Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Oktober 2015

Postcards from Germany

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Update for Schön siebenzeilig Lurley:

We knew Mark Twain spoke the awful German language. Now we learn he even sang it.

——— Mark Twain:

An Ancient Legend of the Rhine

from: A Tramp Abroad. Vol. 1–2. Leipzig: Tauchnitz, 1880, vol. 1,
translation of Heinrich Heine: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
from: Buch der Lieder (Book of Songs), 1827:

Germany is rich in folk-songs, and the words and airs of several of them are peculiarly beautiful – but „The Lorelei“ is the people’s favourite. I could not endure it at first, but by-and-by it began to take hold of me, and now there is no tune which I like so well.

I cannot divine what it meaneth,
This haunting nameless pain:
A tale of the bygone ages
Keeps brooding through my brain:

Loreley-Postkarte 1

Loreley-Postkarte 2

The faint air cools in the gloaming,
And peaceful flows the Rhine,
The thirsty summits are drinking
The sunset’s flooding wine;

The loveliest maiden is sitting
High-throned in yon blue air,
Her golden jewels are shining,
She combs her golden hair;

Loreley-Postkarte 3

Loreley-Postkarte 4

She combs with comb that is golden,
And sings a weird refrain
That steeps in a deadly enchantment
The listener’s ravished brain:

The doomed in his drifting shallop,
Is tranced with the sad sweet tone,
He sees not the yawning breakers,
He sees but the maid alone:

Loreley-Postkarte 5

Loreley-Postkarte 6

The pitiless billwos engulf him!–
So perish sailor and bark;
And this, with her baleful singing,
Is the Lorelei’s gruesome work.

Images: Postcards from the Mittelrheintal about Darstellung der Loreley auf Postkarten, 1900.

Written by Wolf

30. Oktober 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Geibels Wesen und Beruf

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Update zu Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. (Kartoffeln schmälzen):

Wo Geibel und Heyse herrschen, bleibt Georg Büchner draußen vor der Tür.

Robert Minder.

Der Geibelplatz muss weg. Damit ist eigentlich alles gesagt.

Buddenbrookhaus Lübeck zum Geibel-Jahr 2015.

Lorenz Clasen: Germania auf der Wacht am Rhein, 1860Wenn man es denn bemerkt, was man aber kaum schafft, kann man es auch begehen, was man aber nicht muss: Emanuel Geibel ist gerade 200 geworden. In Lübeck, wo nicht einmal der zuständige Stadtrat sagen kann, ob sie dort einen Geibelplatz haben oder nicht, bekommt der Mann deshalb von einem engen Kreis Berufener ein ganzes Geibel-Jahr gewidmet: Das Buddenbrookhaus feiert schon das ganze Jahr lang den großen Dichter des Blutes und des Eisens und findet gar kein Ende mit seinen Veranstaltungen. Unverdächtig oder wenigstens nicht eindeutig überführbar bleibt Herr Geibel wohl deswegen, weil sich jemand, der Emanuel heißt, was Antisemitismus angeht, schon nicht unbotmäßig weit aus dem Fenster gelehnt haben wird. Die Welt vom Samstag, den 17. Oktober 2015 frühstückt das recht passend mit einer einzelnen Notiz als „Zahl des Tages“ im Feuilleton ab, sinnigerweise rechts unten.

——— Emanuel Geibel:

O hätt‘ ich Drachenzähne statt der Lieder

1846.

O hätt‘ ich Drachenzähne statt der Lieder,
Daß, sät‘ ich sie auf diese dürre Küste,
Draus ein Geschlecht von Kriegern wachsen müßte,
Im Waffentanz zu rühren Eisenglieder.

Sie alle sollten Deutschlands Heerschild wieder
Erhöhn, unnahbar jedem Raubgelüste,
Und nimmer fragen nach des Kampfes Rüste,
Bis Hauch des Siegs umspielt‘ ihr Helmgefieder.

Nun hab‘ ich Worte nur, allein wie Saaten
Will ich sie streun in deutsche Seelen wacker,
Ob hier und dort mag eine Frucht geraten.

Doch soll draus aufgehn nicht ein Zorngeflacker,
Nein, ruhig ernst ein Mut zu großen Taten.
Du aber, Herr, bereite selbst den Acker!

Ausgefeilter kann man kaum „Jeder wie er kann“ sagen. Er kann auch eine Frühform von „Deutschland, erwache!“ in Bezug zum antiken Griechenland setzen:

Deutschland, bist du so tief vom Schlaf gebunden

1846:

Deutschland, bist du so tief vom Schlaf gebunden,
Daß diese fremden Zwerge sich getrauen,
Mit frechem Beil in deinen Leib zu hauen,
Als könntest du nicht spüren Streich und Wunden?

Ist deine Ehre so dahingeschwunden
Im Mund der Völker, daß sie keck drauf bauen,
Mit teilnahmloser Ruhe würden schauen
Die Schmach des kranken Gliedes die gesunden?

Erwach‘ und steig empor in Zornes Lohen!
Laß aus der Brust, die nicht umsonst sich brüstet,
Die Riesendonner deiner Stimme drohen!

Da werden, die nach deinem Raub gelüstet,
Entsetzt zerstäuben, wie die Troer flohen
Beim Ruf Achills, noch eh‘ er sich gerüstet.

Formal bleibt gerade in seinen Sonetten kein Wunsch offen, und Geibel hat viele davon. Einwandfreies Reimschema, Versmaß Ehrensache, die Quartette sind thematisch von den Terzetten unterschieden, und beide Teile fließen mühelos in ein Ganzes — nichts dagegen zu sagen. Seine bevorzugten Inhalte allerdings breitet er auch in formal weniger festgezurrten Epigrammen aus und konnte mit einem Fazit davon leider in den deutschen Sprichwortschatz eingehen:

Deutschlands Beruf

1861:

Philipp Veit, Allegorie der Germania, 1834--1836, Wandbild Altes Städelsches Institut Frankfurt am MainSoll’s denn ewig von Gewittern
Am umwölkten Himmel braun?
Soll denn stets der Boden zittern,
Drauf wir unsre Hütten baun?
Oder wollt ihr mit den Waffen
Endlich Rast und Frieden schaffen?

Daß die Welt nicht mehr, in Sorgen
Um ihr leichterschüttert Glück,
Täglich bebe vor dem Morgen,
Gebt ihr ihren Kern zurück!
Macht Europas Herz gesunden,
Und das Heil ist euch gefunden.

Einen Hort geht aufzurichten,
Einen Hort im deutschen Land!
Sucht zum Lenken und zum Schlichten
Eine schwerterprobte Hand,
Die den güldnen Apfel halte
Und des Reichs in Treuen walte.

Sein gefürstet Banner trage
Jeder Stamm, wie er’s erkor,
Aber über alle rage
Stolzentfaltet eins empor,
Hoch, im Schmuck der Eichenreiser
Wall‘ es vor dem deutschen Kaiser.

Wenn die heil’ge Krone wieder
Eine hohe Scheitel schmückt,
Auf dem Haupt durch alle Glieder
Stark ein ein’ger Wille zückt,
Wird im Völkerrat vor allen
Deutscher Spruch aufs neu‘ erschallen.

Dann nicht mehr zum Weltgesetze
Wird die Laun‘ am Seinestrom,
Dann vergeblich seine Netze
Wirft der Fischer aus in Rom,
Länger nicht mit seinen Horden
Schreckt uns der Koloß im Norden.

Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
Klarer Geist und scharfer Hieb
Zügeln dann aus starker Mitte
Jeder Selbstsucht wilden Trieb,
Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen.

Na gut, „Kaiser“ auf Eichenreiser“, darauf muss man kommen, und das ist nicht ganz ohne Charme. 2014, als das Jubiläum noch ohne Geibel-Jahr abging, hat der nicht genug zu lobende Silvae eine Ehrenrettung Geibels zum 130. Todestag versucht — und sogar geschafft, ihm eine nicht ganz so bluttriefende, eisenrasselnde Seite abzugewinnen, mit der Zusammenfassung:

Wenn man die Gedichte liest, die sich hier im Goethezeitportal finden, dann lernt man einen anderen Geibel kennen. Auf jeden Fall einen ohne Drachenzähne.

Nicht einmal übliche Verdächtige werden sich heute mehr als Geibel-Fans outen (im Gegenteil: die wahrscheinlich als letzte), da wird man den Mann wohl noch rehabilitieren dürfen. Wenn Herr Silvae sich am runden Todestag so wohlwollend gezeigt hat, wollen wir am noch runderen Geburtstag erst recht mal nicht so sein, und so „wird im Völkerrat vor allen deutscher Spruch aufs neu‘ erschallen“. Gereimt sind sie ja wirklich gut.

Christian Köhler, Erwachende Germania, 1849

Deutsche Wesen: Lorenz Clasen: Germania auf der Wacht am Rhein, Düsseldorfer Malerschule, 1860
via Die holde Germania wacht jetzt in Leipzig, Westdeutsche Zeitung, 8. August 2013;
Philipp Veit: Allegorische Figur der Germania, 1834–1836, Wandbild aus dem alten Städelschen Institut, rechtes Seitenbild: Die mit Eichenlaub bekrönte Germania ist umgeben von mehreren Symbolen, die in der Romantik mit Deutschland verbunden waren (Reichskrone, Wappen des Heiligen Römischen Reichs, die Wappen der Kurfürsten, Reichsschwert und die Rheinlandschaft);
Christian Köhler: Erwachende Germania, 1849,
Öl auf Leinwand, 220 cm × 280 cm, New York Historical Society:
Vor Germania erscheint der Genius der Freiheit, während Knechtschaft und Zwietracht in den Abgrund stürzen.

Soundtrack: Emanuel Geibels unverfänglicher Smash-Hit Der Mai ist gekommen 1841, geschrieben im Biergarten des Lübecker Gasthofs, der später dem YouTuber gehörte, der die Rezitation von Frank Arnold veröffentlichen sollte.

Written by Wolf

23. Oktober 2015 at 00:01

Und wenn es hundert schönere gibt

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——— François Villon:

Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt

ca. 1460, in: Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon.
Nachdichtung [nicht „Übersetzung“]: Paul Zech, 1946, gesammelt 1962:

Im Sommer war das Gras so tief,
daß jeder Wind daran vorüberlief.
Ich habe da dein Blut gespürt
und wie es heiß zu mir herüberrann.
Du hast nur meine Stirn berührt,
da schmolz er auch schon hin, der harte Mann,
weils solche Liebe nicht tagtäglich gibt …
Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt.

Im Feld den ganzen Sommer war
der Mond so rot nicht wie dein Haar.
Jetzt wird es abgemäht, das Gras,
die bunten Blumen welken auch dahin.
Und wenn der rote Mond so blaß
geworden ist, dann hat es keinen Sinn,
daß es noch weiße Wolken gibt …
Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt.

Du sagst, daß es bald Kinder gibt,
wenn man sich in dein rotes Haar verliebt,
so rot wie Mohn, so weiß wie Schnee.
Im Herbst, mein Lieb, da kehren viele Kinder ein,
warum solls auch bei uns nicht sein?
Du bleibst im Winter auch mein rotes Reh
und wenn es hundert schönere gibt …
Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt.

Reaus v.d. O, Me, July 8, 2008

Bild: Reaus v.d. O: Me, 8. Juli 2008.

Written by Wolf

21. Oktober 2015 at 16:03

Veröffentlicht in Land & See, Renaissance

Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx

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Update zu Seegespenst Loreley (Doktor, sind Sie des Teufels?):

Eins meiner Lieblingslieder. Erinnert mich an meine Jugendfreundin. Meine Mama hat mal die Statue der Lorelei auf ihrem Felsen im Rhein besucht.

Sie sagt, sie wäre leicht pornografisch. Andererseits glaube ich nicht, dass einer sein Schiff für ein nettes Mädchen in vernünftigem Schuhwerk drangeben würde.

[Original-Kommentar:] One of my favourite songs. Reminds me of a girlfriend when I was young. My mum went to see the statue of the Lorelei on her rock in the Rhine.

She said it’s a bit pornographic. Then again, I don’t suppose you would crash your ship for a nice girl in sensible shoes.

Tommy Tipitcup über The Pogues: Lorelei, 2010.

Schreibkraft, Heinrich-Heine-Denkmal, Bronx, Dezember 2003, Wikimedia Commons

Die Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal muss jetzt sehr stark sein. Die Loreley, weltweit am bekanntesten durch Heinrich Heine, ist mitnichten, wie anno 1824 von ihm behauptet, „ein Mährchen aus alten Zeiten“, also keine Volkssage, sondern eine eindeutig nachweisbare Erfindung in einer Ballade von Heines Kollegen Clemens Brentano von gerade mal 1800.

Jemand musste es tun, jemand musste endlich den Gefahren, die an den Untiefen des Rheins die Schifffahrt bedrohen, eine tröstliche Gestalt verleihen. Bis dahin war dort individuell undefiniertes Elfen- und Zwergenvolk unterwegs, ganz geheuer war es also noch nie — jedenfalls nicht 1645 ff. beim „ersten Baedeker in deutscher Sprache“:

——— Martin Zeiller/Lucas Heinrich Wüthrich Matthaeus Merian:

Bacharach.

aus: Topographia Palatinatus Rheni et Vicinarum Regionum,
Merian, Frankfurt am Main 1645–1654:

Besser den Rhein hinunder / gegen dem Hunsruck herüber / nach dem Rhein zu / ligt das Pfältzische Ampt Bacharach / von zweyen kostbarlichen / vnd stattlichen Dingen / sehr ansehenlich. Erstlich vom Weinwachs / so allenthalben den Ruff hat / vnnd hin vnd her weit geführet wird: Vnd dann vom Rheinzoll zu Bacharach / vnd Caub / so der ChurPfältzischen Cammer ein grosses vor diesem eingetragen hat. Es ziehet sich das Gebürg zu beyden seiten deß Rheins, bey Bingen hinab / nach: vnd vnder Bacharach / so von den Alten der Lurleberg ist genant worden / in welchem Gebürg auch ein sonderbar lustig Echo, oder Widerschall / sich befindet; Item an einem Orth ein Zwirbel im Rhein / von welchen beden vielleicht diser Widerschall herrühret / als wann daselbst der Rhein heimbliche Gäng vnder der Erden hätte. In diesem Strich nun ist ein Stein mitten im Rhein / davon etliche die Statt Bacharach hernennen / welchen man bißweilen sihet / wann der Rhein klein ist / vnnd deswegen ein Anzeygen folgenden Jahrs guten Weingewächs gibet; weilen es wenig geregnet / heiß / vnd trucken ist. Man vermeynt / daß diesen Stein vor Zeiten die Teutsche jenseit Rheins / als ein aram, oder Altar / hieher gesetzt, wie es dann ein grosser / gevierter / oder Quadratstein / fast wie ein Altar / ist.

The Interloafer, Heinrich-Heine-Denkmal, Bronx, 17. September 2007, Wikimedia Commons

Der Felsen trägt schon spätestens seit dem Mittelalter Namen, die allesamt eine Variation über „Lorelei“ sind und möglicherweise etwas wie „lauernder“, „schreiender“ oder „Elfen“-Felsen bedeuten. Eine Aufzählung von Wolfgang Minaty (Hg.): Die Loreley. Ein Lesebuch, Insel Verlag 1988 kennt:

Loreley. Lorelei. Lorelej. Lore-Ley. Lore-Lei. Lore Lay. Lorley. Lorlei. Lorely. Lurley. Lureley. Lurelei. Lourley. Lurline. Lorhelia. Laureligh. Lurlaw. Montes Lurleiani. Mons Lurlaberch. Lûrlinberc. Lûrlenberg. Lôrleberg. Lôrberg. Lurleberg. Lurleyberg. Lurleiberg. Lurle-Berg. Lorleberg. Lorberg. Lurleyfels. Lurleifels. Loreleyfelsen. Lure. Lora. Lore. Lenore. Toreloreliese.

Außerdem herrscht speziell an dieser tiefsten Stelle des — sehr prekär — schiffbaren Rheins ein ausgeprägtes, immerhin siebenfaches Echo. Meinem inneren Sprachwissenschaftler sagt deshalb besonders die Deutung von Ernst Moritz Arndt zu: dass lurleien „im alten Teutschen“ nachsprechen bedeute — und dadurch ohne die Bestandteile des Lauerns und des Felsens auskommt. Leider auch ohne haltbar linguistische Belege.

Das Wunder liegt also zugegeben darin, dass Brentano anno 1800 noch keine uralte Volkssage vorfinden konnte. Kein Geringerer als Arno Schmidt (dem ich jedes Wort glaube) lässt gerade einmal vier „echte“ deutsche Romantiker gelten: Fouqué, Hoffmann, Tieck und eben Brentano — und tatsächlich wirkt gegen dessen „verwilderten Roman“ Godwi, in dem seine Lore Lay vorkommt, das Gesamtwerk des Paraderomantikers Eichendorff geradezu kindlich bemüht, bestenfalls ganz nett. Gerade dem heute entschieden vernachlässigten Brentano ist es deshalb zu gönnen, dass er mit einem dazwischengeworfenen Nebenwerk, das in seiner umgebenden Hauptsache gar keine herausragende Rolle spielt, dermaßen tief im kollektiven Gedächtnis der ganzen Welt bleibt.

Die Wölfin, die natürlich wie so ziemlich jeder, der lesen und schreiben gelernt hat, das Lied von Heine kennt, nennt das blonde Gift, den männermordenden Unschuldsengel Loreley einen feuchten Männertraum. Und wenn schon, damit hat sie aus küchenpsychologischer Sicht bestimmt recht und ist bei weitem nicht allein. Der Topos der unmöglichen Liebe zwischen Menschen und Wasserwesen reicht bis in die Antike zurück, und eigentlich tut die Loreley nichts anderes als die homerischen Sirenen auch. In der Odyssee waren die Sirenen übrigens zu zweit; bei Brentano ist die „Zauberin“ — also Hexe — Lore Lay sich ihrer Gabe und ihres Fluchs, der ihr Pech in der Liebe gebracht hat, so schmerzlich bewusst, dass sie den Tod sucht — was sie in der Antike in die größte Nähe zur Nymphe Echo rückt, die aus Gram über ihre unglückliche Liebe zu Narziss zu Stein erstarrt.

Beide Aspekte sind seit Heine verloren gegangen: Typischerweise singt die Loreley solo, und es bleibt ungewiss, ob sie nicht doch absichtsvoll, folglich bösartig oder wenigstens aus Rache für ihre verlorene Liebe handelt. Ein erklärtes Ziel, etwa ihre Liebe wiederzufinden, hat sie nicht mehr. Eine Fee in der Eigenschaft eines Elementargeistes, der so unausweichlich wie eine personifizierte Naturgewalt auftritt, wird sie dadurch, dass die fehlbaren, mit Trieben ausgestatteten Menschen ihr nur wehrlos begegnen können.

Das Anrührende an ihr ist seitdem ihre regionale Verankerung und damit ihre Zugänglichkeit: Heines „Schiffer im kleinen Schiffe“ müssen beruflich an ihr vorbei, sie können sie gar nicht vermeiden. Alle müssen sich in sie verlieben und gehen in Ausübung ihrer lebensnotwendigen Arbeit an ihr zugrunde. Und das passiert nicht in einer vage behaupteten Sagenwelt, sondern an der bekanntermaßen kitzligen Stelle Rheinkilometer 555 zwischen Kaub und Sankt Goarshausen in Rheinland-Pfalz.

Loreleys Eigenleben in den zahllosen Versionen und Verarbeitungen ist eine Legende für sich. Heines Version im Buch der Lieder 1823 (veröffentlicht 1826) war keineswegs die erste nach Brentano, nur die mit Abstand erfolgreichste, bestimmt auch durch die kongenial volksnahe Vertonung von Friedrich Silcher.

Am frappierendsten finde ich den Teil der realen Legende, dass Heinrich Heine ein Denkmal in New York City hat — und zwar keine dreiviertelmannshohe Anstandswürdigung in einer touristisch belebten Ecke auf Antreiben der German Community, sondern einen sehr präsenten und elaborierten Lorelei-Brunnen von Ernst Härter, 1888 in Auftrag gegeben vom Heine-Fan Kaiserin Elisabeth „Sisi“ von Österreich, der in der Neuen Welt einst den Eingang zum Central Park zieren sollte und nach etlichen Wirren 1940 dauerhaft in der Bronx angekommen ist: am nördlichen Ende des Joyce Kilmer Parks, ehemals Franz-Sigel-Park, East 161st Street in Melrose/Morrisania, neben dem Gerichtsgebäude Bronx County Courthouse und in Sichtweite des Yankee-Stadions, wo das Salz der Erde lebhaft durcheinanderrieselt.

Wenn Brentano das geahnt hätte.

Schreibkraft, Heinrich-Heine-Denkmal, Bronx, Dezember 2003, Wikimedia Commons

Fotos: Schreibkraft, Dezember 2003 und The Interloafer, 17. September 2007.
Soundtrack: The Pogues: Lorelei, aus: Peace and Love, 1989.

Written by Wolf

16. Oktober 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Selige Stunde! die du einmal mit den Echolauten dieser Harmonika durch meine Seele zogest

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Update zum Streckvers 1:

„Wem der alte preußische Grenadier Franz Koch mit seiner Maultrommel begegnet, der versäume nicht, ihn zu hören.“

Zuschreibung von Gustav Schilling und Gottfried Wilhelm Fink in der Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften, 1837
an Jean Paul: Hesperus, 1795, sonst nicht nachweisbar.

Zu Zeiten der Romantik ist tatsächlich ein ernstzunehmendes Musikrepertoire für Maultrommel entstanden, allem voran sieben nachgewiesene, leider nur drei erhaltene Konzerte für Maultrommel, Mandora und Orchester von Johann Georg Albrechtsberger — Österreicher, wie zu erwarten.

Den beiden immer noch leicht zugänglichen Konzerten dieser Machart haftet nichts Parodistisches oder sonst Ironisches an, vielmehr klingen sie heiter, in Aufbau und Anspruch etwa wie einer der „Musicalischen Scherze“ von Mozart. Aufbereitet habe ich das F-Dur-Konzert, in dem der 3. Satz – wiederum ungewohnt – eingängiger und tragfähiger klingt als wie üblich der 1. Satz.

Wahrscheinlich aus den gleichen Gründen, aus denen gerade Volkskunst, Volkslieder und Volksmärchen als vollwertige Schöpfungen entdeckt wurden, konnte Albrechtsberger die ausgesprochen schusterjungenhafte Maultrommel in die Kammermusik einführen, ohne das volkstümliche Instrument oder sich selbst lächerlich zu machen. Heute wirkt dergleichen so angenehm außer der Reihe, dass man sich fragt, warum die deutsch-romantischen E-Musiker eigentlich nicht öfter mal Korpora für Baritondudelsack, Dulcimer oder Hirtenschalmei geschaffen haben.

Sehr viel gewöhnungsbedürftiger, ja schmalzig bis zur Peinlichkeit wirkt dagegen heute der literarische Bestseller Hesperus von unserem alten Liebling Jean Paul an den Stellen, wo er seine geballte Melodramatik austobt. 1795 waren derlei unverhohlene Gefühlsausbrüche gewünscht und kein Privileg der Trivialliteratur. Das ist kein „im Volk“ auf unerfindliche Weise plötzlich entstandener Effekt, sondern ein Ausfluss der Hochkultur und daher besser belegt. Wesentlich dazu beigetragen hat ganz sicher Schiller, der erst 1793 dem Faktischen seine normative Kraft verliehen hatte: In Ueber das Pathetische fordert er für das Theater alternativlos eine pathetisch-erhabene Darstellungsweise. Und weil Schiller immerhin Schiller war, ein anerkannter Olympier mit dennoch großer Breitenwirkung seit seinem Erstling Die Räuber (1782), herrschte fortan die Lizenz, wo nicht gar die Pflicht zu niemals genug Pathos, Erhabenheit, Melodramatik und Schmalz.

Dass Volkstreiben auf die Hochkultur einwirkt, war in der Klassik eine neuartige, zumindest kuriose Feststellung, daher haben wir Biedermeier, Kunstmärchen und – wenige – Maultrommelkonzerte. Dass eine Hochkultur überhaupt existiert und sogar auf volkstümliche Kunstformen einwirkt, muss hingegen heute eigens erklärt werden, daher haben wir konzertante Blasmusik, Hipster und eine nur zäh fortschleichende Erkenntnis, dass Comics Literatur sein können – ohne etwas davon zu bewerten.

Das Volk ist nicht tümlich, erkannte Brecht endlich um 1930. Wir Heutigen müssen uns trotzdem nicht einbilden, klüger oder dümmer als um 1800 zu sein.

——— Jean Paul:

28. Hundposttag

in: Hesperus oder 45 Hundposttage. Eine Lebensbeschreibung,
Karl Matzdorff, Berlin 1795, Drittes Heftlein,

Dritter Osterfeiertag
F. Kochs doppelte Mundharmonika – die Schlittenfahrt – der Ball – und ….

Ich fuhr in die Höhe beim Namen Franz Koch in des Hunds Papieren. Wenn einer von meinen Lesern ein Karlsbader Brunnengast ist oder Se. Majestät der König von Preußen Wilhelm II. oder von dessen Hof oder der Kurfürst von Sachsen oder der Herzog von Braunschweig oder eine andre fürstliche Person: so hat er den guten Koch gehört, der ein bescheidner abgedankter Soldat ist und der überall mit seinem Instrument herumreiset und spielet. Das letzte, das er doppelte Mundharmonika nennt, besteht aus einem verbesserten Paar zugleich gespielter – Maultrommeln oder Brummeisen, die er immer nach den Spiel-Stücken umwechselt. Seine Brummeisen-Handhabung verhält sich zur alten wie Harmonikaglocken zu Bedientenglocken. Es ist meine Schuldigkeit, solche von meinen Lesern, deren Phantasie Zaunkönigs-Schwingen hat, oder die wenigstens vom Herzen an Lithopädia (Stein-Fötus) sind, oder die das Ohrentrommelfell zu nichts haben als zum Trommeln darauf, solche Leser mit der wenigen Oratorie, die ich habe, dahin zu bringen, daß sie den besagten Franz aus dem Hause werfen, wenn er kommen und vor ihnen summen will. Denn es ist nichts daran, und die elendste Bratsche und Strohfiedel schreiet meines Bedünkens lauter; ja sein Getöne ist so leise, daß er im Karlsbade vor nicht mehr als 12 Kunden auf einmal aufspielte, weil man nicht nahe genug an ihm sitzen kann, wie er denn sogar bei seinen Hauptliedern das Licht wegtragen lässet, damit weder Aug‘ noch Ohr die Phantasien störe. – Ist aber freilich ein Leser anders – etwan ein Dichter – oder ein Verliebter – oder sehr zart – oder wie Viktor – oder wie ich: so horch‘ er ohne Bedenken mit stiller zerfließender Seele dem Franz Koch – oder – denn heute wird er nicht gerade zu haben sein – mir zu.

Dirck van Baburen, Young Man With Jew's Harp, 1621Der lustige Engländer hatte Viktor diesen Harmonisten mit der Karte geschickt: „Überbringer dieses ist der Überbringer eines Echo, das er in der Tasche führt.“ – Viktor nahm ihn daher lieber zur Freundin aller schönen Töne hinüber, damit ihre Abreise sie nicht um diese melodische Stunde bringe. Es war ihm, wie wenn er durch eine lange Kirche ginge, da er in Klotildens Lorettohaus eintrat; ihr einfaches Zimmer war, wie Marias Wohnzimmer, von einem Tempel eingefasset. Sie hatte schon ihre schwarze Putzkleidung vollendet. Die schwarze Tracht ist eine schöne Verfinsterung der Sonne, worin man das Auge von ihr gar nicht wegzubringen vermag. Viktor, der bei seiner sinesischen Achtung für diese Farbe heute dieser schwarzen Magie eine wehrlose Seele, ein entzündetes Auge mitbrachte, wurde blaß und verwirrt über das aufgehellte Angesicht Klotildens, über welches der Zug eines herabgeregneten Kummers so wie ein Regenbogen über den hellen blauen Himmel schwebte. Es war nicht die Heiterkeit der Zerstreuung – die jedes Mädchen durch das Ankleiden bekömmt –, sondern die Heiterkeit der frommen Seele voll Geduld und Liebe. Er besorgte, in zweierlei Disteln zu treten, in die gemalten des Fußbodens, über die er immer wegschritt, und in die satirischen der feinen Beobachter um ihn, an die er sich immer stieß. Ihre Stiefmutter war noch über der Stukkatur und Appretur ihres Madensacks, und der Evangelist war in ihrem Ankleide-Zimmer als Putz-Meßhelfer und Mitarbeiter. Daher hatte Klotilde noch Zeit, den Mundharmonisten zu hören; und der Kammerherr bot sich der Tochter und meinem Helden – denn er war ein Vater von Lebensart gegen seine Tochter – zu einem Teil der Zuhörerschaft an, ob er gleich aus der Musik sich wenig machte, Tafel- und Ball-Musik ausgenommen.

Viktor sah jetzt erst aus Klotildens Freude über den mitgebrachten Musiker, daß ihr harmonisches Herz gern mit den Saiten zittere; überhaupt wurd‘ er oft über sie irre, weil sie – wie du, teuerster ** – sowohl ihr höchstes Lob durch Schweigen sagte als ihren höchsten Tadel. Sie bat ihren Vater, der die Mundharmonika schon im Karlsbad gehöret hatte, ihr und Viktor eine Idee davon zu geben – er gab sie: „sie drücke nicht sowohl das fortissimo als das piano-dolce meisterhaft aus und sei wie die einfache Harmonika dem Adagio am angemessensten.“ Sie antwortete darauf – an Viktors Arm, der sie in ein dazu verfinstertes stilles Zimmer führte –: „die Musik sei vielleicht zu gut für Trinklieder und für lustige Empfindungen. Da der Schmerz den Menschen veredle und ihn durch die kleinen Schnitte, die er ihm gebe, so regelmäßig entfalte, wie man die Knospen der Nelke mit einem Messer aufritze, damit sie ohne Bersten aufblühen: so ersetze die Musik als künstlicher Schmerz den wahren.“ – „Ist der wahre so selten?“ sagte Viktor in dem dunkeln, von einem Wachslicht beschienenen Zimmer. – Er kam neben Klotilde, und ihr Vater saß ihm gegenüber. –

John Moore, Jew's HarpSelige Stunde! die du einmal mit den Echolauten dieser Harmonika durch meine Seele zogest – fliehe noch einmal vorüber, und der Nachklang jenes Echos klinge wieder um dich! –

Aber als der bescheidne stille Virtuos das Geräte der Entzückung kaum in die Lippen geleget hatte: so fühlte Viktor, daß er es jetzo (bevor das Licht hinauskäme) nicht so machen dürfe wie sonst, wo er sich zu jedem Adagio eigne Szenen vormalte und jedem Stücke besondere Schwärmereien seiner Texte unterlegte. Denn es ist ein unfehlbares Mittel, den Tönen ihre Allmacht zu geben, wenn man sie zu Ripienstimmen unserer Stimmung und so aus Instrumental-Musik gleichsam Vokal-Musik, aus unartikulierten Tönen artikulierte macht, anstatt daß die schönste Reihe Töne, die kein bestimmter Gegenstand zu Alphabet und Sprache ordnet, abgleitet vom bespülten, aber nicht erweichten Herzen. – Als daher die holdesten Laute, die je über Menschenlippen als Mitlauter der Seele flossen, von der bebenden Mundharmonika zu wehen anfingen; als er fühlte, daß diese kleinen Stahlringe gleichsam als Fassung und Griffbrett seines Herzens ihre Erschütterungen zu seinen machen würden: so zwang er sein fieberhaftes Herz, an dem ohnehin heute alle Wunden aufgingen, sich gegen die Töne zusammenzuziehen und sich keine Szenen vorzuzeichnen, bloß damit er – – nicht in Tränen ausbräche, bevor das Licht weg wäre.

Immer höher stieg das Zuggarn hebender Töne mit seinem ergriffenen Herzen empor. – Eine wehmütige Erinnerung um die andere sagte in dieser Geisterstunde der Vergangenheit zu ihm: „Erdrücke mich nicht, sondern gib mir meine Träne“ – Alle seine gefangnen Tränen wurden um sein Herz versammelt, und sein ganzes Innere schwamm, aus dem Boden gehoben, sanft in ihnen – Aber er faßte sich: „Kannst du noch nicht entbehren,“ (sagt‘ er zu sich) „nicht einmal ein nasses Auge? Nein, mit einem trocknen nimm dieses beklommene Echo deiner ganzen Brust, nimm diesen Nachhall aus Arkadien und alle diese weinenden Laute in eine zerstörte Seele auf“ – Unter einer solchen überhüllten Zerfließung, die er oft für Fassung nahm, wars allemal in ihm, als wenn ihn aus einer fernen Gegend eine brechende Stimme anredete, deren Worte den Silbenfall von Versen hatten; die brechende Stimme redete ihn wieder an: „Sind nicht diese Töne aus verklungenen Hoffnungen gemacht? Rinnen nicht diese Laute, Horion, wie Menschentage ineinander? O blicke nicht auf dein Herz! in das stäubende Herz malen sich wie in einen Nebel die vorigen schimmernden Zeiten hinein“ – Gleichwohl antwortete er noch ruhig: „Das Leben ist ja zu kurz für zwei Tränen, für die des Kummers und für die andre“ …. Aber als jetzt die weiße Taube, die Emanuel im Gottesacker niederfallen sah, durch seine Bilder flog – als er dachte: „Diese Taube hat ja schon in meinem Traum von Klotilden geflattert und sich an die Eisberge geklammert: ach sie ist das Bild des verwelkenden Engels neben mir“ – und als die Töne immer leiser flatterten und endlich in dem flüsternden Laube eines Totenkranzes umherliefen – und als die brechende Stimme wiederkam und sagte: „Kennst du die alten Töne nicht? – Siehe, sie gingen schon in deinem Traum vor ihrem Wiegenfeste und senkten dort bis ans Herz die kranke Seele neben dir ins Grab, und sie ließ dir nichts zurück als ein Auge voll Tränen und eine Seele voll Schmerz“ – – – „Nein, mehr ließ sie mir nicht“, sagte gebrochen sein müdes Herz, und alle seine bekämpften Tränen drangen in Strömen aus den Augen….

Aber das Licht ward eben aus dem Zimmer getragen, und der erste Strom fiel ungesehen in den Schoß der Nacht.

Sir Peter Lely, Boy Playing a Jew’s Harp, ca.1648Die Harmonika fing die Melodie der Toten an: „Wie sie so sanft ruhn! etc.“ – Ach in solchen Tönen schlagen die zerlaufenden Wellen des Meeres der Ewigkeit an das Herz der dunklen Menschen, die am Ufer stehen und sich hinübersehnen! – Jetzo wirst du, Horion, von einem tönenden Wehen aus dem Regendunst des Lebens hinübergehoben in die lichte Ewigkeit! – Höre, welche Töne umlaufen die weiten Gefilde von Eden! Schlagen nicht die Laute, in Hauche verflogen, an fernen Blumen zurück und umfließen, vom Echo geschwollen, den Schwanen-Busen, der selig-zergehend auf Flügeln schwimmt, und ziehen ihn von o melodischen Fluten in Fluten und sinken mit ihm in die fernen Blumen ein, die ein Nebel aus Düften füllt, und im dunkeln Dufte glimmt die Seele wieder an wie Abendrot, eh‘ sie selig untergeht? – – –

Ach Horion, ruht die Erde noch unter uns, die ihre Todeshügel um das weite Leben trägt? Zittern diese Töne in einer irdischen Luft? O! Tonkunst, die du die Vergangenheit und die Zukunft mit ihren fliegenden Flammen so nahe an unsre Wunden bringst, bist du das Abendwehen aus diesem Leben oder die Morgenluft aus jenem? – Ja, deine Laute sind Echo, welche Engel den Freudentönen der zweiten Welt abnehmen, um in unser stummes Herz, um in unsre öde Nacht das verwehte Lenzgetön fern von uns fliegender Himmel zu senken! Und du, verklingender Harmonikaton! du kömmst ja aus einem Jauchzen zu uns, das, von Himmel in Himmel verschlagen, endlich in dem fernsten stummen Himmel stirbt, der aus nichts besteht als aus einer tiefen, weiten, ewig stillen Wonne….

„Ewig stille Wonne,“ (wiederholet Horions aufgelöste Seele, deren Entzücken ich bisher zu meinem machte) „ja, dort wird die Gegend liegen, wo ich meine Augen aufhebe gegen den Allgütigen, und meine Arme ausbreite gegen sie, gegen diese müde Seele, gegen dieses große Herz – Dann fall‘ ich an dein Herz, Klotilde, dann umschling‘ ich dich auf ewig, und die Flut der ewig stillen Wonne hüllt uns ein – Wehet wieder nach dem Leben, Erdentöne, zwischen meiner und ihrer Brust, und dann schwimme eine kleine Nacht, ein wallender Schattenumriß auf euren lichten Wogen daher, und ich werde hinsehen und sagen: das war mein Leben – dann sag‘ ich sanfter und weine stärker: ja der Mensch ist unglücklich, aber auf der Erde nur.“

O gibts einen Menschen, über welchen bei diesen letzten Worten die Erinnerung große Regenwolken zieht, so sag‘ ich zu ihm: Geliebter Bruder, geliebte Schwester, ich bin heute so gerührt wie du, ich achte den Schmerz, den du verbirgst – ach du entschuldigst mich und ich dich….

Das Lied stand still und tönte aus. – Welche Stille jetzt im Dunkel! Alles Seufzen war in ein zögerndes Atmen eingekleidet. Nur die Nebelsterne der Empfindung funkelten hell in der Finsternis. Keiner sah, wessen Auge naß geworden war. Viktor blickte in die stille schwarze Luft vor ihm, die vor wenig Minuten mit hängenden Gärten von Tönen, mit zerfließenden Luftschlössern des menschlichen Ohrs, mit verkleinerten Himmeln erfüllt gewesen und die nun dablieb als nacktes schwarzes Feuerwerks-Gerüst.

Krister P., The Young Jew's Harp Player, 2011Aber die Harmonika füllte dieses Dunkel bald wieder mit Lufterscheinungen von Welten an. Ach warum mußt‘ es denn gerade die meinen Viktor nagende Melodie des „Vergißmeinnicht“ treffen, die ihm die Verse vortönte, als wenn er sie Klotilden vorsagte: „Vergiß mein nicht, da jetzt des Schicksals Strenge dich von mir ruft – Vergiß mein nicht, wenn lockre kühle Erde dies Herz einst deckt, das zärtlich für dich schlug – Denk, daß ichs sei, wenns sanft in deiner Seele spricht: vergiß mein nicht“… O wenn noch dazu diese Töne sich in wogende Blumen verschlingen, aus einer Vergangenheit in die andre zurückfließen, immer leiser rinnen durch die vergangnen, hinter dem Menschen ruhenden Jahre – endlich nur murmeln unter dem Lebensmorgenrot – nur ungehört aufwallen unter der Wiege des Menschen – und erstarren in unsrer kalten Dämmerung und versiegen in der Mitternacht, wo jeder von uns nicht war: dann hört der gerührte Mensch auf, seine Seufzer zu verbergen und seine unendlichen Schmerzen.

Der stille Engel neben Viktor konnte sie nicht mehr verhüllen, und Viktor hörte Klotildens ersten Seufzer. –

Ja, dann nahm er ihre Hand, als wenn er sie schwebend erhalten wollte über einem offnen Grabe.

Sie ließ ihm ihre Hand, und ihre Pulse schlugen bebend mit seinen zusammen. –

Endlich warf nur noch der letzte Ton des Liedes seine melodischen Kreise im Äther und floß auseinander über eine ganze Vergangenheit – dann hüllte ihn ein fernes Echo in ein flatterndes Lüftchen und wehte ihn durch tiefere Echo hindurch und endlich an das letzte hinüber, das rings um den Himmel liegt – dann verschied der Ton und flog als eine Seele in einen Seufzer Klotildens. –

Da entfiel ihr die erste Träne, wie ein heißes Herz, auf Viktors Hand.

Ihr Freund war überwältigt – sie war dahingerissen – er preßte die sanfte Hand – sie zog sie aus seiner – und ging langsam aus dem Zimmer, um dem zu weichen Herzen, über dessen holde Zeichen die Nacht ihren Schleier hing, wieder zu Hülfe zu kommen….

Das kommende Licht nahm diese Traumwelten hinweg. – Matthieu und die Kammerherrin erschienen auch. Wir wollen aber in dieser weichen Stimmung, wo man gerade gegen Schlimme in der härtesten ist, nichts sagen und nichts denken über das neue Paar, das für den Abstich gegen unsere Erweichung nichts kann. Viktor sagte sich dies auch, aber mehr als einmal; weil sich die vom Apotheker erlogne Vermählung Klotildens mit Matthieu ihm mit den grellsten Farben aufdrang, ähnlich jener platonischen Verbindung, wo der reine Geist aus seinem Äther getrieben und mit zusammengekrümmten Flügeln in einen befleckten Leib gemauert wird. Klotilde kam zurück. Sie war in Verlegenheit gegen Viktor, bloß weil er darin war oder neben ihr auf dem Schlitten noch mehr darin sein mußte – ihren geschwollenen Augapfel entfernte sie vom Licht. – Da Tränen-Versetzungen wie Milchversetzungen drücken und zerstören: so suchte die in sein Inneres zurückgedrückte Wehmut einen Ausgang durch die Stimme, die heftig und abgebrochen war, durch die Bewegungen, welche schnell waren, sogar durch die Lebhaftigkeit des Ausdrucks – kurz es war gut, daß sie fuhren.

Als Bonus-Tracks erscheint eine Playlist mit einiger Maultrommelmusik sinnvool, angefangen mit dem 1. Satz von Albrechtsbergers E-Dur-Konzert.

Bilder: Dirck van Baburen: Young Man With Jew’s Harp, 1621,
Höhe 84 mm, Breite 70,7 mm, Centraal Museum, Utrecht,
mit allen riesenhaft hochauflösenden Details im Google Art Project;
John Moore: Jew’s Harp, via Ramshorn Studio;
Sir Peter Lely: Boy Playing a Jew’s Harp, ca.1648, via Tate Gallery;
Krister P.: The Young Jew’s Harp Player, 2011, Original bei La Perm leider gelöscht.
Soundtrack: Johann Georg Albrechtsberger: Konzert für Maultrommel, Mandora und Orchester F-Dur:
I. Allegro Moderato; II. Andante; III. Menuett: Moderato; IV. Finale: Allegro molto;
Fritz Mayer: Maultrommel; Dieter Kirsch: Mandora; Münchener Kammerorchester unter Hans Stadlmaier, 1981.

Written by Wolf

9. Oktober 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse

Was zusammengehört

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer:

Hannah Häseker, Hamburg, August 2015, Hasselblad 503cx oder Canon A-1

——— Bernd Jentzsch:

Verbotenes Lied

1978, in: Flöze. Schrifte und Archive 1954–1992, Connewitz, Leipzig, 1993, Seite 227:

O Vaterland, o Vaterland.
Laß uns dir zum Guten dienen.
Einigkeit und Recht und Freiheit.
Brüderlich mit Herz und Hand.
Und das liebste mags uns scheinen,
So wie andern Völkern ihrs,
Und der Zukunft zugewandt.

——— Kurt Bartsch:

Liedervereinigung

5. Oktober 1991 in: Neues Deutschland:

Auferstanden aus Ruinen
Brüderlich mit Herz und Hand
Laß uns dir zum Guten dienen
Daß zum Zwecke Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Einigkeit und Recht und Freiheit
Zu dem Bade sich ergieße
Und der Zukunft zugewandt.

Hannah Häseker, Hamburg, August 2015, Hasselblad 503cx oder Canon A-1

Bilder: Hannah Helene „Holunder“ Häseker, Hamburg, August 2015,
analoger Ilford auf Hasselblad 503cx oder Canon A-1.

Written by Wolf

3. Oktober 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Der goldene Ginster der Sonne auf dem Strand und dem Meer

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——— Sappho

übersetzt und herausgegeben in:

Raoul Schrott: Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren,
Die andere Bibliothek, Frankfurt am Main 1997:

Sir Lawrence Alma-Tadema, Sappho and Alcaeus, 1881, Öl auf Leinwand, 66 cm x 122 cm, The Walters Art Museum

I

Charles August Mengin, Sappho, 1877, oil in canvas, 230,7 cm × 151,1 cm, Manchester Art GalleryAn meinem bett stand sie

die dämmerung in ihren
sandalen und weckte mich
gerade in diesem moment

~~~\~~~~~~~/~~~

II

Dieser morgen war

der goldene ginster
der sonne auf dem
strand und dem meer

~~~\~~~~~~~/~~~

III

Marc-Charles-Gabriel Gleyre: Le coucher de Sappho, 1867, Öl auf Leinwand 108 cm × 72 cm, Musée cantonal des Beaux-Arts, LausanneIn der mitte des tages

wenn in der senkrecht
herab fallenden hitze
die erde glüht dann

schlagen die zikaden
das lied aus ihren
flügeln noch einen
halben ton höher an

~~~\~~~~~~~/~~~

IV

An diesem nachmittag

flochten die mädchen
blumen zu girlanden
nur für ihre hochzeit

~~~\~~~~~~~/~~~

VI

Léon Bazille Perrault, Sapho, 1891Der mond in der dämmerung

und die mädchen nehmen ihren
platz ein wie um einen altar

~~~\~~~~~~~/~~~

VIII

Die fetten schenkelknochen

einer weißen ziege werde ich
dir opfern auf deinem altar

~~~\~~~~~~~/~~~

X

Léon Bazille Perrault, Sapho, 1891Der schlaf gießt auf ihre augen
sein dichtes dunkel

@~>~~

Mit dem kopf
auf der brust eines mädchens

~~~\~~~~~~~/~~~

XIV

Ich glaube selbst die arme ausgestreckt
könnte ich den himmel nicht berühren

~~~\~~~~~~~/~~~

XV

Ich verlange und ich brenne

@~>~~

Du bist es der mich brät …

~~~\~~~~~~~/~~~

XVI

SapphoIch weiß nicht warum
ich bin entzweigerissen

~~~\~~~~~~~/~~~

XVII

Ich liebe was mich liebt • die liebe hat
glaube ich ihren anteil an der sonne

~~~\~~~~~~~/~~~

XVIII

Ego Rodriguez, Sappho, January 4th, 2013Im traum hab ich mit dir
geredet • göttin • Kypris

~~~\~~~~~~~/~~~

XXX

Ich habe dich lange schon geliebt
Atthis als du noch ein mädchen
warst und nicht einmal hübsch

~~~\~~~~~~~/~~~

XXXIX

Wie eine rebe die sich um einen pfahl
nach oben rankt

~~~\~~~~~~~/~~~

XXXXIV

Muß ich dich daran erinnern

Kleïs daß im haus eines dichters
niemand vor schmerz schreit?

~~~\~~~~~~~/~~~

XXXXVIII

Ein bauerntrampel hat es dir angetan
eine die nicht einmal weiß wie man
ein kleid leicht über die knöchel hebt

~~~\~~~~~~~/~~~

LII

[Alkaios zu Sappho]

Ich möchte dir etwas sagen doch
eigentlich trau ich mich nicht —

[Sappho zu Alkaios]

Alles was gut und recht ist mein lieber
wenn du was anderes als bumsen
im kopf hättest dann wäre es dir längst
schon über die lippen gekommen

Laurence Koe, Sappho. Öl auf Leinwand, 103 cm x 27,5 cm, Bonhams, London

Ansichten von Sappho (chronologisch, zum selbstständigen Zuordnen):

  1. Marc-Charles-Gabriel Gleyre: Le coucher de Sappho, 1867,
    Öl auf Leinwand, 108 cm × 72 cm, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne;
  2. Charles August Mengin: Sappho, 1877, Öl auf Leinwand,
    230,7 cm × 151,1 cm, Manchester Art Gallery;
  3. Sir Lawrence Alma-Tadema: Sappho and Alcaeus, 1881,
    Öl auf Leinwand, 66 cm x 122 cm, The Walters Art Museum;
  4. Léon Bazille Perrault: Sapho (sic), 1891;
  5. uncredited;
  6. uncredited;
  7. Laurence Koe: Sappho, Öl auf Leinwand, 103 cm x 27,5 cm, Bonhams, London;
  8. Ego Rodriguez: Sappho, January 4th, 2013.

Written by Wolf

1. Oktober 2015 at 00:01