Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Klassik’ Category

Nicht so übel scheint die Sonne

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Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland: Frühlingsglaube, 1812.

Bach-Kantate zum 1. Pfingsttag: Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!, BWV 172, Pfingstsonntag, 20. Mai 1714, Schlosskapelle Weimar:

——— Ludwig Uhland:

8. Frühlingslied des Rezensenten

aus: Ausgabe letzter Hand: Gedichte. Wohlfeile Ausgabe, 8. Auflage, Cotta, Stuttgart 1861,
i. e. 42. Gesamtauflage der erstmals 1815 erschienenen Sammlung, Frühlingslieder:

Frühling ist’s, ich laß es gelten,
Und mich freut’s, ich muß gestehen,
Daß man kann spazieren gehen,
Ohne just sich zu erkälten.

Störche kommen an und Schwalben,
Nicht zu frühe, nicht zu frühe!
Blühe nur, mein Bäumchen, blühe!
Meinethalben, meinethalben!

Ja! ich fühl ein wenig Wonne,
Denn die Lerche singt erträglich,
Philomele nicht alltäglich,
Nicht so übel scheint die Sonne.

Daß es keinen überrasche,
Mich im grünen Feld zu sehen!
Nicht verschmäh ich auszugehen,
Kleistens Frühling in der Tasche.

Pentecost, Jean II Restout, 1732

Bild: Jean Restout II der Jüngere: Pfingsten, 1732, Öl af Leinwand, 465 x 778 cm, Louvre, Paris.

Bonus Track: Mayer Hawthorne: Your Easy Lovin‘ Ain’t Pleasin‘ Nothin‘ aus: A Strange Arrangement, 2009. Das ohne hohen Anspruch, aber mit guter Laune komponierte Unterhaltungsstück leichter Machart vermittelt ein angemessen pfingstliches, neudeutsch gesagt, Bacardi-Feeling. Zugegeben erscheint die Vollbildfunktion bei dem Videoclip in One-Shot-Technik besonders lohnenswertd:

Written by Wolf

2. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Hier wäre also schon wieder der Ansatz zu einer neuen Sammlung, der Anfang einer „unendlichen“ Reihe

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Update zu Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt,
Impotence proved I’m superman
und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

Goethe und Schiller, Liebigs Fleisch-Extract, ca. 1900, via Goethezeitportal

Am tiefsten im kollektiven Bewusstsein verwurzelt ist Goethe im Zusammenhang mit Schiller — und umgekehrt — und jeder für sich mit den verständlicheren seiner Gedichte. Es ist kein Einzelwerk bekannt, das beiden zu gleichen Teilen zugeschrieben werden müsste, aber natürlich hat dieses vierbeinige Monument einer Männerfreundschaft wiederholt Gemeinschaftsprojekte — sie hätten gesagt: „ins Werk gesetzt“ (und danach „ans Licht gegeben“).

Jota Konstantinidou, Fräulein Ikon, 12. Februar 2012Die erste solche Zusammenarbeit findet sich in praktischerweise von Schiller selbst herausgegebenen Musen-Almanach für das Jahr 1797, der „Xenien-Almanach“ heißt, weil darin die 676 Xenien von je 1 Distichon Länge stehen, deren genaue Urheberschaft sie im Nachhinein glaubhaft selbst nicht mehr auseinanderhalten konnten. Die zweite solche Zusammenarbeit steht ein Jahr später im so genannten Balladen-Almanach und interessiert uns hier.

Vor allem für gequälte Schüler und Sonstige, die sich nicht freiwillig mit der Lyrik der deutschen Klassik auseinandersetzen, ist es ein befreiendes Wissen, dass die Xenien und die berühmtesten Balladen, mit denen Abergenerationen aus einer fragwürdig verstandenen Pädagogik heraus gezwiebelt wurden, wenig mehr als die Bieridee — oder genauer: eine absichtlich zusammengetragene Sammlung von Bierideen — zweier Kumpels sind. Wer will, hört beiden Gattungen noch das lausbübische Vergnügen an, mit dem sie geschrieben wurden. Das kommt aber, liebe Kinder, nicht in die Schulaufgabe, weil ihr in der Schule weder mit der Weimarer noch mit der Frankfurter Goethe-Ausgabe arbeitet, sondern frühestens wieder in die germanistische Proseminararbeit und muss mit Zweifeln, grano salis und davon ungebrochenem Respekt ausgesprochen und vor allem anhand Quellen begründet werden.

Glyptothek, Birgit und Heiner Seidl, Family Business, 23. Juli 2006Eine der nützlichsten Quellen folgt unten. Danach bringe ich möglichst vollständig alle Gedichte von Goethe und Schiller, die mit einigem guten Willen als Balladen durchgehen, chronologisch geordnet; Kriterium war, dass eine Handlung erzählt wird. Das meiste Material von beiden entstand geballt für den besagten Balladen-Almanach 1798, ich bringe aber um des Überblicks willen auch beider Balladen, die unabhängig voneinander entstanden, auch als Goethe und Schiller sich noch nicht kannten (vor 1794) und als Schiller schon gestorben war (nach 1805). Die Quelle, einer wesentlichsten Briefe von Schiller, konstitutiert den bis heute üblichen Begriff des Balladenjahrs, spricht von Freude an der gemeinsamen dichterischen Arbeit und kündigt sogar nach dem Xenien- und dem Balladen- ein Liederjahr an, aus dem leider nichts geworden ist: Die Glocke zum Beispiel ist a) von Schiller, b) von 1799 und c) wie der Name sagt, keine Ballade.

Es schien unnötig, hier alle Volltexte zu wiederholen. Goethe- und Schiller-Balladen sind für mancher Leute Geschmack schon viel zu gut erreichbar, weshalb sie nur verlinkt sind; mit geeigneten Einzelgedichten haben wir uns hier schon beschäftigt und werden darin bei Gelegenheit fortfahren, weil uns niemand scheucht und wir rein dem Gaudium verhaftet sind. — Das Bildmaterial nähert sich mit der Münchner Glyptothek der klassizistischen Tonart vieler der erwähnten Balladen an.

Ulrich Gerndt, 26. März 2017

——— Schiller an Goethe:

Jena den 22. September 1797.

Ihr Brief nebst seinem Anhang hat uns wieder große Freude gemacht. Das Lied ist voll heiterer Laune und Natur. Mir däucht, daß diese Gattung dem Poeten schon dadurch sehr günstig sein müsse, daß sie ihn aller belästigenden Beiwerke, dergleichen die Einleitungen, Uebergänge, Beschreibungen etc. sind, überhebt und ihm erlaubt, immer nur das Geistreiche und Bedeutende an seinem Gegenstand mit leichter Hand oben wegzuschöpfen.

Stefan Hartl, Reading the visitor's information booklet, 10. Februar 2008Hier wäre also schon wieder der Ansatz zu einer neuen Sammlung, der Anfang einer „unendlichen“ Reihe: denn dieses Gedicht hat, wie jede gute Poesie, ein ganzes Geschlecht in sich, durch die Stimmung die es gibt und durch die Form die es aufstellt.

Ich wäre sehr begierig gewesen, den Eindruck, den Ihr Hermann auf meine Stuttgarter Freunde gemacht, zu beobachten. An einer gewissen Innigkeit des Empfangens hat es sicher nicht gefehlt, aber so wenige Menschen können das Nackende der menschlichen Natur ohne Störung genießen. Indessen zweifle ich gar nicht, daß Ihr Hermann schlechterdings über alle diese Subjectivitäten triumphiren wird, und dieses durch die schönste Eigenschaft bei einem poetischen Werk, nämlich durch sein Ganzes, durch die reine Klarheit seiner Form und durch den völlig erschöpften Kreis menschlicher Gefühle.

Mein letzter Brief hat Ihnen schon gemeldet, daß ich die Glocke liegen lassen mußte. Ich gestehe daß mir dieses, da es einmal so sein mußte, nicht so ganz unlieb ist. Denn indem ich diesen Gegenstand noch ein Jahr mit mir herumtrage und warm halte, muß das Gedicht, welches wirklich keine kleine Aufgabe ist, erst seine wahre Reife erhalten. Auch ist dieses einmal das Balladenjahr, und das nächste hat schon ziemlich den Anschein das Liederjahr zu werden, zu welcher Classe auch die Glocke gehört.

Indessen habe ich die letzten acht Tage doch für den Almanach nicht verloren. Der Zufall führte mir noch ein recht artiges Thema zu einer Ballade zu, die auch größtentheils fertig ist und den Almanach, wie ich glaube, nicht unwürdig beschließt. Sie besteht aus 24 achtzeiligen Strophen, und ist überschrieben: Der Gang nach dem Eisenhammer, woraus Sie sehen daß ich auch das Feuerelement mir vindicirt habe, nachdem ich Wasser und Luft bereist habe. Der nächste Posttag liefert es Ihnen, nebst dem ganzen Almanach, gedruckt.

Ich wünsche nun sehr, daß die Kraniche in der Gestalt, worin Sie sie jetzt lesen, Ihnen Genüge thun mögen. Gewonnen haben sie ganz unstreitig durch die Idee, die Sie mir zu der Exposition gegeben. Auch denke ich hatte die neue Strophe, die ich den Furien noch gewidmet, zur genauen Bezeichnung derselben anfänglich noch gefehlt.

Kants kleinen Tractat habe ich auch gelesen, und obgleich der Inhalt nichts eigentlich neues liefert, mich über seine trefflichen Einfälle gefreut. Es ist in diesem alten Herrn noch etwas so wahrhaft jugendliches, das man beinah ästhetisch nennen möchte, wenn einen nicht die greuliche Form, die man einen philosophischen Canzleistil nennen möchte, in Verlegenheit setzte. Mit Schlossern kann es sich zwar so verhalten, wie Sie meinen, indessen hat seine Stellung gegen die kritischen Philosophen so etwas bedenkliches, daß der Charakter kaum aus dem Spiele bleiben kann. Auch kann man, däucht mir, bei allen Streitigkeiten, wo der Supernaturalism von denkenden Köpfen gegen die Vernunft vertheidigt wird, in die Ehrlichkeit ein Mistrauen setzen: die Erfahrung ist gar zu alt und es läßt sich überdem auch gar wohl begreifen.

Wir genießen jetzt hier sehr schöne Herbsttage; bei Ihnen mag wohl noch ein Rest von Sommer zu spüren sein. In meinem Garten werden schon große Anstalten gemacht, ihn für die künftigen Jahre recht zu verbessern. Uebrigens hatten wir keine schlechte Obstärnte, wobei Karl uns nicht wenig Spaß machte.

Wir zweifeln, bei dem zweifelhaften Ansehen des Kriegs und Friedens, noch immer an der nahen Ausführung Ihrer italienischen Reise, und geben zuweilen der Hoffnung Raum, daß wir Sie früher als wir erwarten durften, wieder bei uns sehen könnten.

Leben Sie recht wohl und Meyern sagen Sie die freundschaftlichsten Grüße von uns. Herzlich wünschen wir Ihnen Glück zu Ihrer Wiedervereinigung. Meine Frau grüßt Sie aufs beste.

Sch.

Glyptothek, Ulrich Gerndt, 15. Juni 2016

Ab hier bitte ich auch um die Aufmerksamkeit meiner Leser — das sind Sie. Korrekturen in der zeitlichen Einordnung und Gruppierung, zusätzliche Einträge und verbesserte Links kann ich ständig vornehmen, dann hat die folgende Liste das Zeug zum Masterpost für Goethe- und Schiller-Balladen.

Glyptothek, The Nightstalker, 16. Januar 2010

  1. Goethe: Pygmalion, eine Romanze, 1767;
  2. Goethe. Heidenröslein, vor 1783;
  3. Goethe: Der König in Thule, um 1774;
  4. Goethe: Der untreue Knabe, um 1774;
  5. Goethe: Das Veilchen, 1775;
  6. Goethe: Vor Gericht, um 1775;
  7. Goethe: Klaggesang von der edlen Frauen des Asan Aga, aus dem Morlackischen, Nachdichtung aus dem Serbischen um 1775;
  8. Goethe: Der Fischer, um 1778;
  9. Goethe: Erlkönig, 1782;
  10. Schiller: Die Rache der Musen, eine Anekdote vom Helikon, 1782;
  11. Schiller: Wunderseltsame Historia des berühmten Feldzuges als welchen Hugo Sanherib, König von Assyrien, ins Land Juda unternehmen wollte aber unverrichteter Dinge wieder einstellen mußte. Aus einer alten Chronika gezogen und in schnakische Reimlein bracht von Simon Krebsauge, Baccalaur, 1782;
  12. Goethe: Mignon, um 1783;
  13. Goethe: Der Sänger, vermutlich 1783;
  14. Goethe: Die Spinnerin, 1795;
  15. Schiller: Das verschleierte Bild zu Sais, 1795;
  16. Goethe: Der Edelknabe und die Müllerin, 26. August 1797;
  17. Goethe: Der Junggesell und der Mühlbach, 4. September 1797;
  18. Goethe: Der Müllerin Reue, 7. September 1797;
  19. Goethe: Der Müllerin Verrath, Juni 1798;
  20. Glyptothek, Andrei S., Faces, 6. Juli 2008

    Musenalmanach für das Jahr 1798, herausgegeben von Schiller, Tübingen, in der J. G. Cottaischen Buchhandlung, 1797 („Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.“):

    1. Goethe: Der neue Pausias und sein Blumenmädchen (Seite 1);
    2. Schiller: Der Ring des Polykrates. Ballade (Seite 24);
    3. Goethe: Der Zauberlehrling. Romanze (Seite 32);
    4. Schiller: Der Handschuh. Erzählung (Seite 41);
    5. Goethe: Der Schatzgräber (Seite 46);
    6. Goethe: Die Braut von Corinth. Romanze (Seite 88);
    7. Schiller: Ritter Toggenburg. Ballade (Seite 105);
    8. Schiller: Elegie an Emma (Seite 115);
    9. Schiller: Der Taucher. Ballade (Seite 119);
    10. Schiller: Reiterlied aus dem Wallenstein (Seite 137);
    11. Goethe: Legende (Seite 144);
    12. Schiller: Die Urne und das Skelet (Seite 147);
    13. Schiller: Das Regiment (Seite 156);
    14. Goethe: An Mignon (Seite 179);
    15. Goethe: Der Gott und die Bajadere. Ind. Legende (Seite 188);
    16. Schiller: Die Worte des Glaubens (Seite 221);
    17. Goethe: Erinnerung (Seite 223);
    18. Schiller: Nadoweßische Todtenklage (Seite 237);
    19. Schiller: Der Obelisk u. s. w. (Seite 240);
    20. Goethe: Abschied (Seite 241);
    21. Schiller: Die Peterskirche (Seite 255);
    22. Schiller: Licht und Wärme (Seite 258);
    23. Schiller: Breite und Tiefe (Seite 263);
    24. Schiller: Die Kraniche des Ibycus. Ballade (Seite 267);
    25. Goethe: Der neue Amor (Seite 287);
    26. Schiller: Das Geheimniß (Seite 299);
    27. Schiller: Der Gang nach dem Eisenhammer. Ballade (Seite 306);

    Glyptothek, Andrei S.: Beauty in Stone, 6. Juli 2008

  21. Goethe: Das Blümlein Wunderschön. Lied des gefangnen Grafen, 16. Juni 1798;
  22. Schiller: Der Kampf mit dem Drachen, zweite Augusthälfte 1798;
  23. Schiller: Die Bürgschaft, Ende August 1798;
  24. Goethe: Die erste Walpurgisnacht, Mai 1799: als Ballade bezeichnet, als Vorlage für eine weltliche Kantate geplant, daher nur mit rudimentärer Handlung, vertont von Felix Mendelssohn Bartholdy, 1833;
  25. Goethe: Die erste Walpurgisnacht, 30. Juli 1799;
  26. Schiller: Hero und Leander, Juni 1801;
  27. Schiller: Kassandra, erste Jahreshälfte 1802;
  28. Goethe: Hochzeitlied, 1802;
  29. Goethe: Ritter Curts Brautfahrt, 1803;
  30. Goethe: Wandrer und Pächterin, 1803;
  31. Schiller:Der Graf von Habsburg, Frühjahr 1803;
  32. Schiller: Das Siegesfest, 1803;
  33. Goethe: Der Rattenfänger, Taschenbuch auf das Jahr 1804;
  34. Schiller: Der Alpenjäger, Mitte 1804;
  35. Goethe: Wirkung in die Ferne, 1808;
  36. Goethe: Johanna Sebus, 1809;
  37. Goethe: Das Tagebuch, 30. April 1810;
  38. Goethe: Der getreue Eckart, 17. April 1813;
  39. Goethe: Der Todtentanz, 21. April 1813;
  40. Goethe: Die wandelnde Glocke, 22. Mai 1813;
  41. Goethe: Ballade, 1813/1817;
  42. Goethe: Paria. Des Paria Gebet. Legende. Dank des Paria, 1821/1823.

Glyptothek, Ulrich Gerndt, Museumsshop, 26. März 2017

Bilder: Maggi-Sammeldoppelportrait: Berühmte Dichter. Deutschland: Liebig Company’s Fleisch-Extract, ca. 1900, via Dieter Borchmeyer: DuMont Schnellkurs Goethe. Goethes Allianz mit Schiller (1794-1805);
die Impressionen aus der Münchner Glyptothek sind von:

  1. Ulrich Gerndt, 26. März 2017;
  2. Stefan Hartl: …reading the visitor’s information booklet…, 10. Februar 2008;
  3. Ulrich Gerndt, 15. Juni 2016;
  4. The Nightstalker, 16. Januar 2010;
  5. Andrei S.: Faces…, 6. Juli 2008;
  6. Birgit & Heiner Seidl: Family Business, 23. Juli 2006;
  7. Andrei S.: Beauty in Stone, 6. Juli 2008;
  8. Jota Konstantinidou: Fräulein Ikon, 12. Februar 2012;
  9. Ulrich Gerndt: Museumsshop, 26. März 2017;
  10. Helga Gilge: Athena, 11. Januar 2014.

Glyptothek. Helga Gilge, Athena, 11. Januar 2014

Soundtrack: die komplette Tanz-Performance Contemporary Dance Meets Ancient Times mit Beate Kucza und Smaragda Siouti; Musik: Tülin Calik, Glyptothek München 2014 (in den Häusern des Museumsviertels finden Besucher übrigens normalerweise keinen barfüßigen Einlass und werden von der Security schon angefallen, wenn einem im Saal des Barberinischen Fauns eine hastigere Handbewegung als Bleistiftstricheln unterläuft):

Bonus Track, weil Musik nebenbei Spaß machen soll: Ruby Throat (i. e . KatieJane Garside, die kleine Schnelle von den weiland Daisy Chainsaw): Barebaiting, aus: Out of a Black Cloud Came a Bird, 2009:

He cut it out stitch by stitch
in my fallopian grip,
I hang the dead meat on his tree.
And as I screeched through the night,
he said, „My wife fell on that knife“,
he coughed and he coughed until he bleed.

So when you going to learn?
When will you tend to these burns?
When will you wake from this hell?
You can put it in a song,
but that won’t change what’s wrong,
no, it won’t give you the key to the cell.
You know that it’s true,
but of course it’s up to you —
Still he doesn’t love you.

Sehr balladesk, gell?

Written by Wolf

26. Mai 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

In dürren Blättern säuselt der Wind

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile
und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

Ernst Kutzer, Postkarte Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten, gelaufen. Datiert und Poststempel 1914, GoethezeitportalSeriöse Bestandsaufnahmen der Vertonungen von Goethes Erlkönig von 1782 kommen regelmäßig auf etwas um 30 Versionen. Nicht alle davon sind sinnvoll als Tonaufnahme oder auch nur als Partitur aufzutreiben. Während sich die Kompositionen bis tief in die deutsche Romantik hinein gegenseitig überholen und geradezu überdecken, ist die Schaffenspause zwischen 1865 und der Postmoderne 1999 umso auffallender.

Zugegeben hat mich persönlich Goethes Original (das er bei Herder gelernt hat) nie sonderlich beeindruckt, später hat er ganz objektiv bessere gebracht: zu gewollt, zu fremd, erwartbare Pointe, und wenn man zu genau hinschaut, glatte Verharmlosung der Kindesmisshandlung mit Todesfolge, wenn nicht gar, bei boshafter Auslegung, Verherrlichung von Pädophilie.

Aus den e-musikalischen Vertonungen lässt mich allerdings der instrumentale Geigenmuckel von Heinrich Wilhelm Ernst offenen Mundes staunen, dass sowas schon mal ein Mensch gestemmt hat, auch wenn sich allein innerhalb YouTube überraschend viele Teufelsgeiger (und -geigerinnen!) finden, die sich wacker schlagen. Aus der Postmoderne mag ich Falkenstein aus Urdarbrunnen am liebsten: Die respektieren die Vorlage, ohne daran herumzumodernisieren, und kommen ohne Ausdruckstanz in Lack- und Lederbikinis aus. Alles, was sonst schon Schlagzeug verwendet, ist zur Not dem Gothic zuzuordnen und in der Affigkeit allenfalls graduell unterschiedlich.

Erlkönig Kinderfahrrad, 1. April 2015

  1. Corona Schröter: Erlkönig, 1782. Kevin bemerkt in seiner Hausarbeit Vertonungen des Erlkönigs sehr hellsichtig:

    Sie komponierte ein durchgängiges Strophenlied zu dem Text Goethes. Dabei hält sie die Melodie recht einfach, was man beispielsweise daran erkennt, dass der Ambitus mit einer Oktav und einer Sekund geringer ist als bei den übrigen Vertonungen. Der Hörer legt durch die einfache Melodie das Augenmerk vor allem auf den Text. Außerdem hält sich Schröter an den Rhythmus im „Erlkönig“ und schreibt ihr Lied im ungeraden Takt. Dies könnten Gründe dafür sein, dass Goethe das Werk gefallen hat.

    Kritisieren kann man, dass die Melodie zum Beispiel beim Tod des Jungen viel zu fröhlich klingt. Das Problem kommt dadurch zu Stande, dass das Lied ein Strophenlied ist und es so eine Einheitsmelodie für alle Strophen gibt.

  2. Andreas Romberg: Erlkönig, 1793.
  3. Johann Friedrich Reichardt: Erlkönig, 1794.

  4. Carl Friedrich Zelter: Erlkönig, 1797.

  5. Gottlob Bachmann: Erlkönig, 1798/1799.

  6. Friedrich Methfessel: Erlkönig, 1805.
  7. Bernhard Klein: Erlkönig, 1815/1816.
  8. Postkarte Wer reitet so spät durch Nacht und Wind. Mit Noten, Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen, ca. 1920, GoethezeitportalFranz Schubert: Erlkönig, Opus 1, Deutsch-Verzeichnis 328, 1815, Uraufführung 7. März 1821 in Wien.

    Das ist bis heute die bekannteste Vertonung geblieben. Goethe kannte sie. Er mochte sie nicht. — Erneut Kevin:

    Erst Franz Schubert löst sich vom Strophenlied und dem Rhythmus des Erlkönigs. Bei ihm steht nicht mehr länger der Text, sondern die Melodie im Vordergrund. Diese ist kunstvoll gestaltet, worauf der große Ambitus und zahlreiche Crescendi bzw. Decrescendi hinweisen. Schubert verfasst ein ausgedehntes Vorspiel, einige Zwischenspiele und ein, wenn auch kurzes, Nachspiel. Neben dem Tonartwechsel hat vor allem die Begleitung große Beachtung verdient. Die Singstimme wird ostinat mit Triolen begleitet, die erst beim Tod des Knaben verstummen. Das Trauermotiv kurz vor Ende verstärkt die Intention.

    Dietrich Fischer-Dieskau, Klavier: Gerald Moore, 1951:

  9. Carl Loewe: 3 Balladen, Opus 1, 1.: Erlkönig, 1824.

    Goethe kannte sie. Er mochte sie.

    ——— Carl Ludwig Schleich: Besonnte Vergangenheit, 1920,
    Kapitel 20: Erinnerungen an Richard Dehmel:

    Dehmel liebte die Musik über alles, und ich habe ihn oft erfreuen können mit dem Vortrag Löwescher Balladen, von denen der „Edward“ ihn oft zur hellen Begeisterung fortriß. Conrad Ansorge begleitete mich meisterhaft. Er stellte Löwes „Erlköni“«, wie so viele, weit über den Schuberts und behauptete, Schubert habe den dämonischen Trieb zur Knabenliebe, den Goethe gestalten wollte, gar nicht verstanden, ihm fehle das unheimlich Sadistische in der Musik, wie denn auch Schuberts „Ganymed“ aus dem gleichen Grunde völlig mißverstanden sei. Erst Hugo Wolf habe diese naive, griechische Dämonie des Jupiter richtig erfaßt und vertont. Was waren das schöne Abende im Hause seines späteren Schwiegervaters mit seiner sehr klugen und grundgütigen Gattin, die sonderbarerweise nie recht an den Stern Dehmels glauben wollte.

    Hans Hotter, Klavier: Gerald Moore, 1957:

  10. Max Eberwein: Erlkönig, 1826.
  11. Anselm Hüttenbrenner: Erlkönig-Walzer, 1829.

    Cyprien Katsaris:

  12. Louis Spohr: Erlkönig, Opus 154, Nummer 4, 1856.

    Einzige Bearbeitung für Klavier und Violine und in Viertel- statt Achteltakt, also getragener als alle anderen in Allegro non troppo.

    Die sechs Lieder op. 154 sind in dem Zeitraum April bis August 1856 in Kassel komponiert worden und in Louis Spohrs eigenem Werkverzeichnis mit der Nr. 260 notiert. Op. 154 ist Spohrs letztes Liederheft, bei dem er noch einmal „sein Instrument“, die Violine, wirkungsvoll als Soloinstrument einsetzt.

    Dietrich Fischer-Dieskau, Bariton; Hartmut Höll, Klavier; Dmitry Sitkowetsky, Violine:

  13. Heinrich Wilhelm Ernst: Caprice für Violine allein, Opus 26, ca. 1865.

    Transkription des Schubert-Liedes für Solo-Violine. Extrem schwierig zu spielen, weil tatsächlich jeder der vier vorhandenen Geigensaiten eine vollwertige Stimme zugeordnet ist: Man spielt quasi alleine ein Streichquartett.

    Hillary Hahn:


    Und als Zuckerl für die Notenleser unter uns: das Versprechen, dass man auch ohne so sportliche Fingerübungen ein erfülltes Musikleben führen kann:

  14. Hypnotic Grooves featuring Jo Van Nelsen: Der Erlkönig, aus: Rosebud: Songs of Goethe and Nietzsche, 1999:

  15. Forseti: Erlkönig, aus: Jenzig, 1999:

  16. Daniel Bill: Erlkönig, aus: Screaming in the Night, 2000:

  17. Achim Reichel: Erlkönig, aus: Wilder Wassermann, 2002:

  18. Scarecrow featuring Stefan „Das Ich“ Ackermann und Mike Oldfield: Tubular Bells, 1973, in: Erlkönig, 2003, aus: Outcry, 2002. Regie: Patrick v. Ollrath, Avantgarde Films 2004, 3. Platz auf der Visionale Frankfurt 2003.

    2003 lag es offenbar nahe, seinen Erlkönig als Ophelia-Figur zu gestalten, weil jedem noch The Ring von 2002 in den Knochen steckte. Die Hauptfigur Samara Morgan (Daveigh Chase, übrigens die Samantha aus Donnie Darko) trug die Haare ebenso derangiert übers Gesicht gekämmt, und der Psychohorror über den ganzen Film gilt als besonders wirkungsvoll (der aus dem Exorzist von 1973 auch, der wiederum — nächste Parallele — ebenfalls Tubular Bells von Mike Oldfield als Filmmusik verwendet). Als Regiedebüt für einen deutschen Kurzfilmer geht diese Version also klar. Seitdem hat er offenbar viel dazugelernt: Für seinen Alles wird gut ist die Liste von Auszeichnungen länger als die Inhaltsangabe und schließt eine Oscar-Nominierung 2016 als bester Kurzfilm ein.

  19. Rammstein: Dalai Lama, aus: Reise, Reise, 2004:

  20. Josh Ritter: The Oak Tree King, live auf dem Verbier Festival 2007:

  21. Falkenstein: Erlkönig, aus: Urdarbrunnen, 2008;

  22. Dracul: Erlkönig, aus: Follow Me, 2009:

  23. Leichenwetter: Erlkönig, aus: Legende, 2010:

  24. Hope Lies Within: Der Erlkönig, 2012:

    Auch in englischer Version:

  25. Maybebop: Erlkönig, 2013. A-cappella-Version über Schubert:

  26. Minotaurus: Erlkönig, eHrlebnisfilm 2013.

  27. The Band D: Erlkönig, Live-Performance für SNEAKY BLACK Turntable Stories, November 2016:

Wer reitet so spät pp.:

  1. Ernst Kutzer: Postkarte Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten, gelaufen. Datiert und Poststempel 1914;
  2. Postkarte Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Mit Noten, Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen, ca. 1920,

via Jutta Assel/Georg Jäger: Goethe-Motive auf Postkarten und in der bildenden Kunst. Eine Dokumentation, April 2016.

Erlkönig extreme bike Logo, 1. April 2015

Der Knabe lebt, das Pferd ist tot: Erlkönig Kinderfahrrad, gestreetarted in München, 1. April 2015.

Written by Wolf

28. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

Frankfurter Osterspaziergang

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Update zu Die besten Saufbrüder sind gestorben:

Lebenslust und Konsumfreude atmet der Faust nicht erst in Auerbachs Keller. Um Trunk und sonstige Annehmlichkeiten geht es schon kurz vor dem Osterspaziergang, der Faust mit seinem vorläufigen, auf längere Sicht unzureichenden Sidekick und Famulus Wagner unmittelbar Wagners Ablösung zuführen wird: Mephisto.

Für heute bleiben wir im lebenslustigen, konsumfreudigen Teil. Laut Albrecht Schöne in der bis auf weiteres besten Faust-Ausgabe ist

Bemerkenswert die für das Drama dieser Zeit ganz ungewöhnliche Reihung ihrer abgerissen unvollständigen Gesprächsfetzen […], die der Zuschauer/Leser wahrnimmt, als zögen diese Spaziergänger an ihm vorüber.

Das erwähnte „Jägerhaus“, in das die Studenten streben, ist das Forsthaus bei Sachsenhausen, heute geführt als Oberschweinstiege:

Das Restaurant Oberschweinstiege hat eine sehr lange Tradition. Der Name stammt von zwei Forstbezirken des Frankfurter Stadtwalds. Der zwischen Sachsenhausen und Neu-Isenburg gelegene Abschnitt wurde als „Oberwald“, der zwischen Schwanheim und dem heutigen Flughafen als „Unterwald“ bezeichnet. Vom 14. bis in 19. Jahrhundert wurden die Schweine der Frankfurter Bürger in diese Waldstücke getrieben, damit sie sich noch vor dem nahenden Winter an Eicheln satt fressen konnten. Erstmals erwähnt wurde die Oberschweinstiege im Jahr 1592, seit 1779 gab es ein Forsthaus. Nachdem der Förster eine Schankerlaubnis erhalten hatte, wurde die Oberschweinstiege schnell zum beliebten Frankfurter Ausflugsziel.

Die „Mühle“ ist die Gerbermühle, die es noch gibt:

Die Geschichte der Gerbermühle ist lang und ereignisreich. Im 14. Jahrhundert wurde auf dem malerischen Flecken Erde am linken Mainufer ein Lehngut erbaut. Damit wurde der Grundstein für eine lange und bewegte Geschichte gelegt, die die Gerbermühle zu einem historisch bedeutsamen Teil Frankfurts gemacht hat. Im 16 Jahrhundert wurde die Getreidemühle errichtet. Im 17. Jahrhundert wurde das Gebäude als Gerberei genutzt. Diese beiden ehemaligen Funktionen des einstigen Lehnguts gaben ihm den Namen Gerbermühle, der bis heute erhalten geblieben ist.

Seine historische Bedeutung erhielt das Gebäude jedoch erst durch den Frankfurter Bankier Johann Jakob von Willemer, der die Gerbermühle im Jahre 1785 als privaten Sommersitz gepachtet und umgebaut hat. Willemer, der mit Goethe befreundet war, lud diesen erstmals im Jahre 1814 zu einem Besuch ein, bei dem Goethe die Bekanntschaft mit Marianne, der Ziehtochter Willemers, machte.

Zwischen den beiden entwickelte sich eine innige Beziehung, die Goethe zu weiteren und ausgiebigeren Besuchen der Gerbermühle animierte. Im Jahre 1815 verweilte er fast einen ganzen Monat in der Gerbermühle, wo er auch seinen 66. Geburtstag feierte.

Sowohl Marianne, als auch die pittoreske Landschaft inspirierten ihn zu seinem Gedicht „Ginkgo biloba“, dass [sic…] er Marianne, die von ihrem Ziehvater Johann Jakob von Willemer inzwischen geehelicht wurde, mit Ginkgo-Blättern verziert, zukommen ließ.

Drei Lieder aus Goethes Werk „West-östlicher Diwan“ stammen aus Mariannes Feder, die der Dichter stillschweigend in seine Publikation aufnahm.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Gerbermühle von der Stadt Frankfurt saniert und als Ausflugslokal genutzt. Der 2. Weltkrieg verschonte leider auch die abgelegene Gastwirtschaft nicht. Bis auf die Grundmauern zerstört, wurde die Gerbermühle erst in den 70er Jahren erneut aufgebaut.

2001 erwarb Werner Kindermann die baufällige Gerbermühle. Damit war der Weg frei für eine gründliche Sanierung und zahlreiche Um- und Ausbaumaßnahmen, deren Ergebnisse sich mehr als sehen lassen können. Die Gerbermühle ist wieder da und um eine Attraktion reicher. Das kleine aber edle Hotel macht aus der ehemaligen Sommerresidenz wieder einen Ort zum Verweilen.

Außerdem zeigen sie jedem, der Wert auf dergleichen legt, „alle Spiele unserer Eintracht Frankfurt live in der Turmbar.“

Der „Wasserhof“ stand unmittelbar neben der Gerbermühle und ist leider nur noch durch Wikipedia genauer belegt:

Die als Wassermühle gebaute Gerbermühle gehörte zum Wasserhof, ein befestigter Gutshof im sumpfigen, von vielen Wasseradern durchzogenen Gelände zwischen dem Fluss Main im Norden und dem Dorf Oberrad im Süden. Die Ausstattung des Hofes mit einer Mühle deutet darauf hin, dass die zum Gutshof gehörenden Felder genügend Erträge erbrachten, um den Betrieb einer eigenen Getreidemühle zu rechtfertigen. Der Wasserhof war Teil eines Lehnguts, das ursprünglich im Jahr 1311 als „curia […] allodium sita in villa Roden prope Frankenvort“ (Hof beziehungsweise Allod, – freies Eigentum – gelegen im Dorf Rad bei Frankfurt) von Philipp von Falkenstein und Philipp von Münzenberg begründet wurde. Diese belehnten im selben Jahr eine Frankfurter Familie von Ovenbach (Offenbach) mit dem Hof. Die Besitzer dehnten das Erbrecht am Lehen auf weibliche Nachkommen der Lehnsnehmer aus („Frauenlehen“); die Erträge des Wasserhofes sicherten den Lebensunterhalt der unverheirateten Töchter der Lehensträger.

„Burgdorf“ ist das Dorf Bergen, heute Frankfurts östlichster Stadtteil Bergen-Enkheim.

Schöne bezieht sich bei seinen lokalen Zuordnungen auf Ernst Beutler: Goethe. Faust und Urfaust, erläutert von Ernst Beutler (zuerst 1939), zweite erneuerte Auflage, Leipzig 1940 u. ö. (Sammlung Dieterich, Band 25).

Der ganze Teil Vor dem Tor samt Osterspaziergang fehlt noch im heute (schon gar nicht mehr) so genannten Urfaust und im Faust-Fragment; man darf also sagen, der alte Goethe hat in der Endfassung Faust. Eine Tragödie seiner — wie gesagt — lebensfrohen und konsumfreudigen Jugend ein Denkmal gesetzt. Unser Ausschnitt bricht dort ab, wo er selbstverständlich als auswendig bekannt vorausgesetzt werden darf. Danach kommt wieder Erdenschwere.

Peter von Cornelius, Faust und Wagner unter den Spaziergängern vor dem Tore, 1826

——— Goethe:

Faust I

Vers 808 bis 903:

Vor dem Thor.

Spaziergänger aller Art ziehen hinaus.

Einige Handwerksbursche.
Warum denn dort hinaus?

Andre.
Wir gehn hinaus auf’s Jägerhaus.

Die Ersten.
Wir aber wollen nach der Mühle wandern.

Ein Handwerksbursch.
Ich rath’ euch nach dem Wasserhof zu gehn.

Zweyter.
Der Weg dahin ist gar nicht schön.

Die Zweyten.
Was thust denn du?

Ein Dritter.
Ich gehe mit den andern.

Vierter.
Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr
Die schönsten Mädchen und das beste Bier,
Und Händel von der ersten Sorte.

Fünfter.
Du überlustiger Gesell,
Juckt dich zum drittenmal das Fell?
Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte.

Dienstmädchen.
Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zurück.

Andre.
Wir finden ihn gewiß bey jenen Pappeln stehen.

Erste.
Das ist für mich kein großes Glück;
Er wird an deiner Seite gehen,
Mit dir nur tanzt er auf dem Plan.
Was gehn mich deine Freuden an!

Andre.
Heut ist er sicher nicht allein,
Der Krauskopf, sagt er, würde bey ihm seyn.

Schüler.
Blitz wie die wackern Dirnen schreiten!
Herr Bruder komm! wir müssen sie begleiten.
Ein starkes Bier, ein beizender Toback,
Und eine Magd im Putz das ist nun mein Geschmack.

Bürgermädchen.
Da sieh mir nur die schönen Knaben!
Es ist wahrhaftig eine Schmach,
Gesellschaft könnten sie die allerbeste haben,
Und laufen diesen Mägden nach!

Zweyter Schüler zum ersten.
Nicht so geschwind! dort hinten kommen zwey,
Sie sind gar niedlich angezogen,
’s ist meine Nachbarin dabey;
Ich bin dem Mädchen sehr gewogen.
Sie gehen ihren stillen Schritt
Und nehmen uns doch auch am Ende mit.

Erster.
Herr Bruder nein! Ich bin nicht gern genirt.
Geschwind! daß wir das Wildpret nicht verlieren.
Die Hand, die Samstags ihren Besen führt,
Wird Sontags dich am besten caressiren.

Bürger.
Nein, er gefällt mir nicht der neue Burgemeister!
Nun, da er’s ist, wird er nur täglich dreister.
Und für die Stadt was thut denn er?
Wird es nicht alle Tage schlimmer?
Gehorchen soll man mehr als immer,
Und zahlen mhr als je vorher.

Bettler singt.
Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen,
So wohlgeputzt und backenroth,
Belieb’ es euch mich anzuschauen,
Und seht und mildert meine Noth!
Laßt hier mich nicht vergebens leyern!
Nur der ist froh, der geben mag.
Ein Tag den alle Menschen feyern,
Er sey für mich ein Aerndetag.

Spaziergang am Ostersonntag. Holzstich nach dem Gemälde von J. Wichmann. Aus der Gartenlaube 1885. In Goethes Faust mit einer Einleitung von Max von Boehn. Berlin im Askanischen Verlag Carl Albert Kindle, 1924Andrer Bürger.
Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feyertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrey,
Wenn hinten, weit, in der Türkey,
Die Völker auf einander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man Abends froh nach Haus,
Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.

Dritter Bürger.
Herr Nachbar, ja! so laß ich’s auch geschehn,
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durch einander gehn;
Doch nur zu Hause bleib’s beym Alten.

Alte zu den Bürgermädchen.
Ey! wie geputzt! das schöne junge Blut!
Wer soll sich nicht in euch vergaffen? –
Nur nicht so stolz! es ist schon gut!
Und was ihr wünscht das wüßt’ ich wohl zu schaffen.

Bürgermädchen.
Agathe fort! ich nehme mich in Acht
Mit solchen Hexen öffentlich zu gehen;
Sie ließ mich zwar, in Sanct Andreas Nacht,
Den künftgen Liebsten leiblich sehen.

Die Andre.
Mir zeigte sie ihn im Krystall,
Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen;
Ich seh’ mich um, ich such’ ihn überall,
Allein mir will er nicht begegnen.

Soldaten.
     Burgen mit hohen
     Mauern und Zinnen,
     Mädchen mit stolzen
     Höhnenden Sinnen
     Möcht’ ich gewinnen!
     Kühn ist das Mühen,
     Herrlich der Lohn!

     Und die Trompete
     Lassen wir werben,
     Wie zu der Freude,
     So zum Verderben.
     Das ist ein Stürmen!
     Das ist ein Leben!
     Mädchen und Burgen
     Müssen sich geben.
     Kühn ist das Mühen,
     Herrlich der Lohn!

     Und die Soldaten
     Ziehen davon.

Faust und Wagner.

Faust.
Vom Eise befreyt sind Strom und Bäche, […]

Breaking News: Helene „Mir doch wurscht, von wem das ist“ Hegemann:
Wie hypermodern Goethes Osterspaziergang ist,
in: Die Welt, 15. Apil 2017, Lesedauer: 4 Minuten.

Franz Simm, Vor dem Thor, ca. 1900

BIlder:

  1. Peter von Cornelius: Faust und Wagner unter den Spaziergängern vor dem Tore, 1826;
  2. Spaziergang am Ostersonntag. Holzstich nach dem Gemälde von J. Wichmann. Aus der Gartenlaube 1885. In: Goethes Faust mit einer Einleitung von Max von Boehn. Berlin im Askanischen Verlag Carl Albert Kindle, 1924;
  3. Franz Simm: Vor dem Thor, ca. 1900,

alle via Jutta Assel/Georg Jäger: Illustrationen zu Szenen aus Goethes Faust: Vor dem Tor / Osterspaziergang, April 2011.

Soundtracks: Irving Berlin as sung by Judy Garland and Fred Astaire:
I Love A Piano, Snookey Ookums, and The Ragtime Violin,
from: Easter Parade (deutsch: Osterspaziergang), 1948:

Written by Wolf

17. April 2017 at 01:21

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

Nachtstück 0007: Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren (was niemand hören wollte)

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Johann Heinrich Füssli, Der Nachtmahr, 1781, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

Update zum Nachtstück 0006: Nachtstück 0006: Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu und zu den vier unbekannten Mengen
nach Idee, Vorschlag und Motiven unseres Lesers Thomas Faulhaber

mit Bildmaterial nach Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr, 1781:

Borgman, Alex van Warmerdam, 2013, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

——— Faust 1, Zueignung, Vers 17 ff.:

Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang;
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
Verklungen ach! der erste Widerklang.
Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,
Ihr Beyfall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

——— Faust 2, Weitläufiger Saal, mit Nebengemächern, verziert und aufgeputzt zur Mummenschanz, Vers 5295 ff.:

Satyriker.
Wißt ihr was mich Poeten
Erst recht erfreuen sollte?
Dürft ich singen und reden
Was niemand hören wollte.

(Die Nacht- und Grabdichter lassen sich entschuldigen, weil sie so eben im interessantesten Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren begriffen seyen, woraus eine neue Dichtart sich vielleicht entwickeln könnte; der Herold muß es gelten lassen und ruft indessen die griechische Mythologie hervor, die, selbst in moderner Maske, weder Charakter noch Gefälliges verliert.)

Vampyr, Carl Th. Dreyer, 1932, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

Soundtrack: Anton Bruckner: Nullte Symphonie, WAB 100, 1869,
besonders der 2. Satz: Andante:

, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

Frischerstandene Vampyre:

  1. Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr, 1781;
  2. Alex van Warmerdam: Borgman, 2013;
  3. Carl Theodor Dreyer: Vampyr – Der Traum des Allan Gray, 1932;
  4. James Whale: Frankenstein, 1931;
  5. Ken Russell: Gothic, 1986.

Ken Russell, Gorhic, 1986, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

Written by Wolf

30. März 2017 at 00:01

Volksfaust 1 & 2

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Update zu Die Litaneien des Körpers:

Sybil Volks wurde 1965 geboren, lebt als freie Autorin und Lektorin in Berlin und kennt sich deshalb in Faust- und Gretchendingen aus.

Ihr angenehm knapper Gedichtzyklus über Faust als Gretchen hätte seinen geeigneten Platz im nicht genug zu lobenden Unser Goethe der alten Haudegen F. W. Bernstein und Eckhard Henscheid gehabt, das aber zum 150. Todestag 1982 abgeschlossen war, und ergänzt jetzt als Original ähnlich passend das rar gewordene Liederlich! von Steffen Jacobs. Bitte kaufen, leihen oder entwenden Sie jemandem, der sowieso nix damit anzufangen weiß, umgehend beides und lesen Sie aufmerksam darin. Ich frage das nächstes Mal ab.

Frau Volks wirkt als Autorin und Lektorin, versprochen.

——— Sybil Volks:

Erstveröffentlichung in: Steffen Jacobs (Hg.):
Liederlich! Die lüsterne Lyrik der Deutschen, Eichborn Berlin, 2008:

Faust I

Bin weder Mädchen, weder Mann,
zieh heute andersrum mich an

Das Kleid von feinster Schlangenhaut, das Haar
von einer Höllenbraut, die Wimpern
einer abgeschaut, der Arsch
im Paradies gebaut

Die Herren sinken auf die Knie, besamen
sich die Hände, die Damen wissen
auch nicht wie ihnen geschieht am Ende

Bin zwar kein Mädchen, aber schön
Kann ungefickt
nicht nach Hause gehn

*

Faust II

Ich halt um deine Hand an
die Welt steht still
Denn deine Hand liegt in mir
und ja, ich will
Du gibst mir alle Finger
damit sich’s lohnt
Behaust ist deine Faust und
ich bin bewohnt

*

Stoya, Very Special Porn, 2016Stoya, Very Special Porn, 2016Stoya, Very Special Porn, 2016

Nicht nach Hause gehn: Stoya für Very Special Porn, 2016;
Soundtrack: Madonna (ja, ja, ich weiß …): Justify My Love, aus: The Immaculate Collection, 1990:

Written by Wolf

9. Februar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Sie sollen und müssen gerettet sein!

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Update zu Der den Wasserkothurn zu beseelen weiß:

Die Geschichte der personifizierten Zivilcourage, die eine Minderjährige, zugleich die bis heute beliebteste Bewohnerin von Kleve, in Tod geführt hat, steht ausführlich im Portal Rheinische Geschichte. Daher kann ich mich kurz fassen:

Obwohl dadurch die Überschrift des Gedichts mangels jeglicher Entsprechung mit seinem Inhalt kollidiert (ein typischer Anfängerfehler, Herr Geheimrat), heißt Johanna Sebus bei Goethe Suschen, sehr wahrscheinlich das s vom ch getrennt als Diminutiv von Susanne gesprochen, „weil ihm Hannchen nicht gefallen und Johanna wegen der von Orleans zu pathetisch gewesen“, so jedenfalls Louise Seidler brieflich im Juni 1809.

Offenbar entstand das Gedicht, weil das Fräulein Sebus auf ihrem Weg zur Ortslegende durch ihren selbstlosen Mut Goethe stark beeindruckt hat. Persönlich heißt mich die Geschichte eher vor dem Gebrauch der Zivilcourage zurückschrecken, aber eben deshalb darf man genau das nicht.

Freiheit zum Handeln bedeutet Verantwortung, Verantwortung bedeutet Schuld. Wenn ich also — mich selbst eingeschlossen — bitten darf, der jungen Johanna Sebus stets nachzueifern (außer darin, Mitte Januar barfuß im Rhein umherzuwaten).

Johanna-Sebus-Denkmal Kleve

——— Günter Voldenberg (Kleve):

Johanna Sebus (1791–1809), Lebensretterin

in: Portal Rheinische Geschichte, 30. September 2010:

Johanna Sebus aus dem niederrheinischen Brienen (heute Stadt Kleve) rettete bei der großen Flutkatastrophe im Januar 1809 zunächst ihre Mutter und kam anschließend bei dem Versuch, weitere Menschen zu retten, ums Leben. Literarischen Nachruhm bescherte ihr Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) mit seiner Ballade „Johanna Sebus“, die wiederum auf Komponisten und Schriftsteller anregend wirkte.

Johanna Sebus, Arno Grimm, um 1900Johanna Sebus wurde am 28.12.1791 als sechstes Kind der Eheleute Jacob Sebus (1748-1795) und Helena van Bentum (1753–1812) in Brienen geboren. Bereits mit drei Jahren verlor sie ihren Vater. Johanna wuchs im Hause der Mutter in der Nähe des Deiches auf. Als die Mutter erkrankte, versorgte sie diese und bestritt den gemeinsamen Lebensunterhalt als Dienstmagd und Tagelöhnerin. Ihre Geschwister hatten das Haus bereits verlassen und waren in der näheren Umgebung in Anstellung gegangen.

Die Menschen in der Niederung lebten seit Jahrhunderten mit dem jährlich wiederkehrenden Hochwasser des Rheins. Bedrohlich wurde es immer wieder dann, wenn das Hochwasser Höchststände erreichte und zusätzlich Eisgang für eine Stauung des Wassers sorgte. Diese Situation trat zu Beginn des Jahres 1809 ein. Seit dem 10. Januar war das Hochwasser außergewöhnlich gestiegen. Tag und Nacht wurden die Dämme bewacht und inspiziert, Hilfsmaterial und Kähne herbeigeschafft. Man war sich der bedrohlichen Lage nur allzu bewusst — zu präsent waren die Erinnerungen an die großen Deichbrüche und Überschwemmungen der Jahre 1784 und 1789. Auch waren die Schäden aus der Überschwemmung des Jahres 1800 noch nicht vollständig behoben.

In der Frühe des 13.1.1809 wurden die Bewohner von Brienen, Wardhausen und Rindern aus dem Schlaf gerissen: Im Bereich der Schleuse war das Wasser durchgebrochen und ergoss sich bereits bis in die Innenstadt von Kleve. In kurzer Zeit folgten drei weitere Deichbrüche in Brienen. Johanna Sebus trug ihre kranke Mutter durch das steigende Wasser auf sicheren Boden, kehrte dann nochmals zu ihrer Nachbarin Johanna van Beek und deren Kinder zurück. Als man sie davon abbringen wollte, soll sie geantwortet haben, „Um Menschleben zu retten, lässt sich schon etwas wagen!“.Johanna, die Nachbarin und die Kinder konnten sich zunächst noch auf eine nahe gelegene Erhöhung retten, dann brach der Deich unmittelbar hinter der Kirche und eine Flutwelle ergoss sich über das gesamte Dorf. Johanna, die Nachbarin van Beek und die Kinder kamen in den Fluten um. Rettungsversuche blieben erfolglos, die Verunglückten tauchten nicht wieder auf — zu stark war die Strömung.

Johanna Sebus, Friedrich Bury, 1809Die Strömung hatte auch die Fundamente der kleinen Kirche von Brienen unterspült, die schließlich zusammenstürzte und in den Fluten versank. Einige Menschen, die in der auf einer leichten Erhöhung liegenden Kirche Schutz gesucht hatten, konnten gerettet werden. Bei dem fünften Durchbruch in unmittelbarer Nähe der Kirche strömte das Wasser jedoch in die gesamte Niederung und begrub alles unter sich. Insgesamt kamen bei dieser Flutkatastrophe 22 Menschen ums Leben.

Die Leiche von Johanna Sebus wurde erst drei Monate später, am 10.4.1809, in einem Graben zwischen Rindern und der nördlich davon liegenden Mühle gefunden; sie wurde auf dem Friedhof von Rindern beerdigt. Beim Bau einer neuen, größeren Kirche wurde das Grab 1872 in die Kirche integriert. Ein Gedenkstein im Chorraum erinnert an die Ereignisse von 1809. Außerdem wurde 1912 an der Außenseite des Südchores eine bronzene Gedenktafel angebracht.

Der seinerzeitige Unterpräfekt in Kleve, Baron Karl Ludwig von Keverberg (1768–1841), hörte von der Heldentat der Johanna Sebus und pries sie in einem Bericht an seine vorgesetzte Behörde. Er schloss mit der Bitte, dass „ein einfaches und bescheidenes Denkmal der Nachwelt von der hohen Tat der Johanna Sebus künden“ möge. Die Anregung fiel bei der Regierung in Paris auf fruchtbaren Boden, und der Generaldirektor des Musée Napoléon, Dominique Vivant-Denon (1747–1825), wurde mit dem Entwurf eines Denkmals für Johanna Sebus beauftragt. Die Grundsteinlegung erfolgte am 9.6.1811 durch den Nachfolger des Barons Keverberg als Unterpräfekt in Kleve, Edmond Nicolas Gruat. Das Denkmal trägt auf der Vorderseite eine Inschrift in französischer Sprache und ein Marmor-Medaillon, das eine auf dem Wasser treibende Rose, eingefasst von zwölf Sternen, zeigt. 1953 wurde auf der Rückseite des Denkmals die Übersetzung in deutscher Sprache angebracht.

Auch das Haus von Johannas Mutter wurde im Auftrag der französischen Regierung auf Staatskosten wieder aufgebaut, was eine Gedenktafel in einem nahe gelegenen Restaurant dokumentiert. Das Haus wurde allerdings erst 1812 fertig gestellt, als die Mutter schon nicht mehr lebte; viele Jahre wurde es von Johannas Bruder Reiner bewohnt.

Neben seinem offiziellen Bericht an die vorgesetzte Behörde schrieb Keverberg an, Christiane von Vernejoul (geboren 1768), eine Bekannte von Goethe mit der Bitte, seinen Bericht dem Dichter weiterzuleiten. Frau von Vernejoul legte Goethe in einem Brief die „ausgezeichnete Handlung einer hiesigen Bäuerin, bei Gelegenheit der fürchterlichen Überschwemmung, welche vor einigen Wochen so viel Unglück in Holland, und unßerer Gegend angerichtet“ nahe. Sie fügte Keverbergs Bericht bei, der ihn noch mit weiteren Notizen zu der Heldentat der Johanna versehen hatte, und bat Goethe, „die rührende That in einer Ballade [zu] verewigen“. Goethe war von der Geschichte angetan und schrieb am 11. und 12.5.1809 die Ballade „Johanna Sebus“.

Einen ersten Entwurf schickte er an seinen Freund Carl Friedrich Zelter (1758–1832) mit der Bitte, die Ballade zu vertonen. Dieser begann zwar unverzüglich mit der Vertonung, stellte sie aber erst Anfang 1810 fertig. Johann Friedrich Reichardt (1754–1814), der ebenfalls zum Freundeskreis Goethes zählte, komponierte ein Werk für Singstimme und Pianoforte, das 1811 uraufgeführt wurde. Auch Franz Schubert (1797–1828) beschäftigte sich mit der Ballade, beendete eine begonnene Arbeit aber im April 1821 unvollendet. 1887 vertonte sie der Kölner Musikprofessor Hermann Kipper (1826–1910), und der Musiker und Maler Béla Lajos (geboren 1929) komponierte eine Oper für Johanna Sebus.

Zahlreiche weitere Künstler thematisierten die Heldentat der Johanna Sebus. So entstanden, wiederum basierend auf der Goetheschen Ballade, zahlreiche Zeichnungen und Bilder, ein Theaterstück und ein Roman. Anlässlich des 175. Todestages wurde im Jahr 1984 eine Johanna-Sebus-Medaille gestiftet, die an Personen oder Institutionen für „Hilfe in der Not“ verliehen wird. Ein Rosenzüchter aus Weinheim in der Pfalz gab 1894 einer Neuzüchtung den Namen „Johanna Sebus“; die Rose ging allerdings im Laufe der Zeit verloren. Zum 200. Todestag im Jahr 2009 wurde eine neue Rosenzüchtung nach Johanna Sebus benannt.

——— Die Gartenlaube, Heft 45, Seite 737, 1872:

Johanna Sebus, R. Risse, Gartenlaube 45, 1872Goethe selbst hat es der Nachwelt verkündet, daß es am 13. Januar 1809 war, wo eine siebenzehnjährige Jungfrau, die schöne Johanna Sebus aus dem Dorfe Brienen, ein Opfer ihres Heldenmuthes und ihrer Menschenliebe geworden. Als zu den Schrecken des Eisgangs im Rhein auch noch das Verderben durch den Dammbruch bei Cleverham hinzukam riss, rettete Johanna die Unglücklichen aus der Wassersnoth, bis sie selbst darin umkam. Das ist der Gegenstand unseres Bildes, vor dem man wieder recht schmerzlich an die Verirrung so vieler unserer Maler erinnert wird, die noch heute lieber in das Nebelgebiet der Heiligenlegende, als in das lebensvolle Buch unserer Volksgeschichte greifen, um sich die Stoffe für ihre Darstellungen zu suchen. Um so mehr freuen wir uns, daß unser Künstler mit gesundem deutschen Geist seine Wahl traf und mit seinem Bilde ein Werk lieferte von ebenso vollendeter technischer Durchführung, als geistiger Bedeutsamkeit. Auch wer das Auge nur auf die beiden Gesichter der Hauptgruppe wendet, die der Mutter und der Tochter, muß in jenem den vollen Ausdruck der Angst wie in diesem die Ruhe des Gottvertrauens und des Muthes bewundern. Wir wünschen diesem Werk recht viele ebenbürtige Nachfolger.

D. Red.

——— Goethe:

Johanna Sebus

Zum Andenken der siebzehnjährigen Schönen, Guten aus dem Dorfe Brienen, die am 13. Januar 1809 bei dem Eisgang des Rheins und dem großen Bruche des Dammes von Cleverham Hilfe reichend unterging.

Tagebuch 11./12. Mai 1809, Einzeldruck 1809, rezitiert zum 1. Jahrestag des Ereignisses:

Johanna Sebus, Frank Kirchbach, 1893     Der Damm zerreißt, das Feld erbraust,
     Die Fluthen spülen, die Fläche saust.

„Ich trage Dich, Mutter, durch die Fluth,
Noch reicht sie nicht hoch, ich wate gut.“
„Auch uns bedenke, bedrängt wir sind,
Die Hausgenossen, drei arme Kind!
Die schwache Frau! … Du gehst davon.“ –
Sie trägt die Mutter durch’s Wasser schon.
„Zum Bühle da rettet euch! harret derweil;
Gleich kehr‘ ich zurück, uns Allen ist Heil.
Zum Bühl ist’s noch trocken und wenige Schritt;
Doch nehmt auch mir meine Ziege mit!“

     Der Damm zerschmilzt, das Feld erbraust,
     Die Fluthen wühlen, die Fläche saust.

Sie setzt die Mutter auf sichres Land;
Schön Suschen gleich wieder zur Fluth gewandt.
„Wohin? Wohin? die Breite schwoll;
Des Wassers ist hüben und drüben voll.
Verwegen in’s Tiefe willst Du hinein!“
„Sie sollen und müssen gerettet sein!“

     Der Damm verschwindet, die Welle braust,
     Eine Meereswoge, sie schwankt und saust.

Schön Suschen schreitet gewohnten Steg,
Umströmt auch gleitet sie nicht vom Weg,
Erreicht den Bühl und die Nachbarin;
Doch der und den Kindern kein Gewinn!

     Der Damm verschwand, ein Meer erbraust’s,
     Den kleinen Hügel im Kreis umsaust’s.

Da gähnet und wirbelt der schäumende Schlund
Und ziehet die Frau mit den Kindern zu Grund;
Das Horn der Ziege faßt das ein‘,
So sollten sie Alle verloren sein!
Schön Suschen steht noch strack und gut:
Wer rettet das junge, das edelste Blut!
Schön Suschen steht noch, wie ein Stern;
Doch alle Werber sind alle fern.
Rings um sie her ist Wasserbahn,
Kein Schifflein schwimmet zu ihr heran.
Noch einmal blickt sie zum Himmel hinauf,
Da nehmen die schmeichelnden Fluthen sie auf.

     Kein Damm, kein Feld! Nur hier und dort
     Bezeichnet ein Baum, ein Thurm den Ort,

Bedeckt ist Alles mit Wasserschwall;
Doch Suschens Bild schwebt überall. –
Das Wasser sinkt, das Land erscheint,
Und überall wird schön Suschen beweint. –
Und dem sei, wer’s nicht singt und sagt,
Im Leben und Tod nicht nachgefragt!

Bilder: Klevischer Verein für Kultur und Geschichte e.V.: Johanna Sebus ist immer noch Kleves populärste Frau, zur Ausstellung zum 200. Todestag im Haus Koekkoek, 2009;
Arno Grimm: Johanna Sebus, Ausschnitt, um 1900, Privatbesitz Günter Voldenberg;
Friedrich Bury, 1809, via Matthias Grass: Tod in den Fluten, RP Online, 16. Juli 2009;
Nach seinem Oelgemälde auf Holz übergezeichnet von R. Risse in Düsseldorf,
in: Die Gartenlaube, Heft 45, Seite 737, 1872;
Frank Kirchbach: Johanna Sebus. Aus der Prachtausgabe von „Goethes Gedichten“,
Verlag von Adolf Titze in Leipzig, 1893.

Soundtrack: Grauzone: Eisbär, aus: Swiss Wave – The Album, 1980:

Written by Wolf

13. Januar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Himmel