Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Am selben Tag, da ich erfuhr, man habe mich entmündigt

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Update zu den beiden Mädchen auf dem Felde:

Erstens feiern wir am 7. August 2017 den 134. Geburtstag von Joachim Ringelnatz. Das ist am Montag, der sich zum Feiern etwas ungünstig ausnimmt, daher schon heute.

Zweitens sammle ich, wie wiederholt ausgerufen, Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemandem in der Richtung was Schönes auffällt: Die Kommentarfunktion ist offen.

Die Idee kam mir drittens dermaleinst angesichts von Das Mädchen mit dem Muttermal, Ringelnatz 1928. Das ist für Ringelnatzische Verhältnisse schon verstörend streng komponiert — am Reimschema erkennbar in Lutherstophe — und herzanrührend schön. Außerdem das einzige Gedicht, das ich mal auf einer besoffenen Geburtstagsfeier (weder Ringelnatz‘ noch meiner eigenen) auswendig hersagen konnte, ohne mich zu blamieren oder Dritte zu langweilen, ich sollte ihm also dankbar sein.

Viertens war es Zeit, das Gedicht angemessen zu illustrieren. Bis 2013 hat es gedauert, dass die seinerzeit noch studierende Hamburger Illustratorin Katarina Kühl mit der Arbeitskraft eines ganzen Semesters eine Broschüre mit zwei Gedichten von Joachim Ringelnatz: Ein Liebesbrief & Das Mädchen mit dem Muttermal durchgestaltete. Das betreffende Mädchen hab ich mir sogar immer in diesem schwarzhaarlackierten Garçonne-Stil vorgestellt.

——— Joachim Ringelnatz:

Das Mädchen mit dem Muttermal

Chanson

aus: Allerdings, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1928:

Woher sie kam, wohin sie ging,
Das hab‘ ich nie erfahren.
Sie war ein namenloses Ding
Von etwa achtzehn Jahren.
Sie küßte selten ungestüm.
Dann duftete es wie Parfüm
Aus ihren keuschen Haaren.

Wir spielten nur, wir scherzten nur;
Wir haben nie gesündigt.
Sie leistete mir jeden Schwur
Und floh dann ungekündigt,
Entfloh mit meiner goldnen Uhr
Am selben Tag, da ich erfuhr,
Man habe mich entmündigt.

Verschwunden war mein Siegelring
Beim Spielen oder Scherzen.
Sie war ein zarter Schmetterling.
Ich werde nie verschmerzen,
Wie vieles Goldene sie stahl,
Das Mädchen mit dem Muttermal
Zwei Handbreit unterm Herzen.

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Den Liebesbrief von Katarina Kühl 2013 kriegen wir fünftens später, wie das sechstens so ist mit Liebesbriefen.

Siebtens endlich: Alles Gute, Ringel.

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Bilder: Katarina Kühl: Ein Liebesbrief & Das Mädchen mit dem Muttermal, 25. September 2013.

Eine sehr würdevolle Vertonung, die Ringelnatz einschließlich seiner hinterkünftig verhuschten Pointe verstanden hat (nur leider nicht die sehr wohl sangbare Lutherstrophe), stammt ebenfalls 2013 von Notenix, nachdem seit 1928 der Untertitel notorisch vernachlässigt wurde: Chanson:

Chanson bonus: Carla Bruni: Quelqu’un m’a dit, aus: Quelqu’un m’a dit, 2002:

Mais qui est-ce qui m’a dit que toujours tu m’aimais?
Je ne me souviens plus, c’était tard dans la nuit.
J’entends encore la voix, mais je ne vois plus les traits:
„Il vous aime, c’est secret. Lui dites pas que je vous l’ai dit.“

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Written by Wolf

4. August 2017 um 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

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