Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Herrschaft & Revolte’ Category

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen (Schöne Menschen, schöne Glieder)

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Update zu Stiefpilzin:

Meine Ansicht vom Sterben ist die ruhigste. Ein Freund ist mir bei seinem Leben was mir die Gramatik ist, stirbt er so wird er mir zur Poesie. Jch wollte lieber von meinem besten Freund nicht wissen als irgend ein schönes Kunstwerk nicht kennen.

Karoline von Günderrode: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Band 1, Seite 438.

Mit der leider allzu jung gebliebenen Frau Günder(r)ode ist es wie mit Marilyn Monroe, Grace Kelly, Mama Cass, Janis Joplin, Sandy Denny und Amy Winehouse: Als erstes fällt einem immer ein, dass sie gestorben ist.

Jean-Léon Gérôme, Veiled Circassian Beauty, 1876Dagegen hat Friederike Kempner sich in ihrer Autobiographie acht Jahre jünger gemacht, als sie war, für ihren Grabstein konnte sie ihr echtes Geburtsdatum 25. Juni 1828 dann doch nicht mehr unterbinden. Immerhin hat sie ihre Taphephobie — was es ja in diesem Fall unbedingt zu verhindern gilt — nicht überlebt, vielmehr 22-jährig mittels ihrer Denkschrift über die Nothwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern 1850, sechs Auflagen bis 1867, die Karenzzeit zwischen Tod und Bestattung gesetzlich durchsetzen geholfen.

Vorzustellen ist sie als ernsthafte, engagierte, dabei menschenfreundliche Gutsbesitzerin im Schlesischen, im Gedächtnis bleibt sie als „Schlesischer Schwan“, der eigentlich eine „Nachtigall im Tintenfass“ ist — jedenfalls seit den entschieden zu hämischen, darüber hinaus effektvoll verfälschenden Veröffentlichungen von Walter Meckauer und vor allem Gerhart Herrmann Mostar: Friederike Kempner, der schlesische Schwan. Das Genie der unfreiwilligen Komik, Heidenheimer Verlagsanstalt, 1953.

Ihr literarisches Werk ist mannigfalt, in seinen meisten Formen leider weder erschlossen noch zugänglich, worin sich ihr tätiges Leben wenig von ihrer Nachwirkung unterscheidet; verbreitet und geschätzt wurden und werden allein ihre Gedichte, wenngleich aus zwiespältigen Gründen. Formal sind sie nicht weiter überraschend: meistens vierzeilige Strophen in Paar- und Kreuzreimen, drei- und vierhebig — inhaltlich sind sie, um das Geringste zu sagen, schlicht bis zur kindlichen Naivität im guten und im schlechten Wortsinne. Das trägt ihr bis heute den Spott derer ein, die es besser zu können oder jedenfalls besser zu wissen glauben. Solche Geistreichelei versteigt sich allzu leicht ins Überhebliche. Anzurechnen ist ihr allerdings ihre Unverdrossenheit in allem, was sie erreichen wollte — sei es die flächendeckende Versorgung mit Leichenschauhäusern oder die Produktion von Literatur. Wer dergleichen anfängt, will es selbstverständlich so gut wie möglich tun, bei ihr war die Poesie aber nicht mit Gewinnstreben verbunden — auf das sie nicht angewiesen war — sondern mit menschlichem Verhalten: Poetisch gestimmte Leute schreiben Gedichte, was denn sonst? Manches aus ihrer Produktion erheitert, ohne es zu wollen, und ist mithin wohl „unfreiwillig komisch“. Bei ihr ist das ein Vorzug. Ein professioneller Literat kommt doch gar nicht auf so was, der traut sich das gar nicht. In den verschieden zusammengestellten Auswahlsammlugen stehen Gedichte von durchaus unterschiedlicher Professionalität — aber kein langweiliges. Man kann der Dame nichts nachtragen, weil sie einfach Spaß macht.

In Mostars mehr populär- als -wissenschaftliche, zugegeben recht geschickt erfundene Abhandlung sind gar einige Friederike-Kempner-Gedichte geraten, die mitnichten von Friederike Kempner stammen, sondern vom Abhandelnden Mostar selbst. Und sie sind geschickt genug erfunden, dass diese Kontrafakturen Eingang in Kempner-Sammlungen nach 1953 finden konnten: Am bekanntesten ist der Schlesische Schwan stellenweise für Gesänge, die er erst posthum (nicht) angestimmt hat. So steht in der schmalen, aber verbreiteten Sammlung Das Leben ist ein Gedichte ab 1971 bei bei Reclam Leipzig — das sind nicht gelben Stuttgarter, sondern die schwarzen, höherformatigen und holzhaltigerweise stärker gilbenden — noch als Ausklang auf Seite 98:

Letzte Mahnung

Von den Sternen fiel ich nieder
Und verwinde nie den Fall,
Aber meine Hohenlieder
Ziehen klangvoll durch das All!

Und wenn ich dereinst ‚mal sterbe,
Mahnet Euch der Musen Chor:
Nicht enthaltet dieses Erbe
Euren Nachekommen vor!

Gerade das „Nachekommen“ müsste vor diesem Wissen die letzten Meter von der Kontrafaktur zur Parodie gutmachen, wurde aber offensichtlich nicht allein vom Herausgeber Horst Drescher anstandslos hingenommen.

Gwaschemasch'e Efendi, 1900Nun war zu Zeiten der Günderrode und der Kempner das Volk der Tscherkessen oder Adygejer sehr viel präsenter als heute, wo man längst medial überfordert ist, wenn sich auf dem kaukasischen Gebirgsland wieder ohnehin undurchschaubare Grenzverläufe umsortieren und ein Volk im anderen aufgeht, wenn nicht in irgendwelchen Kriegswirren ganz verschwindet. Tscherkessien war der fernwehgeplagten deutschen Seele einst ein echtes Sehnsuchtsland — wie zeitweise auch Griechenland, als es sich 1821 bis 1829 vom Osmanischen Reich losriss, oder Italien, das nie aus der Liste veschwinden, sie höchstens allein ausmachen wird, oder Irland seit Heinrich Böll. Tscherkessen sind ja so ein freiheitsliebendes, selbstbewusstes, kämpferisches, edles Volk, das sich nichts von Gott oder Herrscher vormachen lässt, und dabei so schöne Menschen.

Zur Orientierung: Tscherkessen sind heute ein „Volk ohne Raum“, dafür mit reichhaltiger Tradition, das ungefähr in Georgien mit angrenzenden Ländern und gern in den USA lebt. Nach einem weitgehend verdrängten Völkermord von 1864 haben sie kein fest umgrenztes Staatsgebiet außer der Hälfte von Karatschai-Tscherkessien und einer winzigen autonomen Republik Adygeja innerhalb Russlands mit 0,6 Prozent tscherkessischem Bevölkerungsanteil mehr, keine einheitliche Sprache, geschweige denn eine Nationalliteratur, keine ausgeprägte Nationalküche, nicht einmal eine typische Volksmusik — nur spektakuläre Trachten, sprichwörtliche Gastfreundschaft und Höflichkeit sowie allerhand Kriegsruhm. Soweit mein persönlicher Einblick reicht, immer noch allesamt lauter wunderschöne Menschen, alles was recht ist.

Ein Gedicht, das mit einiger Sicherheit eben doch von Friederike Kempner stammt — so weit, das längste Einzel- aus dem lyrischen Gesamtwerk zu fälschen, ging Mostar dann doch nicht — spielt denn auch einen Einbruch des tscherkessischen ins preußische Element durch. Es hat also, ungewöhnlich für die Kempner, eine balladeske Handlung, leider nur einen fragmentarischen Spannungsbogen:

——— Friederike Kempner:

Die Tscherkessen

aus: Gedichte, zwischen 1873 und 8. Auflage letzter Hand 1903:

Sieh‘, drei Reiter, glänzend, prächtig,
Wie sie nur im Traume!
Scharlachrot auf schwarzen Rossen,
Und mit gold’nem Zaume.

Schwarz und golden, herrlich flimmert’s
Wie sie blitzschnell eilen.
Funken stäuben gleich Raketen,
Und es schwinden Meilen!

Purpurfedern auf Baretten,
Dolche an den Seiten,
Schienen sie die schnelle Runde
Um die Welt zu reiten.

Und die Rosse, wie arabisch
Ihre Blicke leuchten,
Wie die glänzend schwarzen Haare
Helle Tropfen feuchten!

Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und noch immer Rosseshufe
Samt den Herzen schlagen.

Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und es konnten Feuerkugeln
Sie noch nicht erjagen!

Circassian girl in traditional clothingNächtlich sieh‘ im Mondenscheine
Die drei Reiter knieen.
Brück‘ und Wasser hinter ihnen
Eine Linie ziehen.

In dem Grenzort auf dem Berge
Steht des Marktes Menge,
Und Bewunderung, Staunen, Rührung,
Wechseln im Gedränge:

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen,
Herr Gott! wie die reiten!
Feuer sprühen ihre Blicke
Hin nach allen Seiten!

Sie entfloh’n aus tiefen Reußen,
Heldenmut im Blute, –
So tönt’s in des Volks Geflüster –
„Wie den‘ auch zu Mute?“ –

Vor des Preuß’schen Rathaus Schwelle
Stehet die Behörde,
Und die Reiter, heiß und glänzend,
Ruhen auf der Erde.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Blicke, freudetrunken,
Streicheln sie die prächt’gen Rosse,
Wie im Traum versunken.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Ihre dunklen Worte,
Sie enträtselt halb ein Dolmetsch,
Tief gerührt am Orte.

„Wir Cirkassien’s freie Söhne
„In der Sklaven-Ferne
„Hörten rühmend eure Freiheit,
„Dienten Freien gerne!

„Durch des höchsten Gottes Fügung
„Nun auf freier Erde,
„Flehen wir zum freien Preußen,
„Daß uns Hilfe werde!

„Dreimal vier und zwanzig Stunden
„Ohne Rast geflohen,
„Bieten wir uns, uns’re Schwerter
„Euch an voll Vertrauen!

„Dreimal vier und zwanzig Stunden
„Ohne Rast geritten,
„Wir um edle, große, deutsche
„Gastlichkeit nun bitten! – „

Also klagen ihre Worte,
Und mit starrem Munde
Still vernahm des Ortes Vorstand
Diese selt’ne Kunde.

Selbe Nacht noch, sieh‘, pechfinster,
Trotz des Vollmonds Lichte,
Lautlos durch die tiefe Stille
Lauschet die Geschichte.

Horch, zwei preußische Schwadronen,
Die Tscherkessen mitten,
Ziehen auf dem dunklen Boden
Hin mit festen Tritten.

Sartorial Adventure, 9. April 2018Wieder sieht man durch die Gegend
Rosseshufe sprühen,
Brück und Wasser diesmal ihnen
Vorn die Grenze ziehen.

Horch, da öffnet sich der Schlagbaum,
Und am Brückenkopfe
Nicken durch die hohle Öffnung
Russen mit dem Kopfe.

Dumpf Gemurmel vom Kartelle,
Freundschaft, – ungeschwächte, –
Und man liefert unsere Helden
An Kosakenknechte!

Düster graut der vierte Morgen,
Einzeln leuchten Sterne,
Russen bilden einen Halbkreis,
Wetter leuchten ferne:

Düster flimmern die Laternen,
Donner westwärts grollen,
Von der Helden Haupt, gebücktem,
Große Tränen rollen:

Niederknien alle Dreie,
Und vom Regimente
Dreimal tönt die russ’sche Salve,
Daß die Erde dröhnte!

Neben den Einbruch des tscherkessischen ins preußische Element gesellt die Kempner denn auch in knapperer Form die Verwandtschaft ihres Posen-schlesischen Elements ins tscherkessische — vor dem historischen Hintergrund noch kein Beweis für eine ausgeprägte Tscherkessophilie, aber ein starkes Indiz:

——— Friederike Kempner:

Ich bin auch Tscherkesserin!

aus: Gedichte, zwischen 1873 und 8. Auflage letzter Hand 1903:

Angela Toidze, Adyghe girl in traditional clothing during folk festival held in Nalchik, Kabardina-Balkaria Republic, RussiaWeit die Welt möcht‘ ich durchmessen
Bis zum schwarzen Kaukasus,
Auf die Schwelle des Tscherkessen
Setzen möcht‘ ich meinen Fuß.

Mit dem Lammfell auf dem Schopfe
Träte jener vor mich hin,
Essen würd‘ aus einem Topfe
Ich mit der Tscherkesserin.

Schöne Menschen, schöne Glieder,
Starker Mann und zartes Weib,
Aber seht, auch dieses Mieder
Enget wohlgestalten Leib.

Apfel fällt nicht weit vom Stamme,
Und wer sieht nicht, frag‘ ich, wer?
Daß es mir vom Auge flamme:
Ich bin auch Kaukasier!

Wo die Kempner recht hat, hat sie recht: Von der besonders ansehnlichen Proportionierung des, nun ja: Volkskörpers und dessen angeblich ungewöhnlich — jedenfall auf monochromen Fotos — weißen Hautfarbe leitet sich die Einteilung der eher bleichgesichtigen Volksgruppen als „kaukasisch“ her. — Was Karoline von Günderrodes bildliche Studie zum Tscherkessentum dem gedachten Status einer bloßen Gedichtillustration hinaushebt zu einem eigenständigen, vergleichswürdigen Beitrag:

——— Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode:

Kopfstudien

Schwache Bleistiftskizzen mit brauner Tinte, ca. 1805,
im Zusammenhang mit [der Studienbuchkategorie] M Physiognomik. SUF: A 4, Blatt 228 verso,
in: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Seite 478:

Karoline von Günderrode, Kopfstudien, 1805

Cirtassierin [meint wohl: Cirkassierin]
Jndier
Russe

Fachliteratur, leider beide Druckwerke anzuzweifeln, der Weblog scheint recht kompetent:

Bilder:

  1. Jean-Léon Gérôme, Veiled Circassian Beauty, 1876, via Printemps Sacré, 27. Mai 2016.
    Laut Books and Art, 8. April 2018:

    The pensive face is above a contraposto that does not disturb the pensive expression on her face. The play of elements is surprising: the solid pattern of the rug makes that of the jacket even more delicate. The hand is absolutely beautiful, both in accuracy and in its absent-minded repose.

  2. Gwaschemasch’e Efendi, 1900, via Olenna Redwyne;
  3. Maktus: Circassian girl in traditional clothing, 2018;
  4. Sartorial Adventure, 9. April 2018;
  5. Angela Toidze: Adyghe girl in traditional clothing during folk festival
    held in Nalchik, Kabardina-Balkaria Republic, Russia
    ;
  6. Ahmed Nagoev featuring Ruslan Teshev und Tamara Kobleva für den Circassian calendar 2015,
    via My Caucasus Blog, 12. Januar 2015.

Ahmed Nagoev featuring Ruslan Teshev und Tamara Kobleva für den Circassian calendar 2015, via My Caucasus Blog, 12. Januar 2015

Soundtrack: der Flötenmuckel, der mich auf meine alten Tage, weil ich als Schüler nur an Melodica und Akkordeon herangeführt wurde, zum Erlernen des Blockflötenspiels trieb: Biermösl Blosn — die Brillanz der Fingerfertigkeit höchstselbst auf unter zwei Minuten zusammengefasst:
Circassian Circle, aus: Grüß Gott, mein Bayernland, 1982; Arrangement und Solo: Christoph Well.
Und nein, so werde ich’s nie, nie, nie können:

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Written by Wolf

5. April 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Das zum Werk gewordene Gefühl

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Joseph Karl Stieler, Johann Wolfgang von Goethe, 1828 via Neue PinakothekUpdate zu Und Beethoven so: WTF??!!!
(Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)

und Neulich in München:

Schock 1: Das Bild, das man von Goethe hauptsächlich kennt, quasi das Dichterfürst gewordene kollektive Gedächtnis, hängt in der Neuen Pinakothek zu München — das Museum gegründet von Ludwig I. von Bayern, das Gemälde praktischerweise lange vorher aus erster Künstlerhand angekauft.

Schock 2: Der Maler ist derselbe Joseph Karl Stieler, von dem non solum das mindestens so kollektiv bekannte acht Jahre ältere Beethoven-Portrait stammt, sed etiam fast die gesamte berüchtigte Schönheitengalerie desselben Ludwig I. im Schloss Nymphenburg:

„Schönes Fräulein, wenn Sie sich bitte hier in die Kutsche bequemen will, der König findet Gefallen an Ihr.“

„Bin weder Fräulein, weder schön …“

„Sie hat mich schon verstanden. Folgen.“

——— Neue Pinakothek:

Joseph Karl Stieler: Johann Wolfgang von Goethe, 1828

Öl auf Leinwand, 78,0 cm x 63,8 cm, 1828 durch König Ludwig I. vom Künstler erworben, Inv. Nr. WAF 1048,
in: Neue Pinakothek: Erläuterungen zu den ausgestellten Werken, München 1981, Seite 327:

Neue Pinakothek, München, 21. Dezember 2014Das Bildnis Goethes schuf Joseph Stieler im Auftrag König Ludwigs I. von Bayern. 1828 reiste der Künstler mit einem Empfehlungsschreiben des Königs nach Weimar, um dort die Vorarbeiten anzufertigen. Über den Aufenthalt Stielers in Weimar und die Porträtsitzungen geben die Tagebücher Goethes Auskunft. Drei dieser Vorstudien sind noch erhalten.

Stieler hat den Dichter und Gelehrten Goethe als Halbfigur an seinem Schreibtisch sitzend dargestellt. Der Oberkörper ist frontal dem Betrachter zugekehrt, während der Kopf nach rechts gewandt und der Blick seitlich aus dem Bild heraus gerichtet ist. Die statische Gefasstheit der Gesamtkomposition und die genaue Wiedergabe von Gesichtszügen und Kleidung werden somit gelockert und erhalten ein lebensnahes Element.

In seiner rechten Hand hält der Dichter ein Blatt Papier, auf dem die letzten Zeilen eines von Ludwig I. verfassten Gedichtes zu lesen sind. Der König war der Autor einer Vielzahl von schwärmerischer Begeisterung getragener Gedichte, die zumeist antikem Versmaß folgten. 28 seiner Distichen ließ er in den Münchner Hofgartenarkaden als Beschriftungen zu Carl Rottmanns Italienzyklus öffentlich anbringen. Mit dem Gedicht Ludwigs in Händen erweist Goethe — dessen Urteil in Kunstdingen besonderes Gewicht besaß — dem bayerischen König und dessen dichterischen Hervorbringungen seine Reverenz. Andere Zeitgenossen hielten sich mit Kritik und Spott über die meist ungelenken Verse Ludwigs weniger zurück.

Schock 3: Das heißt, auf seinem eigenen berühmtesten Bild hält Goethe ein Gedicht in der Hand, das nicht er selber geschrieben hat, sondern der Auftraggeber seines Malers. Schon bitter, sowas:

——— Ludwig I.:

An die Künstler

„Im Herbste 1818, Ludwig“:

Ja! Wie sich der Blume Flor erneuet,
Durch den Saamen den sie aus gestreuet,
Zieht ein Kunstwerk auch das andre nach,
Aus dem Leben keimet frisches Leben,
Das zum Werk gewordene Gefühl
Wird ein Neues künftig herrlich geben,
Selber nach Jahrtausenden im Gewühl.

Und dann feiert Goethe noch seit 22. März 1832 Todestag und muss sich heute von mir dergleichen ins Grab hinterherfeixen lassen. Der Beethoven von 1820 — Todestag: fünf Jahre früher und fünf Tage später, 27. März 1827 — darf wenigstens bis heute mit seiner eigenen Missa solemnis in der Hand posieren. Und die adligen wie bürgerlichen Jungfern in der Schönheitsgalerie von Ludwig I. sind noch ganz gut bedient: Sein durchgeschmorter Enkel Ludwig „Märchenkönig“ II. führte nebenan im Marstallmuseum dann schon eine Schönheitsgalerie der Pferde.

Bilder: Joseph Karl Stieler: Johann Wolfgang von Goethe, 1828, via Neue Pinakothek a. a. O.;
selber gemacht, Neue Pinakothek, München 21. Dezember 2014.

Soundtrack: Flor Red: Women in Art (Joseph Karl Stieler), 3. November 2008,
featuring Ludwig van Beethoven: Bagatelle No. 25 in a-Moll, WoO 59, „Für Elise“, 1810:

Bonus Track, damit wenigstens einer der von Stieler Portraitierten zu seinem Recht kommt:
Beethoven, Missa Solemnis, opus 123, 1820, neue Interpretation von John Eliot Gardiner 2014. Wenn man die ersten 75 Sekunden des Videos überstanden hat, wird’s noch recht ordentlich; Musik ab Minute 20:45.

Written by Wolf

15. März 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten

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500. Beitrag

Update zu Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge:

Zuvor haben wir Karl Philipp Moritz — und zwar in seiner eigenen Stimme, ungefiltert durch etwelche ersonnenen Fabelgestalten — in Das Edelste in der Natur, 1786 — sagen hören:

Eins der größten Uebel, woran das Menschengeschlecht krank liegt, ist die schädliche Absonderung desselben, wodurch es in zwei Theile zerfällt, von welchen man den einen, der sich erstaunliche Vorzüge vor dem andern anmaßt, den gesitteten Theil nennt.

Als Problem sieht das nur ein Teil der Menschheit. Wenn man den Richtigen glaubt, ist das der unwesentliche Teil. Beim Baron Eichendorff war das 1831 schon Satire. Den Hochadligen rettet wie immer seine besondere Volksnähe und lebenslanges Hadern mit sozialer Ungleichheit, obwohl er auf seiner richtigen — der oberen — Seite von Geburt an bequem eingerichtet gewesen wäre:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless     Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

——— Joseph von Eichendorff:

Unstern

1831 bis 1839, Fragment aus dem Nachlass,
rekonstruiert in der Winkler-Ausgabe von Jost Perfahl und Ansgar Hillach, Band 2,
nach: Hubert Pöhlein (Hrsg.): Aurora, 3. Jahrgang, 1933;
Rekonstruktion in Band 4:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via HappilessAls ich aber draußen im Freien war, überlegte ich erst alles: ich stammte aus einer reichsgräfl. Familie, hatte schon einzelne Gedichte drucken lassen p., — es war gar nicht unwahrscheinlich, daß man mich so feiern wollte. Da lehnte ich mich mit großer Befriedigung im Wagen zurück, kreuzte die Arme über der Brust u. sagte zu mir selbst: Ich habe es immer gesagt, nichts als Narrenspossen mit dieser Gleichheit. Das soll naturgemäß sein! Als wäre die Natur nicht grade erst recht aristokratisch, stellt den Ochsen über das Kalb, den Hund über die Katze, die Katze über die Ratze, und unter den Menschen den hohen Geburtsadel des Genies über das andre gemeine Pack. Außerdem, setzte ich mit großer Selbstzufriedenheit hinzu, wird es auch, solange nicht allgemeine Barbarei wiederkehrt, immerfort zwei verschiedene Rassen der Gesellschaft geben, die gebildete u. die ungebildete, die niemals miteinander fraternisieren können, weil sie sich wechselseitig genieren, u. das Genie mit keinem von beiden, denn es heißt eben Genie, weil es sich niemals geniert. sondern nur alle andern, u. also Hier tat es plötzlich einen widerlichen Schrei — es war ein Pfau, der vor mir auf einem Gittertor, mit dem Schweif das Rad schlagend, mir grade die Kehrseite seiner Pracht zeigte. Da bemerkte ich erst, daß er eigentlich hier den Portier vorstellte u. ich unaufhaltsam in einen prächtigen Park hineinfuhr […].

Beim Pastorensohn Wieland war es noch unter Tränen lachende und — aus Gründen — fiktiv verbrämte Allegorie. Wie wichtig diesem Berufsschreiber, der auch als Viertel des „Weimarer Viergestirns“ bei Hofe auf Einkünfte aus seiner Arbeitskraft angewiesen war, das Thema war, macht er an einer nicht anderweitig motivierten Fußnote klar, „die ich mich nicht entschließen kann auszulassen“:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

——— Christoph Martin Wieland:

Der goldne Spiegel oder die Könige von Scheschian.
Eine wahre Geschichte
aus dem Scheschianischen übersetzt.

1772, Fassung letzter Hand, 1794:

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via HappilessIhre Hoheit, sagte Nurmahal, werden ihm diesen Einfall vielleicht zu gute halten, wenn Sie bedenken, daß die Nazion einen König haben wollte, und daß es, alles überlegt, doch immer besser ist, dieser König selbst zu seyn, als es einem andern zu überlassen. Er konnte doch immer mit einiger Wahrscheinlichkeit hoffen, daß es ihm an Gelegenheit nicht fehlen würde, sein Ansehen, so eingeschränkt es Anfangs war, zu befestigen und zu erweitern. Zudem war er ein Mann von mehr als gemeiner Fähigkeit, sein eigenes Fürstenthum, eines der beträchtlichsten, und an der Spitze der Partey, die ihn auf den Thron erhob, konnt‘ er sich schmeicheln alles zu vermögen.

„Und dennoch schmeichelte er sich zu viel?“

Wie hätt‘ es anders gehen können? versetzte die Sultanin. Seine Anhänger erwarteten mehr Belohnungen als er geben konnte. Ihre Forderungen hatten keine Grenzen. Er hielt sich für berechtigt Dienste und Unterwürfigkeit von denjenigen zu erwarten, die ihn zum Könige gemacht hatten; und eben darum, weil sie ihn zum Könige gemacht hatten, glaubten sie, daß er ihnen alles schuldig sey. Eine solche Verschiedenheit der Meinungen mußte Folgen haben, die den König und das Volk gleich unglücklich machten. Da er die einmahl übernommene Rolle gut spielen wollte, so mußt‘ er nothwendig mit seinen Raja’s zerfallen, die ihn lieber eine jede andre spielen gesehen hätten als die Rolle eines Königs. Seine ganze Regierung war unruhig, schwankend und voller Verwirrung. Aber unter seinen Nachfolgern ging es noch schlimmer. Jeder neue Vortheil, den die Raja’s über ihre Könige erhielten, erhöhete ihren Übermuth, und vermehrte ihre Forderungen. Unter dem Vorwand, ihre Freyheit (ein Ding, wovon sie niemahls einen bestimmten Begriff gehabt zu haben scheinen,) und die Rechte der Nazion (welche niemahls ins Klare gesetzt worden waren,) gegen willkührliche Anmaßungen sicher zu stellen, wurde das königliche Ansehen nach und nach so eingeschränkt, daß es, wie die Fabel von einer gewissen Nymfe sagt, allgemach zu einem bloßen Schatten abzehrte –

– Hier gähnte der Sultan zum ersten Mahle –

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless– Bis endlich selbst von diesem Schatten nichts als eine leere Stimme übrig blieb, welche gerade noch so viel Kraft hatte, nachzuhallen was ihr zugerufen wurde.

Scheschian befand sich, solange diese Periode dauerte, in einem höchst elenden Zustande. Von mehr als drey hundert kleinern und größern Bezirken, deren jeder seinen eigenen Herrn hatte, sah der größte Theil einem Lande gleich, das kürzlich von Hunger, Krieg, Pest und Wassersnoth verwüstet worden war. Die Natur hatte da nichts von der lachenden Gestalt, nichts von der reitzenden Mannigfaltigkeit und dem einladenden Ansehen von Überfluß und Glückseligkeit, womit sie die Sinnen und das Herz in jedem Land einnimmt, welches von einem weisen Fürsten väterlich regiert wird.

Hier klärte sich die Miene des Sultans einmahl wieder auf. Er dachte an seine Lustschlösser, an seine Zaubergärten, an die schönen Gegenden, die er darin auf allen Seiten vor sich liegen hatte, an die mosaisch eingelegten, und mit doppelten Reihen von Citronenbäumen besetzten Wege, die ihn dahin führten; und genoß etliche Augenblicke lang die Wollust der vollkommensten Zufriedenheit mit sich selbst.

Das war es nicht, was die beiden Omra’s wollten, daß er dabey denken sollte! – Weiter, Nurmahal; sprach der vergnügte Sultan.

Allenthalben wurden die Augen eines Reisenden, der nicht ohne alles Gefühl für den Zustand seiner Nebengeschöpfe war, durch traurige Bilder des Mangels und der unbarmherzigsten Unterdrückung beleidigt.

Die kleinen Tyrannen, denen der König von Scheschian neunzehn von zwanzig Theilen seiner Unterthanen Preis zu geben genöthigt war, hatten in Absicht der Verwahrung ihrer Ländereyen eine Denkungsart, die derjenigen von gewissen Wilden glich, von denen man sagt, daß sie, um der Frucht eines Baumes habhaft zu werden, kein bequemeres Mittel kennen, als den Baum umzufällen. Ihr erster Grundsatz schien zu seyn, den gegenwärtigen Augenblick zum Vortheil ihrer ausschweifenden Lüste auszunützen, ohne sich darum zu bekümmern, was die natürlichen Folgen davon seyn möchten. Diese Herren fanden nicht das geringste weder in ihrem Kopfe noch in ihrem Herzen, das der armen Menschheit bey ihnen das Wort geredet hätte. In ihren Augen hatte das Volk keine Rechte, und der Fürst keine Pflichten. Sie behandelten es als einen Haufen belebter Maschinen, welche, so wie die übrigen Thiere, von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten, und die keinen Anspruch an Ruhe, Gemächlichkeit, und Vergnügen zu machen hätten. So schwer es ist, sich die Möglichkeit einer so unnatürlichen Denkungsart vorzustellen, so ist doch nichts gewisser, als daß sie es dahin gebracht hatten, sich selbst als eine Klasse von höhern Wesen anzusehen, die, gleich den Göttern Epikurs, kein Blut sondern nur gleichsam ein Blut in den Adern rinnen hätten; denen die Natur zu willkührlichem Gebote stehe; denen alles erlaubt sey, und an welche niemand etwas zu fodern habe. Die Knechtschaft der Unglücklichen, die unter ihrem Joche schmachteten, ging so weit, daß sie jeden Fall, wo man ihnen durch eine besondere Ausnahme die allgemeinsten Rechte der Menschheit angedeihen ließ, als eine unverdiente Gnade ansehen mußten. Die Folgen einer so widersinnigen Verfassung stellen sich von selbst dar. Eine allgemeine Muthlosigkeit machte nach und nach alle Triebräder der Vervollkommnung stille stehen; der Genie wurde ihm Keim erstickt, der Fleiß abgeschreckt, und die Stelle der Leidenschaften, durch deren beseelenden Hauch die Natur den Menschen entwickelt, und zum Werkzeug ihrer großen Absichten macht, nahm fressender Gram und betäubende Verzweiflung ein.[Fußnote] Sklaven, welche keine Hoffnung haben, anders als durch irgend einen seltnen Zufall, der unter zehen tausend kaum Einen trifft, sich aus ihrem Elend empor zu winden, arbeiten nur in so fern sie gezwungen werden, und können nicht gezwungen werden irgend etwas gut zu machen. Sie verlieren alles Gefühl der Würdigkeit ihrer Natur, alles Gefühl des Edeln und Schönen, alles Bewußtsein ihrer angebornen Rechte –

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless– Der Sultan gähnte hier zum zweyten Mahle –

– und sinken in ihren Empfindungen und Sitten zu dem Vieh herab, mit welchem sie genöthiget sind den nehmlichen Stall einzunehmen; ja, bey der Unmöglichkeit seines bessern Zustandes, verlieren sie endlich selbst den Begriff eines solchen Zustandes, und halten die Glückseligkeit für ein geheimnißvolles Vorrecht der Götter und ihrer Herren, an welches den mindesten Anspruch zu machen Gottlosigkeit und Hochverrath wäre.

Dieß war die tiefe Stufe von Abwürdigung und Elend, auf welche die armen Bewohner von Scheschian herab gedrückt wurden. Eine allgemeine Verwilderung würde sie in kurzem wieder in den nehmlichen Stand versetzt haben, aus welchem der große Affe, ihrem angeerbten Wahn zu Folge, ihre Stammältern gezogen hatte: in einen Stand, worin sie sich wenigstens mit der Unmöglichkeit noch tiefer zu sinken hätten trösten können; wenn nicht eine unvermuthete Staatsveränderung –

Hier machte der Mirza die schöne Nurmahal bemerken, daß der Sultan unter den letzten Perioden dieser Vorlesung eingeschlafen war.

[Fußnote] Hier, sagt der Sinesische Übersetzer, habe ich eine Anmerkung des Indischen Herausgebers dieses Werkes gefunden, die ich mich nicht entschließen kann auszulassen, ungeachtet meine Leser keinen unmittelbaren Gebrauch davon machen können. Ich wünschte, sind die Worte des Indiers, daß alle unsre Großen und Edeln dieser Periode (von den Worten Eine allgemeine u. s. w. bis zu Verzweiflung ein) die Ehre anthun möchten, sich derselben zu Prüfung der Fakirn, denen sie ihre Söhne anvertrauen wollen, zu bedienen. Sie haben dazu weiter nichts nöthig, als dem Fakir die Periode vorzulegen, und sich eine Erklärung derselben, die Entwicklung der darin enthaltenen Begriffe und Sätze von ihm auszubitten. Allenfalls könnten sie, um ihrer Sache desto gewisser zu seyn, einen Filosofen von unverdächtigen Einsichtenmit zu dieser Prüfung ziehen. Versteht der Fakir die Periode: nun, so sey es denn! Versteht er sie nicht oder räsonniert er darüber wie ein Truthahn: so können Sich Ew. Excellenzen, Gnaden, Hoch- und Wohlgeboren, u.s.w. darauf verlassen, daß er ein vortreffliches Subjekt ist, wenn ihre Absicht dahin geht, daß Ihr Sohn nicht zu gescheidt werden solle.

Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless     Making of Salvadore Dalí, In Voluptas, 1951, via Happiless

Bilder: via Happiless, Dezember 2018:

In 1951, Dali teamed up with Magnum photographer Philippe Halsman to create one of the most enchanting, morbid and bizarre photographs of all time. Entitled „In Voluptas Mors,“ or Voluptuous Death.

Soundtrack: Gustaf Gründgens & Hilde Hildebrand: O Gott, wie sind wir vornehm!,
aus: Eduard Künneke: Liselott, 1932:

Written by Wolf

15. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Sturm & Drang

Rosa Lübeck-Luxemburg

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Update zu Es endet ohne Schlusspunkt.
und Bierchen aus alter Zeit:

Es gibt da ein paar Unstimmigkeiten. In Ordnung, dass ein Gedicht Fragment bleibt (mein Gesamtwerk besteht aus Fragmenten), obskur bleibt mitsamt allen auffindbaren Erklärungen die Überlieferung.

Bertolt Brecht, frau lübeck, 1952, Die Zeit, 5. September 1997Angenehm eindeutig ist die Datierung 1952 für die Entstehung. Aber dann: Wer 1981 oder kurz danach nicht den allgegenwärtigen Knuffel Die Gedichte in einem Band von Brecht gekauft hat, war entweder zu jung oder dringender mit Fußballspielen und Mofafrisieren beschäftigt. „Die“ Gedichte — das erhebt durchaus einen Anspruch auf Vollständigkeit, wobei es in Ordnung geht, wenn das eine oder andere Fragment der Aufnahme entwischt, weil es schlicht (noch) verschollen ist. Die Wiederentdeckung wird fast eine Generation später, in der Zeit vom 5. September 1997 unter der Rubrik Zeitmosaik gefeiert. Der Nachsatz der unscheinbaren Zeitungsspalte erscheint im Oiriginal — siehe Bild — kursiv:

Diesen bisher unveröffentlichten Text von Bertolt Brecht finden wir im neuen Heft, Nr. 6, der vom Berliner Ensemble herausgegebenen Schriftenreihe Drucksache. Er ist Teil eines hier zum ersten Mal publizierten, Fragment gebliebenen Werkes von 1952 über Rosa Luxemburg, verheiratet mit Gustav Lübeck (Alexander Verlag, Berlin; 56 Seiten, 14,90 Mark)

Im Herbst 1997 war demnach die eher dünne Drucksache Nr. 6 im (traditionell Ost-)Berliner Alexander Verlag das „neue“ Heft. Wäre es da sehr engherzig anzumerken, dass Nr. 6 schon 1993 erschienen ist? Und es zog ein Jahrzehnt ins Land, das ein ganzes Jahrtausend, den NEMAX, das World Trade Center und meine letzten wenigstens potenziell guten Jahre mühelos wegfraß. Plötzlich war es 2007, und von dem 1981er Knuffel erschien eine vollständige Neuausgabe von Jan Knopf.

In einem den Bedürfnissen der neuen Zeiten fröhlicherem Rot, immer noch ohne Lesebändchen, aber mit 1648 statt 1392 Seiten und immer noch mit dem dezent Alleingültigkeit verheißenden bestimmten Artikel: nicht „Sämtliche“, nicht „Alle“, schon gar nicht, was alles und nichts heißen könnte, „Gesammelte“ — nein: „Die“ Gedichte.

Wir, die wir in der durchwachsen glücklichen Lage sind, dass wir uns 1981 kein Mofa zum Frisieren, sondern nur einen Band Brecht-Gedichte zum schamlosen Ausschlachten leisten konnten, um Mädchen zu beeindrucken, können deshalb direktvergleichen: O ja, auf den zusätzlichen 256 sind einige Gedichte dazugekommen, woher auch immer. Brecht soll ja eine besonders heikle Erbengemeinschaft hinterlassen haben, die bis 2007 nun wirklich nicht mehr länger auf irgendwelchen zerknüllten Manuskriptschnipseln herumsitzen konnte, ohne sie endlich der literaturwissenschaftlichen Auswertung auszusetzen, da kann schon was zusammenkommen. Der umgekehrte Vergleich lehrt aber auch: Gegenüber der Ausgabe von 1981 sind auch Gedichte entfallen.

Und niemand weiß warum. Was natürlich Quark ist: Der Herausgeber heißt 2007 nicht mehr „Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann“, sondern Jan Knopf und ist der Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht (ABB) am Karlsruher Institut für Technologie, vormals Universität Karlsruhe, Fridericiana (TH) und kann zweifellos jede einzelne seiner 1648 Seiten lückenlos begründen.

Bevor sich ein im Leben nie so richtig aufgehalfterter Germanist (Linguistik, Leute, nix da Literaturwissenschaft!), der bereit ist, sich aller 26 Jahre das gleiche Buch nachzukaufen, zu einer freundlichen Nachfrage aufrafft, wird er sich aller Einschätzung nach wohl doch eher damit abfinden, dass er jetzt alle zwei Ausgaben aufbewahren muss. Der bringt es fertig und freut sich noch, dass er zusätzlich noch den Zeitungssausriss von 1997, der weder in der alten noch der neuen Version vorkommt, als Lesezeichen aufgehoben hat.

——— Bertolt Brecht:

„frau lübeck“

Fragment 1952, gedruckt in: Heiner Müller und Holger Teschke (Redaktion):
Drucksache 6. Berliner Ensemble 1993,
in: Zeitmosaik, Die Zeit 37/1997, 5. September 1997, Seite 58:

kleine frau, etwas fett geworden, wackelnder
gang, augen klein, blick abschätzend.
mund träge, lippen nicht gut geschlossen,
geschmacklos gekleidet, schleifen und maschen.
nicht ganz schlicht.
ein energischer geschäftssinn und (…),
mit befreiter sexualität (St. Großmann)
am tag vor ihrer ermordung ruft sie Rosenberg an,
die lage der gefängnisbeamten zu bessern. (erleichtern)
sie hatte es ihren wärtern beir entlassung versprochen.
der blick in das gesicht eines menschen, dem geholfen ist, ist der blick in eine schöne gegend, freund.
die hechtin im karpfenteich (Bebel)
ich bin steinreich.
und laßt mir das hinken (wackeln)
mir jetzt, in diesem feurigen rausch,
als hätten wir schampagner im blut,
>den dicken schinken< schrieb ich in einem rausch.

b) ich, die ich „auf einem besen durch die ökonomie ritt“ sie schickt Liebknecht vor, daß er nicht nur „eine frau sagt“.

Bücherregal mit zweimal Brecht

Bilder: Bücherregal mit zweimal Brecht;
Die Zeit (verrinnt), 5. September 1997, Stand 9. Januar 2019.

Ja, mach nur einen Plan: Das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens,
aus: Die Dreigroschenoper, 1928:

Written by Wolf

8. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Mit dem Faust im Ranzen

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Update zu The Metrum is the Message
und Mephisto ist ein mieser Verräter
(So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus):

Faktum 1: Am Montag, den 10. September 2018 hat in Bayern, wie immer als dem letzten Bundesland, die Schule wieder angefangen. Faktum 2: Am 14. September 2018 erscheint die neue CD von LEA namens Zwischen meinen Zeilen, die ein Soundtrack-Lied für Das schönste Mädchen der Welt enthält.

——— Deutschlandfunk Kultur:

Germanistin über Umgang mit klassischer Literatur:
Vereinfachen ist der falsche Weg.
Beate Kennedy im Gespräch mit Dieter Kassel

Donnerstag, 6. September 2018:

Wie kann man Schüler für klassische Literaturstoffe interessieren? Ein Weg könnte radikale Vereinfachung sein – wie in der Filmkomödie „Das schönste Mädchen der Welt„, der aus Cyrano de Bergerac einen Rapper macht. […]

Aber ist es eigentlich ein sinnvoller Weg, einen klassischen Stoff aus einem Roman oder einem Theaterstück so stark modernisiert und vereinfacht zu präsentieren, zum Beispiel auch an Schulen, damit heutige Schülerinnen und Schüler das Ganze überhaupt noch verstehen?

Das wollen wir jetzt von Beate Kennedy wissen. […]

Beate Kennedy: Guten Morgen, Herr Kassel! […]

Kassel: Aber wenn wir ein in Deutschland an Berühmtheit nicht mehr zu übertreffendes Beispiel nehmen, Goethes „Faust“, dann ist es natürlich so, dieses Grundmotiv des Menschen, der seine Seele an den Teufel verkauft, dieses Grundmotiv war selbst zu Goethes Zeit schon sehr alt. Das hat er nicht erfunden, er hat nur dieses geniale Theaterstück daraus gemacht.

Wenn Sie nun sagen, ich möchte aber nicht die Grundidee des Seelenverkaufs allein thematisieren im Unterricht, sondern ich möchte diesen Text von Johann Wolfgang von Goethe vermitteln, heißt das ja, dann geht es nicht mehr um den Inhalt, sondern um die Sprache, oder?

Kennedy: Ja, ganz genau. Da geht es um die Sprache und eben um das, was wir als meisterhaft gelungene Form empfinden, wo wir eben sagen, da hat jemand ein Grundmotiv so auf den Punkt gebracht, dass es mustergültig ist und dass wir uns daran auch dann kreativ abarbeiten können.

Kreativ heißt, wir müssen es natürlich dann immer für uns selbst in seiner Bedeutung erschließen. Ein Beispiel jetzt aus meinem Unterricht. Wir haben hier Profiloberstufe, da wählen also die Schüler nach Neigung, und wo man Mathematiker hat, die logisch denken können, empfiehlt es sich vielleicht dann, die Annotationen von Goethe sich besonders anzuschauen oder die Entwicklung des Charakters anhand eines Zeitstrahls auch zu visualisieren, also viel mit dem Computer zu arbeiten, viel mit Listen zu arbeiten, mit logischen Verknüpfungen zu arbeiten, die es ja bei Goethe reichlich gibt. Also die Sprache systematisch, wie ein Philologe es eben auch macht, zu analysieren.

Oder in einer anderen Klasse, die vielleicht eher haptisch orientiert ist, also sich einfach an visuellen Bildern berauscht, ist es natürlich dann ganz empfehlenswert, gleich ins Theater zu gehen, wo die Theater sowieso heutzutage die sind, die die Stoffe noch mal für die heutige Jugend auch interessant und spannend präsentieren.

Das schönste Mädchen der Welt, Tobis Film 2018, IMDbMeine Rede seit Jahren: Der Faust ist berühmt und, nun ja, eben „klassisch“ aus mancherlei Gründen, aber bestimmt nicht wegen seiner dramaturgisch durchoptimierten, todspannenden Handlung mit wunder wie überraschenden Wendungen, vom Ende ganz zu schweigen: Die Expertendiskussion, ob jetzt eigentlich Gott oder der Teufel (oder Faust? oder gar Gretchen?) gewonnen hat, hält an.

Die bis auf weiteres gern kolportierte Tatsache, dass die Soldaten des Ersten Weltkriegs allesamt „mit dem Faust im Tornister“ ins Feld gezogen seien, den sie selbstverständlich bis dahin in der Kneipe gern mit verteilten Rollen gelesen hatten, ist keine „aus heutiger Sicht befremdliche Überzeugung“ — was ich langsam wirklich mal aus Wikipedia herauseditieren muss — hängt eben nur nicht mit dem Bildungshunger faustischer Existenzen zusammen, falls es im Schützengraben mal allzu langweilig hergehen sollte, sondern damit, dass der Kaiser auf Staatskosten die Reclamheftchen austeilen ließ. Das einzig Befremdliche daran ist, dass derselbe Kaiser für seinen Krieg tatsächlich die Schulbuben rekrutierte, die keinen Tornister, sondern einen Schulranzen tragen sollten.

Dann doch lieber nach Frau Dr. Kennedys Empfehlung die Entwicklung von Charakteren anhand eines Zeitstrahls visualisieren, wie immer das gehen soll. Um den Faust zu wertschätzen oder — was zulässig wäre — zu gegenteiligen Resultaten zu gelangen, bleibt also, wieder nach Dr. Kennedy, die Sprache dem Philologen gleich systematisch zu analysieren. Das gibt auch wirklich einiges her: The Metrum is the Message; das war einer meiner hiesigen Einträge mit dem höchsten Aufwand, von dessen Erkenntnissen ich bis heute persönlich zehre. Da kann es gut sein, dass ein Schüler, der nicht aus freien Stücken auf dergleichen verfallen wird, unter Anleitung was fürs Leben mitnimmt.

Die ebenfalls empfohlenen „Annotationen von Goethe“ finden sich übrigens in Buchform am besten in der aktualisierten Frankfurter Ausgabe als Taschenbuch oder in der Reclam-Studienausgabe; die historisch-kritische Faust-Edition ist zur Stund noch in der Beta-Phase, kommt aber noch.

In diesem Sinne noch die angenehm aufrichtige Moderatorenfrage vom Schluss des angeführten Interviews:

Kassel: Wir haben eigentlich keine Zeit mehr, aber ich kann es nicht lassen: Glauben Sie, wer Goethes „Faust“ versteht, versteht definitiv auch eine moderne Gebrauchsanleitung?

Kennedy: Ja, das ist möglich, wenn diejenigen, die diese Gebrauchsanleitung schreiben, daran denken, dass Menschen geführt werden wollen und eben auch das Fremde erklärt haben wollen. Und das Fremde nicht verklausulieren oder nur ansatzweise beschreiben.

Wichtig wäre mir eben, dass man da auch digital und analog immer nebenher hat. Mir geht es ja so, als promovierte Literaturwissenschaftlerin bin ich teilweise nicht in der Lage, die Gebrauchsanweisung meiner Aufnahmegeräte zu verstehen oder meines Autos — also eine Gebrauchsanweisung, wenn die eben nur digital verfügbar ist, ich aber im Auto ganz konkret, ganz analog auf der Straße stehe und gerade jetzt ein Problem habe, dann erwarte ich eigentlich, dass ich noch den gedruckten Text möglichst bebildert auch vor Augen habe.

Kassel: Das war, glaube ich jetzt ein schönes Beispiel für das Phänomen „Dumme Frage, kluge Antwort“. Frau Kennedy, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Kennedy: Ja, Danke auch, Herr Kassel, auf Wiederhören!

Kassel: Wiederhören. Beate Kennedy war das, Lehrerin und Literaturwissenschaftlerin, über Sinn und Unsinn von Vereinfachung und von Klassikern an der Schule.

Das schönste Mädchen der Welt, Tobis Film 2018, IMDb

Das schönste Mädchen der Welt: via IMDb, 2018.

Soundtrack — nämlich zu Das schönste Mädchen der Welt:
LEA & Cyril: Immer wenn wir uns sehn, aus: Zwischen meinen Zeilen, 2018:

Und weil das, wie fühlende Menschen bemerken werden, nicht mitanzuhören ist,
noch was wirklich Schönes als Bonus Track:
Miley Cyrus: Wildflowers von Tom Petty, aus: Wildflowers, 1994:

Written by Wolf

14. September 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Die junge Gräfin (erzählt neben einem Paar nachbarlichen Würsten)

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Update zu Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn):

Am bekanntesten ist bis heute der späte — 1985 — DDR-Märchenfilm Gritta von Rattenzuhausbeiuns oder Gritta vom Rattenschloß. Die Buchvorlage, ein erklärter „Märchenroman“ mit dem vollen Namen Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns, wird sogar in der großen Gesamtausgabe der Bettina von Arnim unterschlagen — entweder weil er in keine Werkkategorie der vier Bände passen will oder weil Bettinas Schaffensanteil daran unklar bleibt, weil als Neben-, wenn nicht gar Hauptautorin ihre jüngste Tochter Gisela gelten muss.

Gisela, zu Beginn der Arbeiten zarte 17, war mit 15 unter dem Namen Marilla Fitchersvogel Gründungsmitglied der Berliner Kaffeter-Gesellschaft, eines parodistisch heiter geführten Literatursalons und Jungfrauenordens, der später auch Mannspersonen zuließ, zum Beispiel den von Jungfrauen, Kaffee und Literaturschaffen begeisterten König Friedrich Wilhelm IV. höchstselbst. Die Koautorin und Mutter Bettina, die sich oft Bettine spricht und schreibt, war seit 1835 mit Goethes Briefwechsel mit einem Kinde und 1840 Die Günderode Bestsellerautorin und außerdem Witwe des vor allem mit Des Knaben Wunderhorn populären Achim von Arnim — auch wieder mit einer Gemeinschaftsarbeit mit unklaren Beteiligungen.

Der Märchenroman mit Gritta war das einzige Desideratum, das ich je an die Münchner Stadtbibliothek gerichtet habe — eben aus dem Gefühl der schmerzlichen Lücke in der Arnimschen Gesamtausgabe. Es wurde erfüllt und steht heute default in der belletristischen Abteilung der Filiale Am Gasteig, aber meistens ausgeliehen bei mir daheim. Was für eine Perle da im Verborgenen funkelt — niemals werde ich mich ganz über das Versäumnis der Gesamtausgabe beruhigen können — wird aus dem Volltext, den man mindestens zweimal online findet, teilweise klar — so richtig aber erst aus dem Nachwort von Rolf Vollmann in der Manesse-Ausgabe, die ich der Stadtbibliothek 2008 empfohlen habe. Welche auch sonst? An Einzeltexten sind noch ungefähr drei verschiedene sehr schöne, leider obskur gewordene DDR-Ausgaben antiquarisch jagdbar, dieselbe Manesse ist 2018 schon wieder vergriffen, und die Gesamtausgabe … hatten wir schon.

Es spricht sehr für den familiären Umgangston im Hause von Arnim, was da als Mutter-Tochter-Projekt entstanden ist. Die 1985er Verfilmung bemüht sich mit arg zurechtfrisierter Handlung um eine DDR-Nachfolge der Pippi Langstrumpf, das Original hat viel mehr Bedeutungsebenen. Aus heutiger Sicht liegt die Langstrumpf nicht ganz fern, aber es erlaubt sich auch — Arnims waren eng mit den Grimms verwandt und befasst — märchenhaft düstere Stellen. Insgesamt erinnert es mehr an Walter Moers, wenn nicht gar Eugen Egner oder sonstige Skurrilvirtuosen — wobei man meistens recht schief liegt, wenn man solche jahrhundertealten Hervorbríngungen mit allzu modernen vergleicht; jedenfalls war eine so vielschichtige Mischung nicht vor dem 20. Jahrhundert dran.

Die folgende halbwegs abgeschlossene Passage funkelt im Dunkeln in mehreren Bunt- und Schwarztönen. Gritta ist zur Zeit der Handlung sieben Jahre alt, Müffert ist der väterliche hochgräfliche Diener. — Staunt, Kinder.

——– Gisela von Arnim/Bettina von Arnim:

Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

1844–1848, Druckvorlage 1845, Erstdruck: hg. Otto Mallon, S. Martin Fraenkel, Berlin 1926:

Gritta und Müffert saßen eines Abends in der Küche, die ein kleines rußiges Gewölbe war. Ein Feuer brannte auf dem Herd, vier große Töpfe kochten, und die weißen Nebelwolken vermischten sich mit dem schwarzen Rauch, zogen hinauf und flogen mit ihm davon. Es war heut zum ersten Mal nach langer Zeit stürmisch, der Wind trieb manchmal den Rauch wieder hinab. Die kleine Gritta saß neben den Töpfen auf dem Herd. Sie schien an etwas zu denken, was sie ängstigte, denn sie sah von Zeit zu Zeit zu Müffert auf, der in Gedanken vertieft vor einer Speckseite stand, die im Schornstein neben einem Paar nachbarlichen Würsten an einem Bindfaden bammelte; er schien sich zu besinnen, ob er sie anschneiden solle, denn das säbelförmige Messer guckte zwischen seinem Zeigefinger und seinem breiten Daumen wie ein angerufener Ratgeber hervor, mit einem entsetzlich begierigen Gesicht, in dem sich das Feuer spiegelte.

Gisela von Arnim, Joseph Joachim„Ach, Müffert“, hob Gritta an, „glaubst Du wohl, daß der Vater noch an die Birkenrute denkt? Glaubst Du wohl, daß noch Birkenreiser draußen am Birkenbaum sind?“

„Nein, Kind, ich glaube, der wird vertrocknen; das hat einmal seine sonderbare Bewandtnis mit dem Baume gehabt.“

„Ach, erzähle!“ bat Gritta.

Müffert machte das Messer zu, und Gritta sah mit Vergnügen, wie ihre lieben blonden Würstchen heute noch vergnügt hängen blieben; er setzte sich auf den Herd neben sie, und Gritta schaute, während er erzählte, in die weißen Wolken der Töpfe, wie sie mit den schwarzen Rauchmassen davon wirbelten, in denen sich, was in der Geschichte vorkam, ihr bildete.

„Dein Ururururgroßvater hatte seine Kinder gar artig erzogen, bis er Graf wurde; da bekam er aber noch ein Mägdlein und meinte, weil er Graf geworden, dürfe eine kleine Gräfin doch nicht mehr die Rute kosten; so wurden denn die Rutenbäume hier um des Herrn Grafen Schloß gar nicht mehr gepflegt; die kleine Gräfin wuchs auf in aller Unart. Der Graf wußte kein Mittel, sie zu strafen, das nicht das Gräfliche in ihr verletzte. Er kannte noch nicht den Spruch, der jetzt in mehreren Familien gang und gäbe ist: „Heute kriegst du nichts zu essen!“ – und dachte, es werde immer bei den kleinen Unarten bleiben. Aber das war Irrtum; sie entwuchs der Rutenzeit, ward wild, lief in den Wald, blieb Nächte lang aus, kam des Morgens mit wilden Dornenranken, Moos und Nachttau in den fliegenden Haaren stolz nach Haus. In der Frühsonne regte sich besonders ihre Lustigkeit, wenn sie den betauten Gräserfußpfad hinauflief, ihren stolzen Gliederbau dem Himmel entgegen hob und Frühluft trank, dann sang sie die im Walde selbst erfundenen Weisen. So kam sie eines Morgens auch mit einem jungen Bären bepackt, der sie im Walde angefallen und den sie mit ihren festen und starken Gliedern erwürgt, gerade als ihr Herr Papa mit einem jungen Manne sprach, den er ihr zum Bräutigam erwählt. Der Bär mit seinem dunklen Fell hing ihr über die weiße Schulter, und das Blut tröpfelte aus einer Wunde, die seine Tatze ihr geschlagen. Ihre Stimme, die wie die des Windes war, der um die Burg des Nachts sang, erschallte; der junge Graf mit seinem blassen Angesicht und schwarzen Bart schaute sie freundlich an. Sie hatte fast einen kalten Blick, weil alles Feuer ihrer Augen sich tief in sie zurückgedrängt hatte. Aber, meldet die Sage, als sie ihn angeschaut, brach es aus, das Feuer ihres Herzens, ihrer Seele; darum auch, meldet sie ferner, daß sie das Fräulein vom Feuerauge hieß. Jetzt liebte sie den Grafen mit Leidenschaft; sie war nicht seine Braut, das durfte man nicht sagen, sie war sein Geselle, – aber das konnte ihrem Herrn Papa keine Freude machen. Fröhlich eilten sie nebeneinander mit Wurfgeschossen über die Berge und durch Schluchten und auf moosigen Pfaden unter Gebüschen hinweg. Die rauschenden Waldeslüfte strömten ihnen voran, dem Wilde nach; sie sangen zusammen; studierte er, wozu er besondere Neigung hatte, so lernte sie mit ihm. Bis spät in die Nacht saßen sie oft vor den alten Folianten, die Arme in einander verschlungen, eins dem andern helfend.

Ach, der gute, alte Vater wußte gar nicht, wie er sich dabei anstellen solle; er hatte Sorge, daß dies einer jungen Hochgräfin böse Nachrede machen werde; auch bekümmerte ihn das sehr, daß sie so tief in frühere Zeiten sich bewanderten, wo die Welt noch auf der linken Seite mochte gelegen haben. Dies verdroß den Grafen sehr; er mochte nun einmal durchaus nicht leiden, daß sie in den alten Büchern herumsuchten, aus denen die Staubwolken beim Umwenden der Blätter aufstiegen und die alten Bilder mit grinsenden Gesichtern schnell herausguckten; kurz, er wurde immer unzufriedner. Besonders schrieb sich sein Unwille gegen dieses Bücherdurchsuchen daher, weil er einmal in Gemütsruhe im Keller unter dem offnen Kranen am Weinfasse liegend, während der Wein wie ein Bächlein durch die Gebirge und Wiesen seines Innern floß, es ihm vorkam, als ob die Bücher aus der Bibliothek dahergetrampelt kämen und knurrten ihn an und öffneten ihre Blätter und klappten wieder zu, worauf allemal große Staubwolken herausfuhren, die sich zu alten Mönchen und andern dergleichen wunderlichen Gestalten formten, dann umherspazierten und feine Liedchen auf seine Trunkenheit sangen. Diese Spottgesichte konnte er nicht vergessen, und oft schaute er nach dem Rutenstammbaum hinüber, der mit seinen Blättern säuselnd, ihn zu mahnen schien, daß er seinen Einspruch bei der Erziehung der Gräfin abgelehnt habe.

Präsident Maiblümchen Maximiliane Maxe von Arnim, Joseph JoachimEs brach Krieg aus, der junge Graf zog mit einem Fähnlein Reiter fort. Jetzt glaubte der alte Herr die junge Gräfin unter seiner Regierung zu haben; er wollte, sie solle still zu Hause sitzen und einen Kaminschirm sticken. Ihr pochte es in allen Gliedern, und wenn sie durch die Schloßfenster hinausschaute auf die blauen Berge, die gleich einer Mauer vor einem tatenkräftigen Leben ihr lagen, wurde es ihr oft so eng, daß sie die Vorhänge ihres großen Himmelbettes aufriß und mit den Kissen zu bombardieren anfing, so daß die Federn stiebten; bald ließ sie diese wider die goldnen Engel fliegen, die die Federkrone des Betthimmels trugen, bald in die und jene Ecke. Kam nun der alte Graf in solchem Augenblick, wo alles krachte und knarrte, in ihr Zimmer, so zog sie schnell die Gardinen ums Bett und steckte sich unter ein großes Federbett, was sie fest um sich wickelte. Da stand nun der Graf und predigte ihr Stunden lang vor. So kam er auch wieder eines Morgens, mit einem Arm voll Seide zu jenem Kaminschirm, den sie noch nicht angefangen hatte; da lag wieder das große Federbett; der Graf stellte sich davor und zankte, aber heut blieb das Federbett besonders ruhig liegen; – sonst hatte sie zuweilen ihren Kopf hervorgestreckt und ihn dann schnell wieder zurückgezogen. Endlich ward der Graf über ihren Mangel an Anteil zornig, daß er sich Mut faßte und das Federbett herunter riß. Aber siehe, der Fleck war leer und nichts dahinter. Während der Graf am Abend vorher in Gemütsruhe unter dem Kränchen eines uralten Fasses lag, öffnete sich das Tor des Schlosses und die Gräfin mit einem Bündelchen schritt heraus. Ganz still und für sich schaute sie umher auf die nachtenden Berge, und ihr lichtbraunes Haar floß leise im Abendwind daher; sie zog zur Armee. Als sie anlangte, empfing sie der junge Graf mit großen Freuden. An seiner Seite zog sie mit zu Felde, focht neben ihm und verfolgte ihn mit den Augen, dem entgegentretend, der das Schwert gegen ihn schwang.

Am Abend saßen sie an den Wachfeuern, die müden Glieder ausgestreckt auf ihren Mänteln; da wehte der kühle Nachtwind über die lustige Schaar hin und kühlte die heißen Köpfe.

Die Soldaten rauchten, sie sang, erzählte alte Weisen, und alle waren fröhlich und gut in ihrer Gegenwart. Es verglimmten nach und nach die Kohlen, der Himmel breitete seinen Nachtmantel aus mit den unzähligen Sternen. Da wußte die junge Gräfin erst, wozu sie geboren war; sie erhob sich leise und betrachtete den schlummernden Grafen und vertiefte sich in die Ruhe seiner edlen Züge und las wie in einem Buch die schönsten Lieder an den Frühling, an die aufgehende Sonne oder den Mond, je nachdem das Antlitz des Grafen oder auch ihr eignes Gemüt gestimmt war; sie schrieb dies alles mit ihrer Messerspitze in die Rinde der Bäume umher. Dann schlummerte sie ein Weilchen, während Göttinen, man nennt sie Musen, ihrer sind Neune, voran ein schöner Musenjüngling, einen schwebenden Tanz über ihrem Haupte aufführten und allerlei Träume ihr zusendeten.

Eines Morgens zogen sie aus dem Quartier, die Trommel tönte; sie hatte die dem Tambur abgenommen und trommelte einen Marsch, zu dem sie sang von der Kriegslust. Die Soldaten hörten begeistert zu, sonderbar wirbelten die Trommeltöne wie ein Lied, aus ihrer Brust geschaffen, in den blauen Himmel empor. Da kam eilig des Weges ein Bote, der sagte, der alte Graf liege auf dem Todesbett; zwar habe er verboten sie zu rufen, aber der alte Schloßkaplan habe ihn ausgeschickt.

Amalie St. Malo von Herder, Joseph JoachimSchnell reichte Gräfin Bärwalda dem Grafen zum Abschied die Hand und ritt davon. Eine unnennbare Trauer erfaßte sie, als sie das Schloß, auf dem selbst die alten rostigen Wetterhähne die Flügel zu hängen schienen, erblickte. Es sagte ihr alles, ihr Herr Vater lebe nicht mehr. So war es auch, das ganze Schloß war leer; alle Diener und Hausleute waren furchtsam geflohen und hatten die alten Mauern allein stehen lassen. So zog sie in ihr Erbe ein, das einzige was ihr blieb; rasch sprang sie vom Pferde und klopfte leise seinen Hals, als wolle sie sagen: „Bald reiten wir wieder davon!“ Dann warf sie ihm die Zügel auf den Bug, und es trabte mit lautem Hufschlag in den leeren Schloßhof. Der Schloßkaplan schlich in den leeren Gemächern herum, halb als wenn er sich vor ihr scheue, halb als wenn er sie bemitleide; ängstlich übergab er ihr die Schlüssel und ging eilig davon. Die Gräfin stellte sich an ein hohes Fenster und schaute hinaus auf die dunklen blauenden Berge in der Ferne. Sie liebte ihr altes Erbe so, und doch war es ihr, als drücke ihr etwas schwer auf dem Herzen. Die Sonne ging unter, sie erhellte das Gemach und die braune Ledertapete mit einem leisen Schimmer. Da kam der alte Schloßkaplan herein, wich aber scheu zurück vor ihr; sie verlangte, er solle bleiben und alles sagen, was er auf dem Herzen habe.

Nach langem Zagen sagte er endlich, der Graf hätte immer zornig über sie geschwiegen; aber in der letzten Stunde habe er gesagt, es sei gesündigt, daß er nicht die Reiser vom Rutenbaum zu ihrer Erziehung gebraucht; darum habe er den Gram erleben müssen, daß sie davon und unter die Soldaten gegangen sei. Er verwünsche sie, daß sie selbst im Grabe keine Ruhe finde, bis der Rutenbaum vertrockne, und der solle nicht eher vertrocknen und mit frischer Kraft fortblühen, bis ein Mädchen aus ihrem Geschlecht so gut sei, daß es nie eine Rute verdiene.“ Der alte Mann hatte ausgesprochen; die junge Gräfin schwieg und schaute nach der sinkenden Sonne; ihr Glück sank mit ihr.

Da tönten Schritte die öde Burgtreppe hinauf, der Bote trat ein mit einem Schreiben. Der junge Graf war in der Schlacht gefallen; sie schwieg und ging in ihr Turmzimmer, was auf die Gegend hinausschaute, von wannen der Bote gekommen war. Die alten Bücher, in denen sie studierte, lagen um sie her. So saß sie im Lehnstuhl, dem Fenster gegenüber, bis in ihr spätes Alter.

Niemand traute sich in die Nähe dieses Gemachs. In den Wald ging sie noch oft, und fortgewirkt hat sie noch lange. Woher kommt es, daß jetzt jenseit der Berge blühende Wiesen und Felder liegen? Oft kam sie von den Bergen herunter geschritten, wenn die Bauern im Schweiße ihres Angesichts unten arbeiteten, mit traurigen Blicken die Stücke messend, deren widerspenstigen Boden sie glaubten nicht bearbeiten zu können. Sie lehrte ihnen diese fruchtbar machen; sie baute sogar ihnen einen eignen Pflug. Die Leute liebten und fürchteten sie. Und doch war es ihnen, wenn sie weg gegangen, als habe sie kein Wort mit ihnen gesprochen, keinen angesehen. Selbst als sie ganz alt war, kam sie an einem Stabe gebückt und schaute mit ihren wunderbaren Augen wie segnend alles an. Die Kinder hatten vor ihr keine Scheu; sie besuchte diese oft im Walde, aber wenn sie gegangen, war es ihnen wie ein schöner Traum, der wieder verschwand. Ich weiß nicht, auf welche Weise sie mag gestorben sein, aber“, sagte Müffert leise, „man will sie nachdem manchmal gesehen haben. Es ist noch kein Kind aus dem Geschlecht so gut gewesen, daß es nicht eine Rute verdient hätte. – – Ich glaube gar, daß der Rutenbaum vertrocknet! Ach, was für eine kleine artige Gritta wir haben!“

Caroline Bardua, Sir Odillon verlässt den Kaffeter. Ottilie von Graefe heiratet Hermann von Thile, Joseph Joachim„Wo weißt du denn alles her?“ fragte Gritta, deren Augen ganz groß vom vielen Erstaunen und Zuhören geworden.

„Ja, Kind! Sieh, das kenne ich, erst, seitdem ich Schneider geworden, und die großen Bände aus der Schloßbibliothek zum Zeug verbrauchte.“

Er schwieg ein Weilchen – dann sagte er nachdenklich: „Ich weiß eigentlich nicht, was Fräulein Bärwalda gesündigt hat; daß sie die Faulheit nicht liebte, gefällt mir, aber was den bösen Worten des Grafen Wirkung gab, war wohl, daß sie dem alten Herrn davon gelaufen war. Die Brüder des Fräuleins sahen sie nicht und hatten sie auf dem alten Schloß, ihrem Erbe, allein gelassen.“

Gritta schüttelte sich, wie ein Vögelchen seine Federn schüttelt: „Horch, mir ist, als klopfe etwas!“ Ein Windstoß fuhr durch den Schornstein hernieder, es pochte unten, und eine jugendliche Stimme schien hie und da durch den Sturm zu dringen, als suche sie ihn zu überbieten. „Ach, die Ahnfrau vom Rutenbaume!“ sagte Gritta zu Müffert, erschrocken aufschauend. Es war jedoch anders.

Bilder: Via Joseph Joachim: Joseph Joachim to Gisela von Arnim, November 27, 1853, 1. Januar 2015:
Gisela von Arnim;
The Kaffeter, 8. Januar 2017: Ottilie von Graefe für die Kaffeterzeitung, 1843 bis 1848:

  • Präsident Maiblümchen Maximiliane „Maxe“ von Arnim;
  • Amalie „St. Malo“ von Herder;
  • Caroline Bardua: Sir Odillon verlässt den Kaffeter (Ottilie von Graefe heiratet Hermann von Thile), Frontispiz für die Kaffeterzeitung, 5. Jahrgang, Nr. 1, 1847.

Soundtrack: Mozart: Hornquintett Es-Dur, KV 407 (386 c) live auf dem Whittington International Chamber Music Festival zu Shropshire, Mai 2016 mit Katy Woolley, der Ersten Hornistin beim Londoner Philharmonia Orchestra am Waldhorn:

Written by Wolf

27. Juli 2018 at 00:01

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn

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Update zu Trotzki, Fauser und die Goetheforschung:

Wenn mal Schinkenspeck nicht da ist
Den ein Kunde haben muß
Dann sagt sie nicht voller Freude:
Ham wa nich! — und damit Schluß
Sondern preist ihm an die Wurst
Und ein Fläschchen für den Durst
Fehlt mal Wurst, gibt es Speck
Und kein Mensch geht wütend weg

Wolf Biermann, a. a. O., 1962.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016

Mit Wolf Biermann bin ich nie richtig warm geworden. Dabei sollte ich ihn mögen: Wir sind nicht weit entfernte Namensvettern, wir haben auf die eine oder andere Art Wurzeln in Mitteldeutschland (wobei mein Vater freiwillig von Leipzig rübergemacht ist), wir haben schon mal im Nebenjob John Donne übersetzt, ich hege weder gegen seine Denk- noch Sing- noch Ausdrucksweise einen Einwand, und solche, die schon mal ein paar nach antiken Patschouliresten müffelnde LPs von ihm ausrangiert haben, sind bass erstaunt, dass ich nicht sein Gesamtwerk horte. Es hat einfach nicht gefunkt.

Einmal hätte es sogar fast gezündet. Wie ein Blick ins Archiv lehrt, schrieb man das Tschernobyl-Jahr 1986, als Wolf Biermann fürs Nürnberger Bardentreffen gebucht war, auf ein Konzert im Burggraben, der eine wunderschöne Spielstätte abgibt.

Für Biermann wollte ich mal lieber beizeiten erscheinen und traf den Künstler etwa eine halbe Stunde vor dem nachmittäglichen Konzertbeginn abseits der Bühne hinter einem hohen Bauzaun, wie sie damals wohl in Mode waren, auf der Wiese umherschlendernder- und rauchenderweise persönlich an.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Nun war mein frisch volljährig gewordenes Ich unter Bekannten ein berüchtigter Witzbildchenmaler, der immer Schreibzeug einstecken hatte, und unter Berühmten ein berüchtigter Autogrammsammler, der alles unternahm, um das Rückporto für die Autogrammpost zu umgehen. Daher schien es mir natürlich, das Schreibzeug durch die Maschen des Bauzauns zu zwängen und zu sagen:

„Herr Biermann?“

Herr Biermann blies Zigarettenrauch durch die Nase und schaute auf in meine Richtung. Gar nicht mal so unfreundlich.

„Krieg ich bitte ein Autogramm?“

Herr Biermann blies Zigarettenrauch durch die Nase, überlegte kurz und blaffte:

„Nein!“

Laut, mit Körpereinsatz und katerhaft gesträubtem Schnurrbart. Damit verschwand er mit halbgerauchter Zigarette entschlossenen Geschwindschrittes unter das Bühnengestänge und ward nicht mehr gesehen. Jedenfalls nicht von mir, denn den Nachmittag verbrachte ich dann doch nicht auf dem Burggrabenkonzert mit Wolf Biermann, sondern im Altstadthof mit ungespundetem Bier, und dieser harsche Patron sollte sich fortan seine selbergestrickten Klampfenliedchen gefälligst selber anhorchen.

Das war nie wieder gutzumachen — von meiner Seite aus, mein ich. Sollte ich entgegen meiner Erinnerung tatsächlich das „Bitte“ aus meinem unverschämten Ansinnen weggelassen haben, kann Herr Biermann zweifellos gut mit seinem Benehmen leben, aber er hätte gern sofort damit anfangen können und nicht … Ach, ist ja wurscht seit über dreißig Jahren.

Biermann-Platten hab ich aus diesem traumatischen Vorfall heraus nicht mal angeschafft, als die CDs für zweifünfundneunzig auf dem Ramsch lagen, und dieser Tage hat es mich mehr als die 1,50 Euro gekostet, als sein Buch Wie man Verse macht und Lieder. Eine Poetik in acht Gängen in der Fußgängerbremse vorm Oxfam stand. Am Anfang kommt der Faust vor, da kann ich’s ja nicht einfach stehen lassen. Für den Preis.

Übrigens sind die Konzerte auf dem Bardentreffen bis heute gratis, die Liter-Bügelflasche „Bier von hier“ aus dem Altstadthof — damals noch eine einzige Sorte — kostete vier Mark. Da können sie mit seinen Büchern umsonst den Gehsteig pflastern, was dem Herrn Gebrauchslied-Proletarier ja nur recht sein müsste, der Biermann schuldet mir ungefähr drei- bis fünfmal 2,0451 Euro. Ohne Pfand, das hab ich schon selber wieder eingetrieben.

Spätestens seit letzter Woche, in der ich seine Poetik quergelesen hab, weiß ich, was ich vierzig Jahre nur ahnte: Ich verpasse was.

——— Wolf Biermann:

Politisch Lied, privates Lied

Erste Vorlesung, 11. November im Wintersemester 1993/94 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,
aus: Wie man Verse macht und Lieder. Eine Poetik in acht Gängen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997, Auszüge aus Seite 8 bis 33:

[…] Die Heine-Professur in Düsseldorf soll mich nicht professorale Erstarrung locken. Profssor Klaus hat mit mir in meiner Jugend auf der Humboldt-Universität zu Berlin das mathematische Schlittschuhlaufen trainiert. Wolfgang Heise hat mir den doppelt marxistischen Rittberger beigebracht. Ja, ich kann sogar die hegelsche Pirouette drehn. Aber ich bin kein gelehrter Esel geworden und will bei Ihnen nicht aufs Düsseldorfer Glatteis zum Tanzen.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Das heißt noch lange nicht, daß ich Ihnen nichts mitgebracht hätte. Ich komme hier bei Ihnen vorbeigelaufen wie früher auf den Straßen der Kleiderhändler mit ein paar abgewetztenLumpen auf der Stange. Viel Neues werde ich Ihnen also nicht liefern können. Aber ein paar abgetragene Hosen könnte die geistige Blöße des einen oder anderen intellektuell abgerissenen Zuhörers doch bedecken.

„Politisch Lied, privates Lied“, steht bei Ihnen auf dem Zettel. Nicht „politisches“, sondern kurz politisch Lied — daran erkennen Sie schon das versteckte Zitat. Also fangen wir mit dem FAUST an. Sie kennen die Szene, sie spielt in Auerbachs Keller des Frankfurter Weimarianers Klein Paris, in der Stadt Leipzig. Da stimmt ein schmerbäuchiges Altsemester ein Lied an, als wärs ein Stück von mir. Sein Song klingt wie ein heutiges Spottlied über den Zerfall des kommunistischen Weltreichs: „Das liebe heil’ge röm’sche Reich,/Wie hält’s nur noch zusammen?“ Dann unterbricht ein andrer akademischer saufkumpan die Singerei mit dem geflügelten Wort: „Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied / Ein leidig Lied! …“ Nun treten auch schon Faust und Mephistoles auf. Der Teufel, bevor er seine große Zaubernummer mit den verschiedenen Weinsorten abzieht, gibt der lustigen Gesellschaft ein kleines böses Lied zum besten, ein Pasquill über einen König und dessen Floh, auch ein garstiges, ein sehr politisches Lied:

Es war einmal ein König,
Der hatt‘ einen großen Floh,
Den liebt‘ er gar nicht wenig,
Als wie seinen eig’nen Sohn.
Da rief er seinen Schneider,
Der Schneider kam heran:
Da, miß dem Junker Kleider
Und miß ihm Hosen an!

In Sammet und in Seide
War er nun angetan,
Hatte Bänder auf dem Kleide,
Hatt‘ auch ein Kreuz daran,
Und war sogleich Minister,
Und hatt‘ einen großen Stern.
Da wurden seine Geschwister
Bei Hof‘ auch große Herrn.

Und Herrn und Fraun bei Hofe,
Die waren sehr geplagt,
Die Königin und die Zofe
Gestochen und genagt,
Und durften sie nicht knicken,
Und weg sie jucken nicht.
Wir knicken und ersticken
Doch gleich, wenn einer sticht.

Bravo! Bravo! Das war schön! brüllen begeistert die angesoffenen Spätsemester. So soll es jedem Floh ergehn! … Spitzt die Finger und packt sie fein! … Es lebe die Freiheit! Es lebe der Wein! — Ja, denke ich, solche Freiheitskämpfer von der Flasche kannte Heinrich Heine auch. Er schrieb den Vers:

Der Knecht singt gern ein Freiheitslied
Des Abends in der Schenke
Das stärket die Verdauungskraft
Und würzet die Getränke.

Und damit sind wir mittendrin in meinem Thema. Politisch Lied, privates Lied. Welcher Knecht singt für welche Knechte, und welche Freiheit meint er? Und was ist eigentlich politisch, was ist privat an Liedern. Ist ein Lied politisch zu nennen, wenn es von politischen Dingen handelt? Oder wäre politisch an einem Lied, daß es politische Wirkungen ausübt? Und dann noch die Haltung, die Richtung, die Tendenz: War etwa das Horst-Weseel-Lied der Nazis auch ein politisches Lied? Bedeutet also das Beiwort politisch eigentlich fortschrittlich oder sogar revolutionär? Und wenn ja, wer entscheidet, welches Fortschreiten Fortschritt wäre?

Wer bestimmt, was in der Geschichte Revolution genannt wird und was Konterrevolution? War Lenin ein Revolutionär? War Stalin ein Konterrevolutionär? Was könnte politisch sein an einem Schlagerlied wie diesem: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn …“ Ist mit dem Wunder, das da beschworen wird, Hitlerdeutschlands Endsieg mit der Wunderwaffe V2 gemeint oder eine Befreiung vom deutschen Faschismus, die, was Wunder! — das deutsche Volk selbst nicht zustande brachte. Oder meint die Schnulze nur das Wunder einer berauschenden Liebesnacht in nicht gerade berauschenden Zeiten?

Ich werde Ihnen später ein absolut privates Chanson aus Frankreich zeigen, das zum wichtigsten und berühmtesten Lied der Commune de Paris 1871 wurde: „Le temps des cerises.“

Die hochnotpeiniche Anfrage, ob denn meine Lieder politisch genug sind oder ob sie schon allzu privat wurden, kenne ich sei dreißig Jahren. Was da als besorgte Frage daherkommt, ist im Grunde ein Vorwurf; er wird mir gelegentlich von wohlmeinenden Freunden gemacht und von revolutionären Schöngeistern. Von beamteten Weltverbesserern und von verhinderten Inquisitoren wird er mir immer wieder unter die Nase gerieben. Ob nun aus Sorge oder aus Mißgunst und Häme — immer steckt dahinter die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Revolution? Genosse, kämpfst du noch tapfer im vordersten Schützengraben, oder hast du dich ins Private verpißt?

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Hiermit sind wir schon auf Seite 11. Im folgenden hangelt Biermann, der ebensoviele garstige wie politische Lieder kennt, auch in seiner Prosa nicht ohne stilistische Brillanz von einer etymologischen Herleitung der Wörter „privat und „politisch“ samt Bekenntnissen, was er in seiner Eigenschaft als Liedermacher, das ist: berufsmäßiger Verfertiger von Liedern, mit beiden immer anstellen und erreichen wollte, über sein Verhältnis zu Stephan Hermlin samt persönlich wie gesellschaftlich — ja, privat wie politisch — bedeutsamer Anekdoten, in denen zahlreiche DDR-Größen und literarische Anspielungen vorkommen, zu seinen prägenden Erlebnissen mit Hanns Eisler. Das „Faustische“ in dieser Vorlesug kehrt wieder auf Seite 32 — im Bericht über eine öffentliche Veranstaltung mit „junger Lyrik“, die Stephan Hermlin in seiner Eigenschaft als Leiter der Sektion Dichtung und Sprachpflege bei der Akademie der Künste am Robert-Koch-Platz „gegen Ende des Jahres 1962“ begründete, organisierte und moderierte:

Wohl keiner von uns merkte damals, daß wir mit Volker Brauns Freude-durch-Kraft-Gedichte bei Goethe gelandet waren, diesmal am Ende des „Faust“. Mancher hier könnte die berühmten Verse auswendig hersagen: „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin … / solch ein Gewimmel möcht ich sehn …“ Die Lemuren, diese Halbteufel, schaufeln des verteufelten Doktor Fausts Grab. Der Sterbende bildet sich ein, es seien Meliorisationsarbeiten. Der blinde Greis glaubt, es seien so was wie Moorsoldaten mit ihren Spaten oder Männer vom Reichsarbeitsdienst mit ihren Handbaggern, die da Entwässerungsgräben schaufeln für die nationale, pardon, will sagen für die sozialistische Buterproduktion. Bei Goethe betrügt Faust am Ende raffiniert den Teufel mit einem Konjunktiv:

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,
auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön! …

Wir aber genossen diesen Augenblick in der Akademie ohne vorsichtigen Konjunktiv, wir waren jung und arglos. Als Hermlin uns damals mit noblem Pathos Volker Brauns nationale Butter aufs sozialistische Brot schmierte, da klingelte bei mir kein Warnglöckchen. Dieses liebliche Geläut ging mir so angenehm durchs Gemüt wie Heinrich Heines Frühlingslied. Das Tor zur Dichterkarriere war uns nun weit aufgestoßen. Freiheit, Demokratie, Tauwetter.

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß‘ ich jetzt den höchsten Augenblick.

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016Und wie Faust im Abendlicht der Sterbeszene die Situation mißdeutet, genau so mißverstanden wir die Situation. Für uns war diese Akademielesung eine Sternstunde vor dem Morgenrot. Stephan Hermlin zog jeden einzelnen von uns, jedes neu entdeckte Sternchen am deutschen demokratischen Lyrikhimmel hoch wie eine gelbrote Buttersonne im Emblem der FDJ.

So sonnten wir uns im Licht des Mondes. Zum Glück ist Hermlin kein Zupfgeigenhansel: Der würdige Mann spielt nicht Gitarre, und so durfte ich zum Schluß einige meiner Lieder selbst vortragen. Dabei sang ich vier bänkelhafte Kinderlieder. Wir loben die guten Sozialisten, erstens den Hausarzt, zweitens die Verkäuferin, dann den Verkehrspolizisten und zu gutzer Letzt den Funktionär, der gut funktioniert. Gutmütig-harmloser Spott zwischen den Zeilen, ich war wirklich ein braves Kind der Republik.

Im folgenden arbeitet Biermann noch ausführlich durch Lyrikzitate belegt diese Veranstaltung auf. Das eigene Fazit aus seiner ersten Vorlesung — wir sind inzwischen auf Seite 37 — geht:

Ich suchte immer noch Verständigung, ich liebäugelte immer wieder mit der Chance, den Drachen mit der sanften Gewalt der Vernunft zu überzeugen, ohne daß er die List der Aufklärung merkt und ohne daß er mich packt. Aber mit jedem neuen Lied, mit jedem neuen Gedicht verbaute ich mir die Fluchtwege in den falschen Frieden. Ich schrieb immer etwas mutiger, als ich war, und dichtete dabei immer etwas tiefer, als ich wußte — das sind eben die Gratisgeschenke der Musen.

Ein so braves Kind der Bundesrepublik war Biermann also auch 1993 noch, um im Faust ganz nebenbei die sozialistische Tendenz nachzuweisen: an exponierter Stelle der Wunsch — ja, der letzte Wunsch — der Hauptfigur: „auf freiem Grund mit freiem Volke stehn“, das muss einem erst mal auffallen.

Sehr geehrter Herr Biermann, wenn Sie das hier lesen, können wir uns gerne noch spät einigen: Mögen die Musen ihre Gratisgeschenke verteilen, wie ihnen beliebt, Gratisfreibier gibt’s nicht. Warten wir also nicht auf bessre Zeiten und Sie geben diesmal das Bier aus, dafür will ich kein Autogramm, wie wär’s?

Barbara Klemm, Wolf Biermann, Konzert Köln 13. November 1976 für FAZ 13. November 2016

Bilder: Barbara Klemm: Wolf-Biermann-Konzert in Köln, 13. November 1976,
via Barbara Klemm: Mama, die können mir doch nichts wollen?,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. November 2016:

Nach Jahren des Auftrittsverbots in seiner Heimat, der DDR, stand Wolf Biermann am 13. November 1976 in Köln auf der Bühne. Und durfte nicht mehr zurück. Die Geschichte einer historischen Nacht – und eines historischen Bildes

Das mit der Zunge: Barbara Klemm bei gleicher Gelegenheit via dpa für Till Stoppenhagen: Wolf Biermann wid 80. Wortgewalting und umstritten, Hamburger Morgenpost, 15. November 2016:

Noch ist Wolf Biermann auf seinem legendären Köln-Konzert 1976 gut gelaunt – drei Tage später wird er aus der DDR ausgebürgert.“

Soundtrack: Wolf Biermann: Vier Kinderlieder (Wir loben die guten Sozialisten),
aus: VEB — Volkseigener Biermann (Kennt keiner: uralte Lieder vom jungen Wolf), 1988:

Written by Wolf

4. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento