Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Filetstück 0003, 3 von 3: Sei nur vor allen Dingen jung! Denn ohne Blüte keine Frucht (Halle und Heidelberg)

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Update zu Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt,
Filetstück 0003, 1 von 3: Europamüde vor Langerweile (Vorwort)
und Filetstück 0003, 2 von 3: Der Adel überhaupt aber zerfiel damals in drei sehr verschiedene Hauptrichtungen (Der Adel und die Revolution):

Der geplante erste Teil von Eichendorffs Memoiren Der Adel und die Revolution wurde von seinem Sohn, zugleich Herausgeber politisch unverfänglicher zu Deutsches Adelsleben am Schlusse des vorigen Jahrhunderts verglimpft. Zur sonstigen Motivation und Anordnung des Fragments siehe den ersten Teil des dreiteiligen „Filetstücks“.

Formale und inhaltliche Anlage sowie Eichendorffs besondere Absicht seiner Memoiren schließen unter anderem ein, dass er bei unserem ungeliebten Schulstoff live dabeigewesen ist. Zum Beispiel mit Arnim & Brentano in der Kneipe gesessen.

——— Joseph von Eichendorff:

Erlebtes

1857, gedruckt posthum in Hermann von Eichendorff, Hrsg.:
Aus dem literarischen Nachlasse Joseph Freiherrn von Eichendorffs, Paderborn 1866,
als Erlebtes. Deutsches Adelsleben am Schlusse des vorigen Jahrhunderts; Halle und Heidelberg:

II. Halle und Heidelberg

Das vorige Jahrhundert wird mit Recht als das Zeitalter der Geisterrevolution bezeichnet. Allein damals wurden nur erst Parole und Feldgeschrei ausgeteilt, es war nur der erste Ausbruch des großen Kampfes, der sich unter wechselnden Evolutionen an das neunzehnte Jahrhundert vererbt hat, und noch bis heute nicht ausgefochten ist. Die deutschen Universitäten aber sind die Werbeplätze und Übungslager dieses von Generation zu Generation sich erneuernden Kriegsheeres. Von Wittenberg ging einst die Reformation aus, von Halle Wolffsche Lehre, von Königsberg die Kantsche, von Jena die die Fichtesche und Schellingsche Philosophie; lauter unsichtbare Gedankenkatastrophen, die einen wesentlichen und entscheidenderen Einfluß auf das Gesamtleben ausgeübt haben, als sich die Staatskünstler träumen ließen.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Bekanntlich ist unser Jahrhundert unter dem Gestirn der Aufklärung geboren. Kant hatte soeben die philosophische Arbeit seiner Vorgänger streng geordnet und, da er dieselbe in seiner großartigen Wahrheitsliebe für das Ganze als unzureichend erkannte, die Welt lieber sogleich in zwei Provinzen geteilt: in die durch menschliche Erfahrung wahrnehmbare, die er sich glorreich erobert, und in die terra incognita des Unsichtbaren, die er mit der nur dem Genie eigenen heiligen Scheu auf sich beruhen ließ. Seine Schüler aber wollten klüger sein als der Meister und alles aufklären; eine Art chinesischer Schönmalerei ohne allen Schatten, der doch das Bild erst wahrhaft lebendig macht. Sie setzten daher nun ihren lichtseligen Verstand ganz allgemein als alleinigen Weltbeherrscher ein; es sollte fortan nur noch einen Vernunftstaat, nur Vernunftreligion, Vernunftpoesie usw. geben. Da jedoch jene zweite dunkle Provinz höchst unvernünftig mit ihrer Phantasie, mit ihrem Glauben, ihren Volksgefühlen und Traditionen gegen dieses unerhörte Regiment zu rebellieren unternahm, so machten sie sich’s bequem, indem sie das Geheimnisvolle und Unerforschliche, das sich durch das ganze menschliche Dasein hindurchzieht, ohne weiteres als störend und überflüssig negierten. Kein Wunder demnach, daß das deutsche Leben und das deutsche Reich, das grade auf diesen unsichtbaren Fundamenten vorzugsweise geruht, sich nun nach allen Seiten hin bedenklich senkte und zuletzt so lebensgefährliche Risse bekam, daß es von Polizei wegen abgetragen werden mußte. Und so war denn in der Tat der ganze alte Bau schon im Anfange unseres Jahrhunderts in sich zusammengebrochen; der Sturm der Französischen Revolution und der nachfolgenden Fremdherrschaft hat nur den unnützen Schutt auseinandergefegt.

Allein auf freiem Felde können dauernd nur Wilde wohnen, über die man sich bei aller Naturvergötterung doch so unendlich erhaben fühlte. Das begriffen alle, und so entstand damals sofort ein unerhörtes Treiben, Klopfen, Hämmern und Richten, als wäre alle Welt plötzlich Freimaurer geworden. Aber der Neubau förderte nicht, weil sie über Fundament, Grund- und Aufriß fortwährend untereinander zankten. Am geschäftigsten und vergnügtesten nämlich zeigten sich zunächst die alten zähen Enzyklopädisten, die jetzt auf dem völlig kahlgefegten Bauplatze endlich ganz freie Hand hatten. Diese wußten wirklich nicht, daß seit Erschaffung der Erde schon mancherlei Bemerkenswertes darauf sich zugetragen; sie wollten daher schlechterdings die Welt ganz von neuem anfangen und abstrakt konstruieren. Als Material hierzu trockneten sie vorerst alle Seelenkräfte auf, um sie in ihren philosophischen Herbarien gehörig zu klassifizieren, und daraus gingen damals die zahllosen neuen Gesetzbücher mit ihren Urrechten und Menschenveredelungen hervor. Sie waren, was sie freilich am wenigsten sein wollten, eigentlich gutmütige Phantasten, wie ja jederzeit grade bei den Nüchternsten das bißchen defekte Phantasie am häufigsten überschnappt, welches der gesunden nicht leicht begegnet. Es ist hiernach auch sehr begreiflich, daß in dieser alles verwischenden Gleichmacherei ohne Nationalität und Geschichte ein kühner Geist, wie Napoleon, den Gedanken einer ganz gleichförmigen europäischen Universalmonarchie fassen konnte.

Aber diesen Transzendentalen gegenüber oder vielmehr direkt entgegen arbeiteten gleichzeitig ganz andere Bauleute: die Freischar der Romantiker, die in Religion, Haus und Staat auf die Vergangenheit wieder zurückgingen; also eigentlich die historische Schule. Das deutsche Leben sollte aus seinen verschütteten geheimnisvollen Wurzeln wieder frisch ausschlagen, das ewig Alte und Neue wieder zu Bewußtsein und Ehren kommen. – Da jedoch beide Parteien einander keineswegs hinreichend gewachsen waren, so nahm bei solchem Stoß und Gegenstoß späterhin die ganze Sache eine diagonale Richtung. Es entstand die aus beiden widerstrebenden Elementen wunderlich komponierte moderne Vaterländerei; ein imaginäres Deutschland, das weder recht vernünftig, noch recht historisch war.

Alle diese verschiedenen Richtungen waren natürlich vorzugsweise und in möglichster Konzentration auch auf den deutschen Universitäten repräsentiert. Namentlich in dem ersten Dezennium unseres Jahrhunderts bildeten dort die obenerwähnten Abstrakten, meist halbverkommene Kantianer, durchaus noch die tonangebende Majorität. Die Philosophen setzten in ihrer Logik, wie wenn man beim Lesen erst wieder buchstabieren sollte, umständlich auseinander, was sich ganz von selbst verstand; die Theologen lehrten eine elegante Aufklärungsreligion; die Juristen ein sogenanntes Naturrecht, das nirgends galt und niemals gelten konnte. Nur etwa die Lehrer des römischen Rechts machten hie und da eine auffallende Ausnahme, weil der Gegenstand sie zwang, sich in das Positive einer großartigen Vergangenheit zu vertiefen. Es ist bekannt, wie Bedeutendes Thibaut auf diesem Felde geleistet und wie der mild-ernste Savigny, der überdies niemals in dieser Reihe gestanden, grade damals sich überall neue Bahnen gebrochen hat. Jene halbinvaliden und philosophischen Handwerker dagegen, da sie an sich so wenig Anziehungskraft besaßen, suchten nun mit allerlei schlauen Kunststücken zu werben; die Derbsten unter ihnen durch zum Teil sehr schmutzige Witze und Späße, die alljährlich bei demselben Paragraphen wiederkehrten; die vornehmeren, zumal wenn sie heiratslustige Töchter hatten, durch intime Soireen und Plaudertees, um die bärtigen Burschen zu zivilisieren. Und das gelang auch ganz vortrefflich, denn zu ihnen hielt in der Tat bei weitem die Mehrzahl der jungen Leute, nämlich alle die unsterblichen Bettelstudenten, wie man sie billigerweise nennen sollte, da sie bloß auf Brot studieren. Es war wahrhaft rührend anzusehen, wie da in den überfüllten Auditorien in der schwülen Atmosphäre der entsetzlichsten Langenweile Lehrer und Schüler um die Wette verzweiflungsvoll mit dem Schlummer rangen, und dennoch überall die Federn unermüdlich fortschwirrten, um die verschlafene Wissenschaft zu Papier zu bringen und in sauberen Heften gewissenhaft heimzutragen.

Allein nebenher ging auch noch ein anderer geharnischter Geist durch diese Universitäten. Sie hatten vom Mittelalter noch ein gut Stück Romantik ererbt, was freilich in der veränderten Welt wunderlich und seltsam genug, fast wie Don Quijote, sich ausnahm. Der durchgreifende Grundgedanke war dennoch ein kerngesunder: der Gegensatz von Ritter und Philister. Stets schlagfertige Tapferkeit war die Kardinaltugend des Studenten, die Muse, die er oft gar nicht kannte, war seine Dame, der Philister der tausendköpfige Drache, der sie schmählich gebunden hielt, und gegen den er daher, wie der Malteser gegen die Ungläubigen, mit Faust, List und Spott beständig zu Felde lag; denn die Jugend kapituliert nicht und kennt noch keine Konzessionen. Und gleichwie überall grade unter Verwandten – weil sie durch gleichartige Gewohnheiten und Prätensionen einander wechselseitig in den Weg treten – oft die grimmigste Feindschaft ausbricht, so wurde auch hier aller Philisterhaß ganz besonders auf die Handwerksburschen (Knoten) gerichtet. Wo diese etwa auf dem sogenannten breiten Steine (dem bescheidenen Vorläufer des jetzigen Trottoirs) sich betreten ließen, oder gar Studentenlieder anzustimmen wagten, wurden sie sofort in die Flucht geschlagen. Waren sie aber vielleicht in allzu bedeutender Mehrzahl, so erscholl das allgemeine Feldgeschrei: „Burschen heraus!“ Da stürzten, ohne nach Grund und Veranlassung zu fragen, halbentkleidete Studenten mit Rapieren und Knütteln aus allen Türen, durch den herbeieilenden Sukkurs des nicht minder rauflustigen Gegenparts wuchs das improvisierte Handgemenge von Schritt zu Schritt, dichte Staubwirbel verhüllten Freund und Feind, die Hunde bellten, die Häscher warfen ihre Bleistifte (mit Fangeisen versehene Stangen) in den verwickelten Knäuel; so wälzte sich der Kampf oft mitten in der Nacht durch Straßen und Gäßchen fort, daß überall Schlafmützen erschrocken aus den Fenstern fuhren und hie und da wohl auch ein gelocktes Mädchenköpfchen in scheuer Neugier hinter den Scheiben sichtbar wurde.

Die damaligen Universitäten hatten überhaupt noch ein durchaus fremdes Aussehen, als lägen sie außer der Welt. Man konnte kaum etwas Malerischeres sehen, als diese phantastischen Studententrachten, ihre sangreichen Wanderzüge in der Umgebung, die nächtlichen Ständchen unter den Fenstern imaginärer Liebchen; dazu das beständige Klirren von Sporen und Rapieren auf allen Straßen, die schönen jugendlichen Gestalten zu Roß, und alles bewaffnet und kampfbereit wie ein lustiges Kriegslager oder ein permanenter Mummenschanz. Alles dies aber kam erst zu rechter Blüte und Bedeutsamkeit, wo die Natur, die ewig jung, auch am getreusten zu der Jugend hält, selber mitdichtend studieren half. Wo, wie z.B. in Heidelberg, der Waldhauch von den Bergen erfrischend durch die Straßen ging und nachts die Brunnen auf den stillen Plätzen rauschten, und in dem Blütenmeer der Gärten rings die Nachtigallen schlugen, mitten zwischen Burgen und Erinnerungen einer großen Vergangenheit; da atmete auch der Student freier auf und schämte vor der ernsten Sagenwelt sich der kleinlichen Brotjägerei und der kindischen Brutalität. Wie großartig im Vergleich mit anderen Studentengelagen war namentlich der Heidelberger Kommers, hoch über der Stadt auf der Altane des halbverfallenen Burgschlosses, wenn rings die Täler abendlich versunken, und von dem Schlosse nun der Widerschein der Fackeln die Stadt, den Neckar und die drauf hingleitenden Nachen beleuchtete, die freudigen Burschenlieder dann wie ein Frühlingsgruß durch die träumerische Stille hinzogen und Wald und Neckar wunderbar mitsangen. – So war das ganze Studentenwesen eigentlich ein wildschönes Märchen, dem gegenüber die übrige Menschheit, die altklug den Maßstab des gewöhnlichen Lebens daran legte, notwendig, wie Sancho Pansa neben Don Quijote, philisterhaft und lächerlich erscheinen mußte.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021In jener Zeit brütete äußerlich noch ein unheimlicher Frieden über Deutschland, aber die prophetischen Gedanken, die den Krieg bedeuten, arbeiteten gebunden in jeder Brust, und suchten sich überall in wunderlichen Geheimbünden Luft zu machen. Auch auf den Universitäten bestanden dergleichen Ordensverbindungen, noch ohne speziell politischen Beischmack, bloß auf allgemeine humanistische Zwecke gerichtet, mit allerlei abenteuerlichen Symbolen, furchtbaren Eiden und rasselndem Heldenschmuck, wie man es damals in den vielen Ritterromanen fand. Bestand auch ihr Hauptreiz eben nur in ihrer Heimlichkeit, die Sache war doch ehrlich, bitterernst und für die ganze Lebenszeit gemeint. Als aber jene humanistischen Ideen nach und nach abgenutzt, und alle Lebensverhältnisse immer matter wurden, da trat auch hier an die Stelle der strengen Orden die laxere Observanz der Landsmannschaften. Wie man draußen in der Philisterwelt nun mit dem Anstand statt der Tugend sich begnügte, so gingen auch diese Landsmannschaften eigentlich nur auf den Schein des Seins, auf den bloßen „Komment“. Gegen eine nähere Verbrüderung der speziellen Landsleute, obgleich im allgemeinen beengend und einseitig, ließ sich im Grunde nicht viel einwenden. Allein dies war nicht einmal der Fall bei ihnen, sie warben eifersüchtig auch aus anderen Provinzen und verfolgten die eigenen Landsleute, wenn sie sich ihrem Zwange nicht unterwerfen mochten. Und da mithin hier die rechte sittliche Grundlage fehlte, dieses Treiben vielmehr, wie schon der selbstgewählte fade Name „Kränzchen“ andeutet, sich lediglich auf der Oberfläche geselliger Verhältnisse bewegte; so artete das Ganze sehr bald in bloßes Dekorationswesen, in ein pedantisches Systematisieren der Jugendlust aus; Mut, Fröhlichkeit, Tracht, Trinken, Singen, alles hatte seine handwerksmäßige Tabulatur, das unwürdige Prellen und Pressen der „Füchse“ war ein löbliches Geschäft, Sittenlosigkeit und affektierte Roheit eine besondere Auszeichnung, und es ist hiernach leicht erklärlich, daß grade ihre Matadore im späteren Leben oft die stattlichsten Philister wurden. Mit der inneren Hohlheit aber wuchs die Prätension, sie knechteten die akademische Freiheit, indem jeder nur auf ihre Weise frei sein sollte, und so währte noch langehin ein gewaltiges Ringen zwischen ihnen und den alternden Orden; ein Kampf, der in einzelnen Fällen mit einer heroischen Aufopferung geführt wurde, die wohl eines größeren Zieles würdig gewesen wäre. So faßte z.B. einst ein hervorragendes Ordensmitglied den kühnen Gedanken sich unerkannt mitten in das feindliche Lager zu begeben, um durch Überredung, Rat und Tat die Gegenpartei zu den Seinigen herüberzuführen. Er hatte sich auch wirklich bereits zum Senior einer Landsmannschaft heraufgeschwungen, und der abenteuerliche Plan wäre fast geglückt, als feiger Verrat alles zu früh aufdeckte, und er nun in zahllosen Zweikämpfen sich durch sämtliche Landsmannschaften wieder herausschlagen mußte, was allerdings ein Kampf auf Tod und Leben war. Das mag uns in gesetzteren Jahren jetzt unnütz und kindisch erscheinen; es war aber immerhin eine Vorschule bedeutender Charaktere, die, wie wir wissen, zur Zeit der Not und als es höhere Dinge galt, sich als tüchtig bewährt haben.

So war in der Tat auf den Universitäten eine gewisse mittelalterliche Ritterlichkeit niemals völlig ausgegangen und selbst in jener Verzerrung und Profanation noch erkennbar. Unter allen diesen Jünglingen aber bildeten die eigentlichen, die literarischen Romantiker wiederum eine ganz besondere Sekte. – Die allgemeine Stimmung oder vielmehr Verstimmung war schon seit langer Zeit so prosaisch geworden, daß jeder romantische Anflug für ein Sakrilegium gegen den gesunden Menschenverstand gehalten und höchstens als ein barocker Jugendstreich noch toleriert wurde. Der schwere Proviantwagen der Brotwissenschaften bewegte sich langsam in dem hergebrachten Geleise eines hölzernen Schematismus, die Religion mußte Vernunft annehmen und beim Rationalismus in die Schule gehn, die Natur wurde atomistisch wie ein toter Leichnam zerlegt, die Philologie vergnügte sich gleich einem kindisch gewordenen Greise mit Silbenstechen und endlosen Variationen über ein Thema, das sie längst vergessen, die bildende Kunst endlich brüstete sich mit einer sklavischen Nachahmung der sogenannten Natur. Die Kraftgenies in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten durch ihre Übertreibung und lärmende Renommisterei das Übel eigentlich nur noch schlimmer und unheilbarer gemacht, indem sie in vollem Burschenwichs ohne weiteres aus der Universität in die Welt hinaussprengten und Leben und Literatur burschikos einrichten wollten, was natürlicherweise einen allgemeinen Landsturm der Gelehrten gegen die Freibeuter auf die Beine brachte. Zwar hatten Lessing, Hamann und Herder nach den verschiedensten Richtungen hin schon Blitze und Leuchtkugeln dazwischengeschleudert. Allein Lessings kritische Blitze waren nur kalte Schläge, und da sie nicht zündeten, meinte jeder, es gelte den Nachbar, und hielt ihn getrost für den Seinigen. Herder dagegen trug aus aller Welt herrliche Bausteine zusammen, als es aber ans Bauen kam, war er inzwischen alt und müde geworden, sein Leben und Wirken blieb ein großartiges Fragment; und Hamanns Geisterstimme verklang unverstanden in den Wolken. Auch in der Poesie hatten Goethe und Schiller bereits den neuen Tag angebrochen, aber sie hatten noch keine Gemeinde. Das Wetterleuchten dieser Genien, obgleich den Frühling andeutend und vorbereitend, blendete und erschreckte vielmehr im ersten Augenblick die Menge; man hörte überall die Sturmglocken gehn, niemand aber wußte, ob und wo es brennt, die einen wollten löschen, die anderen schüren, und so entstand die allgemeine Konfusion, womit das neunzehnte Jahrhundert debütierte.

Da standen unerwartet und fast gleichzeitig mehrere gewaltige Geister in bisher ganz unerhörter Rüstung auf: Schelling, Novalis, die Schlegels, Görres, Steffens und Tieck. Schelling mit seiner kleinen Schrift über das akademische Studium, worin er den geheimnisvollen Zusammenhang in den Erscheinungen der Natur sowie in den Wissenschaften andeutete, warf den ersten Feuerbrand in die Jugend; gleich darauf suchten andere diese pulsierende Weltseele in den einzelnen Doktrinen nachzuweisen: Werner in der Geologie, Creuzer im Altertum und dessen Götterlehre, Novalis in der Poesie. Es war, als sei überall, ohne Verabredung und sichtbaren Verein, eine Verschwörung der Gelehrten ausgebrochen, die auf einmal eine ganz neue wunderbare Welt aufdeckte.

Am auffallendsten wohl zeigte sich die Verwirrung, welche diese plötzliche Revolution anrichtete, auf der damals frequentesten Universität: in Halle, weil dort das heterogenste Material auch den entschiedensten Kampf provozierte. Hier trennte sich alles in zwei Hauptlager: in das stabile der Halbinvaliden, und das bewegliche des neuen Freikorps, während das letztere wieder in mehrere verschiedenartige Gruppen zerfiel, welche aber von der Jugend, die noch nicht so ängstlich sondert, unter den Begriff der Romantik zusammengefaßt wurden. An der Spitze der Romantiker stand Steffens. Jung, schlank, von edler Gesichtsbildung und feurigem Auge, in begeisterter Rede kühn und wunderbar mit der ihm noch fremden Sprache ringend, so war seine Persönlichkeit selbst schon eine romantische Erscheinung, und zum Führer einer begeisterungsfähigen Jugend vorzüglich geeignet. Sein freier Vortrag hatte durchaus etwas Hinreißendes durch die dichterische Improvisation, womit er in allen Erscheinungen des Lebens die verhüllte Poesie mehr divinierte, als wirklich nachwies. Am unmittelbarsten mußte diese Naturphilosophie begreiflicherweise die Mediziner berühren, unter denen die besseren Köpfe sich jetzt von der bisherigen Empirie zu dem ritterlichen Reil und zu Froriep wandten, die überall auf das geheimnisvolle Walten höherer Naturkräfte hindeuteten. – Eine andere Gruppe wieder bildeten die jungen Theologen, welche sich um Schleiermacher scharten. Dieser merkwürdig komponierte Geist schien, seiner ursprünglichen stachelichten Anlage nach zum Antipoden der Romantik geeignet; und doch hielt er wacker zu ihr, und hat auf demselben platonischen Wege der Theologie, die damals zum Teil in toten Formeln, zum Teil in fader Erfahrungsseelenlehre sich erging, wieder Gemüt erobert; eine Art von geharnischtem Pietismus, der mit scharfer Dialektik alle Sentimentalität männlich zurückwies. – Am entferntesten wären vielleicht die Philologen geblieben, hätte nicht Wolf, obgleich persönlich nichts weniger als Romantiker, hier wider Wissen und Willen die Vermittelung übernommen durch den divinatorischen Geist, womit er das ganze Altertum wieder lebendig zu machen wußte, sowie durch eine geniale Humoristik und den schneidenden Witz, mit dem der stets Streitlustige gegen Schütz und andere, welche die Alten noch immer mumienhaft einzubalsamieren fortfuhren, fast in dramatischer Weise beständig zu Felde lag. – Zwischen diese Gruppen klemmte sich endlich noch eine ganz besondere Spezies von Philosophen herein, die den unmöglichen Versuch machte, die Kantsche Lehre ins Romantische zu übersetzen. Hierher gehörte Professor Kayßler, ein ehemaliger katholischer Priester, der geheiratet, und nun, gleichsam zur Rechtfertigung dieses abenteuerlichen Schrittes, sich eine noch abenteuerlichere Philosophie erfunden hatte. Er hatte es indes als doppelter Renegat mit den Kantianern wie mit den Romantikern verdorben; seine trockenen, abstrusen Vorträge fanden fast nur unter seinen schlesischen Landsleuten geringen Anklang, und wir wollten ihn hier bloß nennen, um das Bild der damaligen elementarischen Gärung möglichst zu vervollständigen. – Gegenüber allen diesen neuen Bestrebungen lag aber die breite schwere Masse der Kantschen Orthodoxen und der Stockjuristen, sämtlich von dem wohlfeilen Kunststück vor nehmen Ignorierens fleißig Gebrauch machend; unter den letzteren einerseits Schmaltz, der nachherige Geheimrat der Demagogenjäger, der die Kantsche Philosophie, die er vor kurzem sich in Königsberg geholt, auf seine faselige Weise elegant zu machen suchte; andrerseits Dabelow, König, Woltaer u.a., die von der Philosophie überhaupt nichts wußten.

Übrigens stand Halle, so unfreundlich auch die Stadt und ein großer Teil ihrer Umgebung ist, in jener Zeit noch in mancherlei lokalem Rapport mit der romantischen Stimmung. Der nahe Giebichenstein mit seiner Burgruine, an die sich die Sage von Ludwig dem Springer knüpft, war damals noch nicht modern englisiert und eingehegt, wie jetzt, und bot in seiner verwilderten Einsamkeit eine ganz artige Werkstatt für ein junges Dichterherz. Wer als Jüngling von dieser Höhe hinabgeblickt, und sie im Alter nach vielen Jahren wiedersieht, dem wird vielleicht dabei ungefähr zumute sein, wie dem Autor nachstehenden Liedchens:

Da steht eine Burg überm Tale
Und schaut in den Strom hinein,
Das ist die fröhliche Saale,
Das ist der Giebichenstein.

Da hab ich so oft gestanden,
Es blühten Täler und Höhn,
Und seitdem in allen Landen
Sah ich nimmer die Welt so schön!

Durchs Grün da Gesänge schallten,
Von Rossen, zu Lust und Streit,
Schauten viel schlanke Gestalten
Gleichwie in der Ritterzeit.

Wir waren die fahrenden Ritter,
Eine Burg war noch jedes Haus,
Es schaute durchs Blumengitter
Manch schönes Fräulein heraus.

Das Fräulein ist alt geworden,
Und unter Philistern umher
Zerstreut ist der Ritterorden,
Kennt keiner den andern mehr.

Auf dem verfallenen Schlosse,
Wie der Burggeist, halb im Traum,
Steh ich jetzt ohne Genossen
Und kenne die Gegend kaum.

Und Lieder und Lust und Schmerzen,
Wie liegen sie nun so weit –
Jugend, wie tut im Herzen
Mir deine Schönheit so leid.

Völlig mystisch dagegen erschien gar vielen der am Giebichenstein belegene Reichhardsche Garten mit seinen geistreichen und schönen Töchtern, von denen die eine Goethesche Lieder komponierte, die andere sogar Steffens‘ Braut war. Dort aus den geheimnisvollen Bosketts schallten oft in lauen Sommernächten, wie von einer unnahbaren Zauberinsel, Gesang und Gitarrenklänge herüber; und wie mancher junge Poet blickte da vergeblich durch das Gittertor, oder saß auf der Gartenmauer zwischen den blühenden Zweigen die halbe Nacht, künftige Romane vorausträumend. – Nicht allzu fern davon aber, um auch in dieser Beziehung die Gegensätze zu vervollständigen, bewohnte Lafontaine ein idyllisches Landhaus. Man erzählte von ihm, daß er selbst an seinen schlechten Romanen eigentlich am wenigsten schuld sei, daß ihn vielmehr seine Verleger von Zeit zu Zeit nach Berlin verlockten und dort so lange gleichsam eingesperrt hielten, bis er einen neuen dicken Roman fertig gemacht; was er denn, um nur wieder freizukommen, jedesmal mit unglaublicher Geschwindigkeit besorgt habe. Und hiemit stimmte in der Tat auch seine ganze äußere Erscheinung. Es war ein bequemer, freundlicher, lebensfroher Mann, der jetzt, da die Zeit seine Sentimentalität quiesziert hatte, sich getrost auf das Übersetzen alter Klassiker verlegte, und wie ein harmloser Revenant unter der verwandelten Generation umherging.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Von nicht geringer Bedeutsamkeit war auch die Nähe von Lauchstädt, wo die Weimarschen Schauspieler während der Badesaison Vorstellungen gaben. Diese Truppe war damals in der Tat ein merkwürdiges Phänomen, und hatte unter Goethes und Schillers persönlicher Leitung wirklich erreicht, was späterhin andere, z.B. Immermann in Düsseldorf, vergeblich anstrebten, nämlich das Theater zu einer höheren Kunstanstalt und poetischen Schule des Publikums emporzuheben. Sie hatten allerdings, und wir möchten fast hinzufügen: glücklicherweise, keine eminent hervorragenden Talente, die durch das Hervortreten einer übermächtigen Persönlichkeit so oft die Harmonie des Ganzen mehr stören als fördern, gleichwie die sogenannten schönen Stellen noch lange kein Gedicht machen. Aber sie hatten, was damals überall fehlte, ein künstlerisches Zusammenspiel. Denn eben jener höhere Aufschwung der waltenden Intentionen hob alle gleichmäßig über das Gewöhnliche und schloß das Gemeine oder Mittelmäßige von selbst aus; jeder hatte ein intimeres Verständnis seiner Kunst und seiner jedesmaligen Aufgabe, und ging daher mit Lust und Begeisterung ans Werk. Und so durften sie wagen, was den berühmtesten Hoftheatern bei unverhältmäßig größeren Kräften damals noch gar nicht in den Sinn kam. Mitten in der allgemeinen Misere der Kotzebueaden und Iffländerei eroberten sie sich kühn ganz neue Provinzen; gleichsam die Tragweite der Kunstwerke und des Publikums nach allen Seiten hin prüfend, brachten sie Calderon auf die Bühne, gaben den „Alarcos“ und den „Jon“ der Schlegel, Brentanos „Ponce de Leon“ usw. – Man kann leicht denken, wie sehr dieses Verfahren grade das empfänglichste und dankbarste Publikum der Studenten enthusiasmieren mußte. Die Komödienzettel kamen des Morgens schon, gleich Götterboten, nach Halle herüber, und wurden, wie später etwa die politischen Zeitungen und Kriegsbulletins, beim „Kuchenprofessor“ eifrigst studiert. War nun eines jener literarischen Meteore oder ein Stück von Goethe oder Schiller angekündigt, so begann sofort eine wahre Völkerwanderung zu Pferde, zu Fuß, oder in einspännigen Kabrioletts, nicht selten einer großen Retirade mit lahmen Gäulen und umgeworfenen Wägen vergleichbar; niemand wollte zurückbleiben, die Reicheren griffen den Unbemittelten mit Entree und sonstiger Ausrüstung willig unter die Arme, denn die Sache wurde ganz richtig als eine Nationalangelegenheit betrachtet. In Lauchstädt selbst aber konnte man, wenn es sich glücklich fügte, Goethe und Schiller oft leibhaftig erblicken, als ob die olympischen Götter wieder unter den Sterblichen umherwandelten. Und außerdem gab es dort auch vor und nach der Theatervorstellung, in der großen Promenade noch eine kleine Weltkomödie, in welcher, wenigstens in den Augen der jüngeren Damen, die Studenten selbst die Heldenrollen spielten. Diese fühlten sich hier überhaupt wahrhaft als Musensöhne, es war ihnen zumute, als sei dies alles eigentlich nur ihretwegen veranstaltet, und sie hatten im Grunde recht, da sie vor allen andern das rechte Herz dazu mitbrachten.

Dieses althallesche Leben aber wurde im Jahre 1806 beim Zusammensturz der preußischen Monarchie unter ihren Trümmern mit begraben. Die Studenten hatten unzweideutig Miene gemacht, sich in ein bewaffnetes Freikorps zusammenzutun. Napoleon, dem hier zum ersten Male ein Symptom ernsteren Volkswillens gleichsam prophetisch warnend entgegentrat, hob daher zornentbrannt die Universität auf, die Studenten wurden mit unerhörtem Vandalismus plötzlich und unter großem Wehgeschrei der Bürger nach allen Weltgegenden auseinandergetrieben und mußten, ausgeplündert und zum Teil selbst der nötigen Kleidungsstücke beraubt, sich einzeln nach Hause betteln. – Wunderbarer Gang der Weltgerichte! Dieselben vom übermütigen Sieger in den Staub getretenen Jünglinge sollten einst siegreich in Paris einziehen.

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Der Geist einer bestimmten Bildungsphase läßt sich nicht aufheben, wie eine Universität. Was wir vorhin als das Charakteristische jener Periode bezeichnet: die Opposition der jungen Romantik gegen die alte Prosa war keineswegs auf Halle beschränkt, sondern ging wie ein unsichtbarer Frühlingssturm allmählich wachsend durch ganz Deutschland. Insbesondere aber gab es dazumal in Heidelberg einen tiefen, nachhaltenden Klang. Heidelberg ist selbst eine prächtige Romantik; da umschlingt der Frühling Haus und Hof und alles Gewöhnliche mit Reben und Blumen, und erzählen Burgen und Wälder ein wunderbares Märchen der Vorzeit, als gäb es nichts Gemeines auf der Welt. Solch gewaltige Szenerie konnte zu allen Zeiten nicht verfehlen, die Stimmung der Jugend zu erhöhen und von den Fesseln eines pedantischen Komments zu befrein; die Studenten tranken leichten Wein anstatt des schweren Bieres, und waren fröhlicher und gesitteter zugleich als in Halle. Aber es trat grade damals in Heidelberg noch eine ganz besondere Macht hinzu, um jene glückliche Stimmung zu vertiefen. Es hauste dort ein einsiedlerischer Zauberer, Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft mit seinen magischen Kreisen umschreibend – das war Görres.

Es ist unglaublich, welche Gewalt dieser Mann, damals selbst noch jung und unberühmt, über alle Jugend, die irgend geistig mit ihm in Berührung kam, nach allen Richtungen hin ausübte. Und diese geheimnisvolle Gewalt lag lediglich in der Großartigkeit seines Charakters, in der wahrhaft brennenden Liebe zur Wahrheit und einem unverwüstlichen Freiheitsgefühl, womit er die einmal erkannte Wahrheit gegen offene und verkappte Feinde und falsche Freunde rücksichtslos auf Tod und Leben verteidigte; denn alles Halbe war ihm tödlich verhaßt, ja unmöglich, er wollte die ganze Wahrheit. Wenn Gott noch in unserer Zeit einzelne mit prophetischer Gabe begnadigt, so war Görres ein Prophet, in Bildern denkend und überall auf den höchsten Zinnen der wildbewegten Zeit weissagend, mahnend und züchtigend, auch darin den Propheten vergleichbar, daß das „Steiniget ihn!“ häufig genug über ihm ausgerufen wurde. Drüben in Frankreich hatte er bei den Banketten der bluttriefenden Revolution, hier in den Kongreßsälen der politischen Weltweisen las Menetekel kühn an die Wand geschrieben, und konnte sich nur durch rasche Flucht vor Kerker und Banden retten, oft monatelang arm und heimatlos umherirrend. – Seine äußere Erscheinung erinnerte einigermaßen an Steffens und war doch wieder grundverschieden. Steffens hatte bei aller Tüchtigkeit, etwas Theatralisches, während Görres, ohne es zu wollen oder auch nur zu wissen schlicht und bis zum Extrem selbst die unschuldigsten Mittel des Effekts verschmähte. Sein durchaus freier Vortrag war monoton, fast wie fernes Meeresrauschen schwellend und sinkend, aber durch dieses einförmige Gemurmel leuchteten zwei wunderbare Augen und zuckten Gedankenblitze beständig hin und wider; es war wie ein prächtiges nächtliches Gewitter, hier verhüllte Abgründe, dort neue ungeahnte Landschaften plötzlich aufdeckend, und überall gewaltig, weckend und zündend fürs ganze Leben.

Neben ihm standen zwei Freunde und Kampfgenossen: Achim von Arnim und Clemens Brentano, welche sich zur selben Zeit nach mancherlei Wanderzügen in Heidelberg niedergelassen hatten. Sie bewohnten im „Faulpelz“, einer ehrbaren aber obskuren Kneipe am Schloßberg, einen großen luftigen Saal, dessen sechs Fenster mit der Aussicht über Stadt und Land die herrlichsten Wandgemälde, das herüberfunkelnde Zifferblatt des Kirchturms ihre Stockuhr vorstellte; sonst war wenig von Pracht oder Hausgerät darin zu bemerken. Beide verhielten sich zu Görres eigentlich wie fahrende Schüler zum Meister, untereinander aber wie ein seltsames Ehepaar, wovon der ruhige mild-ernste Arnim den Mann, der ewig bewegliche Brentano den weiblichen Part machte. Arnim gehörte zu den seltenen Dichternaturen, die, wie Goethe, ihre poetische Weltansicht jederzeit von der Wirklichkeit zu sondern wissen, und daher besonnen über dem Leben stehen und dieses frei als ein Kunstwerk behandeln. Den lebhafteren Brentano dagegen riß eine übermächtige Phantasie beständig hin, die Poesie ins Leben zu mischen, was denn häufig eine Konfusion und Verwickelungen gab, aus welchen Arnim den unruhigen Freund durch Rat und Tat zu lösen hatte. Auch äußerlich zeigte sich der große Unterschied. Achim von Arnim war von hohem Wuchs und so auffallender männlicher Schönheit, daß eine geistreiche Dame einst bei seinem Anblick und Namen in das begeisterte Wortspiel: „Ach im Arm ihm“ ausbrach; während Bettina, welcher, wie sie selber sagt, eigentlich alle Menschen närrisch vorkamen, damals an ihren Bruder Clemens schrieb: „Der Arnim sieht doch königlich aus, er ist nicht in der Welt zum zweitenmal.“ – Das letztere konnte man zwar auch von Brentano, nur in ganz anderer Beziehung sagen. Während Arnims Wesen etwas wohltuend Beschwichtigendes hatte, war Brentano durchaus aufregend; jener erschien im vollsten Sinne des Worts wie ein Dichter, Brentano dagegen selber wie ein Gedicht, das, nach Art der Volkslieder, oft unbeschreiblich rührend, plötzlich und ohne sichtbaren Übergang in sein Gegenteil umschlug und sich beständig in überraschenden Sprüngen bewegte. Der Grundton war eigentlich eine tiefe, fast weiche Sentimentalität, die er aber gründlich verachtete, eine eingeborene Genialität, die er selbst keineswegs respektierte und auch von andern nicht respektiert wissen wollte. Und dieser unversöhnliche Kampf mit dem eigenen Dämon war die eigentliche Geschichte seines Lebens und Dichtens, und erzeugte in ihm jenen unbändigen Witz, der jede verborgene Narrheit der Welt instinktartig aufspürte und niemals unterlassen konnte, jedem Toren, der sich weise dünkte, die ihm gebührende Schellenkappe aufzustülpen, und sich somit überall ingrimmige Feinde zu erwecken. Klein, gewandt und südlichen Ausdrucks, mit wunderbar schönen, fast geisterhaften Augen, war er wahrhaft zauberisch, wenn er selbstkomponierte Lieder oft aus dem Stegreif zur Gitarre sang. Dies tat er am liebsten in Görres‘ einsamer Klause, wo die Freunde allabendlich einzusprechen pflegten; und man könnte schwerlich einen ergötzlicheren Gegensatz der damals florierenden ästhetischen Tees ersinnen, als diese Abendunterhaltungen, häufig ohne Licht und brauchbare Stühle, bis tief in die Nacht hinein: wie da die dreie alles Große und Bedeutende, das je die Welt bewegt hat, in ihre belebenden Kreise zogen, und mitten in dem Wetterleuchten tiefsinniger Gespräche Brentano mit seinem witzsprühenden Feuerwerk dazwischenfuhr, das dann gewöhnlich in ein schallendes Gelächter zerplatzte.

Das nächste Resultat dieser Abende war die „Einsiedlerzeitung„, welche damals Arnim und Brentano in Heidelberg herausgaben. Das selten gewordene Blatt war eigentlich ein Programm der Romantik; einerseits die Kriegserklärung an das philisterhafte Publikum, dem es feierlich gewidmet und mit dessen wohlgetroffenen Poträt es verziert war; andrerseits eine Probe- und Musterkarte der neuen Bestrebungen: Beleuchtung des vergessenen Mittelalters und seiner poetischen Meisterwerke, sowie die ersten Lieder von Uhland, Justinus Kerner u.a. Die merkwürdige Zeitung hat nicht lange gelebt, aber ihren Zweck als Leuchtkugel und Feuersignal vollkommen erfüllt. Übrigens standen ihre Verfasser in der Tat einsiedlerisch genug über dem großen Treiben und Arnim und Brentano, obgleich sie neben Tieck, die einzigen Produzenten der Romantiker waren, wurden doch von der Schule niemals als vollkommen zünftig anerkannt. Sie strebten vielmehr, die Schule, die schon damals in überkünstlichen Formen üppig zu luxurieren anfing, auf die ursprüngliche Reinheit und Einfachheit des Naturlauts zurückzuweisen. In diesem Sinne sammelten sie selbst auf ihren Fahrten und durch gleichgestimmte Studenten überall die halbverschollenen Volkslieder für „Des Knaben Wunderhorn“, das, wie einst Herders „Stimmen der Völker“, durch ganz Deutschland einen erfrischenden Klang gab.

Auch Creuzer lebte damals in Heidelberg und gehörte, wiewohl dem genannten Triumvirat persönlich ziemlich fernstehend, durch seine Bestrebungen diesem Kreise an. Seine mystische Lehre hat, z.B. später in Lobeck, sehr tüchtige Gegner gefunden, und wir wollen keineswegs in Abrede stellen, daß die phantastische Weise, womit er die alte Götterlehre als ein bloßes Symbolum christlich umzudeuten sucht, gar oft an den mittelalterlichen Neuplatonismus erinnert und am Ende zu einer gänzlichen Auflösung des Altertums führt. Allein in Kriegszeiten bedarf ein grober Feind auch eines gewaltsamen Gegenstoßes. Erwägt man, wie geistlos dazumal die Mythologie als ein bloßes Schulpensum getrieben wurde, so wird man Creuzers Tat billigerweise wenigstens als eine sehr zeitgemäße und heilsame Aufregung anerkennen müssen. – Noch zwei andere, höchst verschiedene Heidelberger Zeitgenossen dürfen hier nicht unerwähnt bleiben; wir meinen: Thibaut und Gries. In solchen Übergangsperioden ist die sanguinische Jugend gern bereit, den Spruch: „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“ gelegentlich auch umzukehren und jeden für den Ihrigen zu nehmen, der nicht zum Gegenpart hält; und in dieser Lage befand sich Thibaut. Schon seine äußere Erscheinung mit den lang herabwallenden, damals noch dunkelen Locken, was ihm ein gewisses apostolisches Ansehen gab, noch mehr der eingeborene Widerwillen gegen alles Kleinliche und Gemeine unterschied ihn sehr fühlbar von dem Troß seiner eigentlichen Zunftgenossen, und mit seiner propagandistischen Liebe und Kenntnis von der Musik der alten tiefsinnigen Meister berührte er in der Tat den Kreis der Romantiker. – Bei weitem unmittelbarer indes wirkte Gries. Wilhelm Schlegel hatte soeben durch das dicke Gewölk verjährter Vorurteile auf das Zauberland der südlichen Poesie hingewiesen. Gries hat es uns wirklich erobert. Seine meisterhaften Übersetzungen von Ariost, Tasso und Calderons Schauspielen treffen, ohne philologische Pedanterie und Wortängstlichkeit, überall den eigentümlichen Sinn und Klang dieser Wunderwelt; sie haben den poetischen Gesichtskreis unendlich erweitert und jene glückliche Formfertigkeit erzeugt, deren sich unsere jüngeren Poeten noch bis heut erfreuen. Auch war Gries sehr geeignet, für den Ritt in das alte romantische Land Proselyten zu machen. Er verkehrte gern und viel mit den Studenten, die Abendtafel im Gasthofe „Zum Prinzen Karl“ war sein Katheder, und es war, da er sehr schwerhörig, oft wahrhaft komisch, wie da die leichten Scherze und Witze gleichsam aus der Trompete gestoßen wurden, so daß die heitere Konversation sich nicht selten wie ein heftiges Gezänke ausnahm.

Man sieht, die Romantik war dort reich vertreten. Allein sie hatte auch damals schon ihren sehr bedenklichen Afterkultus. Graf von Löben war in Heidelberg der Hohepriester dieser Winkelkirche. Der alte Goethe soll ihn einst den vorzüglichsten Dichter jener Zeit genannt haben. Und in der Tat er besaß eine ganz unglaubliche Formengewandtheit und alles äußere Rüstzeug des Dichters, aber nicht die Kraft, es gehörig zu brauchen und zu schwingen. Er hatte ein durchaus weibliches Gemüt mit unendlich feinem Gefühl für den salonmäßigen Anstand der Poesie, eine überzarte empfängliche Weichheit, die nichts Schönes selbständig gestaltete, sondern von allem Schönen wechselnd umgestaltet wurde. So durchwandelte er in seiner kurzen Lebenszeit ziemlich fast alle Zonen und Regionen der Romantik; – bald erschien er als begeisterungswütiger Seher, bald als arkadischer Schäfer, dann plötzlich wieder als aszetischer Mönch, ohne sich jemals ein eigentümliches Revier schaffen zu können. In Heidelberg war er gerade „Isidorus Orientalis“ und novalisierte, nur leider ohne den Tiefsinn und den dichterischen Verstand von Novalis. In dieser Periode entstand sein frühester Roman „Guido“, sowie die „Blätter aus dem Reisebüchlein eines andächtigen Pilgrims“; jener durch seine mystische Überschwenglichkeit, diese durch ein unkatholisches Katholisieren, ganz wider Wissen und Willen, die erstaunlichste Karikatur der Romantik darstellend. Er hatte in Heidelberg nur wenige sehr junge Jünger, die ihn gehörig bewunderten; aber die Gemeinde dieser Gleichgestimmten war damals sehr zahlreich durch ganz Deutschland verbreitet. Es wäre eine schwierige, ja fast unmögliche Aufgabe, jenes wunderliche Gewirr von Talent und Zopf, Lüge und Wahrheit mit wenigen Worten in einen Begriff zusammenzufassen; und doch ist dieses Treiben insofern von literarhistorischer Wichtigkeit, als dasselbe den schmählichen Verfall der Romantik vorzüglich verschuldet hat. Es sei uns daher lieber vergönnt, aus unserer frühesten Schrift („Ahnung und Gegenwart“) die aus dem Leben gegriffene Darstellung der damaligen Salonwirtschaft hier einzuschalten, da sie, obgleich erfunden, und doch vielleicht unmittelbarer, als eine Definition, in den Zirkel einführen dürfte.

Es ist nämlich dort von einer Soiree in der Residenz die Rede, wobei die Gesellschaft über die soeben beendigte Darstellung eines lebenden Bildes in große Bewegung geraten. „Mitten in dieser Entzückung fiel der Vorhang plötzlich wieder, das Ganze verdeckend, herab, der Kronleuchter wurde heruntergelassen und ein schnatterndes Gewühl und Lachen erfüllte auf einmal wieder den Saal. Der größte Teil der Gesellschaft brach nun von allen Sitzen auf und zerstreute sich. Nur ein kleiner Teil von Auserwählten blieb im Saale zurück. Graf Friedrich“ (der Held des Romans) „wurde währenddessen vom Minister, der auch zugegen war, bemerkt und sogleich der Frau vom Hause vorgestellt. Es war eine fast durchsichtig schlanke, schmächtige Gestalt, gleichsam im Nachsommer ihrer Blüte und Schönheit. Sie bat ihn mit so überaus sanften, leisen, lispelnden Worten, daß er Mühe hatte, sie zu verstehen, ihre künstlerische ‚Abendandachten‘, wie sie sich ausdrückte, mit seiner Gegenwart zu beehren, und sah ihn dabei mit blinzelnden, fast zugedrückten Augen an, von denen es zweifelhaft war, ob sie ausforschend, gelehrt, sanft, verliebt, oder nur interessant sein sollten.

Die Gesellschaft zog sich nun in eine kleinere Stube zusammen. Die Zimmer waren durchaus prachtvoll und im neuesten Geschmacke dekoriert, nur hin und wieder bemerkte man einige auffallende Besonderheiten und Nachlässigkeiten, unsymmetrische Spiegel, Gitarren, aufgeschlagene Musikalien und Bücher, die auf den Ottomanen zerstreut umherlagen.

Friedrich kam es vor, als hätte es der Frau von Hause vorher einige Stunden mühsamen Studiums gekostet, um in das Ganze eine gewisse unordentliche Genialität hineinzubringen.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Es hatte sich unterdes ein niedliches, etwa zehnjähriges Mädchen eingefunden, die in einer reizenden Kleidung mit langen Beinkleidern und kurzem schleiernen Röckchen darüber, keck im Zimmer herumsprang. Es war die Tochter von Hause. Ein Herr aus der Gesellschaft reichte ihr ein Tamburin, das in einer Ecke auf dem Fußboden gelegen hatte. Alle schlossen bald einen Kreis um sie, und das zierliche Mädchen tanzte mit einer wirklich bewunderungswürdigen Anmut und Geschicklichkeit, während sie das Tamburin auf mannigfache Weise schwang und berührte und ein niedliches italienisches Liedchen dazu sang. Jeder war begeistert, erschöpfte sich in Lobsprüchen und wünschte der Mutter Glück, die sehr zufrieden lächelte. Nur Friedrich schwieg still. Denn einmal war ihm schon die moderne Knabentracht bei Mädchen zuwider, ganz abscheulich aber war ihm diese gottlose Art, unschuldige Kinder durch Eitelkeit zu dressieren. Er fühlte vielmehr ein tiefes Mitleid mit der schönen kleinen Bajadere. Sein Ärger und das Lobpreisen der anderen stieg, als nachher das Wunderkind sich unter die Gesellschaft mischte, nach allen Seiten hin in fertigem Französisch schnippische Antworten erteilte, die eine Klugheit weit über ihr Alter zeigten, und überhaupt jede Unart als genial genommen wurde.

Die Damen, welche sämtlich sehr ästhetische Mienen machten, setzten sich darauf nebst mehreren Herren unter dem Vorsitz der Frau vom Hause, die mit vieler Grazie den Tee einzuschenken wußte, förmlich in Schlachtordnung und fingen an, von Ohrenschmäusen zu reden. Der Minister entfernte sich in die Nebenstube, um zu spielen. – Friedrich erstaunte, wie diese Weiber geläufig mit den neuesten Erscheinungen der Literatur umzuspringen wußten, von denen er selber manche kaum dem Namen nach kannte; wie leicht sie mit Namen herumwarfen, die er nie ohne heilige tiefe Ehrfurcht auszusprechen gewohnt war. Unter ihnen schien besonders ein junger Mann mit einer verachtenden Miene in einem gewissen Glauben und Ansehen zu stehen. Die Frauenzimmer sahen ihn beständig an, wenn es darauf ankam, ein Urteil zu sagen, und suchten in seinem Gesichte seinen Beifall oder Tadel im voraus herauszulesen, um sich nicht etwa mit etwas Abgeschmacktem zu prostituieren.

Er hatte viele genialische Reisen gemacht, in den meisten Hauptstädten auf seine eigene Faust Ball gespielt, Kotzebue einmal in einer Gesellschaft in den Sack gesprochen, fast mit allen berühmten Schriftstellern zu Mittag gegessen oder kleine Fußreisen gemacht. Übrigens gehörte er eigentlich zu keiner Partei, er übersah alle weit und belächelte die entgegengesetzten Gesinnungen und Bestrebungen, den eifrigen Streit unter den Philosophen oder Dichtern: Er war sich der Lichtpunkt dieser verschiedenen Reflexe. Seine Urteile waren alle nur wie zum Spiele flüchtig hingeworfen mit einem nachlässig mystischen Anstrich, und die Frauenzimmer erstaunten nicht über das, was er sagte, sondern was er, in der Überzeugung nicht verstanden zu werden, zu verschweigen schien.

Wenn dieser heimlich die Meinung zu regieren schien, so führte dagegen ein anderer fast einzig das hohe Wort. Es war ein junger voller Mensch mit strotzender Gesundheit, ein Antlitz, das vor wohlbehaglicher Selbstgefälligkeit glänzte und strahlte. Er wußte für jedes Ding ein hohes Schwungwort, lobte und tadelte ohne Maß und sprach hastig mit einer durch dringenden gellenden Stimme. Er schien ein wütend Begeisterter von Profession und ließ sich von den Frauenzimmern, denen er sehr gewogen schien, gern den heiligen Thyrsusschwinger nennen. Es fehlte ihm dabei nicht an einer gewissen schlauen Miene, womit er niedrere, nicht so saftige Naturen seiner Ironie preiszugeben pflegte. Friedrich wußte gar nicht, wohin dieser während seiner Deklamationen so viel Liebesblicke verschwende, bis er endlich ihm gerade gegenüber einen großen Wandspiegel entdeckte. Der Begeisterte ließ sich übrigens nicht lange bitten, etwas von seinen Poesien mitzuteilen. Er las eine lange Dithyrambe von Gott, Himmel, Hölle, Erde und dem Karfunkelstein mit angestrengtester Heftigkeit vor, und schloß mit solchem Schrei und Nachdruck, daß er ganz blau im Gesicht wurde. Die Damen waren ganz außer sich über die heroische Kraft des Gedichts, sowie des Vortrags.

Ein anderer junger Dichter von mehr schmachtendem Ansehen, der neben der Frau vom Hause seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, lobte zwar auch mit, warf aber dabei einige durchbohrende neidische Blicke auf den vom Lesen erschöpften Begeisterten. Überhaupt war dieser Friedrich schon vom Anfang an durch seinen großen Unterschied von jenen beiden Flausenmachern aufgefallen. Er hatte sich während der ganzen Zeit, ohne sich um die Verhandlungen der andern zu bekümmern, ausschließlich mit der Frau vom Hause unterhalten, mit der er eine Seele zu sein schien, wie man von dem süßen zugespitzten Munde beider abnehmen konnte, und Friedrich hörte nur manchmal einzelne Laute, wie: ‚Mein ganzes Leben wird zum Roman‘ – ‚überschwengliches Gemüt‘ – ‚Priesterleben‘ – herüberschallen. Endlich zog auch dieser ein ungeheures Paket aus der Tasche, und begann vorzulesen, unter andern folgendes Assonanzenlied:

‚Hat nun Lenz die silbern’n Bronnen
               Losgebunden:
Knie ich nieder, süßbeklommen,
               In die Wunder.

Himmelreich, so kommt geschwommen
               Auf die Wunden
Hast du einzig mich erkoren
               Zu den Wundern?

In die Ferne süß verloren
               Lieder fluten,
Daß sie, rückwärts sanft erschollen,
               Bringen Kunde.

Was die andern sorgen, wollen,
               Ist mir dunkel,
Mir will ew’ger Durst nur frommen
               Nach dem Durste.

Was ich liebte und vernommen,
               Was geklungen,
Ist den eignen tiefen Wonnen
               Selig Wunder!‘

Er las noch einen Haufen Sonette mit einer Art von priesterlicher Feierlichkeit. Keinem derselben fehlte es an irgendeinem wirklich aufrichtigen kleinen Gefühlchen, an großen Ausdrücken und lieblichen Bildern. Alle hatten einen einzigen, bis ins Unendliche breit auseinandergeschlagenen Gedanken, sie bezogen sich alle auf den Beruf des Dichters und die Göttlichkeit der Poesie, aber die Poesie selber, das ursprüngliche, freie, tüchtige Leben, das uns ergreift ehe wir darüber sprechen, kam nicht zum Vorschein vor lauter Komplimenten davor und Anstalten dazu. Friedrich kamen diese Poesien in ihrer durchaus polierten, glänzenden, wohlerzogenen Weichlichkeit wie der fade unerquickliche Teedampf, die zierliche Teekanne mit ihrem lodernden Spiritus auf dem Tische wie der Opferaltar dieser Musen vor. – Es ist aber eigentlich nichts künstlicher und lustiger, als die Unterhaltung einer solchen Gesellschaft. Was das Ganze noch so leidlich zusammenhält, sind tausend feine, fast unsichtbare Fäden von Eitelkeit, Lob und Gegenlob usw., und sie nennen es dann gar zu gern ein Liebesnetz. Arbeitet aber unverhofft einmal einer, der davon nichts weiß, tüchtig darin herum, so geht die ganze Spinnewebe von ewiger Freundschaft und heiligem Bunde auseinander.

So hatte auch heute Friedrich den ganzen Tee versalzen. Keiner konnte das künstlerische Weberschiffchen, das sonst fein im Takte so zarte ästhetische Abende wob, wieder recht in Gang bringen. Die meisten wurden mißlaunisch, keiner konnte oder mochte, wie beim babylonischen Baue, des anderen Wortgepräng verstehen, und so beleidigte einer den andern in der gänzlichen Verwirrung. Mehrere Herren nahmen endlich unwillig Abschied, die Gesellschaft wurde kleiner und vereinzelter. Die Damen gruppierten sich hin und wieder auf den Ottomanen in malerischen und ziemlich unanständigen Stellungen. Friedrich bemerkte bald ein heimliches Verständnis zwischen der Frau vom Hause und dem Schmachtenden. Doch glaubte er zugleich an ihr ein feines Liebäugeln zu entdecken, das ihm selber zu gelten schien. Er fand sie überhaupt viel schlauer, als man anfänglich ihrer lispelnden Sanftmut hätte zutrauen mögen; sie schien ihren schmachtenden Liebhaber bei weitem zu übersehen und selber nicht so viel von ihm zu halten, als sie vorgab und er aus ganzer Seele glaubte.“

Als aber Friedrich späterhin, noch ganz entrüstet, dieses Abenteuer einem Freunde erzählt, erwidert dieser: „Ich kann dir im Gegenteil versichern, daß ich nicht bald so lustig war, als an jenem Abende, da ich zum ersten Male in diese Teetaufe oder Traufe geriet. Aller Augen waren prüfend und in erwartungsvoller Stille auf mich neuen Jünger gerichtet. Da ich die ganze heilige Synode, gleich den Freimaurern mit Schurz und Kelle, so feierlich im poetischen Ornate dasitzen sah, konnt ich mich nicht enthalten, despektierlich von der Poesie zu sprechen und mit unermüdlichem Eifer ein Gespräch von der Landwirtschaft, von Runkelrüben usw. anzuspinnen, so daß die Damen wie über den Dampf von Kuhmist die Nasen rümpften und mich bald für verloren hielten. Mit dem Schmachtenden unterhielt ich mich besonders viel. Er ist ein guter Kerl, aber er hat keine Mannesmuskel im Leibe. Ich weiß nicht, was er gerade damals für eine fixe Idee von der Dichtkunst im Kopfe hatte, aber er las ein Gedicht vor, wovon ich trotz der größten Anstrengung nichts verstand und wobei mir unaufhörlich des simplizianisch – deutschen Michels verstümmeltes Sprachgepränge im Sinne lag. Denn es waren deutsche Worte, spanische Konstruktionen, welsche Bilder, altteutsche Redensarten, doch alles mit überaus feinem Firnis von Sanftmut verschmiert. Ich gab ihm ernsthaft den Rat, alle Morgen gepfefferten Schnaps zu nehmen, denn der ewige Nektar erschlaffe nur den Magen, worüber er sich entrüstet von mir wandte. – Mit dem vom Hochmutsteufel besessenen Dithyrambisten aber bestand ich den schönsten Strauß. Er hatte mit pfiffiger Miene alle Segel seines Witzes aufgespannt und kam mit vollem Winde der Eitelkeit auf mich losgefahren, um mich Unpoetischen vor den Augen der Damen in den Grund zu bugsieren. Um mich zu retten, fing ich zum Beweise meiner poetischen Belesenheit an, aus Shakespeares ‚Was ihr wollt‘ wo Junker Tobias den Malvolio peinigt, zu rezitieren ‚Und besäße ihn eine Legion selbst, so will ich ihn doch anreden.‘ Er stutzte und fragte mich mit herablassender Genügsamkeit und kniffigem Gesichte, ob vielleicht gar Shakespeare mein Lieblingsautor sei? Ich ließ mich aber nicht stören, sondern fuhr mit Junker Tobias fort ‚Ei Freund, leistet dem Teufel Widerstand, er ist der Erbfeind der Menschenkinder.‘ Er fing nun an, sehr salbungsvolle, genialische Worte über Shakespeare ergehen zu lassen, ich aber, da ich ihn sich so aufblasen sah, sagte weiter ‚Sanftmütig, sanftmütig! Ei, was machst du, mein Täubchen? Wie geht’s, mein Puthühnchen? Ei, sieh doch, komm, tuck tuck!‘ – Er schien nun mit Malvolio zu bemerken, daß er nicht in meine Sphäre gehöre, und kehrte sich mit einem unsäglich stolzen Blicke, wie von einem unerhört Tollen, von mir. Das Schlimmste war aber nun, daß ich dadurch demaskiert war, ich konnte nicht länger für einen Ignoranten gelten; und die Frauenzimmer merkten dies nicht so bald, als sie mit allerhand Phrasen, die sie da und dort ernascht, über mich herfielen. In der Angst fing ich daher nun an, wütend mit gelehrten Redensarten und poetischen Paradoxen nach allen Seiten um mich herumzuwerfen, bis sie mich, ich sie, und ich mich selber nicht mehr verstand und alles verwirrt wurde. Seit dieser Zeit haßt mich der ganze Zirkel und hat mich als eine Pest der Poesie förmlich exkommuniziert.“ – –

Es ist sehr begreiflich, daß dieses prätentiöse Unwesen von den Gedankenlosen und Schwachmütigen für die wirkliche Romantik gehalten, von den Hämischen aber gern benutzt wurde, den neuen Aufschwung überhaupt zu verketzern. Vergebens verspottete Tieck selbst in den wenigen Nummern seines „Poetischen Journals“ jene falsche Romantik, vergebens zogen Arnim und Görres mitten durch den Lärm neue leuchtende Bahnen; das Gekläff der Wächter des guten Geschmacks, die den Mond anbellen und bei Musik heulen, war einmal unaufhaltsam erwacht. Es erschien ein „Klingkling-Almanach“, der die Lyrik der Romantiker parodisch lächerlich machen sollte, aber durch ein stupides Mißverständnis des Parodierten nur sich selbst blamierte. Der Däne Baggesen schrieb einen „Faust“, eine Komödie, worin Fichte, Schelling, Schlegel und Tieck die lächerlichen Personen spielen; an Witzlosigkeit, Bosheit und Langweiligkeit, etwa Nicolais „Werthers Leiden“ vergleichbar. Garlieb Merkel endlich trommelte in seinem „Freimütigen“ ein wahres Falstaffsheer zusammen, allerdings freimütig genug, denn die armutselige Gemeinheit lag ganz offen zutage. In Heidelberg selbst aber saß der alte Voß, der sich bereits überlebt hatte, und darüber ganz grämlich geworden war. Mitten in dem staubigen Gewebe seiner Gelehrsamkeit lauerte er wie eine ungesellige Spinne, tückisch auf alles Junge und Neue zufahrend, das sich unvorsichtig dem Gespinste zu nähern unterfing. Besonders waren ihm, nebst dem Katholizismus, die Sonette verhaßt. Daher konnte Arnim, obgleich er anfangs aus großmütiger Pietät mit dem vereinsamten Greise friedlich zu verkehren suchte, dennoch zuletzt nicht umhin, ihm zu Ehren in der „Einsiedlerzeitung“ in hundert Sonetten den Kampf des Sonetts mit dem alten Drachen zu beschreiben.

Und auf ähnliche Weise hatte sich die Romantik überhaupt ihren Gegnern gegenübergestellt, indem sie – wie in Tiecks „Verkehrter Welt“, im „Zerbino“ und „Gestiefelten Kater“, in Schlegels „Triumphpforte für den Theaterpräsidenten Kotzebue„, in Mahlmanns „Hussiten vor Naumburg“ – jenes hämische Treiben heiter als bloßes Material nahm und humoristisch der Poesie selbst dienstbar zu machen wußte.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Aber die Romantik war keine bloß literarische Erscheinung, sie unternahm vielmehr eine innere Regeneration des Gesamtlebens, wie sie Novalis angekündigt hat; und was man später die romantische Schule nannte, war eben nur ein literarisch abgesonderter Zweig des schon kränkelnden Baumes. Ihre ursprüngliche Intentionen, alles Irdische auf ein Höheres, das Diesseits auf ein größeres Jenseits zu beziehen, mußten daher insbesondere auch das ganze Gebiet der Kunst gleichmäßig umfassen und durchdringen. Die Revolution, die sie in der Poesie bewirkt, ist schon zu vielfach besprochen, um hier noch besonders erörtert zu werden. Der Malerei vindizierte sie die Schönheit der Religion als höchste Aufgabe, und begründete durch deutsche Jünglinge in Rom die bekannte Malerschule, deren Führer Overbeck, Philipp Veit und Cornelius waren. Derselbe ernstere Sinn führte die Tonkunst vom frivolen Sinnenkitzel zur Kirche, zu den altitalienischen Meistern, zu Sebastian Bach, Gluck und Händel zurück; er weckte auch in der Profanmusik das geheimnisvolle wunderbare Lied, das verborgen in allen Dingen schlummert, und Mozart, Beethoven und Karl Maria von Weber sind echte Romantiker. Die Baukunst endlich, diese hieroglyphische Lapidarschrift der wechselnden Nationalbildung, war grade in das allgemeine Stadium der damaligen Literatur mit eingerückt: kaserniertes Bürgerwohl mit heidnischen Substruktionen, die Antike im Schlafrock des häuslichen Familienglücks. Da erfaßte plötzlich die erstaunten Deutschen wieder eine Ahnung von der Schönheit und symbolischen Bedeutung ihrer alten Bauwerke, an denen sie so lange gleichgültig vorübergegangen. Der junge Goethe hatte zuerst vom Straßburger Münster den neuen Tag ausgerufen, sich aber leider dabei so bedeutend überschrien, daß er seitdem ziemlich heiser blieb. Besonnener und gründlicher wies Sulpice Boisserée auf den Riesengeist des Kölner Domes hin, der bekanntlich noch bis heut sein mühseliges Auferstehungsfest feiert. – Das augenfälligste Bild dieser Umwandlung aber gibt die Geschichte der Marienburg, des Haupthauses des deutschen Ritterordens in Preußen. Dieser merkwürdige Bau hatte nicht einmal die Genugtuung, in malerische Trümmer zerfallen zu dürfen, er wurde methodisch für den neuen Orden der Industrieritter verstümmelt und zugerichtet. Die kühnen Gewölbe wurden mit unsäglicher Mühe eingeschlagen, in den hohen luftigen Sälen drei niedrige Stockwerke schmutziger Weberwerkstätten eingeklebt; ja um den letzten Prachtgiebel des Schlosses waren bereits die Stricke geschlungen, um ihn niederzureißen, als ein Romantiker, Max von Schenkendorf, ganz unerwartet in einer vielgelesenen Zeitschrift Protest einlegte gegen diesen modernen Vandalismus, den der damalige Minister von Schrötter, ein sonst geistvoller und für alles Große empfänglicher Mann, im Namen der Aufklärung als ein löblich Unternehmen trieb. Jetzt veränderte sich plötzlich die Szene. Schrötter, da er seinen wohlgemeinten Mißverstand begriff, hieß, fast erschrocken darüber, sofort alle weitere Zerstörung einstellen, die Weber wurden ausgetrieben, Künstler, Altertumsfreunde und Techniker stiegen verwundert in den rätselhaft gewordenen Bau hinab, wie in einem Bergwerke dort ein Fenster, hier einen verborgnen Gang oder Remter entdeckend, und je mehr allmählich von der alten Pracht zutage kam, je mehr wuchs, erst in der Provinz dann in immer weiteren Kreisen der Enthusiasmus, und erweckte, soviel davon noch zu retten war, das wunderbare Bauwerk aus seinem jahrhundertelangen Zauberschlaf.

Ein ähnliches Bewandtnis beinah hatte es mit dem Einfluß der Romantik auf die religiöse Stimmung der Jugend, indem sie gleichfalls den halbvergessenen Wunderbau der alten Kirche aus seinem Schutte wieder emporzuheben strebte. Allein was dort genügte, konnte hier unmöglich ausreichen, denn die Romantiker, wenn wir Novalis, Görres und Friedrich Schlegel ausnehmen, taten es nicht um der Religion, sondern um der Kunst willen, für die ihnen der Protestantismus allzu geringe Ausbeute bot; ein Grundthema, das in „Sternbalds Wanderungen“, in Tiecks „Phantasien“ und in den „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ durch die ganze Klaviatur der Künste hindurch auf das anmutigste variiert ist. Wir wollen daher auf die Konversion einiger, durch die Musik, die Pracht des äußeren Gottesdienstes u.dgl.m. bekehrter protestantischer Jünglinge keineswegs ein besonderes Gewicht legen. Der ganze Hergang aber erinnert lebhaft an Schillers Grundsatz von der ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts; wir meinen die indirekte Macht, welche diese katholisierende Ästhetik auf die katholische Jugend selber ausgeübt.

Es ist nicht zu leugnen, ein großer Teil dieser, fast überall protestantisch geschulten Jugend ist in der Tat durch die Vorhalle der Romantik zur Kirche zurückgekehrt. Die katholischen Studenten, die überhaupt etwas wollten und konnten, erstaunten nicht wenig, als sie in jenen Schriften auf einmal die Schönheit ihrer Religion erkannten, die sie bisher nur geschmäht oder mitleidig belächelt gesehen. Der Widerspruch, in den sie durch diese Entdeckung mit der gemeinen Menge gerieten, entzündete ihren Eifer, voll Begeisterung brachten sie die alt-neue Lehre von der Universität mit nach Hause, ja sie kokettierten zum Teil damit in der Philisterwelt, wo man über die jungen Zeloten verwundert den Kopf schüttelte, mit einem Wort: Das Katholische wurde förmlich Mode. Die Mode ging nach Art aller Mode bald vorüber, aber der einmal angeschlagene Ton blieb und hallte in immer weiteren Kreisen nach, und daraus entstand im Verlauf der immer ernster werdenden Zeiten endlich wieder eine starke katholische Gesinnung, die der Romantik nicht mehr bedarf.

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So war die Romantik bei ihrem Aufgange ein Frühlingshauch, der alle verborgenen Keime belebte, eine schöne Zeit des Erwachens, der Erwartung und Verheißung. Allein sie hat die Verheißung nicht erfüllt, und weil sie sie nicht erfüllte, ging sie unter, und wie und warum dies geschehen mußte, haben wir bereits an einem anderen Orte ausführlich nachzuweisen versucht. Als jedoch auf solche Weise die Ebbe kam und jene Springfluten zurücktobten, wurde auch der alte Boden wieder trockengelegt, den man für neuentdecktes Land hielt. Der zähe Rationalismus, die altkluge Verachtung des Mittelalters, die Lehre von der alleinseligmachenden Nützlichkeit, wozu die sublime Wissenschaft nicht sonderlich nötig sei; all das vorromantische Ungeziefer, das sich unterdes im Sande eingewühlt, kam jetzt wieder zum Vorschein und heckte erstaunlich. Dennoch war aber der bloßgelegte Boden nicht mehr ganz derselbe. Die Romantik hatte einige unvertilgbare Spuren darauf hinterlassen; sie hatte durch ihr beständiges Hinweisen auf die nationale Vergangenheit die Vaterlandsliebe, durch ihren Experimental – Katholizismus ein religiöses Bedürfnis erweckt. Allein diese Vaterlandsliebe war durch die abermalige Trennung vom Mittelalter ihres historischen Bodens und aller nationalen Färbung beraubt, und so entstand aus dem alten abstrakten Weltbürgertum die ebenso abstrakte Deutschtümelei. Andrerseits konnte das wiederangeregte religiöse Gefühl natürlicherweise weder von dem romantischen Katholisieren, noch von dem wiedererstandenen Rationalismus befriediget werden, und flüchtete sich daher bei den Protestanten zu dem neuesten Pietismus.

Von diesen veränderten Zuständen mußten denn auch zunächst die Universitäten wieder berührt werden; sie verloren allmählich ihr mittelalterliches Kostüm und suchten sich der modernen Gegenwart möglichst zu akkommodieren. Das deutsche Universitätsleben war bis dahin im Grunde ein lustiger Mummenschanz, in exzeptioneller Maskenfreiheit die übrige Welt neckend, herausfordernd und parodierend; eine Art harmloser Humoristik, die der Jugend, weil sie ihr natürlich ist, großenteils gar wohl anstand. Jetzt dagegen, durch die halbe Schulweisheit und Vielwisserei aufgeblasen, und von der epidemischen neuen Altklugheit mit fortgerissen, begnügten sie sich nicht mehr, sich an den dünkelhaften Torheiten der Philisterwelt lachend zu ergötzen; sie wollten sich über die Welt stellen, sie meistern und vernünftiger einrichten. Dazu kam, daß sie in den Befreiungskriegen wirklich auf dem Welttheater rühmlich mitagiert hatten, und nun auch das Recht beanspruchten, die übrigen Akte des großen Weltdramas mit fortzuspielen, mit einem Worte: Politik zu machen. Das war aber höchst unpolitisch, denn auf dieser komplizierten Bühne fehlte es glücklicherweise der Jugend durchaus an der unerläßlichen Kenntnis, Erfahrung und Routine. Die Burschenschaften, die zunächst aus jener inneren Umwandlung der Universitäten hervorgingen, waren ohne allen Zweifel ursprünglich gut und ernst gemeint und mit einem nicht genug zu würdigenden moralischen Stoizismus gegen die alte Roheit und Sittenlosigkeit gerichtet. Anstatt aber nur erst sich selbst gehörig zu befestigen, wollten sie sehr bald im leicht erklärlichen Eifer des guten Gewissens auch die kranken Staaten durch utopische Weltverbesserungspläne regenerieren, die man am füglichsten als unschädliche Donquijotiaden hätte übersehen sollen, wenn sich nicht, wie es scheint, nun die wirklichen Politiker mit dareingemischt, und die jugendliche Unbefangenheit für ihre ehrgeizigen und unlauteren Zwecke gemißbraucht hätten. Und so wurden die Studenten, die so lange heiter die Welt düpiert hatten, nun selber von der undankbaren Welt düpiert.

Als ein anderes Symptom der neuesten Zeit haben wir vorhin den bei den Protestanten wiedererwachten Pietismus bezeichnet. Man könnte ihn, da er wesentlich auf der subjektiven Gefühlsauffassung beruht, füglich die Sentimentalität der Religion nennen. Daher der absonderliche Haß der Pietisten gegen das strenge positive Prinzip der Kirche, die von einem subjektiven Dafürhalten und Umdeuten der Glaubenswahrheiten nichts weiß. Dieser moderne Pietismus ist jetzt auf den deutschen Universitäten sehr zahlreich vertreten, nicht eben zum sonderlichen Heile der Jugend. Denn der nackte Rationalismus war an sich so arm, trocken und trostlos, daß er ein tüchtiges Gemüt von selbst zur resoluten Umkehr trieb. Der weichliche, sanft einschmeichelnde Pietismus dagegen, zumal wenn er Mode wird und zeitliche Vorteile in Aussicht stellt, erzeugt gar leicht heuchlerische Tartüffe, oder, wo er tiefer gegriffen, einen geistlichen Dünkel und Fanatismus, der das ganze folgende Leben vergiftet. Eine Sekte dieser Pietisten gefällt sich darin, grundsätzlich allen Zweikampf abzulehnen, und sich dies als einen Akt besonderen Mutes anzurechnen. Allein dieser passive Mut, die gemeine Meinung zu verachten und gelassen über sich ergehen zu lassen, ist noch sehr verschieden von der persönlichen Tapferkeit, die jeden Jüngling ziert. Es ist ganz löblich, aber noch lange nicht genug, das Unrechte hinter dem breiten Schilde der vortrefflichsten Grundsätze von sich selber abzuwehren; das Böse soll direkt bekämpft werden. Überhaupt aber darf hierbei nicht übersehen werden, daß dem Zweikampf ein an sich sehr ehrenwertes Motiv zum Grunde liegt: das der gesunden Jugend eigentümliche, spartanische Gerechtigkeitsgefühl, das sich ohne innere Einbuße nicht unterdrücken läßt. Es gibt fast unsichtbare Kränkungen, infam, perfid und boshaft, die bis in das innerste Mark verwunden, und doch, eben weil sie juridisch ungreifbar sind, vom Gesetz nicht vorgesehen werden können. Dies ist der eigentliche Sitz des Übels, der Kampfplatz, wo der Zweikampf, wie früher die Gottesgerichte, ausgleichend eintritt. Dasselbe gilt im großen auch von den Kriegen, diesen barbarischen Völkerduellen um Güter, die das materielle Staatsrecht nicht zu würdigen und zu schützen vermag, und zu denen wir namentlich die Nationalehre rechnen. – Demungeachtet sind wir weit entfernt, die ganz unchristliche Selbsthilfe des Zweikampfs irgendwie verteidigen zu wollen, wünschen vielmehr vorerst nur eine genügende Vermittelung und Beseitigung seines tieferen Grundes, ohne welche, nach menschlichem Ermessen, alle Verbotsgesetze dagegen stets illusorisch bleiben werden.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Mit der neuen Umwandelung des Zeitgeistes hängt auch der Grundsatz wesentlich zusammen, die Universitäten möglichst in die großen Residenzstädte zu verlegen. Wir wollen keineswegs in Abrede stellen, daß die großen Städte mit ihrem geselligen Verkehr, mit ihren Kunstschätzen, Bibliotheken, Museen und industriellen Anstalten eine sehr bequeme Umschau, eine wahre Universitas alles Wissenswürdigen bieten. Allein es frägt sich nur, ob dieser Vorteil nicht etwa durch Nachteile anderer Art wieder neutralisiert, ja überwogen wird? Uns wenigstens scheint das alles mehr für die Professoren, als für die Studenten geeignet zu sein. Es kommt für die letzteren auf der Universität doch vorzüglich nur auf eine Orientierung in dem Labyrinth der neuen Bildung an. Auf jenen großen Stapelplätzen der Kunst und Wissenschaft aber erdrückt und verwirrt die überwältigende Masse des Verschiedenartigsten, gleichwie schon jeder Reisende, wenn er eine reiche Bildergalerie hastig durchlaufen hat, zuletzt selbst nicht mehr weiß, was er gesehen; und namentlich die großen Bibliotheken kann nur der Gelehrte, der sich bereits für ein bestimmtes Studium entschieden und gehörig vorbereitet hat, mit Nutzen gebrauchen. Wie aber soll der, für alles gleich empfängliche Jüngling mitten zwischen den nach allen Seiten auslaufenden Bahnen sich wahrhaft entscheiden, wo jedes natürliche Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, wie es in kleinen Universitätsstädten stattfindet, durch den betäubenden Lärm und die allgemeine Zerfahrenheit der Residenz ganz unmöglich wird? Auch hier also droht abermals ein vager Dilettantismus und der lähmende Dünkel der Vielwisserei. Bei der Jugend ist eine kecke Wanderlust, sie ahnt hinter dem Morgenduft die wunderbare Schönheit der Welt; sie sich selbsttätig zu erobern ist ihre Freude. In den großen Städten aber fängt die Jugend gleich mit dem Ende an: aller Reichtum der Welt liegt in der staubigen Mittagschwüle schon wohlgeordnet um sie her, sie braucht ihren Fauteuil nur gähnend da oder dorthin zu wenden, sie hat nichts mehr zu wünschen und zu ahnen – und ist blasiert. Und auch in sittlicher Hinsicht ist der Gewinn nur illusorisch. In den kleinen Universitätsstädten herrscht allerdings oft eine arge Verwilderung, und die Studenten werden in den großen Städten gewiß ruhiger und manierlicher sein. Allein dort erscheint die Liederlichkeit in der Regel so handgreiflich, bestialisch roh und abschreckend, daß jedes gesunde Gemüt von selbst ein Ekel davor überkommt, während hier die schön übertünchten und ästhetisierten Pestgruben wohl auch die Besseren mit ihrem Gifthauch betäuben. – Unsere Universitäten sind endlich bisher eine Art von Republik gewesen, die einzigen noch übriggebliebenen Trümmer deutscher Einheit, ein brüderlicher Verein ohne Rücksicht auf die Unterschiede der Provinz, des Ranges oder Reichtums, wo den Niedriggeborenen die Überlegenheit des Geistes und Charakters zum Senior über Fürsten und Grafen erhob. Diese uralte Bedeutung der Universitäten wird von der in ganz andern Bahnen kreisenden Großstädterei notwendig verwischt, die Studenten werden immer mehr in das allgemeine Philisterium eingefangen und frühzeitig gewöhnt, die Welt diplomatisch mit Glacéhandschuhen anzufassen.

Dies halten wir aber, zumal in unserer materialistischen Zeit, für ein bedeutendes Unglück. Denn was ist denn eigentlich die Jugend? Doch im Grunde nichts anderes, als das noch gesunde und unzerknitterte, vom kleinlichen Treiben der Welt noch unberührte Gefühl der ursprünglichen Freiheit und der Unendlichkeit der Lebensaufgabe. Daher ist die Jugend jederzeit fähiger zu entscheidenden Entschlüssen und Aufopferungen, und steht in der Tat dem Himmel näher, als das müde und abgenutzte Alter; daher legt sie so gern den ungeheuersten Maßstab großer Gedanken und Taten an ihre Zukunft. Ganz recht! denn die geschäftige Welt wird schon dafür sorgen, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen und ihnen die kleine Krämerelle aufdrängen. Die Jugend ist die Poesie des Lebens, und die äußerlich ungebundene und sorgenlose Freiheit der Studenten auf der Universität die bedeutendste Schule dieser Poesie, und man möchte ihr beständig zurufen: sei nur vor allen Dingen jung! Denn ohne Blüte keine Frucht.

Bilder: via Frank T. Zumbach: Long Gone, Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6, alle 4. August 2021.

Soundtrack: Robert Schumann: Quintett Es-Dur für 2 Violinen, Viola, Violoncello und Klavier opus 44, 1842;
Carmina Quartet mit Konstanze Eickhorst, Klavier: Martha Argerich,
live auf dem KlavierFestival Ruhr 2016:

Written by Wolf

15. Oktober 2021 at 00:01

Filetstück 0003, 2 von 3: Der Adel überhaupt aber zerfiel damals in drei sehr verschiedene Hauptrichtungen (Der Adel und die Revolution)

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Update zu Filetstück 0003, 1 von 3: Europamüde vor Langerweile (Vorwort):

Der geplante erste Teil von Eichendorffs Memoiren Der Adel und die Revolution wurde von seinem Sohn, zugleich Herausgeber politisch unverfänglicher zu Deutsches Adelsleben am Schlusse des vorigen Jahrhunderts verglimpft. Zur sonstigen Motivation und Anordnung des Fragments siehe den ersten Teil des dreiteiligen „Filetstücks“.

——— Joseph von Eichendorff:

Erlebtes

1857, gedruckt posthum in Hermann von Eichendorff, Hrsg.:
Aus dem literarischen Nachlasse Joseph Freiherrn von Eichendorffs, Paderborn 1866,
als Erlebtes. Deutsches Adelsleben am Schlusse des vorigen Jahrhunderts; Halle und Heidelberg:

I. Der Adel und die Revolution

Sehr alte Leute wissen sich wohl noch einigermaßen der sogenannten guten alten Zeit zu erinnern. Sie war aber eigentlich weder gut noch alt, sondern nur noch eine Karikatur des alten Guten. Das Schwert war zum Galanteriedegen, der Helm zur Zipfelperücke, aus dem Burgherrn ein pensionierter Husarenoberst geworden, der auf seinem öden Landsitz, von welchem seine Vorfahren einst die vorüberziehenden Kaufleute gebrandschatzt hatten, nun seinerseits von den Industriellen belagert und immer enger eingeschlossen wurde. Es war mit einem Wort die mürb und müde gewordene Ritterzeit, die sich puderte, um den bedeutenden Schimmel der Haare zu verkleiden; einem alten Gecken vergleichbar, der noch immer selbstzufrieden die Schönen umtänzelt, und nicht begreifen kann und höchst empfindlich darüber ist, daß ihn die Welt nicht mehr für jung halten will.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Der Adel in seiner bisherigen Gestalt war ganz und gar ein mittelalterliches Institut. Er stand durchaus auf der Lehenseinrichtung, wo, wie ein Planetensystem, die Zentralsonne des Kaisertums von den Fürsten und Grafen und diese wiederum von ihren Monden und Trabanten umkreist wurden. Die wechselseitige religiöse Treue zwischen Vasall und Lehnsherrn war die bewegende Seele aller damaligen Weltbegebenheiten und folglich die welthistorische Macht und Bedeutung des Adels. Aber der Dreißigjährige Krieg, diese große Tragödie des Mittelalters, hatte den letzteren, der ohnedem schon längst an menschlicher Altersschwäche litt, völlig gebrochen und beschlossen. Indem er die Idee des Kaisers, wenigstens faktisch, aus der Mitte nahm oder doch wesentlich verschob, mußte notwendig der ganze strenggegliederte Bau aus seinen Fugen geraten. Die Stelle der idealen Treue wurde sofort von der materiellen Geldkraft eingenommen; die mächtigeren Vasallen kauften Landsknechte und wurden Raubritter im großen, die kleinern, die in der allgemeinen Verwirrung oft selbst nicht mehr wußten, wem sie verpflichtet, folgten dem größeren Glücke oder besserem Solde. Und als endlich die Wogen sich wieder verlaufen, bemerkte der erstaunte Adel zu spät, daß er sich selbst aus dem großen Staatsverbande heraus, auf den ewig beweglichen Triebsand gesetzt hatte: aus dem freien Lehensadel war unversehens ein Dienstadel geworden, der zu Hofe ging oder bei den stehenden Heeren sich einschreiben ließ.

So war denn namentlich auch die Ritterlichkeit zuletzt fast ausschließlich an die modernen Offizierkorps gekommen. Auf diese warf nun der Siebenjährige Krieg noch einmal einen wunderbaren Glanz, Ruhmbegier, kecke Lust am Abenteuer, Tapferkeit, aufopfernde Treue und manche der anderen Tugenden, die das Mittelalter groß gemacht, schienen von neuem aufzuleben. Allein es war kein in sich geschlossenes Rittertum im alten Sinne mehr, sondern nur das Aufleuchten einzelner bedeutender Persönlichkeiten, die eben deshalb wohl ihre Namen, nicht aber den Geist des Ganzen unsterblich machen konnten. Auch hier gibt schon das Kostüm, das niemals willkürlich oder zufällig ist, ein charakteristisches Signalement dieses neuen Ritters. Die Eisenrüstung war ihm allmählich zum Küraß, der Küraß zum bloßen Brustharnisch und dieser endlich gar zu einem handbreiten Blechschildchen zusammengeschrumpft, das er gleichsam zum Andenken an die entschwundene Rüstung wie etwa jetzt der Orden zweiter Klasse, dicht unter dem Halse trug, die Rechte, der die Manschette nicht fehlen durfte, ruhte auf einem stattlichen spanischen Rohr, das gepuderte Haupt umschwebten zu beiden Seiten, anstatt der alten Geierflügel, zwei wurfähnlich aufgerollte Locken und „der Zopf der hing ihm hinten“. Ein Ritter mit dem Zopf ist aber durchaus eine undenkbare Mißgeburt, was die armen Bildhauer, welche die Helden des Siebenjährigen Krieges darstellen sollen, am schmerzlichsten empfinden. Und dieser fatale Zopf war in der Tat das mystische Symbol der verwandelten Zeit: alles Naturwüchsige, als störend und abgemacht, hinter sich geworfen und mumienhaft zusammengewickelt, bedeutete er zugleich den Stock, die damalige Zentripetalkraft der Heere.

Die jungen Kavaliere jener Zeit dienten in der Regel nicht um einen Krieg, sondern um einen galanten Feldzug gegen die Damen so lange mitzumachen, bis sie die Verwaltung ihrer Güter antreten konnten, oder, wenn sie keine hatten, bis sie mit der glänzenden Uniform eine Schöne oder auch Häßliche erobert, die ihre vielen Schulden zu bezahlen bereit und imstande war. Vom Ritterwesen hatten sie einige verworrene Reminiszenzen ererbt und auf ihre Weise sich zurechtgemacht: vom ehemaligen Frauendienst die fade Liebelei, von der altdeutschen Ehre einen französischen, höchst kapriziösen point d’honneur, vom strengen Lehnsverbande einen kapriziösen Esprit de corps, der nur selten über den ordinärsten Standesegoismus hinauslangte. Es war die hohe Schule des Junkertums, an die selbst Fouqués Recken mit ihren Gardereiterpositionen und ausbündig galanten Redensarten noch zuweilen erinnern.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Der Adel überhaupt aber zerfiel damals in drei sehr verschiedene Hauptrichtungen. Die zahlreichste, gesündeste und bei weitem ergötzlichste Gruppe bildeten die, von den großen Städten abgelegenen kleineren Gutsbesitzer in ihrer fast insularischen Abgeschiedenheit, von der man sich heutzutage, wo Chausseen und Eisenbahnen Menschen und Länder zusammengerückt haben und zahllose Journale wie Schmetterlinge, den Blütenstaub der Zivilisation in alle Welt vertragen, kaum mehr eine deutliche Vorstellung machen kann. Die fernen blauen Berge über den Waldesgipfeln waren damals wirklich noch ein unerreichbarer Gegenstand der Sehnsucht und Neugier, das Leben der großen Welt, von der wohl zuweilen die Zeitungen Nachricht brachten, erschien wie ein wunderbares Märchen. Die große Einförmigkeit wurde nur durch häufige Jagden, die gewöhnlich mit ungeheurem Lärm, Freudenschüssen und abenteuerlichen Jägerlügen endigten, sowie durch die unvermeidlichen Fahrten zum Jahrmarkt der nächsten Landstadt unterbrochen. Die letzteren insbesondere waren seltsam genug und könnten sich jetzt wohl in einem Karnevalszuge mit Glück sehen lassen. Vorauf fuhren die Damen im besten Sonntagsstaate, bei den schlechten Wegen nicht ohne Lebensgefahr, unter beständigem Peitschenknall in einer mit vier dicken Rappen bespannten altmodischen Karosse, die über dem unförmlichen Balkengestell in ledernen Riemen hängend, bedenklich hin und her schwankte. – Die Herren dagegen folgten auf einer sogenannten „Wurst“, einem langen gepolsterten Koffer, auf welchem diese Haimonskinder dicht hintereinander und einer dem andern auf den Zopf sehend, rittlings balancierten. – Am liebenswürdigsten aber waren sie unstreitig auf ihren Winterbällen, die die Nachbarn auf ihren verschneiten Landsitzen wechselweise einander ausrichteten. Hier zeigte es sich, wie wenig Apparat zur Lust gehört, die überall am liebsten improvisiert sein will und jetzt so häufig von lauter Anstalten dazu erdrückt wird. Das größte, schnell ausgeräumte Wohnzimmer mit oft bedrohlich elastischem Fußboden stellte den Saal vor, der Schulmeister mit seiner Bande das Orchester, wenige Lichter in den verschiedenartigsten Leuchtern warfen eine ungewisse Dämmerung in die entfernteren Winkel umher, und über die Gruppe von Verwalter- und Jägerfrauen, die in der offenen Nebentüre Kopf an Kopf dem Tanze der Herrschaften ehrerbietig zusahen. Desto strahlender aber leuchteten die frischen Augen der vergnügten Landfräulein, die beständig untereinander etwas zu flüstern, zu kichern und zu necken hatten. Ihre unschuldige Koketterie wußte noch nichts von jener fatalen Prüderie, die immer nur ein Symptom von sittlicher Befangenheit ist. Man konnte sie füglich mit jungen Kätzchen vergleichen, die sorglos in wilden und doch graziös-anmutigen Sprüngen und Windungen im Frühlingssonnenscheine spielen. Denn hübsch waren sie meist, bis auf wenige dunkelrote Exemplare, die in ihrem knappen Festkleide, wie Päonien, von allzu massiver Gesundheit strotzten. – Der Ball wurde jederzeit noch mit dem herkömmlichen Initialschnörkel einer ziemlich ungeschickt aus geführten Menuett eröffnet, und gleichsam parodisch mit dem graden Gegenteil, dem tollen „Kehraus“ beschlossen. Ein besonders gutgeschultes Paar gab wohl auch, von einem Kreise bewundernder Zuschauer umringt, den „Kosakischen“ zum besten, wo nur ein Herr und eine Dame ohne alle Touren, sie in heiter zierlichen Bewegungen, er mit grotesker Kühnheit wie ein am Schnürchen gezogener Hampelmann abwechselnd gegeneinander tanzten. Überhaupt wurde damals, weil mit Leib und Seele, noch mit einer aufopfernden Todesverachtung und Kunstbeflissenheit getanzt, gegen die das heutige vornehm nachlässige Schlendern ein ermüdendes Bild allgemeiner Blasiertheit darbietet. Dabei schwirrten die Geigen und schmetterten die Trompeten und klirrten unaufhörlich die Gläser im Nebengemach, ja zuweilen, wenn der Punsch stark genug gewesen, stürzten selbst die alten Herren, zum sichtbaren Verdruß ihrer Ehefrauen, sich mit den ungeheuerlichsten Kapriolen mit in den Tanz; es war eine wahrhaft ansteckende Lustigkeit. Und zuletzt dann noch auf der nächtlichen Heimfahrt durch die gespensterhafte Stille der Winterlandschaft unter dem klaren Sternenhimmel das selige Nachträumen der schönen Kinder.

Die Glücklichen hausten mit genügsamem Behagen großenteils in ganz unansehnlichen Häusern (unvermeidlich „Schlösser“ geheißen), die selbst in der reizendsten Gegend nicht etwa nach ästhetischem Bedürfnis schöner Fernsichten angelegt waren, sondern um aus allen Fenstern Ställe und Scheunen bequem überschauen zu können. Denn ein guter Ökonom war das Ideal der Herren, der Ruf einer „Kernwirtin“ der Stolz der Dame. Sie hatten weder Zeit noch Sinn für die Schönheit der Natur, sie waren selbst noch Naturprodukte. Das bißchen Poesie des Lebens war als nutzloser Luxus lediglich den jungen Töchtern überlassen, die denn auch nicht verfehlten, in den wenigen müßigen Stunden längst veraltete Arien und Sonaten auf einem schlechten Klaviere zu klimpern und den hinter dem Hause gelegenen Obst- und Gemüsegarten mit auserlesenen Blumenbeeten zu schmücken. Gleich mit Tagesanbruch entstand ein gewaltiges Rumoren in Haus und Hof, vor dem der erschrockene Fremde, um nicht etwa umgerannt zu werden, eilig in den Garten zu flüchten suchte. Da flogen überall die Türen krachend auf und zu, da wurde unter vielem Gezänk und vergeblichem Rufen gefegt, gemolken, und gebuttert, und die Schwalben, als ob sie bei der Wirtschaft mit beteiligt wären, kreuzten jubelnd über dem Gewirr, und durch die offenen Fenster schien die Morgensonne so heiter durchs ganze Haus über die vergilbten Familienbilder und die Messingbeschläge der alten Möbel, die jetzt als Rokoko wieder für jung gelten würden. An schönen Sommernachmittagen aber kam häufig Besuch aus der Nachbarschaft. Nach den geräuschvollen Empfangskomplimenten und höflichen Fragen nach dem werten Befinden, ließ man sich dann gewöhnlich in der desolaten Gartenlaube nieder, auf deren Schindeldache der buntübermalte hölzerne Cupido bereits Pfeil und Bogen eingebüßt hatte. Hier wurde mit hergebrachten Späßen und Neckereien gegen die Damen scharmütziert, hier wurde viel Kaffee getrunken, sehr viel Tabak verraucht, und dabei von den Getreidepreisen, von dem zu verhoffenden Erntewetter, von Prozessen und schweren Abgaben verhandelt; während die ungezogenen kleinen Schloßjunker auf dem Kirschbaum saßen und mit den Kernen nach ihren gelangweilten Schwestern feuerten, die über den Gartenzaun ins Land schauten, ob nicht der Federbusch eines insgeheim erwarteten Reiteroffiziers der nahen Garnison aus dem fernen Grün emportauche. Und dazwischen tönte vom Hofe herüber immerfort der Lärm der Sperlinge, die sich in der Linde tummelten, das Gollern der Truthähne, der einförmige Takt der Drescher und all jene wunderliche Musik des ländlichen Stillebens, die den Landbürtigen in der Fremde, wie das Alphorn den Schweizer oft unversehens in Heimweh versenkt. In den Tälern unten aber schlugen die Kornfelder leise Wellen, überall eine fast unheimlich schwüle Gewitterstille, und niemand merkte oder beachtete es, daß das Wetter von Westen bereits aufstieg und einzelne Blitze schon über dem dunklen Waldeskranze prophetisch hin und her zuckten.

Man sieht, das Ganze war ein etwas ins Derbe gefertigtes Idyll, nicht von Geßner, sondern etwa wie das „Nußkernen“ vom Maler Müller. Da fehlte es nicht an manchem höchst ergötzlichen Junker Tobias oder Junker Christoph von Bleichenwang, aber ebensowenig auch an tüchtigen Charakteren und patriarchalischen Zügen. Denn diese Edelleute standen in der Bildung nur wenig über ihren „Untertanen“, sie verstanden daher noch das Volk und wurden vom Volke wieder begriffen. Es war zugleich der eigentliche Tummelplatz der jetzt völlig ausgestorbenen Originale, jener halb eigensinnigen, halb humoristischen Ausnahmenaturen, die den stagnierenden Strom des alltäglichen Philisteriums mit großem Geräusch in Bewegung setzten, indem sie, gleich wilden Hummeln, das konventionelle Spinnengewebe beständig durchbrachen. Unter ihnen sah man noch häufig bramarbasierende Haudegen des Siebenjährigen Krieges und wieder andre, die mit einer unnachahmlich lächerlichen Manneswürde von einer gewissen Biederbigkeit Profession machten. Die fruchtbarsten in diesem Genre aber waren die sogenannten „Krippenreiter„, ganz verarmte und verkommene Edelleute, die, wie die alten Schalksnarren, von Schloß zu Schloß ritten und, als Erholung von dem ewigen Einerlei, überall willkommen waren. Sie waren zugleich Urheber und Zielscheibe der tollsten Schwänke, Maskeraden und Mystifikationen, denn sie hatten, wie Falstaff, die Gabe, nicht nur selbst witzig zu sein, sondern auch bei anderen Witz zu erzeugen.

Unser deutscher Lafontaine ist, bei aller sentimentalen Abschwächung, nicht ohne einige historische Bedeutung, indem er uns oft einen recht anschaulichen Prospekt in jene gute alte Zeit eröffnet, deren adeliger Zopf sich noch fühlbar durch alle seine Romane hindurchzieht.

In der zweiten Reihe des Adels dagegen standen die Exklusiven, Prätentiösen, die sich und andere mit übermäßigem Anstande langweilten. Sie verachteten die erstere Gruppe und wurden von dieser ebenso gründlich verachtet; beides sehr natürlich, denn diese hatten die frischere Lebenskraft, die jene als plebejisches Krautjunkertum bemitleideten, die Exklusiven aber eine zeitgemäßere Bildung voraus, welche von ersteren nicht verstanden oder als affektierte Vornehmtuerei zurückgewiesen wurde. Bei diesen Vornehmen war nun die ganze Szenerie eine andere. Sie bewohnten wirkliche Schlösser, der Wirtschaftshof, dessen gemeine Atmosphäre besonders den Damen ganz unerträglich schien, war in möglichste Ferne zurückgeschoben, der Garten trat unmittelbar in den Vordergrund. Und diese Gärten müssen wir uns hier notwendig etwas genauer ansehen. Denn diese Adelsklasse, wie bereits erwähnt, ambitionierte sich durchaus, mit der Zeitbildung fortzuschreiten; und obgleich sie in der Regel nichts weniger als Literaten waren, so konnten sie doch nicht umhin, den Geist der jedesmaligen Literatur wenigstens äußerlich, als Mode, in ihrem Luxus abzuspiegeln. Die Gartenkunst aber, wie alle Künste untereinander, hängt mit den wechselnden Phasen namentlich der eben herrschenden poetischen Literatur jederzeit wesentlich zusammen.

Es ist leider hinreichend bekannt, daß wir einst das große poetische Pensum, das uns der Himmel aufgegeben, ungeschickterweise vergessen hatten und daher zu gerechter Strafe lange Zeit in der französischen Schule nachsitzen mußten, wo die Muse, sie mochte nun mutwillig oder tragisch sein, nur in Schnürleib und Reifrock erscheinen durfte. Und der abgemessenen Architektonik dieser Schule entspricht denn auch zunächst der feierliche Kurialstil unserer damaligen geradlinigen Ziergärten:

Es glänzt der Tulpenflor, durchschnitten von Alleen,
Wo zwischen Taxus still die weißen Statuen stehen,
Mit goldnen Kugeln spielt die Wasserkunst im Becken,
Im Laube lauert Sphinx, anmutig zu erschrecken.

Die schöne Chloe da spazieret in dem Garten,
Zur Seit ein Kavalier, ihr höflich aufzuwarten,
Und hinter ihnen leis Cupido kommt gezogen,
Bald duckend sich im Grün, bald zielend mit dem Bogen.

Es neigt der Kavalier sich in galantem Kosen,
Mit ihrem Fächer schlägt sie manchmal nach dem Losen,
Es rauscht der taftne Rock, es blitzen seine Schnallen,
Dazwischen hört man oft ein art’ges Lachen schallen.

Jetzt aber hebt vom Schloß, da sich’s im West will röten
Die Spieluhr schmachtend an, ein Menuett zu flöten.
Die Laube ist so still, er wirft sein Tuch zur Erde
Und stürzet auf ein Knie mit zärtlicher Gebärde.

„Wie wird mir, ach, ach, ach, es fängt schon an zu dunkeln –“
„So angenehmer nur seh ich zwei Sterne funkeln – –“
„Verwegner Kavalier!“ – „Ha, Chloe, darf ich hoffen? –“
Da schießt Cupido los und hat sie gut getroffen.

So ungefähr sind uns diese, ganz bezeichnend französisch benannten, Lust- und Ziergärten jederzeit vorgekommen. Wir konnten uns dieselben niemals ohne solche Staffage, diese Chloes und galanten Kavaliere nicht ohne solchen Garten denken; und insofern hatten diese Paradegärten allerdings ihre vollkommene Berechtigung und Bedeutung: Sie sollten eben nur eine Fortsetzung und Erweiterung des Konversationssalons vorstellen. Daher mußte die zudringlich störende Natur durch hohe Laubwände und Bogengänge in einer gewissen ehrerbietigen Form gehalten werden, daher mußten Götterbilder in Allongeperücken überall an den Salon und die französierte Antike erinnern; und es ist nicht zu leugnen, daß in dieser exklusiven Einsamkeit, wo anstatt der gemeinen Waldvögel nur der Pfau courfähig war, die einzigen Naturlaute: die Tag und Nacht einförmig fortrauschenden Wasserkünste, einen um so gewaltigeren, fast tragischen Eindruck machten. Allein solche wesentlich architektonische Effekte sind immer nur durch große würdige Dimensionen erreichbar, wozu es bei den deutschen Landschlössern gewöhnlich an Raum und Mitteln fehlte. Überdies war das Ganze im Grunde nichts weniger als national, sondern nur eine Nachahmung der Versailler Gartenpracht; jede Nachahmung aber, weil sie denn doch immer etwas Neues und Apartes aufweisen will, gerät unfehlbar in das Übertreiben und Überbieten des Vorbildes. Und so erblicken wir denn auch hier, besonders von Holland her, sehr bald und nicht ohne Entsetzen die Mosaikbeete von bunten Scherben, die Pyramiden und abgeschmackten Tiergestalten von Buxbaum, die vielen schlechten, zum Teil hölzernen Götterbilder, mit einem Wort: die Karikatur; und auf diesen Plätzen promenierte der alte Gottsched als Prinz Rokoko mit seinem Gefolge.

Aber dem feierlichen Professor trat fast schon auf die Ferse die bekannte literarische Rebellion gegen das französische Regime, zum Teil durch Franzosen selbst. Rousseau, Diderot, Lessing, jeder in seiner Art, vindizierten der Natur wieder ihr angeborenes Recht. Da brach auf einmal auch das Prachtgerüste jener alten Gärten zusammen, die lang abgesperrte Wildnis kletterte hurtig von allen Seiten über die Buxwände und Scherbenbeete herein, die Natur selbst war ihnen noch nicht natürlich genug, man wollte womöglich bis in den Urwald zurück, und ein wüstes Gehölz mit wenigen Blumen und vielen ärgerlichen Schlangenpfaden, auf denen man nicht vom Fleck und zum Ziele gelangen konnte, mußte den neuen Park bedeuten. Dazu kam noch die in Deutschland unsterbliche Sentimentalität, in beständigem Handgemenge mit dem Terrorismus einer groben Vaterländerei, Lafontaine und Iffland gegen Spieß und Cramer, und über alle hinweg schritt der stolze, kein Vaterland anerkennende Kosmopolitismus. Und sofort finden wir denn dieselbe Anarchie auch in dem neuen Garten wieder: idyllische Hütten und Tränenurnen für imaginäre Tote neben schauerlichen Burgruinen, Heiligenkapellen neben japanischen Tempeln und chinesischen Kiosks; und damit in der totalen Konfusion doch jeder wisse, wie und was er eigentlich zu empfinden habe, wurden an den Bäumen als gefühlvolle Wegweiser, Tafeln mit Sprüchen und sogenannten schönen Stellen aus Dichtern und Philosophen ausgehängt. – Jeder wahre Garten aber, sagt Tieck irgendwo ganz richtig, ist von seiner eigentümlichen Lage und Umgebung bedingt, er muß ein schönes Individuum sein, und kann also nur einmal existieren.

Und eben dies war auch das Geschick oder vielmehr Ungeschick der damaligen Bewohner jener Schlösser. Sie waren, wie ihre Gärten, nicht eigentümlich ausgeprägte Individuen, hatten auch keine Nationalgesichter, sondern nur eine ganz allgemeine Standesphysiognomie; überall bis zur tödlichsten Langweiligkeit, dieselbe Courtoisie, dieselben banalen Redensarten, Liebhabereien und Abneigungen. Sie waren die Akteurs der großen Weltbühne, die nicht den Zeitgeist machten, sondern den Zeitgeist spielten; das Dekorationswesen der Repräsentation war daher ihr eigentliches Fach und Studium, und bühnengerecht zu sein ihr Stolz. Die alten Kavaliere nebst Haarbeutel und Stahldegen waren nun freilich von der Bühne verschwunden, die neuen hatten aber von ihnen die pedantische Kultur des Anstandes als heiligstes Familienerbstück überkommen. Allein der an sich löbliche Anstand ist doch nur der Schein dessen, was er eigentlich bedeuten soll, und so ging ihnen denn auch ihr Dasein lediglich in einer traditionellen Ästhetik des Lebens auf. Ihre Ställe verwandelten sich in Prachttempel, wo mit schönen Pferden und glänzenden Schweizerkühen ein fast abgöttischer Kultus getrieben wurde, im Innern des Schlosses schillerte ein blendender Dilettantismus in allen Künsten und Farben, die Fräuleins musizierten, malten oder spielten mit theatralischer Grazie Federball, die Hausfrau fütterte seltene Hühner und Tauben oder zupfte Goldborten, und alle taten eigentlich gar nichts. Sie hatten sich gleichsam die Prosa des Lebensdramas in ein prächtiges Metrum transferiert, und das ist ihre große negative Bedeutsamkeit, daß sie dadurch allerdings langehin das absolut Gemeine und Rohe unterdrückten und abwehrten. Aber Metrik ist noch keine Poesie, und den Gehalt des Lebens konnten sie dadurch nicht veredeln.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Die dritte und bei weitem brillanteste Gruppe endlich war die extreme. Hier figurierten die ganz gedankenlosen Verschwender, jene „im Irrgarten der Liebe herumtaumelnden Kavaliere„, welche ziemlich den Zug frivoler Libertinage repräsentierten, der sich wie eine narkotische Liane durch die damalige Literatur schlang. Zu diesem Berufe wurden die jungen Herren schon frühzeitig mit der sogenannten „guten Konduite“ ausgerüstet, d.h. sie mußten bei meist sehr zweideutigen und abenteuernden Strolchen tanzen, fechten, reiten und Französisch sprechen lernen. Die Eltern hatten vor lauter feiner Lebensart und gesellschaftlichen Pflichten weder Zeit noch Lust, sich um die langweilige Pädagogik zu kümmern, die eigentliche Erziehung war vielmehr gewöhnlich gewissenlosen oder unwissenden Ausländern von armer und geringer „Extraktion“ überlassen; die natürlich von ihren vornehmen Zöglingen in aller Weise düpiert wurden. Eine Anekdote aus dem Leben mag vielleicht am anschaulichsten andeuten, wie cavalièrement sich dieses Verhältnis oft gestaltete. Einer dieser Jünglinge hatte einen zwar gewissenhaften, aber sehr pedantischen Mentor, der wohl nicht ohne Grund nächtliche Ausflüge argwöhnen mochte und daher, wenn er, nachts im Garten eine ungewöhnliche Bewegung wahrnahm, jedesmal sich vorsichtig zum Fenster hinauszulehnen pflegte, um seinen Zögling zu belauern. Das war dem letztern schon längst störend und verdrießlich gewesen; er machte daher einmal in seinem nächtlichen Versteck absichtlich ein verdächtiges Geräusch. Kaum aber hatte der Mentor den Kopf wieder aus dem Fenster gestreckt, als zwei unten bereitstehende, als Spukgeister vermummte Lakaien ihm ihrer Instruktion gemäß einen hölzernen Bogen über den Nacken warfen und den Erschrockenen damit am Fensterbrett festklemmten, während ein dritter ihm, zum großen Ergötzen der Schalke, mit einem langen Pinsel das ganze Gesicht einseifte.

Nach dergleichen Studien wurden dann die „jungen Herrschaften“ mit ihrem autonomen Hofmeister auf Reisen geschickt, um insbesondere auf der hohen Schule zu Paris sich in der Praxis der Galanterie zu vervollkommnen. Da sie jedoch, bei Strafe der sozialen Exkommunikation, nirgends mit dem Volke, sondern wieder nur in den Kreisen von ihresgleichen verkehren durften, die sich damals überall zum Erschrecken ähnlich sahen, so ist es leicht begreiflich, daß sie auf allen ihren Fahrten nichts erfuhren und lernten, und regelmäßig ziemlich blasiert zurückkehrten. Und ebenso natürlich machten sie nun zu Hause, um nur die unerträgliche Langeweile loszuwerden, die verzweifeltsten Anstrengungen, fuhren mit Heiducken, Laufern und Kammerhusaren zum Besuch, rissen ihre alten Schlösser ein und bauten sich lustig moderne Trianons. Allein das forcierte Lustspiel nahm gewöhnlich ein tragisches Ende, dem kurzen Rausche folgte der moralische und finanzielle Katzenjammer. So ein Lebenslauf verpuffte rasch wie ein prächtiges Feuerwerk mit Geprassel, leuchtenden Raketen und sprühenden Feuerrädern, bis zuletzt plötzlich nur noch die halbverbrannten dunklen Gerüste dastanden; und das verblüffte Volk rieb sich die Blendung aus den Augen und lachte auseinanderlaufend über den närrischen Spaß. – Der Spaß hatte jedoch auch seine ernste Kehrseite, und grade diese Gruppe hat dem Adel am empfindlichsten geschadet, wie denn überall liebenswürdiger Leichtsinn und Unverstand gefährlicher ist als abstoßende Bosheit. Denn sie waren es vorzüglich, die nicht nur ihren eigenen Stand in schlimmen Ruf brachten, sondern auch in den unteren Schichten der Gesellschaft, die damals noch gläubig und bewundernd zum Adel aufblickten, die Seuche der Glanz und Genußsucht verbreiteten. Sie haben zuerst die schöne Pietät des von Generation zu Generation fortgeerbten Grundbesitzes untergraben, indem sie denselben in ihrer beständigen Geldnot durch verzweifelte Güterspekulationen zur gemeinen Ware machten. Und so legten sie unwillkürlich mit ihrem eigenen Erbe den Goldgrund zu der von ihnen höchst verachteten Geldaristokratie, die sie verschlang und ihre Trianons in Fabriken verwandelte.

Glücklicherweise aber läßt sich das menschliche Walten nicht in einzelne Kapitel und Paragraphen einfangen. Es versteht sich daher von selbst, daß die Grenzen aller jener Gruppen, die hier nur des klareren Überblicks wegen so konzentriert und scharf gesondert wurden, im Leben häufig ineinanderliefen. Am isoliertesten standen wohl die Prätentiösen durch ihre außerordentliche Langweiligkeit, die sie aller Welt als guten Geschmack aufdringen wollten. Am leichtesten dagegen sympathisierten die erste und dritte Gruppe miteinander, denn die unbefangenen Landjunker besaßen eben noch hinreichenden Humor, um sich an dem Mutwillen und den tollen Luftsprüngen ihrer extremen Standesgenossen zu ergötzen, während die letzteren beständig das Bedürfnis immer neuer und frappanterer Amüsements verspürten, und sich von dem ewigen Nektar nach derberer Hausmannskost sehnten; es bestand zwischen beiden ein stillschweigender Pakt wechselseitiger Erfrischung. In allen Klassen aber gab es noch Familien genug, die gleichsam mit einem traditionellen Instinkt, den alten Stammbaum frommer Zucht und Ehrenhaftigkeit in den Stürmen und Staubwirbeln der neuen Überbildung, wenn auch nicht zu regenerieren, doch wacker aufrechtzuhalten wußten; sowie einzelne merkwürdige und alle Standesschranken hoch überragende Charaktere, auf die wir weiterhin noch besonders zurückkommen wollen.

So ungefähr standen die Sachen in den letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts. Es brütete, wie schon gesagt, eine unheimliche Gewitterluft über dem ganzen Lande, jeder fühlte, daß irgend etwas Großes im Anzuge sei, ein unausgesprochenes, banges Erwarten, man wußte nicht von was, hatte mehr oder minder alle Gemüter beschlichen. In dieser Schwüle erschienen, wie immer vor nahenden Katastrophen, seltsame Gestalten und unerhörte Abenteurer, wie der Graf St. Germain, Cagliostro u.a., gleichsam als Emissäre der Zukunft. Die ungewisse Unruhe, da sie nach außen nichts zu tun und zu bilden fand, fraß immer weiter und tiefer nach innen; es kamen die Rosenkreuzer, die Illuminaten, man improvisierte allerlei private Geheimbünde für Beglückung und Erziehung der Menschheit, wie wir sie z.B. in Goethes „Wilhelm Meister“ auf Lotharios Schlosse sehen; albern und kindisch, aber als Symptome der Zeit von prophetischer Vorbedeutung. Denn der Boden war längst von heimlichen Minen, welche die Vergangenheit und Gegenwart in die Luft sprengen sollten, gründlich unterwühlt, man hörte überall ein spukhaftes unterirdisches Hämmern und Klopfen, darüber aber wuchs noch lustig der Rasen, auf dem die fetten Herden ruhig weideten. Vorsichtige Grübler wollten zwar schon manchmal gelinde Erdstöße verspürt haben, ja die Kirchen bekamen hin und wieder bedenkliche Risse, allein die Nachbarn, da ihre Häuser und Krämerbuden noch ganz unversehrt standen, lachten darüber, den guten Leuten im „Faust“ vergleichbar, die beim Glase Bier vom fernen Kriege, weit draußen in der Türkei behaglich diskurrieren.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Man kann sich daher heutzutage schwer noch einen Begriff machen von dem Schreck und der ungeheueren Verwirrung, die der plötzliche Knalleffekt durch das ganze Philisterium verbreitete, als nun die Mine in Frankreich wirklich explodierte. Die Landjunker wollten gleich aus der Haut fahren und den Pariser Drachen ohne Barmherzigkeit spießen und hängen. Die Prätentiösen lächelten vornehm und ungläubig und ignorierten den impertinenten Pöbelversuch, Weltgeschichte machen zu wollen; ja es galt eine geraume Zeit unter ihnen für plebejisch, nur davon zu sprechen. Die Extremen dagegen, die ohnedem zu Hause damals nicht viel mehr zu verlieren hatten, erfaßten die Revolution als ein ganz neues und höchst pikantes Amüsement und stürzten sich häufig kopfüber in den flammenden Krater. – Es ist überhaupt ein Irrtum, wenn man den Adel jener Zeit als die ausschließlich konservative Partei bezeichnen will. Er hatte, wie wir gesehen, damals nur noch ein schwaches Gefühl und Bewußtsein seiner ursprünglichen Bedeutung und Bestimmung, eigentlich nur noch eine vage Tradition zufälliger Äußerlichkeiten und folglich selbst keinen rechten Glauben mehr daran. Überdies war das Neue in Deutschland noch keineswegs bis zum Volke gedrungen, es war lediglich eine Geheimwissenschaft der sogenannten gebildeten Klassen, und daher häufig von Adeligen vertreten. Unter ihnen befanden sich viele ernste und hochgestimmte Naturen, die überall zuletzt den Ausschlag geben; aber grade diese, da sie die Unrettbarkeit des Alten einsahen, waren dem Neuen zugewandt. Und diese hatten den schlimmsten Stand. Den Landjunkern waren sie zu gelehrt und durchaus unverständlich, den Prätentiösen zu bürgerlich, den Extremen zu schulmeisterlich; sie wurden von allen ihren Standesgenossen als Renegaten desavouiert, was sie denn freilich in gewissem Sinne auch wirklich waren. Aus diesen Sonderbündlern sind später, als die Revolution zur Tat geworden, einige höchst denkwürdige Charaktere hervorgegangen. So der rastlos unruhige Freiheitsfanatiker Baron Grimm, unablässig wie der Sturmwind die Flammen schürend und wendend, bis sie über ihm zusammenschlugen und ihn selbst verzehrten. So auch der berühmte Pariser Einsiedler Graf Schlabrendorf, der in seiner Klause die ganze soziale Umwälzung wie eine große Welttragödie unangefochten, betrachtend, richtend und häufig lenkend, an sich vorübergehen ließ. Denn er stand so hoch über allen Parteien, daß er Sinn und Gang der Geisterschlacht jederzeit klar überschauen konnte, ohne von ihrem wirren Lärm erreicht zu werden. Dieser prophetische Magier trat noch jugendlich vor die große Bühne, und als kaum die Katastrophe abgelaufen, war ihm der greise Bart bis an den Gürtel gewachsen.

Wenn auf den unwirtbaren Eisgipfeln der Theorie die Lawine fertig und gehörig unterwaschen ist, so reicht der Flug eines Vogels, der Schall eines Wortes hin, um, Felsen und Wälder entwurzelnd, das Land zu verschütten; und dieses Wort hieß: Freiheit und Gleichheit. Das Alte war in der allgemeinen Meinung auf einmal zertrümmert, der goldene Faden aus der Vergangenheit gewaltsam abgerissen. Aber unter Trümmern kann niemand wohnen, es mußte notwendig auf anderen Fundamenten neu gebaut werden, und von da ab begann das verzweifelte Experimentieren der vermeintlichen Staatskünstler, das noch bis heut die Gesellschaft in beständiger fieberhafter Bewegung erhält. Es wiederholte sich abermals der uralte Bau des Babylonischen Turmes mit seiner ungeheueren Sprachenverwirrung, und die Menschheit ging fortan in die verschiedenen Stämme der Konservativen, Liberalen und Radikalen auseinander. Es waren aber vorerst eigentlich nur die Leidenschaften, die unter der Maske der Philosophie, Humanität oder sogenannten Untertanentreue, wie Drachen mit Lindwürmen auf Tod und Leben gegeneinander kämpften; denn die Ideen waren plötzlich Fleisch geworden und wußten sich in dem ungeschlachten Leibe durchaus noch nicht zurechtzufinden.

Fassen wir jedoch diesen Kampf der entfesselten und gärenden Elemente schärfer ins Auge, so bemerken wir den der Religion gegen die Freigeisterei, als das eigentlich bewegende Grundprinzip, offenbar im Vordertreffen, denn die Veränderungen der religiösen Weltansicht machen überall die Geschichte. Hier aber war der Kampf zunächst ein sehr ungleicher. Der kleine Landadel trieb großenteils die Religion nur noch wie ein löbliches Handwerk, und blamierte sich damit nicht wenig vor den weit ausgreifenden Fortschrittsmännern. Die vermeintlich gebildeteren Adelsklassen dagegen, denen die Lächerlichkeit jederzeit als die unverzeihlichste Todsünde erschien, hatten, schon längst mit den freigeisterischen französischen Autoren heimlich fraternisierend, die neue Aufklärung als notwendige Mode- und Anstandssache, gleichsam als moderne Gasbeleuchtung ihrer Salons stillschweigend bei sich aufgenommen, und erschraken jetzt zu spät vor den ganz unanständigen Konsequenzen, da ihre Franzosen plötzlich Gott abschafften und die nackte Vernunft leibhaftig auf den Altar stellten. Wie aber sollten sie so halbherzig und nachdem sie die rechte Waffe selbst aus der Hand gegeben, sich nun den ungestümen Drängern entgegenstemmen? Es konnte nicht anders sein: die neue Welt schritt über ihre ganz verblüfften Köpfe hinweg, ohne nach ihnen zu fragen. Christus galt fortan für einen ganz guten, nur leider etwas überspannten Mann, dem sich jeder Gebildete wenigstens vollkommen ebenbürtig dünkte. Es war eine allgemeine Seligsprechung der Menschheit, die durch ihre eigene Kraft und Geistreichigkeit kurzweg sich selbst zu erlösen unternahm; mit einem Wort: der vor lauter Hochmut endlich toll gewordene Rationalismus, welcher in seiner praktischen Anwendung eine Religion des Egoismus proklamierte.

Hatte man aber hiermit alles auf die subjektive Eigenmacht gestellt, so kam es natürlich nun darauf an, diese Eigenmacht auch wirklich zu einer Weltkraft zu entwickeln; und daraus folgte von selbst der gewaltige Stoß der neuen Pädagogik gegen die alte Edukation. Diese war bisher wesentlich eine partikuläre Standeserziehung gewesen, das Individuum ging in seinem bestimmten Stande, alle Stände aber in der allgemeinen Idee des Christentums auf. Jetzt dagegen sollte auch hier die bloße Natur frei walten, jeder Knabe sollte seine subjektive Art oder Unart ungeniert herausbilden, gleichsam spielend sich selbst erziehn, man wollte lauter Rousseausche Emile, das Endziel war der „starke Mensch“. Diese Emanzipation der Jugend vom alten Schulzwange hatte zunächst Basedow in die derbe Faust genommen, von dessen Dessauer Philantropie Herder sagte: „Mir kommt alles schrecklich vor; man erzählte mir neulich von einer Methode, Eichwälder in zehn Jahren zu machen; wenn man den jungen Eichen unter der Erde die Herzwurzeln nähme, so schieße alles über der Erde in Stamm und Äste. Das ganze Arkanum Basedows liegt, glaub ich, darin, und ihm möchte ich keine Kälber zu erziehen geben, geschweige Menschen.“ – Basedow war ein revolutionärer Renommist, sein Nachfolger Campe ein zahmer Philister; jener hat diesen Realismus aufgebracht, Campe hat ihn für die Gebildeten zurechtgemacht und Goethe das ganze Treiben in seinen „Wanderjahren“ köstlich parodiert.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Allein solcher Umschwung macht sich nirgend so plötzlich, als die sich überstürzenden Pädagogen es wollten und erwarteten. Namentlich die Gymnasien waren noch keineswegs nach der neuen Schablone zugeschnitten, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe hier der moderne Realismus, neben dem alten Klassizismus freundnachbarlich Platz nehmen konnte. Sie waren noch weit davon entfernt, jene Musterkarte von Vielwisserei zu bieten, die nur das eingebildete Halbwissen erzeugt, indem sie das fröhliche Argonautenschiff der Jugend über seine natürliche Tragfähigkeit, mit einer ganz disparaten Ausrüstung belastet, von der dann gewöhnlich die Hälfte als unnützer Ballast wieder über Bord geworfen wird. Die protestantischen Gymnasien jener Zeit basierten noch wesentlich auf der Reformation, welche die Philologie als eine Weltmacht hingestellt hatte. Sie litten daher allerdings an einer, fast nur für künftige Professoren oder Theologen berechneten philologischen Starrheit; haben aber in dieser einseitigen Gründlichkeit Außerordentliches geleistet und eine Menge namhafter Gelehrten in die Welt gesandt. – Dasselbe kann man von den damaligen katholischen Gymnasien nicht rühmen. Diese befanden sich früher größtenteils in den Händen der Jesuiten, die eine mehr allgemeine Bildung mit einer gewissen klösterlichen Zucht und Strenge gar wohl zu vereinigen wußten. Jetzt aber, nach Aufhebung des Ordens, sahen sie sich plötzlich von allen Seiten den Anfechtungen des tumultuarischen Zeitgeistes, und zwar wehrlos, ausgesetzt. Denn die übriggebliebenen Exjesuiten und mit ihnen ihre alten Erziehungstraditionen waren allmählich ausgestorben, und die neuen Lehrkräfte, wie sie die veränderte Zeit durchaus erforderte, noch keineswegs herangebildet. Es entstand aber, bevor man sich nur erst einigermaßen orientiert hatte, notwendig ein augenblicklicher Stillstand, eine sehr fühlbare hin und her schwankende Unsicherheit und schüchterne Nachahmung des protestantischen Wesens, die natürlich anfangs ziemlich ungeschickt ausfallen mußte. Nur das fortdauernde Bedürfnis eines feierlichen Gottesdienstes erhielt hier noch lange Zeit eine ernste und gründliche musikalische Schule, aus der mancher berühmte Künstler hervorgegangen ist. Die Schüler veranstalteten zwar noch immer zur Weihnachtszeit theatralische Vorstellungen, aber statt der früheren, mit aller würdigen Pracht ausgestatteten Aufführung geistlicher Schauspiele, wo man nicht selten kühn auf die Meisterwerke Calderons zurückgegriffen hatte, wurden jetzt alberne Stücke aus dem „Kinderfreund“, ja sogar Kotzebueaden gegeben. Auch ihre sogenannten Konvikte bestanden noch, wirkten jedoch häufig störend durch den aristokratischen Unterschied zwischen den armen Freischülern (Fundatisten) und den reichen Pensionärs, die fast ausschließlich dem Adel angehörten. Denn auch der Adel mußte nun, wenn er nicht von der Zukunft exkludiert sein wollte, dem allgemeinen Zuge folgen. Das nach dem neuen Maßstabe durchaus unzureichende Hauslehrerunwesen, sowie die Pariser Reisestudien hatten fast ganz aufgehört, der Offiziersdienst reduzierte sich immer mehr erblich von Generation zu Generation auf bestimmte unbegüterte Militärfamilien, die jungen Kavaliere gingen auf die Gymnasien wie die andern. Ihre Erziehung war also keine spezifisch adelige mehr, sondern mehr oder minder in die Volksschule aufgegangen.

Fast noch unmittelbarer berührte jedoch den Adel der gleichzeitig zur Herrschaft gelangte Kosmopolitismus, jener seltsame „Überall und Nirgends„, der in aller Welt und also recht eigentlich nirgend zu Hause war. Aus allen möglichen und unmöglichen Tugenden hatte man für das gesamte Menschengeschlecht eine prächtige Bürgerkrone verfertiget, die auf alle Köpfe passen sollte, als sei die Menschheit ein bloßes Abstraktum und nicht vielmehr ein lebendiger Föderativstaat der verschiedensten Völkerindividuen. Alle Geschichte, alles Nationale und Eigentümliche wurde sorgfältigst verwischt, die Schulbücher, die Romane und Schauspiele predigten davon; was Wunder, daß die Welt es endlich glaubte! Der Adel aber war durchaus historisch, seine Stammbäume wurzelten grade in dem Boden ihres speziellen Vaterlandes, der ihnen nun plötzlich unter den Füßen hinwegphilosophiert wurde. Diese barbarische Gleichmacherei, dieses Verschneiden des frischen Lebensbaumes nach einem eingebildeten Maße war die größte Sklaverei; denn was wäre denn die Freiheit anderes, als eben die möglichst ungehinderte Entwickelung der geistigen Eigentümlichkeit?

Hiermit hing wesentlich auch das politische Dogma zusammen, wonach alle Laster, wie etwa jetzt den Jesuiten, dem Adel, alle Tugenden den niederen Ständen zugewiesen wurden. Wer erinnert sich nicht noch aus den damaligen Leihbibliotheken und Theatern der falschen Minister, der abgefeimten Kammerherren, der Scharen unglücklicher Liebender, die vom Ahnenstolz unbarmherzig unter die Füße getreten werden, sowie andrerseits der edelmütigen Essighändler, biederen Förster usw., wovon z.B. Schillers „Kabale und Liebe“ ein geistreiches Resumee gibt. Allein in der Wirklichkeit verhielt es sich anders als in den Leihbibliotheken; es war, nur unter verschiedenen Formen und Richtungen, der eine eben nicht besser und nicht schlimmer als der andre. Der Bauernstolz ist sprichwörtlich geworden, und die Bauern sind noch heutzutage die letzten Aristokraten vom alten Stil. Der Bürgerstand aber hatte längst dieselbe retrograde Bewegung gemacht, wie der Adel. Seine ursprüngliche Bedeutung und Aufgabe war die Wiederbelebung der allmählich stagnierenden Gesellschaft durch neue bewegende Elemente, mit einem Wort: die Opposition gegen den verknöcherten Aristokratismus. In seiner frischen Jugend daher, da er noch mit dem Rittertum um die Weltherrschaft gerungen, atmete er wesentlich einen republikanischen Geist. Die Städte regierten und verteidigten sich selbst, ihre streng gegliederten Handwerkerinnungen waren zugleich eine kriegerische Verbrüderung zu Schutz und Trutz, und die Handelsfahrten in die ferne Fremde erweiterten ihr geistiges Gebiet weit über den beschränkten Gesichtskreis der einsam lebenden Ritter hinaus. Da war überall ein rüstiges Treiben, Erfinden, Wagen, Bauen und Bilden, wovon ihre Münster, sowie ihre welthistorische Hansa ein ewig denkwürdiges Zeugnis geben. Nachdem aber draußen die Burgen gebrochen und somit die bewegenden Ideen der zu erobernden Reichsfreiheit abgenutzt und verbraucht waren, fingen sie nach menschlicher Weise an, die materiellen Mittel, womit ihre jugendliche Begeisterung so Großes geleistet, als Selbstzweck zu betrachten; gleichwie sie ja auch in der Kunst nun die handwerksmäßigen Reimtabulaturen ihres Meistergesanges für Poesie nahmen. Und mit dieser gemeinen Herabstimmung hatten sie auch sich selbst schon aufgegeben, denn ihre Stärke war die Korporation, die Korporation aber ist nur stark durch den beseelenden Geist, der alle dem Ganzen unterordnet und keinen Egoismus duldet. Da aber, wie gesagt, dieser strenge Geist ihnen im Siegesrausch abhanden gekommen, so mußten nun wohl ihre großartigen Vereine in ihre einzelnen Bestandteile auseinanderfallen und jeder Teil in seinen bloßen Schein umschlagen; von ihrer lebendigen Gliederung blieb nur die pedantische Schablone, von ihrem fröhlichen Volksliede nur die Reimtabulatur übrig, ihre Stadtwehr wurde zur geputzten Schützengilde, die nach gemalten Feinden schoß, der alte Welthandel zur Kleinkrämerei. In ihrer schönen Jugendzeit hatten sie die Buchdruckerkunst um der Wissenschaft willen ersonnen und um Gottes willen Kirchen gebaut, an deren kühnen Pfeilern und Türmen die heutigen Geschlechter schwindelnd emporschauen. Jetzt bauten sie Fabriken und Arbeiterkasernen, erfanden klappernde Maschinen zum Spinnen und Weben, und es ist offenbar, die Industrie wuchs zusehends weit und breit. Aber wir dürfen uns keine Illusionen machen. Die Industrie an sich ist eine ganz gleichgültige Sache, sie erhält nur durch die Art ihrer Verwendung und Beziehung auf höhere Lebenszwecke Wert und Bedeutung.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021So hatte also der Bürgerstand – dessen Seele die geistige Bewegung, oder wie wir es jetzt nennen würden: das Prinzip des beständigen Fortschritts war – sich kampfesmüde auf den goldenen Boden des Handwerks gelegt, und die Städte waren allmählich aus einer Weltmacht eine Geldmacht geworden. Allein hierin war ihnen der Adel im allgemeinen durch seinen großen Landbesitz noch immer bedeutend überlegen; sie hatten sich mit ihm auf denselben materiellen Boden gestellt, auf dem sie ihn unmöglich innerlich bewältigen konnten. Sie suchten daher nun äußerlich mit ihm zu rivalisieren, sie wollten nicht bloß frei und reich, sondern auch vornehm sein. Das ist aber jederzeit ein höchst mißliches Unternehmen, denn um vornehm zu erscheinen, muß man, wie Goethe irgendwo sagt, wirklich vornehm, d.h. durch die allgemeine Meinung irgendwie bereits geadelt sein. Das forcierte Vornehmtun macht gerade den entgegengesetzten Effekt: „man merkt die Absicht und ist verstimmt„; wogegen das wirklich Vornehme sich durchaus bequem und passiv zeigt, als ein natürliches bloßes Ablehnen des Gemeinen bei völliger Unbekümmertheit um eine höhere Geltung, die sich ja schon ganz von selbst versteht. Es ist demnach sehr begreiflich, daß jene kleinliche Rivalität der Bürgerlichen, da sie auf der neuen Bühne die ihnen noch mangelnde Routine durch feierlichen Pathos zu ersetzen strebten, anfangs noch ziemlich ungeschickt ausfallen mußte, und daß der Adel seinerseits diese gewaltsamen und pompösen Anstrengungen der „Ellenreiter“ mit einer gewissen Schadenfreude belächelte.

Beides indes, dieses Lächeln sowie jenes Großtun, nahm plötzlich ein Ende mit Schrecken, als gegen Schluß des vorigen Jahrhunderts auf einmal die ganze Aufklärung, die echte und die falsche, aus den Bücherschränken in alle Welt ausgefahren. Es handelte sich nun nicht mehr um dies und jenes, sondern um die gesamte Existenz, Satan sollte durch Beelzebub ausgetrieben werden, es war ein Krieg aller gegen alle. Der grobe Materialismus rang mit körperlosen Abstrakten, die zärtliche Humanität fraternisierte mit der Bestialität des Freiheitspöbels, die dickköpfige Menschheit wurde mit Bluthunden zu ihrer neuen Glückseligkeit gehetzt, und Philosophie und Aberglauben und Atheismus rannten wild gegeneinander, so daß zuletzt in dem rasenden Getümmel niemand mehr wußte, wer Freund oder Feind. – Und in dieser ungeheueren Konfusion tat der Adel grade das Allerungeschickteste. Anstatt die im Sturm umher flatternden Zügel kraft höherer Intelligenz kühn zu erfassen, isolierte er sich stolz grollend und meinte durch Haß und Verachtung die eilfertige Zeit zu bezwingen, die ihn natürlich in seinem Schmollwinkel sitzenließ. Aber nur die völlige Barbarei kann ohne Adel bestehen. In jedem Stadium der Zivilisation wird es, gleichviel unter welchen Namen und Formen, immer wieder Aristokraten geben, d.h. eine bevorzugte Klasse, die sich über die Massen erhebt, um sie zu lenken. Denn der Adel (um ihn bei dem einmal traditionell gewordenen Namen zu nennen) ist seiner unvergänglichen Natur nach das ideale Element der Gesellschaft; er hat die Aufgabe, alles Große, Edle und Schöne, wie und wo es auch im Volke auftauchen mag, ritterlich zu wahren, das ewig wandelbare Neue mit dem ewig Bestehenden zu vermitteln und somit erst wirklich lebensfähig zu machen. Mit romantischen Illusionen und dem bloßen eigensinnigen Festhalten des längst Verjährten ist also hierbei gar nichts getan. Dahin aber scheint der heutige Aristokratismus allerdings zu ziehen, dem wir daher zum Valet wohl meinend zurufen möchten:

Prinz Rokoko, hast dir Gassen
Abgezirkelt fein von Bäumen
Und die Bäume scheren lassen,
Daß sie nicht vom Wald mehr träumen.

Wo sonst nur gemein Gefieder
Ließ sein bäurisch Lied erschallen,
Muß ein Papagei jetzt bieder:
„Vivat Prinz Rokoko!“ lallen.

Quellen, die sich unterfingen,
Durch die Waldesnacht zu tosen,
Läßt du als Fontänen springen
Und mit goldnen Bällen kosen.

Und bei ihrem sanften Rauschen
Geht Damöt bebändert flöten
Und in Rosenhecken lauschen
Daphnen fromm entzückt Damöten.

Prinz Rokoko, Prinz Rokoko,
Laß dir raten, sei nicht dumm!
In den Bäumen, wie in Träumen,
Gehen Frühlingsstimmen um.

Springbrunn in dem Marmorbecken
Singt ein wunderbares Lied,
Deine Taxusbäume recken
Sehnend sich aus Reih und Glied.

Daphne will nicht weiter schweifen
Und Damöt erschrocken schmält,
Können beide nicht begreifen,
Was sich da der Wald erzählt.

Laß die Wälder ungeschoren,
Anders rauscht’s, als du gedacht
Sie sind mit dem Lenz verschworen,
Und der Lenz kommt über Nacht.

Bilder: via Frank T. Zumbach: Long Gone, Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6, alle 4. August 2021.

Soundtrack: François-Adrien Boieldieu: Concerto für Klavier in F-Dur, 1792;
Innsbrucker Symphonieorchester unter Robert Wagner, Klavier: Martin Galling, 1994:

Written by Wolf

8. Oktober 2021 at 00:01

Filetstück 0003, 1 von 3: Europamüde vor Langerweile (Vorwort)

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Update zu Des eigenen Herzens süße Melodie,
Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen: Regensburg bis Grein,
Ahnung und Gegenwart. Jeune femme assise. Wie sie ist
und Eichendorffs Märchen:

Freunde hatten mich längst aufgefordert, meine Memoiren zu schreiben, ohne daß ich mich dazu bisher zu entschließen vermochte. Nun der Abend meines Lebens aber immer tiefer hereindunkelt, fühle ich selbst ein Bedürfniß, im scharfen Abendroth noch einmal mein Leben zu überschauen, bevor die Sonne ganz versunken. Ich will jedoch weniger meinen Lebenslauf schildern, als die Zeit, in der ich gelebt, mit einem Wort: Erlebtes im weitesten Sinne. Wenn dennoch meine Person vorkommt, so soll sie eben nur der Reverbère sein, um die Bilder und Ereignisse schärfer zu beleuchten. Man tadelt an den Memoiren häufig, daß sie entweder die Sentimentalität oder die Reflexion zu sehr vorwalten lassen. Mir scheint, wer die eine oder die andere absichtlich sucht, fehlt ebenso, als wer sie ängstlich vermeidet. Sie wechseln beide nothwendig im Leben, und so will ich denn schreiben, wie sich’s eben schicken und fügen will. Und wenn auch immerhin weder meine Persönlichkeit noch meine Schicksale ein allgemeineres Interesse ansprechen, so dürften doch vielleicht manche Streiflichter dabei auch eine Zeit erhellen, die uns so fremd geworden ist.

Soweit Eichendorff in seinem Todesjahr 1857, überliefert von seinem Sohn Hermann, zugleich Herausgeber seiner ersten Sämmtlichen Werke, 1864 in der Biographischen Einleitung zum 1. Band mit den Gedichten, Seite 212. Leider schaffte er nur noch die ersten beiden Kapitel zu seinen Memoiren auszuführen, die hier als dreiteiliges „Filetstück“ erscheinen.

Das Vorwort dazu druckt Ansgar Hillach noch 1970 in der Gesamtausgabe bei Winkler eben als Vorwort dazu ab — ausdrücklich

trotz erheblicher Bedenken an dieser Stelle belassen, nicht um Koschs kaum begründete Plazierung zu rechtfertigen, sondern um Erlebtes, als ein Fragment, sichtbar in den Zusammenhang der E’schen Bemühungen um eine autobiographische Dichtung zu stellen.

1980 im vierten Band mit Nachlese der Gedichte, Erzählerische und dramatische Fragmente, Tagebücher 1798–1815) wird die Stelle als Vorwort zu den Memoiren als „irrtümlich“ eingestuft und als Entwurf einer Rahmenhandlung zur Einsiedler-Novelle. Tröst-Einsamkeit berichtigt und nach zehn Jahren innerhalb derselben Ausgabe zum zweiten Mal abgedruckt.

Soll noch einer behaupten, Literatur-Wissenschaft wäre keine Wissenschaft.

——— Joseph von Eichendorff:

Erlebtes

1857, gedruckt posthum in Hermann von Eichendorff, Hrsg.:
Aus dem literarischen Nachlasse Joseph Freiherrn von Eichendorffs, Paderborn 1866,
als Erlebtes. Deutsches Adelsleben am Schlusse des vorigen Jahrhunderts; Halle und Heidelberg:

Vorwort

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021An einem schönen warmen Herbstmorgen kam ich auf der Eisenbahn vom andern Ende Deutschlands mit einer Vehemenz dahergefahren, als käme es bei Lebensstrafe darauf an, dem Reisen, das doch mein alleiniger Zweck war, auf das allerschleunigste ein Ende zu machen. Diese Dampffahrten rütteln die Welt, die eigentlich nur noch aus Bahnhöfen besteht, unermüdlich durcheinander wie ein Kaleidoskop, wo die vorüberjagenden Landschaften, ehe man noch irgendeine Physiognomie gefaßt, immer neue Gesichter schneiden, der fliegende Salon immer andere Sozietäten bildet, bevor man noch die alten recht überwunden. Diesmal blieb indessen eine Ruine rechts überm Walde ganz ungewöhnlich lange in Sicht. Europamüde vor Langerweile fragte ich, ohne daß es mir grade um eine Antwort sonderlich zu tun gewesen wäre, nach Namen, Herkunft und Bedeutung des alten Baues; erfuhr aber zu meiner größten Verwunderung weiter nichts als gerade das Unerwartetste, daß nämlich dort oben ein Einsiedler hause. – „Was! so ein wirklicher Eremit mit langem Bart, Rosenkranz, Kutte und Sandalen?“ – Keiner von der Gesellschaft im fliegenden Kasten konnte mir jedoch über diesen impertinenten Rückschritt genügende Auskunft erteilen, niemand hatte den Einsiedel selbst gesehen. Einer der Herren erklärte ihn schlechtweg für einen hochmütigen Sonderling, da er, wie er erfahren, bei der gebildeten Nachbarschaft nirgends Besuch gemacht, ja nicht einmal Visitenkarten umhergeschickt habe. Ein zweiter meinte, da stecke wohl etwas ganz anderes, eine dunkle Tat, ein großes politisches Verbrechen dahinter. – „Ja, diese heimlichen Jesuiten!“ fiel ihm da ein dritter mit einem wichtigen Augenzwick in die Rede, und sprach nichts weiter. Eine Berliner Dame dagegen, die eben ihre Zigarre angeraucht, versicherte lachend, das sei ohne Zweifel der letzte Romantiker, der sich vor dem Fortschritt der wachsenden Bildung in den mittelalterlichen Urwald geflüchtet. Alle stimmten endlich darin überein, daß besagter Einsiedler etwas verdreht im Kopfe sein müsse.

Diese Notwendigkeit wollte mir zwar keineswegs so unbedingt einleuchten, doch war das wenige, das ich gehört, abenteuerlich genug, um mich neugierig zu machen. Ich beschloß daher, auf der nächsten Station zurückzubleiben, und den seltsamen Kauz womöglich in seinem eignen Neste aufzusuchen.

Das war aber nicht so leicht, wie ich’s mir vorgestellt hatte. In den Bahnhöfen ist eine so große Eilfertigkeit, daß man vor lauter Eile mit nichts fertig werden kann. Die Leute wußten genau, in welcher Stunde und Minute ich in Paris oder Triest oder Königsberg, wohin ich nicht wollte, sein könne, über Zugang und Entfernung des geheimnisvollen Waldes aber, wohin ich eben wollte, konnte ich nichts Gewisses erfahren; ja der Befragte blickte verwundert nach der bezeichneten Richtung hin, ich glaube, er hatte die Ruine bisher noch gar nicht bemerkt. Desto besser! dachte ich, schnürte mein Ränzel und schritt wieder einmal mit lang entbehrter Reiselust in die unbestimmte Abenteuerlichkeit des altmodischen Wanderlebens hinein.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Schon war die Rauchschlange des Bahnzuges weit hinter mir in den versinkenden Tälern verschlüpft, statt der Lokomotive pfiffen die Waldvögel grade ebenso wie vor vielen, vielen Jahren, da ich mir als Student zum erstenmal die Welt besehen, als wollten sie fragen, wo ich denn so lange gewesen? So kletterte ich unter dem feierlichen Waldesrauschen auf dem steilen Fußsteig, den mir die Hirten verraten, an einsamen Wiesen vorüber, wo die weidenden Kühe scheu und neugierig nach mir aufsahen, zwischen Weißdorn und Berberitzen, die im vollen Blütenstaat jugendlichen Übermuts auf meine grauen Haare und abgetragene Wandertasche stichelten, siegreich immer höher und höher hinan, bis ich mich endlich durch das Dickicht auf die letzte Höhe herausgearbeitet hatte.

Da lag plötzlich, wie in einem Nest von hohem Gras und Unkraut und die Tatzen weit nach mir vorgestreckt, eine riesenhafte Sphinx neben mir, die mich mit ihren steinernen Augen fragend anglotzte. Und in der Tat, das unverhoffte Ungeheuer gab mir ein Rätsel auf, das mich ganz verwirrte. Denn statt der erwarteten Klüfte, wilden Quellen und Felsenklausen nebst Zubehör erblickte ich einen, freilich arg verwilderten, altfranzösischen Garten: hohe Alleen und gradlinige Kiesgänge; rechts und links einzelne Päonien und Kaiserkronen, über denen bunte Schmetterlinge wie verwehte Blüten dahinschwebten, und in der Mitte eine Fontäne, die einförmig fortplätscherte in der großen Stille; nur ein Pfau spazierte stolz zwischen den Kaiserkronen. Es war aber eben Mittagszeit und eine fast gespenstische Beleuchtung ohne Schatten, die Sonne brannte, die Vögel schwiegen, der Wald rauschte kaum noch wie im Traume. Mir war’s, als ginge ich durch irgendeine Verzauberung mitten in die gute alte Zeit, ich schüttelte mehrmal mit dem Kopf, ob mir nicht etwa unversehens ein Haarbeutel im Nacken gewachsen.

So kam ich an die Ruine, oder vielmehr an ein Schloß, das allerdings ruiniert genug war, aber offenbar weniger durch sein Alter, als durch einen gewaltsamen Brand. Der eine Teil lag malerisch verfallen, und fraternisierte längst mit dem Frühling, der mit seinen blühenden Ranken überall an Pfeilern und Wänden lustig hinaufkletterte. Nur der nach dem Garten hin gelegene Flügel, alle Fenster künstlich umschnörkelt und durch steinerne Blumengirlanden miteinander verbunden, sah noch sehr vornehm aus, wie eine Residenz des Prinzen Rokoko. Ein Fenster unten stand offen. Ich blickte hinein und übersah eine lange Reihe großer und hoher Gemächer mit reichen Tapeten, parkettierten Fußböden und prächtigen Stuckverzierungen an den Decken, überall samtene Kanapees und Sessel, die Lehnen weißlackiert mit goldenen Leisten, große Spiegel und Marmortische darunter. Es war so kühl da drinnen in der feierlichen Einsamkeit, aus einem der entfernteren Gemächer flötete soeben eine unsichtbare Spieluhr eine Menuett herüber, die ich noch aus meiner Kindheit zu kennen glaubte.

Long Gone via Frank T. Zumbach Mysterious World, 4. August 2021Jetzt hörte ich kleine, feine Stimmen hinter mir: es war ein Knabe und ein Mädchen, die einander gejagt hatten und stutzig stillstanden, da sie mich erblickten. „Wo ist der Zauberer – der Herr Einsiedler?“ fragte ich, mich selbst verbessernd. Der erhitzte Knabe schüttelte die Locken aus dem hübschen Gesichtchen und sah mich schweigend und fast trotzig an. Das etwas ältere Mädchen aber wies nach einer Laube hin und sagte mit einem zierlichen Knicks: „Er betet.“ – Also am Ende doch wirklich ein Eremit im alten Stil, dachte ich und eilte der bezeichneten Geißblattlaube zu. Dort saß ein Mann, den Rücken nach mir gekehrt und, wie es schien, eifrig in einen schweinsledernen Quartanten vertieft, der auf dem steinernen Tische vor ihm lag. Auf einmal aber, als ich schon ziemlich nahe war, fuhr ein zahmer Storch, den ich bisher gar nicht bemerkt hatte, erschrocken neben mir aus seinen Gedanken, legte den Hals hintenüber, sperrte den langen Schnabel weit auf und klapperte aus Leibeskräften. Da wandte sich der Einsiedler. – „Arthur!“ rief ich ganz erstaunt – es war mein liebster Kriegskamerad vom Lützowschen Korps!

„Um des Himmels willen, was machst denn du hier?“ – „Ich lese Calderons Autos“ – „Aber just in dieser seltsamen Abgeschiedenheit!“ – „Das sind die Trümmer meiner Heimat“, entgegnete er ruhig, „und das dort die Enkel meiner Spielgesellen aus der Kinderzeit“, fügte er lächelnd hinzu, auf die beiden Kinder weisend, die unterdes neugierig mir gefolgt waren.

Er hatte sich inzwischen hoch aufgerichtet. Er trug nichts weniger als eine korrekte Einsiedleruniform, sondern einen grünen kurzen Jagdrock und nur einen schönen vollen Bart, wie ihn unsere modernen Einsiedler in den Kaffeehäusern und Lesekabinetten tragen. Wir hatten uns seit den Kriegsjahren nicht mehr gesehen; nun beschauten wir einander eine Zeitlang stillschweigend, bis wir zuletzt beide in ein lautes Lachen ausbrachen: so uralt und ehrwürdig waren wir beide seitdem geworden; nur seine Augen waren noch immer die alten, treuen, ich hatte ihn sogleich an dem ganz eigentümlichen Blicke wiedererkannt.

Bilder: via Frank T. Zumbach: Long Gone, Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6, alle 4. August 2021.

Fachfilm: Landsmannschaft der Oberschlesier e.V.: Schläft ein Lied in allen Dingen …,
Aladin-Filmproduktion im Auftrag des Bayerischen Rundfunks, 1981:

Soundtrack: Carl Maria von Weber: Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur opus 11, 1810;
Klavier: Eduard Erdmann, live 16. November 1952:

Written by Wolf

1. Oktober 2021 at 00:01

Stone walls do not a prison make, nor iron bars a cage

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Update zu Your open hand but shows our loss,
Nachtstück 0024: I wish you were dead, my dear
und Sylvia Spinster:

Yet each man kills the thing he loves
     By each let this be heard.
Some do it with a bitter look,
     Some with a flattering word.
The coward does it with a kiss,
     The brave man with a sword!

Oscar Wilde: The Ballad of Reading Gaol, 1897.

Wenceslaus Hollar, Lucasta. Posthume Poems of Richard Lovelace, 1660Bei englischer Bekenntnislyrik von Inhaftierten in englischen Gefängnissen fällt unsereinem als erstes Oscar Wilde ein.

Wie immer sind gewissenhafte Hörer von Fairport Convention im Vorteil. Aus dem Album Nine, 1973 stammt die Vertonung von To Althea, from Prison — das Richard Lovelace während seiner ersten Inhaftierung wegen Unterstützung unerwünschter Umtriebe, nämlich dem Versuch, den Clergy Act von 1640 annullieren zu lassen, zwischen dem 30. April und 21. Juni 1642 geschrieben haben muss.

Mit ihrer vollständigen Vertonung des Gedichts sind die Fairport Convention in gut fünf Minuten fertig, wohingegen Oscar Wilde seine zwei Jahre Einzelhaft in verschiedenen Zuchthäusern bei schwerer Zwangsarbeit wegen unerwünschter sexueller Orientierung, nämlich gross indecency für einen sehr ausführlichen Brief an seinen Liebhaber nutzte, der seinen Adressaten nie erreichte und 1962 zu einer gewissen Druckreife rekonstruiert werden musste. Das einzige, was er nach seiner Entlassung im Zustand dauerhafter Zerrüttung seiner Gesundheit noch schrieb, war die angeführte Ballad of Reading Gaol — die durchaus mehrmals vertont und auch sonst künstlerisch verwertet wurde, deren Lesung aber bei ihrem Umfang von über viertausend Wörtern weit mehr als fünf Minuten bräuchte.

Beschränken wir uns daher auf den Bezug zwischen Richard Lovelace 1642 und Fairport Convention 1973:

——— Richard Lovelace:

To Althea, from Prison

1642, collected in Dudley Lovelace, ed.: Lucasta. Posthume Poems of Richard Lovelace, 1660:

Ripple Factor, 2019When Love with unconfinèd wings
     Hovers within my Gates,
And my divine Althea brings
     To whisper at the Grates;
When I lie tangled in her hair
     And fettered to her eye,
The Gods that wanton in the Air
     Know no such Liberty.

When flowing Cups run swiftly round,
     With no allaying Thames,
Our careless heads with Roses bound,
     Our hearts with Loyal Flames;
When thirsty grief in Wine we steep,
     When Healths and draughts go free,
Fishes that tipple in the Deep
     Know no such Liberty.

When (like committed linnets) I
     With shriller throat shall sing
The sweetness, Mercy, Majesty,
     And glories of my King;
When I shall voice aloud how good
     He is, how Great should be,
Enlargèd Winds, that curl the Flood,
     Know no such Liberty.

Stone Walls do not a Prison make,
     Nor Iron bars a Cage;
Minds innocent and quiet take
     That for an Hermitage.
If I have freedom in my Love,
     And in my soul am free,
Angels alone, that soar above,
     Enjoy such Liberty.

Mehr Vertonungen:

  • Thomas Avinger: To Althea, from Prison, for tenor and instrumental ensemble,
    aus: Lucasta Et Cetera, 1960;
  • Grateful Dead: Althea, aus: Go to Heaven, 1980;;
  • Three Pressed Men: To Althea, from Prison, aus: Daddy Fox, Mai 1998:
    Debut-CD in 150 vergriffenen Exemplaren;
  • Jane and Amanda Threlfall: To Althea, from Prison, aus: Morning Tempest, 2000;
  • Churchfitters: To Althea from Prison, aus: New Tales for Old, 2005.

Just Being, 2021

Bilder: Wenceslaus Hollar: Cover zu Lucasta. Posthume Poems of Richard Lovelace, 1660,
aus: University of Toronto Wenceslaus Hollar Digital Collection;
Ripple Factor, 21. September 2019;
Just Being, 26. April 2021.

Ein Bonus Track mit Richards Namensbase Linda (1949 bis 2002) erübrigt sich;
daher nur einer, der Lovelace zitiert: Jim Croce: Stone Walls, aus: The Faces I’ve Been, 1975:

Written by Wolf

17. September 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

Unvorworm is alderbest

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Update zu Jug und
Wie Hippo und ich uns einmal Siegfried Lenz geschenkt haben (Träum die nächsten hundert Jahre):

Die schulische Bildung im Nordbayerischen schließt ein oder mehrere Male immer einen Schulausflug auf die Nürnberger Kaiser- samt Burggrafenburg ein. Von der Verbindungamauer zwischen beiden soll etwa anno 1375 der Raubritter Apollonius „Eppelein“ von Gailingen durch einen sagenhaft beherzten Sprung zu Pferde seiner Hinrichtung entkommen sein. Die historische Quellenlage zu einem absichtsvollen Sturz von Ross und Reiter über eine nie genau verzeichnete, aber allemal schwindelerregende Höhe in den Burggraben ist spärlich, allenfalls werden zwei — ebenfalls nie genau datierte — Hufabdrücke in der Brüstung gezeigt, die auf einen derartigen Stunt hin-, ihn jedoch nicht beweisen; vermutlich eine touristisch motivierte Stgeinmetzarbeit. Viel zu gut belegt sind dafür das Sprichwort „Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn zuvor“ und ein Erschauern ganzer Schulklassen vor den Hufabdrücken im direkten Sichtvergleich zur Höhe, nein: Tiefe der nach Norden weisenden Burgmauer. Eppeleins sonstiger Wirkungskreis zwischen Gunzenhausen, Neumarkt, Postbauer-Heng und Burgthann, in den er auf seinem Pferd — offenbar ohne gebrochene Beine — geflohen sein soll, liegt übrigens von Nürnberg aus im Süden; seine angebliche Burg über Trainmeusel in der Fränkischen Schweiz wäre nördlich, bleibt aber hypothetisch.

Das macht aber alles nichts, solange die besuchenden Schulkinder hinterher ein Eis kriegen und die Lochgefängnisse mit Folterkammern auf dem Abstieg noch viel schauderhafter, anschaulicher und historisch unwidersprechlich belegt sind: Von Lübeck aus gesehen liegt Nürnberg offenkundig am Main (für Nordlichter: Nürnberg liegt an der mäanderreichen, über jeden einzelnen ihrer über hundert Kilometer idyllischen Pegnitz), jedenfalls noch auf den dortigen Flugblättern des ausgehenden Spätmittelalters bis der anbrechenden Frühneuzeit, je nachdem, wie man es eingrenzen will.

Ungewohnt ist außerdem das Lübecker Platt, das sich geradezu gesucht weit vom üblichen Nürnberger Oberostfränkisch entfernt, in dessen vulgären Ausprägungen als Prolog ledergebundener Speisekarten man die Sage vom „Epp“ immer noch antrifft, wenn man den Schulausflügen entwachsen ist.

——— Jacob und Wilhelm Grimm, Hrsg.:

30./31. Eyn hübsch nye ledt, de Eppele van Geillingen is he geanth, im thone, jdt was ein frisscher frier

Volksblatt gedruckt zu Lübeck um 1550.

(ein ritter zu pferdt in holzschnitt, neben die worte: unvorworm is alderbest, so si he och de dit lest)

Flugblatt, Lübeck ca. 1548, von Jacob Grimm angegeben und hs. überliefert, Quelle nicht ermittelt:

Eppelein von Geillingen 1548Jdt was ein frisscher frier riddersch man
de Eppele van Geilligen is he genant.
   He redt to Nürnberg uth und in
is der van Nürnberg affgesechte viendt.
   hör leve smidt tridt to my heruth.
   Hör leve smidt nu lath di sagen
Du schalt my meym ross veer ysern upslagen.
   Besla my se wol und gesla my se even
jck wil di ein gulden loen darüm geven.
   Do grep he in de taschen syn
he gaff ehm roder gülden neün
   Lever smidt du schalt nicht vel darvan sagen
die hern de motent mirs wol betalen.
   He redt wol vor das wesselhus
he nam den van Nürnberg ein sülvern vögelhuss.
   He redt wol up den Geierssberg
he mäckde den van Nürnberg ehr vögelhuss leer.
   Se schickden em einen baden henna
wor de Eppel van Geillingen wolde liggen de nacht
   Hör lever bader so ick di moth fragen
wat hörste vam Eppele van Geillingen sagen.
   Dat machste wol vor eine warheit yhehen
du heffst en mit dinen ogen gesehen
   Do redt he under dat frouwen doer
dar hengte ein paer rüterstevel vör.
   Doerwechter leve doerwechter myn
wem mögen dit paer rüterstevel syn
   de syn eyns fryen riddersman
de Eppele van Geillingen is he genanth
Eppelein von Geilingen 1852   He nam de stevel up sinen guel
und sloechs dem doerwechter um dat muel
   Sü doerwechter dar heffste din loen
dat segge dinen hern van Nürnberg an.
   De doerwechter was ein behende man
und segts synen hern und der gantzen gemein
   Se schickden twe und ssöventich rüter aengefer
wor de Eppele van Geillingen hen kamen weer.
   Gi söldener yuwe gevangen wil ick nicht syn
sint yuwer twe und ssöventich bin ick men allein.
   Se dreven ehn hindersick up eynen hogen steyn
de Eppele van Geillingen sprinckt in den Meyn.
   Gi Nürnberger söldner synt nicht eerenwerth
juwer neiner hefft kein gudt rüterschpert
   Wo bald he sick uth dem ssadel swanck
und toch dat nige paer stevel an
   Do redt he aver eyn avwe was grön
dar begegnend em eyn koepman dücht sick kön.
   Hör lever koepman nu lath di sagen
wi willen einander um de tasschen slagen
   De koepman was ein behende man
he görde dem Eppele van Geillingen syn tasschen an
   Des koepmans he gantz wol vornam
ein bürin ehm ock up der straten bekam
   De bürinnen he fragde up der stede
wat men vam Eppele van Geillingen seggen dede
   De bürin ehm ein antwert gab
de Eppele van Geillingen weer eyn eyn näckder knäb
   So segge my leve bürin schan,
war hefft di de Eppele van Geillingen gedan
Eppelein von Gailingens Flucht aus Nürnberg, Die Gartenlaube, 1899   De Eppel van Geillingen sick balde bedacht
wo balde he dar ein vür affmacht.
   He nam dat smoldt und mäckd ydt warm
und stöth ehr de hende hevin beth an de arm
   Sü dar so heffste dinen loen
und segge de Eppele van Geillingen hebt dirs gedan.
   He schickde syn Knecht na Farnbach henaff
men scholde em bereden ein gudes mäl.
   Do quam de Eppele van Geillingen in
dho gaff men ehm den kolden win
   De Eppel van Geillingen lügt thom finster henuth
do schoff men em vel wagen vort huss
   Lever werdt do my de dören up
und lath my springen aver uth.
   Do sprank he aver de achte wagen uth
aver den megden gaff he den gevel up
   So licht myn moder am Rin is dodt
darüm moth ick lyden grote nodt.
   Dho toech he uth syn gude rüterschperdt
   Eppele van Geillingen heddest dus nicht gedan
bi dem levende wolden wi di laen
   Den Eppele van Geillingen nemen se an
und bröchten den van Nürnberg den gevangen man.
   Darna förden so en up den ravenstein
man lede ehm den Kop twisschen de Been.

Eppelein-Sprung 2016

Empfohlene, gut erzählte und kompetent illustrierte Fachliteratur: Monisto: Нюрнберг и его легенды. Часть 3. Эппеляйн фон Гайлинген, Монетки на нитке — russisch, daher gern erst durch den Translator gescheucht als: Nürnberg und seine Legenden. Teil 3. Eppelein von Geilingen, Münzen an einer Schnur, 2. April 2017.

Bilder:

Soundtrack: Colin Wilkie & Shirley Hart: Eppelein von Gailingen, aus: Morning, Gatefold Records 1972, und aus britischer Sicht mit abweichender historischer Auffassung:

1.: It was on the road to Nuremberg
a mighty battle I did see,
it took above one hundred men
to bring a fierce knight down.
They fought throughout the afternoon
‚til force of arms it did prevail:
Eppelein von Gailingen
in iron chains was bound.

Chorus: Eppelein,
will not hang in Nuremberg,
will not dance on the gallows tree
nor pay no hangman’s fee.

2.: The soldiers brought him to the town
the Nuremberg judge said: „You must die.“
He laughed at the right scornfully
and this was his reply:
„You may build your gallows high
to the tower above the castle wall,
Eppelein von Gailingen
he will outlive you all.“

3.: The judge he said: „Your death is near,
tomorrow morning you will hang,
a final wish we’ll grant to thee,
before you face the tree.“
„Sit me once upon my horse
that faithfully has carried me,
put the reins into my hands
once more before I die.“

4.: They sat him on his faithful mare
and put the reins into his hands,
he dug the heels into her side,
she answered his command.
One leap, she’s cleared the castle wall,
like the wind raced through the town,
they heard him laugh as he rode away:
„I always shall be free.“

Bonus Track: Die jahrzehntelang unterschätzten Nürnberger Krautrockpioniere
Ihre Kinder: Leere Hände, aus: Leere Hände, Kuckuck Schallplatten 1970:

Written by Wolf

6. August 2021 at 00:01

Und überall die Bitternis in jedem Kerne

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Update zu Die Mondfrau sang im Boote:

Mit Theben meinte Else Lasker-Schüler nicht die „siebentorige“ Stadt in Böotien, die heute Thiva heißt, sondern die „hunderttorige“ in Oberägypten, die es überhaupt nicht mehr gibt; ihr alter ego ist der dortige Prinz — keine Prinzessin — Jussuf. Ihr gleichnamiges Buch ist 2002 neu aufgelegt. Aus der Druckauflage von 250 Stück hat die Lasker 50 Stück wertsteigernd handkoloriert und nummeriert, wobei das Exemplar 6 als „farbig besonders liebevoll gestaltet und gut erhalten“ der Herausgeberin Ricarda Dick für den Berliner Jüdischen Verlag zur Vorlage diente. Ernsthaft erschwinglich war das farbige Faksimile — 124 Euro für 64 Seiten — von Anfang an nicht, dafür schön luxuriös, transkribiert und mit Nachwort.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923Wir tun mal wieder, was wir können, indem wir das Exemplar 58 — also schon keins der kolorierten Unikate mehr — aus einer Wiedergabe lange vor der dankenswerten Neuausgabe von 2002 zugänglich machen. Die Transkriptionen sind übliche Fassungen, nicht zeichengenau die Fassung aus dem neuem, faszinierenden Ganzen, den der Text-Bild-Zyklus Theben bilden soll — aber sie helfen die eher geringfügigen Unterschiede entziffern.

Lasker-Schülers Originalzeichnungen und -handschriften sind auf gelblichem Telegrammpapier verfertigt, das man seinerzeit bei der Post gratis mitnehmen konnte. Es rückt meine Fotos also umso näher an die ursprüngliche Anmutung, wenn meine Vorlage von 1966 ihrerseits in Ehren vergilbt ist.

Danke an Hank Nagler für die Bereitstellung!

(Übrigens suche ich immer noch, wie Sie aus den Fotos schließen können, ein Hand-Model. Vorzugsweise weiblich, mindestens 18 — damit sich irgendwelche Zustimmungen von Erziehungsberechigten erübrigen — bis um die 40 Jahre, Raum München, und nicht, was Sie jetzt denken. Können auch mal andere Körperteile sein, aber keine, die Sie nicht freiwillig Ihrer Großmutter zeigen würden. Von mir aus kann Ihr „Freund“ oder Ihre Anstandsdame zuschauen oder am besten meine Frau, die war sogar mal in einem Fotografieseminar. Es winken belustigende kontaktarme Zusammentreffen mit schönen Büchern und meiner möglichst wenig herumstörenden Person sowie haufenweise lobende Erswähnungen. Als Model-Honorar geht vielleicht sogar mal ein Seidel Bier auf mich.)

——— Else Lasker-Schüler:

Theben

Gedichte und Lithographien

Querschnitt-Verlag, Frankfurt am Main/Berlin 1923, als 24. Flechtheim-Druck in einer Auflage von 250 Exemplaren,
cit nach: Friedhelm Kemp, Hrsg.: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte.
Einmalige Sonderausgabe: Band 134 der Reihe Die Bücher der Neunzehn, Februar 1966, Kösel-Verlag München,
Seite 263 bis 288:

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Gebet

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen grossen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht …
Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Dass blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schliess um mich deinen Mantel fest;
Ich weiss, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Meine Mutter

War sie der große Engel,
Der neben mir ging?

Oder liegt meine Mutter begraben
Unter dem Himmel von Rauch –
Nie blüht es blau über ihrem Tode.

Wenn meine Augen doch hell schienen
Und ihr Licht brächten.

Wäre mein Lächeln nicht versunken im Antlitz,
Ich würde es über ihr Grab hängen.

Aber ich weiß einen Stern,
Auf dem immer Tag ist;
Den will ich über ihre Erde tragen.

Ich werde jetzt immer ganz allein sein
Wie der große Engel,
Der neben mir ging.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Versöhnung

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …
Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht –
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Mein Volk

Der Fels wird morsch,
Dem ich entspringe
Und meine Gotteslieder singe…
Jäh stürz ich vom Weg
Und riesele ganz in mir
Fernab, allein über Klagegestein
Dem Meer zu.

Hab mich so abgeströmt
Von meines Blutes
Mostvergorenheit.
Und immer, immer noch der Widerhall
In mir,
Wenn schauerlich gen Ost
Das morsche Felsgebein,
Mein Volk,
Zu Gott schreit!

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Senna Hoy
(Sascha)

Seit du begraben liegst auf dem Hügel
Ist die Erde süß.

Wo ich hingehe nun auf Zehen,
Wandele ich über reine Wege.

O, deines Blutes Rosen
Durchtränken sanft den Tod.

Ich habe keine Furcht mehr
Vor dem Sterben.

Auf deinem Hügel blühe ich schon
Mit den Blumen der Schlingpflanzen.

Deine Lippen haben mich immer gerufen,
Nun weiß mein Name nicht mehr zurück.

Jede Schaufel Erde, die dich barg,
Verschüttete auch mich.

Darum ist immer Nacht an mir
Und Sterne schon in der Dämmerung.

Und ich bin unbegreiflich unseren Freunden
Und ganz fremd geworden.

Aber du stehst am Tor der stillsten Stadt
Und wartest auf mich, du Großengel.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Marie von Nazareth

Träume, säume, Marienmädchen –
Überall löscht der Rosenwind
Die schwarzen Sterne aus.
Wiege im Arme dein Seelchen.

Alle Kinder kommen auf Lämmern
Zottehotte geritten
Gottlingchen sehen

Und die vielen Schimmerblumen
An den Hecken
Und den großen Himmel da
Im kurzen Blaukleide!

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ein Lied

Hinter meinen Augen stehen Wasser,
Die muß ich alle weinen.

Immer möcht ich auffliegen,
Mit den Zugvögeln fort;

Buntatmen mit den Winden
In der großen Luft.

O ich bin so traurig – – – –
Das Gesicht im Mond weiß es.

Drum ist viel sammtne Andacht
Und nahender Frühmorgen um mich.

Als an deinem steinernen Herzen
Meine Flügel brachen,

Fielen die Amseln wie Trauerrosen
Hoch vom blauen Gebüsch.

Alles verhaltene Gezwitscher
Will wieder jubeln

Und ich möchte auffliegen
Mit den Zugvögeln fort.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Joseph wird verkauft

Die Winde spielten müde mit den Palmen noch
So dunkel war es schon um Mittag in der Wüste,
Und Joseph sah den Engel nicht, der ihn vom Himmel grüßte
Und weinte, da er für des Vaters Liebe büßte
Und suchte nach dem Cocos seines schattigen Herzens doch.

Der bunte Brüderschwarm zog wieder nach Gottosten
Und er bereute seine schwere Untat schon
Und auf den Sandweg fiel der schnöde Silberlohn.
Die fremden Männer aber ketteten des Jakobs Sohn
Bis ihm die Häute drohten mit dem Eisen zu verrosten.

So oft sprach Jakob inbrünstig zu seinem Herrn,
Sie trugen gleiche Bärte, Schaum von einer Eselin gemolken
Und Joseph glaubte jedesmal sein Vater blicke aus den Wolken
Und eilte über heilige Bergeshöhn, ihm nachzufolgen
Bis er dann ratlos einschlief unter einem Stern.

Die Käufer lauschten dem entrückten Knaben,
Des Vaters Andacht atmete aus seinem Haare;
Und sie entfesselten die edelblütige Ware
Und drängten sich zu tragen, Canaans Prophet in einer Bahre,
Wie die bebürdeten Kameele durch den Sand zu traben.

Egypten glänzte feierlich in goldenen Mantelfarben
Da dieses Jahr die Ernte auf den Salbtag fiel.
Die kleine Karawane, endlich nahte sie dem Ziel.
Sie trugen Joseph in das Haus des Potiphars am Nil.
An seinem Traume hingen aller Deutung Garben.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Gott hör ….

Um meine Augen zieht die Nacht sich
Wie ein Ring zusammen.
Mein Puls verwandelte das Blut in Flammen
Und doch war alles grau und kalt um mich.

O Gott und bei lebendigem Tage,
Träum ich vom Tod.
Im Wasser trink ich ihn und würge ihn im Brot.
Für meine Traurigkeit gibt es kein Maß auf deiner Waage.

Gott hör … In deiner blauen Lieblingsfarbe
Sang ich das Lied von deines Himmels Dach –
Und weckte doch in deinem ewigen Hauche nicht den Tag.
Mein Herz schämt sich vor dir fast seiner tauben Narbe.

Wo ende ich? – 0 Gott!! Denn in die Sterne,
Auch in den Mond sah ich, in alle deiner Früchte Tal.
Der rote Wein wird schon in seiner Beere schal …
Und überall – die Bitternis – in jedem Kerne.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ich schrieb die Verse dieses Buches und zeichnete die Bilder dazu auf den Stein bei A. Ruckenbrod in Berlin, der das Buch in 250 Exemplaren für die Querschnitt-Verlags Aktiengesellschaft in Frankfurt am Main druckte. Die Zeichnungen der ersten 50 Bücher colorierte ich mit der Hand. Das Buch erscheint als 24. Flechtheim Druck.

Dieses Buch trägt die Nummer
58

Else Lasker-Schüler

Soundtrack: 17 Hippies: Frau von Ungefähr, aus: Ifni, 2004:

Written by Wolf

30. Juli 2021 at 00:01

Liebchen öffne deinen Schoos

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Update zu Weihnachtsengel 3: Lasst mich scheinen, bis ich werde
(Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht)
,
Zu Lolitas Verteidigung,
Babes With Guns,
Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht
und But little girls grow up, my friend:

Damit nicht verloren geht, dass wir hier unter anderem eine Sammelstelle für siebenzeilige Gediche sind, folgt ein Lied aus dem Faust 2, das Goethe im Gegensatz zu manchen frivolen Neckereien unter erwachsenen Leuten, auch wenn sie phantastische Figuren sind, auffallender Weise nicht den „Outtakes“ anheimsortiert hat. Hans Arens in seinem Kommentar zu Goethes Faust II 1989 (ca. 1100 Seiten) wiegelt ab:

Es ist ausgeschlossen, daß 5197/5198 meinen, was sie wörtlich besagen; es kann nur etwa heißen: Sei bereit!

Na dann. Das Reimschema ist ABABCCB und schnappt in allen Strophen souverän ins Schloss — keine Selbstverständlichkeit beim Verfertigen von Siebenzeilern — und tanzt schön passend zur (bei Goethe noch Femininum) Mummenschanz.

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Weitläufiger Saal, mit Nebengemächern, verziert und aufgeputzt zur Mummenschanz.

aus: Faust. Der Tragödie zweyter Theil, Erster Act, Vers 5178 bis 5198:

Undated family photograph of Florence Sally Horner, 1948, Wikimedia CommonsMutter und Tochter.

Mutter.
Mädchen als du kamst an’s Licht
Schmückt ich dich im Häubchen,
Warst so lieblich von Gesicht,
Und so zart am Leibchen.
Dachte dich sogleich als Braut,
Gleich dem Reichsten angetraut,
Dachte dich als Weibchen.

Ach! nun ist schon manches Jahr
Ungenützt verflogen,
Der Sponsirer bunte Schaar
Schnell vorbei gezogen;
Tanztest mit dem Einen flink,
Gabst dem Andern stillen Wink
Mit dem Ellenbogen.

Welches Fest man auch ersann,
Ward umsonst begangen;
Pfänderspiel und dritter Mann
Wollten nicht verfangen;
Heute sind die Narren los,
Liebchen öffne deinen Schoos,
Bleibt wohl einer hangen.

Gespielinnen
(jung und schön gesellen sich hinzu, ein vertrauliches Geplauder wird laut).

Bild: Florence Sally Horner, ca. 1948,
für: Sarah Weinman: The story of 11-year-old Sally Horner’s abduction changed the course of 20th-century literature. She just never got to tell it herself, Hazlitt, 20. November 2014,
via dieselbe: The real Lolita: Tragic girl, 11, was kidnapped and raped for months — and inspired Nabokov’s scandalous novel, The Mirror, 18. September 2018.

Soundtrack:Neil Diamond: Girl, You’ll Be a Woman Soon, aus: Just for You, 1967:

Girl, you’ll be a woman soon,
Please, come take my hand
Girl, you’ll be a woman soon,
Soon, you’ll need a man

in der Wiedergabe von Urge Overkill auf Stull, 1992, in: Pulp Fiction, 1994:

Written by Wolf

9. Juli 2021 at 00:01

Die Fahne der Arbeitnehmerschaft

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Update zu Trotzki, Fauser und die Goetheforschung,
Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?) und
Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge:

Ergreife die Macht, du Hurensohn, wenn man sie dir gibt!

Anonymer Arbeiter zu Виктор Михайлович Чернов, 4. Juli 1917.

Während des Juliaufstands 1917 meuterten die Kronstädter Matrosen mit Roten Garden gegen die Kaiserlich Russische Marine:

Der ausgerufene Generalstreik scheiterte jedoch ebenso wie eine schlecht koordinierte Erhebung der Kronstädter Matrosen und Roten Garden. Sie begleiteten eine Demonstration mit angeblich bis zu 500.000 Teilnehmern zum Taurischen Palais, dem Sitz sowohl der Petrograder Sowjets als auch der Staatsduma. Dort nahmen sie den sozialrevolutionären Landwirtschaftsminister Wiktor Michailowitsch Tschernow als Geisel, nachdem er sowohl seinen Rücktritt als auch eine Machtübergabe an die Sowjets verweigert hatte. Er wurde von Leo Trotzki befreit, der die Demonstranten mahnte, ihr Anliegen nicht zu „besudeln“. Am Newski-Prospekt kam es zu einem Schusswechsel, die Demonstranten flohen in Panik. Weitere Schießereien folgten, nach zwei Tagen waren 500 Tote und Verletzte zu beklagen.

——— Николай Николаевич Суханов:

Записок о революции — мемуаров о событиях 1917

Augenzeugenbericht der Russischen Revolution,
cit nach Danil Gaido: Die Julitage, Marx 200, 19. Oktober 2017:

Harry Rowohlt, Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, Edition Tiamat 2017Alle Arbeiter und Soldaten in Petersburg nahmen daran teil. Aber was war das politische Charakter der Demonstration? ‚Wieder Bolschewiki‘, merkte ich an, als ich die Parolen ansah, ‚und da hinten ist noch eine Kolonne der Bolschewiki.‘ ‚Alle Macht den Sowjets!‘ ‚Nieder mit den zehn Minister-Kapitalisten!‘ ‚Friede den Hütten, Krieg den Palästen!‘ Auf diese kräftige und gewichtige Weise brachte Arbeiter-Bauer-Petersburg, die Vorhut der russischen- und Weltrevolution, seinen Wille zum Ausdruck. […]

Der Pöbel befand sich in Aufruhr, wohin man auch blickte … Ganz Kronstadt kannte Trotzki und, so dachte man, vertraute ihm. Doch er begann seine Rede, und die Menge wich nicht zurück. Wäre in diesem Moment ein Schuss gefallen, als Provokation, es hätte ein fürchterliches Gemetzel stattfinden können, und wir alle, Trotzki eingeschlossen, wären vielleicht zerfetzt worden. Trotzki, in großer Erregung und unfähig, in dieser aufgeheizten Atmosphäre die richtigen Worte zu finden, konnte kaum die Aufmerksamkeit derer gewinnen, die ihm am nächsten standen. Als er sich Tschernow selbst zuwandte, geriet die Menge, die um den Wagen herumstand, in Wut. ‚Ihr seid gekommen, euren Willen zu bekunden und dem Sowjet zu zeigen, dass die Arbeiterklasse die Bourgeoisie nicht länger an der Macht sehen will [sprach Trotzki]. Aber warum wollt ihr eurer Sache schaden mit kleinlichen Gewaltakten gegen zweitrangige Individuen?‘ Trotzki streckte seine Hand einem Matrosen entgegen, der besonders heftig protestierte … Mir schien, der Matrose, der Trotzki bestimmt mehr als einmal in Kronstadt hatte sprechen hören, hätte nun das bestimmte Gefühl, dass Trotzki ein Verräter sei. Er erinnerte sich an seine früheren Reden und war verwirrt … Unschlüssig, was zu tun sei, ließen die Kronstädter Tschernow gehen.

Und jetzt alle:

——— Harry Rowohlt:

Matrosen von Kronstadt

Arbeiterlied, 1917, aus: Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, Edition Tiamat 2017:

Verronnen die Nacht
und der Morgen erwacht,
rote Flotte mit Volldampf voraus.
Durch Stürme und Tosen
die roten Matrosen,
wir fahren als Vorhut hinaus.

Vorwärts an Geschütze und Gewehre
auf Schiffen, in Fabriken und im Schacht.
Tragt über den Erdball, tragt über die Meere
die Fahne der Arbeitermacht.

Mag der Sturm uns zerzausen,
die Wellen, sie brausen,
die rote Flut, sie steigt an.
Vorwärts, Kommunisten,
zum Endkampf wir rüsten,
die rote Marine voran.

Vorwärts an Geschütze und Gewehre
auf Schiffen, in Fabriken und im Schacht.
Tragt über den Erdball, tragt über die Meere
die Fahne der Arbeitnehmerschaft.

BIld, weil historisches Material grundsätzlich nur über den
Kronstädter Matrosenaufstand 1921 aufzufinden war:
Harry Rowohlt: Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, 2017.

Bonus Track instrumentiert:

Written by Wolf

1. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Uns eine Drehorgel kaufen und unsere eigene Geschichte auf eine Leinwand malen lassen und ein Lied davon machen und es absingen auf allen Gassen des Vaterlandes!

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Update zu So mochte mir und dir, die wir nicht zu den Überschwenglichen
gehören, das Mädchen eben ganz recht sein.
,
Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten,
wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen

und Blumenstück 003: Holdselige Ranunkel:

Wilhelm Raabe war mein Versuch, etwas noch Langweiligeres als Adalbert Stifter zu lesen. Dem Namen und dem Ruf als exemplarischer Großlangweiler nach kannte ich den von Kindheit an und bin seitdem immer wieder um seine nie ganz zufriedenstellenden Gesamtausgaben herumgestrichen, wollte aber nie etwas lesen, das Die Chronik der Sperlingsgasse oder Der Schüdderump heißt, für einen Abu Telfan war ich noch von Karl May mit Orientgeschichten überversorgt; allein auf Stopfkuchen war ich nach einer ausführlichen, überzeugenden Rezension in einem Feuilleton meines Vertrauens ernsthaft neugierig.

Der Versuch mit der Langeweile war zwecklos: Abu Telfan ist alles mögliche, nur keine Orientgeschichte, und erinnert viel eher an Jean Paul mit gestraffter Handlung als an Stifters mineralisierte Prosabarbiturate. Das eigentlich hochmoderne Setting ist die Rückkehr eines elf Jahre lang — eben im sudanesischen Abu Telfan — Verschollenen in die spießbürgerliche Heimat, in der er keinen Platz mehr findet. Es ist ungefähr ein ausgehendes Biedermeier, das schon selbstironisch zu seiner eigenen Parodie wird, mit der Lebensnähe des späten Ludwig Tieck, wenn nicht gar schon Theodor Fontane.

Mit seiner Nikola von Einstein erwischt Wilhelm Raabe eine der plastischsten und glaubwürdigsten Frauengestalten überhaupt. Mit ihren zarten 27 Jahren muss sie sich von der eigenen Mutter als alte Jungfer verunglimpfen lassen, kann dem nicht einmal widersprechen — aber „immer noch“ in Schrift und Rede brillant sein. Im Laufe des Romans macht ihre Charakterisierung eine Wandlung ins Gegenteil durch; so ein literarischer Kniff war eigentlich erst postmodern bei T. C. Boyle dran.

Alexandra Bochkareva

——— Wilhelm Raabe:

Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge

Eduard Hallberger, Stuttgart 1867, Sechstes Kapitel:

Es war auch die letzte Fest- und Jubelnacht der Maikäfer, deren es in diesem gesegneten Jahre eine erkleckliche Anzahl gegeben hatte. Sie schienen zu wissen, daß ihre Zeit nunmehr um sei, hatten sich zum letztenmal im Tau und Duft der Nacht berauscht und schwärmten in nicht unberechtigtem Leichtsinn in die Unsterblichkeit hinüber. Sie summten durch die Luft und umtanzten Busch und Baum; in ihrer Trunkenheit gaben sie nicht im geringsten acht auf ihre Wege und flogen dem schier ebenso berauschten Leonhard gegen die Nase oder hingen sich ihm in Haar und Bart.

Alexandra Bochkareva„Hallo, Gesindel“, rief er, „seid ihr auch da? Recht so, hussa, tummelt euch, nehmt die Stunde, wie sie euch gegeben wird – lustig, lustig, surr, surr, so ist’s recht, und morgen ist’s doch vorbei. Beim Berge Kaf, vivat der Vetter Wassertreter!“

Er lachte abermals hellauf, brach aber schnell horchend ab. Seine wilde Lustigkeit hatte ein melodischeres Echo hinter den Büschen gefunden; ein lockiges Haupt erhob sich über die Hecke – der Genius dieser Mondscheinnacht des letzten Mais hätte sich nicht neckischer und vorteilhafter verkörpern können:

Fräulein Nikola von Einstein – siebenundzwanzig Jahre alt – Hofdame Ihrer Hoheit der Prinzeß Marianne – unverheiratet – – – ach! –

„Er ist es, Lina“, sagte das Fräulein, „nun weine nicht länger, Närrchen; er sieht keineswegs aus, als ob er mit Selbstmordgedanken umgehe; tröste dich, Herz, einer geknickten Lilie gleicht er noch lange nicht; guten Abend, unsträflicher Herr Äthiopier.“

Sie reichte dem Afrikaner die Hand über das Gezweig und rief:

„O Gott, wie indiskret! Aber auch welch ein Abend für alle Indiskretionen! Es freut mich in der Tat, Sie so heiter zu sehen, Herr Hagebucher; hier hab ich mit dem Schwesterchen in großer Sorge um Sie gesessen. Ist es zu indiskret, wenn ich Sie frage, was für einen Grund Ihnen die Welt für Ihre Heiterkeit seit Mondenaufgang gab?“

„Hören Sie, junge Dame“, sagte Leonhard, „man kann aus der Gefangenschaft bei den Heiden recht schwache Nerven heimbringen. Bedenken Sie, daß ich an solches allerliebste Auffahren aus Hagedorn und Heckenrosen durchaus nicht gewöhnt bin. Fühlen Sie meinen Puls.“

„Nein, nein, ich danke und glaube Ihnen auf Ihr Wort!“ lachte Nikola. „Aber dies ist die Grenze Von meines Onkels Reich, und das Recht, hier herüberzugucken, lasse ich mir nicht nehmen.“

„Ich auch nicht“, sprach der Afrikaner, sich Vorbeugend. „Lina, wo steckst du denn?“

Alexandra Bochkareva„Hier!“ klang weinerlich die Stimme des Schwesterchens, das auf der Bank saß, auf welcher das Hoffräulein stand. „Ach, Leonhard, ich bin so betrübt um dich, und ich habe mich so geärgert. O Gott, o Gott, laß mich mit dir wieder in die weite Welt laufen; wir wollen zusammenhalten, Leonhard, und die Mutter, weiß ich, wird auch zu uns stehen, und der Vater meint’s gewiß nicht so bös, und was geht uns die Tante Schnödler und das übrige alberne Volk an! O Gott, o Gott, wie habe ich mich geärgert –“

„Jaja, Herr Leonhard Hagebucher, und da ist sie hergelaufen und hat sich mir in die Arme gestürzt, grad als ich mit dem Haarbesen auf die Fledermausjagd gehen wollte. Nun weiß ich alles, was das Konzil gebrütet hat, und rate Ihnen recht sehr, doch ja Ihr Bestes zu bedenken und so schnell als möglich Ratsschreiber zu Nippenburg zu werden. Warten Sie, ich kenne zehn Schritte weiter abwärts ein Loch in der Hecke – komm, Lina.“

Das schöne Haupt der Sprecherin tauchte unter, zwei Sprünge brachten den Afrikaner zu dem besagten Loch; es rauschte im Gebüsch, ein schlaftrunkenes Vogelpärchen flatterte, aus dem schönsten Traum der Sommernacht geweckt, auf; mit dem Schwesterchen wand sich Fräulein Nikola von Einstein durch das Gezweig. Die drei standen auf dem schmalen Pfade nebeneinander, und Lina umschlang den Bruder und schluchzte:

„Sei nur still, sei nur ruhig; ich halte gewiß bei dir aus! Fürchte dich nicht, wir wollen, ja, wir wollen –“

Alexandra Bochkareva„Uns eine Drehorgel kaufen und unsere eigene Geschichte auf eine Leinwand malen lassen und ein Lied davon machen und es absingen auf allen Gassen des Vaterlandes!“ schloß das Hoffräulein den Satz. „Lustig, wir wollen unsere Sparbüchsen zusammenschütten, um die ersten Auslagen dieser Unternehmung zu decken. Vivat! Vivat! Herbei aus den Büschen, Oberon und Titania, Puck, Bohnenblüt, Spinnweb, Motte und Senfsamen! Herbei, ihr Elfen, zur Ratsversammlung; auch wir können unsere Köpfe zusammenstecken, auch wir können die Finger an die Nase legen. Laßt den Onkel Wassertreter aus der Schenke zum Goldenen Rad kommen, auf daß der Rat vollständig sei; – ich stimme für den Leierkasten und erbiete mich, das Orgellied in Musik zu setzen.“

Wie flüssiges Silber rann der Mondenschein durch die Natur, und in vollen Zügen atmete Leonhard den Zauber und das Leben dieser hellen Nacht ein. Es war wie eine Verzückung über ihn gekommen: er hätte sich die Seiten halten und immer lauter hinauslachen mögen; es war wie der Rausch eines Opiumessers, und er wußte es und wunderte sich im Innersten seiner vernünftigen Seele selbst über seinen Zustand. Vielleicht würde es ihm sehr wohlgetan haben, wenn er sich eine Viertelstunde lang auf den Kopf gestellt hätte, um in solcher Weise den Überschuß seiner Heiterkeit loszuwerden. Die Figuren, Gruppen, Meinungen und Vorgänge des Tages schlugen auf das närrischste Purzelbäume vor ihm; das Gleichgewicht aber stellte Fräulein Nikola von Einstein her, da sich Herr Leonhard Hagebucher nicht auf den Kopf stellte wie ein Baggaraneger oder sonst ein Exaltado aus dem Tumurkielande. Sie – Fräulein Nikola – legte ihm jetzt die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst:

Alexandra Bochkareva„Armer Freund, wir sollten eigentlich doch nicht so lachen, zumal bei diesem dummen Mondlicht. Am hellen Tage, im Sonnenschein läßt sich weniger dagegen einwenden. Ihre Geschichte ist recht, recht traurig, mein Freund. Auf dem Grenzsteine dort oder noch besser unter dem Wegweiser an der Landstraße wollen wir uns niedersetzen, die Taschentücher hervorziehen und nach denken über unser Schicksal und über den Weg, neben welchem wir stillsitzen. Heute am Nachmittag hab ich Ihnen auch mit Lachen von meinem närrischen Dasein erzählt; ach, jetzt hätte ich wohl Lust, Ihnen in einem andern Ton eine andere Geschichte von mir zu erzählen, wenn es mir oder Ihnen im geringsten nützlich wäre. Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich mir einen nobeln Krieg irgendwo in der Welt aufsuchen und darin etwas tun, was mir Freude machte oder nur Ruhe gäbe oder auch nur die Gelegenheit, mit Gleichmut zu verbluten. Ich hasse diesen Mondenschein, und ich fürchte mich vor diesen surrenden Käfern. Es sind Gespenster des Frühlings, der nicht mehr ist. Sie lügen sich das Leben nur noch vor, und ich bin wie sie und halte mich meiner Nerven wegen in Bumsdorf auf – Maikäfer, flieg, Maikäfer, flieg! Ach, Herr Leonhard Hagebucher, wir passen recht gut zueinander, Sie und ich; kommen Sie, wir wollen uns auf den Stein an die Landstraße setzen und warten – warten. Vielleicht lese ich Ihnen auch einmal im Sonnenschein aus dem Buche meines Lebens eine finstere Seite vor. Weine nicht, Lina, mein Herz, es ist doch eine schöne Nacht; auch für dich wird einst die Zeit kommen, wo du von der Gefangenschaft im heißen Lande Afrika wirst erzählen können. Lustig, lustig, höre nur den Frosch dort – welch ein Komiker! Satt, zufrieden und dankbar – den Burschen lob ich mir, und horch, wer ist das? Der Vetter Wassertreter! Den lob ich mir auch! Der Vetter Wassertreter! Vivat der Vetter Wassertreter!“

Welle auf Welle rollten die Fluten des neuen Lebens heran und umspülten wachsend und steigend das Herz des Afrikaners. In jedem Atemzuge fühlte er die Erstarkung über sich kommen; er hätte eine lange Rede halten müssen, um das in Worten auszudrücken, was in seiner Seele sich ereignete: ‚Halte den Mund, Mädchen, und schilt mir diese Nacht und diesen Mondenschein nicht! Du bist zu schön, um zu schelten, und weinen sollst du noch weniger. Wie schön du bist! Das Licht der Offenbarung ist mit dir aus dem Gebüsch emporgestiegen; ich war ein Verirrter, doch nun kenne ich meinen Pfad wieder. Was Trauer und Verdruß, was Grübeln und Grämen, was Zerschlagenheit und Apathie; wenn du mir hilfst, Mädchen, bin ich von neuem Herr in meinem Reich! Das Leben war mir zerbrochen, wie einem der rechte Arm zerbricht; ich habe ihn lange, lange in der Schlinge getragen, und jetzt prüfe ich von neuem seine Stärke. Mädchen, ich weiß wieder, in welchem Sinne ich mein Leben begann und wie ich es fortsetzen mag, ohne dem Wahnsinn zu verfallen gesegnet sei die Tante Schnödler, der deutsche Mond und du – du schöne, schöne Nikola von Einstein!‘

So oder ähnlich wäre es dem Afrikaner erlaubt gewesen, sich zu äußern: er hätte auch, wie folgt, sprechen können:

Alexandra Bochkareva‚Gnädiges Fräulein, Sie haben gleich bei unserer ersten Begegnung einen merkwürdigen Eindruck auf mich gemacht; denn Sie bedingen für mich einen merkwürdigen Gegensatz zu meiner bisherigen Existenz. Gnädiges Fräulein, einem Manne, welcher zehn Jahre in Abu Telfan im täglichen Verkehr mit Madam Kulla Gulla, ihren Freundinnen, Töchtern, Nichten und so weiter zubrachte, geht der Begriff des Vaterlandes in wundervoller Klarheit und Anmut auf, wenn es ihm auch nur vierzehn Tage hindurch vergönnt ist, täglich einige Male in Ihre Augen zu blicken. Fräulein von Einstein, die schönsten Illusionen der Jugend müssen sich mir notwendig in Ihnen verkörpern. Und was die Tante Schnödler anbetrifft, so bilden Sie auch zu dieser einen angenehmen Gegensatz, gnädiges Fräulein; und wenn einmal im deutschen Mondenschein, während dem letzten Maikäfergesumme des Jahres einem Menschen in meiner Situation das Tumurkieland und das Vaterland durcheinanderquirlen und das Lachen dem Elend das Beste abgewinnt, so wird jeder Einsichtige dieses der Gelegenheit des Orts, der Zeit und der Umstände vollkommen angemessen finden.‘

Herr Leonhard Hagebucher äußerte sich weder auf die eine noch die andere Art, er rief:

„Der Vetter Wassertreter! Wahrhaftig, es ist der Vetter Wassertreter!“

Alexandra Bochkareva

Bilder: Alexandra Bochkareva aus Taschkent, Usbekistan, wirkt in Sankt Petersburg:

  1. Through the Forest, 30. Juli 2018;
  2. FOXES, 11. September 2016;
  3. Sasha, 6. Juni 2017;
  4. Northern Forest Tales;
  5. Totems, 23. Juli 2020;
  6. Totems;
  7. Someone Like You, 23. Oktober 2018.

Soundtrack: Gazi „Dusty“ Simelane: Home, ca. März 2010:

Written by Wolf

19. Februar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Realismus

All I lov’d — I lov’d alone

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Update for And all I got’s a pocketful of flowers on my grave
and Etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales:

A friend of mine (yes, I have a few) recently quoted me a line by Poe: „And all I loved I love alone“, allegedly from a poem named Alone. Looking it up, I neither found it in my English nor my German edition of Poe’s „complete“ works, the latter even bilingual, translated by Hans Wollschläger.

There is a reason for Alone, originally Original, remaining uncollected: it is a true bootleg.

Poe wrote this poem in the autograph album of Lucy Holmes, later Lucy Holmes Balderston. The poem was never printed during Poe’s lifetime. It was first published by E. L. Didier in Scribner’s Monthly for September of 1875, in the form of a facsimile. The facsimile, however, included the addition of a title and date not on the original manuscript. That title was “Alone,” which has remained. Doubts about its authenticity, in part inspired by this manipulation, have since been calmed. The poem is now seen as one of Poe’s most revealing works. The same album also contains a poem by Poe’s brother Henry.

The original manuscript bears the number 55 in the upper right hand corner, as a page number within the album.

The website of the Maryland Historical Society includes a photograph of the original manuscript.

Going there:

Though we don’t have a great deal of Edgar Allan Poe materials in our library, we do have a poem entitled “Original,” which was handwritten into a volume of poetry owned by a Baltimorean named Lucy Holmes. The poem was not published in Poe’s lifetime, but finally appeared under the title “Alone” in an 1875 issue of Scribner’s Monthly. Though the poem was penned by a 20-year-old Poe, it seemed to reveal some of the inner turmoil that was always within the author, as well as foreshadow his shortened life. Though the provenance is a little unclear, it was donated by a woman named Emma Welbourn in 1969, who was most likely a descendant of Ms. Holmes. Not a lot is known of Lucy Holmes, except that she was known to be active in the literary circles of Baltimore. She most likely had Poe write the poem in her ledger sometime in 1829. This was a time period in Poe’s life shortly after he left West Point and returned to Baltimore. The fact that he wrote this poem in the ledger of a wealthy socialite provides fairly strong evidence that he was not a homeless wanderer at this point in his life as some have suggested.

——— Edgar Allan Poe:

Original

undated manuscript, about 1829, published 1875:

From childhood’s hour I have not been
As others were — I have not seen
As others saw — I could not bring
My passions from a common spring —
From the same source I have not taken
My sorrow — I could not awaken
My heart to joy at the same tone —
And all I lov’d — I lov’d alone —
Then — in my childhood — in the dawn
Of a most stormy life — was drawn
From ev’ry depth of good and ill
The mystery which binds me still —
From the torrent, or the fountain —
From the red cliff of the mountain —
From the sun that ’round me roll’d
In its autumn tint of gold —
From the lightning in the sky
As it pass’d me flying by —
From the thunder, and the storm —
And the cloud that took the form
(When the rest of Heaven was blue)
Of a demon in my view —

E. A. Poe

Poe, Original, ca. 1829

Further:

Isaiah Balderston, FaksimileThough Poe’s poem is what truly makes this book unique, there are also approximately 100 other poems by Baltimore poets contained in its pages. The great majority of the poems seem to be written with the goal of pursuing courtship with Ms. Holmes. Poe’s poem stands out from the crowd by being autobiographical, dark, and depressing—pretty much the opposite tone of every other poem in the volume. It is not, however, the only poem in Edgar Allan Poe’s handwriting in the small book. At his brother W.H. Poe’s request, Edgar Allan copied one if his poems on the very next page. Once again it seems like another piece of literary sleaze with the purpose of impressing Lucy. The assumption that Lucy’s favor could be won with flattery was not completely baseless. One of the poets, „Isaiah“ (or „I… B….N“) who appears frequently in the ledger is most likely Isaiah Balderston, whom Lucy ended up marrying in 1830. If heavy handed love poems tickle your fancy then by all means come visit us at the H. Furlong Baldwin Library—we’d be happy to make this volume available for your perusal! (Eben Dennis)

This poem from I.. B…N may have been the very one that titillated young Lucy. I guess she wasn’t impressed by Edgar’s demons. MS 1796, MdHS

Sources and further reading:

Scribners Monthly „An Early Poem by Edgar Allan Poe“ September 1875

Ingram, John Henry. The complete poetical works of Edgar Allen Poe (New York : A. L. Burt Co., 1907) MP3.P743 1907, MdHS

Reilly, John E. The image of Poe in American poetry (Baltimore: Edgar Allan Poe Society, 1976) MP3.P743.R36, MdHS

Another source and even further reading: Edgar Allan Poe Society of Baltimore: Edgar Allan Poe — „Alone“ („From childhood’s hour . . .“), Reading and Reference Texts.

Special thanks to Frank T. Zumbach!

Images: Maryland Center for History and Culture: Poe and Alone.

Soundtrack: Lindi Ortega: Lived And Died Alone, from: Tin Star, 2013:

I guess I thought it couldn’t really hurt
To search for sweethearts underneath the dirt
Sure, they may be made of dust and bone
But I will take them home
from their lonely tombstone
To be with me
In the Dead Sea

Written by Wolf

22. Januar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet

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Update zu Der Goethe wor fei aa do (It’s a nice-a place):

„Zu Goethes Denkmal, was zahlst du jetzt?“
Fragt dieser, jener und der. –
Hätt ich mir nicht selbst ein Denkmal gesetzt,
Das Denkmal, wo käm es denn her?

Goethe: Zahme Xenien, VII. Buch, vorwiegend nach 1824 bis 1832.

Fassen wir als erstes zusammen, was wir nicht gefunden haben:

  1. ein Goethe-Denkmal mit folgenden Eigenschaften:
    1. in Wien,
    2. am Ring,
    3. am Ende des Volksgartens,
    4. als „alter Goethe“,
    5. sitzend,
    6. in einer Nische,
    7. aus Stein
    8. mit Kragen und Krawatte
  2. und eine Antwort in der zuständigen Facebook-Gruppe auf die Frage, ob dergleichen in Schrift und Bild nachweisbar sei.

Goethedenkmal WienVon ähnlicher Beschaffenheit ist das durchaus bekannte Wiener Goethedenkmal von Edmund von Hellmer 1900 Ecke Opernring und Goethegasse im „Aanser“ — was bedeutet: 1. Bezirk Innere Stadt — das zumindest den „alten Goethe“ am Ring unweit des Volksgartens zeigt — nur eben nicht in einer Nische und wenngleich auf einem Sockel aus Granit mit so hohem Urangehalt, dass er radioaktiv strahlt (und falsch geschriebener römischer Jahreszahl „MDCCCC“ auf der rückwärtigen Gedenktafel), schon gar nicht in Stein gehauen, sondern aus Bronze gegossen.

Egal wie Joseph Roth ihn beschrieben hat, was offensichtlich aus dem Anlass von Goethes 100. Todestages geschah: Es nähme doch sehr wunder, wenn in derartiger Nähe zu einem Denkmal, das keineswegs in eine Nische verräumt Moose und Flechten ansetzt, vielmehr freistehend, erst langfristig auf eine nachwachsende Begrünung durch drei Bäume angelegt und daher recht prominent das Stadtbild an einem wichtigen Straßenabschnitt mitbestimmt, und in Grußweite auf einer Sichtachse mit dem 24 Jahre zuvor errichteten, damit in freundschaftliche Beziehung gesetzten Schillerdenkmal gleich noch einmal derselbe Künstler geehrt würde, der in derselben Stadt dem ältesten, zugleich bis heute bestehenden Verein zum Gegenstand dient, aber doch kein Sohn der Stadt, ja nicht einmal des Landes ist, und auch sonst nirgends aufgeführt wird.

Immerhin sagt uns das Enthüllungsdatum 1900, dass Joseph Roth das Denkmal 1932 kennen konnte. Einigen wir uns darauf: Im Detail irrt Joseph Roth, aber insgesamt spricht er wahr.

Goethedenkmal Wien

——— Joseph Roth:

Das Denkmal (II)

in: Frankfurter Zeitung, 21. März 1932:

Das Goethe-Denkmal, von dem hier die Rede sein soll, steht am Wiener „Ring“, in einer halbrunden Nische, am Rande des „Volksgartens“. Der steinerne Goethe sitzt in einem steinernen Sessel. Goethe hat einen steinernen Rock an, einen steinernen Kragen und eine Art steinernes Plastron. Es ist der „alte Goethe“. Und Kenner der Denkmalskunst haben mir gesagt, das Denkmal sei „nicht gut“.

Goethedenkmal WienDamals war ich jung. Und die Wichtigkeit, die ich mir infolgedessen verlieh, vermochte ich in einer harmlosen, fast unschuldigen Weise mit der Pietät zu verbinden, die ich für Goethe empfand. Und wie ich als Knabe durch ein militärisches Salutieren vorbeikommende Offiziere zu grüßen versucht hatte, so etwa zog ich den Hut vor dem Denkmal Goethes, sooft ich daran vorbeikam. Und indem ich also dem Genie der Nation die lächerliche Reverenz eines Dummkopfs erwies, setzte ich mich gewissermaßen in eine private Beziehung zu Goethe. Und während ich die Frechheit, eine derartige Beziehung herzustellen, betrieb, bildete ich mir ein, mein Gruß sei der Ausdruck untertänigsten Respekts. Heute weiß ich, daß ich das Goethe-Denkmal lediglich aus Eitelkeit gegrüßt habe. Dennoch verzeihe ich mir diese Eitelkeit mit reinem Gewissen. Denn sie war, ohne Zweifel, sozusagen die leibliche Schwester meines Respekts. Es gibt eine Eitelkeit, die nicht schändet.

Ich war etwa vierzehn Jahre alt, als ich das Goethe-Denkmal zu grüßen begann. Manchmal blieb ich, töricht und wichtig, vor dem Denkmal stehen, und die steinernen Züge des Unsterblichen schienen mir der wohlgelungene Ausdruck seiner Unsterblichkeit zu sein. Und mir war zuweilen, als wäre Goethe schon immer, und zu Lebzeiten, aus Stein gewesen. In dem großen Oval gewölbter Augen ruhte der steinerne Blick der steinernen Ewigkeit, die nichts anderes als sich selbst betrachtet. In den Zügen des Angesichts, in den Falten um Nase und Mund besonders, schlief der Atem der „olympischen“ Ruhe, von der die Lehrer sprachen, die Schulbücher, die Literaturgeschichte. Zuweilen fühlte ich mich durch die vorwitzige Amsel beleidigt, die sich auf Goethes Schädel gesetzt hatte und flötend ihre Notdurft verrichtete. Ich hätte sie zum Beispiel auf das Haupt Eichendorffs verwiesen, weil ich damals noch nicht wußte, daß der melodiöse Pfiff der Amsel nichts anderes im Erzeugnis der Natur war als das „olympische Genie“ und die Gedichte Eichendorffs. Ja, damals war ich jung! Damals anerkannte ich gehorsam die Rangunterschiede, die ein „Genie“ von einem „Talente“ trennten, und die göttliche Würde, die Goethe auszeichnete, schien mir verletzt, wenn sich eine vulgäre Kreatur auf seinen erhabenen Schädel setzte. Nicht nur dieses Denkmal war steinern! Auch der lebendige Goethe war es gewesen! Und indem ich ihn grüßte, glaubte ich die Respektlosigkeit der Amsel gewissermaßen ungültig zu machen, und ich ahnte nicht, daß es dem Geschmack des Unsterblichen eher entsprochen hätte, von einer Amsel ausgepfiffen als von mir gegrüßt zu werden …

Goethedenkmal WienUnd so blieb es: Der untertänige Hochmut, mit dem ich Goethe zu ehren glaubte, hielt mich lange in der Befangenheit eines kindischen Urteils, demzufolge „das Genie“ steinern gewesen war wie sein Denkmal. Allmählich aber – und besonders deutlich wurde es mir eines Tages, als ich aus dem Feld in Urlaub kam – erwärmte und verlebendigte sich der Stein, in dem Goethe gefangen war. Ich trug eine Uniform. Und als ich, einem gewissen Mechanismus des Gemüts gehorchend, die Hand zum gewohnten Gruß ansetzte, wirkte ihm jener andere, soldatische entgegen, der mir gebot zu salutieren. Und ich erkannte plötzlich, daß ich bis nun Goethe gegrüßt, wie ich vor viel längerer Zeit Offizieren immer salutiert hatte. Und auf einmal schien es mir auch, daß Goethe lächelte. Ja, sein Denkmal, das „nicht gut“ war, lächelte. In seinen ovalen und konkav gewölbten, steinernen Augen erwachte jener menschliche Blick, der nur den Göttern eigen ist: ein wissender und witziger Blick, und wäre in mir die Vorstellung vom „Olympier“ nicht noch so lebendig gewesen, so hätte ich gewagt zu denken: ein schelmischer. Aber es gab damals in meiner Begriffswelt noch keine schelmischen Olympier. Und ich bemerkte nur, daß Goethe lächelte …

Seit jener Stunde – es war ein heiterer Sommerabend, und die Amseln pfiffen – hörte Goethe auf, ein steinernes Genie zu sein, und ich habe ihn nie mehr gegrüßt. Vielleicht verändert sich auch an den Denkmälern noch der physiognomische Ausdruck. Vielleicht verändern sich in der Tat die steinernen Gesichter, für jeden von uns! Und ich könnte glauben, daß jenes erhabene Antlitz, das unbewegt jahrelang, beinahe jeden Tag, meinen kindischen Gruß vorüberwehen ließ, eines Tages wahrhaftig zu lächeln begann, weil ich reif genug geworden war, zu Göttern zu beten und dennoch die Menschen zu ehren. Ich bin kein Stein! sagte das Genie. Ich begann zu begreifen, daß es ein Mensch war.

Goethedenkmal Wien

Bilder: Jutta Assel/Georg Jäger: Goethe-Denkmäler. Eine Dokumentation.
Edmund von Hellmer: Wiener Goethe-Denkmal
, Oktober 2009;
Wikimedia Commons.

Soundtrack: Peter Alexander: Das hat ka Goethe g’schrieben,
aus: Peter Alexander serviert Spezialitäten aus Böhmen, Ungarn, Österreich, 1967:

Written by Wolf

8. Januar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Nachtstück 0027: Uns lieben Brüdern Wohlgefallen und ein recht gutes Jahr!

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Upate zu Naseweise Weihnachten und
Nachtstück 0025: Die Thurmuhr brummte Zwölf:

Anfang Januar bis Ende Februar 1777 redigierte Matthias Claudius das amtliche Organ der Landkommission Hessen-Darmstädtische privilegierte Landzeitung, das er, wie aus den ursprünglich darin erschienenen Görgeliana erkennbar, ähnlich führte wie zuvor 1770 bis 1775 seine vierte, feuilletonartig letzte Seite im Wandsbecker Boten. In alle Sammlungen des Boten und die Werkausgaben von Matthias Claudius wurde immer nur die folgende Auswahl aufgenommen.

„Görgel“ ist verbreitet mundartlich für „Georg“ oder „Jürgen“.
Das Bildmaterial ist unabhängig von Matthias Claudius.

Gedeihliches neues Jahr für alle!

——— Matthias Claudius:

Görgeliana

in: ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Dritter Theil, Wandsbeck, beym Verfasser, 1777, korrigiert nach der mit „1774“ bezeichneten Erstausgabe:

Vorbericht.

Diese Görgeliana schreiben sich von Görgeln her, und Görgel ist eigentlich ein alter lahmer Invalide, der sich in seinen alten Tagen noch auf die Feder applicirte, und würklich der Verfasser einer gewissen Druckschrift ward, die als disjecti membra poëtae ins Publikum herausgieng. Ich war mit ihm bekannt worden, und wie’s unter den Gelehrten ist, daß sie einander aushelfen, so half ich ihm, wenn er keine Zeit, oder Reissen im Bein hatte, nach meiner Wenigkeit auch aus, wie zum Theil folget, nicht ohne seine Erlaubnis.

Weiter wüßte ich nichts vorzuberichten, etwa noch daß die Tanne ein Wald von Tannen ist, etliche Stunden groß, darin sich’s im Jahr 1776 und 1777 recht gut spatziren ließ.

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No. 1. Des alten lahmen Invaliden, Görgel, sein Neujahrswunsch.

Christoph Weiss, deutscher Comödie- und Raritäten-Zetteltrager, Kupferstich 1771, Goethezeitportal 2013Sie haben mich dazu beschieden,
     So bring‘ ichs denn auch dar:
Im Namen aller Invaliden
     Wünsch ich ein fröhlich Jahr

Zuerst dem lieben Bauernstande;
     Ich bin von Bauern her,
Und weiß, wie nöthig auf dem Lande
     Ein fröhlich Neujahr wär.

Gehn viele da gebückt, und welken
     In Elend und in Müh,
Und andre zerren dran und melken,
     Wie an dem lieben Vieh.

Und ist doch nicht zu defendiren,
     Und gar ein böser Brauch;
Die Bauern gehn ja nicht auf Vieren,
     Es sind doch Menschen auch;

Und sind zum Theil recht gute Seelen.
     Wenn nun ein solches Blut
Zu Gott seufzt, daß sie ihn so quälen;
     Das ist fürwahr nicht gut.

Ein fröhlich, fröhlich Jahr den Fürsten,
     Die nach Gerechtigkeit,
Nach Menschlichkeit und Wohlthun dürsten;
     Der Fürsten Ehrenkleid!

Sie sind in diesem Ehrenkleide
     Wie Gottes Engel schön!
Und haben selbst die meiste Freude;
     Sonst muß ichs nicht verstehn.

Ein fröhlich Jahr und Wohlbehagen
     Dem Fürsten unserm Herrn!
Der auch in unsern alten Tagen
     Nicht lässet, der noch gern

An alte Invaliden denket
     Auf seinem Fürstenthron,
Und uns des Lebens Pflege schenket!
     Dank ihm und Gotteslohn!

Und seinen Unterthanen allen,
     Wir sind ja Brüder gar,
Uns lieben Brüdern Wohlgefallen
     Und ein recht gutes Jahr!

„Und allen edeln Menschen Friede
     „Und Freud‘ auf ihrer Bahn!
„Ich segne sie in meinem Liede,
     „So viel ich segnen kann;

„Und fühl in diesem Augenblicke
     „Den lahmen Schenkel nicht,
„Und steh‘ und schwinge meine Krücke,
     „Und glühe im Gesicht.“

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No. 4. Billet doux, von Görgel an seinen Herrn, den 10. Jan.

Es schneit noch immer, mein lieber Herr, als obs gar nicht wieder aufhören wolle.

Joseph Bergler, Neujahrswünsche für 1807, Goethezeitportal 2013Was doch für eine Menge Schnee in der Welt ist! hier so viel Schnee! und in der Pfalz so viel! und in Amerika! und in der Tanne! – ich pflege denn so meinen Gang nach der Tanne zu haben, weiß er wohl. Der grosse Wald ist von Natur mein Lustrevier, und die Tanne liegt mir so bequem, grade am Thor, und führt eine schöne lange Lindenallee dahin; denn sind auch immer so viele arme Leute darin, alt und jung, die Holz sammlen, und auf dem Kopf zu Hause tragen; und das seh ich so mit an, und gehe meinen Gang hin. Seit der viele Schnee gefallen ist, fehlt mir aber meine Gesellschaft; die armen Leute können nicht zu, und ich kann denken, daß sie sowohl hier, als überall wo so viel Schnee liegt, bey der Kälte übel daran sind. Mein Herr hat Gottlob einen warmen Rock und eine warme Stube, da merkt er’s nicht so; aber wenn [man nichts in und um den Leib hat und] denn kein Holz im Ofen ist, da friert’s einen gewaltig.

Am Nordpol, hinter Frankfurt, soll Sommer und Winter hoch Schnee liegen, sagen die Gelehrten, und in den Hundstagen treiben da Eisschollen in der See, die so groß sind als die ganze Herrschaft Epstein, und thauen ewig nicht auf! und doch hat der liebe Gott allerley Thiere da, und weiße Bären, die auf den Eisschollen herum gehen und guter Dinge sind, und große Wallfische spielen in dem kalten Wasser und sind frölich. Ja, und auf der andern Seite unter der Linie, über Heidelberg hinaus, brennt die Sonne das ganze Jahr hindurch, daß man sich die Fußsohlen am Boden sengt. Und hier bei uns ists bald Sommer und bald Winter. Nicht wahr, mein lieber Herr, das ist doch recht wunderbar! und der Mensch muß es sich heiß oder kalt um die Ohren wehen lassen, und kann nichts davon noch dazu thun, er sei Fürst oder Knecht, Bauer oder Edelmann. Wenn ich das so bedenke, so fällt’s mir immer ein, daß wir Menschen doch eigentlich nicht viel können, und daß wir nicht stolz und störrisch, sondern lieber hübsch bescheiden und demüthig sein sollten. Sieht auch besser aus, und man kommt weiter damit.

Nun Gott befohlen, eliber Herr, und wenn er n Stück Holz übrig hat, geb‘ ers hin, und denk‘ er, daß die armen Leute keine weiße Bären noch Wallfische sind.

Sein Diener Görgel

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No. 15. Schreiben von Görgel an seinen Herrn, d. d. 1777.

Ich komme morgen nicht zu Hause. „Warum nicht Görgel?“ Darum nicht, mein lieber Herr! ich komme nicht und kann nicht kommen.

Johann Adam Klein, Zum neuen Jahr 1820, Milano 1819, Goethezeitportal 2013’s wird ihm bekannt seyn, daß unser lieber Erbprinz sich morgen vermählt, und daß alle Leute im Lande, Vornehme und Geringe, so was machen und thun wollen, so ’n Carmina, oder Illumination, oder Musick, Tanz und dergleichen, ein jeder nach seiner Art, und wie ihm der Schnabel gewachsen ist, alles aber, damit der Erbprinz sehen soll, wie lieb sie ihn und seine Braut haben. Und da wollen wir alten Invaliden auch was thun, sieht er, mein lieber Herr! und da wollen unser etliche zusammen kommen in unsern Sonntagsröcken und mit weissen Vorermeln, und denn will ich vor ihnen hintreten und eine Rede halten.

Er kann leicht denken, was das für eine Rede werden, und daß es nicht gehauen und nicht gestochen seyn wird. Aber ’n jeder macht’s, so gut er kann, und kurz, ich werde ohngefähr so sagen: „Cam’raden, wir haben alle graue Haare und sollen bald sterben; hofieren und schmeicheln steht uns nicht an. Aller Welt Lust und Herrlichkeit ist eitel und vergänglich, und am Ende besteht nichts, als wenn man Gott fürchtet und recht thut! Cam’raden, auch die besten Fürsten sind Menschen, und darum muß man bey aller Gelegenheit für sie beten. Glückzu denn heute unserm geliebten Erbprinzen und seiner Braut! wenn sie der Pfarrer einseegnet und sie einander die Hände geben, so seegne sie Gott ein, und die Sonne scheine milde und freundlich vom Himmel herab! – Und wenn er einst, wir erlebens nicht, wir liegen dann alle schon im Grabe, aber wenn er einst die Regierung seines Landes übernimmt, so erfülle Gott unsre Hoffnung, und gebe, daß er ein guter Regent werde, damit er im Himmel zu uns komme.“

Wenn ich das sage, „daß er ein guter Regent werde etc.“, dann sollen alle Cam’raden die Hüte und Kappen abthun, und denn wollen wir ’n „Vater Unser“ beten, und hernach uns hinsetzen, und unsers gnädigen Herrn Landesfürsten, des Erbprinzen, der Erbprinzessin und aller F. Herrschaften, und des Herrn Präsidenten seine Gesundheit trinken, in 66iger wenn uns der Wirthsmann nicht betriegt. Addies lieber Herr, schreib er mir doch ’nmal, er hat mir so lange nicht geschrieben, und schenk‘ er mir einen krummen Kamm in meine Haare.

Sein Diener etc.
Görgel

~~~\~~~~~~~/~~~

No. 19. Beschluß-Nachricht von Görgel an seinen Herrn,
d. d. Gr. den 27sten Februar 1777.

Das Himmelszeichen ist auch hier zu sehen gewesen; ’s gieng grade über unser Invalidenhaus! und hat ausgesehn wie eine Ruthe! Es wird aber doch mit Gottes Hülfe nichts Böses bedeuten. Denn es war so schön weiß und helle, und man konnte die lieben Sternlein durchsehen.

Ende der GÖRGELIANA

Bilder: Christoph Weiss, deutscher Comödie- und Raritäten-Zetteltrager, Kupferstich 1771;
Joseph Bergler: Neujahrswünsche für 1807, 26 auf 21,5 cm;
Johann Adam Klein: Zum neuen Jahr 1820, Milano 1819, Platte 9,3 auf 7,5 cm;
via Jutta Assel/Georg Jäger: Neujahrswünsche auf Grafiken von Künstlern der Goethezeit, Neujahr 2013.

Soundtrack als zweiter Versuch für einen neuen Anfang:
Anti Cornettos: Korsakov Syndrom, aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Written by Wolf

1. Januar 2021 at 00:01

Coronadvent 3: Da war keine Schranke mehr, nicht Götterfurcht, nicht Menschengesetz

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Update zu Weil er ihn für einen völligen Toren hielt,
Homerische Dark Fantasy
und Hipsteros:

Für das Jahr 2020 drängt sich nichts so sehr auf wie ein Rückblick auf vergangene Pandemien.
Es ist Advent. Gott steh uns bei.

Weder ist ein griechischer Originaltitel für die Geschichte des Peloponnesischen Krieges von Thukydides überliefert, noch ist zu erschließen, welcher Retrodiagnose die darin beschriebene Seuche folgt. Hypothesen über die nachmals so genannte Attische Seuche zwischen 430 und 426 vor Christus umfassen, sind aber nicht beschränkt auf Typhus, Fleckfieber, Milzbrand, Pest, Influenza, Fieber, Pocken, Lassafieber, Ebolafieber, Tuberkulose, Scharlach, Masern, Marburgfieber, Rifttalfieber, Krim-Kongo-Fieber, Kyasanur-Wald-Fieber, Rückfallfieber, Tularämie, Pferdeenzephalitis und Hämorrhagie.

Das Neuartige an Thukydides‘ so breit wie tief angelegter Schilderung der 27 Kriegsjahre 431 bis 404 vor Christus, deren Zeitzeuge er war, ist die knochentrockene, auf schmucklose Fakten reduzierte und darin bis heute stilsetzende Berichterstattung. Seiner Zeit weit voraus ist mit guter Begründung die Pestschilderung im 2. Buch: als Vorläufer eines Memento mori, das eigentlich erst im Barock dran war. Vor allem Abschnitt 53 erinnert fatal an Auffassungen des nachchristlichen Jahres 2020. Siehe unten, ungekürzt:

Michael Sweerts, Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652, Detail

——— Thukydides:

Das zweite Kriegsjahr

aus: Geschichte des Peloponnesischen Krieges, Abschnitt II,47 bis 53,
Übersetzung: Georg Peter Landmann, Artemis Verlag, Zürich 1960:

[47] So wurden die Toten beigesetzt in diesem Winter, und mit seinem Ende war das erste Jahr dieses Krieges abgelaufen. Gleich mit Beginn des Sommers fielen die Peloponnesier und ihre Verbündeten mit zwei Dritteln ihrer Macht, wie das erstemal, in Attika ein, geführt von Archidamos, Zeuxidamos‘ Sohn, König von Sparta, lagerten sich und verwüsteten das Land. Sie waren noch nicht viele Tage in Attika, als in Athen zum ersten Male die Seuche ausbrach. Es hieß, sie habe schon vorher mancherorts eingeschlagen, bei Lemnos und anderwärts, doch nirgends wurde eine solche Pest, ein solches Hinsterben der Menschen berichtet. Nicht nur die Ärzte waren mit ihrer Behandlung zunächst machtlos gegen die unbekannte Krankheit, ja, da sie am meisten damit zu tun hatten, starben sie am ehesten selbst, aber auch jede andere menschliche Kunst versagte: alle Bittgänge zu den Tempeln, Weissagungen und was sie dergleichen anwandten, half alles nichts, und schließlich ließen sie davon ab und ergaben sich in ihr Unglück. [48] Sie begann zuerst, so heißt es, in Äthiopien oberhalb Ägyptens und stieg dann nieder nach Ägypten, Libyen und in weite Teile von des Großkönigs Land. In die Stadt Athen brach sie plötzlich ein und ergriff zunächst die Menschen im Piräus, weshalb auch die Meinung aufkam, die Peloponnesier hätten Gift in die Brunnen geworfen (denn Quellwasser gab es dort damals noch nicht). Später gelangte sie auch in die obere Stadt, und da starben die Menschen nun erst recht dahin. Mag nun jeder darüber sagen, Arzt oder Laie, was seiner Meinung nach wahrscheinlich der Ursprung davon war und welchen Ursachen er eine Wirkung bis in solche Tiefe zutraut; ich will nur schildern, wie es war; nur die Merkmale, an denen man sie am ehesten wiedererkennen könnte, um dann Bescheid zu wissen, wenn sie je noch einmal hereinbrechen sollte, die will ich darstellen, der ich selbst krank war und selbst andere leiden sah.

Michael Sweerts, Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652, Detail[49] Es war jenes Jahr, wie allgemein festgestellt wurde, in bezug auf die anderen Krankheiten grade besonders gesund. Wer schon vorher ein Leiden hatte, dem ging es immer über in dieses, die andern aber befiel ohne irgendeinen Grundplötzlich aus heiler Haut zuerst eine starke Hitze im Kopf und Rötung und Entzündung der Augen, und innen war sogleich alles, Schlund und Zunge, blutigrot, und der Atem, derherauskam, war sonderbar und übelriechend. Dann entwickelte sich daraus ein Niesen und Heiserkeit, und ziemlich rasch stieg danach das Leiden in die Brust nieder mit starkem Husten. Wenn es sich sodann auf den Magen warf, drehte es ihn um, es folgten Entleerungen der Galle auf all die Arten, für die die Ärzte Namen haben, und zwar unter großen Qualen, und die meisten bekamen dann ein leeres Schlucken, verbunden mit einem heftigen Krampf, der bei einigen alsbald nachließ, bei anderen auch erst viel später. Wenn man von außen anfaßte, war der Körper nicht besonders heiß, noch auch bleich, sondern leicht gerötet, blutunterlaufen und bedeckt von einem dichten Flor kleiner Blasen und Geschwüre; aber innerlich war die Glut so stark, daß man selbst die allerdünnsten Kleider und Musselindecken abwarf und es nicht anders aushielt als nackt und sich am liebsten in kaltes Wasser gestürzt hätte. Viele von denen, die keine Pflege hatten, taten das auch, in die Brunnen, infolge des unstillbaren Durstes. Es war kein Unterschied, ob man viel oder wenig trank. Und die ganze Zeit quälte man sich in der hilflosen Unrast und Schlaflosigkeit. Solange die Krankheit auf ihrer Höhe stand, fiel auch der Körper nicht zusammen, sondern widerstand den Schmerzen über Erwarten. Entweder gingen daher die meisten am neunten oder siebten Tag zugrunde an der inneren Hitze, ohne ganz entkräftet zu sein, oder sie kamen darüber weg, und dann stieg das Leiden tiefer hinab in die Bauchhöhle und bewirkte dort starke Blähungen, wozu noch ein wäßriger Durchfall auftrat, so daß die meisten später an diesem starben, vor Erschöpfung. Denn das Übel durchlief von oben her, vom Kopfe, wo es sich zuerst festsetzte, den ganzen Körper, und hatte einer das Schlimmste überstanden, so zeigte sich das am Befall seiner Gliedmaßen: denn nun schlug es sich auf Schamteile, Finger und Zehen, und viele entrannen mit deren Verlust, manche auch mit dem der Augen. Andere hatten beim ersten Aufstehen rein alle Erinnerung verloren und kannten sich selbst und ihre Angehörigen nicht mehr. [50] Denn die unfaßbare Natur der Krankheit überfiel jeden mit einer Wucht über Menschenmaß, und insbesondere war dies ein klares Zeichen, daß sie etwas anderes war als alles Herkömmliche: die Vögel nämlich und die Tiere, die an Leichen gehn, rührten entweder die vielen Unbegrabenen nicht an, oder sie fraßen und gingen dann ein. Zum Beweis: es wurde ein deutliches Schwinden solcher Vögel beobachtet; man sah sie weder sonst noch bei irgendeinem Fraß, wogegen die Hunde Spürsinn zeigten für die Wirkungen wegen der Lebensgemeinschaft.

[51] So also war diese Seuche, von mancher Besonderheit abgesehen, worin der eine sie vielleicht etwas anders erfuhr als ein anderer, aber doch in ihrer Gesamtform. Sonst litt man zu jener Zeit an keiner von den gewöhnlichen Krankheiten, wenn aber doch eine vorkam, so endete sie immer in jene. Die einen starben, wenn man sie liegen ließ, die anderen auch bei der besten Pflege. Und ein sicheres Heilmittel wurde eigentlich nicht gefunden, das man zur Hilfe hätte anwenden müssen — was dem einen genützt hatte, das schadete einem andern — auch erwies sich keine Art von Körper nach seiner Kraft oder Schwäche als gefeit dagegen, sondern alle raffte es weg, auch die noch so gesund gelebt hatten. Das Allerärgste an dem Übel war die Mutlosigkeit, sobald sich einer krank fühlte (denn sie überließen sich sofort der Verzweiflung, so daß sie sich innerlich viel zu schnell selbst aufgaben und keinen Widerstand leisteten), und dann, daß sie bei der Pflege einer am anderen sich ansteckten und wie die Schafe hinsanken; daher kam hauptsächlich das große Sterben. Wenn sie nämlich in der Angst einander mieden, so verdarben sie in der Einsamkeit, und manches Haus wurde leer, da keiner zu pflegen kam; gingen sie aber hin, so holten sie sich den Tod, grad die, die Charakter zeigen wollten — diese hätten sich geschämt, sich zu schonen, und besuchten ihre Freunde; wurden doch schließlich sogar die Verwandten stumpf gegen den Jammer der Verscheidenden, vor der Übergewalt des Leides. Am meisten hatten immer noch die Geretteten Mitleid mit den Sterbenden und Leidenden, weil sie alles vorauswußten und selbst nichts zu fürchten hatten; denn zweimal packte es den gleichen nicht, wenigstens nicht tödlich. Diese wurden glücklich gepriesen vonden anderen und hatten auch selbst seit der Überfreude dieses Tages eine hoffnungsvolle Leichtigkeit für alle Zukunft, als könne sie keine andere Krankheit je mehr umbringen.

[52] Zu all dieser Not kam noch als größte Drangsal das Zusammenziehen von den Feldern in die Stadt, zumal für die Neugekommenen. Denn ohne Häuser, in stickigen Hütten wohnend in der Reife des Jahres, erlagen sie der Seuche ohne jede Ordnung: die Leichen lagen übereinander, sterbend wälzten sie sich auf den Straßen und halbtot um alle Brunnen, lechzend nach Wasser. Die Heiligtümer, in denen sie sich eingerichtet hatten, lagen voller Leichen der drin an geweihtem Ort Gestorbenen; denn die Menschen, völlig überwältigt vom Leid und ratlos, was aus ihnen werden sollte, wurden gleichgültig gegen Heiliges und Erlaubtes ohne Unterschied. Alle Bräuche verwirrten sich, die sie sonst bei der Bestattung beobachteten; jeder begrub, wie er konnte. Viele vergaßen alle Scham bei der Beisetzung, aus Mangel am Nötigsten, nachdem ihnen schon so viele vorher gestorben waren: die legten ihren Leichnam auf einen fremden Scheiterhaufen und zündeten ihn schnell an, bevor die wiederkamen, die ihn geschichtet hatten, andere warfen auf eine schon brennende Leiche die, die sie brachten, oben darüber und gingen wieder.

Michael Sweerts, Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652, Detail[53] Überhaupt kam in der Stadt die Sittenlosigkeit erst mit dieser Seuche richtig auf. Denn mancher wagte jetzt leichter seinem Gelüst zu folgen, das er bisher unterdrückte, da man in so enger Kehr die Reichen, plötzlich Sterbenden, tauschen sah mit den früher Besitzlosen, die miteins deren Gut zu eigen hatten, so daß sie sich im Recht fühlten, rasch jedem Genuß zu frönen und zu schwelgen, da Leib und Geld ja gleicherweise nur für den einen Tag seien. Sich vorauszuquälen um ein erwähltes Ziel war keiner mehr willig bei der Ungewißheit, ob man nicht, eh man es erreiche, umgekommen sei; aber alle Lust im Augenblick und was gleichviel woher, dafür Gewinn versprach, das hieß nun ehrenvoll und brauchbar. Da war keine Schranke mehr, nicht Götterfurcht, nicht Menschengesetz; für jenes kamen sie zum Schluß, es sei gleich, fromm zu sein oder nicht, nachdem sie ohne Unterschied so viele hinsterben sahen, und für seine Vergehen gedachte keiner den Prozeß noch zu erleben und die entsprechende Strafe zu zahlen; viel schwerer hänge die über ihnen, zu der sie bereits verurteilt seien, und bevor die auf sie niederfalle, sei es nur recht, vom Leben noch etwas zu genießen.

Michael Sweerts, Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652

Bilder: Details aus Michael Sweerts: Pest in einer antiken Stadt, ca. 1652.

Soundtrack: Πέτρος Πανδής: Μαλλιά Σγουρά,
aus: Chants De La Résistance Grecque = Songs Of The Greek Resistance, 1974:

Εγώ Άη-Στράτη δε φοβάμαι
είναι κι αυτή μια Ελληνική γωνιά
τα μαύρα τα μαλλιά μας κι αν ασπρίσαν
δε μας τρομάζει η βαρυχειμωνιά.

Ich habe keine Angst vor Ai-Strati,
das ist auch eine griechische Ecke.
Unser schwarzes Haar, auch wenn es weiß wurde:
Wir haben keine Angst vor dem strengen Winter.

Written by Wolf

11. Dezember 2020 at 00:01

Und du liegst armselig, krank und blaß

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Update zu Weihnachtsengel 1: Brecht (Über die Vergewaltigung von Frigiden)
und Du warst den Meeren mitternachts entstiegen:

Ich selbst möchte so gern auch produktiv sein, aber […] immer wenn ich etwas beginne, habe ich Angst, dass die Leute sagen werden, ich hätte es nicht selbst gemacht. Und deshalb höre ich wieder auf. Oder ich glaube, dass es nichts taugt.

So brieflich am 5. Juni 1940 Margarete Steffin, * 21. März 1908 in Rummelsburg, heute Berlin, † 4. Juni 1941 in Moskau, von Bertolt Brecht als Grete angesprochen und als nicht mehr als dessen engste Mitarbeiterin und Geliebte apostrophiert, sträflich unterschätzt.

Junge Margarete Steffin mit Zöpfen, Deutsche Liebeslyrik33-jährig auf dem Weg von Skandinavien nach Amerika in Moskau an ihrer chronischen Tuberkulose gestorben:

Im neunten Jahr der Flucht vor Hitler
Erschöpft von den Reisen
Der Kälte und dem Hunger des winterlichen Finnland
Und dem Warten auf den Paß in einen anderen Kontinent
Starb unsere Genossin Steffin
In der roten Stadt Moskau.

Für ihre Bedeutung spricht schon, dass Brecht sie als Co-Autorin nicht nur genutzt, sondern gar angeführt und ihr als Kumpanin und manches darüber hinaus schmerzlich hinterhergedichtet hat:

Mein General ist gefallen
Mein Soldat ist gefallen
Mein Schüler ist weggegangen
Mein Lehrer ist weg
Mein Pflegling ist weg…

Sie soll sich als einzige in Brechts heillosem Verhau von Manuskripten ausgekannt haben. Ihr eigenes Werk stand erst unter Verschluss des Ost-Berliner Brecht-Archivs, wurde erst im Laufe der 1960er Jahre bekannt und 1991 zu ihrem 50. Todestag erschlossen.

Seit du gestorben bist, kleine Lehrerin
Gehe ich blicklos herum, ruhelos
In einer grauen Welt staunend
Ohne Beschäftigung wie ein Entlassener.

Ohne sie stünden Brechts Gedichtsammlungen bis heute nicht in der geordneten Form, in der sie stehen. Das oben stückweise angeführte Nach dem Tod meiner Mitarbeiterin M.S., noch von 1941, war naturgemäß schon nicht mehr dabei.

Beim stand des populären Halbwissens über „Brecht und seine Weiber“ drängt sich nach einem ihrer eigenen Sonette in korrektem Blankvers der Gedanke auf: Na, mehr muss man ja wohl nicht wissen. Damit machte man es sich zu leicht. Muss man nämlich doch: Hartmut Reiber, Hrsg.: Grüß den Brecht. Das Leben der Margarete Steffin, Eulenspiegel Verlag, Berlin 2008. Die allesamt erst aus dem Nachlass geretteten Texte mit dokumentarischem Anhang gab 1991 Inge Gellert als Konfutse versteht nichts von Frauen heraus.

——— Margarete Steffin:

Stell dir vor

8. Juli 1933, aus: Konfutse versteht nichts von Frauen. Nachgelassene Texte, Rowohlt, Berlin 1991:

Stell dir vor: es kommen alle Frauen
Die du einmal hattest, an dein Bett.
Ach, die wenigsten sind jetzt noch nett.
Keine, denkst du, ist mehr anzuschauen.

Aber alle stehen streng und schweigend.
Eine jede will von dir heut nacht
Ihren Spaß. Und wenn du ihr’s gemacht
Tritt sie seitwärts, auf die nächste zeigend.

Gierig langen sie dich an. Verloren
Bist du. Die du einst zum Spaß erkoren
Treiben mit dir einen bösen Spaß.

Selbst seh ich mich in der Reihe stehen
Sehe mich ganz schamlos zu dir gehen.
Und du liegst armselig, krank und blaß.

Ruth Berlau, Margarete Steffin beim gemeinsamen Schachspiel mit Bert Brecht

Bilder: Portrait via Deutsche Liebeslyrik;
Ruth Berlau: Margarete Steffin beim Schachspiel mit Bertolt Brecht, via Pedro Hafermann, 9. Juni 2020.

Soundtrack: Fiona Apple: Not About Love, aus: Extraordinary Machine, 2005:

Written by Wolf

20. November 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Makkaroni, Melonen und Feigen, musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion

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Update zu Fabel zur Senkung der Arbeitsmoral,
Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
And such a life I wish to live und
Ein Buch gibt keine Gelatinesuppe:

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

(§. 2). Hier ist nun aber unsere Untersuchung auf die beste Verfassung gerichtet, Dies aber ist diejenige, durch welche der Staat am meißten glückselig wird. Glückseligkeit endlich, so wurde vorhin bemerkt, ist ohne Tugend unmöglich, und hieraus ergiebt sich denn, daß in dem aufs Schönste verwalteten Staate, dessen Bürger gerechte Männer schlechthin und nicht bloß bedingungsweise sind, dieselben weder das Leben eines Handwerkers noch das eines Kaufmannes führen dürfen, denn ein solches ist unedel und der (wahren) Tugend und Tüchtigkeit zuwider, und daß auch Ackerbauer Die nicht sein dürfen, welche hier Bürger sein wollen, denn es bedarf voller Muße zur Ausbildung der Tugend und zur Besorgung der Staatsgeschäfte.

Aristioteles: Über die Politik. Griechisch und Deutsch,
herausgegeben von Prof. Franz Susemihl, Erster Theil, Text und Übersetzung,
Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig 1879, IV (VII), 9, Seite 417 f.

Die Arbeit kann uns lehren,
sie lehrte uns die Kraft,
den Reichtum zu vermehren,
der unsre Armut schafft.

Heinrich Eildermann: Lied der Jugend, 1907/1910.

Tja, eines der vielen großen Worte Alexander von Humboldt’s : ›Sie sind sämtlich faul, Majestät.‹, (als Fr. Wilhelm iv. ihn nach den großen allgemeinen Kennzeichen der Gattung Mensch fragte). / Naja; erhebt sich die Frage : ›Iss Fleiß ’ne Tugend?‹ / (Müßte man erst noch eine andre Frage davorschalten): ›Ist Fleiß für Menschen & Tiere eine einfache (Lebens)Notwendigkeit?‹

Arno Schmidt: Julia, oder die Gemälde. Scenen aus dem Novecento, 1979/1983,
Bargfelder Ausgabe Seite 141.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Eben wegen solcher unterschiedlich zweifelhafter, in manchen Fällen zu bekämpfender Einordnungen des Konstrukts der Arbeit in die eigenen Lebenswirklichkeiten reden Künstler seit jeher der Muße das Wort: jener in allen Wortsinnen freien Zeit, die der selbstbestimmter Gestaltung vorbehalten ist — nicht aber zu verwechseln mit der Todsünde der Acedia, die außer der lasterhaften Faulheit auch Feigheit, vorsätzliche Ignoranz, Überdruss und die Trägheit des Herzens einschließt.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Es liegt im Anliegen möglichst ausführlicher Mußezeiten selbst begründet, sich durch die Forderung nach möglichst wenig sicht- und messbarer Arbeit in der Außenwahrnehmung spätestens durch ihre Formulierung zu disqualifizieren. In Gesellschaften, in denen sämtliche Ausprägungen von Kunst nicht als unmittelbar lebensnotwendig begriffen werden, sind Künstler entbehrliche Mitglieder, die ihre Existenz erst plausibel machen, ja rechtfertigen müssen. Am wirksamsten tun sie das durch sicht- und messbare Arbeit, die ihrer Funktion als Künstler zuwiderläuft.

Konnte dem anerkannten Spaßmacher Karl Valentin noch eine so reine wie bittere Wahrheit erfolgreich zugeschrieben werden wie:

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

blieb er doch weiterhin ein Spaßmacher: der Hofnarr einer bürgerlichen Gesellschaft, den man köpfen müsste, wenn man ihn ernst nähme. Dagegen machte sich der oben in einer ganz anderen Tonart angespielte Arno Schmidt gerade unter seinesgleichen nachhaltig unbeliebt mit seiner Aussprache für die Arbeit. Und das in einer Dankadresse zum GoethePreis 1973:

Sei es noch so unzeitgemäß und unpopulär; aber ich weiß, als einzige Panacee, gegen Alles, immer nur ›Die Abeit‹ zu nennen; und was speziell das anbelangt, ist unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend, mit nichten überarbeitet, vielmehr typisch unterarbeitet : ich kann das Geschwafel von der ›40=Stunden=Woche‹ einfach nicht mehr hören : meine Woche hat immer 100 Stunden gehabt; und ›Zettels Traum‹ 25.000 erfordert ! — es war ein großer Tag, als er fertig war.

Das hätte so eine schöne Volte sein können: Der Inbegriff des erzdeutschen Schriftstellers, in der Bargfelder Heide eingehäuselt in einer betont anspruchslosen Fusion aus Dachsbau und Elfenbeinturm, wirft akkurat „den anderen“, der arbeitenden Bevölkerung, Faulheit vor und stellt sein Künstlertum als die wahre Maloche dar. Leider ist sie seinerzeit nach hinten losgegangen, weil die Vertretungen der Erwerbsarbeit 1973 schon eher nach 35, aber bestimmt nicht nach 100 Arbeitsstunden pro Woche schielten, und die Vertretungen des künstlerischen Schaffens noch zu sehr einem romantischen Geniebegriff anhingen, um „wahre Kunst“ als „Ware Kunst“ erworben zu sehen.

Dem angeführten valentinesken Bonmot steht die populäre Aufrechnung nahe, dass Kunst zu 10 Prozent aus Inspiration und zu 90 Prozent aus Transpiration bestehe. Die kolportierten Prozentsätze — und die Quellenzuschreibungen — wechseln, aber immer zugunsten der „Transpiration“ bis hin zur statistisch signifikanten Ausschließlichkeit. Eine Idee kann schnell entstanden sein. In so einem künstlerischen Schaffenprozess geht der Arbeitsfaktor Zeit nicht dahin, indem eine Idee innerhalb eines Ideenträgers — nennen wir ihn Künstler — herumgeistert, sondern indem sie zu Ende gedacht und schließlich anhand ihrer Materialien ausgeführt wird. Das erfordert einen vorerst nicht abzusehenden Aufwand an Zeit, der von anderweitiger Erwerbsarbeit zwangsläufig abgezogen werden, folglich aus irgendwelchen frei (!) verfügbaren Ressourcen herkommen muss.

Wir können uns deshalb darauf einigen: Faul waren Künstler nie — nicht solche, deren Werk dauerhaft überlebt hat. Praktische Beispiele aufzulisten wäre ebenso willkürlich wie uferlos.

Eine so relevante wie knappe Auswahl aus dem theoretischen Unterbau dagegen erscheint als Handhabe zur Argumentation unerlässlich. Vor allem, um das Bedürfnis nach bitter notwendiger Muße von dem Ruch des Schlawinertums zu befreien, die jeden nützlich arbeitenden Menschen „schon mal“ befallen kann, die aber als vorübergehende Schwäche weggelacht werden darf, ja sollte. Mit pointierter Ausdrucksweise ist einem Sachverhalt, nicht aber dessen gegnerischen Ansichten beizukommen. Dergleichen verkennt die politische, wirtschaftliche und soziale Dimension des Strebens nach Glück. Oder wenigstens Wohlbefinden. Oder wenigstens danach, dass es nicht die ganze Zeit ganz so weh tut, bis man endlich gnädig jämmerlich verrecken darf.

Schlimm genug, dass man im 21. Jahrhundert immer noch daran herumargumentieren muss, dass die Leute Freiheit brauchen, um wie Menschen zu leben. Und nochmal: Freiheit — gleichermaßen die Freiheit von wie die Freiheit zu etwas — bedeutet, eine Auswahl zu haben. Zum Beispiel zwischen Arbeiten oder Ruhen, körperlichem Ackern oder Kontemplieren, künstlerischem Schaffen oder Aufnehmen, oder Herumliegen und Mundhalten.

Die wünschenswerte chronologische Reihenfolge war nicht einzuhalten, daher nach argumentativ nutzbarer Dramaturgie. Perlen sind der Schlegel und der Kotzebue:

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Schon fast trivial anzuführen ist Lessings Lob der Faulheit, das immer gern als erheiterndes Beispiel dient, dass die alen Klassiker eben „auch nur Menschen“ waren. Gewiss waren sie das, und dem lebenslang nimmermüde arbeitenden Lessing stand als Student durchaus zu, seinem Arbeitspensum durch befreiende Komik Lust zu verschaffen:

——— Gotthold Ephraim Lessing:

Lob der Faulheit

aus: Lieder, 1771:

Faulheit, jetzo will ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen. –
O – – wie – – sau – – er – – wird es mir, – –
Dich – – nach Würden – – zu besingen!
Doch, ich will mein Bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut! wer dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben – –
Ach! – – ich – – gähn‘ – – ich – – werde matt – –
Nun – – so – – magst du – – mirs vergeben,
Daß ich dich nicht singen kann;
Du verhinderst mich ja dran.

(Fakultatives, leichtherzig kuratiertes Zwischenspiel vom empfohlenen YouTube-Kanal Liederspiel.)

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

In Lessings Sammlung Lieder unmittelbar folgend:

Die Faulheit

aus: Lieder, 1771:

Fleiß und Arbeit lob‘ ich nicht.
Fleiß und Arbeit lob‘ ein Bauer.
Ja, der Bauer selber spricht,
Fleiß und Arbeit wird ihm sauer.
Faul zu sein, sei meine Pflicht;
Diese Pflicht ermüdet nicht.

Bruder, laß das Buch voll Staub.
Willst du länger mit ihm wachen?
Morgen bist du selber Staub!
Laß uns faul in allen Sachen,
Nur nicht faul zu Lieb‘ und Wein,
Nur nicht faul zur Faulheit sein.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Überraschend politisch in einer zu unterstützenden Richtung wird der nachmals aus politischen Gründen erschossene Kotzebue. Er spricht durch Personen eines Dramas, die Zielsetzung seiner Satire bleibt klar:

——— August von Kotzebue:

Der Hyperboreeische Esel, oder die Heutige Bildung:
Ein Drastisches Drama, und Philosophisches Lustspiel für Jünglinge, in Einem Akt

auf Kosten und im Verlag bey Joh. Baptist Wallishauser, Wien 1801:

KARL. Fleiß und Nutzen sind die Todes-Engel mit dem feurigen Schwerdte, welche dem Menschen die Rückkehr ins Paradieß verwehren.
FÜRST. Himmel! welche ungeheure Behauptung!
KARL. Kennen Sie, mein Fürst, die Gott ähnliche Faulheit?
FÜRST. Dem Himel sey Dank, nein!
KARL. O Müssiggang! Müssiggang! Du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung!
FÜRST. Aber nicht die Lebensluft meiner Staaten.
KARL. Dich athmen die Seligen, und selig ist, wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod!
FÜRST. Bey diesem Kleinod würden meine Unterthanen verhungern.
KARL. Einzige Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb!
FÜRST (sich zu den übrigen wendend). Sie sehen, mit diesen jungen Menschen läßt sich nichts anfangen.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Noch schonungsloser politisch gegen sich und seine Ziele werden Büchner und Weidig im Hessischen Landboten, der seinerzeit justiziabel genug war, um die Polemiker mit der Todesstrafe zu jagen:

——— Georg Büchner und Ludwig Weidig:

Der hessiche Landbote

Juli 1834:

Im Jahr 1834 sieht es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft. Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker am 5ten Tage, und die Fürsten und Vornehmen am 6ten gemacht, und als hätte der Herr zu diesen gesagt: Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht, und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt. Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag, sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigne Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. Der Bauer geht hinter dem Pflug, der Vornehme aber geht hinter ihm und dem Pflug und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug, er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln. Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Zwei Jahre später ist Büchners Anliegen vom Pamphlet zur Farce gediehen — nein, nicht „verkommen“. Der Wechsel des Mediums von der Flugschrift zum Lustspiel erschließt sich möglicherweise aus dem Erreichen erweiterter Zielgruppen: Theaterpublikum erscheint freiwillig und bezahlt sogar Eintritt.

——— Georg Büchner:

Leonce und Lena

1836, aus der ersten Szene des Dramas und sein Schluss:

I.1

LEONCE. (…) Aber Edelster, dein Handwerk, deine Profession, dein Gewerbe, dein Stand, deine Kunst?

VALERIO mit Würde. Herr, ich habe die große Beschäftigung, müßig zu gehen, ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtstun, ich besitze eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit. Keine Schwiele schändet meine Hände, der Boden hat noch keinen Tropfen von meiner Stirne getrunken, ich bin noch Jungfrau in . der Arbeit, und wenn es mir nicht der Mühe zu viel wäre, würde ich mir die Mühe nehmen, Ihnen diese Verdienste weitläufiger auseinanderzusetzen.

LEONCE mit komischem Enthusiasmus. Komm an meine Brust! Bist du einer von den Göttlichen, welche mühelos mit reiner Stirne durch den Schweiß und Staub über die Heerstraße des Lebens wandeln, und mit glänzenden Sohlen und blühenden Leibern gleich seligen Göttern in den Olympus treten? Komm! Komm!

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

III,3

LEONCE. Nun, Lena, siehst du jetzt, wie wir die Taschen voll haben, voll Puppen und Spielzeug? Was wollen wir damit anfangen? Wollen wir ihnen Schnurrbärte machen und ihnen Säbel anhängen? Oder wollen wir ihnen Fräcke anziehen und sie infusorische Politik und Diplomatie treiben lassen, und uns mit dem Mikroskop danebensetzen? Oder hast du[146] Verlangen nach einer Drehorgel, auf der die milchweißen ästhetischen Spitzmäuse herumhuschen? Wollen wir ein Theater bauen? Lena lehnt sich an ihn und schüttelt den Kopf. Aber ich weiß besser was du willst, wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren, und (wir) das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeer stecken.

VALERIO. Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, daß wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist, daß Jeder der sich rühmt sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Friedrich Schlegels einziger Roman Lucinde erschien auf so vielen Ebenen kritikwürdig, dass sein eigentlich revolutionäres Konzept des Müßiggangs, dazu noch als Idylle ausgewiesen, unter dem Radar entwischte. Man kann das bedauern. Der Vorteil ist die lückenlos erhaltene Überlieferung:

——— Friedrich Schlegel:

Idylle über den Müßiggang

aus: Lucinde. Bekenntnisse eines Ungeschickten, 1799:

„Sieh ich lernte von selbst, und ein Gott hat mancherlei Weisen mir in die Seele gepflanzt.“ So darf ich kühnlich sagen, wenn nicht von der fröhlichen Wissenschaft der Poesie die Rede ist, sondern von der gottähnlichen Kunst der Faulheit. Mit wem sollte ich also lieber über den Müßiggang denken und reden als mit mir selbst? Und so sprach ich denn auch in jener unsterblichen Stunde, da mir der Genius eingab, das hohe Evangelium der echten Lust und Liebe zu verkündigen, zu mir selbst: „O Müßiggang, Müßiggang! du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.“ Ich saß, da ich so in mir sprach, wie ein nachdenkliches Mädchen in einer gedankenlosen Romanze am Bach, sah den fliehenden Wellen nach. Aber die Wellen flohen und flossen so gelassen, ruhig und sentimental, als sollte sich ein Narcissus in der klaren Fläche bespiegeln und sich in schönem Egoismus berauschen. Auch mich hätte sie locken können, mich immer tiefer in die innere Perspektive meines Geistes zu verlieren, wenn nicht meine Natur so uneigennützig und so praktisch wäre, daß sogar meine Spekulation unaufhörlich nur um das allgemeine Gute besorgt ist. Daher dachte ich auch, ungeachtet mein Gemüt in seiner Behaglichkeit so matt war, wie die von der gewaltigen Hitze aufgelösten und hingesunknen Glieder, ernstlich über die Möglichkeit einer dauernden Umarmung nach. Ich sann auf Mittel das Beisammensein zu verlängern, und künftig lieber alle kindlich rührenden Elegien über plötzliche Trennung zu verhüten, als uns wie bisher an dem Komischen einer solchen Fügung des Schicksals zu ergötzen, weil es nun doch einmal geschehen und unabänderlich sei. Erst nachdem die Kraft der angespannten Vernunft an der Unerreichbarkeit des Ideals brach und erschlaffte, überließ ich mich dem Strome der Gedanken, und hörte willig alle die bunten Märchen an, mit denen Begierde und Einbildung, unwiderstehliche Sirenen in meiner eignen Brust, meine Sinne bezauberten. Es fiel mir nicht ein das verführerische Gaukelspiel unedel zu kritisieren, ungeachtet ich wohl wußte, daß das meiste nur schöne Lüge sei. Die zarte Musik der Fantasie schien die Lücken der Sehnsucht auszufüllen. Dankbar nahm ich das wahr und beschloß, was das hohe Glück mir diesmal gegeben, auch künftig durch eigne Erfindsamkeit für uns beide zu wiederholen, und dir dieses Gedicht der Wahrheit zu beginnen. So erzeugte sich der erste Keim zu dem wundersamen Gewächs von Willkür und Liebe. Und frei wie es entsprossen ist, dacht‘ ich, soll es auch üppig wachsen und verwildern, und nie will ich aus niedriger Ordnungsliebe und Sparsamkeit die lebendige Fülle von überflüssigen Blättern und Ranken beschneiden.

Gleich einem Weisen des Orients war ich ganz versunken in ein heiliges Hinbrüten und ruhiges Anschauen der ewigen Substanzen, vorzüglich der deinigen und der meinigen. Größe in Ruhe, sagen die Meister, sei der höchste Gegenstand der bildenden Kunst; und ohne es deutlich zu wollen, oder mich unwürdig zu bemühen, bildete und dichtete ich auch unsre ewigen Substanzen in diesem würdigen Styl. Ich erinnerte mich, und ich sah uns, wie gelinder Schlaf die Umarmten mitten in der Umarmung umfing. Dann und wann öffnete einer die Augen, lächelte über den süßen Schlaf des andern und wurde wach genug um ein scherzendes Wort, eine Liebkosung zu beginnen: aber noch ehe der angefangene Mutwille geendigt war, sanken wir beide fest verschlungen in den seligen Schoß einer halbbesonnenen Selbstvergessenheit zurück.

Mit dem äußersten Unwillen dachte ich nun an die schlechten Menschen, welche den Schlaf vom Leben subtrahieren wollen. Sie haben wahrscheinlich nie geschlafen, und auch nie gelebt. Warum sind denn die Götter Götter, als weil sie mit Bewußtsein und Absicht nichts tun, weil sie das verstehen und Meister darin sind? Und wie streben die Dichter, die Weisen und die Heiligen auch darin den Göttern ähnlich zu werden! Wie wetteifern sie im Lobe der Einsamkeit, der Muße, und einer liberalen Sorglosigkeit und Untätigkeit! Und mit großem Recht: denn alles Gute und Schöne ist schon da und erhält sich durch seine eigne Kraft. Was soll also das unbedingte Streben und Fortschreiten ohne Stillstand und Mittelpunkt? Kann dieser Sturm und Drang der unendlichen Pflanze der Menschheit, die im Stillen von selbst wächst und sich bildet, nährenden Saft oder schöne Gestaltung geben? Nichts ist es, dieses leere unruhige Treiben, als eine nordische Unart und wirkt auch nichts als Langeweile, fremde und eigne. Und womit beginnt und endigt es als mit der Antipathie gegen die Welt, die jetzt so gemein ist? Der unerfahrne Eigendünkel ahndet gar nicht, daß dies nur Mangel an Sinn und Verstand sei und hält es für hohen Unmut über die allgemeine Häßlichkeit der Welt und des Lebens, von denen er doch noch nicht einmal das leiseste Vorgefühl hat. Er kann es nicht haben, denn der Fleiß und der Nutzen sind die Todesengel mit dem feurigen Schwert, welche dem Menschen die Rückkehr ins Paradies verwehren. Nur mit Gelassenheit und Sanftmut, in der heiligen Stille der echten Passivität kann man sich an sein ganzes Ich erinnern, und die Welt und das Leben anschauen. Wie geschieht alles Denken und Dichten, als daß man sich der Einwirkung irgend eines Genius ganz überläßt und hingibt? Und doch ist das Sprechen und Bilden nur Nebensache in allen Künsten und Wissenschaften, das Wesentliche ist das Denken und Dichten, und das ist nur durch Passivität möglich. Freilich ist es eine absichtliche, willkürliche, einseitige, aber doch Passivität. Je schöner das Klima ist, je passiver ist man. Nur Italiäner wissen zu gehen, und nur die im Orient verstehen zu liegen; wo hat sich aber der Geist zarter und süßer gebildet als in Indien? Und unter allen Himmelsstrichen ist es das Recht des Müßiggangs was Vornehme und Gemeine unterscheidet, und das eigentliche Prinzip des Adels.

Endlich wo ist mehr Genuß, und mehr Dauer, Kraft und Geist des Genusses; bei den Frauen, deren Verhältnis wir Passivität nennen, oder etwa bei den Männern, bei denen der Übergang von übereilender Wut zur Langenweile schneller ist, als der Übergang vom Guten zum Bösen?

In der Tat man sollte das Studium des Müßiggangs nicht so sträflich vernachlässigen, sondern es zur Kunst und Wissenschaft, ja zur Religion bilden! Um alles in Eins zu fassen: je göttlicher ein Mensch oder ein Werk des Menschen ist, je ähnlicher werden sie der Pflanze; diese ist unter allen Formen der Natur die sittlichste, und die schönste. Und also wäre ja das höchste vollendetste Leben nichts als ein reines Vegetieren.

Ich nahm mir vor, mich zufrieden im Genuß meines Daseins über alle doch endliche, und also verächtliche Zwecke und Vorsätze zu erheben. Die Natur selbst schien mich in diesem Unternehmen zu bestärken, und mich gleichsam in vielstimmigen Chorälen zum fernern Müßiggang zu ermahnen, als sich plötzlich eine neue Erscheinung offenbarte. Ich glaubte unsichtbarerweise in einem Theater zu sein: auf der einen Seite zeigten sich die bekannten Bretter, Lampen und bemalten Pappen; auf der andern ein unermeßliches Gedränge von Zuschauern, ein wahres Meer von wißbegierigen Köpfen und teilnehmenden Augen. An der rechten Seite des Vorgrundes war statt der Dekoration ein Prometheus abgebildet, der Menschen verfertigte. Er war an einer langen Kette gefesselt, und arbeitete mit der größten Hast und Anstrengung; auch standen einige ungeheure Gesellen daneben, die ihn unaufhörlich antrieben und geißelten. Leim und andre Materialien waren im Überfluß da; das Feuer nahm er aus einer großen Kohlenpfanne. Gegenüber zeigte sich auch als stumme Figur der vergötterte Herkules, wie er abgebildet wird mit der Hebe auf dem Schoß. Vorn auf der Bühne liefen und sprachen eine Menge jugendlicher Gestalten, die sehr fröhlich waren, und nicht bloß zum Schein lebten. Die jüngsten glichen Amorinen, die mehr erwachsenen den Bildern von Faunen: aber jeder hatte seine eigne Manier, eine auffallende Originalität des Gesichts, und alle hatten irgend eine Ähnlichkeit von dem Teufel der christlichen Maler oder Dichter; man hätte sie Satanisken nennen mögen. Einer der kleinsten sagte: „Wer nicht verachtet, der kann auch nicht achten; beides kann man nur unendlich, und der gute Ton besteht darin, daß man mit den Menschen spielt. Ist also nicht eine gewisse ästhetische Bosheit ein wesentliches Stück der harmonischen Ausbildung?“ „Nichts ist toller“, sagte ein andrer, „als wenn die Moralisten euch Vorwürfe über den Egoismus machen. Sie haben vollkommen unrecht: denn welcher Gott kann dem Menschen ehrwürdig sein, der nicht sein eigner Gott ist? Ihr irrt freilich darin, daß ihr ein Ich zu haben glaubt; aber wenn ihr indessen euren Leib und Namen oder eure Sachen dafür haltet, so wird doch wenigstens ein Logis bereitet, wenn etwa ja noch ein Ich kommen sollte.“ – „Und diesen Prometheus könnt ihr nur recht in Ehren halten“, sagte einer der größten; „er hat euch alle gemacht, und macht immer mehrere eures gleichen.“ – In der Tat warfen auch die Gesellen jeden neuen Menschen, so wie er fertig war, unter die Zuschauer herab, wo man ihn sogleich gar nicht mehr unterscheiden konnte, so ähnlich waren sie alle. „Er fehlt nur in der Methode!“ fuhr der Satanikus fort: „Wie kann man allein Menschen bilden wollen? Das sind gar nicht die rechten Werkzeuge.“ Und dabei winkte er auf eine rohe Figur vom Gott der Gärten, die ganz im Hintergrunde der Bühne zwischen einem Amor und einer sehr schönen unbekleideten Venus stand. „Darin dachte unser Freund Herkules richtiger, der funfzig Mädchen in einer Nacht für das Heil der Menschheit beschäftigen konnte, und zwar heroische. Er hat auch gearbeitet und viel grimmige Untiere erwürgt, aber das Ziel seiner Laufbahn war doch immer ein edler Müßiggang, und darum ist er auch in den Olymp gekommen. Nicht so dieser Prometheus, der Erfinder der Erziehung und Aufklärung. Von ihm habt ihr es, daß ihr nie ruhig sein könnt, und euch immer so treibt; daher kommt es, daß ihr, wenn ihr sonst gar nichts zu tun habt, auf eine alberne Weise sogar nach Charakter streben müßt, oder euch einer den andern beobachten und ergründen wollt. Ein solches Beginnen ist niederträchtig. Prometheus aber, weil er die Menschen zur Arbeit verführt hat, so muß er nun auch arbeiten, er mag wollen oder nicht. Er wird noch Langeweile genug haben, und nie von seinen Fesseln frei werden.“ Da dies die Zuschauer hörten, brachen sie in Tränen aus, und sprangen auf die Bühne um ihren Vater der lebhaftesten Teilnahme zu versichern; und so verschwand die allegorische Komödie.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Wiklich brisant bis heute bleibt Paul Lafargue: Le droit à la paresse. Réfutation du „droit au travail“ de 1848 von 1883. Wichtig — und immerhin möglich — zu lesen — und zu wissen — ist für unsereinen der deutsche Text:

Widerlegung des „Rechts auf Arbeit“ von 1848

neu übersetzt und herausgegeben als Sondernummer der „Schriften gegen die Arbeit“, Ludwigshafen 1988. Der Text hat Buchstärke, wenngleich eine eher schmale, und würde den hiesigen Rahmen sprengen. Kann sein, dass ich zu gegebenen Anlässen darauf zurückkommen werde, denn wie, geschweige denn warum bitteschön soll man die Reste seiner Lebenszeit an jemanden wenden, der nicht einmal ahnt, wie viel Freiheit mit Freizeit überhaupt zu tun hat.

Rot Front und angenehme Ruhe.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Fleiß vs. Faulheit: William Hogarth: Industry and Idleness, 1747:

  1. Plate 1 — The Fellow ‚Prentices at their Looms;
  2. Plate 2 — The Industrious ‚Prentice performing the Duty of a Christian;
  3. Plate 3 — The Idle ‚Prentice at Play in the Church Yard, during Divine Service;
  4. Plate 4 — The Industrious ‚Prentice a Favourite, and entrusted by his Master;
  5. Plate 5 — The Idle ‚Prentice turn’d away, and sent to Sea;
  6. Plate 6 — The Industrious ‚Prentice out of his Time, & Married to his Master’s Daughter;
  7. Plate 7 — The Idle ‚Prentice return’d from Sea, & in a Garret with common Prostitute;
  8. Plate 8 — The Industrious ‚Prentice grown rich, & Sheriff of London;
  9. Plate 9 — The Idle ‚Prentice betrayed (by his Whore), & taken in a Night-Cellar with his Accomplice;
  10. Plate 10 — The Industrious ‚Prentice Alderman of London, the Idle one brought before him & Impeach’d by his Accomplice;
  11. Plate 11 — The Idle ‚Prentice Executed at Tyburn;
  12. Plate 12 — The Industrious ‚Prentice Lord-Mayor of London,

via John Ireland and John Nichols: Hogarth’s Works: With Life and Anecdotal Descriptions of His Pictures. First Series, Chatto and Windus, Publishers, 1874.

Preaching to the converted: Отава Ё: Посеяли Девки Лён, aus: Любишь Ли Ты, 2018:

Written by Wolf

30. Oktober 2020 at 00:01

Seht, wie, was lebt, zum Ende leufft (gegen-hüpfendes Lied)

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Update zu Wir rechnen jahr auff jahre / in dessen wirdt die bahre vns für die thüre bracht
Drum dein Stimmlein lass erschallen
Das Angedenken der Zuckerlust
und Lästu dich zum Freien bitten?:

Deß Bücherschreibens ist so viel/ man schreibet sie mit hauffen;
Niemand wird Bücher schreiben mehr/ so niemand sie wird kauffen.

Friedrich von Logau: Bücher=menge,
aus: Deutscher Sinn-Getichte Drey Tausend, Deß Dritten Tausend Sechstes Hundert, 1654.

1979 hat Das Treffen in Telgte kaum jemanden interessiert. Was Bestseller angeht, hatte Günter Grass vorher (1977) Der Butt und nachher (1980) Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus, beide zu ihrer Zeit 1. Plätze auf der Spiegel-Bestsellerliste. Fun Fact: Die 1999 nobelpreiswürdige Die Blechtrommel von 1959 stand da nie drauf.

Von diesem Desinteresse kann ich mich nicht ausnehmen, dabei hab ich Grass von Anfang an — was für meine Generation üblicherweise heißt: seit der Blechtrommel-Verfilmung 1979 — gemocht. Das Treffen in Telgte lag irgendwie unter dem Radar der Öffentlichkeit, jedenfalls unter dem eines Elfjährigen, der in den Buchabteilungen von Hertie und Karstadt — damals noch gut zugänglich, weil viel aufgesucht, im Erdgeschoss — im Stehen, dafür kostenneutral die Comics auslesen will.

Günter Grass, Das Treffen in Telgte, Sammlung Luchterhand, 1985, annmeu auf Ebay, 2020Dort hing auch jede Woche aktuell die Spiegel-Bestsellerliste aus, durchaus mit Grass — dazu Heinrich Böll (Fürsorgliche Belageriung) und Martin Walser (Seelenarbeit) gleichzeitig — für 24 D-Mark bei Luchterhand, und die ganze Zeit hindurch abgeschlagen hinter dem Dauerbrenner Der Herr der Ringe für seine unerschwinglichen 39,80 und neben Ilse Gräfin von Bredow: Kartoffeln mit Stippe, Ephraim Kishon: Paradies neu zu vermieten, Johannes Mario Simmel: Zweiundzwanzig Zentimeter Zärtlichkeit und in der Sparte Sachbuch Christiane F.: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Da ging der unspektakuläre Nachname mit etwas in der Überschrift, das wohl eine Stadt in Deutschland bezeichnen sollte, aber zur unter drohendem Zungenbruch auszusprechen war, allzuleicht unter.

Es erforderte die Reife des Gymnasiasten, der auf dem Schulhof degoutante Details aus dem Blechtrommel-Film berichten konnte, also erkennbar bis nach 23 Uhr aufgeblieben war, und es erforderte die Ausgabe Das Treffen in Telgte. Eine Erzählung und dreiundvierzig Gedichte aus dem Barock, also im Originalverlag Jahre später um belletristisches Sondermaterial erweitert, um das Nebenwerk des nachmaligen Nobelpreisträgers — den man selbstverständlich schon immer in immer erkannt hatte — zu würdigen.

Die Handlung des Romänchens von 137 Seiten ist klar: Die überlebende Schreiber-Elite des Dreißigjährigen Krieges trifft sich kurz vor dem absehbaren Westfälischen Frieden im Wirtshaus der (kinderlosen) Mutter Courage in — eben — Telgte, zusammengetrommelt von Simon Dach und ungeladen unterstützt von Christoffel „Gelnhausen“ von Grimmelshausen, um eine Art zünftiger Gemeinschaft zu bilden und ein Manifest zu errichten. Weitere Figuren sind der später an- und früher abreisende kursächsische Hofkapellmeister Heinrich Schütz, der Dach adjuvierende Musiker Heinrich Albert(i), die drei Mägde Elsabe (füllig), Marie (zierlich) und Marthe (lang, grobknochig), fünf nur teilweise namentlich genannte Buchdrucker, das heißt: Verleger, vier Hofköter, zwei Maultiere und der teilnehmende, aber obskur bleibende Ich-Erzähler. Der Gasthof brennt ab,

Doch gelohnt habe sich der Aufwand am Ende wohl doch. Fortan könne sich jeder weniger vereinzelt begreifen.

Gängige Interpretationen, vor allem die weniger engagierten, die dem Wikipedia-Artikel folgen, nennen Das Treffen in Telgte einen Schlüsselroman über die Gruppe 47, gestützt durch Grass‘ Widmung an deren Gründer Hans Werner Richter, der sich in der Anführerfigur des Simon Dach wiedererkannt haben soll. Dagegen sprechen die Gruppenbildung von 19-, nicht 1647 erst nach einem Kriegsende und vor allem Fritz J. Raddatz in der Zeit vom 30. März 1979 und ausschnittsweise im Klappentext:

Die sind es – und sie sind es nicht: Böll und Enzensberger, Johnson und Walser. Einer ist es bestimmt: Simon Dach alias Hans Werner Richter.

Man trifft sich 1647, dreihundert Jahre vor Gründung der Gruppe 47; weil Günter Grass es so will. Seine Erzählung ist kein Kostümstück, sondern historische Fiktion, ist kein Schlüsselroman, aber eine Phantasmagorie möglicher historischer Parallelen. Ein Märchen von versäumten Möglichkeiten – literarischen und nationalen. Ja: nationalen.

Kurz: Die einen sagen so, die andern so. Nur dass ich persönlich dem wohlwollenden Raddatz immer mehr geglaubt hab als einem ramenternden Ranickel. Begründen lässt sich Schlüsselroman, verschlüsselnde oder verschlüsselte Erzählung, alles auf einmal oder nichts davon, aber es ist ein großer Spaß, ein unterschätzter allemal.

In dieser Zeit muss ich mir auch irgendwo angelesen haben, Günter Grass erzähle: „mit vollen Händen“. Mir entfällt, wer das wann wo gesagt haben soll, aber ich hab selten eine so kurze, treffende Literaturkritik für ein ganzes Œuvre gefunden. Und mir gemerkt. Es folgt das lebensfroheste Untergangsstück der Nachkriegsliteratur. Und damit, liebe Kinder, ist bis auf weiteres der Zweite Weltkrieg gemeint.

——— Günter Grass:

16

aus: Das Treffen in Telgte, 1979, Sammlung Luchterhand 1985, Seite 97 f.:

„O Nichts, o Wahn, o Traum, worauf wir Menschen bauen…“ Alles schlug in Jammer um. Die Spiegel malte das Grausen trüb. Den Wörtern war der Sinn verkehrt. Die Hoffnung darbte am verschütteten Brunnen. Auf Wüstensand gebaut, hielt kein Gemäuer. Einzig verlacht hatte die Welt noch Bestand. Ihr falscher Glanz. Des grünen Astes verheißene Dürre. Das weißgetünchte Grab. Die schöngeschminkte Leich. Der Ball des falschen Glücks… „Was ist des Menschen Leben, Der immer um muß schweben, Als eine Phantasie der Zeit!“

Solange der Krieg dauerte, doch seit den ersten, den Lissaer Sonetten des jungen Gryphius noch heilloser, war ihnen alles wie ohne Heil. So viele Lüste ihren Satzbau schwellten, so zierlich sie die Natur zu einer Schäferei, reich an Grotten und Irrgärten, frisierten, so leicht ihnen Klingwörter und Klangbilder von der Hand gingen und mehr Sinn aufhoben als gaben, es geriet ihnen die Erde in letzter Strophe immer zum Jammertal. Den Tod als Erlösung zu feiern, gelang selbst den minderen Poeten ohne Mühe. Geil nach Ehre und Ruhm sah man sie wetteifern, die Vergeblichkeit menschlichen Tuns in prächtigen Bildern zu fassen. Besonders die Jungen waren mit dem Leben in Zeilen schnell fertig. Doch auch den Älteren war der Abschied vom Irdischen und seinem Blendwerk dergestalt geläufig, daß man das Jammertalige und den Erlösungsjubel ihrer fleißig (gegen mäßigen Lohn) geschriebenen Auftragsgedichte als zeitmodisch empfinden konnte, weshalb Logau, der sich gern kühl auf Seiten der Vernunft hielt, seinen Spaß an der gereimten Todessehnsucht seiner Kollegen hatte. Mit ihm waren etliche gemäßigte Nachredner der These „Alles ist eitel“ gelegentlich bereit, einander hinter das düstere Deckblatt in die heiter bebilderten Spielkarten zu gucken.

Deshalb hielten Logau, Weckherlin und die weltgewandten Harsdörffer und Hoffmannswaldau den gegenwärtigen Glauben, es werde ohnehin demnächst der Weltuntergang kommen und einem Gutteil der ihn herbeiunkenden Poesie den Beweis nachliefern, für nichts als Aberglauben. Doch die anderen – mit ihnen die Satiriker und sogar der lebenskluge Dach – sahen den Jüngsten Tag zwar nicht allzeit, aber doch immer dann in greifbarer Nähe, wenn sich die Gegenwart was sie oft tat – politisch verdunkelte oder sobald sich die alltäglichen Schwierigkeiten zum Knoten verdickten: zum Beispiel, als nach dem Geständnis Gelnhausens das Festmahl der Poeten nur noch als Fresserei verdammt werden konnte und der Poeten Heiterkeit in Jammer verkehrt wurde.

Einzig von Gryphius, dem Meister der Düsternis, ging Frohsinn aus. Ihm war solche Stimmung üblich. Gelassen hielt er im Chaos stand. Sein Begriff menschlicher Ordnung fußte auf Trug und Vergeblichkeit.

Also lachte er: Was das Gezeter solle? Ob ihnen jemals ein Fest widerfahren wäre, das sich nicht selbsttätig in Graus ersäuft hätte?

Doch die versammelten Poeten konnten vorerst nicht aufhören, in den Höllenschlund zu starren. Das war des frommen Gerhardt Stunde. Rist nicht minder fleißig. Aus Zesen frohlockte in Hörbildern Satan. Jammervoll ging dem jungen Birken der Schmollmund über. Mehr in sich gekehrt sah man Scheffler und Czepko Heil im Gebet suchen. Der sonst immer Pläne schmiedende Mülben voran, alle Verleger sahen ihres Gewerbes Ende nahen. Und Albert erinnerte Verse seines Freundes Dach:

„Seht, wie, was lebt, zum Ende leufft,
Wisst, daß des Todes Rüssel
Mit vns aus einem Glase säufft
Vnd frisst aus einer Schüssel.“

Günter Grass, Das Treffen in Telgte, Radierung 1979

Diesem Geiste mögen einige der angehängten 43 „Gedichte aus dem Barock“ entsprechen, die nicht — wie versprochen wird — von „allen“ Teilnehmern des Treffens bei „Mutter“ Courage zu Telgte stammen, sondern von einigen davon und zusätzlich einigen in absentia präsenten, aber alle wie der postbarocke Grass: „mit vollen Händen“. Zwei, drei Lieblinge hab ich darunter gefunden: einen vom allgemein liebenswerten Philipp von Zesen, die anderen kriegen wir später.

——— Filip von Zesen:

An seine lieb- und hold-sälige Adelmund

Gegen-hüpfendes Lied.

Erstdruck: Johann Naumann, Hamburg 1651, laut Grass 1649:

1.

Wie ist es / hat Liebe mein Leben besessen?
     wie? oder befündt sie sich leiblich in mier /
o liebliches Leben? Wem sol ichs zu-messen /
     daß meine gebeine so zittern für Ihr?
Ich gehe verirret / verwirret / und trübe /
und stehe vertieffet in lieblicher liebe.

2.

die ächzenden lüfte / die seufzenden winde /
     die lächzende zunge / der augen gewirr‘ /
das böben der glieder / macht / daß ich verschwinde /
     daß ich mich in meinen gedanken verirr‘?
Ach! Schöne / Sie schone der schwächlichen seelen /
wan sie das gebrächliche herzte will kwelen.

3.

Ihr übliches lieblen / o liebliches Leben /
     der lieblenden äugelein fröhlicher blitz /
macht / daß ich verzükket herrümher mus schweben /
     ja /daß ich verlüre gedanken und witz.
das liebliche singen der zitternden zungen
hat mir das hertze durch-drungen / bezwungen.

4.

Sie lieb ich / Sie lob‘ ich / Ihr leb‘ ich zu liebe /
     Sie ehr‘ ich / sie höhr‘ ich / Ihr kehr‘ ich mich zu:
Sie machet es / daß ich im lieben mich übe /
     daß ich verschertze die hertzliche ruh.
Sie schreib‘ ich / mich treib‘ ich / Ihr bleib ich ergeben /
Sie denk‘ ich / mich kränk‘ ich / Ihr schenk‘ ich mein leben.

Andrea Van Orsouw, memento mori, 29. August 2010

Buchgraphik: Cover der Luchterhand-Ausgabe, via annmeu auf PicClick, 2020;
Günter Grass: Radierung über den Satz vom bleibenden Vers, 1979,
via Nando-Dragan Nuruddin Augener:

Kein Fürst könne ihnen gleich. Ihr Vermögen sei nicht zu erkaufen. Und wenn man sie steinigen, mit Haß verschütten wollte, würde noch aus dem Geröll die Hand mit der Feder ragen. Einzig bei ihnen sei, was deutsch zu nennen sich lohne, ewiglich aufgehoben: „Denn wilt vns, liebwerthe Freunde, noch so kurtz vergönnet die Zeit seyn, hie auf Erden zu bleiben, wird sich doch jeder Reim, wofern ihm vnser Geist nach dem Leben gesetzet, der Dauer vermengen…“

Meisterin der Düsternis: Andrea Van Orsouw: memento mori, 29. August 2010:

remember you will die

total lack of emo pictures in my status lately. TIME TO GET DEPRESSING PEOPLE.

I’ve noticed something really weird though…when there’s a majority of happy, sunshine-y pictures in my stream, I’m going through a hard time in life and I’m actually not happy at all. When I have a majority of darker pictures like this, it means I’m happy. WEIRD, HUH?

today was suuuuuuuch a good photography day. oh my gosh. I found this location today and i basically went crazy. It was like an abandoned fort built during world war 2 that’s pretty much falling to pieces and rotting away. SO COOL. Its like one of those places you just KNOW is haunted.

I was like a little kid finding plastic eggs on easter o_O

Soundtrack vom kursächischen Hofkapellmeister, SWV 53, 1625:

Noch erstaunter — und Schütz ein wenig erschrocken — waren alle im Hof, als Gelnhausen plötzlich und nachdem er sich schon dienstfertig zwischen das Gepäck des späten Gastes gestellt hatte, mit angenehmem Tenor aus den „Cantiones sacrae„, einem eher überkonfessionellen, deshalb bis in katholische Gegend verbreiteten Werk den Anfang der ersten Motette zu singen begann: „O bone, o dulcis, o benigne Jesu…“

A. a. O., Seite 46.

Bonus Track: Johnny Flynn and Laura Marling: The Water, aus: Been Listening, 2010:

Written by Wolf

14. August 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

Und der liebe Gott sitzt ernsthaft in seiner großen Loge und langweilt sich vielleicht

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten:

Wie respektvoll hab ich in meiner ersten Heine-Ausgabe immer die Ideen. Das Buch Le Grand gemieden, weil mir das schon in der Überschrift so überwältigend staatstragend schien, dass mein fünzehnjähriges Herzchen, geschweige denn Gehirnchen, nie immer und nimmer verkraftet hätte. Seltsam genug, dass ich dagegen, was das Verkraften angeht, mit Horrofilmen nie ein Problem hatte. Jeder spinnt anders.

Und was für eine Gaudi mir seitdem entgangen ist. So grand ist das Buch Le Grand weder gemeint noch ausgefallen, sondern nur nach einem französischen Tambourmajor Le Grand benannt.

Der später eindringlich wiederholte Einsatz des 11. Kapitels: „Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas“ wird Napoleon zugeschrieben: „Vom Erhabenen zum Schrecklichen ist es nur ein Schritt“ soll er auf der Flucht mit seiner Grande Armée aus Russland am 10. Dezember 1812 zu seinem Gesandten und Vertrauten Dominique Dufour de Pradt zu Warschau geäußert haben, der es in seiner Histoire de l’ambassade dans le grand-duché de Varsovie en 1812 von 1815, deutsch 1816 mitteilt. Heine kann das Buch 1826 in der einen oder in der anderen Sprache gekannt haben, falls Napoleons bon mot bis dahin nicht schon geflügelt war; so oder so beschreibt es Heines eigenen Stil im ganzen Buch Le Grand, wo er Napoleon „erst auf dem Gipfel seiner Macht und Herrlichkeit vorführt und dann den jähen Schicksalswandlel in St. Helena zeigt“ — Anmerkung von Günter Häntzschel in der Hanser-Ausgabe von Klaus Briegleb, Band 2, Seite 819.

Die in dem Buche durchweg wie in einem Brief angeprochene „Madame“ ist vermutlich Rahel Varnhagens Schwägerin Friederike Robert. Unser Zitat setzt ein mit dem 11. Kapitel, unmittelbar nachdem das Haupt Monsieur Le Grands „herab auf die Trommel gesunken“ ist, worauf er „in diesem Leben nie mehr getrommelt“ hat — Kapitel X. Kapitel XI wird zitiert nach der Düsseldorfer Ausgabe, Kapitel XII sollte selbsterklärend sein; beide erscheinen hier ungekürzt.

Un singe qui parle, Filles. Lectrices dans le métro de Paris, Mai 2008 bis März 2017, Flickr

——— Heinrich Heine:

Capitel XI.

aus: Ideen. Das Buch Le Grand, 1826,
in: Reisebilder von H. Heine. Zweiter Theil. Hoffmann und Campe, Hamburg 1827,
Erstausgabe Seite 224 bis 227:

Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas, Madame!

Seite 228Aber das Leben ist im Grunde so fatal ernsthaft, daß es nicht zu ertragen wäre ohne solche Verbindung des Pathetischen mit dem Komischen. Das wissen unsere Poeten. Die grauenhaftesten Bilder des menschlichen Wahnsinns zeigt uns Aristophanes nur im lachenden Spiegel des Witzes, den großen Denkerschmerz, der seine eigne Nichtigkeit begreift, wagt Goethe nur in den Knittelversen eines Puppenspiels auszusprechen, und die tödtlichste Klage über den Jammer der Welt legt Shakespeare in den Mund eines Narren, während er dessen Schellenkappe ängstlich schüttelt.

Sie haben’s alle dem großen Urpoeten abgesehen, der in seiner tausendaktigen Welttragödie den Humor aufs Höchste zu treiben weiß, wie wir es täglich sehen: – nach dem Abgang der Helden kommen die Clowns und Graziosos mit ihren Narrenkolben und Pritschen, nach den blutigen Revoluzionsscenen und Kaiseractionen, kommen wieder herangewatschelt die dicken Bourbonen mit ihren alten abgestandenen Späßchen und zartlegitimen Bonmots, und graziöse hüpft herbey die alte Noblesse mit ihrem verhungerten Lächeln, und hintendrein wallen die frommen Kaputzen mit Lichtern, Kreuzen und Kirchenfahnen; – sogar in das höchste Pathos der Welttragödie pflegen sich komische Züge einzuschleichen, der verzweifelnde Republikaner, der sich wie ein Brutus das Messer ins Herz stieß, hat vielleicht zuvor daran gerochen, ob auch kein Häring damit geschnitten worden, und auf dieser großen Weltbühne geht es auch außerdem ganz wie auf unseren Lumpenbrettern, auch auf ihr giebt es besoffene Helden, Könige, die ihre Rolle vergessen, Coulissen, die hängen geblieben, hervorschallende Soufleurstimmen, Tänzerinnen, die mit ihrer Lendenpoesie Effekt machen, Costümes, die als Hauptsache glänzen – Und im Himmel oben, im ersten Range, sitzen unterdessen die liben Engelein, und lorgniren uns Komödianten hier unten, und der liebe Gott sitzt ernsthaft in seiner großen Loge, und langweilt sich vielleicht, oder rechnet nach, daß dieses Theater sich nicht lange mehr halten kann, weil der Eine zu viel Gage und der Andre zu wenig bekommt, und Alle viel zu schlecht spielen.

Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas, Madame! Während ich das Ende des vorigen Capitels schrieb, und Ihnen erzählte, wie Monsieur Le Grand starb, und wie ich das testamentum militare, das in seinem letzten Blicke lag, gewissenhaft executirte, da klopfte es an meine Stubenthüre, und herein trat eine arme, alte Frau, die mich freundlich frug: Ob ich ein Doctor sey? Und als ich dies bejahte, bat sie mich recht freundlich, mit ihr nach Hause zu gehen, um dort ihrem Manne die Hühneraugen zu schneiden.

~~~\~~~~~~~/~~~

Un singe qui parle, Lectrices dans le métro de Paris, Mai 2008 bis März 2017, Flickr

Capitel XII.

aus: Ideen. Das Buch Le Grand, 1826, Erstausgabe Seite 228:

Die deutschen Censoren – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Dummköpfe – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –.

Un singe qui parle, Filles. Lectrices dans le métro de Paris, Mai 2008 bis März 2017, Flickr

Bilder: Un singe qui parle: Filles: Lectrices dans le métro, Paris, Mai 2008 bis März 2017.

Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas, Madame: Camille: Seeds, aus: OUÏ, 2017,
mit ordentlich tambour drauf:

Written by Wolf

19. Juni 2020 at 00:01

The tale of the powerful penis

with 2 comments

Update for Impotence proved I’m superman,
Ich will mich wie mein Schwanz erheben, and
The boys and girls are one tonight (I marry the bed):

Esteem for the beauty and dignity of penes has deteriorated constantly over the centuries.

1500 AD:

——— Iseabail Ní Mheic Cailéin:

Éistibh, a Luchd an Tighe-se

from: Leabhar Deathan Lios Mòir, i. e. The Book of the Dean of Lismore, first half of 16th century:

Scottish Gaelic, c. 1500:

Estyf, a lucht in ti so,
re skail na bod breour,
dy hantyth mo chreissy
cwt dane skallow dy screyf.

Da leneour bod braiwillycht
dy vy sin amsyr royn,
tak far in nvrd ċrawe so
bod is ċaf mor roynne.

Bod mo haggird horistil
ga ty go fad sessowyt,
otha keynn an quhallavir
in reyf ata na vackann.

Atta reyf roiravyr
an sin sne skail breg,
notcha cholai choyravyr
woa vod arriss es.
Estyve.

Carolin Gutt, close, 2019

Edmund Crosby Quiggin, ed.: Poems from the Book of the Dean of Lismore, Cambridge U.P., 1937:

Listen, people of this house,
to the tale of the powerful penis
which has made my heart greedy.
I will write some of the tale.

Although many beautiful tree-like penises
have been in the time before,
this man of the religious order
has a penis so big and rigid.

The penis of my household priest,
although it is so long and firm,
the thickness of his manhood
has not been heard of for a long time.

That thick drill of his,
and it is no word of a lie,
never has its thickness been heard of
or a larger penis.

Carolin Gutt, close, 2019

With an 1937 English translation of a 1500 Scottish Gaelic poem Éistibh, a Luchd an Tighe-se, Thomas Owen Clancy still implies in 1996 that a proper — not only „diplomatic“ — publication did not happen before 2008:

1996 AD.:

——— Thomas Owen Clancy:

Women Poets in Early Medieval Ireland

essay in: Christine Meek and Katharine Simms (eds.): The fragility of her sex?: Medieval Irishwomen in their European context, Four Courts Press, Dublin 1996, pages 43 to 72:

[Éistibh, a Luchd an Tighe-se] is a fairly obscene boast to the court circle on the size and potency of her household priest’s penis. The authenticity of the attribution to Iseabail has been questioned, but without substantial grounds. It has not yet been properly edited, or translated in published form.

If anybody can relate to some more unexpurgated version, which seems to come close to access a publication from

2008 AD:

Theo Dorgan and Malcolm Maclean, eds.: An Leabhar Mór/The Great Book of Gaelic, 2008 — please let me know.

Meanwhile, it has become important to fight for your right to look at some penis depiction at all. Carolin Gutt of 5letters is a photography artist based in Berlin. She encourages Scottish poetry from its early medieval beginnings to its recent manifestations, and relies on depicting — including but not restricted to — naked human bodies. Do not hesitate to support her on society6 and Redbubble.

Ms. Gutt’s improvised ranting comes close to her artistic concept. The presence of problems like hers and the common necessity to deal with them are not signs for a liberal society. They are signs for the indispensability of Arts.

2020 AD:

——— Carolin Gutt:

Instagram, May 21st, 2020:

Let’s do this and try to stay online.

Warning: the text might be a trigger as it contains thoughts on nudity and sexuality and it’s really long *eye roll* (posted to my Instagram first)

I honestly struggled in my decision to post some of these photographs I’ve been working on last year on Instagram, but have chosen now to simply start with this one but I cannot let it pass without comment, or a personal statement or a rant or whatever you’d like to call it.

Debating with myself whether to share or maybe better not to share them here at all as I am afraid of losing the account (once more) or an image to be the least of my worries.

But then again I think, THIS IS NOT an option how to deal with it.

Carolin Gutt, close, 2019Always trading off how to present my art in a way I would like it to be looked at (without censorship because it only takes away an artworks essence) against the fact that I also want to promote my own art and make it more accessible for a wider (fan) community and people that share my interests and don’t follow me somewhere else but on Instagram, for instance.

The only place on the internet I know, where I don’t have to fear my art might be taken down against my own will is flickr, because they set up a system which allows you to mark your uploads as safe, moderate or restricted and one doesn’t have to necessarily censor one’s own art. You simply choose yourself to see mature content or not. And you also choose the tags you find appropriate for the content you upload. Please share other platforms with me, that you know with a likewise user-friendly attitude. If there is any. I also might consider to really create an own website one day to simply share my art without restrictions, but then I would also miss out on all the exchange of thoughts with other artists, which I find just as important as making art myself. Hoping there will be more exchange and no ban of the exchange. Otherwise we’ll all just might become whistleblowers.

Carolin Gutt, close, 2019But for the rest I wish we would stop being afraid of human body parts. I wish we would stop to hide bodies in general. I wish we would stop to label them as something illegal and I wish we would stop making use of the excuse „…but there are children that need to be protected“ – ahm, yes. Agree. But this is not the way to protect them, by never letting them explore a main part of their own existence – nudity. This is only how you confuse and irritate them and assume that they are too stupid to understand it and make it even worse – they might get the impression there is something wrong in being nude and suddenly they feel uncomfortable in their own bodies. Oops! There we go, many generations full of self-doubts and bodyshaming. You really wanna protect children? Educate them! Take them by the hand and let them know their questions about nudity, their own body, their first encounters with sexuality are okay and nothing to be afraid or ashamed of. It is most likely that so many adults struggle to deal with it openly only because they haven’t had the awareness and resources and sensitivity when they were young. Yet we all grew up and sooner or later there was a first time when we saw a naked body or had a very first sexual experience (wishing it was consensual), and we probably felt confused and shameful and weird as this was something new to us, but we made up our minds and came up with questions, I still do – it never stops actually, and we would be looking for answers, whether it was something with or without support, because we are curious. Curiosity is something good. Knowledge is something good. And to be honest about it is even better. And we choose if there will be more support in the future (for all of us, not only children) or just more hiding and open questions. Art is a wonderful way to educate and playful to begin with in my opinion. It breaks the ice, to say so. I work in a museum where we display a lot of figural art, most of it is nude art, and guess what, children are among the visitors also. We do offer special workshops for them to get in touch with the art they see. I don’t wanna bring a long argument up about the internet being a safe place for children. Definitely. It must be a safe place for everyone. Not only children. So many adults have to face hate speech. And so many (women) have to deal with dick pics – including myself. Doesn’t only happen to teenagers, right?!

And talking about the fine arts particularly, I really wish we will stop giving artists constantly a feeling of being criminals for doing art – or simply humans for owning a nude body, because the body itself is basically all we can ever call our own property and it cannot be taken away by someone else (it shouldn’t be taken away – this is where we enter the real world and the world wide web is just a reflection of it, therefore we need to fix a wide spread common sense in the real world we all live in, while the Internet is a tool to communicate about it – if I would get the same „ban“ in real life as online, it would be like someone constantly putting a plaster onto my mouth, metaphorically).

The fragility of her sex. Medieval Irishwomen in their European context, via Motherfoclóir, Clare, July 9th, 2018, TiwtterExploring the female gaze in my own nude photography is a vice versa answer to the still more common male gaze and being able to create a content I would like to see more often on the internet and the world I live in by taking pictures not only of my own body, also of other female and male nudes, made me think of the right way to represent them, but I have to fear a restriction by so called correct guidelines or community standards ever since. Who are you to tell me that your community standards are something to actually agree on and to call them „right“ or „entire“ or „inclusive“. Actually they discriminate and make a majority believe that this is an ultimate opinion. How can you even dare to make the hashtag „woman“ illegal and shadowban all content connected to it. Instagram, Facebook and other social networks with these „standards“ only support a world, where half of mankind (even more) still struggles to be accepted and respected as humans. Basically this only means, if not they are the ones to ban or censor my art, than I will have to do it as an artist myself, if I want to keep the art online and wanna share my content and reach out to people to make a change. I discriminate myself and give my permission to allow others to not respect me as an artist and as a woman and as a human. So one way or the other the art gets a big censorship on it and cannot be seen as what I originally had intended it to be (as there will always be an odd side effect of it being something forbidden first of all). I am not a criminal, I am not doing illegal things, there is no need to hide what I am doing and I don’t want it to be understood as if it was. I’d so love to break old standardized gaze habits and get rid of the BIG OLD ONE and ONLY possible way to understand a nude/semi-nude that’s spread via all kinds of media and therefore got the overall agreement to be „valid“ – in the very common sexualized way, right?! But how are we supposed to replace it, when all our efforts on presenting the nude in a new light (female, male, non-binary… doesn’t matter after all) is already meant to be sexual by the guidelines itself and -now here comes the point which I find even more devastating- making it a bad thing!!! Why? Two main points here: why does nude-art have to be „sexual art“ only and why does sexual have to mean it’s something bad, why does nude have to mean it’s something bad? I think we need to free the body from being sexual only and need to free sexuality/nudity from its old negativity. Not only for women, after decades of struggling to find our own positive aspects of sexuality – men in general would do themselves a big favour to re-think their own understanding of sexuality, too. Is the presented „sex“ you see everywhere really the sex you guys wanna look at and do you find yourself represented by it? Seriously?? I am sure it still works for those that never made up their own mind about what sexuality is meant to be or could be as its deadlocked meaning gets copy pasted and worked as a tool of power and prevalence for centuries, but many men (luckily) are just disgusted by it nowadays and what it does to them or the women/people in their lives. Btw, I rarely see plain sexual content in my own artworks or in a lot of other artists‘ work that focus on the nude subject in fine arts. My nudes rather address the topic of how the body itself represents beauty in different ways and of all kinds and is a vessel to express the mind and how a digital or analog camera gives you different options and possibilities to explore and play around with it. A nude can be funny, can be hilarious, can be soft, can be attracting, can be broken, can be damaged, can be protective, can be vulnerable, can be a limit to our mind, can be lots of things, because we are lots of things, and it can be sexual – yes – but isn’t sexual first of all. A sexual component can be a part of a nude but it doesn’t have to be and it only happens when the subject and I agree on it to make it visible. This leads me straight back to the uploaded content I wanted to share and hopefully will be sharing some more of this series soon, in case they won’t take this one down and it remains online. Congratulations to all of you who made it so far scrolling down, means the image is still here. Some of you also were lucky to see the whole series on my flickr already (flickr.com/photos/orangeshakejuice) and I can only draw your attention to my stream for uncensored versions of my art – the original content to say so. My shops are censorship free as well, but as I am not selling all my nude artworks you will also not catch up on my full body of work. Anyway, those who follow me here and on my flickr were kind to let me know how they find this series to be one of the most explicit work I’ve done so far and I agree on it. Didn’t think to capture the topic of physical selflove and selfcare on camera really much in the past. And even this time I was looking for private portraits, nude portraits but because the whole atmosphere made both of us feel safe and comfortable we ended up with some really delicate, explicit and intimate nude portraits, which are far away from porn but close to an artistic, aesthetic and respectful interaction. And I am grateful for the experience. It’s been actually rather easy, more than what one would maybe think and really not stressing at all. And I say it shows in the images. There is something that influences the output, the result of a session. If you stress about it or look for something to happen desperately, it’s going to be shite quite likely and will dissatisfy probably. In the worst case it will hurt someone. I’d even dare to say, because the photographs don’t include any provocative purpose they are not provoking and I have to ask myself, can you un-sexualise a sexual content? In a world where non-sexual things must become something sexual on purpose I wonder if a clear sexuality-connected thing like an erect penis doesn’t have to be sexual at first sight, but is possibly more a thing of beauty and of something that’s just greater or just human and therefore natural, but maybe that’s one step too far for the already-brainwashed-brains and narrow-minded-minds out there I lost when starting to talk about how to rather protect children by telling them the uncovered truth. Right, it’s late. I’ll leave it here with you. And I gotta work tomorrow, which literally is in a couple of hours. I will see if the image (my account?) will still be here when I wake up and hopefully some of you will get the chance to follow my thoughts. Respectful comments and opinions are most welcome. Thanks very much. Have a good day and good night. Speak to you soon. Take care of your vulnerability, please.

#makereasonableart

Images: Carolin Gutt: close, 2019;
The fragility of her sex?, via Motherfoclóir: Clare, July 9th, 2018.

Further reading: Medieval Gill: Independent Women: Poetry, power, art and looking for love in medieval Ireland, October 23rd, 2013.

Soundtrack: Fiona Apple: Criminal, from: Tidal, 1996:

Written by Wolf

5. Juni 2020 at 00:01

But little girls grow up, my friend

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Update for Schlachtens,
Lasst mich scheinen, bis ich werde (Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht),
Zu Lolitas Verteidigung,
and Babes With Guns:

No need to argue, Strangers in Paradise by Terry Moore (not to be confused with Alan Moore), running from January 1st, 1993 to its planned conclusion with issue #90 of volume 3 on June 6th, 2007, was the second-best comic series of all times known.

Often referred as the comic book to give to people who do not read comic books, SiP brings a storyline over literally three lives, featuring the characters — Katina „Katchoo“ Choovanski, Francine Peters, David Qin — through their life ages, including their monochrome-scribbled appearance and behaviour, over the generations. Not many „sagas“ attend so many characters with such elaboration and profound psychology — and exciting action scenes.

In her age for high school, Katchoo is characerized as socially and sexually abused — not to spoiler or trigger. With the knowledge that she is going to be an artist (and a noble prostitute) in her later life, we are following not only a Lolita, but even a Mignon character emerging to her adult life. Katchoo, painted here as a grumpy, rebellious Gothic kid, makes an encouraging experience in her creative writing class, presenting her self-exposing poem — obviously not her first artistic attempt. A grand moment within the series.

Since Katchoo’s birthday is positively specified as November 19th, 1972 — she shows her driver’s licence when checking into a motel — we may assume the plot setting in the school year of 1987/1988 or one later.

Around 2005, I made the scan of the bookpage myself to show it to a German schoolgirl, who was in Katchoo’s age then, and in her physical condition: abused, grumpy, and with an inclination to arts and writing. Now when she should be aged 30, I cannot find her name in any connection with fame (or prostitution).

This Mask I Wear

——— Terry Moore:

This Mask I Wear

„Katina Choovanski“ in: Strangers in Paradise, volume 3, issue #13, Abstract Studio, 1997,
collected in: High School!, Strangers in Paradise Pocket Book 2,
and The Complete Strangers in Paradise Volume 3, Part 2:

by 16 year old Katchoo

This mask I wear you gave to me
One winter night beneath the trees.
It’s black and blue enshrouds my life,
Surrounds my eyes and blinds my sight.

This mask I wear pretends I’m here
And hides me from the awful fear
That you might find the heart of me
And take that too, beneath the trees.

This mask I wear to hide the pain.
It’s all I have to keep me sane.
I just fell down, I’m told to tell.
There are no words to stop this hell.

This mask I pray to God for why
He hates me so to watch me die
A little more with every night
This man comes in and rapes my life.

But little girls grow up, my friend
And learn the wicked ways of men.
And this mask I wear comes off the day
This mask I wear lays on your grave.

This Mask I Wear

Images: Terry Moore via High School!; The Complete Strangers in Paradise Volume 3, Part 2, 1997.

Musical setting: Densha Donahoe via Rodrigo Daher, 16. September 2008:

Written by Wolf

22. Mai 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Und das soll immer mein sein

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Upate zu so net,
Wære diu werlt alle mîn und
Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind:

Wo du stehst,
wenn du gehst,
wenn du bleibst,
morgens deine Augen reibst,
und die Spuren im Sand,
und die Schatten an der Wand
und das, was ich dir nicht sagen kann,
all das soll immer mein sein,
denn ich will nie mehr allein sein.

Thomas Dörschel: Mein Sein, für Virginia Jetzt!, a. a. O., 2002.

Konkrete Poesie hab ich von Anfang gemocht, wobei Anfang heißt: Das war bei uns in der fünften Klasse im Lesebuch, in meinem Fall ab dem Schuljahr 1978/1979. Hat mich seitdem nie wieder vollends in Ruhe gelassen. Konkrete Poesie atmete den Geruch von hoher, ernstzunehmender Kunst, gebärdete sich aber verspielt, war mit einfachen Mitteln zuhause herzustellen und für jeden, der schon mal einen Zeichentrickfilm mit Gewinn angeschaut hatte, verständlich.

Meine eigenen Versuche auf dem Gebiet der Konkreten Poesie handelten meist von weiblichen Vornamen, deren Buchstaben Ausdruckstänze vollführten oder irgendwas miteinander trieben. Leider gelangten sie selten über das Stadium des Entwurfs mit Mutters Stenofüller bis in die kanonische Gestalt mit Schreibmaschine, weil mir ein leistungsfähiges Gedicht in dieser Machart zu schaffen ähnlich titanisch vorkam wie jedes handelsübliche „Südstaaten-Epos, das sich über vier Generationen einer Ketchupfabrikantendynastie erstreckt“ auch. Außerdem war mit diesen mageren, über eine A4-Seite verteilten paar Buchstaben beim Herumzeigen in der Kneipe kein Schnitt zu machen.

Unbedingt klar ging der Gründungsvater Eugen Gomringer, manche ehrgeizige deutsche Dichterfürsten waren mir schon damals zu erdenschwer. Die Österreicher konnte man unbesehen alle lesen: die ganze Wiener Gruppe und meine persönlichen Helden H. C. Artmann und Ernst Jandl. Die machten eine Kunst, die von „können“ oder wenigstens von aussichtsreichem Versuchen kommt, und scherten sich nix, wenn’s um den Preis von zuviel Albernheit war. Bis heute schätze ich es sehr, wenn in die Kunst egal welchen Mediums eine Ebene eingezogen ist, über die man beim Hinschauen grinsen muss. Merkt man wahrscheinlich ein bissel.

Ein Bayer namens Wolf Wezel war nie dabei; bis heute hat es der Gute nicht zu einem Wikipedia-Artikel gebracht, und angesichts der auffindbaren Quellen werde ich nicht der Mann sein, einen anzulegen. Die vollständige Quellenlage ist laut Eugen Gomringer in seiner Anthologie konkrete poesie: deutschsprachige autoren, Reclam 1972, Seite 146:

Wolf Wezel in Eugen Gomringer, konkrete poesie, Reclam 1972

wolf wezel

geboren 1935 in ludwigsburg.

jura- und philologiestudium in tübingen und münchen, dr. phil. als justitiar einer versicherungsgesellschaft in münchen tätig, mitbegründer der studio UND, münchen, herausgeber der edition UND, jürgen-willing-verlag.

lebt in planegg bei münchen.

veröffentlichungen:

sandkerben. stuttgart: burkhardt 1961.
meinsein. münchen: jürgen-willing-verlag 1968 (edition UND).
tensione (mappe calderara). zürich 1971.
eins. münchen: willing verlag 1972.

druckvorlagen: konzeptionelle kunst, mailand: vanni scheiwiller 1970 (147), meinsein (148, 149, 150, 151).

So unliebsam Eugen Gomringer mit seiner Konkreten Poesie — wir erinnern uns: speziell mit seiner Konstellation avenidas an Hausmauern aufgefallen ist — was mich ungerührt in seinem Team verweilen lässt — mag für ihn sprechen: Das Reclam-Heft von 1972 gibt’s immer noch verlagsfrisch, erweitert, aktualisiert und „längst selbst ein maßgebender Bestandteil der Geschichte dieser avantgardistischen Lyrikform nach dem Zweiten Weltkrieg“, letzte Auflage 2018.

——— Wolf Wezel:

meinsein

aus: meinsein, Jürgen-Willing-Verlag, München 1968,
cit. Eugen Gomringer, Hrsg.: konkrete poesie, Reclam 1972, Seite 148 bis 151,
.pdf-Scan in UbuWeb:

wolf wezel, meinsein, 1968

wolf wezel, meinsein, 1968

Soundtrack: Virginia Jetzt!: Mein Sein, aus: Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!, 2003;
Videojungfernregie: Benjamin „Nichts bereuen“ Quabeck,
featuring Julia „Absolute Giganten“ Hummer in Welpenform:

Written by Wolf

8. Mai 2020 at 01:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht

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Update zum Weihnachtsengel 3: Lasst mich scheinen, bis ich werde
(Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht)

und Zu Lolitas Verteidigung:

Drei Beerenarten – weil vorerst im Winter keine gedeihen –, drei Jahrhunderte, chronologisch geordnet nicht nach der Entstehungszeit, sondern nach den Jahreszeiten.

Das mittlere über die Brombeeren stammt aus Des Knaben Wunderhorn, aufgenommen durch Achim von Arnim, und verarbeitet ein verbreitetes volkstümliches Motiv. Das späteste über die Heidelbeeren von Bierbaum ist eine recht freie Form, der Ode verwandt, die erst im abschließenden Volksliedzitat in Reime ausbricht, ohne realistisch nicht erreichbare Buchausgaben schon nicht mehr genau nachweisbar. Das früheste über die Walderdbeeren von Herder ist eindeutig eine Ode im hohen Ton, ungereimt, dafür formal streng in siebenzeilige Strophen unterteilt.

Auffallend bleibt durch alle drei Jahrhunderte der anzügliche Vergleich von heranreifendem Obst mit sehr jungen Mädchen, die vorerst nur unter Aufbietung verharmlosender Koketterie zum Geschlechtsverkehr herangezogen werden können.

——— Johann Gottfried Herder:

Die Erdbeeren

1772, gesammelt in: Sämmtliche Werke. Zur schönen Literatur und Kunst,
Fünfzehnter Theil, Cotta 1817, Seite 164 f.:

Holde Erdentöchter,
Frühlings frühe Kinder,
Schon aus Sonnenvaters
Warmem Lebenshauche
Und aus Mutter-Erden
Kühlem Schooß empfangen,
Kühle, süße Beeren!

Strawberries, Ireth Alcarin, ca. 2014 bis 2019Wie sie dort im Grase
Hügelaufwärts glühen
Und ins Grün erröthen,
Jetzt den Wandrer lieblich
Locken, jetzt entschlüpfend
Täuschen – Buhlerinnen,
Wie die Erdentöchter!

Ha, wie Vater Frühlings
Odem sie durchbalsamt,
Und der Mutter Erde
Kühle sie erfrischet!
Wie aus niederm Grase
Labung auf sie duften!
Glühen da wie Sterne!

Sollet bald in Schaaren
Lieblich schwimmen! – Sterne,
Jetzt in weißer Unschuld,
Jetzt in goldnem Feuer
Schöngepaaret! Feuer,
Unschuld! und der Liebe
Und der Freude Töchter!

Mir ein ganzer Frühling,
Mir ein ganzes Leben!
Unschuld, Kraft und Freude,
Kühl‘ und Süße! Rose
Ohne Stachel, Labung
Ohne Felsenschlaube!
Schön und tief im Grase!

Mir ein ganzer Frühling,
Mir ein Duft aus Eden!
Als einst Paradieses
Sel’ge Fluren schwanden,
Waren’s Manns Gebete,
Waren’s Eva’s Thränen,
Die zu Duft da blieben?

Oder bracht‘ ein Bruder-
Engel Euch hinieden
In die Wilde? – Labung
Wo dem matten Wandrer
Zu bereiten, Labung,
Als er, halb verschmachtet,
Traurig abwärts blickte?

Kommt dem matten Wandrer
Auch in wüster Wilde
Labung! Wenn er traurig
Pfadverloren abwärts
Blicket – dann erscheint ihm
Kühle, Labung, ferner
Rosenduft aus Eden!

——— Otto Julius Bierbaum:

Heidelbeeren

vermutlich aus: Irrgarten der Liebe, 1901,
posthum gesammelt in: Ausgewählte Gedichte, 1921:

Als heut ich durch die Dresdner Haide fuhr,
Stand meine Kindheit vor mir da: Ein Kind,
Ein Bauernmädelchen im kurzen Rock,
Das bunte Kopftuch über dem blonden Haar:
Die „Guge“, die sich so hübsch an rote Backen schmiegt
Und unterm Kinne zipfelig geschlungen ist.
„Barbs“ geht sie – barfuß: was für Wädelchen!
Wie süß die zierlichen Zehen geschnitten sind
(Ob auch ein wenig mit Staub gepudert) –, ach und sieh:
Wie sich das Bäuchlein leise vorwärts wölbt
(Grad nur, zu zeigen, daß es da ist), und
Wie schelmhaft dieses Fräulein lächeln kann!

Blueberries, Ireth Alcarin, ca. 2014 bis 2019Ein Fräulein von zwölf Jahren, ein Kind und doch
Ein Frauchen: Allerliebst kokett bereits
Und doch unschuldig, Duft noch ganz und Tau
Des frischen Morgens. In den Händen hält
Das Kindchen einen Korb, bis obenan
Gefüllt mit Heidelbeeren. Und da seh ich nun,
Warum die Lippen ihm ein bißchen „schnuddlich“ sind:
Gefärbt vom Blaurot unsrer Wäldlerin,
Der drallen Blauen, die sich den Armen schenkt.

Ja wohl, so wars: So sah meine Kindheit aus.
Die Heidelbeere, nicht die Ananas,
Seh ich als Sinnbild jener zagen Zeit.
Die Heidelbeere, tief im Wald gesucht,
Die wäßrig-säuerliche, die so süß doch war
Dem unverwöhnt gesunden Kindesmund,
Der damals schon beim Süße-Suchen sang:
Heedelbeern, Heedelbeern,
Such ich in der Haide.
Heedelbeern, Heedelbeern
Suchen macht mir Freide.
Heedelbeern sin scheene,
In den Kober kommt keene;
Ich esse alle Heedelbeern, Heedelbeern alleene.

——— Achim von Arnim:

Die schweren Brombeeren.

(Vielfach schriftlich und mündlich.)

aus: Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder, Band 2,
Mohr und Zimmer, Heidelberg 1808, Seite 206:

Blackberries, Ireth Alcarin, ca. 2014 bis 2019Es wollt ein Mägdlein früh aufstehn,
Drey Stündelein vor dem Tag,
Wollt in den grünen Wald n’aus gehn,
Brombeerlein brechen ab.

Und als sie in den Wald nein kam,
Begegnet ihr Jägers Knecht.
Ey Mädchen scher dich weg nach Haus,
Dem Herren ist das nicht recht.

Und als das Mädchen rückwärts kam,
Begegnet ihr Jägers Sohn:
„Ey Mädchen brech dir ohne Scham,
Ein Schooß voll gönn ich dir schon.“

„Ein Schooß voll den begehr ich nicht,
Ein Handvoll hab ich genug.“
Die Brombeeren standen da so dicht,
Sie suchten da immerzu.

Und als ein halbes Jahr um war,
Brombeerlein wurden groß,
Und als ein drey Vierteljahr um waren,
Ein Kindlein auf dem Schooß.

Ach Gott sind das die Brombeerlein,
Die ich mir gebrochen hab,
Komm her du falsches Jägerlein,
Hilf tragen mich ins Grab.

Tondokument: Zupfgeigenhansel: Die Brombeeren, aus: Volkslieder II, 1976:

Bilder: Erd-, Heidel- und Brombeeren via Ireth Alcarin, ca. 2014 bis 2019;
Extra-Brombeer-Querformat: Can I Kiss You?, 29. Februar 2020.

Blackberries, Can I Kiss You, 29. Februar 2020

Bonus Track: Bikini Girl: Rebel Girl, aus: Yeah Yeah Yeah Yeah, 1992,
für: Ghost World, 2001:

Written by Wolf

24. April 2020 at 00:01

Lex Luther

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Update zu Lessing Luther Lemnius:

Wenn morgen das
Gesetz rauskommt, dass
man nur noch
die Leichen fressen
darf, die man
selber erschlagen hat,

türmen die Siegertypen
Berge aus handgewürgten
Schweinen und Kühen
um sich und

ich pflanz mir
endlich meinen Apfelbaum.

Soundtrack: Gerd Baumann für Rosalie Eberle: Wunderlied II, aus: Sommer in Orange, 2011:

Written by Wolf

18. April 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, ~ Weheklag ~

Blues für Maja

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Update zu Ausblick und
Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen (Schöne Menschen, schöne Glieder):

Gewidmet — na, wem wohl. Zur Vertonung freigegeben; und wie immer: Ich bitte Zugang zu einer Aufnahme und Namensnennung als Texter. Die Musik müsste weitgehend selbstschreibend sein, bitte mal: ein Blues halt. Der Reim require auf Maja ist firmenrechtlich geschützt.

Mean Maja Blues

ca. Januar 2020:

Each day she has the morning shift
I’m waiting for Mean Maja.
Each day she has the morning shift
I’m waiting for Mean Maja.
When late she arrives she still can’t see
what full-time jobs require.

When I came home, my wife she asked:
Oh dear, why are thy hands so red?
When I came home, my wife she asked:
Dear love, why are thy hands so red?
I said: I reached a cleaning rag
and thrashed Mean Maja dead.

My wife she said: My loving man,
I see why you can’t stand her.
My wife she said: My loving man,
I see why you can’t stand her.
But if you don’t leave your violent ways,
you need to quit your bad quick temper.

Since now I have a new workmate,
she’s full of hate and scorning.
Since now I have a new workmate
she’s full of hate and scorning.
She always appears just dead on time,
and I kiss her each morning.

Maggie Gyllenhaal als Lee Holloway in Secretary, 2002

Bild: Maggie Gyllenhaal als Lee Holloway in Secretary, 2002, an der Rezeption,
nominiert für den Independent Spirit Award als beste weibliche Hauptrolle und den Golden Globe 2003,
via independent spirit award nominated performances, Februar 2020.

Längst fertiger Blues: Blind Blake: Georgia Bound, 1929.
Eigentlich mag ich sie ja, die gesamtrussische Seele.

Written by Wolf

17. April 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, ~ Weheklag ~

You were beaming once before, but it’s not like that anymore

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Update zu Postcards from Germany,
Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx,
Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten und
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire:

In a World Full of Kardashians, Be a Gallagher.

Etsy: T-Shirt-Text, ca. 2019 u. ö.

Stupidedia war schon immer eine Art Kamelopedia mit Abitur, übertroffen nur noch von der Uncyclopedia. Überraschend wirkt der Stupidedia-Artikel über Heinrich Heine, der einige diskutierwürdige, aber wenigstens diskussionswerte Parallelen aufgetan hat. Wir übernehmen die — sachlich korrekte — Übersicht von dort:

Heine Börne
Religion Judentum Judentum
Getauft protestantisch protestantisch
Abitur nein nein
Diplom promoviert promoviert
Loge Freimaurer Freimaurer
Exil Paris Paris
Beruf Schriftsteller und Journalist Schriftsteller und Journalist
Waffe scharfe Worte scharfe Worte
Auftraggeber von Cotta von Cotta
Grab Paris Paris
Heine Tucholsky
Religion Judentum Judentum
Getauft protestantisch protestantisch
Diplom Dr. jur. Dr. jur.
Loge Freimaurer Freimaurer
Exil Frankreich Frankreich
Beruf Schriftsteller und Journalist Schriftsteller und Journalist
Waffe Witz Witz
Beigesetzt in nicht in Deutschland nicht in Deutschland

Und dann das:

Heinrich Heine via Wikipedia Jeremy Allen White via Wikipedia

Bilder: Heinrich Heine — das ist der deutsche Klassiker, der nicht mal mehr richtig zur Deutschen Romantik zählt, der zum Nachteil seines Gesamtwerks seiner Frau nie vermitteln konnte, wovon er sie eigentlich ernährt, und in Paris an „Bleivergiftung“, was bedeutet: behandelter Syphilis, zugrunde ging — und Jeremy Allen White — das ist der Allesstudent aus Shameless, der zum Nachteil der Handlung ein paar ganze Staffeln durchvögeln durfte, kein Freimaurer und hoffentlich noch lange nirgends beigesetzt — via Wikimedia Commons.

Soundtrack: The High Strung: The Luck You Got, aus: Moxie Bravo, 2005
und ab 2010 hauptsächlich der Vorspann zu Shameless:

Written by Wolf

10. April 2020 at 00:01

Ein alter Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht

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Update zu Nicht immer klagen die Nachtigallen:

III

di amseln is des worschd
wos grood fürä brogramm läffd:
sie hockn aff di fernsehandennä
und singä weils
hald einfach singä mäin

Fitzgerald Kusz: lob der amseln,
aus: seid mei uhr nachm mond gäihd. der gesammelten gedichte dritter teil,
1. Abschnitt: di amseln hamm zeid,
verlag klaus g. renner, München 1984.

Es gibt noch Helden. Deren größter, jedenfalls einziger Dank ist es, wenn ihr Vorhaben funktioniert. Hank Nagler — der das Bildmaterial stiftet — hat 2019 ein Amselnest vor seinem Schlafzimmerfenster gerettet. Hoch und lange soll er leben, solche Leute werden gebraucht.

Weil Hank hoffentlich weder der Einzige noch der Letzte ist, in dessen privaten Liegenschaften sich heimische Singvögel ihre Nester anlegen: Das Gelege der Amsel oder Schwarzdrossel (Turdus merula) besteht normalerweise aus vier bis fünf Eiern; die Brut dauert durchschnittlich etwa zwei Wochen. Das Weibchen übernachtet normalerweise bereits nach Ablage des zweiten Eies im Nest, brütet aber erst ab dem dritten Ei und verlässt das Nest dann nur noch zur Nahrungsaufnahme. Deshalb gedeiht die Brut with a little help from my friends zuverlässiger und besser: Man kann, nach einschätzender Beobachtung sollte man zufüttern — mit Mehlwürmern (lebend oder besser zu handhaben: getrocknet erhältlich im Fachhandel für Tiernahrung, und besser als gar nicht in Gottes Namen auch mal auf Amazon), allen Arten von Beeren (das, was um diese Jahreszeit frisch aufzutreiben ist, oder was man sich ins eigene Müsli schütten würde) sowie hartgekochten und kleingehackten Eiern (und die moralische Diskussion über Kannibalismus bei Vögeln führen wir ein andermal).

Die Brut an Hanks Fenster hat von 22. März bis 14. April 2019 gedauert. Das sind 24 Tage — nach der Angabe bei WIkipedia „zwischen 10 und 19 Tagen, im Mittel bei 13 Tagen„, die sich ihrerseits nach Burkhard Stephan: Die Amsel, 2. Auflage, Neue Brehm Bücherei, Hohenwarsleben 1999 richtet, ungewöhnlich lange. Aufs Jahr, den ökologischen Nutzwert und den persönlichen Gewinn umgerechnet, würde ich deshalb unterstützende Pflege nicht allein mir selber zumuten, sondern auch jedem anderen empfehlen, dem dergleichen widerfährt. Das gute Werk belohnt sich selbst: Am 28. März, ungefähr auf einem Drittel der Strecke, haben die Amselküken einen sichtbaren Fortschritt vollführt und zum ersten Mal aus der Hand gefressen. Ungefähr in diesem Stadium kann man die Mehlwürmer (daher vorzugsweise in getrockneter Form) den Zöglingen in die Schnäbel fallen lassen. Wann das im zeitlichen, regionalen und individuellen Sonderfall geschieht, kommt auf den Versuch an; es wurden sogar schon brütende und — wenngleich „äußerst ungewöhnlich“ — das Weibchen fütternde Amselhähne (nicht etwa „Amselbullen“, wie von Kurt Tucholsky scherzeshalber kolportiert) beobachtet.

Drostes Fragment einer Kriminalgeschichte namens Joseph hat mich spätestens mit seinem Untertitel erwischt: „Nach den Erinnerungen einer alten Frau mitgeteilt von einem alten Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht“ — darauf muss einer erst mal kommen. Die übermütig experimentierfreudige Laune wird eingehalten: Es erinnert viel mehr an Charles Dickens als an durchschnarchte Schulstunden mit der Judenbuche — nicht nur, weil es gleich dem ein Vierteljahrhundert späteren Fragment einer Kriminalgeschichte The Mystery of Edwin Drood von Dickens nicht fertig geworden ist — sondern weil Droste, statt Bewusstseinszustände zu behaupten, sie nach moderner Erzählauffassung anhand der Handlungen ihrer Figuren zeigt, und laut der Deutung von Josefine Nettesheim 1951 einen „feinen Humor, der nur aus der Tragik geboren wird“, pflegt — die Rahmenhandlung zur Verfremdung aus Sicht eines männlichen Ich-Erzählers. Es ist das letzte Fragment, das Droste in ihrem Leben angelegt hat; über jeden Plan zum weiteren Handlungsverlauf lässt sich nur müßig spekulieren.

So ein besagter Moortopf, im Verbreitungsgebiet vom „Limburgischen und wohl auch tiefer nach Holland hinein“ (Wilhelm Kreiten in der Droste-Werkausgabe 1884 bis 1887) verkürzend „Moor“ genannt, also vermutlich in häufigem Gebrauch, ist

jene Art fast kugelförmiger, mit einer engen Abflußröhre und einem kleinen Deckel versehenen gußeisernen Wasserkessel […], welche dortzulande fast den ganzen Tag über dem Herdfeuer hangen, daher schwarz wie ein Mohrenkopf sind und stets Wasser zu einer Tasse Thee oder Kaffee bieten. Die humoristische Anspielung auf den Schreiber ergibt sich hiernach von selbst.

Wonach ich Hank durch meine nicht ganz unbegründete Text- und Bildverquickung in die Nähe der deutschen Ausfertigung eines missmutigen Samowars gerückt hätte. Das wird zu diskutieren sein.

Passend erschien Joseph, weil darin keine Amseln vorkommen. Eine Figur namens Joseph nämlich auch nicht. Das mindeste, was ich tun konnte, war die Version des Erstdrucks in Kreitens Werkausgabe nach der Gesamtausgabe im Insel-Verlag zu möblieren. Es gibt noch Helden, und dann gibt es noch solche wie mich.

Amselnest 2019

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Joseph

Eine Criminalgeschichte.

(Rüschhaus 1844–1845)

Nach den Erinnerungen einer alten Frau
mitgetheilt von einem alten Moortopf,
der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht.

1845:

Die Zeit schreitet fort. Das ist gut, wenigstens in den meisten Beziehungen. Aber wir müssen mitrennen, ohne Rücksicht auf Alter, Kränklichkeit und angeborene Apathie. Das ist mitunter sehr unbequem.

In meiner Kindheit, wo das Sprichwort: „Bleib im Lande und nähre Dich redlich“ seine strenge Anwendung fand; wo die Familien aller Stände ihre Sprossen wie Banianenbäume nur in den nächsten Grund steckten und die Verwandtschaften so verwickelt wurden, daß man auf sechs Meilen Weges jeden Standesgenossen frischweg: „Herr Vetter“ nannte und sicher unter hundert mal kaum einmal fehlte; in jener Zeit kannte ein ordinairer Mensch mit zehn Jahren jeden Ort, den seine leiblichen Augen zu sehn bestimmt waren und er konnte achtzig Jahre nach einander sich ganz bequem seinen Pfad austreten.

Amselnest 2019Jetzt ist es anders. Die kleinen Staaten haben aufgehört; die großen werfen ihre Mitglieder umher wie Federbälle, und das ruhigste Subjekt muß sich entweder von allen Banden menschlicher Liebe lossagen oder sein Leben auf Reisen zubringen, je nach den Verhältnissen umherfahrend wie ein Luftballon, oder noch schlimmer immer denselben Weg angähnend wie ein Schirrmeister; kurz, nur die Todtkranken und die Bewohner der Narrenspitäler dürfen zu Hause bleiben, und Sterben und Reisen sind zwei unabwendbare Lebensbedingungen geworden. Ich habe mich nicht eben allzuweit umgesehen, doch immer weiter, als mir lieb ist. Es gibt keine Nationen mehr, sondern nur Kosmopoliten und sowohl Marqueurs als Bauernmädchen in fremdländischen Kleidern. Französische und englische Trachten kann ich auch zu Hause sehen, ohne daß es mir einen Heller kostet. Es macht mir wenig Spaß einer Schweizerin mit großen Hornkämmen in den Haaren fünf Batzen zu geben, damit sie sich in ihre eigene Nationaltracht maskirt oder mir für die nächste Bergtour Tags vorher einen Eremiten in die Klause zu bestellen. Wäre nicht die ewig große, unwandelbare Natur in Fels, Wald und Gebirg (den Strömen hat man auch bunte Jacken angezogen), ich würde zehnmal lieber immer bei den ewigen alten guten Gesichtern bleiben, die mit mir gelebt, gelitten und meine Todten begraben haben.

Nur zwei Gegenden, – ich sage nur, was ich gesehen habe; wo ich nicht war, mögen meinetwegen die Leute Fischschwänze haben, ich bin es ganz zufrieden – mir selbst sind nur zwei Landstriche bekannt geworden, wo ich den Odem einer frischen Volksthümlichkeit eingesogen hatte, ich meine den Schwarzwald und die Niederlande. Dem Erstern kommt wohl die Nähe der Schweiz zu statten. Wer vor dem Gebirge steht, will nichts, als hinüber ins Land der Freiheit und des Alpglühens, der Gems- und Steinböcke, und wer von drüben kommt, nun, der will nichts, als nach Hause oder wenigstens recht weit weg. So rollt das Verderben wie eine Quecksilberkugel spurlos über den schönen, reinen Grund des stolzen Waldes, um erst jenseits zu oxydiren. (Wenn nämlich Quecksilber Oxyd niederschlägt, was ich nicht bestimmt behaupten mag, da ich es nur bis zu Salomon’s Weisheit, d. h. zum Bewußtsein schmählicher Unwissenheit in vielen Dingen zwischen Himmel und Erde gebracht habe.)

Amselnest 2019Die Niederlande hingegen, dieser von Land- und Wasserstraßen durchzogene und von fremden Elementen überschwemmte Landstrich, bewahrt dennoch in der Natur seines Volksschlages einen Hort Alles abwehrender Eigenthümlichkeit, der besser schützt als Gebirge, die erstiegen und Thalschluchten, die durchstöbert werden können, und den man, nachdem er die neuern Ereignisse überstanden, wohl für unzerstörbar halten darf. Ich war sehr gern in Belgien und hatte alle Ursache dazu, freundliche Aufnahme, noch freundlichere Bewirthung, gänzliche Zwanglosigkeit hinsichtlich meiner Zeitanwendung; es versleht sich, daß ich auf dem Lande und in einer Privatwohnung war. – In Städten und Gasthöfen ist mir immer elend; frische stärkende Spaziergänge durch die Wiesen am Ufer der Maas und vor jedem Hause, jeder Mühle Scenen Wynants und Wouvermanus, Bilder so treu, als wären sie eben von der Leinwand einer niederländischen Meisterschule gestiegen. Das ist es eben, was ich mag. Ob mein alter Tuinbaas vom Kasteel noch wohl lebt? Jetzt müssen seine Tulpen im Flore stehen; aber zehn Jahre sind ein bedenkliches Stück Menschenleben, wenn man sie mit weißen Haaren anfängt – ich fürchte sehr, er hat längst seine Gartenschürze ab- und seine letzte Zipfelmütze angelegt; oder meine gute Nachbarin auf ihrem kleinen Landsitze, dem sie genau das Aussehn eines saubern Wandschränkchens mit Pagodenaufsatz gegeben hatte? Sie war vielleicht nur um sieben bis acht Jahre älter als ich, trug Sommers und Winters Pelzschuhe, und ich konnte barfuß durch den Schnee traben, d. h. ich konnte es vor zehn Jahren, ehe ich mich in einer schwachen Stunde vom faselhänsigen Volk verführen und bereden ließ, auf den Schnepfenstrich zu gehn und ich die Gicht bekam, und wenn ich vollends bedenke, daß ich mich vor einigen Jahren noch verheirathen wollte und zwar an ein blutjunges Mädchen! Doch das sind Thorheiten, corrupte Ideen.

Mevrouw van Ginkels Andenken ist mir werth; sie hatte viel und früh gelitten, und auch von ihrer spätern glücklichern Lage an der Hand eines geachteten und wohlhabenden Gatten, von Brüdern und Schwestern, war ihr nur in einem anständigen Auskommen die Möglichkeit geblieben, ungestört des Vergangenen zu gedenken und jedem Lieblinge unter ihren zahllosen Aurikeln den Namen eines geliebten theuren Verstorbenen geben zu können. Sie war gewiß schön gewesen, so fromme, traurige Augen müssen ja jedes Gesicht schön machen, und gewiß sehr anmuthig, hätte sie auch nichts gehabt, als den bezaubernden Wohlklang ihrer Stimme, die das Alter wahrscheinlich um einige Töne tiefer gestimmt, aber ihr nichts von der jungfräulichen Zartheit genommen hatte, und die jeden Gedanken ihrer Seele zugleich umschleierte und enthüllte und einem Blinden das beweglichste Mienenspiel ersetzen konnte. Welch ein Unterschied, wenn sie bei einer dunklen Aurikel verweilte und in jugendlichem Entzücken sagte: „Das ist meine gute Frau Gaudart,“ und bei einer der blondesten mit großen lichtblauen Augensternen: „Julchen,“ und schnell weiter ging, als fürchte sie, ein fremdes kaltes Auge möge in das Todte ihres Lebens niedersinken.

Amselnest 2019In meinem Leben bin ich nicht so in Gefahr gewesen, ein sentimentaler Narr zu werden, als bei dieser alten, pünktlichen Mevrouw, die nie klagte, nicht einmal über Migraine oder schlechtes Wetter, deren ganze Unterhaltung sich um Blumenflor, Milchwirthschaft und sonstige kleine Vorfälle ihrer Häuslichkeit bewegte, so z. B. um einige Nachbarskinder, die sie mit Butterbrod und Milch an sichgewöhnt hatte.

Ich glaube wahrhaftig, ich war nahe daran, mich in die alte Person zu verlieben oder wenigstens in eine unbegreiflichc Ueberfülle von Verehrung zu gerathen, weshalb ich denn am liebsten Abends zu ihr ging, wo sie steif hinter der Theemaschine saß, sich mit den Schnörkeln eines Stickmusters abmühend, das die größte Aehnlichkeit mit einem holländischen Garten voll Ziegelbeeten und Taxuspfauen hatte; vor ihr die kleine, goldene Tabatière, rechts und links Etageren voll Pagoden und Muschelhündchen und alles überträufelt von dem feinen Aroma des Kaiserthees.

O VIVANT die Niederlande! das war ein ächter Gerhard Dow, ohne Beimischung, die einen ruhigen Philister hätte stören können – dann wand sich auch das Gespräch fließend ab, und Mevrouw gab sogar mitunter Einiges aus ihren Erlebnissen zum Besten, offenbar mehr in dem Bestreben, einen Gast nach seinem Geschmacke zu unterhalten, als aus eigentlichem Vertrauen, das sie im weiteren Sinne gegen Jedermann im Uebermaß hatte, im engeren Sinne aber Niemand schenkte. Es waren meistens kleine Züge, aber sehr wahre.

Amselnest 2019Wäre ich ein romantischer Hasenfuß gewesen und hätte ich die Gewohnheit gehabt, meine guten Augen (NB. Wenn mich Jemand sollte zufällig mit Brillen gesehen haben, ich trage nur Conservationsbrillen.) Nachts mit Tagebuchschreiben zu verderben, es stände doch jetzt wohl Manches darin, was ich gerne nochmals läse und was in seiner einfachen Unscheinbarkeit mehr Aufschlüsse über Volk, Zeit und das Menschenherz gäbe, als Manches zehnmal besser Geschriebene. Eine Begebenheit jedoch, vielleicht die einzig wirklich auffallende in Mevrouws Leben habe ich mir später vor und nach notirt und, da meine gute Frau van Ginkel ohne Zweifel längst in ihren Pelzschuhen verstorben ist, mir ferner kein Umstand einfällt, der ihr die Veröffentlichung unangenehm machen könnte, und mein jüngster Neffe, der, Gott sei’s geklagt, sich auf die Literatur geworfen hat, jedoch ein artiges Geld damit verdient, gerade sehr um einen Beitrag in gemüthlichem Stile verlegen ist, so mag er denn den Aufsatz nehmen, wobei ich jedoch bestimmt erkläre, daß ich nur wörtlich der würdigen Frau nachgeschrieben habe und mich sowohl gegen alle poetischen Ausdrücke als überhaupt gegen den Verdacht der Schriftstellerei, als welcher mich bei meiner übrigen Lebensweise und Persönlichkeit nur lächerlich machen könnte, auf’s kräftigste verwahre.

Caspar Bernjen, Rentier.

NB. Den Nachbarn, zu dem Mevrouw redet, und der natürlich Niemand ist, als ich, Caspar Bernjen, Rentier und Besitzer eines artigen Landgutes in Niederschen, müssen der Neffe und der Leser sich als einen ansehnlichen, corpulenten Mann mit gesunden Gesichtsfarben in den besten Jahren mit blauem Rock mit Stahlknöpfen und einer irdenen Pfeife im Munde, an der linken Seite des Theetisches denken. Es geht Nichts über Deutlichkeit und Ordnung in allen Dingen.

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Sie erwähnten gestern eines Umstandes, lieber Herr Nachbar, der sich in Ihrem vierzigsten Jahre ereignet, und über den Sie damals an Ihre Eltern geschrieben. Da hat Ihnen der Himmel ein großes
Glück gegeben.

Amselnest 2019Ich weiß, was es heißt, keine Mutter haben und den Vater im fünfzehnten Jahre verlieren. Von meiner Mutter habe ich nur ihr lebensgroßes Portrait gekannt, das im Speisesaale hing: eine schöne Frau in weißem Atlas, einen Blumenstrauß in der Hand und auf dem Schooß ein allerliebstes Löwenhündchen. Ich weiß nicht, ob es daher kommt, daß es meine Mutter war, aber mich dünkt, ich habe nie ein so schönes Gesicht gesehen und nie so sprechende Augen. Ich mag noch nicht daran denken, wie einfältig ich um das Bild gekommen bin, und wie es jetzt vielleicht für Nichts geachtet wird. Warum mein Vater nicht wieder heirathete, begreife ich eigentlich nicht; seine Lage hätte es wohl mit sich gebracht; ein Kaufmann, der den ganzen Tag im Comptoir und auf der Börse zubringt und der Handelsverbindungen wegen fast täglich Gäste zu Tische hat, ist ohne Hausfrau ein geschlagener Mann, allen Arten von Veruntreuungen und Verschleuderungen ausgesetzt, die er unmöglich selbst controliren kann, und sogar seine Commis scheuen sich weniger vor ihm, als vor der Madame, die sie aus- und eingehen sieht, ihre Kleidung und ihr Benehmen gegen die Dienstboten beobachtet und überall in der Stadt Dinge gewahr wird, die dem Herrn sein Lebtage nicht zu Ohren kommen.

Indessen war freilich meine Mutter schon des Vaters zweite Frau gewesen. Die erste hatte ihm ein schönes Vermögen eingebracht und eine erwachsene, damals bereits verlobte Tochter, auf deren Hochzeit sie sich bald nachher ihre tödtliche Krankheit holte durch dünne Kleidung, – man sagt, weil sie als sogenannte junge Frau nicht gar zu matronenhaft neben der Braut hatte aussehen wollen, was sich denn auch in Rücksicht auf ihren Mann wohl begreift; kurz, sie lag acht Tage nachher völlig contract im Bette und hat so sechs Jahre gelegen, zuletzt so elend, daß ihre besten Freunde ihr nur den Tod wünschen mußten.

Nachdem mein Vater anderthalb Jahre Wittwer geblieben, heirathete er ein junges Mädchen von guter Herkunft, aber gänzlich ohne Vermögen. Dies war meine Mutter, und ich mag, Gottlob, fragen, wen ich will, ich höre nur Gutes und Liebes von ihr; aber den Keim zur Schwindsucht soll sie schon in die Ehe mitgebracht haben. Man sieht es auch dem Bilde an, das doch gleich nach der Hochzeit gemalt ist.

Ein Jahr lang bis zu meiner Geburt hielt sie sich noch so leidlich, obwohl das unruhige Leben und die Unmöglichkeit, sich zu schonen, ihr Uebel soll sehr beschleunigt haben. Ich wollte, sie hätte nicht geheirathet; Gott hätte mich ja doch anderwärts erschaffen können; denn, Mynheer, man kommt doch nie ganz darüber weg, seiner Mutter den Tod gebracht zu haben. Man hat mir viel von dem Kummer meines Vaters erzählt und wie er ferner eine Menge Heirathsanträge von der Hand gewiesen. Ich glaube es wohl, denn ich habe nie gesehen, daß er für irgend ein Frauenzimmer das geringste Interesse gezeigt hätte, außer was ihm von der Höflichkeit geradezu auferlegt wurde, und da waren es immer die Mamas und Großmamas, deren Unterhaltung er vorzog; sonst lebte er nur in seinem Geschäfte. Morgens um fünf auf und in seiner Stube gearbeitet, um sechs in’s Comptoir, um elf auf die Börse, von eins bis zweie zu Tische, was vielleicht die schwierigsten Stunden waren, wo er, den Kopf voll Gedanken, den angenehmen Wirth machen mußte.

Amselnest 2019Nachmittags wieder gearbeitet, Speculationen nachgegangen und zuletzt noch bis Mitternacht in seinem Zimmer geschrieben. Er hat ein saures Leben gehabt.

Ich wuchs indessen in ein paar hübschen Mansardenzimmern bei einer Gouvernante, Madame Dubois, heran und sah mancherlei im Hause, was mir nach und nach anfing wunderlich vorzukommen, so z. B. fast Jeder hatte irgend einen Nachschlüssel, dessen er sich vor mir nicht gerade sehr vorsichtig, aber doch mit einer Art Behutsamkeit bediente, die mich endlich aufmerksam machen mußte. Selbst Madame Dubois hatte einen zur Bibliothek, denn sie brachte ihr Leben mit Romanlesen zu, weßhalb ich denn auch nichts gelernt habe.

Man nimmt sich vor Kindern nicht in Acht, bis es zu spät ist. Hier war es aber leider nicht zu spät; denn als Madame Dubois, die NB. von meiner Kenntniß ihres Schlüssels nichts wußte und nur in Bezug auf Andere sprach, mir auseinandersetzte, daß Schweigen besser sei, als Verdruß machen, war ich noch viel zu jung, um einzusehn, wie höchst nöthig Sprechen hier gewesen wäre. Ich fühlte mich durch ihr Vertrauen noch sehr geehrt, und habe nachher leider Manches noch mit vertuschen helfen. Kinder thun, wie sie weise sind.

Ich sah, so oft mein Vater auf die Börse ging, die Commis wie Hasen am Fenster spähen, bis er um die Gassenecke war, und dann forthuschen, Gott weiß, wohin. Ich sah den Bedienten in meines Vaters seidenen Strümpfen und Schuhen zum Hinterpförtchen hinausschleichen; ich hörte Nachts den Kutscher an meiner Thür vorbeistapfen in den Weinkeller hinunter und wälzte mich vor Aerger im Bette, aber wiedersagen – um Alles in der Welt nicht. Dazu war ich viel zu verständig.

Ich hörte sogar, wie Jemand der Madame Dubois erzählte, unser Kassirer, Herr Steenwick spiele jeden Abend und habe in der vorigen Nacht zwei tausend Gulden verloren und wie die Dubois antwortete:

„Um Gotteswillen, woher nimmt der Mensch das Geld? Da sollte Einem hier im Hause doch schwarz vor den Augen werden!“

Dies war kurz nach meinem vierzehnten Geburtstag und das erste mal, daß sich mir der Gedanke aufdrängte, Schweigen könne doch auch am Ende seine bedenkliche Seite bekommen.

Amselnest 2019Das Ding lag mir den ganzen Abend im Kopfe woher H. Steenwick das Geld nehme, ich wußte daß er arm war, er bekam nur 1000 Gulden Gehalt und ich hatte oft gehört daß seine Eltern arme Fischersleute bey Saardam wären. – Ich hatte bey van Gehlens mahl von einem COMMIS gekört, der aus seines Herrn Casse gespielt hatte, und obwohl ich mir das nicht mit einem alten bekannten Gesichte zusammen stellen konnte, was ich im Hause kannte soweit meine Erinnerung reichte, und auch Madame so besonders viel hielt, und noch neulich ein Paar Tragbänder für ihn gestickt hatte, so überfiel mich doch eine instinktartige Angst, die nicht ganz frey von Mistrauen war, und doch immer wieder mit der Erzählung von jenem Commis verschmolz. Madame war still und noch zerstreuter als gewöhnlich, sie zog zehnmal einen Roman unter der Näharbeit hervor, las ein paar Zeilen, steckte ihn wieder zurück und warf endlich fast die Lampe um, und trieb dann hastig zu Bette. Als wir ungefähr eine Stunde zu Bette gewesen waren, Madame und ich, hörten wir uns gegenüber H. Steenwicks Thüre gehn, und dann rasch Tritte über den Gang weg, die Stiege hinunter – es war nicht das erstemahl daß er so spät sein Zimmer verließ, und ich eingeschlafen war ohne ihn zurück kommen zu hören, aber zum ersten Mal bemerkte ich daß er viel schneller ging und seine Stiefel viel weniger knarrten als bey Tage, ich drückte die Kissen von meinem Ohre weg und horchte, im selben Augenblick hörte ich auch Madame ihre Gardine zurück schieben und sich halb im Bette aufrichten, unten im Hausflure schlich ein leises behutsames Knistern, dann ward die Hausthüre erst halb leise dann mit einem raschen Ruck vollends geöffnet, und dann fiel jenseits auf der Gasse ein Schlüssel aufs Pflaster, – Madame seufzte tief, und murmelte „Schweigen schweigen – nur schweigen“ – Ich fühlte einen plötzlichen Muth in mir, und rief, „nein, Madame, Alles an den Papa sagen!“ Sie können sich den Schrecken der armen Frau nicht vorstellen. „Stanzchen!“ rief sie „Stanzchen, schläfst du nicht?“ – und gleich darauf hörte ich sie bitterlich schluchzen, – mir wurde todtangst, ich wußte x-x nicht, daß die arme Person, die in der That eine sehr schlechte Gesundheit und mit ihren 48 Jahren betrübte Aussichten in die Zukunft hatte, ihre ganze Hoffnung auf H. Steenwick setzte, der ihr so lange Bücher voll zarter Liebe die sich nur durch Blicke und feine Aufmerksamkeiten, Blümchen et cet. verrieth, zugeschleppt hatte, bis sie sich um so mehr als halb verlobt ansah, da sie mahl in einem der Bücher an einer sehr bedeutsamen Stelle ein zufälliges Eselsohr fand.

Amselnest 2019Sie war sonst eine gute ehrbare Person, aber MYNHEER wissen wohl, der Ertrinkende hält sich an einem Strohhalm! – Als Madame sich ein wenig gefaßt bat sie mich vom Himmel zur Erde zu schweigen und log mir sogar etwas vor von einer reichen Tante die dem Cassier oft große Geldgeschenke mache, aber mit so unsicherer Stimme, daß es selbst mir auffiel, endlich versprach sie genau Acht zu geben, sie werde ihr Gewissen sicher nicht mit einer so wichtigen Sache beschweren, obwohl Schweigen sonst immer am Gerathensten sey, wo bey der Untersuchung doch unfehlbar nichts als Verdruß ohne Nutzen herauskommen und aller Schaden und Aufwand auf den Ankläger zurückfallen würde. – „Hat der Herr denn Zeit zu untersuchen?“ sagte sie „frägt er je Jemanden Andren als den Cassier und die Haushälterin? und wenn diese sprechen wollten, haben sie nicht hundertmal die Gelegenheit und die Macht obendrein? – auf Kleinigkeiten, ein paar Steinkohlen mehr oder weniger verbrannt, ein paar Flaschen mehr oder weniger getrunken, kömmt es in einem solchen Hause auch gar nicht an, – aber dies ist zu arg! – Schweig nur, Kind, ich will aufpassen, und wenn es mir vom Himmel auferlegt ist, daß ich mich daran wagen soll, dann in Gottes Namen in Gottes Namen!“ Wenn ich bedenke, in welchem betrübten herzzerreißenden Tone sie dies sagte, so muß ich der armen Frau alle ihre Schwächen vergeben, und bin überzeugt daß sie entschlossen war ihrer Pflicht ein ganzes Lebensglück zu opfern, was freylich nur in der Einbildung bestand, aber MYNHEER, der Wille ist doch so gut wie die That. – Wirklich ging Madame am andern Morgen, gegen ihre Gewohnheit, sehr früh aus, sie kam blaß und niedergeschlagen zurück, packte sogleich ihre Romane und ließ sie H. Steenwick bringen, mit der Bitte ihr keine andern zu schicken, da es ihr vorläufig an Zeit zum Lesen fehle. Von jetzt an horchte ich jeden Abend im Bette, und bemerkte auch daß Madame jeden Abend horchte, aber verstohlen, erst nachdem sie durch die Gardine geschielt hatte ob ich schlafe, und jeden Abend hörte ich H. Steenwick vorbey schleichen und Madames verhaltenes betrübtes Weinen, oft die halbe Nacht durch, den Tag über war Madame wie zerschlagen, griff Alles verkehrt an, hielt die Unterrichtsstunden noch nachlässiger als gewöhnlich, sie saß beständig am Fenster, nähte wie ums Brod, und so oft die COMPTOIRthüre ging fiel eine zerbrochene Nähnadel auf den Boden, auch halb verstohlene Ausgänge wurden mitunter gewagt. – Nach etwa acht Tagen sagte Madame Abends „Stanzchen Morgen spreche ich mit dem Papa“ sie sah hierbey überaus blaß aus, und hatte etwas Edles im Gesicht das mir mehr IMPONIRTE als würde ich gescholten. – Ich legte mich so leise und rücksichtsvoll zu Bette wie in Gegenwart einer Prinzessin, Madame ließ das Licht brennen und laß lange und eifrig im Thomas A KEMPIS; plötzlich fuhren wir Beyde auf, H. Steenwicks Thüre wurde mit Geräusch auf und zu gemacht, und er stampfte einen Gassenhauer pfeifend über den Gang, dann stand er mit einem Mahle still und schien sich zu besinnen oder zu horchen, und dann gings leise leise mit Katzenschritten die Treppe herunter. Der Sand im Flur knirrte, die Hausthür ging, Alles leiser als je, ich sah Madame an, und begegnete einem Ausdrucke des Schreckens der mich betäubte, sie saß aufrecht im Bette, die Hände gefaltet „Jesus Maria!“ war Alles was sie sagte, dann stand sie auf, öffnete das Fenster und lauschte eine Weile hinaus, kam dann schnell zurück, legte sich, und löschte das Licht. – Ich hörte Madame in dieser Nacht nicht weinen, aber so oft ich wach wurde, heftig athmen und sich im Bette bewegen, und ich hörte es oft, denn obwohl ich mir von meinen Gefühlen eigentlich nicht Rechenschaft zu geben wußte hatten doch dieser polternde Gang, dies wilde abgebrochne Pfeifen durch die Stille, und das darauf folgende Katzenschleichen mich mit einem Grausen überrieselt, daß ich mich fast vor den Schnörkeln am Betthimmel und der Gardine fürchtete. – Als es kaum Tag geworden war saß Madame schon wieder aufrecht und sah nach ihrer Taschenuhr, – so mehrere Male – um halb sieben klingelte sie und gab der Magd einen CONFUSEN Auftrag an H. Steenwick – das Mädchen kam zurück – er war noch nicht im COMPTOIR, – „so geh auf sein Zimmer“ – die Thür war verschlossen. – Wir standen auf – von Unterrichtstunden war keine Rede – ich saß mit meinem Strickzeuge in einem Winkel – und Madame saß mit ihrem Nähzeug am Fenster – drey oder viermahl stand sie auf ging in’s Haus hinunter und kam immer blasser wieder. Gesprochen wurde nicht.

Als wir um zwei ins Speisezimmer traten, war mein Vater anfangs nicht da und ließ sagen, wir möchten nur anfangen zu essen. Wir fragten nach dem Buchhalter; er sei bei dem Herrn. Wir aßen um der Domestiken willen einige Löffel Suppe, so sauer es uns wurde.

Da kam der Vater herein, sehr roth und aufgeregt. Er legte sich, gegen seine Gewohnheit, selbst vor, spielte mit dem Löffel und fragte dann, als der Bediente gerade herausging, wie hingeworfen:

„Madame, Sie wohnen doch dem Cassirer gegenüber; wissen Sie nicht, wann er diesen Morgen ausgegangen ist?“

Ueber Madames Gesicht flog eine glühende Röthe, die einem wahrhaft edlen Ausdrucke Platz machte. Sie stand auf und sagte mit fester Stimme:

„Mynheer, Herr Steenwick ist diese Nacht nicht im Hause gewesen.“

Mein Vater sah sie an mit einem Gesichte, das mehr Angst als Bestürzung verrieth. Er stand auf, gab draußen einige Befehle und setzte dann sein Verhör fort.

„Haben Sie gestern bemerkt, wann er fortging?“

„Ja, Mynheer, um halb zwölf,“ und nach einigem Zögern setzte sie hinzu, „haben wir, Stanzchen und ich, ihn fortschleichen hören.“

„Fortschleichen?“ rief mein Vater und wurde fast eben so blaß als Madame. „Also doch wahr! Seien Sie aufrichtig, Madame, war es zum ersten Male?“ Es war, als sinke die arme Frau in sich zusammen, als sie stammelnd antwortete:

„Nein, Mynheer, nein, schon seit acht Tagen jeden Abend.“

Mein Vater sah sie starr an.

„O Mynheer, fragen Sie Stanzchen. Stanzchen weiß, daß ich es Ihnen heute sagen wollte.“

Mein Vater antwortete nicht. Er ging hastig an einen Wandschrank, der Feile, Kneifzangen und allerlei Schlüssel enthielt. Dann rief er an der Thür heftig nach dem Buchhalter. Thüren gingen und als eben ein Bedienter Speisen hereintrug, hörten wir an einem Krach, daß im Kabinet neben dem Comptoir die Kasse erbrochen wurde.

Wir saßen wie Bildsäulen am Tische, ließen eine Speise nach der andern abtragen und hatten weder den Muth, das Zimmer zu verlassen, noch darin zu bleiben.

Der Vater kam nicht wieder, auch zum Abendessen nicht, auch zum nächsten Mittagessen nicht, der Buchhalter eben so wenig.

Die jungen Commis schlenderten im Hause umher, und wir merkten aus einzelnen Worten, daß Herr Steenwick für in wichtigen Geschäften verschickt galt; denn zum Nachfragen hatte Keines von uns Muth.

Amselnest 2019Am zweiten Abend stürzte der Buchhalter aus dem Kabinet und rief: „Wasser! Um Gottes Willen, Wasser! Und geschwind zum Doktor Velten; der Herr hat einen Blutsturz bekommen.“

Madame und ich hörten das Geschrei auf unserm Zimmer, und ich weiß nicht, wie wir die Treppen hinuntergekommen sind, ich weiß nur, daß mein lieber Vater in seinem ledernen Arbeitssessel saß, bleich wie der Tod, die Augen halb gebrochen, ängstlich umherfahrend und daß er mich noch mit einem langen, traurigen Blicke ansah, daß mich schauderte, als ich in einen Blutstrom trat, der uns schon auf dem Entree entgegen floß.

Als Doktor Velten kam, war ich eine arme, verlassene Waise.

Von dem, was zunächst geschah, kann ich nur wenig sagen. Ich verstand das Meiste nur halb, und es schien mir Alles wie Nichts nach dem, was geschehen.

Das Gesinde mußte wohl wissen, wie mir zu Muthe war; denn wenn ich einmal zufällig mein Zimmer verließ, sah ich sie ziemlich offen silberne Bestecke, Becher und dergleichen auf ihre Kammern tragen. Ich sah es und sah es auch nicht; hätte ich nachher darüber aussagen sollen, ich hätte die Thäter nicht zu nennen gewußt.

Es war mir, als müßte ich ersticken, wenn der Weihrauchdampf bis oben in’s Haus zog. Ich hörte unter unsern Fenstern die Trauermusik, sah die Fackeln wiederscheinen und verkroch mich hinter’s Bett mit dem glühendsten Wunsch zu sterben.

Dann zog man mir schwarze Kleider an, und mein Vormund, der Banquier van Gehlen, holte mich vorläufig in sein Haus.

Madame Dubois mußte zurückbleiben. Unser Abschied war sehr schmerzlich, und es vergingen mir fast die Sinne, als diese Frau, der ich so lange gehorcht hatte, auf den Knieen zu mir hinrutschte,
meine Hand küßte und rief:

„Stanzchen, Stanzchen vergib mir! Ich bin an Allem Schuld! O Gott, ich bin eine alte Thörin gewesen!“

Es war mir, als sollte ich ihr um den Hals fallen, aber ich blieb steif stehen mit vor Scham geschlossenen Augen und als ich sie aufmachte war Madame fort, und statt ihrer hielt Herr van Gehlen mich bei der Hand.

Unsere Vermögensumstände stellten sich dann, wie Sie wohl erwartet haben, sehr traurig heraus. Mein Vater hatte eine Staatsanleihe übernommen und sich sehr um dies Geschäft beworben, da wir keineswegs zu den ersten Häusern in Gent gehörten. Ob schon Gelder eingegangen und versendet waren, weiß ich nicht, aber 600,000 Gulden waren aus der Kasse verschwunden. Das war gerade unser eigenes Vermögen, den Brautschatz meiner Schwester, den sie im Geschäft gelassen hatte, eingerechnet; so blieb mir nicht das Salz auf dem Brode.

In van Gehlens Hause wollte man gütig gegen mich sein; aber es war dort nichts wie Glanz und Pracht. Man ließ mir Freiheit auf meinem Zimmer, aber das Lachen, Klavierspielen und Wagenrollen schallte von unten herauf und, wenn ich mich sehen ließ, gab es eine plötzliche Stille, wie wenn ein Gespenst erschien, und Aller Augen waren auf mich gerichtet, als gäbe es außer mir keine verarmte Waise in Gent.

Mevrouw van Gehlen that zwar ihr Möglichstes, mir über solche Augenblicke weg zu helfen; aber selbst ihr Bestreben that mir weh und ließ es mich erst recht fühlen, wie viel hier zu verbergen war.

Täglich hoffte ich auf die Ankunft meiner Stiefschwester; sie kam nicht, auch mein Schwager nicht, sondern nur ihr Geschäftsmann, Herr Pell, der mich so quer ansah, als hätte ich seinen Patron bestohlen, – schon gleich anfangs und noch schlimmer, nachdem er sich einige Stunden mit Mynheer van Gehlen eingeschlossen.

Dennoch hatte er den Auftrag, mich mitzuhringen, wenn sich nämlich kein anderes Unterkommen fände.

Ich stand bei dieser Verhandlung zitternd wie Espenlaub und nahm jeden lieblosen Ausdruck des kleinen, hagern Mannes für direct aus dem Munde meiner Schwester; woran ich doch gewiß sehr Unrecht hatte. Denn ich bin später, nach meiner Verheirathung, öfters mit ihr zusammen gewesen in ihrem Hause und auch in dem meinigen, und sie war zwar eine etwas förmliche Frau, aber immer voll Anstand und verwandtschaftlicher Rücksicht, und sie hat es mir sogar viel zu hoch angerechnet, als ich ihr nach meines Mannes Tode ihre durch unser Unglück erlittenen Verluste zu ersetzen suchte, was doch nicht mehr als meine allerstrengste Pflicht war.

Die Conferenz im Fenster war noch im besten Gange, als Herrn van Gehlen ein Besuch gemeldet wurde. Den Namen verstand ich nicht und benutzte diesen Augenblick, mich unbemerkt fortzuschleichen.

Im Vorzimmer traf ich den Fremden, einen kleinen, geistlich gekleideten, hagern Mann, der beschäftigt war, sich mit einem bunten Schnupftuche den Staub von den Aermeln zu putzen. Er sah scharf auf und seine Augen verfolgten mich bis in die Thür mit lebhafter Neugierde.

Hast Du auch noch keine verarmte Waise gesehen? dachte ich.

Nach einer halben Stunde, die mir unter großer Gemüthsbewegung und unter Nachdenken über meine Schwester verging, ward ich heruntergerufen.

Amselnest 2019Ich fand die drei Herrn zusammen. Mynheer van Gehlen und Herr Pell saßen vor dem Tisch und blätterten in dicken Papierstößen. Sie sahen roth und angegriffen aus. Herr Pell schlug die Augen nicht vom Papier auf. Van Gehlen lächelte verlegen und schien mir etwas sagen zu wollen, als der Fremde aus der Fensternische trat, meine beiden Hände ergriff und mit bewegter Stimme sagte:

„Stanzchen, Stanzchen, ich bin Dein Ohm. Hat Dir denn Papa niemals von dem alten Herrn Ohm Pastor erzählt, dem alten Pastor in G.?“

Ich war ganz verwirrt; doch kamen mir einige dunkle Erinnerungen, obwohl mein Vater selten frühere Verhältnisse berührte.

So küßte ich dem Onkel die Hand und sah ihn auf eine Weise an, die ohne Zweifel etwas kümmerlich gewesen sein muß, denn er sagte:

„Sei zufrieden, Kind; Du sollst nicht nach Roeremonde. Du gehst mit mir;“ und dann mit erhöhter Stimme halb zu den Andern gewendet:

„Wenn ich gleich keine feine Juffrouw erziehen kann, so sollst Du doch rothe Backen kriegen und auch nicht wild aufwachsen, wie eine Nessel im Hagen.“

Mynheer van Gehlen nickte zustimmend. Pell schlug seine Actenstöße zu und sagte:

„Wenn Ewr. Ehrwürden das so wollen – vorläufig wenigstens. Ich will es an meinen Patron berichten; vielleicht – sonst steht der Juffrouw Roeremonde alle Tage offen.“

Mein Ohm machte eine feierliche Verbeugung: „Gewiß, ja, wir lassen Mevrouw danken. Roeremonde steht alle Tage offen – aber Mevrouw muß mir das Kind lassen. Es ist meiner Schwester Kind, die ich sehr lieb gehabt habe, wenn sie auch nur meine Stiefschwester war.“

Niemand antwortete. Ich fühlte, daß hier irgend ein drückendes Mißverständniß herrschte, und war froh, als mein Onkel gütig fortfuhr:

„Nun, Stanzchen, ich kann aber nicht lange von Hause bleiben; pack Deine Siebensachen und dann danke Mynheer und Mevrouw van Gehlen, daß sie Dich armes, verlassenes Kind so treulich aufgenommen haben.“

Zwei Stunden darauf saßen wir im Wagen. So bin ich von Gent gekommen. Noch muß ich Ihnen sagen, daß Herr Steenwick nicht, nachdem er des Vaters Kasse zum Theil verspielt, mit dem Ueberreste durchgegangen war, wie Sie ohne Zweifel glauben und auch Jedermann damals glaubte.

Nach drei Wochen kam sein Leichnam auf in der Schelde. Er hatte nichts in der Tasche, als seine gewöhnliche grüne Börse mit 6 Stuyvern darin und einen kleinen leeren Geldsack, den er aus angewöhnter Pünktlichkeit mußte mechanisch wieder eingesteckt haben. Man hätte eigentlich zuerst hierauf verfallen sollen, da von seinen Habseligkeiten nicht das Geringste vermißt wurde, nichts als die Kleider, die er am Leibe trug und seine alte silberne Uhr.

Aber die Leute denken gern immer das Schlimmste. Lieber Gott, es ist freilich schlimm genug, Anderer Leute Geld zu verspielen und dann – ein solches Ende! Aber Mynheer wissen wohl, es kommt einem doch nicht so schimpflich vor, als ein anderer Diebstahl.

Ein Spieler ist wie ein Betrunkener, wie ein Besessener, aus dem der Böse handelt wie eine zweite fremde Seele. Habe ich nicht Recht? Herr Steenwick hatte unserm Hause zwanzig Jahre lang gedient, hatte so manche Nächte durchgearbeitet und auch nicht ein Endchen Bindfaden verkommen lassen; er war wahrhaftig noch grimmiger auf’s Geschäft verpicht, als der Herr selbst, und nun ein solches Ende!

Indessen hat er, Gottlob, doch noch ein ehrliches Grab bekommen, weil sich mehrere Leute fanden, die ihn in der Morgendämmerung hatten taumeln sehen, wie einen Betrunkenen, und zwar in der Richtung nach Hause zu. So wurde denn angenommen, er habe, wie unglückliche Spieler häufig, sich zu viel Courage getrunken und sei so ohne Absicht dem Scheldeufer zu nahe gekommen.

Madame Dubois soll nachher auch noch heimlich auf sein Grab ihren Balsaminenstock gepflanzt haben, ist aber doch dabei belauscht worden – die arme Seele! Sie war wirklich gut von Natur, nur durch Romanenlesen etwas confus geworden; und wußte nicht recht mehr, ob sie alt oder jung war, und auch zu furchtsam geworden durch das Gefühl ihrer abhängigen Lage und noch mehr ihrer täglich abnehmenden Fähigkeit, sich selbst zu ernähren. Aber ihr Wille war immer der beste, und sie suchte mich vor jedem schädlichen Eindruck mit einer Treue zu hüten, für die ich ihr im Grabe noch dankbar bin.

Jetzt ist sie lange, lange todt; sie starb schon das Jahr darauf, als ich zu meinem Ohm kam, und ihre Ersparnisse in unserm Dienste haben übrig ausgereicht bis an ihr Ende.

So quälen wir uns oft umsonst, und unser Herrgott lacht dazu. –

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Hier schien Mevrouw van Ginkel ihre Mittheilungen endigen zu wollen. Sie schüttete frischen Thee auf, nahm eine Prise aus ihrem goldenen Döschen und sah mich mit jenem wohlwollenden Blicke an, der bei höflichen Leuten den Wunsch, auch den Andern zu hören, ausdrückt. Ihr Gesicht war völlig ruhig, sogar lächelnd; doch hing etwas Glänzendes in ihren Augwimpern, das aber nicht weiter kam.

Ich hingegen war in eine Stimmung gerathen, worauf ich eigentlich gar nicht für diese Stunde gerechnet hatte, und hätte für mein Leben gern Mevrouw in ihrer Dorfwirthschaft gesehen, um so mehr, da unschuldige Kinder sowohl wie alte Junggesellen mir ein gleich starkes Interesse erregen und man beide selten, wie hier, vereinigt findet.

So that ich einige blinde Fragen nach der Lage des Dorfes und wie viel Diensthoten und wie viel Kühe u.s.w. Mevrouw errieth meine Absicht und sagte sehr freundlich:

„Ich sehe wohl, Mynheer interessiren sich für meinen guten Ohm und gewiß hat es auch nie einen bessern Mann gegeben – und keinen ehrwürdigern,“ fügte sie hinzu mit einem Ausdruck kindlicher Scheu, der ihr fast wieder das Ansehn einer kleinen, wohlerzogenen Jungfer von vierzehn Jahren gab.

Amselnest 2019„Indessen läßt sich wenig von unserm Leben sagen. Es war sehr einfach und so einförmig, daß, wenn nicht die Kirchenfeste und die Jahreszeiten gewesen wären, unsere Tage einander so gleich gewesen wären wie Wassertropfen.“

Hier schüttete sie Wasser auf den Thee, und ich betrachtete einen am Kessel hängenden Tropfen, der allerdings wenig Unterhaltung zu versprechen schien.

„Aber,“ fuhr sie fort, „so sollte es nicht bleiben, und ich möchte dem Herrn Nachbar wohl die Catastrophe von meines Ohms, ich kann wohl sagen, von meinem Schicksal erzählen, damit Sie sehen, was der, dem ich am meisten in der Welt zu danken habe, für ein Mann war. Aber da ist eine andere kuriose Geschichte hinein verflochten, die Mynheer gewiß interessiren würde, aber etwas lang ist. Haben Mynheer sich auch gut gegen die Abendluft verwahrt?“

Ich versicherte, daß ich alle nöthigen Maßregeln getroffen, obwohl ich, ehrlich gesagt, heute zum ersten Mal meine dritte Weste ausgelassen hatte und mit einiger Sorge an den Thau dachte.

Jedoch hatte ich Mevrouw noch nie in so mittheilender Stimmung gesehn und war entschlossen, diese zur Erweiterung meiner Menschenkenntniß um jeden Preis zu benutzen. So betheuerte ich, daß ich nie nach dem Thee noch zu Abend esse, – was auch wahr ist – und mir längst eine gelegentliche Mondscheinpromenade am Maasufer vorgenommen hätte, was allerdings nicht ganz mit meinem sonstigen Geschmacke und meinen sonstigen Gewohnheiten übereinstimmte.

Mevrouw sah mich auch so verwundert an, als mache vor ihren Augen eine Schildkröte Vorbereitungen auf den Hinterbeinen zu spazieren; jedoch fuhr sie ohne weitere Bemerkungen in ihren Mittheilungen fort, nur zuweilen kleine Pausen machend, um mir einzuschenken oder ihrem goldenen Döschen zuzusprechen, wobei sie mich in so wohlwollender Weise zum Mitgenuß einlud, daß ich bei mir an die Friedenspfeife der Indianer denken mußte; welche Unterbrechungen ich durch Absätze bezeichne und dem Leser die Ausmalung der kleinen Zwischenspiele überlassen werde. Also Mevrouw fuhr fort:

[nicht vollendet]

Soundtrack: The Beatles: Blackbird, aus dem Weißen Album: The BEATLES, 1968.
Schönes Lied; den Ohrwurm kann man leicht zehn Stunden ausleben:

Bonus Track: auch Beatles, aus: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, 1967,
aber von Joe Cocker and The Grease Band: With a Little Help from My Friends,
live in Woodstock, Sonntag, 17. August 1969, ca. 15.15 Uhr Ortszeit:

Written by Wolf

27. März 2020 at 00:01

In dieser versifften Hochglanzzombiewelt

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Update zu Flucht aus der gebornen Ruine,
Dornenstück 0001: Jesus liebt euch alle und
Nachtstück 0023: Watch out, the world’s behind you:

Johannes [verbessert aus: Jean] wird mit einem Becher dargestellt, Paulus mit einem Schwert.

Johann Paul Friedrich „Jean Paul“ Richter, * 21. März 1763; † 14. November 1825: Vita, 1807.

Statt J.P. = Pohl oder Schang oder Schang Pohl.

Vita, 1811.

Jean Saul — Saulus bewachte die Kleider der Steiniger Stephani.

Gedanken 8, 1812.

Wenn ihr wüßtet, wie wenig ich nach J.P.F. Richter frage; ein unbedeutender Wicht; aber ich wohne darin, im Wicht.

Merkblätter, 1818.

——— Hank Nagler:

Jean Paul

Originalfassung 6. Januar 1996 für Balan Street Suicide Pictures, 12. Januar 2020:

Hank Nagler, Jean Paul, OF, 6. Januar 1996

Wenn uns die Liebe verlassen, besucht uns doch die Musik (Jean Paul: Dichtungen 2, 1797):
Gustav Mahler: 1. Sinfonie in D-Dur, zeitweilig Titan, 1889,
New York Philharmonic Orchestra unter Leonard Bernstein, 1967:

Written by Wolf

20. März 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Flintenwerfen

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Update zu O selige Epoche:

Da kann sich einer Christian Morgenstern aufgrund physischen Geburtstags und psychischen Alberfaktors persönlich so verbunden fühlen, wie er will, da können die lizenzfrei orientierten „Klassiker“-Verlage auf ihre Morgensterne Alle Galgenlieder draufschreiben, bis den Druckereien in Shenzhen die Schwärze ausgeht — die echten Geschichten über Morgenstern-Gedichte findet man nur in der halbwegs wissenschaftlichen Ausgabe. Wie bei allen Schreibern; bei Morgenstern ist das die Stuttgarter Ausgabe bei Urachhaus, und was bei den Kaufhof-Ausgaben — übrigens nichts gegen die gleichnamige, dokumentarisch bedeutsame Sammlung von Diogenes 1981 — Alle Galgenlieder heißt, ist darin der Band 3: Humoristische Lyrik von 1990.

In den Kommentar hat der Herausgeber Maurice Cureau die frühe Version eines gängigen Gedichts über Morgensterns kauziges Alter Ego Palmström versteckt: Die weggeworfene Flinte hieß in einer früheren Bearbeitung Palmström der Patriot. Wiederzuerkennen nur noch am Thema, gewiss nicht mehr an der Form, sind die Unterschiede zwischen den Fassungen groß genug, um sie mit Gewinn gegenüberzustellen. Angeblich wegen mangelnder Begeisterung beim Lesen der fertigen Korrekturbogen überarbeitete Morgenstern das Gedicht „poetischer, romantischer“ von Grund auf.

Es kann an mir liegen, aber in der allseits autorisierten Druckfassung vermisse ich die Reime. Und schon besitzen wir ein vertieftes, wenn nicht gar ein ganz neues Palmström-Gedicht.

Lera Vradiy, Field Stories, 21. Juli 2017

——— Christian Morgenstern:

Palmström der Patriot

frühe Version, brieflich an Verleger Bruno Cassirer am 19. Februar 1910:

Palmström, auf dem Lande hinten,
untersucht das Korn nach Flinten,
die das Volk, wie er v. Korfen
sagt, daselbst hineingeworfen.
Und fürwahr, er findet deren!
Eine Unzahl von Gewehren,
geht (beglaubigt von den Bauern,
welche auf Belohnung lauern,
und plombiert von den gesamten
diesbezüglichen Beamten)
noch im Herbst nebst Memorando
ab ans Generalkommando.

Die weggeworfene Flinte

Druckversion 22. Februar 1910, „Meiner lieben Margareta“:

Palmström findet eines Abends,
als er zwischen hohem Korn
singend schweift,
eine Flinte.

Trauernd bricht er seinen Hymnus
ab und setzt sich in den Mohn,
seinen Fund
zu betrachten.

Innig stellt er den Verzagten,
der ins Korn sie warf, sich vor
und beklagt
ihn vorn Herzen.

Mohn und Ähren und Cyanen
windet seine Hand derweil
still um Lauf,
Hahn und Kolben …

Und er lehnt den so bekränzten
Stutzen an den Kreuzwegstein,
hoffend zart,
daß der Zage,

noch einmal des Weges kommend,
ihn erblicken möge — und —
(… Seht den Mond
groß im Osten …)

Martin Bartholmy, Wo die Flinte im Korn liegt. Cropped Crop, 15. Juli 2018

Bilder: Lera Vradiy: Field Stories, 21. Juli 2017;
Martin Bartholmy: Wo die Flinte im Korn liegt / Cropped Crop, 15. Juli 2018.

Soundtrack: Emily Barker & The Red Clay Halo with Frank Turner: Fields of June, 2012:

Written by Wolf

21. Februar 2020 at 00:01

Адвент 4: Dinnertime mit Saufspielen

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Update zu Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht),
Einigen wir uns auf Unentschieden und
Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen (Schöne Menschen, schöne Glieder):

Wladimir Wasiljewitsch Satschkow, Filmplakat Ironie des Schicksals, 1975Mich freut’s, daß ich Sie liebe ohne Qual,
Daß Sie sich wegen mir nicht quälen müssen
Und daß der große, schwere Erdenball
Nie wird entschwinden unter unsern Füßen.
Mich freut’s, daß ich darf manchmal komisch sein,
Gelockert sein und nicht mit Worten spielen,
Und nicht erröte, nicht erstick vor Pein,
Kaum die Berührung unsrer Ärmel fühlend.

Ich dank mit Herz und Hand Ihnen dafür,
Daß Sie mich lieben, ohne es zu wissen,
Für meine Ruhe nachts, dafür, daß wir
Uns gar so selten abends treffen müssen,
Daß wir spazierten noch kein einzges Mal,
Gemeinsam Mond- und Sonnenschein genießend,
Daß ich Sie leider liebe ohne Qual
Und Sie sich leider auch nicht quälen müssen.

Marina Zwetaewa a. a. O.,
Übs. Sepp Österreicher.

Ирония судьбы или С лёгким паром! von Eldar Rjasanow 1975 — das heißt: Ironie des Schicksals oder Genießen Sie Ihr Bad!, wird aber übersetzt: Mit leichtem Dampf — ist eine Art Drei Nüsse für Aschenbrödel Russlands und der Ukraine und umfasst zwei Teile mit insgesamt drei Stunden und vier Minuten, die eine Einheit mit einer rituell eingehaltenen Pinkelpause dazwischen bilden.

Von verschiedenen Fernsehsendern ausgestrahlt wird Ironie des Schicksals am 1. Januar und ähnelt insofern näher denn dem Drei Nüsse für Aschenbrödel (Original: 82 Minuten) eher dem russischen Dinner for One (original: 18 Minuten). Das kommt, müßig zu erklären, von der verschobenen orthodoxen Weihnacht aufgrund des weiterhin geltenden julianischen Kalenders.

Olha in Seefeld in Tirol, 20. August 2019Meine ukrainische Gewährsperson versichert entgegen der Darstellung auf Wikipedia glaubwürdig, der Kult um Ironie des Schicksals habe sich inzwischen gelegt; sie kennt den Film durchaus noch und weiß um seine kulturelle Bedeutung, es sei aber eher ein Spaß für ihre Elterngeneration. Ebenso übertrieben findet sie das Bohei, das 2015 um ein drohendes Ausstrahlungsverbot für die Ukraine entstand und pünktlich zum — nicht zum ukrainischen — Heiligabend in die westliche Welt getragen wurde, weil eine der Schauspielerinnen, schlimmer noch: eine der Synchronstimmen, namentlich die russische Walentina Talysina sich allzu putinfreundlich geäußert habe. Nun ist ein Film immer das Werk seines Regisseurs, und der 2015 verstorbene Eldar Ryazov — wobei wir uns in Erinnerung rufen, dass eine Korrelation nicht zwangsläufig eine Kausalität ist — war dagegen ein aufrechter Putin-Kritker und kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden, was seinen darstellenden Fachkräften vierzig Jahre nach ihrem Engagement so durchs Hirn schießt.

Was ukrainische Freunde alternativer Christtagsfreuden am gregorianischen Silvesterabend treiben, wenn unsereins Dinner for One guckt, bleibt von einem gewissen Geheimnis umwabert, solange man seine Gewährspersonen so selten zu fassen bekommt, und sollte gern ihre persönliche Angelegenheit bleiben. Kennerhafte Saufspiele anhand Filmszenen, wetten? Wer das auch mal will, kann das — wieder wie bei Dinner for One — heutzutage ganzjährig: YouTube birgt Ironie des Schicksals im Original mit englischen Untertiteln, also recht zugänglich, und praktischerweise in zwei Teilen, also gleich mit der Pinkelpause, die durch die Saufspiele unabdingbar wird. Etwas unpraktischer ist: Man kann beide nicht embedded, sondern nur innerhalb YouTube abspielen. Aber irgendwas ist ja immer, da können Sie jeden Ukrainer fragen.

1. Teil:

2. Teil:

Plakat: Владимир Васильевич Сачков (1928—2005) für Рекламфильм, 1975;
Gewährsmädchen, ihr Bad genießend: Olha in Seefeld in Tirol, 20. August 2019;
mit leichtem Dampf: Film-Still via Неизвестные факты о фильме „Ирония судьбы, или С легким паром!“,
10. August 2016.

Film-Still via Unbekannte Fakten zum Film Die Ironie des Schicksals oder genießen Sie Ihr Bad, 10. August 2016

Soundtracks: Stille Nacht, heilige Nacht; Silent Night, Holy Night; Тиха ніч, свята ніч:



Веселого Різдва для всіх!

Written by Wolf

20. Dezember 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Адвент 3: Mit einem stillen, guten Worte mein gedenken

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Update zu Das Angedenken der Zuckerlust:

Die nationale, um nicht zu sagen: emotionale Bedeutung für die ganze stolze Ukraine von Taras Schewtschenkos Gedicht Заповіт kann man gar nicht überschätzen. Allein in der Liste der Übersetzungen wird man gar nicht fertig mit Scrollen — und merkt, was der Google-Translator für ein Segen ist.

Unter den deutschen Übersetzugen werden darin die von der Lemberger, nein: Львова Wortkünstlerin Hedda Zinner aus der noch erreichbarsten Schewtschenko-Auswahl Meine Lieder, meine Träume. Gedichte und Zeichnungen — Verlag der Nation Berlin und Verlag Dnipro Kiew 1987, auf keine Weise identisch mit dem nahezu gleichnamigen USA-Film 1965 — angeführt, sowie die Übersetzung von Iwan Franko.

Was für ein glückliches Land das sein sollte, in dem sich die Nationaldichter gegenseitig in die Sprachen des befreundeten Auslands übersetzen.

——— Тарас Григорович Шевченко:

Заповіт

написанное 25 декабря 1845 года в Переяславе,
перше надрукований в 1859 році в Ляйпциґу в збірці Новыя стихотворѣнія Пушкина и Шевченки:

Як умру, то поховайте
Мене на могилі,
Серед степу широкого
На Вкраїні милій:
Щоб лани широкополі
І Дніпро, і кручі
Було видно, — було чути
Як реве ревучий!

Як понесе з України
У синєє море
Кров ворожу, — отоді я
І лани, і гори —
Все покину і полину
До самого Бога
Молитися. А до того —
Я не знаю Бога!

Поховайте та вставайте,
Кайдани порвіте,
І вражою, злою кровю
Волю окропіте!
І мене в сімьї великій,
В сімьї вольній, новій,
Не забудьте помьянути
Незлим, тихим словом!

1912, Ганна ЧЕРКАСЬКА, Ховали Тараса, як гетьмана-парубка. Сьогодні – 157 роковини перепоховання Шевченка, UAinfo, 22. Mai 2018

——— Taras Hryhorowytsch Schewtschenko:

Das Vermächtnis

übs. Iwan Franko, 1903:

Wenn ich sterbe, so bestattet
Mich auf eines Kurhans Zinne,
Mitten in der breiten Steppe
Der geliebten Ukraine, –
Daß ich grenzenlose Felder
Und den Dnipr und seine Schnellen
Sehen kann und hören möge
Das Gebraus der großen Wellen.

Wenn sie von der Ukraine
Schwemmen fort ins Meer und schleppen
Feindesblut und Feindesleichen,
Dann verlaß‘ ich Berg und Steppen,
Schwinge bis zum Gott empor mich
Von dem Sturme hingerissen
Um zu beten, – doch bis dahin
Will von keinem Gott ich wissen.

Ja, begrabt mich und erhebt euch,
Und zersprenget eure Ketten,
Und mit schlimmem Feindesblute
Möge sich die Freiheit röten!
Und am Tag, der euch die Freiheit
Und Verbrüderung wird schenken,
Möget ihr mit einem stillen,
Guten Worte mein gedenken.

——— Taras Hryhorowytsch Schewtschenko:

Vermächtnis

übs. Hedda Zinner, 1951:

Wenn ich sterbe, sollt zum Grab ihr
Den Kurgan mir bereiten
In der lieben Ukraine,
Auf der Steppe, der breiten,
Wo man weite Felder sieht,
Den Dnjepr und seine Hänge,
Wo man hören kann sein Tosen,
Seine wilden Sänge.

Wenn aus unsrer Ukraine
Zum Meer dann, zum blauen,
Treibt der Feinde Blut, verlaß ich
Die Berge und Auen,
Alles laß ich dann und fliege
Empor selbst zum Herrgott,
Und ich bete… Doch bis dahin
Kenn‘ ich keinen Herrgott!

So begrabt mich und erhebt euch!
Die Ketten zerfetzet!
Mit dem Blut der bösen Feinde
Die Freiheit benetzet!
Meiner sollt in der Familie,
In der großen, ihr gedenken,
Und sollt in der freien, neuen
Still ein gutes Wort mir schenken.

Ганна ЧЕРКАСЬКА, Ховали Тараса, як гетьмана-парубка. Сьогодні – 157 роковини перепоховання Шевченка, UAinfo, 22. Mai 2018

Bilder: beide 1912, via Anna Cherkaska: „Ховали Тараса, як гетьмана-парубка“. Сьогодні – 157 роковини перепоховання Шевченка, UAinfo, 22. Mai 2018.

Soundtrack: Отава Ё: Ой, Дуся, ой, Маруся, Juli/August 2016:

Written by Wolf

13. Dezember 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Адвент 2: Auf den Flügeln der Lieder

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Update zu Noch immer (ja, noch immer):

Die Ukraine, die Kornflasche Europas: Es sind immer die Nachbarinnen und Kolleginnen von dorther, die einen beeindrucken mit allem, was sie sind und tun, ohne es je darauf anzulegen. Kaum volljährig, sind das alles gestandene, beneidenswert lebenstüchtige Russenweiber mit zwei Muttersprachen — und bis man sich umschaut, haben sie alle noch einen echten Magister, die einschüchterndsten unter ihnen einen Dipl.-Kffr. von einer der etwa hundert Kiewer Unis, und in Charkiv stehen schon die nächsten hundert; sie sprechen und schreiben nicht unter drei „Fremd“-Sprachen fließend, die andern, darunter mindestens eine asiatische, zählen sie schon gar nicht mehr, haben Dostojewski, Voltaire, Tschechow und Balzac vollständig gelesen, Tolstoi, Charms, Kusmin, Remisow, Rousseau, Schiller, Heine und Dickens gleich zweimal und ihren Landsmann Gogol immer wieder, können mit einem Taschenmesser den Boiler reparieren, mit einer Büroklammer Feuer machen, ihre Mitmenschen aus dem Kopf mit dem Sparkassenkuli gedankenschnell so skizzieren, dass man sie erkennt, und die Gesamtwerke von Beethoven, Rimski-Korsakow und Skrjabin auswendig auf dem Klavier, sind in ihrer grenzenlosen Model-Schönheit schon mal „ein paar Schauen gelaufen“, kommen in einem Porno und zwei Arthouse-Preziosen vor (bei Weißrussinnen ist es umgekehrt) und schreiben zwischen dem Fitmachen für die Disco und der anstehenden Frühschicht ein paar Gedichte und ein nephrologisches Exzerpt für ihre nächste Veröffentlichung. Angesichts der Lebensauffassung einer Ukrainierin merkt man immer erst, was man die ganze Zeit in seinem eigenen bisschen Existenzversuch verpasst, und dass es doch auch so geht. Wenn man sie fragt, was sie dazu treibt, in einem deutschen Mittelzentrum die Betten für zickige Touristen zu beziehen und fünfsprachig das Klo zu schrubben, zucken sie die Schultern und antworten: „Muss leben.“ Plausibel anzunehmen ist, dass in Donezk einfach immer noch ein paar Panzer zuviel auf der Straße herumkurven. In der Ukraine wohnen über 42 Millionen Leute, also vermutlich um die 21 Millionen Frauen, unter denen es durchaus dumme, hässliche, moralisch fragwürdige geben wird, nur die trifft man die nie. Schon klasse, aber nach keiner Seite fair.

Vor dieser Erfahrung muss es ehrgeizig erscheinen, einer Ukrainerin imponieren zu wollen; wer aber auf Russisch bis fünf zählen kann, eine Mundharmonika einstecken hat, deren Tonart er benennen und charakterisieren kann, und ihnen zur Frühschicht keine unbearbeiteten Hotelreservierungen liegen lässt, sollte aber schon den richtigen Weg eingeschlagen haben. Bescheiden sind sie also auch noch. Einfach widerlich. Und im Film reden sie immer bloß von Transsylvanien.

Cover Auf den Flügeln der Lieder, Lemberg 1893, Lesja Ukrajinka. Enzyklopädie des Lebens und der KreativitätHilfreich scheint mir, das eine oder andere Gedicht von Lesja Ukrajinka zu kennen, in einer Sprache, die man gar nicht kann; die scheint eins von diesen Wunderwesen. Offenbar wird Frau Kossatsch — die korrekte Anrede für sie war: Laryssa Petriwna — bis heute geschätzt und verstanden, jedenfalls umfasst ihr ukrainischer Wiki-Artikel Леся Українка den Gegenwert einer Rowohlt-Monographie.

Ihr unverhohlen national gestimmtes Pseudonym verwendete die Petriwna ab ihrer ersten Veröffentlichung im Alter von 13 Jahren. Ihr Gedicht Contra Spem Spero (etwa: Gegen alle Hoffnung hoffe ich) von 1890 — da war sie 19 — ist innerhalb ihres Gesamtwerks aus folkloristischer, traditioneller Lyrik, später impressionistischer Naturlyrik bis hin zu historischer Dichtung ein Fremdkörper: viel zu subjektiv. Die Ukraine respektiert Taras Schewtschenko und Iwan Franko als Nationaldichter, aufrichtig gerührt sind sie bei der Ukrajinka.

Das war ein Tipp, Jungs. Eure Fachliteratur ist vorerst: Леся Українка. Енциклопедія життя і творчості (Lesja Ukrajinka. Enzyklopädie des Lebens und der Kreativität). Contra spem spero! wurde leider nie für die Öffentlichkeit deutsch übersetzt, also übt vorsichtshalber ein bissel Mundharmonika. Viel Glück.

——— Леся Українка:

Contra spem spero!

2. Mai 1890, in: На крилах пісень (Auf den Flügeln der Lieder), Lemberg 1893:

Гетьте, думи, ви, хмари осінні!
То ж тепера весна золота!
Чи то так у жалю, в голосінні
Проминуть молодії літа?

S. Caraff-Corbu, Lesja Ukrajinka, Farblinolschnitt, 1962, Enzyklopädie des Lebens und der KreativitätНі, я хочу крізь сльози сміятись,
Серед лиха співати пісні,
Без надії таки сподіватись,
Жити хочу! Геть думи сумні!

Я на вбогім сумнім перелозі
Буду сіять барвисті квітки,
Буду сіять квітки на морозі,
Буду лить на них сльози гіркі.

І від сліз тих гарячих розтане
Та кора льодовая, міцна,
Може, квіти зійдуть – і настане
Ще й для мене весела весна.

Я на гору круту крем’яную
Буду камінь важкий підіймать
І, несучи вагу ту страшную,
Буду пісню веселу співать.

В довгу, темную нічку невидну
Не стулю ні на хвильку очей,
Все шукатиму зірку провідну,
Ясну владарку темних ночей.

Так! я буду крізь сльози сміятись,
Серед лиха співати пісні,
Без надії таки сподіватись,
Буду жити! Геть думи сумні!

Bilder: Cover На крилах пісень (Auf den Flügeln der Lieder), Lemberg 1893;
S. Caraff-Corbu: Contra spem spero!, Farblinolschnitt, 1962.

Soundtrack: Леся Українка: Вечірня година (Abendstunde), ca. 1889, aus: На крилах пісень, 1893,
aufgeführt vom wolhynischen, daher momentan ukrainischen Дитячий ансамбль Дударик, 2015:

Written by Wolf

6. Dezember 2019 at 00:01

Drei Rosen, sang er, drei Rosen

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Update zu Gräflein Du bist verrathen:

Es reißt nicht ab: Wer zu tief nach Theodor Fontanes Volksliedfund Wer geht so spät zu Hofe buddelt, gerät nahezu zwangsläufig an eine weitere Ballade, diesmal ein Original von Friedrich de la Motte Fouqué.

„Wir schließen diesen Abschnitt mit einem Liede“ (George Hesekiel a. a. O.) aus derselben Quelle wie Fontanes Volkslied „zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck“, die über Fontanes Verwendung hinausgeht, allein schon weil sie auf einen der zentralen Forschungsgegenstände von Arno Schmidt verweist: Fouqué — und sogar, wie Schmidt sie in seinem Standardwerk von 1958 nennt, „einige seiner seiner Zeitgenossen„. Das trägt uns praktischerweise gleich noch eine Ballade in siebenzeiligen Strophen ein. Abermals in gleich zwei Zusammenhängen:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

——— George Hesekiel:

Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck

Verlag von Alexander Duncker, Königlicher Hofbuchhändler, Berlin 1854, Seite 5 bis 6:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982In dieser Zeit kommen die Königsmarck in die erste Verbindung mit den Lützelburgern, dem böhmischen Königshause; Rüdiger von Königsmarck, er wird auch Radecke genannt, begleitete den Markgrafen, später Kaiser, Sigismund 1382 nach Ungarn und zeichnete sich vielfach dort aus. Seine glänzendste That aber war 1387 die Befreiung der Königin Maria von Ungarn aus der Gefangenschaft des Banus von Kroatien. Der Sage nach ließ die schöne Königin den tapfern Ritter vor sich bescheiden, grüßte ihn holdselig und sagte ihm, er solle sich eine Gnade ausbitten. Da bat der ritterliche Held um die drei Rosen, welche die Königin in der Hand hielt, die Königin aber reichte ihm die Rosen und dazu dreimal ihren rosigen Mund zum Kuß. Seit der Zeit hieß Rüdiger von Königsmarck im Ungarlande der Rosenritter, seine Nachkommen aber führen noch heut zum Gedächtniß die Königin mit den drei Rosen in der Hand als Helmkleinod auf ihrem Wappen. Einer unserer edelsten deutschen Dichter, Friedrich Baron de Lamotte=Fouqué hat diese Königsmarck’sche Schildsage in der folgenden lieblichen Romanze besungen:

Hier folgt die Romanze. Um nicht wieder unzulässig ins Zitat eines Zitats eingreifen zu müssen, weil Hesekiel nicht wesentlich, aber nicht gerade sehr zuverlässig von Fouqué abweicht, bringe ich den Text nach der Erstausgabe aus: Friedrich de la Motte Fouqué: Alwin. Ein Roman in zwei Bänden von Pellegrin. Erster Band, bei Friedrich Braunes, Berlin 1808, Seite 209 bis 210:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

Was meint sie denn mit den drei Rosen, die man meim Einlaß in’s Schloß nennen muß? fragte Alwin.

Emil, rief Hartwald nach dem Zelte hinein, sing uns doch einmal Flaminiens Romanze. Es ist ein altes Liedchen, fuhr er gegen Alwin fort, das ihr so ausnehmend gefällt, und von dem sie die Losung gewählt hat.

Der hübsche Page war indessen heraus getreten, hatte seine Zither gestimmt, und sang:

Mein Knappe, was kommst Du an Stirn und Brust
     Und Arm von Blute so roth,
Und reitest als wie in erquicklicher Lust,
     Als gäb‘ es nicht Jammer noch Noth?
          Drei Rosen, sang er, drei Rosen,
          Die pflückt‘ ich aus feindlichem Tosen,
     Die pflückt‘ ich aus drohendem Tod.

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982Und als er kam vor das Königshaus
     Der junge siegende Held.
Da trat die Königinn selber heraus:
     Nun fordre, was Dir gefällt.
          „Drei Rosen, hätt‘ ich drei Rosen,
     Wie wollt‘ ich noch hundertmal losen
     Um’s Leben auf eisernem Feld!

Die Königinn wußte, was Helden gebührt;
     Was Helden kann machen gesund.
Da haben ihn schweigende Mägdlein geführt
     In Zimmers verschwiegenen Rund.
          „Drei Rosen gab sie, drei Rosen,
          Drei Küsse mit freundlichem Kosen
     Von ihrem hellrosigen Mund.

Und drauf im erleuchteten, festlichen Saal
     Stand Herzog und Grafe bereit,
Da sagte die Herrin zu dieser Zahl
     Sei künftig mit Ehren gereiht,
     Und heiße der Ritter von Rosen,
     Und führ‘ im Wappen drei Rosen
     Und rosenfarb Helmbusch und Kleid.

Du hast deine Sache recht gut gemacht, Emil, sagte Hartwald, und kannst billig den besten Sängerlohn verlangen. Nimm hin! Und mit diesen Worten reichte er ihm einen goldnen Becher. Der Page nahm ihn lächelnd an, und tauchte seine schwellenden Lippen in die Gluth des Weins, indeß Alwin, als bemerkte er einen lange Verkannten, plötzlich emporschaute; diese Lippen waren es, welche er in der Einsiedelei sich auf ähnliche Weise in den Wein hatte tauchen sehn, und Emil stand als Emilie vor ihm, als die entführte, reizende Nonne.

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

Die Bilder sind das Material, das für den Ursprungsartikel erwogen und verworfen wurde:
Günter Rössler für den Fotokinoverlag, Leipzig 1982.

Soundtrack: Über eine nicht mehr als dreigliedrige Assoziationskette:
Motörhead: Heroes, aus: Motörizer, 2008:

Written by Wolf

15. November 2019 at 00:01

Ein Buch gibt keine Gelatinesuppe

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
und Your open hand but shows our loss:

Denkenden und fühlenden Menschen wird niemals klar werden, was Schönheit um ihrer selbst willen so gleichgültig, wenn nicht gar schädlich machen soll. Die dergleichen voraussetzen, gelten als nüchtern, zielstrebig und daher erfolgreich. Bei genauerem Besehen will man nichts mit ihnen zu tun haben. Auch das wird ihnen egal sein.

Ein Thema, das gerade angesichts des aktuellen Zustands der Welt nicht einfach in der Luft herumwabert, sondern jeden Tag lodernder brennt. Ausnahmsweise erspare ich mir deshalb einen penibel korrigierten Text und bringe einen gekürzten, dafür handlichen, der sich den Philistern zum In-die-Fresse-Hauen eignet.

Das französische Original von Gautiers Erst- und Hauptwerk Mademoiselle de Maupin steht online, unser Zitat handelt aus dem ausführlichen préface. Die derzeit gültige Übersetzung von 2011 ist beim Manesse Verlag erhältlich. — Danke an Frank T. Zumbach für Aufmerksamkeit und Anteilnahme!

——— Théophile Gautier:

Théophile Gautier: Nützlichkeit

aus: Mademoiselle de Maupin, Vorwort, 1834;
erste deutsche Übersetzung: Ilna Ewers-Wunderwald, Verlag der Funken, Leipzig 1908:

Neben den moralischen Journalisten ist … eine Prozession kleiner Champignons einer … recht kuriosen Art aufgetaucht … es sind die utilitären Kritiker. „Was nützt dieses Buch?“(sagen sie) „Wie kann man es für die Versittlichung und das Glück der zahlreichsten und ärmsten Klasse verwenden? Was! nicht ein Wort über die Bedürfnisse der Gesellschaft, nichts Zivilisierendes und Progressives! Wie kann man, anstatt an der großen Synthese der Menschheit zu wirken und anhand der historischen Ereignisse die Phasen der regenerierenden und providentiellen Idee zu verfolgen, wie kann man Gedichte und Romane schreiben, die zu nichts führen und das Menschengeschlecht nicht auf dem Weg der Zukunft vorwärtsbringen? Wie kann man sich angesichts so schwerwiegender Angelegenheiten mit der Form, mit dem Stil und Reim befassen? – Was kümmern uns Stil, Reim und Form? Als ob es gerade darum ginge (arme Füchse, die Trauben sind zu grün!) – Die Gesellschaft leidet, sie ist das Opfer einer grossen inneren Zerrissenheit … Aufgabe des Dichters ist es, die Ursache dieses Unglücks zu suchen und es zu heilen. Das Mittel hierfür wird er finden, wenn er mit Herz und Seele mit der Menschheit sympathisiert. (Philanthropische Poeten! das wäre etwas Seltenes und Bezauberndes.) Auf diesen Dichter warten wir, wir sehen ihn innigst herbei …“ Meinetwegen. Doch da wir wünschen, daß unsere Leser bis zum Ende dieses … Vorworts wach bleiben, werden wir diese sehr getreue Nachahmung des utilitären Stils nicht fortsetzen, der von Natur sehr einschläfernd wirkt …

Nein, Schwachköpfe, nein, Kretins, ein Buch gibt keine Gelatinesuppe, ein Roman ist kein Paar nahtlose Stiefel, ein Sonett keine Klistierspritze mit Dauerstrahl, ein Drama keine Eisenbahn, alles Dinge, die für die Zivilisation wesentlich sind und die Menschheit auf dem Weg des Fortschritts vorwärtsmarschieren lassen. (…)

Nichts, was schön ist, ist zum Leben unentbehrlich. Rottete man die Blumen aus, litte die Welt nicht materiell darunter. Wer möchte jedoch, dass es keine Blumen mehr gibt? Ich würde lieber auf Kartoffeln als auf Rosen verzichten, und ich glaubte, es gibt auf der Welt nur den Utilitaristen, der fähig wäre, ein Tulpenbeet auszureißen, um Kohl darauf zu pflanzen.

Wozu dient die Schönheit der Frauen? Vorausgesetzt, eine Frau ist gesundheitlich in Ordnung und imstande, Kinder zu gebären, so wird sie für Ökonomen immer gut genug sein.

Wozu ist die Musik gut? Wozu die Malerei? Wer wäre so närrisch, Mozart Herrn Carrel und Michelangelo dem Erfinder des weißen Mostrichs vorzuziehen?

Wirklich schön ist nur, was zu nichts dienen kann.

Alles Nützliche ist häßlich, denn es ist der Ausdruck irgendeines Bedürfnisses, und die Bedürfnisse des Menschen sind unedel und widerlich, wie seine arme und schwache Natur. Der nützlichste Ort eines Hauses ist der Abtritt.

Das mit dem materiellen Schaden, den der Mangel an Blumen anrichtet, wird heute anders gesehen, selbst von Utilitaristen — die weiterhin davon absehen werden, die Arbeit der Bienen zu verrichten. Das macht den Nutzen schöner Erscheinungen nicht gleichgültiger — sondern offensichtlicher.

Rose Matthias Claudius

Buidl: Rose Matthias Claudius, von der Wölfin, 19. Juli 2019.

Die Schönheit persönlich: Miley Cyrus: Wildflowers von Tom Petty, aus: Wildflowers, 1994:

Written by Wolf

29. Oktober 2019 at 04:04

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Gräflein Du bist verrathen

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Update zu Ich bescheide mich,
Trauervokal und
Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt:

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014

Nicht ausgerechnet am 1. April des Fontanejahres hätte ich an die touristische Verwaltung des Schloss Plaue zu Brandenburg an der Havel mailen sollen:

Sehr geehrte Damen und Herren,

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014ich betreibe den privaten literarischen Weblog Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt — der viel zu wenig von seinem eigentlichen Thema, dem Volksbuch vom Doctor Faustus handelt, aber selbstverständlich niemals langweilig wird.

Im derzeitigen Fontanejahr, das ich bei meinem übergreifenden Thema natürlich nicht ignorieren will, ist mir in den Fünf Schlössern unter dem Kapitel über das Schloss Plaue das Volkslied Wer geht so spät zu Hofe über die Gräfin Platen aufgefallen, dem Fontane erklärtermaßen nur „einige Strophen“ entnommen hat, das aber aus Strophen zu je 7 Versen besteht, was ja immer eine lyrische Qualität eigener Art darstellt — siehe vor allem meine Weblog-Kategorie 7-Zeiler —, und dessen Inhalt in seinem Kontext hochinteressant ist.

Fontane zitiert dieses Volkslied — wie Sie sehr viel besser wissen als ich — im Zusammenhang mit der Geschichte eines der Leinwandtableaus im oberen Saal von Schloss Plaue. Auf Ihrer eigenen sehr aufschlussreichen Website erfahre ich:

Die ehemalige Innenausstattung des Schlosses ist nur in wenigen Bildern überliefert.

Nun finde ich leider im Internet weder zusätzliche Strophen zum genannten Lied noch die acht — auch nicht die fünf von Fontane näher beschriebenen — Tableaus. Diese Verbindung ergibt leider eine recht lückenhafte Dokumentation zur Geschichte des Philipp Christoph Graf Königsmarck.

Daher meine mehrteilige Frage:

  1. Können Sie mir weitere Strophen zu Wer geht so spät zu Hofe nennen — oder Fundstellen dazu?
  2. Wird das Lied noch gesungen, weil es eine bekannte, wenigstens nachweisbar überlieferte Melodie hat?
  3. Und existieren noch Darstellungen von den Leinwandtableaus in Schloss Plaue?
  4. Genießen sie eine gewisse ikonische Funktion, quasi als stille Berühmtheit von regionalem Erkennungswert?

Für diese Fragen aus einem im besten Sinne amateurhaften Forschungsinteresse erscheinen Sie mir als die geeignete Anlaufstelle. Damit ich nicht vollends einseitig Ihre Zeit beanspruche, darf ich Sie unverbindlich beruhigen: Aus demselben Interesse erwäge ich sehr wohlwollend, möglichst noch im laufenden Fontanejahr die Tourismusangebote um Schloss Plaue zu nutzen. Im Dienste eines germanistischen Nischenthemas ein leibhaftiges siebenzeiliges Volkslied mit großformatigen Illustrationen zu besuchen. Das sieht mir überaus ähnlich.

Können Sie mir hier weiterhelfen — oder wenn nicht, mich wahlweise an jemanden verweisen, der es kann?

Mit freundlichen Grüßen,
Wolf [und alles, was im Impressum steht]

Nicht ausgerechnet am 1. April, weil ich auf irgendeine Antwort, wenigstens ein den Eingang bestätigendes „Geh Ludwig Thoma lesen, du Baziwessi!“ bis heute warte, dabei wird mein Spam täglich handverlesen. Man muss sich also wie immer selber behelfen. Schauen wir mal:

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Im überbordenden Reichtum der Fontanischen Wanderungen durch die Mark Brandenburg finden wir ausgeführt, was wir übersichtlicher bei kurz!-Geschichte seit 8. April 2018 als Die Königsmarck-Affäre zusammengefasst sehen: Im Adelsgeschlecht derer von Königsmarck stellte der Spross Philipp Christoph Graf von Königsmarck ausreichende Verwicklungen an, um ein Volkslied anzuregen, eins mit Handlung samt Spannungsbogen und Moral. Das genügt, um uns mehr für das Lied mit seinen illustrierenden Bildern zu interessieren als für die dynastischen Verwicklungen einer ohnehin schwächlich gesicherten regionalpolitischen Wirklichkeit.

Historischer Schauplatz ist somit nach Fontane das Schloss Plaue zu einer historischen Zeit, da es von der Familie von Königsmarck bewohnt wurde. Was Fontane nicht wissen konnte, erfahren wir am touristisch erschlossenen Fontaneweg Schloss Plaue — an der 4. Station:

Die ehemalige Innenausstattung des Schlosses ist nur in wenigen Bildern überliefert. Berühmt waren das Chinesische Zimmer im Obergeschoss, sowie der obere Saal mit den acht großen Leinwandtableaus, die Szenen aus der Geschichte der Familie v. Koenigsmarck zeigten. Anfang 1945 war wegen des Bombenkrieges in Berlin die Vertretung des Kgr. Thailand im Schloss untergebracht. Beim Einmarsch der Roten Armee wurde es geplündert, zeitweilig befand sich ein Lazarett darin. Durch die Plünderungen und DDR-zeitliche Umbauten verlor das Schloss große Teile des historischen Bauinventars sowie die gesamte Innenausstattung.

Und mit diesen „wenigen Bildern“ wird dermaßen hausgehalten, dass die acht, ja selbst die bei Fontane erwähnten fünf Leinwandtableaus nirgends wiedergegeben sind. Ist halt eine karge Gegend.

Allerdings stuft der in solchen Dingen sehr zuverlässige Silvae das Lied 2010 als nur „angebliche[s] Volkslied (wahrscheinlich von Fontane)“ ein. Laut Anmerkung in der siebenbändigen Aufbau-Ausgabe von Gotthard Erler und Rudolf Mingau stammt das Lied gar von Fontanes Kollegen von der Kreuzzeitung George Hesekiel, aus: Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen von Königsmarck, Verlag von Alexander Duncker, Berlin 1854, Seite 34 bis 36 — ein Nachweis, der in seiner Genauigkeit am glaubwürdigsten erscheinen muss. — Das Wort hat die übliche Quelle Fontane im Zusammenhang:

——— Theodor Fontane:

5. Kapitel
Plaue von 1839 bis jetzt

(Graf Königsmarcksche Zeit)

aus: Fünf Schlösser, 1889:

[…] Fünftes Tableau. Philipp Christoph Graf Königsmarck (jüngster Sohn Kurt Christophs und Bruder Hans Karls von K.) nimmt Abschied von der Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg und wird kurz darauf in den Gängen des Schlosses von Hannover ermordet.

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Philipp Christoph von K., geboren 1662, war seit seinen Kindertagen mit Sophie Dorothea, Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg, befreundet. Sechzehn Jahr alt, vermählte sich diese mit ihrem Vetter, dem Kurprinzen Georg Ludwig von Hannover, dem späteren Könige Georg I. von England. Die Ehe war nicht glücklich. Philipp Christoph von K. ging in die Welt und beteiligte sich an verschiedenen Kriegszügen. Von 1688 ab aber erkor er, wenigstens zeitweilig, Hannover als Aufenthaltsort und lebte daselbst mit fürstlichem Aufwande, was ihm sein Reichtum gestattete. Denn er war Erbe von Oheim und Bruder, die, wie schon erzählt, 1686 und 88 vor Argos und Negroponte den Tod fanden. Zu seinem (Philipp Christophs) Hausstande gehörten 29 Diener und 52 Pferde. Seine früheren Beziehungen zur Erbprinzessin wurden wieder aufgenommen und weckten nicht nur die Eifersucht des Kurprinzen, sondern auch den Neid der Gräfin Platen, einer Maitresse des Kurprinzen. Ein Herr von Podewils, kurhannoverscher Feldmarschall, unterließ es nicht, dem Grafen Philipp Christoph die Gefahren seines Verhältnisses zur Prinzessin Sophie Dorothea vorzustellen. Umsonst. Endlich gab Philipp Christoph der immer wieder laut werdenden Warnerstimme nach und traf Vorbereitungen, um in kursächsische Dienste zu treten. Am 1. Juli 1694 begab er sich in das Schloß zu Hannover, um hier von seiner Freundin, der Kurprinzessin, Abschied zu nehmen. Er verließ das Schloß nicht mehr. In einem Korridore traten ihm vier Hellebardiere entgegen, die sich bis dahin hinter einem Schornstein verborgen gehalten hatten, und im Kampf gegen diese gedungenen Leute fiel er. Seine Leiche versenkte man in einen senkrecht durch die ganze Höhe des Schlosses laufenden Kanal und mauerte diesen zu. Zwei der Hellebardiere, Buschmann und Lüders, haben die Tat auf ihrem Sterbebette gebeichtet. Die Gräfin Platen war Anstifterin des Ganzen – der Kurprinz (zur Zeit des Mordes auf Besuch in Berlin) hatte nur schweigend zugestimmt. Das Aufsehen, das die Tat hervorrief, war groß, und die Gräfin Platen wurde Gegenstand allgemeinen Hasses. Ein Volkslied, dem ich einige Strophen entnehme, gab dieser Stimmung Ausdruck.

Wer geht so spät zu Hofe,
Da alles längst im Schlaf?
Im Vorsaal wacht die Zofe –
Schon naht der schöne Graf.
Er sprach: „Eh ich nach Frankreich geh,
Muß ich sie noch umarmen,
Prinzessin Dorothee.“

Gräflein, du bist verraten,
Verraten ist dein Glück,
Die böse Gräfin Platen
Ersann ein Bubenstück.
Du schaltst sie eine Wetterfahn,
Sie tät dir gern viel Liebes,
Nun ist’s um dich getan.

Er ging zur ew’gen Ruhe
Mit vielen Schmerzen ein,
Doch ward in keine Truhe
Gebettet sein Gebein.
Ich weiß nicht, wo er modern mag,
Doch wird er einst erscheinen
Am Auferstehungstag.

So (mit Umgehung der drei minder wichtigen) die fünf großen Tableaus im Ahnensaale zu Schloß Plaue.

Fontanes journalistischem Kollegen aus der Anmerkung in der großen Ausgabe nachgegangen, hat das Lied insgesamt neun Strophen — auch schon als Fontanes Vorlage siebenzeilig. Das Original im Zusammenhang:

——— George Hesekiel:

Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck

Verlag von Alexander Duncker, Königlicher Hofbuchhändler, Berlin 1854:

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Wir schließen diesen Abschnitt mit einem Liede, das den Anspruch macht, ein altes Lied zu sein, es ist in desmselben viel Wahres und Falsches auf’s Wunderlichste gemischt, so wunderlich, daß die Fälschung, wenn eine solche vorliegt, eine der gelungensten wäre. Man wird sehen, daß das Volkslied allerdings auch a ein Liebesverhältniß des Grafen im gewöhnlichen Sinne glaubt, was auch wohl nicht anders möglich war, da vom Hofe aus in diesem Sinne verleumderische Gerüchte methodisch verbreitet wuden, man sieht aber auch, wie bereit das Volk war, der Churprinzeß selbst jede Sünde zu verzeihen, weil es die Rohheit des Churorinzen kannte, und wie sich des Volkes ganzer Zorn instinctartig gegen die eigentliche Mörderin, gegen jene mächtige Feindin Königsmarcks, richtete.

Das Lied lautet:

Wer geht so spät zu Hofe,
Da alles längst im Schlaf?
Im Vorsaal wacht die Zofe —
Schon naht der schöne Graf!
Er sprach: „eh‘ ich nach Frankreich geh‘,
Muß ich sie noch umarmen,
Prinzessin Dorothee !“

Sie ließ sich gern erbarmen,
Wie heiße Liebe thut.
In ihren weichen Armen
Wie ward ihm da so gut !
Sie sprach: „so wahr ich Fürstin bin,
Willst Du nach Frankreich reiten,
Ich flieh‘ mit Dir dahin !“

Die Zofe harrt mit Bangen
Dort an der Kammerthür :
Das Kosen und Umfangen
Währt über die Gebühr ;
Und endlich tritt der Graf hervor
Mit Trällern und mit Singen
Wohl auf den Corridor.

Gräflein Du bist verrathen,
Verrathen ist Dein Glück !
Die böse Gräfin Platen
Ersann ein Bubenstück.
Du shaltst sie eine Wetterfahn‘,
Sie thät Dir gern viel Liebes,
Nun ist’s um Dich gethen !

Oh ! sieh Dich vor im Düstern,
Und wärst Du noch so stark.
Hörst Du die Mörder flüstern :
Nieder mit Königsmarck !
Ha ! wie ein Löwe wehrt er sich,
Erschlägt zwei Hellebardiere —
Dann fällt er ritterlich.

Er sah die Gräfin Platen —
Schon schwanden ihm die Sinn‘ —
In seinem Blute waten
Und schrie : Du Teufelin,
Verschlänge Dich der Höllenschlund !
Sie sprach : willst Du noch lästern,
Und stampft ihn auf den Mund.

Er ging zur ew’gen Ruhe
Mit vielen Schmerzen ein ;
Doch ward in keine Truhe
Gebettet sein Gebein.
Ich weiß nicht, wo es modern mag,
Doch wird er einst erscheinen
Am Auferstehungstag.

Und muß die arge Platen
Erscheinen im Gericht,
Dann schützt vor Gottes Gnaden
Sie auch der Churfürst nicht ;
Doch der, die sie so tief betrübt,
Wird wohl die Schuld vergeben,
Dieweil sie viel geliebt.

Zu Ahlden an der Aller
Ist der Prinzessin Grab ;
Der Klage Laute schallen
Am Wasser weit hinab.
Nach England geht ein scharfer Wind
Von seinen Aeltern beiden
Grüßt er manch Königskind.

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Man hat eine ganze Literatur über die Geschichte und das blutige Ende des Grafen Philipp Christoph von Königsmarck, interessant dürfte es sein, daß auch Schiller ihn zum Helden eines Dramas, „Sophie von Celle“, machen wollte, dessen vollständiger Entwurf sich in dem Nachlaß der Frau von Wolzogen gefunden hat. Der Inhalt jeder einzelnen Scene ist genau angegeben, und hat man es gewagt, Schillder’sche Stücke zu ergänzen, angefangene zu vollenden, so würde es gewiß auch gestattet sein, das Drama nach dem Schiller’schen Entwurf auszuführen. Der Stoff ist in der That dankbar genug. Uns gereicht es zu besonderer Genugthuung, daß der große deutsche Dichter mit uns an die Unschuld der Prinzeß und des Grafen glaubt, dem Dichter ward durch Divination klar, was uns erst durch später aufgefundene Actenstücke zur Gewißheit wurde.

Was uns lehrt: Je weiter man seine Quellen zurückverfolgt, desto weiter wird man von ihnen geführt. Die Bilder bei Fontane kennen wir immer noch nicht, odass wir uns mit dem Bildmaterial eines Touristen von 2014 behelfen müssen, der ebenfalls auf die verborgenen Schönheiten der Örtlichkeit angewiesen war — wenigstens solange uns das Regionalmarketing von Schloss Plaue im bis auf weiteres wichtigsten touristischen Höhepunkt ganz Brandenburgs genügend wenig ernst nimmt, um uns beharrlich zu ignorieren; dafür kennen wir mehr siebenzeilige Strophen als der nächstbeste Fontaneleser. Schiller wird übrigens noch innerhalb des laufenden Fontanejahrs am 10. November 260, den kriegen wir also noch.

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014

Bilder: James Haliburton: Schloss Plaue in Brandenburg, 8. März 2014.

Soundtrack: Weil sie aus der Gegend — direktemang aus Brandenburg an der Havel — kommt:
Anna Loos mit Silly: Alles rot, aus: Alles rot, 2010:

Written by Wolf

25. Oktober 2019 at 00:01

Ich bin’s, bin Yung, bin deinesgleichen! (Mein Busen fängt mir an zu brennen. Ich bin handlungsfähig)

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Update zu So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Der Goethe wor fei aa do. It’s a nice-a place,
Hunderttausende erlebten Goethe, Schiller und Herrndorf! Schon beim Saisonauftakt waren alle tot. Dass Schiller nicht Wolfgang hieß, verblüffte alle
und Der erste Greis, den ich vernünftig fand:

SO frewe dich Jüngling in deiner Jugent / vnd las dein Hertz guter ding sein in deiner Jugent. Thu was dein Hertz lüstet / vnd deinen Augen gefelt / Vnd wisse / das dich Gott vmb dis alles wird fur Gericht füren.

Prediger Salomo 11,9.

Da kann ich den Faust zum Lebensthema haben, soviel ich will, aber ich bin nicht so der Theatertyp. Gut, dass es die Münchner Theater gibt, da fällt mir wenigstens immer wieder ein, warum das so ist.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner Kammerspiele

Okay, das war jetzt unfair. Andernorts ist es wahrscheinlich sogar viel schlimmer. Immerhin hat München 2018 in Gestalt der Kunsthalle und des Gasteigs samt über 200 „Partnern“ vom 23. Februar bis 29. Juli ganz München mit einem Faust-Festival namens Du bist Faust. Goethes Drama in der Kunst überzogen, obwohl es nicht hätte sein müssen. Geplant waren Küchenhandtuchstickereien wie:

„Faust“ ist aktuell, Faust ist der prototypische moderne Mensch – rastlos auf der Suche, jedoch nie am Ziel. Das Drama hinterfragt den Menschen noch immer in seiner Verführbarkeit, Moral und Gesellschaftsstruktur. Seine Fragen sind auch unsere großen Fragen heute.

Wo wollen wir hin in unserem Streben? Was ist unser Preis? Wie weit dürfen wir gehen? Was ist Glück? Die Reise beginnt …

Zu deutsch: Keiner weiß warum. Man verstehe mich recht: Das war ja dann auch ein feiner Zug von der Kunsthalle und dem Gasteig und den 200 Werbekunden. Wahrscheinlich musste es 2018 sein wegen des 210-jährigen Jubiläums der Erstveröffentlichung, wenn man das Faust-Fragment von 1790 nicht mitrechnet; der „Urfaust“ von ungefähr 1775 war schon immer ein Konstrukt, und spätestens seit der revolutionären Ausgabe von Albrecht Schöne 1994 ein überholtes dazu.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner KammerspieleIn München musste es wahrscheinlich sein wegen Goethes beherzter Flucht aus der Stadt nach seiner ersten, letzten und einzigen Nacht in einem Wirtshaus, das heute ein Hutgeschäft ist, und in dem er sich noch nicht mal besaufen mochte.

Das Maskottchen der Unternehmung war ein gezeichneter Pudel: der mit dem Kern, also Mephisto persönlich. Und er war ein Mädchen — wahrscheinlich wegen Bibiana Beglau, die seit 2014 den Mephisto am Residenztheater mit ganz unerhörter Brillanz spielen soll. Und sie hieß Luzi — die Pudeline, nicht die Beglau — welches Naming crowdgesourced war. Das kommt von Luzifer und soll wohl die Abkürzung von Mephistopheles sein. Vielleicht auch eine Reverenz an die Schauspielerin Lucie Lechner, die sich ihren Namen nicht ausgesucht hat, und wenn doch, dann nicht nach einer diabolisch missverstandenen Variation über die römische Venus, und die einmal als Sponsorin auftrat und immerhin dreimal als — nein, nicht als Mephistopheline, sondern als Fäustin. Bei Christopher Marlowe um 1588 war Mephisto noch eine Art Laufbursche von Luzifer, bei Goethe, auf den die Münchner Event-Ballung sich bezog, fragt er: „Ihr schönen Kinder laßt mich wissen: Seyd ihr nicht auch von Lucifers Geschlecht?“ — wenn auch erst im zweiten Teil, den bestimmt kein Mensch in München jemals bis zum Schluss durchgehalten hat — und das wiederum wahrscheinlich, weil zu arg des Geheimrats Rotweinlieferungen aus ihm sprechen und zu wenig gemütliche Bierseligkeit. Aber lass recht sein, „Luzi“ klingt ja schon besser als „Mephi“.

München halt: Hauptsache, man kann eine Sekt- und Biertränke daneben hinstellen. Sehen wir’s mal optimistisch: Angedroht und sicher auch durchgezogen waren über 500 Veranstaltungen. Die konnten ja schon rein statistisch nicht alle scheiße sein.

Wie gesagt, ist das alles 1. andernorts sogar noch schlimmer, 2. unfair, 3. der Stand von 2018 — und deshalb 4. inzwischen seinerseits Geschichte. Aktueller Stand 2019 ist, dass nicht nur Bibiana Beglau und alle anderen seit 2014 immer noch den Faust am Residenztheater in unregelmäßiger werdenden Abständen durchziehen, sondern daselbst auch noch FaustIn and Out von Elfriede „Nobelpreis“ Jelinek gegeben wird — weit regelmäßiger, zusätzlich bis gleichzeitig.

Und weil das nicht reicht, geben die Münchner Kammerspiele in fußläufiger Nachbarschaft YUNG FAUST, raten Sie mal, nach welchem klassischen Drama. — Seit 23. Januar 2019 in Kammer 2 der Münchner Kammerspiele:

Gabriela Neeb, Kammer 2, für Münchner Kammerspiele in München Online, ca. März 2019

YUNG FAUST
NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
Inszenierung: Leonie Böhm
Schauspiel

PR-Text, 2019:

„Erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält,“ will Faust und begibt sich auf die Suche: Rausch, Verjüngung, Sex und Zauberei. „Ich will in dieser Stunde mehr gewinnen als in des Jahres Einerlei.“ Faust lässt alle Vernunft fahren (oder versucht es zumindest), gibt Kontrolle ab und hofft im intensiven Leben die Welt endlich zu begreifen. Die Regisseurin Leonie Böhm sagt: „Ich bin Faust“ und legt zusammen mit den Schauspieler*innen Annette Paulmann, Julia Riedler und Benjamin Radjaipour die echten Gefühle im alten Faust-Text frei. So wie die Cloudrapper*innen der Gegenwart ihrem Künstlernamen ein „Yung“ hinzufügen und damit nicht nur buchstäbliche Jugend anzeigen, sondern auch ihren frischen Zugriff auf die Welt und die Beziehungen in ihr, will „Yung Faust“ den allzu viel gesprochenen Sätzen des mächtigen alten weißen Mannes (Goethe) eine verletzliche Unmittelbarkeit abgewinnen. Echte Zitate, echte Begegnungen: „Mein Busen fängt mir an zu brennen!“

Das offizielle Interview mit der Regisseurin Leonie Böhm verschweigt den Interviewer, geht aber noch weiter. Bis zum anschließenden Publikumsgespräch:

——— Münchner Kammerspiele:

Yung Faust

nach J. W. von Goethe,
in: Programmheft März 2019, nicht paginiert,
cit. München Online:

Warum inszenierst du Faust und wie? Haben die Kammerspiele Regisseurin Leonie Böhm gefragt. Ihre Antwort kam in der ihr liebsten Kommunikationsform, der Sprachnachricht.

Ich selbst bin Faust, denn ich komme in allen Theatertexten vor, die ich lese. Genauso wie ich mein Weltbild in die Gesellschaft hineinprojiziere. Deshalb ist es das Gleiche, ob ich über mich oder die Gesellschaft, über mich oder über Faust spreche. In meiner Rolle als Regisseurin, Künstlerin und Gestalterin bin ich eine ebenso wütige Person wie Faust. Ich bin verkopft, sinnsuchend, studiert und habe Sehnsucht mich selbst zu spüren. Lust zu gewinnen. Präsent zu sein und zum Augenblick zu sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Es geht mir darum, Gedanken und Gefühle zu einem Augenblick des Glücks zu verdichten, den ich unbedingt festhalten möchte. Allein fällt uns das schwer. Wir brauchen die Anderen, damit sie uns aus unseren festgefahrenen Denkstrukturen befreien.

Diesen Zustand versucht Faust mit allen Mitteln zu erreichen. Er will Liebe, Glück. Er will noch einmal ganz im Moment leben, im Hier und Jetzt, und dafür ist das Theater genau der richtige Ort. Faust sucht den Rausch, er will sich verjüngen, sich in der Ekstase verlieren, und das findet zum Beispiel im Cloud Rap statt. Viele Cloud Rap-Künstler provozieren mentalen Kontrollverlust und kreieren daraus einen Sound, der fragil und nah ist. Ihre Musik entspricht meiner Sehnsucht nach Intimität, deshalb gehört sie zu meiner Inszenierung. Zusammen mit einer Gruppe junger Menschen will ich zeigen, dass die Faust’sche Sehnsucht jetzt nicht mehr an Alter oder Geschlecht gebunden ist. Ich und viele andere sind Faust, weil wir eine bestimmte Macht haben, gebildet sind und uns in einer elitären Gesellschaft bewegen. Wir sind es gewohnt, uns ständig zu kontrollieren, zurückzuhalten und wünschen uns (selbst) zu lieben, auszubrechen, offener miteinander umzugehen. Ich wünsche mir, dass wir aus dem Abend rausgehen und denken: Ich bin handlungsfähig.


Inszenierung: Leonie Böhm
Bühne: Sören Gerhard
Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff
Dramaturgie: Tarun Kade

Anschl. Publikumsgespräch

München, Weltstadt der Herzen oder wie das heißt. Die gute Nachricht ist: Die Münchner Stadtbibliotheken haben ebenfalls seit Januar auch samstags geöffnet. Dafür montags geschlossen.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner Kammerspiele

Bilder: Münchner Kammerspiele, Januar 2019;
Gabriela Neeb: Kammer 2, für Münchner Kammerspiele in: München Online, ca. März 2019.

Soundtrack: Lena Meyer-Landrut: Wild & Free, aus: Only Love, L, 2015, für: Fack ju Göhte 2, 2015:

Written by Wolf

14. Juni 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Sonntag 5 von 7: Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht (Geschichtsstunde für Mädchen)

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Update zu Bierchen aus alter Zeit und
Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

5. Sonntag nach Ostern: Vocem iucunditatis oder Rogate

Vocem iucunditatis annuntiate, et audiatur.

GEhet aus von Babel / fliehet von den Chaldeern mit frölichem schall / Verkündiget vnd lasset solchs hören / Bringets aus bis an der Welt ende / sprecht /Der HERR hat seinen knecht Jacob erlöset.

Jesaja 48,20.

Rogate heißt der Bittsonntag, vocem iucunditatis heißt, dass die Bitten gefälligst freundlich gestellt werden.

Ich möchte nicht, daß es so aussieht,
als ob sich hier ein Fräulein auszieht.

Robert Gernhardt.

——— Bertolt Brecht:

Der Gottseibeiuns

aus: Svendborger Gedichte II, 1939:

Allegory in Red, A History Lesson For Girls. A Good Book, 1. Januar 2007

Herr Bäcker, das Brot ist verbacken!
Das Brot kann nicht verbacken sein
Ich gab so schönes Mehl hinein
Und gab auch schön beim Backen acht
Und sollt es doch verbacken sein
Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht
Der hat das Brot verbacken.

Allegory in Red, A History Lesson For Girls. A Good Book, 1. Januar 2007

Herr Schneider, der Rock ist verschnitten!
Der Rock kann nicht verschnitten sein
Ich fädelte selber die Nadel ein
Und gab sehr mit der Schere acht
Und sollt der doch verschnitten sein
Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht
Der hat den Rock verschnitten.

Allegory in Red, A History Lesson For Girls. A Good Book, 1. Januar 2007

Herr Mauerer, die Wand ist geborsten!
Die Wand kann nicht geborsten sein
Ich setzte selber Stein auf Stein
Und gab auch auf den Mörtel acht
Und sollt sie doch geborsten sein
Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht
Der hat die Wand geborsten.

Allegory in Red, A History Lesson For Girls. A Good Book, 1. Januar 2007

Herr Kanzler, die Leute sind verhungert!
Die Leute können nicht verhungert sein
Ich nehme selber nicht Fleisch, nicht Wein
Und rede für euch Tag und Nacht
Und solltet ihr doch verhungert sein
Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht
Der hat euch ausgehungert.

Allegory in Red, A History Lesson For Girls. A Good Book, 1. Januar 2007

Liebe Leut, der Kanzler hänget!
Der Kanzler kann nicht gehänget sein
Er hat sich doch geschlossen ein
Und war von tausend Mann bewacht
Und sollt er doch gehänget sein
Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht
Der hat den Kanzler gehänget.

Allegory in Red, A History Lesson For Girls. A Good Book, 1. Januar 2007

Bilder: Allegory in Red: What to Read; Sweaters; Jeans; Tops; Backs;
A History Lesson For Girls: A Good Book, 1. Januar 2007.

Fräulein Allegory empfiehlt mittels ihrer enthüllenden Selbstportraits:
Aurelie Sheehan: History Lesson For Girls, Viking 2006, leider nicht deutsch übersetzt.

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Vocem iucunditatis oder Rogate:
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, BWV 86, 1724;
Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen, BWV 87, 1725:


Written by Wolf

24. Mai 2019 at 00:01

Sonntag 2 von 7: Am End‘ war der Tyrann gar kein Tyrann

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Update zu Morgenschillern oder Warum die Freiheit des Menschen in Deutschland wohnt:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

2. Sonntag nach Ostern: Misericordias Domini:

Misericordias Domini in aeternum cantabo.

JCH wil singen von der Gnade des HERRN ewiglich / Vnd seine Warheit verkündigen mit meinem munde fur vnd fur.

Psalm 89,2.

Der Psalm zum Tage ist hingegen Psalm 23, der bekannteste mit „DER HERR ist mein Hirte / Mir wird nichts mangeln“, den viele von uns auswendig lernen mussten.

Das musste ich nicht. Bei mir war es Die Bürgschaft von Schiller 1798, mit der Begründung meines Deutschlehrers in der 7c: „Das machen wir jetzt.“ Dafür muss ich Herrn Fleischer bis heute dankbar sein: Mit einigem Spicken und Schummeln, some things never change, kann ich das Ding noch. Für die handwerkliche Sauberkeit des Dichtwerks spricht, dass mir jahrzehntelang nicht aufgefallen ist, dass die Strophen aus je sieben statt der einfacher zu handhabenden acht Verse bestehen.

Schiller hat nicht gerade einen brandneuen Stoff verwendet (geschweige denn erfunden): Die Geschichte der Freunde Damon und Phintias soll historisch ihrer eigenen Überlieferung ganz ähnlich vorgefallen sein und steht seit dem 4. Jahrhundert vor Christus beim Philosophen Aristoxenos. Bekannter wurde sie über den Geschichtsschreiber Diodorus Siculus durch die Genealogiae oder Fabulae von Gaius Iulius Hyginus von 257 – schon Anno Domini Nostri Iesu Christi–, aber noch weit eher heidnische Spätantike als chrsitliches Frühmittelalter, die Schillern 1798 als Leihgabe von Goethen vorlagen.

In diesem Hyginus Mythographus heißen die Freunde noch Moeros und Selinuntius, weswegen Schillers Held zuerst Mörus heißt. Nach der Version Damon und Phintias heißt er in den Nachdrucken Damon, der Freund bleibt in allen Bearbeitungen namenlos. Der Tyrann Dionys ist der historische Dionysios II. von Syrakus, was Schillers Balladenhandlung um 300 vor Christus nach Sizilien eingrenzt.

——— Friedrich von Schiller:

Die Bürgschaft.

Begonnen am 27. August, beendet am 30. August 1798,
in: Friedrich Schiller (Hrsg.): Musen-Almanach für das Jahr 1799,
J. G. Cotta, Tübingen 1798, Seite 176 bis 188:

     Zu Dionys dem Tirannen schlich
Möros, den Dolch im Gewande,
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!
Entgegnet ihm finster der Wütherich.
„Die Stadt vom Tyrannen befreien!“
Das sollst du am Kreutze bereuen.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Ich bin, spricht jener, zu sterben bereit,
Und bitte nicht um mein Leben,
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drey Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.

     Da lächelt der König mit arger List,
Und spricht nach kurzem Bedenken:
Drey Tage will ich dir schenken.
Doch wisse! Wenn sie verstrichen die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.

     Und er kommt zum Freunde: „der König gebeut,
Daß ich am Kreutz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben,
Doch will er mir gönnen drey Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande.

     Und schweigend umarmt ihn der treue Freund,
Und liefert sich aus dem Tyrannen,
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenroth scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.

     Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt an’s Ufer mit wanderndem Stab,
Da reisset die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.

     Und trostlos irrt er an Ufers Rand,
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket;
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

     Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne und wenn sie niedergeht,
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Doch wachsend erneut sich des Stromes Wuth,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet,
Da treibet die Angst ihn, da faßt er sich Muth
Und wirft sich hinein in die brausende Flut,
Und theilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

     Und gewinnt das Ufer und eilet fort,
Und danket dem rettenden Gotte,
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

     Was wollt ihr? ruft er für Schrecken bleich,
Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
Um des Freundes Willen erbarmet euch!
Und drey, mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Und die Sonne versendet glühenden Brand
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Knie:
O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!

     Und horch! da sprudelt es silberhell
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er zu lauschen,
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder,
Und erfrischet die brennenden Glieder.

     Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün,
Und mahlt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten,
Und zwey Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
Jetzt wird er ans Kreutz geschlagen.

     Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen,
Da schimmern in Abendroths Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:

     Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet‘ er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den muthigen Glauben
Der Hohn des Tirannen nicht rauben.

     Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Deß rühme der blutge Tirann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweye,
Und glaube an Liebe und Treue.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Und die Sonne geht unter, da steht er am Thor
Und sieht das Kreutz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet,
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
„Mich Henker! ruft er, erwürget,
Da bin ich, für den er gebürget!“

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide,
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge thränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermähr,
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen.

     Und blicket sie lange verwundert an,
Drauf spricht er: Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,
So nehmet auch mich zum Genossen an,
Ich sey, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

Gleich dem ersten Testleser Goethe fiel wenige Tage nach Entstehung des Manuskripts am 5. September 1798 der erste Fehler in der schlichten linearen Handlung auf:

In der Bürgschaft möchte es physiologisch nicht ganz zu passiren sein, daß einer, der sich an einem regnigen Tag aus dem Strome gerettet, vor Durst umkommen will, da er noch ganz nasse Kleider haben mag. Aber auch das wahre abgerechnet und ohne an die Resorption der Haut zu denken kommt der Phantasie und der Gemüthstimmung der Durst hier nicht ganz recht. Ein ander schickliches Motiv das aus dem Wandrer selbst hervorginge fällt mir freilich zum Ersatz nicht ein; die beiden andern von außen, durch eine Naturbegebenheit und Menschengewalt, sind recht gut gefunden.

Aus den Vertonungen ragt das Kunstlied Deutsch-Verzeichnis 246 von Franz Schubert 1815 heraus: Mit seinen in allen Aufnahmen über 16 Minuten ist es tatsächlich noch ein einzelnes Lied und nicht etwa identisch mit Schuberts Opernfragment Deutsch-Verzeichnis 435 vom Folgejahr 1816 — aber beide zusammen ein Zeichen, wie nachhaltig der Stoff Schubert beschäftigt hat:

Ebenso setzte die Parodienbildung praktisch sofort ein und hat unter den letzten Gebildeten immer noch nicht ganz aufgehört.

——— Wilhelm Busch:

Neue Lesart von der Bürgschaft.

1863, aus: Fliegende Blätter, 39.1863, Nr. 945, Seite 55 rechts unten:

WIlhelm Busch, Neue Lesart von der Bürgschaft, 1863

Zu Dionys dem Tyrannen schlich
Möros, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
„Was wolltest du mit dem Dolche, sprich?“
Entgegnet ihm finster der Wütherich.
„Na, dös wird doch dem Herrn Tyrannen nix verschlage,
Wenn ich mein Dolch will zum Schleifen trage!“

Dergleichen profansierende Wendungen liegen natürlich nahe. Einige zusätzliche Ebenen hat wie immer Brecht eingezogen:

——— Bertolt Brecht:

Über Schillers Gedicht „Die Bürgschaft“

1940:

O edle Zeit, o menschliches Gebaren!
Der eine ist dem andern etwas schuld.
Der ist tyrannisch, doch er zeigt Geduld
Und lässt den Schuldner auf die Hochzeit fahren.

Der Bürge bleibt. Der Schuldner ist heraus.
Es weist sich, dass natürlich die Natur
Ihm manche Ausflucht bietet, jedoch stur
Kehrt er zurück und löst den Bürgen aus.

Solch ein Gebaren macht Verträge heilig.
In solchen Zeiten kann man auch noch bürgen.
Und, hat’s der Schuldner mit dem Zahlen eilig

Braucht man ihn ja nicht allzustark zu würgen.
Und schließlich zeigte es sich ja auch dann:
Am End‘ war der Tyrann gar kein Tyrann!

Meine eigene erste Bekanntschaft mit der Bürgschaft geschah in Form der Parodie von Peter Frankenfeld, der die erste Strophe in einem Stottergewitter auf über zwei Minuten auswalzt. Davon sind Videoausschnitte aus dem Zeitalter „großen Samstagabendunterhaltung“ gut erreichbar, aber die rein akustische Studioversion mit künstlichem Gelächter hat eine wesentlich erhöhte Kalauerschlagzahl. Ich spreche heute noch mit Vorliebe: „Das sollst du mit Streuseln bestreuen.“

Bilder: Joseph Trentsensky:

Die Bürgschaft von F. von Schiller. Compositionen für die reifere Jugend, 1stes Heft No 1-6. Lithogr[aphiert] und zu haben bey J[oseph] Trentsensky in Wien. – 6 Lithographien, jeweils bezeichnet: „Lithogr. u. zu haben bey J. Trentsensky in Wien“ und wohl auch einzeln käuflich. Das Monogramm auf den einzelnen Kompositionen (JH = Johann Nepomuk Hoechle?) konnte nicht aufgelöst werden. Höhe ca. 24,5, Breite 34,7 cm. In rosafarbener Kartonage mit typographischem Deckelschild. Um 1825. — Vorliegende Ausgabe im Karlsruher Virtuellen Katalog nicht nachgewiesen (Stand 15.12.2011).

via Jutta Assel und Georg Jäger: Friedrich Schiller: Die Bürgschaft. Lithographiert von Joseph Trentsensky, Goethezeitportal Februar 2012;
Wilhelm Busch: Neue Lesart von der Bürgschaft, Fliegende Blätter 1863, via Wikimedia Commons.

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Misericordias Domini:
Ich bin ein guter Hirt, BWV 85, 1725;
Du Hirte Israel, höre, BWV 104, 1724;
Der Herr ist mein getreuer Hirt, BWV 112, 1731:



Written by Wolf

3. Mai 2019 at 00:01

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen (Schöne Menschen, schöne Glieder)

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Update zu Stiefpilzin:

Meine Ansicht vom Sterben ist die ruhigste. Ein Freund ist mir bei seinem Leben was mir die Gramatik ist, stirbt er so wird er mir zur Poesie. Jch wollte lieber von meinem besten Freund nicht wissen als irgend ein schönes Kunstwerk nicht kennen.

Karoline von Günderrode: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Band 1, Seite 438.

Mit der leider allzu jung gebliebenen Frau Günder(r)ode ist es wie mit Marilyn Monroe, Grace Kelly, Mama Cass, Janis Joplin, Sandy Denny und Amy Winehouse: Als erstes fällt einem immer ein, dass sie gestorben ist.

Jean-Léon Gérôme, Veiled Circassian Beauty, 1876Dagegen hat Friederike Kempner sich in ihrer Autobiographie acht Jahre jünger gemacht, als sie war, für ihren Grabstein konnte sie ihr echtes Geburtsdatum 25. Juni 1828 dann doch nicht mehr unterbinden. Immerhin hat sie ihre Taphephobie — was es ja in diesem Fall unbedingt zu verhindern gilt — nicht überlebt, vielmehr 22-jährig mittels ihrer Denkschrift über die Nothwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern 1850, sechs Auflagen bis 1867, die Karenzzeit zwischen Tod und Bestattung gesetzlich durchsetzen geholfen.

Vorzustellen ist sie als ernsthafte, engagierte, dabei menschenfreundliche Gutsbesitzerin im Schlesischen, im Gedächtnis bleibt sie als „Schlesischer Schwan“, der eigentlich eine „Nachtigall im Tintenfass“ ist — jedenfalls seit den entschieden zu hämischen, darüber hinaus effektvoll verfälschenden Veröffentlichungen von Walter Meckauer und vor allem Gerhart Herrmann Mostar: Friederike Kempner, der schlesische Schwan. Das Genie der unfreiwilligen Komik, Heidenheimer Verlagsanstalt, 1953.

Ihr literarisches Werk ist mannigfalt, in seinen meisten Formen leider weder erschlossen noch zugänglich, worin sich ihr tätiges Leben wenig von ihrer Nachwirkung unterscheidet; verbreitet und geschätzt wurden und werden allein ihre Gedichte, wenngleich aus zwiespältigen Gründen. Formal sind sie nicht weiter überraschend: meistens vierzeilige Strophen in Paar- und Kreuzreimen, drei- und vierhebig — inhaltlich sind sie, um das Geringste zu sagen, schlicht bis zur kindlichen Naivität im guten und im schlechten Wortsinne. Das trägt ihr bis heute den Spott derer ein, die es besser zu können oder jedenfalls besser zu wissen glauben. Solche Geistreichelei versteigt sich allzu leicht ins Überhebliche. Anzurechnen ist ihr allerdings ihre Unverdrossenheit in allem, was sie erreichen wollte — sei es die flächendeckende Versorgung mit Leichenschauhäusern oder die Produktion von Literatur. Wer dergleichen anfängt, will es selbstverständlich so gut wie möglich tun, bei ihr war die Poesie aber nicht mit Gewinnstreben verbunden — auf das sie nicht angewiesen war — sondern mit menschlichem Verhalten: Poetisch gestimmte Leute schreiben Gedichte, was denn sonst? Manches aus ihrer Produktion erheitert, ohne es zu wollen, und ist mithin wohl „unfreiwillig komisch“. Bei ihr ist das ein Vorzug. Ein professioneller Literat kommt doch gar nicht auf so was, der traut sich das gar nicht. In den verschieden zusammengestellten Auswahlsammlugen stehen Gedichte von durchaus unterschiedlicher Professionalität — aber kein langweiliges. Man kann der Dame nichts nachtragen, weil sie einfach Spaß macht.

In Mostars mehr populär- als -wissenschaftliche, zugegeben recht geschickt erfundene Abhandlung sind gar einige Friederike-Kempner-Gedichte geraten, die mitnichten von Friederike Kempner stammen, sondern vom Abhandelnden Mostar selbst. Und sie sind geschickt genug erfunden, dass diese Kontrafakturen Eingang in Kempner-Sammlungen nach 1953 finden konnten: Am bekanntesten ist der Schlesische Schwan stellenweise für Gesänge, die er erst posthum (nicht) angestimmt hat. So steht in der schmalen, aber verbreiteten Sammlung Das Leben ist ein Gedichte ab 1971 bei bei Reclam Leipzig — das sind nicht gelben Stuttgarter, sondern die schwarzen, höherformatigen und holzhaltigerweise stärker gilbenden — noch als Ausklang auf Seite 98:

Letzte Mahnung

Von den Sternen fiel ich nieder
Und verwinde nie den Fall,
Aber meine Hohenlieder
Ziehen klangvoll durch das All!

Und wenn ich dereinst ‚mal sterbe,
Mahnet Euch der Musen Chor:
Nicht enthaltet dieses Erbe
Euren Nachekommen vor!

Gerade das „Nachekommen“ müsste vor diesem Wissen die letzten Meter von der Kontrafaktur zur Parodie gutmachen, wurde aber offensichtlich nicht allein vom Herausgeber Horst Drescher anstandslos hingenommen.

Gwaschemasch'e Efendi, 1900Nun war zu Zeiten der Günderrode und der Kempner das Volk der Tscherkessen oder Adygejer sehr viel präsenter als heute, wo man längst medial überfordert ist, wenn sich auf dem kaukasischen Gebirgsland wieder ohnehin undurchschaubare Grenzverläufe umsortieren und ein Volk im anderen aufgeht, wenn nicht in irgendwelchen Kriegswirren ganz verschwindet. Tscherkessien war der fernwehgeplagten deutschen Seele einst ein echtes Sehnsuchtsland — wie zeitweise auch Griechenland, als es sich 1821 bis 1829 vom Osmanischen Reich losriss, oder Italien, das nie aus der Liste veschwinden, sie höchstens allein ausmachen wird, oder Irland seit Heinrich Böll. Tscherkessen sind ja so ein freiheitsliebendes, selbstbewusstes, kämpferisches, edles Volk, das sich nichts von Gott oder Herrscher vormachen lässt, und dabei so schöne Menschen.

Zur Orientierung: Tscherkessen sind heute ein „Volk ohne Raum“, dafür mit reichhaltiger Tradition, das ungefähr in Georgien mit angrenzenden Ländern und gern in den USA lebt. Nach einem weitgehend verdrängten Völkermord von 1864 haben sie kein fest umgrenztes Staatsgebiet außer der Hälfte von Karatschai-Tscherkessien und einer winzigen autonomen Republik Adygeja innerhalb Russlands mit 0,6 Prozent tscherkessischem Bevölkerungsanteil mehr, keine einheitliche Sprache, geschweige denn eine Nationalliteratur, keine ausgeprägte Nationalküche, nicht einmal eine typische Volksmusik — nur spektakuläre Trachten, sprichwörtliche Gastfreundschaft und Höflichkeit sowie allerhand Kriegsruhm. Soweit mein persönlicher Einblick reicht, immer noch allesamt lauter wunderschöne Menschen, alles was recht ist.

Ein Gedicht, das mit einiger Sicherheit eben doch von Friederike Kempner stammt — so weit, das längste Einzel- aus dem lyrischen Gesamtwerk zu fälschen, ging Mostar dann doch nicht — spielt denn auch einen Einbruch des tscherkessischen ins preußische Element durch. Es hat also, ungewöhnlich für die Kempner, eine balladeske Handlung, leider nur einen fragmentarischen Spannungsbogen:

——— Friederike Kempner:

Die Tscherkessen

aus: Gedichte, zwischen 1873 und 8. Auflage letzter Hand 1903:

Sieh‘, drei Reiter, glänzend, prächtig,
Wie sie nur im Traume!
Scharlachrot auf schwarzen Rossen,
Und mit gold’nem Zaume.

Schwarz und golden, herrlich flimmert’s
Wie sie blitzschnell eilen.
Funken stäuben gleich Raketen,
Und es schwinden Meilen!

Purpurfedern auf Baretten,
Dolche an den Seiten,
Schienen sie die schnelle Runde
Um die Welt zu reiten.

Und die Rosse, wie arabisch
Ihre Blicke leuchten,
Wie die glänzend schwarzen Haare
Helle Tropfen feuchten!

Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und noch immer Rosseshufe
Samt den Herzen schlagen.

Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und es konnten Feuerkugeln
Sie noch nicht erjagen!

Circassian girl in traditional clothingNächtlich sieh‘ im Mondenscheine
Die drei Reiter knieen.
Brück‘ und Wasser hinter ihnen
Eine Linie ziehen.

In dem Grenzort auf dem Berge
Steht des Marktes Menge,
Und Bewunderung, Staunen, Rührung,
Wechseln im Gedränge:

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen,
Herr Gott! wie die reiten!
Feuer sprühen ihre Blicke
Hin nach allen Seiten!

Sie entfloh’n aus tiefen Reußen,
Heldenmut im Blute, –
So tönt’s in des Volks Geflüster –
„Wie den‘ auch zu Mute?“ –

Vor des Preuß’schen Rathaus Schwelle
Stehet die Behörde,
Und die Reiter, heiß und glänzend,
Ruhen auf der Erde.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Blicke, freudetrunken,
Streicheln sie die prächt’gen Rosse,
Wie im Traum versunken.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Ihre dunklen Worte,
Sie enträtselt halb ein Dolmetsch,
Tief gerührt am Orte.

„Wir Cirkassien’s freie Söhne
„In der Sklaven-Ferne
„Hörten rühmend eure Freiheit,
„Dienten Freien gerne!

„Durch des höchsten Gottes Fügung
„Nun auf freier Erde,
„Flehen wir zum freien Preußen,
„Daß uns Hilfe werde!

„Dreimal vier und zwanzig Stunden
„Ohne Rast geflohen,
„Bieten wir uns, uns’re Schwerter
„Euch an voll Vertrauen!

„Dreimal vier und zwanzig Stunden
„Ohne Rast geritten,
„Wir um edle, große, deutsche
„Gastlichkeit nun bitten! – „

Also klagen ihre Worte,
Und mit starrem Munde
Still vernahm des Ortes Vorstand
Diese selt’ne Kunde.

Selbe Nacht noch, sieh‘, pechfinster,
Trotz des Vollmonds Lichte,
Lautlos durch die tiefe Stille
Lauschet die Geschichte.

Horch, zwei preußische Schwadronen,
Die Tscherkessen mitten,
Ziehen auf dem dunklen Boden
Hin mit festen Tritten.

Sartorial Adventure, 9. April 2018Wieder sieht man durch die Gegend
Rosseshufe sprühen,
Brück und Wasser diesmal ihnen
Vorn die Grenze ziehen.

Horch, da öffnet sich der Schlagbaum,
Und am Brückenkopfe
Nicken durch die hohle Öffnung
Russen mit dem Kopfe.

Dumpf Gemurmel vom Kartelle,
Freundschaft, – ungeschwächte, –
Und man liefert unsere Helden
An Kosakenknechte!

Düster graut der vierte Morgen,
Einzeln leuchten Sterne,
Russen bilden einen Halbkreis,
Wetter leuchten ferne:

Düster flimmern die Laternen,
Donner westwärts grollen,
Von der Helden Haupt, gebücktem,
Große Tränen rollen:

Niederknien alle Dreie,
Und vom Regimente
Dreimal tönt die russ’sche Salve,
Daß die Erde dröhnte!

Neben den Einbruch des tscherkessischen ins preußische Element gesellt die Kempner denn auch in knapperer Form die Verwandtschaft ihres Posen-schlesischen Elements ins tscherkessische — vor dem historischen Hintergrund noch kein Beweis für eine ausgeprägte Tscherkessophilie, aber ein starkes Indiz:

——— Friederike Kempner:

Ich bin auch Tscherkesserin!

aus: Gedichte, zwischen 1873 und 8. Auflage letzter Hand 1903:

Angela Toidze, Adyghe girl in traditional clothing during folk festival held in Nalchik, Kabardina-Balkaria Republic, RussiaWeit die Welt möcht‘ ich durchmessen
Bis zum schwarzen Kaukasus,
Auf die Schwelle des Tscherkessen
Setzen möcht‘ ich meinen Fuß.

Mit dem Lammfell auf dem Schopfe
Träte jener vor mich hin,
Essen würd‘ aus einem Topfe
Ich mit der Tscherkesserin.

Schöne Menschen, schöne Glieder,
Starker Mann und zartes Weib,
Aber seht, auch dieses Mieder
Enget wohlgestalten Leib.

Apfel fällt nicht weit vom Stamme,
Und wer sieht nicht, frag‘ ich, wer?
Daß es mir vom Auge flamme:
Ich bin auch Kaukasier!

Wo die Kempner recht hat, hat sie recht: Von der besonders ansehnlichen Proportionierung des, nun ja: Volkskörpers und dessen angeblich ungewöhnlich — jedenfall auf monochromen Fotos — weißen Hautfarbe leitet sich die Einteilung der eher bleichgesichtigen Volksgruppen als „kaukasisch“ her. — Was Karoline von Günderrodes bildliche Studie zum Tscherkessentum dem gedachten Status einer bloßen Gedichtillustration hinaushebt zu einem eigenständigen, vergleichswürdigen Beitrag:

——— Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode:

Kopfstudien

Schwache Bleistiftskizzen mit brauner Tinte, ca. 1805,
im Zusammenhang mit [der Studienbuchkategorie] M Physiognomik. SUF: A 4, Blatt 228 verso,
in: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Seite 478:

Karoline von Günderrode, Kopfstudien, 1805

Cirtassierin [meint wohl: Cirkassierin]
Jndier
Russe

Fachliteratur, leider beide Druckwerke anzuzweifeln, der Weblog scheint recht kompetent:

Bilder:

  1. Jean-Léon Gérôme, Veiled Circassian Beauty, 1876, via Printemps Sacré, 27. Mai 2016.
    Laut Books and Art, 8. April 2018:

    The pensive face is above a contraposto that does not disturb the pensive expression on her face. The play of elements is surprising: the solid pattern of the rug makes that of the jacket even more delicate. The hand is absolutely beautiful, both in accuracy and in its absent-minded repose.

  2. Gwaschemasch’e Efendi, 1900, via Olenna Redwyne;
  3. Maktus: Circassian girl in traditional clothing, 2018;
  4. Sartorial Adventure, 9. April 2018;
  5. Angela Toidze: Adyghe girl in traditional clothing during folk festival
    held in Nalchik, Kabardina-Balkaria Republic, Russia
    ;
  6. Ahmed Nagoev featuring Ruslan Teshev und Tamara Kobleva für den Circassian calendar 2015,
    via My Caucasus Blog, 12. Januar 2015.

Ahmed Nagoev featuring Ruslan Teshev und Tamara Kobleva für den Circassian calendar 2015, via My Caucasus Blog, 12. Januar 2015

Soundtrack: der Flötenmuckel, der mich auf meine alten Tage, weil ich als Schüler nur an Melodica und Akkordeon herangeführt wurde, zum Erlernen des Blockflötenspiels trieb: Biermösl Blosn — die Brillanz der Fingerfertigkeit höchstselbst auf unter zwei Minuten zusammengefasst:
Circassian Circle, aus: Grüß Gott, mein Bayernland, 1982; Arrangement und Solo: Christoph Well.
Und nein, so werde ich’s nie, nie, nie können:

Written by Wolf

5. April 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Das zum Werk gewordene Gefühl

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Joseph Karl Stieler, Johann Wolfgang von Goethe, 1828 via Neue PinakothekUpdate zu Und Beethoven so: WTF??!!!
(Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)

und Neulich in München:

Schock 1: Das Bild, das man von Goethe hauptsächlich kennt, quasi das Dichterfürst gewordene kollektive Gedächtnis, hängt in der Neuen Pinakothek zu München — das Museum gegründet von Ludwig I. von Bayern, das Gemälde praktischerweise lange vorher aus erster Künstlerhand angekauft.

Schock 2: Der Maler ist derselbe Joseph Karl Stieler, von dem non solum das mindestens so kollektiv bekannte acht Jahre ältere Beethoven-Portrait stammt, sed etiam fast die gesamte berüchtigte Schönheitengalerie desselben Ludwig I. im Schloss Nymphenburg:

„Schönes Fräulein, wenn Sie sich bitte hier in die Kutsche bequemen will, der König findet Gefallen an Ihr.“

„Bin weder Fräulein, weder schön …“

„Sie hat mich schon verstanden. Folgen.“

——— Neue Pinakothek:

Joseph Karl Stieler: Johann Wolfgang von Goethe, 1828

Öl auf Leinwand, 78,0 cm x 63,8 cm, 1828 durch König Ludwig I. vom Künstler erworben, Inv. Nr. WAF 1048,
in: Neue Pinakothek: Erläuterungen zu den ausgestellten Werken, München 1981, Seite 327:

Neue Pinakothek, München, 21. Dezember 2014Das Bildnis Goethes schuf Joseph Stieler im Auftrag König Ludwigs I. von Bayern. 1828 reiste der Künstler mit einem Empfehlungsschreiben des Königs nach Weimar, um dort die Vorarbeiten anzufertigen. Über den Aufenthalt Stielers in Weimar und die Porträtsitzungen geben die Tagebücher Goethes Auskunft. Drei dieser Vorstudien sind noch erhalten.

Stieler hat den Dichter und Gelehrten Goethe als Halbfigur an seinem Schreibtisch sitzend dargestellt. Der Oberkörper ist frontal dem Betrachter zugekehrt, während der Kopf nach rechts gewandt und der Blick seitlich aus dem Bild heraus gerichtet ist. Die statische Gefasstheit der Gesamtkomposition und die genaue Wiedergabe von Gesichtszügen und Kleidung werden somit gelockert und erhalten ein lebensnahes Element.

In seiner rechten Hand hält der Dichter ein Blatt Papier, auf dem die letzten Zeilen eines von Ludwig I. verfassten Gedichtes zu lesen sind. Der König war der Autor einer Vielzahl von schwärmerischer Begeisterung getragener Gedichte, die zumeist antikem Versmaß folgten. 28 seiner Distichen ließ er in den Münchner Hofgartenarkaden als Beschriftungen zu Carl Rottmanns Italienzyklus öffentlich anbringen. Mit dem Gedicht Ludwigs in Händen erweist Goethe — dessen Urteil in Kunstdingen besonderes Gewicht besaß — dem bayerischen König und dessen dichterischen Hervorbringungen seine Reverenz. Andere Zeitgenossen hielten sich mit Kritik und Spott über die meist ungelenken Verse Ludwigs weniger zurück.

Schock 3: Das heißt, auf seinem eigenen berühmtesten Bild hält Goethe ein Gedicht in der Hand, das nicht er selber geschrieben hat, sondern der Auftraggeber seines Malers. Schon bitter, sowas:

——— Ludwig I.:

An die Künstler

„Im Herbste 1818, Ludwig“:

Ja! Wie sich der Blume Flor erneuet,
Durch den Saamen den sie aus gestreuet,
Zieht ein Kunstwerk auch das andre nach,
Aus dem Leben keimet frisches Leben,
Das zum Werk gewordene Gefühl
Wird ein Neues künftig herrlich geben,
Selber nach Jahrtausenden im Gewühl.

Und dann feiert Goethe noch seit 22. März 1832 Todestag und muss sich heute von mir dergleichen ins Grab hinterherfeixen lassen. Der Beethoven von 1820 — Todestag: fünf Jahre früher und fünf Tage später, 27. März 1827 — darf wenigstens bis heute mit seiner eigenen Missa solemnis in der Hand posieren. Und die adligen wie bürgerlichen Jungfern in der Schönheitsgalerie von Ludwig I. sind noch ganz gut bedient: Sein durchgeschmorter Enkel Ludwig „Märchenkönig“ II. führte nebenan im Marstallmuseum dann schon eine Schönheitsgalerie der Pferde.

Bilder: Joseph Karl Stieler: Johann Wolfgang von Goethe, 1828, via Neue Pinakothek a. a. O.;
selber gemacht, Neue Pinakothek, München 21. Dezember 2014.

Soundtrack: K A R O L A: Women in Art (Joseph Karl Stieler), 3. November 2008,
featuring Ludwig van Beethoven: Bagatelle No. 25 in a-Moll, WoO 59, „Für Elise“, 1810:

Bonus Track, damit wenigstens einer der von Stieler Portraitierten zu seinem Recht kommt:
Beethoven, Missa Solemnis, opus 123, 1820, John Eliot Gardiner live im Lübecker Dom 1994:

Written by Wolf

15. März 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten

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500. Beitrag

Update zu Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge:

Zuvor haben wir Karl Philipp Moritz — und zwar in seiner eigenen Stimme, ungefiltert durch etwelche ersonnenen Fabelgestalten — in Das Edelste in der Natur, 1786 — sagen hören:

Eins der größten Uebel, woran das Menschengeschlecht krank liegt, ist die schädliche Absonderung desselben, wodurch es in zwei Theile zerfällt, von welchen man den einen, der sich erstaunliche Vorzüge vor dem andern anmaßt, den gesitteten Theil nennt.

Als Problem sieht das nur ein Teil der Menschheit. Wenn man den Richtigen glaubt, ist das der unwesentliche Teil. Beim Baron Eichendorff war das 1831 schon Satire. Den Hochadligen rettet wie immer seine besondere Volksnähe und lebenslanges Hadern mit sozialer Ungleichheit, obwohl er auf seiner richtigen — der oberen — Seite von Geburt an bequem eingerichtet gewesen wäre:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless     Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

——— Joseph von Eichendorff:

Unstern

1831 bis 1839, Fragment aus dem Nachlass,
rekonstruiert in der Winkler-Ausgabe von Jost Perfahl und Ansgar Hillach, Band 2,
nach: Hubert Pöhlein (Hrsg.): Aurora, 3. Jahrgang, 1933;
Rekonstruktion in Band 4:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via HappilessAls ich aber draußen im Freien war, überlegte ich erst alles: ich stammte aus einer reichsgräfl. Familie, hatte schon einzelne Gedichte drucken lassen p., — es war gar nicht unwahrscheinlich, daß man mich so feiern wollte. Da lehnte ich mich mit großer Befriedigung im Wagen zurück, kreuzte die Arme über der Brust u. sagte zu mir selbst: Ich habe es immer gesagt, nichts als Narrenspossen mit dieser Gleichheit. Das soll naturgemäß sein! Als wäre die Natur nicht grade erst recht aristokratisch, stellt den Ochsen über das Kalb, den Hund über die Katze, die Katze über die Ratze, und unter den Menschen den hohen Geburtsadel des Genies über das andre gemeine Pack. Außerdem, setzte ich mit großer Selbstzufriedenheit hinzu, wird es auch, solange nicht allgemeine Barbarei wiederkehrt, immerfort zwei verschiedene Rassen der Gesellschaft geben, die gebildete u. die ungebildete, die niemals miteinander fraternisieren können, weil sie sich wechselseitig genieren, u. das Genie mit keinem von beiden, denn es heißt eben Genie, weil es sich niemals geniert. sondern nur alle andern, u. also Hier tat es plötzlich einen widerlichen Schrei — es war ein Pfau, der vor mir auf einem Gittertor, mit dem Schweif das Rad schlagend, mir grade die Kehrseite seiner Pracht zeigte. Da bemerkte ich erst, daß er eigentlich hier den Portier vorstellte u. ich unaufhaltsam in einen prächtigen Park hineinfuhr […].

Beim Pastorensohn Wieland war es noch unter Tränen lachende und — aus Gründen — fiktiv verbrämte Allegorie. Wie wichtig diesem Berufsschreiber, der auch als Viertel des „Weimarer Viergestirns“ bei Hofe auf Einkünfte aus seiner Arbeitskraft angewiesen war, das Thema war, macht er an einer nicht anderweitig motivierten Fußnote klar, „die ich mich nicht entschließen kann auszulassen“:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

——— Christoph Martin Wieland:

Der goldne Spiegel oder die Könige von Scheschian.
Eine wahre Geschichte
aus dem Scheschianischen übersetzt.

1772, Fassung letzter Hand, 1794:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via HappilessIhre Hoheit, sagte Nurmahal, werden ihm diesen Einfall vielleicht zu gute halten, wenn Sie bedenken, daß die Nazion einen König haben wollte, und daß es, alles überlegt, doch immer besser ist, dieser König selbst zu seyn, als es einem andern zu überlassen. Er konnte doch immer mit einiger Wahrscheinlichkeit hoffen, daß es ihm an Gelegenheit nicht fehlen würde, sein Ansehen, so eingeschränkt es Anfangs war, zu befestigen und zu erweitern. Zudem war er ein Mann von mehr als gemeiner Fähigkeit, sein eigenes Fürstenthum, eines der beträchtlichsten, und an der Spitze der Partey, die ihn auf den Thron erhob, konnt‘ er sich schmeicheln alles zu vermögen.

„Und dennoch schmeichelte er sich zu viel?“

Wie hätt‘ es anders gehen können? versetzte die Sultanin. Seine Anhänger erwarteten mehr Belohnungen als er geben konnte. Ihre Forderungen hatten keine Grenzen. Er hielt sich für berechtigt Dienste und Unterwürfigkeit von denjenigen zu erwarten, die ihn zum Könige gemacht hatten; und eben darum, weil sie ihn zum Könige gemacht hatten, glaubten sie, daß er ihnen alles schuldig sey. Eine solche Verschiedenheit der Meinungen mußte Folgen haben, die den König und das Volk gleich unglücklich machten. Da er die einmahl übernommene Rolle gut spielen wollte, so mußt‘ er nothwendig mit seinen Raja’s zerfallen, die ihn lieber eine jede andre spielen gesehen hätten als die Rolle eines Königs. Seine ganze Regierung war unruhig, schwankend und voller Verwirrung. Aber unter seinen Nachfolgern ging es noch schlimmer. Jeder neue Vortheil, den die Raja’s über ihre Könige erhielten, erhöhete ihren Übermuth, und vermehrte ihre Forderungen. Unter dem Vorwand, ihre Freyheit (ein Ding, wovon sie niemahls einen bestimmten Begriff gehabt zu haben scheinen,) und die Rechte der Nazion (welche niemahls ins Klare gesetzt worden waren,) gegen willkührliche Anmaßungen sicher zu stellen, wurde das königliche Ansehen nach und nach so eingeschränkt, daß es, wie die Fabel von einer gewissen Nymfe sagt, allgemach zu einem bloßen Schatten abzehrte –

– Hier gähnte der Sultan zum ersten Mahle –

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless– Bis endlich selbst von diesem Schatten nichts als eine leere Stimme übrig blieb, welche gerade noch so viel Kraft hatte, nachzuhallen was ihr zugerufen wurde.

Scheschian befand sich, solange diese Periode dauerte, in einem höchst elenden Zustande. Von mehr als drey hundert kleinern und größern Bezirken, deren jeder seinen eigenen Herrn hatte, sah der größte Theil einem Lande gleich, das kürzlich von Hunger, Krieg, Pest und Wassersnoth verwüstet worden war. Die Natur hatte da nichts von der lachenden Gestalt, nichts von der reitzenden Mannigfaltigkeit und dem einladenden Ansehen von Überfluß und Glückseligkeit, womit sie die Sinnen und das Herz in jedem Land einnimmt, welches von einem weisen Fürsten väterlich regiert wird.

Hier klärte sich die Miene des Sultans einmahl wieder auf. Er dachte an seine Lustschlösser, an seine Zaubergärten, an die schönen Gegenden, die er darin auf allen Seiten vor sich liegen hatte, an die mosaisch eingelegten, und mit doppelten Reihen von Citronenbäumen besetzten Wege, die ihn dahin führten; und genoß etliche Augenblicke lang die Wollust der vollkommensten Zufriedenheit mit sich selbst.

Das war es nicht, was die beiden Omra’s wollten, daß er dabey denken sollte! – Weiter, Nurmahal; sprach der vergnügte Sultan.

Allenthalben wurden die Augen eines Reisenden, der nicht ohne alles Gefühl für den Zustand seiner Nebengeschöpfe war, durch traurige Bilder des Mangels und der unbarmherzigsten Unterdrückung beleidigt.

Die kleinen Tyrannen, denen der König von Scheschian neunzehn von zwanzig Theilen seiner Unterthanen Preis zu geben genöthigt war, hatten in Absicht der Verwahrung ihrer Ländereyen eine Denkungsart, die derjenigen von gewissen Wilden glich, von denen man sagt, daß sie, um der Frucht eines Baumes habhaft zu werden, kein bequemeres Mittel kennen, als den Baum umzufällen. Ihr erster Grundsatz schien zu seyn, den gegenwärtigen Augenblick zum Vortheil ihrer ausschweifenden Lüste auszunützen, ohne sich darum zu bekümmern, was die natürlichen Folgen davon seyn möchten. Diese Herren fanden nicht das geringste weder in ihrem Kopfe noch in ihrem Herzen, das der armen Menschheit bey ihnen das Wort geredet hätte. In ihren Augen hatte das Volk keine Rechte, und der Fürst keine Pflichten. Sie behandelten es als einen Haufen belebter Maschinen, welche, so wie die übrigen Thiere, von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten, und die keinen Anspruch an Ruhe, Gemächlichkeit, und Vergnügen zu machen hätten. So schwer es ist, sich die Möglichkeit einer so unnatürlichen Denkungsart vorzustellen, so ist doch nichts gewisser, als daß sie es dahin gebracht hatten, sich selbst als eine Klasse von höhern Wesen anzusehen, die, gleich den Göttern Epikurs, kein Blut sondern nur gleichsam ein Blut in den Adern rinnen hätten; denen die Natur zu willkührlichem Gebote stehe; denen alles erlaubt sey, und an welche niemand etwas zu fodern habe. Die Knechtschaft der Unglücklichen, die unter ihrem Joche schmachteten, ging so weit, daß sie jeden Fall, wo man ihnen durch eine besondere Ausnahme die allgemeinsten Rechte der Menschheit angedeihen ließ, als eine unverdiente Gnade ansehen mußten. Die Folgen einer so widersinnigen Verfassung stellen sich von selbst dar. Eine allgemeine Muthlosigkeit machte nach und nach alle Triebräder der Vervollkommnung stille stehen; der Genie wurde ihm Keim erstickt, der Fleiß abgeschreckt, und die Stelle der Leidenschaften, durch deren beseelenden Hauch die Natur den Menschen entwickelt, und zum Werkzeug ihrer großen Absichten macht, nahm fressender Gram und betäubende Verzweiflung ein.[Fußnote] Sklaven, welche keine Hoffnung haben, anders als durch irgend einen seltnen Zufall, der unter zehen tausend kaum Einen trifft, sich aus ihrem Elend empor zu winden, arbeiten nur in so fern sie gezwungen werden, und können nicht gezwungen werden irgend etwas gut zu machen. Sie verlieren alles Gefühl der Würdigkeit ihrer Natur, alles Gefühl des Edeln und Schönen, alles Bewußtsein ihrer angebornen Rechte –

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless– Der Sultan gähnte hier zum zweyten Mahle –

– und sinken in ihren Empfindungen und Sitten zu dem Vieh herab, mit welchem sie genöthiget sind den nehmlichen Stall einzunehmen; ja, bey der Unmöglichkeit seines bessern Zustandes, verlieren sie endlich selbst den Begriff eines solchen Zustandes, und halten die Glückseligkeit für ein geheimnißvolles Vorrecht der Götter und ihrer Herren, an welches den mindesten Anspruch zu machen Gottlosigkeit und Hochverrath wäre.

Dieß war die tiefe Stufe von Abwürdigung und Elend, auf welche die armen Bewohner von Scheschian herab gedrückt wurden. Eine allgemeine Verwilderung würde sie in kurzem wieder in den nehmlichen Stand versetzt haben, aus welchem der große Affe, ihrem angeerbten Wahn zu Folge, ihre Stammältern gezogen hatte: in einen Stand, worin sie sich wenigstens mit der Unmöglichkeit noch tiefer zu sinken hätten trösten können; wenn nicht eine unvermuthete Staatsveränderung –

Hier machte der Mirza die schöne Nurmahal bemerken, daß der Sultan unter den letzten Perioden dieser Vorlesung eingeschlafen war.

[Fußnote] Hier, sagt der Sinesische Übersetzer, habe ich eine Anmerkung des Indischen Herausgebers dieses Werkes gefunden, die ich mich nicht entschließen kann auszulassen, ungeachtet meine Leser keinen unmittelbaren Gebrauch davon machen können. Ich wünschte, sind die Worte des Indiers, daß alle unsre Großen und Edeln dieser Periode (von den Worten Eine allgemeine u. s. w. bis zu Verzweiflung ein) die Ehre anthun möchten, sich derselben zu Prüfung der Fakirn, denen sie ihre Söhne anvertrauen wollen, zu bedienen. Sie haben dazu weiter nichts nöthig, als dem Fakir die Periode vorzulegen, und sich eine Erklärung derselben, die Entwicklung der darin enthaltenen Begriffe und Sätze von ihm auszubitten. Allenfalls könnten sie, um ihrer Sache desto gewisser zu seyn, einen Filosofen von unverdächtigen Einsichtenmit zu dieser Prüfung ziehen. Versteht der Fakir die Periode: nun, so sey es denn! Versteht er sie nicht oder räsonniert er darüber wie ein Truthahn: so können Sich Ew. Excellenzen, Gnaden, Hoch- und Wohlgeboren, u.s.w. darauf verlassen, daß er ein vortreffliches Subjekt ist, wenn ihre Absicht dahin geht, daß Ihr Sohn nicht zu gescheidt werden solle.

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless     Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

Bilder: via Happiless, Dezember 2018:

In 1951, Dali teamed up with Magnum photographer Philippe Halsman to create one of the most enchanting, morbid and bizarre photographs of all time. Entitled „In Voluptas Mors,“ or Voluptuous Death.

Soundtrack: Gustaf Gründgens & Hilde Hildebrand: O Gott, wie sind wir vornehm!,
aus: Eduard Künneke: Liselott, 1932:

Written by Wolf

15. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Sturm & Drang

Rosa Lübeck-Luxemburg

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Update zu Es endet ohne Schlusspunkt.
und Bierchen aus alter Zeit:

Es gibt da ein paar Unstimmigkeiten. In Ordnung, dass ein Gedicht Fragment bleibt (mein Gesamtwerk besteht aus Fragmenten), obskur bleibt mitsamt allen auffindbaren Erklärungen die Überlieferung.

Bertolt Brecht, frau lübeck, 1952, Die Zeit, 5. September 1997Angenehm eindeutig ist die Datierung 1952 für die Entstehung. Aber dann: Wer 1981 oder kurz danach nicht den allgegenwärtigen Knuffel Die Gedichte in einem Band von Brecht gekauft hat, war entweder zu jung oder dringender mit Fußballspielen und Mofafrisieren beschäftigt. „Die“ Gedichte — das erhebt durchaus einen Anspruch auf Vollständigkeit, wobei es in Ordnung geht, wenn das eine oder andere Fragment der Aufnahme entwischt, weil es schlicht (noch) verschollen ist. Die Wiederentdeckung wird fast eine Generation später, in der Zeit vom 5. September 1997 unter der Rubrik Zeitmosaik gefeiert. Der Nachsatz der unscheinbaren Zeitungsspalte erscheint im Oiriginal — siehe Bild — kursiv:

Diesen bisher unveröffentlichten Text von Bertolt Brecht finden wir im neuen Heft, Nr. 6, der vom Berliner Ensemble herausgegebenen Schriftenreihe Drucksache. Er ist Teil eines hier zum ersten Mal publizierten, Fragment gebliebenen Werkes von 1952 über Rosa Luxemburg, verheiratet mit Gustav Lübeck (Alexander Verlag, Berlin; 56 Seiten, 14,90 Mark)

Im Herbst 1997 war demnach die eher dünne Drucksache Nr. 6 im (traditionell Ost-)Berliner Alexander Verlag das „neue“ Heft. Wäre es da sehr engherzig anzumerken, dass Nr. 6 schon 1993 erschienen ist? Und es zog ein Jahrzehnt ins Land, das ein ganzes Jahrtausend, den NEMAX, das World Trade Center und meine letzten wenigstens potenziell guten Jahre mühelos wegfraß. Plötzlich war es 2007, und von dem 1981er Knuffel erschien eine vollständige Neuausgabe von Jan Knopf.

In einem den Bedürfnissen der neuen Zeiten fröhlicherem Rot, immer noch ohne Lesebändchen, aber mit 1648 statt 1392 Seiten und immer noch mit dem dezent Alleingültigkeit verheißenden bestimmten Artikel: nicht „Sämtliche“, nicht „Alle“, schon gar nicht, was alles und nichts heißen könnte, „Gesammelte“ — nein: „Die“ Gedichte.

Wir, die wir in der durchwachsen glücklichen Lage sind, dass wir uns 1981 kein Mofa zum Frisieren, sondern nur einen Band Brecht-Gedichte zum schamlosen Ausschlachten leisten konnten, um Mädchen zu beeindrucken, können deshalb direktvergleichen: O ja, auf den zusätzlichen 256 sind einige Gedichte dazugekommen, woher auch immer. Brecht soll ja eine besonders heikle Erbengemeinschaft hinterlassen haben, die bis 2007 nun wirklich nicht mehr länger auf irgendwelchen zerknüllten Manuskriptschnipseln herumsitzen konnte, ohne sie endlich der literaturwissenschaftlichen Auswertung auszusetzen, da kann schon was zusammenkommen. Der umgekehrte Vergleich lehrt aber auch: Gegenüber der Ausgabe von 1981 sind auch Gedichte entfallen.

Und niemand weiß warum. Was natürlich Quark ist: Der Herausgeber heißt 2007 nicht mehr „Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann“, sondern Jan Knopf und ist der Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht (ABB) am Karlsruher Institut für Technologie, vormals Universität Karlsruhe, Fridericiana (TH) und kann zweifellos jede einzelne seiner 1648 Seiten lückenlos begründen.

Bevor sich ein im Leben nie so richtig aufgehalfterter Germanist (Linguistik, Leute, nix da Literaturwissenschaft!), der bereit ist, sich aller 26 Jahre das gleiche Buch nachzukaufen, zu einer freundlichen Nachfrage aufrafft, wird er sich aller Einschätzung nach wohl doch eher damit abfinden, dass er jetzt alle zwei Ausgaben aufbewahren muss. Der bringt es fertig und freut sich noch, dass er zusätzlich noch den Zeitungssausriss von 1997, der weder in der alten noch der neuen Version vorkommt, als Lesezeichen aufgehoben hat.

——— Bertolt Brecht:

„frau lübeck“

Fragment 1952, gedruckt in: Heiner Müller und Holger Teschke (Redaktion):
Drucksache 6. Berliner Ensemble 1993,
in: Zeitmosaik, Die Zeit 37/1997, 5. September 1997, Seite 58:

kleine frau, etwas fett geworden, wackelnder
gang, augen klein, blick abschätzend.
mund träge, lippen nicht gut geschlossen,
geschmacklos gekleidet, schleifen und maschen.
nicht ganz schlicht.
ein energischer geschäftssinn und (…),
mit befreiter sexualität (St. Großmann)
am tag vor ihrer ermordung ruft sie Rosenberg an,
die lage der gefängnisbeamten zu bessern. (erleichtern)
sie hatte es ihren wärtern beir entlassung versprochen.
der blick in das gesicht eines menschen, dem geholfen ist, ist der blick in eine schöne gegend, freund.
die hechtin im karpfenteich (Bebel)
ich bin steinreich.
und laßt mir das hinken (wackeln)
mir jetzt, in diesem feurigen rausch,
als hätten wir schampagner im blut,
>den dicken schinken< schrieb ich in einem rausch.

b) ich, die ich „auf einem besen durch die ökonomie ritt“ sie schickt Liebknecht vor, daß er nicht nur „eine frau sagt“.

Bücherregal mit zweimal Brecht

Bilder: Bücherregal mit zweimal Brecht;
Die Zeit (verrinnt), 5. September 1997, Stand 9. Januar 2019.

Ja, mach nur einen Plan: Das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens,
aus: Die Dreigroschenoper, 1928:

Written by Wolf

8. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Mit dem Faust im Ranzen

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Update zu The Metrum is the Message
und Mephisto ist ein mieser Verräter
(So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus):

Faktum 1: Am Montag, den 10. September 2018 hat in Bayern, wie immer als dem letzten Bundesland, die Schule wieder angefangen. Faktum 2: Am 14. September 2018 erscheint die neue CD von LEA namens Zwischen meinen Zeilen, die ein Soundtrack-Lied für Das schönste Mädchen der Welt enthält.

——— Deutschlandfunk Kultur:

Germanistin über Umgang mit klassischer Literatur:
Vereinfachen ist der falsche Weg.
Beate Kennedy im Gespräch mit Dieter Kassel

Donnerstag, 6. September 2018:

Wie kann man Schüler für klassische Literaturstoffe interessieren? Ein Weg könnte radikale Vereinfachung sein – wie in der Filmkomödie „Das schönste Mädchen der Welt„, der aus Cyrano de Bergerac einen Rapper macht. […]

Aber ist es eigentlich ein sinnvoller Weg, einen klassischen Stoff aus einem Roman oder einem Theaterstück so stark modernisiert und vereinfacht zu präsentieren, zum Beispiel auch an Schulen, damit heutige Schülerinnen und Schüler das Ganze überhaupt noch verstehen?

Das wollen wir jetzt von Beate Kennedy wissen. […]

Beate Kennedy: Guten Morgen, Herr Kassel! […]

Kassel: Aber wenn wir ein in Deutschland an Berühmtheit nicht mehr zu übertreffendes Beispiel nehmen, Goethes „Faust“, dann ist es natürlich so, dieses Grundmotiv des Menschen, der seine Seele an den Teufel verkauft, dieses Grundmotiv war selbst zu Goethes Zeit schon sehr alt. Das hat er nicht erfunden, er hat nur dieses geniale Theaterstück daraus gemacht.

Wenn Sie nun sagen, ich möchte aber nicht die Grundidee des Seelenverkaufs allein thematisieren im Unterricht, sondern ich möchte diesen Text von Johann Wolfgang von Goethe vermitteln, heißt das ja, dann geht es nicht mehr um den Inhalt, sondern um die Sprache, oder?

Kennedy: Ja, ganz genau. Da geht es um die Sprache und eben um das, was wir als meisterhaft gelungene Form empfinden, wo wir eben sagen, da hat jemand ein Grundmotiv so auf den Punkt gebracht, dass es mustergültig ist und dass wir uns daran auch dann kreativ abarbeiten können.

Kreativ heißt, wir müssen es natürlich dann immer für uns selbst in seiner Bedeutung erschließen. Ein Beispiel jetzt aus meinem Unterricht. Wir haben hier Profiloberstufe, da wählen also die Schüler nach Neigung, und wo man Mathematiker hat, die logisch denken können, empfiehlt es sich vielleicht dann, die Annotationen von Goethe sich besonders anzuschauen oder die Entwicklung des Charakters anhand eines Zeitstrahls auch zu visualisieren, also viel mit dem Computer zu arbeiten, viel mit Listen zu arbeiten, mit logischen Verknüpfungen zu arbeiten, die es ja bei Goethe reichlich gibt. Also die Sprache systematisch, wie ein Philologe es eben auch macht, zu analysieren.

Oder in einer anderen Klasse, die vielleicht eher haptisch orientiert ist, also sich einfach an visuellen Bildern berauscht, ist es natürlich dann ganz empfehlenswert, gleich ins Theater zu gehen, wo die Theater sowieso heutzutage die sind, die die Stoffe noch mal für die heutige Jugend auch interessant und spannend präsentieren.

Das schönste Mädchen der Welt, Tobis Film 2018, IMDbMeine Rede seit Jahren: Der Faust ist berühmt und, nun ja, eben „klassisch“ aus mancherlei Gründen, aber bestimmt nicht wegen seiner dramaturgisch durchoptimierten, todspannenden Handlung mit wunder wie überraschenden Wendungen, vom Ende ganz zu schweigen: Die Expertendiskussion, ob jetzt eigentlich Gott oder der Teufel (oder Faust? oder gar Gretchen?) gewonnen hat, hält an.

Die bis auf weiteres gern kolportierte Tatsache, dass die Soldaten des Ersten Weltkriegs allesamt „mit dem Faust im Tornister“ ins Feld gezogen seien, den sie selbstverständlich bis dahin in der Kneipe gern mit verteilten Rollen gelesen hatten, ist keine „aus heutiger Sicht befremdliche Überzeugung“ — was ich langsam wirklich mal aus Wikipedia herauseditieren muss — hängt eben nur nicht mit dem Bildungshunger faustischer Existenzen zusammen, falls es im Schützengraben mal allzu langweilig hergehen sollte, sondern damit, dass der Kaiser auf Staatskosten die Reclamheftchen austeilen ließ. Das einzig Befremdliche daran ist, dass derselbe Kaiser für seinen Krieg tatsächlich die Schulbuben rekrutierte, die keinen Tornister, sondern einen Schulranzen tragen sollten.

Dann doch lieber nach Frau Dr. Kennedys Empfehlung die Entwicklung von Charakteren anhand eines Zeitstrahls visualisieren, wie immer das gehen soll. Um den Faust zu wertschätzen oder — was zulässig wäre — zu gegenteiligen Resultaten zu gelangen, bleibt also, wieder nach Dr. Kennedy, die Sprache dem Philologen gleich systematisch zu analysieren. Das gibt auch wirklich einiges her: The Metrum is the Message; das war einer meiner hiesigen Einträge mit dem höchsten Aufwand, von dessen Erkenntnissen ich bis heute persönlich zehre. Da kann es gut sein, dass ein Schüler, der nicht aus freien Stücken auf dergleichen verfallen wird, unter Anleitung was fürs Leben mitnimmt.

Die ebenfalls empfohlenen „Annotationen von Goethe“ finden sich übrigens in Buchform am besten in der aktualisierten Frankfurter Ausgabe als Taschenbuch oder in der Reclam-Studienausgabe; die historisch-kritische Faust-Edition ist zur Stund noch in der Beta-Phase, kommt aber noch.

In diesem Sinne noch die angenehm aufrichtige Moderatorenfrage vom Schluss des angeführten Interviews:

Kassel: Wir haben eigentlich keine Zeit mehr, aber ich kann es nicht lassen: Glauben Sie, wer Goethes „Faust“ versteht, versteht definitiv auch eine moderne Gebrauchsanleitung?

Kennedy: Ja, das ist möglich, wenn diejenigen, die diese Gebrauchsanleitung schreiben, daran denken, dass Menschen geführt werden wollen und eben auch das Fremde erklärt haben wollen. Und das Fremde nicht verklausulieren oder nur ansatzweise beschreiben.

Wichtig wäre mir eben, dass man da auch digital und analog immer nebenher hat. Mir geht es ja so, als promovierte Literaturwissenschaftlerin bin ich teilweise nicht in der Lage, die Gebrauchsanweisung meiner Aufnahmegeräte zu verstehen oder meines Autos — also eine Gebrauchsanweisung, wenn die eben nur digital verfügbar ist, ich aber im Auto ganz konkret, ganz analog auf der Straße stehe und gerade jetzt ein Problem habe, dann erwarte ich eigentlich, dass ich noch den gedruckten Text möglichst bebildert auch vor Augen habe.

Kassel: Das war, glaube ich jetzt ein schönes Beispiel für das Phänomen „Dumme Frage, kluge Antwort“. Frau Kennedy, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Kennedy: Ja, Danke auch, Herr Kassel, auf Wiederhören!

Kassel: Wiederhören. Beate Kennedy war das, Lehrerin und Literaturwissenschaftlerin, über Sinn und Unsinn von Vereinfachung und von Klassikern an der Schule.

Das schönste Mädchen der Welt, Tobis Film 2018, IMDb

Das schönste Mädchen der Welt: via IMDb, 2018.

Soundtrack — nämlich zu Das schönste Mädchen der Welt:
LEA & Cyril: Immer wenn wir uns sehn, aus: Zwischen meinen Zeilen, 2018:

Und weil das, wie fühlende Menschen bemerken werden, nicht mitanzuhören ist,
noch was wirklich Schönes als Bonus Track:
Miley Cyrus: Wildflowers von Tom Petty, aus: Wildflowers, 1994:

Written by Wolf

14. September 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Die junge Gräfin (erzählt neben einem Paar nachbarlichen Würsten)

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Update zu Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn):

Am bekanntesten ist bis heute der späte — 1985 — DDR-Märchenfilm Gritta von Rattenzuhausbeiuns oder Gritta vom Rattenschloß. Die Buchvorlage, ein erklärter „Märchenroman“ mit dem vollen Namen Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns, wird sogar in der großen Gesamtausgabe der Bettina von Arnim unterschlagen — entweder weil er in keine Werkkategorie der vier Bände passen will oder weil Bettinas Schaffensanteil daran unklar bleibt, weil als Neben-, wenn nicht gar Hauptautorin ihre jüngste Tochter Gisela gelten muss.

Gisela, zu Beginn der Arbeiten zarte 17, war mit 15 unter dem Namen Marilla Fitchersvogel Gründungsmitglied der Berliner Kaffeter-Gesellschaft, eines parodistisch heiter geführten Literatursalons und Jungfrauenordens, der später auch Mannspersonen zuließ, zum Beispiel den von Jungfrauen, Kaffee und Literaturschaffen begeisterten König Friedrich Wilhelm IV. höchstselbst. Die Koautorin und Mutter Bettina, die sich oft Bettine spricht und schreibt, war seit 1835 mit Goethes Briefwechsel mit einem Kinde und 1840 Die Günderode Bestsellerautorin und außerdem Witwe des vor allem mit Des Knaben Wunderhorn populären Achim von Arnim — auch wieder mit einer Gemeinschaftsarbeit mit unklaren Beteiligungen.

Der Märchenroman mit Gritta war das einzige Desideratum, das ich je an die Münchner Stadtbibliothek gerichtet habe — eben aus dem Gefühl der schmerzlichen Lücke in der Arnimschen Gesamtausgabe. Es wurde erfüllt und steht heute default in der belletristischen Abteilung der Filiale Am Gasteig, aber meistens ausgeliehen bei mir daheim. Was für eine Perle da im Verborgenen funkelt — niemals werde ich mich ganz über das Versäumnis der Gesamtausgabe beruhigen können — wird aus dem Volltext, den man mindestens zweimal online findet, teilweise klar — so richtig aber erst aus dem Nachwort von Rolf Vollmann in der Manesse-Ausgabe, die ich der Stadtbibliothek 2008 empfohlen habe. Welche auch sonst? An Einzeltexten sind noch ungefähr drei verschiedene sehr schöne, leider obskur gewordene DDR-Ausgaben antiquarisch jagdbar, dieselbe Manesse ist 2018 schon wieder vergriffen, und die Gesamtausgabe … hatten wir schon.

Es spricht sehr für den familiären Umgangston im Hause von Arnim, was da als Mutter-Tochter-Projekt entstanden ist. Die 1985er Verfilmung bemüht sich mit arg zurechtfrisierter Handlung um eine DDR-Nachfolge der Pippi Langstrumpf, das Original hat viel mehr Bedeutungsebenen. Aus heutiger Sicht liegt die Langstrumpf nicht ganz fern, aber es erlaubt sich auch — Arnims waren eng mit den Grimms verwandt und befasst — märchenhaft düstere Stellen. Insgesamt erinnert es mehr an Walter Moers, wenn nicht gar Eugen Egner oder sonstige Skurrilvirtuosen — wobei man meistens recht schief liegt, wenn man solche jahrhundertealten Hervorbríngungen mit allzu modernen vergleicht; jedenfalls war eine so vielschichtige Mischung nicht vor dem 20. Jahrhundert dran.

Die folgende halbwegs abgeschlossene Passage funkelt im Dunkeln in mehreren Bunt- und Schwarztönen. Gritta ist zur Zeit der Handlung sieben Jahre alt, Müffert ist der väterliche hochgräfliche Diener. — Staunt, Kinder.

——– Gisela von Arnim/Bettina von Arnim:

Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

1844–1848, Druckvorlage 1845, Erstdruck: hg. Otto Mallon, S. Martin Fraenkel, Berlin 1926:

Gritta und Müffert saßen eines Abends in der Küche, die ein kleines rußiges Gewölbe war. Ein Feuer brannte auf dem Herd, vier große Töpfe kochten, und die weißen Nebelwolken vermischten sich mit dem schwarzen Rauch, zogen hinauf und flogen mit ihm davon. Es war heut zum ersten Mal nach langer Zeit stürmisch, der Wind trieb manchmal den Rauch wieder hinab. Die kleine Gritta saß neben den Töpfen auf dem Herd. Sie schien an etwas zu denken, was sie ängstigte, denn sie sah von Zeit zu Zeit zu Müffert auf, der in Gedanken vertieft vor einer Speckseite stand, die im Schornstein neben einem Paar nachbarlichen Würsten an einem Bindfaden bammelte; er schien sich zu besinnen, ob er sie anschneiden solle, denn das säbelförmige Messer guckte zwischen seinem Zeigefinger und seinem breiten Daumen wie ein angerufener Ratgeber hervor, mit einem entsetzlich begierigen Gesicht, in dem sich das Feuer spiegelte.

Gisela von Arnim, Joseph Joachim„Ach, Müffert“, hob Gritta an, „glaubst Du wohl, daß der Vater noch an die Birkenrute denkt? Glaubst Du wohl, daß noch Birkenreiser draußen am Birkenbaum sind?“

„Nein, Kind, ich glaube, der wird vertrocknen; das hat einmal seine sonderbare Bewandtnis mit dem Baume gehabt.“

„Ach, erzähle!“ bat Gritta.

Müffert machte das Messer zu, und Gritta sah mit Vergnügen, wie ihre lieben blonden Würstchen heute noch vergnügt hängen blieben; er setzte sich auf den Herd neben sie, und Gritta schaute, während er erzählte, in die weißen Wolken der Töpfe, wie sie mit den schwarzen Rauchmassen davon wirbelten, in denen sich, was in der Geschichte vorkam, ihr bildete.

„Dein Ururururgroßvater hatte seine Kinder gar artig erzogen, bis er Graf wurde; da bekam er aber noch ein Mägdlein und meinte, weil er Graf geworden, dürfe eine kleine Gräfin doch nicht mehr die Rute kosten; so wurden denn die Rutenbäume hier um des Herrn Grafen Schloß gar nicht mehr gepflegt; die kleine Gräfin wuchs auf in aller Unart. Der Graf wußte kein Mittel, sie zu strafen, das nicht das Gräfliche in ihr verletzte. Er kannte noch nicht den Spruch, der jetzt in mehreren Familien gang und gäbe ist: „Heute kriegst du nichts zu essen!“ – und dachte, es werde immer bei den kleinen Unarten bleiben. Aber das war Irrtum; sie entwuchs der Rutenzeit, ward wild, lief in den Wald, blieb Nächte lang aus, kam des Morgens mit wilden Dornenranken, Moos und Nachttau in den fliegenden Haaren stolz nach Haus. In der Frühsonne regte sich besonders ihre Lustigkeit, wenn sie den betauten Gräserfußpfad hinauflief, ihren stolzen Gliederbau dem Himmel entgegen hob und Frühluft trank, dann sang sie die im Walde selbst erfundenen Weisen. So kam sie eines Morgens auch mit einem jungen Bären bepackt, der sie im Walde angefallen und den sie mit ihren festen und starken Gliedern erwürgt, gerade als ihr Herr Papa mit einem jungen Manne sprach, den er ihr zum Bräutigam erwählt. Der Bär mit seinem dunklen Fell hing ihr über die weiße Schulter, und das Blut tröpfelte aus einer Wunde, die seine Tatze ihr geschlagen. Ihre Stimme, die wie die des Windes war, der um die Burg des Nachts sang, erschallte; der junge Graf mit seinem blassen Angesicht und schwarzen Bart schaute sie freundlich an. Sie hatte fast einen kalten Blick, weil alles Feuer ihrer Augen sich tief in sie zurückgedrängt hatte. Aber, meldet die Sage, als sie ihn angeschaut, brach es aus, das Feuer ihres Herzens, ihrer Seele; darum auch, meldet sie ferner, daß sie das Fräulein vom Feuerauge hieß. Jetzt liebte sie den Grafen mit Leidenschaft; sie war nicht seine Braut, das durfte man nicht sagen, sie war sein Geselle, – aber das konnte ihrem Herrn Papa keine Freude machen. Fröhlich eilten sie nebeneinander mit Wurfgeschossen über die Berge und durch Schluchten und auf moosigen Pfaden unter Gebüschen hinweg. Die rauschenden Waldeslüfte strömten ihnen voran, dem Wilde nach; sie sangen zusammen; studierte er, wozu er besondere Neigung hatte, so lernte sie mit ihm. Bis spät in die Nacht saßen sie oft vor den alten Folianten, die Arme in einander verschlungen, eins dem andern helfend.

Ach, der gute, alte Vater wußte gar nicht, wie er sich dabei anstellen solle; er hatte Sorge, daß dies einer jungen Hochgräfin böse Nachrede machen werde; auch bekümmerte ihn das sehr, daß sie so tief in frühere Zeiten sich bewanderten, wo die Welt noch auf der linken Seite mochte gelegen haben. Dies verdroß den Grafen sehr; er mochte nun einmal durchaus nicht leiden, daß sie in den alten Büchern herumsuchten, aus denen die Staubwolken beim Umwenden der Blätter aufstiegen und die alten Bilder mit grinsenden Gesichtern schnell herausguckten; kurz, er wurde immer unzufriedner. Besonders schrieb sich sein Unwille gegen dieses Bücherdurchsuchen daher, weil er einmal in Gemütsruhe im Keller unter dem offnen Kranen am Weinfasse liegend, während der Wein wie ein Bächlein durch die Gebirge und Wiesen seines Innern floß, es ihm vorkam, als ob die Bücher aus der Bibliothek dahergetrampelt kämen und knurrten ihn an und öffneten ihre Blätter und klappten wieder zu, worauf allemal große Staubwolken herausfuhren, die sich zu alten Mönchen und andern dergleichen wunderlichen Gestalten formten, dann umherspazierten und feine Liedchen auf seine Trunkenheit sangen. Diese Spottgesichte konnte er nicht vergessen, und oft schaute er nach dem Rutenstammbaum hinüber, der mit seinen Blättern säuselnd, ihn zu mahnen schien, daß er seinen Einspruch bei der Erziehung der Gräfin abgelehnt habe.

Präsident Maiblümchen Maximiliane Maxe von Arnim, Joseph JoachimEs brach Krieg aus, der junge Graf zog mit einem Fähnlein Reiter fort. Jetzt glaubte der alte Herr die junge Gräfin unter seiner Regierung zu haben; er wollte, sie solle still zu Hause sitzen und einen Kaminschirm sticken. Ihr pochte es in allen Gliedern, und wenn sie durch die Schloßfenster hinausschaute auf die blauen Berge, die gleich einer Mauer vor einem tatenkräftigen Leben ihr lagen, wurde es ihr oft so eng, daß sie die Vorhänge ihres großen Himmelbettes aufriß und mit den Kissen zu bombardieren anfing, so daß die Federn stiebten; bald ließ sie diese wider die goldnen Engel fliegen, die die Federkrone des Betthimmels trugen, bald in die und jene Ecke. Kam nun der alte Graf in solchem Augenblick, wo alles krachte und knarrte, in ihr Zimmer, so zog sie schnell die Gardinen ums Bett und steckte sich unter ein großes Federbett, was sie fest um sich wickelte. Da stand nun der Graf und predigte ihr Stunden lang vor. So kam er auch wieder eines Morgens, mit einem Arm voll Seide zu jenem Kaminschirm, den sie noch nicht angefangen hatte; da lag wieder das große Federbett; der Graf stellte sich davor und zankte, aber heut blieb das Federbett besonders ruhig liegen; – sonst hatte sie zuweilen ihren Kopf hervorgestreckt und ihn dann schnell wieder zurückgezogen. Endlich ward der Graf über ihren Mangel an Anteil zornig, daß er sich Mut faßte und das Federbett herunter riß. Aber siehe, der Fleck war leer und nichts dahinter. Während der Graf am Abend vorher in Gemütsruhe unter dem Kränchen eines uralten Fasses lag, öffnete sich das Tor des Schlosses und die Gräfin mit einem Bündelchen schritt heraus. Ganz still und für sich schaute sie umher auf die nachtenden Berge, und ihr lichtbraunes Haar floß leise im Abendwind daher; sie zog zur Armee. Als sie anlangte, empfing sie der junge Graf mit großen Freuden. An seiner Seite zog sie mit zu Felde, focht neben ihm und verfolgte ihn mit den Augen, dem entgegentretend, der das Schwert gegen ihn schwang.

Am Abend saßen sie an den Wachfeuern, die müden Glieder ausgestreckt auf ihren Mänteln; da wehte der kühle Nachtwind über die lustige Schaar hin und kühlte die heißen Köpfe.

Die Soldaten rauchten, sie sang, erzählte alte Weisen, und alle waren fröhlich und gut in ihrer Gegenwart. Es verglimmten nach und nach die Kohlen, der Himmel breitete seinen Nachtmantel aus mit den unzähligen Sternen. Da wußte die junge Gräfin erst, wozu sie geboren war; sie erhob sich leise und betrachtete den schlummernden Grafen und vertiefte sich in die Ruhe seiner edlen Züge und las wie in einem Buch die schönsten Lieder an den Frühling, an die aufgehende Sonne oder den Mond, je nachdem das Antlitz des Grafen oder auch ihr eignes Gemüt gestimmt war; sie schrieb dies alles mit ihrer Messerspitze in die Rinde der Bäume umher. Dann schlummerte sie ein Weilchen, während Göttinen, man nennt sie Musen, ihrer sind Neune, voran ein schöner Musenjüngling, einen schwebenden Tanz über ihrem Haupte aufführten und allerlei Träume ihr zusendeten.

Eines Morgens zogen sie aus dem Quartier, die Trommel tönte; sie hatte die dem Tambur abgenommen und trommelte einen Marsch, zu dem sie sang von der Kriegslust. Die Soldaten hörten begeistert zu, sonderbar wirbelten die Trommeltöne wie ein Lied, aus ihrer Brust geschaffen, in den blauen Himmel empor. Da kam eilig des Weges ein Bote, der sagte, der alte Graf liege auf dem Todesbett; zwar habe er verboten sie zu rufen, aber der alte Schloßkaplan habe ihn ausgeschickt.

Amalie St. Malo von Herder, Joseph JoachimSchnell reichte Gräfin Bärwalda dem Grafen zum Abschied die Hand und ritt davon. Eine unnennbare Trauer erfaßte sie, als sie das Schloß, auf dem selbst die alten rostigen Wetterhähne die Flügel zu hängen schienen, erblickte. Es sagte ihr alles, ihr Herr Vater lebe nicht mehr. So war es auch, das ganze Schloß war leer; alle Diener und Hausleute waren furchtsam geflohen und hatten die alten Mauern allein stehen lassen. So zog sie in ihr Erbe ein, das einzige was ihr blieb; rasch sprang sie vom Pferde und klopfte leise seinen Hals, als wolle sie sagen: „Bald reiten wir wieder davon!“ Dann warf sie ihm die Zügel auf den Bug, und es trabte mit lautem Hufschlag in den leeren Schloßhof. Der Schloßkaplan schlich in den leeren Gemächern herum, halb als wenn er sich vor ihr scheue, halb als wenn er sie bemitleide; ängstlich übergab er ihr die Schlüssel und ging eilig davon. Die Gräfin stellte sich an ein hohes Fenster und schaute hinaus auf die dunklen blauenden Berge in der Ferne. Sie liebte ihr altes Erbe so, und doch war es ihr, als drücke ihr etwas schwer auf dem Herzen. Die Sonne ging unter, sie erhellte das Gemach und die braune Ledertapete mit einem leisen Schimmer. Da kam der alte Schloßkaplan herein, wich aber scheu zurück vor ihr; sie verlangte, er solle bleiben und alles sagen, was er auf dem Herzen habe.

Nach langem Zagen sagte er endlich, der Graf hätte immer zornig über sie geschwiegen; aber in der letzten Stunde habe er gesagt, es sei gesündigt, daß er nicht die Reiser vom Rutenbaum zu ihrer Erziehung gebraucht; darum habe er den Gram erleben müssen, daß sie davon und unter die Soldaten gegangen sei. Er verwünsche sie, daß sie selbst im Grabe keine Ruhe finde, bis der Rutenbaum vertrockne, und der solle nicht eher vertrocknen und mit frischer Kraft fortblühen, bis ein Mädchen aus ihrem Geschlecht so gut sei, daß es nie eine Rute verdiene.“ Der alte Mann hatte ausgesprochen; die junge Gräfin schwieg und schaute nach der sinkenden Sonne; ihr Glück sank mit ihr.

Da tönten Schritte die öde Burgtreppe hinauf, der Bote trat ein mit einem Schreiben. Der junge Graf war in der Schlacht gefallen; sie schwieg und ging in ihr Turmzimmer, was auf die Gegend hinausschaute, von wannen der Bote gekommen war. Die alten Bücher, in denen sie studierte, lagen um sie her. So saß sie im Lehnstuhl, dem Fenster gegenüber, bis in ihr spätes Alter.

Niemand traute sich in die Nähe dieses Gemachs. In den Wald ging sie noch oft, und fortgewirkt hat sie noch lange. Woher kommt es, daß jetzt jenseit der Berge blühende Wiesen und Felder liegen? Oft kam sie von den Bergen herunter geschritten, wenn die Bauern im Schweiße ihres Angesichts unten arbeiteten, mit traurigen Blicken die Stücke messend, deren widerspenstigen Boden sie glaubten nicht bearbeiten zu können. Sie lehrte ihnen diese fruchtbar machen; sie baute sogar ihnen einen eignen Pflug. Die Leute liebten und fürchteten sie. Und doch war es ihnen, wenn sie weg gegangen, als habe sie kein Wort mit ihnen gesprochen, keinen angesehen. Selbst als sie ganz alt war, kam sie an einem Stabe gebückt und schaute mit ihren wunderbaren Augen wie segnend alles an. Die Kinder hatten vor ihr keine Scheu; sie besuchte diese oft im Walde, aber wenn sie gegangen, war es ihnen wie ein schöner Traum, der wieder verschwand. Ich weiß nicht, auf welche Weise sie mag gestorben sein, aber“, sagte Müffert leise, „man will sie nachdem manchmal gesehen haben. Es ist noch kein Kind aus dem Geschlecht so gut gewesen, daß es nicht eine Rute verdient hätte. – – Ich glaube gar, daß der Rutenbaum vertrocknet! Ach, was für eine kleine artige Gritta wir haben!“

Caroline Bardua, Sir Odillon verlässt den Kaffeter. Ottilie von Graefe heiratet Hermann von Thile, Joseph Joachim„Wo weißt du denn alles her?“ fragte Gritta, deren Augen ganz groß vom vielen Erstaunen und Zuhören geworden.

„Ja, Kind! Sieh, das kenne ich, erst, seitdem ich Schneider geworden, und die großen Bände aus der Schloßbibliothek zum Zeug verbrauchte.“

Er schwieg ein Weilchen – dann sagte er nachdenklich: „Ich weiß eigentlich nicht, was Fräulein Bärwalda gesündigt hat; daß sie die Faulheit nicht liebte, gefällt mir, aber was den bösen Worten des Grafen Wirkung gab, war wohl, daß sie dem alten Herrn davon gelaufen war. Die Brüder des Fräuleins sahen sie nicht und hatten sie auf dem alten Schloß, ihrem Erbe, allein gelassen.“

Gritta schüttelte sich, wie ein Vögelchen seine Federn schüttelt: „Horch, mir ist, als klopfe etwas!“ Ein Windstoß fuhr durch den Schornstein hernieder, es pochte unten, und eine jugendliche Stimme schien hie und da durch den Sturm zu dringen, als suche sie ihn zu überbieten. „Ach, die Ahnfrau vom Rutenbaume!“ sagte Gritta zu Müffert, erschrocken aufschauend. Es war jedoch anders.

Bilder: Via Joseph Joachim: Joseph Joachim to Gisela von Arnim, November 27, 1853, 1. Januar 2015:
Gisela von Arnim;
The Kaffeter, 8. Januar 2017: Ottilie von Graefe für die Kaffeterzeitung, 1843 bis 1848:

  • Präsident Maiblümchen Maximiliane „Maxe“ von Arnim;
  • Amalie „St. Malo“ von Herder;
  • Caroline Bardua: Sir Odillon verlässt den Kaffeter (Ottilie von Graefe heiratet Hermann von Thile), Frontispiz für die Kaffeterzeitung, 5. Jahrgang, Nr. 1, 1847.

Soundtrack: Mozart: Hornquintett Es-Dur, KV 407 (386 c) live auf dem Whittington International Chamber Music Festival zu Shropshire, Mai 2016 mit Katy Woolley, der Ersten Hornistin beim Londoner Philharmonia Orchestra am Waldhorn:

Written by Wolf

27. Juli 2018 at 00:01

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn

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Update zu Trotzki, Fauser und die Goetheforschung:

Wenn mal Schinkenspeck nicht da ist
Den ein Kunde haben muß
Dann sagt sie nicht voller Freude:
Ham wa nich! — und damit Schluß
Sondern preist ihm an die Wurst
Und ein Fläschchen für den Durst
Fehlt mal Wurst, gibt es Speck
Und kein Mensch geht wütend weg

Wolf Biermann, a. a. O., 1962.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016

Mit Wolf Biermann bin ich nie richtig warm geworden. Dabei sollte ich ihn mögen: Wir sind nicht weit entfernte Namensvettern, wir haben auf die eine oder andere Art Wurzeln in Mitteldeutschland (wobei mein Vater freiwillig von Leipzig rübergemacht ist), wir haben schon mal im Nebenjob John Donne übersetzt, ich hege weder gegen seine Denk- noch Sing- noch Ausdrucksweise einen Einwand, und solche, die schon mal ein paar nach antiken Patschouliresten müffelnde LPs von ihm ausrangiert haben, sind bass erstaunt, dass ich nicht sein Gesamtwerk horte. Es hat einfach nicht gefunkt.

Einmal hätte es sogar fast gezündet. Wie ein Blick ins Archiv lehrt, schrieb man das Tschernobyl-Jahr 1986, als Wolf Biermann fürs Nürnberger Bardentreffen gebucht war, auf ein Konzert im Burggraben, der eine wunderschöne Spielstätte abgibt.

Für Biermann wollte ich mal lieber beizeiten erscheinen und traf den Künstler etwa eine halbe Stunde vor dem nachmittäglichen Konzertbeginn abseits der Bühne hinter einem hohen Bauzaun, wie sie damals wohl in Mode waren, auf der Wiese umherschlendernder- und rauchenderweise persönlich an.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Nun war mein frisch volljährig gewordenes Ich unter Bekannten ein berüchtigter Witzbildchenmaler, der immer Schreibzeug einstecken hatte, und unter Berühmten ein berüchtigter Autogrammsammler, der alles unternahm, um das Rückporto für die Autogrammpost zu umgehen. Daher schien es mir natürlich, das Schreibzeug durch die Maschen des Bauzauns zu zwängen und zu sagen:

„Herr Biermann?“

Herr Biermann blies Zigarettenrauch durch die Nase und schaute auf in meine Richtung. Gar nicht mal so unfreundlich.

„Krieg ich bitte ein Autogramm?“

Herr Biermann blies Zigarettenrauch durch die Nase, überlegte kurz und blaffte:

„Nein!“

Laut, mit Körpereinsatz und katerhaft gesträubtem Schnurrbart. Damit verschwand er mit halbgerauchter Zigarette entschlossenen Geschwindschrittes unter das Bühnengestänge und ward nicht mehr gesehen. Jedenfalls nicht von mir, denn den Nachmittag verbrachte ich dann doch nicht auf dem Burggrabenkonzert mit Wolf Biermann, sondern im Altstadthof mit ungespundetem Bier, und dieser harsche Patron sollte sich fortan seine selbergestrickten Klampfenliedchen gefälligst selber anhorchen.

Das war nie wieder gutzumachen — von meiner Seite aus, mein ich. Sollte ich entgegen meiner Erinnerung tatsächlich das „Bitte“ aus meinem unverschämten Ansinnen weggelassen haben, kann Herr Biermann zweifellos gut mit seinem Benehmen leben, aber er hätte gern sofort damit anfangen können und nicht … Ach, ist ja wurscht seit über dreißig Jahren.

Biermann-Platten hab ich aus diesem traumatischen Vorfall heraus nicht mal angeschafft, als die CDs für zweifünfundneunzig auf dem Ramsch lagen, und dieser Tage hat es mich mehr als die 1,50 Euro gekostet, als sein Buch Wie man Verse macht und Lieder. Eine Poetik in acht Gängen in der Fußgängerbremse vorm Oxfam stand. Am Anfang kommt der Faust vor, da kann ich’s ja nicht einfach stehen lassen. Für den Preis.

Übrigens sind die Konzerte auf dem Bardentreffen bis heute gratis, die Liter-Bügelflasche „Bier von hier“ aus dem Altstadthof — damals noch eine einzige Sorte — kostete vier Mark. Da können sie mit seinen Büchern umsonst den Gehsteig pflastern, was dem Herrn Gebrauchslied-Proletarier ja nur recht sein müsste, der Biermann schuldet mir ungefähr drei- bis fünfmal 2,0451 Euro. Ohne Pfand, das hab ich schon selber wieder eingetrieben.

Spätestens seit letzter Woche, in der ich seine Poetik quergelesen hab, weiß ich, was ich vierzig Jahre nur ahnte: Ich verpasse was.

——— Wolf Biermann:

Politisch Lied, privates Lied

Erste Vorlesung, 11. November im Wintersemester 1993/94 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,
aus: Wie man Verse macht und Lieder. Eine Poetik in acht Gängen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997, Auszüge aus Seite 8 bis 33:

[…] Die Heine-Professur in Düsseldorf soll mich nicht professorale Erstarrung locken. Profssor Klaus hat mit mir in meiner Jugend auf der Humboldt-Universität zu Berlin das mathematische Schlittschuhlaufen trainiert. Wolfgang Heise hat mir den doppelt marxistischen Rittberger beigebracht. Ja, ich kann sogar die hegelsche Pirouette drehn. Aber ich bin kein gelehrter Esel geworden und will bei Ihnen nicht aufs Düsseldorfer Glatteis zum Tanzen.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Das heißt noch lange nicht, daß ich Ihnen nichts mitgebracht hätte. Ich komme hier bei Ihnen vorbeigelaufen wie früher auf den Straßen der Kleiderhändler mit ein paar abgewetztenLumpen auf der Stange. Viel Neues werde ich Ihnen also nicht liefern können. Aber ein paar abgetragene Hosen könnte die geistige Blöße des einen oder anderen intellektuell abgerissenen Zuhörers doch bedecken.

„Politisch Lied, privates Lied“, steht bei Ihnen auf dem Zettel. Nicht „politisches“, sondern kurz politisch Lied — daran erkennen Sie schon das versteckte Zitat. Also fangen wir mit dem FAUST an. Sie kennen die Szene, sie spielt in Auerbachs Keller des Frankfurter Weimarianers Klein Paris, in der Stadt Leipzig. Da stimmt ein schmerbäuchiges Altsemester ein Lied an, als wärs ein Stück von mir. Sein Song klingt wie ein heutiges Spottlied über den Zerfall des kommunistischen Weltreichs: „Das liebe heil’ge röm’sche Reich,/Wie hält’s nur noch zusammen?“ Dann unterbricht ein andrer akademischer saufkumpan die Singerei mit dem geflügelten Wort: „Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied / Ein leidig Lied! …“ Nun treten auch schon Faust und Mephistoles auf. Der Teufel, bevor er seine große Zaubernummer mit den verschiedenen Weinsorten abzieht, gibt der lustigen Gesellschaft ein kleines böses Lied zum besten, ein Pasquill über einen König und dessen Floh, auch ein garstiges, ein sehr politisches Lied:

Es war einmal ein König,
Der hatt‘ einen großen Floh,
Den liebt‘ er gar nicht wenig,
Als wie seinen eig’nen Sohn.
Da rief er seinen Schneider,
Der Schneider kam heran:
Da, miß dem Junker Kleider
Und miß ihm Hosen an!

In Sammet und in Seide
War er nun angetan,
Hatte Bänder auf dem Kleide,
Hatt‘ auch ein Kreuz daran,
Und war sogleich Minister,
Und hatt‘ einen großen Stern.
Da wurden seine Geschwister
Bei Hof‘ auch große Herrn.

Und Herrn und Fraun bei Hofe,
Die waren sehr geplagt,
Die Königin und die Zofe
Gestochen und genagt,
Und durften sie nicht knicken,
Und weg sie jucken nicht.
Wir knicken und ersticken
Doch gleich, wenn einer sticht.

Bravo! Bravo! Das war schön! brüllen begeistert die angesoffenen Spätsemester. So soll es jedem Floh ergehn! … Spitzt die Finger und packt sie fein! … Es lebe die Freiheit! Es lebe der Wein! — Ja, denke ich, solche Freiheitskämpfer von der Flasche kannte Heinrich Heine auch. Er schrieb den Vers:

Der Knecht singt gern ein Freiheitslied
Des Abends in der Schenke
Das stärket die Verdauungskraft
Und würzet die Getränke.

Und damit sind wir mittendrin in meinem Thema. Politisch Lied, privates Lied. Welcher Knecht singt für welche Knechte, und welche Freiheit meint er? Und was ist eigentlich politisch, was ist privat an Liedern. Ist ein Lied politisch zu nennen, wenn es von politischen Dingen handelt? Oder wäre politisch an einem Lied, daß es politische Wirkungen ausübt? Und dann noch die Haltung, die Richtung, die Tendenz: War etwa das Horst-Weseel-Lied der Nazis auch ein politisches Lied? Bedeutet also das Beiwort politisch eigentlich fortschrittlich oder sogar revolutionär? Und wenn ja, wer entscheidet, welches Fortschreiten Fortschritt wäre?

Wer bestimmt, was in der Geschichte Revolution genannt wird und was Konterrevolution? War Lenin ein Revolutionär? War Stalin ein Konterrevolutionär? Was könnte politisch sein an einem Schlagerlied wie diesem: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn …“ Ist mit dem Wunder, das da beschworen wird, Hitlerdeutschlands Endsieg mit der Wunderwaffe V2 gemeint oder eine Befreiung vom deutschen Faschismus, die, was Wunder! — das deutsche Volk selbst nicht zustande brachte. Oder meint die Schnulze nur das Wunder einer berauschenden Liebesnacht in nicht gerade berauschenden Zeiten?

Ich werde Ihnen später ein absolut privates Chanson aus Frankreich zeigen, das zum wichtigsten und berühmtesten Lied der Commune de Paris 1871 wurde: „Le temps des cerises.“

Die hochnotpeiniche Anfrage, ob denn meine Lieder politisch genug sind oder ob sie schon allzu privat wurden, kenne ich sei dreißig Jahren. Was da als besorgte Frage daherkommt, ist im Grunde ein Vorwurf; er wird mir gelegentlich von wohlmeinenden Freunden gemacht und von revolutionären Schöngeistern. Von beamteten Weltverbesserern und von verhinderten Inquisitoren wird er mir immer wieder unter die Nase gerieben. Ob nun aus Sorge oder aus Mißgunst und Häme — immer steckt dahinter die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Revolution? Genosse, kämpfst du noch tapfer im vordersten Schützengraben, oder hast du dich ins Private verpißt?

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Hiermit sind wir schon auf Seite 11. Im folgenden hangelt Biermann, der ebensoviele garstige wie politische Lieder kennt, auch in seiner Prosa nicht ohne stilistische Brillanz von einer etymologischen Herleitung der Wörter „privat und „politisch“ samt Bekenntnissen, was er in seiner Eigenschaft als Liedermacher, das ist: berufsmäßiger Verfertiger von Liedern, mit beiden immer anstellen und erreichen wollte, über sein Verhältnis zu Stephan Hermlin samt persönlich wie gesellschaftlich — ja, privat wie politisch — bedeutsamer Anekdoten, in denen zahlreiche DDR-Größen und literarische Anspielungen vorkommen, zu seinen prägenden Erlebnissen mit Hanns Eisler. Das „Faustische“ in dieser Vorlesug kehrt wieder auf Seite 32 — im Bericht über eine öffentliche Veranstaltung mit „junger Lyrik“, die Stephan Hermlin in seiner Eigenschaft als Leiter der Sektion Dichtung und Sprachpflege bei der Akademie der Künste am Robert-Koch-Platz „gegen Ende des Jahres 1962“ begründete, organisierte und moderierte:

Wohl keiner von uns merkte damals, daß wir mit Volker Brauns Freude-durch-Kraft-Gedichte bei Goethe gelandet waren, diesmal am Ende des „Faust“. Mancher hier könnte die berühmten Verse auswendig hersagen: „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin … / solch ein Gewimmel möcht ich sehn …“ Die Lemuren, diese Halbteufel, schaufeln des verteufelten Doktor Fausts Grab. Der Sterbende bildet sich ein, es seien Meliorisationsarbeiten. Der blinde Greis glaubt, es seien so was wie Moorsoldaten mit ihren Spaten oder Männer vom Reichsarbeitsdienst mit ihren Handbaggern, die da Entwässerungsgräben schaufeln für die nationale, pardon, will sagen für die sozialistische Buterproduktion. Bei Goethe betrügt Faust am Ende raffiniert den Teufel mit einem Konjunktiv:

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,
auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön! …

Wir aber genossen diesen Augenblick in der Akademie ohne vorsichtigen Konjunktiv, wir waren jung und arglos. Als Hermlin uns damals mit noblem Pathos Volker Brauns nationale Butter aufs sozialistische Brot schmierte, da klingelte bei mir kein Warnglöckchen. Dieses liebliche Geläut ging mir so angenehm durchs Gemüt wie Heinrich Heines Frühlingslied. Das Tor zur Dichterkarriere war uns nun weit aufgestoßen. Freiheit, Demokratie, Tauwetter.

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß‘ ich jetzt den höchsten Augenblick.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Und wie Faust im Abendlicht der Sterbeszene die Situation mißdeutet, genau so mißverstanden wir die Situation. Für uns war diese Akademielesung eine Sternstunde vor dem Morgenrot. Stephan Hermlin zog jeden einzelnen von uns, jedes neu entdeckte Sternchen am deutschen demokratischen Lyrikhimmel hoch wie eine gelbrote Buttersonne im Emblem der FDJ.

So sonnten wir uns im Licht des Mondes. Zum Glück ist Hermlin kein Zupfgeigenhansel: Der würdige Mann spielt nicht Gitarre, und so durfte ich zum Schluß einige meiner Lieder selbst vortragen. Dabei sang ich vier bänkelhafte Kinderlieder. Wir loben die guten Sozialisten, erstens den Hausarzt, zweitens die Verkäuferin, dann den Verkehrspolizisten und zu gutzer Letzt den Funktionär, der gut funktioniert. Gutmütig-harmloser Spott zwischen den Zeilen, ich war wirklich ein braves Kind der Republik.

Im folgenden arbeitet Biermann noch ausführlich durch Lyrikzitate belegt diese Veranstaltung auf. Das eigene Fazit aus seiner ersten Vorlesung — wir sind inzwischen auf Seite 37 — geht:

Ich suchte immer noch Verständigung, ich liebäugelte immer wieder mit der Chance, den Drachen mit der sanften Gewalt der Vernunft zu überzeugen, ohne daß er die List der Aufklärung merkt und ohne daß er mich packt. Aber mit jedem neuen Lied, mit jedem neuen Gedicht verbaute ich mir die Fluchtwege in den falschen Frieden. Ich schrieb immer etwas mutiger, als ich war, und dichtete dabei immer etwas tiefer, als ich wußte — das sind eben die Gratisgeschenke der Musen.

Ein so braves Kind der Bundesrepublik war Biermann also auch 1993 noch, um im Faust ganz nebenbei die sozialistische Tendenz nachzuweisen: an exponierter Stelle der Wunsch — ja, der letzte Wunsch — der Hauptfigur: „auf freiem Grund mit freiem Volke stehn“, das muss einem erst mal auffallen.

Sehr geehrter Herr Biermann, wenn Sie das hier lesen, können wir uns gerne noch spät einigen: Mögen die Musen ihre Gratisgeschenke verteilen, wie ihnen beliebt, Gratisfreibier gibt’s nicht. Warten wir also nicht auf bessre Zeiten und Sie geben diesmal das Bier aus, dafür will ich kein Autogramm, wie wär’s?

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016

Bilder: Barbara Klemm: Wolf-Biermann-Konzert in Köln, 13. November 1976,
via Barbara Klemm: Mama, die können mir doch nichts wollen?,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. November 2016:

Nach Jahren des Auftrittsverbots in seiner Heimat, der DDR, stand Wolf Biermann am 13. November 1976 in Köln auf der Bühne. Und durfte nicht mehr zurück. Die Geschichte einer historischen Nacht – und eines historischen Bildes

Das mit der Zunge: Barbara Klemm bei gleicher Gelegenheit via dpa für Till Stoppenhagen: Wolf Biermann wid 80. Wortgewalting und umstritten, Hamburger Morgenpost, 15. November 2016:

Noch ist Wolf Biermann auf seinem legendären Köln-Konzert 1976 gut gelaunt – drei Tage später wird er aus der DDR ausgebürgert.“

Soundtrack: Wolf Biermann: Vier Kinderlieder (Wir loben die guten Sozialisten),
aus: VEB — Volkseigener Biermann (Kennt keiner: uralte Lieder vom jungen Wolf), 1988:

Written by Wolf

4. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Unheilige Nacht: Liaber boarisch sterbm ois kaiserlich verderbm

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Update zu Peregrini Bavarici:

Gerci Beck, Schmied von Kochel, 1. März 2010

Über die Sendlinger Mordweihnacht von 1705 merken wir uns sinnvollerweise:

  1. Sie beendete zusammen mit der Schlacht von Aidenbach am 8. Januar 1706
  2. die Bayerische Volkserhebung, vulgo Oberländer Bauernaufstand,
  3. innerhalb des Spanischen Erbfolgekrieges 1701–1714
  4. mit dem Kurfürstentum Bayern auf der Seite von Frankreich;
  5. Sendling war noch kein dreiteiliger Münchner Stadtteil, sondern selbstständiges Dorf;
  6. der ungleiche Kampf bayerischer Bauern und Handwerker gegen die österreichische Kavallerie ergab
  7. etwa 10.000 sinnlose Todesopfer;
  8. bayerischer Herrscher war der Wittelsbacher Kurfürst Maximilian II. Emanuel, vulgo „Max Emanuel“ oder „Max Zwo“,
  9. gegnerischer Kaiser der Habsburger Joseph I.;
  10. im groben ging es um Widerstand gegen das unterdrückerische Besatzungsregime des deutschen Reiches,
  11. der aktuelle Bezug ist die Notwendigkeit, sich einerseits gegen Faschismus,
  12. andererseits gegen Hochverrat zu wehren;
  13. legendenträchtiger Volksheld der Herzoglich-Bayerischen war der der Schmied von Kochel, den es
  14. höchstwahrscheinlich nicht gab und
  15. dessen ungeachtet seiner Virtualität bis ins 21. Jahrhundert ungebrochen mit Hilfe von Denkmälern, Freilichttheaterstücken und sonstiger Folklore gedacht wird.

Anschauliche und lehrreiche Darstellungen bringen

  1. Dr. Michaela Karl: Wider der Besatzung: Lieber bayrisch sterben, als kaiserlich verderben: Der Bauernaufstand von 1705/06, Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek im Literatur-Portal Bayern;
  2. Birgit Magiera: Sendlinger Mordweihnacht als Kalenderblatt für de 24. Dezember 2013,
  3. Jan von Flocken: In der „Mordweihnacht“ starben Tausende Bayern, Die Welt, 25. Dezember 2015.

Zur besagten einschlägigen Folklore merken wir uns

  1. Karl Schillinger, Im Alten Südfriedhof in München steht dieses Denkmal an die Sendlinger Bauernschlacht von 1705, 23. September 2012den bäuerlichen Schlachtruf „Lieber bayrisch sterben als kaiserlich verderben!“;
  2. das Schmied-von-Kochel-Denkmal mit Brunnen in Sendling (Plastik: Carl Ebbinghaus, Architektur: Carl Sattler, Guß: Gießerei Noack) an der Einmündung von der Lindwurm- in die Plinganserstraße;
  3. das Schmied-von-Kochel-Denkmal in Kochel am See;
  4. die in unregelmäßigen Abständen aufgeführten Schmied-von-Kochel-Festspiele ebenda;
  5. die Münchner historische Gruppe „Schmied von Kochel“ e. V., die seit 1981 „alljährlich am Heiligabend um Mitternacht der Hunderten von niedergemetzelten Bauern“ gedenkt. Regelmäßige Treffen jeden zweiten Montag des Monats, 20 Uhr im Augustiner, Neuhauser Straße 27, 1. Stock im Vogelzimmer, Gäste willkommen.

Volkstümlich affirmative Lyrik stammt von

  1. N. N.: Trauerlied zur Gedächtnisfeyer der in der Sendlinger Schlacht gefallenen Gebirgs-Bewohner, Bayerische Landbötin. München 1831,
  2. Johann Carl Mielach: Die Sendlinger Schlacht: ein Oktoberfest-Lied, 1832;
  3. Johann Carl Mielach: Die Sendlinger-Schlacht: eine Ballade, Augsburg 1832;
  4. Sebastian Franz von Daxenberger: Die Sendlinger Schlacht am Christtage 1705: Romantisches Gedicht, München 1833.

Die hiesigen Buidln: stammen von

  1. Gerci Beck: Schmied von Kochel [der in Sendling], 1. März 2010,
  2. Karl Schillinger: Denkmal an die Sendlinger Bauernschlacht, Alter Südfriedhof München, 23. September 2012
  3. mir selber, mit besonders großem Dankeschön an Ralf samt seiner ausgeliehenen Zweitkamera Lexus NX 200, weil mein Akku wieder alle war: Sendlinger Mordweihnacht 1705, Votivtafel Kalvarienberg Lenggries, Schloss Hohenburg, 11. Februar 2014, Kapelle zum schmerzhaften Jesu am Kreuze. Das war mein erstes Wort, das ich je von einer „Sendlinger Mordweihnacht“ gehört hab, und dabei schon der zweite Kalvarienberg, den ich am selben Tag mit dem Ralf erklommen hab. Da fetzt es einen dann doch in die Fresse, wenn man so als tageswandernder Pilger auf einem Juwel der Volksfrömmigkeit lesen muss:

    Mit dieser Tafel haben sich vier unverheirathete Männer, zu dem schmerzhaften Jesu am Kreuze hieher verlobt, nehmlich Johann Schöfman, von dem untern Muerbach, Franz Propst vom Graben, Johann Hochenwiser und Georg Letner, aus der Pfarre von Lengrieß, wegen der großen Gefahr in welcher sie bey der Revolution vor München schwebten, weil sie glaubten daß es unmöglich wäre mit dem Leben mehr davon zu kommen. Aber durch Hülfe und Beystand des schmerzhaften Jesu am Kreuze, kamen sie glücklich wieder zurück. Gott dem Höchsten sey Dank gesagt, Amen.

Oder vereinfacht gesagt: Dann doch lieber nachts um zehne in die Christmette.

Wolf G., Sendlinger Mordweihnacht 1705, Votivtafel Kalvarienberg Lenggries, Schloss Hohenburg, 11. Februar 2014

Stille Nacht: Tom Waits: Silent Night, aus: SOS United, 1989:

Written by Wolf

24. Dezember 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

3. Stattvent: Sie haben kein Geld nicht besessen

with one comment

Wer an dieser Stelle ernstzunehmende Adventsinhalte wünscht, sei innerhalb des Weblogs freundlich auf die Sammlung über Weihnachtsengel (Dezember 2013), die Einschläferungsgedichte von Friedrich Rückert (Dezember 2014), das künstlerische Schaffen über Katzen (Dezember 2015) sowie das künstlerische Schaffen von Katzen (Dezember 2016) verwiesen.

Ludwig Thoma für Dirk Walter, Porträt über Ludwig Thoma: Geburtstag eines Widerspenstigen. Zum 150. des gefallenen Star-Autors, Münchner Merkur, 20. Januar 2017Das bekannte Heilige Nacht. Eine Weihnachtslegende von Ludwig Thoma stammt vom Dezember 1915 bis März 1916, als er Sanitäter an der galizischen Front war, und erschien 1917 im Druck Im Münchner Albert Langen Verlag. Sein gleichnamiges Gedicht von 1913 unter dem Pseudonym Peter Schlemihl hat technisch nichts damit zu tun, erscheint aber wie eine thematische Fingerübung dazu — und sein Gedicht Christmette wiederum wie eine Fingerübung dazu. Da war er allerdings Chefredakteur beim Simplicissimus und bestimmte selber, wer wann womit gedruckt wird.

Jedenfalls schaffen die fünf Vierzeiler Heilige Nacht die gleiche Aussage wie das Versepos in sechs Hauptstücken plus Gesangseinlagen. Ab 1917, als der Weltkrieg verloren zu gehen drohte, kippte der linksliberale Simplicissimus-Verantwortliche mit seinen Lausbubengeschichten und sechs Wochen Stadelheim wegen gedruckter Beleidigung von niederrheinischen Sittlichkeitsaposteln — alles noch in seiner linken Periode — in Nationalismus und Antisemitismus.

Es fällt seit jeher leicht, Thoma (1867–1921) zu unterstellen, aus ihm wäre noch ein guter Nazi geworden, aber es ist komplizierter: 1917 schrieb er noch außer den üblichen judenfeindlichen Artikeln in den Miesbacher Anzeiger hinein: „Warum muß gerade der Bauer die Kriegsanleihe zeichnen?“ mit „Unser Vaterland muß den Krieg durchführen bis zum siegreichen Ende“, 1921 füllte er den Aufnahmeantrag zur NSDAP dann doch nicht aus — im tiefsten Bayern in seiner hässlichsten Erscheinungsform nicht viel anders als eine Generation zuvor in Preußen bei Theodor Fontane (1819–1898) — siehe hierzu vor allem Prof. Dr. Dr. Herbert Grziwotz: Ludwig Thomas Heilige Nacht. Weihnachtsgeschichte eines umstrittenen Juristen, Legal Tribune Online, 24. Dezember 2012. Das reicht offenbar dem postmodernen Markt, von der Heiligen Nacht ungefähr so viele Einspielungen anzubieten wie sonst allenfalls von Peter und der Wolf, Russland 1936.

——— Ludwig Thoma:

Heilige Nacht

Simplicissimus-Gedichte von Peter Schlemihl, Dezember 1913:

So ward der Herr Jesus geboren
Im Stall bei der kalten Nacht.
Die Armen, die haben gefroren,
Den Reichen war’s warm gemacht.

Sein Vater ist Schreiner gewesen,
Die Mutter war eine Magd.
Sie haben kein Geld nicht besessen,
Sie haben sich wohl geplagt.

Kein Wirt hat ins Haus sie genommen;
Sie waren von Herzen froh,
Dass sie noch in Stall sind gekommen.
Sie legten das Kind auf Stroh.

Die Engel, die haben gesungen,
Dass wohl ein Wunder geschehn.
Da kamen die Hirten gesprungen
Und haben es angesehn.

Die Hirten, die will es erbarmen,
Wie elend das Kindlein sei.
Es ist eine G’schicht‘ für die Armen,
Kein Reicher war nicht dabei.

Oder weitgehend deckungsgleich:

——— Ludwig Thoma:

Christmette

Simplicissimus-Gedichte von Peter Schlemihl, 1901 ff.:

So wissen wir, daß Jesus Christ
In einem Stall geboren ist
Zu Bethlehem bei kalter Nacht.
Kein Reicher hat nicht aufgemacht.

Die lagen all im weichen Bett.
Daß auf der harten Liegerstätt‘
Das Kindlein in der Krippe fror,
Kam ihnen nicht betrübsam vor.

Sie hielten es für gar gering,
Wie daß es kleinen Leuten ging.
Was geht sie heut‘ das Wunder an?
Nur Armen ward es kundgetan.

Und, weil’s so schön war, endet das große Verepos Heilige Nacht nach ausreichend Kritik an sozialer Ungleichheit:

Und geht’s ös in d‘ Mett’n, ös Leut,
Na roat’s enk de G’schicht a weng z’samm!
Und fragt’s enk, ob dös nix bedeut‘,
Daß ’s Christkind bloß Arme g’sehg’n hamm.

Soundtrack: Tarquin Britten and the City Boyz: Credit Crunch Christmas, 2008:

Bonus Track: Franziska Well: Christoph Well: Che-Guevara-Landler,
aus: Gerhard Polt und die Well-Kinder: Fröhliche Frohheit, 2010:

Buidl: Dirk Walter: Porträt über Ludwig Thoma: Geburtstag eines Widerspenstigen. Zum 150. des gefallenen Star-Autors, Münchner Merkur, 20. Januar 2017.

Written by Wolf

15. Dezember 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

1. Stattvent: Traudl (Mütter, euch sind alle Feuer, alle Sterne aufgestellt)

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Eigentlich ist niemand auf den Advent angewiesen, um Weihnachten zu feiern; ich zum Beispiel streite das ganze Jahr mit meiner Verwandtschaft, schmeiße das Geld zum Fenster raus und höre Musik, für die jemand Noten lesen lernen musste. Wenn’s endlich das Marzipan ganzjährig gibt, kann ich meine Sissi-DVDs auch Pfingsten anschauen. Das kann jeder.

Wer an dieser Stelle ernstzunehmende Adventsinhalte wünscht, sei innerhalb des Weblogs freundlich auf die Sammlung über Weihnachtsengel (Dezember 2013), die Einschläferungsgedichte von Friedrich Rückert (Dezember 2014), das künstlerische Schaffen über Katzen (Dezember 2015) sowie das künstlerische Schaffen von Katzen (Dezember 2016) verwiesen.

Traudl, Es wird ein Stern aufgehen über Bethlehem. 1. Adventssonntag 1935, Goethezeitportal Weihnachten 2010

Traudl. Es wird ein Stern aufgehen über Bethlehem. Verso: 1. Adventssonntag 1935.

——— Jutta Assel und Georg Jäger:

Weihnachtsgaben
Eine Dokumentation zu Weihnachten 2010

aus: Goethezeitportal, Dezember 2010:

Traudl war acht Jahre alt, als sie ihren Wunschzettel nicht an das Christkind oder den Weihnachtsmann schrieb, sondern diesen nur mit ihrem Namen bezeichnete, weil ihre Schwester nichts von den schönen Sachen erhalten sollte. Die klein gezeichneten Tannenzweige mit Zuckerkringel, Apfel, Baumbehang und Kerze „kriegte man sowieso“. Ihr größter Wunsch war ein elektrischer Stern als Beleuchtung für ihr Zimmer; ferner eine handkurbelbetriebene Puppen-Nähmaschine und ein Puppenherd, den sie bekam. Obschon diese Geräte in eine künftige Hausfrauenrolle nach Art der Mutter einüben sollten, wurde Traudl Chemikerin und blieb Junggesellin. (Nach persönlichen Mitteilungen)

Stattweihnachtslied: Hans Baumann: Hohe Nacht der klaren Sterne, 1936:

In dem Lied wird auf alle christlichen und weihnachtlichen Begriffe verzichtet, stattdessen werden in Abkehr davon die im Nationalsozialismus forcierten Mythen der Nacht (1. Strophe), das Wintersonnenwendfeuer (2. Strophe) und (entsprechend dem nationalsozialistischen Mütterkult) die Mütter (3. Strophe) in den Mittelpunkt gestellt.

Written by Wolf

1. Dezember 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Am deutschesteresteresten

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Update zu Was zusammengehört
und Geibels Wesen und Beruf:

——— Friedrich Rückert:

Grammatische Deutschheit

in: Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1819. Neue Folge, erster Jahrgang 1819, Seite 400:

Neulich deutschten auf deutsch vier deutsche Deutschlinge deutschend,
Sich überdeutschend am Deutsch, welcher der deutscheste sey.
Vier deutschnamig benannt: Deutsch, Deutscherig, Deutscherling, Deutschdich;
Selbst so hatten zu deutsch sie sich die Namen gedeutscht.
Jetzt wettdeutschten sie, deutschend in grammatikalischer Deutschheit,
Deutscheren Comparativ, deutschesten Superlativ.
„Ich bin deutscher als deutsch.“ „Ich deutscherer.“ „Deutschester bin ich.“
„Ich bin der Deutschereste, oder der Deutschestere.“
Drauf durch Comparativ und Superlativ fortdeutschend,
Deutschten sie auf bis zum — Deutschesteresteresten;
Bis sie vor comparativisch= und superlativischer Deutschung
Den Positiv von Deutsch hatten vergessen zuletzt.

Friedrich Rückert, den mag ich ja. Und jetzt bilde ich mir wunder was darauf ein, als erster im großen bunten Internet die Quelle mit der originalen Rechtschreibung ausfindig und zugänglich gemacht zu haben. Dankeschön.

Die Reinigung von allem „Undeutschen“ und „Unvolkstümlichen“ war zur Zeit der Napoleonischen Befreiungskriege 1813 bis 1815 zur Mode geworden; siehe auch: Friedrich Ludwig „Turnvater“ Jahn: Deutsches Volksthum, Abschnitt Achtung der Muttersprache, Niemann und Comp., Lübeck 1810.

Johannes Sadeler, Germania, 1594

Bild: Johannes Sadeler I nach Hans von Aachen, Germania, aus der Serie „Quatuor Europae nationes“, 1594.
Kupferstich, 22 x 25,8 cm, München, Staatliche Graphische Sammlung
via Rainer Schoch im RDK Labor: Germania, 2014:

Nach Entwürfen von Hans von Aachen und mit Widmung an den Geographen Abraham Ortelius schufen Johannes und Raphael Sadeler 1594 die Kupferstichfolge der „Quatuor Europae nationes“: Italia, Germania, Francia und Hispania sind jeweils in einem Götterpaar personifiziert. Für Germania steht Ceres mit Krone und Szepter, umgeben von Gegenständen ihres Erfindungsreichtums: dem Pflug, der Uhr, dem Kupferstich, der Druckerpresse, dem Schießpulver und zahlreichen Waffen. Trotz der vielen kriegerischen Attribute ist ihr Bacchus als Gefährte zugeordnet; Zecher vor einem Wirtshaus im Hintergrund verweisen auf die Trinkfestigkeit der Deutschen. Germania verkörpert keinen politischen Nationalbegriff, sondern charakterisiert eine Kulturnation. Dieser allegorische Völkervergleich knüpft an die kulturgeographische Literatur des Humanismus an und fügt sich in den enzyklopädisch-allegorischen Kontext der niederländischen Bilderfolgen.

Klangspur: Die 82 schönsten deutschen Märsche aus der öffentlichen Domäne:

Und weil ich Sie schlecht mit geschlagenen vier Stunden Marschmusik im Ohr sitzenlassen kann, noch 2:03 Minuten der urdeutschen Fertigkeit des Jodelns und dem Spielen mit Gegebenheiten der deutschen Sprache — im Walzertakt und in der entspanntesten Weise und einer Virtuosität, dass man ihm spontan dankbar die Hand schütteln möchte, im spätneuzeitlichen Bacchus-Tempel zum Schimmelwirt dargeboten vom ehemaligen deutsch-niederbayerischen Nationalbarden Fredl Fesl zwischen erfindungsreichen Deutschen, ihre Trinkfestigkeit demonstrierend, 1976:

Written by Wolf

3. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Herrschaft & Revolte

Einigen wir uns auf Unentschieden

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Update zu Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her:

Für Friedrich kämpfend sank er nieder,
So wollte es sein Heldengeist.
Unsterblich groß durch seine Lieder
Der Menschenfreund, der weise Kleist.

Grabdenkmal für Ewald Christian von Kleist, seit 1780.

Hans Mentz, dem ich jedes Wort glaube, unterstellt in seinem Humorkritik-Artikel Lieblingsplagiat in der Titanic vom Juni 2017 auf Seite 51, Monty Python hätten 1975 in Die Ritter der Kokosnuß ein „dreistes Plagiat“ geliefert. Mentz stützt sich dazu auf eine Beobachtung des Lesers S. aus G. und lässt den Erfindern der postmodernen Komik wohlwollend durchgehen, dass sie nicht alles allein aus dem Boden stampfen können, aber dergleichen würde ich ungern auf Monty Python sitzen lassen.

Gottfried Hempel, Ewald Christian von Kleist, 1751, Gleimhaus HalberstadtDie im kollektiven Gedächtnis gut verankerte Szene mit dem Schwarzen Ritter „parodiert bzw. plagiiert laut S. ein Ereignis, welches sich tatsächlich zugetragen und in die Literatur Eingang gefunden hat (nachzulesen in Reimar F. Lachers Buch „‚Friedrich, unser Held‘ – Gleim und sein König„, Wallstein).“ Das Buch ist auffind- und lieferbar, liegt mir aber leider nicht vor (19,90 Euro, erschienen im Februar 2017). Weiter Mentz:

In einem Brief vom 26.9.1759 an Johann Wilhelm Ludwig Gleim schildert Samuel Gottlieb Nicolai, wie sich der Dichter Ewald Christian von Kleist in der Schlacht bei Kunersdorf im Siebenjährigen Krieg [am 12. August 1759] Verletzungen zuzog, an deren Folgen er schließlich starb.

Siehe Nicolais Briefausschnitt unten.

Jener Kleist, der sich nicht mit dem gleichnamigen Selbstmörder mit den brillanten Aufsätzen deckt, ist mir ein Begriff, weswegen ich umso hellhöriger geworden bin: Dessen Sämtliche Werke hab ich mir spontan mit ungefähr 14 Jahren als Reclamheft gekauft, weil es eben ein taschengeldverträgliches Reclamheft war (6,40 DM), auf dem ausdrücklich „Sämtliche“ und kein diffuses „Gesammelte“ oder überhaupt keine näher bezeichneten „Werke“ stand, und weil ich schon den verwandten Heinrich von den Tempel-Klassikern (15 DM) hatte.

Begeistert war ich von seiner schäferidyllischen Lyrik nie, aber heute, in einem Alter, in dem man ernstlich anfängt, sich zu fragen, wie ein Mensch beschaffen sein muss, damit er „Korrektheit des Ausdrucks, glücklich gewählte Bilder, in denen er gewöhnlich die Natur lebendig zeichnet, sowie Fülle und Wohlklang der Diktion“ mit einer Todesart vereinen kann, die zwei Jahrhunderte später als Parodie taugt, habe ich das Bedürfnis, bei dem Freimaurer und Offizier um Entschuldigung zu bitten. Es scheint wirklich, er war ein guter Mensch.

——— Samuel Gottlieb Nicolai:

Brief an Johann Wilhelm Ludwig Gleim, 26. September 1759,
aus: Reimar F. Lacher: „‚Friedrich, unser Held‘ – Gleim und sein König„, Wallstein Verlag 2017,
cit. Hans Mentz: Lieblingsplagiat, aus: Humorkritik, in: Titanic, Juni 2017, Seite 51:

Er half 3 Batterien erobren; und ward an der rechten Hand verwundet. Er hielt den Degen in der linken Hand; Er ward in den linken Arm geschoßen und da Er den Degen nicht mehr halten konte faßte er ihn mit dem Daum und zwei lezten Fingern der rechten Hand … Er rief die Fahnen zu sich. Sie kamen, Er faßte einen Fahnenjunker an, der schon 3 Fahnen trug und will weiter. Das Bataillon folgte. Ohngefehr 30 Schritte von einer neuen Batterie zerschmettern ihm zwischen 4 und 5 Uhr 3 Cartetschen Kugeln das rechte Bein. Er fiel vom Pferde, versuchte, zweimahl vergeblich wieder aufzusteigen, und blieb in Ohnmacht liegen … Ein Feldscheer kam, band den Schnupftuch um das Bein, goß etwas Spiritus auf die Wunde, und ward durch einen Schuß in den Kopf am fernern Verbinden gehindert.

Emil Hünten, Kleist fällt bei Kunersdorf, Holzstich

In Die Ritter der Kokosnuß wird König Artus von Graham Chapman gespielt, der stark lädierte, aber unbesiegbare Schwarze Ritter ist John Cleese. Zum ersten Mal habe ich in dem Filmausschnitt das Schiller-Zitat entdeckt. Wem fällt’s noch auf?

Bilder: Gottfried Hempel: Ewald Christian von Kleist, 1751,
Öl auf Leinwand, 48,8 cm x 38,8 cm, Gleimhaus Halberstadt;
Emil Hünten (1827–1902): Kleist fällt bei Kunersdorf, Holzstich nach Zeichnung,
aus: F. Bülau, Die deutsche Geschichte in Bildern, 2. Band, C. C. Meinhold & Söhne, Dresden 1862.

Soundtrack: Subway to Sally: Grabrede, aus: MCMXCV, 1995:

Written by Wolf

8. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Herrschaft & Revolte

Münchner Sommerhaiku

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Update zu Japanischer Frühling (Hammer):

Im Teer festgedrückt
ein Löwenbräu-Kronkorken:
nix Route 66.

Megan Lynn W., Waiting in the Rubble, San Diego, April 16th, 2014

Bild: Megan Lynn W.: Waiting in the Rubble, San Diego, April 16th, 2014 (mit detailreicher Ansicht):

I did this photo as a sort of homage to all the people that work really hard with no reward — waiting for something good to happen. Interns, people looking for jobs, or people generally just down on their luck. A lot of the time we have to be in really bad situations for a really long time in order for something good to happen. I know I’ve had firsthand experience with this, and a few people close to me have as well.

I did the formatting similarly to that of Rachel Baran’s partly because I love her work, but mostly because I wanted the „road closed“ and not wanted sings to be of less importance. It’s not really about why or what is blocking the way, but how you handle it. *breaks into song* ITSSS THE CLIIIMB

There’s my schpeel.

Soundtrack: Miley Cyrus: The Climb, aus: Hannah Montana: The Movie Soundtrack, 2009:

Written by Wolf

21. Juli 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Postironismus

Nachtstück 0008: Am oberen Zinnrande eines Bierkrugs

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Update zu den Nachtstücken 0002 und 0004:

David Teniers d. J., Eine Wachtstube, ca. 1642

——— Karl Leberecht Immermann:

aus: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken, 1839,
Erstes Buch: Münchhausens Debüt. Vierzehntes Kapitel:

Die Nacht hatte inzwischen den ersten Strahlen des Frühlichts Raum gegeben, welche den Ofen und die Bänke der Wachtstube mit gelbrötlichen Streifen säumten. Unvergleichlich war die Wirkung eines scharfen Schlaglichtes am oberen Zinnrande eines Bierkrugs, von welchem ein seltsamer, aber verstandner Reflex den Knopf des Feldwebelstocks traf, welcher darüber am dritten Haken hing. Überall tiefe, satte Farbentöne, klare, durchsichtige Schatten! Die Wachtstube schien keine wirkliche Wachtstube zu sein, sie war heute mehr, sie war eine gemalte.

David Teniers d. J., Wachtstube mit der Befreiung Petri, ca. 1645–47

Bilder: David Teniers der Jüngere: Eine Wachtstube, ca. 1642, Walters Art Museum, Baltimore, Maryland;
derselbe: Wachtstube mit der Befreiung Petri, ca. 1645–1647, Metropolitan Museum of Art, New York.

Die 104 Minuten Nachtwache Nachtwache (nur echt ohne „Die“), Neue Deutsche Filmgesellschaft-Filmaufbau GmbH, Göttingen 1949, sind leider flächendeckend getilgt, Because the Night, aus: Patti Smith: Easter, 1978, am kurzweiligsten live:

Written by Wolf

19. Mai 2017 at 00:01

Was denn sonst, bei diesem Sauwetter

with one comment

Update zu Hören wir das Husten einer Grille im Schnee?:

Seht! den Schirm erfaßt der Wind,
Und der Robert fliegt geschwind
Durch die Luft so hoch, so weit;
Niemand hört ihn, wenn er schreit.

Dr. Heinrich Hoffmann, 1844.

You got a lotta time to waste when you ain’t getting wasted,
not a penny to spare when you ain’t getting paid.

Rail Yard Ghosts, 2014.

Heinrich Hoffmann, die Geschichte vom fliegenden Robert, Struwwelpeter, ab 1844

——— Hans Magnus Enzensberger:

Der Fliegende Robert

aus: Die Furie des Verschwindens. Gedichte, edition suhrkamp 1066, Neue Folge 66, Frankfurt 1980:

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! —,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.

Die letzte Geschichte aus der pädagogisch gemeinten Serie passiv-aggressiver Häme gegenüber Kindesmisshandlungen mit Todesfolge, die seit 1845 nie wieder aus dem Buchhandel verschwand, ist noch die versöhnlichste. Was an diesem einzigen Beispiel eines Entkommens im Struwwelpeter so warnend sein soll, hab ich nicht einmal als Vierjähriger verstanden, und seit ich über 18 bin, versteh ich sowieso jedes Jahr weniger.

Wisst ihr nämlich, liebe Kinder, warum den Robert niemand gehört hat, wenn er schreit? Weil er gar nicht geschrien, sondern sich heilfroh eins gegrinst hat, dass er da rauskommt.

Bild: Dr. Heinrich Hoffmann: Die Geschichte vom fliegenden Robert, aus: Struwwelpeter, ab 1844;
Off Road Kids: Rail Yard Ghosts: Dirty Kid Rag, aus: Medicinal Whiskey, 2014:

Written by Wolf

4. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Im bürgerlichen Sinne ungesellige, freundlose Subjekte

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Update zu Bei Ludwig Tieck geheult vor so viel Schönheit,
Unter sotanen Umständen
und Nach einer guten Mahlzeit:

Wie immer sagt es niemand so treffend wie Arno Schmidt. Niemand rezitiert es so glaubwürdig wie Mechthild Großmann (es ergeht ernstliche Triggerwarnung für Arachnophobiker):

Wenn man mehrere große Spinnen zusammen in ein Glas setzt — so geht eine unausrottbar alte Volksweisheit — beginnen sie sogleich miteinander zu kämpfen, ja, fressen sich sogar gegenseitig auf, bis am Ende nur noch die eine, wildeste, zurückgeblieben ist. Es sind also ausgesprochen bissig=ungesellige Tiere, Liebhaber mürrischer Einsamkeit; dabei aber die unbestreitbaren Künstler märchenhafter Gewebe, so abstoßend ihre Sitten — vielmehr Unsitten — zunächst auch scheinen mögen. Ich wage das Diktum, daß alle Dichter — und zwar genau proportional ihrer Bedeutung nach wachsend — im bürgerlichen Sinne ungesellige, freundlose Subjekte waren !

Das ist aus der Arte-Doku Arno Schmidt – „Mein Herz gehört dem Kopf“ zu Schmidts 100. Geburtstag 2014. Das auch:

——— Arno Schmidt im Interview, aus Oliver Schwehm:

Arno Schmidt – „Mein Herz gehört dem Kopf“

ca. 1960, Dokumentation auf Arte, 15. Januar 2014, 22.40 Uhr:

Ein guter Schriftsteller darf weder haben Freund noch Vaterland noch Religion. Das klingt dem Leser aufs Äußerste schockierend und es besagt doch letzten Endes weiter nichts, als dass ich bei einem Freund irgendwann doch einmal im Leben in die Versuchung kommen könnte, die Wahrheit zu beugen, beziehungsweise dass es über dem Vaterland immer noch einen Begriff gibt, zumindest die Menschheit, oder dass es mir, wenn ich mich auf eine Religion einschwöre, unmöglich ist, andere, andersglaubende Völker und Zeiten zu verstehen. Mit anderen Worten, diese scheinbar schockierende Formulierung ist doch wohl der Ausdruck, dass der Schriftsteller objektiv sein muss, eine Art Spiegel der Welt.

Mit Verlaub, das Schockierendste an dieser Aussage ist doch wohl die Art, wie Herr Schmidt sie vorträgt. Würde ein Journalist eigentlich heute noch so ein Interview zulassen, in dem dem Seine Geheiligte Prominenz daherredet wie ein Radiosprecher, der sein Zeug auswendig gelernt hat, bevor er die Frage kennt?

Charles-Amable Lenoir, NarcisseNa gut, wenn es Arno Schmidt wäre, vielleicht schon. Die Arte-Dokumentation steht online, nur leider nicht für Deutschland verfügbar (für China, Iran, Nordkorea und Österreich schon…), und ist käuflich, der Interviewer (es ist nicht Jan Philipp Reemtsma, das wäre zu einfach und außerdem zu früh) samt Datum und Anlass des Unterfangens (Schmidt sieht noch jung aus, vor dem Fenster schaukeln schon die mutmaßlichen Bargfelder Zwetschgenzweige ab 1958, auf dem Tisch prangt als Gesprächsvorlage KAFF auch Mare Crisium — daher tippe ich ziemlich genau auf 1960) sind deswegen seit der ersten und bislang einzigen Ausstrahlung am 15. Januar 2014 nicht ohne weiteres festzunageln.

Gegen diese Diktion eines Kriegsberichterstatters aus dem ersten Weltkrieg (Schmidt ist Jahrgang 1914) lässt sich wohl wenig ausrichten; wer mag sich schon mit einem Radiosprecher anlegen. Da kann man ja erst hinterher nach einer gewissen Erholungspause draufkommen, dass Schmidt von falschen Voraussetzungen ausgeht. Was soll bitte „ein guter Schriftsteller“ sein? Schon Ernst Wiechert oder erst von Thomas Mann aufwärts (Nobelpreisträger mochte Schmidt sowieso nicht)? Und wenn er so gut ist, warum soll er sich mit nichts anderem abgeben als dem Spiegeln der Welt, was immer das ist?

Gut, Schmidt mochte halt außer Nobelpreisträgern auch keine Freunde, Vaterländer und Religionen. Bei seiner Schaffensweise kam er gut ohne dergleichen aus, und ohne Not die Wahrheit beugen (darf ich das verwenden?!) will auch keiner. „Ein guter Schriftsteller“ wäre demnach so ziemlich allein er selbst. Es ist legitim, das in einem Interview zu verbreiten, und es ist gut, heute über die geistigen Mittel zu verfügen, das so schnell zu durchschauen.

Irgendwie mag ich diesen herrlich arroganten Miesnickel ja. Man möchte ihm nach möglichst durchsoffener und -diskutierter Nacht in der sternestillen Bargfelder Heide endlich die vorletzte Flasche Bier aufhebeln und sagen: „Ach komm. Sind doch alles bloß Bücher.“

Und genau dafür würde er einem wahrscheinlich endgültig eine schallern.

Dabei konnte er so schön aus seinem eigenen Werke lesen. Zum Beispiel eine seiner unnachahmlichen Poe-Übersetzungen (übrigens apokryph, weil sie nicht in der Poe-Gesamtausgabe steht; dort steht die von Hans Wollschläger):

Straßen, wo im finstern Leeren
Kranke Engel nur verkehren
Und ein Eidyllion, die Nacht
Hoch auf schwarzem Throne wacht,
Führten jüngst mich in dies Land her
Von Ultima Thules Strand her
Und seinem Dämmersaum,
wild wie Hexentraum
     Jenseits von Zeit, jenseits von Raum.

Bodenlos Tal gewinnt und Spalt
Geflute Höhlen, Titanenwald
Von Formen, nimmer zu begreifen
Vor lauter Thau und Tränenträufen
Berge torkeln immer vor den Küsten,
Lose Meere dort
Meere branden, Ungeheuer,
Auf zu Himmeln wie aus Feuer
Laachen ohne Boot und Lot
Tote Wasser, öd und tot
Stille Wasser, still zuwider
Lilien räkeln schneeweiße Glieder.

By a route obscure and lonely,
Haunted by ill angels only,
Where an Eidolon, named night,
On a black throne reigns upright,
I have reached these lands but newly
From an ultimate dim Thule—
From a wild clime that lieth, sublime,
     Out of space—out of time.

Bottomless vales and boundless floods,
And chasms, and caves, and Titan woods,
With forms that no man can discover
For the tears that drip all over;
Mountains toppling evermore
Into seas without a shore;
Seas that restlessly aspire,
Surging, unto skies of fire;
Lakes that endlessly outspread
Their lone waters—lone and dead,—
Their still waters—still and chilly
With the snows of the lolling lily.

Lilien räkeln schneeweiße Glieder: Charles-Amable Lenoir 1860–1926: A Nymph In The Forest,
unbekannten Datums, sinnigerweise als Narcisse via Aesthetic Time, 18. November 2014.

Written by Wolf

14. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Trotzki, Fauser und die Goetheforschung

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Update zu B und Was zusammengehört:

——— Jörg Fauser:

Trotzki, Goethe und das Glück

aus: Klaus Wagenbach und Michael Krüger, hg.: Tintenfisch. Jahrbuch für Literatur 8, Wagenbach-Verlag, Berlin 1975, gesammelt in: Trotzki, Goethe und das Glück. Gedichte 1974–1979, Rogner & Bernhard, München 1979, Abschnitt II. Geschichte von der riesigen Finnin:

Jörg Fauser Trotzki, Goethe und das Glück, Rogner & Bernhard 1979, Original-Cover via Antiquariat Ketz, MünsterKaum war ich von der Spritze runter,
tappte ich in die nächste Falle:
die Revolution.

Die Revolution hieß Louise,
hatte unglaublich schmale Hüften,
blitzende Augen, flatterndes schwarzes
Haar, kam aus Paris
und war Trotzkistin.

Wir wohnten zusammen in einem
der besetzten Häuser, hielten uns
glänzend in Schuß, hielten es sogar
für Liebe, und ich palaverte,
wenn Palaver gefragt war,
schwenkte Fahnen, wenn Fahnen
gefragt waren, und frühstückte
entgegen allen Lehren
des Großen Vorsitzenden
mit einer Flasche Wermut
und einem netten dekadenten Gefühl
im Bett.

Das ist Glück, dachte ich.

Das ist Glück, sagte ich zu Louise.
Warum lassen wir die Revolution nicht sausen,
das sinnlose Palaver und die Fahnen
und die endlosen Auseinandersetzungen
um die Maschinenfabrik in Shanghai,
suchen uns irgendeinen stillen Winkel
wo ich in Ruhe mein Bier trinken und
zwischendurch mal’n Gedicht schreiben kann,
et du reste l’amour?

Und Trotzki? schrie Louise,
und die Genossen im Knast?
Dein bourgeoises Glück, pah! Bier
und Gedichte, während die Revolution
organisiert wird.

Fausers Nächte. Kampflustig. Jörg Fauser in Berlin, 1983Von da ab ging alles schief. Als ich
im Suff mal mit einer anderen ankam,
ging Louise mit einem Messer
auf mich los. Dann mischte sie
bei einer Frauenbewegung mit und ich
mußte nehmen, was kam:
meistens nur Bier und manchmal irgendeine
neurotische Studentin, und später selbst das
nicht mehr, und dann
schmissen sie mich raus,
und ich zog woanders hin.

Das alles ist etliche Jahre her, aber neulich
traf ich ein Mädchen, das noch in den Kreisen
verkehrt, und fragte sie nach Louise.

Louise, sagte das Mädchen —
die ist wieder in Paris.
Sitzt sie im Zentralkomitee? fragte ich.
I wo, sagte das Mädchen, die hat irgendson
Goetheforscher geheiratet.

An dem Abend trank ich alles durcheinander,
trank wie lebensmüde, aber als ich gestern
an dem Haus vorbeikam — es sieht
inzwischen ziemlich verkommen aus,
absolut deja vu —
dachte ich, naja,
vielleicht hast du doch Glück gehabt.

O-Ton Jörg Fauser in: LEBENdIGITAL, i. e. Jochen Rausch und Detlev Cremer: Trotzki, Goethe und das Glück, aus: Fausertracks, 2005; Video: Kai Dollbaum, 2008:

Bilder: Antiquariat Ketz, Münster, via ZVAB;
Der Tagesspiegel: Kampflustig. Jörg Fauser in Berlin, 1983,
in: Fausers Nächte. Zum 25. Todestag von Jörg Fauser, 17. Juli 2012.

Written by Wolf

3. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen

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Update zu The Raven und der Rabe:

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

Es giebt eine Reihe idealischer Begebenheiten, die der Wirklichkeit parallel läuft. Selten fallen sie zusammen. Menschen und Zufälle modificiren gewöhnlich die idealische Begebenheit, so dass sie unvollkommen erscheint, und ihre Folgen gleichfalls unvollkommen sind. So bei der Reformation; statt des Protestantismus kam das Lutherthum hervor.

There are ideal series of events which run parallel with the real ones. They rarely coincide. Men and circumstances generally modify the ideal train of events, so that it seems imperfect, and its consequences are equally imperfect. Thus with the Reformation; instead of Protestantism came Lutheranism. — Novalis. Moral Ansichten.

Novalis: Religiöse Fragmente, 1799–1800,
verwendet als Motto von Edgar Allan Poe: Das Geheimnis um Marie Rogêt, 1842.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

——— Edgar Allan Poe:

Das Geheimnis um Marie Rogêt

Snowden’s Ladies‘ Companion, November und Dezember 1842, Februar 1843;
Übersetzung von Hans Wollschläger für: Poe. Werke I [von IV Bänden], Walter-Verlag AG Olten und Freiburg im Breisgau, 1966:

So etwas wie einen noch unerforschten oder auch nur selten besuchten Winkel inmitten der Wälder und Wäldchen kann man sich ja nicht einen Augenblick lang mehr vorstellen. Lassen Sie och einmal einen, der im Herzen ein Freund der Natur ist, doch aber von seiner Pflicht an den Staub und die Hitze dieser großen Metropole gekettet, — lassen Sie einen solchen doch einmal den Versuch machen, selbst während der Wochentage seinen Durst nach Einsamkeit inmitten der Schauspiele lieblicher Natur zu stillen, welche uns unmittelbar umgeben! Bei jedem zweiten Schritt wird er den aufsprießenden Zauber von der Stimme und dem persönlichen Eindringen irgendeines Lümmels oder einer Gesellschaft von zechenden Strolchen verjagt finden. Noch unter dem dichtesten Blätterdach wird er die Einsamkeit vergeblich suchen. Hier gerade sind die Schlupfwinkel, wo sich das Gesindel am meisten herumtreibt — hier sind die Tempel am meisten entweiht. Mit Ekel im Herzen wird der Wanderer zurückfliehen ins befleckte [Preisfrage: Von welcher Stadt ist eigentlich die Rede?] — als den weniger widerlichen, weil weil weniger widersinnigen Pfuhl der Verderbnis. Doch wenn die Umgegend der Stadt schon während der Arbeitstage der Woche so sehr belagert ist, wieviel mehr dann erst am Sabbat! Denn gerade jetzt sucht der Strolch aus der Stadt, befreit von den Ansprüchen der Arbeit oder beraubt auch der gewöhnlichen Gelegenheiten zum Verbrechen, die Randgebiete auf, nicht aus Liebe zum Ländlichen, denn das verachtet er aus innerstem Herzen, sondern um den Zwängen und Konventionalitäten der Gesellschaft zu entrinnen. Er sehnt sich weniger nach der frischen Luft und den grünen Bäumen als nach der gänzlichen Ungebundeheit des Landes. Hier, in der Schenke an der Landstraße oder unter dem Blätterdach der Wälder, von keinerlei Blicken gehindert, es sei denn denen seiner Zechgenossen, gibt er sich all den wahnsinnigen Ausschweifungen einer verlogenen Fröhlichkeit hin — dem Ergebnis von Freiheit und Branntewein.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

——— Originaltext aus der Erstveröffentlichung in Snowden’s Ladies‘ Companion, Teil III: Februar 1843:

Such a thing as an unexplored, or even an unfrequently visited recess, amid its woods or groves, is not for a moment to be imagined. Let any one who, being at heart a lover of nature, is yet chained by duty to the dust and heat of this great metropolis — let any such one attempt, even during the week-days, to slake his thirst for solitude amid the scenes of natural loveliness which immediately surround us. At every second step, he will find the growing charm dispelled by the voice and personal intrusion of some ruffian or party of carousing blackguards. He will seek privacy amid the densest foliage, all in vain. Here are the very nooks where the unwashed most abound — here are the temples most rife with desecration. With deadly sickness of the heart the wanderer will flee back to the polluted Paris as to a less odious because less incongruous sink of pollution. But if the vicinity of the city is so beset during the working days of the week, how much more so on the Sabbath! It is especially that, released from the claims of labor, or deprived of the customary opportunities of crime, the lower order of the town blackguard seeks the precincts of the town, not through love of the rural, which in his heart he despises, but by way of escape from the restraints and conventionalities of society. He desires less the fresh air and the green trees, than the utter license of the country. Here, at the road-side inn, or beneath the foliage of the woods, he indulges, unchecked by any eye except those of his boon companions, in all the mad excess of a counterfeit hilarity — the joint offspring of liberty and rum.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

Eine Reihe idealischer Begebenheiten, die der Wirklichkeit parallel läuft: Brombas Berge: Berg-Neuigkeiten: Münchens Isar: Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

Soundtrack als Lebensgefühl: Spider Murphy Gang: Sommer in der Stadt, aus: Tutti Frutti, 1982.

Written by Wolf

1. Juli 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Helmstedt-Marienborn (Mitternacht) — Arizona (noon).

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer:

Arno Schmidt zählt zu den „schwierigen Autoren“ — ich kann’s nicht mehr hören.

Ist doch Kwattsch. Gut, man sollte schon vor Arno Schmidt einiges andere gelesen haben, aber unter 20 entdeckt man den doch sowieso nicht. Die gelinde gesagt eigenwillige Rechtschreibung voller „SilbmKünste & BuchstabmSchurkereien“ (Schmidt, Zettel’s Traum, 1970) und in den Typoskripten die Aufteilung in Schreibmaschinenspalten, das sind verdammte Versuche, dem Leser entgegenzukommen — um den Text geradewegs hörbar zu machen, und was soll ich sagen: Es funktioniert, da wird der Herr Schmidt sogar oft genug hörbar wahrer Rock ’n‘ Roll — oder in seinem Falle passender: schmissiger deutscher Schlager.

Wenn man nicht andauernd mit so einem distanzierten Kadaverrespekt vor der hehren Nachkriegsliteratur anfängt und sich nicht vor Schmidts ständig ausgestellten herrlichen Gelehrtenarroganz ängstigen lässt, merkt man erst, was selbst sein Opus magnum Zettel’s Traum für einen Heidenspaß macht. Dann spart man sich nebenbei die Radiomitschnitte, die inzwischen eh kaum mehr zu haben sind, und wenn, dann zu connaisseurhaft überzogenen Preisen. Schmidt hat alles unternommen, damit man ihn schon auf dem Papier hört. Das sind Erleichterungen, wie sie uns nicht gleich einer aus seiner Liga geschenkt hat.

Absichtlich außerhalb aller gesamtdeutschen Gedenktage gibt’s heute das Opus parvum Trommler beim Zaren über eine Grenzüberschreitung: im Schwierigkeitsgrad eher harmlos, mit allerhand Fernfahrerromantik und einem richtigen Spannungsbogen. Und das ist jetzt der Tipp des Jahres zur Unterrichtsgestaltung für Deutschlehrer: Es ist eine ganz und gar schulbuchmäßige Kurzgeschichte randvoller diskussionsträchtiger Bedeutungsebenen mit höchstem intredisziplinärem Potenzial, ausnahmsweise ohne Schmidts übliche Altmännerferkeleien, also durchweg jugendfrei, und mit dem Unterschied zum ewigen Heinrich Böll, dass man sie gerne liest. Kommt schon, tut eurer Mittelstufe was Gutes, für niemand anders als euch hab ich doch in nächtelanger Frickelarbeit die zuschandenkorrigierte Version in der Zeit auf die zuverlässig zeichengenaue nach der Studienausgabe zurückgeführt.

Zu den Bildern: Es kann sein, dass ich damit ein exquisites Fundstück aufgetan hab: Zuerst wollte ich ja fünf von den noch besser komponierten, weit wirksamer bedrückenden aus Karl-Heinz Stürings Grenzstreife von etwa 1958 bis 1959 — der mir aber dafür, dass er nicht auf meine Anfrage antwortet, entschieden zu gefährlich mit dem Copyright herumwedelt.

Im zweiten Gedanken bin ich so frei, mich aus der Veröffentlichung zur Heiligenseer Grenze zur DDR von Frank-Max „Postmaxe“ Polzin zu bedienen, der dazu anmerkt, die Bilder stammten „u.a. vom Heimatfreund Arno Schmidt […] und dem Heimatmuseum Hermsdorf.“ Es kann sein, sage ich, dass manche der 22 Bilder, von denen ich fünf verwende, vom Schreiber des Textes unabhängig von demselben stammen (fünf sind für die Textmenge eigentlich zu wenig, aber es gab nicht mehr Hochformate. Dafür wird nur zum aufschlussreichsten Bildmaterial zur Zonengrenze verlinkt). Es kann sein, sage ich, weil die Bilder nicht einzeln ausgewiesen sind und jemand, der vor Jahrzehnten Teile der innerdeutschen Grenze fotografiert hat, schon mal Arno Schmidt heißen und dabei ein „Heimatfreund“ sein kann, ohne nachmals Zettel’s Traum schreiben zu müssen. Es kann sein, sage ich, weil der Arno Schmidt, der das eben doch getan hat, auch mit Fotografien hervorgetreten ist, in ganz ähnlicher Machart — mit demselben Blick für die Poesie der provinziellen Tristesse. Es kann sein, sage ich, weil dann unter 5 von 22 Bildern mit 23 % Wahrscheinlichkeit eins von Arno Schmidt dabei wäre.

Aus thematischen Gründen wird der Soundtrack ausnahmsweise vorneweg ausgegeben, um einen Ohrwurm für die Geschichte zu setzen: C. W. McCall: Convoy, aus: Black Bear Road, 1975, in Sam Peckinpah: Convoy, 1978. Stellen Sie das recht gelungene Fan-Video mal spaßeshalber auf Vollbild, lesen Sie dann den Trommler beim Zaren mit sotaner Tonart im Ohr, schauen Sie mir in die Augen und sagen dann noch einmal, dass Arno Schmidt zu den „schwierigen Autoren“ zähle.

Wer — womit ich ausdrücklich nicht nur die Deutschlehrer aufrufe, die sowieso nie was merken — wer findet das Faust-Zitat bei Schmidt? Die Kommentarfunktion ist geöffnet. A-one, a-two:

——— Arno Schmidt:

Trommler beim Zaren.

Niederschrift des Typoskripts 22. August 1959, verderbt in: Die Zeit, 19. August 1960,
gültige Erstausgabe in: Trommler beim Zaren, Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1966,
zeichengenau cit. Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe 1: Romane Erzählungen Gedichte Juvenilia,
Studienausgabe Band 4: Kleinere Erzählungen Gedichte Juvenilia, 1988, Seite 129–134:

Ich selbst hab‘ ja nichts erlebt – was mir übrigens gar nichts ausmacht; ich bin nicht Narrs genug, einen Weltreisenden zu beneiden, dazu hab‘ ich zuviel im Seydlitz gelesen oder im Großen Brehm. Und was heißt schon New York ? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover, ich kenn’s, wenn morgens tausend Henkelmänner mit ihren Kännchen aus dem Hauptbahnhof geschwindschreiten, in Fächerformation, hinein ins Vergoldete Zeitalter. Einer hat’n Gang, als käm ’n Dackel hinter ihm her. Backsteinfarbene Geschöpfe mischen sich ein, Schirmpfeile in den blutigen Händen, (oder auch in totschwarzen; gleich werden ihre Schreibmaschinen hell wie Wachtelschlag erklingen. Alle die Weckergeweckten. Schon räuspert sich das Auto neben mir strafend; dabei bin ich doch wirklich, schon rein äußerlich, nicht mehr in dem Alter, daß man mich in Verdacht haben könnte, der Anblick zweier Milchdrüsen vermöchte mich noch zum Trottel zu machen !).

Postmaxe, Ende der S-Bahnstrecke nach Hennigsdorf, 1989Also das Alles nicht. Aber Abends und Nachts spazieren geh‘ ich ganz gern – man beachte das dreifach-gaumige ‚g‘, mir ist es eben auch unangenehm aufgefallen (‚warum‘ will ich aber nicht wissen; ich halte nichts mehr von ‚psychologischen Befunden‘, seitdem ich mich einmal unter der Hand nach der Bedeutung solcher=meiner nächtlichen Gänge erkundigt habe. Ein Gutachten sagte klipp & klar, ich sei hyänenhaft=feige und eine potentielle Verbrechernatur; das sind die Meisten von uns, sicher. Das andere behauptete, ich wäre ein Mutfänomen – ach, du lieber Gott ! Es wurde mir jedenfalls sehr rasch zu viel, auch zu teuer. Ich hab‘ dann selbst längere Zeit darüber nachgedacht; der eigentliche Grund dürfte sein, daß ich so schlecht sehe und es mir am Tage zu hell und zu heiß ist.)

Jedenfalls gehe ich immer erst eine rundliche Stunde – ich hätte gebräuchlicher ‚runde‘ schreiben sollen, ich weiß; aber das hätte sich dann auf ‚Stunde‘ gereimt, und ich mag Gedichte nicht – da sieht man allerlei, und braucht sich nicht als ‚voyeur‘ vorzukommen, also ’schuldig‘ oder gar ’sündig‘ : den Meisten=von=Uns vergeht das Leben damit, die in der Jugend verkehrt eingestellten Maßstäbe mühsam wieder zu adjustieren.

Die Jahreszeit spielt dabei keine Rolle – ich kann durchaus einen winterlichen Neubau würdigen, früh um 5; und die Handwerker tauen die eingefrorene Pumpe des schon fertigen Nachbars mit lodernden Tapetenresten auf. Es darf ein Sommermeteor sein, der gegen Mitternacht seinen Nylonfaden durch die Giraffe zieht und über der DDR zerspringt; (ich wohn‘ so dicht am Zonengrenzübergang. Und erkenne also vorsichtshalber die DDR an). Es darf ein Spätherbstabend sein, wo man stehen bleibt und horcht : was war das Geräusch eben ? Eine nahe Grille, oder ein meilenferner Traktor ? (Zum Frühling fällt mir im Augenblick nichts ein, und ich bin nicht Pedant genug, mich deswegen irgendwie zu forcieren; der Herbst ist mir jedenfalls die liebste unter den Jahreszeiten.)

Anschließend gehe ich dann grundsätzlich noch in die Fernfahrerkneipe; und das kann eventuell lange dauern, denn da sitzen ja dann lauter Leute, die ‚etwas erlebt‘ haben, beziehungsweise alle noch mitten im Erleben drin sind, und zwar heftig.

Allein die ganze Atmosfäre dort : das hochoptische Gemisch aus nacktem Kunstlicht und kurz & klein gehackten Schatten. Die fleckigen Tischplatten (Decken haben davon nur die 2, links vom Eingang, wo die überwachten Vornehmen sitzen, in dünnen Fingerspiralen Eisglaskelche, auf denen Schlipsschleifen aus Zitronenschalen schwimmen : ER mit jener für öffentliche Ämter so unschätzbaren würdevollen Fadheit und leeren Ernsthaftigkeit, (dabei so doof, daß er nicht mal in der Hölle Eiskrem verkaufen könnte, wenn er selbständig sein müßte !); SIE von der Sorte, die auf Camping=Plätzen gleich Blümchen vors Zelt pflanzt und einen Tannenzapfen daneben legt.)

Postmaxe, Blick nach Stolpe Süd, 1962Die Ernstzunehmenden sind natürlich die Anderen, Männer wie Weiber. Meist breit, mit energisch=fleischverhangenen Gesichtern, die Fahrer; sämtlich fähig, ’ne abstrakte Kleinplastik notfalls als Büchsenöffner zu verwenden; (ich bin nicht für’s Moderne; man hat es vielleicht schon gemerkt). Die Frauen meist ‚Lieschen‘, mit leicht gezerrtem Defensor virginitatis, aber handfest : weder ist die Brust, vorn, Tarn & Tara, noch hinten die Porta Nigra.

Die betreffende breitschultrige Fünfzigerin hatte ich übrigens schon öfter hier gesehen; stets leicht be=bowlt, so daß die Stimme ein entzückend hoher heiserer Baß wurde. Eben erklärte sie vermittelst desselben : „Mein Vater war Trommler beim Zaren : bei mir ist Alles Natur !“. (Eine Logik, die mir zwar gewagt, ihrem heutigen Partner jedoch anscheinend legitim vorkam, denn er nickte eifrig. Seinen Beruf erkannte ich, als er dann gleich alleine abfuhr : er machte seinen Weekendausflug im Leichenauto. Und ich stellte mir das 1 Minute lang illustriert vor. Bis ich kichern mußte.)

Meine 2 Nachbarn auf der andern Seite bestellten sich erst „’ne Schachtel Zie’retten“, (der eine noch zusätzlich „Fefferminzbruch“); und dann machten sie Folgendes : Jeder tat in sein leeres Glas 2 gehäufte Teelöffel Nescafé und goß dann frisches Coca=Cola drüber : das schäumte hoch; dick & gelbbraun; Alles schien sich aufgelöst zu haben; sie schlürften und lächelten technoid. (Das muß ja auch toll aufpulvern ! Ma’probier’n.) Mit solchem Trank im Leibe hatten sie dann freilich gut ketzern lästern & erzählen :

von dem Kehlkopfoperierten, dem die Russen die silberne Kanüle aus dem Halse geklaut hatten; (dabei hatte er noch ‚Wilke‘ geheißen, was ja bekanntlich vom slawischen ‚Wlk‘, gleich ‚Wolf‘, kommt: es hatte alles nichts genützt !).

„Wat hat sich ’ne Hausanjeschtellte vadient, die 60 Jahre in een= und derselbn Famielje jearbeit‘ hat ?“ : „’ne Urkunde von’n Landrat,“ entschied der Andere pomadig. / Auch wollten sie, relata refero, Deutschland neutralisieren & entwaffnen; und dann noch ’ne solid=lose Konföderation ‚zwischen Bonn und der DDR‘; und ihre Begründung war, wie immer bei Fernfahrern, so dumm gar nicht. Sie gingen nämlich von der 5%=Klausel aus, und einem künftigen Weltstaat : in dessen Parlament wäre ‚Bonn‘ dann nämlich mitnichten vertreten ! „Denn fümf Prozent von drei Milljarden, det mußte Dir ma‘ ausrechnen, det sind hundertfuffzich Milljon‘ !“. (Und der Andere nickte, vorgeschobenen Untergelipps, à la ‚Ja bei uns schtimmt e’em ooch nich Alles‘.) / „Mensch, du liest noch Karlmay ? ! Bei dem kommt doch nich een Auto vor ! Da reiten se doch noch uff Ferden rum, wie beim Ollen Fritzen – det hat doch keene Zukumft !“ / (Und endlich fing er an, von ‚Erlebtem‘ zu erzählen – darauf hatte ich gewartet; darauf warte ich immer; ich warte ja überhaupt auf nichts anderes. Schon kam ich mir wieder vor, wie bei Homers: los: skin the goat !)

: der Betreffende – (Ich will ihn, geheimnisvoll, ‚Den Betreffenden‘ nennen. Das paßt für Viele : Dürre in Niedersachsen; dafür Überschwemmungen in Salzburg ? : ‚Der Betreffende hat wieder mal falsch disponiert !‘) – war ‚im Westen‘ zu Besuch gewesen, Jubeltrubelheiterkeit; und hatte, da seines Zeichens Omnibusunternehmer, auch hiesige Tankstellen und Autohändler frequentiert. Neidisch die besterhaltenen Gebrauchtwagen gemustert – auf einmal blitzte sein Blauauge : war das nicht dort derselbe Autobus wie ’seiner‘ ? Natürlich nur viel fescher, und fast wie neu. – : „Den müßte man haben !“

Handelseinig wurde man relativ rasch; denn der Betreffende war im Nebenberuf auch noch HO=Leiter, und da fällt ja bekanntlich immer Einiges ab. Nur hatte ’seiner‘ hinten noch 2 ovale Fenster drinne : ? : „Die schneiden wa rein !“

„Fuffzehntausend ? Na ?“. – „Ja. Aber zahlbar erst nach Empfang !“ (Und wie das Ding über die diversen Zonengrenzen kriegen; es war ja schließlich ein Objekt, das man sich nicht in den Ärmel schnipsen kann !).

: „Und denn haa’ck’n rüber jebracht !“. (Jetzt lehnte auch die Nachfahrin des Zarentrommlers ihre machtvollen Reize interessiert näher. Also zumindest ein Teil war bestimmt Natur).

: „Erst ha’m se noch det janze Verdeck innen vabrannt“; nämlich beim Einschneiden der, zur Tarnung unerläßlichen, beiden neuen Rückfenster. Bis aus Lüneburg mußte man einen Sattler ranholen : „und ick schtand wie uff Kohln ! Und et wurde Neune“ (und zwar P. M.; das dauert jetzt schon 30 Jahre, und die 24=Stunden=Zählung ist immer noch nicht volkstümlich geworden); „und et wurde Zehne : endlich, um Elwe, konnt’ick los !“

Postmaxe, Wachturm in Stolpe Süd, 1962Und war eine finstere Nacht gewesen : der Regen goß in Strömen; von den Wetterfähnlein der Kirchentürme kreischte es herunter, wenn er, seinen Leviathan hinter sich, durch die schlafenden Dörfer spritzte; Paul Revere war ein Waisenknabe; bis Helmstedt.

: „Den een‘ Zollfritzen kenn’ick; der saacht: ‚Kieck ma det Pärchen; die warten ooch schonn seit drei Taachen, det se Eener mitnimmt. Die sind beschtimmt durchgebrannt und wolln jetz wieda zu Muttien.‘ Finster sahn se ja aus.“ (Kunststück : 3 Tage warten; wahrscheinlich ungewaschen; ohne Geld; und dann bei dem Wetter. Jedenfalls hatte er sie, der Bus war ja ganz leer, dann um Gottes willen bis auf die Höhe von Lehnin mitgenommen. Begreiflicherweise auch den Rückspiegel so eingestellt, daß er vorsichtshalber die beiden Zerknitterten beobachten konnte. Beschrieb auch deren intimere Evolutionen, wozu unsere ältliche Hörerin, fachfraulch gepreßten Mundes, mehrfach billigend nickte. Einmal allerdings stieß sie verächtlich Nasenluft aus : Anfänger !).

: „Hinta Braunschweig hatt’ick schonn ma’ne Weiße Maus hinter mir jehabt“, (so nennt man in solcher Umgebung, unehrerbietig, einen einzelnen Verkehrspolizisten auf seinem Motorrad); in Westberlin aber war es dann gar ein „Peterwagen“ (also ein ganzes Polizeiauto) gewesen, das ihn an den Straßenrand gedrückt, und seine Papiere kontrolliert hatte : die waren auf DBR & Westberlin via Zone ausgestellt gewesen, und ergo unanfechtbar; hier lag ja auch gar nicht die Schwierigkeit; aber

: „nu schteh ick in Berlin=Schalottenburch, und der Betreffende kommt an : mit sonner Aktentasche ! Alles Fuffzijer und Hunderter.“ Da wurde einem, beiden Teilen bekannten und ehrwürdigen, neutralen Dritten, die Kaufsumme übergeben; der schrieb im Schweiße seines Angesichtes 15 Postanweisungen à tausend Mark aus, und gab erst mal 7 davon auf bei der Post – in Berlin wundert man sich über gar nichts mehr.

: „Haste de Nummernschilder ? !“ Nämlich von des Betreffenden „alter ostzonaler Schaukel“ : die mußten erst passend gemacht werden; das heißt, die Schraubenlöcher genau aufeinander, sämtliche Muttern geölt. Und dann als erstes wirkliches Risiko

: „durchs Brandenburger Tor : und det war vielleicht enge, Mensch, wie bei ’ner Jungfrau : ‚Kieck du links raus; ich rechts.'“; so waren sie, die Wände beinahe streifend, durch jenes nicht=marmorne deutsche Wahrzeichen gesteuert; und drüben harrte schon der Volkspolizist.

Nun braucht man im inner=berlinischen Verkehr weiter keine Papiere – aber daß sich Einer zur Besichtigung des Ostsektors ausgerechnet einen leeren Omnibus wählt, befremdete den Blanken, und mit Recht, doch ein wenig. Der Dicke aber, eiserner Stirnen rundherum übervoll, hatte so lange auf seine besichtigungslustige Korpulenz, und den 1 Freund, verwiesen, bis der Beamte endlich achselzuckend sagte: „Et kost‘ ja Ihr Benzien.“ Und ihn weiterließ.

Postmaxe, Wachturm bei Nacht in Stolpe Süd, 1962: „aber nu kam de eijentliche Schwierichkeit“; und das war der Übergang aus Ostberlin in die ‚Zone‘, also, disons le mot, die DDR : „Da hatt‘ ick nu schonn vorher meine Bekannten mobilisiert jehabt: ‚Sucht ma’n janz einsam Grenzüberjang raus'“ – er hielt den Zeigefinger effektvoll 3 Zentimeter vor die dicken Cäsarenlippen, und funkelte uns Lauschende majestätisch an (und geschmeichelt auch. Die Gebärden der Erzähler hier sind mannigfaltig.)

: „und zwar in Richtung Ludwigslust. – Ick fah da also immer an’n Kanal lank. Vor uns Keener, hinter uns Keener; et iss ja ooch bloß’n halber Feldwêch.“ Steuerbord voraus kam der Kontrollposten in Sicht : eine simple Bretterbude, ganz einfältig. Bis auf 300 Meter fuhren sie ran

: „dann wir runter. Ick saache : ‚De Schilder her : ick vorne, Du hinten !‘ Und de Muttern bloß so mit de Finger anjezogen. Rinn in’n Kanal mit de alten Schilder; und immer noch keen Aas in Sicht. Und ick richt‘ ma uff. Und ick dreh ma um. Und ick saache bloß : ‚Hier haste Dein‘ Omnibus.'“ (Und wir nickten Alle im neidischen Takt : es gibt schon noch Männer !).

: „Der konnte det jaa nich’jlooben ! Det er nu’n neuet Auto hatte.“ Hatte nur immer strahlend das neu auf West lackierte Ungetüm betrachtet, der Betreffende. Und dann wieder den mutig=Dicken. Hatte sich selig ans Steuer geschwungen; ihm noch „Hundert Ost : für’t Mittachessen !“ in die Hand hinuntergedrückt; und war dann abgebrummt.

: „ick seh ma det noch so an, wie er an det Wach=Häuseken da ran jondelt. Da kiekt een=Eenzjer raus, mi’m Kopp. Und winkt bloß so mit de Hand“ – so schwach und schläfrig winkte die seine nach, wie ich, in a long and misspent life, noch nie zuvor gesehen hatte – „und der winkt wieder – : und da iss er ooch schonn durch. Keene Kontrolle. Nischt. . . . . .“. Und breitete, leicht kopfschüttelnd, die Hände; und ließ sie wieder auf die Tischplatte sinken : geritzt.

Wir waren verpflichtet, wiederum zu nicken. Taten es auch gern. Der Andere bot ihm vor Anerkennung einen Stumpen.

„Det haa’ck übrijens ooch noch nich jewußt, det=det Brand’nburjer Tor nich massiv iß. Ick hab‘ immer jedacht, wenichstens Jranitt oder so.“ Aber der Erzähler schüttelte nur ablehnend den kundigen Kopf : nichts; gar nichts : „Überall blättert die Tünche ab.“

„Bei mir ist Alles Natur,“ sagte die Walküre, und lehnte sich voller zurück : „Mein Vater war Trommler beim Zaren !“

Postmaxe, Der Grenzübergang von Heiligensee Richtung Hamburg

Dokumentation als Unterrichtsmaterial: Jac Biermann: Helmstedt und seine Grenze, 1984:

Bilder: Frank-Max „Postmaxe“ Polzin: Heiligenseer Grenze zur DDR:

Diese Bilder stammen u.a. vom Heimatfreund Arno Schmidt, Berndt Wehrmann, Knut Lehmann, Dieter Lepke sowie Sigurd Hilkenbach, Harry Schulz, Rolf Klapputh und dem Heimatmuseum Hermsdorf.

  1. Ende der S-Bahnstrecke nach Hennigsdorf (1989);
  2. Blick nach Stolpe Süd (1962);
  3. Wachturm in Stolpe Süd (1962);
  4. Wachturm bei Nacht in Stolpe Süd (1962);
  5. Der Grenzübergang von Heiligensee Richtung Hamburg.

Written by Wolf

12. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Es endet ohne Schlusspunkt.

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Update zum Weekly Wanderer 0017:

Die Älteren mögen sich erinnern: 2013 wurden an dieser Stelle Versionen, Interpretationen und Parodien von Goethes Ein Gleiches durchdekliniert. Schon damals hab ich mir nicht im Ernst eingebildet, dass 17 Folgen reichen könnten.

Tina Sosna

——— Erich Fried:

Ein Ungleiches = Einige Leichen

aus: Das Nahe suchen. Gedichte, Verlag Klaus Wagenbach: Quartheft 119, Berlin 1982:

Tina SosnaWarte nur! Balde
Ruhest du auch.
Und zwar wie?
Zwischengelagert? Entsorgt?
Und warum du
nicht Sie?

Ich fange von vorne an
Das klingt viel höflicher dann:

Über allen Gipfeln
ist Euphemie,
In allen Wipfeln
Spüren Sie
kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde
Bitte warten Sie! Balde
Ruhen Sie auch.

(Die Euphemie versteht sich von selbst bei Goethen:
Er sagt ja auch Ruhen
wenn er Sterben meint oder Töten)

Oder lieber nicht ruhig Blut?
Also gut, mit etwas mehr Wut:

Unter allen Wipfeln
fließt Blut,
In allen Heuchlern
spürest du

kaum einen Jammerlaut!
Die Vögelein menscheln im Walde.
Gipfle nur! Balde
watest du auch
im Blut

Soweit Erich Fried, zitiert nach seiner ersten Gesamtausgabe. Es gab tatsächlich eine nicht sehr lange zurückliegende Zeit, in der Fried als Dichter ernster als Goethe genommen wurde. Das war um 1980, und noch von 1999 findet sich eine ausführliche Interpretation über sein Ungleiches, in der ein Bertolt Brecht als richtig relevant erscheint und ein haltbares Dreieck aus Goethe, Brecht und Fried errichtet wird, und das Goethe-Originalgedicht sei sogar von „erkennbare[m] Materialwert“.

Eine andere als alphabetische Rangfolge der Begriffe Brecht, Fressen, Fried, Goethe und Moral für 2016 will ich lieber nicht aufstellen müssen.

Tina Sosna

——— Klaus Schuhmann:

Nachtlieder nach Goethe

in: Neue deutsche Literatur, Heft 527, September/Oktober 1999:

Manchmal zeigt sich, was zwei Schriftsteller in Sympathie miteinander verbindet, schlaglichtartig in ihrem Verhältnis zu einem dritten Dichter, den sie auf vergleichbare Weise schätzen oder ablehnen. Im Falle von Bertolt Brecht und Erich Fried trifft beides nicht zu, wenn der Dritte im Bunde Goethe heißt. Hier geht es um einen Spezialfall, denn beide haben sich im Zeitunterschied von vierzig Jahren für ihre Zwecke eines Gedichts bedient, das Goethekenner als Kleinod ansehen, welches außerhalb jeder Kritik zu stehen hat: „Wanderers Nachtlied“.

Für Lyriker des 20. Jahrhunderts gilt solcher Denkmalschutz schon lange nicht mehr. Brecht demonstrierte das mit seinen „sozialkritischen Sonetten“ als ein generelles methodisches Verfahren, bei Fried kann man in mehreren Gedichtbänden Gruppen mit Texten finden, in denen der Verfasser kritische Zwiegespräche mit literarischen Vorfahren und Zeitgenossen führt.

Bei Brecht geschieht die Begegnung mit Goethe schon in seinem ersten Gedichtbuch, der 1927 veröffentlichten Hauspostille; bei Erich Fried in seinem 1982 erschienenen letzten Lyrikband Das Nahe suchen. Brechts Gedicht heißt „Liturgie vom Hauch“, Frieds „Ein Ungleiches = Einige Leichen“. Beide konfrontieren den Goethe-Text mit der politischen und sozialen Realität des 20. Jahrhunderts, so daß die Wirklichkeit gegen die Poesie zu Wort kommen kann. Nicht zuletzt, weil sie nach Meinung dieser beiden Lyriker zu oft verschwiegen wird, besonders in Gedichten. Und sie antworten mehr oder weniger auf eine Frage, die Brecht in seinem Epilog „An die Nachgeborenen“ gestellt hat:

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Bertolt Brecht ging es freilich nicht allein um Goethe, der in der „Liturgie vom Hauch“ namentlich zwar nicht genannt, aber mit Worten aus dem Gedicht „Wanderers Nachtlied“ zitiert wurde, die der Nennung des Autornamens gar nicht mehr bedurften. Schon im Titel wird das letzte Wort dieses Gedichts demonstrativ aufgerufen, und der aufmerksame Leser wird am Ende seiner Lektüre unweigerlich daran erinnert, daß der „Hauch“ im Verlaufe der „Liturgie“ zum Aushauchen wird, zum letzten Atemzug. Das geschieht klaglos, wird aber durch einen Kunstgriff dennoch zu einer Anklage. Es ist, als liefe ein Zählwerk, das der „Liturgie“ ihren Gang vorschreibt. Indem Brecht die Zeilen fortlaufend numeriert und den Strophenblock auflöst (durch den Zeilenabstand auch visuell wahrnehmbar), wird durch den aktionsbetonten Verlauf der „Strophen“ der Kontrast zu jenem Gedichtteil aufgebaut, der refrainartig unverändert repetiert wird. Er zitiert, allerdings entstellt, „Wanderers Nachtlied“:

1
Einst kam ein altes Weib einher

2
Die hatte kein Brot zum Essen mehr

3
Das Brot, das fraß das Militär

4
Da fiel sie in die Goss, die war kalte

5
Da hatte sie keinen Hunger mehr.

6
Darauf schwiegen die Vöglein im Walde
Über allen Wipfeln ist Ruh
In allen Gipfeln spürest du
Kaum einen Hauch.

Daß Goethes Gedicht für Brecht noch einen erkennbaren Materialwert besaß, sieht man daran, daß die beiden Schlußzeilen, auf die es besonders ankommt, dem Original entsprechen. Die Abfolge der binnenreimenden Nomina „Gipfeln“ und „Wipfeln“ ist freilich vertauscht, und das Verb „schweigen“ ist aus der präsentischen Form in die präteriale befördert worden. Noch schwerer wiegt, daß der Refrain mit einem ebenso temporal wie auch kausal interpretierbaren „Darauf“ beide Segmente miteinander verknüpft: die profane Textebene mit der auratisch-poetischen der Goetheworte.

Während im weiteren Fortgang des Geschehens der von Beginn angelegte soziale Konflikt eskaliert und nach der alten Frau sowohl der Mann als auch die „bärtigen Männer“ nichts mehr sagen können, weil sie zu Tode gebracht werden, bleiben die „Vögelein im Walde“ ungerührt und schweigen, bis sie selbst von einem Tier – es ist ein großer „roter Bär“ – gefressen werden. Und nun ändert sich auch der Refrain, den sie bisher zu all dem gesungen haben. Es ist, als habe der Luftzug, der in die Goethestrophe hineinfährt, nicht nur den Text noch einmal durcheinandergebracht, jetzt wendet sich auch in den oberen Regionen das Wetter: Die Vögel erwachen und schweigen nicht mehr. Und damit hat sich das Gedicht aus Meisterhand auch im semantischen Sinne ins Gegenteil gekehrt.

37
Da kam einmal ein großer roter Bär einher

38
Der wußte nichts von den Bräuchen hier, denn der kam von überm Meer.

39
Und der fraß die Vögelein im Walde

40
Da schwiegen die Vögelein nicht mehr
Über allen Wipfeln ist Unruh
In allen Gipfeln spürst du
Jetzt einen Hauch.

Das ist nicht mehr literarische Parodie. Eher schon wird die Frage hörbar, die Brecht später in einem seiner Massenlieder stellt:

Wessen Straße ist die Straße?
Wessen Welt ist die Welt?

Tina SosnaEin halbes Jahrhundert später stellt sich Erich Fried seiner Welt noch einmal auf eine Brecht vergleichbare Weise und bediente sich dabei ebenfalls der sinntragenden Worte des berühmten Gedichtes, das auf dem Gickelhahn bei Ilmenau geschrieben wurde. In der vierten Abteilung des Gedichtbandes Das Nahe suchen ist der Text zu finden, dessen Überschrift mehr noch als die Brechts überkommener Titelgebung widerspricht. Der Titel des Goethe-Gedichts erscheint hier sinnverkehrt: in der Negation.

Frieds Bauweise und Materialverwertung ist eine andere als die Brechts. Er arbeitet nicht mit Kontrastblöcken – hier blutige Wirklichkeit, dort himmlische Ruhe –, sondern mit einer Technik, die den Goethetext gleichsam an der Realität von heute durchdekliniert. Bei Fried bleibt eine einzige Zeile aus dem Original unversehrt („Die Vögelein schweigen im Walde“). Die anderen Textteile werden noch radikaler ent-stellt als bei seinem Vorgänger. Vor allem taucht in Frieds Text ein Wort auf, das es zu Brechts Zeiten noch nicht gab: entsorgen. Was dieses Verb sagt und doch verschweigt, ist schlimmer als das, was sich bei Brecht auf offener Straße ereignete. Aus der Nachtruhe, die Goethe bedichtete, ist in unserem Jahrhundert die Friedhofsruhe geworden! Nicht Goethe steht am Pranger, sondern jene, die es verstehen, die Katastrophengefahr zu beschönigen – nicht nur durch Schweigen, sondern mittels „Euphemie“. Fried bietet eine zeitgenössische Goethelektüre und blendet jene Fakten ein, die sie stören, unterbrechen und schließlich in schierer Irritation enden lassen. Anders als Brecht, dessen Text strophisch gegliedert ist (und auch den Reim nicht ausspart), sind bei Fried nur noch Zeilengruppen vorhanden, die weder durch Reime (bis auf die Anleihen von Goethe) noch durch numerische Übereinstimmung bei der Zeilenzahl geregelt sind. Auch hat Frieds Text einen ganz anderen Gestus des Sprechens. Es ist ein dialogisch angelegtes Gedicht, gerichtet an einen Adressaten, der gleich zu Beginn angesprochen wird: mit den kursiv gesetzten Personalpronomen „du“ und „Sie“. Und auch darin unterscheidet sich der Text der achtziger von dem der zwanziger Jahre, daß hier mit Goethe-Wortschatz begonnen wird:

Warte nur! Balde
Ruhest du auch.
Und zwar wie?
Zwischengelagert? Entsorgt?
Und warum du
nicht Sie?

Eine fulminante „Exposition“: Sechs Kurzzeilen werden durch ein Ausrufungszeichen und vier Fragezeichen interpunktiert, wobei die letzteren sich durchweg auf das sinntragende Verb „ruhen“ beziehen, das seit Goethe und Brecht um eine Interpretationsmöglichkeit reicher geworden ist. Die beiden nachfolgenden Partizipien benennen diesen Sachverhalt. Es sind Neuworte, die von der Atomwirtschaft verwendet werden. Der Autor signalisiert diese Gefahr, wobei sein „Warte nur!“ ebenso als Warnung wie als Voraussage gelesen werden kann. Die folgende Überleitung von zwei Zeilen läßt zwei bänkelsängerisch klingende Reime zu, die hier eher anzeigen, daß der Verfasser nun pro domo spricht. Im doppelten Wortsinne: Er nimmt sein Thema von neuem auf, und er setzt nun auch mit einer Zeile ein, mit der Goethe begann. Erst jetzt ist Fried wirklich bei dessen Text angekommen, der nun zeilenweise zitiert wird (so kommt nun auch wieder der Reim zur Geltung). Mit einem Kunstgriff entstellt er das Goethe-Gedicht: Er setzt an die Stelle des vertrauten „du“ das „Sie“ der Höflichkeitsform. Als geradezu parodistisch wirkendes Personalpronomen wird es der Aufforderung zum Warten vorangestellt.

Die Überleitung zum Schlußpart des Gedichts übernimmt wiederum ein gereimter Zweizeiler, der den Schreiber im Zwiespalt der Wortwahl und der Reaktionsmöglichkeiten zeigt. Daß er sich für „Blut“ (aber nicht „ruhig Blut“, also einen Ausdruck für Zurückhaltung und Affektdämpfung) entschieden hat, ist mit dem letzten Wort des Gedichts besiegelt. Das hat vor allem damit zu tun, daß der Blick nach unten gerichtet wird: auf die Erde, wo die Menschen, die hier leben, sich einer solchen Sprache bedienen:

Unter allen Wipfeln
fließt Blut,
In allen Heuchlern
spürest du
kaum einen Jammerlaut!
Die Vögelein menscheln im Walde.
Gipfle nur! Balde
watest du auch
im Blut

Nun ist auch der Stellenwert der „Vögelein“ in diesem Text bestimmt. Wie bei Brecht sind sie nicht nur Tiere, sondern gleichen Menschen, zumindest wenn sie sprechen. Damit ist auch das letzte Unwort in diesem Text aufgesagt: „menscheln“. Jetzt kann nur noch eine groteske Zuspitzung folgen, die wie Hohn und Spott klingt: Gipfle nur! soll wohl heißen, daß ein Höhepunkt erreicht ist, dem nur noch der Absturz folgen kann. Wie die meisten Gedichte Frieds endet auch dieses ohne Schlußpunkt.

Tina Sosna

Bilder: Tina Sosna, Oktober 2014 bis Oktober 2015.

Bonus Tracks: Interpreatationen im Vergleich: Bertolt Brecht/Hanns Eisler: Einheitsfrontlied, 1934:


Written by Wolf

29. Januar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Tolkien im Großen Ringkrieg

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Kürzlich wurde der Literatur-Nobelpreis zum ad infinitum wiederholten Male nicht an Bob Dylan verliehen. Das ist ein alter Ärger: 1961 hatte C.S. Lewis als Professor in Oxford Vorschlagsrecht ans Nobelpreiskomitee und nutzte es, um seinen besten Kumpel J.R.R. Tolkien zu nominieren. Als groß angelegte Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs, als die Der Herr der Ringe damals wie selbstverständlich galt, hatte er bestimmt sogar Chancen. J.R.R. empfahl seinerseits, schofel genug, nicht etwa Lewis, sondern E.M. Forster, sicher weil es sonst zu sehr aufgefallen wäre. Natürlich waren alle drei rettungslos verloren gegen einen Ivo Andrić.

Im Ernst: Die folgenden, ungekürzt wiedergebenen Beobachtungen erschienen schon am 13. Dezember 2014 in der Welt und schrien nach ungekürzter Wiedergabe, und zwar sofort. Mir erschien das Thema jedoch zu wichtig, um es mit mehr oder weniger unverfänglichen, jedenfalls wertfreien Bikinischönheiten zu garnieren; selbst eine Serie aus Cate Blanchett als Galadriel wäre verfehlt.

Ich musste erst abwarten, bis Tolkiens erste Skizzen zur Anlage von Mittelerde öffentlich wurden. Das ist ein so grundlegendes Ereignis, dass Text und Bild sich gegenseitig nichts wegnehmen. Wired hat am 9. Oktober 2015 acht Skizzen zugänglich gemacht. In den Welt-Artikel geflochten erscheinen sie in 50 % der Textbreite (das erste und letzte in 80 %), sind aber groß genug, um Tolkiens Handschrift zu erkennen – Sie verfügen doch noch über eine rechte Maustaste? –, und die Bildlegenden von Wired stehen, wenn Sie jemals so weit scrollen, unten vor dem Nachspannlied.

Map of Rohan, Gondor, and Mordor. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015

——— John Garth:

Mittelerde liegt an der Somme

„Keuchende Gruben“, „giftige Hügel“ und die „Totensümpfe“ der Schlachtfelder: 100 Jahre nach dem „Great War“ wird J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“ als Roman des Ersten Weltkriegs kenntlich. Eine Spurensuche

Aus dem Englischen von Marcel Aubron-Bülles,
in: Die Welt, Samstag, 13. Dezember 2014, © Axel Springer SE 2014:

Als „Der Herr der Ringe“ zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs erschien, war sich das Feuilleton sicher, dass es sich um eine zwar verschlüsselte, dennoch allegorische Erzählung handeln musste, in der Sauron Stalin, Saruman Hitler und die Freien Völker die Alliierten darstellten. Tolkien wischte solche Interpretationen ungeduldig beiseite. Im Vorwort zur zweiten Ausgabe, die 1965 erschien, betonte er, der Ursprung der Erzählung liege in Dingen, „die mir schon lange im Sinn lagen oder in einigen Fällen schon niedergeschrieben waren, und wenig oder nichts wurde durch den Krieg, der 1939 begann, oder durch seine Folgen verändert.“ Die Epen der Angelsachsen und anderer germanischer Völker erweckten in Tolkien das Interesse am Mythos; sein Werk ist von Legenden und Volkssagen beseelt. Doch als er sich während seines Studiums in Oxford das erste Mal in diese mittelalterlichen Texte vertiefte, brach der Erste Weltkrieg aus. Ich bin davon überzeugt, dass dies einen maßgeblichen Einfluss auf sein kreatives Schaffen ausübte.

Plan of Shelob's lair. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Ein erster Hinweis ist das eben erwähnte Vorwort. Nachdem er alle Interpretationen seines Werks mit einem Bezug zum Zweiten Weltkrieg als unsinnig abgetan hatte, fuhr er fort: „Man muss in der Tat persönlich in den Schatten des Krieges geraten, um zu erfahren, wie bedrückend er ist; aber im Laufe der Jahre scheint man nun oft zu vergessen, dass es ein keineswegs weniger furchtbares Erlebnis war, in der Jugend von 1914 überrascht zu werden, als 1939 und in den folgenden Jahren vom Krieg betroffen zu sein. 1918 waren bis auf einen alle meine nächsten Freunde tot.“ Er hätte es kaum deutlicher ausdrücken können: Wenn ihr schon nach dem Einfluss eines Krieges sucht, dann wendet euch dem zu, an dem ich selbst teilgenommen habe.

Tolkien kämpfte in der Schlacht an der Somme, vier Monate lang. Er hatte unheimliches Glück, dass sein Bataillon, die 11th Lancashire Fusiliers, nicht zu den Truppen gehörte, die zu Beginn der Offensive am 1. Juli nach vorn geschickt wurden. Dieser Tag gilt als der schwärzeste Tag der britischen Militärgeschichte – knapp 20.000 Tote, mehr als die Hälfte aller Offiziere. Als im selben Monat der von deutschen Truppen besetzte Ort Ovillers von den Briten erobert wurde, erlebte Tolkien zum ersten Mal am eigenen Leib das „tierische Grauen, … das der Krieg …)bedeutet.“ Ende Oktober zeichnete er als Fernmeldeoffizier bei der Eroberung einer weiteren strategisch wichtigen deutschen Stellung für die Kommunikation seines Bataillons verantwortlich. Dann geschah das, was vermutlich sein Leben rettete: Er erkrankte am Schützengrabenfieber und wurde nach England zurückgeschickt. Sein Bataillon zog weiter nach Flandern.

Bei einem so gebildeten Mann wie Tolkien, der nach seiner Rückkehr von der Somme im Krankenhaus die Gelegenheit nutzte, mit dem Schreiben zu beginnen, hätte man die schonungslos realistische Darstellung des Kriegs in Roman- oder Gedichtform erwarten können, einem Erich Maria Remarque und seinem „Im Westen nichts Neues“ gleich, oder dem britischen Dichter Wilfred Owen ähnlich, der einer verlorenen Generation mit „Anthem for Doomed Youth“ ein poetisches Denkmal setzte. In den bekanntesten Werken ist der Soldat im Schützengraben das hilflos leidende Opfer; die vor dem Weltkrieg gängigen Vorstellungen, was einen Helden ausmachte und wie er literarisch zu verewigen war, wurden durch die neue Typologie ersetzt. Der herausragendste britische Kriegslyriker Wilfred Owen weigerte sich, Helden zu beschreiben: „Die englische Dichtung ist noch nicht so weit, von ihnen zu sprechen“, so seine Worte. Und nach dem „Großen Krieg“ wandte sich die Literatur von Helden ab, als ob es sie nie gegeben hätte. Tolkien aber schrieb 1936 über das mittelalterliche Epos „Beowulf“: „Noch heute (und den Kritikern zum Trotz) findet man Menschen, … die von Helden gehört und sogar schon welche gesehen haben …“ In seinem Werk finden sich Versionen dieser traditionellen Helden, Seite an Seite mit neuen Helden, bei denen der Einfluss des Ersten Weltkriegs spürbar ist.

Versuchte Tolkien der unerträglichen Realität zu entfliehen? Ja und nein. Er schrieb, dass Märchen einen besonderen Fluchtweg aufzeigen: die Flucht des Gefangenen, nicht des Deserteurs. In den „Verschollenen Geschichten“, die er im Krankenhaus begann und aus denen später das „Silmarillion“ erwuchs, scheinen die Krieger Beren, Túrin und Tuor Tolkiens eigene Entwicklung als junger Mann nachzuvollziehen, der gegen seinen Willen in den Krieg ziehen musste. Doch bei ihnen handelt es sich um epische Charaktere, die sich selbst den gewagtesten Aufgaben stellen, und Tolkien konnte sie nicht allein aus eigener Erfahrung heraus gestalten. Die Figur, die es ihm schließlich ermöglichte, eine Erzählung mit seinen Kriegserlebnissen in Einklang zu bringen, war der wenig heldenhafte Bilbo Beutlin. „Der Hobbit“ ist die Geschichte einer Verwandlung, bei der ihr anfänglich furchtsamer Protagonist in die Schlacht zieht und dem Tod von der Schippe springt.

Distances and dates in Mordor. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Tolkien schrieb sie für seine Kinder, und ihm wurde klar, dass sie einen Helden brauchten, der ihnen nicht so fremd war wie die elbischen und menschlichen Krieger, mit denen er sich bisher beschäftigt hatte. Seine eigene Kindheit diente ihm als Inspirationsquelle, und der Ursprung seiner Hobbits ist die englische Landbevölkerung, wie er sie zwischen seinem vierten und achten Lebensjahr kennengelernt hatte.

Bilbo ist ein Charakter auf dem Sprung in ein ungewisses Abenteuer in einer faszinierenden Mischung aus Furcht und Furchtlosigkeit. Er lernt unglaublich schnell und ist bald in der Lage, dem Tod entschlossen ins Antlitz zu blicken. Als er diesen Punkt erreicht, spiegelt er Tolkiens persönliche Erfahrung wieder, die er im Ersten Weltkrieg gemacht hatte. Es ist daher fast selbstverständlich, dass die Hobbits, die so eng mit dem ländlichen England seiner Jugend verbunden sind, auf Gefahr und Schrecken so gleichmütig reagieren, wie er es bei den Menschen seiner Generation erlebte. Er nehme seine „Modelle wie jeder andere auch aus dem ‚Leben‘ …, soweit ich es kenne“, schrieb er später.

Doch obwohl er sich von seinen Erfahrungen inspirieren ließ, stellen die Orks nicht die deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs in Fantasykostümen dar. Ein solches Schwarzweiß-Denken war Tolkien fremd. Es gibt genügend Hinweise darauf, dass er den einfachen deutschen Soldaten zu respektieren lernte, genauso wie seine britischen Untergebenen. Für ihn verkörpern die Orks das Böse, das er 1916 auf beiden Seiten der Westfront ausmachte – ein Böses, das Eroberung, Macht und Maschinen für wichtiger hält als Menschen aus Fleisch und Blut.

Als er von 1937 bis 1948 „Der Herr der Ringe“ schrieb, zeigte sich in seinen Briefen, dass der neue Krieg, in den seine Söhne gezogen waren, traurige Erinnerungen an den alten Krieg weckten, seinen Krieg. Gefahren, Angst und Unbehagen bestimmen die erzählerische Atmosphäre; vielen Charakteren droht das Exil in einer Welt, in der sie sich auf Althergebrachtes nicht mehr verlassen können. Wo lähmende Furcht und schwerste Demütigungen beschrieben werden, ist für ein klassisches Heldentum kein Platz mehr.

Die Hobbits sind engstirnig, häuslich veranlagt und streiten sich um Kleinigkeiten. Es fällt leicht, sie zu lieben und zu verspotten, aber es ist umso schwerer, sie zu bewundern. Frodo wünscht sich manchmal, dass ein Erdbeben oder ein Drache seine „dummen und langweiligen“ Mitbürger aufwecken möge. Diese Unzufriedenheit mit dem alltäglichen Leben war zu Beginn des Ersten Weltkriegs weit verbreitet, als der englische Dichter Rupert Brooke seine Landsleute als „Halbmenschen“ bezeichnete, die die lange Friedenszeit verdorben hätte. Tolkien äußerte zuweilen ähnliche Ansichten.

The First Map of Middle-earth. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Doch Frodo Beutlin aus dem friedlichen Auenland wünscht sich den Krieg genauso wenig wie Tolkien im England des Jahres 1914. Er beschrieb die Katastrophe als den „Zusammenbruch meiner ganzen Welt.“ Frodo, der zu spät merkt, wie sehr er ein normales Leben liebt, sagt: „Ich wollte, es hätte nicht zu meiner Zeit geschehen müssen.“ Er will weder ein Held sein noch verspricht er, einer zu werden. Wie Tolkien, ein „junger Mann mit zu viel Phantasie“, der in seinem letzten Jahr an der Universität wusste, dass er wahrscheinlich in den Krieg ziehen musste, fürchtet Frodo die Gefahr und die Pflicht, die ihm auferlegt ist. Frodo wird wie die Freiwilligen aus Tolkiens Generation zum Helden, weil er ein unbedeutendes Individuum ist, dass sich zum Wohle aller einer viel zu großen Aufgabe stellt und den Mut und die Kraft findet durchzuhalten.

Frodo zieht diese Kraft aus der Kameradschaft mit seinen Freunden. Er und die anderen Hobbits – „Anführer Frodo und seine Mannen“ nennen sie sich – gehen mit der Gefahr und dem Unbehagen um, wie es auch bei Soldaten üblich ist. Ihr Marsch wird begleitet oder unterbrochen von gemeinsamem Gesang, ordentlichen Mahlzeiten oder einem Bad – die Freuden des gemeinen Soldaten. Ihr gelassener Humor und das völlige Ausblenden ihrer Vorstellungskraft helfen, furchterregende Situationen auf ein normales Maß herunterzubrechen, wie Sam im Kampf mit der teuflischen Spinne Kankra beweist. Er redet mit ihr, als ob er einem vorlauten Hobbit ein paar Ohrfeigen verpassen wollte: „Nun komm, du Scheusal!“

„Mein Sam Gamdschie“, schrieb Tolkien, „ist in der Tat ein Bild des englischen Soldaten, der Gemeinen und Burschen, wie ich sie im Krieg von 1914 und als mir selbst so hoch überlegen erkannt habe.“ Die Beziehung zwischen Frodo und Sam spiegelt die Hierarchie zwischen einem Offizier und seinem Burschen deutlich wieder. Ein Offizier hatte in der Regel eine universitäre Ausbildung genossen und stammte aus der Mittelschicht. Der einfache Arbeiter blieb einfacher Soldat oder schaffte es vielleicht, sich zum Sergeant hochzuarbeiten. Zwischen dem gebildeten und wohlsituierten Frodo und Sam, seinem früheren Gärtner, der ihn nun weckt, die Mahlzeiten zubereitet und seine Sachen zusammenpackt, erstreckt sich ein sozialer Abgrund. Die gemeinsam durchlebte Not bereitet der typisch männlichen Zurückhaltung und den klassenbedingten Unterschieden ein Ende, und schließlich kann Sam zu Frodo sagen: „Herr Frodo, mein Lieber.“

Zu diesem Zeitpunkt ist Frodo von der ständigen Last des böswilligen Rings so zermürbt, dass die Hierarchie zwischen den beiden Hobbits praktisch auf den Kopf gestellt ist. Frodos Rolle entwickelt sich zu einer kindlichen Abhängigkeit: Er hat die Probleme, Sam die Lösungen. Im Ersten Weltkrieg war dieser Vorgang üblich. Die Aufnahme als Offizier in die britische Armee erfolgte als klassenbedingte Entscheidung, nicht weil diese jungen Männer erfahrene Soldaten oder geborene Anführer waren. Die einfachen Soldaten und Unteroffiziere verfügten in der Regel über das notwendige Alter, die Erfahrung und das Wissen, das ihren Vorgesetzten fehlte. Sams simples Geplapper bringt Frodo selbst an der Grenze nach Mordor zum Lachen. „Ein solcher Klang war in diesen Gegenden nicht gehört worden, seit Sauron nach Mittelerde gekommen war“, hält Tolkien fest. Dabei handelt es sich um ein Lachen, wie der Kriegskorrespondent Philip Gibbs glaubte, das als „Flucht vor dem Schrecken diente, als seelischer Befreiungsschlag durch eine geistige Explosion, die die Gefängnismauern der Verzweiflung und des Nachgrübelns überwand.“

Drängende Eile charakterisiert Frodos Reise von Anfang an, und der Erzählrhythmus spielt sich schnell ein. Er besteht aus vier aufeinanderfolgenden, sich stets wiederholenden Abschnitten: der mühsame, angstvolle Kampf, voranzukommen; eine brutale, grauenhafte Auseinandersetzung mit dem Tod oder denen, die ihn bringen; die Flucht vor der Gefahr und ein kurzes Zwischenspiel, in dem sich die Hobbits erholen und ausruhen können. Dies sind nicht nur die Elemente der archetypischen Heldenreise, sie entsprechen auch den tatsächlichen, alltäglichen Erfahrungen des Soldatenlebens im Ersten Weltkrieg: Marsch an die Front, Schützengraben, Rückzug und eine Verschnaufpause.

Earliest map of the Shire. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Auf ihrer Verfolgungsjagd sind Frodos Gefährten Aragorn, Legolas und Gimli mit einer Ausdauer gesegnet, die „in so mancher Halle besungen werden“ sollte, wie Éomer anmerkt: Mann, Elb und Zwerg sind heldenhafte Gestalten an der Schwelle zum Mythos. Wo ihre Schritte flink sind, kämpfen sich die weniger heldenhaften Füße der Hobbits mühsam voran, und nur ihr eiserner Wille lässt sie weitergehen, „ihre Rücken … gebeugt unter ihren Lasten.“ Das klingt wie die Beschreibung der Weltkriegssoldaten in Wilfred Owens Gedicht: „Zweifach gebeugt wie alte Bettler unter ihrem Sack, / X-beinig … Trunken vor Erschöpfung …“ Das Gewicht eines Rucksacks ist die physische Entsprechung der Last, die die Pflicht und das Schicksal einem auferlegen – ebenso wie Frodos besondere Verantwortung, nämlich den Ring zu tragen, der „Folter für die Seele“ bedeutet und eine nahezu unerträgliche „Last für den Körper“.

Doch eine noch größere Belastung für Frodo ist die Erkenntnis, dass das Auge nach ihm suchte: „Es war mehr als das Zerren des Ringes, was bewirkte, dass er sich beim Gehen duckte und bückte.“ Eine so umfassende Überwachung hat in einem mittelalterlichen Epos keinen Platz, und sie fällt auch im 20. Jahrhundert nicht in dieselbe Kategorie wie der Große Bruder aus „1984“. Sauron ist nicht der staatliche Kerkermeister, sondern der militärische Feind. Das Auge lässt seinen Blick über das Land schweifen, um jede Bewegung zu beobachten, und aus der Luft überwachen die Ringgeister, was unter ihnen geschieht. Bei der Durchquerung der Totensümpfe, den „Niemandslanden“ und den „keuchenden Gruben und giftigen Hügeln“ vor dem Schwarzen Tor von Mordor wird die Angst, entdeckt zu werden, immer größer. Tolkien gab später zu, dass die Beschreibung dieser Landschaft von seiner Erinnerung an das Schlachtfeld der Somme inspiriert worden war.

In „Der Herr der Ringe“ besteht stets die Notwendigkeit, sich zu verbergen. Die Helden alter Epen konnten mit wehenden Bannern und lautem Hornstoß in die Schlacht ziehen, und Tolkien bewahrt mit der Schlacht auf den Pelennor-Feldern die Erinnerung an diese Denkweise. Er selbst aber sah sie in den Schützengräben seiner Zeit sterben. Für moderne Helden und für Frodo ist Überraschung der Schlüssel zum Erfolg; sich vor dem Feind zu verbergen, sichert das Überleben.

Der schlimmste Kampf, den ein Soldat im Ersten Weltkrieg zu führen hatte, war nicht gegen feindliche Truppen, sondern gegen Angst und Verzweiflung. Als sich die Briten 1914 bei Mons zurückziehen mussten, entstand aus der Not, der Demoralisierung entgegenzutreten, sogar der Mythos, die Engel selbst hätten in den Konflikt gegen die Deutschen eingegriffen. Mit dem Anführer der Ringgeister erschafft Tolkien ihr Gegenstück. Dieser „große schwarze Reiter, ein dunkler Schatten unter dem Mond“ löst Panik aus: „Nicht durch die Überzahl wurden wir besiegt“, betont Boromir. Als Frodo durch die Klinge des Ringgeists verletzt wird, durchlebt er einen dunklen Traum aus Verzweiflung und Teilnahmslosigkeit.

Tolkiens persönliche Kriegserlebnisse hinterlassen bei den Ringgeistern unverkennbare Spuren. Die frühen, formlosen Gasmasken, die 1916 zum Einsatz kamen, verdeckten das Gesicht ihres Trägers genauso vollkommen, wie es die Kapuzen der Schwarzen Reiter taten, und in ihnen zu atmen verursachte schnüffelnde Geräusche; wer in ihnen zu reden versuchte, sprach zischelnd. Ihr „langgezogenes Wehklagen“, das in einem „hohen, durchdringenden Ton“ endete, erinnert stark an die „schrillen Wahngesänge der Granaten“, so Wilfred Owen, und ein anderer Schriftsteller beschrieb sie als „ein ohrenbetäubendes Kreischen“.

Ich würde behaupten, dass der Ursprung der fliegenden Ringgeister an der Somme zu suchen ist, in der Erinnerung an das Grauen: Doppeldecker und Fesselballons, die das Schlachtfeld überwachten, und die Artilleriegeschosse, die unaufhörlich einschlugen. Der Kriegskorrespondent der „Times“ schrieb über die Somme am Vorabend von Tolkiens erstem Einsatz: „Geschosse pfiffen laut flatternd, in der Dunkelheit von unsichtbaren Flügeln getragen, durch den Himmel und über unsere Köpfe hinweg.“ Der Soldat Frederic Manning schrieb, dass während des Artilleriebeschusses „das Geräusch hektisch geschlagener Flügel die Luft erfüllte, nur um vom Kreischen heranfliegender Granaten übertönt zu werden.“

Es gibt auch Anlass zu vermuten, dass Tolkien auf der Suche nach einer symbolischen Umsetzung für Schlachtfeldtraumata, Demoralisierung und Verzweiflung auf seine Kriegserfahrungen mit Kampfgasen zurückgriff. Ein unsichtbarer „Schwarzer Atem“ wird dafür verantwortlich gemacht, wie die Ringgeister die Moral ihrer Gegner untergraben. Auch Frodo trifft auf eine Wolke der Angst bei der Spinne Kankra. Dem Pfad der Toten entströmt ein „grauer Dunst“, und als Frodo und seine Kameraden auf den Hügelgräberhöhen von einem Nebel überrascht werden, haben sie das Gefühl, „in einer Falle gefangen zu sein.“

Helm's Deep and the Hornburg. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015An dieser Stelle, in dieser verfluchten Grabstätte, ist Frodo zum ersten Mal von der Realität abgeschnitten, in einem Albtraum gefangen, und muss seine Lähmung abschütteln, um die geisterhafte Hand abzuhacken, die nach der Opferklinge zu greifen versucht, die über die Hälse seiner schlafenden Freunde gelegt worden war. Die hier beschriebene Szene erinnert an eine Orientierungslosigkeit, wie sie durch hohes Fieber, tiefsitzende Furcht oder die nahende Schlacht hervorgerufen wurde. Wer über den Ersten Weltkrieg schrieb, betonte den „ungeheuren Kraftakt“, den es brauchte, um endlich in Aktion zu treten. Ein Augenzeuge beobachtete seinen Trupp, allesamt „gute Männer …, die wie in Trance über das Niemandsland blickten und augenscheinlich nicht mehr in der Lage waren, sich auch nur einen Schritt zu bewegen.“ Frodos Versagen, seinen Freunden aus der Notlage helfen zu können, das Gefühl zu Stein verwandelt worden zu sein, das fahle grünliche Licht – das alles erinnert an Wilfred Owens Beschreibung eines Gasangriffs, der Anblick eines vergasten Soldaten, durch die grün gefärbten Gasmaskensichtscheiben: „Undeutlich, durch die beschlagene Scheibe und trübes grünes Licht / Wie in einem grünen Meer …“ Eine nahezu identische Beschreibung findet sich bei der bekanntesten albtraumartigen Begegnung mit den Toten im „Herrn der Ringe“: In den Totensümpfen erkennt Frodo die unter Wasser liegenden Leichen, wie durch „ein Fenster, mit einer schmutzigen Scheibe verglast.“

Die Totensümpfe sind Sinnbild erbärmlicher, sinnloser Verschwendung, und die Krieger in ihren feuchten Gräbern nur Trugbilder, wohl durch die finsteren Kräfte des Dunklen Herrschers beschworen. Die geisterhaften Erscheinungen beziehen sich aber eindeutig auf tatsächlich Erlebtes, selbst wenn Tolkien diese Beobachtung nicht bestätigt hätte. Die Toten der Schlachtfelder blieben allen Überlebenden in Erinnerung, sie verfolgten den Soldaten und Schriftsteller Siegfried Sassoon bis in die Heimat: Er sah sie auf sein Krankenhausbett zukriechen oder auf den Bürgersteigen liegen, als er durch London ging.

Tolkien fasste sein Dasein in den Schützengräben in zwei Worten zusammen: „tierisches Grauen“. Beklemmende, ansteckende Angst verwandelt Menschen in wilde Tiere; der Schrei der Ringgeister bringt Krieger dazu, „nicht mehr an den Krieg (zu denken), sondern nur daran, sich zu verstecken und wegzukriechen, und an den Tod.“ Einer der Kriegskorrespondenten beschrieb es ähnlich, als er sagte, dass sich die Soldaten in der Schlacht zu „primitiven Wesen entwickelten, menschlichen Tieren.“

Der Maßstab des langsamen Verfalls, der Verwandlung in etwas Unmenschliches, ist Gollum. Ein Mythos von der Somme, der unter den gemeinen Soldaten weit verbreitet war, spielte bei seiner Charakterentwicklung unter Umständen eine Rolle. Ein Soldat erinnerte sich später an deutliche Warnungen, dass niemand allein einen bestimmten Punkt in den Schützengräben überqueren sollte, weil ihm dort die „wilden Menschen“ drohten, „die dort lebten, tief im Erdreich, leichenfressende Dämonen, die inmitten der verrottenden Toten hausten und nur des Nachts hervorkamen, um zu plündern und zu morden.“ In einer anderen Erzählung wird ebenso von diesen halb wahnsinnigen Deserteuren berichtet, die allen Armeen entstammten: Sie waren leichenblass, stanken nach moderigem Keller und brachen plötzlich aus „Höhlen und Grotten unter bestimmten Frontabschnitten hervor, um die Sterbenden ihrer Habseligkeiten zu berauben.“

Tolkien beschrieb nur wenige seiner Charaktere so ausführlich wie Gollum: Sein Kopf ist zu groß für den mageren Hals, seine Zunge hängt ihm aus dem Mund, er hat eine „kollernde Kehle“ und seine feuchtkalten, grapschenden Finger knacken vernehmlich. Er wechselt ständig zwischen Kichern und Schluchzen und zuckt zusammen, krümmt sich wie unter unsichtbaren Schlägen. Jedes dieser Symptome lässt sich auch bei Opfern posttraumatischer Belastungsstörungen beobachten. Als die ersten Tausenden Soldaten an der Somme diese Symptome aufwiesen, sprach man noch von „Kriegszitterern“.

Auch bei Frodo tauchen diese Symptome immer häufiger auf. Einzelne Granateinschläge waren für die Erkrankung nicht verantwortlich; schlimmer waren die unaufhörlichen, schweren Bombardements und die langen Einsätze in den vordersten Gräben. Wer sich wie Frodo andauernden Gefahren ausgesetzt sieht, gewöhnt sich nicht an das Grauen, sondern wird mit jedem Tag schwächer. Nur dank Sams unerschütterlicher Kameradschaft ist er überhaupt in der Lage, dem Wahnsinn so lange zu widerstehen, doch als sein treuer Begleiter ihm anbietet, seine Last abzunehmen, verwandelt er sich vor Frodos Augen in einen Ork, der nach seinem Ring grapscht. Der Ring bestimmt nun seine Wahrnehmung, und Frodo weist erste Anzeichen einer gespaltenen Persönlichkeit auf, wie ein weiterer Gollum.

Als Frodo während eines Gewitters den durchdringenden Schrei der Ringgeister hört, lässt ihn das schiere Entsetzen, das von ihm Besitz ergreift, für eine kurze Zeit blind werden. Dieser brutale Angriff auf die Sinne ähnelt in seiner Beschreibung dem, was Soldaten des Ersten Weltkriegs bei Artilleriebeschuss durchlebten. In diesem Fall scheint es sich um ein ungewöhnliches Phänomen zu handeln, aber Blindheit gehörte zu den zahlreichen Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung. Ein Artikel in The Times beschrieb 1915 das Opfer dieses neuen Nervenleidens wie folgt: „Er mag derartig betroffen sein, dass sich selbst seine Sinneswahrnehmungen wandeln; er wird blind oder taub, und oft ist er nicht einmal mehr in der Lage zu riechen oder schmecken. Sein eigenes Ich ist ihm fremd, alle Zusammenhänge, aus denen er selbst besteht … Des Nachts kann er nicht mehr schlafen, und wenn er es doch vermag, so trüben wüste Träume seine Erholung, und bis ins kleinste Detail durchlebt er erneut die Schlachtfelder, auf denen er gekämpft hat.“

Frodo zuckt unkontrolliert, sein Schlaf ist „unruhig …, voller Träume von Feuer“. Die Erinnerung an alles Schöne im Leben ist ausgelöscht. „Kein Geschmack am Essen, kein Gefühl für Wasser, kein Geräusch des Windes, keine Erinnerung an Baum oder Gras oder Blume, keine Vorstellung von Mond oder Stern sind mir geblieben.“ An ihre Stelle tritt das grelle, alles auslöschende Bild des Rings in seiner symbolischen Macht: „Ich bin nackt in der Dunkelheit, Sam, und es gibt keinen Schleier zwischen mir und dem Feuerrad. Ich fange an, es schon mit wachen Augen zu sehen, und alles andere verblasst.“

Doch Frodos Reise ist nicht nur die Geschichte seines körperlichen und geistigen Verfalls. Als Überlebender des Ersten Weltkriegs versuchte Tolkien in all dem Leiden, das er mit eigenen Augen hatte ansehen müssen, einen Sinn zu erkennen, und er fand ihn in der charakterlichen „Veredelung“, die er bei seinen Kameraden beobachtete. Auf den letzten Schritten seiner Heldenreise nimmt Frodo immer mehr Züge des Heilands an: Er hofft, die Welt mit seinem Tod retten zu können; er lässt seine Waffen zurück und weigert sich, sie jemals wieder zu erheben. In vielen Werken mit Bezug zum Ersten Weltkrieg ist der Vergleich mit Jesus Christus gang und gäbe, wenn es um das Leiden der Soldaten und ihrer Bereitschaft zur Selbstaufopferung geht.

Frodo stirbt nicht auf dem Schicksalsberg. Obwohl er versucht, den Ring der Macht für sich zu beanspruchen, erhält er keine Superkräfte. Stattdessen muss er mit ansehen, wie ihm der Ring genommen und gegen seinen Willen zerstört wird. Zu diesem Zeitpunkt erleben wir seinen Zusammenbruch, den er mit aller Macht aufgeschoben hatte. Tolkien fasste es in einem Brief an einen Leser mit folgenden Worten zusammen: Er „dachte, dass er sein Leben geopfert habe: Er erwartete, bald zu sterben. Aber er starb nicht, und man kann sehen, wie die Unruhe in ihm wächst.“ Die Feder eines Überlebenden hat in dieser Erzählung Leid und Kummer eingearbeitet, die den Krieg überdauerten.

Die ersten Vernarbungen sind körperlicher Natur: der verlorene Ringfinger, den Gollum abgebissen hat. Der Kriegsgeneration fiel es schwer, den Sieg der Allgemeinheit mit den Verlusten des Individuums in Einklang zu bringen, und das im wahrsten Sinne: mehr als eine Viertelmillion Briten wurden an Armen und Beinen schwer verletzt, 41.000 so schwer, dass ihr Leben nur noch durch Amputationen gerettet werden konnte.

Dieser Verlust bleibt bei Frodo nicht ohne weitere Folgen, denn ihm geht auch seine Unbescholtenheit verloren. Tatsächlich bedauert er die Zerstörung des bösartigen Rings der Macht. Wahre Helden sollten so etwas nicht denken, aber auch hier scheint die harte Realität des Ersten Weltkriegs durch. Der Ring verstärkt nämlich die Übel, die dem Krieg stets neue Nahrung gaben – Verfolgungswahn, das Verlangen nach Macht, die Übersteigerung des Heldentums –, und Frodos Bedauern ist ein Widerhall auf das überraschendste aller Leiden der demobilisierten Soldaten: die Betrübnis, dass der Krieg vorüber war.

Der Krieg hatte das Leben einfach, klar, intensiv gemacht und die Möglichkeit geboten, Heldentaten zu begehen. Die Heimkehr und der Waffenstillstand bedeuteten Desillusionierung, Verwirrung, Ziellosigkeit und das Ende der Kameradschaft. Die Zivilisten hatten nicht die geringste Ahnung von der Realität der Schützengräben, sondern hielten verzweifelt an der überholten und verklärten Vorstellung des Krieges fest. Soldaten, die „eine gute Figur machten“ – ähnlich den Hobbits Merry und Pippin, als sie ins Auenland zurückkehren –, wurden unter Umständen als Helden gefeiert, aber die Soldaten, die körperlich und geistig verkrüppelt heimkehrten, wurden häufig ignoriert oder gar herablassend behandelt. So geschieht es auch mit Frodo. Am Ende des „Herrn der Ringe“ zeigt Tolkien die Kehrseite der Medaille: Diejenigen, die ihre Abenteuer glücklich überstanden haben, werden mit Ehren überhäuft, doch Frodo, dessen eigene Reise ein psychischer Albtraum war, wird nicht beachtet.

Als sich der Erste Weltkrieg seinem Ende zuneigte, verwandelte sich die romantische Illusion eines heldenhaften Siegs in bittere und komplexe Realität. Diejenigen, die in den Krieg gezogen waren, hatten sich auf immer verändert. Frodos verständnisvolle Sichtweise als einer der Außenseiter, die nach ihrer Rückkehr aus der Schlacht nicht mehr in das Leben der anderen passen, ist von persönlichem Schmerz erfüllt: „Ich bin zu schwer verwundet worden“, sagte er. „Ich versuchte, das Auenland zu retten, und es ist gerettet worden, aber nicht für mich. Das lässt sich oft nicht ändern, Sam, wenn Dinge in Gefahr sind: Manche müssen sie aufgeben, sie verlieren, damit andere sie behalten können.“

Moria West Gate. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Ein letzter Grund für Frodos Zusammenbruch wird von Tolkien in einem späteren Kommentar als „unvernünftiger Selbstvorwurf“ bezeichnet: „Er sah in sich einen Versager, und alles, was er getan hatte, als misslungen.“ Der Ring ist nicht mehr, trotz seines Handelns, und die Wunden der Welt sind nicht gänzlich geheilt. Frodo scheint den Gefühlen Tolkiens Ausdruck zu verleihen, der aufgrund seiner Erkrankung in seine Heimat zurückkehren durfte, und dessen Bataillon vollständig aufgerieben wurde. Siegfried Sassoons Krieg endete mit einem Heimatschuss, als er vorsichtig über die Brustwehr seines Schützengrabens zu blicken versuchte, aber er hätte in seinen „Memoirs of an Infantry Officer“ auch Frodos Geisteszustand beschreiben können: „Meine Gedanken waren nicht in der Lage, den Zustand des Friedens zu erlangen … Ich begriff mich selbst als Versager, der nichts erreicht hatte außer einem völlig widersinnigen Ende, und mein eigener Verstand hatte für mich nichts mehr übrig außer Geringachtung.“

Frodos innigster Wunsch ist genau dieser „Zustand des Friedens“. Er fragt sich: „Wo werde ich Ruhe finden?“ Die Antwort ist Tolkiens einmalige Wunscherfüllung: Sein verwundeter Held wird auf einem verzauberten Schiff auf die Einsame Insel der Elben gebracht. Jetzt, wo seine Reise ins Feindesland vorüber ist, hat sich Frodo etwas verdient, was man als märchenhafte Flucht vor der Realität verstehen könnte, die Tolkien bis zu diesem Zeitpunkt stets vermieden hatte.

Vielleicht war Tolkiens Mythologie ein für ihn notwendiger Ausdruck von Emotionen, die er anders nicht zum Ausdruck bringen konnte: die Katharsis der Kriegstraumata, so einschneidend sie auch gewesen sein mochten. Auf den ersten Blick scheinen sich seine Erzählungen von der zeitgenössischen literarischen Auseinandersetzung mit dem Weltkrieg zu unterscheiden, aber sie sind auch nichts anderes, als der Versuch einen Sinn im Leben und Tod zu finden, geboren aus der Feuertaufe der Schützengräben.

Orthanc 2, 3, 4. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015

Images: The sketches J.R.R. Tolkien used to build Middle-Earth,
in: Wired, Oktober 9th, 2015, by courtesy of the Bodleian Libraries, University of Oxford:

  1. „Map of Rohan, Gondor, and Mordor“: Tolkien used maps such as this one to compute the exact locations of Frodo and Sam as they walked across Emyn Muil and the Dead Marshes and arrived at Mount Doom, so their arrival coincided with the parallel plotlines of other members of the Fellowship.
  2. „Plan of Shelob’s lair“: Dungeons & Dragons players might have been inspired by this map of Shelob the spider’s den had they known of this drawing’s existence. If only D&D had been invented in 1954, when The Lord of the Rings was published, not 1974.
  3. „Distances and dates in Mordor“: Our quest is how long? In this complicated sketch-map, Tolkien worked out distances between various stops along the quest, such as the fact that it was 20 miles from Osgiliath and the Cross-roads of Minas Morgul, just to the west of Mordor.
  4. „The ‚First Map‘ of Middle-earth“: This was Tolkien’s master reference map. His son Christopher Tolkien called it „strange, battered, fascinating, extremely complicated.“ Its layers of sheets and corrections „reacted,“ he said, to the story in progress.
  5. „Earliest map of the Shire“: This map reveals Tolkien’s creative process. The blue and red dashed lines show Frodo, Sam, and Pippin’s route. Faint pencil marks update place-name changes, and reveal other notes about his Middle-earth still under development.
  6. „Helm’s Deep & the Hornburg“: Tolkien doodled on almost anything he could get his hands on. Here, he drew this view of Helm’s Deep, the fortress retreat of the Rohirrim people, on a half-used page of an Oxford examination booklet.
  7. „Moria West Gate“: This colored pencil drawing of the Doors of Durin, the secret entrance to the mines of Moria with its famous „Speak, friend, and enter“ riddle, captures the scale and majesty of the location.The tiny tentacle of the Watcher in the Water, poking out of the water, hints at the Fellowship’s trouble ahead.
  8. „Orthanc (2), 3, (4)“: Tolkien used his illustrations to test ideas for how Middle-earth’s various buildings, places and geological and man-made (and dwarf-, elf-, and hobbit-made) features might appear, and guided how he might describe them in words. Here’s an early, three-part sketch of Saruman’s tower Orthanc, at Isengard.

Soundtrack: Annie Lennox: Into The West,
das Nachspannlied zu The Lord of the Rings: The Return of the King, 2003:

The song was conceived as a bittersweet Elvish lament sung by Galadriel for those who have sailed across the Sundering Sea. Several phrases from the song are taken from the last chapter of The Return of the King.

[T]he song wasn’t inspired by Frodo, but by the premature death from cancer of young New Zealand filmmaker Cameron Duncan, whose work had impressed [director Peter] Jackson and his team. The first public performance of the song was at Duncan’s funeral.

The song won the Oscar for Best Original Song [2004], one of the film’s eleven wins.

Written by Wolf

1. November 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Geibels Wesen und Beruf

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Update zu Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. (Kartoffeln schmälzen):

Wo Geibel und Heyse herrschen, bleibt Georg Büchner draußen vor der Tür.

Robert Minder.

Der Geibelplatz muss weg. Damit ist eigentlich alles gesagt.

Buddenbrookhaus Lübeck zum Geibel-Jahr 2015.

Lorenz Clasen: Germania auf der Wacht am Rhein, 1860Wenn man es denn bemerkt, was man aber kaum schafft, kann man es auch begehen, was man aber nicht muss: Emanuel Geibel ist gerade 200 geworden. In Lübeck, wo nicht einmal der zuständige Stadtrat sagen kann, ob sie dort einen Geibelplatz haben oder nicht, bekommt der Mann deshalb von einem engen Kreis Berufener ein ganzes Geibel-Jahr gewidmet: Das Buddenbrookhaus feiert schon das ganze Jahr lang den großen Dichter des Blutes und des Eisens und findet gar kein Ende mit seinen Veranstaltungen. Unverdächtig oder wenigstens nicht eindeutig überführbar bleibt Herr Geibel wohl deswegen, weil sich jemand, der Emanuel heißt, was Antisemitismus angeht, schon nicht unbotmäßig weit aus dem Fenster gelehnt haben wird. Die Welt vom Samstag, den 17. Oktober 2015 frühstückt das recht passend mit einer einzelnen Notiz als „Zahl des Tages“ im Feuilleton ab, sinnigerweise rechts unten.

——— Emanuel Geibel:

O hätt‘ ich Drachenzähne statt der Lieder

1846:

O hätt‘ ich Drachenzähne statt der Lieder,
Daß, sät‘ ich sie auf diese dürre Küste,
Draus ein Geschlecht von Kriegern wachsen müßte,
Im Waffentanz zu rühren Eisenglieder.

Sie alle sollten Deutschlands Heerschild wieder
Erhöhn, unnahbar jedem Raubgelüste,
Und nimmer fragen nach des Kampfes Rüste,
Bis Hauch des Siegs umspielt‘ ihr Helmgefieder.

Nun hab‘ ich Worte nur, allein wie Saaten
Will ich sie streun in deutsche Seelen wacker,
Ob hier und dort mag eine Frucht geraten.

Doch soll draus aufgehn nicht ein Zorngeflacker,
Nein, ruhig ernst ein Mut zu großen Taten.
Du aber, Herr, bereite selbst den Acker!

Ausgefeilter kann man kaum „Jeder wie er kann“ sagen. Er kann auch eine Frühform von „Deutschland, erwache!“ in Bezug zum antiken Griechenland setzen:

Deutschland, bist du so tief vom Schlaf gebunden

1846:

Deutschland, bist du so tief vom Schlaf gebunden,
Daß diese fremden Zwerge sich getrauen,
Mit frechem Beil in deinen Leib zu hauen,
Als könntest du nicht spüren Streich und Wunden?

Ist deine Ehre so dahingeschwunden
Im Mund der Völker, daß sie keck drauf bauen,
Mit teilnahmloser Ruhe würden schauen
Die Schmach des kranken Gliedes die gesunden?

Erwach‘ und steig empor in Zornes Lohen!
Laß aus der Brust, die nicht umsonst sich brüstet,
Die Riesendonner deiner Stimme drohen!

Da werden, die nach deinem Raub gelüstet,
Entsetzt zerstäuben, wie die Troer flohen
Beim Ruf Achills, noch eh‘ er sich gerüstet.

Formal bleibt gerade in seinen Sonetten kein Wunsch offen, und Geibel hat viele davon. Einwandfreies Reimschema, Versmaß Ehrensache, die Quartette sind thematisch von den Terzetten unterschieden, und beide Teile fließen mühelos in ein Ganzes — nichts dagegen zu sagen. Seine bevorzugten Inhalte allerdings breitet er auch in formal weniger festgezurrten Epigrammen aus und konnte mit einem Fazit davon leider in den deutschen Sprichwortschatz eingehen:

Deutschlands Beruf

1861:

Philipp Veit, Allegorie der Germania, 1834--1836, Wandbild Altes Städelsches Institut Frankfurt am MainSoll’s denn ewig von Gewittern
Am umwölkten Himmel braun?
Soll denn stets der Boden zittern,
Drauf wir unsre Hütten baun?
Oder wollt ihr mit den Waffen
Endlich Rast und Frieden schaffen?

Daß die Welt nicht mehr, in Sorgen
Um ihr leichterschüttert Glück,
Täglich bebe vor dem Morgen,
Gebt ihr ihren Kern zurück!
Macht Europas Herz gesunden,
Und das Heil ist euch gefunden.

Einen Hort geht aufzurichten,
Einen Hort im deutschen Land!
Sucht zum Lenken und zum Schlichten
Eine schwerterprobte Hand,
Die den güldnen Apfel halte
Und des Reichs in Treuen walte.

Sein gefürstet Banner trage
Jeder Stamm, wie er’s erkor,
Aber über alle rage
Stolzentfaltet eins empor,
Hoch, im Schmuck der Eichenreiser
Wall‘ es vor dem deutschen Kaiser.

Wenn die heil’ge Krone wieder
Eine hohe Scheitel schmückt,
Auf dem Haupt durch alle Glieder
Stark ein ein’ger Wille zückt,
Wird im Völkerrat vor allen
Deutscher Spruch aufs neu‘ erschallen.

Dann nicht mehr zum Weltgesetze
Wird die Laun‘ am Seinestrom,
Dann vergeblich seine Netze
Wirft der Fischer aus in Rom,
Länger nicht mit seinen Horden
Schreckt uns der Koloß im Norden.

Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
Klarer Geist und scharfer Hieb
Zügeln dann aus starker Mitte
Jeder Selbstsucht wilden Trieb,
Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen.

Na gut, „Kaiser“ auf „Eichenreiser“, darauf muss man kommen, und das ist nicht ganz ohne Charme. 2014, als das Jubiläum noch ohne Geibel-Jahr abging, hat der nicht genug zu lobende Silvae eine Ehrenrettung Geibels zum 130. Todestag versucht — und sogar geschafft, ihm eine nicht ganz so bluttriefende, eisenrasselnde Seite abzugewinnen, mit der Zusammenfassung:

Wenn man die Gedichte liest, die sich hier im Goethezeitportal finden, dann lernt man einen anderen Geibel kennen. Auf jeden Fall einen ohne Drachenzähne.

Nicht einmal übliche Verdächtige werden sich heute mehr als Geibel-Fans outen (im Gegenteil: die wahrscheinlich als letzte), da wird man den Mann wohl noch rehabilitieren dürfen. Wenn Herr Silvae sich am runden Todestag so wohlwollend gezeigt hat, wollen wir am noch runderen Geburtstag erst recht mal nicht so sein, und so „wird im Völkerrat vor allen deutscher Spruch aufs neu‘ erschallen“. Gereimt sind sie ja wirklich gut.

Christian Köhler, Erwachende Germania, 1849

Deutsche Wesen: Lorenz Clasen: Germania auf der Wacht am Rhein, Düsseldorfer Malerschule, 1860
via Die holde Germania wacht jetzt in Leipzig, Westdeutsche Zeitung, 8. August 2013;
Philipp Veit: Allegorische Figur der Germania, 1834–1836, Wandbild aus dem alten Städelschen Institut, rechtes Seitenbild: Die mit Eichenlaub bekrönte Germania ist umgeben von mehreren Symbolen, die in der Romantik mit Deutschland verbunden waren (Reichskrone, Wappen des Heiligen Römischen Reichs, die Wappen der Kurfürsten, Reichsschwert und die Rheinlandschaft);
Christian Köhler: Erwachende Germania, 1849,
Öl auf Leinwand, 220 cm × 280 cm, New York Historical Society:
Vor Germania erscheint der Genius der Freiheit, während Knechtschaft und Zwietracht in den Abgrund stürzen.

Soundtrack: Emanuel Geibels unverfänglicher Smash-Hit Der Mai ist gekommen 1841, geschrieben im Biergarten des Lübecker Gasthofs, der später dem YouTuber gehörte, der die Rezitation von Frank Arnold veröffentlichen sollte.

Written by Wolf

23. Oktober 2015 at 00:01

Was zusammengehört

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer:

Hannah Häseker, Hamburg, August 2015, Hasselblad 503cx oder Canon A-1

——— Bernd Jentzsch:

Verbotenes Lied

1978, in: Flöze. Schriften und Archive 1954–1992, Connewitz, Leipzig, 1993, Seite 227:

O Vaterland, o Vaterland.
Laß uns dir zum Guten dienen.
Einigkeit und Recht und Freiheit.
Brüderlich mit Herz und Hand.
Und das liebste mags uns scheinen,
So wie andern Völkern ihrs,
Und der Zukunft zugewandt.

——— Kurt Bartsch:

Liedervereinigung

5. Oktober 1991 in: Neues Deutschland:

Auferstanden aus Ruinen
Brüderlich mit Herz und Hand
Laß uns dir zum Guten dienen
Daß zum Zwecke Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Einigkeit und Recht und Freiheit
Zu dem Bade sich ergieße
Und der Zukunft zugewandt.

Hannah Häseker, Hamburg, August 2015, Hasselblad 503cx oder Canon A-1

Bilder: Hannah Helene „Holunder“ Häseker, Hamburg, August 2015,
analoger Ilford auf Hasselblad 503cx oder Canon A-1.

Written by Wolf

3. Oktober 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Ein Mann tut müssen, was ein Mann müssen tut

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Update zu Ich bescheide mich
und Zeichenstifter:

——— Tobias Haberl („Tobias Haberl liebt Richard Wagner, die deutsche Romantik und seine Heimat, den Bayerischen Wald. Er liebt aber auch eine Frau aus Südostasien, die erst vor ein paar Jahren den deutschen Pass bekommen hat. Er findet: Das passt wunderbar zusammen.“):

Reihe 7 Platz 88.
Udo Voigt hat sein Leben in der NPD verbracht. Er verachtet die EU. Doch seit einem Jahr sitzt er im Europaparlament. Wie hält die Demokratie so einen aus? Und hat ihn dieses Amt verändert? Wir haben ihn vom ersten Tag an begleitet.

in: Süddeutsche Zeitung Magazin Nummer 19 / 8. Mai 2015,
Seite 8 bis 20, Ausschnitt Seite 17, hier Zitate hervorgehoben:

Daniel Delang für Tobias Haberl, Reihe 7 Platz 88, Süddeutsche Zeitung Magazin 19, 8. Mai 2015Er kann sich nicht vorstellen, wie man das nicht wollen kann: seinem Land dienen. Überhaupt muss man tief in die Vergangenheit zurückgehen, in die Nachkriegszeit in der kleinen Stadt Viersen am Niederrhein, wenn man nachvollziehen will, wie sich der Junge, der besessen Karl May las und übermütig den Schützen- und Fanfarenumzügen nachlief, zu dem Menschen radikalisiert hat, der in Deutschland die Todesstrafe einführen möchte und auf seiner Wikipedia-Seite mit dem Anführer des Ku-Klux-Klans posiert. Voigts Vater war Hitlerjunge. Als Soldat nahm er an den Feldzügen gegen Polen, Frankreich und Russland teil. 1949 kam er aus der Gefangenschaft zurück. Voigt hat seinen Vater geliebt und bewundert. Er sagt heute noch „Papa“, wenn er von ihm spricht. „In der Schule“, sagt er, „habe ich Fotos von Panzern gezeigt, die er abgeschossen hat.“ Als sein Vater im Jahr 2000 stirbt, zitiert Voigt in der Traueranzeige Adalbert Stifter:

Denn was auch immer auf Erden besteht
Besteht durch Ehre und Treue.
Wer heute die alte Pflicht verrät
Verrät auch morgen die neue.

Er hantiert ständig mit solchen Versen. Auf Facebook postet er alle paar Wochen ein Gedicht, einen Aphorismus, ein paar Zeilen aus einem deutschen Drama. Meistens muss er tief ins 19. Jahrhundert zurückgehen, um die Gedanken zu finden, die ihm Mut machen, die ihn trösten, an Silvester 2014 zitiert er Friedrich Schiller:

Solang mein Herz noch schlägt
Mich mein Gefühl noch trägt
Werd‘ ich bis zum Schluss
Einfach tun, was ich glaub zu tun muss

— aber er täuscht sich: In Wahrheit stammt der Vers von der Schlagersängerin Nicole.

Voigt tritt 1968 mit 16 Jahren in die NPD ein und wird ebenfalls Soldat.

Sind jetzt seit dem 19. Jahrhundert die Gassenhauer schillernder geworden oder die Klassiker schlagender?

Schillern: Nicole: Solang mein Herz noch schlägt, aus: Und ich denke schon wieder nur an dich, 1991. Text: Bernd Meinunger; Musik: Alfons Weindorf.
Für Bernd Meinunger ist „Vollprofi“ weit untertrieben; natürlich hat der Mann für Nicole korrekte deutsche Sätze gebildet.
Bild: Daniel Delang für Tobias Haberl a.a.O.:

Zwei von vier Mitarbeitern von Udo Voigt sind Vegetarier, an diesem Tag wird trotzdem in einer urigen Kneipe auf der deutschen Rheinseite gegessen. Von links: Karl Richter (NPD), ein EU-Mitarbeiter aus Belgien, Florian Stein (NPD) und Udo Voigt.

Rehgulasch mit Nudeln: 16,50 €!

Written by Wolf

9. Juli 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Die Tage wurden trüber (wie von grober Mettwurst geschmiert)

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Das muss man sich auch einmal klar gemacht haben: Sommersonnenwende bedeutet, dass die Tage seit 21. Juni kürzer und im Ausgleich dazu die Nächte länger werden. Rechnerisch ist Sommeranfang schon Winteranfang. Die gute Nachricht ist: Mit dem gleichen Argument ist Sommeranfang kurz vor Weihnachten.

Das Lästige zum sommerlichen wie zum winterlichen Anlass sind die Literatur-Specials der Zeitungen, einmal für die „Strandlektüre“, einmal für die „Geschenkideen“ – beides so nützlich und zeitgemäß wie Käse- und Mettigel.

Aber gut, in der Welt stehen sie wenigstens dazu, dem Buchhandel – florieren soll er! – scheint es nicht zu schaden, und solange einer von 16 Redakteuren Heine empfiehlt, dürfen sie auch so tun, als ob sie jemals ein Reclam-Heft von Giacomo Leopardi gelesen hätten.

Ich bringe diese 2 relevanten von 16 Empfehlungen im Volltext und lasse den bezahlten Journalisten ihre Rechtschreibung; dafür darf jetzt ich eigenmächtig die Zitate hervorheben.

——— Frédéric Schwilden:

Frédéric Schwilden friert mit Heinrich Heine

aus:

Wir packen unsere Koffer und nehmen mit …

Pauschalreisen für unter zehn Euro? Gibt’s nur in der Literatur. Wir empfehlen für diesen Lesesommer: Kreuzfahrten über das Gleismeer, Paddeltouren durch die Pools der Nachbarn, Hiking im Haulewald oder eine Kutschfahrt nach Hagen. Reisen Sie! Lesen Sie! Buchen Sie!

in: Die Welt, Samstag/Sonntag, 27./28. Juni 2015, Literarische Welt, Seite 2:

George Clark Stanton, Death and the MaidenDass Heines „Wintermärchen“ (Insel, 6,50 €) nichts als die Wahrheit ist, zeigt der Zusatz „Märchen“ und die Tatsache, dass es damals als satirisches Gedicht herausgegeben wird. 1844 ist das. Auf Heines in Versform gestalteter Reise (literarische Kutschfahrt) von Frankreich über Köln, Hagen (Hagen?!), Paderborn, Minden bis nach Hamburg, gleitet der junge Autor wie von grober Mettwurst geschmiert durch ein Deutschland der Restaurationszeit. Das Irre daran ist, es scheint, als habe sich nichts verändert. Denken wir an Europa, an Deutschland heute und lesen Heine:

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Deswegen, fahren Sie nach Ischia, gehen Sie ins Hotel „Miramar“ und bestellen Sie die große Leberwurststulle. Es wird ein merkelhafter Urlaub.

——— Dirk Schümer:

Dirk Schümer kühlt sich mit Giacomo Leopardi

a.a.O.:

Henri Lévy, Death and the Maiden, detail, 1900Warum zur Sommerzeit nicht mit dem größten Dichter des Nichts in den Süden reisen? Giacomo Leopardi stammt aus dem langweilig-schönen Recanati im Hinterland der Adria. Hier stopfte sich der Kranke – ein von Knochentuberkulose zerfressener Gnom mit zwei Buckeln – mit Europas Bücherwissen voll. Ein Vierteljahrhundert lang erstickte er an Lieblosigkeit, Isolation, Schmerzen und unerfüllter Sehnsucht. Dann ein paar Reisen quer durch Italien; schließlich 1837 mit noch nicht mal Vierzig der Tod in Neapel. In seinem Leiden dichtete Leopardi erbarmungslose „Gesänge und Fragmente“ (Reclam, 7,80 €) über die insektenhafte Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz:

Und so ertrinkt in Unermesslichkeit mein Geist. Und Scheitern ist mir süß in diesem Meer.

Mit diesem Bad im Wörtersee wird selbst der allerheißeste Mittelmeersommer wieder kühl.

Bilder: George Clark Stanton: Death and the Maiden;
Henri Lévy: Death and the Maiden, Detail, 1900.

Written by Wolf

2. Juli 2015 at 00:01

Morgenschillern oder Warum die Freiheit des Menschen in Deutschland wohnt

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Bislang war Schiller in diesen heil’gen Hallen unterrepräsentiert. Dabei hat der Mann heute viel mehr Fans als Goethe, allein wegen seiner Krimis in Dialogform, die fleißig in Schulen durchgenommen werden: Die Räuber und Kabale und Liebe behandeln so zeitlose Probleme, dass sie auch der Jugend des dritten Jahrtausends etwas sagen, und sind mit ihren frühen Ansätzen des Suspense lange nicht so weinerlich wie der Goethesche Werther. Im Schillerjahr 2005 konnte mir eine damalige Schülerin von 15 Jahren mit aller Sicherheit den Finger darauf legen, Schiller sei sympathisch, Goethe unsympathisch.

Dabei ist es mit seinen Gesamtausgaben so eine Sache. Von Goethe gibt es mehr oder weniger vollständige und mehr oder weniger sorgfältig kuratierte Auswahlen in allen Größen, Farben und Formen für alle Bedürfnisse, von Schiller eine einzige relevante Gesamtausgabe — die weder ein eigenes Bibliothekszimmer sowie einen Kredit erfordert, noch ein paar lieblose Volltextfetzen versammelt, die online günstiger und fehlerfreier gestanden wären — die fünfbändige bei Hanser von Jörg Robert, Peter-André Alt, Albert Meier, Wolfgang Riedel und Irmgard Müller, als Taschenbücher bei dtv. Die benutze ich seit Jahren.

Und muss erst kürzlich erleben, dass sie alles andere als vollständig ist. Irgendwas fehlt immer, seien es Briefe, Jugendgedichte, rekonstruierte Notizzettel oder Zweitfassungen, und in anständigen Ausgaben wird das angekündigt und begründet, das ist völlig in der Ordnung. Bei Hanser werden gerade die paar kürzeren historischen Aufsätze, die Spaß machen … nun, man will nicht sagen, „unterschlagen“, weil das bestimmt editorisch zu rechtfertigen ist — aber eben weggelassen. Und sie fehlen schmerzlich, sobald man von ihrer Existenz weiß.

Persönlich waren mir Die Räuber nie mehr als wenig nahrhaftes und leicht versalzenes Popcorn für die Schulplatzmiete, und Kabale und Liebe war erst durch Paula Kalenberg als Luise erträglich, die historischen Aufsätze dagegen schreien dringend nach einiger Verbreitung: Wenn Schiller sich schon mal freiwillig ausführlich übers Mittelalter äußert, wie kann denn da nicht alle Welt gebannt zuhören wollen? Ich empfehle für solche Sachen in rohem Text das Friedrich-Schiller-Archiv — für eine gewisse Möblierung des Textes hoffe ich auf baldigen Zugriff auf die historisch-kritische Ausgabe, die hoffentlich im Lesesaal meiner großen Stadtbibliotheksfiliale auf dergleichen Ehrgeiz wartet — und natürlich auf meinen eigenen Einsatz des interessierten Laien.

Schiller handelt davon, warum anders als im alten Rom und Griechenland und erst recht im etwas herablassend betrachteten Asien nur in Europa und dort vor allem im pathetisch hochgelobten Deutschland die Voraussetzungen für nicht weniger denn die umfassende Freiheit „des Menschen“ gedeihen konnten (soll ich’s kurz spoilern? — Durch die Aufklärung natürlich). Über seine Erkenntnisse und seine Wege zu ihr kann man diskutieren, aber vielleicht wollte er ja genau das, und wer weiß, wie in 223 Jahren auf unsere von Anfang an gescheiterte Globalität geblickt wird.

Zur Einordnung: 1792 war Deutschland ein feudal und sehr heterogen regierter Agrarstaat, in dem eins der minder bedeutenden Herzogtümer die Weimarer Klassik ausbildete, in Frankreich tobte die Große Revolution. In diesem Moment verwendet Schiller in Über Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter erstmals den Ausdruck „Völkerwanderung“ als feste Epochenbezeichnung, woraufhin er sich schnell verbreitete. Der Aufsatz scheint also einst recht einflussreich gewesen. Ich gebe ihn hier mit Schillers gesperrten Hervorhebungen kursiv sowie als Online-Premiere zugleich mit den beiden Fußnoten wieder.

Das überlieferte Bildmaterial über die und naturgemäß vor allem aus der Völkerwanderung ist weder ergiebig noch spektakulär. Um uns, was an dieser Stelle ebenfalls notwendig scheint, Goethes verdienstreichem Sidekick Schiller zu nähern, der zumindest vor einem mageren Jahrzehnt noch bei literaturwissenschaftlich gleichgültigen 15-jährigen Mädchen Anklang gefunden hat, garnieren wir mit populärwissenschaftlichen Vintage-Bildern aus dem Goethezeitportal.

——— Friedrich Schiller:

Über Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter

1792:

Dieser Aufsatz war ein Theil der einleitenden Abhandlung, die dem ersten Bande der ersten Abteilung der von dem Verfasser herausgegebenen historischen Memoires vorgedruckt wurde.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Das neue System gesellschaftlicher Verfassung, welches, im Norden von Europa und Asien erzeugt, mit dem neuen Völkergeschlechte auf den Trümmern des abendländischen Kaiserthums eingeführt wurde, hatte nun beinahe sieben Jahrhunderte lang Zeit gehabt, sich auf diesem neuen und größern Schauplatz und in neuen Verbindungen zu versuchen, sich in allen seinen Arten und Abarten zu entwickeln und alle seine verschiedenen Gestalten und Abwechslungen zu durchlaufen. Die Nachkommen der Vandalen, Sueven, Alanen, Gothen, Heruler, Longobarden, Franken, Burgundier u. a. m. waren endlich eingewohnt auf dem Boden, den ihre Vorfahren mit dem Schwert in der Hand betreten hatten, als der Geist der Wanderung und des Raubes, der sie in dieses neue Vaterland geführt, beim Ablauf des eilften Jahrhunderts in einer andern Gestalt und durch andre Anlässe wieder bei ihnen aufgeweckt wurde. Europa gab jetzt dem südwestlichen Asien die Völkerschwärme und Verheerungen heim, die es siebenhundert Jahre vorher von dem Norden dieses Welttheils empfangen und erlitten hatte, aber mit sehr ungleichem Glücke; denn so viel Ströme Bluts es den Barbaren gekostet hatte, ewige Königreiche in Europa zu gründen, so viel kostete es jetzt ihren christlichen Nachkommen, einige Städte und Burgen in Syrien zu erobern, die sie zwei Jahrhunderte darauf auf immer verlieren sollten.

Die Thorheit und Raserei, welche den Entwurf der Kreuzzüge erzeugten, und die Gewalttätigkeiten, welche die Ausführung desselben begleitet haben, können ein Auge, das die Gegenwart begrenzt, nicht wohl einladen, sich dabei zu verweilen. Betrachten wir aber diese Begebenheit im Zusammenhang mit den Jahrhunderten, die ihr vorhergingen, und mit denen, die darauf folgten, so erscheint sie uns in ihrer Entstehung zu natürlich, um unsere Verwunderung zu erregen, und zu wohlthätig in ihren Folgen, um unser Mißfallen nicht in ein ganz andres Gefühl aufzulösen. Sieht man auf ihre Ursachen, so ist diese Expedition der Christen nach dem heiligen Lande ein so ungekünsteltes, ja ein so nothwendiges Erzeugniß ihres Jahrhunderts, daß ein ganz Ununterrichteter, dem man die historischen Prämissen dieser Begebenheit ausführlich vor Augen gelegt hätte, von selbst darauf verfallen müßte. Sieht man auf ihre Wirkungen, so erkennt man in ihr den ersten merklichen Schritt, wodurch der Aberglaube selbst die Uebel anfing zu verbessern, die er dem menschlichen Geschlecht Jahrhunderte lang zugefügt hatte, und es ist vielleicht kein historisches Problem, das die Zeit reiner aufgelöst hätte, als dieses, keines, worüber sich der Genius, der den Faden der Weltgeschichte spinnt, befriedigender gegen die Vernunft des Menschen gerechtfertigt hätte.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Aus der unnatürlichen und entnervenden Ruhe, in welche das alte Rom alle Völker, denen es sich zur Herrscherin aufdrang, versenkte, aus der weichlichen Sklaverei, worin es die thätigsten Kräfte einer zahlreichen Menschenwelt erstickte, sehen wir das menschliche Geschlecht durch die gesetzlose stürmische Freiheit des Mittelalters wandern, um endlich in der glücklichen Mitte zwischen beiden Aeußersten auszuruhen und Freiheit mit Ordnung, Ruhe mit Thätigkeit, Mannigfaltigkeit mit Uebereinstimmung wohlthätig zu verbinden.

Die Frage kann wohl schwerlich sein, ob der Glücksstand, dessen wir uns erfreuen, dessen Annäherung wir wenigstens mit Sicherheit erkennen, gegen den blühendsten Zustand, worin sich das Menschengeschlecht sonst jemals befunden, für einen Gewinn zu achten sei, und ob wir uns gegen die schönsten Zeiten Roms und Griechenlands auch wirklich verbessert haben. Griechenland und Rom konnten höchstens vortreffliche Römer, vortreffliche Griechen erzeugen – die Nation, auch in ihrer schönsten Epoche, erhob sich nie zu vortrefflichen Menschen. Eine barbarische Wüste war dem Athenienser die übrige Welt außer Griechenland, und man weiß, daß er dieses bei seiner Glückseligkeit sehr mit in Anschlag brachte. Die Römer waren durch ihren eigenen Arm bestraft, da sie auf dem ganzen großen Schauplatz ihrer Herrschaft nichts mehr übrig gelassen hatten als römische Bürger und römische Sklaven. Keiner von unsern Staaten hat ein römisches Bürgerrecht auszutheilen; dafür aber besitzen wir ein Gut, das, wenn er Römer bleiben wollte, kein Römer kennen durfte – und wir besitzen es von einer Hand, die Keinem raubte, was sie Einem gab, und was sie einmal gab, nie zurücknimmt: wir haben Menschenfreiheit; ein Gut, das – wie sehr verschieden von dem Bürgerrecht des Römers! – an Werthe zunimmt, je größer die Anzahl Derer wird, die es mit uns theilen, das, von keiner wandelbaren Form der Verfassung, von keiner Staatserschütterung abhängig, auf dem festen Grunde der Vernunft und Billigkeit ruhet.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Der Gewinn ist also offenbar, und die Frage ist bloß diese: war kein näherer Weg zu diesem Ziele? konnte sich diese heilsame Veränderung nicht weniger gewaltsam aus dem römischen Staat entwickeln, und mußte das Menschengeschlecht nothwendig die traurige Zeitstrecke vom vierten bis zum sechzehnten Jahrhundert durchlaufen?

Die Vernunft kann in einer anarchischen Welt nicht aushalten. Stets nach Uebereinstimmung strebend, läuft sie lieber Gefahr, die Ordnung unglücklich zu verteidigen, als mit Gleichgültigkeit zu entbehren.

War die Völkerwanderung und das Mittelalter, das darauf folgte, eine nothwendige Bedingung unserer bessern Zeiten?

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Asien kann uns einige Aufschlüsse darüber geben. Warum blühten hinter dem Heerzuge Alexanders keine griechische Freistaaten auf? Warum sehen wir Sina, zu einer traurigen Dauer verdammt, in ewiger Kindheit altern? Weil Alexander mit Menschlichkeit erobert hatte, weil die kleine Schaar seiner Griechen unter den Millionen des großen Königs verschwand, weil sich die Horden der Mantschu in dem ungeheuren Sina unmerkbar verloren. Nur die Menschen hatten sie unterjocht; die Gesetze und die Sitten, die Religion und der Staat waren Sieger geblieben. Für despotisch beherrschte Staaten ist keine Rettung als in dem Untergang. Schonende Eroberer führen ihnen nur Pflanzvölker zu, nähren den siechen Körper und können nichts, als eine Krankheit verewigen. Sollte das verpestete Land nicht den gesunden Sieger vergiften, sollte sich der Deutsche in Gallien nicht zum Römer verschlimmern, wie der Grieche zu Babylon in einen Perser ausartete, so mußte die Form zerbrochen werden, die seinem Nachahmungsgeist gefährlich werden konnte, und er mußte auf dem neuen Schauplatz, den er jetzt betrat, in jedem Betracht der stärkere Theil bleiben.

Die scythische Wüste öffnet sich und gießt ein rauhes Geschlecht über den Occident aus. Mit Blut ist seine Bahn bezeichnet. Städte sinken hinter ihm in Asche, mit gleicher Wuth zertritt er die Werke der Menschenhand und die Früchte des Ackers; Pest und Hunger holen nach, was Schwert und Feuer vergaßen; aber Leben geht nur unter, damit besseres Leben an seiner Stelle keime. Wir wollen ihm die Leichen nicht nachzählen, die es aufhäufte, die Städte nicht, die es in die Asche legte. Schöner werden sie hervorgehen unter den Händen der Freiheit, und ein besserer Stamm von Menschen wird sie bewohnen. Alle Künste der Schönheit und der Pracht, der Ueppigkeit und Verfeinerung gehen unter; kostbare Denkmäler, für die Ewigkeit gegründet, sinken in den Staub, und eine tolle Willkür darf in dem feinen Räderwerk einer geistreichen Ordnung wühlen; aber auch in diesem wilden Tumult ist die Hand der Ordnung geschäftig, und was den kommenden Geschlechtern von den Schätzen der Vorzeit beschieden ist, wird unbemerkt vor dem zerstörenden Grimm des jetzigen geflüchtet. Eine wüste Finsterniß breitet sich jetzt über dieser weiten Brandstätte aus, und der elende ermattete Ueberrest ihrer Bewohner hat für einen neuen Sieger gleich wenig Widerstand und Verführung.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Raum ist jetzt gemacht auf der Bühne – und ein neues Völkergeschlecht besetzt ihn, schon seit Jahrhunderten, still und ihm selbst unbewußt, in den nordischen Wäldern zu einer erfrischenden Colonie des erschöpften Westen erzogen. Roh und wild sind seine Gesetze, seine Sitten; aber sie ehren in ihrer rohen Weise die menschliche Natur, die der Alleinherrscher in seinen verfeinerten Sklaven nicht ehret. Unverrückt, als wär‘ er noch auf salischer Erde, und unversucht von den Gaben, die der unterjochte Römer ihm anbietet, bleibt der Franke den Gesetzen getreu, die ihn zum Sieger machten; zu stolz und zu weise, aus den Händen der Unglücklichen Werkzeuge des Glücks anzunehmen. Auf dem Aschenhaufen römischer Pracht breitet er seine nomadischen Gezelte aus, bäumt den eisernen Speer, sein höchstes Gut, auf dem eroberten Boden, pflanzt ihn vor den Richterstühlen aus, und selbst das Christentum, will es anders den Wilden fesseln, muß das schreckliche Schwert umgürten.

Und nun entfernen sich alle fremden Hände von dem Sohne der Natur. Zerbrochen werden die Brücken zwischen Byzanz und Massilien, zwischen Alexandria und Rom, der schüchterne Kaufmann eilt heim, und das ländergattende Schiff liegt entmastet am Strande. Eine Wüste von Gewässern und Bergen, eine Nacht wilder Sitten wälzt sich vor den Eingang Europens hin, der ganze Welttheil wird geschlossen.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Ein langwieriger, schwerer und merkwürdiger Kampf beginnt jetzt: der rohe germanische Geist ringt mit den Reizungen eines neuen Himmels, mit neuen Leidenschaften, mit des Beispiels stiller Gewalt, mit dem Nachlaß des umgestürzten Roms, der in dem neuen Vaterland noch in tausend Netzen ihm nachstellt; und wehe dem Nachfolger eines Clodio, der auf der Herrscherbühne des Trajanus sich Trajanus dünkt! Tausend Klingen sind gezückt, ihm die scythische Wildniß ins Gedächtniß zu rufen. Hart stößt die Herrschsucht mit der Freiheit zusammen, der Trotz mit der Festigkeit, die List strebt, die Kühnheit zu umstricken, das schreckliche Recht der Stärke kommt zurück, und Jahrhunderte lang sieht man den rauchenden Stahl nicht erkalten. Eine traurige Nacht, die alle Köpfe verfinstert, hängt über Europa herab, und nur wenige Lichtfunken fliegen auf, das nachgelaßne Dunkel desto schrecklicher zu zeigen. Die ewige Ordnung scheint von dem Steuer der Welt geflohen oder, indem sie ein entlegenes Ziel verfolgt, das gegenwärtige Geschlecht aufgegeben zu haben. Aber, eine gleiche Mutter allen ihren Kindern, rettet sie einstweilen die erliegende Ohnmacht an den Fuß der Altäre, und gegen eine Noth, die sie ihm nicht erlassen kann, stärkt sie das Herz mit dem Glauben der Ergebung. Die Sitten vertraut sie dem Schutz eines verwilderten Christentums und vergönnt dem mittlern Geschlechte, sich an diese wankende Krücke zu lehnen, die sie dem stärkern Enkel zerbrechen wird. Aber in diesem langen Kriege erwarmen zugleich die Staaten und ihre Bürger; kräftig wehrt sich der deutsche Geist gegen den herzumstrickenden Despotismus, der den zu früh ermattenden Römer erdrückte; der Quell der Freiheit springt in lebendigem Strom, und unüberwunden und wohlbehalten langt das spätere Geschlecht bei dem schönen Jahrhundert an, wo sich endlich, herbeigeführt durch die vereinigte Arbeit des Glücks und des Menschen, das Licht des Gedankens mit der Kraft des Entschlusses, die Einsicht mit dem Heldenmuth gatten soll. Da Rom noch Scipionen und Fabier zeugte, fehlten ihm die Weisen, die ihrer Tugend das Ziel gezeigt hätten; als seine Weisen blühten, hatte der Despotismus sein Opfer gewürgt, und die Wohlthat ihrer Erscheinung war an dem entnervten Jahrhundert verloren. Auch die griechische Tugend erreichte die hellen Zeiten des Perikles und Alexanders nicht mehr, und als Harun seine Araber denken lehrte, war die Gluth ihres Busens erkaltet. Ein beßrer Genius war es, der über das neue Europa wachte. Die lange Waffenübung des Mittelalters hatte dem sechzehnten Jahrhundert ein gesundes, starkes Geschlecht zugeführt und der Vernunft, die jetzt ihr Panier entfaltet, kraftvolle Streiter erzogen.

Auf welchem andern Strich der Erde hat der Kopf die Herzen in Gluth gesetzt und die Wahrheit1) den Arm der Tapfern bewaffnet? Wo sonst, als hier, erlebte man die Wundererscheinung, daß Vernunftschlüsse des ruhigen Forschers das Feldgeschrei wurden in mördrischen Schlachten, daß die Stimme der Selbstliebe gegen den stärkeren Zwang der Ueberzeugung schwieg, daß der Mensch endlich das Theuerste an das Edelste setzte? Die erhabenste Anstrengung griechischer und römischer Tugend hat sich nie über bürgerliche Pflichten geschwungen, nie oder nur in einem einzigen Weisen, dessen Name schon der größte Vorwurf seinem Zeitalters ist; das höchste Opfer, das die Nation in ihrer Heldenzeit brachte, wurde dem Vaterland gebracht. Beim Ablauf des Mittelalters allein erblickt man in Europa einen Enthusiasmus, der einem höhern Vernunftidol auch das Vaterland opfert. Und warum nur hier, und hier auch nur einmal diese Erscheinung? Weil in Europa allein, und hier nur am Ausgang des Mittelalters, die Energie des Willens mit dem Licht des Verstandes zusammentraf, hier allein ein noch männliches Geschlecht in die Arme der Weisheit geliefert wurde.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Durch das ganze Gebiet der Geschichte sehen wir die Entwicklung der Staaten mit der Entwicklung der Köpfe einen sehr ungleichen Schritt beobachten. Staaten sind jährige Pflanzen, die in einem kurzen Sommer verblühn und von der Fülle des Saftes rasch in die Fäulniß hinübereilen; Aufklärung ist eine langsame Pflanze, die zu ihrer Zeitigung einen glücklichen Himmel, viele Pflege und eine lange Reihe von Frühlingen braucht. Und woher dieser Unterschied? Weil die Staaten der Leidenschaft anvertraut sind, die in jeder Menschenbrust ihren Zunder findet, die Aufklärung aber dem Verstande, der nur durch fremde Nachhilfe sich entwickelt, und dem Glück der Entdeckungen, welche Zeit und Zufälle nur langsam zusammentragen. Wie oft wird die eine Pflanze blühen und welken, ehe die andre einmal heranreift? Wie schwer ist es also, daß die Staaten die Erleuchtung abwarten, daß die späte Vernunft die frühe Freiheit noch findet? Einmal nur in der ganzen Weltgeschichte hat sich die Vorsehung dieses Problem aufgegeben, und wir haben gesehen, wie sie es löste. Durch den langen Krieg der mittlern Jahrhunderte hielt sie das politische Leben in Europa frisch, bis der Stoff endlich zusammengetragen war, das moralische zur Entwicklung zu bringen.2)

Nur Europa hat Staaten, die zugleich erleuchtet, gesittet und ununterworfen sind; sonst überall wohnt die Wildheit bei der Freiheit und die Knechtschaft bei der Cultur. Aber auch Europa allein hat sich durch ein kriegerisches Jahrtausend gerungen, und nur die Verwüstung im fünften und sechsten Jahrhundert konnte dieses kriegerische Jahrtausend herbeiführen. Es ist nicht das Blut ihrer Ahnherren, nicht der Charakter ihres Stammes, der unsre Väter vor dem Joch der Unterdrückung bewahrte, denn ihre gleich frei gebornen Brüder, die Turkomanen und Mantschu, haben ihre Nacken unter den Despotismus gebeugt. Es ist nicht der europäische Boden und Himmel, der ihnen dieses Schicksal ersparte, denn auf eben diesem Boden und unter eben diesem Himmel haben Gallier und Britten, Hetrurier und Lusitanier das Joch der Römer geduldet. Das Schwert der Vandalen und Hunnen, das ohne Schonung durch den Occident mähte, und das kraftvolle Völkergeschlecht, das den gereinigten Schauplatz besetzte und aus einem tausendjährigen Kriege unüberwunden kam – diese sind die Schöpfer unsers jetzigen Glücks; und so finden wir den Geist der Ordnung in den zwei schrecklichsten Erscheinungen wieder, welche die Geschichte aufweiset.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Ich glaube dieser langen Ausschweifung wegen keiner Entschädigung zu bedürfen. Die großen Epochen in der Geschichte verknüpfen sich zu genau mit einander, als daß die eine ohne die andre erklärt werden könnte; und die Begebenheit der Kreuzzüge ist nur der Anfang zur Auflösung eines Räthsels, das dem Philosophen der Geschichte in der Völkerwanderung aufgegeben worden.

Im dreizehnten Jahrhundert ist es, wo der Genius der Welt, der schaffend in der Finsterniß gesponnen, die Decke hinwegzieht, um einen Theil seinem Werks zu zeigen. Die trübe Nebelhülle, welche tausend Jahre den Horizont von Europa umzogen, scheidet sich in diesem Zeitpunkt, und heller Himmel sieht hervor. Das vereinigte Elend der geistlichen Einförmigkeit und der politischen Zwietracht, der Hierarchie und der Lehenverfassung, vollzählig und erschöpft beim Ablauf des eilften Jahrhunderts, muß sich in seiner ungeheuersten Geburt, in dem Taumel der heiligen Kriege, selbst ein Ende bereiten.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Ein fanatischer Eifer sprengt den verschloßnen Westen wieder auf, und der erwachsene Sohn tritt aus dem väterlichen Hause. Erstaunt sieht er in neuen Völkern sich an, freut sich am thracischen Bosporus seiner Freiheit und seines Muths, erröthet in Byzanz über seinen rohen Geschmack, seine Unwissenheit, seine Wildheit und erschrickt in Asien über seine Armuth. Was er sich dort nahm und heimbrachte, bezeugen Europens Annalen; die Geschichte des Orients, wenn wir eine hätten, würde uns sagen, was er dafür gab und zurückließ. Aber scheint es nicht, als hätte der fränkische Heldengeist in das hinsterbende Byzanz noch ein flüchtiges Leben gehaucht? Unerwartet rafft es mit seinen Komnenern sich auf, und durch den kurzen Besuch der Deutschen gestärkt, geht es von jetzt an einen edleren Schritt zum Tode.

Hinter dem Kreuzfahrer schlägt der Kaufmann seine Brücke, und das wieder gefundene Band zwischen dem Abend und Morgen, durch einen kriegrischen Schwindel flüchtig geknüpft, befestigt und verewigt der überlegende Handel. Das levantische Schiff begrüßt seine wohlbekannten Gewässer wieder, und seine reiche Ladung ruft das lüsterne Europa zum Fleiße. Bald wird es das ungewisse Geleit des Arkturs entbehren und, eine feste Regel in sich selbst, zuversichtlich auf nie besuchte Meere sich wagen.

Asiens Begierden folgen dem Europäer in seine Heimath – aber hier kennen ihn seine Wälder nicht mehr, und andre Fahnen wehen auf seinen Burgen. In seinem Vaterlande verarmt, um an den Ufern des Euphrats zu glänzen, gibt er endlich das angebetete Idol seiner Unabhängigkeit und seine feindselige Herrengewalt auf und vergönnt seinen Sklaven, die Rechte der Natur mit Gold einzulösen. Freiwillig bietet er den Arm jetzt der Fessel dar, die ihn schmückt, aber den Niegebändigten bändigt. Die Majestät der Könige richtet sich auf, indem die Sklaven des Ackers zu Menschen gedeihen; aus dem Meer der Verwüstung hebt sich, dem Elend abgewonnen, ein neues fruchtbares Land, Bürgergemeinheit.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Er allein, der die Seele der Unternehmung gewesen war und die ganze Christenheit für seine Größe hatte arbeiten lassen, der römische Hierarche, sieht seine Hoffnungen hintergangen. Nach einem Wolkenbild im Orient haschend, gab er im Occident eine wirkliche Krone verloren. Seine Stärke war die Ohnmacht der Könige; die Anarchie und der Bürgerkrieg die unerschöpfliche Rüstkammer, woraus er seine Donner holte. Auch noch jetzt schleudert er sie aus – jetzt aber tritt ihm die befestigte Macht der Könige entgegen. Kein Bannfluch, kein himmelsperrendes Interdikt, keine Lossprechung von geheiligten Pflichten löst die heilsamen Bande wieder auf, die den Unterthan an seinen rechtmäßigen Beherrscher knüpfen. Umsonst, daß sein ohnmächtiger Grimm gegen die Zeit streitet, die ihm seinen Thron erbaute und ihn jetzt davon herunterzieht! Aus dem Aberglauben war dieses Schreckbild des Mittelalters erzeugt, und groß gezogen von der Zwietracht. So schwach seine Wurzeln waren, so schnell und schrecklich durfte es aufwachsen im eilften Jahrhundert – seines Gleichen hatte kein Weltalter noch gesehen. Wer sah es dem Feinde der heiligsten Freiheit an, daß er der Freiheit zu Hilfe geschickt wurde? Als der Streit zwischen den Königen und den Edeln sich erhitzte, warf er sich zwischen die ungleichen Kämpfer und hielt die gefährliche Entscheidung auf, bis in dem dritten Stande ein beßrer Kämpfer heranwuchs, das Geschöpf des Augenblicks abzulösen. Ernährt von der Verwirrung, zehrte er jetzt ab in der Ordnung; die Geburt der Nacht, schwindet er weg in dem Lichte. Verschwand aber der Dictator auch, der dem unterliegenden Rom gegen den Pompejus zu Hilfe eilte? Oder Pisistratus, der die Faktionen Athens auseinander brachte? Rom und Athen gehen aus dem Bürgerkriege zur Knechtschaft über – das neue Europa zur Freiheit. Warum war Europa glücklicher? Weil hier durch ein vorübergehendes Phantom bewirkt wurde, was dort durch eine bleibende Macht geschah – weil hier allein sich ein Arm fand, der kräftig genug war, Unterdrückung zu hindern, aber zu hinfällig, sie selbst auszuüben.

Wie anders säet der Mensch, und wie anders läßt das Schicksal ihn ernten! Asien an den Schemel seines Throns zu ketten, liefert der heilige Vater dem Schwert der Saracenen eine Million seiner Heldensöhne aus, aber mit ihnen hat er seinem Stuhl in Europa die kräftigsten Stützen entzogen. Von neuen Anmaßungen und neu zu erringenden Kronen träumt der Adel, und ein gehorsameres Herz bringt er zu den Füßen seiner Beherrscher zurück. Vergebung der Sünden und die Freuden des Paradieses sucht der fromme Pilger am heiligen Grab, und ihm allein wird mehr geleistet, als ihm verheißen ward. Seine Menschheit findet er in Asien wieder, und den Samen der Freiheit bringt er seinen europäischen Brüdern aus diesem Welttheile mit – eine unendlich wichtigere Erwerbung als die Schlüssel Jerusalems oder die Nägel vom Kreuz des Erlösers.

[Fußnoten:]

1) Oder was man dafür hielt. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß es hier nicht auf den Werth der Materie ankommt, die gewonnen wurde, sondern auf die unternommene Mühe der Arbeit, auf den Fleiß und nicht auf das Erzeugniß. Was es auch sein mochte, wofür man kämpfte – es war immer ein Kampf für die Vernunft, denn durch die Vernunft allein hatte man das Recht dazu erfahren, und für dieses Recht wurde eigentlich ja nur gestritten.

2) Freiheit und Cultur, so unzertrennlich beide in ihrer höchsten Fülle mit einander vereinigt sind und nur durch diese Vereinigung zu ihrer höchsten Fülle gelangen, so schwer sind sie in ihrem Werden zu verbinden. Ruhe ist die Bedingung der Cultur, aber nichts ist der Freiheit gefährlicher als Ruhe. Alle verfeinerten Nationen des Alterthums haben die Blüthe ihrer Kultur mit ihrer Freiheit erkauft, weil sie ihre Ruhe von der Unterdrückung erhielten. und eben darum gereichte ihre Cultur ihnen zum Verderben, weil sie aus dem Verderblichen entstanden war. Sollte dem neuen Menschengeschlecht dieses Opfer erspart werden, d.i. sollten Freiheit und Cultur bei ihm sich vereinigen, so mußte es seine Ruhe auf einem ganz andern Weg als dem Despotismus empfangen. Kein andrer Weg war aber möglich als die Gesetze, und diese kann der noch freie Mensch nur sich selber geben. Dazu aber wird er sich nur aus Einsicht und Erfahrung entweder ihres Nutzens oder der schlimmen Folgen ihres Gegenteils entschließen. Jenes setzte schon voraus, was erst geschehen und erhalten werden soll, er kann also nur durch die schlimmen Folgen der Gesetzlosigkeit dazu gezwungen werden. Gesetzlosigkeit aber ist nur von sehr kurzer Dauer und führt mit raschem Uebergange zur willkürlichen Gewalt. Ehe die Vernunft die Gesetze gefunden hätte, würde die Anarchie sich längst in Despotismus geendigt haben. Sollte die Vernunft also Zeit finden, die Gesetze sich zu geben, so mußte die Gesetzlosigkeit verlängert werden, welches in dem Mittelalter geschehen ist.

Bilder: Alte Postkarten, gemeinfrei;
Gero von Wilpert: Schiller-Chronik. Sein Leben und Schaffen, Akademie-Verlag, Berlin 1959,
via Jutta Assel/Georg Jäger: Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Mai 2015.

Written by Wolf

29. Mai 2015 at 00:01

Krieg is nur für reiche Lajte.

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An diesen Krieg werd‘ ich noch wochenlang denken.

Gefreiter a. D. Josef Schwejk, 1918/1923, Zum Kelch.

Wir trauern keine Träne nach: dem Ersten Weltkrieg (* 28. Juli 1914, Wien; † 11. November 1918, Compiègne).

Dem Zweiten, ich sag’s gleich, auch nicht, wenn er am nächsten achten Mai siebzig Jahre vorbei ist. Und ab sofort ist hoffentlich eine Ruhe mit dem ganzen Kriegsgetümmel, am besten für immer und überall.

Der Schwejk ist vielleicht keinen ganzen Krieg wert, aber er war noch das Beste, was man aus einem Krieg machen konnte.

Teniente lola Sternenkind, Books series. The Good Soldier Švejk, 3. Juli 2013

Bilder: Teniente lola Sternenkind: Books series (The Good Soldier Švejk), 3. Juli 2013.

Teniente lola Sternenkind, Books series. The Good Soldier Švejk, 3. Juli 2013

Fernsehserie: Wolfgang Liebeneiner: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk,
ZDF 1972–1976, 13 x ca. 50 Minuten.

Written by Wolf

28. Juli 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Peregrini Bavarici

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Café Heimat, Bad Tölz

Ein inniges Vergnügen in GOtt ist, wenn man einst katholisch war, aus freiem Willen aufgehört hat, es zu sein, aber immer noch nach Ablass für seine Sünden suchen kann.

Besonderen Spaß macht das, wenn man sich für einen Tag keine längere Strecke Weges vornimmt als die elf Kilometer von Bad Tölz bis Lenggries.

„Naa, da fang ma net glei zerscht mitn Frühstücken an. Zerscht hungrighaatschen, dann fuadern.“

„Obacht gebm. Ma bereut im Leben nie, was ma gmacht hat, bloß was ma glassn hat.“

Das gibt uns zu denken. Wir beschließen trotzdem, für die Heimat nochmal extra in die Fremde zu fahren.

„Aa recht. Da samma glei dorten“, freut sich Ralf, „da kömma hinterher no ins Erlebnisbad.“

„Was wollma denn groß derleben?“

„Da schaug ma si di stramma Wadln vo die Rentnerinnen oo.“

„Au weh“, sag ich, „des gibt erscht den richtigen Sündenablass.“

Als erstes ergibt sich in Bad Tölz die Gelegenheit, den dasigen Kalvarienberg zu erklimmen — immer wieder ein Unterfangen von hohem Surrealitätswert: Erst hyperventiliert man sich von dem gnadenlos steilen Anstieg über sieben Stationskapellen frühmorgendliche Hosianna-Gefühle und Engelserscheinungen herbei, und oben ist die Kirche in einem Ausmaß mit Volksfrömmigkeit vollgestellt, dass man sich so als Ausgetretener ganz als schlechter Mensch vorkommt. Die Heilige Stiege im letzten Schiff ist der gleichnamigen zu Rom nachgebildet — wobei Reliquien zahlreicher Heiliger eingearbeitet wurden. Darüber ist die Treppe dermaßen heilig geraten, dass man sie nicht hinaufsteigen darf, sich nur kniend hinaufbeten. Für den Erhalt der angeschlossenen Leonhardikapelle hat das Bad Tölzer Handwerk noch im neunzehnten Jahrhundert seinen einzigen Volksaufstand gegen den eigenen Klerus angezettelt, so arg mögen die ihr Kircherl.

„Sogar zeitversetzt dreiteilig ham’s ihr Hallelujaburg da naufbaut“, keuche ich, im Kirchenführerheftl blätternd.

Ralf lässt sich auf das Bankerl mit Blick ins Isartal fallen, das vorher ein Ozean war, eine rauchen, und bemerkt: „Und da zahln die Leut Eintritt fürn Herrn der Ringe.“