Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Herrschaft & Revolte’ Category

Und der liebe Gott sitzt ernsthaft in seiner großen Loge und langweilt sich vielleicht

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten:

Wie respektvoll hab ich in meiner ersten Heine-Ausgabe immer die Ideen. Das Buch Le Grand gemieden, weil mir das schon in der Überschrift so überwältigend staatstragend schien, dass mein fünzehnjähriges Herzchen, geschweige denn Gehirnchen, nie immer und nimmer verkraftet hätte. Seltsam genug, dass ich dagegen, was das Verkraften angeht, mit Horrofilmen nie ein Problem hatte. Jeder spinnt anders.

Und was für eine Gaudi mir seitdem entgangen ist. So grand ist das Buch Le Grand weder gemeint noch ausgefallen, sondern nur nach einem französischen Tambourmajor Le Grand benannt.

Der später eindringlich wiederholte Einsatz des 11. Kapitels: „Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas“ wird Napoleon zugeschrieben: „Vom Erhabenen zum Schrecklichen ist es nur ein Schritt“ soll er auf der Flucht mit seiner Grande Armée aus Russland am 10. Dezember 1812 zu seinem Gesandten und Vertrauten Dominique Dufour de Pradt zu Warschau geäußert haben, der es in seiner Histoire de l’ambassade dans le grand-duché de Varsovie en 1812 von 1815, deutsch 1816 mitteilt. Heine kann das Buch 1826 in der einen oder in der anderen Sprache gekannt haben, falls Napoleons bon mot bis dahin nicht schon geflügelt war; so oder so beschreibt es Heines eigenen Stil im ganzen Buch Le Grand, wo er Napoleon „erst auf dem Gipfel seiner Macht und Herrlichkeit vorführt und dann den jähen Schicksalswandlel in St. Helena zeigt“ — Anmerkung von Günter Häntzschel in der Hanser-Ausgabe von Klaus Briegleb, Band 2, Seite 819.

Die in dem Buche durchweg wie in einem Brief angeprochene „Madame“ ist vermutlich Rahel Varnhagens Schwägerin Friederike Robert. Unser Zitat setzt ein mit dem 11. Kapitel, unmittelbar nachdem das Haupt Monsieur Le Grands „herab auf die Trommel gesunken“ ist, worauf er „in diesem Leben nie mehr getrommelt“ hat — Kapitel X. Kapitel XI wird zitiert nach der Düsseldorfer Ausgabe, Kapitel XII sollte selbsterklärend sein; beide erscheinen hier ungekürzt.

Un singe qui parle, Filles. Lectrices dans le métro de Paris, Mai 2008 bis März 2017, Flickr

——— Heinrich Heine:

Capitel XI.

aus: Ideen. Das Buch Le Grand, 1826,
in: Reisebilder von H. Heine. Zweiter Theil. Hoffmann und Campe, Hamburg 1827,
Erstausgabe Seite 224 bis 227:

Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas, Madame!

Seite 228Aber das Leben ist im Grunde so fatal ernsthaft, daß es nicht zu ertragen wäre ohne solche Verbindung des Pathetischen mit dem Komischen. Das wissen unsere Poeten. Die grauenhaftesten Bilder des menschlichen Wahnsinns zeigt uns Aristophanes nur im lachenden Spiegel des Witzes, den großen Denkerschmerz, der seine eigne Nichtigkeit begreift, wagt Goethe nur in den Knittelversen eines Puppenspiels auszusprechen, und die tödtlichste Klage über den Jammer der Welt legt Shakespeare in den Mund eines Narren, während er dessen Schellenkappe ängstlich schüttelt.

Sie haben’s alle dem großen Urpoeten abgesehen, der in seiner tausendaktigen Welttragödie den Humor aufs Höchste zu treiben weiß, wie wir es täglich sehen: – nach dem Abgang der Helden kommen die Clowns und Graziosos mit ihren Narrenkolben und Pritschen, nach den blutigen Revoluzionsscenen und Kaiseractionen, kommen wieder herangewatschelt die dicken Bourbonen mit ihren alten abgestandenen Späßchen und zartlegitimen Bonmots, und graziöse hüpft herbey die alte Noblesse mit ihrem verhungerten Lächeln, und hintendrein wallen die frommen Kaputzen mit Lichtern, Kreuzen und Kirchenfahnen; – sogar in das höchste Pathos der Welttragödie pflegen sich komische Züge einzuschleichen, der verzweifelnde Republikaner, der sich wie ein Brutus das Messer ins Herz stieß, hat vielleicht zuvor daran gerochen, ob auch kein Häring damit geschnitten worden, und auf dieser großen Weltbühne geht es auch außerdem ganz wie auf unseren Lumpenbrettern, auch auf ihr giebt es besoffene Helden, Könige, die ihre Rolle vergessen, Coulissen, die hängen geblieben, hervorschallende Soufleurstimmen, Tänzerinnen, die mit ihrer Lendenpoesie Effekt machen, Costümes, die als Hauptsache glänzen – Und im Himmel oben, im ersten Range, sitzen unterdessen die liben Engelein, und lorgniren uns Komödianten hier unten, und der liebe Gott sitzt ernsthaft in seiner großen Loge, und langweilt sich vielleicht, oder rechnet nach, daß dieses Theater sich nicht lange mehr halten kann, weil der Eine zu viel Gage und der Andre zu wenig bekommt, und Alle viel zu schlecht spielen.

Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas, Madame! Während ich das Ende des vorigen Capitels schrieb, und Ihnen erzählte, wie Monsieur Le Grand starb, und wie ich das testamentum militare, das in seinem letzten Blicke lag, gewissenhaft executirte, da klopfte es an meine Stubenthüre, und herein trat eine arme, alte Frau, die mich freundlich frug: Ob ich ein Doctor sey? Und als ich dies bejahte, bat sie mich recht freundlich, mit ihr nach Hause zu gehen, um dort ihrem Manne die Hühneraugen zu schneiden.

~~~\~~~~~~~/~~~

Un singe qui parle, Lectrices dans le métro de Paris, Mai 2008 bis März 2017, Flickr

Capitel XII.

aus: Ideen. Das Buch Le Grand, 1826, Erstausgabe Seite 228:

Die deutschen Censoren – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Dummköpfe – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –.

Un singe qui parle, Filles. Lectrices dans le métro de Paris, Mai 2008 bis März 2017, Flickr

Bilder: Un singe qui parle: Filles: Lectrices dans le métro, Paris, Mai 2008 bis März 2017.

Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas, Madame: Camille: Seeds, aus: OUÏ, 2017,
mit ordentlich tambour drauf:

Written by Wolf

19. Juni 2020 at 00:01

The tale of the powerful penis

with 2 comments

Update for Impotence proved I’m superman,
Ich will mich wie mein Schwanz erheben, and
The boys and girls are one tonight (I marry the bed):

Esteem for the beauty and dignity of penes has deteriorated constantly over the centuries.

1500 AD:

——— Iseabail Ní Mheic Cailéin:

Éistibh, a Luchd an Tighe-se

from: Leabhar Deathan Lios Mòir, i. e. The Book of the Dean of Lismore, first half of 16th century:

Scottish Gaelic, c. 1500:

Estyf, a lucht in ti so,
re skail na bod breour,
dy hantyth mo chreissy
cwt dane skallow dy screyf.

Da leneour bod braiwillycht
dy vy sin amsyr royn,
tak far in nvrd ċrawe so
bod is ċaf mor roynne.

Bod mo haggird horistil
ga ty go fad sessowyt,
otha keynn an quhallavir
in reyf ata na vackann.

Atta reyf roiravyr
an sin sne skail breg,
notcha cholai choyravyr
woa vod arriss es.
Estyve.

Carolin Gutt, close, 2019

Edmund Crosby Quiggin, ed.: Poems from the Book of the Dean of Lismore, Cambridge U.P., 1937:

Listen, people of this house,
to the tale of the powerful penis
which has made my heart greedy.
I will write some of the tale.

Although many beautiful tree-like penises
have been in the time before,
this man of the religious order
has a penis so big and rigid.

The penis of my household priest,
although it is so long and firm,
the thickness of his manhood
has not been heard of for a long time.

That thick drill of his,
and it is no word of a lie,
never has its thickness been heard of
or a larger penis.

Carolin Gutt, close, 2019

With an 1937 English translation of a 1500 Scottish Gaelic poem Éistibh, a Luchd an Tighe-se, Thomas Owen Clancy still implies in 1996 that a proper — not only „diplomatic“ — publication did not happen before 2008:

1996 AD.:

——— Thomas Owen Clancy:

Women Poets in Early Medieval Ireland

essay in: Christine Meek and Katharine Simms (eds.): The fragility of her sex?: Medieval Irishwomen in their European context, Four Courts Press, Dublin 1996, pages 43 to 72:

[Éistibh, a Luchd an Tighe-se] is a fairly obscene boast to the court circle on the size and potency of her household priest’s penis. The authenticity of the attribution to Iseabail has been questioned, but without substantial grounds. It has not yet been properly edited, or translated in published form.

If anybody can relate to some more unexpurgated version, which seems to come close to access a publication from

2008 AD:

Theo Dorgan and Malcolm Maclean, eds.: An Leabhar Mór/The Great Book of Gaelic, 2008 — please let me know.

Meanwhile, it has become important to fight for your right to look at some penis depiction at all. Carolin Gutt of 5letters is a photography artist based in Berlin. She encourages Scottish poetry from its early medieval beginnings to its recent manifestations, and relies on depicting — including but not restricted to — naked human bodies. Do not hesitate to support her on society6 and Redbubble.

Ms. Gutt’s improvised ranting comes close to her artistic concept. The presence of problems like hers and the common necessity to deal with them are not signs for a liberal society. They are signs for the indispensability of Arts.

2020 AD:

——— Carolin Gutt:

Instagram, May 21st, 2020:

Let’s do this and try to stay online.

Warning: the text might be a trigger as it contains thoughts on nudity and sexuality and it’s really long *eye roll* (posted to my Instagram first)

I honestly struggled in my decision to post some of these photographs I’ve been working on last year on Instagram, but have chosen now to simply start with this one but I cannot let it pass without comment, or a personal statement or a rant or whatever you’d like to call it.

Debating with myself whether to share or maybe better not to share them here at all as I am afraid of losing the account (once more) or an image to be the least of my worries.

But then again I think, THIS IS NOT an option how to deal with it.

Carolin Gutt, close, 2019Always trading off how to present my art in a way I would like it to be looked at (without censorship because it only takes away an artworks essence) against the fact that I also want to promote my own art and make it more accessible for a wider (fan) community and people that share my interests and don’t follow me somewhere else but on Instagram, for instance.

The only place on the internet I know, where I don’t have to fear my art might be taken down against my own will is flickr, because they set up a system which allows you to mark your uploads as safe, moderate or restricted and one doesn’t have to necessarily censor one’s own art. You simply choose yourself to see mature content or not. And you also choose the tags you find appropriate for the content you upload. Please share other platforms with me, that you know with a likewise user-friendly attitude. If there is any. I also might consider to really create an own website one day to simply share my art without restrictions, but then I would also miss out on all the exchange of thoughts with other artists, which I find just as important as making art myself. Hoping there will be more exchange and no ban of the exchange. Otherwise we’ll all just might become whistleblowers.

Carolin Gutt, close, 2019But for the rest I wish we would stop being afraid of human body parts. I wish we would stop to hide bodies in general. I wish we would stop to label them as something illegal and I wish we would stop making use of the excuse „…but there are children that need to be protected“ – ahm, yes. Agree. But this is not the way to protect them, by never letting them explore a main part of their own existence – nudity. This is only how you confuse and irritate them and assume that they are too stupid to understand it and make it even worse – they might get the impression there is something wrong in being nude and suddenly they feel uncomfortable in their own bodies. Oops! There we go, many generations full of self-doubts and bodyshaming. You really wanna protect children? Educate them! Take them by the hand and let them know their questions about nudity, their own body, their first encounters with sexuality are okay and nothing to be afraid or ashamed of. It is most likely that so many adults struggle to deal with it openly only because they haven’t had the awareness and resources and sensitivity when they were young. Yet we all grew up and sooner or later there was a first time when we saw a naked body or had a very first sexual experience (wishing it was consensual), and we probably felt confused and shameful and weird as this was something new to us, but we made up our minds and came up with questions, I still do – it never stops actually, and we would be looking for answers, whether it was something with or without support, because we are curious. Curiosity is something good. Knowledge is something good. And to be honest about it is even better. And we choose if there will be more support in the future (for all of us, not only children) or just more hiding and open questions. Art is a wonderful way to educate and playful to begin with in my opinion. It breaks the ice, to say so. I work in a museum where we display a lot of figural art, most of it is nude art, and guess what, children are among the visitors also. We do offer special workshops for them to get in touch with the art they see. I don’t wanna bring a long argument up about the internet being a safe place for children. Definitely. It must be a safe place for everyone. Not only children. So many adults have to face hate speech. And so many (women) have to deal with dick pics – including myself. Doesn’t only happen to teenagers, right?!

And talking about the fine arts particularly, I really wish we will stop giving artists constantly a feeling of being criminals for doing art – or simply humans for owning a nude body, because the body itself is basically all we can ever call our own property and it cannot be taken away by someone else (it shouldn’t be taken away – this is where we enter the real world and the world wide web is just a reflection of it, therefore we need to fix a wide spread common sense in the real world we all live in, while the Internet is a tool to communicate about it – if I would get the same „ban“ in real life as online, it would be like someone constantly putting a plaster onto my mouth, metaphorically).

The fragility of her sex. Medieval Irishwomen in their European context, via Motherfoclóir, Clare, July 9th, 2018, TiwtterExploring the female gaze in my own nude photography is a vice versa answer to the still more common male gaze and being able to create a content I would like to see more often on the internet and the world I live in by taking pictures not only of my own body, also of other female and male nudes, made me think of the right way to represent them, but I have to fear a restriction by so called correct guidelines or community standards ever since. Who are you to tell me that your community standards are something to actually agree on and to call them „right“ or „entire“ or „inclusive“. Actually they discriminate and make a majority believe that this is an ultimate opinion. How can you even dare to make the hashtag „woman“ illegal and shadowban all content connected to it. Instagram, Facebook and other social networks with these „standards“ only support a world, where half of mankind (even more) still struggles to be accepted and respected as humans. Basically this only means, if not they are the ones to ban or censor my art, than I will have to do it as an artist myself, if I want to keep the art online and wanna share my content and reach out to people to make a change. I discriminate myself and give my permission to allow others to not respect me as an artist and as a woman and as a human. So one way or the other the art gets a big censorship on it and cannot be seen as what I originally had intended it to be (as there will always be an odd side effect of it being something forbidden first of all). I am not a criminal, I am not doing illegal things, there is no need to hide what I am doing and I don’t want it to be understood as if it was. I’d so love to break old standardized gaze habits and get rid of the BIG OLD ONE and ONLY possible way to understand a nude/semi-nude that’s spread via all kinds of media and therefore got the overall agreement to be „valid“ – in the very common sexualized way, right?! But how are we supposed to replace it, when all our efforts on presenting the nude in a new light (female, male, non-binary… doesn’t matter after all) is already meant to be sexual by the guidelines itself and -now here comes the point which I find even more devastating- making it a bad thing!!! Why? Two main points here: why does nude-art have to be „sexual art“ only and why does sexual have to mean it’s something bad, why does nude have to mean it’s something bad? I think we need to free the body from being sexual only and need to free sexuality/nudity from its old negativity. Not only for women, after decades of struggling to find our own positive aspects of sexuality – men in general would do themselves a big favour to re-think their own understanding of sexuality, too. Is the presented „sex“ you see everywhere really the sex you guys wanna look at and do you find yourself represented by it? Seriously?? I am sure it still works for those that never made up their own mind about what sexuality is meant to be or could be as its deadlocked meaning gets copy pasted and worked as a tool of power and prevalence for centuries, but many men (luckily) are just disgusted by it nowadays and what it does to them or the women/people in their lives. Btw, I rarely see plain sexual content in my own artworks or in a lot of other artists‘ work that focus on the nude subject in fine arts. My nudes rather address the topic of how the body itself represents beauty in different ways and of all kinds and is a vessel to express the mind and how a digital or analog camera gives you different options and possibilities to explore and play around with it. A nude can be funny, can be hilarious, can be soft, can be attracting, can be broken, can be damaged, can be protective, can be vulnerable, can be a limit to our mind, can be lots of things, because we are lots of things, and it can be sexual – yes – but isn’t sexual first of all. A sexual component can be a part of a nude but it doesn’t have to be and it only happens when the subject and I agree on it to make it visible. This leads me straight back to the uploaded content I wanted to share and hopefully will be sharing some more of this series soon, in case they won’t take this one down and it remains online. Congratulations to all of you who made it so far scrolling down, means the image is still here. Some of you also were lucky to see the whole series on my flickr already (flickr.com/photos/orangeshakejuice) and I can only draw your attention to my stream for uncensored versions of my art – the original content to say so. My shops are censorship free as well, but as I am not selling all my nude artworks you will also not catch up on my full body of work. Anyway, those who follow me here and on my flickr were kind to let me know how they find this series to be one of the most explicit work I’ve done so far and I agree on it. Didn’t think to capture the topic of physical selflove and selfcare on camera really much in the past. And even this time I was looking for private portraits, nude portraits but because the whole atmosphere made both of us feel safe and comfortable we ended up with some really delicate, explicit and intimate nude portraits, which are far away from porn but close to an artistic, aesthetic and respectful interaction. And I am grateful for the experience. It’s been actually rather easy, more than what one would maybe think and really not stressing at all. And I say it shows in the images. There is something that influences the output, the result of a session. If you stress about it or look for something to happen desperately, it’s going to be shite quite likely and will dissatisfy probably. In the worst case it will hurt someone. I’d even dare to say, because the photographs don’t include any provocative purpose they are not provoking and I have to ask myself, can you un-sexualise a sexual content? In a world where non-sexual things must become something sexual on purpose I wonder if a clear sexuality-connected thing like an erect penis doesn’t have to be sexual at first sight, but is possibly more a thing of beauty and of something that’s just greater or just human and therefore natural, but maybe that’s one step too far for the already-brainwashed-brains and narrow-minded-minds out there I lost when starting to talk about how to rather protect children by telling them the uncovered truth. Right, it’s late. I’ll leave it here with you. And I gotta work tomorrow, which literally is in a couple of hours. I will see if the image (my account?) will still be here when I wake up and hopefully some of you will get the chance to follow my thoughts. Respectful comments and opinions are most welcome. Thanks very much. Have a good day and good night. Speak to you soon. Take care of your vulnerability, please.

#makereasonableart

Images: Carolin Gutt: close, 2019;
The fragility of her sex?, via Motherfoclóir: Clare, July 9th, 2018.

Further reading: Medieval Gill: Independent Women: Poetry, power, art and looking for love in medieval Ireland, October 23rd, 2013.

Soundtrack: Fiona Apple: Criminal, from: Tidal, 1996:

Written by Wolf

5. Juni 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Renaissance

But little girls grow up, my friend

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Update for Schlachtens,
Lasst mich scheinen, bis ich werde (Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht),
Zu Lolitas Verteidigung,
and Babes With Guns:

No need to argue, Strangers in Paradise by Terry Moore (not to be confused with Alan Moore), running from January 1st, 1993 to its planned conclusion with issue #90 of volume 3 on June 6th, 2007, was the second-best comic series of all times known.

Often referred as the comic book to give to people who do not read comic books, SiP brings a storyline over literally three lives, featuring the characters — Katina „Katchoo“ Choovanski, Francine Peters, David Qin — through their life ages, including their monochrome-scribbled appearance and behaviour, over the generations. Not many „sagas“ attend so many characters with such elaboration and profound psychology — and exciting action scenes.

In her age for high school, Katchoo is characerized as socially and sexually abused — not to spoiler or trigger. With the knowledge that she is going to be an artist (and a noble prostitute) in her later life, we are following not only a Lolita, but even a Mignon character emerging to her adult life. Katchoo, painted here as a grumpy, rebellious Gothic kid, makes an encouraging experience in her creative writing class, presenting her self-exposing poem — obviously not her first artistic attempt. A grand moment within the series.

Since Katchoo’s birthday is positively specified as November 19th, 1972 — she shows her driver’s licence when checking into a motel — we may assume the plot setting in the school year of 1987/1988 or one later.

Around 2005, I made the scan of the bookpage myself to show it to a German schoolgirl, who was in Katchoo’s age then, and in her physical condition: abused, grumpy, and with an inclination to arts and writing. Now when she should be aged 30, I cannot find her name in any connection with fame (or prostitution).

This Mask I Wear

——— Terry Moore:

This Mask I Wear

„Katina Choovanski“ in: Strangers in Paradise, volume 3, issue #13, Abstract Studio, 1997,
collected in: High School!, Strangers in Paradise Pocket Book 2,
and The Complete Strangers in Paradise Volume 3, Part 2:

by 16 year old Katchoo

This mask I wear you gave to me
One winter night beneath the trees.
It’s black and blue enshrouds my life,
Surrounds my eyes and blinds my sight.

This mask I wear pretends I’m here
And hides me from the awful fear
That you might find the heart of me
And take that too, beneath the trees.

This mask I wear to hide the pain.
It’s all I have to keep me sane.
I just fell down, I’m told to tell.
There are no words to stop this hell.

This mask I pray to God for why
He hates me so to watch me die
A little more with every night
This man comes in and rapes my life.

But little girls grow up, my friend
And learn the wicked ways of men.
And this mask I wear comes off the day
This mask I wear lays on your grave.

This Mask I Wear

Images: Terry Moore via High School!; The Complete Strangers in Paradise Volume 3, Part 2, 1997.

Musical setting: Densha Donahoe via Rodrigo Daher, 16. September 2008:

Written by Wolf

22. Mai 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Und das soll immer mein sein

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Upate zu so net,
Wære diu werlt alle mîn und
Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind:

Wo du stehst,
wenn du gehst,
wenn du bleibst,
morgens deine Augen reibst,
und die Spuren im Sand,
und die Schatten an der Wand
und das, was ich dir nicht sagen kann,
all das soll immer mein sein,
denn ich will nie mehr allein sein.

Thomas Dörschel: Mein Sein, für Virginia Jetzt!, a. a. O., 2002.

Konkrete Poesie hab ich von Anfang gemocht, wobei Anfang heißt: Das war bei uns in der fünften Klasse im Lesebuch, in meinem Fall ab dem Schuljahr 1978/1979. Hat mich seitdem nie wieder vollends in Ruhe gelassen. Konkrete Poesie atmete den Geruch von hoher, ernstzunehmender Kunst, gebärdete sich aber verspielt, war mit einfachen Mitteln zuhause herzustellen und für jeden, der schon mal einen Zeichentrickfilm mit Gewinn angeschaut hatte, verständlich.

Meine eigenen Versuche auf dem Gebiet der Konkreten Poesie handelten meist von weiblichen Vornamen, deren Buchstaben Ausdruckstänze vollführten oder irgendwas miteinander trieben. Leider gelangten sie selten über das Stadium des Entwurfs mit Mutters Stenofüller bis in die kanonische Gestalt mit Schreibmaschine, weil mir ein leistungsfähiges Gedicht in dieser Machart zu schaffen ähnlich titanisch vorkam wie jedes handelsübliche „Südstaaten-Epos, das sich über vier Generationen einer Ketchupfabrikantendynastie erstreckt“ auch. Außerdem war mit diesen mageren, über eine A4-Seite verteilten paar Buchstaben beim Herumzeigen in der Kneipe kein Schnitt zu machen.

Unbedingt klar ging der Gründungsvater Eugen Gomringer, manche ehrgeizige deutsche Dichterfürsten waren mir schon damals zu erdenschwer. Die Österreicher konnte man unbesehen alle lesen: die ganze Wiener Gruppe und meine persönlichen Helden H. C. Artmann und Ernst Jandl. Die machten eine Kunst, die von „können“ oder wenigstens von aussichtsreichem Versuchen kommt, und scherten sich nix, wenn’s um den Preis von zuviel Albernheit war. Bis heute schätze ich es sehr, wenn in die Kunst egal welchen Mediums eine Ebene eingezogen ist, über die man beim Hinschauen grinsen muss. Merkt man wahrscheinlich ein bissel.

Ein Bayer namens Wolf Wezel war nie dabei; bis heute hat es der Gute nicht zu einem Wikipedia-Artikel gebracht, und angesichts der auffindbaren Quellen werde ich nicht der Mann sein, einen anzulegen. Die vollständige Quellenlage ist laut Eugen Gomringer in seiner Anthologie konkrete poesie: deutschsprachige autoren, Reclam 1972, Seite 146:

Wolf Wezel in Eugen Gomringer, konkrete poesie, Reclam 1972

wolf wezel

geboren 1935 in ludwigsburg.

jura- und philologiestudium in tübingen und münchen, dr. phil. als justitiar einer versicherungsgesellschaft in münchen tätig, mitbegründer der studio UND, münchen, herausgeber der edition UND, jürgen-willing-verlag.

lebt in planegg bei münchen.

veröffentlichungen:

sandkerben. stuttgart: burkhardt 1961.
meinsein. münchen: jürgen-willing-verlag 1968 (edition UND).
tensione (mappe calderara). zürich 1971.
eins. münchen: willing verlag 1972.

druckvorlagen: konzeptionelle kunst, mailand: vanni scheiwiller 1970 (147), meinsein (148, 149, 150, 151).

So unliebsam Eugen Gomringer mit seiner Konkreten Poesie — wir erinnern uns: speziell mit seiner Konstellation avenidas an Hausmauern aufgefallen ist — was mich ungerührt in seinem Team verweilen lässt — mag für ihn sprechen: Das Reclam-Heft von 1972 gibt’s immer noch verlagsfrisch, erweitert, aktualisiert und „längst selbst ein maßgebender Bestandteil der Geschichte dieser avantgardistischen Lyrikform nach dem Zweiten Weltkrieg“, letzte Auflage 2018.

——— Wolf Wezel:

meinsein

aus: meinsein, Jürgen-Willing-Verlag, München 1968,
cit. Eugen Gomringer, Hrsg.: konkrete poesie, Reclam 1972, Seite 148 bis 151,
.pdf-Scan in UbuWeb:

wolf wezel, meinsein, 1968

wolf wezel, meinsein, 1968

Soundtrack: Virginia Jetzt!: Mein Sein, aus: Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!, 2003;
Videojungfernregie: Benjamin „Nichts bereuen“ Quabeck,
featuring Julia „Absolute Giganten“ Hummer in Welpenform:

Written by Wolf

8. Mai 2020 at 01:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht

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Update zum Weihnachtsengel 3: Lasst mich scheinen, bis ich werde
(Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht)

und Zu Lolitas Verteidigung:

Drei Beerenarten – weil vorerst im Winter keine gedeihen –, drei Jahrhunderte, chronologisch geordnet nicht nach der Entstehungszeit, sondern nach den Jahreszeiten.

Das mittlere über die Brombeeren stammt aus Des Knaben Wunderhorn, aufgenommen durch Achim von Arnim, und verarbeitet ein verbreitetes volkstümliches Motiv. Das späteste über die Heidelbeeren von Bierbaum ist eine recht freie Form, der Ode verwandt, die erst im abschließenden Volksliedzitat in Reime ausbricht, ohne realistisch nicht erreichbare Buchausgaben schon nicht mehr genau nachweisbar. Das früheste über die Walderdbeeren von Herder ist eindeutig eine Ode im hohen Ton, ungereimt, dafür formal streng in siebenzeilige Strophen unterteilt.

Auffallend bleibt durch alle drei Jahrhunderte der anzügliche Vergleich von heranreifendem Obst mit sehr jungen Mädchen, die vorerst nur unter Aufbietung verharmlosender Koketterie zum Geschlechtsverkehr herangezogen werden können.

——— Johann Gottfried Herder:

Die Erdbeeren

1772, gesammelt in: Sämmtliche Werke. Zur schönen Literatur und Kunst,
Fünfzehnter Theil, Cotta 1817, Seite 164 f.:

Holde Erdentöchter,
Frühlings frühe Kinder,
Schon aus Sonnenvaters
Warmem Lebenshauche
Und aus Mutter-Erden
Kühlem Schooß empfangen,
Kühle, süße Beeren!

Strawberries, Ireth Alcarin, ca. 2014 bis 2019Wie sie dort im Grase
Hügelaufwärts glühen
Und ins Grün erröthen,
Jetzt den Wandrer lieblich
Locken, jetzt entschlüpfend
Täuschen – Buhlerinnen,
Wie die Erdentöchter!

Ha, wie Vater Frühlings
Odem sie durchbalsamt,
Und der Mutter Erde
Kühle sie erfrischet!
Wie aus niederm Grase
Labung auf sie duften!
Glühen da wie Sterne!

Sollet bald in Schaaren
Lieblich schwimmen! – Sterne,
Jetzt in weißer Unschuld,
Jetzt in goldnem Feuer
Schöngepaaret! Feuer,
Unschuld! und der Liebe
Und der Freude Töchter!

Mir ein ganzer Frühling,
Mir ein ganzes Leben!
Unschuld, Kraft und Freude,
Kühl‘ und Süße! Rose
Ohne Stachel, Labung
Ohne Felsenschlaube!
Schön und tief im Grase!

Mir ein ganzer Frühling,
Mir ein Duft aus Eden!
Als einst Paradieses
Sel’ge Fluren schwanden,
Waren’s Manns Gebete,
Waren’s Eva’s Thränen,
Die zu Duft da blieben?

Oder bracht‘ ein Bruder-
Engel Euch hinieden
In die Wilde? – Labung
Wo dem matten Wandrer
Zu bereiten, Labung,
Als er, halb verschmachtet,
Traurig abwärts blickte?

Kommt dem matten Wandrer
Auch in wüster Wilde
Labung! Wenn er traurig
Pfadverloren abwärts
Blicket – dann erscheint ihm
Kühle, Labung, ferner
Rosenduft aus Eden!

——— Otto Julius Bierbaum:

Heidelbeeren

vermutlich aus: Irrgarten der Liebe, 1901,
posthum gesammelt in: Ausgewählte Gedichte, 1921:

Als heut ich durch die Dresdner Haide fuhr,
Stand meine Kindheit vor mir da: Ein Kind,
Ein Bauernmädelchen im kurzen Rock,
Das bunte Kopftuch über dem blonden Haar:
Die „Guge“, die sich so hübsch an rote Backen schmiegt
Und unterm Kinne zipfelig geschlungen ist.
„Barbs“ geht sie – barfuß: was für Wädelchen!
Wie süß die zierlichen Zehen geschnitten sind
(Ob auch ein wenig mit Staub gepudert) –, ach und sieh:
Wie sich das Bäuchlein leise vorwärts wölbt
(Grad nur, zu zeigen, daß es da ist), und
Wie schelmhaft dieses Fräulein lächeln kann!

Blueberries, Ireth Alcarin, ca. 2014 bis 2019Ein Fräulein von zwölf Jahren, ein Kind und doch
Ein Frauchen: Allerliebst kokett bereits
Und doch unschuldig, Duft noch ganz und Tau
Des frischen Morgens. In den Händen hält
Das Kindchen einen Korb, bis obenan
Gefüllt mit Heidelbeeren. Und da seh ich nun,
Warum die Lippen ihm ein bißchen „schnuddlich“ sind:
Gefärbt vom Blaurot unsrer Wäldlerin,
Der drallen Blauen, die sich den Armen schenkt.

Ja wohl, so wars: So sah meine Kindheit aus.
Die Heidelbeere, nicht die Ananas,
Seh ich als Sinnbild jener zagen Zeit.
Die Heidelbeere, tief im Wald gesucht,
Die wäßrig-säuerliche, die so süß doch war
Dem unverwöhnt gesunden Kindesmund,
Der damals schon beim Süße-Suchen sang:
Heedelbeern, Heedelbeern,
Such ich in der Haide.
Heedelbeern, Heedelbeern
Suchen macht mir Freide.
Heedelbeern sin scheene,
In den Kober kommt keene;
Ich esse alle Heedelbeern, Heedelbeern alleene.

——— Achim von Arnim:

Die schweren Brombeeren.

(Vielfach schriftlich und mündlich.)

aus: Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder, Band 2,
Mohr und Zimmer, Heidelberg 1808, Seite 206:

Blackberries, Ireth Alcarin, ca. 2014 bis 2019Es wollt ein Mägdlein früh aufstehn,
Drey Stündelein vor dem Tag,
Wollt in den grünen Wald n’aus gehn,
Brombeerlein brechen ab.

Und als sie in den Wald nein kam,
Begegnet ihr Jägers Knecht.
Ey Mädchen scher dich weg nach Haus,
Dem Herren ist das nicht recht.

Und als das Mädchen rückwärts kam,
Begegnet ihr Jägers Sohn:
„Ey Mädchen brech dir ohne Scham,
Ein Schooß voll gönn ich dir schon.“

„Ein Schooß voll den begehr ich nicht,
Ein Handvoll hab ich genug.“
Die Brombeeren standen da so dicht,
Sie suchten da immerzu.

Und als ein halbes Jahr um war,
Brombeerlein wurden groß,
Und als ein drey Vierteljahr um waren,
Ein Kindlein auf dem Schooß.

Ach Gott sind das die Brombeerlein,
Die ich mir gebrochen hab,
Komm her du falsches Jägerlein,
Hilf tragen mich ins Grab.

Tondokument: Zupfgeigenhansel: Die Brombeeren, aus: Volkslieder II, 1976:

Bilder: Erd-, Heidel- und Brombeeren via Ireth Alcarin, ca. 2014 bis 2019;
Extra-Brombeer-Querformat: Can I Kiss You?, 29. Februar 2020.

Blackberries, Can I Kiss You, 29. Februar 2020

Bonus Track: Bikini Girl: Rebel Girl, aus: Yeah Yeah Yeah Yeah, 1992,
für: Ghost World, 2001:

Written by Wolf

24. April 2020 at 00:01

Lex Luther

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Update zu Lessing Luther Lemnius:

Wenn morgen das
Gesetz rauskommt, dass
man nur noch
die Leichen fressen
darf, die man
selber erschlagen hat,

türmen die Siegertypen
Berge aus handgewürgten
Schweinen und Kühen
um sich und

ich pflanz mir
endlich meinen Apfelbaum.

Soundtrack: Gerd Baumann für Rosalie Eberle: Wunderlied II, aus: Sommer in Orange, 2011:

Written by Wolf

18. April 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, ~ Weheklag ~

Blues für Maja

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Update zu Ausblick und
Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen (Schöne Menschen, schöne Glieder):

Gewidmet — na, wem wohl. Zur Vertonung freigegeben; und wie immer: Ich bitte Zugang zu einer Aufnahme und Namensnennung als Texter. Die Musik müsste weitgehend selbstschreibend sein, bitte mal: ein Blues halt. Der Reim require auf Maja ist firmenrechtlich geschützt.

Mean Maja Blues

ca. Januar 2020:

Each day she has the morning shift
I’m waiting for Mean Maja.
Each day she has the morning shift
I’m waiting for Mean Maja.
When late she arrives she still can’t see
what full-time jobs require.

When I came home, my wife she asked:
Oh dear, why are thy hands so red?
When I came home, my wife she asked:
Dear love, why are thy hands so red?
I said: I reached a cleaning rag
and thrashed Mean Maja dead.

My wife she said: My loving man,
I see why you can’t stand her.
My wife she said: My loving man,
I see why you can’t stand her.
But if you don’t leave your violent ways,
you need to quit your bad quick temper.

Since now I have a new workmate,
she’s full of hate and scorning.
Since now I have a new workmate
she’s full of hate and scorning.
She always appears just dead on time,
and I kiss her each morning.

Maggie Gyllenhaal als Lee Holloway in Secretary, 2002

Bild: Maggie Gyllenhaal als Lee Holloway in Secretary, 2002, an der Rezeption,
nominiert für den Independent Spirit Award als beste weibliche Hauptrolle und den Golden Globe 2003,
via independent spirit award nominated performances, Februar 2020.

Längst fertiger Blues: Blind Blake: Georgia Bound, 1929.
Eigentlich mag ich sie ja, die gesamtrussische Seele.

Written by Wolf

17. April 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, ~ Weheklag ~

You were beaming once before, but it’s not like that anymore

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Update zu Postcards from Germany,
Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx,
Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten und
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire:

In a World Full of Kardashians, Be a Gallagher.

Etsy: T-Shirt-Text, ca. 2019 u. ö.

Stupidedia war schon immer eine Art Kamelopedia mit Abitur, übertroffen nur noch von der Uncyclopedia. Überraschend wirkt der Stupidedia-Artikel über Heinrich Heine, der einige diskutierwürdige, aber wenigstens diskussionswerte Parallelen aufgetan hat. Wir übernehmen die — sachlich korrekte — Übersicht von dort:

Heine Börne
Religion Judentum Judentum
Getauft protestantisch protestantisch
Abitur nein nein
Diplom promoviert promoviert
Loge Freimaurer Freimaurer
Exil Paris Paris
Beruf Schriftsteller und Journalist Schriftsteller und Journalist
Waffe scharfe Worte scharfe Worte
Auftraggeber von Cotta von Cotta
Grab Paris Paris
Heine Tucholsky
Religion Judentum Judentum
Getauft protestantisch protestantisch
Diplom Dr. jur. Dr. jur.
Loge Freimaurer Freimaurer
Exil Frankreich Frankreich
Beruf Schriftsteller und Journalist Schriftsteller und Journalist
Waffe Witz Witz
Beigesetzt in nicht in Deutschland nicht in Deutschland

Und dann das:

Heinrich Heine via Wikipedia Jeremy Allen White via Wikipedia

Bilder: Heinrich Heine — das ist der deutsche Klassiker, der nicht mal mehr richtig zur Deutschen Romantik zählt, der zum Nachteil seines Gesamtwerks seiner Frau nie vermitteln konnte, wovon er sie eigentlich ernährt, und in Paris an „Bleivergiftung“, was bedeutet: behandelter Syphilis, zugrunde ging — und Jeremy Allen White — das ist der Allesstudent aus Shameless, der zum Nachteil der Handlung ein paar ganze Staffeln durchvögeln durfte, kein Freimaurer und hoffentlich noch lange nirgends beigesetzt — via Wikimedia Commons.

Soundtrack: The High Strung: The Luck You Got, aus: Moxie Bravo, 2005
und ab 2010 hauptsächlich der Vorspann zu Shameless:

Written by Wolf

10. April 2020 at 00:01

Ein alter Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht

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Update zu Nicht immer klagen die Nachtigallen:

III

di amseln is des worschd
wos grood fürä brogramm läffd:
sie hockn aff di fernsehandennä
und singä weils
hald einfach singä mäin

Fitzgerald Kusz: lob der amseln,
aus: seid mei uhr nachm mond gäihd. der gesammelten gedichte dritter teil,
1. Abschnitt: di amseln hamm zeid,
verlag klaus g. renner, München 1984.

Es gibt noch Helden. Deren größter, jedenfalls einziger Dank ist es, wenn ihr Vorhaben funktioniert. Hank Nagler — der das Bildmaterial stiftet — hat 2019 ein Amselnest vor seinem Schlafzimmerfenster gerettet. Hoch und lange soll er leben, solche Leute werden gebraucht.

Weil Hank hoffentlich weder der Einzige noch der Letzte ist, in dessen privaten Liegenschaften sich heimische Singvögel ihre Nester anlegen: Das Gelege der Amsel oder Schwarzdrossel (Turdus merula) besteht normalerweise aus vier bis fünf Eiern; die Brut dauert durchschnittlich etwa zwei Wochen. Das Weibchen übernachtet normalerweise bereits nach Ablage des zweiten Eies im Nest, brütet aber erst ab dem dritten Ei und verlässt das Nest dann nur noch zur Nahrungsaufnahme. Deshalb gedeiht die Brut with a little help from my friends zuverlässiger und besser: Man kann, nach einschätzender Beobachtung sollte man zufüttern — mit Mehlwürmern (lebend oder besser zu handhaben: getrocknet erhältlich im Fachhandel für Tiernahrung, und besser als gar nicht in Gottes Namen auch mal auf Amazon), allen Arten von Beeren (das, was um diese Jahreszeit frisch aufzutreiben ist, oder was man sich ins eigene Müsli schütten würde) sowie hartgekochten und kleingehackten Eiern (und die moralische Diskussion über Kannibalismus bei Vögeln führen wir ein andermal).

Die Brut an Hanks Fenster hat von 22. März bis 14. April 2019 gedauert. Das sind 24 Tage — nach der Angabe bei WIkipedia „zwischen 10 und 19 Tagen, im Mittel bei 13 Tagen„, die sich ihrerseits nach Burkhard Stephan: Die Amsel, 2. Auflage, Neue Brehm Bücherei, Hohenwarsleben 1999 richtet, ungewöhnlich lange. Aufs Jahr, den ökologischen Nutzwert und den persönlichen Gewinn umgerechnet, würde ich deshalb unterstützende Pflege nicht allein mir selber zumuten, sondern auch jedem anderen empfehlen, dem dergleichen widerfährt. Das gute Werk belohnt sich selbst: Am 28. März, ungefähr auf einem Drittel der Strecke, haben die Amselküken einen sichtbaren Fortschritt vollführt und zum ersten Mal aus der Hand gefressen. Ungefähr in diesem Stadium kann man die Mehlwürmer (daher vorzugsweise in getrockneter Form) den Zöglingen in die Schnäbel fallen lassen. Wann das im zeitlichen, regionalen und individuellen Sonderfall geschieht, kommt auf den Versuch an; es wurden sogar schon brütende und — wenngleich „äußerst ungewöhnlich“ — das Weibchen fütternde Amselhähne (nicht etwa „Amselbullen“, wie von Kurt Tucholsky scherzeshalber kolportiert) beobachtet.

Drostes Fragment einer Kriminalgeschichte namens Joseph hat mich spätestens mit seinem Untertitel erwischt: „Nach den Erinnerungen einer alten Frau mitgeteilt von einem alten Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht“ — darauf muss einer erst mal kommen. Die übermütig experimentierfreudige Laune wird eingehalten: Es erinnert viel mehr an Charles Dickens als an durchschnarchte Schulstunden mit der Judenbuche — nicht nur, weil es gleich dem ein Vierteljahrhundert späteren Fragment einer Kriminalgeschichte The Mystery of Edwin Drood von Dickens nicht fertig geworden ist — sondern weil Droste, statt Bewusstseinszustände zu behaupten, sie nach moderner Erzählauffassung anhand der Handlungen ihrer Figuren zeigt, und laut der Deutung von Josefine Nettesheim 1951 einen „feinen Humor, der nur aus der Tragik geboren wird“, pflegt — die Rahmenhandlung zur Verfremdung aus Sicht eines männlichen Ich-Erzählers. Es ist das letzte Fragment, das Droste in ihrem Leben angelegt hat; über jeden Plan zum weiteren Handlungsverlauf lässt sich nur müßig spekulieren.

So ein besagter Moortopf, im Verbreitungsgebiet vom „Limburgischen und wohl auch tiefer nach Holland hinein“ (Wilhelm Kreiten in der Droste-Werkausgabe 1884 bis 1887) verkürzend „Moor“ genannt, also vermutlich in häufigem Gebrauch, ist

jene Art fast kugelförmiger, mit einer engen Abflußröhre und einem kleinen Deckel versehenen gußeisernen Wasserkessel […], welche dortzulande fast den ganzen Tag über dem Herdfeuer hangen, daher schwarz wie ein Mohrenkopf sind und stets Wasser zu einer Tasse Thee oder Kaffee bieten. Die humoristische Anspielung auf den Schreiber ergibt sich hiernach von selbst.

Wonach ich Hank durch meine nicht ganz unbegründete Text- und Bildverquickung in die Nähe der deutschen Ausfertigung eines missmutigen Samowars gerückt hätte. Das wird zu diskutieren sein.

Passend erschien Joseph, weil darin keine Amseln vorkommen. Eine Figur namens Joseph nämlich auch nicht. Das mindeste, was ich tun konnte, war die Version des Erstdrucks in Kreitens Werkausgabe nach der Gesamtausgabe im Insel-Verlag zu möblieren. Es gibt noch Helden, und dann gibt es noch solche wie mich.

Amselnest 2019

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Joseph

Eine Criminalgeschichte.

(Rüschhaus 1844–1845)

Nach den Erinnerungen einer alten Frau
mitgetheilt von einem alten Moortopf,
der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht.

1845:

Die Zeit schreitet fort. Das ist gut, wenigstens in den meisten Beziehungen. Aber wir müssen mitrennen, ohne Rücksicht auf Alter, Kränklichkeit und angeborene Apathie. Das ist mitunter sehr unbequem.

In meiner Kindheit, wo das Sprichwort: „Bleib im Lande und nähre Dich redlich“ seine strenge Anwendung fand; wo die Familien aller Stände ihre Sprossen wie Banianenbäume nur in den nächsten Grund steckten und die Verwandtschaften so verwickelt wurden, daß man auf sechs Meilen Weges jeden Standesgenossen frischweg: „Herr Vetter“ nannte und sicher unter hundert mal kaum einmal fehlte; in jener Zeit kannte ein ordinairer Mensch mit zehn Jahren jeden Ort, den seine leiblichen Augen zu sehn bestimmt waren und er konnte achtzig Jahre nach einander sich ganz bequem seinen Pfad austreten.

Amselnest 2019Jetzt ist es anders. Die kleinen Staaten haben aufgehört; die großen werfen ihre Mitglieder umher wie Federbälle, und das ruhigste Subjekt muß sich entweder von allen Banden menschlicher Liebe lossagen oder sein Leben auf Reisen zubringen, je nach den Verhältnissen umherfahrend wie ein Luftballon, oder noch schlimmer immer denselben Weg angähnend wie ein Schirrmeister; kurz, nur die Todtkranken und die Bewohner der Narrenspitäler dürfen zu Hause bleiben, und Sterben und Reisen sind zwei unabwendbare Lebensbedingungen geworden. Ich habe mich nicht eben allzuweit umgesehen, doch immer weiter, als mir lieb ist. Es gibt keine Nationen mehr, sondern nur Kosmopoliten und sowohl Marqueurs als Bauernmädchen in fremdländischen Kleidern. Französische und englische Trachten kann ich auch zu Hause sehen, ohne daß es mir einen Heller kostet. Es macht mir wenig Spaß einer Schweizerin mit großen Hornkämmen in den Haaren fünf Batzen zu geben, damit sie sich in ihre eigene Nationaltracht maskirt oder mir für die nächste Bergtour Tags vorher einen Eremiten in die Klause zu bestellen. Wäre nicht die ewig große, unwandelbare Natur in Fels, Wald und Gebirg (den Strömen hat man auch bunte Jacken angezogen), ich würde zehnmal lieber immer bei den ewigen alten guten Gesichtern bleiben, die mit mir gelebt, gelitten und meine Todten begraben haben.

Nur zwei Gegenden, – ich sage nur, was ich gesehen habe; wo ich nicht war, mögen meinetwegen die Leute Fischschwänze haben, ich bin es ganz zufrieden – mir selbst sind nur zwei Landstriche bekannt geworden, wo ich den Odem einer frischen Volksthümlichkeit eingesogen hatte, ich meine den Schwarzwald und die Niederlande. Dem Erstern kommt wohl die Nähe der Schweiz zu statten. Wer vor dem Gebirge steht, will nichts, als hinüber ins Land der Freiheit und des Alpglühens, der Gems- und Steinböcke, und wer von drüben kommt, nun, der will nichts, als nach Hause oder wenigstens recht weit weg. So rollt das Verderben wie eine Quecksilberkugel spurlos über den schönen, reinen Grund des stolzen Waldes, um erst jenseits zu oxydiren. (Wenn nämlich Quecksilber Oxyd niederschlägt, was ich nicht bestimmt behaupten mag, da ich es nur bis zu Salomon’s Weisheit, d. h. zum Bewußtsein schmählicher Unwissenheit in vielen Dingen zwischen Himmel und Erde gebracht habe.)

Amselnest 2019Die Niederlande hingegen, dieser von Land- und Wasserstraßen durchzogene und von fremden Elementen überschwemmte Landstrich, bewahrt dennoch in der Natur seines Volksschlages einen Hort Alles abwehrender Eigenthümlichkeit, der besser schützt als Gebirge, die erstiegen und Thalschluchten, die durchstöbert werden können, und den man, nachdem er die neuern Ereignisse überstanden, wohl für unzerstörbar halten darf. Ich war sehr gern in Belgien und hatte alle Ursache dazu, freundliche Aufnahme, noch freundlichere Bewirthung, gänzliche Zwanglosigkeit hinsichtlich meiner Zeitanwendung; es versleht sich, daß ich auf dem Lande und in einer Privatwohnung war. – In Städten und Gasthöfen ist mir immer elend; frische stärkende Spaziergänge durch die Wiesen am Ufer der Maas und vor jedem Hause, jeder Mühle Scenen Wynants und Wouvermanus, Bilder so treu, als wären sie eben von der Leinwand einer niederländischen Meisterschule gestiegen. Das ist es eben, was ich mag. Ob mein alter Tuinbaas vom Kasteel noch wohl lebt? Jetzt müssen seine Tulpen im Flore stehen; aber zehn Jahre sind ein bedenkliches Stück Menschenleben, wenn man sie mit weißen Haaren anfängt – ich fürchte sehr, er hat längst seine Gartenschürze ab- und seine letzte Zipfelmütze angelegt; oder meine gute Nachbarin auf ihrem kleinen Landsitze, dem sie genau das Aussehn eines saubern Wandschränkchens mit Pagodenaufsatz gegeben hatte? Sie war vielleicht nur um sieben bis acht Jahre älter als ich, trug Sommers und Winters Pelzschuhe, und ich konnte barfuß durch den Schnee traben, d. h. ich konnte es vor zehn Jahren, ehe ich mich in einer schwachen Stunde vom faselhänsigen Volk verführen und bereden ließ, auf den Schnepfenstrich zu gehn und ich die Gicht bekam, und wenn ich vollends bedenke, daß ich mich vor einigen Jahren noch verheirathen wollte und zwar an ein blutjunges Mädchen! Doch das sind Thorheiten, corrupte Ideen.

Mevrouw van Ginkels Andenken ist mir werth; sie hatte viel und früh gelitten, und auch von ihrer spätern glücklichern Lage an der Hand eines geachteten und wohlhabenden Gatten, von Brüdern und Schwestern, war ihr nur in einem anständigen Auskommen die Möglichkeit geblieben, ungestört des Vergangenen zu gedenken und jedem Lieblinge unter ihren zahllosen Aurikeln den Namen eines geliebten theuren Verstorbenen geben zu können. Sie war gewiß schön gewesen, so fromme, traurige Augen müssen ja jedes Gesicht schön machen, und gewiß sehr anmuthig, hätte sie auch nichts gehabt, als den bezaubernden Wohlklang ihrer Stimme, die das Alter wahrscheinlich um einige Töne tiefer gestimmt, aber ihr nichts von der jungfräulichen Zartheit genommen hatte, und die jeden Gedanken ihrer Seele zugleich umschleierte und enthüllte und einem Blinden das beweglichste Mienenspiel ersetzen konnte. Welch ein Unterschied, wenn sie bei einer dunklen Aurikel verweilte und in jugendlichem Entzücken sagte: „Das ist meine gute Frau Gaudart,“ und bei einer der blondesten mit großen lichtblauen Augensternen: „Julchen,“ und schnell weiter ging, als fürchte sie, ein fremdes kaltes Auge möge in das Todte ihres Lebens niedersinken.

Amselnest 2019In meinem Leben bin ich nicht so in Gefahr gewesen, ein sentimentaler Narr zu werden, als bei dieser alten, pünktlichen Mevrouw, die nie klagte, nicht einmal über Migraine oder schlechtes Wetter, deren ganze Unterhaltung sich um Blumenflor, Milchwirthschaft und sonstige kleine Vorfälle ihrer Häuslichkeit bewegte, so z. B. um einige Nachbarskinder, die sie mit Butterbrod und Milch an sichgewöhnt hatte.

Ich glaube wahrhaftig, ich war nahe daran, mich in die alte Person zu verlieben oder wenigstens in eine unbegreiflichc Ueberfülle von Verehrung zu gerathen, weshalb ich denn am liebsten Abends zu ihr ging, wo sie steif hinter der Theemaschine saß, sich mit den Schnörkeln eines Stickmusters abmühend, das die größte Aehnlichkeit mit einem holländischen Garten voll Ziegelbeeten und Taxuspfauen hatte; vor ihr die kleine, goldene Tabatière, rechts und links Etageren voll Pagoden und Muschelhündchen und alles überträufelt von dem feinen Aroma des Kaiserthees.

O VIVANT die Niederlande! das war ein ächter Gerhard Dow, ohne Beimischung, die einen ruhigen Philister hätte stören können – dann wand sich auch das Gespräch fließend ab, und Mevrouw gab sogar mitunter Einiges aus ihren Erlebnissen zum Besten, offenbar mehr in dem Bestreben, einen Gast nach seinem Geschmacke zu unterhalten, als aus eigentlichem Vertrauen, das sie im weiteren Sinne gegen Jedermann im Uebermaß hatte, im engeren Sinne aber Niemand schenkte. Es waren meistens kleine Züge, aber sehr wahre.

Amselnest 2019Wäre ich ein romantischer Hasenfuß gewesen und hätte ich die Gewohnheit gehabt, meine guten Augen (NB. Wenn mich Jemand sollte zufällig mit Brillen gesehen haben, ich trage nur Conservationsbrillen.) Nachts mit Tagebuchschreiben zu verderben, es stände doch jetzt wohl Manches darin, was ich gerne nochmals läse und was in seiner einfachen Unscheinbarkeit mehr Aufschlüsse über Volk, Zeit und das Menschenherz gäbe, als Manches zehnmal besser Geschriebene. Eine Begebenheit jedoch, vielleicht die einzig wirklich auffallende in Mevrouws Leben habe ich mir später vor und nach notirt und, da meine gute Frau van Ginkel ohne Zweifel längst in ihren Pelzschuhen verstorben ist, mir ferner kein Umstand einfällt, der ihr die Veröffentlichung unangenehm machen könnte, und mein jüngster Neffe, der, Gott sei’s geklagt, sich auf die Literatur geworfen hat, jedoch ein artiges Geld damit verdient, gerade sehr um einen Beitrag in gemüthlichem Stile verlegen ist, so mag er denn den Aufsatz nehmen, wobei ich jedoch bestimmt erkläre, daß ich nur wörtlich der würdigen Frau nachgeschrieben habe und mich sowohl gegen alle poetischen Ausdrücke als überhaupt gegen den Verdacht der Schriftstellerei, als welcher mich bei meiner übrigen Lebensweise und Persönlichkeit nur lächerlich machen könnte, auf’s kräftigste verwahre.

Caspar Bernjen, Rentier.

NB. Den Nachbarn, zu dem Mevrouw redet, und der natürlich Niemand ist, als ich, Caspar Bernjen, Rentier und Besitzer eines artigen Landgutes in Niederschen, müssen der Neffe und der Leser sich als einen ansehnlichen, corpulenten Mann mit gesunden Gesichtsfarben in den besten Jahren mit blauem Rock mit Stahlknöpfen und einer irdenen Pfeife im Munde, an der linken Seite des Theetisches denken. Es geht Nichts über Deutlichkeit und Ordnung in allen Dingen.

~~~\~~~~~~~/~~~

Sie erwähnten gestern eines Umstandes, lieber Herr Nachbar, der sich in Ihrem vierzigsten Jahre ereignet, und über den Sie damals an Ihre Eltern geschrieben. Da hat Ihnen der Himmel ein großes
Glück gegeben.

Amselnest 2019Ich weiß, was es heißt, keine Mutter haben und den Vater im fünfzehnten Jahre verlieren. Von meiner Mutter habe ich nur ihr lebensgroßes Portrait gekannt, das im Speisesaale hing: eine schöne Frau in weißem Atlas, einen Blumenstrauß in der Hand und auf dem Schooß ein allerliebstes Löwenhündchen. Ich weiß nicht, ob es daher kommt, daß es meine Mutter war, aber mich dünkt, ich habe nie ein so schönes Gesicht gesehen und nie so sprechende Augen. Ich mag noch nicht daran denken, wie einfältig ich um das Bild gekommen bin, und wie es jetzt vielleicht für Nichts geachtet wird. Warum mein Vater nicht wieder heirathete, begreife ich eigentlich nicht; seine Lage hätte es wohl mit sich gebracht; ein Kaufmann, der den ganzen Tag im Comptoir und auf der Börse zubringt und der Handelsverbindungen wegen fast täglich Gäste zu Tische hat, ist ohne Hausfrau ein geschlagener Mann, allen Arten von Veruntreuungen und Verschleuderungen ausgesetzt, die er unmöglich selbst controliren kann, und sogar seine Commis scheuen sich weniger vor ihm, als vor der Madame, die sie aus- und eingehen sieht, ihre Kleidung und ihr Benehmen gegen die Dienstboten beobachtet und überall in der Stadt Dinge gewahr wird, die dem Herrn sein Lebtage nicht zu Ohren kommen.

Indessen war freilich meine Mutter schon des Vaters zweite Frau gewesen. Die erste hatte ihm ein schönes Vermögen eingebracht und eine erwachsene, damals bereits verlobte Tochter, auf deren Hochzeit sie sich bald nachher ihre tödtliche Krankheit holte durch dünne Kleidung, – man sagt, weil sie als sogenannte junge Frau nicht gar zu matronenhaft neben der Braut hatte aussehen wollen, was sich denn auch in Rücksicht auf ihren Mann wohl begreift; kurz, sie lag acht Tage nachher völlig contract im Bette und hat so sechs Jahre gelegen, zuletzt so elend, daß ihre besten Freunde ihr nur den Tod wünschen mußten.

Nachdem mein Vater anderthalb Jahre Wittwer geblieben, heirathete er ein junges Mädchen von guter Herkunft, aber gänzlich ohne Vermögen. Dies war meine Mutter, und ich mag, Gottlob, fragen, wen ich will, ich höre nur Gutes und Liebes von ihr; aber den Keim zur Schwindsucht soll sie schon in die Ehe mitgebracht haben. Man sieht es auch dem Bilde an, das doch gleich nach der Hochzeit gemalt ist.

Ein Jahr lang bis zu meiner Geburt hielt sie sich noch so leidlich, obwohl das unruhige Leben und die Unmöglichkeit, sich zu schonen, ihr Uebel soll sehr beschleunigt haben. Ich wollte, sie hätte nicht geheirathet; Gott hätte mich ja doch anderwärts erschaffen können; denn, Mynheer, man kommt doch nie ganz darüber weg, seiner Mutter den Tod gebracht zu haben. Man hat mir viel von dem Kummer meines Vaters erzählt und wie er ferner eine Menge Heirathsanträge von der Hand gewiesen. Ich glaube es wohl, denn ich habe nie gesehen, daß er für irgend ein Frauenzimmer das geringste Interesse gezeigt hätte, außer was ihm von der Höflichkeit geradezu auferlegt wurde, und da waren es immer die Mamas und Großmamas, deren Unterhaltung er vorzog; sonst lebte er nur in seinem Geschäfte. Morgens um fünf auf und in seiner Stube gearbeitet, um sechs in’s Comptoir, um elf auf die Börse, von eins bis zweie zu Tische, was vielleicht die schwierigsten Stunden waren, wo er, den Kopf voll Gedanken, den angenehmen Wirth machen mußte.

Amselnest 2019Nachmittags wieder gearbeitet, Speculationen nachgegangen und zuletzt noch bis Mitternacht in seinem Zimmer geschrieben. Er hat ein saures Leben gehabt.

Ich wuchs indessen in ein paar hübschen Mansardenzimmern bei einer Gouvernante, Madame Dubois, heran und sah mancherlei im Hause, was mir nach und nach anfing wunderlich vorzukommen, so z. B. fast Jeder hatte irgend einen Nachschlüssel, dessen er sich vor mir nicht gerade sehr vorsichtig, aber doch mit einer Art Behutsamkeit bediente, die mich endlich aufmerksam machen mußte. Selbst Madame Dubois hatte einen zur Bibliothek, denn sie brachte ihr Leben mit Romanlesen zu, weßhalb ich denn auch nichts gelernt habe.

Man nimmt sich vor Kindern nicht in Acht, bis es zu spät ist. Hier war es aber leider nicht zu spät; denn als Madame Dubois, die NB. von meiner Kenntniß ihres Schlüssels nichts wußte und nur in Bezug auf Andere sprach, mir auseinandersetzte, daß Schweigen besser sei, als Verdruß machen, war ich noch viel zu jung, um einzusehn, wie höchst nöthig Sprechen hier gewesen wäre. Ich fühlte mich durch ihr Vertrauen noch sehr geehrt, und habe nachher leider Manches noch mit vertuschen helfen. Kinder thun, wie sie weise sind.

Ich sah, so oft mein Vater auf die Börse ging, die Commis wie Hasen am Fenster spähen, bis er um die Gassenecke war, und dann forthuschen, Gott weiß, wohin. Ich sah den Bedienten in meines Vaters seidenen Strümpfen und Schuhen zum Hinterpförtchen hinausschleichen; ich hörte Nachts den Kutscher an meiner Thür vorbeistapfen in den Weinkeller hinunter und wälzte mich vor Aerger im Bette, aber wiedersagen – um Alles in der Welt nicht. Dazu war ich viel zu verständig.

Ich hörte sogar, wie Jemand der Madame Dubois erzählte, unser Kassirer, Herr Steenwick spiele jeden Abend und habe in der vorigen Nacht zwei tausend Gulden verloren und wie die Dubois antwortete:

„Um Gotteswillen, woher nimmt der Mensch das Geld? Da sollte Einem hier im Hause doch schwarz vor den Augen werden!“

Dies war kurz nach meinem vierzehnten Geburtstag und das erste mal, daß sich mir der Gedanke aufdrängte, Schweigen könne doch auch am Ende seine bedenkliche Seite bekommen.

Amselnest 2019Das Ding lag mir den ganzen Abend im Kopfe woher H. Steenwick das Geld nehme, ich wußte daß er arm war, er bekam nur 1000 Gulden Gehalt und ich hatte oft gehört daß seine Eltern arme Fischersleute bey Saardam wären. – Ich hatte bey van Gehlens mahl von einem COMMIS gekört, der aus seines Herrn Casse gespielt hatte, und obwohl ich mir das nicht mit einem alten bekannten Gesichte zusammen stellen konnte, was ich im Hause kannte soweit meine Erinnerung reichte, und auch Madame so besonders viel hielt, und noch neulich ein Paar Tragbänder für ihn gestickt hatte, so überfiel mich doch eine instinktartige Angst, die nicht ganz frey von Mistrauen war, und doch immer wieder mit der Erzählung von jenem Commis verschmolz. Madame war still und noch zerstreuter als gewöhnlich, sie zog zehnmal einen Roman unter der Näharbeit hervor, las ein paar Zeilen, steckte ihn wieder zurück und warf endlich fast die Lampe um, und trieb dann hastig zu Bette. Als wir ungefähr eine Stunde zu Bette gewesen waren, Madame und ich, hörten wir uns gegenüber H. Steenwicks Thüre gehn, und dann rasch Tritte über den Gang weg, die Stiege hinunter – es war nicht das erstemahl daß er so spät sein Zimmer verließ, und ich eingeschlafen war ohne ihn zurück kommen zu hören, aber zum ersten Mal bemerkte ich daß er viel schneller ging und seine Stiefel viel weniger knarrten als bey Tage, ich drückte die Kissen von meinem Ohre weg und horchte, im selben Augenblick hörte ich auch Madame ihre Gardine zurück schieben und sich halb im Bette aufrichten, unten im Hausflure schlich ein leises behutsames Knistern, dann ward die Hausthüre erst halb leise dann mit einem raschen Ruck vollends geöffnet, und dann fiel jenseits auf der Gasse ein Schlüssel aufs Pflaster, – Madame seufzte tief, und murmelte „Schweigen schweigen – nur schweigen“ – Ich fühlte einen plötzlichen Muth in mir, und rief, „nein, Madame, Alles an den Papa sagen!“ Sie können sich den Schrecken der armen Frau nicht vorstellen. „Stanzchen!“ rief sie „Stanzchen, schläfst du nicht?“ – und gleich darauf hörte ich sie bitterlich schluchzen, – mir wurde todtangst, ich wußte x-x nicht, daß die arme Person, die in der That eine sehr schlechte Gesundheit und mit ihren 48 Jahren betrübte Aussichten in die Zukunft hatte, ihre ganze Hoffnung auf H. Steenwick setzte, der ihr so lange Bücher voll zarter Liebe die sich nur durch Blicke und feine Aufmerksamkeiten, Blümchen et cet. verrieth, zugeschleppt hatte, bis sie sich um so mehr als halb verlobt ansah, da sie mahl in einem der Bücher an einer sehr bedeutsamen Stelle ein zufälliges Eselsohr fand.

Amselnest 2019Sie war sonst eine gute ehrbare Person, aber MYNHEER wissen wohl, der Ertrinkende hält sich an einem Strohhalm! – Als Madame sich ein wenig gefaßt bat sie mich vom Himmel zur Erde zu schweigen und log mir sogar etwas vor von einer reichen Tante die dem Cassier oft große Geldgeschenke mache, aber mit so unsicherer Stimme, daß es selbst mir auffiel, endlich versprach sie genau Acht zu geben, sie werde ihr Gewissen sicher nicht mit einer so wichtigen Sache beschweren, obwohl Schweigen sonst immer am Gerathensten sey, wo bey der Untersuchung doch unfehlbar nichts als Verdruß ohne Nutzen herauskommen und aller Schaden und Aufwand auf den Ankläger zurückfallen würde. – „Hat der Herr denn Zeit zu untersuchen?“ sagte sie „frägt er je Jemanden Andren als den Cassier und die Haushälterin? und wenn diese sprechen wollten, haben sie nicht hundertmal die Gelegenheit und die Macht obendrein? – auf Kleinigkeiten, ein paar Steinkohlen mehr oder weniger verbrannt, ein paar Flaschen mehr oder weniger getrunken, kömmt es in einem solchen Hause auch gar nicht an, – aber dies ist zu arg! – Schweig nur, Kind, ich will aufpassen, und wenn es mir vom Himmel auferlegt ist, daß ich mich daran wagen soll, dann in Gottes Namen in Gottes Namen!“ Wenn ich bedenke, in welchem betrübten herzzerreißenden Tone sie dies sagte, so muß ich der armen Frau alle ihre Schwächen vergeben, und bin überzeugt daß sie entschlossen war ihrer Pflicht ein ganzes Lebensglück zu opfern, was freylich nur in der Einbildung bestand, aber MYNHEER, der Wille ist doch so gut wie die That. – Wirklich ging Madame am andern Morgen, gegen ihre Gewohnheit, sehr früh aus, sie kam blaß und niedergeschlagen zurück, packte sogleich ihre Romane und ließ sie H. Steenwick bringen, mit der Bitte ihr keine andern zu schicken, da es ihr vorläufig an Zeit zum Lesen fehle. Von jetzt an horchte ich jeden Abend im Bette, und bemerkte auch daß Madame jeden Abend horchte, aber verstohlen, erst nachdem sie durch die Gardine geschielt hatte ob ich schlafe, und jeden Abend hörte ich H. Steenwick vorbey schleichen und Madames verhaltenes betrübtes Weinen, oft die halbe Nacht durch, den Tag über war Madame wie zerschlagen, griff Alles verkehrt an, hielt die Unterrichtsstunden noch nachlässiger als gewöhnlich, sie saß beständig am Fenster, nähte wie ums Brod, und so oft die COMPTOIRthüre ging fiel eine zerbrochene Nähnadel auf den Boden, auch halb verstohlene Ausgänge wurden mitunter gewagt. – Nach etwa acht Tagen sagte Madame Abends „Stanzchen Morgen spreche ich mit dem Papa“ sie sah hierbey überaus blaß aus, und hatte etwas Edles im Gesicht das mir mehr IMPONIRTE als würde ich gescholten. – Ich legte mich so leise und rücksichtsvoll zu Bette wie in Gegenwart einer Prinzessin, Madame ließ das Licht brennen und laß lange und eifrig im Thomas A KEMPIS; plötzlich fuhren wir Beyde auf, H. Steenwicks Thüre wurde mit Geräusch auf und zu gemacht, und er stampfte einen Gassenhauer pfeifend über den Gang, dann stand er mit einem Mahle still und schien sich zu besinnen oder zu horchen, und dann gings leise leise mit Katzenschritten die Treppe herunter. Der Sand im Flur knirrte, die Hausthür ging, Alles leiser als je, ich sah Madame an, und begegnete einem Ausdrucke des Schreckens der mich betäubte, sie saß aufrecht im Bette, die Hände gefaltet „Jesus Maria!“ war Alles was sie sagte, dann stand sie auf, öffnete das Fenster und lauschte eine Weile hinaus, kam dann schnell zurück, legte sich, und löschte das Licht. – Ich hörte Madame in dieser Nacht nicht weinen, aber so oft ich wach wurde, heftig athmen und sich im Bette bewegen, und ich hörte es oft, denn obwohl ich mir von meinen Gefühlen eigentlich nicht Rechenschaft zu geben wußte hatten doch dieser polternde Gang, dies wilde abgebrochne Pfeifen durch die Stille, und das darauf folgende Katzenschleichen mich mit einem Grausen überrieselt, daß ich mich fast vor den Schnörkeln am Betthimmel und der Gardine fürchtete. – Als es kaum Tag geworden war saß Madame schon wieder aufrecht und sah nach ihrer Taschenuhr, – so mehrere Male – um halb sieben klingelte sie und gab der Magd einen CONFUSEN Auftrag an H. Steenwick – das Mädchen kam zurück – er war noch nicht im COMPTOIR, – „so geh auf sein Zimmer“ – die Thür war verschlossen. – Wir standen auf – von Unterrichtstunden war keine Rede – ich saß mit meinem Strickzeuge in einem Winkel – und Madame saß mit ihrem Nähzeug am Fenster – drey oder viermahl stand sie auf ging in’s Haus hinunter und kam immer blasser wieder. Gesprochen wurde nicht.

Als wir um zwei ins Speisezimmer traten, war mein Vater anfangs nicht da und ließ sagen, wir möchten nur anfangen zu essen. Wir fragten nach dem Buchhalter; er sei bei dem Herrn. Wir aßen um der Domestiken willen einige Löffel Suppe, so sauer es uns wurde.

Da kam der Vater herein, sehr roth und aufgeregt. Er legte sich, gegen seine Gewohnheit, selbst vor, spielte mit dem Löffel und fragte dann, als der Bediente gerade herausging, wie hingeworfen:

„Madame, Sie wohnen doch dem Cassirer gegenüber; wissen Sie nicht, wann er diesen Morgen ausgegangen ist?“

Ueber Madames Gesicht flog eine glühende Röthe, die einem wahrhaft edlen Ausdrucke Platz machte. Sie stand auf und sagte mit fester Stimme:

„Mynheer, Herr Steenwick ist diese Nacht nicht im Hause gewesen.“

Mein Vater sah sie an mit einem Gesichte, das mehr Angst als Bestürzung verrieth. Er stand auf, gab draußen einige Befehle und setzte dann sein Verhör fort.

„Haben Sie gestern bemerkt, wann er fortging?“

„Ja, Mynheer, um halb zwölf,“ und nach einigem Zögern setzte sie hinzu, „haben wir, Stanzchen und ich, ihn fortschleichen hören.“

„Fortschleichen?“ rief mein Vater und wurde fast eben so blaß als Madame. „Also doch wahr! Seien Sie aufrichtig, Madame, war es zum ersten Male?“ Es war, als sinke die arme Frau in sich zusammen, als sie stammelnd antwortete:

„Nein, Mynheer, nein, schon seit acht Tagen jeden Abend.“

Mein Vater sah sie starr an.

„O Mynheer, fragen Sie Stanzchen. Stanzchen weiß, daß ich es Ihnen heute sagen wollte.“

Mein Vater antwortete nicht. Er ging hastig an einen Wandschrank, der Feile, Kneifzangen und allerlei Schlüssel enthielt. Dann rief er an der Thür heftig nach dem Buchhalter. Thüren gingen und als eben ein Bedienter Speisen hereintrug, hörten wir an einem Krach, daß im Kabinet neben dem Comptoir die Kasse erbrochen wurde.

Wir saßen wie Bildsäulen am Tische, ließen eine Speise nach der andern abtragen und hatten weder den Muth, das Zimmer zu verlassen, noch darin zu bleiben.

Der Vater kam nicht wieder, auch zum Abendessen nicht, auch zum nächsten Mittagessen nicht, der Buchhalter eben so wenig.

Die jungen Commis schlenderten im Hause umher, und wir merkten aus einzelnen Worten, daß Herr Steenwick für in wichtigen Geschäften verschickt galt; denn zum Nachfragen hatte Keines von uns Muth.

Amselnest 2019Am zweiten Abend stürzte der Buchhalter aus dem Kabinet und rief: „Wasser! Um Gottes Willen, Wasser! Und geschwind zum Doktor Velten; der Herr hat einen Blutsturz bekommen.“

Madame und ich hörten das Geschrei auf unserm Zimmer, und ich weiß nicht, wie wir die Treppen hinuntergekommen sind, ich weiß nur, daß mein lieber Vater in seinem ledernen Arbeitssessel saß, bleich wie der Tod, die Augen halb gebrochen, ängstlich umherfahrend und daß er mich noch mit einem langen, traurigen Blicke ansah, daß mich schauderte, als ich in einen Blutstrom trat, der uns schon auf dem Entree entgegen floß.

Als Doktor Velten kam, war ich eine arme, verlassene Waise.

Von dem, was zunächst geschah, kann ich nur wenig sagen. Ich verstand das Meiste nur halb, und es schien mir Alles wie Nichts nach dem, was geschehen.

Das Gesinde mußte wohl wissen, wie mir zu Muthe war; denn wenn ich einmal zufällig mein Zimmer verließ, sah ich sie ziemlich offen silberne Bestecke, Becher und dergleichen auf ihre Kammern tragen. Ich sah es und sah es auch nicht; hätte ich nachher darüber aussagen sollen, ich hätte die Thäter nicht zu nennen gewußt.

Es war mir, als müßte ich ersticken, wenn der Weihrauchdampf bis oben in’s Haus zog. Ich hörte unter unsern Fenstern die Trauermusik, sah die Fackeln wiederscheinen und verkroch mich hinter’s Bett mit dem glühendsten Wunsch zu sterben.

Dann zog man mir schwarze Kleider an, und mein Vormund, der Banquier van Gehlen, holte mich vorläufig in sein Haus.

Madame Dubois mußte zurückbleiben. Unser Abschied war sehr schmerzlich, und es vergingen mir fast die Sinne, als diese Frau, der ich so lange gehorcht hatte, auf den Knieen zu mir hinrutschte,
meine Hand küßte und rief:

„Stanzchen, Stanzchen vergib mir! Ich bin an Allem Schuld! O Gott, ich bin eine alte Thörin gewesen!“

Es war mir, als sollte ich ihr um den Hals fallen, aber ich blieb steif stehen mit vor Scham geschlossenen Augen und als ich sie aufmachte war Madame fort, und statt ihrer hielt Herr van Gehlen mich bei der Hand.

Unsere Vermögensumstände stellten sich dann, wie Sie wohl erwartet haben, sehr traurig heraus. Mein Vater hatte eine Staatsanleihe übernommen und sich sehr um dies Geschäft beworben, da wir keineswegs zu den ersten Häusern in Gent gehörten. Ob schon Gelder eingegangen und versendet waren, weiß ich nicht, aber 600,000 Gulden waren aus der Kasse verschwunden. Das war gerade unser eigenes Vermögen, den Brautschatz meiner Schwester, den sie im Geschäft gelassen hatte, eingerechnet; so blieb mir nicht das Salz auf dem Brode.

In van Gehlens Hause wollte man gütig gegen mich sein; aber es war dort nichts wie Glanz und Pracht. Man ließ mir Freiheit auf meinem Zimmer, aber das Lachen, Klavierspielen und Wagenrollen schallte von unten herauf und, wenn ich mich sehen ließ, gab es eine plötzliche Stille, wie wenn ein Gespenst erschien, und Aller Augen waren auf mich gerichtet, als gäbe es außer mir keine verarmte Waise in Gent.

Mevrouw van Gehlen that zwar ihr Möglichstes, mir über solche Augenblicke weg zu helfen; aber selbst ihr Bestreben that mir weh und ließ es mich erst recht fühlen, wie viel hier zu verbergen war.

Täglich hoffte ich auf die Ankunft meiner Stiefschwester; sie kam nicht, auch mein Schwager nicht, sondern nur ihr Geschäftsmann, Herr Pell, der mich so quer ansah, als hätte ich seinen Patron bestohlen, – schon gleich anfangs und noch schlimmer, nachdem er sich einige Stunden mit Mynheer van Gehlen eingeschlossen.

Dennoch hatte er den Auftrag, mich mitzuhringen, wenn sich nämlich kein anderes Unterkommen fände.

Ich stand bei dieser Verhandlung zitternd wie Espenlaub und nahm jeden lieblosen Ausdruck des kleinen, hagern Mannes für direct aus dem Munde meiner Schwester; woran ich doch gewiß sehr Unrecht hatte. Denn ich bin später, nach meiner Verheirathung, öfters mit ihr zusammen gewesen in ihrem Hause und auch in dem meinigen, und sie war zwar eine etwas förmliche Frau, aber immer voll Anstand und verwandtschaftlicher Rücksicht, und sie hat es mir sogar viel zu hoch angerechnet, als ich ihr nach meines Mannes Tode ihre durch unser Unglück erlittenen Verluste zu ersetzen suchte, was doch nicht mehr als meine allerstrengste Pflicht war.

Die Conferenz im Fenster war noch im besten Gange, als Herrn van Gehlen ein Besuch gemeldet wurde. Den Namen verstand ich nicht und benutzte diesen Augenblick, mich unbemerkt fortzuschleichen.

Im Vorzimmer traf ich den Fremden, einen kleinen, geistlich gekleideten, hagern Mann, der beschäftigt war, sich mit einem bunten Schnupftuche den Staub von den Aermeln zu putzen. Er sah scharf auf und seine Augen verfolgten mich bis in die Thür mit lebhafter Neugierde.

Hast Du auch noch keine verarmte Waise gesehen? dachte ich.

Nach einer halben Stunde, die mir unter großer Gemüthsbewegung und unter Nachdenken über meine Schwester verging, ward ich heruntergerufen.

Amselnest 2019Ich fand die drei Herrn zusammen. Mynheer van Gehlen und Herr Pell saßen vor dem Tisch und blätterten in dicken Papierstößen. Sie sahen roth und angegriffen aus. Herr Pell schlug die Augen nicht vom Papier auf. Van Gehlen lächelte verlegen und schien mir etwas sagen zu wollen, als der Fremde aus der Fensternische trat, meine beiden Hände ergriff und mit bewegter Stimme sagte:

„Stanzchen, Stanzchen, ich bin Dein Ohm. Hat Dir denn Papa niemals von dem alten Herrn Ohm Pastor erzählt, dem alten Pastor in G.?“

Ich war ganz verwirrt; doch kamen mir einige dunkle Erinnerungen, obwohl mein Vater selten frühere Verhältnisse berührte.

So küßte ich dem Onkel die Hand und sah ihn auf eine Weise an, die ohne Zweifel etwas kümmerlich gewesen sein muß, denn er sagte:

„Sei zufrieden, Kind; Du sollst nicht nach Roeremonde. Du gehst mit mir;“ und dann mit erhöhter Stimme halb zu den Andern gewendet:

„Wenn ich gleich keine feine Juffrouw erziehen kann, so sollst Du doch rothe Backen kriegen und auch nicht wild aufwachsen, wie eine Nessel im Hagen.“

Mynheer van Gehlen nickte zustimmend. Pell schlug seine Actenstöße zu und sagte:

„Wenn Ewr. Ehrwürden das so wollen – vorläufig wenigstens. Ich will es an meinen Patron berichten; vielleicht – sonst steht der Juffrouw Roeremonde alle Tage offen.“

Mein Ohm machte eine feierliche Verbeugung: „Gewiß, ja, wir lassen Mevrouw danken. Roeremonde steht alle Tage offen – aber Mevrouw muß mir das Kind lassen. Es ist meiner Schwester Kind, die ich sehr lieb gehabt habe, wenn sie auch nur meine Stiefschwester war.“

Niemand antwortete. Ich fühlte, daß hier irgend ein drückendes Mißverständniß herrschte, und war froh, als mein Onkel gütig fortfuhr:

„Nun, Stanzchen, ich kann aber nicht lange von Hause bleiben; pack Deine Siebensachen und dann danke Mynheer und Mevrouw van Gehlen, daß sie Dich armes, verlassenes Kind so treulich aufgenommen haben.“

Zwei Stunden darauf saßen wir im Wagen. So bin ich von Gent gekommen. Noch muß ich Ihnen sagen, daß Herr Steenwick nicht, nachdem er des Vaters Kasse zum Theil verspielt, mit dem Ueberreste durchgegangen war, wie Sie ohne Zweifel glauben und auch Jedermann damals glaubte.

Nach drei Wochen kam sein Leichnam auf in der Schelde. Er hatte nichts in der Tasche, als seine gewöhnliche grüne Börse mit 6 Stuyvern darin und einen kleinen leeren Geldsack, den er aus angewöhnter Pünktlichkeit mußte mechanisch wieder eingesteckt haben. Man hätte eigentlich zuerst hierauf verfallen sollen, da von seinen Habseligkeiten nicht das Geringste vermißt wurde, nichts als die Kleider, die er am Leibe trug und seine alte silberne Uhr.

Aber die Leute denken gern immer das Schlimmste. Lieber Gott, es ist freilich schlimm genug, Anderer Leute Geld zu verspielen und dann – ein solches Ende! Aber Mynheer wissen wohl, es kommt einem doch nicht so schimpflich vor, als ein anderer Diebstahl.

Ein Spieler ist wie ein Betrunkener, wie ein Besessener, aus dem der Böse handelt wie eine zweite fremde Seele. Habe ich nicht Recht? Herr Steenwick hatte unserm Hause zwanzig Jahre lang gedient, hatte so manche Nächte durchgearbeitet und auch nicht ein Endchen Bindfaden verkommen lassen; er war wahrhaftig noch grimmiger auf’s Geschäft verpicht, als der Herr selbst, und nun ein solches Ende!

Indessen hat er, Gottlob, doch noch ein ehrliches Grab bekommen, weil sich mehrere Leute fanden, die ihn in der Morgendämmerung hatten taumeln sehen, wie einen Betrunkenen, und zwar in der Richtung nach Hause zu. So wurde denn angenommen, er habe, wie unglückliche Spieler häufig, sich zu viel Courage getrunken und sei so ohne Absicht dem Scheldeufer zu nahe gekommen.

Madame Dubois soll nachher auch noch heimlich auf sein Grab ihren Balsaminenstock gepflanzt haben, ist aber doch dabei belauscht worden – die arme Seele! Sie war wirklich gut von Natur, nur durch Romanenlesen etwas confus geworden; und wußte nicht recht mehr, ob sie alt oder jung war, und auch zu furchtsam geworden durch das Gefühl ihrer abhängigen Lage und noch mehr ihrer täglich abnehmenden Fähigkeit, sich selbst zu ernähren. Aber ihr Wille war immer der beste, und sie suchte mich vor jedem schädlichen Eindruck mit einer Treue zu hüten, für die ich ihr im Grabe noch dankbar bin.

Jetzt ist sie lange, lange todt; sie starb schon das Jahr darauf, als ich zu meinem Ohm kam, und ihre Ersparnisse in unserm Dienste haben übrig ausgereicht bis an ihr Ende.

So quälen wir uns oft umsonst, und unser Herrgott lacht dazu. –

~~~\~~~~~~~/~~~

Hier schien Mevrouw van Ginkel ihre Mittheilungen endigen zu wollen. Sie schüttete frischen Thee auf, nahm eine Prise aus ihrem goldenen Döschen und sah mich mit jenem wohlwollenden Blicke an, der bei höflichen Leuten den Wunsch, auch den Andern zu hören, ausdrückt. Ihr Gesicht war völlig ruhig, sogar lächelnd; doch hing etwas Glänzendes in ihren Augwimpern, das aber nicht weiter kam.

Ich hingegen war in eine Stimmung gerathen, worauf ich eigentlich gar nicht für diese Stunde gerechnet hatte, und hätte für mein Leben gern Mevrouw in ihrer Dorfwirthschaft gesehen, um so mehr, da unschuldige Kinder sowohl wie alte Junggesellen mir ein gleich starkes Interesse erregen und man beide selten, wie hier, vereinigt findet.

So that ich einige blinde Fragen nach der Lage des Dorfes und wie viel Diensthoten und wie viel Kühe u.s.w. Mevrouw errieth meine Absicht und sagte sehr freundlich:

„Ich sehe wohl, Mynheer interessiren sich für meinen guten Ohm und gewiß hat es auch nie einen bessern Mann gegeben – und keinen ehrwürdigern,“ fügte sie hinzu mit einem Ausdruck kindlicher Scheu, der ihr fast wieder das Ansehn einer kleinen, wohlerzogenen Jungfer von vierzehn Jahren gab.

Amselnest 2019„Indessen läßt sich wenig von unserm Leben sagen. Es war sehr einfach und so einförmig, daß, wenn nicht die Kirchenfeste und die Jahreszeiten gewesen wären, unsere Tage einander so gleich gewesen wären wie Wassertropfen.“

Hier schüttete sie Wasser auf den Thee, und ich betrachtete einen am Kessel hängenden Tropfen, der allerdings wenig Unterhaltung zu versprechen schien.

„Aber,“ fuhr sie fort, „so sollte es nicht bleiben, und ich möchte dem Herrn Nachbar wohl die Catastrophe von meines Ohms, ich kann wohl sagen, von meinem Schicksal erzählen, damit Sie sehen, was der, dem ich am meisten in der Welt zu danken habe, für ein Mann war. Aber da ist eine andere kuriose Geschichte hinein verflochten, die Mynheer gewiß interessiren würde, aber etwas lang ist. Haben Mynheer sich auch gut gegen die Abendluft verwahrt?“

Ich versicherte, daß ich alle nöthigen Maßregeln getroffen, obwohl ich, ehrlich gesagt, heute zum ersten Mal meine dritte Weste ausgelassen hatte und mit einiger Sorge an den Thau dachte.

Jedoch hatte ich Mevrouw noch nie in so mittheilender Stimmung gesehn und war entschlossen, diese zur Erweiterung meiner Menschenkenntniß um jeden Preis zu benutzen. So betheuerte ich, daß ich nie nach dem Thee noch zu Abend esse, – was auch wahr ist – und mir längst eine gelegentliche Mondscheinpromenade am Maasufer vorgenommen hätte, was allerdings nicht ganz mit meinem sonstigen Geschmacke und meinen sonstigen Gewohnheiten übereinstimmte.

Mevrouw sah mich auch so verwundert an, als mache vor ihren Augen eine Schildkröte Vorbereitungen auf den Hinterbeinen zu spazieren; jedoch fuhr sie ohne weitere Bemerkungen in ihren Mittheilungen fort, nur zuweilen kleine Pausen machend, um mir einzuschenken oder ihrem goldenen Döschen zuzusprechen, wobei sie mich in so wohlwollender Weise zum Mitgenuß einlud, daß ich bei mir an die Friedenspfeife der Indianer denken mußte; welche Unterbrechungen ich durch Absätze bezeichne und dem Leser die Ausmalung der kleinen Zwischenspiele überlassen werde. Also Mevrouw fuhr fort:

[nicht vollendet]

Soundtrack: The Beatles: Blackbird, aus dem Weißen Album: The BEATLES, 1968.
Schönes Lied; den Ohrwurm kann man leicht zehn Stunden ausleben:

Bonus Track: auch Beatles, aus: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, 1967,
aber von Joe Cocker and The Grease Band: With a Little Help from My Friends,
live in Woodstock, Sonntag, 17. August 1969, ca. 15.15 Uhr Ortszeit:

Written by Wolf

27. März 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Herrschaft & Revolte

In dieser versifften Hochglanzzombiewelt

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Update zu Flucht aus der gebornen Ruine,
Dornenstück 0001: Jesus liebt euch alle und
Nachtstück 0023: Watch out, the world’s behind you:

Johannes [verbessert aus: Jean] wird mit einem Becher dargestellt, Paulus mit einem Schwert.

Johann Paul Friedrich „Jean Paul“ Richter, * 21. März 1763; † 14. November 1825: Vita, 1807.

Statt J.P. = Pohl oder Schang oder Schang Pohl.

Vita, 1811.

Jean Saul — Saulus bewachte die Kleider der Steiniger Stephani.

Gedanken 8, 1812.

Wenn ihr wüßtet, wie wenig ich nach J.P.F. Richter frage; ein unbedeutender Wicht; aber ich wohne darin, im Wicht.

Merkblätter, 1818.

——— Hank Nagler:

Jean Paul

Originalfassung 6. Januar 1996 für Balan Street Suicide Pictures, 12. Januar 2020:

Hank Nagler, Jean Paul, OF, 6. Januar 1996

Wenn uns die Liebe verlassen, besucht uns doch die Musik (Jean Paul: Dichtungen 2, 1797):
Gustav Mahler: 1. Sinfonie in D-Dur, zeitweilig Titan, 1889,
New York Philharmonic Orchestra unter Leonard Bernstein, 1967:

Written by Wolf

20. März 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Flintenwerfen

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Update zu O selige Epoche:

Da kann sich einer Christian Morgenstern aufgrund physischen Geburtstags und psychischen Alberfaktors persönlich so verbunden fühlen, wie er will, da können die lizenzfrei orientierten „Klassiker“-Verlage auf ihre Morgensterne Alle Galgenlieder draufschreiben, bis den Druckereien in Shenzhen die Schwärze ausgeht — die echten Geschichten über Morgenstern-Gedichte findet man nur in der halbwegs wissenschaftlichen Ausgabe. Wie bei allen Schreibern; bei Morgenstern ist das die Stuttgarter Ausgabe bei Urachhaus, und was bei den Kaufhof-Ausgaben — übrigens nichts gegen die gleichnamige, dokumentarisch bedeutsame Sammlung von Diogenes 1981 — Alle Galgenlieder heißt, ist darin der Band 3: Humoristische Lyrik von 1990.

In den Kommentar hat der Herausgeber Maurice Cureau die frühe Version eines gängigen Gedichts über Morgensterns kauziges Alter Ego Palmström versteckt: Die weggeworfene Flinte hieß in einer früheren Bearbeitung Palmström der Patriot. Wiederzuerkennen nur noch am Thema, gewiss nicht mehr an der Form, sind die Unterschiede zwischen den Fassungen groß genug, um sie mit Gewinn gegenüberzustellen. Angeblich wegen mangelnder Begeisterung beim Lesen der fertigen Korrekturbogen überarbeitete Morgenstern das Gedicht „poetischer, romantischer“ von Grund auf.

Es kann an mir liegen, aber in der allseits autorisierten Druckfassung vermisse ich die Reime. Und schon besitzen wir ein vertieftes, wenn nicht gar ein ganz neues Palmström-Gedicht.

Lera Vradiy, Field Stories, 21. Juli 2017

——— Christian Morgenstern:

Palmström der Patriot

frühe Version, brieflich an Verleger Bruno Cassirer am 19. Februar 1910:

Palmström, auf dem Lande hinten,
untersucht das Korn nach Flinten,
die das Volk, wie er v. Korfen
sagt, daselbst hineingeworfen.
Und fürwahr, er findet deren!
Eine Unzahl von Gewehren,
geht (beglaubigt von den Bauern,
welche auf Belohnung lauern,
und plombiert von den gesamten
diesbezüglichen Beamten)
noch im Herbst nebst Memorando
ab ans Generalkommando.

Die weggeworfene Flinte

Druckversion 22. Februar 1910, „Meiner lieben Margareta“:

Palmström findet eines Abends,
als er zwischen hohem Korn
singend schweift,
eine Flinte.

Trauernd bricht er seinen Hymnus
ab und setzt sich in den Mohn,
seinen Fund
zu betrachten.

Innig stellt er den Verzagten,
der ins Korn sie warf, sich vor
und beklagt
ihn vorn Herzen.

Mohn und Ähren und Cyanen
windet seine Hand derweil
still um Lauf,
Hahn und Kolben …

Und er lehnt den so bekränzten
Stutzen an den Kreuzwegstein,
hoffend zart,
daß der Zage,

noch einmal des Weges kommend,
ihn erblicken möge — und —
(… Seht den Mond
groß im Osten …)

Martin Bartholmy, Wo die Flinte im Korn liegt. Cropped Crop, 15. Juli 2018

Bilder: Lera Vradiy: Field Stories, 21. Juli 2017;
Martin Bartholmy: Wo die Flinte im Korn liegt / Cropped Crop, 15. Juli 2018.

Soundtrack: Emily Barker & The Red Clay Halo with Frank Turner: Fields of June, 2012:

Written by Wolf

21. Februar 2020 at 00:01

Адвент 4: Dinnertime mit Saufspielen

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Update zu Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht),
Einigen wir uns auf Unentschieden und
Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen (Schöne Menschen, schöne Glieder):

Wladimir Wasiljewitsch Satschkow, Filmplakat Ironie des Schicksals, 1975Mich freut’s, daß ich Sie liebe ohne Qual,
Daß Sie sich wegen mir nicht quälen müssen
Und daß der große, schwere Erdenball
Nie wird entschwinden unter unsern Füßen.
Mich freut’s, daß ich darf manchmal komisch sein,
Gelockert sein und nicht mit Worten spielen,
Und nicht erröte, nicht erstick vor Pein,
Kaum die Berührung unsrer Ärmel fühlend.

Ich dank mit Herz und Hand Ihnen dafür,
Daß Sie mich lieben, ohne es zu wissen,
Für meine Ruhe nachts, dafür, daß wir
Uns gar so selten abends treffen müssen,
Daß wir spazierten noch kein einzges Mal,
Gemeinsam Mond- und Sonnenschein genießend,
Daß ich Sie leider liebe ohne Qual
Und Sie sich leider auch nicht quälen müssen.

Marina Zwetaewa a. a. O.,
Übs. Sepp Österreicher.

Ирония судьбы или С лёгким паром! von Eldar Rjasanow 1975 — das heißt: Ironie des Schicksals oder Genießen Sie Ihr Bad!, wird aber übersetzt: Mit leichtem Dampf — ist eine Art Drei Nüsse für Aschenbrödel Russlands und der Ukraine und umfasst zwei Teile mit insgesamt drei Stunden und vier Minuten, die eine Einheit mit einer rituell eingehaltenen Pinkelpause dazwischen bilden.

Von verschiedenen Fernsehsendern ausgestrahlt wird Ironie des Schicksals am 1. Januar und ähnelt insofern näher denn dem Drei Nüsse für Aschenbrödel (Original: 82 Minuten) eher dem russischen Dinner for One (original: 18 Minuten). Das kommt, müßig zu erklären, von der verschobenen orthodoxen Weihnacht aufgrund des weiterhin geltenden julianischen Kalenders.

Olha in Seefeld in Tirol, 20. August 2019Meine ukrainische Gewährsperson versichert entgegen der Darstellung auf Wikipedia glaubwürdig, der Kult um Ironie des Schicksals habe sich inzwischen gelegt; sie kennt den Film durchaus noch und weiß um seine kulturelle Bedeutung, es sei aber eher ein Spaß für ihre Elterngeneration. Ebenso übertrieben findet sie das Bohei, das 2015 um ein drohendes Ausstrahlungsverbot für die Ukraine entstand und pünktlich zum — nicht zum ukrainischen — Heiligabend in die westliche Welt getragen wurde, weil eine der Schauspielerinnen, schlimmer noch: eine der Synchronstimmen, namentlich die russische Walentina Talysina sich allzu putinfreundlich geäußert habe. Nun ist ein Film immer das Werk seines Regisseurs, und der 2015 verstorbene Eldar Ryazov — wobei wir uns in Erinnerung rufen, dass eine Korrelation nicht zwangsläufig eine Kausalität ist — war dagegen ein aufrechter Putin-Kritker und kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden, was seinen darstellenden Fachkräften vierzig Jahre nach ihrem Engagement so durchs Hirn schießt.

Was ukrainische Freunde alternativer Christtagsfreuden am gregorianischen Silvesterabend treiben, wenn unsereins Dinner for One guckt, bleibt von einem gewissen Geheimnis umwabert, solange man seine Gewährspersonen so selten zu fassen bekommt, und sollte gern ihre persönliche Angelegenheit bleiben. Kennerhafte Saufspiele anhand Filmszenen, wetten? Wer das auch mal will, kann das — wieder wie bei Dinner for One — heutzutage ganzjährig: YouTube birgt Ironie des Schicksals im Original mit englischen Untertiteln, also recht zugänglich, und praktischerweise in zwei Teilen, also gleich mit der Pinkelpause, die durch die Saufspiele unabdingbar wird. Etwas unpraktischer ist: Man kann beide nicht embedded, sondern nur innerhalb YouTube abspielen. Aber irgendwas ist ja immer, da können Sie jeden Ukrainer fragen.

1. Teil:

2. Teil:

Plakat: Владимир Васильевич Сачков (1928—2005) für Рекламфильм, 1975;
Gewährsmädchen, ihr Bad genießend: Olha in Seefeld in Tirol, 20. August 2019;
mit leichtem Dampf: Film-Still via Неизвестные факты о фильме „Ирония судьбы, или С легким паром!“,
10. August 2016.

Film-Still via Unbekannte Fakten zum Film Die Ironie des Schicksals oder genießen Sie Ihr Bad, 10. August 2016

Soundtracks: Stille Nacht, heilige Nacht; Silent Night, Holy Night; Тиха ніч, свята ніч:



Веселого Різдва для всіх!

Written by Wolf

20. Dezember 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Адвент 3: Mit einem stillen, guten Worte mein gedenken

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Update zu Das Angedenken der Zuckerlust:

Die nationale, um nicht zu sagen: emotionale Bedeutung für die ganze stolze Ukraine von Taras Schewtschenkos Gedicht Заповіт kann man gar nicht überschätzen. Allein in der Liste der Übersetzungen wird man gar nicht fertig mit Scrollen — und merkt, was der Google-Translator für ein Segen ist.

Unter den deutschen Übersetzugen werden darin die von der Lemberger, nein: Львова Wortkünstlerin Hedda Zinner aus der noch erreichbarsten Schewtschenko-Auswahl Meine Lieder, meine Träume. Gedichte und Zeichnungen — Verlag der Nation Berlin und Verlag Dnipro Kiew 1987, auf keine Weise identisch mit dem nahezu gleichnamigen USA-Film 1965 — angeführt, sowie die Übersetzung von Iwan Franko.

Was für ein glückliches Land das sein sollte, in dem sich die Nationaldichter gegenseitig in die Sprachen des befreundeten Auslands übersetzen.

——— Тарас Григорович Шевченко:

Заповіт

написанное 25 декабря 1845 года в Переяславе,
перше надрукований в 1859 році в Ляйпциґу в збірці Новыя стихотворѣнія Пушкина и Шевченки:

Як умру, то поховайте
Мене на могилі,
Серед степу широкого
На Вкраїні милій:
Щоб лани широкополі
І Дніпро, і кручі
Було видно, — було чути
Як реве ревучий!

Як понесе з України
У синєє море
Кров ворожу, — отоді я
І лани, і гори —
Все покину і полину
До самого Бога
Молитися. А до того —
Я не знаю Бога!

Поховайте та вставайте,
Кайдани порвіте,
І вражою, злою кровю
Волю окропіте!
І мене в сімьї великій,
В сімьї вольній, новій,
Не забудьте помьянути
Незлим, тихим словом!

1912, Ганна ЧЕРКАСЬКА, Ховали Тараса, як гетьмана-парубка. Сьогодні – 157 роковини перепоховання Шевченка, UAinfo, 22. Mai 2018

——— Taras Hryhorowytsch Schewtschenko:

Das Vermächtnis

übs. Iwan Franko, 1903:

Wenn ich sterbe, so bestattet
Mich auf eines Kurhans Zinne,
Mitten in der breiten Steppe
Der geliebten Ukraine, –
Daß ich grenzenlose Felder
Und den Dnipr und seine Schnellen
Sehen kann und hören möge
Das Gebraus der großen Wellen.

Wenn sie von der Ukraine
Schwemmen fort ins Meer und schleppen
Feindesblut und Feindesleichen,
Dann verlaß‘ ich Berg und Steppen,
Schwinge bis zum Gott empor mich
Von dem Sturme hingerissen
Um zu beten, – doch bis dahin
Will von keinem Gott ich wissen.

Ja, begrabt mich und erhebt euch,
Und zersprenget eure Ketten,
Und mit schlimmem Feindesblute
Möge sich die Freiheit röten!
Und am Tag, der euch die Freiheit
Und Verbrüderung wird schenken,
Möget ihr mit einem stillen,
Guten Worte mein gedenken.

——— Taras Hryhorowytsch Schewtschenko:

Vermächtnis

übs. Hedda Zinner, 1951:

Wenn ich sterbe, sollt zum Grab ihr
Den Kurgan mir bereiten
In der lieben Ukraine,
Auf der Steppe, der breiten,
Wo man weite Felder sieht,
Den Dnjepr und seine Hänge,
Wo man hören kann sein Tosen,
Seine wilden Sänge.

Wenn aus unsrer Ukraine
Zum Meer dann, zum blauen,
Treibt der Feinde Blut, verlaß ich
Die Berge und Auen,
Alles laß ich dann und fliege
Empor selbst zum Herrgott,
Und ich bete… Doch bis dahin
Kenn‘ ich keinen Herrgott!

So begrabt mich und erhebt euch!
Die Ketten zerfetzet!
Mit dem Blut der bösen Feinde
Die Freiheit benetzet!
Meiner sollt in der Familie,
In der großen, ihr gedenken,
Und sollt in der freien, neuen
Still ein gutes Wort mir schenken.

Ганна ЧЕРКАСЬКА, Ховали Тараса, як гетьмана-парубка. Сьогодні – 157 роковини перепоховання Шевченка, UAinfo, 22. Mai 2018

Bilder: beide 1912, via Anna Cherkaska: „Ховали Тараса, як гетьмана-парубка“. Сьогодні – 157 роковини перепоховання Шевченка, UAinfo, 22. Mai 2018.

Soundtrack: Отава Ё: Ой, Дуся, ой, Маруся, Juli/August 2016:

Written by Wolf

13. Dezember 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Адвент 2: Auf den Flügeln der Lieder

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Update zu Noch immer (ja, noch immer):

Die Ukraine, die Kornflasche Europas: Es sind immer die Nachbarinnen und Kolleginnen von dorther, die einen beeindrucken mit allem, was sie sind und tun, ohne es je darauf anzulegen. Kaum volljährig, sind das alles gestandene, beneidenswert lebenstüchtige Russenweiber mit zwei Muttersprachen — und bis man sich umschaut, haben sie alle noch einen echten Magister, die einschüchterndsten unter ihnen einen Dipl.-Kffr. von einer der etwa hundert Kiewer Unis, und in Charkiv stehen schon die nächsten hundert; sie sprechen und schreiben nicht unter drei „Fremd“-Sprachen fließend, die andern, darunter mindestens eine asiatische, zählen sie schon gar nicht mehr, haben Dostojewski, Voltaire, Tschechow und Balzac vollständig gelesen, Tolstoi, Charms, Kusmin, Remisow, Rousseau, Schiller, Heine und Dickens gleich zweimal und ihren Landsmann Gogol immer wieder, können mit einem Taschenmesser den Boiler reparieren, mit einer Büroklammer Feuer machen, ihre Mitmenschen aus dem Kopf mit dem Sparkassenkuli gedankenschnell so skizzieren, dass man sie erkennt, und die Gesamtwerke von Beethoven, Rimski-Korsakow und Skrjabin auswendig auf dem Klavier, sind in ihrer grenzenlosen Model-Schönheit schon mal „ein paar Schauen gelaufen“, kommen in einem Porno und zwei Arthouse-Preziosen vor (bei Weißrussinnen ist es umgekehrt) und schreiben zwischen dem Fitmachen für die Disco und der anstehenden Frühschicht ein paar Gedichte und ein nephrologisches Exzerpt für ihre nächste Veröffentlichung. Angesichts der Lebensauffassung einer Ukrainierin merkt man immer erst, was man die ganze Zeit in seinem eigenen bisschen Existenzversuch verpasst, und dass es doch auch so geht. Wenn man sie fragt, was sie dazu treibt, in einem deutschen Mittelzentrum die Betten für zickige Touristen zu beziehen und fünfsprachig das Klo zu schrubben, zucken sie die Schultern und antworten: „Muss leben.“ Plausibel anzunehmen ist, dass in Donezk einfach immer noch ein paar Panzer zuviel auf der Straße herumkurven. In der Ukraine wohnen über 42 Millionen Leute, also vermutlich um die 21 Millionen Frauen, unter denen es durchaus dumme, hässliche, moralisch fragwürdige geben wird, nur die trifft man die nie. Schon klasse, aber nach keiner Seite fair.

Vor dieser Erfahrung muss es ehrgeizig erscheinen, einer Ukrainerin imponieren zu wollen; wer aber auf Russisch bis fünf zählen kann, eine Mundharmonika einstecken hat, deren Tonart er benennen und charakterisieren kann, und ihnen zur Frühschicht keine unbearbeiteten Hotelreservierungen liegen lässt, sollte aber schon den richtigen Weg eingeschlagen haben. Bescheiden sind sie also auch noch. Einfach widerlich. Und im Film reden sie immer bloß von Transsylvanien.

Cover Auf den Flügeln der Lieder, Lemberg 1893, Lesja Ukrajinka. Enzyklopädie des Lebens und der KreativitätHilfreich scheint mir, das eine oder andere Gedicht von Lesja Ukrajinka zu kennen, in einer Sprache, die man gar nicht kann; die scheint eins von diesen Wunderwesen. Offenbar wird Frau Kossatsch — die korrekte Anrede für sie war: Laryssa Petriwna — bis heute geschätzt und verstanden, jedenfalls umfasst ihr ukrainischer Wiki-Artikel Леся Українка den Gegenwert einer Rowohlt-Monographie.

Ihr unverhohlen national gestimmtes Pseudonym verwendete die Petriwna ab ihrer ersten Veröffentlichung im Alter von 13 Jahren. Ihr Gedicht Contra Spem Spero (etwa: Gegen alle Hoffnung hoffe ich) von 1890 — da war sie 19 — ist innerhalb ihres Gesamtwerks aus folkloristischer, traditioneller Lyrik, später impressionistischer Naturlyrik bis hin zu historischer Dichtung ein Fremdkörper: viel zu subjektiv. Die Ukraine respektiert Taras Schewtschenko und Iwan Franko als Nationaldichter, aufrichtig gerührt sind sie bei der Ukrajinka.

Das war ein Tipp, Jungs. Eure Fachliteratur ist vorerst: Леся Українка. Енциклопедія життя і творчості (Lesja Ukrajinka. Enzyklopädie des Lebens und der Kreativität). Contra spem spero! wurde leider nie für die Öffentlichkeit deutsch übersetzt, also übt vorsichtshalber ein bissel Mundharmonika. Viel Glück.

——— Леся Українка:

Contra spem spero!

2. Mai 1890, in: На крилах пісень (Auf den Flügeln der Lieder), Lemberg 1893:

Гетьте, думи, ви, хмари осінні!
То ж тепера весна золота!
Чи то так у жалю, в голосінні
Проминуть молодії літа?

S. Caraff-Corbu, Lesja Ukrajinka, Farblinolschnitt, 1962, Enzyklopädie des Lebens und der KreativitätНі, я хочу крізь сльози сміятись,
Серед лиха співати пісні,
Без надії таки сподіватись,
Жити хочу! Геть думи сумні!

Я на вбогім сумнім перелозі
Буду сіять барвисті квітки,
Буду сіять квітки на морозі,
Буду лить на них сльози гіркі.

І від сліз тих гарячих розтане
Та кора льодовая, міцна,
Може, квіти зійдуть – і настане
Ще й для мене весела весна.

Я на гору круту крем’яную
Буду камінь важкий підіймать
І, несучи вагу ту страшную,
Буду пісню веселу співать.

В довгу, темную нічку невидну
Не стулю ні на хвильку очей,
Все шукатиму зірку провідну,
Ясну владарку темних ночей.

Так! я буду крізь сльози сміятись,
Серед лиха співати пісні,
Без надії таки сподіватись,
Буду жити! Геть думи сумні!

Bilder: Cover На крилах пісень (Auf den Flügeln der Lieder), Lemberg 1893;
S. Caraff-Corbu: Contra spem spero!, Farblinolschnitt, 1962.

Soundtrack: Леся Українка: Вечірня година (Abendstunde), ca. 1889, aus: На крилах пісень, 1893,
aufgeführt vom wolhynischen, daher momentan ukrainischen Дитячий ансамбль Дударик, 2015:

Written by Wolf

6. Dezember 2019 at 00:01

Drei Rosen, sang er, drei Rosen

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Update zu Gräflein Du bist verrathen:

Es reißt nicht ab: Wer zu tief nach Theodor Fontanes Volksliedfund Wer geht so spät zu Hofe buddelt, gerät nahezu zwangsläufig an eine weitere Ballade, diesmal ein Original von Friedrich de la Motte Fouqué.

„Wir schließen diesen Abschnitt mit einem Liede“ (George Hesekiel a. a. O.) aus derselben Quelle wie Fontanes Volkslied „zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck“, die über Fontanes Verwendung hinausgeht, allein schon weil sie auf einen der zentralen Forschungsgegenstände von Arno Schmidt verweist: Fouqué — und sogar, wie Schmidt sie in seinem Standardwerk von 1958 nennt, „einige seiner seiner Zeitgenossen„. Das trägt uns praktischerweise gleich noch eine Ballade in siebenzeiligen Strophen ein. Abermals in gleich zwei Zusammenhängen:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

——— George Hesekiel:

Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck

Verlag von Alexander Duncker, Königlicher Hofbuchhändler, Berlin 1854, Seite 5 bis 6:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982In dieser Zeit kommen die Königsmarck in die erste Verbindung mit den Lützelburgern, dem böhmischen Königshause; Rüdiger von Königsmarck, er wird auch Radecke genannt, begleitete den Markgrafen, später Kaiser, Sigismund 1382 nach Ungarn und zeichnete sich vielfach dort aus. Seine glänzendste That aber war 1387 die Befreiung der Königin Maria von Ungarn aus der Gefangenschaft des Banus von Kroatien. Der Sage nach ließ die schöne Königin den tapfern Ritter vor sich bescheiden, grüßte ihn holdselig und sagte ihm, er solle sich eine Gnade ausbitten. Da bat der ritterliche Held um die drei Rosen, welche die Königin in der Hand hielt, die Königin aber reichte ihm die Rosen und dazu dreimal ihren rosigen Mund zum Kuß. Seit der Zeit hieß Rüdiger von Königsmarck im Ungarlande der Rosenritter, seine Nachkommen aber führen noch heut zum Gedächtniß die Königin mit den drei Rosen in der Hand als Helmkleinod auf ihrem Wappen. Einer unserer edelsten deutschen Dichter, Friedrich Baron de Lamotte=Fouqué hat diese Königsmarck’sche Schildsage in der folgenden lieblichen Romanze besungen:

Hier folgt die Romanze. Um nicht wieder unzulässig ins Zitat eines Zitats eingreifen zu müssen, weil Hesekiel nicht wesentlich, aber nicht gerade sehr zuverlässig von Fouqué abweicht, bringe ich den Text nach der Erstausgabe aus: Friedrich de la Motte Fouqué: Alwin. Ein Roman in zwei Bänden von Pellegrin. Erster Band, bei Friedrich Braunes, Berlin 1808, Seite 209 bis 210:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

Was meint sie denn mit den drei Rosen, die man meim Einlaß in’s Schloß nennen muß? fragte Alwin.

Emil, rief Hartwald nach dem Zelte hinein, sing uns doch einmal Flaminiens Romanze. Es ist ein altes Liedchen, fuhr er gegen Alwin fort, das ihr so ausnehmend gefällt, und von dem sie die Losung gewählt hat.

Der hübsche Page war indessen heraus getreten, hatte seine Zither gestimmt, und sang:

Mein Knappe, was kommst Du an Stirn und Brust
     Und Arm von Blute so roth,
Und reitest als wie in erquicklicher Lust,
     Als gäb‘ es nicht Jammer noch Noth?
          Drei Rosen, sang er, drei Rosen,
          Die pflückt‘ ich aus feindlichem Tosen,
     Die pflückt‘ ich aus drohendem Tod.

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982Und als er kam vor das Königshaus
     Der junge siegende Held.
Da trat die Königinn selber heraus:
     Nun fordre, was Dir gefällt.
          „Drei Rosen, hätt‘ ich drei Rosen,
     Wie wollt‘ ich noch hundertmal losen
     Um’s Leben auf eisernem Feld!

Die Königinn wußte, was Helden gebührt;
     Was Helden kann machen gesund.
Da haben ihn schweigende Mägdlein geführt
     In Zimmers verschwiegenen Rund.
          „Drei Rosen gab sie, drei Rosen,
          Drei Küsse mit freundlichem Kosen
     Von ihrem hellrosigen Mund.

Und drauf im erleuchteten, festlichen Saal
     Stand Herzog und Grafe bereit,
Da sagte die Herrin zu dieser Zahl
     Sei künftig mit Ehren gereiht,
     Und heiße der Ritter von Rosen,
     Und führ‘ im Wappen drei Rosen
     Und rosenfarb Helmbusch und Kleid.

Du hast deine Sache recht gut gemacht, Emil, sagte Hartwald, und kannst billig den besten Sängerlohn verlangen. Nimm hin! Und mit diesen Worten reichte er ihm einen goldnen Becher. Der Page nahm ihn lächelnd an, und tauchte seine schwellenden Lippen in die Gluth des Weins, indeß Alwin, als bemerkte er einen lange Verkannten, plötzlich emporschaute; diese Lippen waren es, welche er in der Einsiedelei sich auf ähnliche Weise in den Wein hatte tauchen sehn, und Emil stand als Emilie vor ihm, als die entführte, reizende Nonne.

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

Die Bilder sind das Material, das für den Ursprungsartikel erwogen und verworfen wurde:
Günter Rössler für den Fotokinoverlag, Leipzig 1982.

Soundtrack: Über eine nicht mehr als dreigliedrige Assoziationskette:
Motörhead: Heroes, aus: Motörizer, 2008:

Written by Wolf

15. November 2019 at 00:01

Ein Buch gibt keine Gelatinesuppe

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
und Your open hand but shows our loss:

Denkenden und fühlenden Menschen wird niemals klar werden, was Schönheit um ihrer selbst willen so gleichgültig, wenn nicht gar schädlich machen soll. Die dergleichen voraussetzen, gelten als nüchtern, zielstrebig und daher erfolgreich. Bei genauerem Besehen will man nichts mit ihnen zu tun haben. Auch das wird ihnen egal sein.

Ein Thema, das gerade angesichts des aktuellen Zustands der Welt nicht einfach in der Luft herumwabert, sondern jeden Tag lodernder brennt. Ausnahmsweise erspare ich mir deshalb einen penibel korrigierten Text und bringe einen gekürzten, dafür handlichen, der sich den Philistern zum In-die-Fresse-Hauen eignet.

Das französische Original von Gautiers Erst- und Hauptwerk Mademoiselle de Maupin steht online, unser Zitat handelt aus dem ausführlichen préface. Die derzeit gültige Übersetzung von 2011 ist beim Manesse Verlag erhältlich. — Danke an Frank T. Zumbach für Aufmerksamkeit und Anteilnahme!

——— Théophile Gautier:

Théophile Gautier: Nützlichkeit

aus: Mademoiselle de Maupin, Vorwort, 1834;
erste deutsche Übersetzung: Ilna Ewers-Wunderwald, Verlag der Funken, Leipzig 1908:

Neben den moralischen Journalisten ist … eine Prozession kleiner Champignons einer … recht kuriosen Art aufgetaucht … es sind die utilitären Kritiker. „Was nützt dieses Buch?“(sagen sie) „Wie kann man es für die Versittlichung und das Glück der zahlreichsten und ärmsten Klasse verwenden? Was! nicht ein Wort über die Bedürfnisse der Gesellschaft, nichts Zivilisierendes und Progressives! Wie kann man, anstatt an der großen Synthese der Menschheit zu wirken und anhand der historischen Ereignisse die Phasen der regenerierenden und providentiellen Idee zu verfolgen, wie kann man Gedichte und Romane schreiben, die zu nichts führen und das Menschengeschlecht nicht auf dem Weg der Zukunft vorwärtsbringen? Wie kann man sich angesichts so schwerwiegender Angelegenheiten mit der Form, mit dem Stil und Reim befassen? – Was kümmern uns Stil, Reim und Form? Als ob es gerade darum ginge (arme Füchse, die Trauben sind zu grün!) – Die Gesellschaft leidet, sie ist das Opfer einer grossen inneren Zerrissenheit … Aufgabe des Dichters ist es, die Ursache dieses Unglücks zu suchen und es zu heilen. Das Mittel hierfür wird er finden, wenn er mit Herz und Seele mit der Menschheit sympathisiert. (Philanthropische Poeten! das wäre etwas Seltenes und Bezauberndes.) Auf diesen Dichter warten wir, wir sehen ihn innigst herbei …“ Meinetwegen. Doch da wir wünschen, daß unsere Leser bis zum Ende dieses … Vorworts wach bleiben, werden wir diese sehr getreue Nachahmung des utilitären Stils nicht fortsetzen, der von Natur sehr einschläfernd wirkt …

Nein, Schwachköpfe, nein, Kretins, ein Buch gibt keine Gelatinesuppe, ein Roman ist kein Paar nahtlose Stiefel, ein Sonett keine Klistierspritze mit Dauerstrahl, ein Drama keine Eisenbahn, alles Dinge, die für die Zivilisation wesentlich sind und die Menschheit auf dem Weg des Fortschritts vorwärtsmarschieren lassen. (…)

Nichts, was schön ist, ist zum Leben unentbehrlich. Rottete man die Blumen aus, litte die Welt nicht materiell darunter. Wer möchte jedoch, dass es keine Blumen mehr gibt? Ich würde lieber auf Kartoffeln als auf Rosen verzichten, und ich glaubte, es gibt auf der Welt nur den Utilitaristen, der fähig wäre, ein Tulpenbeet auszureißen, um Kohl darauf zu pflanzen.

Wozu dient die Schönheit der Frauen? Vorausgesetzt, eine Frau ist gesundheitlich in Ordnung und imstande, Kinder zu gebären, so wird sie für Ökonomen immer gut genug sein.

Wozu ist die Musik gut? Wozu die Malerei? Wer wäre so närrisch, Mozart Herrn Carrel und Michelangelo dem Erfinder des weißen Mostrichs vorzuziehen?

Wirklich schön ist nur, was zu nichts dienen kann.

Alles Nützliche ist häßlich, denn es ist der Ausdruck irgendeines Bedürfnisses, und die Bedürfnisse des Menschen sind unedel und widerlich, wie seine arme und schwache Natur. Der nützlichste Ort eines Hauses ist der Abtritt.

Das mit dem materiellen Schaden, den der Mangel an Blumen anrichtet, wird heute anders gesehen, selbst von Utilitaristen — die weiterhin davon absehen werden, die Arbeit der Bienen zu verrichten. Das macht den Nutzen schöner Erscheinungen nicht gleichgültiger — sondern offensichtlicher.

Rose Matthias Claudius

Buidl: Rose Matthias Claudius, von der Wölfin, 19. Juli 2019.

Die Schönheit persönlich: Miley Cyrus: Wildflowers von Tom Petty, aus: Wildflowers, 1994:

Written by Wolf

29. Oktober 2019 at 04:04

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Gräflein Du bist verrathen

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Update zu Ich bescheide mich,
Trauervokal und
Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt:

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014

Nicht ausgerechnet am 1. April des Fontanejahres hätte ich an die touristische Verwaltung des Schloss Plaue zu Brandenburg an der Havel mailen sollen:

Sehr geehrte Damen und Herren,

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014ich betreibe den privaten literarischen Weblog Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt — der viel zu wenig von seinem eigentlichen Thema, dem Volksbuch vom Doctor Faustus handelt, aber selbstverständlich niemals langweilig wird.

Im derzeitigen Fontanejahr, das ich bei meinem übergreifenden Thema natürlich nicht ignorieren will, ist mir in den Fünf Schlössern unter dem Kapitel über das Schloss Plaue das Volkslied Wer geht so spät zu Hofe über die Gräfin Platen aufgefallen, dem Fontane erklärtermaßen nur „einige Strophen“ entnommen hat, das aber aus Strophen zu je 7 Versen besteht, was ja immer eine lyrische Qualität eigener Art darstellt — siehe vor allem meine Weblog-Kategorie 7-Zeiler —, und dessen Inhalt in seinem Kontext hochinteressant ist.

Fontane zitiert dieses Volkslied — wie Sie sehr viel besser wissen als ich — im Zusammenhang mit der Geschichte eines der Leinwandtableaus im oberen Saal von Schloss Plaue. Auf Ihrer eigenen sehr aufschlussreichen Website erfahre ich:

Die ehemalige Innenausstattung des Schlosses ist nur in wenigen Bildern überliefert.

Nun finde ich leider im Internet weder zusätzliche Strophen zum genannten Lied noch die acht — auch nicht die fünf von Fontane näher beschriebenen — Tableaus. Diese Verbindung ergibt leider eine recht lückenhafte Dokumentation zur Geschichte des Philipp Christoph Graf Königsmarck.

Daher meine mehrteilige Frage:

  1. Können Sie mir weitere Strophen zu Wer geht so spät zu Hofe nennen — oder Fundstellen dazu?
  2. Wird das Lied noch gesungen, weil es eine bekannte, wenigstens nachweisbar überlieferte Melodie hat?
  3. Und existieren noch Darstellungen von den Leinwandtableaus in Schloss Plaue?
  4. Genießen sie eine gewisse ikonische Funktion, quasi als stille Berühmtheit von regionalem Erkennungswert?

Für diese Fragen aus einem im besten Sinne amateurhaften Forschungsinteresse erscheinen Sie mir als die geeignete Anlaufstelle. Damit ich nicht vollends einseitig Ihre Zeit beanspruche, darf ich Sie unverbindlich beruhigen: Aus demselben Interesse erwäge ich sehr wohlwollend, möglichst noch im laufenden Fontanejahr die Tourismusangebote um Schloss Plaue zu nutzen. Im Dienste eines germanistischen Nischenthemas ein leibhaftiges siebenzeiliges Volkslied mit großformatigen Illustrationen zu besuchen. Das sieht mir überaus ähnlich.

Können Sie mir hier weiterhelfen — oder wenn nicht, mich wahlweise an jemanden verweisen, der es kann?

Mit freundlichen Grüßen,
Wolf [und alles, was im Impressum steht]

Nicht ausgerechnet am 1. April, weil ich auf irgendeine Antwort, wenigstens ein den Eingang bestätigendes „Geh Ludwig Thoma lesen, du Baziwessi!“ bis heute warte, dabei wird mein Spam täglich handverlesen. Man muss sich also wie immer selber behelfen. Schauen wir mal:

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Im überbordenden Reichtum der Fontanischen Wanderungen durch die Mark Brandenburg finden wir ausgeführt, was wir übersichtlicher bei kurz!-Geschichte seit 8. April 2018 als Die Königsmarck-Affäre zusammengefasst sehen: Im Adelsgeschlecht derer von Königsmarck stellte der Spross Philipp Christoph Graf von Königsmarck ausreichende Verwicklungen an, um ein Volkslied anzuregen, eins mit Handlung samt Spannungsbogen und Moral. Das genügt, um uns mehr für das Lied mit seinen illustrierenden Bildern zu interessieren als für die dynastischen Verwicklungen einer ohnehin schwächlich gesicherten regionalpolitischen Wirklichkeit.

Historischer Schauplatz ist somit nach Fontane das Schloss Plaue zu einer historischen Zeit, da es von der Familie von Königsmarck bewohnt wurde. Was Fontane nicht wissen konnte, erfahren wir am touristisch erschlossenen Fontaneweg Schloss Plaue — an der 4. Station:

Die ehemalige Innenausstattung des Schlosses ist nur in wenigen Bildern überliefert. Berühmt waren das Chinesische Zimmer im Obergeschoss, sowie der obere Saal mit den acht großen Leinwandtableaus, die Szenen aus der Geschichte der Familie v. Koenigsmarck zeigten. Anfang 1945 war wegen des Bombenkrieges in Berlin die Vertretung des Kgr. Thailand im Schloss untergebracht. Beim Einmarsch der Roten Armee wurde es geplündert, zeitweilig befand sich ein Lazarett darin. Durch die Plünderungen und DDR-zeitliche Umbauten verlor das Schloss große Teile des historischen Bauinventars sowie die gesamte Innenausstattung.

Und mit diesen „wenigen Bildern“ wird dermaßen hausgehalten, dass die acht, ja selbst die bei Fontane erwähnten fünf Leinwandtableaus nirgends wiedergegeben sind. Ist halt eine karge Gegend.

Allerdings stuft der in solchen Dingen sehr zuverlässige Silvae das Lied 2010 als nur „angebliche[s] Volkslied (wahrscheinlich von Fontane)“ ein. Laut Anmerkung in der siebenbändigen Aufbau-Ausgabe von Gotthard Erler und Rudolf Mingau stammt das Lied gar von Fontanes Kollegen von der Kreuzzeitung George Hesekiel, aus: Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen von Königsmarck, Verlag von Alexander Duncker, Berlin 1854, Seite 34 bis 36 — ein Nachweis, der in seiner Genauigkeit am glaubwürdigsten erscheinen muss. — Das Wort hat die übliche Quelle Fontane im Zusammenhang:

——— Theodor Fontane:

5. Kapitel
Plaue von 1839 bis jetzt

(Graf Königsmarcksche Zeit)

aus: Fünf Schlösser, 1889:

[…] Fünftes Tableau. Philipp Christoph Graf Königsmarck (jüngster Sohn Kurt Christophs und Bruder Hans Karls von K.) nimmt Abschied von der Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg und wird kurz darauf in den Gängen des Schlosses von Hannover ermordet.

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Philipp Christoph von K., geboren 1662, war seit seinen Kindertagen mit Sophie Dorothea, Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg, befreundet. Sechzehn Jahr alt, vermählte sich diese mit ihrem Vetter, dem Kurprinzen Georg Ludwig von Hannover, dem späteren Könige Georg I. von England. Die Ehe war nicht glücklich. Philipp Christoph von K. ging in die Welt und beteiligte sich an verschiedenen Kriegszügen. Von 1688 ab aber erkor er, wenigstens zeitweilig, Hannover als Aufenthaltsort und lebte daselbst mit fürstlichem Aufwande, was ihm sein Reichtum gestattete. Denn er war Erbe von Oheim und Bruder, die, wie schon erzählt, 1686 und 88 vor Argos und Negroponte den Tod fanden. Zu seinem (Philipp Christophs) Hausstande gehörten 29 Diener und 52 Pferde. Seine früheren Beziehungen zur Erbprinzessin wurden wieder aufgenommen und weckten nicht nur die Eifersucht des Kurprinzen, sondern auch den Neid der Gräfin Platen, einer Maitresse des Kurprinzen. Ein Herr von Podewils, kurhannoverscher Feldmarschall, unterließ es nicht, dem Grafen Philipp Christoph die Gefahren seines Verhältnisses zur Prinzessin Sophie Dorothea vorzustellen. Umsonst. Endlich gab Philipp Christoph der immer wieder laut werdenden Warnerstimme nach und traf Vorbereitungen, um in kursächsische Dienste zu treten. Am 1. Juli 1694 begab er sich in das Schloß zu Hannover, um hier von seiner Freundin, der Kurprinzessin, Abschied zu nehmen. Er verließ das Schloß nicht mehr. In einem Korridore traten ihm vier Hellebardiere entgegen, die sich bis dahin hinter einem Schornstein verborgen gehalten hatten, und im Kampf gegen diese gedungenen Leute fiel er. Seine Leiche versenkte man in einen senkrecht durch die ganze Höhe des Schlosses laufenden Kanal und mauerte diesen zu. Zwei der Hellebardiere, Buschmann und Lüders, haben die Tat auf ihrem Sterbebette gebeichtet. Die Gräfin Platen war Anstifterin des Ganzen – der Kurprinz (zur Zeit des Mordes auf Besuch in Berlin) hatte nur schweigend zugestimmt. Das Aufsehen, das die Tat hervorrief, war groß, und die Gräfin Platen wurde Gegenstand allgemeinen Hasses. Ein Volkslied, dem ich einige Strophen entnehme, gab dieser Stimmung Ausdruck.

Wer geht so spät zu Hofe,
Da alles längst im Schlaf?
Im Vorsaal wacht die Zofe –
Schon naht der schöne Graf.
Er sprach: „Eh ich nach Frankreich geh,
Muß ich sie noch umarmen,
Prinzessin Dorothee.“

Gräflein, du bist verraten,
Verraten ist dein Glück,
Die böse Gräfin Platen
Ersann ein Bubenstück.
Du schaltst sie eine Wetterfahn,
Sie tät dir gern viel Liebes,
Nun ist’s um dich getan.

Er ging zur ew’gen Ruhe
Mit vielen Schmerzen ein,
Doch ward in keine Truhe
Gebettet sein Gebein.
Ich weiß nicht, wo er modern mag,
Doch wird er einst erscheinen
Am Auferstehungstag.

So (mit Umgehung der drei minder wichtigen) die fünf großen Tableaus im Ahnensaale zu Schloß Plaue.

Fontanes journalistischem Kollegen aus der Anmerkung in der großen Ausgabe nachgegangen, hat das Lied insgesamt neun Strophen — auch schon als Fontanes Vorlage siebenzeilig. Das Original im Zusammenhang:

——— George Hesekiel:

Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck

Verlag von Alexander Duncker, Königlicher Hofbuchhändler, Berlin 1854:

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Wir schließen diesen Abschnitt mit einem Liede, das den Anspruch macht, ein altes Lied zu sein, es ist in desmselben viel Wahres und Falsches auf’s Wunderlichste gemischt, so wunderlich, daß die Fälschung, wenn eine solche vorliegt, eine der gelungensten wäre. Man wird sehen, daß das Volkslied allerdings auch a ein Liebesverhältniß des Grafen im gewöhnlichen Sinne glaubt, was auch wohl nicht anders möglich war, da vom Hofe aus in diesem Sinne verleumderische Gerüchte methodisch verbreitet wuden, man sieht aber auch, wie bereit das Volk war, der Churprinzeß selbst jede Sünde zu verzeihen, weil es die Rohheit des Churorinzen kannte, und wie sich des Volkes ganzer Zorn instinctartig gegen die eigentliche Mörderin, gegen jene mächtige Feindin Königsmarcks, richtete.

Das Lied lautet:

Wer geht so spät zu Hofe,
Da alles längst im Schlaf?
Im Vorsaal wacht die Zofe —
Schon naht der schöne Graf!
Er sprach: „eh‘ ich nach Frankreich geh‘,
Muß ich sie noch umarmen,
Prinzessin Dorothee !“

Sie ließ sich gern erbarmen,
Wie heiße Liebe thut.
In ihren weichen Armen
Wie ward ihm da so gut !
Sie sprach: „so wahr ich Fürstin bin,
Willst Du nach Frankreich reiten,
Ich flieh‘ mit Dir dahin !“

Die Zofe harrt mit Bangen
Dort an der Kammerthür :
Das Kosen und Umfangen
Währt über die Gebühr ;
Und endlich tritt der Graf hervor
Mit Trällern und mit Singen
Wohl auf den Corridor.

Gräflein Du bist verrathen,
Verrathen ist Dein Glück !
Die böse Gräfin Platen
Ersann ein Bubenstück.
Du shaltst sie eine Wetterfahn‘,
Sie thät Dir gern viel Liebes,
Nun ist’s um Dich gethen !

Oh ! sieh Dich vor im Düstern,
Und wärst Du noch so stark.
Hörst Du die Mörder flüstern :
Nieder mit Königsmarck !
Ha ! wie ein Löwe wehrt er sich,
Erschlägt zwei Hellebardiere —
Dann fällt er ritterlich.

Er sah die Gräfin Platen —
Schon schwanden ihm die Sinn‘ —
In seinem Blute waten
Und schrie : Du Teufelin,
Verschlänge Dich der Höllenschlund !
Sie sprach : willst Du noch lästern,
Und stampft ihn auf den Mund.

Er ging zur ew’gen Ruhe
Mit vielen Schmerzen ein ;
Doch ward in keine Truhe
Gebettet sein Gebein.
Ich weiß nicht, wo es modern mag,
Doch wird er einst erscheinen
Am Auferstehungstag.

Und muß die arge Platen
Erscheinen im Gericht,
Dann schützt vor Gottes Gnaden
Sie auch der Churfürst nicht ;
Doch der, die sie so tief betrübt,
Wird wohl die Schuld vergeben,
Dieweil sie viel geliebt.

Zu Ahlden an der Aller
Ist der Prinzessin Grab ;
Der Klage Laute schallen
Am Wasser weit hinab.
Nach England geht ein scharfer Wind
Von seinen Aeltern beiden
Grüßt er manch Königskind.

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Man hat eine ganze Literatur über die Geschichte und das blutige Ende des Grafen Philipp Christoph von Königsmarck, interessant dürfte es sein, daß auch Schiller ihn zum Helden eines Dramas, „Sophie von Celle“, machen wollte, dessen vollständiger Entwurf sich in dem Nachlaß der Frau von Wolzogen gefunden hat. Der Inhalt jeder einzelnen Scene ist genau angegeben, und hat man es gewagt, Schillder’sche Stücke zu ergänzen, angefangene zu vollenden, so würde es gewiß auch gestattet sein, das Drama nach dem Schiller’schen Entwurf auszuführen. Der Stoff ist in der That dankbar genug. Uns gereicht es zu besonderer Genugthuung, daß der große deutsche Dichter mit uns an die Unschuld der Prinzeß und des Grafen glaubt, dem Dichter ward durch Divination klar, was uns erst durch später aufgefundene Actenstücke zur Gewißheit wurde.

Was uns lehrt: Je weiter man seine Quellen zurückverfolgt, desto weiter wird man von ihnen geführt. Die Bilder bei Fontane kennen wir immer noch nicht, odass wir uns mit dem Bildmaterial eines Touristen von 2014 behelfen müssen, der ebenfalls auf die verborgenen Schönheiten der Örtlichkeit angewiesen war — wenigstens solange uns das Regionalmarketing von Schloss Plaue im bis auf weiteres wichtigsten touristischen Höhepunkt ganz Brandenburgs genügend wenig ernst nimmt, um uns beharrlich zu ignorieren; dafür kennen wir mehr siebenzeilige Strophen als der nächstbeste Fontaneleser. Schiller wird übrigens noch innerhalb des laufenden Fontanejahrs am 10. November 260, den kriegen wir also noch.

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014

Bilder: James Haliburton: Schloss Plaue in Brandenburg, 8. März 2014.

Soundtrack: Weil sie aus der Gegend — direktemang aus Brandenburg an der Havel — kommt:
Anna Loos mit Silly: Alles rot, aus: Alles rot, 2010:

Written by Wolf

25. Oktober 2019 at 00:01

Ich bin’s, bin Yung, bin deinesgleichen! (Mein Busen fängt mir an zu brennen. Ich bin handlungsfähig)

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Update zu So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Der Goethe wor fei aa do. It’s a nice-a place,
Hunderttausende erlebten Goethe, Schiller und Herrndorf! Schon beim Saisonauftakt waren alle tot. Dass Schiller nicht Wolfgang hieß, verblüffte alle
und Der erste Greis, den ich vernünftig fand:

SO frewe dich Jüngling in deiner Jugent / vnd las dein Hertz guter ding sein in deiner Jugent. Thu was dein Hertz lüstet / vnd deinen Augen gefelt / Vnd wisse / das dich Gott vmb dis alles wird fur Gericht füren.

Prediger Salomo 11,9.

Da kann ich den Faust zum Lebensthema haben, soviel ich will, aber ich bin nicht so der Theatertyp. Gut, dass es die Münchner Theater gibt, da fällt mir wenigstens immer wieder ein, warum das so ist.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner Kammerspiele

Okay, das war jetzt unfair. Andernorts ist es wahrscheinlich sogar viel schlimmer. Immerhin hat München 2018 in Gestalt der Kunsthalle und des Gasteigs samt über 200 „Partnern“ vom 23. Februar bis 29. Juli ganz München mit einem Faust-Festival namens Du bist Faust. Goethes Drama in der Kunst überzogen, obwohl es nicht hätte sein müssen. Geplant waren Küchenhandtuchstickereien wie:

„Faust“ ist aktuell, Faust ist der prototypische moderne Mensch – rastlos auf der Suche, jedoch nie am Ziel. Das Drama hinterfragt den Menschen noch immer in seiner Verführbarkeit, Moral und Gesellschaftsstruktur. Seine Fragen sind auch unsere großen Fragen heute.

Wo wollen wir hin in unserem Streben? Was ist unser Preis? Wie weit dürfen wir gehen? Was ist Glück? Die Reise beginnt …

Zu deutsch: Keiner weiß warum. Man verstehe mich recht: Das war ja dann auch ein feiner Zug von der Kunsthalle und dem Gasteig und den 200 Werbekunden. Wahrscheinlich musste es 2018 sein wegen des 210-jährigen Jubiläums der Erstveröffentlichung, wenn man das Faust-Fragment von 1790 nicht mitrechnet; der „Urfaust“ von ungefähr 1775 war schon immer ein Konstrukt, und spätestens seit der revolutionären Ausgabe von Albrecht Schöne 1994 ein überholtes dazu.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner KammerspieleIn München musste es wahrscheinlich sein wegen Goethes beherzter Flucht aus der Stadt nach seiner ersten, letzten und einzigen Nacht in einem Wirtshaus, das heute ein Hutgeschäft ist, und in dem er sich noch nicht mal besaufen mochte.

Das Maskottchen der Unternehmung war ein gezeichneter Pudel: der mit dem Kern, also Mephisto persönlich. Und er war ein Mädchen — wahrscheinlich wegen Bibiana Beglau, die seit 2014 den Mephisto am Residenztheater mit ganz unerhörter Brillanz spielen soll. Und sie hieß Luzi — die Pudeline, nicht die Beglau — welches Naming crowdgesourced war. Das kommt von Luzifer und soll wohl die Abkürzung von Mephistopheles sein. Vielleicht auch eine Reverenz an die Schauspielerin Lucie Lechner, die sich ihren Namen nicht ausgesucht hat, und wenn doch, dann nicht nach einer diabolisch missverstandenen Variation über die römische Venus, und die einmal als Sponsorin auftrat und immerhin dreimal als — nein, nicht als Mephistopheline, sondern als Fäustin. Bei Christopher Marlowe um 1588 war Mephisto noch eine Art Laufbursche von Luzifer, bei Goethe, auf den die Münchner Event-Ballung sich bezog, fragt er: „Ihr schönen Kinder laßt mich wissen: Seyd ihr nicht auch von Lucifers Geschlecht?“ — wenn auch erst im zweiten Teil, den bestimmt kein Mensch in München jemals bis zum Schluss durchgehalten hat — und das wiederum wahrscheinlich, weil zu arg des Geheimrats Rotweinlieferungen aus ihm sprechen und zu wenig gemütliche Bierseligkeit. Aber lass recht sein, „Luzi“ klingt ja schon besser als „Mephi“.

München halt: Hauptsache, man kann eine Sekt- und Biertränke daneben hinstellen. Sehen wir’s mal optimistisch: Angedroht und sicher auch durchgezogen waren über 500 Veranstaltungen. Die konnten ja schon rein statistisch nicht alle scheiße sein.

Wie gesagt, ist das alles 1. andernorts sogar noch schlimmer, 2. unfair, 3. der Stand von 2018 — und deshalb 4. inzwischen seinerseits Geschichte. Aktueller Stand 2019 ist, dass nicht nur Bibiana Beglau und alle anderen seit 2014 immer noch den Faust am Residenztheater in unregelmäßiger werdenden Abständen durchziehen, sondern daselbst auch noch FaustIn and Out von Elfriede „Nobelpreis“ Jelinek gegeben wird — weit regelmäßiger, zusätzlich bis gleichzeitig.

Und weil das nicht reicht, geben die Münchner Kammerspiele in fußläufiger Nachbarschaft YUNG FAUST, raten Sie mal, nach welchem klassischen Drama. — Seit 23. Januar 2019 in Kammer 2 der Münchner Kammerspiele:

Gabriela Neeb, Kammer 2, für Münchner Kammerspiele in München Online, ca. März 2019

YUNG FAUST
NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
Inszenierung: Leonie Böhm
Schauspiel

PR-Text, 2019:

„Erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält,“ will Faust und begibt sich auf die Suche: Rausch, Verjüngung, Sex und Zauberei. „Ich will in dieser Stunde mehr gewinnen als in des Jahres Einerlei.“ Faust lässt alle Vernunft fahren (oder versucht es zumindest), gibt Kontrolle ab und hofft im intensiven Leben die Welt endlich zu begreifen. Die Regisseurin Leonie Böhm sagt: „Ich bin Faust“ und legt zusammen mit den Schauspieler*innen Annette Paulmann, Julia Riedler und Benjamin Radjaipour die echten Gefühle im alten Faust-Text frei. So wie die Cloudrapper*innen der Gegenwart ihrem Künstlernamen ein „Yung“ hinzufügen und damit nicht nur buchstäbliche Jugend anzeigen, sondern auch ihren frischen Zugriff auf die Welt und die Beziehungen in ihr, will „Yung Faust“ den allzu viel gesprochenen Sätzen des mächtigen alten weißen Mannes (Goethe) eine verletzliche Unmittelbarkeit abgewinnen. Echte Zitate, echte Begegnungen: „Mein Busen fängt mir an zu brennen!“

Das offizielle Interview mit der Regisseurin Leonie Böhm verschweigt den Interviewer, geht aber noch weiter. Bis zum anschließenden Publikumsgespräch:

——— Münchner Kammerspiele:

Yung Faust

nach J. W. von Goethe,
in: Programmheft März 2019, nicht paginiert,
cit. München Online:

Warum inszenierst du Faust und wie? Haben die Kammerspiele Regisseurin Leonie Böhm gefragt. Ihre Antwort kam in der ihr liebsten Kommunikationsform, der Sprachnachricht.

Ich selbst bin Faust, denn ich komme in allen Theatertexten vor, die ich lese. Genauso wie ich mein Weltbild in die Gesellschaft hineinprojiziere. Deshalb ist es das Gleiche, ob ich über mich oder die Gesellschaft, über mich oder über Faust spreche. In meiner Rolle als Regisseurin, Künstlerin und Gestalterin bin ich eine ebenso wütige Person wie Faust. Ich bin verkopft, sinnsuchend, studiert und habe Sehnsucht mich selbst zu spüren. Lust zu gewinnen. Präsent zu sein und zum Augenblick zu sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Es geht mir darum, Gedanken und Gefühle zu einem Augenblick des Glücks zu verdichten, den ich unbedingt festhalten möchte. Allein fällt uns das schwer. Wir brauchen die Anderen, damit sie uns aus unseren festgefahrenen Denkstrukturen befreien.

Diesen Zustand versucht Faust mit allen Mitteln zu erreichen. Er will Liebe, Glück. Er will noch einmal ganz im Moment leben, im Hier und Jetzt, und dafür ist das Theater genau der richtige Ort. Faust sucht den Rausch, er will sich verjüngen, sich in der Ekstase verlieren, und das findet zum Beispiel im Cloud Rap statt. Viele Cloud Rap-Künstler provozieren mentalen Kontrollverlust und kreieren daraus einen Sound, der fragil und nah ist. Ihre Musik entspricht meiner Sehnsucht nach Intimität, deshalb gehört sie zu meiner Inszenierung. Zusammen mit einer Gruppe junger Menschen will ich zeigen, dass die Faust’sche Sehnsucht jetzt nicht mehr an Alter oder Geschlecht gebunden ist. Ich und viele andere sind Faust, weil wir eine bestimmte Macht haben, gebildet sind und uns in einer elitären Gesellschaft bewegen. Wir sind es gewohnt, uns ständig zu kontrollieren, zurückzuhalten und wünschen uns (selbst) zu lieben, auszubrechen, offener miteinander umzugehen. Ich wünsche mir, dass wir aus dem Abend rausgehen und denken: Ich bin handlungsfähig.


Inszenierung: Leonie Böhm
Bühne: Sören Gerhard
Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff
Dramaturgie: Tarun Kade

Anschl. Publikumsgespräch

München, Weltstadt der Herzen oder wie das heißt. Die gute Nachricht ist: Die Münchner Stadtbibliotheken haben ebenfalls seit Januar auch samstags geöffnet. Dafür montags geschlossen.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner Kammerspiele

Bilder: Münchner Kammerspiele, Januar 2019;
Gabriela Neeb: Kammer 2, für Münchner Kammerspiele in: München Online, ca. März 2019.

Soundtrack: Lena Meyer-Landrut: Wild & Free, aus: Only Love, L, 2015, für: Fack ju Göhte 2, 2015:

Written by Wolf

14. Juni 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Sonntag 5 von 7: Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht (Geschichtsstunde für Mädchen)

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Update zu Bierchen aus alter Zeit und
Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

5. Sonntag nach Ostern: Vocem iucunditatis oder Rogate

Vocem iucunditatis annuntiate, et audiatur.

GEhet aus von Babel / fliehet von den Chaldeern mit frölichem schall / Verkündiget vnd lasset solchs hören / Bringets aus bis an der Welt ende / sprecht /Der HERR hat seinen knecht Jacob erlöset.

Jesaja 48,20.

Rogate heißt der Bittsonntag, vocem iucunditatis heißt, dass die Bitten gefälligst freundlich gestellt werden.

Ich möchte nicht, daß es so aussieht,
als ob sich hier ein Fräulein auszieht.

Robert Gernhardt.

——— Bertolt Brecht:

Der Gottseibeiuns

aus: Svendborger Gedichte II, 1939:

Allegory in Red, A History Lesson For Girls. A Good Book, 1. Januar 2007

Herr Bäcker, das Brot ist verbacken!
Das Brot kann nicht verbacken sein
Ich gab so schönes Mehl hinein
Und gab auch schön beim Backen acht
Und sollt es doch verbacken sein
Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht
Der hat das Brot verbacken.

Allegory in Red, A History Lesson For Girls. A Good Book, 1. Januar 2007

Herr Schneider, der Rock ist verschnitten!
Der Rock kann nicht verschnitten sein
Ich fädelte selber die Nadel ein
Und gab sehr mit der Schere acht
Und sollt der doch verschnitten sein
Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht
Der hat den Rock verschnitten.

Allegory in Red, A History Lesson For Girls. A Good Book, 1. Januar 2007

Herr Mauerer, die Wand ist geborsten!
Die Wand kann nicht geborsten sein
Ich setzte selber Stein auf Stein
Und gab auch auf den Mörtel acht
Und sollt sie doch geborsten sein
Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht
Der hat die Wand geborsten.

Allegory in Red, A History Lesson For Girls. A Good Book, 1. Januar 2007

Herr Kanzler, die Leute sind verhungert!
Die Leute können nicht verhungert sein
Ich nehme selber nicht Fleisch, nicht Wein
Und rede für euch Tag und Nacht
Und solltet ihr doch verhungert sein
Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht
Der hat euch ausgehungert.

Allegory in Red, A History Lesson For Girls. A Good Book, 1. Januar 2007

Liebe Leut, der Kanzler hänget!
Der Kanzler kann nicht gehänget sein
Er hat sich doch geschlossen ein
Und war von tausend Mann bewacht
Und sollt er doch gehänget sein
Dann hat’s der Gottseibeiuns gemacht
Der hat den Kanzler gehänget.

Allegory in Red, A History Lesson For Girls. A Good Book, 1. Januar 2007

Bilder: Allegory in Red: What to Read; Sweaters; Jeans; Tops; Backs;
A History Lesson For Girls: A Good Book, 1. Januar 2007.

Fräulein Allegory empfiehlt mittels ihrer enthüllenden Selbstportraits:
Aurelie Sheehan: History Lesson For Girls, Viking 2006, leider nicht deutsch übersetzt.

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Vocem iucunditatis oder Rogate:
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, BWV 86, 1724;
Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen, BWV 87, 1725:


Written by Wolf

24. Mai 2019 at 00:01

Sonntag 2 von 7: Am End‘ war der Tyrann gar kein Tyrann

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Update zu Morgenschillern oder Warum die Freiheit des Menschen in Deutschland wohnt:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

2. Sonntag nach Ostern: Misericordias Domini:

Misericordias Domini in aeternum cantabo.

JCH wil singen von der Gnade des HERRN ewiglich / Vnd seine Warheit verkündigen mit meinem munde fur vnd fur.

Psalm 89,2.

Der Psalm zum Tage ist hingegen Psalm 23, der bekannteste mit „DER HERR ist mein Hirte / Mir wird nichts mangeln“, den viele von uns auswendig lernen mussten.

Das musste ich nicht. Bei mir war es Die Bürgschaft von Schiller 1798, mit der Begründung meines Deutschlehrers in der 7c: „Das machen wir jetzt.“ Dafür muss ich Herrn Fleischer bis heute dankbar sein: Mit einigem Spicken und Schummeln, some things never change, kann ich das Ding noch. Für die handwerkliche Sauberkeit des Dichtwerks spricht, dass mir jahrzehntelang nicht aufgefallen ist, dass die Strophen aus je sieben statt der einfacher zu handhabenden acht Verse bestehen.

Schiller hat nicht gerade einen brandneuen Stoff verwendet (geschweige denn erfunden): Die Geschichte der Freunde Damon und Phintias soll historisch ihrer eigenen Überlieferung ganz ähnlich vorgefallen sein und steht seit dem 4. Jahrhundert vor Christus beim Philosophen Aristoxenos. Bekannter wurde sie über den Geschichtsschreiber Diodorus Siculus durch die Genealogiae oder Fabulae von Gaius Iulius Hyginus von 257 – schon Anno Domini Nostri Iesu Christi–, aber noch weit eher heidnische Spätantike als chrsitliches Frühmittelalter, die Schillern 1798 als Leihgabe von Goethen vorlagen.

In diesem Hyginus Mythographus heißen die Freunde noch Moeros und Selinuntius, weswegen Schillers Held zuerst Mörus heißt. Nach der Version Damon und Phintias heißt er in den Nachdrucken Damon, der Freund bleibt in allen Bearbeitungen namenlos. Der Tyrann Dionys ist der historische Dionysios II. von Syrakus, was Schillers Balladenhandlung um 300 vor Christus nach Sizilien eingrenzt.

——— Friedrich von Schiller:

Die Bürgschaft.

Begonnen am 27. August, beendet am 30. August 1798,
in: Friedrich Schiller (Hrsg.): Musen-Almanach für das Jahr 1799,
J. G. Cotta, Tübingen 1798, Seite 176 bis 188:

     Zu Dionys dem Tirannen schlich
Möros, den Dolch im Gewande,
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!
Entgegnet ihm finster der Wütherich.
„Die Stadt vom Tyrannen befreien!“
Das sollst du am Kreutze bereuen.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Ich bin, spricht jener, zu sterben bereit,
Und bitte nicht um mein Leben,
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drey Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.

     Da lächelt der König mit arger List,
Und spricht nach kurzem Bedenken:
Drey Tage will ich dir schenken.
Doch wisse! Wenn sie verstrichen die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.

     Und er kommt zum Freunde: „der König gebeut,
Daß ich am Kreutz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben,
Doch will er mir gönnen drey Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande.

     Und schweigend umarmt ihn der treue Freund,
Und liefert sich aus dem Tyrannen,
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenroth scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.

     Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt an’s Ufer mit wanderndem Stab,
Da reisset die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.

     Und trostlos irrt er an Ufers Rand,
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket;
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

     Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne und wenn sie niedergeht,
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Doch wachsend erneut sich des Stromes Wuth,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet,
Da treibet die Angst ihn, da faßt er sich Muth
Und wirft sich hinein in die brausende Flut,
Und theilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

     Und gewinnt das Ufer und eilet fort,
Und danket dem rettenden Gotte,
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

     Was wollt ihr? ruft er für Schrecken bleich,
Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
Um des Freundes Willen erbarmet euch!
Und drey, mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Und die Sonne versendet glühenden Brand
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Knie:
O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!

     Und horch! da sprudelt es silberhell
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er zu lauschen,
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder,
Und erfrischet die brennenden Glieder.

     Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün,
Und mahlt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten,
Und zwey Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
Jetzt wird er ans Kreutz geschlagen.

     Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen,
Da schimmern in Abendroths Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:

     Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet‘ er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den muthigen Glauben
Der Hohn des Tirannen nicht rauben.

     Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Deß rühme der blutge Tirann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweye,
Und glaube an Liebe und Treue.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Und die Sonne geht unter, da steht er am Thor
Und sieht das Kreutz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet,
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
„Mich Henker! ruft er, erwürget,
Da bin ich, für den er gebürget!“

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

     Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide,
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge thränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermähr,
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen.

     Und blicket sie lange verwundert an,
Drauf spricht er: Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,
So nehmet auch mich zum Genossen an,
Ich sey, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte.

Joseph Trentsensky, Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, via Goethezeitportal, Februar 2012

Gleich dem ersten Testleser Goethe fiel wenige Tage nach Entstehung des Manuskripts am 5. September 1798 der erste Fehler in der schlichten linearen Handlung auf:

In der Bürgschaft möchte es physiologisch nicht ganz zu passiren sein, daß einer, der sich an einem regnigen Tag aus dem Strome gerettet, vor Durst umkommen will, da er noch ganz nasse Kleider haben mag. Aber auch das wahre abgerechnet und ohne an die Resorption der Haut zu denken kommt der Phantasie und der Gemüthstimmung der Durst hier nicht ganz recht. Ein ander schickliches Motiv das aus dem Wandrer selbst hervorginge fällt mir freilich zum Ersatz nicht ein; die beiden andern von außen, durch eine Naturbegebenheit und Menschengewalt, sind recht gut gefunden.

Aus den Vertonungen ragt das Kunstlied Deutsch-Verzeichnis 246 von Franz Schubert 1815 heraus: Mit seinen in allen Aufnahmen über 16 Minuten ist es tatsächlich noch ein einzelnes Lied und nicht etwa identisch mit Schuberts Opernfragment Deutsch-Verzeichnis 435 vom Folgejahr 1816 — aber beide zusammen ein Zeichen, wie nachhaltig der Stoff Schubert beschäftigt hat:

Ebenso setzte die Parodienbildung praktisch sofort ein und hat unter den letzten Gebildeten immer noch nicht ganz aufgehört.

——— Wilhelm Busch:

Neue Lesart von der Bürgschaft.

1863, aus: Fliegende Blätter, 39.1863, Nr. 945, Seite 55 rechts unten:

WIlhelm Busch, Neue Lesart von der Bürgschaft, 1863

Zu Dionys dem Tyrannen schlich
Möros, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
„Was wolltest du mit dem Dolche, sprich?“
Entgegnet ihm finster der Wütherich.
„Na, dös wird doch dem Herrn Tyrannen nix verschlage,
Wenn ich mein Dolch will zum Schleifen trage!“

Dergleichen profansierende Wendungen liegen natürlich nahe. Einige zusätzliche Ebenen hat wie immer Brecht eingezogen:

——— Bertolt Brecht:

Über Schillers Gedicht „Die Bürgschaft“

1940:

O edle Zeit, o menschliches Gebaren!
Der eine ist dem andern etwas schuld.
Der ist tyrannisch, doch er zeigt Geduld
Und lässt den Schuldner auf die Hochzeit fahren.

Der Bürge bleibt. Der Schuldner ist heraus.
Es weist sich, dass natürlich die Natur
Ihm manche Ausflucht bietet, jedoch stur
Kehrt er zurück und löst den Bürgen aus.

Solch ein Gebaren macht Verträge heilig.
In solchen Zeiten kann man auch noch bürgen.
Und, hat’s der Schuldner mit dem Zahlen eilig

Braucht man ihn ja nicht allzustark zu würgen.
Und schließlich zeigte es sich ja auch dann:
Am End‘ war der Tyrann gar kein Tyrann!

Meine eigene erste Bekanntschaft mit der Bürgschaft geschah in Form der Parodie von Peter Frankenfeld, der die erste Strophe in einem Stottergewitter auf über zwei Minuten auswalzt. Davon sind Videoausschnitte aus dem Zeitalter „großen Samstagabendunterhaltung“ gut erreichbar, aber die rein akustische Studioversion mit künstlichem Gelächter hat eine wesentlich erhöhte Kalauerschlagzahl. Ich spreche heute noch mit Vorliebe: „Das sollst du mit Streuseln bestreuen.“

Bilder: Joseph Trentsensky:

Die Bürgschaft von F. von Schiller. Compositionen für die reifere Jugend, 1stes Heft No 1-6. Lithogr[aphiert] und zu haben bey J[oseph] Trentsensky in Wien. – 6 Lithographien, jeweils bezeichnet: „Lithogr. u. zu haben bey J. Trentsensky in Wien“ und wohl auch einzeln käuflich. Das Monogramm auf den einzelnen Kompositionen (JH = Johann Nepomuk Hoechle?) konnte nicht aufgelöst werden. Höhe ca. 24,5, Breite 34,7 cm. In rosafarbener Kartonage mit typographischem Deckelschild. Um 1825. — Vorliegende Ausgabe im Karlsruher Virtuellen Katalog nicht nachgewiesen (Stand 15.12.2011).

via Jutta Assel und Georg Jäger: Friedrich Schiller: Die Bürgschaft. Lithographiert von Joseph Trentsensky, Goethezeitportal Februar 2012;
Wilhelm Busch: Neue Lesart von der Bürgschaft, Fliegende Blätter 1863, via Wikimedia Commons.

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Misericordias Domini:
Ich bin ein guter Hirt, BWV 85, 1725;
Du Hirte Israel, höre, BWV 104, 1724;
Der Herr ist mein getreuer Hirt, BWV 112, 1731:



Written by Wolf

3. Mai 2019 at 00:01

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen (Schöne Menschen, schöne Glieder)

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Update zu Stiefpilzin:

Meine Ansicht vom Sterben ist die ruhigste. Ein Freund ist mir bei seinem Leben was mir die Gramatik ist, stirbt er so wird er mir zur Poesie. Jch wollte lieber von meinem besten Freund nicht wissen als irgend ein schönes Kunstwerk nicht kennen.

Karoline von Günderrode: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Band 1, Seite 438.

Mit der leider allzu jung gebliebenen Frau Günder(r)ode ist es wie mit Marilyn Monroe, Grace Kelly, Mama Cass, Janis Joplin, Sandy Denny und Amy Winehouse: Als erstes fällt einem immer ein, dass sie gestorben ist.

Jean-Léon Gérôme, Veiled Circassian Beauty, 1876Dagegen hat Friederike Kempner sich in ihrer Autobiographie acht Jahre jünger gemacht, als sie war, für ihren Grabstein konnte sie ihr echtes Geburtsdatum 25. Juni 1828 dann doch nicht mehr unterbinden. Immerhin hat sie ihre Taphephobie — was es ja in diesem Fall unbedingt zu verhindern gilt — nicht überlebt, vielmehr 22-jährig mittels ihrer Denkschrift über die Nothwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern 1850, sechs Auflagen bis 1867, die Karenzzeit zwischen Tod und Bestattung gesetzlich durchsetzen geholfen.

Vorzustellen ist sie als ernsthafte, engagierte, dabei menschenfreundliche Gutsbesitzerin im Schlesischen, im Gedächtnis bleibt sie als „Schlesischer Schwan“, der eigentlich eine „Nachtigall im Tintenfass“ ist — jedenfalls seit den entschieden zu hämischen, darüber hinaus effektvoll verfälschenden Veröffentlichungen von Walter Meckauer und vor allem Gerhart Herrmann Mostar: Friederike Kempner, der schlesische Schwan. Das Genie der unfreiwilligen Komik, Heidenheimer Verlagsanstalt, 1953.

Ihr literarisches Werk ist mannigfalt, in seinen meisten Formen leider weder erschlossen noch zugänglich, worin sich ihr tätiges Leben wenig von ihrer Nachwirkung unterscheidet; verbreitet und geschätzt wurden und werden allein ihre Gedichte, wenngleich aus zwiespältigen Gründen. Formal sind sie nicht weiter überraschend: meistens vierzeilige Strophen in Paar- und Kreuzreimen, drei- und vierhebig — inhaltlich sind sie, um das Geringste zu sagen, schlicht bis zur kindlichen Naivität im guten und im schlechten Wortsinne. Das trägt ihr bis heute den Spott derer ein, die es besser zu können oder jedenfalls besser zu wissen glauben. Solche Geistreichelei versteigt sich allzu leicht ins Überhebliche. Anzurechnen ist ihr allerdings ihre Unverdrossenheit in allem, was sie erreichen wollte — sei es die flächendeckende Versorgung mit Leichenschauhäusern oder die Produktion von Literatur. Wer dergleichen anfängt, will es selbstverständlich so gut wie möglich tun, bei ihr war die Poesie aber nicht mit Gewinnstreben verbunden — auf das sie nicht angewiesen war — sondern mit menschlichem Verhalten: Poetisch gestimmte Leute schreiben Gedichte, was denn sonst? Manches aus ihrer Produktion erheitert, ohne es zu wollen, und ist mithin wohl „unfreiwillig komisch“. Bei ihr ist das ein Vorzug. Ein professioneller Literat kommt doch gar nicht auf so was, der traut sich das gar nicht. In den verschieden zusammengestellten Auswahlsammlugen stehen Gedichte von durchaus unterschiedlicher Professionalität — aber kein langweiliges. Man kann der Dame nichts nachtragen, weil sie einfach Spaß macht.

In Mostars mehr populär- als -wissenschaftliche, zugegeben recht geschickt erfundene Abhandlung sind gar einige Friederike-Kempner-Gedichte geraten, die mitnichten von Friederike Kempner stammen, sondern vom Abhandelnden Mostar selbst. Und sie sind geschickt genug erfunden, dass diese Kontrafakturen Eingang in Kempner-Sammlungen nach 1953 finden konnten: Am bekanntesten ist der Schlesische Schwan stellenweise für Gesänge, die er erst posthum (nicht) angestimmt hat. So steht in der schmalen, aber verbreiteten Sammlung Das Leben ist ein Gedichte ab 1971 bei bei Reclam Leipzig — das sind nicht gelben Stuttgarter, sondern die schwarzen, höherformatigen und holzhaltigerweise stärker gilbenden — noch als Ausklang auf Seite 98:

Letzte Mahnung

Von den Sternen fiel ich nieder
Und verwinde nie den Fall,
Aber meine Hohenlieder
Ziehen klangvoll durch das All!

Und wenn ich dereinst ‚mal sterbe,
Mahnet Euch der Musen Chor:
Nicht enthaltet dieses Erbe
Euren Nachekommen vor!

Gerade das „Nachekommen“ müsste vor diesem Wissen die letzten Meter von der Kontrafaktur zur Parodie gutmachen, wurde aber offensichtlich nicht allein vom Herausgeber Horst Drescher anstandslos hingenommen.

Gwaschemasch'e Efendi, 1900Nun war zu Zeiten der Günderrode und der Kempner das Volk der Tscherkessen oder Adygejer sehr viel präsenter als heute, wo man längst medial überfordert ist, wenn sich auf dem kaukasischen Gebirgsland wieder ohnehin undurchschaubare Grenzverläufe umsortieren und ein Volk im anderen aufgeht, wenn nicht in irgendwelchen Kriegswirren ganz verschwindet. Tscherkessien war der fernwehgeplagten deutschen Seele einst ein echtes Sehnsuchtsland — wie zeitweise auch Griechenland, als es sich 1821 bis 1829 vom Osmanischen Reich losriss, oder Italien, das nie aus der Liste veschwinden, sie höchstens allein ausmachen wird, oder Irland seit Heinrich Böll. Tscherkessen sind ja so ein freiheitsliebendes, selbstbewusstes, kämpferisches, edles Volk, das sich nichts von Gott oder Herrscher vormachen lässt, und dabei so schöne Menschen.

Zur Orientierung: Tscherkessen sind heute ein „Volk ohne Raum“, dafür mit reichhaltiger Tradition, das ungefähr in Georgien mit angrenzenden Ländern und gern in den USA lebt. Nach einem weitgehend verdrängten Völkermord von 1864 haben sie kein fest umgrenztes Staatsgebiet außer der Hälfte von Karatschai-Tscherkessien und einer winzigen autonomen Republik Adygeja innerhalb Russlands mit 0,6 Prozent tscherkessischem Bevölkerungsanteil mehr, keine einheitliche Sprache, geschweige denn eine Nationalliteratur, keine ausgeprägte Nationalküche, nicht einmal eine typische Volksmusik — nur spektakuläre Trachten, sprichwörtliche Gastfreundschaft und Höflichkeit sowie allerhand Kriegsruhm. Soweit mein persönlicher Einblick reicht, immer noch allesamt lauter wunderschöne Menschen, alles was recht ist.

Ein Gedicht, das mit einiger Sicherheit eben doch von Friederike Kempner stammt — so weit, das längste Einzel- aus dem lyrischen Gesamtwerk zu fälschen, ging Mostar dann doch nicht — spielt denn auch einen Einbruch des tscherkessischen ins preußische Element durch. Es hat also, ungewöhnlich für die Kempner, eine balladeske Handlung, leider nur einen fragmentarischen Spannungsbogen:

——— Friederike Kempner:

Die Tscherkessen

aus: Gedichte, zwischen 1873 und 8. Auflage letzter Hand 1903:

Sieh‘, drei Reiter, glänzend, prächtig,
Wie sie nur im Traume!
Scharlachrot auf schwarzen Rossen,
Und mit gold’nem Zaume.

Schwarz und golden, herrlich flimmert’s
Wie sie blitzschnell eilen.
Funken stäuben gleich Raketen,
Und es schwinden Meilen!

Purpurfedern auf Baretten,
Dolche an den Seiten,
Schienen sie die schnelle Runde
Um die Welt zu reiten.

Und die Rosse, wie arabisch
Ihre Blicke leuchten,
Wie die glänzend schwarzen Haare
Helle Tropfen feuchten!

Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und noch immer Rosseshufe
Samt den Herzen schlagen.

Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und es konnten Feuerkugeln
Sie noch nicht erjagen!

Circassian girl in traditional clothingNächtlich sieh‘ im Mondenscheine
Die drei Reiter knieen.
Brück‘ und Wasser hinter ihnen
Eine Linie ziehen.

In dem Grenzort auf dem Berge
Steht des Marktes Menge,
Und Bewunderung, Staunen, Rührung,
Wechseln im Gedränge:

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen,
Herr Gott! wie die reiten!
Feuer sprühen ihre Blicke
Hin nach allen Seiten!

Sie entfloh’n aus tiefen Reußen,
Heldenmut im Blute, –
So tönt’s in des Volks Geflüster –
„Wie den‘ auch zu Mute?“ –

Vor des Preuß’schen Rathaus Schwelle
Stehet die Behörde,
Und die Reiter, heiß und glänzend,
Ruhen auf der Erde.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Blicke, freudetrunken,
Streicheln sie die prächt’gen Rosse,
Wie im Traum versunken.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Ihre dunklen Worte,
Sie enträtselt halb ein Dolmetsch,
Tief gerührt am Orte.

„Wir Cirkassien’s freie Söhne
„In der Sklaven-Ferne
„Hörten rühmend eure Freiheit,
„Dienten Freien gerne!

„Durch des höchsten Gottes Fügung
„Nun auf freier Erde,
„Flehen wir zum freien Preußen,
„Daß uns Hilfe werde!

„Dreimal vier und zwanzig Stunden
„Ohne Rast geflohen,
„Bieten wir uns, uns’re Schwerter
„Euch an voll Vertrauen!

„Dreimal vier und zwanzig Stunden
„Ohne Rast geritten,
„Wir um edle, große, deutsche
„Gastlichkeit nun bitten! – „

Also klagen ihre Worte,
Und mit starrem Munde
Still vernahm des Ortes Vorstand
Diese selt’ne Kunde.

Selbe Nacht noch, sieh‘, pechfinster,
Trotz des Vollmonds Lichte,
Lautlos durch die tiefe Stille
Lauschet die Geschichte.

Horch, zwei preußische Schwadronen,
Die Tscherkessen mitten,
Ziehen auf dem dunklen Boden
Hin mit festen Tritten.

Sartorial Adventure, 9. April 2018Wieder sieht man durch die Gegend
Rosseshufe sprühen,
Brück und Wasser diesmal ihnen
Vorn die Grenze ziehen.

Horch, da öffnet sich der Schlagbaum,
Und am Brückenkopfe
Nicken durch die hohle Öffnung
Russen mit dem Kopfe.

Dumpf Gemurmel vom Kartelle,
Freundschaft, – ungeschwächte, –
Und man liefert unsere Helden
An Kosakenknechte!

Düster graut der vierte Morgen,
Einzeln leuchten Sterne,
Russen bilden einen Halbkreis,
Wetter leuchten ferne:

Düster flimmern die Laternen,
Donner westwärts grollen,
Von der Helden Haupt, gebücktem,
Große Tränen rollen:

Niederknien alle Dreie,
Und vom Regimente
Dreimal tönt die russ’sche Salve,
Daß die Erde dröhnte!

Neben den Einbruch des tscherkessischen ins preußische Element gesellt die Kempner denn auch in knapperer Form die Verwandtschaft ihres Posen-schlesischen Elements ins tscherkessische — vor dem historischen Hintergrund noch kein Beweis für eine ausgeprägte Tscherkessophilie, aber ein starkes Indiz:

——— Friederike Kempner:

Ich bin auch Tscherkesserin!

aus: Gedichte, zwischen 1873 und 8. Auflage letzter Hand 1903:

Angela Toidze, Adyghe girl in traditional clothing during folk festival held in Nalchik, Kabardina-Balkaria Republic, RussiaWeit die Welt möcht‘ ich durchmessen
Bis zum schwarzen Kaukasus,
Auf die Schwelle des Tscherkessen
Setzen möcht‘ ich meinen Fuß.

Mit dem Lammfell auf dem Schopfe
Träte jener vor mich hin,
Essen würd‘ aus einem Topfe
Ich mit der Tscherkesserin.

Schöne Menschen, schöne Glieder,
Starker Mann und zartes Weib,
Aber seht, auch dieses Mieder
Enget wohlgestalten Leib.

Apfel fällt nicht weit vom Stamme,
Und wer sieht nicht, frag‘ ich, wer?
Daß es mir vom Auge flamme:
Ich bin auch Kaukasier!

Wo die Kempner recht hat, hat sie recht: Von der besonders ansehnlichen Proportionierung des, nun ja: Volkskörpers und dessen angeblich ungewöhnlich — jedenfall auf monochromen Fotos — weißen Hautfarbe leitet sich die Einteilung der eher bleichgesichtigen Volksgruppen als „kaukasisch“ her. — Was Karoline von Günderrodes bildliche Studie zum Tscherkessentum dem gedachten Status einer bloßen Gedichtillustration hinaushebt zu einem eigenständigen, vergleichswürdigen Beitrag:

——— Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode:

Kopfstudien

Schwache Bleistiftskizzen mit brauner Tinte, ca. 1805,
im Zusammenhang mit [der Studienbuchkategorie] M Physiognomik. SUF: A 4, Blatt 228 verso,
in: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Seite 478:

Karoline von Günderrode, Kopfstudien, 1805

Cirtassierin [meint wohl: Cirkassierin]
Jndier
Russe

Fachliteratur, leider beide Druckwerke anzuzweifeln, der Weblog scheint recht kompetent:

Bilder:

  1. Jean-Léon Gérôme, Veiled Circassian Beauty, 1876, via Printemps Sacré, 27. Mai 2016.
    Laut Books and Art, 8. April 2018:

    The pensive face is above a contraposto that does not disturb the pensive expression on her face. The play of elements is surprising: the solid pattern of the rug makes that of the jacket even more delicate. The hand is absolutely beautiful, both in accuracy and in its absent-minded repose.

  2. Gwaschemasch’e Efendi, 1900, via Olenna Redwyne;
  3. Maktus: Circassian girl in traditional clothing, 2018;
  4. Sartorial Adventure, 9. April 2018;
  5. Angela Toidze: Adyghe girl in traditional clothing during folk festival
    held in Nalchik, Kabardina-Balkaria Republic, Russia
    ;
  6. Ahmed Nagoev featuring Ruslan Teshev und Tamara Kobleva für den Circassian calendar 2015,
    via My Caucasus Blog, 12. Januar 2015.

Ahmed Nagoev featuring Ruslan Teshev und Tamara Kobleva für den Circassian calendar 2015, via My Caucasus Blog, 12. Januar 2015

Soundtrack: der Flötenmuckel, der mich auf meine alten Tage, weil ich als Schüler nur an Melodica und Akkordeon herangeführt wurde, zum Erlernen des Blockflötenspiels trieb: Biermösl Blosn — die Brillanz der Fingerfertigkeit höchstselbst auf unter zwei Minuten zusammengefasst:
Circassian Circle, aus: Grüß Gott, mein Bayernland, 1982; Arrangement und Solo: Christoph Well.
Und nein, so werde ich’s nie, nie, nie können:

Written by Wolf

5. April 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Das zum Werk gewordene Gefühl

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Joseph Karl Stieler, Johann Wolfgang von Goethe, 1828 via Neue PinakothekUpdate zu Und Beethoven so: WTF??!!!
(Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)

und Neulich in München:

Schock 1: Das Bild, das man von Goethe hauptsächlich kennt, quasi das Dichterfürst gewordene kollektive Gedächtnis, hängt in der Neuen Pinakothek zu München — das Museum gegründet von Ludwig I. von Bayern, das Gemälde praktischerweise lange vorher aus erster Künstlerhand angekauft.

Schock 2: Der Maler ist derselbe Joseph Karl Stieler, von dem non solum das mindestens so kollektiv bekannte acht Jahre ältere Beethoven-Portrait stammt, sed etiam fast die gesamte berüchtigte Schönheitengalerie desselben Ludwig I. im Schloss Nymphenburg:

„Schönes Fräulein, wenn Sie sich bitte hier in die Kutsche bequemen will, der König findet Gefallen an Ihr.“

„Bin weder Fräulein, weder schön …“

„Sie hat mich schon verstanden. Folgen.“

——— Neue Pinakothek:

Joseph Karl Stieler: Johann Wolfgang von Goethe, 1828

Öl auf Leinwand, 78,0 cm x 63,8 cm, 1828 durch König Ludwig I. vom Künstler erworben, Inv. Nr. WAF 1048,
in: Neue Pinakothek: Erläuterungen zu den ausgestellten Werken, München 1981, Seite 327:

Neue Pinakothek, München, 21. Dezember 2014Das Bildnis Goethes schuf Joseph Stieler im Auftrag König Ludwigs I. von Bayern. 1828 reiste der Künstler mit einem Empfehlungsschreiben des Königs nach Weimar, um dort die Vorarbeiten anzufertigen. Über den Aufenthalt Stielers in Weimar und die Porträtsitzungen geben die Tagebücher Goethes Auskunft. Drei dieser Vorstudien sind noch erhalten.

Stieler hat den Dichter und Gelehrten Goethe als Halbfigur an seinem Schreibtisch sitzend dargestellt. Der Oberkörper ist frontal dem Betrachter zugekehrt, während der Kopf nach rechts gewandt und der Blick seitlich aus dem Bild heraus gerichtet ist. Die statische Gefasstheit der Gesamtkomposition und die genaue Wiedergabe von Gesichtszügen und Kleidung werden somit gelockert und erhalten ein lebensnahes Element.

In seiner rechten Hand hält der Dichter ein Blatt Papier, auf dem die letzten Zeilen eines von Ludwig I. verfassten Gedichtes zu lesen sind. Der König war der Autor einer Vielzahl von schwärmerischer Begeisterung getragener Gedichte, die zumeist antikem Versmaß folgten. 28 seiner Distichen ließ er in den Münchner Hofgartenarkaden als Beschriftungen zu Carl Rottmanns Italienzyklus öffentlich anbringen. Mit dem Gedicht Ludwigs in Händen erweist Goethe — dessen Urteil in Kunstdingen besonderes Gewicht besaß — dem bayerischen König und dessen dichterischen Hervorbringungen seine Reverenz. Andere Zeitgenossen hielten sich mit Kritik und Spott über die meist ungelenken Verse Ludwigs weniger zurück.

Schock 3: Das heißt, auf seinem eigenen berühmtesten Bild hält Goethe ein Gedicht in der Hand, das nicht er selber geschrieben hat, sondern der Auftraggeber seines Malers. Schon bitter, sowas:

——— Ludwig I.:

An die Künstler

„Im Herbste 1818, Ludwig“:

Ja! Wie sich der Blume Flor erneuet,
Durch den Saamen den sie aus gestreuet,
Zieht ein Kunstwerk auch das andre nach,
Aus dem Leben keimet frisches Leben,
Das zum Werk gewordene Gefühl
Wird ein Neues künftig herrlich geben,
Selber nach Jahrtausenden im Gewühl.

Und dann feiert Goethe noch seit 22. März 1832 Todestag und muss sich heute von mir dergleichen ins Grab hinterherfeixen lassen. Der Beethoven von 1820 — Todestag: fünf Jahre früher und fünf Tage später, 27. März 1827 — darf wenigstens bis heute mit seiner eigenen Missa solemnis in der Hand posieren. Und die adligen wie bürgerlichen Jungfern in der Schönheitsgalerie von Ludwig I. sind noch ganz gut bedient: Sein durchgeschmorter Enkel Ludwig „Märchenkönig“ II. führte nebenan im Marstallmuseum dann schon eine Schönheitsgalerie der Pferde.

Bilder: Joseph Karl Stieler: Johann Wolfgang von Goethe, 1828, via Neue Pinakothek a. a. O.;
selber gemacht, Neue Pinakothek, München 21. Dezember 2014.

Soundtrack: Flor Red: Women in Art (Joseph Karl Stieler), 3. November 2008,
featuring Ludwig van Beethoven: Bagatelle No. 25 in a-Moll, WoO 59, „Für Elise“, 1810:

Bonus Track, damit wenigstens einer der von Stieler Portraitierten zu seinem Recht kommt:
Beethoven, Missa Solemnis, opus 123, 1820, neue Interpretation von John Eliot Gardiner 2014. Wenn man die ersten 75 Sekunden des Videos überstanden hat, wird’s noch recht ordentlich; Musik ab Minute 20:45.

Written by Wolf

15. März 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten

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500. Beitrag

Update zu Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge:

Zuvor haben wir Karl Philipp Moritz — und zwar in seiner eigenen Stimme, ungefiltert durch etwelche ersonnenen Fabelgestalten — in Das Edelste in der Natur, 1786 — sagen hören:

Eins der größten Uebel, woran das Menschengeschlecht krank liegt, ist die schädliche Absonderung desselben, wodurch es in zwei Theile zerfällt, von welchen man den einen, der sich erstaunliche Vorzüge vor dem andern anmaßt, den gesitteten Theil nennt.

Als Problem sieht das nur ein Teil der Menschheit. Wenn man den Richtigen glaubt, ist das der unwesentliche Teil. Beim Baron Eichendorff war das 1831 schon Satire. Den Hochadligen rettet wie immer seine besondere Volksnähe und lebenslanges Hadern mit sozialer Ungleichheit, obwohl er auf seiner richtigen — der oberen — Seite von Geburt an bequem eingerichtet gewesen wäre:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless     Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

——— Joseph von Eichendorff:

Unstern

1831 bis 1839, Fragment aus dem Nachlass,
rekonstruiert in der Winkler-Ausgabe von Jost Perfahl und Ansgar Hillach, Band 2,
nach: Hubert Pöhlein (Hrsg.): Aurora, 3. Jahrgang, 1933;
Rekonstruktion in Band 4:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via HappilessAls ich aber draußen im Freien war, überlegte ich erst alles: ich stammte aus einer reichsgräfl. Familie, hatte schon einzelne Gedichte drucken lassen p., — es war gar nicht unwahrscheinlich, daß man mich so feiern wollte. Da lehnte ich mich mit großer Befriedigung im Wagen zurück, kreuzte die Arme über der Brust u. sagte zu mir selbst: Ich habe es immer gesagt, nichts als Narrenspossen mit dieser Gleichheit. Das soll naturgemäß sein! Als wäre die Natur nicht grade erst recht aristokratisch, stellt den Ochsen über das Kalb, den Hund über die Katze, die Katze über die Ratze, und unter den Menschen den hohen Geburtsadel des Genies über das andre gemeine Pack. Außerdem, setzte ich mit großer Selbstzufriedenheit hinzu, wird es auch, solange nicht allgemeine Barbarei wiederkehrt, immerfort zwei verschiedene Rassen der Gesellschaft geben, die gebildete u. die ungebildete, die niemals miteinander fraternisieren können, weil sie sich wechselseitig genieren, u. das Genie mit keinem von beiden, denn es heißt eben Genie, weil es sich niemals geniert. sondern nur alle andern, u. also Hier tat es plötzlich einen widerlichen Schrei — es war ein Pfau, der vor mir auf einem Gittertor, mit dem Schweif das Rad schlagend, mir grade die Kehrseite seiner Pracht zeigte. Da bemerkte ich erst, daß er eigentlich hier den Portier vorstellte u. ich unaufhaltsam in einen prächtigen Park hineinfuhr […].

Beim Pastorensohn Wieland war es noch unter Tränen lachende und — aus Gründen — fiktiv verbrämte Allegorie. Wie wichtig diesem Berufsschreiber, der auch als Viertel des „Weimarer Viergestirns“ bei Hofe auf Einkünfte aus seiner Arbeitskraft angewiesen war, das Thema war, macht er an einer nicht anderweitig motivierten Fußnote klar, „die ich mich nicht entschließen kann auszulassen“:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

——— Christoph Martin Wieland:

Der goldne Spiegel oder die Könige von Scheschian.
Eine wahre Geschichte
aus dem Scheschianischen übersetzt.

1772, Fassung letzter Hand, 1794:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via HappilessIhre Hoheit, sagte Nurmahal, werden ihm diesen Einfall vielleicht zu gute halten, wenn Sie bedenken, daß die Nazion einen König haben wollte, und daß es, alles überlegt, doch immer besser ist, dieser König selbst zu seyn, als es einem andern zu überlassen. Er konnte doch immer mit einiger Wahrscheinlichkeit hoffen, daß es ihm an Gelegenheit nicht fehlen würde, sein Ansehen, so eingeschränkt es Anfangs war, zu befestigen und zu erweitern. Zudem war er ein Mann von mehr als gemeiner Fähigkeit, sein eigenes Fürstenthum, eines der beträchtlichsten, und an der Spitze der Partey, die ihn auf den Thron erhob, konnt‘ er sich schmeicheln alles zu vermögen.

„Und dennoch schmeichelte er sich zu viel?“

Wie hätt‘ es anders gehen können? versetzte die Sultanin. Seine Anhänger erwarteten mehr Belohnungen als er geben konnte. Ihre Forderungen hatten keine Grenzen. Er hielt sich für berechtigt Dienste und Unterwürfigkeit von denjenigen zu erwarten, die ihn zum Könige gemacht hatten; und eben darum, weil sie ihn zum Könige gemacht hatten, glaubten sie, daß er ihnen alles schuldig sey. Eine solche Verschiedenheit der Meinungen mußte Folgen haben, die den König und das Volk gleich unglücklich machten. Da er die einmahl übernommene Rolle gut spielen wollte, so mußt‘ er nothwendig mit seinen Raja’s zerfallen, die ihn lieber eine jede andre spielen gesehen hätten als die Rolle eines Königs. Seine ganze Regierung war unruhig, schwankend und voller Verwirrung. Aber unter seinen Nachfolgern ging es noch schlimmer. Jeder neue Vortheil, den die Raja’s über ihre Könige erhielten, erhöhete ihren Übermuth, und vermehrte ihre Forderungen. Unter dem Vorwand, ihre Freyheit (ein Ding, wovon sie niemahls einen bestimmten Begriff gehabt zu haben scheinen,) und die Rechte der Nazion (welche niemahls ins Klare gesetzt worden waren,) gegen willkührliche Anmaßungen sicher zu stellen, wurde das königliche Ansehen nach und nach so eingeschränkt, daß es, wie die Fabel von einer gewissen Nymfe sagt, allgemach zu einem bloßen Schatten abzehrte –

– Hier gähnte der Sultan zum ersten Mahle –

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless– Bis endlich selbst von diesem Schatten nichts als eine leere Stimme übrig blieb, welche gerade noch so viel Kraft hatte, nachzuhallen was ihr zugerufen wurde.

Scheschian befand sich, solange diese Periode dauerte, in einem höchst elenden Zustande. Von mehr als drey hundert kleinern und größern Bezirken, deren jeder seinen eigenen Herrn hatte, sah der größte Theil einem Lande gleich, das kürzlich von Hunger, Krieg, Pest und Wassersnoth verwüstet worden war. Die Natur hatte da nichts von der lachenden Gestalt, nichts von der reitzenden Mannigfaltigkeit und dem einladenden Ansehen von Überfluß und Glückseligkeit, womit sie die Sinnen und das Herz in jedem Land einnimmt, welches von einem weisen Fürsten väterlich regiert wird.

Hier klärte sich die Miene des Sultans einmahl wieder auf. Er dachte an seine Lustschlösser, an seine Zaubergärten, an die schönen Gegenden, die er darin auf allen Seiten vor sich liegen hatte, an die mosaisch eingelegten, und mit doppelten Reihen von Citronenbäumen besetzten Wege, die ihn dahin führten; und genoß etliche Augenblicke lang die Wollust der vollkommensten Zufriedenheit mit sich selbst.

Das war es nicht, was die beiden Omra’s wollten, daß er dabey denken sollte! – Weiter, Nurmahal; sprach der vergnügte Sultan.

Allenthalben wurden die Augen eines Reisenden, der nicht ohne alles Gefühl für den Zustand seiner Nebengeschöpfe war, durch traurige Bilder des Mangels und der unbarmherzigsten Unterdrückung beleidigt.

Die kleinen Tyrannen, denen der König von Scheschian neunzehn von zwanzig Theilen seiner Unterthanen Preis zu geben genöthigt war, hatten in Absicht der Verwahrung ihrer Ländereyen eine Denkungsart, die derjenigen von gewissen Wilden glich, von denen man sagt, daß sie, um der Frucht eines Baumes habhaft zu werden, kein bequemeres Mittel kennen, als den Baum umzufällen. Ihr erster Grundsatz schien zu seyn, den gegenwärtigen Augenblick zum Vortheil ihrer ausschweifenden Lüste auszunützen, ohne sich darum zu bekümmern, was die natürlichen Folgen davon seyn möchten. Diese Herren fanden nicht das geringste weder in ihrem Kopfe noch in ihrem Herzen, das der armen Menschheit bey ihnen das Wort geredet hätte. In ihren Augen hatte das Volk keine Rechte, und der Fürst keine Pflichten. Sie behandelten es als einen Haufen belebter Maschinen, welche, so wie die übrigen Thiere, von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten, und die keinen Anspruch an Ruhe, Gemächlichkeit, und Vergnügen zu machen hätten. So schwer es ist, sich die Möglichkeit einer so unnatürlichen Denkungsart vorzustellen, so ist doch nichts gewisser, als daß sie es dahin gebracht hatten, sich selbst als eine Klasse von höhern Wesen anzusehen, die, gleich den Göttern Epikurs, kein Blut sondern nur gleichsam ein Blut in den Adern rinnen hätten; denen die Natur zu willkührlichem Gebote stehe; denen alles erlaubt sey, und an welche niemand etwas zu fodern habe. Die Knechtschaft der Unglücklichen, die unter ihrem Joche schmachteten, ging so weit, daß sie jeden Fall, wo man ihnen durch eine besondere Ausnahme die allgemeinsten Rechte der Menschheit angedeihen ließ, als eine unverdiente Gnade ansehen mußten. Die Folgen einer so widersinnigen Verfassung stellen sich von selbst dar. Eine allgemeine Muthlosigkeit machte nach und nach alle Triebräder der Vervollkommnung stille stehen; der Genie wurde ihm Keim erstickt, der Fleiß abgeschreckt, und die Stelle der Leidenschaften, durch deren beseelenden Hauch die Natur den Menschen entwickelt, und zum Werkzeug ihrer großen Absichten macht, nahm fressender Gram und betäubende Verzweiflung ein.[Fußnote] Sklaven, welche keine Hoffnung haben, anders als durch irgend einen seltnen Zufall, der unter zehen tausend kaum Einen trifft, sich aus ihrem Elend empor zu winden, arbeiten nur in so fern sie gezwungen werden, und können nicht gezwungen werden irgend etwas gut zu machen. Sie verlieren alles Gefühl der Würdigkeit ihrer Natur, alles Gefühl des Edeln und Schönen, alles Bewußtsein ihrer angebornen Rechte –

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless– Der Sultan gähnte hier zum zweyten Mahle –

– und sinken in ihren Empfindungen und Sitten zu dem Vieh herab, mit welchem sie genöthiget sind den nehmlichen Stall einzunehmen; ja, bey der Unmöglichkeit seines bessern Zustandes, verlieren sie endlich selbst den Begriff eines solchen Zustandes, und halten die Glückseligkeit für ein geheimnißvolles Vorrecht der Götter und ihrer Herren, an welches den mindesten Anspruch zu machen Gottlosigkeit und Hochverrath wäre.

Dieß war die tiefe Stufe von Abwürdigung und Elend, auf welche die armen Bewohner von Scheschian herab gedrückt wurden. Eine allgemeine Verwilderung würde sie in kurzem wieder in den nehmlichen Stand versetzt haben, aus welchem der große Affe, ihrem angeerbten Wahn zu Folge, ihre Stammältern gezogen hatte: in einen Stand, worin sie sich wenigstens mit der Unmöglichkeit noch tiefer zu sinken hätten trösten können; wenn nicht eine unvermuthete Staatsveränderung –

Hier machte der Mirza die schöne Nurmahal bemerken, daß der Sultan unter den letzten Perioden dieser Vorlesung eingeschlafen war.

[Fußnote] Hier, sagt der Sinesische Übersetzer, habe ich eine Anmerkung des Indischen Herausgebers dieses Werkes gefunden, die ich mich nicht entschließen kann auszulassen, ungeachtet meine Leser keinen unmittelbaren Gebrauch davon machen können. Ich wünschte, sind die Worte des Indiers, daß alle unsre Großen und Edeln dieser Periode (von den Worten Eine allgemeine u. s. w. bis zu Verzweiflung ein) die Ehre anthun möchten, sich derselben zu Prüfung der Fakirn, denen sie ihre Söhne anvertrauen wollen, zu bedienen. Sie haben dazu weiter nichts nöthig, als dem Fakir die Periode vorzulegen, und sich eine Erklärung derselben, die Entwicklung der darin enthaltenen Begriffe und Sätze von ihm auszubitten. Allenfalls könnten sie, um ihrer Sache desto gewisser zu seyn, einen Filosofen von unverdächtigen Einsichtenmit zu dieser Prüfung ziehen. Versteht der Fakir die Periode: nun, so sey es denn! Versteht er sie nicht oder räsonniert er darüber wie ein Truthahn: so können Sich Ew. Excellenzen, Gnaden, Hoch- und Wohlgeboren, u.s.w. darauf verlassen, daß er ein vortreffliches Subjekt ist, wenn ihre Absicht dahin geht, daß Ihr Sohn nicht zu gescheidt werden solle.

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless     Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

Bilder: via Happiless, Dezember 2018:

In 1951, Dali teamed up with Magnum photographer Philippe Halsman to create one of the most enchanting, morbid and bizarre photographs of all time. Entitled „In Voluptas Mors,“ or Voluptuous Death.

Soundtrack: Gustaf Gründgens & Hilde Hildebrand: O Gott, wie sind wir vornehm!,
aus: Eduard Künneke: Liselott, 1932:

Written by Wolf

15. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Sturm & Drang

Rosa Lübeck-Luxemburg

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Update zu Es endet ohne Schlusspunkt.
und Bierchen aus alter Zeit:

Es gibt da ein paar Unstimmigkeiten. In Ordnung, dass ein Gedicht Fragment bleibt (mein Gesamtwerk besteht aus Fragmenten), obskur bleibt mitsamt allen auffindbaren Erklärungen die Überlieferung.

Bertolt Brecht, frau lübeck, 1952, Die Zeit, 5. September 1997Angenehm eindeutig ist die Datierung 1952 für die Entstehung. Aber dann: Wer 1981 oder kurz danach nicht den allgegenwärtigen Knuffel Die Gedichte in einem Band von Brecht gekauft hat, war entweder zu jung oder dringender mit Fußballspielen und Mofafrisieren beschäftigt. „Die“ Gedichte — das erhebt durchaus einen Anspruch auf Vollständigkeit, wobei es in Ordnung geht, wenn das eine oder andere Fragment der Aufnahme entwischt, weil es schlicht (noch) verschollen ist. Die Wiederentdeckung wird fast eine Generation später, in der Zeit vom 5. September 1997 unter der Rubrik Zeitmosaik gefeiert. Der Nachsatz der unscheinbaren Zeitungsspalte erscheint im Oiriginal — siehe Bild — kursiv:

Diesen bisher unveröffentlichten Text von Bertolt Brecht finden wir im neuen Heft, Nr. 6, der vom Berliner Ensemble herausgegebenen Schriftenreihe Drucksache. Er ist Teil eines hier zum ersten Mal publizierten, Fragment gebliebenen Werkes von 1952 über Rosa Luxemburg, verheiratet mit Gustav Lübeck (Alexander Verlag, Berlin; 56 Seiten, 14,90 Mark)

Im Herbst 1997 war demnach die eher dünne Drucksache Nr. 6 im (traditionell Ost-)Berliner Alexander Verlag das „neue“ Heft. Wäre es da sehr engherzig anzumerken, dass Nr. 6 schon 1993 erschienen ist? Und es zog ein Jahrzehnt ins Land, das ein ganzes Jahrtausend, den NEMAX, das World Trade Center und meine letzten wenigstens potenziell guten Jahre mühelos wegfraß. Plötzlich war es 2007, und von dem 1981er Knuffel erschien eine vollständige Neuausgabe von Jan Knopf.

In einem den Bedürfnissen der neuen Zeiten fröhlicherem Rot, immer noch ohne Lesebändchen, aber mit 1648 statt 1392 Seiten und immer noch mit dem dezent Alleingültigkeit verheißenden bestimmten Artikel: nicht „Sämtliche“, nicht „Alle“, schon gar nicht, was alles und nichts heißen könnte, „Gesammelte“ — nein: „Die“ Gedichte.

Wir, die wir in der durchwachsen glücklichen Lage sind, dass wir uns 1981 kein Mofa zum Frisieren, sondern nur einen Band Brecht-Gedichte zum schamlosen Ausschlachten leisten konnten, um Mädchen zu beeindrucken, können deshalb direktvergleichen: O ja, auf den zusätzlichen 256 sind einige Gedichte dazugekommen, woher auch immer. Brecht soll ja eine besonders heikle Erbengemeinschaft hinterlassen haben, die bis 2007 nun wirklich nicht mehr länger auf irgendwelchen zerknüllten Manuskriptschnipseln herumsitzen konnte, ohne sie endlich der literaturwissenschaftlichen Auswertung auszusetzen, da kann schon was zusammenkommen. Der umgekehrte Vergleich lehrt aber auch: Gegenüber der Ausgabe von 1981 sind auch Gedichte entfallen.

Und niemand weiß warum. Was natürlich Quark ist: Der Herausgeber heißt 2007 nicht mehr „Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann“, sondern Jan Knopf und ist der Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht (ABB) am Karlsruher Institut für Technologie, vormals Universität Karlsruhe, Fridericiana (TH) und kann zweifellos jede einzelne seiner 1648 Seiten lückenlos begründen.

Bevor sich ein im Leben nie so richtig aufgehalfterter Germanist (Linguistik, Leute, nix da Literaturwissenschaft!), der bereit ist, sich aller 26 Jahre das gleiche Buch nachzukaufen, zu einer freundlichen Nachfrage aufrafft, wird er sich aller Einschätzung nach wohl doch eher damit abfinden, dass er jetzt alle zwei Ausgaben aufbewahren muss. Der bringt es fertig und freut sich noch, dass er zusätzlich noch den Zeitungssausriss von 1997, der weder in der alten noch der neuen Version vorkommt, als Lesezeichen aufgehoben hat.

——— Bertolt Brecht:

„frau lübeck“

Fragment 1952, gedruckt in: Heiner Müller und Holger Teschke (Redaktion):
Drucksache 6. Berliner Ensemble 1993,
in: Zeitmosaik, Die Zeit 37/1997, 5. September 1997, Seite 58:

kleine frau, etwas fett geworden, wackelnder
gang, augen klein, blick abschätzend.
mund träge, lippen nicht gut geschlossen,
geschmacklos gekleidet, schleifen und maschen.
nicht ganz schlicht.
ein energischer geschäftssinn und (…),
mit befreiter sexualität (St. Großmann)
am tag vor ihrer ermordung ruft sie Rosenberg an,
die lage der gefängnisbeamten zu bessern. (erleichtern)
sie hatte es ihren wärtern beir entlassung versprochen.
der blick in das gesicht eines menschen, dem geholfen ist, ist der blick in eine schöne gegend, freund.
die hechtin im karpfenteich (Bebel)
ich bin steinreich.
und laßt mir das hinken (wackeln)
mir jetzt, in diesem feurigen rausch,
als hätten wir schampagner im blut,
>den dicken schinken< schrieb ich in einem rausch.

b) ich, die ich „auf einem besen durch die ökonomie ritt“ sie schickt Liebknecht vor, daß er nicht nur „eine frau sagt“.

Bücherregal mit zweimal Brecht

Bilder: Bücherregal mit zweimal Brecht;
Die Zeit (verrinnt), 5. September 1997, Stand 9. Januar 2019.

Ja, mach nur einen Plan: Das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens,
aus: Die Dreigroschenoper, 1928:

Written by Wolf

8. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Mit dem Faust im Ranzen

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Update zu The Metrum is the Message
und Mephisto ist ein mieser Verräter
(So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus):

Faktum 1: Am Montag, den 10. September 2018 hat in Bayern, wie immer als dem letzten Bundesland, die Schule wieder angefangen. Faktum 2: Am 14. September 2018 erscheint die neue CD von LEA namens Zwischen meinen Zeilen, die ein Soundtrack-Lied für Das schönste Mädchen der Welt enthält.

——— Deutschlandfunk Kultur:

Germanistin über Umgang mit klassischer Literatur:
Vereinfachen ist der falsche Weg.
Beate Kennedy im Gespräch mit Dieter Kassel

Donnerstag, 6. September 2018:

Wie kann man Schüler für klassische Literaturstoffe interessieren? Ein Weg könnte radikale Vereinfachung sein – wie in der Filmkomödie „Das schönste Mädchen der Welt„, der aus Cyrano de Bergerac einen Rapper macht. […]

Aber ist es eigentlich ein sinnvoller Weg, einen klassischen Stoff aus einem Roman oder einem Theaterstück so stark modernisiert und vereinfacht zu präsentieren, zum Beispiel auch an Schulen, damit heutige Schülerinnen und Schüler das Ganze überhaupt noch verstehen?

Das wollen wir jetzt von Beate Kennedy wissen. […]

Beate Kennedy: Guten Morgen, Herr Kassel! […]

Kassel: Aber wenn wir ein in Deutschland an Berühmtheit nicht mehr zu übertreffendes Beispiel nehmen, Goethes „Faust“, dann ist es natürlich so, dieses Grundmotiv des Menschen, der seine Seele an den Teufel verkauft, dieses Grundmotiv war selbst zu Goethes Zeit schon sehr alt. Das hat er nicht erfunden, er hat nur dieses geniale Theaterstück daraus gemacht.

Wenn Sie nun sagen, ich möchte aber nicht die Grundidee des Seelenverkaufs allein thematisieren im Unterricht, sondern ich möchte diesen Text von Johann Wolfgang von Goethe vermitteln, heißt das ja, dann geht es nicht mehr um den Inhalt, sondern um die Sprache, oder?

Kennedy: Ja, ganz genau. Da geht es um die Sprache und eben um das, was wir als meisterhaft gelungene Form empfinden, wo wir eben sagen, da hat jemand ein Grundmotiv so auf den Punkt gebracht, dass es mustergültig ist und dass wir uns daran auch dann kreativ abarbeiten können.

Kreativ heißt, wir müssen es natürlich dann immer für uns selbst in seiner Bedeutung erschließen. Ein Beispiel jetzt aus meinem Unterricht. Wir haben hier Profiloberstufe, da wählen also die Schüler nach Neigung, und wo man Mathematiker hat, die logisch denken können, empfiehlt es sich vielleicht dann, die Annotationen von Goethe sich besonders anzuschauen oder die Entwicklung des Charakters anhand eines Zeitstrahls auch zu visualisieren, also viel mit dem Computer zu arbeiten, viel mit Listen zu arbeiten, mit logischen Verknüpfungen zu arbeiten, die es ja bei Goethe reichlich gibt. Also die Sprache systematisch, wie ein Philologe es eben auch macht, zu analysieren.

Oder in einer anderen Klasse, die vielleicht eher haptisch orientiert ist, also sich einfach an visuellen Bildern berauscht, ist es natürlich dann ganz empfehlenswert, gleich ins Theater zu gehen, wo die Theater sowieso heutzutage die sind, die die Stoffe noch mal für die heutige Jugend auch interessant und spannend präsentieren.

Das schönste Mädchen der Welt, Tobis Film 2018, IMDbMeine Rede seit Jahren: Der Faust ist berühmt und, nun ja, eben „klassisch“ aus mancherlei Gründen, aber bestimmt nicht wegen seiner dramaturgisch durchoptimierten, todspannenden Handlung mit wunder wie überraschenden Wendungen, vom Ende ganz zu schweigen: Die Expertendiskussion, ob jetzt eigentlich Gott oder der Teufel (oder Faust? oder gar Gretchen?) gewonnen hat, hält an.

Die bis auf weiteres gern kolportierte Tatsache, dass die Soldaten des Ersten Weltkriegs allesamt „mit dem Faust im Tornister“ ins Feld gezogen seien, den sie selbstverständlich bis dahin in der Kneipe gern mit verteilten Rollen gelesen hatten, ist keine „aus heutiger Sicht befremdliche Überzeugung“ — was ich langsam wirklich mal aus Wikipedia herauseditieren muss — hängt eben nur nicht mit dem Bildungshunger faustischer Existenzen zusammen, falls es im Schützengraben mal allzu langweilig hergehen sollte, sondern damit, dass der Kaiser auf Staatskosten die Reclamheftchen austeilen ließ. Das einzig Befremdliche daran ist, dass derselbe Kaiser für seinen Krieg tatsächlich die Schulbuben rekrutierte, die keinen Tornister, sondern einen Schulranzen tragen sollten.

Dann doch lieber nach Frau Dr. Kennedys Empfehlung die Entwicklung von Charakteren anhand eines Zeitstrahls visualisieren, wie immer das gehen soll. Um den Faust zu wertschätzen oder — was zulässig wäre — zu gegenteiligen Resultaten zu gelangen, bleibt also, wieder nach Dr. Kennedy, die Sprache dem Philologen gleich systematisch zu analysieren. Das gibt auch wirklich einiges her: The Metrum is the Message; das war einer meiner hiesigen Einträge mit dem höchsten Aufwand, von dessen Erkenntnissen ich bis heute persönlich zehre. Da kann es gut sein, dass ein Schüler, der nicht aus freien Stücken auf dergleichen verfallen wird, unter Anleitung was fürs Leben mitnimmt.

Die ebenfalls empfohlenen „Annotationen von Goethe“ finden sich übrigens in Buchform am besten in der aktualisierten Frankfurter Ausgabe als Taschenbuch oder in der Reclam-Studienausgabe; die historisch-kritische Faust-Edition ist zur Stund noch in der Beta-Phase, kommt aber noch.

In diesem Sinne noch die angenehm aufrichtige Moderatorenfrage vom Schluss des angeführten Interviews:

Kassel: Wir haben eigentlich keine Zeit mehr, aber ich kann es nicht lassen: Glauben Sie, wer Goethes „Faust“ versteht, versteht definitiv auch eine moderne Gebrauchsanleitung?

Kennedy: Ja, das ist möglich, wenn diejenigen, die diese Gebrauchsanleitung schreiben, daran denken, dass Menschen geführt werden wollen und eben auch das Fremde erklärt haben wollen. Und das Fremde nicht verklausulieren oder nur ansatzweise beschreiben.

Wichtig wäre mir eben, dass man da auch digital und analog immer nebenher hat. Mir geht es ja so, als promovierte Literaturwissenschaftlerin bin ich teilweise nicht in der Lage, die Gebrauchsanweisung meiner Aufnahmegeräte zu verstehen oder meines Autos — also eine Gebrauchsanweisung, wenn die eben nur digital verfügbar ist, ich aber im Auto ganz konkret, ganz analog auf der Straße stehe und gerade jetzt ein Problem habe, dann erwarte ich eigentlich, dass ich noch den gedruckten Text möglichst bebildert auch vor Augen habe.

Kassel: Das war, glaube ich jetzt ein schönes Beispiel für das Phänomen „Dumme Frage, kluge Antwort“. Frau Kennedy, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Kennedy: Ja, Danke auch, Herr Kassel, auf Wiederhören!

Kassel: Wiederhören. Beate Kennedy war das, Lehrerin und Literaturwissenschaftlerin, über Sinn und Unsinn von Vereinfachung und von Klassikern an der Schule.

Das schönste Mädchen der Welt, Tobis Film 2018, IMDb

Das schönste Mädchen der Welt: via IMDb, 2018.

Soundtrack — nämlich zu Das schönste Mädchen der Welt:
LEA & Cyril: Immer wenn wir uns sehn, aus: Zwischen meinen Zeilen, 2018:

Und weil das, wie fühlende Menschen bemerken werden, nicht mitanzuhören ist,
noch was wirklich Schönes als Bonus Track:
Miley Cyrus: Wildflowers von Tom Petty, aus: Wildflowers, 1994:

Written by Wolf

14. September 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Die junge Gräfin (erzählt neben einem Paar nachbarlichen Würsten)

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Update zu Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn):

Am bekanntesten ist bis heute der späte — 1985 — DDR-Märchenfilm Gritta von Rattenzuhausbeiuns oder Gritta vom Rattenschloß. Die Buchvorlage, ein erklärter „Märchenroman“ mit dem vollen Namen Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns, wird sogar in der großen Gesamtausgabe der Bettina von Arnim unterschlagen — entweder weil er in keine Werkkategorie der vier Bände passen will oder weil Bettinas Schaffensanteil daran unklar bleibt, weil als Neben-, wenn nicht gar Hauptautorin ihre jüngste Tochter Gisela gelten muss.

Gisela, zu Beginn der Arbeiten zarte 17, war mit 15 unter dem Namen Marilla Fitchersvogel Gründungsmitglied der Berliner Kaffeter-Gesellschaft, eines parodistisch heiter geführten Literatursalons und Jungfrauenordens, der später auch Mannspersonen zuließ, zum Beispiel den von Jungfrauen, Kaffee und Literaturschaffen begeisterten König Friedrich Wilhelm IV. höchstselbst. Die Koautorin und Mutter Bettina, die sich oft Bettine spricht und schreibt, war seit 1835 mit Goethes Briefwechsel mit einem Kinde und 1840 Die Günderode Bestsellerautorin und außerdem Witwe des vor allem mit Des Knaben Wunderhorn populären Achim von Arnim — auch wieder mit einer Gemeinschaftsarbeit mit unklaren Beteiligungen.

Der Märchenroman mit Gritta war das einzige Desideratum, das ich je an die Münchner Stadtbibliothek gerichtet habe — eben aus dem Gefühl der schmerzlichen Lücke in der Arnimschen Gesamtausgabe. Es wurde erfüllt und steht heute default in der belletristischen Abteilung der Filiale Am Gasteig, aber meistens ausgeliehen bei mir daheim. Was für eine Perle da im Verborgenen funkelt — niemals werde ich mich ganz über das Versäumnis der Gesamtausgabe beruhigen können — wird aus dem Volltext, den man mindestens zweimal online findet, teilweise klar — so richtig aber erst aus dem Nachwort von Rolf Vollmann in der Manesse-Ausgabe, die ich der Stadtbibliothek 2008 empfohlen habe. Welche auch sonst? An Einzeltexten sind noch ungefähr drei verschiedene sehr schöne, leider obskur gewordene DDR-Ausgaben antiquarisch jagdbar, dieselbe Manesse ist 2018 schon wieder vergriffen, und die Gesamtausgabe … hatten wir schon.

Es spricht sehr für den familiären Umgangston im Hause von Arnim, was da als Mutter-Tochter-Projekt entstanden ist. Die 1985er Verfilmung bemüht sich mit arg zurechtfrisierter Handlung um eine DDR-Nachfolge der Pippi Langstrumpf, das Original hat viel mehr Bedeutungsebenen. Aus heutiger Sicht liegt die Langstrumpf nicht ganz fern, aber es erlaubt sich auch — Arnims waren eng mit den Grimms verwandt und befasst — märchenhaft düstere Stellen. Insgesamt erinnert es mehr an Walter Moers, wenn nicht gar Eugen Egner oder sonstige Skurrilvirtuosen — wobei man meistens recht schief liegt, wenn man solche jahrhundertealten Hervorbríngungen mit allzu modernen vergleicht; jedenfalls war eine so vielschichtige Mischung nicht vor dem 20. Jahrhundert dran.

Die folgende halbwegs abgeschlossene Passage funkelt im Dunkeln in mehreren Bunt- und Schwarztönen. Gritta ist zur Zeit der Handlung sieben Jahre alt, Müffert ist der väterliche hochgräfliche Diener. — Staunt, Kinder.

——– Gisela von Arnim/Bettina von Arnim:

Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

1844–1848, Druckvorlage 1845, Erstdruck: hg. Otto Mallon, S. Martin Fraenkel, Berlin 1926:

Gritta und Müffert saßen eines Abends in der Küche, die ein kleines rußiges Gewölbe war. Ein Feuer brannte auf dem Herd, vier große Töpfe kochten, und die weißen Nebelwolken vermischten sich mit dem schwarzen Rauch, zogen hinauf und flogen mit ihm davon. Es war heut zum ersten Mal nach langer Zeit stürmisch, der Wind trieb manchmal den Rauch wieder hinab. Die kleine Gritta saß neben den Töpfen auf dem Herd. Sie schien an etwas zu denken, was sie ängstigte, denn sie sah von Zeit zu Zeit zu Müffert auf, der in Gedanken vertieft vor einer Speckseite stand, die im Schornstein neben einem Paar nachbarlichen Würsten an einem Bindfaden bammelte; er schien sich zu besinnen, ob er sie anschneiden solle, denn das säbelförmige Messer guckte zwischen seinem Zeigefinger und seinem breiten Daumen wie ein angerufener Ratgeber hervor, mit einem entsetzlich begierigen Gesicht, in dem sich das Feuer spiegelte.

Gisela von Arnim, Joseph Joachim„Ach, Müffert“, hob Gritta an, „glaubst Du wohl, daß der Vater noch an die Birkenrute denkt? Glaubst Du wohl, daß noch Birkenreiser draußen am Birkenbaum sind?“

„Nein, Kind, ich glaube, der wird vertrocknen; das hat einmal seine sonderbare Bewandtnis mit dem Baume gehabt.“

„Ach, erzähle!“ bat Gritta.

Müffert machte das Messer zu, und Gritta sah mit Vergnügen, wie ihre lieben blonden Würstchen heute noch vergnügt hängen blieben; er setzte sich auf den Herd neben sie, und Gritta schaute, während er erzählte, in die weißen Wolken der Töpfe, wie sie mit den schwarzen Rauchmassen davon wirbelten, in denen sich, was in der Geschichte vorkam, ihr bildete.

„Dein Ururururgroßvater hatte seine Kinder gar artig erzogen, bis er Graf wurde; da bekam er aber noch ein Mägdlein und meinte, weil er Graf geworden, dürfe eine kleine Gräfin doch nicht mehr die Rute kosten; so wurden denn die Rutenbäume hier um des Herrn Grafen Schloß gar nicht mehr gepflegt; die kleine Gräfin wuchs auf in aller Unart. Der Graf wußte kein Mittel, sie zu strafen, das nicht das Gräfliche in ihr verletzte. Er kannte noch nicht den Spruch, der jetzt in mehreren Familien gang und gäbe ist: „Heute kriegst du nichts zu essen!“ – und dachte, es werde immer bei den kleinen Unarten bleiben. Aber das war Irrtum; sie entwuchs der Rutenzeit, ward wild, lief in den Wald, blieb Nächte lang aus, kam des Morgens mit wilden Dornenranken, Moos und Nachttau in den fliegenden Haaren stolz nach Haus. In der Frühsonne regte sich besonders ihre Lustigkeit, wenn sie den betauten Gräserfußpfad hinauflief, ihren stolzen Gliederbau dem Himmel entgegen hob und Frühluft trank, dann sang sie die im Walde selbst erfundenen Weisen. So kam sie eines Morgens auch mit einem jungen Bären bepackt, der sie im Walde angefallen und den sie mit ihren festen und starken Gliedern erwürgt, gerade als ihr Herr Papa mit einem jungen Manne sprach, den er ihr zum Bräutigam erwählt. Der Bär mit seinem dunklen Fell hing ihr über die weiße Schulter, und das Blut tröpfelte aus einer Wunde, die seine Tatze ihr geschlagen. Ihre Stimme, die wie die des Windes war, der um die Burg des Nachts sang, erschallte; der junge Graf mit seinem blassen Angesicht und schwarzen Bart schaute sie freundlich an. Sie hatte fast einen kalten Blick, weil alles Feuer ihrer Augen sich tief in sie zurückgedrängt hatte. Aber, meldet die Sage, als sie ihn angeschaut, brach es aus, das Feuer ihres Herzens, ihrer Seele; darum auch, meldet sie ferner, daß sie das Fräulein vom Feuerauge hieß. Jetzt liebte sie den Grafen mit Leidenschaft; sie war nicht seine Braut, das durfte man nicht sagen, sie war sein Geselle, – aber das konnte ihrem Herrn Papa keine Freude machen. Fröhlich eilten sie nebeneinander mit Wurfgeschossen über die Berge und durch Schluchten und auf moosigen Pfaden unter Gebüschen hinweg. Die rauschenden Waldeslüfte strömten ihnen voran, dem Wilde nach; sie sangen zusammen; studierte er, wozu er besondere Neigung hatte, so lernte sie mit ihm. Bis spät in die Nacht saßen sie oft vor den alten Folianten, die Arme in einander verschlungen, eins dem andern helfend.

Ach, der gute, alte Vater wußte gar nicht, wie er sich dabei anstellen solle; er hatte Sorge, daß dies einer jungen Hochgräfin böse Nachrede machen werde; auch bekümmerte ihn das sehr, daß sie so tief in frühere Zeiten sich bewanderten, wo die Welt noch auf der linken Seite mochte gelegen haben. Dies verdroß den Grafen sehr; er mochte nun einmal durchaus nicht leiden, daß sie in den alten Büchern herumsuchten, aus denen die Staubwolken beim Umwenden der Blätter aufstiegen und die alten Bilder mit grinsenden Gesichtern schnell herausguckten; kurz, er wurde immer unzufriedner. Besonders schrieb sich sein Unwille gegen dieses Bücherdurchsuchen daher, weil er einmal in Gemütsruhe im Keller unter dem offnen Kranen am Weinfasse liegend, während der Wein wie ein Bächlein durch die Gebirge und Wiesen seines Innern floß, es ihm vorkam, als ob die Bücher aus der Bibliothek dahergetrampelt kämen und knurrten ihn an und öffneten ihre Blätter und klappten wieder zu, worauf allemal große Staubwolken herausfuhren, die sich zu alten Mönchen und andern dergleichen wunderlichen Gestalten formten, dann umherspazierten und feine Liedchen auf seine Trunkenheit sangen. Diese Spottgesichte konnte er nicht vergessen, und oft schaute er nach dem Rutenstammbaum hinüber, der mit seinen Blättern säuselnd, ihn zu mahnen schien, daß er seinen Einspruch bei der Erziehung der Gräfin abgelehnt habe.

Präsident Maiblümchen Maximiliane Maxe von Arnim, Joseph JoachimEs brach Krieg aus, der junge Graf zog mit einem Fähnlein Reiter fort. Jetzt glaubte der alte Herr die junge Gräfin unter seiner Regierung zu haben; er wollte, sie solle still zu Hause sitzen und einen Kaminschirm sticken. Ihr pochte es in allen Gliedern, und wenn sie durch die Schloßfenster hinausschaute auf die blauen Berge, die gleich einer Mauer vor einem tatenkräftigen Leben ihr lagen, wurde es ihr oft so eng, daß sie die Vorhänge ihres großen Himmelbettes aufriß und mit den Kissen zu bombardieren anfing, so daß die Federn stiebten; bald ließ sie diese wider die goldnen Engel fliegen, die die Federkrone des Betthimmels trugen, bald in die und jene Ecke. Kam nun der alte Graf in solchem Augenblick, wo alles krachte und knarrte, in ihr Zimmer, so zog sie schnell die Gardinen ums Bett und steckte sich unter ein großes Federbett, was sie fest um sich wickelte. Da stand nun der Graf und predigte ihr Stunden lang vor. So kam er auch wieder eines Morgens, mit einem Arm voll Seide zu jenem Kaminschirm, den sie noch nicht angefangen hatte; da lag wieder das große Federbett; der Graf stellte sich davor und zankte, aber heut blieb das Federbett besonders ruhig liegen; – sonst hatte sie zuweilen ihren Kopf hervorgestreckt und ihn dann schnell wieder zurückgezogen. Endlich ward der Graf über ihren Mangel an Anteil zornig, daß er sich Mut faßte und das Federbett herunter riß. Aber siehe, der Fleck war leer und nichts dahinter. Während der Graf am Abend vorher in Gemütsruhe unter dem Kränchen eines uralten Fasses lag, öffnete sich das Tor des Schlosses und die Gräfin mit einem Bündelchen schritt heraus. Ganz still und für sich schaute sie umher auf die nachtenden Berge, und ihr lichtbraunes Haar floß leise im Abendwind daher; sie zog zur Armee. Als sie anlangte, empfing sie der junge Graf mit großen Freuden. An seiner Seite zog sie mit zu Felde, focht neben ihm und verfolgte ihn mit den Augen, dem entgegentretend, der das Schwert gegen ihn schwang.

Am Abend saßen sie an den Wachfeuern, die müden Glieder ausgestreckt auf ihren Mänteln; da wehte der kühle Nachtwind über die lustige Schaar hin und kühlte die heißen Köpfe.

Die Soldaten rauchten, sie sang, erzählte alte Weisen, und alle waren fröhlich und gut in ihrer Gegenwart. Es verglimmten nach und nach die Kohlen, der Himmel breitete seinen Nachtmantel aus mit den unzähligen Sternen. Da wußte die junge Gräfin erst, wozu sie geboren war; sie erhob sich leise und betrachtete den schlummernden Grafen und vertiefte sich in die Ruhe seiner edlen Züge und las wie in einem Buch die schönsten Lieder an den Frühling, an die aufgehende Sonne oder den Mond, je nachdem das Antlitz des Grafen oder auch ihr eignes Gemüt gestimmt war; sie schrieb dies alles mit ihrer Messerspitze in die Rinde der Bäume umher. Dann schlummerte sie ein Weilchen, während Göttinen, man nennt sie Musen, ihrer sind Neune, voran ein schöner Musenjüngling, einen schwebenden Tanz über ihrem Haupte aufführten und allerlei Träume ihr zusendeten.

Eines Morgens zogen sie aus dem Quartier, die Trommel tönte; sie hatte die dem Tambur abgenommen und trommelte einen Marsch, zu dem sie sang von der Kriegslust. Die Soldaten hörten begeistert zu, sonderbar wirbelten die Trommeltöne wie ein Lied, aus ihrer Brust geschaffen, in den blauen Himmel empor. Da kam eilig des Weges ein Bote, der sagte, der alte Graf liege auf dem Todesbett; zwar habe er verboten sie zu rufen, aber der alte Schloßkaplan habe ihn ausgeschickt.

Amalie St. Malo von Herder, Joseph JoachimSchnell reichte Gräfin Bärwalda dem Grafen zum Abschied die Hand und ritt davon. Eine unnennbare Trauer erfaßte sie, als sie das Schloß, auf dem selbst die alten rostigen Wetterhähne die Flügel zu hängen schienen, erblickte. Es sagte ihr alles, ihr Herr Vater lebe nicht mehr. So war es auch, das ganze Schloß war leer; alle Diener und Hausleute waren furchtsam geflohen und hatten die alten Mauern allein stehen lassen. So zog sie in ihr Erbe ein, das einzige was ihr blieb; rasch sprang sie vom Pferde und klopfte leise seinen Hals, als wolle sie sagen: „Bald reiten wir wieder davon!“ Dann warf sie ihm die Zügel auf den Bug, und es trabte mit lautem Hufschlag in den leeren Schloßhof. Der Schloßkaplan schlich in den leeren Gemächern herum, halb als wenn er sich vor ihr scheue, halb als wenn er sie bemitleide; ängstlich übergab er ihr die Schlüssel und ging eilig davon. Die Gräfin stellte sich an ein hohes Fenster und schaute hinaus auf die dunklen blauenden Berge in der Ferne. Sie liebte ihr altes Erbe so, und doch war es ihr, als drücke ihr etwas schwer auf dem Herzen. Die Sonne ging unter, sie erhellte das Gemach und die braune Ledertapete mit einem leisen Schimmer. Da kam der alte Schloßkaplan herein, wich aber scheu zurück vor ihr; sie verlangte, er solle bleiben und alles sagen, was er auf dem Herzen habe.

Nach langem Zagen sagte er endlich, der Graf hätte immer zornig über sie geschwiegen; aber in der letzten Stunde habe er gesagt, es sei gesündigt, daß er nicht die Reiser vom Rutenbaum zu ihrer Erziehung gebraucht; darum habe er den Gram erleben müssen, daß sie davon und unter die Soldaten gegangen sei. Er verwünsche sie, daß sie selbst im Grabe keine Ruhe finde, bis der Rutenbaum vertrockne, und der solle nicht eher vertrocknen und mit frischer Kraft fortblühen, bis ein Mädchen aus ihrem Geschlecht so gut sei, daß es nie eine Rute verdiene.“ Der alte Mann hatte ausgesprochen; die junge Gräfin schwieg und schaute nach der sinkenden Sonne; ihr Glück sank mit ihr.

Da tönten Schritte die öde Burgtreppe hinauf, der Bote trat ein mit einem Schreiben. Der junge Graf war in der Schlacht gefallen; sie schwieg und ging in ihr Turmzimmer, was auf die Gegend hinausschaute, von wannen der Bote gekommen war. Die alten Bücher, in denen sie studierte, lagen um sie her. So saß sie im Lehnstuhl, dem Fenster gegenüber, bis in ihr spätes Alter.

Niemand traute sich in die Nähe dieses Gemachs. In den Wald ging sie noch oft, und fortgewirkt hat sie noch lange. Woher kommt es, daß jetzt jenseit der Berge blühende Wiesen und Felder liegen? Oft kam sie von den Bergen herunter geschritten, wenn die Bauern im Schweiße ihres Angesichts unten arbeiteten, mit traurigen Blicken die Stücke messend, deren widerspenstigen Boden sie glaubten nicht bearbeiten zu können. Sie lehrte ihnen diese fruchtbar machen; sie baute sogar ihnen einen eignen Pflug. Die Leute liebten und fürchteten sie. Und doch war es ihnen, wenn sie weg gegangen, als habe sie kein Wort mit ihnen gesprochen, keinen angesehen. Selbst als sie ganz alt war, kam sie an einem Stabe gebückt und schaute mit ihren wunderbaren Augen wie segnend alles an. Die Kinder hatten vor ihr keine Scheu; sie besuchte diese oft im Walde, aber wenn sie gegangen, war es ihnen wie ein schöner Traum, der wieder verschwand. Ich weiß nicht, auf welche Weise sie mag gestorben sein, aber“, sagte Müffert leise, „man will sie nachdem manchmal gesehen haben. Es ist noch kein Kind aus dem Geschlecht so gut gewesen, daß es nicht eine Rute verdient hätte. – – Ich glaube gar, daß der Rutenbaum vertrocknet! Ach, was für eine kleine artige Gritta wir haben!“

Caroline Bardua, Sir Odillon verlässt den Kaffeter. Ottilie von Graefe heiratet Hermann von Thile, Joseph Joachim„Wo weißt du denn alles her?“ fragte Gritta, deren Augen ganz groß vom vielen Erstaunen und Zuhören geworden.

„Ja, Kind! Sieh, das kenne ich, erst, seitdem ich Schneider geworden, und die großen Bände aus der Schloßbibliothek zum Zeug verbrauchte.“

Er schwieg ein Weilchen – dann sagte er nachdenklich: „Ich weiß eigentlich nicht, was Fräulein Bärwalda gesündigt hat; daß sie die Faulheit nicht liebte, gefällt mir, aber was den bösen Worten des Grafen Wirkung gab, war wohl, daß sie dem alten Herrn davon gelaufen war. Die Brüder des Fräuleins sahen sie nicht und hatten sie auf dem alten Schloß, ihrem Erbe, allein gelassen.“

Gritta schüttelte sich, wie ein Vögelchen seine Federn schüttelt: „Horch, mir ist, als klopfe etwas!“ Ein Windstoß fuhr durch den Schornstein hernieder, es pochte unten, und eine jugendliche Stimme schien hie und da durch den Sturm zu dringen, als suche sie ihn zu überbieten. „Ach, die Ahnfrau vom Rutenbaume!“ sagte Gritta zu Müffert, erschrocken aufschauend. Es war jedoch anders.

Bilder: Via Joseph Joachim: Joseph Joachim to Gisela von Arnim, November 27, 1853, 1. Januar 2015:
Gisela von Arnim;
The Kaffeter, 8. Januar 2017: Ottilie von Graefe für die Kaffeterzeitung, 1843 bis 1848:

  • Präsident Maiblümchen Maximiliane „Maxe“ von Arnim;
  • Amalie „St. Malo“ von Herder;
  • Caroline Bardua: Sir Odillon verlässt den Kaffeter (Ottilie von Graefe heiratet Hermann von Thile), Frontispiz für die Kaffeterzeitung, 5. Jahrgang, Nr. 1, 1847.

Soundtrack: Mozart: Hornquintett Es-Dur, KV 407 (386 c) live auf dem Whittington International Chamber Music Festival zu Shropshire, Mai 2016 mit Katy Woolley, der Ersten Hornistin beim Londoner Philharmonia Orchestra am Waldhorn:

Written by Wolf

27. Juli 2018 at 00:01

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn

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Update zu Trotzki, Fauser und die Goetheforschung:

Wenn mal Schinkenspeck nicht da ist
Den ein Kunde haben muß
Dann sagt sie nicht voller Freude:
Ham wa nich! — und damit Schluß
Sondern preist ihm an die Wurst
Und ein Fläschchen für den Durst
Fehlt mal Wurst, gibt es Speck
Und kein Mensch geht wütend weg

Wolf Biermann, a. a. O., 1962.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016

Mit Wolf Biermann bin ich nie richtig warm geworden. Dabei sollte ich ihn mögen: Wir sind nicht weit entfernte Namensvettern, wir haben auf die eine oder andere Art Wurzeln in Mitteldeutschland (wobei mein Vater freiwillig von Leipzig rübergemacht ist), wir haben schon mal im Nebenjob John Donne übersetzt, ich hege weder gegen seine Denk- noch Sing- noch Ausdrucksweise einen Einwand, und solche, die schon mal ein paar nach antiken Patschouliresten müffelnde LPs von ihm ausrangiert haben, sind bass erstaunt, dass ich nicht sein Gesamtwerk horte. Es hat einfach nicht gefunkt.

Einmal hätte es sogar fast gezündet. Wie ein Blick ins Archiv lehrt, schrieb man das Tschernobyl-Jahr 1986, als Wolf Biermann fürs Nürnberger Bardentreffen gebucht war, auf ein Konzert im Burggraben, der eine wunderschöne Spielstätte abgibt.

Für Biermann wollte ich mal lieber beizeiten erscheinen und traf den Künstler etwa eine halbe Stunde vor dem nachmittäglichen Konzertbeginn abseits der Bühne hinter einem hohen Bauzaun, wie sie damals wohl in Mode waren, auf der Wiese umherschlendernder- und rauchenderweise persönlich an.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Nun war mein frisch volljährig gewordenes Ich unter Bekannten ein berüchtigter Witzbildchenmaler, der immer Schreibzeug einstecken hatte, und unter Berühmten ein berüchtigter Autogrammsammler, der alles unternahm, um das Rückporto für die Autogrammpost zu umgehen. Daher schien es mir natürlich, das Schreibzeug durch die Maschen des Bauzauns zu zwängen und zu sagen:

„Herr Biermann?“

Herr Biermann blies Zigarettenrauch durch die Nase und schaute auf in meine Richtung. Gar nicht mal so unfreundlich.

„Krieg ich bitte ein Autogramm?“

Herr Biermann blies Zigarettenrauch durch die Nase, überlegte kurz und blaffte:

„Nein!“

Laut, mit Körpereinsatz und katerhaft gesträubtem Schnurrbart. Damit verschwand er mit halbgerauchter Zigarette entschlossenen Geschwindschrittes unter das Bühnengestänge und ward nicht mehr gesehen. Jedenfalls nicht von mir, denn den Nachmittag verbrachte ich dann doch nicht auf dem Burggrabenkonzert mit Wolf Biermann, sondern im Altstadthof mit ungespundetem Bier, und dieser harsche Patron sollte sich fortan seine selbergestrickten Klampfenliedchen gefälligst selber anhorchen.

Das war nie wieder gutzumachen — von meiner Seite aus, mein ich. Sollte ich entgegen meiner Erinnerung tatsächlich das „Bitte“ aus meinem unverschämten Ansinnen weggelassen haben, kann Herr Biermann zweifellos gut mit seinem Benehmen leben, aber er hätte gern sofort damit anfangen können und nicht … Ach, ist ja wurscht seit über dreißig Jahren.

Biermann-Platten hab ich aus diesem traumatischen Vorfall heraus nicht mal angeschafft, als die CDs für zweifünfundneunzig auf dem Ramsch lagen, und dieser Tage hat es mich mehr als die 1,50 Euro gekostet, als sein Buch Wie man Verse macht und Lieder. Eine Poetik in acht Gängen in der Fußgängerbremse vorm Oxfam stand. Am Anfang kommt der Faust vor, da kann ich’s ja nicht einfach stehen lassen. Für den Preis.

Übrigens sind die Konzerte auf dem Bardentreffen bis heute gratis, die Liter-Bügelflasche „Bier von hier“ aus dem Altstadthof — damals noch eine einzige Sorte — kostete vier Mark. Da können sie mit seinen Büchern umsonst den Gehsteig pflastern, was dem Herrn Gebrauchslied-Proletarier ja nur recht sein müsste, der Biermann schuldet mir ungefähr drei- bis fünfmal 2,0451 Euro. Ohne Pfand, das hab ich schon selber wieder eingetrieben.

Spätestens seit letzter Woche, in der ich seine Poetik quergelesen hab, weiß ich, was ich vierzig Jahre nur ahnte: Ich verpasse was.

——— Wolf Biermann:

Politisch Lied, privates Lied

Erste Vorlesung, 11. November im Wintersemester 1993/94 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,
aus: Wie man Verse macht und Lieder. Eine Poetik in acht Gängen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997, Auszüge aus Seite 8 bis 33:

[…] Die Heine-Professur in Düsseldorf soll mich nicht professorale Erstarrung locken. Profssor Klaus hat mit mir in meiner Jugend auf der Humboldt-Universität zu Berlin das mathematische Schlittschuhlaufen trainiert. Wolfgang Heise hat mir den doppelt marxistischen Rittberger beigebracht. Ja, ich kann sogar die hegelsche Pirouette drehn. Aber ich bin kein gelehrter Esel geworden und will bei Ihnen nicht aufs Düsseldorfer Glatteis zum Tanzen.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Das heißt noch lange nicht, daß ich Ihnen nichts mitgebracht hätte. Ich komme hier bei Ihnen vorbeigelaufen wie früher auf den Straßen der Kleiderhändler mit ein paar abgewetztenLumpen auf der Stange. Viel Neues werde ich Ihnen also nicht liefern können. Aber ein paar abgetragene Hosen könnte die geistige Blöße des einen oder anderen intellektuell abgerissenen Zuhörers doch bedecken.

„Politisch Lied, privates Lied“, steht bei Ihnen auf dem Zettel. Nicht „politisches“, sondern kurz politisch Lied — daran erkennen Sie schon das versteckte Zitat. Also fangen wir mit dem FAUST an. Sie kennen die Szene, sie spielt in Auerbachs Keller des Frankfurter Weimarianers Klein Paris, in der Stadt Leipzig. Da stimmt ein schmerbäuchiges Altsemester ein Lied an, als wärs ein Stück von mir. Sein Song klingt wie ein heutiges Spottlied über den Zerfall des kommunistischen Weltreichs: „Das liebe heil’ge röm’sche Reich,/Wie hält’s nur noch zusammen?“ Dann unterbricht ein andrer akademischer saufkumpan die Singerei mit dem geflügelten Wort: „Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied / Ein leidig Lied! …“ Nun treten auch schon Faust und Mephistoles auf. Der Teufel, bevor er seine große Zaubernummer mit den verschiedenen Weinsorten abzieht, gibt der lustigen Gesellschaft ein kleines böses Lied zum besten, ein Pasquill über einen König und dessen Floh, auch ein garstiges, ein sehr politisches Lied:

Es war einmal ein König,
Der hatt‘ einen großen Floh,
Den liebt‘ er gar nicht wenig,
Als wie seinen eig’nen Sohn.
Da rief er seinen Schneider,
Der Schneider kam heran:
Da, miß dem Junker Kleider
Und miß ihm Hosen an!

In Sammet und in Seide
War er nun angetan,
Hatte Bänder auf dem Kleide,
Hatt‘ auch ein Kreuz daran,
Und war sogleich Minister,
Und hatt‘ einen großen Stern.
Da wurden seine Geschwister
Bei Hof‘ auch große Herrn.

Und Herrn und Fraun bei Hofe,
Die waren sehr geplagt,
Die Königin und die Zofe
Gestochen und genagt,
Und durften sie nicht knicken,
Und weg sie jucken nicht.
Wir knicken und ersticken
Doch gleich, wenn einer sticht.

Bravo! Bravo! Das war schön! brüllen begeistert die angesoffenen Spätsemester. So soll es jedem Floh ergehn! … Spitzt die Finger und packt sie fein! … Es lebe die Freiheit! Es lebe der Wein! — Ja, denke ich, solche Freiheitskämpfer von der Flasche kannte Heinrich Heine auch. Er schrieb den Vers:

Der Knecht singt gern ein Freiheitslied
Des Abends in der Schenke
Das stärket die Verdauungskraft
Und würzet die Getränke.

Und damit sind wir mittendrin in meinem Thema. Politisch Lied, privates Lied. Welcher Knecht singt für welche Knechte, und welche Freiheit meint er? Und was ist eigentlich politisch, was ist privat an Liedern. Ist ein Lied politisch zu nennen, wenn es von politischen Dingen handelt? Oder wäre politisch an einem Lied, daß es politische Wirkungen ausübt? Und dann noch die Haltung, die Richtung, die Tendenz: War etwa das Horst-Weseel-Lied der Nazis auch ein politisches Lied? Bedeutet also das Beiwort politisch eigentlich fortschrittlich oder sogar revolutionär? Und wenn ja, wer entscheidet, welches Fortschreiten Fortschritt wäre?

Wer bestimmt, was in der Geschichte Revolution genannt wird und was Konterrevolution? War Lenin ein Revolutionär? War Stalin ein Konterrevolutionär? Was könnte politisch sein an einem Schlagerlied wie diesem: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn …“ Ist mit dem Wunder, das da beschworen wird, Hitlerdeutschlands Endsieg mit der Wunderwaffe V2 gemeint oder eine Befreiung vom deutschen Faschismus, die, was Wunder! — das deutsche Volk selbst nicht zustande brachte. Oder meint die Schnulze nur das Wunder einer berauschenden Liebesnacht in nicht gerade berauschenden Zeiten?

Ich werde Ihnen später ein absolut privates Chanson aus Frankreich zeigen, das zum wichtigsten und berühmtesten Lied der Commune de Paris 1871 wurde: „Le temps des cerises.“

Die hochnotpeiniche Anfrage, ob denn meine Lieder politisch genug sind oder ob sie schon allzu privat wurden, kenne ich sei dreißig Jahren. Was da als besorgte Frage daherkommt, ist im Grunde ein Vorwurf; er wird mir gelegentlich von wohlmeinenden Freunden gemacht und von revolutionären Schöngeistern. Von beamteten Weltverbesserern und von verhinderten Inquisitoren wird er mir immer wieder unter die Nase gerieben. Ob nun aus Sorge oder aus Mißgunst und Häme — immer steckt dahinter die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Revolution? Genosse, kämpfst du noch tapfer im vordersten Schützengraben, oder hast du dich ins Private verpißt?

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Hiermit sind wir schon auf Seite 11. Im folgenden hangelt Biermann, der ebensoviele garstige wie politische Lieder kennt, auch in seiner Prosa nicht ohne stilistische Brillanz von einer etymologischen Herleitung der Wörter „privat und „politisch“ samt Bekenntnissen, was er in seiner Eigenschaft als Liedermacher, das ist: berufsmäßiger Verfertiger von Liedern, mit beiden immer anstellen und erreichen wollte, über sein Verhältnis zu Stephan Hermlin samt persönlich wie gesellschaftlich — ja, privat wie politisch — bedeutsamer Anekdoten, in denen zahlreiche DDR-Größen und literarische Anspielungen vorkommen, zu seinen prägenden Erlebnissen mit Hanns Eisler. Das „Faustische“ in dieser Vorlesug kehrt wieder auf Seite 32 — im Bericht über eine öffentliche Veranstaltung mit „junger Lyrik“, die Stephan Hermlin in seiner Eigenschaft als Leiter der Sektion Dichtung und Sprachpflege bei der Akademie der Künste am Robert-Koch-Platz „gegen Ende des Jahres 1962“ begründete, organisierte und moderierte:

Wohl keiner von uns merkte damals, daß wir mit Volker Brauns Freude-durch-Kraft-Gedichte bei Goethe gelandet waren, diesmal am Ende des „Faust“. Mancher hier könnte die berühmten Verse auswendig hersagen: „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin … / solch ein Gewimmel möcht ich sehn …“ Die Lemuren, diese Halbteufel, schaufeln des verteufelten Doktor Fausts Grab. Der Sterbende bildet sich ein, es seien Meliorisationsarbeiten. Der blinde Greis glaubt, es seien so was wie Moorsoldaten mit ihren Spaten oder Männer vom Reichsarbeitsdienst mit ihren Handbaggern, die da Entwässerungsgräben schaufeln für die nationale, pardon, will sagen für die sozialistische Buterproduktion. Bei Goethe betrügt Faust am Ende raffiniert den Teufel mit einem Konjunktiv:

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,
auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön! …

Wir aber genossen diesen Augenblick in der Akademie ohne vorsichtigen Konjunktiv, wir waren jung und arglos. Als Hermlin uns damals mit noblem Pathos Volker Brauns nationale Butter aufs sozialistische Brot schmierte, da klingelte bei mir kein Warnglöckchen. Dieses liebliche Geläut ging mir so angenehm durchs Gemüt wie Heinrich Heines Frühlingslied. Das Tor zur Dichterkarriere war uns nun weit aufgestoßen. Freiheit, Demokratie, Tauwetter.

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß‘ ich jetzt den höchsten Augenblick.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Und wie Faust im Abendlicht der Sterbeszene die Situation mißdeutet, genau so mißverstanden wir die Situation. Für uns war diese Akademielesung eine Sternstunde vor dem Morgenrot. Stephan Hermlin zog jeden einzelnen von uns, jedes neu entdeckte Sternchen am deutschen demokratischen Lyrikhimmel hoch wie eine gelbrote Buttersonne im Emblem der FDJ.

So sonnten wir uns im Licht des Mondes. Zum Glück ist Hermlin kein Zupfgeigenhansel: Der würdige Mann spielt nicht Gitarre, und so durfte ich zum Schluß einige meiner Lieder selbst vortragen. Dabei sang ich vier bänkelhafte Kinderlieder. Wir loben die guten Sozialisten, erstens den Hausarzt, zweitens die Verkäuferin, dann den Verkehrspolizisten und zu gutzer Letzt den Funktionär, der gut funktioniert. Gutmütig-harmloser Spott zwischen den Zeilen, ich war wirklich ein braves Kind der Republik.

Im folgenden arbeitet Biermann noch ausführlich durch Lyrikzitate belegt diese Veranstaltung auf. Das eigene Fazit aus seiner ersten Vorlesung — wir sind inzwischen auf Seite 37 — geht:

Ich suchte immer noch Verständigung, ich liebäugelte immer wieder mit der Chance, den Drachen mit der sanften Gewalt der Vernunft zu überzeugen, ohne daß er die List der Aufklärung merkt und ohne daß er mich packt. Aber mit jedem neuen Lied, mit jedem neuen Gedicht verbaute ich mir die Fluchtwege in den falschen Frieden. Ich schrieb immer etwas mutiger, als ich war, und dichtete dabei immer etwas tiefer, als ich wußte — das sind eben die Gratisgeschenke der Musen.

Ein so braves Kind der Bundesrepublik war Biermann also auch 1993 noch, um im Faust ganz nebenbei die sozialistische Tendenz nachzuweisen: an exponierter Stelle der Wunsch — ja, der letzte Wunsch — der Hauptfigur: „auf freiem Grund mit freiem Volke stehn“, das muss einem erst mal auffallen.

Sehr geehrter Herr Biermann, wenn Sie das hier lesen, können wir uns gerne noch spät einigen: Mögen die Musen ihre Gratisgeschenke verteilen, wie ihnen beliebt, Gratisfreibier gibt’s nicht. Warten wir also nicht auf bessre Zeiten und Sie geben diesmal das Bier aus, dafür will ich kein Autogramm, wie wär’s?

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016

Bilder: Barbara Klemm: Wolf-Biermann-Konzert in Köln, 13. November 1976,
via Barbara Klemm: Mama, die können mir doch nichts wollen?,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. November 2016:

Nach Jahren des Auftrittsverbots in seiner Heimat, der DDR, stand Wolf Biermann am 13. November 1976 in Köln auf der Bühne. Und durfte nicht mehr zurück. Die Geschichte einer historischen Nacht – und eines historischen Bildes

Das mit der Zunge: Barbara Klemm bei gleicher Gelegenheit via dpa für Till Stoppenhagen: Wolf Biermann wid 80. Wortgewalting und umstritten, Hamburger Morgenpost, 15. November 2016:

Noch ist Wolf Biermann auf seinem legendären Köln-Konzert 1976 gut gelaunt – drei Tage später wird er aus der DDR ausgebürgert.“

Soundtrack: Wolf Biermann: Vier Kinderlieder (Wir loben die guten Sozialisten),
aus: VEB — Volkseigener Biermann (Kennt keiner: uralte Lieder vom jungen Wolf), 1988:

Written by Wolf

4. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Unheilige Nacht: Liaber boarisch sterbm ois kaiserlich verderbm

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Update zu Peregrini Bavarici:

Gerci Beck, Schmied von Kochel, 1. März 2010

Über die Sendlinger Mordweihnacht von 1705 merken wir uns sinnvollerweise:

  1. Sie beendete zusammen mit der Schlacht von Aidenbach am 8. Januar 1706
  2. die Bayerische Volkserhebung, vulgo Oberländer Bauernaufstand,
  3. innerhalb des Spanischen Erbfolgekrieges 1701–1714
  4. mit dem Kurfürstentum Bayern auf der Seite von Frankreich;
  5. Sendling war noch kein dreiteiliger Münchner Stadtteil, sondern selbstständiges Dorf;
  6. der ungleiche Kampf bayerischer Bauern und Handwerker gegen die österreichische Kavallerie ergab
  7. etwa 10.000 sinnlose Todesopfer;
  8. bayerischer Herrscher war der Wittelsbacher Kurfürst Maximilian II. Emanuel, vulgo „Max Emanuel“ oder „Max Zwo“,
  9. gegnerischer Kaiser der Habsburger Joseph I.;
  10. im groben ging es um Widerstand gegen das unterdrückerische Besatzungsregime des deutschen Reiches,
  11. der aktuelle Bezug ist die Notwendigkeit, sich einerseits gegen Faschismus,
  12. andererseits gegen Hochverrat zu wehren;
  13. legendenträchtiger Volksheld der Herzoglich-Bayerischen war der der Schmied von Kochel, den es
  14. höchstwahrscheinlich nicht gab und
  15. dessen ungeachtet seiner Virtualität bis ins 21. Jahrhundert ungebrochen mit Hilfe von Denkmälern, Freilichttheaterstücken und sonstiger Folklore gedacht wird.

Anschauliche und lehrreiche Darstellungen bringen

  1. Dr. Michaela Karl: Wider der Besatzung: Lieber bayrisch sterben, als kaiserlich verderben: Der Bauernaufstand von 1705/06, Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek im Literatur-Portal Bayern;
  2. Birgit Magiera: Sendlinger Mordweihnacht als Kalenderblatt für de 24. Dezember 2013,
  3. Jan von Flocken: In der „Mordweihnacht“ starben Tausende Bayern, Die Welt, 25. Dezember 2015.

Zur besagten einschlägigen Folklore merken wir uns

  1. Karl Schillinger, Im Alten Südfriedhof in München steht dieses Denkmal an die Sendlinger Bauernschlacht von 1705, 23. September 2012den bäuerlichen Schlachtruf „Lieber bayrisch sterben als kaiserlich verderben!“;
  2. das Schmied-von-Kochel-Denkmal mit Brunnen in Sendling (Plastik: Carl Ebbinghaus, Architektur: Carl Sattler, Guß: Gießerei Noack) an der Einmündung von der Lindwurm- in die Plinganserstraße;
  3. das Schmied-von-Kochel-Denkmal in Kochel am See;
  4. die in unregelmäßigen Abständen aufgeführten Schmied-von-Kochel-Festspiele ebenda;
  5. die Münchner historische Gruppe „Schmied von Kochel“ e. V., die seit 1981 „alljährlich am Heiligabend um Mitternacht der Hunderten von niedergemetzelten Bauern“ gedenkt. Regelmäßige Treffen jeden zweiten Montag des Monats, 20 Uhr im Augustiner, Neuhauser Straße 27, 1. Stock im Vogelzimmer, Gäste willkommen.

Volkstümlich affirmative Lyrik stammt von

  1. N. N.: Trauerlied zur Gedächtnisfeyer der in der Sendlinger Schlacht gefallenen Gebirgs-Bewohner, Bayerische Landbötin. München 1831,
  2. Johann Carl Mielach: Die Sendlinger Schlacht: ein Oktoberfest-Lied, 1832;
  3. Johann Carl Mielach: Die Sendlinger-Schlacht: eine Ballade, Augsburg 1832;
  4. Sebastian Franz von Daxenberger: Die Sendlinger Schlacht am Christtage 1705: Romantisches Gedicht, München 1833.

Die hiesigen Buidln: stammen von

  1. Gerci Beck: Schmied von Kochel [der in Sendling], 1. März 2010,
  2. Karl Schillinger: Denkmal an die Sendlinger Bauernschlacht, Alter Südfriedhof München, 23. September 2012
  3. mir selber, mit besonders großem Dankeschön an Ralf samt seiner ausgeliehenen Zweitkamera Lexus NX 200, weil mein Akku wieder alle war: Sendlinger Mordweihnacht 1705, Votivtafel Kalvarienberg Lenggries, Schloss Hohenburg, 11. Februar 2014, Kapelle zum schmerzhaften Jesu am Kreuze. Das war mein erstes Wort, das ich je von einer „Sendlinger Mordweihnacht“ gehört hab, und dabei schon der zweite Kalvarienberg, den ich am selben Tag mit dem Ralf erklommen hab. Da fetzt es einen dann doch in die Fresse, wenn man so als tageswandernder Pilger auf einem Juwel der Volksfrömmigkeit lesen muss:

    Mit dieser Tafel haben sich vier unverheirathete Männer, zu dem schmerzhaften Jesu am Kreuze hieher verlobt, nehmlich Johann Schöfman, von dem untern Muerbach, Franz Propst vom Graben, Johann Hochenwiser und Georg Letner, aus der Pfarre von Lengrieß, wegen der großen Gefahr in welcher sie bey der Revolution vor München schwebten, weil sie glaubten daß es unmöglich wäre mit dem Leben mehr davon zu kommen. Aber durch Hülfe und Beystand des schmerzhaften Jesu am Kreuze, kamen sie glücklich wieder zurück. Gott dem Höchsten sey Dank gesagt, Amen.

Oder vereinfacht gesagt: Dann doch lieber nachts um zehne in die Christmette.

Wolf G., Sendlinger Mordweihnacht 1705, Votivtafel Kalvarienberg Lenggries, Schloss Hohenburg, 11. Februar 2014

Stille Nacht: Tom Waits: Silent Night, aus: SOS United, 1989:

Written by Wolf

24. Dezember 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

3. Stattvent: Sie haben kein Geld nicht besessen

with one comment

Wer an dieser Stelle ernstzunehmende Adventsinhalte wünscht, sei innerhalb des Weblogs freundlich auf die Sammlung über Weihnachtsengel (Dezember 2013), die Einschläferungsgedichte von Friedrich Rückert (Dezember 2014), das künstlerische Schaffen über Katzen (Dezember 2015) sowie das künstlerische Schaffen von Katzen (Dezember 2016) verwiesen.

Ludwig Thoma für Dirk Walter, Porträt über Ludwig Thoma: Geburtstag eines Widerspenstigen. Zum 150. des gefallenen Star-Autors, Münchner Merkur, 20. Januar 2017Das bekannte Heilige Nacht. Eine Weihnachtslegende von Ludwig Thoma stammt vom Dezember 1915 bis März 1916, als er Sanitäter an der galizischen Front war, und erschien 1917 im Druck Im Münchner Albert Langen Verlag. Sein gleichnamiges Gedicht von 1913 unter dem Pseudonym Peter Schlemihl hat technisch nichts damit zu tun, erscheint aber wie eine thematische Fingerübung dazu — und sein Gedicht Christmette wiederum wie eine Fingerübung dazu. Da war er allerdings Chefredakteur beim Simplicissimus und bestimmte selber, wer wann womit gedruckt wird.

Jedenfalls schaffen die fünf Vierzeiler Heilige Nacht die gleiche Aussage wie das Versepos in sechs Hauptstücken plus Gesangseinlagen. Ab 1917, als der Weltkrieg verloren zu gehen drohte, kippte der linksliberale Simplicissimus-Verantwortliche mit seinen Lausbubengeschichten und sechs Wochen Stadelheim wegen gedruckter Beleidigung von niederrheinischen Sittlichkeitsaposteln — alles noch in seiner linken Periode — in Nationalismus und Antisemitismus.

Es fällt seit jeher leicht, Thoma (1867–1921) zu unterstellen, aus ihm wäre noch ein guter Nazi geworden, aber es ist komplizierter: 1917 schrieb er noch außer den üblichen judenfeindlichen Artikeln in den Miesbacher Anzeiger hinein: „Warum muß gerade der Bauer die Kriegsanleihe zeichnen?“ mit „Unser Vaterland muß den Krieg durchführen bis zum siegreichen Ende“, 1921 füllte er den Aufnahmeantrag zur NSDAP dann doch nicht aus — im tiefsten Bayern in seiner hässlichsten Erscheinungsform nicht viel anders als eine Generation zuvor in Preußen bei Theodor Fontane (1819–1898) — siehe hierzu vor allem Prof. Dr. Dr. Herbert Grziwotz: Ludwig Thomas Heilige Nacht. Weihnachtsgeschichte eines umstrittenen Juristen, Legal Tribune Online, 24. Dezember 2012. Das reicht offenbar dem postmodernen Markt, von der Heiligen Nacht ungefähr so viele Einspielungen anzubieten wie sonst allenfalls von Peter und der Wolf, Russland 1936.

——— Ludwig Thoma:

Heilige Nacht

Simplicissimus-Gedichte von Peter Schlemihl, Dezember 1913:

So ward der Herr Jesus geboren
Im Stall bei der kalten Nacht.
Die Armen, die haben gefroren,
Den Reichen war’s warm gemacht.

Sein Vater ist Schreiner gewesen,
Die Mutter war eine Magd.
Sie haben kein Geld nicht besessen,
Sie haben sich wohl geplagt.

Kein Wirt hat ins Haus sie genommen;
Sie waren von Herzen froh,
Dass sie noch in Stall sind gekommen.
Sie legten das Kind auf Stroh.

Die Engel, die haben gesungen,
Dass wohl ein Wunder geschehn.
Da kamen die Hirten gesprungen
Und haben es angesehn.

Die Hirten, die will es erbarmen,
Wie elend das Kindlein sei.
Es ist eine G’schicht‘ für die Armen,
Kein Reicher war nicht dabei.

Oder weitgehend deckungsgleich:

——— Ludwig Thoma:

Christmette

Simplicissimus-Gedichte von Peter Schlemihl, 1901 ff.:

So wissen wir, daß Jesus Christ
In einem Stall geboren ist
Zu Bethlehem bei kalter Nacht.
Kein Reicher hat nicht aufgemacht.

Die lagen all im weichen Bett.
Daß auf der harten Liegerstätt‘
Das Kindlein in der Krippe fror,
Kam ihnen nicht betrübsam vor.

Sie hielten es für gar gering,
Wie daß es kleinen Leuten ging.
Was geht sie heut‘ das Wunder an?
Nur Armen ward es kundgetan.

Und, weil’s so schön war, endet das große Verepos Heilige Nacht nach ausreichend Kritik an sozialer Ungleichheit:

Und geht’s ös in d‘ Mett’n, ös Leut,
Na roat’s enk de G’schicht a weng z’samm!
Und fragt’s enk, ob dös nix bedeut‘,
Daß ’s Christkind bloß Arme g’sehg’n hamm.

Soundtrack: Tarquin Britten and the City Boyz: Credit Crunch Christmas, 2008:

Bonus Track: Franziska Well: Christoph Well: Che-Guevara-Landler,
aus: Gerhard Polt und die Well-Kinder: Fröhliche Frohheit, 2010:

Buidl: Dirk Walter: Porträt über Ludwig Thoma: Geburtstag eines Widerspenstigen. Zum 150. des gefallenen Star-Autors, Münchner Merkur, 20. Januar 2017.

Written by Wolf

15. Dezember 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

1. Stattvent: Traudl (Mütter, euch sind alle Feuer, alle Sterne aufgestellt)

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Eigentlich ist niemand auf den Advent angewiesen, um Weihnachten zu feiern; ich zum Beispiel streite das ganze Jahr mit meiner Verwandtschaft, schmeiße das Geld zum Fenster raus und höre Musik, für die jemand Noten lesen lernen musste. Wenn’s endlich das Marzipan ganzjährig gibt, kann ich meine Sissi-DVDs auch Pfingsten anschauen. Das kann jeder.

Wer an dieser Stelle ernstzunehmende Adventsinhalte wünscht, sei innerhalb des Weblogs freundlich auf die Sammlung über Weihnachtsengel (Dezember 2013), die Einschläferungsgedichte von Friedrich Rückert (Dezember 2014), das künstlerische Schaffen über Katzen (Dezember 2015) sowie das künstlerische Schaffen von Katzen (Dezember 2016) verwiesen.

Traudl, Es wird ein Stern aufgehen über Bethlehem. 1. Adventssonntag 1935, Goethezeitportal Weihnachten 2010

Traudl. Es wird ein Stern aufgehen über Bethlehem. Verso: 1. Adventssonntag 1935.

——— Jutta Assel und Georg Jäger:

Weihnachtsgaben
Eine Dokumentation zu Weihnachten 2010

aus: Goethezeitportal, Dezember 2010:

Traudl war acht Jahre alt, als sie ihren Wunschzettel nicht an das Christkind oder den Weihnachtsmann schrieb, sondern diesen nur mit ihrem Namen bezeichnete, weil ihre Schwester nichts von den schönen Sachen erhalten sollte. Die klein gezeichneten Tannenzweige mit Zuckerkringel, Apfel, Baumbehang und Kerze „kriegte man sowieso“. Ihr größter Wunsch war ein elektrischer Stern als Beleuchtung für ihr Zimmer; ferner eine handkurbelbetriebene Puppen-Nähmaschine und ein Puppenherd, den sie bekam. Obschon diese Geräte in eine künftige Hausfrauenrolle nach Art der Mutter einüben sollten, wurde Traudl Chemikerin und blieb Junggesellin. (Nach persönlichen Mitteilungen)

Stattweihnachtslied: Hans Baumann: Hohe Nacht der klaren Sterne, 1936:

In dem Lied wird auf alle christlichen und weihnachtlichen Begriffe verzichtet, stattdessen werden in Abkehr davon die im Nationalsozialismus forcierten Mythen der Nacht (1. Strophe), das Wintersonnenwendfeuer (2. Strophe) und (entsprechend dem nationalsozialistischen Mütterkult) die Mütter (3. Strophe) in den Mittelpunkt gestellt.

Written by Wolf

1. Dezember 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Am deutschesteresteresten

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Update zu Was zusammengehört
und Geibels Wesen und Beruf:

——— Friedrich Rückert:

Grammatische Deutschheit

in: Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1819. Neue Folge, erster Jahrgang 1819, Seite 400:

Neulich deutschten auf deutsch vier deutsche Deutschlinge deutschend,
     Sich überdeutschend am Deutsch, welcher der deutscheste sey.
Vier deutschnamig benannt: Deutsch, Deutscherig, Deutscherling, Deutschdich;
     Selbst so hatten zu deutsch sie sich die Namen gedeutscht.
Jetzt wettdeutschten sie, deutschend in grammatikalischer Deutschheit,
     Deutscheren Comparativ, deutschesten Superlativ.
„Ich bin deutscher als deutsch.“ „Ich deutscherer.“ „Deutschester bin ich.“
     „Ich bin der Deutschereste, oder der Deutschestere.“
Drauf durch Comparativ und Superlativ fortdeutschend,
     Deutschten sie auf bis zum — Deutschesteresteresten;
Bis sie vor comparativisch= und superlativischer Deutschung
     Den Positiv von Deutsch hatten vergessen zuletzt.

Friedrich Rückert, den mag ich ja. Und jetzt bilde ich mir wunder was darauf ein, als erster im großen bunten Internet die Quelle mit der originalen Rechtschreibung ausfindig und zugänglich gemacht zu haben. Dankeschön.

Die Reinigung von allem „Undeutschen“ und „Unvolkstümlichen“ war zur Zeit der Napoleonischen Befreiungskriege 1813 bis 1815 zur Mode geworden; siehe auch: Friedrich Ludwig „Turnvater“ Jahn: Deutsches Volksthum, Abschnitt Achtung der Muttersprache, Niemann und Comp., Lübeck 1810.

Johannes Sadeler, Germania, 1594

Bild: Johannes Sadeler I nach Hans von Aachen, Germania, aus der Serie „Quatuor Europae nationes“, 1594.
Kupferstich, 22 x 25,8 cm, München, Staatliche Graphische Sammlung
via Rainer Schoch im RDK Labor: Germania, 2014:

Nach Entwürfen von Hans von Aachen und mit Widmung an den Geographen Abraham Ortelius schufen Johannes und Raphael Sadeler 1594 die Kupferstichfolge der „Quatuor Europae nationes“: Italia, Germania, Francia und Hispania sind jeweils in einem Götterpaar personifiziert. Für Germania steht Ceres mit Krone und Szepter, umgeben von Gegenständen ihres Erfindungsreichtums: dem Pflug, der Uhr, dem Kupferstich, der Druckerpresse, dem Schießpulver und zahlreichen Waffen. Trotz der vielen kriegerischen Attribute ist ihr Bacchus als Gefährte zugeordnet; Zecher vor einem Wirtshaus im Hintergrund verweisen auf die Trinkfestigkeit der Deutschen. Germania verkörpert keinen politischen Nationalbegriff, sondern charakterisiert eine Kulturnation. Dieser allegorische Völkervergleich knüpft an die kulturgeographische Literatur des Humanismus an und fügt sich in den enzyklopädisch-allegorischen Kontext der niederländischen Bilderfolgen.

Klangspur: Die 82 schönsten deutschen Märsche aus der öffentlichen Domäne:

Und weil ich Sie schlecht mit geschlagenen vier Stunden Marschmusik im Ohr sitzenlassen kann, noch 2:03 Minuten der urdeutschen Fertigkeit des Jodelns und dem Spielen mit Gegebenheiten der deutschen Sprache — im Walzertakt und in der entspanntesten Weise und einer Virtuosität, dass man ihm spontan dankbar die Hand schütteln möchte, im spätneuzeitlichen Bacchus-Tempel zum Schimmelwirt dargeboten vom ehemaligen deutsch-niederbayerischen Nationalbarden Fredl Fesl zwischen erfindungsreichen Deutschen, ihre Trinkfestigkeit demonstrierend, 1976:

Written by Wolf

3. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Herrschaft & Revolte

Einigen wir uns auf Unentschieden

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Update zu Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her:

Für Friedrich kämpfend sank er nieder,
So wollte es sein Heldengeist.
Unsterblich groß durch seine Lieder
Der Menschenfreund, der weise Kleist.

Grabdenkmal für Ewald Christian von Kleist, seit 1780.

Hans Mentz, dem ich jedes Wort glaube, unterstellt in seinem Humorkritik-Artikel Lieblingsplagiat in der Titanic vom Juni 2017 auf Seite 51, Monty Python hätten 1975 in Die Ritter der Kokosnuß ein „dreistes Plagiat“ geliefert. Mentz stützt sich dazu auf eine Beobachtung des Lesers S. aus G. und lässt den Erfindern der postmodernen Komik wohlwollend durchgehen, dass sie nicht alles allein aus dem Boden stampfen können, aber dergleichen würde ich ungern auf Monty Python sitzen lassen.

Gottfried Hempel, Ewald Christian von Kleist, 1751, Gleimhaus HalberstadtDie im kollektiven Gedächtnis gut verankerte Szene mit dem Schwarzen Ritter „parodiert bzw. plagiiert laut S. ein Ereignis, welches sich tatsächlich zugetragen und in die Literatur Eingang gefunden hat (nachzulesen in Reimar F. Lachers Buch „‚Friedrich, unser Held‘ – Gleim und sein König„, Wallstein).“ Das Buch ist auffind- und lieferbar, liegt mir aber leider nicht vor (19,90 Euro, erschienen im Februar 2017). Weiter Mentz:

In einem Brief vom 26.9.1759 an Johann Wilhelm Ludwig Gleim schildert Samuel Gottlieb Nicolai, wie sich der Dichter Ewald Christian von Kleist in der Schlacht bei Kunersdorf im Siebenjährigen Krieg [am 12. August 1759] Verletzungen zuzog, an deren Folgen er schließlich starb.

Siehe Nicolais Briefausschnitt unten.

Jener Kleist, der sich nicht mit dem gleichnamigen Selbstmörder mit den brillanten Aufsätzen deckt, ist mir ein Begriff, weswegen ich umso hellhöriger geworden bin: Dessen Sämtliche Werke hab ich mir spontan mit ungefähr 14 Jahren als Reclamheft gekauft, weil es eben ein taschengeldverträgliches Reclamheft war (6,40 DM), auf dem ausdrücklich „Sämtliche“ und kein diffuses „Gesammelte“ oder überhaupt keine näher bezeichneten „Werke“ stand, und weil ich schon den verwandten Heinrich von den Tempel-Klassikern (15 DM) hatte.

Begeistert war ich von seiner schäferidyllischen Lyrik nie, aber heute, in einem Alter, in dem man ernstlich anfängt, sich zu fragen, wie ein Mensch beschaffen sein muss, damit er „Korrektheit des Ausdrucks, glücklich gewählte Bilder, in denen er gewöhnlich die Natur lebendig zeichnet, sowie Fülle und Wohlklang der Diktion“ mit einer Todesart vereinen kann, die zwei Jahrhunderte später als Parodie taugt, habe ich das Bedürfnis, bei dem Freimaurer und Offizier um Entschuldigung zu bitten. Es scheint wirklich, er war ein guter Mensch.

——— Samuel Gottlieb Nicolai:

Brief an Johann Wilhelm Ludwig Gleim, 26. September 1759,
aus: Reimar F. Lacher: „‚Friedrich, unser Held‘ – Gleim und sein König„, Wallstein Verlag 2017,
cit. Hans Mentz: Lieblingsplagiat, aus: Humorkritik, in: Titanic, Juni 2017, Seite 51:

Er half 3 Batterien erobren; und ward an der rechten Hand verwundet. Er hielt den Degen in der linken Hand; Er ward in den linken Arm geschoßen und da Er den Degen nicht mehr halten konte faßte er ihn mit dem Daum und zwei lezten Fingern der rechten Hand … Er rief die Fahnen zu sich. Sie kamen, Er faßte einen Fahnenjunker an, der schon 3 Fahnen trug und will weiter. Das Bataillon folgte. Ohngefehr 30 Schritte von einer neuen Batterie zerschmettern ihm zwischen 4 und 5 Uhr 3 Cartetschen Kugeln das rechte Bein. Er fiel vom Pferde, versuchte, zweimahl vergeblich wieder aufzusteigen, und blieb in Ohnmacht liegen … Ein Feldscheer kam, band den Schnupftuch um das Bein, goß etwas Spiritus auf die Wunde, und ward durch einen Schuß in den Kopf am fernern Verbinden gehindert.

Emil Hünten, Kleist fällt bei Kunersdorf, Holzstich

In Die Ritter der Kokosnuß wird König Artus von Graham Chapman gespielt, der stark lädierte, aber unbesiegbare Schwarze Ritter ist John Cleese. Zum ersten Mal habe ich in dem Filmausschnitt das Schiller-Zitat entdeckt. Wem fällt’s noch auf?

Bilder: Gottfried Hempel: Ewald Christian von Kleist, 1751,
Öl auf Leinwand, 48,8 cm x 38,8 cm, Gleimhaus Halberstadt;
Emil Hünten (1827–1902): Kleist fällt bei Kunersdorf, Holzstich nach Zeichnung,
aus: F. Bülau, Die deutsche Geschichte in Bildern, 2. Band, C. C. Meinhold & Söhne, Dresden 1862.

Soundtrack: Subway to Sally: Grabrede, aus: MCMXCV, 1995:

Written by Wolf

8. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Herrschaft & Revolte

Münchner Sommerhaiku

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Update zu Japanischer Frühling (Hammer):

Im Teer festgedrückt
ein Löwenbräu-Kronkorken:
nix Route 66.

Megan Lynn W., Waiting in the Rubble, San Diego, April 16th, 2014

Bild: Megan Lynn W.: Waiting in the Rubble, San Diego, April 16th, 2014 (mit detailreicher Ansicht):

I did this photo as a sort of homage to all the people that work really hard with no reward — waiting for something good to happen. Interns, people looking for jobs, or people generally just down on their luck. A lot of the time we have to be in really bad situations for a really long time in order for something good to happen. I know I’ve had firsthand experience with this, and a few people close to me have as well.

I did the formatting similarly to that of Rachel Baran’s partly because I love her work, but mostly because I wanted the „road closed“ and not wanted sings to be of less importance. It’s not really about why or what is blocking the way, but how you handle it. *breaks into song* ITSSS THE CLIIIMB

There’s my schpeel.

Soundtrack: Miley Cyrus: The Climb, aus: Hannah Montana: The Movie Soundtrack, 2009:

Written by Wolf

21. Juli 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Postironismus

Nachtstück 0008: Am oberen Zinnrande eines Bierkrugs

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Update zu den Nachtstücken 0002 und 0004:

David Teniers d. J., Eine Wachtstube, ca. 1642

——— Karl Leberecht Immermann:

aus: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken, 1839,
Erstes Buch: Münchhausens Debüt. Vierzehntes Kapitel:

Die Nacht hatte inzwischen den ersten Strahlen des Frühlichts Raum gegeben, welche den Ofen und die Bänke der Wachtstube mit gelbrötlichen Streifen säumten. Unvergleichlich war die Wirkung eines scharfen Schlaglichtes am oberen Zinnrande eines Bierkrugs, von welchem ein seltsamer, aber verstandner Reflex den Knopf des Feldwebelstocks traf, welcher darüber am dritten Haken hing. Überall tiefe, satte Farbentöne, klare, durchsichtige Schatten! Die Wachtstube schien keine wirkliche Wachtstube zu sein, sie war heute mehr, sie war eine gemalte.

David Teniers d. J., Wachtstube mit der Befreiung Petri, ca. 1645–47

Bilder: David Teniers der Jüngere: Eine Wachtstube, ca. 1642, Walters Art Museum, Baltimore, Maryland;
derselbe: Wachtstube mit der Befreiung Petri, ca. 1645–1647, Metropolitan Museum of Art, New York.

Die 104 Minuten Nachtwache Nachtwache (nur echt ohne „Die“), Neue Deutsche Filmgesellschaft-Filmaufbau GmbH, Göttingen 1949, sind leider flächendeckend getilgt, Because the Night, aus: Patti Smith: Easter, 1978, am kurzweiligsten live:

Written by Wolf

19. Mai 2017 at 00:01

Was denn sonst, bei diesem Sauwetter

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Update zu Hören wir das Husten einer Grille im Schnee?:

Seht! den Schirm erfaßt der Wind,
Und der Robert fliegt geschwind
Durch die Luft so hoch, so weit;
Niemand hört ihn, wenn er schreit.

Dr. Heinrich Hoffmann, 1844.

You got a lotta time to waste when you ain’t getting wasted,
not a penny to spare when you ain’t getting paid.

Rail Yard Ghosts, 2014.

Heinrich Hoffmann, die Geschichte vom fliegenden Robert, Struwwelpeter, ab 1844

——— Hans Magnus Enzensberger:

Der Fliegende Robert

aus: Die Furie des Verschwindens. Gedichte, edition suhrkamp 1066, Neue Folge 66, Frankfurt 1980:

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! —,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.

Die letzte Geschichte aus der pädagogisch gemeinten Serie passiv-aggressiver Häme gegenüber Kindesmisshandlungen mit Todesfolge, die seit 1845 nie wieder aus dem Buchhandel verschwand, ist noch die versöhnlichste. Was an diesem einzigen Beispiel eines Entkommens im Struwwelpeter so warnend sein soll, hab ich nicht einmal als Vierjähriger verstanden, und seit ich über 18 bin, versteh ich sowieso jedes Jahr weniger.

Wisst ihr nämlich, liebe Kinder, warum den Robert niemand gehört hat, wenn er schreit? Weil er gar nicht geschrien, sondern sich heilfroh eins gegrinst hat, dass er da rauskommt.

Bild: Dr. Heinrich Hoffmann: Die Geschichte vom fliegenden Robert, aus: Struwwelpeter, ab 1844;
Off Road Kids: Rail Yard Ghosts: Dirty Kid Rag, aus: Medicinal Whiskey, 2014:

Written by Wolf

4. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Im bürgerlichen Sinne ungesellige, freundlose Subjekte

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Update zu Bei Ludwig Tieck geheult vor so viel Schönheit,
Unter sotanen Umständen
und Nach einer guten Mahlzeit:

Wie immer sagt es niemand so treffend wie Arno Schmidt. Niemand rezitiert es so glaubwürdig wie Mechthild Großmann (es ergeht ernstliche Triggerwarnung für Arachnophobiker):

Wenn man mehrere große Spinnen zusammen in ein Glas setzt — so geht eine unausrottbar alte Volksweisheit — beginnen sie sogleich miteinander zu kämpfen, ja, fressen sich sogar gegenseitig auf, bis am Ende nur noch die eine, wildeste, zurückgeblieben ist. Es sind also ausgesprochen bissig=ungesellige Tiere, Liebhaber mürrischer Einsamkeit; dabei aber die unbestreitbaren Künstler märchenhafter Gewebe, so abstoßend ihre Sitten — vielmehr Unsitten — zunächst auch scheinen mögen. Ich wage das Diktum, daß alle Dichter — und zwar genau proportional ihrer Bedeutung nach wachsend — im bürgerlichen Sinne ungesellige, freundlose Subjekte waren !

Das ist aus der Arte-Doku Arno Schmidt – „Mein Herz gehört dem Kopf“ zu Schmidts 100. Geburtstag 2014. Das auch:

——— Arno Schmidt im Interview, aus Oliver Schwehm:

Arno Schmidt – „Mein Herz gehört dem Kopf“

ca. 1960, Dokumentation auf Arte, 15. Januar 2014, 22.40 Uhr:

Ein guter Schriftsteller darf weder haben Freund noch Vaterland noch Religion. Das klingt dem Leser aufs Äußerste schockierend und es besagt doch letzten Endes weiter nichts, als dass ich bei einem Freund irgendwann doch einmal im Leben in die Versuchung kommen könnte, die Wahrheit zu beugen, beziehungsweise dass es über dem Vaterland immer noch einen Begriff gibt, zumindest die Menschheit, oder dass es mir, wenn ich mich auf eine Religion einschwöre, unmöglich ist, andere, andersglaubende Völker und Zeiten zu verstehen. Mit anderen Worten, diese scheinbar schockierende Formulierung ist doch wohl der Ausdruck, dass der Schriftsteller objektiv sein muss, eine Art Spiegel der Welt.

Mit Verlaub, das Schockierendste an dieser Aussage ist doch wohl die Art, wie Herr Schmidt sie vorträgt. Würde ein Journalist eigentlich heute noch so ein Interview zulassen, in dem dem Seine Geheiligte Prominenz daherredet wie ein Radiosprecher, der sein Zeug auswendig gelernt hat, bevor er die Frage kennt?

Charles-Amable Lenoir, NarcisseNa gut, wenn es Arno Schmidt wäre, vielleicht schon. Die Arte-Dokumentation steht online, nur leider nicht für Deutschland verfügbar (für China, Iran, Nordkorea und Österreich schon…), und ist käuflich, der Interviewer (es ist nicht Jan Philipp Reemtsma, das wäre zu einfach und außerdem zu früh) samt Datum und Anlass des Unterfangens (Schmidt sieht noch jung aus, vor dem Fenster schaukeln schon die mutmaßlichen Bargfelder Zwetschgenzweige ab 1958, auf dem Tisch prangt als Gesprächsvorlage KAFF auch Mare Crisium — daher tippe ich ziemlich genau auf 1960) sind deswegen seit der ersten und bislang einzigen Ausstrahlung am 15. Januar 2014 nicht ohne weiteres festzunageln.

Gegen diese Diktion eines Kriegsberichterstatters aus dem ersten Weltkrieg (Schmidt ist Jahrgang 1914) lässt sich wohl wenig ausrichten; wer mag sich schon mit einem Radiosprecher anlegen. Da kann man ja erst hinterher nach einer gewissen Erholungspause draufkommen, dass Schmidt von falschen Voraussetzungen ausgeht. Was soll bitte „ein guter Schriftsteller“ sein? Schon Ernst Wiechert oder erst von Thomas Mann aufwärts (Nobelpreisträger mochte Schmidt sowieso nicht)? Und wenn er so gut ist, warum soll er sich mit nichts anderem abgeben als dem Spiegeln der Welt, was immer das ist?

Gut, Schmidt mochte halt außer Nobelpreisträgern auch keine Freunde, Vaterländer und Religionen. Bei seiner Schaffensweise kam er gut ohne dergleichen aus, und ohne Not die Wahrheit beugen (darf ich das verwenden?!) will auch keiner. „Ein guter Schriftsteller“ wäre demnach so ziemlich allein er selbst. Es ist legitim, das in einem Interview zu verbreiten, und es ist gut, heute über die geistigen Mittel zu verfügen, das so schnell zu durchschauen.

Irgendwie mag ich diesen herrlich arroganten Miesnickel ja. Man möchte ihm nach möglichst durchsoffener und -diskutierter Nacht in der sternestillen Bargfelder Heide endlich die vorletzte Flasche Bier aufhebeln und sagen: „Ach komm. Sind doch alles bloß Bücher.“

Und genau dafür würde er einem wahrscheinlich endgültig eine schallern.

Dabei konnte er so schön aus seinem eigenen Werke lesen. Zum Beispiel eine seiner unnachahmlichen Poe-Übersetzungen (übrigens apokryph, weil sie nicht in der Poe-Gesamtausgabe steht; dort steht die von Hans Wollschläger):

Straßen, wo im finstern Leeren
Kranke Engel nur verkehren
Und ein Eidyllion, die Nacht
Hoch auf schwarzem Throne wacht,
Führten jüngst mich in dies Land her
Von Ultima Thules Strand her
Und seinem Dämmersaum,
wild wie Hexentraum
     Jenseits von Zeit, jenseits von Raum.

Bodenlos Tal gewinnt und Spalt
Geflute Höhlen, Titanenwald
Von Formen, nimmer zu begreifen
Vor lauter Thau und Tränenträufen
Berge torkeln immer vor den Küsten,
Lose Meere dort
Meere branden, Ungeheuer,
Auf zu Himmeln wie aus Feuer
Laachen ohne Boot und Lot
Tote Wasser, öd und tot
Stille Wasser, still zuwider
Lilien räkeln schneeweiße Glieder.

By a route obscure and lonely,
Haunted by ill angels only,
Where an Eidolon, named night,
On a black throne reigns upright,
I have reached these lands but newly
From an ultimate dim Thule—
From a wild clime that lieth, sublime,
     Out of space—out of time.

Bottomless vales and boundless floods,
And chasms, and caves, and Titan woods,
With forms that no man can discover
For the tears that drip all over;
Mountains toppling evermore
Into seas without a shore;
Seas that restlessly aspire,
Surging, unto skies of fire;
Lakes that endlessly outspread
Their lone waters—lone and dead,—
Their still waters—still and chilly
With the snows of the lolling lily.

Lilien räkeln schneeweiße Glieder: Charles-Amable Lenoir 1860–1926: A Nymph In The Forest,
unbekannten Datums, sinnigerweise als Narcisse via Aesthetic Time, 18. November 2014.

Written by Wolf

14. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Trotzki, Fauser und die Goetheforschung

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Update zu B und Was zusammengehört:

——— Jörg Fauser:

Trotzki, Goethe und das Glück

aus: Klaus Wagenbach und Michael Krüger, hg.: Tintenfisch. Jahrbuch für Literatur 8, Wagenbach-Verlag, Berlin 1975, gesammelt in: Trotzki, Goethe und das Glück. Gedichte 1974–1979, Rogner & Bernhard, München 1979, Abschnitt II. Geschichte von der riesigen Finnin:

Jörg Fauser Trotzki, Goethe und das Glück, Rogner & Bernhard 1979, Original-Cover via Antiquariat Ketz, MünsterKaum war ich von der Spritze runter,
tappte ich in die nächste Falle:
die Revolution.

Die Revolution hieß Louise,
hatte unglaublich schmale Hüften,
blitzende Augen, flatterndes schwarzes
Haar, kam aus Paris
und war Trotzkistin.

Wir wohnten zusammen in einem
der besetzten Häuser, hielten uns
glänzend in Schuß, hielten es sogar
für Liebe, und ich palaverte,
wenn Palaver gefragt war,
schwenkte Fahnen, wenn Fahnen
gefragt waren, und frühstückte
entgegen allen Lehren
des Großen Vorsitzenden
mit einer Flasche Wermut
und einem netten dekadenten Gefühl
im Bett.

Das ist Glück, dachte ich.

Das ist Glück, sagte ich zu Louise.
Warum lassen wir die Revolution nicht sausen,
das sinnlose Palaver und die Fahnen
und die endlosen Auseinandersetzungen
um die Maschinenfabrik in Shanghai,
suchen uns irgendeinen stillen Winkel
wo ich in Ruhe mein Bier trinken und
zwischendurch mal’n Gedicht schreiben kann,
et du reste l’amour?

Und Trotzki? schrie Louise,
und die Genossen im Knast?
Dein bourgeoises Glück, pah! Bier
und Gedichte, während die Revolution
organisiert wird.

Fausers Nächte. Kampflustig. Jörg Fauser in Berlin, 1983Von da ab ging alles schief. Als ich
im Suff mal mit einer anderen ankam,
ging Louise mit einem Messer
auf mich los. Dann mischte sie
bei einer Frauenbewegung mit und ich
mußte nehmen, was kam:
meistens nur Bier und manchmal irgendeine
neurotische Studentin, und später selbst das
nicht mehr, und dann
schmissen sie mich raus,
und ich zog woanders hin.

Das alles ist etliche Jahre her, aber neulich
traf ich ein Mädchen, das noch in den Kreisen
verkehrt, und fragte sie nach Louise.

Louise, sagte das Mädchen —
die ist wieder in Paris.
Sitzt sie im Zentralkomitee? fragte ich.
I wo, sagte das Mädchen, die hat irgendson
Goetheforscher geheiratet.

An dem Abend trank ich alles durcheinander,
trank wie lebensmüde, aber als ich gestern
an dem Haus vorbeikam — es sieht
inzwischen ziemlich verkommen aus,
absolut deja vu —
dachte ich, naja,
vielleicht hast du doch Glück gehabt.

O-Ton Jörg Fauser in: LEBENdIGITAL, i. e. Jochen Rausch und Detlev Cremer: Trotzki, Goethe und das Glück, aus: Fausertracks, 2005; Video: Kai Dollbaum, 2008:

Bilder: Antiquariat Ketz, Münster, via ZVAB;
Der Tagesspiegel: Kampflustig. Jörg Fauser in Berlin, 1983,
in: Fausers Nächte. Zum 25. Todestag von Jörg Fauser, 17. Juli 2012.

Written by Wolf

3. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen

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Update zu The Raven und der Rabe:

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

Es giebt eine Reihe idealischer Begebenheiten, die der Wirklichkeit parallel läuft. Selten fallen sie zusammen. Menschen und Zufälle modificiren gewöhnlich die idealische Begebenheit, so dass sie unvollkommen erscheint, und ihre Folgen gleichfalls unvollkommen sind. So bei der Reformation; statt des Protestantismus kam das Lutherthum hervor.

There are ideal series of events which run parallel with the real ones. They rarely coincide. Men and circumstances generally modify the ideal train of events, so that it seems imperfect, and its consequences are equally imperfect. Thus with the Reformation; instead of Protestantism came Lutheranism. — Novalis. Moral Ansichten.

Novalis: Religiöse Fragmente, 1799–1800,
verwendet als Motto von Edgar Allan Poe: Das Geheimnis um Marie Rogêt, 1842.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

——— Edgar Allan Poe:

Das Geheimnis um Marie Rogêt

Snowden’s Ladies‘ Companion, November und Dezember 1842, Februar 1843;
Übersetzung von Hans Wollschläger für: Poe. Werke I [von IV Bänden], Walter-Verlag AG Olten und Freiburg im Breisgau, 1966:

So etwas wie einen noch unerforschten oder auch nur selten besuchten Winkel inmitten der Wälder und Wäldchen kann man sich ja nicht einen Augenblick lang mehr vorstellen. Lassen Sie och einmal einen, der im Herzen ein Freund der Natur ist, doch aber von seiner Pflicht an den Staub und die Hitze dieser großen Metropole gekettet, — lassen Sie einen solchen doch einmal den Versuch machen, selbst während der Wochentage seinen Durst nach Einsamkeit inmitten der Schauspiele lieblicher Natur zu stillen, welche uns unmittelbar umgeben! Bei jedem zweiten Schritt wird er den aufsprießenden Zauber von der Stimme und dem persönlichen Eindringen irgendeines Lümmels oder einer Gesellschaft von zechenden Strolchen verjagt finden. Noch unter dem dichtesten Blätterdach wird er die Einsamkeit vergeblich suchen. Hier gerade sind die Schlupfwinkel, wo sich das Gesindel am meisten herumtreibt — hier sind die Tempel am meisten entweiht. Mit Ekel im Herzen wird der Wanderer zurückfliehen ins befleckte [Preisfrage: Von welcher Stadt ist eigentlich die Rede?] — als den weniger widerlichen, weil weil weniger widersinnigen Pfuhl der Verderbnis. Doch wenn die Umgegend der Stadt schon während der Arbeitstage der Woche so sehr belagert ist, wieviel mehr dann erst am Sabbat! Denn gerade jetzt sucht der Strolch aus der Stadt, befreit von den Ansprüchen der Arbeit oder beraubt auch der gewöhnlichen Gelegenheiten zum Verbrechen, die Randgebiete auf, nicht aus Liebe zum Ländlichen, denn das verachtet er aus innerstem Herzen, sondern um den Zwängen und Konventionalitäten der Gesellschaft zu entrinnen. Er sehnt sich weniger nach der frischen Luft und den grünen Bäumen als nach der gänzlichen Ungebundeheit des Landes. Hier, in der Schenke an der Landstraße oder unter dem Blätterdach der Wälder, von keinerlei Blicken gehindert, es sei denn denen seiner Zechgenossen, gibt er sich all den wahnsinnigen Ausschweifungen einer verlogenen Fröhlichkeit hin — dem Ergebnis von Freiheit und Branntewein.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

——— Originaltext aus der Erstveröffentlichung in Snowden’s Ladies‘ Companion, Teil III: Februar 1843:

Such a thing as an unexplored, or even an unfrequently visited recess, amid its woods or groves, is not for a moment to be imagined. Let any one who, being at heart a lover of nature, is yet chained by duty to the dust and heat of this great metropolis — let any such one attempt, even during the week-days, to slake his thirst for solitude amid the scenes of natural loveliness which immediately surround us. At every second step, he will find the growing charm dispelled by the voice and personal intrusion of some ruffian or party of carousing blackguards. He will seek privacy amid the densest foliage, all in vain. Here are the very nooks where the unwashed most abound — here are the temples most rife with desecration. With deadly sickness of the heart the wanderer will flee back to the polluted Paris as to a less odious because less incongruous sink of pollution. But if the vicinity of the city is so beset during the working days of the week, how much more so on the Sabbath! It is especially that, released from the claims of labor, or deprived of the customary opportunities of crime, the lower order of the town blackguard seeks the precincts of the town, not through love of the rural, which in his heart he despises, but by way of escape from the restraints and conventionalities of society. He desires less the fresh air and the green trees, than the utter license of the country. Here, at the road-side inn, or beneath the foliage of the woods, he indulges, unchecked by any eye except those of his boon companions, in all the mad excess of a counterfeit hilarity — the joint offspring of liberty and rum.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

Eine Reihe idealischer Begebenheiten, die der Wirklichkeit parallel läuft: Brombas Berge: Berg-Neuigkeiten: Münchens Isar: Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

Soundtrack als Lebensgefühl: Spider Murphy Gang: Sommer in der Stadt, aus: Tutti Frutti, 1982.

Written by Wolf

1. Juli 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Helmstedt-Marienborn (Mitternacht) — Arizona (noon).

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer:

Arno Schmidt zählt zu den „schwierigen Autoren“ — ich kann’s nicht mehr hören.

Ist doch Kwattsch. Gut, man sollte schon vor Arno Schmidt einiges andere gelesen haben, aber unter 20 entdeckt man den doch sowieso nicht. Die gelinde gesagt eigenwillige Rechtschreibung voller „SilbmKünste & BuchstabmSchurkereien“ (Schmidt, Zettel’s Traum, 1970) und in den Typoskripten die Aufteilung in Schreibmaschinenspalten, das sind verdammte Versuche, dem Leser entgegenzukommen — um den Text geradewegs hörbar zu machen, und was soll ich sagen: Es funktioniert, da wird der Herr Schmidt sogar oft genug hörbar wahrer Rock ’n‘ Roll — oder in seinem Falle passender: schmissiger deutscher Schlager.

Wenn man nicht andauernd mit so einem distanzierten Kadaverrespekt vor der hehren Nachkriegsliteratur anfängt und sich nicht vor Schmidts ständig ausgestellten herrlichen Gelehrtenarroganz ängstigen lässt, merkt man erst, was selbst sein Opus magnum Zettel’s Traum für einen Heidenspaß macht. Dann spart man sich nebenbei die Radiomitschnitte, die inzwischen eh kaum mehr zu haben sind, und wenn, dann zu connaisseurhaft überzogenen Preisen. Schmidt hat alles unternommen, damit man ihn schon auf dem Papier hört. Das sind Erleichterungen, wie sie uns nicht gleich einer aus seiner Liga geschenkt hat.

Absichtlich außerhalb aller gesamtdeutschen Gedenktage gibt’s heute das Opus parvum Trommler beim Zaren über eine Grenzüberschreitung: im Schwierigkeitsgrad eher harmlos, mit allerhand Fernfahrerromantik und einem richtigen Spannungsbogen. Und das ist jetzt der Tipp des Jahres zur Unterrichtsgestaltung für Deutschlehrer: Es ist eine ganz und gar schulbuchmäßige Kurzgeschichte randvoller diskussionsträchtiger Bedeutungsebenen mit höchstem intredisziplinärem Potenzial, ausnahmsweise ohne Schmidts übliche Altmännerferkeleien, also durchweg jugendfrei, und mit dem Unterschied zum ewigen Heinrich Böll, dass man sie gerne liest. Kommt schon, tut eurer Mittelstufe was Gutes, für niemand anders als euch hab ich doch in nächtelanger Frickelarbeit die zuschandenkorrigierte Version in der Zeit auf die zuverlässig zeichengenaue nach der Studienausgabe zurückgeführt.

Zu den Bildern: Es kann sein, dass ich damit ein exquisites Fundstück aufgetan hab: Zuerst wollte ich ja fünf von den noch besser komponierten, weit wirksamer bedrückenden aus Karl-Heinz Stürings Grenzstreife von etwa 1958 bis 1959 — der mir aber dafür, dass er nicht auf meine Anfrage antwortet, entschieden zu gefährlich mit dem Copyright herumwedelt.

Im zweiten Gedanken bin ich so frei, mich aus der Veröffentlichung zur Heiligenseer Grenze zur DDR von Frank-Max „Postmaxe“ Polzin zu bedienen, der dazu anmerkt, die Bilder stammten „u.a. vom Heimatfreund Arno Schmidt […] und dem Heimatmuseum Hermsdorf.“ Es kann sein, sage ich, dass manche der 22 Bilder, von denen ich fünf verwende, vom Schreiber des Textes unabhängig von demselben stammen (fünf sind für die Textmenge eigentlich zu wenig, aber es gab nicht mehr Hochformate. Dafür wird nur zum aufschlussreichsten Bildmaterial zur Zonengrenze verlinkt). Es kann sein, sage ich, weil die Bilder nicht einzeln ausgewiesen sind und jemand, der vor Jahrzehnten Teile der innerdeutschen Grenze fotografiert hat, schon mal Arno Schmidt heißen und dabei ein „Heimatfreund“ sein kann, ohne nachmals Zettel’s Traum schreiben zu müssen. Es kann sein, sage ich, weil der Arno Schmidt, der das eben doch getan hat, auch mit Fotografien hervorgetreten ist, in ganz ähnlicher Machart — mit demselben Blick für die Poesie der provinziellen Tristesse. Es kann sein, sage ich, weil dann unter 5 von 22 Bildern mit 23 % Wahrscheinlichkeit eins von Arno Schmidt dabei wäre.

Aus thematischen Gründen wird der Soundtrack ausnahmsweise vorneweg ausgegeben, um einen Ohrwurm für die Geschichte zu setzen: C. W. McCall: Convoy, aus: Black Bear Road, 1975, in Sam Peckinpah: Convoy, 1978. Stellen Sie das recht gelungene Fan-Video mal spaßeshalber auf Vollbild, lesen Sie dann den Trommler beim Zaren mit sotaner Tonart im Ohr, schauen Sie mir in die Augen und sagen dann noch einmal, dass Arno Schmidt zu den „schwierigen Autoren“ zähle.

Wer — womit ich ausdrücklich nicht nur die Deutschlehrer aufrufe, die sowieso nie was merken — wer findet das Faust-Zitat bei Schmidt? Die Kommentarfunktion ist geöffnet. A-one, a-two:

——— Arno Schmidt:

Trommler beim Zaren.

Niederschrift des Typoskripts 22. August 1959, verderbt in: Die Zeit, 19. August 1960,
gültige Erstausgabe in: Trommler beim Zaren, Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1966,
zeichengenau cit. Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe 1: Romane Erzählungen Gedichte Juvenilia,
Studienausgabe Band 4: Kleinere Erzählungen Gedichte Juvenilia, 1988, Seite 129–134:

Ich selbst hab‘ ja nichts erlebt – was mir übrigens gar nichts ausmacht; ich bin nicht Narrs genug, einen Weltreisenden zu beneiden, dazu hab‘ ich zuviel im Seydlitz gelesen oder im Großen Brehm. Und was heißt schon New York ? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover, ich kenn’s, wenn morgens tausend Henkelmänner mit ihren Kännchen aus dem Hauptbahnhof geschwindschreiten, in Fächerformation, hinein ins Vergoldete Zeitalter. Einer hat’n Gang, als käm ’n Dackel hinter ihm her. Backsteinfarbene Geschöpfe mischen sich ein, Schirmpfeile in den blutigen Händen, (oder auch in totschwarzen; gleich werden ihre Schreibmaschinen hell wie Wachtelschlag erklingen. Alle die Weckergeweckten. Schon räuspert sich das Auto neben mir strafend; dabei bin ich doch wirklich, schon rein äußerlich, nicht mehr in dem Alter, daß man mich in Verdacht haben könnte, der Anblick zweier Milchdrüsen vermöchte mich noch zum Trottel zu machen !).

Postmaxe, Ende der S-Bahnstrecke nach Hennigsdorf, 1989Also das Alles nicht. Aber Abends und Nachts spazieren geh‘ ich ganz gern – man beachte das dreifach-gaumige ‚g‘, mir ist es eben auch unangenehm aufgefallen (‚warum‘ will ich aber nicht wissen; ich halte nichts mehr von ‚psychologischen Befunden‘, seitdem ich mich einmal unter der Hand nach der Bedeutung solcher=meiner nächtlichen Gänge erkundigt habe. Ein Gutachten sagte klipp & klar, ich sei hyänenhaft=feige und eine potentielle Verbrechernatur; das sind die Meisten von uns, sicher. Das andere behauptete, ich wäre ein Mutfänomen – ach, du lieber Gott ! Es wurde mir jedenfalls sehr rasch zu viel, auch zu teuer. Ich hab‘ dann selbst längere Zeit darüber nachgedacht; der eigentliche Grund dürfte sein, daß ich so schlecht sehe und es mir am Tage zu hell und zu heiß ist.)

Jedenfalls gehe ich immer erst eine rundliche Stunde – ich hätte gebräuchlicher ‚runde‘ schreiben sollen, ich weiß; aber das hätte sich dann auf ‚Stunde‘ gereimt, und ich mag Gedichte nicht – da sieht man allerlei, und braucht sich nicht als ‚voyeur‘ vorzukommen, also ’schuldig‘ oder gar ’sündig‘ : den Meisten=von=Uns vergeht das Leben damit, die in der Jugend verkehrt eingestellten Maßstäbe mühsam wieder zu adjustieren.

Die Jahreszeit spielt dabei keine Rolle – ich kann durchaus einen winterlichen Neubau würdigen, früh um 5; und die Handwerker tauen die eingefrorene Pumpe des schon fertigen Nachbars mit lodernden Tapetenresten auf. Es darf ein Sommermeteor sein, der gegen Mitternacht seinen Nylonfaden durch die Giraffe zieht und über der DDR zerspringt; (ich wohn‘ so dicht am Zonengrenzübergang. Und erkenne also vorsichtshalber die DDR an). Es darf ein Spätherbstabend sein, wo man stehen bleibt und horcht : was war das Geräusch eben ? Eine nahe Grille, oder ein meilenferner Traktor ? (Zum Frühling fällt mir im Augenblick nichts ein, und ich bin nicht Pedant genug, mich deswegen irgendwie zu forcieren; der Herbst ist mir jedenfalls die liebste unter den Jahreszeiten.)

Anschließend gehe ich dann grundsätzlich noch in die Fernfahrerkneipe; und das kann eventuell lange dauern, denn da sitzen ja dann lauter Leute, die ‚etwas erlebt‘ haben, beziehungsweise alle noch mitten im Erleben drin sind, und zwar heftig.

Allein die ganze Atmosfäre dort : das hochoptische Gemisch aus nacktem Kunstlicht und kurz & klein gehackten Schatten. Die fleckigen Tischplatten (Decken haben davon nur die 2, links vom Eingang, wo die überwachten Vornehmen sitzen, in dünnen Fingerspiralen Eisglaskelche, auf denen Schlipsschleifen aus Zitronenschalen schwimmen : ER mit jener für öffentliche Ämter so unschätzbaren würdevollen Fadheit und leeren Ernsthaftigkeit, (dabei so doof, daß er nicht mal in der Hölle Eiskrem verkaufen könnte, wenn er selbständig sein müßte !); SIE von der Sorte, die auf Camping=Plätzen gleich Blümchen vors Zelt pflanzt und einen Tannenzapfen daneben legt.)

Postmaxe, Blick nach Stolpe Süd, 1962Die Ernstzunehmenden sind natürlich die Anderen, Männer wie Weiber. Meist breit, mit energisch=fleischverhangenen Gesichtern, die Fahrer; sämtlich fähig, ’ne abstrakte Kleinplastik notfalls als Büchsenöffner zu verwenden; (ich bin nicht für’s Moderne; man hat es vielleicht schon gemerkt). Die Frauen meist ‚Lieschen‘, mit leicht gezerrtem Defensor virginitatis, aber handfest : weder ist die Brust, vorn, Tarn & Tara, noch hinten die Porta Nigra.

Die betreffende breitschultrige Fünfzigerin hatte ich übrigens schon öfter hier gesehen; stets leicht be=bowlt, so daß die Stimme ein entzückend hoher heiserer Baß wurde. Eben erklärte sie vermittelst desselben : „Mein Vater war Trommler beim Zaren : bei mir ist Alles Natur !“. (Eine Logik, die mir zwar gewagt, ihrem heutigen Partner jedoch anscheinend legitim vorkam, denn er nickte eifrig. Seinen Beruf erkannte ich, als er dann gleich alleine abfuhr : er machte seinen Weekendausflug im Leichenauto. Und ich stellte mir das 1 Minute lang illustriert vor. Bis ich kichern mußte.)

Meine 2 Nachbarn auf der andern Seite bestellten sich erst „’ne Schachtel Zie’retten“, (der eine noch zusätzlich „Fefferminzbruch“); und dann machten sie Folgendes : Jeder tat in sein leeres Glas 2 gehäufte Teelöffel Nescafé und goß dann frisches Coca=Cola drüber : das schäumte hoch; dick & gelbbraun; Alles schien sich aufgelöst zu haben; sie schlürften und lächelten technoid. (Das muß ja auch toll aufpulvern ! Ma’probier’n.) Mit solchem Trank im Leibe hatten sie dann freilich gut ketzern lästern & erzählen :

von dem Kehlkopfoperierten, dem die Russen die silberne Kanüle aus dem Halse geklaut hatten; (dabei hatte er noch ‚Wilke‘ geheißen, was ja bekanntlich vom slawischen ‚Wlk‘, gleich ‚Wolf‘, kommt: es hatte alles nichts genützt !).

„Wat hat sich ’ne Hausanjeschtellte vadient, die 60 Jahre in een= und derselbn Famielje jearbeit‘ hat ?“ : „’ne Urkunde von’n Landrat,“ entschied der Andere pomadig. / Auch wollten sie, relata refero, Deutschland neutralisieren & entwaffnen; und dann noch ’ne solid=lose Konföderation ‚zwischen Bonn und der DDR‘; und ihre Begründung war, wie immer bei Fernfahrern, so dumm gar nicht. Sie gingen nämlich von der 5%=Klausel aus, und einem künftigen Weltstaat : in dessen Parlament wäre ‚Bonn‘ dann nämlich mitnichten vertreten ! „Denn fümf Prozent von drei Milljarden, det mußte Dir ma‘ ausrechnen, det sind hundertfuffzich Milljon‘ !“. (Und der Andere nickte, vorgeschobenen Untergelipps, à la ‚Ja bei uns schtimmt e’em ooch nich Alles‘.) / „Mensch, du liest noch Karlmay ? ! Bei dem kommt doch nich een Auto vor ! Da reiten se doch noch uff Ferden rum, wie beim Ollen Fritzen – det hat doch keene Zukumft !“ / (Und endlich fing er an, von ‚Erlebtem‘ zu erzählen – darauf hatte ich gewartet; darauf warte ich immer; ich warte ja überhaupt auf nichts anderes. Schon kam ich mir wieder vor, wie bei Homers: los: skin the goat !)

: der Betreffende – (Ich will ihn, geheimnisvoll, ‚Den Betreffenden‘ nennen. Das paßt für Viele : Dürre in Niedersachsen; dafür Überschwemmungen in Salzburg ? : ‚Der Betreffende hat wieder mal falsch disponiert !‘) – war ‚im Westen‘ zu Besuch gewesen, Jubeltrubelheiterkeit; und hatte, da seines Zeichens Omnibusunternehmer, auch hiesige Tankstellen und Autohändler frequentiert. Neidisch die besterhaltenen Gebrauchtwagen gemustert – auf einmal blitzte sein Blauauge : war das nicht dort derselbe Autobus wie ’seiner‘ ? Natürlich nur viel fescher, und fast wie neu. – : „Den müßte man haben !“

Handelseinig wurde man relativ rasch; denn der Betreffende war im Nebenberuf auch noch HO=Leiter, und da fällt ja bekanntlich immer Einiges ab. Nur hatte ’seiner‘ hinten noch 2 ovale Fenster drinne : ? : „Die schneiden wa rein !“

„Fuffzehntausend ? Na ?“. – „Ja. Aber zahlbar erst nach Empfang !“ (Und wie das Ding über die diversen Zonengrenzen kriegen; es war ja schließlich ein Objekt, das man sich nicht in den Ärmel schnipsen kann !).

: „Und denn haa’ck’n rüber jebracht !“. (Jetzt lehnte auch die Nachfahrin des Zarentrommlers ihre machtvollen Reize interessiert näher. Also zumindest ein Teil war bestimmt Natur).

: „Erst ha’m se noch det janze Verdeck innen vabrannt“; nämlich beim Einschneiden der, zur Tarnung unerläßlichen, beiden neuen Rückfenster. Bis aus Lüneburg mußte man einen Sattler ranholen : „und ick schtand wie uff Kohln ! Und et wurde Neune“ (und zwar P. M.; das dauert jetzt schon 30 Jahre, und die 24=Stunden=Zählung ist immer noch nicht volkstümlich geworden); „und et wurde Zehne : endlich, um Elwe, konnt’ick los !“

Postmaxe, Wachturm in Stolpe Süd, 1962Und war eine finstere Nacht gewesen : der Regen goß in Strömen; von den Wetterfähnlein der Kirchentürme kreischte es herunter, wenn er, seinen Leviathan hinter sich, durch die schlafenden Dörfer spritzte; Paul Revere war ein Waisenknabe; bis Helmstedt.

: „Den een‘ Zollfritzen kenn’ick; der saacht: ‚Kieck ma det Pärchen; die warten ooch schonn seit drei Taachen, det se Eener mitnimmt. Die sind beschtimmt durchgebrannt und wolln jetz wieda zu Muttien.‘ Finster sahn se ja aus.“ (Kunststück : 3 Tage warten; wahrscheinlich ungewaschen; ohne Geld; und dann bei dem Wetter. Jedenfalls hatte er sie, der Bus war ja ganz leer, dann um Gottes willen bis auf die Höhe von Lehnin mitgenommen. Begreiflicherweise auch den Rückspiegel so eingestellt, daß er vorsichtshalber die beiden Zerknitterten beobachten konnte. Beschrieb auch deren intimere Evolutionen, wozu unsere ältliche Hörerin, fachfraulch gepreßten Mundes, mehrfach billigend nickte. Einmal allerdings stieß sie verächtlich Nasenluft aus : Anfänger !).

: „Hinta Braunschweig hatt’ick schonn ma’ne Weiße Maus hinter mir jehabt“, (so nennt man in solcher Umgebung, unehrerbietig, einen einzelnen Verkehrspolizisten auf seinem Motorrad); in Westberlin aber war es dann gar ein „Peterwagen“ (also ein ganzes Polizeiauto) gewesen, das ihn an den Straßenrand gedrückt, und seine Papiere kontrolliert hatte : die waren auf DBR & Westberlin via Zone ausgestellt gewesen, und ergo unanfechtbar; hier lag ja auch gar nicht die Schwierigkeit; aber

: „nu schteh ick in Berlin=Schalottenburch, und der Betreffende kommt an : mit sonner Aktentasche ! Alles Fuffzijer und Hunderter.“ Da wurde einem, beiden Teilen bekannten und ehrwürdigen, neutralen Dritten, die Kaufsumme übergeben; der schrieb im Schweiße seines Angesichtes 15 Postanweisungen à tausend Mark aus, und gab erst mal 7 davon auf bei der Post – in Berlin wundert man sich über gar nichts mehr.

: „Haste de Nummernschilder ? !“ Nämlich von des Betreffenden „alter ostzonaler Schaukel“ : die mußten erst passend gemacht werden; das heißt, die Schraubenlöcher genau aufeinander, sämtliche Muttern geölt. Und dann als erstes wirkliches Risiko

: „durchs Brandenburger Tor : und det war vielleicht enge, Mensch, wie bei ’ner Jungfrau : ‚Kieck du links raus; ich rechts.'“; so waren sie, die Wände beinahe streifend, durch jenes nicht=marmorne deutsche Wahrzeichen gesteuert; und drüben harrte schon der Volkspolizist.

Nun braucht man im inner=berlinischen Verkehr weiter keine Papiere – aber daß sich Einer zur Besichtigung des Ostsektors ausgerechnet einen leeren Omnibus wählt, befremdete den Blanken, und mit Recht, doch ein wenig. Der Dicke aber, eiserner Stirnen rundherum übervoll, hatte so lange auf seine besichtigungslustige Korpulenz, und den 1 Freund, verwiesen, bis der Beamte endlich achselzuckend sagte: „Et kost‘ ja Ihr Benzien.“ Und ihn weiterließ.

Postmaxe, Wachturm bei Nacht in Stolpe Süd, 1962: „aber nu kam de eijentliche Schwierichkeit“; und das war der Übergang aus Ostberlin in die ‚Zone‘, also, disons le mot, die DDR : „Da hatt‘ ick nu schonn vorher meine Bekannten mobilisiert jehabt: ‚Sucht ma’n janz einsam Grenzüberjang raus'“ – er hielt den Zeigefinger effektvoll 3 Zentimeter vor die dicken Cäsarenlippen, und funkelte uns Lauschende majestätisch an (und geschmeichelt auch. Die Gebärden der Erzähler hier sind mannigfaltig.)

: „und zwar in Richtung Ludwigslust. – Ick fah da also immer an’n Kanal lank. Vor uns Keener, hinter uns Keener; et iss ja ooch bloß’n halber Feldwêch.“ Steuerbord voraus kam der Kontrollposten in Sicht : eine simple Bretterbude, ganz einfältig. Bis auf 300 Meter fuhren sie ran

: „dann wir runter. Ick saache : ‚De Schilder her : ick vorne, Du hinten !‘ Und de Muttern bloß so mit de Finger anjezogen. Rinn in’n Kanal mit de alten Schilder; und immer noch keen Aas in Sicht. Und ick richt‘ ma uff. Und ick dreh ma um. Und ick saache bloß : ‚Hier haste Dein‘ Omnibus.'“ (Und wir nickten Alle im neidischen Takt : es gibt schon noch Männer !).

: „Der konnte det jaa nich’jlooben ! Det er nu’n neuet Auto hatte.“ Hatte nur immer strahlend das neu auf West lackierte Ungetüm betrachtet, der Betreffende. Und dann wieder den mutig=Dicken. Hatte sich selig ans Steuer geschwungen; ihm noch „Hundert Ost : für’t Mittachessen !“ in die Hand hinuntergedrückt; und war dann abgebrummt.

: „ick seh ma det noch so an, wie er an det Wach=Häuseken da ran jondelt. Da kiekt een=Eenzjer raus, mi’m Kopp. Und winkt bloß so mit de Hand“ – so schwach und schläfrig winkte die seine nach, wie ich, in a long and misspent life, noch nie zuvor gesehen hatte – „und der winkt wieder – : und da iss er ooch schonn durch. Keene Kontrolle. Nischt. . . . . .“. Und breitete, leicht kopfschüttelnd, die Hände; und ließ sie wieder auf die Tischplatte sinken : geritzt.

Wir waren verpflichtet, wiederum zu nicken. Taten es auch gern. Der Andere bot ihm vor Anerkennung einen Stumpen.

„Det haa’ck übrijens ooch noch nich jewußt, det=det Brand’nburjer Tor nich massiv iß. Ick hab‘ immer jedacht, wenichstens Jranitt oder so.“ Aber der Erzähler schüttelte nur ablehnend den kundigen Kopf : nichts; gar nichts : „Überall blättert die Tünche ab.“

„Bei mir ist Alles Natur,“ sagte die Walküre, und lehnte sich voller zurück : „Mein Vater war Trommler beim Zaren !“

Postmaxe, Der Grenzübergang von Heiligensee Richtung Hamburg

Dokumentation als Unterrichtsmaterial: Jac Biermann: Helmstedt und seine Grenze, 1984:

Bilder: Frank-Max „Postmaxe“ Polzin: Heiligenseer Grenze zur DDR:

Diese Bilder stammen u.a. vom Heimatfreund Arno Schmidt, Berndt Wehrmann, Knut Lehmann, Dieter Lepke sowie Sigurd Hilkenbach, Harry Schulz, Rolf Klapputh und dem Heimatmuseum Hermsdorf.

  1. Ende der S-Bahnstrecke nach Hennigsdorf (1989);
  2. Blick nach Stolpe Süd (1962);
  3. Wachturm in Stolpe Süd (1962);
  4. Wachturm bei Nacht in Stolpe Süd (1962);
  5. Der Grenzübergang von Heiligensee Richtung Hamburg.

Written by Wolf

12. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Es endet ohne Schlusspunkt.

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Update zum Weekly Wanderer 0017:

Die Älteren mögen sich erinnern: 2013 wurden an dieser Stelle Versionen, Interpretationen und Parodien von Goethes Ein Gleiches durchdekliniert. Schon damals hab ich mir nicht im Ernst eingebildet, dass 17 Folgen reichen könnten.

Tina Sosna

——— Erich Fried:

Ein Ungleiches = Einige Leichen

aus: Das Nahe suchen. Gedichte, Verlag Klaus Wagenbach: Quartheft 119, Berlin 1982:

Tina SosnaWarte nur! Balde
Ruhest du auch.
Und zwar wie?
Zwischengelagert? Entsorgt?
Und warum du
nicht Sie?

Ich fange von vorne an
Das klingt viel höflicher dann:

Über allen Gipfeln
ist Euphemie,
In allen Wipfeln
Spüren Sie
kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde
Bitte warten Sie! Balde
Ruhen Sie auch.

(Die Euphemie versteht sich von selbst bei Goethen:
Er sagt ja auch Ruhen
wenn er Sterben meint oder Töten)

Oder lieber nicht ruhig Blut?
Also gut, mit etwas mehr Wut:

Unter allen Wipfeln
fließt Blut,
In allen Heuchlern
spürest du

kaum einen Jammerlaut!
Die Vögelein menscheln im Walde.
Gipfle nur! Balde
watest du auch
im Blut

Soweit Erich Fried, zitiert nach seiner ersten Gesamtausgabe. Es gab tatsächlich eine nicht sehr lange zurückliegende Zeit, in der Fried als Dichter ernster als Goethe genommen wurde. Das war um 1980, und noch von 1999 findet sich eine ausführliche Interpretation über sein Ungleiches, in der ein Bertolt Brecht als richtig relevant erscheint und ein haltbares Dreieck aus Goethe, Brecht und Fried errichtet wird, und das Goethe-Originalgedicht sei sogar von „erkennbare[m] Materialwert“.

Eine andere als alphabetische Rangfolge der Begriffe Brecht, Fressen, Fried, Goethe und Moral für 2016 will ich lieber nicht aufstellen müssen.

Tina Sosna

——— Klaus Schuhmann:

Nachtlieder nach Goethe

in: Neue deutsche Literatur, Heft 527, September/Oktober 1999:

Manchmal zeigt sich, was zwei Schriftsteller in Sympathie miteinander verbindet, schlaglichtartig in ihrem Verhältnis zu einem dritten Dichter, den sie auf vergleichbare Weise schätzen oder ablehnen. Im Falle von Bertolt Brecht und Erich Fried trifft beides nicht zu, wenn der Dritte im Bunde Goethe heißt. Hier geht es um einen Spezialfall, denn beide haben sich im Zeitunterschied von vierzig Jahren für ihre Zwecke eines Gedichts bedient, das Goethekenner als Kleinod ansehen, welches außerhalb jeder Kritik zu stehen hat: „Wanderers Nachtlied“.

Für Lyriker des 20. Jahrhunderts gilt solcher Denkmalschutz schon lange nicht mehr. Brecht demonstrierte das mit seinen „sozialkritischen Sonetten“ als ein generelles methodisches Verfahren, bei Fried kann man in mehreren Gedichtbänden Gruppen mit Texten finden, in denen der Verfasser kritische Zwiegespräche mit literarischen Vorfahren und Zeitgenossen führt.

Bei Brecht geschieht die Begegnung mit Goethe schon in seinem ersten Gedichtbuch, der 1927 veröffentlichten Hauspostille; bei Erich Fried in seinem 1982 erschienenen letzten Lyrikband Das Nahe suchen. Brechts Gedicht heißt „Liturgie vom Hauch“, Frieds „Ein Ungleiches = Einige Leichen“. Beide konfrontieren den Goethe-Text mit der politischen und sozialen Realität des 20. Jahrhunderts, so daß die Wirklichkeit gegen die Poesie zu Wort kommen kann. Nicht zuletzt, weil sie nach Meinung dieser beiden Lyriker zu oft verschwiegen wird, besonders in Gedichten. Und sie antworten mehr oder weniger auf eine Frage, die Brecht in seinem Epilog „An die Nachgeborenen“ gestellt hat:

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Bertolt Brecht ging es freilich nicht allein um Goethe, der in der „Liturgie vom Hauch“ namentlich zwar nicht genannt, aber mit Worten aus dem Gedicht „Wanderers Nachtlied“ zitiert wurde, die der Nennung des Autornamens gar nicht mehr bedurften. Schon im Titel wird das letzte Wort dieses Gedichts demonstrativ aufgerufen, und der aufmerksame Leser wird am Ende seiner Lektüre unweigerlich daran erinnert, daß der „Hauch“ im Verlaufe der „Liturgie“ zum Aushauchen wird, zum letzten Atemzug. Das geschieht klaglos, wird aber durch einen Kunstgriff dennoch zu einer Anklage. Es ist, als liefe ein Zählwerk, das der „Liturgie“ ihren Gang vorschreibt. Indem Brecht die Zeilen fortlaufend numeriert und den Strophenblock auflöst (durch den Zeilenabstand auch visuell wahrnehmbar), wird durch den aktionsbetonten Verlauf der „Strophen“ der Kontrast zu jenem Gedichtteil aufgebaut, der refrainartig unverändert repetiert wird. Er zitiert, allerdings entstellt, „Wanderers Nachtlied“:

1
Einst kam ein altes Weib einher

2
Die hatte kein Brot zum Essen mehr

3
Das Brot, das fraß das Militär

4
Da fiel sie in die Goss, die war kalte

5
Da hatte sie keinen Hunger mehr.

6
Darauf schwiegen die Vöglein im Walde
Über allen Wipfeln ist Ruh
In allen Gipfeln spürest du
Kaum einen Hauch.

Daß Goethes Gedicht für Brecht noch einen erkennbaren Materialwert besaß, sieht man daran, daß die beiden Schlußzeilen, auf die es besonders ankommt, dem Original entsprechen. Die Abfolge der binnenreimenden Nomina „Gipfeln“ und „Wipfeln“ ist freilich vertauscht, und das Verb „schweigen“ ist aus der präsentischen Form in die präteriale befördert worden. Noch schwerer wiegt, daß der Refrain mit einem ebenso temporal wie auch kausal interpretierbaren „Darauf“ beide Segmente miteinander verknüpft: die profane Textebene mit der auratisch-poetischen der Goetheworte.

Während im weiteren Fortgang des Geschehens der von Beginn angelegte soziale Konflikt eskaliert und nach der alten Frau sowohl der Mann als auch die „bärtigen Männer“ nichts mehr sagen können, weil sie zu Tode gebracht werden, bleiben die „Vögelein im Walde“ ungerührt und schweigen, bis sie selbst von einem Tier – es ist ein großer „roter Bär“ – gefressen werden. Und nun ändert sich auch der Refrain, den sie bisher zu all dem gesungen haben. Es ist, als habe der Luftzug, der in die Goethestrophe hineinfährt, nicht nur den Text noch einmal durcheinandergebracht, jetzt wendet sich auch in den oberen Regionen das Wetter: Die Vögel erwachen und schweigen nicht mehr. Und damit hat sich das Gedicht aus Meisterhand auch im semantischen Sinne ins Gegenteil gekehrt.

37
Da kam einmal ein großer roter Bär einher

38
Der wußte nichts von den Bräuchen hier, denn der kam von überm Meer.

39
Und der fraß die Vögelein im Walde

40
Da schwiegen die Vögelein nicht mehr
Über allen Wipfeln ist Unruh
In allen Gipfeln spürst du
Jetzt einen Hauch.

Das ist nicht mehr literarische Parodie. Eher schon wird die Frage hörbar, die Brecht später in einem seiner Massenlieder stellt:

Wessen Straße ist die Straße?
Wessen Welt ist die Welt?

Tina SosnaEin halbes Jahrhundert später stellt sich Erich Fried seiner Welt noch einmal auf eine Brecht vergleichbare Weise und bediente sich dabei ebenfalls der sinntragenden Worte des berühmten Gedichtes, das auf dem Gickelhahn bei Ilmenau geschrieben wurde. In der vierten Abteilung des Gedichtbandes Das Nahe suchen ist der Text zu finden, dessen Überschrift mehr noch als die Brechts überkommener Titelgebung widerspricht. Der Titel des Goethe-Gedichts erscheint hier sinnverkehrt: in der Negation.

Frieds Bauweise und Materialverwertung ist eine andere als die Brechts. Er arbeitet nicht mit Kontrastblöcken – hier blutige Wirklichkeit, dort himmlische Ruhe –, sondern mit einer Technik, die den Goethetext gleichsam an der Realität von heute durchdekliniert. Bei Fried bleibt eine einzige Zeile aus dem Original unversehrt („Die Vögelein schweigen im Walde“). Die anderen Textteile werden noch radikaler ent-stellt als bei seinem Vorgänger. Vor allem taucht in Frieds Text ein Wort auf, das es zu Brechts Zeiten noch nicht gab: entsorgen. Was dieses Verb sagt und doch verschweigt, ist schlimmer als das, was sich bei Brecht auf offener Straße ereignete. Aus der Nachtruhe, die Goethe bedichtete, ist in unserem Jahrhundert die Friedhofsruhe geworden! Nicht Goethe steht am Pranger, sondern jene, die es verstehen, die Katastrophengefahr zu beschönigen – nicht nur durch Schweigen, sondern mittels „Euphemie“. Fried bietet eine zeitgenössische Goethelektüre und blendet jene Fakten ein, die sie stören, unterbrechen und schließlich in schierer Irritation enden lassen. Anders als Brecht, dessen Text strophisch gegliedert ist (und auch den Reim nicht ausspart), sind bei Fried nur noch Zeilengruppen vorhanden, die weder durch Reime (bis auf die Anleihen von Goethe) noch durch numerische Übereinstimmung bei der Zeilenzahl geregelt sind. Auch hat Frieds Text einen ganz anderen Gestus des Sprechens. Es ist ein dialogisch angelegtes Gedicht, gerichtet an einen Adressaten, der gleich zu Beginn angesprochen wird: mit den kursiv gesetzten Personalpronomen „du“ und „Sie“. Und auch darin unterscheidet sich der Text der achtziger von dem der zwanziger Jahre, daß hier mit Goethe-Wortschatz begonnen wird:

Warte nur! Balde
Ruhest du auch.
Und zwar wie?
Zwischengelagert? Entsorgt?
Und warum du
nicht Sie?

Eine fulminante „Exposition“: Sechs Kurzzeilen werden durch ein Ausrufungszeichen und vier Fragezeichen interpunktiert, wobei die letzteren sich durchweg auf das sinntragende Verb „ruhen“ beziehen, das seit Goethe und Brecht um eine Interpretationsmöglichkeit reicher geworden ist. Die beiden nachfolgenden Partizipien benennen diesen Sachverhalt. Es sind Neuworte, die von der Atomwirtschaft verwendet werden. Der Autor signalisiert diese Gefahr, wobei sein „Warte nur!“ ebenso als Warnung wie als Voraussage gelesen werden kann. Die folgende Überleitung von zwei Zeilen läßt zwei bänkelsängerisch klingende Reime zu, die hier eher anzeigen, daß der Verfasser nun pro domo spricht. Im doppelten Wortsinne: Er nimmt sein Thema von neuem auf, und er setzt nun auch mit einer Zeile ein, mit der Goethe begann. Erst jetzt ist Fried wirklich bei dessen Text angekommen, der nun zeilenweise zitiert wird (so kommt nun auch wieder der Reim zur Geltung). Mit einem Kunstgriff entstellt er das Goethe-Gedicht: Er setzt an die Stelle des vertrauten „du“ das „Sie“ der Höflichkeitsform. Als geradezu parodistisch wirkendes Personalpronomen wird es der Aufforderung zum Warten vorangestellt.

Die Überleitung zum Schlußpart des Gedichts übernimmt wiederum ein gereimter Zweizeiler, der den Schreiber im Zwiespalt der Wortwahl und der Reaktionsmöglichkeiten zeigt. Daß er sich für „Blut“ (aber nicht „ruhig Blut“, also einen Ausdruck für Zurückhaltung und Affektdämpfung) entschieden hat, ist mit dem letzten Wort des Gedichts besiegelt. Das hat vor allem damit zu tun, daß der Blick nach unten gerichtet wird: auf die Erde, wo die Menschen, die hier leben, sich einer solchen Sprache bedienen:

Unter allen Wipfeln
fließt Blut,
In allen Heuchlern
spürest du
kaum einen Jammerlaut!
Die Vögelein menscheln im Walde.
Gipfle nur! Balde
watest du auch
im Blut

Nun ist auch der Stellenwert der „Vögelein“ in diesem Text bestimmt. Wie bei Brecht sind sie nicht nur Tiere, sondern gleichen Menschen, zumindest wenn sie sprechen. Damit ist auch das letzte Unwort in diesem Text aufgesagt: „menscheln“. Jetzt kann nur noch eine groteske Zuspitzung folgen, die wie Hohn und Spott klingt: Gipfle nur! soll wohl heißen, daß ein Höhepunkt erreicht ist, dem nur noch der Absturz folgen kann. Wie die meisten Gedichte Frieds endet auch dieses ohne Schlußpunkt.

Tina Sosna

Bilder: Tina Sosna, Oktober 2014 bis Oktober 2015.

Bonus Tracks: Interpreatationen im Vergleich: Bertolt Brecht/Hanns Eisler: Einheitsfrontlied, 1934:


Written by Wolf

29. Januar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Tolkien im Großen Ringkrieg

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Kürzlich wurde der Literatur-Nobelpreis zum ad infinitum wiederholten Male nicht an Bob Dylan verliehen. Das ist ein alter Ärger: 1961 hatte C.S. Lewis als Professor in Oxford Vorschlagsrecht ans Nobelpreiskomitee und nutzte es, um seinen besten Kumpel J.R.R. Tolkien zu nominieren. Als groß angelegte Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs, als die Der Herr der Ringe damals wie selbstverständlich galt, hatte er bestimmt sogar Chancen. J.R.R. empfahl seinerseits, schofel genug, nicht etwa Lewis, sondern E.M. Forster, sicher weil es sonst zu sehr aufgefallen wäre. Natürlich waren alle drei rettungslos verloren gegen einen Ivo Andrić.

Im Ernst: Die folgenden, ungekürzt wiedergebenen Beobachtungen erschienen schon am 13. Dezember 2014 in der Welt und schrien nach ungekürzter Wiedergabe, und zwar sofort. Mir erschien das Thema jedoch zu wichtig, um es mit mehr oder weniger unverfänglichen, jedenfalls wertfreien Bikinischönheiten zu garnieren; selbst eine Serie aus Cate Blanchett als Galadriel wäre verfehlt.

Ich musste erst abwarten, bis Tolkiens erste Skizzen zur Anlage von Mittelerde öffentlich wurden. Das ist ein so grundlegendes Ereignis, dass Text und Bild sich gegenseitig nichts wegnehmen. Wired hat am 9. Oktober 2015 acht Skizzen zugänglich gemacht. In den Welt-Artikel geflochten erscheinen sie in 50 % der Textbreite (das erste und letzte in 80 %), sind aber groß genug, um Tolkiens Handschrift zu erkennen – Sie verfügen doch noch über eine rechte Maustaste? –, und die Bildlegenden von Wired stehen, wenn Sie jemals so weit scrollen, unten vor dem Nachspannlied.

Map of Rohan, Gondor, and Mordor. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015

——— John Garth:

Mittelerde liegt an der Somme

„Keuchende Gruben“, „giftige Hügel“ und die „Totensümpfe“ der Schlachtfelder: 100 Jahre nach dem „Great War“ wird J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“ als Roman des Ersten Weltkriegs kenntlich. Eine Spurensuche

Aus dem Englischen von Marcel Aubron-Bülles,
in: Die Welt, Samstag, 13. Dezember 2014, © Axel Springer SE 2014:

Als „Der Herr der Ringe“ zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs erschien, war sich das Feuilleton sicher, dass es sich um eine zwar verschlüsselte, dennoch allegorische Erzählung handeln musste, in der Sauron Stalin, Saruman Hitler und die Freien Völker die Alliierten darstellten. Tolkien wischte solche Interpretationen ungeduldig beiseite. Im Vorwort zur zweiten Ausgabe, die 1965 erschien, betonte er, der Ursprung der Erzählung liege in Dingen, „die mir schon lange im Sinn lagen oder in einigen Fällen schon niedergeschrieben waren, und wenig oder nichts wurde durch den Krieg, der 1939 begann, oder durch seine Folgen verändert.“ Die Epen der Angelsachsen und anderer germanischer Völker erweckten in Tolkien das Interesse am Mythos; sein Werk ist von Legenden und Volkssagen beseelt. Doch als er sich während seines Studiums in Oxford das erste Mal in diese mittelalterlichen Texte vertiefte, brach der Erste Weltkrieg aus. Ich bin davon überzeugt, dass dies einen maßgeblichen Einfluss auf sein kreatives Schaffen ausübte.

Plan of Shelob's lair. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Ein erster Hinweis ist das eben erwähnte Vorwort. Nachdem er alle Interpretationen seines Werks mit einem Bezug zum Zweiten Weltkrieg als unsinnig abgetan hatte, fuhr er fort: „Man muss in der Tat persönlich in den Schatten des Krieges geraten, um zu erfahren, wie bedrückend er ist; aber im Laufe der Jahre scheint man nun oft zu vergessen, dass es ein keineswegs weniger furchtbares Erlebnis war, in der Jugend von 1914 überrascht zu werden, als 1939 und in den folgenden Jahren vom Krieg betroffen zu sein. 1918 waren bis auf einen alle meine nächsten Freunde tot.“ Er hätte es kaum deutlicher ausdrücken können: Wenn ihr schon nach dem Einfluss eines Krieges sucht, dann wendet euch dem zu, an dem ich selbst teilgenommen habe.

Tolkien kämpfte in der Schlacht an der Somme, vier Monate lang. Er hatte unheimliches Glück, dass sein Bataillon, die 11th Lancashire Fusiliers, nicht zu den Truppen gehörte, die zu Beginn der Offensive am 1. Juli nach vorn geschickt wurden. Dieser Tag gilt als der schwärzeste Tag der britischen Militärgeschichte – knapp 20.000 Tote, mehr als die Hälfte aller Offiziere. Als im selben Monat der von deutschen Truppen besetzte Ort Ovillers von den Briten erobert wurde, erlebte Tolkien zum ersten Mal am eigenen Leib das „tierische Grauen, … das der Krieg …)bedeutet.“ Ende Oktober zeichnete er als Fernmeldeoffizier bei der Eroberung einer weiteren strategisch wichtigen deutschen Stellung für die Kommunikation seines Bataillons verantwortlich. Dann geschah das, was vermutlich sein Leben rettete: Er erkrankte am Schützengrabenfieber und wurde nach England zurückgeschickt. Sein Bataillon zog weiter nach Flandern.

Bei einem so gebildeten Mann wie Tolkien, der nach seiner Rückkehr von der Somme im Krankenhaus die Gelegenheit nutzte, mit dem Schreiben zu beginnen, hätte man die schonungslos realistische Darstellung des Kriegs in Roman- oder Gedichtform erwarten können, einem Erich Maria Remarque und seinem „Im Westen nichts Neues“ gleich, oder dem britischen Dichter Wilfred Owen ähnlich, der einer verlorenen Generation mit „Anthem for Doomed Youth“ ein poetisches Denkmal setzte. In den bekanntesten Werken ist der Soldat im Schützengraben das hilflos leidende Opfer; die vor dem Weltkrieg gängigen Vorstellungen, was einen Helden ausmachte und wie er literarisch zu verewigen war, wurden durch die neue Typologie ersetzt. Der herausragendste britische Kriegslyriker Wilfred Owen weigerte sich, Helden zu beschreiben: „Die englische Dichtung ist noch nicht so weit, von ihnen zu sprechen“, so seine Worte. Und nach dem „Großen Krieg“ wandte sich die Literatur von Helden ab, als ob es sie nie gegeben hätte. Tolkien aber schrieb 1936 über das mittelalterliche Epos „Beowulf“: „Noch heute (und den Kritikern zum Trotz) findet man Menschen, … die von Helden gehört und sogar schon welche gesehen haben …“ In seinem Werk finden sich Versionen dieser traditionellen Helden, Seite an Seite mit neuen Helden, bei denen der Einfluss des Ersten Weltkriegs spürbar ist.

Versuchte Tolkien der unerträglichen Realität zu entfliehen? Ja und nein. Er schrieb, dass Märchen einen besonderen Fluchtweg aufzeigen: die Flucht des Gefangenen, nicht des Deserteurs. In den „Verschollenen Geschichten“, die er im Krankenhaus begann und aus denen später das „Silmarillion“ erwuchs, scheinen die Krieger Beren, Túrin und Tuor Tolkiens eigene Entwicklung als junger Mann nachzuvollziehen, der gegen seinen Willen in den Krieg ziehen musste. Doch bei ihnen handelt es sich um epische Charaktere, die sich selbst den gewagtesten Aufgaben stellen, und Tolkien konnte sie nicht allein aus eigener Erfahrung heraus gestalten. Die Figur, die es ihm schließlich ermöglichte, eine Erzählung mit seinen Kriegserlebnissen in Einklang zu bringen, war der wenig heldenhafte Bilbo Beutlin. „Der Hobbit“ ist die Geschichte einer Verwandlung, bei der ihr anfänglich furchtsamer Protagonist in die Schlacht zieht und dem Tod von der Schippe springt.

Distances and dates in Mordor. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Tolkien schrieb sie für seine Kinder, und ihm wurde klar, dass sie einen Helden brauchten, der ihnen nicht so fremd war wie die elbischen und menschlichen Krieger, mit denen er sich bisher beschäftigt hatte. Seine eigene Kindheit diente ihm als Inspirationsquelle, und der Ursprung seiner Hobbits ist die englische Landbevölkerung, wie er sie zwischen seinem vierten und achten Lebensjahr kennengelernt hatte.

Bilbo ist ein Charakter auf dem Sprung in ein ungewisses Abenteuer in einer faszinierenden Mischung aus Furcht und Furchtlosigkeit. Er lernt unglaublich schnell und ist bald in der Lage, dem Tod entschlossen ins Antlitz zu blicken. Als er diesen Punkt erreicht, spiegelt er Tolkiens persönliche Erfahrung wieder, die er im Ersten Weltkrieg gemacht hatte. Es ist daher fast selbstverständlich, dass die Hobbits, die so eng mit dem ländlichen England seiner Jugend verbunden sind, auf Gefahr und Schrecken so gleichmütig reagieren, wie er es bei den Menschen seiner Generation erlebte. Er nehme seine „Modelle wie jeder andere auch aus dem ‚Leben‘ …, soweit ich es kenne“, schrieb er später.

Doch obwohl er sich von seinen Erfahrungen inspirieren ließ, stellen die Orks nicht die deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs in Fantasykostümen dar. Ein solches Schwarzweiß-Denken war Tolkien fremd. Es gibt genügend Hinweise darauf, dass er den einfachen deutschen Soldaten zu respektieren lernte, genauso wie seine britischen Untergebenen. Für ihn verkörpern die Orks das Böse, das er 1916 auf beiden Seiten der Westfront ausmachte – ein Böses, das Eroberung, Macht und Maschinen für wichtiger hält als Menschen aus Fleisch und Blut.

Als er von 1937 bis 1948 „Der Herr der Ringe“ schrieb, zeigte sich in seinen Briefen, dass der neue Krieg, in den seine Söhne gezogen waren, traurige Erinnerungen an den alten Krieg weckten, seinen Krieg. Gefahren, Angst und Unbehagen bestimmen die erzählerische Atmosphäre; vielen Charakteren droht das Exil in einer Welt, in der sie sich auf Althergebrachtes nicht mehr verlassen können. Wo lähmende Furcht und schwerste Demütigungen beschrieben werden, ist für ein klassisches Heldentum kein Platz mehr.

Die Hobbits sind engstirnig, häuslich veranlagt und streiten sich um Kleinigkeiten. Es fällt leicht, sie zu lieben und zu verspotten, aber es ist umso schwerer, sie zu bewundern. Frodo wünscht sich manchmal, dass ein Erdbeben oder ein Drache seine „dummen und langweiligen“ Mitbürger aufwecken möge. Diese Unzufriedenheit mit dem alltäglichen Leben war zu Beginn des Ersten Weltkriegs weit verbreitet, als der englische Dichter Rupert Brooke seine Landsleute als „Halbmenschen“ bezeichnete, die die lange Friedenszeit verdorben hätte. Tolkien äußerte zuweilen ähnliche Ansichten.

The First Map of Middle-earth. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Doch Frodo Beutlin aus dem friedlichen Auenland wünscht sich den Krieg genauso wenig wie Tolkien im England des Jahres 1914. Er beschrieb die Katastrophe als den „Zusammenbruch meiner ganzen Welt.“ Frodo, der zu spät merkt, wie sehr er ein normales Leben liebt, sagt: „Ich wollte, es hätte nicht zu meiner Zeit geschehen müssen.“ Er will weder ein Held sein noch verspricht er, einer zu werden. Wie Tolkien, ein „junger Mann mit zu viel Phantasie“, der in seinem letzten Jahr an der Universität wusste, dass er wahrscheinlich in den Krieg ziehen musste, fürchtet Frodo die Gefahr und die Pflicht, die ihm auferlegt ist. Frodo wird wie die Freiwilligen aus Tolkiens Generation zum Helden, weil er ein unbedeutendes Individuum ist, dass sich zum Wohle aller einer viel zu großen Aufgabe stellt und den Mut und die Kraft findet durchzuhalten.

Frodo zieht diese Kraft aus der Kameradschaft mit seinen Freunden. Er und die anderen Hobbits – „Anführer Frodo und seine Mannen“ nennen sie sich – gehen mit der Gefahr und dem Unbehagen um, wie es auch bei Soldaten üblich ist. Ihr Marsch wird begleitet oder unterbrochen von gemeinsamem Gesang, ordentlichen Mahlzeiten oder einem Bad – die Freuden des gemeinen Soldaten. Ihr gelassener Humor und das völlige Ausblenden ihrer Vorstellungskraft helfen, furchterregende Situationen auf ein normales Maß herunterzubrechen, wie Sam im Kampf mit der teuflischen Spinne Kankra beweist. Er redet mit ihr, als ob er einem vorlauten Hobbit ein paar Ohrfeigen verpassen wollte: „Nun komm, du Scheusal!“

„Mein Sam Gamdschie“, schrieb Tolkien, „ist in der Tat ein Bild des englischen Soldaten, der Gemeinen und Burschen, wie ich sie im Krieg von 1914 und als mir selbst so hoch überlegen erkannt habe.“ Die Beziehung zwischen Frodo und Sam spiegelt die Hierarchie zwischen einem Offizier und seinem Burschen deutlich wieder. Ein Offizier hatte in der Regel eine universitäre Ausbildung genossen und stammte aus der Mittelschicht. Der einfache Arbeiter blieb einfacher Soldat oder schaffte es vielleicht, sich zum Sergeant hochzuarbeiten. Zwischen dem gebildeten und wohlsituierten Frodo und Sam, seinem früheren Gärtner, der ihn nun weckt, die Mahlzeiten zubereitet und seine Sachen zusammenpackt, erstreckt sich ein sozialer Abgrund. Die gemeinsam durchlebte Not bereitet der typisch männlichen Zurückhaltung und den klassenbedingten Unterschieden ein Ende, und schließlich kann Sam zu Frodo sagen: „Herr Frodo, mein Lieber.“

Zu diesem Zeitpunkt ist Frodo von der ständigen Last des böswilligen Rings so zermürbt, dass die Hierarchie zwischen den beiden Hobbits praktisch auf den Kopf gestellt ist. Frodos Rolle entwickelt sich zu einer kindlichen Abhängigkeit: Er hat die Probleme, Sam die Lösungen. Im Ersten Weltkrieg war dieser Vorgang üblich. Die Aufnahme als Offizier in die britische Armee erfolgte als klassenbedingte Entscheidung, nicht weil diese jungen Männer erfahrene Soldaten oder geborene Anführer waren. Die einfachen Soldaten und Unteroffiziere verfügten in der Regel über das notwendige Alter, die Erfahrung und das Wissen, das ihren Vorgesetzten fehlte. Sams simples Geplapper bringt Frodo selbst an der Grenze nach Mordor zum Lachen. „Ein solcher Klang war in diesen Gegenden nicht gehört worden, seit Sauron nach Mittelerde gekommen war“, hält Tolkien fest. Dabei handelt es sich um ein Lachen, wie der Kriegskorrespondent Philip Gibbs glaubte, das als „Flucht vor dem Schrecken diente, als seelischer Befreiungsschlag durch eine geistige Explosion, die die Gefängnismauern der Verzweiflung und des Nachgrübelns überwand.“

Drängende Eile charakterisiert Frodos Reise von Anfang an, und der Erzählrhythmus spielt sich schnell ein. Er besteht aus vier aufeinanderfolgenden, sich stets wiederholenden Abschnitten: der mühsame, angstvolle Kampf, voranzukommen; eine brutale, grauenhafte Auseinandersetzung mit dem Tod oder denen, die ihn bringen; die Flucht vor der Gefahr und ein kurzes Zwischenspiel, in dem sich die Hobbits erholen und ausruhen können. Dies sind nicht nur die Elemente der archetypischen Heldenreise, sie entsprechen auch den tatsächlichen, alltäglichen Erfahrungen des Soldatenlebens im Ersten Weltkrieg: Marsch an die Front, Schützengraben, Rückzug und eine Verschnaufpause.

Earliest map of the Shire. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Auf ihrer Verfolgungsjagd sind Frodos Gefährten Aragorn, Legolas und Gimli mit einer Ausdauer gesegnet, die „in so mancher Halle besungen werden“ sollte, wie Éomer anmerkt: Mann, Elb und Zwerg sind heldenhafte Gestalten an der Schwelle zum Mythos. Wo ihre Schritte flink sind, kämpfen sich die weniger heldenhaften Füße der Hobbits mühsam voran, und nur ihr eiserner Wille lässt sie weitergehen, „ihre Rücken … gebeugt unter ihren Lasten.“ Das klingt wie die Beschreibung der Weltkriegssoldaten in Wilfred Owens Gedicht: „Zweifach gebeugt wie alte Bettler unter ihrem Sack, / X-beinig … Trunken vor Erschöpfung …“ Das Gewicht eines Rucksacks ist die physische Entsprechung der Last, die die Pflicht und das Schicksal einem auferlegen – ebenso wie Frodos besondere Verantwortung, nämlich den Ring zu tragen, der „Folter für die Seele“ bedeutet und eine nahezu unerträgliche „Last für den Körper“.

Doch eine noch größere Belastung für Frodo ist die Erkenntnis, dass das Auge nach ihm suchte: „Es war mehr als das Zerren des Ringes, was bewirkte, dass er sich beim Gehen duckte und bückte.“ Eine so umfassende Überwachung hat in einem mittelalterlichen Epos keinen Platz, und sie fällt auch im 20. Jahrhundert nicht in dieselbe Kategorie wie der Große Bruder aus „1984“. Sauron ist nicht der staatliche Kerkermeister, sondern der militärische Feind. Das Auge lässt seinen Blick über das Land schweifen, um jede Bewegung zu beobachten, und aus der Luft überwachen die Ringgeister, was unter ihnen geschieht. Bei der Durchquerung der Totensümpfe, den „Niemandslanden“ und den „keuchenden Gruben und giftigen Hügeln“ vor dem Schwarzen Tor von Mordor wird die Angst, entdeckt zu werden, immer größer. Tolkien gab später zu, dass die Beschreibung dieser Landschaft von seiner Erinnerung an das Schlachtfeld der Somme inspiriert worden war.

In „Der Herr der Ringe“ besteht stets die Notwendigkeit, sich zu verbergen. Die Helden alter Epen konnten mit wehenden Bannern und lautem Hornstoß in die Schlacht ziehen, und Tolkien bewahrt mit der Schlacht auf den Pelennor-Feldern die Erinnerung an diese Denkweise. Er selbst aber sah sie in den Schützengräben seiner Zeit sterben. Für moderne Helden und für Frodo ist Überraschung der Schlüssel zum Erfolg; sich vor dem Feind zu verbergen, sichert das Überleben.

Der schlimmste Kampf, den ein Soldat im Ersten Weltkrieg zu führen hatte, war nicht gegen feindliche Truppen, sondern gegen Angst und Verzweiflung. Als sich die Briten 1914 bei Mons zurückziehen mussten, entstand aus der Not, der Demoralisierung entgegenzutreten, sogar der Mythos, die Engel selbst hätten in den Konflikt gegen die Deutschen eingegriffen. Mit dem Anführer der Ringgeister erschafft Tolkien ihr Gegenstück. Dieser „große schwarze Reiter, ein dunkler Schatten unter dem Mond“ löst Panik aus: „Nicht durch die Überzahl wurden wir besiegt“, betont Boromir. Als Frodo durch die Klinge des Ringgeists verletzt wird, durchlebt er einen dunklen Traum aus Verzweiflung und Teilnahmslosigkeit.

Tolkiens persönliche Kriegserlebnisse hinterlassen bei den Ringgeistern unverkennbare Spuren. Die frühen, formlosen Gasmasken, die 1916 zum Einsatz kamen, verdeckten das Gesicht ihres Trägers genauso vollkommen, wie es die Kapuzen der Schwarzen Reiter taten, und in ihnen zu atmen verursachte schnüffelnde Geräusche; wer in ihnen zu reden versuchte, sprach zischelnd. Ihr „langgezogenes Wehklagen“, das in einem „hohen, durchdringenden Ton“ endete, erinnert stark an die „schrillen Wahngesänge der Granaten“, so Wilfred Owen, und ein anderer Schriftsteller beschrieb sie als „ein ohrenbetäubendes Kreischen“.

Ich würde behaupten, dass der Ursprung der fliegenden Ringgeister an der Somme zu suchen ist, in der Erinnerung an das Grauen: Doppeldecker und Fesselballons, die das Schlachtfeld überwachten, und die Artilleriegeschosse, die unaufhörlich einschlugen. Der Kriegskorrespondent der „Times“ schrieb über die Somme am Vorabend von Tolkiens erstem Einsatz: „Geschosse pfiffen laut flatternd, in der Dunkelheit von unsichtbaren Flügeln getragen, durch den Himmel und über unsere Köpfe hinweg.“ Der Soldat Frederic Manning schrieb, dass während des Artilleriebeschusses „das Geräusch hektisch geschlagener Flügel die Luft erfüllte, nur um vom Kreischen heranfliegender Granaten übertönt zu werden.“

Es gibt auch Anlass zu vermuten, dass Tolkien auf der Suche nach einer symbolischen Umsetzung für Schlachtfeldtraumata, Demoralisierung und Verzweiflung auf seine Kriegserfahrungen mit Kampfgasen zurückgriff. Ein unsichtbarer „Schwarzer Atem“ wird dafür verantwortlich gemacht, wie die Ringgeister die Moral ihrer Gegner untergraben. Auch Frodo trifft auf eine Wolke der Angst bei der Spinne Kankra. Dem Pfad der Toten entströmt ein „grauer Dunst“, und als Frodo und seine Kameraden auf den Hügelgräberhöhen von einem Nebel überrascht werden, haben sie das Gefühl, „in einer Falle gefangen zu sein.“

Helm's Deep and the Hornburg. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015An dieser Stelle, in dieser verfluchten Grabstätte, ist Frodo zum ersten Mal von der Realität abgeschnitten, in einem Albtraum gefangen, und muss seine Lähmung abschütteln, um die geisterhafte Hand abzuhacken, die nach der Opferklinge zu greifen versucht, die über die Hälse seiner schlafenden Freunde gelegt worden war. Die hier beschriebene Szene erinnert an eine Orientierungslosigkeit, wie sie durch hohes Fieber, tiefsitzende Furcht oder die nahende Schlacht hervorgerufen wurde. Wer über den Ersten Weltkrieg schrieb, betonte den „ungeheuren Kraftakt“, den es brauchte, um endlich in Aktion zu treten. Ein Augenzeuge beobachtete seinen Trupp, allesamt „gute Männer …, die wie in Trance über das Niemandsland blickten und augenscheinlich nicht mehr in der Lage waren, sich auch nur einen Schritt zu bewegen.“ Frodos Versagen, seinen Freunden aus der Notlage helfen zu können, das Gefühl zu Stein verwandelt worden zu sein, das fahle grünliche Licht – das alles erinnert an Wilfred Owens Beschreibung eines Gasangriffs, der Anblick eines vergasten Soldaten, durch die grün gefärbten Gasmaskensichtscheiben: „Undeutlich, durch die beschlagene Scheibe und trübes grünes Licht / Wie in einem grünen Meer …“ Eine nahezu identische Beschreibung findet sich bei der bekanntesten albtraumartigen Begegnung mit den Toten im „Herrn der Ringe“: In den Totensümpfen erkennt Frodo die unter Wasser liegenden Leichen, wie durch „ein Fenster, mit einer schmutzigen Scheibe verglast.“

Die Totensümpfe sind Sinnbild erbärmlicher, sinnloser Verschwendung, und die Krieger in ihren feuchten Gräbern nur Trugbilder, wohl durch die finsteren Kräfte des Dunklen Herrschers beschworen. Die geisterhaften Erscheinungen beziehen sich aber eindeutig auf tatsächlich Erlebtes, selbst wenn Tolkien diese Beobachtung nicht bestätigt hätte. Die Toten der Schlachtfelder blieben allen Überlebenden in Erinnerung, sie verfolgten den Soldaten und Schriftsteller Siegfried Sassoon bis in die Heimat: Er sah sie auf sein Krankenhausbett zukriechen oder auf den Bürgersteigen liegen, als er durch London ging.

Tolkien fasste sein Dasein in den Schützengräben in zwei Worten zusammen: „tierisches Grauen“. Beklemmende, ansteckende Angst verwandelt Menschen in wilde Tiere; der Schrei der Ringgeister bringt Krieger dazu, „nicht mehr an den Krieg (zu denken), sondern nur daran, sich zu verstecken und wegzukriechen, und an den Tod.“ Einer der Kriegskorrespondenten beschrieb es ähnlich, als er sagte, dass sich die Soldaten in der Schlacht zu „primitiven Wesen entwickelten, menschlichen Tieren.“

Der Maßstab des langsamen Verfalls, der Verwandlung in etwas Unmenschliches, ist Gollum. Ein Mythos von der Somme, der unter den gemeinen Soldaten weit verbreitet war, spielte bei seiner Charakterentwicklung unter Umständen eine Rolle. Ein Soldat erinnerte sich später an deutliche Warnungen, dass niemand allein einen bestimmten Punkt in den Schützengräben überqueren sollte, weil ihm dort die „wilden Menschen“ drohten, „die dort lebten, tief im Erdreich, leichenfressende Dämonen, die inmitten der verrottenden Toten hausten und nur des Nachts hervorkamen, um zu plündern und zu morden.“ In einer anderen Erzählung wird ebenso von diesen halb wahnsinnigen Deserteuren berichtet, die allen Armeen entstammten: Sie waren leichenblass, stanken nach moderigem Keller und brachen plötzlich aus „Höhlen und Grotten unter bestimmten Frontabschnitten hervor, um die Sterbenden ihrer Habseligkeiten zu berauben.“

Tolkien beschrieb nur wenige seiner Charaktere so ausführlich wie Gollum: Sein Kopf ist zu groß für den mageren Hals, seine Zunge hängt ihm aus dem Mund, er hat eine „kollernde Kehle“ und seine feuchtkalten, grapschenden Finger knacken vernehmlich. Er wechselt ständig zwischen Kichern und Schluchzen und zuckt zusammen, krümmt sich wie unter unsichtbaren Schlägen. Jedes dieser Symptome lässt sich auch bei Opfern posttraumatischer Belastungsstörungen beobachten. Als die ersten Tausenden Soldaten an der Somme diese Symptome aufwiesen, sprach man noch von „Kriegszitterern“.

Auch bei Frodo tauchen diese Symptome immer häufiger auf. Einzelne Granateinschläge waren für die Erkrankung nicht verantwortlich; schlimmer waren die unaufhörlichen, schweren Bombardements und die langen Einsätze in den vordersten Gräben. Wer sich wie Frodo andauernden Gefahren ausgesetzt sieht, gewöhnt sich nicht an das Grauen, sondern wird mit jedem Tag schwächer. Nur dank Sams unerschütterlicher Kameradschaft ist er überhaupt in der Lage, dem Wahnsinn so lange zu widerstehen, doch als sein treuer Begleiter ihm anbietet, seine Last abzunehmen, verwandelt er sich vor Frodos Augen in einen Ork, der nach seinem Ring grapscht. Der Ring bestimmt nun seine Wahrnehmung, und Frodo weist erste Anzeichen einer gespaltenen Persönlichkeit auf, wie ein weiterer Gollum.

Als Frodo während eines Gewitters den durchdringenden Schrei der Ringgeister hört, lässt ihn das schiere Entsetzen, das von ihm Besitz ergreift, für eine kurze Zeit blind werden. Dieser brutale Angriff auf die Sinne ähnelt in seiner Beschreibung dem, was Soldaten des Ersten Weltkriegs bei Artilleriebeschuss durchlebten. In diesem Fall scheint es sich um ein ungewöhnliches Phänomen zu handeln, aber Blindheit gehörte zu den zahlreichen Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung. Ein Artikel in The Times beschrieb 1915 das Opfer dieses neuen Nervenleidens wie folgt: „Er mag derartig betroffen sein, dass sich selbst seine Sinneswahrnehmungen wandeln; er wird blind oder taub, und oft ist er nicht einmal mehr in der Lage zu riechen oder schmecken. Sein eigenes Ich ist ihm fremd, alle Zusammenhänge, aus denen er selbst besteht … Des Nachts kann er nicht mehr schlafen, und wenn er es doch vermag, so trüben wüste Träume seine Erholung, und bis ins kleinste Detail durchlebt er erneut die Schlachtfelder, auf denen er gekämpft hat.“

Frodo zuckt unkontrolliert, sein Schlaf ist „unruhig …, voller Träume von Feuer“. Die Erinnerung an alles Schöne im Leben ist ausgelöscht. „Kein Geschmack am Essen, kein Gefühl für Wasser, kein Geräusch des Windes, keine Erinnerung an Baum oder Gras oder Blume, keine Vorstellung von Mond oder Stern sind mir geblieben.“ An ihre Stelle tritt das grelle, alles auslöschende Bild des Rings in seiner symbolischen Macht: „Ich bin nackt in der Dunkelheit, Sam, und es gibt keinen Schleier zwischen mir und dem Feuerrad. Ich fange an, es schon mit wachen Augen zu sehen, und alles andere verblasst.“

Doch Frodos Reise ist nicht nur die Geschichte seines körperlichen und geistigen Verfalls. Als Überlebender des Ersten Weltkriegs versuchte Tolkien in all dem Leiden, das er mit eigenen Augen hatte ansehen müssen, einen Sinn zu erkennen, und er fand ihn in der charakterlichen „Veredelung“, die er bei seinen Kameraden beobachtete. Auf den letzten Schritten seiner Heldenreise nimmt Frodo immer mehr Züge des Heilands an: Er hofft, die Welt mit seinem Tod retten zu können; er lässt seine Waffen zurück und weigert sich, sie jemals wieder zu erheben. In vielen Werken mit Bezug zum Ersten Weltkrieg ist der Vergleich mit Jesus Christus gang und gäbe, wenn es um das Leiden der Soldaten und ihrer Bereitschaft zur Selbstaufopferung geht.

Frodo stirbt nicht auf dem Schicksalsberg. Obwohl er versucht, den Ring der Macht für sich zu beanspruchen, erhält er keine Superkräfte. Stattdessen muss er mit ansehen, wie ihm der Ring genommen und gegen seinen Willen zerstört wird. Zu diesem Zeitpunkt erleben wir seinen Zusammenbruch, den er mit aller Macht aufgeschoben hatte. Tolkien fasste es in einem Brief an einen Leser mit folgenden Worten zusammen: Er „dachte, dass er sein Leben geopfert habe: Er erwartete, bald zu sterben. Aber er starb nicht, und man kann sehen, wie die Unruhe in ihm wächst.“ Die Feder eines Überlebenden hat in dieser Erzählung Leid und Kummer eingearbeitet, die den Krieg überdauerten.

Die ersten Vernarbungen sind körperlicher Natur: der verlorene Ringfinger, den Gollum abgebissen hat. Der Kriegsgeneration fiel es schwer, den Sieg der Allgemeinheit mit den Verlusten des Individuums in Einklang zu bringen, und das im wahrsten Sinne: mehr als eine Viertelmillion Briten wurden an Armen und Beinen schwer verletzt, 41.000 so schwer, dass ihr Leben nur noch durch Amputationen gerettet werden konnte.

Dieser Verlust bleibt bei Frodo nicht ohne weitere Folgen, denn ihm geht auch seine Unbescholtenheit verloren. Tatsächlich bedauert er die Zerstörung des bösartigen Rings der Macht. Wahre Helden sollten so etwas nicht denken, aber auch hier scheint die harte Realität des Ersten Weltkriegs durch. Der Ring verstärkt nämlich die Übel, die dem Krieg stets neue Nahrung gaben – Verfolgungswahn, das Verlangen nach Macht, die Übersteigerung des Heldentums –, und Frodos Bedauern ist ein Widerhall auf das überraschendste aller Leiden der demobilisierten Soldaten: die Betrübnis, dass der Krieg vorüber war.

Der Krieg hatte das Leben einfach, klar, intensiv gemacht und die Möglichkeit geboten, Heldentaten zu begehen. Die Heimkehr und der Waffenstillstand bedeuteten Desillusionierung, Verwirrung, Ziellosigkeit und das Ende der Kameradschaft. Die Zivilisten hatten nicht die geringste Ahnung von der Realität der Schützengräben, sondern hielten verzweifelt an der überholten und verklärten Vorstellung des Krieges fest. Soldaten, die „eine gute Figur machten“ – ähnlich den Hobbits Merry und Pippin, als sie ins Auenland zurückkehren –, wurden unter Umständen als Helden gefeiert, aber die Soldaten, die körperlich und geistig verkrüppelt heimkehrten, wurden häufig ignoriert oder gar herablassend behandelt. So geschieht es auch mit Frodo. Am Ende des „Herrn der Ringe“ zeigt Tolkien die Kehrseite der Medaille: Diejenigen, die ihre Abenteuer glücklich überstanden haben, werden mit Ehren überhäuft, doch Frodo, dessen eigene Reise ein psychischer Albtraum war, wird nicht beachtet.

Als sich der Erste Weltkrieg seinem Ende zuneigte, verwandelte sich die romantische Illusion eines heldenhaften Siegs in bittere und komplexe Realität. Diejenigen, die in den Krieg gezogen waren, hatten sich auf immer verändert. Frodos verständnisvolle Sichtweise als einer der Außenseiter, die nach ihrer Rückkehr aus der Schlacht nicht mehr in das Leben der anderen passen, ist von persönlichem Schmerz erfüllt: „Ich bin zu schwer verwundet worden“, sagte er. „Ich versuchte, das Auenland zu retten, und es ist gerettet worden, aber nicht für mich. Das lässt sich oft nicht ändern, Sam, wenn Dinge in Gefahr sind: Manche müssen sie aufgeben, sie verlieren, damit andere sie behalten können.“

Moria West Gate. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015Ein letzter Grund für Frodos Zusammenbruch wird von Tolkien in einem späteren Kommentar als „unvernünftiger Selbstvorwurf“ bezeichnet: „Er sah in sich einen Versager, und alles, was er getan hatte, als misslungen.“ Der Ring ist nicht mehr, trotz seines Handelns, und die Wunden der Welt sind nicht gänzlich geheilt. Frodo scheint den Gefühlen Tolkiens Ausdruck zu verleihen, der aufgrund seiner Erkrankung in seine Heimat zurückkehren durfte, und dessen Bataillon vollständig aufgerieben wurde. Siegfried Sassoons Krieg endete mit einem Heimatschuss, als er vorsichtig über die Brustwehr seines Schützengrabens zu blicken versuchte, aber er hätte in seinen „Memoirs of an Infantry Officer“ auch Frodos Geisteszustand beschreiben können: „Meine Gedanken waren nicht in der Lage, den Zustand des Friedens zu erlangen … Ich begriff mich selbst als Versager, der nichts erreicht hatte außer einem völlig widersinnigen Ende, und mein eigener Verstand hatte für mich nichts mehr übrig außer Geringachtung.“

Frodos innigster Wunsch ist genau dieser „Zustand des Friedens“. Er fragt sich: „Wo werde ich Ruhe finden?“ Die Antwort ist Tolkiens einmalige Wunscherfüllung: Sein verwundeter Held wird auf einem verzauberten Schiff auf die Einsame Insel der Elben gebracht. Jetzt, wo seine Reise ins Feindesland vorüber ist, hat sich Frodo etwas verdient, was man als märchenhafte Flucht vor der Realität verstehen könnte, die Tolkien bis zu diesem Zeitpunkt stets vermieden hatte.

Vielleicht war Tolkiens Mythologie ein für ihn notwendiger Ausdruck von Emotionen, die er anders nicht zum Ausdruck bringen konnte: die Katharsis der Kriegstraumata, so einschneidend sie auch gewesen sein mochten. Auf den ersten Blick scheinen sich seine Erzählungen von der zeitgenössischen literarischen Auseinandersetzung mit dem Weltkrieg zu unterscheiden, aber sie sind auch nichts anderes, als der Versuch einen Sinn im Leben und Tod zu finden, geboren aus der Feuertaufe der Schützengräben.

Orthanc 2, 3, 4. See the Sketches J.R.R. Tolkien Used to Build Middle-Earth for the First Time, Wired October 9th, 2015

Images: The sketches J.R.R. Tolkien used to build Middle-Earth,
in: Wired, Oktober 9th, 2015, by courtesy of the Bodleian Libraries, University of Oxford:

  1. „Map of Rohan, Gondor, and Mordor“: Tolkien used maps such as this one to compute the exact locations of Frodo and Sam as they walked across Emyn Muil and the Dead Marshes and arrived at Mount Doom, so their arrival coincided with the parallel plotlines of other members of the Fellowship.
  2. „Plan of Shelob’s lair“: Dungeons & Dragons players might have been inspired by this map of Shelob the spider’s den had they known of this drawing’s existence. If only D&D had been invented in 1954, when The Lord of the Rings was published, not 1974.
  3. „Distances and dates in Mordor“: Our quest is how long? In this complicated sketch-map, Tolkien worked out distances between various stops along the quest, such as the fact that it was 20 miles from Osgiliath and the Cross-roads of Minas Morgul, just to the west of Mordor.
  4. „The ‚First Map‘ of Middle-earth“: This was Tolkien’s master reference map. His son Christopher Tolkien called it „strange, battered, fascinating, extremely complicated.“ Its layers of sheets and corrections „reacted,“ he said, to the story in progress.
  5. „Earliest map of the Shire“: This map reveals Tolkien’s creative process. The blue and red dashed lines show Frodo, Sam, and Pippin’s route. Faint pencil marks update place-name changes, and reveal other notes about his Middle-earth still under development.
  6. „Helm’s Deep & the Hornburg“: Tolkien doodled on almost anything he could get his hands on. Here, he drew this view of Helm’s Deep, the fortress retreat of the Rohirrim people, on a half-used page of an Oxford examination booklet.
  7. „Moria West Gate“: This colored pencil drawing of the Doors of Durin, the secret entrance to the mines of Moria with its famous „Speak, friend, and enter“ riddle, captures the scale and majesty of the location.The tiny tentacle of the Watcher in the Water, poking out of the water, hints at the Fellowship’s trouble ahead.
  8. „Orthanc (2), 3, (4)“: Tolkien used his illustrations to test ideas for how Middle-earth’s various buildings, places and geological and man-made (and dwarf-, elf-, and hobbit-made) features might appear, and guided how he might describe them in words. Here’s an early, three-part sketch of Saruman’s tower Orthanc, at Isengard.

Soundtrack: Annie Lennox: Into The West,
das Nachspannlied zu The Lord of the Rings: The Return of the King, 2003:

The song was conceived as a bittersweet Elvish lament sung by Galadriel for those who have sailed across the Sundering Sea. Several phrases from the song are taken from the last chapter of The Return of the King.

[T]he song wasn’t inspired by Frodo, but by the premature death from cancer of young New Zealand filmmaker Cameron Duncan, whose work had impressed [director Peter] Jackson and his team. The first public performance of the song was at Duncan’s funeral.

The song won the Oscar for Best Original Song [2004], one of the film’s eleven wins.

Written by Wolf

1. November 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Geibels Wesen und Beruf

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Update zu Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. (Kartoffeln schmälzen):

Wo Geibel und Heyse herrschen, bleibt Georg Büchner draußen vor der Tür.

Robert Minder.

Der Geibelplatz muss weg. Damit ist eigentlich alles gesagt.

Buddenbrookhaus Lübeck zum Geibel-Jahr 2015.

Lorenz Clasen: Germania auf der Wacht am Rhein, 1860Wenn man es denn bemerkt, was man aber kaum schafft, kann man es auch begehen, was man aber nicht muss: Emanuel Geibel ist gerade 200 geworden. In Lübeck, wo nicht einmal der zuständige Stadtrat sagen kann, ob sie dort einen Geibelplatz haben oder nicht, bekommt der Mann deshalb von einem engen Kreis Berufener ein ganzes Geibel-Jahr gewidmet: Das Buddenbrookhaus feiert schon das ganze Jahr lang den großen Dichter des Blutes und des Eisens und findet gar kein Ende mit seinen Veranstaltungen. Unverdächtig oder wenigstens nicht eindeutig überführbar bleibt Herr Geibel wohl deswegen, weil sich jemand, der Emanuel heißt, was Antisemitismus angeht, schon nicht unbotmäßig weit aus dem Fenster gelehnt haben wird. Die Welt vom Samstag, den 17. Oktober 2015 frühstückt das recht passend mit einer einzelnen Notiz als „Zahl des Tages“ im Feuilleton ab, sinnigerweise rechts unten.

——— Emanuel Geibel:

O hätt‘ ich Drachenzähne statt der Lieder

1846:

O hätt‘ ich Drachenzähne statt der Lieder,
Daß, sät‘ ich sie auf diese dürre Küste,
Draus ein Geschlecht von Kriegern wachsen müßte,
Im Waffentanz zu rühren Eisenglieder.

Sie alle sollten Deutschlands Heerschild wieder
Erhöhn, unnahbar jedem Raubgelüste,
Und nimmer fragen nach des Kampfes Rüste,
Bis Hauch des Siegs umspielt‘ ihr Helmgefieder.

Nun hab‘ ich Worte nur, allein wie Saaten
Will ich sie streun in deutsche Seelen wacker,
Ob hier und dort mag eine Frucht geraten.

Doch soll draus aufgehn nicht ein Zorngeflacker,
Nein, ruhig ernst ein Mut zu großen Taten.
Du aber, Herr, bereite selbst den Acker!

Ausgefeilter kann man kaum „Jeder wie er kann“ sagen. Er kann auch eine Frühform von „Deutschland, erwache!“ in Bezug zum antiken Griechenland setzen:

Deutschland, bist du so tief vom Schlaf gebunden

1846:

Deutschland, bist du so tief vom Schlaf gebunden,
Daß diese fremden Zwerge sich getrauen,
Mit frechem Beil in deinen Leib zu hauen,
Als könntest du nicht spüren Streich und Wunden?

Ist deine Ehre so dahingeschwunden
Im Mund der Völker, daß sie keck drauf bauen,
Mit teilnahmloser Ruhe würden schauen
Die Schmach des kranken Gliedes die gesunden?

Erwach‘ und steig empor in Zornes Lohen!
Laß aus der Brust, die nicht umsonst sich brüstet,
Die Riesendonner deiner Stimme drohen!

Da werden, die nach deinem Raub gelüstet,
Entsetzt zerstäuben, wie die Troer flohen
Beim Ruf Achills, noch eh‘ er sich gerüstet.

Formal bleibt gerade in seinen Sonetten kein Wunsch offen, und Geibel hat viele davon. Einwandfreies Reimschema, Versmaß Ehrensache, die Quartette sind thematisch von den Terzetten unterschieden, und beide Teile fließen mühelos in ein Ganzes — nichts dagegen zu sagen. Seine bevorzugten Inhalte allerdings breitet er auch in formal weniger festgezurrten Epigrammen aus und konnte mit einem Fazit davon leider in den deutschen Sprichwortschatz eingehen:

Deutschlands Beruf

1861:

Philipp Veit, Allegorie der Germania, 1834--1836, Wandbild Altes Städelsches Institut Frankfurt am MainSoll’s denn ewig von Gewittern
Am umwölkten Himmel braun?
Soll denn stets der Boden zittern,
Drauf wir unsre Hütten baun?
Oder wollt ihr mit den Waffen
Endlich Rast und Frieden schaffen?

Daß die Welt nicht mehr, in Sorgen
Um ihr leichterschüttert Glück,
Täglich bebe vor dem Morgen,
Gebt ihr ihren Kern zurück!
Macht Europas Herz gesunden,
Und das Heil ist euch gefunden.

Einen Hort geht aufzurichten,
Einen Hort im deutschen Land!
Sucht zum Lenken und zum Schlichten
Eine schwerterprobte Hand,
Die den güldnen Apfel halte
Und des Reichs in Treuen walte.

Sein gefürstet Banner trage
Jeder Stamm, wie er’s erkor,
Aber über alle rage
Stolzentfaltet eins empor,
Hoch, im Schmuck der Eichenreiser
Wall‘ es vor dem deutschen Kaiser.

Wenn die heil’ge Krone wieder
Eine hohe Scheitel schmückt,
Auf dem Haupt durch alle Glieder
Stark ein ein’ger Wille zückt,
Wird im Völkerrat vor allen
Deutscher Spruch aufs neu‘ erschallen.

Dann nicht mehr zum Weltgesetze
Wird die Laun‘ am Seinestrom,
Dann vergeblich seine Netze
Wirft der Fischer aus in Rom,
Länger nicht mit seinen Horden
Schreckt uns der Koloß im Norden.

Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
Klarer Geist und scharfer Hieb
Zügeln dann aus starker Mitte
Jeder Selbstsucht wilden Trieb,
Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen.

Na gut, „Kaiser“ auf „Eichenreiser“, darauf muss man kommen, und das ist nicht ganz ohne Charme. 2014, als das Jubiläum noch ohne Geibel-Jahr abging, hat der nicht genug zu lobende Silvae eine Ehrenrettung Geibels zum 130. Todestag versucht — und sogar geschafft, ihm eine nicht ganz so bluttriefende, eisenrasselnde Seite abzugewinnen, mit der Zusammenfassung:

Wenn man die Gedichte liest, die sich hier im Goethezeitportal finden, dann lernt man einen anderen Geibel kennen. Auf jeden Fall einen ohne Drachenzähne.

Nicht einmal übliche Verdächtige werden sich heute mehr als Geibel-Fans outen (im Gegenteil: die wahrscheinlich als letzte), da wird man den Mann wohl noch rehabilitieren dürfen. Wenn Herr Silvae sich am runden Todestag so wohlwollend gezeigt hat, wollen wir am noch runderen Geburtstag erst recht mal nicht so sein, und so „wird im Völkerrat vor allen deutscher Spruch aufs neu‘ erschallen“. Gereimt sind sie ja wirklich gut.

Christian Köhler, Erwachende Germania, 1849

Deutsche Wesen: Lorenz Clasen: Germania auf der Wacht am Rhein, Düsseldorfer Malerschule, 1860
via Die holde Germania wacht jetzt in Leipzig, Westdeutsche Zeitung, 8. August 2013;
Philipp Veit: Allegorische Figur der Germania, 1834–1836, Wandbild aus dem alten Städelschen Institut, rechtes Seitenbild: Die mit Eichenlaub bekrönte Germania ist umgeben von mehreren Symbolen, die in der Romantik mit Deutschland verbunden waren (Reichskrone, Wappen des Heiligen Römischen Reichs, die Wappen der Kurfürsten, Reichsschwert und die Rheinlandschaft);
Christian Köhler: Erwachende Germania, 1849,
Öl auf Leinwand, 220 cm × 280 cm, New York Historical Society:
Vor Germania erscheint der Genius der Freiheit, während Knechtschaft und Zwietracht in den Abgrund stürzen.

Soundtrack: Emanuel Geibels unverfänglicher Smash-Hit Der Mai ist gekommen 1841, geschrieben im Biergarten des Lübecker Gasthofs, der später dem YouTuber gehörte, der die Rezitation von Frank Arnold veröffentlichen sollte.

Written by Wolf

23. Oktober 2015 at 00:01

Was zusammengehört

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer:

Hannah Häseker, Hamburg, August 2015, Hasselblad 503cx oder Canon A-1

——— Bernd Jentzsch:

Verbotenes Lied

1978, in: Flöze. Schriften und Archive 1954–1992, Connewitz, Leipzig, 1993, Seite 227:

O Vaterland, o Vaterland.
Laß uns dir zum Guten dienen.
Einigkeit und Recht und Freiheit.
Brüderlich mit Herz und Hand.
Und das liebste mags uns scheinen,
So wie andern Völkern ihrs,
Und der Zukunft zugewandt.

——— Kurt Bartsch:

Liedervereinigung

5. Oktober 1991 in: Neues Deutschland:

Auferstanden aus Ruinen
Brüderlich mit Herz und Hand
Laß uns dir zum Guten dienen
Daß zum Zwecke Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Einigkeit und Recht und Freiheit
Zu dem Bade sich ergieße
Und der Zukunft zugewandt.

Hannah Häseker, Hamburg, August 2015, Hasselblad 503cx oder Canon A-1

Bilder: Hannah Helene „Holunder“ Häseker, Hamburg, August 2015,
analoger Ilford auf Hasselblad 503cx oder Canon A-1.

Written by Wolf

3. Oktober 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Ein Mann tut müssen, was ein Mann müssen tut

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Update zu Ich bescheide mich
und Zeichenstifter:

——— Tobias Haberl („Tobias Haberl liebt Richard Wagner, die deutsche Romantik und seine Heimat, den Bayerischen Wald. Er liebt aber auch eine Frau aus Südostasien, die erst vor ein paar Jahren den deutschen Pass bekommen hat. Er findet: Das passt wunderbar zusammen.“):

Reihe 7 Platz 88.
Udo Voigt hat sein Leben in der NPD verbracht. Er verachtet die EU. Doch seit einem Jahr sitzt er im Europaparlament. Wie hält die Demokratie so einen aus? Und hat ihn dieses Amt verändert? Wir haben ihn vom ersten Tag an begleitet.

in: Süddeutsche Zeitung Magazin Nummer 19 / 8. Mai 2015,
Seite 8 bis 20, Ausschnitt Seite 17, hier Zitate hervorgehoben:

Daniel Delang für Tobias Haberl, Reihe 7 Platz 88, Süddeutsche Zeitung Magazin 19, 8. Mai 2015Er kann sich nicht vorstellen, wie man das nicht wollen kann: seinem Land dienen. Überhaupt muss man tief in die Vergangenheit zurückgehen, in die Nachkriegszeit in der kleinen Stadt Viersen am Niederrhein, wenn man nachvollziehen will, wie sich der Junge, der besessen Karl May las und übermütig den Schützen- und Fanfarenumzügen nachlief, zu dem Menschen radikalisiert hat, der in Deutschland die Todesstrafe einführen möchte und auf seiner Wikipedia-Seite mit dem Anführer des Ku-Klux-Klans posiert. Voigts Vater war Hitlerjunge. Als Soldat nahm er an den Feldzügen gegen Polen, Frankreich und Russland teil. 1949 kam er aus der Gefangenschaft zurück. Voigt hat seinen Vater geliebt und bewundert. Er sagt heute noch „Papa“, wenn er von ihm spricht. „In der Schule“, sagt er, „habe ich Fotos von Panzern gezeigt, die er abgeschossen hat.“ Als sein Vater im Jahr 2000 stirbt, zitiert Voigt in der Traueranzeige Adalbert Stifter:

Denn was auch immer auf Erden besteht
Besteht durch Ehre und Treue.
Wer heute die alte Pflicht verrät
Verrät auch morgen die neue.

Er hantiert ständig mit solchen Versen. Auf Facebook postet er alle paar Wochen ein Gedicht, einen Aphorismus, ein paar Zeilen aus einem deutschen Drama. Meistens muss er tief ins 19. Jahrhundert zurückgehen, um die Gedanken zu finden, die ihm Mut machen, die ihn trösten, an Silvester 2014 zitiert er Friedrich Schiller:

Solang mein Herz noch schlägt
Mich mein Gefühl noch trägt
Werd‘ ich bis zum Schluss
Einfach tun, was ich glaub zu tun muss

— aber er täuscht sich: In Wahrheit stammt der Vers von der Schlagersängerin Nicole.

Voigt tritt 1968 mit 16 Jahren in die NPD ein und wird ebenfalls Soldat.

Sind jetzt seit dem 19. Jahrhundert die Gassenhauer schillernder geworden oder die Klassiker schlagender?

Schillern: Nicole: Solang mein Herz noch schlägt, aus: Und ich denke schon wieder nur an dich, 1991. Text: Bernd Meinunger; Musik: Alfons Weindorf.
Für Bernd Meinunger ist „Vollprofi“ weit untertrieben; natürlich hat der Mann für Nicole korrekte deutsche Sätze gebildet.
Bild: Daniel Delang für Tobias Haberl a.a.O.:

Zwei von vier Mitarbeitern von Udo Voigt sind Vegetarier, an diesem Tag wird trotzdem in einer urigen Kneipe auf der deutschen Rheinseite gegessen. Von links: Karl Richter (NPD), ein EU-Mitarbeiter aus Belgien, Florian Stein (NPD) und Udo Voigt.

Rehgulasch mit Nudeln: 16,50 €!

Written by Wolf

9. Juli 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Die Tage wurden trüber (wie von grober Mettwurst geschmiert)

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Das muss man sich auch einmal klar gemacht haben: Sommersonnenwende bedeutet, dass die Tage seit 21. Juni kürzer und im Ausgleich dazu die Nächte länger werden. Rechnerisch ist Sommeranfang schon Winteranfang. Die gute Nachricht ist: Mit dem gleichen Argument ist Sommeranfang kurz vor Weihnachten.

Das Lästige zum sommerlichen wie zum winterlichen Anlass sind die Literatur-Specials der Zeitungen, einmal für die „Strandlektüre“, einmal für die „Geschenkideen“ – beides so nützlich und zeitgemäß wie Käse- und Mettigel.

Aber gut, in der Welt stehen sie wenigstens dazu, dem Buchhandel – florieren soll er! – scheint es nicht zu schaden, und solange einer von 16 Redakteuren Heine empfiehlt, dürfen sie auch so tun, als ob sie jemals ein Reclam-Heft von Giacomo Leopardi gelesen hätten.

Ich bringe diese 2 relevanten von 16 Empfehlungen im Volltext und lasse den bezahlten Journalisten ihre Rechtschreibung; dafür darf jetzt ich eigenmächtig die Zitate hervorheben.

——— Frédéric Schwilden:

Frédéric Schwilden friert mit Heinrich Heine

aus:

Wir packen unsere Koffer und nehmen mit …

Pauschalreisen für unter zehn Euro? Gibt’s nur in der Literatur. Wir empfehlen für diesen Lesesommer: Kreuzfahrten über das Gleismeer, Paddeltouren durch die Pools der Nachbarn, Hiking im Haulewald oder eine Kutschfahrt nach Hagen. Reisen Sie! Lesen Sie! Buchen Sie!

in: Die Welt, Samstag/Sonntag, 27./28. Juni 2015, Literarische Welt, Seite 2:

George Clark Stanton, Death and the MaidenDass Heines „Wintermärchen“ (Insel, 6,50 €) nichts als die Wahrheit ist, zeigt der Zusatz „Märchen“ und die Tatsache, dass es damals als satirisches Gedicht herausgegeben wird. 1844 ist das. Auf Heines in Versform gestalteter Reise (literarische Kutschfahrt) von Frankreich über Köln, Hagen (Hagen?!), Paderborn, Minden bis nach Hamburg, gleitet der junge Autor wie von grober Mettwurst geschmiert durch ein Deutschland der Restaurationszeit. Das Irre daran ist, es scheint, als habe sich nichts verändert. Denken wir an Europa, an Deutschland heute und lesen Heine:

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Deswegen, fahren Sie nach Ischia, gehen Sie ins Hotel „Miramar“ und bestellen Sie die große Leberwurststulle. Es wird ein merkelhafter Urlaub.

——— Dirk Schümer:

Dirk Schümer kühlt sich mit Giacomo Leopardi

a.a.O.:

Henri Lévy, Death and the Maiden, detail, 1900Warum zur Sommerzeit nicht mit dem größten Dichter des Nichts in den Süden reisen? Giacomo Leopardi stammt aus dem langweilig-schönen Recanati im Hinterland der Adria. Hier stopfte sich der Kranke – ein von Knochentuberkulose zerfressener Gnom mit zwei Buckeln – mit Europas Bücherwissen voll. Ein Vierteljahrhundert lang erstickte er an Lieblosigkeit, Isolation, Schmerzen und unerfüllter Sehnsucht. Dann ein paar Reisen quer durch Italien; schließlich 1837 mit noch nicht mal Vierzig der Tod in Neapel. In seinem Leiden dichtete Leopardi erbarmungslose „Gesänge und Fragmente“ (Reclam, 7,80 €) über die insektenhafte Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz:

Und so ertrinkt in Unermesslichkeit mein Geist. Und Scheitern ist mir süß in diesem Meer.

Mit diesem Bad im Wörtersee wird selbst der allerheißeste Mittelmeersommer wieder kühl.

Bilder: George Clark Stanton: Death and the Maiden;
Henri Lévy: Death and the Maiden, Detail, 1900.

Written by Wolf

2. Juli 2015 at 00:01

Morgenschillern oder Warum die Freiheit des Menschen in Deutschland wohnt

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Bislang war Schiller in diesen heil’gen Hallen unterrepräsentiert. Dabei hat der Mann heute viel mehr Fans als Goethe, allein wegen seiner Krimis in Dialogform, die fleißig in Schulen durchgenommen werden: Die Räuber und Kabale und Liebe behandeln so zeitlose Probleme, dass sie auch der Jugend des dritten Jahrtausends etwas sagen, und sind mit ihren frühen Ansätzen des Suspense lange nicht so weinerlich wie der Goethesche Werther. Im Schillerjahr 2005 konnte mir eine damalige Schülerin von 15 Jahren mit aller Sicherheit den Finger darauf legen, Schiller sei sympathisch, Goethe unsympathisch.

Dabei ist es mit seinen Gesamtausgaben so eine Sache. Von Goethe gibt es mehr oder weniger vollständige und mehr oder weniger sorgfältig kuratierte Auswahlen in allen Größen, Farben und Formen für alle Bedürfnisse, von Schiller eine einzige relevante Gesamtausgabe — die weder ein eigenes Bibliothekszimmer sowie einen Kredit erfordert, noch ein paar lieblose Volltextfetzen versammelt, die online günstiger und fehlerfreier gestanden wären — die fünfbändige bei Hanser von Jörg Robert, Peter-André Alt, Albert Meier, Wolfgang Riedel und Irmgard Müller, als Taschenbücher bei dtv. Die benutze ich seit Jahren.

Und muss erst kürzlich erleben, dass sie alles andere als vollständig ist. Irgendwas fehlt immer, seien es Briefe, Jugendgedichte, rekonstruierte Notizzettel oder Zweitfassungen, und in anständigen Ausgaben wird das angekündigt und begründet, das ist völlig in der Ordnung. Bei Hanser werden gerade die paar kürzeren historischen Aufsätze, die Spaß machen … nun, man will nicht sagen, „unterschlagen“, weil das bestimmt editorisch zu rechtfertigen ist — aber eben weggelassen. Und sie fehlen schmerzlich, sobald man von ihrer Existenz weiß.

Persönlich waren mir Die Räuber nie mehr als wenig nahrhaftes und leicht versalzenes Popcorn für die Schulplatzmiete, und Kabale und Liebe war erst durch Paula Kalenberg als Luise erträglich, die historischen Aufsätze dagegen schreien dringend nach einiger Verbreitung: Wenn Schiller sich schon mal freiwillig ausführlich übers Mittelalter äußert, wie kann denn da nicht alle Welt gebannt zuhören wollen? Ich empfehle für solche Sachen in rohem Text das Friedrich-Schiller-Archiv — für eine gewisse Möblierung des Textes hoffe ich auf baldigen Zugriff auf die historisch-kritische Ausgabe, die hoffentlich im Lesesaal meiner großen Stadtbibliotheksfiliale auf dergleichen Ehrgeiz wartet — und natürlich auf meinen eigenen Einsatz des interessierten Laien.

Schiller handelt davon, warum anders als im alten Rom und Griechenland und erst recht im etwas herablassend betrachteten Asien nur in Europa und dort vor allem im pathetisch hochgelobten Deutschland die Voraussetzungen für nicht weniger denn die umfassende Freiheit „des Menschen“ gedeihen konnten (soll ich’s kurz spoilern? — Durch die Aufklärung natürlich). Über seine Erkenntnisse und seine Wege zu ihr kann man diskutieren, aber vielleicht wollte er ja genau das, und wer weiß, wie in 223 Jahren auf unsere von Anfang an gescheiterte Globalität geblickt wird.

Zur Einordnung: 1792 war Deutschland ein feudal und sehr heterogen regierter Agrarstaat, in dem eins der minder bedeutenden Herzogtümer die Weimarer Klassik ausbildete, in Frankreich tobte die Große Revolution. In diesem Moment verwendet Schiller in Über Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter erstmals den Ausdruck „Völkerwanderung“ als feste Epochenbezeichnung, woraufhin er sich schnell verbreitete. Der Aufsatz scheint also einst recht einflussreich gewesen. Ich gebe ihn hier mit Schillers gesperrten Hervorhebungen kursiv sowie als Online-Premiere zugleich mit den beiden Fußnoten wieder.

Das überlieferte Bildmaterial über die und naturgemäß vor allem aus der Völkerwanderung ist weder ergiebig noch spektakulär. Um uns, was an dieser Stelle ebenfalls notwendig scheint, Goethes verdienstreichem Sidekick Schiller zu nähern, der zumindest vor einem mageren Jahrzehnt noch bei literaturwissenschaftlich gleichgültigen 15-jährigen Mädchen Anklang gefunden hat, garnieren wir mit populärwissenschaftlichen Vintage-Bildern aus dem Goethezeitportal.

——— Friedrich Schiller:

Über Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter

1792:

Dieser Aufsatz war ein Theil der einleitenden Abhandlung, die dem ersten Bande der ersten Abteilung der von dem Verfasser herausgegebenen historischen Memoires vorgedruckt wurde.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Das neue System gesellschaftlicher Verfassung, welches, im Norden von Europa und Asien erzeugt, mit dem neuen Völkergeschlechte auf den Trümmern des abendländischen Kaiserthums eingeführt wurde, hatte nun beinahe sieben Jahrhunderte lang Zeit gehabt, sich auf diesem neuen und größern Schauplatz und in neuen Verbindungen zu versuchen, sich in allen seinen Arten und Abarten zu entwickeln und alle seine verschiedenen Gestalten und Abwechslungen zu durchlaufen. Die Nachkommen der Vandalen, Sueven, Alanen, Gothen, Heruler, Longobarden, Franken, Burgundier u. a. m. waren endlich eingewohnt auf dem Boden, den ihre Vorfahren mit dem Schwert in der Hand betreten hatten, als der Geist der Wanderung und des Raubes, der sie in dieses neue Vaterland geführt, beim Ablauf des eilften Jahrhunderts in einer andern Gestalt und durch andre Anlässe wieder bei ihnen aufgeweckt wurde. Europa gab jetzt dem südwestlichen Asien die Völkerschwärme und Verheerungen heim, die es siebenhundert Jahre vorher von dem Norden dieses Welttheils empfangen und erlitten hatte, aber mit sehr ungleichem Glücke; denn so viel Ströme Bluts es den Barbaren gekostet hatte, ewige Königreiche in Europa zu gründen, so viel kostete es jetzt ihren christlichen Nachkommen, einige Städte und Burgen in Syrien zu erobern, die sie zwei Jahrhunderte darauf auf immer verlieren sollten.

Die Thorheit und Raserei, welche den Entwurf der Kreuzzüge erzeugten, und die Gewalttätigkeiten, welche die Ausführung desselben begleitet haben, können ein Auge, das die Gegenwart begrenzt, nicht wohl einladen, sich dabei zu verweilen. Betrachten wir aber diese Begebenheit im Zusammenhang mit den Jahrhunderten, die ihr vorhergingen, und mit denen, die darauf folgten, so erscheint sie uns in ihrer Entstehung zu natürlich, um unsere Verwunderung zu erregen, und zu wohlthätig in ihren Folgen, um unser Mißfallen nicht in ein ganz andres Gefühl aufzulösen. Sieht man auf ihre Ursachen, so ist diese Expedition der Christen nach dem heiligen Lande ein so ungekünsteltes, ja ein so nothwendiges Erzeugniß ihres Jahrhunderts, daß ein ganz Ununterrichteter, dem man die historischen Prämissen dieser Begebenheit ausführlich vor Augen gelegt hätte, von selbst darauf verfallen müßte. Sieht man auf ihre Wirkungen, so erkennt man in ihr den ersten merklichen Schritt, wodurch der Aberglaube selbst die Uebel anfing zu verbessern, die er dem menschlichen Geschlecht Jahrhunderte lang zugefügt hatte, und es ist vielleicht kein historisches Problem, das die Zeit reiner aufgelöst hätte, als dieses, keines, worüber sich der Genius, der den Faden der Weltgeschichte spinnt, befriedigender gegen die Vernunft des Menschen gerechtfertigt hätte.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Aus der unnatürlichen und entnervenden Ruhe, in welche das alte Rom alle Völker, denen es sich zur Herrscherin aufdrang, versenkte, aus der weichlichen Sklaverei, worin es die thätigsten Kräfte einer zahlreichen Menschenwelt erstickte, sehen wir das menschliche Geschlecht durch die gesetzlose stürmische Freiheit des Mittelalters wandern, um endlich in der glücklichen Mitte zwischen beiden Aeußersten auszuruhen und Freiheit mit Ordnung, Ruhe mit Thätigkeit, Mannigfaltigkeit mit Uebereinstimmung wohlthätig zu verbinden.

Die Frage kann wohl schwerlich sein, ob der Glücksstand, dessen wir uns erfreuen, dessen Annäherung wir wenigstens mit Sicherheit erkennen, gegen den blühendsten Zustand, worin sich das Menschengeschlecht sonst jemals befunden, für einen Gewinn zu achten sei, und ob wir uns gegen die schönsten Zeiten Roms und Griechenlands auch wirklich verbessert haben. Griechenland und Rom konnten höchstens vortreffliche Römer, vortreffliche Griechen erzeugen – die Nation, auch in ihrer schönsten Epoche, erhob sich nie zu vortrefflichen Menschen. Eine barbarische Wüste war dem Athenienser die übrige Welt außer Griechenland, und man weiß, daß er dieses bei seiner Glückseligkeit sehr mit in Anschlag brachte. Die Römer waren durch ihren eigenen Arm bestraft, da sie auf dem ganzen großen Schauplatz ihrer Herrschaft nichts mehr übrig gelassen hatten als römische Bürger und römische Sklaven. Keiner von unsern Staaten hat ein römisches Bürgerrecht auszutheilen; dafür aber besitzen wir ein Gut, das, wenn er Römer bleiben wollte, kein Römer kennen durfte – und wir besitzen es von einer Hand, die Keinem raubte, was sie Einem gab, und was sie einmal gab, nie zurücknimmt: wir haben Menschenfreiheit; ein Gut, das – wie sehr verschieden von dem Bürgerrecht des Römers! – an Werthe zunimmt, je größer die Anzahl Derer wird, die es mit uns theilen, das, von keiner wandelbaren Form der Verfassung, von keiner Staatserschütterung abhängig, auf dem festen Grunde der Vernunft und Billigkeit ruhet.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Der Gewinn ist also offenbar, und die Frage ist bloß diese: war kein näherer Weg zu diesem Ziele? konnte sich diese heilsame Veränderung nicht weniger gewaltsam aus dem römischen Staat entwickeln, und mußte das Menschengeschlecht nothwendig die traurige Zeitstrecke vom vierten bis zum sechzehnten Jahrhundert durchlaufen?

Die Vernunft kann in einer anarchischen Welt nicht aushalten. Stets nach Uebereinstimmung strebend, läuft sie lieber Gefahr, die Ordnung unglücklich zu verteidigen, als mit Gleichgültigkeit zu entbehren.

War die Völkerwanderung und das Mittelalter, das darauf folgte, eine nothwendige Bedingung unserer bessern Zeiten?

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Asien kann uns einige Aufschlüsse darüber geben. Warum blühten hinter dem Heerzuge Alexanders keine griechische Freistaaten auf? Warum sehen wir Sina, zu einer traurigen Dauer verdammt, in ewiger Kindheit altern? Weil Alexander mit Menschlichkeit erobert hatte, weil die kleine Schaar seiner Griechen unter den Millionen des großen Königs verschwand, weil sich die Horden der Mantschu in dem ungeheuren Sina unmerkbar verloren. Nur die Menschen hatten sie unterjocht; die Gesetze und die Sitten, die Religion und der Staat waren Sieger geblieben. Für despotisch beherrschte Staaten ist keine Rettung als in dem Untergang. Schonende Eroberer führen ihnen nur Pflanzvölker zu, nähren den siechen Körper und können nichts, als eine Krankheit verewigen. Sollte das verpestete Land nicht den gesunden Sieger vergiften, sollte sich der Deutsche in Gallien nicht zum Römer verschlimmern, wie der Grieche zu Babylon in einen Perser ausartete, so mußte die Form zerbrochen werden, die seinem Nachahmungsgeist gefährlich werden konnte, und er mußte auf dem neuen Schauplatz, den er jetzt betrat, in jedem Betracht der stärkere Theil bleiben.

Die scythische Wüste öffnet sich und gießt ein rauhes Geschlecht über den Occident aus. Mit Blut ist seine Bahn bezeichnet. Städte sinken hinter ihm in Asche, mit gleicher Wuth zertritt er die Werke der Menschenhand und die Früchte des Ackers; Pest und Hunger holen nach, was Schwert und Feuer vergaßen; aber Leben geht nur unter, damit besseres Leben an seiner Stelle keime. Wir wollen ihm die Leichen nicht nachzählen, die es aufhäufte, die Städte nicht, die es in die Asche legte. Schöner werden sie hervorgehen unter den Händen der Freiheit, und ein besserer Stamm von Menschen wird sie bewohnen. Alle Künste der Schönheit und der Pracht, der Ueppigkeit und Verfeinerung gehen unter; kostbare Denkmäler, für die Ewigkeit gegründet, sinken in den Staub, und eine tolle Willkür darf in dem feinen Räderwerk einer geistreichen Ordnung wühlen; aber auch in diesem wilden Tumult ist die Hand der Ordnung geschäftig, und was den kommenden Geschlechtern von den Schätzen der Vorzeit beschieden ist, wird unbemerkt vor dem zerstörenden Grimm des jetzigen geflüchtet. Eine wüste Finsterniß breitet sich jetzt über dieser weiten Brandstätte aus, und der elende ermattete Ueberrest ihrer Bewohner hat für einen neuen Sieger gleich wenig Widerstand und Verführung.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Raum ist jetzt gemacht auf der Bühne – und ein neues Völkergeschlecht besetzt ihn, schon seit Jahrhunderten, still und ihm selbst unbewußt, in den nordischen Wäldern zu einer erfrischenden Colonie des erschöpften Westen erzogen. Roh und wild sind seine Gesetze, seine Sitten; aber sie ehren in ihrer rohen Weise die menschliche Natur, die der Alleinherrscher in seinen verfeinerten Sklaven nicht ehret. Unverrückt, als wär‘ er noch auf salischer Erde, und unversucht von den Gaben, die der unterjochte Römer ihm anbietet, bleibt der Franke den Gesetzen getreu, die ihn zum Sieger machten; zu stolz und zu weise, aus den Händen der Unglücklichen Werkzeuge des Glücks anzunehmen. Auf dem Aschenhaufen römischer Pracht breitet er seine nomadischen Gezelte aus, bäumt den eisernen Speer, sein höchstes Gut, auf dem eroberten Boden, pflanzt ihn vor den Richterstühlen aus, und selbst das Christentum, will es anders den Wilden fesseln, muß das schreckliche Schwert umgürten.

Und nun entfernen sich alle fremden Hände von dem Sohne der Natur. Zerbrochen werden die Brücken zwischen Byzanz und Massilien, zwischen Alexandria und Rom, der schüchterne Kaufmann eilt heim, und das ländergattende Schiff liegt entmastet am Strande. Eine Wüste von Gewässern und Bergen, eine Nacht wilder Sitten wälzt sich vor den Eingang Europens hin, der ganze Welttheil wird geschlossen.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Ein langwieriger, schwerer und merkwürdiger Kampf beginnt jetzt: der rohe germanische Geist ringt mit den Reizungen eines neuen Himmels, mit neuen Leidenschaften, mit des Beispiels stiller Gewalt, mit dem Nachlaß des umgestürzten Roms, der in dem neuen Vaterland noch in tausend Netzen ihm nachstellt; und wehe dem Nachfolger eines Clodio, der auf der Herrscherbühne des Trajanus sich Trajanus dünkt! Tausend Klingen sind gezückt, ihm die scythische Wildniß ins Gedächtniß zu rufen. Hart stößt die Herrschsucht mit der Freiheit zusammen, der Trotz mit der Festigkeit, die List strebt, die Kühnheit zu umstricken, das schreckliche Recht der Stärke kommt zurück, und Jahrhunderte lang sieht man den rauchenden Stahl nicht erkalten. Eine traurige Nacht, die alle Köpfe verfinstert, hängt über Europa herab, und nur wenige Lichtfunken fliegen auf, das nachgelaßne Dunkel desto schrecklicher zu zeigen. Die ewige Ordnung scheint von dem Steuer der Welt geflohen oder, indem sie ein entlegenes Ziel verfolgt, das gegenwärtige Geschlecht aufgegeben zu haben. Aber, eine gleiche Mutter allen ihren Kindern, rettet sie einstweilen die erliegende Ohnmacht an den Fuß der Altäre, und gegen eine Noth, die sie ihm nicht erlassen kann, stärkt sie das Herz mit dem Glauben der Ergebung. Die Sitten vertraut sie dem Schutz eines verwilderten Christentums und vergönnt dem mittlern Geschlechte, sich an diese wankende Krücke zu lehnen, die sie dem stärkern Enkel zerbrechen wird. Aber in diesem langen Kriege erwarmen zugleich die Staaten und ihre Bürger; kräftig wehrt sich der deutsche Geist gegen den herzumstrickenden Despotismus, der den zu früh ermattenden Römer erdrückte; der Quell der Freiheit springt in lebendigem Strom, und unüberwunden und wohlbehalten langt das spätere Geschlecht bei dem schönen Jahrhundert an, wo sich endlich, herbeigeführt durch die vereinigte Arbeit des Glücks und des Menschen, das Licht des Gedankens mit der Kraft des Entschlusses, die Einsicht mit dem Heldenmuth gatten soll. Da Rom noch Scipionen und Fabier zeugte, fehlten ihm die Weisen, die ihrer Tugend das Ziel gezeigt hätten; als seine Weisen blühten, hatte der Despotismus sein Opfer gewürgt, und die Wohlthat ihrer Erscheinung war an dem entnervten Jahrhundert verloren. Auch die griechische Tugend erreichte die hellen Zeiten des Perikles und Alexanders nicht mehr, und als Harun seine Araber denken lehrte, war die Gluth ihres Busens erkaltet. Ein beßrer Genius war es, der über das neue Europa wachte. Die lange Waffenübung des Mittelalters hatte dem sechzehnten Jahrhundert ein gesundes, starkes Geschlecht zugeführt und der Vernunft, die jetzt ihr Panier entfaltet, kraftvolle Streiter erzogen.

Auf welchem andern Strich der Erde hat der Kopf die Herzen in Gluth gesetzt und die Wahrheit1) den Arm der Tapfern bewaffnet? Wo sonst, als hier, erlebte man die Wundererscheinung, daß Vernunftschlüsse des ruhigen Forschers das Feldgeschrei wurden in mördrischen Schlachten, daß die Stimme der Selbstliebe gegen den stärkeren Zwang der Ueberzeugung schwieg, daß der Mensch endlich das Theuerste an das Edelste setzte? Die erhabenste Anstrengung griechischer und römischer Tugend hat sich nie über bürgerliche Pflichten geschwungen, nie oder nur in einem einzigen Weisen, dessen Name schon der größte Vorwurf seinem Zeitalters ist; das höchste Opfer, das die Nation in ihrer Heldenzeit brachte, wurde dem Vaterland gebracht. Beim Ablauf des Mittelalters allein erblickt man in Europa einen Enthusiasmus, der einem höhern Vernunftidol auch das Vaterland opfert. Und warum nur hier, und hier auch nur einmal diese Erscheinung? Weil in Europa allein, und hier nur am Ausgang des Mittelalters, die Energie des Willens mit dem Licht des Verstandes zusammentraf, hier allein ein noch männliches Geschlecht in die Arme der Weisheit geliefert wurde.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Durch das ganze Gebiet der Geschichte sehen wir die Entwicklung der Staaten mit der Entwicklung der Köpfe einen sehr ungleichen Schritt beobachten. Staaten sind jährige Pflanzen, die in einem kurzen Sommer verblühn und von der Fülle des Saftes rasch in die Fäulniß hinübereilen; Aufklärung ist eine langsame Pflanze, die zu ihrer Zeitigung einen glücklichen Himmel, viele Pflege und eine lange Reihe von Frühlingen braucht. Und woher dieser Unterschied? Weil die Staaten der Leidenschaft anvertraut sind, die in jeder Menschenbrust ihren Zunder findet, die Aufklärung aber dem Verstande, der nur durch fremde Nachhilfe sich entwickelt, und dem Glück der Entdeckungen, welche Zeit und Zufälle nur langsam zusammentragen. Wie oft wird die eine Pflanze blühen und welken, ehe die andre einmal heranreift? Wie schwer ist es also, daß die Staaten die Erleuchtung abwarten, daß die späte Vernunft die frühe Freiheit noch findet? Einmal nur in der ganzen Weltgeschichte hat sich die Vorsehung dieses Problem aufgegeben, und wir haben gesehen, wie sie es löste. Durch den langen Krieg der mittlern Jahrhunderte hielt sie das politische Leben in Europa frisch, bis der Stoff endlich zusammengetragen war, das moralische zur Entwicklung zu bringen.2)

Nur Europa hat Staaten, die zugleich erleuchtet, gesittet und ununterworfen sind; sonst überall wohnt die Wildheit bei der Freiheit und die Knechtschaft bei der Cultur. Aber auch Europa allein hat sich durch ein kriegerisches Jahrtausend gerungen, und nur die Verwüstung im fünften und sechsten Jahrhundert konnte dieses kriegerische Jahrtausend herbeiführen. Es ist nicht das Blut ihrer Ahnherren, nicht der Charakter ihres Stammes, der unsre Väter vor dem Joch der Unterdrückung bewahrte, denn ihre gleich frei gebornen Brüder, die Turkomanen und Mantschu, haben ihre Nacken unter den Despotismus gebeugt. Es ist nicht der europäische Boden und Himmel, der ihnen dieses Schicksal ersparte, denn auf eben diesem Boden und unter eben diesem Himmel haben Gallier und Britten, Hetrurier und Lusitanier das Joch der Römer geduldet. Das Schwert der Vandalen und Hunnen, das ohne Schonung durch den Occident mähte, und das kraftvolle Völkergeschlecht, das den gereinigten Schauplatz besetzte und aus einem tausendjährigen Kriege unüberwunden kam – diese sind die Schöpfer unsers jetzigen Glücks; und so finden wir den Geist der Ordnung in den zwei schrecklichsten Erscheinungen wieder, welche die Geschichte aufweiset.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Ich glaube dieser langen Ausschweifung wegen keiner Entschädigung zu bedürfen. Die großen Epochen in der Geschichte verknüpfen sich zu genau mit einander, als daß die eine ohne die andre erklärt werden könnte; und die Begebenheit der Kreuzzüge ist nur der Anfang zur Auflösung eines Räthsels, das dem Philosophen der Geschichte in der Völkerwanderung aufgegeben worden.

Im dreizehnten Jahrhundert ist es, wo der Genius der Welt, der schaffend in der Finsterniß gesponnen, die Decke hinwegzieht, um einen Theil seinem Werks zu zeigen. Die trübe Nebelhülle, welche tausend Jahre den Horizont von Europa umzogen, scheidet sich in diesem Zeitpunkt, und heller Himmel sieht hervor. Das vereinigte Elend der geistlichen Einförmigkeit und der politischen Zwietracht, der Hierarchie und der Lehenverfassung, vollzählig und erschöpft beim Ablauf des eilften Jahrhunderts, muß sich in seiner ungeheuersten Geburt, in dem Taumel der heiligen Kriege, selbst ein Ende bereiten.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Ein fanatischer Eifer sprengt den verschloßnen Westen wieder auf, und der erwachsene Sohn tritt aus dem väterlichen Hause. Erstaunt sieht er in neuen Völkern sich an, freut sich am thracischen Bosporus seiner Freiheit und seines Muths, erröthet in Byzanz über seinen rohen Geschmack, seine Unwissenheit, seine Wildheit und erschrickt in Asien über seine Armuth. Was er sich dort nahm und heimbrachte, bezeugen Europens Annalen; die Geschichte des Orients, wenn wir eine hätten, würde uns sagen, was er dafür gab und zurückließ. Aber scheint es nicht, als hätte der fränkische Heldengeist in das hinsterbende Byzanz noch ein flüchtiges Leben gehaucht? Unerwartet rafft es mit seinen Komnenern sich auf, und durch den kurzen Besuch der Deutschen gestärkt, geht es von jetzt an einen edleren Schritt zum Tode.

Hinter dem Kreuzfahrer schlägt der Kaufmann seine Brücke, und das wieder gefundene Band zwischen dem Abend und Morgen, durch einen kriegrischen Schwindel flüchtig geknüpft, befestigt und verewigt der überlegende Handel. Das levantische Schiff begrüßt seine wohlbekannten Gewässer wieder, und seine reiche Ladung ruft das lüsterne Europa zum Fleiße. Bald wird es das ungewisse Geleit des Arkturs entbehren und, eine feste Regel in sich selbst, zuversichtlich auf nie besuchte Meere sich wagen.

Asiens Begierden folgen dem Europäer in seine Heimath – aber hier kennen ihn seine Wälder nicht mehr, und andre Fahnen wehen auf seinen Burgen. In seinem Vaterlande verarmt, um an den Ufern des Euphrats zu glänzen, gibt er endlich das angebetete Idol seiner Unabhängigkeit und seine feindselige Herrengewalt auf und vergönnt seinen Sklaven, die Rechte der Natur mit Gold einzulösen. Freiwillig bietet er den Arm jetzt der Fessel dar, die ihn schmückt, aber den Niegebändigten bändigt. Die Majestät der Könige richtet sich auf, indem die Sklaven des Ackers zu Menschen gedeihen; aus dem Meer der Verwüstung hebt sich, dem Elend abgewonnen, ein neues fruchtbares Land, Bürgergemeinheit.

Jutta Assel, Georg Jäger, Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Goethezeitportal Mai 2015Er allein, der die Seele der Unternehmung gewesen war und die ganze Christenheit für seine Größe hatte arbeiten lassen, der römische Hierarche, sieht seine Hoffnungen hintergangen. Nach einem Wolkenbild im Orient haschend, gab er im Occident eine wirkliche Krone verloren. Seine Stärke war die Ohnmacht der Könige; die Anarchie und der Bürgerkrieg die unerschöpfliche Rüstkammer, woraus er seine Donner holte. Auch noch jetzt schleudert er sie aus – jetzt aber tritt ihm die befestigte Macht der Könige entgegen. Kein Bannfluch, kein himmelsperrendes Interdikt, keine Lossprechung von geheiligten Pflichten löst die heilsamen Bande wieder auf, die den Unterthan an seinen rechtmäßigen Beherrscher knüpfen. Umsonst, daß sein ohnmächtiger Grimm gegen die Zeit streitet, die ihm seinen Thron erbaute und ihn jetzt davon herunterzieht! Aus dem Aberglauben war dieses Schreckbild des Mittelalters erzeugt, und groß gezogen von der Zwietracht. So schwach seine Wurzeln waren, so schnell und schrecklich durfte es aufwachsen im eilften Jahrhundert – seines Gleichen hatte kein Weltalter noch gesehen. Wer sah es dem Feinde der heiligsten Freiheit an, daß er der Freiheit zu Hilfe geschickt wurde? Als der Streit zwischen den Königen und den Edeln sich erhitzte, warf er sich zwischen die ungleichen Kämpfer und hielt die gefährliche Entscheidung auf, bis in dem dritten Stande ein beßrer Kämpfer heranwuchs, das Geschöpf des Augenblicks abzulösen. Ernährt von der Verwirrung, zehrte er jetzt ab in der Ordnung; die Geburt der Nacht, schwindet er weg in dem Lichte. Verschwand aber der Dictator auch, der dem unterliegenden Rom gegen den Pompejus zu Hilfe eilte? Oder Pisistratus, der die Faktionen Athens auseinander brachte? Rom und Athen gehen aus dem Bürgerkriege zur Knechtschaft über – das neue Europa zur Freiheit. Warum war Europa glücklicher? Weil hier durch ein vorübergehendes Phantom bewirkt wurde, was dort durch eine bleibende Macht geschah – weil hier allein sich ein Arm fand, der kräftig genug war, Unterdrückung zu hindern, aber zu hinfällig, sie selbst auszuüben.

Wie anders säet der Mensch, und wie anders läßt das Schicksal ihn ernten! Asien an den Schemel seines Throns zu ketten, liefert der heilige Vater dem Schwert der Saracenen eine Million seiner Heldensöhne aus, aber mit ihnen hat er seinem Stuhl in Europa die kräftigsten Stützen entzogen. Von neuen Anmaßungen und neu zu erringenden Kronen träumt der Adel, und ein gehorsameres Herz bringt er zu den Füßen seiner Beherrscher zurück. Vergebung der Sünden und die Freuden des Paradieses sucht der fromme Pilger am heiligen Grab, und ihm allein wird mehr geleistet, als ihm verheißen ward. Seine Menschheit findet er in Asien wieder, und den Samen der Freiheit bringt er seinen europäischen Brüdern aus diesem Welttheile mit – eine unendlich wichtigere Erwerbung als die Schlüssel Jerusalems oder die Nägel vom Kreuz des Erlösers.

[Fußnoten:]

1) Oder was man dafür hielt. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß es hier nicht auf den Werth der Materie ankommt, die gewonnen wurde, sondern auf die unternommene Mühe der Arbeit, auf den Fleiß und nicht auf das Erzeugniß. Was es auch sein mochte, wofür man kämpfte – es war immer ein Kampf für die Vernunft, denn durch die Vernunft allein hatte man das Recht dazu erfahren, und für dieses Recht wurde eigentlich ja nur gestritten.

2) Freiheit und Cultur, so unzertrennlich beide in ihrer höchsten Fülle mit einander vereinigt sind und nur durch diese Vereinigung zu ihrer höchsten Fülle gelangen, so schwer sind sie in ihrem Werden zu verbinden. Ruhe ist die Bedingung der Cultur, aber nichts ist der Freiheit gefährlicher als Ruhe. Alle verfeinerten Nationen des Alterthums haben die Blüthe ihrer Kultur mit ihrer Freiheit erkauft, weil sie ihre Ruhe von der Unterdrückung erhielten. und eben darum gereichte ihre Cultur ihnen zum Verderben, weil sie aus dem Verderblichen entstanden war. Sollte dem neuen Menschengeschlecht dieses Opfer erspart werden, d.i. sollten Freiheit und Cultur bei ihm sich vereinigen, so mußte es seine Ruhe auf einem ganz andern Weg als dem Despotismus empfangen. Kein andrer Weg war aber möglich als die Gesetze, und diese kann der noch freie Mensch nur sich selber geben. Dazu aber wird er sich nur aus Einsicht und Erfahrung entweder ihres Nutzens oder der schlimmen Folgen ihres Gegenteils entschließen. Jenes setzte schon voraus, was erst geschehen und erhalten werden soll, er kann also nur durch die schlimmen Folgen der Gesetzlosigkeit dazu gezwungen werden. Gesetzlosigkeit aber ist nur von sehr kurzer Dauer und führt mit raschem Uebergange zur willkürlichen Gewalt. Ehe die Vernunft die Gesetze gefunden hätte, würde die Anarchie sich längst in Despotismus geendigt haben. Sollte die Vernunft also Zeit finden, die Gesetze sich zu geben, so mußte die Gesetzlosigkeit verlängert werden, welches in dem Mittelalter geschehen ist.

Bilder: Alte Postkarten, gemeinfrei;
Gero von Wilpert: Schiller-Chronik. Sein Leben und Schaffen, Akademie-Verlag, Berlin 1959,
via Jutta Assel/Georg Jäger: Friedrich Schiller. Historienbilder zu seinem Leben, Mai 2015.

Written by Wolf

29. Mai 2015 at 00:01

Krieg is nur für reiche Lajte.

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An diesen Krieg werd‘ ich noch wochenlang denken.

Gefreiter a. D. Josef Schwejk, 1918/1923, Zum Kelch.

Wir trauern keine Träne nach: dem Ersten Weltkrieg (* 28. Juli 1914, Wien; † 11. November 1918, Compiègne).

Dem Zweiten, ich sag’s gleich, auch nicht, wenn er am nächsten achten Mai siebzig Jahre vorbei ist. Und ab sofort ist hoffentlich eine Ruhe mit dem ganzen Kriegsgetümmel, am besten für immer und überall.

Der Schwejk ist vielleicht keinen ganzen Krieg wert, aber er war noch das Beste, was man aus einem Krieg machen konnte.

Teniente lola Sternenkind, Books series. The Good Soldier Švejk, 3. Juli 2013

Bilder: Teniente lola Sternenkind: Books series (The Good Soldier Švejk), 3. Juli 2013.

Teniente lola Sternenkind, Books series. The Good Soldier Švejk, 3. Juli 2013

Fernsehserie: Wolfgang Liebeneiner: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk,
ZDF 1972–1976, 13 x ca. 50 Minuten.

Written by Wolf

28. Juli 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Peregrini Bavarici

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Café Heimat, Bad Tölz

Ein inniges Vergnügen in GOtt ist, wenn man einst katholisch war, aus freiem Willen aufgehört hat, es zu sein, aber immer noch nach Ablass für seine Sünden suchen kann.

Besonderen Spaß macht das, wenn man sich für einen Tag keine längere Strecke Weges vornimmt als die elf Kilometer von Bad Tölz bis Lenggries.

„Naa, da fang ma net glei zerscht mitn Frühstücken an. Zerscht hungrighaatschen, dann fuadern.“

„Obacht gebm. Ma bereut im Leben nie, was ma gmacht hat, bloß was ma glassn hat.“

Das gibt uns zu denken. Wir beschließen trotzdem, für die Heimat nochmal extra in die Fremde zu fahren.

„Aa recht. Da samma glei dorten“, freut sich Ralf, „da kömma hinterher no ins Erlebnisbad.“

„Was wollma denn groß derleben?“

„Da schaug ma si di stramma Wadln vo die Rentnerinnen oo.“

„Au weh“, sag ich, „des gibt erscht den richtigen Sündenablass.“

Als erstes ergibt sich in Bad Tölz die Gelegenheit, den dasigen Kalvarienberg zu erklimmen — immer wieder ein Unterfangen von hohem Surrealitätswert: Erst hyperventiliert man sich von dem gnadenlos steilen Anstieg über sieben Stationskapellen frühmorgendliche Hosianna-Gefühle und Engelserscheinungen herbei, und oben ist die Kirche in einem Ausmaß mit Volksfrömmigkeit vollgestellt, dass man sich so als Ausgetretener ganz als schlechter Mensch vorkommt. Die Heilige Stiege im letzten Schiff ist der gleichnamigen zu Rom nachgebildet — wobei Reliquien zahlreicher Heiliger eingearbeitet wurden. Darüber ist die Treppe dermaßen heilig geraten, dass man sie nicht hinaufsteigen darf, sich nur kniend hinaufbeten. Für den Erhalt der angeschlossenen Leonhardikapelle hat das Bad Tölzer Handwerk noch im neunzehnten Jahrhundert seinen einzigen Volksaufstand gegen den eigenen Klerus angezettelt, so arg mögen die ihr Kircherl.

„Sogar zeitversetzt dreiteilig ham’s ihr Hallelujaburg da naufbaut“, keuche ich, im Kirchenführerheftl blätternd.

Ralf lässt sich auf das Bankerl mit Blick ins Isartal fallen, das vorher ein Ozean war, eine rauchen, und bemerkt: „Und da zahln die Leut Eintritt fürn Herrn der Ringe.“

Marterl Bad Tölz, Kalvarienberg. Aufi braucht er 7 Stund' in 2 Minut'n war er unt'Auf dem Abstieg haben sie in einem stark abschüssigen Hausgarten ein Marterl stehen: „Aufi braucht er 7 Stund‘ / in 2 Minut’n war er unt‘.“ Auf dem nicht ganz so abschüssigen Marktplatz gibt Ralf zwei Auszogne zum Frühstück aus, von zwei Mühlfeldbräu muss er abgehalten werden mit dem Argument, dass sie später in Lenggries gleich noch einen Kalvarienberg haben sollen und so ein zweiter am selben Tag bestimmt viel besser flasht.

Die elf Kilometer sausen vorbei wie nix. „Ha“, meint Ralf, „da schaff ma’s fast no in die Isarwelle zu die Rentnerinnen.“

„Was du dauernd mit dene Rentnerinnen hast“, sag ich, ohne Schwimmhose oder Handtuch dabei, „dass du gar so auf die stehst.“

„Turnbeutelvergesser. — Naa, mei Frau war bloß früher da drobm im Internat“, rückt er raus und deutet links oben auf Schloss Hohenburg.

„Ursulinnerinnen ham’s“, entnehme ich den Informationstafeln der zuständigen Tourismusbehörde, die 1950 bestimmt mordsmäßig was hergemacht haben.

„Und Tatsach an Kalvarienberg“, entdeckt Ralf. Die zwei Leberkässemmeln vom Metzger sind meine Runde. Beim Mampfen auf der Bank vorm Kirchhof in dem, was Lenggries statt eines Zentrums hat, setzen sich zwei schnurrbärtige Burschen in der Gestalt bayerischer Eichen in Maurerhosen neben uns, auch mit Brotzeit halten. „Habt’s ihr in Lenggries no a ältere Kirch als wie die da?“ fragt Ralf, weil sie einheimisch aussehen.

„Freili“, sagt der eine, „da hinter, oan, zwoa Kilometer en Radlweg lang, dann sehgt’s es scho.“

„Is des dann de mitn Kalvarienberg?“

„Freili.“

„Globt sei Jesus Christus.“

„Ewichkeit amen.“

„V’gelt’s Gott.“

„Segn’s Gott.“

„Hast du die kennt?“ frage ich Ralf später auf den ein, zwei Kilometern Radlweg, kurz bevor man den Kalvarienberg sieht.

„Wieso? Warst du koa Ministrant net?“

„I? Schmarrn.“

„Weichei.“

Und einmal mehr zeigt sich, dass man im Leben immer mehr bereut, was man unterlassen, und nicht, was man getan hat.

Der Lenggrieser Kalvarienberg ist von 1694, somit der älteste im Isartal und alt genug, um dem von Bad Tölz als Vorbild zu dienen.

„Was brauchn’s dann in Tölz glei scho den nächsten?“ frage ich.

„Stadtkind. Hast du a Ahnung, wia do der Tölzer Burgermoaster seine Mannen auf Florenz obegscheucht ham wird: Und kemmts ma fei bloß nimma hoam ohne a paar heiliche Knochen, sunst mach i eich Gebeine.“

„Drum kamma den Petrus heit glei hundertmal aus seine eignen Reliquien zamsetzen. Weil jeds Kaff an no heilichern Friedhof braucht als wie die Nachbarn.“

„Und wenn ma’s in zwoa Stund derhatschen kann.“

„Hu, was kommt’n dann noch alles aufm Weg bis Venedig?“

„Wohin?“

München–Venedig, Marienplatz–Markusplatz. Der Traumpfad. Du bist grad auf der drittn Tagestour. Scho glei gschafft.“

„Globt sei Jesus Christus.“

„Ewichkeit amen.“

„Na siehgst, kannst es ja.“

Außer älter sieht der Lenggrieser ungleich düsterer aus als der Tölzer Nachbarkalvarienberg.

Die Parole der Oberländer lautete: „Lieber bayerisch sterben als kaiserlich verderben“. Vor 300 Jahren zogen sie nach München, um sich gegen das Joch der Österreicher aufzulehnen. Der Volksaufstand wurde in der legendären Christnacht im Jahr 1705 blutig niedergeschlagen (der damalige Lenggrieser Pfarrvikar Elias Khaiser notierte 30 tote „Jünglinge“ im Sterbebuch). Vier junge Lenggrieser kamen schwer verwundet zurück und stifteten aus Dankbarkeit eine Votivtafel für die Kalvarienbergkirche in Hohenburg. In der Inschrift heißt es:

Sendlinger Mordweihnacht 1705, Kalvarienberg Lenggries, Kapelle zum schmerzhaften Jesu am Kreuze, 11. Februar 2014

Mit dieser Tafel haben sich vier unverheirathete Männer, zu dem schmerzhaften Jesu am Kreuze hieher verlobt, nehmlich Johann Schöfman, von dem untern Muerbach, Franz Propst vom Graben, Johann Hochenwiser und Georg Letner, aus der Pfarre von Lengrieß, wegen der großen Gefahr in welcher sie bey der Revolution vor München schwebten, weil sie glaubten daß es unmöglich wäre mit dem Leben mehr davon zu kommen. Aber durch Hülfe und Beystand des schmerzhaften Jesu am Kreuze, kamen sie glücklich wieder zurück. Gott dem Höchsten sey Dank gesagt, Amen.

„Und?“ fragt Ralf, „immer no auf dem Trip, dass ma mehr bereut, was ma lasst, ois was ma macht?“

„Net zwingend.“

Dass uns das erst am Bahnhof auffällt: „Ham jetz mir tatsächlich ohne Schmarrn zwoa Kalvarienberg am selbm Tag packt?“

„Hat net amal der Jesus gschafft.“

Noch ein halbes Jahr bis Weihnachten.

Buidl: Kalvarienberg Lenggries, Kapelle zum schmerzhaften Jesu am Kreuze,
mit besonderem Dank & Preis an Ralf und seine Lexus NX 200, 11. Februar 2014.

Written by Wolf

24. Juni 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

Anarchistisches Glaubensbekenntnis

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Das Plakat mit dem Text von 1910 hängt zur Stunde noch einige Meter neben dem Kafe Marat, das keinesfalls zu verwechseln ist mit dem Tröpferlbad im gleichen Gebäude; von den zweien will wahrscheinlich bloß keiner „in die rechte Tür“ sagen müssen. Seine Inhalte mache ich mir vorsichtshalber nicht zu eigen, solange ich es nur korrekturgelesen, aber nicht verstanden hab. Schon gar nicht öffentlich.

Bei den Schweizer Genossen, die das im März 2013 aus dem Italienischen übersetzt haben sollen, fehlt zweimal eine sinnverändernde Wortgruppe, falls es sie interessiert — aber es kommt drauf an, ob von dem Text auf dem Plakat oder dem Text online als maßgeblich ausgegangen wird. Ich sag’s bloß. Venceremos.

Plakat Kafe Marat, La Rivolta, Aufruhr, Ich, 1910, März 2013

——— La Rivolta, anarchistische Zeitung:

Ich

Pistoia, Italien, 12. Februar 1910,
übersetzt von Aufruhr, Nummer 5, März 2013:

Ich habe einen Verstand, einen Charakter, der mich von meinen Mitmenschen unterscheidet, und ich habe eine Würde, die sich weder verkaufen noch beugen will. Ich habe eine Menge zu verstreuende Energien, zu entwickelnde Gedanken und zu begehende Handlungen. Ich suche nach der Erfüllung von mir selbst, nach der vollständigen Entfaltung meiner Individualität, und in dieser Entfaltung fühle ich mich glücklich. Ich suche nach dem Wohl der anderen oder verachte es, je nachdem, ob ich in ihrem Wohlstand mein Glück oder mein Unglück finde.

Ich will. Ich will materiell frei sein, um sagen und tun zu können, wonach mir ist, ohne dass mir irgendeine Autorität irgendetwas aufzwingt. Ich nehme Kritik oder Ratschläge von anderen an, nachdem ich über sie nachgedacht, sie für gut befunden und verstanden habe; den brutalen Befehl aber verachte ich und weise ich zurück.

Ich spüre in mir selbst die moralische Unmöglichkeit, zu gehorchen. Da ich ein Gehirn habe, das denkt, will ich tun, was ich für richtig halte, und nicht, was meinen Unterdrückern zugutekommt. Ich habe es nicht nötig, dass mich irgendjemand führt und mich beschützt: Man sagt mir, das Individuum könne sich nicht selbst führen, doch wenn ich meine Handlungen nicht regeln kann, dann können noch viel weniger die Regierenden die Handlungen von anderen führen.

Da ich also in der heutigen Gesellschaft nicht frei bin, kämpfe ich mit allen meinen Kräften, um alle Schranken zu zerstören. Ich kämpfe nicht weil ich auf einen weit entfernten Wohlstand hoffe, nicht nur, weil ich Glauben an die Zukunft habe. Ich lebe in der Gegenwart. Selbst wenn ich wüsste, dass ich niemals frei sein werde, würde ich genauso revoltieren, denn ich spüre den Drang gegen jegliche Tyrannei zu revoltieren.

Ich habe keinen Glauben, ich habe keine Dogmen, ich habe keine Sorgen einer Partei oder einer Schule. Ich glaube weder an Gott, noch an das himmlische Paradies oder an das irdische, das die Gesellschaftler vor den Augen anderer wie im Traum aufblitzen lassen.

Ich suche nicht danach, mich mit meinen Mitmenschen für den Ruhm zu vereinigen, einem Verband anzugehören, und unter einem Banner Unterschlupf zu finden. Ich schließe mich zusammen für ein bestimmtes Ziel, und wenn dieses erreicht ist, ergreife ich wieder meine Freiheit.

Ich hasse die konstituierten Formen, weil sie im Widerspruch zum Fortschritt stehen, der beständig alles verändert.

Ich will nicht wissen, es kümmert mich nicht, was die künftige Gesellschaft sein wird. Ich glaube nicht an jene, die im Namen des Volkes, der Menschheit und anderer ungreifbaren und formlosen, kollektiven Körperschaften sprechen, denn man kann das Zusammengesetzte nicht kennen, ohne die einfachen Einzelnen – jeden für jeden – zu kennen – was unmöglich ist. Darum glaube ich nicht an die Abgeordneten, an die Widerstandskomitees, an die Kongresse und alle Parlamentarismen. Nur ich alleine kann mich selbst repräsentieren.

Ich will keine Bestrafungen, ich will keine Gesetzbücher, Formalismen, Stempel und dergleichen. Die moralischen Gefühle drängen sich nicht auf, wenn sie nicht existieren, und wenn sie existieren, ist es nicht nötig sie aufzudrängen. Ich rebelliere gegen die Mode, ich glaube nicht an die Phrasen, an das Recht, an die Moral, an die Justiz. Im übrigen formt sie sich ein jeder für den eigenen Gebrauch und Verzehr.

Ich glaube nur an die Stärke und den Kampf, der das Individuum vorantreibt, nicht, um die Schwachen zu zertrampeln und die Starken zu vergöttern, sondern um sich selbst immer mehr zu erhöhen und zu verbessern. Ich glaube an das Leben, an die Energie. Heute kämpfe ich mit Gewalt, weil ich gegen mich die Gewalt habe; morgen kämpfe ich mit dem Denken, weil ich gegen mich das Denken habe.

Mein Ziel ist es mich zu vervollkommnen; mein Mittel ist der Kampf, mein Verlangen ist die Freiheit.

Mich beschimpfen die Frommen und nennen mich hochmütig, unmoralisch, etc. Ich lache über sie: Für meine Handlungen bin ich nur vor meinem Bewusstsein verantwortlich. Ich bin Atheist, ich bin Rebell, ich bin Anarchist, ich bin frei. Ich bin „Ich“.

Plakat: Kafe Marat München, Thalkirchnerstraße 102,
nach Fernweh. Anarchistische Straßenzeitung, März 2013.

Written by Wolf

13. Juni 2014 at 00:01

Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer

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Frage in die Leserrunde: War schon mal jemand am Deutschen Eck? Und ist begeistert oder bereichert zurückgekommen? So abwegig ist das ja nicht, und ich finde solche innerdeutschen Vergnügungsreisen mit der Ausrede des Bildungsanspruchs immer am lustigsten.

Für die Bebilderung musste ich diesmal gar nicht lange ausschwärmen, um leicht geschürzte Elfen herbeizuzerren; das Bildmaterial aus den Wikipedia-Einträgen über die Festung Ehrenbreitstein samt Deutschem Eck ist faszinierend genug.

Die ersten drei Zitate sind eher kurios, das lange vierte von Arno Schmidt ist wirklich interessant (ja, Schmidt entspringt dem Novecento, ist aber lehrreicher über die deutsche Romantik als mancher, der es sein will). Besondere Empfehlung ergeht für den Poetry Atlas: Warum bauen Deutsche nie solche tollen Websites?

——— Lord Byron: Childe Harold’s Pilgrimage,
Canto III, verse 58, 1816:

     Here Ehrenbreitstein, with her shattered wall
     Black with the miner’s blast, upon her height
     Yet shows of what she was, when shell and ball
     Rebounding idly on her strength did light;
     A tower of victory! from whence the flight
     Of baffled foes was watch’d along the plain:
     But Peace destroy’d what War could never blight,
     And laid those proud roofs bare to Summer’s rain —
On which the iron shower for years had pour’d in vain.

——— Lord Byron: Childe Harold’s Pilgrimage, Canto III, Vers 58, 1816, Übs. Otto Gildemeister:

     Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer,
     Von Rauch geschwärzt! Noch zeigt es jene Macht,
     An welcher Bomben einst und Kugelschauer
     Ohnmächtig abgeprallt sind und zerkracht.
     Ein Turm des Sieges, der oft von hoher Wacht
     Die Feinde sah in wilder Flucht ergossen;
     Doch Friede stürzte, was getrotzt der Schlacht:
     Dem Regen steht das stolze Dach erschlossen,
Das nie sich öffnete den feindlichen Geschossen.

Ehrenbreitstein und Helfenstein. Ausschnitt aus der Stadtansicht von Braun & Hogenberg, 1573

——— Herman Melville: Moby-Dick,
Chapter VIII: The Pulpit, 1851:

Yes, for replenished with the meat and wine of the word, to the faithful man of God, this pulpit, I see, is a self-containing stronghold—a lofty Ehrenbreitstein, with a perennial well of water within the walls.

——— Herman Melville: Moby-Dick, Kapitel VIII: Die Kanzel, 1851,
Übs. Friedhelm Rathjen (Gründungsmitglied Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser, Hrsg. Bargfelder Bote):

Jawohl, denn von neuem angereichert mit dem Fleisch und Wein des Wortes ist diese Kanzel dem glaubensstarken Gottesmann, muß ich sagen, eine auf sich selbst gestellte Feste — ein hochragendes Ehrenbreitstein, mit immerwährendem Wasserquell in seinen Wänden.

Koblenz im Buga-Jahr 2011 - Das Deutsche Eck mit der Festung Ehrenbreitstein im Hintergrund

——— Herman Melville: Pierre; or, The Ambiguities,
Book IV, II., 1852:

As the vine flourishes, and the grape empurples close up to the very walls and muzzles of cannoned Ehrenbreitstein; so do the sweetest joys of life grow in the very jaws of its perils.

——— Herman Melville: Pierre; or, The Ambiguities, Buch IV, II., 1852,
Übs. Christa Schuenke:

Wie der Weinstock gedeiht und die Traube purpurn sich rötet bis dicht hinauf an die Mauern und Schießscharten der kanonenbewehrten Feste Ehrenbreitstein, so wachsen just im Rachen der Gefahr des Lebens süßeste Freuden.

Das rekonstruierte Reiterstandbild Wilhelms I. wird wieder auf den Sockel des Deutschen Ecks gehoben, 2. September 1993

——— Arno Schmidt: aus Die Umsiedler, Kapitel VII
in: die umsiedler. 2 prosastudien, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1953
= studio frankfurt 6, hrsg. von Alfred Andersch,
cit. Zürcher Kassette, Band 2, Seite 44 f.:

Der lange gerunzelte Strom, hohl und schmutzig, schwang sich faul an uns entlang; überschwemmte Werder; trauernde Gruppen von Bäumen; saure Häuserfronten wie „Lorelei“, als sei eben ein Auto davor weggefahren; Anleger und schwarzer Schlepper Gestank; schraffiert vom Nieselregen (auch der Güterzug auf der anderen Rheinseite: „Wenn er 60 Wagen hat, geht Alles gut!“ – – –: „58–?“. Sie strahlte dennoch herum: „Also: Kleine Schwierigkeiten.“ Augenbannung, Lippenhexe, Kinnzauber, Beinbeschwörung. Katrin la sorcière. Ihre Finger tanzten vor Vergnügen um die Handtasche auf ihrem Schoß und schnippten mir’s zu). Die Weinberge sahen trostlos aus, wie ihr Kartenzeichen.

„Er schob nun einen Armsessel herbei und bat den Kurfürsten, in denselben sich zu setzen und unter keinerlei Umständen sich daraus zu erheben und kein Wort zu sprechen – sonst sehe er seinen sicheren Tod vor Augen. Der Kämmerier ward unter gleicher Verwarnung hinter den Stuhl gestellt. Darauf legte der Ungar um den Becher mit den Heidenköpfen einen Draht und führte diesen in den Schmelzofen. Demnächst zog er unter beständigem leisen Sprechen drei Kreise um den Kurfürsten und führte zuletzt von dem äußersten Kreise einen geraden Strich nach dem Schmelzofen. Die Lichter wurden in Gestalt eines Triangulums um den Teller gesetzt. Der Ungar kniete nun gerade vor dem Ofen nieder und fuhr fort leise zu beten (?). Von Zeit zu Zeit warf er aus einer neben ihm stehenden Büchse eine Species in die Flamme, worauf denn jedesmal ein gewaltiges Prasseln im Ofen entstand und die Glut aufs Äußerste zunahm. Das mochte eine Stunde gewährt haben und der Kämmerier sah, wie der vom Ofen zum Becher gehende Draht erglühte, auf dem Becher dicke Tropfen standen, inwendig aber es in den schönsten Farben blitzte und spielte, wie er es oftmals auf der Silbehütte gesehen. Allmählich gewahrte er ein Dehnen und Recken an dem Becher, der auseinander ging und an Höhe zunahm, wie auch die Heidenköpfe sichtlich zu wachsen schienen. Immer eifriger murmelte der Ungar und immer höher schwoll der Becher, bis er beinahe an die Decke mit den Rändern stieß. Da erscholl ein donnernder Knall und heraus sprangen die Heidenköpfe als Männer mit langen Mänteln und Bärten, gar schauerlich anzusehen. Sie schlossen einen Kreis um den Kurfürsten; einer der Männer fiel vor dem, der dem Kurfürsten zunächst stand, auf die Knie, zeigte auf den Kurfürsten und rief: Das ist der, der das Reich den Galliern zu überliefern begehrt! Darauf steckten die Männer die Köpfe zusammen, als gingen sie zu Rat. Zuletzt brachte der am entferntesten Stehende ein breites Schwert unter dem Mantel hervor und rief laut: Das schickt das Gesetz dem Verräter! Zugleich tat er einige Schritte vorwärts, als wollte er auf den Kurfürsten einhauen. Da rief dieser mit erstickter Stimme: Helf, helf, Michel – und sofort war Alles verschwunden …“ Sie nickte billigend; noch einmal: „und das ist alles auf dem Ehrenbreitstein passiert?!“ Pfüüüt: ein Tunnel (Schön!) Noch atemlos: „Und wann ist das gewesen?“. Auf soviel Wißbegier ohne Übergang war nun wieder ich nicht vorbereitet, sagteaber fest: „am zweiten Juni Sechzehnhundertzwounddreißig.“

Library of Congress, Old Glory flies from Ehrenbreitstein fortress, where the Rhine and Mosel meet, Coblenz, Germany, 1919, view from Festung Ehrenbreitstein in Koblenz

Bilder: Ehrenbreitstein und Helfenstein, Stadtansicht von Braun & Hogenberg, 1573;
Holger Weinandt: Koblenz im Buga-Jahr 2011: Das Deutsche Eck mit der Festung Ehrenbreitstein im Hintergrund, 23. April 2011;
Kowelenzer: Das rekonstruierte Reiterstandbild Wilhelms I. wird wieder auf den Sockel des Deutschen Ecks gehoben;
Library of Congress: Old Glory flies from Ehrenbreitstein fortress, where the Rhine and Mosel meet, Coblenz, Germany, view from Festung Ehrenbreitstein in Koblenz, 1919.

Written by Wolf

4. April 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

Mit Blumen, mit verdorrten

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Nachträglich vorausgreifendes Update zu Angebinde:

Lieber Frühlingsanfang als Märzunruhen. Man beachte die beziehungsreichen Pflanzennamen.

——— August Freiherr von Seckendorff: ’s ist wieder März geworden, März 1848,
Erstdruck als August Dorff in: Leuchtkugeln, Verlag von Emil Roller, München, Mitte April 1849, Seite 150 f.:

Alfred Rethel, Allegorie auf die Niederschlagung der Revolution von 1848, 1849, Deutsches Historisches Museum Berlin’s ist wieder März geworden,
vom Frühling keine Spur.
Ein kalter Hauch aus Norden
erstarret rings die Flur.

’s ist wieder März geworden —
März, wie es eh’dem war:
Mit Blumen, mit verdorrten
erscheint das junge Jahr.

Mit Blumen, mit verdorrten?
O nein, doch das ist Scherz —
gar edle Blumensorten
bringt blühend uns der März.

Seht doch die Pfaffenhütchen:
den Rittersporn, wie frisch!
Von den gesternten Blütchen —
welch farbiges Gemisch!

Der März ist wohl erschienen.
Doch ward es Frühling? — Nein!
Ein Lenz kann uns nur grünen
im Freiheitssonnenschein.

Seht hier den Wütrich thronen
beim Tausendgüldenkraut,
dort jene Kaiserkronen,
die Königskerze schaut!

Wie zahlreich die Mimosen,
das Zittergras wie dicht!
Doch freilich rote Rosen,
die kamen diesmal nicht.

Bild: Alfred Rethel: Allegorie auf die Niederschlagung der Revolution von 1848, 1849,
Deutsches Historisches Museum Berlin.

Written by Wolf

21. März 2014 at 00:01

Lessing aktuell

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Wir lachen, wenn wir hören, daß bei den Alten auch die Künste bürgerlichen Gesetzen unterworffen gewesen. Aber wir haben nicht immer Recht, wenn wir lachen. Unstreitig müssen sich die Gesetze über die Wissenschaften keine Gewalt anmaaßen; denn der Endzweck der Wissenschaften ist Wahrheit. Wahrheit ist der Seele nothwendig; und es wird Tyranney, ihr in Befriedigung dieses wesentlichen Bedürfnisses den geringsten Zwang anzuthun. Der Endzweck der Künste hingegen ist Vergnügen; und das Vergnügen ist entbehrlich. Also darf es allerdings von dem Gesetzgeber abhangen, welche Art von Vergnügen, und in welchem Maaße er jede Art desselben verstatten will.

Gotthold Ephraim Lessing: Laokoon, 1766.

Arno Schmidt by Alice Schmidt, ca. 1950, Arno Schmidt Stiftung Bargfeld

——— Arno Schmidt: Das steinerne Herz, Stahlberg, Karlsruhe 1956,
cit. Zürcher Kassette Band 4, Seite 28:

Wenn man Lessing verachten lernen will, muß man den Laokoon vornehmen : „Der Endzweck der Künste ist Vergnügen. Und das Vergnügen ist entbehrlich. Also darf es allerdings vom Gesetzgeber abhängen, welche Art von Vergnügen er gestatten will.“ Und das ganz im tierischsten Klassikerernst : das waren ooch dolle Hähne ! !

Leider ist dieses Video in Deutschland nicht verfügbar, da es Musik enthalten könnte, für die die erforderlichen Musikrechte nicht eingeräumt wurden. Von wem, dürfen wir nach einem Prozess gegen die GEMA nicht sagen.

Das Vergnügen ist entbehrlich: Alice Schmidt ca. 1950,
Arno-Schmidt-Stiftung via Bayern 2 Radio, 15. Januar 2014;
Das tut uns leid: GameStar, 26. Februar 2014.

Written by Wolf

14. März 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Herrschaft & Revolte

Unser lieber Vatter

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Update zu Doppeltgänger:

„Knan“ heißt „Vater“; zitiert wird nach dem Digitalisat im Deutschen Textarchiv der 1. Nürnberger Ausgabe bei Felsecker 1669, geändert — und kenntlich gemacht — um Hans Heinrich Borcherdt (Hg.) im Deutschen Verlagshaus Bong & Co, 1921. Das Bild ist von der 31-teiligen Hörbuchfassung bei Pidax Film Media Ltd. Das Cover war schon anno 1979 auf dem Hörbuch, lange bevor Ältere als Fünfjährige etwas mit Hörbüchern anfangen sollten, und war 2013 bei der Zusammenpressung auf eine einzige CD mit .p3-Dateien offenbar immer gut genug.

——— Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch / Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und maenniglich nutzlich zu lesen. An Tag geben Von German Schleifheim von Sulsfort. Monpelgart / Gedruckt bey Johann Fillion / Jm Jahr MDCLXIX. Das VIII. Capitel:

Simplex gibt seinen Verstand an den Tag
Durch seine törichte Antwort und Frag.

Einsiedel: Wie heissestu?

Simpl. Ich heisse Bub.

Einsid. Ich sihe wol/ daß du kein Mägdlein bist/ wie hat dir aber dein Vatter und Mutter geruffen?

Simpl. Jch habe keinen Vatter oder Mutter gehabt:

Einsid. Wer hat dir dann das Hemd geben?

Simpl. Ey mein Meuder.

Einsid. Wie heisset dich dann dein Meuder?

Simpl. Sie hat mich Bub geheissen/ auch Schelm/ [langöhrichter Esel/ ungehobelter Rültz/] ungeschickter Dölpel/ und Galgenvogel.

Einsid. Wer ist dann deiner Mutter Mann gewest?

Simpl. Niemand.

Einsid. Bey wem hat dann dein Meuder deß Nachts geschlaffen?

Simpl. Bey meinem Knan:

Einsid. Wie hat dich dann dein Knan geheissen?

Simpl. Er hat mich auch Bub genennet:

Einsid. Wie hiesse aber dein Knan?

Simpl. Er heist Knan:

Einsid. Wie hat ihm aber dein Meuder geruffen?

Simpl. Knan/ und auch Meister:

Einsid. Hat sie ihn niemals anders genennet?

Simpl. Ja/ sie hat:

Einsid. Wie dann?

Simpl. Rülp/ grober Bengel/ volle Sau/ [alter Scheisser/] und noch wol anders, wann sie haderte:

Einsid. Du bist wol ein unwissender Tropff/ daß du weder deiner Eltern noch deinen eignen Nahmen nicht weist!

Simpl. Eya, weist dus doch auch nicht:

Einsid. Kanstu auch beten?

Simpl. Nain/ unser Ann und mein Meuder haben als das Bett gemacht:

Einsid. Jch frage nicht hiernach/ sondern ob du das Vatter unser kanst?

Simpl. Ja ich:

Einsid. Nun, so sprichs dann:

Simpl. Unser lieber Vatter/ der du bist Himel/ hailiget werde nam/ zrkommes d Reich/ dein Will schee Himmel ad Erden/ gib uns Schuld/ als wir unsern Schuldigern geba/ führ uns nicht in kein döß Versucha/ sondern erlöß uns von dem Reich/ und die Krafft, und die Herrlichkeit/ in Ewigkeit/ Ama.

Einsid. Bistu nie in die Kirchen gangen?

Simpl. Ja ich kann wacker steigen/ und hab als ein gantzen Busem voll Kirschen gebrochen:

Einsid. Jch sage nicht von Kirschen/ sondern von der Kirchen:

Simpl. Haha/ Kriechen/ gelt, es seynd so kleine Pfläumlein? gelt du?

Einsid. Ach daß GOtt walte/ weistu nichts von unserm HERR Gott?

Simpl. Ja/ er ist daheim an unsrer Stubenthür gestanden auf dem Helgen/ mein Meuder hat ihn von der Kürbe mitgebracht/ und hin gekleibt:

Einsid. Ach gütiger GOtt/ nun erkenne ich erst/ was vor eine grosse Gnad und Wohlthat es ist/ wem du deine Erkantnus mittheilest/ und wie gar nichts ein Mensch seye/ dem du solche nicht gibst: Ach HERR verleyhe mir deinen heiligen Nahmen also zu ehren/ daß ich würdig werde/ umb diese hohe Gnad so eyferig zu dancken/ als freygebig du gewest/ mir solche zu verleyhen: Höre du Simpl. (dann anderst kan ich dich nicht nennen) wann du das Vatter unser betest/ so mustu also sprechen: Vatter unser/ der du bist im Himmel/ geheiliget werde dein Nahm/ zukomme uns dein Reich/ dein Wille geschehe auff Erden wie im Himmel/ unser täglich Brod gib uns heut/ und:

Simpl. Gelt du/ auch Käß darzu?

Einsid. Ach liebes Kind/ schweige und lerne/ solches ist dir viel nötiger als Käß/ du bist wol ungeschickt/ wie dein Meuder gesagt hat/ solchen Buben wie du bist/ stehet nicht an/ einem alten Mann in die Red zu fallen/ sondern zu schweigen/ zuzuhören und zu lernen/ wüste ich nur/ wo deine Eltern wohneten/ so wolte ich dich gerne wieder hin bringen/ und sie zugleich lehren/ wie sie Kinder erziehen solten;

Simpl. Jch weiß nicht, wo ich hin soll/ Unser Hauß ist verbrennet/ und mein Meuder hinweg geloffen/ und wieder kommen mit dem Ursele/ und mein Knan auch/ und unser Magd ist kranck gewest/ und ist im Stall gelegen[/ die hat mich fortlaufen heißen, was gist do, was host].

Einsid. Wer hat dann das Hauß verbrennt?

Simpl. Ha/ es sind so eiserne Männer kommen/ die seynd so auff Dingern gesessen/ groß wie Ochsen/ haben aber keine Hörner/ dieselbe Männer haben Schaffe und Kübe und Säu gestochen/ [Ofen und Fenster eingeschlagen] und da bin ich auch weg geloffen/ und da ist darnach das Haus verbrennt gewest:

Einsid. Wo war dann dein Knan?

Simpl. Ha/ die eiserne Männer haben ihn angebunden/ da hat ihm unser alte Geiß die Füß geleckt/ da hat mein Knan lachen müssen/ und hat denselben eisernen Männern viel Weißpfenning geben/ grosse und kleine/ auch hübsche gelbe/ und sonst schöne klitzerechte Dinger/ und hübsche Schnür voll weisse Kügelein.

Einsid. Wan ist diß geschehen?

Simpl. Ey wie ich der Schaf habe hüten sollen/ sie haben mir auch mein Sackpfeifff wollen nemmen.

Einsid. Wann hastu der Schaf sollen hüten?

Simpl. Ey hörstus nicht/ da die eiserne Männer kommen sind/ und darnach hat unser [strobelkopfigte] Ann gesagt/ ich soll auch weg lauffen/ sonst würden mich die Krieger mit nehmen/ sie hat aber die eiserne Männer gemeynet/ und da sein ich weg geloffen/ und sein hieher kommen:

Einsid. Wo hinauß wilst du aber jetzt?

Simpl. Jch weiß weger nit/ ich will bey dir hier bleiben:

Einsid. Dich hier zu behalten/ ist weder mein noch dein Gelegenheit/ esse/ alsdann will ich dich wieder zu Leuten führen:

Simpl. Ey so sag mir dann auch/ was Leut vor Dinger seyn?

Einsid. Leut seynd Menschen wie ich und du/ dein Knan/ dein Meuder und euer Ann seynd Menschen/ und wann deren viel beyeinander seynd/ so werden sie Leut genennt:

Simpl. Haha;

Einsid. Nun gehe und esse.

Diß war unser Discurs, unter welchem mich der Einsidel offt mit den allertieffsten Seufftzen anschauete/ nicht weiß ich/ ob es darum geschahe/ weil er ein so groß Mitleiden mit meiner [überaus großen] Einfalt und dummen Unwissenheit hatte/ oder auß der Ursach/ die ich erst über etliche Jahr hernach erfuhr.

Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch - Die komplette 31-teilige Hörbuchfassung des Abenteuerromans von Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen. Pidax Hörspiel-Klassiker, 1979 und 2013

Written by Wolf

23. Februar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. (Kartoffeln schmälzen)

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Unseins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt, ich glaub wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.

Woyzeck, 1836.

——— Wilhelm Büchner: Erinnerung an meinen Bruder Georg! Pfungstadt, Juni 1875, Nachlass:

Das blaue Aug, sein lockig Haar,
Die kühne Stirn mit dem Apollo-Bogen,
Ein schlanker, großer junger Mann,
geziert mit roter Jakobiner-Mütze,
Im Polen-Rock, schritt stolz er durch die Straßen
Der Residenz, die Augenweide seiner Freunde!

Es sind immer die Revoluzzer unter den Dichtern, über die zu den Jubiläen verbreitet wird, sie hätten uns „heute noch viel zu sagen“. Leider ist über den ganzen Feierlichkeiten zu Jean Paul, Richard Wagner und Giuseppe Verdi ein Georg-Büchner-Jahr gar nicht groß ausgerufen worden. So geht es einem Revolutionär, der hinterlässt: „Ruhm will ich davon haben, nicht Brod“: dass am Ende nur noch sein Bruder ihn mag.

——— Karl Vogt: Aus meinem Leben, Stuttgart 1896:

Offen gestanden, dieser Georg Büchner war uns nicht sympathisch. Er trug einen hohen Zylinderhut, der ihm immer tief unten im Nacken saß, machte beständig ein Gesicht wie eine Katze, wenn’s donnert, hielt sich gänzlich abseits, verkehrte nur mit einem etwas verlotterten und verlumpten Genie, August Becker, gewöhnlich nur der „rote August“ genannt. Seine Zurückgezogenheit wurde für Hochmut ausgelegt, und da er offenbar mit politischen Umtrieben zu tun hatte, ein- oder zweimal auch revolutionäre Äußerungen hate fallen lassen, so geschah es nicht selten, daß man abends, von der Kneipe kommend, vor seiner Wohnung still hielt und ihm ein ironisches Vivat brachte: „Der Erhalter des europäischen Gleichgewichtes, der Abschaffer des Sklavenhandels, Georg Büchner, er lebe hoch!“ — Er tat, als höre er das Gejohle nicht, obgleich seine Lampe brannte und zeigte, daß er zu Hause sei. In Wernekincks Privatissimum war er sehr eifrig, und seine Diskussionen mit dem Professor zeigten uns andern bald, daß er gründliche Kenntnisse besitze, welche uns Respekt einflößten. Zu einer Annäherung kam es aber nicht; sein schroffes, in sich abgeschlossenes Wesen stieß uns immer wieder ab.

Steckbrief Georg Büchner, 1835Sein Gesamtwerk, das auf 200 Seiten Reclamheftgröße passt, hat gerade erst im Sommer seine erste bahnbrechende historisch-kritische Ausgabe seit 1972 erlebt; die Theaterspielpläne bersten nicht gerade vor Neuinterpretationen seiner Dramen, drei an der Zahl; seine einzige Erzählung Lenz über dengleichnamigen Stürmer und Dränger qualifizierte ihn fürs Junge Deutschland, zu dem er partout nicht gehören wollte, solange die Kategorie Vormärz noch nicht erfunden war; seine paar Übersetzungen französischer Dramen werden in den gängigen Ausgaben aus Platz- und Relevanzgründen unterschlagen; Lyrik konnte er gar nicht; vor seinem politischen Verdienst, dem Hessischen Landboten, ist er schon zu Lebzeiten bis Straßburg und Zürich davongerannt — als klar wurde, dass eine verständnislose Bauernschaft sich für das Verteilen von 1500 Exemplaren selber an die Obrigkeit wandte, vor der sie gerettet werden sollte, und das im Deutschland der Karlsbader Beschlüsse für die Todesstrafe reichte — und forschte den Rest seines anrührend kurzen Lebens über die Schädelnerven von Rotbarben. — Von seinen Reden, „der materielle Druck, unter welchem ein großer Teil Deutschlands liege, sei eben so traurig und schimpflich, als der geistige; und es sei in seinen Augen bei weitem nicht so betrübend, daß dieser oder jener Liberale seine Gedanken nicht drucken lassen dürfe, als daß viele tausend Familien nicht im Stande wären, ihre Kartoffeln zu schmälzen u. s. w.“ (August Becker: aus Georg Büchners Verhör, posthum veröffentlicht 1. September 1837) ist er deswegen noch lange keinen hessischen Zollbreit abgerückt.

Zwischen den vorhergesehenen Gedenktagen für seinen 175. Todes- und 200. Geburtstag ließ sich der Weltgeist in Gestalt von Prof. em. Dr. Günter Oesterle gerade einmal herbei, auf einem Gießener Dachboden eine mutmaßlich neue, bis ausgerechnet jetzt verschollene Portraitzeichnung von ihm ans öffentliche Licht zu heben. Ob Georg Büchner oder seinen kleinen Bruder Wilhelm abbilden sollte, was frappierend wie Georg Büchner oder der junge Erroll Flynn aussieht, wird noch diskutiert.

Genau das trägt uns zu dem, was er uns „heute noch zu sagen“ hat: Ob es betrübender ist, dass dieser oder jener Internet-Nutzer seine Gedanken der Regierung übermittelt, oder dass viele tausend Familien Pfandflaschen aufsammeln gehen müssen, um ihre Kartoffeln zu schmälzen, bleibt ein eher gradueller Unterschied — und dabei immer noch unverhohlen der politische Wille. Nur dass beides heute nicht mehr im Namen des Feudalismus, sondern der Demokratie geschieht.

Wie feiert man so jemanden? — Indem man ein anständiger Mensch bleibt, egal ob einen hinterher noch einer mag. Wenigstens mal einen Tag lang, wäre das ein Vorschlag? Der Typhus kann einen ja schon mit 23 holen, darum ist heute ein guter Tag dafür. Genau wie morgen.

——— Georg Büchner: Stammbuchblatt für Heinrich Ferber, 3. September 1835,
nach dem Schinderhanneslied (Schluss), wiederverwendet in Dantons Tod, 1835:

Die da liegen in der Erden
Von de Würm gefresse werden,
Besser hangen in der Luft,
Als verfaulen in der Gruft.

Mutmaßlich Georg Büchner 1833

Bilder: Steckbrief Georg Büchner, 1835 via Silvae, 17. Okotber 2013;
August Hoffmann via Volker Breidecker:
Errol Flynn für Germanisten. Mutmaßliches Georg-Büchner-Bildnis entdeckt,
Süddeutsche Zeitung 27. Mai 2013, 30 cm x 20 cm, 1833.

Soundtrack: Hannes Wader: Trotz alledem, aus: Volkssänger, 1975.
Zitate nach der Münchner Ausgabe, hg. Karl Pörnbacher, Gerhard Schaub, Hans-Joachim Simm, Edda Ziegler, Hanser 1988.

Written by Wolf

17. Oktober 2013 at 00:01

Doing a Grillparzer

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Update zu (Ändere die Welt.) Sie braucht es:

——— Franz Grillparzer in: Sinngedichte und Epigramme, 1872 (Österreich):

Nichts, was nur ächt historisch ist,
Gieng je in diesem Land verloren,
Drum herrschen zwei Parteien itzt:
Die Wichte und die Thoren.

Izzy Guttuso, Botany, 1 Januar 2010Ash Hershberger, The Butterfly Keeper's Daughter, 17. Juni 2012

Zwei Parteien: Izzy Guttuso: Botany, 1. Januar 2010;
Ash Hershberger: The Butterfly Keeper’s Daughter, 17. Juni 2012.
Noch zwei: Nick Cave & Shane MacGowan: Wonderful World, 1992.

Written by Wolf

23. September 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Herrschaft & Revolte

Der bucher narr am narren schyff

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Hieronymus Bosch, Das Narrenschiff, ca. 1494-1510Sebastian Brant wurde an einem unbekannten Datum anno 1457 oder 1458 in Straßburg geboren. Vor 1492, als die Erde eine Scheibe war. Etwas anderes zu behaupten war entweder anhand der Bibel leicht zu wiederlegende Theorie oder todeswürdige Ketzerei.

1492 war das Mittelalter zu Ende, die Erde nachweislich eine Kugel und um einen ganzen Kontinent erweitert. Schon 1494 warf derselbe Sebastian Brant den ersten Buch-Bestseller in diese gar nicht mehr überschaubare, verunsicherte Welt. Diesmal war es kein frommes Werk zur Erbauung des Christenmenschen mehr wie etwa die letzte Anstalt zum Weltbestseller, das heilige Gedicht, nachmals die göttliche Komödie aus der päpstlichen Nachbarschaft nach 1307, diesmal war es schon ein Aufbegehren gegen menschliche Verfehlungen. Es war schon Satire — viele davon, formal sauber durchgehalten und ziemlich lange über dem Thema menschlicher Unzulänglichkeit verweilt. Durchaus noch christlich gläubig, und wehe, wenn es anders wäre, aber schon ohne das kindliche Vertrauen, dass es der Herrgott schon richten werde.

„Difficile est satiram non scribere.“ Das sagt Juvenal — aus christlicher Sicht ein Heide, der von Rechts wegen in der Hölle schmoren müsste, weil er nach Christus geboren wurde, die Frohe Botschaft mithin erkennen und es besser wissen konnte — weitere 1100 Jahre früher: Satiren zu schreiben ist dem Christ und Jud und Heid etwas zutiefst Innewohnendes. Beim offiziellen Eintritt in die Neuzeit versucht der Gastwirtssohn und Professor Brant, die Verrückten der Welt — nach dem verflossenen halben Jahrtausend entrinnt ihm immer noch niemand unter uns Fehlbaren — in eine Ordnung zu fassen, und setzt sie alle auf ein Narrenschiff, das die bewohnte und zivilisierte, die christliche Welt ist — neben der Welt als Theaterbühne oder wildem Urwald eine der langlebigsten Metaphern für das Treiben der Menschen.

Gleich im ersten Gedicht knöpft er sich seine eigene Person vor. Meine auch.

——— Sebastian Brant: Daß Narrenschyff ad Narragoniam. I. Von vnnutz buchern,
Johann Bergmann von Olpe, Basel 1494:

Johannes Geiler von Kaysersberg, Navicula sive Speculum fatuorum. Straßburg, 1510Das jch sytz vornan jn dem schyff
Das hat worlich eyn sundren gryff
On vrsach ist das nit gethan
Vff myn libry ich mych verlan

Von büchern hab ich grossen hort
Verstand doch drynn gar wenig wort
Vnd halt sie dennacht jn den eren
Das ich jnn wil der fliegen weren
Wo man von künsten reden dut

Sprich ich / do heym hab jchs fast gut
Do mit loß ich benugen mich
Das ich vil bucher vor mir sych /
Der künig Ptolomeus bstelt
Das er all bucher het der welt

Vnd hyelt das für eyn grossen schatz
Doch hat er nit das recht gesatz
Noch kund dar vß berichten sich
Ich hab vil bucher ouch des glich
Vnd lys doch gantz wenig dar jnn

Worvmb wolt ich brechen myn synn
Vnd mit der ler mich bkümbren fast
Wer vil studiert / würt ein fantast
Ich mag doch sunst wol sin eyn here
Vnd lonen eym der für mich ler

Ob ich schon hab eyn groben synn
Doch so ich by gelerten bin
So kan ich jta sprechen jo
Des tütschen orden bin ich fro
Danñ jch gar wenig kan latin

Ich weyß das vinu heysset win
Gucklus ein gouch / stultus eyn dor
Vnd das ich heyß domne doctor
Die oren sint verborgen mir
Man sæh sunst bald eins mullers thier

Narrenschiff: Hieronymus Bosch, ca. 1494–1510. Fragment des linken Flügels zu einem Triptychon;
Büchernarr: Johannes Geiler von Kaysersberg: Navicula sive Speculum fatuorum. Straßburg 1510.

Written by Wolf

21. Juli 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Renaissance

(Ändere die Welt.) Sie braucht es.

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——— Goethe: Maximen und Reflexionen. Über Literatur und Leben, Nachlass:

Beckah, The Daily Telegraph, 19. September 2011Wenn man einige Monate die Zeitungen nicht gelesen hat, und man liest sie alsdann zusammen, so zeigt sich erst, wieviel Zeit man mit diesen Papieren verdirbt. Die Welt war immer in Parteien geteilt, besonders ist sie es jetzt, und während jedes zweifelhaften Zustandes kirrt der Zeitungsschreiber eine oder die andere Partei mehr oder weniger und nährt die innere Neigung und Abneigung von Tag zu Tag, bis zuletzt Entscheidung eintritt und das Geschehene wie eine Gottheit angestaunt wird.

Bild: Beckah aus England, 19. Juli 2011;
Bundestagswahl: 22. September 2013 in Deutschland.

Written by Wolf

26. April 2013 at 14:45

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Ein neues Stiefelpaar for what you really are

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——— Jörg Wickram Stattschreyber zu Burckhaim:
Das Rollwagenbüchlin, Widmung, 1555.

Bitt euch hiemit sömlich kleine gaab / dieweil sy mit gûtem hertzen und gemút verert wirt / nit zû verschmahen / und zû einem glücksäligen neüwen Jar empfahen / mich auch noch als vor für euweren gûten freünd und willigen diener erkennen. Wünsch euch hiemit vil glück unnd heil euch und euwer neüwen Eegemahelen / und nach disem zergencklichen leben das ewig himmlisch reich und seligkeit / Amen.

——— The McCalmans: New Year’s Eve Song, from: Honest Poverty, 1993:

1. I have seen you tossing restless
     between midnight and day,
Paying back the debts of many years,
Staring out the window
     till the mist has burned away,
Waiting for the sun to dry your tears.
I’ve seen you young, I’ve seen you old,
I’ve seen you lost and found,
I’ve seen you sit and cry without a sound.

2. I have seen you in the lamplight
     with the hard lines in your face,
And the shadows of your fears upon the wall.
But crying is no weakness
     and to lose is no disgrace,
You see we’re not so different after all.
But can’t you tell, by the ringing bell,
Then old year’s moving on,
I’d like to say one thing before it’s done.

3. May whatever house you live in
     have flowers round the door,
And children in the bed to keep you warm,
May the people there accept you
     for what you really are,
And help you find some shelter in the storm.
And morning rain, to ease the pain,
That comes with being free,
May the new year bring you freedom peacefully.

Joseph Bergler, Zu dem neuen Jahr 1809 via Goethezeitportal

zu de[m] Neuen Jahr 1809: Joseph Bergler: Ich wünsch Euch allen ein frohes Jahr! Und mir, ein solches Stiefel paar. 1809: Joseph Bergler and Graphic Art in Prague 1800–1830, Katalog I. 273, Seite 225, Auftraggeber „F.G.“.

Written by Wolf

31. Dezember 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Renaissance

Zwischennetzsurferey

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Die Welt geht unter, seit sie entstanden ist, und Medienkritik ist älter als Medien. Ganz sicher aber als die neuen Medien. Vor allem die Kritilk an der Romanleserey ab dem 18. Jahrhundert greift eigentlich erst ab etwa 1997, als „jeder“ ins Internet drängte.

Darauf komme ich anhand Felix Müllers Artikel in der Welt vom 2. November 2012: Als die Lesesucht die Menschen krank machte, der leider seine Quellen allzu lieblos und vor allem bei weitem zu großzügig behandelt. Das Richtige hat wie immer schon vor mindestens drei Jahren die große Kathrin Passig gesagt:

——— Kathrin Passig: Standardsituationen der Technologiekritik, Merkur 1. Dezember 2009:

  1. Wozu zum Kuckuck sollte das denn gut sein? Bisher ging es doch auch so.
  2. Wer will denn sowas?
  3. Die Einzigen, die das wollen, sind zweifelhafte oder privilegierte Minderheiten.
  4. Das geht wieder vorbei.
  5. Die Erfindung wird keine Auswirkungen haben.
  6. Ok es ist sinnvoll, aber nicht gut genug!
  7. Schwächere als ich (die Jungen) können damit nicht umgehen!
  8. Die gute Etikette wird verletzt!
  9. Unsere Denk-, Schreib- und Lesetechniken verschlechtern sich!

Pierre-Antoine Baudoin, La Lecture. c. 1760. Gouache on paper. Musée des Arts décoratifs, ParisVor solchen Ansichten waren die Besten nicht gefeit: Der übermäßige Konsum von Ritterromanen ist das Setting für die Mutter des modernen — jawohl: — Romans, den Don Quixote. Ludwig Tieck berichtet 1792, also 19-jährig, seinem Herzensbruder Wilhelm Heinrich Wackenroder von einer nächtlichen zehnstündigen Leseorgie unter Missbrauch des Romans Der Genius von Carl Grosse, worauf der ihn zur Ordnung ruft:

Gütiger Himmel! auf welchem entsetzlichen Rande hast Du gestanden! […] Ein Buch, was alle Fantasie aufs äusserste umherjagt, über die Gränzen der Besinnung herumjagt!

Es ist dann noch alles gut geworden: Ludwig Tiecks nachmalige Übersetzung des Don Quixote gilt bis auf weiteres.

——— Karl G. Bauer: Über die Mittel dem Geschlechtstrieb eine unschädliche Richtung zu geben, 1787:

Die erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beym Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfung in den Eingeweiden, mit einem Wort Hypochondrie, die bekanntermaassen bey beydem, namentlich bey dem weiblichen Geschlecht, recht eigentlich auf die Geschlechtstheile wirkt, Stockungen und Verderbniss im Bluthe, reitzende Schärfen und Abspannung im Nervensysteme, Siechheit und Weichlichkeit im ganzen Körper.

Und Kindles stehen jetzt dem sinnlichen und bildungsfördernden Genuss des Bücherlesens im Wege, jawoll. Meine größere Befürchtung ist, dass Welt-Autor Felix Müller den besser recherchierten und kenntnisreichen Artikel von Peter Schneider Von der Lese- zur Internetsucht aus dem Schweizer Tagesanzeiger, 30. Oktober 2010 sehr wohl kannte.

Immerhin sind mit dem Gebrauch des Internets die von Karl G. Bauer befürchteten Auswirkungen unschädlich: iPads kann man zur Not mit aufs Klo nehmen, und die vergrößernde, befeuchtende und belebende Wirkung allfälliger Internetseiten auf die Geschlechtsteile wird nicht einmal von ihren schärfsten Kritikern geleugnet — von denen am wenigsten. Die Tieck-Übersetzung des Don Quixote steht heute online, wobei man nicht einmal auf die Illustrationen von Gustave Doré verzichten muss.

Bild: Pierre-Antoine Baudoin: La Lecture, um 1760. Gouache auf Papier. Musée des Arts décoratifs, Paris.

Written by Wolf

8. November 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Herrschaft & Revolte

Feine Pfote, derbe Patsche

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Die Wölfin und ich liegen mitsammen zu Bette und treiben, was wir dort mit Vorliebe treiben: ein Buch lesen.

„Was liest’n da?“ fragt die Wölfin.

„Heine“, sag ich.

„Du mit deinen ganzen alten Zauseln. Kennst du die Lorelei nicht bald auswendig?“

„Doch, die Loreley schon — nur echt mit dem e-ypsilon am Schluss. Und mehr als die Harzreise hast du aus den Reisebildern bestimmt nicht mal in der Schule durchgenommen.“

„Ächz“, sagt sie. Ihre Comicsprache ist vorsätzlich.

„Das ist Band 6/I der Hanser-Gesamtausgabe von Klaus Briegleb, also zeig mal etwas Respekt bitte.“

„Stöhn“, setzt sie drauf.

Ich hebe den Blick aus dem Buch.

„Nicht was du denkst“, sagt sie. „Hopphopp, lies mir doch mal was Respektgebietendes vor.“

Ich blättere. „Zur Teleologie, wie wär’s?“

„Zur was? Na gut, whatever.“

Zur Teleologie

Beine hat uns zwei gegeben
Gott der Herr, um fortzustreben,
Wollte nicht, daß an der Scholle
Unsre Menschheit kleben solle.
Um ein Stillstandsknecht zu sein,
Gnügte uns ein einzges Bein.

„Echt, das soll Heine sein? Nicht Wilhelm Busch?“

„Siehste. Soviel weißt du aber von der Loreley, dass man Heine auch ohne Germanistikstudium liebhaben kann.“

„Ist ja gut, ich glaub’s dir ja, du Liebhaber.“

Augen gab uns Gott ein Paar,
Daß wir schauen rein und klar;
Um zu glauben was wir lesen,
Wär ein Auge gnug gewesen.
Gott gab uns die Augen beide,
Daß wir schauen und begaffen
Wie er hübsch die Welt erschaffen
Zu des Menschen Augenweide;
Doch beim Gaffen in den Gassen
Sollen wir die Augen brauchen
Und uns dort nicht treten lassen
Auf die armen Hühneraugen,
Die uns ganz besonders plagen,
Wenn wir enge Stiefel tragen.

Die Wölfin hebt ein Bein aus ihrer Bettdecke hervor, henkelt es in der Luft herum, schnipst mit den Zehen und begutachtet ihre Schenkelrasur vorne und hinten.

„Enge Stiefel“, sinnt sie. „Wenn Gott gewollt hätte, dass wir enge Stiefel tragen, hätte er uns dann barfuß erschaffen?“

„Dich nicht“, sag ich und betrachte verliebt ihr Bein von unten bis oben.

Mit der Wölfin ist es so: Ihre schönsten Stellen fangen mit Z an. Ihre Zähne sind reines Perlmutt, ihre Zehen rosenreine Elfenglieder. Sie hört es nicht gern, aber sie weiß es, darum bringt sie trocken einen Insider unter:

„Zausehaare.“

„Ein Wunder angesichts der Stellen, an denen du rasiert bist.“

„Jedenfalls gründlicher als du“, sagt sie, „fühl mal.“ Sie schnappt sich meine Hand und führt sie ihren Schenkel entlang.

Gott versah uns mit zwei Händen,
Daß wir doppelt Gutes spenden;
Nicht um doppelt zuzugreifen
Und die Beute aufzuhäufen
In den großen Eisentruhn,
Wie gewisse Leute tun –
(Ihren Namen auszusprechen
Dürfen wir uns nicht erfrechen –
Hängen würden wir sie gern.
Doch sie sind so große Herrn,
Philantropen, Ehrenmänner,
Manche sind auch unsre Gönner,
Und man macht aus deutschen Eichen
Keine Galgen für die Reichen.)

„Oha. Da zündelt wieder einer mit der Zensur.“

„Gut aufgepasst. Wann er das genau geschrieben hat, weiß keiner, da hat er sich sogar gleich selber zensiert. Muss aber nach 1845 gewesen sein, also jedenfalls Spätwerk.“

„Wie alt ist Heine eigentlich geworden?“

„1797 bis 1856.“

„Oh, keine sechzig. Steinalt sieht anders aus. Todesstrafe oder Hungertod?“

„Syphilis.“

„Für Geschlechtskrankheiten ist 59 wiederum recht junggeblieben.“

„Eben. Dabei hat er seine erste Gesamtausgabe erst 1863 gekriegt. Die Teleologie war sogar erst 1912 ungekürzt gedruckt, davor immer nur einzelne Strophen. Die harmlosen.“

„Harmlose hat das auch?“

„Wie man’s nimmt. Heine ist eigentlich wegen der Redefreiheit nach Paris ausgewandert. Und nicht, um sich bei den Coquotten sonstwas einzufangen.“

„Wenn er auch immer solche Dinger krachen lässt …“

Gott gab uns nur eine Nase,
Weil wir zwei in einem Glase
Nicht hineinzubringen wüßten,
Und den Wein verschlappern müßten.

„Das erfindest du jetzt!“ ruft die Wölfin. „Nie im Leben steht da ‚verschlabbern‘!“

„Doch“, sag ich, „mit Doppel-p. Da, schau.“ Ich halte ihr die Buchseite hin und lege den Finger auf ‚verschlappern‘.

Die Wölfin kann es nicht fassen.

Gott gab uns nur einen Mund,
Weil zwei Mäuler ungesund.
Mit dem einen Maule schon
Schwätzt zu viel der Erdensohn.
Wenn er doppeltmäulig wär,
Fräß und lög er auch noch mehr.
Har er jetzt das Maul voll Brei,
Muß er schweigen unterdessen,
Hätt er aber Mäuler zwei,
Löge er sogar beim Fressen.

„Yeah, Rock ’n‘ Roll, Alter!“ Die Wölfin lacht sich kaputt.

„Trefflich formuliert. Der Mann lässt echt nichts aus.“

„Stimmt. Ist das unter irgendwas gesammelt? Bestimmt nicht unterm gleichen Kapitel wie deine Loreley, oder?“

„Keine Spur, das Buch der Lieder war Frühwerk, da konnte er sich noch halbwegs in Deutschland blicken lassen. Die Teleologie steht meistens unter ‚Vermischtes‘.“

„Pf, vermischt. So eine Systematik kann ich auch.“

„Kannst du nicht. Du würdest nicht mal merken, dass es eine Langversion überhaupt gibt. Das geht nur übers Manuskript, du hättest bestimmt nur in der jeweils letzten Druckversion nachgeschaut.“

„Welchselbiges Manuskript bis dahin genau wo rumgeflattert ist?“

„In den Giftschränken der Literaturwissenschaft. Meistens ist sowas dann das Archiv einer Unibibliothek.“

„Klar, wo sonst. Führst du auch einen Giftschrank?“

„Sicher. Ich nenne ihn Bücherregal.“

„Dann verzeih meine Präpotenz.“

„Gern geschehen. Neuerdings steht’s immer unter ‚Zeitgedichte‘. Hier im Briegleb zum Beispiel.“

„Also mit dem mehr Blick auf die Kapitalismuskritik als auf die Schulbubengaudi.“

„Und den Gedanken der Teleologie bei Hegel.“

„Teleologie, Teleologie …“

„Zielgerichtetheit.“

„Hab ich doch gesagt.“

„Die Überschrift ist gar nicht von Heine, beiläufig.“

„Och? Sondern von wem?“

„Adolf Strodtmann.“

„Ächz, stöhn, jaul, Jammer, Not!“

„Der mit der ersten Gesamtausgabe.“

„1863.“

„Yeah, Rock ’n‘ Roll.“

Mit zwei Ohren hat versehn
Uns der Herr. Vorzüglich schön
Ist dabei die Symmetrie.
Sind nicht ganz so lang wie die,
So er unsern grauen braven
Kameraden anerschaffen.
Ohren gab uns Gott die beiden,
Um von Mozart, Gluck und Hayden
Meisterstücke anzuhören –
Gäb es nur Tonkunst-Kolik
Und Hämorrhoidal-Musik
Von dem großen Meyerbeer,
Schon ein Ohr hinlänglich wär! –

„Au weh. Die muss ich nicht alle kennen, oder?“

„Die kennst du alle, außer Meyerbeer.“

„Gut genug, um zu wissen, dass Haydn sich ohne e hinten schreibt.“

„Schon okay, das sollte reichen.“

„Und was, meint Heine nochmal, soll sich da auf ‚Tonkunst-Kolik‘ reimen?“

„‚Hämorrhoidal-Musik‘.“

„Na! Aber nur ausnahmsweise.“

„Was lernen wir daraus? Wölfin?“

„Dass Heine Meyerbeer nicht mag?“

„Richtig und gut. Und dass um 1850 ‚Kolik‘ noch auf der Ultima betont wurde, wie ‚Musik‘.“

„Oder dass er mit seinem Gedicht bald fertig werden wollte.“

„Wieder richtig. Das lässt du im Literaturseminar aber lieber weg.“

„Was reimt sich dann auf ‚anzuhören‘?“

„…“

„Ja, hab ich mir schon gedacht …“

„Anscheinend wollte er da langsam zum Höhepunkt kommen.“

„Bitte??“

„Zum unterdrückten Finale. Fertig werden, wie du sagst.“

„Wer unterdrückt denn sowas? Dein Strodtmann?“

„Ja, der auch: ‚Der skabröse Schluß des Gedichtes ‚Zur Teleologie‘ konnte hier aus Schicklichkeitsgründen nicht mitgeteilt werden‘, meint er. Alle bis Karl Schüddekopf.“

„Der von 1912?“

„Spickst du?“ Ich verstecke die Buchseite vor ihr.

„Nein, ich bin nur eine aufmerksame Zuhörerin.“

„Je nach Thema.“

„Das musst du sagen!“ Sie boxt mich unter der Bettdecke mit dem Knie. Ich fange ihr Bein mit gedankengeschwindem Griff ein und behalte es in der freien Hand. Sie lässt es geschehen.

„Oh là là, piquant, piquant“, strahlt sie mir ins Gesicht und schmiegt sich meine Seite entlang. Mir fällt noch einmal kurz ein, wie sehr ich ihre Zähne und ihre Zehen mag.

„Nein, skabrös, skabrös“, antworte ich.

„Das sowieso.“ Unter unserer Decke wippt sie erwartungsvoll mit dem Fuß.

Als zur blonden Teutolinde
Ich in solcher Weise sprach,
Seufzte sie und sagte: Ach!
Grübeln über Gottes Gründe,
Kritisieren unsern Schöpfer,
Ach! das ist, als ob der Topf
Klüger sein wollt als der Töpfer!
Doch der Mensch fragt stets: Warum?
Wenn er sieht, daß etwas dumm.
Freund, ich hab dir zugehört,
Und du hast mir gut erklärt,
Wie zum weisesten Behuf
Gott den Menschen zwiefach schuf
Augen, Ohren, Arm‘ und Bein‘,
Während er ihm gab nur ein
Exemplar von Nas und Mund –
Doch nun sage mir den Grund:
Gott, der Schöpfer der Natur,
Warum schuf er einfach nur
Das skabröse Requisit,
Das der Mann gebraucht, damit
Er fortpflanze seine Rasse
Und zugleich sein Wasser lasse?
Teurer Freund, ein Duplikat
Wäre wahrlich hier vonnöten,
Um Funktionen zu vertreten,
Die so wichtig für den Staat
Wie fürs Individuum,
Kurz fürs ganze Publikum.
Zwei Funktionen, die so greulich
Und so schimpflich und abscheulich
Miteinander kontrastieren
Und die Menschheit sehr blamieren.
Eine Jungfrau von Gemüt
Muß sich schämen, wenn sie sieht,
Wie ihr höchstes Ideal
Wird entweiht so trivial!
Wie der Hochaltar der Minne
Wird zur ganz gemeinen Rinne!
Psyche schaudert, denn der kleine
Gott Amur der Finsternis,
Er verwandelt sich beim Scheine
Ihrer Lamp – in Mankepiß.

„Teutolinde!“ ruft die Wölfin gedehnt, „ist das ein Name für einen Menschen?“

„Für einen deutschen Menschen weiblicher Herkunft ist Teutolinde ein sehr zulässiger Name.“

„Boah, da bin ich mit meinem doch noch ganz zufriedenstellend bedient.“

„Deinen Namen mag ich sogar gern.“

„Es hätte ‚Teutolinde‘ werden können! Sag mal, veröffentlichst du das alles in deinem Blogdingsda?“

„Selbstverständlich wirst du in meinem Weblog vorkommen. Ich komm ja auch vor, und du bist doch der beste Teil meiner bescheidenen Person.“

„Mit meinem Namen?“

„Ich sag: die Wölfin zu dir. Ist dir das genehm?“

„Geht so. Es gibt einen gewissen Sinn. Komm ich oft vor?“

„Gerade eben zum ersten Mal. Ich muss dich ja erst mal einführen.“

„Einführen. Gleich helf ich dir einführen.“

„O ja, gern. Darf ich noch zu Ende vorlesen?“

„Mach ruhig, ich hab heut nix Besonderes mehr vor.“

Also Teutolinde sprach,
Und ich sagte ihr: Gemach!
Unklug wie die Weiber sind,
Du verstehst nicht, liebes Kind,
Gottes Nützlichkeitssystem,
Sein Ökonomie-Problem
Ist, daß wechselnd die Maschinen
Jeglichem Bedürfnis dienen,
Den profanen wie den heilgen,
Den pikanten wie langweilgen, –
Alles wird simplifiziert;
Klug ist alles kombiniert:
Was dem Menschen dient zum Seichen,
Damit schafft er seinesgleichen.
Auf demselben Dudelsack
Spielt dasselbe Lumpenpack.
Feine Pfote, derbe Patsche,
Fiddelt auf derselben Bratsche,
Durch dieselben Dämpfe, Räder
Springt und singt und gähnt ein jeder,
Und derselbe Omnibus
Fährt uns nach dem Tartarus.

„Ohhhhh! Lies das büddebüdde nochmal, das mit dem ‚Was dem Menschen dient‘.“

„Das war klar, dass dir sowas gefällt.“

„Wegen der Stelle hast du’s doch vorgelesen.“

„Und wegen dem ‚Omnibus‘.“

„Ja, stimmt: Heine kannte einen Omnibus?“

„Angewandte Poesie hat zuweilen auch etwas Visionäres.“

„Wende sie jetzt an, Wolf.“ Die Wölfin breitet die Arme aus, dass die Bettdecke von ihr gleitet und großflächig eine skabrös nackte Wölfin freigibt.

„Mit dem Dudelsack?“

„Nein, du Lumpenpack. Mach bitte leise.“

„Mit dem einen Maule schon schwätzt zu viel der Erdensohn.“ Einhändig klappe ich das Buch zu und lege es unauffällig in sicherer Entfernung ab. Die Zunge der Wölfin schmeckt kühl, ihre Zausehaare kitzeln.

„Gefräßige Stille“, flüstert sie.

Brittney Bush Bollay, Skinny Legs and All, February 28, 2007

Beine hat uns zwei gegeben Gott der Herr: Nein, nicht die Wölfin.
Brittney Bush Bollay: Skinny Legs And All, 28. Februar 2007.

Written by Wolf

18. September 2012 at 00:01

Ich bescheide mich

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——— Kurt Tucholsky: Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte:
Bootsfahrt auf dem See — Abendessen — Im Theater — Zu Bett, Juli 1912:

Am Nachmittag fuhren sie auf dem See herum. Er ruderte, und sie saß am Steuer, während sie dann und wann drohte, sie werde ihre graue, alte Familie unglücklich machen, sie habe es nunmehr satt und stürze sich ins Wasser. Er werde sowieso bald umwerfen. Nein – sie landeten an einer kleinen Insel. Ein paar Bäume standen darauf. Sie lagerten sich ins Gras … Ein kühler Wind strich vom See herüber. Die Uferlinien waren unendlich fein geschwungen, die hellblaue Fläche glänzte matt …

kalterstern, Rheinsberg, 5. März 2006„Sehssu, mein Affgen, das is nu deine Heimat. Sag mal: würdest du für dieselbe in den Tod gehen?“

„Du hast es schriftlich, liebes Weib, dass ich nur für dich in den Tod gehe. Verwirre die Begriffe nicht. Amor patriae ist nicht gleichzusetzen mit der ‚amor‘ als solcher. Die Gefühle sind andere.“

„Nun, ich bescheide mich.“

Und, nach einem langen Träumen in den hellen Himmel, – er war so hell, so hell, dass die blitzenden Funken vor den Augen tanzten, sah man lange hinein –:

„Wölfchen, du hast doch niemalen eine andere geliebt, vor mir?“

„Nie!“

Es prickelte, so über die Sehnsucht der Bürger zu spotten, über das, was sie Liebe nannten, über ihre Gier, stets der erste zu sein … Sie waren beide nicht unerfahren.

Bild: Kalter Stern: Rheinsberg, 5. März 2006.

Written by Wolf

5. September 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Die besten Saufbrüder sind gestorben

with 5 comments

Cover Das Wirtshaus an der LahnAus dem im Überfluss bekannten Strophenmaterial habe ich aus dem Reiselied eine Version zurechtgebogen, die geographisch Sinn ergibt. Für den Vortrag vor einem Publikum mit eher peripherem ethnologischem und archäologischem Interesse, mit dem man sich weder zur Lach- noch Schnarchnummer macht, ich denke da klassischerweise an Lagerfeuer, empfehlen sich die Strophen 1 bis 5, anschließend erst wieder 21 bis 24; neun Strophen reichen vollauf. Lasst im Zweifelsfall lieber noch 21 und 24 weg und stiftet die Leute im Refrain zum Mitgrölen an, dann beschwert sich niemand. Das gibt einen aufmüpfigen, schön antiquierten Text auf eine unentrinnbar schmissige Melodie, mit dem man bei den Mädels punkten kann. Bei den richtigen jedenfalls. Das war ein Tipp, Jungs.

Hier ist die Gelegenheit, die Abhandlung von Theo und Sunhilt Mang einzufügen, Herausgeber des Liederquell, seit 2007 das Volksliederbuch für Leute, die wissen wollen, was sie da singen:

Unter dem Titel Handwerksburschen-Erfahrung steht dieses Lied 1894 im Deutschen Liederhort von Erk-Böhme. 1855 steht es schon in der Liedersammlung von Oskar Schade Volkslieder aus Thüringen, sowie im 2. Teil der Fränkische Volkslieder mit ihren Singweisen des Freiherrn Wilhelm von Ditfurth, Leipzig. Textdichter und Komponist sind unbekannt. Erk/Böhme geben als Herkunftsort das brandenburgische Wilsnack an (1844). Unter dem Titel Der patriotische Handwerksbursch wird auch (Barmen 1844) von Erk/Böhme eine melodisch und rhythmisch verwandte Melodie mit ähnlichen zwei Anfangsstrophen überliefert. Doch dieses Lied zeigt dann die Hinwendung zur politischen Situation in der Napoleonischen Zeit vor 1813. Bei Röhrich/Brednich findet sich eine neuere Textversion, die auch die südlichen Städte Mannheim und Freiburg berücksichtigt und in der das „Glas Champagner Wein“ mit „ein gut Glas Bier“ ausgetauscht wird. Dieses Liedgenre wurde von der Jugend und den Liedermachern der 60-er und 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts besonders geliebt, verarbeitet und in den Medien wieder populär gemacht, z.B. durch die Gruppe Liederjan, 1978.

T und M: Anfang 19. Jahrhundert
L: Erk/Böhme N 1610, Ditfurth II 233, Gottschalk I 65, Röhrich 259

In den Text habe ich nach Möglichkeit gastronomische Einrichtungen verlinkt, die ich aus eigener Anschauung empfehlen kann; mein Vater war Eisenbahner, da bin ich in meiner Jugend allerhand in Deutschland rumgekommen. Wo das nicht möglich war, führt der Link zu Gasthäusern, die auch online einiges Vertrauen erwecken. Persönlich möchte ich das Hamburger Fischerhaus und den Freiburger Löwen hervorheben. Das krieg ich nicht bezahlt, obwohl ich’s nehmen würde. Der Bremer Ratskeller und Auerbachs Keller zu Leipzig werden uns an dieser Stelle noch literarisch beschäftigen. Allein die Städte, die mit den Zeitläuften ins befreundete Ausland gerückt sind, bleiben vorerst ohne Empfehlung — und das keineswegs, weil das gefälligst ein deutscher Weblog bleiben soll, sondern weil sich das von München aus schwierig surft. Ich höre jedoch auf Vorschläge.

Zur Aufführungspraxis: Die Melodie kennt ihr im Zweifelsfall von Slime, die sich 1992 auf der Viva la Muerte (nur auf der LP, nicht der CD!) redlich um zeitgemäße Saufromantik bemühen, aber ein paar Textstellen verwenden, wie ich sie planvoll vermeide: Mit „Unser Orden ist verdorben“ ruinieren sie die Aktualität wieder, die sie mit der Instrumentierung hineingebracht haben — aber zum Eingewöhnen ist die Version gar nicht schlecht. Zum Übernehmen hört deshalb lieber Peter Rohland zu: auf Landstreicherballaden, 1996. Schnell, unkompliziert und ästhetisch unaufgeregt entnehmt ihr sie dem etwas struppigen, aber höchst brauchbaren instrumentalen Video von Mr. Gammler. Bei den Akkorden kommt ihr zurecht mit C/a//C/F//C/G//C — also dem, was sich von selbst ergibt. Nicht so zaghaft.

Die jeweils dritten Verse jeder Strophe kann man wiederholen, muss aber nicht. In den meisten Fällen finde ich es sogar wirkungsvoller, wenn der Melodiebogen nach dem dritten Vers offen bleibt; da kommt es sehr zupass, dass die sich sich sowieso auf nichts reimen müssen. Ins Schloss schnappen sollte erst der Refrain. Das bedeutet nicht weniger als dass die Strophen mit wahlweise sechs, sieben (selten!) oder acht Zeilen funktionieren. Probiert mal aus, wie ihr euch am logischsten singt. Deshalb heißen solche Dinger „Volkslied“. Und eins und zwei:

 

Reiselied

1.: Lustig, lustig, ihr lieben Brüder,
nun leget all eure Arbeit nieder
und trinkt ein Glas Champagnerwein.

Refrain: Denn unser Handwerk, das ist verdorben,
die besten Saufbrüder sind gestorben,
||: es lebet keiner mehr als ich und du. :||

2.: Auf die Gesundheit aller Brüder,
die da noch reisen auf und nieder,
die sollen unsre Freunde sein.

3.: Und sollte wirklich noch einer leben,
so soll der Meister ihm den Abschied geben,
denn er macht ihm das Leben sauer.

4.: Weg mit dem Meister, mit all den Pfaffen,
ja Kaiser, König soll sich raffen:
Weg, wer da kommandieren will.

5.: Als wir durch deutsche Lande zogen,
haben wir so manchen Wirt betrogen,
doch seine Tochter war uns gut genug.

6.: In Lübeck hab ich es angefangen,
nach Hamburg stand dann mein Verlangen,
das schöne Bremen hab ich längst gesehn.

7.: Wie auch Celle, Hannover, Minden,
dann wolln wir auf dem Rhein verschwinden
wohl nach dem alten heil’gen Köln.

8.: Wir wollen auch noch Bonn besuchen,
in Bingen gibt’s zum Wein auch Kuchen,
bei Mainz, da fließt der Main in‘ Rhein.

9.: Frankfurt am Maine hab ich gesehen
der Herbergstochter mußte ich gestehen:
Der letzte Heller will versoffen sein.

10.: In Mannheim wolln wir unser Glück probieren,
nach Karlsruh soll uns der Weg dann führen,
so kommen wir ins Elsaß rein:
In Straßburg gibt es guten Wein.

11.: In Freiburg geht’s nicht lang logieren,
wir wollen in die Schweiz marschieren,
nach Basel, Zürich und bis Bern.

12.: Nach Thüringen möcht ich hinein,
in Jena, Erfurt, Weimar sein
und auf der Wartburg kehren ein.

13.: In Königsbrück hat mir’s gefallen
die vielen Töpfer hier vor allem,
die Scheiben drehn sie, drehn und drehn.

14.: Was warn die Töpfer für Gesellen,
hörten sie nachts die Hunde bellen
so fraßen sie die einfach auf.

15.: Wie auch in Leipzig, Dresden, Sachsen,
wo all die schönen Mädchen wachsen
wohl in dem schönen Rosenthal.

16.: Dann wollen wir uns aufs Schifflein setzen
und unser junges Herz ergetzen,
wir fahrn die Elbe hinab zur See.

17.: Nun Schifflein, Schifflein, du musst dich wenden
und dich hin nach Riga lenken
wohl zu der russischen Seehandelsstadt.

18.: Und auch in Polen ist nichts zu holen,
als ein Paar Stiefel ohne Sohlen,
ja nicht einmal ein Heller Geld.
[alt.: von dort kommt man nicht ungeschoren,
in Danzig fängt die See schon an.]

19.: Nun wollen wir es noch einmal wagen
und wollen fahren nach Kopenhagen
dort zu der dänischen Residenz.

20.: In Bergen regnet es große Tropfen,
getrunken wird hier aus Malz und Hopfen,
korngelb gebrautes nordisch Bier.

21.: Und wer dies alles hat gesehen
der kann getrost nach Hause gehen,
und nehmen sich ein Mägdelein.

22.: Ich hatte manchen blanken Gulden,
heut hab ich jede Menge Schulden,
doch einen Humpen für der Seele Ruh.

23.: Schlagt ein die Fässer, lasst es laufen,
wir wollen heut noch einen saufen,
ja solches Himmelreich ist nah.

24.: Darauf wollen wir lustig saufen,
schöne Mädchen wollen wir uns kaufen,
ja das soll unser Handwerk sein.

Bild: LPCD Hamburg.