Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Herrschaft & Revolte’ Category

Nachtstück 0008: Am oberen Zinnrande eines Bierkrugs

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Update zu den Nachtstücken 0002 und 0004:

David Teniers d. J., Eine Wachtstube, ca. 1642

——— Karl Leberecht Immermann:

aus: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken, 1839,
Erstes Buch: Münchhausens Debüt. Vierzehntes Kapitel:

Die Nacht hatte inzwischen den ersten Strahlen des Frühlichts Raum gegeben, welche den Ofen und die Bänke der Wachtstube mit gelbrötlichen Streifen säumten. Unvergleichlich war die Wirkung eines scharfen Schlaglichtes am oberen Zinnrande eines Bierkrugs, von welchem ein seltsamer, aber verstandner Reflex den Knopf des Feldwebelstocks traf, welcher darüber am dritten Haken hing. Überall tiefe, satte Farbentöne, klare, durchsichtige Schatten! Die Wachtstube schien keine wirkliche Wachtstube zu sein, sie war heute mehr, sie war eine gemalte.

David Teniers d. J., Wachtstube mit der Befreiung Petri, ca. 1645–47

Bilder: David Teniers der Jüngere: Eine Wachtstube, ca. 1642, Walters Art Museum, Baltimore, Maryland;
derselbe: Wachtstube mit der Befreiung Petri, ca. 1645–1647, Metropolitan Museum of Art, New York.

104 Minuten Nachtwache: Nachtwache (nur echt ohne „Die“),
Neue Deutsche Filmgesellschaft-Filmaufbau GmbH, Göttingen 1949:

Written by Wolf

19. Mai 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Herrschaft & Revolte

Was denn sonst, bei diesem Sauwetter

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Update zu Hören wir das Husten einer Grille im Schnee?:

Seht! den Schirm erfaßt der Wind,
Und der Robert fliegt geschwind
Durch die Luft so hoch, so weit;
Niemand hört ihn, wenn er schreit.

Dr. Heinrich Hoffmann, 1844.

You got a lotta time to waste when you ain’t getting wasted,
not a penny to spare when you ain’t getting paid.

Rail Yard Ghosts, 2014.

Heinrich Hoffmann, die Geschichte vom fliegenden Robert, Struwwelpeter, ab 1844

——— Hans Magnus Enzensberger:

Der Fliegende Robert

aus: Die Furie des Verschwindens. Gedichte, edition suhrkamp 1066, Neue Folge 66, Frankfurt 1980:

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! —,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.

Die letzte Geschichte aus der pädagogisch gemeinten Serie passiv-aggressiver Häme gegenüber Kindesmisshandlungen mit Todesfolge, die seit 1845 nie wieder aus dem Buchhandel verschwand, ist noch die versöhnlichste. Was an diesem einzigen Beispiel eines Entkommens im Struwwelpeter so warnend sein soll, hab ich nicht einmal als Vierjähriger verstanden, und seit ich über 18 bin, versteh ich sowieso jedes Jahr weniger.

Wisst ihr nämlich, liebe Kinder, warum den Robert niemand gehört hat, wenn er schreit? Weil er gar nicht geschrien, sondern sich heilfroh eins gegrinst hat, dass er da rauskommt.

Bild: Dr. Heinrich Hoffmann: Die Geschichte vom fliegenden Robert, aus: Struwwelpeter, ab 1844;
Off Road Kids: Rail Yard Ghosts: Dirty Kid Rag, aus: Medicinal Whiskey, 2014:

Written by Wolf

4. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Im bürgerlichen Sinne ungesellige, freundlose Subjekte

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Update zu Bei Ludwig Tieck geheult vor so viel Schönheit,
Unter sotanen Umständen
und Nach einer guten Mahlzeit:

Wie immer sagt es niemand so treffend wie Arno Schmidt. Niemand rezitiert es so glaubwürdig wie Mechthild Großmann (es ergeht ernstliche Triggerwarnung für Arachnophobiker):

Wenn man mehrere große Spinnen zusammen in ein Glas setzt — so geht eine unausrottbar alte Volksweisheit — beginnen sie sogleich miteinander zu kämpfen, ja, fressen sich sogar gegenseitig auf, bis am Ende nur noch die eine, wildeste, zurückgeblieben ist. Es sind also ausgesprochen bissig=ungesellige Tiere, Liebhaber mürrischer Einsamkeit; dabei aber die unbestreitbaren Künstler märchenhafter Gewebe, so abstoßend ihre Sitten — vielmehr Unsitten — zunächst auch scheinen mögen. Ich wage das Diktum, daß alle Dichter — und zwar genau proportional ihrer Bedeutung nach wachsend — im bürgerlichen Sinne ungesellige, freundlose Subjekte waren !

Das ist aus der Arte-Doku Arno Schmidt – „Mein Herz gehört dem Kopf“ zu Schmidts 100. Geburtstag 2014. Das auch:

——— Arno Schmidt im Interview, aus Oliver Schwehm:

Arno Schmidt – „Mein Herz gehört dem Kopf“

ca. 1960, Dokumentation auf Arte, 15. Januar 2014, 22.40 Uhr:

Ein guter Schriftsteller darf weder haben Freund noch Vaterland noch Religion. Das klingt dem Leser aufs Äußerste schockierend und es besagt doch letzten Endes weiter nichts, als dass ich bei einem Freund irgendwann doch einmal im Leben in die Versuchung kommen könnte, die Wahrheit zu beugen, beziehungsweise dass es über dem Vaterland immer noch einen Begriff gibt, zumindest die Menschheit, oder dass es mir, wenn ich mich auf eine Religion einschwöre, unmöglich ist, andere, andersglaubende Völker und Zeiten zu verstehen. Mit anderen Worten, diese scheinbar schockierende Formulierung ist doch wohl der Ausdruck, dass der Schriftsteller objektiv sein muss, eine Art Spiegel der Welt.

Mit Verlaub, das Schockierendste an dieser Aussage ist doch wohl die Art, wie Herr Schmidt sie vorträgt. Würde ein Journalist eigentlich heute noch so ein Interview zulassen, in dem dem Seine Geheiligte Prominenz daherredet wie ein Radiosprecher, der sein Zeug auswendig gelernt hat, bevor er die Frage kennt?

Charles-Amable Lenoir, NarcisseNa gut, wenn es Arno Schmidt wäre, vielleicht schon. Die Arte-Dokumentation steht online, nur leider nicht für Deutschland verfügbar (für China, Iran, Nordkorea und Österreich schon…), und ist käuflich, der Interviewer (es ist nicht Jan Philipp Reemtsma, das wäre zu einfach und außerdem zu früh) samt Datum und Anlass des Unterfangens (Schmidt sieht noch jung aus, vor dem Fenster schaukeln schon die mutmaßlichen Bargfelder Zwetschgenzweige ab 1958, auf dem Tisch prangt als Gesprächsvorlage KAFF auch Mare Crisium — daher tippe ich ziemlich genau auf 1960) sind deswegen seit der ersten und bislang einzigen Ausstrahlung am 15. Januar 2014 nicht ohne weiteres festzunageln.

Gegen diese Diktion eines Kriegsberichterstatters aus dem ersten Weltkrieg (Schmidt ist Jahrgang 1914) lässt sich wohl wenig ausrichten; wer mag sich schon mit einem Radiosprecher anlegen. Da kann man ja erst hinterher nach einer gewissen Erholungspause draufkommen, dass Schmidt von falschen Voraussetzungen ausgeht. Was soll bitte „ein guter Schriftsteller“ sein? Schon Ernst Wiechert oder erst von Thomas Mann aufwärts (Nobelpreisträger mochte Schmidt sowieso nicht)? Und wenn er so gut ist, warum soll er sich mit nichts anderem abgeben als dem Spiegeln der Welt, was immer das ist?

Gut, Schmidt mochte halt außer Nobelpreisträgern auch keine Freunde, Vaterländer und Religionen. Bei seiner Schaffensweise kam er gut ohne dergleichen aus, und ohne Not die Wahrheit beugen (darf ich das verwenden?!) will auch keiner. „Ein guter Schriftsteller“ wäre demnach so ziemlich allein er selbst. Es ist legitim, das in einem Interview zu verbreiten, und es ist gut, heute über die geistigen Mittel zu verfügen, das so schnell zu durchschauen.

Irgendwie mag ich diesen herrlich arroganten Miesnickel ja. Man möchte ihm nach möglichst durchsoffener und -diskutierter Nacht in der sternestillen Bargfelder Heide endlich die vorletzte Flasche Bier aufhebeln und sagen: „Ach komm. Sind doch alles bloß Bücher.“

Und genau dafür würde er einem wahrscheinlich endgültig eine schallern.

Dabei konnte er so schön aus seinem eigenen Werke lesen. Zum Beispiel eine seiner unnachahmlichen Poe-Übersetzungen (übrigens apokryph, weil sie nicht in der Poe-Gesamtausgabe steht; dort steht die von Hans Wollschläger):

Straßen, wo im finstern Leeren
Kranke Engel nur verkehren
Und ein Eidyllion, die Nacht
Hoch auf schwarzem Throne wacht,
Führten jüngst mich in dies Land her
Von Ultima Thules Strand her
Und seinem Dämmersaum,
wild wie Hexentraum
     Jenseits von Zeit, jenseits von Raum.

Bodenlos Tal gewinnt und Spalt
Geflute Höhlen, Titanenwald
Von Formen, nimmer zu begreifen
Vor lauter Thau und Tränenträufen
Berge torkeln immer vor den Küsten,
Lose Meere dort
Meere branden, Ungeheuer,
Auf zu Himmeln wie aus Feuer
Laachen ohne Boot und Lot
Tote Wasser, öd und tot
Stille Wasser, still zuwider
Lilien räkeln schneeweiße Glieder.

By a route obscure and lonely,
Haunted by ill angels only,
Where an Eidolon, named night,
On a black throne reigns upright,
I have reached these lands but newly
From an ultimate dim Thule—
From a wild clime that lieth, sublime,
     Out of space—out of time.

Bottomless vales and boundless floods,
And chasms, and caves, and Titan woods,
With forms that no man can discover
For the tears that drip all over;
Mountains toppling evermore
Into seas without a shore;
Seas that restlessly aspire,
Surging, unto skies of fire;
Lakes that endlessly outspread
Their lone waters—lone and dead,—
Their still waters—still and chilly
With the snows of the lolling lily.

Lilien räkeln schneeweiße Glieder: Charles-Amable Lenoir 1860–1926: A Nymph In The Forest,
unbekannten Datums, sinnigerweise als Narcisse via Aesthetic Time, 18. November 2014.

Written by Wolf

14. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Trotzki, Fauser und die Goetheforschung

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Update zu B und Was zusammengehört:

——— Jörg Fauser:

Trotzki, Goethe und das Glück

aus: Klaus Wagenbach und Michael Krüger, hg.: Tintenfisch. Jahrbuch für Literatur 8, Wagenbach-Verlag, Berlin 1975, gesammelt in: Trotzki, Goethe und das Glück. Gedichte 1974–1979, Rogner & Bernhard, München 1979, Abschnitt II. Geschichte von der riesigen Finnin:

Jörg Fauser Trotzki, Goethe und das Glück, Rogner & Bernhard 1979, Original-Cover via Antiquariat Ketz, MünsterKaum war ich von der Spritze runter,
tappte ich in die nächste Falle:
die Revolution.

Die Revolution hieß Louise,
hatte unglaublich schmale Hüften,
blitzende Augen, flatterndes schwarzes
Haar, kam aus Paris
und war Trotzkistin.

Wir wohnten zusammen in einem
der besetzten Häuser, hielten uns
glänzend in Schuß, hielten es sogar
für Liebe, und ich palaverte,
wenn Palaver gefragt war,
schwenkte Fahnen, wenn Fahnen
gefragt waren, und frühstückte
entgegen allen Lehren
des Großen Vorsitzenden
mit einer Flasche Wermut
und einem netten dekadenten Gefühl
im Bett.

Das ist Glück, dachte ich.

Das ist Glück, sagte ich zu Louise.
Warum lassen wir die Revolution nicht sausen,
das sinnlose Palaver und die Fahnen
und die endlosen Auseinandersetzungen
um die Maschinenfabrik in Shanghai,
suchen uns irgendeinen stillen Winkel
wo ich in Ruhe mein Bier trinken und
zwischendurch mal’n Gedicht schreiben kann,
et du reste l’amour?

Und Trotzki? schrie Louise,
und die Genossen im Knast?
Dein bourgeoises Glück, pah! Bier
und Gedichte, während die Revolution
organisiert wird.

Fausers Nächte. Kampflustig. Jörg Fauser in Berlin, 1983Von da ab ging alles schief. Als ich
im Suff mal mit einer anderen ankam,
ging Louise mit einem Messer
auf mich los. Dann mischte sie
bei einer Frauenbewegung mit und ich
mußte nehmen, was kam:
meistens nur Bier und manchmal irgendeine
neurotische Studentin, und später selbst das
nicht mehr, und dann
schmissen sie mich raus,
und ich zog woanders hin.

Das alles ist etliche Jahre her, aber neulich
traf ich ein Mädchen, das noch in den Kreisen
verkehrt, und fragte sie nach Louise.

Louise, sagte das Mädchen —
die ist wieder in Paris.
Sitzt sie im Zentralkomitee? fragte ich.
I wo, sagte das Mädchen, die hat irgendson
Goetheforscher geheiratet.

An dem Abend trank ich alles durcheinander,
trank wie lebensmüde, aber als ich gestern
an dem Haus vorbeikam — es sieht
inzwischen ziemlich verkommen aus,
absolut deja vu —
dachte ich, naja,
vielleicht hast du doch Glück gehabt.

O-Ton Jörg Fauser in: LEBENdIGITAL, i. e. Jochen Rausch und Detlev Cremer: Trotzki, Goethe und das Glück, aus: Fausertracks, 2005; Video: Kai Dollbaum, 2008:

Bilder: Antiquariat Ketz, Münster, via ZVAB;
Der Tagesspiegel: Kampflustig. Jörg Fauser in Berlin, 1983,
in: Fausers Nächte. Zum 25. Todestag von Jörg Fauser, 17. Juli 2012.

Written by Wolf

3. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen

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Update zu The Raven und der Rabe:

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

Es giebt eine Reihe idealischer Begebenheiten, die der Wirklichkeit parallel läuft. Selten fallen sie zusammen. Menschen und Zufälle modificiren gewöhnlich die idealische Begebenheit, so dass sie unvollkommen erscheint, und ihre Folgen gleichfalls unvollkommen sind. So bei der Reformation; statt des Protestantismus kam das Lutherthum hervor.

There are ideal series of events which run parallel with the real ones. They rarely coincide. Men and circumstances generally modify the ideal train of events, so that it seems imperfect, and its consequences are equally imperfect. Thus with the Reformation; instead of Protestantism came Lutheranism. — Novalis. Moral Ansichten.

Novalis: Religiöse Fragmente, 1799–1800,
verwendet als Motto von Edgar Allan Poe: Das Geheimnis um Marie Rogêt, 1842.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

——— Edgar Allan Poe:

Das Geheimnis um Marie Rogêt

Snowden’s Ladies‘ Companion, November und Dezember 1842, Februar 1843;
Übersetzung von Hans Wollschläger für: Poe. Werke I [von IV Bänden], Walter-Verlag AG Olten und Freiburg im Breisgau, 1966:

So etwas wie einen noch unerforschten oder auch nur selten besuchten Winkel inmitten der Wälder und Wäldchen kann man sich ja nicht einen Augenblick lang mehr vorstellen. Lassen Sie och einmal einen, der im Herzen ein Freund der Natur ist, doch aber von seiner Pflicht an den Staub und die Hitze dieser großen Metropole gekettet, — lassen Sie einen solchen doch einmal den Versuch machen, selbst während der Wochentage seinen Durst nach Einsamkeit inmitten der Schauspiele lieblicher Natur zu stillen, welche uns unmittelbar umgeben! Bei jedem zweiten Schritt wird er den aufsprießenden Zauber von der Stimme und dem persönlichen Eindringen irgendeines Lümmels oder einer Gesellschaft von zechenden Strolchen verjagt finden. Noch unter dem dichtesten Blätterdach wird er die Einsamkeit vergeblich suchen. Hier gerade sind die Schlupfwinkel, wo sich das Gesindel am meisten herumtreibt — hier sind die Tempel am meisten entweiht. Mit Ekel im Herzen wird der Wanderer zurückfliehen ins befleckte [Preisfrage: Von welcher Stadt ist eigentlich die Rede?] — als den weniger widerlichen, weil weil weniger widersinnigen Pfuhl der Verderbnis. Doch wenn die Umgegend der Stadt schon während der Arbeitstage der Woche so sehr belagert ist, wieviel mehr dann erst am Sabbat! Denn gerade jetzt sucht der Strolch aus der Stadt, befreit von den Ansprüchen der Arbeit oder beraubt auch der gewöhnlichen Gelegenheiten zum Verbrechen, die Randgebiete auf, nicht aus Liebe zum Ländlichen, denn das verachtet er aus innerstem Herzen, sondern um den Zwängen und Konventionalitäten der Gesellschaft zu entrinnen. Er sehnt sich weniger nach der frischen Luft und den grünen Bäumen als nach der gänzlichen Ungebundeheit des Landes. Hier, in der Schenke an der Landstraße oder unter dem Blätterdach der Wälder, von keinerlei Blicken gehindert, es sei denn denen seiner Zechgenossen, gibt er sich all den wahnsinnigen Ausschweifungen einer verlogenen Fröhlichkeit hin — dem Ergebnis von Freiheit und Branntewein.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

——— Originaltext aus der Erstveröffentlichung in Snowden’s Ladies‘ Companion, Teil III: Februar 1843:

Such a thing as an unexplored, or even an unfrequently visited recess, amid its woods or groves, is not for a moment to be imagined. Let any one who, being at heart a lover of nature, is yet chained by duty to the dust and heat of this great metropolis — let any such one attempt, even during the week-days, to slake his thirst for solitude amid the scenes of natural loveliness which immediately surround us. At every second step, he will find the growing charm dispelled by the voice and personal intrusion of some ruffian or party of carousing blackguards. He will seek privacy amid the densest foliage, all in vain. Here are the very nooks where the unwashed most abound — here are the temples most rife with desecration. With deadly sickness of the heart the wanderer will flee back to the polluted Paris as to a less odious because less incongruous sink of pollution. But if the vicinity of the city is so beset during the working days of the week, how much more so on the Sabbath! It is especially that, released from the claims of labor, or deprived of the customary opportunities of crime, the lower order of the town blackguard seeks the precincts of the town, not through love of the rural, which in his heart he despises, but by way of escape from the restraints and conventionalities of society. He desires less the fresh air and the green trees, than the utter license of the country. Here, at the road-side inn, or beneath the foliage of the woods, he indulges, unchecked by any eye except those of his boon companions, in all the mad excess of a counterfeit hilarity — the joint offspring of liberty and rum.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

Eine Reihe idealischer Begebenheiten, die der Wirklichkeit parallel läuft: Brombas Berge: Berg-Neuigkeiten: Münchens Isar: Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015.

Brombas Berge, Berg-Neuigkeiten, Münchens Isar. Lärm, Dreck und Gestank und kein Ende in Sicht, 25. Juli 2015

Soundtrack als Lebensgefühl: Spider Murphy Gang: Sommer in der Stadt, aus: Tutti Frutti, 1982.

Written by Wolf

1. Juli 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Helmstedt-Marienborn (Mitternacht) — Arizona (noon).

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer:

Arno Schmidt zählt zu den „schwierigen Autoren“ — ich kann’s nicht mehr hören.

Ist doch Kwattsch. Gut, man sollte schon vor Arno Schmidt einiges andere gelesen haben, aber unter 20 entdeckt man den doch sowieso nicht. Die gelinde gesagt eigenwillige Rechtschreibung voller „SilbmKünste & BuchstabmSchurkereien“ (Schmidt, Zettel’s Traum, 1970) und in den Typoskripten die Aufteilung in Schreibmaschinenspalten, das sind verdammte Versuche, dem Leser entgegenzukommen — um den Text geradewegs hörbar zu machen, und was soll ich sagen: Es funktioniert, da wird der Herr Schmidt sogar oft genug hörbar wahrer Rock ’n‘ Roll — oder in seinem Falle passender: schmissiger deutscher Schlager.

Wenn man nicht andauernd mit so einem distanzierten Kadaverrespekt vor der hehren Nachkriegsliteratur anfängt und sich nicht vor Schmidts ständig ausgestellten herrlichen Gelehrtenarroganz ängstigen lässt, merkt man erst, was selbst sein Opus magnum Zettel’s Traum für einen Heidenspaß macht. Dann spart man sich nebenbei die Radiomitschnitte, die inzwischen eh kaum mehr zu haben sind, und wenn, dann zu connaisseurhaft überzogenen Preisen. Schmidt hat alles unternommen, damit man ihn schon auf dem Papier hört. Das sind Erleichterungen, wie sie uns nicht gleich einer aus seiner Liga geschenkt hat.

Absichtlich außerhalb aller gesamtdeutschen Gedenktage gibt’s heute das Opus parvum Trommler beim Zaren über eine Grenzüberschreitung: im Schwierigkeitsgrad eher harmlos, mit allerhand Fernfahrerromantik und einem richtigen Spannungsbogen. Und das ist jetzt der Tipp des Jahres zur Unterrichtsgestaltung für Deutschlehrer: Es ist eine ganz und gar schulbuchmäßige Kurzgeschichte randvoller diskussionsträchtiger Bedeutungsebenen mit höchstem intredisziplinärem Potenzial, ausnahmsweise ohne Schmidts übliche Altmännerferkeleien, also durchweg jugendfrei, und mit dem Unterschied zum ewigen Heinrich Böll, dass man sie gerne liest. Kommt schon, tut eurer Mittelstufe was Gutes, für niemand anders als euch hab ich doch in nächtelanger Frickelarbeit die zuschandenkorrigierte Version in der Zeit auf die zuverlässig zeichengenaue nach der Studienausgabe zurückgeführt.

Zu den Bildern: Es kann sein, dass ich damit ein exquisites Fundstück aufgetan hab: Zuerst wollte ich ja fünf von den noch besser komponierten, weit wirksamer bedrückenden aus Karl-Heinz Stürings Grenzstreife von etwa 1958 bis 1959 — der mir aber dafür, dass er nicht auf meine Anfrage antwortet, entschieden zu gefährlich mit dem Copyright herumwedelt.

Im zweiten Gedanken bin ich so frei, mich aus der Veröffentlichung zur Heiligenseer Grenze zur DDR von Frank-Max „Postmaxe“ Polzin zu bedienen, der dazu anmerkt, die Bilder stammten „u.a. vom Heimatfreund Arno Schmidt […] und dem Heimatmuseum Hermsdorf.“ Es kann sein, sage ich, dass manche der 22 Bilder, von denen ich fünf verwende, vom Schreiber des Textes unabhängig von demselben stammen (fünf sind für die Textmenge eigentlich zu wenig, aber es gab nicht mehr Hochformate. Dafür wird nur zum aufschlussreichsten Bildmaterial zur Zonengrenze verlinkt). Es kann sein, sage ich, weil die Bilder nicht einzeln ausgewiesen sind und jemand, der vor Jahrzehnten Teile der innerdeutschen Grenze fotografiert hat, schon mal Arno Schmidt heißen und dabei ein „Heimatfreund“ sein kann, ohne nachmals Zettel’s Traum schreiben zu müssen. Es kann sein, sage ich, weil der Arno Schmidt, der das eben doch getan hat, auch mit Fotografien hervorgetreten ist, in ganz ähnlicher Machart — mit demselben Blick für die Poesie der provinziellen Tristesse. Es kann sein, sage ich, weil dann unter 5 von 22 Bildern mit 23 % Wahrscheinlichkeit eins von Arno Schmidt dabei wäre.

Aus thematischen Gründen wird der Soundtrack ausnahmsweise vorneweg ausgegeben, um einen Ohrwurm für die Geschichte zu setzen: C. W. McCall: Convoy, aus: Black Bear Road, 1975, in Sam Peckinpah: Convoy, 1978. Stellen Sie das recht gelungene Fan-Video mal spaßeshalber auf Vollbild, lesen Sie dann den Trommler beim Zaren mit sotaner Tonart im Ohr, schauen Sie mir in die Augen und sagen dann noch einmal, dass Arno Schmidt zu den „schwierigen Autoren“ zähle.

Wer — womit ich ausdrücklich nicht nur die Deutschlehrer aufrufe, die sowieso nie was merken — wer findet das Faust-Zitat bei Schmidt? Die Kommentarfunktion ist geöffnet. A-one, a-two:

——— Arno Schmidt:

Trommler beim Zaren.

Niederschrift des Typoskripts 22. August 1959, verderbt in: Die Zeit, 19. August 1960,
gültige Erstausgabe in: Trommler beim Zaren, Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1966,
zeichengenau cit. Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe 1: Romane Erzählungen Gedichte Juvenilia,
Studienausgabe Band 4: Kleinere Erzählungen Gedichte Juvenilia, 1988, Seite 129–134:

Ich selbst hab‘ ja nichts erlebt – was mir übrigens gar nichts ausmacht; ich bin nicht Narrs genug, einen Weltreisenden zu beneiden, dazu hab‘ ich zuviel im Seydlitz gelesen oder im Großen Brehm. Und was heißt schon New York ? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover, ich kenn’s, wenn morgens tausend Henkelmänner mit ihren Kännchen aus dem Hauptbahnhof geschwindschreiten, in Fächerformation, hinein ins Vergoldete Zeitalter. Einer hat’n Gang, als käm ’n Dackel hinter ihm her. Backsteinfarbene Geschöpfe mischen sich ein, Schirmpfeile in den blutigen Händen, (oder auch in totschwarzen; gleich werden ihre Schreibmaschinen hell wie Wachtelschlag erklingen. Alle die Weckergeweckten. Schon räuspert sich das Auto neben mir strafend; dabei bin ich doch wirklich, schon rein äußerlich, nicht mehr in dem Alter, daß man mich in Verdacht haben könnte, der Anblick zweier Milchdrüsen vermöchte mich noch zum Trottel zu machen !).

Postmaxe, Ende der S-Bahnstrecke nach Hennigsdorf, 1989Also das Alles nicht. Aber Abends und Nachts spazieren geh‘ ich ganz gern – man beachte das dreifach-gaumige ‚g‘, mir ist es eben auch unangenehm aufgefallen (‚warum‘ will ich aber nicht wissen; ich halte nichts mehr von ‚psychologischen Befunden‘, seitdem ich mich einmal unter der Hand nach der Bedeutung solcher=meiner nächtlichen Gänge erkundigt habe. Ein Gutachten sagte klipp & klar, ich sei hyänenhaft=feige und eine potentielle Verbrechernatur; das sind die Meisten von uns, sicher. Das andere behauptete, ich wäre ein Mutfänomen – ach, du lieber Gott ! Es wurde mir jedenfalls sehr rasch zu viel, auch zu teuer. Ich hab‘ dann selbst längere Zeit darüber nachgedacht; der eigentliche Grund dürfte sein, daß ich so schlecht sehe und es mir am Tage zu hell und zu heiß ist.)

Jedenfalls gehe ich immer erst eine rundliche Stunde – ich hätte gebräuchlicher ‚runde‘ schreiben sollen, ich weiß; aber das hätte sich dann auf ‚Stunde‘ gereimt, und ich mag Gedichte nicht – da sieht man allerlei, und braucht sich nicht als ‚voyeur‘ vorzukommen, also ’schuldig‘ oder gar ’sündig‘ : den Meisten=von=Uns vergeht das Leben damit, die in der Jugend verkehrt eingestellten Maßstäbe mühsam wieder zu adjustieren.

Die Jahreszeit spielt dabei keine Rolle – ich kann durchaus einen winterlichen Neubau würdigen, früh um 5; und die Handwerker tauen die eingefrorene Pumpe des schon fertigen Nachbars mit lodernden Tapetenresten auf. Es darf ein Sommermeteor sein, der gegen Mitternacht seinen Nylonfaden durch die Giraffe zieht und über der DDR zerspringt; (ich wohn‘ so dicht am Zonengrenzübergang. Und erkenne also vorsichtshalber die DDR an). Es darf ein Spätherbstabend sein, wo man stehen bleibt und horcht : was war das Geräusch eben ? Eine nahe Grille, oder ein meilenferner Traktor ? (Zum Frühling fällt mir im Augenblick nichts ein, und ich bin nicht Pedant genug, mich deswegen irgendwie zu forcieren; der Herbst ist mir jedenfalls die liebste unter den Jahreszeiten.)

Anschließend gehe ich dann grundsätzlich noch in die Fernfahrerkneipe; und das kann eventuell lange dauern, denn da sitzen ja dann lauter Leute, die ‚etwas erlebt‘ haben, beziehungsweise alle noch mitten im Erleben drin sind, und zwar heftig.

Allein die ganze Atmosfäre dort : das hochoptische Gemisch aus nacktem Kunstlicht und kurz & klein gehackten Schatten. Die fleckigen Tischplatten (Decken haben davon nur die 2, links vom Eingang, wo die überwachten Vornehmen sitzen, in dünnen Fingerspiralen Eisglaskelche, auf denen Schlipsschleifen aus Zitronenschalen schwimmen : ER mit jener für öffentliche Ämter so unschätzbaren würdevollen Fadheit und leeren Ernsthaftigkeit, (dabei so doof, daß er nicht mal in der Hölle Eiskrem verkaufen könnte, wenn er selbständig sein müßte !); SIE von der Sorte, die auf Camping=Plätzen gleich Blümchen vors Zelt pflanzt und einen Tannenzapfen daneben legt.)

Postmaxe, Blick nach Stolpe Süd, 1962Die Ernstzunehmenden sind natürlich die Anderen, Männer wie Weiber. Meist breit, mit energisch=fleischverhangenen Gesichtern, die Fahrer; sämtlich fähig, ’ne abstrakte Kleinplastik notfalls als Büchsenöffner zu verwenden; (ich bin nicht für’s Moderne; man hat es vielleicht schon gemerkt). Die Frauen meist ‚Lieschen‘, mit leicht gezerrtem Defensor virginitatis, aber handfest : weder ist die Brust, vorn, Tarn & Tara, noch hinten die Porta Nigra.

Die betreffende breitschultrige Fünfzigerin hatte ich übrigens schon öfter hier gesehen; stets leicht be=bowlt, so daß die Stimme ein entzückend hoher heiserer Baß wurde. Eben erklärte sie vermittelst desselben : „Mein Vater war Trommler beim Zaren : bei mir ist Alles Natur !“. (Eine Logik, die mir zwar gewagt, ihrem heutigen Partner jedoch anscheinend legitim vorkam, denn er nickte eifrig. Seinen Beruf erkannte ich, als er dann gleich alleine abfuhr : er machte seinen Weekendausflug im Leichenauto. Und ich stellte mir das 1 Minute lang illustriert vor. Bis ich kichern mußte.)

Meine 2 Nachbarn auf der andern Seite bestellten sich erst „’ne Schachtel Zie’retten“, (der eine noch zusätzlich „Fefferminzbruch“); und dann machten sie Folgendes : Jeder tat in sein leeres Glas 2 gehäufte Teelöffel Nescafé und goß dann frisches Coca=Cola drüber : das schäumte hoch; dick & gelbbraun; Alles schien sich aufgelöst zu haben; sie schlürften und lächelten technoid. (Das muß ja auch toll aufpulvern ! Ma’probier’n.) Mit solchem Trank im Leibe hatten sie dann freilich gut ketzern lästern & erzählen :

von dem Kehlkopfoperierten, dem die Russen die silberne Kanüle aus dem Halse geklaut hatten; (dabei hatte er noch ‚Wilke‘ geheißen, was ja bekanntlich vom slawischen ‚Wlk‘, gleich ‚Wolf‘, kommt: es hatte alles nichts genützt !).

„Wat hat sich ’ne Hausanjeschtellte vadient, die 60 Jahre in een= und derselbn Famielje jearbeit‘ hat ?“ : „’ne Urkunde von’n Landrat,“ entschied der Andere pomadig. / Auch wollten sie, relata refero, Deutschland neutralisieren & entwaffnen; und dann noch ’ne solid=lose Konföderation ‚zwischen Bonn und der DDR‘; und ihre Begründung war, wie immer bei Fernfahrern, so dumm gar nicht. Sie gingen nämlich von der 5%=Klausel aus, und einem künftigen Weltstaat : in dessen Parlament wäre ‚Bonn‘ dann nämlich mitnichten vertreten ! „Denn fümf Prozent von drei Milljarden, det mußte Dir ma‘ ausrechnen, det sind hundertfuffzich Milljon‘ !“. (Und der Andere nickte, vorgeschobenen Untergelipps, à la ‚Ja bei uns schtimmt e’em ooch nich Alles‘.) / „Mensch, du liest noch Karlmay ? ! Bei dem kommt doch nich een Auto vor ! Da reiten se doch noch uff Ferden rum, wie beim Ollen Fritzen – det hat doch keene Zukumft !“ / (Und endlich fing er an, von ‚Erlebtem‘ zu erzählen – darauf hatte ich gewartet; darauf warte ich immer; ich warte ja überhaupt auf nichts anderes. Schon kam ich mir wieder vor, wie bei Homers: los: skin the goat !)

: der Betreffende – (Ich will ihn, geheimnisvoll, ‚Den Betreffenden‘ nennen. Das paßt für Viele : Dürre in Niedersachsen; dafür Überschwemmungen in Salzburg ? : ‚Der Betreffende hat wieder mal falsch disponiert !‘) – war ‚im Westen‘ zu Besuch gewesen, Jubeltrubelheiterkeit; und hatte, da seines Zeichens Omnibusunternehmer, auch hiesige Tankstellen und Autohändler frequentiert. Neidisch die besterhaltenen Gebrauchtwagen gemustert – auf einmal blitzte sein Blauauge : war das nicht dort derselbe Autobus wie ’seiner‘ ? Natürlich nur viel fescher, und fast wie neu. – : „Den müßte man haben !“

Handelseinig wurde man relativ rasch; denn der Betreffende war im Nebenberuf auch noch HO=Leiter, und da fällt ja bekanntlich immer Einiges ab. Nur hatte ’seiner‘ hinten noch 2 ovale Fenster drinne : ? : „Die schneiden wa rein !“

„Fuffzehntausend ? Na ?“. – „Ja. Aber zahlbar erst nach Empfang !“ (Und wie das Ding über die diversen Zonengrenzen kriegen; es war ja schließlich ein Objekt, das man sich nicht in den Ärmel schnipsen kann !).

: „Und denn haa’ck’n rüber jebracht !“. (Jetzt lehnte auch die Nachfahrin des Zarentrommlers ihre machtvollen Reize interessiert näher. Also zumindest ein Teil war bestimmt Natur).

: „Erst ha’m se noch det janze Verdeck innen vabrannt“; nämlich beim Einschneiden der, zur Tarnung unerläßlichen, beiden neuen Rückfenster. Bis aus Lüneburg mußte man einen Sattler ranholen : „und ick schtand wie uff Kohln ! Und et wurde Neune“ (und zwar P. M.; das dauert jetzt schon 30 Jahre, und die 24=Stunden=Zählung ist immer noch nicht volkstümlich geworden); „und et wurde Zehne : endlich, um Elwe, konnt’ick los !“

Postmaxe, Wachturm in Stolpe Süd, 1962Und war eine finstere Nacht gewesen : der Regen goß in Strömen; von den Wetterfähnlein der Kirchentürme kreischte es herunter, wenn er, seinen Leviathan hinter sich, durch die schlafenden Dörfer spritzte; Paul Revere war ein Waisenknabe; bis Helmstedt.

: „Den een‘ Zollfritzen kenn’ick; der saacht: ‚Kieck ma det Pärchen; die warten ooch schonn seit drei Taachen, det se Eener mitnimmt. Die sind beschtimmt durchgebrannt und wolln jetz wieda zu Muttien.‘ Finster sahn se ja aus.“ (Kunststück : 3 Tage warten; wahrscheinlich ungewaschen; ohne Geld; und dann bei dem Wetter. Jedenfalls hatte er sie, der Bus war ja ganz leer, dann um Gottes willen bis auf die Höhe von Lehnin mitgenommen. Begreiflicherweise auch den Rückspiegel so eingestellt, daß er vorsichtshalber die beiden Zerknitterten beobachten konnte. Beschrieb auch deren intimere Evolutionen, wozu unsere ältliche Hörerin, fachfraulch gepreßten Mundes, mehrfach billigend nickte. Einmal allerdings stieß sie verächtlich Nasenluft aus : Anfänger !).

: „Hinta Braunschweig hatt’ick schonn ma’ne Weiße Maus hinter mir jehabt“, (so nennt man in solcher Umgebung, unehrerbietig, einen einzelnen Verkehrspolizisten auf seinem Motorrad); in Westberlin aber war es dann gar ein „Peterwagen“ (also ein ganzes Polizeiauto) gewesen, das ihn an den Straßenrand gedrückt, und seine Papiere kontrolliert hatte : die waren auf DBR & Westberlin via Zone ausgestellt gewesen, und ergo unanfechtbar; hier lag ja auch gar nicht die Schwierigkeit; aber

: „nu schteh ick in Berlin=Schalottenburch, und der Betreffende kommt an : mit sonner Aktentasche ! Alles Fuffzijer und Hunderter.“ Da wurde einem, beiden Teilen bekannten und ehrwürdigen, neutralen Dritten, die Kaufsumme übergeben; der schrieb im Schweiße seines Angesichtes 15 Postanweisungen à tausend Mark aus, und gab erst mal 7 davon auf bei der Post – in Berlin wundert man sich über gar nichts mehr.

: „Haste de Nummernschilder ? !“ Nämlich von des Betreffenden „alter ostzonaler Schaukel“ : die mußten erst passend gemacht werden; das heißt, die Schraubenlöcher genau aufeinander, sämtliche Muttern geölt. Und dann als erstes wirkliches Risiko

: „durchs Brandenburger Tor : und det war vielleicht enge, Mensch, wie bei ’ner Jungfrau : ‚Kieck du links raus; ich rechts.'“; so waren sie, die Wände beinahe streifend, durch jenes nicht=marmorne deutsche Wahrzeichen gesteuert; und drüben harrte schon der Volkspolizist.

Nun braucht man im inner=berlinischen Verkehr weiter keine Papiere – aber daß sich Einer zur Besichtigung des Ostsektors ausgerechnet einen leeren Omnibus wählt, befremdete den Blanken, und mit Recht, doch ein wenig. Der Dicke aber, eiserner Stirnen rundherum übervoll, hatte so lange auf seine besichtigungslustige Korpulenz, und den 1 Freund, verwiesen, bis der Beamte endlich achselzuckend sagte: „Et kost‘ ja Ihr Benzien.“ Und ihn weiterließ.

Postmaxe, Wachturm bei Nacht in Stolpe Süd, 1962: „aber nu kam de eijentliche Schwierichkeit“; und das war der Übergang aus Ostberlin in die ‚Zone‘, also, disons le mot, die DDR : „Da hatt‘ ick nu schonn vorher meine Bekannten mobilisiert jehabt: ‚Sucht ma’n janz einsam Grenzüberjang raus'“ – er hielt den Zeigefinger effektvoll 3 Zentimeter vor die dicken Cäsarenlippen, und funkelte uns Lauschende majestätisch an (und geschmeichelt auch. Die Gebärden der Erzähler hier sind mannigfaltig.)

: „und zwar in Richtung Ludwigslust. – Ick fah da also immer an’n Kanal lank. Vor uns Keener, hinter uns Keener; et iss ja ooch bloß’n halber Feldwêch.“ Steuerbord voraus kam der Kontrollposten in Sicht : eine simple Bretterbude, ganz einfältig. Bis auf 300 Meter fuhren sie ran

: „dann wir runter. Ick saache : ‚De Schilder her : ick vorne, Du hinten !‘ Und de Muttern bloß so mit de Finger anjezogen. Rinn in’n Kanal mit de alten Schilder; und immer noch keen Aas in Sicht. Und ick richt‘ ma uff. Und ick dreh ma um. Und ick saache bloß : ‚Hier haste Dein‘ Omnibus.'“ (Und wir nickten Alle im neidischen Takt : es gibt schon noch Männer !).

: „Der konnte det jaa nich’jlooben ! Det er nu’n neuet Auto hatte.“ Hatte nur immer strahlend das neu auf West lackierte Ungetüm betrachtet, der Betreffende. Und dann wieder den mutig=Dicken. Hatte sich selig ans Steuer geschwungen; ihm noch „Hundert Ost : für’t Mittachessen !“ in die Hand hinuntergedrückt; und war dann abgebrummt.

: „ick seh ma det noch so an, wie er an det Wach=Häuseken da ran jondelt. Da kiekt een=Eenzjer raus, mi’m Kopp. Und winkt bloß so mit de Hand“ – so schwach und schläfrig winkte die seine nach, wie ich, in a long and misspent life, noch nie zuvor gesehen hatte – „und der winkt wieder – : und da iss er ooch schonn durch. Keene Kontrolle. Nischt. . . . . .“. Und breitete, leicht kopfschüttelnd, die Hände; und ließ sie wieder auf die Tischplatte sinken : geritzt.

Wir waren verpflichtet, wiederum zu nicken. Taten es auch gern. Der Andere bot ihm vor Anerkennung einen Stumpen.

„Det haa’ck übrijens ooch noch nich jewußt, det=det Brand’nburjer Tor nich massiv iß. Ick hab‘ immer jedacht, wenichstens Jranitt oder so.“ Aber der Erzähler schüttelte nur ablehnend den kundigen Kopf : nichts; gar nichts : „Überall blättert die Tünche ab.“

„Bei mir ist Alles Natur,“ sagte die Walküre, und lehnte sich voller zurück : „Mein Vater war Trommler beim Zaren !“

Postmaxe, Der Grenzübergang von Heiligensee Richtung Hamburg

Dokumentation als Unterrichtsmaterial: Jac Biermann: Helmstedt und seine Grenze, 1984:

Bilder: Frank-Max „Postmaxe“ Polzin: Heiligenseer Grenze zur DDR:

Diese Bilder stammen u.a. vom Heimatfreund Arno Schmidt, Berndt Wehrmann, Knut Lehmann, Dieter Lepke sowie Sigurd Hilkenbach, Harry Schulz, Rolf Klapputh und dem Heimatmuseum Hermsdorf.

  1. Ende der S-Bahnstrecke nach Hennigsdorf (1989);
  2. Blick nach Stolpe Süd (1962);
  3. Wachturm in Stolpe Süd (1962);
  4. Wachturm bei Nacht in Stolpe Süd (1962);
  5. Der Grenzübergang von Heiligensee Richtung Hamburg.

Written by Wolf

12. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Es endet ohne Schlusspunkt.

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Update zum Weekly Wanderer 0017:

Die Älteren mögen sich erinnern: 2013 wurden an dieser Stelle Versionen, Interpretationen und Parodien von Goethes Ein Gleiches durchdekliniert. Schon damals hab ich mir nicht im Ernst eingebildet, dass 17 Folgen reichen könnten.

Tina Sosna

——— Erich Fried:

Ein Ungleiches = Einige Leichen

aus: Das Nahe suchen. Gedichte, Verlag Klaus Wagenbach: Quartheft 119, Berlin 1982:

Tina SosnaWarte nur! Balde
Ruhest du auch.
Und zwar wie?
Zwischengelagert? Entsorgt?
Und warum du
nicht Sie?

Ich fange von vorne an
Das klingt viel höflicher dann:

Über allen Gipfeln
ist Euphemie,
In allen Wipfeln
Spüren Sie
kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde
Bitte warten Sie! Balde
Ruhen Sie auch.

(Die Euphemie versteht sich von selbst bei Goethen:
Er sagt ja auch Ruhen
wenn er Sterben meint oder Töten)

Oder lieber nicht ruhig Blut?
Also gut, mit etwas mehr Wut:

Unter allen Wipfeln
fließt Blut,
In allen Heuchlern
spürest du

kaum einen Jammerlaut!
Die Vögelein menscheln im Walde.
Gipfle nur! Balde
watest du auch
im Blut

Soweit Erich Fried, zitiert nach seiner ersten Gesamtausgabe. Es gab tatsächlich eine nicht sehr lange zurückliegende Zeit, in der Fried als Dichter ernster als Goethe genommen wurde. Das war um 1980, und noch von 1999 findet sich eine ausführliche Interpretation über sein Ungleiches, in der ein Bertolt Brecht als richtig relevant erscheint und ein haltbares Dreieck aus Goethe, Brecht und Fried errichtet wird, und das Goethe-Originalgedicht sei sogar von „erkennbare[m] Materialwert“.

Eine andere als alphabetische Rangfolge der Begriffe Brecht, Fressen, Fried, Goethe und Moral für 2016 will ich lieber nicht aufstellen müssen.

Tina Sosna

——— Klaus Schuhmann:

Nachtlieder nach Goethe

in: Neue deutsche Literatur, Heft 527, September/Oktober 1999:

Manchmal zeigt sich, was zwei Schriftsteller in Sympathie miteinander verbindet, schlaglichtartig in ihrem Verhältnis zu einem dritten Dichter, den sie auf vergleichbare Weise schätzen oder ablehnen. Im Falle von Bertolt Brecht und Erich Fried trifft beides nicht zu, wenn der Dritte im Bunde Goethe heißt. Hier geht es um einen Spezialfall, denn beide haben sich im Zeitunterschied von vierzig Jahren für ihre Zwecke eines Gedichts bedient, das Goethekenner als Kleinod ansehen, welches außerhalb jeder Kritik zu stehen hat: „Wanderers Nachtlied“.

Für Lyriker des 20. Jahrhunderts gilt solcher Denkmalschutz schon lange nicht mehr. Brecht demonstrierte das mit seinen „sozialkritischen Sonetten“ als ein generelles methodisches Verfahren, bei Fried kann man in mehreren Gedichtbänden Gruppen mit Texten finden, in denen der Verfasser kritische Zwiegespräche mit literarischen Vorfahren und Zeitgenossen führt.

Bei Brecht geschieht die Begegnung mit Goethe schon in seinem ersten Gedichtbuch, der 1927 veröffentlichten Hauspostille; bei Erich Fried in seinem 1982 erschienenen letzten Lyrikband Das Nahe suchen. Brechts Gedicht heißt „Liturgie vom Hauch“, Frieds „Ein Ungleiches = Einige Leichen“. Beide konfrontieren den Goethe-Text mit der politischen und sozialen Realität des 20. Jahrhunderts, so daß die Wirklichkeit gegen die Poesie zu Wort kommen kann. Nicht zuletzt, weil sie nach Meinung dieser beiden Lyriker zu oft verschwiegen wird, besonders in Gedichten. Und sie antworten mehr oder weniger auf eine Frage, die Brecht in seinem Epilog „An die Nachgeborenen“ gestellt hat:

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Bertolt Brecht ging es freilich nicht allein um Goethe, der in der „Liturgie vom Hauch“ namentlich zwar nicht genannt, aber mit Worten aus dem Gedicht „Wanderers Nachtlied“ zitiert wurde, die der Nennung des Autornamens gar nicht mehr bedurften. Schon im Titel wird das letzte Wort dieses Gedichts demonstrativ aufgerufen, und der aufmerksame Leser wird am Ende seiner Lektüre unweigerlich daran erinnert, daß der „Hauch“ im Verlaufe der „Liturgie“ zum Aushauchen wird, zum letzten Atemzug. Das geschieht klaglos, wird aber durch einen Kunstgriff dennoch zu einer Anklage. Es ist, als liefe ein Zählwerk, das der „Liturgie“ ihren Gang vorschreibt. Indem Brecht die Zeilen fortlaufend numeriert und den Strophenblock auflöst (durch den Zeilenabstand auch visuell wahrnehmbar), wird durch den aktionsbetonten Verlauf der „Strophen“ der Kontrast zu jenem Gedichtteil aufgebaut, der refrainartig unverändert repetiert wird. Er zitiert, allerdings entstellt, „Wanderers Nachtlied“:

1
Einst kam ein altes Weib einher

2
Die hatte kein Brot zum Essen mehr

3
Das Brot, das fraß das Militär

4
Da fiel sie in die Goss, die war kalte

5
Da hatte sie keinen Hunger mehr.

6
Darauf schwiegen die Vöglein im Walde
Über allen Wipfeln ist Ruh
In allen Gipfeln spürest du
Kaum einen Hauch.

Daß Goethes Gedicht für Brecht noch einen erkennbaren Materialwert besaß, sieht man daran, daß die beiden Schlußzeilen, auf die es besonders ankommt, dem Original entsprechen. Die Abfolge der binnenreimenden Nomina „Gipfeln“ und „Wipfeln“ ist freilich vertauscht, und das Verb „schweigen“ ist aus der präsentischen Form in die präteriale befördert worden. Noch schwerer wiegt, daß der Refrain mit einem ebenso temporal wie auch kausal interpretierbaren „Darauf“ beide Segmente miteinander verknüpft: die profane Textebene mit der auratisch-poetischen der Goetheworte.

Während im weiteren Fortgang des Geschehens der von Beginn angelegte soziale Konflikt eskaliert und nach der alten Frau sowohl der Mann als auch die „bärtigen Männer“ nichts mehr sagen können, weil sie zu Tode gebracht werden, bleiben die „Vögelein im Walde“ ungerührt und schweigen, bis sie selbst von einem Tier – es ist ein großer „roter Bär“ – gefressen werden. Und nun ändert sich auch der Refrain, den sie bisher zu all dem gesungen haben. Es ist, als habe der Luftzug, der in die Goethestrophe hineinfährt, nicht nur den Text noch einmal durcheinandergebracht, jetzt wendet sich auch in den oberen Regionen das Wetter: Die Vögel erwachen und schweigen nicht mehr. Und damit hat sich das Gedicht aus Meisterhand auch im semantischen Sinne ins Gegenteil gekehrt.

37
Da kam einmal ein großer roter Bär einher

38
Der wußte nichts von den Bräuchen hier, denn der kam von überm Meer.

39
Und der fraß die Vögelein im Walde

40
Da schwiegen die Vögelein nicht mehr
Über allen Wipfeln ist Unruh
In allen Gipfeln spürst du
Jetzt einen Hauch.

Das ist nicht mehr literarische Parodie. Eher schon wird die Frage hörbar, die Brecht später in einem seiner Massenlieder stellt:

Wessen Straße ist die Straße?
Wessen Welt ist die Welt?

Tina SosnaEin halbes Jahrhundert später stellt sich Erich Fried seiner Welt noch einmal auf eine Brecht vergleichbare Weise und bediente sich dabei ebenfalls der sinntragenden Worte des berühmten Gedichtes, das auf dem Gickelhahn bei Ilmenau geschrieben wurde. In der vierten Abteilung des Gedichtbandes Das Nahe suchen ist der Text zu finden, dessen Überschrift mehr noch als die Brechts überkommener Titelgebung widerspricht. Der Titel des Goethe-Gedichts erscheint hier sinnverkehrt: in der Negation.

Frieds Bauweise und Materialverwertung ist eine andere als die Brechts. Er arbeitet nicht mit Kontrastblöcken – hier blutige Wirklichkeit, dort himmlische Ruhe –, sondern mit einer Technik, die den Goethetext gleichsam an der Realität von heute durchdekliniert. Bei Fried bleibt eine einzige Zeile aus dem Original unversehrt („Die Vögelein schweigen im Walde“). Die anderen Textteile werden noch radikaler ent-stellt als bei seinem Vorgänger. Vor allem taucht in Frieds Text ein Wort auf, das es zu Brechts Zeiten noch nicht gab: entsorgen. Was dieses Verb sagt und doch verschweigt, ist schlimmer als das, was sich bei Brecht auf offener Straße ereignete. Aus der Nachtruhe, die Goethe bedichtete, ist in unserem Jahrhundert die Friedhofsruhe geworden! Nicht Goethe steht am Pranger, sondern jene, die es verstehen, die Katastrophengefahr zu beschönigen – nicht nur durch Schweigen, sondern mittels „Euphemie“. Fried bietet eine zeitgenössische Goethelektüre und blendet jene Fakten ein, die sie stören, unterbrechen und schließlich in schierer Irritation enden lassen. Anders als Brecht, dessen Text strophisch gegliedert ist (und auch den Reim nicht ausspart), sind bei Fried nur noch Zeilengruppen vorhanden, die weder durch Reime (bis auf die Anleihen von Goethe) noch durch numerische Übereinstimmung bei der Zeilenzahl geregelt sind. Auch hat Frieds Text einen ganz anderen Gestus des Sprechens. Es ist ein dialogisch angelegtes Gedicht, gerichtet an einen Adressaten, der gleich zu Beginn angesprochen wird: mit den kursiv gesetzten Personalpronomen „du“ und „Sie“. Und auch darin unterscheidet sich der Text der achtziger von dem der zwanziger Jahre, daß hier mit Goethe-Wortschatz begonnen wird:

Warte nur! Balde
Ruhest du auch.
Und zwar wie?
Zwischengelagert? Entsorgt?
Und warum du
nicht Sie?

Eine fulminante „Exposition“: Sechs Kurzzeilen werden durch ein Ausrufungszeichen und vier Fragezeichen interpunktiert, wobei die letzteren sich durchweg auf das sinntragende Verb „ruhen“ beziehen, das seit Goethe und Brecht um eine Interpretationsmöglichkeit reicher geworden ist. Die beiden nachfolgenden Partizipien benennen diesen Sachverhalt. Es sind Neuworte, die von der Atomwirtschaft verwendet werden. Der Autor signalisiert diese Gefahr, wobei sein „Warte nur!“ ebenso als Warnung wie als Voraussage gelesen werden kann. Die folgende Überleitung von zwei Zeilen läßt zwei bänkelsängerisch klingende Reime zu, die hier eher anzeigen, daß der Verfasser nun pro domo spricht. Im doppelten Wortsinne: Er nimmt sein Thema von neuem auf, und er setzt nun auch mit einer Zeile ein, mit der Goethe begann. Erst jetzt ist Fried wirklich bei dessen Text angekommen, der nun zeilenweise zitiert wird (so kommt nun auch wieder der Reim zur Geltung). Mit einem Kunstgriff entstellt er das Goethe-Gedicht: Er setzt an die Stelle des vertrauten „du“ das „Sie“ der Höflichkeitsform. Als geradezu parodistisch wirkendes Personalpronomen wird es der Aufforderung zum Warten vorangestellt.

Die Überleitung zum Schlußpart des Gedichts übernimmt wiederum ein gereimter Zweizeiler, der den Schreiber im Zwiespalt der Wortwahl und der Reaktionsmöglichkeiten zeigt. Daß er sich für „Blut“ (aber nicht „ruhig Blut“, also einen Ausdruck für Zurückhaltung und Affektdämpfung) entschieden hat, ist mit dem letzten Wort des Gedichts besiegelt. Das hat vor allem damit zu tun, daß der Blick nach unten gerichtet wird: auf die Erde, wo die Menschen, die hier leben, sich einer solchen Sprache bedienen:

Unter allen Wipfeln
fließt Blut,
In allen Heuchlern
spürest du
kaum einen Jammerlaut!
Die Vögelein menscheln im Walde.
Gipfle nur! Balde
watest du auch
im Blut

Nun ist auch der Stellenwert der „Vögelein“ in diesem Text bestimmt. Wie bei Brecht sind sie nicht nur Tiere, sondern gleichen Menschen, zumindest wenn sie sprechen. Damit ist auch das letzte Unwort in diesem Text aufgesagt: „menscheln“. Jetzt kann nur noch eine groteske Zuspitzung folgen, die wie Hohn und Spott klingt: Gipfle nur! soll wohl heißen, daß ein Höhepunkt erreicht ist, dem nur noch der Absturz folgen kann. Wie die meisten Gedichte Frieds endet auch dieses ohne Schlußpunkt.

Tina Sosna

Bilder: Tina Sosna, Oktober 2014 bis Oktober 2015.

Bonus Tracks: Interpreatationen im Vergleich: Bertolt Brecht/Hanns Eisler: Einheitsfrontlied, 1934:


Written by Wolf

29. Januar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik