Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Weil er bei den Mahlzeiten so entsetzlich isset

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Update zu Der Widersacher. Ästhetischer Gaukler vs. unnahbarer Eispalast: Braucht die Welt noch Dichterfürsten im Krähwinkel? Alles ist erlaubt und willkommen. Keine 30 Prozent der Quellen,
vor allem aber Das Beste sind die Kartoffeln und entfernt
Wunder im Gehirn. Vier Bier und ein Buch de cerevisiis:

Das Leben des Quintus Fixlein, aus funfzehn Zettelkästen gezogen, nebst einem Mustheil und einigen Jus de tablette, von Jean Paul, Verfasser der Mumien und Hundsposttage von 1794 bis 1795 ist ein Jean-Paul-typisch wildes Stückwerk, dafür dankenswert genau aufgeteilt: Das übliche Gestrüpp — „Blumenstrauß“ wäre für diesen Gebrauch auch nicht viel wohlwollender — aus Vorworten und Vor- und Nachworten zu Vor- und Nachworten hat diesmal besonders phantasievolle Überschriften — und so viele verschiedene.

Zu vermuten steht, dass Jean Paul (* 21. März 1763) zwischen seinem — wieder typisch: gleich zweiten — Erstling, der zwar nicht sein erstes Buch, dafür ein Bestseller war, Hesperus und dem Siebenkäs einiges angesammelte Material wegverwenden wollte, um das es dem immer noch aufstrebenden Schreibhandwerker sonst schade gewesen wäre.

Um einen Eindruck zu vermitteln, fächere ich die Bestandteile des Quintus Fixlein nachstehend auf, vollständig wiedergegeben ist darunter mein Lieblingsteil Des Amts-Vogts Josuah Freudel Klaglibell — wie ja überhaupt unser Vorteil bei diesem einnehmenden Konvolut darin besteht, dass es wesentlich unter Jean Pauls üblichen achthundert Seiten bleibt.

Lilli Hill via The Art of Obesity

——— Jean Paul:

Leben des Quintus Fixlein,
aus funfzehn Zettelkästen gezogen,
nebst einem Mußteil
und einigen Jus de tablette

[Billett an meine Freunde, anstatt der Vorrede;
Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein;
Die Mondfinsternis]

[I. Mußteil für Mädchen:
1. Der Tod eines Engels;
2. Der Mond]

[II. Des Quintus Fixlein Leben bis auf unsere Zeiten.
(Die ersten 14 Kapitel heißen „Zettelkasten“, das letzte Kapitel heißt „Letztes Kapitel“.)]

III. Einige Jus de tablette für Mannspersonen

[1. Über die natürliche Magie der EInbildungskraft]

2. Des Amts-Vogts Josuah Freudel Klaglibell
gegen seinen verfluchten Dämon

Dieses zierliche Klaglibell, worin ein zerstreueter Gelehrter ohne sein Wissen seine Zerstreuung schildert, kam durch die Güte des Herrn Pfarrers Fixlein in meine Hände, der in der Kirchenagende seiner Sakristei gefunden hatte. Ich glaube, ich kann das Libell ohne Diebstahl zu meinen Aufsätzen und Effekten schlagen, da Freudel hinten eine Arbeit von mir in seine einfügt; denn ich mache, da commixtio und confusio ein modus adquirendi ist, aus rechtlichen Gründen aufs Ganze Anspruch. Wenigstens gehören, da er das Papier dazu aus der Sakristei erhob, meinem Gevatter als Herrn des Prinzipale die darauf gesetzten Gedanken des Vogts als accessorium. Der Konzipient hatte sich aus Versehen am Bußtage in die Hukelumer Kirche sperren lassen; – um nun die Langweile sich so lange vom Leibe zu halten, bis ihn beim Gebetläuten jemand hinausließ, verschrieb er die Zeit bis dahin in diesen Klagen:

*

Lilli Hill via The Art of ObesityGewisser ist wohl nichts, als daß manchen Menschen ein tückischer Dämon verfolgt und ihm lange Sperrhaken ins Getriebe seines Lebens steckt, wenn es gerade am besten umläuft und eben ausschlagen will. Jeder muß Menschen kennen, die lauter Unglück im Spielen – Kriegen – Heiraten – in allem haben, so wie andere wieder lauter Glück. Bei mir wird gar Glück und Unglück mutschierungsweise neben und auf einander verpackt in eine Tonne, anstatt daß es Jupiter in zwei verfüllte. Ist vollends das Vergnügen, die Ehrenbezeugung, die rührende Empfindung, die ich habe, groß, sehr groß: so verlass‘ ich mich darauf, daß es nun der Dämon gewahr werden und mir alles hinterdrein gesegnen werde. So versalzet er mir gern schöne Lustfahrten durch einen häuslichen Hader; und ein Ehrenbogen ist für mich ein Regenbogen, der drei elende Tage ankündigt. So hat er mir heute in diese Kirche nachgesetzt, weil er voraussah, die blühende Predigt werde mir einiges Vergnügen reichen; und nun seh‘ ich mich seit der Vesperpredigt in das Gotteshaus inhaftiert, und das Schicksal weiß, wenn ich hinausgelassen werde. Denn ich kann weder Tür noch Fenster ausbrechen, und das größte Unglück ist, daß gerade heute Bußtag ist, wo keine Magd auf den Gottesacker geht; unter allen meinen dummen Schreibern hat ohnehin keiner so viel Verstand, daß er mich in der Sakristei aufsuchte. Diese Kirche ist mir überhaupt aufsätzig; ich habe darin schon ein Unglück gehabt, und es war heute nichts als der Widerschein eines alten, daß ich unter der Hand der ganzen Gemeinde abgefangen wurde, indem ich still und vergnügt in meinem Kirchenstuhle saß und meine ungedruckte Anweisung zu einem gerichtlich-blühenden Stil in Gedanken prüfte. Denn ich bin leider in viele Sättel gerecht, eben weil mich der Dämon immer aus jedem hebt.

Ich habe mich sonst mit Versen abgegeben – welches jetzt wenigstens meinem Stile zuschlägt – und nachher umgesattelt: denn ich wollte ein Pfarrer werden, und kein Amtsvogt. Die Geschichte ist im Grunde unterhaltend, obwohl auf meine Kosten. Ich wollte nämlich als Student in meinem Geburts-Dorfe (eben hier in der Kirche) mit einer Gastpredigt ausstehen und hatte deshalb eine große Perücke mit einem hohen Toupet-Gemäuer meiner Mutter zuliebe aufgesetzt. Gleich im Exordio stieß ich auf ein Abenteuer, indem ich die Nutzanwendung, die sich auch wie jenes mit: „teuerste etc. Zuhörer“ anhebt, unglücklich mit dem Eingange verwechselte; aber ich hielt – leicht und mit zweckmäßigen Veränderungen – den Zuhörern den Schwanz so in meiner Hand hin wie ein Endchen Kopf. Tausend andere hätten von der Kanzel gemußt; ich hingegen kam wohlbehalten vor dem Kanzelliede an und sagte: „Nun wollen wir ein andächtiges Lied miteinander singen“ und das war mein Unglück. Denn da ich mich – wie es auf den meisten Kanzeln Sitte ist – so mit dem Kopfe aufs Pult hinlegte und niederkrempte, daß ich nichts mehr sehen konnte als den Kanzel-Frack – so wie von mir auch nichts zu sehen war als mein Knauf, die Perücke mit dem Wall –: so mußt‘ ich (wollt‘ ich nicht dumm sein und ins Kanzeltuch hineinsingen) aus Mangel an Gesichtsempfindungen während dem Singen denken. – Ich suchte also auf dem Pulte den Eingang, womit ich schließen wollte, zur Nutzanwendung umzufärben – ich wurde von einer Subdivision auf die andere verschlagen – ich hatte mich wie ein Nachtwandler unter meine Gedanken verstiegen, als ich plötzlich mit Erstarren vermerkte, daß schon längst nichts mehr sänge und daß ich nachdächte, während die sämtliche Kirche auflauerte. Je länger ich erstaunte in meiner Perücke, desto mehr Zeit verlief, und ich überlegte, ob es noch schicklich sei, so spät das Toupet-Fallgatter aufzuheben und darunter den Kirchleuten wieder zu erscheinen. Jetzt war – denn der Kanzel-Uhrsand lief in einem fort – noch mehr Zeit verstrichen; die außerordentliche Windstille der Gemeinde lag ganz schwül auf meiner Brust, und ich konnte, so lächerlich mir zuletzt der ganze, Ohr und Fuß spitzende Kirchenhaufe vorkam und so sicher ich hinter meinem Haar-Stechhelm lag, doch leicht einsehen, daß ich weder ewig niedergestülpet bleiben noch mit Ehren in die Höhe kommen könnte. Ich hielts also für das Anständigste, mich zu hären und mit dem Kopfe langsam aus der Perücke wie aus einem Ei auszukriechen und mich heimlich mit bloßem Haupte in die an die Kanzeltreppe stoßende Sakristei hinunterzumachen. Ich tats und ließ die ausgekernte ausgeblasene Perücke droben vikarieren. Ich verhalt‘ es nicht: indes ich in der Sakristei mit dem unbefiederten Kopfe auf- und abging: so passete jetzt (denn mein brachliegender Adjunktus und Geschäftsträger schauete in einem fort schweigend auf die Seelen herunter als Anfang eines Seelenhirten), so passete, gesteh‘ ich, jetzt Groß und Klein, Mann und Weib darauf, daß der Kopf-Socken anfinge sich aufzurichten und ihnen vorzulesen und jeden so zu erbauen, wie ja homiletische Kollegien uns alle, hoff‘ ich, abrichten. Ich brauche den Lesern nicht zu sagen, daß die erledigte Perücke nicht aufstand, beraubt aller Inlage und ihres Einsatzes. Zum Glück stellte sich der Kantor auf die Fußzehen und sah in die Kanzel herein – er stieg sans façon herab und hinauf und zog meine Kapuze beim Schwanze in die Höhe und zeigte der Parochie, daß wenig oder nichts drinnen wäre, was erbauen könnte, kein Seelensorger – „die Fülle ist schon aus der Pastete heraus“, bemerkt‘ er öffentlich bei diesem Kopf-Hiatus und steckte meinen Vikarius zu sich. – Und seitdem hab‘ ich diese Kanzel nicht mehr gesehen, geschweige betreten …

Wahrlich ich schreib‘ ihr jetzt gerade gegenüber, und ich sah heute hinauf; ich wollt‘ aber, ich könnte hinaus, und ich muß schon lange geschrieben haben. Beiläufig! gerade diese Historie, die ich ausschweifungsweise beigebracht, dient mehr als eine, das Dasein eines Dämons, der den mit den besten Projekten schwangern Menschen in Ratten-Form unter die Füße schießet, zu beglaubigen – aber Muttermale sind die Nachwehen davon.

Ich schwamm wohl niemals mehr im Wonnemeer als einmal, da der hiesige regierende Bürgermeister zur Erde bestattet wurde – dennoch wußte mir mein Dämon Unrat in meine Leichensuppe zu schmeißen. Ich würde abkommen von dem Leichenbegängnis, wenn ich weitläuftig berichten wollte, wie wenig dieser Hausteufel darnach fragt, wenn er mich um eine Hinrichtung – um eine Krönung – um eine Sonnenfinsternis zu bringen vermag. Da diese Dinge leider keine Palingenesie, kein Ancora und keinen Refrain verstatten: so hab‘ ich dieses Trio von Dingen, das sonst wohl wenig Ähnlichkeit miteinander hat, niemals beschauen können – es war vorbei, eh‘ ich daran dachte, daß es komme.

Ich sollte Leichenmarschall beim Begräbnis sein und fing es auch an: der Bürgermeister, dem der Tod die Sanduhr in die Augen geschüttet hatte, war ein Mann, der verdiente, einen guten Leichenmarschall zu haben, einen gestabten Leichen-Turnier-Vogt; denn er war in der ganzen Gegend selber bei allen Leichen von Stand der allgemeine Undertaker, der Großkreuz des memento mori-Ordens gewesen, der maitre de plaisirs des Totentanzes. Er hätte – so gut fand er sich in die Charge – Leichen – Obermarschall in London bei der Beerdigung der magna charta sein können, wäre sie kein bloßer Spaß gewesen; und falls man den alten Publizisten Reichsherkommen in den Residenzstädten einmal im Ernste begrübe, so könnte der Bürgermeister den Sarg unterstützen, läg‘ er nicht selber darin.

Lilli Hill via The Art of ObesityIch muß noch vorher erzählen, daß ich abends vor der Bestattung, weil ich mit dem Bürgermeister einerlei Natur hatte, mir an ihm ein Beispiel nahm und meine Frühlingskur, nämlich 1½ Löffel echte Rhabarber gebrauchte. Ich wollte, ich hätte etwas von jenen Gelehrten an mir, die aus Zerstreuung eines über das andere vergessen: eine kleine Zerstreuung, worin ich über die Leiche die Kur vergessen hätte, würde mir den andern Tag zupasse gekommen sein. Ich sollte fast mich schämen, etwas so viele lesen zu lassen, was ich ohnehin so viele sehen ließ. Im Grunde wars wohl unvermeidlich und wahres splanchnologisches Fatum: denn ich trank im Trauerhause viel nach – mußte langsam neben der schleichenden Bahre waten und noch dazu einem lüftenden Wind entgegen, der den ehrwürdigsten Männern den Leichenmantel zu einem Fettschwanz aufflocht (den faltigen Bettzopf und Troddel steckt‘ er ihnen dann wie ein Stichblatt an die rechte Seite), und ich führte noch dazu die satanische Frühlingspurganz im Magen bei mir. – – Inzwischen mußte einer, der mir nachsah, wenn er nicht horndumm war, sogleich bemerken, daß ich lange genug meine physiologischen Verhältnisse zum Besten meiner Pflicht verbiß und verwand und hinter dem schwarzen fliegenden Sommer und Flor-Labarum des Huts und mit dem eingewindelten hohen Marschalls-Taktstock das sämtliche Leichenkondukt gut genug kommandierte und begleitete, obwohl ich im Wasser der Tränen und der Laxanz als ein gebrochener Stab erschien. – Denn mir tat es wehe, so viel (am Bürgermeister) verloren und so viel eingenommen zu haben. – – Meinetwegen! Unser Land kommt doch darhinter: kurz der mitsingende Wind mochte uns kaum bis an zehn Schritte vor die Kirchtüre geschoben haben, als ich wirklich und ohne freien Willen, gleich dem Kaiser Vespasian – und auch am nämlichen Orte –, meinen verbitterten Zepter fallen ließ ….

Viele lachten wohl.

In andern Fällen weiß ich mir gegen Arzneien zu helfen. Da ich z.B. einmal dem vorigen Obristforstmeister, mit dem ichs nicht verderben durfte, auf seinem Jagdhause am Martinitag zu essen brieflich versprochen hatte: so traf sichs zum Glück, daß ich an dem nämlichen Tage beim hiesigen Pfarrer zu speisen mündlich zugesagt hatte. Nun war ich vor Nachteil verwahret, da es am Martinitag nicht bloß in der Pfarre drunter und drüber ging, sondern auch in meinem Magen; bloß weil ich mich mit einem hübschen Brechmittel ausbürstete. – Denn als mir um zwölf Uhr der Pfarrer sagen ließ, „es würde alles kalt“: so wußt‘ ich recht gut, wie viel Uhr es geschlagen hatte, und nahm in der Stadt, in die ich in einer Viertelstunde lief, auf der Post ein Kurierpferd und kam beim Forstmeister gerade angesprengt, als die Suppe noch heißer rauchte wie mein Gaul.

Ich weiß gewiß, ich wollte dem Leser noch einen recht frappanten Kasus auftischen; aber er will mir jetzt durchaus nicht beifallen. – Andern Leuten muß es noch öfter so gehen: denn ich habe eine ganze ausgewählte Bibliothek durch Diebstahl gewonnen und eine verloren, weil die einen, die mir jene liehen, und die andern, die mir diese abborgten, vergessen hatten, mit wem sie zu tun gehabt – und dann kamen mir die Leute auch aus dem Kopfe.

Jetzt fället mir alles bei: es war so. Fatalien waren mir, da ich noch Advokat war, in jedem Prozesse Mißpickel und Rattenpulver, und meine Appellationen wollten (wie alle lang lebende Gewächse) nie schon in zehn Tagen zeitigen; dennoch erwiderte ich einen gut ausgedachten Streich des bösen Dämons mit einem bessern. Überhaupt sollten die Kollegien so gut Fatalien zu fürchten haben wie die Advokaten: ist nicht oft das Beste, was die Parteien verlieren können, Zeit? Und warum soll diese der schuldige und der unschuldige Teil zugleich verlieren? – Was helfen alle Läuferschuhe der Advokaten (und die Hetzpeitschen der Prozeßordnung dazu), wenn die höhern Kollegien, an die alle Akten indossieret werden, in Hemmschuhen und Hemmketten einherwaten? – Kurz die Advokaten und die höhern Instanzen (denn uns niedrigen zügelt man schon, und ich darf kaum mehr sprechen, so verlangen die Leute die Apostel) siechen an demselben Marasmus der Dilation, an derselben Frakturschrift der Schreiber, an derselben Geld- und Gesichterschneiderei … Ich schweife hier vielleicht ab; aber ich bekenne, ich fass‘ es niemals, wie ich im Schreiben von einem aufs andre komme, da ichs doch im Denken nicht tue.

Lilli Hill via The Art of ObesityAber wie gesagt, es war an meinem Hochzeittag; – er war schon ganz vorbei bis auf eine Viertelstunde. – Die finstere Hochzeitnacht war hereingebrochen – ich hatte meine Repetieruhr und mein Zopfband schon unter den Spiegel gehangen und das vor letzte Licht ausgetan und beim letzten drei Viertel auf zwölf Uhr gelesen und so feurig als wenige an meine liebe Braut, als Tür- und Wandnachbarin meiner Seele, gedacht, als ich im sogenannten Ehekalender, der neuerer Zeiten das Kirchenbuch und den Geburtsschein um dreiviertel Jahr antizipieret, nachschauete, um das heutige Datum zu unterlinieren: nun kam ich im Kalender, worin zugleich meine juristischen Fatalien und Termine stehen, zum Glücke mit darhinter, daß ich innerhalb zwei Tagen appellieren müßte, und daß der letzte Viertelhammer der zwölften Stunde den achten gar erschlüge. Ich raffte mich zusammen, beschnitt Papier (in Baiern wär’s unnötig) und legte stehendes Fußes die Appellation ein, die einzulegen war, und petschierte sie zusammen. „Ich habe nur“ – meldete ich ausgefroren der Braut „vom Judex a quo zum Judex ad quem appelliert; und du kannst dir denken, ob man es appellatischerseits werde erwartet haben.“ –

Da der Teufel eine eigne Liebhaberei für Zwiespalt hat: so sucht er mir gerade, wenn ich durch einen Ehrenbogen gehe, den Grimm meiner Freunde zuzuwenden. Ich erinnere mich, daß ich oft vermischten Gesellschaften mit der größten Deutlichkeit Lavaters Tierstücke aus seinem physiognomischen Schwabenspiegel repetierte und ihnen die Anwendung der Vieh- und Insektenköpfe auf die menschlichen so leicht machte, als ohne Kupferstiche möglich ist, ich erinnere mich, sag‘ ich, daß ich mich, wenn ich mich dann nach einiger Beistimmung umschauete, in einem Zirkel oder Trapezium von fatalen verdrüßlichen Gesichtern mit gekräuselten Nasen, faltigen Lippen, gestirnten überschriebnen Stirnen stehen sah – und wer mir aus der Gesellschaft die nächsten Wochen darauf ein Bein unterstellen konnte, der tats. Wenn ich nicht zuweilen in Gesellschaft einschliefe, so könnten alle nichts aufbringen, womit ich ihnen zu nahe träte: alles, was ich darin wage, ist, daß ich vor ihnen im Kopfe einige juristische Opuscula ausarbeite, anstatt daß Zimmermann ihnen im Kopfe gar seine philosophischen vorlieset. Newton sah den Finger einer Dame für einen Zwerghirschchen-Fuß an, den man zum Pfeifenstopfer nimmt; ich aber habe nichts auf mir, als daß ich einmal, da ich meine Pfeife ausklopfte, aus Höflichkeit einigemal rief: herein! weil ich dachte, man klopfe draußen an.

So werf‘ ichs mehr einem bösen Dämon als mir selber vor, daß ich in einem Jahre meinen Gevatter und meinen Beichtvater zugleich geärgert. Ich war sehr krank und ließ auf drei Sonntage eine Kirchenvorbitte für meine Genesung bestellen. Am dritten Sonntag saß ich während der Vorbitte selber mit unter den Leuten und schauete – während der Pfarrer oben an meiner Rekonvaleszenz arbeitete – unten aus meinem Gitterstuhl mit einem närrischen Gesichte genesen heraus. Ich wußt‘ aber am besten, warum ich mich als Rekonvaleszent öffentlich vorstelle: die Gemeinde sollte sehen, wie ihre Vorbitte angeschlagen, und zweitens sollte sie ermuntert werden zu Vorbitten gegen das Rezidiv.

Was meinen Gevatter, den Marschkommissar, anlangt, so ritt ich zu ihm bei der ersten Niederkunft meiner Frau und wollt‘ ihn, da er mein alter Universitäts-Jonathan und Orest ist und in der Nähe wohnt, zu Gevatter bitten, als er gerade reisefertig im Stalle auf den Durchmarsch der Ungarn paßte. Da sein erstes Wort war, ich möchte auf dem Pferde mit ihm reden und mitreiten: so verritt ich einen halben Tag, und erst vier Meilen vom Täufling macht‘ ich ihn bei einem Setzteiche zu meinem Gevatter in Beisein der Kompagnie. Den andern Tag erreichten ich und er mit zwei solchen Jagdpferden, wie wir reiten, leicht den Taufstein beizeiten.

Ich kann nicht erzählen, wie ich meinen Gevatter grimmig und zwieträchtig gemacht, wenn man mich nicht vorher über die Tücke meines Dämons abhört, der mir, solang‘ ich Geburtstage in meinem Leben antraf, noch keinen einzigen zu begehen erlaubte. Kurz vor, kurz nach den Geburtstagen veranstalt‘ ich viel und schaffe Vorreiter und Voressen an; ist aber einer von den Geburtstagen da, so merk‘ ich nichts von ihm, und ich kann ihn also nicht durchfeiern. Endlich dacht‘ ich, es würde zu etwas führen und gescheut sein, wenn ich satteln ließe und schon vier Wochen vorher meinen Gevatter auf Barnabas-Tag – da fiel meine Geburt – samt den sieben lieben Kleinen invitierte, mit mir vorlieb zu nehmen. Ich saß auf und überraschte und überredete den Marschkommissär, ohne ihm jedoch etwas vom Geburtsfeste zu entdecken: ich setzte nicht eher einen Fuß in den Steigbügel, als bis er – weil er kaum aus den Reisekleidern wegen der Durchmärsche kam, die halb-frankieret waren und nicht viel anderes Geld gaben als Fersengeld – doch in meinem Beisein ein viersitziges Fuhrwerk auf Barnabas bestanden hatte. Nun hatt‘ ich alles abgetan und brauchte nicht weiter daran zu denken: ich wußte, der Kommissär vergesse nichts. – Unter dieser Zeit ließ ich das schöne Bau-Wetter nicht wieder verstreichen, sondern machte mich einmal im Ernste über die Hauptreparatur und Reproduktion meines brüchigen Hauses her. Als nun am Barnabastermin bei früher Tageszeit der alte Marschkommissar samt seiner jungen Frau und sieben lebendigen, meinetwegen in Putz gesetzten, vergnügten Kindern wirklich unten vor meinem Hause gleich ihrem Fähr- und Fuhrmann, der schon vom Bocke war, freudig auszusteigen gesonnen waren: wars eine platte Unmöglichkeit, weil um das Haus mehrere Schutt-Kettengebirge umhersaßen und weil besonders die Beine und Pfahlwerke des Gerüstes die ganze Anfurt verschränkten. – Ich selber spazierte oben auf letzterem mit einem abgekürzten strangulierten gummierten Schlafrock herum, reine Luft zu schöpfen, und guckte staunend auf den großen Kutschkasten herunter, ungemein neugierig, was wohl aus dem Kasten springe. Aber der Fuhrmann schwang sich wieder über das Rad hinauf und fuhr die Familie vor einen wohlfeilen Gasthof, an dem ich erst, weil er meinem Gerüste gegenüber stand, beim Aussteigen und Hineinziehen meinen guten Gevatter und seine geputzte Familie leicht wie Dokumente rekognoszierte. Ich ließ sie erst drüben allein essen, weil ich nicht gern schmarutziere, und dann kam ich schleunig nach. Ich trat mit dem Scherze vor ihr Tischtuch, ich könne sie heute nicht in meinen vier Pfählen, sondern in meinen zwanzig Pfählen – aufs Gerüste wird angespielet – empfangen; „aber bei uns zu Hause“, setzt‘ ich hinzu, „kann sich kaum der Mauermeister mit dem Borstpinsel umkehren.“ – Ich bekenne mit Dank – so sehr mich jetzt mein Gevatter anfeindet –, dieser letzte Nachmittag, den ich bei ihm versaß, war einer meiner heitersten. Ich nötigte ihn, die Nacht dazubleiben; und ich hielt mich beim Kommissar von Vormitternacht bis ein wenig gegen den Morgen auf, weil er, ob er gleich so schläfrig war wie seine von der Apoplexie des Schlafes um ihn hingestreckten Kinder, doch aus Zerstreuung nicht merken mußte, welche Zeit es sei: denn der Mann hat einen außerordentlich zerstreueten Kopf, und seine Gehirnkammern sind bis an die Decke mit Marschreglements vollgeschlichtet … Ich hätte an so einem vergnügten Tage noch gar wissen sollen, daß es der meiner Geburt ist.

Lilli Hill via The Art of ObesityÜberhaupt aber war ich nie für ordentliche Freß-Gelage und erschien ungern darauf. Ich war ein einziges Mal bei einer Ratsmahlzeit, die ich als Amtsvogt mitessen mußte nach der Ratswahl: denn ich habe ja schon erzählt, daß der Vorfahrer des neuen Bürgermeisters begraben worden, als ich Leichenmarschall war. Ich würde mich von allem ausgeschlossen haben, wäre nicht in einem Marktflecken wie unserem, der Stadtgerechtigkeit begehrt, Bürgermeister und Rat viel: in Rom vertauschte der Diktator den Pflug gegen das Staatsruder; – hier bei uns hält man beide leicht in einer Hand, und wir besitzen Ratsherren, denen es einerlei ist, ob sie votieren oder gerben, mähen oder strafen, an- oder unterschreiben und also die Kreide oder die Feder führen.

Bloß der närrische Ratsherr und Lohgerber Ranz bringt dem Kollegio Nachteil, weil er bei den Mahlzeiten solcher Parlamentswahlen so entsetzlich isset. Es zirkuliert über die ganze Ratsmahlzeit, zu der ich mich ex officio mit setzen mußte, und besonders über diesen Lohgerber eine hübsche Satire, die ein Unbekannter im Manuskript herumschickt und die ich hier unkastriert einrücken kann:

„Zuerst muß die Phantasie des Lesers die konsularische Tischgenossenschaft nehmen und ihr alle menschliche Glieder abschneiden, abbeißen und wegstreifen, nur Schlund und Magen ausgenommen, die wir bei der Sache keine Minute entraten können. Hierauf müssen wir, ich und der Leser, die Mägen samt ihren angeschraubten Stechhebern von Schlünden um den Tisch, auf dem die Ratsmahlzeit raucht, die der jüngste zum Ratsherrn erwählte Magen kochen lassen, titularisch auf den Stühlen herumlegen und dann zuschauen und aufschreiben, wie diese einsaugende Gefäße sich einbeißen – wie sie eintunken – wie sie austrinken – wie sie schneiden – wie sie stechen – und was sie forttragen im Magen, Darmkanal und auf dem Teller. – Aber der Gerber-Meister Ranz wirft einen langen Schatten über die ganze Tafel und übermannt und überfrisset jeden, sich ausgenommen. Eh‘ ich protokolliere: so will ich vorher sechs Bierhähne wie Quellen gegen diesen Streckteich richten und den Weiher voll lassen und die Hechte unter – Bier setzen. Nun schwimmt! –

Was uns äußerst frappieret und äußerst interessieret, ist bloß der Ratsherr und Lohgerber Ranz, der gleich der Natur voll Wunder ist und sie nun anfängt zu tun … Er bringt, als Widerspiel eines Wasserscheuen, nichts Festes in seinen Leib, aber nicht weil sein Leib selber fest ist, und genießet, als Widerspiel eines Katholiken, dieses Abendmahl unter einerlei Gestalt, nämlich unter der flüssigen, aber nicht weil er glaubt, die feste stecke schon mit darin – er schöpfet mit dem Pumpenstiefel seiner Hand alles Feuchte auf und ziehet mit den Punschlöffeln seines Wasserrades alle Suppenschüsseln in seine Schlund-Gosse und ins Magenbassin ab, nicht weil er ein Abführungsmittel damit abführen will, womit er erst morgen das heutige abzuführen gedenkt – er wischet mit seinem Brotschwamm alle Brühen weg und hält seinen Gabel-Saugstachel über jede Senf- und Meerrettich-Lache, nicht um seine Magenhaut mit dieser Gerberslohe erst gar zu machen – er setzt sich wie Schimmel auf Brot und schlägt darauf mit seinem Gebisse Wurzel, nicht weil er ein Franzos oder sein Pferd ist und Brot liebt – er macht seinen inkommensurablen Magen zum zweiten Einmachglas eines jeden Eingemachten, zur Grummetpanse eines jeden Gemüses, zum Treibscherben eines jeden Salats, nicht weil er einen Bissen Fleisch dazu absägt – er mauert das Zorngefäß und den Schmelztiegel seines Magens mit Breien aus, aber nicht weil dieser Sprünge hat und die Velutierung braucht – –

Sondern er vollführt diese schöpferische Scheidung der Wasser vom Festen, er befestiget diese Kluft zwischen seinem Teller und seinem Magen, bloß um in beiden eine gleiche Masse aufzuschütten und wegzubringen, bloß um auf dem Zimmerplatz des Tellers mit dem Eßhandwerkszeug ein Fruchtmagazin und Speisegewölbe aus Fleisch-Quadern aufzuführen für sich und seine Kinder … Beim Himmel! er sollte noch sitzen und mauern hinter seinem Viktualien-Verhau aus Beinen, Gräten und Rinden, er sollte noch schweben wie ein dürres Jahr über der Tafel und jede nasse Stelle austrocknen: so wären wir imstande, mit ihm nach Hause zu gehen, wo sich das Messer dieses Schwertfisches gerade umgekehrt nur ans Fleischige ansetzt, sobald das aus den verlaufnen Wassern abgesetzte Viktualien-Flözgebirge nur anlangt. Der Meister – und der Gesell – und die Gerberin und die Gerbersbuben – und der Dachshund bohren sich jetzt in den gebrachten Berg bis an die Fersen hinein, und wir können sie nagen hören. Fresset zu! – Hat sich euer armer Ranz, dieses ätzende fressende Mittel, nicht genug gequält, um nicht wie Knochenfraß alles anzugreifen? Hat er nicht mit allen peristaltischen Bewegungen seines Schlundes den Magen-Luftballon bloß mit Windsbräuten aufgefüllet und gehoben und mit einer Wasserhose die Blase? – Aber sollt‘ ich einmal eines außerordentlichen Typus vonnöten haben, um damit ein außerordentliches Chaos zu erläutern und anzuleuchten, das Chaos und den Zank eines Nonnenklosters oder einer Theatertruppe oder eines heiligen deutschen römischen Reichs – so bring‘ ich bloß deinen aufgesteiften gespannten Magenglobus mit seinen Brühen und Luftarten getragen als Typus, Ranz!“ …

– Ei, ganz herrlich – lieblich – und recht erwünscht und verdammt! – Ich will mir aber den Schreib-Arm absägen lassen, wenn ich hier noch einen Buchstaben schreibe. Wahrlich der Kirchner ist dagewesen, und ich hab‘ ihn über den entsetzlichen Vielfraß verpasset …

Concep. z. Amtsvogt Freudel.

[3. Es gibt weder eine eigennützige Liebe noch eine Selbstliebe, sondern nur eigennützige Handlungen]

[4. Des Rektors Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg]

[5. Postskript]

Lilli Hill via The Art of Obesity

Bilder: Lilli Hill via The Art of Obesity.

Klagelied: Soggy Bottom Boys: I Am a Man of Constant Sorrow, Dick Burnett 1913,
in: O Brother, Where Art Thou?, 2000.

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Written by Wolf

22. März 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

Das zum Werk gewordene Gefühl

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Joseph Karl Stieler, Johann Wolfgang von Goethe, 1828 via Neue PinakothekUpdate zu Und Beethoven so: WTF??!!!
(Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)

und Neulich in München:

Schock 1: Das Bild, das man von Goethe hauptsächlich kennt, quasi das Dichterfürst gewordene kollektive Gedächtnis, hängt in der Neuen Pinakothek zu München — das Museum gegründet von Ludwig I. von Bayern, das Gemälde praktischerweise lange vorher aus erster Künstlerhand angekauft.

Schock 2: Der Maler ist derselbe Joseph Karl Stieler, von dem non solum das mindestens so kollektiv bekannte acht Jahre ältere Beethoven-Portrait stammt, sed etiam fast die gesamte berüchtigte Schönheitengalerie desselben Ludwig I. im Schloss Nymphenburg:

„Schönes Fräulein, wenn Sie sich bitte hier in die Kutsche bequemen will, der König findet Gefallen an Ihr.“

„Bin weder Fräulein, weder schön …“

„Sie hat mich schon verstanden. Folgen.“

——— Neue Pinakothek:

Joseph Karl Stieler: Johann Wolfgang von Goethe, 1828

Öl auf Leinwand, 78,0 cm x 63,8 cm, 1828 durch König Ludwig I. vom Künstler erworben, Inv. Nr. WAF 1048,
in: Neue Pinakothek: Erläuterungen zu den ausgestellten Werken, München 1981, Seite 327:

Neue Pinakothek, München, 21. Dezember 2014Das Bildnis Goethes schuf Joseph Stieler im Auftrag König Ludwigs I. von Bayern. 1828 reiste der Künstler mit einem Empfehlungsschreiben des Königs nach Weimar, um dort die Vorarbeiten anzufertigen. Über den Aufenthalt Stielers in Weimar und die Porträtsitzungen geben die Tagebücher Goethes Auskunft. Drei dieser Vorstudien sind noch erhalten.

Stieler hat den Dichter und Gelehrten Goethe als Halbfigur an seinem Schreibtisch sitzend dargestellt. Der Oberkörper ist frontal dem Betrachter zugekehrt, während der Kopf nach rechts gewandt und der Blick seitlich aus dem Bild heraus gerichtet ist. Die statische Gefasstheit der Gesamtkomposition und die genaue Wiedergabe von Gesichtszügen und Kleidung werden somit gelockert und erhalten ein lebensnahes Element.

In seiner rechten Hand hält der Dichter ein Blatt Papier, auf dem die letzten Zeilen eines von Ludwig I. verfassten Gedichtes zu lesen sind. Der König war der Autor einer Vielzahl von schwärmerischer Begeisterung getragener Gedichte, die zumeist antikem Versmaß folgten. 28 seiner Distichen ließ er in den Münchner Hofgartenarkaden als Beschriftungen zu Carl Rottmanns Italienzyklus öffentlich anbringen. Mit dem Gedicht Ludwigs in Händen erweist Goethe — dessen Urteil in Kunstdingen besonderes Gewicht besaß — dem bayerischen König und dessen dichterischen Hervorbringungen seine Reverenz. Andere Zeitgenossen hielten sich mit Kritik und Spott über die meist ungelenken Verse Ludwigs weniger zurück.

Schock 3: Das heißt, auf seinem eigenen berühmtesten Bild hält Goethe ein Gedicht in der Hand, das nicht er selber geschrieben hat, sondern der Auftraggeber seines Malers. Schon bitter, sowas:

——— Ludwig I.:

An die Künstler

„Im Herbste 1818, Ludwig“:

Ja! Wie sich der Blume Flor erneuet,
Durch den Saamen den sie aus gestreuet,
Zieht ein Kunstwerk auch das andre nach,
Aus dem Leben keimet frisches Leben,
Das zum Werk gewordene Gefühl
Wird ein Neues künftig herrlich geben,
Selber nach Jahrtausenden im Gewühl.

Und dann feiert Goethe noch seit 22. März 1832 Todestag und muss sich heute von mir dergleichen ins Grab hinterherfeixen lassen. Der Beethoven von 1820 — Todestag: fünf Jahre früher und fünf Tage später, 27. März 1827 — darf wenigstens bis heute mit seiner eigenen Missa solemnis in der Hand posieren. Und die adligen wie bürgerlichen Jungfern in der Schönheitsgalerie von Ludwig I. sind noch ganz gut bedient: Sein durchgeschmorter Enkel Ludwig „Märchenkönig“ II. führte nebenan im Marstallmuseum dann schon eine Schönheitsgalerie der Pferde.

Bilder: Joseph Karl Stieler: Johann Wolfgang von Goethe, 1828, via Neue Pinakothek a. a. O.;
selber gemacht, Neue Pinakothek, München 21. Dezember 2014.

Soundtrack: Flor Red: Women in Art (Joseph Karl Stieler), 3. November 2008,
featuring Ludwig van Beethoven: Bagatelle No. 25 in a-Moll, WoO 59, „Für Elise“, 1810:

Bonus Track, damit wenigstens einer der von Stieler Portraitierten zu seinem Recht kommt:
Beethoven, Missa Solemnis, opus 123, 1820, neue Interpretation von John Eliot Gardiner 2014. Wenn man die ersten 75 Sekunden des Videos überstanden hat, wird’s noch recht ordentlich; Musik ab Minute 20:45.

Written by Wolf

15. März 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Der erste Greis, den ich vernünftig fand

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Update zu Der Mensch ist gut: Sein Geist strebt nach der Wahrheit!:

Ein Jammer, dass Schecks Kanon vom gleichnamigen Denis, der in der Welt seit 1. April 2017 läuft, nur auf hundert Folgen angelegt ist. Folge 85 können wir nicht ignorieren, weil die vom Faust handelt.

Das Erstaunliche ist, dass Faust erst an 85. Stelle kommt; das Erfreuliche an allen bisherigen Folgen ist, dass man Herrn Scheck ohne weiteres glaubt, dass er alle hundert Bücher wirklich gelesen hat. Ganz. Gerade den Faust zitiert er ausführlich nicht aus dem ersten, sondern dem sehr viel schwerer verdaulichen zweiten Teil, und er findet Begründugen für seine begeisterte Empfehlung, die er nicht aus dem nächstbesten Schulbuch hat. Und das in einer einzigen, eher schmalen Zeitungsspalte — „Lesedauer: 3 Minuten“.

Wenn wir alle hundert Folgen auf solche drei Minuten ansetzen, hätten wir fünf Stunden unseres Lebens auf Schecks Kanon verwendet und alle paar Minuten etwas Erhellendes gelernt. Das kann man ruhig so durchziehen.

Eigenmächtig und mit Ansage verfälsche ich das Vollzitat des Zeitungsartikels, indem ich Schecks Faust-Zitat — aus: Faust. Der Tragödie zweyter Theil in fünf Acten, Zweyter Act: Hochgewölbtes, enges, gothisches Zimmer, ehemals Faustens, unverändert, Verse 6758 bis 6810 — ohne Auslassungspunkte, dafür vervollständigt in Originalschreibweise wiedergebe, weil wir hier nicht von Anschlagszahlen beschränkt sind. Lesedauer: bis man fertig ist.

Gösta Ekman in F. W. Murnaus Faust-Verfilmung von 1926, Getty Images via Die Welt, 27. November 2018

——— Denis Scheck:

Was uns Goethes „Faust“ über Altersrassismus erzählt

Schecks Kanon 85, in: Die Welt, 27. November 2018:

Goethes Theaterstück ist – auch international – der deutsche Klassiker schlechthin. Mit vielen radikalen Botschaften: „Hat einer dreißig Jahr vorüber / So ist er schon so gut wie tot.“

Groß war die Verlockung, Goethe als Lyriker in meinen Kanon aufzunehmen: Wo finden sich auf engstem Raum so hoch verdichtete Gedankenkonzentrate kombiniert mit enormer Zärtlichkeit und Sprachgewalt? Auch der Autor des ersten modernen Beziehungsromans („Wahlverwandtschaften“), der fragt, wie man Leben und Liebe unter einen Hut bekommt, dürfte seinen Platz darin beanspruchen. Ja, selbst der Verfasser der „Italienischen Reise“.

Größer aber noch ist Goethes Bedeutung als Schöpfer des Dramas, das im Ausland zu Recht als das deutsche schlechthin gilt: „Faust“ ist das Stück, das man ein Leben lang neu und anders liest, in dem Goethe antike und mittelalterliche Mythen zu einem großen Neuen verschmilzt und von einem Bewusstsein erzählt, dessen Modernität darin liegt, dass es sich den bequemen Wahrheiten von althergebrachter Religion und Moral nicht mehr anvertrauen möchte, sondern seine Sache ganz auf sich stellt – und auf den Teufel.

Literaturgeschichte lässt sich immer auch erzählen als Aufstand der Jungen gegen die Alten, als Revolte der hungrigen Neuen gegen die fett im Warmen sitzenden Etablierten. Johann Wolfgang von Goethe hat das am eigenen Leib erfahren: als Autor des Weltbestsellers „Werther“, als Initiator der Dichterschulen von Sturm und Drang und deutscher Klassik – nicht zuletzt als Autor des „Faust“, dem er 27 Jahre nach dem ersten Teil von 1805 einen zweiten Teil folgen ließ.

In „Faust II“ macht er sich im Dialog des Mephisto mit dem vom Schüler aus „Faust I“ zum Bakkalaureus Avancierten lustig: Ein veritables Originalgenie der zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr an Boden gewinnenden harten Naturwissenschaft, ausgerüstet mit dem stählernen Selbstbewusstsein und dem Altersrassismus der Kulturrevolutionäre aller Zeiten, betritt da die Bühne. Und vor so viel Hybris muss selbst der Teufel weichen:

Baccalaureus.
Erfahrungswesen! Schaum und Dust!
Und mit dem Geist nicht ebenbürtig.
Gesteht! was man von je gewußt
Es ist durchaus nicht wissenswürdig.

Mephistopheles (nach einer Pause).
Mich däucht es längst. Ich war ein Thor,
Nun komm‘ ich mir recht schaal und albern vor.

Baccalaureus.
Das freut mich sehr! Da hör‘ ich doch Verstand;
Der erste Greis, den ich vernünftig fand!

Mephistopheles.
Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze,
Und schauerliche Kohlen trug ich fort.

Baccalaureus.
Gesteht nur, euer Schädel, eure Glatze
Ist nicht mehr werth als jene hohlen dort?

Mephistopheles (gemüthlich).
Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?

Baccalaureus.
Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.

Mephistopheles
(der mit seinem Rollstuhle immer näher in’s Proscenium rückt, zum Parterre).
Hier oben wird mir Licht und Luft benommen,
Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?

Baccalaureus.
Anmaßlich find‘ ich, daß zur schlechtsten Frist
Man etwas seyn will, wo man nichts mehr ist.
Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo
Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?
Das ist lebendig Blut in frischer Kraft,
Das neues Leben sich aus Leben schafft.
Da regt sich alles, da wird was gethan,
Das Schwache fällt, das Tüchtige tritt heran.
Indessen wir die halbe Welt gewonnen
Was habt ihr denn gethan? genickt, gesonnen,
Geträumt, erwogen, Plan und immer Plan.
Gewiß! das Alter ist ein kaltes Fieber
Im Frost von grillenhafter Noth;
Hat einer dreyßig Jahr‘ vorüber,
So ist er schon so gut wie todt.
Am besten wär’s, euch zeitig todtzuschlagen.

Mephistopheles.
Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.

Baccalaureus.
Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel seyn.

Mephistopheles (abseits).
Der Teufel stellt dir nächstens doch ein Bein.

Baccalaureus.
Dieß ist der Jugend edelster Beruf!
Die Welt sie war nicht eh‘ ich sie erschuf;
Die Sonne führt‘ ich aus dem Meer herauf;
Mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf;
Da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen,
Die Erde grünte, blühte mir entgegen.
Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht,
Entfaltete sich aller Sterne Pracht.
Wer, außer mir, entband euch aller Schranken
Philisterhaft einklemmender Gedanken?
Ich aber frei, wie mir’s im Geiste spricht,
Verfolge froh mein innerliches Licht,
Und wandle rasch, im eigensten Entzücken,
Das Helle vor mir, Finsterniß im Rücken.
(Ab.)

Mephistopheles.
Original fahr‘ hin in deiner Pracht! –
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? –

Die Amüsierlust der Mächtigen

Neben den Früchten seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Antike – schon Goethes Vater hatte in Frankfurt einen türkischstämmigen Sprachlehrer für Griechisch und Latein für ihn angeheuert – flossen in „Faust II“ insbesondere viele jener Kenntnisse ein, die sich Goethe während seiner Zeit als Superminister in Weimar angeeignet hatte: Die Amüsierlust der Mächtigen und ihre permanente Geldnot kannte er ebenso aus eigener Anschauung wie ihre Unlust zum Aktenstudium und ihre mangelnde Einsicht in Etatnotwendigkeiten.

Am meisten staunen macht mich bis heute der wahrhaft unersättliche Wissensdurst, das nie befriedigte Interesse dieses Menschen. Nichts ist dem Autor Goethe zu klein, zu abgelegen oder zu trivial. Goethe ist eine Neugiermaschine auf zwei Beinen. Ein Aktenfresser, Datenfex, Erfahrungssucher, Faktensammler und Wissensstaubsauger. Architektur und Kunst, Musik, Literatur finden ebenso Eingang in diese Dichtung wie die Frage nach den Folgen der Einführung einer nicht goldgedeckten Papierwährung, Bergbau, Straßenbau, Landgewinnung, Geologie und Landwirtschaft, Wasserbau, Religion, Mineralogie.

„Faust“ lesen, das ist eine Einladung zu einem Parcours durch die Wissenskreise, ein Ausloten unserer Anlagen zum Künstler, Wissenschaftler, Unternehmer – und nicht zuletzt ein Angriff auf unsere Lachmuskeln.

Emil Jannings in F. W. Murnaus Faust-Verfilmung von 1926

Im Artikel verwendetes Bild: „So spooky kann deutsche Klassik:
Gösta Ekman in F. W. Murnaus Faust-Verfilmung von 1926„, Getty Images via Die Welt;
noch nicht verwendetes Bild: Emil Jannings, ebenda.

Der Soundtrack, vor dem Emil Jannings als Mephisto in der Murnau-Verfilmung sich kurz vor Minute 55 die Ohren zuhält, ist je nach Untertitelfassung Lobe den Herren oder ein Te deum laudamus. Interessanter ist letztere Lösung: Es ist mit Sicherheit weder eine Fassung nach 1926 (logisch) noch die von Haydn oder Mozart, weil die beiden im unpassenden C-Dur stehen; etwas wahrscheinlicher wären Händel in D-Dur und Mendelssohn in A-Dur. Von Murnau gemeint war vermutlich der gregorianische Lob-, Dank- und Bittgesang aus dem 4. Jahrhundert — das eindeutig zur Spätantike und noch lange nicht einmal zur Vorromanik zählt —, und dessen elaborierte Melodie mitnichten von einer ungeübten Kirchengemeinde gesungen werden soll, aber Murnaus Bildsprache der gotischen Kathedrale in einem Stummfilm am ehesten entspricht:

Bonus Track: Tocotronic, „die deutschen Klassiker schlechthin“
(cit. Scheck, Denis, a. a. O. – naja, fast), die auch nicht jünger werden:
So jung kommen wir nicht mehr zusammen,
aus: Wir kommen um uns zu beschweren, 1996:

Written by Wolf

11. Januar 2019 at 00:01

Ist das wieder ein Silvester!

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Update zu Schnell – in dulci jubilo (denn es raucht sich schlecht entleibt)
und dass ihr mir auch Ein neues Stiefelpaar for what you really are nicht vergesst:

——— Reinhard Umbach:

Goethe sprach zu Schiller

1982, in: Eckhard Henscheid & F. W. Bernstein, Hrsgg.: Unser Goethe. Ein Lesebuch,
Diogenes 1982/Zweitausendeins 1986, Seite 945:

Ryan McGinley, Fireworks, 2002Goethe sprach zu Lessing:
„Dein Fahrrad ist aus Messing.“
Lessing drauf zu Goethen:
„Ich merke es beim Löten.“

Schiller sprach zu Goethe:
„Dein Knie zeigt langsam Röte.“
Goethe sprach zu Schiller:
„… und deines wird schon lila.“

Bürger sprach zu Schiller:
„Der Goethe ist ein Killer.“
Schiller drauf zu Bürger:
„Ich halt‘ ihn mehr für’n Würger.“
Und was meinte Hölderlin?
Könnt‘ ihr mal den Dolch rausziehn?“

„Grüß‘ euch, Goethe!“ — „Schiller, Bester,
ist das wieder ein Silvester!
Dies Feuerwerk und dann die Kracher
von Freund und Bruder Schleiermacher!“

Das Feuerwerk: Ryan McGinley: Fireworks, 2002.

Und dann die Kracher: Georg Friedrich Händel:
Music for the Royal Fireworks, „Feuerwerksmusik„,
Suite für Orchester in D-Dur, HWV 351, 1748 f.,
entgegen dem Briefing des Auftraggebers George II. mit Streichern,
NDR-Sinfonieorchester im Dom zu Lübeck unter — wenn schon, dann richtig — John Eliot Gardiner, 1989:

Written by Wolf

31. Dezember 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse

Mit dem Faust im Ranzen

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Update zu The Metrum is the Message
und Mephisto ist ein mieser Verräter
(So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus):

Faktum 1: Am Montag, den 10. September 2018 hat in Bayern, wie immer als dem letzten Bundesland, die Schule wieder angefangen. Faktum 2: Am 14. September 2018 erscheint die neue CD von LEA namens Zwischen meinen Zeilen, die ein Soundtrack-Lied für Das schönste Mädchen der Welt enthält.

——— Deutschlandfunk Kultur:

Germanistin über Umgang mit klassischer Literatur:
Vereinfachen ist der falsche Weg.
Beate Kennedy im Gespräch mit Dieter Kassel

Donnerstag, 6. September 2018:

Wie kann man Schüler für klassische Literaturstoffe interessieren? Ein Weg könnte radikale Vereinfachung sein – wie in der Filmkomödie „Das schönste Mädchen der Welt„, der aus Cyrano de Bergerac einen Rapper macht. […]

Aber ist es eigentlich ein sinnvoller Weg, einen klassischen Stoff aus einem Roman oder einem Theaterstück so stark modernisiert und vereinfacht zu präsentieren, zum Beispiel auch an Schulen, damit heutige Schülerinnen und Schüler das Ganze überhaupt noch verstehen?

Das wollen wir jetzt von Beate Kennedy wissen. […]

Beate Kennedy: Guten Morgen, Herr Kassel! […]

Kassel: Aber wenn wir ein in Deutschland an Berühmtheit nicht mehr zu übertreffendes Beispiel nehmen, Goethes „Faust“, dann ist es natürlich so, dieses Grundmotiv des Menschen, der seine Seele an den Teufel verkauft, dieses Grundmotiv war selbst zu Goethes Zeit schon sehr alt. Das hat er nicht erfunden, er hat nur dieses geniale Theaterstück daraus gemacht.

Wenn Sie nun sagen, ich möchte aber nicht die Grundidee des Seelenverkaufs allein thematisieren im Unterricht, sondern ich möchte diesen Text von Johann Wolfgang von Goethe vermitteln, heißt das ja, dann geht es nicht mehr um den Inhalt, sondern um die Sprache, oder?

Kennedy: Ja, ganz genau. Da geht es um die Sprache und eben um das, was wir als meisterhaft gelungene Form empfinden, wo wir eben sagen, da hat jemand ein Grundmotiv so auf den Punkt gebracht, dass es mustergültig ist und dass wir uns daran auch dann kreativ abarbeiten können.

Kreativ heißt, wir müssen es natürlich dann immer für uns selbst in seiner Bedeutung erschließen. Ein Beispiel jetzt aus meinem Unterricht. Wir haben hier Profiloberstufe, da wählen also die Schüler nach Neigung, und wo man Mathematiker hat, die logisch denken können, empfiehlt es sich vielleicht dann, die Annotationen von Goethe sich besonders anzuschauen oder die Entwicklung des Charakters anhand eines Zeitstrahls auch zu visualisieren, also viel mit dem Computer zu arbeiten, viel mit Listen zu arbeiten, mit logischen Verknüpfungen zu arbeiten, die es ja bei Goethe reichlich gibt. Also die Sprache systematisch, wie ein Philologe es eben auch macht, zu analysieren.

Oder in einer anderen Klasse, die vielleicht eher haptisch orientiert ist, also sich einfach an visuellen Bildern berauscht, ist es natürlich dann ganz empfehlenswert, gleich ins Theater zu gehen, wo die Theater sowieso heutzutage die sind, die die Stoffe noch mal für die heutige Jugend auch interessant und spannend präsentieren.

Das schönste Mädchen der Welt, Tobis Film 2018, IMDbMeine Rede seit Jahren: Der Faust ist berühmt und, nun ja, eben „klassisch“ aus mancherlei Gründen, aber bestimmt nicht wegen seiner dramaturgisch durchoptimierten, todspannenden Handlung mit wunder wie überraschenden Wendungen, vom Ende ganz zu schweigen: Die Expertendiskussion, ob jetzt eigentlich Gott oder der Teufel (oder Faust? oder gar Gretchen?) gewonnen hat, hält an.

Die bis auf weiteres gern kolportierte Tatsache, dass die Soldaten des Ersten Weltkriegs allesamt „mit dem Faust im Tornister“ ins Feld gezogen seien, den sie selbstverständlich bis dahin in der Kneipe gern mit verteilten Rollen gelesen hatten, ist keine „aus heutiger Sicht befremdliche Überzeugung“ — was ich langsam wirklich mal aus Wikipedia herauseditieren muss — hängt eben nur nicht mit dem Bildungshunger faustischer Existenzen zusammen, falls es im Schützengraben mal allzu langweilig hergehen sollte, sondern damit, dass der Kaiser auf Staatskosten die Reclamheftchen austeilen ließ. Das einzig Befremdliche daran ist, dass derselbe Kaiser für seinen Krieg tatsächlich die Schulbuben rekrutierte, die keinen Tornister, sondern einen Schulranzen tragen sollten.

Dann doch lieber nach Frau Dr. Kennedys Empfehlung die Entwicklung von Charakteren anhand eines Zeitstrahls visualisieren, wie immer das gehen soll. Um den Faust zu wertschätzen oder — was zulässig wäre — zu gegenteiligen Resultaten zu gelangen, bleibt also, wieder nach Dr. Kennedy, die Sprache dem Philologen gleich systematisch zu analysieren. Das gibt auch wirklich einiges her: The Metrum is the Message; das war einer meiner hiesigen Einträge mit dem höchsten Aufwand, von dessen Erkenntnissen ich bis heute persönlich zehre. Da kann es gut sein, dass ein Schüler, der nicht aus freien Stücken auf dergleichen verfallen wird, unter Anleitung was fürs Leben mitnimmt.

Die ebenfalls empfohlenen „Annotationen von Goethe“ finden sich übrigens in Buchform am besten in der aktualisierten Frankfurter Ausgabe als Taschenbuch oder in der Reclam-Studienausgabe; die historisch-kritische Faust-Edition ist zur Stund noch in der Beta-Phase, kommt aber noch.

In diesem Sinne noch die angenehm aufrichtige Moderatorenfrage vom Schluss des angeführten Interviews:

Kassel: Wir haben eigentlich keine Zeit mehr, aber ich kann es nicht lassen: Glauben Sie, wer Goethes „Faust“ versteht, versteht definitiv auch eine moderne Gebrauchsanleitung?

Kennedy: Ja, das ist möglich, wenn diejenigen, die diese Gebrauchsanleitung schreiben, daran denken, dass Menschen geführt werden wollen und eben auch das Fremde erklärt haben wollen. Und das Fremde nicht verklausulieren oder nur ansatzweise beschreiben.

Wichtig wäre mir eben, dass man da auch digital und analog immer nebenher hat. Mir geht es ja so, als promovierte Literaturwissenschaftlerin bin ich teilweise nicht in der Lage, die Gebrauchsanweisung meiner Aufnahmegeräte zu verstehen oder meines Autos — also eine Gebrauchsanweisung, wenn die eben nur digital verfügbar ist, ich aber im Auto ganz konkret, ganz analog auf der Straße stehe und gerade jetzt ein Problem habe, dann erwarte ich eigentlich, dass ich noch den gedruckten Text möglichst bebildert auch vor Augen habe.

Kassel: Das war, glaube ich jetzt ein schönes Beispiel für das Phänomen „Dumme Frage, kluge Antwort“. Frau Kennedy, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Kennedy: Ja, Danke auch, Herr Kassel, auf Wiederhören!

Kassel: Wiederhören. Beate Kennedy war das, Lehrerin und Literaturwissenschaftlerin, über Sinn und Unsinn von Vereinfachung und von Klassikern an der Schule.

Das schönste Mädchen der Welt, Tobis Film 2018, IMDb

Das schönste Mädchen der Welt: via IMDb, 2018.

Soundtrack — nämlich zu Das schönste Mädchen der Welt:
LEA & Cyril: Immer wenn wir uns sehn, aus: Zwischen meinen Zeilen, 2018:

Und weil das, wie fühlende Menschen bemerken werden, nicht mitanzuhören ist,
noch was wirklich Schönes als Bonus Track:
Miley Cyrus: Wildflowers von Tom Petty, aus: Wildflowers, 1994:

Written by Wolf

14. September 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Flucht aus der gebornen Ruine

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Update zu Über den Kirchplatz mit Lancelot: Die namenlosen Religionen zu Coburg
und Wunder im Gehirn. Vier Bier und ein Buch de cerevisiis:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Verschollene Bücher gibt’s fast so viele wie Bücher, die überhaupt nicht geschrieben wurden. Dergleichen zu rekonstruieren, bleibt naturgemäß meistens Spekulation. Wie ich das überblicke, sammeln Englischsprachige viel fleißiger ihre Bücher, die es gar nicht gibt; jedenfalls ist die Wikipedia-Liste mit Lost works ein Vielfaches länger als die mit verschollenen Büchern. Im Idealfall läuft es wie bei Isle of the Cross von Herman Melville, das lange vor 2007 schon einmal von von dem engagierten Laien Stephen Scott Norsworthy in seinen Melvilliana als Umarbeitung zu Norfolk Isle and the Chola Widow, der Sketch Eighth aus The Encantadas verortet wurde: A Note on „Isle of the Cross“. Am 28. April 2018 bleibt Allison McNearney mit Bezug auf die Melville-Biographie von Hershel Parker, immerhin schon von 2012, in ihrer Verwunderung stecken, aber das immerhin dem breiten interessierten Publikum des Daily Beast gegenüber: Whatever Happened to the Book Herman Melville Wrote After ‚Moby-Dick‘? Von der Library of the Dreaming aus den Sandman-Comics — „a collection of every book that has ever been imagined–even if that book was never published or even written“, der mein Alter Ego Lucien vorsteht — fangen wir vorsichtshalber an dieser Stelle nicht an, sonst sind wir bis auf weiteres beschäftigt.

Frank Piontek, Literaturportal BayernDas Bewusstsein für verschollene Werke der Deutschsprachigen, die offenbar nicht vermissen, was sie sowieso nicht haben, beschränkt sich meist auf die gleich zwei Brände der Bibliothek von Alexandria, von denen keiner stattgefunden hat, und das halbherzige Bedauern darüber, dass hin und wieder ein umnachteter Schreiberling — wahrscheinlich aus Gründen — seine Tagebücher verbrennt; nur dass Adolf Hitler von seinem Plan zu einer Oper „Dietrich von Bern“ Wagnerianischen Stils, die wohl nicht flächendeckend herbeigeseht wird und in den unteren Schichten von Luciens Beständen im Dreaming schlummern müsste, dann doch noch abgerückt ist, mag rein vom Hitlerschen Zeitbudget her ein Unglück für die ganze Welt bedeuten.

Umso erfreulicher ist es, von einem still vor sich hin glimmenden Gelehrtenstreit darüber zu hören, dass die zwei ersten Bücher von Jean Paul — Die unsichtbare Loge bei Karl Matzdorff, Berlin 1793 und Hesperus oder 54 Hundposttage, wieder bei Karl Matzdorff, Berlin 1795, erweitert 1798, 3. Auflage 1819 — möglicherweise ein und dasselbe Buch sind.

Nun ist Jean Paul die unsichtbare Loge, ein ursprünglich dreibändig geplantes, heute etwa 500-seitiges Fragment, für das er noch bis zur letzten Auflage zu eigenen Lebzeiten 1825 den dritten Band als Abschluss ankündigte, nicht unversehens aus der Schreibtischplatte gewachsen; die notdürftig angeklebte Dreingabe des Schulmeisterlein Wutz zählt nicht. Vielmehr war der seinerzeit Dreißgjährige mit zwei Satirensammlungen Auswahl aus des Teufels Papieren von 1789 und Grönländische Prozesse von 1793 f. schon ein veröffentlichter Autor (und mit der Briefromanschnulze Abelard und Heloise von 1781 ein unveröffentlichter). Die Zählung der unsichtbaren Loge als Erstling hat sich spätestens seit 1959 verfestigt, will sagen: seit der nächst der historisch-kritischen ab 1927 größten und besten realistisch erreichbaren Gesamtausgabe von Norbert Miller und Walter Höllerer bei Hanser, weil die alles vor der unsichtbaren Loge zwar chronologisch, aber erst in einer zweiten Abteilung „Jugendwerke“ ab dem 7. Band bringt. Man kann das als willkürlich bemängeln oder gleich mir im Gebrauch der Zusammenstellungen recht handlich finden.

Gleich mit derselben Hanser-Ausgabe hat Walter Höllerer in seinem Nachwort zu Band 1, der die unsichtbare Loge und den Hesperus versammelt, den Gelehrtenstreit angezettelt. Zitiert wird Norbert Miller (Hrsg.): Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung. Mumien. in: Jean Paul: Sämtliche Werke. Abteilung I. Erster Band, Seite 7–469. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Lizenzausgabe 2000, Copyright Carl Hanser München Wien 1960, 5., korrigierte Auflage 1989, 1359 Seiten, mit einem Nachwort von Walter Höllerer (Seite 1313–1338), darin der Anfang Abschnitt II, Seite 1319:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Den Roman ‚Die unsichtbare Loge‘ bezeichnet Jean Paul 1825 in seiner „Entschuldigung bei den Lesern der sämtlichen Werke in Beziehung auf die unsichtbare Loge“ als eine „geborne Ruine“. In seiner Vorrede zur zweiten Auflage, 1821, versprach Jean Paul noch eine Beendigung des Fragments: Der Titel „soll etwas aussprechen, was sich auf eine verborgene Gesellschaft bezieht, die aber freilich so lange im Verborgenen bleibt, bis ich den dritten oder Schlußband an den Tag oder in die Welt bringe“. — Aus dieser versprochenen Fortsetzung wird nichts, und das das ist verständlich. Jean Paul brach seinen ersten Roman ab, um ihn, mit ähnlichem Vorwurf, aber mit neuen Aufbauplänen, mit schärferen Umrissen für die höfische Welt und die revolutionären Tendenzen und mit verbesserten stilistischen Mitteln noch einmal zu schreiben: in der Gestalt des ‚Hesperus‘! Ob er sich selber über diesen in der Literaturgeschichte einmaligen Vorgang ganz klar war, bleibt dahingestellt. Jedenfalls bewegten ihn Überlegungen in ähnlicher Richtung, als er in einem Begleitbrief zur ersten Niederschrift der ‚Unsichtbaren Loge‘ an Otto schreibt: „Übrigens ist dieses Pak ein corpus vile, an dem ich das Romanenmachen lernte; ich habe jetzt etwas besseres im Kopfe!“

Das geschieht merklich so beiläufig, dass es ein Versehen sein kann, zumal Höllerer mit Absicht wohl nicht ausgerechnet in einer abschließend gemeinten Gesamtausgabe einen Gelehrtenstreit aufgebracht hätte. Die gar nicht genug zu lobende Jean-Paul-Biographie von Günter de Bruyn Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter ist zuerst 1975 erschienen — zu Halle an der Saale, also DDR-Ware. Zumindest in der Überarbeitung für Fischer ab 1991 stützt sich de Bruyn außer auf die historisch-kritische auch auf die Hanser-Ausgabe, kennt also sehr wahrscheinlich Höllerers Nachwort. Falls nicht, kommt er jedenfalls auf die gleiche Idee, um sie höchst einfühlsam auszubreiten — nachstehend zitiert mit dem Eingriff noch einmal abgesetzter Primärzitate:

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

——— Günter de Bruyn:

17. Revolution und Schlafmütze

aus: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Eine Biographie,
Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale, 1975,
Fischer Taschenbuch Verlag, 1991, 7. Auflage Dezember 2011, Seite 117 bis 119:

Auch das Fragmentarische des Romans scheint programmatisch. Sechs Romane wird er in seinem Leben schreiben, drei davon werden unvollendet bleiben. Als vom ersten, kurz vor Jean Pauls Tod, eine zweite Auflage gemacht wird, entschuldigt er sich beim Leser für diese „geborene Ruine“ mit Argumenten, die nur jemandem einfallen können, der ganz auf Realismus und Gegenwart eingeschworen ist und dem die Fabeln seiner Romane wenig bedeuten:

Wenn man nun fragt, warum ein Werk nicht vollendet worden, so ist es noch gut, wenn man nun nicht fragt, warum es angefangen. Welches Leben in der Welt sehen wir denn nicht unterbrochen? Und wenn wir uns beklagen, daß ein unvollendet gebliebener Roman uns gar nicht berichtet, was aus Kunzens zweiter Liebschaft und Elsens Verzweiflung darüber geworden, und wie sich Hans aus den Klauen des Landrichters und Faust aus den Klauen des Mephistopheles gerettet hat — so tröste man sich damit, daß der Mensch rundherum in seiner Gegenwart nichts sieht als Knoten, — und erst hinter seinem Grabe liegen die Auflösungen; — und die Weltgeschichte ist ihm ein unvollendeter Roman.

Nun sind bekanntlich Literatutheorien von Literaten meist nichts als Versuche, das, was man kann, als das auszugeben, was man will, und insofern vom Biographen zwar ernst, aber nicht als Wahrheit zu nehmen, was für die „Unsichtbare Loge“ bedeutet: Sie bleibt nicht unvollendet, weil Leben und Weltgeschichte es bleiben, sondern weil der Autor aus seinem ersten Roman in den zweiten, ähnlichen, flieht. Vielleicht kann er die Unzahl der Fäden, an die er die Lebensgeschichte seines Helden knüpfte, selbst nicht mehr entwirren, vielleicht erkennt er, daß die geplante Weiterführung seine Kräfte übersteigt. Gustav, der Hauptheld, sitzt im Gefängnis; er ist der Mitgliedschaft in der geheimnisvollen Loge angeklagt, von der der Leser nicht viel weiß. Durch die Welt, die Jean Paul kennt (die des kleinformatigen Fürstentums) und ein wenig darüber hinaus (die des Hofes), hat er den Leser geführt; die Erlebnisse, die er hatte (Freundschaft, die mit Tod endet, Liebe, Eifersucht, Unterdrückung, Unrecht, Naturschwärmerei), hat er ihn nacherleben lassen — jetzt merkt der Autor, wie er es besser machen kann. Statt eines schlechten Schlusses gibt er keinen, aber er gibt nicht auf: Er beginnt von vorn, versucht es noch einmal.

Im Februar 1792 schickt er, aus Schwarzenbach, dem Freund Christian Otto in Hof das Manuskript:

Endlich ist nach einem Jahr die konvulsivische Geburtszeit meines Romans vorbei … Wie ein Vieh hab ich dies Woche geschrieben — der Appetit ist längst fort, — je näher man dem Ende kömmt, desto krampfhafter schreibt man.

Kein Wort darüber, daß das Ende keins ist, daß Gustav ewig im Gefängnis schmachten muß. Statt dessen, im gleichen Brief, die Bemerkung, daß er an diesem Buch

das Romanmachen lernte: ich habe jetzt etwas bessers im Kopfe.

Den „Hesperus“ nämlich, der einen Schluß haben wird, wenn auch einen wie in Hast hingeschriebenen.

Aber da hat er schon zum drittenmal ausgeholt, noch weiter, noch größer und großartiger, zum „Titan„, und diesmal gelingt es.

Das Beste an diesem Erkenntnisgewinn ist die beruhigende Einsicht, dass man sich fortan nicht weiter zu genieren braucht, wenn man sich im Gang der Handlung der unsichtbaren Loge verheddert, um erst ganze Stunden lang immer wieder nur den einen Absatz zu lesen, ohne ein Wort zu verstehen, und dann gedemütigt das Buch „zu den anderen“ zu legen: Wenn selbst der eine, der es geschrieben hat, noch nach mehreren hundert Seiten entsetzt vor all der Wirrsal flieht, kann das keine Schande sein.

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Bilder: Stechbahn und Zimmerstraße in Berlin via Frank Piontek: Letzter Anhang. Schluss des Schlusses: Matzdorff oder Der Verleger, Literaturportal Bayern, 22. Dezember 2004;
Buch & Bier via derselbe: Heimstätten. Joditziana IV, Literaturportal Bayern, 26. Juni 2013.

Frank Piontek, Literaturportal Bayern

Soundtrack sei am Ende einer nicht mehr als zweigliedrigen Assoziationskette das Video, das zweimal gedreht werden musste: einmal 1998 von Anton Corbijn, einmal 1999 von James & Alex — das eine Mal nichtssagender als das andere, aber das Lied selbst muss ein Engel versprüht haben; deshalb hier mit dem dritten und inoffiziellen, aber einzigen Video, das etwas taugt: einer Fan-Arbeit, 2009 von Harriet Bennett im Stil von Watership Down:
Mercury Rev: Goddess on a Hiway aus: Deserter’s Songs, 1998:

Written by Wolf

1. Juni 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind

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Update zu Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen):

Das letzte Wunderblatt ist ja auch schon gleich ein Jahr her (Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland), das letzte, für das die Kategorie überhaupt eingerichtet wurde (Wunderblatt 6: Die Reimer und die Dichter), vom November 2014; so weit kann gar kein Mensch im Kopf zurückrechnen.

Das hat den kühlen Grund, dass mir das einst zugerüstete Wunderblatt samt dem zugesellten Brutblatt mit einer Zielstrebigkeit eingegangen ist, die an Trotz grenzt, und wenn mir schon das madegassische Wüstenunkraut unter den Fingern verreckt, trau ich mich nicht mehr.

Kalanchoen, 28. April 2018

——— Hendrik Hölzemann:

Nichts bereuen

2002. Film-Drehbuch nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin Quabeck,
Regie: derselbe, Traumsequenz gesprochen von Sebastian Rüger:

Jaja, wir haben’s alle nicht leicht. Den ganzen Tag bist du nur von Abschaum umgeben. Es ist jeden Tag die gleiche Leier: Keiner ist es gewesen, keiner hat es gewollt, und wer ist schuld? Die Eltern, die anderen, der eisige Westwind. Und du bist also am Arsch, ja? Ich sag dir was, Junge: Die ganze Welt besteht nur noch aus Umfallern.

Kalanchoen, 28. April 2018Mythologisch heißt der Westwind Zephyr und steht für frühlingshaft feuchtes, den Saaten zuträgliches Wetter. Das Zitat aus NIchts bereuen wäre demnach mehr der Coolness denn der Mythologie verpflichtet, weil eher der Nordwind Boreas der Eisige von den Brüdern ist — was für so eine surreale Alptraumsequenz in Ordnung geht. In der orientalischen Poesie tritt der Westwind, im Falle des Divan nicht unerheblich, als Liebesbote auf.

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich herumgesprochen, dass Goethe weite Teile seines West-östlichen Divan, der ohnehin nie zu seinen Bestsellern zählte, von Marianne von Willemer übernommen hat. Mit dieser schönen Müllerin des Jahrgangs 1784 — das sind 35 Jahre jünger als Herr Geheimrat — verband ihn eine Brieffreundschaft, die nach einem gemeinsam verbrachten Sommer ihre erotische Komponente nicht mehr ganz abschütteln konnte. Der Briefwechsel umfasst auch eine Art Poesie-Ping-Pong, dessen Dialogspiele dem Dichterfürsten vor allem für das Buch Suleika im Divan mit eher vorsichtigen Retuschen recht zupass kamen.

1815 waren noch nicht die Kalanchoen pinnata und daigremontiana die Goethepflanzen, vielmehr verglich Goethe seine Person noch mit dem Ginkgo biloba, siehe sein Gedicht Gingo biloba — am 15. September 1815 eben an Marianne von Willemer gerichtet, von der er nach der Sommerfrische noch kaum getrennt war:

Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?

Die lyrischen Spielzüge fielen sehr dicht in diesem September 1815: Mariannes Gedicht an den Ostwind, schon von 23. September, war nicht die erste direkte Antwort darauf, und am 25. d. M. schrieb sie schon ihr Gedicht an den Westwind in erster Fassung.

Das direkte Vorbild dafür war der Vierzeiler Vierzeiler von Hafis, an dessen erste deutsche Übersetzung (Joseph von Hammer, 1813) sie heranzuführen Goethe den Sommer lang sicher ausreichend Zeit gefunden hatte:

Ostwind sag‘, ich bitte dich, ihm ganz heimlich die Kunde
Hundertfache Zung‘ spreche den Herzensbrand aus,
Sprich es nicht traurig, um ihn nicht auch zur Trauer zu stimmen,
Sage zwar das Wort, aber du sag’s mit Bedacht.

Kalanchoen, 28. April 2018Und das ist jetzt interessant, wie ein altarabischer Vierzeiler unter Mariannens Händen zu fünf Schenkenstrophen heranwächst, ohne dass man auf Anhieb zu sagen wüsste, wo genau der Zuwachs an Beduetung liegt — was gar nicht gegen Frau von Willemer spricht, allenfalls für Hafis — abgesehen allein davon, dass sie Hafis‘ Original, das den Ostwind anspricht, an den Westwind umgewidmet hat, wahrscheinlich weil bei ihr der Ostwind ja erst vorgestern dran war.

So historisch jung die Begriffe des Urheber- und Autorenrechts sind, hätte Goethe bei der zielgerichteten Unverfrorenheit, mit der er eine verheiratete Frau unter den Augen ihres Ehemannes und des Neben-Hausfreundes als liebende Suleika gegenüber seiner eigenen Rolle als schmachtender Liebhaber verhaftete, wenigstens als Mitautorin benennen müssen — nicht als Frage eines wie auch immer aufgefassten Anstands, sondern der Pflicht, weil es nicht mehr um eine „Volksliedbearbeitung“ geht wie beim Heideröslein, das er dankbar seinem Freund Herder abgenommen hatte.

Umso mehr, als man nicht damit allein steht, wenn man Goethes Endfassung gelungen finden will: Der treue Eckermann meint 1824 in Beyträge zur Poesie, mit besonderer Hinweisung auf Goethe, Seite 278 f.:

Ist der Geist eines Gedichts frisch wie die anwehende Morgenluft, so ist es auch der Klang der Sprache:

Einer sitzt auch wohl gestängelt
Auf den Ästen der Zypresse,
Wo der laue Wind ihn gängelt
Bis zu Thaues luft’ger Nässe.

Solche Musterstellen geben uns eine Idee, wie der Character des Geistes bis auf Wort und Klang ausgeprägt werden müsse. Aber so etwas muß sich wie von selbst machen, die Leichtigkeit und Natur der Verse muß nicht darunter leiden, das Streben nach solcher Vollkommenheit muß nicht in Künsteley ausarten; vielmehr muß auch hier die Kusnt so erscheinen, daß sie kaum als Kunst bemerkt werde.

Auch bey Goethen finden wir solche Stellen nur selten, er scheint nie danach gestrebt zu haben.

In folgendem schönen Gedicht finden wir den milden Character durch und durch in Bewegung und Worten: […]

Kalanchoen, 28. April 2018Woraufhin Eckermann „Ach! um deine feuchten Schwingen“ Suleika anführt — also das Gedicht der Willemer mit den zarten Retuschen für den Divan: Eckermann, der Goethes Leben und Werk so unmittelbar und tiefgehend kannte wie sonst niemand, hielt diesen milden Character für eine genuine Goethe-Schöpfung. Der Meister selbst kannte die Beyträge zur Poesie von 1824 schon 1823 im Manuskript. Seine Entschuldigung an Frau Willemer lautete — unter der schon wieder genügend unverfrorenen Überschrift Auf ein in Liebe und Dichtung wetteiferndes Paar am 18. Oktober 1823:

Myrt‘ und Lorbeer hatten sich verbunden;
Mögen sie vielleicht getrennt erscheinen,
Wollen sie, gedenkend sel’ger Stunden,
Hoffnungsvoll sich abermals vereinen.

Sein Unrechtsbewusstsein scheint ein zu vernachlässigendes. Brieflich setzt er am 9. Mai 1824 sogar noch einen drauf:

Als ich des guten Eckermanns Büchlein aufschlug, fiel mir S. 279 zuerst in die Augen; wie oft hab ich nicht das Lied singen hören, wie oft dessen Lob vernommen und in der Stille mir lächelnd angeeignet, was denn auch wohl im schönsten Sinne mein eigen genannt werden durfte.

Lassen wir also mit unserem heutigen Wissen die Leistung für das schöne Stück, vor denen der West-östliche Divan, mit Verlaub, nicht gerade überquillt, bei Marianne von Willemer. Was Goethe hinzugefügt hat, ist in der Summe ein verschwindendes Maß: Als tiefsten Eingriff geht es um die Überschrift „Suleika“ — die gleiche wie für die meisten Rollengedichte innerhalb des Suleika Nameh auch.

——— Marianne von Willemer:

Westwind

26. September 1815:

Ach, um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide,
Denn du kannst ihm Kunde bringen,
Was ich in der Trennung leide.

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bei deinem Hauch in Thränen.

Doch dein mildes, sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt ich vergehen,
Hofft ich nicht zu sehn ihn wieder.

Gehe denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen,
Doch vermeid, ihn zu betrüben
Und verschweig ihm meine Schmerzen.

Sag ihm nur, doch sags bescheiden,
Seine Liebe sei mein Leben,
Freudiges Gefühl von beiden
Wird mir seine Nähe geben.

——— Goethe:

Suleika

aus: West-östlicher Divan, ab 1819, Seite 166:

Ach! um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide:
Denn du kannst ihm Kunde bringen
Was ich in der Trennung leide.

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bey deinem Hauch in Thränen.

Doch dein mildes sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt‘ ich vergehen,
Hofft‘ ich nicht zu sehn ihn wieder.

Eile denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen;
Doch vermeid‘ ihn zu betrüben
Und verbirg ihm meine Schmerzen.

Sag‘ ihm, aber sag’s bescheiden:
Seine Liebe sey mein Leben,
Freudiges Gefühl von beyden
Wird mir seine Nähe geben.

Das Bildmaterial dokumentiert meinen zweiten Versuch der Kalanchoenzucht auf dem Stand vom 28. April 2018, bevor mir die Dinger wie 2014 wieder in sich zusammensacken.

Kalanchoen, 28. April 2018

Lied an den Westwind: Claudio Monteverdi: Zefiro torna, 1632,
in der lustigsten Einspielung von F# Portraits, 2013:

Written by Wolf

18. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik