Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Herrschaft & Revolte’ Category

Was denn sonst, bei diesem Sauwetter

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Update zu Hören wir das Husten einer Grille im Schnee?:

Seht! den Schirm erfaßt der Wind,
Und der Robert fliegt geschwind
Durch die Luft so hoch, so weit;
Niemand hört ihn, wenn er schreit.

Dr. Heinrich Hoffmann, 1844.

You got a lotta time to waste when you ain’t getting wasted,
not a penny to spare when you ain’t getting paid.

Rail Yard Ghosts, 2014.

Heinrich Hoffmann, die Geschichte vom fliegenden Robert, Struwwelpeter, ab 1844

——— Hans Magnus Enzensberger:

Der Fliegende Robert

aus: Die Furie des Verschwindens. Gedichte, edition suhrkamp 1066, Neue Folge 66, Frankfurt 1980:

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! —,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.

Die letzte Geschichte aus der pädagogisch gemeinten Serie passiv-aggressiver Häme gegenüber Kindesmisshandlungen mit Todesfolge, die seit 1845 nie wieder aus dem Buchhandel verschwand, ist noch die versöhnlichste. Was an diesem einzigen Beispiel eines Entkommens im Struwwelpeter so warnend sein soll, hab ich nicht einmal als Vierjähriger verstanden, und seit ich über 18 bin, versteh ich sowieso jedes Jahr weniger.

Wisst ihr nämlich, liebe Kinder, warum den Robert niemand gehört hat, wenn er schreit? Weil er gar nicht geschrien, sondern sich heilfroh eins gegrinst hat, dass er da rauskommt.

Bild: Dr. Heinrich Hoffmann: Die Geschichte vom fliegenden Robert, aus: Struwwelpeter, ab 1844;
Off Road Kids: Rail Yard Ghosts: Dirty Kid Rag, aus: Medicinal Whiskey, 2014:

Written by Wolf

4. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Im bürgerlichen Sinne ungesellige, freundlose Subjekte

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Update zu Bei Ludwig Tieck geheult vor so viel Schönheit,
Unter sotanen Umständen
und Nach einer guten Mahlzeit:

Wie immer sagt es niemand so treffend wie Arno Schmidt. Niemand rezitiert es so glaubwürdig wie Mechthild Großmann (es ergeht ernstliche Triggerwarnung für Arachnophobiker):

Wenn man mehrere große Spinnen zusammen in ein Glas setzt — so geht eine unausrottbar alte Volksweisheit — beginnen sie sogleich miteinander zu kämpfen, ja, fressen sich sogar gegenseitig auf, bis am Ende nur noch die eine, wildeste, zurückgeblieben ist. Es sind also ausgesprochen bissig=ungesellige Tiere, Liebhaber mürrischer Einsamkeit; dabei aber die unbestreitbaren Künstler märchenhafter Gewebe, so abstoßend ihre Sitten — vielmehr Unsitten — zunächst auch scheinen mögen. Ich wage das Diktum, daß alle Dichter — und zwar genau proportional ihrer Bedeutung nach wachsend — im bürgerlichen Sinne ungesellige, freundlose Subjekte waren !

Das ist aus der Arte-Doku Arno Schmidt – „Mein Herz gehört dem Kopf“ zu Schmidts 100. Geburtstag 2014. Das auch:

——— Arno Schmidt im Interview, aus Oliver Schwehm:

Arno Schmidt – „Mein Herz gehört dem Kopf“

ca. 1960, Dokumentation auf Arte, 15. Januar 2014, 22.40 Uhr:

Ein guter Schriftsteller darf weder haben Freund noch Vaterland noch Religion. Das klingt dem Leser aufs Äußerste schockierend und es besagt doch letzten Endes weiter nichts, als dass ich bei einem Freund irgendwann doch einmal im Leben in die Versuchung kommen könnte, die Wahrheit zu beugen, beziehungsweise dass es über dem Vaterland immer noch einen Begriff gibt, zumindest die Menschheit, oder dass es mir, wenn ich mich auf eine Religion einschwöre, unmöglich ist, andere, andersglaubende Völker und Zeiten zu verstehen. Mit anderen Worten, diese scheinbar schockierende Formulierung ist doch wohl der Ausdruck, dass der Schriftsteller objektiv sein muss, eine Art Spiegel der Welt.

Mit Verlaub, das Schockierendste an dieser Aussage ist doch wohl die Art, wie Herr Schmidt sie vorträgt. Würde ein Journalist eigentlich heute noch so ein Interview zulassen, in dem dem Seine Geheiligte Prominenz daherredet wie ein Radiosprecher, der sein Zeug auswendig gelernt hat, bevor er die Frage kennt?

Charles-Amable Lenoir, NarcisseNa gut, wenn es Arno Schmidt wäre, vielleicht schon. Die Arte-Dokumentation steht online, nur leider nicht für Deutschland verfügbar (für China, Iran, Nordkorea und Österreich schon…), und ist käuflich, der Interviewer (es ist nicht Jan Philipp Reemtsma, das wäre zu einfach und außerdem zu früh) samt Datum und Anlass des Unterfangens (Schmidt sieht noch jung aus, vor dem Fenster schaukeln schon die mutmaßlichen Bargfelder Zwetschgenzweige ab 1958, auf dem Tisch prangt als Gesprächsvorlage KAFF auch Mare Crisium — daher tippe ich ziemlich genau auf 1960) sind deswegen seit der ersten und bislang einzigen Ausstrahlung am 15. Januar 2014 nicht ohne weiteres festzunageln.

Gegen diese Diktion eines Kriegsberichterstatters aus dem ersten Weltkrieg (Schmidt ist Jahrgang 1914) lässt sich wohl wenig ausrichten; wer mag sich schon mit einem Radiosprecher anlegen. Da kann man ja erst hinterher nach einer gewissen Erholungspause draufkommen, dass Schmidt von falschen Voraussetzungen ausgeht. Was soll bitte „ein guter Schriftsteller“ sein? Schon Ernst Wiechert oder erst von Thomas Mann aufwärts (Nobelpreisträger mochte Schmidt sowieso nicht)? Und wenn er so gut ist, warum soll er sich mit nichts anderem abgeben als dem Spiegeln der Welt, was immer das ist?

Gut, Schmidt mochte halt außer Nobelpreisträgern auch keine Freunde, Vaterländer und Religionen. Bei seiner Schaffensweise kam er gut ohne dergleichen aus, und ohne Not die Wahrheit beugen (darf ich das verwenden?!) will auch keiner. „Ein guter Schriftsteller“ wäre demnach so ziemlich allein er selbst. Es ist legitim, das in einem Interview zu verbreiten, und es ist gut, heute über die geistigen Mittel zu verfügen, das so schnell zu durchschauen.

Irgendwie mag ich diesen herrlich arroganten Miesnickel ja. Man möchte ihm nach möglichst durchsoffener und -diskutierter Nacht in der sternestillen Bargfelder Heide endlich die vorletzte Flasche Bier aufhebeln und sagen: „Ach komm. Sind doch alles bloß Bücher.“

Und genau dafür würde er einem wahrscheinlich endgültig eine schallern.

Dabei konnte er so schön aus seinem eigenen Werke lesen. Zum Beispiel eine seiner unnachahmlichen Poe-Übersetzungen (übrigens apokryph, weil sie nicht in der Poe-Gesamtausgabe steht; dort steht die von Hans Wollschläger):

Straßen, wo im finstern Leeren
Kranke Engel nur verkehren
Und ein Eidyllion, die Nacht
Hoch auf schwarzem Throne wacht,
Führten jüngst mich in dies Land her
Von Ultima Thules Strand her
Und seinem Dämmersaum,
wild wie Hexentraum
     Jenseits von Zeit, jenseits von Raum.

Bodenlos Tal gewinnt und Spalt
Geflute Höhlen, Titanenwald
Von Formen, nimmer zu begreifen
Vor lauter Thau und Tränenträufen
Berge torkeln immer vor den Küsten,
Lose Meere dort
Meere branden, Ungeheuer,
Auf zu Himmeln wie aus Feuer
Laachen ohne Boot und Lot
Tote Wasser, öd und tot
Stille Wasser, still zuwider
Lilien räkeln schneeweiße Glieder.

By a route obscure and lonely,
Haunted by ill angels only,
Where an Eidolon, named night,
On a black throne reigns upright,
I have reached these lands but newly
From an ultimate dim Thule—
From a wild clime that lieth, sublime,
     Out of space—out of time.

Bottomless vales and boundless floods,
And chasms, and caves, and Titan woods,
With forms that no man can discover
For the tears that drip all over;
Mountains toppling evermore
Into seas without a shore;
Seas that restlessly aspire,
Surging, unto skies of fire;
Lakes that endlessly outspread
Their lone waters—lone and dead,—
Their still waters—still and chilly
With the snows of the lolling lily.

Lilien räkeln schneeweiße Glieder: Charles-Amable Lenoir 1860–1926: A Nymph In The Forest,
unbekannten Datums, sinnigerweise als Narcisse via Aesthetic Time, 18. November 2014.

Written by Wolf

14. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Trotzki, Fauser und die Goetheforschung

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Update zu B und Was zusammengehört:

——— Jörg Fauser:

Trotzki, Goethe und das Glück

aus: Klaus Wagenbach und Michael Krüger, hg.: Tintenfisch. Jahrbuch für Literatur 8, Wagenbach-Verlag, Berlin 1975, gesammelt in: Trotzki, Goethe und das Glück. Gedichte 1974–1979, Rogner & Bernhard, München 1979, Abschnitt II. Geschichte von der riesigen Finnin:

Jörg Fauser Trotzki, Goethe und das Glück, Rogner & Bernhard 1979, Original-Cover via Antiquariat Ketz, MünsterKaum war ich von der Spritze runter,
tappte ich in die nächste Falle:
die Revolution.

Die Revolution hieß Louise,
hatte unglaublich schmale Hüften,
blitzende Augen, flatterndes schwarzes
Haar, kam aus Paris
und war Trotzkistin.

Wir wohnten zusammen in einem
der besetzten Häuser, hielten uns
glänzend in Schuß, hielten es sogar
für Liebe, und ich palaverte,
wenn Palaver gefragt war,
schwenkte Fahnen, wenn Fahnen
gefragt waren, und frühstückte
entgegen allen Lehren
des Großen Vorsitzenden
mit einer Flasche Wermut
und einem netten dekadenten Gefühl
im Bett.

Das ist Glück, dachte ich.

Das ist Glück, sagte ich zu Louise.
Warum lassen wir die Revolution nicht sausen,
das sinnlose Palaver und die Fahnen
und die endlosen Auseinandersetzungen
um die Maschinenfabrik in Shanghai,
suchen uns irgendeinen stillen Winkel
wo ich in Ruhe mein Bier trinken und
zwischendurch mal’n Gedicht schreiben kann,
et du reste l’amour?

Und Trotzki? schrie Louise,
und die Genossen im Knast?
Dein bourgeoises Glück, pah! Bier
und Gedichte, während die Revolution
organisiert wird.

Fausers Nächte. Kampflustig. Jörg Fauser in Berlin, 1983Von da ab ging alles schief. Als ich
im Suff mal mit einer anderen ankam,
ging Louise mit einem Messer
auf mich los. Dann mischte sie
bei einer Frauenbewegung mit und ich
mußte nehmen, was kam:
meistens nur Bier und manchmal irgendeine
neurotische Studentin, und später selbst das
nicht mehr, und dann
schmissen sie mich raus,
und ich zog woanders hin.

Das alles ist etliche Jahre her, aber neulich
traf ich ein Mädchen, das noch in den Kreisen
verkehrt, und fragte sie nach Louise.

Louise, sagte das Mädchen —
die ist wieder in Paris.
Sitzt sie im Zentralkomitee? fragte ich.
I wo, sagte das Mädchen, die hat irgendson
Goetheforscher geheiratet.

An dem Abend trank ich alles durcheinander,
trank wie lebensmüde, aber als ich gestern
an dem Haus vorbeikam — es sieht
inzwischen ziemlich verkommen aus,
absolut deja vu —
dachte ich, naja,
vielleicht hast du doch Glück gehabt.

O-Ton Jörg Fauser in: LEBENdIGITAL, i. e. Jochen Rausch und Detlev Cremer: Trotzki, Goethe und das Glück, aus: Fausertracks, 2005; Video: Kai Dollbaum, 2008:

Bilder: Antiquariat Ketz, Münster, via ZVAB;
Der Tagesspiegel: Kampflustig. Jörg Fauser in Berlin, 1983,
in: Fausers Nächte. Zum 25. Todestag von Jörg Fauser, 17. Juli 2012.

Written by Wolf

3. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen

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Update zu The Raven und der Rabe:

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

Es giebt eine Reihe idealischer Begebenheiten, die der Wirklichkeit parallel läuft. Selten fallen sie zusammen. Menschen und Zufälle modificiren gewöhnlich die idealische Begebenheit, so dass sie unvollkommen erscheint, und ihre Folgen gleichfalls unvollkommen sind. So bei der Reformation; statt des Protestantismus kam das Lutherthum hervor.

There are ideal series of events which run parallel with the real ones. They rarely coincide. Men and circumstances generally modify the ideal train of events, so that it seems imperfect, and its consequences are equally imperfect. Thus with the Reformation; instead of Protestantism came Lutheranism. — Novalis. Moral Ansichten.

Novalis: Religiöse Fragmente, 1799–1800,
verwendet als Motto von Edgar Allan Poe: Das Geheimnis um Marie Rogêt, 1842.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

——— Edgar Allan Poe:

Das Geheimnis um Marie Rogêt

Snowden’s Ladies‘ Companion, November und Dezember 1842, Februar 1843;
Übersetzung von Hans Wollschläger für: Poe. Werke I [von IV Bänden], Walter-Verlag AG Olten und Freiburg im Breisgau, 1966:

So etwas wie einen noch unerforschten oder auch nur selten besuchten Winkel inmitten der Wälder und Wäldchen kann man sich ja nicht einen Augenblick lang mehr vorstellen. Lassen Sie och einmal einen, der im Herzen ein Freund der Natur ist, doch aber von seiner Pflicht an den Staub und die Hitze dieser großen Metropole gekettet, — lassen Sie einen solchen doch einmal den Versuch machen, selbst während der Wochentage seinen Durst nach Einsamkeit inmitten der Schauspiele lieblicher Natur zu stillen, welche uns unmittelbar umgeben! Bei jedem zweiten Schritt wird er den aufsprießenden Zauber von der Stimme und dem persönlichen Eindringen irgendeines Lümmels oder einer Gesellschaft von zechenden Strolchen verjagt finden. Noch unter dem dichtesten Blätterdach wird er die Einsamkeit vergeblich suchen. Hier gerade sind die Schlupfwinkel, wo sich das Gesindel am meisten herumtreibt — hier sind die Tempel am meisten entweiht. Mit Ekel im Herzen wird der Wanderer zurückfliehen ins befleckte [Preisfrage: Von welcher Stadt ist eigentlich die Rede?] — als den weniger widerlichen, weil weil weniger widersinnigen Pfuhl der Verderbnis. Doch wenn die Umgegend der Stadt schon während der Arbeitstage der Woche so sehr belagert ist, wieviel mehr dann erst am Sabbat! Denn gerade jetzt sucht der Strolch aus der Stadt, befreit von den Ansprüchen der Arbeit oder beraubt auch der gewöhnlichen Gelegenheiten zum Verbrechen, die Randgebiete auf, nicht aus Liebe zum Ländlichen, denn das verachtet er aus innerstem Herzen, sondern um den Zwängen und Konventionalitäten der Gesellschaft zu entrinnen. Er sehnt sich weniger nach der frischen Luft und den grünen Bäumen als nach der gänzlichen Ungebundeheit des Landes. Hier, in der Schenke an der Landstraße oder unter dem Blätterdach der Wälder, von keinerlei Blicken gehindert, es sei denn denen seiner Zechgenossen, gibt er sich all den wahnsinnigen Ausschweifungen einer verlogenen Fröhlichkeit hin — dem Ergebnis von Freiheit und Branntewein.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

——— Originaltext aus der Erstveröffentlichung in Snowden’s Ladies‘ Companion, Teil III: Februar 1843:

Such a thing as an unexplored, or even an unfrequently visited recess, amid its woods or groves, is not for a moment to be imagined. Let any one who, being at heart a lover of nature, is yet chained by duty to the dust and heat of this great metropolis — let any such one attempt, even during the week-days, to slake his thirst for solitude amid the scenes of natural loveliness which immediately surround us. At every second step, he will find the growing charm dispelled by the voice and personal intrusion of some ruffian or party of carousing blackguards. He will seek privacy amid the densest foliage, all in vain. Here are the very nooks where the unwashed most abound — here are the temples most rife with desecration. With deadly sickness of the heart the wanderer will flee back to the polluted Paris as to a less odious because less incongruous sink of pollution. But if the vicinity of the city is so beset during the working days of the week, how much more so on the Sabbath! It is especially that, released from the claims of labor, or deprived of the customary opportunities of crime, the lower order of the town blackguard seeks the precincts of the town, not through love of the rural, which in his heart he despises, but by way of escape from the restraints and conventionalities of society. He desires less the fresh air and the green trees, than the utter license of the country. Here, at the road-side inn, or beneath the foliage of the woods, he indulges, unchecked by any eye except those of his boon companions, in all the mad excess of a counterfeit hilarity — the joint offspring of liberty and rum.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

Eine Reihe idealischer Begebenheiten, die der Wirklichkeit parallel läuft: Brombas Berge: Berg-Neuigkeiten: Münchens Isar: Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

Soundtrack als Lebensgefühl: Spider Murphy Gang: Sommer in der Stadt, aus: Tutti Frutti, 1982.

Written by Wolf

1. Juli 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Helmstedt-Marienborn (Mitternacht) — Arizona (noon).

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer:

Arno Schmidt zählt zu den „schwierigen Autoren“ — ich kann’s nicht mehr hören.

Ist doch Kwattsch. Gut, man sollte schon vor Arno Schmidt einiges andere gelesen haben, aber unter 20 entdeckt man den doch sowieso nicht. Die gelinde gesagt eigenwillige Rechtschreibung voller „SilbmKünste & BuchstabmSchurkereien“ (Schmidt, Zettel’s Traum, 1970) und in den Typoskripten die Aufteilung in Schreibmaschinenspalten, das sind verdammte Versuche, dem Leser entgegenzukommen — um den Text geradewegs hörbar zu machen, und was soll ich sagen: Es funktioniert, da wird der Herr Schmidt sogar oft genug hörbar wahrer Rock ’n‘ Roll — oder in seinem Falle passender: schmissiger deutscher Schlager.

Wenn man nicht andauernd mit so einem distanzierten Kadaverrespekt vor der hehren Nachkriegsliteratur anfängt und sich nicht vor Schmidts ständig ausgestellten herrlichen Gelehrtenarroganz ängstigen lässt, merkt man erst, was selbst sein Opus magnum Zettel’s Traum für einen Heidenspaß macht. Dann spart man sich nebenbei die Radiomitschnitte, die inzwischen eh kaum mehr zu haben sind, und wenn, dann zu connaisseurhaft überzogenen Preisen. Schmidt hat alles unternommen, damit man ihn schon auf dem Papier hört. Das sind Erleichterungen, wie sie uns nicht gleich einer aus seiner Liga geschenkt hat.

Absichtlich außerhalb aller gesamtdeutschen Gedenktage gibt’s heute das Opus parvum Trommler beim Zaren über eine Grenzüberschreitung: im Schwierigkeitsgrad eher harmlos, mit allerhand Fernfahrerromantik und einem richtigen Spannungsbogen. Und das ist jetzt der Tipp des Jahres zur Unterrichtsgestaltung für Deutschlehrer: Es ist eine ganz und gar schulbuchmäßige Kurzgeschichte randvoller diskussionsträchtiger Bedeutungsebenen mit höchstem intredisziplinärem Potenzial, ausnahmsweise ohne Schmidts übliche Altmännerferkeleien, also durchweg jugendfrei, und mit dem Unterschied zum ewigen Heinrich Böll, dass man sie gerne liest. Kommt schon, tut eurer Mittelstufe was Gutes, für niemand anders als euch hab ich doch in nächtelanger Frickelarbeit die zuschandenkorrigierte Version in der Zeit auf die zuverlässig zeichengenaue nach der Studienausgabe zurückgeführt.

Zu den Bildern: Es kann sein, dass ich damit ein exquisites Fundstück aufgetan hab: Zuerst wollte ich ja fünf von den noch besser komponierten, weit wirksamer bedrückenden aus Karl-Heinz Stürings Grenzstreife von etwa 1958 bis 1959 — der mir aber dafür, dass er nicht auf meine Anfrage antwortet, entschieden zu gefährlich mit dem Copyright herumwedelt.

Im zweiten Gedanken bin ich so frei, mich aus der Veröffentlichung zur Heiligenseer Grenze zur DDR von Frank-Max „Postmaxe“ Polzin zu bedienen, der dazu anmerkt, die Bilder stammten „u.a. vom Heimatfreund Arno Schmidt […] und dem Heimatmuseum Hermsdorf.“ Es kann sein, sage ich, dass manche der 22 Bilder, von denen ich fünf verwende, vom Schreiber des Textes unabhängig von demselben stammen (fünf sind für die Textmenge eigentlich zu wenig, aber es gab nicht mehr Hochformate. Dafür wird nur zum aufschlussreichsten Bildmaterial zur Zonengrenze verlinkt). Es kann sein, sage ich, weil die Bilder nicht einzeln ausgewiesen sind und jemand, der vor Jahrzehnten Teile der innerdeutschen Grenze fotografiert hat, schon mal Arno Schmidt heißen und dabei ein „Heimatfreund“ sein kann, ohne nachmals Zettel’s Traum schreiben zu müssen. Es kann sein, sage ich, weil der Arno Schmidt, der das eben doch getan hat, auch mit Fotografien hervorgetreten ist, in ganz ähnlicher Machart — mit demselben Blick für die Poesie der provinziellen Tristesse. Es kann sein, sage ich, weil dann unter 5 von 22 Bildern mit 23 % Wahrscheinlichkeit eins von Arno Schmidt dabei wäre.

Aus thematischen Gründen wird der Soundtrack ausnahmsweise vorneweg ausgegeben, um einen Ohrwurm für die Geschichte zu setzen: C. W. McCall: Convoy, aus: Black Bear Road, 1975, in Sam Peckinpah: Convoy, 1978. Stellen Sie das recht gelungene Fan-Video mal spaßeshalber auf Vollbild, lesen Sie dann den Trommler beim Zaren mit sotaner Tonart im Ohr, schauen Sie mir in die Augen und sagen dann noch einmal, dass Arno Schmidt zu den „schwierigen Autoren“ zähle.

Wer — womit ich ausdrücklich nicht nur die Deutschlehrer aufrufe, die sowieso nie was merken — wer findet das Faust-Zitat bei Schmidt? Die Kommentarfunktion ist geöffnet. A-one, a-two:

——— Arno Schmidt:

Trommler beim Zaren.

Niederschrift des Typoskripts 22. August 1959, verderbt in: Die Zeit, 19. August 1960,
gültige Erstausgabe in: Trommler beim Zaren, Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1966,
zeichengenau cit. Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe 1: Romane Erzählungen Gedichte Juvenilia,
Studienausgabe Band 4: Kleinere Erzählungen Gedichte Juvenilia, 1988, Seite 129–134:

Ich selbst hab‘ ja nichts erlebt – was mir übrigens gar nichts ausmacht; ich bin nicht Narrs genug, einen Weltreisenden zu beneiden, dazu hab‘ ich zuviel im Seydlitz gelesen oder im Großen Brehm. Und was heißt schon New York ? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover, ich kenn’s, wenn morgens tausend Henkelmänner mit ihren Kännchen aus dem Hauptbahnhof geschwindschreiten, in Fächerformation, hinein ins Vergoldete Zeitalter. Einer hat’n Gang, als käm ’n Dackel hinter ihm her. Backsteinfarbene Geschöpfe mischen sich ein, Schirmpfeile in den blutigen Händen, (oder auch in totschwarzen; gleich werden ihre Schreibmaschinen hell wie Wachtelschlag erklingen. Alle die Weckergeweckten. Schon räuspert sich das Auto neben mir strafend; dabei bin ich doch wirklich, schon rein äußerlich, nicht mehr in dem Alter, daß man mich in Verdacht haben könnte, der Anblick zweier Milchdrüsen vermöchte mich noch zum Trottel zu machen !).

Postmaxe, Ende der S-Bahnstrecke nach Hennigsdorf, 1989Also das Alles nicht. Aber Abends und Nachts spazieren geh‘ ich ganz gern – man beachte das dreifach-gaumige ‚g‘, mir ist es eben auch unangenehm aufgefallen (‚warum‘ will ich aber nicht wissen; ich halte nichts mehr von ‚psychologischen Befunden‘, seitdem ich mich einmal unter der Hand nach der Bedeutung solcher=meiner nächtlichen Gänge erkundigt habe. Ein Gutachten sagte klipp & klar, ich sei hyänenhaft=feige und eine potentielle Verbrechernatur; das sind die Meisten von uns, sicher. Das andere behauptete, ich wäre ein Mutfänomen – ach, du lieber Gott ! Es wurde mir jedenfalls sehr rasch zu viel, auch zu teuer. Ich hab‘ dann selbst längere Zeit darüber nachgedacht; der eigentliche Grund dürfte sein, daß ich so schlecht sehe und es mir am Tage zu hell und zu heiß ist.)

Jedenfalls gehe ich immer erst eine rundliche Stunde – ich hätte gebräuchlicher ‚runde‘ schreiben sollen, ich weiß; aber das hätte sich dann auf ‚Stunde‘ gereimt, und ich mag Gedichte nicht – da sieht man allerlei, und braucht sich nicht als ‚voyeur‘ vorzukommen, also ’schuldig‘ oder gar ’sündig‘ : den Meisten=von=Uns vergeht das Leben damit, die in der Jugend verkehrt eingestellten Maßstäbe mühsam wieder zu adjustieren.

Die Jahreszeit spielt dabei keine Rolle – ich kann durchaus einen winterlichen Neubau würdigen, früh um 5; und die Handwerker tauen die eingefrorene Pumpe des schon fertigen Nachbars mit lodernden Tapetenresten auf. Es darf ein Sommermeteor sein, der gegen Mitternacht seinen Nylonfaden durch die Giraffe zieht und über der DDR zerspringt; (ich wohn‘ so dicht am Zonengrenzübergang. Und erkenne also vorsichtshalber die DDR an). Es darf ein Spätherbstabend sein, wo man stehen bleibt und horcht : was war das Geräusch eben ? Eine nahe Grille, oder ein meilenferner Traktor ? (Zum Frühling fällt mir im Augenblick nichts ein, und ich bin nicht Pedant genug, mich deswegen irgendwie zu forcieren; der Herbst ist mir jedenfalls die liebste unter den Jahreszeiten.)

Anschließend gehe ich dann grundsätzlich noch in die Fernfahrerkneipe; und das kann eventuell lange dauern, denn da sitzen ja dann lauter Leute, die ‚etwas erlebt‘ haben, beziehungsweise alle noch mitten im Erleben drin sind, und zwar heftig.

Allein die ganze Atmosfäre dort : das hochoptische Gemisch aus nacktem Kunstlicht und kurz & klein gehackten Schatten. Die fleckigen Tischplatten (Decken haben davon nur die 2, links vom Eingang, wo die überwachten Vornehmen sitzen, in dünnen Fingerspiralen Eisglaskelche, auf denen Schlipsschleifen aus Zitronenschalen schwimmen : ER mit jener für öffentliche Ämter so unschätzbaren würdevollen Fadheit und leeren Ernsthaftigkeit, (dabei so doof, daß er nicht mal in der Hölle Eiskrem verkaufen könnte, wenn er selbständig sein müßte !); SIE von der Sorte, die auf Camping=Plätzen gleich Blümchen vors Zelt pflanzt und einen Tannenzapfen daneben legt.)

Postmaxe, Blick nach Stolpe Süd, 1962Die Ernstzunehmenden sind natürlich die Anderen, Männer wie Weiber. Meist breit, mit energisch=fleischverhangenen Gesichtern, die Fahrer; sämtlich fähig, ’ne abstrakte Kleinplastik notfalls als Büchsenöffner zu verwenden; (ich bin nicht für’s Moderne; man hat es vielleicht schon gemerkt). Die Frauen meist ‚Lieschen‘, mit leicht gezerrtem Defensor virginitatis, aber handfest : weder ist die Brust, vorn, Tarn & Tara, noch hinten die Porta Nigra.

Die betreffende breitschultrige Fünfzigerin hatte ich übrigens schon öfter hier gesehen; stets leicht be=bowlt, so daß die Stimme ein entzückend hoher heiserer Baß wurde. Eben erklärte sie vermittelst desselben : „Mein Vater war Trommler beim Zaren : bei mir ist Alles Natur !“. (Eine Logik, die mir zwar gewagt, ihrem heutigen Partner jedoch anscheinend legitim vorkam, denn er nickte eifrig. Seinen Beruf erkannte ich, als er dann gleich alleine abfuhr : er machte seinen Weekendausflug im Leichenauto. Und ich stellte mir das 1 Minute lang illustriert vor. Bis ich kichern mußte.)

Meine 2 Nachbarn auf der andern Seite bestellten sich erst „’ne Schachtel Zie’retten“, (der eine noch zusätzlich „Fefferminzbruch“); und dann machten sie Folgendes : Jeder tat in sein leeres Glas 2 gehäufte Teelöffel Nescafé und goß dann frisches Coca=Cola drüber : das schäumte hoch; dick & gelbbraun; Alles schien sich aufgelöst zu haben; sie schlürften und lächelten technoid. (Das muß ja auch toll aufpulvern ! Ma’probier’n.) Mit solchem Trank im Leibe hatten sie dann freilich gut ketzern lästern & erzählen :

von dem Kehlkopfoperierten, dem die Russen die silberne Kanüle aus dem Halse geklaut hatten; (dabei hatte er noch ‚Wilke‘ geheißen, was ja bekanntlich vom slawischen ‚Wlk‘, gleich ‚Wolf‘, kommt: es hatte alles nichts genützt !).

„Wat hat sich ’ne Hausanjeschtellte vadient, die 60 Jahre in een= und derselbn Famielje jearbeit‘ hat ?“ : „’ne Urkunde von’n Landrat,“ entschied der Andere pomadig. / Auch wollten sie, relata refero, Deutschland neutralisieren & entwaffnen; und dann noch ’ne solid=lose Konföderation ‚zwischen Bonn und der DDR‘; und ihre Begründung war, wie immer bei Fernfahrern, so dumm gar nicht. Sie gingen nämlich von der 5%=Klausel aus, und einem künftigen Weltstaat : in dessen Parlament wäre ‚Bonn‘ dann nämlich mitnichten vertreten ! „Denn fümf Prozent von drei Milljarden, det mußte Dir ma‘ ausrechnen, det sind hundertfuffzich Milljon‘ !“. (Und der Andere nickte, vorgeschobenen Untergelipps, à la ‚Ja bei uns schtimmt e’em ooch nich Alles‘.) / „Mensch, du liest noch Karlmay ? ! Bei dem kommt doch nich een Auto vor ! Da reiten se doch noch uff Ferden rum, wie beim Ollen Fritzen – det hat doch keene Zukumft !“ / (Und endlich fing er an, von ‚Erlebtem‘ zu erzählen – darauf hatte ich gewartet; darauf warte ich immer; ich warte ja überhaupt auf nichts anderes. Schon kam ich mir wieder vor, wie bei Homers: los: skin the goat !)

: der Betreffende – (Ich will ihn, geheimnisvoll, ‚Den Betreffenden‘ nennen. Das paßt für Viele : Dürre in Niedersachsen; dafür Überschwemmungen in Salzburg ? : ‚Der Betreffende hat wieder mal falsch disponiert !‘) – war ‚im Westen‘ zu Besuch gewesen, Jubeltrubelheiterkeit; und hatte, da seines Zeichens Omnibusunternehmer, auch hiesige Tankstellen und Autohändler frequentiert. Neidisch die besterhaltenen Gebrauchtwagen gemustert – auf einmal blitzte sein Blauauge : war das nicht dort derselbe Autobus wie ’seiner‘ ? Natürlich nur viel fescher, und fast wie neu. – : „Den müßte man haben !“

Handelseinig wurde man relativ rasch; denn der Betreffende war im Nebenberuf auch noch HO=Leiter, und da fällt ja bekanntlich immer Einiges ab. Nur hatte ’seiner‘ hinten noch 2 ovale Fenster drinne : ? : „Die schneiden wa rein !“

„Fuffzehntausend ? Na ?“. – „Ja. Aber zahlbar erst nach Empfang !“ (Und wie das Ding über die diversen Zonengrenzen kriegen; es war ja schließlich ein Objekt, das man sich nicht in den Ärmel schnipsen kann !).

: „Und denn haa’ck’n rüber jebracht !“. (Jetzt lehnte auch die Nachfahrin des Zarentrommlers ihre machtvollen Reize interessiert näher. Also zumindest ein Teil war bestimmt Natur).

: „Erst ha’m se noch det janze Verdeck innen vabrannt“; nämlich beim Einschneiden der, zur Tarnung unerläßlichen, beiden neuen Rückfenster. Bis aus Lüneburg mußte man einen Sattler ranholen : „und ick schtand wie uff Kohln ! Und et wurde Neune“ (und zwar P. M.; das dauert jetzt schon 30 Jahre, und die 24=Stunden=Zählung ist immer noch nicht volkstümlich geworden); „und et wurde Zehne : endlich, um Elwe, konnt’ick los !“

Postmaxe, Wachturm in Stolpe Süd, 1962Und war eine finstere Nacht gewesen : der Regen goß in Strömen; von den Wetterfähnlein der Kirchentürme kreischte es herunter, wenn er, seinen Leviathan hinter sich, durch die schlafenden Dörfer spritzte; Paul Revere war ein Waisenknabe; bis Helmstedt.

: „Den een‘ Zollfritzen kenn’ick; der saacht: ‚Kieck ma det Pärchen; die warten ooch schonn seit drei Taachen, det se Eener mitnimmt. Die sind beschtimmt durchgebrannt und wolln jetz wieda zu Muttien.‘ Finster sahn se ja aus.“ (Kunststück : 3 Tage warten; wahrscheinlich ungewaschen; ohne Geld; und dann bei dem Wetter. Jedenfalls hatte er sie, der Bus war ja ganz leer, dann um Gottes willen bis auf die Höhe von Lehnin mitgenommen. Begreiflicherweise auch den Rückspiegel so eingestellt, daß er vorsichtshalber die beiden Zerknitterten beobachten konnte. Beschrieb auch deren intimere Evolutionen, wozu unsere ältliche Hörerin, fachfraulch gepreßten Mundes, mehrfach billigend nickte. Einmal allerdings stieß sie verächtlich Nasenluft aus : Anfänger !).

: „Hinta Braunschweig hatt’ick schonn ma’ne Weiße Maus hinter mir jehabt“, (so nennt man in solcher Umgebung, unehrerbietig, einen einzelnen Verkehrspolizisten auf seinem Motorrad); in Westberlin aber war es dann gar ein „Peterwagen“ (also ein ganzes Polizeiauto) gewesen, das ihn an den Straßenrand gedrückt, und seine Papiere kontrolliert hatte : die waren auf DBR & Westberlin via Zone ausgestellt gewesen, und ergo unanfechtbar; hier lag ja auch gar nicht die Schwierigkeit; aber

: „nu schteh ick in Berlin=Schalottenburch, und der Betreffende kommt an : mit sonner Aktentasche ! Alles Fuffzijer und Hunderter.“ Da wurde einem, beiden Teilen bekannten und ehrwürdigen, neutralen Dritten, die Kaufsumme übergeben; der schrieb im Schweiße seines Angesichtes 15 Postanweisungen à tausend Mark aus, und gab erst mal 7 davon auf bei der Post – in Berlin wundert man sich über gar nichts mehr.

: „Haste de Nummernschilder ? !“ Nämlich von des Betreffenden „alter ostzonaler Schaukel“ : die mußten erst passend gemacht werden; das heißt, die Schraubenlöcher genau aufeinander, sämtliche Muttern geölt. Und dann als erstes wirkliches Risiko

: „durchs Brandenburger Tor : und det war vielleicht enge, Mensch, wie bei ’ner Jungfrau : ‚Kieck du links raus; ich rechts.'“; so waren sie, die Wände beinahe streifend, durch jenes nicht=marmorne deutsche Wahrzeichen gesteuert; und drüben harrte schon der Volkspolizist.

Nun braucht man im inner=berlinischen Verkehr weiter keine Papiere – aber daß sich Einer zur Besichtigung des Ostsektors ausgerechnet einen leeren Omnibus wählt, befremdete den Blanken, und mit Recht, doch ein wenig. Der Dicke aber, eiserner Stirnen rundherum übervoll, hatte so lange auf seine besichtigungslustige Korpulenz, und den 1 Freund, verwiesen, bis der Beamte endlich achselzuckend sagte: „Et kost‘ ja Ihr Benzien.“ Und ihn weiterließ.

Postmaxe, Wachturm bei Nacht in Stolpe Süd, 1962: „aber nu kam de eijentliche Schwierichkeit“; und das war der Übergang aus Ostberlin in die ‚Zone‘, also, disons le mot, die DDR : „Da hatt‘ ick nu schonn vorher meine Bekannten mobilisiert jehabt: ‚Sucht ma’n janz einsam Grenzüberjang raus'“ – er hielt den Zeigefinger effektvoll 3 Zentimeter vor die dicken Cäsarenlippen, und funkelte uns Lauschende majestätisch an (und geschmeichelt auch. Die Gebärden der Erzähler hier sind mannigfaltig.)

: „und zwar in Richtung Ludwigslust. – Ick fah da also immer an’n Kanal lank. Vor uns Keener, hinter uns Keener; et iss ja ooch bloß’n halber Feldwêch.“ Steuerbord voraus kam der Kontrollposten in Sicht : eine simple Bretterbude, ganz einfältig. Bis auf 300 Meter fuhren sie ran

: „dann wir runter. Ick saache : ‚De Schilder her : ick vorne, Du hinten !‘ Und de Muttern bloß so mit de Finger anjezogen. Rinn in’n Kanal mit de alten Schilder; und immer noch keen Aas in Sicht. Und ick richt‘ ma uff. Und ick dreh ma um. Und ick saache bloß : ‚Hier haste Dein‘ Omnibus.'“ (Und wir nickten Alle im neidischen Takt : es gibt schon noch Männer !).

: „Der konnte det jaa nich’jlooben ! Det er nu’n neuet Auto hatte.“ Hatte nur immer strahlend das neu auf West lackierte Ungetüm betrachtet, der Betreffende. Und dann wieder den mutig=Dicken. Hatte sich selig ans Steuer geschwungen; ihm noch „Hundert Ost : für’t Mittachessen !“ in die Hand hinuntergedrückt; und war dann abgebrummt.

: „ick seh ma det noch so an, wie er an det Wach=Häuseken da ran jondelt. Da kiekt een=Eenzjer raus, mi’m Kopp. Und winkt bloß so mit de Hand“ – so schwach und schläfrig winkte die seine nach, wie ich, in a long and misspent life, noch nie zuvor gesehen hatte – „und der winkt wieder – : und da iss er ooch schonn durch. Keene Kontrolle. Nischt. . . . . .“. Und breitete, leicht kopfschüttelnd, die Hände; und ließ sie wieder auf die Tischplatte sinken : geritzt.

Wir waren verpflichtet, wiederum zu nicken. Taten es auch gern. Der Andere bot ihm vor Anerkennung einen Stumpen.

„Det haa’ck übrijens ooch noch nich jewußt, det=det Brand’nburjer Tor nich massiv iß. Ick hab‘ immer jedacht, wenichstens Jranitt oder so.“ Aber der Erzähler schüttelte nur ablehnend den kundigen Kopf : nichts; gar nichts : „Überall blättert die Tünche ab.“

„Bei mir ist Alles Natur,“ sagte die Walküre, und lehnte sich voller zurück : „Mein Vater war Trommler beim Zaren !“

Postmaxe, Der Grenzübergang von Heiligensee Richtung Hamburg

Dokumentation als Unterrichtsmaterial: Jac Biermann: Helmstedt und seine Grenze, 1984:

Bilder: Frank-Max „Postmaxe“ Polzin: Heiligenseer Grenze zur DDR:

Diese Bilder stammen u.a. vom Heimatfreund Arno Schmidt, Berndt Wehrmann, Knut Lehmann, Dieter Lepke sowie Sigurd Hilkenbach, Harry Schulz, Rolf Klapputh und dem Heimatmuseum Hermsdorf.

  1. Ende der S-Bahnstrecke nach Hennigsdorf (1989);
  2. Blick nach Stolpe Süd (1962);
  3. Wachturm in Stolpe Süd (1962);
  4. Wachturm bei Nacht in Stolpe Süd (1962);
  5. Der Grenzübergang von Heiligensee Richtung Hamburg.

Written by Wolf

12. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Es endet ohne Schlusspunkt.

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Update zum Weekly Wanderer 0017:

Die Älteren mögen sich erinnern: 2013 wurden an dieser Stelle Versionen, Interpretationen und Parodien von Goethes Ein Gleiches durchdekliniert. Schon damals hab ich mir nicht im Ernst eingebildet, dass 17 Folgen reichen könnten.

Tina Sosna

——— Erich Fried:

Ein Ungleiches = Einige Leichen

aus: Das Nahe suchen. Gedichte, Verlag Klaus Wagenbach: Quartheft 119, Berlin 1982:

Tina SosnaWarte nur! Balde
Ruhest du auch.
Und zwar wie?
Zwischengelagert? Entsorgt?
Und warum du
nicht Sie?

Ich fange von vorne an
Das klingt viel höflicher dann:

Über allen Gipfeln
ist Euphemie,
In allen Wipfeln
Spüren Sie
kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde
Bitte warten Sie! Balde
Ruhen Sie auch.

(Die Euphemie versteht sich von selbst bei Goethen:
Er sagt ja auch Ruhen
wenn er Sterben meint oder Töten)

Oder lieber nicht ruhig Blut?
Also gut, mit etwas mehr Wut:

Unter allen Wipfeln
fließt Blut,
In allen Heuchlern
spürest du

kaum einen Jammerlaut!
Die Vögelein menscheln im Walde.
Gipfle nur! Balde
watest du auch
im Blut

Soweit Erich Fried, zitiert nach seiner ersten Gesamtausgabe. Es gab tatsächlich eine nicht sehr lange zurückliegende Zeit, in der Fried als Dichter ernster als Goethe genommen wurde. Das war um 1980, und noch von 1999 findet sich eine ausführliche Interpretation über sein Ungleiches, in der ein Bertolt Brecht als richtig relevant erscheint und ein haltbares Dreieck aus Goethe, Brecht und Fried errichtet wird, und das Goethe-Originalgedicht sei sogar von „erkennbare[m] Materialwert“.

Eine andere als alphabetische Rangfolge der Begriffe Brecht, Fressen, Fried, Goethe und Moral für 2016 will ich lieber nicht aufstellen müssen.

Tina Sosna

——— Klaus Schuhmann:

Nachtlieder nach Goethe

in: Neue deutsche Literatur, Heft 527, September/Oktober 1999:

Manchmal zeigt sich, was zwei Schriftsteller in Sympathie miteinander verbindet, schlaglichtartig in ihrem Verhältnis zu einem dritten Dichter, den sie auf vergleichbare Weise schätzen oder ablehnen. Im Falle von Bertolt Brecht und Erich Fried trifft beides nicht zu, wenn der Dritte im Bunde Goethe heißt. Hier geht es um einen Spezialfall, denn beide haben sich im Zeitunterschied von vierzig Jahren für ihre Zwecke eines Gedichts bedient, das Goethekenner als Kleinod ansehen, welches außerhalb jeder Kritik zu stehen hat: „Wanderers Nachtlied“.

Für Lyriker des 20. Jahrhunderts gilt solcher Denkmalschutz schon lange nicht mehr. Brecht demonstrierte das mit seinen „sozialkritischen Sonetten“ als ein generelles methodisches Verfahren, bei Fried kann man in mehreren Gedichtbänden Gruppen mit Texten finden, in denen der Verfasser kritische Zwiegespräche mit literarischen Vorfahren und Zeitgenossen führt.

Bei Brecht geschieht die Begegnung mit Goethe schon in seinem ersten Gedichtbuch, der 1927 veröffentlichten Hauspostille; bei Erich Fried in seinem 1982 erschienenen letzten Lyrikband Das Nahe suchen. Brechts Gedicht heißt „Liturgie vom Hauch“, Frieds „Ein Ungleiches = Einige Leichen“. Beide konfrontieren den Goethe-Text mit der politischen und sozialen Realität des 20. Jahrhunderts, so daß die Wirklichkeit gegen die Poesie zu Wort kommen kann. Nicht zuletzt, weil sie nach Meinung dieser beiden Lyriker zu oft verschwiegen wird, besonders in Gedichten. Und sie antworten mehr oder weniger auf eine Frage, die Brecht in seinem Epilog „An die Nachgeborenen“ gestellt hat:

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Bertolt Brecht ging es freilich nicht allein um Goethe, der in der „Liturgie vom Hauch“ namentlich zwar nicht genannt, aber mit Worten aus dem Gedicht „Wanderers Nachtlied“ zitiert wurde, die der Nennung des Autornamens gar nicht mehr bedurften. Schon im Titel wird das letzte Wort dieses Gedichts demonstrativ aufgerufen, und der aufmerksame Leser wird am Ende seiner Lektüre unweigerlich daran erinnert, daß der „Hauch“ im Verlaufe der „Liturgie“ zum Aushauchen wird, zum letzten Atemzug. Das geschieht klaglos, wird aber durch einen Kunstgriff dennoch zu einer Anklage. Es ist, als liefe ein Zählwerk, das der „Liturgie“ ihren Gang vorschreibt. Indem Brecht die Zeilen fortlaufend numeriert und den Strophenblock auflöst (durch den Zeilenabstand auch visuell wahrnehmbar), wird durch den aktionsbetonten Verlauf der „Strophen“ der Kontrast zu jenem Gedichtteil aufgebaut, der refrainartig unverändert repetiert wird. Er zitiert, allerdings entstellt, „Wanderers Nachtlied“:

1
Einst kam ein altes Weib einher

2
Die hatte kein Brot zum Essen mehr

3
Das Brot, das fraß das Militär

4
Da fiel sie in die Goss, die war kalte

5
Da hatte sie keinen Hunger mehr.

6
Darauf schwiegen die Vöglein im Walde
Über allen Wipfeln ist Ruh
In allen Gipfeln spürest du
Kaum einen Hauch.

Daß Goethes Gedicht für Brecht noch einen erkennbaren Materialwert besaß, sieht man daran, daß die beiden Schlußzeilen, auf die es besonders ankommt, dem Original entsprechen. Die Abfolge der binnenreimenden Nomina „Gipfeln“ und „Wipfeln“ ist freilich vertauscht, und das Verb „schweigen“ ist aus der präsentischen Form in die präteriale befördert worden. Noch schwerer wiegt, daß der Refrain mit einem ebenso temporal wie auch kausal interpretierbaren „Darauf“ beide Segmente miteinander verknüpft: die profane Textebene mit der auratisch-poetischen der Goetheworte.

Während im weiteren Fortgang des Geschehens der von Beginn angelegte soziale Konflikt eskaliert und nach der alten Frau sowohl der Mann als auch die „bärtigen Männer“ nichts mehr sagen können, weil sie zu Tode gebracht werden, bleiben die „Vögelein im Walde“ ungerührt und schweigen, bis sie selbst von einem Tier – es ist ein großer „roter Bär“ – gefressen werden. Und nun ändert sich auch der Refrain, den sie bisher zu all dem gesungen haben. Es ist, als habe der Luftzug, der in die Goethestrophe hineinfährt, nicht nur den Text noch einmal durcheinandergebracht, jetzt wendet sich auch in den oberen Regionen das Wetter: Die Vögel erwachen und schweigen nicht mehr. Und damit hat sich das Gedicht aus Meisterhand auch im semantischen Sinne ins Gegenteil gekehrt.

37
Da kam einmal ein großer roter Bär einher

38
Der wußte nichts von den Bräuchen hier, denn der kam von überm Meer.

39
Und der fraß die Vögelein im Walde

40
Da schwiegen die Vögelein nicht mehr
Über allen Wipfeln ist Unruh
In allen Gipfeln spürst du
Jetzt einen Hauch.

Das ist nicht mehr literarische Parodie. Eher schon wird die Frage hörbar, die Brecht später in einem seiner Massenlieder stellt:

Wessen Straße ist die Straße?
Wessen Welt ist die Welt?

Tina SosnaEin halbes Jahrhundert später stellt sich Erich Fried seiner Welt noch einmal auf eine Brecht vergleichbare Weise und bediente sich dabei ebenfalls der sinntragenden Worte des berühmten Gedichtes, das auf dem Gickelhahn bei Ilmenau geschrieben wurde. In der vierten Abteilung des Gedichtbandes Das Nahe suchen ist der Text zu finden, dessen Überschrift mehr noch als die Brechts überkommener Titelgebung widerspricht. Der Titel des Goethe-Gedichts erscheint hier sinnverkehrt: in der Negation.

Frieds Bauweise und Materialverwertung ist eine andere als die Brechts. Er arbeitet nicht mit Kontrastblöcken – hier blutige Wirklichkeit, dort himmlische Ruhe –, sondern mit einer Technik, die den Goethetext gleichsam an der Realität von heute durchdekliniert. Bei Fried bleibt eine einzige Zeile aus dem Original unversehrt („Die Vögelein schweigen im Walde“). Die anderen Textteile werden noch radikaler ent-stellt als bei seinem Vorgänger. Vor allem taucht in Frieds Text ein Wort auf, das es zu Brechts Zeiten noch nicht gab: entsorgen. Was dieses Verb sagt und doch verschweigt, ist schlimmer als das, was sich bei Brecht auf offener Straße ereignete. Aus der Nachtruhe, die Goethe bedichtete, ist in unserem Jahrhundert die Friedhofsruhe geworden! Nicht Goethe steht am Pranger, sondern jene, die es verstehen, die Katastrophengefahr zu beschönigen – nicht nur durch Schweigen, sondern mittels „Euphemie“. Fried bietet eine zeitgenössische Goethelektüre und blendet jene Fakten ein, die sie stören, unterbrechen und schließlich in schierer Irritation enden lassen. Anders als Brecht, dessen Text strophisch gegliedert ist (und auch den Reim nicht ausspart), sind bei Fried nur noch Zeilengruppen vorhanden, die weder durch Reime (bis auf die Anleihen von Goethe) noch durch numerische Übereinstimmung bei der Zeilenzahl geregelt sind. Auch hat Frieds Text einen ganz anderen Gestus des Sprechens. Es ist ein dialogisch angelegtes Gedicht, gerichtet an einen Adressaten, der gleich zu Beginn angesprochen wird: mit den kursiv gesetzten Personalpronomen „du“ und „Sie“. Und auch darin unterscheidet sich der Text der achtziger von dem der zwanziger Jahre, daß hier mit Goethe-Wortschatz begonnen wird:

Warte nur! Balde
Ruhest du auch.
Und zwar wie?
Zwischengelagert? Entsorgt?
Und warum du
nicht Sie?

Eine fulminante „Exposition“: Sechs Kurzzeilen werden durch ein Ausrufungszeichen und vier Fragezeichen interpunktiert, wobei die letzteren sich durchweg auf das sinntragende Verb „ruhen“ beziehen, das seit Goethe und Brecht um eine Interpretationsmöglichkeit reicher geworden ist. Die beiden nachfolgenden Partizipien benennen diesen Sachverhalt. Es sind Neuworte, die von der Atomwirtschaft verwendet werden. Der Autor signalisiert diese Gefahr, wobei sein „Warte nur!“ ebenso als Warnung wie als Voraussage gelesen werden kann. Die folgende Überleitung von zwei Zeilen läßt zwei bänkelsängerisch klingende Reime zu, die hier eher anzeigen, daß der Verfasser nun pro domo spricht. Im doppelten Wortsinne: Er nimmt sein Thema von neuem auf, und er setzt nun auch mit einer Zeile ein, mit der Goethe begann. Erst jetzt ist Fried wirklich bei dessen Text angekommen, der nun zeilenweise zitiert wird (so kommt nun auch wieder der Reim zur Geltung). Mit einem Kunstgriff entstellt er das Goethe-Gedicht: Er setzt an die Stelle des vertrauten „du“ das „Sie“ der Höflichkeitsform. Als geradezu parodistisch wirkendes Personalpronomen wird es der Aufforderung zum Warten vorangestellt.

Die Überleitung zum Schlußpart des Gedichts übernimmt wiederum ein gereimter Zweizeiler, der den Schreiber im Zwiespalt der Wortwahl und der Reaktionsmöglichkeiten zeigt. Daß er sich für „Blut“ (aber nicht „ruhig Blut“, also einen Ausdruck für Zurückhaltung und Affektdämpfung) entschieden hat, ist mit dem letzten Wort des Gedichts besiegelt. Das hat vor allem damit zu tun, daß der Blick nach unten gerichtet wird: auf die Erde, wo die Menschen, die hier leben, sich einer solchen Sprache bedienen:

Unter allen Wipfeln
fließt Blut,
In allen Heuchlern
spürest du
kaum einen Jammerlaut!
Die Vögelein menscheln im Walde.
Gipfle nur! Balde
watest du auch
im Blut

Nun ist auch der Stellenwert der „Vögelein“ in diesem Text bestimmt. Wie bei Brecht sind sie nicht nur Tiere, sondern gleichen Menschen, zumindest wenn sie sprechen. Damit ist auch das letzte Unwort in diesem Text aufgesagt: „menscheln“. Jetzt kann nur noch eine groteske Zuspitzung folgen, die wie Hohn und Spott klingt: Gipfle nur! soll wohl heißen, daß ein Höhepunkt erreicht ist, dem nur noch der Absturz folgen kann. Wie die meisten Gedichte Frieds endet auch dieses ohne Schlußpunkt.

Tina Sosna

Bilder: Tina Sosna, Oktober 2014 bis Oktober 2015.

Bonus Tracks: Interpreatationen im Vergleich: Bertolt Brecht/Hanns Eisler: Einheitsfrontlied, 1934:


Written by Wolf

29. Januar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Tolkien im Großen Ringkrieg

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Kürzlich wurde der Literatur-Nobelpreis zum ad infinitum wiederholten Male nicht an Bob Dylan verliehen. Das ist ein alter Ärger: 1961 hatte C.S. Lewis als Professor in Oxford Vorschlagsrecht ans Nobelpreiskomitee und nutzte es, um seinen besten Kumpel J.R.R. Tolkien zu nominieren. Als groß angelegte Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs, als die Der Herr der Ringe damals wie selbstverständlich galt, hatte er bestimmt sogar Chancen. J.R.R. empfahl seinerseits, schofel genug, nicht etwa Lewis, sondern E.M. Forster, sicher weil es sonst zu sehr aufgefallen wäre. Natürlich waren alle drei rettungslos verloren gegen einen Ivo Andrić.

Im Ernst: Die folgenden, ungekürzt wiedergebenen Beobachtungen erschienen schon am 13. Dezember 2014 in der Welt und schrien nach ungekürzter Wiedergabe, und zwar sofort. Mir erschien das Thema jedoch zu wichtig, um es mit mehr oder weniger unverfänglichen, jedenfalls wertfreien Bikinischönheiten zu garnieren; selbst eine Serie aus Cate Blanchett als Galadriel wäre verfehlt.

Ich musste erst abwarten, bis Tolkiens erste Skizzen zur Anlage von Mittelerde öffentlich wurden. Das ist ein so grundlegendes Ereignis, dass Text und Bild sich gegenseitig nichts wegnehmen. Wired hat am 9. Oktober 2015 acht Skizzen zugänglich gemacht. In den Welt-Artikel geflochten erscheinen sie in 50 % der Textbreite (das erste und letzte in 80 %), sind aber groß genug, um Tolkiens Handschrift zu erkennen – Sie verfügen doch noch über eine rechte Maustaste? –, und die Bildlegenden von Wired stehen, wenn Sie jemals so weit scrollen, unten vor dem Nachspannlied.

Map of Rohan, Gondor, and Mordor. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015

——— John Garth:

Mittelerde liegt an der Somme

„Keuchende Gruben“, „giftige Hügel“ und die „Totensümpfe“ der Schlachtfelder: 100 Jahre nach dem „Great War“ wird J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“ als Roman des Ersten Weltkriegs kenntlich. Eine Spurensuche

Aus dem Englischen von Marcel Aubron-Bülles,
in: Die Welt, Samstag, 13. Dezember 2014, © Axel Springer SE 2014:

Als „Der Herr der Ringe“ zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs erschien, war sich das Feuilleton sicher, dass es sich um eine zwar verschlüsselte, dennoch allegorische Erzählung handeln musste, in der Sauron Stalin, Saruman Hitler und die Freien Völker die Alliierten darstellten. Tolkien wischte solche Interpretationen ungeduldig beiseite. Im Vorwort zur zweiten Ausgabe, die 1965 erschien, betonte er, der Ursprung der Erzählung liege in Dingen, „die mir schon lange im Sinn lagen oder in einigen Fällen schon niedergeschrieben waren, und wenig oder nichts wurde durch den Krieg, der 1939 begann, oder durch seine Folgen verändert.“ Die Epen der Angelsachsen und anderer germanischer Völker erweckten in Tolkien das Interesse am Mythos; sein Werk ist von Legenden und Volkssagen beseelt. Doch als er sich während seines Studiums in Oxford das erste Mal in diese mittelalterlichen Texte vertiefte, brach der Erste Weltkrieg aus. Ich bin davon überzeugt, dass dies einen maßgeblichen Einfluss auf sein kreatives Schaffen ausübte.

Plan of Shelob's lair. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Ein erster Hinweis ist das eben erwähnte Vorwort. Nachdem er alle Interpretationen seines Werks mit einem Bezug zum Zweiten Weltkrieg als unsinnig abgetan hatte, fuhr er fort: „Man muss in der Tat persönlich in den Schatten des Krieges geraten, um zu erfahren, wie bedrückend er ist; aber im Laufe der Jahre scheint man nun oft zu vergessen, dass es ein keineswegs weniger furchtbares Erlebnis war, in der Jugend von 1914 überrascht zu werden, als 1939 und in den folgenden Jahren vom Krieg betroffen zu sein. 1918 waren bis auf einen alle meine nächsten Freunde tot.“ Er hätte es kaum deutlicher ausdrücken können: Wenn ihr schon nach dem Einfluss eines Krieges sucht, dann wendet euch dem zu, an dem ich selbst teilgenommen habe.

Tolkien kämpfte in der Schlacht an der Somme, vier Monate lang. Er hatte unheimliches Glück, dass sein Bataillon, die 11th Lancashire Fusiliers, nicht zu den Truppen gehörte, die zu Beginn der Offensive am 1. Juli nach vorn geschickt wurden. Dieser Tag gilt als der schwärzeste Tag der britischen Militärgeschichte – knapp 20.000 Tote, mehr als die Hälfte aller Offiziere. Als im selben Monat der von deutschen Truppen besetzte Ort Ovillers von den Briten erobert wurde, erlebte Tolkien zum ersten Mal am eigenen Leib das „tierische Grauen, … das der Krieg …)bedeutet.“ Ende Oktober zeichnete er als Fernmeldeoffizier bei der Eroberung einer weiteren strategisch wichtigen deutschen Stellung für die Kommunikation seines Bataillons verantwortlich. Dann geschah das, was vermutlich sein Leben rettete: Er erkrankte am Schützengrabenfieber und wurde nach England zurückgeschickt. Sein Bataillon zog weiter nach Flandern.

Bei einem so gebildeten Mann wie Tolkien, der nach seiner Rückkehr von der Somme im Krankenhaus die Gelegenheit nutzte, mit dem Schreiben zu beginnen, hätte man die schonungslos realistische Darstellung des Kriegs in Roman- oder Gedichtform erwarten können, einem Erich Maria Remarque und seinem „Im Westen nichts Neues“ gleich, oder dem britischen Dichter Wilfred Owen ähnlich, der einer verlorenen Generation mit „Anthem for Doomed Youth“ ein poetisches Denkmal setzte. In den bekanntesten Werken ist der Soldat im Schützengraben das hilflos leidende Opfer; die vor dem Weltkrieg gängigen Vorstellungen, was einen Helden ausmachte und wie er literarisch zu verewigen war, wurden durch die neue Typologie ersetzt. Der herausragendste britische Kriegslyriker Wilfred Owen weigerte sich, Helden zu beschreiben: „Die englische Dichtung ist noch nicht so weit, von ihnen zu sprechen“, so seine Worte. Und nach dem „Großen Krieg“ wandte sich die Literatur von Helden ab, als ob es sie nie gegeben hätte. Tolkien aber schrieb 1936 über das mittelalterliche Epos „Beowulf“: „Noch heute (und den Kritikern zum Trotz) findet man Menschen, … die von Helden gehört und sogar schon welche gesehen haben …“ In seinem Werk finden sich Versionen dieser traditionellen Helden, Seite an Seite mit neuen Helden, bei denen der Einfluss des Ersten Weltkriegs spürbar ist.

Versuchte Tolkien der unerträglichen Realität zu entfliehen? Ja und nein. Er schrieb, dass Märchen einen besonderen Fluchtweg aufzeigen: die Flucht des Gefangenen, nicht des Deserteurs. In den „Verschollenen Geschichten“, die er im Krankenhaus begann und aus denen später das „Silmarillion“ erwuchs, scheinen die Krieger Beren, Túrin und Tuor Tolkiens eigene Entwicklung als junger Mann nachzuvollziehen, der gegen seinen Willen in den Krieg ziehen musste. Doch bei ihnen handelt es sich um epische Charaktere, die sich selbst den gewagtesten Aufgaben stellen, und Tolkien konnte sie nicht allein aus eigener Erfahrung heraus gestalten. Die Figur, die es ihm schließlich ermöglichte, eine Erzählung mit seinen Kriegserlebnissen in Einklang zu bringen, war der wenig heldenhafte Bilbo Beutlin. „Der Hobbit“ ist die Geschichte einer Verwandlung, bei der ihr anfänglich furchtsamer Protagonist in die Schlacht zieht und dem Tod von der Schippe springt.

Distances and dates in Mordor. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Tolkien schrieb sie für seine Kinder, und ihm wurde klar, dass sie einen Helden brauchten, der ihnen nicht so fremd war wie die elbischen und menschlichen Krieger, mit denen er sich bisher beschäftigt hatte. Seine eigene Kindheit diente ihm als Inspirationsquelle, und der Ursprung seiner Hobbits ist die englische Landbevölkerung, wie er sie zwischen seinem vierten und achten Lebensjahr kennengelernt hatte.

Bilbo ist ein Charakter auf dem Sprung in ein ungewisses Abenteuer in einer faszinierenden Mischung aus Furcht und Furchtlosigkeit. Er lernt unglaublich schnell und ist bald in der Lage, dem Tod entschlossen ins Antlitz zu blicken. Als er diesen Punkt erreicht, spiegelt er Tolkiens persönliche Erfahrung wieder, die er im Ersten Weltkrieg gemacht hatte. Es ist daher fast selbstverständlich, dass die Hobbits, die so eng mit dem ländlichen England seiner Jugend verbunden sind, auf Gefahr und Schrecken so gleichmütig reagieren, wie er es bei den Menschen seiner Generation erlebte. Er nehme seine „Modelle wie jeder andere auch aus dem ‚Leben‘ …, soweit ich es kenne“, schrieb er später.

Doch obwohl er sich von seinen Erfahrungen inspirieren ließ, stellen die Orks nicht die deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs in Fantasykostümen dar. Ein solches Schwarzweiß-Denken war Tolkien fremd. Es gibt genügend Hinweise darauf, dass er den einfachen deutschen Soldaten zu respektieren lernte, genauso wie seine britischen Untergebenen. Für ihn verkörpern die Orks das Böse, das er 1916 auf beiden Seiten der Westfront ausmachte – ein Böses, das Eroberung, Macht und Maschinen für wichtiger hält als Menschen aus Fleisch und Blut.

Als er von 1937 bis 1948 „Der Herr der Ringe“ schrieb, zeigte sich in seinen Briefen, dass der neue Krieg, in den seine Söhne gezogen waren, traurige Erinnerungen an den alten Krieg weckten, seinen Krieg. Gefahren, Angst und Unbehagen bestimmen die erzählerische Atmosphäre; vielen Charakteren droht das Exil in einer Welt, in der sie sich auf Althergebrachtes nicht mehr verlassen können. Wo lähmende Furcht und schwerste Demütigungen beschrieben werden, ist für ein klassisches Heldentum kein Platz mehr.

Die Hobbits sind engstirnig, häuslich veranlagt und streiten sich um Kleinigkeiten. Es fällt leicht, sie zu lieben und zu verspotten, aber es ist umso schwerer, sie zu bewundern. Frodo wünscht sich manchmal, dass ein Erdbeben oder ein Drache seine „dummen und langweiligen“ Mitbürger aufwecken möge. Diese Unzufriedenheit mit dem alltäglichen Leben war zu Beginn des Ersten Weltkriegs weit verbreitet, als der englische Dichter Rupert Brooke seine Landsleute als „Halbmenschen“ bezeichnete, die die lange Friedenszeit verdorben hätte. Tolkien äußerte zuweilen ähnliche Ansichten.

The First Map of Middle-earth. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Doch Frodo Beutlin aus dem friedlichen Auenland wünscht sich den Krieg genauso wenig wie Tolkien im England des Jahres 1914. Er beschrieb die Katastrophe als den „Zusammenbruch meiner ganzen Welt.“ Frodo, der zu spät merkt, wie sehr er ein normales Leben liebt, sagt: „Ich wollte, es hätte nicht zu meiner Zeit geschehen müssen.“ Er will weder ein Held sein noch verspricht er, einer zu werden. Wie Tolkien, ein „junger Mann mit zu viel Phantasie“, der in seinem letzten Jahr an der Universität wusste, dass er wahrscheinlich in den Krieg ziehen musste, fürchtet Frodo die Gefahr und die Pflicht, die ihm auferlegt ist. Frodo wird wie die Freiwilligen aus Tolkiens Generation zum Helden, weil er ein unbedeutendes Individuum ist, dass sich zum Wohle aller einer viel zu großen Aufgabe stellt und den Mut und die Kraft findet durchzuhalten.

Frodo zieht diese Kraft aus der Kameradschaft mit seinen Freunden. Er und die anderen Hobbits – „Anführer Frodo und seine Mannen“ nennen sie sich – gehen mit der Gefahr und dem Unbehagen um, wie es auch bei Soldaten üblich ist. Ihr Marsch wird begleitet oder unterbrochen von gemeinsamem Gesang, ordentlichen Mahlzeiten oder einem Bad – die Freuden des gemeinen Soldaten. Ihr gelassener Humor und das völlige Ausblenden ihrer Vorstellungskraft helfen, furchterregende Situationen auf ein normales Maß herunterzubrechen, wie Sam im Kampf mit der teuflischen Spinne Kankra beweist. Er redet mit ihr, als ob er einem vorlauten Hobbit ein paar Ohrfeigen verpassen wollte: „Nun komm, du Scheusal!“

„Mein Sam Gamdschie“, schrieb Tolkien, „ist in der Tat ein Bild des englischen Soldaten, der Gemeinen und Burschen, wie ich sie im Krieg von 1914 und als mir selbst so hoch überlegen erkannt habe.“ Die Beziehung zwischen Frodo und Sam spiegelt die Hierarchie zwischen einem Offizier und seinem Burschen deutlich wieder. Ein Offizier hatte in der Regel eine universitäre Ausbildung genossen und stammte aus der Mittelschicht. Der einfache Arbeiter blieb einfacher Soldat oder schaffte es vielleicht, sich zum Sergeant hochzuarbeiten. Zwischen dem gebildeten und wohlsituierten Frodo und Sam, seinem früheren Gärtner, der ihn nun weckt, die Mahlzeiten zubereitet und seine Sachen zusammenpackt, erstreckt sich ein sozialer Abgrund. Die gemeinsam durchlebte Not bereitet der typisch männlichen Zurückhaltung und den klassenbedingten Unterschieden ein Ende, und schließlich kann Sam zu Frodo sagen: „Herr Frodo, mein Lieber.“

Zu diesem Zeitpunkt ist Frodo von der ständigen Last des böswilligen Rings so zermürbt, dass die Hierarchie zwischen den beiden Hobbits praktisch auf den Kopf gestellt ist. Frodos Rolle entwickelt sich zu einer kindlichen Abhängigkeit: Er hat die Probleme, Sam die Lösungen. Im Ersten Weltkrieg war dieser Vorgang üblich. Die Aufnahme als Offizier in die britische Armee erfolgte als klassenbedingte Entscheidung, nicht weil diese jungen Männer erfahrene Soldaten oder geborene Anführer waren. Die einfachen Soldaten und Unteroffiziere verfügten in der Regel über das notwendige Alter, die Erfahrung und das Wissen, das ihren Vorgesetzten fehlte. Sams simples Geplapper bringt Frodo selbst an der Grenze nach Mordor zum Lachen. „Ein solcher Klang war in diesen Gegenden nicht gehört worden, seit Sauron nach Mittelerde gekommen war“, hält Tolkien fest. Dabei handelt es sich um ein Lachen, wie der Kriegskorrespondent Philip Gibbs glaubte, das als „Flucht vor dem Schrecken diente, als seelischer Befreiungsschlag durch eine geistige Explosion, die die Gefängnismauern der Verzweiflung und des Nachgrübelns überwand.“

Drängende Eile charakterisiert Frodos Reise von Anfang an, und der Erzählrhythmus spielt sich schnell ein. Er besteht aus vier aufeinanderfolgenden, sich stets wiederholenden Abschnitten: der mühsame, angstvolle Kampf, voranzukommen; eine brutale, grauenhafte Auseinandersetzung mit dem Tod oder denen, die ihn bringen; die Flucht vor der Gefahr und ein kurzes Zwischenspiel, in dem sich die Hobbits erholen und ausruhen können. Dies sind nicht nur die Elemente der archetypischen Heldenreise, sie entsprechen auch den tatsächlichen, alltäglichen Erfahrungen des Soldatenlebens im Ersten Weltkrieg: Marsch an die Front, Schützengraben, Rückzug und eine Verschnaufpause.

Earliest map of the Shire. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Auf ihrer Verfolgungsjagd sind Frodos Gefährten Aragorn, Legolas und Gimli mit einer Ausdauer gesegnet, die „in so mancher Halle besungen werden“ sollte, wie Éomer anmerkt: Mann, Elb und Zwerg sind heldenhafte Gestalten an der Schwelle zum Mythos. Wo ihre Schritte flink sind, kämpfen sich die weniger heldenhaften Füße der Hobbits mühsam voran, und nur ihr eiserner Wille lässt sie weitergehen, „ihre Rücken … gebeugt unter ihren Lasten.“ Das klingt wie die Beschreibung der Weltkriegssoldaten in Wilfred Owens Gedicht: „Zweifach gebeugt wie alte Bettler unter ihrem Sack, / X-beinig … Trunken vor Erschöpfung …“ Das Gewicht eines Rucksacks ist die physische Entsprechung der Last, die die Pflicht und das Schicksal einem auferlegen – ebenso wie Frodos besondere Verantwortung, nämlich den Ring zu tragen, der „Folter für die Seele“ bedeutet und eine nahezu unerträgliche „Last für den Körper“.

Doch eine noch größere Belastung für Frodo ist die Erkenntnis, dass das Auge nach ihm suchte: „Es war mehr als das Zerren des Ringes, was bewirkte, dass er sich beim Gehen duckte und bückte.“ Eine so umfassende Überwachung hat in einem mittelalterlichen Epos keinen Platz, und sie fällt auch im 20. Jahrhundert nicht in dieselbe Kategorie wie der Große Bruder aus „1984“. Sauron ist nicht der staatliche Kerkermeister, sondern der militärische Feind. Das Auge lässt seinen Blick über das Land schweifen, um jede Bewegung zu beobachten, und aus der Luft überwachen die Ringgeister, was unter ihnen geschieht. Bei der Durchquerung der Totensümpfe, den „Niemandslanden“ und den „keuchenden Gruben und giftigen Hügeln“ vor dem Schwarzen Tor von Mordor wird die Angst, entdeckt zu werden, immer größer. Tolkien gab später zu, dass die Beschreibung dieser Landschaft von seiner Erinnerung an das Schlachtfeld der Somme inspiriert worden war.

In „Der Herr der Ringe“ besteht stets die Notwendigkeit, sich zu verbergen. Die Helden alter Epen konnten mit wehenden Bannern und lautem Hornstoß in die Schlacht ziehen, und Tolkien bewahrt mit der Schlacht auf den Pelennor-Feldern die Erinnerung an diese Denkweise. Er selbst aber sah sie in den Schützengräben seiner Zeit sterben. Für moderne Helden und für Frodo ist Überraschung der Schlüssel zum Erfolg; sich vor dem Feind zu verbergen, sichert das Überleben.

Der schlimmste Kampf, den ein Soldat im Ersten Weltkrieg zu führen hatte, war nicht gegen feindliche Truppen, sondern gegen Angst und Verzweiflung. Als sich die Briten 1914 bei Mons zurückziehen mussten, entstand aus der Not, der Demoralisierung entgegenzutreten, sogar der Mythos, die Engel selbst hätten in den Konflikt gegen die Deutschen eingegriffen. Mit dem Anführer der Ringgeister erschafft Tolkien ihr Gegenstück. Dieser „große schwarze Reiter, ein dunkler Schatten unter dem Mond“ löst Panik aus: „Nicht durch die Überzahl wurden wir besiegt“, betont Boromir. Als Frodo durch die Klinge des Ringgeists verletzt wird, durchlebt er einen dunklen Traum aus Verzweiflung und Teilnahmslosigkeit.

Tolkiens persönliche Kriegserlebnisse hinterlassen bei den Ringgeistern unverkennbare Spuren. Die frühen, formlosen Gasmasken, die 1916 zum Einsatz kamen, verdeckten das Gesicht ihres Trägers genauso vollkommen, wie es die Kapuzen der Schwarzen Reiter taten, und in ihnen zu atmen verursachte schnüffelnde Geräusche; wer in ihnen zu reden versuchte, sprach zischelnd. Ihr „langgezogenes Wehklagen“, das in einem „hohen, durchdringenden Ton“ endete, erinnert stark an die „schrillen Wahngesänge der Granaten“, so Wilfred Owen, und ein anderer Schriftsteller beschrieb sie als „ein ohrenbetäubendes Kreischen“.

Ich würde behaupten, dass der Ursprung der fliegenden Ringgeister an der Somme zu suchen ist, in der Erinnerung an das Grauen: Doppeldecker und Fesselballons, die das Schlachtfeld überwachten, und die Artilleriegeschosse, die unaufhörlich einschlugen. Der Kriegskorrespondent der „Times“ schrieb über die Somme am Vorabend von Tolkiens erstem Einsatz: „Geschosse pfiffen laut flatternd, in der Dunkelheit von unsichtbaren Flügeln getragen, durch den Himmel und über unsere Köpfe hinweg.“ Der Soldat Frederic Manning schrieb, dass während des Artilleriebeschusses „das Geräusch hektisch geschlagener Flügel die Luft erfüllte, nur um vom Kreischen heranfliegender Granaten übertönt zu werden.“

Es gibt auch Anlass zu vermuten, dass Tolkien auf der Suche nach einer symbolischen Umsetzung für Schlachtfeldtraumata, Demoralisierung und Verzweiflung auf seine Kriegserfahrungen mit Kampfgasen zurückgriff. Ein unsichtbarer „Schwarzer Atem“ wird dafür verantwortlich gemacht, wie die Ringgeister die Moral ihrer Gegner untergraben. Auch Frodo trifft auf eine Wolke der Angst bei der Spinne Kankra. Dem Pfad der Toten entströmt ein „grauer Dunst“, und als Frodo und seine Kameraden auf den Hügelgräberhöhen von einem Nebel überrascht werden, haben sie das Gefühl, „in einer Falle gefangen zu sein.“

Helm's Deep and the Hornburg. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015An dieser Stelle, in dieser verfluchten Grabstätte, ist Frodo zum ersten Mal von der Realität abgeschnitten, in einem Albtraum gefangen, und muss seine Lähmung abschütteln, um die geisterhafte Hand abzuhacken, die nach der Opferklinge zu greifen versucht, die über die Hälse seiner schlafenden Freunde gelegt worden war. Die hier beschriebene Szene erinnert an eine Orientierungslosigkeit, wie sie durch hohes Fieber, tiefsitzende Furcht oder die nahende Schlacht hervorgerufen wurde. Wer über den Ersten Weltkrieg schrieb, betonte den „ungeheuren Kraftakt“, den es brauchte, um endlich in Aktion zu treten. Ein Augenzeuge beobachtete seinen Trupp, allesamt „gute Männer …, die wie in Trance über das Niemandsland blickten und augenscheinlich nicht mehr in der Lage waren, sich auch nur einen Schritt zu bewegen.“ Frodos Versagen, seinen Freunden aus der Notlage helfen zu können, das Gefühl zu Stein verwandelt worden zu sein, das fahle grünliche Licht – das alles erinnert an Wilfred Owens Beschreibung eines Gasangriffs, der Anblick eines vergasten Soldaten, durch die grün gefärbten Gasmaskensichtscheiben: „Undeutlich, durch die beschlagene Scheibe und trübes grünes Licht / Wie in einem grünen Meer …“ Eine nahezu identische Beschreibung findet sich bei der bekanntesten albtraumartigen Begegnung mit den Toten im „Herrn der Ringe“: In den Totensümpfen erkennt Frodo die unter Wasser liegenden Leichen, wie durch „ein Fenster, mit einer schmutzigen Scheibe verglast.“

Die Totensümpfe sind Sinnbild erbärmlicher, sinnloser Verschwendung, und die Krieger in ihren feuchten Gräbern nur Trugbilder, wohl durch die finsteren Kräfte des Dunklen Herrschers beschworen. Die geisterhaften Erscheinungen beziehen sich aber eindeutig auf tatsächlich Erlebtes, selbst wenn Tolkien diese Beobachtung nicht bestätigt hätte. Die Toten der Schlachtfelder blieben allen Überlebenden in Erinnerung, sie verfolgten den Soldaten und Schriftsteller Siegfried Sassoon bis in die Heimat: Er sah sie auf sein Krankenhausbett zukriechen oder auf den Bürgersteigen liegen, als er durch London ging.

Tolkien fasste sein Dasein in den Schützengräben in zwei Worten zusammen: „tierisches Grauen“. Beklemmende, ansteckende Angst verwandelt Menschen in wilde Tiere; der Schrei der Ringgeister bringt Krieger dazu, „nicht mehr an den Krieg (zu denken), sondern nur daran, sich zu verstecken und wegzukriechen, und an den Tod.“ Einer der Kriegskorrespondenten beschrieb es ähnlich, als er sagte, dass sich die Soldaten in der Schlacht zu „primitiven Wesen entwickelten, menschlichen Tieren.“

Der Maßstab des langsamen Verfalls, der Verwandlung in etwas Unmenschliches, ist Gollum. Ein Mythos von der Somme, der unter den gemeinen Soldaten weit verbreitet war, spielte bei seiner Charakterentwicklung unter Umständen eine Rolle. Ein Soldat erinnerte sich später an deutliche Warnungen, dass niemand allein einen bestimmten Punkt in den Schützengräben überqueren sollte, weil ihm dort die „wilden Menschen“ drohten, „die dort lebten, tief im Erdreich, leichenfressende Dämonen, die inmitten der verrottenden Toten hausten und nur des Nachts hervorkamen, um zu plündern und zu morden.“ In einer anderen Erzählung wird ebenso von diesen halb wahnsinnigen Deserteuren berichtet, die allen Armeen entstammten: Sie waren leichenblass, stanken nach moderigem Keller und brachen plötzlich aus „Höhlen und Grotten unter bestimmten Frontabschnitten hervor, um die Sterbenden ihrer Habseligkeiten zu berauben.“

Tolkien beschrieb nur wenige seiner Charaktere so ausführlich wie Gollum: Sein Kopf ist zu groß für den mageren Hals, seine Zunge hängt ihm aus dem Mund, er hat eine „kollernde Kehle“ und seine feuchtkalten, grapschenden Finger knacken vernehmlich. Er wechselt ständig zwischen Kichern und Schluchzen und zuckt zusammen, krümmt sich wie unter unsichtbaren Schlägen. Jedes dieser Symptome lässt sich auch bei Opfern posttraumatischer Belastungsstörungen beobachten. Als die ersten Tausenden Soldaten an der Somme diese Symptome aufwiesen, sprach man noch von „Kriegszitterern“.

Auch bei Frodo tauchen diese Symptome immer häufiger auf. Einzelne Granateinschläge waren für die Erkrankung nicht verantwortlich; schlimmer waren die unaufhörlichen, schweren Bombardements und die langen Einsätze in den vordersten Gräben. Wer sich wie Frodo andauernden Gefahren ausgesetzt sieht, gewöhnt sich nicht an das Grauen, sondern wird mit jedem Tag schwächer. Nur dank Sams unerschütterlicher Kameradschaft ist er überhaupt in der Lage, dem Wahnsinn so lange zu widerstehen, doch als sein treuer Begleiter ihm anbietet, seine Last abzunehmen, verwandelt er sich vor Frodos Augen in einen Ork, der nach seinem Ring grapscht. Der Ring bestimmt nun seine Wahrnehmung, und Frodo weist erste Anzeichen einer gespaltenen Persönlichkeit auf, wie ein weiterer Gollum.

Als Frodo während eines Gewitters den durchdringenden Schrei der Ringgeister hört, lässt ihn das schiere Entsetzen, das von ihm Besitz ergreift, für eine kurze Zeit blind werden. Dieser brutale Angriff auf die Sinne ähnelt in seiner Beschreibung dem, was Soldaten des Ersten Weltkriegs bei Artilleriebeschuss durchlebten. In diesem Fall scheint es sich um ein ungewöhnliches Phänomen zu handeln, aber Blindheit gehörte zu den zahlreichen Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung. Ein Artikel in The Times beschrieb 1915 das Opfer dieses neuen Nervenleidens wie folgt: „Er mag derartig betroffen sein, dass sich selbst seine Sinneswahrnehmungen wandeln; er wird blind oder taub, und oft ist er nicht einmal mehr in der Lage zu riechen oder schmecken. Sein eigenes Ich ist ihm fremd, alle Zusammenhänge, aus denen er selbst besteht … Des Nachts kann er nicht mehr schlafen, und wenn er es doch vermag, so trüben wüste Träume seine Erholung, und bis ins kleinste Detail durchlebt er erneut die Schlachtfelder, auf denen er gekämpft hat.“

Frodo zuckt unkontrolliert, sein Schlaf ist „unruhig …, voller Träume von Feuer“. Die Erinnerung an alles Schöne im Leben ist ausgelöscht. „Kein Geschmack am Essen, kein Gefühl für Wasser, kein Geräusch des Windes, keine Erinnerung an Baum oder Gras oder Blume, keine Vorstellung von Mond oder Stern sind mir geblieben.“ An ihre Stelle tritt das grelle, alles auslöschende Bild des Rings in seiner symbolischen Macht: „Ich bin nackt in der Dunkelheit, Sam, und es gibt keinen Schleier zwischen mir und dem Feuerrad. Ich fange an, es schon mit wachen Augen zu sehen, und alles andere verblasst.“

Doch Frodos Reise ist nicht nur die Geschichte seines körperlichen und geistigen Verfalls. Als Überlebender des Ersten Weltkriegs versuchte Tolkien in all dem Leiden, das er mit eigenen Augen hatte ansehen müssen, einen Sinn zu erkennen, und er fand ihn in der charakterlichen „Veredelung“, die er bei seinen Kameraden beobachtete. Auf den letzten Schritten seiner Heldenreise nimmt Frodo immer mehr Züge des Heilands an: Er hofft, die Welt mit seinem Tod retten zu können; er lässt seine Waffen zurück und weigert sich, sie jemals wieder zu erheben. In vielen Werken mit Bezug zum Ersten Weltkrieg ist der Vergleich mit Jesus Christus gang und gäbe, wenn es um das Leiden der Soldaten und ihrer Bereitschaft zur Selbstaufopferung geht.

Frodo stirbt nicht auf dem Schicksalsberg. Obwohl er versucht, den Ring der Macht für sich zu beanspruchen, erhält er keine Superkräfte. Stattdessen muss er mit ansehen, wie ihm der Ring genommen und gegen seinen Willen zerstört wird. Zu diesem Zeitpunkt erleben wir seinen Zusammenbruch, den er mit aller Macht aufgeschoben hatte. Tolkien fasste es in einem Brief an einen Leser mit folgenden Worten zusammen: Er „dachte, dass er sein Leben geopfert habe: Er erwartete, bald zu sterben. Aber er starb nicht, und man kann sehen, wie die Unruhe in ihm wächst.“ Die Feder eines Überlebenden hat in dieser Erzählung Leid und Kummer eingearbeitet, die den Krieg überdauerten.

Die ersten Vernarbungen sind körperlicher Natur: der verlorene Ringfinger, den Gollum abgebissen hat. Der Kriegsgeneration fiel es schwer, den Sieg der Allgemeinheit mit den Verlusten des Individuums in Einklang zu bringen, und das im wahrsten Sinne: mehr als eine Viertelmillion Briten wurden an Armen und Beinen schwer verletzt, 41.000 so schwer, dass ihr Leben nur noch durch Amputationen gerettet werden konnte.

Dieser Verlust bleibt bei Frodo nicht ohne weitere Folgen, denn ihm geht auch seine Unbescholtenheit verloren. Tatsächlich bedauert er die Zerstörung des bösartigen Rings der Macht. Wahre Helden sollten so etwas nicht denken, aber auch hier scheint die harte Realität des Ersten Weltkriegs durch. Der Ring verstärkt nämlich die Übel, die dem Krieg stets neue Nahrung gaben – Verfolgungswahn, das Verlangen nach Macht, die Übersteigerung des Heldentums –, und Frodos Bedauern ist ein Widerhall auf das überraschendste aller Leiden der demobilisierten Soldaten: die Betrübnis, dass der Krieg vorüber war.

Der Krieg hatte das Leben einfach, klar, intensiv gemacht und die Möglichkeit geboten, Heldentaten zu begehen. Die Heimkehr und der Waffenstillstand bedeuteten Desillusionierung, Verwirrung, Ziellosigkeit und das Ende der Kameradschaft. Die Zivilisten hatten nicht die geringste Ahnung von der Realität der Schützengräben, sondern hielten verzweifelt an der überholten und verklärten Vorstellung des Krieges fest. Soldaten, die „eine gute Figur machten“ – ähnlich den Hobbits Merry und Pippin, als sie ins Auenland zurückkehren –, wurden unter Umständen als Helden gefeiert, aber die Soldaten, die körperlich und geistig verkrüppelt heimkehrten, wurden häufig ignoriert oder gar herablassend behandelt. So geschieht es auch mit Frodo. Am Ende des „Herrn der Ringe“ zeigt Tolkien die Kehrseite der Medaille: Diejenigen, die ihre Abenteuer glücklich überstanden haben, werden mit Ehren überhäuft, doch Frodo, dessen eigene Reise ein psychischer Albtraum war, wird nicht beachtet.

Als sich der Erste Weltkrieg seinem Ende zuneigte, verwandelte sich die romantische Illusion eines heldenhaften Siegs in bittere und komplexe Realität. Diejenigen, die in den Krieg gezogen waren, hatten sich auf immer verändert. Frodos verständnisvolle Sichtweise als einer der Außenseiter, die nach ihrer Rückkehr aus der Schlacht nicht mehr in das Leben der anderen passen, ist von persönlichem Schmerz erfüllt: „Ich bin zu schwer verwundet worden“, sagte er. „Ich versuchte, das Auenland zu retten, und es ist gerettet worden, aber nicht für mich. Das lässt sich oft nicht ändern, Sam, wenn Dinge in Gefahr sind: Manche müssen sie aufgeben, sie verlieren, damit andere sie behalten können.“

Moria West Gate. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Ein letzter Grund für Frodos Zusammenbruch wird von Tolkien in einem späteren Kommentar als „unvernünftiger Selbstvorwurf“ bezeichnet: „Er sah in sich einen Versager, und alles, was er getan hatte, als misslungen.“ Der Ring ist nicht mehr, trotz seines Handelns, und die Wunden der Welt sind nicht gänzlich geheilt. Frodo scheint den Gefühlen Tolkiens Ausdruck zu verleihen, der aufgrund seiner Erkrankung in seine Heimat zurückkehren durfte, und dessen Bataillon vollständig aufgerieben wurde. Siegfried Sassoons Krieg endete mit einem Heimatschuss, als er vorsichtig über die Brustwehr seines Schützengrabens zu blicken versuchte, aber er hätte in seinen „Memoirs of an Infantry Officer“ auch Frodos Geisteszustand beschreiben können: „Meine Gedanken waren nicht in der Lage, den Zustand des Friedens zu erlangen … Ich begriff mich selbst als Versager, der nichts erreicht hatte außer einem völlig widersinnigen Ende, und mein eigener Verstand hatte für mich nichts mehr übrig außer Geringachtung.“

Frodos innigster Wunsch ist genau dieser „Zustand des Friedens“. Er fragt sich: „Wo werde ich Ruhe finden?“ Die Antwort ist Tolkiens einmalige Wunscherfüllung: Sein verwundeter Held wird auf einem verzauberten Schiff auf die Einsame Insel der Elben gebracht. Jetzt, wo seine Reise ins Feindesland vorüber ist, hat sich Frodo etwas verdient, was man als märchenhafte Flucht vor der Realität verstehen könnte, die Tolkien bis zu diesem Zeitpunkt stets vermieden hatte.

Vielleicht war Tolkiens Mythologie ein für ihn notwendiger Ausdruck von Emotionen, die er anders nicht zum Ausdruck bringen konnte: die Katharsis der Kriegstraumata, so einschneidend sie auch gewesen sein mochten. Auf den ersten Blick scheinen sich seine Erzählungen von der zeitgenössischen literarischen Auseinandersetzung mit dem Weltkrieg zu unterscheiden, aber sie sind auch nichts anderes, als der Versuch einen Sinn im Leben und Tod zu finden, geboren aus der Feuertaufe der Schützengräben.

Orthanc 2, 3, 4. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015

Images: The sketches J.R.R. Tolkien used to build Middle-Earth,
in: Wired, Oktober 9th, 2015, by courtesy of the Bodleian Libraries, University of Oxford:

  1. „Map of Rohan, Gondor, and Mordor“: Tolkien used maps such as this one to compute the exact locations of Frodo and Sam as they walked across Emyn Muil and the Dead Marshes and arrived at Mount Doom, so their arrival coincided with the parallel plotlines of other members of the Fellowship.
  2. „Plan of Shelob’s lair“: Dungeons & Dragons players might have been inspired by this map of Shelob the spider’s den had they known of this drawing’s existence. If only D&D had been invented in 1954, when The Lord of the Rings was published, not 1974.
  3. „Distances and dates in Mordor“: Our quest is how long? In this complicated sketch-map, Tolkien worked out distances between various stops along the quest, such as the fact that it was 20 miles from Osgiliath and the Cross-roads of Minas Morgul, just to the west of Mordor.
  4. „The ‚First Map‘ of Middle-earth“: This was Tolkien’s master reference map. His son Christopher Tolkien called it „strange, battered, fascinating, extremely complicated.“ Its layers of sheets and corrections „reacted,“ he said, to the story in progress.
  5. „Earliest map of the Shire“: This map reveals Tolkien’s creative process. The blue and red dashed lines show Frodo, Sam, and Pippin’s route. Faint pencil marks update place-name changes, and reveal other notes about his Middle-earth still under development.
  6. „Helm’s Deep & the Hornburg“: Tolkien doodled on almost anything he could get his hands on. Here, he drew this view of Helm’s Deep, the fortress retreat of the Rohirrim people, on a half-used page of an Oxford examination booklet.
  7. „Moria West Gate“: This colored pencil drawing of the Doors of Durin, the secret entrance to the mines of Moria with its famous „Speak, friend, and enter“ riddle, captures the scale and majesty of the location.The tiny tentacle of the Watcher in the Water, poking out of the water, hints at the Fellowship’s trouble ahead.
  8. „Orthanc (2), 3, (4)“: Tolkien used his illustrations to test ideas for how Middle-earth’s various buildings, places and geological and man-made (and dwarf-, elf-, and hobbit-made) features might appear, and guided how he might describe them in words. Here’s an early, three-part sketch of Saruman’s tower Orthanc, at Isengard.

Soundtrack: Annie Lennox: Into The West,
das Nachspannlied zu The Lord of the Rings: The Return of the King, 2003:

The song was conceived as a bittersweet Elvish lament sung by Galadriel for those who have sailed across the Sundering Sea. Several phrases from the song are taken from the last chapter of The Return of the King.

[T]he song wasn’t inspired by Frodo, but by the premature death from cancer of young New Zealand filmmaker Cameron Duncan, whose work had impressed [director Peter] Jackson and his team. The first public performance of the song was at Duncan’s funeral.

The song won the Oscar for Best Original Song [2004], one of the film’s eleven wins.

Written by Wolf

1. November 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento