sosna

    ——— Klaus Schuhmann:

    Nachtlieder nach Goethe

    in: Neue deutsche Literatur, Heft 527, September/Oktober 1999:

    Manchmal zeigt sich, was zwei Schriftsteller in Sympathie miteinander verbindet, schlaglichtartig in ihrem Verhältnis zu einem dritten Dichter, den sie auf vergleichbare Weise schätzen oder ablehnen. Im Falle von Bertolt Brecht und Erich Fried trifft beides nicht zu, wenn der Dritte im Bunde Goethe heißt. Hier geht es um einen Spezialfall, denn beide haben sich im Zeitunterschied von vierzig Jahren für ihre Zwecke eines Gedichts bedient, das Goethekenner als Kleinod ansehen, welches außerhalb jeder Kritik zu stehen hat: „Wanderers Nachtlied“.

    Für Lyriker des 20. Jahrhunderts gilt solcher Denkmalschutz schon lange nicht mehr. Brecht demonstrierte das mit seinen „sozialkritischen Sonetten“ als ein generelles methodisches Verfahren, bei Fried kann man in mehreren Gedichtbänden Gruppen mit Texten finden, in denen der Verfasser kritische Zwiegespräche mit literarischen Vorfahren und Zeitgenossen führt.

    Bei Brecht geschieht die Begegnung mit Goethe schon in seinem ersten Gedichtbuch, der 1927 veröffentlichten Hauspostille; bei Erich Fried in seinem 1982 erschienenen letzten Lyrikband Das Nahe suchen. Brechts Gedicht heißt „Liturgie vom Hauch“, Frieds „Ein Ungleiches = Einige Leichen“. Beide konfrontieren den Goethe-Text mit der politischen und sozialen Realität des 20. Jahrhunderts, so daß die Wirklichkeit gegen die Poesie zu Wort kommen kann. Nicht zuletzt, weil sie nach Meinung dieser beiden Lyriker zu oft verschwiegen wird, besonders in Gedichten. Und sie antworten mehr oder weniger auf eine Frage, die Brecht in seinem Epilog „An die Nachgeborenen“ gestellt hat:

    Was sind das für Zeiten, wo
    Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
    Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

    Bertolt Brecht ging es freilich nicht allein um Goethe, der in der „Liturgie vom Hauch“ namentlich zwar nicht genannt, aber mit Worten aus dem Gedicht „Wanderers Nachtlied“ zitiert wurde, die der Nennung des Autornamens gar nicht mehr bedurften. Schon im Titel wird das letzte Wort dieses Gedichts demonstrativ aufgerufen, und der aufmerksame Leser wird am Ende seiner Lektüre unweigerlich daran erinnert, daß der „Hauch“ im Verlaufe der „Liturgie“ zum Aushauchen wird, zum letzten Atemzug. Das geschieht klaglos, wird aber durch einen Kunstgriff dennoch zu einer Anklage. Es ist, als liefe ein Zählwerk, das der „Liturgie“ ihren Gang vorschreibt. Indem Brecht die Zeilen fortlaufend numeriert und den Strophenblock auflöst (durch den Zeilenabstand auch visuell wahrnehmbar), wird durch den aktionsbetonten Verlauf der „Strophen“ der Kontrast zu jenem Gedichtteil aufgebaut, der refrainartig unverändert repetiert wird. Er zitiert, allerdings entstellt, „Wanderers Nachtlied“:

    1
    Einst kam ein altes Weib einher

    2
    Die hatte kein Brot zum Essen mehr

    3
    Das Brot, das fraß das Militär

    4
    Da fiel sie in die Goss, die war kalte

    5
    Da hatte sie keinen Hunger mehr.

    6
    Darauf schwiegen die Vöglein im Walde
    Über allen Wipfeln ist Ruh
    In allen Gipfeln spürest du
    Kaum einen Hauch.

    Daß Goethes Gedicht für Brecht noch einen erkennbaren Materialwert besaß, sieht man daran, daß die beiden Schlußzeilen, auf die es besonders ankommt, dem Original entsprechen. Die Abfolge der binnenreimenden Nomina „Gipfeln“ und „Wipfeln“ ist freilich vertauscht, und das Verb „schweigen“ ist aus der präsentischen Form in die präteriale befördert worden. Noch schwerer wiegt, daß der Refrain mit einem ebenso temporal wie auch kausal interpretierbaren „Darauf“ beide Segmente miteinander verknüpft: die profane Textebene mit der auratisch-poetischen der Goetheworte.

    Während im weiteren Fortgang des Geschehens der von Beginn angelegte soziale Konflikt eskaliert und nach der alten Frau sowohl der Mann als auch die „bärtigen Männer“ nichts mehr sagen können, weil sie zu Tode gebracht werden, bleiben die „Vögelein im Walde“ ungerührt und schweigen, bis sie selbst von einem Tier – es ist ein großer „roter Bär“ – gefressen werden. Und nun ändert sich auch der Refrain, den sie bisher zu all dem gesungen haben. Es ist, als habe der Luftzug, der in die Goethestrophe hineinfährt, nicht nur den Text noch einmal durcheinandergebracht, jetzt wendet sich auch in den oberen Regionen das Wetter: Die Vögel erwachen und schweigen nicht mehr. Und damit hat sich das Gedicht aus Meisterhand auch im semantischen Sinne ins Gegenteil gekehrt.

    37
    Da kam einmal ein großer roter Bär einher

    38
    Der wußte nichts von den Bräuchen hier, denn der kam von überm Meer.

    39
    Und der fraß die Vögelein im Walde

    40
    Da schwiegen die Vögelein nicht mehr
    Über allen Wipfeln ist Unruh
    In allen Gipfeln spürst du
    Jetzt einen Hauch.

    Das ist nicht mehr literarische Parodie. Eher schon wird die Frage hörbar, die Brecht später in einem seiner Massenlieder stellt:

    Wessen Straße ist die Straße?
    Wessen Welt ist die Welt?

    Tina SosnaEin halbes Jahrhundert später stellt sich Erich Fried seiner Welt noch einmal auf eine Brecht vergleichbare Weise und bediente sich dabei ebenfalls der sinntragenden Worte des berühmten Gedichtes, das auf dem Gickelhahn bei Ilmenau geschrieben wurde. In der vierten Abteilung des Gedichtbandes Das Nahe suchen ist der Text zu finden, dessen Überschrift mehr noch als die Brechts überkommener Titelgebung widerspricht. Der Titel des Goethe-Gedichts erscheint hier sinnverkehrt: in der Negation.

    Frieds Bauweise und Materialverwertung ist eine andere als die Brechts. Er arbeitet nicht mit Kontrastblöcken – hier blutige Wirklichkeit, dort himmlische Ruhe –, sondern mit einer Technik, die den Goethetext gleichsam an der Realität von heute durchdekliniert. Bei Fried bleibt eine einzige Zeile aus dem Original unversehrt („Die Vögelein schweigen im Walde“). Die anderen Textteile werden noch radikaler ent-stellt als bei seinem Vorgänger. Vor allem taucht in Frieds Text ein Wort auf, das es zu Brechts Zeiten noch nicht gab: entsorgen. Was dieses Verb sagt und doch verschweigt, ist schlimmer als das, was sich bei Brecht auf offener Straße ereignete. Aus der Nachtruhe, die Goethe bedichtete, ist in unserem Jahrhundert die Friedhofsruhe geworden! Nicht Goethe steht am Pranger, sondern jene, die es verstehen, die Katastrophengefahr zu beschönigen – nicht nur durch Schweigen, sondern mittels „Euphemie“. Fried bietet eine zeitgenössische Goethelektüre und blendet jene Fakten ein, die sie stören, unterbrechen und schließlich in schierer Irritation enden lassen. Anders als Brecht, dessen Text strophisch gegliedert ist (und auch den Reim nicht ausspart), sind bei Fried nur noch Zeilengruppen vorhanden, die weder durch Reime (bis auf die Anleihen von Goethe) noch durch numerische Übereinstimmung bei der Zeilenzahl geregelt sind. Auch hat Frieds Text einen ganz anderen Gestus des Sprechens. Es ist ein dialogisch angelegtes Gedicht, gerichtet an einen Adressaten, der gleich zu Beginn angesprochen wird: mit den kursiv gesetzten Personalpronomen „du“ und „Sie“. Und auch darin unterscheidet sich der Text der achtziger von dem der zwanziger Jahre, daß hier mit Goethe-Wortschatz begonnen wird:

    Warte nur! Balde
    Ruhest du auch.
    Und zwar wie?
    Zwischengelagert? Entsorgt?
    Und warum du
    nicht Sie?

    Eine fulminante „Exposition“: Sechs Kurzzeilen werden durch ein Ausrufungszeichen und vier Fragezeichen interpunktiert, wobei die letzteren sich durchweg auf das sinntragende Verb „ruhen“ beziehen, das seit Goethe und Brecht um eine Interpretationsmöglichkeit reicher geworden ist. Die beiden nachfolgenden Partizipien benennen diesen Sachverhalt. Es sind Neuworte, die von der Atomwirtschaft verwendet werden. Der Autor signalisiert diese Gefahr, wobei sein „Warte nur!“ ebenso als Warnung wie als Voraussage gelesen werden kann. Die folgende Überleitung von zwei Zeilen läßt zwei bänkelsängerisch klingende Reime zu, die hier eher anzeigen, daß der Verfasser nun pro domo spricht. Im doppelten Wortsinne: Er nimmt sein Thema von neuem auf, und er setzt nun auch mit einer Zeile ein, mit der Goethe begann. Erst jetzt ist Fried wirklich bei dessen Text angekommen, der nun zeilenweise zitiert wird (so kommt nun auch wieder der Reim zur Geltung). Mit einem Kunstgriff entstellt er das Goethe-Gedicht: Er setzt an die Stelle des vertrauten „du“ das „Sie“ der Höflichkeitsform. Als geradezu parodistisch wirkendes Personalpronomen wird es der Aufforderung zum Warten vorangestellt.

    Die Überleitung zum Schlußpart des Gedichts übernimmt wiederum ein gereimter Zweizeiler, der den Schreiber im Zwiespalt der Wortwahl und der Reaktionsmöglichkeiten zeigt. Daß er sich für „Blut“ (aber nicht „ruhig Blut“, also einen Ausdruck für Zurückhaltung und Affektdämpfung) entschieden hat, ist mit dem letzten Wort des Gedichts besiegelt. Das hat vor allem damit zu tun, daß der Blick nach unten gerichtet wird: auf die Erde, wo die Menschen, die hier leben, sich einer solchen Sprache bedienen:

    Unter allen Wipfeln
    fließt Blut,
    In allen Heuchlern
    spürest du
    kaum einen Jammerlaut!
    Die Vögelein menscheln im Walde.
    Gipfle nur! Balde
    watest du auch
    im Blut

    Nun ist auch der Stellenwert der „Vögelein“ in diesem Text bestimmt. Wie bei Brecht sind sie nicht nur Tiere, sondern gleichen Menschen, zumindest wenn sie sprechen. Damit ist auch das letzte Unwort in diesem Text aufgesagt: „menscheln“. Jetzt kann nur noch eine groteske Zuspitzung folgen, die wie Hohn und Spott klingt: Gipfle nur! soll wohl heißen, daß ein Höhepunkt erreicht ist, dem nur noch der Absturz folgen kann. Wie die meisten Gedichte Frieds endet auch dieses ohne Schlußpunkt.

    Tina Sosna

    Bilder: Tina Sosna, Oktober 2014 bis Oktober 2015.

    Bonus Tracks: Interpreatationen im Vergleich: Bertolt Brecht/Hanns Eisler: Einheitsfrontlied, 1934:


    Written by Wolf

    29. Januar 2016 at 00:01

    Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

    1. Katzvent: I should be stronger than weeping alone (und mit pragmatischen Messingdrähten zum Skelett zusammengeworfelt)

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