Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wie Franz Melchior von Bremen sich einmal einer Bastonade gewärtigte

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Update zu Grabesdunstwitterlich:

Eine Lanze gilt’s zu brechen für die Volksmärchen von Musäus.

Stumme LiebeSeine Sammlung Volksmärchen der Deutschen ist drei Jahrzehnte älter als die bekanntere der Brüder Grimm (ab 1812) und ein gut Teil „deutscher“ als die von Ludwig Bechstein (ab 1845), der vor welschen Stoffen nicht zurückschreckte. Thematisch steh die Märchen den Deutschen Sagen nahe, ebenfalls von den Brüdern Grimm (ab 1816), verbreiten sich aber ungleich ausführlicher. In der Stärke sind alle fünf Teile, erschienen zwischen 1782 und 1786, den Grimmschen Kinder- und Hausmärchen vergleichbar, umfassen aber statt Grimms 200 autorisierten Märchen deren nur 14 — nicht als möglichst authentisch eingefangener Volksmund nach der Auffassung von Jacob Grimm, sondern literarische Bearbeitungen nach der Auffassung von Wilhelm Grimm. Musäus hegt weder falsche Scheu vor dem langen Atem noch vor waghalsigen Handlungsbrüchen, die außerhalb eines jahrhundertelang organisch veränderten Stoffs nicht zu vertreten wären.

Heute muss niemand mehr glauben, dass der Zeitraum zwischen Antike und Neuzeit ein geschlagenes Jahrtausend andauern und dabei mit dem Sammelbegriff „Mittelalter“ ein für allemal zutreffend beschrieben werden könne. Musäus deckt mit seinen vierzehn Märchenstoffen die ganzen heterogenen, je nach Definiton acht bis zwölf Jahrhunderte ab und alle europäischen Gegenden, die währenddessen jemals deutsch waren, dazu. Dabei schafft er das Kunststück, jedes Märchen in einem unterschiedlich archaisierenden Tonfall zu verfassen. Der Mann hat einen enormen Wortschatz, der ohne historisches Studium diachronisch und diatopisch nicht so punktgenau einzusetzen wäre. Das halte ich für beispiellos.

Das längste und bekannteste der Musäus-Märchen, bei denen allzeit unklar bleibt, ob wir es bei ihnen wie ausgewiesen mit Volksmärchen oder nach den tiefgreifenden Bearbeitungen doch schon mit Kunstmärchen zu tun haben, sind die Legenden vom Rübezahl aus Böhmen im zweiten Teil, die allerdings naturgemäß in sich unterteilt sind. Ein unbekannteres, dabei eins der längsten voll allerhand dramaturgischer Kapriolen, ist Stumme Liebe aus dem hanseatischen Bremen — bis Antwerpen samt westfälischem Zwischenreich — im vierten Teil.

Gang der Handlung: Um 1530 bringt der Bremer Kaufmannssohn Franz Melchior das schier unüberschaubare Erbe seines Vaters mehr aus Gutmütigkeit gegenüber falschen Freunden denn aus Verschwendungssucht durch und muss aus Armut eine Kammer in einer ärmlichen Gegend beziehen. Gegenüber wohnt eine Näherin mit ihrer sehr hübschen Tochter Meta. Die jungen Leute verlieben sich von aller Welt unbemerkt ineinander und können nur auf dem sonntäglichen Kirchgang heimlich Blicke tauschen (die „stumme Liebe“ alsRomeo-und-Julia-Thema). Eine Werbung um die Hand der Tochter wäre aussichtslos für den verarmten Franz, weil die Mutter sich eine wirtschaftliche Verbesserung durch eine gute Heiratspartie ihrer Tochter erhofft und niemals einwilligen würde. Deshalb verabschiedet sich Franz von Meta durch eine versteckte Botschaft, die er dem Pastor von der Kanzel zu verlesen aufgibt, und reist nach Antwerpen, um alte Schulden von Geschäftspartnern seines Vaters einzutreiben. Damit hat er keinen Erfolg, sitzt vielmehr selbst kurzzeitig im Antwerpener Schuldturm ein, wird aus Gründen der Steuerersparnis entlassen (Sozialkritik) und tritt den Heimweg an. In einem Spukschloss, in dem er unterwegs übernachten darf, erweist er dem Poltergeist zufällig den richtigen Dienst, der ihn von seinem Fluch — und das zugehörige Dorf von ihm — befreit. Zum Dank verrät ihm der Geist noch, dass er sich am kommenden Herbstanfang auf der Bremer Weserbrücke einfinden müsse, um jemanden zu treffen, der ihm sein Glück bereiten kann. Franz folgt dem Rat, hält den Termin ein und treibt sich den ganzen bezeichneten Tag lang auf der Brücke herum. Niemand erscheint, sodass sich Franz nur mit einem der Bettler unterhalten kann, die auf der Brücke für gewöhnlich ihrem Gewerbe nachgehen. — Ich vermeide hier Spoiler, darf aber verraten: Das Ende ist ein so gutes wie durchaus überraschendes.

Stumme LiebeWahr und gut und schön und meines Wissens die einzige, die etwas Grundlegenderes bringt als eine kindgerechte Version vom Rübezahl, ist die Winkler-Ausgabe, die immer wieder jemand beim großen bösen Steuerhinterziehungsriesen halb verschenkt. Nach ihr wird der folgende Schwank aus Stumme Liebe zitiert. Die wenigsten orthographischen Auffälligkeiten darin sind Schreibfehler, weil Musäus eine besonders eigenwillige Schreibweise pflegt. Das Nachwort erklärt dazu:

Eine der Hauptschwierigkeiten, der man sich bei der Herausgabe von Werken aus früherer Zeit (etwa bis Mitte des 19. Jh.) gegenübersieht, ist die Frage: Was ist Spracheigenheit, und was ist Druckfehler? Gerade hier ist man mit dem Verbessern sehr schnell bei der Hand; aber mancher „offensichtliche“ Druckfehler ist bei näherem Hinschauen gar nicht so offensichtlich. Hierfür aus dem vorliegenden Band nur zwei Beispiele. Auf Seite 255/18 [in den Legenden vom Rübezahl] heißt es: die Schicksale des Abenteuers … Man hat hier in das naheliegende Abenteurers verbessert, indes gibt es die Nebenform Abenteuer = Mißgestalt, und in der Tat handelt es sich um eine solche. Kann man im vorliegenden Fall keiner der beiden Formen den Vorzug geben, so liegt der Sachverhalt bei folgendem „Druckfehler“ schon etwas klarer. Seite 262/38 [immer noch Rübezahl] ist die Rede von Beuteln, in denen das Geld wohl druhe. Hier hat man in das naheliegende ruhe verbessert; dennoch ist an dieser Stelle das originale druhen, welches so viel wie gedeihen, zunehmen, Profit bringen bedeutet, vorzuziehen. Im Grimmschen Wörterbuch ist die zitierte Stelle überdies als Beleg angeführt. Die vorliegende Ausgabe hat daher nur in wirklich eindeutigen Fällen stillschweigend verbessert, d. h. wo etwa in dem Wörtchen den anstelle des n ein u gesetzt wurde.

Und das ist schon der halbe Spaß.

Stumme Liebe

——- Johann Karl August Musäus:

Stumme Liebe

aus: Volksmärchen der Deutschen, Vierter Teil, 1786, Auszug:

Tief in dem öden Westfalen ritt er an einem schwülen Tage bis in die sinkende Nacht, ohne eine Herberge zu erreichen. Es türmten sich gegen Abend Gewitterwolken auf, und ein heftiger Platzregen durchnäßte ihn bis auf die Haut. Das fiel dem Zärtling, der von Jugend an aller ersinnlichen Bequemlichkeiten gewohnt war, sehr beschwerlich, und er befand sich in großer Verlegenheit, wie er die Nacht in diesem Zustande hinbringen sollte. Zum Trost erblickte er, nachdem das Ungewitter vorüber gezogen war, ein Licht in der Ferne, und bald darauf langte er vor einer dürftigen Bauerhütte an, die ihm wenig Trost gewährte. Das Haus glich mehr einem Viehstalle als einer Menschenwohnung, und der unfreundliche Wirt versagte ihm Wasser und Feuer, wie einem Geächteten, denn er war eben im Begriff, neben seine Stiere sich auf die Streue zu wälzen, und zu träge, um des Fremdlings willen das Feuer auf dem Herde wieder anzufachen. Franz intonierte aus Unmut ein klägliches Miserere, und verwünschte die westfälischen Steppen mit emphatischen Flüchen. Der Bauer ließ sich das wenig anfechten, blies mit großer Gelassenheit das Licht aus, ohne von dem Fremdling weiter Notiz zu nehmen, denn er war der Gesetze des Gastrechts ganz unkundig. Weil aber der Wandersmann vor der Tür nicht aufhörte, ihm mit seinen Lamenten Überlast zu machen, die ihn nicht einschlafen ließen, suchte er mit guter Art seiner los zu werden, bequemte sich zum Reden und sprach: „Landsmann, so Ihr Euch wollt gütlich tun und Euer wohl pflegen, so findet Ihr hier nicht was Ihr suchet. Aber reitet dort, linker Hand, durch den Busch, dahinter liegt die Burg des ehrenfesten Ritters Eberhard Bronkhorst, der herbergt jeden Landfahrer, wie ein Hospitalier die Pilger vom Heilgen Grabe. Nur hat er einen Tollwurm im Kopf, der ihn bisweilen zwickt und plagt, daß er keinen Wandersmann ungerauft von sich läßt. So Euch’s nicht irret, ob er Euch das Wams bläuet, wird’s Euch bei ihm baß behagen.“

Für eine Suppe und einen Schoppen Wein die Ribben einer Bastonade preiszugeben, ist freilich nicht jedermanns Ding, obwohl die Schmarotzer und Tellerlecker sich rupfen und zausen lassen, und alle Kalamitäten der Übermütler willig dulden, wenn ihnen der Gaumen dafür gekitzelt wird. Franz bedachte sich eine Weile, und war unschlüssig, was er tun sollte, endlich entschloß er sich dennoch, das Abenteuer zu bestehen. „Was liegt daran“, sprach er, „ob mir hier auf einer elenden Streu der Rücken geradebrecht wird, oder vom Ritter Bronkhorst? Die Friktion vertreibt wohl gar das Fieber, das im Anzuge ist, und mich wacker schütteln wird, wofern ich die nassen Kleider nicht trocknen kann.“ Er gab dem Gaul die Sporen, und langte bald vor der Pforte eines Schlosses von altgotischer Bauart an, klopfte ziemlich deutlich an das eiserne Tor, und ein ebenso vernehmliches „Wer da?“ hallete ihm von innen entgegen. Dem frostigen Passagier kam das lästige Passagezeremoniell der Torwächterinquisition so ungelegen als unsern Reisenden, die mit Recht über Wächter- und Mautamtsdespotismus, bei Toren und Schlagbäumen, seufzen und fluchen. Gleichwohl mußte er sich dem Herkommen unterwerfen und duldsam abwarten, ob der Menschenfreund im Schlosse bei Laune sei, einen Gast zu prügeln, oder geruhen würde ihm ein Nachtlager unter freiem Himmel anzuweisen.

Der Eigentümer der alten Burg hatte von Jugend an, als ein rüstiger Kriegsmann im Heere des Kaisers, unter dem wackern Georg von Fronsberg gedienet, und ein Fähnlein Fußvolk gegen die Venediger angeführet, sich nachher in Ruhe gesetzt, und lebte auf seinen Gütern, wo er die Sünden der ehemaligen Feldzüge abzubüßen, viel gute Werke verrichtete, die Hungrigen speiste, die Durstigen tränkte, die Pilger herbergte, und die Beherbergten wieder aus dem Hause prügelte. Denn er war ein roher wüster Kriegsmann, der des martialischen Tons sich nicht wieder entwöhnen konnte, ob er gleich seit vielen Jahren in stillem Frieden lebte. Der neue Ankömmling, der bereitwillig war, gegen gute Bewirtung sich der Sitte des Hauses zu unterwerfen, verzog nicht lange, so rasselten von innen die Riegel und Schlösser am Tor, die keuchenden Türflügel taten sich auf, als wenn sie durch den Jammerton, den sie hören ließen, den eintretenden Fremdling warneten, oder beseufzeten. Dem bangen Reisigen überlief’s mit einem kalten Schauer nach dem andern den Rücken herab, als er durch das Tor einritt, demungeachtet wurde er wohl empfangen: einige Bediente eilten herbei, ihm aus dem Sattel zu helfen, erzeigten sich geschäftig das Gepäck abzuschnallen, den Rappen in den Stall zu ziehen, und den Reuter zu ihrem Herrn in ein wohlerleuchtetes Zimmer einzuführen.

Das kriegerische Ansehn des athletischen Mannes, der seinem Gaste entgegenkam, und ihm so nachdrücklich die Hand schüttelte, daß er hätte laut aufschreien mögen, auch ihn mit stentorischer Stimme willkommen hieß, als wenn der Fremdling taub gewesen wär, übrigens ein Mann in seinen besten Jahren schien, voll Feuer und Tatkraft, setzte den scheuen Wanderer in Furcht und Schrecken, also, daß er seine Zagheit nicht verbergen konnte, und am ganzen Leibe erbebte. „Was ist Euch, junger Gesell“, frug der Ritter, mit einer Donnerstimme, „daß Ihr zittert wie ein Espenlaub, und erbleichet als woll Euch eben der Tod schütteln?“ Franz ermannete sich, und weil er bedachte, daß seine Schultern nun einmal die Zeche bezahlen müßten, ging seine Poltronnerie in eine Art Dreustigkeit über. „Herr“, antwortete er traulich, „Ihr seht, daß mich der Platzregen durchweicht hat, als sei ich durch die Weser geschwommen. Schaffet, daß ich meine Kleider mit trocknen wechseln kann, und lasset zum Imbiß ein wohlgewürztes Biermus auftragen, das den Fieberschauer vertreibe, der an meinen Nerven zuckt: so wird mir wohl ums Herz sein.“ „Wohl!“ gegenredete der Ritter, „heischt was Euch not tut. Ihr seid hier zu Hause.“

Stumme LiebeFranz ließ sich bedienen wie ein Bassa, und weil er nichts anders als Podoggen zu erwarten hatte, so wollte er sie verdienen, foppte und neckte die Diener, die um ihn geschäftig waren, auf mancherlei Weise, es kommt, dacht er bei sich, doch alles auf eine Rechnung. „Das Wams“, sprach er, „ist für einen Schmerbauch, bringt mir eins, das genauer auf den Leib paßt; dieser Pantoffel brennt wie Feuer auf dem Hühnerauge, schlagt ihn über den Leisten; diese Krause ist steif wie ein Brett und würgt mich wie ein Strick, schafft eine herbei, die mir sanfter tue, und durch keinen Stärkenbrei gezogen sei.“

Der Hausherr ließ über diese bremische Freimütigkeit so wenig einen Unwillen spüren, daß er vielmehr seine Diener antrieb, hurtig auszurichten, was ihnen befohlen war, und sie Pinsel schalt, die keinen Fremden zu bedienen wüßten. Als der Tisch bereitet war, setzten sich Wirt und Gast, und ließen sich beide das Biermus wohl behagen. Bald darauf trug jener: „Begehret Ihr auch etwas zur Nachkost?“ Dieser erwiderte: „Laßt auftragen was Ihr habt, daß ich sehe, ob Eure Küche wohl bestellt sei.“ Alsbald erschien der Koch und besetzte den Tisch mit einer herrlichen Mahlzeit, die kein Graf würde verschmähet haben. Franz langte fleißig zu, und wartete nicht bis er genötiget wurde. Als er sich gesättiget hatte, sprach er: „Eure Küche, seh ich, ist nicht übel bestellt, wenn’s um den Keller auch so stehet, so muß ich Eure Wirtschaft fast rühmen.“ Der Ritter winkte dem Kellner, dieser füllte flugs den Willkommen mit dem gewöhnlichen Tischwein und kredenzte ihn seinem Herrn, der ihn auf die Gesundheit des Gastes rein ausleerte. Drauf tat Franz dem Junker ehrlichen Bescheid, welcher sprach: „Lieber, was saget Ihr zu diesem Weine?“ „Ich sage, daß er schlecht sei“, antwortete Franz, „wenn’s vom besten ist, den Ihr auf dem Lager habt, und daß er gut sei, wenn’s Eure geringste Nummer ist.“ „Ihr seid ein Schmecker“, entgegnete der Ritter: „Kellner, zapf uns aus dem Mutterfasse!“ Der Schenke brachte einen Schoppen zum Kostetrunk, und als ihn Franz versucht hatte, sprach er: „Das ist echter Firnewein, dabei wollen wir bleiben.“

Der Ritter befahl einen großen Henkelkrug zu bringen, und trank sich mit seinem Gaste heiter und froh, fing an von seinen Kriegszügen zu reden, wie er gegen die Venediger zu Felde gelegen, die feindliche Wagenburg durchbrochen und die welschen Scharen wie die Schafe abgewürgt habe. Bei dieser Erzählung geriet er in einen solchen kriegerischen Enthusiasmus, daß er Flaschen und Gläser niedersäbelte, das Trenchiermesser wie eine Lanze schwang, und seinem Tischgenossen dabei so nahe auf den Leib rückte, daß diesem für Nase und Ohren bange war.

Es wurde spät in die Nacht, gleichwohl kam dem Ritter kein Schlaf in die Augen, er schien recht in seinem Elemente zu sein, wenn er auf den Kriegszug gegen die Venediger zu reden kam. Die Lebhaftigkeit der Erzählung mehrte sich mit jedem Becher, den er ausleerte, und Franz fürchtete, daß dieses der Prolog zu der Haupt- und Staatsaktion sein möchte, bei welcher er die interessanteste Rolle spielen sollte. Um zu erfahren, ob er innerhalb oder außerhalb des Schlosses pernoctieren werde, begehrte er einen vollen Becher zum Schlaftrunk. Nun meinte er, werde man ihm den Wein erst einnötigen, und wenn er nicht Bescheid tät, ihn unter dem Scheine eines Weinzwistes, nach der Sitte des Hauses, mit dem gewöhnlichen Viatikum fortschicken. Gegen seine Erwartung, wurde ihm ohne Widerrede gewillfahrt, der Ritter riß augenblicklich den Faden seiner Erzählung ab, und sprach: „Zeit hat Ehre, morgen mehr davon!“ „Verzeihet, Herr Ritter“, antwortete Franz, „morgen wenn die Sonne aufgehet, bin ich über Berg und Tal, ich ziehe einen fernen Weg nach Brabant und kann hier nicht weilen. Darum beurlaubt mich heut, daß mein Abschied morgen Eure Ruhe nicht störe.“ „Tut, was Euch gefällt“, beschloß der Ritter; „aber scheiden sollt Ihr nicht von hinnen, bis ich aus den Federn bin, daß ich Euch noch mit einem Bissen Brot und einem Schluck Danziger zum Imbiß labe, dann bis an die Türe geleite, und nach Gewohnheit des Hauses verabschiede.“

Franz bedurfte zu diesen Worten keiner Auslegung. So gern er dem Hauspatron die letzte Höflichkeit der Geleitschaft bis in die Haustür entlassen hätte, so wenig schien dieser geneigt, von dem eingeführten Ritual abzuweichen. Er befahl den Dienern den Fremden auszukleiden, und ins Gastbette zu legen, wo sich Franz wohl sein ließ, und auf elastischen Schwanenfedern einer köstlichen Ruhe genoß, daß er sich, ehe ihn der Schlaf übermannte, selbst gestund, eine so herrliche Bewirtung sei, um eine mäßige Bastonade, nicht zu teuer erkauft. Bald umflatterten seine Phantasie angenehme Träume. Er fand die reizende Meta in einem Rosengehege, wo sie mit ihrer Mutter lustwandelte und Blumen pflückte. Flugs verbarg er sich hinter eine dichtbelaubte Hecke, um von der strengen Domina nicht bemerkt zu werden; wiederum versetzte ihn die Einbildungskraft in das enge Gäßgen, wo er durch den Spiegel die schneeweiße Hand des lieben Mädchens, mit ihren Blumen beschäftiget, sah; bald saß er neben ihr im Grase, wollte ihr seine heiße Liebe erklären, und der blöde Schäfer fand keine Worte dazu. Er würde bis an den hellen Mittag geträumet haben, wenn ihn nicht die sonore Stimme des Ritters und das Geklirr seiner Sporen aufgeweckt hätte, der bei Anbruch des Tages schon in Küch und Keller Revision hielt, ein gutes Frühstück zuzurichten befahl, und jeden Diener auf den ihm zugeteilten Posten stellte, um bei Handen zu sein, wenn der Gast erwachen würde, ihn anzukleiden und zu bedienen.

Es kostete dem glücklichen Träumer viel Überwindung, sich von dem sichern gastfreundlichen Bette zu scheiden, er wälzte sich hin und her; doch die grelle Stimme des gestrengen Junkers engte ihm das Herz ein, und einmal mußte er in den sauren Apfel beißen. Also erhob er sich von den Federn, und sogleich waren ein Dutzend Hände geschäftig ihn anzukleiden. Der Ritter führte ihn ins Speisegemach zu einer kleinen wohl zugeschickten Tafel; aber da es jetzt zum Abdrücken kam, fühlte der Reisende wenig Eßlust. Der Hauswirt ermunterte ihn: „Warum langt Ihr nicht zu? Genießt etwas für den bösen Nebel.“ „Herr Ritter“, antwortete Franz, „mein Magen ist noch zu voll von Eurem Abendmahl; aber meine Taschen sind leer, die mag ich wohl füllen für den künftigen Hunger.“ Er räumte nun wacker auf, und bepackte sich mit dem Niedlichsten und Besten, was transportabel war, daß alle Taschen strotzten. Wie er sahe, daß sein Gaul wohl gestrichelt und aufgezäumt vorgeführet wurde, trank er ein Gläslein Danziger zum Valet, in der Meinung, das werde die Losung sein, daß ihn der Wirt beim Kragen fassen und sein Hausrecht werde fühlen lassen.

Stumme LiebeAber zu seiner Verwunderung schüttelte er ihm, wie beim Empfang, traulich die Hand, wünschte ihm Glück auf die Reise, und die Riegeltür wurde aufgetan. Er säumte nun nicht den Rappen anzustechen, und zak zak war er zum Tor hinaus, ohne daß ihm ein Haar gekrümmt wurde.

Jetzt fiel ihm ein schwerer Stein vom Herzen, da er sich in völliger Freiheit befand, und sahe, daß er so mit heiler Haut davongekommen war, er konnte nicht begreifen, warum ihm der Wirt die Rechnung kreditiert hatte, die seinem Bedünken nach hoch an die Kreide lief, und umfaßte nun den gastfreien Mann mit warmer Liebe, dessen faust- und kolbengerechten Arm er gefürchtet hatte; trug aber noch groß Verlangen, Grund oder Ungrund des ausgestreueten Gerüchtes an der Quelle selbst zu erforschen. Darum wendete er flugs den Gaul und trabte zurück. Der Ritter stund noch im Tor, und glossierte mit seinen Dienern, zu Beförderung der Pferdekunde, die sein Lieblingsstudium war, über Abkunft, Gestalt und Bau des Rappen und seines harten Trabes, wähnte, der Fremdling vermisse etwas von seinem Reisegepäck, und sahe die Diener wegen ihrer vermeinten Unachtsamkeit scheel an. „Was gebricht Euch, junger Gesell“, rief er dem Kommenden entgegen, „daß Ihr umkehret, da Ihr wolltet förderziehen?“ „Ach, noch ein Wort, ehrenfester Ritter!“ antwortete der Reisige. „Ein böses Gerücht, das Euch Glimpf und Namen bricht, sagt, daß Ihr jedes Fremdlings wohl pfleget, der bei Euch einspricht, um ihn, wenn er wieder davon scheidet, Eure starken Fäuste fühlen zu lassen. Dieser Sage hab ich vertrauet, und nichts gesparet, die Zeche Euch abzuverdienen: ich gedachte bei mir, der Junker wird mir nichts schenken, so will ich ihm auch nichts schenken. Nun laßt Ihr mich in Frieden ziehen, sonder Strauß und Gefährde, das nimmt mich wunder. Lieber, sagt mir darum, ist einiger Grund oder Schein an der Sache; oder soll ich das faule Geschwätz Lügen strafen?“ Der Ritter entgegnete: „Das Gerücht hat Euch keinesweges mit Lügen berichtet; es treibt sich keine Rede im Volk um, es liegt ein Körnlein Wahrheit darinnen. Vernehmt den eigentlichen Bericht, wie die Sache stehet. Ich beherberge jeden Fremdling, der unter mein Dach eingehet, und teile meinen Mundbissen mit ihm, um Gottes Willen. Nun bin ich ein schlichter deutscher Mann, von alter Zucht und Sitte, rede wie mir’s ums Herz ist, und verlange, daß auch mein Gast herzig und zuversichtlich sei, mit mir genüße was ich habe, und frei sage was er bedarf. Aber da gibt’s einen Schlag Leute, die mir mit allerlei Faxen Verdruß tun, foppen und äffen mich mit Kniebeugen und Bücklingen, stellen all ihre Worte auf Schrauben, machen viel Redens ohne Sinn und Salz; vermeinen mit glatten Worten mir zu hofieren, gebärden sich bei der Mahlzeit, wie die Weiber beim Kindtaufschmause. Sag ich: ›Langt zu!‹ so erwischen sie aus Reverenz ein Knöchlein von der Schüssel, das ich meinem Hunde nicht böt; sprech ich: ›Tut Bescheid!‹ so netzen sie kaum die Lippen aus dem vollen Becher, als wenn sie Gottes Gabe verschmäheten; lassen sich zu jedem Dinge lang nötigen, tät schier not, auch zum Stuhlgang. Wenn mir’s nun das leidige Gesindel zu bunt und kraus macht, und ich nimmer weiß, wie ich mit meinem Gaste dran bin: so werd ich endlich wild und brauche mein Hausrecht, fasse den Tropf beim Fell, balge ihn weidlich und werf ihn zur Tür hinaus. Das ist bei mir so Sitt und Brauch, und so halt ich’s mit jedem Gaste, der mir Überlast macht. – Aber ein Mann von Eurem Schlag ist mir stets willkommen: Ihr sagtet rund und deutsch heraus, was Euch zu Sinne war, wie’s der Bremer Art ist. Sprecht getrost bei mir ein, wenn Euch der Weg wieder vorbeiträgt. Damit Gott befohlen.“

Franz trabte nun, mit heiterm frohen Mute, nach Antwerpen zu, und wünschte allenthalben eine so gute Aufnahme zu finden, als bei dem Ritter, Eberhard Bronkhorst genannt.

Fachliteratur: Claudia Hillebrandt und Elisabeth Kampmann (Hg.): Seelenräume und Sympathieebenen statt skeptischer Erzählartistik. Ludwig Richter und Josef Hegenbarth illustrieren Musäus’ ‚Stumme Liebe‘, in: Sympathie und Literatur. Zur Relevanz des Sympathiekonzepts für die Literaturwissenschaft, Erich Schmidt Verlag, Berlin 2014, Seite 168–202.

Stumme Liebe

Bilder: die gängigen, anonymen Illustrationen um 1860, leider nirgends in besserer Qualität als im Gutenberg-Text. Das letzte ist der Holzstich Reiter in dem öden Westphalen ritt bis in die sinkende Nacht ohne eine Herberge zu erreichen, über wen sonst denn das Antiquariat Murr, sympathischerweise ohne eigene Website, wo sonst denn in Bamberg.

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Written by Wolf

25. September 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Handel & Wandel

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